1817_Arnim_006 Topic 1

Ludwig Achim von Arnim

Die Kronenwachter

Erster Band

Bertholds erstes und zweites Leben

Einleitung

Dichtung und Geschichte

Wieder ein Tag voruber in der Einsamkeit der Dichtung! Die Glocke lautet Feierabend, und die Pfluger ziehen heim mit dem Gespann, fuhren und tragen behaglich die Kinder, die ihnen entgegen gegangen, und freuen sich ihrer Muhe in der Ruhe. Der Pflug ruht nicht verlassen auf der letzten Erdscholle, die er uber sturzte, denn notwendig wie die Sonnenbahn scheint der Bedurftigkeit sein Furchenzug und ein heilig strenges Gesetz bewacht ihn in der Nacht gegen Frevel. Am Morgen setzt der Pfluger seinen Weg ohne Storung fort, misst nach der Lange seiner Furchen den truben Morgen, wie er die helle Mitte des Tages an seinem eignen Schatten zu ermessen versteht, und teilt nach seinen Morgenwerken die Erdflache in festbegrenzte Morgen, wie er nach dem Tage werke der Sonne die unendliche Zeit in Stunden teilt. Die Sonne und der Pfluger kennen einander und tun beide vereint das Ihre zum Gedeihen der Erde. Fest fortschreitend, von allen geschatzt und geschutzt, sehen wir die Tatigkeit, die sich zur Erde wendet; sie ist auch dauernd bezeichnet und grundet, so lange sie sich selbst treu bleibt, mit unbewusster Weisheit das Rechte, das An gemessene, im Bau des Ackers, wie des Hauses, in der Beugung des Weges, wie in der Benutzung des Flusses. Die Zerstorung kommt von der Tatigkeit, die sich von der Erde ablenkt und sie noch zu verstehen meint. Aber nach Jahrhunderten der Zerstorung erkennen die einwandernden Anbauer des Walds mit Teilnahme die Unverganglichkeit der Ackerfurchen und Grund mauern untergegangener Dorfer und achten sie als ein wiedergefundenes Eigentum ihres Geschlechts, das der Gaben dieser Erde nie genug zu haben meint. Gleichgultig werden daneben die auf gefundenen Werke des Geistes fruherer Jahrhunderte als unverstandlich und unbrauchbar aufgegeben, oder mit sinnloser Verehrung angestaunt. Das Rechte will da errungen sein, und wie die eine Zeit ihre geistigen Gaben uber alles schatzt und zusammen halt, so meint eine andere, alles schon selbst im Uberflusse zu besitzen und lasst es zu, dass die Sibylle ihre heiligen Bucher verbrennt, um ihr nicht Dank und Lohn geben zu mussen. Wer misst die Arbeit des Geistes auf seinem unsichtbaren Felde? Wer bewacht die Ruhe seiner Arbeit? Wer ehrt die Grenzen, die er gezogen? Wer erkennt das Ursprungliche seiner Anschauung? Wer kann den Tau des Paradieses von dem ausgespritzten Gifte der Schlange unterscheiden? Kein Gesetz bewacht Geisteswerke gegen Frevel, sie tragen kein dauerndes, ausseres Zeichen, mussen in sich den Zweifel dulden, ob bose oder gute Geister den Samen ins offene Herz streueten; ja die anmassende Frommigkeit nennt oft bose, was aus der Fulle der Liebe und Einsicht hervorgegangen ist. Der Arbeiter auf geistigem Felde fuhlt am Ende seiner Tagewerke nur die eigene Verganglichkeit in der Muhe und eine Sorge, der Gedanke, der ihn so innig beschaftigte, den sein Mund nur halb auszusprechen vermochte, sei wohl auch in der geistigen Welt, wie fur die Zeitgenossen untergegangen. Diese harteste aller Prufungen offnet ihm das Tor einer neuen Welt. Indem er diese geistige Welt gleich der umgebenden als nichtig und verganglich aufgibt, da fuhlt er erst, dass er nicht hinaus zu treten vermag, dass sein ganzes Wesen nicht nur von ihr umgeschlossen, sondern, dass sogar ausser ihr nichts vorhanden sei, dass kein Wille vernichten konne, was der Geist geschaffen. Darum sei uns lieb diese traumende Freude und Sorge aller schaffenden Krafte als ein Zeichen der hoheren Ewigkeit, in die sich der Geist arbeitend versenkt und der Zeit vergisst, die immer nur weniges zu lieben versteht, alles aber furchten lernt und mit Angstlichkeit dingt, was mitteilbar sei, oder was verschwiegen bleiben musse. Das Verschwiegene ist darum nicht untergegangen, toricht ist die Sorge um das Unvergangliche. Aber der Geist liebt seine verganglichen Werke als ein Zeichen der Ewigkeit, nach der wir vergebens in irdischer Tatigkeit, vergebens in Schlussen des Verstandes trachten, auf die uns der Glaube vergebens eine Anwartschaft gabe, wenn sie nicht die irdische Tatigkeit lenkte, das Spiel des Verstandes ubte, und dem Glauben aus der tatigen Erhohung in Anschauung und Einsicht beglaubigt entgegen trate. Nur das Geistige konnen wir ganz verstehen und wo es sich verkorpert, da verdunkelt es sich auch. Ware dem Geist die Schule der Erde uberflussig, warum ware er ihr verkorpert, ware aber das Geistige je ganz irdisch geworden, wer konnte ohne Verzweifelung von der Erde scheiden. Dies sei unserer Zeit ernstlich gesagt, die ihr Zeitliches uberheiligen mochte mit vollendeter, ewiger Bestimmung, mit heiligen Kriegen, ewigen Frieden und Weltuntergang. Die Geschicke der Erde, Gott wird sie lenken zu einem ewigen Ziele, wir verstehen nur unsere Treue und Liebe in ihnen und nie konnen sie mit ihrer Ausserlichkeit den Geist ganz erfullen. Die Erfahrung musste es wohl endlich jedem gezeigt haben, dass bei dem traurigsten, wie beim freudigsten Weltgeschicke ein machtigeres Gegengewicht von Trauer und Freude uns selbst verliehen ist, dass sich alles in der Kraft des Geistes uberleben lasst und in seiner Schwache uns nichts zu halten vermag. Es gab zu allen Zeiten eine Heimlichkeit der Welt, die mehr wert in Hohe und Tiefe der Weisheit und Lust, als alles, was in der Geschichte laut geworden. Sie liegt der Eigenheit des Menschen zu nahe, als sie den Zeitgenossen deutlich wurde, aber die Geschichte in ihrer hochsten Wahrheit gibt den Nachkommen ahndungsreiche Bilder und wie die Eindrucke der Finger an harten Felsen im Volke die Ahndung einer seltsamen Urzeit erwecken, so tritt uns aus jenen Zeichen in der Geschichte das vergessene Wirken der Geister, die der Erde einst menschlich angehorten, in einzelnen, erleuchteten Betrachtungen, nie in der vollstandigen Ubersicht eines ganzen Horizonts vor unsre innere Anschauung. Wir nennen diese Einsicht, wenn sie sich mitteilen lasst, Dichtung, sie ist aus Vergangenheit in Gegenwart, aus Geist und Wahrheit geboren. Ob mehr Stoff empfangen, als Geist ihn belebt hat, lasst sich nicht unterscheiden, der Dichter erscheint armer oder reicher, als er ist, wenn er nur von einer dieser Seiten betrachtet wird; ein irrender Verstand mag ihn der Luge zeihen in seiner hochsten Wahrheit, wir wissen, was wir an ihm haben und dass die Luge eine schone Pflicht des Dichters ist. Auch das Wesen der heiligen Dichtungen ist wie die Liederwonne des Fruhlings nie eine Geschichte der Erde gewesen, sondern eine Erinnerung derer, die im Geist erwachten von den Traumen, die sie hinuber geleiteten, ein Leitfaden fur die unruhig schlafenden Erdbewohner, von heilig treuer Liebe dargereicht. Dichtungen sind nicht Wahrheit, wie wir sie von der Geschichte und dem Verkehr mit Zeitgenossen fordern, sie waren nicht das, was wir suchen, was uns sucht, wenn sie der Erde in Wirklichkeit ganz gehoren konnten, denn sie alle fuhren die irdisch entfremdete Welt zu ewiger Gemeinschaft zuruck. Nennen wir die heiligen Dichter auch Seher und ist das Dichten ein Sehen hoherer Art zu nennen, so lasst sich die Geschichte mit der Kristallkugel im Auge zusammenstellen, die nicht selbst sieht, aber dem Auge notwendig ist, um die Lichtwirkung zu sammeln und zu vereinen; ihr Wesen ist Klarheit, Reinheit und Farbenlosigkeit. Wer diese in der Geschichte verletzt, der verdirbt auch Dichtung, die aus ihr hervorgehen soll, wer die Geschichte zur Wahrheit lautert, schafft auch der Dichtung einen sichern Verkehr mit der Welt. Nur darum werden die eignen unbedeutenden Lebensereignisse gern ein Anlass der Dichtung, weil wir sie mit mehr Wahrheit angeschaut haben, als uns an den grossern Weltbegebenheiten gemeinhin vergonnt ist. Das Mittatige und Selbstergriffene daran ist gewiss mehr hemmend als aufmunternd, denn Heftigkeit des Gefuhls unterdruckt sogar die Stimme, weil diese sie zum Mass der Zeit zwingt, wie viel weniger mag sie mit der tragen Pflugschar des Dichters, mit der Schreibfeder zurecht kommen. Die Leidenschaft gewahrt nur, das ursprunglich wahre, menschliche Herz, gleichsam den wilden Gesang des Menschen, zu vernehmen und darum mag es wohl keinen Dichter ohne Leidenschaft gegeben haben, aber die Leidenschaft macht nicht den Dichter, vielmehr hat wohl noch keiner wahrend ihrer lebendigsten Einwirkung etwas Dauerndes geschaffen und erst nach ihrer Vollendung mag gern jeder in eignem oder fremden Namen und Begebenheit sein Gefuhl spiegeln.

Waiblingen

Die Geschichten, welche hier neben der Karte von Schwaben vor uns liegen, beruhren weder unser Leben, noch unsere Zeit, wohl aber eine fruhere, in der sich mit unvorhergesehener Gewalt der spatere und jetzige Zustand geistiger Bildung in Deutschland entwickelte. Das Bemuhen, diese Zeit in aller Wahrheit der Geschichte aus Quellen kennen zu lernen, entwickelte diese Dichtung, die sich keineswegs fur eine geschichtliche Wahrheit gibt, sondern fur eine geahndete Fullung der Lucken in der Geschichte, fur ein Bild im Rahmen der Geschichte. Die Karte von Schwaben, wie sie Homanns Erben im Jahre 1734 herausgaben, muss noch jetzt nach so vielen Veranderungen, wohlgefallen. Diese sinnreichen Nurnberger haben alle Farben ihres weltberuhmten Muschelkastens benutzt, die Grenzen der vielen Staaten augenscheinlich zu machen, auf dass ein jeder in dieser Farbenpracht den Bogen der Gnade erkennen moge, den Gott uber dieses herrliche Land gestellt hatte, als er es nach freier Entwickelung durch Krieg und Friede mit der Kraft seines heiligen, deutschen Reichs fur Jahrhunderte schutzte. Ein machtiger Strom, die Donau, entspringt in Schwaben, begrenzt den Erbfeind der Christenheit, den Turken. Ein anderer, der Rhein, findet erst im Bodensee seinen rechten Boden, der ihn zur Grosse erzieht, wofur er die Grenze, von der er ungern scheidet, zu einer Inselwelt durchflicht. Der Bodensee selbst ein sanftes Abbild des Meeres, bezeichnet neben den Hohen eine reiche Tiefe des Landes. Wer nennt alle lieblichen Strome, welche das Land durchrauschen! Wer nennt alle Berge von Schlossern gekront, von denen die Strome entspringen, von denen die Heldengeschlechter herrschend zu den fernen Ebenen niedergezogen sind! Ganz Schwaben ist dem Reisenden ein aufgeschlagenes Geschichtbuch, hier war der fruheste Mittelpunkt deutscher Geschichten und so seltsam alles umfassend die Deutschen sich spater schaffend und zerstorend geregt haben, diese Vollendung in einem gewissen Sinne erreichten sie nicht wieder und so reibt sich das Bild des Unterganges unmittelbar an den Glanz der Hohenstaufen. Schoner ist das dauernde Steigen eines Landes, das in jeder Einrichtung das ungestorte Erbe der Jahrhunderte aufweisen kann, aber menschlich naher tritt uns als ein Bild des eignen Geschicks diese Beruhrung mit grossen Hoffnungen aus fruheren Tagen in einem Volke, das bewahrtem und achtend gegen seine Vorzeit in Urkunden, Erinnerungen und Gebrauchen jedem Dorfe seine Denkwurdigkeit erhalten hat. Suchen wir auf unsrer Karte den Neckarfluss und gehen wir mit Behagen an seinem Ufer von Reben umgrunt zum Einflusse der Rems und da hinauf durchs reiche Wiesental nach Waiblingen, so befinden wir uns auf dem Schauplatze unsrer Geschichte. Waiblingen versteckt sich jetzt, wie wir von Reisenden horten, ungeachtet es an einem Hugel hinangebaut ist, hinter umgebenden Weinbergen. Ehemals ragte am Tore ein hoher Wachtturm hinaus, der mit vier kleinen Turmchen und einem hohern in der Mitte, alle funf mit Schiefer wohlgedeckt, der Stadt schon aus der Ferne ein wehrhaftes Ansehen gab.

Dieser Turm ist die Buhne, welche den Anfang unsrer Geschichten aus den engen Verhaltnissen eines kleineren Stadtleins zum Seltsamen erhebt; so verdient er eine nahere Beschreibung. Die vier Turmchen traten an den vier Ecken des Mauerwerks von Werkstucken heraus, auch ein gezahnter Gang zwischen ihnen war zur bessern Verteidigung hinaus gebaut. Unter dem mittleren Turme befand sich das Wachtzimmer, in dessen Mitte eine grosse Wurfschleuder gegen andringende Feinde aufgerichtet war, wahrend die Wande hinlanglich mit Armbrusten und Harnischen behangen waren, um bei raschem Angriff gleich eine bedeutende Zahl Burger zu rusten. Als Wachter wurde immer ein alter Kriegsmann gelohnt, der des Schlafes entwohnt, mit den Seinen abwechselnd eine ununterbrochene Wacht unterhalten musste. Auf seinem Buffelhorne zeigte er mit allgemein bekannten Zeichen an, wenn sich Not und Sorge, sei es durch Kriegsscharen und Rauber, oder durch Feuer und Wasser dem Stadtgebiete naherten. In solchem Fall kamen viel neugierige Gesellen zum Besuch, sonst mied jeder die enge Windeltreppe des Turms, der nicht besondere Freundschaft zu dem Wachter trug. Eine Winde im Wachterzimmer war zu doppeltem Gebrauche eingerichtet, sie hob in einem grossen Eimer von der Stadtseite zu bestimmten Stunden seine Lebensmittel empor, und nahm in demselben Eimer von der Landseite nach dem unerbittlichen Torschluss alle verspatete Sendungen an Rat und Burger der Stadt gegen massigen Lohn auf. Bei dem lebhaften Verkehr, dessen sich die Stadt jetzt als Vorratskammer der Neckarweine fur Augsburg, durch Gerbereien und Ankauf von Schlachtvieh erfreute, war diese Art Nebengewinn ein Hauptunterhalt des Wachters geworden, der nach dem fruhen Torschlusse mit Sehnsucht nach verspateten Boten auf die Strasse von Augsburg herunter blickte. Von Augsburg war das Tor genannt, so weit Augsburg davon entlegen sein mochte. Augsburg war damals gleichsam ein heiliger Name, weil die sichtbaren Quellen des Wohlstandes, das Geld und die Reisenden, die es brachten, von Augsburg entsprangen und nichtimmer wieder dahin zuruckkehrten; im zweiten Buche fuhrt uns die Geschichte nach diesem Mittelpunkte des Handels, zu den reichen Geschlechtern, die, das neu entdeckte Amerika mitzuerobern, Schiffe ausrusteten und die Kaiser durch Glanz und Erfindung froher Feste sich zu geselliger Freude verbanden.

Erstes Buch

Erste Geschichte

Die Hochzeit auf dem Turme

Der Burgermeister von Waiblingen, Herr Steller, und der Vogt des Grafen von Wirtemberg, Herr Brix, fuhrten einander in der Neujahrsnacht mit ungewissen Schritten durch die glatten Gassen, nachdem sie einander beim Schlage der zwolften Stunde vor dem Ratskeller den flockig fallenden Schnee vom Barte gekusst und alles gute Gluck angewunscht hatten. Der Wein erweicht des Menschen Herz, dachte der Burgermeister, ich hatte nimmermehr geglaubt, dass ich den Vogt so lieb hatte; dann fuhr er fort: "Schade, dass es so dunkel am Himmel und so weiss an der Erde ist, kein Sternlein ist zu sehen, das uns ein Zeichen gabe vom neuen Jahre." "Kein Stern", fragte der Vogt mit schwerer Zunge, "was sind denn das fur ein Paar rote Sterne am Himmelsrande?" "Das sind die Fenster des Wachtturmes", antwortete Herr Steller lachend, "kennt Ihr die nicht, aber sie leuchten heute wohl heller als sonst, denn da ist Bettelmanns Hochzeit, der neue Turmwachter, der Martin, hat heute die Witwe des vorigen geheuratet, weil sie oben zu stark geworden, um die enge Windeltreppe herunter zu steigen. Wir konnten doch wahrhaftig der Frau wegen nicht den Turm abbrechen lassen und so musste sie sich dazu bequemen, sonst hatte sie lieber unsern Schreiber, den Berthold, geheuratet. Der Pfarrer hat sie oben mussen zusammengeben." "Aber um Gottes willen", fragte der Vogt, "wie soll die Frau hinunterkommen, wenn sie erst tot ist, da wird ein Mensch doch noch ungeschickter, als er bei lebendigem Leibe war." "Das wurde sich finden, wie's Sterben, meinte sie", sprach Steller, "solch armes Volk lebt in die Zeit hinein, wie's liebe Vieh, wenn es nur Futter hat. Gute Nacht Gevatter, viel Gluck zum neuen Jahre; Ihr werdet doch allein fortkommen?" So taumelten sie aus einander, der Vogt ging den beiden roten Sternen nach und der Burgermeister gab Achtung, dass sie ihm im Rucken blieben und so fuhrte das Gluck der Armen die beiden Reichen wie eine Vorbedeutung in ihre Hauser heim.

Auf dem Turme sass der alte, trockene Martin, der neue Turmwachter im verschossenen, roten Wams, den er noch aus dem italienischen Kriege mitgebracht hatte, zwischen Frau Hildegard, mit der er heute vermahlt war, und Berthold, dem Ratsschreiber, wie auf dem Felde des Schachbretts zwischen Schwarz und Weiss, denn jene war reinlich in weissem, selbstgewebten Leinen, dieser sehr anstandig in schwarzem Tuch gekleidet. Martin sprach davon, wie er sonst auf Schlachtfeldern zwischen Tod und Teufel und jetzt wie im Schachspiel frohlich zwischen Freund und Frau sitze und habe sich das nicht traumen lassen voraus, dabei umfasste er beide und druckte beiden die Kopfe an einander, dass sie sich kussen mussten und trank dann seinen Wein auf die Erinnerung einer Neujahrsnacht, wo er und Berthold auf den Turm stiegen und Frau Hildegard belauschten, wie sie mit ihrer Base Zinn gegossen. BERTHOLD: "Das war eine schone Nacht, klar und warm, die Witterung wird immer rauher in Waiblingen und die Welt geht endlich gewiss in Eis unter." MARTIN: "Kalt oder warm, untergehn muss sie doch bald, wenn nur Hildegard so lange lebt, um den Larmen mit uns zu beschauen. Ja in der Nacht ging mir das Herz auf gegen dich und es zuckte mir in dem Arme, was hilft's verhehlen, Gott weiss es doch und schreibt sich alles auf." BERTHOLD: "Du wolltest der guten Frau um den Hals fallen, die Sunde vergibt der Kuster." MARTIN: "Nein Berthold, ihren Mann wollte ich zum Turm hinunterwerfen, er stand auf der Mauer und blies das neue Jahr an, er wollte sich recht horen lassen, da tratest du zwischen uns und so wurdest du mein guter Engel und bist es immer geblieben und hast bei Hildegard fur mich geworben. Das kam alles vom Zinngiessen." HILDEGARD: "Habe dich damals am Fenster nicht beachtet, aber den Zinnguss habe ich aufgehoben, wie ich alles aufhebe; seht da drei Kirchturme im Zinn, was deutet mir das?" MARTIN: "Der eine bedeutet deinen ersten Mann, der zweite deutet auf mich und der dritte, das ist dein dritter Mann Berthold." HILDEGARD: "Der Tod ist der dritte Mann." BERTHOLD: "Hor Martin, ich mag auf deinen Tod zu meiner Seligkeit nicht warten; dir schadet's noch nicht, wenn du ein paar Stunden mit offner Brust im Schneegestober auf ein Wild lauerst, ich muss mir schon Kopf und Fusse warm halten, am Schreibtische altert ein Mensch fruher, als auf dem Rosse." MARTIN: "Mit dem Reiten und Fechten ist es jetzt aus, bin argerlichen Gemuts und das gedeiht nicht im Alter; kann ich die Armbrust nicht mehr spannen und keinen Vogel im Fluge sehen und treffen, dann stosst mir der Gram das Herz ab. Sieh Berthold, so gram ich mich auch, dass wir von einander ziehen sollen und haben so lange mit einander Haus gehalten, ich sorgte furs Wildbret und du fur die Fische aus dem Ratsweiher. Es liegt wenig daran, ob einer in Seide oder nackt, wie auf dem Schlachtfelde begraben wird, aber dass wir nicht in alten Tagen einsam leben mussen, davor behute der Himmel jeden. Hor Berthold, wir sind heute bei deinem Wein lustig, sei kunftig auch vergnugt bei unserer alltaglichen Hausmannskost, zieh herauf zu uns, Hildegard wird dir mit keiner doppelten Kreide anschreiben." BERTHOLD: "Du kannst meine Gedanken lesen, dachte schon lange daran, ob ich mir nicht dort auf der wusten Brandstelle ein Haus in eurer Nahe errichten konnte, wo wir zusammen aus einer Kasse lebten und mit einander teilten, was wir verdienen." MARTIN: "Damit alles gleich wird, teilen wir auch die Frau." HILDEGARD: "Sonst bin ich mit allem zufrieden, aber das ist gegen die zehn Gebote." MARTIN: "Und er soll dein Herr sein, hat der Pfarrer gesagt und dabei bleibt's, Berthold schlaft hier, du nennst ihn Du wie mich, du sorgst fur ihn wie fur mich und schlagst ihm nichts ab, er wird nichts Ungebuhrliches von dir fordern. Und hier ist deine Schlafstelle auf der alten Wurfschleuder, die doch nimmermehr gebraucht wird, hier ziehen wir eine Wand von Latten und du uberziehst sie mit Papier, so hast du dein Haus da drin und dein Fenster und deine Schreibereien liegen da ungestort und wenn wir Nachts nicht schlafen konnen, so konnen wir wie bisher mit einander reden; du sagst, was du Neues gelesen und ich, was ich in jungen Tagen bei dem Franzosen und Italiener erlebt habe." BERTHOLD: "Du sprichst wie aus himmlischer Eingebung, wie kann ich mich widersetzen. Seht, da kehre ich meine Tasche um in den Topf, das ist meine ganze Habe, so tut desgleichen und so lange der Topf nicht leer ist, greife ich dreist in eure Schusseln." MARTIN: "Halt Bruder, du hast schon zuviel voraus, gleiche Bruder, gleiche Kappen, fort mit den Batzen, bis ich auch welche verdient habe und gleich einlegen kann." BERTHOLD: "Hor nur, da ruft's vor dem Tore, da kommt ein reiches Trinkgeld, das setzest du gegen meinen Sparpfennig, was der bringt, gehort uns auch zusammen." MARTIN: "Das wird nicht viel sein, aber du sollst deinen Willen haben; ruckt nun den Tisch, hebt den Eimer uber, nun lasst die Winde langsam ablaufen: das musst du alles lernen, Bruder Berthold, wenn du mit uns im Adlerneste hausen willst, die Krahen werden dir oft genug den Kase vom Brot stehlen."

Berthold hatte das alles schon gelernt und wahrend Martin die Winde in Ordnung brachte, hatte er schon den wohlbeschlagnen Eimer auf die andere Rolle ubergelegt. Frau Hildegard erinnerte Martin, seinen Schafpelz anzuziehen, er aber lachte und sprach: "Hab eher im Schnee geschlafen, als waren's Daunen, als ich noch bei den Kronenwachtern diente, doch halt, davon darf ich nicht schwatzen, ich hab's geschworen." Der Reiter unter dem Tore fluchte, dass es so lange daure, und Martin wollte ihm eben in alter Kriegsmanier antworten, da bat jener sorglich, er mochte den Eimer nicht anstossen lassen, es sei zerbrechliche Ware darin und Martin verschluckte seine Antwort und sprach: "Zu meiner Hochzeit hattet Ihr wohl das Fluchen vergessen konnen." Der Reiter schrie herauf: "Nimm das, was im Eimer liegt, zum Hochzeitgeschenk, sei eingedenk deines Schwures, kein Turm ist zu hoch, kein Grab zu tief fur Gottes Richterschwert und fur unsern Pfeil." Martin trat ernst mit dem Kasten ins Zimmer, den er aus dem Eimer genommen, setzte ihn in der Zerstreuung auf den Apfelkuchen und brummte vor sich: "Ware ich nur nie bei den alten Mordern gewesen!" Als Frau Hildegard wegen des Apfelkuchens schalt, sagte er: "Es ist auch ein Hochzeitgeschenk, mit dir Berthold wird es geteilt, vielleicht ist's ein feinerer Kuchen, macht es sorglich auf, es soll sehr zerbrechlich sein." Frau Hildegard schob den durchlocherten Deckel auf, hob eine Pelzdecke auf und sah mit grossem Erstaunen einen kleinen Knaben der auf einem Totenschadel, halb mit einem weichen Kissen bedeckt, ruhte und schlief. "Ha", fuhr Martin bei dem Anblick auf, "es hat das Zeichen!" Bei dem Worte sprang er hinaus, sah aber nur noch in bedeutender Entfernung den Reiter auf seinem Schimmel, wie sein weisser Mantel im Winde gleich einem Segel aufbauchte und wie er sich bald gleich einer Schneewolke unter den stumpfen Weiden der Strasse verlor. Er kam zuruck, als Berthold mit uberwundener Sorge sprach: "Es ist nicht tot, es schlaft nur, tragt's ins Bette, Frau Hildegard, aber denkt nicht, dass dies liebe Kind euch allein gehort, mein ist die Halfte, Martin hat's versprochen." MARTIN: "Du sprichst ja wie ein Versucher, dem ich des Kindes Seele verschrieben habe." BERTHOLD: "Ich brauche nicht seine Seele, ich brauche nur seine Hand, ich will's zum Schreiber aufziehen." MARTIN: "Versuch's nur; wenn der Knabe alter wird, da merkt er schon in sich, dass er nicht zum Schreibtisch, sondern unter den Helm gehort; aber Hildegard, ist es dir denn lieb, ein Kind zu haben, bist ja so still emsig, es einzupacken, als ob du es im Federbett ersaufen wolltest." HILDEGARD: "Still, hab nie ein schoneres Kind gesehen, alle andern sind Holzklotze dagegen, ein feines Bild aus Elfenbein ist dies, das muss aus hohem Geschlechte stammen; wenn wir nur reich waren, um es fein ordentlich aufzuziehen!" MARTIN: "Gott sorgt fur die Gemslein auf den Felsenspitzen, sieh her Hildegard, sieh den Schatz, der bei dem Kinde im Kastchen liegt." BERTHOLD: "Funf Goldgulden, alle mit dem Stempel unsres letzten Schwabenherzogs Konradin, die sollen wunderselten sein, die mogen in einer recht alten Sparbuchse gerostet haben, bis die grimme Not, die das liebe Kind verstossen, sie in die Welt trieb. Der Schatz soll dem Kinde bleiben, ich sorge mit Abschreiben in den Abendstunden fur das Kind." MARTIN: "Ich sorge fur meine Halfte, sonst hau ich sie mir von dem Kinde ab, hab wohl keine Kinder mehr zu erwarten, will mich auch von einem Kinde streicheln lassen: ob ich mir hier ein Kind, oder einen Hund futtre, das kostet gleich viel!" Das Kind war von dem Streite aufgewacht und forderte schreiend seine Nahrung, die Frau war in grosser Sorge, was sie ihm geben sollte, sie hoffte, dass ein glaubiges Gebet zur heiligen Mutter, ihre Brust mit Milch fullen konnte, aber Martin schuttelte mit dem Kopfe und sprach: "In unsrer Zeit geschehen keine Wunder." Frau Hildegard liess sich aber nicht storen in ihrem Glauben, sondern betete an ihrem kleinen Altare und wie sie noch so betete, da horte sie das Kind schlucken, das ganz allein lag, weil die beiden Manner an den Herd gegangen waren, um Feuer zu einem Brei anzuschuren. Sie sah sich um, und erblickte ihre grosse, schwarze Ziege, die sich aus dem Stall losgerissen und auf das Bette gesprungen war, und das Kindlein sog mit freudiger Begierde an der Ziege. Hildegard richtete sich mit gefaltenen Handen auf und rief die Manner:

"Seht, seht, dem Frommen geschehen alle Tage Wunder!" Berthold faltete gleichfalls verwundert die Hande, aber Martin sprach gleichgultig: "Es ist doch gut, dass wir heut das Zicklein zum Hochzeitbraten opferten, die Ziege ware sonst mit keiner Gewalt zum Stillen des Kinds zu zwingen gewesen, jetzt drangt es sie dazu: es ist nicht alles Liebe, was die Menschen so nennen!" Dann nahm er Berthold bei der Hand und fuhrte ihn an die andere Ecke des Zimmers, wo der Kasten stand und sprach wehmutig und leise: "Sieh da das weisse Kind unter dem gehornten, schwarzen Tiere, das dem Teufel ahnlich sieht, so kommt die Unschuld zur Schuld und nahrt sich von ihr, so soll auch ich das Kind ernahren und bin nicht wert solcher himmlischen Gnade. Ich halt's nicht aus! Habe so viele bluhende Junglinge in Feldschlacht und Fehden erschlagen und werde nun zum Narrn vor Freude, dass ich der Welt ein Kind zum Ersatz aufziehe, o ich wollte, dass ich bei meinem Vater am Webstuhl ausgeharrt, oder dass ich gar nicht gelebt hatte. Wer weiss, wem der Schadel gehort, der bei dem Kinde liegt, er tragt eine schwere Narbe, wie ein Fenster, durch welches der Geist zum Himmel geflogen, vielleicht habe ich ihm die geschlagen. Ich musste meinen Herren folgen auf den Fehden und sie fragten mich nicht, ob sie ein Recht hatten zum Blutvergiessen, es hiess nur: hier gilt's, hier musst du vor, Martin. Es sind jetzt noch keine sechs Monat, da focht ich mit einem jungen Ritter, er wehrte sich entsetzlich, da fiel ihm der Helm ab, ich hatte ihm die Schienen durchhauen, und mein Schwert drang tief in sein Haupt, er war schon wie eine Jungfrau, meinen Hals hatte ich abschlagen lassen, um ihn zu heilen, aber der Tod lasst sich nicht wieder gut machen. Ich sagte den Kronenwachtern mit Abscheu meinen Dienst auf, sie liessen mich ziehen. Das Kind gleicht dem Ritter, sie haben's mir geschickt. Berthold, zieh es zum Frieden auf, es soll fur mich beten." Berthold sah verlegen nieder, es war ihm, als ob ein anderer, als Martin, mit ihm rede, so weich hatte er ihn nie gekannt, er sah nach dem Schadel und wies auf etwas Blinkendes, das darin steckte. MARTIN: "Wird wohl ein Splitter von meinem schartigen Doppelschwerte sein, oder ein Helmring, lass es stecken, so etwas, das einem Menschen den Tod brachte, muss vergraben sein, ich werd's auch bald sein: Wenn einst andere Leute so in meinen Schadel hinein sehen, was werden sie darin lesen?"

Zweite Geschichte

Die Chronik der Stadt

Die Nacht verging unbemerkt in mancher Besorgung fur das Kind, am Morgen bemerkte erst Frau Hildegard eine feine Schrift auf dem Kasten, der das Kind geborgen, und Berthold las da den biblischen Spruch auf das Kind angewendet: "Gehet hin und taufet ihn im Namen des Vaters." Frau Hildegard erschrak, dass dies wohl sechs Monat alte Kind noch nicht getauft sei, und Berthold nahm es eilig mit dem Bette in seinen Mantel, da Martin von seinem Wachtposten nicht abkommen konnte. Erst lief er zum Burgermeister und berichtete ihm den seltsamen Vorgang, indem er zugleich den zierlich mit blauer und roter Tinte geschriebenen Neujahrwunsch abgab. Der Burgermeister war in sehr gnadiger Stimmung, dankte freundlich und sagte, dass er dieses Kind wohl zu sich nehmen wurde, wenn er verheiratet ware, jetzt konne es aber seinem Rufe bei den Eltern seiner Braut schaden, ubrigens werde wohl zuweilen aus der Armenkasse etwas fur das Kind zu erubrigen sein und man musse inzwischen nachforschen, wer des Kindes Eltern waren. Das alles hatte der Schreiber sich langst selbst bedacht, nahm es aber doch wie hohe Weisheit an und entfernte sich demutig. Aber die Fruhmesse war inzwischen schon langst zu Ende gegangen, als er nach der Pfarrkirche kam. Der Geistliche trat eben hinaus, ihn fror sehr und er war nur mit Muhe zu uberreden, die Taufe sogleich zu erteilen. In der Eile vergass er, sich nach Vor- und Zunamen des Kindes zu erkundigen und fragte wahrend der Handlung, wie es heissen sollte! Berthold, der es auch nicht bedacht, antwortete Berthold, und weil der Pfarrer es fur Bertholds Kind hielt, so taufte er es Berthold mit Vornamen und Berthold mit Zunamen, so dass es nun Berthold Berthold hiess, oder Berchtold Berchtold, wie andere den guten, alten Namen schreiben. Der Tag durchbrach siegend die Schneewolken, als Berthold im Turme das Kind aus dem warmen Mantel hob und sich in dessen hellen Augen sonnte. Die lahme Elster, die in der vorigen Nacht alles unter dem Bette verschlafen hatte, sprang zum Kinde mit Hildegard und Martin und rief zu ihm: "Berthold, Berthold." "Sie weiss es schon", rief Berthold verwundert, "das haben ihr gewiss die Sperlinge gesagt, die in der Kirche herumflogen." Martin aber ging ruhig zu seiner Arbeit an der neuen Lattenwand zuruck und brummte vor sich: "Nenne ihn, wie du willst, er wird seinen rechten Namen doch erhalten, wenn seine Stunde schlagt, aber sieh hier, wie fleissig ich gewesen bin; die Wand ist gleich fertig und nun schaffe Papier zum Uberziehen." "Auch dafur habe ich in der Schreibstube gesorgt", antwortete Berthold, "sieh die schonen, grossen Bogen, habe darauf in jungen Jahren, als ich noch mehr Freude am Schreiben hatte, die Chronik von unserm Stadtlein geschrieben, der Knabe mag daran buchstabieren lernen." "Schade, dass wir's so zerreissen mussen", sagte Martin, "habe oft daruber nachgedacht, wie die Leute auf den narrischen Einfall gekommen sind, sich hier niederzulassen, obgleich jedermann lieber in Augsburg wohnen mochte." "Ei", sagte Berthold, "du denkst, das Gluck hat immer auf dem Fleck wie jetzt gestanden, vielmehr ruckt es immer von einem Platze zum andern, weil es nie sich festsetzen darf und des Stehens mude wird. Es gab eine Zeit, wo Augsburg kaum genannt wurde, und da stand hier eine Stadt, die auch niemand mehr zu nennen weiss, die war das Haupt von ganz Schwaben, zwei Meilen von hier nach Schorndorf soll noch ein Stuck von unsrer alten Stadtmauer zu sehen sein, bei meinen Geschaften ist mir aber die Reise zu weit, um es zu besehen." "Und ich darf vom Turme gar nicht fort", klagte Martin. "Troste dich mit mir", meinte Hildegard, "ich durfte wohl herunter, aber bei meinem Schwindel darf ich die Windeltreppe nicht ansehen, sonst gehet alles mit mir um, da sagen denn die bosen Leute in der Stadt, dass ich zu stark geworden sei, um die Treppe zu steigen; wer weiss, ob solche Lugenreden nicht auch in die alten Geschichten gekommen sind, so dass kein Mensch jetzt mehr sagen kann, wo die Luge aufhort und wo die Wahrheit anfangt." "Aber ich habe es geschrieben funden auf altem Pergament", rief Berthold, "wer wurde sich die Muhe geben, Lugen aufzuschreiben. In diesem Pergament fand ich auch, was hier steht, dass der Attila, Gottes Geissel getauft, diese Hauptstadt der alten schwabischen Herzoge bis auf den Grund ausbrannte und dass wir entweder gar nicht lebten, oder doch keine Waiblinger waren, wenn nicht die Frau des Frankenkonigs Klodwig hier drei Hirsche mit ihrer Armbrust erlegt hatte. Seinem Weibe zu Ehren baute der Frankenkonig die Stadt, nannte sie von ihr Waiblingen, versteht ihr wohl, weil dort einem Weibe gelingt, was sonst kaum ein Mann leisten kann auf der Jagd." "Und davon kommen wohl die drei Hirschhorner in unserm Stadtwappen?" fragte Martin. "Ein schlimmes Zeichen fur uns Ehemanner", fuhr er fort, "muss nur die Wand hier recht dicht und fest zukleben." Berthold blatterte weiter und sagte "Du hast mir ein gut Stuck Geschichte zugeklebt, da stehe ich schon beim Kaiser Konrad, der so viel auf die Treue seiner Waiblinger hielt, dass er es zum Feldgeschrei der Seinen gegen die verraterischen Welfen machte. 'Hier Waiblinger', hiess es, wo es hart herging, und mit dem Feldgeschrei siegte er uber alle Feinde. Der hornerne Siegfried war ihr Anfuhrer, der seinem Herrn die starke Braut bezwungen hatte und dafur durch den tuckischen Hagen sein Leben einbusste; nun von dem Marchen singen ja noch die Fiedler auf den Strassen, und es ware wohl gut, dass sie etwas Neues lernten, denn es will ihnen niemand mehr zuhoren." "Was haben mir die Italiener von Ghibellinen oder Wibellinen erzahlt", unterbrach ihn Martin, "sie schimpften sich noch so, obgleich keiner mehr wusste, was es bedeute, und da kommt all der Larmen aus unserm Stadtlein." "Ehre unsere Stadt alter Martin", sagte Berthold, "denn sie hat viel mehr Auszeichnung genossen zur Zeit der schwabischen Kaiser. Vor allem liebte sie der hochberuhmte Friedrich Barbarossa, erbaute auch hier einen Palast, gleich dem von Gelnhausen. Ich habe ihn oft gesucht dort unter den Trummern, aber ich konnte nicht ohne Aufsehen uber das alte Mauerwerk klettern und die Leute hatten gemeint, ich sei auch so ein Schatzgraber, die immer noch bei den alten Hausern, welche die grosse Feuersbrunst einsturzte, nach Gold suchen und Kohlen finden. Die Beschreibung von dem Schlosse ist gar sehr prachtig, es bestand aus einem Hauptgebaude und einem Seitenflugel zum Anschauen der Ritterspiele. Hinter demselben war ein seltsamer Garten von fremden Pflanzen. Alle Zimmer waren kostbar mit Teppichen und Waffen des Morgenlandes verziert, aber am reichsten die Kapelle zu Ehren der heiligen drei Konige, deren Leichen dort eine Nacht geruhet, als sie der Kaiser von Mailand nach Koln sendete, wo sie noch ruhen und grosse Wunder verrichten. In dem Hause hier sollen die Anhanger des schwabischen Hauses noch lange Zeit ihre Zusammenkunfte gehalten haben, bis die grosse Feuersbrunst es mit aller Herrlichkeit gleich der armsten Hutte verzehrt hat." "so geht's auch Eurer saubern, schon gemalten Handschrift, habt sicher nicht gedacht, sie so zu verbrauchen, als Ihr Euch dem Schreiben unterzogen", bemerkte hier Martin. "Ich erheiterte mich als Knabe", erwiderte Berthold, "mit der gewissen Zuversicht, sie werde sich zum ewigen Andenken wie die alten Schenkbriefe der Stadt von einem Ratsschreiber zum andern vererben, aber der Burgermeister warf sie neulich zornig dreinreissend vor die Ture, weil er etwas von den Seinen, die ich unter dem Namen nicht erkannt, darin gefunden, das ihm gar nicht lieb war, dass namlich eine Jungfrau seines Geschlechts einen Lowen in unsrer Stadt geboren habe. Es hat sich damals ein Lowe hieher verlaufen gehabt, der viele Menschen wurgte, bis diese Jungfrau ihm entgegentrat, der er geduldig den Kopf in den Schoss legte und sich von ihr mit gemeiner Kost abspeisen liess. Da glaubten schon die Leute, sie sei eine Heilige, bald aber kam es heraus, dass sie sich ihm vermahlt habe, als sie einen Lowen gebar, denn da zog der Alte mit seinem jungen Lowen fort, sie aber sturzte sich aus Gram in die Rems." "Sollte die Geschichte also doch wahr sein", brummte Martin, "hab sie den Kronenwachtern nie glauben wollen, von dem Lowen stammten nachher viele Menschen, versteht Ihr mich, von ihren gelben, lockigen Haaren wurden sie Lowen genannt, auch von ihrer Starke und koniglichen Abkunft. Doch das stirbt hier unter uns, ich darf davon nicht reden, aber Ihr wisst doch von dem Feinde unsres Barbarossa, dass der Heinrich der Lowe hiess, kein Stamm geht unter, aber erst, wenn feindliche Stamme sich innerlich versohnen und verbinden, wird der Friede kommen auf Erden." "Aber wie ist mir", rief Hildegard, verliess das schlummernde Kind und trat ans Fenster, "es ist, als ob es schon wieder Nacht werden wollte." "Es wird eine Schneewolke sein", meinte Berthold. "Nein, nein", seufzte Martin, "ich sagte wieder ein Wort zu viel, das geht mir nicht ungestraft hin, seht nur, die Sonne verliert ihren Glanz, dass jeder sie anschauen kann, wie ein verweintes Auge. Der schwarze Star deckt sie immer mehr, die wird nicht wieder scheinen, seht wie die Vogel in den Tannen sich verstecken, auch unsre Elster geht schon unters Bette zum Schlafen, die Schatten der Baume verschwinden vom Schneegrund, denn ein Schatten deckt alles, ich stehe vor der Sonne, dass sie nicht scheinen mag. Die Burger laufen umher und wissen nicht, woher ihnen die Strafe kommt. Hort ihr's da unten, das brachte ich euch!" "Schweig Martin", unterbrach ihn Berthold, "ich muss dir sonst den Mund zuhalten, mir ist nicht wohl in der Dunkelheit und die Burger lauten der Sonne die Sterbeglokke, jetzt ist sie kaum noch einer Mondensichel zu vergleichen, die am Tage da oben stehen geblieben, aber wartet geduldig, um einen Menschen geht die Welt nicht unter. Aus meiner Chronik erinnere ich mich einer Sonnenfinsternis, die so dunkel gewesen, dass die Arbeiter der grossen Wollenwebereien in Augsburg aus Angst zu den Ihren zu kommen, einander tot drangten und nachher war alle Not verschwunden, nur die nicht, die sie selbst in der Angst geschaffen hatten." "Ihr habt recht", sagte Hildegard, "mir ist, als ginge die Sonne mitten am Himmel wieder auf, als ware ihr Licht tausendfach schoner als je; wie sich unsre Tauben erschwingen und Kreise um den Turm ziehen." "Die Burger lachen ihrer Furcht", fuhr Berthold fort, "schamst du dich nicht Martin?" "War's mit der Scham abgetan und mit der Furcht", sprach Martin in sich, "ich wollte mich furchten und meiner Furcht mich schamen und den Spott der Kinder tragen; mir aber ist es mehr als eine Sonnenfinsternis, was ich gesehen; vergebens ziehen die Tauben ihre Kreise um mich her, sie konnen mich nicht schutzen!"

Dritte Geschichte

Der Palast des Barbarossa

Die Ehe des Turmwachters Martin blieb ohne Segen eigner Kinder, um so hoher ehrten die beiden Eheleute den kleinen Berthold und Frau Hildegard hatte eigentlich keinen Augenblick, wo sie ihn vergass. Selbst im Schlafe reichte sie ihm noch die Hand, dass er damit spielen und sie erwecken konnte, wenn er einmal fruher aufwachen sollte. Die Elster war aber des Kleinen Gespielin, die ihm nie etwas zu leide tat, aber durch ihr Geschrei warnte, wo das Kind sich einer Gefahr aussetzte. Martin fand sich in seiner schwarzen Seelentiefe durch den Anblick des Knaben erhellt, schnitzte ihm Stocke und Degen, so bunt der Kleine sie verlangte, und Berthold war eifrig beschaftigt, dass der Kleine fruher als andere Kinder Buchstaben kennen lernte und bald auch buchstabierte. "Das wird ein Gelehrter", sagte er mit Zuversicht und Martin lachelte, aber Berthold liess sich dadurch nicht abbringen von seinem Unterrichte. Schon im siebenten Jahre schrieb der Kleine eine feste Hand, rechnete schon notdurftig und ware in der Schule als ein Wunderkind aufgetreten, wenn er sie hatte besuchen durfen. Aber Berthold setzte seinen Schreiberstolz darin, ihn allein weiter zu bringen, als die bequemen Geistlichen in der Stadtschule es mit allen Zuchtigungen bei den Stadtkindern vermochten, und Frau Hildegard war es sehr zufrieden, weil er sonst Unarten und Ungeziefer mit annehmen konnte. Nur Martin schuttelte mit dem Kopfe und sagte, es werde der Junge zu nichts in der Welt taugen und die beste Zeit seines Lebens in dieser Einsamkeit verlieren, doch sah er ihn zu gern um sich, als dass er ihn mit Ernst entfernt hatte. Schon im zehnten Jahre wusste ihn Berthold mit schriftlichen Aufsatzen aller Art zu beschaftigen, indem er ihm einbildete, die Stadt habe ihn als Unterschreiber angenommen. Der Kleine arbeitete sich in alles mit einem Amtseifer hinein, dass Berthold schon im zwolften Jahre des Knaben ihn dem Burgermeister zufuhren konnte. Dem Burgermeister gefiel seine gute Bildung, sein freundliches Auge, noch mehr seine Handschrift, in der er selbst dem alten Berthold uberlegen war, so kunstlich dieser die Anfange der Kaufbriefe verzieren mochte. Der Burgermeister strich ihm die langen gescheitelten, blonden Haare und versprach, ihn mit einem kleinen Gehalt zur Hulfe des alten Bertholds anzustellen. Der junge Berthold dankte, dass er ihn in seiner Stelle wolle fortbestehen lassen, und Berthold klarte mit Selbstzufriedenheit seine List auf, wie er dem Knaben durch eine eingebildete Anstellung Lust zur Arbeit gemacht habe. Dem Burgermeister machte der Einfall viel Spass, er erzahlte ihn seiner Tochter Apollonia, die eben eintrat, ungefahr ein Jahr junger als der junge Berthold, und seit dem Tode der Mutter des Vaters Augapfel, wahrend der junge Berthold von tiefer Scham uber seine Tauschung immer heisser ergluhte und sich zuletzt des lauten Schluchzens und der Tranen nicht erwehren konnte. Der alte Berthold entschuldigte ihn mit einer ihm angebornen Blodigkeit und der Burgermeister versprach ihm ein Kleid, wenn er etwas Altes ablegte, wo dann Jungfrau Apollonia an das grune Tuch, welches vom Ratstische abgenommen war, erinnerte, das sich auf der linken Seite noch untadelig gefunden hatte. Der Burgermeister schenkte es auf ihre Bitte dem Knaben, dem es zwischen den Arm von Apollonien geschoben wurde, die er dabei seitwarts durch die Tranen ganz freundlich ansah und sich dann mit dem Vater fortbewegte.

Als der Vater den Knaben in die Ratsstube fuhrte, ihm seinen Platz anwies und wie er die Schriften ordnen sollte, da musste der Knabe wieder weinen. Als der Vater nach der Ursache fragte, antwortete der Knabe; "Ich habe nun schon seit Jahren etwas zu tun vermeint, es war aber lauter Nichts und nur zu meiner Ubung; wenn nun das alles, was ich hier treiben soll, auch nur zu meiner Prufung und an sich zu nichts dient?" "Vielleicht, lieber Sohn", antwortete der Alte leise, "zuweilen uberkommt mich so eine tiefere Einsicht und sie erschreckt mich nicht mehr wie sonst, du aber bist ein Kind, darum weine dich aus wie ein Kind, wirst immer noch fruher wieder lachen als ich, wenn ich dich zum Schneidermeister Fingerling fuhre und dir das grune Kleid anmessen lasse, was du mit deinem Schreiben dir verdienet hast. An dem Kleid magst du erkennen dass dennoch nichts vergebens ist, was der Mensch in gutem Willen tut." Sie gingen zu Meister Fingerling und der kleine Berthold ward in der Werkstatte vom Meister nach allen Richtungen gemessen. Seltsam war es ihm, als er den Arm musste heben und krummen, wie er es sonst nie getan, er meinte in dem neuen Rocke kunftig immer so stehen zu mussen. Wahrend der Meister die Umrisse des Kleids auf das Tuch nach dem Masse kreidete und zuschnitt, sah der junge Berthold mit grosser Aufmerksamkeit der Schere nach. "Ich sehe es wohl an deiner Neugierde", sprach Fingerling, "dass du Lust zum Handwerk hast und dass du die spottischen Reden der andern Gewerke uber uns Schneider nicht achtest." Der junge Berthold antwortete darauf: "Ich verstehe nichts von Eurem Gewerke, lieber Meister, aber unbarmherzig scheint es mir, wie Ihr mit der grossen Schere das schon farbige Tuch zerfetzt, mir ist's, als zerschnittet Ihr mir die Haut, so lieb habe ich diese grune Wiesenflache; ich hatte mir das Tuch bewahren sollen, statt es zerschneiden zu lassen, um das Geschenk der edlen Jungfrau mir auf immer zu bewahren." "Du musst ein Tuchhandler werden", sagte der fixfingrige Mann, ohne von der geheimnisvollen Bewegung seiner Schere aufzublicken, "wenn so ein Handler mit rechtem, eignen Wohlgefallen das Tuch aufrollt und mit der Hand sanft uberfahrt, als ob er des Kaufers ganz vergessen, da gibt jeder einige Kreuzer mehr. Ich fur mein Teil denke, das Tuch wird erst durch meinen Zuschnitt zu etwas, wie der Mensch durch die Erziehung, ja ich sehe dann schon im Geiste die goldne Ehrenkette in dem Wams verdienen und darauf prangen." "Ich wurde lieber ein Tuchhandler", sagte der junge Berthold und empfahl sich dem Meister mit besonderer Zuneigung Frau Hildegard ehrte den Knaben mit tausend Zartlichkeiten und noch mehr Ermahnungen, als sie seine neue Wurde vernahm, nur Martin schuttelte mit dem Kopfe und brummte vor sich: "Sie haben ihn ganz aufgegeben und vergessen." Der junge Berthold wusste schon, dass er um solche Redensarten den alten Martin nicht befragen durfte, daher war auch alle Neugierde uber dergleichen Ausserungen bei ihm verschwunden, er meinte, das gehore so zu einem alten Kriegsmann, wie das Fluchen. Keiner verlor aber mehr bei dieser Anderung, als der Martin. Die Frau war junger und konnte sich so nicht in seine Launen fugen, wenn sie ihn auch lieb hatte, und ihre Liebe selbst war doch nur seiner Anwartschaft zur Turmerstelle gewesen, was konnte da mit den Jahren viel ubrig bleiben, ausser der guten alltaglichen Gewohnheit, alles als gemeinschaftlich zu betrachten, ausgenommen das Herz und die Gedanken.

Alle Morgen, wenn der junge Berthold vom Rathause kam, ging ihm Martin ungeduldig entgegen, sah ihn an und liess sich berichten, was vorgefallen sei. Auf nichts mochte er sonst horen, jetzt hatte er mit dem Liebling wieder Auge und Ohr in die Welt gestreckt, und argerte sich an dem vielen Unrecht, was auf dem Rathause zur Sprache kam, und fluchte vom Jungsten Tage. Der alte Berthold aber meinte "Das Gute bringen sie nicht zum Rathaus, so wenig sie ihr Brot auf die Strasse werfen; so wissen wir im Rathause nur von den Sunden, und auf der Strasse nur von der Unreinlichkeit der Menschen."

Aber Martin wurde immer finsterer, seine Augen verdunkelten sich und es mochte wohl ein Jahr seit der Anstellung des jungen Berthold verflossen sein, als er einmal ungeduldig auf ihn wartete und endlich Frau Hildegard die Wacht anvertraute, um ihm entgegen zu gehen. Endlich kam der junge Berthold, aber nicht von der Seite des Rathauses, sondern von der Seite der wusten Brandstatte. "Erst erkannte ich dich nicht", rief ihm Martin entgegen, "ist mir doch jetzt bestandig wie damals bei der Sonnenfinsternis, die Sonne hat einen Flecken und alles umher hat auch Flecken, nachdem ich hinein gesehen; wie kannst du mich so lange warten lassen, ich bin so neugierig, wie sich der Streit wegen des alten Fundaments geendet hat, worauf der Nachbar ubergebauet hatte." Aber der junge Berthold horte nicht auf ihn, sondern umarmte ihn voller Seligkeit und rief wiederholend: "Das Haus des Barbarossa!" "Was weisst du denn von dem?" fragte Martin. "Hab ich nicht taglich davon an der Papierwand von Vater Bertholds Schlafkammer gelesen, habe ich nicht lesen gelernt an der Stelle, wo der Palast in der Chronik steht, und habe immer heimlich daran gedacht, dass ich ihn finden musste, und heute habe ich ihn gefunden, als mir die alte lahme Elster beim Heimgehen entlief. O sie weiss nun alles, was ich denke, und so zeigte sie mir den Weg und liess mich nahe kommen und hupfte weiter, wenn ich ihr den Finger hinhielt, dass sie darauf springen sollte, und so kletterte ich ihr argerlich uber drei Mauern nach ohne mich umzusehen da erst sah ich mich um, denn sie rief weit von mir, 'Berthold, Berthold', und mit freudigem Erschrecken sahe ich mich von den machtigen Uberbleibseln eines wunderbaren Gebaudes umgeben, eine Reihe ritterlicher Steinbilder steht noch fest und wurdig zwischen ausgebrannten Fenstern am Hauptgebaude, ich sahe auch das Seitengebaude, ich sahe im Hintergrunde einen seltsamen, dicht verwachsenen Garten und allerlei kunstliche Malerei an der Mauer, die ihn umgibt, das ist Barbarossas Palast." "So seltsam rufen sie die Ihren", sagte Martin in sich, "so viel Tausende haben als Kinder unter diesen Mauern gespielt und keinem fiel dies Gebaude auf, keiner dachte des Barbarossa." "Es ist mein", rief der Knabe, "ich will es aushauen, und will den Garten reinigen, ich weiss schon, wo die Mutter wohnen soll. Komm mit Vater, sieh es an! Du wirst sie alle wieder kennen in den Steinbildern, unsre alten Herzoge und Kaiser, von denen du mir so viel erzahlt hast."

Bei diesen Worten zog er den alten Martin uber die Trummer der wusten Stadtseite fort und Martin folgte ihm willig, aber mit Muhe, denn in dem einsamen Wachtergange des Turms hatte er seine Sehnen zum Klettern allzu sehr erhartet.

Da stand er endlich atemlos in der grunen Wildnis vor den Steinbildern und rief: "Wie sie mit Epheu bewachsen sind und ich erkenne sie doch, sieh, das ist Barbarossa, es ist mir doch nie so wohl geworden wie an diesem Flecke, fanden wir nur die Kapelle der heiligen drei Konige!" "Ich war schon drin", sagte der Knabe "aber ich kann die Ture nicht wieder finden, auch der Alte ist fort der mich hinfuhrte, und je mehr ich sein gedenke, desto sonderbarer fallt es mir auf, dass er dem Steinbilde des Barbarossa ahnlich war. Seht, hier sass ich und staunte alles an, da klopfte er mir auf die Schulter, der Alte in dem seltsam prachtigen Mantel, vorn mit einem roten Steine zugeheftelt, und fragte mich, ob es mir wohlgefalle, dieses Haus in den Trummern, er habe ein steinern Bild, wie es gewesen, im kleinen ausgefuhrt, das wolle er mir zeigen, so solle ich es aufbauen und ich wurde viel Gluck in dem Hause erleben und wenig wurde mir von meinen Wunschen unerfullt bleiben." "Und du hast es gesehn?" fragte Martin, indem er den Knaben auf andre Art als je ansah. "Freilich", antwortete der junge Berthold; "und nimmer werde ich das kleine Steinbild vergessen, ich konnte es Euch hier auf dem Boden herzeichnen. Konnte ich nur die Ture wieder finden, wo er mich einfuhrte, es ist als ob der Alte sie mit Schutt bedeckt hat. Hier war es, meine ich, da fuhrte er mich in einen gewolbten Gang, an dessen Ende er eine metallne Ture offnete. Wie erschrak ich, als wir da eintraten. Das ganze hochgewolbte Zimmer, von zwei hangenden Lampen erleuchtet schien mit Gold und Edelsteinen, wie andre Hauser mit Kalk uberzogen, in der Mitte stand ein Sarg und darin lagen drei hochehrwurdige Manner mit Kronen und als ich den Sarg naher betrachtete, war es dies Haus, schon neu und vollendet und schien mir gewaltig gross, ob ich gleich druber weg und hinein sehen konnte und als ich die alten Manner naher betrachtete, so sah ich, dass der mittlere dem Alten glich, der mich hinein fuhrte. Ich sah mich um nach dem Alten, es war mir, als ware er es selbst, der da lag mit Konigen, aber er war fort, eine Angst fullte mein Herz, ich weiss nicht warum, ich floh aus der Kapelle, aus dem Garten uber die Mauer und so fand ich Euch Vater Martin." "Warum flohst du dein bestes Gluck, unglucklicher Knabe?" rief Martin. "Aber so ist's mit dem Menschen, der bildet sich viel auf seine Natur ein und meint, seine Liebe und sein Hass, seine Furcht und Hoffnung mussen einen wahren Grund und Boden in der Welt haben." Der Knabe sah den Alten an und verstand ihn nicht, sondern fuhr in seiner Rede fort: "Mir ist noch immer so bange, ich furchte, der Alte ist ein Geist gewesen." Martin fuhr eben so in seinen Gedanken fort: "Wir schaudern vor den Geistern und gehen doch lange schon als abgeschiedene Geister umher, wenn uns die Lebenden noch fur mitlebend halten. Hore nicht auf mich, mein Sohn, ich bin hier so vergnugt, wie ich lange nicht gewesen und da schwatze ich mit mir selbst. Wie die Linden schon herduften, die den Garten schliessen, mir ist nie so wohlgemut gewesen. Gott fuhrt auf immer neuen Wegen zum Heil, unser Leben ist wie ein Marchen, das eine liebe Mutter ihrem unruhigen Kinde erfindet." "Aber wird nicht Mutter Hildegard mit dem Essen auf uns warten?" unterbrach ihn der Knabe. "Sie wird noch ofter auf mich warten", antwortete der Alte, "und ich werde nicht kommen, die Treppen des Turms steige ich nicht mehr hinauf und lasse auch das Seil nicht mehr zur Erde laufen nach taglicher Notdurft, sehe mir auch nicht mehr die Augen aus, ob irgend ein Strauchdieb unsern Fuhrleuten auflauert, das ist nun alles aus und ich bin hier eingesetzt, dich Berthold, den Abkommling der Hohenstaufen zu erziehen, dir den Gebrauch ritterlicher Waffen zu zeigen und dein Schwert zu wetzen, dass es schneidet, wenn du es brauchen sollst." Der Knabe wusste ihm nicht mehr zu antworten, sondern schmiegte sich an ihn, als er ihn aber uber sich singen horte, da erschrak er, denn so lange er um ihn gewesen, hatte Martin nie gesungen, obgleich ihm ein Wachterlied anbefohlen war, sondern sich immer am Gesange geargert und oft mit Steinen nach Knaben und Handwerksgesellen geschleudert, die singend aus der Stadt zogen. Als aber der erste Schreck voruber war, da horte er dem Martin gern zu, nie hatte er eine so tiefe, ernste Stimme gehort, es war ihm, als ob er eine ganze Kirche aus der Ferne singen hore und jedes Wort blieb seinem Gedachtnisse eingepragt.

MARTIN:

Im See auf Felsenspitzen

Wird bald dein Schloss, die Pfalz,

So eckig weiss dir blitzen,

Als war's ein Kornlein Salz,

Und rings in dem Kessel von Felsen,

Da siedet das Wasser am Grund,

Ich rat es euch Wagehalsen,

Verbrennet euch nicht den Mund.

Es glanzen da sieben Turme,

Von sieben Strudeln bewacht,

Und wie der Feind sie sturme,

Der alte Turmer lacht;

Die alten Salme lauern

Auf frische Helden voll Mut,

Wenn Heldenbraute trauern,

Da futtern sie ihre Brut.

Denn sieh, die Schiffe kommen

Gerustet bis zum Schloss,

Gar prachtig angeschwommen,

Da trifft sie Wirbelstoss,

Und wie ein Rad der Muhle,

So drehn sie sich geschwind,

Als war es nur zum Spiele,

Bis sie verschwunden sind.

Doch willst du einen retten,

Dem wirft der Turmer dreist

Um den Leib den Haken an Ketten

Und ihn hinuber reisst;

Und zeigt ihm des Schlosses Ture,

Doch wer nicht fliegen kann,

Der braucht der Leitern viere,

Eh' er zur Ture hinan.

Und ist er eingetreten,

Da stehn vier eiserne Mann,

Die stechen, eh' er kann beten,

Halt sie der Turmer nicht an;

Sie scheuen keinen Degen

Und haben doch kein Herz,

Stabileren sie bewegen,

Sie sind gegossen aus Erz.

Und ist er da voruber,

Im grunen ummauerten Platz,

Da wird ihm wohler und truber,

Als war er bei seinem Schatz,

Da stehen die Kirschen in Bluten

Und Kaiserkronen in Glanz,

Die Nachtigall singet im Bruten,

Kein Madchen fuhrt ihn zum Tanz.

Der Turmer nimmer leidet

Ein Madchen in der Pfalz,

Und ist sie als Ritter verkleidet,

So kostet's ihr den Hals.

Doch hat er den Bart gefuhlet,

Dann lasst er ihn zu dir ein,

Zum Schlosshof, wo Wasser spielet,

Mit buntem Strahlenschein.

Da fliesst ein Brunnlein helle,

Das wie der Himmel rein,

Wie auch der See anschwelle

Von irdisch gelbem Schein;

Der Blumen stehen da viele

Am schwarzen Gemauer entlang

Und eine kleine Muhle

Steht mitten in dem Gang.

Die Muhle drehet und netzet

Den Schleifstein grau und fein,

Ein Alter schleifet und wetzet

Bestandig auf dem Stein:

Da schleifet er alle Stunden

Ein Heldenschwert am Stein,

Und hat nicht Zeit gefunden,

Dass alle wurden rein.

Nun Fremdling geh nur voruber,

Dir springen die Funken ins Aug,

Bald ware es dir viel lieber

Du lagst bei den andern auch,

Denn keiner kommt zurucke,

Der einmal hier oben war,

Es sei denn, dass er sich bucke,

Und dass ihm gebleicht sein Haar.

Die Zimmer des Schlosses sind enge,

Gewolbt von Doppel-Kristall,

Und blankes Silbergeprange,

Das spielt mit den Strahlen Ball;

Da sitzet auf einem Lowen

Des letzten Grafen Sohn,

An solchen gefahrlichen Hofen

Ist das der sicherste Thron.

Er denkt an Vater und Mutter

Und an des Unsterns Nacht,

Das ist ein Heldenfutter,

Das nahrt des Herzens Macht.

Da sieht er in die Schrecken

Wie in Alltaglichkeit,

Und lasst sich nimmer necken

Von falscher Sorglichkeit.

Er ist so sicher in Kraften,

So herrlich von Angesicht,

So glucklich in allen Geschaften,

Des Unsterns achtet er nicht;

Ihm scheint der Tag der Sage

Schon freudig durch die Nacht,

Die Nacht vorm Jungsten Tage

Wird schweigend zugebracht.

Vierte Geschichte

Schatz und Messer

"Du kannst nicht schweigen", rief eine Stimme aus dem Gebusche; "zum drittenmal hast du den Schwur gebrochen!" "Fluch uber euch", antwortete der Alte ergrimmt, "die ihr mein freies Herz an unbesonnene Schwure gekettet, ich breche die Kette, ich furchte euch nicht mehr." In dem Augenblicke zischte ein Pfeil neben dem Knaben voruber in Martins Herz, er sah Martins Blut auf spritzen, horte seine dumpfen Fluche und sturzte besinnungslos uber ihn her, als wollte er ihn mit seinem Leibe gegen jedes Wurfgeschutz seiner Feinde sichern: aber kein zweiter Pfeil war notig. Die lahme Elster erweckte den jungen Berthold gar bald aus seiner Bewusstlosigkeit, um ihn von der ernsten Wahrheit seines ersten, grossen Verlusts zu uberzeugen. Sein Gram verwandelte sich in Zorn, er forderte den Morder auf, sich ihm zu stellen, allen Schimpf haufte er laut auf ihn, aber gleichgultig hallte die Mauer von seiner Rede und Martins Richter und Feind schien entweder gleich verschwunden, oder gegen die Reden des Knaben gleichgultig. Die Besinnung erwachte weiter in ihm, wie er Martin, wenn ihm noch zu helfen ware, uber die Mauern, die er allein muhsam uberstiegen, nach der bewohnten Stadt schaffen konnte. Er beschloss eben Menschen herbei zu holen, als der alte Berthold uber die Mauern suchend gestiegen kam, beim Anblicke Bertholds frohlockte, aber beim Anblicke Martins sich kaum fassen konnte. Er hatte beide vor dem Tore gesucht, wo ein Vetter Martins seinen Weinberg liegen hatte. Ein fremder geharnischter Mann, den er ansprach, hatte ihm den Garten unter der Brandstatte bezeichnet, wo er sie gewiss finden wurde, da habe er vom Berge einen Mann im roten Wams mit einem Knaben im grunen Wams stehen sehen. So war er auf den rechten Weg gefuhrt worden, seinem lieben Martin die letzte Pflicht zu erweisen. Seiner Verzweifelung liess er keine Zeit, sondern mit rascher Eile suchte er einen bequemen Eingang und fand auch schnell das Tor, wo nur wenige Steine weggewalzt zu werden brauchten, um den Leichnam Martins hindurch zu schleppen. Er und der Knabe trugen ihn nach der Badestube. Da ward ein Aufsehen, denn es war ein Sonnabend, und alle Handwerker wollten zum Sonntag reinlich erscheinen, die rot angelaufenen Gestalten drangen neugierig aus der dampfenden Badestube heraus, mancher mit Schropfkopfen besetzt, ein andrer mit halb beschnittenen Haaren und allen tat der alte Martin leid, weil er ein stattliches Ansehen im Tode bewahrte. Aber der Bader untersuchte die Wunde und sagte traurig, da vermoge seine Kunst nicht mehr, der Schutze, der ihn getroffen, musse das menschliche Herz wohl gekannt haben. Nun jammerte erst Berthold und sein Sohn, kaum konnten sie dem eintretenden Burgermeister Antwort geben, der sie uber den Vorfall befragte, denn schon hatte das Gerucht sich verbreitet, Berthold habe Martin aus Liebe zu dessen Frau umgebracht. Es drohte der Burgermeister mit der Folter, als ein Bote von den Freigerichten einging, welche durch ein Schreiben an den Burgermeister erklarten, Martin sei schon lange wegen einer Mordtat verurteilt gewesen, aber erst jetzt von ihnen erreicht worden. So kam nun Berthold mit seinem Sohne und seinem Jammer frei und eilte zur Frau Hildegard, die sie gefasst und von allem durch die beredte Hokerfrau am Tore unterrichtet fanden; sie suchte Berthold damit zu trosten, dass sie versicherte, Martin hatte bei seinem Husten doch wohl nicht lange mehr leben konnen. Martin wurde mit Ehren begraben und der am innigsten und langsten ihn betrauerte, war der junge Berthold.

Der junge Berthold hatte sich so treu fleissig in dem Jahre seinem Geschafte ergeben, dass der Burgermeister ihn jetzt schon brauchbarer, als den Alten fand, der sich nur mit Muhe in eine neue Einrichtung versetzen konnte. Er gestattete daher gern, dass der Alte vorlaufig die Geschafte des Martin als Turmer besorgte und dass die Schreibegeschafte samtlich dem jungen Berthold ubertragen wurden. So hatte nun der junge Berthold viel mehr Freiheit in der Anwendung seines Tages, denn der Alte sass ihm nicht mehr zur Seite und diese Freiheit benutzte er reichlich, den entdeckten Garten sich einzurichten. Der Eingang war beim Heraustragen Martins eroffnet, so dass er jetzt vom Rathause zu der wusten Marktseite in seine Trummerburg schnell hinuber gehen konnte, wenn er mit angestrengter Eile seine Schreibereien beendet hatte. Er zimmerte sich eine Gitterture, die den Eingang schloss, damit nicht mutwillige Knaben ihm seine Arbeit verderben konnten, doch besser als diese Tur schutzte ihn die Furcht vor geheimen Machten, die jeder nach seiner Art sich dachte, die aber seit dem gewaltsamen Tode Martins sich mit den alten Geruchten und Sagen gepfropft hatte. Es tat ihm leid, dass der Alte ihn nicht wieder besuchte und dass er die Kapelle der heiligen drei Konige nicht wieder finden konnte, allmahlich schien es ihm sogar, als sei er etwas eingeschlafen gewesen und ein Traum habe ihn getauscht, denn die schmerzliche Wirklichkeit von Martins Tode hatte jene Anschauungen in Schatten gestellt. Als er den alten Berthold daruber befragte, antwortete ihm dieser "Wir glauben, was etwas ist, und wissen, was etwas nicht ist; wir wissen nichts, wir mussen alles glauben, aber der Glaube ist ohne Wissen nichts." Er verstand das nicht, aber er merkte sich es doch auf spatere Tage, weil er wohl ahndete, dass etwas darin liegen musse. Ubrigens waren des jungen Bertholds Gartenanlagen verstandig. Wie er gern auch das Halbverstandene sich lernend bewahrte, so verfuhr er mit dem verwilderten Gartenplane; ehe er gewaltsam Baume umhieb, suchte er sich deutlich zu machen, was gepflanzt sei und was wild aus Samen und Wurzel aufgewachsen. Zwar schien manches von dem Gepflanzten untergegangen und abgestorben, aber auch mit diesen Stammen bezeichnete sich die Anlage des Gartens. Allmahlich trat alles an seine rechte Stelle, indem das Uberflussige hinweg genommen war. Brunnen und Gange waren gereinigt, die ausgeschnittenen, alten Obstbaume trugen wieder und edler Wein bezog die sonnigen Mauern. Ein wohl erhaltenes gewolbtes Zimmer bewahrte wahrend des Winters Blumenpflanzen und Samereien und so war dem jungen Berthold das erste Jahr mit sichtbaren Zeichen seines Daseins und Wirkens vergangen.

Da kam er eines Tages zum Abendessen und fand Frau Hildegard in stiller Betrubnis, aber sie wischte ihm dennoch nach ihrer Gewohnheit den Schweiss von der Stirn, zog ihm die Schuhe aus und die Pantoffeln an und sagte ihm dann erst, dass sie sehr betrubt sei, weil sie schon wieder heiraten musse, der Burgermeister wolle dem Berthold nicht anders das Turmeramt und ihm den Ratsschreiberdienst geben. "Tut es doch mir zu liebe", sagte Berthold, "heiratet den Vater, da brechen wir hier die Wand weg und haben mehr Raum." "Ja wie du's verstehst", sagte Hildegard, "der Martin hat's mir wohl prophezeit an unserm Hochzeittage aus dem Zinnguss, aber wenn mein Schwindel nicht ware, dass ich die Treppe hinunter gehen konnte, ich ginge lieber ins Kloster, als dass ich wieder ins Ehebette stiege." "Mutter du musst heiraten", sagte der Sohn, "denn ins Kloster durfte ich nicht mitgehen und ich kann dich nimmermehr verlassen." Hildegard druckte den Knaben an ihr Herz, der alte Berthold trat vom Wachtergange herein, sie verlobten sich unter vielen Tranen. Wirklich setzte es der Burgermeister aus Wohlgefallen gegen den alten Berthold bei der Burgerschaft durch, dass diesmal der Mann von der Feder, statt eines Kriegsmanns, die Turmerstelle erhielt, als Grund fuhrte er an, dass der alte Berthold in fruheren Zeiten doch auch der Stadt mit dem Schwerte bei mehreren Fehden gedient habe. Der junge Berthold wurde nur vorlaufig in Eid und Pflicht genommen, weil er noch zu jung war, und der Alte behielt immer noch Gehalt und Wurde eines Ratschreibers. Die dritte Hochzeit, welche Frau Hildegard feierte, war die stillste von allen, der alte Berthold gestand mit inniger Ruhrung, dass die Wege des Himmels unerforschlich waren, der ihm nach ruhigem Ausharren im Alter ein Gluck aufdrange, wonach er in fruheren Jahren vergeblich sich bemuht; wenn er es auch nicht lange mehr geniesse, so musse er doch die Fugung des Himmels preisen. "So ist es doch wahr", seufzte der junge Berthold, "dass du alter wirst und gebeugter gehst, seltener froh bist und ofter stille in dich versinkst, stirb nur nicht so bald wie Martin, dann waren wir ganz verlassen." "Jetzt haben wir uns noch!" sagte der Alte, und ging das Wachterlied vom Turm zu blasen.

Die muhsame Arbeit des jungen Berthold hatte die Neugierde des herrschaftlichen Stadtvogts, des Herrn Brix, auf die Reste des alten Palasts gewendet, und er hielt es jetzt fur seine Pflicht, da er in demselben ein Besitztum seines Herrn, des Grafen von Wirtemberg erkannte, bei demselben anzufragen, was damit anzufangen sei. Da nun niemand fur diese alten, ehrenwerten Trummer sprach, so wurden sie zum offentlichen Verkauf bestimmt. Der junge Berthold war untrostlich, als sein liebes Eigentum, wofur er es so lange gehalten, zum offentlichen Verkauf an den Meistbietenden ausgerufen wurde, er hatte dem Ausrufer den Mund zuhalten mogen, er hoffte, die Leute wurden nicht darauf achten. Aber bald kamen Burger der Stadt, besahen sich die Gelegenheit, massen das Gartchen rund brummten nur immer, dass so viel aufzuraumen, sonst gabe es schon einen artigen Bleichplatz. Also nichts, was da gewesen, nichts was er gepflanzt, sollte bleiben, alles sollte fur den gemeinsten Gebrauch vernichtet werden. Da fielen ihm die funf Goldgulden ein, die ihm Martin als sein Erbe (mit der Kiste, worin der Schadel) oftmals gezeigt und ihm wohl eingepragt hatte, das Geld nur dann zu brauchen, wenn er sein ganzes Gluck und Geschick damit lenken konne. Aber dies schien ihm zu wenig fur die Herrlichkeit seines Lieblingsortes, er kannte niemand im Stadtlein so vertraulich, dass er ihn hatte um Rat fragen mogen. Von Berthold und von Frau Hildegard furchtete er Widerspruch, er musste ihnen seinen haufigen Besuch der wusten Stelle verschweigen, denn der Ort gefiel ihnen nicht. Ganz heimlich nahm er an dem Freitage, der zur offentlichen Versteigerung bestimmt, sein Erbteil mit, betete in drei Kapellen und war der erste auf dem Rathaussaale, wo die Versteigerungen abgehalten wurden. Es versammelten sich viele, er glaubte in ihnen Seine argsten Feinde zu sehen. Es geschah der erste Ruf und alles schwieg. Es geschah der zweite Ruf, und er bot mit trockener, fast erdruckter Stimme seine funf Goldgulden, und keiner uberbot ihn. Es wurde wieder zum ersten- und zweitenmal ausgeboten, und keiner uberbot ihn. Da geschah das dritte Ausgebot und er glaubte schon, den Hammer fur sich niedergeschlagen zu sehen, als eine ihm wohlbekannte Stimme einen Gulden mehr bot. Er sah sich erschrocken um, erstaunte aber noch mehr, als er das Antlitz des Alten, der ihn damals in die Kapelle gefuhrt, hinter sich erblickte. Und hatte er auch einen unerschopflichen Geldbeutel gehabt, gegen den hatte er nicht gewagt zu bieten, der Alte zog alle seine Gedanken auf sich und er war verwundert, ihn hier in gewohnlicher ritterlicher Kleidung wieder zu sehen, den er damals in so seltsamer, prachtig alter Tracht erblickt. Der Alte trat zu ihm und fragte ihn leise, ob er denn nicht uberbieten wolle? Der kleine Schreiber antwortete ihm traurig, er habe nicht mehr Geld, auch wage er sich nicht, gegen ihn zu bieten. Der alte Herr erwiderte aber, dass er sich irre, wenn er glaube, dass er geboten, der Schneider dort wolle sich eine Werkstatt in dem alten Gemauer anlegen, er moge nur zubieten, und auf Gott vertrauen, mit dem Bezahlen werde es sich schon finden. Kaum hatte der junge Berthold das Wort gehort, so kam ihm ein Vertrauen ins Herz, er bot noch einen Gulden. Der Schneider Fingerling, denn der war sein Mitbieter, rieb sich die Hande und druckte noch einen halben Gulden heraus, doch Berthold sprach wieder sein Voll aus. Aber gleich fasste ihn hier der Schrecken, der andere mochte nicht wieder bieten, das Vertrauen war fort, es uberzog ihn kalt und die Sinne gingen ihm fast unter, als ihm die Trummer des Palasts von Barbarossa fur sieben Gulden zugeschlagen wurden. Er wollte sich an dem Alten halten und trosten, aber der war schon fortgegangen, er fragte nach ihm, aber keiner der Nachbarn hatte ihn gekannt. Meister Fingerling ging spottisch auf den armen Berthold los und sagte ihm: "Ihr musset viel geerbt haben, dass Ihr das grosse Werk unternehmt, den Platz aufzuraumen und Euch da anzubauen, wunsche Euch Gluck." Mit den Worten entfernte er sich und der Stadtdiener, welcher den Zuschlag gemacht hatte, kundigte Berthold an, dass er sogleich die Halfte der Kaufsumme und den Rest am andern Morgen zahlen musse, widrigenfalls die Halfte verloren sei. Berthold reichte seine funf Gulden hin, mit einem Gefuhle, als waren sie verloren. "Das ist mehr als die Halfte", sagte der Mann. "Das schadet doch nichts?" fragte Berthold. "Es schadet nichts, wenn Ihr morgen den Rest bezahlt, sonst sind funfe verloren."

Sie sind verloren, dachte er, und mein lieber Garten dazu, und mit diesen betrubten Gedanken beladen, sollte er bei der Mutter Heiterkeit erzwingen sie merkte ihm bald etwas Trubes an und er schob es auf ein Kopfweh und liess sich alle ihre Hausmittel gefallen. Zum Gluck hatte der alte Berthold die Versteigerung ganz vergessen, sonst hatte er sich doch wohl verraten. Endlich kam die ersehnte Zeit des Schlafes, er schlief nicht, aber er konnte doch unbemerkt seinem Unglucke nachdenken. Fruh stand er auf, sprach von notwendigen Schreibereien und eilte statt dessen in seinen Garten. Er glaubte ihn zum letztenmal von dem frischen Morgenlichte durchstrahlt zu sehen, seine Wehmut betaute alle geliebten Pflanzen, bis endlich die Mudigkeit, als er sich noch einmal in seiner Bohnenlaube ausgestreckt, ihn uberwaltigte. Ganz unbemerkt versank er in eine andre Welt, die sich nur ungern mit jener befassen mag, in der wir zu wachen meinen. Es traumte ihm manches Voruberflatternde, bis ihm das rechte Bewusstsein des Traumes aufging. Da trat zu ihm dieselbe ehrwurdige Gestalt, die ihn beim Ausgebote zum Mehrbieten aufforderte, aber er trug wieder das alte Kleid mit dem roten Steine zugeheftet. Und Berthold klagte ihm seine Not mit den beiden Gulden, die ihm fehlten. "Wenn es weiter nichts ist, was dich betrubt", antwortete der Alte lachelnd, nahm ihn bei der Hand und fuhrte ihn in den Gang der alten Linden, welche das Gartchen begrenzten. Dort bei einer Linde scharrte er mit dem Fusse die Erde auf und ein eiserner Kasten voll goldner und silberner Munzen stand geoffnet vor den freudigen Augen. "Nimm so viel du brauchen kannst von meinem kleinen Hausschatze", sagte der Alte, "aber vergiss nicht, dass es nur geliehenes Gut ist und dass alles mein ist, was du damit kaufst und verdienst, und dass ich alles zuruck fordern kann, wenn es mir gut dunkt und ich es einem andern verleihen will. Der Zins ist nicht hart", fuhr er fort, als ihn Berthold bedenklich ansah, "ist doch dem Menschen unter gleicher Bedingnis die Erde geschenkt, er nimmt nichts von ihr in jene Welt, als die Einsicht und den Glauben, den er auf ihr gewonnen." Bei diesen Worten schien es Berthold, als ob er sich in diese Worte verwandelt habe, er wollte ihm antworten, aber es war, als ob eine Gewalt seine Stimme zuruckdruckte, endlich brachte er einen Ton heraus, erweckte sich selbst dadurch und fand sich wie ein erwachender Nachtwandler verwirrt, erschopft und gleichsam ausser sich im Lindengange stehend wieder. Er brach halb bewusstlos einen Zweig vom Baume, zahlte in Gedanken die Blatter und fand vierundzwanzig daran, warf den Zweig zur Bezeichnung der Stelle auf den Boden und wankte dann schlaftrunken zuruck in sein Fruhlingshaus, wo ihn der tiefste Schlaf mehrere Stunden fesselte. Als er aufwachte, stand die Sonne schon hoch, er sprang auf und sah zu seinem Arger, dass die Gartenture offen stand. Es krankte ihn jede mogliche Verletzung seines Gartens, sei es durch eingedrungene Tiere oder Menschen, obgleich er des Traumes langst vergessen und seiner Armut eingedenk, den Besitz desselben bald aufzugeben dachte. Er ubersah seine Blumenbeete und fand seine Maiblumen ausgeplundert, die saftigen Stengel der Hyazinthen weinten noch, als ob der Frevel erst begangen. Er eilte umher, den Missetater zu entdecken, und sah im Lindengange den Rucken eines Madchens, das beschaftigt war, einen Kranz auf ihrem Schoss zu winden. Ohne sich darum zu kummern, wer es sein konnte, rief er mit innigem Verdrusse: "Besser tausend Augen, als eine Hand!" Da blickte das schone Kind sich scheu um und er sah in ein Paar Augen, die der Hand wohl einen tausendfach hoheren Wert gegeben hatten, als alle denkbare Blumen, die sie abpflucken konnte, Augen, die ihm schon seit dem Tage, wo sie ihm den grunen Wams schenkte, wie ein unerreichlich seliger Sternhimmel erschienen waren. Es war Apollonia Steller, die er so zornig angeredet hatte, sie stand auf, warf ihm den halb vollendeten Kranz auf den Kopf und erwiderte mit einer innern Krankung: "Behalte Er seine dumme Blumen, wenn Er sie mir nicht gonnt." Der Kranz gleitete aber von seinem Kopf in seine Hande, bleich von Schrekken, in unbeschreiblicher Verlegenheit, wie er seine Ubereilung gut machen sollte, erfror ihm jedes entschuldigende Wort. Er drehte den Kranz, als ob er einen Rosenkranz abbetete, oder seinen Schaden zahlen wollte, wahrend Apollonia den Garten eilig verliess. Und immer noch arbeitete er und zahlte in bittern Gedanken an dem Kranze, wahrend dieser auseinander fiel und ihm nur der Zweig blieb, uber welchen er gebunden war. Und wieder zahlte er die Blatter dieses Zweigs und fand vierundzwanzig daran und bei dieser Zahl ging ihm ein Blitz durch den Kopf, als war's die Entdeckung einer neuen Welt. Sein Traum, der Schatz, das Haus, der Garten, alles war wieder sein, auch Apollonia glaubte er durch diesen Reichtum noch erlangen zu konnen, da fiel ihm erst sorgenvoll ein, dass es doch wohl nur ein zufalliges Zusammentreffen mit dem Traum sein konne. Seine Tatigkeit uberwog Gram und Sorge, die Schaufel war in seiner Hand, er grub in die Erde, dass der Schweiss ihm uber Wangen und Rucken lief. Jeder Einschnitt in den schwarzen Boden war ihm ein lohnendes Gefuhl, dass er naher seiner Hoffnung, endlich klang der Spaten gegen Metall, noch ein Abheben der Erde und er sah die rostige Flache eines eisernen Deckels. Nun ruhte er sich einen Augenblick, sein Schweiss tropfte auf die Flache des Deckels und er sah schon das Gold eingelegter Blumen auf demselben. Nun hob er den Kasten mit Gebet, dass er ihm nicht entschwinden moge. Da stand er, aber das Schloss wollte nicht weichen, bis er mit einem derben Steine so kraftige Schlage gegen den vorstehenden Deckel fuhrte, dass das Schloss zersprang und der Deckel aufsprang. Das Geld lag nicht unmittelbar im Kasten, sondern erst musste er einen alten ausgenahten, ledernen Beutel aufziehen, da stand die Erscheinung des Traumes, die Fulle silberner und goldner Munzen vor ihm. Und als er sie in beschaulicher Eile in den Kasten sturzte, so fand er noch im Beutel ein wenig verrostetes Gurtelmesser, dessen Griff in turkischer Art einen Drachenkopf bildete. Eilig nahm er zwei Gulden aus der Menge und steckte sie zu sich, wollte eilig zum Rathause, den Rest der Kaufsumme zu zahlen, aber nun plagte ihn schon der Reichtum: wo sollte er seihen Schatz verbergen? Endlich glaubte er ihn unter Steinen in seinem aufgeraumten Zimmer ziemlich gesichert zu haben, nahm aber doch eine Tasche voll Geld mit, um im Falle unseliger Beraubung nicht alles zu verlieren.

Sein Kaufbrief war bald ausgefertigt, der Vogt sah ihn an wie einen seltsamen Toren, der sein Geld verschwendet und obenein als verdachtig, woher er das Geld bekommen. Beim Burgermeister erhielt er einige Verweise, dass er so spat gekommen, weil dieser zur Feier des Namenstags seiner Tochter noch ein Gedicht, das er anfertigen lassen, abgeschrieben wollte haben. Da strengte er sich an, jeder Schnorkel mehr an den Buchstaben sollte ihr dartun, wie er ihr mit allen Kraften zu dienen strebte. Als er diese Arbeit zur Zufriedenheit des Herrn Burgermeisters beendet, eilte er, von seinem Garten mit einem Kuss, den er der Erde gab, Besitz zu nehmen und dann mit furchtbarer Reue alles Bluhende zu Ehren Apolloniens abzumahen. Es war ein hoher Tragekorb voll Blumen, womit er in das Haus des Burgermeisters einruckte, die er an Apollonien abzugeben bat. Der Burgermeister, der gerade noch im Zimmer, nahm das Geschenk als ein Zeichen schuldiger Anhanglichkeit an sein hohes Haus, im Namen der Tochter, wohl auf, er befahl, ihn zum Vesperbrot herein zu rufen. Da ward ihm gar frohlich, als Apollonia mit ganz versohntem, freundlichem Blicke ihm ein Glas Wein darbot, auf welchem ein breiter Schnitt Mandelkuchen mit krispelkrauser Oberflache lag. Wie aber zu dem Dargebotenen zu gelangen, da er in der einen Hand sein Barett, in der andern einige Schriften hielt, unter welche der Burgermeister seinen Namen setzen sollte. Nach kurzer Uberlegung liess er beides fallen, denn das dargebotene Gluck war zu gross. Nun horte er hinter sich ein feines Lachen, wahrend Apollonia, in seiner Seele verlegen, die Augen niederschlug. Das war doch schon von ihr, wie sie so mit ihm fuhlte, auch war es gutmutig vom Burgermeister, dass er einen ernsten Blick gegen die Lachenden aussandte und dem Berthold vormachte, wie er erst die Pergamente hatte in die Tasche stecken, das Barett unter dem Arm einklammern sollen, um ruhig zu dem Glase Wein zu gelangen. Berthold tat, wie ihm geheissen, klemmte aber so heftig an seinem Barett, dass das kleine Eichhornchen, welches er gewohnlich mit sich herumtrug, ihn biss und mit dem ihm eignen Knurren in der Bosheit hinaus und wie ein Teufelchen im Zimmer herumsprang, wahrend Berthold sein Weinglas zum Teil uberschwabbern liess und nachher angstlich mit seinem Fusse den Weinfleck am Boden zu decken suchte. Nun war das Gelachter allgemein und der Burgermeister verliess das Zimmer, um sich nichts von seinem Ansehen gegen den Schreiber zu vergeben. Apollonia suchte ihn jetzt dreister zu machen, schenkte ihm das Glas voll, er musste trinken und der seltene Genuss des edlen Weins und Apolloniens freundliche, braune Augen erheiterten ihn ungemein, er kam zu einiger Fassung und sah sich um, wer denn eigentlich so feinstimmig gelacht hatte. Da erschrak er aber recht, es standen da zwei Madchen, die ihm ein Paar ausgestopfte Hosen auf dem Kopf zu tragen schienen. Seine Unbekanntschaft mit den neuen Stuttgarter Trachten hatte an dieser Verwunderung schuld, es war eine niederlandische Tracht, die dort nachgebildet war, und die beiden Madchen, es waren des Vogts Brix heiratslustige Tochter, taten sich nicht wenig darauf zu gute (sie waren kurzlich in Stuttgart gewesen) und hofften, dass Apollonia sie darum beneiden wurde. "Was sieht Er mich so gross an?" fragte die eine, Babeli mit Namen, die gleich jeden in sich verliebt glaubte. "Je Jungfer", sagte Berthold, "Sie hat ja ein Paar Hosen auf dem Kopf." Babeli fand sich sehr gekrankt, aber sie rumpfte kaum den Mund und fragte weiter: "Weiss Er denn sonst nichts Neues?" "Erzahl Er uns etwas Neues", fiel gleich die andere, Josephine, ein. Berthold dachte, was er erzahlen sollte, er wusste nur wenig aus dem Umgange mit Menschen, aber alles, was ihm einfiel, schien ihm zu schlecht, er wollte durchaus nicht wieder lacherlich werden. Endlich betete er heimlich zu Gott, dass ihm etwas Neues einfallen moge und da stand's vor seiner Seele, was er kurzlich erst gelesen und er sprach: "Der heilige Papst hatte erlaubt, dass in unserm Lande, wegen Mangel an Fischen und Baumol, die Milch auch in den Fasten zu geniessen sei, aber ein Doktor Spenlin hat sich widersetzt und appelliert vom Papste an das Konzilium, er sagt, es seien genug Fische im Lande und statt des Baumols reines Nussol, Leinol, Rubol, Mohnol...." Hier lachten schon die Vogtsjungfern hellaut, wie es sich wahrlich nicht schickte, und Apollonia sagte argerlich, dass er sich nicht besser empfohlen: "Lass Er uns, Er hat uns schon genug beolt, weiss Er denn nichts anders zu sprechen?" Josephine, eine rechte Schnatterbuchse, sagte ihm vor, er musse von Turnieren und Fehden sprechen, von hochberuhmten Frauen und Sangern, von zarter Minne und teuren Gottesdegenen, von Blaubarten und Milchbarten, von Fidelern und Fanten. "Von Elefanten", sagte er, "steht auch was in meinem Buche." "Ihr musst Baren anbinden", fuhr Josephine lachend fort, "Euren Falben von einer Felsenspitze zur andern einreiten und Euch endlich vom uralten Schneemanne in Gegenwart von Rundienen und Galgenschwenglein zum Ritter schlagen lassen und dabei Gottes Wort in einem Hausbakkenbrote verehrt erhalten." "Meister Fingerling ist garstig dabei zerkratzt worden", sagte Berthold, ohne von dem Vortrage verwundert zu sein. "Der Schneider?" fragte Babeli. "Er ist wirklicher Katzenritter", fuhr Berthold fort, "er hat vor zehn Jahren in der Zunftstube die angebundene Katze ganzlich verbissen, er hat davon viel Ehre gehabt, aber wenn er davon spricht, ist ihm noch immer eklig zu Mute." Die Geschichte machte den Vogtsjungfern viel Freude, sie behaupteten, er habe mehr Verstand, als man erst glaube, sie liessen sich ausfuhrlich von den Katzenrittern, einem damals ublichen Spass der Handwerksgenossen gegen die Ritterschaft, erzahlen. Josephine sprach, dass Berthold einem Ritter vom Stuttgarter Hofe ahnlich sehe, mit dem sie oft getanzt habe, und da versuchte sie, wie Berthold sich im Tanze zeige. Berthold sprang hoflich mit, wie ein Mensch es macht, dem Boden und Wande sich drehen, dem es aber doch nicht ubel in den Gliedern tut, von weiblichen Handen so geschwenkt zu werden, hatte er nur feinere Schuhe angehabt; diese waren abgelegte von Martin, mit Nageln, wie Eulenspiegels Grabeiche, beschlagen. Der grosse, rotwangige Bursche gefiel den Vogtstochtern nicht ubel und je lauter er stampfte, je mehr Spass machte es ihnen, er schien ihnen, wie den Kindern der Haushund, ein Geschopf, vom Himmel zu jeder Qualerei geschaffen. Apollonia wollte sie nicht storen, aber das Wesen gefiel ihr gar nicht. Babeli fiel nun darauf, dem Berthold Unterricht im Tanzen geben zu wollen, sie stiess gegen seine Beine, kniff ihn und stopfte ihm den Mund mit Kuchen, wenn er verdriesslich zu werden schien. Berthold kam in dem fremden Wesen ganz aus seinem Hauschen, er meinte mit den Wolfen heulen zu mussen, und als Apollonia mit in das Spiel hineingezogen wurde, so wuchs ihm gar der Kamm, er erwiderte, was ihm angetan wurde, und glaubte Beifall zu ernten und sich recht geschickt aufzufuhren. So kam es, dass, als ihn Babeli kniff, er wieder kniff, aber nicht Babeli, sondern aus angestammter Neigung Apollonien in die Backen, indem er freundlich um Vergebung bat, dass er am Morgen ihr die Blumen abgejagt. Dieses min Verbrechen wurde von den Vogtsjungfern vor Gericht gezesen und er von den ausgelassenen Madchen zu drei Streichen, ogt seinen eigenen Pergamenten verdammt, weil er die ritterlichen Miinnegesetze verletzt habe, nach welchen die Blumen dem weiblichen Geschlechte gehoren. Er drohte, so oft zu kussen, als er gestrichen wurde, da machte Josephine gleich Ernst und strich ihn dreimal mit einer Gerte uber, die zufallig in der Stube stand. Die Streiche brannten dem Berthold nicht halb so heiss, wie seine Neigung, er umfasste Apollonien im Vergeltungsrecht und kusste sie dreimal recht derb ab. Josephine wollte ihn mit Schlagen fortbringen; das erbitterte ihn noch mehr, er kusste Apollonien immer mehr. Als ob er blind und taub ware, merkte er nicht, dass der Burgermeister eingetreten war, bis dieser ihn mit starker Hand fortriss, ihn zur Stubenture, und weiter bis zur Treppe hinzog und dort mit einem derben Fusstritt und den Worten herunterforderte: "Denk Esel, dass dein Huf nicht zum Liebkosen geschaffen, nie lass dich wieder vor meinen Augen sehen, Undankbarer, mit deinem Dienste ist es aus."

Berthold lief bewusstlos aus Angewohnheit seinem Garten zu, er hatte ebenso unempfindlich ins Wasser laufen konnen. Was ist menschliches Wunschen, der Himmel straft uns in der Erfullung unsrer Bitten, wenn sie nach dem Irdischen zu heftig streben; was war Berthold jetzt der Garten und der Schatz, er glaubte sich nicht mehr im Paradiese zu finden, aber die Apfel schmeckten ihm noch suss in der Erinnerung. Ihm war so schwer ums Herz, selbst nach dem Turme wagte er nicht aufzublicken, der schon in der Dunkelheit leuchtete, er hielt das alte Messer des Schatzes voll Gram in seinen Handen, es war ihm in dem Augenblicke lieber, als der Schatz. Als er sich aber zufallig damit in die Hand ritzte, fand er, es tate weh, legte das Messer wieder in den Kasten des Schatzes und begab sich mit dem Kasten nach dem Turme, um sein ganzes Herz, Gluck und Ungluck, vor den treuen Seelen auszuschutten, die heut angstlicher, als je, seiner harrten, weil allerlei Seltsames vom Hauskauf durch die kreischende Stimme des alten Hokerweibs zu ihnen hinauf erschollen war.

Funfte Geschichte

Der Bau

Des jungen Bertholds Erzahlung wurde von dem Alten und Frau Hildegard ganz anders aufgenommen, als er gefurchtet hatte. Sei es der Anblick des Schatzes, das Ausserordentliche im Geschick, kein einziger Vorwurf traf ihn, dass er den Kauf so heimlich aus gefuhrt. Frau Hildegard wischte ihm sorgfaltig jede Trane ab, steckte seine Fusse in weiche Pantoffeln und der Alte ergoss zum erstenmal seinen Zorn gegen den Burgermeister, indem er alle einzelnen Verweise aufzahlte, die er um Kleinigkeiten erhalten. Endlich fahr er auf und sagte: "Keinen Schritt sollst du ihm nachgehen, du hast mehr Geld, als er, und was er hat, ist nicht ehrlich gewonnen, mit Gottes Hulfe wollen wir irgend ein ansehnliches Gewerbe anfangen, das uns gut nahrt. Stande nur erst das Haus auf den alten Trummern, so gabe ich die Turmerstelle gleich auf und zoge hinein." "Und ich sollte gar allein bleiben", sagte Hildegard mit Vorwurf. "Ich liesse eine Brucke bauen", antwortete der Alte, "dass du recht bequem heruntergehen konntest, oder wir hingen eine bequeme Sanfte an das Seil und liessen dich herab, ich habe schon in Gedanken fur alles gesorgt." "Und ich weiss schon den ganzen Bauplan", seufzte der junge Berthold, "aber wozu soll ich alle die Zimmer erbauen, ehe wir wissen, wozu wir sie brauchen sollen und was ich darin unternehme. Zum Abschreiben brauche ich nur ein Kammerlein und zum taglichen Leben brauchen wir auch nur ein Zimmer, denn wir bleiben gern beisammen." "Was klingelt denn so spat von der Stadt her und will noch zu uns herauf?" fragte der Alte und zog am Draht die untere Ture auf, wahrend der junge Berthold den Schatz unter dem Bette verbarg. Es trat aber zu aller Verwunderung Meister Fingerling herein, entschuldigte seinen Besuch, indem er sagte, dass Berthold mit seinem Kauf einen Lieblingsplan gestort habe, an welchem er seit vielen Jahren arbeite; nun habe er eben im Ratskeller bei einem Glase Wein vom Gerichtsdiener vernommen, dass Berthold seines Schreiberdienstes entsetzt und ein fahrender Schuler aus der Schweiz, ein Bacchante, der seit Jahren schon in den Strassen herumsinge, vorlaufig an seine Stelle trete; da komme er nun, um zu horen, ob sich nicht durch verstandige Besprechung alles zwischen ihnen ausrichten lasse. Der alte Berthold fragte neugierig, was er denn eigentlich beabsichtige, "Ich habe Euren Pflegesohn vom ersten Anblicke lieb gewonnen", fuhr Fingerling fort, "und seine Freude am schonen Tuche gefiel mir sehr wohl, als er damals den grunen Wams sich machen liess. Nun habe ich mir etwas mit langem Fleiss erspart, habe auf meinen Wanderungen alles kennen gelernt, was zur Tuchmacherei gehort, und will nicht langer dulden, dass wir unsre Wolle nach Augsburg fahren und unser Tuch aus Augsburg holen, ich kenne Weber und Tuchscherer, auch einen Walkmuller, die sich wohl alle hier niederliessen, wegen der Wohlfeilheit vieler Lebensmittel, wenn ihnen nur ein Handelshaus Nahrung gabe, und das Handelshaus will ich stiften, und wenn Euer Sohn mir den Bauplatz gibt, so soll er einen Anteil am Gewinn haben und ich nehme ihn an Kindesstatt an, da ich bei solchem Unternehmen doch keine Zeit mehr zum Heiraten behalte. Diese meine Absicht ist auch der Grund gewesen, warum ich Euren Sohn nicht weiter uberboten habe, ich dachte gleich: Nun der denkt dasselbe wie du, und will auch eine Tuchhandlung anlegen und es ist so gut, als ob du es selbst hattest." Der alte Berthold und Frau Hildegard falteten bei dem Vortrage die Hande, sie glaubten die hohere Hand noch nie so sichtbar in ihren Geschicken wahr genommen zu haben und der junge Berthold war so demutig durch sein Missgeschick geworden, dass er es fur eine Ehre schatzte, von dem Schneider als Kind angenommen zu werden. Der Alte vertraute nun dem ehrlichen Fingerling die eine Halfte des Geheimnisses, dass namlich sein Pflegesohn einen schonen Schatz an barem Gelde habe, der aber nach seinem Vorgeben in der Kiste gelegen, mit der er ihn empfangen habe. Da sprang Fingerling vor Vergnugen in die Hohe, kein Tag sollte versaumt werden, er wolle gleich morgen ausreisen, die Weber aus Augsburg zu holen, wahrend Berthold den Bau eilig fordern musste. Sie kamen die Nacht gar nicht von einander, denn Fingerling war ein unermudlicher Erzahler und beschrieb von der Dachrinne bis zur Plinte das neue Haus der Fugger in Augsburg, die ebenfalls durch Webereien ihren Reichtum verdient hatten. Was aber mehr als alles den jungen Berthold trostete, das war die Hoffnung, die er ihm erweckte, wenn erst die Handlung in Flor stande, so wurde ihn der Burgermeister mit allen zehn Fingern fur Apollonia als Eidam zu sich hinziehen. Der Vertrag war vom Alten noch vor Sonnenaufgang geschrieben, unterzeichnet und bei einem Kruzifix Hildegards, in welchem ein heiliger Knochensplitter eingelegt, von allen beschworen.

Schon am andern Tage hatte Fingerling seine Wanderung angetreten, wahrend der junge Berthold seine Schreibereien dem neuen Schreiber ubergab und bei dieser Gelegenheit zu seinem Leidwesen erfuhr, dass sowohl Apollonia, als die beiden Vogtstochter, in das Nonnenkloster der Stadt zur Erziehung gegeben worden. Er hatte aber keine Zeit zur Trauer, denn mit rascher Eile ging's an den Bau. Ein alter Mauermeister, mit Namen Bauer, und der Zimmermeister Mathis, beide des alten Bertholds Ratskellerbruder, waren sehr erfreut, als sie bar Geld sahen, um ihre Gesellen, die eben feierten, beschaftigen zu konnen. Sie waren gar verwundert uber den jungen Berthold, dass der ihnen so geschickt mit Feder und Lineal auf Papier vorreissen konnte, wie der Seitenflugel, der als die kleinere Arbeit zuerst ausgebaut werden sollte, eigentlich beschaffen gewesen, aber Berthold hatte sich das alles in der Kapelle genau gemerkt, es stand wie eingegraben vor seinen innern Augen. Nichts durfte an Baustoffen, an Holz, Steinen und Kalk herbeigeschafft werden, das er nicht vorher als trefflich erkannt hatte, und keine Arbeit wurde unternommen, von deren Zweck er sich nicht unterrichtet hatte, so dass er bald mit Einsicht uber die Vollendung Aufsicht fuhren konnte. Er sparte kein gutes Wort bei den Gesellen, wenn sie zu lange Zeit mit Messen und mit Essen zubrachten, mancher Trunk Wein zur rechten Zeit sparte ihm viel Geld und der frohliche Tag des Richtens war schon vor dem Herbste erreicht und ehe der Winter die Arbeit hemmte, alles mit Dach und Fenstern geschlossen. Aber der rachsuchtige Burgermeister sah die Arbeit mit Neid an. Er mochte wohl vernommen haben, dass der alte Berthold laut und offentlich gegen ihn zur Verteidigung seines Sohnes rede, und wollte sein Ansehen nicht sinken lassen, so brachte er einen Verdacht gegen beide in Umlauf, als ob sie die offentlichen Truhen mochten heimlich geoffnet haben und jetzt davon gut bauen hatten; aber die beiden Bertholds horten nichts davon, oder liessen sich dadurch nicht storen. Wahrend des Winters kam Fingerling mit seinen Webern angezogen, brachte sie in kleinen Hausern unter, die er wohlfeil erstanden, und brachte die Wollenniederlage in das neue Haus. Eine verfallene Muhle an der Rems wurde zum Walken eingerichtet, ein Nebengebaude zur Farberei, zu der die Gegend manche Farbestoffe seit lange baute, aber sonst weit verschicken musste. Der junge Berthold wollte nicht nachstehen in seinem Fleiss, und benutzte jede Stunde, die der Frost ihm frei gab, zur innern Einrichtung des Hauses, zum Ankauf und zur Anfuhre der Baumaterialien fur das Hauptgebaude. Bald war der Seitenflugel belebt und die Schornsteine rauchten, die Wolle wurde da nach ihrer Gute abgesondert, die Wolle zum Spinnen verteilt und wieder eingenommen und zur Weberei ausgegeben, die Gewebe sorgfaltig durchsehen, gereinigt, spaterhin hier auch geschoren. Die Burger sagten von den Bertholds: "Mogen sie das Geld, auf welche Art es sei, gewonnen haben, es bringt der Stadt mehr Nutzen, als der Burgermeister mit allem Gelde geschaffen, das er zu seinen eingesturzten Bauwerken beigetrieben hat." Der alte Berthold bekam ein neues Leben, seine Feder war unermudlich, er knupfte uberall Verbindungen an, die Stadte standen einander gern bei und Fingerling hatte die Freude, im Fruhling den ersten Einspannerwagen nach Augsburg mit Tuchern abzusenden, ehe noch die Leute in der Stadt selbst zu dem Tuche ein Zutrauen fassten, dass es wie Augsburger Tuch halten konne. Wohl mochte auch der Burgermeister Schuld haben, denn er setzte in Umlauf, die Tucher waren in der Farbe verbrannt, aber die Wahrheit musste bald auch bei den Landleuten sich bewahren und wie der Mut unsrer Bertholds nicht sank, so stieg ihr Gluck. Gegen den Sommer legte Berthold sein Turmeramt nieder, nachdem die Arbeiter in der Walkmuhle eine starke Winde eingerichtet hatten, um Frau Hildegard sicher vom Turme herabzulassen, denn er wusste voraus, dass der Burgermeister ihn mit dem Abzuge gewaltig drangen wurde, wenn er seine Dienste aufgekundigt hatte.

So traf es auch ein, denn schon am nachsten Morgen trat in den Turm mit grossem Gepolter ein alter Reisiger, Bastian mit Namen, der grimmig fluchte, dass die Sachen des alten Bertholds noch nicht fortgeschafft waren, und ihn fragte, was er und die Seinen noch da oben zu suchen hatten. Frau Hildegard weinte heftig, dass sie auf solche Art von dem geliebten Turme scheiden sollte, auf welchem sie so ruhig bei geringem Glucke ihre Jugend und zwei Manner uberlebt hatte. Der alte Berthold frass seinen Zorn in sich und suchte mit Vernunft dem alten Wurgesel zu begegnen, der durchaus auf Streit und Qualerei vom Burgermeister angewiesen war. Dem jungen Berthold ballte sich die Faust und als der Kriegsknecht Anstalt machte, Betten und Sachen zum Fenster herunter zu werfen, da lief er dem ungeheuren Knochengeruste geschickt zwischen die Beine, dass er zu Boden fiel, und sich dabei die Nase zerstiess, dass er blutete. Nun fielen alle drei uber ihn her, banden ihn mit Stricken und hingen ihn mit diesen an den Haken der Winde, nach der Aussenseite der Stadt, und liessen ihn auf der Halfte des Turms, wie einen geschossenen Raubvogel, als Warnungstafel hangen. Bastian fluchte und wetterte, dass er es ihnen gedenken wolle. Der alte Berthold und Frau Hildegard gedachten aber der hohen Abkunft des Sohnes, die er so mannlich beurkundet hatte, und wie ihnen der Knabe zum Schutz ihrer alten Tage gedient habe, aber sie sprachen nur heimlich davon, dass der Junge nicht stolz wurde. Nun kamen schon die Arbeiter mit dem sargartigen Kasten fur Frau Hildegard, um sie herab zu lassen, er wurde an der Winde nach der Stadtseite befestigt und als sie sich darein gelegt und sich immer noch furchtete, legte sich der alte Berthold zu ihr, als war's ihr Ehebette, der junge Berthold aber sprang die Treppe hinunter, dass der Kasten nicht hart auf das Pflaster stossen mochte. So sank nun die seltsame Fracht zur Stadt nieder, wahrend der hangende Kriegsknecht durch die naturliche Aufwikkelung des Stricks zum Turm erhoben und von den lachenden Arbeitern frei gemacht wurde. Wahrend die beiden unten glucklich ausstiegen, schimpfte der Bastian schon zum Turme herunter, weil er das Horn mit Sagesponen von den Arbeitern gefullt erhalten und sich den Mund damit gar unbequem zugepappt hatte. So wollte der Himmel gar keine Ruhrung im Hause der Bertholds bei diesem wichtigen Ereignis dulden, vielleicht um sie aufmerksam zu machen, dass sie wichtigen Begebenheiten, grosserem Leben entgegen gingen; auf der Hohe des Turms hatte sich ein grosses Handelshaus begrundet, das sich bald zum Palast ausbaute. So ging's damals sehr haufig, die Welt war noch nicht so durchwandert und umschifft, wie in unsern Tagen, es war damals dem Himmel noch leicht, durch einen guten Gedanken einem ehrlichen Kerl unter die Arme zu greifen und ihn zu erheben. Frau Hildegard ward unter dem Zujauchzen einer Menge Volks, die allerlei gutmutigen Scherz, aus Neugierde sie zu sehen, ausgehen liess, weil sie so gewaltig dick beschrieben war und sich ganz verhaltnismassig vorfand, so ward sie durch den Bauwust des Hauptgebaudes nach dem Seitenflugel gefuhrt, wo ihr Sohn ein paar schmucke Zimmer eingerichtet hatte. "Gott segne meinen Eingang und Ausgang", das waren ihre einzigen Worte, dann weinte sie und flehte zu Gott dass der junge Berthold immer artig und anstandig bleiben mochte und machte sich geschaftig an die Einrichtung der Wirtschaft.

Der alte Berthold war mit einigen Briefen beschaftigt, die ihm ein fremder, langer, etwas gebeugter, schwarz gekleideter Mann uberbracht hatte. "Herr", sagte er, "Ihr seid wohl gar selbst der Baumeister des hochberuhmten Munsters zu Strassburg," Er sah ihn bei diesen Worten genauer an, der Mann hatte schattige, schwarze Augenbraunen, sein Mund schien ein Geheimnis einzukneifen und so seltsam ausserte er sich auch, er sei zwar der Baumeister des Munsters, aber er habe ihn nicht erbaut; er sei zwar auf andre Veranlassung gekommen, aber es sei eine Hauptabsicht seiner Reise, den Palast des Barbarossa zu sehen, nicht eben, was neu auf der Stelle jetzt erbaut worden, sondern wie er eigentlich in alterer Zeit beschaffen gewesen. Der alte Berthold erzahlte ihm, was er wusste, aber der Baumeister wusste schon mehr von dem ganzen Bauplane aus der blossen Anschauung, als der Alte, so dass dieser froh war, als der junge Berthold herbei kam. Er liess ihm diesen zur Gesellschaft, als ihn Geschafte fortriefen, und der junge Berthold fuhrte ihn in den Hof.

Der junge Herr, wie jetzt der junge Berthold gewohnlich von den Arbeitern genannt wurde, glaubte sich nie so gut unterhalten zu haben, wie mit dem Manne, der jede seiner Bemuhungen zu schatzen wusste, uberall ihm mit Einsicht und gutem Rat entgegen kam, zugleich eine Fulle von Hoffnungen uber das allmahliche Steigen und Befreien der Stadte von Fursten und herrschenden Geschlechtern vor dem mutigen Herzen des Junglings ausbreitete. Durfe er sich einst den Geschlechtern gleich schatzen, dachte er, so mochte auch wohl Apollonia jeden Unterschied der Geburt zwischen ihnen vergessen. "Herr Baumeister", fragte er, "wie kommt's, dass die Baumeister gern mit weit aussehenden Dingen sich beschaftigen, unser alter Mauermeister hat auch die Art, wahrend sich der Zimmermann nur mit dem abgibt, was eben zu tun not ist." "Brave, starke, entschlossene Leute sind die Zimmerleute", erwiderte der Baumeister, "haben richtiges Augenmass, wissen Schnur, Winkelmass und Senkblei zu brauchen, lassen die scharfe Axt an ihren Beinen mit Sicherheit herum fliegen, und furchten nie, dass sie sich selbst treffen; sie sind zu allen Zeiten gerecht, doch zornig gefunden worden. Ihr Werk ist aber nicht von langer Arbeit und gewohnlich mit dem Jahre angefangen und gerichtet, geht rasch empor und sinkt noch schneller in Asche, denn das Feuer ist ihrer Werke unversohnlicher Feind. Wir Maurer arbeiten daran, sie wegen dieser Verganglichkeit ganz zu vertilgen; konnten wir es leisten, so musste kein Spon Holz an den Gebauden sein, doch hat dies grosse Hindernisse und wir mussen uns den Babylonischen Turm noch immer vorwerfen lassen. Was von uns aber ordentlich steht, das lasst die Feuerzerstorung wie der Himmel des Menschen Lasterung uber sich hinziehen und wartet, dass es wieder erkannt werde. Wir arbeiten mit Erzeugnis der ersten reinen Schopfung, mit Steinen und gebrannten Erden; unsre Arbeit fordert Jahrhunderte, wenn sie gross werden soll, sie dauert Jahrtausende. Die Axt des Zimmermanns furchtet den alten Eichbaum, mit muhsamerem Fleisse meisseln wir Eichen zum Tragen der Gewolbe aus Steinen, die wir mit weichem Kalk, Eisen und Blei zur festesten Einheit verbinden. Wir lassen uns nicht durch die Erscheinungen des Tages irre machen, manchmal begreift uns das mitlebende Geschlecht gar nicht, darum halten wir unter uns zusammen in den Hutten, die zu Jerusalem gestiftet, in der Sophienkirche zu Konstantinopel lange versammelt, jetzt im Munster zu Strassburg ihren Mittelpunkt finden. Einzeln sind wir nichts, wir mussen verbunden leben, mussen fur verschiedne Menschenalter die Lehre des Meisters an Gesellen und Lehrlingen verbreiten." "Aber die andern Gewerke haben gleiche Stufen anzusteigen", sagte der junge Herr. "Sie haben die Form", fuhr der Baumeister fort, "wir haben das Wesen! Wir erkennen einander, ehe wir uns den Wert zuschreiben, die Erscheinungen mit sicherer Einsicht bewahren zu konnen, an welchen die irrende Liebe und der torichte Hass der Lehrlinge meistert. Die Lange und Breite des Baus ist in allem menschlichen Verein durch das Eigentum der Nachbaren voraus bestimmt, die Hohe, welche zum Himmel aufsteigt, ist darum nicht willkurlich, weil sie frei ist. Davon ahndet der Zimmermann nichts, nur die Holzstarke bindet ihn, sonst baute er gern in den Himmel. Ihr habt hier das Rechte aus seltner innern Einsicht getroffen, es lasst sich aber auch berechnen; der letztere Weg ist lang, aber sicher, jener ist kurz, aber unsicher und fordert einen Sinn der Erfindung, der nicht allen erteilt ist. Unsre Kunst ist ein allgemeines Eigentum, wie wurde sie sonst von jedem verstanden werden, aber ihre Aufgaben sind durch das Neue im Bedurfnis und in der Bedingung jedesmal neu zu losen und da langt keine Berechnung aus. Die Regel nutzt nur dem, der sie entbehren kann, den aber verdirbt sie, der sich in ihr weise glaubt; jede Regel ist ein Ratsel, das durch andre Ratsel forthilft. Darum mussen wir nicht bloss das Wissen prufen, wenn wir einen frei sprechen, wir mussen die Kraft der Erfindung in ihm erforscht haben. Ich sage Euch, lieber Berthold, Ihr solltet Maurer werden." Berthold sah ihn verwundert an und sprach: "Hatte ich nur fruher daran gedacht, aber jetzt ist's zu spat, ich bin schon zu weit in der Handlung, doch erzahlt mir etwas noch von Euren Bauten." Der Baumeister blickte etwas finster um sich und sprach: "Das eigne Werk und die eigne Kunst gibt Uberdruss, jenes, wenn es fertig und zu steigender Erfindung verpflichtet, diese, wenn wir uber sie sprechen sollen. Fuhrt mich zum Prior, der hier den Bau der Klosterkirche besorgt, er hat mich rufen lassen und harret meiner, vielleicht gibt uns eine andre Stunde mehr Vertraulichkeit, dass ich Wortzeichen, Gruss und Handschenke, wie sie in unsrer Hutte gebraucht werden, Euch mitteilen kann." Der junge Herr fuhrte ihn nicht ohne Scheu zu der Wohnung des Priors, weil er seit dem unglucklichen Geschicke in der Gesellschaft des Burgermeisters keine Gesellschaft besucht hatte. Es war ein Seitengebaude des Augustinerklosters, wo sie anklopften, und gleich trat ihnen der Prior selbst entgegen, ein kleiner, heftiger Mann mit vorstehenden Lippen und Augen, welche letztere sich in einem roten Kreise von Augenlidern, wie in einer Abendrote bewegten, auch trug der Prior ein grunes Schiffchen zum Schutze derselben. Er hatte kaum ein Wort von dem Baumeister des Munsters aus Bertholds Munde vernommen, so warf er sich diesem mit tausend Versicherungen der Freundschaft um den Hals. Berthold wagte nicht zu widersprechen und der Baumeister lachelte fein, hier war auch kein Widerspruch angebracht, denn der Prior redete ohne sich unterbrechen zu lassen. Er berichtete, dass er sich eben wieder heftig mit der Abtissin des Nonnenklosters gezankt habe und der Baumeister kame ihm recht gelegen, um sie mit seinem Ansehen zur Ruhe zu bringen. "Sie lasst sich nicht uberzeugen", sagte er, "dass die Stimmen ihrer Nonnen in dem steinernen Gewolbe noch eben so gut und besser als sonst unter der Bretterdecke klingen werden, sie meint, dass der ganze Sangerruhm ihres Chors dadurch vernichtet werde, dass ich den Chor uberwolbt habe. Ich sagte ihr umsonst, dass sie sich auf mich, den baulustigen Augustinerprior verlassen konnte, sie meinte, dass ich darauf nicht die Weihe empfangen hatte und dass der Strassburger Baumeister wohl anders daruber sprechen wurde. Nun was meint Ihr?" Der Baumeister wollte antworten, aber der Prior fragte Berthold: "Was will denn der lange Kerl; Wer ist das?" Der Irrtum erklarte sich, der Prior fluchte und betete, dass ihm der Himmel den Fluch verzeihe, hob sich auf den Zehen in Ungeduld, strich den Bauch im Bunde, der ihn umgurtete, und fragte Berthold, wer er sei. Als Berthold seinen Namen nannte, da setzte der Prior seine Brille auf, sah ihn an und sprach: "Ich finde Euch gar nicht sonderlich schon, die Apollonia erzahlt mir immer von Euch. Das ist ein seltsam Kind, die kann nie fertig werden mit der Beichte, immer ist sie durch Euer Andenken gestort worden; 'lauf, lauf', muss ich ihr sagen, 'lauf lieber zum Teufel, als dass ich ewig Beichte sitzen muss'. Ihr seid mir alle beide lieb, wir wollen mit einander ein gutes Weinchen trinken und von unsern Bauten reden. Der Berthold ist gar kein ubler Anfanger, ich hab oft schon seine Arbeit belauert, nur schade, dass all die schonen Sale zu weltlichem Gerumpel dienen sollen, denn was ist das Kleid des Menschen wert, wenn er selbst nur ein Madensack ist, Euer feinstes Tuch ist nur ein Ubersack des Madensacks; ist der Wein alt genug, so schenken wir ihn ein und in drei Schluck ist das Glas herunter, der Wein mag jammerlich rufen: 'Setzt ab!' Da hilft nichts, er muss nieder, so auch der Mensch, er mag zappeln, so viel er will, er muss in die Erde, dass ihn die Maden fressen." Bei solchen Worten trank er machtig und gab dem Baumeister durch Klopfen, Handedrucken, Bartstreichen allerlei narrische Zeichen, denen Berthold in Demut zusah und bescheidentlich aus seinem Glase nippte, voll des frohen Gefuhls, dass es doch nicht in allen Gesellschaften Hiebe und Fusstritte regnete.

Unterdessen war im Nonnenkloster seltsame Bewegung. Die Abtissin war eine alte, sehr lebendige, durre Jungfrau, von gar unermudlicher Tatigkeit. Sie freute sich herzlich, wenn die Novizen sich schwesterlich an sie anschlossen und verzieh ihnen jede Unart, wenn sie nur fleissig den reichen, in Absatzen gebauten Garten des Klosters mit ihr bearbeiteten, mit ihr die gewonnenen Fruchte sorgsam durrten und in selbst ausgewirktem Honig einmachten, auch die Krauter zur Armenapotheke, die sie fur die Stadt bereit hielt, vorsichtig trockneten und klein rieben. Mit den frommen Nonnen vertrug sie sich um so schlechter, nannte sie Brigitten und Betschwestern und wurde deswegen, ungeachtet ihrer ubrigen Tadellosigkeit, sehr verlastert. Die Abtissin lachte uber sie, durch ihre Wirtschaftlichkeit hatte sie Geld zusammengebracht, um die verfallene Klosterkirche neu zu erbauen, dies war ihr Stolz. Apollonia ward ihr Liebling, weil sie in der Wirtschaft schon sehr geubt war, diese rief sie zu allem Kummer und zu allen kleinen Freuden des Klosterlebens. Auch heute hatte sie ihr den neuen, heftigen Streit mit dem Prior erzahlt und dass ihr nichts so krankend sein wurde, als wenn ihr Kloster den Ruhm der feinsten und starksten Nonnenstimmen unter dem Backofen, so nannte sie das Kirchengewolbe, verlieren sollte. Apollonia meinte, es musse doch erst untersucht werden, ob die Stimmen so unterdruckt wurden, ehe sie ihre Klage beim Bischof einreichte. "Wie sollen wir's versuchen", klagte die Abtissin, "der Gang zur Kirche ist noch nicht wieder hergestellt, es mochte eine bose Nachrede geben, wenn wir in die ungeweihte, neue Kirche gingen, um den Gesang zu versuchen." "Und doch muss es bald geschehen", sprach Babeli Brix, "denn der Vater sagte mir, dass der beruhmte Baumeister aus Strassburg, vom Prior hieher gerufen, heute oder morgen ankommen werde, um fur ihn ein Zeugnis abzulegen." "Da will er uns mit dem Namen des Baumeisters ganz unterdrucken", rief die heftige Abtissin, "ehe wir noch wissen, wie sehr unsre Stimmen von dem Gewolbe erdruckt sind; war's nur nicht zu spat, wir gingen noch heute zur Kirche; aber ich furchte die Nachrede der Schwester Veronika." "Da weiss ich Rat", sagte Babeli listig, "die ganze Stadt hat ein Gerede von einer Nonnenprozession, lauter verfluchte Nonnen, die Nachts um zwolf nach der Kirche ziehen und mit einem Kreuzritter sich begrussen, der da begraben ist, aber keiner hat sie gesehen. Wir haben auch keine Geister gesehen, wir besprengen uns mit geweihtem Wasser, wir sind unsrer viele, da furchten sich die Geister; wir ziehen ganz heimlich mit Laternen, die wir unter den Kutten verbergen, um zwolf Uhr nach der Kirche, singen eine Mette, dann konnen wir den Prior zu einer offentlichen Probe ausfordern, er muss zu seinem Schimpf das Gewolbe abreissen lassen." Die Abtissin kusste Babeli in heller Freude, und horte nicht auf Apollonia, die ihr das Wagestuck ausreden wollte, Josephine Brix brachte eine Nachricht aus dem alten Klosterkalender, dass an diesem Tage von je her um ein Lamm gespielt worden ware. Das Kloster versammelte sich zu diesem Spiele, so ward dieser Abend mit einem Eifer, einer Lust gewurzt, es gab ein Zischeln, ein Vorbereiten, ein Beobachten der alten Nonnen, denen man nicht traute, wie es nur unter eingesperrten, lebenslustigen Jungfern moglich ist. Endlich war das lebende Gespenst, die Mutter Veronika, fort gegangen, sie hatte Apollonien das Lamm geschenkt, weil sie am schnellsten die geistlichen Spruche hersagen konnte, nun ging's ans Gespensterspiel.

Jedes Madchen nahm etwas zu ihrer Bewaffnung auf die gefahrliche Fahrt, nur Apollonia liess sich an dem Lamm genugen, das sie eben gewonnen hatte und mit halb heiliger Andacht ehrte. Wegen ihres frommen Ansehens mit dem Lamm musste sie den Zug eroffnen, die Laternen wurden versteckt, sie verliessen leise die schutzenden Mauern. Ein schwarzes Ringgewolbe schien uber die Halfte des Himmels gezogen, hinter welchem der Mond sich bedenklich bergen mochte, die Gassen waren leer, als ob kein Liebhaber sich in diese Gegend mit weltlichem Gesange wagte; nur ein Kind schrie aus der Ferne, das vom Alp oder von seiner Amme gedruckt wurde, und Lampenschimmer strahlte aus einem Krankenzimmer streifig nach dem Zuge hin, die Fledermause schwirrten in Luften, gar lieblich dufteten die Nachtviolen des Klostergartens im sanften Winde. Die Abtissin sah das alles, aber sie zitterte so innerlich, dass es ihr wenig Freude machte, nur spottete sie leise zu Apollonien uber den Turm, der freilich erst im Aufsteigen war. Aber als sie der Ture nahe war, erschutterte sie die Hohe derselben und die Reihen betender Gestalten, die sie im reifigen Bogen umschwebten. Sie konnte die Schlussel nicht umdrehen und das schwarze Gewolbe legte sich immer dunkler uber die freie Seite des Himmels. Die Jungfrauen drangten sie angstlich und ungeduldig zur Ture hin, bis sie endlich ein Herz fasste und das Schloss eroffnete. Nun erhoben sich alle Laternen neugierig im ernsten Hause der Gnade, aber das Licht scheute sich noch vor dem widerspenstigen Dunkel. Endlich sammelten sich die Lichter am Altare, an dessen Seiten die Chore sich erhoben, und alle staunten geruhrt uber die Herrlichkeit. Wo sie die druckende Flache der Balken sonst mit Arger im augenerhebenden, herzenbefeurenden Gesange angestarrt hatten, da schien jetzt des Himmels Gewolbe mit Sternenglanz und Atherschein sich erst zu erheben, fast schien es ihnen, als ob die Kirche oben noch nicht geschlossen sei. Die Abtissin und alle Jungfrauen blieben lange stumm in Beschamung und Bewunderung uber die Herrlichkeit einer Kunst, die sie nie geahndet hatten. Dann stimmte die Abtissin ein Gloria an, und der Schall des Chors verklarte sich so wunderbar in dem Gewolbe, dass sie erschrak, als ob noch ein andrer Chor von obenher einstimme. Als sie aber die Herrlichkeit des eignen Ausdrucks in diesem heiligen Raume erkannt hatten, da riss Begeisterung die unglaubigen Scharen an den Haaren empor, dass sie zwischen Himmel und Erde schwebend, ein unerschopfliches Gloria der heiligen Baukunst erschallen liessen.

Sechste Geschichte

Die hohe Fremde und ihr Ritter

Der Baumeister und der Prior sassen, der Zeit vergessen, bis Mitternacht beim Weine, nur Berthold zahlte die Augenblicke, weil er die Angst der Mutter bei seinem spateren Ausbleiben kannte, aber er wagte nicht, die beiden Herren zu storen, deren Gesprach ihn bezauberte, weil er nie zwei Menschen uber so hohe Dinge ausfuhrlich hatte reden horen. "Kein Glas mehr", sagte der Baumeister, "sonst finde ich den Weg nach Hause nicht mehr!" "Der junge Freund da wird Euch schon fuhren", sagte der Prior, "er trinkt massig und hort lieber zu, das ist eine seltene Tugend bei den jungen Leuten unsrer Zeit. Noch ein Glas vom Besten und dazu singen wir noch einmal das Lied vom Babylonischen Turme:

Als der Turm zu Babylon

Mit dem Haupte wankte,

Lauft der Meister gleich davon,

Der vorher sich zankte,

Steckt den Plan in seine Tasche,

Saugt sich Mut aus voller Flasche,

Lasst sie nicht von seinem Mund,

Bis er sieht auf ihren Grund.

Lachelnd tritt er in sein Haus,

Spricht als rechter Kenner:

'Diese Rechnung war zu kraus,

Zahler ohne Nenner,

Mauern ohne Fundamente,

Sprache, die uns Menschen trennte,

Seht der Mond stiess an die Spitz,

Da verbrannte sie der Blitz.'

Gib dem Himmel alle Schuld,

Wenn du schlecht bestanden,

Und du gehst in eigner Huld

Nimmermehr zu schanden,

Ist der Turm dir eingefallen,

Diese Dummheit kommt von allen,

Wer das Geld hat nach dem Streit,

Gilt doch einzeln fur gescheit.

Es ist doch seltsam", sagte der Prior am Schlusse des Liedes, "dass bei allen grossen Bauten immer grosse Streitigkeiten ausgebrochen sind, von denen in Strassburg seid Ihr noch besser, als ich, unterrichtet und nun bei meinem kleineren Bau an der Nonnenkirche will es wieder nicht friedlich enden. Der Mond scheint eben hell durch die Wolken, ich meine, wir besuchen einmal mein Werk, der Mond gibt allen Bauwerken das schonste Licht, denn der farbige Flitterstaat der verganglichen Welt setzt dann unsre Arbeit am wenigsten zuruck." "Das kann ein Grund sein", sagte der Baumeister, "aber die Verhaltnisse erscheinen grosser, je weniger die bekannten Gegenstande uns deutlich sichtbar werden; ich freue mich auf ein Werk, das mir im Plane wohl gefallt." So rusteten sie sich zum Fortgehen und Berthold begleitete sie in Ergebenheit, indem er vergeblich nach einem Vorwande suchte heimkehren zu konnen. So kamen sie in die Nahe der Kirche, und der Baumeister lobte scholl die schonen Verhaltnisse. Vielleicht waren sie voruber gegangen, wenn nicht eine alte Hebamme mit grosser Angst an ihnen voruber laufend erzahlt hatte, es sei der Umgang der Geisternonnen nach der Kirche gegangen und singe jetzt darin. Der Prior wollte sie ausfragen, aber sie liess sich nicht halten und schrie, als ob sie selbst gebaren wollte. Der Prior stutzte, aber der Baumeister sagte ruhig: "So mussen wir uns in die Kirche begeben, wer weiss, was da fur Unfug getrieben wird, den Gesang hore ich deutlich." Sie gingen beide der Kirche zu, wahrend Berthold halb entseelt ihnen nachschlich, und sie doch in seiner Treulichkeit nicht verlassen wollte. Die Ture offnete sich leise, sie standen bald in der Mitte der Kirche und staunten der lieblichen Erscheinung der schonen Madchen, die entschleiert dem Altar nahe standen, an dessen hochster Stufe Apollonia mit ihrem Lamm, von der Last desselben gedruckt, sich niedergelassen hatte. Doch dieser Anblick und der Gesang dauerte nur wenig Augenblicke in seiner Schonheit und Wurde: nicht Bertholds feurig ergluhende Wangen, aber der weisse Mantel des Baumeisters storte die Versammlung. Die mutige Babeli schrie zuerst auf: "Der Kreuzritter!" und lief davon, ihr folgten die andern mit der Abtissin, nur Apollonia, deren Kleid sich an einen Haken, woran der Teppich befestigt werden sollte, gehangt hatte, konnte nicht aufkommen. Ihr war, als halte sie eine Hand, aus der Erde erwachsen, endlich riss sie sich los und sprang den andern, aller Beruhigungsworte des Priors ungeachtet, wie ein verschuchtert Fullen blind nach, aber er sowohl, wie der Baumeister und Berthold, folgten ihr. Das war auch nutzlich, denn an der Tur des nahen Klosters, die von den geschreckten Jungfrauen zu ubereilt geschlossen war, fanden sie Apollonien in einer Art Betaubung niedergesunken. "Was ratet Ihr jetzt?" fragte der Prior "Machen wir Larmen an der Ture, so offnen sie diese darum doch nicht in ihrer Furcht und der Larmen konnte noch mir und dem Kloster in dieser argwohnischen, geschwatzigen Zeit eine uble Nachrede machen." Der Baumeister schwieg, indem er Apollonien unterstutzte, deren Lamm unser guter Berthold sorgfaltig auf den Arm genommen hatte. Endlich ermunterte sie sich mit heftigem Weinen, indem sie ihren Ruf und die Liebe ihres Vaters schon als ganzlich verloren betrachtete. Umsonst suchte sie der Baumeister aufzurichten, sie sprach immer von der Strenge ihres Vaters und wie sie im Kloster so glucklich gewesen, das ihr nun auf immer verschlossen. Der Prior sah in der Ferne einige Leute, er drangte zu einem Entschluss, schlug Bertholds Haus vor, aber das lehnte Apollonia mit einem Seufzer ab, weil sie sich mit ihrem Vater auf ewig verfeinden wurde. Die Tritte der Leute auf den Pflastersteinen wurden immer horbarer, da fuhrte der Baumeister die Betrubte fort, indem er zum Prior sagte, er wolle sie zu einer fremden Frau von gesetztem Alter bringen, die einen Sohn suche und gewiss an dieser Tochter ihre Freude finden wurde, es sei dies dieselbe Burgerin aus Strassburg, in deren Angelegenheit er ebenfalls einen Grund seiner Reise gefunden. "Das hatte Euch gleich einfallen sollen", sagte der Prior ungeduldig, "mir ist nie so seltsam bange gewesen, wie in dieser Verwirrung."

Sie gingen schnell und schweigend, endlich klopfte der Baumeister bei einem kleinen Wirtshause an, schnell wurde aufgetan und der Prior ausserte sich sehr uberrascht, so viele Leute bei grosser Erleuchtung in dienender Tatigkeit zu finden. "Sie ist reich, diese unsre Mitburgerin", sagte der Baumeister, "auch fordern die Sitten unsrer Stadt mehr Glanz und Aufsehen, als wirkliche Verschwendung, wir tragen schon etwas vom Stempel unsrer Nachbarn, der Franzosen." Der Baumeister ging voran, und die andern blieben in einem hell erleuchteten Vorzimmer, Apollonia und Berthold sahen einander angenehm verlegen an, der Prior kneipte ihnen die Backen und fragte: "Kinder, habt ihr euch denn nichts zu sagen?" Da trat in sehr bescheidner Tracht, aber mit edlem, festen Anstande eine Frau in dem Alter ein, wo eine gewisse Fulle reicht noch den verlornen Reiz erster Jugend ersetzt, es war ein so wohlwollendes Gesicht, das jeden aus der Verlegenheit riss. Sie hob das Kinn Apolloniens mit ihrer flachen Hand in die Hohe und; sagte ihr: "Schweig nur, ich weiss alles schon, Geheimnisse sind meine einzige Freude auf Erden und ich weiss lange keine Nacht, die sie sich mir so schon angefangen. Wundert Euch nicht, Herr Prior, wenn ich von der Nacht, wie andre vom Tage, rede, ein seltsames Gelubde verpflichtet mich, den Tag zu meiden, das Antlitz der Sonne nie aus Absicht wieder zu sehen! Es war ein sehr unglucklicher Tag, der mir diesen Schwur abzwang, ich verlor Mann und Sohn in einer Stunde durch die verruchten Kronenwachter." "Schweigen wir davon", sagte der Baumeister ernst, "wir sind in der Fremde, wir sind nicht mehr im Verbande treuer Stadte und Ihr kennet am besten ihre Kundschafter, wo sie herrschen." "Freilich", sagte die Frau, "aber wer kann sich immer bezwingen, es fallt mir so manches ein, indem ich die beiden jungen Leute betrachte! Du bist recht hubsch Apollonia, bilde dir nichts darauf ein, man achtet's nur, so lange man andern gefallen will; deine Augen sind gross und weit auseinander, wie ich es gern habe, der Mund ist fein geschnitten, die Nase recht gut gebogen, die ganz krummen Nasen kann ich nicht leiden, sie sitzen im Gesicht, als ob sie die Veilchen der Augen absicheln wollten, dein Wuchs ist kraftig, du wirst noch wachsen; ohne gemein auszusehen, konntest du dich aller schweren Arbeit unterziehen. Aber Kind, so gut deine Hande gebaut sind, waschen musst du dich!" "Es kommt von den Blumen", antwortete Apollonia, "mit denen das Lamm bekranzt war und auf die ich vor dem Kloster mich stutzte." "Einerlei", sagte die Frau, "du musst dich waschen ein Waschbecken ihr Leute!" Die lebhafte Frau liess sich nicht einreden und im Augenblicke trugen ein paar Madchen ein silbernes Waschbecken mit wohlriechendem Wasser und ein Handtuch herbei, das mit Spitzen besetzt war. Der Baumeister war sichtbar wegen dieser Waschung in Verlegenheit, aber er begnugte sich ans Fenster zu treten, als ob er die Adspekten der Sterne belauern wollte. Der Prior trat einen Augenblick zu ihm und sagte: "Was ist das fur eine seltsame Frau, unter dem groben Kleide sieht ein Hemde von hochster Feinheit hervor und ist mit einem Diamanten zugesteckt, den jeder Konig in seiner Krone tragen konnte." "Es ist so der Brauch bei unsern reichen Burgerfrauen", antwortete der Baumeister, "Ihr musst der guten Frau in gewissen Dingen nach sehen, ihr Verstand mag wohl von manchem Ungluck angegriffen sein, aber sie ist sehr gut und muss mit aller Achtung behandelt werden." "Nun seht", sprach die Grafin, "Apolloniens schone, langlichte Finger, welche weisse, weiche Haut, nur darum war es mir zu tun, dass jeder die anerkennen sollte; wie schon wird sich auf diesem Finger der Trauring ausnehmen dass er dir nur nichts Trauriges bedeute!" Bei diesen Worten steckte sie geruhrt einen goldnen Ring an Apolloniens Finger und sprach: "Den behalt so lange, bis dir einer lieber ist, als du dir selbst." Sie ging jetzt zu Berthold uber und sagte: "Und dieser Johannes mit dem Lamme, will es scheren, um daraus feine Tucher fur die ganze Welt zu verfertigen, ach Gott, den kann ich gar nicht ansehen, Ihr wisst Baumeister den Zug an den Augen, diese Hugel zur Stirne herauf, das kann ich gar nicht sehen, ohne zu weinen! Ihr Leute bringt mein Mitternachtessen; wer zu essen verlangt, lasse sich einen Teller geben, aber der Prior darf sich nicht so nahe setzen, der arme Mann hat so rote Augen, wusste ich ihn nur zu heilen!" "Die Augen sehen ins Himmelreich, davon sind sie rot", sagte der Prior, "ins Himmelreich und ins Glas, kann sie nicht mehr rein polieren, sie sind dauerhaft rot angelaufen, es ist die Frage, ob's einer fur Geld machen konnte, wenn's verlangt wurde." "Ihr solltet bestandig Brillen mit breiten Randern tragen lieber Prior", sagte die Frau, "so sahe niemand Eure Augen genauer und Ihr konntet fur einen ertraglichen Mann gelten. Ihr Leute schafft eine Brille!" Das Essen wurde in prachtvollen, silbernen Gefassen gebracht, auch silberne Teller umgereicht und in dem Gedecke liess sich deutlich ein furstliches Wappen noch an der Krone erkennen, ungeachtet das Schild ausgeschnitten und ein schon gewebter Blumenstern eingenaht war. Auch eine Brille kam bald, die ein Madchen dem Prior, der sich erst weigerte, auf die Nase steckte, mit dem Bedeuten, die gnadige Frau konne sonst aus Widerwillen nicht essen. Es wurden seltene, kostbare Speisen aufgetragen, aber die Frau nahm nur wenig davon, Apollonia und ihr Lamm waren zu angstlich, um etwas zu verlangen, die andern hatten das Ihre reichlich genossen, desto lebhafter wurde von allen Seiten uber Apolloniens Schicksal beraten. Der Prior sollte am Morgen der Abtissin, die er durch Apolloniens wahren Bericht ganz in seine Gewalt bekommen, von dem Vorgange unterrichten und Apollonia in der Dunkelheit am folgenden Abend zu der frommen Herde zuruckfuhren. Dem Burgermeister hingegen sollte alles verschwiegen bleiben, da von seiner storrigen Gemutsart, die selbst vom eignen Vorteile nicht zu beschwichtigen war, einiger Skandal fur das Kloster und fur Apollonien zu besorgen ware.

Der Tisch war aufgehoben, alles war besprochen, der Prior und Berthold wollten fortgehen, indem der letztere Mut gefasst hatte, seiner Eltern zu erwahnen, da hielt der Baumeister beide auf, sagte dem Prior, dass er ihm mit Elsasser Weinen eine Antwort auf die Neckarweine schuldig ware, und Berthold versicherte er, dass er schon durch einen Boten des Priors seine Eltern seinetwegen beruhigt habe, sie alle waren der Frau, die sie aufgenommen und die nur bei Nacht Gesellschaft sehen durfe, zu einiger Unterhaltung verpflichtet. "Nun freilich", sagte die Frau, "auch ich bin euch dergleichen schuldig; die beide Herren haben ihre Flasche, was fang ich aber mit euch beiden jungen Leuten an. Stellt euch einmal an, als waret ihr verliebt, es gilt nur fur diese Nacht und morgen ist Apollonia ein kleines, angehendes Nonnchen." Apollonia liess es sich gefallen, ihre Hand Berthold zu geben, mehr wurde aber nicht aus der Sache. "Willst du denn wirklich eine Nonne werden?" fragte die Furstin Apollonien. Diese antwortete ihr, dass sie erst recht zufrieden im Kloster geworden, sie musse dahin zuruckkehren. Die Furstin seufzte und sprach: "Es ist schwer, dem zu entsagen, was wir nicht kennen, wer aber die Welt mit aller ihrer Freude kannte und alles verlor, der mag da gern absterben; suchte ich nicht den verlornen Sohn, ich hatte mich langst in die Stille der Klostermauern zuruckgezogen.

Ich war einst ein recht wildes Madchen", fuhr sie nach einer Pause fort, "vielleicht merkt ihr davon nichts, als eine gewisse Lebhaftigkeit, die zuweilen in schnellen Sprungen meiner Gedanken sich aussert und die Leute bange macht, weil ich des Ubergangs nicht erwahne, ich konnte wohl von Sinnen sein: unser guter Baumeister war schon oft in dieser Meinung. Mein Vater, der keine Sohne hatte, forderte meine Neigung zu mannlichen Beschaftigungen, weil er mich auf diese Art bestandig um sich sehen und in mussigen Stunden der Jagd sich mit mir unterhalten konnte. Da fabelten wir oft, wie der Ritter durch Heldentaten aller Art ausgezeichnet sein musste, der mein Herz ruhren sollte; wir musterten alle junge Furstenund Grafensohne Schwabens, fanden aber keinen meiner wurdig." Sie ist also doch eine Furstentochter, dachte der Prior, wie hatte sie sonst an solche Freier denken konnen. "Statt aller der kuhnen Abenteurer ward mir ein stiller Spinner und Weber zu Teil." "Ein Mann an der Spindel?" fragte der Prior. "Ich kann Euch nicht erklaren, was mich zu ihm fuhrte", antwortete die Frau, "mich bestimmte ewige Zuneigung, die nie erloschen wird, meinen Vater andre Grunde, kurz dieselben Kronenwachter, die ihn mir gaben, entrissen ihn mir, als er sich von ihrer Tyrannei loszureissen und an den Kaiser anzuschliessen trachtete. Nicht Blodsinn oder Schwache hatte ihn zu weiblichen Arbeiten herabgewurdigt, er war ritterlich geubt in allen Waffen, sondern eingeborne Lust und die vieljahrige Einsamkeit im seltsamsten Winkel der Erde hatte ihn veranlasst, bei solchen Beschaftigungen Geduld zu lernen. In kunstreich gewirkten Teppichen hatte er eine besondere Meisterschaft erreicht, in einem derselben, den mir der Vater brachte, entdeckte er mir seine Neigung. Seht, hier in diesem Kasten bewahre ich seine besten Arbeiten als treue Begleiter, seht dieses Geflecht seltsamer Pflanzen, das bis zu den Sternen reicht, Kinder sitzen in den Blumenkelchen und blicken sehnlich empor. Unter dem Dach dieser Pflanzenwelt sitzt er selbst einsam am Webstuhle, wo mit seltsamer Kunstlichkeit sich alle Wurzeln zu einem Aufzug seiner Arbeit hin vereinen, sein Schiff aber, welches den Einschlag tragt, ist wie ein Herz gebildet. Der Sinn dieses Bildes umfasste sein reines Dasein. Wie konnte er mit diesem Herzen, mit dieser freudigen Anschauung der Welt die finsteren, druckenden Erwartungen seines Hauses ertragen und durchfuhren! Gern hatte er im offenen Kampfe mit dessen Unterdruckern gestritten, aber dieses katzenartige Lauern war ihm unmoglich." Apollonia bewunderte die Herrlichkeit dieses Gewebes, der Prior wollte es durchaus nicht glauben, dass so etwas gewebt werden konne, er meinte, es sei gemalt. "Konntet Ihr so etwas weben", sagte er zu Berthold, "da wollte ich Euer Tuch auch kaufen und Messgewander daraus schneiden lassen." "Ich schame mich unsres Ungeschicks bei dem Anblick dieser Weberei!" sagte Berthold. "Lasst Euch nicht irre machen, junger Herr", unterbrach ihn die edle Frau, "wenn Ihr mit Lust und Liebe etwas unternommen habt; oft erzahlte mir mein Mann, dass er wegen einiger Spottreden der Kronenwachter einmal die Weberei aufgeben wollte und seine Not einem alten, geistlichen Einsiedler klagte. Der schuttelte mit dem Kopfe und riet Ihm beim werke zu bleiben, 'denn', sagte er, 'wir Menschen sind Nachtwandler mitten am Tage, nur ein kleiner Kreis unsers Lebens ist zu unsrer Prufung der freien Wahl uberlassen, ofter ist es unsre hochste Tugend, dem Gesetze und dem Triebe unsres Herzens uns mutig zu uberlassen, wo der Geist nicht widerspricht. Kein Werk ist zu niedrig, das mit Liebe getan wird, und die Magd, welche in emsiger Hauslichkeit den Stall reinigte, wo unser Herr geboren ward, tat ihm mehr zu Liebe, als Fursten und Volker jetzt vermogen, die ihm Kirchen zum Himmel erheben.' Diese Bemerkung krankt unsern guten Baumeister, darum wende ich mich zu meiner Geschichte. Diese Weberei gewann mein Herz, ich musste den sehen, von dem lernen, der so etwas schaffen konnte, und mein Ritter behauptete immer, dass seine Arbeit ihren Preis und ihren unbewussten Zweck erreicht habe, indem sie ihm meine Neigung gewonnen. Meinem Vater war es gleichgultig, was uns verband, seine geheime Absichten wollten uns verbinden, so sah er es doch gerne, dass der Ritter mir Tage lang auf unserm Jagdschlosse in dieser kunstlichen Arbeit Unterricht gab, und lachte, wenn ihm die Zofen hinterbrachten, dass dies Geschaft zwischen uns nicht ohne Liebelei ausgehen wurde. In geselligem Spiele versteckter und doch nicht geheimer Wunsche webten wir zusammen diesen zweiten Teppich, den wir zusammen erfanden, als war's eine fremde Geschichte, indem wir unsre Bilder nur in Ermangelung andrer anwebten. Seht mich als Jagerin auf einem getigerten Rosse, der Falke auf meiner Hand, das Jagdhorn uber den Rucken, eingefangen aber selbst von einem goldnen Netze, in dessen Maschen listige Liebesgotter gaukeln, dort aber den Ritter, der nicht darauf Achtung zu geben scheint, weil er das Netz an eine Krone anzustricken und damit zu schliessen trachtet." "Wunderschon", rief der Prior, "hier ist weibliche Geschicklichkeit zu bewundern." "Nein Herr Prior", sagte die Frau, "jenes ist als Arbeit tadelfreier, als dies Gewebe, hier ist mancher Fehler von mir nur kunstlich durch meinen Meister versteckt worden, jenes hattet Ihr mehr bewundern mussen, wenn Ihr mir schmeicheln wolltet, das ist fehlerfrei, denn es ist von ihm. Das Gewebe machte mir viel unnutzen Kummer, denn wie ich meinte, dass er mich bei dessen Endigung verstanden habe, so war mein Ritter statt dessen mit kurzem Abschiede von mir fortgeritten, ohne sich naher uber seine Absicht zu erklaren. Zorn trat der verschmahten Liebe nach, es war mir unleidlich, dem Ritter zu Ehren so viele liebe Gewohnheit aufgegeben, so viele Arbeit unternommen zu haben, ohne von ihm des rechten Danks gewurdigt zu sein. Mein Ross und mein Falke wurden wieder zu Gnaden angenommen, ich durchstrich den Wald allein, da mein Vater, wie ich zu erzahlen vergass, wegen eines Zuges zum Heiligen Grabe noch immer abwesend war, doch nahm ich gern einen Diener des Ritters mit mir, der bei seiner Abreise entlaufen und zu mir gekommen war. Einstmals machte mich dieser auf ein vielstimmiges Vogelgeschrei aufmerksam. Ich ritt voll Neugierde nach dem seltsamen Zauberklange und fand mich von einem goldnen Netze gefangen, der Ritter hatte es uber mich geschlagen, indem dessen Enden an eine goldne Krone befestigt waren. So hatte sich alles erfullt, mit vielen Kussen erzahlte er mir, dass er den Auftrag meines Vaters, die lang bewahrte Krone der Hohenstaufen zu rauben und durch deren Uberlieferung seine Versohnung mit dem Kaiser zu machen, erst erfullt habe. Die Krone sei in seiner Gewalt, er habe sein Gelubde erfullt und nichts hindre unsre Verbindung. Da wendete sich mein Herz ganz zur Freude, der Diener pfiff frohlich, er war immer mit seinem Herrn im Einverstandnisse gewesen. Nach dem ersten Freudenergusse berichtete er mir, wie ihn das Geschick begunstigt habe, die Krone in seine Gewalt zu bekommen. Seht hier das dritte Gewebe, den Glasturm in der Mitte des Wassers und hier den kuhnen Schwimmer auf dem abgerissenen, treibenden Holzstamme, die Krone auf dem Haupte." Hier hielt sie inne, aber der Prior bat dringend, um die Erzahlung, er habe so oft von der Burg der Kronenwachter gehort und nimmer den Ort sich deutlich machen konnen, wo sie zu finden. Die edle Frau fuhr dann fort: "Ich lass mich heute einmal gehen, ich weiss nicht warum, doch ihr seid gute Seelen und werdet mich nicht den Unerbittlichen verraten, die mir den Gemahl raubten. Der Ritter hatte durch seinen fruheren Aufenthalt einige Kunde, in welcher Richtung das Schloss zu suchen sei. Vierzehn Tage war er einsam mit seiner Liebe zu mir durch Walder und Auen hingestrichen, ein schmerzlich susses Leben, doch ungewiss seines Entschlusses, es kostete ihm viel, den Willen meines Vaters zu erfullen. Ratselhaftes, trostloses Geschick, seine Heiligen hat uns der Himmel entzogen, sie wandeln nicht mehr unter uns, die Engel verstekken sich den ernsteren Tagen, und die Gewalt der Jahrhunderte fallt wie ein Fels unerwartet, oft unerkannt auf die Brust des Erwachsenen, der gegen sie immer nur ein Neugeborner ist, und wer ist der Engel bedurftiger, als wir Abkommlinge grosser Begebenheiten."

"Wir", sagte der Prior mit Bedeutung. "Aber in so trauriger Welt wiegten sich dennoch", fuhr die edle Frau fort, "alle Liebesgedanken an mich mit den klingenden Federspielen auf wilden Rosen des Weges, die Quelle des Weges glanzte von dem Heiligenschein, den sie der Welt zuruckstrahlte, nichts entreisst dem jugendlichen Herzen Hoffnung und Reiselust. Endlich wurde ihm der Weg ungewisser, die Hirten seltener, die Walder horten auf, Wolken versteckten ihm die Gegend, sie lagerten sich feucht um ihn her und die Sonne ging uber ihm, wie ein trubes Mondlicht in schwankender Bewegung. So kam der Abend still und anteillos, als ob er in eine andre Welt ubergestiegen, es wurde immer kalter, ein Steinbock, der uber eine nahe Klippe sprang, entdeckte ihm, dass er an einem Abgrunde stehe, in welchem zwei Geier mit gewaltigem Flugelrauschen sich um ein zerschmettertes Ziegenlamm mit den Schnabeln zerzausten, dass ihm die Federn ins Gesicht flogen. Hier musste er sich wenden, er hoffte auf nahe, menschliche Wohnung, weil er diese so lange nicht wahrgenommen, musste aber immer weiter von den Menschen fort, immer hoher hinauf eine Eisebene ansteigen, die jetzt noch leichter, als im Spatsommer zu uberschreiten war, weil das Tauwasser noch keine bedeutende Risse darin gesprengt hatte. Es war ihm schmerzlich so weglos zu irren, aber die hohe Luft fullte ihn mit einem seligen Mute: er musse seiner Liebe folgen und die alten Schmerzen seines Hauses enden. Da traten uber ihm die Sterne aus blauer Himmelswoge hervor und er war gewiss, auch ich musste in dem Augenblicke zu ihnen aufblicken und fur ihn beten, wie er fur mich. Und als er so still an einem Eisaltare betete und seine Tranen, die er nicht halten konnte, zum Opfer brachte, da horte er jenseits einen Zug geharnischter Manner rasseln, die heftig gegen einen unter ihnen tobten, und ihm den Tod schworen, weil er auf der Wacht eingeschlafen sei, nun mussten sie darum in der kalten Nacht wie Gemsen auf den Gletschern herumsuchen, wo der Fremdling tot oder lebendig zu finden und zu fangen sei den ihnen der Hirte beschrieben. Ein paar liessen sich den Fremden beschreiben und der Ritter erkannte sich deutlich an dem Panzerhemde, das rot besetzt sei, an dem grunen Barett. So furchtbar diese Drohung war, so ging ihm doch ein Licht auf, er sei nahe der Kronenburg. Er versteckte sich so gut, dass sie ihn nicht erblickten, obgleich ihr Atem von der wehenden Luft sichtbar uber ihn hingetrieben wurde; dann sprang er freudig auf, als sie voruber, schritt uber Eisspalten und kletterte uber Felsenstucke, die auf der hochsten Bergebene wie Riesensitze zur Beratung zusammengetragen schienen. Und als er auch diese uberschritten hatte, da senkte sich das Eisfeld nach der andern Seite. Er schritt um so schneller, je leichter es ihm jetzt wurde, auch war hier kein Gletscher, mildere Luft wehte ihn an und in der fernen Tiefe glaubte er ein Stadtlein mit brennenden Lichtern zu erblicken, das von einem Freudenfeste wach erhalten worden. Er sehnte sich nach Ruhe, bald bemerkte er aber, dass es der Widerschein der Sterne gewesen, in einem grossen Gewasser, das unbegrenzt vor ihm ausgebreitet lag, was er fur Lichterglanz gehalten, bald deckte ein allgemeiner Nebel die ganze Aussicht, er konnte nicht weiter gehen ohne Gefahr, auch ubermannte ihn der lange zuruckgewiesene Schlaf. Ich lag damals schlaflos auf weichen Betten, sein Lager war hart, auch weckte ihn zuweilen Hunger, ohne dass er ihn vor Mudigkeit aus seiner Reisetasche befriedigte, sondern er schlief immer wieder zu schnell ein, die Kalte mochte dazu mitwirken. Endlich wachte er ganz vom Einstrahlen der Sonne, aber er offnete nur mit Muhe die Augen, denn die Sonne, die aus dem Wasser emporgestiegen, blendete seine Blicke, die uber tausend Wunder, wie uber Traumbilder unglaubig hinirrten! Die beschneiten Wipfel hinter ihm wie Paradiesesmauern; Alpenrosen und Bergthymian bluhten neben ihm, ein freudiger, wundervoller Teppich, wie er ihn oft in seiner Weberei ersonnen und doch nicht ganz erreicht hatte; vor ihm ein endloses Gewasser, der Bodensee, der uber seine Ufer ausgetreten war und in den noch immer die Wasserfalle mit ausgerissenen Tannen und Felsenstucken niederdonnerten, die Sonne aber schwamm ruhig auf ihm, wie ein Glutschiff. Er ging entzuckt taumelnd einige Schritte, sah nieder und warf sich erschreckt auf den Boden, schloss die Augen und druckte die Steine an sich, wie seinen letzten Halt. Uber dem Wasser schien er sich zu schweben und ohne Hoffnung an dem glatten Felsen niederzugleiten, der gerundet ihm die Gefahr versteckt hatte, bis er in traumenden Gedanken die Hohe der Wolbung erreicht hatte und schon zwischen Himmel und Wasser schwebte. Sich selbst aufgebend, meiner noch denkend, liess er sich einige Ellen niedergleiten, da stand sein Fuss an einem Vorstoss fest. Er blickte hin und sah, dass er einen gehauenen, schmalen Felsensteig erreicht hatte, der ihm von der Felsenwolbung versteckt gewesen war, er sah jetzt eine Felsenbucht zu seiner Linken, die nur durch diesen Fussgang einganglich schien, das Wasser brauste gewaltig in Strudeln, und in der Mitte dieses Wellenschaums stand fast wie der Schatten eines Schlosses ein siebenturmiges, eckiges Schloss, das in seinen Turmen vollig durchsichtig und von Glasstucken erbaut schien, da jeder der Turme einen bunten Regenbogen auf die entfernte, schwarze Wasserflache der Bucht und auf die schwarzen Felsen warf. Er hatte nie einen so gewaltsamen Anblick erlebt, die Sonne schien dienstbar dem Menschenwerke und gleich stand seine Uberzeugung fest, dies sei die Kronenburg, die Pfalz der Hohenstaufen. Alle Furcht war verschwunden und Glut durchkochte seine Wangen, die Krone zu gewinnen, die ihm durch seine Geburt gehorte. Er eilte den Felsenweg nieder; sah, dass die kunstreiche, eiserne Laufbrucke uber das Wasser gespannt war. Schon glaubte er alles gewonnen, da sah er vor der Brucke zwolf alte, starke, geharnischte Manner, ihre Fusse blutig, als ob sie beim schweren Steigen uber Gletscher sich selbst verwundet hatten, um einen Anhalt an der glatten Flache zu gewinnen. Es waren dieselben, die ihn so zornig auf dem Gebirge suchten, aber sie schliefen jetzt wie todmude Menschen unerwecklich, schienen aber nicht willig eingeschlafen, denn sie hielten noch ihre Schwerter, als wachten sie bei der Brucke. Da war's, als ob der Tod schon hinter ihm mit der Sense gehe, als ob die Engel ihm die Fusse vorwarts hoben und stellten, dass er die Brucke uberschreite, so schneidend sauste die Luft hinter ihm, als er uber die hochschwebende, eiserne Stufenbrucke schritt, so sorglich umflogen ihn die Tauben, dass er sich nicht einsam fuhle und schwindle. Ich kenne euch Regenbogenhalse, dachte er, seid ihr heimlich mir nachgeflogen, ihr waret meine einzige Gespielen auf Hohenstock, leitet mich, ihr treulich Liebenden! So gelangte er an den hohen Eingang und erblickte an jeder Seite zwei eiserne Manner mit grossen Doppelschwertern. Er zog sein Schwert, dass er nicht ungeracht fiele, aber sie standen still und er sah, dass ihr Antlitz von Glockengut bei der Beruhrung hohl erklang; diese herzlos Gewaltigen waren angekettet, weil die Wachter draussen auf Kundschaft harrten. Glorreich in sich betrat er den ersten Platz, da sangen die Vogel in ewigem, sichern Frieden und die Blumen schienen keinen Winter zu kennen, die Erde schuf sie in einer Fulle der Kraft, wie nirgend sonst; Fruchtbaume an Glasstaben der Glasmauer aufgebunden, standen in voller Blute, grosse, bunte Schmetterlinge flatterten hier wie eine Herde. Und er trat weiter in den zweiten Hof, der von Wohnungen umgeben war, da stand ein hoher Schleifstein, der von einem rieselnden Wasser wie eine Muhle getrieben wurde und Schwerter lagen umher, die frisch geschliffen waren. Nie hatte er solchen Klingenglanz erblickt, er warf sein Schwert fort und wahlte sich das schonste, der feine Sand des Muhlsteins war davon noch nicht abgewischt. Aber kaum war er so bewehrt, da brullte ihm ein Lowe entgegen, der ein ganz junges Kind, als war es von ihm geraubt, an den Windeln, worin es eingeschlagen, trug. Mitleid mit dem Kinde unterdruckte jede Rucksicht, er trat auf den Lowen zu, der das Kind nun fallen liess. Der Lowe erhob sich auf seine Hintertatzen, er durchstach das gewaltige Ungeheuer. Das Kind schrie, er hob es auf, es schien unversehrt, das Kind war ihm lieb wie die Krone, er hatte es erstritten, er konnte es nicht lassen. Nun eilte er von einem Turme zum andern, die Krone zu finden, durch das Geprange der Silbergefasse in den engen, gewolbten Gangen. Nicht schreckten ihn in doppelten Farbenspiegelungen die gemalten Wachter, nicht die Schneckentreppen in freier Luft, nicht die einzelnen Steine, auf denen er zur Spitze ausserhalb dem Turme schreiten musste, er sah auf das Kind in seinem Arm, wenn ihm graute. Endlich auf dem mittelsten, hochsten Turme sah er in einer kristallenen, matt geschliffenen Schale die Krone blinken, aber noch zwei Stufen waren zu uberwinden, die sich um die enge Spitze des Turmes wendeten. Auch diese waren uberwunden und schon hielt er die Krone in seinen Handen, einen schlechten, goldnen Reifen uber einen eisernen Ring geschmiedet, da merkte er erst, dass er keinen Augenblick in der Hohe verweilen durfe, sondern unmittelbar sich zuruckwenden musse, weil die obere Stufe zu schmal war, um ihn mit beiden Fussen zu tragen. Es gibt Augenblicke, die so furchtbar schnell zu einem Entschlusse drangen, dass der hohere Wille keine Zeit hat, den rohen Trieb zu bemeistern. Dem Ritter blieb in dem Umwenden scheinbar die Wahl, entweder die Krone, oder das Kind in die Wasserflut zu sturzen, wenn er nicht mit beiden niederfallen wollte. Dass er aber das Kind herabschleuderte, war nicht seine Wahl, wie er mir oft geschworen, sondern es geschah, ehe er wahlte. Mit seinem Leben hatte er das Kind errettet, denn was war ihm die Krone? Nur als Brautgeschenk, um mich zu erhalten, hatte sie ihm einen Wert; er hatte mir gern entsagt, wenn er das Kind hatte retten konnen. Nie hat er das Schmerzliche dieses Augenblicks vergessen und sich oft gewunscht, er ware nachgesprungen in die Flut, auch meinte er immer, dass er dafur einen gewaltsamen Tod wohl verdient habe. Das Ungluck war geschehen, das Kind seiner Hand entschlupft, er wunschte ihm nachzusturzen, aber er kam glucklich mit der Krone zum Schlossplatze nieder. Da horte er die schweren Wachter uber die Brucke kommen, ihm blieb kein Ausweg, als das Wasser, und darum folgte er dem Wasser der kleinen Muhle, setzte die Krone auf sein Haupt, warf Waffen und Kleider fort und senkte sich mit dem Flusschen am glatten Bauwerke in den See nieder, in welchem eine grosse Zahl von Stammen, mit ihren unzahligen Asten vom Berge niedergesturzt, umhertrieben und die Drehung des Wassers hemmten. Auf Hohenstock zur Schwimmerei erzogen, half er sich leicht zu einer Tanne hinuber, aber sie war zu klein und sank unter seiner Last, doch nutzte er ihre Hulfe, um zu einer grossern sich hintreiben zu lassen, die ihn wie ein sicheres Floss aufnahm. Da blickte er um sich, sie deckte ihn mit ihren Zweigen, er sah, dass die Kronenwachter, die des Lowen Tod und den Verlust des Kindes wahrgenommen, umsonst riefen und suchten und schauten, sie bemerkten nicht, wo er entkommen; er trieb unaufgehalten der breiten Seeflache zu, von brutenden Tauben, die ihre Jungen in den Nestern nicht aufgeben wollten, in den Asten umflattert, von namenloser Qual durchbebt, sein reines Leben mit dem Morde des Kindes befleckt zu haben." Hier schwieg die edle Frau, indem sie einen Teppich hervorsuchte, der Prior aber flusterte zum Baumeister: "Halt sie mich wirklich fur so einfaltig, dass ich das Marchen glauben soll, ich war so oft am Bodensee und habe nie von solcher Felsbucht gehort." Der Baumeister lachelte, winkte und strich sich uber das Kinn, verzog auch den Mund, als ob er selbst nicht alles glaube, doch sagte er: "Wer kann vor den argerlichen Seeraubern da in alle Felsenschluchten fahren, sie unterbrechen allen Handelsverkehr der Stadte."

Nach einer Pause fuhr die edle Frau in ihrer Erzahlung fort, als ob sie das leise Gefluster gehort hatte: "Vielleicht dunkt Euch diese Erzahlung des Ritters ein Traum, den er sich ernstlich eingebildet hatte, ich furchtete fur seinen Verstand, als ich sie vernahm und suchte ihn um so liebreicher zu trosten, je lieber ich die Geschichte vergessen hatte. Ein Blumenkranz, den er mir mitbrachte, war mir lieber, als die beruhmte Krone, ich nahm den Schlussel des Kastens, wo er die Krone eingepackt, dass er der verhassten Gedanken sich entschluge, und zog mit ihm aus dem einsamen Jagdhause zum Schlosse meines Vaters, der bald darauf von der Pilgerreise, die er wegen der Turken nicht vollenden konnte, mit seinen fruheren Planen beschaftigt, zuruckkehrte. Mit heftiger Freude horte er die Erzahlung des Ritters, er schien alles zu glauben, ich musste die Krone bringen, er kusste sie wie ein Heiligtum, sagte aber, sie sei bei mir sicherer, als bei ihm, er konne nicht jedem in seiner Umgebung trauen, seine Zeit sei noch nicht reif. Unsre Vermahlung wurde als Dank fur dieses Brautgeschenk ungesaumt, aber heimlich, vollzogen und der Ritter schien seinen Gram vergessen zu haben. Doch als ich ihn mit der Hoffnung erfreute, Vater zu werden, da trat es ihm schwarz in die Gedanken, die Kronenwachter mochten sich an seinem Kinde rachen, wegen des Verlusts des begunstigten Sprosslings. Er beredete mich, scheinbar mit ihm zu einem verwandten Hause nach Flandern zu reisen, uns aber im tiefsten Walde meines Vaters, als Bauern verkleidet, niederzulassen. Mein Vater willigte ungern in den Plan, er fuhlte sich nahe dem Tode und hatte sich gern noch die letzte Zeit den Lebenden angeschlossen, aber er furchtete selbst Gefahr, da er zwar noch nicht seine Aussohnung mit dem Kaiser durch Uberlieferung der Krone abgeschlossen, aber in der Unterhandlung begriffen war. Wir lebten ein gluckliches halbes Jahr in der Einsamkeit, ein Diener sorgte fur unser Bedurfnis, wir trieben es in kunstreichen Webereien zur grossten Vollendung und erfreuten den Vater mit unsern Arbeiten, indem wir ihn durch diese Abbilder kunstlich in unsre Nahe zauberten. Ich wurde von einem Sohne entbunden, genas bald wieder und nichts schien unserm Glucke zu fehlen."

Die Fremde hielt inne, druckte ihre Stirn mit der Hand und fuhr fort: "Als wir eines Nachmittags den Huf eines Rosses durch den Wald schallen horten, da fuhr ich auf, wie aus einem Traume, und der Ritter erschrak bei dieser Seltsamkeit, denn der Wald war so dicht, dass niemand seinen Weg durch denselben nahm, am wenigsten zu Rosse. Er griff nach seiner Armbrust, aber ich hielt ihn, denn im Augenblicke entdeckte ich, es sei ein sehr alter Mann, der sich mit seinem Ross durch die Busche qualte, und mein unseliges Mitleiden raubte mir alles. Der Ritter unterhielt sich mit dem Alten, er nannte sich Martin." "Martin?" fragte Berthold halblaut. "Martin nannte sich der Alte und seinen Herrn nannte er den Ritter von Golm, der unfern mit seinem Pferde harre, sie hatten sich durch Irrlichter anfuhren lassen, so waren sie schon in der Nacht von der Strasse nach Augsburg abgekommen. Der Ritter entschloss sich, sie auf die rechte Strasse zu begleiten, aber meine Neugierde erwachte, etwas Neues von der Welt zu horen, da mein Vater nicht schreiben mochte und der alte Diener zu einfaltig war, etwas Neues zu begreifen. Der Ritter gab meinem unseligen Verlangen nach, zur Strafe dieser Neugier habe ich ihn verloren und dem Tageslichte entsagt, bis ich meinen Sohn wieder finde. Er brachte den fremden Ritter und seinen Reisigen Martin in unser Haus, ich wandte mich mit allerlei Fragen an den Ritter, der alt und gramlich sie nur kurz beantwortete und sich verwunderte, was wir Wald-Bauerleute uns um die hohen Hauser Schwabens kummerten. Mein Ritter gab vor, wir hatten Sollst beide in einem der Hauser gedient und hatten uns in die Wildnis gefluchtet, weil der Herr unsre Heirat nicht zugeben wollen. Der alte Ritter stellte sich etwas unglaubig und wollte seine Waffen nicht ablegen, auch nichts geniessen, was wir ihm vorsetzten, vielmehr musste sein alter Martin ihm selbst etwas, das er bei sich fuhrte, in der Kuche warmen. Der unbequeme Gast verdarb uns schon alle Laune, oder war's die Ahndung des nahen Unglucks, dass der Ritter und ich mehrmals mit heimlicher Trauer einander die Hande druckten. So stumm sassen wir drei bei einander, als ein seltsames Knistern und Sausen uber uns meinen Ritter aus dem Traume weckte; er riet nicht lange, was es sein konne, denn Martin sturzte herein und sagte, der Schornstein musse nicht fest gewesen sein, das Sparrwerk des Daches brenne. Ich eilte halb sinnlos nach der Wiege des Kindes und riss es heraus, der Ritter sprang nach dem verdeckten Behaltnisse unter dem Bette, wo die Krone bewahrt wurde, und nahm die Krone offen in seine Hand. Wir eilten mit dem Ritter und Martin ins Freie und bemerkten dort, dass der Brand nur den oberen Teil des Daches ergriffen und dass wir noch in Sicherheit so manches unsrer Arbeiten und unseres Gerates erretten konnten. Ich gab mein Kind dem alten Ritter und sprang ins Haus zuruck, mein Gemahl folgte dem Beispiele und warf die Krone beiseite, indem er mir folgte. Wir brachten manchen seltnen Schrank und unsre Teppiche hinausgetragen und als wir fertig mit der Rettung unsrer besten Sachen waren, riefen wir nach dem Ritter, weil wir ihn nicht gleich sahen. Da horten wir in einiger Entfernung sein Lachen und seiner Rosse Wiehern, Kind und Krone fehlten, wir fuhlten und es erstickte unsre Worte, dass wir schrecklich betrogen waren, dass dieses Feuer nur angelegt worden, um zu entdecken, wo die Krone verborgen sei. Ich blieb sinnlos stehen und lehnte mich an einen Baum, mein Ritter zog sein Schwert und eilte den Raubern wie ein Rasender nach. Ich horte Waffengeklirr, ich sah Martin, den Reisigen, im Gefecht mit meinem Herrn, da sank ich nieder. Ich meinte meinen Herrn gesehen zu haben, wie er mit blutigem, gespaltenen Haupte zu mir trat, vor mir niedersank, mich um ein letztes Andenken bat, und wie ich in Erstarrung den goldnen, schon geschuppten Trauring in die Wunde druckte. Ist's ein Traum gewesen, so war er schrecklich deutlich, aber kein andres Bild aus meinem wahnsinnigen Zustande ist mir so deutlich geblieben. Der alte Diener, der mich fand, konnte von meinem Ritter, von dem Kinde, von der Krone nichts entdecken, die Gestrauche waren mit Blut bespritzt, mein Herz wusste, es sei das Blut des Geliebten, mein Verstand unterlag, ich fuhlte bald nichts von der Welt, deren Ungewissheit mich von ihr losgerissen hatte. Der alte Diener fand mich sinnlos, allmahlich besann ich mich, der Tod des Vaters ging gleichgultig meinem Ohr voruber. Erst im Hause dieses edlen Baumeisters lernte ich wieder denken, erkannte meine Schuld, und brachte zur Suhne meiner Neugierde das schmerzliche Gelubde, das Tageslicht zu meiden, bis ich den Sohn oder den Geliebten wieder finde." "Ihn habe dies Gelubde nicht angeraten", sagte der Baumeister, "wer etwas sucht, muss Tag und Nacht danach sich umsehen." "Vergebens sind meine Reisen gewesen", fahr die Fremde fort, "doch was ist vergebens? Seht hier auf diesem Teppich, den ich nicht vollenden konnte, und den ein junger Maler Sixt, der mich begleitet, mit geschicktem Pinsel fullte, das brennende Haus, unter welchem wir ein seliges Jahr wohnten, dort den tuckischen Ritter mit Kind und Krone, den grimmigen Martin, den ich aus tiefster Seele verfluchte, und hier den blutigen Ritter, der ein Andenken von mir begehrt. Aber was ist Euch, junger Herr?" fragte sie angstlich, dass sie alle zusammenfuhren, den jungen Berthold, "Eure Tranen ubermannen Euch, Ihr wechselt die Farbe wie ein Kranker." Mit gebrochener Stimme antwortete Berthold: "Mir wird gewiss wohl, wenn ich ins Freie komme, erlaubt mir nur wenige Zeit, ich werde mich erholen und Euch etwas uberbringen, woran jetzt meine ganze Seligkeit gekettet ist."

Er eilte nach seinem Hause, fand Frau Hildegard bei ihrer Lampe sitzen und beten, es tat ihm wehe, ihr zu sagen, dass er sie wohl nicht mehr lange als seine einzige, liebe Mutter verehren wurde, er antwortete ihr daher nur unbestimmt auf die Frage, was er suche, und sie berichtete ihm wahrend des Suchens, dass der alte Berthold wegen des ausgehangten Turmwachters zum Burgermeister spat abends gerufen und noch nicht wieder gekommen sei, weswegen die Leute meinten, der Burgermeister habe ihn einsetzen lassen. Diese unangenehme Nachricht ging ohne tiefen Eindruck an ihm uber, sie merkte aber den Arger und die Angst, in die er sich versetzt fuhlte, als er den Kasten mit dem geliebten Haupte durchaus nicht an der Stelle finden konnte, wo er ihn hingestellt hatte. Frau Hildegard konnte keine Auskunft von ihm erpressen, was er suche; die Angst, das Kennzeichen seiner Geburt verloren zu haben, verwirrte ihn schon, er horte auf nichts und hatte im unruhigen Durcheinanderwerfen die Kiste gewiss ubersehen, wenn sie gleich vor ihm gestanden hatte. Endlich sprach Frau Hildegard mitleidig: "So ist nun der Mensch, er meint, der Teufel habe sein Spiel, wenn er irgend eine Kleinigkeit, die er braucht, nicht finden kann, und einen guten Gedanken, den ihm wohl ein Engel zum Trost der Seinen eingeben konnte, verschluckt er daruber, als ginge er nicht verloren, wenn er zu spat kommt. Lass dein Suchen und rate mir, wie wir uns mit dem Burgermeister benehmen!" Das Wort drang in sein Herz, er fiel der Mutter Hildegard und den Hals, er suchte sie zu trosten wegen des Vaters; dann vertraute er ihr die Hoffnungen seines kindlichen Herzens, und wie er nur geschwiegen, um ihr die Sorge zu sparen, als ob seine Liebe schwacher werden konnte, wenn sie sich teilte. Frau Hildegard weinte und segnete die hohern Wege der Vorsehung, wunschte sich aber zuruck in die stille Ruhe des Turmes, wie sie der Welt naher gekommen, werde sie auch von ihr bewegt; dann zeigte sie auf einen Wandschrank, wo unser Berthold das Heiligtum fand. Er druckte den Schadel so heftig an Mund und Herz, dass jenes Blinkende, was Martin fur einen Helmring angesehen, aus der Offnung des Schadels sprang und uber den Boden rollte. "Es ist ein Trauring", sagte Hildegard, die ihn aufhob, "hier steht der Tag eingegraben im innern Kreise." Besinnungslos freudig sprang schon Berthold mit Schadel und Ring die Treppe hinunter zur Wohnung der edlen Fremden.

Siebente Geschichte

Der Sturm

Er fand nur Apollonien im Zimmer der edlen Frau, sie hatte sich zur Besorgung einiger Briefe fortbegeben. Ohne sich Apollonien erklaren zu konnen, druckte er ihr die Hand und kusste den Schadel; Apollonien durchdrang ein Entsetzen, sie weinte, denn er schien ihr sinnlos. "Beweine nicht mein Gluck", antwortete Berthold, "wer keinen Vater, keine Mutter kannte und von Fremden so mild und zartlich, wie ich auferzogen wurde, der ahndet erst alle Liebe, die eine rechte Mutter zu ihm tragt, und auch dich, Apollonia darf ich ohne Scheu anblicken, aus gutem, edlen Stamm bin ich entsprossen, bin kein Findelkind, dessen sich die Eltern schamten, wie mir die bosartigen Knaben der Stadt sonst nachschrien, als ich noch ein armer Schreiber war." "Bist du also vornehm geworden", fragte Apollonia, "dir gonne ich's recht von Herzen und will fur dich im Kloster beten, dass kein Gluck dich verdirbt." "Du willst wieder ins Kloster?" fragte Berthold traurig. "Ich war recht glucklich und zufrieden im Kloster", antwortet: Apollonia.

Jetzt trat die edle Fremde ein und ihr erster Blick fiel auf den Ring, der aus der Wunde des Schadels entfallen, in Bertholds Hand glanzte, sie sah auch den Schadel und die tiefe Wunde, in der er so lange verborgen gelegen, sie glaubte, die geliebte Gestalt wieder zu erblicken, und es hatte nach so langen Leiden ihr nichts Schauerliches mehr. Mit hastiger Ungeduld, der Worte oft nicht machtig, stammelte Berthold seine Geschichte, wie er auf dem Schadel geruht, was Martin oft so bedeutend von ihm gesprochen. Nun wusste sie, was sie bei seinem Anblicke gefuhlt hatte, ihr war alles gewiss, sie umhalste ihn mit Tranen, druckte ihn an sich und sprach: "So habe ich dich wieder, du geliebter Sohn, und keine Macht soll dich mir rauben, du bleibst nun an meiner Seite; wie eine Lowin, die ihre Jungen schutzt, so will ich dich mit meinem Blute bewahren! Wie viele Jahre meiner Liebe sind dir verloren, denn gut kann der Mensch gegen jeden sein, aber nur das Blut bindet die Liebe unaufloslich; so kann dich keine Mutter lieben, wie ich und die heilige Mutter, der ich dich so oft in meinem Gebete empfahl! Ach deinetwegen lerne ich die Schrecklichen wieder furchten, in deren Gewalt dein Geschlecht seit Jahrhunderten zwischen der Hoffnung unerreichbarer Herrlichkeit und der Furcht eines gewaltsamen Sturzes ohne Boden, ohne Himmel schmachtet. Ich darf dich nicht von mir lassen, du musst dich blodsinnig anstellen, um vor ihnen sicher zu sein, ihre Gaben sind wie des Teufels Schatze, in der Nacht glanzt es wie Gold, am Tage sind es Kohlen. Was soll ich dir schenken zu der seligen Stunde, bewahre den Ring, bis du eine Jungfrau findest, die dir noch uber dies teure, vaterliche Andenken geht, verschenke ihn nicht leichtsinnig." Berthold betrachtete den Ring und blickte zu Apollonien. Die Mutter verstand beide und wollte schon die Ringe wechseln, da blickte die aufgehende Sonne feurig durchs Fenster, da fiel die gute Frau auf ihre Knie nieder und rief inbrunstig: "Ich darf dich wieder sehen, du scheinst in zwei Augen, die ich zu deinem Licht geboren; ruhig wird jetzt die Trauer meiner Liebe und eine innige Gegenwart mit dem Geliebten; die Lerchen steigen wieder freudig und die Glocken klingen wieder hell und der Verstand sieht mich nicht mehr ungultig an." Bei den letzten Worten winkte sie dem Baumeister, der ernst uber ihr stand und er sprach milde: "Der hochste Verstand ist die Gute; wo mir die noch fehlt, da bin ich ein unverstandiger Geselle, diesmal aber meine ich doch etwas zusammengefuhrt zu haben mit Verstand, dessen sich die hochste Gute nicht zu schamen brauchte."

Wahrend er noch so wohlgefallig sprach, trat der Prior ein und warnte ihn angstlich, der Burgermeister lasse das Haus von allen Seiten durch bewaffnete Burger umringen. Die Fremde meinte, es ware wegen der Tochter, aber der Baumeister schuttelte mit dem Kopfe und der Prior sagte, er habe ihn sehr heftig von einer Frau sprechen horen, welche sich fur die Erbtochter eines regierenden Hauses ausgabe, aber von den Verwandten dieses Hauses als eine Betrugerin verfolgt wurde. "Ich weiss, was sie wollen", seufzte die Fremde, "die edlen Steine aus dem Erbe des Vaters, gebt es ihnen, ich besitze Diamanten von reinerem Wasser in den Freudentranen, die ich weine. Lasst sie ein, die neidischen Seelen, sie sollen fuhlen, dass sie mir nichts nehmen konnen, so lange ich den geliebten Sohn in meinen Armen halte, er ist mein und keine Gewalt trennt mich von ihm." Der Baumeister trat zwischen und suchte sie zu uberzeugen, der Besitz jener Kostbarkeiten konne nur ein Vorwand sein, ihr werde der Sohn von den Unerbittlichen nicht gegonnt, um noch in ihr das Vergehen des unglucklichen Gemahls zu rachen. "Ihr wisst ihn jetzt wohlbewahrt, reichlich versorgt", sagte er, "Ihr scheidet nicht auf ewig von ihm, Euer Gelubde ist gelost, erfullt die Wunsche meiner Treue, lohnt meinen vieljahrigen Dienst! Was ist Euch der furstliche Name, dessen viele Euch wegen der ungleichen Geburt Eurer Mutter und wegen der Vermahlung mit dem unbekannten Ritter fur verlustig achten. Als meine Frau kann Euch die freie Stadt Strassburg schutzen." Aber die Fremde hob den Schadel des geliebten Gatten auf und sprach: "Alles konnte ich Euch schenken, und lohnte Eure Dienste nur gering und das einzige, was Ihr verlangt, mein Herz, meine Hand, sie beide sind nicht mein; von meinem Gatten, von meinem Sohne trennt mich kein Entschluss, nur die Gewalt, die mich dem Leben entreisst, kann mich von ihnen scheiden. Uberlasst mich dem Geschicke meines Himmels."

In diesem Augenblicke stiess der zornige Burgermeister die Leute der Fremden, die ihn aufhalten wollten, ungeduldig von sich und trat ein, mit dem Ausrufe "Im Namen meines Grafen!" Aber der Baumeister fuhrte ihm in dem Augenblicke, wo er die Fremde fur eine Gefangne erklaren wollte, die zitternde Apollonia entgegen. Diese unerklarliche Erscheinung brachte den heftigen Mann ausser Fassung; hatte er Berthold erblickt, so hatte sein Zorn eine Erklarung gefunden, aber die Fremde hielt ihn noch in ihren Armen. "Du hier?" fragte der Burgermeister stammelnd und Apollonia konnte schluchzend nicht antworten. Nach kurzer Besinnung nahm er sie beim Arm, Berthold wollte sie zuruckhalten, aber sie selbst entzog ihm in der Angst die Hand, die er von der Abgewendeten ergriffen hatte. Eine Unbestimmtheit hatte alle ergriffen, die jeden lahmte, und wie Krankheiten im Menschen solche Vorgefuhle von Erschopfung voranschicken, so schien diesmal ein gewaltsames Ereignis in den Luften wie eine allgemeine Krankheit des Gestirns auf alle Bewohner zu wirken. Ein Sturm erbebte durch die Gassen der Stadt, den die innerlich Erschutterten bis jetzt uberhort hatten. Mit steigender Heftigkeit pochten die Luftadern, die fallenden Reihen der Dachsteine, die klirrenden Fenster, das Geschrei der Menschen, die sich in ihren wankenden Holzgebauden nicht mehr sicher glaubten, wurden jetzt erst horbar, wo der Sturmwind ein schlecht verschlossenes Fenster des Zimmers, wo sich alle noch befanden, aufschlug, Stroh und Baumaste hineinfuhrte und mit allem Beweglichen im Zimmer sein tolles Spiel forttrieb. Von allen Seiten riefen Stimmen nach dem Burgermeister, es wurde der Befehl von ihm verlangt, dass alle Feuer auf den Herden geloscht wurden, damit nicht eine allgemeine Feuersbrunst den Schrecken erfullte. Der Mann war an so schnelle Entschlusse wenig gewohnt, er verlangte in der Verlegenheit nach dem Rathause, aber die Tochter liess er nicht aus der Hand, gleich wie die Fremde den Schadel und den Sohn bei allem Sturm immer fester an sich druckte. So zog nun der Burgermeister mit der Tochter, der grimmige Schlachter mit dem zerschmetterten Lamm ab, uber das der sichre Stall zusammengebrochen war.

Nun trat, als er geschieden, der Prior aus seinem Versteck heraus; er hatte fur seinen Namen, fur sein Amt gebetet, dass er nicht als Entfuhrer der Tochter in Anspruch genommen werden mochte. Er benutzte zur Flucht die ersten Augenblicke, wer hatte geglaubt, dass ein feurig rotes Antlitz so bleich werden konnte!

Die Fremde allein schien wieder ganz ruhig und gefasst, sie sprach zu Berthold: "Das Ungluck ging voruber, auch der Sturm hat seine Zeit, um so schoner wird die Stille sein, in der jeder erkennt, wie viel ihm blieb." "Wir mussen den Sturm benutzen, um fort zu ziehen", sprach der Baumeister nach einigem Umschauen in den Vorderzimmern, "ich habe die Pferde bestellt, unsre Wache ist fortgelaufen, jeder zu den Seinen, mogen sie mich fur einen Zauberer halten, weil ich die Gewalt der Natur als ein gutes Zeichen benutze." Aber die Fremde erklarte fest, dass sie bleiben wolle; wenn sie ihren Anspruchen entsage, werde sie Schutz und ruhigen Aufenthalt bei dem geliebten Sohne finden, sie wolle nicht langer wie das Laub im Sturme von entgegengesetzten Gewalten sich emportreiben lassen, sie wolle ruhen an der Erde und bald auch in der Erde. Der Baumeister machte ihr leise Vorstellungen, aber sie lehnte alles ab, dann nahm er mit tiefem Ernst eine Kette vom Halse, die er von ihr trug, zerriss sie und gab sie der Fremden zuruck. Sie reichte ihm die Hand zum Kusse, er kniete langere Zeit still vor ihr. Der Wagen rollte vors Haus, er verliess Mutter und Sohn mit Schweigen.

Ihm folgten die meisten der Leute, welche die Fremde bis dahin als die Ihren behandelt hatte, auch der Maler Sixt, dessen Kunst sich ihr oft in Beihulfe verbunden hatte. Sie weinte auf, die liebe Fremde, als der Wagen im Sturme rollte: "Ich habe einen Freund verloren", sagte sie, "dich aber kann ich nicht verlieren, mein Sohn, fuhre mich in dein Haus zu den treuen Seelen, die deine Jugend bewachten, der Sturm senkt die Flugel, er hat erfullt, was er sollte, und die zerstreuten Wolkenschaflein sammeln sich wieder ruhig aneinander; es bedarf der ganzen Gewalt und Erschutterung des Erdelements, um dem Geiste seine Freiheit zu geben. Ich war befangen von innen und ausserlich von meinen Feinden bewacht, der Sturm hat alle Ketten abgeschuttelt und ich danke dem Himmel, dass die Zerstorung, in der auch dieses Haus schwankte, mir ein neues Vertrauen geschaffen hat." Berthold bat die heftig bewegte Mutter, sich zu beruhigen, das morsche Hauschen zu verlassen und in dem sicheren Hause einzukehren, das er zu irdisch ewiger Dauer begrundet und auferbaut habe. Sie sprach noch mit ihren Dienern, dann fuhrte er sie hinunter auf die Strasse. Da flatterte ihm ein Schleier in die Augen, der an einem eisernen Schildhaken hangen geblieben. War es Apolloniens Schleier? Vielleicht ihr letzter Gruss der ihm werden sollte. Er wagte es nicht, ihn mitzunehmen, so sehr es ihn gelustete, denn er war strenge von Berthold gegen jeden Diebstahl gewarnt worden; aber er blickte so lange es ihm moglich nach dem Schleier um, als ware es die Geliebte, und als er dem Auge ganz verschwunden, da stand er schon in der Nahe seines Hauses. Und nun beengte ihn die Sorge, wie Frau Hildegard seine Mutter empfangen wurde, sie vertrug sich nicht mit andern Frauen und hatte daher keinen Umgang. "Sie liebt mich", dachte er endlich, "sie wird auch die Mutter lieben."

"Gottes Segen uber dich, lieber Sohn", rief Frau Hildegard ihm entgegen, "eben bringt Meister Fingerling die Nachricht, dass unser guter, alter Turm bei dem Sturm zusammengesturzt ist, eben als ein Wagen mit einem Fremden hinausgefahren war; da ware ich wie der neue Turmer in meinen Sunden hingestorben und verdorben, wenn du mich nicht in das neue Haus gefuhrt hattest." "Es gibt Zeichen und Wunder", rief die Fremde. "Wen fuhrst du mir ins Haus?" fragte Frau Hildegard. "Die Mutter, die mich geboren hat", sagte Berthold, "fuhre ich zur Mutter, die mein Leben erhielt; umarmt euch, ihr lieben Mutter, liebt euch um meinetwillen, dass ich euch beide zusammen wie eine Mutter umfassen, lieben, ehren kann." Frau Hildegard segnete die Stunde, in welcher jene Berthold geboren, die Fremde segnete die Stufen, auf denen sie in das Haus angestiegen, das alles, was sie auf Erden noch liebe, den Sohn und seine treuen Pfleger umfasse. Da sanken beide Frauen einander zartlich in die Arme, und Berthold druckte beide innig aneinander und freute sich still dieser Einigung. Das Haus und die Treppe waren noch von der Feier des Einzugs mit Blumen bestreut, Apolloniens Lamm war dem Berthold unbemerkt nach gelaufen, weil er es getragen hatte, und schloss sich an ihn, als wusste es etwas von seinem Glucke. Die neugierigen Arbeiter, die zur Ture hineinsahen, nahmen unwillkurlich die Mutzen ab und falteten die Hande, sie fanden sich durch diese Zusammenstellung an ein Gemalde der Waiblinger Kirche erinnert.

Zweites Buch

Erste Geschichte

Die wunderbare Heilung

Die Gewohnheiten und der Schmuck des taglichen Lebens verwandeln sich fruher in der zerstorenden und schaffenden Hand der Zeit und des Menschen, als das sonntagliche, kirchliche Wesen; die Kunst insbesondere versucht sich erst im Weltleben und uber lebt ihre meisten Irrtumer in demselben, ehe das Geheiligte die Verwandlung erfahrt, ja es scheint, dass sie sich zuweilen, nach dem Erreichen einer gewissen Hohe, unter dem Einflusse ewiger Ahndungen ganz von dem heiligen Kreise wendet, um mit frischer, neu begrundeter Kraft sich demselben von andrer Seite zu nahen. Es ist leicht, durch den Anblick von alteren Kirchen uns in die Zeiten Luthers, Durers, Raphaels zu versetzen, schwerer ist's, das hausliche Leben jener Zeit noch irgendwo ungestort erhalten zu finden. Der Bau unsrer Hauser hat sich so ganzlich verandert, wie unser Verkehr, wir glauben bequemer zu wohnen; im Bau und Schmuck der Kirchen dagegen ist bei allen verschiedenartigen Glaubensbekennern noch kein wesentlicher Fortschritt gemacht. Hat ein Teil der Christen sich der Kunst in Kirchen geschamt (Reformierte), so hat ein andrer durch bedeutungslose Anwendung derselben (man vergleiche alle prachtvolle Jesuiterkirchen), sie weder gefordert, noch den Dienst verherrlicht und beides wird vor einer neuen Kunst verschwinden, deren Strahlen uns aus der Dammerung erwarmen; vielleicht wird ungestort fortgearbeitet werden, wo Cranach, Durer und Raphael ihre Pinsel niederlegten, wo die edlen Bilder vor den toten Augen unter Staub oder Kerzendampf verblichen, oder wo die blinde Wut sie herabriss. Ehe aber diese Zeit eintreten kann, muss Alltagliches und Sonntagliches, muss Haus und Kirche aus einem Stuck gebildet sein, wie damals, als unser Durer den heiligen Hieronymus mit seinem Lowen in sein eignes Wohnzimmer setzte, als Cranach den Melanchthon zur Taufe, den Luther zur Kreuzigung Christi fuhrte. Das Himmlische war damals noch nicht so weit der Erde entruckt, sondern wohnte vertraulich unter den Wahrhaften, der Kunstler brauchte sich nicht in eine andre Welt hinauf zu schrauben, er sah die Seinen im erhohten Sinn an. Wer zu Wittenberg in Luthers Wohnzimmer geblickt hat, muss die innige, eigene Entwickelung jener zeit erkennen, wie Blatt und Blute, Krone und Wurzel einer Pflanze auf einander deuten, so naturlich fuhlt sich jene Zeit von ihrem innern Reichtum auch ausserlich durchdrungen, ohne es selbst zu wissen; denn lebte gleich Luther nach allen Nachrichten prachtlos und einfach, so ist doch das Getafel, der kunstreiche Ofen, mit edlen Bildern der Wissenschaften und Kunste geschmuckt, unendlich besser, einiger mit dem Stil des ganzen Gebaudes, als wir jetzt die Zimmer eines Geistlichen finden wurden. Derselbe Geschmack herrschte im nordlichen wie im sudlichen Teil Deutschlands, nur war letzteres damals durch die Nahe und den Verkehr vieler reichen, freien Handelsstadte noch reichlicher von jeder Art Kunstlern befruchtet, besucht und geschmuckt, und da sich die Kunst erst damals anfing, nach Volkern zu trennen, auch noch weniger bloss mechanische Scheinbluten trieb, so storte es noch nicht so unangenehm, wie spaterhin, Niederlander und Italiener neben deutschen Kunstlern an der Ausmalung oder Verzierung desselben Hauses arbeiten zu sehen. Manchen dieser Fremden trieben Staatsverhaltnisse nach Deutschland, andre der Erwerb, noch andre in der ungebandigten Leidenschaftlichkeit jener Zeit unselig vergossenes Blut und Familienrache, aus gleichem Grunde besuchten auch deutsche Kunstler die Fremde, ohne eben mit diesen Reisen nach Bildung und Unterricht zu streben, ohne sich die heutige Narrheit auszusinnen, als ob die Kunst nur in Rom ausgeheckt wurde. Die deutschen Kunstler wussten und konnten alles, was von ihnen verlangt wurde, und mehr forderte keiner, als sie zu leisten vermochten, auch hatte jede Stadt ihre Kunstler lieb, weil sie ihr von Gott nicht anders beschert waren, und suchte sie zur Ehre der Stadt zu beschaftigen, und hungerten zuweilen auch damals die Kunstler, so hungerten sie nicht als Kunstler, sondern mit der ganzen Stadt.

Auch Berthold hatte sein vollendetes, grosses Haus von den Steinmetzen, Tischlern und Glasmalern der Stadt einrichten lassen, so schon als die guten Leute vermochten, die mit rechter Anstrengung alles zur Dauer durch Wahl der Stoffe und zur Lust durch kunstliche Ausfuhrung eingerichtet hatten, er kummerte sich nicht darum, als Fingerling ihm versicherte, es gabe in Augsburg noch kunstreichere Manner, er suchte seine Waiblinger Kunstler und Arbeiter zu bilden, das segnete Gott durch manche kunstreiche Hand, die sich unerwartet hervor tat. Selbst den alten Maler Fischer verschmahte er nicht, der mit sterbender Hand die Mutter Gottes mit dem Kinde auf die Wand uber der Hausture gemalt und aus Schreck, dass er sie so bleich und hinfallig dargestellt, gestorben war. Obgleich sich nun mancher durchreisende Maler zur Besserung dieses verblichenen Bildes gemeldet hatte, so wies doch Berthold alle ab, denn er fuhlte sich allmahlich absterbend dem Fleische und auflebend im Geiste. Wie hat sich der frohliche Knabe verandert, seit Reichtum und Ehre ihn machtiger rusteten, wie war er so ohnmachtig und siech geworden und nur in dem engen Raume seines Zimmers, wo die zierlichen Gitterschranke mit seinen Handschriften vom bunten Glase der beiden Fenster mit wechselnden Strahlen beschienen wurden, da fuhlte er sich selig erweitert zur frohen Stimmung seiner Jugendtage. Der Neujahrstag war ihm besonders schmerzlich, weil er ihm zugleich den Verlauf eines neuen Lebensjahres seit dem unbewussten Eintritt auf dem Turme bezeichnete und weil Frau Hildegard es sich nicht nehmen liess, am Morgen, ehe es tagte, ihm mit einem Kuchen die Augen zu blenden, um welchen schon muhsam der Wald vergangener Jahre durch eben so viele kleine, brennende, bunte Lichter ausgedruckt war. Ach die Jahre brannten tief in sein trauerndes Herz, als waren's unbewusste Sunden, und er dachte der vielen verlornen Zeit, der vielen geleerten Medizinflaschen und wie er weder in Ehre noch Minne gleich seinen Lieblingen in den Buchern irgend etwas getan, obgleich er in seiner Stadt die hochste Ehre, die Stelle als Burgermeister erreicht hatte. Dann sah er alle die gemalten Briefe durch, die er am Jahreswechsel erhalten, und wunschte sich die Zeit zuruck, als er noch selbst dergleichen fur den Burgermeister Steller mit demutiger Ehrfurcht geschrieben; da flossen seine Tranen haufiger, denn er fuhlte die Sehnsucht nach der verschollenen Apollonia wieder erwachen, die er nach einigen Nachrichten nur jenseits der Grenzen dieses Lebens wieder zu sehen hoffen durfte. Unwillig setzte er den Trank, den er einnehmen sollte, in den Schrank zuruck, nahm das Buch von Tristan und Isalde in die Hand und sah nachdenkend die schonen, feinen Bilder an, mit denen es durchweg geschmuckt war. "Er ist unglucklich wie ich", dachte er, "aber er hat doch etwas erfahren und er starb fruher als seine Isalde."

Der Diener trat ein und meldete einen niederlandischen Maler Sixt an. Berthold fuhr bei dem Namen aus seiner Traumerei mit offenem Visier dem Ankommenden entgegen, der demutig, klein und krummbeinig vor ihm reverenzte. "Seid Ihr's, lieber Sixt", sagte Berthold, "ja Ihr seid's, der meiner Mutter Begleiter gewesen, ihr hulfreich in ihren Arbeiten beistand und sie damals vor etwa dreissig Jahren hier verliess." "Verzeihet es mir, Herr Burgermeister", antwortete der gekrummte Maler, "ich glaubte mich nicht recht sicher bei der edlen Grafin, denn die Leute sprachen so verschieden von ihrer Herkunft und der Baumeister wusste mir immer Arbeit nachzuweisen, da hielt ich es fur meinen Unterhalt sicherer, mit ihm nach Strassburg zu ziehen. Es ist mir aber allda sehr kontrar ergangen, weil ich da lange vom leidigen Satanas geplagt wurde, die Leute in kontrafetischen Bildnissen durch ihre seltsamen Zuge getreulich darzustellen, die sie nicht gern an sich erblickten, also dass sie sich durch ihre eigne Leiblichkeit denigriert fanden gegen die gute Meinung, die sie so lange von ihren schadhaften Angesichtern bewahrt hatten. Jetzt aber bin ich meine Aberration inne geworden und male die Leute, wie sie gern sein mochten und empfehle mich bestens mit dieser meiner neuen Manier." "Nein alter Freund", rief der Burgermeister, "nicht in dieser neuen Manier, in der alten malt mich, dass ich um so williger sterbe, wenn meine Leiche mir schon im Abbild des Lebenden entgegenfriert." "Hoffe zu kontentieren, Eure Exzellenz", rief der Maler, und packte sogleich aus allen Taschen sein Malerbrett, seine Staffelei zum Zusammenlegen, seine Farbenscheibe, wohl belegt mit allem Farbenreichtum, seine blecherne Buchse mit Pinseln aus und stand jetzt, nachdem er sich der Last entledigt hatte, als ein feiner, wohl gebildeter, nur etwas buckliger Mann vor dem Burgermeister. "So schnell dachte ich nicht, diese Arbeit zu unternehmen", rief dieser, "inzwischen bin ich heute frei von Geschaften, und wer weiss, ob ich morgen noch lebe." "Bemerke nur wenig von dem hippokratischen Gesichte an Ihro Hochunvermogen!" sagte der Maler. Wahrend der Arbeit erzahlten einander beide, was sie wahrend der langen Zwischenzeit betroffen, denn Meister Sixt war sehr neugierig und suchte Neuigkeiten durch Gegenerzahlungen zu bezahlen. Berthold brachte ein Gemalde mit dem Gewebe, das nach diesem, beides aber von der Hand seiner rechten Mutter gemacht, mit einem Seufzer aus dem dunkelsten Schranke hervor. "Damals trug ich noch Farben auf den Wangen, Hoffnung im Herzen", sagte er, "seht, so kunstreich ist mein Mantel aus Bluten aller Art von der Mutter erfunden und ausgefuhrt und ein Kranz von singenden Vogeln schwebt uber dem Haupte, das begeistert den Himmel offen und tausend Engelkopfe in der schimmernden Blaue erblickt, die Mutter ist tot, die Bluten sind verwelkt wie meine Wangen und wie mein Herz mit allen Hoffnungen." "Wann starb Eure verehrte Mutter?" fragte der Maler, indem er schon mit schneller Hand die Grundfarben in den Umriss peitschte. "Es war am Fronleichnamsfeste vor zwanzig Jahren", antwortete der Burgermeister, "als sie einen grossen Schreck, den die Ihren ihr bereitet, nicht uberleben konnte." "An dem Tage beliebte auch der Baumeister zu sterben", sagte der Maler, "und mich unredlich in meinem Geschafte zu verlassen. Es liesse sich viel daruber sagen, wenn ich nur Zeit hatte." Aber Berthold bat ihn, sich Zeit zu nehmen, er wolle sie ihm bezahlen, als ob er wahrend derselben gemalt habe. Sixt berichtete nun, dass der Baumeister viel von dem Tode der Grafin an jenem Tage mit ihm gesprochen habe, dann sei er auf die Spitze des Munsters, auf den Turm zur rechten Hand des Ausgangs, der allein seine Spitze vollendet tragt, hinauf gestiegen, kletterte zu allem Erstaunen an den Knopf hinan und warf die Fahne hinunter, welche das von ihm auf den Knopf gesetzte Marienbild festgeschnurt, bedeckt hatte. Mit der Fahne flatterten unzahlige gedruckte Blatter zur Erde; seht Herr, eins habe ich immer als ein teures Andenken bewahrt und trage es bei mir: "Leset es ruhig, die Augen nach dem Schranke gerichtet, weicht nicht aus der Lage." Berthold las aber laut vor:

Lass, o Herr, das Werk der Zeiten,

Das dein Hauch hat angereget,

Heut durch meinen Mund ausdeuten,

Grosses Wort sich schwer beweget,

Schwer und langsam wie die Steine,

Die aus rauhem Fels gespalten,

Sich erhoben zum Vereine

Und den hohen Turm gestalten.

Gott erschuf am zweiten Tage,

Der vom Wasser schied die Erde,

Zeugen dieser heiligen Sage,

Felsen sich zum Opferherde.

Erwin sah die heil'gen Zeugen

Druben harrend an dem Rheine,

Und im Geiste ward ihm eigen,

Was ein jeder sag und meine.

Wie sie alle ihm gebieten,

Dass er sie hinuber fuhre,

Dass sie heil'gen Dienst behuten,

Dass die heil'ge Kunst sie ziere;

Dass aus felsenfestem Kerne

Sich erbaue Gottes Kirche,

Darum treiben Gottes Sterne

Goldne Adern durchs Gebirge.

Seht, mit diesem Goldgewinne,

Den sie zu dem Rheine senden,

Regen sie der Menschen Sinne,

Wirken sie in fleiss'gen Handen,

Dass sie grosse Gaben schenken,

Zu der grossen Munsterkirche,

Die der Erwin will erdenken

Aus den Felsen im Gebirge.

Erwin reisst mit schnellem Bleie

Viele Plane zu dem Baue,

Doch es fehlt die rechte Weihe,

Dass er auch das Rechte schaue;

Zu der Wildnis jener Berge

Dringt er in Verzweiflung weiter,

Klagt, dass Wahrheit sich verberge

Auf des Schonen Himmelsleiter.

Betend kommt er so zur Kirche,

Die der erste Christ erbaute,

In dem wildesten Gebirge,

Dass er seinen Herren schaute;

Sieht ein zierlich Bild des Stalles,

Wo der Herr einst ward geboren,

Und das geht ihm uber alles

Und er hat es gleich erkoren.

Die Kapell aus Stabgeflechten

Ist mit Blumen reich verzieret,

Und was andre bilden mochten,

Diesem Plan der Preis gebuhret;

Nein, kein Tempel alter Zeiten,

Kann entzucken wie die Hutte,

Soll sich Dauerndes bereiten,

Steigt es nur aus frommer Sitte.

Wo die Krippe einst gestanden,

Ist der Altar aufgerichtet,

Wo das Kind, die Hirten standen,

Hat der Morgen ihn umlichtet,

Und zwei Turme, wo der Tauben

Keusch getrennte Liebe wohnet,

Sich erheben, wie der Glauben,

Der im Geist hoch oben thronet.

Unser guter Meister sinnet,

Dass der Bau in Stein sich grundet,

Bischof Konrads Herz gewinnet,

Und der Bau wird weit verkundet,

Und Vergebung aller Sunden

Wird zu diesem Bau verliehen,

Jedem, der sich da wird finden,

Treu und mutig im Bemuhen.

Bischof Konrad, wohl beraten,

Kommt mit heil'gem Ol und Weine,

Mit dem Stabe, mit dem Spaten,

Legt geschickt die Grundungssteine.

Ringsum stehn die Arbeitsleute,

Alle Geistliche des Landes,

Alle Zunfte graben heute,

Selbst die Herren edlen Standes.

Als die Weihung ist vollendet,

Tritt der Bischof still zurucke,

Doch ein Streit hat bald geschandet

Dieser Sonne Gnadenblicke,

Wohl mit Recht ist lang verkundet,

Dass der Teufel sich bestelle,

Wo die Kirche wird begrundet,

Seinem Dienste die Kapelle.

Eh' der Bischof sie kann trennen,

Ist ein Kampf da ausgebrochen,

Bruder wild im Kampf entbrennen,

Und der eine ist erstochen.

"Wer hat diesen Streit entzundet?"

Ruft der Bischof mit Entsetzen,

"Neu sei dieser Bau begrundet,

Nicht mit Blut durft ihr ihn netzen."

Und es sprach der Mordgeselle:

"Wo dein heil'ger Arm gegraben,

Von der lieben Gnadenstelle,

Stiess er mich wie einen Knaben;

Weiss, ich hab den Tod verdienet,

Dass ich Bruderblut vergossen,

Doch es sei die Welt versuhnet,

Ihr zum Heil sei es geflossen.

Wisst, es fliessen hier im Grunde

Zwei versteckte bose Quellen,

Stopft ihr nicht die Doppelwunde,

Werdet ihr den Turm nicht stellen.

Ganz umsonst sind hier die Pfahle,

Steine, Mortel ganz vergebens,

Wenn ich's nicht zum Grab erwahle

In der Fulle meines Lebens.

Eine Quelle will ich laben

Mit des armen Bruders Leiche,

Und ein Grab mir selber graben,

Dass das Wasser schaudernd weiche.

Dann erst ist der Turm begrundet,

Und das Wasser ist bezwungen,

Und die Saulen hoch verbundet

Sind vom Sumpfe nicht verschlungen.

Eilet euch ihr starken Hande,

Dass ihr euer Grab vollendet,

Weh ihr gluht wie Feuerbrande,

Erde reinigt, was sie schandet.

Seid begrusst ihr Rein'gungsquellen,

Schaudert nicht vor mir zurucke,

Ich umspanne eure Wellen,

Bin des Heiles feste Brucke."

Und der Bischof sieht zum Heile

Hier das Unheil ausgedeutet,

Viele Schuh tief grub in Eile

Dieser Morder und erstreitet

Sich ein Grab in tiefen Quellen,

Die dem Meister sich verbargen,

Sicher kann er Mauren stellen

Auf den Leichnam dieses Argen.

Wo die Bruder eingegraben,

Weiht der Bischof neu die Stelle,

Friedlich werden bose Knaben

Nun des heil'gen Baues Schwelle,

Und der Turm ersteigt in Eile

Ohne Streit die hochste Hohe,

Wo ich jetzt zu meinem Heile

Zu der Gnadenmutter flehe.

Flehe, dass sie mich von hinnen

Zu dem Bau des Himmels nehme,

Neue Lehre zu gewinnen,

Denn als Meister ich mich schame,

Dass ich diesen Turm verdorben,

Weil der Plan schon hier erfullet;

Was vollendet, ist gestorben

Und die Sehnsucht nicht mehr stillet.

Ja ich fleh um Ungewitter,

Flehe um der Blitze Strahlen,

Dass sie durch das graue Gitter

Dieser Steine Flammen malen,

Dass sie brechen und zerschmettern

Diesen Turm, den ich geschlossen,

Und schon blick ich zu den Wettern,

Fest entschlossen, unverdrossen,

"Nein", rief Berthold und sprang auf, "nein Herr, keine Blitzstrahlen sende in mein Haus, obgleich ich des Hauses auch zuweilen uberdrussig bin, nun ich es uberall vollendet habe; wegen meiner alten Mutter Hildegard schone des Hauses." "Domine", sagte der Maler betroffen und wischte zitternd ein halbes Dutzend Farben auf der Scheibe zusammen, die nicht zusammen gehorten, "was fehlt Euch? Das Poema ist nicht auf Euer Haus, sondern auf den Strassburger Munster gemacht; soll ich einen Doktor rufen?" "Ich danke Euch", sagte Berthold und setzte sich wieder in die rechte Lage, "der Baumeister hat manche Beziehung auf mich gehabt, ohne ihn hatte ich nie die hohe Liebe einer wahren Mutter kennen gelernt und hatte nie eine tiefe Einsicht von der Nichtigkeit gewonnen, welche die Welt in ihren Herrschern verehrt, ware in eitlem Sinn in die Absichten der Uberklugen eingegangen, welche der Zeit Gewalt antun mochten. Lassen wir das, erzahlt mir weiter von dem Baumeister." "Es alteriert Euch", sagte der Maler, "darum will ich mich der Kurze befleissigen, mit einem Worte, der Baumeister kniete oben auf dem Knopfe vor dem Marienbilde, wie ein kleines Figurchen, dergleichen am Eingange stehen in Stein; kein Mensch wusste, was daraus werden sollte, und das Volk wurde gar sehr ungeduldig. Es wurden Schieferdecker und Zimmerleute aufgefordert von dem Rate, den Baumeister herunter zu schaffen, aber sie versicherten alle, es sei zu viel gewagt, weil er mit der Fahne auch die kleine Leiter fortgestossen habe, welche ganz notwendig sei, um auf den Knopf hinauf zu steigen, es scheine, dass er nicht zuruck verlange. Aber der Rat wollte nun einmal nicht, dass er da oben bleibe, da erbot sich ein verruchter Mensch, fur einen grossen Beutel mit Geld hinauf zu steigen und den Baumeister herunter zu werfen, wenn er nicht die Zitation des Rats annehme, die ihm sogleich schriftlich ausgefertigt, auch mit dem grossen Wachssiegel bedruckt wurde. Der Signor Birbante machte sich auf den Weg, aber viel Zeit war uber die Ausfertigung der Zitation vergangen, und so hell es vorher war, dass wir sehen konnten, wie der Baumeister die Hande rang und beten wollte, aber immer wieder die Hande rang, weil er sie nicht falten konnte, so wurde es jetzt allmahlich trube am Himmel, die Wolken zogen gegen den Wind, es blitzte in der Ferne. Der verruchte Bote liess sich nicht abhalten, der Teufel hatte ihn mit dem Gelde verblendet. Wir sahen ihn noch die Treppen der Schnecken, wie ein Wiesel lustig hinauf rennen, eben wollte er hinaus, baff, 'da haben wir's', schrien alle, die nicht davon liefen." "Was, was?", rief Berthold, "so lasst doch den Pinsel aus dem Munde, oder tut's nachher." "Es sind nur ein paar Harchen, die ich abbeissen muss", antwortete der Maler, "nun ist es wieder ganz gut, das kann mancher Mensch nicht mit seinen Zahnen leisten." "Nun erzahlt nur weiter, was geschah", rief Berthold und hielt sich am Stuhle fest "ich habe mir in der Zeit schon dreimal das Genick gebrochen, es ist ein schwindelndes Unternehmen, aus der Schnecke heraus zu treten, ich kenne sie dort aus dem Risse und kann ihn nur selten ansehen." "Besonders, wenn die Mauer so vom Winde bebt", antwortete der Maler, "da ist das Heraustreten nicht recht praktikabel, die Stufen waren auch glatt vom Regen und ein Mensch, der keine Praktik in solchen Klettereien hat, meint schon in den Schnecken, er konne wohl ausgleiten und durch die mannshohen Nasenlocher der Steinhaube, die wie eine Brusseler Spitze gelochert ist, hindurch fallen." "Racker", schrie Berthold auf und fasste den Maler am Kragen, "sprichst du noch ein Wort von der Schwindelei, so bin ich des Todes: was wurde aus dem Wagehals, was wurde aus dem Baumeister, sag's mit einem Worte!" "Impossibile", sagte der Maler kalt, "mit einem Worte kann ich mich nicht exprimieren; Ihr musst einen Arzt gebrauchen, ich erzahle Euch kein Wort mehr von selbigem Vorgange." "Ihr sollt aber", rief Berthold, "sonst friert mir alles Blut in den Adern." "Nun", antwortete der Maler, "auf Eure Gefahr; als der Galgenvogel den einen Fuss hinaussetzte, zischte ein Blitzstrahl an ihm vorbei auf die grosse Glocke nieder, dass diese ganz fein aufschrie, da kriegte sein Cranium auch eine Erderschutterung, er ging sacht zuruck, als ob er's nicht gewesen ware, und wieder schmetterte ein Blitz hinter ihm auf das Bleidach zwischen beiden Turmen. Da ging mir schon der Regen durchs Hemde, ich zog mich zuruck wegen meines Zipperleins und habe erst am andern Tage gehort, der bewusste hochadlige Galgenvogel sei von Blitzen bestandig turbieret worden, bis er sich unter dem Munster in dem Wassergewolbe, das uber den beiden Brudern steht, gefluchtet, sich auf einen Kahn gesetzt und vom Lande gegen des Kirchners Rat abgestossen habe. Der Bandit ist auch nimmermehr wieder gesehen worden, am andern Morgen schwamm sein Kahn umgekehrt und zerrissen auf dem Rheine, so dass wir erkannten, ein Arm des Rheins fliesse unterm Munster, und die Kirche musste sich einen neuen Kahn bauen lassen, um jahrlich die Gewolbe zu untersuchen." "Und der Baumeister?" fragte Berthold ruhiger. "Ja der", antwortete der Maler, "der sah am Morgen so grau aus vor dem Marienbilde, als ware er auch von Stein, doch kniete er noch lange davor und die Leute erzahlten, er sei wohl zu Asche verbrannt. Allmahlich hat ihn der Regen herunter gewaschen, es ist nichts mehr von ihm zu sehen." Berthold wurde jetzt so blass, dass der Maler einmal uber das andre rief: "Cospetto di bacco, ich habe nicht so viel Bleiweiss bei mir, ich muss immer mehr darauf streichen, und es will immer noch nicht kaseweiss werden, wie Ihr ausseht." Allmahlich erholte sich nun wieder Berthold und erzahlte dem Maler, dass er diese Kranklichkeit seit jener Zeit schon in sich trage, da er ihn als einen frischen Gesellen bei seiner Mutter gesehen. "Ihr waret rot wie ein Apfel", sagte der Maler, "habet Euch vielleicht den Pfeilen des Gottes Amors zu viel Preis gegeben." "War es nur das", antwortete Berthold, "so ware doch etwas mir geblieben, aber nein, mein Leben ist mir verkummert worden, ohne dass ich einen Genuss, oder eine hohere Absicht des Himmels darin erraten kann, das Schicksal hat mich zertreten, wie der Mensch einen Wurm, der ihm zu gering ist, als dass er seinetwegen den Fuss eine Linie weiter setzen sollte. Ihr wisst, dass ich damals meine Mutter gefunden hatte, ich fuhrte sie in den Seitenflugel, der damals allein noch stand, zu meiner Pflegemutter, um ihr die Rechte unsrer Burgerschaft gegen ihre Verfolger zu sichern. Es schien auch fur den Augenblick, als ob diese sich beruhigten, seitdem sie sich von dem Baumeister losgesagt hatte. Nun musst Ihr wissen, dass mein Pflegevater Berthold damals gefangen sass wegen einer Krankung, die wir dem neuen Turmer angetan hatten. Der Turmer war aber mit einer Seite des Turmes herabgesturzt, es fehlte also der Anklager. Ich schlich mich heimlich zum Gitter vor dem Gefangnisse des Vaters, fragte ihn, was ich tun konne, er reichte mir einen Schlussel zu seinem Schreibtisch, wo eine Anklage gegen den Burgermeister schon aufgesetzt liege, die ich einem Zunftmeister ubergeben sollte. Ich eilte nach Hause, ich las diese Anklage, es war darin unwiderleglich erwiesen, dass der hochmutige Burgermeister die Burger bei offentlichen Bauten betrogen habe. Da stand ich in grasslichem Zweifel, ob ich dem lieben Pflegevater folgen und die einzige Hoffnung meines Herzens in ihrem Vater von mir stossen und vernichten sollte. Halb tot ubergab ich endlich nach langem Kampfe diese Anklage in die rechten Hande. Es wurde eine Versammlung der Burger gehalten in den grossten Trinkstuben, ich fuhlte mich so unglucklich, wie ein Verbrecher und mochte niemand um den Ausgang befragen. Am Morgen erzahlte mir Fingerling mit grossem Triumph, der Burgermeister sei mit seiner Tochter und seinen kostbarsten Sachen entwichen weil er durch Zutrager vernommen, dass sein Betrug verraten sei und er von der Burgerschaft in Untersuchung genommen werde. Bleich und zitternd fiel ich dem erschrocknen Fingerling in die Arme, ein Blutsturz machte mir Luft, ich lag schwer darnieder und konnte mich nicht freuen, als der Vater in Ehren heimkehrte ich war krank zum Sterben, ich war so vernichtet in meinem Herzen, dass ich gern sterben wollte." "Signor", sagte der Maler, "den Kopf etwas hoher, alles ubrige schadet mir nichts, erzahlt, das belebt die Zuge." "Eine krankliche Schwache blieb mir nach der Gefahr", fuhr Berthold fort, "die beiden Mutter waren bestandig in liebevoller Sorgfalt bei meinem Bette versammelt, ich fuhlte mich zartlich geliebt, aber von der, die ich uber alles liebte, konnte mir niemand berichten, ob sie meiner Hulfe nicht dringend in der Fremde bedurfe. Der Burgermeister hatte um so mehr Grund sich zu verbergen, weil der Vogt aus seinen Papieren erfahren hatte, dass er abwechselnd mit den Kronenwachtern und mit den Stadten heimliche Verbindungen angeknupft habe, um die Stadt reichsfrei zu machen. Auch uber Apollonia hatte die Bosheit der Menschen ihr Gift verbreitet. Die Nonnen gaben ihr schuld, dass sie wegen heimlicher Liebeshandel dem Kloster entwichen sei. Auf mich haufte sich alle Qual der Stadt im Gesprache der Mutter, endlich auch noch das druckende Geschaft des Burgermeisters als der Vater Berthold mehr in der Verlegenheit, als aus Uberlegung von den Burgern dazu erwahlt war. Auf mich fiel die Arbeit ganz, als der Vater durch meine furstliche Mutter in eine zeitraubende Frommigkeit eingeweiht wurde, beide beteten Tage lang mit einander und in der Kirche. Auf mir, dem jedes Schreiben eine Anstrengung kostete, ruhte das muhsame Geschaft wahrend des Stadtekrieges.

Als der gute Vater kurz vor dem Tode meiner Mutter an seinem kleinen Hausaltare tot gefunden worden und mich der Schmerz noch mehr geschwacht hatte, erwahlte mich die Burgerschaft einmutig in seine Stelle und wahlte mir zugleich einen Stellvertreter fur alle die Geschafte, denen ich in meiner Kranklichkeit nicht vorstehen konnte." "Daruber freute sich noch gestern im Ratskeller ein alter Burger, der es vorgeschlagen", unterbrach ihn der Maler, "mit der Stadt sei es so schon vorwarts gegangen, wie mit Eurem Hause und Eurer Weberei und jedermann wisse jetzt vom Stadtlein Waiblingen in der Fremde zu ruhmen, wie von Eurem Tuche, dass es nicht besser als in Waiblingen zu finden. Aber sagt mir, habt Ihr die Mutter sterben sehen?" "Nein", antwortete Berthold, "ich war damals so krank, dass mir das Ungluck lange verschwiegen blieb." "Die Leute", meinte der Maler, "wollen sie vor einiger Zeit im Kloster gesehen haben." "Torheit des wundersuchtigen Volkchens, sie konnte keine Stunde ohne mich leben", erwiderte Berthold, "wie hatte sie mir in so vielen Jahren kein Zeichen ihres Daseins geben wollen. Ubrigens konnt Ihr denken, lag manches Schmerzliche fur sie in dem Verhaltnisse zu meiner guten lieben Mutter Hildegard, sie musste ihr die Halfte ihres teuersten Rechts auf mich abtreten, und Hildegard fuhlte oft nicht, wo sie auch jene andre Halfte tief krankte, oder an sich riss. Dieser Zwiespalt zeigte sich besonders bei neuen Heilmitteln, welche mir die eine, oder die andre zubrachte, da wollte keine zurucktreten und ich musste verschlucken und einreiben, was der Wahn von Jahrhunderten in den Kopfen der Leute an Geduldsmitteln fur Kranke zusammengebracht hat. Seht da alle Flaschen, Kruken und Schachteln Arzneimittel in diesem Schranke, die ich wahrend der Jahre ausgeleert habe, ein grassliches Kriegesheer des blassen Todes. Auch verheiraten wollten sie mich mehrmals und stritten sich daruber, mich den Schwachen, der mit seinem Polsterstuhle vermahlt ist." "Domine", sagte der Maler, "in den Flaschen, Kruken und Schachteln steckt Eure ganze Krankheit, mein Paracelsus und mein Doktor Faust aus Kindlingen, der jetzt hier ist, haben die ganze Heilkunde transfiguriert, sie atzen, schneiden, brennen, wo die andern leise uberstrichen, sie schmeissen den Pinsel gegen das Bild, wo keiner fertig malen konnte, und siehe, immer treffen sie damit den rechten Fleck, ich hole den Doktor Faust, Ihr seid gesund, Signor." Berthold lachelte uber den eifrigen kleinen Mann und sprach: "Mir hilft keiner, ich habe schon so viele von diesen Gelddieben befragt, so viel von vergeblichen Mitteln leiden mussen, dass ich seit Jahren aller vergeblichen Quacksalberei entsagte; mag sein, weil ich so seltsam entsprossen bin, dass mir die Heilkunde andrer Menschen nicht anschlagt. Seht Meister Sixt, ich tat in der Begierde nach Gesundheit noch mehr, studierte selbst die alten Bucher der Arzte, lernte von einem fluchtigen Griechen, mit Namen Laskaris, das Altgriechische, um den Hippokrates lesen zu konnen. Die Sprache ist mir ein Trost, aber die Heilmittel des alten Arztes haben mir nicht geholfen. Ich meine, dass ich fur meine inwohnende Kraft seit den heftigen Blutsturzen zu lang gewachsen bin, nur wer mich zusammendrangen konnte, der konnte mich heilen und verjungen." "Das kann Faust gewisslich", rief Sixt, "er hat mir schon so eine Geschichte erzahlt, wie er die Konfiguration eines Menschen kondensiert und konzentriert habe, um ihn von dem horrorem vacui zu heilen; ich ruf ihn, bester Herr Burgermeister."

Und ehe noch Berthold seinen Willen drein gegeben hatte, war schon Meister Sixt die Treppe hinunter und Berthold betrachtete sein eignes Bild, das schon in den wenigen Stunden unter der Hand des fixen, vielgeubten Mannes so weit vorgeschritten war, dass jedermann die Ahnlichkeit erkennen konnte. Nun hatte sich Berthold wohl schon im Spiegel mit ganzem Gesichte, auch in einem Gemalde schon so gesehen, aber ganz von der Seite, wie ihn Sixt nach seiner unwiderstehlichen Tucke genommen, hatte er sich nie erblickt. So fehlte ihm hier, was sein Bild sonst ertraglich machte, der lebendige Blick, das Friedliche und Milde des Ausdrucks im Munde und es graute ihm vor sich selbst, er meinte auf Erden nichts Grasslicheres, keinen argeren Spuk in mitternachtlicher Einbildungskraft gesehen zu haben, er hatte das Gemalde zerstoren mogen, aber noch lieber sich selbst; was auch der Tod ihm bringen mochte, so meinte er doch selbst bei der Verwesung nicht ubler weg zu kommen. Dieser heftigen Bewegung folgte die Schwache, Frau Hildegard fand ihn bleich und kraftlos auf seinem Ruhelager, als sie eintrat, ihn zum Mittagessen zu rufen.

Sie hatte ihn am Morgen so wohl nach seiner Art verlassen, dass sie uber die schnelle Anderung herzlich erschrak. Darum horte sie mit Freuden von dem Diener, als war's ein Engel, dass sich ein Arzt, Doktor Faust, ansagen lasse. Meister Sixt begleitete den Wundermann, trat aber bescheidentlich, wie ein dienendes Gestirn zuruck, als das feuerrote, dicke Gesicht des Arztes, mit weiss blondem Haar und kahler Platte ausgestattet, gleich einem Vollmond in dem Zimmer des Burgermeisters aufging. Was trug der Doktor fur ausserordentliche, rote Pluderhosen, noch nie hatte Waiblingen so etwas Faltenreiches gesehen, die Bander hingen daran so reichlich herunter wie an einem Erntekranze; zehn Ehrenketten beschwerten den schwarzen Wams, der nicht minder seltsam nach Venezianer Art geschnitten war; seine Finger waren mit unzahligen Ringen voll Grabsteine bedeckt; auch einen prachtvollen, turkischen Dolch trug der feurige Drache, einen Kranz mit Amuletten um seine Huften und sein Diener stellte einen kleinen Turm voll kunstlicher Scheiben, Zifferblatter in die Mitte der Stube, in welchem unzahlige Rader schnurrten. In solchem Aufzuge war noch kein Arzt erschienen, es war, als ob eine kleine Welt mit ihm zoge, auch war sein Wesen dermassen heroisch, dass Frau Hildegard, die sonst wohl ihren Platz zu behaupten wusste, verlegen an ihren Armen auf und niederstrich, als hatte der Beichtvater sie beim Fluchen uber ihre Magde angetroffen. Nun sprach Faust den Kranken lateinisch an, der ihm die Antwort in gleicher Sprache nicht schuldig blieb, und daran hatte Frau Hildegard ihre Freude, sie meinte immer, ihr Sohn wisse alles und noch etwas mehr. Doktor Faust berechnete nach dem Geburtstage die Konstellation an der Maschine und den Pulsschlag nach einem Perpendikel, den er schwingen liess und erklarte dem Burgermeister, er konne ohne Transfusion des Blutes nicht vierzehn Tage leben. "Aber ich habe schon dreissig Jahre so kranklich fortgelebt, warum sollen diese vierzehn Tage mehr uber mich vermogen, als dreissig Jahre?" fragte Berthold. "Die Konstellation ist zu Ende", schrie der Doktor, "es sturzt bald alles zusammen, wie an einem Gewolbe, dem der Schlussstein entnommen wird." Die Mutter erkundigte sich, was es denn eigentlich mit dieser Transfusion auf sich habe, wie sie gekocht und abgedampft werde. "Ihr Narrn", sagte Faust, "wisst ihr hier in dem Loche noch nichts von meiner neuen Heilart, mit der ich den Konig von Portugal und die Konigin von Neapel verjungt habe; durch eine grosse Saugepumpe ziehe ich das alte Blut aus den Adern des Kranken, indem ich junges, uberkraftiges Blut gleichzeitig durch ein Druckwerk in dessen Adern ergiesse; das Fass ist oft noch gut, wenn auch das Bier verdorben ist, so ist's auch mit dem Menschen; die Kunst des Arztes besteht darin, im alten Menschen einen neuen zu erbauen." "Da soll ich also wieder zum Kinde werden!" rief Berthold. "Gewissermassen", fuhr Faust fort, "fanget Ihr ein neues Leben an, wie ein Mensch sich neu und frisch fuhlt, der von einer Fussreise heimkehrt und weisse Wasche angelegt hat; dreitausend habe ich erneut und jene Muhle, in der die Alten jung werden, von der das Volk erzahlt, die Auferstehung selbst ist nur als Nachbedeutung meiner wunderbaren Kunst zu betrachten." "Ich habe sie oftmals mit grosser Admiration verifiziert gefunden!" meckerte der Maler. "Mein abgelebtes Blut will ich gern opfern", sprach Berthold, "doch niemals mocht ich einem andern sein gesundes, junges Blut fur Geld abkaufen, noch weniger mag ich tierisches Blut in meinen Adern, das ware Blutschuld, vor der mir graut." "O ha", entgegnete Faust, "es leiden und sterben eben so viele an zu starkem Blute, als andre an zu schwachem, ich gleiche aus, ich helf mit einem Kunststuck beiden und seltsam ist es, wo ich einen Schwachen finde, da treff ich immer einen Uberstarken, als ob zwei Leben eigentlich gesellt, zusammen innerlich gehorten. Gleich hier, bei Meister Sixt, liegt krank in wilder Phantasei der starke Knabe Anton, der ist des Todes Eigentum so gut wie Ihr, wenn ihm kein schwachres Blut kann eingetrichtert werden; wenn Ihr fur Euch das grosse Werk nicht wollt vollbringen, so tut es aus Erbarmen fur den schonen Knaben, dem alle Welt in Freuden aufgeht. Ihr schuttelt mit dem Kopf, Frau Hildegard, verflucht, ich gehe augenblicklich von hier und lass den lieben Sohn krepieren; seht hier mein grosses Zeugenbuch, da leset, wie ich in Spanien, Frankreich und in Rom geehrt, hier sind sie alle abgemalt, wie meine Kranken vor der Kur und nach der Heilung ausgesehn, seht diese Bleichheit, Magerkeit und hier die feisten Wangen, den dicken Wanst voll wohlgefullter Bratwurste, wie der so ritterlich turniert, der dort vom grossen Stuhl sich nicht erheben konnte." "Hier meine Hand", rief Berthold mutig, "ich wag's, nichts halt mich ab und eine Kette reiche ich Euch zum Lohne, wenn ich ein Ross zum erstenmal besteige, schwerer als irgend ein Konig sie Euch verehrte." "Ich nehme den Lohn an", sagte Faust, "aber der Ruhm, das Gluck, welches ich verbreite, ist meine Hauptsache, mein deutsches Vaterland strahlt durch mich bis zu den Saulen Herkulis." Frau Hildegard staunte ihn glaubig an und kusste ihm die reich beringte Hand, fur die Wohltat, die er ihrem Sohne erweisen wolle, und Faust hob das Kinn und zog die Falten der Stirn zur kahlen Platte hinauf, als ginge ein neuer Vorhang zur Freude der Menschen auf, dann befahl er Meister Sixt, den kranken Anton herzufuhren.

Wahrend Meister Sixt fortwippte, trat ein Diener mit Flaschen und kalten Speisen zum Fruhstock ein und der alte Fingerling, der bei seiner unermudlichen Tatigkeit unersattlichen und doch nutzlosen Hunger hatte, zog dem Geruche nach. Der machte Augen uber den Wundermann, glaubte ihn schon langst gesehen zu haben und wusste nicht wo, meinte aber, er habe einmal in Bopfingen einen bosen Gesellen hinrichten sehen durch den Strang, der habe ihm auf ein Haar geglichen, der sei wegen eines Bunds mit dem Teufel verrufen gewesen, habe auch den Leuten die Kopfe abgehauen und wieder anheilen konnen, doch einstmals zweie mit einander verwechselt, woraus grosser Prozess entstanden. Faust schnalzte verachtlich mit der Zunge und sprach: "Das sind Kleinigkeiten, ich habe schon mehr erlebt, ich habe alles versucht und das Hangen war nicht die schlechteste meiner Erfahrungen, es kommt nur darauf an, den Hals zu schutzen und dass man zur rechten Zeit abgeschnitten wird, ich habe dabei sehr viel uber den Zusammenhang zwischen Kopf und Herz gelernt und dies Mittel schon mehrmals mit Erfolg angewendet." Fingerling sass da wie erstarrt, so ein Mensch war ihm nicht vorgekommen, er konnte kein Wort vorbringen und zog sich ohne den Rucken ihm zuzukehren, allmahlich zur Ture zuruck, wo er auf Sixt und dessen dicken Sohn Anton fiel, die leise eintraten. Berthold und Frau Hildegard schamten sich zu erklaren, was das alles bedeute, aber sie fuhlten sich immer mehr von Fausts Allmacht bezwungen, sie wagten nicht zu widersprechen. "Welch ein prachtiger Knabe", rief Berthold dem Anton entgegen, "aber seine Augen gluhen und seine feurigen Wangen glanzen, seine Worte irren und seine Arme winden sich jammervoll, er fasst an sein Haupt, es schmerzt ihm, und wenn ich sturbe und hatte dem Knaben das Leben gerettet, es sollte mir nicht leid sein." Doktor Faust legte aber schnell seine Ehrenketten und sein Wams, seine Ringe und seinen Spitzenkragen ab, setzte eine grosse Brille auf die Nase, streifte sein Hemde auf, dass seine Muskeln wie Mause unter der Haut spielten, als er die Pumpe nun aus dem Planetenkasten hervorhob und in Bewegung brachte, sie nach der einen Seite an Bertholds Arm, nach der andern auf des betrubten Antons rechten Arm anbrachte. Nun offnete er mit einem Schnepper die Adern der beiden, wies Sixt und Fingerling an, wo sie das Tretrad der Pumpe bewegen sollten; Frau Hildegard wollte beten, er schlug ihr aber auf den Mund und arbeitete wie ein Rasender, indem er nach allem zugleich sah; Fingerling meinte, er habe doppelte Augapfel in diesen Minuten gezeigt. Die Hitze des Zimmers mehrte sich so schnell, dass die befrornen Fensterscheiben einen Regen herabtropften und den Lichtstrahlen freien Durchzug, als ob sie auch neugierig wurden, gestatteten. Frau Hildegard bemerkte zuerst, wie der Knabe aus der dumpfen Fieberhitze erwacht, frohlich zum Fenster blicke und von den bunten Wappen in denselben spreche, wahr und richtig wie ein verstandiger Sinn sich ausdruckt; dann sah sie mit noch grosserer Freude, wie sich die Wangen Bertholds mit dem edlen Lichte des starken Blutes fullten, wie er kraftiger atme und seine Arme unwillkurlich versuche, wie ein erstarrter Vogel die angefrornen Flugel.

Endlich schlug eine Glocke unter der Pumpe, Faust loste die saugenden Schlauche von den Armen der Kranken, verband die geschlagenen Aderwunden, legte die Kranken bequem auf die wohlgepolsterten Banke, die um das Zimmer liefen, trocknete sich die Stirn, zog aus seiner Tasche eine glaserne Flote und blies so sanft traumend hinein, dass beide Kranke in einen festen Schlummer fielen, auch Frau Hildegard, Fingerling und Sixt sich nur mit Muhe des sussen Schlafs erwehrten. Aber im Augenblicke drangen zwei Arbeiter mit Feuergeschrei ins Zimmer, der Schornstein strecke eine feurige Zunge gen Himmel. Faust, Sixt und Fingerling, auch Frau Hildegard liefen mit den Leuten fort, so blieben die beiden Kranken allein mit den seltsamen Maschinen und Gemalden.

Berthold wachte zuerst aus dem Schlafe auf und konnte sich nicht gleich erinnern, was mit ihm vorgegangen; er hatte ein Gefuhl so frisch wie damals, als sich ihm der Schatz in der Nacht gezeigt hatte, den er auch jetzt wieder erwartete. Da fand er den Knaben Anton und blickte ihn wie einen Segen des Himmels, wie einen Schatz an, er fuhlte ein lebendiges Wohlwollen gegen ihn, als gehorte er zu ihm, es ging ihm durchs Herz, er musse ihn an Kindesstatt annehmen, dem er so viel danke, ja er meinte, einige Ahnlichkeit im Knaben mit seinem Bilde, das daneben stand, wahrzunehmen, obgleich jener viel starker an Muskeln und Knochen, gewaltsamer im Ausdruck, kraushaarig und dreiahrig aus grossem Uberfluss der Natur entsprossen zu sein schien. Er weckte ihn mit sanftem Streicheln seiner Wangen, der junge Bullenbeisser wachte brummend auf, sprang heftig empor, sah sich um, rieb sich die Augen und setzte sich heisshungrig zu dem Fruhstuck, das Faust auf dem mit herrlichem Teppich bedeckten, runden, geschweiften Tische, den Adler trugen, hatte stehen lassen. "Im Himmel ist gut Leben", sagte der Knabe mit tiefer Stimme, dass die Balken brummten, "und Ihr seid ein recht braver Herr Gott, wie haben mich die Teufel im Fegfeuer mit Hunger und Durst geplagt." Ehe der Burgermeister noch antwortete, weil er in stillem Vergnugen den derben, lebenslustigen Bengel beschaute, traten Faust und die Mutter mit Sixt ein, und riefen: "Das Feuer ist geloscht." "Recht so", sagte der Knabe, "nun will ich auch meinen Durst loschen", und leerte die irdene, mit Ritterbildern erhaben und bunt uberglaste Ehrenkanne. Meister Sixt trieb ihn aber unsanft von dem himmlischen Mahle und der Junge sagte: "Wenn Er mit in den Himmel gekommen ist, so wird es schmale Bissen geben und mein ganzer Spass ist zu Ende." "Hort Meister", sprach Berthold, "uber den Knaben will ich Euch einen Vorschlag machen, jetzt muss ich zuerst unserm Retter, Erhalter, dem hochverehrten Faust danken, indem ich ihm die versprochne Kette umhange." "Gebt her den Quark", antwortete Faust, "ich will sie als ein Angedenken schatzen, sonst kann ich mir Gold genug machen und feineres, als der Bergmann scheidet, ich werde nur freilich etwas stark, die chemische Arbeit macht mir Muhe. Ubrigens Herr, ich rate, Ihr wollt den Jungen haben, den lasse ich Euch nicht, ich brauch einen zum Krautersammeln und zum Stehlen der Leichen, wenn ich meine anatomischen Untersuchungen fortsetze." "Ich hatte ihn an Kindesstatt angenommen", sagte Berthold, "aber ich mochte nicht gern Eure unzahligen Menschen wohltatige Versuche storen." Meister Sixt aber trat zwischen und sagte: "Mit aller Devotion, die ich gegen beide Signorias habe, kann doch aus Dero wohlwollenden Desseins nichts werden, da gedachter Jovane mir von hoher Hand anvertraut ist, ich denselben auch zum Farbenreiben wegen seiner Force wohl applizieren kann so ist es mir nicht moglich, Euch mit demselben ein Prasent zu machen." "Wenn Ihr mir den Jungen nicht uberlasst", sagte Faust grimmig, "so schicke ich Euch zehn schwere Krankheiten uber den Hals, Ihr sollt zugleich an Schwind und Windsucht, an Heiss- und Wassersucht leiden." Da stellte sich der Knabe Anton mit drohender Faust vor den Doktor und rief: "Noch ein Wort, du alter Zauberer, so schlage ich dir die Zahne ein." "Das ist ein boser Bube", sagte Frau Hildegard, "den leide ich nicht im Hause, geht ihr Herren, mein Sohn muss sich noch ausruhen." "Ihr habt recht", sprach Faust, packte seinen grossen Kasten auf Antons Schultern, "den kleinen Bosewicht will ich mir schon zahmen!" So scheltend zogen die dreie fort und jetzt erst konnte die Mutter den Sohn recht herzlich kussen und ausfragen "Wie ist dir jetzt? Wie war dir? Glaubst du dich gesund? Wird das lange dauern? Ach ich habe kein Zutrauen zu dem grimmigen Doktor; er hatte so etwas Entsetzliches, als er den Knaben forderte, als ware er ein Teufel, der die Seele zum Lohn nimmt, wer weiss, was er noch von dir fordert?" Aber Berthold wurde wieder mude, verschlief noch den Tag und wachte erst am Abend auf, beruhigte aber die besorgte Mutter gleich mit dem Ausruf: "Ich fuhle grundlichen Schlaf, wie einen kraftigen Wein in allen Adern, mir war's im Traume, als erhielte ich mit jedem Augenblicke erfreuliche Nachricht uber etwas, was mich lange bekummert, auch kam es mir vor, als gingen die Uhren ruckwarts, so wendeten sich auch die Jahreszeiten in umgekehrter Ordnung um mich her; ich sah schone Frauen mit Anteil und auch der Schmerz um Apollonien hatte sich gemindert; ich fuhle, dass ich ganz gesund werde, dass meine spateren Jahre fur alles Versaumte mich schadlos halten; geben wir Gott die Ehre, aber wir sind dem Faust grossen Dank schuldig!" Die Mutter war so innig erfreut uber seine veranderte Gesinnung, dass sie ihm wieder alle Braute mit allem, was an ihnen zu loben, im Gesprache vorfuhrte, auch horte er ihr diesmal geduldig zu und bekannte, dass eine Heirat ihn sehr glucklich machen konnte, wenn er eine zweite Apollonia auf Erden fande. "Sieh nur um dich", sagte die Mutter, "wahle, welche du willst, es schlagt dir kein Vater seine Tochter ab, die reichsten Geschlechter haben es mir unter der Hand durch arme Witwen sagen lassen, du brauchtest nur anzuklopfen und dir wurde aufgetan; ich wusste keinen schonern Lohn fur mich, als wenn ich am Ende meiner Tage ein Kind von dir auf meinen Armen wiegen konnte."

Der Burgermeister versprach geruhrt, das Heiraten in bessere Uberlegung, als bisher, zu nehmen und Frau Hildegard ging froh von ihm und liess eine fur die Genesung des Sohnes seit lange angelobte, ewige Lampe vor dem Marienbilde am vordern Hausgiebel mit frommen Dankgebete anzunden. Die Stadt lief bei der seltsamen Erscheinung zusammen, erzahlte sich von der Heilung des guten Burgermeisters und brachte ihm unter Begleitung der kunstreichen Stadtpfeifer ein freudiges Lebehoch. Berthold war tief geruhrt durch die Teilnahme der Menge, er hatte gern zu ihnen gesprochen, aber die Mutter Hildegard wollte es aus Sorge, er mochte sich erkalten, nicht dulden. Es war auch gut, denn sonst hatte er mitten durch den Jubel das Geschrei im Ratskeller gehort, was der trunkne Faust in demselben mit allerlei Katzen und Hunden anstellte, die er unter Gotteslasterungen marterte, wie er sich mit dem alten Sixt um Anton zankte und endlich von diesem zum Keller hinausgeworfen wurde und nun auf allen vieren, weil er sich sonst nicht halten konnte, zum Spott der Knaben uber das Eis hinkroch, bis ihm einer in einer Seitengasse einen Schweinestall offnete, wo er mit seinen grunzenden Glaubensgenossen eine selige Nacht verschlief.

Zweite Geschichte

Die Reise nach Augsburg

Der Morgen war ein seliges Erwachen fur den guten Berthold, die Mutter hatte es ihm schon im Schlafe angesehen, dass er sich wohl befinde, und war gleich heiter und gesprachig. Beide dachten auf schone Gaben, die sie dem Faust verehren wollten, als die Nachricht kam, er habe sich in grossem Zorn aus der Stadt fortbegeben, nachdem er am Morgen sein Nachtlager kennen gelernt, zugleich beschuldigten ihn die Leute vieler schandlicher Laster. "Wie kann ein Wohltater der Menschen, mit der hochsten Weisheit und Gnade begabt, solch ein Saumatz sein!" seufzte Frau Hildegard. Aber Berthold, der viel in Romern und Griechen gelesen hatte, suchte ihr deutlich zu machen, wie gerade die allgemeine, wissenschaftliche Ansicht, wenn sie allein herrschend wurde, die sittlichen Grenzen des einzelnen Menschen auslosche; er sehe so Mannigfaltiges, Widersprechendes geglaubt und geehrt, dass er nur den Geist achte, in welchem alles getrieben wurde. Frau Hildegard schuttelte mit dem Kopfe und warnte Berthold gegen die Bucher, dass er es nicht auch einmal so treibe wie Faust, wenn er ganz gesund wurde.

Wirklich hatte schon Berthold am Dreikonigstage einen Lusten zum Dreikonigsschmaus beim Herrn Brix, als die beiden Tochter, die noch immer keinen Mann bekommen hatten, ihn besuchten und dazu einluden. Sie kamen ihm diesmal ganz anders vor, die frische Luft hatte ihre Gesichter angeregt und es war ihm, als ob der Glanz von Apolloniens Augen noch auf ihnen weilte. Hatten die beiden Jungfrauen durch seine Stirn sehen konnen, sie hatten diese Stimmung gewiss benutzt, denn sie waren nicht freiwillig so einsam in der Welt geblieben. Aber in ihrem ruschligen, schwatzhaften Wesen ubersahen sie alle Neuigkeiten an dem reichen Berthold, wie er heimlich der einen an den Arm fasste und die andre zu seinem Schranke hinzerrte, wo Zeichnungen von Orden, zum Dreikonigsfeste brauchbar, durchsucht wurden. Ja er schalt nicht, als ihm Babeli einigen Festkuchen auf die saubern Pergamentbilder krumelte. Schon nahm er sein Barett, als die Mutter eintrat und nach seinem Beginnen fragte. Es wurde ihr erzahlt, sie sollte auch Teil nehmen. "Auf einen Schmaus", rief die Alte, "bei allen Heiligen nein, der Schneesturm brachte dir die Krankheit in die Glieder zuruck, und heute schon so zu schwarmen, hiesse Hundshaare auf eine kaum geschlossene Wunde legen." "Mutter", sagte Berthold, "ich bin ganz gesund und was ist Gesundheit anders als der freie Gebrauch des Lebens." "Nein, nein", sagte die Mutter, "du wirst schon unartig und bist kaum ein wenig aus den Windeln, daran sind die beiden Madchen schuld; es ist gar nicht schicklich, dass sie so den jungen Leuten auf die Stube laufen." "Ich bin uber vierzig Jahre alt, liebe Mutter", sagte Berthold bedeutend. "Ach lieber Gott", riefen die Madchen, "wir sind noch alter", und trippelten mit Gelachter davon; wenn sie es recht bedacht, hatten sie lieber weinen mogen, aber sie waren druber hinaus und langst mehr auf Zerstreuung und Putz, als auf Liebesabenteuer gerichtet.

Nun fragte Berthold nach Anton, seinem Gesundheitsgenossen, aber die Mutter schimpfte heftig auf den Knaben, er habe sich nicht nur recht unbescheiden im Essen und Trinken aufgefuhrt, sondern auch die Nacht mit Faust im Keller vertrunken, sie habe deswegen schon dem alten Sixt den Kopf gewaschen und dieser habe ihn zur Strafe nach einem armen Dorfe zum Ausmalen der Kirche geschickt. Berthold wagte nicht, seinen Vorschlag laut werden zu lassen, ihn ins Haus an Kindesstatt zu nehmen.

Mit Fingerling hatte Berthold ein ganz andres Verhaltnis, jener glaubte ihm nie genug Dank fur den Reichtum abstatten zu konnen, der durch den Schatz, eigentlich durch seine Anwendung uber sie beide gekommen, er suchte Berthold an den Augen abzusehen, was ihm Freude mache. Seine Lebhaftigkeit gab ihm bei seinen weissen Haaren etwas Jugendliches, er war wie ein alter Bedienter immer in einer Art Verschworung mit Berthold gegen die Mutter. Nie hatte diese zugegeben, dass Berthold so viel Geld fur seltne Handschriften, alte Waffenstucke und andre Altertumer ausgabe, wenn sie die Preise gewusst hatte. Aber Fingerling brachte die Sachen ins Haus, als ob sie ihm von Handelsfreunden geschenkt waren, und Frau Hildegard bedauerte nur immer den Raum, den sie einnahmen, nachdem das Haus durch die Erbschaft der Grafin mit Gerat so dicht vollgestopft ware. Bertholds Wonne war der Waffensaal, den er mit Fingerling eingerichtet hatte und den nur dieser mit ihm betreten durfte. Da las er ihm vor aus den Heldenbuchern, jeder Hauptheld hatte da seine Rustung, sein eigen benanntes Schwert und der Rosengarten war eigen kunstlich mit gemachten Baumen und Blumen, welche die naturlichen ubertrafen und mit Bildern von Wachs ausgefuhrt, so dass er die Mitte des Saals einnahm, und dass die beiden alten Spielkameraden mit den Figuren zusammensetzten, was sich an Hauptbegebenheiten im Buche zutrug. Als Berthold nun mit jedem Tage an Kraft und Gesundheit zunahm, da wurde er an einem Februarsonntage gar unerwartet fur Fingerling traurig. Er konnte sich der Tranen nicht erwehren, und Fingerling musste lange in ihn dringen, ehe er ihm die Ursache sagte, endlich sprach er: "Du musst mich recht verlachen, gutes altes Herz, aber unsre Chriemhilde scheint mir nicht mehr so lebendig wie sonst, und Siegfried wird so steif und unbehulflich in seinem Wesen, dass ich lieber einmal selbst ihn vorstellen mochte. Besonders verdriesslich erscheinen mir aber unsre holzernen Pferde, kein gutes Haar ist mehr daran; ich mochte gern einmal selbst reiten, aber die Mutter darf es nicht wissen." Fingerling wollte ihn zur Ruhe ermahnen, weil sich das nicht so geheim treiben lasse, sonst sei er selbst, obgleich kein schulgerechter, doch ein geubter Reiter auf seinen Reisen geworden. Aber Berthold war nicht von der Sache abzubringen: "Ich kann mich nicht mehr beruhigen, seit ich Kraft in mir fuhle", sprach er, "ich mochte, dass mir etwas Ritterliches begegne, wie dem Siegfried, ich tue in Gedanken tausend Streiche in die Luft. Deine Liebe zu mir ist gross, aber du liebtest mich gewiss noch hoher, wenn ich erst etwas recht Ritterliches getan hatte: Ich mochte in Verzweiflung aufschreien, dass mich die Mutter von allem Reiten, Fahren, Ringen, Armbrustschiessen, Schlittschuhlaufen, wie es andre gute Gesellen der Stadt treiben, aus Furcht wegen meiner Gesundheit abgehalten hat und ich muss mich tot gramen, nun ich gesund bin, aber des Lebens und seiner Gaben nicht zu brauchen weiss." Da sah Fingerling, dass die Sache ihm ernstlich ans Herz griff, er versprach alles zu tun, um diese seine Sehnsucht zu befriedigen, schlug ihm auch vor, in einem grossen Schafstalle vor der Stadt auf dem Hofe, den Berthold kurzlich gekauft hatte, eine Reitbahn fur sie beide einzurichten, auch ein Paar gutmutige Pferde zu den ersten Versuchen aus den Ackergespannen auszusuchen. Da fiel ihm Berthold um den Hals und konnte kaum ruhen, bis die Sache ausgefuhrt war, ja er schlug vor, gleich nach dem Rathause zu gehen, wo von einem Komodienspiele, worin die Waiblinger sehr ausgezeichnet waren, ein trojanisches, holzernes Pferd stehen geblieben, um Sitz und Haltung vorlaufig zu uben. So taten auch die beiden Freunde, schutzten Geschafte vor und verschlossen sich im Rathaussaale, wo das holzerne Pferd stand. Fingerling zeigte, so gut er es wusste, wie die Zugel und der Steigbugel zum Aufsteigen gefasst sein wolle mit einem Schwunge sass Berthold oben und freute sich der Hohe. "Nun gebt die Spornen, dann geht's fort", rief Fingerling, "aber haltet die Zugel, dass es nicht durchgeht, nicht zu fest und nicht zu wenig." Auch das tat Berthold, bemerkte aber plotzlich solche Bewegung in dem Rosse, dass er die Zugel immer starker anzuhalten fur notig fand, was aber alles nicht half, denn unaufhaltsam sturzte der stolze, von der Sonne ausgetrocknete Holzbau zusammen, Berthold an die Erde, und aus dem hohlen Bauche sprang Anton schlaftrunken, sich die Augen reibend, hervor. Fingerling half erschrocken seinem lieben Berthold auf, fragte ihn sorglich, ob er sich Schaden getan, dieser aber horte nicht auf ihn, sah Anton verwundert an und sprach: "Ist mir's doch wie ein bedeutsamer Traum, dass du aus meiner verungluckten Ritterfahrt so froh hervorgehst; begegnest du mir vielleicht noch oft? Wie kommst du hieher? Du bist in der kurzen Zeit recht gewachsen?" Anton antwortete mit der Bitte, seinem Vater nichts zu sagen, er habe sich vom Lande heimlich in die Stadt geschlichen, um sich einmal bei der Ratskellerwirtin, die ihm sehr gnadig, satt zu essen, und da sei er nach Tische im trojanischen Rosse zur Ruhe ubergegangen, zugleich dankte er, dass sie ihn erweckt hatten, er musse noch sechs Meilen bis zum Dorfe zuruckgehen. Berthold schenkte ihm etwas auf den Weg und Anton eilte fort. "Wir geben das Reiten auf, nicht wahr?" fragte Fingerling. "Nein", antwortete Berthold, "ich habe gefuhlt, dass ich recht dazu geschickt bin, denn die Besonnenheit hat mich keinen Augenblick verlassen; aber dieses Vorfalls werde ich oft noch gedenken mussen."

Schon am andern Morgen hatte Fingerling alles zum Reiten auf dem Vorwerke eingerichtet. Der ehrliche alte Meier war sehr verwundert und erfreut uber die Seltsamkeit des Herrn, wusste aber in allem gut zu raten, da er in seiner Jugend ein wackerer Reitersknecht gewesen war, und auch die kunstlichen Aufzaumungen und Zugelbewegungen, samt der richtigen Anwendung des Sporns, wie es die Rennpferde verlangen, wohl verstand und sich daruber mitteilen konnte. Als nun der Burgermeister zuerst an der Leine im Kreise ritt, da meinte er sich unwiderstehlich nach einer Seite niedergezogen, aber er blieb dennoch mutig sitzen. Als er abgestiegen, fand er sich in allen Gliedern seltsam zerschlagen, aber er liess sich nichts merken, weder vor dem Freunde, noch vor der Mutter. Besonders unbequem war es ihm in den nachsten Tagen, wo er heimlich anfing, zu zweifeln, ob er zu solchen Beschwerden sich gewohnen werde. Aber der Meier machte ihm mit seinem Lobe immer frische Lust, er ruhmte seinen guten Anstand, er werde sicher ein guter Reiter werden. Bald war er seinem Gefahrten Fingerling uberlegen, auch waren ihm bald die geduldigen Ackerpferde zu gering, die Rennbahn zu enge. Es wurden ein Paar schone Rennpferde von einem verarmten Ritter gegen einige Stucke Tuch eingetauscht und nun beschlossen, durch ein feierliches Vorbeireiten das Schelten der Mutter zu besanftigen.

Demnach tat ihr Fingerling kund, dass an einem Sonntage ein fremder Ritter, der sehr viel kaufe, bei ihnen eintreffe, sie mochte ihm ein Mahl bereiten lassen. Das war alles geordnet und Frau Hildegard nur allein darum argerlich, dass ihr Sohn so lange ausbleibe, da sah sie einen stattlichen Rittermann, in voller Rustung auf hohem Ross uber den Markt traben und ging ihm feierlich an die Ture entgegen. Der Ritter liess sein Pferd kunstreich traversieren, dass sie heimlich den Ubermut des Menschengeschlechts bejammerte, auf glattem Pflaster so brotlose Kunste zu machen, dann stieg er ab, sie blickt ihm in den offnen Helm, sie stockt in ihrem Gruss, es ist ihr lieber Sohn, der Burgermeister, der ihr um den Hals fallt.

Nun erst erschrak sie uber seine Kuhnheit, furchtete, er wurde ihr in allen Dingen ausschrammen, nachdem er solche gefahrliche Kunst heimlich erlernt habe, und suchte ihn mit Scheltworten und Tranen von dieser brotlosen Kunst abzubringen. Aber Berthold hatte das alles voraus gesehen und sprach zu ihr, als er sich an den hochgeschmuckten Tisch gesetzt hatte: "Seht Mutter, so ein Mahl habt Ihr mir nie bereiten lassen, wenn ich auch den ganzen Tag zum Besten der Stadt gearbeitet hatte; so ehret Ihr selbst die brotlosen Kunste des Ritters und wollet mich gegen etwas warnen, wozu mein Blut mich bestimmte, und woran mich nur Leibesschwache so lange hinderte ich habe bisher vor Euch wie ein umgekehrtes Panzerhemde erscheinen mussen, tatenlos und gedankenvoll, den Stahl innerlich, die Polster ausserlich, meine Welt war die Vorzeit, denn was die Gegenwart brachte, konnte mich nur erschrecken, da ich sie in keiner Art zu bestreiten wusste." "Ach", seufzte Frau Hildegard, "gewiss ist der verwunschte Ehrenhalt bei dir gewesen, den ich so oft mit Geld und Gaben von dir fortgekauft habe." "Der Ehrenhalt?" fragte Berthold, "weiss ich doch nichts von dem Manne, was bringt er, was will er mit mir, ist er abgesandt von den Kronenwachtern? Seid ruhig Mutter, ich diene ihnen nicht, die Tranen der Mutter, der Tod des Vaters, auch Martins Tod, haben mich von ihnen geschieden. Meine Wunsche sind beschrankter, ich will nur als ein guter Burger gerustet und wehrhaft gegen Gefahren sein, ich will mich selbst um mein Handelsgeschaft kummern, denn unser guter Fingerling ist zwar munter, wie ein junger Geselle, aber gar alt, er soll mich in Augsburg mit unsern Handelsfreunden bekannt machen, und darum hindert mich nicht, dass ich mit ihm gen Augsburg reite, wo der ehrwurdige, ritterliche, in allen Kunsten versuchte Kaiser Maximilian einen Reichstag ausgeschrieben hat, der alle Handelsleute aus Schwaben zusammenfuhren wird." Frau Hildegard schlug in Verzweiflung die Hande uber den Kopf zusammen und rief zu Gott um Rat, wie sie sich benehmen solle, ob sie den jungen Menschen in solche gefahrliche, verfuhrerische Stadt hinziehen lassen durfe. "Die Verfuhrung ist so gross", sagte sie, "so ein junger Mensch ist zutulich und neugierig und wenn die Leute horen, dass er nicht ohne Mittel, da drangen sich alle an ihn, er wird ausgezogen und noch wohl gar verlacht."- Da trat Fingerling mit kluger Rede zwischen, versprach die Fahrt mitzumachen, den Herrn Burgermeister wie seinen Augapfel zu bewachen, versicherte, die Reise sei notwendig, weil sonst alle Webstuhle still standen, und trank auf die gluckliche Heimkehr. So war die Erlaubnis zur Reise der sorglichen Mutter uber den Kopf weggenommen.

Als die Zeit nahete, verwunderte sie sich, dass sie es erlaubt habe, dennoch sorgte sie fleissig fur das Reisegerat und packte ausser der Wasche eine ganze Apotheke und eine halbe Kuche in die Mantelsacke, und konnte immer noch nicht mit ihren Anstalten fertig werden, nachdem schon Maximilian mit seinem prachtvollen Einzuge fertig geworden war. Endlich war der Ritt angeordnet, der Burgermeister hatte einem Ratmann die Geschafte ubertragen, der Buchhalter sorgte fur das Haus, die Pferde standen bepackt vor dem Hause, dennoch liess sich Frau Hildegard nicht abhalten, dem Sohne noch einmal alle Warnungen einzupragen, die sie in der ganzen Zeit gesammelt hatte, und zum Schluss suchte sie ihn noch mit der Ahndung zu ruhren, als ob sie ihn nicht wieder sahe. Obgleich er diese Ahndung schon oft gehort hatte, so beschwerte sie doch sein Herz und er ritt die erste Strecke gar nachdenkend in seinem Reisemantel. Endlich wurde es ihm leichter ums Herz, er genoss der ersten Freiheit seines Lebens, und der keusche Fruhling blickte mit tausend Bluten, wie mit neugierigen Augen in die geheime Sehnsucht, die ihm seit der Genesung jedes artige Jungferchen zu einer Apollonia erhob, dass er jede ehrfurchtsvoll, aber oft anblicken musste. Die Gesundheit hatte das Samenkorn, das bis dahin in ihm wie im Sarge geruhet, schnell zum Keimen gebracht, es sprengte das Steingewolbe, das ihn bisher umgab; er war, er fuhlte sich frei und zu etwas bestimmt. Und wie herrlich glanzte ihm das Schwabenland, uberall Zuge von Reisenden; hier Kaufleute, die neben ihren Frachtwagen einhergingen, dort Landsknechte, die einen Hauptmann suchten; Pilger, die zu dem wundertatigen Bilde der schonen Maria in Regensburg zogen und Frauen und Manner, wie sie gingen und standen, mit ihrem Gesange fortrissen, denn es war das erste Bild unter den Deutschen, in welchem die geheime Gewalt des Heiligen mit der offenkundigen der Schonheit verbunden war. Hatte Fingerling nicht Einspruch getan, der gute Berthold ware mit zu dem Bilde gezogen, aber der lebendige Trieb nach lebendiger Schonheit wuchs in dieser Annaherung.

In reger Geistestatigkeit, von allem angesprochen, doch ohne sonderbare Reisevorfalle, kamen die beiden Reisenden in die Nahe Augsburgs, hatten schon mit einiger Beklemmung die weite Stadt mit ihren vielen Turmen von einer Anhohe uberschaut, als Kaiser Maximilian bei der Wertachbrucke, der Kurfurst Joachim von Brandenburg auf der einen Seite, auf der andern Markgraf Kasimir, der schone Verlobte, dessen hoher Braut entgegen ritten und dem Burgermeister den Weg verrannten. Aus dem Gerede der voreilenden Menschen, mehr noch aus der Ahnlichkeit mit vielen Holzschnitten erkannte Berthold den Kaiser schon in der Ferne und wurde gezwungen, ihn recht in der Nahe zu betrachten, weil er von der Menge, die nicht weichen wollte, an das Gelander der Wertachbrucke angedrangt wurde. Er freute sich, wie viel milder der Kaiser aus des hochsten Weltkunstlers Hand gekommen, als aus der Hand der Maler; der Kaiser hatte wohl recht, einmal zu sagen: "Jeder, der eine lange Nase zu pinseln weiss, meint, er habe mein Bild gemacht." Der Kaiser trug uber seinem, mit Gold eingelegten Panzer einen roten, mit grossen Perlen und grunen Edelsteinen gestickten Waffenrock, auf seinem Helme den zweikopfigen Adler, der in der Krone wie in einem Neste seine Jungen ausbrutete ein Zeichen, dass er diesmal die Nachfolge im Reiche fur seinen Sohn Karl vermitteln wollte. Er ritt ein ganz weisses Ross mit leibfarbenen Nustern und Augenwinkeln in goldnem Zaumzeuge, ein Pantherfell seine Satteldekke, das mit schweren, goldnen, betroddelten Gitterbandern um den Leib des Pferdes angezogen war. Der Kurfurst Joachim war dagegen einfach in einem Marderpelz gekleidet, sein Ross war schon, aber etwas scheu, so dass er sich manchmal von der Seite des Kaisers abwandte. Der Brautigam, Herr Kasimir, liess sich in einem leibfarbenen, seidenen, mit Hermelin aufgeschlagenen, mit Silber gesticktem kurzen Mantel sehen, einen grunen Kranz auf dem Haupte, aber seine Schonheit, seine Freudigkeit war sein bester Kranz, so dass ihm jeder die schone Braut gonnte, der das unzahlige Volk, wogegen alle Hartschierer zu schwach, mit Freudengeschrei entgegen jauchzte, sie recht in der Nahe zu sehen.

Sie war in ihrem Wagen so nahe an Berthold gedrangt, dass er wie einer der Fursten zu ihrer Begrussung entgegen geritten schien. Er sah die steigende Rote ihrer Wangen unter dem Kranze von Edelsteinen; das Klopfen ihres Herzens bebte in dem Blumenstrausse, der auf der reichen Silberwoge ihres Busens unterzusinken schien. Berthold horte deutlich, dass sie nach Herrn Kasimir fragte, den sie bis dahin nur im Bilde gesehen, das auf ihrem Herzen an goldner Kette hing, und Berthold meinte, sie frage ihn und zeigte nach der andern Seite des Wagens, der nach beiden Seiten offen, nur oben mit goldnem Teppich gedeckt war. "Auf der andern Seite wartet seine Hoheit!" sprach er; er wusste es genau, denn ein Nachbar hatte es ihm kurz vorher erzahlt. "Dank, Dank, Ihre kurfurstliche Liebden", sagte die Braut, Fraulein Susanna von Bayern, die ihn fur den Kurfursten Joachim hielt und sich jetzt an der Schonheit Kasimirs weidete, indem sie bescheiden die Augen mit einem Wadel von Pfauenfedern deckte. Der Brautigam beugte vor ihr ein Knie, nachdem er vom Pferde gestiegen, die Braut reichte ihm den Mund, dann lockte sie der Kaiser auseinander, indem er in den Wagen stieg und ihnen sagte, sie wurden einander noch lange genug sehen, auch sprach er: "Nicht wahr, liebe Tochter, wir haben gut gewahlt, wir gedenken heut bei euch beiden, dass wir auch einmal jung waren und freiten, und in der Welt wie in einem Baum voll reifer Kirschen gegen die Sonne gedeckt zu sitzen glaubten, aber die Kirschenzeit ist kurz, am Ende beisst man mit stumpfen Zahnen die Kerne auf, die man erst weggeworfen, und die Jahre vergehen wie die Tage, sonst war mir die Sonne zu warm und jetzt zu kalt." Er winkte zum Fortfahren und die schone Braut reichte Berthold die Hand, als einem Verwandten, dem sie sich freute verbunden zu sein. Der Kaiser blickte sie befremdet an und fragte: "Ware dies wohl einer meiner lieben Vettern aus Bayern, den ich noch nicht kenne?" "Ich meine, es sei Herr Joachim, kurfurstliche Gnaden von Brandenburg, unser kunftiger lieber Herr Vetter!" "Wir irren, liebe Tochter", antwortete der Kaiser, "dort reiten Seine Liebden von Brandenburg. Wer seid Ihr, guter Herr?" fragte er Berthold. Und Berthold antwortete noch freundlicher, von dem Handedruck erwarmt: "Der glucklichste Burgermeister aus Waiblingen." "Nun du ehrlicher Schwabe", sprach Maximilian, "Gott segne dir den Handedruck meiner schonen Schwestertochter bei deiner Frau!"

In dem Augenblicke bewegte sich der Wagen fort und Berthold versank in ein stummes Nachsehen, nicht allein, weil er gewunscht hatte, der Augenblick mochte immer und ewig wahren, sondern auch, weil es ihn recht krankte, dass er noch keine Frau besitze. Aber kaum waren die sechs Prachtwagen, die dreihundert bayrischen Ritter mit ihren Reisigen und Trabanten voruber, so riss der unglaubliche Volksstrom den Burgermeister aus den Gedanken und mit sich fort nach dem Felde an der Stadt. Jedermann wollte der Trauung in der Ulrichskirche beiwohnen, nur Berthold wusste nichts von der Ursache dieser Eile und widersetzte sich dem Drange, um Fingerling zu erwarten, der unbemerkt schon fruher von ihm fortgetrieben war. Den Fussgangern widerstand er auf seinem starken Rennpferde, aber die Reiter, die nachfolgten, zogen ihn unwiderstehlich dem Tore zu, umsonst lavierte er von einer Seite zur andern, wie ein Schiff, das mit halbem Winde fahrt, die Volksmenge trieb ihn fort, wie ein hoheres Geschick. Am Tore stieg der Drang aufs hochste, denn die kaiserlichen Trabanten hinderten den Eintritt, damit Julia Peutinger, das geehrte vierzehnjahrige Kind des Stadtschreibers, ihre lateinische Rede an der Spitze vieler hundert weiss gekleideter Jungfrauen Augsburgs ungestort vor der Braut halten konnte. Kaum war die Rede geendet, das Kind im Wagen der Braut aufgenommen, die vornehmsten Jungfrauen in die nachsten Hauser zur Sicherheit gebracht, wahrend der Brautzug hereinfuhr, so schloss sich das Tor mit vieler Gewalt und die neugierige Menge war wie ein Feind ausgeschlossen. Gleich verbreitete sich der gute Rat unter dieser Menge, ans nachste Tor zu eilen, um dort noch zur Kirche zu gelangen. Da war aber grosse Eile wegen des Umweges notig und um so arger wuchs das Gedrange, Reiter sturzten, Wagen warfen um, niemand kummerte sich darum, am schlimmsten ward einer Schar der weiss bekleideten Jungfrauen mitgespielt, die nicht Zeit gehabt hatten, sich in die Stadt zu fluchten; auf ihren weissen Kleidern war der Schmutz der bespritzten Wagen und stampfenden Rosse deutlicher zu erkennen, als auf den dunkelfarbigen oder bunten Manteln. Wahrend der Donner des Geschutzes von den Wallen die ubrige Menge immer wilder nach der Mitte des Festes hintrieb, fand Berthold sich immer lebhafter von Mitleid gegen die Verungluckten hingezogen, die um ihre Hoffnungen betrogen, Schmerz statt Lust eingetauscht hatten; dort hob er einen Gesturzten aufs Pferd, hier half er einem Wagen aus dem Graben heraus, und sah sich dabei nach Fingerling, aber vergebens um. Bei dieser Geschaftigkeit hatten sich die Leute verlaufen, es wurde ihm tausend Segen gewunscht, aber die Trauung war inzwischen voruber gegangen, das bezeichnete der neue Donner des Geschutzes von den Wallen, wie ihm einer mit Bedauern sagte.

Verdriesslich, seinen Freund nicht finden zu konnen, der in seinem Mantelsack alle Empfehlungsbriefe an Handelsfreunde trug, noch verdriesslicher, dass an ein Unterkommen in Wirtshausern, wie ihm jeder versicherte, jetzt gar nicht zu denken, liess er sein Pferd langsam den Fussstapfen der Menschen nach dem andern Tore hin folgen. Schluchzend, weil sie sich einsam glaubte, ging da eine hohe Jungfrau von kraftigem Wuchse, und besah mit Trauern ihr Kleid, an welchem die eine Seite ganz zerrissen und beschmutzt wie eine Trauerfahne erschien. Berthold fuhlte sich vom Mitleide hingezogen, er liess sein Pferd etwas schneller gehen, dass er fast an ihr vorbeigeritten ware, wenn ihn nicht die schonen blauen Augen festgehalten hatten, die gleich Vergissmeinnicht am Bache ihre aussersten Blatter eintauchten und mit Tropfen fullten, ehe sie ihm, beschamt gesehen zu sein, die langen, vierfachen Flechten des dichten, gelbbraunen, sanft gekrausten Haares zugewendet hatte. Jetzt konnte er so recht mit mussiger Lust beschauen die Wolbung des Nackens, die breiten Schultern die schlanken Huften, die weissen, runden Arme, vielleicht zum erstenmal der Sonne entblosst, wahrend die Hande von ihren Strahlen gebraunt waren, die zierlichen Fusse mit hohem Spann, den edlen Gang in der Bewegung aller Falten, die gleichsam von einem edlen Tanze widerhallten. Noch sass der Kranz von mancherlei Feldblumen freudenstolz auf dem Haupte der Betrubten, deren Angesicht sich in dem Rosenbusch versteckte, welcher die Mitte des keusch geteilten Busens bezeichnete. Da war kein Mangel, kein Uberfluss, sondern in dem Ebenmass ein rechtes Bild menschlicher Zufriedenheit, alles schien an der hohen Jungfrau fest und beweglich zugleich, nirgends Zwang, alles eine schone Gewohnheit der verhaltnisreichen Gestalt. Er hatte so gern ihr Antlitz gesehen und besann sich auf eine Frage, aber er fand keine, so ritt er stumm an ihrer Seite, wendete sich zu ihr und wieder von ihr ab, wie eine Wetterfahne bei streitendem Winde, denn Apollonia fiel ihm ein, aber so blass wie der Mond am Tage gegen diese neue Sonne seines Lebens. Er hatte weinen mogen mit ihr und musste sich freuen, denn alles lebte in ihm mit Freude an der Welt, in solchen Augenblicken der Bestimmung zeigt sich Gott in der Herrlichkeit seiner Welt, wie auf dem Throne, jedem nach seinem Masse. So kam wie eine hohere Gabe ein Zutrauen in Bertholds Seele, dass er mit ernster Stimme zu der Jungfrau sprach: "Ich kann Euch gewiss helfen!" Sie sah ihn an, schuttelte mit dem Kopfe und sprach mit Schluchzen, das gegen ihren Willen wieder ausbrach: "Kein Mensch kann mir helfen, die Leute haben mir im Gedrange das Kleid zerrissen, was fange ich an, wir haben es zum heutigen Tage geliehen!" Bei diesen Worten sah sie von neuem den grossen Riss und musste wieder weinen und jammerte uber die Schlage, die sie von der Mutter erhalten wurde, obgleich sie keine Schuld bei dem Unfall hatte, es musse einer im Gedrange mit der Degenschnalle eingehakt sein. Berthold versprach die Mutter zu besanftigen, er werde ihr den Drang und die Not am Tore berichten. "Ihr kennt sie nicht", sagte das Madchen, "auch hatte sie mir alles voraus gesagt, aber meine Lust, die furstliche Braut zu sehen, war allzu gross, und dass ich sie gesehen habe, ist mein einziger Trost bei dem Ungluck!" Und nun erzahlte sie von dem Einzuge und schien ihr Ungluck etwas zu vergessen, bis sie an Hauser kamen und sie dem Burgermeister das niedrige Dach ihres Hauses zeigte, da wollte sie in Angst keinen Schritt weiter tun, sondern sich hinter dem steinernen Brunnenbecken verstecken.

Berthold fasste seinen Entschluss, ritt voran nach dem Hause und bat die Jungfrau langsam nachzukommen, indem er sich den Namen der Mutter, welche Frau Zahringer hiess, von ihr sagen liess. Er klopfte an das Haus und horte sie im Hause schelten, wer sie schon wieder storen wolle; gleich trat auch eine rustige Frau heraus, etwas stark, doch ohne davon beschwert zu sein und vom Ansehn jugendlicher, als sich bei einer erwachsenen Tochter vermuten liess. Sie hatte wahrscheinlich am Webstuhle gesessen, denn sie hielt noch ein Schiff in Handen und fragte mit Ungeduld, was Berthold wolle. Das Ansehen, die Stimme noch mehr erinnerten Berthold an etwas Bekanntes, inzwischen achtete er nicht darauf, sondern brachte seine Entschuldigung der langsam sich annahernden Tochter in der Art vor, er sei beim Einzuge auf die Tochter gedrangt worden, und habe ihr ohne bosen Willen mit seinem Sporn das Kleid zerrissen, er biete ihr einen Gulden zur Suhne und diesen Gulden reichte er ihr zugleich dar. Der Anblick des Geldstucks loschte alle Zornglut der Mutter, sie schalt die Tochter, dass sie sich nicht mehr in acht genommen, sie sagte Berthold, dass er nicht hatte reiten sollen, wenn er sein Pferd nicht zu fuhren verstehe, endlich versicherte sie aber doch, weil er sie so hoflich angesprochen, wolle sie diesmal nicht schmalen, doch sei es zu viel, was er ihr biete, sie wolle das Stuck verwechseln lassen und ihm das zuviel herausgeben. "Vielleicht brauchet Ihr mir nichts wieder zu geben", sprach Berthold darauf, "wenn Ihr eine Bitte von mir erfullen konntet, mich fur heute in Eurem Hause zu beherbergen, die Wirtshauser sind gefullt und alle Empfehlungen an Handelsfreunde hat ein Freund von mir bei sich, den ich im Gedrange aus den Augen verloren habe." Die Mutter sah ihn bedenklich an und mass ihn vom Kopf bis zum Fusse. "Ich glaube Euch wohl", sprach sie, "dass Ihr in der Stadt kein Unterkommen finden wurdet, waren doch schon gestern alle Herbergen besetzt, aber ich kann Euch nicht ins Herz sehen, was Ihr fur einer seid, und in dieser Zeit ist jeder auf seiner Hut; es schwarmt viel loses Gesindel umher und wir wohnen hier einsam." "Liebe Mutter", sagte die Jungfrau, "er meint es gewiss ehrlich, was hatte ihn sonst bewogen, meinen Schaden auf sich zu nehmen." "Ich habe kein Haus, das sich zum Herbergen fur Mann und Ross eignet", sagte die Mutter. "Im Stall ist wohl noch Platz", sagte die Tochter, "so auch in der Giebelstube." "Aber wer seid Ihr?" fragte die Mutter. "Ich bin Berthold, der Burgermeister aus Waiblingen."- Bei diesen Worten sah die Mutter ihn genauer an, indem sie die Hand gegen die Sonnenblendung richtete, schwieg einige Augenblicke und sprach: "Tretet ein, es sollte nun einmal so sein, seid willkommen, Anna soll fur Euer Ross sorgen, ich kann mich schon schutzen gegen Euch, wenn Ihr etwas Ubles wollt." Berthold dankte, aber er gab nicht zu, dass die Tochter sein Pferd fuhrte, er selbst fuhrte es, sattelte es ab, hatte noch etwas Futter bei sich und fullte ihm die Krippe. Dann ging er mit dem Felleisen ins Haus, wurde in das reinliche Wohnzimmer gefuhrt, wo zwei Leinenwebstuhle standen. Er beschaute in der Verlegenheit die kleinen Bilder an der Wand und fand ein Bild von Waiblingen in deren Mitte befestigt. Die Mutter antwortete nicht auf seine Frage, wie sie zu dem Bilde gekommen, sie schien beschaftigt. Bald rief sie ihn zum gedeckten Tische, wo ihm die Tochter mit ihren runden Armen, die gleichsam mit weissen Haaren bestaubt waren, einen guten Hirsenbrei aufsetzte und eine holzerne Kanne mit Bier dabei hinstellte und ihn zum Essen notigte, nachdem die Mutter den Segen daruber gesprochen hatte.

Dritte Geschichte

Der Becher

Das kleine Mahl war langst verzehrt und noch immer wurde von den Merkwurdigkeiten des Reichstags und von den Festlichkeiten, welche die Vermahlung feiern sollten, gesprochen. Die Jungfrau Anna konnte ihre Vorliebe fur die ritterlichen Spiele, fur das Gesellenstechen, das am andern Tage gegeben werden sollte, nicht verbergen, obgleich sie nie etwas der Art gesehen und eben so wenig von dem Wesen dieser Spiele gehort hatte. Da fuhlte sich Berthold recht im Mittelpunkte seiner Kenntnisse, Tage lang hatte er an einzelnen kunstreichen Stucken, die von den Stechen erzahlt wurden, spekuliert, sie zu zeichnen sich bemuht, auch alle Gesetze und Gewohnheiten der Turniere mit seinem Freunde Ruxner gemeinschaftlich gesammelt, sein Gedachtnis bewahrte ihm jedes beruhmte Turnier und die Namen derer, welche Preise gewonnen hatten. Er unterrichtete die Frauen von dem hohen Altertume der Kampfspiele unter den Deutschen, die nicht wie bei andern Volkern der alten Welt als ein mussiges Schauspiel fur die grossere Menschenzahl, sondern als eine allgemeine Belustigung aller ritterlichen Manner geachtet wurden, bei welcher nur Frauen als Zuschauer zu beachten waren. "Vor allem war das Rennen mit Spiessen immerdar hochgeehrt", sagte er, "und der grosse Kaiser Heinrich der Vogler hat zuerst einen grossen Reichsverein darin gestiftet, den Adel gegen Verwilderung zu schutzen und ihn dem ubrigen Volke als Vorbild aufzustellen. Wer gegen den christlichen Glauben Untreue erwiesen, gegen des Reiches Beste gefrevelt, Frauen entehrt, die Ehe gebrochen hatte, wer meineidig und siegelbruchig erkannt, wer feldfluchtig erfunden aus Feigheit oder Verrat, wer gemordet, wer Kirchen, Witwen oder Waisen beraubt hatte, wer Wein oder Getreide gegen die Kriegsordnung zerstort, wer ohne Grund und Kriegsordnung befehdet und Strassenrauberei getrieben hatte, sollte sein Pferd verlieren und auf die Schranken des Turnierplatzes gesetzt werden. Diesen Gesetzen fugte Meister Philipsen, des Kaisers Schreiber noch zweie hinzu, namlich, dass auch die ausgeschlossen waren, die sich mit der Kaufmannschaft abgegeben und die ihren Adel nicht mit vier Ahnen beweisen konnten." "Bei uns hatten die Reichen dem Meister Philip die beiden letzten Gesetze nicht zugegeben", meinte Frau Zahringer, "jetzt werden die reichen Fuggers hoher geachtet, als tausend adlige Heckenreiter, die hier aussen in den Vorstadten den Juden ihre Beute verkaufen." "Meine gute Frau", sagte Berthold, "als jene Gesetze angenommen wurden, hatten sie gewiss ihren Grund, der Adel durfte sich nicht in fremdartigen Geschaften zerstreuen, der nahen Reichsfeinde gab's zu viele, auch musste er sich fur ein geschlossenes Ganze im gewissen Sinne halten, sollte er anders der Ehre sich als Opfer bringen. Demnach konnte der Kaiser wohl den Adel verleihen, aber erst die in mehreren Geschlechtern gepruften Abkommlinge erhielten das volle Recht des Adels. Darauf haben die Zunfte der reichen Stadte ahnliche Turniere bei sich eingerichtet und seit Jahren schon sind die grossen Turniere der vier deutschen Lande ins Aufschieben gekommen. So wechselt alles gar seltsam, was nicht nach der Zeit sich richten, oder die Zeit uberwaltigen kann. Statt die andern deutschen Lande, wie sie aufbluhten, in gleiche Rechte mit den fruher Geordneten einzusetzen, statt eines freundlichen Verkehrs und Zusammenhaltens mit den Stadten, trennte sich alles in herkommlichem Stolze. Wir werden noch mehr erleben, bald meinen die Bauern Fursten zu sein, geben keinem mehr eine freundliche Antwort, man braucht sie nur anzusehen, so gehen einem die groben Knollfinken zu Leibe. Der Bundschuh in der Fahne der Speyerschen Bauern im Aufruhr bezeichnete, dass sie ihn so hoch ehrten, wie eines Ritters Stiefel mit dem guldnen Sporn, dieser Aufruhr ist gewiss nicht der letzte gewesen, besonders in den geistlichen Landen, wo die Last doppelt druckt und weltlicher Prunk mit geistlichem zusammen bestritten werden soll." "Ja", sagte Frau Zahringer, "wenn ich so einen Bettelmonch aus dem Bistum sehe, wie er mir mein sauer verdientes Brot abtrotzt, um es nachher fur Wein in der Schenke zu verhandeln, da mochte ich ihm mit meinem Bundschuh gern auf die Platte schlagen und mit den Bauern rufen: Was ist das fur ein Wesen? Vor Monchen mag keiner genesen." "Sonst war alles anders", fuhr Berthold fort, "das strenge, arbeitsame Leben dieser Monche befriedigte zu Hause alle ihre Bedurfnisse und nur, wenn sie mit geistlichem Troste zu den Leidenden umher gingen, bedurften sie eines geringen Unterhalts, der kaum bemerkt wurde gegen die Fulle hoherer Unterhaltung, die ihr Wort verbreitete."

Wahrend dieses Gesprachs war die Tochter, die in der vorigen Nacht arbeitsvoll und erwartungswach nicht zum Schlafe gekommen war, auf ihrer Hand eingeschlummert, dem guten Berthold gegenuber, der mit scheuem Vergnugen auf die von Schlaf und Traum lebhaft bewegte, heftig atmende Jungfrau hinblickte, denn alles war gut an ihr, wie in der Welt nach den Schopfungstagen. "Dass dem lieben Kinde nur nicht die Hande einschlafen", sagte er endlich in Verlegenheit, "sie liegt damit an der scharfen Kante des Tisches und klemmt ihr Herz ein, es scheint ihr sehr heiss." Die Mutter nahm ein Napfchen mit Weihwasser, sprengte damit uber die Brust des Madchens, dass diese aufschreckte und rief dann, dass ihr der Segen wohl bekommen moge nach dem Schlafe. "Ich habe nicht geschlafen", sagte Anna, "ich horte noch von dem Stechen und wie der fremde Herr Burgermeister den Preis und Dank gewonnen hat, wie er ihn mir darreichte und wie ich daruber so glucklich war." Die Mutter verlachte ihre Einbildung, aber dem Burgermeister war das Blut gluhend heiss in die Stirn getreten; Anna hatte mit dem Traume die vieljahrige Sehnsucht seines Herzens zu Worte kommen lassen, der er so lange nur heimlich nachgehangt, weil sie wahrend seiner Schwache als Wahnsinn erschienen ware. Er konnte dem innern Drange, dem aussern Rufe zugleich nicht widerstehen, er musste es wieder bestatigen, dass jeder Mensch, fruher oder spater, einmal ausrasen muss, er rief, dass er beim heil'gen Georg fur die edle Jungfrau eine Lanze brechen musse, der Himmel werde es fugen, dass er den Traum wahr mache, ihr sei der Preis verehrt. Nun bedauerte er, keine seiner Rustungen mitgebracht zu haben, aber Anna erzahlte ihm von einem Waffenschmidt in der Nahe, der immer dergleichen in Vorrat zum Verleihen habe, nur die Mutter warnte ihn, sich in acht zu nehmen, es seien geschickte Stecher in Augsburg. Die Warnung befeuerte seinen Mut, jetzt erst freute er sich, Fingerling aus den Augen verloren zu haben, der hatte ihm Hindernisse in den Weg gelegt; was die Mutter einst dazu sagen wurde, brachte er aus dem Kopfe und freute sich nur, wie er fur Alma sein Leben an das Ungewohnte setze.

Schnell beurlaubte er sich von Mutter und Tochter und dachte zum Waffenschmidt gehend: Fur einen Reiter, der mehr auf dem Pferde, als auf der Erde, mehr in der Rustung, als im Schlafrock gelebt hat, ist es ein kleiner Dienst, seiner Jungfrau zu Ehren ein Rennen einzugehen, etwa nicht mehr, als wenn ich mich anheischig machte, ihr ein Liederbuchlein schon abzuschreiben; wer aber wie ich, mehr auf der vierbeinigten Bank, oder im Krankenbett, als auf dem Ross und auf der Burg gelagert war, wer wie ich, kein junger Wagehals mehr ist, wer wie ich, vieles kennt, was ihm lieb und wichtig ist, und eine warnende Mutter stets vor sich sieht, der mag sich dieses Dienstes wegen ehren, er opfert ihm alles, was ihn so lange betatigte und beengte.

So kam er an zwei Laden, deren einer mit weiblichen, reichen Tanzkleidern in Gold und Silber, der andre mit schwarzen eisernen Harnischen angefullt war, alles zur Wahl fur diese Tage, wo Tanz und Stechen mit einander wechselten, in heller Beleuchtung zum Kauf und Leihen ausgestellt. Da sah er sich erst zweifelnd nach beiden um und beide Verkaufer notigten ihn mit guten Worten einzutreten, indem er bei sich bedachte, welches von beiden, der Frauenschmuck oder die Mannerwaffen, mehr Heil und Ehre, mehr Unheil und Schande bereiteten. Er fuhlte sich stark genug, beides, Heil und Unheil zu ertragen, ging erst in den Laden mit kostbaren Tanzkleidern und wahlte eins, das nach seinen Gedanken der schonen Anna besonders gut stehen musse, liess es in eine saubre Schachtel einpacken, zahlte und trat dann zu dem Waffenschmidt. Der Meister sah ihn seltsam an, dass er zum Stechen eine Rustung begehre, denn Berthold war wohl von hohem Wuchse, aber in dem Stubensitzen und Krankeln etwas dunnlich angewachsen, obgleich er jetzt in seiner Art wohl aussah. "Es gibt hier starke Renner, glaube kaum eine Rustung Euch leihen zu konnen, die gut schliesst", sagte der Schmidt.

Somit rasselte er unter allem alten Vorrat herum, der an der Seite auf einem Haufen lag, und schrie endlich: "Gefunden, ein rechtes Prachtstuck, in alter Art mit silbernem Blumenwerk ausgelegt, etwas eingerostet zwar, aber dafur seht Ihr eine Merkwurdigkeit an ihr, die soll einem Hohenstaufen gehort haben, ich tauschte sie von einem Hohenemser Grafen ein, der dafur eine nach neuem Zuschnitt annahm, die fest gegen Buchsenkugeln." Da griff Berthold mit Eifer zu, lieh sie nicht, sondern gab gleich den geforderten Preis, zog sie an, sie passte und er gelobte heilig, seinen Ahnen keine Schande zu machen.

Rasselnd in der Rustung, die Schachtel in der Hand, wahrend ein Knabe des Schmidts ihm die Pferderustung, samt dem Speer nachtrug, trat er an die kleine Ture des lieben Hauschens, wo er nicht zu klopfen brauchte, da Anna aufmerksam am geoffneten Fenster seiner geharrt hatte. Er nahm dem Knaben alles ab und trat mit freundlichem Grusse zur Frau Zahringer, die bei hellem Lampenschein an ihrem Webstuhl arbeitete. "Sollte ich mich doch fast vor Euch furchten", sagte Frau Zahringer, "erst kamet Ihr friedlich, nun in Waffen, aber ich habe die Furcht uberstanden, habe oft wahrend des Kriegs mein kleines Haus mit den Waffen schirmen mussen und der selige Mann gab mir manchmal seine Wehr, wenn er zu mude war, hinaus zu treten und nach den Fremden zu fragen." "Ich komme wie ein Kriegsmann, der den Frieden erkaufen mochte", sagte Berthold, "seht, dieses seltsame Kleid habe ich gekauft, versucht doch Anna, ob es Euch passt; die, welcher ich es verehren werde, hat gleichen Wuchs mit Euch." "Gewiss Eure Frau?" fragte Frau Zahringer, nahm ihrer Tochter den gefalteten, hoch stehenden Kragen ab, zog ihr das Jackchen aus, dass Berthold den schonen, vollen Hals und Nacken und die sanften Umrisse des Ruckens mit selig staunendem Blicke, wie ein neu entdecktes Paradies in bekannter Gegend umspannte und die Antwort vergass. "Eure Frau kann mit dem Kleide zufrieden sein", sagte Frau Zahringer, "nie sah ich schoneren Silberbrokat, die Rosen sind recht naturlich darin gewirkt und gar kostliche Spitzen im Besatz." "Meine Frau", antwortete Berthold aus dem Traum aufschrekkend, "ich habe keine Frau, ich habe nur eine Mutter, der ich es verehren wollte." "Diese Rosen schicken sich nicht fur eine alte Frau", sagte Frau Zahringer, wahrend sie sich uber Anna innerlich freute, die einer Kaiserin gleich mit ernst frohem Angesicht in der ungewohnten Pracht auf und nieder stolzierte, als folge ihr ein ganzer Hofstaat zur Vermahlung. "Es passt mir gut", sagte Anna, "mag es Eurer Mutter eben so gut sitzen!" Mit diesen Worten legte sie es wieder ab, wie es ihm schien ohne Neid, denn auch das schonste Kleid war nicht wert, so viele kraftige Schonheit zu verstecken, die sie so wenig erkannte, als versteckte, sondern unbekummert wie bei ihrer taglichen Arbeit im knappen Leibchen sich neben dem Geharnischten an den Webstuhl setzte, wo dieser in spielender Freundlichkeit sich anstellte, als ob er auch die Weberei lernen wollte. Dabei erzahlt er, wie viele Webstuhle er beschaftige, ohne selbst etwas davon zu verstehen, und erkundigte sich nach der Gelegenheit, seinem verlornen Freunde Fingerling am andern Morgen nachzuspuren, dem er die Leitung dieses Geschafts hauptsachlich danke. Frau Zahringer versprach, sich selbst in den Gasthausern und Herbergen am andern Tage nach ihm umzusehen, denn Anna mochte sie in dem Drange nicht dahin schicken und Berthold mochte sich nicht uberall zurecht finden. Wahrend dieses Berichts nickte Anna mehrmals auf Bertholds Schulter ein, und fiel gleichsam in einen Kuss gegen seine Wange, ohne dass sie es wollte, deswegen trieb Frau Zahringer den Ritter in die Giebelstube, dass alle ihre Ruhe fanden. Welche selige Traume senkten ihren vielfarbig bluhenden Mohn uber den muden Ritter, auch Anna traumte und die Mutter auch, die lange nicht getraumt hatte.

Fruh war er auf, sein Ross tuchtig auszufuttern, das an den vielen Liebkosungen zu merken schien, es solle nach langer Abwesenheit wieder einmal die Rennbahn betreten, den Kopf stolz hob und mit den Vorderfussen arbeitete, als gehe es schon in den Schranken. Dann ging er in die nahe Kirche zur Fruhmesse, mehr in Erinnerung ritterlicher Gewohnheit, als aus Andacht, denn seine Gedanken waren ganz allein auf Anna hingerichtet und obgleich wohlgemeint, doch nicht heilig zu nennen. Ob er sie heiraten solle, ob sie ihn wolle, ob sie nicht zu jung sei, ob er ihr gleich seine Hand anbiete, ob er prufend warte, das schwirrte ihm so im Kopfe umher, dass er nicht auf eignen Rat sich verlassen wollte, sondern die Vorsehung anzusprechen beschloss, indem er eine Munze fur den Opferstock aus seinem Beutel nahm. Er hatte sich dies als Kind schon in zweifelhaften Fallen angewohnt, er warf die mit einem Kreuz auf der einen Seite bezeichnete Munze in die Hohe, fing sie in der flachen Hand auf, und war diese heilig bezeichnete Seite oben, so billigte der Himmel seinen Vorsatz. Auch diesmal erhielt er dreimal das Kreuz hinter einander, somit blieb ihm kein Zweifel, dass er um Anna bald anhalten musse. Er ging mutig heim, waffnete sich und liess sich von Anna einen Kranz auf die Lanze stecken, dann ritt er von einem gemieteten Knecht begleitet, nach dem Weinmarkte, wo die Schranken eingerichtet waren. Die Grieswartel machten ihm in dem Gedrange Platz und er ritt hinter die Seile, wo seine Waffen von den Turniervogten untersucht und untadelig gefunden wurden. Dann wurde sein Name aufgezeichnet und er in die innern Schranken gelassen. Die Pracht des Anblicks blendete ihn einen Augenblick, nie hatte er einen solchen Haufen geharnischter Reiter, so viele hochgeschmuckte Frauen beisammen gesehen. Wie kann ich da siegen dachte er bescheiden in sich; aber ich kann doch zeigen, dass ich fur Anna alles wage, so dachte er weiter. Bald ward unter den Frauen ein sturmisches Bewegen, jede suchte sich hoher zu stellen, das Stechen verkundete sich durch ein betaubendes Geschmetter aller Trompeten. Der Kaiser ritt jetzt mit geschlossenem Helme durch die Schranken, machte aber nur eine zierliche Wendung gegen Markgraf Kasimir, der ihm folgte, als ob er sagen wollte er mochte wohl, aber konne nicht stechen, und reihete sich dann mit allen Fursten und Herren, die seinem Beispiele folgten, hinter den Schranken der einen Seite. Als nun die Herren das Stechen abgelehnt hatten, so begann das Gesellenstechen, auf ein Zeichen des Ehrenhalts, nach welchem die Seile, welche die Kampfer zuruckgehalten, von den Bahndienern mit scharfem Beil zerhauen wurden. Je sechs und sechs wurden nun immer aufgerufen und ritten gegen einander. Das waren nun meist tuchtige Manner, wie sie das Handwerk bildet, aber nur wenig geschickt und ermassigt, die meisten gaben mehr auf die Derbheit des Anlaufs, als auf die Richtung und auf die Benutzung der Blosse des Gegners, so dass der Kaiser, der in allem Meister war, oft herzlich uber das Ungeschick lachen musste, wenn gewohnlich alle zusammensturzten. Die dritte Reihe berief auch Herrn Berthold in die Schranken, er empfahl sich dem Himmel und seiner Anna und weil er wirklich sein Pferd sehr gut fuhrte, sein Pferd auch sehr gut eingeritten war, er sich ausserdem die Art des Kaisers wohl gemerkt hatte, so zeichnete er sich gleich vor allen aus, die bis dahin erschienen. Es geschah bald seinetwegen Nachfrage unter den Frauen, sein Gluck aber erreichte den Gipfel, als ein Fleischer, mit Namen Kugler, in solchem Ungestum gegen ihn anrannte, dass dessen Spiess abgleitete und der Schwankende ohne grosse Gewalt von ihm abgeworfen wurde, wahrend er sich unerschuttert hielt und gegen einen zweiten rannte, der schon von einem abgeworfenen Gegner bugellos gemacht war. Auch dieser fiel, und da inzwischen die andern einander herunter gestossen hatten, so war er der erste der als Sieger aus einer Reihe blieb und aufgezeichnet wurde. Von seinem Glucke erfullt, sah und horte er nicht, was weiter auf der Bahn geschah, sein Geschick war entschieden und er konnte ruhig warten, wenn auch einer noch mehrere niederrannte, einer der Preise musste ihm werden. Am Schlusse des Rennens wurde ihm von der neu vermahlten Markgrafin ein silberner Becher, mit silbernen Denkmunzen ausgelegt, als Preis uberreicht, sie erkannte ihn wieder, gab ihm die Hand zum Kuss und sprach: "Ei, ei hatte ich Euch doch nicht angesehen, dass Ihr ein so starker Renner seid!" Kaum hatte er seinen Dank gesprochen, so trat ihn ein Bote des Kaisers an und notigte ihn zum Mittagessen. An den Schranken war ihm eine neue Freude bereitet, hier umhalste ihn Fingerling, der in Kraft der Empfehlungsschreiben bei Fugger die Nacht geherbergt hatte, ihn ausrufen horte und nun auf ihn wartete. Kaum konnte der gute Alte seinen Jubel massigen, dass solche Ehre uber Berthold gekommen, zugleich berichtete er ihm, dass ein Bette fur ihn im Hause Fuggers bereitet sei und was er fur Angst ausgestanden, seit er ihn im Gedrange aus den Augen verloren hatte. Berthold ging mit ihm auf dieses Zimmer, zog dort seine Rustung aus, erfrischte sich mit Wein, erzahlte, wie gut er aufgenommen sei, vertraute Fingerling seine Liebe, und bat ihn, mit dem Becher zur schonen Anna zu gehen, ihr zu sagen, dass er nur fur sie gewonnen sei, dass er zu alt ware, um seine Entschlusse lange aufzuschieben, sie mochte entscheiden: wolle sie ihm geneigt sein, sie mochte den Becher ans Fenster stellen, damit er vorubergehend sein Gluck erkenne und in ihr Haus eingehe, oder im Falle sie ihn meide, fur immer vorubergehe, sich den Schmerz und ihr die Verlegenheit zu ersparen. Zwar wollte Fingerling mit allerlei Rat auftreten, dass Rom nicht in einem Tage erbaut, die Welt nicht in einem Tage erschaffen sei, weil Eile mit Weile auch bei Gott und den Weltgeschicken gelte, aber der junge Hohenstaufen sprach aus Berthold mit heftigem, fast befehlenden Drange, und Fingerling unterwarf sich als ein ergebener Schneider. So war diese Herzensangelegenheit zu einer Entscheidung gereift, Berthold fuhlte sich leichter, als ware etwas abgetan, und ging mit einer frohen Zuversicht nach dem Fuggerischen Saale, wo der Kaiser diesmal die grossen Tafeln hatte einrichten lassen.

Gleich beim Eintritt, als der Ehrenhalt seinen Namen nannte begrusste ihn Marx von Treitssauerwein, des Kaisers Schreiber, in griechischer Sprache; er hatte mit ihm schon langere Zeit uber einige Komodien des Menander gebrieft, die damals noch in einem schwabischen Kloster vorhanden waren, aber bald darauf von einem hypochondrischen Abte verbrannt wurden. Es war ein freundlicher, behaglicher Herr, wohl beleibt und den Freuden der Tafel ergeben, wenn er seine Geschafte wohl erfullt zu haben glaubte. Berthold musste sich zu ihm an den Tisch setzen und sie kamen im Gesprach bald auf den Kaiser; beide liebten und ehrten ihn, aber beide hatten genug deutsche Wahrheit in sich, durch keine Freude an Menschen sich blenden zu lassen, sondern das Menschliche in allem Gegenwartigen zu erkennen und nur aus der Vergangenheit sich Strahlenbilder flekkenloser Vollendung zum Vorbild dieser Gegenwart aufzustellen. Der kaiserliche Schreiber bedauerte, dass das Schauen von unnutzen Prachtzugen, von Jagden und Fischereien dem Kaiser so viel Zeit genommen habe, es wurde sonst mehr furs Wesentliche geschehen. Berthold gab es zu, doch ruhmte er es aus seinem Gefuhle, wie innig ihn die Nahe des Kaisers bei dem heutigen Spiele mit ihm verbunden habe; wenn die Kaiser so leicht die Ergebenheit der Menschen sich gewinnen konnten, so sei es nicht verlorne Zeit zu schelten, die sie darauf verwendeten. "Vielleicht", sagte er, "wurde der deutsche Adel sich auch viel eher in die gute Ordnung fugen, wenn der Kaiser seine grossen Turniere mehr begunstigte, sie in seiner Gegenwart halten liesse." "Falsch", sagte Treitssauerwein, "da es unsre geheime Absicht ist, den Burgerstand empor zu bringen, so mussen solche Versammlungen des Adels gemieden werden. Ihr kennt wenig unsern Adel, der steht ein paar Jahrhunderte zuruck, ich meine den auf dem Lande, der denkt noch an die Kreuzzuge und an die Hohenstaufen, meint niemand uber sich als Gott und die Wahrheit was ist damit bei der jetzigen List und Verruchtheit in allem Verkehr anzufangen. Die Neuerungen, der Landfriede, die ihnen jetzt uber den Kopf weggenommen werden, weil sie vereinzelt sind, alles das ginge zum Teufel, wenn die Kerls mit einander zur Sprache kamen. Der Kaiser steht hoch uber der Zeit, er hat die Welt kennen gelernt, hat sich wie eine Erdbeerpflanze an zehn Stellen eingewurzelt, in Spanien, Portugal, Ungarn, Bohmen, und das alles, um sich gegen dies unser verwirrtes, ubermachtiges, deutsches Adelsvolk und die Menge kleiner Fursten zu sichern; es geht jetzt ins Grosse, der Adel denkt nur ans Kleine, verachtet den Handel, statt ihn zu nutzen, verachtet das neue Kriegswesen und kann doch mit seiner Art nur bei kleinen Zugen etwas wirken; es mochte noch jeder als Mensch bestehen, wahrend die Geschichte alles zu Nationen zusammenfegt. Was unser Maximilian und wir nicht erleben, das kommt seinem Sohne Karl zu Gute, ihm gehort die Welt, die Kirche macht er frei vom Papste, darum mochte der Kaiser ihm schon auf diesem Reichstage das Reich sichern. Die widersprechenden Krafte mussen sich in Neid aufzehren, die Fortschritte der hochsten Gewalt im Auslande werden auch auf Deutschland einwirken und die stolzen Fursten, Kirchen- und Stadthaupter, die wir jetzt dem Adel entgegensetzen, werden wie ausgepresste Zitronen in ihre Winkel geworfen, wenn sie unsre Rache gekuhlt haben gegen diese ubermutige Mittelgewalt, die den Kaiser kaum wie seines Gleichen achtet." Berthold sah verlegen nach dem Boden und Marx fragte nach der Ursache. "Soll ich's Euch sagen", sprach Berthold, "der Kaiser hat immer seine Plane zu weit gemacht, so dass sie nirgends recht passen wollten, mit aller seiner Tapferkeit und Weisheit ist er in allen Kriegen schlecht bestanden, wie ist er von den Schweizern vernichtet worden. Er kennt zu viel fremde Sprachen und fremde Lande, und hat daruber sein eignes vergessen; ein Volk mag doch nur von dem glucklich regiert werden, der seine Tugenden und seine Fehler in sich gefuhlt hat. Der Kaiser sieht aber nur dessen Fehler, durch seinen Landfrieden hat er alle ritterlichen, bisher geehrten Verhaltnisse fur Strassenraub erklart, Volkssitte lasst sich nicht wie ein Wams umschneidern. Der Kaiser meint, wenn der Adel unter sich friedlich lebte, so konnte er ihn um so eher gegen gefurchtete Fursten aufhetzen, aber die sich erst an ein Zuhausesitzen, wie die Bauern gewohnt, lassen sich eher von dem brauchen, der ihrem Hause am nachsten, als von dem uberall weit entfernten, fremden Kaiser. Der Kaiser will sich ein unabhangiges Heer in den Landsknechten erziehen, dass er der Lehnsfolge entbehren kann, er mag aber wohl bedenken, dass er einen Haufen ohne anders Vaterland, als das, wo es Geld gilt, sich bildet, und dass dieses Heer jedem dienen wird, auch dem Welschen, wenn er sie bezahlt." "Wird der Kaiser noch Papst", antwortete Treitssauerwein, "so macht er aus den Landsknechten einen geistlichen Ritterorden, gibt ihm liegende Grunde in Deutschland und Italien, wer mochte ihm dann widerstehen; das Papsttum macht er erblich, indem er allen Geistlichen das Heiraten erlaubt, romisches Kaisertum und romisches Papsttum ist dann unaufloslich verbunden, der alte Spuk mit den Hohenstaufen und ihren vermeintlichen Abkommlingen, die uberall und nirgends stecken, sinkt wie die Stunde schlagt."

In diesem Augenblicke wurden sie durch ein Larmen vor dem Fenster gestort, das Volk schrie und lachte, alle traten an die Fenster. Sie sahen Kunz von Rosen, den Hofnarrn des Kaisers, der wie ein Huhn, das Enten ausgebrutet hat, neben dem Brunnen umher lief, in welchem drei Bettelmonche umher schwammen und sich wie gebadete Mause heraus arbeiteten. Kunz kam dann heran und erzahlte, mit welcher Begierde die Monche dem Essen zugesehen und auf den Zehen am Rande des Brunnens gestanden hatten. Er habe sich zu ihnen gestellt und getan, als ob er das Gleichgewicht verliere, einer habe sich am andern fest gehalten, einer den andern hinein geworfen, "so geht's den deutschen Fursten bald auch", damit schloss er. "Aber wirst du auch Ablass bekommen?" fragte Marx. "Den habe ich schon, seht da in der Tasche, auf eine Sunde, die ich mir vorgenommen, den hatte ich eben von ihnen gekauft", antwortete Kunz. "Der eine graue Esel predigte heute, so wie der Pfennig in des Papstes Kiste falle, so mussten bei dem Silberklange die Teufel eine erloste Seele loslassen. Ich antwortete ihm darauf aus der Menge: Der Papst sei grausam, dass er bei seinem Reichtum nicht alle Tage eine Million in den Kirchenkasten wurfe, dass es recht klappere, er konne sie alle Abend wieder heraus nehmen, so hatte er keinen Schaden und die armen Seelen hatten den Nutzen." Jetzt rief der Kaiser den Kunz ab und dieser tat so eilfertig, als ob etwas Wichtiges bevorstehe, warf aber im Vorbeigehen ein prachtvolles, venedisches Trinkglas vom Kredenztische, das der Augsburger Rat dem Kaiser verehrt hatte. Die Ratsherren sprangen erschrocken und zornig auf, viele nannten den hohen Preis des Glases, andre suchten die Stucke auf, als ob sie das Glas wieder zusammen leimen wollten, andre baten beim Kaiser, den Narrn zu strafen, der sich so ungeschickt durch kluge Leute drange. Kunz warf sich vor dem Kaiser nieder und fragte ihn, ob wohl einer von diesen, die sich fur klug hielten und ihn fur einen Narrn, so wie er zu ihm durch den Graben geschwommen ware, ihn zu sehen, ihn zu retten, als er in den Niederlanden gefangen sass. Maximilian klopfte ihm freundlich die Backen und sagte: "Mit den Narren ist immer am meisten auszurichten in der Welt, darum nimm den Titel fur keinen Tadel: Ihr Herren beruhigt euch, ich habe das Glas verloren, aber ich will nicht vergessen, dass ihr es mir geschenkt habt. Ware es von Silber gewesen, da konnten wir die Stucke noch brauchen und doch kostet es so viel, wie das feinste Silber und das Geld kommt unsern Feinden, den Venezianern zugute." Bei diesen Worten merkten die Ratsherren, dass Kunz nur ausgefuhrt hatte, was seinem Herrn durch den Kopf gegangen, sie konnten nichts darauf entgegnen und der Kaiser hob mit einem Trunk auf das Wohl aller Jungfrauen der Stadt Augsburg die Tafel auf. Diese Gesundheit trank Berthold mit Innigkeit herunter.

Vierte Geschichte

Die Ringe

Ehe Berthold sich auf den Weg machte, sein Geschick zu erfahren, trat ihn Treitssauerwein an und flusterte ihm ins Ohr, er mochte sich bereit halten, am nachsten Morgen mit dem Kaiser zu sprechen, der ihn zu einigen Nachforschungen ausersehen habe. Berthold fragte besturzt, ob er sich vielleicht vorbereiten konne auf diese Unterredung, wenn er ihm den Gegenstand der kaiserlichen Wissbegierde anzeigte. Der Geheimschreiber meinte, es wurde wohl von den versteckten Hohenstaufen die Rede sein, fur die unter den Bauern ein Anhang gesammelt werde. Mit diesem Worte entliess er ihn und Berthold ging doppelt angeregt durch die Stadt zu den stillen Vorstadtgassen. Als er sich dem kleinen Hause naherte, das mit Weinreben bezogen, durch kleine Blumengarten vor den Fenstern gegen Neugierde gesichert war, da sah er am Fenster eine seltsame, zweifelhafte Erscheinung. Er sah seinen Becher abwechselnd erscheinen und verschwinden! Lag dieses Glanzspiel in seinen Augen, wallte die Luft von der Sonne erhitzt? Jetzt war er verschwunden, und schon wollte er sich traurig zum Stadttore zuruck wenden, da blickte er noch einmal nach dem Hause, wie zum Abschiede und sah den Becher vor dem Fenster. Er nahte sich jetzt schnell und sah, dass Anna mit der Mutter und Fingerling am Fenster stand, dass die Mutter den Becher neckend zuruckzog, wenn jene beiden ihn hinaus gestellt hatten und seine Sorge loste sich in lebhafte Freude. Er sprang eilig ins Haus, dass ihn keiner bemerkte und lauschte nun durch die offene Stubenture. Die Mutter sagte, Anna sei jung und unbesonnen, sie durfe nicht gleich dem fremden Manne trauen, keiner wisse, ob er nicht zehn Braute habe sitzen lassen, dann sei er auch alter, wie sie, konne wohl eifersuchtig, bose und herrisch im Hause sein und ihr die Armut vorrucken, weil sie ihm wenig mitbringe, vielleicht wolle er sie nur als eine dienende Krankenwarterin seiner spateren Jahre sich annehmen. Aber Anna schwor, keiner konne das glauben, der Berthold einmal recht angesehen habe, sein Antlitz sei von Ehre, Ehrlichkeit, Milde und Frommigkeit erhoht und gelautert, dass er ihr jugendlicher scheine, als Kugler und andre, die so lange sich um ihre Hand beworben hatten. Sie schwore bei der heiligen Radiana von Wellenburg in ein Kloster zu gehen, wenn die Mutter diese Vermahlung, dies vom Himmel ihr seltsam bescherte Gluck, verhindern wolle. Die Mutter antwortete darauf: "Anna, du hast kein geistliches Blut, du bist ein frisches Madchen, aus deinen Augen blicken freudige Kinder, darum magst du ihn heiraten, wenn du nicht anders willst; aber ich hatte dir einen jungen Mann gegonnt, dass euer uberflussiges Leben mit einander aufgegangen ware und dass nicht eines dem andern nachtrauern muss." "Du weisst Mutter", antwortete Anna, "die jungen Leute haben mich immer mit ihrem Schontun traurig gemacht, als kamen ihre Worte nur aus boser Lust, als wurden sie mich gern verderben, wenn ich es zuliesse. Berthold sagt wenig, aber seine Liebe sieht ihm aus den Augen, er hat mich lieber, als sich selbst; ihm konnte ich mein lebelang gern und treulich als Magd dienen, wenn es mir versagt ware, seine Frau zu sein."

Berthold trat jetzt geruhrt zu Anna, die etwas zusammen fuhr, weil sie sich belauscht sah, nahm ihre Hand, druckte sie an sein Herz und sprach: "Anna, du hegst so fromme, sanfte Wunsche, du denkst so gut von mir, es ist wahr, was du von meiner Liebe zu dir denkst, wir werden glucklich sein, wenn nur nicht die Verschiedenheit unseres Alters uns so bald zu scheiden drohte. Ach, liebes Kind, daran bin ich jetzt zum erstenmal erinnert, das hat mir noch keiner gesagt und seit ich gesund worden, fuhle ich mich so frisch und lebenslustig, wie damals, als mir das Geschick das erste Liebesgluck entrissen." Fingerling, der bisher still geschwiegen, wollte Berthold etwas mitteilen, aber Anna liess ihn mit den Beteurungen, dass sie Bertholds Alter nicht wahrnehme, dass ein Traum ihr gesagt habe, sie werde eher sterben als er, nicht zu Worten kommen. Endlich sagte die Mutter: "Es ist eine seltsame Geschichte und es muss wohl der Wille des Himmels sein, dass sich alles so fugen musste; die Leute werden meinen, ich hatte Euch kunstlich in mein Haus gelockt, wie in ein Garn, um mir einen reichen Schwiegersohn zu erwerben. Aber ich will es beweisen, dass ich mich nahren kann und nahren werde kunftig, wie jetzt, von meiner Hande Arbeit." Als Berthold diese trostreichen Worte vernahm, da zog er von seinem Finger den Ring, den er einst Apollonia zu geben durch die Schrecken und Wonnen des sturmischen Geschicks verhindert worden. "Es ist ein bedeutungsvoller Ring, den ich Euch biete", sagte er, "nur der sollte ich ihn verehren, der ich mich auf ewig verbinden wollte und Ihr erbt ihn von der, die ihn nie empfing, die mir fruher entrissen wurde, ehe sie meine Liebe kannte, der ich jahrelang vergeblich nachgeseufzt und die ich in Euch wieder liebe und die mir nach dreissigjahriger, treuer Hoffnung sie zu finden, bei Eurem Anblicke in einem Augenblicke verschwunden ist." "Bin ich es wert", fragte Anna mit niedergeschlagenen Augen, "so lange gehegte Neigung zu verdrangen?" "Wer kann Unschatzbares messen", sagte Berthold, "gibt's in dieser seligen Fulle meines Herzens eine Krankung, so ist es nur ein inniges Bedauern, dass ich so lange einer andern denken konnte: Nimm den Ring Anna." Sie nahm den Ring und steckte ihn an ihre Hand, wahrend sie schmeichelnd einen Ring der Mutter vom Finger zog und ihn Berthold uberreichte. Berthold wollte den Ring kussen, als seine Augen darauf verweilten, er mit einer Hand seine Stirne deckte, als ob er sich an etwas erinnert fuhle, wahrend er ihn mit der andern dem Fenster naherte. Endlich sprach er, als ob es ihm dammerte: "Ihn trug die Mutter, sie gab ihn Apollonien, o sprecht: wie kam dies werte Andenken an Euch?" Jetzt konnte sich Fingerling nicht langer halten, er drangte sich vor und sprach in seiner lebhaften Beweglichkeit: "Warum wolltet Ihr mich nicht horen, ich wollte es Euch zuflustern, als Ihr eintratet, es ist gewiss seltsam, dass Ihr sie nicht erkannt habt, ich brachte es doch gleich heraus, wie sich Menschen in dreissig Jahren verandern; gross war Apollonia, aber wie ist sie so stark geworden, das kommt von der Arbeit; so nahe war sie uns und wir schrieben an alle Handelsfreunde vergebens." Berthold sah jetzt Frau Zahringer tief in die Augen und sprach: "Verzeihet mir, ich kann dem guten Manne diesmal nicht glauben, dass Ihr meine Apollonia gewesen." Frau Zahringer wischte eine leichte Trane aus den Augen und sprach: "Der alte Name, so lange nicht gehort, wieder einmal von geliebten Lippen ausgesprochen, fuhrt mir die ganze Reihe verlorner Hoffnungen und Wunsche zuruck. Seid glucklich mit meiner Anna und habt Ihr mich je geliebt, nun ist nichts verloren, was macht die grimme Zeit aus dem Menschen, kaum kann ich mich in die alten Tage zuruck denken. Ich habe Euch wohl nicht so geliebt, wie Ihr mich und wie Ihr es verdient hattet, Anna ist mehr zartlich und nachdenklich als ich, ich verliere mich bei jeder Tatigkeit; ich dachte nicht in der Unglucksnacht, dass ich Euch entrissen werden konnte und doch habe ich mich hier vermahlt, als der Vater starb; ich hatte Euch keine Treue geschworen und ich war hier einsam und verlassen."

Berthold unterdruckte mit einem Kusse jede Entschuldigung, er glaubte sie jetzt in jedem Zuge, in ihrer Stimme wieder zu gewinnen, er fand sich mit dem Geschick des ganzen Hauses jetzt so mannigfaltig verflochten, dass die Freude der Verlobung von der Neugierde, wie es der Mutter ergangen, unterbrochen wurde, im Hintergrunde regte sich das Gefuhl, ob er ihr nicht Treue schuldig sei, ob sie seinem Alter nicht angemessener sei, als die Tochter, er fuhlte sich zu beiden gezogen, aber den Widerspruch, der darin lag, fuhlte er eigentlich noch nicht. Frau Zahringer machte ihn nun zum Vertrauten ihrer unglucklichen Geschichte.

Ihr Vater hatte das kleine Haus, das sie noch bewohnte, unter anderm Namen zum Zufluchtsort gekauft, Kleider und Namen wurden geandert, so entkamen sie aller Nachforschung, aber nicht der steten Angst, verraten zu werden. Alle Anschlage des Vaters, im Handel sein Gluck zu begrunden, wurden durch die Nichtswurdigkeit eines Vertrauten umgestossen, der ihm das bei ihm niedergelegte Geld nicht unter seinem jetzigen Namen ausliefern wollte. Sein Stolz musste sich herablassen, er nahrte sich mit Schreibereien, wahrend Apollonia alles zu nutzen wusste, was sie bei den Nonnen in Weberei und andrer wirtschaftlichen Arbeit gelernt hatte. Der Vater sank immer tiefer, denn er ubergab sein qualendes Bewusstsein der Zerstreuung im Trunk und vernachlassigte seine Arbeit. Der trunkne Mussiggang fuhrte ihn in das Haus einer bosartigen Witwe, die ihn an sich zog, um Apollonien in ihre Gewalt zu bekommen und sie einem scheinheiligen Sunder zu verkaufen. Die Angst in diesem Verhaltnisse, Apollonia von Arbeit erschopft, vom Vater misshandelt, von der Nachbarin mit Lug und List gedrangt, hatten alle hohere Wunsche ihres Herzens unterdruckt, sie betete nur, ehrlich durch die Welt zu kommen. Und der Himmel gewahrte ihr diesen Wunsch durch einen Landsknecht, der vor dem Hause bettelte, als eben der trunkene Vater mit Schelten heimkehrte. Sie klagte vor sich, wie sie mit dem Vater fertig werden wolle, der Landsknecht bot ihr seine Hand, er wolle ihr schon Ruhe schaffen, er wisse etwas gegen die Trunkenheit, sie mochte ihn nur ins Haus aufnehmen. Sie nahm ihn auf wie einen himmlischen Boten, er setzte sich zum Vater und schuttete ihm etwas in den Wein, den jener noch mit sich brachte, um ja nicht ein Funklein Bewusstsein ubrig zu behalten. Als er das herunter trank, machte er ein grimmig Gesicht und mochte keinen Tropfen mehr trinken. So wusste auch der Landsknecht jener Frau, die den Vater in ihrer Gewalt hielt, etwas anzuheften, dass der Vater grossen Uberdruss gegen sie empfand. Nachdem er durch seine Kunste das Haus gereinigt hatte, vermahlte sich ihm Apollonia, aber nie gab sie ihm den Ring, den sie einst Berthold bestimmt hatte. Der Landsknecht, Zahringer war sein Name, nahrte sich und die Frau von vielen kunstreichen Heilmitteln furs Vieh, auch vom Ratten- und Mausegift, das er fur Geld legte, andre Ubel wusste er zu besprechen. Der Vater half ihm dabei, starb aber, noch ehe Anna geboren, nicht ohne Verdacht, die Ratten um Gift betrogen zu haben; ihn qualte ein steter Lebensuberdruss, seit ihm der Wein verleidet worden, ein Durst und eine Begierde, die er nicht befriedigen konnte. Apollonia machte dem Manne Vorwurfe, dass er ihren Vater umgebracht habe mit seinen teuflischen Mitteln, sie drohte ihn anzugeben, wenn er nicht von der schwarzen Kunst ablasse. Er schwieg und ging aus dem Hause und liess sich seitdem nicht wieder sehen. Sie hatte Anna bald darauf geboren, sie durch ihrer Hande Arbeit auferzogen, bis sie geschickt genug wurde, ihr helfen zu konnen. Sie schloss mit der Versicherung, indem sie Berthold weinend umarmte, dass es ihr vielleicht unmoglich geworden ware, ihrer Neigung zu ihm zu entsagen, nun der Zufall ihn ihr so unerwartet zuruckgefuhrt habe, ja unmoglich ware es ihr geworden, ihre Neigung dem Wunsche ihrer Tochter und seiner Liebe zu ihr aufzuopfern, wenn nicht die Ungewissheit, ob ihr Mann noch lebe, ihr jede Verbindung untersage, und darum musse sie die Wege des Himmels preisen, die ihr bis dahin so unverstandlich gewesen. Mit inniger Beklemmung horte Berthold dieses offene Bekenntnis ihrer Neigung, er fuhlte auch fur sie ein zartliches Nachgefuhl seiner Jugendsehnsucht, aber er liebte mehr jenes Bild, das er so lange in seinen Gedanken getragen, das ihm viel lebendiger in der Tochter, als in der Mutter selbst wieder begegnete. Die Tochter hingegen zeigte eine seltsame Eifersucht gegen die Mutter, sie stellte sich zwischen beide und sprach klein laut, dass sie zurucktreten musse, weil die Mutter ein alteres Recht zum voraus habe. Die Mutter achtete dieser Ziererei ihrer Tochter nicht, sondern gab ihr einen Backenstreich, dass sie sich in die Angelegenheiten ihrer Mutter mische, und legte die Hande Bertholds und Annens zusammen, nahm den bescheidnen Fingerling zum Zeugen und offnete das Fenster, dass der Himmel ihren Segen uber beide hore, wenn sie einander lieb und getreu blieben und ihren Fluch uber den, der den andern boslich verlasse; wenn sie noch lebe, wolle sie dem ihr Gurtelmesser ins Herz stossen. Die Frauen trugen namlich zu jener Zeit ein Kuchenmesser neben der Geldtasche am Gurtel und sie sprachen gern davon, wie die Manner von ihren Degen. Die beiden Glucklichen horten nur den Segen, sie glaubten nie des Fluchs zu bedurfen, der Himmel war noch abendklar und sie vergassen in seliger Beschaulichkeit, dass ihnen noch ein grosses Fest bevorstand.

Bald aber erinnerte sie daran der Gruss eines starken Mannes, der sich mit einer Kiste dem Hause nahte und Anna einen guten Abend bot. "Das ist Meister Kugler, der reiche Schlachter", sagte sie argerlich zu Berthold, "der freit um mich schon seit einem Jahre und ich kann ihn nicht los werden, nun will er uns noch den schonen Abend verderben." "Bei Verlobungen und Hochzeiten kommen immer uberlastige Gaste", sagte die Mutter, "aber das befehle ich dir, sei nicht hart gegen ihn, niemand meint es besser, wie der; ware Berthold nicht zwischen gekommen, du hattest ihn doch heiraten mussen." Nun trat der Meister hinkend ein und erzahlte, dass er ein schones Kleid bringe und sich Annens Gesellschaft zum Ball erbitte. Die Mutter aber dankte ihm freundlich, druckte ihm die Hand, indem sie ihm versicherte, ihre Tochter habe schon einen Begleiter, dieser Begleiter sei Berthold, ein alter Freund von ihr und jetzt der Tochter Verlobter. Kugler starrte Berthold an, der starke Mann musste sich halten, so uberraschte ihn die Nachricht, endlich fasste er sich und sprach: "Herr Berthold, Ihr seid zu meinem Arger auf die Welt gekommen, erst stecht Ihr mich heute aus dem Sattel und jetzt bei dem Madchen aus. Beim heiligen Kristophel, wenn ich Euch so ansehe, ich kann's nicht glauben, dass ich Euch unterliegen musste, wovon ich noch am linken Fusse hinke, der Fuss tut mir sehr weh. Nun sagen auch die Leute, Ihr waret des Kaisers Liebling und aller heidnischen Sprachen Meister. Da sagt mir beim heiligen Kristophel, was wollt Ihr mit der grossen Dirne noch dazu, die lasst mir. Ihr kriegt uberall eine vornehmere und reichere, die in Gelehrsamkeit erzogen ist, ich aber kann keine andre brauchen, als so eine, die ein halbes Rind aufheben und an den Haken hangen kann, wenn ich gerade nicht im Scharrn bin, auch muss sie den Lehrburschen eins verreichen konnen, wenn sie die Wurst nicht fein hakken." "Lieber Meister", antwortete Berthold, "unser Annchen kann mehr, als das, wollt Ihr nur ein starkes, grosses Madchen, ich schaffe Euch in Waiblingen ein Dutzend zur Auswahl." "Darauf gebt mir die Hand", antwortete Kugler, "und so will ich mir Annen aus dem Kopf schlagen, aber das Kleid kann sie wohl von mir noch annehmen." "Das ziehe ich an", sagte die Mutter, um ihn zu versohnen, "denn fur die Tochter hat Berthold schon gesorgt, Ihr fahrt mich und bildet Euch ein, ich sei Eure Braut." "Ei Mutter", sprach er, "mache einen rechten Ernst daraus, ich bin dir auch recht gut und in der Wirtschaft bist du noch brauchbarer, als Anna, ich werde gar zu sehr betrogen, wenn ich langer allein wirtschafte." "Nun das hat Zeit", sagte die Mutter Apollonia, "wollen uns daruber noch ein zehn Jahre bedenken, aber zum Tanz gehn wir mit einander, lasst uns nur das Zimmer frei, damit wir uns dazu ankleiden konnen."

Berthold fuhrte den heiratslustigen Meister in die Laube vor der Hausture, ubersah so die Strasse und sprach, um von dem unbequemen Verhaltnisse des Mannes zu Annen abzukommen: "Es ist doch eine herrliche Sache um den Eifer furs gemeine Wohl, der in Reichsburgern liegt, auch in den Vergnugungen zeigt es sich, sie lieben das Offentliche und Gemeinsame und setzen darin ihre Ehre, wahrend die Burger andrer Stadte ihre Feste lieber im engen Hause unter wenigen Verwandten feiern und keinen Kreuzer fur offentliche Lustbarkeiten zusammensteuern mogen. Und wie sie zur Lust nicht gemeinsam gesellt sind, so trifft auch jedes Ungluck den einzelnen vernichtend, denn jeder fangt mit seiner Dummheit zu leben an und muss auch damit auskommen. Ja ich sage Euch, bis in Kleinigkeiten macht sich eine freie Stadt kenntlich, schon in den herrlichen Glocken tont's entgegen aus der Ferne, da darf keine gesprungene scharren, dann kommen viele zierliche Garten und auch im armsten ist noch etwas fur den Anblick getan, die Zaune verziert und angestrichen, die Stadtmauern und Tore sind aber vor allem gut erhalten und aus den reinlichen Hausern strecken sich uberall die Gewerbszeichen, wie Siegesfahnen heraus und die Wirte stehen ruhig und fest in den Turen, sie wissen, dass sie mit zu regieren haben. Sehe ich nun die vielfachen Waren in den Laden, so erkennt sich gleich die allgemeine Verbindung unter den Stadten, der keine Entfernung zu weit ist, das Nutzliche und Kunstliche gegen gemeine Landeserzeugnisse einzutauschen. Im Einheimischen ist alles kunstreicher, das Brot weisser, die Semmel in allerlei lockenden Gestalten, die Braten kunstreich in der Haut gekerbt, dass Hirsche und Hasen druber zu laufen scheinen." "Es gibt nur ein Augsburg", rief Kugler, "wir Augsburger haben den Schelm im Nakken, ich sage Euch, zwolftausend Ochsen schlachten wir jahrlich und darunter sind rechte Kerls. Auf unserm Kornhause bewahren wir hundertundeinjahrigen Roggen, habe selbst davon kurzlich ein Probebrot gegessen, es ist etwas schwarzer, aber sehr nahrhaft; wir haben einen Tanzsaal erbaut, da konnen dreihundert Paare schleifen, wir haben einen Knopf auf die Hauptkirche gesetzt, der wiegt 309 Pfund. Das Sprichwort sagt: 'Nurnberger Hand geht durch alle Land, aber nichts geht uber Augsburger Geld, das gilt in der Neuen Welt.' Ubrigens wird es mit dem Gelde bald aus sein", fuhr er bedenklich fort, "die reichen Geschlechter kaufen sich ausserhalb Guter, wie kleine Konigreiche, die Alten bleiben nun wohl unter uns, aber die Jungen sind schon mehr in Cadiz, Lissabon und Antwerpen, als bei uns zu Hause, und hatten unsre Zunfte nicht seit dem Aufruhr im Jahre 1368 die Halfte der Ratsstellen zu besetzen, so wurden wir vielleicht kunftig von den Landgutern der reichen Geschlechter, wie Ihr von Stuttgart aus befehligt. Mit dem heimlichen Gerichte hatten sie uns gern untergezwungen, aber wir haben die heimlichen Boten mehrmals so wacker durchgeblaut, dass sie nicht mehr wagen, sich unserm Weihbilde zu nahen. Hort, lieber Berthold, Ihr musst Euer Wappen in mein Gesellenbuch malen, Ihr sprecht so vernunftig, dass ich Euch recht achte und ehre." "Recht gern", antwortete Berthold "aber ich habe kein Wort gesagt, nur wollte ich Euch bemerklich machen, dass die heimlichen Gerichte eine Freiheit und keine Last, Hohe und Niedre durch gleiches, unabwendbares Gesetz richten sollten. Dazu bedurfte es des Geheimnisses, damit sich keiner dem entziehen konnte, es wurde gefurchtet und hat doch nicht halb so viel Blut vergossen, als die Halsgerichte jeder Stadt und jedes Fursten." "Ich kann es doch nicht leiden", sagte Kugler, "was ich fur ehrlich halten soll, das muss offentlich getrieben werden, schon in den Zunften sind mir zu viele Geheimnisses, ich will alles klar und deutlich."

Inzwischen waren Mutter und Tochter mit ihrem Anzuge fertig geworden und traten mit einer Laterne heraus, um den Weg nach dem Tanzsaale einzuschlagen. Die Mutter erregte diesmal die meiste Verwunderung, besonders bei Kugler, der sie nie recht anzusehen verstanden hatte, oder weil der schone Anzug uberhaupt dem Nachsommer, wegen des kalten Windes, der noch immer drin weht, nutzlicher ist, genug, sie schien in der Pracht ganz verjungt, ihre Farbe in der ungewohnten Bewegung lebhaft, ihre Augen glanzten, sie hatte eher fur eine altere Schwester, als fur die Mutter gelten konnen; ihr Anstand war vortrefflich und mit dem Kleide schien sie auch die angewohnte Harte und Roheit des Ausdrucks abgelegt zu haben. Dem guten Fingerling wurde das bescheidne Los zugeworfen, ein Wachter des Hauses in dieser Nacht zu sein. Er fuhlte sich dabei sehr zufrieden, da er sich heimlich auf einen schnellen Ritt nach Waiblingen vorbereitete und ausruhte, der alten Mutter diese Verlobung so gut wie moglich beizubringen, denn er machte es gern allen recht, denen er sich verpflichtet hielt.

Unter grossem Drang, den nur Kuglers machtige Gestalt durchbrechen konnte, kamen sie in den herrlich beleuchteten Tanzsaal, der schon von dem Glanze der Reichen wie ein wogendes Meer blickte, wahrend die Pfeifer und Trommelschlager durch Basse und Posaunen verstarkt, mit den Geigen und Trompeten auf den verschiedenen Buhnen wetteiferten, sich trennten und wieder verbanden. Als aber der Kaiser (an seiner Seite Mathaus Lang, der Bischof von Gurk) eintrat, da verbreitete eine Stille allgemeine Ordnung. Die Gesellschaft ging paarweis geordnet an dem Kaiser voruber und er reichte jeder Frau oder Jungfrau eine duftende Blume aus den Korben, welche seine Edelknaben hertrugen. Anna erhielt von ihm eine Rosenknospe und die Mutter eine stark aufgebluhete Rose. Beide wunderten sich uber die fruhzeitige Menge aller Blumen, es waren aber kunstliche Blumen aus Draht und Seide, denen durch wohlriechende Ole der naturliche Geruch verliehen war. Kunz von Rosen eroffnete dann den grossen Reihentanz, indem er mit einem Degen viele kunstliche Fechtersprunge machte, um einen freien Raum im Saale zu gewinnen, dabei sang er:

Platz, Platz uns jungen Gesellen,

Wir wollen zum Tanze uns stellen,

Wer reicht mir den Kranz,

Ich fuhre den Tanz.

Ich bin ein Geschlechter,

Ein stattlicher Fechter,

Ich kann euch beschutzen

Mit Messern und Witzen,

Will einer euch kranken,

Ich will's ihm nicht schenken.

Kann schweben und schwanken

Mit Herz und Gedanken,

Kann treten und springen,

Wie Pfeifen erklingen,

Kann drehen und wenden

Mit druckenden Handen,

Mit klopfendem Herzen,

Mit jauchzenden Scherzen;

Es folgen mir alle

Mit freudigem Schalle,

Schnell spielen die Geigen

Den freudigen Reigen,

Es schwanken die Dielen

Je hoher sie spielen,

Es staubet das Haus,

Da geht es zum Schmaus,

Da geht es zum Wein:

Nun Liebchen, schenk ein!

"Das nenn ich ein Kranzelsingen", rief der begeisterte Kugler und trabte scharf, wie ein Gaul, wegen seines hinkenden Beines. Berthold erschrak uber sein teuflisches Trampen, aber viele andere machten es nicht besser, der gute Kaiser mochte wohl daruber so lachen, er konnte sich gar nicht beruhigen und setzte sogar des Bischofs grosse Brillenglaser auf, um diese halsbrechende Arbeit recht genau zu betrachten. Als endlich die Manner von Schweiss triefend, als ob sie Holz gesagt hatten, ihre Schritte hemmten, liess der Kaiser den reichen Ratsherren Stutzer zu sich kommen, von dem nachher alle windige Bursche den Namen behalten haben, und machte den Wunsch ihm bekannt, von den jungen Frauen und Madchen unter sich einen Reihentanz auffuhren zu sehen. Die Frauen traten zusammen, Stutzer berichtete, der Vortrag wurde uberlegt: wer war nun alt? Bald hatten sich die Frauen daruber verfeindet, aber Kunz sprang hinein, holte die Schonsten paarweis heraus und sagte: "Wer schon, ist jung!" Es mochte wohl fur Frau Zahringer zeugen, dass sie mit der Tochter zusammen in den Tanzkreis gefuhrt wurde. Nun erfuhr man erst, was es heisse, zierlich zu tanzen, nie hatte ein Augsburger solche Kunst in den Frauen geahndet, was der Kaiser beim ersten Blick aufgefasst hatte. Die trabenden, tropfenden Manner standen rings, wie verzuckt, denn die lebendigste, mannigfaltigste aller Kunste, der Mittelpunkt aller, die lebendige Malerei, Bildnerei, in der nach dem Sinne der Freude und Leidenschaft wechselnde Musikbewegung sich gestaltet, die hochherrliche Tanzkunst war ihnen in dieser freudigen Nacht aufgegangen, keinem aber so schon, wie unserm Berthold, denn seine Anna ubertraf alle in der Sicherheit schoner Bewegung! So schon und kraftig war keine gewachsen, das zeigte sich erst hier durch die Anmut ihrer Bewegung, wie die Schonheit eines Bildes durch richtige Beleuchtung. Kaum wagte er mehr aufzublikken, so viel Lob erhielt sie uberall, er betete in sich, dass sie keinen dieser Verehrer liebenswurdiger als ihn finden mochte, zugleich beseufzte er die vielen Jahre, die er unter den Buchern, ohne Anschauung aller lebenden Herrlichkeit hatte zubringen mussen. Dem Blute Antons dankte er diese Verwandlung, er wollte es gerne nicht vergessen und doch mochte er nicht gern daran denken, es war ihm, als ob jener dadurch auch ein Recht an seine Braut gewinne, das er niemand gonnte. Sonst war er nicht eifersuchtig, vielmehr freute er sich uber den Ratmann Stutzer, der gegen die schone Alma so viele artige Dienerlein machte, dass es wie ein Kinderspiel aussah. Dieser Stutzer war ein seltsamer Gesell, er stellte sich viel schlimmer an, als er war und hatte gern aller Welt Liebeshandel einzubilden gewunscht, die er weder haben mochte, noch hatte bestreiten konnen. Er sprach bald Frau Zahringer ins Ohr, bald Anna, und dann sprach er wieder halb laut vor sich, wenn er von ihnen fern, und verwunschte das Madchen, es habe ihm ein Liebes angetan, und es konne doch nichts daraus werden, da er schon zu viel Liebschaften habe. Darum machte er Annen aus der Ferne ein ganz saures Gesicht, als ob er in ein Essigfass gerochen, und schwanzelte dann wieder freundlich zu ihr, weil eben ein andrer mit ihr sprechen wollte.

Dem allen sah Berthold mit einem Gefuhle der vollkommensten Sicherheit zu und ging unbekummert in einem Gesprache mit Kunz, der sich durch Treitssauerwein mit ihm hatte bekannt machen lassen, durch die Nebenzimmer umher. Er war verwundert uber den seltsamen Mann, der neben seinen Possen den tiefsten Ernst in sich zu beherbergen vermochte. Unter den gelehrten Gesprachen uber die griechische Literatur hatte ihn Kunz unbemerkt durch alle Zimmer des Hauses bis unter den Haufen gefuhrt, der vor dem Hause unter manchem rohen Gespass dem Feste zuzusehen strebte, aber immer wieder von kaiserlichen Hartschierern und Trabanten zuruck geworfen wurde. Verwundert fragte endlich Berthold: Wohin er ihn fuhre und ob er ihn auch anfuhren wolle. "Nein", sagte Kunz, "aber ich habe mit Euch etwas vor, es ist mit Treitssauerwein verabredet, ich konnte es besser ausfuhren, weil niemand hinter meinen seltsamen Gangen und Sprungen etwas Ernsthaftes sucht. Die Stimme unsres Volks, die Stimme Gottes, Luther ist hier, der Kardinal kann ihn nicht mit Wortstreit, nicht mit Drohungen dahin bringen, seine Satze zuruck zu nehmen, er will ihn jetzt mit heimlicher Gewalt vernichten; ihn lebend oder tot nach Rom zu bringen, hat er Befehl und bei dem vielen armen und fremden Gesindel konnte ihm dies wohl gelingen. Luther muss fort, aber so unbemerkt, dass es morgen noch niemand weiss, dass keiner den Kaiser als Mitgehulfen seiner Flucht denken kann. Niemand wird Euch diese Kuhnheit zutrauen, Euch habe ich ausersehen, diese schnelle Flocht moglich zu machen, da Ihr vor dem Tore wohnt und ein Pferd besitzt. Entscheidet Euch schnell, ob Ihr wollt, denn dort an dem erleuchteten Fenster wohnt Luther, wartet auf Euch; sei Euch der heutige Dank im Turniere ein Vorzeichen, dass der Himmel Euch zu etwas Grossem ermutigen wollte." Berthold schlug in die dargebotne Hand des Kunz und antwortete: "Es sei, habe mich gleich an dem kuhnen Monch erfreut, obgleich nicht viel bei der Sache herauskommen wird, es ware doch schade, wenn er in welsche Schlingen, wie der Savonarola einginge und sie ihm ein Feuer unter den Fussen anzundeten." "Warum nicht viel heraus kommen?" fragte Kunz verwundert. "Einmal", antwortete Berthold, "weil er nicht durchdringen kann gegen die Menge, welche ihren Vorteil in der Gelderpressung sucht und dann, weil es kein grosseres Ubel ist, Geld zur Abstrafung von Gewissenspflichten zu geben, unter dem Namen Ablass, wie fur Verletzung burgerlicher Pflichten. Was hilft's den Ablass abzuschaffen, wenn die Fursten und Stadte zum Besten der Reichen, alle Strafen mit Geld abkaufen lassen. Da das Bekenntnis und die Zahlung des Gelds freiwillig ist, so sind sie als Zeichen der Reue recht gut, denn das Landvolk besonders mochte lieber zehn Jahr im Sack und in der Asche bussen, als einen Kreuzer Bussgeld dafur ausgeben, und Tranen, die geben sie gar leichtsinnig aus." "Aber das Geld geht nach Rom und kehrt nicht wieder nach Deutschland", sagte Kunz, "und die schrecklichen Lehren der Ablasskramer verderben die Menschen." "Die Lehren sind schon langst bei uns verlacht", sagte Berthold, "unsre Leute sind daruber hinaus; was aber die Geldverschleppung nach Rom betrifft, freilich, es ware besser, Kaiser und Reich duldeten sie nicht, statt dass jetzt ein armer Monch dies fur sie durchfechten muss. Das Ablassgeld konnten wir gut brauchen zur Fuhrung der schweren Reichskriege, die wir mit unsern Sunden wohl verschuldet haben." "Freilich", sagte Kunz, "es ist verkehrte Zeit, das Volk weiss mehr von Gottes Wort, als die Geistlichen, und ein Monch muss fur einen machtigen Kaiser und seine Fursten das Wort fuhren!"

Unter diesen Gesprachen waren sie in Luthers Zimmer getreten, der von einer ernsten Unterredung mit zweien Mannern, die mit ihm das Zimmer durchschritten, abbrach und sich zu den Eintretenden wandte. "Dies ist Staupitz, der Generalvikar des Ordens, unter welchem Luther steht, jenes der edle Langemantel, Luthers Beschutzer", sagte Kunz, "und dass der in der Mitte Luther ist, steht ihm wohl an die Stirn geschrieben." Staupitz bat noch einmal Luthern, er mochte nachgeben, die Zeit sei nicht reif zur bessern Einsicht, aber Luther antwortete ihm, er kenne sich und seine Schuler, und sein Werk stehe nicht mehr in seiner Macht und seinem Willen. Dann ging er wieder zu einem Schreibpult und liess die andern inzwischen mit Kunz und Berthold das Notige zur Flucht verabreden, er liess sich gern in den Vorsichten seines ausseren Lebens von Freunden raten.

Kunz wurde weggesandt, um Frau Zahringer und ihre Tochter zu benachrichtigen, dass Berthold zu einem Geschafte abgerufen, er konne sie nicht heimfuhren. Kunz liess noch Mantel und Kappe fur Luther zuruck. Berthold horte in einem nahen Zimmer Lautenspiel, und Staupitz sagte, es sei Kurfurst Friedrich, bei dem Bilde seiner geliebten Furstin Amalia von Schwarzburg, einer gebornen Mansfelder Grafin, zu deren Garten ihn der Hirsch mit goldnem Geweihe gefuhrt hatte. Staupitz offnete leise die Tur, sie sahen das hellerleuchtete Bild einer weinenden Frau in einem Lustgarten, die einen Hirsch mit goldnem Geweihe streichelt, der Kurfurst war von ihnen abgewandt. Staupitz schloss leise die Tur und sagte: "So fand er sie vor dreissig Jahren, Ihr wurdet sie jetzt schwerlich wieder erkennen, aber er liebt sie noch immer in gleicher Verzweiflung, denn mit strengem Ernst hat sie ihn wahrend dieser Jahre zu kuhnen Zugen bis Jerusalem gesendet, aber seine Wunsche nie erfullt, wenn er ihre Auftrage vollbracht hatte; sie glaubt mit ihrer Tugend die Herrschaft uber ihn zu verlieren, so stirbt er keusch und kinderlos. Unsern Luther schutzt sie, Luther kann sicher sein, so lange ihr Wille dauert. Sie hatte den seltsamen Traum in der Nacht vor dem Tage, als Luther die Theses gegen den Ablass an das Tor der Schlosskirche zu Wittenberg schlug, ein Mensch stosse mit seiner Feder dem Papst die dreifache Krone vom Haupte und zwar mit einer Feder, die von Wittenberg bis Rom reichte, sie fuhr nach Wittenberg und als sie Luther sah, von dem jedermann in den Tagen sprach, da versicherte sie, er sei es gewesen. Es liesse sich viel von der seltenen Frau sagen, die immer in andrer Welt zu leben scheint, als andre Menschen, und doch auf diese so unerbittlich wirkt, sie hat gestern geschrieben, der Kaiser werde schwach, der Kaiser werde sterben, wir sollten fur Luthers Sicherheit sorgen." "Amen", sagte jetzt Luther und legte die Feder nieder, "hier ist mein letztes Wort an den Kardinal und nun stehe ich in Gottes Hand, bin fertig und bereit, wohin ihr mich senden wollt." Langemantel reichte ihm Kunzens Mantel und Kappe und Luther lachelte des seltsamen Staats, wusste ihn kaum anzulegen, dann aber erschien er darin allen bunten Lappen zum Trotz, gleich einem Herrscher mit kuhnem Blick. Wie ein Gebirge Strome nach Osten und Westen sendet, so vereinigte der Mann ein Entgegengesetztes, was sonst nirgend gefunden wird: Demut und Stolz, Bewusstsein seiner Bahn und Hingebung an andrer Rat, helle Verstandigkeit und blinden Glauben; noch war das Volk nicht reif, sich solch einem Manne nachzubilden, aber seine Gegner lernten bald so viel von ihm, wie seine Anhanger.

Staupitz und Langemantel nahmen mit Ernst und Ruhrung von ihm Abschied. Berthold fuhrte Luther herunter. Als Berthold die laute Freude des Festes horte, stieg ihm wohl ein schwerer Seufzer auf, ob er nicht das nahe Gluck seines Lebens an eine Angelegenheit setze, die dem ganzen Deutschland, nur ihm nicht wichtig scheine, aber er starkte sich gleich mit seinem ritterlich gegebenen Worte. Die Gassen wurden stiller, die Brunnen geschwatziger und der scharfe Morgenwind trieb seinen Mutwillen mit den Schlafkammerfenstern; sie waren jetzt am Tor, das in dieser Nacht wegen des Festes geoffnet blieben, sie schritten ohne Aufenthalt hindurch uber die Brucke, da horten sie mit Teilnahme des Wachters Lied:

So mancher liegt in Noten

Und liegt in Liebchens Arm,

Er liegt so still und warm,

Der Bruder will ihn toten,

Er traumt vom goldnen Ringe,

Sieht nicht die blanke Klinge,

Die um das Haupt ihm schwirrt.

So mancher flieht in Sorgen

Und steht in Gottes Hand,

Der ihm den hellen Morgen

zu seinem Trost gesandt,

Er denkt nur seiner Feinde

Und kennt nicht seine Freunde,

Die Klugheit ihn verwirrt.

"Bei Gott, das ist Kunzens Stimme", sagte Berthold. "So fand mein Herz in dem Narren Trost!" antwortete Luther. Als sie in die angelehnte Ture des kleinen Hauses der Frau Zahringer traten, fand sich Luther, der vorangegangen, von zwei freundlichen Armen umfangen. Luther sprach: "Kein lieberes Ding auf Erden, als Frauenliebe, wem sie zu Teil mag werden!" Da fuhr Anna vor der fremden Stimme erschrocken zuruck und Berthold trat zu ihr, freute sich, dass sie schon heimgekommen, erklarte ihr den Irrtum, sagte aber, dass er diesem tapfern geistlichen Herrn den Gruss auf die Reise wohl gonne, zugleich stellte er Anna als Braut vor und bat um Luthers Segen zur Verlobung. Luther sprach: "So tut, wie euer Herz begehrt, was ihr in eurem Herzen gelesen habt. Fruhes Aufstehen und Freien soll niemand gereuen. Das Weib wird selig durch Kindergebaren, wenn sie bleiben im Glauben und in der Liebe und in der Zucht. Der Mann arbeitet sich froh durch die Welt, wenn ein frommes Weib den Schweiss von seiner Stirne trocknet, er wirft seine Sorge auf Gott, tut recht, scheuet niemand, und freut sich an der Welt, wie auf den Himmel. Amen, es geschehe!" Anna dankte unter Tranen, sie blieb mit Luther allein, wahrend Berthold sein Pferd sattelte. "Und Ihr durft nicht heiraten?" sagte sie mitleidig, "und wisst doch den Ehestand zu ruhmen?" "Freilich", sagte er, "ist es gegen des Papstes Gebot, was die Heilige Schrift gebietet: Es soll ein Bischof unstraflich sein, eines Weibes Mann!" Nun kam Berthold mit dem Rosse vor die Ture, Luther grusste freundlich und trat hinaus. "Euch fehlen ein Paar Stiefel", sagte Berthold, "gern gabe ich Euch die meinen, aber ich sehe, sie sind Euch zu enge." "Mein Vater und Grossvater", antwortete Luther, "waren arme Bauern, haben oft ohne Strumpfe und Schuhe ihre Rosse zur Schwemme geritten und so musste ich auch tun, als ein kleiner Knabe. Und nass soll das Ross werden, als ging es in die Schwemme, acht Meilen muss ich zurucklegen, ehe ich sicheres Geleit finde. Habt Dank und lebt wohl, ich sende Euch das Ross mit meinem Dank beladen durch sichere Hand zuruck."

Es wurde helle, als er forttrabte, und Berthold ging nicht ungekusst auf sein Zimmer ans Giebelfenster, um ihm in die Ferne nachzusehen. Anna blieb noch vor der Ture, sie wollte den neuen Tag in ihre Freude hineinziehen. Ein lustiger Wind spielte in den Blumenkelchen der beiden kleinen Garten vor dem Hause und Anna sang, indem sie ein wenig da aufraumte, was in den beiden Tagen vergessen war:

Goldne Wiegen schwingen

Und die Mucken singen,

Blumen sind die Wiegen,

Kindlein drinnen liegen,

Auf und nieder geht der Wind,

Geht sich warm und geht gelind.

Wie viel Kinder wiegen?

Wie viel soll ich kriegen?

Eins und zwei und dreie

Und ich zahl aufs neue,

Auf und nieder geht der Wind,

Und ich weine, wie ein Kind!

Funfte Geschichte

Die Rose

Berthold mochte noch keine Stunde vom sussen Schlaf umfangen gewesen sein, als ihn ein Larmen erweckte, es kamen kleine Steine an sein Fenster geflogen und er furchtete fur die Scheiben. Er sprang eilig auf und hoffte Annen vor dem Fenster zu erblicken. Diesmal irrte er, es war Fingerling, der zu Pferde und reisefertig ihm berichtete: er eile nach Waiblingen, mit der Mutter alles zu besprechen und auszugleichen, am Abend habe er sich deswegen gleich schlafen gelegt, als Anna zuruckgekehrt, zugleich sagte er ihm, wo er die Briefe wegen der Handelsgeschafte aufbewahrt habe. Berthold dankte ihm schlaftrunken fur alle seine Liebe, hiess die Mutter schon grussen und wollte sich wieder ins Bett legen, als ihm der Befehl des Kaisers einfiel, nach Goggingen zu gehen, wo er ihn sprechen wollte. Gleich bereitete er sich unter stetem Dehnen und Gahnen, denn der vorige Tag hatte ihn ubermudet, offnete leise die Tur, stieg herab, ging zur unverschlossenen Hausture hinaus und sah beim zufalligen Umblicken die liebe Anna durch das Fenster in ihrem Bette liegen. Er schlich sich in das Zimmer. Hatte sie die Augen geoffnet, kein Kaiser hatte ihn von ihr fortgezogen, denn schon jetzt war er schier entschlossen, die kaiserlichen Auftrage zu vergessen. Aber sie schlief ruhig und fest und er hing ihr, ohne dass sie es bemerkte, ein kleines silbernes Kettchen uber, das er lange getragen, um einen Strauss zu bezahlen, den er vom Bette nahm und der ihm eigentlich wohl gegonnt und bestimmt war.

So erfrischt durch Anblick und Duft, trat er seinen Weg freudiger an, erkundigte sich und fand die Strasse, fand auch bald Herrn Treitssauerwein, der ihm bedeutsam vertraute, er schreibe an einem Werke, die Taten und Geschicke seines Herrn Maximilian zusammen zu stellen. Nun versicherte er, dass Maximilian wahrend seiner ganzen Regierung auf so wunderbare Art in den bedeutendsten Augenblicken der Unternehmung gehemmt worden sei, dass er diese unendliche Reihe von Zufalligkeiten endlich nur aus einer sehr durchdachten Gegenkraft erklaren konne, welche vielleicht jetzt kalt ihr Dasein offentlich gegen ihn, oder gegen seinen Stamm kund tun wurde, da sie in ihren Verbindungen so allgemein und dringend geworden sei. Es gehe schon lange die Sage von Sprosslingen der Hohenstaufen, die in einem unzuganglichen Schlosse der zeit warteten, den Kaiserthron zu erstreiten. Dem Kaiser sei selbst einmal, als er sich auf der Gemsenjagd verirrt und verstiegen hatte, ein Schloss erschienen und in den Wolken verschwunden, das gleichsam aus durchsichtigem Glase erbauet zu sein geschienen und eine Krone in die Wolken gestreckt habe. "Begierig staunte er das Wunderbild an, suchte sich ihm zu nahern, aber bald umzog ihn die Wolke immer dichter. Dennoch verfolgte er nach seiner Meinung die rechte Richtung, als aber der Wind die Wolken zerstreute, fand er sich in einer noch oderen Gegend wieder, wo er nichts von dem Schlosse wahrnehmen konnte, aber auch keinen Weg, um herab zu kommen, denn da, wo er hinauf gestiegen war in der Trubheit der Wolken, da war in der Klarheit kein Herabsteigen moglich. Er hatte sonst die Welt in seinem Reichsapfel spielend in Handen getragen, jetzt trug ihn die Welt spielend in ihrer luftigen Hand und schien zu zweifeln, ob sie ihn dem eignen Schwindel, oder dem Sturmwinde, oder den wilden Vogeln uberlassen sollte, deren Nestern er zu nahe getreten war. Er liess sich auf die Kniee nieder, um sich im Gebet zu verstecken, wie der Strauss, vom Jager ubereilt, den Kopf unterm Flugel birgt. Da ruhrte eine Hand an seine Schulter, Gottes Allgegenwart schien ihn sichtlich zu ergreifen, er blickte mit Scheu um und sah einen heiter lachelnden, blonden Lockenkopf, den er fur einen Engel hielt. Aber korperlich fest ergriff der Knabe seine Hand und fuhrte ihn mit Anstrengung zu einem schwierigen, doch gefahrlosen, sehr verborgenen Seitenwege, wo weiter keine Gefahr voraus zu sehen war. Hier blieb der Knabe und gebot ihm auf demselben, ohne sich aufzuhalten, bis zum Sonnenuntergang fort zu gehen, nie wieder zu kehren in diese Gegend und niemand von seiner Rettung etwas zu sagen, so lieb ihm sein Leben; 'denn', sagte er, 'ich war geschickt, dich herab zu stossen, aber dein mildes Antlitz machte mich ungehorsam und ich rettete dein Leben und wage jetzt das meine, wenn ich nicht dein Schwert mitbringe, das mir als Wahrzeichen zu bringen geboten.' Milde reichte der Kaiser dem Knaben das Schwert und sagte ihm, es sei das Schwert Karls des Grossen, zugleich bat er ihn um Aufschluss uber die Geschichte des Schlosses und der Menschen, die es bewohnten. Aber leichtfussig, ohne Antwort, war schon der Knabe mit dem Schwerte entschwunden, der Kaiser traf nach mehreren Tagen auf Bergbewohner, die ihn zu den Seinen fuhrten. Er schwieg wirklich, sagte, dass er sein Schwert beim Klettern verloren habe, und liess heimlich ein gleiches machen. Erst nach mehreren Jahren hat er mich jetzt, wo er sich am Rande seines Lebens fuhlt, ins Vertrauen gezogen, nachdem ihm auf andern Wegen die Sage von Abkommlingen der Hohenstaufen bestatiget worden ist; er furchtet fur seinen Sohn und fur die grossen Entwurfe seines Lebens. Er wunscht von Euch Nachforschung uber die geheimen Fuhrer des Bauernaufruhrs, der im Jahre 1514 um Waiblingen bei Beutelspach scheinbar wegen Mass und Gewicht ausbrach, eigentlich aber wohl von der Bruderschaft des Armen Konrad, worunter Konradin von Schwaben gemeint, angestiftet worden sei." Berthold lachelte und meinte: "Ich bin zwar hinfallig in dieser Zeit gewesen, dass ich nur das Notwendigste zur Sicherheit unsrer Stadt anordnen konnte, aber so viel ich damals gehort, so hat dieser Konrad nichts mit Konradin zu tun, es war ein Bauernscherz, sie wussten sich keinen Rat, wer sie fuhren sollte, da keiner gern seinen Hals daran setzen mochte, darum nannten sie ihren unsichtbaren Fuhrer Keinrat, daraus wurde in ihrer Aussprache Konrad. Die Sage bildet gern etwas Zweideutiges in der Geschichte, so wurde auch dieser Name, wie die Orakel der Alten, zweifach ausgelegt." Treitssauerwein antwortete: "Das Nachste tauscht am leichtesten, denn aus Gewohnheit kommen wir darauf, nichts Ungewohntes darin zu vermuten; glaubt mir, am armen Konrad war der Ernst fruher, als der Scherz, der ihm zum Deckmantel dienen sollte." Sie hatten sich unterdessen dem Kaiser genahert, der, mit der Armbrust hinter einem Dornbusche versteckt, ihnen Stille zuwinkte, weil seine Hunde ihm einen Hasen eben schussrecht herantrieben. Inzwischen hatten sie beide doch schon dem Hasen zur Warnung gedient, er sprang seitwarts, der Kaiser nahm ohne Zorn den Bolzen von der Armbrust, rief die Hunde und schickte sie mit den Jagern zuruck. Der Kaiser sprach: "Nicht wahr, mein lieber Burgermeister, es steht eigen mit der Welt, wenn sie einen Jager zum Kaiser hat!" "Gnadiger Kaiser", antwortete Berthold, "ich habe eben vernommen, wie die Gemsenjagd Euch einst auf so seltsame Entdeckung gebracht, demnach mochte auch diese Neigung wohl zu Eurem Besten Euch eingepflanzt sein." "Zu meiner Gesundheit wenigstens", sagte Maximilian, "wohl tat unser Freund Gelegenheit etwas fur uns, aber unser Feind Ungelegenheit machte alle Nachforschungen daruber bisher vergeblich. Wir nahmen's damals nicht ernst genug, wir merken erst jetzt an manchem Widerstande der Kurfursten, dass sie mehr von der Sache wissen, als wir bei aller offenen Macht und heimlichen Kundschaft. Wir haben Euch erwahlt, lieber Burgermeister, weil Ihr uns durch Marx und Kunz empfohlen seid, und keiner auf Euch rat, uns Aufschluss in der Sache zu verschaffen." Berthold erklarte sich bereit, aus allen Kraften mitzuwirken, und es ging ihm angstlich im Kopfe herum, ob er nicht dem Kaiser sagen solle, was er durch Martin von dem Schlosse gehort und wie er selbst zu diesem Geheimnisse gehoren mochte aber Martins Tod schwebte ihm vor, er schwieg. Der Kaiser fuhr nun fort: "Aber Berthold, wenn nun der Papst in dem Bunde mitwirkte, seid Ihr in der Gewalt eines Beichtvaters, oder seid Ihr daruber hinaus?" "Die Geistlichkeit", antwortete Berthold, "hat uberall zu viel Argernis gegeben, als dass die Leute sich ihnen auf Gnade und Ungnade ergeben; was gut tut zu sagen, das wird bei uns gebeichtet, vieles aber verstehen die geistlichen Herren nicht und es ist ihnen auch mehr um das Beichtgeld, als um die Geheimnisse zu tun." "Das Geld", sagte der Kaiser, "ist das Blut des Staats und wie der edle Held Perzifal so tiefsinnig wurde beim Anblicke dreier Blutstropfen im Schnee, so wird mir oft beim Anblick eines Kreuzers recht nachdenklich, wie viel Kunst, Taten, Gluck und Weisheit durch solch ein Stucklein gefordert und gelahmt werden konnen! Wohin hatten wir unsre Fahnlein gefuhrt, wenn es nicht an Gelde gefehlt hatte! Darum lasse ich auch nicht den Luther verderben, der das deutsche Geld von Rom abschneiden will, und danke Euch, dass Ihr ihm forderlich gewesen seid, von hier fortzukommen. Doch seht, wir sind unbemerkt von einem Umgange umgeben, also kurzlich gesagt, mein lieber Burgermeister, es ist mir sowohl um meine Feinde, die Hohenstaufen zu tun, als auch um meinen Freund, den Knaben, der jetzt schon ein wackrer Jungling sein mag, ich meine jenen, der mir das Leben rettete, ich mochte ihm lohnen; sucht mir von einem oder dem andern Kunde zu schaffen, ich werde Euch danken." Der Umgang zog singend an ihnen vorbei und endete das Gesprach; der Kaiser, Berthold und Treitssauerwein schlossen sich an und zogen zur grossen Freude der Bauern mit ihnen nach St. Leonhard in die Kirche; die Bauern meinten, ein so herrlicher Umgang sei nicht gehalten worden, seit Goggingen stehe.

Wahrend der Messandacht wurde Berthold gestort, indem ein neben ihm Knieender, auf den er noch nicht geblickt, ihm in den Finger biss. Argerlich sah er hin und staunte, es war eine Jungfrau, es war Anna, gleich war sein Zorn verschwunden und er fragte heimlich, was sie hergefuhrt. Sie sagte ihm, dass sie ihm Notwendiges zu erzahlen habe. Zum Gluck beteten und seufzten die Bauern umher so laut, dass sie ihm leise flusternd alles erzahlen konnte, wie es ergangen. Die Mutter hatte am Morgen das Pferd, den Herrn und auch Fingerling in grosser Verwunderung vermisst, da weder Fingerling, noch Berthold ihr Vorhaben deutlich gemacht hatten. Da Berthold sie so unerwartet auf dem Ballhause verlassen hatte, so schwankte sie zwischen der Vermutung, Berthold reue seine Verlobung, oder er sei davon durch einen hohen Herrn abgehalten, vielleicht durch den Kaiser selbst, dem noch ein Ruf von Zartlichkeit, trotz seinem Alter, nachzog. Ihr war gestern durch Kunz bestellt worden, ein hoherer Auftrag habe ihn entfernt und er konne sie nicht heimfuhren. In diesem Zweifel wendete sich erst ihre Harte gegen Anna, die gar nicht begreifen konnte, was ihr fehlte, sie erfuhr erst diese Sorgen der Mutter durch Kugler, der mit einem Braten als Geschenk sich eingestellt hatte, dem sie sich heimlich vertraute, und der Annen sagte, er reite fort, um in Waiblingen Nachfrage zu halten, ob Berthold etwa auch, wie Fingerling dahin zuruckgekehrt sei, doch musse die Mutter und sie sich gleich entschliessen, inzwischen seiner Wirtschaft und seinem Fleischscharrn vorzustehen. Dort hatte Anna durch einen Kunden zufallig gehort, er sei mit dem Kaiser auf der Strasse nach Goggingen im Gesprache gesehen worden, sie hatte sich unter einem Vorwande fortgeschlichen, mit ihm zu sprechen und von ihm Wahrheit zu horen, denn sie konnte nicht leugnen, dass seine Kette, die sie am Morgen gefunden, ihr wie ein schweigendes Abschiedszeichen erschienen ware. Berthold beruhigte sie, aber ihre Tranen flossen nun um so haufiger, da sie ihrer Sorge befreit war, und die ehrlichen Bauern meinten, es sei Andacht und Busse. Kaum war die Messe geendet, so schlich sich Berthold mit Annen fort, so schnell, dass weder Kaiser noch Geheimschreiber seinen Weg bemerkten. Aber noch einen Aufenthalt mussten sie uberstehen, der Weg fuhrte sie an Stutzers Gartenhause vorbei, der eben beschaftigt war, Pfeffersacke in ein Vorrathaus packen zu lassen, und dabei sehr emsig die einzelnen ausfallenden Korner auflas, aber die Vorubergehenden nicht weniger fest hielt, ihnen die Pracht seines Landhauses zu zeigen. Dem kleinstadtischen Burgermeister glaubte er die Augen damit auszuleuchten und Annen fur immer unglucklich zu machen, wenn sie nicht ein Gleiches bei Berthold fande. Ein Italiener hatte ihm dies Landhaus nach ganz neuer Art erbaut, die Fassungen der Fenster waren gemalt wie Marmor, alte Gotterbilder bedeckten die Flachen im bunten Gemisch mit Heiligen. Berthold erklarte sich ohne Umschweife gegen den malerischen Schein, um fehlende Bauwerke zu ersetzen. "Die Schonheit eines Baus", sagte er, "liegt wie die Schonheit des menschlichen Antlitzes nicht allein in der Berechnung gewisser Verhaltnisse, sondern in dem Ausdruck innerer Vortrefflichkeit; die Dauerhaftigkeit und Bequemlichkeit der innern Einrichtung mag sich auch gern ausserlich kennbar machen; die innere Wolbung, die Balkenlage will sich auch ausserlich zeigen. Hier ist alles das gemalt, von einer Seite erscheint es herrlich, von der andern wird die Nichtigkeit um so deutlicher und eine glatte Wand ohne Architektur gabe wenigstens keinen Arger." Der gute Stutzer horte nicht auf die Rede, er sah nur verdriesslich hohnisch ihn an und sagte: "Lieber Herr, entschlagt Euch solchen Gedanken, das hat Pilati aus Florenz gebaut und gemalt." "Das macht ihm wenig Ehre", sagte Berthold, "da kann ich Euch von unserm Meister Fischer manches Bessere zeigen in meinen Zimmern." Stutzer wurde innerlich so bose uber den stolzen Kleinstadter, fuhrte ihn aber doch ins Haus, dessen weiter Flur von Marmorsaulen mit korinthischem Hauptschmuck glanzte; Faunen und Silenen trugen die Treppe, welche mit einer Weinlaube uberzogen war, an der durch die Warme hinter den geschlossenen Fenstern der Wein schon bluhte. "Prachtig", sagte Berthold, "aber ich wundre mich, wie Ihr hier bestehen konnt." "Warum?" fragte Stutzer. "Einmal", meinte Berthold, "konnt Ihr keine ehrliche, deutsche Frau hier einfuhren, es ist ja eben so gut, als ob Ihr sie in das offentliche Mannerbad gebracht hattet, und dann, wie gefallt Ihr Euch als Herr im Hause, da Ihr doch nur winzig und durr seid, wenn so wohlgenahrtes Gottervolk, wie Hunde auf der Treppe vor Eurer Ture harren muss. Ich ginge in Eurer Stelle unter die turkischen Enten und welschen Hahne, die in Eurem Garten so gemachlich wandeln und picken, statt Euch so ubermassig vornehm bedienen zu lassen." Der eitle, kleine Kerl wusste nichts zu antworten, denn so war ihm noch keiner gekommen, aber die Rede hatte die gute Folge, dass er die beiden nicht langer zwang, seine Pracht zu beschauen; mit seiner Zudringlichkeit gegen Anna hatte er die kleine Zuchtigung verdient.

Als sie zum kleinen Hause der Frau Zahringer kamen, waren beide etwas ermudet, besonders Berthold, und Anna furchtete, weil es schon spat, den Zorn der Mutter wegen ihres Ausbleibens. In solchen Betrachtungen setzten sie sich ein wenig ins Gras des Gartens hinter dem Hause, die Sonne schien betaubend warm, die Blumen dufteten mit ihren betaubenden Kraften und beide nickten neben einander ein; der Geist mochte immer Wunder tun, immer tatig sein, aber der Korper hasst die Wunder und gleicht den einzelnen Menschen mit dem ganzen Geschlechte aus, indem er ihn mit Schlaf oder Krankheit beschwichtigt.

Was Frau Zahringer an diesem Tage ausstand, nun auch die Tochter ausblieb und Kuglers Wirtschaft ganz auf ihr lastete, ist schwer zu sagen, insbesondere als Boten des Kaisers, Treitssauerweins, des Kurfursten Friedrich kamen und nach Berthold fragten, als ob sie ihrer recht spotten wollten. Endlich kam der Abend, der sie den Geschaften entliess, aber um so tiefer in den einsamen Gram ihres Hauses versenkte, bis auch diesen der Schlaf abloste.

Die Sterne glanzten schon scharf auf dem blauen Grunde, als Anna erwachte und durch ihre Bewegung den glucklichen Traumer Berthold mit erweckte. Kaum konnten sie es begreifen, dass es naturlich im Wandel der Zeit jetzt Nacht geworden sei; sie machten sich bittre Vorwurfe wegen der Mutter und dachten nach, wie sie dem ausweichen konnten, auch scheute sich Anna vor bosem Ruf, wenn eines der Nachbarn sie mit Berthold im Grase liegen gesehen. Nach vergeblichem Beraten entschlossen sich beide, jedes in sein Zimmer zu gehen und zu tun, als ob nicht geschlafen und nichts versaumt sei; der Morgen werde ihnen der Unruhe ohnehin genug bringen. Anna offnete die Haustur mit einem Kunststucke: "Das lernte ich, wenn ich fur unsre Kuh auf Grasung spat ausblieb", sagte sie; dann druckte sie Berthold sanft an sich und druckte ihn von sich, als seine Zartlichkeit sie zu verraten schien, und ging in das Zimmer der Mutter, wo sie angekleidet in das grosse Bett schlupfte, das sie seit dem Davonlaufen des Vaters mit ihr teilte. Die Mutter erwachte nicht, dies erlauschte Berthold, dann ging er leise die Treppe hinauf in seine Giebelstube. Ihm war so heiss, er riss das Fenster auf, offnete den Wams und fand eine Rose, die ihm Anna unbemerkt hinein geschoben hatte, er konnte das stille Lager im grunen Grasgarten erkennen, das Gras war eingeknickt und erhob sich jetzt, die Worte hupften ihm im Munde und er sang mit geschlossenen Augen in wehmutsvoller Freude zu den seligen Sternen, die ihm im Herzen aufgegangen waren:

Ein Stern der Lieb im Himmelslauf

Die offne Brust sanft atmend kuhlt,

Der Fruhling heiss im Herzen spielt,

Da bluht die erste Rose auf;

Du bist der Stern, dir unbewusst,

Dein Atem kuhlet meine Brust,

Du bist der Fruhling, der mich warmt,

Der in des Herzens Blumen schwarmt,

So kuhlst du aussen, warmst da innen,

Die Glut verschliesst dein keusch Besinnen.

Gern tat sich Lust in Bitten kund,

So lebenswarm wie Herzensblut,

Da schloss die Rose mir den Mund

Und tut mir duftend hier so gut,

Ich schwimme in dem Liebesduft

Unendlich scheint das Blau der Luft;

Die Augen fullt ein susser Drang,

O Liebestau, in Tranen Dank,

Dass keusche Sterne durfen scheinen,

Und nur zerdrucktes Gras beweinen.

Sechste Geschichte

Der Mahlschatz

Frau Zahringer erwachte, als die liebe Anna eben eingeschlafen war; sie sah die Tochter neben sich, als sie eben uber ihre Abwesenheit nachdenken wollte, und die Begebenheiten des vorigen Tages gewannen das Ansehen eines Traums. Sie stand auf und schlich nach dem Zimmer Bertholds herauf, blickte durch das Schlusselloch und sah, dass er auch ruhig in seinem Bette liege. Da schien es ihr Gewissheit, dass sie sich nur mit einem bosen Traume geplagt habe. Sie ging herunter und schamte sich, weckte die Tochter, die auch keine Lust hatte, von der Geschichte anzufangen, so wenig wie Berthold, der auch zum Fruhstuck gerufen wurde. Die Leute Kuglers weckten sie aus dieser guten Meinung, sie verlangten von ihr Rat und nun entwickelte sich das Geheimnis. Berthold erfuhr jetzt erst, dass Kugler ihn in Waiblingen suche, er furchtete, dass seine Mutter erschrecken mochte, und behauptete, dass er nur durch ein eiliges Nachreisen das Ungewitter zerstreuen konne. Frau Zahringer gab ihm recht, und Anna wusste nichts dagegen zu erinnern, doch ausserte sie die Meinung, dass sie ihn gern begleiten mochte. Berthold fasste das auf und suchte der Mutter und Tochter zu beweisen, dass sie nichts in Augsburg hielte, Kuglers Wirtschaft wurde dessen Schwester gern fuhren, die eigne Wirtschaft sei schnell geordnet, die Mutter kenne Waiblingen, und selbst wenn sie in seinem Hause nicht zu wohnen Lust hatte, so sei doch eben so leicht ein eignes Haus fur sie zu finden. In Apollonien sprach eine alte Liebe zu dem Orte fur den Vorschlag, aber sie liess sich noch erst recht lange bitten, bis Berthold ihre Einwilligung erzwang. Es wurde ein Fuhrmann aus der Nachbarschaft gemietet, mit grosser Hast alle Kleider, Betten und Leinenzeug eingepackt, so dass alles ubrige im Hause durch fremde Leute konnte besorgt werden, wenn sie etwa gar nicht wieder an den Ort ihrer Plage und Arbeit zuruckkehren wollte. Die Geschaftigkeit unterdruckte Gefuhl und Betrachtung; nach einer Stunde, als alles eingepackt, alles besorgt war, als die Pferde schon vor dem Wagen ungeduldig die Erde stampften, da fuhlte erst Frau Zahringer, dass die Zeit im Ungluck, wie im Gluck den Menschen an den Boden fesselt, sie konnte nur unter heftigen Tranen die armselige Hutte verlassen. Berthold hatte manches Geschaft abgemacht in aller Eile, Herren Marx und Kunz sich empfohlen, er freute sich recht der Ruhe auf dem Wagen an Annens Seite, ein lag der Reise macht vertraulicher, als ein Monat andrer Umgang, er freute sich, fur Mutter und Tochter allerlei Besorgungen ubernehmen zu konnen. Das Stossen des Wagens setzte manche Erzahlung in Umlauf. Berthold suchte Apollonia mit allem bekannt zu machen, was sich inzwischen in Wirtemberg verandert habe, wie der Graf Eberhard, der Bartige, vom Kaiser zum Herzog gemacht sei und wie jetzt Herzog Ulrich gar seltsam regiere. Frau Apollonia erzahlte, dass sie ihn in fruheren Jahren einmal zu Augsburg gesehen, er sei ein bauchiger, dickkopfiger Herr gewesen, der sich zuweilen aus Hochmut alles Blut ins Gesicht geblasen und gedrangt habe, wie ein welscher Hahn. "Er war schon in die Acht erklart", fuhr Berthold fort, "aber der Kardinal Lang machte seine Versohnung mit dem Kaiser und jetzt wirtschaftet er noch rasender mit seinen Raten, welche nach der Bedingung dieser Versohnung warend sechs Jahren die Landesverwaltung fuhren sollten; ein paar hat er schon unter nichtigem Vorwande foltern lassen und einen im Kohlenfeuer fast gebraten."

"Gott stehe uns bei", sagte Apollonia. "Wir konnen ruhig leben", antwortete Berthold, "aller Zorn des Herrn ist personlich, es leiden nur die von ihm, die er kennt, die Rate und Herren vom Hofe, seine Frau und Kinder." "Ist nicht seine Frau, die edle Sabina von Bayern, mit der er so prunkvoll Hochzeit gehalten, ihm entflohen?" fragte Frau Apollonia. "Freilich", antwortete Berthold, "wie konnte sie langer das qualvolle Leben ertragen, allen Weibern ihres Gefolgs stellte er nach. Die schrecklichste Geschichte war wohl, als er der Frau des Hans von Hutten nachtrachtete, die ihm aber als eine ehrliche Frau widerstand. Das krankte ihn, er stellte sich eifersuchtig wegen eines Rings, den Hutten von seiner Herzogin erhalten hatte, um ihn seiner Frau fur ihre Standhaftigkeit einzuhandigen, er beschied Hutten in den Beblinger Wald, gebot ihm um Leib und Leben sich zu wehren und durchstach ihn, ehe er noch sein Schwert gezogen hatte. Dann hing er ihn an eine Eiche mit dem Gurtel und machte als Freigraf das Zeichen des heimlichen Gerichts zum Schutz seines sinnlosen Frevels uber den Toten." Die Geschichte veranlasste ein langes Gesprach uber die Eifersucht, in welchem es sich ausserte, dass die Mutter wohl einige Eifersucht gegen die Tochter, die Tochter aber noch viel mehr gegen die Mutter hege und jeden Handedruck, jeden Kuss Bertholds missgonne. Berthold aber nahm diese Ausserungen wie einen Scherz auf, er war zu bescheiden, sich so heftige Einwirkung auf die Gemuter zuzuschreiben, zu unbekannt mit sich selbst, um zu fuhlen, dass diese Eifersucht Annens wohl einen Grund in ihm haben konnte, denn je mehr er Apollonien sprach, je mehr Erinnerungen der fruhen Jahre erwachten in ihnen beiden.

Ubrigens war es eine schwere Sache, dem Meister Kugler nachzureisen, um die Sorge, die seine Anfrage in Waiblingen verbreiten konnte, durch die Gegenwart des Vermissten zu zerstreuen. Kugler war des Reitens beim Einkauf des Viehs sehr gewohnt, in seinem Treiben lag immer etwas Rastloses und danach hatte er auch seinen Schecken ausgesucht, der nicht eher vom starken Trabe absetzte bis der Herr ihn hielt. Fingerring war bequemer, sein Pferd geringer und so kam's, dass ihm Kugler vorbei geritten, ohne dass einer vom andern etwas gemerkt hatte, da Fingerling sein Pferd in einen Wirtsstall gezogen und selbst einem Mittagsschlummer auf der Ofenbank sich ergeben hatte. Er gewann einen solchen Vorsprung, dass Fingerling ihn selbst dann nicht erreichte, als Kugler einen Handel uber ein Paar Lammer mit einem Bauer abschloss, die Lammer uber den Sattel band und nun doch etwas langsamer seinen Weg fortsetzte. Als er in Waiblingen angekommen, kummerte er sich wenig um ein Wirtshaus, sondern liess sich nach dem Hause des Burgermeisters weisen, wo er wie ein Wurgengel mit den Lammern trabend einritt. Die alte Frau Hildegard trat auf den Larmen an die Stiege, fragte ihn, was er wolle, und horchte auf seine Antwort sehr aufmerksam, konnte aber nicht klug daraus werden, so wenig war der Mann zur klaren Erzahlung geeignet. Bald fragte er nach Berthold, ob ihm ein Ungluck geschehen, bald schimpfte er auf ihn, dass er entwichen sei, bald machte er ihr als Mutter Vorwurfe, dass sie ihn nicht besser gezogen habe; dabei bahten die Lammer und Kuglers Hund zeigte den neugierigen Haushunden knurrend die Zahne. Nachdem diese Unverstandlichkeit etwas gewahrt hatte, so glaubte Frau Hildegard ihrem Hausrecht etwas zu vergeben, wenn sie sich von einem Fremden so etwas bieten lasse, sie fing also an, auf Meister Kuglers Pferd zu schimpfen, das ihr den eben gekehrten Torweg verunreinige, auch auf den Hund, der einen ihrer Lieblinge zu zausen Anstalt machte, zuletzt auf den Meister, der kein vernunftig Wort rede. Meister Kugler schonte auch nicht, weil er sich im Recht glaubte; schon liefen die Leute aus der Schreibstube mit Knutteln herbei, als ein gellendes Jagdhorn durch die Unterhaltung schmetterte. Es war Fingerling, der sich diesen Spass ausgesonnen hatte, um jeden Widerspruch der Alten mit seinem Jubel uber das Geschehene zuruck zu weisen und gleichsam die Sache mit Gloria zu verkunden. Der Larmen schwieg und Fingerling stieg mit seligem Antlitze von seinem Rosse, als ob er eine Tasche voll Rosinen truge, verkundete mit sehr abgemessener Sprache, vielleicht wohl gar in Reimen, den Turnierruhm, des Kaisers Gnade, die Verlobung Bertholds. Frau Hildegard schlug beide Hande zusammen, sie meinte den Alten wahnwitzig. Aber noch toller war's, als jene beiden in Streit gerieten, als Kugler von dem Berthold, als von einem verlornen Manne sprach, der auch wohl ein Ausreisser sein durfte. Fingerling behandelte ihn als einen eifersuchtigen Toren, der dem ein Bein stellen wolle, der ihn aus beiden Satteln gehoben, und das krankte Kugler. Die Schreiberherren halfen dem schwacher gestimmten Fingerling durch ihr begleitendes Chor, die Dienstmagde, die Arbeiter drohten in ihrer Art, schon bissen die Hunde auf Kuglers Hund los und alles schien uber Kugler herfallen zu wollen, als Berthold, dessen Wagenrollen niemand bei dem Schreien beachtet hatte, mit seinen beiden Reisegenossen mitten unter ihnen stand. Kugler wollte ihm gleich zu Leibe gehen, da sah er die beiden Begleiterinnen und erstarrte in Verlegenheit. Die Mutter wollte Berthold umarmen, da trat sie scheu zuruck vor den beiden Frauen, die er ihr zufuhrte, alles war verlegen oder verwundert, nur nicht Fingerling, der aus seinem Jagdhorne die sussesten Tone herausdruckte, welche auch das Beissen der Hunde in der Art trennte, dass diese mit allen heulenden Tonen, ihre musikalische Beistimmung gaben.

Alles zog sich wahrend dieser Kunstgewalt ins Feierliche, Berthold kusste Frau Hildegard die Hand, auch Anna folgte seinem Beispiele, die Mutter begrusste sie formlich, worauf Frau Hildegard alle Zusammengehorigen in ihr Zimmer notigte. Da geschah in Ordnung die Auseinandersetzung, bei welcher Frau Hildegard sich nicht enthalten konnte, so einige Worte von Verfuhrung junger Leute zu sprechen, und wie sie zwar die Verheiratung des jungen Menschen immer gewunscht, aber sich doch jetzt nicht der Tranen erwehren konne, nun sie so unerwartet, ohne ihre Vermittelung erfolge, dass sie nun nicht mehr uber seine Gesundheit im Schlafe wachen konne, nicht mehr ihr Bette neben das seine stellen durfe. Ihr Argwohn gegen die fremden Frauen, die sie fur Abenteuerinnen hielt, welche den Sohn kunstlich beschwatzt hatten, verwandelte sich bald in Teilnahme und Ruhrung, als ihr Apollonia im Verfolg der Erzahlung naher bekannt ward, von der sie sonst wie von einem Madchen gesprochen hatte, zu der ihr Sohn nie aufblicken durfe, und die nun nach so vielen ausgestandenen Leiden ihren ehemaligen Freund der Tochter abtreten musse. Ihrem Gefuhle nach sollten es sich alle noch uberlegen, sie meine, der Sohn musse Apollonien heiraten, das sei er ihr schuldig, mit ihr komme auch sein Alter uberein. Der Vorschlag krankte Annen und Frau Hildegard hatte Muhe, sie zu trosten, als sie ihr versicherte, dass sie auf den Vorschlag gar nicht bestehe. Der ehrliche Kugler fuhlte sich bei der ganzen Sache am uberflussigsten, dachte deswegen auf eine Artigkeit, sich beliebt zu machen, und brachte die beiden Lammer zum Geschenk, die schon weissgewaschen, wie sie waren, der Frau Hildegard so wohl gefielen, dass sie dieselben aufzuziehen beschloss. "Wo mag damals in der Schreckensnacht mein Lamm geblieben sein?" fragte Apollonia. "Von diesem Lamm stammt eine Herde", sagte Berthold, "die sich jahrlich auf dem Hofe vor der Stadt vermehrt und die feinste Wolle im ganzen Lande tragt. Lernt mich in meiner Treue gegen Tiere kennen, auf jenen Baumen bruten jahrlich und werden von mir gefuttert die Abkommlinge der Elster, welche mir diese Baustelle zeigte." Das gab Veranlassung, die Fremden umher zu fuhren, ihnen die Zimmer zu zeigen, die ihnen bestimmt waren. So endete der Tag und Frau Hildegard freute sich, dem Sohne im Bette wieder wie sonst die Hand reichen zu konnen, und in diesem Gefuhle gelobte sie zur glucklichen Vermahlung desselben, die Mutter Maria mit dem heiligen Kinde, die am Hause nur schlecht gemalt, vom Regen ausgeloscht war, wieder auffrischen zu lassen. Der gute Sohn sann aber inzwischen darauf, wie er seiner Mutter eine stete Gesellschaft lassen konnte und berechnete sich, wie viel Dank er dem alten Fingerling schuldig sei und wie dieser auch so einsam lebe. Da trug er ihr vor, ob sie sich nicht mit dem guten Manne vermahlen wolle, im Grunde waren sie doch in Hinsicht aller Wirtschaftsangelegenheiten langst mit einander verbunden; habe sie wegen ihres Schwindels sich sonst schon gegen ihren Willen vermahlt, warum wolle sie jetzt nicht ihrem Alter und ihrer Bequemlichkeit dieselbe Gefalligkeit erweisen. Die Mutter wies das zwar von sich, sie sei schon neunzig Jahre, aber der Sohn meinte dennoch durch zu dringen, weil sie von ihrer Seite den Plan machte, Apollonien mit Meister Kugler zu verheiraten, wenn ihr entlaufener Mann fur verschollen erklart ware, so dass ein Tag sie alle in gehorige Verbindungen versetzen konne. Der Mensch denkt und Gott lenkt.

Am Morgen wurde Anna sehr erschreckt, sie konnte sich nicht gleich erinnern, wo sie erwache, das Zimmer erschien in der Morgenhelle anders, als Abends in der Lampenerleuchtung. Sie rief die Mutter, aber diese hatte schon Zimmer und Bett verlassen, und erst allmahlich besann sie sich auf alles. Sie strahlte ihre Haare am Fenster und flocht sie auf, des herrlichen Anblicks uber den blumenreichen Garten erfreut und darum weniger eilfertig: das alles sollte nun bald ihr Eigentum sein, in dem Gedanken fuhlte sie ein stolzes Gluck. Ein sanfter Wind wogte mit Asten und Gestrauchen und wie er diese einmal starker niederbeugte, sah sie die Mutter auf einer Gartenbank neben Berthold sitzen, wie er sie herzlich kusste. Sie zitterte, sie wollte nicht glauben, aber der Wind trat immer starker auf und es war nicht zu zweifeln; mm suchte sie alles auf, Berthold und die Mutter zu entschuldigen, aber nichts wollte die Heftigkeit ihres Zorns erleichtern, als ein Strom von Tranen. Als sie noch weinte und ehe sie sich bezwingen konnte, trat die alte Frau Hildegard an ihrem Stabe ein und liess durch ein paar Madchen ein elfenbeinernes Schrankchen auf den Tisch in die Mitte der Stube setzen. Die Magde gingen fort, die Alte hatte zu schwache Augen, um gleich die Tranen der kunftigen Schwiegertochter wahrzunehmen, auch war sie sehr beschaftigt, die Seltsamkeiten des Schrankchens sorgsam auszupakken, so gewann Anna Zeit, sich etwas zu fassen. "Das Schrankchen", sagte Hildegard, "enthalt den Mahlschatz der guten Mutter unsres Bertholds, wie wird sie sich freuen, wenn ein Blick aus jener Welt ihr gegonnt ist, diese Zeichen ihrer Liebe in Zeichen der Liebe ihres Sohnes verwandelt zu sehen. Ich, die ich viel alter war, als sie, sollte das alles noch vor meinem letzten Stundlein erleben." Anna kannte nichts von dem Gerate, freute sich aber an aller zierlichen Arbeit, wahrend sie ungeduldig nach dem Fenster hinblickte, ob ihre schmerzliche Wahrnehmung sich ihr zu grosserm Kummer wiederhole. Frau Hildegard erklarte ihr nun die Bedeutung jeder einzelnen Gabe des Mahlschatzes. "Der Kranz mit drei Eicheln auf einem Stiele bezeichnet", sagte sie, "die Unschuld, welche bisher unter dem hochsten Schutze der Dreieinigkeit gestanden, ihn uberreichst du meinem Berthold am Hochzeittage, wogegen er dir die goldne Kette mit den Rubinen als ein Anerkenntnis deiner Unschuld verehrt. Dies ist das silberne Armgeschmeide, das ihr einander anlegt, als Zeichen, dass eure Hande nicht mehr frei sind. Dies ist der Schaugroschen, den du als Mietsgeld von dem Manne empfangst, ein Zeichen der treuen Dienste, die du ihm und seiner Wirtschaft leisten musst. Dafur ubergibst du ihm in der Hochzeitnacht dies feine Hemd, das du noch mit seinem Namen sauber zeichnest, und fur das Hemde gibt er dir am Morgen diesen aus Silberdraht geflochtenen Gurtel, an welchem eine Geldtasche und ein Kuchenmesser hangt, als Zeichen, dass du gegen jedermann das dir anvertraute Gut schutzen sollst." Anna dankte ihr unter Tranen fur alle die guten Lehren, sie wolle fleissig und treu wirtschaften, wenn nur Berthold gleiche Treue gegen sie erweise. Das Geheimnis liess sich der Anfrage Hildegards nicht bergen, und Anna vertraute ihr, was sie eben gesehen und was vielleicht noch geschehe. Hildegard war betroffen, sie sagte, wenn auch jetzt zu diesen Zartlichkeiten nur die Erinnerung der Stelle, wo er sich zuerst mit Apollonien begrusst, den Stoff hergegeben habe, so sei freilich eine Ruckkehr zu dem Jugendgefuhle eine sorgliche Sache, weswegen sie immer noch wunsche, dass jene beiden einander ehelichen mochten und dass Anna einen Jungling ihres Alters erwahle. Der Rat brachte die Jungfrau auf, sie schwor, dass sie ohne Berthold nicht leben konne, dass sie auch von Luther feierlich eingesegnet sei. Da gab ihr Hildegard den Trost, sie mochte nur schweigen und tun, als ob nichts sie kranke, damit nicht Unfrieden in die Ehe gesaet wurde, sie wolle dafur sorgen, dass Apollonia nicht im Hause bleibe, so sei doch der Umgang weniger haufig. Zum Gluck sei das artige Haus des Nachbars feil, das solle der Sohn fur Apollonien kaufen und einrichten lassen.

Sehr unbefangen, wie es der Unschuld ihres Herzens ziemte, traten jetzt Apollonia und Berthold ein, grussten, erzahlten, wie sie im Garten des wunderbaren Zusammentreffens, der noch wunderbareren Trennung gedacht hatten, die Annen das Leben geschenkt habe. Berthold erzahlte noch, es sei ihm einen Augenblick vollkommen wie damals zu Mute gewesen und sie hatten sich wie ein Paar Verliebte gekusst; dann habe er noch eine Inschrift an die Stelle gesetzt, wo ihm so viel Gluck geworden. Alle gingen hinunter, diese Inschrift an Ort und Stelle zu horen, und Berthold las sie mit inniger Ruhrung, es war eine Art Gebet:

Gib Liebe mir und einen frohen Mund,

Dass ich dich, Herr der Erde tue kund,

Gesundheit gib bei sorgenfreiem Gut,

Ein frommes Herz und einen festen Mut;

Gib Kinder mir, die aller Muhe wert,

Verscheuch die Feinde von dem trauten Herd;

Gib Flugel dann und einen Hugel Sand,

Den Hugel Sand im lieben Vaterland,

Die Flugel schenk dem abschiedschweren Geist,

Dass er sich leicht der schonen Welt entreisst.

Anna wurde von dem Gebete sehr ergriffen, sie versprach ihm mehr, als der Himmel ihm geben konne. Es wurde von der Einrichtung des Hauses gesprochen und ehe noch Hildegard davon anfing, erklarte Apollonia, sie wolle weder auf Kosten, noch im Hause ihres lieben kunftigen Schwiegersohns leben, aber die Stadt gefalle ihr wieder von neuem, sie hore, dass ihr ein mutterliches Erbe zugefallen sei, worauf die Stadt keinen Anspruch machen konne, sie wolle sich ankaufen, bis sie in den letzten Jahren zu dem Kloster zuruckkehre, welchem sie damals entrissen worden. Frau Hildegard machte trotz aller Gegenrede Bertholds, der Apollonien nicht aus dem Hause lassen wollte, ihren Vorschlag wegen des Nachbarhauses, er gefiel Apollonien, doch gab Berthold nur ungern seinen Willen darein, weil beide Hauser durch ein schmales Fussgangergasschen getrennt waren, so dass keine andre Verbindung, als durch das Zubauen der allgemeinen Strasse zwischen den beiden gestiftet werden konnte.

Das Nachbarhaus wurde jetzt in Augenschein genommen. Es fand sich neu und dauerhaft, denn es wurde erst vor wenig Jahren auf der wusten Stelle gebaut, nur konnte sich Frau Apollonia nicht zufrieden geben, dass ein Brunnen fehle, der ihr als eins der liebsten und wesentlichsten Teile der Wirtschaft erscheine. Bertholds Baulust machte gleich einen kuhnen Plan. Auch ihm mangelte ein tiefer Brunnen in seinem Hofe, nur trube, moorichte Quellen sammelten sich in dem Behalter, das er damals bei der ersten Besitznahme des Gebaudes ausgegraben hatte, zum Ersatz hatte ihm immer der schone, tiefe Marktbrunnen gedient, der doch sehr unbequem weit vom Hause ablag. Jetzt fiel ihm ein, beiden Hausern den Dienst zu erweisen durch einen gemeinschaftlichen Brunnen zwischen beiden, ihnen nicht nur ein tieferes, reines Quellwasser, sondern auch die Freude der Verbindung am Brunnen wie den Altvatern der Bibel in den Wusten Asiens zu verschaffen. Zwar musste dann die kleine Strasse, die dem ganzen Stadtlein nutzlich war, um zu den Bleichplatzen auf kurzem Wege zu gelangen auf immer geschlossen werden. Er schwankte, aber Apollonia trieb ihn mit der Bewunderung seines Anschlags uber sein gutes Gewissen und seine Besonnenheit als Burgermeister hinaus. Er fuhlte, dass er unrecht habe, ganz deutlich; unrecht, weil er die ehrwurdige Scheidewand des Hohenstaufenpalasts durchbrach; unrecht, als Verwalter des offentlichen Vorteils, aber der Gedanke war ihm zu suss, er konnte sich nicht losreissen, er hatte gleich in Ungeduld Hand ans Werk legen mogen. Er hatte so viele Gaben himmlischer Gnade erhalten, dass ihn der Mangel dieses Brunnens so qualte, als ob alles, was er besitze, gar nichts dagegen bedeute.

Schon versuchte er den Boden, ob er fest sei, da horte er Frauen in dem Gasschen, die ruhmten dies Gasschen, wie es so reinlich und fest sei, der Regen schade gar nicht, kein Wagen komme ihnen da entgegen, wenn sie mit dem Linnen bepackt waren, die Kinder konnten da auch so sicher spielen, ohne Gefahr ubergefahren zu werden. Es rief in ihm, dies sei die Stimme eines warnenden Engels, aber der Teufel stand auch schon neben ihm, der Doktor Faust, der, wieder angekommen aus der Fremde, sich nach seinem Wohlsein erkundigte und die Unterredung behorcht hatte. Er fuhlte Bertholds Puls und sagte, sein Blut verdicke sich, es fehle ihm entweder an Luftbewegung, oder an fleissigem Gebrauche des reinen Wassers. Frau Apollonia fiel ihm in die Rede, dass es an der Seite der Stadt nur einen offentlichen Brunnen gebe, der naturlich so verunreinigt wurde, sie konne nicht leben, ohne einen Brunnen in ihrem Hause zu haben. Faust gab ihr mit schrecklich wichtiger Gebarde allen Beifall, wollte aber von der Wunderkur anfangen, wie er Berthold ein frisches Lebensblut verschafft habe und dass er dies schonen musse; da fuhrte ihn Berthold unter einem Vorwande bei Seite, steckte ihm eine Hand voll Geld zu, sagte ihm, er musse diese Wunderkur verschweigen, weil er sich schame, durch fremdes Blut genesen zu sein. Faust grinste uber das seltsame Geheimnis und brummte: "Ihr meint wohl, die Frau mochte nach dem fragen, der Euch das Blut gegeben, Ihr solltet ihn einmal jetzt sehen, das ist ein rechter Heidengott, ein junger Herkules geworden, er wachst wie Holunder und ist fest wie Hagebuche. Seid ruhig, ich will schweigen, aber erfrischt Euch an gutem Wasser, ich sage Euch, ich habe es in den Fussen, wo Quellen liegen, mir wird da so wohl, als stiege ich in ein Bad; da wo Ihr eingegraben habt, liegt entweder ein Schatz, oder eine machtige Quelle." "Ich will einen Rutenschlager bestellen, ehe ich anfange zu arbeiten", meinte Berthold, "Euer Gefuhl kann irren." "Herr", sagte Faust ergrimmt und seine schwarzen Augapfel traten hervor, wie Kugeln, die er eben fortschiessen wollte, "Herr Burgermeister, ich wunsche Euch alle Pestilenz auf den Hals, ich kuriere Euch nicht, wenn Ihr einen elenden Gauner von Rutenschlager befragen wollt, wo ich Euch schon Bescheid gesagt habe. Ihr musst hier einen Brunnen graben, oder ich schreie in der ganzen Stadt, der Burgermeister ist ein toter Mann, der nur durch Burgerblut lebt, und ihr braucht nur sein Blut dem Anton abzuzapfen, so muss er wie ein Blutigel, dem Salz aufgestreut wird, auch sein Blut entlassen. Nun Herr, habe ich Euch in meiner Gewalt, es ergibt sich keiner umsonst dem Teufel." Berthold sagte ihm, er sei trunken. Faust antwortete: "Trunken bin ich, denn jetzt sind es gerade siebenundzwanzig Jahre, als ich zum letztenmal nuchtern war, aber im Wein ist Wahrheit, wenn das Wort heraus ist, so gehort's einem andern, und wenn ein Ding geschehen ist, so verstehen's auch die Narren, der Balbier lasst sich mit dem abgeschnittenen Haar nicht bezahlen; wusste ein Mensch recht, wer er war, er wurde frohlich nimmermehr, aber der Wein macht lustig, das ist seine Gerechtigkeit." Bei diesen Worten winkte er einem verschmitzten, bleichen Knaben, der auf ihn an der Ture wartete, liess sich eine grosse Henkelflasche von ihm reichen und wankte langsam dem Ratskeller zu, indem er zuweilen anhielt, um mit Hulfe des Knaben, der beide Arme unterstemmte, die grosse, geflochtene Flasche ihrer letzten Tropfen in seinen Mund zu entledigen.

"Es ist ein seltsames Vieh, unser Doktor", sagte Berthold zu Apollonien, die sich uber ihn verwunderte, "aber ein Ingenium hat er, wie keiner, wenn er kaum seinen weg sehen kann, da errat er am besten alle verborgne Ubel und hier hat er eine ausserordentliche Quelle entdeckt, wo wir einen Brunnen notig haben. Ich kann nicht ruhen, bis ich Arbeiter finde, das Werk anzugreifen; ich sehe in Gedanken den Rand des Brunnens, die Sitze umher von Marmorstein, auf denen wir taglich mit einander fruhstucken, wenn hell und herrlich der Morgen, und wenn er von Annen mit den ersten Gaben des Jahres, mit Krokus, Schneeglockchen und Veilchen bekranzt wird, wenn wir unsre Kinder dabei taufen lassen; wenn bei Feuersgefahr dieser Brunnen die Stadt rettet, dann werden sie gern das kleine Gasschen geopfert haben und werden es mir danken."

Um keinen Widerspruch zu erfahren, eilte er, aufgemuntert von Apollonien, zu seinen Arbeitern, die Gasse wurde geschlossen, die Mauern durchbrochen, ehe noch die Sonne sank und Fingerling ihm sagte, dass die Zunfte einen Verdruss empfanden und zusammen gekommen waren, dass er eine solche gewaltsame Anderung und Zueignung ohne sie vorgenommen habe, nur ihre alte Anhanglichkeit halte sie ab, sich heftig dagegen zu erklaren. Er meinte aber die guten Leute zu kennen, er wusste, dass sie einer grossen, offentlichen Lustbarkeit nicht widerstehen konnten und bat Fingerling, alle Zunfte mit Frauen und Kindern zu seinem Hochzeitfeste einzuladen, zugleich sollte er die Angelegenheit des Brunnens hin halten; wenn sie erst ein paar Wochen daran gewohnt waren, wurden sie einigen alten Weibern zu liebe, die das Linnen trugen, ihm diesen Gipfel des hauslichen Glucks nicht wieder entreissen.

Anna und Hildegard vernahmen nichts von der Sache, die erstere war allzu glucklich mit der Musterung aller Kostbarkeiten und Kunstlichkeiten beschaftigt, welche die furstliche Mutter dem Hause zur Uberfullung aller Zimmer verlassen hatte. Kaum gonnte sie sich Zeit zum Mittagessen, die neugierige Anna; ware Berthold nicht mit seinem Brunnen beschaftigt gewesen, es hatte ihn kranken mussen, dass die Begierde auf Wirtschaftsgerate, die sie bald als Eigentum betrachten sollte, ihre Aufmerksamkeit von ihm fur den ganzen Tag abgelenkt hatte. Mit rastlosem Eifer wurden alle Zimmer, alle Schranke gemustert, und Frau Hildegard selbst hatte die Freude, manches durch die Beruhrigkeit Annens wieder zu sehen, was ihr zu schwierig war aufzuheben, selbst manches noch zu entdecken, wovon sie bisher keine Kunde gehabt hatte. Immer hoher stiegen sie und kamen im Boden an eine Kammer, von der Frau Hildegard selbst nichts wusste. Da aber die Ture verschlossen war und kein Schlussel unter allen sich dazu vorfand, so wurden alle durchversucht, ob sie passten. Endlich fand sich ein Schlussel von dem Zimmer Bertholds, der auch hier aufschloss, aber die Erwartung war betrogen, die Kammer schien nichts zu enthalten als einen mottenfrassigen, grunen Wams, den Frau Hildegard bei naherer Betrachtung fur den grunen Schreiberwams, fur die erste Gabe Apolloniens erklarte. Der wurde von Annen mit Hildegards Einwilligung gleich bei Seite geschafft, damit diese Erinnerung, von der er oft sprach, keine neue Neigung und Eifersucht erwecken konnte. Nun fand sich noch ein eiserner Kasten in einer Ecke, in welchem Anna nichts fand, als ein turkisches Messer mit einem Drachengriff und einem ledernen Beutel, beides war seltsam schon gearbeitet und gefiel ihr, sie meinte, es brauchen zu konnen. Aber Frau Hildegard gebot ihr beides hinzulegen, sie wolle ihr ein besseres Messer kaufen, das sie in der Wirtschaft brauchen konne und der Beutel scheine ihr ohnehin verstockt zu sein. Doch Anna dachte sich schon als Herrin des Hauses, glaubte das alles schon ihr Miteigentum, wollte mitgeniessen, was ihr gefiel, und sparen, was uberflussig schien, sie meinte also, es sei verstandig, Messer und Beutel mitzunehmen, ohne dass es die Alte mit ihren bloden Augen bemerke, nachher werde sie schon vergessen, ein uberflussiges Messer zu kaufen, und den Beutel brauche sie ohnehin gleich, um allerlei kleine Gaben zu bewahren, die sie wahrend der Haussuchung erhalten hatte. So kamen beide bedeutsame Gaben alter Zeit, das einzige, was von dem Schatze Bertholds ubrig, in die Gewalt der schonen Braut, die ihre Seltsamkeit und die Gefahr, welche damit verbunden, nicht ahnden konnte, aber das Unrecht war ihr doch deutlich, denn sie nahm beides heimlich und es brannte sie doch schon etwas, wie den Adler die gluhende Kohle, welche er statt des Opferfleisches in das sichere Nest trug.

Siebente Geschichte

Der Brunnen

Der Heiratsanschlag auf Fingerling hatte keinen Fortgang, der alte Junggeselle befand sich in seiner angstlichen Ordnung zu wohl, als dass er sie hatte andern mogen. Er fand sich durch den Antrag sehr geehrt und geangstigt, denn seine alte Aufwarterin war gegenwartig und machte ein boses Gesicht, auch die Kanarienvogel, denen er etwas Grunes gebracht, schrieen zornig drein, seine drei Schosshunde knurrten und Berthold fand es demnach geratener, zu ihren Geschaften uberzugehen. Einen Vorteil hatte er inzwischen durch den verlornen Antrag, es durfte Fingerling seine Einwendungen gegen den Brunnen aus erwiderndem Nachgeben nicht weiter vorbringen. Dieser Brunnenplan war Berthold aber ganz ans Herz gewachsen, seit Anna, die vorlaufig mit der Mutter ins Nachbarhaus der Schicklichkeit wegen bis zur Vermahlung gezogen war, diese Verbindung hochst bequem fand, um spat und fruh bei Berthold zu sein, mit ihm die Zukunft und das Haus auszuschmucken. Bertholds Zartlichkeit, die jede Stunde durch artige Zeitvertreibe, Geschenke und Gesellschaften zu beleben wusste, hatte jede Eifersucht der Tochter wieder in den Hintergrund gestellt und bei der Brunnenverbindung beider Hauser storte sie kein sorglicher Gedanke. Sie suchte inzwischen doch die Verbindung der Mutter mit Meister Kugler zu betreiben, der nun einmal fest entschlossen war, nicht ohne Frau in seine Wirtschaft zuruck zu kehren, und sich inzwischen mit dem Fleischeinkauf fur das grosse Fest beschaftigte, das Berthold der Stadt geben wollte. Als die Mutter ihr dieses Ansinnen rund abschlug, weil sie von dem Tode ihres Mannes eigentlich gar nicht unterrichtet sei, so sannen beide auf eine andre Frau fur ihn, doch vergebens. Da traten die geschwatzigen Tochter des Vogts, Babeli und Josephine mit grossem Geschrei ein, weil sie erst jetzt die Anwesenheit ihrer liebsten Gespielin erfahren hatten, kussten Apollonien, erzahlten gleich, wie viele Verehrer sie ausgeschlagen hatten, bis die andern davon abgeschreckt, sich ihnen nicht mehr zu nahen wagten; wie sie jetzt viel verstandiger handeln wurden, wenn es ihnen gestattet ware, ihren Weg noch einmal zu machen, wie sie nicht mehr auf irrende Ritter, sondern auf ehrliche Zunftgenossen sehen wurden. Das Gesprach belebte sie, die Erinnerungen schmolzen das Eis ihrer Herzen und Kugler, der nicht mehr hinkte und sehr grossstadtisch gekleidet war, trat zur rechten Zeit ein. Babelis Stunde hatte geschlagen, zwar spat, aber um so lauter, Kugler wollte eine Frau aus der Stadt, woher Anna stammte, sie liebten beiderseitig nicht ein zartes Verstecken mit ihrer Zuneigung zu spielen, Apollonia und Anna forderten die Geburt mit freundlichem Zureden, sie hatten sich erklart und verstandigt, geeinigt und gekusst; sie waren zum uralten Vogt gelaufen, der seinen Tochtern allen Willen liess und auch zu dieser Verlobung freundlich nickte; alles das an einem Tage.

Auch hievon zog Berthold fur seinen Brunnenbau wesentlichen Vorteil. Die Burger wollten sich durch den versprochenen Schmaus wegen des vermauerten Bleichgasschens nicht beschwichtigen lassen, sie wollten aber den reichen Burgermeister nicht unmittelbar kranken und steckten sich deshalb hinter den Vogt, der gegen Berthold gleich einige Worte von herzoglicher Genehmigung fallen liess. Gegenwartig fielen diese Worte ins Wasser, womit der Vogt seine Hande in Unschuld wusch: wie hatte er den Mann kranken sollen, der seinen kunftigen Schwiegersohn beherbergte, der gewissermassen die Veranlassung gegeben, dass er Babeli unter die Haube brachte, eine Hand wascht die andere. Vielmehr gab er gleich den Burgern zu verstehen, wenn sie sich gegen den Bau setzten, so wurde Berthold durch herzogliche Gnade ihn dennoch durchsetzen, ihr Widerspruch sei vergebens. Die Burger kannten Herzog Ulrich und schwiegen, trugen es aber Berthold nach, der doch nichts von diesem Gerede des Vogts wusste.

Das Ausgraben des Brunnens hatte grosse Schwierigkeiten, weil Berthold nichts vom Bergbau verstand, der doch hier notwendig zu Hulfe gerufen werden musste, wenn er die oberen Quellen verschmahen und sich zur Tiefe durcharbeiten wollte. Die Arbeiter sagten oft, Erde und Steine mochten ihnen uber den Kopf zusammensturzen, denn sie verstanden es nicht, durch ein Zimmerwerk die steilen eingegrabenen Erdwande zu sichern, doch Berthold redete es ihnen in seiner Lust den Brunnen fertig zu sehen, immer aus, machte ihnen Mut durch Wein und Geld, stieg auch selbst in die Tiefe und half zum Zeichen, dass er keine Gefahr da ahnde. Aber jedesmal sturzte die Erde auf ihn nach und notigte ihn, hinaus zu gehen und sich umzuziehen, wenn sie auch keinen weiteren Schaden tat. Er liess das Ausgraben weiter umherfahren, glaubte alles gesichert und forderte die Arbeit um so eifriger, je weitlauftiger sie wurde. So tief hat des Himmels Gnade das Verderben versteckt, der Mensch sucht es trotz allen Gefahren auf, oft scheint es, als ob sein hochster Mut erst in der Sehnsucht nach dem Verderblichen erwache, als ob die Uberzeugung des Guten nicht diese heftige Flamme in ihm entzunden konne. Berthold hatte eben die Arbeiter verlassen, es war am dritten Tage, da kam ein Geschrei, der Brunnen sei eingesturzt, die Arbeiter verschuttet. In Verzweiflung eilte er hin, er sah den Brunnen durch die von zwei Seiten eingesturzten Wande halb gefullt, der Gram seines Herzens nannte ihn einen Morder, er sprang hinunter, er rief jedermann zu Hulfe, alles arbeitete in stummer Verzweifelung. Endlich gelang es, den armen Verschutteten Luft zu schaffen, sie konnten sich schon zum Teil selbst helfen; die leblos schienen, wurden wieder zu Atem gebracht, nur einem war der Arm zerschmettert. Berthold sorgte reichlich fur alle, den Unfall suchte er den Frauen zu verheimlichen, doch glaubte er sich gezwungen, den Bau so lange auszusetzen, bis er sich erfahrne Arbeiter verschafft hatte.

Da brachte ihm Fingerling am nachsten Tage Botschaft, ein fremder, seltsam gekleideter Mann, fast wie ein Schornsteinfeger, der eine Lederschurze hinten, schwarz leinene Jacke und grune Mutze trage, reite sein hohes Ritterpferd in den Hof und bringe ein Schreiben von Martin Luther. "Gluck auf", sagte der Fremdling, ubergab seinen Brief mit einem freundlichen Handedruck. Berthold durchlas den Brief, worin ihm Luther berichtete, dass er den ersten Tag wohl acht Meilen auf dem Pferde seiner Sicherheit wegen zuruckgelegt habe, am Abend aber so steif und mude angekommen sei, dass ihn die Leute hatten herunter heben mussen Ein ehrlicher Bergknappe habe es ubernommen, das Pferd zuruck zu bringen. Noch wunschte er ihm viel Segen zu der Ehe, auch solle ihm der ehrliche Bergmann ein Lied vom Ehestande vorsingen, denn der wisse aus den Tiefen, wie der Gesang in die Tiefen des Herzens dringt. Aber unserm Berthold klang ein andrer Gesang in den Ohren bei den Worten, dies sei ein Bergmann, er sah ihn an wie einen hohern Boten, er druckte ihm die Hand wie einem Bruder, er zog ihn mit sich fort, zum Brunnen hin, zeigte ihm mit Leidwesen, wie die Tiefe zugesturzt sei, er musse ihm Rat geben, um gefahrlos in die Erde zu dringen. Der Bergmann lachte und sagte in seiner fremden Mundart, er ware ein so hochgelehrter Herr, der lesen und schreiben konne, er wolle ihn mit der Kleinigkeit wohl nur zum Narren haben. Berthold stutzte und sah ihn verwundert an, dann beteuerte er ihm, dass keiner einen Rat wisse, in die Tiefe zu kommen, so wenig es ihm gelungen in die Wolken zu fliegen. Der Bergmann spottete ihn aus, beschrieb ihm, wie ein Schacht nicht anders sei, wie eine Brunnenoffnung, bei der es aber auf Erz ankomme, wie dieser oft auf mehrere hundert Fuss Tiefe durch Wasser und Felsen eingetrieben werde, wie das Wasser und Gestein heraus zu schaffen sei und wie das Pulver jetzt alles Sprengen der Felsen erleichtere, wo sonst gar muhsam durch Feuersbrand die Harte gelost werden musste. Dann bestellte er sich Holz und Zimmerleute; Berthold versprach ihm reichen Lohn.

Die Burger hatten des Unfalls am Brunnen gespottet, jetzt konnten sie gar nicht begreifen, was er vorhabe. Keiner der Schmiede und Zimmerleute konnte den fremden Bergmann verstehen, denn zwischen den ungebildeten Menschen, die verschiedne Mundart reden, ist das Verstandnis schwerer, als mit denen, die schon ihre gewohnte Sprache durch Erlernung fremder Sprachen zu ubersetzen gewohnt sind. So musste Berthold als Dolmetscher zwischentreten, um den Leuten deutlich zu machen, was sie hauen, sagen, bohren, hobeln, nageln und schmieden sollten, obgleich er selbst eigentlich nicht verstand, was aus der Sache werden solle, auch dazwischen von mancher Besorgung fur das Haus und die Braut abberufen wurde. Es war diese Zeit des Glucks gefahrlich fur ihn, der so lange durch seine Erziehung und seine Schwachlichkeit von der Welt in eignen Wunschen und Leidenschaften abgehalten worden, er hatte sie nur immer durch das gleichgultige Nebelmeer der offentlichen Geschafte, der eignen Bedurftigkeit und des Erwerbs angeschaut. Nun fuhlte er sich auf einmal ein mitlebender Mensch, der manches vermoge, von zweien Frauen geliebt, von vielen Menschen umdrangt, die jetzt erst Vorteil oder Unterhaltung in dem Hause suchten. Es kamen Ritter aus der Gegend unter manchem Vorwand, versicherten ihm ihre Freundschaft, es tat ihm wohl von Turnieren mitzureden, den gewonnenen Becher zu zeigen; dann erregten sie seine Eifersucht, wenn sie artig gegen Apollonien und Annen waren, auch seinen Zorn, wenn sie auf Annen nicht zu achten schienen. Er lernte aus ihren Erzahlungen das kriegerische Jagdleben der kleinen Ritterstaaten von der glanzenden Seite kennen und fuhlte sich da mehr zu Hause, als bei sich selbst, wo ihm die Schreibstube, das Einkaufen der Wolle, das Dingen und Zahlen, wenn es gleich Fingerling gern besorgte, unleidlich fiel, so bald einer jener ritterlichen Gesellen ihn in der Zahlstube besuchte. Uber seine fruheren Jahre suchte er in sich ein Vergessen zu verbreiten, der Rosengarten und das ritterliche Puppenspiel ward eingepackt, er glaubte sich selbst zum fertigen Ritter bilden zu konnen, weil er sich gesund fuhlte. Meister Sixt wurde jetzt von Frau Hildegard ins Haus gerufen, um die Bildnisse von allen zu ewigem Gedachtnis der schonen Zeit zu malen. Berthold schenkte ihm eine bedeutende Geldsumme fur Anton, damit dieser ihm nie, so wenig wahrend der Arbeit, wie nachher, ins Haus komme, weil er behauptete, Frau Hildegard konne ihn nicht wohl leiden. Er bemuhte sich gar, den Anton nach Nurnberg zu Durer in die Lehre zu bringen, aber das schlug Sixt rund ab, weil er auf die Malerei der dortigen Meister, besonders Albrecht Durers, gar nichts hielt, sondern das Wohlgefallen der Leute an dessen magern Gestalten fur eine Augenverblendung ausgab. Er hatte die vollen sinnlichen Gestalten seiner niederlandischen Meister im Kopfe, so malte er auch seine Heiligen, dass noch ein sehr vollendeter Mensch ausser der Heiligkeit sich in ihnen zur Schau stellte, ein Mensch, der auch zur Sunde den Stoff in sich trug, aber in seinem Ausdruck, die Bandigung der Lust, die Unterwerfung des blinden Triebs zu hoherem Zwecke zeigte, der zugleich durchscheinen liess, dass dies alles in ihm kein toter Zwang des Gesetzes sei, sondern ein Drang seiner Seele, ein feuriger Wille, oder was gewohnlich Glaube genannt wird, dies Vertrauen auf einige Begeisterung des Willens fur etwas, das alles wirkt und bildet. So tuckisch Meister Sixt die schwachliche Gestalt Bertholds einst aufgefasst hatte, so reich und freudig wusste er die herrlichsten Augenblicke in Annens Gestalt und Ausdruck zu sammeln und fest zu halten, Apollonien gab er dagegen zu viel Boses und Frau Hildegard zu viel Gemeines in den Ausdruck, denn was ihn nicht entzuckte, das machte ihn tuckisch. Eine Bosheit von ihm war es auch, dass er sie durch das Zugehorige, die Eule bei Apollonien, die Taube bei Almen und den Pfau bei Hildegard, als die drei Gottinnen der Fabel bezeichnete, Berthold aber als Paris hinzufugte, wie er Annen den Apfel reichte. Diese mythische Bedeutung, die niemand in Waiblingen, als Berthold verstand, hatte dieser in Zutrauen auf Anna gebilligt, da er in ihr allerdings etwas von einer Liebesgottin fand, auch konnte das ganze Bild, das an den zu erbauenden Vereinigungsbrunnen (der nach Bertholds Zeichnung in das Bild eingetragen war) den Zuschauer versetzte, eben so gut fur eine Verherrlichung der Gartenlust, die Berthold geschaffen, gelten; so wurde es auch von den Frauen, von allen Basen und Vettern, von Rittern und Knappen aufgenommen.

Zu keiner Angelegenheit verhielt sich wahrend dieser Arbeit unser alter Sixt seltsamer, wie zu dem Bergbau am Brunnen, der inzwischen schon mit verschranktem Holze ausgesetzt war und durch ein Drehrad mit zwei Pumpen seines wilden Gewassers entledigt wurde. Er konnte ihm seine Bewunderung nicht versagen, begriff aber nicht, was da vorgehe. Dass da unten in der Tiefe einer arbeite, kam ihm nicht in den Sinn, sondern er meinte, das mache sich alles von selbst durch die mirakulose Maschine. Er spritzte deswegen eines Morgens sehr unbesorgt sein warmes Wasser, worin er die Pinsel, Farbenscheibe und Farbenbeutelchen ausgewaschen, in den Brunnenschacht. Er hatte den Tag sehr viel an einem roten Kleide Annens gemalt, das warme Wasser war wie Blut gerotet und der Bergmann erschrak bei seinem Grubenlichte nicht wenig, als ihm rotes, warmes Blut uber den Kopf rann, er glaubte, dass ihm eine Ader an einer Kopfwunde, woran er schon einmal todkrank gelegen, wieder aufgesprungen sei. Er stieg entsetzt und gar unerwartet fur Meister Sixt, wie ein Schornsteinfeger fur den Storch, der ruhig uber dem Schornstein nistet, aus der Tiefe. Meister Sixt machte ein Kreuz mit seinem Pinsel und ware schnell dem Berggeiste entwischt; der aber hatte ihn schon in seinen schwarzen Fausten und sagte ihm in seiner breiten Mundart, er solle ihm einen Arzt bestellen, ihm sei eine Ader gesprungen. Meister Sixt versprach alles, um dem schwarzen, blutigen Manne zu entkommen. Er lief fort und begegnete in der Strasse einem Geistlichen, dem Pfarrer Sprenger, der die heilige Speise zu einem Kranken getragen hatte; den sandte er gleich zum Trost des armen Bergmanns. Dann lief er zum Bader, dass er sich mit chirurgischem Verbande einstelle, und begleitete diesen zum kranken Bergmanne. Der gute Bergmann hatte inzwischen schon alle seine Sunden gebeichtet, wie er hie und dort Erze bei Seite geschafft und an die Chimisten verkauft habe, er war seiner Sunden entledigt und die heilige Speise ihm gereicht worden. Der Geistliche suchte ihm noch Mut einzusprechen, aber der Bergmann blieb dabei, ihm wurde im Himmel auch nichts geschenkt werden; er werde "ta prav tonnern" helfen mussen. Da trat der Chirurg hin, wusch den Kopf ab, setzte seine Brille auf, schuttelte mit dem Kopfe, sah wieder, roch wieder und brullte endlich zornig: "Meister Sixt, ich schlage Euch alle Ruben im Leibe zusammen, hier ischt keine Wunde, das ischt kein Blut, sondern riecht wie Malerfarbe, Ihr habt mich zum Narren brauchen wollen, mein Gang kostet einen Gulden, die Ehrenerklarung kostet auch einen Gulden, und wenn ich Euch nicht totschlagen soll, so kostet's noch einen Gulden." Der Geistliche, als er dies vernahm, sprach Fluch und Bann uber den durren Meister aus, dass er mit dem Heiligsten seinen Spott treibe. Meister Sixt krahte dazwischen von seinem point d'honneur, indem er einen kleinen Degen zog, ihn habe der schandliche Bergmann angefuhrt, er sei unschuldig; der Bergmann aber schalt grimmig auf den Maler, er habe ihm ein Fieber in den "Leip" gejagt, er habe ihn mit "Treck gesalpt". Schon hatte der Bergmann mit seinem Faustel den kleinen Degen des Malers in die Luft geschnellt und wollte ihn damit weiter auspochen, da trat Berthold aus dem Hause, ermahnte ihn zum Frieden, liess sich den Vorgang erzahlen und erklarte allen den seltsamen Irrtum, worin sie sich vergebens ereifert hatten, zahlte dem Wundarzt eine kleine Entschadigung, verehrte dem Geistlichen Tuch zu einem Mantel, schickte Sixt zum Bilde fort und trieb den Bergmann an die Arbeit, die ihrer Beendigung nahe schien und die viel Menschen notig hatte, weil die Pumpen Tag und Nacht beschaftigt werden mussten.

Der Bergmann wollte sich zwar weigern, gleich nach solcher "Unortnunge und poser Warnunge", wie er sich ausdruckte, fort zu arbeiten, aber Berthold stellte ihm vor, dass die Arbeit durch den Felsen wahrscheinlich noch an dem Tage zu der grossen Quelle fuhre, auf die alle Vorzeichen deuteten. Der Bergmann dachte seines Berufs und der Vergebung seiner Sunden, er stieg ein in die Tiefe: das Unheil war so tief verborgen, er musste es doch zu Tage fordern. Berthold horte den Bergmann aus der Tiefe gar herrlich singen und dachte wohl an Luthers Brief und wie dieser fromme Bergmannssohn fur die Sehnsucht der Welt nach tiefer Erkenntnis sein Leben daran setze, eine Quelle des Glaubens zu entdecken, nachdem aller andrer Glaube, wie er bisher gebraucht, als getrubt befunden worden. Angstlich fragte er den Bergmann, ob auch keine Gefahr ihm drohe, es sei ihm so bange. "Eine feste Burg ist unser Gott", antwortete der alte Hauer, "ich lass mich nicht zum zweitenmal von blinder Furcht abtreiben, es muss hindurch, der Fels mag hier noch so fest sein, ich habe gebeichtet und gebetet."

Beruhigt ging Berthold zu seiner Anna, fand aber dort einen sehr schmerzlichen Brief des guten Treitssauerweins; er schrieb ihm: dass der Kaiser taglich schwacher werde, dass ihm seine grossen Bestrebungen lacherlich dunkten, dass er viel von den Kronenwachtern vernommen und sich lachelnd geaussert habe, dass er sich gerade an den Unrechten gewendet, als er Berthold zu Nachforschungen aufgefordert habe, er mochte wohl selbst zu ihnen gehoren. Das habe er als Freund bestritten, aber der Kaiser sei nun einmal altersschwach und beschaue taglich seinen Sarg, den er bei sich fuhre. Als er von Augsburg ohne Prunk ausgezogen, habe er sich bei der Rennsaule auf dem Lechfelde umgewendet, lange mit seinen weisen, gutigen Augen die Stadt beschaut und endlich mit bebendem, tiefem Atem gesprochen: "Nun gesegne dich Gott, du liebes Augsburg und alle frommen Burger darin, wohl haben wir manchen guten Mut in dir gehabt, nun werden wir dich nicht mehr sehen!" Wo die Tonkugel eines Knaben und wo die Geschutzkugel zur Ruhe kommen, sind beide gleich machtlos, von dem Leben nimmt der Burger und der Kaiser mit gleichem Gefuhle Abschied; dass aber ein Kaiser nach so gewaltigem, sausenden Laufe durch die Welt und ihre Geschichte noch so menschlich mit der Stadt reden konnte, in der er wenige frohe Tage lebte, die Treue ruhrt tiefer, als das Angedenken mancher grossen Tat.

Berthold erinnerte unter solchen Betrachtungen seine Anna an jedes gute Wort des Kaisers und beide sassen fest verschlungen aneinander in Tranen, als sich ein Larmen horen liess nach der Hofseite, als ob ein fernes Geschutz abgefeuert wurde. Berthold horte gleich darauf ein Geschrei der Arbeiter am Brunnen, er lief ans Fenster und erblickte eine Wassersaule, die sich uber den Brunnen erhob und sich dann senkte; das Wasser aber floss dann wie aus einem uberkochenden Kessel aus dem Brunnenschacht die enge Gasse zwischen den beiden Hofmauern nach der Rems hinunter. "Gott, Gott", rief er, "unser armer Bergmann!"

Mit diesem Ausruf eilte er aus dem Zimmer hinunter die Treppe, uber den Hof zum Brunnen hin: "Helft, helft!" schrie er zu den Arbeitern, aber da war schon alles versucht, den armen Bergmann heraus zu ziehen, es fehlte nur an Haken um bis zur Tiefe des Brunnens zu gelangen. Die Leute berichteten, dass sie einen Schall in der Tiefe gehort, als ob er den Durchbruch eines Felsenstucks, woran er lange gearbeitet, zu Stande gebracht, aber mit einem furchtbaren Bullern, das leichte Steine fortgeschleudert, habe sich eine Wassersaule erhoben, gewiss habe er ein grosses Wasserbecken im Innern des Bodens geoffnet, und sei vom Felsenstuck niedergedruckt worden, sonst wurde ihn der Strom emporgetragen haben. Kein Schwimmer konne da niederdringen, so lange der Wasserstrom mit solcher Gewalt ausstrome, die Haken mochten ihn nicht erreichen, selbst von langen Baumen, er sei verloren; ein Gluck fur ihn sei es, dass er gebeichtet habe und gespeist sei. Die Leute sahen darin eine besondre Absicht und Gnade des Himmels, dass der Maler den Geistlichen herbeigefuhrt habe. Das war kein Trost fur Berthold, er suchte umher nach Rat und Hulfe, aber vergebens, zugleich schamte er sich des Vorgangs vor den Frauen und vor der Stadt. Er gab den Leuten Geld, dass sie dies Ungluck verschwiegen, auch im Hause sagte er nichts von dem Vorgange, sondern berichtete nur die Erscheinung der von Faust vorausgesagten grossen Quelle. Alles eilte verwundert dahin, der Bergmann schien vergessen. Heimlich bestellte Berthold, so wenig er sonst darauf gehalten, Seelenmessen fur ihn zu lesen; so verschmahen nur wenige, was ihnen angenehm im Glauben ist, nur das Unbequeme veranlasst den Zweifel und die Untersuchung.

Aber die Arbeiter schwiegen kaum so lange, als dies Geld wahrte, das er ihnen geschenkt, bald war die Geschichte ein Marchen der Stadt, es hiess, der Bergmann habe kostbare Edelsteine im Grunde des Brunnens gefunden und sei von Berthold herabgesturzt, um dies zu verheimlichen, er werde es kunftig schon herausarbeiten. Niemand sagte ihm so etwas wieder, dass er die Wahrheit hatte offenkundig machen konnen. Die Luge wandte immer mehr Herzen von ihm, aber er war zu ubermachtig durch seinen Reichtum, durch die grosse Zahl von Arbeitern, die er beschaftigte, als dass irgend ein Burger eine Anklage gegen ihn gewagt hatte. Faust mehrte den Zorn der Leute, in seiner Trunkenheit sagte er seltsame Dinge von Bertholds Heilung durch Blut, wovon er, wenn er nuchtern, nichts wissen wollte. Um diese Zeit liefen aber so viele Klagen gegen Faust ein, dass Berthold, seines argerlichen Wandels uberdrussig, ihn zur Stadt hinaus fuhren liess. Da sagte Faust ganz vernehmlich: Es solle dem Burgermeister noch gereuen; wenn er den Anton nur erstechen konne, so ware er auch des Todes, und dazu werde sich schon einer finden. Aber auch davon erfuhr Berthold nichts, er wurde immer noch von den Seinen wie ein krankes Kind gegen jedes unangenehme Luftchen bewahrt. Schnell ordneten sich die Steine um den Brunnen zu seinem Rande und zu Sitzen umher, sein Abfluss wurde sanft und ein kleiner Ausschnitt leitete den Uberfluss durch ein Gitter ab. Am sogenannten Polterabend vor der Hochzeit, wo bei den Armeren alles Gerat abgesondert, die alten Topfe zerschmissen werden, um ein neues Leben anzufangen, war der Brunnen am Abend fertig und trokken und erst jetzt entdeckte sich allen seine Anlage. Die Sitze waren hinlanglich gehoht, um uber die Mauern nach dem Remstale hinzublicken, so dass die sinkende Sonne in ihrem abendlich gesattigten Rot aus dem Spiegel des gewundnen Flusses mit dem Scheine mannigfaltiger Inseln blickte; unter den Mauern sangen dazu die Chore der Bleicher auf den grunen Wiesen, Berthold wurde uberrascht und uberraschte zugleich, die beiden Frauen zierten den Brunnen mit einem Blumennetze, das sie heimlich bereitet hatten und auf bunten Stangen uber die Mitte des Brunnenrads stellten, dass es mit Duft und Farbenspiel sie wie ein Zelt umgab und die Aussicht erhohte, indem es zuweilen sie unterbrach. So sassen sie ruhig, und Anna fuhlte einmal gar keine Eifersucht, dass Berthold die Mutter mit seinem andern Arm umfasste, sie sprachen wenig und blendeten sich an dem Abendrot. Der Brunnen war zwar teuer erkauft, aber er gewahrte dem glucklichen Berthold das stolze Gefuhl, dass ihn diesmal nichts geschreckt habe; die andern wussten nichts von dem armen Bergmann. Da horte Anna von einer Seite einen Atemzug, wo keiner der Ihren stand, sie blickte um sich und sah einen alten Mann in rostiger Rustung, sie fragte Berthold mit leichtem Schreck: "Wer ist der fremde Mann? Er sieht aus, als ob eines von unsern alten Steinbildern am Hause zu uns herabgestiegen ware. Er hat mehr Zuge im Gesicht, als zwei gewohnliche Menschen. Er schiebt jetzt einen Kasten heran, es kommen mehrere, die ihm helfen, alle gerustet wie er, alle von bleichem steinernen Angesicht. Sie gehen schweigend zuruck, er bleibt."

Achte Geschichte

Das Hausmarchen

Frau Hildegard, die sich zugleich mit Berthold umsah, stiess diesen vergebens an und flusterte ihm zu, er mochte sich fortbegeben, es sei einer der Kronenwachter, den sie sonst schon oft abgewiesen habe. Berthold fuhlte einen Mut in sich, dem Alten zu begegnen, und fragte ihn, was er wolle, warum er sich ihnen so heimlich genaht habe! "Heimlich?" antwortete der Alte mit tiefer heiserer Stimme, als ob die bose Witterung eines Jahrhunderts darin sich verkrochen hatte, "heimlich war nicht notig, ihr saht und hortet nichts! Mein Name ist Kronenhelm, bin Ehrenhalt auf dem Schlosse Hohenstock, wurde viel hin und her geschickt in Ernst und Spiel, habe Turnier ausgerufen, Fehde verkundet, Schlosser aufgefordert, habe im Zweikampf Sonne und Schwerter gemessen, besprochene Waffen losgesprochen, die Hexerei mit ritterlicher Ehre gebrochen, kann blasen auf dem Ehrenhorn hoch und tief, und wenn einer sieben Jahre schlief, ich weck ihn und schreck ihn, doch wenn einer lustig ist, bin ich auch ein guter Christ, und zu Eurem Polterabend komm ich uber die Heide trabend, Euch Gruss zu bringen, Eure Hand zu schwingen, Geschenk und Gaben, die sollt Ihr haben, buntes Glas, wie bald bricht das darum nehmt's wohl in acht, es hat ein Vorfahr gemacht. Seht her seht hin, seht die Sonne darin, wie's flimmt, wie's flammt, alles vom Lichte stammt." Bei diesen Worten hob er aus einem Kasten, den ihm einige Leute nachtrugen, langlichte Glasfenster, oben als Spitzbogen geschnitten, und stellte sie in die leeren Raume zwischen den mit Blumen umwundnen Stangen gegen die untergehende Sonne, dass die Farbenpracht des Glases in seinem Durchscheinen in dieser vollsten aller Lichtfullungen jedes andre denkbare Bild uberstrahlte. Berthold grusste den Mann und in der Meinung, er sei von den Frauen geschickt, druckte er den beiden Frauen die Hand und dankte ihnen fur die seltne Freude, die sie ihm bereitet hatten, er schwore ihnen, kein Baumeister hatte je so etwas Schones ersonnen. Dieses Blumenzelt solle in feinem Marmorstein ausgefuhrt werden und die Glasfenster haltend umschliessen, dass der Brunnen eben so leicht frei, als geschlossen nach Witterung und Stimmung genutzt werden konne, zum kalten Bad fur die heisse Zeit, als warmes Bad im Winter, auch zum sichern Mittagsschlaf beim Rauschen des Gewassers. Er ruhmte Almen, wie sie ihn in allem ubertroffen, aber Anna sah Apollonien verwundert und argerlich an, als ob diese heimlich sie durch Erfindung habe ubertreffen wollen, und Apollonia noch verwunderter Annen, der alte Ehrenhalt lachte recht von Herzen. "Warum lacht Ihr, Alter?" fragte Berthold, "dass ich so eifrig bin, mir hier gleich ein Brunnenhaus fertig zu denken, woran noch mancher Meissel stumpf wird. Ihr sehet hier noch Stangen, ich sehe schon die Blumenkrone in Marmor uber dem Brunnen, ich sehe schon die Morgensonne von jener Seite, wie sie die Fenster durchleuchtet, ich meine das Tal dort wird noch freundlicher scheinen, weil es weniger blendet." "Herr", antwortete der Ehrenhalt, "Eure Absicht finde ich gar wohl erdacht, aber ich wundre mich, dass Ihr diese Arbeit so wenig kennt nach ihrem Werte und ihrer Seltenheit, dass Ihr es fur eine blosse Artigkeit Eurer Braut haltet. Solche Fenster mochte der Kaiser sich wunschen und sie nicht bereit finden; dieser muhsam zusammengebrachte Reichtum an Schmelzfarben steht keinem Glasmaler so zu Gebote und die Fertigkeit in der Benutzung aller ihrer Mischungen und Uberlagen fordert ein vieljahriges Nachdenken. Hier ist nicht wie in gewohnlicher Glasmalerei mit Schwarz geschattet, ein jeder Schatten sinkt in seiner eigentumlichen Farbentiefe. Ehrt dies Geschenk, das erste, womit die Kronenwachter Euch ein Zeichen ihres Vertrauens geben." "Wer erlaubt Euch hier einzudringen?" unterbrach ihn jetzt die alte Frau Hildegard, "jetzt erkenn ich Euch, wie oft habe ich Euch abgewiesen." "Lass ihn", sagte Berthold, "seid nicht bose, guter Mann, die Mutter meint es gut mit mir und furchtet Euch wegen Martins Tod; Eure Gabe lerne ich jetzt erst recht bewundern, Ihr habt diesen Abend seltsam verherrlicht, Ihr sollt Zeuge sein meiner Freudentage und Ihr werdet Euch scheuen, ein Gluck zu storen, um Greuel hoffnungsloser Erwartungen zu saen." "Greuel?" fragte der Ehrenhalt ernst. "Ich sage Euch meine Ansicht", antwortete Berthold, "verhehlt sie nicht den Kronenwachtern. Ich meine, dass ein hochberuhmtes Geschlecht nach Gottes Weisheit von der Hohe schwindet und dem gemeineren Platz macht, wenn seine Fortdauer Greuel brutet. Denkt Euch, der vielfache Mord, an welchem mein Vater untergegangen, ware von dem herrschenden Geschlechte vor den Augen der Welt begangen, welch ein Vorbild den Volkern; jetzt schwindet er in der Unbemerktheit, nur denen verderblich, die sich darin verwickelt finden." "Woher aber diese Greuel?" antwortete der Ehrenhalt. "Fuhlt Ihr solche Frevel in Eurem Blute? Seid Ihr nicht mild und schaffend in Eurem Kreise gewesen, und war nicht eben so Euer Vater? Beruhrt Euch aber der Gedanke Eures Sturzes ernstlich, und das wird keinem fehlen, dann lernet Euch selbst furchten; fiele die warmende Sonne zur Erde, sie wurde uns verbrennen. Als Euer heiliges Geschlecht herrschte, gab es ein reines, keusches Rittergeschlecht, aber die jetzt den Namen tragen, sind es nicht. Nicht die sind Ritter, welche mit goldnen Spornen einherstolzieren, die von den Kaisern mit Gunst und Torheit zu Rittern geschlagen sind. Die echten Ritter sind vom harten Geschick geschlagen und gepragt, ihr Sporn ist die Treue und ihr Schwert der Glauben an das ewige Bestehen der Geschlechter und dass dieselbe Herrlichkeit aus dem Stamme immerdar wiedergeboren werde, wie Ihr das Wasser dieses Brunnens ruhig abfliessen lasst und immerdar auf die Dauer und Gabe der Quelle rechnet. Doch Herr, es ist nicht gut einen zu wecken, ehe er ausgeschlafen hat, Ihr musst noch ausschlafen von dem Siechtum, das Euch lange zu ritterlichen Taten untuchtig machte, auch wollen die Kronenwachter noch nichts mit Euch, sie senden Euch nur eine kleine Freundesgabe, dass Ihr Eure Abkunft nicht vergesst, denn in diesen Bildern ist viel von Eurer Abstammung erzahlt und hier sind die Reime, die Euch hieruber weitere Auskunft geben." Mit neugierigem Stolze griff Anna nach dem Buche und sagte: "Es ist mein, denn seine Ehre ist auch meine Ehre jetzt; aber die Zuge dieser Handschrift mussen gar alt sein, ich kann sie nicht lesen. Herr Ehrenhalt, schenkt uns noch einen Bericht aus diesem Buche, es scheint gar lang und Ihr werdet uns das mehr in der Kurze berichten konnen, da das Abendlich bald zu verloschen droht." "Tut es alter Herr", sagte Berthold, und bot ihm einen Becher alten Neckarwein an, "wenn Ihr ein ritterlicher Diener seid, so durft Ihr schonen Jungfrauen so etwas nicht abschlagen." "Euer Wein ist klar, wie der Jungfrauen Angesicht", antwortete der Ehrenhalt, "und was Ihr begehrt, ist unsre stete Unterhaltung in den einsamen Wachtstunden, bald sprechen wir von den wohlbezeugten Geschichten des Hauses, von Barbarossa und Konradin, bald von den Hausmarchen aus den Zeiten des Attila, von denen hier eins abgebildet ist. Es berichtet von einem der alten schwabischen Konige, aus dem Hause der Hohenstaufen, dessen Name verschieden angegeben wird, hier aber soll er in Waiblingen sein Hoflager gehalten haben. Waiblingen war damals eine grosse Stadt." "Das wissen wir aus der Chronik", sagte Berthold. Nun erzahlte der Ehrenhalt das Hausmarchen nach Ordnung der Bilder, die er nach einander, wie er in der Erzahlung fortschritt, gegen die Sonne stellte, dass jeder ihre Bedeutung zugleich erschaute.

Erstes Bild

Es war nun der dritte Tag, dass der Konig dem wunderbaren, kleinen, wie Silber blinkenden Vogel uber Hohen und Tiefen bis zum Anfang des dichten Schwarzwaldes nachschlich. Der Vogel schien aber der Jagdkunst verstandig, trug spielend eine goldne Feder im Schnabelchen, wenn er ausser dem Bereiche der Armbrust war, wiegte sich auf dem Zweige und sang ruhig, aber im Augenblicke, wo der Konig den Pfeil auflegte, breitete er seine Flugel aus und schwand selbst wie ein Pfeil in die gefahrlose Weite, wahrend der Konig ihm argerlich, aber vergebens, seinen Pfeil nachschnellte. Die Jagdwut des Konigs uberwaltigte seine Ermudung; seine beiden einzigen Gefahrten, zwei Ritter, die ihm aus gutem Willen folgten, waren schon am Morgen erschopft bei einem Einsiedler liegen geblieben. Des Konigs Jagdlust entschadigte ihn fur alles, was er entbehrte, er uberliess sich ihr nach dem schnellen Absterben seiner beiden Eltern, das einem tuckischen Gifte zugeschrieben wurde, um seinen Kummer zu zerstreuen, dass er den Morder nicht entdecken konnte. Gewiss war es einer seiner Gaugrafen, denen er in der Trauer so unbesorgt die Nachforschung, die Regierungsgeschafte und alle Einnahmen uberlassen hatte. Dieser schmerzliche Mussiggang machte ihn dem Volke verachtlich, wenige entschuldigten ihn mit dem schmerzlichen Anlasse. Die beiden gutmutigen Edelleute, die ihm auf seinen Irrwegen folgten, erkannten zwar das Ungluck, was er durch diese Lassigkeit uber das Land brachte, aber sie wagten nur selten, ihm Vorstellungen zu machen, da er allmahlich in seiner Jagdlust verwildert, gegen jede Einrede wutete, und sich selbst uberredet hatte, indem er von dem Ertrage der Jagd sich karglich nahre, so musste es seinem Volke recht wohl sein, dem er alle seine Einnahmen uberlassen hatte. Aber seine Grafen hatten dieses Erbe zur Unterdruckung des Volks durch fremde Soldner benutzt, so wurde das reiche Land vernichtet. Jener Vogel hatte den Konig allmahlich in den damals dreifach grosseren, unzuganglichen Schwarzwald gefuhrt, er eilte uber die von den Menschen bis dahin nicht uberschrittene Grenze der Wildnis, ohne es selbst wahr zu nehmen. Da bedeckte die untergehende Sonne ihr Haupt mit Asche der brennenden Wolken, er hatte seinen letzten Atem aushauchen mogen, um ihr Feuer noch fur einen Augenblick anzufachen. Er blickte um sich, denn der Vogel schien entschwunden, und er horte doch seine Stimme. Welche Baume umgaben ihn und welche zusammengesturzten Haufen von Baumstammen, auf denen riesenhafte Pilze mit bunten Giftfarben erwachsen waren, hier sah er eine Eidechse, die auf den Tod einer Schlange lauerte und ihr vorsang, dort hackten unzahlige Spechte den Takt zu dem Gesange. Wilde Reben aller Art, lebendig und abgestorben, verflochten den Urwald, in welchem die Baume so dicht aneinander ihre Aste drangten, dass er seinen Weg durch die abgestorbenen Unteraste brechen musste.

Grimmig schleicht er auf den Zehen

Durch des Waldes tiefe Nacht,

Aus dem Tale zu den Hohen

Lockt der Vogel ihn und lacht,

Lacht in tausendfachen Tonen,

Schlagt mit seinen Flugeln ihn,

Recht als wollt er ihn verhohnen,

Denn das Dunkel macht ihn kuhn.

Wutend schlagt der Herr die Baume,

Wo er langst entflohen ist,

Schiesset in die dunklen Raume

Und die Wut sein Herz zerfrisst.

Kracht die Tanne an der Tanne,

Seufzt er auch aus zorn'ger Brust,

Fuhlt sich schmerzlich in dem Banne

Von der bosen Jagerlust.

So wutete sein stolzer Jagdsinn gegen den Vogel, der ihn in diese Wildnis gefuhrt, und wo er etwas flattern horte in den gedrangten Asten, da schoss er seine Bolzen hinein, doch ohne andre Frucht als die Muckenscharen auf sich hinzuziehen, die schon in den Fichtenasten ihr Nachtlager aufgeschlagen hatten. Von ihnen gepeinigt, stampfte er auf den Boden, da sauste eine Wolke von Erdbienen gegen ihn empor. Er sturzte sich durch die trocknen Aste, ihnen zu entfliehen, da brummte an ihm voruber ein zottiger Bar, der den Honig der Bienen wittern mochte, denn er achtete des Konigs nicht, der schon sein Schwert zur Wehr gezogen hatte. Nun horte er wieder die Stimme des silbernen Vogels, aber er fuhlte keinen Zorn mehr gegen ihn, er war ihm eine willkommnere Gesellschaft unter den Ungeheuern, die ihn umdrangten. Ein heftiger Durst zahmte ihn, er horte wohl Wasser rauschen, aber wie ein Strom, der von einer Hohe sturzend zerstaubt, denn der Felsen, auf welchem er stand, bebte von dem Falle. "Ein Schritt noch, und es ist der letzte", schien ihm des Vogels Gesang zu sagen und der Konig fuhlte zum erstenmal, dass er noch nicht zum Sterben vorbereitet sei. Er betete zum erstenmal seit dem Unglucke, das ihm die lieben Eltern geraubt hatte, denn er hatte mit dem Himmel gezurnt, in Finsternis und Wildnis kam der Geist des Herrn uber ihn. Und als er das Haupt vom Gebete erhob, da sah er den silbernen Vogel dicht neben sich, der einen grossen, leuchtenden Johanniswurm in seinem Schnabel trug und damit flatternd einen Fusspfad erleuchtete, den er in der Dunkelheit der Nacht und des Walds nie wahrgenommen hatte. Demutig hing er seine Armbrust uber und folgte mit Ruhrung dem angefeindeten Boten des Himmels. Seht hier auf dem Bilde, wie alles Licht von dem Johanniswurme ausgeht, welchen der Vogel tragt, seht an der Seite Schlange und Eidechse, an jener Bar und Bienen am Abgrunde, den das brausende Wasser unterwuhlt.

Zweites Bild

Uber eine Stunde fuhrte ihn der kleine Laternentrager durch den dichten Wald. Bei solcher Obhut konnte ihn weder das Heulen der Wolfe, noch das Liebesgeschrei der Eulen erschrecken, aber doch fuhlte er in seinem brennenden Durste, welchen das Kauen von Blattern nur vermehrte, dass er ohne eine Quelle zu finden, bald verschmachten musse. Der Boden blieb durr oder felsig, das Nadelholz hatte alles Leben unter sich erstickt, die Nacht war taulos, und ein fernes Blitzleuchten in der Schwule gab nur entfernte Hoffnung zu himmlischen Quellen. Da erschien ihm, als er schon alle Hoffnung aufgeben und eine Ader sich offnen wollte, seinen Durst zu stillen, das Feuer eines nahen Herdes, indem sich die Ture eines Hauschens, das von Baumen versteckt war, offnete. Der Vogel sang frohlich und zeigte ihm den Weg dahin durch die Gebusche und setzte sich auf den Giebel des Hauschens und liess den leuchtenden Johanniswurm frei entfliegen. Nicht aus Vorsorge, weil Rauber die Wildnis zum Aufenthalt wahlen konnten, sondern erschopft lehnte sich der Konig an die aus wilden Rosenbuschen geflochtene Wand der Hutte, ehe er einging, und dankte dem Himmel fur die gnadige Fuhrung. Dies stellt das zweite Bild dar: in der Hutte sehen wir einen ehrwurdigen Greis mit langem, weissen Barte, an einem Pulte schreibend, wahrend schone Knaben neben ihm an einem Tische Fruchte und Becher zu einem Mahl auftragen. Die alten Reime lehren dabei:

Lernt im Zufall Gottes Fuhrung,

Wie er euch in Not begrusst,

Denn es braucht oft tiefe Ruhrung

Dass ihr euch nicht ganz verschliesst.

Drittes Bild

Totenbleich tritt er zur Hutte,

Wie sein eignes Schattenbild,

Trinkt vom Quell, der in der Mitte,

Gleich dem mud gehetzten Wild;

Und ein Kind bringt Stuhl und Fruchte,

Und der Alte Wein und Brot,

Will nicht, dass er erst berichte,

Was ihn brachte in die Not.

Der Konig stillte seinen Durst, dann dankte er dem Alten, und fragte nach der Gegend, wohin er sich verirrt habe. Der Alte schrieb schon wieder gar eifrig und legte den Finger auf den Mund, zum Zeichen des Schweigens. Der Konig schwieg und die Kinder fuhrten ihn zum Lager am Feuer, wo ihn der Schlaf in wenig Augenblicken uberwaltigte.

Er mochte wenige Stunden geschlafen haben, als ein Funke vom frisch angeschurten Feuer auf seine Stirn sprang und ihn erweckte. Aber die Ermudung aller Glieder war noch zu gross, er wollte sich erheben und vermochte es nicht, nicht einmal die Augenlider konnte er offnen, er horte die Unterhaltung zwischen dem Vater und seinen Sohnen, ohne dass diese wahrnehmen konnten, dass er erwacht sei. Der Alte schien etwas sehr Ernstes zu bedenken, er hatte einen Dolch gegen Himmel gehoben und sprach heftig:

Ja der Konig muss verderben,

Soll der Staat genesen sein,

Mit dem Dolche muss er sterben,

Meine Trane soll ihn weihn,

Mich entflammt nicht eigne Rache,

Mich ergreift des Landes Wut,

Denn bald nahrt der grimme Drache

Sich mit unsrer Kinder Blut.

Aber die Kinder flehten alle fur den Konig und sagten:

Wie viel Wolken ziehn voruber,

Und die Sonne scheint dann hell,

Und der Konig wird einst lieber,

Als der mutigste Rebell,

Vor dem armen Volk erscheinen,

Das vergessen alte Not,

Sich erwahlet einen Reinen

Und bestraft des Konigs Tod;

Er ist gut, es sind die Grafen,

Die mit frechem Ubermut,

Laster lohnen, Tugend strafen,

Ach der Konig ist so gut!

Fest entgegnete darauf der Alte und focht mit dem Dolche gegen die Luft:

Wer darf sein Geschick vergessen,

Nicht der Bettler fremd im Land,

Und kein Konig darf vermessen,

Kronen, die aus Gottes Hand,

Unter seine Diener teilen,

Um in ungestorter Ruh

In dem wilden Wald zu weilen,

Nein bei Gott, ich stosse zu.

Dem Konige war in diesem Gesprach so manches Wort wieder erwacht, was seine beiden Edelleute bescheiden hatten fallen lassen, die Not hatte seinen Geist erhellt, mit Jammer erkannte er sein Unrecht, richtete sich auf, offnete seinen Wams und sprach zum Alten: "Stoss zu, ich fuhle mein Unrecht, ich habe mein Volk und meine Krone lange vergessen, moge ein Wurdiger mir folgen, der es treuer bewacht." Der Alte und die Knaben sprangen von ihren Sitzen und sahen ihn verwundert an. "Bringt kuhles Wasser dem Kranken", sagte der Alte, "er hat unserm Spiele zugehorcht und wahnt, er sei selbst der Schottenkonig, dessen Geschichte wir darstellen." "Ihr spielt mit dem Dolche?" sprach der Konig. "Oder hat Euch mein Auge den Mut benommen? Ich will es schliessen, will mich niederlegen wie ein Schlafender, dass Ihr mich ohne Scheu morden konnt." Bei diesen Worten entfiel dem Konig die Krone, die er unter seinem Hute trug, und der Alte erkannte wohl, dass dies Missverstandnis einen Grund habe und keine leere Qual der falschen Einbildung zu nennen sei. Er liess sich vor dem Konige auf ein Knie nieder und sprach: "Nicht jeder kennt die Not und das Geschick eines andern, der die Furchen seiner Stirn erblickt, wohl mogt Ihr unser gnadiger Herr sein, den wir so lange vermissen, ich aber wage es nicht, Euch zu beraten, so wenig ich Euch zu morden gesonnen war. Lange habe ich meine Augen nicht mehr dem Lebenden geoffnet, aber oft habe ich vor Euch in jungeren Jahren am Marktfeste zu Waiblingen die Geschichte der Volker auf kunstlicher Buhne gesprachsweise aufgefuhrt; gedenkt Ihr meiner noch, des alten Meistersangers David, aus Ungerland. Hier in stiller Einsamkeit durchdenke ich die Geschicke der Volker, und was Euch ergriffen, ist die Geschichte eines Schottenkonigs, der von seinen Barden erstochen wurde, weil ein Drache ungestort das Land verwustete." Der Konig erhob den Alten, kusste ihn und sprach: "Mag Eure Geschichte mir fremd sein, Eure Lehre ist mein geworden, der Sanger Wort ist ein hoherer Ruf und wie es uns trifft im Innersten, im Geist, im Herzen zugleich mit einem Strahle, so wirkt ein hoherer Geist durch das Wort; wohl mogt Ihr mich noch vergessen haben und des fernen Schottenkonigs gedenken, dennoch steht mein Reich ich und meine Gedanken im Spiegel Eures Geistes, Euch selbst unbewusst und ich schaudre vor meinem Abbild." Das Bild stellt den Konig dar, wie er seine Brust dem Dolche entblosst, wahrend die Krone von seinem Haupte fallt.

Viertes Bild

Der Konig fuhlte sich entschlossen, wieder selbst zu herrschen und fragte nach Kostnitz am Bodensee, wo der Graf der Nibelungen, als besonderer Gunstling des Konigs wohnte. Gleich war ein Knabe mit einer Kienfackel dazu bereit und der Alte gab ihm seltsame, ahndungsvolle Worte auf den Weg. Und der Knabe fuhrte ihn die wunderbarsten Wege auf umgesturzten Baumstammen uber Abgrunde, in denen die Wolfe heulten. So waren sie bei dem Morgenlichte schon am Waldrande, wo der Konig den Knaben mit vielem Dank zurucksandte, gern hatte er ihm auch eine Gabe gereicht, aber schon lange hatte er kein Geld mehr gehabt und verlangt. Gegen Abend erreichte der Konig das Schloss des Grafen der Nibelungen, versteckte seine Krone und sein Schwert unter dem Mantel und warf die Armbrust unter einen Steinhaufen, dass er sie einst wieder finden konnte. Das Schloss war hell erleuchtet, er mischte sich unter das mussige Volk der Zuschauer, die alten Reime sagen:

Und er geht zum hohen Schlosse,

Helle jedes Fenster blitzt,

Viele kommen da zu Rosse

Und sie haben ihn bespritzt,

Und er lasst die Wagen rollen,

Steht da, wie ein armer Tropf,

Fackeln, die sie putzen wollen,

Schlagen sie auf seinen Kopf,

Dass das heisse Pech ihm rinnet

In den Nacken, auf das Kleid,

Wahrlich, keine Seide spinnet,

Wer so zusieht wilder Freud.

Ruhig warmt er sich am Feuer,

Das der Wagen Spur erhellt,

Einen Brand nimmt da ein Geier,

Tragt ihn in das reife Feld,

Und des Armen Feld muss brennen,

Weil der Reiche frohlich zecht,

Doch sie werden bald erkennen,

Dass noch lebt ein gottlich Recht.

Und wie der Konig dem ernstlich nachdachte, hatte sich die Menge, die keine Gaste mehr zu sehen erwartete, schon vom Wachtfeuer verlaufen, er stand allein, als ein Haufen Reiter eine gebundne und dennoch wurdig scheinende Jungfrau auf einem Pferde herbeifuhrten und am Tore zu Boden setzten. Die Reime sagen:

Von dem Mund der Jungfrau nehmen

Sie das Band, das ihn verschloss,

Meinen, dass sie sich soll schamen

Vor dem glanzerfullten Schloss.

Doch die Jungfrau ruft dem Winde,

Sagt's der keuschen Sternennacht,

Dass sie ihren Gram verkunde

Und die nahe Ubermacht:

"Harter Graf, der mich geraubet,

Schlechter Konig, der nicht hort,

Heut hat Myrte mich umlaubet,

Morgen bin ich schon zerstort."

Diesen Raub der schonen Jungfrau seht ihr hier auf dem Bilde und wie der Konig nach dem Degen greift.

Funftes Bild

Die Besonnenheit des Konigs beschwichtigte diese Aufwallung, er gedachte der Zahl jener Rauber und beschloss, der armen Geraubten, deren Schonheit ihn tief geruhrt hatte, mit sicherer Klugheit zu helfen, oder selbst der Strafe fur die lange Vergessenheit seiner Pflicht zu unterliegen. Sein Schwert wieder im Mantel versteckt, wie seine Krone, trat er ins Schloss und vertraute einem Diener des Grafen, er habe seinem Herrn willkommne Botschaft von einer schonen Frau zu uberbringen. Der Diener, solcher Verhaltnisse des Grafen kundig, wies ihn nicht ab, wie der Konig wohl gefurchtet hatte, aber er brachte ihn auch nicht zum Grafen, wie er gehofft hatte, sondern nach einem abgelegnen, unerleuchteten Zimmer des Schlosses und verliess ihn, um seine Anwesenheit dem Grafen zu melden. Der Konig war nicht lange mit sich allein, als Seufzer aus dem Nebenzimmer ihm horbar wurden; gleich dachte er, es sei die ungluckliche Jungfrau, die den Untergang ihres Lebens, zum Schutz ihrer Ehre, beschliesse, und sang zu ihrer Vertrostung:

Liebeszauber, Unschuldtranen,

Ihr erweckt mein totes Schwert,

Wie der Blitz, der durch die Mahnen

Eines muden Rosses fahrt,

Und es baumt sich kuhn zum Himmel,

Wo der Donnerwagen rollt,

Mocht ihn lenken durchs Getummel,

Dass er nicht der Erde grollt.

Dieser Gesang schien die Seufzer zu stillen, bald horte der Konig von der andern Seite Menschentritte und der Graf trat mit einer Kerze ein, erhitzt vom Traume der Freude, sehnsuchtig der Verheissenen. "Bist du es selbst, liebe Freundin", sagte er eintretend, "ich schwor darauf, als mir ein Unbekannter im Mantel verhullt gemeldet wurde, der mir frohe Botschaft bringe." Aber statt des Kusses, den der Graf erwartete, als jetzt der Konig den Mantel abwarf, sah er ein Schwert in seiner Hand blitzen, er wollte zuruck springen und Verrat rufen, da erkannte er den Konig und war wie von einer Erscheinung erschuttert und verwirrt. "Gnadiger Herr", stammelte er, "Ihr beehrt dies Fest mit Eurer Gegenwart, mochte es Eurer wurdig sein, Euch erheitern." Der Konig sagte darauf mit Ruhe: "Das Fest ist meiner nicht wurdig, es betrubt mich tief, die Klage der Unschuld ist Eure Musik und das Brot der Armen druckt Eure Tische nieder, Ihr habt mein Zutrauen getauscht, ich habe Euch meine konigliche Gewalt ubergeben, mir bleibt nur mein ritterliches Herz, einer von uns beiden ist der Erde uberzahlig, zieht lieber Graf, dass Gott zwischen uns blutig richte, wer hier herrschen soll." Der Graf zog zwar seinen Degen, aber von dem fruher gewohnten Gefuhle ubernommen, dies sei sein Herr, legte er den Degen zu dessen Fussen, kniete nieder und sprach: "Ich habe Euch nicht kranken wollen, gnadiger Herr, verzeihet meiner Jugend und der Freiheit, der Ihr uns uberlassen hattet, wo ich in Leidenschaft irrte." Der Konig setzte ihm einen Fuss in den Nakken, erhob sein Schwert und sagte: "Der Ubermut deiner Diener hat mir heisses Pech auf den Nacken geschuttet, als ich ruhig dem Freudenfeuer zuschaute, an dir will ich mich rachen, dein Tod ist in diesem Augenblick ein Schwung meines Arms! Ich will nicht deinen Tod, doch gedenke dieses Augenblicks kunftig und schwore mir ritterliche Treue!" Der Graf hob die Hand auf und schwor ihm einen Eid der Treue, da gab ihm der Konig seinen Degen zuruck und befahl, ihn als Herrn in die Mitte der Grafen zu fuhren, die in dem Schlosse versammelt waren. Das Bild stellt dar, wie der Konig ihm den Fuss in den Nacken setzt und sein Schwert erhebt:

Der vor allen hochgestanden,

Ist am tiefsten nun gebeugt,

Also geht der Stolz zu Schanden

Und vor Gottes Macht sich neigt.

Wer mit Mut dem Rechte dienet,

Ist erfullt von Gottes Macht,

Was er schafft, auf Erden grunet,

Was er storet, sinkt in Nacht!

Und woran er zu erkennen,

Ist die sichre Massigung,

Rache will er sich nicht gonnen,

Ihm genugt die Besserung.

Sechstes Bild

Der Graf, von der Wurde des Konigs in seinem leichtsinnigen Herzen frisch erschuttert, meinte sich ernstlich ihm anschliessen zu mussen, er schilderte ihm die Verwirrung, die Bedruckung des Landes, den Trotz der meisten Grafen, die sich gewiss der Ruckgabe aller Gewalt in seine Hande widersetzen wurden. Er wolle deswegen den Saal mit bewaffneten Dienern besetzen, dass die Grafen nicht zu ihren Waffen kommen konnten und sich in die Notwendigkeit seiner Anerkennung ohne gewaltsamen Widerstand ergaben. Fur diesen Rat ernannte ihn der Konig zum Nachfolger in der Regierung, wenn er, der letzte des altschwabischen Hauses, ohne eigne Kinder sterben sollte. Diese Gnade befeuerte den Grafen, er bewaffnete schnell die besten Leute; der Saal, wo die Ritter bankettierten, ward von ihnen besetzt, als der Konig, die Krone auf dem Haupte, das Schwert in der Hand, von vielen bewaffneten Fackeltragern umgeben, an seiner Seite der Graf in den Saal trat. Da war grosses Erstaunen, insbesondere als der Konig nicht freundlich, sondern mit harter Belehrung ihnen ihre Fehler verwies, sie bedrohete, alle enthaupten zu lassen, wenn sie nicht in Reue und Demut ihren Ubermut bussten. Sie sahen den Grafen und dessen Leute auf der Seite des Konigs, sie fuhlten sich verloren, wenn sie widerstehen wollten, sie knieten nieder, gaben die Regierung in seine Hand zuruck und liessen sich an ihren alten Rechten genugen und huldigten ihm von neuem. Und als nun dies grosse Werk fur das Land geendet war, da befahl der Konig zu neuer Uberraschung des Grafen, die geraubte Jungfrau in den Saal zu fuhren. Und bald trat sie mit dem Morgenstern in den Saal, der die Decke der wunderbaren Nacht luftete, und alle waren erstaunt uber ihren Glanz, vor allen der Konig, der sie jenem liebreichen Knaben ahnlich fand, der ihn aus dem Walde zuruckgefuhrt hatte und der noch immer wie ein wunderbarer Engel in seinem Andenken erschien. Der Konig kundigte ihr Freiheit an, zugleich bat er, Im ihren Namen und ihr Geschick zu vertrauen, dass er fur ihre Sicherheit sorgen konne. Da nannte sie sich die Tochter des unglucklichen Herzogs David, aus Ungerland, der im Kampfe gegen Attila seiner zwolf Sohne, seines Landes und Verstandes beraubt, ich unter dem Namen eines Meistersangers in dieses Konigreich Schwaben gefluchtet und sie einem Nonnenkloster in Schutz gegeben habe; sie bat um Freiheit, ihn aufzusuchen, fur ihn zu sorgen, er Konig fragte zagend, ob sie ihr Gelubde im Kloster schon abgelegt habe. Sie antwortete mit niedergeschlagnen Augen, ass sie noch kein Gelubde abgelegt habe und auch keines ablegen werde, seit sie erfahren mussen, dass nicht die Klostermauern, sondern ritterlicher Mut sie gegen Gewalt geschutzt habe. Darauf kniete der Konig vor ihr nieder, ergriff ihre Hand und zeigte ihr einen Goldring. Und sie steckte ihren Finger hinein, denn ihre Augen verstanden sich und nannte ihn ihren lieben Ritter, denn sie wusste nicht, dass es der Konig sei. Als aber jetzt die Grafen ihr mit gebeugtem Knie die Hand kussten und das Heil ihrer neuen Konigin ausriefen, da erkannte sie die hohe Wurde ihres Verlobten, wie sie sein hohes Herz erkannt hatte, sie verbarg ihr Antlitz auf einer Brust und segnete alles Ungluck, in welchem der Himmel gepruft, ob sie dieses Gluck ertragen konne, wobei sie ihres Vaters gedachte, wie er sich dieser Ruckkehr zum alten Ansehen eines Hauses freuen werde. Das Bild zeigt, wie sie den Finger in den Ring steckt, die alten Reime sagen:

Seht der neue Tag zieht prachtig

In die Herzen, in die Welt,

Alle Sorge dunkel nachtig

Hat zum Grafen sich gestellt.

Wer verlor auch mehr als der Graf, ausser der Herrschaft, auch die Geliebte und nicht durch Gewalt, sondern durch ihre Neigung zum Konige.

Siebentes Bild

Die schone Braut war von Mudigkeit uberwaltigt, im Gemache der Mutter eingeschlummert und ihr Schlaf war lang. Der Konig gonnte sich nur kurze Rast, es trieb ihn die Sehnsucht nach dem alten Sanger, der gleichsam eine Seele seines Volkes, unbewusst sein Schicksal gelenkt hatte. Er sorgte fur die Sicherheit seine Braut und zog mit den rustigsten Grafen und den wegkundigsten Gebirgsjagern in den grossen Schwarzwald. Er selbst ging voran weil er an den bedeutendsten Punkten Zweige eingebrochen hatte auch fand er bald diesen seinen Weg, den ihm der Knabe gezeigt hatte, nur fehlten jetzt alle die Brucken, auf denen er uber Abgrunde sicher hingeschritten. Diese Verbindungen schienen mit Absicht vernichtet zu sein. Aber der Konig liess sich dadurch nicht abhalten; die Gebirgsjager, obgleich sie diesen wilden Teil des Waldes nur selten beruhrt hatten, wussten doch aus ihrer Erfahrung guten Rat, die schroffsten Felsen zu umgehen und Wege zu bahnen die Jager erlegten die zornigen Bewohner der Wildnis, die ihnen nahten, Baren, Wolfe, Luchse. Zwei Tage arbeiteten sie mit frischem Mute, aber am dritten wurden alle stiller und langsamer mancher meinte, es sei unmoglich, dass der Konig in einer Nach diese Wege gewandelt sei, er musse wohl getraumt haben. Darum waren alle sehr uberrascht, als sie wirklich beim Aufgange de dritten Tages in einer grunen Flache, die von hohen Eichen um geben war, eine wunderbare Kapelle erblickten, die aus hoch stammigen, weiss bluhenden Rosenbuschen geflochten, von Epheu umrankt, ein Kreuz uber der Erde bildete. Der Konig ging voran um den alten Freund durch die Zahl der Gaste nicht zu erschrecken ihm folgten die andern. Als aber der Konig die Ture offnete, sah er einen einfachen Altar, wo wenige Tage vorher der Alte geschrieben hatte, ein Kreuz bezeichnete ihn und die Morgensonne glanzte prachtvoll hinuber. Alle knieeten nieder, der Konig beschloss, dem Erloser hier, wo er vom Trubsinn zur Freude erlosworden, eine Kirche zu erbauen. Und als er uber die Art diese Baues nachsann, erblickte er auf dem Altar den Bau vieler Bienen, welche in ihrem Wachs die Kapelle im kleinen nachgebildet hatten.

Gleich der freundlichen Kapelle

Ist der Wachsbau ausgefuhrt,

Von dem Turme bis zur Schwelle

Gleiches Mass darin regiert.

Einsam bauten diese Bienen

Wohl schon manche liebe Zeit,

Dass sie diesem Altar dienen,

Dass ein Schranklein sei bereit,

Um das Heil'ge drin zu stellen

Und des heil'gen Nachtmahls Brot,

Das der Priester den Gesellen

Bei des Baues Grundung bot,

Denn da flogen sie zur Sonne,

Wie ein Kreuz geordnet hin,

Dass Vertrauen mit der Wonne

Sel'ger Tranen weicht den Sinn.

Dreifach wird die Kirche schimmern

In dem Wachs, im Rosendach,

Aus Granit die Werkleut zimmern

Nun die Wolbung auch danach.

Die beiden Kapellen und die Grundung der Kirche zeigt das Bild, alle dreie einander gleich, nur in verschiednem Masse.

Achtes Bild

Nachdem der Bau angeordnet und die Arbeiter bestellt waren, zog der Konig heim, indem er uberall den Weg zu dieser Wallfahrtskirche eroffnen liess. Acht Tage nach seinem Auszuge traf er zum Schlosse des Grafen ein. Da trat seiner freudigen Ungeduld die liebliche Braut weinend entgegen und klagte, sie habe ihren Vater nur wieder gefunden, um sein Ableben zu betrauern. Die Vorsteherin des Klosters habe sie zu ihm gefuhrt, aber er habe, einem Toten ahnlich, wenn gleich noch atmend, in seiner Hutte geruht. Zwar hatten die Nachbarn, welche ihm gern aufwarteten, weil er ihnen zum Lohn schone Geschichten erzahlte, behauptet, er sei nicht tot, sondern schon oft in solche Entzuckung verfallen, aber sie konne nicht mehr an diesen Trost glauben, diese Storung seines Lebens dauere zu lange. Hierauf fuhrte sie den besturzten Konig nach dem Saale, wo der Vater unter einer Purpurdecke auf weichen Kissen ruhte. Wie sie nun die Decke mit abgewendetem Gesichte aufhob, rief der Konig: "Frommer Sanger, du hast mich ins Leben zuruckgefuhrt und bist selbst zu den Toten gegangen, warum sahest du nicht die Freude deines Werkes, ehe deine Augen sich schlossen." So war es nun heraus, der Vater seiner Braut, der alte Herzog war eben der Meistersanger, dessen Schauspiele und Gesange die Stadt erfreuten, eben der, welcher den Konig aus seiner Tragheit erweckt hatte. Das Seltsame aber war, wie er nach der Wildnis gekommen, da die Nachbarn versicherten, er habe an jenem Tage schon in der Verzuckung auf seinem Bette gelegen. Wie nun der Konig jener Ahnlichkeit der zwolf Knaben mit seiner Braut gedachte, da fiel ihm ein, ob es wohl die zwolf Sohne gewesen sein mochten, welche die Hunnen umgebracht hatten? Es schauderte ihm, als ob er im Schwarzwalde schon uber die Grenzen des Lebens hinuber gestiegen gewesen, aber durch Warnung in dessen Mitte wieder zuruck getreten sei. Da traten die beiden treuen Begleiter seiner Jagd, die beiden Ritter, welche erkrankt gewesen, in abgetragenen Wamsern, wie es sich an Hofen wohl nicht ziemte, in den Saal, begrussten den Konig mit Freudentranen, erzahlten, wie sie ihn so lange vergeblich gesucht hatten, bis sie ihn endlich durch den Fang zweier Vogel, unter denen auch der, welchem der Konig so lange nachgeschlichen, zur Heimkehr veranlasst worden waren. Dieser Fang, der ihnen so leicht geworden, da die Vogel mit einander gespielt und sie nicht wahr genommen hatten, sei ihnen als ein gutes Zeichen erschienen und dies gute Zeichen sei nun erfullt. Bei diesen Worten zog der eine einen Gitterkasten unter dem Mantel hervor, in welchem die beiden Vogel, in der Gestalt wie Spechte, der eine golden, der andre silbern, eingesperrt sassen. Mit Gnade sagte der Konig den Freunden willkommen, aber nicht ohne Widerwillen fuhlte er in sich die alte, bose Jagdlust beim Anblicke der Vogel wieder erwachen. Er kampfte mit sich, endlich reifte sein Entschluss, er liess den goldnen Vogel aus dem Kasten fliegen, dass er durch das Fenster ins freie Blau der Luft entfloge; er wollte auch den silbernen entfliegen lassen, aber da uberwand ihn seine Jagdlust, dass er die Gitterture wieder schloss. Der goldne Vogel nutzte aber nicht das Geschenk der Freiheit, er flog zwar fort, aber blieb auf dem Munde des halbtoten Sangers sitzen, dieser offnete den Mund, der Vogel schlupfte hinein und der Alte offnete die Augen wie ein gesund Erwachter. Der Saal war ihm fremd, er fragte, wo er sei, fragte die Tochter, wer sie sei. Dann aber erkannte er sie beim ersten Kusse, auch der Konig erschien ihm bekannt, und als ihn dieser an die Lehre erinnerte, die er von ihm in der Rosenhutte empfangen, da rieb sich der Alte die Stirn und meinte, dass ihm von dem allem auch getraumt habe, dass er auch seine zwolf Sohne wieder gesehen, die ihm vielen guten Rat zu dem Fastnachtsspiele gegeben hatten. Dann sei ihm aber auf dem Heimwege seine geliebte, selige Frau begegnet, die habe ihn so ernstlich an den Himmel gemahnt und dass er der irdischen Spiele vergessen solle, daruber hatten sie sich so im Gesprache vertieft, dass sie beide gefangen worden. Jetzt erkannte er in dem eingesperrten silbernen Vogel die geliebte Seele seiner Frau, er beschwor sie, ihn noch nicht zum Himmel zu entlocken, bis er sein tiefsinniges Spiel beendet habe, und der Vogel schien mit sanftem Tone ihm darin nachzugeben. Das Bild stellt euch dar, wie der Vogel in den Mund des Alten schlupft.

Neuntes Bild

Kaum gestattete sich der Alte die Zeit, alles zu vernehmen, was seiner Tochter geschehen, die Frau mahnte ihn zur Arbeit, sie war ehrfurchtsvoll dem Kafig entlassen und sass auf seiner Schulter, auf seinem Tintenfasse, auf seiner Feder, dass er nicht bei den Liebkosungen der Tochter das Schreiben unterlasse. Umsonst fuhrte diese den Vater zu weiten Aussichten in Prachtzimmer, umsonst zeigte sie ihm den reichen Garten, der Alte schrieb gehend, stehend, sitzend, so wie sich seine Gedanken klar machten und verdrangten. Die Tochter wusste aber die Gefahr, dass er sich ihrer Liebe und der Welt entzoge, wenn er seine Arbeit beendigt habe, und da diese rasch fortruckte, so ersann sie einen Kunstgriff:

Unermudet schreibt der Alte,

Schaut begeistert in die Welt,

Sieht nicht, wie die Tochter walte,

Nur sein Werk ihm wohlgefallt.

Wenn er nun ein Blatt geschrieben,

Wirft's die Tochter heimlich fort,

Dass es in den Strom getrieben

Und erloschen jedes Wort.

So der Alte unermudlich,

Ohne zurnen, ohne Groll,

Schreibt von neuem still und friedlich,

Doch sein Werk wird nimmer voll.

Als nun die Sonne an die Erde gestossen und in tausend Sterne zersprungen war, da sank der Alte ermudet auf seinen Schreibstuhl, sein Mund offnete sich, der goldne Vogel entfloh singend dem Munde, und flog in den Jasminenbusch, wo der silberne Vogel sein harrte, wo dann grosse Freude zwischen ihnen war, und tausend Bitten der Mutter kund wurden, die Arbeit bald zu enden. Aber auch der Konig dachte bei der Lust der guten Vogel, dass er seine Vermahlung, seinen Einzug in die Hauptstadt beschleunigen musse und ordnete alles zum andern Tage. Er begann den Zug auf einem schwarzen Rosse, ihm folgten die Grafen, dann folgte die Konigin auf weissem, sicheren Rosslein, umgeben von den Grafinnen, den Zug schlossen die Meistersanger, welche zu Pferde den Wagen umgaben, in welchem der Alte sass und schrieb, das Voglein auf seiner linken Hand tragend. Das Volk stromte mit Jubel entgegen, kusste den Ankommenden die Steigbugel jeder atmete wieder frei auf; so ging der Zug zur Kathedrale auf der Anhohe, wo wir hier noch jetzt den vielen Bauschutt auf dem Weinberge finden, dort wurde die schone Braut durch die Hand des Priesters dem Konige feierlich vermahlt. Dies zeigt das Bild.

Zehntes Bild

Als der Konig und die Konigin am andern Morgen nach der Hochzeit aus sussem Schlaf erwachten, waren sie verwundert den Alten noch nicht erwacht auf seinem Ruhebette, noch nicht beim Schreiben zu sehen, vielmehr bemerkten sie die beiden Vogel in grosser Tatigkeit auf einem hohen Rosenstocke, der in goldnem Gefasse die Hochzeitkammer schmuckte. Die beiden Vogel hatten sich in den Asten ein Nest geflochten aus seidnen und leinenen Faden und dasselbe mit goldnen und silbernen Federn gefuttert, die sie einander spielend ausgezogen hatten. Sie liessen sich nicht von der Anwesenheit der beiden Neuvermahlten storen, sie grussten sie und sangen zu ihnen Gluckwunschungen und nahmen sussen Mohn vom Munde der Tochter. Dies war der einzige Tag, dass der Alte versaumte in seinen Leib zuruck zu kehren, auch war am andern Morgen die seltsame Anderung vorgegangen, dass die silberne Frau ihn nicht mehr so dringend zur Arbeit anmahnte und dass der Alte sich daher mehr seinen Kindern mitteilen konnte. Dennoch schrieb er immer noch viel und die Tochter loschte an jedem Abende alles wieder aus, dass sein Heldenspiel zwar immer schoner, aber nie fertig wurde. Die Mutter war zwar abwechselnd mit dem Neste beschaftigt, aber sie war doch die meiste Zeit um den Vater, der Tochter hingegen schenkte sie weniger Aufmerksamkeit. Eines Tages ging sie aber gar nicht vom Nest, und die Tochter lauschte und nahm endlich wahr, dass die Mutter ein silbernes, mit goldnen Ringen bezeichnetes Ei unter den Federn des Nestes versteckte. So legte der silberne Vogel allmahlich zwolf Eier, jeden Tag eins und setzte sich darauf, sie auszubruten, und wechselte in dieser Arbeit mit dem goldnen Vogel ab, so dass der Alte wahrend seiner ganzen Brutetest nicht in seinen ruhenden, menschlichen Korper, nicht zu seiner Arbeit kam, denn auch wahrend sie brutete, war er emsig beschaftigt, zarte Blumensamereien fur sie herbei zu tragen, welche kein Mensch finden kann, wie die klugen Vogel sie finden und sammeln konnen. Aber auch die Konigin ruckte wahrend der Brutezeit ihrer Mutter in ihrer Leibessegnung so weit vor, dass sie eines Morgens von einem herrlichen Knaben entbunden wurde. Und kaum war er in die Welt getreten, so entflogen zwolf schone, kleine, geflugelte Kinder, in der Grosse von Kanarienvogeln, mit goldnen und silbernen Flugeln versehen, also ganz so wie Engel geschildert werden, aus dem Neste der silbernen Mutter, sangen den Neugeboren an, liebkosten ihm, spielten mit ihm und reinigten, wickelten ihn mit zartlicher Sorge, und wehrten ihm die Fliegen und Mucken ab. Sie selbst waren zwar klein, aber doch fertig in allen ihren Kraften in die Welt geflogen und kannten die menschliche Bedurftigkeit nur, indem sie diese andern erleichterten. Das Bild zeigt dort im Hintergrunde das Bette; die Konigin, erschopft von der Muhe, druckt sie dem Konige die Hand und blickt mit Wohlgefallen nach dem Kinde, das im Vorgrunde von den kleinen Engeln gewickelt wird.

Eilftes Bild

Als die Konigin das Kind von ihrer Brust entwohnt hatte, da sagte ihr der Konig, dass er in der Stunde ihrer Not die Beschleunigung des Kirchenbaus im Schwarzwalde durch eine strenge Wallfahrt dahin gelobt habe. Sie sei nun glucklich befreit und er wolle seinem Gelubde treu, von ihr Abschied nehmen. Aber die Konigin erklarte, er durfe nicht allein gehen, sie musse mitziehen; sie liess sich durch keinen Grund zuruckweisen, wie Weiber sind; unter andern ersann sie, dass sie den Vater als Vogel einfangen und samt der Mutter im Kafig mit sich nehmen wolle, damit der Vater die Zeit nicht benutze, sein Heldenspiel fertig zu schreiben und sich ihnen auf immer zu entziehen. Die zwolf geflugelten Boten versprachen fur den kleinen Konigssohn in ihrer Abwesenheit Sorge zu tragen, wie sie es ohne Beihulfe andrer taglich zu tun gewohnt waren, und sich nicht abschrecken liessen, wenn das starke Kind mit kindischem Ungeschick zuweilen einen ergriff, druckte oder rupfte. Sie standen in solchem Falle einander so treulich bei, dass sie bald des Kindes Meister wurden, und das Kind folgte ihnen in allem, worin es sie verstehen konnte. In dieser Obhut liessen sie nach unzahligen Kussen das geliebte Kind und begaben sich heimlich, um jedes Gefolge von Leuten zu vermeiden, das ihrer Demut ein Vorwurf zu sein schien, aus der Stadt, ohne zu ahnden, dass sie das Kind und die Stadt zum letztenmal gesehen hatten. Erst mehrere Stunden nach ihrer Auswanderung verbreitete sich das Gerucht derselben und grosse Scharen frommer Pilger folgten ihnen nach. Es hatte sich aber, seit der Konig selbstandig und gerecht die Regierung ubernommen hatte, viel Gluck uber alle verbreitet, nur die Grafen wollten das nicht erkennen, weil sie sich durch die Gerechtigkeit in ihren Einnahmen sehr beschrankt fanden. Jener Graf des Nibelgaus, welcher sich die meiste Schuld dieser neuen Wendung der Dinge beimass, weil er sie seiner Feigheit zuschrieb, teils von Liebe zu der Konigin gequalt, nun auch von Arger uber die Geburt des Prinzen erfullt, weil dieser die Hoffnung der Nachfolge ihm raubte, fand sich vom Geiste der Versuchung gereizt, durch den Mord des Konigs sein Schicksal andern zu wollen. Diese Wallfahrt, die einer seiner Diener auskundschaftete, bot ihm die Gelegenheit zur unbemerkten Ausfuhrung. Die Vormundschaft uber das konigliche Kind konnte ihm nach dem Tode des Konigs nicht streitig gemacht werden, wie leicht konnte es aus der Reihe der Lebenden vertilgt werden; die Konigin hoffte er durch sein Liebesgluck und durch sein Ansehen sich dann zuzueignen. Der Graf war zum Schein zu seinem Bruder gefahren, hatte sich aber, ohne eines Menschen Begleitung nach dem Schwarzwalde gewendet und lauerte an der gebahnten Strasse der Wallfahrer. Der ganze Weg hatte unsre beiden Pilger ganz in die Zeit ihrer ersten Liebe versetzt, mancher Kuss hemmte die Reise, sie sahen nicht um sich, sondern vergassen sogar oft das angelobte Gebet. Umsonst warnten sie die beiden Vogel im Kafig, der Wurfspiess des Grafen hatte beide durchbohrt und den Kafig der Vogel durchbrochen, ehe sie eine der Warnungen vernommen hatten; ohne Schrekken, ohne Ahndung, noch freundlich lachelnd, hatte der Mordstahl ihren Lebensfaden durchschnitten. Aber der Graf sah mit Verzweifelung zu ihnen hin, denn nicht die Konigin sollte sein Spiess treffen, aber ein zartlicher Kuss hatte sie an den Konig gedruckt, als schon das Wurfspiess seiner Hand entschleudert war. Erst jetzt fuhlte der Graf, dass mehr seine Liebe zu der Konigin als der Wunsch nach der Herrschaft ihn getrieben, er hasste sich und sein Ungluck, das er sich selbst geschaffen hatte. Den Mord stellt das Bild dar.

Zwolftes Bild

Bald dachte der Graf auf seine Sicherheit und eilte nach seinem Schlosse, ehe irgend eine Kunde des Mords in das Land gekommen. Der grosse Zug der Waiblinger Pilger, welcher dem Konigspaare nachgepilgert war, entdeckte die beiden Leichen beim Geschrei der beiden Vogel, und da jeder Versuch, sie zu beleben, vergeblich war, so zogen sie mit ihnen traurig und still der Kirche des Erlosers zu, wo die Geistlichen sie mit Balsam zu erhalten suchten, bis die feierliche Beisetzung angeordnet ware. In der Hauptstadt war aber, ehe diese Trauerbotschaft einlief, eine allgemeine Verwirrung. Der Konigssohn war verschwunden mit seinen zwolf Engeln, niemand erriet, wer ihn konne geraubt haben. Als aber die Kunde des Mordes anlangte, da erhob sich das Volk in Verwunschungen der Morder, so dass der Graf von Gluck zu sagen hatte, dass kein Verdacht auf ihn gefallen weil ihn viele kurz vorher bei seinem entfernten Bruder gesehen hatten. Zur Beerdigung des Konigspaares versammelten sich alle Grafen und vieles Volk bei der wusten Kirche, die Sarge wurden geoffnet, der Graf, als Nachfolger, verfluchte da offentlich die Morder, sie sollten das Licht der Sonne nicht mehr sehen. In dem Augenblicke drangen die beiden koniglichen Vogel, wie sie vom Volke genannt wurden, aus den Wolken nieder zu ihm und hackten ihm, ehe er sich ihrer erwehren konnte, beide Augen aus. Das Bild zeigt, wie die beiden Vogel auf ihn eindringen, im Hintergrunde ist das Hochamt und die Leichen, an der Seite das Volk zu sehen, die alten Reime sagen:

"Morder", ruft der ganze Haufen,

"Sieh, es ist erfullt der Fluch;

Kannst du Licht der Augen kaufen

Von dem Himmel durch Betrug?"

Und der Graf irrt in der Kirche,

Ruft umsonst nach Freundeshand,

Dass ein andrer ihn erwurge,

Alle sind von ihm gewandt.

Blind, nach einem Ausgang suchend,

Sturzt die Stufen er hinab,

Und so stirbt er, sich verfluchend,

Sein Gebein bleibt ohne Grab.

Dreizehntes Bild

Nun begann ein burgerlicher Krieg um den befleckten Thron. Jedes der Grafenhauser machte Anspruche auf den Thron, ohne es laut werden zu lassen, es ausserte sich aber darin, dass sie jeden sturzten, der die Absicht zeigte zu herrschen. So dauerte es wohl vierzehn Jahre, dass der konigliche Palast von keinem aus Scheu der andern bezogen wurde, als die Hunnen, unter Attila bis Schwaben eindrangen. Gleich suchten einige der Grafen durch Attila zur Herrschaft zu gelangen, aber er benutzte sie nur, um alle gegenseitig durch einander aufzureiben. So kam er unter dem Zujauchzen derer, die immer noch Lohn von ihm erwarteten, von ihren Leuten gezogen, in die Hauptstadt, in den Schlosshof. Eins seiner ersten Geschafte war, den alten, ehrwurdigen Palast teils aus Neugierde und Habsucht, teils aus Vorsicht und der Befestigung wegen in Augenschein zu nehmen. Die Beute war gering, die Raubsucht hatte ihm wenig Kostbarkeiten gelassen, aber endlich fand er in einem Zimmer, das mit Epheu grun berankt war, weil die Luft frei durch die offenen Fenster strich, einen starren, alten Mann, der auf eine geschriebene Rolle blickte und den einer der Begleiter, als den alten Sanger, den Vater der ermordeten Konigin erkannte von dem niemand seit ihrer Abreise etwas erfahren hatte, denn in der Besturzung jener Zeit war niemand in dies abgelegene Zimmer eingedrungen. Der Attila meinte, es sei ein alter Zauberer, der immer noch lebe, die andern dachten auch, er lage nur noch immer in der Verzuckung, so wenig hatte der Tod ihm anhaben konnen. Nun wollte Attila wissen, was in der Schrift, die vor ihm lag, woran er zuletzt geschrieben, stehe und befahl einen der Eingebornen, weil er der Schrift unkundig, dies Blatt ihm vorzulesen. Ein Geistlicher las aber folgende Worte zu einem im Heldenspiel beschriebenen Triumphzuge: Wer lebendig blieb, schreit Sieg aus, doch die Toten

schweigen still,

Triumphierend zieht der Feldherr auf den blutbefleck

ten Thron

Und die Narrn, die ziehn den Karrn ihm, und er lacht

der Narren schon;

Denn er sinnt schon im Triumphzug, wo er die ver

brauchen will,

Die mit ihm zerstort den Weltteil, und beim Raub nun

mochten ruhn.

Seht, er treibt sie frisch zum Krieg fort, treibt sie

schlau zum Todesnetz,

Denn er erbt auch ihre Diebsbeut, erst ihr Tod ist ihm

der Sieg!

Dann erst feiert Friedens Heimkehr, wenn er einsam

kehrt zuruck

Und von jedem tapfern Mordknecht tragt die Schuld

und das Geschick,

Dass an einem Haupt ubt Strafrecht, Gott vom unge

rechten Krieg,

Dass bei einem Namen Eis lauft uber uns in Lust ver

wirrt,

Dass in dieser Qual die Richtscheit jeder Kraft, die

sich verirrt.

Als Attila diese prophetischen Worte vernommen hatte, glaubte er, sie seien ihm zum Trotze geschrieben und gelesen, und spaltete zuerst das Haupt des Geistlichen, der sie gelesen, wobei zum Schrecken aller, der Korper des Alten von der Erschutterung in einen kleinen Aschenhaufen zusammensturzte. Er und seine treue Geliebte waren langst der Erde entschwunden. Das Bild zeigt, wie Attila das Schwert zweifelnd erhebt, welchen von beiden er zuerst erschlagen mochte.

Vierzehntes Bild

Attila selbst fuhlte sich durch dieses Ereignis erschuttert, auch seine Anhanger mochten ihm zweifelhaft scheinen, er wollte deswegen etwas Festes begrunden, und wo er kein ererbtes Recht hatte, doch in seinem Mut ein Recht der Erwerbung begrunden. Er liess offentlich ausblasen, dass er im Schwarzwalde am Grabe des letzten Konigs mit jedem um die Krone Schwabens kampfen wolle, die dann dem Sieger unweigerlich zufallen solle, und zu dem Kampfe bestimmte er einen Tag. Was bisher aus dem koniglichen Kinde geworden, ist noch nicht berichtet, so aber verhielt es sich damit. Die zwolf fliegenden Boten erhielten schnelle Kunde durch die zum Himmel fliegenden Eltern von der Ermordung, sie hoben den Konigssohn im Schlafe aus den Betten und trugen ihn zu einem Adlerneste in der Nahe der Erloserkirche. Da nahrten sie ihn mit der Milch der Hirschin, bis er kraftig war, an der Erde zu gehen. Dann brachten sie ihn zu einem Einsiedler bei der wusten Kirche, sie sorgten fur des Kindes Nahrung, der Einsiedler fur dessen Erziehung. Er zeigte dem Kinde fruh, wie das Bestehen des Glaubens vom Wohl der Staaten abhange, denn seit der allgemeinen Verwirrung sei kein Stein zum Bau der Kirche angefahren worden. Der Knabe wuchs in sichtlichem Gedeihen seine dunklen Augen spiegelten Ernst und Mutwillen, sein Mund wechselte in Wurde und Milde und seine Stirne trat hervor von der Kraft guter Gedanken und fester Entschlusse. Fruh reifte er zum mannlichen Jungling und ubte sich selbst in jeder ritterlichen Kunst, so weit es die Einsamkeit und der Mangel an Kampfgenossen ihm gestatten wollte, denn die geflugelten Boten, wenn sie ihm ein Turnier unter einander vorstellten, dass er es daraus kennen lerne, waren nur wie die Gedanken zu betrachten, die wir uns als Kind von einer Schlacht machten. So hatte er sein funfzehntes Jahr erreicht und fragte ebnen die kleinen Boten aus, was es sei, das ihn so schwermutig mache, als der wilde Attila mit dem Volke sich der Kirche nahte. Da sprach der alteste von den Zwolfen: "Konigssohn, die ganze Welt ist noch ein Geheimnis fur dich und das Leben ein ritterlicher Kampf mit ihr, nur nach ernstem Kampfe wird sie sich dir enthullen und das Gleichartige wird dir eigen werden und eine neue Jugend aus dir hervorgehen. Sohn der Konige, ruste dich, nicht der Tag der Liebe, sondern des Kampfes mit dem Rauber deines Landes ist erschienen. Sohn der Konige, du kennst Ritterpflicht, wir durfen dir nur mit unserm Gebete im Kampf beistehen, besteig dies Ross, bestreite den fremden Konig, der jeden ausfordert, der ihm die Krone, deine Krone streitig macht, siegend oder fallend wirst du uns uber dir wie eine Wolke sehen, unsre Tranen in Lust und Schmerz werden auf dich fallen, auf Erden suche uns nicht mehr." Sie erhoben sich, die lieben Zwolfe, der Konigssohn dankte ihnen und war so zornig, dass er sie auf Erden nicht wieder sehen sollte, dass er sich gern in die Lanze des Fremden gesturzt hatte. Vergebens hatte der Konig Attila seine Gegner ausgefordert, keiner der Grafen wagte sich gegen den Riesenmann in die Schranken; da trat der gerustete Jungling auf und der Konig lachelte seiner schlanken Gestalt. Aber der Jungling rannte auf ihn in so zornigem Sinne, dass seine Lanze durch die Ringe des Brustharnisches in Konig Attilas Herz drang. Der wilde Attila stohnte sein Leben aus, da blickte der Jungling dankbar zum Himmel, zu der glanzenden Wolke, die Freudentranen auf ihn fallen liess, dann offnete er den Helm und nannte seinen Vater und fuhrte das Volk zu dessen Grabe, und der Einsiedler beschwor, dass er des Konigs Sohn, des Reiches Erbe sei, und setzte auf dessen Haupt die Krone, die er dem ermordeten Konig abgenommen und heimlich bewahrt hatte. Das Volk schwor ihm Treue als Konig und er schlug die Hunnen, die mit ihnen da versammelt waren. Das Land war frei, der Konig weise, die Kirche wurde vollendet. Das Bild zeigt die Kronung des jungen Konigs und das Erschlagen der hunnischen Ritter; die alten Reime schliessen mit den Worten:

Doch die Zeit will neue Taten

Und erzahlt ist schon genug,

Gott im Himmel wird uns raten,

Schutzt uns vor des Teufels Trug,

Wird uns seine Sanger senden

In des Schmerzes Einsamkeit,

Dass wir ahnden, wie zu ende

Das Beginnen dieser Zeit.

Drittes Buch

Erste Geschichte

Die Hochzeit

Die ewige Lampe vor dem Bilde der heiligen Mutter, welche Frau Hildegard bei der Genesung Bertholds gestiftet hatte, war schon sichtbar, auch die messingenen Kronen glanzten durch die offenen Fenster des Rathauses, als eine neue Erleuchtung bei dem grossen Rohrbrunnen des Marktes fur die armen Frauen eingerichtet wurde, die dort mit grosser Emsigkeit zinnerne Schusseln und Teller abscheuerten, welche von den Hochzeitgasten auf dem Rathause geleert waren. "Wie der steinerne Ritter sein Laternchen so schon uber den Brunnen halt, als ob er drin krebsen wollte!" sagte die eine der Frauen. "Das war noch ein guter Einfall von dem Anton", meinte die andre, "dafur schenk ich ihm das grosse Stuck Schinken, das hier auf der Schussel blieb." "Und ich schenke ihm den Backfisch", sagte die andre, "aber er muss mir einen Kuss geben." "Ich gebe keinen Kuss!" brummte Anton und begnugte sich mit dem Schinken. "Was das fur ein Junge ist", sagte die andre, "es gabe mancher etwas darum, wenn ich ihm einen Kuss anbote, und der nahme lieber einen Backenschlag dafur an. Was treibst du dich bei den Weibern herum, wenn du nicht willst gekusst sein, Anton!" "Ihr denkt wohl, ich komme euretwegen hieher", sagte Anton, "mein Alter hat Weidenruten in den Brunnen gelegt, damit sollt ihr gestrichen werden, wenn ihr die Schusseln nicht reiner abwascht, schreit nur nicht, die Weidenruten braucht er zum Flechten der Ehrenpforte an Bertholds Haustor, und die Ehrenpforte, um das Gerust zu verstecken, das wir auf Befehl der Frau Hildegard heimlich erbauen, um morgen in aller Fruhe das Bild der heiligen Mutter aufzufrischen, wie sie zur Vermahlung ihres Sohnes gelobt hat. Denkt euch, bis Mittag soll das alles fertig sein." "Das ist recht", sagte eine Frau, "so verdient Ihr doch auch was und die heilige Mutter war gar nicht mehr zu kennen."

"Mir ist's nicht recht", sagte Anton, "denn meinem Alten schwindelt da oben auf dem kleinen Geruste und da muss ich fruh auf und muss alles allein pinseln." "Ich geb dir auch einen Kuss dafur", sagte die eine Frau. "Lieber lauf ich gleich davon", antwortete Anton und ging mit seinen Weidenruten und grunen Zweigen nach Bertholds Hause, aus welchem die Waisenknaben jetzt wieder eine Reihe der seltsamsten Backwerke nach dem Rathause unter Fackelbeleuchtung trugen. Die Weiber liefen vom Brunnen, liessen ihre Eimer uberlaufen unter den Rohren und ihr heisses Wasser kalt werden, um diese Wunderwerke, die Turme und Gebirge aus Teig und Fruchten zu bewundern. "Gott ist mein Zeuge", sagte die eine, "aber wie die Brautmutter mit dem Teige umzugehen weiss, das geht nicht mit rechten Dingen zu: das lauft ihr unter den Handen auf, da bleibt nichts sitzen, das hat sie noch im Kloster von der vorigen Abtissin gelernt, die jetzige weiss um so weniger davon, da kochen sie jetzt zum Erbarmen und die Nonnen sehen aus, wie Gespenster. Die werden sich freuen, uber die guten Gerichte, die ihnen heut die Brautmutter ins Kloster geschickt hat." "Hat sie denn alles allein gekocht'" fragte eine andre. "Warum nicht gar, wie kann ein Mensch so einfaltig fragen", sprach die andre, "ich habe gesehen, wie sie sich unter einander in der Arbeit geteilt haben. Die Braut hatte die Aufsicht uber alle Braten, Meister Kugler schlachtete alles aus, Frau Hildegard besorgte die Suppen und das gekochte Fleisch, Frau Apollonia gab sich allein mit dem Backwerke, mit Pasteten und Kuchen ab, und der Meister Sixt kochte die Fische nach seiner niederlandischen Art, bloss aus Wasser und Salz, und bereitete aus tausenderlei Zeugs die Tunken, ich konnte ihn gar nicht ansehen, wie er sich dabei hatte; als er kostete, habe ich ihn mit der Nase unversehens hineingestossen, dass die ganze Kuche lachte. Aber hort, etwas muss ich euch erzahlen, das wird mir keiner glauben, in dem Hause ist ein Kobold, Gott weiss, ob es die Seele des armen Bergmanus ist, der im Brunnen liegt, aber ich ginge um keinen Preis an den Brunnen. Hatte gestern allerlei Kessel und Eimer, die wir beim Schlachten brauchten, an den Brunnen im Garten gestellt, in der Kuche war kein Platz, nun blieben aber die Herrschaften am Brunnen bis zur Nacht, so konnte ich nichts abscheuern: heute morgen finde ich alles so blank gescheuert, wie es kein Mensch auf Erden zu Stande bringt; das war bose Teufelsarbeit, aber ich dankte Gott dafur, denn wir hatten keine Zeit." "Der Teufel kann immer schon ein Stuck Arbeit fur uns tun, wenn wir nur nicht dabei sind", meinte eine andre, "Narrenpossen sind's, in dem Hause gibt's viel Leute, wer weiss, welcher sich uber die Kessel hergemacht hat." Die andre stemmte beide Arme in die Seite und wollte eben zanken, da wurden aber die grossen Schusseln herunter getragen; was jeder Gast fur die Seinen nach Hause schickte, das wollten sie alle sehen. Da hiess es: "Der Vogt hat sich am besten bedacht, der Alte kann auch nur wenig essen, begnugt sich mit der Tunke, da wird sich die alte Ausgeberin freuen." "Dafur hat er uns auch die Strasse nach dem Bleichplatz zubauen lassen", sagte die andre, "das vergebe ich ihm und dem Berthold nimmermehr!" "Dafur lauft jetzt das Wasser durch den Bleichplatz", sagte die andre, "das ist mir mehr wert als ein paar Schritte, die ich umlaufen muss, eine Liebe ist der andern wert!" "Wir konnten aber beides haben" sagte die andre, "die Burgerschaft hatte es nicht leiden sollen, aber die Einladung zum Hochzeitschmaus hatte alle zu stummen Hunden gemacht, die vorher so laut klafften." "Und beim ersten Kinde will er zur Taufe einen gleichen Schmaus geben", sagte die andre, "das kratzt er alles vom Tuche ab, davon ist es auch so dunn, dass einer jetzt Mohn durchsaen kann. Wenn es nur bald ein Kind gabe, aber die reichen Leute mussen immer eine Weile darauf warten, wo es uns Armen immer zu fruh kommt. Was sie wieder blasen! Das ist eine rechte Gesundheit! Da zerschmeissen sie alle Glaser! Nun, das ist auch recht, so ein Glas, woraus eine ordentliche Gesundheit getrunken ist, soll auch zu nichts anderm gebraucht werden, sonst schadet's; der Teufel weiss uberall sich einzuschleichen, er hat einen spitzen Kopf und ist wie die Schlange beschaffen, wo die mit dem Kopf durchkommt, da zieht sie den Leib nach. Hort nur, ich glaube, die Stadtpfeifer schlagen sich mit den fremden Fiedlern und sie haben doch alle zu essen, an den Tag will ich mein lebelang gedenken, von der Hochzeit werden noch Kinder und Kindeskinder reden!"

Unsre Stadtleute sprechen von grossen Festschmausen, als von einer Fronarbeit, der nur ein Fremder durch anders gefarbte Einfalle Reiz verleihen kann. Dieser Uberdruss kommt aber vom Uberfluss solcher Feste, die in manchen Kreisen zum Alltaglichsten gehoren, so dass jeder Leichnam schon aus der Gewohnheit voraus weiss, wie viel beschwerter er sich am Schlusse des Festes, als im Anfange fuhlen werde. Wie konnen sie sich in Festlichkeiten alter Zeit versetzen? Die hochste Lust muss ihnen widrig erscheinen! Auf dem Lande sind wir jener Zeit schon naher, die Speisen selbst haben eine geistige Beruhrung mit unsrer Tatigkeit und Einsicht, weil sie nur mit Klugheit der widerstrebenden Witterung abgewonnen, in ihr gezogen und geerntet werden konnten. Wer uberdies Monate in seiner Hauswirtschaft zugebracht hat, der ist schon erfreut, andre fremde Gesichter bei sich versammelt zu sehen, das Gesprach scheint sogar storend, so lange der Genuss dauert, und nur der Tafelmusik mochte man ein Recht einraumen, das Herz unbewusst anzuregen. Solch ein Fest, durch bedeutenden Anlass erzwungen, nicht mussig erdacht, hat auch seinen Zwang zur Lust und diese fehlt nimmer, niemand naht sich der Ture ohne mitzugeniessen, und selbst die, welche zu Hause bleiben, erhalten ihren Anteil durch das Heimgesandte, und lassen dann auch Gott einen guten Mann sein. Aber neben der Lust sind auch Streitigkeiten nicht selten, keiner hat einen Grund, sich zu verschliessen und da die Mitteilung selten ist, so ist sie auch heftiger, insbesondere wenn die Lebensfulle sich im Genusse scheinbar erhoht und uber ihre Schranken steigt. So war es im Lande der Ditmarsen gewohnlich, das Leichenhemde zu den Hochzeiten mitzunehmen, weil keine ohne Kampf und Mord endete.

Auch Bertholds Hochzeitfest war nicht ohne Schimpf und Unfrieden. An dem Herrentische blieb es freilich bei einigen stachligen Reden, die ein trunkner Schuhmacher uber den Brunnen und die verbaute Strasse mit Anspielungen auf den Ehestand fallen liess; bei dem Tische der Stadtpfeifer ward es dagegen ernsthafter, denn da ging's zugleich um Kunst und Lebensunterhalt, auch gab sich keiner die Muhe, wie der Ehrenhalt am Herrentische, gute Ordnung zu bewahren, vielmehr hetzten manche Burger die Stadtpfeifer, die fremden Meistersanger und die Fiedler gegen einander, weil sie sich in ihrer Tucke so grundlacherlich darstellten. Nun weiss jeder, dass ein Hauptunterschied zwischen den Menschen darin liegt, dass ein Teil durch den Weinrausch unbandig froh und der andre grundlos traurig wird; wie ist da ein gutes, verstandiges Vernehmen moglich, insbesondere wenn es sich gewohnlich noch dabei findet, dass die nuchtern Lustigen trunken traurig werden, und die nuchtern Ernsten im Rausche an den Scherz jener heransteigen, die Leute fuhlen sich unter einander ausgetauscht und schlagen sich, ihre Seele wieder zu gewinnen. So war zum Feste ein lustiger, altlicher Sanger des Herzogs von Bayern, mit Namen Grunewald angekommen, der in Augsburg sich in Annen verliebt, wie es ihm mit allen schonen Madchen erging, auch bald seine Liebe bei allen Banketten besungen hatte, ohne dass die Leute eigentlich wussten, auf wen seine Liebesnoten anspielten. Er hatte Annens Wohnung endlich ausgeforscht und in Verzweifelung, dass ihr Fenster sich nie seinem Gesange offnete, weil sie langst fortgereist war, hatte er sich dem Weine, ohne Berechnung seiner Kasse so lange ergeben, bis der Wirt seine vollgekreidete Wandtafel uberrechnete, Zahlung forderte und als er diese nicht leisten konnte, ihm den Mantel nahm. Das kummerte den Sanger wenig, er setzte davon ein lustig Liedlein, schimpfte darin den Wirt wacker aus, dem er mit seiner Lustigkeit viel Gaste ins Haus gelockt hatte, ging mit dem Liede zum reichen Fugger und erzahlte darin zum Schlusse, dass dieser seinen Mantel ausgelost habe. Der gute Fugger tat, wie von ihm erzahlt worden, loste den Mantel nicht nur aus, sondern gab auch dem lustigen Grunewald ein Zehrgeld auf die Reise, aber mehr als Geld schenkte er ihm in der Nachricht, wohin die schone Alma gezogen, was Fugger aus Fingerlings Handelsbriefen erfahren hatte. Grunewald kusste ihm die Hande aus Dankbarkeit, nahm ein Schreiben als Empfehlung und schritt stolz in seinem Mantel vor dem Wirtshause vorbei, dessen Wirt ihm so teure Zeche angekreidet hatte. Der Wirt sah sich eben nach Gasten um, als der Sanger vorbeizog, und gahnte, da erhob sich ein Windstoss, blies den Mantel gar stolz auf und warf dem Wirte den Flugel eines Fensters, das eben offen stand, auf die rote Nase. Dies Geschichtlein hatte Grunewald auf dem Wege einem Kunstgenossen vertraut, aber es ganz geheim zu halten gebeten, als er mit diesem zum Hochzeittage in Waiblingen ankam, wo er sich als ein reisender Sanger der Gesellschaft durch Lieder und der schonen Anna durch Fuggers Brief so gut empfahl, dass er von Berthold allen einheimischen Sangern vorgezogen wurde. Die Bayern und Schwaben sind aber nicht bloss in der Sprache, sie sind in ihrem ganzen Wesen sehr verschieden, jene trinken Bier, diese Wein, jene sind schwerer und ernster, diese lustig und schnell, es kam daher den Stadtpfeifern seltsam vor, dass ein bayerischer Sanger ihnen den Preis der Lustigkeit nehmen sollte. Die Schwaben sangen: "Unser Herrgott ist auch kein Bayer" und andres mehr, was dem Grunewald schon zu Kopf steigen konnte, aber er antwortete mit der "Schwabenbeichte"; sie sangen von der vierbeinigten, bayerischen Nachtigall, er achtete dessen wenig, denn wie er mehr trank, ging es ihm immer trauriger zu Herzen, dass Anna sich an dem Tage vermahle und dass er nicht der Brautigam sei. Kaum merkte der Oberpfeifer Haring, dass er traurig wurde, so hielt er das fur Verzagtheit und ruckte mit lustiger Bosheit gegen ihn an. Er hatte eben das Geschichtlein des Mantels von dem Kunstgenossen erfahren, gab sich das Ansehen, welsch reden zu konnen, indem er viel Schimpfworte aller Volker in allerlei fremdes Geschrei einmischte und sprach zu einem Schuler so erzahlend, indem er abwechselnd auf den Mantel des Sangers hinwies, auch wohl den Mantel anfasste, doch halb verstohlen, und Geld zahlte. Grunewald merkte nun wohl, dass er verraten sei, die Beschamung erregte seine Galle. Um Haring zu argern, machte ihm Grunewald boshaft nach, wie er beim Blasen seine Backen dehne und nichts heraus bringe. Haring schlug ihm auf die Bakken, dass der bayerische Wind hinaus fahre. Grunewald zog sein Messer, die Kunstpfeifer rissen es ihm fort, drangten auf ihn ein, er war zur Rathausture hinaus gedrangt, ehe er zur Besinnung kam. Der Stadtpfeifer warf ihm ein Becken auf den Kopf und rief ihm zu: "Gott geleite Euch." Daruber lachten die Weiber am Brunnen gar unmassig und Grunewald wollte wieder die Treppe hinansturmen und neues Geprassel von Topfen sturzte uber ihn her, ehe Berthold und der Ehrenhalt es hindern konnten. In seinem Rausche, gluhend und kuhl durchnasst, lief er hastig am Markte umher und regte alle Jammertone seiner Zither, die ihm um den Leib hangen geblieben. Ernst sprachen die Sterne zu ihm und mit Trauer die hohen Hauser, er hatte immer wieder zu Annen hinaufsturmen mogen, die Beine trugen ihn aber unsicher, wohin sollte er sich wenden? Er sank an der Ehrenpforte nieder, uber der Anton die letzten Bretter seines Malergerustes befestigte. Da sich inzwischen nach Wegnahme der Tische in den Rathaussalen, alles zum Reihentanz geschickt hatte, also die Pfeifer und Fiedler vollauf zu tun hatten, die Weiber am Brunnen aber an die Fenster neugierig sich drangten, so hatte er Musse, seinem Geschicke nachzudenken, wenn er nur Vernunft dazu mitgebracht hatte, aber sein Nachdenken bestand immer nur im Erzahlen. Erst sprach er mit sich selbst, dann stieg Anton vom Geruste herunter, und er fand an dem Maler einen gutmutigen Zuhorer. Er berichtete diesem, dass er gar beruhmt und geachtet sei, so wenig es ihm jetzt einer ansehe und so wenig Ehre ihm der verdammte Stadtfiedler ubrig gelassen "Wenn ich so ein Glas zu viel getrunken habe", sagte er endlich, "da kommt es mir immer vor, als ob ich ein Kaisersohn und einst in einem glasernen Schlosse bei einem Lowen gewohnt habe, doch will mir das kein Mensch glauben." "Ich glaube es Euch wohl", sagte Anton, "aber seid froh, dass Ihr aus dem Neste fortgekommen seid." "Warum das, was wisst Ihr davon?" fragte Grunewald. "Ich meine nur", antwortete Anton, "das Schloss hatte in Stucken gehen und Ihr drein treten konnen." "Meinetwegen", antwortete Grunewald, "mag es nur so ein Traum mit dem Schlosse sein, aber das ist gewisslich wahr, dass ich, wie Moses auf einem Baumaste schwimmend bei Bregenz ans Land getrieben bin und da hat mich leider keine Konigstochter, sondern ein alter Hofnarr zu sich genommen, der hiess Konrad Naftsger aus Limpurg, von dem habe ich Zitherspiel und Meistergesang gelernt, habe schon dreimal im Wettgesang das Gehange gewonnen und bin in Nurnberg zum Meister gemacht. Da gaben mir alle Ratsherren ein grosses Fest und die Stadtpfeifer bliesen vor meinem Fenster. Oft ist der Herzog von Bayern Abends zu mir gelaufen, ein Buhlenlied sich zu bestellen, und manche Furstin druckte mir die Hande. So schlecht, wie hier, ist's mir noch nirgends ergangen und ich kann nicht glauben, dass ihr hier sonderlich lustig seid." "Wir sind hier nach unsrer Art auch recht lustig", meinte Anton, "aber grob sind wir auch ein wenig." "Es scheint mir", sagte Grunewald, "als ob die Leute hier gar nichts von zierlichen, ritterlichen Festen wissen, ihr seid hier wie die Bohmen." "Wie sind die?" fragte Anton. -"In Bohmen ist es noch schlimmer, davon hat Konrad, mein Meister erzahlt, ich muss es Euch schon vorsingen, auf dass Ihr daraus erseht, wie es mir nicht allein bei solchen Fressgelagen ubel ergangen ist, und dass ich armer Narr mich endlich auch trosten kann."

Der Bohmen Konig gibt ein Fest;

Auf goldnem, reichbesetzten Tisch

Steht ein verstecktes Narrennest,

Ein ungeheurer Riesenfisch.

Der Konig schneidet in den Bauch,

Da springt ein kleiner Kerl heraus,

Bekleidet nach Prophetenbrauch

Und gibt sich fur den Jonas aus,

Und kusst des Konigs Gnadenhand,

Die aus dem Fische ihn befreit,

Das Kerlchen spricht so schlau gewandt,

Dass es den Konig recht erfreut.

"Wer bist du Zwerglein", spricht der Held,

"Sei mir willkommen bei dem Schmaus,

Was treibt dich in die weite Welt,

Wo bist du kleiner Mann zu Haus?"

Er spricht "Ich bin ein Narr furs Geld,

Ein Narr ist uberall zu Haus,

Ich bleibe, wenn es Euch gefallt,

Ich gehe, wenn mein Witz zu kraus.

Beim Herrn von Limpurg war ich lang,

Der war zu sanft, ich sprach zu hart,

So machte ich zu Euch den Gang,

Um mich zu freun an Heldenart."

Der Konig ruft nun seine Narrn,

Um ihn zu prufen, ob er klug,

Und ihn zu fangen in dem Garn,

Mit einem list'gen Narrenzug;

Zwei alte Tolpel stolpern her,

Mit buntem Kleide angetan,

Doch ihre Zungen sind so schwer,

Sie greifen an den kleinen Mann,

Mit lahmen Spassen ohne Mut

Und waren lieber wieder fort,

Doch unser Kleiner gar nicht ruht,

Er schenket ihnen gar kein Wort.

Der Kleine ubermeistert sie,

Im fremden Land gilt der Prophet,

Er furchtet keinen, scheut sich nie,

Er weiss es nicht, wie es dort steht.

Die grossen Tolpel werden stumm,

Der Konig nimmt ihr holzern Schwert

Und spricht: "Ihr Narren seid zu dumm,

Der Kleine ist des Schwertes wert,

Ihr geht, der Mann im roten Kleid,

Wird eure Lohnung zahlen aus!"

Der Kleine schmuckt sich voller Freud,

Die beiden gehen voller Graus.

Der Kleine hohnt sie wacker aus,

Ein jeder Einfall neue schafft,

Nie dauerte so lang der Schmaus,

Wie mundet heut der Rebensaft,

Der Konig sagt zu allen laut,

Dass er noch nie so lustig war,

Dem Kleinen hat er ganz vertraut,

Er sagt, was wahr, er trinkt, was klar,

Der Narr belehrt den klugsten Rat

Und wendet jeglichen Verdruss,

Der Kleine denkt: "Es ist ein Staat,

Wo mir ein jeder gut sein muss."

Da bringt der Mann im roten Kleid

Noch eine Schussel seinem Herrn,

Der sieht hinein mit Schadenfreud,

Und tut sie wieder dann versperrn.

Doch unser Narr ist schon so dreist,

Er blicket durch den Spalt hinein,

Obgleich der Konig es verweist,

Der Narr fangt kindisch an zu schrein.

"Herr", spricht er, mit gebrochner Stimm,

"Zwei Menschenhaupter liegen drin;

Wer reizte Euren edlen Grimm,

Mit Frevel oder Eigensinn?"

"Mit nichten", spricht der Konig kalt,

"Die beiden hab ich nicht gehasst,

Sie wurden mir nur allzu alt,

Und haben hier nicht mehr gepasst,

Es sind die Narren, die allhier

Dein guter Witz schnell uberwand,

Was sollten sie nun ferner mir,

Du hast sie in ihr Nichts gesandt,

Ein kluger Mann, wenn er verdummt,

Erweckt noch aller Narren Witz;

Was ist ein Narr, der je verstummt,

Er ist auf Erden nichts mehr nutz."

Das lauft dem Narren kalt wie

Eis Durchs Ruckenmark zu Zung und Mund,

Dann wird ihm wieder gluhend heiss,

Er spricht aus bangem Herzensgrund:

"Der Teufel sei hier Narr furs Geld,

Denn wagte ich mein Leben gern,

So war ich auch ein grosser Held

Und nicht ein Narr fur grosse Herrn,

Ich spring zuruck in meinen Fisch,

Der Narren Blut loscht allen Witz:

Wer junge Narren braucht am Tisch,

Der gonn den alten ihren Sitz.".

Bei den letzten Worten fing Grunewald zu lachen an: "Ich will dem alten Stadtpfeifer gern seinen Platz gonnen, dies liebe Stadtlein hat kaum eine Strasse und auch die ist nur halb gepflastert, ich mochte hier nicht begraben sein, wenn Anna nicht bei mir lage. Das Fest ist auch jetzt vorbei, sie kommen herunter und ich bin schon hier. Anna soll leben, hoch, hoch und immerdar hoch."

Der Fackelzug fuhrte sie eben nach ihrem Hause voruber, ein seliger Anblick. Als alle voruber waren und nur der Abfall der Fackeln von der leuchtenden Erscheinung noch am Boden vergluhte, sang Grunewald zu den Fenstern Annens hinauf:

Nun kenne ich die Nacht

Und ihre Flammenspur,

Und hemme meine Uhr,

Dass spat der Tag erwacht,

Und schliesst die Laden dicht,

Dem ersten Morgenlicht.

Eh' Licht kann werden, bringt die Nacht,

Der Schopfung dunkle Freuden sacht;

Ich kenne die Geschichte

Und nehme die Gewichte,

Die Rader und die Glocken,

Aus meiner Uhr bedacht,

Sonst schlagt sie in der Nacht,

Und ich fahr auf erschrocken.

Nun steht die Zeit ganz still,

Des freu sich, wer da will,

Des freuet sich alsbald

Der treue Grunewald.

Anton sah verwundert den Mann an, der so in einem Atem lachen und weinen, belustigen und ruhren wollte, aber er trug ein bruderliches Herz zu ihm und notigte ihn, da er ohne Obdach, sein Lager mit ihm zu teilen.

Zweite Geschichte

Das Bild am Giebel

Anna, die schone, junge Frau, wurde spat von der Sonne erweckt, die uber den wolkenlosen Himmel in voller Klarheit hinzog und ihre Strahlen in den runden Scheiben des Fensters sammelte, um mit einem Kusse ihrer Art die geschlossenen, weichen Augenlider der Muden zu erwarmen, die sich gern dem Tag verleugnet hatte, nachdem sie den Morgen verschlafen hatte. Endlich rief sie leise ihren Berthold, um ihn nicht zu erwecken, wenn er noch schliefe. Als sie aber keine Antwort erhielt und die Blendung ihr gestattete umzuschauen, da sah sie, dass Berthold nicht mehr im weiten Bette zu finden, dass er sich fortgeschlichen habe, und das krankte sie. Sie wollte nun nicht eher aufstehen, bis er ihr selbst die neuen goldnen Strumpfbander gereicht hatte, nachdem ihre silbernen Strumpfbander beim letzten Tanze feierlich zerrissen und jedem Gast ein Stucklein zum Andenken geschenkt worden war. Mit diesem Gedanken beschaftigt, sah sie nach dem Boden des Zimmers, weil die Fenster ihr zu hell entgegen leuchteten, und bemerkte das Schattenbild einer Leiter, auf welcher zwei Beine standen. Mit vorgehaltener Hand suchte sie zu entdekken, woher dieses seltsame Schattenspiel sich durch die Fenster sehen lasse, und fand bald, dass eine Leiter ans Fenster gelehnt sei, auf welcher die Beine eines Menschen standen. Erst glaubte sie, es sei ein Scherz Bertholds oder eines mutwilligen Bekannten, und schamte sich, aber die feste Ruhe dieser Beine zeigte bald, der Gebeinte musse seine Neugierde an der Mauer uber und neben dem Fenster befriedigen, und sie hielt ihn fur einen Arbeitet, der irgend etwas an dem Hause zu verrichten habe. Sie wollte eben mit Vorsicht aufstehen, fest versichert, der Mann konne nichts von ihr durch die blinkenden Scheiben wahrgenommen haben, da offnete sich der obere Fensterflugel, und sie erinnerte sich mit Schrecken, dass Berthold diesen der Hitze wegen am Abend geoffnet hatte. Es buckte sich ein Antlitz nieder, das zu den Beinen gehoren mochte, sie sah es aber nicht, denn sie war unter die Decke gefahren. Was war zu tun? Unter der Decke war es zu heiss und nicht allzu lange auszuhalten; ihr Vorzimmer, wo Kleider lagen, war etwa zehn Schrittchen entfernt, die Zeit musste benutzt werden, wenn der Mann nicht hineinblickte. Aber konnte er nicht in der Zwischenzeit sich wieder niederbeugen, ehe das Vorzimmer erreicht war? Endlich war der Entschluss gefasst: in der Decke eingehullt, hatte sie ohne umzublicken das Vorzimmer erreicht, wo sie in Eile die bequemen Morgenkleider anlegte.

Nun kehrte ihr gewohnlicher Mut zuruck, sie schamte sich der kleinlichen Besorgnis und wurde neugierig, die Ursache dieses Schreckens naher kennen zu lernen. "Gewiss ist es Meister Sixt", dachte sie, "die Mutter Hildegard gelobte, die heilige Mutter am Giebel neu aufmalen zu lassen, wie hat mich der gute, alte Mann so erschrecken konnen?" Sie trat nun dreist ans Fenster, um dem Meister, den sie gern in allen Sprachen welschen horte, einen guten Morgen zu wunschen, trat aber mit neuer Verwunderung zuruck, als sie die Beine ins Auge fasste. So riesenhafte Beine mit breiten Waden, knorrigen Knocheln und wohl gepolsterten Zehen, welche durch die zerrissenen Schuhe blickten, konnten dem durren, kleinen Sixt nicht passen, auch war die Bekleidung fur den geschniegelten, alten Niederlander allzu nachlassig. Die langen, roten Tuchhosen waren nicht aus Mode, sondern von der Hand der Zeit aufgeschlitzt, doch hatte der Eigentumer die List gebraucht, die unvermeidlichen Lucken, die sein Bein fullte, mit roter Farbe zu uberstreichen, wodurch aber die Mucken keinesweges getauscht wurden, denn sie notigten oftmals die mit dem Pinsel bewaffnete, rechte Hand, die wohl zweimal so dick, als gewohnliche Hande war, gegen sie niederzuschlagen, als musse sie das Gemalde auffrischen. Anna meinte, es sei ein fremder Meister, der hier seine Kunst an ihrem Hause zeigen wollte, und sie hielt sich fur verpflichtet, ihm zum muhsamen Werke in der Sonnenhitze einen guten Morgen zu bieten. "Guten Morgen Meister!" sagte sie. "Ich bin nicht der Meister", antwortete ihr eine machtige, tiefe Stimme, "ich bin aber sein Junge." "Wenn Ihr auch noch nicht Meister seid", antwortete Anna, "so steht Ihr doch auf Eurem Platz fest und geht auf einem grossen Fusse einher, in jedem Eurer Beine hat ein Meister Sixt Platz und wenn Eure Kunst Euer Mass halt, so konnt Ihr einer der grossten Meister werden." "Es wurde schon etwas aus mir werden", entgegnete er mit einem lustigen Grundton, dass die Balken mitbrummten, "aber der Meister gibt mir mehr Schlage als Essen, wenn ich ein Kornchen in der Farbe nicht fein abgerieben habe, dabei kommt niemand zu Kraften, besonders wenn einem die Sonne wie hier bestandig auf den Buckel brennt." "Wie macht er das, Euch Schlage zu geben", fragte Anna, "ich dachte, er langte kaum zu Eurer Halskrause herauf, wenn er sich auch auf die Zehen stellte." "Der Meister ist ein listiger Mann", sagte er und blickte durch das Fenster wie vorher, als Anna noch im Bette lag, indem er aus dem Farbentopf, der an der Leiter hing, den Pinsel fullte. Sie sah ein frohliches Gesicht, das wie der Vollmond im Aufgange den Fensterflugel fast fullte, von grossen, blauen Augen durchstrahlt, mit einem dichten Bart von Milchhaaren umglanzt, erschien er, wie ein Engelskopf unter dem Vergrosserungsglase sich darstellen mochte. "Wie ist denn der Meister so gar listig?" fragte Anna und beschaute das junge Blut mit Freude, wie es in dem erhitzten Halse pulsierte. "Der Meister ist ein listiger Mann", sagte er, "das sieht ihm keiner an. Wenn er nur jetzt kame, da schnippte ich ihn mit meinem Finger in die Ecke, aber da wartet er ganz ruhig, wenn ich etwas ausgefressen habe, was er fur sich zuruckgelegt hatte, bis zum andern Morgen und wenn ich im besten Morgenschlaf liege und fur keinen Preis mich ruhren mag, da haut er auf mich herum, als ware ich ein staubiger Wams dass ich es wohl noch fuhle, wenn ich erwacht bin." "Vaterhand schlagt nie zu hart; das Kind, welches sie am liebsten hat, schlagt sie am meisten", sagte Anna. "Gott behute", sprach Anton, "dass die kleine Heuschrecke mein Vater ware, ich bin nur so in der Not zu ihm gelaufen, als ich noch ein dummes Kind war, und weil er mir damals etwas Gutes angetan hat, dafur muss ich ihm mein lebelang eigen sein. Ich wollte, ein Koch ware mein Pflegevater, so konnte ich doch essen, was ich zusammenreibe und koche, aber so muss ich die Wande und die Leinewand damit beschmieren; zu einem Weinkuper taugte ich auch besser." "Einen frischen Trunk kann ich Euch schon geben", sagte Anna, und reichte ihm eine holzerne Kanne mit dem Abendtrunk heraus. Er dankte kaum, sondern kippte sie wie eine Nussschale uber, sie dachte nur, dass er einen Zug daraus tun sollte. Anna sah ihn verwundert an, konnte aber nicht bose werden, sie dachte: Es gehort wohl etwas in den breiten Hals, auf welchem der Adamsapfel wie ein Ziehbrunnen auf und nieder steigt, und dann sind ihm auch so viele Tropfen in seinem Milchbart hangen geblieben, dass sich die Fliegen darin ersaufen; will doch sehen, ob er nach solchem machtigen Zuge noch Platz fur das Essen behalt. "Will Euch doch etwas zum Zubeissen bringen", sagte sie, holte aus dem Nebenzimmer eine gebratene Hammelkeule und schnitt eine Scheibe davon ab. "Wie heisst Ihr;" fragte sie, "hier ist die Gabel, langt zu!" "Ich heisse Anton", sagte der Maler, "sage Euch schonen Dank, bin heut vor Tage aufgestanden und habe kein Fruhstuck bekommen, weil mich der Alte mit dem Hunger zum Fleiss antreiben wollte." Ohne Verlegenheit steckte er die Gabel durch das abgeschnittene Stuckchen in den ganzen Braten und wie ein guter Heulader schwenkte er die Gabel, ohne etwas von der Ladung zu verlieren, in die obere Region, wo sich am Menschen der Mund offnet. Frau Anna rief: Ob er nicht Brot dazu esse, das Fleisch sei fett. "Dank Euch", sagte Anton, "mein Magen vertragt Kieselsteine, wenn ich nichts andres habe; wo ich aber gute Fracht finde, da mach ich's wie Schiffer in den Niederlanden und nehme keinen Ballast auf, gebt Euer Brot den Huhnern." Mit Verwunderung sah ihm Anna zu, wie er so eifrig essen und malen konnte, sie bekam selbst Esslust bei dem Anblicke und wollte zum Fruhstuck fortgehen, als Anton sie bat, noch einen Augenblick zu verweilen, weil er den Kopf der Maria gleich beendet habe, sie mochte aber die Augen niederschlagen, wie sie im Bette getan, denn mit fast geschlossenen Augen habe er sie gemalt. Frau Anna schamte sich, dass er sie im Bette gesehen habe, und verbarg das hinter dem Unmute, wie er dem heiligen Bilde ihr sundliches Angesicht geben konne. "O", sagte Anton, "ich male nur das Schone an Euch, das Hassliche lasse ich weg. Die Menschen sind recht sonderbar, uns Malern trauen sie zu, dass wir das heiligste Bild aus nichts schaffen und malen konnen, aber nicht unserm Herrgott, der die ganze Welt zwar aus nichts, aber den Menschen nach sich als sein Ebenbild geschaffen hat, wir mussen von unserm Herrgott, aus seinen Menschen lernen." "Aber es ware mir doch lieber gewesen", sagte Anna, "wenn Euer Meister mich abgemalt hatte, wenn ich einmal gemalt sein sollte." "Der hatte sich hier langst aus Schwindel den Hals gebrochen", antwortete Anton, "auch geht's ihm nicht so von der Hand, wie mir und auf der Mauer will alles schnell gemalt sein, sonst stimmen die Farben nicht, wenn alles getrocknet ist." Wahrend des Gesprachs forderte sich die Arbeit und Anton suchte die Unterhaltung deswegen immer noch zu verlangern. "Ich muss Euch doch", sagte er, "ein Hochzeitlied ubergeben, das der arme Grunewald auf Euch zuruckgelassen hat, der gestern von den Stadtpfeifern ist herausgedrangt worden, er hat die ganze Nacht geweint, denn er sagte, dass er Euch so lange nachgegangen und nun er Euch gefunden, so unehrlich behandelt sei, dass er sich aus Gram nicht mehr wolle sehen lassen." "Ist er denn schon fort?" fragte Anna. "Ganz fruh zog er fort", antwortete Anton, "aber sein Hochzeitlied habe ich unten in meiner Tasche." "Zeigt es mir", sagte Anna, "es tut mir recht leid, dass er schon fortgegangen, wir hatten ihn gestern vergessen in dem Gewirr, er sang sehr kunstreich."

Anton stieg die Leiter hastig herunter, um das Lied zu holen dass sie an der Mauer ausgleitete, denn sie stand zu flach. Aber zum Gluck fasste er den Fensterrahmen, wo Anna stand, und so kamen beide mit dem Schrecken davon; er schwang sich unversehrt in das Zimmer, wahrend die Leiter niedersturzte. "Gott sei gedankt", rief Anna einmal uber das andre, "Euch fehlt doch nichts!" "Es war mein Gluck, dass das Fenster offen war", antwortete er und wollte schon fortgehen, um die Leiter aufzurichten da horte er Schritte und laute Worte im Vorzimmer. "Es ist der Ehrenhalt", sprach Anna, "er wird von mir Abschied nehmen wollen." "Um Gottes willen verbergt mich", sprach Anton in grosser Verlegenheit, "der darf mich nicht sehen, er mochte mich wieder kennen, ich bin ihm entflohen, helft mir, ich bin verloren." Anna war so uberrascht, dass sie nichts zu sagen wusste, sondern halb unbewusst Anton in ihre Kleiderkammer schob, sie fuhlte ein unwiderstehliches Mitleiden gegen ihn, denn Berthold hatte ihr schon so mancherlei von der Gewalt verlauten lassen, mit der die Kronenwachter wirkten. Er trat mit Apollonien ins Zimmer und uberbrachte der jungen Frau einen kleinen, vergoldeten Schrank, wie ein Munster ausgedreht und geschnitten, in welchem ein gar schones Muttergottesbild stand. Das ubergab er im Namen der Grafen von Hohenstock, riet ihr sorgsame Pflege, wenn sie der Himmel mit einem Kindlein segnete, und dass sie sich von den gewaltsamen Ereignissen der Zeit, die jetzt bald eintreffen mussten, in der Pflege und Sorge nicht mochte storen lassen, endlich nahm er mit einer Herzlichkeit Abschied, wie keiner dem rauhen, alten Manne zugetraut hatte. Anna, von dem seltsamen Vorfalle mit Anton zerstreut, horte nur unaufmerksam dem Alten zu und blieb noch unbequemer in ihrem Gefuhle, als die Mutter den Ehrenhalt nur bis zur Ture begleitete und dann zu ihr umkehrte, um sie schnell anzukleiden, weil Berthold bei dem Brunnen mit einer Festlichkeit auf sie warte. Anna geriet in grosse Verlegenheit, weil die Festkleider in der Kammer lagen, wo Anton sich versteckt hatte. "Was soll die Mutter denken, wenn ich ihn heraus fuhre", meinte sie, "oder soll ich mich hier ankleiden, wo er mich durch die Tur erblicken kann?" Aber die Mutter machte diesen Zweifeln schnell ein Ende, indem sie ungeduldig die Ture offnete, aus welcher ihr Anton mit der ruhigen Anfrage entgegentrat: "Also ist der Alte fort, Gott sei gedankt, ich dachte, er hatte mich am Kragen!" Die Mutter staunte, Anna war verwirrt, was sie denken mochte, und Anton sprach wieder: "Nun will ich Euch das Hochzeitlied des guten Grunewald holen, es hatte Euch gewiss gejammert, wie er von seiner Liebe zu Euch die ganze Nacht geklagt hat." Mit diesen Worten ging er zur Stube hinaus und Apollonia brachte erst nur unvernehmliche Tone heraus, dann aber rief sie: "Ware ich doch so ruhig entschlafen in dieser Nacht, wie Frau Hildegard, sie weiss nichts mehr von deiner Schande, sie hat dich zum Feste geschmuckt, das den lieben Sohn ihr von der Seite nahm, die Einsamkeit hat sie nicht uberlebt, und wie dankst du ihr, dass sie so ihr lang gewohntes Leben, den guten Sohn dir abtrat! Du verratst ihn an einen Liebesboten, der wohl gar selbst dich verfuhrte, hatte ich mein Messer, ich konnte dich mit kaltem Blute umbringen!" "Liebe Mutter", unterbrach sie Anna, "ubereile dich nicht; um eine Kleinigkeit, an der ich gar keine Schuld habe, mir zu fluchen!

Sieh das Malergerust vor dem Fenster, sieh die umgefallene Leiter, die der Junge eben wieder aufrichtet, und frag ihn, wie er in das Fenster gefallen, da sieh noch die eine Scheibe, die er eingebrochen hat. Und wie er hier war, da versteckte er sich vor dem Ehrenhalt."- "Und solche freche Lugen kannst du gleich aus dem Stegreif ersinnen", rief die Mutter, "wie oft magst du mich in Augsburg betrogen haben, aber du sollst den guten, den lieben Berthold nicht anfuhren. Er ist jeder treuen Liebe wert, ich will ihn trosten, er soll dich vergessen, wenn er fuhlt, dass doch eine Seele ganz und ewig an ihm hangt, und in so langen Jahren sich ihm ungeteilt bewahrt hat." "Weh mir", rief Anna, "du sagst zu viel, liebe Mutter, und dein unnutzes Schelten uber eine Schuld, die mit dem leisesten Hauche den Spiegel meiner Seele nicht trubte, eroffnet mir eine schwarze Tiefe naher Besorgnisse, du liebst ihn du gestehst es dir und mir, du glaubst mich bei ihm in Vergessenheit zu bringen, nie duldet das mein Herz, und mit aller Glut, wie ich ihn liebe, so will ich alle Netze verbrennen, mit denen du ihn zu dir zu ziehen strebst."

Der Streit ware noch weiter gegangen, aber im Augenblicke klopfte Anton an das zugeschlagene Fenster. Die Mutter offnete und er reichte ihr ein Blatt und sprach: "Dies ist das Hochzeitlied aber verzeihet mir, dass es ein wenig vom Firnis zusammenklebt die Leiter hat beim Herunterfallen die Firniskruke zerschlagen und bittet fur mich beim Meister, dass er mich nicht dafur auch zerschlagt, Ihr saht ja, dass ich nichts dafur konnte." Der Vortrag geschah so naturlich und Anton sah ehrlich und offen in die Welt, dass die Mutter in ihrer Meinung irre wurde und sich endlich ganz von ihrem Irrtum uberzeugte. "Der Morgen nach der Hochzeit", sagte sie endlich, "ist nie ganz ohne Argernis, darum machen auch Freunde dazu gern allerlei Spasse und Schauspiele, wir wollen auch dies dafur annehmen, als ob wir selbst mitgespielt hatten. Zieh dich schnell an! Wer lasst denn hier am Hause malen, Berthold erzahlte nichts davon." "Frau Hildegard hat dies Gelubde getan", antwortete Anna. "Die gute, selige Frau", sagte Apollonia, "mag wohl durch meinen Zorn in dieser Morgenstunde gekrankt sein, sie wird mir nicht zurnen, ihr Gelubde hatte den Irrtum veranlasst. Sei zufrieden Anna, werde nur nicht eifersuchtig auf mich, sieh dich im Spiegel, du bluhende Rose, so freudig sah ich dich nie wie eben mitten in der Kummernis unsres Streits, dann sieh mich an und du wirst deine Eifersucht beruhigen, selbst wenn du meiner Liebe zu dir nicht glauben wolltest." Anna kusste der Mutter die Hand und sprach: "Die gute Mutter Hildegard, nun kann ich ihr keine Liebe erweisen, aber du lebst doch noch recht lange, sollst dich recht lange mit erfreuen. Die arme Mutter Hildegard, sie hat es nicht uberlebt, dass ihr Sohn fern von ihr schlafen sollte, ach da trage ich unschuldig die Schuld ihres Todes." Die Mutter suchte sie zu zerstreuen und sagte: "Wir wollen doch einmal lesen, was der bayerische Meistersanger dir zu Ehren gereimt hat, wahrscheinlich hat er es schon zu tausend Brauten gesungen, denn darum lauft das Sangervolk immer so umher, dass sie an fremde Orte kommen, wo ihre paar Lieder noch fur eine Neuigkeit gelten; aber es ist schwer zu lesen vor dem Firnis, der daran klebt."

Hochzeitsterne sind verglommen,

Und das schwarze Sonntagskleid

Ist dem Himmel abgenommen,

Alle Lust erwacht in Leid;

Freudig ist nun junges Leben

hl den frischen Tag gestellt,

Der geruhrt des Blickes Beben

Tauend uber dich erhellt.

Und du glaubst dem neuen Tage,

Endlos scheint er, weil er klar,

Es versinkt in Lust die Klage,

Dass kein Kranz in deinem Haar;

Sieh, dir bluhen tausend Kranze,

Dieser ach versank im Fluss,

Fuhrt des Lebens Wellentanze,

Lebensflut im stillen Kuss.

In der Kraft, die er gesegnet,

In der Hoffnung, die er regt,

Seid ihr beide euch begegnet,

Selig, wem das Herz so schlagt;

Selig, denn die tat'ge Ferne,

Der Gedanken Unbestand,

Und des Gluckes Wandelsterne,

Trennen nicht dies innre Band.

Hochzeitmorgen ist gekommen,

Tragt ein feurig Freudenkleid,

Und die Welt erscheint vollkommen,

Feiert euren schonsten Eid,

Mit dem Licht vom ersten Tage,

Als die Erde jugendgrun,

Als zum heiligen Vertrage

Gott dem Menschenpaar erschien.

Dritte Geschichte

Gute Hoffnung

Das Fest am Brunnen, welches den Morgen nach der Hochzeit feiern sollte, war durch den Tod der guten Mutter Hildegard in seinem Wesen gestort worden, manches blieb unbeendigt, weil Berthold sich der geliebten Toten nicht entreissen konnte, und die scherzenden Masken sandte er alle zu dem Hause des Herrn Brix, wo Kugler seit der Hochzeitnacht eingezogen war. Auch verspatet war das Fruhstuck am Brunnen durch den langen Schlaf Annens, die Sonne schien dort zu heiss, und der Tisch mit den Sesseln wurde auf Annens Bitte, unter die uralte, schattige Linde gestellt, unter der Berthold einst den Schatz gefunden hatte. Er ward nachdenklich und sprach wenig, so dass ihm Anna Vorwurfe machte, wie er an solchem Tage fremden Gedanken Raum gebe und dass er sie am Morgen so fruh verlassen habe. Unter mancher Zartlichkeit erzahlte er ihr nach und nach, was ihn gequalt und erweckt hatte "Als wir vor dem Altare in der Nonnenkirche standen und der Geistliche Himmel und Holle des Ehestands mit gewaltiger Stimme malte, da flossen meine Augen in Sorge und Seligkeit, in Vorahndungen des Lebens und des Todes, aber ich schamte mich dieser Tranen vor dir und wendete mich ab, um sie unbemerkt zu trocknen. Und wie ich so zur Seite blickte und meine Augen sich aufklaren, da erblicke ich einen Kriegsmann von alter Tracht, der grossen Anteil an der Feierlichkeit zu nehmen schien, da war mir, als sei es derselbe Alte, derselbe alte Herr, den ich immer fur ein Schattenbild des Barbarossa auf Erden gehalten, wenn er in Wolken voruberzieht, der mir hier die Kapelle der heiligen Konige zeigte, die ich bis jetzt noch nicht wieder fand, der mir den Schatz verlieh, der mich aufforderte, diese Baustelle zu erstehen, auf der ich allen Reichtum erwarb, und mit Schrecken erinnerte ich mich bei einem Worte des Geistlichen von der Wandelbarkeit des Irdischen, dass der Alte mir diesen Schatz mit allem, was ich dadurch erwerbe, nur auf so lange verliehen habe, bis er es zuruckfordere. Ich wandte mich ab von dem Alten und blickte nach dem vergitterten Nonnenchore und sah ein Antlitz halb befreit vom Schleier, der sich zur Seite gedruckt hatte, und meinte die geliebte Mutter, meine rechte Mutter, sehr veralten, doch unverkennbar wieder zu sehen. Diese Erscheinungen kreuzten sich und verwirrten mich; als ich wieder um mich blickte, waren beide verschwunden und ich furchtete, dass die lebhafte Anregung des Tages mich um den Verstand bringe. Beim Gelag hatte ich das alles vergessen und bald war auch das Gelag vergessen und du weisst vielleicht, wie alles gekommen, aber ich schlief doch endlich ein, schlief lange ruhig, bis ich denselben Alten, der mich in der Kirche erschreckt hatte, wieder zu sehen glaubte. Er sagte mir, dass meine Zeit abgelaufen sei, dass ich ihm alles wieder erstatten solle, was er mir geliehen, ich sei jetzt gesund, ich kennte die Welt und ihre Geschafte und sollte mich jetzt allein durchschlagen. Da dachte ich deiner, wie ich der Armut dich hingeben musste, und konnte meinen Zorn nicht massigen, so unbegreiflich ist der Mensch sich selbst im Traume, ich ergriff das Messer, welches ich damals bei dem Schatze gefunden, und durchstach den Alten, und der Alte war ich selbst, ich hatte mich selbst erstochen. Da erwachte ich und konnte nicht wieder einschlafen, weil Meister Sixt vor dem Hause malte und mir die letzte Ruhe nahm, so viel mein Gewissen mir noch ubrig liess. Sieh nur, um diese meine innere Vorwurfe zu mehren, hast du den Tisch hieher unbewusst gesetzt, wo mir der Alte den Schatz zeigte." Anna lachte uber diesen Gram: "Der Traum bedeutet immer sein Gegenteil", sagte sie, "das wissen alle Traumbucher, und was der Mensch im Traume tut, mochte er wachend gern meiden; liebst du mich recht, so vergisst du alle die Einbildungen in einem Kusse von mir." "Noch etwas geht mir im Kopf herum", fuhr Berthold fort, "der Ehrenhalt hat mir nur Geschenke gebracht, um Anforderungen an mich zu machen. Er spricht von meinem Vetter, von dem Grafen von Hohenstock, dass er blodsinnig sei, dass mir das Schloss Hohenstock vielleicht bald zufallen konne dass grosse Begebenheiten um uns her reiften, bei denen ich dort Sicherheit und Anhang mir und den Meinen erringen konnte; ich sollte das Schloss als Fremder besuchen, wie es mir gefalle. Ich mochte mich nicht darauf einlassen, ich wollte es dir sogar verschweigen, aber der Traum, die Moglichkeit mein erworbenes Gut zu verlieren, machten mich aufmerksam auf das Ererbte. Gib deinen Rat, aber gelobe mir Verschwiegenheit." Anna besann sich keinen Augenblick, sie sah sich dort im Geiste wie die kurfurstliche Braut zu Augsburg empfangen, sie dachte sich das Schloss im Verhaltnis zu dem Hause in Waiblingen in steigender Herrlichkeit, wie sich dies zu ihrem Hauschen in Augsburg verhalten; sie konnte sich der Sehnsucht nach diesem alten, geheimnisvollen Stammschlosse nicht erwehren, sie versicherte Berthold, dass sie ihre Zunge nur beschwichtigen konne, in sofern ihr Berthold das Versprechen gebe, noch diesen Sommer das Schloss zu besuchen. Berthold gab ihrem Willen nach und beschloss unter dem Vorwande, einen Wallfahrtsort, oder einen Sauerbrunnen besuchen zu wollen, den Weg dahin einzuschlagen. Sie wurden in dem Gesprache von Meister Sixt gestort, der feierlich mit Devotion kondolierte und gratulierte, auch berichtete, dass er den letzten Auftrag der seligen Frau Hildegard wohl beendet, die heilige Jungfrau am Giebel aufgemalt und dafur einen Gulden in Submission einzufordern habe, er bitte diese Votivtafel zu inspizieren und ihn zu remunerieren, wenn das Werk seinen Meister lobe. Berthold folgte ihm mit Annen und war sehr erstaunt, ein sehr vollkommnes Bild seiner Frau an der Stelle des verblichenen heiligen Bildes zu sehen, und weil es ihm lieb war, so schien es ihm recht. "Aber wie schon ist das Christuskind", rief Anna, einmal uber das andre, "schenkte mir doch der Himmel solch ein kraftig freundliches Kind, in ihm ist Segen fur die Welt und ihre reichste Zukunft." Berthold aber zog Meister Sixt bei Seite und fragte leise: "Gleicht das Kind nicht Eurem Anton, wahrhaftig so muss er als Kind ausgesehen haben." Anna wollte wissen, was er gesprochen habe, und Berthold antwortete gleichgultig: "Ich erinnerte den alten Herrn, dass er dies Kind nach einem jungen Gesellen gemalt hat, der bei ihm in der Lehre steht." Anna musste ihm innerlich recht geben und wurde ausserlich so rot, dass sie sich abwenden musste, sie gedachte der unangenehmen Verwirrung am Morgen und hatte lieber das Bild gleich abreissen lassen.

Kugler und seine Frau kamen jetzt zu ihnen, um Abschied zu nehmen. Das tat dem ehrlichen Knaben gar weh, sonst war er seelenglucklich mit seiner Wahl, er wusste nicht genug anzuruhmen, was er alles zum Dank unserm Berthold antun mochte, er wunschte, dass er in Not kommen mochte, um ihm die Treue seiner Freundschaft zu beweisen.

Nun ging alles zur Einrichtung der Wirtschaft uber, und Anna lernte ihre Magd Verena, die sie zunachst bediente, naher kennen. Diese klagte bei ihr Jammer und Not uber die Magd der Mutter Apollonia, ihre leibliche Schwester, welche Sabina sich nannte, dass diese Boses von ihr rede, und auch Frau Anna beschuldige, was sie kaum nachsagen moge, den jungen, schonen Maler Anton zu sich ins Fenster eingelassen zu haben, sie scheine das von ihrer Frau gehort zu haben. Sie habe ihr darauf den Mund verboten, denn wenn einer reden wollte, so ware genug daruber zu sagen, warum Frau Apollonia immer dem Herrn im Garten nachgehe, auch ihn kusse, es wisse jeder, dass sie einst mit einander so gut wie Eheleute gewesen, aber die Zeit sei voruber. Anna verbot dem Madchen zu reden, das Madchen aber kehrte sich wenig daran, sie war zu heftig ereifert, nur wandte sich jetzt ihr Zorn gegen ihre Schwester, die zu demselben eigentlich die Hefen eingeruhrt hatte, sie berichtete, wie diese immer von den Schusseln beim Auftragen nehme, nur fleissig spinne, wenn die Frau es sahe, gern zu den Knechten in den Stall gehe, sich immer Wege in die Stadt mache, auch beim Einkaufen mehr an sich als an die Herrschaft denke, dass sie nur funf Hemden habe und darunter sei eins noch stark zerrissen und nicht einmal geflickt, ihre Schurzen waren aber ganz unbedeutend. "Aber sag nur", fragte Anna, die eigentlich aus Gewohnheit gern den Magden zuhorte, "wie habt ihr euch so verfeindet, ihr beiden Schwestern, nachdem ihr hier bloss darum in Dienst getreten, weil ihr so nahe beisammen wohnt." Das Madchen wollte die Ursache nicht sagen, ihre Schwester sei aber an allem schuld, sie wolle ihr aber alles gebrannte Herzeleid antun. Anna gebot Frieden, aber das half nur gegen schnellen Ausbruch der Feindseligkeiten. Jeden Morgen fruh war immer ein dumpfes Schelten der beiden Schwestern am Brunnen, wenn sie fruh Wasser holten, ein Keifen, als ob es an Wasser fehle, und doch lief dies im Uberfluss.

Berthold schalt einmal, als er spat Abends zu Apollonien gehen wollte, dass so viel Wirtschaftsgerat, Eimer, Topfe und Kupfergeschirr am Brunnen gestanden, er sei daruber gefallen. Verena machte daraus eine seltsame Historie, erzahlte Annen, ihr Mann gehe Abends, wenn sie ihn im Garten beschaftigt glaube, gar heimlich zu Frau Apollonien, so dass es Annen gar heiss uberlief, sie konnte mit ihrer Mutter nicht mehr frei und offen sprechen. Darauf horte sie in der Stadt, dass von einem Kobold die Rede sei, der an ihrem Brunnen alles Geschirr reinige, aber auch sehr bosartig sei, wenn einer ihn store. Sie befragte Berthold, der lachte uber das Marchen, er sei so oft am Brunnen gewesen. Verena aber winkte mit den Augen bei dieser Aussage ihrer Herrin und berichtete beim Ausziehen, der Herr poltere oft so spat bei den Geschirren am Brunnen herum, da hielten die Leute ihn fur einen Kobold und hatten schon in der Stadt ausgebracht, sie und ihre Schwester hatten sich wegen des Kobolds entzweit, wenn er nicht allen beiden die Arbeit abnehmen wolle, er gehore nur zum Hause des Bertholds und die Schwester setze immer ihre Geratschaften unter die ihren, aber das sei Luge, und rief alle Heiligen zu Zeugen, dass sie sich mit keinem Kobold abgebe.

Sabina qualte mit ihrer Zankerei die Frau Apollonia weniger, weil diese strenger war, sie nistete sich aber auf feinere Art ein. Apolloniens Zartlichkeit zu Berthold glaubte jetzt, wo er ihr als Schwiegersohn verbunden, keines Zaums zu bedurfen, sie ausserte ihm gern ihr Wohlwollen durch jedes gute Zeichen, nahm jedes von ihm an, fand auch darin einen Ersatz, als es ihr schien, dass die Tochter von ihr unabhangig sei, sie weniger aufsuche und andre Gesellschaft vorziehe. Sabina erfand sich eine Menge Freundlichkeiten von Berthold, die sie der Frau berichtete und ihr schmeichelte, am Abend aber die Schwester damit zu argern. Das alles erfuhr Anna, nachdem es kaum einen halben Tag ersonnen oder missdeutet war, und machte die Stolze ihrem Berthold auch keine Vorwurfe, so spottete sie doch wohl gegen ihn uber die Mutter und Berthold verteidigte sie mit Warme und sagte wohl noch mehr, als er eigentlich glaubte, eben weil ihn die unerklarliche Harte in der Tochter argerte.

Ein Zufall reifte die Stacheln an der Hecke zwischen beiden Hausern. Apollonia war in ihrer Arbeit sehr emsig, obgleich sie es jetzt nicht mehr bedurfte, nun ein gutes Vermogen mutterlicher Seite ihr zugefallen war. Es brach ihr spat am Webstuhle etwas in dem Kamme, sie schickte Sabina damit zum Verfertiger, dass er es gleich in Ordnung bringe. Es sieht manches wie eine kleine Arbeit dem aus, der sie nicht zu machen versteht. Die Arbeit verspatete sich, die Nacht war dunkel heiss und Apollonia ging selbst ungefahr gegen Mitternacht an den Brunnen, um ihren Henkelkrug zu fullen. Sie nahte sich ohne Absicht leise, denn sie ging bequem und stand nicht ohne Schauder neben einer grossen Gestalt, die am Brunnen auf etwas zu warten schien. Kaum hatte sie den Entschluss gefasst, dies unheimliche Wesen ein wenig zu betrachten, ehe sie entliefe, so wurde ihr der Mond gunstig, trat hervor und beschien einen blonden, herrlichen Lockenkopf, der im Augenblicke nach dem Garten Bertholds entsprang. Die Angst und die Besonnenheit geboten ihr zu schweigen, es war Anton, sie konnte nicht zweifeln. Was wollte er so spat? Berthold war in einem Geschafte ausgereist, Anna hatte sich den Abend verleugnen lassen. Sie wurde wieder irre an dem guten Glauben, den sie den Entschuldigungen der Tochter am Hochzeitmorgen geschenkt hatte; ihre Qual war gross, denn ihre Rechtlichkeit war unerbittlich strenge. Sie gewann es uber sich, nicht laut zu werden, es fiel ihr ein, dass Berthold von einer Reise nach Hohenstock gesprochen. Sie glaubte, dass sein guter Geist ihm den Rat eingegeben hatte, und beschloss ernstlich, mit allem ihren Einflusse auf ihn, dies Unternehmen zu fordern.

Anton, denn er war es wirklich gewesen, hatte nicht geringeren Schrecken uber Frau Apollonia, als diese uber ihn erfahren, er meinte sich schon beim Meister angeklagt und bestraft. Die Bosheit der Frau, als er damals so unschuldig in Annens Zimmer gekommen, liess ihn viel schlimmere Bosheit ahnden, nun er in gewissem Sinne schuldig war. Er war wirklich der Kobold, der da nachtlich am Brunnen die Geschirre reinigte, was den beiden nachlassigen Magden zu beschwerlich war. Er hatte sie in den Vorbereitungen der Hochzeit kennen gelernt und war in dem Drange der Arbeiten fur seine Hulfe in der wohlbesetzten Kuche von ihnen gelohnt worden. Fur diesen Preis setzte er bei dem teuflischen Geize des Meisters, der ihm das Brot verschloss, diese geringe Arbeit Nachts heimlich fort, und die Sache hatte lange in Ruhe geschehen konnen, wenn nicht beide Schwestern gar zutuliche Liebe zu ihm empfunden hatten. Da er aber von eigner Gleichgultigkeit gegen beide blieb und wohl ihre guten Bissen, aber nicht ihre Kusse annehmen mochte und sich beide doch fur schon hielten, so meinte jede, die andre habe heimlich mehr Vertraulichkeit mit ihm und das brachte sie gleich in Neid und Eifersucht. Als er nun gar in der nachsten Nacht ausblieb, ward der Unfriede am Brunnen gross. Berthold kehrte am andern Morgen heim und sprach zufallig erst bei Apollonien an, so schien seine Untreue der harrenden Anna gewiss.

Wahrend Apollonia ihm heftig zurnte, trat Berthold mit freudigem Gruss und Gaben ein, erzahlte von den schonen Burgen der befreundeten Ritter und drang in Annen, wie Apollonia eben in ihn gedrungen war, die Reise nach Hohenstock mit ihm zu unternehmen, es komme kein Schlachter aus jener Gegend in die Stadt, der ihm nicht Briefe mit Anmahnungen des Ehrenhalts uberbringe, dort einen Besuch abzustatten, und je mehr er das Leben der Ritter kenne, je weniger lasse sich in ihm das Gefuhl unterdrucken, dass er noch zu etwas anderm, als zur Wollrechnung, bestimmt sei. Der Antrag kam ihr jetzt so willkommen, sie hoffte, Berthold werde sie ausschliesslich lieben, wenn sie mit ihm allein ware, sie gab ihren Beifall, sie wollten beide vorgeben, dass sie Klostereinsiedlen in der Schweiz zu besuchen gelobt hatten.

Es war Sonntag, sie fuhlte dunkel, dass sie dem Manne unrecht getan habe, oder aber wie Grunewald oft sang:

Sonntag hat ein eigen Wesen,

Innres Streben, aussre Ruh,

Mag von sel'gem Glauben lesen,

Lasst den Drang der Zeit nicht zu.

Sie wollte beichten und nahm ihr schwarzes Gebetbuchlein, ging aber nicht zum Hause hinaus, sondern in den Garten, wo ohne dass sie es wahrnahm, der eifrige Gartner Berthold beschaftigt war, seine Lieblingsblumen selbst zum Strauss fur die Frau abzupflucken. Da kam eine hohe Frau in den Garten mit einer Harfe und einem Kastchen, worin Feigen und Apfelsinen, trug einen grunen Hut mit einer Feder darauf, grune Jacke mit kurzem, bunten Rock, auch bunte Strumpfe, sie nannte sich eine Tirolerin, die aus der Hand weissage, und Apollonia meinte sie schon in Augsburg gesehen zu haben. Anna klagte ihr, dass sie vergessen habe, was sie noch eben beichten wollte, und die Tirolerin, oder vielmehr Grunewald, der so verkleidet war und sich etwas mit Wahrsagen abgab, prophezeite ihr, was er ihr ansah, und hat alles nachher in Reimen abgesungen, wie es da erging:

Der Sonntag winkt mit stillen Blicken

Und schmuckt ein jedes Blumenbeet,

Der Gartner will ein Strausslein pflucken,

Weil seine Frau zur Kirche geht.

Und kann sich immer nicht entschliessen,

Wo er sein Messer brauchen soll,

Die Blumen sich im Tau noch kussen

Und Herz am Herzen hangt so voll.

Da kommt sein junges Weib gegangen,

Ihr schwarz Gebetbuch in der Hand,

Ihr Blick gesenkt im frommen Bangen,

Zur Laube hat sie sich gewandt;

Wie heimlich gluht die Geissblattlaube,

Ihr Schatten ist ein duftig Bad,

Und drinnen girrt die Turteltaube

Und Nelken glanzen an dem Pfad.

Da spricht die Frau mit bangen Sorgen:

"Vergessen ist die Sundenschuld,

Was wollt ich beichten heute morgen,

Ach Gott, hab nur mit mir Geduld.

Ach hatte ich nur eine Stunde,

Mir fielen wieder Sunden ein,

Aus welchem bosen Sundengrunde

Mag ich wohl so vergesslich sein."

Der Gartner hat sich nicht verstecket,

Doch ist er nicht von ihr gesehn,

Die Reben haben ihn gedecket,

Er staunet still, wie sie so schon;

Es kniet sein Weib am Banklein nieder

Und deckt das holde Angesicht

Und steht dann auf und saget wieder:

"Was ich gesundigt, weiss ich nicht."

Der Mann will eben zu ihr springen,

Und ihr in Kraft von Lieb und Lust,

Vergebung fur die Sunde bringen,

Die ihrem Herzen unbewusst,

Da hort er eine Harfe klingen,

Sieht eine Frau mit grunem Hut,

Die ihr will susse Fruchte bringen,

Die Frau sagt wahr und ist ihr gut.

Sie kusst die Hand des schonen Weibes

Und rufet mit Verwundrung aus:

"Du bist gesegnet deines Leibes,

Und Segen kommt nun in dein Haus!"

Beschamt will es die Frau nicht glauben,

Und klagt, wie schwer zu Mute ihr,

Tirola spricht: "Eh' reif die Trauben,

Die jetzt so hart, dann glaubst du mir."

Ihr glaubt die Frau, und heil'ge Blicke

Wie Perlen sie umkranzen schon,

Tirola singt von ihrem Glucke

Zu ihrer Harfe Vollgeton;

Was sie gedruckt, war keine Sunde,

Es war die ungewohnte Lust,

Dass sie den Dank zu Gott verkunde,

Erhebt Gesang die freud'ge Brust.

In wessen Herz die Sunde schweiget,

Da klingt des Herren Lobgesang,

Das Dasein sich so freundlich zeiget,

Wenn neue Hoffnung es durchdrang;

Sie fleht, dass sie der Herr durchdringe

Mit seines Geistes Gegenwart,

Dass fruh ihr Kind den Geist empfinge,

Wenn es noch bildsam, rein und zart.

Da kann der Gartner sich nicht halten,

Er stimmt ins fromme Lied mit ein,

Und muss die Hande betend falten:

"So muss sich eine Kirche weihn!"

Und er gelobt, an dieser Stelle,

Zum Angedenken dieser Gunst,

Will er erbauen die Kapelle

Mit hocherfahrner Bildner Kunst.

Es steht die Frau in Scham betroffen,

Woher er ihr Geheimnis weiss?

Er spricht: "Ich sah den Himmel offen,

Ein Engel sagte es mir leis:

Und alles Geld, was du gesparet,

Den Armen gib zum Freudenmahl,

Dass Gott, der Herr, dein Kind bewahret

Und fuhrt es leicht zum Sonnenstrahl."

Vierte Geschichte

Schloss Hohenstock

Der Reisewagen schwankte heftig ungeachtet des langsamen Fahrens uber die rohen Steingerolle, die im Bergwege lagen, dass Berthold langst mit der Frau Anna ausgestiegen war und sich zu dem Ehrenhalt und Grunewald, (der als Tirolerin gekleidet) gesellt hatte, die neben dem Wagen gingen und mit einander den Wagen durch Stricke, die sie an beiden Seiten angebracht, vom Umsturz abzuhalten suchten. "Das ist ein Mordweg!" sagte Anna. "Es ist noch nicht unser schlechtester Weg", meinte der Ehrenhalt, "so kann er freilich nicht in Ordnung gehalten werden, wie die Wege nach Augsburg, hier fahrt kein Guterwagen, kein Reisender, zum Holzfahren ist er immer noch gut genug." "Warum bleiben wir nicht hier oben", fragte Grunewald, "der Wald ist kuhl, die Erdbeeren reif und mein Blumengewinde wachst mir immer wunder barer in der Hand, dass ich Euch endlich damit umgurten muss, Frau Anna. Weilt hier. Der grun bewachsene, meilenweite Sumpf da unten ist fur die Kiebitze, die daruber schreien, dass die Leute ihnen ihre sommerfleckigen Eier nehmen. Und was ist das fur ein Schwalbennest in der Mitte, sieht aus wie eine gebrochene Kinnlade mit schwarzen Zahnen, da mochte ich nicht begraben sein." Der Ehrenhalt verwies sie als eine unverstandige Narrin zur Ruhe, bei ihrem Kuhmelken und Pomeranzenverkauf werde sie viel wissen, was zu einer Ritterburg gehore. "Seht Herr", sagte er zu Berthold, "das ist Hohenstock, weil der Fels, worauf es steht, wie der Stock eines Baumes aus dem tiefen Bruch heraus sieht. Das ist gegen jeden Angriff sicher, wenn die Brucke und der einzige Damm zerstort sind, der bis dahin fuhrt. Durch den Sumpf watet kein Mensch und die warmen Quellen hindern, dass er je zufriert; der Kaiser mag klug sein, aber ware er recht gescheit, so setzte er sich in Ruhe auf Hohenstock, wurde einer der Unsern und liesse die regieren, die dazu geboren sind. Bei uns da ist alles im Uberfluss, was sich ein Mensch wunschen kann, Fische, Wildbret, Fruchte, auf der Welt gibt's keine fruchtbarern Garten, als die Ihr so rings an dem Schlossfelsen glanzen seht. Gott gebe, dass ich von der Wacht auf der Kronenburg entlassen, dort endlich in Ruhe meine Tage beschliessen kann." Berthold und Anna wollte das Schloss nicht so erfreulich erscheinen, doch ausserten sie nur, dass ihnen der Bau gar seltsam verwirrt scheine, die Gebaude lagen in allerlei spitzen Winkeln, selbst in Krummungen an einander, wie Kinder in ihren Spielen zu bauen pflegen. "Das versteht unser einer nicht", antwortete der Ehrenhalt, "aber seht, das grosse Schloss nach dieser Seite gehort Eurer Linie, und das kleinere druben gehort dem Grafen Rappolt, und in dem Mittelschlosse ist die Kapelle und der Waffensaal." "Vom Grafen Rappolt habt Ihr mir nie ausfuhrlich gesprochen", sagte Berthold. "Es ist nicht viel von ihm zu sagen", antwortete der Ehrenhalt "als dass er Euer Oheim ist, er ist meist verwirrt im Kopfe und was ihm allen Verstand nimmt, ist die Liebschaft zu seiner Ausgeberin Itha, die sein Sohn nicht mehr bei ihm dulden will, weil sie dem alten Manne alles abstiehlt und den Ihren zusteckt. Ihr musst ihn wohl besuchen, aber weiter kummert Euch nicht um ihn, es kommt nichts dabei heraus, als dass Euch der alte Herr leid tut."

Ein Wachterhorn von der Dammwarte verkundete ihre Ankunft nach dem Schlosse, als der Weg anfing, gepflastert zu sein. Alle stiegen in den Wagen und nun ging es fast eine Viertelstunde in vollem Lauf uber den hohen Damm, der an beiden Seiten mit Obstbaumen und Weiden besetzt war, und uber Brukken dem Schlosse zu, dessen hohe Lage sie erst jetzt in der Ebene erkannten.

Endlich rollten sie durch das enge Tor und da ging es langsam durch den schmalen Burgweg hinauf, der allmahlich ansteigend um den Felsen lief, auf einer Seite von Mauern mit Turmen gedeckt, auf der andern Seite mit kleinen Hausern und Stallen besetzt, vor denen Landleute in so schlechter Bekleidung standen, dass die Stadter sie fur Bettler hielten. "Nein", sagte der Ehrenhalt, "das sind in ihrer Art sehr reiche Leute, aber sie gehen gern bequem in ihren Kleidern und mogen sich ihr gutes Zeug nicht verderben; die haben mehr aufs Brot zu schmieren, als Eure Federhanse in der Stadt, die sich vor Gott mit dem Sprichwort rechtfertigen: Ein jeder sieht den Kragen und keiner in den Magen." Der Wagen hielt vor dem alten Schlosse und sie traten in grosse, gewolbte Zimmer, die nur von sehr kleinen, ohne Regel verteilten Fenstern erhellt waren, aber die Aussicht war schon uber die grune Flache nach dem Gebirge, ein grunes Meer voll Vogel, statt der Fische. Auf eigensinnige Art war der Boden zwischen den verschiednen Zimmern verungleicht, es mussten immer Stufen gestiegen werden, um aus einem Zimmer ins andre zu gelangen. Grosse, schwere Schranke von Eichenholz, machtige, gepolsterte Lehrstuhle, grosse, runde Tische und ein Bette, in dem wohl viere Raum hatten, zierten das grosste, mit achteckigen Steinen gepflasterte Zimmer. "Hier ist das Schlafzimmer fur die Gaste", sagte der Ehrenhalt, "lasst Euch ja nicht merken, dass Ihr eigentlich hier mehr zu befehlen hattet, sonst musst Ihr hier bleiben gegen Euren und meinen Willen." Anna erbleichte etwas, sie schrieb es dem mit Kaliums bestreuten Boden zu, auch war mit Wacholder gerauchert, weil das Zimmer so lange unbewohnt geblieben. Anna sah zum Fenster hinaus, um eine gewisse Beklemmung ihres Herzens aufzulosen, aber sie musste es vor aufbringendem, ublen Geruche schliessen. "Ihr musst Euch nicht verwundern", sagte der Ehrenhalt, "da unten ist der grosse Hundestall, doch wenn er Euch lastig, so schaffen die Knechte morgen alles fort. Kommt heute zu dem Oheim im zweiten Anteile, doch muss ich Euch vorher sagen, die vielen Kinder, die da herumfaulenzen, sind keine echte, das ist so uneheliches Zeugs, von ihm und der Frau Itha, seiner Ausgeberin, und Gott weiss von wem noch sonst; haltet Euch die vom Leibe, die schnuffeln und betteln uberall, sind Wild- und Fischdiebe, wie keine auf der Welt; wenn der alte Graf ihnen nicht taglich die Haut gerbt, so behalt der erste Anteil nichts."

Nachdem Berthold und seine Frau angemeldet waren, so traten sie in das Zimmer des alten Oheims, der ihnen wie ein ernstes Knochengerippe von einem Riesen der Vorzeit entgegen trat und sie feierlich, doch verlegen, nicht als Verwandte, sondern als Fremde begrusste. Es wollte sich kein Gesprach anknupfen, der Alte brummte einige unverstandliche Hoflichkeit, wahrend Berthold und Anna mit Verwunderung das Zimmer uberblickten. Ein kleines Madchen futterte da unzahlige, junge Huhner, wahrend die alten Gluckhennen gegen einander eiferten, eine Mastgans wackelte auch herbei und die Nudeln, mit denen sie genudelt werden sollte, dunsteten mit schrecklichem Geruch von dem scharf geheizten Stubenofen, in welchem gebacken wurde, wahrend die Fenster gegen die Sommerhitze verschlossen waren. Drei alte, fette Hunde, deren Haar vom steten Liegen abgerieben war, bellten von den schmutzigen Polsterstuhlen, indem sie sich ausstreckten, an der Decke wankte ein grosser Wermutbuschel mit den Fliegenleichen und eine Wetterdistel drehte sich, als ob sie ein nahes, boses Wetter verkundigte. Sollte dies aber aus einer Weltgegend kommen, so musste es zunachst von Frau Itha ausgehen, die im Hintergrunde den geschundnen, blutigen Korper eines Hasen spickte. Dies Ungewitter mit starken Schlagen traf aber ein etwas erwachsenes Madchen, das sich an Anna heran geschlichen hatte und ihr die Rocke sacht von der Seite ein wenig aufhob um zu sehen, von welchem Zeuge ihre Unterrocke waren, denn das erklarte sie jetzt unter der peinlichen Backengerichtsordnung der Mutter, als einzigen Grund ihrer heimlichen Bestrebungen. Der alte Rappolt wollte gern Frieden stiften, druckte aber dabei vorsichtig wie eine Katze, die Schlage furchtet, die Augen zu, auch wurde seine Vermittelung abgewiesen. Dagegen stiftete sich sogleich Friede, als ein junger, derber Bursche Frau Ithen mit den Worten in die Hande griff "Mutter, Sie ist verruckt, was sollen die fremden Leute von Ihr denken, Sie meint noch immer, dass Sie die Schweine unter sich hat, geh Sie mit Ihrem Kuchenschmutz in die Kuche." Frau Itha entschuldigte sich und ging fort, der alte Rappolt sah mit dankbarer Ruhrung den hoflichen Jungling an und erklarte sich offner gegen Berthold. Die gute Frau sei sehr heftig, aber sie sei sein einziger Trost, er musse beherrscht werden, Gram nehme ihm die Besinnung, und ohne ausgezankt zu werden, komme er zu keinem Entschlusse. Sie sollten sich vor den Kronenwachtern in acht nehmen, fuhr er nach kurzem Stillschweigen fort, eben so auch vor den andern. Er habe einen schonen Sohn von seiner verstorbenen, geliebten Frau gehabt, mit Namen Friedrich, den hatten sie zuerst auf der Kronenburg erzogen, der sei von einem fremden Ritter in das Wasser gesturzt worden, er habe es unter der Hand erfahren. Darauf er nach langen Jahren Zwillingssohne, Anton und Konrad bekommen. Bald hatten ihm die Kronenwachter seinen kraftigen, hell gelockten Anton genommen und der sei entflohen, kein Mensch wisse wohin, nun sei ihm nur noch Konrad ubrig, der sei ein durrer Neidhart von Jugend an gewesen und werde jetzt auf der Kronenburg erzogen, wolle da nicht mehr gut tun, sie wurden ihn auch bald bei Seite schaffen. Als er dies beendet, fiel er in ein Weinen und der Bastard riet Berthold fortzugehen, "denn", sagte er, "kommt Vater auf die alten Geschichten, da weiss er nicht mehr, was er will, da kann die Mutter kaum mit ihm fertig werden, da will er Waffen anlegen und darf doch nicht heraus. Er hat einmal in seinen fruhern Jahren die Kronenburg verraten wollen, ist im unterirdischen Gange im Sperrwasser gefangen und aufgefischt worden, seitdem musste er hier hocken. Sie wollten nur Sohne von ihm haben, dann, sagten sie, wollten sie ihn hinrichten. Wie ginge er so gerne auf die Jagd, aber er darf nicht heraus, da sieht er druben die Hirsche am Gebirge sich sonnen, seht Ihr, wie er hinsieht, er kennt alle am Geweihe, er darf aber nicht heraus. Das hat ihn so unsinnig gemacht." "Aber hort er denn nicht, was du jetzt sprachst," fragte Berthold, indem er mit Annen fortging. "Kein Wort hort er, wenn er so in sich versinkt", antwortete der Knabe und nahm Abschied.

Berthold und Anna sahen einander verlegen an, als sie auf ihrem Zimmer allein waren, Anna war sehr enttauscht von den hohen Erwartungen graflicher Herrlichkeit, Berthold warnte sie, gegen niemand davon zu reden, sie standen in einer unerbittlichen Gewalt. Die Tirolerin kam jetzt herein und brachte viele Nachrichten von der Burgverfassung. Eben seien wohl zehn Raubgesellen in Dienst genommen, um einem Nachbarn, der sich gegen die Bauern vergangen, das Vieh wegzutreiben, die tobten und tanzten in der Gesindestube, niemand hore ohne Fluchen und Schlage, was ihm gesagt wurde: der eine habe ihr das Essen umgestossen, weil er sie durchaus kussen wollte. Die Rosse lagen im Hofe, dass niemand gehen konne, die Hunde heulten und bissen aus allen Ecken, und die Enten sturmten die Kuche, der Ehrenhalt sei fort und sie wisse keinen andern Rat, als dass sie druben aus der Kuche sich etwas ausbate, um ihre Herrschaft zu speisen.

So waren beide genotigt, bei Frau Itha anzusprechen, die eben in dem Kreise mehrerer andrer Frauen beim Mahle sass, die sie ihnen als die Weiber von Kronenwachtern vorstellte, welche dahin gekommen, um ihren Mannern weisse Wasche zu bringen. Alle fielen uber Frau Anna her, sie zu herzen und zu kussen. Der Becher ging fleissig umher, Frau Itha ging zuweilen in die Schlafkammer, wo der Alte jammerte, und brachte ihm etwas, klagte aber dann bitterlich zu Annen, was sie fur einen alten, gebrechlichen Herrn habe, wie der sie plage, da sei sie mit ihrem Berthold besser versorgt. Nun erzahlten die Frauen von den Taten ihrer Manner: wie vielen Herren der eine gedient habe, ehe er von den Kronenwachtern aufgenommen sei, wie der andre einen Mauren im Zweikampfe erlegt habe, wo ein dritter unter den Schweizern gegen den Herzog von Burgund gefochten und das Gold nachher in Metzen ausgemessen habe. Der Ehrenhalt betrat jetzt das Zimmer, wurde von allen gar ehrfurchtsvoll begrusst, die Frauen baten ihn, seine Geschichten im Morgenlande zu erzahlen, wie er dem Emir, bei dem er gefangen, mit einem silbernen Becher den Hals zerhauen habe, worin ihm dieser Wein unter Verwunschung des Christentums gereicht, und wie er auf dem Pferde des Emirs der Strafe und der Gefangenschaft zugleich entkommen sei. Es wurde, als dieser Alte erzahlte, eine lebendige Freude ausgegossen, jeder fuhlte sich grosser, nur Berthold fuhlte sich unendlich gering dass er noch nichts Kriegerisches getan. Noch schmerzlicher fuhlte er sich gekrankt, als Frau Anna, die ihren Mann gern auch empfehlen wollte, mit der Turniergeschichte in Augsburg anruckte. Da riefen alle, es sei schade, dass er nicht einen Tag fruher gekommen, es hatten gestern nahe der Burg ein paar Ritter auf Leben und Tod mit einander gerannt und waren beim zweiten Anlauf auf dem Platz geblieben, durch ihre Spiesse unaufloslich verbunden.

Als sie alle auseinander gegangen, musste Berthold eingestehen, so seltsam dies Volkchen sei, so stehe doch jeder fest auf seinen Fussen und wisse seine Bahn; er mochte gern auch im Kriege sich versuchen und wisse nicht, wie er es anfange. Anna dagegen wunschte sich und ihn von Herzen aus diesem Kreise, aus dieser Gegend fort, sie behauptete, dass die armen Spinnerinnen in Augsburg in ihren Spinnstuben nicht so roh und gemein, so grob und frech sich ausgedruckt hatten, wie diese edlen, ritterlichen Frauen, Berthold habe nur nicht alles gehort, was sie leise unter einander und zu ihr heimlich gesprochen hatten. Berthold wollte ihren Wunsch, bald abzureisen, gern erfullen, nur bat er sie, ihn nicht so kund werden zu lassen, auch die Wande hatten da Ohren, das ganze Schloss sei von geheimen Gangen durchzogen, diesen sei alle Schonheit und Regelmassigkeit aufgeopfert, das habe er endlich durch seine Kenntnis vom Bauwesen herausgebracht.

Am andern Morgen fragte Berthold den Ehrenhalt, ob er nicht den Zug gegen die Nachbarn mitmachen konne, wozu schon Leute geworben waren, die gestern im Schlosse gelegen. Der Ehrenhalt lachelte ihm zum erstenmal recht freundlich zu und sprach: "Es ist recht, dass Ihr etwas tun wollt, was vor der Welt besteht, der alte Hohenstaufe regt sich in Euch, im Kriege macht der Mensch sein Schwert zum Massstab der Welt und misst alles nach seiner Elle von vorne durch, so kommt alles in die Lage, wie es ihm gefallt; er braucht nicht mehr zu denken, ob er es allen Leuten recht macht, die Leute mussen ihm tun, wie er ihnen tut. Was aber den Zug von gestern abend angeht, so ist der schon zuruck und die Leute sind entlassen. Unser junger Graf Konrad hat einmal wieder schlimme Streiche gemacht, Ihr werdet das saubre Fruchtchen heut noch sehen, ein rechter Lilaps und Hannepampel. Kaum war der Zug beim grossen Lug, so sah der Graf im Vollmondschein ein aufgeschurztes Madchen darin stehen, die Sumpfgras in ihre Kiepe fur die Kuhe ihrer Mutter schnitt. Gleich war er verliebt, rief sie zartlich und als sie ihn verlachte und verhohnte, weil er schwerlich ihr da durch das Wasser nach steigen konnte, wo diese armen Leute seit erster Kindheit Steg und Weg auswendig lernen, so beschoss er sie mit stumpfen Bolzen, als ware sie eine Festung. Das Madchen war aufgeschurzt und schrie ach und weh, und suchte nach der andern Seite zu entkommen. Er setzte ihr mit den Reisigen wie einem Hirsch nach, der ins Wasser getrieben, ein paar sturzten, endlich fing er das arme, ganz erschopfte Madchen und brachte sie zu einem Einsiedler, der eine Art Possenreisser ist. Da wurde getafelt und getobt, dass ein frommer Reisiger, der draussen blieb, bei dem nachtlichen Sturm jeden Augenblick meinte, der Teufel werde die ganze Gesellschaft holen. Statt des Viehes bringt uns der Graf heute das Madchen auf das Schloss, das er nicht lassen will und das doch zu den Ihren verlangt. Zum Gluck schicken ihn die Kronenwachter bald fort zum Herzog Wilhelm von Bayern, er soll da dem Schwabischen Bunde dienen und die tollen Horner sich ablaufen. Vielleicht lasst sich etwas erreichen und auch Ihr sollt dann dazu wirken. Der Schwabische Bund ist auf unsrer Seite, wie wir sicher glauben, Herzog Ulrich feindet ihn an, es brechen gewiss Streitigkeiten aus, der Herzog wird verjagt, der Kaiser stirbt bald, wir beherrschen das Land, vielleicht konnt Ihr in Eurer Stadt mehr dabei wirken, als unter den Reitern, wir brauchen auch Manner von der Feder, der Hutten fuhrt sie zu wild und unbandig."

Die Tirolerin kam jetzt aus der Kuche hereingefluchtet, Graf Konrad hinter ihr her, der ohne Aufhoren schrie: "Sie hat einen Bart!" Der Ehrenhalt trat ihm entgegen: "Nun Graf, ich dachte, Ihr hattet heute keinen Grund, so laut zu krahen, der Zug ist schlecht ausgefallen, Ihr musst fort von hier, die Briefe sind geschrieben, Ihr sollt zum Herzog Wilhelm von Bayern, doch lernt vorher noch anstandig sein im Hause des ersten Anteils." Graf Konrad war schnell wie verwandelt, er entschuldigte sich mit der Seltsamkeit des Bartes an einem Madchen, das noch so jung scheine, nahm gar artige Stellungen an und fiel Frau Annen gar nicht unangenehm in die Augen. "Er gleicht dem Malerburschen Anton" fiel ihr ein, aber sie wagte es nicht auszusprechen, weil sie dem Manne nichts von der Geschichte am Morgen der Hochzeit erzahlt hatte. Auch Berthold dachte umher, bis ihm die Ahnlichkeit mit Anton einfiel, wahrend er den Grafen begrusste. Die Tirolerin war bei Konrad gleich vergessen und Grunewald kam diesmal mit dem Schrecken davon, erkannt und vielleicht sehr hart bestraft zu werden. Graf Konrad strengte alle seine Erfindung an, um durch artige Feste den Tag zu verschonern.

Er ritt mit Berthold und Anna zur Jagd, aber ein paar Gewitterschlage brachten so unglaubliche Regengusse, dass sie in wenig Minuten ganz durchnasst den Damm zur Heimkehr suchten. Ihr Weg fuhrte sie an dem Felde vorbei, das zu Hohenstock gehorte, wo die Schnitter eben mit der Ernte beschaftigt gewesen, von bewaffneten Reisigen bewacht. Aber hier hatte der Himmel mit seinem Feuer gegen die Erde geschlagen, es brannte ein abgestorbner, wilder Birnbaum und der Hagel schuttete sich aus der Wolke, wie aus einem zerrissenen Saetuche uber die Weizenahren. Die Jagdgesellschaft musste von den Pferden steigen, weil diese wild wurden, die Landleute deckten ihre Kinder mit Schurzen zu, aber alles schrie jammervoll. Nur zehn Minuten mochte der Hagel geschlagen haben und die Ernte, der Lohn eines muhevollen Jahres war wie von einem Kriegsheere in den Boden gestampft und zerstreut. So lange das Wetter so wahrte, war Konrad gar kleinmutig, fragte wohl gar wegen des Jungsten Tages bei Berthold nach. Aber kaum verwandelte sich der Hagel in Regen, der Regen in Sonnenstrahlen, so kannte sein Mutwillen keine Grenze. Abgefallene Kappen und Hauben der Landleute spiesste er auf sein Jagdspiess, hetzte mit seinem Pferde die Kinder wie Hasen, dass endlich Berthold seine Missbilligung nicht langer zuruckhalten konnte. Konrad fuhr mit hasslichen Reden gegen ihn an, nannte ihn einen Wollkratzer und Federfuchser, was Frau Anna so beschamte, dass sie in Tranen und dann in die Worte ausbrach: "Wie durft Ihr einen der Euren so schelten!" Nun hielt sich Berthold nicht langer, er sagte, dass ein bedeutendes Geheimnis verraten sei, er mochte es verschweigen und seinen Hochmut bezahmen. Aber um so arger verhohnte ihn Konrad, schwor darauf, er sei von den Kronenwachtern zum besten gehalten mit seiner hohen Abstammung und dafur wolle er ihn sogleich aus dem Paradies verjagen, wo er sich falschlich eingeschlichen habe. Dabei machte er eine Bewegung, als wolle er Berthold mit entehrenden Schlagen angreifen. Berthold, dessen unruhiges Pferd seine Aufmerksamkeit forderte, hatte diese Tucke Konrads nicht beachtet, hatte nicht bemerkt, dass Frau Anna im Zorne ihr Messer gezogen und ihrem Berthold zum Schutz vor ihm schirmend gehalten, dass jener es sich durch die Hand geschlagen und nun erst den gewaltsamen Schmerz dieser Wunde fuhlte. Da war ihm aller Mut gefallen, er bat um sein Leben, er bat jammernd um Verzeihung, um Hulfe, um einen Wundarzt, er verschwor sich bei allen Teufeln, dass er immer Ungluck habe. Berthold meinte erst, dass Konrad von einem Blitzstrahl getroffen sei, jetzt aber sah er das blutige Messer in ihrer Hand und erkannte es gleich als jenes, das er bei dem Schatze gefunden hatte, und die Verwunderung daruber machte ihn einen Augenblick untatig. Dann aber kam er dem schwachmutigen Konrad zu Hulfe, verband seine Wunde mit allem Fleiss und suchte ihn zu trosten, die Hitze habe sein Gemut verwirrt, er mochte sich heimfuhren lassen und sich zu beruhigen suchen.

Grunewald, die Tirolerin, hatte, ehe es noch so weit gekommen, den Ehrenhalt, der bei den Wachen der Schnitter sich befand, in grosser Eile herbeigerufen. Dieser kam eilig geritten und machte Konrad ernste Vorstellungen, dass er uberall Handel anfange und uberall in den Handeln schlecht bestehe. Konrad war noch in der Periode der Schwachherzigkeit, er weinte uber sein Ungluck, bat tausendmal um Verzeihung und machte dem Ehrenhalt nur sanfte Vorwurfe, dass er ihm nicht anvertraut habe, diese Fremden seien mit seinem Hause verwandt. "Wir sind's nicht", sagte Berthold, der lebhaft das Versehen seiner Frau einsah, "wir rechnen uns nur zu den Euren, weil wir seit vielen Jahren jeden, der uns von hier gesandt, gastfreundlich aufgenommen haben, und so sollt auch Ihr uns willkommen sein, wenn Euch der Weg durch Waiblingen fuhrt." Nach diesen Worten wuchs dem Konrad wieder Hochmut, das Blut der Wunde war gestillt, er schwang sich auf sein Pferd und ritt davon, indem er zum Ehrenhalt sagte: Er mochte erkennen, dass ihr Haus durch die Verbindung mit solchen Leuten keine Ehre gewinnen konne, er musse mit der meuchelmorderisch ihm vielleicht fur immer unbrauchbar gemachten Hand heimreiten, und das Volk lebe schon mehrere Tage auf Kosten seines Hauses. Berthold fand sich tiefgekrankt, er schwor, dass dieser junge Hochmut eine Art habe, seinen Zorn zu erregen, wie ihm nie etwas begegnet sei, er fuhle sich auf ihn gehetzt, wie der Jagdhund auf die Fahrte des Wildes, ohne genau zu wissen warum. "Einem Verwandten lasst sich doch eher, als jedem andern, eine Krankung uberhoren", antwortete der Ehrenhalt, "doch daran erkennt Euer Blut, woraus Ihr stammt; lernt es furchten, denn selten begegnen sich zweie der Euren in Frieden und Einigkeit. Es fuhrte uns zu weit, Euch den Grund und die Veranlassung dieses Zwistes aus fernen Zeiten zu erzahlen, es sei genug, Euch zu warnen; in diesem Zwiste ist alles untergegangen, was die Kronenwachter und alle edlen Geschlechter, die ihnen anhangen, fur die Euren unternommen und beabsichtigt hatten. Die Kronenwachter trennten deswegen die verschiednen Zweige, liessen viele in der Unwissenheit, dass sie zu diesem Geschlechte gehorten, sorgten aber fur ihre Aufziehung, dass sie brauchbar sich fanden, wenn die Stunde schlagt. Aber auch mit diesen, wenn sie zufallig einen der Unsern beruhrten, brach Streit aus und Blutvergiessen. Frau Anna hat ein Wort fallen lassen, dass Euch grosses Unheil droht! Konnen wir hier alles bewahren? Kann nicht eine Stunde kommen, wo Konrad Euch uberfallt in der Sicherheit, im Schlafe; konnen wir doch kaum Frau Itha gegen ihn schutzen, die schon einmal am Felsen mit ihm rang, als er sie herunter sturzen wollte. Ihn bandigt nur der Schrecken in seiner Seele, da schwankt er in seinen boshaften Entschlussen, Mitleid und Edelmut sind ihm fern. Herr Berthold, Ihr musst fort, Ihr durft noch nicht untergehen, wir brauchen Kinder von Euch, Ihr seid hier nicht sicher, ich geleite Euch mit der Frau nach Isny, die Tirolerin mag den Wagen mit Euren Sachen nachfordern!" "Nehmt mich mit", rief die Tirolerin, "der bose Bube verfolgt mich uberall." "Seid ruhig", sagte der Ehrenhalt, "ich empfehle Euch meinen Waffenbrudern, sie kennen ihre Pflicht. Der Besuch war nur kurz", fuhr der Ehrenhalt fort, "aber Ihr kommt nicht um Euer Erbteil, guter Berthold, es kann die Zeit der Not kommen, die Euch hieher treibt, Ihr wisst die Wege und habt hier den Reichtum an allem, was der Mensch zu seinem Unterhalt fordern kann, ubersehen; dies Feld ist verhagelt, der Weizen nahrt die Hirsche und Eber, seht, wie sie schon herandringen, nun sie nicht mehr zuruckgejagt werden, aber jenseits des Waldes sind unsre Felder noch unversehrt, die Schnitter ziehen dahin und gingen auch diese durch die Witterung verloren, so schutzen uns Vorrate auf zehn Jahre gegen jeden Mangel. Der ganze Felsen von Hohenstock ist innerlich zu einem grossen Vorratshause ausgehohlt, da konnen wir uns ruhig belagern lassen. Hier, wo sich der Wald offnet, senkt noch einen Blick auf Hohenstock, verwundert ihr Euch?" "Es liegt in einem grossen See", rief Berthold, "kaum ragt der hohe Damm uber das Wasser hinaus." "Seht", fuhr der Ehrenhalt mit Behagen fort, "so etwas habt Ihr weder in Waiblingen, noch in Augsburg gesehen; der Wolkenbruch hatte unsre Fischweiher zwischen den Bergen zum Uberfliessen angefullt, auch ist einer ganz abgelassen, um Fische fur die Ernte zu geben, so konnen wir unsren Sumpf kunstlich anfeuchten, wenn je ein seltsam trocknes Jahr seine Oberflache zu erharten drohte, dass Feinde sich daruber hinzugehen wagen mochten. Aber das denkt Euch einmal, was bei dem wildesten Gewasser, beim dichtesten Walde, bei dem hochsten Berggipfel nicht gedacht werden kann, so lange die Erde steht, ging nie ein Menschenfuss uber diese Flache, als nur auf dem einzigen Wege, auf dem Damme, den der Teufel erbauen half, aber freilich zur Mitgabe Zank und Streit in dieses Geschlecht pflanzte, indem solche wunderbare Liebe fur diesen wunderbarsten Fleck der Erde entstand, dass jeder ihn allein und einzig zu besitzen trachtete." "Ja, es ist seltsam", sprach Berthold, "nun ich auf langere Zeit von dem wunderbaren Schlosse Abschied nehme, qualt es mich recht innig, dass ich nicht zum ausschliesslichen Besitz desselben kommen kann, ich mochte dem Rappolt seinen Anteil mit meinem Hause abtauschen, geht das wohl?" "Nimmermehr!" antwortete der Ehrenhalt. "Gott behute mich vor dem Neste!" fuhr Anna heraus, "das schone Haus in Waiblingen, wer mochte es mit dieser Vorholle der Langeweile vergleichen; ich atme erst wieder frisch, seit ich weiss, dass wir es so bald nicht wieder sehen; noch schwebt mir aller uble Geruch, das rohe Wirtschaften der Menschen, ihr Absterben in der Trennung von aller Welt deutlich vor, jeder sorgte nur fur Essen und Trinken und ass und trank, und der Hochmut der Frauen und der steinerne Boden in den zimmern, der wahnsinnige Alte, der Wacholdergeruch, die fischig riechenden Netze an allen Baumen aufgehangt, der Kot uberall, wo ein Mensch noch zu gehen Lust hatte, das Zanken und Schlagen mit den Dienstleuten, die doch nicht des Herrn Willen taten, das Diebswesen und die Heuchelei; wo in den Stadten findet sich das alles so zusammen, wie in diesem Landleben." "Frau Anna" sagte der Ehrenhalt, "Ihr werdet sicher noch einmal wunschen hieher zuruck zu kehren, verscherzt das nicht, Ihr wisst doch nur erst wenig von unserm Burgleben, das Jahr ist uns eine Tat, die uns vom Beginnen bis zum Schluss unter Arbeit und Festen an sich fesselt, als gehorten wir notwendig zur Welt, ja wir fuhlen uns Mitschopfer und Mitgeschaffene zugleich. Wer hat Euch die Grillen in den Kopf gesetzt?" "Jeder, der mir begegnete", rief Anna, "machte mich zum Vertrauten seiner Sorge, seiner Bosheit; seine Absichten schienen durch jede Verleumderei und doch wollten sie deren nicht Wort haben. Wie viele heimliche Liebeshandel, wie viel Eigennutz in der Liebe!" "Sie sind wie die Kinder geblieben", sagte der Ehrenhalt, "sie mussen bis an ihr Lebensende erzogen werden, sie sind Bauern, sie werden nie mit sich fertig, noch weniger mit ihren Wunschen und mit ihren kleinen Feindschaften, aber eben, weil sie nie zu leben aufhoren, ist auch jedes neue Leben von ihnen zu fordern und durch sie zu fordern. Gebt acht, was Eurem Hause die Bauern werden bringen, wenn sie mit Macht und Andacht sich fur die Euren erheben. Ihr werdet Euch schon eines andern bedenken, und vergesst nicht, zu schweigen." Jetzt drangten sich einige Kinder zu Annen hin, denen sie im Schlosse einige kleine Gaben geschenkt hatten, sie weinten und wollten sie nicht abreisen lassen. "Wie haben wir hier so schnelle Freunde und Feinde gefunden", sagte Anna, "sieh, wie die Kinder uns mit Gewinden von Kornahren fest zu halten suchen." "Die Blumen hat der Hagel nicht erschlagen", sagte die Tirolerin, "Ihr weint liebe Frau, erlaubt mir, dass ich in Eurem Namen und in Eurem Grame dem Schloss einen Abschied singe:

Nun ade, du altes Schloss,

Das da uber mir gehangen,

All mein Hoffen und Verlangen,

War auch nur ein Wolkenschloss,

Nun ade, ihr ew'gen Quellen,

Die ich gahnend angesehen,

Wenn ich hier nicht werde gehen,

Horet nicht zu fliessen auf,

Denn die Welt hat ihren Lauf.

Nun ade, du Berg und Tal,

Die um Waldes Lieblichkeiten

Ihre Felsenarme breiten,

Ihr seid doch wie uberall,

Nun ade, ihr Kindlein kleine,

Euch alleine will ich grussen,

Fur die Gaben lasst euch kussen,

wisst nichts von des Schlosses Qual,

Seid wie frisches Grun im Tal.

Nun ade, du alte zeit,

Die in ihren Mutterarmen

Sehnlich trug ein tief Erbarmen,

Mich zu trosten war bereit,

Aber gar nichts konnt ersinnen

Und mit mir fing an zu weinen,

Tranen froren im Besinnen,

So fiel Hagel mir zum Heil

Und zerschlug die Langeweil."

Anna kusste erheitert die Tirolerin zum Dank und Abschied, der Ehrenhalt mochte uber sie schelten, er musste sie doch nach dem verwunschten Schlosse hinsenden, um Annens Reisegerat einzupacken, wahrend er mit Berthold und Anna die unbequeme Landstrasse ubers Gebirge einschlug.

Funfte Geschichte

Traubenlese

Wer sein Haus verlasst, um zu verreisen, mag ernstlich beten dass er alle darin wieder finde, aber unserm Berthold wurde dies Gebet nicht erfullt. Er kam fruher heim, als er versprochen hatte, und doch zu spat, Frau Apollonia trat ihm entgegen vor seinem Hause, kusste ihn und fragte: Ob er wohl sei. Der alte Fingerling sei nach kurzem Krankenlager gestorben. "So sind nun alle tot, die meine Jugend schirmten", rief Berthold, "aber ich habe euch beide, ihr treuen Seelen, mir gewonnen." Mit Tranen kusste er Annen und Apollonien und fuhlte sich reich in ihrer Mitte.

"Wo ist die Tirolerin," fragte darauf Apollonia, um die schmerzliche Stimmung zu zerstreuen. "Wir wollen ein andersmal von ihr reden", sagte Berthold, "sie war ein Mann, hiess Grunewald ein Sanger des Herzogs Voll Bayern, ist vom Grafen Konrad auf Hohenstock in ihrer Verkleidung entdeckt und dort gefangen zuruckgehalten worden." "Ich muss mich ewig schamen", rief Anna verdriesslich, "liess ich sie doch aus Mitleid wahrend der Reise zweimal in meinem Bette schlafen, taglich musste sie mir die Kleider zuschnuren, ich hatte so ein blindes Vertrauen zu dem Madchen, weil sie die schonsten Spruche von Tugend und Frommigkeit mir vorsagte, streng fastete, kein Gebet versaumte, alles mit einem Eifer, wie es in unsrer Zeit selten zu finden." So hatte Sabina doch recht, dachte Frau Apollonia in sich und betrachtete ihre Tochter mit Abscheu, doch unterdruckte das traurige Ereignis ihren Zorn.

Berthold hatte mehr verloren, als er sogleich uberdenken konnte. Das Jahr hatte viel an ihm verandert, es hatte ihm einen zweiten Lebenslauf geschenkt, und der wich immer weiter von jenem ersten ab, der mit Fingerling und Hildegard Haus und Handlung begrundete. Was er damals errungen, schien ihm jetzt an sich nichtig, nur als Mittel seinen Durst nach Tat, Wirksamkeit und Einfluss auf die Geschicke zu befriedigen, konnte er es noch loben. Er gedachte jener fruheren, erwerbenden Zeit, wie ein lebenslustiger Sohn seines emsigen Vaters, er ist ihm dankbar, aber er mag nicht seinem Beispiele folgen, sondern lieber dem Gelde einen zweckmassigen Abzug verschaffen. Die kleinen Geschafte der Handlung, die Fingerling scheinbar ohne Muhe vollbracht hatte, weil sie mit ihm ganz eins geworden waren, fielen jetzt druckend auf den Burgermeister. "Ein doppeltes Leben ist eine schwere Aufgabe", seufzte er oft, wenn er von den nahenden Ereignissen traumte, und von den Arbeitern mit unzahligen Anfragen, Forderungen und Bestellungen umdrangt wurde, "ich habe nicht die Kraft, zweierlei zugleich zu tun, zu bedenken." Anna erschwerte ihm diese Aufgabe durch eine eigne, storrige Laune, die wohl aus ihrem Zustande hervorging. Von steter Ubligkeit gequalt, hatte sie eine Art Arger an ihm, der die Ursache dieser Leiden und sich doch dabei vollkommen wohl befand. Sie konnte ihn oft nicht ansehen und Berthold suchte sich dann, der Bucher und Schreibereien uberdrussig, ein Stundlein freundlicher Unterhaltung bei Apollonien, die von ihrer Magd Sabina beschwatzt, gar viel Boses von ihrer Tochter sagte, wofur sie dem guten Berthold mit der hochsten Freundlichkeit keinen Ersatz geben konnte. Verena war nicht mussig, jedesmal ihrer betrubten Frau zu erzahlen, wann der Herr zu Apollonien gegangen und was die Leute sagten, wie sie so lustig waren mit einander, wahrend Berthold bei ihr immer tiefsinnig und geschaftig vorbei eile. Verena wurde durch dieses Zutragen von Neuigkeiten ihr Liebling und ihre Vertraute, von ihr erfuhr auch Anna, dass Berthold durch das Blut eben jenes Anton genesen sei, der zu ihr ins Fenster gefallen. Es war gewissermassen ein Dank fur das geliebte Leben Bertholds, dass Anton, den Verena fur ihren Schatz ausgab, diese zu besuchen Erlaubnis erhielt. Anton wusste durch Sixt, dass Berthold ihn nicht im Hause sehen mochte, so erwartete er die Stunden, wenn jener am Brunnen zu Apollonien gegangen war, was er von seiner Dachstube genau sehen konnte, und brachte dann seinen Abend bei Verena zu, indem er sich wohl bewirten liess, sie malte und ihre Zartlichkeit von sich abwies. Der arme Junge meinte, es sei nur die gute Kuche, die ihn hinziehe, und bemerkte nicht, dass er alles kalt werden liess, um Frau Annen einen Augenblick im Durchgehen durch das Zimmer oder im Hofe zu sehen und dass sein Herz frohlockte bei einem Worte, das sie ihm im Vorbeigehen auf Verenas Bitte sagte, um ihn zu bestimmen, sich bald niederzulassen, sich zu verheiraten und als Meister sein Gluck zu begrunden. Alle diese Besuche erfuhr Frau Apollonia durch Sabina, die nicht ihre Schwester Verena, sondern Frau Anna als die Ursache derselben angab, in der Hoffnung, dass Anton auf diese Weise am schnellsten aus jenem Hause vertrieben wurde. Frau Apollonia wollte mehrmals daruber reden, aber Anna machte sie durch ihre stolze Sicherheit in ihrer Meinung so zweifelhaft; in dieser Unbestimmtheit mieden sich beide, beide sahen einander so selten, nie kam es zu einer Erklarung, und beide glaubten mehr auf dem Herzen zu haben, als sich durch blosses Besprechen gut machen lasse.

Auch trat eine Storung eigner Art zwischen alle diese eingebildeten Leiden. Herzog Ulrich wollte die Jagden in der Gegend von Waiblingen benutzen und beschloss, sich einige Tage in dem Orte niederzulassen. Berthold und Anna sahen eines Morgens zum Fenster hinaus, da war der Marktplatz von Jagern, Hofgesinde und Hunden besetzt. Ein dicker Herr, ganz in grunem Samt gekleidet, ritt in der Mitte, heftig zankend und stiess mit seinem rechten Fuss einem Jager in die Rippen, der die Hunde fuhrte und diese nicht zur rechten Zeit angelassen hatte. Daruber verlor der Herr das Gleichgewicht und ein Jager zog ihn in guter Absicht wieder auf die Mitte des Pferdes. Die gute Absicht wurde ihm aber mit Fusstritten vergolten und der Herr wackelte nach der andern Seite uber, so dass er ganz gelinde vom Pferde herunter sank und auf die Beine zu stehen kam. Jetzt sah sich der Herr um, den Berthold sogleich als seinen Herzog Ulrich erkannte. Der Herzog ging auf sein Haus zu, weil es bei weitem das grosste und angesehenste in der Stadt war. Berthold eilte ihm entgegen und der Herr war sehr gnadig, fragte ohne Aufhoren, denn er wartete nie auf die Antwort, erzahlte dazwischen recht lustig und trocknete den Schweiss, der ihm reichlich von der Stirn floss, und streichelte seine grossen Hunde, die an ihm heransprangen und seine feurige Nase berochen. Er trat ohne weitere Anfrage ins Haus und zwar in das Zimmer, wo Anna eben einiges Tischzeug zusammenlegte. Er trat auf sie zu, befahl ihr den Tisch gleich zu decken, er habe ein grosses Mahl auf seinen Packpferden, liess auch gleich spanischen Sekt bringen und Kuchen; trank, tunkte ein und futterte Annen, wie einen jungen Falken. Anna konnte ihm nicht bose sein, er machte das alles mit einer gewissen Gutmutigkeit, wahrend er sich bei Berthold nach der Zahl streitbarer Manner, nach der Art ihrer Bewaffnung genau erkundigte. Bald stellte er Berthold einen neuen Vogt vor, der an die Stelle des alten, hinfalligen Brix treten sollte, er nannte ihn Grunewald, sagte, er sei noch etwas neu in den Geschaften, aber vom besten Willen beseelt, sich durch ihn belehren zu lassen, er habe sich diese Stelle als Gnade fur ein Trinklied erbeten, das ihn entzuckt habe. Berthold war nicht wenig verwundert, den armen Sanger und die Tirolerin jetzt in schimmernden Hofkleidern als Geschaftsmann einfuhren zu sehen, dagegen tat Grunewald, als sehe er ihn und die Stadt zum erstenmal, und sprach von einem lustigen Vetter, den er habe, der sich uberall herumtreibe und schon manchmal mit ihm verwechselt sei. Berthold war beschwichtigt durch die Dreistigkeit dieses Leugnens und Anna beschamt, aber Grunewald entwickelte ungestort eine Menge guter Einsichten uber die Verhaltnisse der Stadt, uber ihren Weinbau und endlich auch uber die Weinlese, die an diesem Tage ihre Freudenfeste zu feiern begann. Der Herzog wollte alle Lust mitgeniessen, er setzte alle seine Leute in Bewegung, um im schonen Tale ein Mahl zu bereiten, er war heftig im Befehlen und sehr ungeduldig, wenn einer ein Wort nicht verstand, obgleich er eine eigne, abgekurzte Sprache sich angewohnt hatte, die nur seiner steten Umgebung ganz gelaufig war. So wurde nun in feierlichem Zuge nach den Weinbergen ausgegangen, der Herzog zwischen Berthold und Anna, ging voran, ihnen folgte die Jagerschar und alle Bewohner der Stadt, die nicht ohnehin schon draussen mit der Traubenlese beschaftigt waren. Oft wurden sie auf den engen Wegen von den Ochsenwagen mit grossen Tonnen eingetretnen Mosts in ihrem Marsche gehemmt, wo dann der Herzog heftig zankte, sich aber durch Annens Zureden besanftigen liess, oder durch ein Lied von Grunewald auf die schone Abschiedstunde des Jahres. Als sie endlich an die Stelle unter dem zerstorten Schlosse gekommen waren, die Grunewald zum Feste eingerichtet hatte, welch ein Anblick: vor ihnen Waiblingen mit vielen andern Ortschaften im Tal, unter ihnen der Fluss, umher alle gleich dicht mit Menschen, wie mit Reben bepflanzten Berge. Beim Aufjauchzen der Jagdhorner verbreitete sich der Jubel durch alle Anhohen, der die Ankunft ihres Herzogs verkundigte. Bald setzte sich der Herzog zur Tafel, die von reichen Pokalen schimmernd, unter einem gestickten, roten Baldachin aufgetragen war. Bald stieg ein Zug von halb entkleideten Arbeitern, wie es die Hitze des Tages forderte, mit Weinblattern gegurtet und bekranzt, den Berg herunter, deren vordersten zweie ein nacktes, schones Kind in einer Butte trugen. Dies Kind trugen sie zum Herzog, dass es ihm einen Kranz von hochst seltenen, spaten Weinbluten aufsetzen sollte, der Herzog aber nahm den Kranz mit freundlichem Danke und setzte ihn Annen auf den Kopf, indem er die Gesundheit seiner schonen Wirtin ausbrachte, die dann von allen Bergen widerhallte. Und so geschah bei jeder Gesundheit, die der Herzog ausbrachte, und er selbst und seine Hofjunker sahen strenge darauf, dass jeder seinen Becher leerte. Grunewald allein wusste sich von dem Trinken frei zu machen, indem er fur jeden Becher ein Lied sang, das an den Felsen widerhallte, und wurde stumpf seine Stimme, so schrie er um so arger. Das Mahl war reichlich und der Wein stark, der Himmel wurde dunkler, die Kopfe heller, uberall zundeten sich Fackeln und Feuer, alle Arbeiter drangten sich heran von den Bergen, hundert Melodieen pfiffen und grussten unter einander, wer nicht mehr fest stehen und sitzen konnte, tanzte sich wieder nuchtern. Hatte Berthold nur tanzen konnen, aber er war schon umgesunken, wie viele andre, mit denen er auf Tragebahren wohlbekranzt und festgebunden, zum feierlichen Heimzuge gelegt war. Anna schamte sich seinetwegen und war um so mehr verlegen, da der Herzog ihr sehr zudringliche Artigkeiten sagte und Huttens ungluckliche Geschichte ihr vor Augen schwebte. Grunewald mochte an der Verlegenheit ihres Blicks ahnden, was ihr der Herzog zuflusterte, er benutzte die Zeit, als dieser sich von ihr abgewandt hatte, ihr unbemerkt zu sagen, sie sollte sich nicht angstigen, er wolle sie wie seinen Augapfel bewahren. Dann tat er wieder, als ob er taumle und sang: "Grunzt ihr, meine lieben Schweine, ich bin der verlorne Sohn, und ihr singet als Gemeine, was ich singe von dem Thron." Und nun sprang er in das Fenster des alten Schlosses und fing an greuliche Geisterhistorien vorzutragen, von Verstorbenen, die zu einem Festmahl gekommen, von Geistern, mit denen Menschen gerungen hatten und die ihnen schreckliche Schlage gegeben. Der Herzog verbot es ihm kleinlaut, es half nichts, denn alle waren zu so etwas Ubernaturlichem durch Rausch und Nacht gestimmt. Zuletzt erzahlte er von einem Kobold, der, wie er gehort, am Brunnen Bertholds zu Waiblingen hause, auch Nachts das Haus durchziehe. Das wurde dem Herzog zu arg, er sah sich angstlich um und wagte nicht zu reden, endlich sprach er unordentliche Worte, weil er sich der Furcht schamte und brach auf. Grunewald flusterte Annen zu: "Nichts in der Welt furchtet der Herzog so kindisch, wie Geister, sie mussen ihn in der Jugend schrecklich untergekriegt haben, weil sie seine Bosheiten wohl merkten; die Geister sollen Euch diese Nacht gegen ihn bewachen."

Diese Worte gaben Annen ein besseres Vertrauen, sie horte die zudringlichen Reden des Herzogs kaum, als er wieder Mut gefasst hatte, sondern blieb mit Berthold beschaftigt, der auf der Bahre heimgetragen wurde und zuweilen seufzte. Uberhaupt stand der Ruckzug im grellsten Widerspiel mit der Pracht des Hinzugs; die Menge drangte sich verwildert der Stadt zu, auch der Herzog empfing manchen Stoss, den er ungeduldig mit Gegenstossen erwiderte, die oft den Unschuldigsten trafen. Ein scharfer Nachtwind erloschte die Fackeln und die eignen Leute des Herzogs achteten seiner wenig mehr in der Dunkelheit. Im Hause Bertholds anderte sich das alles. Der Herzog wurde feierlich von den Zuruckgebliebnen empfangen, auch war ein Nachtessen bereitet und er befahl fur ihn und Annen zu decken. Da entschuldigte sich Anna mit ihrer Ermudung, aber er liess sie nicht fort, er warf sich vor ihr nieder, sprach mit Ruhrung, dass sie alle seine Sinne verwirre, seine festen Entschlusse fur das Wohl seines Landes breche, ihn zur Wut und Feindschaft entzunde, wenn sie es ihm nicht gewahre, die letzte Halfte der Nacht mit ihm zu teilen. Seine Beredsamkeit liess sie nicht zu Worten kommen, er mochte eine Stunde ohne Aufhoren zu seinen Gunsten gesprochen haben, als die Hofjunker das Mahl forttrugen und er mit zuversichtlichem Lacheln befahl, seine Nachtkleider zu bringen.

Anna empfahl sich in Verlegenheit, er versprach ihr zutraulich, bald nachzukommen, Berthold schlafe so fest, dass er sie nicht storen werde, und seine Leute schicke er alle ins Nebenhaus, dass keiner sie belausche und verrate, sie mochte gleiche Vorsicht brauchen. Auf ihre Gegenrede horte er nicht, er ging in sein Zimmer und sie ging in ihr Schlafzimmer, entschlossen zu entfliehen. Aber Verena kam ihr mit der Nachricht entgegen, das Haus sei von den Wachen des Herzogs mit dem Befehle besetzt, niemand einoder auszulassen. Anna fragte, wie sie das erfahren habe. Das Madchen berichtete, dass Anton bei ihr auf Grunewald warte, der ihm Kleider, viele Schlusseln und einen beleuchteten, als Gesicht ausgeschnittenen Kurbis habe bringen wollen, denn Anton solle diese Nacht einen Geist spielen, aber Grunewald bleibe aus und als sie nach ihm sich umsehen wollen, sei sie von der Wache zuruck gewiesen. Sie klagte, dass sie nun gezwungen ware, Anton die ganze Nacht zu beherbergen. "Das wird dir keine Qual sein", sagte Anna und konnte sich der Tranen nicht erwehren, "aber wo finde ich Hulfe gegen alle Qual, die meiner wartet, nun Grunewald mit seiner Klugheit mir fehlt." Sie machte den Versuch ihren Berthold zu erwecken, aber sein tiefer Schlaf liess ahnden dass schlafbringende Mittel ihm in dem Weine beigebracht worden. Diese Tucke des Herzogs erregte ihren Zorn, das Drachenmesser bewegte sich in ihrer Hand, aber die Gefahr fur Berthold, die daraus entstehen konnte, drangte auf andere Mittel. Sie erzahlte Verena ihre Not, sie beschwor das Madchen, ihr Rat zu geben, denn alle ihre Klugheit gehe in Zorn und Sorge unter. Verena besann sich und sprach endlich, dass sie sich ihr aufopfern wolle, wenn sie ihr schwore, alles vor Anton geheim zu halten und sie auszustatten, auf dass Anton sie heiraten konne. Anna versprach alles, ohne ihre Absicht zu erraten. Als aber Verena jetzt ihre Kleider anzog und sie notigte, in das Zimmer zu Anton sich zu begeben, da erriet sie, dass dies listige Madchen, das ungefahr in gleicher Grosse mit ihr, im Bunde mit der Nacht, den Herzog anfuhren wolle. Sie wollte ihr danken, aber Verena antwortete: "Mir kostet es wenig und Euch hilft es viel."

Anna ging jetzt zu Anton und erzahlte ihm, sie sei nicht sicher in ihrem Zimmer und wolle von ihm bewacht, die Nacht dort zubringen, sie habe Verena als Schildwacht ausgestellt. In angstlicher Stille harrten sie, denn Anna qualte sich immer mit innrem Vorwurfe, dass eine andre sich aufopfere, und Anton argerte sich, dass Grunewald ihn so habe sitzen lassen und dass Frau Anna sich angstige, obgleich er ihr tausendmal geschworen, dass er jeden niederschlage, der Gewalt gegen sie uben wolle; auch beteten beide, als es zwolfe schlug und sie Tritte im Gange vernahmen. Da sauste es um sie her und lichte, blaue Flammen blickten durch die Ritze der Tur, die Tritte wichen von dem Gange in Eile und mit grossem Krachen, als ob ein Stuckfass die Treppe hinunterrolle, schien ihr Feind diese herunter zu fallen. Die Flammen waren verschwunden, aber sie wagten nicht, hinaus zu blikken, obgleich Anton einmal uber das andre rief: "Der Grunewald ist listiger, als ein Mensch denkt."

Erst nach einer halben Stunde blickte Anton auf den Gang, kein Feuerdunst war zu bemerken, aber in die Ture war eine Faust mit aufgehobnem Zeigefinger eingebrannt, wo die Flammen durch die Ritze gespielt hatten. Das berichtete er und lahmte Annen noch mehr in ihrem Vorsatz, Verena zu besuchen, wer konnte ihr zusichern, dass sie nicht den Herzog dort finde und dass der Gefallene wirklich der Herzog gewesen. "Erzahlt mir etwas aus Euren Begebenheiten", sagte Anna, "das wird mich zerstreuen und wach erhalten, bis das Licht am Himmel und unsre Feinde auf Erden uns Einsicht in diesen Handel verschaffen.

Warum waret Ihr damals so entsetzt vor dem Ehrenhalt?" "Euch kann ich nichts verschweigen, liebe, gnadige Frau", antwortete Anton, "aber ich verrate Euch ein schreckliches Geheimnis und wenn Ihr es nicht bewahrt, so trifft mich gar bald die Rache der boshaften Gesellen der Kronenwachter. Habt Ihr je von Hohenstock gehort?" "Freilich", sagte Anna sehr gespannt, "Gott sei jedem gnadig, der da zu hausen gezwungen ist." "Da erlebte ich frohe Tage", antwortete Anton, "mein Vater war wohl zuweilen sinnlos, aber immerdar sehr gut gegen mich und Konrad, meinen Bruder. Zwischen uns beiden hatte es eine sonderbare Bewandtnis. Der Vater hatte alle seine Kinder verloren, wir waren spat nachgeborne Zwillinge. Die Freude uber uns verwandelte sich in tiefe Trauer, als die gute Mutter nach der schweren Geburt ihr Leben aufgab. So wurden wir, die erst so eifrig ersehnt worden, ganz vernachlassigt. Wir wurden in den ersten Lebenstagen einander so ahnlich, dass wir mit einander verwechselt wurden und dass bald keiner wusste, wer von uns zuerst geboren, wer von uns beiden in der Nottaufe den Namen Anton und welcher den Namen Konrad erhalten hatte. So trieb der Teufel mit uns sein Spiel und wir wussten lange nichts davon, denn es sollte verheimlicht bleiben, dass wir einander nicht anfeindeten. Das hatten sie nicht notig zu befurchten, wir beiden Bruder waren so unzertrennlich von einander auf der Welt, wie im Mutterleibe und als Konrad die Geschichte einmal von den Kronenwachtern abgehorcht hatte und dass sie den starksten von uns fur den altesten erklaren wollten, da gab ich kaum darauf Achtung. Ich dachte gar nicht, dass diese Entscheidung fur mich Folgen habe, dass ich meinem Konrad so bald entrissen werde. Aber einige Tage spater ward ich in der Mitternachtsstunde von Geharnischten aus dem Bette genommen, in einen Mantel eingeschlagen und auf ein Pferd gebunden. Das war eine Schreckensnacht, es ging so eilig fort dass die durstenden Pferde kaum ihre Zungen in den Quellwassern kuhlen durften, durch die wir ritten. Wir stiegen von den Pferden, da ging's uber Hohen, in unterirdischen Gangen durch die Felsen uber Gewasser. Die Augen wurden mir zugebunden und als mir die Binde abgenommen, sass ich einsam mit einem Lowen in einem bluhenden, kleinen Garten. Ich war in der Kronenburg, wer konnte sie Euch beschreiben! Aber alle ihre Wunder erfreuten mich wenig: der Lowe ward mir gleichgultig, ich schrie nach meinem Konrad, weil ich ohne ihn nicht spielen konnte. Konrads Mutwille war unerschopflich im Erfinden von allerlei Streichen, die ich ihm ausfuhren musste; ich schwor, dass ich nichts essen, dass ich zu ihrem Gram verhungern wolle, wenn sie mir Konrad nicht schafften. Als sie meinen Ernst merkten, beratschlagten sie unter einander. Nach wenig Tagen ward Konrad in meine Arme gefuhrt. Nun war es eigen, wie sich Konrad in den wenigen Tagen geandert hatte! Es mochte ihn kranken, dass ich als der alteste anerkannt worden, er mochte gar nicht davon sprechen, er sah mich scheu an. Da ich mir alle Muhe gab, ihm zu versichern, dass, wenn ich erst erwachsen, wir Krone und Burg mit einander teilen wollten, so wurde er mutwillig, wie er gewesen. Wir spielten den Kronenwachtern manchen Streich, bemalten ihnen die Gesichter, wenn einer einschlief, schmierten dem Lowen Butter auf die Nase, dass er tagelang danach leckte, kratzten allerlei Fratzenbilder in die glasernen Wande. Er war unerschopflich in solcher Erfindung und ich in der Ausfuhrung und niemals verriet ich ihn, sondern ertrug die Hiebe mit der Klinge ganz allein, die mir dafur von den Kronenwachtern zuerkannt wurden. So vergingen ein paar Jahre, in denen sie mich und Konrad zu allen Kunsten und Kunststucken einubten. Die Turme kletterte ich in die Hohe als ware ich ein Eichhornchen, eben so die Felsen umher, ich konnte mit den Fischen um die Wette schwimmen und tauchen. In dem allen war ich Konrad uberlegen, aber um ihn nicht zu kranken, verbarg ich gar oft, dass ich mehr als er leisten konnte; was konnte er dafur, dass ihm der Himmel nicht so viel Kraft und Ausdauer verliehen hatte. Eines Tages kam ein Gefluster unter die Kronenwachter, wir wurden beide in ihre Mitte berufen. Sie erklarten uns, dass der Tag gekommen sei, uns zu bewahren, unsern Feind zu vernichten, der Kaiser Maximilian habe sich in unser Gebirge gewagt und stehe dort auf einem Felsgrat, er wurde uns vernichten, wenn wir nicht den Mut hatten, ihn herab zu sturzen; als Wahrzeichen der Tat sollten wir sein Schwert, das Schwert Karls des Grossen, dessen er sich angemasst, dem Zerschmetterten abnehmen und heimbringen. Konrad sagte, der Felsgrat sei zu steil und unersteiglich, ich zeigte mich gleich mutig zu dem Unternehmen, der Kaiser war mir durch die Erzahlungen der Kronenwachter zu einem Drachen verfabelt, den zu vernichten hochstes Verdienst schien. Als Konrad mich bereit sah, ging er zagend mit, kehrte aber wieder um, als er den steilen Felsen vor sich sah. Ich kletterte ohne Sorgen hinauf, wo der Kaiser sich verstiegen hatte, und sah ein mildes Antlitz im Gebet ergossen, in seinen Untergang ergeben, und doch voll Vertrauen zum Himmel. Solch einem Antlitz widerstehe, wer aus Felsen gehauen, ich beschloss den Kaiser zu retten, fuhrte ihn zu einem Wege, den ich beim Jagen kennen gelernt hatte, und erbat mir zur Belohnung sein Schwert. Er streichelte mich mit der Hand, kusste das Schwert und gab es mir. Mit diesem kam ich gar beunruhigt zuruck, ob ich auch frech genug, den Wachtern seinen Tod vorlugen konnte, das Lugen war mir immer so schwer und darum blieb keiner meiner bosen Streiche unbestraft. Konrad kam mir zum Gluck entgegen, ich fragte ihn um Rat. Er sagte mir, die Wachter hatten schon wahrgenommen, dass ich den Kaiser nicht herabgesturzt hatte, das Schwert sei schon geschliffen, um mich zu enthaupten, er sei mir heimlich entgegen gegangen, mich zu warnen, denn so gewiss die Steine unter unsern Tritten den Berg nicht hinauf, sondern herunter rollten, so gewiss wurde mein Kopf zu Boden fallen. Ich hatte schon einen Kronenwachter hinrichten sehen, gleich war die Flocht beschlossen, ich wusste alle geheime Wege und Stege, Konrad gab mir einiges Geld, das ein Kronenwachter verloren, dem ich die Tasche aufgeschnitten hatte; zuletzt tauschten wir noch mit den Schwertern, weil er meinte, das kaiserliche sei mir zu schwer und konne mich mit seiner Pracht verraten. Ich musste ihm versprechen, so weit zu wandern, bis ich das Meer vor mir sehe, sonst erreichten mich dennoch die Kronenwachter." "Gewiss hat Euch Konrad betrogen", unterbrach ihn hier Anna "ich darf Euch jetzt nicht mehr vertrauen, aber vielleicht erzahle ich Euch bald mehr von der Sache, als Ihr selbst wisst." "Hat der Ehrenhalt auch davon gesprochen", fragte Anton angstlich, "hat er mich ausgekundschaftet, ich bin verloren, wenn sie mich fangen, ich kenne ihre Strenge, wohl mancher Kopf liegt getrennt vom Rumpf auf der Kronenburg, sie uben das strenge Recht unter sich und uber uns ungluckliche Hohenstaufer, die grausamen Kronenwachter!"

Allmahlich ging Erzahlung und Nachdenken in Schlaf unter. Von allen zuerst wachte Berthold auf, ein heftiges Weh schraubte seinen Kopf zusammen, seine Zunge lechzte, er blickte um sich und befand sich in seinem Schlafzimmer und seinem Bette. Er glaubte Anna neben sich zu erblicken, es war ihr Nachtkleid, aber sie war ihm so fremd geworden in der Nacht, er rieb sich die Augen. Endlich bemerkte er, es sei Verena und verwunderte sich noch mehr, wie das Madchen in die Kleider und an den Ort gekommen sei. Aber Verena hatte sich so lange gegen den Schlaf gewehrt, dass sie jetzt nicht so leicht zu erwecken war. Er ging in das Zimmer der Verena, um sich Aufschluss zu verschaffen, und fand Anna auf einer Seite eines Tisches und Anton auf der andern eingeschlafen. Ehe er sie erwecken konnte, pochte schon ein Jager an, der Berthold befahl, sogleich zum Herzog zu kommen. Da er angezogen zu Bette gebracht worden, so forderte es nur einen Augenblick, sich in Ordnung zu bringen, er folgte dem Boten, ohne etwas von dem Zusammenhange aller Ereignisse zu wissen.

Berthold nahm sich zusammen, als er beim Herzog eintrat, die Neugierde hatte fast sein Kopfweh unterdruckt, er fragte ehrerbietig: wie der Herzog unter seinem Dache geschlafen. "Schlecht", sagte der Herzog, "ich habe das Ungluck gehabt, aus dem Bette auf den Stiefelknecht zu fallen, die Stirn ist wund, das Auge entzundet, ich brauche schon die halbe Nacht kalte Umschlage und jetzt lasst der Schmerz etwas nach." Berthold bedauerte ihn und sagte, dass er sich nach dem Rausche auch ubel befinde, zugleich ausserte er seine Verwunderung, wie der Wein des Herzogs so betaubend auf ihn gewirkt habe. "Ich bin daran gewohnt", sagte der Herzog, "er ist mit turkischem Mohnsaft in der Garung versetzt, aber es gefallt nicht jedermann. Wie haltet Ihr es aber in dem Hause aus", fuhr er fort, "das konnte ich nicht vertragen." Berthold fragte: Ob ihn Wanzen oder Mucken geplagt hatten. "Nein, die Geister meine ich", antwortete der Herzog, "hier halte ich es keine Nacht mehr aus bei den leuchtenden Gestalten, wie alte Kaiser mit feurigen Kronen, die einem so dicht vor den Augen herumziehen, dass man meint, sie springen in die Augen, und dann die heftigen Blitzschlage durch alle Glieder. Ihr seht mich unglaubig an! Lassen wir das, ich habe Wichtigeres mit Euch zu verhandeln."

Nun erzahlte der Herzog mit Auflodern, die Reutlinger hatten seinen Vogt von Achalm erschlagen, was Berthold schon wusste, bloss weil er in ihrer Stadt uber einen Reutlinger gespottet hatte, den der Herzog vorher hinrichten lassen. Er wolle jetzt sein ganzes Land bewaffnen. "Gegen die eine Stadt?" fragte Berthold. "Nicht wegen der Reutlinger muss ich mich bis zum Kinn verschanzen", antwortete der Herzog, "Ihr werdet bald mehr horen.

Es harren zwolf Edelknaben mit Absagebriefen von dem Schwabischen Bunde vor dem Tore, weil ich in aller Eile das Reutlinger Stadtgebiet verwusten liess." Bei diesen Worten wurde er so zornig, dass ihm zwei Blutstrahlen aus der Nase sprangen. Berthold reichte ihm Wasser und der Herzog sagte: "Der Aderlass hat mich beruhigt, ich will jetzt den Boten, die vor den Toren harren, entgegenreiten und Ihr begleitet mich."

Der Herzog auf einem hohen, schweren Falben, Berthold auf seinem braunen, treuen Rennpferde, umgeben von Grunewald und der grossen Schar Diener, ritten vors Tor, wo die Edelknabe harrten. Der Herzog winkte sie zu sich, sie uberreichten ihm die Absagebriefe, die an den Spitzen ihrer Spiesse befestigt waren, und er liess jedem dafur eine Flasche Most an den Spiess hangen mit freundlichem Grusse und so schmecke der diesjahrige Wirtemberger Most und, wenn er klar gegoren, wurde es zwischen ihnen auch klar sein.

Die Edelknaben wurden entlassen, der Herzog sprach eifrig von der Sicherung der Stadt gegen den Schwabischen Bund und Grunewald sehr gelehrt von allen Arten der Befestigung. Endlich bestellte er noch durch Berthold einen Gruss an Frau Anna und dass er bald wieder kommen werde und gab seinem Pferde die Spornen, um nach Schorndorf zu reiten. Ihm folgte ein zahlreicher Jagerhaufen zu Ross und zu Fuss, mit Hunden und Falken, mit Kuchenwagen und Zelten, als ob ein Volk mit Hab und Gut auswandre.

Alte Stille blieb nun in der Stadt zuruck, die Einwohner konnten ruhig die Traubenlese fordern, und Berthold hatte endlich Zeit sich nach dem Zusammenhange aller der Begebenheiten zu erkundigen. Aber Grunewald wusste ihm nur zu berichten, dass er durch die Vorsichtsmassregeln des Herzogs in seinem Geisterspass gehemmt worden sei, er hatte dem Anton einen Kurbis und Ketten uberbringen wollen, aber die Wachen hatten ihn nicht eingelassen. Im Hause horte er von Annen den ganzen Verlauf, so weit sie ihn wusste, und kusste sie tausendmal fur ihre Vorsicht und hatte dem Anton gern gelohnt, dass er sich so willig zu der Geisterfahrt gezeigt, aber dieser war schon nach Hause zu seinem Meister geeilt. Frau Apollonia kam und klagte, wie ihr die Jager in der Kuche so viel Schaden getan, aber heimlich qualte sie sich, dass Anton, wie ihr Sabina erzahlt, die Nacht bei Annen zugebracht habe. Alle waren verwacht, verstimmt, sie beschlossen, einmal wieder den alten Anno, den Einsiedler, auf den Weinbergen zu besuchen. "Vielleicht ist's der letzte schone Abend im Jahre", sagte Berthold, "er will auf ausserordentliche Art gefeiert sein, und der Alte hat eine hohere Freude an der Traubenlese, als wir gestern mit dem betaubenden Geschrei erreichen konnten."

Der Weg in seinem leisen Ansteigen auf mancherlei Krummungen zerstreute sie mit stets wechselnder Ansicht, sie holten aus den Weinbergen Bertholds die schonsten, gelben Trauben und erfrischten sich an dem edlen, schuldlosen Safte, den die wilde Garung in den Tiefen der Keller bald zur wilden Raserei verfuhrt. Mit dieser Gabe stiegen sie weiter hinauf, wo Anno wohnte, den sie im Gebete vor seiner Hutte trafen. Der Platz, wo sie gestern an der Burg zum Schwarmen gezwungen waren, lag tief unter ihnen, wie ein niedriges Erdenleben, hier fuhlten sie sich dem Himmel naher. Der alte Anno empfing sie freundlich, dankte fur ihre Gabe und sagte, er habe an dem Tage schon eine herrliche Gabe erhalten von einem jungen Maler Anton, ein frommes Muttergottesbild. Anna sah sich mit Beschamung in dem Bilde wieder, auch Apollonia sah sie bedeutend an, nur Berthold war mit dem Einsiedler allzu sehr beschaftigt, um dies zu beachten. Dieser erzahlte ihm seine Geschichte, wie er schon neunzig Jahre, vielleicht noch alter sei, wie er so lange im Dorfe unten gewohnt habe, als er noch viele Kinder und Kindeskinder gehabt. Als sie ihm aber allmahlich abgestorben und er ihr Erbe geworden ware, da hatte sich ihm in seinem Gram eine andre Freude und ein andres Leben eroffnet und er konne die Ereignisse dieser Welt von da an nur immer als Gleichnisreden zur Belehrung, aber nicht als etwas, das an sich bestehe, ansehen. Von da an habe er alle Sorgen aber nicht den Fleiss aufgegeben, denn was er auf seinen Ackern und Bergen uber sein Bedurfnis gewinne, das schenke er frommen, armen Leuten, die es bedurften, oder denen, die ihn in guter Gesinnung besuchten. Die Gesellschaft wurde bei der Erzahlung immer stiller und aufmerksamer. Er sprach zuletzt von der Seligkeit reicher Ernte und von der Erziehung des Menschen in dem Reichtum himmlischer Gaben, die in der Ernte irdisch ausgesprochen wurden: "wie viel herrlicher ist diese", rief er, "als die Erziehung in Reue und Jammer, aber nicht jedem ist sie gedeihlich, nicht jeder bleibt in seiner Unschuld unstraflich, obgleich menschliche Irrtumer vom Himmel gern ubersehen werden." Darauf brachte er Brot vom frischen Weizen und einen Becher jungen Most und sprach dabei manches fromme Wort. Es wurde dunkel, aber Berthold konnte sich der heitern Ruhe nicht entziehen, um an alle Schrecknisse der vorigen Nacht, an Gewalt und Geisterspuk in dem Hause erinnert zu werden, dessen Vollendung ihm einst als hochste Gluckseligkeit erschienen war. Auch die andern wunschten zu bleiben, der Alte bot ihnen Strohmatten zum Lager an und sie nahmen die Einladung an. Sie schliefen und beteten mit ihm, wie es die Stunden forderten. Am Morgen bat Berthold den Alten, dass er fur sein kunftiges Kind bete. Nach dem Gebete stand der Alte lange mit ausgebreiteten Armen gegen die Sonne, die uber den Nebel wie uber ein Weizenfeld hinaufdrang, sprach dann mit den Augen zum Himmel gewendet, von der Geburt des Herrn und sang, indem er Annens und Bertholds Hande ergriff und druckte:

Es schwebt ein Glanz hoch uberm Gold der Ahren,

Sie tauchen nickend in den Segen ein,

Ein Engel weint die hellen Freudenzahren,

Am Himmel zieht ein einz'ger Stern allein.

Die Hirten schlafen noch und lacheln drein,

Sie ahnden schon, wie nah der Herr mag sein.

Dem Engel geht ein Lamm so still zur Seite,

Das tragt ein Kreuz und blickt zu allen mild,

Die Schaflein sehen auf, was das bedeute,

Sie freuen sich am hohern Ebenbild:

"Ihr Hirten wachet auf, verkundet laut,

Ihr habt den Herrn im fernen Glanz geschaut."

Es naht der Herr in dieses Tages Fruhe,

Im Erntesegen nahet uns der Herr,

Er lohnet uns Vertrauen, Liebe, Muhe,

Er gibt sich selbst fur uns, so lohnet er,

Es ziehn die Konige zum Erntefest,

Wie kann die Hutte fassen solche Gast.

Die arme Hutte kann sie alle fassen,

Es macht der Glanz sie alle froh und satt,

Und seinen Thron mag jeder gern verlassen,

Der hier noch einen Platz zum Knieen hat,

Es ist ein Kind geboren in dem Glanz,

Ihm bringen sie den reichen Erntekranz.

Aus Ahren und aus Trauben ist gebunden

Der Kranz, den sie dem Kinde bieten dar,

Sie haben es beim Strahl des Sterns gefunden,

Der noch am Tageshimmel leuchtet klar,

Einst segnet dieses Kind das Brot, den Wein,

Gott wird euch nah im ird'schen Zeichen sein.

Hat euch der Herr im Reichtum sich verkundet,

In seiner Ernten schoner Mannigfalt,

Verkundet ihn der Welt, der euch entsundet,

In dem Geschenk ubt gottliche Gewalt:

Gedenkt des Herrn beim Brot, beim Becher Wein,

So kehrt der Herr im Geiste bei euch ein.

Sechste Geschichte

Das Todaustreiben

Wie mag die Erde sich scheuen, wie mochte sie so gern ihren Lauf zuruck wenden, wenn sie in den Winterhimmel tritt, der alle ihre Saaten verschuttet. Sie ringt vergebens gegen ihren eignen Umschwung. Ob die Tiere wohl ihr Leben ruhmen mogen, welche auf einen Jahreslauf beschrankt, nur Fruhling und Sommer kennen? Oder ob sie neidend zu den uberlebenden Geschlechtern hinblicken mogen, ehe sie sich vor der kalten Luft verkriechen?

Torichter Neid, sie wissen nicht, wie die Bienen trauern, wenn sie ihren Vorrat in der Winternot angreifen mussen, denn sie hatten ihn nur zur Erinnerung der Blumenkusse zusammen getragen. Sie wissen nichts von der Gefangenschaft der Fische, wenn sich ihr Mund an der harten Eisdecke, die sie unbemerkt umschlossen hat, blutig stosst, wie sie erschrekken, wenn der Hirsch neugierig auf die Eisdecke klopft, weil ihm verlangte nach dem klaren Bache und das Wasser ihm in Stein verwandelt ist. Der Winter kommt den Tieren und den Menschen zur Verwunderung, nur wenige wissen ihre Zeit voraus, wie die Wasserlilien, die zum Bluhen in rechter Zeit ihre strahlenden Haupter uber die Oberflache der Gewasser erheben, um dann genugsam und ruhig in den Abgrund seliger Erinnerungen bis zur Wiedergeburt zu versinken.

Ein harter Winter war dem schonen Herbste gefolgt und wahrend der Most zu Wein wurde, froren die Reben, an denen er gewachsen. Berthold wurde am Neujahrstag durch ein Beben seines Bettes erweckt und wollte erst nicht glauben, die Erde habe gebebt, bis die Nachrichten von allen Seiten kamen und eingefallene Schornsteine sie bestatigten. Die treue Muttererde bebt, dachte er im stillen, die treue Mutter hat mir kein Lebenslicht zum Neuen Jahre uberbracht und Anna denkt an so etwas nicht. Aber diese kleine Sorge ging ihm schnell in der schwereren fur seine Stadt unter. Durch die Hoffnung eines Kindes hatten sich seine Stadtplane, die ihn schon immer beschaftigt, uber das mitlebende Geschlecht hinaus, uber entfernte Zukunft ausgedehnt. Die Stadt sollte sich frei und selbststandig erheben, wie Reichsstadte; nur dazu waren ihm die Anmahnungen der Kronenwachter, sich dem Schwabischen Bunde anzuschliessen, willkommen. Grunewald, der gar keine Meinung uber so etwas hatte, aber alles sehr geschickt auszufuhren verstand, gab ihm in allem nach, hatte er sich doch uberhaupt nur darum in die Gunst des Herzogs geschmeichelt, um in der Nahe Annens mit Ansehen aufzutreten. Auch der Neujahrstag verging, wie so mancher andre Tag in vergeblichen Beratschlagungen mit ihm, wie die Unternehmung des Bundes zu beschleunigen sei, da die Erde selbst zu ungewohnlichen Unternehmungen geneigt scheine; das Unternehmen konnte in der Kalte nicht zur Geburt kommen. Der Frost in den nachsten Tagen nach Neujahr stieg immer noch, die altesten Eichen spalteten sich, der edle Kaiser Maximilian starb und Berthold betrauerte ihn aufrichtig und war mit den offentlichen Trauerfeierlichkeiten beschaftigt. Da kam Botschaft vom Herzog Ulrich, der Reutlingen trotz dem Froste belagerte, dass sie die Rustungen beschleunigen und ihm Leute senden mochten. Berthold und Grunewald stellten sich dem Willen des Herzogs ergeben, aber je eifriger sich Berthold und Grunewald zur Forderung der Rustung anstellten, desto weniger vollbrachten sie. Der Ehrenhalt kam jetzt und versprach die nahe Ankunft der Scharen des Schwabischen Bundes, aber es zogerte sich, wie mit allen Unternehmen, die aus dem Entschlusse vieler hervorgehen sollen. Reutlingen musste sich ergeben, vom Geschutz in seinen wesentlichen Befestigungen zerstort, wahrend die Graben zugefroren waren. Der Herzog hielt einen feierlichen Einzug, die Burger mussten ihm huldigen, die Reichsfreiheit war verloren, wenn der Schwabische Bund noch langer zogerte. Berthold hatte verzweifeln mogen, wahrend er Freudenfeste zur Ehre dieses Zuwachses des Herzogtums veranstalten musste.

Der Wind wendete sich, die zeit war im Nichtstun vorgeruckt, der Fruhling liess wie ein bescheidner Freund erst anfragen, wahrend Berthold vor der Ture stand (wie er nach dem Mittagessen zu tun pflegte), um nach ihm sich umzusehen, ob er nicht bald komme. Er fuhlte sich in Fruhlingsahndung ganz wehmutig. Da blies es vom Turme, den er als Kind bewohnte, in grossem Jubel schrieen alle aus den Hausern, doch wusste er nicht gleich, was es bedeute, weil er als Kind nicht unter die Leute gekommen war. Da sah er den beschrieenen Gast uber den Markt ziehen, es war der Storch. Gleich liefen die Kinder aus allen Hausern am Markt zusammen, jedes brachte Stroh oder Lumpen und die grossten verfertigten eine gewaltige Strohpuppe, wahrend die kleinen mit Tellern in die Hauser liefen, um ihren Lohn einzufordern, dass sie den Winter aus der Stadt vertrieben; sie kamen auch zu Berthold, der sie reichlich beschenkte. Nun begann der grosse Zug der Kinder, die Strohpuppe wurde an einem langen Seile geschleift und alle schrieen:

Nun treiben wir den Winter aus,

Den Tod aus unsrer Stadt hinaus.

Wie junge Rosse wiehernd einen Leichenwagen ziehen, mit den Gebissen spielen, die sie lenken, sich von der Erde aufbaumen der sie doch nicht entlaufen konnen, so erschien unserm Berthold in seinem betrubten Herzen der frohliche Zug, er wusste nicht, welche Freude ihm an dem Tage bevor stand, was ihm der Storch an dem Tage gebracht hatte. Anna hatte ihn an dem Tage nicht sehen wollen, sie war krank, auch das machte ihn sehr beklemmt. Da glaubte er ein Kindergeschrei in seinem Hause zu vernehmen, er horchte noch einmal, da kam Frau Apollonia mit freudigem Auge und fast atemlos die Haustreppe herunter, und schrie: "ein Sohn, ein Sohn!" Berthold fuhlte sich selbst entrissen von Freude, er sturzte die Treppe hinauf ins Zimmer, die Tranen liefen ihm in seligem Entzucken uber die Wangen, schon sah er das Kind, wie es im Bade sich allmahlich von dem Arger beruhigte, aufs Trockne versetzt zu sein: "Wie schon ist der Knabe", rief er, "gleicht er nicht dem Christuskinde an unserm Giebel, wie soll ich dir danken Anna, alle Muhe, alle Qual, die du bei dem Kinde ausgestanden hast, und wie schon blickst du mich an aus deiner Schwache." Frau Apollonia war bei den Worten Bertholds erbleicht, sie sah das Kind ernstlich an, es war das vollkommenste Abbild des Kindes am Hause und dies das vollkommenste kindlichste Bild Antons. In ihrer Verlegenheit winkte sie Berthold, das Zimmer zu verlassen, es sei nicht gut, die Wochnerinnen in ihrer ersten Ruhe zu storen. Aber er war nicht fortzubringen von dem Kinde, er sass da, betend wie einer der heiligen drei Konige und freute sich immer, dass sein Kind dem Christuskinde gleiche. Als es endlich eingeschlafen war und er fuhlte, wie er nur hindre, statt zu helfen, und die Strasse laut wurde, schlich er fort und trat vor die Hausture. Da kamen die Knaben von ihrem Zuge zuruck, die Winterpuppe war in die Rems geworfen, sie brachten statt ihrer eine grunende Maie und indem sie dem Burgermeister das erste Zweiglein davon darboten, sangen sie:

So viel Blatter an dem Strauss,

So viel Kinder in dein Haus,

Wunschet dir die Engelschar.

"Mit dem einen ist's schon wahr!" fiel Berthold ein und wendete seine Tasche um, ihnen alles Geld zu spenden, was er bei sich trug, sie sollten sich an dem Tage recht lustig machen, dabei zeigte er auf seinen Giebel und sprach mit Jubel: "Seht Kinder, so sieht mein Kleiner aus." Apollonia stand hinter ihm und seufzte in sich und dachte: Wie soll ich den armen Mann von der unseligen Ahnlichkeit abbringen, er breitet seine eigne Schande aus, die Wartfrauen nennen schon den Kleinen ihren heiligen Anton. Berthold ahndete nichts von dem Geschwatz in seiner Seligkeit, er konnte sich nicht enthalten, Anton von Herzen zu kussen, der zufallig den Zug der Kinder mitgemacht hatte, um ihn zu zeichnen, und nun zuruck kam. Er fuhrte ihn in seine Rustkammer zu den schonen, kleinen Puppen, mit denen er selbst einst sich die Zeit vertrieb, und freute sich mit ihm, wenn sie den Sohn da zum erstenmal hinfuhren, ihm die Puppen zum Spiel ubergeben wollten. Anton sollte das Kind malen, sobald es nur ein wenig ausgebildet ware. Dem Anton schenkte er fur die leichte Zeichnung des Todaustreibens einen schonen, roten Mantel mit goldner Einfassung. Anton ging so stolz aus dem Hause, als ob er sich den Doktormantel verdient hatte, oder, wie die Leute sagten, als ob alles mit dem Mantel christlicher Liebe zugedeckt werden sollte. Grunewald schuttelte mit dem Kopfe, als er am Abend zu Frau Apollonien ging, und sprach erst mit ihrer Magd Sabina uber Bertholds Kind und dann mit ihr, als sie gerufen worden, denn er liess sich mit allen Leuten ein und hatte gar kein Geheimnis.

Siebente Geschichte

Die Graber der Hohenstaufen

Kaum vier Wochen waren seit der Niederkunft vergangen, Mutter und Kind waren frischer und schoner, als je eine Wochnerin und ein so junges Kind in Waiblingen gesehen, und die Ahnlichkeit beider mit dem Bilde am Giebel wuchs zu Bertholds Freude mit jedem Tage. Eben so wuchs das Gerede der Leute in der Stadt und Antons Verlegenheit dabei, der sich keiner Schuld bewusst war. Wie oft verwunschte er den Einfall, sich selbst in dem Christuskinde abgebildet zu haben, und meinte es frevelhaft, seit sich Frau Anna daran versehen habe, denn alle Weiber in der Stadt narrten ihn damit und verlangten, dass er ihnen Bilder auf den Giebel malen solle, die Manner aber stellten sich, als ob sie ihn gar nicht mehr in ihren Hausern dulden durften. Mitten in dies Gerede, das Grunewald in seiner unabweislichen Geschwatzigkeit und Vertraulichkeit immer neu anregte, schrie die Kriegstrompete, dass alles fur einige Zeit verstummen musste. Der Schwabische Bund war endlich doch mit seiner Rustung fertig geworden. Unter dem Namen Herzog Wilhelms von Bayern fuhrte Georg von Frundsberg eine grosse Ubermacht gegen den Herzog Ulrich. Der grosse Frundsberg, an der Spitze einer geringeren Zahl, ware schon des Siegs gegen Herzog Ulrich sicher gewesen, aber ausser der Menge stand ihm der ganze Einfluss der Kronenwachter zur Seite, sie nannten ihn damals ihren Reichsfeldherrn und er ware es auch geblieben, wenn sie ihm hatten erfullen konnen, was sie ihm zugesagt hatten. Der Herzog Ulrich sammelte sein Volk in Blaubeuren und kamen viele Boten an Berthold und Grunewald wegen Beschleunigung der Rustung, als Berthold gerade beschaftigt war, das der ganzen Stadt zur Taufe versprochene Fest einzurichten. Alle frohlichen Anstalten wurden gehemmt, auch dem Meister Kugler abgeschrieben, der zur Taufe eintreffen wollte. Nun wurden die Rustungen wieder durchgesehen und der Ehrenhalt trat als Waffenschmidt auf, weil in dem Jahre der Waiblinger Waffenschmidt gestorben war und die Witwe zu hasslich war, um sogleich einen jungen Mann fur ihre Nahrung zu finden. Der Ehrenhalt beschaute die Burgerwaffen, riss hier eine Schiene ab, dort schlug er eine ein, um den Burgern zu beweisen, dass sie verloren gewesen, wenn sie mit so verrosteten Waffen ausgezogen waren. Unterdessen wurde mit Herzog Wilhelm verhandelt und was sehr seltsam, durch den herzoglichen Vogt Grunewald, der seinen alten Herrn gern einmal wieder sehen und ihm einige neue Liebeslieder vorsingen wollte. Der Herzog liess der Stadt Reichsfreiheit versprechen, wenn sie ihre Streitkrafte mit ihm vereinigte. Der eifrige Berthold, durch Erziehung, Kranklichkeit, Reichtum und Bildung immerdar von der Masse der Burger getrennt und nur in Geschaften mit ihnen bekannt, setzte voraus, dass ihre Gesinnung ganz mit der seinen ubereinstimme, dass sie als eine Wohltat annehmen wurden, was er fur ein Gluck erkenne. So kam's, dass er sich nicht einmal die Muhe gab, die Meinung der Zunfte uber diese Angelegenheit zu erforschen, auch fehlte ihm dazu der gute Fingerling. Die Zunftmeister wunderten sich zwar uber die langsame Rustung, aber sie hatten gerade auch keinen Ubermut zu diesem ganz unnutzen, verderblichen Kriege, sie liessen es so gehen. Endlich hiess es, alles sei fertig, die altere Mannschaft blieb zur Besatzung, Grunewald und Berthold sollten mit den andern zu Herzog Ulrich ausziehen.

Anton war in dieser Zeit in der unbequemsten Lage, er wollte mitziehen und musste sich doch vor dem Ehrenhalt verstecken, und wusste das bei Musterungen nicht anders zu bewerkstelligen, als durch eine scheinbar zufallige Farbung seines Gesichts, uber die ihn die Leute zwar auslachten, die er aus der Unruhe jener Zeit erklarte, die nicht Zeit zum Waschen lasse; zugleich steckte er eine Kugel in die eine Backe, als ob sie vom Zahnweh geschwollen ware, so dass ihn Meister Sixt selbst zuweilen nicht erkannte. Als nun der Zug vor dem Rathause sich sammelte, die Weiber und Kinder die Tornister und Mantelsacke weinend herbeischleppten, konnte er sich des Lachens nicht erwehren, ihm war so seelenglucklich zu Mute, dass seine Kugel ihm aus dem Mund in einen Suppennapf mit Klossen fiel, aus welchem ein Burger eben sein letztes Mittagsmahl essen sollte. Der Burger fing an zu essen und biss sich fast einen Zahn an der Kugel aus, die er fur einen Kloss gehalten, es war die einzige Kugel, die bei diesem Zuge Schaden tat.

Frau Anna war von allem unterrichtet und stellte sich daher nur traurig uber diesen Auszug wegen der fremden Leute, die sie umgaben. Das Kind schmiegte sich an den ausziehenden, gerusteten Berthold, hatte sein Haar gefasst und wollte ihn gar nicht fortlassen, da weinten die Hebamme und die Magde, und sie redeten unter einander, wenn es den Pflegevater schon so fest gehalten habe, so wurde Anton sich nie von ihm haben losreissen konnen; das horte Anna, obgleich es leise gesprochen war, es fiel ihr schwer aufs Herz, sie dachte der Ahnlichkeiten nun erst recht, verstand manche Winke der Mutter. Ihr Stolz war tief gekrankt, obgleich sie nichts sagte und gar nicht tat, als ob sie etwas vernommen habe. Alles andre war ihr jetzt gleichgultig, sie sann darauf, wie sie diesen bosen Leumund falscher Zungen zerstreue, wahrend der Zug voruber zog. Sie glaubte in jedem, der hinauf blickte, Hohn und Spott zu erkennen, sie glaubte zu horen, wie sie uber das Christuskind auf dem Bilde sprachen. Anton musste fort aus der Stadt, das Bild musste geandert werden, das stand ihr fest im Sinne und sie grubelte, wie das auszufuhren sei mit einer Ungeduld, dass ihr Kind davon erkrankte.

Viele der Streiter zogen nur mit angetrunknem Mute aus, dieser Mut sank aber, als sie ermudeten, die Pferde schienen zu erlahmen, die Fussganger ruhten sich oft. Der Ehrenhalt erzahlte, nachdem Grunewald von einem Spahen zuruckgekommen, es wurden ihnen bald Stuckkugeln uber die Kopfe sausen, sie brauchten sich darum nicht zu bucken, denn das sei doch gewohnlich zu spat, er erzahlte von den bayerischen Reitern, wie die so genau zusammenritten, dass ihre Spiesse wie eine grosse Sage glanzten, sie mochten sich gefasst machen, sie standen schon zwischen ihnen und dem Herzog. Da sonderten sich die Verzagten, einer sang mit bebender Stimme und wusste nicht, was er sang, ein andrer, der sonst eine schreckliche Stimme fuhrte, konnte kaum so laut kommandieren, dass es seine Rotten horten, ein Schuster unterhandelte laut mit Gott, dass er wohl ein Bein daran geben wolle, wenn er ihm nur seine beiden Arme unversehrt lasse. Aber die Kraftigen, unter denen Anton gewiss einer der ersten, liessen sich diese Sorgen wenig anfechten, sie untersuchten noch sorgfaltig ihre Vorrate und warteten der tatigen Stunde. Der Ehrenhalt erkannte nach seiner Kriegserfahrung die Sicheren, sonderte sie auf Bertholds Befehl in eine Schar zusammen, liess sie nach einer Seite den Feind aufsuchen, wo keiner anzutreffen war.

Kaum eine Stunde, nachdem Anton mit diesen von der Masse sich getrennt hatte, erblickte Berthold und die bei ihm geblieben, das grosse Bundesheer beim Ausreiten aus einem dichten Walde gleich einer Uberschwemmung um sich her, aus der ein Schilfwald von Spiessen und zwolf grosse Kanonen, wie Krokodile mit offenem Munde, hervorragten. Hier war weder an Sieg noch an Flocht zu denken, sie waren beobachtet, eine Masse Fussvolk schrie schon hinter ihnen im Walde. Berthold wendete sich zu dem erschrockenen Haufen, stellte ihnen die ganze Gefahr ihrer Lage dar, sie mussten sich auf Gnade und Ungnade ergeben. Dann aber sagte er ihnen, dass der Schwabische Bund keine Ungnade gegen sie hege, dass er ihm wiederholend Reichsfreiheit fur die Stadt habe anbieten lassen, in sofern die Burger sich entschlossen, die Sache Herzog Ulrichs aufzugeben und mit dem Bunde sich zu vereinigen. Sie mochten jetzt wahlen, er werde sich ihrem Entschlusse ergeben, es stehe bei ihnen, ob sie, ergeben dem trunknen Unholde, von dem sie nie Schutz, sondern nur immer Trutz, Zwang und Zahlungsgebote empfangen, der sie wie Hunde zu seinen Jagden, ihre Frauen zum Frevel missbraucht, in den Wald von Spiessen stechen, oder sich selbst als freie Reichsburger regieren, niemand als dem Kaiser verpflichtet sein, und die Hand dem Herzog Wilhelm reichen wollten, der mit Grunewald geritten komme, um sie ihnen zu bieten. Die Burger sahen einander verwundert an, keiner wollte sprechen, einige fluchten auf den Burgermeister, aber da keiner Anstalt zur Gegenwehr machte, so begrusste Herzog Wilhelm Berthold und seine Burger als Freunde, verkundete ihnen Friede und Freiheit und Berthold dankte in ihrem Namen.

Der ganze Zug ging nun nach Waiblingen, den Burgern wurden die Tore geoffnet, die Fremden zogen nach, die Stadt wurde besetzt, und die Bundesscharen in die Hauser gelegt. Jeder Burger war uber die Anderung verwundert, am meisten Anton mit seiner Schar, als sie keinen einzigen Feind im Felde und nun so viele in der Stadt fanden, aber es war geschehen und die Bedurfnisse der Gaste beschaftigten alle Hande. Am andern Morgen sollte der Zug weiter gehen, vermehrt durch die bewaffneten Burger. Berthold freute sich der kuhnen Taten, die seiner warteten, aber kein Burger kam zur Versammlung, sie erklarten, dass sie nicht eidbruchig, wie der Burgermeister waren. Nichts auf der Welt hatte Berthold je so gekrankt, schon musste er von Frundsberg horen, dass an keine Reichsfreiheit zu denken sei, wenn die Burger sie nicht zu erstreiten sich geneigt fanden. So hatte er ganz vergebens das Gluck der Seinen an dies Unternehmen gesetzt, mit Herzog Ulrich war keine Versohnung moglich; er fuhlte, dass er die Stadt nicht gekannt, sie in seine Hoffnungen habe zwingen wollen, er konnte sich nur mit der guten Absicht bei dem schlechten Erfolge rechtfertigen. In dem Wirbel dieser Betrachtungen sass er fast gedankenlos mussig; das Geschehene lasst sich nur durch Tat, nicht durch Nachdenken vernichten.

Grossere Bundesscharen kamen in den nachsten Tagen, die Burger hatten alle Lebensgefahr vergessen, der sie entkommen, die Last und Kosten schienen ihnen unerschwinglich, sie sprachen laut gegen den Burgermeister, obgleich dieser aus freiem Willen mehr Last ubernahm, als ihm im Verhaltnis zukommen konnte. Er wollte die Stadt befestigen, aber niemand zeigte sich bereitwillig, er wollte den Rat uber alle Angelegenheiten setzen, die sonst der herzogliche Vogt besorgte, aber keiner wollte sie ubernehmen, er sah, dass die reichsstadtische Verfassung zu einer leeren Form wurde, weil sie nicht durch die Notwendigkeit entstanden war, eine allgemeine Kraft zu begrenzen. Diese allgemeine, belebende Kraft fehlte, die Verstandigen schwiegen, die Toren und Widerspenstigen waren uberlaut, die Verstandigen hielten ihn fur einen Schwarmer, die Schlechten glaubten in ihm einen bestochenen Verrater, die fremden Landsknechte spotteten seiner teuer erkauften Reichsfreiheit. Jeder suchte sich ihm und der Stadt in der Vorsorge fur die Bedurfnisse der fremden Scharen zu entziehen, auf ihm lastete das ganze Geschaft, dabei schwarmten seine Gedanken umher nach Rat und Trost, so musste sich ihm die Arbeit verdoppeln und die Fremden mochten zuweilen wohl mit Recht auf den Mangel an Anordnung schelten. Sein einziger Genuss war es, seit er von diesen Fremden doch kein Heil erwartete, die Burger gegen ihren Unwillen und Ubermut zu schutzen; zu jedem Streite eilte er mit rechter Lust und setzte gar oft sein Leben an eine Kleinigkeit, die mit einiger Ruhe friedlich geschlichtet werden konnte. Die uble Folge davon war, dass starkere Besatzung in die Stadt gelegt wurde, damit nicht einzelne wieder in solchen Streitigkeiten unterliegen mochten, und so fuhlte sich Berthold die Veranlassung einer neuen, druckenden Last. "Waren wir ruhig zu Hohenstock!" rief Berthold zuweilen, aber Anna antwortete immer: "Lieber tot, als dort unter den wahnsinnigen Menschen!"

Als eine Verstarkung der Besatzung ruckte auch ein sehr unbequemer Bekannter, der Graf Konrad, mit einer Schar Reisigen ein, welche die Kronenwachter fur ihn geworben und mit denen sie ihn zum Herzog Wilhelm geschickt hatten. Berthold freute sich in seinem Unmut, ihre alte Streitigkeit da fortsetzen zu konnen und liess ihn sehr hart an. Aber Konrad schien seine Natur ausgetauscht zu haben, er antwortete nur das Notwendigste in Bescheidenheit und bat ihn, seine fruheren Unbesonnenheiten zu vergessen, die Kronenwachter hatten ihn belehrt, dass sie zu einem Ziele alle beide hinarbeiteten. Berthold sah sich durch dies Verhaltnis gezwungen, obgleich es ihm unangenehm, Konrad in sein Haus einzufuhren.

Dieser betrug sich dort ganz bescheiden und anstandig, er schien Annen ganz verwandelt und sie fasste ein gewisses Vertrauen zu ihm. Sie sah den Gram, der ihrem Berthold schnell die Haare bleichte, sie horte die Harte, mit der die Burger ihn beurteilten, durch Grunewald, der uber alles mit jedem sprach, ohne zu beachten, ob es schade. Sie fragte einmal Konrad, was er meine, wie Berthold konne aus den widrigen Geschaften befreit werden. Der riet, dass er sich fur den Bund ruste und gegen Herzog Ulrich ziehe, denn wie er hore, deute man es ihm ohnehin ubel beim Herzoge Wilhelm, dass er mit seinen Burgern untatig zuruckbleibe, nachdem er versprochen, mit einer Schar zu ihm zu stossen; dort sei jetzt fur ihn und die Seinen allein noch Sicherheit.

Dieses Gesprach wiederholte Anna ihrem Berthold am Abend und dieser erfreute sich des unerwarteten Auswegs; aber er wagte es nicht, sich demselben zu uberlassen, weil er den Vorwurf furchtete, sich dem druckenden Geschafte fur die Stadt entzogen zu haben. Wer die Seinen in der Not verlasst, dachte er, den verlasst Gott in seiner letzten Not, und konnte nicht einschlafen und sich zu nichts entschliessen. Fruh stand er auf und fand Apollonien am Brunnen und berichtete ihr seinen Wunsch ins Feld zu ziehen und alle Grunde dagegen, indem er sich ihren Rat als seine alteste, treueste, verwandteste Seele erbat. Apollonia hatte im Arger uber die Ereignisse sich die Erzahlungen der Sabina uber Anna und Anton erst recht zu Herzen genommen, dass sie diesen fur den geheimen Grund seines unerwarteten Entschlusses annahm. Sie suchte ihn zu trosten, indem sie uber ihre Tochter heftig weinte, sie habe es immer nicht glauben wollen, die Tochter habe so frei und ruhig jede Warnung abgelehnt, nun musse sie sehen, dass der edelste und beste Mann das eigne Haus fliehen wolle, das ihre Tochter ihm aus Himmel in Holle verwandelt habe, es sei die Folge vom ubereilten Heiraten. "Hattet Ihr gewusst", sagte sie, "dass eben der, mit welchem Ihr Blut und Leben getauscht, Euer Leben so verbittern wurde, Ihr hattet Euer Siechtum ruhig ertragen." Berthold, der gar nichts verstanden hatte, fuhr bei diesen Worten gleichsam beschamt auf: "Woher wisst Ihr die Geschichte meiner Genesung:" "Von Annen", sagte die Mutter, "der hat es Anton erzahlt." "O dieser Anton", rief Berthold, dem nun auf einmal die Rede der Mutter wie durch einen Blitz erhellt wurde, "dieser Anton ist zu meinem Gluck und Verderben geboren, umsonst habe ich mich dem Missgeschicke meines Stammes entzogen, es hat mich durch Anton ergriffen. Liebe Mutter, sagt mir kein Wort, lasst mich irren in der Dammerung, es gibt grausame Ahnlichkeiten, aber ich vertraue auf Anna. Was ich zweifelhaft in meinen Gedanken wurfelte, das ist entschieden, ich ziehe fort, ich kann nicht bleiben. Sagt mir kein Wort, verschweigt Annen, dass Ihr mir etwas gesagt, verschweigt ihr alles, Gott und die Zeit wird alles schlichten und richten." Anna hatte sich ihnen beiden genahert und sagte mit einiger Wehmut: "Mich lasst du allein Berthold, nachdem ich so viel Schmerz und Not bei dem Kinde ausgestanden habe, und setzest dich hier zur fruheren Geliebten." Frau Apollonia wollte heftig antworten, aber Berthold beschwichtigte beide, indem er sagte: "Ich gehe noch heute einem ungewissen Geschicke entgegen, vergessen wir alles Uberflussige, gedenkt, dass wir nur noch wenige Stunden beisammen sind, meine Ehre fordert, dass ich fortziehe." Anna schloss sich weinend an seine Brust und gestand, so schmerzlich ihr seine Abwesenheit falle, er sei es seiner Erhaltung schuldig, sich den Geschaften zu entziehen, die ihm in wenig Wochen die Haare gebleicht hatten, deren Frucht und Lohn ihm die Undankbarkeit und der Starrsinn der Burger entreisse. Berthold zuckte mit den Achseln und sagte: "Jetzt rucken sie mir die vermauerte Gasse vor und mochten den Brunnen einreissen, jetzt, wo jeder Tag sie dringend beschaftigen und auf ihr Bestes fuhren sollte, ich habe die Leute kluger, viel kluger geglaubt, das ist mein Fehler!" "Boshaft und undankbar hat sie das kleine Missgeschick gemacht", sagte Anna, "die Frauen sagen mir ins Angesicht Boses von dir." "Das lost die letzten Bande", sagte Berthold, kusste Annen und Apollonien und so sassen alle drei wohl eine lange Abschiedsstunde, ohne zu sprechen, von den Ahndungen der Zukunft geruhrt.

Er versammelte darauf die Burger, erklarte, dass, wenn sie nicht mit ihm, er ohne sie dem Bunde folgen wolle, sie mochten einen andern an seine Stelle wahlen. Zu seiner Krankung fand er, dass schon ein andrer Burgermeister heimlich fur den Fall erwahlt worden, wenn die Fremden abziehen mussten, ein Weinhandler Kranz, sie gaben Berthold der Landesverraterei schuldig. "Ihr richtet nach dem Erfolg, Gott nach der Absicht", rief Berthold, "ich biete euch die Hand zum Abschied, obschon ihr mich tief gekrankt habt; es wird eine Zeit kommen, wo es euch reut, dass ihr mir nicht gefolgt seid."

Seinen Nachlass hatte er schon beim Anfange der Unruhen gerichtlich geordnet, Frau Apollonien ubergab er die Oberaufsicht der Seinen, so lange Anna noch mit ihrem Kinde beschaftigt sei. Sie assen schweigend mit einander, als ware ein Kranker unter ihnen. Nach Tische wurde ein Pferd vorgefuhrt, Anna und Apollonia weinten gleich heftig, Berthold fuhlte sich beklemmt zum Ersticken. Er ubersah Haus und Garten noch einmal, und betete in der Kapelle, die eben fertig geworden und geweiht war, da wo ihm das Kind verheissen. Er fuhlte sich gefasster, aber als er schon Abschied genommen, an seine Tur trat und einen frischen Maulwurfhaufen an der Schwelle bemerkte, der sich eben herausarbeitete, da fiel ihm Mutter Hildegard ein, die das immer als Zeichen eines Todesfalles angesehen hatte. Er sprang noch einmal zuruck, kusste Annen und Apollonien und das Kind heftig, schwang sich, ohne ein Wort zu gewinnen, auf sein Pferd, gab ihm die Spornen und ritt ohne Umblicken fort, damit ihm nicht das Bild am Giebel wieder in die Augen leuchte.

Bald war er bei Frundsberg durch den Ehrenhalt eingefuhrt, doch gab jener wenig Hoffnung zu Taten; den Herzog hatten die Schweizer verlassen und darum entliess er auch seine Landeskinder zur Verteidigung der Stadte. Diese fielen aber ohne bedeutenden Widerstand, jedermann fuhlte, der Herzog konne sich nicht halten und er fuhlte es auch bald, nahm in Tubingen von seinen Kindern schmerzlichen Abschied und entfloh nach der Schweiz. Der Zug ging nun von einem Stadtlein zum andern, gewohnlich geschahen kaum einige Schusse, dann wurde unterhandelt. Berthold vergass eignen Kummer bei dem Anblicke der Not, welche die fremden Scharen auf dem Lande verbreiteten. Die Briefe von Annen und Apollonien waren sein liebster Schmerz und sein einziger Trost, sie benutzten jede Gelegenheit, ihm Nachricht zu geben. Einmal berichtete ihm Anna, dass es in der Stadt ein Gespott sei, dass ihr Kind noch nicht getauft worden. Er antwortete ihr froh, dass er nicht dabei zu sein brauche, sie mochte die Taufe und den Schmaus fur die ganze Stadt ausrichten, wie er ihn vor den kriegerischen Ereignissen angeordnet habe, er stehe vor dem Assberge und musse da wohl noch einen halben Monat ausharren, das Fest konne vielleicht den Seinen die Neigung vieler Mitburger wieder gewinnen. Bald darauf erhielt er die Nachricht, dass Taufe und Fest am Tage des heiligen Anno angeordnet sei (das Kind, so war schon verabredet, sollte diesen Namen fuhren), er mochte den Tag durch sein Gebet feiern.

Zwei Tage vor diesem festgesetzten Tauftage wurde er zu Frundsberg gerufen und ihm der Auftrag gegeben, in der Hulle eines Pilgers nach Kloster Einsiedlen zu wandern, um auszuforschen, ob der Herzog in der Schweiz werbe und Unterstutzung finde. Der Auftrag war gefahrlich, jene Seite Schwabens schwarmte von den zerstreuten Anhangern des Herzogs Ulrich, doch freute es ihn, seinen Willen bewahren zu konnen.

Er zog mit einem frohen Gefuhle durch das Land, der Tag der Taufe brach an, er dachte sich lebhaft nach Hause, die Sonne brannte, die Luft war schwul. Gegen Abend traf er in Kloster Lorch ein, betete lange in der Kirche und wurde dann von den Monchen freundlich bewirtet, ohne dass sie nach seinem Namen fragten, denn das Pilgerkleid war ihnen Empfehlung genug.

Die Monche klagten, dass sie allmahlich aussterben mussten, bei der jetzigen Gesinnung der Leute trete keiner in ein armes Kloster und da dies Kloster, nach der Strenge ihrer Gelubde, ihre Welt sei, so hatten sie ein lebendiges Bild vom Weltuntergange in ihrem Kreise, der sich mit jedem Jahre verenge. Berthold sagte ihnen, dass solch ein Aussterben sein Wunsch sei. "Habt Ihr je ernstlich an das Sterben gedacht?" fragte ihn der alteste der Monche. "Kommt hinunter in die Gruft, wo die Hohenstaufen begraben liegen, und Ihr werdet Euch am Leben fest zu halten suchen." Berthold schuttelte mit dem Kopft, aber er bat, ihm die Grabhallen zu zeigen, er sei lieber bei den Toten, als bei den Lebenden. Der alte Monch strich nachdenklich seinen weissen Bart, ergriff eine Fackel, zundete sie am Herde an und ging mit ihm uber den Hof.

Berthold beschaute die Sterne, welche vom nahen Gewitter nicht verdunkelt, in der Schwule funkelten. "Was leset Ihr in den Sternen?" fragte der Monch. Berthold antwortete nach einem Schweigen: "O wie so oft hab ich ein Zeichen erhofft, zogen Sterne den schimmernden Bogen durch die himmlische Leere, durch die himmlische Tiefe, dass ich der irdischen Schwere endlich auf immer entschliefe. Aber der Morgen loschte die Sterne aus, weckte die Sorgen, weckte des Herzens Haus, und des Alltaglichen Macht zwang die Ahndung der Nacht."

"Auch Euer Stundlein wird kommen!" sagte gleichgultig der Alte, offnete die Schlosser der Kapelle und fuhrte Berthold in die gewolbten Grabhallen, wo die Hohenstaufen unter einfachen, gehauenen Grabsteinen ruhten. Berthold versuchte die Namen auf den Grabsteinen zu lesen, aber die Buchstaben waren alt und sehr verwittert. "So ist's mit dem guten Namen der Menschen", sagte Berthold, "vom Zufall geschenkt, von der Zeit bald ausgeloscht!" Der Monch nannte ihm alle die beruhmten Namen der Hohenstaufen, die da eines zweiten Lebens harrten, und Berthold fragte mit unerwartet aufbrechendem Zutrauen: "Ehrwurdiger Vater, wer nun zweimal schon gelebt hat, darf der noch ein drittes Leben erwarten." Der Alte meinte, er schwarme im Fieber und Berthold antwortete: "Es mag Euch unverstandlich sein, was ich sage, aber fuhlt meinen Puls, dass ich nicht krank bin. Glaubt mir, ich bin von einem Arzt, als ich sterben sollte, mit einem zweiten Leben, das er mir wunderbar schenkte, gar schrecklich betrogen und doch glaube ich an jenes Leben, das uns verheissen ist." Der Monch sagte ihm, er sei vom Wege angegriffen, vielleicht von Kummer, sie wollten die dunkle Halle verlassen, er mochte ausschlafen. Berthold antwortete: "Hier bei den Meinen mochte ich ausschlafen!" Der Monch sah ihn verwundert an und sprach: "Freilich alle Menschen sollen Bruder sein, wenn sie es nur waren." "Darum ist mir so wohl, wie mir nie gewesen", antwortete Berthold, "hier ist bruderliche Einigkeit, hier verfolgen sie die Ihren nicht mehr, sie wollen gern alle beisammen sein jenseits der Erde, darum nur lassen sie den Ihren keine Ruhe auf Erden." Der Monch sah Berthold mitleidig an, er hielt ihn fur einen Wahnsinnigen; ihn zu zerstreuen, las er von der neu errichteten, schwarz marmornen Gedachtnistafel die Inschrift vor: "Dass ein Geschlecht vergehe und das andre komme, und die Erde indessen unbeweglich bleibe und ein jegliches Ding seine Zeit und alles unter dem Himmel seine Stunde habe, dessen gedenket man nicht, wie es doch jedem geraten ist, denn die kunftigen Zeiten werden alles zugleich in Vergessen bringen, was wir aufzeichnen von der Vergangenheit und was wir schaffen in der Gegenwart, denn nichts erringen wir, als die Zukunft." "Amen", sagte Berthold, ein blauer Blitzstrahl zuckte durch die Halle, der Donner rollte und ein Blutstrahl sprang aus der Armader Bertholds, da wo Faust ihm das Blut Antons eingedrangt hatte, und loschte die Fackel des Monchs. Der Monch liess die Fackel fallen und fasste Bertholds Hand, der nun sanft auf das Grabmal des Stammvaters der Hohenstaufen niedersank. "Boser Faust! armer Anton, junges Blut!" sagte Berthold mit schwacher Stimme, seine Hand ward kalt.

Achte Geschichte

Die Taufe

Anton hatte sich nach dem Verdrusse uber den vergeblichen Kriegszug, von Berthold gewendet, denn er hatte sich auf den Ruhm gefreut, noch ehe er ihn errungen, auch nahm ihn die Anwesenheit des Ehrenhalts gegen alles ein, was unternommen wurde. Er liess sich durch keine Drohung des Meister Sixt bestimmen, die Adler zu malen, welche an den Toren neben dem bisherigen Stadtwappen aufgehangt werden sollten. Meister Sixt jagte ihn im Zorn daruber aus dem Hause, vielleicht auch aus List, weil der Erwerb in der unruhigen Zeit sinken und der Preis aller Lebensmittel steigen musste und Anton, wenn er sich selbst in der Zeit durchgeholfen, zu ihm als dem einzigen Meister in der Stadt endlich doch zuruckkehren musste, um frei gesprochen zu werden. Anton gab ihm wenig gute Worte, dass er ihn behielte, er konnte nichts mehr bei ihm lernen und sein Geiz war unertraglich. Dem Herzog mochte er nicht zuziehen, denn ihn selbst hasste und verachtete er, es war nur die Landessache, die ihn gegen die raubsuchtigen Bundesscharen einnahm. Zum Gluck gab es viel in den Weinbergen zu tun, und die Leute mussten ihre Hauser wegen der fremden Volker, die da lagen, bewachen, so dass es ihm an Unterhalt fur Handarbeit nicht fehlte, vielmehr fand er reichliches, ungemessenes Brot bei der Weinhacke, wahrend er bei dem Pinsel hatte hungern mussen. Am Sonntage half er dem alten Anno ohne Lohn und Brot, und ging nach der Arbeit in die Stadt zu seinen Verehrerinnen Sabina und Verena, die ihn immer schoner fanden, je mehr sich sein Gesicht und sein Hals in der Sonne braunte; die ihn um so reichlicher bewirteten, je seltener er jetzt kam.

Anton sass eines Sonntags bei Verena im Vorzimmer von Frau Annen, als Graf Konrad von Hohenstock, von dessen Anwesenheit er auf den Weinbergen nichts vernommen hatte, durch das Zimmer zum Besuch bei Frau Annen, im zierlichsten, samtnen, kurzgeschnittnen Wamse stolzierte und sein Gesicht in die angenehmste Begrussung voraus spitzte. Konrad stutzte ein wenig, als er Anton sah, es mochte ihm wohl eine Erinnerung kommen, aber sie schien auch gleich wieder zu verloschen; er ging durch das Zimmer, ohne sich bei ihm aufzuhalten. Anton hatte ihn beim ersten Blicke erkannt, es war ihm zu Mute gewesen, als ob er ihm um den Hals fallen musste. Alle Jugendstreiche fielen ihm ein, aber zugleich, ob Konrad nicht auch hier auf dem Kriegszuge von den Kronenwachtern bewacht sein mochte. Bald sah er auch eine jener ihm verhassten Gestalten, einen Reisigen, der nach Konrad fragte, und schlich sich unter einem Vorwande fort.

Auf der Strasse fasste ihn ein andres Gespenst am Rocke, es war Faust. "Wo steckst du Vielfrass?" sagte der Doktor. "Lasst du dich wieder hier sehen, alter Schwamm", antwortete Anton, "du meinst, weil Berthold fort ist, gabe es hier keine Aufsicht mehr gegen solche Landstreicher." "Du uberreifer Junggeselle", schrie Faust, "was weisst du, wie es in der Welt hergeht, der Burgermeister, den ich dem Berthold zum Arger eingesetzt habe, ist ein Weinhandler, der ohne mich nicht leben kann. Hast du denn schon dein zartes Bruderlein gesehen, den Konrad, den Halunken, ihr konnt nicht von einem Vater sein." "Von mir darfst du schlecht sprechen", antwortete Anton finster, "aber nicht von Bruder und Vater; was weisst denn du davon, dass es mein Bruder ist?" "Mehr als du weisst", antwortete Faust, "war er es nicht, der dich beredete, der Kronenburg zu entfliehen, du warst verloren." "Freilich", sagte Anton, "er hat mir das Leben gerettet." "Es ist nicht wahr", schrie Faust, "er hat dich um die Krone betrogen, er war dir zur Hulfe nachgesendet von den Wachtern, aber er versteckte sich aus Furcht; er beredete dich, zu fliehen und nahm dir das Schwert Maximilians ab, und brachte es heim als Siegeszeichen, das er noch erbeutet habe, nachdem du dich zwingen lassen, dem Kaiser den Weg zu zeigen. Und so ward er als Erstgeborner von euch beiden durch die Entscheidung dieser kuhnen Tat anerkannt, er aber hofft, dass du inzwischen langst in Hunger und Pest untergegangen bist." "Du lugst, du Teufelsbanner", schrie Anton noch lauter und hieb mit dem Stiel der Weinbergshakke auf dem fetten Rucken Fausts weidlich herum. "Das kostet dir dein Leben", brummte Faust mit Zahneknirschen, "denn wem dankst du deine Gesundheit, als mir, du bist mir dein gemassigtes, ruhiges Blut schuldig." Anton achtete nicht darauf, sondern ging zornig davon, indem er noch immer in die Luft hieb. Die Burger, die bei dem Streite herzugelaufen waren, winkten Anton Beifall und liessen ihn ruhig gehen, der Teufelsbanner war allen verhasst, aber die meisten scheuten sich, ihm zu missfallen, weil sie seine Kunst brauchten und seine Zauberei furchteten.

Anton blieb jetzt vierzehn Tage auf den Weinbergen, denn er scheute den neuen Burgermeister wegen des Vorfalls mit Faust. An einem Sonntag schlich er zu Sabina, diese aber stellte sich erzurnt; weil er sie so lange vergessen, so mochte er nun auch wegbleiben. Er sagte ihr vergebens seinen Grund, sie blieb ganz kalt und er schied von ihr, um zur Schwester zu gehen. Sabina wusste, dass diese ausgegangen sei, also lachte sie ihm nach und meinte, er werde bald wieder kommen, denn dass er mit Frau Anna eine Liebschaft habe, glaubte sie eigentlich selbst nicht. Aber Anton kam nicht wieder, sie sah sich die Augen fast blind. Anton war in Verenas Zimmer gegangen und hatte sich zu einer vollen Schussel gesetzt, als Anna eintrat, ihn verwundert anblickte und fragte, wie ihm das Mittagsessen geschmeckt habe, das fur sie da aufbewahrt stehe. Anton geriet in grosse Verlegenheit und erbot sich, was es koste, abzuarbeiten. "Ich nehme Euch beim Worte," sagte Anna, "aber nicht heute, sondern erst in acht Tagen sollt Ihr an die Arbeit gehen, wenn wir die Taufe feiern. Ich kann das Bild am Giebel nicht leiden, das Ihr am Hochzeittage gemalt habt, mag es aber nicht vor den Leuten andern lassen, weil die gute, selige Frau Hildegard dies Bild als ein Gelubde hat malen lassen. Ein grosses Blumenbrett habe ich jetzt vor dem Fenster auf vielen eisernen Stutzen errichtet, um Pomeranzenbaume da zu setzen, das tragt viele Menschen und meine Verena ist alle Abende darauf beschaftigt, die Windeln zum Trocknen aufzuhangen. An dem Abend ist voller Mond, Ihr konnt zum Malen genug sehen und nehmt einen Weibermantel von mir um, dass, wenn Euch einer zufallig sieht, Ihr fur eins meiner Magde gehalten werdet. Farben stehen noch bereit beim grossen Brunnenbilde, weil Meister Sixt das neue Marmorhaus und die Kapelle eintragt, die inzwischen fertig geworden. Malt die heilige Mutter und ihr Kind, wie Ihr wollt, nur malt beide, besonders aber das Kind anders, als es jetzt erscheint, ich kann es nicht leiden. Zum Lohn fur das Unternehmen, das ihr niemand verraten durft, zahle ich Euch mehr, als Ihr zu einer Reise nach Nurnberg und zu einem jahrigen Aufenthalt bei Durer braucht." Anton horte dem allem, was Anna nur nach langerer Uberlegung und nach manchem Kampfe so deutlich hersagen konnte, mit offenem Munde, wie einer himmlischen Botschaft zu. Die Sehnsucht nach der Malerei hatte ihn erst ergriffen, seit er in den Weinbergen hackte, er verglich die elende Wirkung dieser Tatigkeit (hochstens ein paar Mass Wein mehr, die Faust in einer Stunde hinunter sturzte), mit der eines Bildes, das von Tausenden bewundert, ein paar Jahrhunderte besteht und neue Schopfungen anregt, er hatte oft im Zorn daruber die Erde ubermassig zerhackt. Er nahm dankbar die Hand Annens, sprach seine Verehrung gegen Durer aus, dessen "Ritter zwischen Tod und Teufel" er auf einem Schlosse gesehen hatte, aber da hielt er inne und sprach: "Wird mir's auch gelingen, etwas Besseres am Giebel zu malen, denn ich kenne gar nichts andres seit jener guten Stunde, in welcher mir dies Bild gelang, aufzuzeichnen, als diese beiden Gesichter, die Euch so verhasst sind und die ich uber alles verehre?" Frau Anna machte ihm Mut und er glaubte daran. Sie verbot ihm mit Verena uber die Angelegenheit zu reden, sie wolle sie an dem Abend bei den Schenktischen beschaftigen, er solle sich durch den Brunnen einschleichen, wenn es dunkel geworden. Sie brach hier ab und ging in ihr Zimmer, denn sie horte Verena auf der Treppe.

Diese tat, als ob sie Anton nicht sahe, brachte die Milch in das Zimmer ihrer Frau, kam dann zuruck und sagte: "Warst du allein?" "Freilich!" antwortete Anton. "Es ist unmoglich", rief Verena, "denn den herrlichen Braten hast du kaum angeruhrt und kalt werden lassen." Anton leugnete, so gut sein ehrlich Gesicht leugnen konnte. Verena sagte, dass die Schwester vom Brunnen her die Treppe hinauf geschlichen sei und behauptet habe, Frau Anna flustere heimlich mit Anton und sie wurden beide von ihr betrogen. Sie habe ihr noch erzahlt, am Morgen sei ein grosser Streit zwischen Mutter und Tochter uber den Namen Anno vorgefallen, den Berthold verordnet habe, weil er dem Namen Anton so ahnlich klinge, dass die Leute daruber spotten wurden. Anna habe so heftig daruber gezurnt, dass Apollonia geschworen, sie wolle das Haus nicht mehr betreten, sie hatte sonst nur Schande von ihrer Aufsicht, das wolle sie an Berthold schreiben und ihm alles anheim stellen. Anton verstand wenig, was das alles bedeuten solle. Weil er sich bewusst war, an allen den Geruchten und Scherzreden unschuldig zu sein, so machte es ihm viel Vergnugen, was sich die Leute fur Grillen in den Kopf setzten, er fand sich sogar ein wenig geschmeichelt, dass die schone Anna seinetwegen in den Verdacht eines Liebeshandels gekommen. Er verlachte den Zorn von Verena, ging fort und grusste Sabina nicht einmal im Vorubergehen.

Zum Schmause bei der Taufe war die Burgerschaft eingeladen, auch manche Bekannte aus der Gegend versprachen zu kommen, doch Kugler bedauerte, dass er durch die bevorstehende Entbindung seiner Frau abgehalten sei. Frau Apollonia besorgte alles Notige zu dem Feste in ihrem Hause, aber sie hielt ihr Gelubde, das Haus ihrer Tochter bis zu Bertholds Ruckkehr nicht zu betreten. Anna sah darin nur ihre Liebe zu Berthold und ihren Arger gegen sie und da die Vorwurfe der Mutter aus so verhasstem Grunde entstanden, so hielt sie es fur eine verdachtige Nachgiebigkeit, wenn sie den ersten Schritt zur Versohnung tate; ware Anton erst fort, so meinte sie, dann fiele aller Verdacht. Sie suchte sich zu zerstreuen, indem sie Konrad und die Ritter, die er einfuhrte, ofter in ihrem Hause sah, und das zerstorte ihren guten Ruf bei der Burgerschaft. Es mieden namlich in gemeinsamer Verabredung alle ordentliche Frauen der Stadt den Umgang dieser verhassten, kostbaren Gaste. Frau Anna, die als eine Fremde mit keiner Frau in recht vertrauten Umgang getreten, war auch von denen, die sie sonst zuweilen bei sich gesehen, durch Bertholds Verfeindung mit der Burgerschaft getrennt, sie ahndete nichts von einem solchen Entschlusse und sah die Fremden gern, bloss darum, weil sie fremd waren und etwas Neues erzahlten. Die Burger dachten sich bei dem Umgange Annens teils geheime Absichten, teils Liebschaften, und selbst die Einladung zum Schmause bei der Taufe schien vielen so verdachtig, dass sie am Sonntage Morgens, wo er gehalten werden sollte, noch eine Burgerversammlung in einer der grossten Trinkstuben anordneten. Es waren ein paar fremde Reisigen erstochen gefunden worden, ein paar waren wirklich im Ratskeller von den Burgern gar ubel in einer Schlagerei zugerichtet und die Burger furchteten, dass sich die Fremden fur alles auf einmal rachen mochten, wo es die Leute am wenigsten ahndeten. Sie horten insbesondere vom Grafen Konrad viele Tukken, die er in der Gegend durch seine Leute hatte ausuben lassen, und meinten, dass er Waiblingen nur schone, um es auf einmal recht grundlich auszuplundern, wenn er es erst grundlich kennen gelernt habe; sie wussten nicht, wie hoch Waiblingen in der Gunst der Kronenwachter stehe, wie viel sturmischer er seiner Liebschaft zu Annen nachgetrachtet, wenn ihn nicht ein strenges Verbot in den Schranken der Zucht gehalten hatte. Haring, der Kunstpfeifer, zur Schusterzunft eingeschrieben, erzahlte, dass es Blut geregnet habe auf das Kleid seiner Frau, das bedeute grossen Kampf, sie waren alle verloren, wenn sie einen der Ihren im Stich liessen. Dass er noch immer Grunewalds Zorn fur seine Haut furchte, das verschwieg er, weil er ihn wohl verschuldet hatte am Hochzeitfeste, er tat vielmehr, als ob er sich fur das Ganze aufopfere, obgleich er so viel Vorteil vom ofteren Tanz bei den Fremden erntete; er schwor, zur Sicherheit seiner Mitburger, einen guten Degen in seine Posaune zu stekken, und so solle sich jeder heimlich bewaffnet einfinden, dann konnte ihre Uberzahl siegen. Der neue Burgermeister hatte sich aus Vorsicht krank melden lassen, weil er aus den trunknen Worten des Doktor Fausts auf grossen Streit schloss, der sich am Abend ereignen konnte, aber er wirkte in der Versammlung durch einen seiner Schwager, welcher Jackel, oder der durre Jager genannt wurde. Dieser regte die Galle der Burger, indem er ihnen ein Schimpflied in bayerischer Mundart, wie es ihm die bayerischen Reisigen, wenn er auf die Jagd gehe, vorgesungen, mit grimmigem Gesichte nachsang, es berichtete von neun Schwaben die gegen einen Hasen zu Felde gezogen und davon gelaufen sind. Haring schrie wie seine Bassposaune, er wollte den Bayern schon zeigen, dass sie sich in Schwaben auf die Hasenjagd verstanden. Den Schlussstein dieses schwankenden Gewolbes offentlicher Ruhe und Gesetzlichkeit nahm der Turmer vom Augsburger Tore (wo Berthold auferzogen), indem er berichtete, dass am Morgen der Graf Konrad mit einigen Reisigen sich da umgesehen und die geputzten Burgerfrauen und Bauerinnen, die aus- und eingezogen, mit dem Blut einiger Tauben und Krahen, die sie geschossen, besprutzt habe, dass dadurch bei dem truben, schwulen Himmel das Gerede entstanden, es habe Blut geregnet. "Die Gotteslasterer", rief Haring, "das neue Kleid meiner Frau so zu verderben; Blut soll es regnen, aber ihr Blut!"

So endete die Versammlung nach der Messe, es wurde dabei wacker gezecht, dass mancher nicht das Gebot des Schweigens vernahm, das sich auch auf alle erstreckte, die mit Berthold in Verbindung standen. Haring selbst konnte gegen Frau und Kind die Heldentaten nicht verhehlen, die er beabsichtige, wenn ihm einer in den Weg trate. Sein Sohnchen prahlte mit diesen Heldentaten gegen den Reisigen, der dort in Wohnung lag. Der Reisige lief zu seinen Kameraden, ihnen zu erzahlen, dass bei dem Feste etwas gegen sie unter den Burgern im Werke sei. Sie beredeten sich, wie sie einander nahe sein wollten und wie sie sich gegen die Menge stellen wollten, um im Falle ihre Feinde uberlegen waren, des Auszugs sicher zu sein. Bei ihnen galt Konrad fur ein leichtsinniges, unerfahrnes Grafensohnchen, das eine Liebschaft mit Frau Anna habe und alles ausschwatzen konne, ihm blieb alles verschwiegen. So erfuhr Anna von keiner Seite etwas von den Besorgnissen, denn alle, die zu ihrem Hause gehorten, waren seit Bertholds Abfall von Herzog Ulrich nicht mehr in den Zunften erschienen, um Vorwurfe gegen Berthold nicht anhoren zu mussen.

Grunewald und Anton sassen den Morgen einsam in ganz verschiedner Qualerei und Betrachtung. Anton hatte den alten Anno angekleidet, der sich zur Taufe im reinlichen Wams zeigen wollte dann hatte sich der Alte zu seinem Geberbuche hingesetzt und Anton zu seinem Zeichenbuche. Anton hatte lange gebetet, dass eine heilige Mutter mit dem Kinde seiner Seele sich darstelle, die vollkommner und reiner das Wesen derselben zeige, als jene, die er am Hausgiebel gemalt hatte. Aber immer deutlicher schwebte ihm dieselbe Gestalt vor. Schon gab er sich verloren, weil er das Bild nur verderben konne, wenn er es andern wollte, und wollte sich gar nicht die Muhe geben, es aufzuzeichnen. Aber endlich riss er doch so in Gedanken, um die Hand zu beschaftigen, das Bild auf, wie es ihm vorschwebte. Die Arbeit unterhielt ihn in emsiger Tatigkeit und erst wie es fertig war, erkannte er zu seinem Erstaunen, es sei dasselbe und doch ganz anders wie jenes, das er auf den Giebel gemalt habe. Es war so viel fester, reiner, erdenfreier, als jenes, dass ein gemeines Auge den Ursprung aus jenem ubersehen hatte, die Ahnlichkeit war nur noch ihm kenntlich. Seine Seligkeit hatte keine Grenzen, aber je freudiger und reiner er zu dem erhabnen Abbilde, das sich ihm, dem unwurdigen Arbeiter geschenkt, betete, desto unruhiger fullte ihn Annens Bild mit Wunschen, die er nie gefuhlt, mit einer Sehnsucht, der er sich gern entzogen hatte. Ihm schauderte vor dem seltsamen Abende, der seiner wartete! Die harte Arbeit, die er in der Zeit ertragen, machte ihm den Mussiggang des Sonntags gefahrlich; ruht die Muhle, so fullt sich der Muhlteich und tritt uber die grune Wiese, die er bisher nahrte.

Grunewald sass in der neu erbauten Kapelle, da wo Berthold die Nachricht erlauschte, dass ihm ein Kind geboren werde, und wollte ein Freudenlied auf die Taufe dichten, wie er deren unzahlige auf alle Kinder fur Geld gemacht. Aber kein Reim wollte sich zu allen unzahligen, freudigen Anfangen finden lassen, die er hinaus stiess. Diese Seltsamkeit rief ihm die Geschicke des Hauses zuruck, er gedachte des Bergmanns, er sah um sich und fand eine wunderherrliche, reife Fruhbirne unter den Blumen des Grases. Diese nahm er auf und zeigte sie dem Kinde, das von Annen in den Garten getragen wurde, und sprach dazu in Reimen:

Nimm auf die abgefallne Frucht,

Es ist die susseste von allen,

Es hat sie keine Hand versucht,

Weil uber ihr die Blumen wallen;

Ich aber sah nach allen Zeichen

In dieses Tages Mussiggang,

Und konnt ihr nicht voruber streichen,

Mich hielt ihr Duft mit sussem Zwang.

Sieh an des Fusstritts Einsamkeit,

Der hier zu der Kapelle lenket,

Du warst mit dir in stillem Streit,

Als ich ein Zeichen dir geschenket,

So fuhrt ein Zeichen zu dem andern

In meines Gluckes Mussiggang,

Wir wollen jetzt nicht weiter wandern,

Es fullt mein Herz ein naher Klang.

Gluck auf, so klingt es aus dem Grund,

Als wenn ein Bergmann ihn durchdrungen,

Es grusst dies Kind sein frommer Mund,

Weil er nach ihm so kuhn gerungen.

Im harten Fels fand er die Quelle,

Zu einer Taufe Freudenbund,

Jetzt strahlet sie zur Sonnenhelle,

Doch dringt kein Strahl zum schwarzen Grund.

Grunewald erschrak einen Augenblick, als er den letzten Reim gesprochen, das Wort hatte sich ihm im Munde umgedreht, er suchte seine Verlegenheit in eine andre zu sturzen, er unterhielt einmal wieder Annen mit seiner Liebe. Anna war wohl nicht so heiter gestimmt, wie sonst, wenn sie uber seine Leidenschaft scherzte, sie sagte ihm mit Empfindlichkeit, dass er in einem Alter sei, dem dergleichen Verwirrungen nicht mehr wohl standen, und in einer Zeit lebe, die mit ernsteren Dingen beschaftigt ware. Grunewald hatte nie eine Ahndung gehabt, dass er so ernsthaft genommen werden konnte, er flehte um Rat bei der zurnenden Anna, was er tun solle, um ihr wieder zu gefallen und dass sie ihm nicht mehr zurne, aber sie sagte ihm, von der Sonne und dem unruhigen Kinde geplagt, ein kurzes "Gott befohlen!" und ging in ihr Haus. "Ware ich nur Anton!" rief er ihr in seinem Zorne nach, es argerte ihn, dass er einst von Anton ein Bett angenommen habe.

Die Kapelle am Brunnen wurde zur Taufe geschmuckt und das vertrieb den argerlichen Grunewald, weil er nun nicht mehr mit sich reden und zanken konnte. Er setzte sich in einen Winkel des Brunnenhauses, um seinem Verdrusse recht nachzudenken und ihn ganz aufs reine zu bringen. Es erschien ihm wie ein Befehl von Frau Annen, dass keiner, der da Wasser holte am Brunnen nach ihm frage, ihn zum Feste einlade, ja dass manche sogar seinem Ansprechen nur kurze Antwort gaben. Er gedachte nicht der Eile, die das ganze Haus zur Bedienung der Gaste mit einem Vesperbrote beschaftigte. Seine traurigen, eingebildeten Geschicke, dass er hungre und niemand ihn zum Vesperbrote lade, schnurten ihm die Kehle zu, er rang die Hande und weinte, dass wieder ein Mensch zu gleichem traurigen Geschicke in die Welt gesetzt und getauft werde. Der Gram offnete sich endlich eine Ader in der Zunge und es stromte eine trauervolle Wahrsagung uber das Kind, das jetzt vom frommen Anno in feierlichem Zuge der Burgerschar, vorbeigetragen wurde.

Auf Menschen sollst du nicht vertrauen,

Sie kennen nur die eigne Not,

Es uberkommt sie leicht ein Grauen

Und du lebst einsam in dem Tod.

Vertrau dem Wort in deiner Seele,

Das dir nicht eigen, du bist sein,

Es dringt aus freudensel'ger Kehle,

Es klingt in deinem Jammerschrein.

Die Glocke wird umsonst geschwungen,

Trifft sie kein harter Hammerschlag,

So wird das Wort von dir errungen,

Du bebst dem Klange lange nach.

Der Kindheit Schrei'n und Freudenlallen,

Hat manchen ernsten Mann belehrt,

Das Wahre muss uns erst gefallen,

Das jeden in sich selbst bekehrt.

Des Paradieses Frucht bewahre,

Der Apfel reift zur Weihnachtszeit,

Und du wirst selbst das ewig Wahre,

Suchst du des Schonen Seligkeit.

Neunte Geschichte

Der Kampf am Brunnen

Frau Apollonia, ihrem Schwure treu, das Haus der Tochter nicht zu betreten, ging von der heiligen Taufhandlung, der sie als Zeugin beigewohnt hatte, sogleich am Brunnen vorbei nach ihrem Hause zuruck. Sie sah Grunewald im Winkel sitzen und meinte, er sei eingeschlafen dort und vergessen worden. Sie trat zu ihm und sagte: "Wacht auf, geht zum Schmause, wenn Ihr gleich die heilige Taufe verschlafen habt." "Ich schlief nicht", antwortete er, "aber ich wollte, dass ich geschlafen hatte, da hatte ich nicht gesehen, was ich nicht sehen sollte." "Was sahet Ihr denn wieder?" fragte Apollonia besturzt. "Ich sage nichts", antwortete er, "ich habe hier sehr ernst nachgedacht uber alle Ereignisse meines Lebens, ich bin ein ganz andrer Mensch geworden, ich will schweigen, wie ein Kartauser; das ewige Reden, Horchen und Wiedererzahlen, was ich nicht lassen kann, ruhrt all den Schlamm in dem blumig bewachsenen Behalter des menschlichen Herzens auf; hier ging einer voruber, der mich auch fur schlafend hielt. Habt Ihr keinen bei der Taufe unter den Burgern vermisst" Apollonia fragte kleinlaut "Anton?" Grunewald nickte, aber er sagte kein Wort, denn er bemerkte Sabinen, die an der Tur ihnen zuhorchte. Apollonia ging mit Achselzucken fort, aber Sabina trat jetzt zu ihm, erzahlte ihm ganz offen, dass sie eine Neigung zu Anton habe, ihre Schwester Verena auch und dass sich Anton gegen sie zwar nicht zartlich anstelle, dass er ihr aber zuschwore, er sei mit ihrer Schwester auch nicht vertraulicher, das habe sie so hingehalten, weil sie geglaubt, es werde noch die Zeit kommen, wo sein Herz gegen sie erwache. Neulich sei sie ihm nachgeschlichen, als ihre Schwester ausgegangen, da habe sie ihn mit Frau Anna in Unterredung gehort und sie hatten aber leise geflustert, dass sie nichts verstehen konnen. Bei dieser ihm zuverlassigen Entwickelung uberlief Grunewald die Galle, er fluchte auf Frau Anna, schwor, dass er keine Stunde langer in der Stadt leben, sondern sich der Kette entreissen wolle, moge Stadtvogt werden, wer Lust habe, mit seiner Zither und seinem Mantel sei er noch immer jung, wenn gleich sein Scheitel kahl und sein Haar grau geworden. Sabina sah ihn verwundert an, wollte ihn halten, meinte, es sei nicht sein Ernst, aber er lief ihr zur Warnung mit Abscheu aus dem Hause, aus der Stadt, wie die Sturmvogel den Schiffern dadurch zur Warnung dienen, dass sie sich selbst in Sicherheit bringen und die Kuste zu erreichen suchen.

Obgleich Frau Anna bei der durch die Kriegsgeschicke so lange verspateten Taufe selbst hatte gegenwartig sein und den Schmaus durch ihre Gegenwart beleben konnen, so war doch das erste gegen die Sitte und das letzte bei der Abwesenheit ihres Mannes unschicklich. Sie hatte Grunewald gebeten, die Stelle des Wirts als Stadtvogt zu ubernehmen, aber sie sah ihn nicht wieder seit dem Morgen, wo sie sich mit ihm gestritten hatte. Sie war daher verwundert, als sie vernahm, er sei nicht beim Mahle erschienen und die Stelle des Wirtes sei noch unbesetzt. Sie erhielt diese Nachricht in unbequemer Uberraschung durch Verena, die sie an den Schenktisch gebannt glaubte, nachdem sie schon Anton in ihre Zimmer und zwar zuerst in das gefuhrt hatte, wo Meister Sixt an dem grossen Familienbilde gemalt hatte, um sich die Farben vor der Dunkelheit zu bereiten. Gleich schickte sie das Madchen mit der Bitte zur Mutter, dass sie diese Stelle ubernehmen mochte. Diese schlug es ihr rund ab, noch tiefer gekrankt durch das, was ihr Grunewald vertraut hatte. Die Gegenwart der Mutter hatte vielleicht dem Ungluck vorgebeugt. Anna sagte verdriesslich zu Verena, sie solle zuruckeilen, den Ehrenplatz des Wirts moge einnehmen, wer da wolle. Kein Burger hielt sich bei der Abwesenheit des Burgermeisters zu dieser Ehre bestimmt, so kam's, dass sich Graf Konrad dahin setzte und Faust, den er auf einmal vertraulich kennen und zu ehren schien, die Oberstelle neben sich einraumte, was manche Burger so krankte, dass sie augenblicklich das Fest verliessen. Den andern versenkte der gute, alte Wein aus Bertholds Keller allen Arger, Sorge und Vorsicht, viele Gesundeten wurden von Konrad aufs Wohl der Stadt ausgebracht. Auch der Tanz wurde nach Aufhebung der Tische mit freudig taumelnden Herzen von der Jugend, unter Konrads Anfuhrung ausgefuhrt, wahrend Faust mit Kunststucken, die fast wie Hexerei aussahen, die alteren Leute und die Kinder um seinen Tisch sammelte. Er fragte nach manchem, endlich auch nach Anton, aber keiner hatte ihn gesehen. Doch Sabina trat zu ihm und sagte ihm etwas ins Ohr. Gleich warf er sein Kartenspiel fort, sprang vom Tische auf und redete mit Konrad leise.

Unterdessen war Anton sehr fleissig gewesen. Als der Aufgang des Vollmonds nahe schien, glaubte es Anna die rechte Zeit, Anton in ihr Schlafzimmer zu rufen. Sie loschte das Licht als ob sie zu Bette gegangen, und rief ihn nicht ohne Zagen hinein. Anton wurde von ihr aus einer Traumerei erweckt, deren Gegenstand sie war. Diese Vertraulichkeiten waren ihm gefahrlich, die Heimlichkeit erregte sein Blut, dass er furchtete, nicht sicher und ordentlich malen zu konnen. Er trat ein mit den Farben und legte alles auf das Fensterbrett, aber da es noch nicht hell vom Mondschein, so setzte er sich zu Anna in die Nahe des Fensters, wo sie den Aufgang des Mondes beachten konnten. Sie sprachen gleichgultige Dinge, aber doch fuhlte er ein Niegefuhltes, uber das er nie Herr werden konnte, in sich jung werden, alle Seligkeit, welche ein jugendlich traumendes Herz in der Liebe ahndet. Wie ein Mauslein, das einen reichen Tisch im Dunkel wittert, sich aber noch nicht verraten mag, so sass er still mit glanzenden Augen und immer rief es in ihm: das ist meine Nacht, meine Anna, mein Haus, mein Kind! Auch Anna fuhlte ein Wohlwollen gegen ihn, dass er sie aller Sorge entreissen wolle, indem er das Bild andre und nach Nurnberg ziehe, und sprach zu ihm: "Lieber Anton, hier ist Reisegeld nach Nurnberg!" "Es ist noch nicht verdient", erwiderte Anton, "Ihr seid so gut, jetzt tut es mir erst leid, dass ich wandern soll, aber ich will Eurer Unterstutzung Ehre machen bei Durer; ich komme wieder als ein beruhmter Meister, oder nimmermehr." Nimmermehr, dachte Anna, aber sie sagte es nicht, um ihn nicht zu kranken. "Die Zeit wird auch kommen", sagte sie. Er hatte sich vor ihr auf ein Knie niedergelassen und ihren Fuss gekusst, sie druckte mit dem Fuss ganz leise seine Hand, die er ihm als Teppich untergelegt hatte. Die Bluten der Orangen wehten jetzt ins offene Fenster und Anna sagte: "Steht auf, Anton, der erste Rand des Monds steigt uber die Hauser, wie ein umgesturztes Glutschiff, er ruft zur Arbeit, dass er nicht untergeht, ehe Ihr fertig seid." Sie wollte ihm die Hand reichen, um ihm aufzuhelfen, aber, nach dem Monde schauend, verfehlte sie die Hand und fuhr uber den schonen Umriss seines Gesichts, dass er sich lebendig in ihr gestaltete, sie hatte ihn in Ton darstellen konnen, wenn sie die Bildnerei damals schon getrieben hatte. "Nun weiss ich, wie es den Blinden geht", sagte sie verlegen, "und wie sie die Leute kennen!" Und er entgegnete: "Und ich weiss nun, wie einem Menschen zu Mute, der sehen lernt, denn mit Eurer Hand kamen mir die ersten Strahlen ins Auge und nun sehe ich schon Euer Antlitz im Mondenschein." Er erhob sich und sehnte sich zu ihrem Munde, denn seine Hande waren von der Arbeit gehartet und er furchtete mit einem Druck derselben sie zu verletzen, so schwankte er nach ihrem Munde und wieder zuruck und er konnte sie nicht erreichen, denn schon stand der reine Mond uber der Erde und die Wolkenengel verbargen scheu im Kreise umher ihre Angesichter unter farbigen Flugeln. "Der Mond ist rund und voll", sagte Anna, "er schaut durchs Fenster, wie Ihr damals an meinem Hochzeitmorgen, der Markt ist leer, druben ist alles beim Tanze eifrig versammelt, eilt Euch lieber Anton; hier ist der Mantel der Verena, hangt ihn um, diese Tucher uber die Leine, so kann Euch niemand sehen, viel weniger erkennen." Anton folgte ihrem Befehl ohne Anstand und, wie er so verkleidet hinaustrat, stand nicht Anna, sondern das heilige Bild vor seinen Augen, das ihn am Morgen mit seinem Umriss begluckt hatte. Die Beleuchtung war hinlanglich, er hatte ohne Licht sehen konnen, so war seine Stimmung. Kein Pinselstrich misslang, die kraftige Farbe uberdeckte bald die schwachere seines ersten Bilds, das in seinem Umriss sehr leise und sogar unbestimmt gehalten war.

Kaum zwei Stunden angestrengter und doch nicht gefuhlter Tatigkeit bedurfte es, um beide Gesichter dem Hoheren zu nahern, was seiner Seele vorschwebte, aber ohne zu zerstoren, hatte er jetzt in den nassen Farben nicht weiter ausfuhren konnen. "Fur diese Hohe wird es gut genug ausgefuhrt sein", sagte er zu Annen niederblickend, die ungeduldig der Beendigung harrte. "Es ist gewiss recht gut und beendigt", sagte sie und reichte ihm den Arm, dass er sicher von dem Blumenbrett auf den Stuhl und von da zur Erde kam. "Euer Geld ist wohl verdient, denke ich", sagte sie ihm dann, indem sie ihm einen Geldbeutel in seine Tasche steckte; "Ihr habt so eifrig gemalt, es wird gewiss ein tuchtiger Maler aus Euch, ich habe Euch so in aller Stille beobachtet." "Darf ich denn keinen Augenblick zum Abschiede in Eurer Nahe verweilen", antwortete er traurig, "wer weiss, ob wir uns je wieder sehen, Krieg und Pest wuten in der Welt." "Hier durft Ihr nicht weilen", sagte Anna, "aber ich will Euch noch auf einige Schritte bis zur Hausture das Geleite geben, damit Ihr heute meinen guten Willen gegen Euch kennen lernt; morgen fruh durft Ihr nicht mehr unsern Turm sehen, das gelobt mir, Ihr mochtet sonst das Geld vergeuden." Anton versprach's und beide gingen leise die Treppe des leeren Hauses hinunter zum Haustore. Das Tor war aus Vorsicht vor den Leuten, die alle zum Tanz hinuber nach dem Rathaus gelaufen, fest verschlossen. Unbekummert wendeten sich beide nach dem Garten, gingen in der gekuhlten Nachtluft einige Schritte in den Gangen und setzten sich dann am Brunnen. "Rauschte nicht etwas neben uns?" fragte Anna und wollte schon wieder in ihr Haus zuruckkehren. Aber es fiel ihr ein, dass Anton konne erkannt werden, und sie fuhr fort: "Es ist gut, dass Ihr vergessen habt, den Mantel Verenas abzulegen, hier setzt noch meinen Schleier auf, so wird Euch keiner erkennen bei der Menge fremder Menschen, welche der Sonntag und die Taufe in die Stadt gefuhrt hat." Eben wollte sie fortgehen, da horte der Brunnen zu fliessen auf, sie bemerkte diese wunderbare Erscheinung und sagte: "Seht, da ist die Arbeit doch vergebens gewesen, er hat die Durre dieses Monats nicht uberstanden, er ist eingetrocknet." "Es ist nur der Uberfluss", meinte Anton, "der uberzufliessen aufhort, fur Euer Haus ist er immer noch reichlich gefullt." "Der Uberfluss ist doch schon", sagte sie, "ich wollte nicht, dass es ein Vorzeichen fur das Schicksal unsers Hauses wurde."

So sprachen sie noch ihre Gedanken aus uber den seltsamen Vorfall und keiner dachte an sich, da horten sie die Musik des Kehraus in dem Hause der Mutter und sahen viele Kerzen. Anna hasste diese Tanzweise, sie wollte sich fortfluchten nach ihrem Hause, aber gleichzeitig kam ein andrer Zug mit der verhassten Musik durch ihr eignes Haus in den Garten. So waren sie in dem Brunnenhause eingeschlossen und mussten hoffen, dass keiner der beiden Zuge dahindrangte. Aber wie verabredet zu ihrem Verderben, sahen sie jetzt Faust mit seinem Zuge der zum Schlusstanze geordneten Paare von der Mutterseite und Graf Konrad mit gleich starkem Zuge vom Hause gegen den Brunnen ziehen, bei Faust leuchtete Sabina mit einer Fakkel voraus, bei Konrad Verena. "Gewiss hat Sabina uns hier gesehen", rief Anton, "wie werden sie Euch alles zum Schaden deuten, lebt wohl, ich verberge mich im Brunnen, ich verstehe das Untertauchen." Aber Anna hielt den Ubereilten an dem Mantel fest, auch trat schon Faust mit seinem Zuge, von einer Abteilung Musiker begleitet, herein. "Teufel", rief Faust, "da finde ich endlich eine Tanzerin, waren doch alle andern schon gepaart", und nahm die Hand Antons, indem er zu Konrad, der mit seinem Zuge von der andern Seite eindrang, unter boshaftem Lachen die Tanzreime des Kehraus sang: "Und als der Grossvater die Grossmutter nahm, da war der Grossvater ein Brautigam!" Konrad ergriff mit gleichem Ungestum Frau Annens Hand, und so ging's in dem Drange von beiden Seiten um den Brunnen herum. Faust machte mehrere Bewegungen mit Durchschlingung der Arme, um Anton Schleier und Mantel zu entreissen, aber beide waren durch eine zum Knoten gezogene Schleife befestigt. "Holde Schonheit", schrie endlich Faust zu Anton, "ich kann nicht mehr leben, wenn ich dich nicht sehe." Anton wagte jetzt sein Letztes, er sprang zu Konrad, und raunte ihm ins Ohr: "Ich bin Anton, dein Bruder, rette mich gegen den Zudringlichen!" Aber Konrad antwortete laut: "Hort, dies Riesenmadchen ist ein Mann, seht ihn an, Frau Anna mag viele Manner um sich leiden, wenn sie nur einen Schleier tragen." Er hatte in dem Augenblicke das Drachenmesser aus Frau Annens Gurtel gerissen, um jenes Band am Schleier, zur Beschamung Annens, aufzuschneiden. Faust aber schlug so begeistert den Takt des Tanzes umher, dass er dieses Messer tief in Antons Arm an eben der Stelle einschlug, wo er damals die Ader offnete, um die Transfusion des Blutes zu bewirken. Ein Blutstrahl sprang aus der Ader uber den Brunnen nach Frau Annen hin, Mantel und Schleier sank von der Schulter Antons, alle erstarrten und Konrad rief: "Ich bin unschuldig an dem Blute!" Frau Anna sank erblasst am Brunnen nieder, ihr letztes Wort war: "Fluch und Rache uber euch!" Anton sah und horte nur sie und sein Zorn machte sich frei. Mit einem Faustschlage traf er Faust, dass er an die Seite taumelte, mit dem andern Konrad, der ihn halten wollte. Das Geschrei der Frauen verkundete gleich ausserhalb Mord und Totschlag, Konrad sturzte blutend aus dem Brunnenhause.

Die Reisigen waren gleich beisammen, sie sahen ihres Fuhrers Blut, sie nahmen ihn in ihre Mitte, zogen ihre Schwerter und machten sich Luft, um nicht im engen Gartenraume von den Burgern, die sie dazu eben vorbereitet und im Werk glaubten, gegen die Mauern gedrangt und erschlagen zu werden. Haring rief nahe den Reisigen die Burger zusammen, aber ehe er noch seinen Degen aus der Posaune ziehen konnte, sturzte ihn ein Reisiger auf die Posaune, diese schob sich zusammen und die Spitze des Degens in seine Kehle, so dass er als der erste Tote fiel. Die Burger konnten in Uberraschung erst allmahlich zu ihren versteckten Waffen kommen, sie konnten den Auszug der Reisigen aus dem Garten und dem Hof auf den Rathausplatz nicht hindern, wo diese sogleich die Hauptstrasse besetzten, um zu ihren Pferden zu gelangen und im Notfall abziehen zu konnen.

An Harings Blute erhitzte sich das Blut aller Burger. Umsonst suchten verstandige Frauen und Tochter ihre Manner und Bruder von dem Kampfplatze in ihre Hauser zu ziehen, weil die Strassen in diesem Augenblicke noch grosstenteils frei waren, wahrend torichte Frauen aus Harings Verwandtschaft ihre Manner zur Rache aufriefen, indem sie ihnen schworen, dass sie ihnen jeden Schimpf antun wollten, wenn sie das von den ubermutigen Reisigen litten. Der Burgermeister Kranz vermehre das wilde Geschrei mit seinen Klagen um den Faust, den er blutig fortfuhrte; er hatte keine Seele, um auf die Leute in gutem zu wirken, und kein Herz, sie in den Streit zu fuhren. Sein Schwager, der durre Jager, vereinigte dagegen alle Burger, die sich allmahlich bewaffnet einfanden, mit dem Geschrei: "Blut will Blut, wir sind zehne gegen einen."

So tobte die Menge der Burger ihm nach auf den Marktplatz, die Reisigen anzugreifen: wahrend dort das Geschrei, das Rasseln der Rustungen, das Schlagen der Waffen, das Trotzen und Aufmuntern der Mutigen, mit allem Jammer und Hulferufen der Bedrangten und der Frauen aufloderte, das Getrappel der Pferde, das Bellen der Hunde mit Feuerlarm sich mischte, versank der Garten in eine tiefe Totenstille.

Anna erwachte erst in dieser Stille, eine niedergefallene Kerze hatte ihr Haar ergriffen, sie glaubte in Feuer zu stehen, aber in dem Augenblicke, wo sie sich bewegte, sank das Haar knisternd in das Brunnenbekken, neben welchem sie lag. Das Haar war verloren, wie bei einer Nonne, ihr Leben war gerettet, sie besann sich und ergriff die Kerze, welche am Boden lag, und richtete sich auf. Da erkannte sie, dass sie nicht getraumt habe, und sah Anton entseelt ausgestreckt uber die Stufen des Brunnens; mit seinem Zorne war auch seine Kraft um so schneller durch die geoffnete Ader entstromt. Sie sah ihr Kleid von seinem Blute gerotet, es rief in ihr mit einer fremden Stimme, als ware es Berthold, der es ihr zuriefe: "Armer Anton, junges Blut!" Und sie musste mit Verzweifelung sich zurufen: "Anna, Alma, du tragst sein Blut, du tragst die Schuld seines Todes, der Brunnen der Gnade hat aufgehort zu fliessen, du kannst deine Seele nicht rein baden."

Wer mochte ein zweites Erdenleben um die Verzweifelung eines so reinen Herzens erkaufen! Guter Berthold, du warst betrogen, armer Anton, dir kostet's dein junges Blut! Die Verzweifelung trieb Annen, jedes Mittel zu versuchen, das ausstromende Blut von Antons Wunde zu stillen, sie schrie umsonst nach Hulfe, die Raserei und die Furcht des Kampfes betaubte alle Bewohner der Hauser. Sie zerriss Schleier und Mantel, um das Blut zu stillen, aber es war zu machtig in seinem Andrange. Endlich kniete sie nieder, als ihre Kraft, ihre Einsicht erschopft waren, flehte zu allen Heiligen, denen sie sich je empfohlen, und heftete ihre Lippen auf die Wunde, ohne zu wissen, was sie tat. So still betend hoffte sie zu vergehen, und zugleich mit dem, dessen Tod sie in falscher Klugheit verschuldet, vor dem Richter der Welt zu stehen.

Wird sich die Wunde nicht schliessen bei dem Gebete, bei dem Drucke so schoner Lippen! Der Larmen des Kampfs stillt sich, die Reisigen drangen sich fliehend zum Tore hinaus, die Burger ihnen nach: die Verwundeten sind heimgetragen, die Toten schweigen und die Nacht wird still, dass Anna die Muhlenrader in der Rems und die Rader der Turmuhr in ihrem festen, gleichen Gange zusammen horen kann mit ihrem heftig schlagenden Herzen. Ein Glaube dringt mit dem Glanz der Sterne in ihr Herz, sie werde vergehen, oder Anton werde mit der Sonne erstehen, die Augen aufschlagen, sie von der Schuld seines Todes befreien und ihre Unschuld bezeugen, wie der gluhende Stahl in der Hand angeklagter Frauen ihre Unschuld im Gottesgerichte beweist. Ihrer Unschuld sich bewusst, druckt sie ihn so fester an sich, schliesst die Todeswunde um so fester mit ihren Lippen, ihre Lippen mit ihrem Gebete, ihren Gram mit ihrem Glauben und wird nicht mude dieses angestrengten, heilenden Willens. Alle andre Sorge schweigt in der einen um Antons Leben, keine Ahndung sagt ihr, dass Berthold von derselben Gewalt, die ihn heilte, entseelt auf den Leichensteinen seiner Voreltern ruht, keine Ahndung ruft sie an die leere Wiege ihres Kindes, das jetzt gebettet in Konrads Stahlschilde von hartem Trabe eingewiegt wird. Faust hat es entfuhrt und dem Grafen Konrad ubergeben, Verena ist dem Hause entflohen, als sie das Kind nicht gefunden hat, und Apollonia ins Kloster gefluchtet, dem sie einst vorzeitig entrissen wurde, um dort ihre Tage zu beschliessen. Welch ein Morgen, der solchen Jammer erhellt, aber Anna hofft auf Zeichen und Wunder. Anton wird erwachen, das glaubt ihr Herz, das erfullt ihre Gedanken, wie die Verheissung des ewigen Lebens die glaubige Seele, dass sie der irdischen Sorge entrissen, den Himmel mit ihren betenden Lippen zu beruhren, mit ihren ausgestreckten Armen zu umfassen glaubt.

Zweiter Band

[Aus dem Nachlass]

Vorwort [von Bettina von Arnim]

Zum Erstdruck 1854

Der erste Teil endet mit Annens feurigem Gebet um Antons Leben. Indes der Kampfeslarm sich verzieht, die Reisigen aus den Toren fliehen, die Burger nachdrangen, Verwundete hineintragen und die Toten in lautloser Nacht verlassen sind, heftet sie, aus besinnungsloser Verzweiflung erwachend, ihre Lippen auf die Todeswunde und schliesst sie mit ihrem Gebet, ihrem Gram und ihrem Glauben, sie werde zu Grunde gehen oder Anton mit der Sonne erstehen und sie von der Schuld seines Todes befreien. Keine Ahnung mahnt sie, dass ihr Kind durch Faust der Wiege entrissen, von Graf Konrad in raschem Trabe davon getragen wird. Keine Ahnung sagt ihr, dass Berthold von Geistern seiner Ahnen fortgerissen durch dieselbe Gewalt, die ihn heilte, jetzt ihn entseelt, zwischen Leichensteinen auf des Stammvaters Gruft niedergeworfen hat. Kein Donnerschlag erweckt wieder den sanft Hingesunkenen, dessen Armader die fremden Blutwellen entstromen, wahrend der Monch, der ihn dahin geleitet hatte, nun vor seinem gehorlosen Ohr von dem schwarzen Gedachtnisstein abliest, wie ein Geschlecht gehe und das andere komme, indes die Erde unbewegt bleibe.

Im Eingang dieses zweiten Teils der Kronenwachter deutet alles darauf, dass hier noch kein befruchtendes Gewolk auf ihn niedergeregnet war, um ihn von dem Staub, der auf Pergamente sich senkt, denen der Tatenlauf von Jahrhunderten vertraut ist, zu befreien. Der Geist, der diesen ersten Teil aufzeichnete, war langst entflohen, ehe er den folgenden mit letzter Hand beruhrt hatte, daher sein Werk nicht vollig mit den Ereignissen des ersten ubereinstimmt, obschon ein harmonischer Einklang gefuhlt wird, der den Verehrern dieses schonen, feurigen Buchs um so anregender sein muss, weil er sie auch tiefer in die Werkstatte desselben einfuhrt, der noch einmal aus seinem Dichterhimmel unter die rollenden Donnergewolke unserer Zeiten herableuchtet.

In diesem zweiten Band ist das Kind Oswald noch in der Mutter Obhut und Berthold im Grabgewolbe der Waiblinger Burgermeister beigesetzt, auch tritt Faust als fruher noch nicht dagewesen auf, was alles dennoch nur auf Namenwechsel beruht, welche die Uberarbeitung des ersten Bandes herbeigefuhrt haben mag. Anton ist wieder zum Leben erwacht, Anna will aus Mitleid ihn nicht von sich lassen und pflegt ihn in seiner Schwache, obgleich auch die Mutter ihm das Haus verbietet; das gibt neuen Streit zwischen beiden. Anna bewahrt ihren Eigensinn, sie wird das Gespott der ganzen Stadt niemand will mit ihr zu tun haben, die Geistlichen sogar dringen auf eine bessere Lebensweise, ihr Eigensinn mehrt sich. Anton will fort, sie lasst es nicht zu, denn es kommt die Nachricht, ihr Mann sei auf einer Sendung von einzelnen Plunderern aus Herzog Ulrichs Heer umgebracht worden.

Nach Antons Genesung, als er den ersten Schritt aus dem Bette tun sollte, stand sie vor ihm und winkte aus der Ferne, wie einem Kinde, das laufen lernt, und als das Riesenkind auf sie zu kam, da gab sie ihm einen zartlichen Kuss und feine Hemden, die besten aus des Mannes Nachlass. Anton, der vom Liegen doch etwas herabgekommen war, hatte zu viel mit seiner Esslust zu schaffen, um diese Liebeszeichen nach dem vollen Werte aufzunehmen, er dachte erst an die Bedeutung, als ihn einer seiner Kameraden fragte, ob er bald Hochzeit mache? Nun hielt er aber von unnutzen Reden nicht viel, er machte Frau Annen keine weiteren Erklarungen, sondern nach ein paar Monaten, wo die Gesetze weiter nichts gegen eine zweite Vermahlung einwenden konnten, sagte er ihr, er habe nirgendwo so gut geschlafen, wie in ihres verstorbenen Mannes Bette, wo er versteckt gewesen, sie solle ihn wieder dahin betten. Sie nannte ihn wohl einen Grobian, einen Esel, hielt ihm auch eine lange Ermahnung, wobei sie ihm die Halskrause in Ordnung legte, letztlich aber sagte sie, wenn er ihr eine gute Auffuhrung verspreche, so wolle sie sich den nachsten Sonntag mit ihm in aller Stille, wie es einer Witwe gezieme, trauen lassen. Anton war ausser sich vor Freuden, tanzte im Zimmer herum und bat sie, seine Ungeschicklichkeit in dem neuen Stande zu verzeihen und ihn zu belehren, er wollte sicher alles nach ihrem Willen tun. Sie machte ihm nur eine Bedingung, dass er seine alten Kameraden und das Weinhaus nicht wieder besuchen solle; sie hatte alles, sogar Hunger und Durst von ihm fordern konnen, er hatte in dem Augenblicke alles versprochen. Bei der Hochzeit waren nur ein paar Verwandte gegenwartig, viele waren durch das Gerede und durch die Schnelligkeit dieses Ubergangs zur zweiten Ehe beleidigt, doch keiner beneidete Anton, in den Besitz eines so ansehnlichen Vermogens zu kommen; jedermann meinte, wenn es einer hatte sein sollen, so ware es dem armen Schelm doch eher als einem andern zu gonnen. Der erste Monat war ganz glucklich, Frau Anna war so unerschopflich in Zartlichkeiten gegen Anton, dass jeder erstaunte, der sie so kalt gegen ihren ersten Mann gesehen hatte; Anton durfte keinen Schritt ohne sie aus dem Hause gehen, denn ihre Eifersucht war nach Witwenart sehr gross. Anton hatte nun keine Beschaftigung, als mit ihr zu sprechen; er fing deswegen an, was er gelobt hatte, zu erfullen und den Altar in der Kirche, vor welchem er getraut worden, mit einem neuen Bilde des grossen Christophels, dem er geweihet war, zu verzieren, und dazu brauchte er sich selbst als Modell sowie er den kleinen Stiefsohn zum Bilde des Jesukindes brauchte, das jenem so viel Muhe machte uber das Wasser zu tragen, weil es die Welt in seinen Handchen trug. Diese Malerei machte Frau Annen so stolz auf Mann und Kind, dass sie eines Abends einige alte Freundinnen zu sich bat, um es ihnen zu zeigen, weswegen Anton Erlaubnis erhielt, in der Stadt nach Farben und Pinsel sich umzusehen. Ohne an etwas anders zu denken, ging er vor dem Ratskeller vorbei, vor welchem alle seine alten Trinkgesellen unter einem frischen Dache von abgeschnittenem Weinlaube zechten; alle grussten ihn, einer rief ihm, einer sprang auf, fasste ihn beim Arm, er wollte weitergehen, es fasste ihn ein anderer beim zweiten Arm, beide kussten und herzten ihn, fragten, wie er sie so ganz vergessen, ob die Frau ihn unter dem Pantoffel habe; er schamte sich und folgte ihrem Ziehen und Notigen mit langsamen Schritten. Bedenklich sass er am Tische und forderte keinen Wein, da trank ihm ein Gerber auf seiner Frauen Gesundheit ein Glas zu; dem musste er Bescheid tun, er forderte Wein, trank, er fand ihn besser als bei seiner Frau, die ihn heimlich bis zur Halfte mit Wasser mischte, argerte sich uber den Betrug und verlangte einen Schoppen nach dem andern. Da gingen die alten Lieder auf: "Zu Klingenberg am Maine" und vom Muskateller; sein Bass fullte wieder Keller und Markt, die Frau horte ihn mit Schrecken bis in ihrem Hause widerklingen. Kaum waren alle recht lustig, so wurde ein Kartenspiel vorgeschlagen; Sixt war jetzt der reichste von allen, er konnte es nicht ausschlagen, es machte ihm auch viel Spass, sein Gluck zu versuchen. Er gewann erst, dann verlor er und wollte wieder gewinnen, er gluhte vor Ungeduld, ob ihm gleich die Zeit so schnell verging, dass der Wachter langst abgerufen, ohne dass er es bemerkt hatte; das Singen und Toben im ganzen Keller fing eine eigne Welt an, die sich um jene ausserhalb nichts bekummerte, die Kellner liefen mit aufgeschurzten Armeln mit Henkelkrugen, Bechern, Seideln, Kuhlkesseln dazwischen, die Magde brachten geraucherten Schinken, Braten; jeder rief, jeder neckte sich mit ihnen, den stiessen sie fort, jenen stiessen sie an, besonders aber den schonen Anton, den sie immer am schnellsten und besten bedienten und ihm den Rucken klopften, so oft ihm etwas in die unrechte Kehle war gekommen. Die Wirtin setzte ihm sogar einen Kranz von Weinlaub auf den Kopf und kusste ihn als ihren Bacchus, da schrieen die andern: "Frau Wirtin habt ihr uns nicht gern im Haus, faldrida, so jagt uns nur fein gutlich hinaus, faldrida. Aber zum Sturmwind heisst dies Haus, darum leben wir alle im Saus. Ich muss auch einen kriegen, dass alle Balken biegen!" Und der kusste sie alle herzhaft. Da rief einer: "Martialis gefallt unsrer Gnaden, der trank so viel Hochbecher aus, als viel seiner Buhlschaft Name Buchstaben innhielt, so muss mein Buhlschaft Be a er bar, te o to barto, el o lo, tolo Bartolo, em e me, lome, tolo me, Bartolome heissen. Alsdann werd ich ihr des ofter gedenken, je ofter man wird einschenken. O ihr lieben Weiber, wie ein guter Fund fur euch, auf diese Weise konnen die Manner beim Wein euer nicht vergessen, lasset nur tapfer einschenken, heisst eine schon Anne, so sag sie heiss Peternellule." Bei diesem Ruf konnte Frau Anna, die mit einem Regentuche, als Magd, bedeckt ans offene Kellerfenster geschlichen war um ihren Mann zu belauschen, dessen Stimme sie hatte erschallen horen, sich nicht langer halten, sie rief hinein: "Anton, Anton!" Und die ganze Gesellschaft rief Frau Annen ein Lebehoch und Segen; der lustige Wachtmeister, der eben gesungen, sprang hinaus, nahm sie scherzend bei ihrem Arme, achtete ihres Straubens nicht und zog sie in den Keller hinunter. Durch diese Behandlung war ihre ganze Seele schon aufgebracht, sie musste sich gegen jemand entladen, und da war niemand mehr geeignet als ihr Anton, der alles das Missgeschick veranlasst hatte; sie trat zu ihm und rief, dass er mit ihr kommen solle, aber er sah eben einen Kreuzbuben fallen, der ihm den Stich nahm und gab nicht acht. Sie trat naher und rief nochmals: "Aber Anton!" und winkte ihm, er aber schuttelte argerlich mit dem Kopfe, weil es nur an einer Karte noch hing, ob er alles Geld, was er bei sich hatte, verloren; da sangen Seger und Melchior zweistimmig: "Die Weinlein, die wir giessen, die soll man trinken, die Brunnlein, die da fliessen, die sollen blinken. Und wer ein steten Buhlen hat, der soll ihm winken: ja winken mit den Augen und treten auf den Fuss, es ist ein harter Orden, der seinen Buhlen meiden muss, und noch viel harter, dass ich dies hohe Glas aussaufen muss." Wahrend dieses Gesanges war sie dicht an sein Ohr herangetreten und sprach halblaut hinein: "Horst du nicht, du roter Weinschlauch mit deinem Kranze, ich habe es wohl gesehen, wie dir die Metze den Kranz aufgesetzt hat und einen unehrlichen Kuss dir gegeben, ja lebte noch mein Mann, sie sollte Busse tun; horst du noch nicht? Da siehst du auf Herzdame, statt deine ehrliche Frau anzusehen, die dich erst zu einem Manne gemacht; was warst du denn, du Tunichtgut, horst du nicht?" Bei diesen Worten wollte sie ihm den Kranz abreissen, der ihm ubers Ohr hing, zugleich sah Anton, dass er von seiner Frau gestort, die Herzdame zu fruh ausgespielt hatte, das Spiel, was er gewonnen hatte, war nun verloren, ungeduldig griff er um sich, um seine Ohren frei zu erhalten und schlug seiner Frau ohne Absicht hinter die Ohren. Da war keine Zeit zum Entschuldigen, schon fiel sie ihm in die Haare, er wusste nicht, wie ihm geschah, und da er nicht sehr empfindlich war und in seinem Haupte ziemlich wankte, so liess er es mit sich geschehen; Seger aber sang: "Frohlich, so will ich singen, schlage dein Weib um den Kopf, ich muss dir diesen bringen, zieh dein Weib bei dem Zopf, das Lied, das will nicht klingen, ich stopf dafur den Kropf." Anton liess alles mit sich manchen, umsonst sagten ihm seine Kameraden, er solle es nicht leiden, er habe zu viel angewohnte Demut gegen sie; er lachte wahrend ihrer Schimpfreden und Schlage, hob sie endlich, als der Wirt kam und sie beide ermahnte, auf seine Arme und trug sie wie ein Kind die Treppe hinauf nach dem Hause und in ihr Zimmer Hier wirkte der Rausch nach, kaum konnte er sie aufs Bett legen, so taumelte er selbst quer uber, das erweckte den Arger der Frau von neuem, uber beide Betten hingesunken, war er eingeschlummert, sie konnte ihn nicht von der Stelle heben und hatte daher nicht einmal ihr eignes Bette frei; bald fasste sie einen Arm, dann ein Bein, es war unmoglich; sie begann ihn zu entkleiden, ob er vielleicht von der Nachtkuhle erwachen werde, dabei stiess und schlug sie ihn, so oft ihre Galle uberlief, aber alles umsonst; wenn sie ihn eben erweckt zu haben meinte, schlug er unerwartet um sich, dass sie einmal gegen den Kachelofen geworfen wurde, und dann druckte er sich noch fester ins Bette. Sie musste sich endlich entschliessen, ihm eine Decke uberzuwerfen und sich selbst gleich ihm quer uber beide Betten zu legen, um ihren Gram wenigstens ein paar Stunden zu verschlafen. Anton wachte fruh auf, er konnte sich erst nicht besinnen, wo er sei, da fiel ihm denn eins nach dem andern ein, und es reute ihn recht herzlich, er hatte seine Frau ungemein lieb und sah auch Tranen in ihren schlafenden Augen, er kusste ihr die Tranen ab und dann ihren Mund; sie aber, die von dem Schrecken und Arger sehr ermudet war, merkte von dem allen nichts, bis er sie zartlich umarmte und sie seiner Freundlichkeit nicht mehr widerstehen konnte. "Ja sieh nur, wie glucklich wir sein konnten", sagte sie ihm, "wenn du keine dumme Streiche machtest; ich bin doch wahrlich noch hubscher als das freche Wirtsweib und kusse dir gern einen Kranz statt des Kranzes, den sie dir aufsetzt, und Wein geb ich dir, so viel du magst, alle Tage deine neun Mass und Sonntags einen richtigen Ehrentrunk, was kann dir denn dabei fehlen?" Der aufrichtige Anton konnte hier nicht unterdrucken, dass er die Wasserverfalschung an dem Weine entdeckt; das argerte die Frau, sie fuhr auf und sagte: "Reinen Wein willst du Tagediebe gib mir Geld dazu! mein voriger Mann, der so viel verdiente, trank nie andern als den ich dir gebe; ja, denk nur einer, bald wird dir nichts mehr gut genug sein, und sonst nahmst du mit allem vorlieb." Anton, der ein Feind vom Zanken war, beruhigte sie mit Liebkosungen, er war in der schonsten Friedenszeit nie so zartlich gewesen, wie heute nach dem ersten grossen Streit. Das versohnte die Frau bis zum Nachmittage, wo ihr schon allerlei Geruchte von dem gestrigen Ereignisse zu Ohren kamen, die sie gar sehr argerten. Sie fing von neuem an gegen Anton zu knuttern, der sich zu seinem Altarbilde recht begeistert gesetzt hatte; sie sagte ihm, wie sie gestern bei dem Bilde, als sie es den Frauen gezeigt, ihn vor allen Mannern herausgestrichen habe, wie fleissig, wie ordentlich er geworden, wie er nie mehr zu Wein gehe und mitten in der Unterredung habe sie seine Stimme im Keller gehort, und wie ihr das wehe getan, das konne sie nicht verschmerzen, die Frauen hatten sie angesehen und nicht gewusst, was ihr fehle. Als jene aber weggegangen, da sei sie ihm nachgegangen und habe ihren Jammer im Keller gesehen, und nun fing sie mit allen Vorwurfen und Klagen ihm die Geschichte zu wiederholen an, dass Anton nach ein paar Stunden in heller Verzweiflung aufstand und unter dem Vorwande sich Farben einzukaufen, vor dem Tore in frischer Luft sich zu ergehen beschloss. Er kam auf einen freien Platz mit Baumen, wo er oft mit seinen Kameraden Ball geschlagen hatte, er dachte sich, mit welcher Ungeduld er sonst dahingeeilt und fur alle Qualereien seines Vaters hinlanglichen Ersatz mitten im Staube gefunden, in dem sie sich getummelt, wie sie die Garten listig beraubt, die Kuhe auf der Weide ausgemolken und wie sie sich so vielerlei gedacht, was aus ihnen werden sollte, Ritter und Rate mit goldenen Ketten und Spornen, und wie aus allen so wenig geworden. Er dachte des guten alten Burgermeisters, wie ihn der in aller ritterlichen Ubung unterrichten lassen, und wie ihm alles so wohl angestanden; er dachte, wie ihm die Welt sonst so weit gewesen und wie er nun Abends nicht uber seiner Frauen Kammerschwelle hinausschreiten solle. In dem Augenblicke kam Seger ganz allein den Weg zu ihm heruntergeschritten und fragte scherzweis: "Nun, hat's noch viel Schlage von der Frau gesetzt, oder hat sie Euch gar weggejagt? Hort", fuhr er fort, "ich rate Euch als Freund, verliert Eure Hosen nicht in den ersten Momenten, Ihr bringt sie sonst niemals wieder; so einer Witwe musst Ihr den Daumen aufs Auge setzen, um sie nach der Hand zu ziehen, ich weiss es aus Erfahrung, mein Weib wollt es eben so machen jetzt muss sie kuschen. Ich bin Euch gut, Ihr seid ein Kerl, der uberall sein Gluck machen kann bei Weibern und bei grossen Herren, was wollt Ihr bei dem Weibe verjammern? Kommt mit in das Jagerhaus, es ist jetzt gut Wildbret und Wein dort, Eure Kameraden, an die Ihr gestern so viel Geld verloren, kommen auch, Ihr musst es ihnen wieder abnehmen." Anton war durstig und er schamte sich zu sagen, dass er seiner Frau wegen schon nach Hause musste; er schlenderte mit in das Jagerhaus, kegelte erst einen Stamm ab und beredete sich mit dem Jager zu einer grossen Jagd am andern Tage, dann kamen seine Spiessgesellen, und er spielte und trank mit ihnen. Das Gluck hielt diesmal zwischen ihm und den andern die Waage, es wurde ihm so behaglich, Seger erzahlte gute Schwanke aus dem Kriege, wie er mit Sickingen gegen Koln gezogen, wie sie die Monche geargert, dabei fluchte er auf den Papst, mit dem man damals aus allerlei Grunden unzufrieden war; es wurde von Luther erzahlt, wie der des Papstes Bullen verbrannt. Anton bewunderte den tapfern Mann und hatte gern sein Bildnis malen mogen. "Seinem Bilde mussen wir folgen", sprach Seger; "wahrhaftig, die Geistlichen sollen uns hier nicht mehr mit Beichte und Ablass martern und abschatzen." Daruber kam es zum Streit, wobei Anton mit seiner Starke Frieden stiftete. Erst um zwolf Uhr kam er ziemlich bezecht, doch wohl bei Sinnen in sein Haus zuruck, wo alles in der grossten Verwirrung durcheinander lief, Frau Anna war auf den Gedanken gekommen, weil sie ihm den Nachmittag so viele Vorwurfe gemacht, er mochte in die weite Welt gelaufen sein, und nun fuhlte sie erst recht, wie lieb sie ihn hatte; mit grosser Ungeduld hatte sie Boten auf alle Strassen abgesendet, an alle Tore geschickt, es war ein Larm in der Stadt geworden, Meister Anton Sixt sei davongelaufen, und alles, was noch im Hause deswegen auf und versammelt geblieben, war verwundert, ihn so frohlich und ruhig eintreten zu sehen. Die Frau war ganz elend vom Schrecken, sie lag bleich auf einem Ruhebette; als sie ihn aber so frohlich ankommen sah, sprang sie doch aus Arger auf und uber ihn her, er aber sah sie gross an, wie ein Adler, der einer Grasmucke die Eier ausgetrunken, die ihm dafur auf den Rucken gesprungen und mit dem Schnabel hackt. Er fragte mit grossen Augen, was denn das bedeuten solle, und erfuhr von den Magden die ganze Geschichte. Diesen offentlichen Larmen nahm er ernstlich ubel, er schwor, er sei Herr im Hause, und wenn sich noch einer unterstehe, ohne seinen Befehl so etwas zu tun, so werde er ihm Arm und Beine entzwei schlagen. Dabei schlug er so grimmig auf den Tisch, dass die Frau in Angst geriet und ihm gute Worte gab; sie wollte ihn auch liebkosen, aber er wies sie von sich. Alle waren uber Herrn Anton verwundert, der bisher kaum etwas im Hause sich zu erbitten erlaubt hatte; schon den nachsten Tag sah er die Wirkung seines Ernstes; wahrend seine Frau noch heftig mit ihm zankte, kam der Hausknecht und fragte ihn, was fur Wein er holen solle. Die Frau wollte vor Arger umkommen, aber er bestellte sich einen teuren Wein und liess sie toben, dass er ihr alles Geld verschleudere. Wollte sie von nun an ein gutes Wort von ihm haben, so musste sie ihm Geld geben, so viel er haben wollte, und stillschweigen, wenn er Abends aus den Weinkellern nach Hause kam, nachdem er tagelang mit ihnen auf der Jagd gelegen, die ihm eine unuberwindliche Leidenschaft geworden. Seine Ausgaben uberstiegen bald alle ihre Einnahmen, ans Malen hatte er nicht Zeit zu denken, aber ihre Liebe zu ihm nahm immer zu; sie machte ihm taglich Vorwurfe, auch schlug sie wohl zuweilen, aber das half alles nicht; sie schickte deswegen die Geistlichen uber ihn, dass sie ihm das Abendmahl versagen sollten.

Anton merkte bald, woher dies stamme, und argerte sich uber diese Pfaffenwirtschaft, durch die seine Frau ihn regieren wollte, er besprach sich mit Seger und andern in der Stadt, die heimlich Luther zugetan waren und erklarten, dass sie das Abendmahl kunftig nur unter beiderlei Gestalt annehmen wollten. Die Geistlichen betrieben die Sache fur jetzt nicht weiter, sie waren unter sich uneinig und sahen, wie viele Anhanger die Kirchenverbesserung unter ihnen gewonne; Frau Anna hatte an ihnen keine Hulfe in ihrem Grame, insbesondere, als Anton das neue schone Altarbild in die Kirche geliefert hatte; sie sagten ihr, dass eine christliche Ehefrau ihrem Manne in allen zeitlichen Angelegenheiten dienen und nachgeben musse. Das war eine harte Zeit fur Frau Anna, insbesondere, da sie sich ihrer zweiten Niederkunft naherte und Anton immer leichtsinniger in allerlei Verschwendung wurde. Sein frohliches Wesen und gute Lebensart hatte ihn einigen Rittern der Gegend empfohlen, mit denen er jagte, auch ein paarmal zu Fehden mitritt, wobei er sich den Ruf eines sichern unerschrockenen Mannes erwarb. Da er halbe Wochen bei ihnen zugebracht hatte, so besuchten sie ihn wieder in der Stadt, was Frau Anna bei der gewohnten Achtung, die sie im geringen Herkommen gegen den Adel der Gegend hatte, nicht wenig in Verlegenheit setzte. Anton zog sie mit ihrem angstlichen linkischen Wesen auf, und jedem solchen Besuche folgte ein Strom von Tranen, die sie aus Arger uber sich vergoss.

Unter solchen Bekummernissen wurde sie glucklich von einem prachtigen Jungen entbunden, der frohlich in die Welt lachte und sie zornig anschrie. Das Kind war aber ein Nimmersatt wie ihr Mann, dessen Namen Anton es auch in der Taufe erhielt; sie gab ihm zwei Ammen. Der grosse Anton hatte diese Zeit in stetem Jubel verprasst; er benutzte ihre Schwache, um einmal alles im Hause durchzusehen, Kisten und Kasten, um zu wissen, ob ihr Jammer uber seine grossen Ausgaben wirklich einen Grund hatte. Nun fand er freilich, dass manche grosse Kiste nichts als unbedeutendes altes Gerat enthielt; so fand er auch jenen verrosteten Degen und den durchlocherten Beutel, den ihr Kurt aufgefunden hatte, doch erstaunte er uber die Menge Leinen und anderen Vorrate.

Als eine torichte Pracht erschienen ihm die alten Pokale von des Burgermeisters Ahnherren, weil niemals im Hause daraus getrunken wurde. Er nahm im Spass ein Paar mit auf den Ratskeller und bewirtete seine Freunde. Ein Rosshandler, der gerade durchreiste, bezeigte seine Lust, sie zu kaufen, wahrend er einige seiner schonsten Streithengste vorbeireiten liess. Da war nun ein Apfelschimmel, der die ganze Neigung Antons auf sich gezogen; er konnte die Seligkeit kaum uberschlagen, so ein Pferd taglich zu reiten, was alle Ritterpferde in der Gegend weit ubertraf; er selbst trat dem Kaufmann mit der Frage entgegen, ob sie tauschen wollten, und der Mann liess es sich gern gefallen, die Becher anzunehmen, die mit goldenen Denkmunzen bedeckt, den Henkel mit Edelsteinen besetzt, als Hauptschatze des Hauses geachtet wurden. Anton machte diesen Tausch heimlich, so dass keiner seiner Freunde ihn warnen konnte; er war ganz selig daruber, aber er furchtete gleich, dass die Geschichte seiner Frau zu Ohren kommen mochte, deswegen beschloss er, ein paar Tage bei dem Ritter von Wieringen, seinem liebsten Jagdfreunde, zuzubringen. Er ritt noch den Abend fort und liess es seiner Frau durch Segen sagen, die bei dieser Veranlassung in bittre Klagen uber ihn ausbrach, dass er ihren Mann verfuhre. Seger meinte, sie mochte sich nur auch verfuhren lassen, und ihnen ware beiden geholfen, woruber die Frau in grossem Zorne ihm das Haus verbot. Seger liess einige drohende Worte fallen und sein Fluch ging noch in derselben Nacht in Erfullung. Viele haben behauptet, er mochte selbst die Ursache des Unglucks sein: das grosse Vorwerk vor der Stadt, woher Frau Anna ihre Einnahme zog, brannte bis zum Grunde ab. Sie raufte sich die Haare aus und weinte uber ihre unglucklichen Kinder; endlich sagte sie aber mit Hiob: der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobet; doch hatte sie gern ihren Herrn im Hause gehabt, um ihm ihre dringende Ermahnungen vorzutragen.

Gegen Mittag kam Anton, aber in welchem Zustande! Er wurde von einem Bauer mit Ochsen herein gefahren, so gelahmt und zerschunden hatte ihn nach mutiger Gegenwehr ein Haufen reisiger Knechte liegen lassen, denen nach seinem Rosse gelustet, die ihn uberfallen und es durch uberlegene Zahl nach hartem Kampfe ihm abgenommen hatten; er glaubte, den Rosskamm unter ihnen bemerkt zu haben. Seiner Hausfrau Bewillkommnung war nicht so milde, wie sein trauriger Zustand erwarten konnte; kaum sorgte sie fur sein notwendigstes Bedurfnis, mit Unwillen gab sie ihm seine gewohnten neun Masse Wein und vier Pfund Rindfleisch, die er zum Mittagessen gebrauchte, und kundigte ihm gleich an, dass er nach dem Brandschaden kein solches Mahl kunftig zu erwarten habe. Er war so beschamt, dass er nichts darauf antwortete, sondern seine Frau durch Vorschlage, wie der Schaden zu ersetzen sei, zu zerstreuen suchte; bald meinte er, ob es besser sei, das Vorwerk jetzt zu verkaufen oder es aufzubauen. Die Frau stimmte aber fur das Letztere und meinte, dass dazu die silbernen Pokale und Becher aus des Mannes Erbschaft verkauft werden sollten.

Anton wagte die Augen nicht aufzuschlagen, er dachte sich den Larmen, wenn der Verlust der beiden bedeutendsten Stucke entdeckt wurde, und brachte es durch seine Beredsamkeit dahin, sie zum Verkaufe zu uberreden. Nach acht Tagen, wo Antons unverwustliche Gesundheit alle Beschadigung uberwunden hatte daran mancher andre gestorben ware, ging er nach dem Ratskeiler und wurde bei einem Becher Wein mit dem Wirte eines Kaufs einig, der ganz billig war, da Seger sehr lebhaft fur Anton gesprochen hatte. Aus Dankbarkeit tat er Seger den Gefallen, ihm das Kapital zu einem gewohnten Zinse auf seine Hauser und Garten zu leihen, die sehr ansehnlich waren, sowie auch Seger uberall fur einen wohlhabenden Mann galt. Frau Anna war zwar bose, dass er mit dem schlechten Menschen dadurch in Verbindung bleibe, sie konnte aber das Geschehene nicht andern; auch war sie jetzt mit ihrem Kinde sehr beschaftigt, das so ausserordentlich zunahm, als wolle es den Vater bald einholen. Anton, im geheimen Bewusstsein der Schuld mit den Bechern, wurde in dieser Zeit so demutig wie in der ersten seines Ehestandes; doch begegnete sie ihm mit gleicher Harte, die er wahrend der Zeiten seines wusten Herumlebens in ihr notwendig gemacht hatte. Er dachte auch wieder an die Malerei und verfertigte einen St. Sebastian und einen St. Petrus, die ihm gut bezahlt wurden. Freilich war diese Einnahme immer nur gering gegen die Ausgaben, die ihm solch Bild machte. Um ruhig und ausdauernd zu malen, musste seine Weinkanne nie leer werden; es blieb immer nur wenig ubrig, um die beiden Becher, wie er sich vorgenommen hatte, fruher zu ersetzen, ehe die Frau den Verlust wahrnehmen konne.

Aber ein neues Ungluck storte diesen Frieden von neuem: Seger lief davon und hinterliess so viele Schulden, dass seine Hauser und Garten ihnen nur fur ein Zehntel Ersatz gaben. Die Nachricht setzte Frau Annen ganz ausser sich; sie schimpfte, sie schlug ihren Mann, wo sie ihn traf, und dieser im Bewusstsein, wie viel mehr er noch verschuldet, ertrug alles geduldig. Sie gab ihm nur noch wenig Wein; er malte desto fleissiger, und die Geistlichen gaben ihm grosse Bestellungen. In der Not, worin ihn die Frau erhielt, in der Liebe zu seinem Knaben, die ungemein gross war, fing er an, was er so machte und gemacht hatte in handwerksmassiger Gewohnheit und besondrer Anlage, naher zu betrachten; es kam ihm selbst wunderbar vor, was er hervorbringe; es konnte sich doch nichts von allem in der Gegend damit messen, und seines Vaters Bilder waren neben den seinen kaum zu dulden; insbesondre konnte er nicht begreifen, woher ihm die frommen stillen Gesichter kamen, da er selbst einem lustigen Landsknecht glich, auch nur mit lustigen Leuten gern umging. Da meinte er, das musse wohl von seiner Frau ihm so vorschweben, die bei aller Harte gegen ihn doch immer ein sehr mildes heiliges Gesicht bewahrte, auch fleissig betete; der Gedanke vermehrte seine Achtung gegen sie; er schlich ihr oft nach, beobachtete sie und fand dann immer, dass seine Marien und andere heilige Frauen naturlicher wurden und mehr Beifall erhielten.

Als er sich so mit eigner Gesinnung seiner Kunst widmete und aus dem Handwerke hervorstrebte, griff die von Karlstein verbreitete Bildersturmerei auch bis in diese Gegenden um sich; der Vorwand, den Gotzendienst zu zerstoren, brachte eine Menge liederlichen Volkes zusammen, welche die Kirchen beraubte. Mit grosser Wut sprach Anton in seiner Stadt gegen die Lehre, ja er verfluchte Luther und alle seine Anhanger, weil durch sie dieser Wahnsinn aufgeregt worden, und wirklich hatte seine Stimme sein korperliches Ansehen die Macht, lange Zeit alle in Ordnung zu halten. Endlich drang aber Seger, als Anton gerade wegen der Uberbringung eines Gemaldes abwesend war, mit einer Schar schwarmender Landsknechte in die Stadt und hielt Predigten vom wahren Glauben. Sein Haufe vermehrte sich schnell, und sie wollten eben in die Stadtkirche dringen, die von den Geistlichen stark verriegelt war, als Anton anlangte, von dem Larmen horte, sich mit einem Spiesse bewaffnete und durch Hulfe der Geistlichen auf geheimen Wegen in die Kirche kam, um sie zu verteidigen.

Der Anlauf gegen die Ture ward immer wilder, endlich hob der Haufe ein Stuck Bauholz zur Ture und schwang diese wie einen Mauerbrecher dagegen; die Riegel sprangen und alle, Seger voran, jubelten, dass alles gelungen, als ihnen Anton aus dem Dunkel der Kirche mit donnerndem Fluche und glanzendem Spiesse entgegentrat. "Dass eure Augen ausfallen, ihr Frevler!" rief er mit grasslicher Stimme und stiess Seger, der nicht weichen wollte, nieder. "Du sollst den Herrn nicht betruben, wie du mir getan", rief er weiter, "du sollst noch der Arm seiner Gerechtigkeit werden." Bei diesen Worten ergriff er ihn beim Fuss und schmetterte mit ihm, wie mit einer gebrochenen Keule, auf die rasenden Sturmer los, die von dieser Riesenkraft erschreckt, sich nach allen Richtungen fortfluchteten. "Ihr Wiedehopfen, die ihr euer eigen Nest besudelt", rief er ihnen nach, "habt ihr so viel Herz euren Herrgott anzufallen, und lauft davon vor einem Menschen?" Segern legte er in einen Winkel vor der Kirche, damit dieses Frevlers Leiche den heiligen Boden nicht besudele; jetzt wartete er noch ein paar Stunden als Wachter und ging dann mit einer innern Zufriedenheit nach Hause, um sich bei seiner Frau zu starken und zu erfrischen. Hier erwartete ihn ein neuer Kampf.

Ein Haufen hatte ihn erkannt, war in sein Haus gedrungen, hatte mit entsetzlichem Toben der Frau erzahlt, wie sich ihr Mann gegen sie vergangen habe, wie sie nur aus Mitleid ihr das Leben liessen, hingegen alles andere rauben wollten. Sie waren in dieser furchterlichen Arbeit, als Anton vor das Haus trat: einer schuttete Federn zum Fenster hinaus; ein andrer durchtrat ein Christusbild, das ihn in der Zerstorung noch mild lachelnd anblickte; ein dritter hatte einen Teerpinsel gefunden und besudelte das Bild am Giebel, das zu der Bekanntschaft Antons die Veranlassung gegeben; einer aber, ein gewesener Prediger, schrie ununterbrochen eine Stelle aus dem Propheten Micha I, V. 7: "Alle ihre Gotzen sollen zerbrochen und alle ihr Hurenlohn soll mit Feuer verbrannt werden und will alle ihre Bilder verwusten: denn sie sind von Hurenlohn gesammelt und sollen auch wieder Hurenlohn werden." Diesen Schreier warf Anton zuerst darnieder, dann rannte er schaumend vor Wut, in das offene Haus, und wer ihm nicht auswich, fiel unter seinen Streichen, ungeachtet er seinen Spiess aus Heftigkeit weggeworfen und bloss mit der Faust auf seine Gegner eindrang. Als alle andern gefluchtet waren, legte er zwei Tote und vier Schwerverwundete vor die Tur; da jammerte ihn der Tod dieser Leute, und seine Frau machte ihm harte Vorwurfe, dass er durch seinen torichten Eifer ihnen das letzte zu ihrer Unterhaltung geraubt; es ward ihm zu Mute, als sei nun alles aus. "Sind sie denn auch bei dem Silberzeuge gewesen?" fragte er kalt; er wollte ihr seine alte Sunde mit den beiden Bechern beichten. Da weinte sie statt der Antwort und sagte dann: "sieh selbst zu."

Er ging hinauf und fand die Schranke leer; jetzt fuhlte er, dass er sich und die Seinen auf eine Art ernahren musse, und seine einzige Geschicklichkeit, auf die er bisher rechnen konnte, seine Fertigkeit, heilige Bilder zu malen, die galt nichts mehr, wo so viele hochheilige alte Bilder an allen Orten zerstort oder nur mit Muhe bewahrt werden konnten, wo alle Opfer und Einnahmen den Kirchen versagt wurden; doch fuhlte er in sich eine Art Trost, dass die Geschichte mit den Bechern seiner Frau vielleicht verborgen bliebe und dass er dieser Beschamung uberhoben sei.

Er trat stille in ihr Zimmer, wo sie ganz erschopft mit herunterhangenden Armen auf ihrem Stuhle sass; es war finster, der Mond beschien ihre beiden Kinder, die neben ihr schlummerten; die Kinder kannten ihn noch nicht, und im Herzen der Frau sprach nichts fur ihn; er schien ihr ein schrecklicher Riese, der all ihr Gluck durch sein Ungeschick zerstort hatte. "Ach ware nur mein guter sel'ger Mann nicht gestorben!" rief sie endlich, und er wiederholte: "War nur der gute Burgermeister nicht gestorben, da konnte ich mir jetzt schon ritterliche Ehre erfochten haben; was soll nun aus mir werden, wer mag jetzt noch Bilder kaufen!" Dieser neue Kummer war ihr noch nicht in die Seele gedrungen, jetzt aber rief sie: "Wehe dir, du unnutzer Mann, so bist du zu gar nichts tauglich." Dies Wort stach ihm durchs Herz, dass ihm fast der Atem versagte; er hatte sich in Zorn entladen, wenn nicht in dem Augenblicke an die Haustur geklopft worden ware.

Er sah zum Fenster hinaus, es war ein einzelner unbewehrter Mann; er kannte ihn nicht, machte aber doch auf und fuhrte ihn in seiner Frauen Zimmer. "Ihr kommt von den Geistlichen?" fragte Anton; aber zugleich erkannte er Segern, der sehr bleich aussah, im Mondenscheine, schauderte zusammen und meinte, dass ihn ein Toter besuche. "Ihr erstaunt", sprach Seger, "Ihr glaubt mich tot, eine Katze lasst sich nicht leicht totschlagen; kaum waret Ihr fort, so sprang ich auf; die Stichwunde und die Beulen haben nicht viel zu bedeuten; seid Ihr denn rasend gewesen, mit einem alten Freunde so umzugehen, wenn er Euch auch um ein paar Taler betrogen hat?" "Wahrhaftig", sagte Anton, "darum war ich so giftig nicht, sondern weil Ihr mir das Liebste beschimpfen und zerstoren wolltet, das einzige, wovon ich lebe." "Ei was", meinte Seger, "du lebst vom Essen und Trinken; hier findest du beides nicht mehr, denn die Geistlichen schutzen dich wahrhaftig nicht, wenn du wegen der Leute in Anspruch genommen wirst, die in deinem Hause erschlagen; du weisst, es sind angesehene Burger. Komm mit mir heimlich fort, ich war von den Leuten zu ihrer Partei gezwungen, so wurde es dir auch gehen; komm mit zu Schartlin, der sammelt Landsknechte, und du verstehst dich aufs Fechten, du kannst dein Gluck machen."

Anton stand verwundert vor Seger; der Gedanke an ritterliche Taten war ihm oft durch den Kopf gezogen, aber seine Haut als gemeiner Landsknecht zu Markte zu tragen, das war ihm ganz fremd; Weib und Kind aufzugeben, die er so lieb hatte, es war ihm zu hart; und so wandte er sich in der Hoffnung, dass sie es ganz abweisen werde, zu seiner Frau: "Was ratst du mir, Anna, soll ich in die Welt ziehen und im Kriege mein Gluck versuchen?" "In Gottes Namen, Anton", erwiderte sie; "hier in Frieden hast du nichts getan, als uns arm und elend zu machen, vielleicht geht dein Gluck im Kriege auf; meines Vaters Bruder wurde ein reicher Mann durch einen Kriegszug; wo sollte ich dir jetzt Zehrung schaffen."

Mit einem Schauder uberlief Anton diese kalte Abfertigung von seiner Frau; es fiel ihm unwillkurlich ein, wie an dem Tage das Bild am Giebel ausgewischt worden. "Nun", so sagte er zitternd, "soll es geschieden sein, so sei es schnell; mein Kind will ich nur einmal noch herzen, aber aus dem Schlafe mocht ich es nicht aufstoren."

"An mir liegt dir wohl nichts", sagte die Frau; "ich glaube, du konntest mich verlassen und wusstest nicht, ob du mich in Zeit und Ewigkeit wiedersehen wurdest, aber darum gabst du mir kein gutes Wort zum Abschiede; habe ich das um dich verdient, hast du mich darum um Gut und Ehre gebracht?"

"Kommt in einer Stunde vorbei, Seger", sagte Anton; "die Stunde muss noch vom Kriegszuge abgehen; die Nacht ist lang, und ehe es tagt, sind wir weit genug zu unsrer Sicherheit."

"Keine Viertelstunde durfen wir warten", sagte Seger, "sonst sind die Tore geschlossen, jetzt geht's noch in der Unordnung so aus und ein; was habt ihr euch noch zu sagen, ihr hattet's einander lange sagen konnen, am Ende fangt ihr doch nur an, euch zu zanken; fallt nicht in Liebestorheit in solcher Blutzeit, kusst euch ubers Jahr, wenn die Kriegsbeute im Hause floriert."

Er hatte nicht notig ihnen das Kussen mit seinen Worten zu verleiden, in seiner Gegenwart war ihnen alle Lebenswarme abgeleitet. Anton schlug Licht; doch wie ihn kein Ungluck um seine Lebenslust bringen konnte, so bat er seine Frau, ihnen aufzutischen, was die Bildersturmer ubrig gelassen. Sie brachte ein Brot und einen Krug Wein; Anton nahm den Krug, setzte ihn an ihren Mund, sie musste einen guten Zug tun; dann trank er an der Stelle, schenkte auch den beiden Kindern und gab dann das ubrige dem Waffenbruder. Das Brot steckte er in seinen Reisesack, dann holte er seine Muskete und seinen Degen, hieb mit dem Degen Pinsel und Paletten zusammen, die im Winkel standen, schluchzte, dass er nicht sprechen konnte, kusste Kinder und Frau, die ihm nachrief: "Sei mir treu, Anton; wenn du wiederkommst, sollst du den Lohn dafur empfangen; behute dich Gott und unsre liebe Frau im Himmel." "Fort", sagte Seger und trieb ihn wie ein Wurgengel vor sich hin; Anton aber klang es in den Ohren: "Ach ihr Berg und tiefe, tiefe Tal, so sah ich meinen Schatz zum letztenmal, zum letztenmal und hab sie nicht geherzt, das schmerzt." Anton ging still vor sich hin; Seger machte im Walde den Raubvogeln nach, die auf Buhlschaft zogen; es schien ihm recht wohl, und Anton, der in seiner derben Natur viel verschmerzen konnte, horte seinen Erzahlungen von Liebesabenteuern mit ganzer Aufmerksamkeit zu.

Bis Augsburg reichten beide mit dem Gelde, das Sixt noch in seiner Tasche gefuhrt hatte; als sie die reiche Stadt vor sich sahen, da ging diesem das Herz auf: "Da werden wir auch keine Not leiden." Gleich am Tore erkundigte sich Seger nach der Wohnung Sebastian Schartlins von Burtenbach, der dort Landsknechte gegen Frankreich warb. Ein bartiger Landsknecht mit weiten Pluderhosen, der da auf Werbung lauerte, sah sie an: "St. Veit", sagte er, "ihr seid gute Kerle, ich muss euch gleich zum Obersten fuhren, der wird grosse Freude uber euch haben, wir wollen die Franzosen diesmal dengeln." So kamen sie vor das grosse Haus Schartlins am Markte, aus welchem eine grosse gelbe Fahne mit schwarzen Doppeladlern flatterte; viele Landsknechte standen davor, uberzahlten Geld und sprachen von ihren Kriegszugen. Seger trat voran ins Haus, Anton folgte; da fanden sie Schartlin, einen Mann von stattlichem Ansehen, langen schwarzen Bartes, langen Oberleibes, wie er auf einem rotgepolsterten Sitze neben einem Tische sass, an welchem geschrieben wurde. Er grusste freundlich mit dem Kopfe, sah aber mehr auf Anton, denn auf Seger. "Gruss euch Gott", sprach er, "ich meine euch schon gesehen zu haben, woher des Weges?" "Herr", sprach Seger, "wir sind beide aus Waiblingen, mich konnt Ihr wohl gesehen haben, denn ich stand nicht weit von Euch, als wir Rom sturmten." Schartlin sah ihn an: "Je, seid Ihr's, Seger, hab Euch seitdem nicht wiedergesehen, wo waret Ihr so lange, War der Grosse da auch dabei?" "Nein, Herr", sagte Anton, "noch habe ich keinen Kriegszug mitgemacht." "Das hatt ich Euch nicht angesehen", sagte Schartlin, "Ihr scheint mir ein recht versuchter Geselle. Ja, Seger, bei Rom ging's uns gut, da haben wir seltsam hausgehalten, Kirchen und Kloster nicht verschont, einen guten Teil der Stadt abgebrannt, alle Register, Briefe und Kopistereien zerrissen und zerschlagen, war da ein grosser Jammer, wurden wir alle reich." "Aber wie gewonnen, so zerronnen", sagte Seger, "ich brachte mehr mit zuruck nach Waiblingen als irgend ein anderer Knecht, kaufte viel Hauser und Garten, verspielte es aber alles in wenigen Jahren." Schartlin lachte und sprach: "Hab einmal auch zu Neapolis 5000 Dukaten in einer Stunde verspielt, brachte doch aus demselben Kriege zuruck an 15000 Florenen und gute Kleider und Kleinode; dem Allmachtigen sei Lob, ich hatte es sauer verdient. Doch zur Sache, ihr wollt also Dienste?" SEGER: "Bei gutem Handgeld, ich bin ein guter Hakenschutze, der auch." SCHARTLIN: "Ich geb euch jedem vierzig Gulden fur den Kriegszug." ANTON: "Ist das fur mich, der noch nicht gedient, recht und genug, so ist's fur den zu wenig." SCHARTLIN: "Vertragt euch darum, mehr kann ich nicht geben, ihr konnt bei mir was lernen und gut plundern." SEGER: "Ich dien bei Euch, auf! lasse uns den Eid ablegen."

Schartlin befahl jetzt dem Schreiber, das Geld auszuzahlen. Unter der Zeit traten neun Fahnlein seiner geworbenen Knechte, die noch in Augsburg lagen, vor dem Hause zusammen. Da war ein prachtiger Trommelschlag auf grossen Trommeln; die Pfeifer taten ihr bestes, die Hakenschutzen sprangen mit zierlichen Schritten voran, die Hauptleute spielten mit den Spiessen in der Sonne, die grosse Fahne wurde herabgereicht vom Hause und in die Mitte gepflanzt; dann bestieg Schartlin sein Pferd, nahm seinen Streithammer in die Hand und liess die beiden Neuangeworbenen bei der Fahne schworen, indem er sprach: "Guten Abend, lieben Kriegsleut, also lieben Landsknecht, darum wir versammlet und hier beisammen sind, das geschieht darum, dass unser grossmachtiger Kaiser unser bedarf zur Beschutzung seiner Land und Untertanen, Witwen und Waisen; derhalben werdet ihr beiden Neuangeworbenen, Seger und Sixt, schworen, unserm gnadigen Herren zwolf Monat getreu zu dienen, auf Zugen und Wachten, gegen alle seine Feinde, zu Wasser und zu Lande, wo uns unser gnadiger Herr brauchen will."

Hierauf sprachen die beiden: "Wie mir vorgesagt und wie ich mit Worten wohl verstanden habe, das fest und stet zu halten, schwor ich, als mir Gott helfe."

Nach diesem Schwure ging mit Trommelschlag alles auseinander und drangte sich um die beiden neuen Bruder, um ihnen auf den Zahn zu fuhlen. Anton und Seger waren genug mit Leuten aller Art umgegangen, um sich schnell beliebt zu machen, die guten Gesellen wurden gleich mit ihnen bekannt, und Seger machte alle lustig, dass er sie aufmahnte, in das grosse Frauenhaus zu gehen. Da war unter den jungen Burschen ein Jubel, wohl einhundert zogen mit. Dieses Haus war damals eins der prachtigsten, wenngleich am abgelegensten in der Stadt, ursprunglich ein grosses Bad, spaterhin durch die Kriegszuge, die viel liederliches Volk in die Stadt getrieben, zu dem neuen Gebrauche eingerichtet. Aus allen Fenstern hingen Teppiche; schone Frauen sassen daran und winkten mit grossen Blumenstraussen, oder auch mit Luftfachern aus bunten Federn; unten im Hause waren die grossen Sale, wohin sich eine Zahl derselben, je nachdem ihrer bestellt wurden, begab; doch ehe das geschah, versicherte sich erst der Wirt mit seinen Helfershelfern, die mit Peitschen umhergingen, die Madchen in ihrer Gewalt zu erhalten, ob auch Geld unter den Leuten sei. Wer Geld auslegte, wurde nach Gefallen gebadet und gezwagt und mit allem bewirtet, da klapperten die Wurfel, ein Teil tanzte bei dem Schalle von Pfeifen, die Frauen wussten sich in allem recht stolz und freventlich zu zeigen, und es kostete dann noch viel Muhe, Geld und manchen blutigen Kopf, ehe sie sich dem Willen eines jeden fugten. Seger tat, als sei er mit allen seit Jahren schon vertraut gewesen, aber keine mochte ihn sonderlich leiden; er sah so kalt und tuckisch aus, dass sie ihn ausschimpften wenn er ihnen zu nahe trat; hingegen drangten sich mehrere um Anton, der bei seinem Schoppen Wein bisher in aller Treue seiner Alma gedacht hatte. Zwei, die eine nannte sich Dido, die andere Semiramis, wollten nicht von ihm lassen, sie drangten ihn, er mochte sagen, welcher er den Vorzug gonne, und dabei zeigten sie so frech ihren stolzen Leib, dass ihm allerdings gar wunderlich zu Mute wurde, aber er dachte seiner Frau in aller Treue. Und wie sie ihn so mit glanzenden Augen unter sich sitzen sahen und doch so ruhig, als habe er gar nichts ihnen zu sagen, da fasste eine gegen die andere Verdacht geheimer Liebschaft mit ihm, und so begann der Schimpf zwischen beiden. Die hochmutige Semiramis schlug aus gegen Dido, die es ihr mit beiden Handen zuruckgab. Der Tisch mit Glasern sturzte um, die alten Landsknechte, die sich am Feuer von einem Weibe Waffeln backen liessen, sprangen so hastig auf, dass die Butter ins Feuer lief. Seger, der schon lange auf Antons Frauengluck eifersuchtig gewesen, sprang zu seinem Degen und drang auf ihn ein, der, staunend uber den Anfall und des tollen Menschen wenig achtend, nur nachlassig seine Stosse mit der Hand ablenkte. Von dem verschutteten Weine war aber der Boden so glatt geworden, dass Anton fiel, und Seger hatte ihn in dem Augenblicke durchstossen, ware nicht ein junges Madchen mit fliegenden Haaren, einen Degen in der Hand, aus der offenstehenden Kuche gesprungen, die ihn mit grosser Geschicklichkeit entwaffnete. Mehrere sprangen jetzt auf ihn und rissen ihn naher zum Lichte, da schwankte er aber und redete so durch einander, dass sie ihn entweder fur schwer verwundet oder fur trunken halten mussten; das erstere widerlegte sich bald, er war unversehrt, da banden sie ihn an eine Leiter und legten ihn in ein Seitenzimmer.

Jetzt gab man erst auf Anton acht, der vor Schmerz aufschrie, ihm war im Gefechte das obere Glied des kleinen Fingers, woran der Trauring sass, halb abgehauen worden; er behauptete, es musse gleich im Anfange geschehen sein, denn indem er mit der Hand den Tisch zu halten gesucht, sei er durch einen Hieb darauf schmerzlich aus der ersten Betaubung uber das Ereignis geschreckt worden. Seine junge Retterin verband ihm den Finger, aber das war jetzt seine grosste Sorge nicht; er suchte den Ring, der von dem Gliede abgehauen worden, der aber nicht aufzufinden war; man scharrte in allen Dielenritzen, aber vergebens; endlich gewann die Vermutung, er sei in das Feuer gefallen, die Oberhand, und da war jetzt nichts zu suchen und nichts zu finden, ohne Feuerschaden zu stiften.

Anton argerte sich uber diesen Verlust, er kam sich selbst nicht recht vollstandig vor; inzwischen suchte er keine Bedeutung in den Vorfallen des Lebens, und das wunderliche Madchen, das ihn errettet hatte, zog seine ganze Aufmerksamkeit auf sich, er dankte ihr, sie horte kaum darauf; sie war mit seiner Wunde beschaftigt und fragte ihn, ob er gute Pflege in seiner Wohnung habe. "Wohnung", fragte Anton, "daran habe ich noch nicht gedacht; wo wohnt Ihr, Bruder?" "Wir sind bei den Burgern eingemietet", sagte einer; "hast du dich bei dem Musterrollenschreiber nicht gemeldet?" ANTON: "Keinesweges, ich meinte, Seger wurde das besorgen, wie steht's mit dem?" "Der ist in vierundzwanzig Stunden noch nicht nuchtern, es muss ihn einer hier bewachen, bleib du hier, du hast frisches Geld, sie werden dir ein Nachtlager nicht abschlagen."

Die beiden Frauen, die das Fechten bisher auseinander geschreckt hatte, kamen jetzt wieder aneinander, indem sie beide in seine blonden Locken griffen und ihn zu sich zu ziehen suchten. Das Zerren tat ihm wehe, der Wirt befreite ihn endlich, indem er die Madchen in entgegengesetzten Ecken des Zimmers an Banke festband. Jetzt hatten sie Zeit, wie Hahne, die zum Kampfe angeleitet werden, in verschlossenen Behaltern einander gegenuber sich gegenseitig zu argern; wie eine losgelassene Muhle ergossen sich schaumend die Schimpfreden dieser beiden Zwillingstochter des Mullers; ihre Schonheit hatte ihm viel Mahlgaste gelockt, bis Dido (der Name war ihr von einigen gelehrten Bacchanten geblieben, die mit ihr verkehrten, gleichwie der Name Semiramis ihrer Schwester) ihrer Lust die Weltfreiheit gewahrte und die Schwester aus Liebe zu ihr die Muhle verliess.

Dido machte jetzt ihrer Schwester harte Vorwurfe: "Wie hast du dich verstellt vor mir; wie schienst du kalt gegen die Manner? wie schienst du allein mich zu lieben?" Semiramis antwortete: "Was hast du je mir zur Liebe getan? und doch habe ich Jahre lang dir gedient deinem Eigensinn und deiner Lust; warum habe ich dir Hunderte zugefuhrt, die sich mir ergaben, und willst mir den einen rauben, den ich liebe." DIDO: "Was willst du mit ihm, willst du eine Rose auf Eis betten, du kannst nicht lieben, du hast nur den Schein des Lebens, aber in deinen Adern ist kaltes Blut, du bist eine kalte Schlange." SEMIRAMIS: "Und bin ich eine Schlange, so will ich mich um ihn winden, um seinen Hals, mit ewigem Knoten meine Arme in seinem Nacken verknupfen und seines Mundes Kusse aussaugen." DIDO: "Sieh, du Schongelockter, so denkt sie, so traumt sie; sie kennt nicht die Liebe; ich will dich schutzen gegen Sonnenstrahlen wie ein Dach von Weinlaub; deinen Lippen will ich feurigen Trank und susse Speise reichen, und willst du schlummern, da soll dich das Beben meiner linken Seite, in der das Herz schlagt, sanft einwiegen, und dann will Ich mit deinen Haaren den Vogeln Schlingen stellen, dass du beim Erwachen von ihren Gesangen wie die aufgehende Sonne begrusst wirst." SEMIRAMIS: "Ich kann nicht reden wie die Schwester, die verliebt zu allen gesprochen hat; aber sieh dieser Arme Glanz, wo sie von schwarzen Fesseln gebunden; so weich, so voll sind sie, so hart das Band; ach viel weicher und voller ist meine Seele; und viel harter liegt sie in den Fesseln meiner Neigung zu dir." DIDO: "Sieh mich, ich bin gelblich von dem Feuer des Goldes in mir, ein reiches Bergwerk und die reichen Stufen warten auf dich, dein Licht brennt hell in deinen Augen, sieh, wie das Gestein flimmert und funkelt, sieh meine Spangen mit Granaten umglanzt, sieh die Schnallen meiner Schuhe von gelben Topasen flammend."

Da fuhr der Wirt, der etwas eingenickt war, auf; "ihr habt die Peitsche wohl lange nicht gesehn, wollt ihr schweigen, wollt ihr wieder Handel anstiften!" Anton hielt ihn und sagte: er konne so harte Zucht nicht zugeben; darauf fuhrte der Wirt murrisch die beiden Frauen fort. Anton sah jetzt seine Retterin, das kleine Madchen, freundlich an und fragte sie: "Wie heisst du?" "Susanna, Herr!" "Wohl denn, Susanna, sei die keusche Susanna, so bleibe ich bei dir!" "Ihr seid sehr gutig, lieber Herr", antwortete sie, "aber ich bin ein armer Aschenprodel und habe nur eine armliche Streu." "Mir einerlei, ich bin mude und mochte bald Ruhe haben!" Susanna fuhrte ihn unter eine Treppe, wo ihre Schlafkammer aufgeschlagen war; sie brachte ihm eine kleine Blechlampe, wobei er das Strohlager erkannte, von einem reinlichen, aber zerrissenen Leintuche bedeckt; eine gemeine gewurfelte wollene Pferdedecke diente zum Kopfkissen, eine andre zur Decke; sie zeigte ihm ein Kruzifix zum Beten und ging dann fort, um noch die Teller in der Kuche abzuwaschen. Anton verwunderte sich wohl uber das schwarzgelockte Madchen, das so viel fur ihn getan und so gar nichts von ihm zu verlangen schien, dem er aus Dankbarkeit nichts hatte abschlagen konnen; dann loschte er die Lampe aus und schlief, gegen seinen Willen, schnell ein. Der Hunger weckte ihn Morgens fruhe; er hatte Abends mehr getrunken als gegessen, doch strahlte ihm schon der Lampenschein in die Augen, ungeachtet sie mit einer Schurze verhangen war.

Susanne lag vor dem Kruzifixe und betete den Rosenkranz dann stand sie auf, die zierlichste Gestalt im Ubergange zur weiblichen Fulle, aber noch unbeendigt und schlank. Es war jene goldene Madchenzeit, wo sie in doppelter Gestalt zu leben scheinen, in der kunftigen und in der gegenwartigen; aber ihr ganzes Wesen hat eine Freiheit von dem Bedurfnisse und einen Reiz, dass sie mit grosser Uberlegenheit alle beherrschen, dass sie jede Huldigung anerkennen, aber keine erwidern mogen. O wenn ihr nicht selbst Engel wart in dem Alter, ihr Madchen, so wurden euch alle Engel schutzen, und fur alles Gute, was ihr in dem Alter unbewusst tut, konnt ihr nachher lange sundigen.

Nachdem sie mit grosser Scheu vor dem Schlafenden sich angezogen hatte, trat sie leise zu ihm, offnete mit wunderbar leichter Hand den Verband seines Fingers, nahm ihn ab, kusste ihn und legte ihn in eine kleine blecherne Kapsel, die sie sich an einem Schnurchen um den Hals hing. Anton konnte es jetzt nicht lassen, nach seinem Finger zu sehen; er furchtete, dass nach der Abnahme des Verbandes er sich die Kleider vollbluten wurde; ihm war aber, als erwachte er aus einem Traume, wo er einen guten Freund verloren, der nun lebend vor seinem Bette stand, als er den abgehauenen gesund und unversehrt, bis auf einen schmalen, roten Strich, der quer durch wie ein Feuermal lief, an seiner Hand sah. Jetzt glaubte er erst, dass er traume; er bewegte ihn des Versuches wegen, und er war seinem Willen folgsam wie sonst; auch fuhlte er damit die Spitzen des Strohs, wo an jener Seite das Bettlaken sich zuruckgezogen hatte. Sie schien seine Bewegung nicht zu bemerken, sondern war eben mit der beschwerlichen Arbeit beschaftigt, einige Steine des gepflasterten Bodens auszuheben; sie kam endlich damit zu Stande, offnete einen Kasten, der dort vergraben, und holte einen mannlichen gelben Wams, Pluderhosen, ein rotes Barett und einen Gurt mit dem Messer heraus; das zog sie alles an und erschien dem Lauernden plotzlich in einen schonen Edelknaben verwandelt.

Langer konnte er seine Verwunderung nicht bergen, er richtete sich auf und sprach: "Hast du dich verwandelt, Wundermadchen, bist du Susanne nicht mehr, hast du mich auch verwandelt, bin ich ein Madchen geworden?" Sie kniete sich bescheiden nieder und bat ihn um Verzeihung, dass sie ihm nicht fruher ihren Plan mitgeteilt hatte, ehe die Ausfuhrung schon so weit gediehen. "Ich bin in diesem Hause geboren und auferzogen; ich kann nicht langer hier verweilen; seit der Geschichte gestern abend wurde ich die Neugierde aller auf mich ziehen, ich wurde als ein Opfer boser Lust fallen, wie ich so viele fallen gesehen; nehmt mich fort, gnadiger Herr! niemand wird mich in dieser Tracht vermuten; ich gehe Euch nach wie ein Bube aus dem Trosse, der Euch abholen soll; gestern verspracht Ihr mir so viel zum Danke, seht, jetzt fordere ich das einzige von Euch."

"Alles, liebes Kind, will ich dir gewahren; was brauchst du der Verkleidung, sei es mit Gewalt oder Gute, ich schaffe dich aus diesem Hause der Schande heraus."

"Und was sollte dann aus mir werden, wer nahme mich hier in seine Dienste, hier kennt mich jedermann, von allen Kindern bin ich ausgeschimpft worden, wenn ich einkaufte am Markte; ich muss fort von hier, von der Stadt, von dem Lande; ich ziehe mit Eurem Fahnlein als Trossbube; zu diesem Gebrauche habe ich mir die Kreuzer erspart, die mir zum Lohne und als Trinkgeld hier gegeben sind. Ein Edelknabe verkaufte mir diese Tracht, der aus einer unsinnigen Leidenschaft zu einer Frau unseres Hauses sich hier, in Madchenkleidern versteckt, aufhielt."

"Wie hiess der Knabe, wo ist er geblieben?"

"Kurt hiess er, aus Pforzheim; er liess sich in nachtlicher Weile mit der geliebten Frau aus dem Fenster an den Bettuchern herunter; am Morgen entdeckte der Herr, was vorgegangen, es war aber keiner von beiden zu erforschen. Der Herr war sehr wild, denn die Frau war ihm viel schuldig geblieben."

"Nun wohlan", meinte Anton, "mein gutes Susannchen, so sei denn zum letztenmal so genannt; Kurt heisst du nun, und Gott segne unsern Feldzug; so bring ich dich zu meiner Frau, da sollst du gute Tage leben und wie mein eignes Kind gehalten werden."

Susanne lachte: "Wie Euer Kind? Ihr kommt mir gar nicht vor wie mein Vater; vielleicht scheint Ihr mir, ob Ihr gleich so gross und stark seid, junger wie ich; seht, ich mochte Euch immer unterweisen und beraten."

Anton war durch diese Rede in neue Verlegenheit gesetzt; er glaubte sein Verhaltnis zu ihr durch den Ausdruck "vaterlich" gut festgesetzt zu haben; er sprach, ohne recht zu wissen warum: "Ich konnte freilich manches lernen von dir, abgehauene Finger in einer Nacht anzuheilen."

"Ach denkt der Kleinigkeit nicht; es war gut, dass ich mein sympathetisches Mittel brauchen konnte, ich habe wohl grossere Kuren damit vollbracht, hier wo selten der Tanzboden ohne Raufereien leer wird; doch es wird schon hell in den Gangen, sie konnten mich erkennen; zahlt Eure Zeche."

Anton stand jetzt auf, dehnte sich mit allen Gliedern, sah noch einmal in das wunderliche Schlafkammerlein und weckte dann den Wirt, der entsetzlich das verfluchte Susannchen schimpfte, die noch auf der faulen Haut liege. Er machte ihm eine teure Rechnung; und als er wissen wollte, wofur, sagte er: "Ich habe Euch so hoch aufgeschrieben, als Ihr hereingetreten; Ihr hattet das Doppelte verzehren konnen, ich hatte Euch nicht mehr abgefordert. Was habt Ihr da fur einen feinen Burschen bei Euch?"

"Er ist mein Trossbube", sagte Anton sehr verlegen und schob ihn zur Tur hinaus. "Da habt Ihr Euer Geld, lebt dafur als ein schlechter Kerl wie bisher, und dann segne Euch der Teufel mit allen seinen Gaben."

Er wollte unter dem Toben des Wirtes fortgehen, als Seger an der Leiter gebunden hereinsprang, den Wirt umrannte und flink voran zur Tur hinauslief; wie ein tollgewordenes Schaltier schleppte er die breite Wagenleiter, die sich an der Tur festhakte.

Susanna, die jetzt die Hemmung furchten musste, kletterte uber ihn hinaus, Anton ihr nach; der Wirt wollte wieder aufstehend beiden hitzig nach, er stieg die Leiter hinan, da liess aber Seger dieselbe los und lief davon, so dass der Wirt sehr unsanft uber seine Treppe hinaus auf das Strassenpflaster fiel.

Die drei Fluchtigen hatten nicht Lust abzuwarten, bis der Wirt mit seinen zahlreichen Prugelknechten ihnen nachgekommen; sie liefen schnell vor Schartlins Haus, wo immer eine Zahl Landsknechte versammelt war. Einige, die gestern bei dem Streite zwischen Seger und Anton gegenwartig gewesen, fragten ihn, ob er nicht seinen Finger mit dem Degen rachen wollte. Anton zeigte ihnen den Finger, dass er wieder angeheilt, dann ging er aber, weil er sich in seiner Ehre gekrankt glaubte, ganz trotzig auf Seger los und fragte ihn, wie er das gestern gemeint habe. Seger, an welchem ein paar andere gehetzt hatten, meinte, er ware zwar betrunken gewesen, wenn er's aber so gar ernstlich nehmen wolle, so konne er... und dabei drehte er sich um und bleckte mit seiner langen Zunge aus dem magern gelben Gesichte heraus.

Der Feldwebel nahm jetzt Anton bei Seite, als er eben auf jenen losschlagen wollte, und sagte ihm, dass er ihn auf den Rosengarten vor der Stadt herausfordern sollte. Das sei Gebrauch unter den Landsknechten.

Susanna hatte sich bei diesem Verhalten angstlich dem Anton angeschmiegt; das ruhrte ihn, er bat sie, wenn er fiele, nach Waiblingen zu seiner Frau zu gehen und ihr zu sagen, dass er an einer Krankheit gestorben. Susanna versprach es, sagte ihm aber, er mochte nur erst zu Gott beten, so sturbe er selig. Diese Fassung in dem Madchen, ihn sterben zu sehen, brachte in seine Seele ein ganz neues Gefuhl; sein Zorn gegen Seger war langst veratmet, er war zu gutmutig, um ihn langer zu hassen, als die Bewegung im Blute dauerte; er war wohl schon auf einigen Fehdezugen und Gefechten gewesen, aber da waren viele mit ihm, jeder war mit sich auch beschaftigt; so war es auch bei manchem Zusammenlauf in Weinkellern und Gelagen, da war nichts Vorbereitetes, nichts Feierliches. Jetzt aber konnte ihm der Feldwebel nicht genug erzahlen von allen Regeln, wie er sich stellen, wie er die Gange endigen musse, was er sprechen, wie er um sich blicken sollte; er sah, wie alles auf ihn blicken wurde, welches Zutrauen sie dabei auf seine Grosse, auf seine Starke setzten, wie lacherlich es sich ausnehmen wurde, wenn er sich feige zeigte, oder nur linkisch erschiene. Vom Gebete hatte ihm der Feldwebel nun gar nichts berichtet; er fragte ihn, ob es im Gebrauch. "Nein", sagte jener, "das ist abgekommen, aber tuchtig Fluchen, das hilft."

"Vergiss nicht zu beten", sagte Susanna; und schon gelobte er sich mit grosser Inbrunst, dass er nicht mochte zu Schanden werden.

Es wurde sehr heiss; sie gingen am sandigen Ufer des Wassers, einer nach dem andern, herunter, und Anton sah im Spiegel, dass Seger mehrmals nach Krautern am Boden griff, nach Kletten und Stechapfel und damit seinen Degen rieb; er fragte den Feldwebel, was das solle. "Fest soll es machen", sagte er, "aber ich halte nichts darauf; wer sich brav wehrt, ist am festesten."

Unter solchen Reden kamen sie an das frische Grun des Rosengartens, der mit gar nichts als mit einer dunnen seidenen Schnur umzogen war, die aber keiner von allen Soldaten zu uberspringen wagte, vielmehr ruckte jeder seine Kleider in Ordnung und trat mit gemessenen Schritten auf den Eingang zu, wo die zwolf alten Ritter, die den Rosengarten in Worms verteidigten, in Stein gehauen standen. Sie grussten alle ehrerbietig, dann gingen sie vor den weissen Rosen voruber in den Kreis, wo die roten Rosen in hochster Fulle zu einem hohen Zelte geflochten schattend dufteten. Seger und Anton warfen ihre Mantel ab; jener bewegte sich ungeduldig hitzig, dieser, wie er ihn so ungeduldig vor sich sah, spurte eine Art Mitleid. Susanna schlich sich in diesem Augenblicke an ihn und flusterte ihm zu: "Lieber Herr!" Anton blickte auf und bezeichnete seine Brust mit dem Kreuze; dabei zitterte Seger, dann aber sprang er auf Anton tuckisch ein, der seine ersten Stosse, weil er sie noch nicht erwartete, nur muhsam abwenden konnte.

In diesem Augenblicke sprangen die beiden Frauen Dido und Semiramis, die eigentlich an dem Ausbruche des Streites schuld gewesen waren, mit einem lauten "Halt ein!" nicht ohne Gefahr zwischen die Klingen der Kampfenden. Dido war meergrun und Semiramis kornblumenblau gekleidet.

"Hort", rief Semiramis, "wie grossmutig eine liebende Frau sein kann; ihr wisst, wir haben uns um Anton gestritten, aber sein Leben ist mir lieber als meine Liebe, und so warf ich meine ganze Liebe auf dich, Seger; dich aber Anton, muss ich der Dido uberlassen; so seid ihr beide versohnt."

Seger umfasste sie und kniete nieder, hob sie dann auf seine Schulter und rief: dass solch ein Edelmut unerhort sei; sie beide dankten ihnen das Leben.

Anton stand in sich gekehrt und wusste gar nicht, was er sagen sollte. Dido hatte, ohne dass er es bemerkt, ihm den Degen abgenommen, sie kusste ihn, und er merkte nichts. Susanna war von ihm getreten und hielt sich unter den Soldaten versteckt.

Jetzt erscholl ein lieblicher Tanz von gedampften Trommeln, Pfeifen und Fagotten. Dido ergriff Anton zum Reihentanz, Semiramis fuhrte Seger. Der Tanz verschlang sich immer mehr, und immer tiefer gingen seine Gedanken unter, immer mehr traten die Sinne hervor; bald tanzte er mit einer Anmut, die er sich einst erworben, den einzelnen Locktanz. Dido fluchtete scheinbar vor ihm und von ihm in das dichte Holz; er tanzte trauernd und suchend, dass alle Rosen sich auf ihn niedersenkten und seine Lippen kuhlten; er rief, aber sie kam nicht, aber alle wurden durch ein nahes Waffengeklirr erschreckt. Alle liefen nach dem Orte, auch Anton und Seger, aber alle kamen zu spat, um das schreckliche Ereignis zu hindern. O Jammer, dass die Zeit immer umwendet, das Geschehene zu verwandeln nach dem Rate der Klugheit. Uber das meergrune Kleid Didos, uber das blaue Gewand der Semiramis flossen zwei rote Strome zusammen und mischten das feindliche Blut der beiden streitenden Weiber; sie hatten einander mit den abgenommenen Degen der Kampfer durchbohrt.

Semiramis rief zu Anton: "Siehe, Ungluckseliger, zwei Opfer deiner gottlichen Schonheit; ich konnte nichts als sterben, seit ich dir entsagt; o Amor! wie hat deine Flamme mich verzehrt, dass ich mein eignes Haus angezundet habe; wisset, es ist meine Zwillingsschwester, die ich zum Gefechte gezwungen, meine Zwillingsschwester, mit der ich eintrachtig zusammen ruhte im Leibe der Mutter, die ich zur ewigen Ruhe niedergestreckt; es ist meine Zwillingsschwester, die mich mitnimmt in die grausenden Lieblichkeiten des Venusberges, in welchem wir bis zum jungsten Tage schmachten mussen nach dem Genusse, in dem wir hier uns ubernahmen."

"Schweige, du arme Schwester", rief Dido mit schwacher Stimme, "ich bin deiner Leiden, deiner Sunde Anfang und Ende; das Eis, auf welchem du zu Falle gekommen. Hort es ihr harten Kriegesseelen, und ihr werdet sie jammervoll anblicken und fur sie beten; sie war zu stolz, zu edel fur die Sunde, mich aber ergriff sie in wilder Lust, doch wollte sie mich nicht verlassen, so war sie geschandet vor der Welt und doch ohne Schuld; sie sorgte nur fur mich, freute sich meines Gluckes, sie aber empfand keine Liebe."

"Ach", seufzte Semiramis, "die Liebe ist ein guter Jager, sie ladt uns die Freiheit, wie den wilden Vogeln, bis wir erwachsen sind und in voller Schonheit des Gefieders prangen, da schiesst sie uns mit Pfeilen des Todes in einer Stunde ungewarnt darnieder; wehe mir des letzten Tages, wo ich dich Anton erblickt; da ging meine Freiheit verloren und mein Edelmut und meine Schwestertreue."

"Jammer, unendlicher Jammer schlagt an meine Brust mit todespochender Hand", rief Dido, "du hattest so viel fur mich getan, und konnte dir nicht opfern dies eine Gluck. O du doppelsinnige Liebe, ich kannte deine Tucke, deine Unersattlichkeit, darum wollte ich dich bewahren, o meine Schwester, vor ihrem ersten Handgelde, denn niemand dient bei ihr aus, immer neue Dienste weiss sie aus den alten zu erzwingen."

"Reiss nicht so schmerzlich in meinem Hirn, Schauder der Liebe", klagte schwacher Semiramis, "wie hat dein Hauch alle Rosen des Gartens verwelkt, wie ein giftiger Tau, wie ein gluhender Wind der Wuste. Es ist heller Mittag, aber doch seh ich schrecklich rasende Sternbilder am Himmel, greulich wuten die Wesen in einander, Menschen und Tiere vermischt. Geliebter Anton, konnte ich den reinen Himmel nur sehen, wie ich ihn noch gestern gesehen; o halte mich fest, geliebter Anton! wer lasst den Boden unter mir gleich Korn durch den Muhlstein gehen, er sinkt, er sinkt! schon fasst mich der rollende Muhlstein; mein Vater, warum hast du deine Muhle angelassen und deiner Kinder nicht gedacht."

Und die andere schrie: "Vater, warum hast du den Strom angelassen, er treibt mich in das Rad; das Bad war mir so kuhl und lieblich."

"Ja, ja", sagte der Feldwebel, "werdet den Vater schon wieder finden in der Holle; seid doch zu beklagen, was konntet ihr dafur, dass er mit euch sich Mahlgaste lockte, ihm hat's auch nicht geholfen, wie gewonnen, so zerronnen."

Aber die armen Mullertochter horten nicht mehr diese kalte Rede, ihr Jammer endete fur diese Welt und ging in jener auf, und Anton lief in seiner Herzensangst, die Ursach ihres Todes zu sein, von einer zur andern; aber die toten Leiber erkannten nicht mehr seine Liebkosungen, die noch vor wenig Augenblikken sie zu tausend Freudensprungen belebt hatten. So sah er der irdischen Liebe Tod, und wie ein Vogel, der aus dem Nest ausgestossen, zuerst seiner Flugel Schwingkraft kennen lernt, so wurde es ihm nun zu Mute, als er uberdachte, was er in den Gemutern der Menschen gewirkt; sein Gemut selbst erkannte sich in einer Freiheit von dem Boden des Jammers, und er horte auf, ein Leibeigner seines Bedurfnisses zu sein; er kam sich vor, als gehore er zu Susannen, und mit dem Gedanken erinnerte er sich, wie wunderbar sie seinen Finger geheilt.

"Kurt", rief er, "wenn du mir wirklich treu bist, tue diesen armen Frauen wie du mir getan und heile ihre Wunden."

"Herr," sagte sie, "das sind Wunden der Gerichte Gottes, uber die vermag alle Sympathie nichts; ich werde tun nach Eurem Befehle, aber ich meine, dass alles vergebens."

Bei diesen Worten ergriff sie ein Holz und legte es unter Gebeten im Kreuze auf die Wunden, und die armen Madchen offneten die Augen; da faltete ihnen Susanna die Hande und betete ein Vaterunser, da verschieden sie, und das Schrecken ihrer Gesichter schien gemildert, als ware ein Jahrhundert abgebusst.

Neue Wildheit durchstromte jetzt den Garten, der Wirt des Frauenhauses kam mit seinen Knechten, um die entlaufenen Madchen zuruckzurufen; da er mit Beschimpfungen von den Soldaten empfangen wurde, so hieb er mit seinen Leuten, die in grosserer Zahl waren, auf diese ein. Hier zeichnete Anton sich zuerst vor ihnen aus, er tat Wunder; aber Susanna war an ihn gebannt wie ein Waffenzeichen und hielt manchen Hieb ab, der ihn treffen sollte. Von beiden Seiten waren schon mehrere schwer verwundet, als endlich der Wirt durch einen Hieb Antons mit grasslichem Geschrei fiel, worauf seine Knechte entliefen.

Im Triumphmarsche zogen nun die Knechte in die Stadt; es wirrte Anton im Kopfe. Seger trat zu ihm und sagte, er musse sich an dem Wirte rachen. Jetzt sprach Anton von nichts als Zusammenschlagen des Frauenhauses; er ging so stolz einher wie ein Hauptmann, so folgte ihm jeder und keiner wusste warum. Es sammelten sich zu ihm noch mehr Soldaten in der Stadt, und sie gingen im Sturmmarsche auf das Frauenhaus, erbrachen die verschlossenen Turen, ergriffen die Feuerbrande am Herde, durchsuchten das Haus und schlugen die Huter aus allen Ecken heraus. Die Frauen fluchteten jubelnd heraus, ihre Sundenrechnungen waren zerrissen, denn die Flamme wirbelte schon aus einem Fenster heraus, als sie noch Tisch und Banke und alles Gerate zerschlugen.

Draussen waren indessen durch die Sturmglocken viel Burger versammelt, die aus Arger uber den Frevler in die Flammen zurucktrieben, aus denen sie sich jetzt auf die Strasse zu fluchten suchten. Die Menge dieser Feinde war gross, aber Anton verlor den Mut nicht; er nahm die Muskete eines Soldaten, legte an und schoss los, dass die Kugel uber die Haupter der Burger hinsauste, da wussten die Hintersten nicht, dass ihrer Feinde so wenig nur waren, sie sprangen in Eile uber eine Kirchhofsmauer, die ihnen im Rucken lag, die andern sprangen nach, wie wir bei Schafen sehen; wenn eins emporgesprungen ist, so springen da alle nach. Die Vordersten, die hinter sich plotzlich das Geschrei horten und die Flocht wahrnahmen, meinten, ihnen sei ein unbekannter Feind in den Rucken gekommen, und furchteten sich vor zwei Feuern und liefen nach allen Richtungen.

Die machtige Stadt ware in dieser blinden Furcht vor wenigen Menschen leicht zu plundern gewesen, aber die Landsknechte verachteten das; vielmehr sammelten sie sich in Reih und Glied vor Schartlins Hause, der sie mit Weisheit und Entschlossenheit sogleich aus der Stadt fuhrte. Anton sah in dem Gerassel der Waffen, in dem gleichen Schritt, von dem die Erde bebte, mit einer wunderlichen Schwermut nach den Feuerwolken, die uber der Stadt durch die Nacht schienen; erst jetzt dachte er, wie viele Unschuldige sein blinder Eifer vielleicht in vieljahriges Verderben gesturzt.

Susanna, die still neben ihm gegangen war, seufzte und sagte, dass sie versinke in Mudigkeit. Da nahm er sie in seine Arme, und als der Mond aufging, da schien sie ihm bleich wie eine Tote, und der milde Tau seiner Tranen fiel auf die Schlafe der Muden, dass sie erwachte, die Augen aufschlug und betete: "Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." Das Wort druckte sich in das tiefste Gedachtnis Antons; er fuhlte, dass er nie gewusst, was er getan, sondern dass der Zufall mit ihm gespielt; und vor dem Madchen fasste ihn eine heimliche Scheu, wie vor einem Engel. Sie sprang erfrischt auf den Boden und marschierte an seiner Seite weiter fort, bis der Haufen Halt machte und sich uber den grunen Boden streckte; da sank ein hoher Federbusch nach dem andern ins Gras, sie aber sang noch im frischen Morgenwinde:

Herr der Muden,

Herr der Schwachen,

Nach dem Wachen

Schenke uns des Schlafes Frieden;

Dass wir ruhen von Beschwerde,

Dass kein Feind uns mag beschleichen.

Decke uns mit Palmenzweigen,

Decke uns mit kuhler Erde.

Wahrend sie so sang, heulte der Wolf im dichten Forst. Anton war der Gesang ganz unbehaglich; er setzte sich zu Seger und fragte ihn: "Wo mag das Feuer eigentlich ausgekommen sein?" Seger lachte und sprach: "Ich warf einen Feuerbrand in einen Haufen alter Lumpen; das war ein Spass, anzusehen, wie das alles in die Hohe flammte und das unverbrannte Zeug mit sich riss, als waren es Brandbriefe, die uberall ausfliegen sollten; dann schloss ich das Zimmer zu, damit niemand zum Loschen herein konnte."

"Pfui Teufel!" sagte Anton, "das Zerschlagen habe ich wohl geraten, aber das Verbrennen war schlecht, denn das Feuer hat seinen eigenen Weg, und keiner weiss, wen es erreicht."

Bei diesen Worten beorderte die Trommel alle in den Ring. Schartlin sah sehr ergrimmt aus und hielt in der Mitte zu Pferde. Es traten zwei Abgeordnete des Augsburger Rates auf und baten ihn um Bestrafung der Frevler, die Brand in ihrer Stadt gestiftet hatten. Schartlin versprach ihnen das und hielt bei dieser Veranlassung eine Rede uber das unnutze Gesindel, das ein Verderben ihrer Kameraden sei. "Es gibt", sagte er, "solche Federhansen, Eisenbeisser und Spitzknechte; die halten sich zusammen, prassen, schlemmen, demmen und verspielen ihre Besoldung bei Zeiten, schlagen sich dann bei andern ehrlichen Gesellen zu. Wo man ihnen den Kragen nicht fullt, suchen sie Gelegenheit durch Spiel oder Balgen andere zu uberrumpeln, ziehen im Lager um oder von einem Haus zum andern, schreien Mum, Mum, tragen Wurfel in der Hand, haben etwa den Degen oder Wehr am Arm oder Hals hangen, sind gleich bos und freudig mit dem Maul; was sie im Wege sehen, fallen sie an, durchstreichen die Dorfer; da kann kein Armer ein Huhnlein vor ihnen behalten, jagen sie wohl gar zum Hause hinaus, stecken ihnen wohl gar das Haus an; aber solcher Frevel soll gestraft werden."

Nach diesen Worten gab er Befehl zur Untersuchung. Ein paar Zeugen, des Augsburger Wirts Knechte, sagten auf Anton aus, dass er in das Haus gedrungen; er leugnete nichts, sondern erzahlte, wie alles sich verlaufen, dass er aber am Feuer unschuldig sei.

Schartlin sah ihn aufmerksam an und sprach: "Schade, dass ich dich so bald verliere, aus dir hatte was werden konnen."

Die drei Richter waren nach dem ersten Verhore gleich einig, dass er sein Leben verwirkt habe, doch solle ihm aus besonderer Gnade des Feldmarschalls keine schimpfliche Strafe angetan werden, sondern er durch drei Musketenschusse seiner Kameraden fallen.

Anton stand da verwundert, aber nicht erschuttert; es kam ihm alles wie ein elendes Spielwerk vor; er fragte: Wie bald er denn solle der Welt absagen.

"In einer Stunde", antworteten die Richter.

"Wohl denn", sprach er, "so will ich noch einen guten Trunk tun. Wein her fur mich und fur meinen Knaben."

Seger trat jetzt zu ihm und dankte ihm, dass er ihn nicht verraten; zugleich riet er ihm, er wolle ihm heimlich einen Dolch zustecken, damit mochte er nur den Steckenknecht, der ihn bewachte, niederstossen und davonlaufen; er konne ihm schworen, dass keiner der Landsknechte umher ihm nachsetzen wurde, vielmehr waren sie alle schon in Aufruhr, dass einer von ihnen wegen einer Ehrensache des ganzen Haufens zum Tode verurteilt werden sollte.

Anton dankte ihm und nahm den Dolch; jetzt aber redete ihn Susanna an, die den Vorschlag vernommen hatte: "Herr, lasst keinen Unschuldigen Euretwegen sterben."

Anton ward dadurch ernst und geruhrt; er tat nichts zu seiner Befreiung, sondern dachte so in sich, was nun in wenig Augenblicken aus ihm werden wurde, wer ihn in der Welt vermissen, und dass sich alle so wohl befinden wurden wie vorher; aber da sah er Susanna, die mit jammervollem Blicke betete, und betete auch. Die Gedanken gingen ihm immer hoher, als ihn Schartlin aus seinem Traume erweckte und laut sprach, er wolle doch horen ob er noch was auf Erden zu bestellen. Dann sprach aber der Feldmarschall leise zu ihm: "Ich habe dich lieb gewonnen wegen deines tapfern Angesichts, ich will ein Grosses fur dich tun, meine Schutzen sollen die Kugeln wegbeissen; stell dich, als warst du getroffen; der Nachrichter soll dich gleich forttragen, lauf dann, so weit du kommen kannst, dein Handgeld sei dir geschenkt." Anton sah ihm mit geruhrtem Blicke in das grosse ernste Gesicht, und Schartlin blieb ihm unvergesslich; er glaubte noch vor ihm zu stehen, als er langst fortgeritten war.

Die Anstalten zur Hinrichtung wurden gemacht; feierlich nahmen alle Spiessgesellen von ihm Abschied und schwuren ihm sie hatten ihn zum Rittmeister erwahlt, ware er leben geblieben. Der Ernst dieser Reden durchzog endlich Anton mit dem Gedanken, was Schartlin ihm gesagt, habe ihm wohl nur die Furcht ersparen sollen; das erregte seinen Stolz, und mit Kuhnheit kniete er auf dem Sandberge nieder, seiner selbst gewiss, uneingedenk des Ausgangs. Als aber der erste Schutze geschossen und er nichts als den Luftzug und die Blendung empfunden, da bereitete er sich umzusturzen, wie Schartlin ihm befohlen. Der zweite, ein alter Schutze, sah ihn grimmig an, zielte langsam, dann blitzte das Pulver auf, und Anton streckte sich zusammensturzend uber den Sandhaufen. Gleich bedeckten ihn ein paar Steckenknechte mit einem roten Mantel und trugen ihn ins Geholz. Der Marsch wurde geschlagen, und die Gegend verodete sich mit jedem Schritte.

Anton musste noch immer tot scheinen, aber fast ertrug er den Zwang nicht langer, als er Susanna mit so beweglicher Stimme um ihn klagen horte. "O Vater im Himmel!" rief sie, "was soll ich auf Erden, wo mich keiner liebt, da du ihn zu dir genommen hast, den ich liebte auf Erden; wo soll ich einen Trost finden, da sein frohliches Angesicht mir nicht mehr leuchtet; wem gehore ich an auf dieser Welt als ihm, der mich nicht mehr hort; er ist mir Mutter und Vater, Brautigam und Mann, Vaterland und Unterhalt. Hier will ich bleiben, bis meine Klagen mit dem letzten Atem verseufzen; hier will ich beten und verhungern, denn seines toten Angesichts bleiche Lieblichkeit ist die einzige Nahrung, wonach ich verlange." Bei diesen Worten zog sie den Mantel hinweg, und Anton hielt sich nicht langer, hatte es ihm auch das Leben gekostet; er umfasste sie mit beiden Armen, und sie sturzte von dem Erschrecken tot in seine Arme. An seinem Herzen erwarmte er ihr Herz, an seinen Lippen ihre Lippen, in seinen Handen ihre Hande, und als sie erwachte, da fullte die Rote der Scham ihre Wangen; sie gab einen leisen Schlag mit der Hand auf seine Brust, machte ein Kreuz uber die ihre und sprach: "Du verdirbst mir die Freude."

Anton, der das alles in seiner bittersten Not getan, konnte ihren Missmut nicht begreifen: "Madchen, du bist zweikopfig, wie man die Zeit malt; jetzt eben zeigtest du mir das verkehrte Antlitz, was nicht einsieht, wie es voraus in der Welt aussieht!" Sie aber sprach: "Ich dachte nie, dass mir das begegnen sollte aber du bist hart wie alle Manner." "Was ist dir geschehen", fragte Anton erstaunt, "wie konnte ich, kaum aus den Klauen des Todes und des Teufels erlost, dir liebes Kind ein Unrecht tun wollen, tun konnen?" "Aber wer erlaubte dir mein Wams zu luften?" "Die Not zwang mich, du starrtest zum Paradiese hinuber, und was sollte ich hier auf durrer Heide?"

Susanna ging vor sich und sah ihn nicht an; dabei befiel ihn eine Langeweile, eine Lust zu essen und zu trinken, dass er sich von ganzem Herzen zu seinen Kamera den zuruckwunschte. Langsam ging er so ubers Feld, als ihm eine bekannte Stimme aus der Ferne rief; er sah sich um, es war Seger, der in vollem Laufe zu ihm eilte und ihm ausser Atem herstammelte, wie er es ohne ihn unter den Landsknechten nicht mehr aushalten konne; er habe den Betrug beim Totschiessen wohl bemerkt, habe bald unter einem Vorwande der Notdurft sich in einen Graben gesetzt und sei hinter Baumen immer fort glucklich bis zum Schiessplatze gekommen, von wo er seinen Schritten gefolgt. Nach diesen Worten warf er seine Feldtasche und Feldflasche an den Boden, trank Anton eine gute Gesundheit in altem Sekt zu, worauf ihm dieser guten Bescheid tat und die Flasche dann Susannen reichte, die aber alles verschmahte.

"Halt dich hier nicht auf", sagte sie zu Anton; "die Augsburger sind uns noch nahe, ein Zufall konnte uns in ihre Hande bringen."

Aber Anton horte nicht bei der Flasche und bei den Butterbroten. Seger riet ihm, den Kurt zur Wacht in einiger Entfernung in die Tiefe zu stellen, und Anton, indem er Susannen alles aufnotigte, was er eben mit grosser Lust zum Munde fahren wollte, bat sie um diesen Liebesdienst. Susanna gehorchte stillschweigend, Seger sah ihr ungeduldig nach. Als sie ihn nicht mehr horen konnte, sprach er zu Anton: "Hort Anton, Euretwegen ist nun schon so gross Ungluck geschehen, Mord und Brand haben jeden Eurer Schritte gezeichnet; Ihr seht, dass Ihr zum Ungluck geboren seid; Ihr wollt nichts Boses tun, aber das Bose lasst nicht von Euch; seht, so ist's mir auch gegangen."

Anton stutzte bei dieser Anrede und fragte nach seiner Geschichte; er musse wohl manches erfahren haben.

"Ich konnte Euch ein paar Jahre davon berichten", antwortete Seger, "aber Ihr sollt die Zeit nicht verlieren; Ihr seid in Euren besten Jahren, Ihr sollt mir helfen. Ich bin in jenem Furstenhause geboren, das dort so weiss aus den Tannen hervorsieht; es war ein Jagdschloss der Herzoge von Schwaben und gehort jetzt den Graten von Reck; es hat viel Gelass, um alle Sunden und Missetaten zu bergen, viel heimliche Eingange unter der Erde, wo sich das Laster einschleicht; so kam auch ich auf einem Schleichwege in die Welt, denn meine Mutter war eine Nonne, die sich Agathe nannte. Ich habe sie nicht gekannt, denn Niklas, mein Vater, hatte sie umgebracht, weil sie mich durch die Kraft des Grafen in die Welt gesetzt hatte, was mir doch recht lieb war, denn ich hatte sein Sohn nicht sein mogen. Darauf ubernahm er meine Erziehung mit grossem Ernste; zuerst musste ich den Leuten, die bei uns einkehrten, die Sacktucher und Handschuhe, wo sie einen liegen liessen, verheimlichen; dann musste ich ihnen die Geldbeutel, wenn sie beim Weine eingenickt waren, entfremden; ich tat das so im Spiel. Da schickte er aber eine bose Magd mir zu, die musste sich verliebt in mich stellen und mich in ihre Gewalt bringen; die beredete mich, einem Bacchanten aufzulauern, der oft bei uns verkehrte und von dem sie behauptete, dass er ihr mit seiner Liebe nachstelle. Es ward mir recht sauer; ich lag wohl eine halbe Stunde im Dorngebusch, und die Spechte hackten so furchterlich an den Baumen; auf meine Armbrust, die gespannt neben mir im Grase ruhte, kroch eine grosse schwarze Waldschnecke und streckte bei der Spitze des Pfeiles, der darauf lag, ihre Fuhlhorner in die Weite; ich aber blickte auf und sah den Schuler in seinem weiten schwarzen Mantel einherkommen, wie er einen Apfel ass, den ich noch am Morgen mit Verlangen auf dem Schranke der Magd gesehen hatte. Meine Armbrust war in meiner Hand, ich wusste nicht wie, gezielt und losgedruckt, und der Bacchant schrie, als hatte er Bauchkneifen, und da war's still, ich aber lief hin und sah ihn recht an; eine Seele konnte wohl nie in ihm gewesen sein, denn um das bisschen Eisen, was ihm im Herzen steckte, war sie heraus gefahren. Darauf kam die Magd gelaufen und mein Vater; sie nahmen alles Geld aus seinen Taschen, aber das freute mich nicht ich wollte seinen schwarzen Mantel haben, aber den wollten sie nicht geben, weil es sonst auskame; daruber schlug ich auf meinen Vater, dass er mich verfluchte. Beim Abendbrote war alles wieder vertragen, da herzte mich die Magd, und mein Vater litt es. Darauf erklarte er mir die ganze Welt und wie es aller Orten zugehe, dass immer einer den andern bestohlen und umgebracht, die Fursten den Edelmann, der Edelmann die Bauern; weil es denn so artig zugehe, hatten sie sich als freie Leute im Walde auch dazu vereinigt, und ich hatte mein Probstuck abgelegt und sei nun auch ein rechter Kerl, der ihn einmal, wenn er alt und schwach und zu nichts mehr gut, aus der Welt schaffen sollte."

Dem guten Anton wurde bei diesen Worten der Wein kalt, er sah sich mit einer schmerzlichen Sehnsucht nach seiner Susanna um; sie stand aber unter dem Hugel. Der Himmel war rot nach einer Seite und schwarz gestreift; er meinte, dass Augsburg noch brenne, und sah wieder auf Seger, der mit grimmigem Hohn fortfuhr:

"Meines Vaters Segen machte mich herzlich froh; ans Lernen brauchte ich nun nicht mehr zu denken, ich wurde zu allem mitgenommen, lernte meines Vaters Raubgesellen kennen und dachte mir, dass es nicht anders sein konne; ich schmierte meine Haare mit Speck ein wie sie, konnte hungern und saufen wie sie; die Madchen taten mir schon, obgleich ich durr aussah wie ein Kafer; ich brachte ihnen immer was mit vom Zuge. So ging ich in meiner Spielerei als Bettelknabe verkleidet gar oft durch den Wald. Da trat ich einstmals an einen schmalen Steg, wo uber ein laufendes Wasser ein einziger Baumstamm fuhrte. Als ich daruber gehen wollte, trat mir ein Mann in schwarzem Mantel mit dem Apfel in der Hand entgegen; es war der Bacchant, den ich erschossen hatte, und ich zitterte so entsetzlich, dass ich weder ruck- noch vorwarts konnte. Er trat mir aber ganz nahe und zischte mir leise in die Ohren: 'Bring mir deines Vaters Blut, so geb ich dir meinen schwarzen Mantel!' In dem Augenblicke tat die Luft einen blauen Donnerschlag neben mir nieder; als ich wieder zu mir kam, lag ich im Wasser mit den Beinen, und es war beinahe dunkel. Als ich nach Hause kam, war ich ganz verwildert; sie brachten mich zu Bette. Immer sah ich den Bacchanten, der auf meinen Vater wies, als wollte er sagen: 'Stoss zu auf den, du hast ja ein Brotmesser neben dir.' In dieser Krankheit ward ich ein grimmiger Sittenrichter, denn wenn ich den Bacchanten sah, so fing ich an den Vater zur Tugend zu ermahnen; wenn ich aber nuchtern wurde, machte ich Verse, uber die mein Vater grosse Freude hatte. Weil wir nun eben so lustig zusammen sind, will ich Euch ein Lied vorsingen, was mir nachher die Bauern nachgesungen haben und wussten nicht, was es recht heisse; es schmeckte ihnen aber wie die neunerlei Krauter am grunen Donnerstag.

Fur meinen Vater bettle ich

Den ganzen Tag im Staube,

Belug die Leute freventlich,

Wachs auf zu Mord und Raube.

Er horte nimmer meine Not

Und trieb mich aus wohl in den Tod.

Ich ruf ihn oft in dunkler Nacht

In meine dunkle Kammer,

Wenn blutig mir der Mond erwacht

Und wecket allen Jammer:

'Ach Vater lass vom Raube ab,

Das gibt uns nie ein ehrlich Grab.'

Da wirft er mich zur Tur hinaus,

Da kann ich ruhig schlafen;

Da spukt es nicht wie in dem Haus,

Weil da die Hunde blaffen.

Dafur soll Vater schlafen auch

Von Sohnes Hand nach Raubers Brauch.

Ich hab am Dornstrauch ihn erharrt,

Die Armbrust ist voll Tucke;

Es scharrt mein Fuss, mein Auge starrt,

Weil ich so lang mich bucke.

Es weht vom Berge her ein Wind,

Der ist so rauh und kalt gesinnt.

Die Zunge lechzt, kein Tropfen sinkt;

Die Zeit ist schier verflossen.

Das Zeichen von dem Berge klingt,

Gleich hab ich abgeschossen!

Doch das traf nur sein Schattenbild,

Der Mond deckt uber ihn sein Schild.

Lasst heute nur den Vater fliehn,

Ich krieg ihn doch noch morgen;

Ich will auf seine Fahrte ziehn,

Da lasset mich nur sorgen,

Das ist dem Jager leichte Sach,

Ich schick ihm meine Hunde nach."

Bei diesem Schlusse sprang Seger auf; "Anton, Anton! da kommt ein Augsburger uber die betauten Spinnweben, konnt ich sie ihm zum Strick drehen; Anton, schiess ihn nieder; da hast du meine Muskete, oder du bist des Todes, sieh, er zielt auf dich." Anton wandte sich um und sah einen alten Jagersmann, dem die Augen entweder ausgefallen oder tief in den Kopf zuruckgetreten waren, mit einer Muskete hinter sich stehen. "Schiess ihn nieder", rief Seger noch einmal. "Fabian, Fabian!" rief drohend der Alte, und bei dem Worte riss ein Vorhang in Antons Hirn; wie eines vergangenen Lebens erinnerlich entfiel ihm alle Gegenwart; er nahm staunend die Muskete Segers und wollte sie gegen den Ankommenden losbrennen. In dem Augenblicke blitzte gegen ihn ein Schuss auf, dass er zu Boden fiel; er glaubte etwas wie eine lange schwarze Schlange von ihm fort uber den Boden schleichen zu sehen, und indem er den Windungen so nachsah und ihrer Bewegungen staunte, verlor er alles Bewusstsein.

Wahrend Seger den ersten Schrecken zur Flucht benutzt hatte, war Susanna herbeigeeilt, den geliebten Herrn aus der Ohnmacht zu erwecken. Sie wollte erst den Alten, weil er ihn verwundet, nicht zu ihm lassen, aber der Alte weinte so schmerzlich, dass sie bald an ihn glaubte. Er griff darauf mit rustiger Kraft den Ohnmachtigen um den Leib, Susanna erhob die Fusse, und so schleppten sie ihn mit vieler Anstrengung nach dem weissen Schlosse im Walde. Auf ein dreimaliges Pfeifen des Alten liess sich die Zugbrucke herunter; es kamen mehrere alte Diener dem Jager ehrfurchtsvoll entgegen und trugen Anton auf seinen Befehl in eins der geraumigsten Zimmer des ersten Stockwerkes. Hier wollte Susanna ihren sympathetischen Verband wieder versuchen, aber mit Schrecken sah sie, dass die Wunde an der Hufte, und ihre Schamhaftigkeit gestattete ihr nicht, sich zu der Besichtigung zuzudrangen, insbesondere da ihr der Alte einen Wink gab, seinen Wundarzt nicht zu storen, der in kunstgerechter Art die Wunde untersuchte.

Anton litt dabei sehr schmerzlich, doch seine Starke ertrug alles; der Wundarzt fand keine Lebensgefahr, sein Inneres war unverletzt, aber in seinem starken Fleische hatte sich die Kugel so vertieft, dass sie nicht herausgebracht werden konnte, darum war nur eine langsame Genesung zu erwarten. Diese Nachricht schlug Anton mehr darnieder als der Schmerz; er sehnte sich nach seiner Hausfrau und beschloss, ihr zu schreiben, sobald er seiner Gesundheit gewiss ware.

Unter solchen Gedanken schlief er unbemerkt ein, und es traumte ihm wieder, wie ihm so oft schon getraumt hatte, er sei auf den Armen einer schonen Frau, die ihn mit offenem Munde kusste, und halte an rotem Bande ein Lammchen, das an seine Schuhe beisse, weil sie grun waren, und er konnte der Mutter nicht sagen, was ihn angstige, weil sie ihn kusste und weil er nicht sprechen konnte; bis endlich der Vater, ein grosser ernster Mann, hinzugetreten und das Lammchen gefuttert. Da wurde ihm so stille und wohl, er sah im Zimmer umher, sah die grunen Vorhange, das alte Bild, welches der Vater ihm immer zeigte. Es stellte zwei Kramladen neben einander von entgegengesetzter Art dar: in dem einen standen Harnische, gross und klein, Helme, prachtvoll befiedert, Degen und Lanzen, ungeduldig blendend, die rasche Kraft zu wecken, die sie fuhren und brauchen sollte; in dem andern hingen viele Bilder grosser Begebenheiten, mancher Degen in raschem Schwunge, mancher Harnisch zertreten, manche Lanze zerbrochen; vor beiden Kramladen stand aber ein Knabe zweifelnd und hielt sein Geld in beiden Handen; dort waren die Harnische und noch viel mehr, aber es war Tauschung; hier hingen die Harnische wirklich, aber er wusste nicht, ob ihm einer passe, und dann halfen sie ihm nichts. In diesem Bedenken wachte er auf; es war Tag, Susanna war neben ihm auf dem Stuhle eingeschlummert; auf sie fiel sein erster Blick, und er dachte wieder, wie sonderbar es sei, dass er jedesmal, wo er verwundet gewesen, als er das Bein gebrochen, als er von den Rittern niedergeworfen, denselben Traum traume. Jetzt sah er aber auf und erst wischte er sich die Augen, denn wirklich zierte die Wand ihm gegenuber das beschriebene Bild, auf die Mauer gemalt; die grunen Vorhange deckten wohltatig die Fenster zu, er fuhlte, dass er hier schon gewesen und tausend Freuden als Kind mit erster warmer Fruhlingsluft hier eingesogen.

In diesem Aufbrausen alter Zeit trat der hohe ernste Alte ins Zimmer, der ihn vom Felde fortgetragen, ergriff seine Hand und druckte sie kraftig. "O mein Vater!" rief eine innere Stimme aus ihm, "wie habe ich dich so lange nicht gesehen; wie ist deiner Augen Licht erloschen!"

Der Alte sagte, seine Hand loslassend: "Du schwarmst, junger Mann; zwar bist du ahnlich meiner Jugendzeit, und darum bist du mir lieb, aber meinen einzigen Sohn hat ein Wolf zerrissen und seines Lammes geschont."

"Ich bin's, Vater!" rief Anton, "wo ist mein Lamm geblieben? ich hatte es so lieb; wo ist Fabian, der mit mir spielte, dem ich meine Kirschen schenkte?"

Der Alte stutzte. "Fabian, der heuchlerische Satanas! ihn wollte ich niederschiessen, als ich dich getroffen habe."

"Das war Fabian?" fragte Anton; "bei uns hiess er Seger; da sei ihm verziehen, ich hatte ihn so lieb wie meinen Gott."

Der Alte wischte sich die Augen und seufzte: "O lass mich traumen, harter Gott, der immer seinen armen Knecht Rappolt gnadig liess erwachen; schenk mir den Glauben, dass der fremde Mann mein Sohn; ich will ihm alles Gute tun, als war's mein liebes Kind; ich will ihm zeigen seine Herde, die aus den beiden Lammern ist gezeuget und geboren!" Bei diesen Worten ging der Alte hastig zur Tur hinaus.

Anton sah starr nach dem Bilde; da horte er ein Getrappel auf den Treppen, als kame eins der kleinen Volker zu ihm, die nach alten Sagen in alten Schlossern hausen und in gewissen Zimmern und Zeiten ihre Feste feiern sollen. Er horte die kleinen Ritter gegen die Turklinke springen, aber vergebens, sie war zu hoch. Susanna sprang auf und offnete sie; aber eine gedrangte Herde von Schafen, die nimmer geschoren in prachtvollen breiten glanzenden Pelzen prangte, riss sie fast nieder. Die ganze Herde schien mit wunderlicher Neigung in das Zimmer und dann zu dem Bette des Verwundeten zu dringen, denn einzelne stiegen uber die andern fort, und der Alte konnte sich kaum durch ihre Mitte drangen. Die Schafe stiegen aber mit den Vorderfussen auf Antons Bett und leckten ihm die Hande und reichten die weichen Schnauzen an seinen Mund.

"Du bist mein Sohn", rief der Alte, "du bist mein verlorener Anton! sie kennen dich, weil ihre Eltern von dir aufgezogen. Ach, wenn das deine Mutter noch erlebt hatte; aber sprich, mein einziger Junge, wie bist du uns entwendet?"

Anton besann sich; "Weiss ich es doch selbst nicht, wie es auf einmal anders geworden und wie ich einen andern Vater, Martin Sixt, und eine alte hassliche Mutter, Sybilla, bekommen; aber das weiss ich noch, dass Fabian mir sagte, er wolle mir zeigen, wo bei Tage die Nacht sei; dann fuhrte er mich in eine Hohle, und da ich mude wurde, nahm mich drin ein fremder Mann auf die Arme, und so kam ich von einem zum andern, und zuletzt blieb ich bei dem alten Maler."

"Fabian!" rief der Alte, "du bist Satanas; denn deine Jugend hat an Lastern die alte Welt uberboten. O mein Sohn, was wird es fur schwere Zeiten geben, wenn die Teufel so von allen Seiten schon losgelassen werden!" Bei diesen jammervollen Worten setzte er sich auf einen grossen Sessel nieder und sang seinen Schafen:

Schaflein drangt euch dicht zusammen

In der heissen Mittagsstunde:

Einsam steh ich in den Flammen,

Macht der Teufel seine Runde

In der schwarzen Mitternacht.

Schaflein lasst die Glocken klingen,

Dass ihr nimmer euch verirret.

Denn wenn ich muss einsam singen,

Meine Seele sich verwirret

Vor des Teufels stiller Macht.

Der Alte hielt sich nach diesen Versen beide Augen zu, die Schafe fluchteten angstlich von ihm; Anton erschrak, aber Susanna trat hin zu dem Alten und fasste unerschrocken seine Stirne, die herabhing, und druckte sie mit beiden Handen.

"Du guter Engel", sagte der Alte, "du hast mir wohlgetan; habe Dank! es sind so Schwindel, die ich der grossen Einsamkeit und vielem Kummer zu danken habe. Ach, lieber Sohn, wenn du, wie ich, dein Leben verwacht hattest auf der Kronenburg, starr hingerichtet mit aller Aufmerksamkeit auf nichts, denn du lauerst stets, ob nicht der Verrater nahe, und niemand dringt in die einsame Wildnis, so dass die Vogel zahm mit dir fruhstucken, da wurdest du nicht mehr wie eine Blume mit deinen Augen in die Welt sehen."

"Hoher Vater", sagte Anton, "erzahlt mir von dieser Burg."

"Es kommt wohl noch die Zeit dazu", meinte der Alte nachdenklich; "du gehorst dahin, du bist ihre letzte Stutze; sei eingedenk deiner hohen Bestimmung, deiner hohen Geburt; gedenk aber auch deiner vielen Feinde, um deren Willen du deine Abkunft hier noch verheimlichen musst; ich traue nicht allen meinen Dienern mehr, seit Niklas uns so schandlich betrogen." ANTON: "Ich sag mit Frundsberg: 'je mehr Feinde, je mehr Gluck;' doch sprecht, Vater, welches adligen Namens kann ich mich ruhmen; ich sage Euch zu, vor Euren Leuten zu schweigen."

DER ALTE: "Vernimm mein Sohn, dass du ein Nachkomme des Grafen von Stock bist, der, von Kaiser Konrad mit einer Schlossertochter in Wurzburg gezeugt, erst Huf- und Waffenschmidt im Gefolge Konradins wurde, und als solcher die Gnade des unglucklichen Fursten sich in dem Masse verdiente, dass dieser ihn noch vor seiner Gefangennehmung als seines Vaters ausser der Ehe erzeugten Sohn anerkannte und in den Grafenstand erhob."

Der Alte erzahlte von hier an oft abgebrochen; wir mussen seine Rede zusammenziehen. "Nach der unseligen Schlacht, wo Konradin in jugendlichem Ubermute, gesiegt zu haben, die Seinen zum Verfolgen zerstreuen liess und von dem Hinterhalte Karls angegriffen und ganzlich geschlagen wurde, fluchtete er sich mit Friedrich von Osterreich, mit Lancea von Calvano, seinem Sohn Galeotto und seinem geliebten Grafen von Stock in die Walder. Sie zwangen einige Eseltreiber, ihnen fur ihre kostbaren Waren und seidnen Kleider ihre groben Kittel zu uberlassen. So irrten sie im grossten Mangel an ordentlicher Speisung mehrere Tage, bis sie an das Ufer von Astura gelangten. Hier lag ein Schiffer mit seinem Boote und wartete auf die Nacht zum Fischfang; sie segneten ihren Stern, der sie dahin gefuhrt, aber der Fischer sah sie gross an, als sie ihn baten, sie nach Pisa zu fahren, wo ihrer Sicherheit und Freundschaft wartete. Er sagte ihnen, wie sie als arme Leute ihn fur eine so weite Fahrt bezahlen konnten. Jetzt fassten sie in ihre Taschen und merkten erst, dass sie bloss eine Kiste mit Kleinodien gerettet, dass sie aber ihr Geld in den vertauschten Kleidern stecken gelassen. Hastig zog Konradin einen kostbaren Smaragden von seinem Finger und gab ihn dem Fischer, dass er sie dafur uberfahre. Dieser lachte uber den Ring und meinte, weil sie so armlich aussahen, er mochte nichts wert sein, sagte es aber nicht, weil er sich vor Schlagen furchtete, sondern ging bloss unter dem Vorwande, Lebensmittel einzukaufen, nach der Stadt Astura, um sich dort nach dem Werte des Ringes zu erkundigen. Da wurden ihm von einem immer mehr Zechinen geboten als von dem andern; einige wollten ihn festnehmen lassen, um zu erfahren, woher er einen so kostbaren Ring empfangen; er sagte, wie es sich verlaufen, und war endlich froh, eine Summe fur den Ring bekommen zu haben. Mit Wein und Brot beladen kam er zum Ufer, wo Konradin mit Ungeduld seiner harrte, nachdem ihm der Graf von Stock vergebens geraten, ohne seiner zu warten, ihr Heil auf dem Meere zu suchen. O hatten sie es getan, denn jetzt nachdem sie mit dem Schiffer bei schonem Winde auf dem Meere schwebten und ihre Hemden als Segel ausgespannt, mit jeder Welle, die sie durchschnitten, das Ungluck weiter von sich gestossen zu haben wahnten: jetzt waren sie schon von den Galeeren aus Astura umkreist, und als am Morgen das Meer heiter erglanzte, da ging Konradins Stern unter. Johannes Frangipani, der Statthalter in Astura, hatte die Erzahlung von den armen jungen Leuten, die einem Fischer einen so kostbaren Ring geschenkt, um sie nach Pisa uberzusetzen, mit dem Argwohne angehort, ob nicht Konradin, der jetzt aller Orten gesucht wurde, darunter sein mochte, und versprach sich von dessen Gefangennehmung grosse Vorteile. Er sendete ihnen zwei schnelle Galeeren nach, die auch am Morgen das Boot erreichten und die armen Fluchtigen zu Gefangenen machten und nach Astura in ein altes Schloss als Gefangene einbrachten. Hier sollte Konradin von seinem geliebten Bruder getrennt werden; er ubersah, dass dieser ihm allein nutzlich werden konnte, wenn er loskame und seine Anhanger zu seiner Befreiung sammelte, und verpflichtete ihn, wenn sie getrennt wurden, seine Freiheit zu suchen und zu seiner Rettung zu brauchen; zugleich sagte er ihm den Ort und die Wege der alten Kronenburg der Hohenstaufen, wo ihre Krone und ihr Schatz noch immer bewahrt wird, bis ein von Gott Begnadeter alle Deutschen zu einem grossen friedlichen gemeinsamen Leben vereinigen wird. Sie nahmen mit schwerem Herzen Abschied. Konig Karl, Konradins Sieger, belagerte Astura wenige Tage vorher, weil Frangipani seine Gefangenen nicht ohne grossen Lohn uberliefern wollte; er musste sich bald ubergeben; Frangipani wurde hingerichtet und die Gefangenen nach Neapel gebracht. Auf dem Wege machte sich unser Altvorderer, der Graf von Stock, durch die Starke seines Arms, der einen rollenden mit zwei Pferden bespannten Wagen aufhalten konnte, von seinen Wachtern frei; er drang bis tief in das kalabrische Gebirge und sammelte eine Zahl von Konradins Anhangern, mit denen er durch Bestechung der Wachter, die mehr Konradins edle Tugend als das Geld ruhrte, einen Versuch machte, ihn zu befreien. Konradin hatte aber sein ritterliches Wort dem Konige gegeben, wenn er ihn ritterlich im Gefangnisse hielte, keinen Versuch zu machen, daraus zu entkommen; er horte mit unsaglicher Sehnsucht des Bruders Stimme wieder, und wie er ihm sprach von seiner Mutter und der Burg Hohenstaufen, vor allem aber als er ihm sprach von der Kronenburg; doch seine ritterliche Ehre widerstand ihm, er befahl, von ihm zu weichen, dass er ihn nicht fur einen Teufel halten moge, der ihm die Herrlichkeit der Welt fur seine Seele biete." Bei diesen Worten schlug der Alte wieder beide Hande uber seine Augen und sang noch jammervoller als vorher zu seinen Schafen:

Schaflein lauft nach allen Seiten,

Wenn der Wolf den Hund bezwungen;

Ihr konnt nimmer ihn bestreiten,

Lasst ihm eure zarten Jungen,

Hab es auch also gemacht.

Schaflein fort von meinem Sohne,

Seid ihr Wolf in Schafes Kleide,

Als ich wachte bei der Krone,

Brachte Satanas im Neide

Meinen Sohn in seine Macht.

Bei diesen Worten sprang der Alte auf und trieb die Schafe mit grosser Angst von dem Bette Antons fort und zur Tur hinaus; Anton wollte aufspringen, aber Susanna hielt ihn; der Alte, fechtend wie mit einem Doppelschwerte in der Feldschlacht trieb die Herde mit einem grossen Zweige nun ungestort zur Tur hinaus; als er hinaus war, bat Anton Susannen, die Fenster zu eroffnen, denn der Duft der Herde machte die Zimmerluft unertraglich Als die Luft so einstromte und die fernen Berge in der Blendsonne rotlich bekleidet ihm erschienen, da fand sich das Gemut des Kranken von den Entdeckungen des Tages vorbewegt, in einer Sehnsucht aufgelost, die ihn in gesunden Tagen noch nie ubernommen hatte; er dachte, was ist's denn mehr ein Graf zu sein in einer Einode, oder ein froher Burger in der Stadt; er wusste sich nicht zu nehmen, sich nicht auszulassen, er bat Susannen, zu ihm zu kommen, fasste ihre Hande, spielte damit, beruhrte ihre Fingerspitzen und fugte sie wie schlanke Zweige, die er zu einem Kranze flechten wollte, ineinander, und hielt sie dann wieder zusammen und sah nach dem Lichte, das rotlich zwischen den Fingern durchschien. "Liebes Kind", so brach er endlich das Schweigen, "warum hast du mich heute nicht verbunden, wie du es damals getan? vielleicht ware ich jetzt schon geheilt und konnte mit dir im Freien die Wolkenzuge beschauen, die hier auf der grossen Ebene viel wunderbarer erscheinen, als bei uns, wo sie von den Bergen abgeschnitten."

"Ich hatte es wohl getan", sagte sie, "aber ich schamte mich vor den fremden Leuten, da Ihr halbtot waret." ANTON: "Wie kommst du zu der wunderlichen Geschamigkeit, da der Ort deiner Erziehung aller Scham und Schande den Kopf hatte abbeissen mussen." SUSANNA: "Ich habe viel Boses sehen mussen und ich werde wohl lange darum bussen." ANTON: "Bussen, ja Kind, wie meinst du das. Du sollst bei mir bussen, gib mir einen Kuss zur Busse; du wendest dich von mir?"SUSANNA: "Ich schame mich, dass Ihr dies von mir verlangt; ich bin Kurt, Euer Knappe, der Euch treu dienen wird in Not und Gefahr; ich diene aber nicht um Kusse ich diene um Ehre." ANTON: "Hast du dich so in deinen Rock, in deinen Degen verliebt, Liebst du mich nicht?" SUSANNA: "Nein, Herr, aber es ware mir lieb, wenn ich Euch lieben konnte."

ANTON: "Du meinst wegen meiner Hausfrau." SUSANNA: "Von der weiss ich nichts, als was Ihr mir gesagt habt; was wurde die mich hindern, Euch zu lieben, der musste es ja Freude machen." ANTON: "Ich meine doch nicht; sie mochte wohl eifersuchtig sein, wenn sie wusste, dass ich mit dir in einem Zimmer geschlafen." SUSANNA: "Daran habe ich nie gedacht, ich will es nie wieder tun, es geschah aber aus Vorsorge fur Euch, dass ich hier blieb."

Anton dankte ihr fur ihre Gute, doch mischte sich ein Ingrimm uber ihre Kalte in diese erste nahere Bekanntschaft mit ihr, wie der Pechgeschmack, der das erste Glas von einer frisch entpfropften Weinflasche zuweilen verdirbt, dass wir nicht beurteilen konnen, ob er edel oder unedel sei; er wunschte sich einen munteren Gesellen von weniger Vortrefflichkeit, der in seiner Frohlichkeit mitjubelte, der an seinem Halse hinge. Sie diente ihm mit einer Hochachtung, wie einem hoheren Wesen, das er nicht sein mochte, dessen Schwungkraft er gar nicht in sich fuhlte; so etwas wurde aber niemals in ihm zum Gedanken; er fuhlte den Arger, dann fuhlte er, dass er unrecht gehabt, und suchte es gut zu machen. "Liebes Kind", so sprach er, indem er sich zu Susannen hinwandte, "wie sieht es denn hier im Hause eigentlich aus, lebt mein Vater ganz allein?" SUSANNA: "Herr, es ist uberaus wunderlich hier bestellt mit allen Leuten, doch gefallt es mir; die meisten sind alterschwere Manner, die gar nicht horen konnen, aber jeder hat sein eigen Geschaft, wie die Vogel sich jeder ein besonderes Nest bauen." ANTON: "Hast du sie besucht?" SUSANNA: "Sie nahmen mich stillschweigend mit; der eine zeigte mir seine Eichhornchen; die Kammer hatte Drahtfenster und war mit hohlen Baumen verziert, und drin heckten die Eichhornchen; kaum trat er ein, gleich kamen sie wie rote Brande aus allen Hohlen und seufzten zu ihm so durchdringend, dass mir wohl ums Herz wurde; er brachte jedem Nusskerne und allerlei Fruchte; wie zierlich setzten sie sich auf die Hinterfusse, schlugen den Schweif in die Hohe und wirbelten die Nusse erst in ihren Vorderpfoten unter den blitzenden Augen umher, eh' sie mit dem scharfen Zahne einsagten. Seht Herr, da hab ich eins mitgebracht, ein Junges." ANTON: "Es hat dir die Brust blutig gekratzt, lass dir das Blut abtrocknen." SUSANNA: "Es schadet nichts, es tat nicht weh; seht nur das artige Tier, jetzt legt es sich in meiner Hand rund zusammen zum Schlaf." ANTON: "Du hast doch das hier nicht gestohlen?" SUSANNA: "Es denkt doch keiner so schlecht von mir, wie Ihr. Der Alte hatte mich lieb, und da er die Mutter von diesem Kleinen nicht sah und sie im Neste tot fand, da holte er das Kleine heraus und gab es mir und weinte dann, als er die Alte schon kalt und steif fand, jetzt geht er herum und ladet die andern zum Begrabnisse." ANTON: "Hatte ich nur Farben, ich malte ihm das Tier zum Gedachtnis." SUSANNA: "Lieber Herr, gleich schaff ich Euch Farben, der eine von den Alten ist ein Maler, und das Tier will ich Euch auch bringen, er hat es auf Moos vor dem Hause hingestellt, bis alle Gaste des Leichenzuges beisammen sind." ANTON: "Schnell, schnell, du aufmerksame Seele."

Susanna brachte in drei Sprungen das Eichhornchen, und nach kurzer Unterredung einen alten Mann, den sie Reichenthal nannte, mit allem Malerwerkzeuge, einer ebnen Holztafel mit Kreidegrund, in die Stube gezogen.

ANTON: "Du bist zu ungestum, Kind; werter alter Herr, wollt Ihr mir Eure Tafel und Euer Gerat leihen, oder malt Ihr selbst vielleicht besser und seid geschickter, dies tote Eichhornchen zu malen."

Simon versicherte ihm, dass er nie etwas anderes, als Wappen gemalt nach einem Zeichenbuche, niemals nach der Natur, und war daher nicht wenig verwundert, als Anton mit seiner Sicherheit und Fertigkeit in ein paar Stunden das Eichhornchen, auf zwei gekreuzten Knochen sitzend, gemalt hatte, wie es an einem Schadel, wie an einer Nuss nagte.

Inzwischen war im Hause, ohne dass die beschaftigten drei es wahrgenommen, ein angstliches Suchen nach dem Leichnam des Eichhornchens gewesen; der Leichenzug hatte sich versammelt, das mit Blumen durchflochtene Kastchen sollte die Tote aufnehmen, aber sie war verschwunden; man suchte an allen Orten, aber der trostlose alte Mann fand nirgends seinen Liebling wieder. Susanna musste sich jetzt mit dem toten Eichhornchen und mit dem Gemalde wieder zu dem Ehrenbette aus Moos hinschleichen, jenes darin verstecken und dieses aufstellen. Der Alte, der sich mude gesucht hatte, kam endlich, wie alle Leute, die etwas verloren, woran ihnen viel liegt, auf den Platz zuruck, wo er es vermisst; seine truben Augen sahen das Bild fur den lebenden Liebling an und ergossen sich in Tranen. "Sie sieht mich an", rief er, aber jetzt fuhlten seine Hande die Tauschung der Farben, und diese Tauschung blieb ihm noch lieb. "Wer hat mir die Freude bereitet", fragte er, "dem lohne es der Himmel mit gleicher Freude; das Bild ist mein Schatz, mein einziges Spiel und Gesprach, an meinem Bette soll es hangen, meinem Haupte gegenuber, dass es mich begrusse beim Einschlafen und mir begegne im Erwachen."

Wahrend der Alte, der sich von seinen Lieblingen Eichhorn genannt hatte, also sprach, hatte der alte Graf Rappolt von Reichenthal die Geschicklichkeit seines Sohnes erfahren; er kam zu ihm und sprach: "Lieber Sohn, ich kann dir die Freude nicht ausdrukken, die du mir mit deiner guten Gesinnung schaffst; bei deiner Kunst wirst du ein herrliches Leben auf der Kronenburg fuhren, wir alten Wachter wussten meist nichts Besseres zu tun, als uns mit ganzer Seele an irgend ein Tiergeschlecht zu hangen, oder an eine Handearbeit, und dabei gehen die Lichter aus im Hirne!"

"Fuhrt mich zur Kronenburg, teurer Vater; ich mochte Euch dienen mit allen Kraften", sagte Anton.

"Du wirst vielleicht bald dazu reif gefunden werden", sprach Graf Rappolt, "vielleicht auch niemals, denn nie werde ich dich durch Gunst dazu fordern; kannst du hungern und dursten?"

"Nein!", rief Anton, "lieber mocht ich mich selbst stuckweis verzehren, als hungern."

"Armer Sohn", sagte Rappolt, "das hast du von deiner Mutter, da wirst du schwere Lehrjahre ausstehen, ehe du es lernst."

Susanna brach jetzt in Tranen aus am Fenster, der Alte unterstutzte den Sohn, sie sahen die Alten paarweis voruber ziehen; zuletzt trug der Alte die kleine Leiche auf Moos und Blumen in einem zierlichen Korbe. Sie blieben in einem Winkel unter Tranenweiden stehen, wo mehrere weisse Denkmale schimmerten; hier sangen sie wahrend des Grabens und Einsenkens ein sanftes Lied, das deutlich in das Fenster schallte.

Der Uberdruss

Auch weichen muss,

Die Langeweil

Hat nimmer Heil;

Mach dich von allem frei,

So ist dir alles neu.

Das einfaltige Lied hatte einen eignen Trost fur Anton, der jetzt erst merkte, dass ihn eine Art Uberdruss und Langeweile uber die Abwechselung seines Geschicks ergriffen hatte. "Lustig wollen wir leben", rief er zum Vater, "heut will ich meinen Geburtstag feiern, denn mich durstet; lasst mich unten in den Garten tragen, Vater, schafft mir junges Volk, das tanzen und springen kann; die Ankunft des verlornen Sohnes muss gefeiert werden."

Einem Grafen von Stock, meinte der alte Rappolt, zieme sich wohl eine andere Art der Freude, inzwischen zieme es sich recht gut, dass heute die Hirten herantrieben, um ihre Abgabe dem Schlosse zu entrichten, wobei sie frohlich zu tanzen und zu singen pflegten. Wirklich liessen sich schon die Feldschalmeien auf den Waldhugeln in Gruss und Gegengruss horen; die Glocken des angetriebenen Viehes richteten die Aufmerksamkeit nach allen schonen Waldgrunden, die sonst in dem grossen Eindruck des Ganzen leicht ubersehen werden. Rappolt befahl einigen Dienern, den Sohn in der Bettstelle herunter zu tragen, wobei Susanna Achtung gab, dass nirgends von den steifen alten Mannern angestossen wurde. Auf dem grossen Platze vor dem Jagdschlosse waren schon die jungen Stiere und Kuhe aufgestellt, alle mit Blumen und bunten Bandern geschmuckt; die Hirten nahmen von ihnen zartlichen Abschied und ubergaben sie den alten Dienern des Grafen, die sogleich Befehl erhielten, einige nach der Kronenburg zu fuhren. Dann wurden grosse Fasser mit Bier auf hohe Steine festgelegt, es wurde in grosse holzerne Kruge gezapft und von den Madchen umhergetragen, die zierlich gekleidet in roten Jacken mit silbernen Ketten und kurzen blauen Rocken, die Haare in langen Flechten, erschienen waren. Ein lustiger Tanz vergalt ihnen die Muhe, vier Paare tanzten in bunter Abwechselung, die Einladung und das Geheimnis der Liebe immer zierlicher zu verhullen, dass es sich endlich ohne Schamrote kund machen konnte, wahrend die ubrigen alles spottend aussangen, selbst das, was noch nicht wahr geworden. Da hiess es:

Auf, schwenkt die Madchen rum!

Es tanzt sich gut im grunen Wald,

Und seid dabei nicht stumm,

Damit es lustig schallt

Ju ja, ju ja!

Lustig wollen wir springen

Allhier im grunen Wald.

Nun waren einige Paare uber einander gefallen, da sangen sie weiter:

Das Moos ist gar zu weich,

Das Moos ist gar zu glatt:

Es war ein gruner Zweig,

Der uns zu Fall gebracht;

Ju ja, ju ja!

Auf grunen Zweig wir kommen

Allhier im grunen Wald.

Wir trudeln uns herum

Auf weichem glatten Moos,

Der Maulwurf ist nicht dumm,

Der wohnt im Erdenschoss;

Ju ja, ju ja!

Wir wollen uns begraben

Allhier im Erdenschoss.

Deck mich mit Rosen zu

Und mit Vergissmeinnicht,

Sonst hab ich keine Ruh,

Wenn mich die Sonne sticht,

Ju ja, ju ja!

Lass mir den Haber stechen

Allhier auf gruner Heid.

Gehort das Laub dem Baum?

Gehort das Laub der Luft?

Es spielt damit der Baum,

Es spielt damit die Luft.

Ju ja, ju ja!

Jetzt will ich dich erst kussen,

Dann kusse mich einmal.

Anton hatte seine Herzensfreude an all dem Jubel, an dem plumpen Schwenken der Madchen, an dem Stampfen der Knechte; er sprang im Bette hoch auf, wenn der Dudelsack, ein altes Ziegenfell, woran der Kopf mit messingenen Hornern und Korallenaugen, in eine andere Melodie umsetzte, und argerte sich uber Susannen, die sich hinter seinem Bette wie ein geangstigter Hund verkrochen hatte und auf jeden schlug, der sie wieder aus dem Zufluchtsorte herausbringen wollte. Der alte Rappolt hingegen meinte seinen Sohn zerstreuen zu mussen; er sprach von manchen ernsthaften Begebenheiten und befahl bald, dass sein Volkchen, welches allmahlich in der Erhitzung und Bewegung allzustark nach dem Stalle roch, sich in eine weitere Entfernung begebe.

"Weisst du, lieber Sohn", sagte er, "dass ich meine Jugendzeit als Kapuziner verbetet habe?"

"Nein", sprach Anton zerstreut und sah in die Ferne, wo getanzt wurde, "da muss Euch das Hosentragen nachher schwer geworden sein."

"Die Kapuze lag heiss auf mir, als war sie von geschmolzenem Blei gewesen, lieber Sohn; wenn du eine hohe Klostermauer erblickst, denk nicht mit den Leuten von heute, dass da lauter Uppigkeit die mussigen Leiber fullt; gemeiniglich ist das nur ein aufgegebenes Leben, das sich in Trunkenheit zu vergessen strebt, nachdem Not und Sunde, und Hass und Bosheit, eigne und fremde, viele Jahre die arme Jugend gegeisselt hat."

Bei diesen Worten weinte Susanna; der Alte sah sie an und sagte: "Du bist ein schoner Reiterknabe, flennst wie ein altes Weib, geh fort zum Tanz und kriech hier nicht herum wie eine Katze; was ich hier zu sprechen habe, geht dich nichts an; fort, lauf, such dir ein Madchen und sing ihr zartlich vor, das andere wird sich finden."

Susanna aber klemmte sich fester an Anton, den eine Lust zu ihr durchdrang, wie er ihren festen Bau beruhrte; er spielte mit ihren Haaren und bat den Vater sie zu dulden: der Knabe sei treu, aber schuchtern.

"Nun, so sei wenigstens ganz ruhig", sagte der Alte, und sie konnte sich jetzt nicht wehren, als Anton sie heimlich umfasste.

Die Geschichte des alten Rappolt

Der alte Rappolt erzahlte nun mit einem schmerzlichen Ernste sein Leben.

"Ich bin das jungste von drei Kindern, die meine Mutter, Katharina von Blanken, meinem Vater Wolf, als er schon hoch betagt war, geboren hatte. Gott habe sie beide selig und lasse sie niederschauen auf diesen ersten Freudentag meines Alters! Meinem Vater habe ich die Augen auf der Kronenburg zugedruckt; er starb auf der Wacht, nachdem er mich mehrere Jahre in dem Geheimnisse der Krone und der Gange und des Gebetes wohl unterrichtet hatte. Das alles sollst auch du lernen, mein teurer Sohn Anton, wenn du erst zu verstandigen Jahren gekommen und Rinde angesetzt hast auf deine glatte Stirn. Von meiner Mutter weiss ich nichts, als dass ich damals ausser ihr nichts wusste; sie spann viel und stand dazu fruh auf; von ihrem feinen Gespinst kommen alle die feinen Gedekke, worauf in der Kronenburg am Todestage Konradins gespeiset wird. Wenn sie nun bei einem Kienfeuer im Kamin fruh Morgens aufsass, da ruhte ich nicht mit Schreien, bis sie mich auf ein Kissen an die Erde gelegt; da lag ich auf dem Rucken und spielte mit meinen Fussen, und sah sie wohl stundenlang an und lachte, wenn sie sang. Weiter weiss ich auch nichts von ihr, dabei sog ich an meinem Finger, was sie mir oft verbot, aber ausser meinem Kissen und meinem Finger hatte ich gar kein Spielzeug."

"Vater", fragte Anton, "weisst du nicht mehr, was Frau Katharina, die Grossmutter, gesungen? ich hore gern alte Lieder, denn man weiss doch nicht recht, wo sie herkommen."

"Ein paar Reime sind mir so geblieben", sagte Rappolt, "nicht aus der fruhen Zeit, sondern weil sie mein Vater immer zu ihrem Angedenken wiederholte:

Mein Mann ist auf der Wacht

Die lange schwarze Nacht,

Und wenn der Morgen graut,

Und wenn der Nebel taut,

Hat er sich mud gedacht,

Da bin ich frisch erwacht.

Gott segne ihn, Gott starke ihn

Und lass ihn bald zu Tale ziehn.

Ich hab nur kurzen Schlaf,

Weil fern mein lieber Graf;

Noch ruhen Hahn und Kind,

Es geht ein scharfer Wind;

Doch fahr ich in die Schuh,

Ich habe keine Ruh;

Gott segne euch, Gott starke euch,

Ihr lieben Kinder, allzugleich.

Von grauer Asch bedeckt

Liegt helle Flamm versteckt,

Und dieses Feuers Stark

Zeigt Gottes Gnadenwerk.

Ich arbeit nicht allein,

Gesellig ist der Schein,

Gott segne ihn, Gott hute ihn,

In Ruh will ich den Faden ziehn.

Ist mein Gespinst zu End,

Streck ich zu Gott die Hand

Und harre stille sein

Im Totenhemde fein,

Jed' Kind ein Hochzeithemd

Aus gleichem Stuck bekommt;

Gott segne sie, Gott starke sie,

Wenn ich zu meinem Heiland zieh.

Sieh, lieber Sohn", fuhr Rappolt mit ungewohnter sanfter Stimme fort, "was sie gesungen, das ward an ihr wahr, aber nicht an uns; sie starb so weg, kein Mensch wusste wie, ich weiss es auch nicht recht, denn ich lief damals schon meinem alteren Bruder Wolf und der Schwester Gloria nach und hatte die Mutter etwas mehr vergessen. Als sie aber tot war und zur Erde bestattet wurde, da schrieen wir alle erbarmlich; doch, wie es bei Kindern geht, eine alte Magd, die uns alles Gute tat, hatte bald unsre Liebe zur Mutter geerbt; auch wuchsen wir selbst allmahlich an, dass wir nach unsrem Kopfe wirtschafteten. Wir hielten alle drei auf strenge Ordnung, da war kein Winkelchen in unserm Zimmer, das nicht zu etwas Bestimmtem benutzt wurde. Ich trieb viel Vogelstellerei und hatte die eine Wand mit ausgestopften Vogeln besteckt; nebenbei war ein Bauer mit lebendigen Vogeln, die ich in allerlei Sangweisen abrichtete, sowie ich auch noch jetzt das wilde Geschrei von allen so genau nachzumachen weiss, dass sie scharenweis zu der Kronenburg geflogen kommen und dort uberwintern. Meine Schwester Gloria war sehr geschickt mit der Nadel in allerlei kunstlichem Werk; auch spielte sie das arabische Schachspiel besser als wir beide, woruber wir uns oft geargert hatten, ihr Gerat stand zwischen den Fenstern auf der andern Seite. Mein Bruder Wolf war recht fleissig in aller Art Gelehrsamkeit, und taglich besuchte ihn ein Monch aus der Gegend, der ihm in allem gelehrten Wesen Unterricht gab; sein Schreibtisch und sein Bucherschrank besetzten die dritte Seite, an der vierten stand der Esstisch. So lebten wir einen Tag wie den andern, und jeder lernte mit dem andern; wir sagten es uns nie, wussten es auch nicht, hatten einander aber so lieb, dass wir keinen Unterschied zwischen einander zu machen wussten; auch schliefen wir noch, wie in unserer ersten Kindheit, in einem grossen Bette zusammen, beteten zusammen und kussten uns, ehe wir einschliefen.

Lieber Sohn, zuweilen haben die Vater gross Unrecht; der Himmel verzeihe meinem Vater, wie er uns einmal des Morgens aufgeschreckt, unter furchterlichen Schimpfreden und Fluchen, die wir nicht verstanden, aus dem Bette riss und einzeln seinen Leuten ubergab. Er hat mir in spaten Jahren erst anvertraut, was ihn damals zu dem gewaltsamen Erscheinen gebracht: es war die Warnung des Niklas, Fabians verruchten Vaters, den wir nicht leiden mochten: wir trieben schandliche Sunden, deren Namen meine Lippen verunreinigen wurden, zusammen; er mochte nur fruhe kommen, so wurde er uns in einem Bette finden, obgleich drei andere fur uns bereit standen. Als er uns nun in dem grossen Bette angetroffen, hatte er in Wahrheit gemeint, der Teufel habe uns zusammengeknebelt; er brachte uns beide, um Busse zu tun, in zwei entfernte Kloster, und meine Schwester zu einer reichen adligen Witwe ihrer Verwandtschaft in Konstanz. Nicht einmal einen Abschied gonnte er uns Kindern, sondern einzeln schleuderte er uns aus dem Zimmer und befahl seinen Knechten, wohin er jeden von uns auf seinem Rosse fuhren sollte. Ich war von Kalte halb erstarrt, als ich in dem Waldkloster zu Hirschingen abgesetzt wurde, und wusste meiner Seele keinen Rat; ich sann vergebens die lange Zeit, was ich verbrochen hatte, und wusste mir endlich nichts anderes zu denken, als dass ich unter meinen Vogeln irgend einen verzauberten Ritter gefangen, wie so damals die kindischen Marchen umgingen, der sich an mir hatte rachen mussen. Ein alter Abt nahm mich gutmutig auf und brachte mich zu einem Haufen anderer Knaben, die ihn sehr demutig begrussten, aber entsetzlich uber ihn schimpften, als er den Saal verlassen hatte; auch horte ich bald von ihnen so boshafte Reden, so schlimme Streiche, wie Heldentaten erzahlen, dass ich meiner Unschuld mir bewusst wurde. Nach einigen Tagen, wo mein Vater mit dem Abte mochte gesprochen haben, wurde ich zu ihm gerufen; er fragte mich so sonderbar aus, ich wusste nicht, was er wollte, ich musste ihm so viel von meiner Schwester erzahlen, dass ich ihm endlich den Argwohn nicht verbergen konnte, sie mochte mich verleumdet haben, wie sie uns zuweilen in sonderbarer Laune allerlei vorerzahlte, von Zwergen und Zuckerhauschen, die wir nachher umsonst im Walde aufgesucht hatten. Der Abt bestatigte meine Vermutung, wahrscheinlich aus guter Absicht, um die vom Vater ihm vorerzahlte strafbare Neigung zwischen uns ganzlich zu unterdrucken, aber er wusste nicht, dass er den schonsten Funken offener, hingebender Freude und Freundlichkeit fur alle Zeit in mir ausloschte; wem sollte ich trauen, da meine liebreiche Gloria mich verlastert. Weh mein Kopf:

Denke ich der Freudenfulle

Meiner ersten Jugendzeit,

Scham ich mich der leeren Stille,

Und mich fasst ein tiefer Neid,

Und wen kann ich mehr beneiden,

Als mich selbst in Jugendfreuden."

Der alte Rappolt hielt sich hier den Kopf, dann fuhr er fort: "Von meinen Klosterjahren weiss ich dir wenig zu sagen;" der Ernst, womit alles Feierliche getrieben wurde, die Strenge aller Gesetze bezwangen mich mit den Jahren; ausser dem Kloster schien mir bald nichts Herrliches mehr zu wohnen, um uns her lag die grosse Einsamkeit, wir horten nichts, als das wilde Geschrei der Baren, Wolfe und Luchse daher, und in seltenen Tagen kamen Wallfahrten von armen Kohlern und Waldbauern, deren rohe Unwissenheit mich erschreckte; die Anstrengung des Kirchendienstes, das Wachen und Lernen war die kraftigste Busse; alle meine liebe wendete sich zu den gnadenreichen Bildern der Mutter des Herrn, die mir wie ewige Lichter in der Kirche brannten, zu denen ein heiliger Zauber alles schone Licht aus der unendlichen Luft hinriss. Nachdem ich meine Gelubde als ein Nachfolger des heiligen Franziskus abgelegt hatte, ward ich nach andern Klostern auf die Wanderschaft gesendet; o der Greuel, die ich anschauen musste, welche Buhlerei mit der Welt, die sie aufgegeben hatten, welche Uppigkeit mit den Gaben der Armut! Oft sass ich im Beichtstuhl und konnte vor dem Schreien der Chorherren, die in der Kirche sassen und spielten, die Beichte der armen Sunder nicht vernehmen; ich sah die Monche in die Hauser zu den Frauen schleichen, wenn die Manner zur Arbeit ins Feld gegangen, da tobte ich und ward von vielen ubermannt, geschlagen, in Kerker geworfen und ohne Zehrung weiter geschickt. In solcher Armut kam ich eines Abends von Kostnitz die Hugel herunter, und Gottes Herrlichkeit spiegelte mir aus dem See in die Seele; die Berge hatten sich in Feuer gekleidet, und es schien alles wie zum Tage des Gerichts, wo die Toten erwachen und die Lebenden ihnen gleich sind und mit ihnen sich mischen; da schien ich so frei von aller Welt, dass ich bald einzukehren vergessen und mit Verwunderung auf meinem Kopf fuhlte, dass meine Locken mir vom Scheitel abgeschoren. Einige Ritter trabten mit Frauen auf mutigen Rossen voruber, sie sahen mich nicht und sprachen mit einander von sussem Liebesspiel, von der Nacht und von der Jagd; mir ward so weh ums Herz, gern ware ich als ihr geringster Diener mitgezogen; aber schnell waren sie mir aus den Augen, und ich stand vor einer Klosterpforte, wo ich ohne Nachdenken anklingelte. Mir wurde aufgetan, da es aber zu spat war, um mit den andern Monchen im Refektorio zu speisen, so wurden mir einige Nahrungsmittel in meine Klause gereicht; ich sprach wenig, und der Monch, der mir die Gastfreundschaft tat, schien auch nicht zum Reden geneigt; beim Abschiede sagte er mir, ich mochte mich durch keinen Larm im Schlaf storen lassen, ich sei zu weit gegangen, um die Messe mitzusingen. Aber der Schlaf versteckte sich meinen offenen Augen, die in die Nacht, wie in ein Grab starrten; das erhitzte Blut glanzte in Feuergestalten vor mir, und ich musste immer meines Bruders Wolf und meiner Schwester Gloria denken, von denen ich so lange nichts gehort hatte; sie sahen mich unendlich traurig an und zerflossen dann in Lichtwolken. Dieser Bilder uberdrussig, wollte ich erst auch den Fackelschein, der bei meinem Fenster, das nach dem Klosterhof sah, voruberzog, fur eine Tauschung kranker Sinne halten, bis ein leises Beten mich uberzeugte, dass dort ein Fest gefeiert werde. Das Fenster war der Sommerluft geoffnet, ich trat heran und sah eine Reihe von Monchen mit Fackeln in den Handen aus der geoffneten Knochenkammer hervorgehen, die leise betend sich im Kreise stellten. Die letzten, die heraustraten, waren ein Monch ohne Fackel und ohne Kappe uber das Haupt, neben ihm ging ein anderer ohne Fakkel mit dem Kruzifix, der ihm die Hande faltete und mit ihm betete; ein Laienbruder mit glanzendem Beile folgte beiden. Diese drei traten in die Mitte des Kreises, der Monch ohne Kappe kniete nieder, betete, legte sein Haupt auf den Block, und der Laienbruder trennte es mit einem Hiebe von dem Rumpfe, das alles in einer Schnelligkeit, dass mir schwindelte; in halber Ohnmacht horte ich das Lied "Oremus pro fideli defuncto singen; der Korper wurde zuruck in die Totenkammer gebracht, der Zug der Monche ging bei Glockenklang in die Kirche.

War es die Wirkung dieser schaudervollen Erscheinung, oder trug ich die Krankheit schon im Blute, am Morgen lag ich im heftigen Fieber, aus dem ich nur fur einzelne Stunden erwachte und bald wahrnahm, dass ich in ein anderes besseres Zimmer gebracht sei, das eine Aussicht auf ein anderes grosses Gebaude hatte. Ich wurde sehr gutmutig in meiner Krankheit gepflegt, ich vermied, von jener Nacht zu sprechen, doch endlich brachte mich mein Warter, Pater Posidonius, selbst auf dieses Gesprach, indem er mir erzahlte, dass ich immer von einem Monche phantasiert hatte, dem der Kopf abgeschlagen worden. Ich erzahlte ihm das schaudervolle Nachtgesicht; er horte zu und versicherte, das habe alles seine Richtigkeit, ihr Kloster habe das Recht uber Leben und Tod, und der Hingerichtete sei wegen einer Verbindung mit einer vornehmen Nonne im Kloster gegenuber hingerichtet worden. 'Hier hat er gewohnt', sagte er, 'von hier sah er zu der Nonne ins Fenster, hier wurde er auf Befehl des Abtes weggebracht, und die Verzweiflung gab ihm den unseligen Gedanken ein, sich kunstreiche Flugel zu machen; das gelang ihm nicht, er kam nicht zu ihr, sondern in den Himmel, es war eine treue Seele; sie weiss nichts von seinem Tode und wartet taglich, ihn zu sehen, denn dort haben sie kein so strenges Gesetz wie bei uns. Es ware ihm auch nie etwas geschehen', sagte der Monch sachte, 'aber der Abt hat selbst ein Auge auf die schone Nonne geworfen.'

Kaum war der Monch fort, so sah ich verwildert im Zimmer umher, ich wunschte mich weit fort, ich dachte, der Ungluckliche werde mir missgonnen, durch das Unglucksfenster, was ich bisher nicht der Muhe wert geachtet hatte, hinauszublicken; wenn eine Maus durch die Kammer lief, glaubte ich seinen Geist herschreiten zu sehen. Kaum war ich hergestellt, so wollte ich weiterziehen; aber mir ward angedeutet, dass ich die Muhe und die Kosten, die ich dem Kloster gemacht, durch kirchliche Dienste abverdienen sollte, so blieb ich halbgezwungen zuruck. O ware ich mit Gewalt herausgebrochen, hatte mein Leben selbst nicht geschont!

Es war an einem Sonntag abend, als ich ermudet vom Beichtstuhl mich an das Fenster setzte, um die frische Luft zu geniessen, die, mit Wohlgeruchen aus dem Garten der Nonnen durchdrungen, sich begierig in unsere Zellen ergoss; da sah ich zum erstenmal nach dem Turme mir gegenuber und erblickte in der hochsten Klarheit bei einer Lampe eine Heilige an einem Stickrahmen, denn heilig war sie mir, das schwore ich im Anblick der Waage, die vor uns am Himmel sichtbar geworden, mag der ewige Richter mein Herz wagen. Mein Auge sah immer weiter und klarer, mir ward, als stande ich unsichtbar neben ihr, so sah ich mich hinein in jeden Zug des hohen jugendlichen Gesichtes; ich fuhlte zu ihr alle Liebe, die ich bei meiner Schwester aufgegeben. Sie fuhr plotzlich von ihrer Arbeit auf, versteckte sie unter ihrem Bette und entriegelte die Tur; es trat eine frohliche alte Nonne mit einem Schachbrette herein, sie kusste meine Heilige, beide setzten sich naher zum Fenster und legten das Schachbrett auf einen kleinen Tisch; die Heilige spielte mit den weissen Schachfiguren, die Alte mit den schwarzen. Das Spiel begann; ich sah die sanfte Aufmerksamkeit der Heiligen, die Bosheit der Alten; jene betete, diese fluchte mit ihren Augen, und beiden wurde gewahrt. Die Nachtfalter, die erst vor dem Fenster und an der Lampe sich umhergetrieben, verwandelten sich in Gestalten; rotliche kleine buntgeflugelte Engel umflogen die Heilige und setzten sich auf die Figuren, die sie ziehen sollte; dahingegen kleine schwarze geschwanzte Teufelchen mit Fledermausflugeln die Gegenzuge der Alten bezeichneten. Der Kampf des Guten und Bosen wurde auch in meiner Brust gestritten bis tief in die Mitternacht; endlich sah ich, dass meine Heilige ermudete, sie sah nicht mehr die Engel, und die Alte ging triumphierend mit dem gewonnenen Spiele fort. Die Heilige sank ermudet uber den Sessel, und die Teufel und der Wind spielten in den Falten ihres Gewandes. O du heiliger Gott, welch ein welttraumender Sinn ging mir da auf, dass ich die Welt hatte verachten mogen; weichliches Gras des Fruhlings und glatte Fruchte des Herbstes und Sommerquellen und Winterschlaf, alles in erstem Weine des Lebens beruhret, erstes Atmen des lebendigen Wortes, worin die Welt sich verklart; Wunder des Glaubens, das Unmogliches der sehnenden Seele gewahrt; Fulle der Freude, die in allem widerklingt, von allem uns wiederkehrt: ihr seid doch geahnt; aber die Liebe in einem kindisch-ernsten Gemute, die in einem Augenblick Jahre reift, die ist nicht geahnt in den Abgrunden ihrer trauernden Wollust, die den Menschen vernichtet, wahrend er mit allem Leben zu prangen scheint.

Lieber Sohn, ich vergesse, dass ich dich nicht zu lebhaft an das menschliche Fleisch erinnern sollte; aber was kann ich dafur, es war eine Aufwallung, von der mir noch jetzt der Mund ubergeht; sie wusste nichts von meiner Glut, in der alle Sterne wie gluhende Blasen zersprangen und den Morgenhimmel raumten. Sie hatte fest geschlafen, bedeckte sich im Erwachen, sah empor zur blauen Luft und sang sehr traurig:

Als ich im Grase noch spielte,

Sah ich den Himmel nicht an;

Ob er da gluhte und kuhlte,

Nimmermehr fuhlt ich den Bann,

Der uber den Bergen und Talen

Wirket in ewigen Zahlen.

Winter war freundlich willkommen,

Brachte der Fruchte so viel,

Fruhling war nimmer beklommen;

Selig verarmt das Gefuhl

In Jahren, die frohlich vergessen,

Glucklich, wer gar nichts besessen.

Seit ich im Herzen vermahlet

Seufz im vermauerten Haus,

Hab ich den Himmel erwahlet,

Ahne die Wolken voraus,

In ihnen ist ewig Entstehen,

In mir ist ein irdisch Vergehen.

In dieser Trauer lag mein Mut, ich trat hervor an mein Fenster und nie in meinem Leben hat mich Unwurdigen ein so herrlicher Blick getroffen; alle Adern taueten auf, und mein Leben drang dem Tage vor. So stand ich, und meine Augen sprachen; sie aber ergriff das Blatt einer Pappel, die vor ihrem Fenster zitterte, schrieb mit zierlicher Schnelligkeit darauf, warf es geschickt in den Wind, und der Wind warf es auf meine Lippen, und als meine Lippen sich satt gekusst, da lasen meine Augen unermudlich, was sie darauf geschrieben: 'Selig jeder Morgen, wo du mir erscheinst, meines Herzens Heiliger, doch selig vor allen der, wo ich dich wieder sah nach langen Tagen; sieh, alles ist grun geworden, und mein Herz geht auf mit tausend Sonnenblumen zu dir, der Himmel ist hell und deine Wangen gluhen; wo warst du so lange?'

Ich las die Worte mit seligem Entzucken, aber wie Kinder die heilige Schrift: sie glauben daran, sie wissen die Worte, aber sie verstehen nichts. Woher kannte sie mich? War ich dem armen Sunder so ahnlich, den die Liebe zu ihr unter das Beil gebracht? Wie sollte ich ihr antworten? Durfte ich ihr antworten? Wollte sie auch mich verderben; Ich fragte es, und doch war mir dies Verderben so schon. Bald schrieb ich zu ihr auf Blattern und vertraute sie dem Winde, ich durfte ihr nichts von dem Unglucke dessen sagen, den sie in mir begrusste, aber ich klagte ihr mein Ungluck, dass ich sie liebte; jedoch der Wind, der uns einmal begunstigte, schien uns jetzt fur immer feindlich abgewendet; ich sah jedem Blatte wie einer geflugelten Seele nach, aber sie sturmten alle fort, bis die Zeit kam, die mich in die Kirche rief. Mit welchem Widerwillen begegnete mir jetzt der Weihrauchdampf, seit mich die Garten der Nonnen mit Fruhlingsduft gestillt hatten; wie schrecklich sahen mich die gebraunten Heiligenbilder an, seit ich die blendenden Hugel, in denen der Mondschein weidet, wenn er der Welt versteckt ist, mit allen Herzensschlagen zittern und schimmern gesehen. Dann aber erzitterte der feierliche Gesang des Miserere wie ein Erdbeben durch einen Donnerschlag meine Seele bis zum tiefsten Grunde; mit jedem Worte glaubte ich mich strafbarer und verworfener; ja, als mich dazwischen der Gedanke an die Nonne umschlang, glaubte ich der Teufel selbst zu sein, der sich der Gottseligkeit nur beflissen, um mit erneutem Jubel seine Sundenlust zu empfinden. Aber meine Tranen, die ich in langen Nachten mir zur Busse und in halber Ohnmacht vergoss, loschten nimmer die Wonne des Tages aus, die mir gegenuber in immer neuen Lockungen erschien; und ihre Tranen, die ich mehrmals auf ihren Wangen wie Diamanten in spielendem Sonnenlichte flimmern sah, ruhrten mich mehr, als alle Blutstropfen des Herrn, wie er von seinen Feinden gegeisselt worden. In diesem Kampfe mit mir vergingen Monate, in denen ich durch die Strenge meiner Busse den vollen Hass aller Monche auf mich zog, die froh lebten und meine Busse einer eitlen Lust nach frommer Auszeichnung zuschrieben; jeder lauerte mir auf, aber mein Wandel war nur tief in mir strafbar; was vor der Welt erschien, hatte heilig genannt werden konnen. Immer seltener sah ich mein heilig Sundenbild; sie schien zu trauern.

Es war ein dunkler Freitag, als ich nach langem Kampfe Abends an das Fenster trat und zu meiner Teufelin hinuber blickte; wie erstarrte ich aber, als ich heftig in ihrem Zimmer reden horte und bald darauf sie selbst, verstort, mit fliegendem Schleier, das Fenster eroffnen sah, hinter ihr den Abt unseres Klosters, der sie mit Angst zuruckzuhalten strebte. Wie es mich ubernommen, wie ein Stein in meine Hand gekommen, wie ich es gewagt habe, ihn auf den Verfuhrer zu schleudern, der ihr so nahe stand; noch jetzt schaudert mir und schwindelt mir."

Nach einer langern Unterbrechung, wo Rappolt seinen Kopf gehalten, fuhr er ruhig fort:

"Mein Stein hatte den Abt am Haupte verwundet; ich, ohne mich zu verbergen, stand in drohender Stellung am Fenster, alle dankbaren Blicke aufzufangen, die mir aus den Augen der Nonne strahlten. Der Ruf des Abtes hatte bald die alte Frau herbeigerufen, die an jenem Abende der Versuchung Schach gespielt hatte; er ward fortgebracht, und drohend zeigte ich ihm noch meine Faust, und so stand ich noch mit dem Gefuhle eines Befreiers, als ich schon von Monchen umgeben und gebunden wurde. Ich fluchte dem Abt und seinen Missetaten, aber Posidonius, der bei mir zur Wache blieb, riet, an meine eigene Seligkeit zu denken. Wo war meine Seligkeit? Die Grausamkeit eines Eifersuchtigen hatte mich in der Wohnstatte meiner Liebe gelassen; aber wohin war sie entfuhrt die meiner Augen Lustgarten, Ernteflur und Himmelsplan war. Mein Jammer ging dem harten, alten Monche zu Herzen: 'O' rief er einmal, 'wie wunderbar ahnlich seid Ihr in Eurem Schmerze dem armen Wolf, den gleiches Ungluck und gleiche Liebe mit Euch verbunden; oft schon sah ich verwundert die Ahnlichkeit Eurer Zuge, ahnlicher konnen Zwillinge nicht sein; er wollte zu ihr fliegen, die euch verdirbt; von dir sind die Blatter zu ihr geflogen, du bist entlaubt.'

Bei dem Namen Wolf gewann mein Bewusstsein fur alte Erinnerungen Raum: 'Wolf sagt ihr? Wohl hatte ich einen Bruder in meiner Kindheit, den ich herzte und ehrte und von dem ich nichts weiss; aber wenn der Ungluckliche geliebt hat wie ich, so war er sicher mein Bruder.'

'Ich kann Euch sein Geschlecht wohl nennen, er vertraute es mir in den letzten Tagen; sein Vater hatte sich neu vermahlt und seine Kinder erster Ehe in Kloster gebracht; er soll ein harter Mann gewesen sein, und darum mochte er wohl heissen der Graf von Stock.'

'O mein armer Bruder, so wurdest du aus meinen Armen gerissen, dass ich dich sterben sahe als ein unschuldiger Sunder, von der Morderhand falscher Gerichte; bald grussen wir uns und tragen zusammen unsere blutigen Kopfe vor den Richterstuhl des Herrn.'

'Er wird jedem nach seinem Verdienste lohnen', sprach Posidonius. 'Wer aber soll seine Ehre verkunden auf Erden?' rief ich. 'Und wie soll mein Vater bestehen, wenn er sieht, wie er gewutet hat mit den Gliedern seiner Zukunft, mit den letzten Asten seines Stammes, auf dem auch er erwachsen?'

'Sorge nicht fur ihn', sprach Posidonius, 'denn dir selbst steht noch das Schwerste bevor.'

Er liess mich bald allein, und der Jammer uber den Untergang meines Geschlechtes stromte in wilden Klangen von meinem Herzen, bis mich das Dunkel des Abends umgeben hatte; da klinkte es sacht an meine Tur, und ein verhullter Monch trat leise herein, blickte mich an und fiel dann zu meinen Fussen.

'Du solltest sterben um mich', rief eine Stimme, die ich nie in solcher Nahe vernommen, die ich aber kannte, wie wir den Himmel erkennen an Wohlwollen; 'aber ich rette dich, fliehe von hier, kummere dich nicht um mich, wir sehen uns wieder.'

'Warum sollte ich sterben, warum sollte ich fliehen?' fragte ich. 'Nur bei dir zu bleiben nenne ich leben.'

'Du bist verloren', sprach sie, 'der Abt hat Blatter mit Liebesworten von dir dem Gerichte vorgelegt, die du dem falschen Winde fur mich anvertrautest; er hat seine Wunde eroffnet vor dem Gerichte, die du ihm geworfen, als er mich, sein Beichtkind, abhalten wollte, nicht nach dir zu blicken.'

'Hab ich es darum getan?'

'O Himmel', sprach sie, 'ich weiss am besten die Beichte, die er von mir verlangte; aber siehe, dein Leben ist sonst nicht zu retten, ich muss schweigen.'

'Vor einer Stunde', so sprach ich, 'ware ich deinem Willen gefolgt, jetzt habe ich keinen Willen mehr; hier will ich sterben, hier, wo mein Bruder Wolf blutete; dieselbe Sichel soll uns beide abmahen.'

'O sprich', rief sie besturzt, 'ich ahne und zweifle; wohl hab ich es langer vermutet, es seien euer zwei, die ich gesehen und liebte; du schienest mir grosser und bleicher.'

'Die Sonne ging unter, der Mond ging auf; mein Bruder fiel an dem Abend unter dem Beile, wo ich als ein muder Wanderer hier eintraf; unsere Liebe ist gleich zu dir; er baute sich kuhne kunstliche Flugel, zu dir zu gelangen, aber die Eifersucht hemmte seinen Flug auch meine Flugel sinken dem Grabe zu, und ich bin mude des Weges; dich habe ich gesehen, ich fuhle deinen Mund an meinem, deine Tranen rinnen auf meinen Backen, und meine Tranen kussest du auf; mit dir hatte ein herrliches Geschlecht hervorgehen sollen, mein Geschlecht sinkt. Diese Kusse, die ich dir reiche, schenkte mir die vielgeliebte Mutter; begegnet dir auf Erden meine Schwester Gloria, teile sie mit ihr.'

'Gloria', rief sie, 'wer ruft mich, das ist mein Name, aber mein Herz ruft Jammer; sage, wie wandelt sich alles um, das Feuer wird fest und die Erde fluchtig, und das Freudige will ich fliehen und die Leiden mir wunschen; ich fuhle dein Herz, und sein machtiger Schlag sagt, dass du stammest von den Wachtern der Kronenburg, Rappolt, geliebter Bruder!'

Stirn gegen Stirn lagen wir so im stummen Erstaunen an einander und jammerten, und sie sang mir, wie sie als Kind getan, von den Wellen, die an den Himmel schlagen, und von den Sundern, die an der Himmelstur singen; ich aber, uber allen Jammer hingetragen von dem sanften Flugel des Schlafes, besiegt von seiner Macht, sank in seine empfindungsloseste Tiefe; schwarz ward es rings, und kein Traumbild wagte sich in diese Tiefe. Aber allmahlich, wie ein Leichnam, der, tief im Wasser versunken, in der Sehnsucht zum Lichte wieder aufstrebt, so fuhlte ich ein Erbeben und endlich ein farbig Begrussen in den schillernden Wellen, in denen die aufgehende Sonne sich spiegelt. Bald lag ich in den Armen der Schwester, und alle Scheu, die mich sonst von ihr geschieden, war vergessen; ich wusste gar nicht mehr, dass sie mir Schwester war und Nonne; ich fuhlte nur mit wildentbrannten Sinnen, dass sie ein Madchen, dass sie mein. Doch als ich ihres Leibes Wonne suche, da meine ich, des Klosters Glocken schreien zu horen; ich fuhlte ganz, dass mich ein Traum getauscht, ich aber wollt's nicht wissen, ich wehrte mich, die Augen zu offnen, um zu geniessen aller Lieblichkeit. Was in jener zarten Welt des leeren Spiels gestort, das lebt nicht mehr; ein Windstoss zerreisst die zarten bunten Flugel, die in einer Nacht sich entfalten und versinken; seit ich die Glocken gehort, druckte ich das Traumbild meiner Lust immer gewaltsamer an mein Herz, dass mich Gloria wie einen Heiligen umschloss, der sich in Strahlen vor der Welt verstecken mochte. Aber immer lauter wurden die Glocken; ich offnete gezwungen und doch muhsam ein Auge und schloss es dann wieder und wollte forttraumen; ich wusste nicht, wo ich war, als ich es wieder eroffnete; die Erinnerung sammelte sich erst allmahlich bei dem Gelaute und bei verwirrten Stimmen, die ich horte; ich wollte aufspringen, aber noch hielten mich die Fesseln, mir war, wie in jener Nacht der Hinrichtung; aber bald sagte ich mir, dass ich schon hingerichtet sei, bald, dass ich hingerichtet werden sollte; alle Vorstellungen liefen uber einander und suchten einander auf unendlichen Windeltreppen; nur eins glaubte ich wirklich und jammerte dessen, die Schuld mit meiner Schwester; das Fieber hatte mich durch und durch wieder ergriffen, was mich bei dem Eintritte in das Kloster uberfallen hatte. Selige Tage der Krankheit, die Welt liegt abgestorben fern, aber in uns bluht alles und regt sich in seinen Ubergangen; die verstandigen Stunden wagte ich nicht, durch Fragen zu storen, und wenn ich fragte, antwortete mir Posidonius so unbestimmt, dass ich bald daraus schloss, er durfe mir nichts sagen; auch sah ich, dass man mich aus meinem Zimmer in ein entferntes Gartenhaus gebracht hatte wo mir mit liebevoller Sorgfalt allerlei Blumen ums Bett gelegt wurden, die ich in der Bewusstlosigkeit des Fiebers gern streichelte und befuhlte.

Langsam genas ich und nahm mir endlich vor, was sich im Kloster ereignet, ob ich nur zur Hinrichtung so muhsam aufgepflegt wurde, zu erforschen, als ein ernster Ritter mit weissen Haaren und verweinten Augen zu mir eintrat; er sturzte an meinem Bette nieder und sprach nach langem Schweigen: 'Sohn, wenn du wusstest, wie schwer es einem Vater wird, sein Kind um Verzeihung anzuflehen, du wurdest mich aufheben.'

'Vater', sprach ich, 'wenn Ihr es seid, was habe ich Euch zu verzeihen: Aber ich bin zu schwach, Euch aufzuheben.'

'Darin zeig dein Verzeihen', sagte der Vater, 'dass du in Geduld abwartest, bis ich dich stark genug weiss, alle Ereignisse, die uns betroffen, anzuhoren; jetzt vernimm, dass du nicht mehr Geistlicher bist; der Papst hat mein Flehen erhort, deine Gelubde gelost; du ziehest jetzt heim mit mir, um das Geschlecht der Graten von Stock fortzufuhren und ihren schweren Dienst zu vollbringen.'

Das Fieber hatte alle Heftigkeit in mir geloscht, aber nach Freiheit atmete ich noch, und das Unbestimmte, was mir begegnen und was ich erfahren konnte, starkte meinen Willen, gesund zu werden. Nach einer Woche war ich stark genug, mich auf ein Pferd setzen zu lassen; erst jetzt wagte ich es, nach meiner Schwester Gloria zu fragen; der Vater drehte sich zur aufgehenden Sonne und wischte sich die Augen, als ob er geblendet ware, und sprach: 'Keine Frage, lieber Sohn, ihr ist wohl, ein guter Vater sorgt fur alle seine Kinder.'

Als wir so an der Ebene stillschweigend hinuntergeritten waren, wo alles mir wie eine neue Welt schien, da sprach meines Vaters Knecht: 'Herr, jetzt geht es hellauf.'

'Gut', sagte er, 'in der Holle wird es ihnen heisser werden.'

Ich blickte um und sah die wohlbekannten Zinnen und Turmchen der beiden Kloster hellflammend; erst glaubte ich im Morgenrot, aber die Mauern wurden durchsichtig, und der irdische Dampf rang mit dem ewigen Lichte; da wandte ich mein Pferd und wollte zuruckeilen: 'Gott, meine Schwester!' rief ich.

'Sie ist nicht mehr dort', rief mein Vater, 'sie ist nicht mehr hier, kein Auge kann sie sehen, kein Ohr sie horen, sie lebt in den Gedanken, sie ist bei Gott!'

'So will ich bei ihrem Grabe bleiben und wie eine Zypresse einwurzeln', rief ich.

'Ihr Grab ist nirgends', sagte mein Vater, 'der teure Leib ist zu Asche verbrannt, von der Luft verweht; so soll auch dieses Haus der Grausamkeit und der Schande zu Asche verwehen, denn dieses Feuer habe ich angelegt.'

'Vater, Eure Worte haben mich wie Stahl gehartet, sagt mir alles, wie es sich verlaufen, denn trauern werde ich um alles, was mir geschehen, um alles, was ich weiss, und um alles, was ich wissen mochte.'

'Noch ist es nicht Zeit', sagte er, und ritt stillschweigend fort.

Wir kamen nach dem Schlosse Stock; er stellte mich seiner zweiten Frau, mit der er in missvergnugter kinderloser Ehe lebte, als den Erben seiner Guter und seiner ganzen Liebe vor; die Frau weinte und schien erfreut, ihr einsames Haus durch mich belebt zu sehen; mir aber war das Haus zum Verstummen einsam; das Geheimnis, das mich erdruckte, verschloss mich mitten in Waffenzugen, in denen ich mich jetzt statt am Brevier ubte, dem ewig Erneuenden der Tage. Kam ich heim, so blieb ich Tage lang vor den Bildern meiner Ahnen stehen; sie umlagerten mich auch Nachts; ich traumte von ihnen das Abenteuerlichste, und beim Erwachen dachte ich mir schrecklich die Ewigkeit, wenn ich sie immer mit diesen Verwandten, mochten sie auch noch so gut sein, zubringen sollte. Mehrmals erinnerte ich meinen Vater, das Geheimnis mit meiner Schwester aufzuklaren; ich sehnte mich selbst nach dem Schrecklichsten, wenn es nur das Geheimnis meines Unglucks aufklarte und mich mit lebendigen Bildern erfullte. Er aber sagte ernst: 'Erst sollst du ein Mann werden und heiraten, ich habe fur dich gewahlt, aber du wirst meine Wahl bestatigen.' Ich sagte ihm, dass ich nur fur den Preis des Geheimnisses heiraten wurde; er bewilligte das. Nicht lange nachher traf ich, heimkehrend von einer Fehde, deine Mutter, mein Anton, bei meiner Mutter an sie hiess Mathilde von Amorbach, war ernst, schon und ubergross, fast einem Manne ahnlich an Bildung, aber ihre sanfte, bescheidene Stimme machte sie bald als Weib kenntlich. Wir wussten beide was wir miteinander sollten, man liess uns allein, wir schwiegen lange, endlich sprach ich: 'Mathilde, seht diesen Ring; sonst sass ein heller Demant in seiner Mitte, aber der Demant fiel durch einen heftigen Schlag des Geschickes ins Meer; da liegt er unversehrt, nichts kann ihm schaden, hell und klar liegt er in der Tiefe, weiss aber nicht, wo er ist. Auch kann ihn kein Mensch herausziehen, mein Herrlichstes ist mir verloren. Dieser Goldring, der ihn fasste, es ist reines Gold, aber er wurde nicht gesehen vor dem Glanze des Diamanten; jetzt ist er mein alles, kann er Euch genugen? Was von mir ubrig ist, soll Euer werden.'

Mathilde senkte die Augen und sprach: 'Ich will mit Euch trauern um alles, was Ihr verloren, ich werde es aber nicht vermissen, denn ich kannte es nicht; was Ihr mir bietet, ist mir aber schon zu viel, denn ich habe nur einen Ring von Zinn, den ich Euch dagegen bieten kann.'

Darauf sagte ich ernst: 'Weil Ihr denn meint, dass Euer Ring zu leicht sei, so legt die Hand dazu auf die Waage, und ich lege mein Herz darein.' Ich druckte bei diesen Worten ihre Hand an mein Herz; unsere Eltern traten ins Zimmer, wir knieten nieder, und sie segneten uns ein.

Nachdem die Hochzeit vollbracht, storten mich nicht mehr die Ahnenbilder in Traumen; die Ebene und die ersten Hohen waren rings in mir frohlich bebaut, nur auf dem Gipfel lag der alte Schnee. Du warst unser erstes und einziges Kind; dein Gemut kenne ich noch nicht, aber dein machtiger Korperbau erinnert mich an deine Mutter, die ohne Prahlerei, nur wenn ich es ihr geheissen hatte, Hufeisen zerbrechen konnte und Zentnerlasten mit einem Finger heben. Als du geboren und getauft, fuhrte mich der Vater auf die Kronenburg; er zeigte mir das grosse Geheimnis und das kunftige Geschaft meines Lebens, den schweren Dienst und die unbestimmte Hoffnung; dann fuhrte er mich nach kurzem Gebet den schwindelnden Gang, auf den er mich schon lange durch Versuche, an hohen Felsen, an Gebauden anzuklettern, vorbereitet hatte. Der Gang ist furchterlich; ich schwore, dass kein Feind, und wenn er die ganze Burg ersturmt, es wagt, auf die Spitze des Turmes zu steigen, wo die Krone liegt; und doch ist dies der einzige sichtbare Zugang. Dieser Turm ist eine zweihundert Fuss uber das hochste Gebaude hervorragende Saule, an der die schmalen Stufen, auf denen nur zwei Fusse Platz zum Auftritt finden, ringsum in freier Luft ohne Gelander laufen. Der Blick vorwarts geht bald in unendliche Taler, bald in Felsengekluft, je nachdem sich der Weg windet; unter einem erscheinen da abwechselnd Strassenpflaster, Giebel von Hausern, die Luftbogen der Architektur, in denen die Vogel nisten; die Menschen aber wenden die Augen weg, um nicht nachzusehen; es ist ein Gang, den jede Fliege zum Spass geht, wohin aber der Mensch nicht gehort, mein armer Anton, du musst ihn auch noch gehen. Der Vater sagte mir, ich mochte nur ein herzerfrischend Lied singen. Ich fing an eine lustige Weise zu pfeifen, aber kaum war ich einmal um den Turm herum und konnte nicht mehr zuruck, da sah ich vorwarts alles doppelt; 'Vater', sagte ich und klammerte mich an die Stufen, 'ich seh zwei Treppen, die laufen so dicht beisammen, dass ich nicht weiss, auf welche ich treten soll.'

'Es hat ja keine Eile', antwortete er; 'halte dich nur fest, ich will auf meiner Stufe auch ruhen; ich habe mir so vorgenommen, dir endlich ein Geheimnis aufzuklaren, was so lange auf dir gelastet hat.'

'Wo ist meine Schwester?' fragte ich.

'Sie ist tot', antwortete er.

'Vater, ich sehe jetzt klar', rief ich, 'was unter mir ist, reizt und schreckt mich nicht mehr, wir konnen ruhig ansteigen durch den Saum der Wolke, der meinen Scheitel umhullt.'

Das Wort hatte mir Totenruhe gegeben, mit dem Worte war ich von der Erde frei; ruhig ging ich die Stufen hinauf, als ware ich Jahrhunderte schon wie ein Stern auf und nieder gegangen, kein Schwindel war mir schrecklich; ich sah mich selbst in der Leere uber der Erde, ich schwebte und erschien mir in dem bisherigen Verhaltnisse zu mir toricht, es war jetzt Ernst geworden.

'Verkurzt den Weg mit der Erzahlung', bat ich den Vater, 'ich will warten, wenn Euer Atem zu kurz wird.'

'Lieber Sohn', sagte er, 'noch weisst du nicht, warum ich euch in so fruher Zeit so hart auseinander gerissen; der gute Niklas war um euch besorgt, dass eure Liebe zu einander sundlicher Art sei, und als ich euch verschlungen in einem Bette fand, da ubernahm mich der Zorn; ich verschwor euch Sohne dem Kloster und wollte von einer andern Frau mir Erben gewinnen; die Tochter aber brachte ich zu einer Verwandten nach Kostnitz. Diese Frau lebte mit vielen Menschen in weltlicher Frohlichkeit, aber Gloria wandte sich zur Einsamkeit und Busse, wo ihr der Herr erschien und mit ihr in Stunden der Entzuckung sprach und sie ermahnte, in das Kloster zu gehen. Sie war nach dieser Erscheinung gleich willig dazu, aber alle ihre Bekannten, die so herrlich sie aufbluhen sahen, suchten sie mit Liebe und Gewalt zuruckzuhalten; dies verzogerte ihren Eintritt, aber veranderte nicht ihren Entschluss; ich musste ihrem Flehen nachgeben, obgleich es mich schon damals, nachdem ich lange vergebens auf Kinder von meiner zweiten Frau gehofft hatte, schwermutig reute, dass ich meine beiden Sohne von der Welt abgeschieden hatte. Ihr Abschied war ein Zeichen fur mehrere junge Ritter, in fernen Kriegszugen Zerstreuung und Ersatz zu suchen. Vor allen schmerzlich war das Scheiden eines Ritters von Lilienfeld, der nach Jerusalem zog; aber auch sie ging nicht in den Frieden ein, auf den sie gehofft hatte. Das Kloster war heimlicher Sunde voll, und die Abtissin, eine fruhe Freundin des Abtes, den dein Wurf verwundete, suchte seine Neigung sich zu erhalten, indem sie ihm die reizendsten ihrer neuangenommenen Novizen opferte. Meine arme Tochter ahnte nichts davon, sie sah den Abt als einen ehrwurdigen Beichtvater, auch war ihr ganzes Gemut von der Erscheinung deines unglucklichen Bruders Wolf erschuttert, der in dem Kloster, ihr gegenuber, angekommen, ihr das Bild des Herrn, das ihr im Entzukken vorgeschwebt, fest und deutlich vor Augen mit zartlichen Blicken hingestellt hatte. Sie beichtete diese Erscheinung dem Abte; er legte ihr leichte Busse auf, deinen Bruder aber beschloss er aus Eifersucht zu verderben. Nun trug dein Bruder den geistlichen Stand mit grosserem Widerstreben als du; die Leidenschaft zur schonen Nonne raste in ihm; unbekannt mit der Welt, von der er so lange geschieden, suchte er in dem Kreise seiner Beschaftigungen mit mechanischen Kunstwerken seiner Leidenschaft Hulfe und Rat. Unsaglich war die Muhe, sich die Geratschaften heimlich zusammenzubringen, um sich Flugel zu bilden, die Geliebte gegenuber aus dem Turme fortzutragen. Der Abt hatte ihn schlau umstellt; beim ersten Versuche wurde er gefangen du hast ihn sterben sehen. Du kamst in gleiche Schlingen des Satans, und meine Tochter wurde von der Abtissin angeleitet, sich dem Abte fur die Rettung deines Lebens zu versprechen. In einem Kampfe, der zuletzt alle Besinnung erschopfte, liess sie sich die Monchskleider anziehen, sie wurde durch einen geheimen Gang zitternd und ohnmachtig in das Zimmer des Abtes gefuhrt. Er versprach ihr dein Leben.'

Bei diesen Worten waren wir auf der Spitze des Turmes angekommen; die Krone lag vor mir, aber ich sah sie nicht; ich setzte mich nieder, sah in die Weite, wo ein ausgetretener Strom uber die Wohnungen der Menschen hinrauschte, dass sie wie Schreckensfruchte an den durren Gipfeln der Baume hingen; dabei biss ich mir auf die Finger, und der Schmerz war mir Wollust. Als mein Vater diese Heftigkeit in mir erblickte, legte er mir Ketten an die Glieder und heftete mich fest; dann fuhr er fort: 'Mein Sohn, dass ich dich so schmerzlich ankette, tue ich dir zur Sicherheit. Gloria ging, dir Lebensrettung anzukundigen, ihr erkanntet einander; jetzt sah sie, dass du ohne ihre schreckliche Aufopferung zu retten gewesen warest; wer konnte es dir verargen, zu deiner Schwester zartlich geschrieben zu haben? was du dem Abte getan, erschien jetzt nicht mehr als verliebte Raserei; das aber fuhlte sie nur wenig, eins wusste sie nur, dass sie in ihrem Schimpfe nicht fort leben konnte. Du versankst in Ohnmacht und sie in Verzweiflung, aber ihre Rettung und ihr Tod waren nahe. Der Abt hatte seine Lust gekuhlt, jetzt blieb ihm nur die Rache gegen dich; er brach sein Wort und sendete die Gesellen seiner Bosheit, dich zum Richtplatze zu fuhren; die Schwester glaubte er schon zum Kloster zuruck. Die Glocken lauteten; sie muss aus den Reden der Monche erfahren haben, dass sie dich zur Hinrichtung fuhren wollten, sie ist ihnen entgegengetreten im Dunkel und hat ihnen wie mit erstickter Stimme, wodurch sie getauscht worden, erklart, dass sie alle Bande zerrissen, dass sie aber freiwillig sterben wolle. Die Monche haben sie ergriffen und in stiller Feierlichkeit zum Richtplatz gefuhrt. O mein Sohn', rief er hier, 'wie habe ich jahrelang diese Krone bewacht, die ich nie trage! und dieses Kind, das meine Frau getragen in Liebe und Schmerzen, habe ich ohne Wache in der Welt irren lassen!

Erst als sie enthauptet, erkannte der Laienbruder ihr Geschlecht, und diese Herrlichkeit schmetterte sie alle nieder, denn sie wussten nun alle, dass sie getan, was nimmer zu verguten und mit jeder Stunde, bis zur letzten, immer schwerer auf ihnen lasten, dann aber sie alle in die Gewalt ewiger Glut bringen werde. Der Abt, den das verwirrte Geschrei herbeizog, verfiel in wilde Raserei; er wutete mit dem Beile gegen den schonen Korper und gegen alle, die ihn zuruckreissen wollten; endlich wurde er mit Steinen von ihnen darniedergeschmettert, sie bereiteten einen Holzstoss und verbrannten die beiden Leichname; wie eine landerverodende Pestilenz zog der Qualm des Abtes uber die Stadt, aber die Leiche der Tochter wollte die Flamme nicht ergreifen, ihre Wunden bluteten noch nach mehreren Tagen frisch wie am ersten. Da erwachte das Gewissen eines Monchs, er lief in die Stadt und verkundigte die Missetaten; da kam der Ritter von Lilienfeld, der sich einst aus Liebe zu ihr in den Krieg gefluchtet, drang in das Kloster und erkannte ihre Zuge. Es drangen die Burger von Kostnitz in das Kloster, und jeder erkannte sie; da zerfiel sie in Asche, der Wind hob sie empor wie den fliegenden Sommer, von dem wir nicht wissen, woher er komme, noch wohin. Schnell war die Verhaftung der Schuldigen erfolgt, du wurdest gepflegt von Monchen, die unschuldig erfunden; ich erhielt in Rom meines Elends Kunde, mein Jammer hallte in den Toren des Vatikans, und mir ward gewahrt, dich zuruckzufuhren in die Welt, in dir mein Geschlecht und die schweren Pflichten, die auf ihm ruhen, erfullt zu sehen.'

So endete mein Vater, als ginge ihm Atem und Stimme fur immer aus; mich aber ergriff ein Schwindel, als hatte alles Blut einen andern Lauf genommen und flohe mich, mein Sohn, mein Sohn! stehe mir bei, denn mir wird wieder, als ware ich ohne Sinne zu fruh auf die Welt geboren mein Sohn, mein Sohn, steh mir bei, denn ich zerfliesse wie ein Tropfen, der aus dem milden Auge meiner Mutter hundert Meilen tief auf den harten Scheitel meines Vaters gefallen mein Sohn, mein Sohn..."

Bei diesen Worten sturzte Graf Rappolt nieder; Anton sprang trotz seiner Wunde auf, aber der Schmerz und die Schwache des Beines sturzten ihn zuruck; Susanna war schon mit liebevoller Sorgfalt zu dem Ohnmachtigen getreten und rief die Diener von dem Feste zu ihrem leidenden Herrn. Die Besturzung war gross; alle waren um ihn beschaftigt, die Musik schwieg, das Getummel erstarrte. Nach wenigen Minuten gab der alte Graf wieder Zeichen des Lebens, aber er war schwach und befahl leise, ihn auf sein Zimmer zu bringen. Anton ware ganz verlassen zuruckgeblieben, hatte nicht Susanna jetzt wieder alle Sorgfalt auf ihn gewendet; sie rief bald einige Leute zusammen, die ihn auf sein Zimmer brachten. Erst hier sammelten sich alle zerstreuten Zuge der Erzahlung; das Schreckenvolle aller Ereignisse, welche die Seinen teils uberstanden, teils das Gefahrliche des Dienstes, wozu er berufen, druckten ihn nicht nieder, aber nichts von seiner alten Weise stimmte mehr dazu; selbst seine Frau fugte sich nicht in diese Entbehrungen und Anstrengungen, um einen so ungewissen Zweck zu erreichen; dass er nun erreicht habe, wonach er sonst frohlich gestrebt hatte, ein ritterlicher Mann zu werden, das war ihm noch nicht so nahe und deutlich. Er brutete so in sich, wie er noch nie getan, forderte zuweilen Nachrichten von seinem Vater, der sich besserte, und schlief endlich ein, so tief, so fest, dass er erst erwachte, als die Sonne schon hoch am Himmel gestiegen.

"Susanna", rief er erwachend, "guten Morgen! Schaff mir ein tuchtig Fruhstuck, denn gestern abend ist es mir zum erstenmal begegnet, dass ich das Abendbrot vergessen habe."

"Herr", sprach sie, "von wem soll ich's Euch schaffen? sie sind alle fort."

"Was? Wer?"

"Ja, Herr! es mochte Morgens zwei Uhr sein, da ward ein Gelaufe; ich fragte, sie antworteten mir, der alte Herr befinde sich schlechter, sie mussten ihn fortbringen; ich sah ihn vorbeitragen, weiss aber nicht, wohin sie ihn gebracht; sie schlossen mich ein, und ich kann noch nicht heraus aus dieser Reihe von Zimmern."

Anton seufzte: "Gewiss ist mein Vater tut, oder sterbend; so habe ich ihn gestern zum letzten Mal gehort und seine Leiden, aber nicht das Geheimnis vernommen, das ich bewahren soll. Wo werde ich die Kronenburg finden? Wie werde ich erkannt werden! Alle Herrlichkeit ist mir wie durch Zauberei gezeigt, aber wie ich hingreifen mochte, so vergeht alles wie Luft."

Als Anton nun so traurig sass, sprach Susanna: "Lieber Herr, Ihr habt Euern Vater so wenig gekannt, dass Ihr diese Stunden wie einen Traum ansehen konnt; sorgt fur Euch, denn ich vermag es nicht, allein fur Euch zu sorgen; ich vermag nicht die Turen zu sprengen, die uns einschliessen."

"Sei nicht besorgt um meine Traurigkeit", sagte Anton, "es ist uns ein Ubergang, denn eigentlich scham ich mich vor jedem traurigen Gesichte, das ich mache, und ich sage dir, du sollst mich noch bitten, dass ich weniger mutwillig sei."

Muhsam erholte sich Anton und schlich, von ihr gestutzt, auf einem Fusse zur Tur, wo ein Druck von ihm das Schloss sprengte; dann ging er zuruck zu seinem Bette, und Susanna ging aus, im Hause nach Vorraten zu suchen.

Sie blieb lange aus; endlich kam sie mit kaltem Fleisch, Brot und Butter, auch Weinflaschen zuruck; sie war aber sehr bleich und sprach: "Herr, ich habe oft gehort von dem Schrecken grosser Unglucksfalle, von Erdbeben, welche die Hauser zerstoren und die Bewohner vertreiben, wie da so mancher Ungluckliche von seinen sinkenden Glucksgutern niedergeschlagen wird; das mag schrecklich sein, aber viel schrecklicher ist die Leere dieses Hauses, wo noch alles steht und liegt, als wohnten viele darin, und nirgends begegnet einem eine sichtbare Gestalt, in alle Winkel blicke ich und meine die Luft von Unsichtbaren bewohnt, aber nichts bewegt sich, als die verlassenen Lieblinge in den Kammern; die Vogel in den Drahthauschen schreien angstlich nach Futter, das Rindvieh brullt, den gewohnlichen Weideplatz zu besuchen; ich soll fur alle sorgen, so glaube ich mir geboten, und kann mit keinem umgehen; ich habe in der Stadt in unserm Hause nichts als Hunde und Katzen mit dem Kuchenabfall gefuttert."

"Liebes Kind", sagte Anton, "gib ihnen die Freiheit, und ihnen ist allen geholfen, und jedes erhalt das Seine vom Himmel aus gesaet; nur uns mogen wir bedauern, denn alles was wir brauchen, bedarf menschlicher Vorbereitung, doch keiner sorge fur den andern Morgen; setz dich zu mir, trink ein Glas auf deinen Schreck; erst jetzt weiss ich recht, was mich so trubsinnig machte, mich hungerte; mit dem ersten Bissen, mit dem ersten Trunke fuhle ich mich glucklich wie ein Konig, und mir soll nimmer so Trauriges begegnen wie meinem Vater."

"Herr, Ihr seid zu kuhn", sagte Susanna, "wer viel ertragen kann, dem wird viel aufgelegt, denn im Schweisse seines Angesichts soll jeder sein Brot essen." Susanna aber holte das kleine Eichhornchen das sie ihm den Tag vorher gebracht hatte, aus dem Winkel, wo es sich in einem Schuh eingenistet hatte, und futterte es erst mit einigen Nussen, die sie noch gefunden hatte, ehe sie sich zu dem Tische setzte. Nachdem die erste Lust der Speise gestillt war, fragte Anton: "Sag, liebes Kind, wer wird mich nun verbinden?"

"Ach Herr", sagte sie, "daran habe ich schon lange mit Sorge gedacht; wir sind sehr unglucklich, doch hat mir die Mutter Gottes einen Gedanken eingegeben, Euch zu retten, ohne mich vor Euch zu schamen; Ihr bindet mir die Augen zu und fuhret mir die Hande, dass ich die Wunde mit einem grunen Blatt und feurigen Gebete schliesse."

Anton, dem ein Scherz einfiel, gab ihr recht in dieser Gesinnung, wartete bis sie ein Blatt geholt, verband ihr die Augen und fuhrte dann ihre Hand auf seinen Mund, indem er den Kopf tief heruntergebeugt hatte; sie senkte darauf ihren feinen, sanftgeschweiften Mund seinen Lippen nahe, ihr Atem stromte in Gebeten wie ein Fruhlingsregen uber ihn; darauf kusste sie dreimal die vermeinte Wunde, die sich so sanft anschloss, legte zwei grune Rosenblatter im Kreuz darauf und verband den Kopf zitternd, aus Furcht ungeschickt zu werden, weil sie ihn fur das Oberbein hielt, mit einem Tuche, dann kniete sie nieder, sprach noch ein stilles Gebet und wartete, bis ihr Anton das Tuch von den Augen nahm. Anton hatte gern gelacht, aber der Verband hatte seine Lippen so fest verschlossen, dass er ernstlich furchtete, der Mund mochte zur Bestrafung seines Mutwillens zugeheilt sein und allen sussen Speisen verschlossen bleiben. Susanna war ganz versteinert, ihn mit verbundenem Kopfe zu erblicken, und zwar mit demselben rotgestreiften Tuche umwunden, das sie um sein Bein gelegt zu haben meinte. Er machte ihr angstliche Zeichen, diese Binde schnell abzunehmen, die sie aber nicht gleich verstand, sondern ihm besorgt den Kopf hielt. Endlich loste sie den Knoten, fand die beiden Rosenblatter auf seinem Munde und warf sich beschamt uber sein Bett und verhullte sich in der Decke. Anton brachte mit Muhe die Lippen auseinander, auch bluteten sie, so schnell hatte das Heilmittel sie an einander geheftet; dann lachte er herzlich und schwor jetzt Susannen, sie nicht noch einmal anzufahren; jetzt schmerzte ihn auch die Wunde so heftig, dass er an keinen Scherz dachte sondern eilig die Augen der lieben Retterin verband und die Wunde seines Schenkels von ihr besprechen und verbinden liess. Die Linderung war augenblicklich, er dankte ihr freundlich und fragte sie, was er ihr als Gegengefalligkeit erweisen konnte; sie sah vor sich nieder und bat ihn, da er jetzt Zeit und Farben habe, ihr sein Bild so klein gemalt zu geben, dass sie es zum Andenken immer bei sich tragen konne. Anton schwor ihr, dass er sich noch nie selbst gemalt und kaum wisse, wie er aussehe, sie mochte ihm indessen ein breites Gefass mit Wasser bringen, er wolle sich gleich an die Arbeit machen. Susanna schaffe alles in grossem Eifer schnell herbei. Anton sah sich im Wasser und musste lachen; seine grossen Augen glanzten so herrlich, sein blonder Bart krauste sich so dicht und zierlich, sein ganzer Kopf hing voll schoner Locken; das Bild gefiel ihm so wohl, dass er auf einem kleinen runden Holztafelchen sein Bild ganz so wie im Spiegel eines hellen Wassers abbildete, durch seine Locken liess er ein paar muntere Fische spielen, eine Taube sass an der Seite und trank aus dem Becken; er malte so eifrig, der Einfall war ihm so neu, dass er uber sich selbst verwundert war, wie geschickt und schnell er alles herausbrachte; ja er meinte, dass ihm Susanna, die immer eifrig zusah, Farben reichte und Pinsel reinigte, ihm mit besonderen Gebeten beigestanden. Susanna war hingegen immer noch unzufrieden damit, sie fand, es sahe noch immer so tot, so starr und unbeweglich aus. Anton wusste nicht, was sie wollte, er hatte nie ein lebendigeres Bild weder gesehen noch selbst gemalt; sie hatte gern ihn selbst wie das Eichhornchen so mit sich gefuhrt, lebend aber klein und ihr folgsam; ihr steter Tadel krankte endlich sogar seinen Kunstlerstolz, so wenig er auch davon hatte; er meinte doch richtiger uber ein Bild urteilen zu konnen, als ein Madchen, das noch kein einziges gutes Bild gesehen. Als sie ihm Abends, da es fast beendigt war, noch einmal sagte, die Augen hatten nicht das volle Feuer, rief er ungeduldig: "So fahr Gott und der Teufel mit allem Sonnen- und Hollenfeuer hinein! Ich hab mich heiss genug dran gearbeitet!" und warf den Pinsel gegen das Bild. Susanna tat einen Schrei, hob das gefallene Bild auf und rief: "Seht Herr, jetzt ist Feuer in den Augen!" Anton sah hin und war verwundert, wie der Pinsel, der mit Weiss gefullt war, so glucklich auf das eine Auge gefallen war, um ihm einen Ausdruck von Lebensfeuer zu geben, den er nie herauszubringen verstanden; er brachte jetzt den Effekt mit Absicht im andern Auge hervor, glattete und reinigte in jenem, wo der Zufall oder Zuwurf es verdorben hatte, und Susanna sprach leise mit den Augen zu dem Bilde und bewegte fast unmerklich zu ihm die Hande. Anton fragte sie, was sie ihm zum Dank gebe; sie sagte ihm beschamt, dass sie nichts habe. Er wunschte sich einen Kuss und meinte, sie musste es erraten; seine Lippen waren aufgesprungen seit dem Morgen und schmerzten ihn, er mochte sie nicht zum Kusse darbieten. In diesen Gedanken liess er sich Wein bringen, er wollte den Wunsch ertranken, aber je mehr er trank, je mehr zog es ihn zu ihren Lippen, er konnte nicht schlafen. Susanna setzte sich neben seinem Bette auf einen Stuhl; er sah sie in allen Beleuchtungen und malte sie schlafend; das Werk fesselte ihn, und er malte, bis Phosphorus schon am Himmel glanzte und Susanna, die an seinem Bette gesessen, schlaftrunken uber dasselbe hingesunken war. Da legte er den Pinsel nieder und sang:

Ach Gott, wie tat mir gut

Ein Kuss auf ihren Mund!

Die Lippe war nicht wund,

Ich war auf meiner Hut,

Ich ware dann gesund

Und ruhig lief mein Blut.

Ach Gott, wie tat mir gut

Ein Kuss auf ihren Mund!

Die Liebe war dann aus,

Ich wollte fleissig sein.

Es fiel mir manches ein,

Ich zoge dann nach Haus;

Mit tausend Glasern Wein

Loscht sich nicht Phosphor aus;

Er stehet uberm Haus

Und zundet Liebesschein.

Er schaut der Erde Rand,

Auf dem ihr Himmel liegt,

Wie hat die Erd besiegt

Der Nacht verschwiegne Hand;

Es schliesst die Nebeldeck

Sie beide traulich ein,

Ganz still der Sterne Schein

Zieht uber sie hinweg.

Ach Gott, so schliess mich ein

In ihren Lippen dicht,

Im lieblichen Gesicht

Ist nichts so kuhl und fein;

Ich brenne hell und licht,

Erlosche mich darein;

Es kann nicht anders sein,

Und ich versag mir's nicht.

Bei diesen Worten kusste er sie; Susanna sprang auf und wusste nicht, wie ihr geschehen; sie schwor, dass sie Seger im Traume gesehen, der dem Vater Antons nachstellte.

"Mein armer Vater ist tot", sagte Anton, "ich habe wenig von ihm gewusst, als eine lange Geschichte, die er mir erzahlt und die ich ihm nicht glaube, wenn er gleich darauf gestorben; lass uns das Vergangene vergessen, ich bin nuchtern geworden, seit ich dich gekusst, und meine Lippen sind geheilt; ich meine jetzt ruhig zu schlafen, und hast du bei Sonnenaufgang ausgeschlafen, so lass dein Bild fur dich schlafen." Susanna sah beschamt ihr Bild und sagte: "Nein Herr, so hubsch bin ich nicht."

"Hor Susanna", sagte Anton schlaftrunken, "du tadelst heute zu viel meine Kunst, was verstehst du davon? Du bist nur ein dummes kleines Madchen, hast nichts Gemaltes gesehen, als deine Puppen und die Wirtshausschilder; ich muss am besten wissen, wie du aussiehst."

Anton schlief bei diesen Worten ein; der Wein hatte schon lange seine Zunge schwer gemacht und machte noch am Mittag, als er erwachte, seine Augenlider schwer. Er blinkte durch und sah mit Verwunderung, wie Susanna ihr schlafendes Bild mit Epheu, Lilien und Rosen umkranzt hatte und auf den Knieen davor lag und in grosser Inbrunst betete; er verstand nur einzelne Worte, sie aber betete zu sich: "O lass mich werden im Wachen wie du bist, heilig im Schlaf; lass deine Engeltraume mich schutzen und mir gegenwartig sein; dir ist so wohl, mir ist so weh, was wird aus mir werden?" Anton hatte Scheu, sie aus dieser Andacht als ein Lauschender mit Spott zu erwecken, vielmehr bewegte er sich erst im Bette, dass sie sein Erwachen ahnen, sich aufraffen und zu ihm setzen konnte; dann blieb er noch einige Minuten ruhig, ehe er sich aufrichtete und nach alter Gewohnheit, als wisse er von nichts, sein Fruhstuck begehrte.

"Nun", sagte er, "bist du noch nicht mit deinem Bilde zufrieden? ich sehe, du hast es mit einem Blumenkranz umfasst."

"Ach Herr", sagte sie, "wenn das Bild nur mit mir zufrieden ist, ich habe solche Angst davor; was ich tue und denke, immer meine ich, es mochte dadurch im Schlafe gestort werden; ich habe eine grosse Angst, dass ich ihm nicht gut genug bin; wie musst Ihr herrlich sein, dass so etwas Eurer Hande Werk, weniger Stunden Fleiss ist."

Anton lachte: "Liebes Kind, wenn du so viel Schlage darum bekommen hattest wie ich, du maltest eben so gut, hast du denn gar nichts gelernt?" SUSANNA: "Ich war zu allem, was sie mir beibringen wollten, zu ungeschickt; ich sollte singen, aber wenn es auch unter uns gegangen war, so blieben mir doch die Worte in der Kehle wie ein Vogel an der Leimrute stecken, wenn ich nun mit einem Kranze oder mit einem Becher heraustreten sollte, die Voruberziehenden zu grussen und in das Haus zu locken." ANTON: "Kannst du wohl vor mir singen, liebes Kind, Sing etwas, mir ist wust im Kopfe von der narrischen Nacht." SUSANNA: "Wenn Euch mein Gesang nur gefallen wird, gern will ich's versuchen." Sie ging hierauf im Zimmer umher, fing leise an, bald von Kussen, bald von Rittern zu singen, wie sie in dem Frauenhause unter uppigen Buhlenliedern aufgewachsen war, aber so leise, dass Anton kaum einzelne Worte hervorschimmern sah, denn kaum hatte sie eins ausgesprochen, so schamte sie sich davor.

Erst dreizehn Sommer zahlt die Kleine,

Da strich sie durch den grunen Wald

Und sang in seinem Dammerscheine

Ein Lied, das durch die Wipfel schallt.

Und von den Wipfeln steigt es nieder

Wie Sonnenstrahl, wie Morgentau,

Es wird so eng ihr rotes Mieder

Im Paradies der grunen Au.

Ich trete leise auf die Strahlen,

Die in dem Grase sich ergehn

Und es mit Blumen lieblich malen;

Wird mir denn auch also geschehn?

Es ist ein Fruhling wie noch keiner,

Der Atem bebend mir beginnt;

Es sind die Blumen so viel kleiner

Und sind doch alle hell gesinnt.

O Fruhlingsliebe, zarte Blume,

Du susse Angst im reinen Sinn;

Im Busen, ihrem Heiligtume,

Versteckt sie scheu ihr freies Kinn.

Und als sie aufblickt, ist verklungen

Das Lied im freudberauschten Wald,

Sie fuhlt sich fremd den frohen Zungen,

Wovon ein jeder Baum erschallt.

Anton hatte ihr selig zugesehen; die Angst gab ihrer Stimme ein Leben der Vollendung, er streckte sich auf sein Bette und sang ihr nach:

Dies Liedchen drangte sich zu Ohren,

Die zartlich lauschten in dem Gras,

Dies Lied ist nimmermehr verloren,

Wenn sie es gleich recht bald vergass.

In susser Angst ist es geboren,

Verstossen in die Einsamkeit,

Ich nahm es auf in meinen Ohren,

In meines Herzens Sittsamkeit.

Ich weiss es mir mit Lust zu deuten;

Es suchet, was es noch nicht kennt,

Es suchet in den blauen Weiten,

Was ihm so nah im Jagdschloss brennt.

Fuhlst du der Liebe Ahnung nimmer?

Im Dammerschein, im grunen Wald,

Da suchet dich der Liebe Schimmer,

Und ihre Sonne scheint dir bald.

"Wie meint Ihr das?" fragte Susanna, und Anton stockte; er wusste nicht, was er sprechen sollte, er hatte sich so in angenehmer Bequemlichkeit gehen lassen; er sah sie jetzt verlegen an, sie wurde rot und ging zur Ture hinaus.

Nach einiger Zeit kam sie angstlich zur Tur herein: "Herr", rief sie leise, "er ist da!"

"Wer?" fragte Anton, "hast du einen Geist gesehen? meines Vaters Geist?"

"Nein, der Seger", sagte sie leise und legte den Finger auf die Lippen, "er hat das Vieh weggetrieben, Ihr konnt ihn noch sehen, da geht er am Walde."

Bei diesen Worten erwachte eine Wut in Anton, sich an diesem seinem Verderber zu rachen, der ihn der vaterlichen Liebe entfuhrt hatte; er griff nach einem Jagdgewehre seines Vaters, das an der Wand hing, achtete nicht seines Ubels, sprang ans Fenster, sah Segers hagere Gestalt deutlich bei der Herde und schoss auf ihn; im Augenblicke vergingen ihm die Sinne. Die Aufwallung war voruber, er seufzte: "Es wird ihm sein Recht geschehen, aber ich wollte doch, es ware alles nicht wahr; es war doch Fabian, den ich hier in meiner Kindheit so oft mit Bewunderung betrachtet habe; ohne den schandlichen Niklas, seinen Vater, hatte wohl etwas aus ihm werden konnen, das ist nun alles aus, sein Dasein misst die Lange seines Leibes, und um mein Leben konnte ich ihn nicht wieder zum Reden und Gehen, zum Essen und Trinken bringen."

Susanna, die ihn also traurig sah, seiner eignen Schmerzen uneingedenk, nur den undankbaren Freund bejammernd, bat ihn, dass sie hinuntergehen und ihn ansehen durfe, ob seine Wunde zu heilen; Anton nickte mit dem Kopfe, sie offnete die Tur und schrie erschrocken auf: "Jesus Maria!"

Seger stand draussen und trat herein, indem er sprach: "Anton, wir sind quitt, ich habe Euch entfuhrt, Ihr habt auf mich schiessen wollen; wir haben nichts mehr gegen einander; wir konnen jetzt manches mit einander tun, vor allem zechen."

"Aber sage mir Seger, sag mir mein Fabian, ich erkenne dich jetzt erst ganz wieder, wie hast du so vielfach gegen mich handeln konnen?"

"Nun, Ihr wisst alles schon", sagte Seger, "ja seht, in fruher Zeit musste ich es auf Geheiss meines Vaters Niklas tun, den nun schon lange der Teufel geholt hat; was ich zuletzt getan, das war der verfluchten Weiber wegen in Augsburg, und ich frag Euch selbst, ob einem ein Weib nicht den Kopf umdrehen kann, als war er ein Wetterhahn."

Anton dachte sich in dem Augenblicke zwischen seine Frau und Susannen, machte eine bedenkliche Miene und bot ihm die Hand: "Es ist gut, will weiter nicht daran denken; es ist mir lieb, dass ich wieder einen habe, mit dem ich von alten Zeiten reden kann, von alten Spassen; von meiner neuen graflichen Herrlichkeit werde ich wohl so bald nichts erfahren. Wein her, Kurt! Sagt mir nur, warum habt Ihr meines Vaters Vieh weggetrieben?"

SEGER: "Ich brauchte Geld und jetzt haben wir's beide; es kam gerade ein Schlachter vorbei, der hatte eine schwere Geldkatze um und ein Dutzend blanke Messer in der Scheide; der Kerl hatte solche Lust zum Schlachten, wie sein Hund zum Blutlecken, der hatte einen Jubel an all dem fetten Schafvieh." ANTON: "Mit den Schafen, das argert mich, es war so ein Angedenken aus meiner Jugend; wenn das mein Vater noch erlebt hatte!" SEGER: "Es geht immer anders nach dem Tode, als die Alten meinen; meinen Vater sollte ich recht reinlich begraben, das hatte er mir befohlen; nun hatte er sich niemals gewaschen, ich zog ihm also die Haut ab und liess mir ein Paar Hosen daraus gerben, so war uns beiden gedient und geholfen." ANTON: "Pfui Teufel! mit solchen Geschichten bleib mir vom Leibe. Wie ist dein Vater gestorben?" SEGER: "Das wird Euch nicht sonderlich gefallen, ich hab's Euch ja damals erzahlt, wie ich ihm den Tod zugeschworen; das habe ich auch gehalten." ANTON: "Ihr seid ein erschrecklicher Mensch! Ich weiss gar nicht, warum ich Euren verfluchten Reden immer zuhoren muss."

Susanna brachte jetzt Wein in einer holzernen Kanne, die mit verschiedenen farbigen Holzarten buntgewurfelt ausgelegt war.

SEGER: "Bringst du auch einen Fingerhut mit? Nein, das gilt nicht; jetzt ziehen wir in den Keller, ich glaub, der Junge will sparen." ANTON: "Hor Susanna, du bringst uns wenig."

Susanna wurde rot und ging zur Tur hinaus; Seger lachte mit hoher Stimme: "Also ist Frau Annas Bettplatz schon wieder besetzt? das nenn ich rasch nach solchem Gesichterschneiden, Mundlecken, Herzdrukken und Tranenquetschen." ANTON: "Nichts davon, ich liebe noch meine Frau wie sonst und hab dies arme Kind nicht sonderlich sundlich beruhrt." SEGER: "Da seid Ihr ein Narr gewesen, so will ich's tun." ANTON: "Beim heiligen Sixtus, ich spalt Euch das Haupt, wo Ihr sie anruhrt; auch durft Ihr nicht sagen, dass ich ihr Geschlecht verraten." SEGER: "Ihr seid verflucht herrisch, seit Ihr den Titel eines Grafen von Stock Euch hinters Ohr geschrieben, denn auf der Stirn durft Ihr das S doch nicht tragen, sonst lachen Euch die Leute aus; weiss noch kein Mensch, ob an der ganzen Kronenburg etwas ist; mein Vater meinte immer, es sei ein altes Loch von einem Bergschlosse, wo sie einen Schatz drin glaubten, den aber noch kein Mensch gesehen; es ist so wie mit den Reliquien, hab mein Tage viel Geld damit verdient; wo ich irgend einen alten Lumpen, ein Stuck faul Holz, ein paar ausgedurrte Knochen am Schindanger finden kann, das schneide ich zu Reliquien, lege Zeugnis und alte Schrift bei; die Leute sind so fromm und so dumm dabei, wie bei den echten."

Susanna brachte wieder Wein, aber der war schnell ausgetrunken.

Seger schwor darauf, sie mussten in den Keller, bei dem Tragen verdufte die beste Kraft, nahm auch Anton halb auf seine Schulter, halb ging er, und brachte ihn mit Achzen bis vor die Ture. Hier liess sich Anton herunter und sagte, dass er wirklich schon allein gehen konne, besah die Wande und seufzte: "Seht Seger, in diesem Saale trug mich meine liebe Mutter oft Huckepack und sagte mir, sie sei ein Streitpferd und ich ein Ritter, wenn ich Abends nicht einschlafen wollte." "Meine Mutter sprach immer, ich sei ein schieler Spitzbube, wenn ich Abends nicht schlafen wollte, und wenn sie eins zu viel getrunken hatte, schlug sie mir dabei an die Ohren das war mein Ritterschlag."

Sie kamen in den Keller, da lagen viele Fasser, aber wenig Wein; endlich zeigte ihnen Susanna das letzte, worin der heimliche Gott noch wirkte. Anton war von dem Geruche aus dem Spundloche so begeistert, dass er sich hinaufhelfen liess und mit einem Stechheber selbst in die Glaser fullte. Susanna holte auf sein Geheiss Rosen und Epheu in den Keller und umhing ihn damit; dann musste sie auch die zahmen Singvogel des einen Alten darin fliegen lassen; die Wande glanzten vom Mauertropfen, es sah herrlich aus. Anton, bei dem der erste Zwang zur Lustigkeit nach seiner Art schnell zur leichtsinnigen Freude ubergegangen, legte sein Wams ab und sang ein Lied aus der alten Zeit in Waiblingen.

Weil jetzt die Hundstag hitzig scheinen,

Macht euch im Keller Sitze,

Zieht aus den Wams bei kohlen weinen,

So weicht von euch die trage Hitze.

Ich streich die Hemdesarmel auf

Und reite auf dem Fasse;

Mein Pferd hat einen raschen Lauf,

Es ist gewiss von edler Rasse.

Es dreht sich mit mir um im Kreise,

Das nenn ich recht turnieren;

Reicht mir gesalzen Brot zur Speise,

Dann will ich es noch spanisch fuhren.

Mit dem Stechheber in der Hand

Sitz ich wie mit dem Schwerte,

Und manchen streckt ich in den Sand,

Der meine hohen Glaser leerte.

Die Sonne zog viel Wasser heute,

Und ich sog viele Weine;

Das nenn ich eine gute Beute,

Dafur reit ich mir mude Beine:

Ich uberwache ganz allein

Den Mond und auch die Sonne,

War nur noch drin ein Tropflein Wein,

Ich stieg nicht ab von meiner Tonne.

Seger war trunken und Susanna ermudet eingeschlafen; Anton war auch erschopft, fegte alle Rosen, die er finden konnte, zusammen und legte sich darauf selig fest. Am andern Morgen erwachte in allen dreien die Betrachtung, was sie dort anfangen sollten; kaum war noch etwas zum Fruhstock zu finden. Seger riet zum Fischfang und zur Jagerei, bis sich Antons Wunde hinlanglich gebessert hatte, um sich auf den Weg zu machen. Anton lobte den Rat, und Seger machte sich mit dem Schiesszeuge auf in den Wald; Anton sah ihm nach; alle Holzschreier krachzten vor ihm her und rauschten in ungeschicktem Fluge durch das Eichenlaub; es war als wenn der Schrecken ihm nachfolgte.

Susanna redete lange kein Wort. "Hor Susanna", sprach Anton, "es wird mir ordentlich angstlich hier im Zimmer."

"Herr", sagte sie, "Ihr seht auch ganz entstellt aus; seht Euch einmal im Wasserbecken an, vorgestern waret Ihr viel schoner als Euer Bild, und heute viel hasslicher."

"Sonderbar, aber du hast recht, woher mag das kommen? Ist wohl ein heisser Tag heute?"

"Ja, Herr, es kommt noch ein heisserer Tag am Ende aller Tage, der fragt nach Rechenschaft von allem; ich aber bitte Euch, Eures Leibes zu schonen, denn Ihr zundet das Licht an beiden Enden an, und so verbrennt es bald; denkt wie schon Ihr seid."

So eindringend hatte Frau Anna ihn nie ermahnt, sie sprach nur immer vom Gelde, das er unnutz verschwende; er sah sie zartlich an und sprach: "Warst du nur immer bei mir gewesen, es ware manches anders."

"Schickt den Seger fort", bat Susanna.

"Wie soll ich ihn fortschicken", fragte Anton, "ich kann ihn jetzt nicht entbehren; er muss mich in Ehren durchdringen bis zu meiner Frau, da will ich ein ganz fleissiges Leben anfangen; wenn ich massig lebe, wird mich immer noch meine Kunst nahren."

Seger kam gegen Mittag zuruck, hatte aber nichts als eine Schnepfe geschossen. "Satanas weiss es", schrie er, "das Wild muss mich auf eine Meile wittern, alles lauft vor mir; was sollen wir mit dem kleinen Braten? Ich will fort in die Gegend, will unter meinen Schandkameraden die alte Freundschaft aufsuchen; Ihr konnt bis Abend ein paar Nester voll Kanarienvogel ausessen, die ich unten gesehen habe, dann komm ich zuruck mit Wein und Fleisch."

Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er fort; Susanna fiel vor Antons Fussen nieder: "Gott sei gelobt, der mein Gebet erhort hat, wir sind befreit; versucht's, gnadiger Herr, Euer Fuss muss heil sein; lasst uns fliehen aus dem Schlosse, ehe er mit seinen Helfershelfern zuruckkommen kann, es steht uns nichts Gutes bevor."

Anton sah sie verwundert an: "Was furchtest du, hab ich nicht Arme dich zu schutzen? Augen, die dich bewachen und nur dich sehen?" SUSANNA: "Gewiss weiss er, dass ich ein Madchen bin; ich sah es ihm an, er fuhrt nichts Gutes in dem Faltenlacheln seiner Wangen"

Jetzt kam Anton etwas in den Gedanken, was er oft gemalt, aber noch niemals gefuhlt hatte, wie Engel eine Seele durch das Fegefeuer fuhren; es war keine Furcht, die sich seiner bemachtigte aber eine Uberzeugung, dass sie recht habe und dass etwas aus ihr spreche, was er noch nicht gekannt. Er sprang von dem Sessel auf und versuchte den Fuss; er hinkte wohl noch etwas, aber er konnte deutlich merken, dass sich die Gelenkigkeit mit dem Gebrauche herstellte.

"Madchen", sagte er und fasste sie unter das Kinn, "was soll das geben? Du machst mit mir was du willst, ich muss dir schon folgen hinkend und hungernd; nun pack ein, was wir haben."

Er hatte nicht viel mitzunehmen; das kleine Olbild von Susanna steckte er in eine Jagdtasche, sie hing sein Bild an einem Schnurchen sich um den Hals und liess es zwischen Wams und Hemde versinken; Anton sah ihm uber die angenehme Stelle vergnugt nach. Dann wurden die Mantel umgenommen; Anton hatte die Flinte wieder geladen, sah noch einmal das Bild in seinem Zimmer an und dachte, nun bist du doch den Waffen naher als den Farben, und durchzog das Haus. "Einmal hat mich Fabian aus diesem stillen Hause meiner Jugend weggelockt, heute Susanna; sie wird mir kein Boses wollen; wohin soll ich? Alle Eintracht ist aus meiner Lebensweise gewichen. Aber Susanna!" rief er laut, "wo ist das Eichhornchen?"

"Es schlaft in meiner Tasche; alle andern habe ich heute schon in den Wald, so auch die Vogel in den Himmel entlassen; erst glaubten sie nicht, dass sie fort konnten, sie gingen so langsam wie Ihr; dann aber ging es jubilierend auf und nieder, und jedes suchte sich eine freie Nahrung."

"Nun so wollen wir uns auch nahren wie die Vogel unter dem Himmel, wie die Lilien im Felde; sieh, an dieser Tur hab ich einmal als Kind mein ganzes Fruhstuck, und es waren die ersten Kirschen im Jahr, einem Bettelknaben gegeben; wer weiss, wo uns wieder so geschieht." Ihre Schritte hallten ode im Hause; die Fliegen sogar lagen aus Mangel an Nahrung schon in Haufen unter den Fenstern, durch deren harte Durchsichtigkeit zu entkommen sie vergebens gestrebt hatten; ein paar Schmetterlinge, die erst den Larven in den Winkeln entkrochen, rauschten mit ihren Flugeln noch ungeduldig an den Scheiben; Susanna liess sie hinaus. Es ward beiden doch recht wehmutig, als sie auf den Platz des Tanzes und der Blumen kamen; Anton und Susanne schmuckten ihre Hute mit dem Schonsten, was noch bluhte. Anton, der sich jetzt schon gefasst hatte, sah sich noch einmal um, schwenkte Hut und Strauss und sang dabei:

Blumenduft dem Hungernden;

Worte wenn ich liebend brenn.

Ritterschaft ohne Pferd und Helm,

Also wird es mir armem Schelm.

Schatze bewachen ist mir Pflicht,

Aber ich finde im Sackel sie nicht,

Leere Fasser im Keller stehn,

Darum muss ich nun weiter gehn.

Der mich fuhrt, weiss selbst keine Strass;

Ob ich gehe, ob ich's lass,

Hinken muss ich doch uberall,

Darum lach ich viel tausendmal.

So lustig fing sich die Wanderschaft an. Anton vermied nur die Richtung gegen Augsburg; wo er sonst hin wollte, das wollte er erst im nachsten Orte fragen; aber das weite Feld, das in den letzten Zeiten erst verwustet schien und noch die Wasserfurchen aus fruherer Bearbeitung zeigte, so wenig es von Baumen beschrankt war, liess es doch nirgend eine Turmspitze vorscheinen; die Wohnungen der Gegend lagen meist in tieferen Talern, das Jagdschloss war ihnen auch aus den Augen verschwunden. Zwischen dem offenen Meere, wo alle Kusten schwinden, und zwischen einer Flache, auf der kein Haus zu finden, ist sehr wenig Unterschied; muhsamer ist es in jedem Falle, uber Erdflache hinzugehen, statt das Schiff unter sich lustig gehen zu lassen, und viel verzweiflungsvoller, wenn ein neuer Hugel hinangeschritten und die Flache sich immer weiter hinausdehnt; das Verzweiflungsvollste aber, wenn ein Strom jetzt die tagelange Richtung des Weges durchschneidet und einen neuen Weg erzwingen will, weil nirgend an ein Uberkommen zu denken ist.

Das alles geschah unsern Wanderern. Susanna hatte ihre Fusse so schmerzlich wund gelaufen, dass sie der Tranen sich nicht enthalten konnte; Anton fuhlte Schmerz in seinem verwundeten Beine, aber er liess sich nichts merken und trostete sie bei jedem Ausrufe mit Kussen, die sie weder merkte noch zuruckwies. Sie lagen so am Ufer des Flusses, der vom Schneeschmelzen im Gebirge uber seine Ufer ausgetreten war; sie sahen in den Buchten die Wasserspinnen mit ewiger Ungeduld dem Strome entgegenstreben, wenig fortrucken und meist von der nachsten Welle doppelt so weit zuruckgetrieben werden und doch ihren Weg nicht aufgeben und endlich doch alle etwas fortrukken. Susanna zeigte still auf die langfussigen Tierchen, und sie dienten beiden zur Unterhaltung, dass sie nicht merkten, wie sich ihnen ein Mann mit einer Zither genahert hatte. Susanna erschrak, als sie zufallig ihn erblickte; sie meinte erst, es sei Seger; der gutige Blick des Ankommenden vertrieb bald diesen ersten Eindruck, das Zutrauen musste ihm uberall entgegen kommen. "Ihr wartet auf die Uberfahrt, ich auch", sagte der Ankommende, "es wird nicht mehr lange dauern, so besteigt der alte Fahrmann seine Fahre."

"Eine Fahre hier?"

"Seht nur in den Winkel hinter den Weiden jenseits; jetzt ist sie schwer zu erkennen, das Wasser steht hoch, und die Kronen der Weiden treten vor; da liegt sie; alle Abend kommt ein alter Fischer am Ufer herunter und fahrt uber."

"Du hast mich gut gefuhrt, Kurt", sagte Anton, "wahrscheinlich waren wir sonst nirgends ubergesetzt worden."

"Auf zehn Meilen", sagte der Fremde, "sind alle Fahren, der aufruhrerischen Bauern wegen, versenkt; es ist ein furchterliches Morden und Brennen uberall; viele Schlosser sind von ihnen beraubt und zerstort; sie wollen an einem Tage die ganze Rechnung mit ihren Herren abmachen und nichts schuldig bleiben. Ich geriet in ihre Hande, und weil ich ein Spielmann bin, taten sie mir nichts zu leide; aber welche Greueltaten musste ich mit ansehen und dazu musizieren! da warfen sie mir dann wohl etwas Geld ins Barett, letztlich nahmen sie es aber alles wieder fort. Apollon, mein rechter Vorsteher, sei gelobt, dass ich von ihnen bin; in Marbach ware ich fast mit ihnen gefangen und gehangen!"

"Was ist da geschehen?"

"Die Bauern wollten das Stadtlein ohne Muhe einnehmen und plundern; so kamen sie einzeln mit Jagdspiessen vor die Tore und begehrten friedfertig, zur Kirchweih eingelassen zu werden, um ihre Verwandten zu besuchen; die Huter hatten kein Arg; der Aufruhr war noch nicht in die Gegend der Stadt gedrungen, auch mich brachten ihrer zehn mit, und ich musste lustig vor ihnen her singen. Auf dem Markte kamen sie alle zusammen; als sie mit einander sich zu beraten anfingen, da sah ich die Zeit ab und ging zum Untervogt und warnte ihn vor ihrer bosen Absicht, die ich erlauert hatte. Er dankte mir und bat, dass ich nun zu ihnen zuruckkehre und gelegentlich wiederkame. Der Untervogt ging darauf zum Obervogt Eitel von Plieningen, der auf dem Rathause einer Sitzung beiwohnte, und fragte ihn, was er tun solle. Da wurde nun lange hin und her geraten, ob man die Burger bewaffnen oder die Tore schliessen solle; unter der Zeit waren der Bauern schon zu viele eingedrungen; man musste ein gut Gesicht zum bosen Spiele machen. Inzwischen war den Bauern der Kamm gewachsen; sie schickten an den Rat, weil viele unter ihnen keine Freunde in der Stadt hatten, so liessen sie um Wein aus dem herrschaftlichen Keller bitten. Der Vogt schlug es erst ab, es sei gegen seinen Eid; nachher aber, als sie Rat gepflogen und die Bauern drohende Worte ausgaben, wurden ihnen einige Fasser Wein bewilligt. Wahrend die Bauern dabei lustig wurden, sammelte der Obervogt und der Untervogt den Rat und einige sichere Manner auf dem Rathause; als jene das aber merkten, drangen sie zum Teil in das Rathaus, teils blieben sie unter demselben stehen und riefen in voller Trunkenheit jenen zu: 'Sturzet den Rat zum Fenster hinaus!' Die Bauern im Rathause wollten auch die Tur des Ratzimmers sprengen, konnten es aber nicht moglich machen. Dann stiegen sie in den Ofen und wollten durch denselben in das Zimmer einbrechen; der Ofen war aber mit einem eisernen Gitter umgeben und die Ratsherren stachen mit ihren Degen durch die Risse des zerschlagenen Ofens; sie mussten zuruck. Hierauf, wie es bei Trunkenen geht, wer vom Streit mude, lasst schnell gutliche Verhandlung folgen, beschwichtigte der Obervogt ihren ganzen Unwillen, indem er ihnen mit vernehmlicher Stimme aus dem Fenster des Rathauses zurief, er wolle ihnen noch einigen Wein zukommen lassen. Der Wein wurde mit neuem Jubel empfangen; ich musste zum Tanze aufspielen; die alten Bauerstiefel trampelten auf dem Pflaster wie eine Ramme, bis sich das Ubermass des Weines Luft machte und einer uber sein Madchen, der andere uber einen Misthaufen fiel und sich nicht wieder aufrichten konnte. In solchem Taumel uberkam uns die Nacht; ich schlich mich zum Obervogt, da waren schon viel angesehene Burger bewaffnet zusammen gekommen; er stellte ihnen ernstlich vor, wie sie es ihrer eigenen Sicherheit und dem Eide schuldig seien, den sie der Obrigkeit geschworen hatten, mit allen Kraften ihm beizustehen, das bittere Bauernvolk aus der Stadt zu schaffen. Alle verschworen sich aufs neue, ihm treulich beizustehn, und er befahl ihnen, sich nach dem Schlosse zu begeben und zwei Feuermorser, eine Feldschlange, einen Doppelhaken und ein paar Buchsen, die in den unteren Zimmern des Rathauses standen, dahin zu schaffen. Ein argerlicher Umstand war es, dass der Konstabler Marx Spengler, der das Geschutz zu bedienen verstand, mit den Bauern sich vollgetrunken hatte und nur mit Muhe aufgeweckt werden konnte; in demselben Taumel war auch der Stadttrommelschlager, so dass beiden ein paar feste Burger beigesellt werden mussten, die sie in ihrer Pflicht erhalten oder, wenn sie dagegen fehlten, sie niederschiessen sollten. Die Weiber der treuen Burger mussten in der Zeit siedendes Wasser in Bereitschaft halten, um die Feinde, wenn es zum Treffen kame, damit zu verbruhen, dass ihnen die stolzen Federn ausfielen.

Bei Tagesanbruch ruckten wir aus dem Schlosse die Stucke voran, doch nur mit Pulver geladen, ich zuletzt, weil ich gar nichts dabei zu suchen hatte; der Trommelschlager, von den beiden Burgern immerfort in die Rippen gekeilt, schlug das Kalbfell fast zusammen; die taumelnden Bauern und die mit ihnen einverstandenen Burger, aus dem ersten Schlaf erwacht, liefen aller Orten gegen einander, und keiner horte mehr Rat; da wussten sie auf einmal wieder die Namen aller Heiligen und riefen bald diesen, bald jenen an, dessen Bild sie oftmals mit Fussen getreten, er mochte ihnen sagen, was es gebe. Der Obervogt aber schrie mit grausamer Stimme: 'Ihr treulosen, aufruhrerischen Bosewichter, heut sollt ihr alle eure Strafe empfangen, hier sollt ihr sterben!' Bei diesen Worten musste der Konstabler die Stucke losen. Mancher fiel vor Schreck und meinte sich getroffen, oder lag in seinem Unflat und meinte in seinem Blute; die meisten aber buckten sich, dass sie sich klein wie Mause meinten, streckten die alten Beine auseinander, als wollten sie sich zerreissen, und sprangen, wo sie konnten, uber die Stadtmauern; weiss Gott, wo sie aufgehort haben zu laufen. Die aber von den Burgern eingeschlossen zuruckblieben, streckten die Hande aus und baten, sie herauszulassen und ihnen Gnade angedeihen zu lassen.'

Der Obervogt sprach zum Untervogt: 'Es ist doch besser, wenn wir den Wolf erst aus dem Schafstall herauslassen', und rief dann laut: 'Weil euch leichtsinnige Bosewichter eure Ubeltat reut, so soll euch verziehen werden; aber ihr sollt alle durch das Eselstor, wo sonst nur die Mulleresel treiben, hinausziehen zum ewigen Schimpfe.'

Die Bauern wollten erst jeglicher zu seinem Tore hinausgehen und baten darum, aber der Konstabler machte eine so grimmige Bewegung mit seiner Lunte in der Trunkenheit, und der Obervogt schwor, er wolle sie, so wahr er ein Edelmann, wie Huhner abschlachten, dass sie endlich wohl gar noch Eselsohren sich gemacht hatten, wenn's verlangt worden ware; sie zogen ab, und ich musste zu ihrem Abzuge spielen. Als sie fort waten, da ging die Untersuchung gegen die schuldigen Burger an; da wurde der Schaden Josephs erst besehen; es sollte der Wein wieder in den herrschaftlichen Keller geschafft werden; daruber wurde mein Dank vergessen, ich musste weiter ziehen und bin nun, wie ihr mich seht, hungernd und durstig und ohne Geld."

"Was ist denn aber Euer Handwerk sonst?" fragte Anton; "wie heisst Ihr? damit ich Euch kunftig nennen kann. Ich heisse Anton und bin ein Maler."

"Ich habe nur ein Mundwerk", sagte der andere, "kein Handwerk; ich habe mich viele Jahre mit der Meistersangerei in Nurnberg abgequalt, hab Euch in allen Tonarten Worter zusammenschreiben konnen, wie die andern, habe selbst die Seidenschwanzweise erfunden, die ihren Kunstbau durch hundertundzwanzig Reime treibt, wurde verliebt, als ich den Gesang der drei Manner im feurigen Ofen darin aufgeschrieben hatte; meine Braut lachte mich aus damit und sang mir ein Liebeslied vom schmelzenden Schnee und grunen Grase, von der Frau Nachtigall, vom Goldring, den sie im Schnabel tragt; das behagte mir so wohl, dass ich allen meinen Narrenkram wegwarf und sang, wie mir's ums Herz war. Da wollte mich niemand mehr in Nurnberg bei festlicher Gelegenheit haben; der gute alte Hans Sachs, die weisse Taube, gab mir aber ein Reisegeld, dass ich nach Munchen gehen solle, um noch singen zu lernen; so bin ich immer weiter gekommen und rucke immer naher an meine Barbel; ich aber heisse Guldenkamm."

"Ihr seid ein kuhner Mann", sagte Anton, "dass Ihr den Meistergesang so herabsetzt; habe sonst immer grosses Lob davon gehort, weiss aber selbst nichts von ihm; in meiner Stadt hatten wir keine solche Schule und schamten uns dessen; die Nurnberger taten immer bei uns so stolz, wenn einer das Schulkleinod, die Krone oder den Kranz gewonnen, oder wenn einer getauft und gefreiet worden."

"Das bin ich alles auch", sagte Guldenkamm, "verkauf Euch aber alles, was ich da gelernt habe, fur ein Mittagessen, es ist eine Wortschinderei; mich hungert heute, ich habe nichts gegessen; habt Ihr nichts bei Euch?"

"Nein, mein guter Guldenkamm", seufzte Anton, "ich habe schon lange Euren Ranzen angesehen, ob nichts Essbares darin sein mochte."

"Ihr seht so stattlich ritterlich angezogen aus", sagte Guldenkamm, "wie seid Ihr in solche Not gekommen?"

Anton erzahlte ihm in der Kurze, was ihm begegnet, von seiner Frau, wie er sie liebte; nur von seinem Vater und von Susannen schwieg er. Doch sah der listige Meistersanger recht wohl, dass es ein Madchen sei und Anton ihr zartlich die Hand drucke.

Die Erzahlung wurde durch die Ankunft des Fahrmanns unterbrochen, der mit einigen Leuten uber das Feld jenseit des Flusses kam und sie ubersetzte.

Anton suchte jetzt in seinen Taschen nach Geld zum Ubersetzen und stampfte mit dem Fusse zornig: "Habe meine Geldtasche im Bette vergessen! Wer hat nun Geld zur Uberfahrt?"

Traurig sahen sich alle drei an. "Umsonst tut's der Alte nimmermehr, ich kenne ihn."

Susanna holte jetzt das kleine Eichhornchen aus ihrer Tasche und sagte sehr trubsinnig: "Unser armer Tucktuck verhungert, er nagt schon meine Finger an, und nirgends, so weit ich blicke, sehe ich einen Ort, wo er was fande, wenn wir ihn frei liessen."

Inzwischen wurde die Fahre ans Land gestossen und festgebunden; es stieg ein alter Pralat und zwei Nonnen aus; jener sass zu Pferde, diese gingen zu Fuss. Der Pralat sah gleich auf das Eichhornchen und sagte zu den Nonnen: "Eure Liebden sehen einmal den Rotschwanz! Gib her Kleiner, ein artig Tier; wie es mir die Nuss aus der Hand nimmt! sehn Eure Liebden, es nagt wie ein Zimmermann mit der Sage in die Schale; ich wollte, es ware feil, mochte es Eure Liebden zu meinem Angedenken verehren."

"Was gebt Ihr, gnadiger Herr?" fragte Guldenkamm; "es ist uns zwar sehr lieb."

"Da sind dreissig Kreuzer", sagte der Pralat, "es ist teuer damit bezahlt; aber seht nur, wie kraus ihm die Blume steht, ihr lieben Nonnen; mochte mir daraus einen Weihwedel machen."

Susanna liess heimlich eine Trane fallen, kusste das Eichhornchen noch einmal und ubergab es dem Pralaten, der ihr die Backen kneipte. Sie ubergab das Geld Anton, sah dem Pralaten mit den beiden Nonnen nach, denen er das zierliche Tierchen ubergab, sie segnete und in verschiedener Richtung von ihnen fortritt. Jetzt bezahlte Anton zwei Kreuzer fur sich und Susannen; Guldenkamm sagte ihm, dass er mit Musika seine Uberfahrt bei ihm freispielen wollte, und Anton bezahlte auch fur ihn. Susanna aber, wie sie auf der Fahre sass, fing heftig an zu weinen; sie hatte das Tier so lieb gehabt, sie warf sich ihren Unverstand vor, nicht besser dafur gesorgt zu haben. Anton suchte sie zu trosten und vergass sich daruber, nannte sie bald Susanna, bald Kurt, und kusste sie zartlich. Guldenkamm hatte das mit allerlei lustigen Liedern schon begleitet, sie hatten es aber nicht beachtet; endlich horte doch Anton darauf, als er ihnen naher trat und sang:

O tiefer Strom, der alle Welt durchschnitten,

An deinem Ufer ist ein harter Stand;

Der alte Fahrmann weiss da nichts von Bitten,

Er fordert Lohn und strecket aus die Hand;

Ihm lohnet fur ein schones Kind der Ritter,

Ein armer Spielmann fleht ihn an mit Schall:

Bezahl fur mich, es klingt dafur die Zither,

Sonst kenne ich kein klingendes Metall.

Der Ritter hat bezahlt fur ihn die Fahre,

Der Spielmann singt zu seines Ritters Lust,

Von Liebesschmerz und Not und susser Zahre,

Ihm ist das tiefe Herz im Wort bewusst.

Der Ritter horcht und lasst die Kusse kuhlen,

Die auf den Lippen herzlich gluhend stehn;

In leerer Luft kann er die Kusse fuhlen,

Ein schmerzlich Ende durch den Anfang sehn.

Da kommt die Fahre zu dem andern Strande,

Das schone Kind geht fort an fremder Hand;

Der Ritter ruft: "Du sprengst die falschen Bande,

Ich hab mich heim zu meiner Frau gewandt!"

Der Spielmann schlagt mit Jubel in die Saiten:

"Nur einer Liebe folge, der sei treu;

Der Sanger mag dich zu der einen leiten,

Er spielte dich, er spielte sich auch frei."

Anton hatte diese Worte mit Besturzung gehort, er fuhlte, dass er nicht in dem Sinne an seine Frau denken konnte; noch mehr war er aber verwundert, als der Spielmann leichtfussig mit Susannen aus dem Kahne sprang, ohne dass sich beide nach ihm umsahen. Susanna hatte nichts von dem Liede vernommen, der Klang der Zither und das Wesen des Fremden hatte ihr gefallen; sie nahm gern seinen Arm, denn er war mit ihr in gleicher Grosse, dahingegen sie zu Anton auflangen musste, der selbst uber grosse Manner um eines Kopfes Lange hervorragte. Anton sah ihnen nach und sah zu gleicher Zeit ein Brot im Kahne liegen; fast mit fortschreitendem Beine und halb aufgehobener Hand fragte er den Fahrmann, was er fur das Brot haben wollte.

Der Fahrmann sagte, es sei Hungersnot im Lande, unter zwanzig Kreuzern konne er es nicht lassen.

"Aber so wartet doch", schrie Anton den raschen Fussgangern nach; "sind deine Blasen am Fusse schon geheilt, Susanna? Wisst ihr schon, wohin ihr wollt?"

Susanna und Guldenkamm standen still.

"Alter, da habt ihr das Geld, aber sagt mir noch, wie weit das nachste Dorf ist."

"Kann Er denn nicht sehen?" sagte der Alte; "liegt es ja!"

Anton sah erst jetzt in grosser Entfernung ein paar schwarze Dacher, die vom Acker wenig zu unterscheiden waren. Guldenkamm kannte das Dorf; es sei eine Hecke fur Wanzen und Flohe, die allein hatten dort gute Nahrung, meinte er. Anton hatte bei dem Brote seine Verwunderung uber Susannen lachend vergessen; er teilte es schnell und war mit dem seinen fast fertig, ehe die andern noch angefangen, die ihm nun zur Ausgleichung von dem ihren aufzwangen; es wollte ihm aber alles nicht helfen, die Lucke in seinem Innern, durch die Zehrung der Bewegung vermehrt, liess sich nicht fullen; er nahm im Scherz kleine Steine, hullte sie in Brotkrume und verschluckte sie; das tat ihm wohl. Susanne fand diesen Scherz entsetzlich, sie musste weinen; aber wie ein unartiges Kind, das die Kirschkerne nicht hinunterschlucken soll, erst tut, als wolle es dieselben aus dem Munde nehmen, sie zeigt und dann doch verschluckt, so hatte er eine eigene Freude an den Besorgnissen der beiden und fuhlte sich endlich so wohl gesattigt, wie damals, als er die erste Trappe seiner Frau aufzehrte. Gegen Abend erreichten die Wanderer ein armes, sehr odes Dorf; die Bauern waren gutmutig gegen sie, aber sie hatten nichts Hungersnot herrschte uberall; das Brot war mit Rinden und Eicheln gemischt, die Hutten ubelriechend, dunkel, ohne Fenster und schmutzig. Anton hatte kaum hineingeblickt, so hatte er sich schon uber ein Heulager geworfen, um seinen ermudeten Fuss zu ruhen; Susanna blickte kaum hinein, so wurde ihr von dem ublen Geruche und heissen Dampfe schwindlig; sie musste zurucktreten, und Anton drang in sie, seinetwegen sich nicht mit dem Elende der Hutte zu plagen. Sie ging also mit Guldenkamm an das Ufer des Stromes und las einzelne Beeren fur Anton; dann setzten sich beide der Abendrote gegenuber; der Bach flusterte so freundlich; alles was am Himmel und auf Erden geschah, war Susannen eine neue Welt. Ihre fremdartigen Fragen ergotzten den Spielmann; sie hatte eine so vornehme Vorstellung von der Welt gehabt und ihren eigenen Zustand in Augsburg so allen andern nachgesetzt, dass sie sich jetzt nicht beruhigen konnte, wie so viel Menschen noch elender lebten als sie; sie redete die Bauerinnen mit einer Art Ruhrung an, diese aber ausserten herzliches Mitleiden mit dem jungen Burschen, der so durch die Welt ziehe. Es wurde dunkler; da kamen die jungen Leute, trotz der Hungersnot, so vertraulich Paar und Paar gezogen; mancher sang, viele lachten; da war kein Ruckhalt in allem, was sie meinten, und doch war es ein anderes Wesen, als in dem Frauenhause, ein anderes Wesen, als bei den Burgerfrauen in Munchen; sie schienen so gut wie diese und so schlecht wie jene zu gleicher Zeit zu sein. Guldenkamm, mit seiner gewohnten Traumerei erfullt, ging unter den Madchen umher, wie von den rechten Weingegenden erzahlt wird, dass durchwandernde Fremde so viel davon essen durfen, als ihnen gefallt, ohne dafur zu zahlen, aber nichts nach Hause mitnehmen durfen; jedes Madchen war ihm eine Traube, die er gern sogleich genossen hatte, aber die Hast, mit der er gewohnlich zu Werke ging, zerdruckte sie meist fruher, und er blieb ohne Genuss. Ohne dass ihm Susanna ein Zeichen ihrer Zuneigung gegeben hatte, glaubte er sich derselben schon versichert; er bildete sich dieses Verhaltnis aus; stumm neben ihr sitzend und spielend mit einem Bande ihres Wamses, dachte er der letzten Zeiten in den steten Unruhen, wo er oft mit herzlicher Sehnsucht nach einem Madchen sich umgesehen hatte, mit der er nur ein vertrauliches Wort wechseln konne; und jetzt sass ein recht wunderbares Madchen neben ihm und schwatzte von aller Welt Himmels und der Erden so unnachahmlich neu, und ihn beschaftigten jetzt andere grossere Anforderungen an sie; er verachtete seine Unbefriedigung, fuhlte plotzlich den glucklichen Abend und sang zu ihr in freien Bewegungen mit leichter Begleitung der Zither: Seliger war ich noch nie als heute, Nach Tages Muh, an Liebchens Seite; Spielend an Ufers Rand Durch ihre Hand, Mit ihrem Band, Umzieht mich ihr susses Geschwatz Wie ein Netz; Darum nenn ich sie Fischerin, Weil sie mit klugem Sinn Mich im eignen Element erhalt, Nachdem sie mir Reusen gestellt, In die mich der Fluss Immer tiefer treibt im Genuss. Ich weiss es und setze die Flossen nicht entgegen, Mocht sie viel lieber ganz dicht an mich legen; Lasse mich still von dem Strome bewegen, Es kuhlet darin ein heimlicher Segen. Konnte sonst so listig und mutig, Und oft mit einem Herzen so blutig, Mich entreissen der Weiber Gewalt Und Wohlgestalt; Und wie ein Kramsvogel aus den Dohnen Liess ich zwar Federn ohne Schonen, Aber ich entriss mich der Schlinge, Sang frohlich und guter Dinge. Eine Reihe Schonen, die meiner spotten Und mit mir zanken, Mich fragend, ob ich nun bald gesotten, Ohne glanzende Schuppen, Als ein Martyrer gerieben zur Suppen, Wurde bussen, Dass ich so falschlich konnte kussen und grussen; Herzinniglich weiden, Stolz dann zu scheiden. Ei seht doch, nun bin ich's wohl gar, Der falsch und untreu und unbestimmt war: Hab euch alle geliebt, Ihr habt mich alle betrubt; Die Kleine dort, weil ich nicht bei ihr blieb, Die Gute hier, weil sie mir nicht die Zeit vertrieb, Die Feine daneben, weil sie einem andern gehort, Die vierte Selbstuberlebte, weil ich sie nicht immer

gehort

Die immer hatte singen sollen, Ich bin ihr wie ein Lied verschollen. Eine aber, die tat mir weh, Die meinte, ich sei zu fluchtig zur Eh'. Sie starb daruber am Fieber Und zieht voruber so mild, so licht, Und streicht mir die Haare aus dem Gesicht. Es tut mir vieles leid, Doch bin ich unschuldig bis heut; Ich sag's euch derb und trocken, Ihr schuttelt mit den Locken, Ich hab euch nie versucht, Die Gelegenheit hat mich aufgesucht. Liebliche Kleine in furstlicher Krone, Die mein schlummerndes Herz erweckt, Gabst du mir nicht einen Schlag zum Hohne Auf die Backen, dass Glut sie bedeckt, Um mit dem Kusse ihn dann zu verguten? Lieblichste, musstest du also wuten? Musste das Gluck auf jeglichen Wegen Uns zusammenfuhren mit List? In den Baumen, ach, welches Erregen, Wie geschmuckt zu dem heiligen Christ; Wenn du hinter den Stammen verborgen, Betest den frohlichsten guten Morgen! Doch die Verwirrung des Sinns zu entflammen Wussten die furstlichen Bruder mit Lust, Warfen uns Abends auf Blumen zusammen, Und du ruhtest an meiner Brust; Doch da sagte der bose Hofmeister: "Nehm Er nun Abschied, denn morgen, da reist Er." Du ruhst, wo Gold und Silber ruht, In den Tiefen, Viele Tage und Jahre verliefen, Schnell wie zum Tanze beschuht; Ich ward Student Und dachte nur dein liebliches Gesicht, Und achtete der andern Madchen nicht, Und wie ein Berg unubersteiglich uns getrennt, Die hohe Felsenwand Von Rang und Stand; Verzweifelnd warf ich mich auf meine Bucher, Und ward, wenn nicht gelehrt, doch siecher; Der truben Lampe Licht Entfarbte mein Gesicht, Wie in dem Schacht die weissen Moose sprossen, Und sind doch auch des Lebens Mitgenossen. Da regte sich der erste Fruhlingstanz Vor unsrer Stadt auf erstem Grun; Der zarten Blumen erstgeborner Glanz Verschien, als eine Jungfrau drin erschien; Ihr Leib war schlank gestreckt, doch voll und rund. Es offnete sich leicht ihr roter Mund, Dass ihre Lippe zeigt der Zahne Bund. Und dieser Bund stand gleich dem Kriegesheer Der Tempelherren weiss und gleich im Feld, Das rings von sussem Blut ein wogend Meer; Da stand es fest, als hatt es Gott gestellt. Und dieser Zahne Glanz ward jetzt der Felsenriff, Den ich fur eine sichre Kuste hielt; Mit vollen Segeln lief darauf mein Schiff. Ich glaubte sie von hohem Geist umspult; Ich reichte ihr im Tanze meine Hand Und blieb so Hand in Hand, bis uns das Licht Den Rucken hatte zogernd zugewandt. Das gute Kind zu mir kein Wortchen spricht. Ich war begeistert wie von jungem Wein Und sprach zu ihr in manchem lust'gen Wort; Sie fuhr nach Haus, ich stieg da hinterdrein, Wo sonst nur der Bedienten schlechter Ort. Mir war's ein Thron, ich sprang am Haus herab; Sie sah mich an und lachelte so dumm; Sie stieg heraus, ich diente ihr als Stab. Statt alles Danks blieb sie noch immer stumm; Ich trat mit ihr ins Haus, ich wusst nicht wie, Und eine Frau begrusst uns nah am Tor; Ach, warum beugt ich nicht vor ihr die Knie, Ich war ein Tor, dass ich den Tag verlor. Wie jene, hochgeschmuckt, mit braunem Haar, War diese fein und zierlich, blond gelockt; Ich wusste nicht, ob ich im Himmel war, So hat mein Herz bei ihrem Blick gestockt. Der Blick war blau, so wie Vergissmeinnicht, Und ihre Worte wie ein Perlenkranz, Doch war ich treu dem vollen Angesicht; Es wogte noch in mir der Rausch vom Tanz. Du bist ein gutes Kind, ich sag's dir hier, Ich war, bei Gott, dir vierzehn Tage treu, Studierte mich fast tot, was ich nur sagte dir; Du sagtest nur ein Ja, ein Nein dabei. Die blonde Frau hob alles sorgsam auf, Was meinem frohen Mund mit Lust entfiel, Und gab ihm Federkraft zum raschen Lauf, Es traf ihr Witz stets alle neun im Spiel. Allmahlich ward's mir lieb, wenn sie allein, Ich setzte mich zu ihr, ich liess dich stehn, Ich brachte dir den grossen Hund, der mein, Und liess ihn dir, damit du mich liesst gehn. Du warst vergnugt und ich war voller Glut, Wie ein Kamin voll hellem Flammenschein; So trieb die Schwagerin herum mein Blut, Ich sass so gern bei ihr sie war nicht mein; Die Lieb, die ich mit Sange angeregt, Die wandte sie zum Mann, kam er nach Haus, Und hat sich froh mit ihm zu Bett gelegt; Ich gramte mich und blieb dann doch nicht aus. Zum guten Gluck kam eine Sangerin Mit kaiserlichem Hofe durch die Stadt, Die alle Welt bezaubert hat; Ich war beim ersten Tone hin, Ich schmiegte mich in ihres Liedes Falten; Die gottlichen Gestalten Der alten Helden, die sie schon besungen, Die hatt ich gerne dargestellt, Und wie Merkur bin ich gesprungen Ganz einsam unterm Himmelszelt, Und wie Apollo hohen Blicks, Hab ich gewartet meines Glucks. Du wolltest aber immer essen, Ich hatt es oft vergessen; Du wolltest sussen Trank, Wenn schier mein Aug in Wehmut sank; Du wolltest Schmuck, Ich hatt an dem Gesang genug, Der in den Ohren ewig tonte; Da war ich oftmals der Verhohnte Und lief davon, Eh' mich beschien die Morgensonn; Eh' noch die Schuldner konnten klopfen, Da sass ich schon, die Schuh voll Tauestropfen Bei einem schonen Pachtergut Und sah den grossen gelben Hut Auf einer festlichen Gestalt; Ich schlich mich naher zu der Schonen; Es war die Allgewalt Von allem, was mich konnt verhohnen Und mich beglucken konnte, Als sie ihr Antlitz zu mir sonnte Und lauschte, ob ein Hase in dem Kraute, Und mich zuletzt mit grossen Augen schaute. Sie hob die Hande auf, Als wollte sie in meine Arme fallen, Und mitten in dem Lauf Sah sie so stolz auf mich, wie Herrscher auf Vasallen; Ich ward ihr Knecht, Und hab gelebt so arm und schlecht, Fruh auf, spat nieder, Schmale Kost, viele Lieder; So hat sie mich zu prufen gemeint, Ich hab gelacht, geweint. Nichts weiss ich mehr von der Zeit, Mit mir, mit ihr ein ew'ger Streit; Mir war's, als hatt ich einen Schatz gefunden, Der mir zu schwer; Ich hatt ihn gerne aufgewunden, Doch als das Werk bald fertig Und ich des Danks gewartig, Da war die Grube voll und leer. Wieder lieb ich, da ich dein gedenke, Wieder leid ich, dass ich dich muss missen, Nicht zu mir die toten Augen lenke, Deine bleichen Wangen mocht ich kussen. Wieder wahn ich, dass ich dich verkannte, Wieder glaub ich, dass ich dich noch habe, Ach ich war's, den dir die Liebe sandte, Doch der Zweifel sandte dich zum Grabe. Guldenkamm hatte sich durch die Erinnerung ruhren lassen; es war ohne seine Absicht, dass sich sein Lied zum Ernst hin wandte; es liegt das aber meist in der Art einer Tandelei bei einem bewegten Gemute. Susanna fand sich durch seine Ausdrucke, durch das Gefuhlvolle in ihm ergriffen, und sie wusste nicht wozu; es gab nichts zu tun, sie wusste nichts, als ein paar Tranen auf seinen Wangen abzutrocknen und ihn zu streicheln.

Anton hatten die Wanzen nicht lange schlafen lassen, denen sein glatter, saftiger Stamm ein besonderer Leckerbissen zu sein schien; ganz zerstochen sprang er an die Luft und sah die beiden so vertraulich beisammen sitzen. Er konnte es sich nicht sagen, welches Gefuhl ihn durchwallte; es wurde ihm so kalt, er schamte sich seiner selbst; er hatte sich gewaltsam von beiden befreien mogen, um dieses Gefuhl los zu werden; er wandte sich von ihnen, setzte sich unter eine grosse Linde, in welche ein Muttergottesbild eingelegt war, und fing an zu beten; wahrend er betete, fiel ihm seine Frau und sein Kind ein; er dachte sich Frau und Kind in dem Muttergottesbilde, das von der Mondnacht zwar beleuchtet, aber von der Linde dunn in schwebender Wallung beschattet war; da ward er wieder Hausvater und Gatte und flehte um die Fortdauer seiner Liebe. Susanna aber ward ihm gleichgultig; er dachte mit Behagen daran, dass er sie vielleicht mit Guldenkamm gut versorgen konnte; alles wurde ihm fertig vor der Seele; er nahm sich vor ein Schmied zu werden; wenn seine Malerei nicht mehr bezahlt wurde, da wurde ihm seine Kraft nutzen; er sah schon in Gedanken die Kohlen in seiner Schmiede gluhen, sah die Ritterpferde, die bei ihm beschlagen wurden; da weckte ihn der Hunger und der Schmerz seiner Wunden aus der Betrachtung; nicht bloss die Wunde am Schenkel, sondern auch der Finger, die Susanna ihm geheilt, schienen in den alten Zustand der Verletzung zuruckkehren zu wollen; er hinkte deswegen zu Susanna und Guldenkamm, die ruhig, in geringer Entfernung von einander, im Grase eingeschlafen waren. Er fuhlte weder Neid noch Eifersucht, vielmehr war er so gutmutig, sie nicht storen zu wollen. Er selbst machte noch einen Versuch, ob er nicht zum Schlafe gelangen konne, aber unmoglich; er wachte, bis die Morgenkalte die beiden andern auch erweckte. Susanna sah ihm gleich nach dem Erwachen an, dass sein Auge getrubt sei; sie fragte nach der Ursache, er schutzte Hunger und Schmerzen vor; sie verschaffte ihm durch ihre schmeichelnde Furbitte bei einigen Frauen etwas Kleienbrot mit Baumrinde gemischt; dann mussten sie weiterziehen, wobei Guldenkamm, der in aller Not an nichts als an seine Liebe dachte, recht wacker voranschritt. Susanna wollte Anton unterstutzen und verbinden, er wollte es aber nicht leiden. "Heute werden wir den schlimmsten Tag haben", sagte Guldenkamm, "denn bis Pforzheim steht kein Dorf mehr; Gras und Laub werden unsere Nahrung sein, und das ist allzu naturlich und paradiesisch."

In dieser schlimmen Erwartung schon halb ermudet, gingen sie stillschweigend hinter einander eine Strecke; es zog sich ein Morgennebel uber die Ferne, und so hofften sie, wenigstens in eine erfreulichere Gegend einzudringen; als er aber verschwunden, sahen sie eine weite Gegend ohne Merkzeichen vor sich, von Bergen begrenzt, die von der Hitze sehr verbrannt schienen, das Auge hatte kein Mass mehr, um sich Ruhepunkte in gewissen Entfernungen festzuhalten; am Himmel war auch wenig zu sehen, gleichgultige weisse Wolken zogen voruber, zuweilen schien es dunkler zu werden und regnen zu wollen, aber die Hitze war dann um so druckender. Nach ein paar Stunden, wo sie sich mehrmals ausruhen mussten, um zu gahnen und den kalten Schweiss abzutrocknen, legten sie sich vor einem Tannenwalde nieder. Guldenkamm sang halb lallend, indem er seine Fusse streichelte:

Meine Beine, meine Beine,

Ach, ich weine um die Steine,

Dass die Steine ohn Erbarmen

Reissen durch den Schuh mir Armen

In die Haut,

Und die Tranen und der Schweiss

Tropfeln von der Stirne heiss.

Arme Braut,

Kann doch heut an deiner Seite

Nicht empfinden Lust und Freude.

Anton horchte bei diesen Worten auf und fragte ihn: "Seid ihr schon so weit? Nun wohlan, so muss ich euch wohl einsegnen." "Tut das, mein neuer Freund", sagte Guldenkamm; und Anton nahm mit abgewendetem Gesichte beider Hande und legte sie in einander.

"Was macht Ihr", fragte Susanna, "ich weiss von nichts, ich will nichts. Was soll mir das Zusammenlegen der Hande?"

"Seid glucklich mit einander", sagte Anton, sprang auf und schritt mutig voran in den Wald, der vor ihnen lag; die beiden Gesellschafter schritten stumm und langsam ihm nach; sie hatten das Verlobnis in der Muhe bald vergessen und aufgegeben. Als sie wieder eine Stunde fortgegangen, bemerkten sie uber dem Walde einen starken Rauch. Anton rief mit Entzucken: "Feuer! Menschen! Essen!" Er glaubte sich in der Nahe einiger Kohlerhutten zu befinden, aber der Rauch wurde vom Wind herangetrieben, immer heisser und starker; sie konnten sich diese Erscheinung nicht erklaren; endlich kamen sie auf einen freieren Platz mitten im Geholze, als eben wunderbare leichte Flammen neben ihnen uber die durren Halme und die knisternden Tannenbaume hinaufliefen, bis der Baum, der von der Hitze ausgedorrt, in heller pyramidaler Flamme stand. Dieser freie Platz war ihre Rettung, sie hatten sonst in dem Waldbrande ersticken mussen; aber auch dort litten sie noch von der Nahe des Feuers, das aber zu ihrem Gluck nicht lange an einem Orte weilte, sondern, wenn es die Zweige und Rinde aufgezehrt hatte, dem grunen Stamme nur an der Spitze etwas anhaben konnte. Der Weg vor ihnen ward schon wieder gangbar, als das Feuer sich uber den zuruckgelegten Weg verbreitete; sie sahen jetzt, wie die Vogel, ihres letzten Schutzortes beraubt, sich teils in die Flammen sturzten teils fluchtend von den Dampfwirbeln zuruckgerissen wurden. Der gewaltige Anblick hatte ihre Ermudung geistig unterdruckt; sie schritten dumpf uber die rauchenden Zweige fort, die in den Weg gefallen waren; hin und wieder brannten sie noch, und Anton nahm Guldenkamm und Susanna und trug sie, ihres Straubens ungeachtet, hinuber; er kam in einen Arger uber die Hindernisse, die ihm die Natur entgegenstellte; das erfrischte ihn. Nach zwei Stunden mussten sie sich an einer Stelle niederlassen; sie fanden kein Bachlein, wohin sie auch blickten; die trockene Hitze des Jahres hatte die Quellen in den Schoss der Erde zuruckgeschreckt; sie groben mit den Degen eine Hohlung und stiessen bald auf dichte Felsmasse. Jetzt warfen sie alles von sich, was den Marsch erschwerte: Anton die Muskete und den Degen, Guldenkamm seinen Reisemantel, Susanna ihren Degen, und schritten erleichtert fort, wie Gefangene entwaffnet, durch die schwarzen geordneten Spiesse des feindlichen Heeres, das sie in stolzer Ruhe anblickte; denn also erschienen die verbrannten jungen Tannen. Als die Sonne uber den Mittag hinaus in starkster Hitze gegen drei Uhr brannte, sank Susanna an den Boden, sie hatte den Schmerz der wunden Fusse lange bekampft, sie war erschopft; Anton kniete neben ihr und hielt ihr das Haupt, sie erholte sich wieder; Guldenkamm hatte auch nicht viel Macht zum Aufstehen, als er sich neben ihr niedergelassen. Susanna sagte sehr matt: "Was mir das Herz abstosst, ist der Gram, dass ich alles dieses Ungluck uber dich gebracht habe, mein Anton; meine Ahnung hat dich von einem wahrscheinlichen Unglucke zu befreien gesucht, um dich einem gewissen schmerzlichen Hungertode zu opfern, lass mich hier liegen, ich kann nicht weiter; suche aus dem Wald zu kommen, vielleicht bringst du mir zur rechten Zeit noch Hulfe zuruck."

Anton sprach ihr Mut ein, er sei noch stark genug, sie zu tragen; nie wurde er sie verlassen. Guldenkamm sagte, dass er voranlaufen wolle, weil er des Weges kundig, um ihnen Hulfe zu schaffen. Dieses Anerbieten wurde angenommen; er lief, nach manchem geruhrten Ausdrucke seiner Leidenschaft, ohne sich umzuwenden fort; er war wie ein Schatten entschwunden, und das Elend trat immer deutlicher hervor. Anton fuhlte bald, dass nur seine Kraft den Schmerz der Wunden bisher bekampfte, beide hatten sich geoffnet, und Arm und Fuss waren so entzundet, dass er sie nicht mehr brauchen konnte; vergebens wartete er zwei Stunden, nagte Gras und Wurzeln; endlich, es mochte sechs Uhr sein, horten sie das Auftreten, dann das Schnaufen von mehreren Pferden, sie rieten um Hulfe; sie sahen mit freudigem Jubel drei kraftige Pferde, von denen nur eins einen gewaffneten Reiter trug, heransprengen; der Reiter machte vor ihnen Halt, sah herab, sie sahen hinauf es war Seger.

Unwillkurlich wollte Anton nach seinem Degen greifen, da gedachte er, wie er den Degen von sich geworfen. Seger sah ihn verwundert an und sprach: "Welcher Wurm hat sich in Euer Gehirn eingebohrt, dass Ihr so unsinnig in die Welt gelaufen seid? Ihr seid doch ein Querkopf, wie noch keiner mit dem Steiss die Welt angesehen; da liegt Ihr, elend, wie geschundene Vogel zum Braten auf Kohlen, und mir kostet der Streich ein paar brave Kameraden. Hol Euch das Kauzlein! ich komme den Abend mit ein paar Gesellen, bringe Futter fur Euch mit; da schrieen mir gleich ein Dutzend alte Kerle entgegen, wo ich des alten Herrn Sohn hingetragen; ich mag sagen was ich will, wie ich Schmachtling so eine dicke Sau wegtragen konnte! sie wollen uns fangen, wir wollen es nicht leiden, sie reissen meine beiden Gesellen vom Pferde, ich muss ausreissen, und die beiden Pferde laufen hinter mir her."

Anton sah nach seinen Taschen: "Lass gut sein, es war nichts zu fressen auf dem Schlosse. Hast du was bei dir?"

"Freilich, ich werde auch nuchtern ausreiten", sprach Seger; "einem wilden Eber hab ich eine Kugel durch das alte Fell gejagt, dass er zusammengesturzt ist, und mir die Keulen bei dem schonen Waldbrande ordentlich gebraten; mein Fasschen ist auch nicht mit Regenwasser gefullt, um mir die Haut damit zu waschen."

Er bestatigte diese Rede mit Vorweisung der angezeigten Lebensmittel und warf noch ein grosses Weissbrot herunter, das aus dem Korbe herausfiel.

"Potz Vetter Michel", sagte er, "ein paar Brote und eine gute Wurst hab ich verloren." Aber Anton hatte schon mit Wut das Brot zerrissen und seinen Teil verzehrt, als er die andere Halfte Susannen kaum zugeworfen; er konnte kein Wort sprechen, der wilde Schweinbraten war sein Leitgericht und hielt ihm diesmal in aller Wahrheit Leib und Seele zusammen, der Wein netzte seinen Gaumen, aber er wunschte auch Wasser; selbst das schaffte Seger, indem er rings umher in den Wald sprengte, aus einem versteckten kleinen Teiche. Susanna nahm nichts als Wasser; sie zeigte einen Widerwillen gegen Fleisch und Wein und konnte sich nur wenig erholen, wahrend Anton mit feurigem Gesichte neben ihr sass und uber das Bein fluchte, dass es sich noch nicht wollte brauchen lassen.

"Marsch! fort jetzt!" rief Seger, "binde deinen Jungen auf das kleine Pferd, ich will dir aufs grosse helfen!"

"Hatten wir nur den Guldenkamm nicht nach jener Seite geschickt, um uns Hulfe zu erbetteln, wir konnten jetzt zum Schlosse meines Vaters zuruckkehren", sagte Anton.

"Ja, hatten wir nicht", rief Seger, "da ware meine Mutter noch eine Jungfer; fort nach Pforzheim, da wird sich der Kerl irgendwo in einer Kneipe vorfinden!"

Sie ritten fort; Susanna, die nie zu Pferde gesessen, liess ihr Pferd von Anton fuhren und hielt sich mit den Handen fest; Seger lachte uber einen so furchtsamen Burschen. Gegen das Dunkel kamen sie aus dem Walde heraus und in die Nahe von Pforzheim und fanden Guldenkamm, der mit einem alten Hirtenweibe aus einem Topfe ass. Kaum konnte er seine armen Gesellen auf den schonen Pferden wiedererkennen; dann flehte er sie aber an, ihm seine Zither, die er dem alten Weibe fur einen warmen Brei verkauft hatte, einzulosen. Seger, ohne ihn zu kennen, sprang ab, nahm stillschweigend die Zither fort, stulpte ihr den Breitopf uber den Kopf, half Guldenkamm hinter Susannen aufs Pferd, stieg selbst auf und sagte: "Der alten Vettel soll doch endlich einmal die Lust an der Zither vergehen; sie zittert selbst schon am ganzen Leibe; hort, wie sie in den hohlen Topf hineinbrullt, sie kriegt ihn nicht ab, ohne ihn zu zerschmeissen oder sich die Nase zu zerbrechen der soll die Wohltatigkeit auf ewig vertrieben sein." Susanna beschamte der Vorfall, aber sie waren alle zu schwach, um viel an Edelmut zu denken; also ritten sie zu Pforzheim durch das schone Tor mit den zwei gespitzten Turmen ein und stiegen bei der Herberge zum Hopfenblatt ab.

Als sie im Zimmer sassen, schwor Anton dem Seger in herzlicher Gesinnung und reiner Dankbarkeit: Fur den einen Dienst mochte er sich einmal fordern, was es sei, er wolle es ihm zu Gefallen tun. Seger schlug ein; er wird es nicht vergessen, denn der Teufel vergisst so etwas nicht. Er sorgte mit grossem Eifer fur die Bequemlichkeit Antons, der nach frohem Mahle sehr bald einschlief; Susanna legte sich ihm zu Fussen auf eine Streu, Guldenkamm wusste nicht recht, was mit sich anfangen, und begleitete noch Seger in die untere Wirtsstube, wo dieser sich mit einigen Wilddieben in erbauliche Gesprache einliess. Am anderen Morgen musste Anton den Wundarzt der Stadt kommen lassen, der sein Bein und seine Wunde sehr entzundet fand und einen Gulden voraus forderte, um die notigen Salben und Umschlage anzuschaffen. Seger gab den Gulden sehr bereitwillig her, verlangte aber, Anton mochte sogleich zu seiner Frau gen Waiblingen schicken, um etwas Geld von ihr zu fordern; sie hatte immer noch ein paar tausend Gulden ubrig, das wisse er. Anton beredete Susannen, die er in Gedanken dem frohen Guldenkamm schon ganz ubergeben, in dessen Schutz nach Waiblingen zu wandeln; Seger gab ihnen Reisegeld, sie sollten nur massige Tagereisen gehen; in einem Briefe stellte Anton der Frau seine Not recht eindringlich vor, und seine Sehnsucht, zu ihr zu kommen und dort ein Schmied zu werden, wenn seine Kunst sie nicht mehr ernahren wollte.

Der Zufall fuhrte einen Guterwagen durch Pforzheim, der die Strasse nach Waiblingen ging, wo Susanna und Guldenkamm sich fur ein Geringes auffrachten liessen; dem Fuhrmanne war Gesellschaft sehr willkommen, insbesondere da allgemein ein Gerede lief, dass Franz von Sickingen und Gotz von Berlichingen wieder gegen den Schwabischen Bund verfehdet seien, die Kaufleute niederwurfen und die Wagen plunderten. Anton gab beiden Bitte und Befehl, sich in kein Gefecht einzulassen, denn wer jetzt recht hatte in der Welt und wem etwas gehore, das sei ganz unbestimmt. "Zieht mit Gott!" rief er, als Susanna mit Tranen Abschied nahm. Guldenkamm und Susanna sassen hinten auf der Hohe des stossenden Wagens, wo eine Kiste mit scharfen Leisten ihnen zum Sitz, eine andere als Ruckenlehne diente; ware die Erinnerung des vorigen Tages nicht so ermudend in ihren Gliedern gewesen, sie hatten die bequeme Einrichtung des Wagens, der das Nebenherlaufen zuliess, weit vorgezogen; sie mussten mit solcher Kunst die einzelnen Schwankungen und Stosse des Wagens ausnivellieren, um nicht herabgerissen zu werden, dass sie, bis der lange Stadtdamm zuruckgelegt war, an nichts anderes denken konnten. Erst dann uberlegte sich Guldenkamm, in welches angenehme Verhaltnis ihn das gute Gluck zu einem lieben, zarten Madchen gefuhrt; er beschloss, keine Freude, die sie ihm gewahren konnte, aufzuschieben; ja er furchtete zuweilen, dass sie ihm die schlechte Benutzung jener Nacht am Wasser als einen Mangel an Zuneigung auslegen mochte. Er unterhielt sie mit vielen sonderbaren Liebeshistorien, denen sie ernsthafte Bemerkungen beifugte; er las jeden ihrer Wunsche in ihren Augen, sie war ihm so freundlich; mit welcher Wonne hob er sie in Bocklingen, wo sie die Nacht verweilen wollten, vom Wagen.

In dem Wirtshause war ein grosser Larmen; da lagen viele Handelsleute, kein Mensch kam heraus und begrusste sie. Nach langem Schreien guckte einer wie eine Schnecke zum Hauschen heraus, der zeigte dem Fuhrmann mit der Hand, wo die Pferde und wo die Menschen untergebracht wurden. Sie traten ein; da war eine Hitze, weil trotz des Sommers in dieser Waldgegend eingeheizt wurde, ein Gestank, weil sich da jeder die unreinen Kleider auszog und luftete, dass Susanna fast umzusinken vermeinte. Guldenkamm fragte nach einem Zimmer, da sagte der bartige Hausknecht, der wie ein Hauslumpen in allen Winkeln gelegen zu haben schien, wenn sie mit der Stube nicht zufrieden, mochten sie wo anders einkehren.

Was war zu machen! Es gab keine andere Herberge, Susanna suchte Wasser, um sich zu waschen, sie musste aber zum Brunnen gehen, denn jenes im Zimmer war von den Kohlenbrennern schon so geschwarzt, dass sie zwei andre Wasser notig gehabt hatte, um sich wieder davon zu reinigen. Sehr schlimm war es, dass die Hitze vielen ubel bekam, so wie das viele Essen; da gab's erst Gestank, dass Guldenkamm ein Fenster aufmachen wollte, wie schrie ihn aber der Bartmann an! wenn er in die Luft wollte, mochte er sich hinausscheren. Da sah er nun wohl, dass er unter groben Leuten sei, die von den Nurnbergern noch sehr verschieden waren. Nach langem Harren wurde ein Tuch, grob wie Segeltuch, uber den Tisch gebreitet, Teller ausgesetzt, Messer und Gabel beigelegt mit Brot; alle setzten sich heran und schabten beinahe eine halbe Stunde bis die Suppe fertig, an der schmutzigen Brotrinde. Endlich kam dieser ungeheure Kubel voll Suppe, bald darauf ein Gemuse in gleicher Bruhe, dann gekochtes Fleisch in eben solcher, endlich nach einer Stunde etwas gebratenes Fleisch und Fisch, nachdem alle satt waren; ein saurer Wein stand dazu auf dem Tische, wovon jeder so viel trinken mochte als er wollte, denn alle bezahlten gleich. Da brachte der Barthans einen Schinkenteller, worauf er einige Ringe und halbe Ringe mit Kreide gemalt hatte, das verstanden viele und legten ihre Zeche auf den Tisch. Guldenkamm verstand es aber nicht, er hatte all sein Geld zum Mittagessen aufgehen lassen; er wusste nichts Besseres zu tun, als den Schalksnarren zu spielen, worauf er sich schon in Nurnberg beflissen hatte. Er stellte sich wie ein blokendes Kalb und machte allerlei lacherliche Sprunge, die aber Susannen herzlich zuwider waren; zuletzt sprang er auf den Tisch, streckte Hande und Beine in die Luft, drehte sich auf dem Bauche herum und wischte sehr geschickt alles auf dem Kreideteller aus. Der Schwank gefiel allen; ein Kaufmann bezahlte fur ihn und fur Susannen und schenkte ihm noch Reisegeld obenein. Susanna nur empfand von dem Augenblicke gegen ihn einen unerklarlichen Widerwillen, er war ihr einen Augenblick wie eine lacherliche widerliche Spinne erschienen. Als er so wohl aufgenommen, liess er sich in allerlei Trinkspruchen horen, die um so lauter belacht wurden, je kraftiger der Schmutz sie wurzte. Endlich wurde eine Streu uber den Boden ausgebreitet, schmutzige Tucher mit Kopfkissen und wollene Decken darauf gelegt; Guldenkamm legte sich zu den Fussen Susannens. Die Lampe wurde ausgeloscht, und Guldenkamm stieg die Glut des Weines ins Herz; er naherte sich leise Susannens Fussen und kusste sie mit einer Inbrunst, dass sie erwachend aus unwiderstehlichem Widerwillen ihm einen Tritt gegen den Kopf gab, der sich fur den Augenblick zuruckzog. Aber mit erneuter Liebesmacht drangte es ihn zuruck, doch ein heftiger Stoss gegen die Nase erleichterte ihn vom Blute und kuhlte ihn dadurch.

Fruh Morgens ging es davon; der Fuhrmann fluchte, dass die Kinder ein Stuck von seiner Peitsche abgeschnitten, Guldenkamm war verstimmt durch seine aufgeschwollene Nase, Susanna konnte ihn gar nicht mehr ansehn, und das Stossen des Wagens schien ihnen heute so ganz unertraglich, dass sie abstiegen, stillschweigend ihre Strasse zu gehen. Sie hatten jetzt den Kamm des Gebirges erreicht und sahen in ein weites reiches Tal, alle auslaufenden Spitzen des Gebirges waren mit glanzenden Schlossern besetzt, in den grunsten Talern schimmerten ferne Kloster; ein Wohlleben war uberall, und ihre Augen schwankten von einem Anblick zum andern wie Fullen, die im Uberflusse das Gras durch den Mund gehenlassen, ohne es abzubeissen, und sich lieber drin strecken und walzen. Die beiden Reisegefahrten waren plotzlich versohnt, und Guldenkamm liess seine Zither so anmutig klingen, dass der Fuhrmann den Takt dazu knallte, bis sie die Stadt Waiblingen erreicht hatten.

"Das heisst lange geschlafen", sagte der Wirt, als er gegen Mittag eintrat; "wollt ihr denn nicht heute nach dem Hause des gewesenen Burgermeisters gehen? das wird heute von den Schuldleuten verkauft."

Susanna erschrak bei diesen Worten, sie vernahm so unerwartet, dass die Umstande von Frau Annen viel schlimmer standen, als Anton ihr gesagt hatte; sie beschloss sogleich zu ihr hinzugehen. Als sie vor das hohe Haus trat, da dachte sie ihres Anton recht in Liebe, sie dachte ihn, wie er da aus und ein gegangen; sie hatte eine ungemeine Sehnsucht, sein Weib und seine Kinder zu sehen, da dachte sie, wurde ihr recht wohl sein, da wollte sie fur alle arbeiten, allen dienen. Die Haustur stand offen, eine harte gellende Stimme tobte im Hause mit hochster Verzweiflung; ein ernster Mann in Ratskleidung fuhrte einen kleinen kraftigen blondgelockten Knaben, den kleinen Anton, zur Tur hinaus. Eine Frau von ernstem Ansehen, von schonem Bau, hohen, etwas starken Leibes, in der Kleidung vornehmer Burgerinnen, fluchte hinter dem Kinde: "Du Kain, meine Schlage kriegst du nicht, aber das Rad wird dich schlagen, Tunichtgut, wie dein Vater, der Landstreicher, der Dieb. Mein liebes, liebes Kind hast du umgebracht, mein Oswaldchen; Fluch uber dich, dass du unstet und fluchtig durch die Welt irrest, dass dich der Teufel besitze und dir in allen Gliedern bis zum jungsten Tage gichtere, dass deine Knochen noch auf dem Galgen tanzen; ja sieh dich nur um, du Fresser, wirst bald ausgefressen haben!"

Bei diesen erschrecklichen Verfluchungen traten alle Menschen von ihr zuruck, und so schlug sie an der Treppe des grossen Hausflures hart auf die Erde nieder. Susanna, aus einem Mitleidsinstinkt, trat zu ihr und suchte sie zu sich zu bringen; ein Madchen trat mit Wasser herbei und sagte: "Ich glaube, sie wacht nicht wieder auf; es ware gut, da war ihres Herzeleids ein Ende." Susanna fragte, was geschehen; da sagte ihr das Madchen in aller Kurze, der Ratsherr ware wegen der Versteigerung im Hause gewesen, da sei der kleine Anton voll Blut, aber recht frohlich ins Zimmer getreten und hatte die Mutter gerufen, sie sollte einmal oben kommen, er habe sein Schwein recht schon geschlachtet und das Blut getrunken. Die Mutter habe erst nicht anders gemeint, als er sei an ihr Eingeschlachtetes gegangen, weil sie den Tag wegen des Umziehens alle Schweine habe schlachten lassen; sie habe ihn gescholten, er aber habe gesagt, sie solle nur kommen, er habe es ganz ordentlich gemacht, das Schwein habe sich recht gewehrt. Mit Zagen sei die Mutter und der Ratsherr hinauf gegangen und habe ihren altesten Sohn in seinem Bette vom Bruder geschlachtet gefunden; alle Besinnung sei ihr erst vergangen, der Ratsherr aber habe den Anton gefragt: Wie er denn seinen Bruder ein Schwein nennen konne! Der Kleine habe darauf geantwortet, die Mutter hatte ihn immer so genannt, wenn er das Bett verunreinigt hatte, und ihm gesagt, wenn er es wieder tate, sollt er ihn schlachten; da habe er sich nun heut das Schlachten genau abgesehen, und als der Bruder, der krank war, wieder das Bett verunreinigt, habe er mit einem Messerchen ihn abgestochen. Als die Frau dieses Messerchen gesehen, habe sie laut aufgeschrieen und gesagt: mit dem Messerchen sei ihr Anton zur Ader gelassen worden vom Faust, als ihrem Manne das Blut eingezapft worden! "Das kommt von solchen falschen Kunsten", habe der Ratsherr gesprochen und den Kleinen ernsthaft gefragt, warum er das Blut getrunken. Der Kleine habe geantwortet, der Metzgerhund hatte es ebenso gemacht, und er sei sich wie der Hund auf einmal vorgekommen weil ein grosser fremder Mann bei ihm gestanden, der wie der Schlachter ausgesehen. Hierauf habe der Ratsherr mit dem Kopfe geschuttelt, das Kind aber, auf welches die Mutter wutend losgehen wollen, unter seinen schwarzen Mantel genommen und erklart dass er es im Namen eines hochweisen Rates zur Untersuchung mit sich fortfuhre.

Die Magd hatte eben diese Erzahlung geendigt, oft unterbrochen von Jammer und Verwunderung, als Frau Anna aufwachte und mit neuer Verzweiflung nach ihren Kindern fragte, nichts verschonte ihr Jammer; wie Menschen im heftigen Fieber sich aus den Fenstern werfen, ohne der Tiefe zu achten, in die sie sturzen so rief die Ungluckliche den hollischen Geist an, dass er sie troste und erquicke, da Gott ihr nicht gnadig sein wolle. Bei diesen Worten verliess Susanna sie stillschweigend, ein Grauen trieb sie aus dem Ungluckshause fort, die Burger sammelten sich schon vor demselben, fragten und gaben Sentenz, aber die Glocke rief zu dem grossen Ratssaale, wo auch Susanna begierig mit eintrat. Die Ratsherren waren schon in andern Angelegenheiten versammelt gewesen; der Ratsherr Arnold, welcher den Knaben aus dem Hause gefuhrt, hatte im Vorbeigehen das Glockenlauten bestellt, er trat jetzt zur Verwunderung aller in den Ratssaal, offnete den Mantel und zeigte dann den Knaben, der uber alles, was bisher zu ihm gesprochen und mit ihm geschehen, wie ein voller Brunnen in Tranen uberlief.

"Kind", sagte der Ratsherr, "geh jetzt in diese Armesunderkammer, ich werde dich rufen, wenn deine Mutter hier ist, die sehr zornig gesinnt ist gegen dich."

Kaum war der Knabe in die Kammer getreten, so redete der Ratsherr ausfuhrlich und sehr ruhrend zur Versammlung, erzahlte von dem Unglucke der Frau ihres ehemals hochgeachteten Burgermeisters, wie sie durch die Verschwendung ihres zweiten Mannes und durch die Verwustung der Bildersturmer, in der Meister Anton sein eigenes Haus preisgegeben habe, um das Haus Gottes zu retten, um alles Ihre gekommen und selbst darben musse, wahrend noch eine bluhende Stiftung fur die Jugend der Stadt auf ewige Zeiten das Wohlwollen und den Wohlstand ihres wurdigen ersten Mannes verkunde. Nun erzahlte er das ungluckliche Ereignis, das die arme Frau mitten im Schmerz uber die offentliche Versteigerung niedergedruckt habe, das Lieblingskind ihres Herzens, ihren Erstgeborenen, das einzige Pfand der Liebe ihres verehrten ersten Mannes, so gewaltsam sich entrissen zu sehen; der ihm aber ihr entrissen, das sei jetzt ihr letztes einziges Eigentum, ihr letzter Trost. Jetzt entwickelte er, zur grossen Verwunderung aller, die wunderbare Geburt dieses alteren Sohnes, nachdem das Blut Antons dem schwachen alten Burgermeister eingeflosst worden, wie unnaturlich seine Entstehung, wie der jungere Anton gleichsam sein Eigentum nur zuruckgenommen, das der Vater auf leichtsinnige Art verschwendet hatte, als er das Blut seines Bruders getrunken; dabei beschrieb er die vollige Unbefangenheit des Knaben, seinen festen Glauben, dass er recht getan habe, dabei sein gutmutiges Wesen, das ihn bei allen Kindern beliebt gemacht hatte; er rief die Kindern der Versammlung auf, die alle ein gutes Zeugnis fur ihn ablegten, wie er oft durch seine ungemeine Starke den Bruder geschutzt habe.

Diese Erzahlungen der Kinder hatten alle bewegt; jetzt trat der Ratsherr mit seinem Vorschlage heraus: "Ich sehe, liebe Mitburger, ihr seid alle geruhrt; ihr habt die schwere Sunde des Brudermordes, die auf dem Kleinen ruht, als eine kindische Unwissenheit euch erklart, ihr wurdet vielleicht ohne weitere Beweise den Kleinen begnadigen; aber ich glaube, dass der Ernst unserer Gerichte einen offentlichen Beweis dieser kindischen Unwissenheit fordert, den Beweis, dass dieses Kind, uber seine Jahre korperlich stark und gross aufgewachsen, doch geistig noch unentwickelt sei und nicht etwa eine versteckte Tucke gegen den Bruder, eine verstellte Unschuld es habe leiten konnen. Was ist aber der Prufstein der Unschuld, wenn das, was den Wunsch eines Kindes unmittelbar befriedigt, von ihm alle dem, was denselben Wunsch in grosserem Masse, aber auf einem Umwege befriedigen kann, vorgezogen wird; ich will mich deutlicher erklaren: wenn das Kind diesen Apfel, den ich aus der Tasche ziehe und in meine rechte Hand nehme, diesem Vierundzwanzig-Kreuzerstucke vorzieht, das ich ihm zur Wahl mit der linken Hand zeige, wofur es sich einen Scheffel Apfel kaufen konnte."

Die Ratsherren gaben seinem Vorschlage ihren Beifall, manche Burger aber baten laut fur das Kind aus Mitleiden, weil es das Geld leicht als etwas Blankes vorziehen konne, ohne von seinem Werte etwas zu wissen; der ernste Burgermeister aber wies sie zuruck mit den Worten: "Hier ist schon grosse Gnade fur Recht ergangen; ihr Burger, betet fur den Knaben. Gerichtsdiener, offnet die Armesunderkammer!"

Viele beteten schon, als die schwere eiserne Tur in ihren Angeln aufknarrte, niemand eifriger als Susanna; als aber der schone Knabe mit seinen grossen Augen verschuchtert wieder heraustrat und langsam auf den Ratsherrn zugefuhrt wurde, da hatte man die Herzen schlagen horen konnen.

Der Ratsherr sprach zu dem Knaben: "Die Mutter hat dir verziehen; sie weiss, dass du nicht mit Willen dein schones weisses Kleidchen so blutig gemacht hast, sie schickt dir hier zu deiner Freude zweierlei, worunter du dir eins wahlen sollst; komm her, liebes Kind, eins kannst du nur bekommen, willst du den schonen Apfel oder das Stuck Geld?"

Der Knabe sah verwundert erst nach der rechten Seite, wo der Apfel ihm vorgehalten wurde; alle jubelten im Herzen; dann aber wandte er sich zur linken, und keiner enthielt sich, ihm verstohlen zuzuwinken, wie manche beim Kegelspiele die geworfene Kugel mit dem Beine nachzulenken trachten; aber ein heller Himmelsschein strahlte jetzt durch die staubigen Fenster auf den roten Apfel, und das Kind wendete sich hin zu ihm, fasste ihn und biss gleich recht tief hinein. Der Ratsherr wurde blutrot vor wallender Freude, er hob seine Hande zum Himmel und dankte stumm; manche in der Versammlung schluchzten. Der Bube ass recht vergnugt seinen Apfel, und als er beinahe damit fertig, rief er bittend: "Geld auch haben!"

Der Ratsherr wurde bedenklich und fragte betreten: "Was willst du denn mit dem Gelde machen?" Der Kleine antwortete: "Bruder Oswald geben, da lacht er." Die Antwort befriedigte alle Gemuter; der Burgermeister und die Ratsherren sprachen Gnade und liessen das Kind in das Haus des Ratsherrn fuhren, der dessen Unschuld so scharfsinnig bewahrt hatte.

Nachdem das Kind fortgefuhrt worden, beratschlagten die Herren lange Zeit, was aus dem Kleinen werden sollte, dass er nicht sobald zur Mutter zuruck durfte, bis der tranengenasste Schwamm der Zeit alle alte Rechnung ausgeloscht habe; daruber waren alle einig, dass es besser sei, ihn ein paar Jahre aus der Stadt zu entfernen, das gab jeder zu, aber in der unruhigen Zeit war es schwer, einen bequemen Ort fur ihn auszumitteln; endlich beschlossen sie, ihn in den vom alten Burgermeister zu einem Waisenhause und zu einem Kinderfeste vermachten Hofe vor der Stadt unterzubringen. Nachdem Susanna diesen Beschluss vernommen hatte, ging sie fort; sie hatte schon vorher einige Burger vernommen, die sich beschwerten, was so ein fremder Junge in ihrem Ratssaale zu tun habe. Im Vorbeigehen am Ratskeller horte sie Guldenkamm, der die ganze Geschichte mit dem Knaben in Reime gebracht hatte und sie den Fremden mit grossem Beifalle vorsang; es war den Leuten uber die vielen Religionsstreitereien etwas ganz Neues geworden, klar und lustig singen zu horen; auch erbosten sich manche, wenn er alte lustige Schwanke von einem Brunnen sang, uber dem ein Madchen gestanden; er notigte Susanna herein, sie musste mit ihm ein Glas Wein trinken und von dem Ausgange der Sache erzahlen, den die meisten noch nicht wussten. Sie sprach wenig, nur wenn eine heftige Bewegung ihr ganzes Gemut fullte, da durchbrach es die Eisrinde, die eine harte Erziehung ihr aufgeburdet, dann sprossten Blumen, wo es gezogen, und das Wider strebende riss es mit sich fort. Alle horchten ihrer Erzahlung, alle sprachen ihr nach; Guldenkamm, so kunstlich er singen mochte, wurde nicht mehr gehort, alle Gaste tranken ihr zu; die Wirtin brachte ihr eine herrliche frische Festbrezel, sie konnte sich nicht genug uber den artigen Jungen verwundern, der so schon erzahlte und nun so geschamig wie eine Jungfer mit hochroten Backen dasitzen tat, als ob er nicht funf zahlen konnte.

Erst nach dem Mittagsmahle konnte sich Susanna von der lustigen Gesellschaft losmachen, um ihren Brief und Auftrag an Frau Anna zu bestellen. Im Hause musste sie wegen der Versteigerung noch einige Zeit warten; sie sah mit Teilnahme allen zu, wie ein paar Hundert mit heisser Begierde und wenig versteckter Absicht den wohlfeilen Verkauf aller der Gerate wunschten, die Frau Anna bald mit einem Seufzer, bald mit einem hervorhebenden Lobe, manche selbst mit Tranen dem Versteigerer darreichte. Sah Susanna, dass ein paar bartige Hebraer sich mit einander heimlich beredet hatten, auf etwas nicht zusammen zu bieten, so kam ihr die Lust, sie in die Hohe zu treiben; ein paarmal verschluckte sie das halb ausgesprochene Wort, dann aber, als Frau Anna mit einem Seufzer einmal bei einem Schranke dazwischen redete, die Beschlage waren ja mehr wert und es sei ihr Brautschrank gewesen, worin ihr erster Mann ihr die Ausstattung vor der Hochzeit verehrt, da bot Susanna einige Kreuzer hoher, und mit einem Schrecken durch alle Glieder schlug der Hammer ihr diesen Schrank zu. Das Zahlbrett wurde ihr gereicht, voller Verzweiflung fasste sie in ihre Tasche, und mit Verwunderung fand sie mehr darin, als zur Zahlung notig. Erst wendete sie zu Gott den Blick, dann zahlte sie und gedachte, wie die Wirtin im Ratskeller ein paarmal ihr wie zum Scherz, ob sie auch reich sei, in die Tasche des Wamses gegriffen; wahrscheinlich hatte sie ihr aus Gutmutigkeit das Geld eingesteckt.

Die Versteigerung ging gegen die Zeit, wo man hatte Licht anzunden mussen, zu Ende; da gab es aber noch ein Besehen und Bereden uber alles Erkaufte. Endlich verlief sich die Menge, und Susanna liess sich von der Magd, die sie vom Morgen her gleich wieder kannte, zu Frau Anna fuhren. Frau Anna stand in einem Zimmer, wo die weggenommenen Sachen noch ihre Schatten, wo sie gestanden und wo das Licht nicht hindringen konnte, zuruckgelassen hatten; sie hatte ihrem toten Oswald ein weisses Hemde reinlich angezogen, sein Haupt mit einer Myrtenkrone besteckt; sie wartete auf den Schreiner, der den Sarg bringen sollte, und sah stumm auf das bleiche Gesicht hernieder. Die Magd sprach im Hereintreten: "Der junge Mensch, der heute Frau Burgermeisterin gehalten, als sie in Ohnmacht gefallen, will gern einen Brief abgeben."

Frau Anna sah auf, als wusste sie wenig von allem, was mit ihr vorgehe. "Wer bist du?" fragte sie.

"Ich heisse Kurt von Pforzheim!" antwortete schuchtern Susanna.

"Da kenn ich dich schon", sagte sie; "du willst wohl gut machen, dass wir einmal in Unfrieden geschieden, mein guter Kurt? Du bist in der Zeit gewachsen, mit mir ist aber alles den Krebsgang gegangen; da waren noch gute Zeiten bei meinem seligen Herrn, wo wir alle Tage was Neues fanden, ja gestern fielst du mir wieder ein beim Ausraumen der Kasten, da kam mir der lederne Beutel und der Degen wieder in die Hande, den du aufgefunden hattest und durchaus behalten wolltest; weisst du noch, wie du mir eine Faust gemacht und mich bedroht hast, nie wieder zu kommen wenn ich dir das beides nicht liesse; damals war's wohl genau von mir, dass ich's aufbewahrte, jetzt kommt's mir zu Gute; sieh, da liegt der Degen und da der Beutel, ich lose doch wohl einen Kreuzer daraus."

Susanna war bei dieser Anrede in heisser Verlegenheit, sie meinte, es konne nicht fehlen, dass sie sich bald verreden musste; stammelnd sagte sie: sie mochte an die Zeiten nicht denken, das wurde sie nur traurig machen, sie habe ihr eine kleine Freude machen wollen, indem sie ihr den Schrank, worin die Ausstattung sich befunden wiedergekauft hatte, und sie bate, ihn wieder in Besitz zu nehmen.

Frau Anna war ausser sich vor Dankbarkeit, sie lief gleich hinunter und befuhlte jede Leiste, ob auch nichts davon losgebrochen; dann trug sie ihn, er war leicht und zum Aufsetzen auf einen Tisch eingerichtet, wieder in das Totenzimmer und legte mit grosser Hast ihr totes Kind hinein. Susanna verwunderte sich, aber Frau Anna sprach mit grosser Heftigkeit: "Du lieber Schrank, du hast all mein Gluck so viele Jahre bewahrt, nun sollst du auch das Liebste, was mir noch ubrig ist, zu Grabe tragen!"

Der Schreiner trat jetzt herein und sagte, dass der Sag nicht fertig geworden. Frau Anna sagte ihm: es sei ihr ganz recht, so sollte es sein, sie wolle ihr Kind in dem Liebsten, was ihr ubrig sei, begraben. Der Schreiner ausserte sich nicht undeutlich, als er diesen Sarg gesehen, die Frau musse aus Gram den Verstand verloren haben, inzwischen fugte er sich in alles. Frau Anna sang und betete nun mit ihm und Susannen noch eine Stunde; kein Geistlicher kam zu ihrem Troste, sie waren alle wegen der Unruhen gefluchtet; dann schloss sie, von unzahligen Seufzern unterbrochen, das Schloss und warf den Schlussel in den Muhlbach, der an dieser Ecke des Hauses durch die Stadt floss. Der Meister Schreiner nahm den Schrank mit dem Kinde und ging langsam die Treppe hinunter; Frau Anna folgte, von Susannen und der Magd unterstutzt.

Es war dunkle Nacht, und ein nahendes Gewitter erhellte ihnen die Strassen, die ganz verlassen schienen; schweigend zogen sie in die Kirche, wo ihnen der Glockner eine Nebentur offnete und mit einer Fakkel vorleuchtete. Gleichgultig fuhrte er sie durch die wunderbare Nacht des Gebaudes, wo Adams Fall durch den Apfel in dem flammenden Blitze durch die hellfarbig gebrannten Scheiben leuchtete; Susanna machte ein Kreuz und gedachte des Apfels wie eines wiedergewonnenen Paradieses, der heute ein gutes unschuldiges Kind von einem schmachvollen Tode errettet hatte; sie fuhlte in ihrer ganzen Seele Gottes Herrlichkeit, vor dem alles gut wird, was auf Erden geschieht.

Sie kamen jetzt an das hoch vergitterte Grabgewolbe der Burgermeister von Waiblingen. Die schwere Ture wurde eroffnet, da standen in einer langen Reihe mit schonen metallnen Handgriffen und Zieraten die Sarge aller Verstorbenen dieses edlen Hauses dessen letzten Sprossling sie dem Vater zu Fussen setzten. Der Glockner fragte, ob das Wappen im Siegelring dem Kinde mitgegeben sei; da beseufzte die Mutter, dass sie den Schlussel zu dem Schranke in den Muhlbach geworfen, sie trug den Siegelring noch in der Tasche. Der Glockner stellte ihr vor, dass er mit demselben Rechte dem Vater, Ihrem verehrten Burgermeister, in den Sarg gelegt werden konnte, und hob bei diesen Worten den Deckel jenes Sarges auf, der ihn verschloss. Frau Anna sturzte bei seinem Anblick mit den Worten nieder: "Heilige Mutter Gottes, er hat sich umgedreht!" Susanna sah hin, und wirklich lag das graue Haupt gegen das Kissen, worauf es ruhte, hingewendet, als ob er seinen Schmerz darin ausweinte. Der Glockner wagte ihn nicht zu wenden, er steckte ihm den Siegelring uber die Handschuhe und verschloss den Sarg. Frau Anna hatte sich jetzt aufgerichtet und wollte ihren geliebten Mann noch sehen; das verweigerte ihr aber der Glockner, vielmehr trieb er sie das feuchte Gewolbe zu verlassen, weil es der Gesundheit verderblich sei. Susanna fuhrte die Ungluckliche hinaus, sie sah nicht mehr die leuchtenden Blitze, die durch das Kirchengewolbe schimmerten, sie sah immer das graue Haupt des alten Mannes vor sich und konnte es nicht aus den Augen verlieren. Frau Anna wollte im Herausgehen aus der Kirche dem Glockner einiges Geld in die Hand drucken, er aber weigerte sich es anzunehmen, denn, sagte er, wir hatten ja alle nichts ohne Meister Antons mutige Verteidigung gegen die ketzerischen Hunde, die unser wohltatiges Marienbild verbrennen wollten.

Diese Erinnerung brachte Susannen darauf, der Frau endlich zu eroffnen, sie habe einen Brief von Anton an sie zu uberbringen, aber mit diesen Worten weckte sie schon den ganzen Eifer der armen Frau gegen ihn; sie verfluchte die Stunde, wo sie ihn zuerst gesehen, nannte es eine geile Lust, was sie dazu getrieben, ihn zum Manne zu machen; sie war unerschopflich alles aufzuzahlen, worum er sie gebracht, was sie aber vor allem ihm nicht verzeihen konne, das sei die Luge und der Betrug mit dem silbernen Pokal, den er heimlich ihr entwendet, um ein Pferd zu kaufen, davon ihn die Ritter herunter geschmissen und wovon er ihr nachher erzahlt dass es die Bildersturmer gestohlen. Diesen Wunderbecher konnte sie nicht satt loben und beschreiben, sie schwor, dass er nicht ein Dritteil dafur bekommen, was er gekostet und wert gewesen. Susanna wollte die Geschichte von ihrem Freunde nicht glauben sie fragte, wer ihr so boshafte Dinge weis gemacht habe.

"Weis gemacht?" fragte sie; "hat mir nicht der Seger den Becher den andern Tag, nachdem sie beide weggezogen, durch seinen Helfershelfer wieder anbieten lassen? ja was hatte ich da zu bieten als tausend Fluche fur jeden, der daraus trinken wurde."

"Glaubt mir", unterbrach sie Susanna, "Anton mag darin gefehlt haben, aber er meint es recht ehrlich und gut mit Ihr."

"Mag er's meinen, wie er's vor Gott verantworten kann", rief sie, "mich hat er um all mein Gluck gebracht durch seine Grosstuerei, durch seine schnoden Gesellen, durch sein Fressen und Saufen; die ganze Welt hat in dem Kerl Platz, so hat er mir Haus und Hof hinuntergeschluckt und ist davon nicht einmal satt geworden; dass ihm die Pest in den Magen schlage!"

Unter so heftigen Reden und bei den gewaltigen Wetterschlagen kamen sie an Frau Annens Haus. Der Schreiner hatte sich stillschweigend fortgeschlichen, und Susanna ware gern weit weg gewesen und hatte lieber nackt und bloss bei einer Herde die ganze Nacht gewacht, als in so schlimmem Handel Anton verfluchen zu horen. Sie trat mit ins Haus und bat Frau Anna den Brief zu lesen, sie reise den andern Morgen fruh fort und der Brief sei dringend zu beantworten.

Kaum hatte Frau Anna den Brief durchlaufen, so riss sie die Augen auf und lief heftig auf und nieder. Sie schrie: "So ist der Taugenichts auch nicht einmal zum Landsknecht gut, das sei Gott geklagt, dass er solch Ungeheuer geschaffen. Andre Kriegsknechte, der Nachbar, brachte erst gestern seiner Frau einhundert Mark Silbers nach Haus, und meinem Mann soll ich noch Geld nach schicken, denkt er denn, dass ich Geld machen kann? Sicher hat er sich auf die faule Haut gelegt und geschmaust statt zu fechten. Geh mein Sohn nur schnell aus meinen Augen, dass ich nicht wild werde; wie kannst du dich unterstehen, mir solche Briefe zu bringen!" Susanna stellte ihr mit ruhrenden Worten seine Not vor, sie mochte ihm doch etwas schicken, er werde alles wieder verdienen, das Gluck werde ihm schon gunstiger werden. "Er mag sich auch durchschlagen, wie ich mich habe durchschlagen mussen", sagte Frau Anna trocken, "Gott verzeihe ihm, was er meinem seligen altesten Knaben angetan hat!" "Je, was denn Frau?" "Seit meines Mannes Abreise wurde er vom Teufel geplagt; wenn er kaum eingeschlafen war, uberfiel ihn ein grosser Schrecken, er rang sich die Hande zum Erbarmen, und war alsbald wie in Schweiss gebadet; mit offenen Augen hielt er sich fest an mir, aber kannte mich nicht; wenn ich ihn nun durch vieles Rutteln, selbst durch Schlage erweckte, da wusste er nichts zu sagen, als von Seger, dem schwarzen Teufel, der den Vater in die Holle fuhrte, dann schlief er wie ein toter Mensch ohne aufzuwachen wohl zwolf Stunden ununterbrochen, am andern Morgen wusste er nicht, was mit ihm geschehen, er wurde aber von Tage zu Tage matter und hinfalliger, dass er zuletzt bestandig zu Bette bleiben musste. Das war aber der Teufel, von dem meine beiden Kinder besessen waren und der kam nicht aus meinem ersten Manne, der war fromm und gut, aber der zweite hatte den Teufel im Leibe, von seinem Blute kam es auch beim altesten."

Susanna verstand das nicht, sie mochte aber nicht mehr davon horen, vielmehr kam sie mit erneuten Vorstellungen fur Anton Frau Anna wieder sehr unrecht. Heftig rief diese: "Und konnte ich ihn mit einer Stecknadel loskaufen, ich stiess sie ihm lieber ins Herz! Geh Kurt, hute dich vor dem Menschen, er borgt dir sicher was ab; er soll sich was verdienen, dann mag er sich vor mir sehen lassen, sonst will ich ihn beim Rat verklagen. Du bist ein guter Junge, Kurt, dir schenkte ich gerne was, aber sieh, ich hab nur noch wenig; etwas musst du aber von mir nehmen zum Angedenken wenigstens, wenn's dir sonst auch nichts hilft. Da hast du den Degen und den Beutel, oder willst du ihn nicht behalten und willst recht gut sein, so gib es meinem Mann; mit dem Degen sollte er auf Beute ziehen, und wenn er mir den Beutel voll Geld bringe, dann solle er auch einmal wieder in meinem Bette schlafen." Das alles hatte sie mit einer Harte gesprochen, die Susannen erschreckte; sie ware ohnedies bald fortgegangen, ausserdem ermahnte sie aber noch eine bekannte Stimme zur Ruckkehr nach dem Wirtshause. Guldenkamm sang vor der Ture zur Zither:

Von Wein und von Scherz

Entfliehet mein Herz

Durch die druckende Hitze.

Durch die blendenden Blitze

Hab ich umsonst ihr gesungen:

Wohin, ach wohin ist mein Liebchen entsprungen?

Ein lieblicher Duft

Erfrischet die Luft,

Herrlich segnen die Gluten,

Sterne spiegeln in Fluten,

Schmerzliche Glut, die ich leide:

Dahin, ach dahin ist die liebliche Freude!

Und war sie nun nah,

Und war sie nun da,

Sahen Sterne sie wieder,

Sang ihr Nachtigall Lieder;

Ich nur allein, ich musste dann schweigen.

Vorhin, ach vorhin war Liebchen mir eigen!

Susanna wusste kaum, wie sie Abschied genommen und wie sie zur Ture hinaus gekommen, sie horchte, und das ganze Haus schien ihr in schmerzlicher Bezauberung; sie ergriff Degen und Beutel, der ihr verehrt war, grusste kaum und sprang die Treppen hinunter zur Tur hinaus zu dem Sanger, dem sie ihre Trauer erzahlte, von der hartherzigen Frau. "Der arme Anton!" sagten beide; dann aber griff Guldenkamm in die Saiten und sprach ergriffen mit grosser Lebendigkeit von allerlei Planen, wie sie sich kunftig durch Schauspielerei ernahren konnten, sie waren gerade vollstandig drei, um alles Traurige und Lustige der ganzen Welt darzustellen.

Hatten sie gewusst, wie bedrangt ihr armer Anton zu Pforzheim in der Zwischenzeit lebte, sie wurden sich nicht so leicht beruhigt haben. Seger war gleich nach ihrer Abreise fortgewandert, indem er Anton versicherte, er habe kein Geld, er wolle auf Wilddiebere ausgehen; die Pferde, erzahlte er ihm, habe er in der ersten Nach im Brettspiel verloren. Anton war nun ganz sich selbst uberlassen ohne Geld und nicht ohne Misstrauen wegen seiner Landsknechtskleidung von dem Wirte angesehen, der fur alles gleich bar bezahl sein wollte. Die wenigen Kreuzer, die Seger zuruckgelassen, waren bald verzehrt; er wusste sich keinen Rat, als unerwartet ein Jud zu ihm eintrat um alte Kleider von ihm zu erhandeln. Es schien ihm ein Himmelsbote, denn gleich fielen ihm seine Pluderhosen ein, die wohl vierzig Ellen gutes Tuch enthielten; er fragte der Juden, was er ihm zu einem Paar anderer zugeben wollte. Er musst sie ausziehen, der Jude besah sie inwendig so lange, dass Anton ihn mit der krummen Nase hineinstiess, dann hielt er sie gegen das Licht; endlich sagte er, sie waren schon sehr dunn, er wolle ihr aber doch ein Paar andere Hosen dafur geben. "Verfluchter Jude" rief Anton, "was gibst du aber zu? sonst behalte ich sie."

"Nun", sagte der Jude, "ich will noch ein Paar Handschuhe zu geben."

Anton warf ihn uber diese unbequeme Rede zur Tur hinaus "Wer solche Hande hat, braucht keine Handschuhe." Als er seine Hosen kaum wieder angezogen hatte, klopfte der Jude wieder an die Tur und bat sehr demutig, er mochte den Handel ihm nicht versagen, er wolle die Hosen noch einmal besehen. Anton in seiner Not musste die Hosen wieder ausziehen, der Jude besah sie und sagte, er wolle sie nur einem Tuchhandler zeigen, weil er nicht wusste, ob das Tuch auch in der Wolle gefarbt ware. Anton gestattete ihm das Gesuch. Der Jude ging fort, es lautete zum Essen, aber er kam nicht wieder, Anton rief den Wirt und erzahlte ihm den Vorfall, der aber fasste einen Argwohn, er mochte die Hosen schon verkauft und das Geld ausgegeben haben, denn er hatte keinen Juden bemerkt, er wurde deswegen zornig und drohte ihm, dass er nicht langer bei ihm wohnen durfte. Anton war in grosser Not, er ward um so hartnackiger gegen den groben Wirt, setzte ihn auf sein Bett, zog ihm die Hosen aus, die er dann gemachlich anlegte und zu der Frau ging. Der Wirt schamte sich, wie er bezwungen worden, und bat ihn flehentlich, ihn nicht in seiner Blosse zu verlassen, da er kein Hemde zu seiner Bedeckung trug, sondern nur ein kurzes Wams und Brusttuch. Anton machte demnach den Vertrag mit ihm, dass er ihn ohne Schererei bis zur Ruckkehr seiner Freunde wolle in seinem Hause wohnen und zehren lassen, dafur wolle er ihm jetzt von der Frau ein Paar andere Hosen holen. Die Frau war verwundert, Anton in ihres Mannes Hosen, die er machtig aufgeplatzt hatte, hereinschreiten zu sehen, sie leistete ihm in Vorzeigung dieses Hausregimentzeichens, Gehorsam und uberlieferte ihm fur den Mann ein Paar weite Staatshosen. Anton brachte sie hinauf, er tauschte sie aber noch gegen die alten Kuchenhosen, und der Wirt empfing wieder seine Gaste, wie sie ihn immer zu sehen gewohnt waren. Eine Not war nun abgemacht, aber eine zweite war ihm dadurch erwachsen. Die Wirtin hatte solche Hausverehrung gegen ihn durch seine neue Tracht gewonnen, dass sie ihn erst mit allen guten Bruhen, Markknochen, fetten Brustknochen uberlief, die er nicht verschmahte, bis sie sich ihm selbst auftrug, die er nicht anruhren mochte. Der Mann durfte zu dem allen nichts sagen, er war des Gehorsams gewohnt und hatte genug im Hause zu tun; aber der Frau war nichts recht, was Anton im Hause beginnen mochte, es sei denn, dass er sich zu ihr setzte ans Fenster, wo sie Mohrruben schabte, und ihr gute Worte vorsagte.

Die Frau verlor aus Liebe zu ihm alle gesunde Vernunft; sie kam in den abenteuerlichsten Trachten, halb entblosst angezogen, mit einem Facher von Pfauenfedern, die Rocke schnitt sie ganz kurz und schwenkte trefflich damit im Gehen; Anton sah mit Verwunderung ihr zu, er konnte sein Ungluck nicht begreifen, dass er allen Weibern so zu Herzen gehe, ohne dass er es wolle. Der Frau war aber mit solchen Betrachtungen nicht gedient.

Antons Wunden besserten sich wirklich sehr schnell in der Ruhe deren er sich hier erfreute, wenn nicht seine Sehnsucht nach Frau und Kindern, nach dem Vater und nach Susannen ihn ewig im Hause umhergetrieben hatten, denn hinaus liessen ihn weder der Wirt noch die Wirtin.

Eines Mittags kam ein gelehrter Mann mit einem Diener angeritten, er trug ein rotsamtenes Barett auf dem Haupte und einer grunen Mantel; sein Gesicht war sehr gross, bleich und abgezehrt sein Auge wild, auf seinem Degenknopfe standen geheime Zeichen Kaum war er abgestiegen, so forderte er vom besten Wein, sagte aber, dass er ihm nicht schmecke; als die Wirtin dies ubel vermerkte, sagte er, dass er den Wein bald reif machen wolle, goss aus einer kleinen Phiole einen gelben Tropfen hinein und kostete ihr dann. Hierauf gab er ihn am Tische herum, und jedermann erkannte in dem Neckarwein einen spanischen Sekt. "Das ist Kleinigkeit" sagte er, "aber Blei in Gold zu verwandeln, das ist etwas wert." Darauf liess er sich jedoch nicht weiter ein; er sprach nur zuweilen von allen Hauptstadten der Welt, wenn darauf die Rede kam, mit einer Ausfuhrlichkeit, doch ohne Prahlerei, als wenn er aller Orter zugleich gelebt habe, zeigte einzelne kleine Merkwurdigkeiten, die er daraus mitgebracht, geschnittene Steine, die heidnische Gotter darstellten, meist von so schandlicher Art, dass die Wirtin lau lachen musste und Anton gar herzhaft auf den Fuss trat. Nach Tische kramte er sein Felleisen aus und brachte Spielkarten heraus dabei versicherte er Anton, dass er durchaus Nachmittags etwa spielen musse, er moge doch ein Solo mit ihm versuchen. Anton sagte ihm ohne Umschweife, er habe jetzt kein Geld, er sei wie ein Fisch im Trocknen; der Fremde versicherte ihm, dass er bloss zum Vergnugen spiele und das Geld nicht so eilig brauche, er wolle bar bezahlen und wenn Anton verlore, so moge er ihm nur ein Handschrift daruber ausstellen. Anton spielte mit Eifer, weil er nicht gern verlieren mochte; es war ihm zuweilen, als ob Susanna ihm zurufe, er solle aufstehen, doch blieb er sitzen. Abwechselnd ging das Spiel, wie es uberhaupt im Schlechten geht, bis das Verderben einen ganz umstrickt, das Blut wallend, die Zeit fluchtig, Gott und die Welt wird vergessen. Anton stampfte mit den Fussen bei jeder Summe, die hoher angeschrieben wurde, er biss sich auf die Finger und merkte es nicht; endlich dachte er, es ist doch nur Papier, was du verlierst, und ganz unmoglich zu bezahlen, frisch gewagt ist schon gewonnen. So verlor er uber tausend Gulden; hier hielt sein Gegner inne und sagte, er sei heute des Spieles uberdrussig, auch habe Anton allzuviel Ungluck an diesem Abend. Anton schwieg und wischte sich den Schweiss von der Stirn. Sein Gegner hatte unterdessen einen Schuldschein mit Bleistift auf ein Blatt Papier geschrieben, den Anton, ohne den Inhalt genauer zu prufen, unterzeichnete; doch erfuhr er daraus, dass sein Mitspieler sich Doktor Faust nenne. Nachdem das Spiel geendigt, machte Faust Kunststucke mit Karten, die unerhort waren, er zeigte das ganze Spiel Anton und befahl ihm, eine Karte sich zu merken. Er dachte den Eichelbube; nach kurzer Frist zeigte ihm Faust diese Karte. Anton erschrak vor dieser Allwissenheit; nichts, was jener noch vorbringen mochte, schien ihm mehr unmoglich; so zeigte er ihm, wie er sich Messer ohne Verletzung durch die Hand schlug, wie ihm Wasser, das er aus einem mitgebrachten Trichter eben getrunken, wieder aus dem Ellenbogen durch den Trichter herauslief. Anton fand sich durch diesen Wundermenschen so angezogen, dass er seiner Einladung gern folgte und ihn auf sein Zimmer begleitete. Hier empfing ihn Faust besonders zartlich, er druckte ihm die Hande und fragte zu Antons grosser Beschamung, wie er, der so ritterlich aussahe, zu einem Paar seidenen schwarzen Ratsherrnhosen komme. Anton meinte in der Verlegenheit, sie seien kuhl und leicht fur seine Wunde. Faust wunschte diese Wunde zu sehen und versprach ihm sichere Hulfe, da er seit fruhen Jahren aus der Wundarzneikunde sein Hauptgeschaft gemacht habe. Anton zeigte keine Neigung dazu, da ihn die Wunde jetzt nicht schmerzte, vielmehr dachte er mit inniger Sehnsucht an seine Frau und an seine Kinder und fuhr heraus: "Doktor, Ihr konnt so viele Kunste, konntet Ihr mir doch meine Frau zeigen, was sie und die Kinder eben tun und denken!"

Faust sah ihn ernsthaft an: "Konnt Ihr schweigen und mir danken, so soll es geschehen, es ist eine schwere Arbeit; geht in das Nebengemach, ich werde hier meine Kunst treiben."

Anton trat nicht ohne zagen in ein Nebengemach, er hatte ein Buch erstanden, was ihm den Verstand verwirren konnte, er ahnete es, aber die Begierde liess nicht davon ab. Schon war er im Begriff den Handel aufzusagen, und trat gegen die Tur, als er seine Frau, wie sie leibte und lebte, doch mager und mit verweinten Augen zu sehen glaubte, wie sie vor dem altesten Sohne Oswald hingestreckt lag, der entseelt und blutig den kleinen Tisch vor ihr einnahm. Der Jammer uberwaltigte in diesem Augenblicke allen Schrecken im Herzen Antons, er wollte die geliebte Frau erwekken und sich uber sie hinsturzen; indem er sich zu ihr bewegte, geschah ein heftiger Schlag, als floge eine Mine auf, er sank nieder; als er erwachte, stand Faust neben ihm, der ihm mancherlei Essenzen eingeflosst hatte. Anton fragte verstort: "So ist es doch alles wahr, was ich gesehen?"

"Ihr habt uns alle in grosse Gefahr gesetzt", sagte Faust, "durch Euren gewaltsamen Eingriff ins Geisterreich; wohl mag ich staunen, dass Ihr so unverletzt zuruckgeschleudert seid."

Mehr brachte Anton erst weder mit Drohungen, noch mit Bitten aus ihm heraus, als er aber endlich, da es schon spat geworden, so dringend flehte, nur noch einmal die geliebte Frau zu sehen, da sagte ihm Faust, er konne es nur mit grossen Kosten, durch die teuersten Kunstmittel erreichen, er solle ihm also bis zu einem gewissen Tage hundert Florien oder seine Seele versprechen. Anton bestimmte den Tag der Ruckkehr Susannens und unterschrieb fast blindlings. Mit trauriger, doch gefasster Seele wartete er jetzt im Nebengemache; endlich fing die Wand an zuruckzuwanken, Dammerlicht blickte durch eine lange Grabeshalle, viele Sarge standen in einer Reihe. An dem Sarge seines geliebten Burgermeisters erkannte er das Grabgewolb der Waiblinger Burgermeister, er sah es geoffnet, sah wie sich sein graues Haupt schmerzlich umgewendet hatte, sah den Schrank, worin seine Frau ihre erste Ausstattung immer sorgsam hegte zu seinen Fussen, und seine Frau ohnmachtig daneben; doch starkte ihn Susannens Anblick neben ihr, die mit helleuchtenden weissen Schwanenflugeln ihre Tranen wegzuwischen schien. Er sah wie sie Frau Annen erweckte, in dem Augenblicke schwand die Erscheinung. Erst jetzt, wo Faust mit einem Lichte eintrat, bemerkte er, wie er mit beiden Handen tief in den morschen Stuhl eingegriffen, worauf er sich festgesetzt hatte, um diese Erscheinung in keiner Art zu storen; sein tiefstes Innere war erschuttert, er ahnete tausendfaches Unheil, was er sich nicht zu sagen und zu klagen wusste, vor allem angstigte ihn das Wunderbare seines Geschicks. Er fragte jetzt auch Faust nach seinem Vater, nach dem Grafen von Stock; jener aber wies ihn hohnisch ab, ob er ihn auch mit solchen alten Lugengeschichten affen wolle? Ihn habe auch einmal dieser wahnsinnige Alte im Jagdschlosse am Walde fur seinen Sohn erklart, von Burgen erzahlt, die nirgend anzutreffen, von Kronen, die nimmer wieder zu gewinnen; "der Alte sitzt voll Schwindelei, sagt, ist Euch je recht wohl geworden bei ihm?"

Das konnte Anton nicht behaupten, er hatte immer eine Angst bei dem alten Rappolt empfunden, doch hatte er gern die Ehre des Alten verteidigt.

Faust fuhr fort: "Ich sage Euch, ist der Alte kein Schelm, so ist er ein Narr!"

Bei diesen Worten rief eine ferne Stimme: "Es ist nicht wahr!"

"Wenn du sprichst, muss ich wohl schweigen", sagte Faust. Anton aber fuhrte eine unsichtbare Hand des Schreckens aus dem Zimmer, vor welchem er den Wirt und die Wirtin in heftigem Streite antraf. "Was willst du hier", sagte sie, "du hast mich hier belauschen wollen, nicht wahr, du Simpel?"

"Es ist nicht wahr, es ist nicht wahr", rief er mit derselben Stimme, die Faust eben so machtig zum Schweigen gebracht hatte. "Es ist nicht wahr", hallte es in Antons Seele wider, "alles nicht wahr, die Stimme des Hohnes hat mich erschreckt und die Stimme des Zauberers belogen; Rappolt ist mein Vater, Oswald lebt, meine Frau lebt, und statt aller Sarge will ich von der ersten Freudennacht nach der Wiederkehr traumen." Er versank bald in dem Pfuhle, sah sich auf einer freundlichen alten Meierei, die dem Jagdschlosse seines Vaters Rappolt glich. Unter einem hellen Himmel zog ein hellgruner Kastanienwald in Fruhlingsblute die Berge hinauf, er dachte seiner Tagesarbeit und ging an den hohen Ruinen voruber, welche den Weg bezeichneten, und auf jedem fand er einige alte Munzen, Henkeltaler, Denkmunzen, die er zu sich steckte und der Frau brachte, die mit ausgebreiteten Armen auf ihn zueilte. Indem er sie an sich drucken wollte, fuhlte er sich von einem Paar Armen umschlungen, er meinte seinen Traum wirklich, aber leider hatte sich im Erwachen die schone Gestalt in die der Wirtin verwandelt. Anton wusste seinen Verdruss nicht anders zu verbergen, als dass er heftig uber seine Wunde schrie. Die Wirtin furchtete ihn bei ihrer Annaherung verletzt zu haben und suchte ihn zu beschwichtigen mit den zartlichsten Umhalsungen. Da trat Doktor Faust mit einer Nachtlampe herein und schimpfte mit einer Wut, die schwer zu erklaren war, auf die Hauswirtin und gebot ihr sich augenblicklich zu entfernen. Die Wirtin verstand keinen Spass, sie fiel schimpfend den heftigen Doktor mit der Scharfe ihrer Nagel an und verwickelte sich bald so grimmig in seinen Haaren, dass er seinen Diener Mephistopheles zu Hulfe rief. Der Diener trat mit einer Ofengabel herein, setzte die Wirtin mit wunderlicher Geschicklichkeit darauf und fuhrte sie von dannen, worauf der arme Doktor nach seinem Zimmer sich zuruckzog, um die Nagelmale auszuwaschen und mit Zundschwamm zu verbinden. Anton konnte nun wieder schlafen, aber sein schoner Traum kam nicht wieder, denn es war ein Traum der Liebe.

Am andern Morgen war jedermann so verstort im Hause, als ware in der Nacht Feuer gewesen und jeder hatte beim Retten seine Sachen verlegt. Doktor Faust hatte ganz fruhzeitig schon den Wirt zu sich gerufen und ihm das schlechte Betragen seiner Frau mitgeteilt; der Wirt konnte sich vor Bosheit kaum fassen, dass seine Frau sich an einen Menschen hange, der ihn nicht bezahle und seine Hosen auftrage, "Sakrifingerhut", schrie der kleine Knirps, "sie soll es mir heute bekommen!" Indem er dies gesprochen, trat die Wirtin scheltend herein: "Fauler Esel, will Er hier schwatzen, will Er sich gleich herunterscheren, es ist der Junker Blaubart ganz betrunken angekommen und ich habe heute keine Lust einen Schritt zu tun fur die Fremden." "Gleich, gleich", sagte der Mann; sie drehte sich um und er schlug leise ein Schnippchen hinter ihr, dass es Faust sehen konnte. In dem grossen gewolbten Wirtszimmer wurde bald ein ungemeiner Larmen, als wurde ein Turnierrennen darin gehalten. Der Junker hatte sein Pferd mit hereingezogen, weil er den Stall zu schlecht gefunden hatte. Der kleine Wirt war auf die Fensterbekleidung vor Angst gesprungen, der Junker aber hatte sich auf sein Ross geschwungen und liess sein Pferd die Schule machen. Die Gasse stand bald voll Menschen, die diesem ausserordentlichen Schauspiel zusehen wollten und daruber die blinden Fenster einschlugen; der Junker gefiel sich immer mehr in seiner Pracht, je mehr die Wirtin und der Hausknecht dazu in die Jammerposaune stiessen. Anton war erst von diesem Augenblicke herzlich ergotzt, insbesondere als der Junker mit seiner Lanze die Henkelkruge sehr geschickt herunterturnierte, die in feierlicher Ordnung auf einer Seite des Saales an der Wand gereihet standen; doch als er sie in dieser Kunstubung meist zerschmissen hatte, da tat es Anton leid, wie manchen guten Zug er damit getan, und befahl dem Junker, der Kruge zu schonen. Dem Junker kam dieser Zuspruch sehr ungelegen, er legte die Lanze gegen Anton an, der sie aber sehr geschickt mit der Hand packte und zerbrach. Als der Junker sich noch nicht zufrieden geben wollte, sprang Anton mit grosser Gewandtheit unter den Gaul, packte die Vorderbeine zusammen und drangte ihn gegen die Tur, dass der Gaul die Stufen mit ihm herunter in den Torweg sturzte und der Junker vom Bogen der Tur aus dem Sattel gehoben auf dem Kampfplatze einsam zuruckblieb. Gleich sturzte die Wirtin auf den Junker, der erst sehr betaubt vom Falle sich nicht wehren konnte, der Hausknecht fasste seine Hande, der Wirt holte einen Strick und so wurde er schnell geknebelt, worauf Anton ihn wie ein grimmiges Wickelkind auf das Rathaus trug, um die ganze Angelegenheit zu den Akten zu legen. Der Aktuarius sah mit Schrecken, wie er den Junker einheften sollte, doch machte er sich unnutze Muhe; ein Vetter des Junkers, der im Rate sass, befreite ihn mit einem derben Verweise und nahm ihn in sein Haus zu einer grossen Gastierung. Hier wurde von des Ratsherrn Tochter der ganze Vorfall dem Junker Blaubart, der sie eben heiraten wollte, so hart vorgeruckt, dass er sich an dem vierschrotigen Kerl, so nannte er Anton ernstlich zu rachen beschloss. Dieser sass eben beim Nachtische, der in einigen Rettichen bestand, und schnitzte in Gedanken Taler, als ihm durch des Junkers Knaben ein Ausforderungsbrief fur den morgenden Tag, wo er sich schon der Wirtin, den Schuldnern und dem Teufel verschrieben hatte, abgegeben wurde. Er versprach sich einzufinden und bat den Doktor nachher ihm Waffen zu leihen, der aber durchaus nichts davon wissen wollte, sondern ihn zartlich kussend an seine Gesundheit und an die Verpflichtungen erinnerte, die er gegen ihn ubernommen. Die Not besturmte jetzt Anton von allen Seiten, von Seger erhielt er keine Nachricht, die Wirtin scherzte schon mit widerlicher Zartlichkeit von der Nacht, die der nachsten folgen solle; der Wirt sah so spottisch auf seine Hosen, als ob er selbst schon drin zu stecken hoffe. Faust verfolgte ihn mit abgeschmackter Freundlichkeit und selbst der Knecht Mephistopheles erlaubte sich widrige Scherze gegen ihn, als ob er seine Not durch und durch kenne, er sah kein Mittel, seinen Mut dem Junker zu zeigen und zu bewahren; er sass trubsinnig in einem Winkel des Zimmers, wo er am Morgen triumphiert hatte, und spielte mit den Hunden, die von allen sonst gestossen und getreten nur an ihm einen Schutz fanden. Faust war mit seinem Diener, zierlich geschmuckt, in das Haus des gastierenden Ratsherrn gegangen, wo er sich durch reiche Verlobungsgeschenke den Eintritt verschafft hatte. Anton sah ihn mit der ganzen Gesellschaft nach einem Garten voruberziehen; zur Zerstreuung ware er ihnen gern nachgefolgt, der Abend blickte so herrlich uber die Dacher, und die Weiber liessen ihre Augen wie Pfauen ihren vielaugigen Schweif herrlich glanzend darin umhergehen aber die Wirtin hatte sich in die Tur gesetzt, und ihre Zartlichkeit zu durchdringen war ihm ein schweres Werk, er blieb also ruhig auf seinem Schemel und wartete, dass der Sohn der Wirtin aus der Schule komme und ihm mit Geschwatz die Zeit vertreibe.

Der kleine Georg setzte sich zu ihm und erzahlte ihm von allen Gasten, die im Hause waren. Gegen den Doktor hatte er einen besondern Hass, ungeachtet ihm dieser allerlei susse Kuchen geschenkt hatte, er mochte sie nicht essen. Georg erzahlte, wie er von seiner alten Warterin von einem Wolfe gehort habe, der vor einem dunklen Walde in einem weissen Zuckerhauschen wohne er meinte, der Wolf sehe so aus wie der Doktor, der Wolf habe auch eine Menschenstimme und rufe den Kindern, die hinter der Stadt spielten, alle Tage zu: "Bubchen, willst du Zucker?" Endlich ging der eine kleine Bube und ein kleines Madchen hin nach dem weissen Hause, wo sie die Stimme gehort hatten, sahen den Zucker so recht sternig blinken und leckten daran und knusperten was ab. Der Wolf lag ruhig drin und sah sie recht gut, fragte aber, als wenn er sie nicht sahe: "Wer nagt an meinem Zuckerhauschen?" "Das ist der Wind", sagten die Kinder, waren etwas still und nagten dann wieder ein Stuck ab. "Wer nagt an meinem schonen Zukkerhauschen?" fragte der Wolf noch einmal. "Es tut der Regen", antworteten die Kinder, waren wieder eine Weile ganz stille, dann aber brachen sie noch ein gut Stuck ab, um es den andern Kindern zu bringen. Da fragte der Wolf zum dritten Male: "Wer nagt an meinem wunderschonen Zuckerhauschen?" Da wussten die Kinder nicht, was sie antworten sollten, und der Wolf sprang heraus, packte sie mit seinen scharfen Klauen und drohte ihnen zornig: "Wenn ich euch gleich wie ein Huhn in der Suppe zerrisse, das ware mir leicht, aber ihr seid mir noch nicht fett genug zur Suppe, ihr habt nach Zucker gelustet, der soll euch werden; da seht, ich sperre euch in meinen Zuckerkasten, und hier aus dem Gitterchen streckt ihr jeder euer klein Fingerchen, dass ich sehe, ob ihr recht zugenommen habt, auf dass ihr mir wohl schmeckt." Und da mussten die Kinder in den Kasten, das Bubchen sass beim Zuckerkandis, der glanzte prachtig wie ein grosser Edelstein, und das Madchen sass beim Kanarienzucker, der war so weiss wie Schleier, und sie konnte gleich singen wie ein Kanarienvogel, als sie kaum davon gekostet hatte, und wenn sie genug gegessen, da kamen sie beide zusammen und tanzten vor dem Gitter und sahen heraus, wie die schonen Blumen bluhten, und alles bekam ihnen so gut, dass sie schnell gemastet waren. Da kam der Wolf und rief vor dem Gitter: "Bubchen zeig dein Fingerchen, dass ich sehe, ob du fett bist", und der Bube steckte in der Angst das Stockchen heraus, worauf der Zuckerkandis gesessen, dass der Wolf mit dem Kopfe schuttelte und sprach: "Esst nur und seid lustig, dass ihr bald fett werdet." So ging es zweimal recht gut. Sie hatten den Wolf ganz vergessen; als er nun aber kam und wieder sagte: "Bubchen, zeig dein Fingerchen, dass ich sehe, ob du fett bist." Da konnte das Madchen den Stock unter ihrem Zucker nicht finden; da musste das Bubchen sein Fingerchen herausstrecken und der Wolf lachte: "Bubchen, wie bist du fett geworden, das soll mir schmecken." Darauf schloss der Wolf den Zuckerkasten auf und fuhrte die beiden zitternden Kinder an den Fluss, liess sie da stehen und wetzte seine Zahne an einem Kieselsteine, dass die Funken davon flogen. Die beiden Kinder standen ganz blass am Ufer und sahen viele Enten, die zusammen schwammen, zu denen sang das Bubchen in grosser Angst: "Entchen, baut ein Bruckchen, dass ich kann hinuber, kriege sonst das Fieber." Die Enten sprachen: "das soll geschehn" und schwammen dicht zusammen in einer doppelten Reihe verkehrt, dass Steiss gegen Steiss zu schwimmen kam, und die Kinder gingen trocknen Fusses uber ihren Rucken hinuber. Kaum sah das der Wolf, so wurde er grimmig und wollte ihnen nach; als er aber mitten auf der Entenbrucke war, da schwammen sie mit grossem Geschnatter aus einander und der Wolf fiel plumps ins Wasser, woruber dem kleinen Madchen vor Lachen der Bauch platzte.

"Den werde ich wohl zunahen mussen", sagte ein fremder Mann mit aufgestreiften Hemdsarmeln, der in das Zimmer trat. "Herr", sagte er zu Anton, "das Bad ist fertig, wie mir die Frau befohlen."

"Wer hat's befohlen?" fragte Anton.

"Mutter hat's befohlen", sagte Georg. Es ist der Zuckerkasten des Wolfs, worin ich mich noch einen Tag pflegen soll, bis ich fett bin, dachte Anton fur sich, was aber geschehen mag, das Bad ist darum nicht zu verschmahen, mag ich auch das Weib verschmahen, mein Haar ist mir fast zu krausig, es liegt mir auch noch genug alt Pflaster von den Wunden auf der Haut.

So folgte er ziemlich heiter dem Bademeister, der ihm in einem engen Zimmerchen den Bart und das Haupthaar abschnitt, ein feines Badehemde anlegte und ihn dann durch einen langen Gang in das grosse Stadtbad fuhrte, das hochgewolbt, herrlich mit Blumen verziert, von hellfarbigen Lampen dammernd erhellt, die vornehme Jugend der Stadt in abwechselnden Kreisen umspannte in einem Teich. Rings umher lief ein Gang fur die Zuschauer, welche mit Blumenkranzen, die sie herabwarfen, die schonsten Madchen begrussten und dafur von ihnen mit Gesang belohnt wurden, sich auch haufig eingefunden hatten, unter denen auch der Ratsherr mit seiner Gesellschaft und Doktor Faust zu bemerken waren. Ein schones Madchen, nach deren Saitenschall sich erst mehrere andere im Wasser tanzend umgedreht hatten, wandte sich jetzt zu den Zuschauern; ihr Badekleid hatte sich etwas erhoben und schwamm auf dem Wasser, dass sie in einer Muschel zu schweben schien, sie bat scherzend um eine Gabe bei den Zuschauern und im Augenblicke war sie mit herabgeworfenen Blumenkranzen wie eine Wiese im Fruhlinge bedeckt, sie dankte artig und warf dann die Blumenkranze auch den ubrigen Frauen zu, dann aber sang sie zu einer Reihe Frauen, die dieses Bad besuchten, um sich des himmlischen Segens der Kinder zu erfreuen, und die in einem Kreise unter frischem Weinlaube sassen, das seinen grunen Schein dem Wasser mitteilte:

In den laulich blauen Wellen

Schwimmt die Hoffnung unsichtbar,

Jedem mag sie sich gesellen,

Und umschliesst die ganze Schar,

Doch die Kranze, die da fallen,

Und die Lieder, die da schallen

Wer sie auch gespendet hat

Nicht bezahlen sie das Bad.

Nur die gute Hoffnung lohnet

Reichlich aller Herzen Gunst

Und die Hoffnung gerne wohnet

In der Bader warmem Dunst.

Gar verschieden sind die Gaben

Guter Hoffnung unsichtbar,

Jede mocht ihr Abbild haben

Und sie stellt sich keiner dar.

Jede muss die Freunde denken

Als die Hoffnung unsichtbar,

Eilt nach Haus mit den Geschenken,

Kehrt zuruck im nachsten Jahr.

Anton stand bei diesem Anblick wie versteinert in einem Winkel; alles, was er aus heidnischen Dichtern in der Schule von Meernymphen und Bacchanten gelesen hatte, das alles kehrte ihm in diesem reizenden Bade versinnlicht wieder, es war ihm ein Anklang frohen Lebens, den sein Ohr nie vernommen hatte, Ungluck, was ihn bedrohte, war aus seinen Gedanken gewichen, als ihm eine mit Luft gefullte und mit Schellen besetzte Blase plotzlich mit hellem Geklingel auf den Kopf fiel. Es war ein neues Spiel, das auch ihn mit fortriss; die Madchen hatten eine besondere Geschicklichkeit im Auffangen dieser schelmischen Balle, ihm ward so leicht in dem Bemuhen danach, dass er sich einer der Mitgotter wahnte, als er plotzlich im Durchschreiten des Wassers auf die Wirtin zukam, die jetzt sich unter die Badenden gemischt hatte.

Sie konnte ihm aber seine Lust nicht verderben, vielmehr nahm er den Rosenbusch, den er in seinen Handen trug, und schlug damit lachend auf die Entblosste; seinem Beispiele folgten die andern im Scherze, und die Frau, welche das immer noch fur eine Ehre anzunehmen geneigt war, musste sich doch endlich zuruckziehen, weil nach den entblatterten Rosen sehr scharfe Dornen blieben, die ihre Leidenschaft anspornten.

Sie war nicht lange fort, so wurde Anton von dem Bademeister herausgerufen; alle seine neuen Bekannten grussten ihn zartlich, er stieg traurig ans Land, auf welchem seine Sorgen ruhten, das Wasser der Vergessenheit wirkte kaum so lange, als er darin geschwommen hatte. Als er in das Wirtszimmer zuruckgekommen war, dachte er sich zuerst einen sehr unfreundlichen Willkommen von der mit Rosen gepeitschten Wirtin, sie hatte sich aber die grosse Aufmerksamkeit, die sie erregte, ganzlich zum Guten ausgelegt und kusste ihn als den Bringer und Geber dieser Ehre. In diesem Augenblicke wunschte sich Anton lieber dem Teufel in die Arme und Faust und Mephistopheles traten herein. Faust hetzte gleich die Wirtin hinaus, nahm Anton bei Seite und sagte ihm, dass er das Geld morgen notwendig brauche, um seine Spielschulden in der Ratsgesellschaft zu bezahlen, seine Ehre sei verloren, wenn er sie nicht am andern Tage abtrage. Anton gab ihm die besten Hoffnungen; morgen ist die Sundflut, dachte er in sich, da ist alles ein Aufwaschen, ass und trank ohne Unruhe und erzahlte so viele Historien, dass der Diener des Faust mehrmals hinter dem Stuhl des Herrn zu lachen anfing, ohne den Befehl seines Herrn ihm Wein einschenkte und mit seinen Zusatzen die Gesellschaft erheiterte. Halb selig taumelte Anton zu Bette, er erwachte am Morgen ziemlich spat, dann setzte er sich ans Fenster und sah die Strasse nach Waiblingen hinunter. "Herr", sagte Mephistopheles, der leise zu ihm getreten, "was starren Eure Augen wie ein Wegweiser die eine Strasse hinunter? Wolltet Ihr mich nur sorgen lassen, Euch sollte niemand etwas anhaben."

"Was kannst du mir helfen?" sagte Anton, "der Teufel und ein altes Weib haben mich in ihrem Rachen."

"Gramt Euch nicht, mein lustiger Herr", sagte noch einmal Mephistopheles, "ich sehe nach nichts aus, aber ich gebe Euch doch vielleicht noch einen Rat, der Euch angenehm ist, nur wunsche ich, dass Ihr mir aus Gefalligkeit fur die Dienste, die ich Euch noch leisten werde, einen Brief an meine Geliebte schreiben wollt, denn seht, ich kann nicht schreiben und bin darum doch nicht weniger verliebt."

Anton versprach's ihm und der Diener drang auf schnelle Erfullung; "schreibt alle Perlen, Samt, Edelsteine in den Brief", sagte der Diener, "dass er nur recht zartlich wird." Anton sah den zerbrockelten Kerl an und konnte sich so etwas wie Liebe gar nicht in ihm denken; halb lachte er, dann aber dachte er in sich an Frau Anna und Susanna abwechselnd und so wogte sein Herz in voller Zartlichkeit, und seine Feder jagte wie der Helmbusch eines frohen Ritters uber das Papier.

"Meine Geliebte die susse Strasse, die zu Dir fuhrt auf die mein Auge Tag und Nacht blickt, wird mit den Augen nicht befahren meine Seele aber wandelt sie blind und versenkt sich darein und hat keine Rast und kann an keiner Statte weilen, bis ich sie vollbracht haben werde. Schaudernd in Lust denke ich aber in die Weite, fern von Dir festgehalten, und bin ein frohlicher Knecht, wenn ich nur der Fahrt zu Dir gedenke und derer, die darauf wandeln; die beiden, die bei Dir sind gewesen und mit Deinem liebreichen Troste bald zu mir heimkehren, lieben werde ich sie, weil sie Dich gesehen; bald bin ich Dir nahe wie sie, und dann will ich Dich festhalten wie meine Feder, die ich sonst beisse mit meinen Lippen, mein Bart soll Dich warmen, denn es wird bald Winter, bewahre Dich, Du geliebter Abgrund aller Zartlichkeit, vor allem Fremden und bleibe rein und bleibe mein."

Anton fragte, ob es so richtig und wie er unterschreiben solle. "Sie nennt mich kurzweg Anton", sagte Mephistopheles, und Anton schrieb seinen Namen ruhig unter das Briefchen, das er dem armen Kerl einhandigte.

"Was will der verliebte Racker wieder hier?" erhob sich plotzlich vor der Tur ein Geschrei, "an die Tur will ich dich annageln, wenn du bei deinen Gasten horchen willst."

Dieses war Fausts Stimme, dagegen gellte ein Strom von Fluchen aus dem Munde der Wirtin, die von seiner Seite mit grimmigen Nasenstubern beantwortet wurden; er schien schlagfertig und sie war wirklich im Unrecht, da sie gehorcht hatte, sie fing nach den Nasenstubern an, ein paar Worte Franzosisch zu reden, dann sehr vornehm etwas Spanisches, was sie aber nicht endigen konnte, denn der Doktor hatte sie sehr geschickt die Treppe hinuntergleiten lassen, ohne grossen Schaden, doch zur grossen Beunruhigung ihres Sitzfleisches, indem er sich vorne wie ein Einspanner an ihren Unterrock angespannt hatte. Nach diesem Geschafte trat er zu Anton herein und erinnerte ihn an sein Geld. Anton antwortete aus dem traurigen Schicksale der Welt, dass es sich gewissermassen auf Geld reime, zugleich konnte er sich diese Einrichtung nach Gottes Weisheit nicht erklaren. Faust lachte hochmutig und sprach: "Da seid Ihr weit zuruck, wenn Ihr Gott als den Schopfer der Welt anbetet, die Welt ist dem viel zu klug, sie hat sich selbst am besten zu machen gewusst; so wie ein paar Nachbarn es bald einsehen, dass es ihnen beiden besser sei, ihre Garten durch einen Zaun zu trennen, als gemeinschaftlich auf demselben Fleck Landes bauen zu wollen, so merkten auch bald die Erde und das Wasser, wenn sie beide etwas eigen haben wollten, so mussten sie einander gewisse Strecken abtreten; in Hinsicht der ubrigen blieben sie zweifelhaft und sind noch bis jetzt streitig, im Menschen haben sie aber beide ihren Anteil, und Erde und Wasser scheidet sich auch in ihm."

Bei diesen Worten fuhrte sich Mephistopheles so unanstandig auf, dass sie das Zimmer verlassen mussten, aber eben dadurch auf die Schopfung der Luft und des Feuers gefuhrt wurden. Ihr Gesprach setzten sie beim Mittagessen fort, wo diesmal die verliebte Wirtin nicht erschienen war, wogegen der Wirt eine ganz andere Rolle spielte. Bei der mindesten Nachlassigkeit des Hausknechts fuhr er heftig auf, auch mischte er sich sehr weise in alle Gesprache der Gaste. Zu der Weltschopfung sprach er: "Eine Welt ist immer gegen die andere, wenn die eine lacht, muss die andre weinen, darum sollte man sich uber beides nicht sonderliche Gedanken machen, sondern die Tranen laufen lassen und das Lachen nicht verbeissen, denn die Welt bleibt Welt, so lange sie sein wird."

"Der Herr Wirt versteht sich auf Politik, wie ich sehe", sprach Faust, indem er sich ernsthaft stellte; "sind derselbe vielleicht im Rate angesessen?"

WIRT: "Ich habe die Ehre, ein Ratsfreier zu sein, der bei wichtiger Gelegenheit zugezogen wird, und da habe ich bemerkt, dass Bileams Esel oft scharfer sieht, als sein Herr."

FAUST: "Das wird Ihre Familie dem Hofe sehr empfehlen."

WIRT: "Des Herrn Gunst ist stets die grosste Tugend, der Teufel aber ist der beste Hofmann."

FAUST: "Sagt mir, werter Ratsfreund, wie seid Ihr bei so vieler Klugheit zu der dicken Sau gekommen?"

WIRT: "Sie ist bei mir gefallen."

FAUST: "Ja heute die Treppe herunter; es hat ihr doch nichts geschadet? Aber seht, das Horchen kann ich von Eurer Frau nicht leiden."

WIRT: "Von wem sprecht Ihr, mein gelehrter Herr?"

FAUST: "Ich sprach von Eurer Frau; ohne Umstande, sagt mir Freund, wo habt Ihr so viel hollische Courage gewonnen, solch ein Stock Euch aufzuhalsen?"

WIRT: "Weil ich nicht danach frage, wo dieses gebrechliche Schifflein meines Fleisches hinkomme, wenn ich nur diejenige, die darin uberfahrt, sicher durchbringe."

FAUST: "Aber gedenk doch auch an die dicke Seele des Dreimasters, dem Ihr als eine kleine Schaluppe angebunden seid."

WIRT: "Das Nein ist nicht Nein in eines Weibes Mund, so mag auch die meine selig werden; ubrigens ist der meisten Weiber Leben nichts anderes, als der Zustand derjenigen, die im Schlafe gehen und reden."

FAUST: "Ist denn gar nichts Gutes an Eurem Rhinozeros von Frau?"

WIRT: "Ein Weib ist immerdar ein Mittelding zwischen Mann und Teufel, denn beide konnen sie brauchen und machen sich lustig mit ihnen."

Die Frau war hereingetreten und fragte den Mann, was er da wieder geschwatzt habe. Er sagte ihr liebreich: "Engelskind, ich sagte eben, dass mancher Esel draussen sucht, der Pferde daheim hat."

WIRTIN: "Solch toricht Zeug hat er immer im Munde, was sollen dazu die Gaste sagen?"

FAUST: "Eine aufgeweichte Semmel schmeckt nicht sonderlich dazu."

WIRTIN: "Mit Ihm rede ich gar nicht, denn Er ist grob; wenn du ein Mann warst, Mann, du gabst ihm eins an die Ohren, statt mit ihm lange zu reden."

WIRT: "Wer eins gibt, bekommt zwei wieder, es ist leichter Krieg anfangen, als ausfuhren."

WIRTIN: "Du hast recht, Herzensschatz!" Dabei tat sie, als ob sie sich ihm nahern wollte und kniff ihn in ein Ohr, dass der kleine Mann vor Angst tanzte.

Anton hatte dem allen ruhig zugehort, als wenn es ihn weiter nichts angehe, er dachte an den nachsten Tag und da grauste ihm, besonders vor der Wirtin, die ihm heimlich auf den Fuss trat und in den Seiten kitzelte. Nach Tische sehnte er sich nach der Kirche, aber die Wirtin hatte schon wieder die Hausture besetzt und wickelte Wolle. Er ging auf sein Zimmer und fuhlte ein Bedurfnis sich ein frommes Bild in der Zerknirschung seines Herzens zu malen, das seine Versuchung ausdrucken konnte. Er nahm eine Kohle und verzierte erst ein Feld an einer Bogenseite seines Zimmers, worauf die Abendsonne schien; er zeichnete sich selbst verwundet, wie er kleine Steine aus Hunger isst, zwei Engel, Susanna und Guldenkamm, die vor ihm wandeln; rings umgeben ihn die Wirtin, die ihm einen hohen Becher bietet, der Faust, der ihm die Fusse halt, wahrend er vom Teufel gefesselt wird und sich deswegen auch gegen den Junker Blaubart nicht wehren kann, der mit eingelegter Lanze gegen ihn anreitet. Als das Bild so vor ihm stand, fuhlte er ein so heftiges Mitleiden mit sich selbst, dass er sicher meinte, es musse Gott auch zu Herzen gehen. Er warf sich nieder und betete so ausser sich, so inbrunstig und gewaltig, dass er einen Rollwagen nicht horte, der vor dem Wirtshause angefahren war.

Susanna und Guldenkamm, die von einem Kaufherrn mitgenommen waren, traten ins Zimmer, als er noch auf seinen Knieen lag; sie knieten stille neben ihn hin und als er endlich aus seiner Gottesnahe zuruckkam in die scheue Ferne und aufwachte und umblickte, da waren seine guten Engel ihm nahe, er umhalste sie und konnte keine Worte finden. Endlich sprach er ausser Atem: "Nun, was macht mein Weib? Wie geht's meinen Kindern? Was schreibt meine Frau? Wie hat sie euch aufgenommen?"

"Herr", sagte Susanna, "betet noch einmal, wie uns Gott gelehrt hat in Not und Trubsal, dann will ich Euch berichten"

Anton betete und wusste nicht, was er betete, seine Freude war ihm in alle Glieder zuruckgetreten. "Lebt meine Frau nicht mehr? ist mein Anton tot?" fragte er endlich.

SUSANNA: "Beruhigt Euch daruber, sie leben beide, aber der Oswald ist gestorben."

ANTON: "Zwei leben fur einen, den ich misse, Gott sei gelobt! Der Oswald war nur ein krankliches Kind. Wie geht's meiner Frau? Hast du ihr meine Not geschildert und meinen guten Willen, wie ich kunftig still und fleissig leben will?"

SUSANNA: "Ich habe ihr alles gesagt, aber sie schilt uber Euch, sagt, dass Ihr die silbernen Pokale verkauft habt."

ANTON: "Gott ist mein Zeuge, das hat mich oft gereut, aber meiner grimmen Not wird sie sich darum doch erbarmen, sie hat doch noch Geld und Gut genug fur mich und sich, wenn sie das viele Hausgerat verkaufen lasst."

SUSANNA: "Lieber Herr, ich war dort zur Versteigerung, aber die arme Frau war so verwirrt, so betrubt uber den Tod ihres Sohnleins, dass sie mir alles versagte; sie meinte, andre Soldaten brachten von ihren Zugen Geld heim, Ihr aber brauchtet immer mehr Geld dazu, sie konnte Euch nichts schicken als dies Andenken."

ANTON: "Zeig her, liebe Seele, was ist's? Was, diese rostige Klinge und dieser zerrissene Beutel!"

SUSANNA: "Es mag wohl ein Geheimnis darin sein; sie schwor, dass sie erst, wenn Ihr diesen Beutel gefullt mit Gold zuruckbrachtet, Euch in ihrem Bette wieder aufnehmen wolle, das schwor sie mir und da musste ich gehen."

ANTON: "So sei verflucht..."

SUSANNA: "Flucht nicht im Ungluck, denn das reuet im Glucke."

ANTON: "Was bliebe mir, wenn ich nicht fluchen durfte, fluchen aus ganzer Seele meinem..."

SUSANNA: "Fur einen Fluch ist des Menschen Mund zu klein und seine Stimme zu schwach."

ANTON: "Ich aber kann Steine zermalmen mit meinem Munde und Glaser zersprengen mit meiner Stimme, fluchen will ich, dass die Erde verdorrt, wo sie hintritt, das gottlose Weib, fur das ich tausendfach mein Leben gegeben hatte, das verbunden mit mir durch alle heilige Gewalt mich aller Not, allen Teufeln und Hexen uberantwortet, gleichgultig hohnisch, vergangener Lust mich erinnert, des Bettes meines Gluckes, verflucht sei die Stunde..."

SUSANNA: "Haltet inne, ich halte Euren Mund zu."

ANTON: "Fort von mir, ich ersticke in meiner Wut, verflucht sei der Tag, die Nacht, der Augenblick, wo ich ihr Bett besteige, und flehte sie Voll mir die Liebe wie ein Almosen, ein Schlag soll meine Glieder lahmen, die sich ihr uberlassen, und wie ein gluhendes Eisen soll mir ihr Mund auf den Lippen gluhen, verflucht sei der Glanz ihrer Brust, dass er Schnee trage statt Liebesfeuer, ach, wer ist arger verflucht als ich."

SUSANNA: "Herr! Wie ist Er so schrecklich, so verwandelt."

GULDENKAMM: "Lass ihn doch austoben, da wird ihm wohl."

ANTON: "Wohl soll mir werden, das schwor ich! will leben wie ein Gott, freudig in jeden Genuss wie ein Meer, das nimmer auszutrinken ist. Wie sah das Weib aus?"

SUSANNA: "Schon, aber traurig und blass."

ANTON: "Ja so sah sie gewiss aus, schon aber traurig, ich weiss, dass sie schon ist, aber traurig soll sie werden, dass sie alle Spiegel zerschlagen muss, ich will ihr zeigen, wie ich bin, im Glucke wohl zu gangeln, aber das Ungluck mag jahrelang mit mir ringen, ich bin glatt wie ein Fisch und will ihm doch entschlupfen, will aufziehen vor ihr in ritterlicher Pracht und meinem Uberflusse soll sie zum Auffangen ihren Schoss ausspannen, mich aber empfangt sie nimmer. Wie ist der Oswald gestorben?"

SUSANNA: "Der Anton hat ihn in kindischem Spiele geschlachtet."

ANTON: "Das tat wohl der Mutter wehe? der Oswald war immer ihr Liebling; er hatte es nicht tun sollen, aber er versteht's doch schon, seinen Vater zu rachen, jetzt sehe ich wohl, Faust hat in allem recht gehabt. Ist Oswald in einem Sarge begraben?"

SUSANNA: "Nein Herr, in einem Schrank von Nussbaum, worin die Ausstattung des ersten Mannes bewahrt gewesen."

ANTON: "Richtig, du wunderlicher Doktor, du hast einen Arm wie die Konige, du kannst weit greifen und die Seelen aus dem Korper wie einen Splitter herausziehen, wie sticht diese Seele, so lange sie in uns, und ist sie von uns, dann schmerzt sie doch; du und dein Teufel, ihr mogt mir vom Leibe bleiben, habe nichts mit euch zu tun. Nun euch wird dursten nach der Reise, mich auch. Heda Wein, vom besten!"

So tobte er fort und brachte den Hausknecht an den Haaren gezogen, der ihn zu langsam bediente, schenkte ein und trank selbst wild hinein, jetzt klopfte es und der Wirt trat mit einer Rechnung herein. Anton lachte ihn an, biss in sein Glas, zerkaute das Stuck zu weissem Schaum und bespie ihn damit; "wer das verbeissen kann, der schluckt Eure Rechnung noch dazu." Bei diesen Worten hatte er die ganze Rechnung zerkaut und heruntergeschluckt; dem armen Ratsfreunde verging aller Rat, er zog sich fort und wusste nicht warum.

Der Doktor Faust war der zweite, der seine Rechte bei ihm geltend machen wollte; Anton empfing ihn artig und entliess auf sein Begehren die beiden Gesellschafter. Faust hielt ihm seine Rechnung vor, Anton zeigte ihm seine flache Hand: ob da wohl ein Bart sasse. Als Faust darauf ein scharfes Nimmermehr antwortete, so fuhr Anton fort, "eben so wenig wachsen mir hier hundert oder tausend Gulden und Euer Teufel, der ist ein ubermassiger Zinsfuss mit seinem Pferdefuss, ich mag ihn nicht anerkennen." Faust lachelte dazu und sprach, es sei ja nicht so arg mit dem Teufel gemeint, es waren nur einige Stucke, die er nicht ohne einen Mann ausfuhren konne, der nackt in seinen Kreis trate und einige unschadliche Zeremonien uber sich ergehen liesse, dann sei der Schatz gehoben. Anton dachte einen Augenblick nach, dann sprach er: "So gescheh es gleich, will heute alles abtun und Feierabend machen, geht nur in die dunkle Kammer, zieht Eure Kreise, ich komme entkleidet zu Euch, will Euch so viel Zentner Schatze ausheben, als der Hort der Nibelungen nimmermehr gewogen." Mit diesen Worten trieb Anton den erhitzten Faust, der die Verschreibung ihm ubereilt wieder zustellte, in die dunkle Kammer, denn er horte schon die nahenden Schritte der Wirtin, die mit dem ersten Dunkel zu ihm bestellt war, er fiel ihr um den Hals in scheinbarer Zartlichkeit, dann bat er sie, sich zu entkleiden und in die Kammer zu gehen, wohin er durch den Gang kommen wolle, wenn er die Sicherheit der Gange erst belauscht hatte. Sie schwor ihm zwar, die Vorsicht sei unnutz, sie wisse im Hause ihren Befehlen Nachdruck zu geben. Anton liess sich nicht abhalten, sondern sprang fort und verschloss die Tur hinter sich. Die Wirtin hatte kaum ihres Schmuckes sich entledigt, so rief schon Faust, der Kreis sei beendigt, sie glaubte Antons Stimme zu horen und schwebte mit offenen Armen in die dunkle Kammer, aber welcher Schrekken dampfte ihre sussen Erwartungen. Faust entdeckte schnell, er sei getauscht, und schmetterte sie in einen Winkel; sie schrie nicht, sie brullte Rache und Verzweiflung und hatte ihn vernichtet, hatte er nicht gleiche Wut ihr entgegengesetzt. Das Geschrei wurde bald so furchtbar, dass Anton ungescheut Mord aus dem Gange auf die Gasse rufen konnte, die Masse Volk drang mit Licht in die verschlossenen durchtobten Zimmer, aber die beiden Streiter, uneingedenk ihrer Blosse benutzten die ersten Strahlen nur allein um sich noch fester zu fassen und zu verbeissen; die Hunde des Hauses wollen ihrer Frau beistehen, aber der Pudel Fausts biss so grimmig um sich, dass sie bald heulend den Kampfplatz verlassen mussten. Der Wirt allein von allen hatte genug kaltes Blut, ein zweckmassiges Mittel zur Beschwichtigung dieses sonderbaren Religionsdisputs verschiedener Konfessionen, er brachte die Handspritze des Hauses gefullt in eine richtige Entfernung und liess auf die Streitenden den Wasserstrahl fallen; das erkaltete ihre letzte Wut und sie wendeten sich verschuchtert und verwundet von dem Kampfplatze fort.

Susanna hatte die Zeit schnell benutzt, um den Beutel und den Degen, welchen sie mitgebracht, vor aller Gefahr zu retten, sie zog Anton und Guldenkamm fort und so gingen sie mit der Menge ungestort nach dem Wirtshause zum Anker, wo sich Guldenkamm durch sein Lied von dem Tode des kleinen Oswald bald ein Unterkommen verschaffte, wahrend er Anton und Susannen zu Tranen ruhrte. Die Abendgaste, die dort ihren Schoppen zu trinken gewohnt waren, kamen jetzt nach einander von dem sonderbaren Vorfalle mit der Wirtin zum Hopfenblatte, der fremde Doktor sei mit entsetzlichen Drohungen gleich fortgeritten, auch sei von dem Augenblicke aller Wein im Keller verdorben, die Wirtin rase und sei auf Befehl des Rats in Verhaft genommen, woruber der Mann sehr vergnugt scheine.

Anton fuhlte sich sehr erschopft von dem Tage, oder vielmehr war ihm das Wachen so uberdrussig, dass er ewig hatte schlafen mogen, er eilte auf einen Heuboden, wo ihm zuerst ein weiches Lager vorkam, und entschlummerte sehr sanft. Es mochte in der Mitte der Nacht sein, da weckte ihn eine Hand, er wachte auf und meinte noch zu traumen, doch horte er unter sich die Pferde an den Halfterketten sich umlegend bewegen; der Mond schien durch die Luke in das Angesicht einer Gestalt, die ihn bis zum ganzlichen Verstummen verwunderte. Zwei Gestalten, die einander so wenig glichen, wie Anna und Susanna, jene hochgewachsen mit blondem Haar, diese klein und mit dunklen Locken, schienen einander durchdrungen zu haben, um diesen Bund alles Reizenden, was Antons Sinne erregen konnte, zu errichten. Freimutig trat dieses Gemisch seiner Liebe zu ihm und sagte, dass sie auf seinen zartlichen Brief, den ihr Mephistopheles ubermacht habe, weite Wege gegangen sei, sie zeigte ihm dabei den Brief, jetzt sei sie erschopft und musse einige Stunden ruhn. Schon krahten die Hahne und die Fledermause flatterten pfeifend in die Winkel. Bei diesen Reden sank sie mude in seine Arme; er sah im Mondschein den Brief, den er fur Mephistopheles geschrieben, er sah im Mondschein ihrer Reize Fulle, die susse Unwissenheit von Susannens Lippen, den erfahrnen Scherz von Frau Annen, er hielt sich nicht, er wunschte sich, recht bald Frau Annen untreu sein zu konnen, aber seine Freude war nicht gleich seiner Begierde, denn einer Toten gleich schlummerte sie, er mochte sie nicht beruhren. Bald so hoffte er, werde der Morgen ihm alles fur einen torichten Traum erklaren, und schlief daruber endlich ein.

Die Knechte holten Heu fur die Pferde am fruhen Morgen, das erweckte ihn, er sah sich um, halb in der Furcht, dass sein Schlafgesell verraten sein mochte, halb in der Hoffnung, dass er nie und niemals vorhanden gewesen; mit einiger Beruhigung sah er nichts, doch wie er so in das Dunkel des Heues blickte, sah er einen dunnen Schatten, der ihm die Erinnerung jener reizenden Nachtgestalt wieder ganz lebhaft zuruckfuhrte, sie erfullte alle seine Sinne, aber sie erfullte nicht sein Verlangen und er wendete sich trostlos von ihr und stieg herunter zu Susannen und Guldenkamm, die Abends ihn gesucht und schlafend gefunden hatten; aus ihren Reden schloss er, dass sie eine fremde Gestalt bei ihm gesehen hatten. Guldenkamm scherzte daruber und Susanna sah still vor sich nieder. Mit Umschweifen suchte sich Anton zu unterrichten, was sie gesehen hatten. Er gab vor, dass es ihm in der Nacht vorgekommen als ob sich ein Mensch, wahrscheinlich ein Trunkener, zu ihm aufs Bett gelegt, am Morgen habe er aber niemand gesehen. Guldenkamm meinte, es ware sonderbar, wer es aber wohl mochte gewesen sein, der ein so schones Madchen in solchem Zustande von sich entliesse. Anton brach hier ab und fragte, was sie zu ihrem Unterhalte beginnen wollten, denn er sah wieder den wunderlichen Schatten im Dunkel des Zimmers, der ihn von den Gegenwartigen fort hin zu sich locken wollte, er drehte sich deswegen gewaltsam nach dem Fenster.

Guldenkamm sprach: "Ihr habt in der Not unterwegs eine Kunst erfunden, die ich mit hochster Verwunderung angesehen, Ihr habt so viel Steine heruntergeschluckt, dass ich meine, Ihr musstet ein Bergwerk im Leibe haben, doch hat es Euch nichts geschadet bei der Ausfuhr, darum dachte ich, Ihr konntet diese Beschaffenheit Eures Leibes als ein silberhaltiges Bergwerk ernstlich benutzen und Euch fur Geld damit sehen lassen, auch seid Ihr so riesenhaft stark, wie ich oftmals bemerkte, dass auch dieses Aufsehen erregen wird. Meine Singerei kennt Ihr, ich will Euch verkundigen, Susanna mag recht artig das Geld einfordern; schade, dass wir den Seger nicht bei uns haben, da liesse sich auch zuweilen allerlei tragieren."

Anton seufzte bei diesem Vorschlage, er dachte mit einem tiefen Ausrufe der Kronenburg und seiner grossen Ahnen, und seiner Bestimmung in der Zukunft und seines jetzigen Elends, und er meinte gewiss, wenn er so etwas treibe, musse es jenem Alten im Grabe bittern Schmerz machen, aber wieder sah er den zartlichen Schatten im Dunkel des Zimmers und freute sich durch diese Beschaftigung den wunderlichen Gedanken entrissen zu werden. "Gut", sprach er, "der Vorschlag mag gelten, ich will Steine fressen, dass sich die Steine erbarmen, mach's nur schnell bekannt, doch muss ich dir sagen, wir dreie sind noch zu vornehm zu solchem Unternehmen; wir mussten den Seger haben, der gabe erst dem Dinge einen gemeinen Beigeschmack, dass es allen gefiele."

"Da ist der Seger", rief dessen bekannte Stimme, die seinem haarigen Korper voreilte, "was soll er wieder? er ist doch zu allem gut und keiner dankt ihm, da habt Ihr Fasanen und Rebhuhner, heut soll es ein Fressen geben."

"Steine werd ich fressen sollen", sagte Anton traurig.

"Meinetwegen auch Haare und Karbatschenstiele", sagte Seger, "jetzt aber lasst uns zusehen, es wird auf dem Markte ein grosser offentlicher Zweikampf gehalten werden!"

"Da mussen wir gleich hin", sagte Guldenkamm, "wer will fechten?"

"Der Ritter Blaubart", sagte Seger, "mit einem unbekannten Ritter, der ihn in unserm alten Wirtshause gebunden hat."

"Das bin ich", rief Anton, "bei allen Heiligen, den Lumpenkerl hatte ich ganz vergessen. Schnell gebt mir Waffen, verflucht dass wir unsre guten Degen im Walde weggeworfen, die Meisen pfeifen jetzt darauf, und mir will der Tod dafur auf seinen alten Knochen floten. Her da, gebt her das alte Schwert, das mein schandliches Weib mir spottlich zugesendet hat, es ist wohl unansehnlich, es mag aber geheime Kraft fuhren."

Vergebens suchten ihn Guldenkamm und Susanna abzuraten und zuruckzuhalten; Seger trieb ihn mit kaltem Spotte in die Schanze. Die Tore waren schon geschlossen, der Markt mit Sand bestreut und die Schranken, die von alter Zeit her standen, mit Griesswarteln besetzt; an einer Seite stand eine Totenbahre mit Kerzen und Bahrtuchern. Der Junker stand mit seinen Freunden an einer Seite und liess ausrufen, dass dem Fremden, der ihn beleidigt habe, vom Rate ein freier offentlicher Kampf, mit welcher Art gleicher Waffen es sei, zugesagt worden, es sollten sich deswegen alle Weiber und Knaben unter dreizehn Jahren entfernen; bei Lebensstrafe solle aber niemand durch Wink und Zuruf sich in den Kampf mischen. Ritter Blaubart hatte diese ganze Festlichkeit seiner Braut zu Ehren durch den Schwiegervater anrichten lassen, der gegen die Meinung der andern Ratsherren das alte Recht der Stadt, solche Kampfe und Gottesgerichte, das seit einem Jahrhundert nicht in Ausubung gebracht worden war, geltend machte, der festen Uberzeugung, dass sich niemand einfinden werde und dass diese schnode Flucht des Gegners, den er mit Faust verwechselt hatte, der fortgeritten, seines Eidams Ehre in der Stadt herstellen werde.

Die erste Viertelstunde war schon verlaufen und der Herold wollte eben zum dritten Male ausrufen, als Anton mit seinem alten Degen in seinem Soldatenwams und Ratsherrenhosen in Begleitung des rauhen Seger, des feinen Guldenkamm und seines schonen Knaben in die Schranken trat. Der Junker lachte verachtlich uber den wunderlichen Aufzug, doch bebte ihm heimlich das Herz. Der riesenhafte sichere Mensch stand da so fest, als ob er wie die steinerne Rolandssaule zum ersten Gericht hingepflanzt sei. Der Junker wollte erst seine Ahnen wissen, worauf Seger beschwor, es sei ein ehelicher Sohn des Grafen von Stock, dann verlangte der Junker, dass er in gleichen Waffen wie er mit Brustharnisch und Schienen sich darstellen solle.

Anton sprach: "Schmeisst Eure Rustung ab, so sind wir gleich gewaffnet, hab ich gleich nur einen alten rostigen Bratspiess, glaube ich doch gegen Eure Strahlenklinge zu bestehen." Dem Anton war ungemein behaglich; wenn er den Degen ansah, dachte er an seine Frau und es war ihm, als konne er sein ganzes Gift gegen sie damit auslassen, er lag ihm so leicht in der Hand wie sein Pinsel und er wollte sein Bild heute rot anlegen. Der Junker hatte ihm noch mancherlei gesagt, aber er horte nicht darauf, sondern versuchte fur sich die Klinge; der Anhang des Junkers wurde selbst ungeduldig, was daraus werden sollte, und ermahnten ihn dringend, so viele Umstande und Kosten nicht umsonst angewendet zu haben. Seger besonders erhitzte das junge Gemut dieses Helden, indem er sanft von einem Hundejungen etwas fallen liess, der Manner herauszufordern wage. Der Junker warf endlich mit einem Fluche seine Rustung weg und um sich aus dem Froste in die Hitze zu bringen, liess er einen Strom von Schimpfreden gegen den Stocknarren los, so nannte er den Grafen von Stock, der es wage, sich mit ihm zu messen; er schwor, die Leute sollten etwas sehen, dass sie die Augen wegdrehen mochten und doch nicht konnten, und schwor, so gewiss ein Teufel in der Holle, so gewiss wolle er auf dem Flecke in Antons Jacke, sie war am Herzen, ein Loch stossen, das kein Mensch zustopfen solle.

Die Trompeter stopften ihm den Mund, er ging auf Anton mit grosser Heftigkeit, die aber nach den ersten Wendungen und Stossen immer mehr abnahm. Anton begriff sich selbst nicht, er war kaltblutig und fuhrte seinen Degen fast bloss verteidigend aber der Degen zog seine Hand zu den ungeheuersten Stossen fort Stosse von so seltener Geschicklichkeit, wie er sie in der Zeit bester Ubung nicht ausfuhren konnte, auch liess er sich nicht hemmen und halten. "Gott sei mir und dir gnadig", rief er einmal uber das andere, wie Ungluckliche, die von scheuen Pferden dicht an einem Abgrunde fortgerissen werden, und zwar bisher ihren Weg schneller gemacht haben als sie es erwartet, aber darum doch diese Art der Beschleunigung in keinem Fall loben mogen. "Gott sei mir und dir gnadig", sagte Anton wieder, da steckte seine Klinge, die den Koller des Junkers schon mehrmals gefarbt hatte, in dessen Herzen, dass er niedersturzte und mit dem letzten Worte jammernd bekannte, er sei schuld an diesem unseligen Streite gewesen. Die Seinen sprangen zu seiner Hulfe herbei. "Ade Gertraud, susse Braut, ade mein geliebtes Rotross, ade mein Leibhund Waidewund, das ist meine letzte Stund." Mit diesen Worten verschied er und Anton stand neben seiner Tat wie ein Kind, das mit angstlicher Neugierde ein schauerliches Marchen hort, es wunscht es bald zu Ende und darum horcht es desto aufmerksamer. Aber nicht lange dauerte seine Unempfindlichkeit. Ein schones adliges Fraulein, prachtvoll rot gekleidet, ihr Hals mit goldnen Ketten behangen, in ihren Haaren eine hohe mit Karniolen besetzte Heftnadel, sturzte sich durch die Menge der Staunenden auf den Entseelten; ihr Jammergeschrei mischte sich mit dem Gurren der Tauben, die sich eben auf einem hohen Rathausturme niedergelassen hatten. "Rachen will ich dich", seufzte sie, "rachen soll ich dich" zog die Nadel aus ihren Haaren, dass die Locken wie die Tranen bis zur Erde herunter fielen, und warf sich mit Wut gegen Anton, der sich von dem Jammer weggewendet hatte, aber Guldenkamm hatte mit seiner Zither so schnell zwischen beide gehauen, dass die Nadel in einem klirrenden Zusammenklang durch die Saiten fuhr und im Holze stecken blieb.

"Auch deine Adern sind verzaubert und klingen wie Erz", rief sie in Verzweiflung, "aber leben will ich nicht, wenn ich den Geliebten nicht rache, will mich allen Fursten zu Fussen werfen, dass sie mich rachen, dem will ich mich verloben, der mich racht, den will ich lieben, der mich racht, dem bin ich ewig eigen, der mich zu rachen sein Schwert in diesen verruchten Zauberer stosst." Aber keinen der vielen Ritter schien die Liebe, die er nach dem Tode geniessen sollte, zu einem Kampfe mit Anton zu reizen; ein jeder flusterte seinem Nachbar einen andern Grund zu, warum er in diesem Augenblicke mit dem Riesen nicht kampfen mochte, die meisten aus Misstrauen, dass so ein Versprechen aus Not nicht gehalten werden durfte. Als keiner fur sie streiten wollte, warf sie sich wieder bei dem Toten nieder. "Hier will ich sterben, an deiner Seite ruhen bis ich am jungsten Tage Rache schreien kann." Guldenkamm hatte jetzt die Nadel aus seiner Zither gezogen und sang zur Trauernden hingeneigt:

Mit dem Dolch reg ich die Saiten,

Dass sie in den Sonnenstrahlen

Flammen von der Liebe Qualen,

Tonen von dem harten Streiten,

Rachend seiner Jugend Glanz,

Decken mit dem Lorbeerkranz.

Leben nehmet an fur Leben,

Der gefallen unterm Schwerte,

Soll sich in dem Lied erheben

Und bestehn auf weiter Erde.

Wie auf einem Demantschild

Trag ich hoch sein herrlich Bild.

Ehre diesem tapfern Knaben,

Der dem Machtigsten entgegen

Schwang den hellen Ritterdegen,

Denn sein Ruhm wird nicht begraben,

Der Geliebten Klagelied

Racht durch Ruhm, der nicht verbluht.

Held, du lebst in ihrem Herzen,

Strahlst aus ihren Augen machtig,

Und es zieht die Nacht so prachtig

Nun herauf zu ihren Schmerzen,

Deines Ruhmes ew'ge Glut

Brennt in ihrer Adern Blut.

Der junge Ritter war jetzt auf die Bahre gehoben und wurde von den Griesswarteln fortgetragen, ihm nach ging Gertraud, von andern Frauen gehalten, dann folgte der trauernde Ratsherr, ihr Vater, dessen stolze Eitelkeit dieses Ungluck zugelassen hatte; hart sah er in die Welt und die andern Ratsherren in Besorgnis bedenklicher Folgen, die dieser Vorfall fur sie und fur die Stadt haben konne, hatten sich von ihm abgewendet, die Burger folgten paarweis. So gingen sie bei Anton voruber, der sich nicht verdammen konnte und doch fuhlte, dass er zu allem Ungluck verdammt sei.

Als der Markt leer geworden, zog ein Sturmregen herauf, der das Blut auszuloschen von raschem Winde hinubergetrieben wurde. Anton trat unter den Bogengang des Rathauses mit seinen Gesellen, und wie er gegen das Dunkel sah, erschien ihm wieder die zartliche Gestalt, die aber jetzt auch von dem unglucklichen Fraulein Gertraud eine Beimischung zeigte. Er stach mit Wut gegen die Mauer, wo er dieses Bild gesehen, aber es wich ihm so geschwind aus und zeigte sich wieder so freundlich in einer andern Ecke, dass er hatte verzweifeln mogen, seine Begleiter glaubten, er habe den Verstand verloren; die Gerichtsdiener hingegen, die schon wegen des Kampfes eine Gelegenheit suchten, an ihn zu kommen, nahmen dies fur einen Angriff gegen den Rat und die Stadt, er weigerte sich nicht; als sie ihn fangen wollten, gab er seinen Degen an Susanna, die vergebens flehte mit ihm zusammen eingesperrt zu werden. Er wurde in einen Turm am Markte gebracht, sein Fenster hatte die Aussicht auf den Kampfplatz, seine Freunde konnten an den Gittern mit ihm reden und fragten ihn, ob er etwas bedurfe. "Ihr habt ja nichts mir zu geben, konntet Ihr Steine in Brot verwandeln wie ich, da konntet Ihr noch zufrieden sein", so sprach Anton, und Guldenkamm schwor ihm, dass er fur ihn noch heute etwas verdienen wolle, und so ging er beratschlagend mit Seger und Susannen ins Wirtshaus zuruck.

Dort fanden sich ein paar aufgeweckte Bettelmonche, die sich mit Seger sogleich in ein lustiges Gesprach einliessen, der ihnen den Vorschlag auseinandersetzte, fur einen Freund, der in den Narrenturm gesetzt sei, einen lustigen Schwank aufzufuhren; die beiden Monche schlugen aus Vergnugen mit den Handen zwischen den Fussen zusammen und hoben sich wahrend des Vortrags auf den Zehen, als ob sie uberfallen wollten. Seger ging gleich umher und schrie in der Stadt das schone Schauspiel von dem Kriege auf der Wartburg aus. Die Tische waren unterdes schon an einander geruckt und die Anzuge zusammengelumpt; ein sehr gemischtes Volkchen fullte bald den grossen Wirtssaal. Fraulein Helena von Eschilbach, von Susannen in den Kleidern der Wirtin, die sie uber die eignen gezogen, dargestellt, erschien zuerst und betrauerte, dass die Ungeschliffenheit ihres Bruders alle Menschen von ihr zuruckschrecke, sie sprach sehr zartlich von ihrem vielgeliebten Heinrich von Ofterdingen und erzahlte, dass er jetzt zu ihr komme, die Bekanntschaft mit dem rauhen Bruder zu machen. Guldenkamm kam nun als Heinrich von Ofterdingen mit seinen zartlichsten Liedern aufgetreten, so dass Helena ihm ihre Hand fest verlobte. Diesen schonen Augenblick storte die Ankunft Segers als Wolfram von Eschilbach, er brach sogleich in erstaunliche Schimpfreden gegen die Gesangsweisen Heinrichs aus, woruber dieser sehr entrustet ihn zum Kampfe forderte. Der Landgraf von Thuringen, einer der Bettelmonche, der auf diesen Larmen aus seiner Regierungsstube heraustrat, erkundigte sich nach der Ursache des Streites und als er vernommen, dass die beiden Edelleute mit einander kampfen wollen, so hatte er Mitleid mit der zierlichen Schwache Heinrichs, uber den der ungeschliffene Wolfram kopfhoch hinausragte, und befahl ihnen, sie sollten den Streit mit den Waffen ausmachen, die ihnen besser als die kriegerischen anstanden, mit der Geschicklichkeit ihrer Rede, sie sollten Helenas Schonheit preisen, und wer besiegt werde, solle gehangen werden. Beide nahmen den Vorschlag an; der Landgraf hoffte, dass Wolfram, den er hasste, unterliegen musse, da jener in dessen Schwester verliebt sei. Der grosse Kampf wurde angeordnet, Helena sass auf einem hohen Sessel, dass beide sie sehen konnten, aber Heinrich wurde von ihrem Anblick so wonniglich durchdrungen, dass ihm die Worte wie eine uberreife Saat fruher entfielen, ehe der Saitenklang sie ernten konnte; wenn er nicht singen sollte, sang er leise zu ihr sein feuriges Lob, sollte er aber vor allen auftreten, da verstummte er. Wolfram und alle Kampfrichter verdammten ihn deshalb zum Galgen, ehe sie ihn aber ergreifen konnten, hatte er sich unter den Mantel Helenas gefluchtet und der Landgraf erkannte ihn als sicher in diesem heiligen jungfraulichen Schutze. Heinrich unterhandelte nun hinter der Schurze seiner Helena mit dem Gegner, er wolle seinen Freund Klingsohr fur sich stellen; wenn auch der uberwunden wurde, wolle er sterben. Wolfram nahm spottend den Kampf an und der andre Monch, ein lacherlicher runder Kerl mit doppeltem Kinn trat mit einem Gesange auf, den er in der Dreiteufelweise gesetzt hatte und worin er Wolfram aufforderte fortzufahren. Wolfram fand diese Forderung unchristlich, er wolle nur in christlicher Weise singen, und da jener nicht abstehen wollte, so ruhmten sie sich beide des Sieges und Klingsohr drohte jenem beim Abschiede, er wolle ihm in der Nacht so viele Teufel zusenden, dass er ihm doch den Sieg einraumen musse. Deswegen ging Wolfram in die Kirche und hinderte also die Trauung Heinrichs mit Helena, die fur die Nacht festgesetzt war; inzwischen gab ihnen der Klingsohr, der Heinrichs Bedienter war, einen geschickten Anschlag, durch allerlei Schrecken den Wolfram in der Kirche also zu betorkeln, dass er von dem Trauaktus gar nichts bemerkte und doch nicht leugnen konnte, als Zeuge gegenwartig gewesen zu sein.

Es ward nun dunkler und das Theater sollte eine Kirche darstellen, Wolfram schlief und Klingsohr kam und gab ihm einen derben Schlag auf den Hintern, gleich fing jener an die Schwanenweise zu singen, aber sowie er sich umzudrehen wagte, wurde er auf alle Art von Klingsohr misshandelt, wahrend Heinrich und Helena nicht fern von ihm getraut wurden. Beide kamen jetzt und umarmten den Bruder und Schwager, der in grosser Angst, dass sie der Teufel waren, vor ihnen in alle Winkel fluchtete. Nachdem Wolfram also abgeangstigt worden zum grossen Vergnugen des stinkenden Volkes, da erklarte der weise Landgraf die ganze Geschichte und Wolfram konnte gegen die Heirat nichts einwenden, da alle, die zu widersprechen das Recht hatten, bei der Trauung aufgerufen worden, er aber gegenwartig gewesen war und geschwiegen hatte, alles endigte sich in einen Tanz, ans Hangen wurde nicht weiter gedacht. Wolfram Seger liess zum Brautkranz kunstliche Blumen aus dem Tisch wachsen, die Helena Susanna mit Freundlichkeit annahm. Nach dem Ende des Stuckes musste Helena Susanna in ihren weiblichen Kleidern herumgehen, um die freiwilligen Gaben der Zuschauer einzusammeln; da sie in weiblicher Kleidung, ungeachtet ihres verbrannten Gesichtes, doch eigentumlich schon erschien, so gab jeder eine Kleinigkeit, die sie sehr verschamt in dem ledernen Beutel empfing, den Frau Anna ihr verehrt hatte, das Loch darin hatte sie vorher sorgsam zugebunden, dass ihrem verehrten Herrn nichts verloren gehe. Kaum hatte sie den Umgang mit ihrem Beutel gemacht, so schlich sie sich, ohne den Mitschauspielern etwas zu sagen in ein Nebengemach, warf die weiblichen Kleider ab und sprang hin zu dem Turme, worin Anton lag, und blickte durch das Gitter zu ihm hin, ehe sie ihm aus Ruhrung das Mitgebrachte reichen konnte. Nur nach vielen Bitten hatte Anton eine Lampe erhalten, nachdem ihn das zartliche Gespenst im Dunkel wohl zwei Stunden mit zartlichen Liebesworten versucht hatte; jetzt sass er bei einem groben Brote und einem Kruge Wasser und sang, indem er Susannen, die am Fenster stand, wieder fur das Gespenst hielt:

Zartliche Gespenster,

Weicht von meinem Fenster,

Liebe mag nicht hausen

In der Erde Grausen,

Treue mag nicht dauern

In den kalten Mauern.

Mich schmerzt der susse Blumenduft,

Der lieblich atmet in die Gruft,

Was soll mir flucht'ge Fruhlingsgabe?

Ich lieg versteinert in dem Grabe.

Der Wachter rief die neunte Stunde vor dem Fenster ab und sang:

Wie trat ich, Herr, so oft vermessen

Vor dein allgutig Angesicht,

Ich hab dich Herr so oft vergessen,

Doch du vergassest meiner nicht,

Du liessest deine Sonne scheinen,

Als schwarze Blindheit mich bedeckt,

Nun ich will reuig vor dir weinen,

Hast du die Sterne angesteckt,

Du stellst die Wachter meines Lebens

Auf deiner hohen Zinne aus,

Kein Flehen ist bei dir vergebens,

Bewachest auch mein kleines Haus.

Ich ziehe aus mit meinem Horne,

Bewache diese Christenstadt,

O Herr, du strafst mich nicht im Zorne,

Lasst mich nicht werden mud und matt.

Will dir im Schlaf mein Aug erschliessen

Du hast die Furcht mir zugesellt,

Der Wachter muss so vieles wissen,

Die Nacht ist eine eigne Welt.

Susanna stand zwischen den beiden Schreckenstimmen noch voll von dem Tumulte des Schauspiels und wusste nicht, was sie tun sollte, der Blumenstrauss und das Geld schienen ihr eine jammerliche Gabe fur die Grosse der Zeit, die vor ihr auftrat, sie riss unwillkurlich den Beutel auf, wo sie ihn zugebunden, und das Geld fiel klingelnd in das dunkle Gefangnis, der Wachter rief sie an und sie musste sich von dem Fenster fortfluchten.

Anton sah das Geld am Boden und war gleich aufgesprungen, um den unbekannten Geber zu entdekken, er trat ans Fenster, wo ihm der Wachter eine ernste gute Nacht bot und weiter nichts sagen konnte, als dass jemand am Fenster gestanden und rasch davon gelaufen sei. Jetzt las er das Geld auf und erkannte alles fur echte Goldgulden, es war eine Summe, wie er sie in glucklichen Zeiten nicht besessen, was sollte er jetzt damit in unglucklicher Zeit? Berauschen wollte er sich vor den Nachgedanken, die auf ihn eindrangten, er hatte noch nie uber sich selbst nachgedacht wie heute, und sein Wesen, was es sei und wie es mit den andern sich verhalte, wenn er im Kerker durch die Rache des Ratsherrn untergehe, ob ihm die Versprechungen der Monche im ewigen Leben gehalten wurden, das war ihm sonderbar umhergegangen und er hatte es vergessen mogen.

"Wach auf", rief er dem Gerichtsdiener, "ich will Wein haben!" "Hat Er Geld?" "Ja, alles mit Gott!" Und so brachte ihm der schwarze Gerichtsdiener fur einen der Goldgulden mehr Wein, als er vertrinken machte. Er setzte die Flaschen in eine Reihe neben sein Strohlager und leerte in hastiger Eile ein paar, da ward ihm das Ode und Zweifelhafte in seinem Leben bald verbunden, er glaubte sich ein Strudel, der alle Schiffe an sich gezogen und verderbt, er selbst musste sich drehen, ob er gleich lieber in einer schonen Flache geruht hatte. "Es ist ein eigner Zauber an mir", dachte er, "es macht sich alles von selbst, und wird alles anders als ich meine, bin ich etwa der Zauberer, der seine Krafte nicht kennt? Jetzt will ich sie versuchen." Scheu wendete er sich nach dem Dunkel und erblickte die zartliche Gestalt in grosser Nahe, sie sprach auch zu ihm, als er sein Auge nicht abwendete: "Zauberer, warum ziehst du mich aus meiner Seligkeit und stosst mit Degen und Blicken gegen mich und verachtest mich? Deiner Macht muss ich gehorchen, aber du gebietest mir nicht und mein Dasein wird ein ewiges Warten." "Bringe dich selbst um", rief er wild, "opfere dich mir, dass ich deiner Dienste froh werde, indem ich dich verliere." Die zartliche Gestalt wendete sich um und sprach: "Ich bringe mich um alles, wenn ich dich nicht mehr sehe." "Vernichte dich", rief Anton, "hange dich." Mit einem Sprunge hing sie an seinem Halse: "Hangen will ich mich an dich, vernichten will ich mich in lauter Zartlichkeit."

Er hatte sich nur hart gestellt, sein Herz klopfte, seine Wangen brannten, sie aber schlief in seinen Armen ein und mitten im Taumel seiner Wunsche, denen er nicht mehr gebot, die er nicht zu hemmen wunschte, machte ihn der Anblick ihres muden sinkenden Auges so schlaftrunken, dass er eingeschlafen war, ehe er es ahnte. Durch eine wilde Verwirrung von Schrecknissen aller Art wandelte er traumend und kam zu einem sicheren behaglichen Leben auf hohem Schlosse, er hiess der grosse Zauberer, aber er mochte nicht mehr zaubern. Nun kommen viele Gaste bei ihm zusammen, darunter auch alle, mit denen er in diesen Tagen zusammen gewirtschaftet, er sah Seger und den Junker Blaubart unter andern neben sich und jener bat ihn, an diesem seine alte Kunst zu beweisen, Kopfe abzubauen und wieder anzusetzen. Ihm ist bei dieser Rede, als ob er die Kunst wirklich verstehe, aber, so wie einen gefahrlichen Sprung, der doch einmal missraten konnte, ganzlich abgeschworen hatte, aber alle dringen in ihn, er mochte es nur einmal noch versuchen. Sicher seiner Sache, aber doch angstlich, weil es das letzte Mal ist, wo er sich damit zeigen will, haut er den Kopf mit eben dem Degen ab, den ihm Frau Anna gesendet hat, er wirft ihn spielend in die Luft und setzt ihn dann wieder auf, aber die Muskeln wollen einander nicht anpassen und der Kopf sieht ihn starr an. Gleich merkt er, dass einer der Gaste ihn daran behindert, er bittet flehentlich ihn nicht zu storen, versucht wieder das Aufsetzen jenes Kopfes, aber es ist durchaus, als ware ein Stuck verloren, es fugt sich nicht zusammen. Er warnt und droht dreimal, der Kopf fugt sich nicht zusammen. Da bricht ihm der Verstand auf, er zieht aus einem Fenstergitter eine weisse Lilie auf, der hieb er die Blume ab, im Augenblicke sturzte Seger neben ihm tot nieder, aber der abgehauene Kopf fugte sich von selbst dem Rumpfe, der Junker stand frisch vor ihm und schmahete auf Seger als auf einen verruchten Zauberer, der ihm nach dem Leben getrachtet habe. Darauf folgten Hochzeiten und hohe Freuden, es lagen aber viele erschlagene Bauern unter den Tischen.

Seger hatte wahrend dieser Nacht, wo Anton also traumte, wenig Ruhe gehabt, er war bald zu Guldenkamm, bald zu Susannen gekommen und hatte ihnen unter grimmigen Klagen versichert, dass ihm am nachsten Tage der Tod bevorstehe, sie mochten doch fur ihn beten, vielleicht konnte es ihm noch helfen, er wolle selbst sein Geld zum Messelesen tragen. Der Wirt, den er deswegen weckte, versicherte ihm aber, dass seit der Bildersturmung keine Messe mehr in der Stadt gelesen werde, Seger schlug sich vor den Kopf und hatte im Zimmer keine Ruhe, er lief durch die Gassen in grimmiger Angst und schrie ein so entsetzliches Wehe, Wehe, Wehe durch die Stadt, dass viele ehrliche Burger, die davon erwachten, heftig erschreckt wurden, doch schrie er so fort bis an den Morgen, wo ihn die Scharwache nach langem Kampfe festhielt. Er wurde auf den Platz gefuhrt, wo gestern das ritterliche Gefecht gehalten worden war, und stand auf dem Flecke, wo das Blut vergossen, da klagte er grimmig uber Brand, aber die Wachter liessen ihn nicht von der Stelle. Anton erwachte von seinem Geschrei, halb taumelnd noch von seinem Traum sprang er ans Fenster, nach der Ursach umzuschaun, da liegen die Blumen, die Susanna am Abend hatte fallen lassen, und eine Lilie legt sich an das Gitter, als ob sie daraus erwachsen ware. Anton, halb noch im Traume, vor sich den Platz uberschauend, wo er gestern den Junker niedergestreckt hatte, reisst ohne Nachgedanken, bloss in Erinnerung seines Traumes das Haupt der Lilie ab, ein grimmiger Schrei erhebt sich jetzt auf dem Platze, die Wachen laufen auseinander, so schrecklich hat Seger sie angeblickt, jetzt liegt er bleich an dem Boden und scheint entseelt.

Anton wendet sich fort vom Fenster und sieht im Dunkel die zartliche Gestalt, seine Gedanken laufen zusammen, die Angst ergreift ihn, mit einem Drucke seiner Hand reisst er die eisernen Stabe seines Fensters aus der Mauer und steht in einem Schwunge frei vor dem Turme. Keiner bemerkt ihn, denn eben geht ein grosseres Wunder die gemauerten Stufen zum Marktplatze herunter, des Junkers bleiches Angesicht blickt aus seiner Rustung, in der ihn die Seinen in der Kirche niedergelegt hatten, verwundert auf die Menschen herab, die vor ihm wie vor einem Geiste fluchten. Anton weiss alles aus seinem Traume, aber er kann es nicht ausdrucken, sein Auge ist schon auf einen neuen Zug geheftet, der von der andern Seite der Kirche die Stufen herab kommt. Fraulein Gertraud und ihre jammernden Freundinnen, die den Leichnam des Ritters bekranzen, rufen in alle Winde den Frevel aus, der dieses trauernde Denkmal jugendlicher Schonheit ihnen entfuhrt hat, ihr Schritt ist immer heftiger; wie sie aber den Markt betreten, sieht zu ihnen der Ritter mit ausgebreiteten Armen, die Liebe des Frauleins weicht jetzt der Furcht, sie kann nicht fliehen, aber sie wendet sich von ihm und schliesst ihre Augen mit beiden Handen. Es ist ein Augenblick, wo alles stille steht, dass die Ratsuhr uber den vollen Markt zu horen ist, dann aber hat die Seele aus ihrer innersten Tiefe einen Lebensmut getrunken. "Gertraud, ich lebe", ruft der Ritter, "geliebte Gertraud, sieh, mein Waidewund kennt mich und legt sich mir zu Fussen, wende dich nicht fort von mir." Kaum ruht sie selig in seinen Armen, so eilt Susanna auf Anton zu und spricht zu ihm: "Herr, waffnet Euch, oben in der Stadt, im Wirtshause wird heftig gefochten, viel fremdes Volk ist in der Stadt, die sie verbrennen wollen, alle rufen nach Seger, der muss ihr Anfuhrer sein."

Nach diesem Zuruf reichte sie ihm den Degen der Frau und einen Helm, den sie gefunden. Schon sturzen die Ratsherren herbei und einzelne bewaffnete Burger, viele sprechen von Gegenwehr. "Nieder mit den Mordbrennern!" schreien sie, aber keiner fuhrt sie, keiner weiss die Macht zu richten.

Da tritt Anton in ihre Mitte und schreit: "Wer die Stadt lieb hat, der folge mir!" Die Gewalt seiner Stimme und seines Ansehens unterwirft sich alle, Ritter Blaubart selbst stellt sich an seine Seite, keiner kennt ihn und doch trauen ihm alle, denn mit rascher Einsicht teilt er die Manner ab, lasst die Halbbewaffneten zuruck, teilt die Bewaffneten in drei Rotten, die eine fuhrt er, die andere der Ritter, die dritte Susanna. Diese drei lasst er durch drei verschiedene Strassen gegen das Wirtshaus andringen, wo die fremden Mordbrenner Seger suchen. Wo sie ziehen, geben sie den guten Burgern Mut sich ihnen zu gesellen, ihre Zahl vermehrt sich um das Doppelte, ehe sie an dem Ort des Kampfes ankamen wo die Burger eben nach allen Seiten vor den Fremden zuruckwichen, aber auf allen drei Seiten, wo sie fliehen wollten, von den frischen Rotten aufgenommen und in den Kampf zuruckgedrangt wurden.

Der Kampf war uber alle Erwartung heftig, die Gegner wohl bewaffnet und so entschieden auf Sieg oder Tod gefasst, dass alle Anerbietungen von Gnade bei ihnen abgleiteten; sie selbst hatten hinter sich die Hauser angezundet, dass keiner der Ihren im Wahne sich zu retten, den Kampf verlassen konnte, dabei schien eine Religionswut sie zu begeistern, denn sie riefen grimmig den Burgern "Ketzer! Ketzer!" entgegen, auch teilte das ausbrechende Feuer die Aufmerksamkeit des Rats und der herbeieilenden Burger. Anton half nach, wo er irgend einen Kampf zweifelhaft sah, ihn selbst scheuten die Verrater, er aber schonte sie nicht und sein Degen arbeitete in seiner Hand, dass er es selbst nicht begreifen konnte. Sein Mut drangte ihn vor, und er war fast von den Feinden umringt, als ihm die bekannte Stimme Fausts zurief: "Komm, fluchte in meine Arme, ich weinte mich blind, wenn dein Leib durchbohrt ware." Aber mit grimmem Zorne, den er nicht bewaltigen konnte es war ihm, wie in der Kindheit, wenn ihn grosse Madchen verspotteten schlug er auf den Doktor ein und streckte ihn nieder. Jetzt aber trat ein fahrender Schuler gegen ihn auf, der einen festen Degen hatte, keiner mochte da nahe treten, viele aber ruhten einen Augenblick, denn solche Kunste hatte noch niemand geschaut, aber wie zwei Arzte, welche mit ihrer Kunst bei einer Frau, die beide lieben, gegen einander wirken und beide nichts ausrichten konnen, weil sich ihre Mittel und Liebestranke einander aufheben, so fochten auch diese festen Degen gegen einander ganz vergebens, bis Guldenkamm, der bisher unter den Fremden versteckt gewesen war, mit des Frauleins Nadel, die er in seinem Busen bewahrt hatte, den fahrenden Schuler von hinten durchstach, dass er umsank. Jetzt konnte Anton erst wieder auf die Seinen sehen, da war aber alles ruckwarts gewichen, ja alles ware verloren gewesen, wenn nicht die, welche am Markte von ihm zuruckgelassen worden, jetzt verstarkt ihnen zugezogen waren. Unter diesen waren endlich auch gute Schutzen, die ihre Musketen geladen hatten und den Kampf entschieden, da gab es ein Bucken, ein Schreien zu allen Heiligen, ein Fluchen und Wurgen; die Fremden wurden endlich in den brennenden Hof des Wirtshauses getrieben, nachdem sie ihre grosste Zahl verloren hatten. In dem Jammer dieser Glut suchten sie wieder hinauszudringen, da sturzte aber das Gebaude zusammen und die letzten schrieen mit grosser Wut, aber unerschutterlicher Festigkeit Rache und Trotz gegen die ketzerische Stadt.

Jetzt liess Anton den Burgern noch nicht Zeit ihre Gefallenen zu betrauern und ihre Gefangenen auszuforschen, dem Feuer musste erst Einhalt getan werden, das mit unermudlicher Tatigkeit um sich griff und zerstorte. Anton befahl, einige kleinere Hauser, die den brennenden Teil mit dem ubrigen Teile verband, niederzureissen, er selbst stieg voran und half mit seiner Starke; als diese Arbeit beendigt, liess er die Spritzen an diesen Ubergangsorten sammeln, jenen Teil aber dem Feuer Ubergeben, das ihn auch in einer Stunde nach dem Kampfe bis zu den Kellern ausgebrannt hatte. Die Wachen blieben noch immer an ihren Stellen; jetzt aber, wo man mitten in dem Jammer und in der Freude der Burger, die siegend viele der Ihren verloren hatten, zu der Untersuchung schreiten wollte, verkundeten die Horner aller Turmwachter die Ankunft eines Heeres. Das Zutrauen zu Anton hatte sich bis zu einer gottlichen Verehrung durch den Erfolg vermehrt, jeder wusste von seinem wunderbaren Kampfe mit dem fahrenden Schuler zu erzahlen, der allerdings ein Erzzauberer gewesen sein musste; jeder fragte jetzt um seine Befehle und er liess schleunig die Tore schliessen, die Brucken aufziehen und die Burger, die endlich alle bewaffnet waren, den Wall besetzen, die Ermudeten mit Wein aus den Ratskellern starken, auch Speisen durch die Weiber herbeitragen.

Der anziehende Haufe wurde an seiner unordentlichen Bewegung, an dem unbestimmten Blinken mannigfaltiger Waffen, an den Feuersaulen, die hinter ihm aller Orten aufgingen, fur ein Bauernheer erkannt, das sich unter Anfuhrung des armen Konrad schon seit einem Monat versammelt hatte. Bald trieb der Wind den hohen Staub uber die Stadtmauer, auch klang das alte Spottlied: "Der Schwabisch Bund kummt, die Gurr gumpt, da drunten, da droben, da kummen die Schwoben mit der kleine Gillegeia, mit der grossen Gunggung."

Anton vertrieb ihnen dieses Zutrauen, indem er auf einen Wink erst alle kleine Gewehre, dann alle grossen Stucke gegen sie losbrennen liess. Diese unerwartete Anrede wendete sie in einem Augenblick allesamt um, die Getroffenen ausgenommen, die jammerlich am Boden schrieen; sie zogen sich in eine Entfernung, wo sie vom Geschutz nicht mehr erreicht werden konnten. Kurz darauf ritt ein Trompeter bis nahe ans Tor und begehrte eine Unterhandlung, Anton musste auf Begehren der Ratsherren zu ihnen heraustreten. Der Abgesandte bei dem Trompeter war der arme Konrad selbst, er bot der Stadt Friede und Schonung ihrer Dorfer an, wenn man ihnen alle Freunde, die wahrscheinlich bei ihnen gefangen seien, ausliefern wolle, insbesondere erkundigte er sich nach Seger, der uber alle Haufen den Oberbefehl fuhrte. Anton sagte ihm, dass er tot sei. Da wollte Konrad schier aus der Haut fahren, er schlug sich gegen die Stirne und weinte die hellen Tranen, ein paar seiner Leute begehrten von ihm Rat, er aber sprach: "Ich bin nicht Konrad, sondern kein Rat. Der arme Konrad heiss ich, bin ich, bleib ich!" -Anton erzahlte ihm alle Greuel, wie es in der Stadt ergangen, ehe sie der Fremdlinge Meister geworden seien, Konrad redete granzend dazwischen: "Ja war Seger nur nicht so fruh gestorben, da waren wir diesen Morgen schon in der Stadt gewesen und hatten gewirtschaftet; da er uns kein Zeichen mit dem Tuche an der Mauer gab, so schlichen unsre Kundschafter zuruck und meinten alles bis morgen aufgeschoben; was mag dem guten Bruder angekommen sein, ach gnadiger Herr, es ist mit der Mutter Maria gar nichts mehr, sonst war es uns besser gegangen, sagt guter Herr, was habt Ihr in der Stadt fur einen Patron, wir wollen uns auch darunter begeben."

"Hor du arme Seele", sprach Anton, "du bist auch wohl zum Heerfuhrer geworden, du weisst nicht wie?"

"Ja Herr, woher wisst Ihr das?" sprach Konrad, "seht Ihr's mir an der Nase an? ja verflucht! meine Nase hat mich immer verraten, seht nur, ich war ein armer Knecht des Herzogs von Wurttemberg in Beutelsbach und da sagte mir einmal der Seger, der Herzog sei ein Mensch wie ich; das kam mir gar wunderlich in die Gesinnung, ich fragte den geistlichen Herrn, was jenen zum Herzog und mich zum armen Konrad gemacht habe, der sagte mir, der liebe Gott, und weil wir beide, der zum Herzog und ich zum Konrad geboren, so seien wir auch hochsten Orts dazu gewahlt und mussten wir dabei bleiben. Damit war ich ruhig und wurde bald darauf von einem hitzigen Trunk sehr krank und der Geistliche sagte, ich solle mich nur drein ergeben, ich musse sterben. Ich sagte ihm aber kecklich: 'Nein Herr, so geb ich mich noch nicht', und er musste unverrichteter Sache abziehen, ohne dass er mich zum Tode vorbereiten konnte. Da wurde ich bald darauf wieder gesund, sass einen Monat nachher auf meinem Kirschbaum und pfluckte mir Kirschen der geistliche Herr ging darunter weg und sah mich nicht, da liess ich ihm ein Dutzend Kirschen auf die Nase fallen. 'He Konrad' sprach er, 'seid Ihr's, wie geht's Euch?' 'Recht gut', sprach ich 'ich bin auf einen grunen Zweig gekommen, aber sagt Herr, wo war ich jetzt, wenn ich Euch gefolgt ware und mich ins Sterben begeben hatte.' Seht Herr, seit dem Tage kriegte ich einen festen Mut; was mir nicht recht war, das sagte ich und litt es nicht, wo etwas auszufechten war, da sprach ich..."

"Sprech Er nur nicht zu lange", sagte der Trompeter zu dem Feldherrn, "ich habe meine Zeit auch nicht gestohlen!"

"Was ist Er?" sprach der arme Konrad; "Er ist Trompeter, also schweig Er, wenn sein Kriegsoberster redet, wie soll ich Krieg fuhren, wenn jeder Schliffel drein spricht."

"Recht so", sagte Anton, "Ihr versteht's, das ist Kriegsordnung."

"Nun hort Er wohl", sprach Konrad, "der Herr sagt's auch, immer soll ich unrecht haben, sie sehen es mir alle an, dass ich nur ein dummer Bauer bin. Sie horen mich doch noch an, was ich so in meiner Dummheit rede, aber die Ochsenpantoffel lachen mich immer aus." Nun gnad'ger Herr, da kam die neue Pfennigsteuer und die neuen Masse in unser Land, das fand ich ganz unrecht, Mass ist Mass, und was wir zu geben hatten, das gaben wir lange; als wir so zusammen waren, sprach ich daruber und alle gaben mir recht; da nahm ich meinen Stock, machte einen Kreis und sagte: 'Wer den Pfennig nicht geben will, der komm in diesen Kreis.' Da gingen sie alle hinein und so weit war es recht gut mit dem Spass, aber da war gleich der Geisshirte und der Hammelmann, die sagten, ich solle ihr Feldoberster werden, oder der Teufel sollte mich auf der Stelle holen. Es waren ein paar starke Kerls, rechte Knochenbrecher, was sollte ich mich wehren, ich sagte ihnen: 'Meinetwegen, wenn's nicht anders sein soll'; wenn unser Herr Treibjagen hielt, hatte ich oft schon die Jungens angestellt. Da war alles richtig."

Ein Bauer kam jetzt mit grossem Zorne: "Oberster, wir hauen Euch das Fell lederweich, wenn Ihr nicht bald den Kram abschliesst."

"Bedanke mich fur eure Dienste", sagte Konrad, "mag nicht mehr euer Feldoberster sein, alle Tage Prugel zu kriegen, man mag tun, was man will, das halt kein Mensch auf die Lange aus; wenn es Euch recht ist, gnad'ger Herr, so gehe ich mit Euch in die Stadt, Ihr braucht doch wohl einen Hausknecht, ich bin fleissig und diese Geschichte soll meinem Vorwitz eine rechte Warnung sein."

Die andern Bauern und der Trompeter wollten uber den armen knickbeinigen Kerl mit derben Fausten herfallen, aber Anton schmiss sie zuruck, versicherte ihn seines Schutzes und liess den Bauern durch den Trompeter sagen, wenn sie nicht liefen, dass ihnen die Beine ausfielen, so mochten sie wohl nimmermehr gesund nach Hause kommen, dann ging er mit seinem armen Konrad in die Stadt, den er sogleich als Knecht in seine Dienste einsetzte und bestallte mit dem Amte eines Stallknechtes.

Der Ubergang ihres Oberfeldherrn Konrad, die Nachricht von Segers und der Seinen Tode hatte schon gewirkt, noch ehe Anton dem Rate Bericht uber seine Sendung abgestattet hatte, die Burger sahen mit Jubel den schnellen Ruckzug der Bauern und sangen Schandlieder hinter ihnen her: "Vor einem Knall sind sie geflohn, gelobt sei unser Herr Anton." Alle dankten ihm jetzt feierlichst fur seinen Heldenmut und Klugheit, die Tochter des Ratsherrn, die ihn gestern erstechen wollte, uberreichte ihm mit einem zartlich verwirrten, beschamten Blicke einen Kranz und einen herrlichen roten Mantel mit Gold gestickt. Beides musste er anlegen, um zu dem Rate hinauf zu gehen, der ihn in einer ernsten Rede begrusste und den Ritterschlag durch des Kaisers hohe Hand ihm zusicherte. Anton achtete wenig auf diese Rede, denn hinter dem Redner im Dunkel begrusste ihn die zartliche Gestalt mit solcher Heftigkeit, dass er erhitzt vom Kampfe sich kaum bemeistern konnte; alle lieblichen Jungfrauengestalten, die ihn mit Gertraud umgaben, unter denen auch viele waren, die er im Bade gesehen hatte, verschwanden gegen den gluhenden Reiz, die schamlose Lockung der zartlichen Gestalt, alles, was zu seiner Ehre gesprochen war, schien ihm zum Arger gesagt, denn seine ganze Sehnsucht strebte nur nach dem Augenblicke mit der frechen Schonen allein zu sein. Neue Qualen hinderten ihn, als jetzt noch die verwundeten Gefangenen, nachdem die Frauen entlassen, in seiner Gegenwart zum Verhore gefuhrt wurden, aber die Lichter, die jetzt den Saal erhellten, verdrangten den zartlichen Schatten, er gewann der Fassung und Uberlegung genug, die Entwirrung alles Ratselhaften in den Begebenheiten der letzten Tage mit Ruhe abzuwarten und abzuhorchen. Der fahrende Schuler, welchen er niedergestreckt, wurde noch lebend hereingetragen; er litt furchterlich in den Qualen seines Gewissens, mehr als an seinen Wunden, und erklarte, dass er in Rom von Monchen mit Seger und vielen hundert andern, die sich nur aus Zeichen kannten, ausgesendet worden sei, die Lander, in denen sich ein Anhang Luthers zeigte, durch Brand und Aufruhr zu verwusten. Ihm wurde ein Geistlicher gerufen, dem er sein Bekenntnis schwer atmend in abgerissenen Satzen ablegte, die Reihe seiner Brandstiftungen ubertraf seine Krafte; durch geheime Zeichen, die nur den Seinen bekannt waren, heftete er das Verderben an friedliche Wohnungen, deren Bewohner sie sahen und als kindische Spielerei duldeten, wo bald das Feuer zu ihrem Verderben eingelegt wurde; selbst den Vogeln, deren Schutz sonst Segen uber die Hauser bringt, den frommen Schwalben, hatten sie oft brennenden Zundschwamm an die Fusse gebunden, womit sie in ihre Nester geflogen sind und ihre Jungen zuerst dem Tode und ihre Schutzer dem Verderben ubergeben haben. Hier erfuhr Anton, dass der Brand in dem Frauenhause zu Augsburg, der heimlich sein Gewissen beschwerte, ein langst beschlossener Bundesstreich dieser Rotte war, der ihnen aber durch Antons Handel und die dadurch erweckte Besorglichkeit der Burger weniger eingetragen hatte, als sie erwartet. Daher der plotzlich wieder erwachte Ingrimm in Segers Herzen, dessen ganzes Verhalten zu Anton, wie der Schuler meinte, noch besondere Grunde haben musse, er sei zuweilen sehr angstlich um ihn besorgt gewesen. Der Schuler fieberte dann allerlei Geschichten unter einander, endlich kam er auf den Anschlag gegen die Stadt, nannte die Orte, die von Seger zum Feuereinlegen bezeichnet gewesen waren, welches Feuer schon in der Nacht hatte auskommen sollen, um die Burger am Morgen in der grossten Verwirrung zu uberfallen, er bezeichnete den Ort der Mauer, wo er mit seinen Gesellen eingeschlichen war. Er habe im Wirtshause das erste Feuer einlegen sollen und sei fast damit fertig gewesen, als er in der Kammer von einem fremden Knaben ein Gebet vernahm, der sich und die ganze Stadt in die gnadige Vorsorge Gottes befohlen und bekreuziget habe; die Stimme habe aber auf eine Stelle in seiner Seele getroffen, die er hart zugefroren gemeint und jetzt so weich gefunden, dass sein ganzer Vorsatz darin versunken. Gleich habe er das eingelegte Feuer geloscht und einige Hauser weiter eingelegt, er habe sich erkundigt, wer der Knabe sei, und man habe ihn Kurt genannt, er sei mit Seger gekommen; was ihn aber uber alle Beschreibung geargert, denselben Knaben habe er am Morgen im Gefechte uberall gegen sich gefunden und ihm doch nichts anhaben konnen, er wisse selbst nicht, wie ihn das so wild gemacht, dass er darum auf Anton so unermudlich losgestossen.

Dieses war seine letzte Erzahlung, seine Notseufzer verkundigten sein Ende, ein Kinnbackenkrampf schloss ihm den Mund, durch den nur ein dumpfes Schlucken hervorscholl. Die allgemeine Ermudung machte der Sitzung ein Ende, die notige Vorsicht fur die nahende uberschattende Nacht auf den Wallen und bei der Brandstatte beschaftigte Anton noch einige Zeit, dann fuhrte ihn der Ratsherr Ehinger, der Vater der schonen Gertraud, nach seinem Hause, um ihn dort zu bewirten und zu betten. Vergebens weigerte sich Anton aus einer Bescheidenheit, die ihm im Glucke immer eigen war, bei ihm zu nachten, doch drang er sehr ernstlich darauf, erst von seinen beiden Gefahrten, Guldenkamm und Susanna Nachricht zu bekommen.

"Fur die ist langst bei mir gesorgt", sprach der dienstfertige Mann, "was werdet Ihr aber sagen, werter Ritter, wenn ich Euch versichere, dass jetzt die Zeit gekommen, wo die Schmetterlinge aus ihren Larven fliegen und in der Sonne glanzen."

Anton verstand ihn nicht, jener fuhr fort: "Ihr werdet sehen, dass ich eine neue Tochter gewonnen, da mein Sohn verloren und meine Tochter durch Heirat mir entfremdet wird, und einen Sohn wohl zugleich, wenn ich die jungen Leute recht verstehe. Ihr seht mich gross an und legt den Finger an den Mund, ich will's Euch erklaren, der Kurt von hier, der in fruheren Jahren zu Waiblingen bei einem reichen Vetter sich aufhielt, von dem nach Augsburg geschickt wurde auf die Stadtschule und dort durch bose Lust verfuhrt, mit einem offentlichen Madchen fluchtete, jetzt hort, leise, denn mein Schmerz kann es Euch nicht laut sagen: ist eben der fahrende Schuler, der durch Euch und Guldenkamm gefallen ist; macht keine Entschuldigung, ich lese sie auf Eurem Gesichte; Ihr tatet ein herrlich Werk, ich hatte es selbst vollbringen mussen, wart Ihr nicht gewesen, es war ein Ausbund von Verderben in diesem Knaben. Der Himmel hat ihn mir schon reichlich in Eurem Kurt ersetzt, der Susanna heisst, und in edler weiblicher Tracht alle unsre Madchen an Ausdruck und edlem Leben ubertrifft, ein Hieb hatte den Wams gelost, ich erkannte ihr Geschlecht und gebe sie ihrem Geschlechte zuruck, Guldenkamm ist zum Vergehen in sie verliebt und verlasst sie keinen Augenblick."

Mit diesem Gesprache hatten sie sich dem Hause des Ratsherren genahert, Anton, von allen Gefuhlen besturmt, nahm doch mit tiefem Schmerze wahr, dass ein Jammer uber den nahen Verlust Susannens diese alle uberwaltigte; schweren Herzens trat er in den Saal und mit einem freudigen Rufe sprang ihm Susanna entgegen, die auf einem Ruhebette eingeschlummert war. Er staunte, als er sie jetzt anschaute, und vergass daruber, Guldenkamm fur die Kuhnheit zu danken, mit der er dem Gefechte zwischen ihm und dem fahrenden Schuler ein Ende gemacht hatte; er sah sie in vollendeter weiblicher Reife vor sich stehn, so schnell hatte das tatige Leben, worin er sie gesturzt, ihre Entwickelung beendigt. Ihre verbrannte Haut, im Antlitz und an den Handen, wie eine fremde Farbung neben dem weissen Schnee ihrer Arme und ihres Halses, erinnerte an einen Ubergang aus einem sehr verschiedenen Lebensklima; in aller Bewegung erschien sie sonst in dem Ebenmasse und der geschickten Verbindung einer Frau, die lange in den besten Gesellschaften ihres Geschlechts gelebt hatte; der Anstand war ihr etwas Eingebornes, kein Angelerntes, sie konnte ihn nicht lassen, also konnte sie auch nicht dagegen sundigen. Bald erhoben sich noch andere befreundete Hausgenossen; Ritter Blaubart, der an seinen fruheren Wunden litt und an diesem Tage wieder ein paar leichte Wunden erhalten hatte, bat Anton zu ihm zu treten und bot ihm seine Hand, um damit allen vergangnen Streit auf ewig aus seinem Herzen auszuloschen. Anton gab ihm mit freundlichem Entgegenkommen beide Hande und schwor ihm, dass er sich auf ihn verlassen durfe, wo er ihn irgend brauchen konne. Fraulein Gertraud war bei dieser ganzen Verhandlung in einer wunderlichen Bewegung, die aber Anton wenig beachtete, weil er innerlich ganz mit Susannen beschaftigt war; sie wandte sich mit einer Unruhe, mit einer fliegenden Rote so oft zu ihm, schien um ihren Brautigam so gar nicht mehr unruhig, und wahrend sie jenem mit steter Aufmerksamkeit Wein und Fruchte und was die Kuche vermochte darbot, liess sie diesen mehrmals nach einer Labung bitten, die sie ihm dann eilig darreichte, um von Anton etwas Neues zu vernehmen. "Mein Kranz hat sich auf Eurer Stirn verruckt", sagte sie plotzlich, als nichts seine Aufmerksamkeit gewinnen wollte, stellte sich vor ihn, ruckte an dem Kranze und druckte ihm zuletzt einen bekampften Kuss auf die Lippen, von dem sie aus Verlegenheit uberlaut lachend, sich zu ihrem Vater umdrehte und sagte: "Lieber Vater, den Kuss war ich unserm Befreier noch fur alle jene schuldig, die ich gestern auf meinen Knieen verschwendet habe, um ihn schnell hinrichten zu lassen." Der Vater lachte und sprach: "So seid ihr Madchen, so war auch meine Frau selig; wenn ich an einem Tage alles getan hatte, worum sie mich gebeten, sie hatte mir dafur am nachsten Tage die Augen ausgekratzt; was wird aber der fremde Ritter dazu sagen, von einem Madchen gekusst zu werden." "Ihr seht ja, dass ich schweige", sagte Anton, "denn im Grunde kusst das Fraulein in mir nur ihren Ritter, weil sie ihn nun ungestort besitzt und mir etwas Verdienst darum zuschreiben will."

Fraulein Gertraud schien mit dieser Auslegung nicht zufrieden und durfte es sich doch nicht merken lassen; als sie aber Antons Seite beim Nachtessen besetzt hatte, da druckte sie ihm zartlich die Hand, und er musste es erwidern, weil er uberhaupt niemand leicht etwas abschlagen konnte. Doch beschaftigten ihn diese Zeichen wenig, er sehnte sich nach einem Augenblicke mit Susannen allein zu sein, und doch fand sich keiner durch die stete Gegenwart und Gesprachigkeit des Frauleins, die immer lebhafter in ihn drang, alle kleinen Umstande dieser Tage zu erfahren. Anton erzahlte endlich den ganzen Vorgang ausfuhrlich, vergass auch der Goldstucke nicht, die in sein Gefangnis geworfen worden und die dem Ratsherren durch ihre Jahreszahl als ausserst selten bekannt waren, er behauptete, dass niemand in der Stadt einer solchen Freigebigkeit fahig sei. Anton erzahlte dann auch von seinem wunderbaren Traume und von den Blumen, die er am Fenstergitter gefunden, dabei bemerkte er, dass sich Susanna entfarbte, er brach also ab, weil er eine weibliche Gespensterfurcht in ihr voraussetzte, und ging zu der frohlichen Unterredung mit dem Obersten der Bauern uber, den er zu diesem Zwecke ins Zimmer kommen liess, nachdem er sich einen Teller voll kleiner Kieselsteine bestellt hatte. "Konrad", sagte Anton, als jener besorglich eingetreten und an der Ture stehen geblieben war, "Konrad, wie geht es dir?" "Den armen Konrad hungert", antwortete Konrad, "und da sage ich immer, ein Mensch ist doch immer ein Mensch und alle Menschen sind Sunder, ich bin freilich ein Sunder, aber ein Mensch muss doch immer essen."

ANTON: "Konrad, mochtest wohl gern mit deinem Herrn an einem Tische essen."

KONRAD: "Und aus einer Schussel noch lieber."

ANTON: "Meinst du denn, wir essen mehr als ihr armen Leute?"

KONRAD: "Ihr esst doch, so viel Ihr wollt und was Ihr wollt."

ANTON: "Das weisst du nicht, sieh Konrad, wenn ich so feste Bauernklosse sehe, womit Ihr Euch die Kopfe einschlagen konntet, da hab ich immer grosse Esslust, aber die sind zu schlecht auf einem Herrentische, die darf ich nie fordern, komm einmal her, ob dir unsre Kost schmeckt und ob sie dir wohl bekommt."

Konrad setzte sich ohne Umstande Anton zur Seite, der einige Kieselsteine vom Teller nahm, mit einer Bruhe ubergoss und herunterschluckte; der arme Konrad war freilich schon von dem Geklapper dieses Gerichts uberrascht, meinte aber, es seien indianische Eier, nahm sich eine tuchtige Portion und biss sich darauf einen Zahn aus.

Anton fragte, ob er sich den Backenzahn ausgebissen hatte.

"Ich bin der arme Konrad", sagte er und ging unter dem Gelachter der Ratsherren heraus, "und will der arme Konrad bleiben, Hoffart will Zwang haben, von solcher Speise kriegt unser einer Zahnweh."

Anton warf ihm einen Braten zu, der stehen geblieben war; Konrad vergass den Schmerz und rief: "Heida, hier ist's besser unterm Tische als an dem Tische sitzen." Anton sehnte sich jetzt nach Ruhe, es wurde seine Gesundheit getrunken und die Stadtpfeifer liessen sich mit einer Musik vor den Fenstern horen, er nahm ein Licht und dankte allen, da nahm ihm Susanna nach alter Gewohnheit das Licht ab und wollte vorleuchten, Anton sah sie traurig an. "Seit du in diesen Kleidern umhergehest, kannst du mir nicht mehr als ein dienender Knabe vorgehen, Kleider machen Menschen!"

"Lieber Herr", sprach sie zuchtig, "ich mochte mit Euch ein Wort allein sprechen, ist mir das auch nicht vergonnt?"

"Nicht zu aller Zeit und an jedem Orte", sagte er, "fuhre mich nicht in Versuchung, sondern erlose mich vom Ubel."

SUSANNA: "Lieber Herr, es ist etwas sehr Gutes, was ich Euch sagen mochte."

Anton wollte sie eben mitnehmen, als Fraulein Gertraud dazwischen trat und Susanna mit der Bitte an sich zog, sie mochte bei ihr schlafen, der Ritter sei mude und bedurfe der Ruhe. Susanna schien sich ihr ungern zu fugen, Anton ging auf sein Zimmer, schlaftrunken und von Susannen erfullt, vergass er aller Zartlichkeit des Gespenstes, dann wollte er einschlafen, aber die zartliche Gestalt stand wieder mit unendlich freundlichen Reden vor ihm.

"Wer lohnt deine Muhe, wer preist deinen Ruhm", sprach sie, "ich allein, alle andern denken nur an sich, wenn es dunkel wird, ich sehe dann, ob du schlafst, und wache, wenn du von der Welt nichts weisst, bei deinem Lager; wer ist dir treu? ich allein; wer ist schon? ich allein, denn in mir sind alle, die dich lieben." "Schon bist du", sagte Anton, "ich mochte dich malen, wart, dass ich dich anschaue und in mein Gedachtnis prage." Kaum blickte er sie so fest an, so war sie verschwunden und er schlief ruhig bis zum Spatmorgen. Kaum war er angekleidet, so klopfte es mehrmals furchtsam an seine Ture, er offnete und es trat Susanna in der Kleidung eines Mannes zu ihm herein. "Sollte mich der Schmuck von Euch trennen", sprach sie, "lieber wollte ich in Lumpen umhergehen, verwundert Euch nicht; bis ich in den Kleidern einer Frau fur Euch sorgen kann, bleibe ich so, ich habe Euch viel zu erzahlen, gewahrt mir Aufmerksamkeit. Jener Unbekannte, der Euch die Goldgulden verehrt hat, war ich, denn ich hatte auch die Blumen an Eurem Fenster zuruckgelassen, wie aber die Kreuzer und Heller, die wir im Wirtshause mit Komodienspielen erworben haben, sich in Goldgulden verwandelt haben, weiss ich nicht, so wenig, wie die Blumen, die Seger auf dem Tische kunstlich hatte wachsen lassen, ihm selbst so gefahrlich werden konnten. Seht hier den Beutel, derselbe den ich von Eurer Frau empfing, ich meine, dass in ihm die goldmachende Kraft heimlich verborgen sei, Ihr musst ihn versuchen, denn wahrhaftig, in dem Degen, der so unscheinbar ist, mussen auch geheime Krafte wirken, da er in so vielen Angriffen glucklich bestanden ist." Sie versuchte jetzt den Beutel und warf ein paar kleine Munzen hinein; wie sie diese umschuttelte, fielen ein paar Goldstucke heraus. "Bei Gott", rief Anton, "das ist ein Fortunatussackel, nun bin ich fur immer ein gemachter Mann, will mich aber in acht nehmen, dass ich nicht so schandlich darum komme, wie die alte Historie von jenem berichtet. Gleich, Susanna, lass einen Goldgulden in Kreuzer wechseln, ich will mir so viel Geld in dieser edlen Munze pragen, dass ich meiner verfluchten Frau ein Geschenk mache, das mehr wert ist als ihre alten Becher und alle alten Klappern ihres Hauses zusammengenommen, bei Gott, sie soll eine Achtung gegen mich bekommen, als ware ich ein Dukatenmacher, und wenn sie sich vor mir auf die Knieen wirft, so will ich stolz voruberreiten und mein Pferd soll ein Paar goldne Hufeisen fallen lassen, die sie begierig hinter mir aufnehmen wird und wenn auch Pferdeapfel darauf lagen; mach schnell und wechsle, es ist die einzige Lust, die ich kaum erwarten kann, dann will ich auch dem Ratsfreunde seine Hosen wieder schicken und meine Schuld dreifach bezahlen und ein Bundel Ruten, womit die Frau zu ihrer Bessrung wie ein Sandland bepflanzt werden muss, dabei legen, auch den andern Wirt will ich bezahlen und dann Almosen geben, dass Pforzheim in einem halben Jahre schoner aufgebaut ist, als es je gestanden." Heiter ging er in diesen Gedanken auf und nieder, von Wurden zu Wurden hob er sich empor, erkaufte Lander, erweiterte durch Eroberung, und die Krone auf der Kronenburg, die das vereinigte Deutschland beherrschen sollte, fuhlte er schon auf seiner Stirne, ihm ward so wollustig, da stand die zartliche Gestalt in dem Dunkel des Zimmers vor ihm. "Und dir", rief er wutend, "dir werf ich diese Handvoll Dukaten an den Kopf, damit du kommst, wenn ich dich rufe, und wegbleibst, wenn du mich storst." Sie verschwand, Susanna trat mit einem Beutel voll kleiner Kupfermunzen herein, die sich schnell in einen Schatz von Golde verwandelten. Er verfuhr damit, wie er beschlossen, ein angesehener Kaufmann schaffte ihm ein Paar viel prachtvollere Becher, als die er damals seiner Frau heimlich verkauft hatte.

Guldenkamm, der von dem Kampfe kaum ausgeschlafen hatte, musste die Wirte bezahlen und necken, dann liess Anton in der ganzen Stadt die Armen, die beim Brande das Ihre verloren, nach dem Rathause vorfordern, um dort eine Unterstutzung zu empfangen. Welcher Jubel von allen Seiten, als die Goldgulden so leicht wie die Kreuzer verschenkt wurden, der Beutel musste den ganzen Tag ununterbrochen arbeiten.

Sehr verlegen trat aus der Menge sein erster Wirt im Hopfenblatte, der kleine Ratsfreund, zu ihm: "Die sich zuerst verkennen, erkennen einander spaterhin am besten, wer zuletzt lacht, der lacht am besten, meine Frau ist durch Gottes Fugung verbrannt, ich heirate in meinem Leben nicht wieder, herzlichen Dank fur die gnadige Zahlung, ich habe viel verloren in diesem Brande, aber meiner Frauen Tod macht aus einem geschlagenen einen reichen Mann, ich und mein Georg wissen vor lauter Vergnugen nicht, wo uns der Kopf steht; was von Gott kommt, das gedeiht durch Gott, was aber vom Teufel kommt, das geht mit dem Teufel unter, meine Frau ist wie ein Feuer in mein Haus gekommen und mit dem Feuer hinausgezogen, ich verlang nicht selig zu sein, wo sie es ist."

"Ja", sagte Anton, "es ist erschrecklich, wie leichtsinnig wir Manner zu den Weibern kommen, hutet Euch kunftig davor, wenn Ihr Eure Hosen behalten wollt, Ihr habt der ganzen Stadt immer so gut geraten, aber die ganze Stadt ist dafur an Eure Frau geraten und das taugt nicht."

So schieden sie mit weisen Spruchen auseinander, Guldenkamm kam wie aus einem Triumphzuge aus allen Kneipen der Stadt zuruck; ganz behangen mit Kranzen und Bandern wie eine Festtagskerze, schuttelte er sich sehr argerlich, als Anton ihm anzeigte, dass er Rustung und Pferde gekauft habe, um mit dem anderen Morgen nach Waiblingen zu ziehen. Desto froher war Susanne, ein geheimer Kummer musste sie in der Stadt beschwert haben, ihre Freude war heftig, sie sprang gegen ihre Gewohnheit hoch auf und rief: "Nun wird alles gut, Ihr kehret heim zu Eurer Hausfrau, lebet treu und ehrlich und ich kann ungekrankt in Eurer Nahe mich in allem unterrichten lassen." "Nein liebes Madchen", sagte Anton, "du hast meinen Fluch gehort, jenes Gluck ist fur mich kein Wunsch mehr, es liegt hinter mir, aber ich will seine Grabstatte noch uberreiten, um seiner zu spotten, es liegt mir wie ein Balken auf meinem Haupte, dass mein Weib noch immer in sich triumphiert, wie ich in Not schmachte, als ein armer Wicht und meint mich bestraft fur den unschuldigen Leichtsinn, der mich erheitert hat, sie soll es sehen, dass das Gluck mir ewig treu ist, ich will ihr nichts schuldig bleiben, reichlich will ich ihr ersetzen, was sie mir geschenkt, aber wenn sie dann mich verlangt, da soll sie mich suchen und nicht finden, wie ich sie nicht gefunden habe, als ich sie suchte." Mit diesen Gedanken legte er sich auch ins Bette, er sah sich schon in stolzer Rustung uber den Markt reiten, liess sein Pferd auf den Hinterfussen tanzen, und vergass daruber der zartlichen Gestalt zu achten, als ein leises Pochen seine Tur erschutterte und Fraulein Gertraud zu ihm ins Zimmer trat, in einer Hand eine Blendlaterne, in der andern einen schon geschliffenen Degen. Anton glaubte im ersten Erwachen, sie komme in der Absicht ihn zu ermorden, aber ihr freundliches Niederknieen an seinem Bette, der Kuss, den sie auf eine Hand druckte, liess ihn eher einen Liebesgruss hoffen, wozu sein Herz auch nicht unwillig sich regte. Er hoffte ein Wort von ihr zu horen, aber sie schwieg, sah ihn zartlich an und reichte einen Degen mit dem etwas ungeduldigen Ausrufe: "Da, da!" "Soll der mein sein, soll ich ihn zu deiner Ehre fuhren?" Sie nickte und fing an ihn zu kussen, einerlei was sie von ihm wegriss, was Antons Begierden nicht bloss entflammte, sondern auch seine Ehre gewissermassen, die sie in Zartlichkeit zu uberwaltigen strebte. Dieser Wettstreit von Hoflichkeit verwirrte ihre Lage immer mehr, war ein Kuss ungewohnlich vertraulich, so wurde der Gegengruss frei und der dritte unzuchtig, der vierte hatte Anton zur Schandung der Ehre der schonen Verlobten veranlasst, wenn sie nicht zuruckgesprungen ware und geweint hatte. Anton schauderte wie ein armer Sunder daruber zusammen. "Was begegnet Euch Fraulein, welch ein Ungluck schwebt Euch wie ein Gespenst vor!" Sie aber antwortete: "Ich will allem mich unterwerfen, aber schenke mir den Degen, womit Ihr meinen Ritter uberwunden habt, er wird ihn und seine wilden Launen in meine Gewalt geben, wisset, dass schon zwei Frauen durch seine Heftigkeit gestorben sind." "Mein Fraulein", sagte Anton, "der Degen ist mir lieber als das teuerste Glied meines Leibes, Ihr fordert zu viel und es ist Torheit von Euch; was der Degen wirkt, das wirkt er nur in meiner Hand, in Eurer Hand ist er eine Gerte." "Bitte, bitte", sagte sie kindisch, "ich brachte Euch dieses prachtige Schwert, dessen Knopf in Italien von Benvenuto Cellini in Stahl so herrlich geschnitten des Herkules Taten darstellt, seht ihn bei der Lampe, wie wunderbar, und Euer Degen dagegen, halb verrostet, der Korb zerbrochen und klappernd, wie konnt Ihr mir diese Kleinigkeit versagen, und dass ich ihn fuhren kann, bei Gott, das solltet Ihr gleich sehen; wenn Ihr ihn mir geben wolltet, ich wurde Euch zeigen, und damit nieder strecken und mit tausend Kussen zuchtigen, macht die Probe!"

Anton konnte aus ritterlicher Gesinnung nichts dagegen einwenden, er reichte ihr seinen rostigen Flederwisch und bewaffnete sich mit dem neuen Degen. Gertraud drang lustig auf ihn ein, er vermied es erst sie zu beruhren und wendete nur ihre Hiebe von sich ab, deswegen ging er einigemal zuruck, der wunderliche Geist des Degens hatte sie besessen und ware er nicht durch Zufall in sein Bette gesturzt, er mochte verloren gewesen sein. Er schamte sich und wutete in sich, mochte sich das aber nicht merken lassen; der Befreier der ganzen Stadt von einem Madchen uberwunden, das schmerzte ihn, er suchte dies hinter Liebkosungen zu verstecken und seine Siegerin beantwortete diese in den abenteuerlichsten Abirrungen einer Romanphantasie, wollte er aber seiner Lust gemass sich an ihr erfreuen, da drohte sie ihm mit dem Degen. Ergrimmt daruber wollte er sich in den Degen sturzen, aber sie wich vor ihm und fluchtete sich mit dem Zauberdegen von ihm fort. Seine Wut war entflammt, er ging in Konrads Nebenzimmer und fragte, warum er nicht ihm zu Hulfe gekommen sei, er sei von einem Fremden uberfallen worden. Konrad kam schweisstriefend unter der Decke heraus und sagte: "Herr, das war unmoglich, erst horte ich Degen klingen, da verkroch ich mich unter der Decke, davon kriegte ich solche Hitze und solchen Schweiss, dass wenn ich aufgestanden ware, ich mich sicher erkaltet hatte, die Nachte werden wahrhaftig schon kalt." Anton konnte uber den armen Teufel nicht lachen, er hatte sich gerne Luft gemacht, seine Unruh liess ihn nicht zum Schlaf kommen, gern hatte er den Schimpf vergessen, aber er durfte nicht laut schimpfen; er hoffte auf das zartliche Gespenst, um seine Galle dagegen auszuspeien Aber auch das blieb aus und nachdem er die Stunden auf und nieder schreitend in seinem Zimmer gemessen hatte, wurde es hell, da wurde es ihm wehmutig in seinem Herzen, er liess sich auf ein Knie nieder und betete zu dem Gestirn, das in alle Naturen Klarheit gosse, ihn von diesen grauenvollen Wunderlichkeiten, die ihn umdunkelten, zu erheben, in die Arme der einen ewig einigen Liebe zu legen, die einst im gemeinsten Leben ihn so sicher und fest, so erfullt von einem, so erheitert von allem in ruhiger Tatigkeit geduldet hatte, "vorher aber", rief es in ihm, "rache mich an dem Weibe, das mich in diesen Abgrund von Zweifeln durch Geiz und Zank gesturzt hat, lass sie erblinden, dass du der Welt nicht dein strahlendes Auge entziehen musst."

Susanna trat jetzt zierlich gerustet herein, sie sagte, dass alles auf sei, und eine Schar der edelsten Burger habe beschlossen ihn zu begleiten. Anton sah sie nicht an, er musste die Augen niederschlagen, ein Ekel vor der Nacht schlug ihn selbst nieder und als sie nach dem Zauberdegen fragte, da wusste er kaum, was er antworten solle. Er zwang sich zum Lachen und sprach: "Sieh, ich habe gut getauscht, was haltst du von dieser damaszierten Klinge, von dem herrlichen Gefasse?"

"Recht schon", sagte Susanna, "dieser tragt seine Schonheit ausserhalb, jener hatte sie in sich."

Anton schwieg, er fuhlte, dass sie recht habe, er hatte heute den ganzen Tag schweigen mogen und still und einsam seinen Weg fortreiten, aber nun musste er noch so viel Grusse, so viel Feierlichkeiten ausstehen, schon stand der Haufen reitender Burger in einer Reihe vor dem Hause, die Trompeter schmetterten lustig in die Morgenluft, die Pauker wirbelten und liessen ihre Paukenhammer durch die Luft spielen, die Fahne wehte und die Glocken lauteten. Jetzt gab ein Schiessen mit kleinen Gewehren das Zeichen der Feierlichkeit, die Burgerschaft ruckte von allen Seiten an, der Ratsherr trat in sein Zimmer und bereitete ihn auf ein feierliches Lebehoch, das ihm von den Einwohnern, verbunden mit den fremden Badegasten gegeben werden sollte. Er trat mit ihm ans Fenster, der Ratsherr wollte das Fenster ausheben, konnte aber damit nicht fertig werden, Anton griff zu und hob es mit einem Drucke aus den Angeln, welche Freundlichkeit der ganzen Burgerschaft ungemein wohlgefiel. Jetzt begannen die Zunfte mit ihren Ehrenzeichen den Zug vor dem Fenster; da trugen die Zimmerleute ein gezimmertes kleines Haus mit bunten Bandern geziert, die Maurer alle Saulenordnungen in grossen Modellen, die Backer liessen ihren weiss angezogenen Fahnenschwinger durch eine grosse Brezel springen, kurz jedes Gewerk trug sein eigenes Zeichen mit Pracht und Zierlichkeit, jedes machte ein eigenes Geschenk und jedermann nahm an dem geretteten Wohlstand der Stadt einen gemeinschaftlichen Anteil, einen Ausdruck mit allen, der allen ein neues Band gegenseitigen Vertrauens wird. Nachdem sich alle Zunfte im Kreise gestellt, rief der Ritter Blaubart, wegen des ausgezeichneten Mutes, den er am Tage der Besturmung bewiesen, dem tapfersten und weisesten Fuhrer, Ritter Grafen von Stock, sein dreifaches Lebehoch, alles rief dreimal mit, dass Pauken und Trompeten kaum zu horen waren. Alle waren entzuckt, nur Anton sah mit innerer Scham seinen guten alten Degen in den Handen des Ritters, und seufzte in sich nach Gelegenheit ihn mit offener Gewalt wieder zu gewinnen. Seine Pferde wurden jetzt vorgefuhrt, sowohl die mit eignem Gold und Geschenken aller Art beladenen, als auch die Ritterpferde, da gab es ein Anstaunen der Pracht, er nahm einen herzlichen Abschied von seinem Hausherrn und hing ihm eine goldne Kette um, auch Gertraud zeigte sich ihm ganz unbefangen und frohlich, als sahe sie ihn zum ersten Mal, aber es war ihr noch eine Beschamung zugedacht und die blieb nicht lange aus.

Der arme Konrad hatte ihre Stimme in der Nacht recht wohl vernommen, er meinte einen seiner baurischen Spasse an ihr vollbringen zu konnen und hatte ihr im Vorbeigehen, wo er ihr den Rock zu kussen schien, einen Faden hindurch gezogen, den gab er so geschickt uber seine Schulter mit den Zugeln in Antons Hand, dass dieser, indem er sein Pferd anspringen liess, die Rocke des Frauleins emporhob, die jetzt als ein Bild der Unzuchtigkeit allgemein verlacht wurde. Dabei tat er aber so eifrig, diesen Faden abzureissen, dass er das Ubel noch vermehrte, ehe er es fortschaffen konnte. Ritter Blaubart, unentschlossen, ob er selbst zuspringen und den Vorhang herunter lassen sollte, oder ob dies die Verwirrung nur vermehren mochte, vielleicht auch etwas angezogen von dem Anblicke, bewegte er seinen Degen aus Verlegenheit in derselben Art, wie er mit den Trompetern verabredet hatte, wenn er ihnen das Zeichen des Tusches geben wollte, die Trompeter gehorchten im Augenblicke und der Tusch wurde hellaut geblasen und erstickte und vermehrte das Gelachter. Wutend schrie der Vater des Frauleins, indem er seinen Mantel uber die Tochter deckte, zu den Trompetern: ob jetzt der Tusch sein sollte. Das ward zum Spruchwort unter den lustigen Gesellen und jeder feierliche Schimpf wurde seitdem ein Tusch genannt. Der Faden war nun gerissen. Anton drehte sich um, den Vorfall gut zu machen, aber der Faden seiner Rede schien ihm auch gerissen, er musste lachen, das Fraulein lag in Ohnmacht und die Gesellen riefen einander zu, wenn sie nun weiter wanderten, kennten sie doch wenigstens das Wahrzeichen der Stadt; der Zunftmeister liess auf ihr Begehren den Vorfall in Stein gehauen an dem Hause des Ratsherrn aufstellen, der nach glucklicher Verheiratung seiner Tochter ebenfalls seine Freude daran hatte.

So frohlich war nun der Austritt Antons; vor dem Tore hatten ihm die Badegaste noch eine kleine Uberraschung gemacht, da die Bader in der Stadt abgebrannt waren, so mussten sich jetzt alle in dem grossen Weiher vor der Stadt baden, er musste nahe vorbei, alle waren hinter einem hervorragenden Ufer versteckt, plotzlich rauschten sie zu ihm hin wie eine Schar Enten, vom Hunde aus dem Rohre gejagt, sein Pferd scheute sich, er hielt es. Zwei Jungfrauen erhoben sich jetzt auf kunstlichen weissen Flugeln und setzten ihm, indem sie voruberstreiften, einen Perlenkranz auf sein Haupt, dabei sangen sie sehr anmutig:

Den Nymphen der Gewasser hast du beigestanden

In ihrem Kampfe mit dem Feuer,

Du fuhrtest sie, entlostest sie den Banden,

Du wurdest ihrer Macht Befreier,

Und siegend druckten sie die Flammen nieder

Und brachten sie zuruck zur Unterwelt,

Dich sanft zu kuhlen schwingt sich ihr Gefieder,

Du hast noch weiten Weg, du kuhner Held!

Anton dankte ihnen anstandig und freundlich. Georg kam noch zu ihm, streichelte sein Pferd und konnte sich nicht trosten, dass er schon fortritt, und wollte ihn durchaus begleiten, er beschenkte ihn mit schonen Fruchten und trostete ihn damit, dann ging der Zug munter weiter, die gute Stadt verschwand hinter ihm, Guldenkamm ritt mit Susannen neben ihm, alle wunderlichen Abenteuer ihm zu berichten, die ihnen wahrend ihrer ersten Reise hier begegnet waren. Es wurde beiden leichter, als sie sich so aussprachen. Die ungeheuren Dinge, die Guldenkamm auf seinem Herzen druckten, wie er sich mit Susannen stehe, was aus ihnen beiden werden solle, schwanden auf einmal in ihr Nichts.

Anton sprach nachdenklich: "Wenn ich diese mancherlei Hindernisse uberdenke, so meine ich, dass ihr auf diesem Wege nicht zusammenkommen solltet, ach ware ich so gestort worden, so aufgehalten, ehe ich meinen alten Drachen geheiratet, da ware ich jetzt noch ein freier Mann und konnte dich heiraten, Susanna."

"Das ware recht schon", sagte sie. Guldenkamm entflammte von Eifersucht, aber er versteckte sich, er wollte beide erforschen, ob sie vielleicht einander schon naher verbunden seien, als er in seinem zutraulichen Sinne niemals geahnt hatte. "Waret Ihr lutherisch gesinnt", sagte er und sah vor sich nieder, "da konntet Ihr rasch von Eurer Frau geschieden sein, sie hat Euch ihr Haus und Bette versagt und Susannen konntet Ihr dann heiraten."

"Sonderbar ist's", sagte Anton, "dass es in einer Lehre eine Sunde sein kann, was gleichsam die ganze Seele fordert, und die andre Lehre fur recht erklart; uberhaupt seit mir selbst so viel Wunderbares begegnet ist, denke ich uber das Wunderbare in unserm Glauben anders, ich bin allen den Wesen, vor denen ich in scheuer Entfernung selig in ihrem kleinsten Blicke wandelte, naher gezwungen, das Wunderbare in ihnen liebe ich nicht mehr, sondern ich meine es ein grosses Ungluck, womit sie behaftet sind, aber das Herrliche, rein Menschliche in ihrem Wandel schwebt mir in unerreichlicher Hohe und kame ich wieder zu meinen Farben, das wurde ich auszudrucken streben; was kummert mich jetzt die gnadenreiche Mutter Maria, die an den geheiligten Orten manchem Leidenden geholfen hat; die herrliche Mutter und Frau, deren weiser Unterricht ihr Kind so fruh gereift hat, dass es im Tempel jugendlich auftreten konnte, die alten Graubarte zu beschamen, die ist mir ehrwurdig, weil Millionen zu ihr anstreben und keiner sie erreicht."

"Herr", sprach Guldenkamm, der seit den letzten Ereignissen sich zu einer Art von ernstem Verhaltnisse gegen ihn gebunden fuhlte, "Herr, Ihr seid schon ein Lutheraner, wenn Ihr so sprecht, wenn Ihr so frei forscht uber das Religionswesen, wenn Ihr nur das ehren wollt, was Euch ehrwurdig scheint."

"Da bin ich gar schon weiter", sprach Anton, "das lange Beten unverstandlicher lateinischer Worte mag ich gar nicht mehr ertragen, selbst das Gebrummle eines solchen Beters kann mich erzurnen, immerhin mag es gut sein, wenn Menschen mit Gewalt einem Glauben unterworfen sind, die nichts anerkennen als die Gewalt, dass sie so einen Betlarmen bei einander machen, wie jede Art Vieh sich an solch Geschrei und auch die erkennt, die sie futtern; die Menschen aber, die in ihrer Erkenntnis aus den ubrigen hervorgerissen sind, denen genugt kein solches auswendig gelerntes Plappern."

"Herr, Ihr seid schon weit uber Luther", sprach Guldenkamm, "Ihr konnt Euch immer scheiden lassen."

"Aber hort", sprach Susanna, "wenn unsrer Inbrunst nun kein Wort genugt und die Stummheit unsern Herzen widerspricht, sind uns da nicht Worte willkommen, bei denen das Gefuhl stets mit Heiligkeit verweilte, die von uns nie gemissbraucht sind, weil sie uns nicht verstandlich sind, wahrend in unserer Sprache selbst die frommsten Redensarten gar oft fluchend und spottend vor unsern Ohren missbraucht sind, darum bete ich mein Ave Maria."

"Ihr wurdet Euch also niemals scheiden lassen?" fragte Anton erleichtert.

"Ich verdamme keinen, der es tut", sprach Susanna, "ich habe in Pforzheim viel fromme Leute gesehen, die sich in grosser Ehrbarkeit haben scheiden lassen, ich aber, wem ich mich verlobe, dem ergebe ich mich fur Zeit und Ewigkeit, seine Tugend und sein Laster soll mein werden, kein Geschick kann mich von ihm trennen, mir scheint eine Ehe wie das Leben von Zwillingen, die ohne dass sie es selbst wissen, zusammengewachsen sind, nur in diesem Glauben der vollkommenen Einigung konnte ich mich einem Manne ergeben."

Anton druckte ihr die Hand, es dammerte ihm eine Aufklarung seiner wunderlichen Schicksale aus diesen Worten, er aber wusste sie nicht zu deuten. Nicht lange blieb ihnen Frist von diesem innern Leben in ihnen zu verhandeln, die Reiter, welche mit ihren Pferden bisher sie nicht hatten einholen konnen, ritten jetzt in ihre Nahe und der Ritter Blaubart dankte Anton in den freundlichsten Worten, dass er ihm durch das Geschenk des Degens, womit er ihn uberwunden, den vergangnen Schmerz zu einer angenehmen Erinnerung habe umschaffen wollen; er schwor, das Schwert bis zu seinem letzten Atemzuge zu bewahren, es solle ihm den Ernst und die Wurde verleihen, die er bisher, von einem gutigen Vater verzogen, oft vergessen habe. Was konnte Anton so grossen Vorsatzen entgegenstellen, um den Degen wieder zu erhalten; sollte er ihn wegen seiner Zauberkraft ruhmen, so verlor sein Kampf und alles sein Bemuhen den Wert, im Grunde war er auch froh wieder von einer der schrecklichen Gewalten frei zu sein, die ihn bisher getrieben hatten.

Den Ritter Blaubart trat jetzt ein Haufe Zigeuner an, die mit schussfertigen Gewehren, in Vortrupp und Lauscher verteilt den Weg herunterzogen, sie hatten nichts Bosartiges im Sinn, suchten ihm aber ihre Kunst gleich deutlich zu machen, indem sie ihn als blanken Brautigam anredeten. Er musste ihnen die Hand zeigen und ein altes Mutterchen fahr zuruck, sie sagte ihm, er werde funf Frauen haben und viere davon wurden gewaltsam umkommen.

"Wie geht es mir aber dann?" fragte er lachend. Die Alte sagte: "Buch zu!"

"Diese Alte mussen wir doch etwas naher betrachten", sagte Guldenkamm, "ein bedeutenderes Gesicht ist mir nie begegnet, nicht die Zauberzeichen, womit ihr Kragen und Hemdarmel gestickt sind, erzwingen von mir einen gewissen Glauben an sie, diese Stirn, dieses Auge unterwerfen mich, lasst Euch weissagen von ihr, Graf Anton."

"Frau", sagte Anton, "lasst Euer gelbes Ungeziefer von Gesellen zurucktreten, die Kerle mit ihren sonderbaren Fellen, narrischen Waffen und unverstandlichen Reden storen mich, da ist meine Hand."

"Ei", sagte die Frau, "Eure Hand ist so breit, blanker Herr, dass sie ein Land bedecken konnte, und sie wird nicht hart darauf ruhen, ja das ware nun alles recht gut, blanker Herr, aber Ihr werdet noch heiraten, das ware alles gut, aber Ihr werdet ein junges Madchen heiraten, das nicht bis funf zahlen kann."

Susanna ward rot und Anton sah auf sie mit dem Gedanken, es konne sie wohl betruben, dass sie es nicht sei, und fragte, um einen ubereinstimmendern Sinn zu bekommen, wessen Tochter seine Frau sein werde.

"Eines Kaisers Tochter", antwortete die Frau.

ANTON: "Wann soll ich sie erkennen?"

ZIGEUNERIN: "Wenn du niemand liebst als sie."

Susanna reichte jetzt die Hand, die Zigeunerin schlug ihr leicht darauf, gab sie ihr dann, druckte sie und sagte: "Bist bald zu gross zum Hosentragen, blanke Schwester, trag die Hosen uber dein Gewissen sorgsam, dass dir nichts genommen werde, was du nicht wieder bekommst."

Guldenkamm war auch schon mit der Hand bereit, die Zigeunerin lachte: "Ihr werdet noch allen aus der Not helfen ohne selbst einen Rat zu wissen, Ihr seid ein Mann des Zufalls, seid zufrieden mit allem, was er Euch beschert, ein verstandiges Weib tate Euch not."

"Das ist infam", schrie Guldenkamm, "das Weib macht mich zum Narrn."

"Nein", sprach sie, "du wirst nur zum Narrn gehalten, aber du bist keiner, der aber dort auf einem Pferde sitzt, das er immer mit dem Zugel anzieht, wenn es still stehen soll, der hat einhundert Narrenkappen in seinem Wappen und wird Euch so gut bedienen, wie irgend ein Narr vornehme Herren bedient hat."

Jedermann sah sich um, der arme Konrad pfiff in die Luft, und merkte nichts.

Anton wollte schon weiter ziehen, indem er der Zigeunerin einen Goldgulden uberreichte, sie aber trat noch zu ihm und sprach: "Sorgt fur Susanna, ich werde sie einmal von Euch zuruckfordern."

"Wer seid Ihr, warum konnt Ihr sie von mir fordern?"

"Schweigt davon", sagte sie, "denn keine Springwurzel offnet mein Herz, wenn ich nicht sprechen darf, gedenkt, dass Ihr von der Krone auf hohem Turm auch schweigen musst. Gott behut Euch, blanker Bruder."

Die Zigeuner zogen mit ihrem wunderlichen Kram von tanzenden Baren, Murmeltieren und abgerichteten Vogeln fort. Anton zog tief in sich versenkt seinen Weg, da offnete Guldenkamm, indem er lustig zujagend seinen Gram gestossen und verschaukelt, seinen Mund und die andern sangen ihm sein frohes Reiterlied nach.

GULDENKAMM:

Fluchtig Dasein auf den Rossen,

Kuhnes Buhlen mit dem Winde

Schaut die Erde fortgestossen,

Rollet unter uns geschwinde.

CHOR:

Schaut die Erde fortgestossen,

Rollet unter uns geschwinde.

GULDENKAMM:

Brausend strecken sich die Rosse

Schmal wie einer Jungfrau Leib,

Was auf Erden ich genossen,

Dies ist schnellster Zeitvertreib.

CHOR:

Was auf Erden wir genossen,

Dies ist schnellster Zeitvertreib.

GULDENKAMM:

Grune Aste uberstreifend,

Treiben fort die last'gen Fliegen,

Durch die grunen Wiesen

Gleiten wir in Wolkenzugen.

CHOR:

Durch die leichten Wolken schweifend

Teilet euch in gleichen Zugen.

GULDENKAMM:

Unser Hufschlag schallet doppelt

An des Waldes gruner Wand,

Und die Sonne scheinet doppelt

Bebend an der Erde Rand.

CHOR:

Seht, die Sonne scheinet doppelt

Vor dem Auge froh entbrannt.

GULDENKAMM:

In den Zugen, welch Geschreie,

In den Mahnen, welch ein Hauch,

Uber uns kommt eine Weihe,

Eine Trane in das Aug.

CHOR:

Uber uns kommt ein Geschreie,

Holla ho nach Reiterbrauch.

GULDENKAMM:

Wir vergessen schon der Stunden,

Wo wir zwischen Mauern wohnen,

Sind vom Abendglanz gebunden

Freier Lieb zur Nacht zu fronen.

CHOR:

Abendglanz, wer dich gefunden,

Wird bei seinem Liebchen wohnen.

GULDENKAMM:

Lange druckte schweigend Bangen

Meines Herzens tiefen Grund,

Seit mein Ross ist durchgegangen,

Fullt mit Jubel sich mein Mund.

CHOR:

Uns erfasset doch ein Bangen

Auf dem glatten Wiesengrund.

GULDENKAMM:

Weggeworfen sind die Bugel,

Schwebend halt mich Gleichgewicht,

Freies Ross, zerreiss die Zugel,

Jage nach dem Sonnenlicht.

CHOR:

Fallet ihm nur in die Zugel,

Dass er sich den Hals nicht bricht.

Die gute Laune der Reiter endete das gefahrliche Spiel Guldenkamms, der in einer frevelnden Begeisterung diesen Abend fortphantasierte, wunderliche, oft freche Liebesabenteuer anderer als seine eigene Geschichte erzahlte; indem er in verkehrter Uberzeugung eines heimlichen Einverstandnisses zwischen Anton und Susanna seine Liebe zu ihr auszuloschen suchte in angenommenem Stolz, entfernte er sie ohne Willen von sich zu einer Zeit, wo sie ihre Freundlichkeit mehr als je zu ihm hingewendet hatte, da sie vor mancher Eitelkeit Antons zuruckschreckte. Auf einer warmen Bergseite, wo in der Wiesennahe grosse Haufen des schonsten frischen trocknen Heues dufteten, beschloss Anton diese Nacht zu rasten, alles stieg ab, die Knechte sorgten fur die Pferde, die sie mit verbundenen Fussen auf die schone Wiese fuhrten und ihrer Fresslust uberliessen, die Herren hatten unterdessen schon das Heu unter dem Laubdache grosser Buchen ausgebreitet und Decken darauf gelegt. Sie suchten nach Holz und fanden Bretter, die sie als Tisch in die Mitte des Lagers zur Sicherstellung der Becher auflegen konnten, das Brennholz mussten sie aus dem haufigen Reisig zusammenlesen, alles brach man ubers Knie, was vorgefunden wurde, und Anton, indem er Feuer angeschlagen hatte, legte den brennenden Zundschwamm in einen grossen Buschel trockner Blatter, die von Papier festgehalten waren, und bewegte sie dann heftig in der Luft herum. Erst rauchte es, dann fing es an, rotlich durchzuleuchten, dann brach die helle Flamme durch seine Hand, womit er schnell die angebrannte Blattermenge unter das trockene Reisig steckte, ein Wind erhob sich, und alles loderte mit Eile empor, dass sich die Baume plotzlich in herrlicher Beleuchtung gleichsam verwandelt wie Saulen eines Tempels mit gruner Wolbung um ihn her ordneten, herrlich knatterte mit Wohlgeruch das grune Laub des Wacholders, an welchem die Beeren fast schwarz gereift waren; die Vogel in ihrem Blatterdickicht erwachten und glaubten den Tag zu begrussen, Guldenkamm bestarkte sie darin, denn mit wunderlicher Geschicklichkeit wusste er ihren Morgengruss nachzumachen, dass Finken und Haher, Meise und Specht getauscht wurden. Ehe die Speisen bereitet waren, wurde das Weinfass aufgerichtet, Susanna als erwahlter Mundschenk musste die Becher fullen, da gab's ein Gesundheittrinken, ein Singen aus allen Kehlen, von Klingenberg am Maine, von dem guten Heu, Guldenkamm schrie seine Spasse dazwischen, dass mancher ehrliche Pforzheimer sich walzen musste. Als er alle lustig geschwatzt hatte, machte er plotzlich einen ernsten Zug mit der Hand ubers Angesicht, sah auf einmal ganz anders aus und sang mit recht bitterm Ernst:

Grimmig ist der Gott verwandelt,

Der im weine lachelnd haust,

Hat mit Schlagen mich behandelt,

In den Haaren mich gezaust.

Keiner trink vom Freudenwein,

Der ein traurig Herz verschliesst,

Denn er offnet uns allein,

Was in Tranen sich ergiesst.

Wein verwandelt sich in Weinen,

Wie er lang den Namen afft,

Denn die Traurigen erscheinen

Wahrend Lust sich selbst verschlaft.

Trauer sitzet auf zur Wacht,

Liebe schliesset ihr das Tor,

Und die kalte feuchte Nacht

Weilet sausend ihr im Ohr.

Die lustigen Seelen waren aber noch nicht hinlanglich verschlafen, um von dem Schreckensgesange nicht aufgeweckt zu werden, ein paar fielen uber ihn her, um ihn zum Tanzen zu bringen, er wehrte sich, aber es half nicht, der Zwang verdross ihn, aber es half nicht, er schlug um sich, es half nicht, ein paar knollige Bursche hatten ihn gepackt, ein paar ludelten dazu, Anton gonnte ihm den Unterricht in dem, was sich beim Trinken schickt. Endlich riss ihm die Geduld und er riss sich los, die andern mit Holzbranden hinter ihm her, das war eine Jagd, er lief so eilig, dass er einem wilden Eber beinahe in die Rippen trat, der dann mit seinen Hauern den Verfolgern den Weg zu verhauen Lust bezeugte. Der Anblick war den unbewaffneten Verfolgern nicht willkommen, sie waren noch gescheit genug davon zu laufen, wobei es leicht begreiflich war dass sie im allmahlichen Erloschen aller ihrer Feuerbrande den rechten Weg verfehlten, nur ein paar kamen zu Anton zuruck, der mit Konrad und Susannen beim Weine geblieben war. Vergebens war jetzt das Rufen nach ihnen, die vielen Stimmen, die verwirrend einander zuriefen, der Widerschein, der sie weiter lockte, Irrlichter, die sie in falsche Richtungen fuhrten, Moraste, die sie vermeiden mussten, zogen sie immer weiter von dem schonen Lager ab, an dem sich jetzt die Knechte ergotzten, die uber einander genug zu lachen und zu erzahlen hatten, was jeder erlebt, wie er sich endlich wieder zurecht gefunden, um sehr lange bei der unglucklichen Ursache dieser Zerstreuung zu verweilen. Noch waren keineswegs alle vollzahlig, wohl aber waren manche Jager und Bauern durch das Larmen herbeigezogen worden, auf die man ein wachsames Auge haben musste.

Unter diesen Fremden zog ein Hirtenmadchen Katharina die Aufmerksamkeit aller auf sich, sie ging stolz neben ihrer Ziegenherde, ihre Grosse war mannlich, ihre Huften hoch, ihr langes schwarzes Haar trug sie frei aufgebunden, ihre gebogene Nase hatte einen Adlerstolz und die aufgeworfene Lippe verleugnete diesen weder durch Ansehen, noch durch Rede. Einige junge Leute machten ihr leichtsinnige Antrage, sie wirft alle hochmutig von sich und wenn sie um die Ursache dieses Stolzes fragten, antwortete sie hohnisch: "Weil ich eine Jungfrau bin." Als die Bauern sahen, dass die Fremden sie neckten, fingen sie auch an sich in etwas sehen zu lassen, der eine fragte: "Was macht der Herr Vater Edelmann auf der Burg?" Sie erwiderte stolz: "Er prugelt euch Bauern!" Guldenkamm, der ein Gefallen am Ungewohnlichen vorgab, nahte sich ihr mit vieler Artigkeit, wodurch er ihr Zutrauen schnell zu erwerben wusste, dass sie von ihm Wein und Speisen annahm, ihm auch erlaubte ihre Ziegen an sich zu locken, die er herzte und kusste, als hatte sich alle Zartlichkeit von Susanna plotzlich auf diese Tiere geworfen, er trug sie und schuttelte sie, neckte sie, bis sie gegen ihn anliefen, dann fing er den Stoss mit seinen Handen auf. Katharina schien das mit Wohlgefallen zu bemerken, sie sass dabei in ernster Ruhe und sang ein Hirtenlied, das sie auf sich gemacht hatte:

Die Schaferin

Mit Rittersinn,

Die Jungfrau rein

Geht ganz allein,

Der Bauernknecht

Ist ihr zu schlecht,

Aus edlem Blut

Erwachst ihr Mut.

Des Kaisers Jagd

Zieht ubers Feld,

Des Kaisers Macht

Sich ihr gesellt,

Der Kaiser spricht

Ihr ins Gesicht.

Der Kaiser

Vom Schloss ich zieh,

Zu dir ich flieh,

Lieb Schaferin,

Nach deinem Sinn.

Mein Zepter wird

Ein Hirtenstab,

Und was ich hab,

Dich Schafrin ziert.

Die Schafrin spricht

Vor sich ins Gras,

Ihr im Gesicht

Der Kaiser las.

Schaferin

Ich Schaferin

Mit leichtem Sinn

Sing ruhig fort

Mein sinnig Wort:

Ein jeder bleib

Bei seiner Herd,

Den Konig ehrt

Kein Schaferweib.

Der Gesang entzuckte Guldenkamm, er glaubte einer vertriebenen Kaiserin begegnet zu sein, er sagte ihr entzuckt, dass ihr Wesen ihre hohe Abkunft beweise, und sie nahm diese Worte mit sichtbarem Wohlgefallen auf, auch sprach sie gern mit Susannen, die sehr bald aus ihr herausbrachte, dass sie sich fur die Tochter eines Grafen halte. Die Bauern aber versicherten, es sei nicht wahr, der Vater habe sie oft darum geschlagen, es sei daher gekommen, dass eine Grafin in fruher Zeit sie einige Zeit zu sich genommen habe, bis ein eignes Kind die Lucke gefullt hatte, da sei sie im Schlosse nicht mehr wie sonst geliebt und verzogen worden, das habe sie gekrankt und sie sei fortgefluchtet. Das sei schon sehr lange und Katharina gar nicht so jung, wie sie aussahe. Die Grafin fand diese Auffuhrung so undankbar, dass sie das Madchen nie wieder gesehen hat, Katharina hingegen lebt in ihren Gedanken noch immer auf dem Schlosse, sie verrichtet ihre Geschafte, dann aber nimmt sie alle vornehme Leute, die sie dort gesehen, in Gedanken zum Besuche an, spielt mit ihnen wunderliche Abenteuer, wobei ihre Tugend und ihr Leben oft in schrecklicher Gefahr zu sein scheinen, die sie aber alle glucklich uberwindet.

Anton bat die Leute, Guldenkamm von diesen Einbildungen der stolzen Hirtin nichts zu sagen; da er doch wegen einiger vermisster Reisegenossen den Tag noch im Walde gelagert bleiben wollte, so versprach er sich davon einige Unterhaltung. Sehr bald ging Guldenkamm mit der Hirtin in tiefen Gesprachen den Berghang hinunter; als er zuruckkam, schien er in besonders heitrer Laune ganz in der Art, wie er in den ersten Tagen mit Susannen gewesen, er druckte jeden an sein Herz und lachelte, als wurde er von schoner Hand gekammt.

Allmahlich kamen die Verlorenen wieder zusammen, Ritter Blaubart war einer der letzten, er wurde ganz erschopft und gebunden von einem Kohler herbeigefuhrt. Nachdem er befragt, erzahlte er seine Abenteuer, dass er durch ungeheure Sumpfe sich gearbeitet habe, wo Molch und Schlangen sich um ihn hergeschlangelt, dass er endlich vor der Hutte eines armen Kohlenbrenners liegen geblieben sei, der ihn gespeist und erquickt habe; derselbe Mensch habe ihn auch zuruckgefuhrt, sei aber unterwegs so still geworden, habe sich einen gewaltigen Stamm als Spazierstock abgebrochen und so furchterlich mit allen Muskeln geknackt, dass er jeden Augenblick gefasst gewesen sei, ihn gegen sich als Morder umdrehen zu sehen. Dieser Gedanke hatte den Ritter endlich so durchdrungen, dass er sich uber den Fuhrer von hinten hergeworfen und ihn geknebelt hatte. Nachdem er dies vollbracht, hatte er erst die Klagen des alten Mannes vernommen, der ihm alles Gute vorwarf, was er ihm getan, er hatte sich uber eine so schlechte Vergeltung geargert und den alten Mann losgebunden; kaum aber ist der Kohler in Freiheit gewesen, so hat der die Gelegenheit benutzt, als er es am wenigsten erwartet, ihn zu binden, der Ritter hatte seinen Tod fur gewiss gehalten, der Alte aber hatte ihn stillschweigend an den Platz gefuhrt, wo er die Fremden vermutete.

Anton fragte den Kohler nach der Ursach seines Betragens, der Alte brummte ganz ruhig: "Einmal war der Herr nicht recht klug, da konnte er es wohl ofter sein." Dagegen war nichts einzuwenden, alles Zutrauen ist doch nur die Folge davon, dass es niemals gebrochen; Anton suchte mit einem frohen Trinkgelage alle zu versohnen, wozu er ein nah gelegenes verlassnes Schloss erwahlte, dessen Rittersaal, mit wilden Rosen reichlich geschmuckt, die grosse Menge stattlich und bequem umfing.

Guldenkamm war unterdes mit der stolzen Katharina beschaftigt, sie kam haufig zu der Gesellschaft zuruck, er aber suchte sie auf allerlei Art davon zu entfernen, besonders von Anton, dem sie nicht abgeneigt schien. Als sie wieder allein war mit Guldenkamm, fing sie an ihn milder anzublicken und versicherte, sie wolle ihm in der Nacht etwas vertrauen, er mochte nur zu ihr schleichen, sie wurde sich unter der hohen Eiche nicht weit vom Schlosse finden lassen. Sie sprach so ernst bei dieser Einladung, dass Guldenkamm erst an ein Liebesabenteuer gar nicht denken wollte, sie aber sah ihn zuweilen so schelmisch an und sang dann mit leiser Stimme:

Auf den Berg bin ich gezogen,

Hab den Vogeln zugeschaut,

Wie sie da gespielet haben,

Dass die Federn sind geflogen,

Und ich nahm die kleinen Gaben,

Hab ein Hauschen draus erbaut.

Auf die Wiesen sah ich nieder,

Und die Lammer, mit Gespott

Jagten sich in Rosenhecken,

Wolle blieb da hin und wieder

An den Dornenzweigen stecken

Und ich machte draus ein Bett.

Als der Erntewagen kommen,

Zog er auch am Rosenzweig,

Weil er war zu breit geladen,

Hat der Zweig davon genommen,

War's verloren, war's ein Schaden,

Was ich sammle, macht mich reich.

Haus und Bett und Winterfutter

Hab ich mir nun angeschafft,

Einsam lieg ich in dem Bette,

In dem Haus befiehlt die Mutter,

Wenn ich einen Liebsten hatte,

War ich frei aus dieser Haft.

Guldenkamm war von dieser Annaherung sehr uberrascht, doch ging er gleich zur naheren Untersuchung dieses gepriesenen Heiratsguts mehr aus Neugierde, als dass sein Herz darnach verlangte. Katharina erzahlte ihm nun ausfuhrlich, dass sie lange Ganse gehutet habe und Schafe und alle verlorne Federn und alle hangen gebliebene Wolle sich aufgesammelt habe, nun sei daraus ein schones breites Bette geworden, auch habe sie mit Ahrenlesen eine kleine Scheuer gefullt, das alles sei ihr Eigentum und wenn sie nun erst den Grafen, ihren reichen Vater, gefunden, da werde sie in Uberfluss leben. Guldenkamm fragte nach dem Namen dieses Grafen, sie verwies ihn auf die Nacht, wo sie ihm alles sicher erzahlen konne. "Seht da", sprach sie, "ich werde schon wieder gescholten werden von dem alten Niklas, der sich ganz trotzig fur meinen Vater ausgibt, aber Ihr braucht ihn nur anzusehen, so werdet Ihr finden, das sei unmoglich."

Der alte Kohler kam jetzt vorbei und befahl ihr mit grimmigen Gebarden ihn nach Hause zu geleiten, es sei finster und er werde bald nicht mehr recht sehen konnen. "Alter, bleibt hier", sagte Guldenkamm, "es ist fur Euch reichlich gesorgt mit Speise und Trank!" "Ich kann nicht", sagte der Alte, "die Mutter wartet mit dem Essen." "Die wird was Schones zugekocht haben", sagte Katharina, "kein Mensch mag mit der essen, heut ist so ihr Tag, wo sie Rattenschwanze statt Nudeln in die Suppe tut." Der Alte ward bose und wollte Katharinen mit Gewalt fortreissen, aber Guldenkamm warf sich dazwischen und notigte ihn mit Ernst in das Schloss zuruck, wo er ihn der Aufsicht der Knechte ubergab, damit er ihm sein nachtliches Abenteuer nicht durchkreuze. Als er das veranstaltet, fuhlte er selbst, wie zerschlagen er war durch die Anstrengung vergangener Nacht, durch den Tritt des Ebers in seine Rippen, er konnte sich kaum regen, wenn er sich einmal niedersetzte, und musste vor sich selbst lachen, wie er so eifrig einem Vergnugen auflauere, das er wohl gar verschlafen musse, doch fuhlte er dabei, dass die Lust ihren eigenen Kopf hat, und an den Leib nicht gebunden ist.

Im Schlosse ward es immer unruhiger, auf dem Hofe tanzte und schlug sich das Bauernvolk bei dem Biere; da hatten sie bunte Federn auf ihre Kappen gesetzt, da hatte einer schon seinen alten rostigen Degen gezogen, weil der Nachbar seine Frau in einen Winkel gezogen, dort hatten ein paar Weiber einander bei den Haaren und die Manner gossen ihnen ruhig kaltes Bier uber die Kopfe; der Dudelsack ging nicht schlecht. Im grossen Schlosssaale ging es beim Weine noch etwas still zu, das ganze Zimmer war mit wilden Blumen aller Art gestreut, Anton und die meisten seiner Gesellschaft lagen umher und schienen in der Behaglichkeit zur Traumerei ubergehen zu wollen. Endlich sprang Anton auf und sang, indem er sich an die Spitze des langen Tisches setzte:

ANTON:

Walzt ihr traumend euch auf Rosen,

Wecken sie mit spitzem Dorn,

Lasst beim Wein der Liebe Kosen,

Denn das gart ihn auf zum Zorn.

GULDENKAMM:

Kitzelt die Lust,

Witzelt die Freude.

Mir ist bewusst

Himmlische Weide.

ALLE:

Springt zum Weine, muntre Fullen,

Alle Pfropfen sollen springen;

Jeder Becher soll sich fullen

Und am andern widerklingen.

GULDENKAMM:

Springet in Lust,

Klinget in Scherzen,

Mir ist bewusst

Heimliches Scherzen.

ALLE:

Eitle Lichter sollen zittern,

In der Tonflut hohen Wellen,

Alle Tische ungewittern,

Trommeln mut'ge Trinkgesellen.

GULDENKAMM:

Trommelt in Lust,

Sturmet den Himmel,

Mir ist bewusst

Zartlich Getummel.

ALLE:

Horet alle Scheiben beben,

Horet alle Wande drohnen,

Wenn die Stimmen sich erheben,

Muss der Donner uns versohnen.

GULDENKAMM:

Bebet in Lust,

Tonet in Fulle,

Mir ist bewusst

Liebender Wille.

ALLE:

Uberall ist frohes Leben,

Wie noch keiner je erhorte,

Alle Lustigkeit von oben

Wieder zu der Erde kehrte.

GULDENKAMM:

Lebet in Lust

Jauchzender Stunden,

Mir ist bewusst,

Wer sie empfunden.

ALLE:

Saget, unter welchem Zeichen

Stehen wir an diesem Tage?

Schwort, dass keiner soll entweichen

Ohne Spitz vom Festgelage.

GULDENKAMM:

Fraget in Lust,

Suchet die Zeichen,

Mir ist's bewusst,

Sie ist mir eigen.

ALLE:

Einer schwanket nach der Ture,

Dass wir andern fester sitzen,

Schwacher Bruder, lass dich fuhren,

Musst dich nicht so schnell bespitzen.

GULDENKAMM:

Bleibet in Lust

Angefuhrt sitzen,

Mir bebt die Brust,

Sie zu besitzen.

ALLE:

Einer fiel, es fallen alle,

Doch in Reih und Glied wie Krieger

Harren wir mit Jubelschalle,

Wer zuletzt erst fallt als Sieger.

Alle glaubten, Guldenkamm mache einen seiner gewohnten Scherze, eine Heimlichkeit sich einzubilden, diesmal war es aber ernst, er schlich nach der hohen Eiche, an der Katharina, mit ihrem Schaferstab gelehnt, wie eine Bildsaule stand. Der Meistersanger beschleunigte seine muden Beine und wollte ihr um den Hals fallen, sie wies ihn mit dem Schaferstabe zuruck. "Hore", sprach sie, "nicht zu schnodem Liebeswerk hat dich die schuldlose Schaferin bestimmt, nein du edler Sanger, ein grosseres Werk ist dir beschieden, mich sollst du fuhren auf des Vaters Schloss, zur Kronenburg, die mir verheissen."

"Kronenburg?" fragte Guldenkamm, "und wenn ich mein Gedachtnis wie eine Tasche umdrehe, so fallt mir nicht ein, wo der Ort gelegen sei, Madchen lass das jetzt."

"Drei Schritt von mir", spricht sie, "sonst straf ich deine Frechheit; gedenke, dass ich eine Jungfrau bin, wohl aus dem herrlichen Geschlecht der Grafen Stock."

"Gut gesprochen", sagte Guldenkamm, der durch alles Feierliche in den Gegensatz des Spottes gesetzt wurde, "den Stock scheinst du fuhren zu konnen, dass ich dich immerhin als Grafin von dem Stocke anerkennen mochte, wenn du ihn nur bei Seite stellen wolltest, aufrichtig gesagt, es kommt nichts dabei heraus."

KATHARINA: "Es kommt heraus, dass ich des Grafen Schwester bin, dem du als Sanger zugesellt; zwar nicht im Ehestand geboren, doch aus der Liebe, sieh diesen roten Strich um meinen Hals im Mondenscheine, dies wird dem Herrn mein edles Blut versichern."

GULDENKAMM: "Der Strich ist mit den Augen nicht zu leugnen, doch mocht ich ihn auch mit dem Munde mir bestatigen."

KATHARINA: "Des braucht es jetzt noch nicht, doch biet ich dir die Wange heut zum Kuss, wenn du zur Ehe dich mir heut verloben willst, doch ohne meiner Liebe zu begehren."

GULDENKAMM: "Ich konnte das Versprechen immer wagen, denn nicht umsonst blick ich durch deine Feueraugen in dein Herz."

KATHARINA: "Was ich gebiete, kann ich selbst halten, doch ehe du leichtsinnig diesen Bund willst eingehen, hore, was ich dir von den Meinen sagen muss." Sie redete leiser, "ich habe Schreckliches dir zu verkunden, der Niklas, der mein Vater wird genannt, der ist der Teufel und meine Mutter hat er zur Hexenkunst verfuhrt. Sie hat es mir vertraut, als sie mich ihm mit Leib und Seele ubergeben wollte, er konne sich verwandeln, erscheine oft ein stattlich junger Jager mit einer Hahnenfeder, wenn sie ihm wohlgedient, mit Zartlichkeit zu lohnen. Ich tat ihr meinen Abscheu kund, da lachte sie und sprach: 'Vergnugen ist nicht viel dabei, das muss ich selbst gestehen, doch manche Kunst, die gar sehr kunstlich ist!' Bei diesen Worten hatte sie die Stirn sich eingesalbt und setzte sich auf eine Ofengabel und schwankte bebend um den Feuerherd, dann sank sie tot zu Boden, dass ich sie nicht erwecken mochte, doch plotzlich krachte schwer das Dach, da wachte sie aus ihrer Ohnmacht auf und erzahlte vergnugt von tausend Dingen, die sie auf ihrer Reise nach dem Blocksberg wollt gesehen haben, wohin der bose Geist sie in der kurzen Zeit entruckt hatte, sie sprach von der Musik, vom Tanz, vom Glanz der grossen Herren, als ob ich noch in meines Vaters Schloss gewesen, und sicher hatte sie mich in das Garn gelockt, wenn sie mir nicht von dem Konfekt geboten hatte, was sie dort eingesteckt, das war..."

GULDENKAMM: "Ein Dreck."

KATHARINA: "So eine fremde Losung mocht es sein. Seitdem vermied ich sie und suchte mir im Dorf Bekannte und mancher Freier kam, mich zu besuchen, doch wenn sie sich bei uns zum Tisch gesetzt und sahn die Schlangen in der Suppe und den Salat von Spinnen und gebackene Frosche, was sie als Leckerbissen ihnen vorgesetzt, da liefen sie mit grosser Ubelkeit vom Hause fort und ich ward bald verlacht. Seht Herr, mit solchem Haus wollt Ihr Euch kuhn verbinden."

GULDENKAMM: "Es macht mich eifriger nach deiner Liebe, weil sie dir nutzlich ist und mir nichts kostet als die Keuschheit, die ich doch gegen dich bewahren musste, wenn ich dich nicht besasse; wohlan, nimm meine Hand, ich will dich fuhren zu dem Bruder."

Sie gingen beide auf das Schloss zu, und wie Katharina den Schatten der Baume am Boden so zuschaute, winkte sie Guldenkamm mit einem Drucke der Hand auf einige Schattenbilder von Menschen zu achten, die in den Zweigen versteckt an mehreren Baumen hervorsahen. Guldenkamm sah mit einem heimlichen Herz- und Handefrost diese sonderbare Erscheinung, waren es Geister gewesen, die jene Baume bewohnt, so hatten sie keine Schatten geworfen, es mussten versteckte Morder sein, denn die leben wollten, fanden es herrlich lebend im Schlosse, wo jedermann gut aufgenommen war. Stillschweigend gingen sie in das Schloss, immer in der Sorge, dass der Druck eines Fingers eine Kugel oder die Spitze einer Lanze gegen sie aussende, doch kamen sie unverletzt in den Rittersaal, wo alles in tobender Freude durcheinander sang und lag. Anton goss durch eine Trompete den Wein an die Erde und blies abwechselnd hinein, dabei sang er:

Trompete, du willst lustig sein,

Und giesst den Wein von oben rein,

Und unten lauft er wieder aus,

Da bleibt das liebe Gut im Haus,

Du blecherne Trompete,

Du willst ein rein Gelote.

Trompete, du willst lustig sein,

Ich blase dir von vorn hinein,

Du blast von hinten gar nicht fein,

Du grunzest wie ein wildes Schwein,

Du blecherne Trompete,

Was spricht von dir die Flote?

Nur mit Muhe konnte Guldenkamm Anton in diesem Gesang storen, um ihm die sonderbare Erscheinung auf den Baumen zu melden, die Anton weiter nicht achten mochte. Aber der Zufall hatte ihm besser gedient als seine Klugheit, der Schall seiner Trompete hatte die Knechte geweckt, dass sie die Pferde gesattelt herausfuhrten; die Bauern, die auf den Baumen versteckt die mude Fruhheit zum Uberfalle erwarteten, wurden uber die Trompete, uber das Larmen im Schlosse bedenklich, ein paar glaubten, der alte Niklas, der sich aus dem Hause weggeschlichen, werde sie den Herrn verraten, fielen uber ihn her, banden ihn und brachten ihn mit grossem Geschrei ins Schloss, wo jedermann ihn noch in festem Gewahrsam vermutete. "Er hat uns allein verfuhrt", rief einer, "die gnadigen Herren heute auf den Kopf zu schlagen, ich verstehe, dass wir es haben tun wollen, er hat uns viel Geld dafur versprochen." Alles fuhr auf und sprach untereinander, nur Anton blickte ihn ruhig scharf an und fragte ihn, warum er das habe tun wollen.

"Ihr habt meinen Fabian umgebracht", sagte der Alte, "meinen lieben Fabian."

"Bist du Niklas?"

"Ich bin es, Herr!"

"Hab ich dich, du Verruchter", wutete Anton, "wie hast du meinen armen Vater verfolgt; wie kann ich das je genug an dir rachen."

"Herr", sprach er, "er hat Euch wohl nicht gesagt, dass wir ausgeglichen sind, er ist ein Sunder wie ich, hab ich ihm wehe getan in der Jugend, so hat er mich in spateren Jahren vernichtet; o du mein Himmelchen, meine Barbara, die hatte ich mir fur meine alten Tage ganz allein fur mich geheiratet und als er von seiner Frau erst keine Kinder hatte, da hat er mir Horner aufgesetzt, und da seht Ihr sie stehn, Eure Halbschwester."

"Dem Teufel Horner aufzusetzen, das ist ein liebes wertes Stuck", sagte Guldenkamm; Anton aber sah den roten Streifen um Katharinens Hals, der sein Geschlecht bezeichnete, er fasste seines Vaters Ahnlichkeit in ihrer hohen Gestalt, sturzte in ihre Arme und nannte sie Schwester. "Niklas", sagte er, "Euch sei verziehen um dieser Schwester willen, die Ihr mir auferzogen habt, aber sagt mir Bescheid, Ihr seid nun ein alter Mann, Euer Haar fallt vom Haupte und Eure Knieen beben, konnt Ihr nicht endlich zum Guten kehren? seht diese geliebte Schwester, da so viel Herrliches neben Euch bestanden hat, so muss Gottes Kraft gross sein, entsagt dem Teufel und allen seinen Werken."

"Hort Niklas", sprach Katharina, "seht nur, wie so ein Mann noch gutmutig zu Euch reden kann, fur Euch sorgen mochte, den Ihr ewig verflucht habt, wendet Euch aus des Teufels Ringen, reicht uns die Hand."

Niklas schien weinen zu wollen, er wollte auch die Hand ausstrecken, die Ruhrung in beiden, aus dem ersten Genusse verschwisterter Gesinnung hervorgequollen, stromte ihm aus einem Himmel, den er nie gekannt hatte; zum erstenmal rief ihm eine innere Stimme zu: ich wollte, dass ich ware wie diese! Da warf ihn die Macht des Teufels an die Erde nieder; wie der Jager seinen Hund, der aus Mitleid einen Hasen laufen liess, und schlagt ihn mit scharfen Dornen, so zerschlug ihn der Teufel unsichtbar und er wand sich furchterlich, seine Lippen wurden blau, sein Gesicht weiss, seine Kleider zerriss er, seine Hande zerrang er. So tobte er schon lange als ein armer Einsiedler aus dem Walde geholt wurde, der in solchen Dingen erfahren war; der kraftige Fromme kniete neben ihn, packte ihn fest und schrie ihm die kraftigsten Gebete in die Ohren, besprengte auch seine Schlafe mit Weihwasser und brachte ihn dadurch allmahlich zu einem tiefen Schlafe, wahrenddessen ihm der Einsiedler eine Tonsur schor und eine Kutte uberzog. Als Niklas nun wieder erwachte, wollte der Teufel in ihm lostoben, als er aber das Kleid betrachtete, erschrak er und auf des Einsiedlers Gebet ging nun wie eine Flamme aus seinem Rachen, in welcher ein schwarzer Geist sich bewegte. "Amen", sagte der Einsiedler, "Amen", rief Niklas ihm weinend nach, so sprach er ihm jetzt auch willig alle Gebete nach.

Niklas wollte jetzt alle jammerlichen Ereignisse seines Lebens in frommer Gesinnung beichten, der Einsiedler erlaubte es ihm aber nicht, es mochte den Teufel wieder locken, er musse jetzt in strenge Aufsicht genommen werden. Die Neugierde Antons entschied, ihn, den Einsiedler, der sich Rautenstrauch nannte, mit dem armen Sunder nach der Einsiedelei zu begleiten, um das Leben eines Einsiedlers naher kennen zu lernen. Der Aufbruch aus dem wusten Schlosse wurde durch die Trompeten verkundigt, die Reisigen stiegen zu Pferde, die stolze Katharina ritt an Antons Seite, so kamen sie vor den Bauern vorbei gezogen, die sie gnadig begrusste, endlich zu der Herde, die sie einem jungen Hirten ubergab, der ihr oft behulflich gewesen war, die verlaufnen Ziegen zusammen zu treiben.

"Liebe Katharina", sagte der schone Schafer, "sonst gibst du mir nichts zum Abschiede, dachte ich doch einmal deine Hand mir zu gewinnen."

"Einfaltiger Bauerkerl", antwortete Katharina, "wie hat Er sich so etwas einbilden konnen; erst wenn dein Holzschuh mit einem guldnen Sporne geziert ist, will ich dich als meinen Herrn anerkennen."

"Geb Er sich zufrieden", rief ihm Guldenkamm, "wer das Gluck hat, fuhret die Braut nach Hause."

"Vergesst nicht die Bedingung", sagte Katharina ernsthaft zu Guldenkamm.

Eine andre wunderliche Unterredung zog aber in diesem Augenblicke alle Aufmerksamkeit zu dem Einsiedler, der einen alten Bauer heftig ausschimpfte, dass er ihm keine Vogel gebracht, da er doch wisse, dass dies sein Vogelmonat sei. Der Bauer entschuldigte sich, er sei krank gewesen, aber der Einsiedler nannte ihn einen eselhaften Knollfinken, ohne Andacht, den er bis ins dritte Glied verfluchen wolle, die Vogel sollten ihm nicht nur die Saat auf dem Felde, sondern auch alle Haare aus dem Haupte ausraufen, der Geier seine Lammer wegtragen und seine Kinder dazu.

Anton wollte ihm Einhalt tun, aber Rautenstrauch versicherte, dass er langst wisse, wie man mit solchen Ochsenpantoffeln und Sauschwanzen umgehen musse.

Guldenkamm hatte noch ein schones Bild vom Einsiedlerleben in tiefster Seele, er hatte auch diese Unterredung nicht gehort, er brachte den Einsiedler darauf, was er denn Abends in seiner Einsamkeit tue, wenn die frommen Pilger weggezogen waren und der Schlaf seine schwarzen Flugel noch nicht uber die Augen breite.

"Herr", sagte er, "da hab ich erst noch genug mit meinem Fressen zu tun, denn was einem die albernen Bauern bringen, ist immer entweder versalzen oder verschmolzen, und habe ich gefressen, da muss ich mich lausen, wer tut mir das, wenn ich es nicht selbst tue, es kriecht einem immer so etwas an von den Bauernpudeln; die Knochen muss man sich doch auch waschen, ja Herr, es ist ein hart Leben, was ich so im Walde fuhre und nun ich alt werde, kommen die Leute nicht mehr wie sonst zum Besuche."

Guldenkamm fuhr entsetzt vor ihm zuruck und ergoss gegen Anton sein Missbehagen uber die verfluchte Natur dieses Teufelbeschworers; dagegen hatte sich Rautenstrauch das volle Zutrauen des armen Konrad erworben, der sein Pferd an Katharina hatte abtreten mussen und sich als Fusswanderer leicht zu ihm gesellen konnte. Konrad machte ihm eine ungeheure Beschreibung von allen seinen Geschicklichkeiten, wie er kochen, backen, fischen, schiessen, alles aus dem Grunde verstehe und seinem Pfarrer haufig bei der Messe gedient habe, so dass sie zusammen einen grossen Gottesdienst anstellen konnten. Der Einsiedler sah den rustigen Kerl an, der schien ihm vortrefflich, er wollte ihn zu allem brauchen, wozu er sich selbst nicht mehr recht tuchtig fuhlte, er machte schnell alles richtig und Konrad musste noch unterwegs von Anton seinen Abschied begehren, der ihm auch ohne Umstande bewilligt wurde. Jetzt naherten sie sich der Einsiedelei, die wie in einer Wolfsgrube erbauet war, man sah sie nur, wenn man dicht davor stand; damit aber kein Wasser sich an dem Boden sammelte, so hatte der Regen einen Ausfluss nach dem tieferen Tale aus der gemauerten Zisterne an der Seite des Hauses. Konrad gab sich das Ansehen, als wisse er vollkommen schon mit der Einsiedelei Bescheid, er ging mutig darauf los und fiel plotzlich durch Strauchwerk, dass er vor allen Augen wie ein Schatten verschwand.

Rautenstrauch sagte ernsthaft: "So wollte ich doch, dass ihm alle Gebeine verdurrten, wenn er mir heiligem alten Manne, mein bisschen Vorrat von Lagerbier zerbricht."

"Nicht so ubereilt geflucht", sagte Anton.

RAUTENSTRAUCH: "Herr, warum soll ich nicht fluchen, ich weiss es doch, dass Gott solch einen Lummel mit Strafen heimsucht, wenn er mich gottseligen Mann in seinem bisschen Armut stort. Vermaledeiter Schlingel, Konradus, Laienbruder, hast du mir mein Lagerbier in den Krugen zerbrochen?"

KONRAD: "Herr, ich koste eben, ob es zerbrochen ist, es scheint mir aber alles noch gut, ich bin jetzt beim dritten Krug."

Kaum hatte der Einsiedler das Wort mit den Ohren gekostet, so sprang er in unwiderstehlicher Wut dem armen Konrad in den Keller nach, da gab's ein Schreien, ein Fluchen in der Tiefe, als ware ein Dutzend Dachshunde eben in einen Dachstau gelassen, und die versammelten lustigen Seelen stimmten ein frohes Jagdlied an:

Hatz, hatz, hatz,

Ein jeder auf seinem Platz,

Ein jeder auf der Lauer,

Den fetten Dachs, den Einsiedler,

Den treibet jetzt der Bauer,

Den treibet jetzt der Bierfiedler

In seinem Bau herum:

Fluchet ihn lahm und krumm,

Prugelt ihn taub und stumm,

Haltet das Loch nur zu,

Sonst kriegt er Ruh.

Nachdem sie beide in ihrer Grube Frieden versprochen hatten, wurden sie herausgelassen, der alte Niklas ausserte aber jetzt seine Bedenklichkeit, wie er bei so wusten Handeln sein Leben bessern konne, seine Frau brauche nur hinzuzukommen, so ware der Teufel ganz los. Anton fand diese Bedenklichkeiten gegrundet und gab ihm vorlaufig die Aufsicht uber seinen eignen Teufelsbeschworer, worauf ihm dieser in aller Heiligkeit die Schwerenot anfluchte. Die Gesellschaft fing schon an, ihren Ritt in diese wuste Waldgegend zu missbilligen, der Einsiedler kam vor lauter Arger gar nicht dazu ihnen die Bequemlichkeiten seines Hauses zu zeigen, die sich endlich elend genug fanden. Es war sein Vogelmonat und er hatte durchaus nichts vorzusetzen, als ein Fass mit kleinen und grossen Vogeln, die eigentlich schon zu lange seinen totenrichtenden Augen zur Besichtigung vorgelegt waren, er befahl Konrad die Vogel am Spiesse zu braten, wahrend er einigen Bauerweibern, die sich in der kleinen Kapelle eingefunden, die Beichte abnehmen musste. Konrad hatte eben kein Arges dabei, dass er die Vogel nicht rupfte, es war ihm nur zu langweilig, er steckte sie mit den krausen Federn lustig an den Spiess und dachte, es konne sich jeder schon selbst den Gefallen tun, die Federn abzunehmen beim Essen. Mitten in der Beichte kriegte aber Rautenstrauch ein Gelusten, so einen Vogel, wenn er recht frisch gebraten, zu verzehren, er gebot also den Frauen ein paar Dutzend Paternoster zu beten und ging indessen zu seinem Vogelkameraden, der eben, als er die Butter mit dem schonsten Geknister daruber gegossen, neugierig geworden war, wie die Bauerweiber dort in der Beichte wohl aussehen mochten, denn seit er von seiner Grete fort in den Krieg gezogen, hatte er kein Bauerweib in der Nahe gesehen und die Stadtjungfern waren ihm allzu schnippisch. Der Einsiedler zog sich einen grossen Dompfaffen vom Spiess und freute sich recht, wie knusprig er anzufuhlen, biss auch mutig hinein, aber die Zahne blieben ihm zwischen den rauhen Federn stecken, die sich wieder aus einander taten. "Dass dir doch alle Zahne ausfallen mogen, Bruder Konradus", seufzte er vor sich, "dass dir ein Reiher im Hals niste und ein Wiedehopf dazu! mich heiligen Mann so in der Andacht zu storen, o das ist jammerlich, ach dass du doch eine Katze mit Haut und Haar und allen ihren Jungen aus Hunger fressen musstest, ach Gott, du bist ungerecht gegen deinen treuen Diener!" Bei diesen Worten ging er in wildem Ekel sich den Konrad aufzusuchen, den er aber in der Kapelle schon unter viel scharferen Klauen fand, als alle seine gebratenen Vogel aufweisen konnten. Eine der beichtenden Frauen war Grete, das Eheweib des armen Konrad, die eben ihr Bekenntnis abgelegt hatte, dass ihr Mann aus Arger uber ihr Hausregiment den Krieg mochte angestiftet haben; nun kam der unschuldige Kerl, der eine fremde Frau zu necken meinte, indem er den Weihkessel uber sie ausschuttete, mit einem Eimer Wassers frisch gefullt, jetzt in ihre gewaltigen Arme fiel und die Nagelmale sehr bald aufweisen konnte.

"Gnadiger Gott", rief der Einsiedler bei diesem Anblicke, "du bist allwissend, du bist die Hand deiner Getreuen, du schlagst, wem wir fluchen, darnieder, schlage noch recht tuchtig, auf dass dieser ungeratene Diener deines Wortes zum Nachdenken und zur Busse gelange. Nur sechs Nasenstuber und drei Ohrfeigen fluche ich auf dich da hast du sie noch drei, noch vier."

Anton, durch Konrads Geschrei herbeigelockt, musste bei diesem Verfluchen mit einem reuigen Gefuhle jenes Fluchs gegen seine Frau gedenken, seit welchem ihm die zartliche Gestalt so uberlastige Besuche machte, doch drangte das Mitleid gegen den armen Geschlagenen, dem die andere Frau Greten zur Gesellschaft diente; ihre Schwester, die Frau Niklassen, hatte sich nicht minder uber den armen Teufel mit Faustschlagen erbarmt. Anton schmiss sie auseinander, das Weib aber so heftig gegen den Beichtstuhl, dass dieser alte baufallige Sessel umfiel und das Ansehen eines zweischlafrigen Ehebettes gewann. Der Einsiedler war dabei nicht mussig im Fluche, er rief alle Engel Gottes, dass sie Anton alles Inwendige auswarts sollten kehren, doch blieb Anton unversehrt, vielmehr setzte er sich auf die alte Bundeslade und liess sich den Fall ordentlich vortragen. Da fand es sich, dass Frau Grete ihren Mann gerichtlich hatte vorladen lassen, wegen der Glaubiger, die er ihr als Nachlass vermacht hatte, er war nicht erschienen, sie war von ihm gerichtlich geschieden, der Hof war verkauft und sie hatte ihr weniges Eingebrachte bei sich, um nach Dunkelspiel zu ihrem Bruder, dem Schleifer zu gehen. Nachdem Anton vernommen, dass sie geschieden, da schalt er heftig, was sie sich noch fur eheliche Erziehungsrechte gegen ihren Mann anmasse, oder ob sie ihn etwa dadurch bewegen wolle, sich ihr wieder anzutrauen. Frau Grete verschwor sich hoch und teuer, das Schlagen sei nur eine alte Angewohnheit, sie hatte in der ersten Hitze vergessen, dass der nicht mehr ihr Mann sei, Gott sei ihr Zeuge, dass sie ihn nimmermehr wieder verlange.

Ein evangelischer Geistlicher aus Pforzheim, der sich auch in der Gesellschaft befand, die Anton begleitete, ein stiller Mann, der bloss um zu heiraten die neue Lehre angenommen hatte, sprach sehr erbaulich zu ihr aus den Worten der Bibel: "Besser heiraten als Brunst leiden." Er geriet daruber in so augenscheinliche Begeisterung, dass der alte Rautenstrauch heute an der funfzigjahrigen Jubelfeier seines Einsiedlerlebens zugleich den neuen Glauben und Grete zur Frau annehmen wollte. Konrad sass ganz besturzt unter einem Bilde des heiligen Hubertus, von welchem die Geweihe und das Kreuz ihm uber den Kopf sahen, Anton sah mitleidig zu ihm, er wusste nicht, was er unter den Umstanden raten solle, zwar war er der neuen Lehre nicht mehr wie sonst abgeneigt, aber sie war doch nicht die seine; dem verruchten Leben des Einsiedlers machte sie freilich ein Ende und das musste er loben. Der Geistliche, wie es denn uberhaupt damals wahrend der Bauernkriege in ganz Schwaben etwas ungleich zuging, examinierte den Einsiedler in grosster Kurze uber die Hauptlehren des neuen Glaubens und nahm ihn mit einem Handschlage darin auf, Frau Grete sprach dem Einsiedler alles nach und so wurden mit ihr auch weiter keine Umstande gemacht. Jetzt hatten sich allmahlich alle versammelt, der Einsiedler stellte sich in die Mitte der kleinen Kapelle und beichtete seinen ganzen straflichen Lebenslauf; der sei ihm, von dem vorigen Einsiedler in aller Frommigkeit auferzogen, so in den funfzig Jahren, die er nach dessen Tode die Einsiedelei verwaltet, zu einer unschuldigen Angewohnheit geworden, mit Ruhrung sahe er die grosse Ahnlichkeit und Anhanglichkeit aller Kinder zu ihm, doch habe er keine lieber gehabt, wie Konrads Kinder, die er auch kunftig ganz als die seinen anerkennen wolle, er schloss mit einem Fluche, wer da meine, dass er nicht die Wahrheit gesprochen. Alle waren verwundert uber seine Rede, nur Niklas konnte sich nicht enthalten, uber sein Schicksal zu weinen, das ihn aus der Gewalt eines Teufels in die Gewalt eines viel argern ubergeben habe; "seht da meine verhexte Frau", rief er, "es ist das Weib, Gretens Schwester, die sich hinter dem Beichtstuhle verbirgt, wie kann ich hier meinem Seelenheile leben?"

Die Frau Niklassen kam ganz schmeichelnd hervor und gab zuckersusse Worte, sie sagte ihrem Manne, dass sie mit ihm weiter nichts zu schaffen haben wollte, denn wenn der Rautenstrauch sich vereheliche mit ihrer Schwester, so konne er es auch mit ihr tun.

Der evangelische Geistliche entsetzte sich uber diese Schlangenbrut und verweigerte seinerseits alle Einsegnung diesem hollischen Bunde, der Einsiedler verlachte ihn und sprach in grosser Freude die Trauungsworte uber sich und seine beiden Weiber, keiner mochte ihnen Gluck wunschen, als aber ein kleiner gelber hinkender Hirte in rotem Mantel erschien, man wusste nicht, zu welcher Ture er eingegangen, und auf seinem Dudelsack ein sehr schrecklich Gerumpel begann, da zogen sich alle aus dieser Teufelsgrube von Einsiedelei zuruck. Da kam der Einsiedler mit beiden Frauen auf den geraumigen Platz vor der Kapelle, der Rotmantel spielte in der Kapelle so schnell, so schnell, und sie tanzten so wild, so wild, dass ihnen die Kleider stuckweise vom Leibe fielen, dabei fluchten sie auf alle, die den Ehrentanz nicht mit ihnen machen wollten, aber jedermann hutete sich wohl bei dieser teuflischen Musik. Lange sahen ihnen die Reisenden zu, was das werden solle, sie hatten sich schon drei Schuhe tief in die Erde getanzt, waren ganz nackt und zermagert, ein schandlicher Anblick, sie mochten es nicht mehr sehen, wendeten sich weg gegen den Wiesenplan, der im Mondschein schimmerte und wo ein Fest begangen wurde von lauter zarten Gestalten, die schwebten auf Schmetterlingsflugeln, in ewigem Wechsel vor einem Kinde, das da im Grunen ruhete, bald naherten sie den Mund es zu kussen, bald wiegten sie es in den Handen, als ob es schlafend fliege, bald hoben sie es, als regierte es ein ritterlich Ross, bald machte sich eine ganz klein, wie das Kind, kreuzte die Hande auf der Brust, indem sie ein Veilchen im Munde ihm bot; es gab kein seligeres Kind, keiner mochte es storen, keiner kannte es, bis am Morgen der Wilhelm, Katharinens Schafer und seine Eltern gelaufen kamen, als aber die Gestalten in Tau zerrannen und das Kind nach ihnen schrie, es mit tausend Tranen begrussten weil sie es von einem Wolfe fortgetragen glaubten.

Das Kind erzahlte, wie es so neugierig gewesen, ob im Walde keine Pflaumen wuchsen, und da ware es hierher gerannt, wo es von lauter schonen Fraulein geliebkost und eingeschlafert sei. Diese zierlichen Bilder, diese ruhrenden Ereignisse hatten allen die Teufelsgrube fast aus dem Gedachtnisse verschlagen, als sie die Musik wieder leise vernahmen, sie blickten hin und konnten von den drei verteufelten Seelen nicht mehr sehen, als eine Bewegung in der Erde, in die sie sich hinein getanzt hatten, die uber ihren Kopfen sich bewegte, als wenn ein Maulwurf eben aus der Erde sich herausgraben will. Als sie die Teufelskinder also in des Teufels Macht selbst vernichtet sahen, da warf Anton die erste Handvoll Erde in die Grube, alles folgte ihm, und in wenigen Stunden war diese Lasterhohle, die lange Zeit eine Zuflucht der Frommen geschienen, dem Boden gleich gemacht, auf dass der Same des allgemeinen Weltlebens sie bald mit grunem Grase bedecke, auf welchem unschuldige Lammer weiden.

Die stolze Katharina hatte ihrer Mutter Untergang ohne ein Zeichen des Mitleidens zugeschaut; ihr Wilhelm stand in weiter Entfernung von ihr und schien es wagen zu wollen, mit ihr zu reden, aber, lange von ihren Blicken zuruckgehalten, fasste er sich doch endlich ein Herz, nahete sich ihr, indem er den wiedergefundenen Knaben auf seinen Armen trug und sprach: "Auch Eurem Kinde wollt Ihr keinen Abschiedskuss geben, Katharina, denkt doch, dass es Fleisch von Eurem Fleische ist."

"Aber nicht von einem Geschlechte, dummer Bauer", antwortete sie kalt, "ich habe fur den Knaben gesorgt, so viel ihm notig, mit mir kann er nie sein, denn es fliesst ein gemeines Blut in ihm, auch wurde es mir nach den Sitten des neuen Standes, dem ich jetzt angehore, nachteilig sein, wenn man vernahme, dass ich als Jungfrau schon ein Kind gehabt habe, man wurde es eine unanstandige Herablassung nennen, mich mit einem Bauern abgegeben zu haben, darum geht nach Hause mit dem Balge, gebt ihm gute Lehre, dass er der Mutter eingedenk, wie eine Sonnenblume das Haupt zur Sonne richte."

Anton war hinzugetreten und erkundigte sich, was beide verhandelten, er war nicht wenig verwundert, die stolze Jungfrau schon als Mutter begrussen zu konnen, seine Gutmutigkeit sprach aber gleich drein; den kleinen Wilhelm wollte er den jetzigen Unruhen im Lande, der Hungersnot und der Pest nicht aussetzen, er selbst nahm das Kind auf sein Pferd, es seiner Frau statt des verstorbenen Oswald zu bringen, beschenkte Wilhelm reichlich und munterte ihn auf, da der Kriegssturm jetzt lustig durch die Welt ziehe, der manchen hoch erhohe, der klein gewesen, er solle sein Gluck suchen und fur seinen Kaiser werben, wer konne voraus sagen, wie viel oder wie wenig ihm das Gluck bestimme.

Wilhelm dankte ihm mit Tranen; weil er nicht oft weinte, so liess es ihm gut. Niemand machte bei dieser Veranlassung ein verlegneres Gesicht als Guldenkamm, die Stirne schien ihm zu jucken, er wollte von seiner Braut Auskunft, sie aber fragte ihn, was ihn das angehe; wenn er wegen dieses kleinen Ereignisses ihre Vereinigung aufgeben wolle, so moge er es ihr im Augenblicke sagen, dann durfe er ihr aber nicht mehr vor Augen kommen. Guldenkamm mochte das unreine Wasser nicht ausschutten, ehe er frisches hatte, mit Susanna war nun doch alles vorbei. Er nahm den weinenden Wilhelm auf die Seite und suchte ihm zu entlocken, wie er es eigentlich angefangen habe, diese stolze und sprode Schone zu verfuhren. Wilhelm versicherte, dass er es aus eignem Willen nimmermehr gewagt haben wurde; immer ferne von ihr, doch nur sie beachtend, habe er sich gehalten, da sei aber eines Tages die schone Katharina von andern Madchen der Herzenskalte und der Leibesunfruchtbarkeit beschuldigt worden, was bei allen Gebirgshirtinnen der schimpflichste Vorwurf sei, worauf sie verstummt und, zu bewahren, dass Gott ihr nicht den Segen, den er im ersten Buch Moses den Menschen erteilt hat und wodurch sie fahig werden, uber die Vogel in der Luft und uber die Fische im Wasser zu herrschen, von ihr zuruckgenommen habe; "dazu schenkte sie mir die nachtliche Zeit, wo ich zu ihr in ihre Sennhutte schlich:

Gejagt von allen Sonnenstrahlen,

Spring ich wie's Eichhorn fessellos,

Bis ich am Abend von den Qualen

Mich fluchte in der Jungfrau Schoss,

Sie konnt mit Spinngeweb mich fangen,

Doch liess sie mich am Morgen los.

Ich blieb in Augenwimpern hangen,

Doch sie die sussen Augen schloss,

Offnet euch wieder

Augen der Nacht,

Tauet hernieder

Schimmernde Pracht,

Kurzere Tage,

Langere Nacht,

Mindert die Plage,

Dass ich erwacht."

Guldenkamm horte ihm mit Wohlbehagen zu, er konnte es endlich mit Katharinen nicht mehr so genau nehmen, ausserordentliche Umwalzungen hatten seine Gedanken von der Liebe so oft erfahren, dass er bald mit Stolz auf die andern Menschen herabsah, die nicht wie er gewurdigt worden, ein Ehrengemahl des stolzesten Madchens zu werden, das ihre eigne Mutter und ihr eignes Kind verschmaht hatte. Statt Katharinen aufzugeben, sprang er vielmehr in grossem Eifer zu ihr, als er in ihrer Nahe einen Streit horte. Sie hatte sich auf einen Schecken des Zunftmeisters gesetzt, der ihr besser gefiel wegen seiner Hohe als der kleinere, aber viel kostbarere Rappe, den ihr Anton gegeben. Der Zunftmeister konnte nun nicht anders widersprechen, als indem er heftig zankte; nun wollte er ihr recht sanft beweisen, dass es sein Pferd sei, konnte aber nichts anders herausbringen, als Beispiele von Spitzbuben, die ehrlichen Leuten das Ihre genommen, weswegen ihn Katharina sehr stolz anblickte und, ohne sich storen zu lassen, auf seinem Pferde davon ritt. Der Zunftmeister sprach hinter ihr her allerlei in guter Gesellschaft unzunftige Worte, weswegen ihn Guldenkamm eben angreifen wollte, als Anton dazwischen trat und mit einer Hand voll Gold den Tausch mit seinem Rappen zu Stande brachte, so dass sich endlich der Zug fortbewegte. Anton ritt an Susannens Seite, die durch alle diese Erscheinungen verwirrt und erschopft, wenig gesprochen hatte. "Hor", sagte Anton, "wenn ich denke, dass ich nun auch ein Kind der Frau wiederbringe, das viel schoner und herrlicher als der kleine Oswald gebildet ist, den sie verloren hat, da lauft es mir kalt ubern Kopf vor lauter Vergnugen, sie soll mich kennen, was ich vermag, sie soll nach mir verlangen, aber ich ich bin durch tausendfachen Fluch von ihr geschieden."

"Den Fluch nehmen Gottes Engel von Eurem Haupte!" sprach Susanna.

"Wenn er nur in meinem Herzen verloschen wollte", sprach Anton, "aber er treibt mich unaufhorlich und gibt mir wunderliche Anschlage. Sieh, es koste mir Leben und Ehre, ich kann es nicht lassen, vor meiner Frau in grosser Pracht zu erscheinen, um ihr meinen Verlust recht bitter ins Herz zu graben, um ihre Reue zu scharfen, dass sie mich so spottisch abgewiesen, als ich in elender Not mit ganzer Seele zu ihr fluchtete."

SUSANNA: "Aber denkt doch daran, dass diese ihre verachtlichen Gaben Euch zu so grosser Segnung geworden sind, das Schwert und das Sacklein. Vielleicht wusste sie das voraus."

ANTON: "Meinst du das wirklich, kannst du das ernstlich und treulich behaupten?"

SUSANNA: "Nein, aber der Himmel hat es doch Euch zum Besten gefugt."

ANTON: "Ich bete zu ihm meinen Dank, konnte er mir nicht die Zunge lahmen, als ich meine Frau verfluchen wollte."

SUSANNA: "Habe ich Euch nicht den Mund geschlossen? Was hatte es denn damals geholfen; Ihr hattet sie auch dafur noch in Gedanken verflucht."

ANTON: "Weh mir, ich liebe sie noch und du hast recht."

Sie hatten wohl noch langer gesprochen, aber mit grossem Getrappel, ausschlagend nach allen Seiten lief der Scheck, welchen Katharina geritten hatte, vorbei, mit den Vorderfussen im Zaumzeuge verwickelt, die Reiterin lag am Boden. Der Scheck war bald gefangen, da er wegen des starken Zaumzeuges nicht weit laufen konnte; schwerer war es aber, die stolze Katharina zu einem Entschlusse zu bringen, sie blieb verachtlich gegen die Pferde und gegen alle Arten des Reisens am Boden liegen; ihr ganzes Ungluck, erklarte sie, sei daher entstanden, dass sie das elende Lederzeug nicht habe so lange in ihren Handen halten mogen. Ihr zu Gefallen mussten sich alle bequemen bis zum Nachtquartier, das sie auf einer Hohe vor Waiblingen einrichten wollten, zu Fuss zu gehen; sie hatte etwas Bezwingendes in ihrem Wesen und so ging sie mit ihrem Schaferstabe kuhnlich voran, wahrend ihr Guldenkamm in grosser Bescheidenheit die Wege zeigte. Durch diese Zeichen von Aufmerksamkeit fand sie sich sehr behaglich, dass sie fur sich ein hohes Lied sang, wahrend die Sterne uber ihr aufgingen:

Sterne, die mich kronen,

Und der Mond auf meiner Stirn,

Strafen alle, die mir hohnen

In dem eitlen frechen Hirn:

Wer von hohem Stamm entsprossen,

Flammt in hohem Weltgeschick,

Uber alle die Genossen,

Die sich heben durch Geschick,

Mich erhebt des Himmels Gluck.

Keine Sterne euch bescheinen,

Ordnen eurer Taten Lauf,

Denn die Sterne sind die meinen,

Meine Ahnherrn stehn darauf,

Dort der Ahnen Schwerterblitzen

Starken mich mit Ahnungsblick,

Dass ich hoher werde sitzen,

Dass mir kommt ein hoch Geschick,

Mich erhebt des Himmels Gluck.

Hier unterbrach sie Konrad, warum sie von dem Scheck heruntergefallen sei, wenn sie so vortreffliche Ahnung uber ihre Erhebung gehabt habe? Statt der Antwort schlug sie ihm so kraftig mit dem Schaferstabe uber sein dummes Angesicht, dass er zu Boden fiel. Konrad blutete recht stark, Anton wollte ihr Vorwurfe machen, aber er war es nicht im Stande. Der Konrad sagte ihr aber ungeachtet seiner Schmerzen, sie moge gedenken, wer ihre Mutter, und dass sie doch nur so eine unerlaubte Frucht sei. Ohne ihm anzusehen, doch ohne sich zu erzurnen, sang sie:

Kind der Liebe, Kind der Kraft,

Kind der hochsten Leidenschaft,

Also mag mich jeder nennen,

Jeder soll an mir erkennen,

Liebe, Kraft,

Hohe Leidenschaft.

Kind des Himmels, Kind der Welt,

Bin ich uber euch gestellt,

Mit dem Himmel zu beraten

Dass ich lenke eure Taten,

Himmel, Welt,

Sind in mir gesellt.

Sie blieb bei diesem Schlusse stehen und Anton erkannte in den Lichtern, die vor ihnen im Tale leuchteten und bewegten, sein gutes Waiblingen; es uberfiel ihn eine Ruhrung, was er gewesen, als er ausgegangen, einsam vom Teufel Seger gefuhrt, jetzt durch die Geburt an hohe Geschicke geknupft, schon durch Taten machtig und bekannt, reich an Freunden und Geld, mit ihm ein guter Engel und eine wunderbare Schwester, und indem er so im Gedanken einige Schritte vorgetreten war, fuhlte er sein Gemut in einer Erhebung, die ihm sein altes Wesen entfremdete; da schlug ihn eine Hand auf den Rucken, da grusste ihn eine bekannte Stimme mit den Worten: "Ha Anton, Lumpenhund, liebster Herzensbube bist du wieder hier? na was hast du geschossen?"

Es war der Jager, wo Anton sonst halbe Nachte verspielt hatte, der ihn also begrusste; wie sich aber Anton herumdrehte, dass ihm das frische Wachtfeuer in die Augen leuchtete, da trat der durre Jager zuruck und meinte, er sei es wohl nicht, er habe ja ein ernstes Angesicht wie der Kaiser. Aber Anton nahm ihn freundlich bei der Hand, sagte ihm, dass uber sein Gesicht in der kurzen Zeit so mancher Wind gegangen, sein Herz sei noch dasselbe, des wolle er ihm bei gutem Weine Bescheid sagen. Aber der durre Jager konnte nicht mehr in seine rechte Laune kommen, immer wollte er noch etwas aus alter Zeit fragen, aber da blieb er mitten inne stecken und sagte: "Ei, das gesteh ich!" Zuletzt stand er ganz ab vom Reden und wendete sich zum Weine, der ihm noch nie so gut vorgekommen war, dabei gefiel er sich bald mit Konrad ganz vortrefflich, der auch lange keinen so geistreichen Mann wollte gesehen haben, fast brannte ihm der Geist zum Halse hinaus.

Guldenkamm hatte die Anordnung dieser letzten Abendtafel ubernommen, er hatte die Gaste auf den Hugeln verteilt, schone Wachtfeuer wirbelten in die Luft und Trompeter verkundigten von einem Tische zum andern, wenn Gesundheiten ausgebracht wurden.

Diese kriegerischen Tone, womit kriegerische Seelen gern ihre Lust wurzen, damit jede Art der Begeisterung sich verbinde, schien im Widerhalle an den Mauern der Stadt seine Natur zu verwandeln; was jenen auf waldiger Hohe das Blut erwarmte, erkaltete es diesen in den Mauern der Stadt Eingeschlossenen, die schon seit langer als vierzehn Tagen eine Belagerung von den Bauern furchteten. Niemand erschrak aber so verdriesslich, als die Eltern aus den Betten aufstanden und sie weckten, als die Kinder, die zu dem grossen Herbstfeste, das nach des seligen Burgermeisters Stiftung mit Tanz und Geschenken aller Art im Fruhling und im Herbste gefeiert werden sollte, aufsprangen und jetzt von nichts horten, als wie sie in Kellern und Bodenkammern versteckt werden sollten. Die Kinder larmten so unerschrocken, widersetzten sich so ungestum, griffen ohne sich abhalten zu lassen, nach den weissen Feierkleidern, nach den roten Mantelchen und blauen Baretten, die ihnen aus der Stiftung verehrt waren, dass viele von ihnen, wahrend die Eltern in grosser Verlegenheit mit einander beratschlagten, schon auf dem Markte versammelt waren, als eben das erste Morgenlicht erschien. Der gute Arnold, der Ratsherr, der damals mit seiner Weisheit das Leben des kleinen Anton gerettet hatte, ging in seinen Amtskleidern voruber und der kleine Anton, der zum Feste zum erstenmal wieder in die Stadt gekommen war, hing sich an ihn und sagte, dass er bei ihm bleiben wolle, die Mutter, die jetzt eine kleine Wohnung im Keller ihres Hauses bezogen, krame schon die halbe Nacht an ihren Habseligkeiten und habe ihm gedroht, sein neues Kleid auszuziehen. Der gute Arnold suchte ihn und die andern Kinder moglichst zu trosten, blickte auf gen Himmel und sagte: "Hort Kinder, mir kommt ein Gedanke von oben, betet fromm, dass er sich erfulle, bleibt still zusammen, bald komme ich vom Rathause zuruck und sage euch, was ihr zu tun habt." Die Kinder knieten in der Morgensonne in Reihen auf den Stufen der grossen Treppe, die zum Munster hinauffuhrt, nieder und beteten ein jeder, was er wusste und was seinem Gemute recht demutig klang, dass der Herr ihnen die Lust des Jahres beschutze. Der Glockner sah die Betenden und offnete die Tore des Munsters, da strahlte die Sonne durch das Goldglas uber dem Altare, die Turen, welche die heilige Mutter Gottes verschlossen, sprangen auf; da glanzte sie mit silberner Krone und ihr Kind hatte segnend zwei Finger aufgehoben; eine Taube, die auf dem Altare eingesperrt worden, flatterte in sanften Kreisen uber beiden und schwebte dann empor. Die Kinder schrieen bei diesem Anblicke auf, sie hatten Gewahrung ihres Gebets erhalten und zogen nach dem Rathaus, wo ihnen Arnold mit den Worten entgegentrat: "Ihr Kinder, habt ihr Mut, fur eure Vaterstadt, die ihr langer als wir bewohnen sollt, einen demutigen Gang zu dem wilden Feinde zu wagen, der mit Mord und Brand seinen Weg bezeichnet? Vielleicht konnt ihr uns und euer Herbstfest retten, hat doch Jesus Christus die liebreichen Worte verkundet: Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht; seht, das Wort wird sich behalten von Ewigkeit zu Ewigkeit, auch das Blut wird es nicht ausloschen im Herzen der wilden Krieger." Der kleine Anton trat mutig hervor und sprach: "Gottes Wille geschehe im Himmel wie auf Erden, ich gehe voran den Feind um Schutz fur meine liebe Mutter, fur meinen lieben Herrn Arnold anzuflehen und fur die kleinen Buben alle, die unter meinem Fahnlein dienen." Gleich sammelten sich diese Spielkameraden um ihn her und riefen, dass sie ihren Feldhauptmann nicht verlassen, und dabei erhoben sie ihre kleinen holzernen Spiesse, die sie nimmer von sich liessen, wie er ihnen befohlen.

Nachdem Arnold den Zug der Kinder, die dem Feinde entgegen gehen sollten, angeordnet hatte, war ein unerwartetes Hindernis zu bekampfen; die Mutter, denen es in keiner Art deutlich gemacht werden konnte, dass die wutenden Bauern doch keine Hussiten waren, die selbst in Naumburg durch einen Haufen Kinder, die ihnen entgegen gegangen, von Mord und Brand abgehalten worden, es seien Landsleute, einer Sprache und gleicher Sitte. Fast mit Gewalt mussten die Weiber von den Kindern losgerissen werden, bis Frau Anna hervortrat und sie alle feigherzig schalt, dass sie ihre Kinder hoher als das Wohl der Stadt achteten und als ihrer aller Vermogen, dagegen rief sie ihrem kleinen Anton zu, er solle sich nicht vor ihr blicken lassen, wenn er nicht Friede und Freiheit der Stadt erbeten habe. Als die andern Frauen diese Gesinnung vernahmen, schamten sie sich ihrer Feigherzigkeit und segneten ihre Kinder und liessen sie im Namen Gottes gegen den Feind ziehen der sich auf den Hugeln schon regte und sich zu einem Sturme anzuschicken schien.

Dieser anscheinende Sturm war das fruhzeitige Aufschmucken der Pferde und Panzer zum prachtvollen Einritte in Waiblingen, Anton selbst half dabei seinem Diener, dass nichts gebrechen solle er trug wie sein Pferd einen stahlblauen Panzer, auf welchem der Sundenfall durch ein Weib dargestellt war, Susanna hatte einen kurzen silbernen Brustharnisch auf Purpurunterkleidern, Katharina hatte sich einen vergoldeten Harnisch angelegt, doch wollte sie ihr weibliches Unterkleid aus gewurfeltem grun und roten Wollenzeuge, das sie als Schaferin trug, nicht auslassen, und der lutherische Geistliche, der seiner Studien wegen in Frankreich gewesen war, versicherte ihr, sie gleiche dem Bilde der Jungfrau von Orleans. Sie erkundigte sich nach den Taten der Jungfrau und nach ihrer Abkunft und sagte dann verachtlich, dass derselben schon recht geschehen, als sie verbrannt worden, weil sie aus so niedrer Abkunft in die hohen Ereignisse der Welt eingegriffen habe; der Geistliche fragte spottend, ob sie denn durch Taten ihre Abkunft beweisen werde? Sie antwortete, dass die Welt ihrer Taten noch nicht wert sei, da sie ihrer Worte noch zu wenig achte.

Wahrend dieses Gesprachs nahete sich der wunderliche Zug der Kinder, die wie ein Mohnfeld mit Weiss, Rot und Blau, wie der Wind ging, abwechselten, keiner konnte sich den Zug erklaren, doch erkannte Anton, wie er sich naherte, seinen Sohn an der Spitze, verhullte sich in seinem grossen grunen Mantel und wartete ab, was sich ereignen werde. Der Kleine konnte seinen Vater, der sein Gesicht halb bedeckte, indem er vortrat, nicht erkennen, denn er erwartete ihn nicht und hatte ihn nie in so fremder Tracht gesehen, er beugte vor ihm ein Knie, hob die Hande auf und sprach sehr gefasst: "Feldhauptmann, ich komme nicht fur uns Kinder zu bitten um Schirm und Schutz, denn wir werden alle einmal als gute Landsknechte ritterlich in die Welt ziehen und mussen alle fruh oder spat auf gruner Heide unser junges Leben lassen, aber Herr, wir flehen fur die Mutter, die uns ernahren."

Anton konnte sich hier des Lachens und der Tranen zugleich kaum erwehren, er unterbrach deswegen die feierliche Rede des Kleinen, indem er ihn mit verstellter Stimme fragte: "Gibt dir die Mutter auch etwas Gutes zu essen?"

Der kleine Anton sah ihn verwundert an und sprach: "Sonst als der Vater noch zu Hause war, da gab's immer was Gutes, jetzt aber kocht sie Klosse einen Tag und alle Tage."

"Das soll untersucht werden", fuhr Anton fort, "ihr andern bleibt hier, du aber Kleiner, gehe flugs hin und hole deine Mutter, sage ihr, dass ich die Stadt an allen vier Ecken anzunden wolle, dass kein Schwalbennest ubrig bleiben soll."

Die stolze Katharina freute sich uber die gedemutigte stolze Stadt, die mit ihren Wallen und Wachtturmen, voll Menschen, die den Ausgang erspahend, sich regten, vor ihnen ausgebreitet lag, in der kein Schornstein rauchte, kein Wagen fuhr, sie musste ihren Bruder umarmen, es schien ihr die neue Saat der Zeit aufzugehen; sie gebot den guten Pforzheimern, die aus Mitleiden den Kindern ihren Irrtum deutlich machen wollten, Stille und Ergebenheit, sie glaubte sich hinein, dass sie als feindliches Heer vor den Mauern dieser Stadt standen und ordnete, dass jeder bei seinem Pferde bleibe, um vor jedem Uberfalle sicher zu sein.

Unterdessen kam Frau Anna, die aus den Reden des Knaben, der Klosse und Feldhauptmann, Friede und Fastenspeisen, und Kraut und Lot zusammen mischte, nicht hatte klug werden konnen, sie kam in ihrer hauslichen Kleidung, ihre Tasche und ihre Schlussel an der Seite, und als Anton sie erblickte, hielt er sich nicht mehr, er liess den Mantel fallen, er trat in der Pracht seiner Rustung vor sie hin, die Wut machte ihn stumm; sie aber nach Weiberart immer beredt, rief ihm zu: "Anton, du Tunichtgut, du Geldverschwender, du liederlicher Landschweifer, so muss ich dich hier noch als Ruhestorer wiederfinden, du gehorst ja an den Galgen, wem hast du die schone Rustung ausgezogen, in Gold gehst du, aber deine Frau und dein Kind mussen darben; dir soll ich noch gute Worte geben, hab ich dich nicht verflucht, so fluche ich dir jetzt, dass deine Arme verdurren, mit denen du mich an dich gedruckt, das die Lippen dir vergehen, mit denen du mich gekusst."

"Halt inne Weib", rief Anton, "ich habe dich langst verflucht, du gibst mir zuruck alle Blitzstrahlen, die ich auf dein Haupt zusammenbeschworen, als du mich hilfsbedurftigen Kranken, der sich von ganzer Seele nach dir sehnte, der ein ehrlich Leben fleissig und fromm mit dir zu fuhren begehrte, mit Spott von dir wiesest, jetzt will ich dich bezahlen, wie du es verdient hast." Bei diesen heftigen Worten ergriff er seinen grossen Sack mit Geld und warf ihn der Frau hin, dass die Gulden daraus umherflogen; "da hast du deine silbernen Becher und allen Plunder, den ich mit dir erheiratete, zehnfach wieder, kauf dir, was dein Herz wunscht." In diesem Augenblick kam ihm der Gedanke, er mochte den wundertatigen Beutel mit dem Geldsacke verschenkt haben, doch konnte er sich nicht zu der Demutigung entschliessen, auch das Kleinste von dem zuruckzunehmen, was sein Ubermut ihr geschenkt hatte; "mag alles hin sein, ich bin gerechtfertigt und geracht", tobte seine Leidenschaft, und mit schneller Heftigkeit ergriff er den kleinen Wilhelm, den Susanna getragen hatte, reichte ihn seiner Frau und sprach: "Sieh Anna, dass dir nichts durch mich genommen sei, was ich nicht herrlicher dir erstatte, nimm dieses Kind, sieh wie viel herrlicher es in die Welt lacht als das kummerliche Altmannskind, der Oswald, das sei dein, es ist meiner Schwester Kind, du wirst es lieben mehr als dein eignes Kind, ziehe es auf nach deinem Gewissen, es wird eine Zeit kommen, wo ich es von dir zuruckfordre!" Das liebevolle Angesicht des frohlichen Kindes hatte Frau Annens ganze Liebe gewonnen, sie druckte es an ihr Herz, seufzte, weinte und sprach zu Anton: "Herr, du hast alles herrlicher vollendet, als ich armes Weib gedachte, der Mund, der dir fluchte, kann dich auch segnen, Herr, ich werde nimmermehr froh als in deiner Nahe."

Als Anna diese Worte sprach, erstarrte Antons Angesicht; in wohliger Erfullung seiner Wut, gedemutigt vor ihm sollte die stolze Frau erscheinen, er aber konnte nicht bleiben, und dass der Huf seines Rosses sie zerschmettert, wenn sie dessen Hufen umklammert hatte, um es festzuhalten; er riss seine Sporen durch ihre Hande, die seine Beine umklammerten, er stieg auf sein hohes geharnischtes Ross, es erhob sich und liess die goldnen Hufbeschlage fallen, die Frau Anna in Verzweiflung aufhob, wahrend der Zug in rascher Eile ihr vorbei in die Stadt jagte, viele ihrer lachten, und nur Susanna ihr einen milden Blick und ein Gebetbuch zuwarf; einsam blieb sie im Staube liegen, denn die Kinder, selbst ihr eigenes, folgten jubelnd der Reiterschar, vor der die Herden im Felde nach allen Seiten fluchteten und die Burger, die aus ihrer geringen Zahl ihren guten Willen erkannten, die Tore offneten. Da sass sie, wie ein Stein am Wege in eigner Schwere noch alle Lasten, die jeden drucken, ertragen muss, damit alle sich erleichtern, sie konnte nicht empor sehen zu Gott, denn sie hatte geflucht wie kein Frommer, aber da sah sie nieder ins Gras und sah in die Blumen und sah in die Augen des kleinen Wilhelm und es schwand ihr Wut und Fluch, Gram und Herzeleid, und das Kind war mit diesem Blicke an ihr Herz geknupft durch ein Band fester als jenes im Mutterleibe, sie legte es sanft wiegend an ihr Herz und ihr Herz hatte Freude und der durre Jager, der sie hohnlachelnd durch das Gebusche belauscht hatte, trat jetzt zu ihr und brachte ihr einen Brief von ihrem Mann, es war derselbe, den er dem Mephistopheles geschrieben, der Jager bestellte ihr dabei, sie mochte ihm das Geld ubergeben, er wolle es ihr nachtragen. Sie war so selig in dem Augenblicke, sie hatte es ihm ubergeben, aber ein Larmen erschreckte ihn, er ging zahneknirschend in den Wald, dass die Tannenaste ihm ins Gesicht schlugen. Eigentlich vertrieb ihn von seinem Posten, wo er einen Teil des Geldes zu rauben hoffte, das aus dem grossen Sacke fallend zerstreut lag, eine Schar von Zigeunern, die den Reisenden nachgezogen war, dieselbe die Anton und Susannen unterwegs wahrgesagt hatten. Die Zigeunerkonigin trat zu Frau Anna heran und riet ihr, das Geld, das sie um sich liegen habe, besser zu bewahren, es sei jetzt schlimme Zeit in aller Welt und wer nichts habe und wer viel habe, beide suchten mehr zu bekommen. Frau Anna erwachte wie aus einem Traume, sie kehrte zu ihrer hauslichen Art zuruck, sagte Dank fur den guten Rat und sammelte das Zerstreute, es wurde ihr sogar Angst vor den wunderlichen gelben Leuten, die rings mit allerlei Waffen standen. Die Zigeunerin aber hatte ein zutrauliches Wesen, fragte sie erst nach dem Kinde, dann nach ihrem eigenen Namen, verwunderte sich uber beide und erbot sich, sie nach der Stadt zu begleiten, um ihren Schatz in Sicherheit zu bringen. Dieser Muhe brauchte es aber nicht, der gute Ratsherr Arnold hatte nicht sobald den Verlauf gehort und Anton wieder erkannt, als er schon mit einigen Ratsfreunden hinauseilte, der glucklichen Frau Anna mit Rat beizustehen. Ihnen ubergab Frau Anna sowohl die goldnen Hufbeschlage als auch das Gold, doch verlangte er es auf der Stelle zu zahlen, um jeden Verdacht von sich abzulehnen. Indem sie nun die Gulden aus dem Sack herausschutteten, fiel auch der lederne Beutel heraus, der Geber aller dieser Reichtumer. Die Zigeunerin sah ihn zuerst und bat Frau Anna darum, sie wolle einige Wurzeln hineintun, die sie eben eingesammelt und die ihre Kraft verlieren machten. Frau Anna in ihrer Sparsamkeit, ungeachtet die Frau ihr so redlich beigestanden, verweigerte es ihr, aber Herr Arnold meinte, das Beutelchen sei einer reichen Frau ganz unwert, auch versprach die Zigeunerin, dem Kindchen eine Violenwurzel zu schenken, auf die es beim Zahnen beissen konne. Frau Anna nahm diese Wurzel und gab das Beutelchen der Zigeunerin, die sie noch fragte, ob sie ihr auch aus der Hand wahrsagen solle und sie dabei an der Hand fasste. Zwar horte Frau Anna mit dem Zahlen beschaftigt wenig zu, aber die Zigeunerin musste es ihr sagen: "Ihr haltet gut Haus, aber Ihr gebt das Beste weg, das ist gut, und weil Ihr's Beste nicht achtet, wird es Euch abtrunnig und das ist gut, Ihr kriegt noch einen Mann, ja das ist gut, er kriegte sonst keine Frau und das ist auch gut."

Wahrend sie noch so weiter dahlen wollte, kam schon der frohliche Herbstzug der Kinder uber das Stoppelfeld, Frau Anna eilte sich mit Zahlen und da viere zugleich dabei beschaftigt, war alles beendigt und Herr Arnold mit seinen Gehulfen trug alles in die Stadt. "Also Frau, meinen Mann kriege ich wieder", fragte Anna, die der Zigeunerin nur halb zugehort hatte. "Werdet's schon sehen", sagte die Zigeunerin, "wenn einem Gluck gesagt wird und einer hort nicht zu, da vergeht's ihm wie verfrorne Knospen."

So zogen die Zigeuner fort in den Wald, Frau Anna aber lief mit dem Kinde dem Zuge entgegen, der in allerlei Vermummung das Schneiden des Weines feierte, sie war die einzige ohne Larve, wenn gleich viele andere ebenfalls zu erkennen waren, ein jeder rief sie an wegen ihres Glucks, sie aber furchtete sich, dass jeder nun von ihr etwas begehren werde, und war entschlossen nichts, gar nichts abzugeben.

Der ganze Zug war unendlich frohlich zu beschauen, die gleich und ernsthaft gekleideten Kinder, die in einer Kriegsordnung voruber zogen und als Panier grosse Blumenkronen hoch erhaben trugen, umgeben von den vermummten wunderlichen Gestalten der alteren Leute, machten einen Eindruck wie ein kleines kunstreiches Zwergenvolk, das in ein wildes Riesenland siegreich eingedrungen ist, der Himmel schien ihnen hold, die Sonne glanzte ungetrubt auf dem blauen Grunde, kein Zugvogel liess sich in der Luft mit mahnendem Geschrei vernehmen, vielmehr schien ein verspateter Herbst dem Jahre zulegen zu wollen, was von dem Sommer in den Schrecknissen der Zeit untergegangen war. Die neuangekommenen Pforzheimer folgten dem lustigen Zuge in Gesellschaft der ernsten Ratsherren und der bejahrteren Burger, an ihrer Spitze ging Katharina, die ihren Harnisch nicht ablegen mochte, ihr hatte Anton seine Stelle ubergeben, wahrend er selbst in die von den Kindern geoffnete Kirche eingetreten war, der Einsamkeit sein Herz auszuschutten, das allmahlich die harte Wut mit weicher Wehmut vertauschte. Seine Frau schwebte ihm erst vor den Augen, dass er sie nicht bannen konnte, bald aber ging diese Gestalt in das freischwebende zartliche Nebelbild uber, die ihn allen Heiligen zum Trotz freundlich begrusste, und diesmal lieblicher als je ein Inbegriff alles Schonen war. Ihr Wesen war diesmal unausstehlich, sie suchte ihn sogar eifersuchtig zu machen, indem sie den alten bartigen Heiligen schmeichelte und doch nebenher zu ihm hinschielte.

"Ach", seufzte Anton, "Christus, hab ich deinen Tempel errettet vor der Zerstorung, kannst du den kleinen zartlichen Teufel nicht von mir verjagen, der mir deinen Tempel verunreinigt, gedenke, wie du die Kramer daraus vertrieben, ein grosseres Unheil ist dies zu nennen, Herr zeige, dass du lebst!"

Bei diesen Worten verschwand das zartliche Bild und er hatte Musse, seine Vorzeit sich zu vergegenwartigen, er sah die Bilder, die er mit Fleiss und Lust geschaffen, sie waren ihm aber alle nicht recht, er zog das kleine Bild Susannens heraus, wie viel Heiligkeit, Leben und Segen gegen alle Marien, Katharinen und Cacilien, womit er die Altare der Kirche geschmuckt hatte; es ergriff ihn eine Wut gegen sich, gegen seine Arbeit, er konnte den Gedanken nicht ertragen, dass diese Arbeiten einst seinen Namen tragen sollten, einen Namen, dem so grosse Geschicke anvertraut waren, es drangte ihn in den Fingern, seine Glieder zuckten ihm zum Zerstoren, wie Kranken, die den Tod in sich tragen, die Sehnsucht sich zu vernichten, sich zu zerstoren, alles dient diesem Wunsche, mit einem Zuge hatte sein Degen drei der grossten Altarbilder, die auf Holz gemalt waren, zerspalten; noch aus den Trummern sah ihn der verspottete Christus unter der Dornenkrone mitleidig an, aber das vermehrte nur seinen Gram und seinen Zorn, die Blitzesschnelligkeit seines Degens, der rasch den heiligen Christophorus niederhieb und die heilige Katharina. So wutete er, bis kein Stuck seiner Arbeiten mehr kenntlich war, und wohlgefallig sah er auf die Trummern, niemand hatte ihn gestort, denn alle, bis auf wenige Wachter der Hauser, waren dem Feste nachgezogen; mit kuhnem Blicke stand er auf diesen bunten Brettern und dachte, wie er mit seinem unversieglichen Reichtume, was er nicht selbst besser leisten konne, durch das Herbeirufen der gepriesensten Maler in Verherrlichung ersetzen wolle, da erst gedachte er wieder, ob er nicht den wunderbaren Beutel mit den Schatzen seiner Frau in den Schoss geschuttet habe, er fuhlte in die Tasche seines Wamses, wo er ihn sonst zu tragen pflegte, die Tasche war leer und so jede andere Tasche und sein Verstand lief wie eine Sanduhr aus. Da war kein Geschehenes zu verguten, kein Zukunftiges zu beschliessen, Grunde und Gegengrunde schaukelten ihn hoch in die Luft und senkten ihn in die Meerestiefe seines wogenden Unmutes. Er fluchtete wie aus dem Paradiese von einem Engel mit feurigem Schwerte getrieben, aus der zerstorten Kirche, unbemerkt erreichte er den Wald, er wollte seinen Schmerzen und seiner Verzweifelung entlaufen, indem er sie ermudete; wie ein Kain lief er umher, der seinen Bruder erschlagen, und lechzend blieb er endlich hinter einem Rebenhugel liegen.

Das grosse Herbstfest hatte wahrend dieser Zeit immer mehr Stimmen in seinen Jubel und Strudel hineingerissen. Die Kinder waren mit einem andachtigen Ernteliede in den Hof gekommen, wo die Geschenke ihnen ausgeteilt werden sollten und wo die Burger sich eine Mahlzeit hatten bereiten lassen. Der kleine Anton hing nach kurzer Einsegnung durch einen Geistlichen die Blumenkrone vor dem Muttergottesbilde auf, der Geistliche betete dann in einer der Feierlichkeit angemessenen Rede fur diese Jugend, dass sie der milden Gesinnung treu bleiben mochte, in der dieses Fest von dem Burgermeister war gestiftet worden, dass keine falsche Deutung das freudige Wesen desselben lieblos herabwurdige und dass die Kindheit mit der Wunderwelt, die sie erzieht, beschutzt bleibe wie die Pracht der Kirche, durch Meister Antons Standhaftigkeit in jenen Schreckenstagen der Bildersturmerei bewahrt worden sei. Bei diesen Worten suchte er Anton in der Versammlung, weil er seine Ruckkehr erfahren hatte und ihn gegenwartig meinte, da er ihn indessen nicht ersehen konnte, rief er den kleinen Anton zu sich auf die erhohten Stufen, ermahnte ihn, dem Beispiele seines Vaters in allem Guten zu folgen, der Knabe weinte uber die hohe Auszeichnung, die ihm wurde, nachdem er von allen auf dem Pachthofe, wohin er nach dem Tode Oswalds untergebracht, als ein Missetater angesehen worden; allgemein verbreitete sich die Ruhrung und das stille Gebet fur den Kleinen, der die ganze Stadt an jenem Tage fur sich eingenommen hatte. Der Geistliche glaubte nach diesem Augenblicke allgemeiner Teilnahme nichts Bedeutendes mehr sagen zu konnen, er schloss daher, indem er zum Frieden im frohlichen Genusse ermahnte; eine Warnung, die in dieser Gegend besonders notwendig war, wo die Bauerfrauen, die aus entfernteren Gegenden zu Kirchweihen zogen, gern das Totenhemd fur ihre Manner ihrem Sonntagsstaate beipackten, um fur alle Falle gesorgt zu haben; das Volk wollte Blut sehen, um nuchtern zu werden.

Nach der feierlichen Rede wurde wieder ein angemessener Dank fur die reiche Ernte aus einem alten Kirchenliede gesungen, dann wurden die Kinder auf den grunen Bleichplatz gefuhrt, wo Bretter als Tische, und Decken zum Sitzen gelegt waren, die Milchsuppe wurde in grossen Braukesseln herbeigetragen und auf die Teller gekellt, die Weizenbrote wurden ausgeworfen, die irdenen Weinkannen ausgeteilt, der Schweinebraten nach den Einschnitten seiner harten knupprigen Schwarte in breite Stucke zerlegt, deren weisser Glanz mit brauner vielaugiger Bruhe bedeckt, den Kindern ungeduldig in die Augen leuchtete; dann der Apfelkuchen, reichlich mit Honig bestrichen, das Mahl und den Mund der Kinder schloss.

Nach feierlichem Gebete standen sie auf und durften sich selbst in den Garten die reifen Fruhapfel abschutteln. Da gab's ein Leben, als sie die Mantel und Barette und aus Schonung ihre neuen Wamser und Hemden abgelegt hatten, jeder Baum schien ein volles Nest von Engeln, ein Adler schwebte lange uber ihnen und senkte sich nieder, weil der kleine Anton, auf den hochsten Asten immer voran, und der kuhnste, obgleich einer der jungsten, ihm winkte, aus sehnlichem Verlangen auf ihm zur Sonne zu reiten. Da liess sich der Adler bis nahe uber dem Haupt des Kleinen herab, der ihm freundlich einen Apfel reichte; der Adler nahm ihn mit seinem Schnabel, und sei es, dass ihm die Gabe genugte, oder dass ihn das Geschrei der andern Kinder erschreckte, er stieg mit rastlosem Fittich der Sonne zu und verlor sich dem geblendeten Auge in ihrer rollenden Scheibe.

Frau Anna sass halb traumend auf dem Ehrenplatze des bezahlten Gasttisches, ihr zur Seite war ein Platz fur Anton leer, sie wurde durch die Erzahlung aus einem Taumel erweckt, in welchen sie das Ausserordentliche der Begebenheiten verzaubert hatte, sie freute sich uber dies Ereignis, aber dieser kleine Anton, wenn sie ihn auch nicht mehr hasste, war ihr gleichgultig, sie trank kaum seine Gesundheit mit, die ihm gebracht wurde, und fragte nur zuweilen nach dem kleinen Wilhelm, den sie der Verwalterin im Pachthofe ubergeben hatte, um ihn zu ihrem Kinde in die Wiege zu legen.

Katharina sah sie mit grosser Verwunderung an, sie konnte nicht begreifen, dass diese Frau, deren Wesen ihr so gemein und niedrig erschien, die Frau ihres Bruders sein konne, und wie Frau Anna die Versicherung des Ratsherrn Arnold, dass es nichts koste, dazu benutzen wollte, sich einmal ganz satt zu essen, so stieg der Hochmut in Katharinen so gewaltig, dass sie uber den Geruch der Speisen, die reichlicher gewurzt waren, als es in der Hexenkuche ihrer Mutter herkommlich, die Nase rumpfte, ja wohl gar darauf nieste, dass keiner den Teller anruhren mochte und alle nur aus Rucksicht, weil sie mit den Fremden gekommen, es beim Zischeln bewenden liessen. Als der Hunger aber so machtig in ihr wurde, wahrend die meisten andern schon den Kase schabten, dass sie die fortgeschobenen Teller einen nach dem andern vornahm und mit dem Brote bis zum letzten ausputzte, da konnten sich viele nicht mehr des Lachens enthalten. Sie wollte trotzig die Ursache wissen eine dreiste Frau vertraute es ihr, da wurde sie so beleidigt, dass sie mit so elendem Volke gar nicht mehr ausdauern mochte und die Gesellschaft verliess. Kaum war sie fort, so legten die Pforzheimer mit allen sonderbaren Geschichtchen los, die sie von ihr unterwegs erfahren, wie sie ein Kind gehabt und doch Jungfrau sei, dass sie ein unehelich Kind und ihre Mutter eine Hexe.

Zum Ungluck war Guldenkamm und Susanna bei diesen Erzahlungen nicht gegenwartig, sie hatten ihnen sonst Einhalt getan, beide waren gleich nach der feierlichen Rede in die Stadt gegangen ihren Anton aufzusuchen, den sie im Ratskeller oder sonst bei alten Bekannten vermuteten und dem Feste zufuhren wollten.

Nach Tische begann die Traubenlese, freilich an diesem Tage mehr zum Schein als des Nutzens wegen, denn jeder durfte essen was er brach, jeder durfte sich die reifsten Trauben auslesen und sich damit nach der grossen Weinlaube begeben, wo ein Fass Wein auf gemeinschaftliche Kosten ausgetrunken werden sollte.

Beim Weine fiel es dem unbescheidnen Junker Blaubart ein, dem Waiblinger Burgemeister einen Pforzheimer Mut zuzutrinken, wenn die Bauern einmal wirklich vor die Stadt zogen und nicht ihre arme Kinder so voraus zu schicken.

Der Burgemeister rief Arnold, er mochte einmal horen, was der Pforzheimer spreche, ob es auch nicht ihrer Stadt zum Nachteil gereiche. Da gab es harte Worte von beiden Seiten; eben sollte es zum Losschlagen kommen, als eine grosse Schar Winzer mit verdeckter Trage und grossem Geschrei zur Gesellschaft heranzog.

Es war namlich die Sitte des Landes, dass die Winzer gegen Abend auszogen und Madchen, die etwa mussig umherliefen, auf ihre Trage legten, um sie unter dem Namen der Herbstsau zum Gelachter aller in die Gesellschaft der Fleissigen zu bringen, solch ein Madchen musste sich mit allerlei Geschenken loskaufen.

Welch eine Verwunderung, als jetzt die stolze Katharina aus der geheimnisvollen Verhullung hervorkam und mitten im Geschrei und Gelachter wie eine Konigin sich gebardete. Da sie den Gebrauch nicht kannte, weil im Gebirge kein Weinbau getrieben wurde, so hielt sie die Winzer fur Abgeordnete, die sie auf eine recht ehrenvolle Art als Konigin des Festes der Gesellschaft zuruckfuhren sollten und war naturlich jetzt verwundert, von allen als Sau! Sau! Sau! sich anrufen zu horen und die Neigen aus aller Glaser wie einen Regensturm auf sich fallen zu fuhlen.

"Guldenkamm!" rief sie mit lauter Stimme; der war aber mit Susanna im Ratskeller so gutmutig festgehalten von der Wirtin, dass er seiner Geliebten nicht gedachte, "ach", seufzte sie, "ware mein Wilhelm hier, er liesse mich nicht ungeracht, warum habe ich die treue Seele verstossen nun macht's nur nicht gar zu grob", fahr sie fort, als ihr Brot und Kaserinde an den Kopf flogen. Dies war das Ziel ihrer Demutigung, denn mit einigen kraftigen Schlagen lagen plotzlich die Winzer, die sie auf dem Schandsitze festgehalten hatten, am Boden; "Katharina Wilhelm dein mein mein Leben um deine Ehre!" mehr konnten sie nicht mit einander reden, Wilhelm wutete gegen die Menge und ware sicher verloren gewesen, wenn nicht die Waiblinger in der Meinung, er sei ein Pforzheimer, der den alten Streit erneuern wolle, gegen diese Gaste losgeschlagen hatten.

Da gab's ein Schlagen, Junker Blaubart hatte bald auch blaue Augen, und hatte er nicht ein Messer gehabt, so war er verloren; vielleicht ware alles nicht so schlimm geworden, wenn nicht, sonderbar war es anzusehen, die Weinlaube, deren Stutzen zum Schlagen ausgerissen wurden, endlich uber die Fechtenden zusammensturzte, die in ihrem grunen verflochtenen Netze die Drohenden festhielt. Manche Traube kuhlte den zornigsten Mund, indem sie sich auf ihm zerdruckte, und es schien, als ob sie der Freude erzogen den Streit nicht leiden wolle.

Aber Katharinas beleidigter Stolz litt keine Hemmung, sie verhohnte die Waiblinger mit bittern Reden, indem sie alle weibische Manner nannte, welche die Ehre einer Jungfrau nicht zu achten wussten.

Wilhelm und die Pforzheimer, die bessere Messer und ein paar Degen hatten, arbeiteten sich zuerst von dem Flechtwerke los; da sie nun auf vielen hart herumtrampelten, die darunter vergraben lagen, so erweckte ihr Geschrei Furcht in den andern, als erst einige flohen, wuchs die Zuversicht der Pforzheimer ungeachtet ihrer geringen Zahl, dazu kam, dass in der Dunkelheit die halb berauschten Waiblinger, die sich unter der Laube allmahlich erhoben, einander verkannten und mit Faustschlagen sich einander gegenseitig traktierten. Nach einer halben Stunde waren die Waiblinger, so viele deren noch gehen konnten, ausserhalb der Mauer des Hofes, der aus alter Zeit her noch wie eine Burg befestigt war und nur einen Zugang hatte. Wilhelm zog die Brucke auf und sah jetzt als der einzig ganz Nuchterne nach den Verwundeten auf dem Schlachtfelde.

Katharina kam ihm mit einem goldnen Sporne entgegen, den sie einem verwundeten Ritter Landschaden abgenommen, auch nahm sie ihr Schwert wieder, das sie hatte in der Laube stehen lassen, und schlug ihren Geliebten zum Ritter mit dreimaligem Ausrufe: "Besser Ritter als Knecht!" erst dann durfte er sich den Sporn anschnallen, erst dann durfte er sie umarmen, dann wechselte sie im Beisein aller Pforzheimer die Ringe mit ihm, die sie dem toten Burgermeister abgezogen hatte, als Zeichen ihres Verlobnisses. Als er sie an seinen Mund, an sein Herz gedruckt hatte, da fuhlte er erst seine Wunden und sank auf seine Knie und kusste ihre Hande. Sie liess es geschehen, sie sah den Sieger, den Ihren gern zu ihren Fussen, sie fragte ihn, welcher Zufall ihn in ihre Nahe gefuhrt. Er sprach, wie er ihr noch recht lange habe nachsehen wollen, ihr und dem Zuge, so sei er von Hugel zu Hugel hinter ihnen hergegangen, er habe aber nicht gewagt sich ihnen zu nahern, er habe sie mit Herzensjubel zuletzt auf dem Felde belauscht, wie sie die Feldzwiebeln neben sich gekopft, auch sei er schon bereit gewesen ihr zu Hulfe zu eilen, als die Winzer sie ergriffen, doch ihm habe es geschienen, als sei es mit ihrem Willen. Leise sei er endlich dem Zuge der frohlich mit Weinlaub Geschmuckten gefolgt, bis er ihren Ruf nach Hulfe und Rache vernommen. "Mir ist alle Seligkeit geworden auf Erden", so sprach er, "du hast zum Ritter mich geschlagen, dein hohes Blut mit mir verlobt, und wie ein Pferd bei einer vollen Krippe, nachdem es seines Lebens satt und froh mit seiner Halfterkette spielt, so will ich mit dem Ringe spielen, wenn mich die Kraft verlasst noch die geliebten Hande festzuhalten."

Bei diesen Worten sank er um, erst jetzt sah Katharina, dass er an zwei starken Stichwunden in der Seite verblutet war, o du armer Stolz der Erde, jeden Tropfen des gemeinen Blutes hatte sie gern mit ihrem hohen Blute erkauft, ihre Hand, die ihm den Himmel aufschliessen konnte, hatte keine Macht ihn auf der Erde festzuhalten und ihre Augen, die ihm sonst in steter seliger Nahe vorschwebten, versanken in die unendlich tiefen Brunnen voll Tranen wie fallende Sterne am Todestage der Welt. Rings um den Sterbenden waren alle Lebenden auf ihre Sicherheit bedacht, sie gedachten aber nicht, welches Pfand der Unverletzlichkeit ihnen geblieben, die Kinder der Stadt, die sich in dem Garten beim Spiele eben so rauften wie ihre Vater beim Weine, erst bei den Klagen der Weiber, die aus dem Felde heimkehrend das Schrecken erfuhren und um ihre Kinder fleheten, dass man sie ihnen zuruckgeben solle. Aber Blaubart erkannte schnell seinen Vorteil, er versprach ihnen Schonung der Kinder, wenn sich alle Bewohner von Waiblingen wahrend der Nacht in die Stadt zuruckzogen, dass sie sicher vor jedem Uberfalle den Morgen erwarten konnten.

Herr Arnold, der glucklich entkommen war, ging diesen Vertrag ein, nur sagte er, dass sie Guldenkamm und Susanna, die von dem Larmen aufgeschreckt ihrem Herrn zu Hulfe eilten und den ergrimmten Fluchtlingen in die Hande gefallen waren, zur Sicherheit des Vertrages, als Unterpfander bewahren wollten.

In dieser schrecklichen Nacht, wo jeder fur die seinen bebte, sich aber gern vergessen hatte, stieg zum erstenmal der grosse Komet aus dem Schosse der Nacht auf, der nachher noch so viel Blutvergiessen uber die Welt gebracht hat; das traf in das schonste Wohlleben Deutschlands. So ist uns oft das Leben eines einzelnen Menschen ein Bild von den Schicksalen seines Volkes, oft voraus warnend, oft zu spat. So mogen wir auch wohl erwagen, was sich zwischen Anton und Frau Anna in dieser Nacht ereignete. Er war erschopft an einem Rebenhugel liegen geblieben, dort hatte ihn die Zigeunerin gefunden und mit einem brennenden Getranke, das damals nur den Kranken gegeben wurde und das aus der Garung der Kirschen in kunstlicher Destillation erhalten wird, wieder zu seinem Verstande gebracht, er kannte sie wieder, sie gab ihm Speise und brachte ihm einen Gruss von seinem Vater Rappolt, der da noch lebe und ihn zu sich rufen lasse, ihm im schweren Dienste seine jugendlich wachenden Augen zu leihen, weil er allmahlich erblinde. Diese Nachricht beruhigte Anton, er sah wieder ein Ziel, wonach er streben konnte, einen Schatz, durch den er den Waiblingern die Verwustung ihrer Kirche verguten konne, eine Rache gegen seine Frau, wenn er ihr seinen Uberfluss und sein Erspartes zusenden konnte.

Die Zigeunerin versprach, seiner im Walde zu warten, um ihn zum Vater zu fuhren, er eilte die Seinen von dem Feste abzuholen. Es dunkelte, als er wieder in die Nahe des Pachthofes kam, und wie er uber die reiche Gegend sah, die abgeerntet wieder neu belebenden Stoff den himmlischen Strahlen ausgelegt hatte, da regte sein Herz wieder die Nahe des zartlichen Gespenstes, es war ihm diesmal nicht unwillkommen, doch schien es scheuer vor ihm hinter jedem Busche sich zu verstecken, er lockte es sanft wie ein Schafer das Lamm, das einem Abgrunde nahe steht, er gab ihm schmeichelnde Worte, pfluckte weiches Laub von den Weinreben und mochte den Vorubergehenden wohl toricht vorkommen wenn nicht der Weg an diesem Festtage den Verirrten nur gehort hatte. Zartlich bewegte sich das geliebte Bild vor ihm, umsonst mahnte er es, sich ihm zu verbinden, er sei ein Neugeborner aller Fesseln frei, seit er die Stunde verflucht, die ihn wieder mit seiner Frau verbinde, aber die liebliche Gestalt, bald seiner Frau, bald Susannen ahnlicher, schien den Spass wie ein torichtes Kind allzuweit zu treiben, er zurnte in seinem erhitzten Gemute, zog sein Messer und rief: "Teufelin, ein Wort, du bist mein oder bist des Todes, du teilst mein Lager oder wir sind auf ewig geschieden wie zwei Felsen durch einen Wasserstrom!"

Da regte sich die Gestalt, da schien sie zu verschwinden, trat aber dann den Weg hinauf ganz in der Gestalt seiner Frau, nur war sie, wie der Sternenschein aussagte, in ihrem Angesichte frischer, sie trat auf ihn zu, umfasste ihn und konnte nicht reden. Wenn aber der Wolf seinen Fang sucht, da ist er still, dass seine Stimme nicht erschrecke, so still zwang Anton die Gestalt seinem Willen und sie schien dem Zwange mit zogerndem Wunsche zu begegnen, sie entschliefen beide in Lust und der Wind, der auf Blumenradern, und der Sturm, der auf Eisnadeln uber sie hin fuhr, konnten sie nicht erwecken. Als aber die Sonne aufging, da traumte Anton, er falle in eine Hohle, die bis in den Kern der Erde gehe, er wollte sich helfen und erwachte, der Zaubertrank der Zigeuner war verraucht, er sah die Frau an seiner Seite, um die er sich und die Stunde verflucht hatte, in der er sie wieder beruhre, und die Stunde hatte schon lange ausgeschlagen und der Fluch brannte in seinem Haupte wie brennender Zunder, der einem Pferde in das Ohr gesteckt ist, dass es durchgehe; es schauderte ihm, dass das Messer in seiner Schale zitterte, das am Gurtel hing, er zog es und rief: "Du oder ich!"

Das Messer war in Frau Annas Brust, sie war es gewesen, sie selbst, sie war vom Weine in Gedanken verwirrt, von dem Zuge der Frauen abgekommen; unbekannt mit der Gegend war sie ihrem Morder in die Arme gelaufen, den sie mit ihrer Gunst stillschweigend zu versohnen trachtete, denn sie kannte ihn sonst zwar heftig, aber ohne Falsch und was er sonst kusste, das war ihm heilig dadurch auf immer und ewig.

Jetzt zogen die grauen Wolken uber ihr und sie wusste nichts davon, die Zugvogel fluchteten vor dem neuen Wetter, sie aber war schon weiter gezogen, der durre Jager stand aber hinter dem erstarrten Anton und fragte ihn: "Bruder, ein Wildbret, du fallst mir in meine Jagdgerechtigkeit, soll ich dich auf einen Hirsch schmieden und durch den Wald jagen, was hast du geschossen, was so schweisst, deck deinen Mantel auf, wir wollen teilen!"

"Nimm uns beide", rief endlich Anton und schlang die goldne Halskette, die er zum Geschenke erhalten hatte, um seine beiden Hande, dass er festgebunden war, "diese gib der Erde, mich aber ubergib dem Richter, der an Gottes Stelle auf Erden richtet, mich bringe als Morder nach Waiblingen, so will ich dich zum Erben setzen von allem, was noch auf Erden mein ist."

"Nicht also, guter Bruder", sprach der durre Jager, "haben wir gewettet; ich habe auch mein Weib umgebracht, wir kennen uns nun besser einander und keiner hat dem andern was vorzuwerfen, sei kein Tor, dich den Gesetzsprechern auszuliefern, die doch keinen Armen vor Mord und Totschlag in dieser Zeit schutzen konnen und viel tausend Landsleute um eine Frage, die keiner versteht, niederhauen lassen, ich meine, du bist eines vornehmen Herren Kind, ich habe auch vom Grafen Rappolt gehort, zieh ab, hier ist kein Boden fur uns beide, was halt dich noch hier?"

"Mein Kind!" seufzte Anton, "und diese Leiche."

"Fort mit ihr in den Strom, der sich hier durchqualt, er mag sie tragen, wohin er will!"

So tat der Jager, eh' er's sprach, und als Anton sich ihm nach werfen wollte, trug er nur noch den Brief auf seiner Flache, der aus Frau Annens Busen gefallen war, und legte ihn dem Erstarrten zu Fussen. Der Anblick hielt ihn zuruck, er trat in das Bewusstsein eines grosseren Geschickes, dem nicht zu entfliehen sei, seine Augen weilten auf der ewig wandelnden, ewig gleichen Flache des Stroms, der jetzt Katharinens verweintes Angesicht ihm abspiegelte, wie sie den kleinen Wilhelm auf dem Arme, den kleinen Anton an der Hand mit Guldenkamm und Susanna uber die Wiese aus dem Pachthofe fortzogen, wahrend die Pforzheimer, die sich alle Pferde der Sicherheit wegen zugeeignet hatten, uber das Feld fortjagten, dass sie der Grenze entkamen. Nimmer war eine Sehnsucht nach dem Tode in Antons Seele erwacht, jetzt aber war seine Seele in den Worten: "Mir ware besser, dass ich tot, als dass durch mich solches Unheil in die Welt gekommen." Katharina ihm gegenuber seufzte in den Wind, der gleichgultig uber alles hin das Tal mit dem Flusse hinabgleitete: "Mir ware besser die Schande, als eine Ehre, die mir den Geliebten entrissen!"

Beide standen so von einander getrennt und achteten nicht, was rings geschah, da pfiff es aus allen Buschen, und wie in einem Wirbelwind auf einen Kreis aller bewegliche Staub und gelbe Blatter zusammengedreht sich vereinet, so standen sie plotzlich zu beiden Seiten von den gelben bestaubten Scharen der Zigeuner umgeben, die Anton wieder erkannte, mit der Hand von sich fortwinkte, die Hande dann faltete und von sich fort zu beschworen schien. Die Zigeuner versammelten sich aber, mit der Begleitung vieler Maultrommeln und Querpfeifen singend, immer naher um Anton und Katharinen, dass ihr Hauch im Aufschreien die blonden Locken durchschauderte:

Zigeuner

Betet nur kein Vaterunser,

Ihr seid unser,

Stehet auf der Wegesscheide,

Euer Weg, der fuhrt zum Galgen

Und der unsre fuhrt zum Balgen,

Ihr seid auch von unsern Leuten,

Uns hilft Streiten und Erbeuten.

Sehet euch nicht um und weinet,

Ihr versteinet,

Eure Stadt seht ihr nicht wieder

Euer Haus geht auf in Feuer,

Werdet frei von dem Gemauer,

Lasst euch nirgend wieder nieder,

Maurer, Zimmerleut sind Feinde

Und die Welt ist die Gemeinde.

Die Zigeunerkonigin

Einer seh nicht nach den andern,

Ihr musst wandern.

Wo kein andrer ist geboren,

Uberm Stroh geschorner Felder,

Uberm Besenreis der Walder,

Wo der Konig steht verloren,

Von der Erd lost euch die Schuld,

Steigt durch Tat zu Himmelshuld.

Zigeuner

Springt das Grun aus Fruhlingstrieben,

Sollt ihr lieben,

Sind verguldet alle Saaten,

Musst ihr ernten ohne Saen,

Scharfe Schwerter konnen mahen,

Haun aus jedem Schwein die Braten;

Graben wir nach fetten Dachsen,

Knarren bald die Wagenachsen.

Betet nur kein Vaterunser,

Ihr seid unser,

Musst mit uns auf Felsen klimmen,

Ihr seid nirgend mehr willkommen,

Wollt ihr zu einander kommen,

Musst ihr wie die Fische schwimmen,

Wer noch durch die Luft gezogen,

Hat den Teufel drum betrogen.

Die Zigeunerkonigin

Hunger lehrt euch prophezeien,

Lasst euch weihen,

Sagt erst Kindern, was sie wollen,

Jungen Madchen sprecht vom Knaben,

Heimlich kommen euch die Gaben,

Klebt ihr nicht an Erdenschollen,

Ahnen euch der Wittrung Taten;

Helden kann ein Held erraten.

Propheten sprechen oft zu uns aus unserm eigenen Munde, an das Unbedeutende heften sie den Blick mit Ahnungen und wir fuhlen ein gemeinsames Leben mit aller Welt. O ihr Ahnungen, wunderbare Seher der Zukunft, eure Sternzeichen leuchten in der unerschopflichen Tiefe unsres Herzens, ihr seid das Licht, ihr seid das Auge zugleich und darum seid ihr nicht zu erkennen und zu begreifen mit der Vernunft. Mit wechselnder Schnelligkeit hebt uberfliessend der Eimer des neuen Lebens, dass sein herabfallender Uberfluss im Brunnen uns erst horbar wird, wenn der geleerte Eimer schon in leerer Gegenwart schwankend niedersinkt. Das Herrlichste erkennt sich erst, wenn es vorbei, und darum begrusse ich euch dankbar und locke euch liebevoll, ihr viel verschmahten Ahnungen; aus euch atme ich hoffend und leicht in die Welt, durch euch schlagt jede Ader machtiger und freut sich ihrer unendlichen Verflechtungen, die ein Vorbild sind, wie die unendlichen Geschlechter der Erde aus einem Blute stammend auch an ein Blut glauben sollen, das fur alle vergossen, alle zur Seligkeit fuhren wird. Wie sehen wir ahnend so anders in die Welt, und in dem Himmel sehen wir, wie ein allumfassendes Blau die verbrennenden Gestirne ernahrt und herstellt, woraus wird uns in Ahnungen so wohl? O konnten wir doch auch ruckwarts unsern Blick in eurer Kraft wenden und die Welt verstehen lernen, die unsere Erinnerung belastet, konntet ihr das Vergessene und Verborgene uns wiederbringen, erst dann ware unsre Welt unendlich und dazu mochte ich euch zur Stunde meiner Geburt hinwenden, das Gefuhl zu wissen, mit dem der Mensch sein Auge zum erstenmal offnete, zu wissen, wie er dann in der Wiederkehr des Jahres, nachdem er den grossen Kreis das erste Mal durchwandert, den Jahrestag seiner Geburt feierte, ja dann wusste ich, wie die Erde fuhlt mit ihren Saaten und Waldern in jeder Jahreszeit, ob die Tiere ihr Leben ruhmen, das auf einen Jahreslauf beschrankt ist, oder ob sie neidend den uberlebenden Geschlechtern, sich vor der Luft verkriechen, die sie erweckt hatte, und entschlummern. Dann wusste ich, wie jedem Geschlechte der Tiere zu Mute ist, wenn der Tod des Jahres, der Winter, alle Blatter abstreift; was die Vogel singen, wenn diese gleich ihnen durch die Luft fliegen, was das Gewild schreit, wenn sie ihnen das Gras bedecken und die Fische, wenn sie wie unzahlige kleine Nachen auf der Wasserflache umhergaukeln bis sie versinken. Eine schwerere Decke uberzieht aber bald mit gleichem Weiss die vielfarbige Erde, wie mogen die Ameisen erschrecken auf ihren weiten Wanderungen, wie mogen die Bienen trauern, wenn sie ihren Vorrat, die goldene Erinnerung unzahliger Blumenkusse in der Not angreifen, was mogen die Fische traumen, wenn eine harte, trube Eiswolbung sie in harterer Gefangenschaft halt als die Netze, denen sie so oft entschlupft sind, und sie von der Oberflache bannt, an der sich das Wasser erneut, in der sie so oft frohlich des Sonnenscheins rauschten, wie sie erschrecken, nun der Hirsch, den der Teich so lange trankte, verwundert uber ihr Haupt hintobt und mit hartem Hufe anklopft, bis er die Eisdecke eingeschlagen und dann selbst erschreckt den Kopf zuruckzieht, wenn ihm die scheuen Bewohner des so spiegelnden Elements ungeduldig entgegentreten, weil sie schon erstickt sind in der kalten Nacht und verkehrt oben aufsteigend kaum noch die Flossen zu regen vermogen. Wie sich in der Liebeszeit des Jahres die Tiere uber einander frohlich verwunderten uber alles, was jedem besonders verliehen, wie die Krahen da sich Flockchen Wolle zu ihrem Neste von der Fulle des Schafs abrissen und der treue Hund, der es nicht leiden wollte, ihnen kaum eine Feder ausreissen konnte und den sichern Fang erstaunt in die Luft emporsteigen sah und vergebens danach emporsprang, wie der ergrimmte Hahn die Enten auf dem Wasser nicht weiter verfolgen konnte, die seinen Huhnern das Futter weggefressen, so beneiden einander alle in der Schreckenszeit, die Krahe sieht von ihrem durren Ast den dichten Pelz des Schafes mit Neid und mochte sich darin kleiden, Enten und Huhner sehen mit Neid die frohlichen Zugvogel fortziehen, alle Tiere macht der Winter ernst und boshaft und der Mensch, der alle beherrschen sollte, verkriecht sich furchtsam vor ihnen und liest in dem Fluge, in dem Geschrei der Tiere aberglaubische Zeichen einer hohern Gewalt.

Du armer Mensch, warst du doch wie jene Murmeltiere einem Winterschlafe wenigstens unterworfen, wenn du nicht mit den Zugvogeln dich in die Gegenden ewigen Fruhlings fluchten kannst oder wie die Wasserlilien nur zum Bluhen an die Oberflache kommst, o dass du ihnen nicht gleichtun kannst und schlafend, oder wandernd, oder versinkend dem Winter entkommen magst; keiner von uns mag so schnell ziehen und versinken, um der Kalte zu entkommen, die in einer Nacht halbe Weltteile uberfliegt, und wer schliefe so fest, dass ihn der Frost und der Sturm nicht weckten, so schlafen nur die Toten. Die Lebenden aber wie das Grun, das noch aus dem Schnee wunderbar hervorblickt, strecken ihre Arme von ihrem Lager in die Welt, der Sonne entgegen, aber sie warmt nicht mehr, sie erschrecken vor ihr wie vor einer alten Freundin, die in einem Augenblicke ihnen fremd geworden ist. Aber die Trompeten schmettern in allen Strassen, gedampft von den Schneelagen, doch horbar, der Feind ist nahe, der Freund ist in der Not, Not und Ehre rufen ihn, doch der die ganze Welt vergessen mochte, die Schusse fallen immer naher, das Laufen der Fluchtenden hallt immer schneller, er fuhlt keinen Frost mehr, ihm ist heiss wie in Fruhlingsluft, die Ahnung, hier musse er kampfen, durchlebt ihn, ob der Himmel hell oder dunkel, nur eine Tatigkeit in ihm und um ihn her, nur ein Bestreben, denen, die ihn vom traurigen Tode des Erfrierens erweckt haben, sich anzuschliessen, ihre Feinde sind seine Feinde und ware es die ganze Welt.

Mit solchem Herze voll Ahnungen des Mutes sprang Anton unter der Schneedecke hervor, die ihn wahrend des festen Schlafes am Waldabhange unsichtbar gemacht hatte, das grune Gras sah gedruckt, doch hell an der Stelle hervor, wo er gelegen hatte, und dampfte von seiner Lebensglut, die zu ihm ubergegangen war, er sah es noch, so trag und trub war seine Seele, trotz der dringenden Gefahr der Seinen, die ihn anriefen, mit seinem Zigeunernamen: "Huty, Huty, wenn nur unser Huty bei uns ware."

Auf der andern Seite sahen ihn die Juden und riefen ihm zu: "Komm zu uns Simson, du sollst unser Fuhrer sein, zieh aus dein Schwert!"

Der durre Jager weckte ihn und rief: "Komm zu uns, denn bei uns ist deine Schwester, deine Kinder, Susanna und Guldenkamm!"

Diese Worte hatten Anton entschieden, sein Schwert gegen die Zigeuner zu wenden, da erschienen ihm die Seinen wie goldne Morgenflammen, wie sie am Berge fortzogen und nach ihm riefen, weil sie ihn uberall vermisst hatten. "Anton! Anton!" schallten ihm die teuren Stimmen, die nach ihm riefen, und er wandte sich zu ihnen zuruck, sie sahen ihn und sprangen noch bleich vom Schrecken auf ihn zu. "Steh Katharinen bei", rief Guldenkamm, "sie ist mit ihren Jungfrauen im starksten Kampf beim schmalen Wege am Sumpfe."

Anton eilte mit einer allmahlichen Erwarmung seines Gemuts nach jener Seite, es war ihm, als hatte er nach einem Vierteljahre Kerkernacht wieder die Sonne erblickt; ihm war, als ob er noch zu etwas tauge, und eine Ruhrung durchschnitt ihm das Herz, als drange ihm ein blankes Schwert hindurch und machte es der Last seines Lebens frei; die Reue war ein Greuel in diesem Leibe gewesen, der sich nicht beugen konnte, weil er zu stark war, der sich nicht vor der Welt bussend im Staube verkriechen konnte, weil er zu gross gewachsen. Es war ihm ein Bewusstsein geworden und er sah sich in der Tat, wie der volle Mond das erleuchtete Viertel sieht und auch in klarer Nacht an seinem Rande gesehen werden kann, er handelte, er wusste, dass er handelte, und so riss ihn nichts mehr unwissend fort. Zwischen Klothilden, die mit ihren ergebnen Zigeunermadchen die Brucke besetzt hielt, und zwischen den Juden, die sich zum Angriffe mit Jagdspiessen anschickten, war noch ein gegenseitiges Zuschrein und wildes Unterhandeln; die Juden meinten sie durch Uberredung von ihrem Passe zu vertreiben und schickten sich nur ungern dazu an sie anzugreifen, die ihnen mutig mit gutem Degen unter die Augen trat. Der durre Jager trat endlich zwischen beide und suchte beide zu besanftigen, sein Anblick aber mehrte so gewaltig die Wut der Jungfrauen, dass sie mit dem Geschrei "Tod dem Verrater" auf ihn eindrangen, eben als Anton ganz in ihre Nahe getreten. In diesem Augenblicke schwarzte sich der ruhelose Nachthimmel und hoch in den Luften erschallte durch die schwarze Luft ein kriegerischer Marsch in harter Tonart, scherzend in Wildheit. Die Juden schrieen auf: "Das wutende Heer, werft euch nieder!"

Alle warten sich nieder wie schwarze Garben auf der weissen verschimmelten Flur, auch die Jungfrauen warfen sich nieder und schimmerten wie Blutstropfen in dem weissen unschuldigen Lammfelle der Erde, Anton aber beugte sich nicht, sondern hob drohend uber sich sein Schwert. Und bald sahen die wutenden Scharen auf ihn und zogen doch weiter wie Kriegsvolker, die vor der Bildsaule eines feindlichen Helden lobend voruberziehen und in sich denken, dass die Lebenden recht behalten. Welch ein Gewirre von Trachten, aber alle mit Blut bezeichnet, leicht und flatternd in ihren Hemden liefen in frohlichem Gesange; die an Wunden gestorben, ihre Rustung war ihnen abgenommen und ihr Fahnlein war aus zerschossenen Hemden zusammengepflastert, darauf stand geschrieben, gegen welches Volk sie gestritten, gegen welches sie um Rache schrieen; ein trockenes Lazarett, das aus dunklen Kasematten auf eine grune Wiese ausgefuhrt wird, wo ihre Geliebten ihnen volle Becher alten Weines reichen, so dass sie in Licht, Wein und Liebe zugleich ersoffen sich alle gesunder fuhlen, als da sie noch gesund waren, so zog dieser mutwillige Haufen, jeder mit seiner Geliebten, mit Blumen und bunten Bandern geschmuckt, und wuteten hinkend auf den verstummelten Gliedern. Zwischendurch drang die ruhrende Tonart des Kriegsgesanges der Gerusteten, die mit den Waffen in der Hand vor dem Feinde gefallen; ihre grossen Fahnen aus allen Zeiten, hatten sie mit hinubergenommen, teils die eigenen, teils feindliche, sie liessen Anton ihre Zeit erraten, sie forderten keine Rache; denn ihnen war geschehen, wie sie gewollt; aber ein feierlicher Ernst, eine Gewissheit ihrer selbst, erhielt sie in einer wohlwollenden Ruhrung, sie waren gern gnadig gewesen aller Welt und wollten fur die Ihren am jungsten Tage reden.

Diesem Heldenzuge des wutenden Heeres entgegen, zog der wilde Jager aus Osten, ein herrlicher Mann auf hohem Rosse, vor ihm her ein Wolkenzug von ahnlichen weissen Jagdhunden, die suchend liefen, in ewiger Dummheit bellten und am Himmel kein Gewild erspuren konnten, hier roch einer an die Spitze einer Tanne, dass die Nacht ein Hase in ihrem Schatten geschlafen hatte, gleich kamen alle im Kreise, und rochen und bellten, bis der wilde Jager sie mit starker Jagdpeitsche heulend in die Weite trieb. Die beiden Zuge drangen gegen einander und wie sie einander beruhrten brannte ein Blitzstrahl nieder, dass die Welt in einem Feuerabgrund zu versinken schien, dann war es schwarz vor Antons Augen, er fuhlte um sich und fuhlte nichts, er wusste nicht, wohin er entruckt war, es war still um ihn her, weder Jagd noch Krieg, aber ein tiefes Atmen, als sei er ein Fruherwachter unter vielen Langschlafern.

Endlich beruhrte seine Hand eines Menschen Mund und mit einem Schrei horte er wieder die Stimme seiner Schwester: "Anton, du lebst, nun so lass uns zu Gott beten, der uns erschuttert hat."

Anton aber fragte: "Katharina, wo sind wir, in welcher Tiefe bussen wir unsre Sunden?"

KATHARINA: "Wir allein stehen aufrecht, wie wir standen, um uns her liegen Freunde und Feinde im Grase hingestreckt und wagen nicht aufzublicken. Aber sprich Anton, was beruhrst du so stillschweigend meine Augen?"

ANTON: "Siehst denn du mit deinen Augen, warum deckst du mir die Augen zu."

KATHARINA: "Herrlich glanzen deine Augen, wie ich nimmer sie gesehen, weithinleuchtend uber die erschreckte Flur und die Feinde, statt zu streiten, beten demutvoll zu dir und bitten dich um Frieden." Anton fuhlte, er sei vom Blitzstrahl geblendet, aber er schamte sich, es zu gestehen, so verlassen von Gott und von der Welt hatte er sich nie gefuhlt, als die Feinde ihm den Jager gebunden uberschickten, dass er und die Zigeuner ihnen Frieden und Freundschaft schenken mochten, nachdem der Blitzstrahl ihren alten Anfuhrer Niklas erschlagen habe, der unter ihnen Manasse geheissen.

Anton befahl, den Gefangenen wohl zu bewachen, und die Seinen, die sich jetzt allmahlich um ihn versammelt hatten, hoben Geiseln aus, um ihre kleinere Zahl gegen die Ubermacht dieser Hohlenbewohner zu sichern. Aber alle diese Bewegungen, diese Vorsicht, alles schien noch durch die betaubende Erscheinung verwirrt, es war als ob ein Menschenfuss durch ein paar Heere streitender Ameisen geschritten, ihre Wut ist in der allgemeinen Zerstorung erloschen und die ergrimmten Feinde suchen gegenseitig bei einander Zuflucht. Da die Herzogin der Zigeuner nicht gegenwartig war, so hatte das allgemeine Zutrauen Anton als Fuhrer emporgehoben, er aber starrte in eine ewige Nacht und wenn er es ihnen auch zu verbergen trachtete, und jeden Augenblick das Licht der Welt erwartete, so konnte er doch nur nach langsamer Ausfrage gebieten, was der Augenblick erheischte. Aber der Friede war den Menschen aufgedrungen in dem gemeinschaftlichen Schauder vor grosseren Ereignissen, die sich der Welt nahten und die jeder vorerst in seinem Kreise sich zu deuten suchte.

"Den wilden Jager kennen wir wohl", sagte ein Bewohner der Hohlen, "es ist der Hackelnburg mit der Tut Ursel, sie ziehn vor allen grossen Festlichkeiten aus ihrem Gebirgswinkel heraus; wie mogen sie aber heute sich entsetzt haben, als ihnen das wutende Heer in den Weg getreten ist, denn das bedeutet grossen Krieg, und wo die alten erschlagenen Landsknechte herziehen, daher kommt es uber Deutschland, das wilde Kriegswetter."

"Wie ist die Geschichte mit dem Hackelnburg?" fragte Susanna, die Anton wieder traurig auf den Boden hinstarrend erblickte, wie er oft getan, seit dem Tode seiner Frau.

Ein alter Jude antwortete: "Wir haben viel von dieser Geschichte im Lande gehort, in unsern Buchern steht nichts davon. Er soll ein gewaltiger Jagersmann gewesen sein, der Hackelnburg, die Tut Ursel aber eine Nonne, die in ihrer hochsten Andachtigkeit die andern Nonnen mit ihrer schrecklichen grunzenden Stimme gestort hat, Hackelnburg hat ihre Stimme im Chore gefallen, weil sie der eines wilden Ebers ahnlich, er entfuhrte sie, verliess sie aber im Walde wegen eines Traumes, der ihn warnte, er werde durch einen grossen Eber umkommen. Als er sie verlassen, durchstreifte er wieder das Jagdrevier und traf auf einen grossen Eber, zwar entsetzte er sich erst vor ihm, doch fing er ihn ab und als er ihn so vor sich liegen sah, da stiess er verachtlich mit dem Fusse gegen einen der grossen Hauer und sagte: 'Nun, du sollst es mir auch nicht getan haben.'

Das war sehr unvorsichtig von dem Manne, das hatte er lassen sollen, er stiess sich den Hauer durch den Stiefel ins Fleisch und starb bald an einer Entzundung dieser Wunde. Nicht wahr, das hatte er lassen sollen? Die Leute sagten gleich, es sei mit dem Eber nicht richtig gewesen, sie begruben ihn mit dem Hakkelnburger zusammen, bald zeigte es sich, dass er mit seinen Hunden umziehe, wenn Feste im Lande, und die Tut Ursel vor sich herjage. Ja was ist dagegen zu sagen?"

Der durre Jager, der gebunden und grimmig am Boden lag, rief hier: "Ja das weiss ich und habe es erfahren, wie eine menschliche Seele in ein wildes Tier einfahren kann, und sich austauschen mit der Seele des Tieres, die in den menschlichen Leib mit Vergnugen ubergeht, das ist des Teufels hochster Spass und macht ihm seinen Tiergarten voll und lustig, ach ihr Leute mogt wohl uber mich reden und mich vielleicht umbringen und wisst nicht, wie sich alles mit mir ereignet hat und wie ich so gern anders gewesen ware, als ich geworden bin. Den der Blitz vor einer halben Stunde erschlagen hat, Niklas, der alte bose Niklas, ich muss jetzt daruber lachen, warum der mein Vater gewesen ist, aber er war es wirklich, ich war als Euer Untertan geboren, Anton, ich musste auf sein Geheiss Euch zu Trunk und Spiel verfuhren, als Ihr durch Eure Frau zu Wurde und Ansehen kamet."

Anton sagte finster: "Also Feinde, immer mehr Feinde, immer weniger Freunde, sprich, was konnte Euch mein frohlich Leben schaden? Meine Augen sahen nie uber die Stadtmauern hinaus und so ware ohne Euch, ein Tag wie der andere mir in stiller Arbeit unverloren voruber gegangen und in mir mit Segen eingekehrt und versunken!"

"Anton", sprach der Jager, "ich schwore es Euch, nicht aus Gaukelei, wie ich oftmals getan, dass es mich schmerzte, als ich um Euch mein Netz geworfen, aber ich konnte nicht anders, der grimmige Teufel hatte mich so lange angehetzt, dass ich um alles in der Welt ihm nicht hatte ungehorsam sein mogen."

"Welcher Teufel", fragte Anton, "und was wollte er mit mir gerade, ich habe ihm doch nur eine gemeine Lastertat geliefert und tue ihm keine mehr zu Gefallen."

"Wisset", sprach der Jager, "dass in Italien noch jetzt zwei Parteien sich gegen einander in den Ringmauern derselben Stadt durch hohe Hauser mit Turmen befestigen, von denen die eine jetzt unterdruckte noch von Eurem Vorfahren, der zu Waiblingen geboren, den Seinen den Namen der Waiblinger oder Ghibellinen verliehen hat, es war Konrad III., der lange mit Wolf, dem Bruder des geachteten Heinrich gestritten hat. Von diesem Wolf kommen die Welfen, die sich unserm heiligen Papste unterwerfen, es geht aber eine alte Sage, dass ein neuer Waiblinger die Unsern unterdrucken werde, darum ward mein Vater Niklas nach Deutschland gesendet vom Papste, um Euer Geschlecht zu unterdrucken, bald war es ihm mit Eurem Vater gelungen, auch Euch glaubte er im vergessenen armen Leben untergegangen, als Ihr plotzlich durch Eure Heirat erhoben ihn erst aufmerksam machtet, wie er Euch durch seine Entfuhrung gerade zum rechten Waiblinger gestempelt hatte. Nun war Euch mit Gewalt nicht viel beizukommen, denn Ihr standet wohl ein paar Manner, und in Wahrheit, wenn der Teufel nicht mich und meinen Bruder Seger so unablassig geplagt hatte, wir waren Euch zu gut, Ihr seht mich darauf an, es ist aber doch wahr."

"Nein bei Gott", rief Anton, "wenn Ihr nicht ein Gesicht habt, wie eine Sonnenfinsternis vor einem berauchten Glase, so kann ich Euch nicht sehen."

"Nun wie Ihr wollt", sprach der Jager weiter, "seht Ihr die aufgehende Sonne an und uberseht mich, mir ist es lieb, ich aber muss Euch erzahlen, wie ich von meinem Vater dem Teufel bin ubergeben worden. Ganze Tage liess er mir von einem Jager von der Ehre vorerzahlen ein wildes Tier zu schiessen, einen Fuchs, einen Wolf, einen Baren! Was nicht geniessbar den Menschen, ihnen aber gefahrlich sei."

Nachtrag

Der durre Jager erzahlt weiter, wie er und Seger und viele andre vom Teufel in eine Menagerie gesteckt worden, und so lange geargert bis sie sich ihm ergaben. Sie ziehen in eine Berggegend in den Alpen, die Zigeunerkonigin erzahlt ihre Geschichte, sie ist Kaiser Karls erste Liebschaft. Die Szene spielte in den Niederlanden, wie sie nach dem Frauenhause gebracht worden, um dem Kaiser verleidet zu werden nahere Beschreibung desselben arger als Gefangnis ihr Kind wird von ihr getrennt Anton mahnt dies an Susanne sie entflieht und kommt durch Zigeuner mit der Kronenburg in Beruhrung ihre Beschreibung derselben usw.

Anton in dem gesichtslosen Elend kommt auf die Kronenburg, Rappolt will sich nicht uberzeugen, dass er sein Sohn ist, er jagt ihn fort und verbannt ihn bei Lebensstrafe aus seinem Gebiete, er irret umher, blind, fliehende Hirten erzahlen ihm von dem Drachen, der das Land verwustet. Hart betroffen in seinen gehemmten Schritten durch Mangel des Augenlichtes reisst er plotzlich sein Schicksal an sich: "Komme meiner Verhangnisse Gewaltsamstes da ich der Sonne nicht mehr kann ins Auge schauen, liegt mir ob, was der Sehende nicht vermag, dem Volk vor den Fussen wegraumen, was es bedrangt." Er sucht den Drachen auf, um das Land zu befreien und den Tod zu finden; er erlegt ihn aber und erhalt durch sein Blut das Gesicht wieder. Als er dies vollbracht hat, fuhren die Hirten ihn gegen seinen Willen zu Rappolt, der ihn als Sohn begrusst; aber indem er ihn umhalst, von dem Gifte, das der Drache in den Mantel gebissen, erkrankt er, und verlangt von Anton, dass er den Turm der Kronenburg ersteige und die Wache bei der Krone ubernehme. Nun kann Anton ohne Wanken den schwindelnden Steig hinaufwagen, die Verzweiflung, die zum Drachenkampf ihn gestahlt hatte, hebt ihn jetzt uber die Gefahr gleichgultig hinaus. So bricht die Seelengrosse, irdisch gezeugt, aber selig gesprochen, in ihre Blute auf. Schutzgeister nahen und hauchen begeistigend ihn an, er erreicht unbewusst die Stufen, auf denen er sich nimmer zu halten wahnte. Dort sehen wir ihn seiner Befahigungen sich bemachtigen, sich und dem Gottergleichen zulieb, das ihn treibt, uns aber wie eine Hieroglyphe entgegensteht, das Unbegreifliche namlich.

Woher die Sehnsucht in koniglichen Geschlechtern, als ob der Sonne Tag eben ihnen erlosche? Woher die Schwere des flugellahmen Geistes zum Sturzen? Zu mude gegen die Geschicke sich aufzuraffen, die fern donnernd heranrollen uber die ahnenden Haupter der Todeshelden?

Wenn wir sehen unsern Helden mit raschem Selbstgefuhl durchsetzen, was der Augenblick heischt, oder sich widerstemmen dem Untergang, oder auch aus sinkender Nacht verborgne Keime hervorbrechen, gierig den Tautropfen aufsaugend in die vollen Bluten und schmerzlich aufseufzend, so oft zu hoherer Befahigung sie Nahrung gewinnen, dann fuhlen wir, wie jede leise Regung des Geschickes, jeder Reiz gleich zur Handlung sich wandeln muss, und das Widersinnige mit schneller Kriegswendung todverkundend niederbeugen muss, um dem Genius, der auf ein harmonisches Dasein deutet, zu genugen.

Anton ubernimmt jetzt die Wache bei der Krone und wunscht sich den lieblichen Geist Voluptas zuruck, dem er entsagt hatte; der kommt nicht, aber der Teufel erscheint ihm, wie er sonst gewesen, wie herrlich, frohlich, kraftig, wie jedes Auge ihn angelacht; nachher lasst er ihn im Brunnen sehen, wie er verfallen und abgemagert keinen Reiz der Sunde mehr bietet. Nun versucht er jenen Geist, wie er ihm damals erschienen war, zu malen, indem er die Gange zur Burg verziert, er bringt aber das Ideal des Muttergottesbildes hervor, das immer um eine Kopflange hoher erscheint als der Beschauende. Tage vergehen er sehnt sich nach offentlichem Beruhren mit der Gesinnung des Volkes ein freies Land, damit nicht etwa langst anerkannte Begriffe, sondern das wirklich Schwankende, noch Unsichere in allem Werdenden, ins Gegenwartige zur Eingebung, zum allgemeinen Kunstgefuhl sich fordern. "Dieses wird durch ein einziges lebendiges Beispiel dem Menschensinne naher geruckt als durch unzahlige Besprechungen, und somit werde ich mehr Dank verdienen", sagte sich Anton, "wenn ich diese Einsamkeit verlasse und mit meinem Willen das Wesentliche darlege, als alle Untersuchungen, die sie zweifelnd beruhren, um sich auszugleichen mit Harten und Gesetzen." Uberall mussen wir den ehren, der keine Untersuchung seines Anreizes verschweigt, unbesorgt ob einzelne wohl gar zu dem sich verfuhren lassen, was er als falsch erkundet, er fuhlt, dass er nicht der einzige, nicht der unfehlbare Ausleger hoherer Erkenntnisse sei, die ihm Leben und Lernen zugefuhrt haben, er scheuet keinen Weg, welcher den Hochgebildeten anstossig oder kleinlich scheinen konnte, aus dem aber der Gesamtheit Begriff und Lehre hervorwachsen mag; ihm selbst erleuchtet sich das Forum der Kunste in vollendender Begeisterung. Im feuernden Abendrot steigt er von der Hohe herab und verlasst die Burg:

Aus meiner Zelle treibt mich fort

Die leere Einsamkeit,

Es fullet sie kein heilig Wort,

Es nahrt den innern Streit.

Das innre Leben ward nicht mein,

Weil ich das aussre mied,

Das Ewige will nicht zeitlich sein,

Das in der Zeit erbluht.

Es gleicht mein bleiches Angesicht

Des Grabes Bild von Stein,

Es scheint gewesen, strahlt kein Licht

Ins Innere hinein.

Die Sanduhr gleicht der Todeshand,

Lauft ab des Lebens Geist,

Es hat sie keiner umgewandt

Und keiner naht mir dreist.

Der fromme Schauder war bald hin,

Der mich der Welt entriss,

Ein endlos Meer ist kein Gewinn,

Wenn ich das Land vermiss.

Ich flehte, dass ein hohres Wort

Der Seele Flugel war,

Es riss mich keins zum Himmel fort,

Ich blieb mir immer schwer.

Weh jedem, dem hier nichts geschieht,

Weil alles scheint gering,

Weh jedem, der hier gar nichts sieht,

Weil er das Licht verhing,

Der sich in die Beschauung senkt

Und nichts zu schauen hat

Und was er findet, immer denkt,

Dass er des Denkens satt.

Es treibt mich wieder in die Welt,

Die ich mit Hohn verliess;

Ach wie sie mir so wohl gefallt,

Die ich einst von mir stiess.

Als ob ich nimmer von ihr liess,

So bin ich drin zu Haus,

Gewinn, der Seligkeit verhiess,

Spielt schon das Leben aus.

Es spiegelt sich die Ewigkeit

In engster Gegenwart,

Und ruckwarts die Vergangenheit

Erscheint von hochster Art,

Wie ein verlornes Paradies

Seh ich's vor meinem Blick,

Was ich betrauert, war so suss,

Was ich verflucht, mein Gluck.

Ich suche nach dem reichen Schmuck,

Den ich ins Wasser warf,

Mein Finger sehnt sich nach dem Druck

Von der zerschlagnen Harf,

Mein Mund nach jener Lippen Hauch,

Den Seligkeit verschliesst,

O sprache er doch wieder auch,

Nun Fruhling mich begrusst!

Es kehret wieder jeder Keim

Aus Winters Einsamkeit,

O kehrte sie auch wieder heim

Zu dieser Fruhlingszeit:

Es meidet keiner Lebensnot,

Wohin er sich entzieh,

Und wer nicht sorgt fur taglich Brot,

Geniesst das ew'ge nie.

Durchbrich das Gitter, das dich halt

Von mir wie Todesband,

Zum Schweigen schuf nicht Gott die Welt,

In ihr dies Fruhlingsland.

Er gab dir mehr als einen Mund,

Der die Gebete lallt,

Es ist ein Herz des Busens Grund,

Es spricht mit Allgewalt.

Des Herzens Stimme schallt zuruck,

Aus jeder Nachtigall,

Die in dem Garten sucht ihr Gluck

In weisser Bluten Fall,

O dieser Schnee, er ist so heiss

Und dieser Duft so suss,

Wer's Frevel nennt, ich sag es leis,

Dies ist das Paradies.

Anton, gespornt durch Erinnerung an die Vermissten, fuhlt, dass die Welt des Herrschens nicht im Alleinsein bestehe, er sei nicht von der Einsamkeit ein Waffenbruder. "Wenn ich meinem Urbeginn entspreche, luge ich dann; Und diesem Trotz zu lieb soll ich nach Gelusten untergehen im Zorn aus Schwere des Leidest" Er steigt herab von der Hohe, um seine allegorische Welt aufzusuchen er kommt zu Durer, dessen Kunst ihm gefallt, der aber selbst nichts auf das achtet, was Anton zu finden hofft. Cranach in seinem aristokratischen Diensteifer fur Fursten, geht naher auf seine Hoffnungen ein Kunstgesprach zwischen beiden der Kunstberuf greife ein in die Umbildung der Welt, nur sie begrunde den Frieden, in welchem zugleich alle Elemente des Krieges bedingt sind. "Aller Kampf ist nur, um entsagen zu lernen die Kunst lehrt es du kannst sie nicht an dich reissen, aber du kannst ihrer teilhaftig werden. Du kannst ihrer nie Meister werden und doch als Meister erkannt, wenn sie dich beherrscht. So das Volk, erkennt den als Herrscher, in dem es verklart sich gespiegelt findet. Neidest du den Hoheren, so trete ihn kuhner an, er wird dich bezahmen und gefangen nehmen, und dies wird deine Ehre erhohen, nicht sie beleidigen, du willst ja ihn erreichen, nicht ihn verderben, der die Welt tragt und hebt durch sein Werden und Lernen. Ein neuer Tag, vom Geist der Kunst durchdrungen des Kunstlers ewig schaffende Verklarung ist's, was den Frieden begrundet mitten im werbenden Kampf hoherer Entwicklung."

Langer Bericht uber Luther und Melanchthon. Anton wird Protestant und wieder uber den Protestanten hinaus. Mit der Zweifelhaftigkeit der Tat kommt ihm der geistige Zweifel, aber doch eben dadurch vergeistigt.

Predigten Luthers uber die Unruhen. Beschreibung und Stellen. "Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Gott aber sei Dank, der den Sieg gegeben hat." Cor. I. 15, 55.

"Ihr seid teuer erkauft, werdet nicht der Menschen Knechte." Cor. 17, 23. "Und so jemand kampfet, wird er doch nicht gekront, er kampfe denn recht." Ep. II. Timoth. "Denn Gott hat nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und Liebe und Zucht." II.. I, 7.

"Darum lieben Bruder, fleissiget euch des Weissagens und wehret nicht mit Zungen zu reden." Cor. 14, 39.

Uber die verschiedenen Sinne, die neben Luther die Welt bewegten. Erstens falsches Prophetentum, zweitens Gleichheitslehre, drittens Altertumer und Gelehrsamkeit, viertens Dummheit, die Geheimnisse nicht mehr fassen zu konnen.

Anton geht von da zu Frundsberg, der ist fur den Bauernaufstand gewonnen, schickt Anton hin er kann sich nicht halten, geht nach Waiblingen unter dem Namen Fortunat. Die Frau verliebt sich heftig in ihn und will ihn nicht lassen; er bleibt da, wo ihn der Zufall einquartiert hat, lasst den Krieg gehen, wie er will, sie haben ein Kind, er schickt es zur Kronenburg, die Bauern werden geschlagen. Unterdes schreibt Johann aus Leiden, die Frau soll ins Konigreich kommen; wie sie ihn nicht kann als Johann erkennen, da richtet er sie hin.

Anton ist der, welcher das Konigreich endet. Er geht mit Frundsberg auf seinen letzten Zug nach Italien, Susanna begleitet ihn als Soldat; ruhmliche Taten ihrer Tapferkeit, indem sie ihn aus Gefahren errettet bei der Eroberung von Rom. Die Kronenwachter berichten ihm dahin, Nass; jetzt seine Zeit gekommen, der Sitz der Welfen sei zerstort. Er eilt nach Deutschland, bringt den Degen Franz' I. dem Luther, der grade Hochzeit halt: Dies eroffnet das andre Buch.

Luther und Melanchthon reden mit Anton heftig gegen die Munsterschen Wiedertaufer. Jetzt kommt durch die Zigeuner die Nachricht, die Krone sei in Munster, Anton wird entflammt und zieht dahin, ihm werden die Begebenheiten berichtet, auch wie seine Schwester Katharina umgekommen, die Johann enthauptet hat Susanna ist auch unter den Weibern, sie hat die Krone in Verwahrung Entdeckung ihrer Geburt und ihrer Wurde (Tochter Karls V.). Anton bestimmt sie, den Weg zu Ende zu gehen bis er ihr folge. Die Kronenwachter erwarten toricht aus dem Bauernaufruhr ihr Aufkommen, sie begunstigen ihn, konnen ihn aber nicht lenken, die Zigeuner fuhren Anton mit dem Satanas Seger den Bauern zu und vertrauen ihm die Absicht der Kronenwachter, er wird ein leidenschaftlicher Verfechter der Bauernfreiheit Zweifelhaftigkeit der Edlen, als er unter Metzlers Bande ist. Gotz, Ulrich von Schwaben, Graf Georg von Wertheim, sind uber Luther ergrimmt; Georg Truchsess von Velsburg steht gegen ihn, nimmt ihn gefangen; als Anton ihm seine Geschichte erzahlt, lasst er ihn von sich. Die Bauern unter Feuerbacher haben Hohenstaufen verbrannt, Anton zerstort Hohenstaufen und die Kronenburg.

Trennung von Deutschland Schmalkaldischer Bund. Hier entsteht der grosse Streit zwischen wahren und falschen Deutschen, sie trennen sich. Die Auflosung ist endlich, dass die Krone Deutschlands nur durch geistige Bildung erst wieder errungen werde. So lost sich die Frage: ein Teil des Menschengeschlechtes arbeitet immer im Geiste bis seine Zeit gekommen.

Der Kronenwachter harter Kampf der taube Rappolt in ihrem Kreise auf der Hohe.

"Kronenritter, Kronenritter!

Schaut im Westen das Gewitter,

Jeder steh an seiner Stelle,

Dass ich in des Blitzes Helle,

Eurer Augen Sterne sehe,

Wenn ich bei der Krone stehe."

Also ruft der taube Wachter,

Und es stehn die starken Fechter

An den Speeren mit dem Kinne,

Aug auf Aug mit wachem Sinne,

Jeder auf den andern lauert,

Also hat's die Nacht gedauert.

Strome fluchten von dem Himmel

Vor des Feuers wild Getummel,

Das durch alle Fugen sprutzet,

Wo's erst Morgens ausgeblitzet,

Als die Sonne schwer beladen

Schauet auf des Landes Schaden.

Wo die goldnen Ahren wogen,

Schwarze Strome niederzogen,

Schwarze Tannen aus der Hohe

Schwimmen in dem weiten See,

Und die Hirsche und die Rinder

Fluchten zum Gebusch geschwinder.

Doch auf den Gebirgen stehen

Blanke Sabel, die sie mahen,

Schlagen, schlagen, schonen keinen,

Vor der Kronenburg erscheinen,

Auf dem Berg ihr Lager schlagen,

Ihren Gruss den Rittern sagen.

"Ubergebt des Volkes Krone

Und wir geben euch zum Lohne

Euer Leben, eure Lehen,

Sonst musst ihr zugleich vergehen

Mit dem Volke in der Flache,

Schont des roten Blutes Bache."

Aug in Auge sich befassen

Unsre Ritter und erblassen,

Und der taube Wachter findet,

Auf den Wangen was verkundet,

Schuttelt dreimal mit dem Haupte,

Weil's die Ehre nicht erlaubte.

"Alle Pforten doppelt schliesset

Und mit Steinen sie begrusset,

Die so ungebeten kommen;

Keiner ist noch aufgeklommen,

Der nicht sturzte eilig nieder,

Auf und brecht der Feinde Glieder."

Fester stehet nicht der Himmel,

Als die Ritter im Getummel,

Und der Feinde freche Haufen

In dem wilden See ersaufen,

Andre meinten in dem Streite,

Auszuhungern unsre Leute.

"Kronenritter, Kronenritter,

Ach das Hungern ist so bitter

Und der Durst, der ist ein Feuer,

Und der Schlaf ist uns so teuer

Als die Krone, wir versinken,

Gibt's fur uns nicht Schlaf noch Trinken."

"Ritter, euch seh ich mit Schmerzen

Stehen wie erloschene Kerzen."

Und er greift das Schwert mit Grimme,

Ruft mit ganz gedampfter Stimme:

"Ich zerhau dich Gnadenkrone,

Dass du nicht dem Feind zum Hohne."

Wieder zu dem alten Bette

Zog den Strom der Erde Kette,

Unsers Volkes fluchtige Scharen

Eilen ihren Schatz zu wahren,

Und die Feinde werden fluchtig,

Als sie unser Volk ansichtig,

Jubelnd ziehen sie zum Schlosse,

Doch da rufet kein Genosse

Und weil keiner sie will fuhren,

Brechen sie vom Schloss die Turen

Und sie sehen die Ritter alle

Finster blickend auf dem Walle.

Fest gelehnet an den Speeren

Stehen sie mit hohen Ehren,

Als entseelte treue Wachter

Schauen sich noch an die Fechter,

Schauen zu dem tauben Alten,

Der die Krone will zerspalten.

Nein, ein Wunder anzuschauen,

Wo sein Schwert hat eingehauen,

Sind Rubinen ausgeflossen,

Um die Krone schon entsprossen,

Dass sie fester im Gewinde

Ritter und auch Volk verbinde.

Nun nach den Tagen des Streites zwischen Menschen und der Elemente Verwustung durch das Erdbeben, nachdem Anton alle seine Waffengesellen, Schwester und geliebte Frau untergehen sehen, fluchtet er zur Hohe, zum glasernen Turm, der wie ein Gewolk erscheint, dort zeigt ihm Rappolt, wie er, dass er, nach Rom gezogen, nun zum zweitenmal versaumte sich empor zu schwingen, und wie das Bose mit sich fortreisse, nur das Gute getan und bedacht sein will. Er erzahlt ihm, wie die Krone, wahrend des Kampfes vermisst, die verloren und von Seger gestohlen war, von Susannen wahrend dem Erdbeben ist wieder gebracht worden, und ihre getreuen Wachter fur sie sich dem Tode geweiht haben. Sie sturzten hinab in den See, nur der alte Rappolt blieb einsam auf der Hohe er legt ihm die Zeichen dar, wie sie nun alle erfullet sind.

Ja die Zeichen sind alle erfullet,

Als sich der Himmel so dunkel umhullet,

Sonne auf blutenden Gleisen entstieg.

Wie die hauslichen Tiere sich bargen,

Ha! da schauderte allen vorm Argen

Ahnend der Unterwelt nahenden Sieg.

Gluhender, stiller werden die Winde,

Vogel verfliegen vom Neste geschwinde,

Saulen des Wassers wirbeln im Meer,

Rollende Donner von unten und oben

Gegen die Flammen, die unter uns toben,

Stiebet der Himmel in Blitzen sich leer.

Garende Tiefe will neu sich erheben,

Unterweltschatten durchstossen im Beben

Lieblicher Auen bluhenden Grund,

Jupiter schleudert vergebens die Blitze

Von des drohnenden Gotterbergs Spitze

Nach des Vulkanes eroffnetem Schlund.

Weh! die Titanen sich wieder erkuhnen,

Schon die feurigen Augen erschienen,

Schon der dampfende Atem sich hebt,

Schon wie ein Fruchtbaum im Herbste zu schauen,

Aber den Fruchten ist nimmer zu trauen,

Denn sie zerschmettern bald alles, was lebt.

Sehet die Zahne im geifernden Munde

Reissen dem Berge die berstende Wunde,

Lange verschloss er die gluhende Wut,

Sehet, der Atem der Riesen entbrennet,

Zundend mit blaulicher Flamme hin rennet,

Sticket der Menschen erdreistenden Mut.

Konnten sie drauend die Glieder noch regen,

Tapfer die Brust entgegen ihm legen,

Fuhlten sie rachend dies Leiden nicht ganz,

Aber die gluhenden Arme, sie schwinden,

Mutige Augen im Feuer erblinden,

Jammernd verrinnet begeisternder Glanz.

Erde und Himmel zusammen sich brennen,

Chaos, das alte will keiner erkennen,

Wehe dem letzten, der alles das sieht.

Jeglicher glaubt sich geblendet der letzte,

Ehe die stromende Lava sich setzte,

Wie sie jetzt dampfend hernieder sich zieht!

Doch da stehet der Glutstrom gebannet,

Langsam sich jeder vom Schrecken ermannet,

Suchet und findet das eigene Haus,

Findet die Seinen und forschet entzucket,

Wie sie dem Feinde alle entrucket,

Alle erkennen ein Wunder im Graus.

Leiser ertonet der siegende Himmel

Ziehet zum Berge der Wolken Getummel

Strome zum alten Bette zuruck.

Kuhlende Blitze durchspielen die Ferne.

Einzeln entzunden sich wieder die Sterne

Wie der Versohneten liebender Blick.

Luna, die ziehet im glanzenden Wagen

Schauet verwundert die Freuden und Klagen,

Leuchtet, beleuchtet das Wallen der Welt,

Dass die Verirrten die Strassen erkennen

Und die Verwirrten sich freudig anrennen.

Antons Vermahlung mit Susannen

Wie beide der Erde schon abgewendet, vor dem Lichte ihrer Gedanken die Sterne erloschen. Geistesverklarte haben keine Planeten. Auf der glasernen Saule ist ihr Ehebett, der Alte hat sie eingesegnet, eh er sich in die Luft hat sprengen lassen. Anton findet beim Erwachen Susannen nicht mehr und glaubt sie aufgekusst zu haben, sie spricht in ihm, aus ihm. Preis der Liebe des Alters, der reinen geistigen und ihrer ewigen Lust. In ihrem Lobe, im Vertrauen auf die Krone stirbt er. Der Hunger ist ihm nicht schmerzlich er hat kein Verlangen nach Speise, selbst die Luft ist ihm zu schwer.

Das Ratsel der Krone

Sie hat die Eigenschaft zu verschwinden, wenn ein Boser sie tragen will; sie besteht aus zwei in einander steckenden Kreisen und Gewolben, beim Bauernaufruhr will Seger sie fuhren, da ist sie verschwunden.

Das Ratsel der Krone soll sich losen, wenn die in einander gewundenen Kreisgewolbe, den letzten Stamm darstellend, als zwei, die in eins zusammen gehen, und aus diesem einen wieder dreie von verschiedenen Namen hervorgehen. Dies trifft ein: Anton und Seger, verwechselte Zwillinge, gehen in eins zusammen, und aus dem einen stammen drei von verschiedenen Namen: Antons erster Sohn Anton; der Sohn seiner Schwester Katharina, Wilhelm, den er seiner Frau zum Ersatz fur den Sohn des Berthold ubergab, dann sein jungster Sohn, den er unter dem Namen Fortunat mit Frau Anna gehabt.

Nach Antons Tod steigt der Alteste mit seinen Brudern hinauf und findet die Krone neben dem Leichnam des Vaters, er teilt sie zwischen beiden, indem er die gewolbten Kreise auseinander hebt, den einen Bruder sendet er nach Norden, den andern nach Suden er selbst setzt sich den eisernen Reifen auf, worauf die Krone gestanden, es ist die Mauerkrone, er ist Burgherr. Guldenkamms, oder wie er in letzter Bearbeitung des ersten Bandes umgetauft wurde: Grunewalds Geschichte. Er hat sein Leben verwettet in einem Gedichte und dann hat er nicht den Mut, sich ins Wasser zu sturzen, nun schamt er sich seines Lebens; er hat die Furcht in sich entdeckt und ist nun in allem gehemmt. Will in ein Kloster fluchten, kommt vom Glockengelaute fortgezogen zum Trauerzug des letzten Stammherrn von Hohenstock, gedenket der Zeiten und Abenteuer, die er mit Susannen bestanden, und an die hingerichtete Katharina. Seine Erschutterung, da man die Sarge in die Gewolbe nieder gelassen: Tiefster unendlicher Schlaf, bei dir nur findet das

Senkblei

Ruhe inmitten der Sorgen, tief in die Erde versenkt. Selber der Traume strahlendes Licht verschwindet da

unten,

Und die durchsichtige Flut, scheinet da uber mir

schwarz.

Ach und so schwer mein Herz Senkblei kann ich's

wohl nennen,

Hoffnung zum Himmel entstieg, blieb nur

Erinnerung drin.

Hier verlorne Liebe dort die verlorne Geliebte! Ja der gedoppelte Schlag wecket unendliche Ruh! Hier verloschen die Kerzen am Sarge ertraumeter

Liebe,

Dort am gemordeten Leben gehen sie gluhender

auf.

Bin ich denn noch nicht gestillt? erziehn mich nicht

schmerzliche Tage!

Jagen Geschutze nicht lange, ernst den fluchtigen

Puls?

Sah ich Zerschmetterte doch mit Gleichmut in

zuckenden Haufen,

Warum erschrecket mich denn, was mir so fern und

vorbei?

Denn ich suche dein Grab, Susanne, es liegt mir so

ferne.

Was dem Herzen so nah, lieget doch immer so fern. Lowen, die mochte ich senden die heilige Statte zu

huten,

Seit du bei Menschen nicht mehr, scheinen mir

Menschen zu schlecht,

Gute und Schonheit such ich fortan bei Tieren des

Waldes,

Eigen waren sie dir, sie bewahrt ewig dein

menschlichGeschick,

Bricht der Morgen heran, dann trinken die Tranen Voglein mir von der Wimper und sie singen davon Traurig ein trauriges Lied. Zwiefach seh ich dich dort, auf schwebender

Grabstatte weilen

Uber der Berge grunenden Flur wie ein Wolklein am

Fels:

Nemesis einmal, sternenumtanzt im Glanze der

Jugend

Scheidend vom Unrecht das Recht, im eignen Busen

versenket den Blick.

Kriegrische Muse dann ewig grunender Lorbeer Umschlinget das Haupt dir von Geisterflammen

beleuchtet.

Schrecklich sind Menschen, denn sie neiden ums

Licht

Geistige Flammen am Grab. Ach was leuchten die

Gassen,

Wahrend kein ewiges Licht brennet auf Grabern

mehr.

Ha was finde ich hier auf diesen Klippen zerstreut, Die ich in tosender Nacht, meiner vergessen

erstieg,

Hier das Purpurgewand, noch warm vom Dufte des

Lebens

Hier die Sohlen gelost hier der Eindruck im Fels Von beiden Fussen so deutlich, zeigt, ein gewaltiger

Sprung

Hat sie beflugelt zur Hoh. Ach du schwebest

wohl noch

Es schwebten dem Wagen der Sonne, manche

Gestalten zuvor,

Sie erblicke ich nicht! Ach zu spat schon

kommen

Die Schmetterlinge ermudet, abgeschwirret zuruck, Die dich fuhrten hinauf setzen sich mir um das

Haupt

Wie leiser Klage Liederkranze, Wohl weiss ich, warum die sonnenvertrocknete

Quelle

Muhsam das Wasser bewahrt unter den Steinen am

Busch,

Weiss warum sich das Grun des Erlengebusches

erfrischet,

Wo ich lange nicht mehr hoffend auf Liebe geweilt, Nuchtern trinke ich jetzt aus dieser heiligen Quelle Opfernd den Toten zuerst aus der gekrummeten Hand. Grunewalds gelehrte Unterhaltung mit dem gelehrten Bruder in der Bucherei des Klosters: Dieser zeigt ihm das erste Schauspiel in Deutschland, deren Urheber Reuchlin war, von dem edlen Johann von Dalberg Bischof von Worms, mit grossem Frohlocken, dass ein Deutscher etwas solches geschrieben, hochgehalten. Heut zu Tage, wenn Homer und Demosthenes oder Euripides selbst kame, wurde man ihn schier nicht achten. Es fangt den Leuten schier an zu ekeln vor guten Kunsten und Wissenschaften. Man geht darin wie eine Kuh in der Streue. Gelehrte Leute werden jetzo um ihrer Menge willen verachtet und ist zu befurchten, es mochte die Gelehrsamkeit, wenn sie aufs Hochste gestiegen, wieder auf eine Barbarei herauskommen. Und gewiss erst vor kurzer Zeit affektierte man eine neue Schreibart aus altem und dunkeln Geprage und aus unlautern und truben Pfutzen, und hatte einen Ekel an Ciceronis heller und lauterer Reinigkeit. Die Religionsstreitigkeiten mehren sich und uberwuchern den ganzen Boden der Gelehrsamkeit. Grunewald auf Zureden des gelehrten Bruders bleibt im Kloster. Macht Sonette auf Antons Bilder.

Waiblingen an der Rems

Bei Waiblingen im Dorfe Briessen war ein altes Schloss, Konradin hatte es seiner Gemahlin errichtet.

Im Jahre 1429 haben die beiden Bruder Graf Ludwig und Ulrich, an einen Burger zu Waiblingen namens Berchthold Mussigganger das dortige Haus verkauft, in welchem vor Zeiten die Fursten von Waiblingen gewohnt und aus welchem Friedrich Barbarossa entsprossen war. Dieses Haus stand nah am Markt und hatte einen Garten und eine Scheuer hinter sich sonst stehen die Hauser fest aneinander gebaut. In diesem Hause sollen die drei heiligen Leiber der Weisen aus dem Morgenland, welche das Christkind beschenkt haben, uber Nacht geblieben sein, als sie vom Morgenland durch Koln vom Kaiser Barbarossa geschickt wurden.

Die Marienkapelle, wo die Gattin Armins begraben, sie vermachte einen gulden Becher dahin. Koschhorn, Lidhorn, Geiersberg, Wolfhardt, sind noch alte Familien daselbst. Die Sattlerische Familie und die Harpische hatten eigne Kapellen.

Johann von Ulm fing 1488 den Turmbau in Waiblingen aus Quadratsteinen an.

1529 wurden die Bilder erst in Basel und St. Gallen weggeschafft. 1530 die Wiedertaufer.

Herzog Ulrich

Herzog Ulrich, sechzehnjahrig, kommt 1503 zur Regierung ein dicker dickkopfiger Bengel, bauchig, lernte nichts als Latein, heiratet 1510, nachdem er einer brandenburgischen Prinzess, die sich zwei Meilen von Stuttgart bei der Witwe Eberhards des II. aufhielt, durch Trompeter den Hof gemacht hatte; er liebte Hans von Huttens Weib, des Erbmarschalls Tochter, es war eine vertraute Freundschaft zwischen Sabine und Huttens Frau, was den Herzog in Eifersucht setzte. Kanzler Lamparter. Erbmarschallstum. 1512 machte er das Nest kleiner bei Schorndorf. Der eine der Edlen war von seinen Gutern zu Nirgends, der andre hatte sie beim Hungerberg.

Beutelsbach, Probe der Gewichte im Wasser, die Bauern hatten kein Zutrauen zur Lastung. Durch kaiserlich pfalzische und bayrische Gesandte der Tubinger Vertrag.

Jagen in Schonbuch 1515, 8. Marz. Ulrich schrie Hans von Hutten an, sich seines Leibes und Lebens zu wehren, stosst ihn nieder, loste ihm den Gurtel und knupfte ihn an die nachste Eiche. Glaubte er sich vielleicht als Freigraf des heimlichen Gerichts dazu berechtigt, Seine Gemahlin fluchtet nach Bayern, 2. Okt. Der Kaiser nimmt sich seiner Schwestertochter an, erklart die Acht, Mathesius Lang vermittelt alles in Blaubeuern. Der Trompeter, der dem Herzog die Nachricht brachte, widerruft. Er versprach, die nachsten sechs Jahre eine Verwaltung von Landhofmeister, Kanzler und Raten anzunehemn. Bei der Ruckkehr fiel ein Schuss aus dem Schlosse Helfenstein, er verheerte das Land. Die Grafin fiel ihm zu Fussen.

Alle, die den Blaubeurer Vertrag zur Anordnung eines Regimentsrats benutzen wollten, wurden gefoltert, ein Teil an Kohlen gebraten.

1519 kam die Nachricht, die Reutlinger hatten den Vogt zu Achalm erschlagen, er eroberte die Stadt. 1520 wurde er vom Schwabischen Bunde verjagt unter Wilhelm von Bayern. Er kam wieder mit Schweizern, konnte sich aber nicht halten. 1520, 6. Februar, wurde das Land Karl V. uberlassen. 222 000 Gulden den Bauern bezahlt. Vierzehn Jahre blieb es unter osterreichischer Herrschaft, er litt alles, Briefe durften nicht nach Paris, verpfandete Mompelgart, Hohentwiel machte Kosten. Selbst Landgraf Philipp von Hessen bot ihm an, fremde Hofe zu besuchen.

Die osterreichische Hofhaltung war kurz, alles ward zum Schuldenzahlen bestimmt.

1533 trennte sich der Schwabische Bund, Landgraf Philipp gewinnt sein Land durch die Schlacht bei Lauffen am Neckar 1534, 13. Novbr. 1547 musste Ulrichs Pferd die Knie vor dem Kaiser beugen, er war hart und karg gegen seinen Sohn Christoph.

Ulrich ward wieder eingesetzt 1534.

1535 wurde die Reformation in Wurttemberg nach Vorschrift der Augsburger Konfession von Ulrich eingefuhrt. Erhardt Schnepf von Wimpfen und Ambrosius Blaurer von Konstanz waren die Fuhrer. Leonhard Verich von Schnapf ordiniert; als er seine erste Predigt hielt in Waiblingen und das Lied anstimmen liess: "Es ist das Heil uns kommen", so sprangen die papstlichen Priester und Kaplane im Aufruhr empor.

Die Waiblinger waren gute Komodianten. In Waiblingen hat ein Monch das Osterlied: "Christ ist erstanden" dem anzustimmen befohlen, der Herr im Hause sei, darauf haben alle geschwiegen, dann hat er unter den Frauen die aufgerufen, welche Herr im Hause da haben alle angefangen.

1487 war das letzte Turnier in Waiblingen.

Waiblingen fuhrt drei Hirschhorner im Wappen.

Von Klodwig stammen die Staufen, die Waiblinger stammen daher. Das Kriegsgeschrei war bei der Armee: "Dirs belf, hin Wolf." Bei der Armee Konrads, des Konigs Sohn, schrieen spottisch die Waiblinger: Wo er den Winter erst gefangen, um ihm zu zeigen, dass er auf dem blossen Bauch fur Landsleute gekampft habe. Frundsberg, der erste ritterliche Staatsmann in Deutschland, fest und stark in seiner Meinung, spanische Heimlichkeit und italienische List durchschauend und verachtend, innig uberzeugt, dass bei Herrschern wie Maximilian und Karl V. nichts Grosses fur Deutschland gedeihen konne, mit Luther allein zufrieden, das Heil Deutschlands von seiner allgemeinen Reformation erwartend. Darum wollte er den Papst sturzen, da liess ihm der Papst die Krone anbieten, wenn er den goldnen Strick um Luthers Hals gelegt habe. Anna von Wurttemberg liebte ihn und sucht seinen Aufenthalt auf alle Weise zu erheitern.

Vorsatze zum Anton

Unmittelbarkeit in allem, Ausfuhrlichkeit. Meiden aller grellen Effekte. Das Ende soll bestimmt sein, ehe die neue Bearbeitung angefangen wird, eine Zeit, welche durch ihr Bestreben zum Allgemeinen alle besondern Anspruche aufhebt. Anton zerstort Hohenstaufen und die Kronenburg.

Die Kinder des Fuchs haben sich uberzeugt, der Stamm lasse sich nicht durch Gift und Mord unterdrucken, so wollen sie ihn durch Verfuhrung verderben. Um sich nicht gegen Gott zu emporen, muss der Mensch einen innern geheimen Feind auf Erden suchen. Diese Geheimnisse entwickeln die neue Zeit; als sie gebildet, erloschen jene wie Mondschein am Tage.

Trennung von Deutschland Schmalkaldischer Bund, hier entsteht der grosse Streit zwischen wahren und falschen Deutschen, sie trennen sich. Die Auflosung ist endlich, dass die Krone Deutschlands nur durch geistige Bildung erst wieder errungen werde. So lost sich die Frage: Ein Teil des Menschengeschlechts arbeitet immer im Geist, bis seine Zeit gekommen. Zum Seestaate. Von den Bibern. Die Namen der Schiffe, dabei die Geschichte aller deutschen Helden.

Eberhard der Gelinde, der den Adel in Heinsheim fing, der machte, dass sie sich ergaben und allen verzieh.

Georg von Ehingen, der Sieger uber die Zuricher.

Die Verbindung mit den Meergeusen wird angedeutet.

Politisches Interesse im Bauernkrieg

1. Die Grafen von Stock und die ubrigen Edelleute suchten auf diesem Wege ihre Anspruche gegen die grosseren Fursten und den Kaiser geltend zu machen.

2. Seger oder Baader, wie er in der Umarbeitung heissen soll, hatte mit der Dienerschaft der Kronenburg das Interesse eine vollige Gleichheit hervorzubringen und Schweizerverfassung.

Bauernkrieg der Bundschuh bei Speyer 1503.

1514 Der arme Konrad im Rheintal hier kann die Veranlassung sein, dass Anton fortgefuhrt worden, Cras. VI 181.

1519 wurde Wurttemberg an Karl V. verkauft. Die Bauern sagten, dass sie die Knechtschaft abschutteln wollten, die seit Klodwig sie belastet.

1526 werden im Wurttembergischen allerlei Zeichen wegen des Bauernkriegs gegeben und den Bauern die Waffen genommen, auch die Leute von bestellten Reitern untersucht.

1536 wurden alle Bilder weggeschafft, gleichzeitiges Auftreten der Jesuiten.

In der Zeit zwischen dem ersten und zweiten Bauernaufruhr hat sich alles geandert, im ersten waren sie noch fremder Absicht untertan, beim zweiten arbeiten sie schon fur sich.

Zeitgenossen von Anton.

Peter Vischer der altere, im Jahre 1519 brachte er das Sebaldusgrab mit seinem Sohn zu Stande; 1540 das Gitter. Sein Monogramm, zwei Fische. Sein Sohn war ein Ungeschickter, eigentlich ein Handwerker, sein Ruf gering. Das Haus jetzt Bierschenke zum goldnen Baren. Pfarrhaus zu St. Sebald mit dem Chorerker; die bunten Fenster gemalt von Veit Hirschvogel.

1513 Melchior Pfinzing, Verfasser des Theuerdank, kaiserlicher Rat, war Probst zu Sebald, nachher zu Mainz.

Der Taufstein in der Sebaldkirche ist sehr schon von einem unbekannten Meister.

Adam Kraft, Steinhauer: Die Begebenheiten Christi 1492 und das Sakramentshauslein zu St. Lorenz, 1500 fertig.

Veit Voss, ein Bildschnitzer, 1518.

Nach den Statuten der Malergilde mussten die Gesellen wandern. Hans Schorel 1495 bei Altmar geboren, 1512 studierte in Augsburg bei Cornelius, in Utrecht bei Mabuse, ging nach Venedig, wo Daniel von Bomberg aus Antwerpen eine Druckerei hatte, ging nach dem heiligen Grabe Cypern, Kandia kehrte uber Rhodus zuruck 1520 nach Venedig, mit Aussichten, aber arm. Rhodus wurde drei Jahr spater von den Osmanen erobert. Der Einzug Christi in Jerusalem von ihm mit dem wirklichen Jerusalem im Hintergrund, war sehr ausgezeichnet.

Hemling soll aus Konstanz sein, 1439 geboren, seine Gemalde von 1479, 80, 84 und 87; kam als Krieger von Damaskus nach Brugge. 1529

Zum Leben Luthers

Am Tag, als Doktor Luthers Hand

Das Kirchenrecht im Feuer verbrannt

Vor Wittenberg am Elstertor,

Als es gar heftig auf Erden fror,

War Nachts sein Herz so wach und gequalt,

Ob auch das Feuer nicht heimlich noch schwelt,

Das ihm dazu vor dem Elstertor

Entzundet hatte der Studentenchor,

Es kann der Wind wohl gar zur Stadt

Noch tragen des Feuers schreckliche Saat.

Er wirft den neuen Mantel sich um,

Die Sterne golden ihn anschaun so stumm,

Er tritt hinaus ganz einsam und sieht,

Wie mancher Funke in der Asche noch gluht,

Das Tor steht offen, weil niemand wacht,

Denn jeder schwarmt in dieser Nacht

Und Kinder spielen und schreien daher,

Ihm wird das Herz im Busen so schwer:

"Was seht ihr den Funken so eifrig nach,

Die in den Papieren noch blieben wach?"

"Ach", sagte zum Doktor da einer der Knaben,

"Die grosste Freude wir daran haben,

Wenn hier die Funken in der Asche laufen;

Fast sieht es aus wie der volle Haufen,

Der aus der Kirche geht, wenn's vorbei,

Sehn wir, wer der letzte in der Kirche sei."

"Ihr lieben Kinder", sagt der Doktor geruhrt,

"Seht oben die Funken, die der Himmel regiert,

Sie gehen wohl unter, sie gehen nicht aus,

Sie strahlen ewig im himmlischen Haus.

In jener Kirche ist kein Vergangnis,

In dieser herrschet ein wechselnd Verhangnis."

Der Knabe sieht ihn verwundert an

Und spricht in sich: "Was will denn der Mann,

Wie sollen wir mit den Sternen spielen,

Wer sich denn finden unter die vielen,

Wer kann sie im Auge deutlich bewahren,

Bald kommen die Wolken, bald sind sie im Klaren,

Wir bleiben bei unseren Freuden auf Erden,

Sie werden auch einst wohl Sternlein noch

werden."

"Hast recht mein Sohn", spricht Doktor Luther,

"Ein jegliches Alter braucht eignes Futter,

Mit leichter Milch ernahren sich Kinder,

Der Wein ist erwachsnen Mannern gesunder,

Und fur die Kinder soll stehen bleiben,

Womit sie die goldne Zeit sich vertreiben,

Am Morgen glaubt ich ein Grosses zu leisten,

Am Abend, da lern ich von Kindern am meisten,

O wie so viele Blinde sind grosse Kinder

Und auch die Ernsten spielen nicht minder,

Wenn ihre Stunde geschlagen hat,

Dass sie vom Ernste sind steif und matt;

Wir auch mussen lernen lieblich zu traumen,

Wer wurde die Halfte des Lebens versaumen."

Und seit dem Tage, da hemmt er den Zorn

Gegen Ausserlichkeit, auch wenn sie verworrn,

Nur falsche Lehre bedroht er mit Eifer.

Gegen die sundigen Ablassverkaufer,

Die in den Tempel des Herrn gedrungen,

Da hat er die Geissel machtig geschwungen,

Was bleiben konnte von ausseren Zeichen,

Das brauchte nicht vor ihm auszuweichen,

So blieben die Bilder alle bestehen,

Die uberall sonst im Feuer aufgehen,

Sie sind die Freuden auf niedrer Erde,

Die einst zu Sternen des Himmels noch werden,

Und ruhig duldet er allen Hohn,

Dass er der ausseren Pracht verschon,

Die Nachwelt gibt einst ihm dafur den Lohn

Und bei den Kindern hat er ihn schon.

Zum Leben Luthers

Wer vom flachen Lande her in Eisleben einreitet und die ansteigende Kirche und den niedersteigenden Bergbau wahrnimmt, findet die Vorstellung seiner Kindheit: dass der Ort, wo so ein Mann wie Luther geboren und gestorben, auch dem Auge schon ausgezeichnet sein musse, uberraschend erfullt; neben der festen dauernden Sitte, welche die kleineren Stadte von Sachsen vor dem ubrigen Deutschlande schon im Ausseren durch ordentliche Erhaltung und Reinlichkeit kenntlich macht, hat die Umgebung der Kirche noch etwas besonders Ernstes und Feierliches; alter als Luther, scheint sie doch seinetwegen erbaut, dass Gottes Wort lauter und klar darin gepredigt werde; sein Haus ist nicht erneut, aber altertumlich genug, um die neugierigen Reisenden in die ernstere Gesinnung einer fruheren Zeit unseres Vaterlandes zu versetzen.

Beschreibung und Stellen

Sein Famulus Wolfgang Sieberger, mit dem er viel Gelehrtheit trieb, den er um Gotteswillen nahrte, scheint bei allem Guten doch ein Langschlafer gewesen zu sein und sich mit seinem Finkenherde viel abgegeben zu haben. XIV. B. Seite 1358. Klageschrift der Vogel an Luther uber seinen Diener Wolfgang Sieberger. Beschreibung seines Wappens. Abteilungen der Briefe: I. Weltliche Angelegenheiten, die ihn nichts anders als durch seinen guten Willen angingen, (hier war er zuweilen in aller Gutmutigkeit Hofnarr). 2. Ausserliche Lebensverhaltnisse. 3. Innere Beziehungen seines Lebens ohne Verhaltnisse zur allgemeinen Geschichte. 4. Charakteristische Ausserungen. 5. Verteidigungen gegen Vorwurfe.

[Anmerkung von Bettina von Arnim]

Dies Wenige wurde aus der umfangreichen Sammlung der Notizen gewahlt, zum bessern Verstandnis der Kronenwachter, nach deren ursprunglichem Plan, Geschichte, Sitten und Gebrauche von ganz Deutschland in vier Banden umfasst werden sollte.