1815_Hoffmann_039 Topic 1

E. T. A. Hoffmann

Die Elixiere des Teufels

Nachgelassene Papiere

des Bruders Medardus, eines Kapuziners

Herausgegeben von dem Verfasser der

Fantasiestucke in Callots Manier

Vorwort des Herausgebers

Gern mochte ich dich, gunstiger Leser, unter jene dunkle Platanen fuhren, wo ich die seltsame Geschichte des Bruders Medardus zum ersten Male las. Du wurdest dich mit mir auf dieselbe, in duftige Stauden und bunt gluhende Blumen halb versteckte, steinerne Bank setzen; du wurdest so wie ich recht sehnsuchtig nach den blauen Bergen schauen, die sich in wunderlichen Gebilden hinter dem sonnichten Tal aufturmen, das am Ende des Laubganges sich vor uns ausbreitet. Aber nun wendest du dich um und erblickest kaum zwanzig Schritte hinter uns ein gotisches Gebaude, dessen Portal reich mit Statuen verziert ist. Durch die dunklen Zweige der Platanen schauen dich Heiligenbilder recht mit klaren lebendigen Augen an; es sind die frischen Freskogemalde, die auf der breiten Mauer prangen. Die Sonne steht glutrot auf dem Gebirge, der Abendwind erhebt sich, uberall Leben und Bewegung. Flusternd und rauschend gehen wunderbare Stimmen durch Baum und Gebusch: als wurden sie steigend und steigend zu Gesang und Orgelklang, so tont es von ferne heruber. Ernste Manner in weit gefalteten Gewandern wandeln, den frommen Blick emporgerichtet, schweigend durch die Laubgange des Gartens. Sind denn die Heiligenbilder lebendig worden und herabgestiegen von den hohen Simsen? Dich umwehen die geheimnisvollen Schauer der wunderbaren Sagen und Legenden, die dort abgebildet, dir ist, als geschahe alles vor deinen Augen, und willig magst du daran glauben. In dieser Stimmung liesest du die Geschichte des Medardus, und wohl magst du auch dann die sonderbaren Visionen des Monchs fur mehr halten als fur das regellose Spiel der erhitzten Einbildungskraft.

Da du, gunstiger Leser, soeben Heiligenbilder, ein Kloster und Monche geschaut hast, so darf ich kaum hinzufugen, dass es der herrliche Garten des Kapuzinerklosters in B. war, in den ich dich gefuhrt hatte.

Als ich mich einst in diesem Kloster einige Tage aufhielt, zeigte mir der ehrwurdige Prior die von dem Bruder Medardus nachgelassene, im Archiv aufbewahrte Papiere als eine Merkwurdigkeit, und nur mit Muhe uberwand ich des Priors Bedenken, sie mir mitzuteilen. Eigentlich, meinte der Alte, hatten diese Papiere verbrannt werden sollen. Nicht ohne Furcht, du werdest des Priors Meinung sein, gebe ich dir, gunstiger Leser, nun das aus jenen Papieren geformte Buch in die Hande. Entschliessest du dich aber, mit dem Medardus, als seist du sein treuer Gefahrte, durch finstre Kreuzgange und Zellen durch die bunte bunteste Welt zu ziehen und mit ihm das Schauerliche, Entsetzliche, Tolle, Possenhafte seines Lebens zu ertragen, so wirst du dich vielleicht an den mannigfachen Bildern der Camera obscura, die sich dir aufgetan, ergotzen. Es kann auch kommen, dass das gestaltlos Scheinende, sowie du scharfer es ins Auge fassest, sich dir bald deutlich und rund darstellt. Du erkennst den verborgenen Keim, den ein dunkles Verhangnis gebar, und der, zur uppigen Pflanze emporgeschossen, fort und fort wuchert, in tausend Ranken, bis eine Blute, zur Frucht reifend, allen Lebenssaft an sich zieht und den Keim selbst totet.

Nachdem ich die Papiere des Kapuziners Medardus recht emsig durchgelesen, welches mir schwer genug wurde, da der Selige eine sehr kleine, unleserliche monchische Handschrift geschrieben, war es mir auch, als konne das, was wir insgemein Traum und Einbildung nennen, wohl die symbolische Erkenntnis des geheimen Fadens sein, der sich durch unser Leben zieht, es festknupfend in allen seinen Bedingungen, als sei der aber fur verloren zu achten, der mit jener Erkenntnis die Kraft gewonnen glaubt, jenen Faden gewaltsam zu zerreissen und es aufzunehmen mit der dunklen Macht, die uber uns gebietet.

Vielleicht geht es dir, gunstiger Leser, wie mir, und das wunschte ich denn aus erheblichen Grunden recht herzlich.

Erster Teil

Erster Abschnitt

Die Jahre der Kindheit und das Klosterleben

Nie hat mir meine Mutter gesagt, in welchen Verhaltnissen mein Vater in der Welt lebte; rufe ich mir aber alles das ins Gedachtnis zuruck, was sie mir schon in meiner fruhesten Jugend von ihm erzahlte, so muss ich wohl glauben, dass es ein mit tiefen Kenntnissen begabter lebenskluger Mann war. Eben aus diesen Erzahlungen und einzelnen Ausserungen meiner Mutter uber ihr fruheres Leben, die mir erst spater verstandlich worden, weiss ich, dass meine Eltern von einem bequemen Leben, welches sie im Besitz vieles Reichtums fuhrten, herabsanken in die druckendste bitterste Armut, und dass mein Vater, einst durch den Satan verlockt zum verruchten Frevel, eine Todsunde beging, die er, als ihn in spaten Jahren die Gnade Gottes erleuchtete, abbussen wollte auf einer Pilgerreise nach der heiligen Linde im weit entfernten kalten Preussen. Auf der beschwerlichen Wanderung dahin fuhlte meine Mutter nach mehreren Jahren der Ehe zum erstenmal, dass diese nicht unfruchtbar bleiben wurde, wie mein Vater befurchtet, und seiner Durftigkeit unerachtet war er hoch erfreut, weil nun eine Vision in Erfullung gehen sollte, in welcher ihm der heilige Bernardus Trost und Vergebung der Sunde durch die Geburt eines Sohnes zugesichert hatte. In der heiligen Linde erkrankte mein Vater, und je weniger er die vorgeschriebenen beschwerlichen Andachtsubungen seiner Schwache unerachtet aussetzen wollte, desto mehr nahm das Ubel uberhand; er starb entsundigt und getrostet in demselben Augenblick, als ich geboren wurde. Mit dem ersten Bewusstsein dammern in mir die lieblichen Bilder von dem Kloster und von der herrlichen Kirche in der heiligen Linde auf. Mich umrauscht noch der dunkle Wald mich umduften noch die uppig aufgekeimten Graser, die bunten Blumen, die meine Wiege waren. Kein giftiges Tier, kein schadliches Insekt nistet in dem Heiligtum der Gebenedeiten; nicht das Sumsen einer Fliege, nicht das Zirpen des Heimchens unterbricht die heilige Stille, in der nur die frommen Gesange der Priester erhallen, die, mit den Pilgern goldne Rauchfasser schwingend, aus denen der Duft des Weihrauchopfers emporsteigt, in langen Zugen daherziehen. Noch sehe ich mitten in der Kirche den mit Silber uberzogenen Stamm der Linde, auf welche die Engel das wundertatige Bild der heiligen Jungfrau niedersetzten. Noch lacheln mich die bunten Gestalten der Engel der Heiligen von den Wanden, von der Decke der Kirche an! Die Erzahlungen meiner Mutter von dem wundervollen Kloster, wo ihrem tiefsten Schmerz gnadenreicher Trost zuteil wurde, sind so in mein Innres gedrungen, dass ich alles selbst gesehen, selbst erfahren zu haben glaube, unerachtet es unmoglich ist, dass meine Erinnerung so weit hinausreicht, da meine Mutter nach anderthalb Jahren die heilige Statte verliess. So ist es mir, als hatte ich selbst einmal in der oden Kirche die wunderbare Gestalt eines ernsten Mannes gesehen, und es sei eben der fremde Maler gewesen, der in uralter Zeit, als eben die Kirche gebaut, erschien, dessen Sprache niemand verstehen konnte und der mit kunstgeubter Hand in gar kurzer Zeit die Kirche auf das herrlichste ausmalte, dann aber, als er fertig worden, wieder verschwand. So gedenke ich ferner noch eines alten fremdartig gekleideten Pilgers mit langem grauen Barte, der mich oft auf den Armen umhertrug, im Walde allerlei bunte Moose und Steine suchte und mit mir spielte; unerachtet ich gewiss glaube, dass nur aus der Beschreibung meiner Mutter sich im Innern sein lebhaftes Bild erzeugt hat. Er brachte einmal einen fremden wunderschonen Knaben mit, der mit mir von gleichem Alter war. Uns herzend und kussend, sassen wir im Grase, ich schenkte ihm alle meine bunten Steine, und er wusste damit allerlei Figuren auf dem Erdboden zu ordnen, aber immer bildete sich daraus zuletzt die Gestalt des Kreuzes. Meine Mutter sass neben uns auf einer steinernen Bank, und der Alte schaute, hinter ihr stehend, mit mildem Ernst unsern kindischen Spielen zu. Da traten einige Junglinge aus dem Gebusch, die, nach ihrer Kleidung und nach ihrem ganzen Wesen zu urteilen, wohl nur aus Neugierde und Schaulust nach der heiligen Linde gekommen waren. Einer von ihnen rief, indem er uns gewahr wurde, lachend: "Sieh da! eine heilige Familie, das ist etwas fur meine Mappe!" Er zog wirklich Papier und Krayon hervor und schickte sich an uns zu zeichnen, da erhob der alte Pilger sein Haupt und rief zornig: "Elender Spotter, du willst ein Kunstler sein, und in deinem Innern brannte nie die Flamme des Glaubens und der Liebe; aber deine Werke werden tot und starr bleiben wie du selbst, und du wirst wie ein Verstossener in einsamer Leere verzweifeln und untergehen in deiner eignen Armseligkeit." Die Junglinge eilten besturzt von dannen. Der alte Pilger sagte zu meiner Mutter: "Ich habe Euch heute ein wunderbares Kind gebracht, damit es in Euerm Sohn den Funken der Liebe entzunde, aber ich muss es wieder von Euch nehmen, und Ihr werdet es wohl sowie mich selbst nicht mehr schauen. Euer Sohn ist mit vielen Gaben herrlich ausgestattet, aber die Sunde des Vaters kocht und gart in seinem Blute, er kann jedoch sich zum wackern Kampen fur den Glauben aufschwingen, lasset ihn geistlich werden!" Meine Mutter konnte nicht genug sagen, welchen tiefen unausloschlichen Eindruck die Worte des Pilgers auf sie gemacht hatten; sie beschloss aber demunerachtet, meiner Neigung durchaus keinen Zwang anzutun, sondern ruhig abzuwarten, was das Geschick uber mich verhangen und wozu es mich leiten wurde, da sie an irgend eine andere hohere Erziehung, als die sie selbst mir zu geben imstande war, nicht denken konnte. Meine Erinnerungen aus deutlicher, selbst gemachter Erfahrung heben von dem Zeitpunkt an, als meine Mutter auf der Heimreise in das Zisterzienser Nonnenkloster gekommen war, dessen gefurstete Abtissin, die meinen Vater gekannt hatte, sie freundlich aufnahm. Die Zeit von jener Begebenheit mit dem alten Pilger, welche ich in der Tat aus eigner Anschauung weiss, so dass sie meine Mutter nur rucksichts der Reden des Malers und des alten Pilgers erganzt hat, bis zu dem Moment, als mich meine Mutter zum erstenmal zur Abtissin brachte, macht eine vollige Lucke: nicht die leiseste Ahnung ist mir davon ubrig geblieben. Ich finde mich erst wieder, als die Mutter meinen Anzug, soviel es ihr nur moglich war, besserte und ordnete. Sie hatte neue Bander in der Stadt gekauft, sie verschnitt mein wildverwachsnes Haar, sie putzte mich mit aller Muhe und scharfte mir dabei ein, mich ja recht fromm und artig bei der Frau Abtissin zu betragen. Endlich stieg ich an der Hand meiner Mutter die breiten steinernen Treppen herauf und trat in das hohe, gewolbte, mit heiligen Bildern ausgeschmuckte Gemach, in dem wir die Furstin fanden. Es war eine grosse, majestatische schone Frau, der die Ordenstracht eine Ehrfurcht einflossende Wurde gab. Sie sah mich mit einem ernsten, bis ins Innerste dringenden Blick an und frug: "Ist das Euer Sohn?" Ihre Stimme, ihr ganzes Ansehn selbst die fremde Umgebung, das hohe Gemach, die Bilder, alles wirkte so auf mich, dass ich, von dem Gefuhl eines inneren Grauens ergriffen, bitterlich zu weinen anfing. Da sprach die Furstin, indem sie mich milder und gutiger anblickte: "Was ist dir, Kleiner, furchtest du dich vor mir? Wie heisst Euer Sohn, liebe Frau?" "Franz", erwiderte meine Mutter, da rief die Furstin mit der tiefsten Wehmut: "Franziskus!" und hob mich auf und druckte mich heftig an sich, aber in dem Augenblick presste mir ein jaher Schmerz, den ich am Halse fuhlte, einen starken Schrei aus, so dass die Furstin erschrocken mich losliess und die durch mein Betragen ganz besturzt gewordene Mutter auf mich zusprang, um nur gleich mich fortzufuhren. Die Furstin liess das nicht zu: es fand sich, dass das diamantne Kreuz, welches die Furstin auf der Brust trug, mich, indem sie heftig mich an sich druckte, am Halse so stark beschadigt hatte, dass die Stelle ganz rot und mit Blut unterlaufen war. "Armer Franz," sprach die Furstin, "ich habe dir weh getan, aber wir wollen doch noch gute Freunde werden." Eine Schwester brachte Zuckerwerk und sussen Wein, ich liess mich, jetzt schon dreister geworden, nicht lange notigen, sondern naschte tapfer von den Sussigkeiten, die mir die holde Frau, welche sich gesetzt und mich auf den Schoss genommen hatte, selbst in den Mund steckte. Als ich einige Tropfen des sussen Getranks, das mir bis jetzt ganz unbekannt gewesen, gekostet, kehrte mein munterer Sinn, die besondere Lebendigkeit, die nach meiner Mutter Zeugnis von meiner fruhsten Jugend mir eigen war, zuruck. Ich lachte und schwatzte zum grossten Vergnugen der Abtissin und der Schwester, die im Zimmer geblieben. Noch ist es mir unerklarlich, wie meine Mutter darauf verfiel, mich aufzufordern, der Furstin von den schonen herrlichen Dingen meines Geburtsortes zu erzahlen, und ich, wie von einer hoheren Macht inspiriert, ihr die schonen Bilder des fremden unbekannten Malers so lebendig, als habe ich sie im tiefsten Geiste aufgefasst, beschreiben konnte. Dabei ging ich ganz ein in die herrlichen Geschichten der Heiligen, als sei ich mit allen Schriften der Kirche schon bekannt und vertraut geworden. Die Furstin, selbst meine Mutter, blickten mich voll Erstaunen an, aber je mehr ich sprach, desto hoher stieg meine Begeisterung, und als mich endlich die Furstin frug: "Sage mir, liebes Kind, woher weisst du denn das alles?" da antwortete ich, ohne mich einen Augenblick zu besinnen, dass der schone wunderbare Knabe, den einst ein fremder Pilgersmann mitgebracht hatte, mir alle Bilder in der Kirche erklart, ja selbst noch manches Bild mit bunten Steinen gemalt und mir nicht allein den Sinn davon geloset, sondern auch viele andere heilige Geschichten erzahlt hatte.

Man lautete zur Vesper, die Schwester hatte eine Menge Zuckerwerk in eine Tute gepackt, die sie mir gab und die ich voller Vergnugen einsteckte. Die Abtissin stand auf und sagte zu meiner Mutter: "Ich sehe Euern Sohn als meinen Zogling an, liebe Frau, und will von nun an fur ihn sorgen." Meine Mutter konnte vor Wehmut nicht sprechen, sie kusste, heisse Tranen vergiessend, die Hande der Furstin. Schon wollten wir zur Tur hinaustreten, als die Furstin uns nachkam, mich nochmals aufhob, sorgfaltig das Kreuz beiseite schiebend, mich an sich druckte und heftig weinend, so dass die heissen Tropfen auf meine Stirne fielen, ausrief: "Franziskus! Bleibe fromm und gut!" Ich war im Innersten bewegt und musste auch weinen, ohne eigentlich zu wissen warum.

Durch die Unterstutzung der Abtissin gewann der kleine Haushalt meiner Mutter, die unfern dem Kloster in einer kleinen Meierei wohnte, bald ein besseres Ansehen. Die Not hatte ein Ende, ich ging besser gekleidet und genoss den Unterricht des Pfarrers, dem ich zugleich, wenn er in der Klosterkirche das Amt hielt, als Chorknabe diente.

Wie umfangt mich noch wie ein seliger Traum die Erinnerung an jene gluckliche Jugendzeit! Ach, wie ein fernes heiliges Land, wo die Freude wohnt und die ungetrubte Heiterkeit des kindlichen unbefangenen Sinnes, liegt die Heimat weit, weit hinter mir, aber wenn ich zuruckblicke, da gahnt mir die Kluft entgegen, die mich auf ewig von ihr geschieden. Von heisser Sehnsucht ergriffen, trachte ich immer mehr und mehr, die Geliebten zu erkennen, die ich druben, wie im Purpurschimmer des Fruhrots wandelnd, erblicke, ich wahne ihre holden Stimmen zu vernehmen. Ach! gibt es denn eine Kluft, uber die die Liebe mit starkem Fittich sich nicht hinwegschwingen konnte? Was ist fur die Liebe der Raum, die Zeit! Lebt sie nicht im Gedanken, und kennt der denn ein Mass? Aber finstre Gestalten steigen auf, und immer dichter und dichter sich zusammendrangend, immer enger und enger mich einschliessend, versperren sie die Aussicht und befangen meinen Sinn mit den Drangsalen der Gegenwart, dass selbst die Sehnsucht, welche mich mit namenlosem wonnevollem Schmerz erfullte, nun zu totender heilloser Qual wird!

Der Pfarrer war die Gute selbst, er wusste meinen lebhaften Geist zu fesseln, er wusste seinen Unterricht so nach meiner Sinnesart zu formen, dass ich Freude daran fand und schnelle Fortschritte machte. Meine Mutter liebte ich uber alles, aber die Furstin verehrte ich wie eine Heilige, und es war ein feierlicher Tag fur mich, wenn ich sie sehen durfte. Jedesmal nahm ich mir vor, mit den neuerworbenen Kenntnissen recht vor ihr zu leuchten, aber wenn sie kam, wenn sie freundlich mich anredete, da konnte ich kaum ein Wort herausbringen, ich mochte nur sie anschauen, nur sie horen. Jedes ihrer Worte blieb tief in meiner Seele zuruck, noch den ganzen Tag uber, wenn ich sie gesprochen, befand ich mich in wunderbarer feierlicher Stimmung, und ihre Gestalt begleitete mich auf den Spaziergangen, die ich dann besuchte. Welches namenlose Gefuhl durchbebte mich, wenn ich, das Rauchfass schwingend, am Hochaltare stand, und nun die Tone der Orgel von dem Chore herabstromten und, wie zur brausenden Flut anschwellend, mich fortrissen wenn ich dann in dem Hymnus ihre Stimme erkannte, die wie ein leuchtender Strahl zu mir herabdrang und mein Inneres mit den Ahnungen des Hochsten des Heiligsten erfullte. Aber der herrlichste Tag, auf den ich mich wochenlang freute, ja, an den ich niemals ohne inneres Entzucken denken konnte, war das Fest des heiligen Bernardus, welches, da er der Heilige der Zisterzienser ist, im Kloster durch einen grossen Ablass auf das feierlichste begangen wurde. Schon den Tag vorher stromten aus der benachbarten Stadt sowie aus der ganzen umliegenden Gegend eine Menge Menschen herbei und lagerten sich auf der grossen blumichten Wiese, die sich an das Kloster schloss, so dass das frohe Getummel Tag und Nacht nicht aufhorte. Ich erinnere mich nicht, dass die Witterung in der gunstigen Jahreszeit (der Bernardustag fallt in den August) dem Feste jemals ungunstig gewesen sein sollte. In bunter Mischung sah man hier andachtige Pilger, Hymnen singend, daherwandeln, dort Bauerbursche sich mit den geputzten Dirnen jubelnd umhertummeln Geistliche, die in frommer Betrachtung, die Hande andachtig gefaltet, in die Wolken schauen Burgerfamilien im Grase gelagert, die die hochgefullten Speisekorbe auspacken und ihr Mahl verzehren. Lustiger Gesang, fromme Lieder, die inbrunstigen Seufzer der Bussenden, das Gelachter der Frohlichen, Klagen, Jauchzen, Jubel, Scherze, Gebet erfullen wie in wunderbarem, betaubendem Konzert die Lufte! Aber sowie die Glocke des Klosters anschlagt, verhallt das Getose plotzlich soweit das Auge nur reicht, ist alles, in dichte Reihen gedrangt, auf die Knie gesunken, und nur das dumpfe Murmeln des Gebets unterbricht die heilige Stille. Der letzte Schlag der Glocke tont aus, die bunte Menge stromt wieder durcheinander, und aufs neue erschallt der minutenlang unterbrochene Jubel. Der Bischof selbst, welcher in der benachbarten Stadt residiert, hielt an dem Bernardustage in der Kirche des Klosters, bedient von der untern Geistlichkeit des Hochstifts, das feierliche Hochamt, und seine Kapelle fuhrte auf einer Tribune, die man zur Seite des Hochaltars errichtet und mit reicher, seltener Hautelisse behangt hatte, die Musik aus. Noch jetzt sind die Empfindungen, die damals meine Brust durchbebten, nicht erstorben, sie leben auf in jugendlicher Frische, wenn ich mein Gemut ganz zuwende jener seligen Zeit, die nur zu schnell verschwunden. Ich gedenke lebhaft eines Gloria, welches mehrmals ausgefuhrt wurde, da die Furstin eben diese Komposition vor allen andern liebte. Wenn der Bischof das Gloria intoniert hatte und nun die machtigen Tone des Chors daher brausten: Gloria in excelsis deo! war es nicht, als offne sich die Wolkenglorie uber dem Hochaltar? ja, als ergluhten durch ein gottliches Wunder die gemalten Cherubim und Seraphim zum Leben und regten und bewegten die starken Fittiche und schwebten auf und nieder, Gott lobpreisend mit Gesang und wunderbarem Saitenspiel? Ich versank in das hinbrutende Staunen der begeisterten Andacht, die mich durch glanzende Wolken in das ferne bekannte, heimatliche Land trug, und in dem duftenden Walde ertonten die holden Engelsstimmen, und der wunderbare Knabe trat wie aus hohen Lilienbuschen mir entgegen und frug mich lachelnd: "Wo warst du denn so lange, Franziskus? ich habe viele schone bunte Blumen, die will ich dir alle schenken, wenn du bei mir bleibst und mich liebst immerdar."

Nach dem Hochamt hielten die Nonnen unter dem Vortritt der Abtissin, die mit der Inful geschmuckt war und den silbernen Hirtenstab trug, eine feierliche Prozession durch die Gange des Klosters und durch die Kirche. Welche Heiligkeit, welche Wurde, welche uberirdische Grosse strahlte aus jedem Blick der herrlichen Frau, leitete jede ihrer Bewegungen! Es war die triumphierende Kirche selbst, die dem frommen glaubigen Volke Gnade und Segen verhiess. Ich hatte mich vor ihr in den Staub werfen mogen, wenn ihr Blick zufallig auf mich fiel. Nach beendigtem Gottesdienst wurde die Geistlichkeit sowie die Kapelle des Bischofs in einem grossen Saal des Klosters bewirtet. Mehrere Freunde des Klosters, Offizianten, Kaufleute aus der Stadt, nahmen an dem Mahle teil, und ich durfte, weil mich der Konzertmeister des Bischofs liebgewonnen und gern sich mit mir zu schaffen machte, auch dabei sein. Hatte sich erst mein Innres, von heiliger Andacht durchgluht, ganz dem Uberirdischen zugewendet, so trat jetzt das frohe Leben auf mich ein und umfing mich mit seinen bunten Bildern. Allerlei lustige Erzahlungen, Spasse und Schwanke wechselten unter dem lauten Gelachter der Gaste, wobei die Flaschen fleissig geleert wurden, bis der Abend hereinbrach und die Wagen zur Heimfahrt bereitstanden.

Sechzehn Jahre war ich alt geworden, als der Pfarrer erklarte, dass ich nun vorbereitet genug sei, die hoheren theologischen Studien in dem Seminar der benachbarten Stadt zu beginnen: ich hatte mich namlich ganz fur den geistlichen Stand entschieden, und dies erfullte meine Mutter mit der innigsten Freude, da sie hiedurch die geheimnisvollen Andeutungen des Pilgers, die in gewisser Art mit der merkwurdigen, mir unbekannten Vision meines Vaters in Verbindung stehen sollten, erklart und erfullt sah. Durch meinen Entschluss glaubte sie erst die Seele meines Vaters entsuhnt und von der Qual ewiger Verdammnis errettet. Auch die Furstin, die ich jetzt nur im Sprachzimmer sehen konnte, billigte hochlich mein Vorhaben und wiederholte ihr Versprechen, mich bis zur Erlangung einer geistlichen Wurde mit allem Notigen zu unterstutzen. Unerachtet die Stadt so nahe lag, dass man von dem Kloster aus die Turme sehen konnte, und nur irgend rustige Fussganger von dort her die heitre, anmutige Gegend des Klosters zu ihren Spaziergangen wahlten, so wurde mir doch der Abschied von meiner guten Mutter, von der herrlichen Frau, die ich so tief im Gemute verehrte, sowie von meinem guten Lehrer recht schwer. Es ist ja auch gewiss, dass dem Schmerz der Trennung jede Spanne ausserhalb dem Kreise der Lieben der weitesten Entfernung gleich dunkt! Die Furstin war auf besondere Weise bewegt, ihre Stimme zitterte vor Wehmut, als sie noch salbungsvolle Worte der Ermahnung sprach. Sie schenkte mir einen zierlichen Rosenkranz und ein kleines Gebetbuch mit sauber illuminierten Bildern. Dann gab sie mir noch ein Empfehlungsschreiben an den Prior des Kapuzinerklosters in der Stadt, den sie mir empfahl gleich aufzusuchen, da er mir in allem mit Rat und Tat eifrigst beistehen werde.

Gewiss gibt es nicht so leicht eine anmutigere Gegend, als diejenige ist, in welcher das Kapuzinerkloster dicht vor der Stadt liegt. Der herrliche Klostergarten mit der Aussicht in die Gebirge hinein schien mir jedesmal, wenn ich in den langen Alleen wandelte und bald bei dieser, bald bei jener uppigen Baumgruppe stehen blieb, in neuer Schonheit zu erglanzen. Gerade in diesem Garten traf ich den Prior Leonardus, als ich zum erstenmal das Kloster besuchte, um mein Empfehlungsschreiben von der Abtissin abzugeben. Die dem Prior eigne Freundlichkeit wurde noch erhoht, als er den Brief las, und er wusste so viel Anziehendes von der herrlichen Frau, die er schon in fruhen Jahren in Rom kennen gelernt, zu sagen, dass er schon dadurch im ersten Augenblick mich ganz an sich zog. Er war von den Brudern umgeben, und man durchblickte bald das ganze Verhaltnis des Priors mit den Monchen, die ganze klosterliche Einrichtung und Lebensweise: die Ruhe und Heiterkeit des Geistes, welche sich in dem Ausserlichen des Priors deutlich aussprach, verbreitete sich uber alle Bruder. Man sah nirgends eine Spur des Missmuts oder jener feindlichen, ins Innere zehrenden Verschlossenheit, die man sonst wohl auf den Gesichtern der Monche wahrnimmt. Unerachtet der strengen Ordensregel waren die Andachtsubungen dem Prior Leonardus mehr Bedurfnis des dem Himmlischen zugewandten Geistes, als asketische Busse fur die der menschlichen Natur anklebende Sunde, und er wusste diesen Sinn der Andacht so in den Brudern zu entzunden, dass sich uber alles, was sie tun mussten, um der Regel zu genugen, eine Heiterkeit und Gemutlichkeit ergoss, die in der Tat ein hoheres Sein in der irdischen Beengtheit erzeugte. Selbst eine gewisse schickliche Verbindung mit der Welt wusste der Prior Leonardus herzustellen, die fur die Bruder nicht anders als heilsam sein konnte. Reichliche Spenden, die von allen Seiten dem allgemein hochgeachteten Kloster dargebracht wurden, machten es moglich, an gewissen Tagen die Freunde und Beschutzer des Klosters in dem Refektorium zu bewirten. Dann wurde in der Mitte des Speisesaals eine lange Tafel gedeckt, an deren oberem Ende der Prior Leonardus bei den Gasten sass. Die Bruder blieben an der schmalen, der Wand entlang stehenden Tafel und bedienten sich ihres einfachen Geschirres, der Regel gemass, wahrend an der Gasttafel alles sauber und zierlich mit Porzellan und Glas besetzt war. Der Koch des Klosters wusste vorzuglich auf eine lekkere Art Fastenspeisen zuzubereiten, die den Gasten gar wohl schmeckten. Die Gaste sorgten fur den Wein, und so waren die Mahle im Kapuzinerkloster ein freundliches, gemutliches Zusammentreten des Profanen mit dem Geistlichen, welches in wechselseitiger Ruckwirkung fur das Leben nicht ohne Nutzen sein konnte. Denn indem die im weltlichen Treiben Befangenen hinaustraten und eingingen in die Mauern, wo alles das ihrem Tun schnurstracks entgegengesetzte Leben der Geistlichen verkundet, mussten sie, von manchem Funken, der in ihre Seele fiel, aufgeregt, eingestehen, dass auch wohl auf andere Wege, als auf dem, den sie eingeschlagen, Ruhe und Gluck zu finden sei, ja, dass vielleicht der Geist, je mehr er sich uber das Irdische erhebe, dem Menschen schon hienieden ein hoheres Sein bereiten konne. Dagegen gewannen die Monche an Lebensumsicht und Weisheit, da die Kunde, welche sie von dem Tun und Treiben der bunten Welt ausserhalb ihrer Mauern erhielten, in ihnen Betrachtungen mancherlei Art erweckte. Ohne dem Irdischen einen falschen Wert zu verleihen, mussten sie in der verschiedenen, aus dem Innern bestimmten Lebensweise der Menschen die Notwendigkeit einer solchen Strahlenbrechung des geistigen Prinzips, ohne welche alles farb- und glanzlos geblieben ware, anerkennen. Uber alle hocherhaben rucksichts der geistigen und wissenschaftlichen Ausbildung stand von jeher der Prior Leonardus. Ausserdem dass er allgemein fur einen wackern Gelehrten in der Theologie galt, so, dass er mit Leichtigkeit und Tiefe die schwierigsten Materien abzuhandeln wusste und sich die Professoren des Seminars oft bei ihm Rat und Belehrung holten, war er auch mehr, als man es wohl einem Klostergeistlichen zutrauen kann, fur die Welt ausgebildet. Er sprach mit Fertigkeit und Eleganz das Italienische und Franzosische, und seiner besonderen Gewandtheit wegen hatte man ihn in fruherer Zeit zu wichtigen Missionen gebraucht. Schon damals, als ich ihn kennen lernte, war er hochbejahrt, aber indem sein weisses Haar von seinem Alter zeugte, blitzte aus den Augen noch jugendliches Feuer, und das anmutige Lacheln, welches um seine Lippen schwebte, erhohte den Ausdruck der innern Behaglichkeit und Gemutsruhe. Dieselbe Grazie, welche seine Rede schmuckte, herrschte in seinen Bewegungen, und selbst die unbehilfliche Ordenstracht schmiegte sich wundersam den wohlgebauten Formen seines Korpers an. Es befand sich kein einziger unter den Brudern, den nicht eigne freie Wahl, den nicht sogar das von der innern geistigen Stimmung erzeugte Bedurfnis in das Kloster gebracht hatte; aber auch den Unglucklichen, der im Kloster den Port gesucht hatte, um der Vernichtung zu entgehen, hatte Leonardus bald getrostet; seine Busse ware der kurze Ubergang zur Ruhe geworden, und, mit der Welt versohnt, ohne ihren Tand zu achten, hatte er, im Irdischen lebend, doch sich bald uber das Irdische erhoben. Diese ungewohnlichen Tendenzen des Klosterlebens hatte Leonardus in Italien aufgefasst, wo der Kultus und mit ihm die ganze Ansicht des religiosen Lebens heitrer ist als in dem katholischen Deutschland. So wie bei dem Bau der Kirchen noch die antiken Formen sich erhielten, so scheint auch ein Strahl aus jener heitern lebendigen Zeit des Altertums in das mystische Dunkel des Christianism gedrungen zu sein und es mit dem wunderbaren Glanze erhellt zu haben, der sonst die Gotter und Helden umstrahlte.

Leonardus gewann mich lieb, er unterrichtete mich im Italienischen und Franzosischen, vorzuglich waren es aber die mannigfachen Bucher, welche er mir in die Hande gab, sowie seine Gesprache, die meinen Geist auf besondere Weise ausbildeten. Beinahe die ganze Zeit, welche meine Studien im Seminar mir ubrig liessen, brachte ich im Kapuzinerkloster zu, und ich spurte, wie immer mehr meine Neigung zunahm, mich einkleiden zu lassen. Ich eroffnete dem Prior meinen Wunsch; ohne mich indessen gerade davon abbringen zu wollen, riet er mir, wenigstens noch ein paar Jahre zu warten und unter der Zeit mich mehr als bisher in der Welt umzusehen. So wenig es mir indessen an anderer Bekanntschaft fehlte, die ich mir vorzuglich durch den bischoflichen Konzertmeister, welcher mich in der Musik unterrichtete, erworben, so fuhlte ich mich doch in jeder Gesellschaft und vorzuglich, wenn Frauenzimmer zugegen waren, auf unangenehme Weise befangen, und dies sowie uberhaupt der Hang zum kontemplativen Leben schien meinen innern Beruf zum Kloster zu entscheiden.

Einst hatte der Prior viel Merkwurdiges mit mir gesprochen uber das profane Leben; er war eingedrungen in die schlupfrigsten Materien, die er aber mit seiner gewohnlichen Leichtigkeit und Anmut des Ausdrucks zu behandeln wusste, so dass er, alles nur im mindesten Anstossige vermeidend, doch immer auf den rechten Fleck traf. Er nahm endlich meine Hand, sah mir scharf ins Auge und frug, ob ich noch unschuldig sei. Ich fuhlte mich ergluhen, denn indem Leonardus mich so verfanglich frug, sprang ein Bild in den lebendigsten Farben hervor, welches so lange ganz von mir gewichen. Der Konzertmeister hatte eine Schwester, welche gerade nicht schon genannt zu werden verdiente, aber doch, in der hochsten Blute stehend, ein uberaus reizendes Madchen war. Vorzuglich zeichnete sie ein im reinsten Ebenmass geformter Wuchs aus; sie hatte die schonsten Arme, den schonsten Busen in Form und Kolorit, den man nur sehen kann. Eines Morgens, als ich zum Konzertmeister gehen wollte meines Unterrichts halber, uberraschte ich die Schwester im leichten Morgenanzuge, mit beinahe ganz entblosster Brust; schnell warf sie zwar das Tuch uber, aber doch schon zu viel hatten meine gierigen Blicke erhascht, ich konnte kein Wort sprechen, nie gekannte Gefuhle regten sich sturmisch in mir und trieben das gluhende Blut durch die Adern, dass horbar meine Pulse schlugen. Meine Brust war krampfhaft zusammengepresst und wollte zerspringen, ein leiser Seufzer machte mir endlich Luft. Dadurch, dass das Madchen ganz unbefangen auf mich zukam, mich bei der Hand fasste und trug, was mir dann ware, wurde das Ubel wieder Arger, und es war ein Gluck, dass der Konzertmeister in die Stube trat und mich von der Qual erloste. Nie hatte ich indessen solche falsche Akkorde gegriffen, nie so im Gesang detoniert, als dasmal. Fromm genug war ich, um spater das Ganze fur eine bose Anfechtung des Teufels zu halten, und ich pries mich nach kurzer Zeit recht glucklich, den bosen Feind durch die asketischen Ubungen, die ich unternahm, aus dem Felde geschlagen zu haben. Jetzt bei der verfanglichen Frage des Priors sah ich des Konzertmeisters Schwester mit entblosstem Busen vor mir stehen, ich fuhlte den warmen Hauch ihres Atems, den Druck ihrer Hand meine innere Angst stieg mit jedem Momente. Leonardus sah mich mit einem gewissen ironischen Lacheln an, vor dem ich erbebte. Ich konnte seinen Blick nicht ertragen, ich schlug die Augen nieder, da klopfte mich der Prior auf die gluhenden Wangen und sprach: "Ich sehe, mein Sohn, dass Sie mich gefasst haben, und dass es noch gut mit Ihnen steht, der Herr bewahre Sie vor der Verfuhrung der Welt; die Genusse, die sie Ihnen darbietet, sind von kurzer Dauer, und man kann wohl behaupten, dass ein Fluch darauf ruhe, da in dem unbeschreiblichen Ekel, in der vollkommenen Erschlaffung, in der Stumpfheit fur alles Hohere, die sie hervorbringen, das bessere geistige Prinzip des Menschen untergeht." So sehr ich mich muhte, die Frage des Priors und das Bild, welches dadurch hervorgerufen wurde, zu vergessen, so wollte es mir doch durchaus nicht gelingen, und war es mir erst gegluckt, in Gegenwart jenes Madchens unbefangen zu sein, so scheute ich doch wieder jetzt mehr als jemals ihren Anblick, da mich schon bei dem Gedanken an sie eine Beklommenheit, eine innere Unruhe uberfiel, die mir um so gefahrlicher schien, als zugleich eine unbekannte wundervolle Sehnsucht und mit ihr eine Lusternheit sich regte, die wohl sundlich sein mochte. Ein Abend sollte diesen zweifelhaften Zustand entscheiden. Der Konzertmeister hatte mich, wie er manchmal zu tun pflegte, zu einer musikalischen Unterhaltung, die er mit einigen Freunden veranstaltet, eingeladen. Ausser seiner Schwester waren noch mehrere Frauenzimmer zugegen, und dieses steigerte die Befangenheit, die mir schon bei der Schwester allein den Atem versetzte. Sie war sehr reizend gekleidet, sie kam mir schoner als je vor, es war, als zoge mich eine unsichtbare unwiderstehliche Gewalt zu ihr hin, und so kam es denn, dass ich, ohne selbst zu wissen wie, mich immer ihr nahe befand, jeden ihrer Blicke, jedes ihrer Worte begierig aufhaschte, ja mich so an sie drangte, dass wenigstens ihr Kleid im Vorbeistreifen mich beruhren musste, welches mich mit innerer, nie gefuhlter Lust erfullte. Sie schien es zu bemerken und Wohlgefallen daran zu finden; zuweilen war es mir, als musste ich sie wie in toller Liebeswut an mich reissen und inbrunstig an mich drucken! Sie hatte lange neben dem Flugel gesessen, endlich stand sie auf und liess auf dem Stuhl einen ihrer Handschuhe liegen, den ergriff ich und druckte ihn im Wahnsinn heftig an den Mund! Das sah eins von den Frauenzimmern, die ging zu des Konzertmeisters Schwester und flusterte ihr etwas ins Ohr, nun schauten sie beide auf mich und kicherten und lachten hohnisch! Ich war wie vernichtet, ein Eisstrom goss sich durch mein Inneres besinnungslos sturzte ich fort ins Kollegium in meine Zelle. Ich warf mich wie in toller Verzweiflung auf den Fussboden gluhende Tranen quollen mir aus den Augen, ich verwunschte ich verfluchte das Madchen mich selbst dann betete ich wieder und lachte dazwischen wie ein Wahnsinniger! Uberall erklangen um mich Stimmen, die mich verspotteten, verhohnten; ich war im Begriff, mich durch das Fenster zu sturzen, zum Gluck verhinderten mich die Eisenstabe daran, mein Zustand war in der Tat entsetzlich. Erst als der Morgen anbrach, wurde ich ruhiger, aber fest war ich entschlossen, sie niemals mehr zu sehen und uberhaupt der Welt zu entsagen. Klarer als jemals stand der Beruf zum eingezogenen Klosterleben, von dem mich keine Versuchung mehr ablenken sollte, vor meiner Seele. Sowie ich nur von den gewohnlichen Studien loskommen konnte, eilte ich zu dem Prior in das Kapuzinerkloster und eroffnete ihm, wie ich nun entschlossen sei, mein Noviziat anzutreten, und auch schon meiner Mutter sowie der Furstin Nachricht davon gegeben habe. Leonardus schien uber meinen plotzlichen Eifer verwundert; ohne in mich zu dringen, suchte er doch auf diese und jene Weise zu erforschen, was mich wohl darauf gebracht haben konne, nun mit einemmal auf meine Einweihung zum Klosterleben zu bestehen, denn er ahndete wohl, dass ein besonderes Ereignis mir den Impuls dazu gegeben haben musse. Eine innere Scham, die ich nicht zu uberwinden vermochte, hielt mich zuruck, ihm die Wahrheit zu sagen, dagegen erzahlte ich ihm mit dem Feuer der Exaltation, das noch in mir gluhte, die wunderbaren Begebenheiten meiner Kinderjahre, welche alle auf meine Bestimmung zum Klosterleben hindeuteten. Leonardus horte mich ruhig an, und ohne gerade gegen meine Visionen Zweifel vorzubringen, schien er doch sie nicht sonderlich zu beachten, er ausserte vielmehr, wie das alles noch sehr wenig fur die Echtheit meines Berufs sprache, da eben hier eine Illusion sehr moglich sei. Uberhaupt pflegte Leonardus nicht gern von den Visionen der Heiligen, ja selbst von den Wundern der ersten Verkundiger des Christentums zu sprechen, und es gab Augenblicke, in denen ich in Versuchung geriet, ihn fur einen heimlichen Zweifler zu halten. Einst erdreistete ich mich, um ihn zu irgend einer bestimmten Ausserung zu notigen, von den Verachtern des katholischen Glaubens zu sprechen und vorzuglich auf diejenigen zu schmalen, die im kindischen Ubermute alles Ubersinnliche mit dem heillosen Schimpfworte des Aberglaubens abfertigten. Leonardus sprach sanft lachelnd: "Mein Sohn, der Unglaube ist der argste Aberglaube", und fing ein anderes Gesprach von fremden gleichgultigen Dingen an. Erst spater durfte ich eingehen in seine herrliche Gedanken uber den mystischen Teil unserer Religion, der die geheimnisvolle Verbindung unsers geistigen Prinzips mit hoheren Wesen in sich schliesst, und musste mir denn wohl gestehen, dass Leonardus die Mitteilung alles des Sublimen, das aus seinem Innersten sich ergoss, mit Recht nur fur die hochste Weihe seiner Schuler aufsparte.

Meine Mutter schrieb mir, wie sie es langst geahnet, dass der weltgeistliche Stand mir nicht genugen, sondern dass ich das Klosterleben erwahlen werde. Am Medardustage sei ihr der alte Pilgersmann aus der heiligen Linde erschienen und habe mich im Ordenskleide der Kapuziner an der Hand gefuhrt. Auch die Furstin war mit meinem Vorhaben ganz einverstanden. Beide sah ich noch einmal vor meiner Einkleidung, welche, da mir, meinem innigsten Wunsche gemass, die Halfte des Noviziats erlassen wurde, sehr bald erfolgte. Ich nahm auf Veranlassung der Vision meiner Mutter den Klosternamen Medardus an.

Das Verhaltnis der Bruder untereinander, die innere Einrichtung rucksichts der Andachtsubungen und der ganzen Lebensweise im Kloster bewahrte sich ganz in der Art, wie sie mir bei dem ersten Blick erschienen. Die gemutliche Ruhe, die in allem herrschte, goss den himmlischen Frieden in meine Seele, wie er mich, gleich einem seligen Traum aus der ersten Zeit meiner fruhsten Kinderjahre im Kloster der heiligen Linde umschwebte. Wahrend des feierlichen Akts meiner Einkleidung erblickte ich unter den Zuschauern des Konzertmeisters Schwester; sie sah ganz schwermutig aus, und ich glaubte Tranen in ihren Augen zu erblicken, aber voruber war die Zeit der Versuchung, und vielleicht war es frevelnder Stolz auf den so leicht erfochtenen Sieg, der mir das Lacheln abnotigte, welches der an meiner Seite wandelnde Bruder Cyrillus bemerkte. "Woruber erfreuest du dich so, mein Bruder?" frug Cyrillus. "Soll ich denn nicht froh sein, wenn ich der schnoden Welt und ihrem Tand entsage?" antwortete ich, aber nicht zu leugnen ist es, dass, indem ich diese Worte sprach, ein unheimliches Gefuhl, plotzlich das Innerste durchbebend, mich Lugen strafte. Doch dies war die letzte Anwandlung irdischer Selbstsucht, nach der jene Ruhe des Geistes eintrat. Ware sie nimmer von mir gewichen, aber die Macht des Feindes ist gross! Wer mag der Starke seiner Waffen, wer mag seiner Wachsamkeit vertrauen, wenn die unterirdischen Machte lauern?

Schon funf Jahre war ich im Kloster, als nach der Verordnung des Priors mir der Bruder Cyrillus, der alt und schwach worden, die Aufsicht uber die reiche Reliquienkammer des Klosters ubergeben sollte. Da befanden sich allerlei Knochen von Heiligen, Spane aus dem Kreuze des Erlosers und andere Heiligtumer, die in saubern Glasschranken aufbewahrt und an gewissen Tagen dem Volk zur Erbauung ausgestellt wurden. Der Bruder Cyrillus machte mich mit jedem Stucke sowie mit den Dokumenten, die uber ihre Echtheit und uber die Wunder, welche sie bewirkt, vorhanden, bekannt. Er stand rucksichts der geistigen Ausbildung unserm Prior an der Seite, und um so weniger trug ich Bedenken, das zu aussern, was sich gewaltsam aus meinem Innern hervordrangte. "Sollten denn, lieber Bruder Cyrillus," sagte ich, "alle diese Dinge gewiss und wahrhaftig das sein, wofur man sie ausgibt? Sollte auch hier nicht die betrugerische Habsucht manches untergeschoben haben, was nun als wahre Reliquie dieses oder jenes Heiligen gilt? So z.B. besitzt irgend ein Kloster das ganze Kreuz unsers Erlosers, und doch zeigt man uberall wieder so viel Spane davon, dass, wie jemand von uns selbst, freilich in freveligem Spott, behauptete, unser Kloster ein ganzes Jahr hindurch damit geheizt werden konnte." "Es geziemt uns wohl eigentlich nicht," erwiderte der Bruder Cyrillus, "diese Dinge einer solchen Untersuchung zu unterziehen, allein offenherzig gestanden, bin ich der Meinung, dass, der daruber sprechenden Dokumente unerachtet, wohl wenige dieser Dinge das sein durften, wofur man sie ausgibt. Allein es scheint mir auch gar nicht darauf anzukommen. Merke wohl auf, lieber Bruder Medardus, wie ich und unser Prior daruber denken, und du wirst unsere Religion in neuer Glorie erblicken. Ist es nicht herrlich, lieber Bruder Medardus, dass unsere Kirche darnach trachtet, jene geheimnisvollen Faden zu erfassen, die das Sinnliche mit dem Ubersinnlichen verknupfen, ja unseren zum irdischen Leben und Sein gediehenen Organism so anzuregen, dass sein Ursprung aus dem hohern geistigen Prinzip, ja seine innige Verwandtschaft mit dem wunderbaren Wesen, dessen Kraft wie ein gluhender Hauch die ganze Natur durchdringt, klar hervortritt und uns die Ahndung eines hoheren Lebens, dessen Keim wir in uns tragen, wie mit Seraphsfittichen umweht. Was ist jenes Stuckchen Holz jenes Knochlein, jenes Lappchen man sagt, aus dem Kreuz Christi sei es gehauen, dem Korper dem Gewande eines Heiligen entnommen; aber den Glaubigen, der, ohne zu grubeln, sein ganzes Gemut darauf richtet, erfullt bald jene uberirdische Begeisterung, die ihm das Reich der Seligkeit erschliesst, das er hienieden nur geahnet; und so wird der geistige Einfluss des Heiligen, dessen auch nur angebliche Reliquie den Impuls gab, erweckt, und der Mensch vermag Starke und Kraft im Glauben von dem hoheren Geiste zu empfangen, den er im Innersten des Gemuts um Trost und Beistand anrief. Ja, diese in ihm erweckte hohere geistige Kraft wird selbst Leiden des Korpers zu uberwinden vermogen, und daher kommt es, dass diese Reliquien jene Mirakel bewirken, die, da sie so oft vor den Augen des versammelten Volks geschehen, wohl nicht geleugnet werden konnen." Ich erinnerte mich augenblicklich gewisser Andeutungen des Priors, die ganz mit den Worten des Bruders Cyrillus ubereinstimmten, und betrachtete nun die Reliquien, die mir sonst nur als religiose Spielerei erschienen, mit wahrer innerer Ehrfurcht und Andacht. Dem Bruder Cyrillus entging diese Wirkung seiner Rede nicht, und er fuhr nun fort, mit grosserem Eifer und mit recht zum Gemute sprechender Innigkeit mir die Sammlung Stuck vor Stuck zu erklaren. Endlich nahm er aus einem wohlverschlossenen Schranke ein Kistchen heraus und sagte: "Hierinnen, lieber Bruder Medardus, ist die geheimnisvollste, wunderbarste Reliquie enthalten, die unser Kloster besitzt. Solange ich im Kloster bin, hat dieses Kistchen niemand in der Hand gehabt als der Prior und ich; selbst die andern Bruder, viel weniger Fremde, wissen etwas von dem Dasein dieser Reliquie. Ich kann die Kiste nicht ohne inneren Schauer anruhren, es ist, als sei darin ein boser Zauber verschlossen, der, gelange es ihm, den Bann, der ihn umschliesst und wirkungslos macht, zu zersprengen, Verderben und heillosen Untergang jedem bereiten konnte, den er ereilt. Das, was darinnen enthalten, stammt unmittelbar von dem Widersacher her, aus jener Zeit, als er noch sichtlich gegen das Heil der Menschen zu kampfen vermochte." Ich sah den Bruder Cyrillus im hochsten Erstaunen an; ohne mir Zeit zu lassen, etwas zu erwidern, fuhr er fort: "Ich will mich, lieber Bruder Medardus, ganzlich enthalten, in dieser hochst mystischen Sache nur irgend eine Meinung zu aussern oder wohl gar diese jene Hypothese aufzutischen, die mir durch den Kopf gefahren, sondern lieber getreulich dir das erzahlen, was die uber jene Reliquie vorhandenen Dokumente davon sagen. Du findest diese Dokumente in jenem Schrank und kannst sie selbst nachlesen. Dir ist das Leben des heiligen Antonius zur G'nuge bekannt, du weisst, dass er, um sich von allem Irdischen zu entfernen, um seine Seele ganz dem Gottlichen zuzuwenden, in die Wuste zog und da sein Leben den strengsten Buss- und Andachtsubungen weihte. Der Widersacher verfolgte ihn und trat ihm oft sichtlich in den Weg, um ihn in seinen frommen Betrachtungen zu storen. So kam es denn, dass der heilige Antonius einmal in der Abenddammerung eine finstere Gestalt wahrnahm, die auf ihn zuschritt. In der Nahe erblickte er zu seinem Erstaunen, dass aus den Lochern des zerrissenen Mantels, den die Gestalt trug, Flaschenhalse hervorguckten. Es war der Widersacher, der in diesem seltsamen Aufzuge ihn hohnisch anlachelte und frug, ob er nicht von den Elixieren, die er in den Flaschen bei sich truge, zu kosten begehre. Der heilige Antonius, den diese Zumutung nicht einmal verdriessen konnte, weil der Widersacher, ohnmachtig und kraftlos geworden, nicht mehr imstande war, sich auf irgend einen Kampf einzulassen und sich daher auf hohnende Reden beschranken musste, frug ihn, warum er denn so viele Flaschen und auf solche besondere Weise bei sich truge. Da antwortete der Widersacher: 'Siehe, wenn mir ein Mensch begegnet, so schaut er mich verwundert an und kann es nicht lassen, nach meinen Getranken zu fragen und zu kosten aus Lusternheit. Unter so vielen Elixieren findet er ja wohl eins, was ihm recht mundet, und er sauft die ganze Flasche aus und wird trunken und ergibt sich mir und meinem Reiche.' So weit steht das in allen Legenden; nach dem besonderen Dokument, das wir uber diese Vision des heiligen Antonius besitzen, heisst es aber weiter, dass der Widersacher, als er sich von dannen hub, einige seiner Flaschen auf einen Rasen stehen liess, die der heilige Antonius schnell in seine Hohle mitnahm und verbarg, aus Furcht, selbst in der Einode konnte ein Verirrter, ja wohl gar einer seiner Schuler von dem entsetzlichen Getranke kosten und ins ewige Verderben geraten. Zufallig, erzahlt das Dokument weiter, habe der heilige Antonius einmal eine dieser Flaschen geoffnet, da sei ein seltsamer betaubender Dampf herausgefahren und allerlei scheussliche sinneverwirrende Bilder der Holle hatten den Heiligen umschwebt, ja ihn mit verfuhrerischen Gaukeleien zu verlocken gesucht, bis er sie durch strenges Fasten und anhaltendes Gebet wieder vertrieben. In diesem Kistchen befindet sich nun aus dem Nachlass des heiligen Antonius eben eine solche Flasche mit einem Teufelselixier, und die Dokumente sind so authentisch und genau, dass wenigstens daran, dass die Flasche wirklich nach dem Tode des heiligen Antonius unter seinen nachgebliebenen Sachen gefunden wurde, kaum zu zweifeln ist. Ubrigens kann ich versichern, lieber Bruder Medardus, dass, so oft ich die Flasche, ja nur dieses Kistchen, worin sie verschlossen, beruhre, mich ein unerklarliches inneres Grauen anwandelt, ja dass ich wahne, etwas von einem ganz seltsamen Duft zu spuren, der mich betaubt und zugleich eine innere Unruhe des Geistes hervorbringt, die mich selbst bei den Andachtsubungen zerstreut. Indessen uberwinde ich diese bose Stimmung, welche offenbar von dem Einfluss irgend einer feindlichen Macht herruhrt, sollte ich auch an die unmittelbare Einwirkung des Widersachers nicht glauben, durch standhaftes Gebet. Dir, lieber Bruder Medardus, der du noch so jung bist, der du noch alles, was dir deine von fremder Kraft aufgeregte Phantasie vorbringen mag, in glanzenderen, lebhafteren Farben erblickst, der du noch wie ein tapferer, aber unerfahrener Krieger zwar rustig im Kampfe, aber vielleicht zu kuhn, das Unmogliche wagend, deiner Starke zu sehr vertraust, rate ich, das Kistchen niemals oder wenigstens erst nach Jahren zu offnen, und damit dich deine Neugierde nicht in Versuchung fuhre, es dir weit weg aus den Augen zu stellen."

Der Bruder Cyrillus verschloss die geheimnisvolle Kiste wieder in den Schrank, wo sie gestanden, und ubergab mir den Schlusselbund, an dem auch der Schlussel jenes Schranks hing; die ganze Erzahlung hatte auf mich einen eignen Eindruck gemacht, aber je mehr ich eine innere Lusternheit emporkeimen fuhlte, die wunderbare Reliquie zu sehen, desto mehr war ich, der Warnung des Bruders Cyrillus gedenkend, bemuht, auf jede Art mir es zu erschweren. Als Cyrillus mich verlassen, ubersah ich noch einmal die mir anvertrauten Heiligtumer, dann loste ich aber das Schlusselchen, welches den gefahrlichen Schrank schloss, vom Bunde ab und versteckte es tief unter meine Skripturen im Schreibpulte.

Unter den Professoren im Seminar gab es einen vortrefflichen Redner, jedesmal, wenn er predigte, war die Kirche uberfullt; der Feuerstrom seiner Worte riss alles unwiderstehlich fort, die inbrunstigste Andacht im Innern entzundend. Auch mir drangen seine herrlichen begeisterten Reden ins Innerste, aber indem ich den Hochbegabten glucklich pries, war es mir, als rege sich eine innere Kraft, die mich machtig antrieb, es ihm gleichzutun. Hatte ich ihn gehort, so predigte ich auf meiner einsamen Stube, mich ganz der Begeisterung des Moments uberlassend, bis es mir gelang, meine Ideen, meine Worte festzuhalten und aufzuschreiben. Der Bruder, welcher im Kloster zu predigen pflegte, wurde zusehends schwacher, seine Reden schlichen wie ein halbversiegter Bach muhsam und tonlos dahin, und die ungewohnlich gedehnte Sprache, welche der Mangel an Ideen und Worten erzeugte, da er ohne Konzept sprach, machten seine Reden so unausstehlich lang, dass vor dem Amen schon der grosste Teil der Gemeinde, wie bei dem bedeutungslosen eintonigen Geklapper einer Muhle, sanft eingeschlummert war und nur durch den Klang der Orgel wieder erweckt werden konnte. Der Prior Leonardus war zwar ein ganz vorzuglicher Redner, indessen trug er Scheu zu predigen, weil es ihn bei den schon erreichten hohen Jahren zu stark angriff, und sonst gab es im Kloster keinen, der die Stelle jenes schwachlichen Bruders hatte ersetzen konnen. Leonardus sprach mit mir uber diesen Ubelstand, der der Kirche den Besuch mancher Frommen entzog; ich fasste mir ein Herz und sagte ihm, wie ich schon im Seminar einen innern Beruf zum Predigen gespurt und manche geistliche Rede aufgeschrieben habe. Er verlangte sie zu sehen und war so hochlich damit zufrieden, dass er in mich drang, schon am nachsten heiligen Tage den Versuch mit einer Predigt zu machen, der um so weniger misslingen werde, als mich die Natur mit allem ausgestattet habe, was zum guten Kanzelredner gehore, namlich mit einer einnehmenden Gestalt, einem ausdrucksvollen Gesicht und einer kraftigen tonreichen Stimme. Rucksichts des aussern Anstandes, der richtigen Gestikulation unternahm Leonardus selbst mich zu unterrichten. Der Heiligentag kam heran, die Kirche war besetzter als gewohnlich, und ich bestieg nicht ohne inneres Erbeben die Kanzel. Im Anfange blieb ich meiner Handschrift getreu, und Leonardus sagte mir nachher, dass ich mit zitternder Stimme gesprochen, welches aber gerade den andachtigen wehmutsvollen Betrachtungen, womit die Rede begann, zugesagt und bei den mehrsten fur eine besondere wirkungsvolle Kunst des Redners gegolten habe. Bald aber war es, als strahle der gluhende Funke himmlischer Begeisterung durch mein Inneres ich dachte nicht mehr an die Handschrift, sondern uberliess mich ganz den Eingebungen des Moments. Ich fuhlte, wie das Blut in allen Pulsen gluhte und spruhte ich horte meine Stimme durch das Gewolbe donnern ich sah mein erhobenes Haupt, meine ausgebreiteten Arme, wie von Strahlenglanz der Begeisterung umflossen. Mit einer Sentenz, in der ich alles Heilige und Herrliche, das ich verkundet, nochmals wie in einem flammenden Fokus zusammenfasste, schloss ich meine Rede, deren Eindruck ganz ungewohnlich, ganz unerhort war. Heftiges Weinen unwillkurlich den Lippen entfliehende Ausrufe der andachtvollsten Wonne lautes Gebet hallte meinen Worten nach. Die Bruder zollten mir ihre hochste Bewunderung, Leonardus umarmte mich, er nannte mich den Stolz des Klosters. Mein Ruf verbreitete sich schnell, und um den Bruder Medardus zu horen, drangte sich der vornehmste, der gebildetste Teil der Stadtbewohner schon eine Stunde vor dem Lauten in die nicht allzu grosse Klosterkirche. Mit der Bewunderung stieg mein Eifer und meine Sorge, den Reden im starksten Feuer Runde und Gewandtheit zu geben. Immer mehr gelang es mir, die Zuhorer zu fesseln, und, immer steigend und steigend, glich bald die Verehrung, die sich uberall, wo ich ging und stand, in den starksten Zugen an den Tag legte, beinahe der Vergotterung eines Heiligen. Ein religioser Wahn hatte die Stadt ergriffen, alles stromte bei irgend einem Anlass, auch an gewohnlichen Wochentagen, nach dem Kloster, um den Bruder Medardus zu sehen, zu sprechen. Da keimte in mir der Gedanke auf, ich sei ein besonders Erkorner des Himmels; die geheimnisvollen Umstande bei meiner Geburt am heiligen Orte zur Entsundigung des verbrecherischen Vaters, die wunderbaren Begebenheiten in meinen ersten Kinderjahren, alles deutete dahin, dass mein Geist, in unmittelbarer Beruhrung mit dem Himmlischen, sich schon hienieden uber das Irdische erhebe und ich nicht der Welt, den Menschen angehore, denen Heil und Trost zu geben ich hier auf Erden wandle. Es war mir nun gewiss, dass der alte Pilgram in der heiligen Linde der heilige Joseph, der wunderbare Knabe aber das Jesuskind selbst gewesen, das in mir den Heiligen, der auf Erden zu wandeln bestimmt, begrusst habe. Aber so wie dies alles immer lebendiger vor meiner Seele stand, wurde mir auch meine Umgebung immer lastiger und druckender. Jene Ruhe und Heiterkeit des Geistes, die mich sonst umfing, war aus meiner Seele entschwunden ja alle gemutliche Ausserung der Bruder, die Freundlichkeit des Priors erweckten in mir einen feindseligen Zorn. Den Heiligen, den hoch uber sie erhabenen, sollten sie in mir erkennen, sich niederwerfen in den Staub und die Furbitte erflehen vor dem Throne Gottes. So aber hielt ich sie fur befangen in verderblicher Verstocktheit. Selbst in meine Reden flocht ich gewisse Anspielungen ein, die darauf hindeuteten, wie nun eine wundervolle Zeit, gleich der in schimmernden Strahlen leuchtenden Morgenrote, angebrochen, in der, Trost und Heil bringend der glaubigen Gemeinde, ein Auserwahlter Gottes auf Erden wandle. Meine eingebildete Sendung kleidete ich in mystische Bilder ein, die um so mehr wie ein fremdartiger Zauber auf die Menge wirkten, je weniger sie verstanden wurden. Leonardus wurde sichtlich kalter gegen mich, er vermied, mit mir ohne Zeugen zu sprechen, aber endlich, als wir einst, zufallig von allen Brudern verlassen, in der Allee des Klostergartens einhergingen, brach er los: "Nicht verhehlen kann ich es dir, lieber Bruder Medardus, dass du seit einiger Zeit durch dein ganzes Betragen mir Missfallen erregst. Es ist etwas in deine Seele gekommen, das dich dem Leben in frommer Einfalt abwendig macht. In deinen Reden herrscht ein feindliches Dunkel, aus dem nur noch manches hervorzutreten sich scheut, was dich wenigstens mit mir auf immer entzweien wurde. Lass mich offenherzig sein! Du tragst in diesem Augenblick die Schuld unseres sundigen Ursprungs, die jedem machtigen Emporstreben unserer geistigen Kraft die Schranken des Verderbnisses offnet, wohin wir uns in unbedachtem Fluge nur zu leicht verirren! Der Beifall, ja die abgottische Bewunderung, die dir die leichtsinnige, nach jeder Anreizung lusterne Welt gezollt, hat dich geblendet, und du siehst dich selbst in einer Gestalt, die nicht dein eigen, sondern ein Trugbild ist, welches dich in den verderblichen Abgrund lockt. Gehe in dich, Medardus! entsage dem Wahn, der dich betort ich glaube ihn zu kennen! schon jetzt ist dir die Ruhe des Gemuts, ohne welche kein Heil hienieden zu finden, entflohen. Lass dich warnen, weiche aus dem Feinde, der dir nachstellt. Sei wieder der gutmutige Jungling, den ich mit ganzer Seele liebte." Tranen quollen aus den Augen des Priors, als er dies sprach: er hatte meine Hand ergriffen, sie loslassend, entfernte er sich schnell, ohne meine Antwort abzuwarten. Aber nur feindselig waren seine Worte in mein Innres gedrungen; er hatte des Beifalls, ja der hochsten Bewunderung erwahnt, die ich mir durch meine ausserordentliche Gaben erworben, und es war mir deutlich, dass nur kleinlicher Neid jenes Missbehagen an mir erzeugt habe, das er so unverhohlen ausserte. Stumm und in mich gekehrt, blieb ich, vom innern Groll ergriffen, bei den Zusammenkunften der Monche, und ganz erfullt von dem neuen Wesen, das mir aufgegangen, sann ich den Tag uber und in den schlaflosen Nachten, wie ich alles in mir Aufgekeimte in prachtige Worte fassen und dem Volk verkunden wollte. Je mehr ich mich nun von Leonardus und den Brudern entfernte, mit desto starkeren Banden wusste ich die Menge an mich zu ziehen.

Am Tage des heiligen Antonius war die Kirche so gedrangt voll, dass man die Turen weit offnen musste, um dem zustromenden Volke zu vergonnen, mich auch noch vor der Kirche zu horen. Nie hatte ich kraftiger, feuriger, eindringender gesprochen. Ich erzahlte, wie es gewohnlich, manches aus dem Leben des Heiligen und knupfte daran fromme, tief ins Leben eindringende Betrachtungen. Von den Verfuhrungen des Teufels, dem der Sundenfall die Macht gegeben, die Menschen zu verlocken, sprach ich, und unwillkurlich fuhrte mich der Strom der Rede hinein in die Legende von den Elixieren, die ich wie eine sinnreiche Allegorie darstellen wollte. Da fiel mein in der Kirche umherschweifender Blick auf einen langen hageren Mann, der mir schraguber auf eine Bank gestiegen, sich an einen Eckpfeiler lehnte. Er hatte auf seltsame fremde Weise einen dunkelvioletten Mantel umgeworfen und die ubereinander geschlagenen Arme darin gewickelt. Sein Gesicht war leichenblass, aber der Blick der grossen schwarzen, stieren Augen fuhr wie ein gluhender Dolchstich durch meine Brust. Mich durchbebte ein unheimliches grauenhaftes Gefuhl, schnell wandte ich mein Auge ab und sprach, alle meine Kraft zusammennehmend, weiter. Aber wie von einer fremden zauberischen Gewalt getrieben, musste ich immer wieder hinschauen, und immer starr und bewegungslos stand der Mann da, den gespenstischen Blick auf mich gerichtet. So wie bittrer Hohn verachtender Hass lag es auf der hohen gefurchten Stirn, in dem herabgezogenen Munde. Die ganze Gestalt hatte etwas Furchtbares Entsetzliches! Ja! es war der unbekannte Maler aus der heiligen Linde. Ich fuhlte mich wie von eiskalten grausigen Fausten gepackt Tropfen des Angstschweisses standen auf meiner Stirn meine Perioden stockten immer verwirrter und verwirrter wurden meine Reden es entstand ein Flustern ein Gemurmel in der Kirche aber starr und unbeweglich lehnte der furchterliche Fremde am Pfeiler, den stieren Blick auf mich gerichtet. Da schrie ich auf in der Hollenangst wahnsinniger Verzweiflung: "Ha Verruchter! hebe dich weg! hebe dich weg denn ich bin es selbst! ich bin der heilige Antonius!" Als ich aus dem bewusstlosen Zustand, in den ich mit jenen Worten versunken, wieder erwachte, befand ich mich auf meinem Lager, und der Bruder Cyrillus sass neben mir, mich pflegend und trostend. Das schreckliche Bild des Unbekannten stand mir noch lebhaft vor Augen, aber je mehr der Bruder Cyrillus, dem ich alles erzahlte, mich zu uberzeugen suchte, dass dieses nur ein Gaukelbild meiner durch das eifrige und starke Reden erhitzten Phantasie gewesen, desto tiefer fuhlte ich bittre Reue und Scham uber mein Betragen auf der Kanzel. Die Zuhorer dachten, wie ich nachher erfuhr, es habe mich ein plotzlicher Wahnsinn uberfallen, wozu ihnen vorzuglich mein letzter Ausruf gerechten Anlass gab. Ich war zerknirscht zerruttet im Geiste; eingeschlossen in meine Zelle, unterwarf ich mich den strengsten Bussubungen und starkte mich durch inbrunstige Gebete zum Kampfe mit dem Versucher, der mir selbst an heiliger Statte erschienen, nur in frechem Hohn die Gestalt borgend von dem frommen Maler in der heiligen Linde. Niemand wollte ubrigens den Mann im violetten Mantel erblickt haben, und der Prior Leonardus verbreitete nach seiner anerkannten Gutmutigkeit auf das eifrigste uberall, wie es nur der Anfall einer hitzigen Krankheit gewesen, welcher mich in der Predigt auf solche entsetzliche Weise mitgenommen und meine verwirrten Reden veranlasst habe: wirklich war ich auch noch siech und krank, als ich nach mehreren Wochen wieder in das gewohnliche klosterliche Leben eintrat. Dennoch unternahm ich es, wieder die Kanzel zu besteigen, aber, von innerer Angst gefoltert, verfolgt von der entsetzlichen bleichen Gestalt, vermochte ich kaum zusammenhangend zu sprechen, viel weniger mich wie sonst dem Feuer der Beredsamkeit zu uberlassen. Meine Predigten waren gewohnlich steif zerstuckelt. Die Zuhorer bedauerten den Verlust meiner Rednergabe, verloren sich nach und nach, und der alte Bruder, der sonst gepredigt und nun noch offenbar besser redete als ich, ersetzte wieder meine Stelle.

Nach einiger Zeit begab es sich, dass ein junger Graf, von seinem Hofmeister, mit dem er auf Reisen begriffen, begleitet, unser Kloster besuchte und die vielfachen Merkwurdigkeiten desselben zu sehen begehrte. Ich musste die Reliquienkammer aufschliessen, und wir traten hinein, als der Prior, der mit uns durch Chor und Kirche gegangen, abgerufen wurde, so dass ich mit den Fremden allein blieb. Jedes Stuck hatte ich gezeigt und erklart, da fiel dem Grafen der mit zierlichem altteutschen Schnitzwerk geschmuckte Schrank ins Auge, in dem sich das Kistchen mit dem Teufelselixier befand. Unerachtet ich nun nicht gleich mit der Sprache heraus wollte, was in dem Schrank verschlossen, so drangen beide, der Graf und der Hofmeister, doch so lange in mich, bis ich die Legende vom heiligen Antonius und dem arglistigen Teufel erzahlte und mich uber die als Reliquie aufbewahrte Flasche ganz getreu nach den Worten des Bruders Cyrillus ausliess, ja sogar die Warnung hinzufugte, die er mir rucksichts der Gefahr des Offnens der Kiste und des Vorzeigens der Flasche gegeben. Unerachtet der Graf unserer Religion zugetan war, schien er doch ebensowenig als der Hofmeister auf die Wahrscheinlichkeit der heiligen Legenden viel zu bauen. Sie ergossen sich beide in allerlei witzigen Anmerkungen und Einfallen uber den komischen Teufel, der die Verfuhrungsflaschen im zerrissenen Mantel trage, endlich nahm aber der Hofmeister eine ernsthafte Miene an und sprach: "Haben Sie an uns leichtsinnigen Weltmenschen kein Argernis, ehrwurdiger Herr! Sein Sie uberzeugt, dass wir beide, ich und mein Graf, die Heiligen als herrliche, von der Religion hoch begeisterte Menschen verehren, die dem Heil ihrer Seele sowie dem Heil der Menschen alle Freuden des Lebens, ja, das Leben selbst opferten, was aber solche Geschichten betrifft, wie die soeben von Ihnen erzahlte, so glaube ich, dass nur eine geistreiche, von dem Heiligen ersonnene Allegorie durch Missverstand als wirklich geschehen ins Leben gezogen wurde."

Unter diesen Worten hatte der Hofmeister den Schieber des Kistchens schnell aufgeschoben und die schwarze, sonderbar geformte Flasche herausgenommen. Es verbreitete sich wirklich, wie der Bruder Cyrillus es mir gesagt, ein starker Duft, der indessen nichts weniger als betaubend, sondern vielmehr angenehm und wohltatig wirkte. "Ei," rief der Graf, "ich wette, dass das Elixier des Teufels weiter nichts ist als herrlicher echter Syrakuser." "Ganz gewiss," erwiderte der Hofmeister, "und stammt die Flasche wirklich aus dem Nachlass des heiligen Antonius, so geht es Ihnen, ehrwurdiger Herr, beinahe besser wie dem Konige von Neapel, den die Unart der Romer, den Wein nicht zu pfropfen, sondern nur durch darauf getropfeltes Ol zu bewahren, um das Vergnugen brachte, altromischen Wein zu kosten. Ist dieser Wein auch lange nicht so alt, als jener gewesen ware, so ist es doch furwahr der alteste, den es wohl geben mag, und darum taten Sie wohl, die Reliquie in Ihren Nutzen zu verwenden und getrost auszunippen." "Gewiss," fiel der Graf ein, "dieser uralte Syrakuser wurde neue Kraft in Ihre Adern giessen und die Kranklichkeit verscheuchen, von der Sie, ehrwurdiger Herr, heimgesucht scheinen." Der Hofmeister holte einen stahlernen Korkzieher aus der Tasche und offnete, meiner Protestationen unerachtet, die Flasche. Es war mir, als zucke mit dem Herausfliegen des Korks ein blaues Flammchen empor, das gleich wieder verschwand. Starker stieg der Duft aus der Flasche und wallte durch das Zimmer. Der Hofmeister kostete zuerst und rief begeistert: "Herrlicher herrlicher Syrakuser! In der Tat, der Weinkeller des heiligen Antonius war nicht ubel, und machte der Teufel seinen Kellermeister, so meinte er es mit dem heiligen Mann nicht so bose, als man glaubt kosten Sie, Graf!" Der Graf tat es und bestatigte das, was der Hofmeister gesprochen. Beide scherzten noch mehr uber die Reliquie, die offenbar die schonste in der ganzen Sammlung sei sie wunschten sich einen ganzen Keller voll solcher Reliquien u.s.w. Ich horte alles schweigend mit niedergesenktem Haupte, mit zur Erde starrendem Blick an; der Frohsinn der Fremden hatte fur mich in meiner dusteren Stimmung etwas Qualendes; vergebens drangen sie in mich, auch von dem Wein des heiligen Antonius zu kosten, ich verweigerte es standhaft und verschloss die Flasche, wohl zugepfropft, wieder in ihr Behaltnis.

Die Fremden verliessen das Kloster, aber als ich einsam in meiner Zelle sass, konnte ich mir selbst ein gewisses innres Wohlbehagen, eine rege Heiterkeit des Geistes nicht ableugnen. Es war offenbar, dass der geistige Duft des Weins mich gestarkt hatte. Keine Spur der ublen Wirkung, von der Cyrillus gesprochen, empfand ich, und nur der entgegengesetzte wohltatige Einfluss zeigte sich auf auffallende Weise: je mehr ich uber die Legende des heiligen Antonius nachdachte, je lebhafter die Worte des Hofmeisters in meinem Innern widerklangen, desto gewisser wurde es mir, dass die Erklarung des Hofmeisters die richtige sei, und nun erst durchfuhr mich wie ein leuchtender Blitz der Gedanke, dass an jenem unglucklichen Tage, als eine feindselige Vision mich in der Predigt auf so zerstorende Weise unterbrach, ich ja selbst im Begriff gewesen, die Legende auf dieselbe Weise als eine geistreiche belehrende Allegorie des heiligen Mannes vorzutragen. Diesem Gedanken knupfte sich ein anderer an, welcher bald mich so ganz und gar erfullte, dass alles ubrige in ihm unterging. "Wie," dachte ich, "wenn das wunderbare Getrank mit geistiger Kraft dein Inneres starkte, ja die erloschene Flamme entzunden konnte, dass sie in neuem Leben emporstrahlte? Wenn schon dadurch eine geheimnisvolle Verwandtschaft deines Geistes mit den in jenem Wein verschlossenen Naturkraften sich offenbart hatte, dass derselbe Duft, der den schwachlichen Cyrillus betaubte, auf dich nur wohltatig wirkte?" Aber war ich auch schon entschlossen, dem Rate der Fremden zu folgen, wollte ich schon zur Tat schreiten, so hielt mich immer wieder ein inneres, mir selbst unerklarliches Widerstreben davon zuruck. Ja, im Begriff, den Schrank aufzuschliessen, schien es mir, als erblicke ich in dem Schnitzwerk das entsetzliche Gesicht des Malers mit den mich durchbohrenden lebendig-totstarren Augen, und von gespenstischem Grauen gewaltsam ergriffen, floh ich aus der Reliquienkammer, um an heiliger Statte meinen Vorwitz zu bereuen. Aber immer und immer verfolgte mich der Gedanke, dass nur durch den Genuss des wunderbaren Weins mein Geist sich erlaben und starken konne. Das Betragen des Priors der Monche die mich wie einen geistig Erkrankten mit gutgemeinter, aber niederbeugender Schonung behandelten, brachte mich zur Verzweiflung, und als Leonardus nun gar mich von den gewohnlichen Andachtsubungen dispensierte, damit ich meine Krafte ganz sammeln solle, da beschloss ich, in schlafloser Nacht von tiefem Gram gefoltert, auf den Tod alles zu wagen, um die verlorne geistige Kraft wiederzugewinnen oder unterzugehn.

Ich stand vom Lager auf und schlich wie ein Gespenst mit der Lampe, die ich bei dem Marienbilde auf dem Gange des Klosters angezundet, durch die Kirche nach der Reliquienkammer. Von dem flackernden Schein der Lampe beleuchtet, schienen die heiligen Bilder in der Kirche sich zu regen, es war, als blickten sie mitleidsvoll auf mich herab, es war, als hore ich in dem dumpfen Brausen des Sturms, der durch die zerschlagenen Fenster ins Chor hineinfuhr, klagliche warnende Stimmen, ja, als riefe mir meine Mutter zu aus weiter Ferne: "Sohn Medardus, was beginnst du, lass ab von dem gefahrlichen Unternehmen!" Als ich in die Reliquienkammer getreten, war alles still und ruhig, ich schloss den Schrank auf, ich ergriff das Kistchen, die Flasche, bald hatte ich einen kraftigen Zug getan! Glut stromte durch meine Adern und erfullte mich mit dem Gefuhl unbeschreiblichen Wohlseins ich trank noch einmal, und die Lust eines neuen herrlichen Lebens ging mir auf! Schnell verschloss ich das leere Kistchen in den Schrank, eilte rasch mit der wohltatigen Flasche nach meiner Zelle und stellte sie in mein Schreibepult. Da fiel mir der kleine Schlussel in die Hande, den ich damals, um jeder Versuchung zu entgehen, vom Bunde loste, und doch hatte ich ohne ihn sowohl damals, als die Fremden zugegen waren, als jetzt den Schrank aufgeschlossen? Ich untersuchte meinen Schlusselbund, und siehe, ein unbekannter Schlussel, mit dem ich damals und jetzt den Schrank geoffnet, ohne in der Zerstreuung darauf zu merken, hatte sich zu den ubrigen gefunden. Ich erbebte unwillkurlich, aber ein buntes Bild jug das andere bei dem wie aus tiefem Schlaf aufgeruttelten Geiste voruber. Ich hatte nicht Ruh', nicht Rast, bis der Morgen heiter anbrach und ich hinabeilen konnte in den Klostergarten, um mich in den Strahlen der Sonne, die feurig und gluhend hinter den Bergen emporstieg, zu baden. Leonardus, die Bruder bemerkten meine Veranderung; statt dass ich sonst, in mich verschlossen, kein Wort sprach, war ich heiter und lebendig. Als rede ich vor versammelter Gemeinde, sprach ich mit dem Feuer der Beredsamkeit, wie es sonst mir eigen. Da ich mit Leonardus allein geblieben, sah er mich lange an, als wollte er mein Innerstes durchdringen; dann sprach er aber, indem ein leises ironisches Lacheln uber sein Gesicht flog: "Hat der Bruder Medardus vielleicht in einer Vision neue Kraft und verjungtes Leben von oben herab erhalten?" Ich fuhlte mich vor Scham ergluhen, denn in dem Augenblick kam mir meine Exaltation, durch einen Schluck alten Weins erzeugt, nichtswurdig und armselig vor. Mit niedergeschlagenen Augen und gesenktem Haupte stand ich da, Leonardus uberliess mich meinen Betrachtungen. Nur zu sehr hatte ich gefurchtet, dass die Spannung, in die mich der genossene Wein versetzt, nicht lange anhalten, sondern vielleicht zu meinem Gram noch grossere Ohnmacht nach sich ziehn wurde; es war aber dem nicht so, vielmehr fuhlte ich, wie mit der wiedererlangten Kraft auch jugendlicher Mut und jenes rastlose Streben nach dem hochsten Wirkungskreise, den mir das Kloster darbot, zuruckkehrte. Ich bestand darauf, am nachsten heiligen Tage wieder zu predigen, und es wurde mir vergonnt. Kurz vorher, ehe ich die Kanzel bestieg, genoss ich von dem wunderbaren Weine; nie hatte ich darauf feuriger, salbungsreicher, eindringender gesprochen. Schnell verbreitete sich der Ruf meiner ganzlichen Wiederherstellung, und so wie sonst fullte sich wieder die Kirche, aber je mehr ich den Beifall der Menge erwarb, desto ernster und zuruckhaltender wurde Leonardus, und ich fing an, ihn von ganzer Seele zu hassen, da ich ihn von kleinlichem Neide und monchischem Stolz befangen glaubte.

Der Bernardustag kam heran, und ich war voll

brennender Begierde, vor der Furstin recht mein Licht leuchten zu lassen, weshalb ich den Prior bat, es zu veranstalten, dass mir es vergonnt werde, an dem Tage im Zisterzienserkloster zu predigen. Den Leonardus schien meine Bitte auf besondere Weise zu uberraschen, er gestand mir unverhohlen, dass er gerade dieses Mal im Sinn gehabt habe, selbst zu predigen und dass deshalb schon das Notige angeordnet sei, desto leichter sei indessen die Erfullung meiner Bitte, da er sich mit Krankheit entschuldigen und mich statt seiner herausschicken werde.

Das geschah wirklich! Ich sah meine Mutter

sowie die Furstin den Abend vorher; mein Innres war aber so ganz von meiner Rede erfullt, die den hochsten Gipfel der Beredsamkeit erreichen sollte, dass ihr Wiedersehen nur einen geringen Eindruck auf mich machte. Es war in der Stadt verbreitet, dass ich statt des erkrankten Leonardus predigen wurde, und dies hatte vielleicht noch einen grosseren Teil des gebildeten Publikums herbeigezogen. Ohne das mindeste aufzuschreiben, nur in Gedanken die Rede in ihren Teilen ordnend, rechnete ich auf die hohe Begeisterung, die das feierliche Hochamt, das versammelte andachtige Volk, ja selbst die herrliche hochgewolbte Kirche in mir erwecken wurde, und hatte mich in der Tat nicht geirrt. Wie ein Feuerstrom flossen meine Worte, die mit der Erinnerung an den heiligen Bernhard die sinnreichsten Bilder, die frommsten Betrachtungen enthielten, dahin, und in allen auf mich gerichteten Blicken las ich Staunen und Bewunderung. Wie war ich darauf gespannt, was die Furstin wohl sagen werde, wie erwartete ich den hochsten Ausbruch ihres innigsten Wohlgefallens, ja es war mir, als musse sie den, der sie schon als Kind in Erstaunen gesetzt, jetzt die ihm inwohnende hohere Macht deutlicher ahnend, mit unwillkurlicher Ehrfurcht empfangen. Als ich sie sprechen wollte, liess sie mir sagen, dass sie, plotzlich von einer Kranklichkeit uberfallen, niemanden, auch mich nicht sprechen konne. Dies war mir um so verdriesslicher, als nach meinem stolzen Wahn die Abtissin in der hochsten Begeisterung das Bedurfnis hatte fuhlen sollen, noch salbungsreiche Worte von mir zu vernehmen. Meine Mutter schien einen heimlichen Gram in sich zu tragen, nach dessen Ursache ich mich nicht unterstand zu forschen, weil ein geheimes Gefuhl mir selbst die Schuld davon aufburdete, ohne dass ich mir dies hatte deutlicher entratseln konnen. Sie gab mir ein kleines Billett von der Furstin, das ich erst im Kloster offnen sollte; kaum war ich in meiner Zelle, als ich zu meinem Erstaunen folgendes las: "Du hast mich, mein lieber Sohn (denn noch will ich Dich so nennen), durch die Rede, die Du in der Kirche unseres Klosters hieltest, in die tiefste Betrubnis gesetzt. Deine Worte kommen nicht aus dem andachtigen, ganz dem Himmlischen zugewandten Gemute, Deine Begeisterung war nicht diejenige, welche den Frommen auf Seraphsfittichen emportragt, dass er in heiliger Verzuckung das himmlische Reich zu schauen vermag. Ach! Der stolze Prunk Deiner Rede, Deine sichtliche Anstrengung, nur recht viel Auffallendes, Glanzendes zu sagen, hat mir bewiesen, dass Du, statt die Gemeinde zu belehren und zu frommen Betrachtungen zu entzunden, nur nach dem Beifall, nach der wertlosen Bewunderung der weltlich gesinnten Menge trachtest. Du hast Gefuhle geheuchelt, die nicht in Deinem Innern waren, ja Du hast selbst gewisse sichtlich studierte Mienen und Bewegungen erkunstelt, wie ein eitler Schauspieler, alles nur des schnoden Beifalls wegen. Der Geist des Truges ist in Dich gefahren und wird Dich verderben, wenn Du nicht in Dich gehst und der Sunde entsagest. Denn Sunde, grosse Sunde ist Dein Tun und Treiben, um so mehr, als Du Dich zum frommsten Wandel, zur Entsagung aller irdischen Torheit im Kloster dem Himmel verpflichtet. Der heilige Bernardus, den Du durch Deine trugerische Rede so schnode beleidigt, moge Dir nach seiner himmlischen Langmut verzeihen, ja Dich erleuchten, dass Du den rechten Pfad, von dem Du, durch den Bosen verlockt, abgewichen, wieder findest, und er furbitten konne fur das Heil Deiner Seele. Gehab Dich wohl!" Wie hundert Blitze durchfuhren mich die Worte der Abtissin, und ich ergluhte vor innerm Zorn, denn nichts war mir gewisser, als dass Leonardus, dessen mannigfache Andeutungen uber meine Predigten ebendahin gewiesen hatten, die Andachtelei der Furstin benutzt und sie gegen mich und mein Rednertalent aufgewiegelt habe. Kaum konnte ich ihn mehr anschauen, ohne vor innerlicher Wut zu erheben, ja es kamen mir oft Gedanken, ihn zu verderben, in den Sinn, vor denen ich selbst erschrak. Um so unertraglicher waren mir die Vorwurfe der Abtissin und des Priors, als ich in der tiefsten Tiefe meiner Seele wohl die Wahrheit derselben fuhlte; aber immer fester und fester beharrend in meinem Tun, mich starkend durch Tropfen Weins aus der geheimnisvollen Flasche, fuhr ich fort, meine Predigten mit allen Kunsten der Rhetorik auszuschmucken und mein Mienenspiel, meine Gestikulationen sorgfaltig zu studieren, und so gewann ich des Beifalls, der Bewunderung immer mehr und mehr.

Das Morgenlicht brach in farbichten Strahlen durch die bunten Fenster der Klosterkirche; einsam und in tiefe Gedanken versunken, sass ich im Beichtstuhl; nur die Tritte des dienenden Laienbruders, der die Kirche reinigte, hallten durch das Gewolbe. Da rauschte es in meiner Nahe, und ich erblickte ein grosses schlankes Frauenzimmer, auf fremdartige Weise gekleidet, einen Schleier uber das Gesicht gehangt, die, durch die Seitenpforte hereingetreten, sich mir nahte, um zu beichten. Sie bewegte sich mit unbeschreiblicher Anmut, sie kniete nieder, ein tiefer Seufzer entfloh ihrer Brust, ich fuhlte ihren gluhenden Atem, es war, als umstrikke mich ein betaubender Zauber, noch ehe sie sprach! Wie vermag ich den ganz eignen, ins Innerste dringenden Ton ihrer Stimme zu beschreiben. Jedes ihrer Worte griff in meine Brust, als sie bekannte, wie sie eine verbotene Liebe hege, die sie schon seit langer Zeit vergebens bekampfe, und dass diese Liebe um so sundlicher sei, als den Geliebten heilige Bande auf ewig fesselten; aber im Wahnsinn hoffnungsloser Verzweiflung habe sie diesen Banden schon geflucht. Sie stockte mit einem Tranenstrom, der die Worte beinahe erstickte, brach sie los: "Du selbst du selbst, Medardus, bist es, den ich so unaussprechlich liebe!" Wie im totenden Krampf zuckten alle meine Nerven, ich war ausser mir selbst, ein nie gekanntes Gefuhl zerriss meine Brust, sie sehen, sie an mich drucken vergehen vor Wonne und Qual, eine Minute dieser Seligkeit fur ewige Marter der Holle! Sie schwieg, aber ich horte sie tief atmen. In einer Art wilder Verzweiflung raffte ich mich gewaltsam zusammen, was ich gesprochen, weiss ich nicht mehr, aber ich nahm wahr, dass sie schweigend aufstand und sich entfernte, wahrend ich das Tuch fest vor die Augen druckte und wie erstarrt, bewusstlos im Beichtstuhle sitzen blieb.

Zum Gluck kam niemand mehr in die Kirche, ich konnte daher unbemerkt in meine Zelle entweichen. Wie so ganz anders erschien mir jetzt alles, wie toricht, wie schal mein ganzes Streben. Ich hatte das Gesicht der Unbekannten nicht gesehen, und doch lebte sie in meinem Innern und blickte mich an mit holdseligen dunkelblauen Augen, in denen Tranen perlten, die wie mit verzehrender Glut in meine Seele fielen und die Flamme entzundeten, die kein Gebet, keine Bussubung mehr dampfte. Denn diese unternahm ich, mich zuchtigend bis aufs Blut mit dem Knotenstrick, um der ewigen Verdammnis zu entgehen, die mir drohte, da oft jenes Feuer, das das fremde Weib in mich geworfen, die sundlichsten Begierden, welche sonst mir unbekannt geblieben, erregte, so dass ich mich nicht zu retten wusste vor wollustiger Qual.

Ein Altar in unserer Kirche war der heiligen Rosalia geweiht und ihr herrliches Bild in dem Moment gemalt, als sie den Martyrertod erleidet. Es war meine Geliebte, ich erkannte sie, ja sogar ihre Kleidung war dem seltsamen Anzug der Unbekannten vollig gleich. Da lag ich stundenlang, wie von verderblichem Wahnsinn befangen, niedergeworfen auf den Stufen des Altars und stiess heulende entsetzliche Tone der Verzweiflung aus, dass die Monche sich entsetzten und scheu von mir wichen. In ruhigeren Augenblicken lief ich im Klostergarten auf und ab, in duftiger Ferne sah ich sie wandeln, sie trat aus den Gebuschen, sie stieg empor aus den Quellen, sie schwebte auf blumichter Wiese, uberall nur sie, nur sie! Da verwunschte ich mein Gelubde, mein Dasein! Hinaus in die Welt wollte ich und nicht rasten, bis ich sie gefunden, sie erkaufen mit dem Heil meiner Seele. Es gelang mir endlich wenigstens, mich in den Ausbruchen meines den Brudern und dem Prior unerklarlichen Wahnsinns zu massigen, ich konnte ruhiger scheinen, aber immer tiefer ins Innere hinein zehrte die verderbliche Flamme. Kein Schlaf! Keine Ruhe! Von ihrem Bilde verfolgt, walzte ich mich auf dem harten Lager und rief die Heiligen an, nicht, mich zu retten von dem verfuhrerischen Gaukelbilde, das mich umschwebte, nicht, meine Seele zu bewahren vor ewiger Verdammnis, nein! mir das Weib zu geben, meinen Schwur zu losen, mir Freiheit zu schenken zum sundigen Abfall!

Endlich stand es fest in meiner Seele, meiner Qual durch die Flucht aus dem Kloster ein Ende zu machen. Denn nur die Befreiung von den Klostergelubden schien mir notig zu sein, um das Weib in meinen Armen zu sehen und die Begierde zu stillen, die in mir brannte. Ich beschloss, unkenntlich geworden durch das Abscheren meines Bartes und weltliche Kleidung, so lange in der Stadt umherzuschweifen, bis ich sie gefunden, und dachte nicht daran, wie schwer, ja wie unmoglich dies vielleicht sein werde, ja, wie ich vielleicht, von allem Gelde entblosst, nicht einen einzigen Tag ausserhalb der Mauern wurde leben konnen.

Der letzte Tag, den ich noch im Kloster zubringen wollte, war endlich herangekommen, durch einen gunstigen Zufall hatte ich anstandige burgerliche Kleider erhalten; in der nachsten Nacht wollte ich das Kloster verlassen, um nie wieder zuruckzukehren. Schon war es Abend geworden, als der Prior mich ganz unerwartet zu sich rufen liess. Ich erbebte, denn nichts glaubte ich gewisser, als dass er von meinem heimlichen Anschlage etwas bemerkt habe. Leonardus empfing mich mit ungewohnlichem Ernst, ja mit einer imponierenden Wurde, vor der ich unwillkurlich erzittern musste. "Bruder Medardus," fing er an, "dein unsinniges Betragen, das ich nur fur den starkeren Ausbruch jener geistigen Exaltation halte, die du seit langerer Zeit, vielleicht nicht aus den reinsten Absichten, herbeigefuhrt hast, zerreisst unser ruhiges Beisammensein, ja es wirkt zerstorend auf die Heiterkeit und Gemutlichkeit, die ich als das Erzeugnis eines stillen frommen Lebens bis jetzt unter den Brudern zu erhalten strebte. Vielleicht ist aber auch irgend ein feindliches Ereignis, das dich betroffen, daran schuld. Du hattest bei mir, deinem vaterlichen Freunde, dem du sicher alles vertrauen konntest, Trost gefunden, doch du schwiegst, und ich mag um so weniger in dich dringen, als mich jetzt dein Geheimnis um einen Teil meiner Ruhe bringen konnte, die ich im heitern Alter uber alles schatze. Du hast oftmals, vorzuglich bei dem Altar der heiligen Rosalia, durch anstossige entsetzliche Reden, die dir wie im Wahnsinn zu entfahren schienen, nicht nur den Brudern, sondern auch Fremden, die sich zufallig in der Kirche befanden, ein heilloses Argernis gegeben; ich konnte dich daher nach der Klosterzucht hart strafen, doch will ich dies nicht tun, da vielleicht irgend eine bose Macht der Widersacher selbst, dem du nicht genugsam widerstanden, an deiner Verirrung schuld ist, und gebe dir nur auf, rustig zu sein in Busse und Gebet. Ich schaue tief in deine Seele! Du willst ins Freie!"

Durchdringend schaute Leonardus mich an, ich konnte seinen Blick nicht ertragen, schluchzend sturzte ich nieder in den Staub, mich bewusst des bosen Vorhabens. "Ich verstehe dich," fuhr Leonardus fort, "und glaube selbst, dass besser als die Einsamkeit des Klosters die Welt, wenn du sie in Frommigkeit durchziehst, dich von deiner Verirrung heilen wird. Eine Angelegenheit unseres Klosters erfordert die Sendung eines Bruders nach Rom. Ich habe dich dazu gewahlt, und schon morgen kannst du, mit den notigen Vollmachten und Instruktionen versehen, deine Reise antreten. Um so mehr eignest du dich zur Ausfuhrung dieses Auftrages, als du noch jung, rustig, gewandt in Geschaften und der italienischen Sprache vollkommen machtig bist. Begib dich jetzt in deine Zelle; bete mit Inbrunst um das Heil deiner Seele, ich will ein gleiches tun, doch unterlasse alle Kasteiungen, die dich nur schwachen und zur Reise untauglich machen wurden. Mit dem Anbruch des Tages erwarte ich dich hier im Zimmer."

Wie ein Strahl des Himmels erleuchteten mich die Worte des ehrwurdigen Leonardus, ich hatte ihn gehasst, aber jetzt durchdrang mich wie ein wonnevoller Schmerz die Liebe, welche mich sonst an ihn gefesselt hatte. Ich vergoss heisse Tranen, ich druckte seine Hande an die Lippen. Er umarmte mich, und es war mir, als wisse er nun meine geheimsten Gedanken und erteile mir die Freiheit, dem Verhangnis nachzugeben, das, uber mich waltend, nach minutenlanger Seligkeit mich vielleicht in ewiges Verderben sturzen konnte.

Nun war die Flucht unnotig geworden, ich konnte das Kloster verlassen und ihr, ihr, ohne die nun keine Ruhe, kein Heil fur mich hienieden zu finden, rastlos folgen, bis ich sie gefunden. Die Reise nach Rom, die Auftrage dahin schienen mir nur von Leonardus ersonnen, um mich auf schickliche Weise aus dem Kloster zu entlassen.

Die Nacht brachte ich betend und mich bereitend zur Reise zu, den Rest des geheimnisvollen Weins fullte ich in eine Korbflasche, um ihn als bewahrtes Wirkungsmittel zu gebrauchen, und setzte die Flasche, welche sonst das Elixier enthielt, wieder in die Kiste.

Nicht wenig verwundert war ich, als ich aus den weitlauftigen Instruktionen des Priors wahrnahm, dass es mit meiner Sendung nach Rom nun wohl seine Richtigkeit hatte, und dass die Angelegenheit, welche dort die Gegenwart eines bevollmachtigten Bruders verlangte, gar viel bedeutete und in sich trug. Es fiel mir schwer aufs Herz, dass ich gesonnen, mit dem ersten Schritt aus dem Kloster ohne alle Rucksicht mich meiner Freiheit zu uberlassen; doch der Gedanke an sie ermutigte mich, und ich beschloss, meinem Plane treu zu bleiben.

Die Bruder versammelten sich, und der Abschied von ihnen, vorzuglich von dem Vater Leonardus, erfullte mich mit der tiefsten Wehmut. Endlich schloss sich die Klosterpforte hinter mir, und ich war, gerustet zur weiten Reise, im Freien.

Zweiter Abschnitt

Der Eintritt in die Welt

In blauen Duft gehullt, lag das Kloster unter mir im Tale; der frische Morgenwind ruhrte sich und trug, die Lufte durchstreichend, die frommen Gesange der Bruder zu mir herauf. Unwillkurlich stimmte ich ein. Die Sonne trat in flammender Glut hinter der Stadt hervor, ihr funkelndes Gold erglanzte in den Baumen, und in freudigem Rauschen fielen die Tautropfen wie gluhende Diamanten herab auf tausend bunte Insektlein, die sich schwirrend und sumsend erhoben. Die Vogel erwachten und flatterten, singend und jubilierend und sich in froher Lust liebkosend, durch den Wald! Ein Zug von Bauerburschen und festlich geschmuckter Dirnen kam den Berg herauf. "Gelobt sei Jesus Christus!" riefen sie, bei mir voruberwandelnd. "In Ewigkeit!" antwortete ich, und es war mir, als trete ein neues Leben voll Lust und Freiheit mit tausend holdseligen Erscheinungen auf mich ein! Nie war mir so zumute gewesen, ich schien mir selbst ein andrer und, wie von neuerweckter Kraft beseelt und begeistert, schritt ich rasch fort durch den Wald, den Berg herab. Den Bauer, der mir jetzt in den Weg kam, frug ich nach dem Orte, den meine Reiseroute als den ersten bezeichnete, wo ich ubernachten sollte; und er beschrieb mir genau einen nahern, von der Heerstrasse abweichenden Richtsteig mitten durchs Gebirge. Schon war ich eine ziemliche Strecke einsam fortgewandelt, als mir erst der Gedanke an die Unbekannte und an den phantastischen Plan, sie aufzusuchen, wiederkam. Aber ihr Bild war wie von fremder unbekannter Macht verwischt, so dass ich nur mit Muhe die bleichen, entstellten Zuge wiedererkennen konnte; je mehr ich trachtete, die Erscheinung im Geiste festzuhalten, desto mehr zerrann sie im Nebel. Nur mein ausgelassenes Betragen im Kloster nach jener geheimnisvollen Begebenheit stand mir noch klar vor Augen. Es war mir jetzt selbst unbegreiflich, mit welcher Langmut der Prior das alles ertragen und mich statt der wohlverdienten Strafe in die Welt geschickt hatte. Bald war ich uberzeugt, dass jene Erscheinung des unbekannten Weibes nur eine Vision gewesen, die Folge gar zu grosser Anstrengung, und statt, wie ich sonst getan haben wurde, das verfuhrerische verderbliche Trugbild der steten Verfolgung des Widersachers zuzuschreiben, rechnete ich es nur der Tauschung der eignen aufgeregten Sinne zu, da der Umstand, dass die Fremde ganz wie die heilige Rosalia gekleidet gewesen, mir zu beweisen schien, dass das lebhafte Bild jener Heiligen, welches ich wirklich, wiewohl in betrachtlicher Ferne und in schiefer Richtung aus dem Beichtstuhl sehen konnte, grossen Anteil daran gehabt habe. Tief bewunderte ich die Weisheit des Priors, der das richtige Mittel zu meiner Heilung wahlte, denn, in den Klostermauern eingeschlossen, immer von denselben Gegenstanden umgeben, immer brutend und hineinzehrend in das Innere, hatte mich jene Vision, der die Einsamkeit gluhendere, keckere Farben lieh, zum Wahnsinn gebracht. Immer vertrauter werdend mit der Idee, nur getraumt zu haben, konnte ich mich kaum des Lachens uber mich selbst erwehren, ja mit einer Frivolitat, die mir sonst nicht eigen, scherzte ich im Innern uber den Gedanken, eine Heilige in mich verliebt zu wahnen, wobei ich zugleich daran dachte, dass ich ja selbst schon einmal der heilige Antonius gewesen.

Schon mehrere Tage war ich durch das Gebirge gewandelt, zwischen kuhn emporgeturmten schauerlichen Felsenmassen, uber schmale Stege, unter denen reissende Waldbache brausten; immer oder, immer beschwerlicher wurde der Weg. Es war hoher Mittag, die Sonne brannte auf mein unbedecktes Haupt, ich lechzte vor Durst, aber keine Quelle war in der Nahe, und noch immer konnte ich nicht das Dorf erreichen, auf das ich stossen sollte. Ganz entkraftet setzte ich mich auf ein Felsstuck und konnte nicht widerstehen, einen Zug aus der Korbflasche zu tun, unerachtet ich das seltsame Getrank so viel nur moglich aufsparen wollte. Neue Kraft durchgluhte meine Adern, und erfrischt und gestarkt schritt ich weiter, um mein Ziel, das nicht mehr fern sein konnte, zu erreichen. Immer dichter und dichter wurde der Tannenwald, im tiefsten Dickicht rauschte es, und bald darauf wieherte laut ein Pferd, das dort angebunden. Ich trat einige Schritte weiter und erstarrte beinahe vor Schreck, als ich dicht an einem jahen entsetzlichen Abgrund stand, in den sich zwischen schroffen spitzen Felsen ein Waldbach zischend und brausend hinabsturzte, dessen donnerndes Getose ich schon in der Ferne vernommen. Dicht, dicht an dem Sturz sass auf einem uber die Tiefe hervorragenden Felsenstuck ein junger Mann in Uniform, der Hut mit dem hohen Federbusch, der Degen, ein Portefeuille lagen neben ihm. Mit dem ganzen Korper uber den Abgrund hangend, schien er eingeschlafen und immer mehr und mehr heruber zu sinken. Sein Sturz war unvermeidlich. Ich wagte mich heran; indem ich ihn mit der Hand ergreifen und zuruckhalten wollte, schrie ich laut: "Um Jesus willen! Herr! erwacht! Um Jesus willen!" Sowie ich ihn beruhrte, fuhr er aus tiefem Schlafe, aber in demselben Augenblick sturzte er, das Gleichgewicht verlierend, hinab in den Abgrund, dass, von Felsenspitze zu Felsenspitze geworfen, die zerschmetterten Glieder zusammenkrachten; sein schneidendes Jammergeschrei verhallte in der unermesslichen Tiefe, aus der nur ein dumpfes Gewimmer herauftonte, das endlich auch erstarb. Leblos vor Schreck und Entsetzen stand ich da, endlich ergriff ich den Hut, den Degen, das Portefeuille und wollte mich schnell von dem Unglucksorte entfernen, da trat mir ein junger Mensch aus dem Tannenwalde entgegen, wie ein Jager gekleidet, schaute mir erst starr ins Gesicht und fing dann an, ganz ubermassig zu lachen, so dass ein eiskalter Schauer mich durchbebte.

"Nun, gnadiger Herr Graf," sprach endlich der junge Mensch, "die Maskerade ist in der Tat vollstandig und herrlich, und ware die gnadige Frau nicht schon vorher davon unterrichtet, wahrhaftig, sie wurde den Herzensgeliebten nicht wiedererkennen. Wo haben Sie aber die Uniform hingetan, gnadiger Herr?" "Die schleuderte ich hinab in den Abgrund", antwortete es aus mir hohl und dumpf, denn ich war es nicht, der diese Worte sprach, unwillkurlich entflohen sie meinen Lippen. In mich gekehrt, immer in den Abgrund starrend, ob der blutige Leichnam des Grafen sich nicht mir drohend erheben werde, stand ich da. Es war mir, als habe ich ihn ermordet, noch immer hielt ich den Degen, Hut und Portefeuille krampfhaft fest. Da fuhr der junge Mensch fort: "Nun, gnadiger Herr, reite ich den Fahrweg herab nach dem Stadtchen, wo ich mich in dem Hause dicht vor dem Tor linker Hand verborgen halten will, Sie werden wohl gleich herab nach dem Schlosse wandeln, man wird Sie wohl schon erwarten, Hut und Degen nehme ich mit mir." Ich reichte ihm beides hin. "Nun leben Sie wohl, Herr Graf! recht viel Gluck im Schlosse", rief der junge Mensch und verschwand singend und pfeifend in dem Dickicht. Ich horte, dass er das Pferd, was dort angebunden, losmachte und mit sich fortfuhrte. Als ich mich von meiner Betaubung erholt und die ganze Begebenheit uberdachte, musste ich mir wohl eingestehen, dass ich bloss dem Spiel des Zufalls, der mich mit einem Ruck in das sonderbarste Verhaltnis geworfen, nachgegeben. Es war mir klar, dass eine grosse Ahnlichkeit meiner Gesichtszuge und meiner Gestalt mit der des unglucklichen Grafen den Jager getauscht, und der Graf gerade die Verkleidung als Kapuziner gewahlt haben musse, um irgend ein Abenteuer in dem nahen Schlosse zu bestehen. Der Tod hatte ihn ereilt und ein wunderbares Verhangnis mich in demselben Augenblick an seine Stelle geschoben. Der innere unwiderstehliche Drang in mir, wie es jenes Verhangnis zu wollen schien, die Rolle des Grafen fortzuspielen, uberwog jeden Zweifel und ubertaubte die innere Stimme, welche mich des Mordes und des frechen Frevels bezieh. Ich eroffnete das Portefeuille, welches ich behalten; Briefe, betrachtliche Wechsel fielen mir in die Hand. Ich wollte die Papiere einzeln durchgehen, ich wollte die Briefe lesen, um mich von den Verhaltnissen des Grafen zu unterrichten, aber die innere Unruhe, der Flug von tausend und tausend Ideen, die durch meinen Kopf brausten, liess es nicht zu. Ich stand nach einigen Schritten wieder still, ich setzte mich auf ein Felsstuck, ich wollte eine ruhigere Stimmung erzwingen, ich sah die Gefahr, so ganz unvorbereitet mich in den Kreis mir fremder Erscheinungen zu wagen; da tonten lustige Horner durch den Wald, und mehrere Stimmen jauchzten und jubelten immer naher und naher. Das Herz pochte mir in gewaltigen Schlagen, mein Atem stockte, nun sollte sich mir eine neue Welt, ein neues Leben erschliessen! Ich bog in einen schmalen Fusssteig ein, der mich einen jahen Abhang hinabfuhrte; als ich aus dem Gebusch trat, lag ein grosses schon gebautes Schloss vor mir im Talgrunde. Das war der Ort des Abenteuers, welches der Graf zu bestehen im Sinne gehabt, und ich ging ihm mutig entgegen. Bald befand ich mich in den Gangen des Parkes, welcher das Schloss umgab; in einer dunklen Seitenallee sah ich zwei Manner wandeln, von denen der eine wie ein Weltgeistlicher gekleidet war. Sie kamen mir naher, aber ohne mich gewahr zu werden, gingen sie in tiefem Gesprach bei mir voruber. Der Weltgeistliche war ein Jungling, auf dessen schonem Gesichte die Totenblasse eines tief nagenden Kummers lag, der andere, schlicht, aber anstandig gekleidet, schien ein schon bejahrter Mann. Sie setzten sich, mir den Rukken zuwendend, auf eine steinerne Bank, ich konnte jedes Wort verstehen, was sie sprachen. "Hermogen!" sagte der Alte, "Sie bringen durch ihr starrsinniges Schweigen Ihre Familie zur Verzweiflung, Ihre dustre Schwermut steigt mit jedem Tage, Ihre jugendliche Kraft ist gebrochen, die Blute verwelkt, Ihr Entschluss, den geistlichen Stand zu wahlen, zerstort alle Hoffnungen, alle Wunsche Ihres Vaters! Aber willig wurde er diese Hoffnung aufgeben, wenn ein wahrer innerer Beruf, ein unwiderstehlicher Hang zur Einsamkeit von Jugend auf den Entschluss in Ihnen erzeugt hatte, er wurde dann nicht dem zu widerstreben wagen, was das Schicksal einmal uber ihn verhangt. Die plotzliche Anderung Ihres ganzen Wesens hat indessen nur zu deutlich gezeigt, dass irgend ein Ereignis, das Sie uns hartnackig verschweigen, Ihr Inneres auf furchtbare Weise erschuttert hat und nun zerstorend fortarbeitet. Sie waren sonst ein froher unbefangener, lebenslustiger Jungling! Was konnte Sie denn dem Menschlichen so entfremden, dass Sie daran verzweifeln, in eines Menschen Brust konne Trost fur Ihre kranke Seele zu finden sein? Sie schweigen? Sie starren vor sich hin? Sie seufzen? Hermogen! Sie liebten sonst Ihren Vater mit seltener Innigkeit, ist es Ihnen aber jetzt unmoglich geworden, ihm Ihr Herz zu erschliessen, so qualen Sie ihn wenigstens nicht durch den Anblick Ihres Rocks, der auf den fur ihn entsetzlichen Entschluss hindeutet. Ich beschwore Sie, Hermogen, werfen Sie diese verhasste Kleidung ab. Glauben Sie mir, es liegt eine geheimnisvolle Kraft in diesen ausserlichen Dingen; es kann Ihnen nicht missfallen, denn ich glaube von Ihnen ganz verstanden zu werden, wenn ich in diesem Augenblick, freilich auf fremdartig scheinende Weise, der Schauspieler gedenke, die oft, wenn sie sich in das Kostum geworfen, wie von einem fremden Geist sich angeregt fuhlen und leichter in den darzustellenden Charakter eingehen. Lassen Sie mich, meiner Natur gemass, heitrer von der Sache sprechen, als sich sonst wohl ziemen wurde. Meinen Sie denn nicht, dass, wenn dieses lange Kleid nicht mehr Ihren Gang zur dustern Gravitat einhemmen wurde, Sie wieder rasch und froh dahin schreiten, ja laufen, springen wurden wie sonst? Der blinkende Schein der Epauletts, die sonst auf Ihren Schultern prangten, wurde wieder jugendliche Glut auf diese blassen Wangen werfen, und die klirrenden Sporen wurden wie liebliche Musik dem muntern Rosse ertonen, das Ihnen entgegenwieherte, vor Lust tanzend und den Nacken beugend dem geliebten Herrn. Auf, Baron! Herunter mit dem schwarzen Gewande, das Ihnen nicht ansteht! Soll Friedrich Ihre Uniform hervorsuchen?"

Der Alte stand auf und wollte fortgehen, der Jungling fiel ihm in die Arme. "Ach, Sie qualen mich, guter Reinhold!" rief er mit matter Stimme, "Sie qualen mich unaussprechlich! Ach, je mehr Sie sich bemuhen, die Saiten in meinem Innern anzuschlagen, die sonst harmonisch erklangen, desto mehr fuhle ich, wie des Schicksals eherne Faust mich ergriffen, mich erdruckt hat, so dass, wie in einer zerbrochenen Laute, nur Misstone in mir wohnen!" "So scheint es Ihnen, lieber Baron," fiel der Alte ein, "Sie sprechen von einem ungeheuern Schicksal, das Sie ergriffen, worin das bestanden, verschweigen Sie, dem sei aber, wie ihm wolle, ein Jungling, so wie Sie, mit innerer Kraft, mit jugendlichem Feuermute ausgerustet, muss vermogen, sich gegen des Schicksals eherne Faust zu wappnen, ja er muss, wie durchstrahlt von einer gottlichen Natur, sich uber sein Geschick erheben und so, dies hohere Sein in sich selbst erweckend und entzundend, sich emporschwingen uber die Qual dieses armseligen Lebens! Ich wusste nicht, Baron, welch ein Geschick denn imstande sein sollte, dies kraftige innere Wollen zu zerstoren." Hermogen trat einen Schritt zuruck, und den Alten mit einem dusteren, wie im verhaltenen Zorn gluhenden Blicke, der etwas Entsetzliches hatte, anstarrend, rief er mit dumpfer, hohler Stimme: "So wisse denn, dass ich selbst das Schicksal bin, das mich vernichtet, dass ein ungeheures Verbrechen auf mir lastet, ein schandlicher Frevel, den ich abbusse in Elend und Verzweiflung. Darum sei barmherzig und flehe den Vater an, dass er mich fortlasse in die Mauern!" "Baron," fiel der Alte ein, "Sie sind in einer Stimmung, die nur dem ganzlich zerrutteten Gemute eigen, Sie sollen nicht fort, Sie durfen durchaus nicht fort. In diesen Tagen kommt die Baronesse mit Aurelien, die mussen Sie sehen." Da lachte der Jungling wie in furchtbarem Hohn und rief mit einer Stimme, die durch mein Innres drohnte: "Muss ich? Muss ich bleiben? Ja, wahrhaftig, Alter, du hast recht, ich muss bleiben, und meine Busse wird hier schrecklicher sein als in den dumpfen Mauern." Damit sprang er fort durch das Gebusch und liess den Alten stehen, der, das gesenkte Haupt in die Hand gestutzt, sich ganz dem Schmerz zu uberlassen schien. "Gelobt sei Jesus Christus!" sprach ich, zu ihm hinantretend. Er fuhr auf, er sah mich ganz verwundert an, doch schien er sich bald auf meine Erscheinung wie auf etwas ihm schon Bekanntes zu besinnen, indem er sprach: "Ach gewiss sind Sie es, ehrwurdiger Herr, dessen Ankunft uns die Frau Baronesse zum Trost der in Trauer versunkenen Familie schon vor einiger Zeit ankundigte?" Ich bejahte das, Reinhold ging bald ganz in die Heiterkeit uber, die ihm eigentumlich zu sein schien, wir durchwanderten den schonen Park und kamen endlich in ein dem Schlosse ganz nahgelegenes Boskett, vor dem sich eine herrliche Aussicht ins Gebirge offnete. Auf seinen Ruf eilte der Bediente, der eben aus dem Portal des Schlosses trat, herbei, und bald wurde uns ein gar stattliches Fruhstuck aufgetragen. Wahrend dass wir die gefullten Glaser anstiessen, schien es mir, als betrachte mich Reinhold immer aufmerksamer, ja, als suche er mit Muhe eine halb erloschene Erinnerung aufzufrischen. Endlich brach er los: "Mein Gott, ehrwurdiger Herr! Alles musste mich trugen, wenn Sie nicht der Pater Medardus aus dem Kapuzinerkloster in ..r- waren, aber wie sollte das moglich sein? und doch! Sie sind es Sie sind es gewiss sprechen Sie doch nur!" Als hatte ein Blitz aus heitrer Luft mich getroffen, bebte es bei Reinholds Worten mir durch alle Glieder. Ich sah mich entlarvt, entdeckt, des Mordes beschuldigt, die Verzweiflung gab mir Starke, es ging nun auf Tod und Leben. "Ich bin allerdings der Pater Medardus aus dem Kapuzinerkloster in ..r- und mit Auftrag und Vollmacht des Klosters auf einer Reise nach Rom begriffen." Dies sprach ich mit all der Ruhe und Gelassenheit, die ich nur zu erkunsteln vermochte. "So ist es denn vielleicht nur Zufall," sagte Reinhold, "dass Sie auf der Reise, vielleicht von der Heerstrasse verirrt, hier eintrafen, oder wie kam es, dass die Frau Baronesse mit Ihnen bekannt wurde und Sie herschickte?" Ohne mich zu besinnen, blindlings das nachsprechend, was mir eine fremde Stimme im Innern zuzuflustern schien, sagte ich: "Auf der Reise machte ich die Bekanntschaft des Beichtvaters der Baronesse, und dieser empfahl mich, den Auftrag hier im Hause zu vollbringen." "Es ist wahr," fiel Reinhold ein, "so schrieb es ja die Frau Baronesse. Nun, dem Himmel sei es gedankt, der Sie zum Heil des Hauses diesen Weg fuhrte, und dass Sie als ein frommer, wackrer Mann es sich gefallen lassen, mit Ihrer Reise zu zogern, um hier Gutes zu stiften. Ich war zufallig vor einigen Jahren in ..r- und horte Ihre salbungsvollen Reden, die Sie in wahrhaft himmlischer Begeisterung von der Kanzel herab hielten. Ihrer Frommigkeit, Ihrem wahren Beruf, das Heil verlorner Seelen zu erkampfen mit gluhendem Eifer, Ihrer herrlichen, aus innerer Begeisterung hervorstromenden Rednergabe traue ich zu, dass Sie das vollbringen werden, was wir alle nicht vermochten. Es ist mir lieb, dass ich Sie traf, ehe Sie den Baron gesprochen, ich will dies dazu benutzen, Sie mit den Verhaltnissen der Familie bekannt zu machen und so aufrichtig zu sein, als es Ihnen, ehrwurdiger Herr, als einem heiligen Manne, den uns der Himmel selbst zum Trost zu schicken scheint, wohl schuldig bin. Sie mussen auch ohnedem, um Ihren Bemuhungen die richtige Tendenz und gehorige Wirkung zu geben, uber manches wenigstens Andeutungen erhalten, woruber ich gern schweigen mochte. Alles ist ubrigens mit nicht gar zu viel Worten abgetan. Mit dem Baron bin ich aufgewachsen, die gleiche Stimmung unsrer Seelen machte uns zu Brudern und vernichtete die Scheidewand, die sonst unsere Geburt zwischen uns gezogen hatte. Ich trennte mich nie von ihm und wurde in demselben Augenblick, als wir unsere akademischen Studien vollendet und er die Guter seines verstorbenen Vaters hier im Gebirge in Besitz nahm, Intendant dieser Guter. Ich blieb sein innigster Freund und Bruder und als solcher eingeweiht in die geheimsten Angelegenheiten seines Hauses. Sein Vater hatte seine Verbindung mit einer ihm befreundeten Familie durch eine Heirat gewunscht, und um so freudiger erfullte er diesen Willen, als er in der ihm bestimmten Braut ein herrliches, von der Natur reich ausgestattetes Wesen fand, zu dem er sich unwiderstehlich hingezogen fuhlte. Selten kam wohl der Wille der Vater so vollkommen mit dem Geschick uberein, das die Kinder in allen nur moglichen Beziehungen fureinander bestimmt zu haben schien. Hermogen und Aurelie waren die Frucht der glucklichen Ehe. Mehrenteils brachten wir den Winter in der benachbarten Hauptstadt zu, als aber bald nach Aureliens Geburt die Baronesse zu krankeln anfing, blieben wir auch den Sommer uber in der Stadt, da sie unausgesetzt des Beistandes geschickter Arzte bedurfte. Sie starb, als eben im herannahenden Fruhling ihre scheinbare Besserung den Baron mit den frohsten Hoffnungen erfullte. Wir flohen auf das Land, und nur die Zeit vermochte den tiefen zerstorenden Gram zu mildern, der den Baron ergriffen hatte. Hermogen wuchs zum herrlichen Jungling heran, Aurelie wurde immer mehr das Ebenbild ihrer Mutter, die sorgfaltige Erziehung der Kinder war unser Tagewerk und unsere Freude. Hermogen zeigte entschiedenen Hang zum Militar, und dies zwang den Baron, ihn nach der Hauptstadt zu schicken, um dort unter den Augen seines alten Freundes, des Gouverneurs, die Laufbahn zu beginnen. Erst vor drei Jahren brachte der Baron mit Aurelien und mit mir wieder, wie vor alter Zeit, zum erstenmal den ganzen Winter in der Residenz zu, teils seinen Sohn wenigstens einige Zeit hindurch in der Nahe zu haben, teils seine Freunde, die ihn unaufhorlich dazu aufgefordert, wiederzusehen. Allgemeines Aufsehen in der Hauptstadt erregte damals die Erscheinung der Nichte des Gouverneurs, welche aus der Residenz dahin gekommen. Sie war elternlos und hatte sich unter den Schutz des Oheims begeben, wiewohl sie, einen besonderen Flugel des Palastes bewohnend, ein eignes Haus machte und die schone Welt um sich zu versammeln pflegte. Ohne Euphemien naher zu beschreiben, welches um so unnotiger, da Sie, ehrwurdiger Herr, sie bald selbst sehen werden, begnuge ich mich zu sagen, dass alles, was sie tat, was sie sprach, von einer unbeschreiblichen Anmut belebt und so der Reiz ihrer ausgezeichneten korperlichen Schonheit bis zum Unwiderstehlichen erhoht wurde. Uberall, wo sie erschien, ging ein neues, herrliches Leben auf, und man huldigte ihr mit dem gluhendsten Enthusiasmus; den Unbedeutendsten, Leblosesten wusste sie selbst in sein eignes Inneres hinein zu entzunden, dass er wie inspiriert sich uber die eigne Durftigkeit erhob und entzuckt in den Genussen eines hoheren Lebens schwelgte, die ihm unbekannt gewesen. Es fehlte naturlicherweise nicht an Anbetern, die taglich zu der Gottheit mit Inbrunst flehten; man konnte indessen nie mit Bestimmtheit sagen, dass sie diesen oder jenen besonders auszeichne, vielmehr wusste sie mit schalkhafter Ironie, die, ohne zu beleidigen, nur wie starkes brennendes Gewurz anregte und reizte, alle mit einem unaufloslichen Bande zu umschlingen, dass sie sich, festgezaubert in dem magischen Kreise, froh und lustig bewegten. Auf den Baron hatte diese Circe einen wunderbaren Eindruck gemacht. Sie bewies ihm gleich bei seinem Erscheinen eine Aufmerksamkeit, die von kindlicher Ehrfurcht erzeugt zu sein schien; in jedem Gesprach mit ihm zeigte sie den gebildetsten Verstand und tiefes Gefuhl, wie er es kaum noch bei Weibern gefunden. Mit unbeschreiblicher Zartheit suchte und fand sie Aureliens Freundschaft und nahm sich ihrer mit so vieler Warme an, dass sie sogar es nicht verschmahte, fur die kleinsten Bedurfnisse ihres Anzuges und sonst wie eine Mutter zu sorgen. Sie wusste dem bloden unerfahrnen Madchen in glanzender Gesellschaft auf eine so feine Art beizustehen, dass dieser Beistand, statt bemerkt zu werden, nur dazu diente, Aureliens naturlichen Verstand und tiefes richtiges Gefuhl so herauszuheben, dass man sie bald mit der hochsten Achtung auszeichnete. Der Baron ergoss sich bei jeder Gelegenheit in Euphemiens Lob, und hier traf es sich vielleicht zum erstenmal in unserm Leben, dass wir so ganz verschiedener Meinung waren. Gewohnlich machte ich in jeder Gesellschaft mehr den stillen aufmerksamen Beobachter, als dass ich hatte unmittelbar eingehen sollen in lebendige Mitteilung und Unterhaltung. So hatte ich auch Euphemien, die nur dann und wann nach ihrer Gewohnheit, niemanden zu ubersehen, ein paar freundliche Worte mit mir gewechselt, als eine hochst interessante Erscheinung recht genau beobachtet. Ich musste eingestehen, dass sie das schonste, herrlichste Weib von allen war, dass aus allem, was sie sprach, Verstand und Gefuhl hervorleuchtete; und doch wurde ich auf ganz unerklarliche Weise von ihr zuruckgestossen, ja ich konnte ein gewisses unheimliches Gefuhl nicht unterdrucken, das sich augenblicklich meiner bemachtigte, sobald ihr Blick mich traf oder sie mit mir zu sprechen anfing. In ihren Augen brannte oft eine ganz eigne Glut, aus der, wenn sie sich unbemerkt glaubte, funkelnde Blitze schossen, und es schien ein inneres verderbliches Feuer, das nur muhsam uberbaut, gewaltsam hervorzustrahlen. Nachstdem schwebte oft um ihren sonst weich geformten Mund eine gehassige Ironie, die mich, da es oft der grellste Ausdruck des hamischen Hohns war, im Innersten erbeben machte. Dass sie oft den Hermogen, der sich wenig oder gar nicht um sie bemuhte, in dieser Art anblickte, machte es mir gewiss, dass manches hinter der schonen Maske verborgen, was wohl niemand ahne. Ich konnte dem ungemessenen Lob des Barons freilich nichts entgegensetzen als meine physiognomischen Bemerkungen, die er nicht im mindesten gelten liess, vielmehr in meinem innerlichen Abscheu gegen Euphemien nur eine hochst merkwurdige Idiosynkrasie fand. Er vertraute mir, dass Euphemie wahrscheinlich in die Familie treten werde, da er alles anwenden wolle, sie kunftig mit Hermogen zu verbinden. Dieser trat, als wir soeben recht ernstlich uber die Angelegenheit sprachen und ich alle nur mogliche Grunde hervorsuchte, meine Meinung uber Euphemien zu rechtfertigen, ins Zimmer, und der Baron, gewohnt in allem schnell und offen zu handeln, machte ihn augenblicklich mit seinen Planen und Wunschen rucksichts Euphemiens bekannt. Hermogen horte alles ruhig an, was der Baron daruber und zum Lobe Euphemiens mit dem grossten Enthusiasmus sprach. Als die Lobrede geendet, antwortete er, wie er sich auch nicht im mindesten von Euphemien angezogen fuhle, sie niemals lieben konne und daher recht herzlich bitte, den Plan jeder naheren Verbindung mit ihr aufzugeben. Der Baron war nicht wenig besturzt, seinen Lieblingsplan so beim ersten Schritt zertrummert zu sehen, indessen war er um so weniger bemuht, noch mehr in Hermogen zu dringen, als er nicht einmal Euphemiens Gesinnungen hieruber wusste. Mit der ihm eignen Heiterkeit und Gemutlichkeit scherzte er bald uber sein ungluckliches Bemuhen und meinte, dass Hermogen mit mir vielleicht die Idiosynkrasie teile, obgleich er nicht begreife, wie in einem schonen interessanten Weibe solch ein zuruckschreckendes Prinzip wohnen konne. Sein Verhaltnis mit Euphemien blieb naturlicherweise dasselbe; er hatte sich so an sie gewohnt, dass er keinen Tag zubringen konnte, ohne sie zu sehen. So kam es denn, dass er einmal in ganz heitrer, gemutlicher Laune ihr scherzend sagte, wie es nur einen einzigen Menschen in ihrem Zirkel gebe, der nicht in sie verliebt sei, namlich Hermogen. Er habe die Verbindung mit ihr, die er, der Baron, doch so herzlich gewunscht, hartnackig ausgeschlagen.

Euphemie meinte, dass es auch wohl noch darauf angekommen sein wurde, was sie zu der Verbindung gesagt, und dass ihr zwar jedes nahere Verhaltnis mit dem Baron wunschenswert sei, aber nicht durch Hermogen, der ihr viel zu ernst und launisch ware. Von der Zeit, als dieses Gesprach, das mir der Baron gleich wieder erzahlte, stattgefunden, verdoppelte Euphemie ihre Aufmerksamkeit fur den Baron und Aurelien: ja in manchen leisen Andeutungen fuhrte sie den Baron darauf, dass eine Verbindung mit ihm selbst dem Ideal, das sie sich nun einmal von einer glucklichen Ehe mache, ganz entspreche. Alles, was man rucksichts des Unterschieds der Jahre oder sonst entgegensetzen konnte, wusste sie auf die eindringendste Weise zu widerlegen, und mit dem allen ging sie so leise, so fein, so geschickt Schritt vor Schritt vorwarts, dass der Baron glauben musste, alle die Ideen, alle die Wunsche, die Euphemie gleichsam nur in sein Inneres hauchte, waren eben in seinem Innern emporgekeimt. Kraftiger, lebensvoller Natur, wie er war, fuhlte er sich bald von der gluhenden Leidenschaft des Junglings ergriffen. Ich konnte den wilden Flug nicht mehr aufhalten, es war zu spat. Nicht lange dauerte es, so war Euphemie zum Erstaunen der Hauptstadt des Barons Gattin. Es war mir, als sei nun das bedrohliche grauenhafte Wesen, das mich in der Ferne geangstigt, recht in mein Leben getreten und als musse ich wachen und auf sorglicher Hut sein fur meinen Freund und fur mich selbst.

Hermogen nahm die Verheiratung seines Vaters mit kalter Gleichgultigkeit auf. Aurelie, das liebe, ahnungsvolle Kind zerfloss in Tranen.

Bald nach der Verbindung sehnte sich Euphemie ins Gebirge; sie kam her, und ich muss gestehen, dass ihr Betragen in hoher Liebenswurdigkeit sich so ganz gleich blieb, dass sie mir unwillkurliche Bewunderung abnotigte. So verflossen zwei Jahre in ruhigem, ungestorten Lebensgenuss. Die beiden Winter brachten wir in der Hauptstadt zu, aber auch hier bewies die Baronesse dem Gemahl so viel unbegrenzte Ehrfurcht, so viel Aufmerksamkeit fur seine leisesten Wunsche, dass der giftige Neid verstummen musste und keiner der jungen Herren, die sich schon freien Spielraum fur ihre Galanterie bei der Baronesse getraumt hatten, sich auch die kleinste Glosse erlaubte. Im letzten Winter mochte ich auch wieder der einzige sein, der, ergriffen von der alten, kaum verwundenen Idiosynkrasie, wieder arges Misstrauen zu hegen anfing.

Vor der Verbindung mit dem Baron war der Graf Viktorin, ein junger, schoner Mann, Major bei der Ehrengarde und nur abwechselnd in der Hauptstadt, einer der eifrigsten Verehrer Euphemiens und der einzige, den sie oft wie unwillkurlich, hingerissen von dem Eindruck des Moments, vor den andern auszeichnete. Man sprach einmal sogar davon, dass wohl ein naheres Verhaltnis zwischen ihm und Euphemien stattfinden moge, als man es nach dem aussern Anschein vermuten solle, aber das Gerucht verscholl ebenso dumpf, als es entstanden. Graf Viktorin war eben den Winter wieder in der Hauptstadt und naturlicherweise in Euphemiens Zirkeln, er schien sich aber nicht im mindesten um sie zu bemuhen, sondern vielmehr sie absichtlich zu vermeiden. Demunerachtet war es mir oft, als begegneten sich, wenn sie nicht bemerkt zu werden glaubten, ihre Blicke, in denen inbrunstige Sehnsucht, lusternes, gluhendes Verlangen wie verzehrendes Feuer brannte. Bei dem Gouverneur war eines Abends eine glanzende Gesellschaft versammelt, ich stand in ein Fenster gedruckt, so dass mich die herabwallende Draperie des reichen Vorhangs halb versteckte, nur zwei bis drei Schritte vor mir stand Graf Viktorin. Da streifte Euphemie, reizender gekleidet als je und in voller Schonheit strahlend, an ihm voruber; er fasste, so dass es niemand als gerade ich bemerken konnte, mit leidenschaftlicher Heftigkeit ihren Arm, sie erbebte sichtlich; ihr ganz unbeschreiblicher Blick es war die glutvollste Liebe, die nach Genuss durstende Wollust selbst fiel auf ihn. Sie lispelten einige Worte, die ich nicht verstand. Euphemie mochte mich erblicken; sie wandte sich schnell um, aber ich vernahm deutlich die Worte: 'Wir werden bemerkt!'

Ich erstarrte vor Erstaunen, Schrecken und Schmerz! Ach, wie soll ich Ihnen, ehrwurdiger Herr, denn mein Gefuhl beschreiben! Denken Sie an meine Liebe, an meine treue Anhanglichkeit, mit der ich dem Baron ergeben war an meine bose Ahnungen, die nun erfullt wurden; denn die wenigen Worte hatten es mir ja ganz erschlossen, dass ein geheimes Verhaltnis zwischen der Baronesse und dem Grafen stattfand. Ich musste wohl vorderhand schweigen, aber die Baronesse wollte ich bewachen mit Argusaugen und dann bei erlangter Gewissheit ihres Verbrechens die schandlichen Bande losen, mit denen sie meinen unglucklichen Freund umstrickt hatte. Doch wer vermag teuflischer Arglist zu begegnen; umsonst, ganz umsonst waren meine Bemuhungen, und es ware lacherlich gewesen, dem Baron das mitzuteilen, was ich gesehen und gehort, da die Schlaue Auswege genug gefunden haben wurde, mich als einen abgeschmackten, torichten Geisterseher darzustellen.

Der Schnee lag noch auf den Bergen, als wir im vergangenen Fruhling hier einzogen, demunerachtet machte ich manchen Spaziergang in die Berge hinein; im nachsten Dorfe begegne ich einem Bauer, der in Gang und Stellung etwas Fremdartiges hat, als er den Kopf umwendet, erkenne ich den Grafen Viktorin, aber in demselben Augenblick verschwindet er hinter den Hausern und ist nicht mehr zu finden. Was konnte ihn anders zu der Verkleidung vermocht haben, als das Verstandnis mit der Baronesse! Eben jetzt weiss ich gewiss, dass er sich wieder hier befindet, ich habe seinen Jager voruberreiten gesehn, unerachtet es mir unbegreiflich ist, dass er die Baronesse nicht in der Stadt aufgesucht haben sollte! Vor drei Monaten begab es sich, dass der Gouverneur heftig erkrankte und Euphemien zu sehen wunschte, sie reiste mit Aurelien augenblicklich dahin, und nur eine Unpasslichkeit hielt den Baron ab, sie zu begleiten. Nun brach aber das Ungluck und die Trauer ein in unser Haus, denn bald schrieb Euphemie dem Baron, wie Hermogen plotzlich von einer oft in wahnsinnige Wut ausbrechenden Melancholie befallen, wie er einsam umherirre, sich und sein Geschick verwunsche und wie alle Bemuhungen der Freunde und der Arzte bis jetzt umsonst gewesen. Sie konnen denken, ehrwurdiger Herr, welch einen Eindruck diese Nachricht auf den Baron machte. Der Anblick seines Sohnes wurde ihn zu sehr erschuttert haben, ich reiste daher allein nach der Stadt. Hermogen war durch starke Mittel, die man angewandt, wenigstens von den wilden Ausbruchen des wutenden Wahnsinns befreit, aber eine stille Melancholie war eingetreten, die den Arzten unheilbar schien. Als er mich sah, war er tief bewegt er sagte mir, wie ihn ein ungluckliches Verhangnis treibe, dem Stande, in welchem er sich jetzt befinde, auf immer zu entsagen, und nur als Klostergeistlicher konne er seine Seele erretten von ewiger Verdammnis. Ich fand ihn schon in der Tracht, wie Sie, ehrwurdiger Herr, ihn vorhin gesehen, und es gelang mir, seines Widerstrebens unerachtet, endlich ihn hieher zu bringen. Er ist ruhig, aber lasst nicht ab von der einmal gefassten Idee, und alle Bemuhungen, das Ereignis zu erforschen, das ihn in diesen Zustand versetzt, bleiben fruchtlos, unerachtet die Entdeckung dieses Geheimnisses vielleicht am ersten auf wirksame Mittel fuhren konnte, ihn zu heilen.

Vor einiger Zeit schrieb die Baronesse, wie sie auf Anraten ihres Beichtvaters einen Ordensgeistlichen hersenden werde, dessen Umgang und trostender Zuspruch vielleicht besser als alles andere auf Hermogen wirken konne, da sein Wahnsinn augenscheinlich eine ganz religiose Tendenz genommen. Es freut mich recht innig, dass die Wahl Sie, ehrwurdiger Herr, den ein glucklicher Zufall in die Hauptstadt fuhrte, traf. Sie konnen einer gebeugten Familie die verlorne Ruhe wiedergeben, wenn Sie Ihre Bemuhungen, die der Herr segnen moge, auf einen doppelten Zweck richten. Erforschen Sie Hermogens entsetzliches Geheimnis, seine Brust wird erleichtert sein, wenn er sich, sei es auch in heiliger Beichte, entdeckt hat, und die Kirche wird ihn dem frohen Leben in der Welt, der er angehort, wiedergeben, statt ihn in den Mauern zu begraben. Aber treten Sie auch der Baronesse naher. Sie wissen alles Sie stimmen mir bei, dass meine Bemerkungen von der Art sind, dass, so wenig sich darauf eine Anklage gegen die Baronesse bauen lasst, doch eine Tauschung, ein ungerechter Verdacht kaum moglich ist. Ganz meiner Meinung werden Sie sein, wenn Sie Euphemien sehen und kennen lernen. Euphemie ist religios schon aus Temperament, vielleicht gelingt es Ihrer besonderen Rednergabe, tief in ihr Herz zu dringen, sie zu erschuttern und zu bessern, dass sie den Verrat am Freunde, der sie um die ewige Seligkeit bringt, unterlasst. Noch muss ich sagen, ehrwurdiger Herr, dass es mir in manchen Augenblicken scheint, als trage der Baron einen Gram in der Seele, dessen Ursache er mir verschweigt, denn ausser der Bekummernis um Hermogen kampft er sichtlich mit einem Gedanken, der ihn bestandig verfolgt. Es ist mir in den Sinn gekommen, dass vielleicht ein boser Zufall noch deutlicher ihm die Spur von dem verbrecherischen Umgange der Baronesse mit dem fluchwurdigen Grafen zeigte als mir. Auch meinen Herzensfreund, den Baron, empfehle ich, ehrwurdiger Herr, Ihrer geistlichen Sorge."

Mit diesen Worten schloss Reinhold seine Erzahlung, die mich auf mannigfache Weise gefoltert hatte, indem die seltsamsten Widerspruche in meinem Innern sich durchkreuzten. Mein eignes Ich, zum grausamen Spiel eines launenhaften Zufalls geworden und in fremdartige Gestalten zerfliessend, schwamm ohne Halt wie in einem Meer all der Ereignisse, die wie tobende Wellen auf mich hineinbrausten. Ich konnte mich selbst nicht wiederfinden! Offenbar wurde Viktorin durch den Zufall, der meine Hand, nicht meinen Willen leitete, in den Abgrund gesturzt! Ich trete an seine Stelle, aber Reinhold kennt den Pater Medardus, den Prediger im Kapuzinerkloster in ..r-, und so bin ich ihm das wirklich, was ich bin! Aber das Verhaltnis mit der Baronesse, welches Viktorin unterhalt, kommt auf mein Haupt, denn ich bin selbst Viktorin. Ich bin das, was ich scheine, und scheine das nicht, was ich bin, mir selbst ein unerklarlich Ratsel, bin ich entzweit mit meinem Ich!

Des Sturms in meinem Innern unerachtet, gelang es mir, die dem Priester ziemliche Ruhe zu erheucheln, und so trat ich vor den Baron. Ich fand in ihm einen bejahrten Mann, aber in den erloschenen Zugen lagen noch die Andeutungen seltner Fulle und Kraft. Nicht das Alter, sondern der Gram hatte die tiefen Furchen auf seiner breiten offnen Stirn gezogen und die Lokken weiss gefarbt. Unerachtet dessen herrschte noch in allem, was er sprach, in seinem ganzen Benehmen eine Heiterkeit und Gemutlichkeit, die jeden unwiderstehlich zu ihm hinziehen musste. Als Reinhold mich als den vorstellte, dessen Ankunft die Baronesse angekundigt, sah er mich an mit durchdringendem Blick, der immer freundlicher wurde, als Reinhold erzahlte, wie er mich schon vor mehreren Jahren im Kapuzinerkloster zu ..r- predigen gehort und sich von meiner seltnen Rednergabe uberzeugt hatte. Der Baron reichte mir treuherzig die Hand und sprach, sich zu Reinhold wendend: "Ich weiss nicht, lieber Reinhold, wie so sonderbar mich die Gesichtszuge des ehrwurdigen Herrn bei dem ersten Anblick ansprachen; sie weckten eine Erinnerung, die vergebens strebte, deutlich und lebendig hervorzugehen."

Es war mir, als wurde er gleich herausbrechen: "Es ist ja Graf Viktorin", denn auf wunderbare Weise glaubte ich nun wirklich Viktorin zu sein, und ich fuhlte mein Blut heftiger wallen und aufsteigend meine Wangen hoher farben. Ich baute auf Reinhold, der mich ja als den Pater Medardus kannte, unerachtet mir das eine Luge zu sein schien; nichts konnte meinen verworrenen Zustand losen.

Nach dem Willen des Barons sollte ich sogleich Hermogens Bekanntschaft machen, er war aber nirgends zu finden; man hatte ihn nach dem Gebirge wandeln gesehen und war deshalb nicht besorgt um ihn, weil er schon mehrmals tagelang auf diese Weise entfernt gewesen. Den ganzen Tag uber blieb ich in Reinholds und des Barons Gesellschaft, und nach und nach fasste ich mich so im Innern, dass ich mich am Abend voll Mut und Kraft fuhlte, keck all den wunderlichen Ereignissen entgegenzutreten, die meiner zu harren schienen. In der einsamen Nacht offnete ich das Portefeuille und uberzeugte mich ganz davon, dass es eben Graf Viktorin war, der zerschmettert im Abgrunde lag, doch waren ubrigens die an ihn gerichteten Briefe gleichgultigen Inhalts, und kein einziger fuhrte mich nur auch mit einer Silbe ein in seine nahere Lebensverhaltnisse. Ohne mich darum weiter zu kummern, beschloss ich dem mich ganz zu fugen, was der Zufall uber mich verhangt haben wurde, wenn die Baronesse angekommen und mich gesehen. Schon den andern Morgen traf die Baronesse mit Aurelien ganz unerwartet ein. Ich sah beide aus dem Wagen steigen und, von dem Baron und Reinhold empfangen, in das Portal des Schlosses gehen. Unruhig schritt ich im Zimmer auf und ab, von seltsamen Ahnungen besturmt, nicht lange dauerte es, so wurde ich herabgerufen. Die Baronesse trat mir entgegen ein schones, herrliches Weib, noch in voller Blute. Als sie mich erblickte, schien sie auf besondere Weise bewegt, ihre Stimme zitterte, sie vermochte kaum Worte zu finden. Ihre sichtliche Verlegenheit gab mir Mut, ich schaute ihr keck ins Auge und gab ihr nach Klostersitte den Segen sie erbleichte, sie musste sich niederlassen. Reinhold sah mich an, ganz froh und zufrieden lachelnd. In dem Augenblick offnete sich die Ture, und der Baron trat mit Aurelien herein.

Sowie ich Aurelien erblickte, fuhr ein Strahl in meine Brust und entzundete all die geheimsten Regungen, die wonnevollste Sehnsucht, das Entzucken der inbrunstigen Liebe, alles, was sonst nur gleich einer Ahnung aus weiter Ferne im Innern erklungen, zum regen Leben; ja das Leben selbst ging mir nun erst auf, farbicht und glanzend, denn alles vorher lag kalt und erstorben in oder Nacht hinter mir. Sie war es selbst, sie, die ich in jener wundervollen Vision im Beichtstuhl geschaut. Der schwermutige, kindlich fromme Blick des dunkelblauen Auges, die weichgeformten Lippen, der wie in betender Andacht sanft vorgebeugte Nacken, die hohe schlanke Gestalt, nicht Aurelie, die heilige Rosalie selbst war es. Sogar der azurblaue Shawl, den Aurelie uber das dunkelrote Kleid geschlagen, war im phantastischen Faltenwurf ganz dem Gewande ahnlich, wie es die Heilige auf jenem Gemalde und eben die Unbekannte in jener Vision trug. Was war der Baronesse uppige Schonheit gegen Aureliens himmlischen Liebreiz. Nur sie sah ich, indem alles um mich verschwunden. Meine innere Bewegung konnte den Umstehenden nicht entgehen. "Was ist Ihnen, ehrwurdiger Herr?" fing der Baron an: "Sie scheinen auf ganz besondere Weise bewegt!" Diese Worte brachten mich zu mir selbst, ja ich fuhlte in dem Augenblick eine ubermenschliche Kraft in mir emporkeimen, einen nie gefuhlten Mut, alles zu bestehen, denn sie musste der Preis des Kampfes werden.

"Wunschen Sie sich Gluck, Herr Baron!" rief ich, wie von hoher Begeisterung plotzlich ergriffen, "wunschen Sie sich Gluck! Eine Heilige wandelt unter uns in diesen Mauern, und bald offnet sich in segensreicher Klarheit der Himmel, und sie selbst, die heilige Rosalia, von den heiligen Engeln umgeben, spendet Trost und Seligkeit den Gebeugten, die fromm und glaubig sie anflehten. Ich hore die Hymnen verklarter Geister, die sich sehnen nach der Heiligen und, sie im Gesange rufend, aus glanzenden Wolken herabschweben. Ich sehe ihr Haupt strahlend in der Glorie himmlischer Verklarung, emporgehoben nach dem Chor der Heiligen, der ihrem Auge sichtlich! Sancta Rosalia, ora pro nobis!"

Ich sank mit in die Hohe gerichteten Augen auf die Knie, die Hande faltend zum Gebet, und alles folgte meinem Beispiel. Niemand frug mich weiter, man schrieb den plotzlichen Ausbruch meiner Begeisterung irgend einer Inspiration zu, so dass der Baron beschloss, wirklich am Altar der heiligen Rosalia in der Hauptkirche der Stadt Messen lesen zu lassen. Herrlich hatte ich mich auf diese Weise aus der Verlegenheit gerettet, und immer mehr war ich bereit, alles zu wagen, denn es galt Aureliens Besitz, um den mir selbst mein Leben feil war. Die Baronesse schien in ganz besonderer Stimmung, ihre Blicke verfolgten mich, aber sowie ich sie unbefangen anschaute, irrten ihre Augen unstet umher. Die Familie war in ein anderes Zimmer getreten, ich eilte in den Garten hinab und schweifte durch die Gange, mit tausend Entschlussen, Ideen, Planen fur mein kunftiges Leben im Schlosse arbeitend und kampfend. Schon war es Abend worden, da erschien Reinhold und sagte mir, dass die Baronesse, durchdrungen von meiner frommen Begeisterung, mich auf ihrem Zimmer zu sprechen wunsche.

Als ich in das Zimmer der Baronesse trat, kam sie mir einige Schritte entgegen, mich bei beiden Armen fassend, sah sie mir starr ins Auge und rief: "Ist es moglich ist es moglich! Bist du Medardus, der Kapuzinermonch? Aber die Stimme, die Gestalt, deine Augen, dein Haar! Sprich, oder ich vergehe in Angst und Zweifel." "Viktorinus!" lispelte ich leise, da umschlang sie mich mit dem wilden Ungestum unbezahmbarer Wollust, ein Glutstrom brauste durch meine Adern, das Blut siedete, die Sinne vergingen mir in namenloser Wonne, in wahnsinniger Verzuckung; aber sundigend war mein ganzes Gemut nur Aurelien zugewendet, und ihr nur opferte ich in dem Augenblick durch den Bruch des Gelubdes das Heil meiner Seele.

Ja! Nur Aurelie lebte in mir, mein ganzer Sinn war von ihr erfullt, und doch ergriff mich ein innerer Schauer, wenn ich daran dachte, sie wiederzusehen, was doch schon an der Abendtafel geschehen sollte. Es war mir, als wurde mich ihr frommer Blick heilloser Sunde zeihen und als wurde ich, entlarvt und vernichtet, in Schmach und Verderben sinken. Ebenso konnte ich mich nicht entschliessen, die Baronesse gleich nach jenen Momenten wiederzusehen, und alles dieses bestimmte mich, eine Andachtsubung vorschutzend, in meinem Zimmer zu bleiben, als man mich zur Tafel einlud. Nur weniger Tage bedurfte es indessen, um alle Scheu, alle Befangenheit zu uberwinden; die Baronesse war die Liebenswurdigkeit selbst, und je enger sich unser Bundnis schloss, je reicher an frevelhaften Genussen es wurde, desto mehr verdoppelte sich ihre Aufmerksamkeit fur den Baron. Sie gestand mir, dass nur meine Tonsur, mein naturlicher Bart sowie mein echt klosterlicher Gang, den ich aber jetzt nicht mehr so strenge als anfangs beibehalte, sie in tausend Angsten gesetzt habe. Ja bei meiner plotzlichen begeisterten Anrufung der heiligen Rosalia sei sie beinahe uberzeugt worden, irgend ein Irrtum, irgend ein feindlicher Zufall habe ihren mit Viktorin so schlau entworfenen Plan vereitelt und einen verdammten wirklichen Kapuziner an die Stelle geschoben. Sie bewunderte meine Vorsicht, mich wirklich tonsurieren und mir den Bart wachsen zu lassen, ja mich in Gang und Stellung so ganz in meine Rolle einzustudieren, dass sie oft selbst mir recht ins Auge blicken musse, um nicht in abenteuerliche Zweifel zu geraten.

Zuweilen liess sich Viktorins Jager, als Bauer verkleidet, am Ende des Parks sehen, und ich versaumte nicht, insgeheim mit ihm zu sprechen und ihn zu ermahnen, sich bereit zu halten, um mit mir fliehen zu konnen, wenn vielleicht ein boser Zufall mich in Gefahr bringen sollte. Der Baron und Reinhold schienen hochlich mit mir zufrieden und drangen in mich, ja des tiefsinnigen Hermogen mich mit aller Kraft, die mir zu Gebote stehe, anzunehmen. Noch war es mir aber nicht moglich geworden, auch nur ein einziges Wort mit ihm zu sprechen, denn sichtlich wich er jeder Gelegenheit aus, mit mir allein zu sein, und traf er mich in der Gesellschaft des Barons oder Reinholds, so blickte er mich auf so sonderbare Weise an, dass ich in der Tat Muhe hatte, nicht in augenscheinliche Verlegenheit zu geraten. Er schien tief in meine Seele zu dringen und meine geheimste Gedanken zu erspahen. Ein unbezwinglicher tiefer Missmut, ein unterdruckter Groll, ein nur mit Muhe bezahmter Zorn lag auf seinem bleichen Gesichte, sobald er mich ansichtig wurde. Es begab sich, dass er mir einmal, als ich eben im Park lustwandelte, ganz unerwartet entgegentrat; ich hielt dies fur den schicklichen Moment, endlich das druckende Verhaltnis mit ihm aufzuklaren, daher fasste ich ihn schnell bei der Hand, als er mir ausweichen wollte, und mein Rednertalent machte es mir moglich, so eindringend, so salbungsvoll zu sprechen, dass er wirklich aufmerksam zu werden schien und eine innere Ruhrung nicht unterdrucken konnte. Wir hatten uns auf eine steinerne Bank am Ende eines Ganges, der nach dem Schloss fuhrte, niedergelassen. Im Reden stieg meine Begeisterung, ich sprach davon, dass es sundlich sei, wenn der Mensch, im innern Gram sich verzehrend, den Trost, die Hilfe der Kirche, die den Gebeugten aufrichte, verschmahe und so den Zwecken des Lebens, wie die hohere Macht sie ihm gestellt, feindlich entgegenstrebe. Ja, dass selbst der Verbrecher nicht zweifeln solle an der Gnade des Himmels, da dieser Zweifel ihn eben um die Seligkeit bringe, die er, entsundigt durch Busse und Frommigkeit, erwerben konne. Ich forderte ihn endlich auf, gleich jetzt mir zu beichten und so sein Inneres wie vor Gott auszuschutten, indem ich ihm von jeder Sunde, die er begangen, Absolution zusage; da stand er auf, seine Augenbraunen zogen sich zusammen, die Augen brannten, eine gluhende Rote uberflog sein leichenblasses Gesicht, und mit seltsam gellender Stimme rief er: "Bist du denn rein von der Sunde, dass du es wagst, wie der Reinste, ja wie Gott selbst, den du verhohnest, in meine Brust schauen zu wollen, dass du es wagst, mir Vergebung der Sunden zuzusagen, du, der du selbst vergeblich ringen wirst nach der Entsundigung, nach der Seligkeit des Himmels, die sich dir auf ewig verschloss? Elender Heuchler, bald kommt die Stunde der Vergeltung, und in den Staub getreten wie ein giftiger Wurm, zuckst du im schmachvollen Tode, vergebens nach Hilfe, nach Erlosung von unnennbarer Qual achzend, bis du verdirbst in Wahnsinn und Verzweiflung!" Er schritt rasch von dannen, ich war zerschmettert, vernichtet, all meine Fassung, mein Mut war dahin. Ich sah Euphemien aus dem Schlosse kommen mit Hut und Shawl, wie zum Spaziergange gekleidet; bei ihr nur war Trost und Hilfe zu finden, ich warf mich ihr entgegen, sie erschrak uber mein zerstortes Wesen, sie frug nach der Ursache, und ich erzahlte ihr getreulich den ganzen Auftritt, den ich eben mit dem wahnsinnigen Hermogen gehabt, indem ich noch meine Angst, meine Besorgnis, dass Hermogen vielleicht durch einen unerklarlichen Zufall unser Geheimnis verraten, hinzusetzte. Euphemie schien uber alles nicht einmal betroffen, sie lachelte auf so ganz seltsame Weise, dass mich ein Schauer ergriff, und sagte: "Gehen wir tiefer in den Park, denn hier werden wir zu sehr beobachtet, und es konnte auffallen, dass der ehrwurdige Pater Medardus so heftig mit mir spricht." Wir waren in ein ganz entlegenes Boskett getreten, da umschlang mich Euphemie mit leidenschaftlicher Heftigkeit; ihre heissen, gluhenden Kusse brannten auf meinen Lippen. "Ruhig, Viktorin," sprach Euphemie, "ruhig kannst du sein uber das alles, was dich so in Angst und Zweifel gesturzt hat; es ist mir sogar lieb, dass es so mit Hermogen gekommen, denn nun darf und muss ich mit dir uber manches sprechen, wovon ich so lange schwieg. Du musst eingestehen, dass ich mir eine seltene geistige Herrschaft uber alles, was mich im Leben umgibt, zu erringen gewusst, und ich glaube, dass dies dem Weibe leichter ist als Euch. Freilich gehort nichts Geringeres dazu, als dass ausser jenem unnennbaren unwiderstehlichen Reiz der aussern Gestalt, den die Natur dem Weibe zu spenden vermag, dasjenige hohere Prinzip in ihr wohne, welches eben jenen Reiz mit dem geistigen Vermogen in eins verschmilzt und nun nach Willkur beherrscht. Es ist das eigne wunderbare Heraustreten aus sich selbst, das die Anschauung des eignen Ichs vom andern Standpunkte gestattet, welches dann als ein sich dem hoheren Willen schmiegendes Mittel erscheint, dem Zweck zu dienen, den er sich als den hochsten, im Leben zu erringenden gesetzt. Gibt es etwas Hoheres, als das Leben im Leben zu beherrschen, alle seine Erscheinungen, seine reichen Genusse wie im machtigen Zauber zu bannen, nach der Willkur, die dem Herrscher verstattet? Du, Viktorin, gehortest von jeher zu den wenigen, die mich ganz verstanden, auch du hattest dir den Standpunkt uber dein Selbst gestellt, und ich verschmahte es daher nicht, dich wie den koniglichen Gemahl auf meinen Thron im hoheren Reiche zu erheben. Das Geheimnis erhohte den Reiz dieses Bundes, und unsere scheinbare Trennung diente nur dazu, unserer phantastischen Laune Raum zu geben, die wie zu unserer Ergotzlichkeit mit den untergeordneten Verhaltnissen des gemeinen Alltagslebens spielte. Ist nicht unser jetziges Beisammensein das kuhnste Wagstuck, das, im hoheren Geiste gedacht, der Ohnmacht konventioneller Beschranktheit spottet? Selbst bei deinem so ganz fremdartigen Wesen, das nicht allein die Kleidung erzeugt, ist es mir, als unterwerfe sich das Geistige dem herrschenden, es bedingenden Prinzip und wirke so mit wunderbarer Kraft nach aussen, selbst das Korperliche anders formend und gestaltend, so dass es ganz der vorgesetzten Bestimmung gemass erscheint. Wie herzlich ich nun bei dieser tief aus meinem Wesen entspringenden Ansicht der Dinge alle konventionelle Beschranktheit verachte, indem ich mit ihr spiele, weisst du. Der Baron ist mir eine bis zum hochsten Uberdruss ekelhaft gewordene Maschine, die, zu meinem Zweck verbraucht, tot daliegt wie ein abgelaufenes Raderwerk. Reinhold ist zu beschrankt, um von mir beachtet zu werden, Aurelie ein gutes Kind, wir haben es nur mit Hermogen zu tun. Ich gestand dir schon, dass Hermogen, als ich ihn zum ersten Male sah, einen wunderbaren Eindruck auf mich machte. Ich hielt ihn fur fahig, einzugehen in das hohere Leben, das ich ihm erschliessen wollte, und irrte mich zum erstenmal. Es war etwas mir Feindliches in ihm, was in stetem regen Widerspruch sich gegen mich auflehnte, ja der Zauber, womit ich die andern unwillkurlich zu umstricken wusste, stiess ihn zuruck. Er blieb kalt, duster verschlossen und reizte, indem er mit eigner wunderbarer Kraft mir widerstrebte, meine Empfindlichkeit, meine Lust den Kampf zu beginnen, in dem er unterliegen sollte. Diesen Kampf hatte ich beschlossen, als der Baron mir sagte, wie er Hermogen eine Verbindung mit mir vorgeschlagen, dieser sie aber unter jeder Bedingung abgelehnt habe. Wie ein gottlicher Funke durchstrahlte mich in demselben Moment der Gedanke, mich mit dem Baron selbst zu vermahlen und so mit einemmal all die kleinen konventionellen Rucksichten, die mich oft einzwangten auf widrige Weise, aus dem Wege zu raumen; doch ich habe ja selbst mit dir, Viktorin, oft genug uber jene Vermahlung gesprochen, ich widerlegte deine Zweifel mit der Tat, denn es gelang mir, den Alten in wenigen Tagen zum albernen zartlichen Liebhaber zu machen, und er musste das, was ich gewollt, als die Erfullung seines innigsten Wunsches, den er laut werden zu lassen kaum gewagt, ansehen. Aber tief im Hintergrunde lag noch in mir der Gedanke der Rache an Hermogen, die mir nun leichter und befriedigender werden sollte. Der Schlag wurde verschoben, um richtiger, totender zu treffen. Kennte ich weniger dein Inneres, wusste ich nicht, dass du dich zu der Hohe meiner Ansichten zu erheben vermagst, ich wurde Bedenken tragen, dir mehr von der Sache zu sagen, die nun einmal geschehen. Ich liess es mir angelegen sein, Hermogen recht in seinem Innern aufzufassen, ich erschien in der Hauptstadt, duster, in mich gekehrt und bildete so den Kontrast mit Hermogen, der in den lebendigen Beschaftigungen des Kriegsdienstes sich heiter und lustig bewegte. Die Krankheit des Oheims verbot alle glanzende Zirkel, und selbst den Besuchen meiner nachsten Umgebung wusste ich auszuweichen. Hermogen kam zu mir, vielleicht nur um die Pflicht, die er der Mutter schuldig, zu erfullen, er fand mich in dustres Nachdenken versunken, und als er, befremdet von meiner auffallenden Anderung, dringend nach der Ursache frug, gestand ich ihm unter Tranen, wie des Barons missliche Gesundheitsumstande, die er nur muhsam verheimliche, mich befurchten liessen, ihn bald zu verlieren, und wie dieser Gedanke mir schrecklich, ja unertraglich sei. Er war erschuttert, und als ich nun mit dem Ausdruck des tiefsten Gefuhls das Gluck meiner Ehe mit dem Baron schilderte, als ich zart und lebendig in die kleinsten Einzelheiten unseres Lebens auf dem Lande einging, als ich immer mehr des Barons herrliches Gemut, sein ganzes Ich in vollem Glanz darstellte, so dass es immer lichter hervortrat, wie grenzenlos ich ihn verehre, ja wie ich so ganz in ihm lebe, da schien immer mehr seine Verwunderung, sein Erstaunen zu steigen. Er kampfte sichtlich mit sich selbst, aber die Macht, die jetzt wie mein Ich selbst in sein Inneres gedrungen, siegte uber das feindliche Prinzip, das sonst mir widerstrebte; mein Triumph war mir gewiss, als er schon am andern Abend wiederkam.

Er fand mich einsam, noch dustrer, noch aufgeregter als gestern, ich sprach von dem Baron und von meiner unaussprechlichen Sehnsucht, ihn wiederzusehen. Hermogen war bald nicht mehr derselbe, er hing an meinen Blicken, und ihr gefahrliches Feuer fiel zundend in sein Inneres. Wenn meine Hand in der seinigen ruhte, zuckte diese oft krampfhaft, tiefe Seufzer entflohen seiner Brust. Ich hatte die hochste Spitze dieser bewusstlosen Exaltation richtig berechnet. Den Abend, als er fallen sollte, verschmahte ich selbst jene Kunste nicht, die so verbraucht sind und immer wieder so wirkungsvoll erneuert werden. Es gelang! Die Folgen waren entsetzlicher, als ich sie mir gedacht, und doch erhohten sie meinen Triumph, indem sie meine Macht auf glanzende Weise bewahrten. Die Gewalt, mit der ich das feindliche Prinzip bekampfte, das wie in seltsamen Ahnungen in ihm sich sonst aussprach, hatte seinen Geist gebrochen, er verfiel in Wahnsinn, wie du weisst, ohne dass du jedoch bis jetzt die eigentliche Ursache gekannt haben solltest. Es ist etwas Eignes, dass Wahnsinnige oft, als standen sie in naherer Beziehung mit dem Geiste, und gleichsam in ihrem eignen Innern leichter, wiewohl bewusstlos angeregt vom fremden geistigen Prinzip, oft das in uns Verborgene durchschauen und in seltsamen Anklangen aussprechen, so dass uns oft die grauenvolle Stimme eines zweiten Ichs mit unheimlichem Schauer befangt. Es mag daher wohl sein, dass, zumal in der eignen Beziehung, in der du, Hermogen, und ich stehen, er auf geheimnisvolle Weise dich durchschaut und so dir feindlich ist, allein Gefahr fur uns ist deshalb nicht im mindesten vorhanden. Bedenke, selbst wenn er mit seiner Feindschaft gegen dich offen ins Feld ruckte, wenn er es aussprache: 'Traut nicht dem verkappten Priester', wer wurde das fur was anderes halten als fur eine Idee, die der Wahnsinn erzeugte, zumal da Reinhold so gut gewesen ist, in dir den Pater Medardus wiederzuerkennen? Indessen bleibt es gewiss, dass du nicht mehr, wie ich gewollt und gedacht hatte, auf Hermogen wirken kannst. Meine Rache ist erfullt und Hermogen mir nun wie ein weggeworfenes Spielzeug unbrauchbar und um so uberlastiger, als er es wahrscheinlich fur eine Bussubung halt, mich zu sehen, und daher mit seinen stieren lebendigtoten Blicken mich verfolgt. Er muss fort, und ich glaubte dich dazu benutzen zu konnen, ihn in der Idee, ins Kloster zu gehen, zu bestarken und den Baron sowie den ratgebenden Freund Reinhold zu gleicher Zeit durch die dringendsten Vorstellungen, wie Hermogens Seelenheil nun einmal das Kloster begehre, geschmeidiger zu machen, dass sie in sein Vorhaben willigten. Hermogen ist mir in der Tat hochst zuwider, sein Anblick erschuttert mich oft, er muss fort! Die einzige Person, der er ganz anders erscheint, ist Aurelie, das fromme kindische Kind; durch sie allein kannst du auf Hermogen wirken, und ich will dafur sorgen, dass du in nahere Beziehung mit ihr trittst. Findest du einen schicklichen Zusammenhang der aussern Umstande, so kannst du auch Reinholden oder dem Baron entdecken, wie dir Hermogen ein schweres Verbrechen gebeichtet, das du naturlicherweise deiner Pflicht gemass verschweigen musstest. Doch davon kunftig mehr! Nun weisst du alles, Viktorin, handle und bleibe mein. Herrsche mit mir uber die lappische Puppenwelt, wie sie sich um uns dreht. Das Leben muss uns seine herrlichsten Genusse spenden, ohne uns in seine Beengtheit einzuzwangen." Wir sahen den Baron in der Entfernung und gingen ihm, wie im frommen Gesprach begriffen, entgegen.

Es bedurfte vielleicht nur Euphemiens Erklarung uber die Tendenz ihres Lebens, um mich selbst die uberwiegende Macht fuhlen zu lassen, die wie der Ausfluss hoherer Prinzipe mein Inneres beseelte. Es war etwas Ubermenschliches in mein Wesen getreten, das mich plotzlich auf einen Standpunkt erhob, von dem mir alles in anderm Verhaltnis, in anderer Farbe als sonst erschien. Die Geistesstarke, die Macht uber das Leben, womit Euphemie prahlte, war mir des bittersten Hohns wurdig. In dem Augenblick, dass die Elende ihr loses unbedachtes Spiel mit den gefahrlichsten Verknupfungen des Lebens zu treiben wahnte, war sie hingegeben dem Zufall oder dem bosen Verhangnis, das meine Hand leitete. Es war nur meine Kraft, entflammt von geheimnisvollen Machten, die sie zwingen konnte im Wahn, den fur den Freund und Bundesbruder zu halten, der, nur ihr zum Verderben die aussere zufallige Bildung jenes Freundes tragend, sie wie die feindliche Macht selbst umkrallte, so dass keine Freiheit mehr moglich. Euphemie wurde mir in ihrem eitlen selbstsuchtigen Wahn verachtlich und das Verhaltnis mit ihr um so widriger, als Aurelie in meinem Innern lebte und nur sie die Schuld meiner begangenen Sunden trug, wenn ich das, was mir jetzt die hochste Spitze alles irdischen Genusses zu sein schien, noch fur Sunde gehalten hatte. Ich beschloss, von der mir einwohnenden Macht den vollsten Gebrauch zu machen und so selbst den Zauberstab zu ergreifen, um die Kreise zu beschreiben, in denen sich all die Erscheinungen um mich her mir zur Lust bewegen sollten. Der Baron und Reinhold wetteiferten miteinander, mir das Leben im Schlosse recht angenehm zu machen; nicht die leiseste Ahnung von meinem Verhaltnis mit Euphemien stieg in ihnen auf, vielmehr ausserte der Baron oft, wie in unwillkurlicher Herzensergiessung, dass erst durch mich ihm Euphemie ganz wiedergegeben sei, und dies schien mir die Richtigkeit der Vermutung Reinholds, dass irgend ein Zufall dem Baron wohl die Spur von Euphemiens verbotenen Wegen entdeckt haben konne, klar anzudeuten. Den Hermogen sah ich selten, er vermied mich mit sichtlicher Angst und Beklemmung, welches der Baron und Reinhold der Scheu vor meinem heiligen, frommen Wesen und vor meiner geistigen Kraft, die das zerruttete Gemut durchschaute, zuschrieben. Auch Aurelie schien sich absichtlich meinem Blick zu entziehen, sie wich mir aus, und wenn ich mit ihr sprach, war auch sie angstlich und beklommen wie Hermogen. Es war mir beinahe gewiss, dass der wahnsinnige Hermogen gegen Aurelie jene schreckliche Ahnungen, die mich durchbebten, ausgesprochen, indessen schien mir der bose Eindruck zu bekampfen moglich. Wahrscheinlich auf Veranlassung der Baronesse, die mich in naheren Rapport mit Aurelien setzen wollte, um durch sie auf Hermogen zu wirken, bat mich der Baron, Aurelien in den hoheren Geheimnissen der Religion zu unterrichten. So verschaffte mir Euphemie selbst die Mittel, das Herrlichste zu erreichen, was mir meine gluhende Einbildungskraft in tausend uppigen Bildern vorgemalt. Was war jene Vision in der Kirche anderes als das Versprechen der hoheren, auf mich einwirkenden Macht, mir die zu geben, von deren Besitz allein die Besanftigung des Sturms zu hoffen, der, in mir rasend, mich wie auf tobenden Wellen umherwarf. Aureliens Anblick, ihre Nahe, ja die Beruhrung ihres Kleides setzte mich in Flammen. Des Blutes Glutstrom stieg fuhlbar auf in die geheimnisvolle Werkstatt der Gedanken, und so sprach ich von den wundervollen Geheimnissen der Religion in feurigen Bildern, deren tiefere Bedeutung die wollustige Raserei der gluhendsten verlangenden Liebe war. So sollte diese Glut meiner Rede wie in elektrischen Schlagen Aureliens Inneres durchdringen und sie sich vergebens dagegen wappnen. Ihr unbewusst sollten die in ihre Seele geworfenen Bilder sich wunderbar entfalten und glanzender, flammender in der tieferen Bedeutung hervorgehen, und diese ihre Brust dann mit den Ahnungen des unbekannten Genusses erfullen, bis sie sich, von unnennbarer Sehnsucht gefoltert und zerrissen, selbst in meine Arme wurfe. Ich bereitete mich auf die sogenannten Lehrstunden bei Aurelien sorgsam vor, ich wusste den Ausdruck meiner Rede zu steigern; andachtig, mit gefalteten Handen, mit niedergeschlagenen Augen horte mir das fromme Kind zu, aber nicht eine Bewegung, nicht ein leiser Seufzer verrieten irgend eine tiefere Wirkung meiner Worte. Meine Bemuhungen brachten mich nicht weiter; statt in Aurelien das verderbliche Feuer zu entzunden, das sie der Verfuhrung preisgeben sollte, wurde nur qualvoller und verzehrender die Glut, die in meinem Innern brannte. Rasend vor Schmerz und Wollust, brutete ich uber Plane zu Aureliens Verderben, und indem ich Euphemien Wonne und Entzucken heuchelte, keimte ein gluhender Hass in meiner Seele empor, der im seltsamen Widerspruch meinem Betragen bei der Baronesse etwas Wildes, Entsetzliches gab, vor dem sie selbst erbebte. Fern von ihr war jede Spur des Geheimnisses, das in meiner Brust verborgen, und unwillkurlich musste sie der Herrschaft Raum geben, die ich immer mehr und mehr uber sie mir anzumassen anfing. Oft kam es mir in den Sinn, durch einen wohlberechneten Gewaltstreich, dem Aurelie erliegen sollte, meine Qual zu enden, aber sowie ich Aurelien erblickte, war es mir, als stehe ein Engel neben ihr, sie schirmend und schutzend und Trotz bietend der Macht des Feindes. Ein Schauer bebte dann durch meine Glieder, in dem mein boser Vorsatz erkaltete. Endlich fiel ich darauf, mit ihr zu beten, denn im Gebet stromt feuriger die Glut der Andacht, und die geheimsten Regungen werden wach und erheben sich wie auf brausenden Wellen und strecken ihre Polypenarme aus, um das Unbekannte zu fahen, das die unnennbare Sehnsucht stillen soll, von der die Brust zerrissen. Dann mag das Irdische, sich wie Himmlisches verkundend, keck dem aufgeregten Gemut entgegentreten und im hochsten Genuss schon hienieden die Erfullung des Uberschwenglichen verheissen; die bewusstlose Leidenschaft wird getauscht, und das Streben nach dem Heiligen, Uberirdischen wird gebrochen in dem namenlosen, nie gekannten Entzucken irdischer Begierde. Selbst darin, dass sie von mir verfasste Gebete nachsprechen sollte, glaubte ich Vorteile fur meine verraterische Absichten zu finden. Es war dem so! Denn neben mir knieend, mit zum Himmel gewandtem Blick meine Gebete nachsprechend, farbten hoher sich ihre Wangen, und ihr Busen wallte auf und nieder. Da nahm ich wie im Eifer des Gebets ihre Hande und druckte sie an meine Brust, ich war ihr so nahe, dass ich die Warme ihres Korpers fuhlte, ihre losgelosten Locken hingen uber meine Schulter; ich war ausser mir vor rasender Begierde, ich umschlang sie mit wildem Verlangen, schon brannten meine Kusse auf ihrem Munde, auf ihrem Busen, da wand sie sich mit einem durchdringenden Schrei aus meinen Armen; ich hatte nicht Kraft, sie zu halten, es war, als strahle ein Blitz herab, mich zerschmetternd! Sie entfloh rasch in das Nebenzimmer, die Ture offnete sich, und Hermogen zeigte sich in derselben, er blieb stehen, mich mit dem furchtbaren, entsetzlichen Blick des wilden Wahnsinns anstarrend. Da raffte ich alle meine Kraft zusammen, ich trat keck auf ihn zu und rief mit trotziger gebietender Stimme: "Was willst du hier? Hebe dich weg, Wahnsinniger!" Aber Hermogen streckte mir die rechte Hand entgegen und sprach dumpf und schaurig: "Ich wollte mit dir kampfen, aber ich habe kein Schwert, und du bist der Mord, denn Blutstropfen quillen aus deinen Augen und kleben in deinem Barte!"

Er verschwand, die Ture heftig zuschlagend, und liess mich allein, knirschend vor Wut uber mich selbst, der ich mich hatte hinreissen lassen von der Gewalt des Moments, so dass nun der Verrat mir Verderben drohte. Niemand liess sich sehen, ich hatte Zeit genug, mich ganz zu ermannen, und der mir inwohnende Geist gab mir bald die Anschlage ein, jeder ublen Folge des bosen Beginnens auszuweichen.

Sobald es tunlich war, eilte ich zu Euphemien, und mit keckem Ubermut erzahlte ich ihr die ganze Begebenheit mit Aurelien. Euphemie schien die Sache nicht so leicht zu nehmen, als ich es gewunscht hatte, und es war mir begreiflich, dass, ihrer geruhmten Geistesstarke, ihrer hohen Ansicht der Dinge unerachtet, wohl kleinliche Eifersucht in ihr wohnen, sie aber uberdem noch befurchten konne, dass Aurelie uber mich klagen, so der Nimbus meiner Heiligkeit verloschen und unser Geheimnis in Gefahr geraten werde; aus einer mir selbst unerklarlichen Scheu verschwieg ich Hermogens Hinzutreten und seine entsetzlichen, mich durchbohrenden Worte.

Euphemie hatte einige Minuten geschwiegen und schien, mich seltsamlich anstarrend, in tiefes Nachdenken versunken.

"Solltest du nicht, Viktorin," sprach sie endlich, "erraten, welche herrliche Gedanken, meines Geistes wurdig, mich durchstromen? Aber du kannst es nicht, doch ruttle frisch die Schwingen, um dem kuhnen Fluge zu folgen, den ich zu beginnen bereit bin. Dass du, der du mit voller Herrschaft uber alle Erscheinungen des Lebens schweben solltest, nicht neben einem leidlich schonen Madchen knien kannst, ohne sie zu umarmen und zu kussen, nimmt mich wunder, so wenig ich dir das Verlangen verarge, das in dir aufstieg. So wie ich Aurelien kenne, wird sie voller Scham uber die Begebenheit schweigen und sich hochstens nur unter irgend einem Vorwande deinem zu leidenschaftlichen Unterrichte entziehen. Ich befurchte daher nicht im mindesten die verdriesslichen Folgen, die dein Leichtsinn, deine ungezahmte Begierde hatte herbeifuhren konnen. Ich hasse sie nicht, diese Aurelie, aber ihre Anspruchlosigkeit, ihr stilles Frommtun, hinter dem sich ein unleidlicher Stolz versteckt, argert mich. Nie habe ich, unerachtet ich es nicht verschmahte, mit ihr zu spielen, ihr Zutrauen gewinnen konnen, sie blieb scheu und verschlossen. Diese Abgeneigtheit, sich mir zu schmiegen, ja diese stolze Art, mir auszuweichen, erregt in mir die widrigsten Gefuhle. Es ist ein sublimer Gedanke, die Blume, die auf den Prunk ihrer glanzenden Farben so stolz tut, gebrochen und dahin welken zu sehen! Ich gonne es dir, diesen sublimen Gedanken auszufuhren, und es soll nicht an Mitteln fehlen, den Zweck leicht und sicher zu erreichen. Auf Hermogens Haupt soll die Schuld fallen und ihn vernichten!" Euphemie sprach noch mehr uber ihren Plan und wurde mir mit jedem Worte verhasster, denn nur das gemeine verbrecherische Weib sah ich in ihr, und so sehr ich nach Aureliens Verderben durstete, da ich nur dadurch Befreiung von der grenzenlosen Qual wahnsinniger Liebe, die meine Brust zerfleischte, hoffen konnte, so war mir doch Euphemiens Mitwirkung verachtlich. Ich wies daher zu ihrem nicht geringen Erstaunen ihren Anschlag von der Hand, indem ich im Innern fest entschlossen war, das durch eigne Macht zu vollfuhren, wozu Euphemie mir ihre Beihilfe aufdringen wollte.

So wie die Baronesse es vermutet, blieb Aurelie in ihrem Zimmer, sich mit einer Unpasslichkeit entschuldigend und so sich meinem Unterricht fur die nachsten Tage entziehend. Hermogen war wider seine Gewohnheit jetzt viel in der Gesellschaft Reinholds und des Barons, er schien weniger in sich gekehrt, aber wilder, zorniger. Man horte ihn oft laut und nachdrucklich sprechen, und ich bemerkte, dass er mich mit Blicken des verhaltenen Grimms ansah, so oft der Zufall mich ihm in den Weg fuhrte; das Betragen des Barons und Reinholds veranderte sich in einigen Tagen auf ganz seltsame Weise. Ohne im Ausserlichen im mindesten von der Aufmerksamkeit und Hochachtung, die sie mir sonst bezeigt, nachzulassen, schien es, als wenn sie, gedruckt von einem wunderbaren ahnenden Gefuhl, nicht jenen gemutlichen Ton finden konnten, der sonst unsre Unterhaltung belebte. Alles, was sie mit mir sprachen, war so gezwungen, so frostig, dass ich mich ernstlich muhen musste, von allerlei Vermutungen ergriffen, wenigstens unbefangen zu scheinen.

Euphemiens Blicke, die ich immer richtig zu deuten wusste, sagten mir, dass irgend etwas vorgegangen, wovon sie sich besonders aufgeregt fuhlte, doch war es den ganzen Tag unmoglich, uns unbemerkt zu sprechen.

In tiefer Nacht, als alles im Schlosse langst schlief, offnete sich eine Tapetenture in meinem Zimmer, die ich selbst noch nicht bemerkt, und Euphemie trat herein mit einem zerstorten Wesen, wie ich sie noch niemals gesehen. "Viktorin," sprach sie, "es droht uns Verrat, Hermogen, der wahnsinnige Hermogen ist es, der, durch seltsame Ahnungen auf die Spur geleitet, unser Geheimnis entdeckt hat. In allerlei Andeutungen, die gleich schauerlichen entsetzlichen Spruchen einer dunklen Macht, die uber uns waltet, lauten, hat er dem Baron einen Verdacht eingeflosst, der, ohne deutlich ausgesprochen zu sein, mich doch auf qualende Weise verfolgt. Wer du bist, dass unter diesem heiligen Kleide Graf Viktorin verborgen, das scheint Hermogen durchaus verschlossen geblieben; dagegen behauptet er, aller Verrat, alle Arglist, alles Verderben, das uber uns einbrechen werde, ruhe in dir, ja wie der Widersacher selbst sei der Monch in das Haus getreten, der, von teuflischer Macht beseelt, verdammten Verrat brute. Es kann so nicht bleiben, ich bin es mude, diesen Zwang zu tragen, den mir der kindische Alte auferlegt, der nun mit krankelnder Eifersucht, wie es scheint, angstlich meine Schritte bewachen wird. Ich will dies Spielzeug, das mir langweilig worden, wegwerfen, und du, Viktorin, wirst dich um so williger meinem Begehren fugen, als du auf einmal selbst der Gefahr entgehst, endlich ertappt zu werden und so das geniale Verhaltnis, das unser Geist ausbrutete, in eine gemeine verbrauchte Mummerei, in eine abgeschmackte Ehestandsgeschichte herabsinken zu sehen!

Der lastige Alte muss fort, und wie das am besten ins Werk zu richten ist, daruber lass uns zu Rate gehen, hore aber erst meine Meinung. Du weisst, dass der Baron jeden Morgen, wenn Reinhold beschaftigt, allein hinausgeht in das Gebirge, um sich an den Gegenden nach seiner Art zu erlaben. Schleiche dich fruher hinaus und suche ihm am Ausgange des Parks zu begegnen. Nicht weit von hier gibt es eine wilde schauerliche Felsengruppe; wenn man sie erstiegen, gahnt dem Wandrer auf der einen Seite ein schwarzer bodenloser Abgrund entgegen, dort ist, oben uber den Abgrund heruberragend, der sogenannte Teufelssitz. Man fabelt, dass giftige Dunste aus dem Abgrunde steigen, die den, der vermessen hinabschaut, um zu erforschen, was drunten verborgen, betauben und rettungslos in den Tod hinabziehen. Der Baron, dieses Marchen verlachend, stand schon oft auf jenem Felsstuck uber dem Abgrund, um die Aussicht, die sich dort offnet, zu geniessen. Es wird leicht sein, ihn selbst darauf zu bringen, dass er dich an die gefahrliche Stelle fuhrt; steht er nun dort und starrt in die Gegend hinein, so erlost uns ein kraftiger Stoss deiner Faust auf immer von dem ohnmachtigen Narren." "Nein, nimmermehr," schrie ich heftig, "ich kenne den entsetzlichen Abgrund, ich kenne den Sitz des Teufels, nimmermehr! Fort mit dir und dem Frevel, den du mir zumutest!" Da sprang Euphemie auf, wilde Glut entflammte ihren Blick, ihr Gesicht war verzerrt von der wutenden Leidenschaft, die in ihr tobte. "Elender Schwachling," rief sie, "du wagst es in dumpfer Feigheit, dem zu widerstreben, was ich beschloss? Du willst dich lieber dem schmachvollen Joche schmiegen, als mit mir herrschen? Aber du bist in meiner Hand, vergebens entwindest du dich der Macht, die dich gefesselt halt zu meinen Fussen! Du vollziehst meinen Auftrag, morgen darf der, dessen Anblick mich peinigt, nicht mehr leben!"

Indem Euphemie die Worte sprach, durchdrang mich die tiefste Verachtung ihrer armseligen Prahlerei, und im bittern Hohn lachte ich ihr gellend entgegen, dass sie erbebte und die Totenblasse der Angst und des tiefen Grauens ihr Gesicht uberflog. "Wahnsinnige," rief ich, "die du glaubst uber das Leben zu herrschen, die du glaubst, mit seinen Erscheinungen zu spielen, habe acht, dass dies Spielzeug nicht in deiner Hand zur schneidenden Waffe wird, die dich totet! Wisse, Elende, dass ich, den du in deinem ohnmachtigen Wahn zu beherrschen glaubst, dich wie das Verhangnis selbst in meiner Macht festgekettet halte, dein frevelhaftes Spiel ist nur das krampfhafte Winden des gefesselten Raubtiers im Kafig! Wisse, Elende, dass dein Buhle zerschmettert in jenem Abgrunde liegt und dass du statt seiner den Geist der Rache selbst umarmtest! Geh und verzweifle!"

Euphemie wankte: im konvulsivischen Erbeben war sie im Begriff, zu Boden zu sinken, ich fasste sie und druckte sie durch die Tapetenture den Gang hinab. Der Gedanke stieg in mir darf, sie zu toten, ich unterliess es, ohne mich dessen bewusst zu sein, denn im ersten Augenblick, als ich die Tapetenture schloss, glaubte ich die Tat vollbracht zu haben! Ich horte einen durchdringenden Schrei und Turen zuschlagen.

Jetzt hatte ich mich selbst auf einen Standpunkt gestellt, der mich dem gewohnlichen menschlichen Tun ganz entruckte; jetzt musste Schlag auf Schlag folgen, und, mich selbst als den bosen Geist der Rache verkundend, musste ich das Ungeheuere vollbringen. Euphemiens Untergang war beschlossen, und der gluhendste Hass sollte, mit der hochsten Inbrunst der Liebe sich vermahlend, mir den Genuss gewahren, der nun noch dem ubermenschlichen, mir inwohnenden Geiste wurdig. In dem Augenblick, dass Euphemie untergegangen, sollte Aurelie mein werden.

Ich erstaunte uber Euphemiens innere Kraft, die es ihr moglich machte, den andern Tag unbefangen und heiter zu scheinen. Sie sprach selbst daruber, dass sie vorige Nacht in eine Art Somnambulismus geraten und dann heftig an Krampfen gelitten, der Baron schien sehr teilnehmend, Reinholds Blicke waren zweifelhaft und misstrauisch. Aurelie blieb auf ihrem Zimmer, und je weniger es mir gelang, sie zu sehen, desto rasender tobte die Wut in meinem Innern. Euphemie lud mich ein, auf bekanntem Wege in ihr Zimmer zu schleichen, wenn alles im Schlosse ruhig geworden. Mit Entzucken vernahm ich das, denn der Augenblick der Erfullung ihres bosen Verhangnisses war gekommen. Ein kleines spitzes Messer, das ich schon von Jugend auf bei mir trug, und mit dem ich geschickt in Holz zu schneiden wusste, verbarg ich in meiner Kutte, und so zum Morde entschlossen, ging ich zu ihr. "Ich glaube," fing sie an, "wir haben beide gestern schwere angstliche Traume gehabt, es kam viel von Abgrunden darin vor, doch das ist nun vorbei!" Sie gab sich darauf wie gewohnlich meinen frevelnden Liebkosungen hin, ich war erfullt von entsetzlichem teuflischen Hohn, indem ich nur die Lust empfand, die mir der Missbrauch ihrer eignen Schandlichkeit erregte. Als sie in meinen Armen lag, entfiel mir das Messer, sie schauerte zusammen, wie von Todesangst ergriffen, ich hob das Messer rasch auf, den Mord noch verschiebend, der mir selbst andere Waffen in die Hande gab. Euphemie hatte italienischen Wein und eingemachte Fruchte auf den Tisch stellen lassen. "Wie so ganz plump und verbraucht", dachte ich, verwechselte geschickt die Glaser und genoss nur scheinbar die mir dargebotenen Fruchte, die ich in meinen weiten Armel fallen liess. Ich hatte zwei, drei Glaser von dem Wein, aber aus dem Glase, das Euphemie fur sich hingestellt, getrunken, als sie vorgab, Gerausch im Schlosse zu horen, und mich bat, sie schnell zu verlassen. Nach ihrer Absicht sollte ich auf meinem Zimmer enden! Ich schlich durch die langen, schwach erhellten Korridore, ich kam bei Aureliens Zimmer voruber, wie festgebannt blieb ich stehen. Ich sah sie, es war, als schwebe sie daher, mich voll Liebe anblickend, wie in jener Vision, und mir winkend, dass ich ihr folgen sollte. Die Ture wich durch den Druck meiner Hand, ich stand im Zimmer, nur angelehnt war die Ture des Kabinetts, eine schwule Luft wallte mir entgegen, meine Liebesglut starker entzundend, mich betaubend; kaum konnte ich atmen. Aus dem Kabinett quollen die tiefen angstvollen Seufzer der vielleicht von Verrat und Mord Traumenden, ich horte sie im Schlafe beten! "Zur Tat, zur Tat, was zauderst du, der Augenblick entflieht", so trieb mich die unbekannte Macht in meinem Innern. Schon hatte ich einen Schritt ins Kabinett getan, da schrie es hinter mir: "Verruchter, Mordbruder! Nun gehorst du mein!" und ich fuhlte mich mit Riesenkraft von hinten festgepackt. Es war Hermogen, ich wand mich, alle meine Starke aufbietend, endlich von ihm los und wollte mich fortdrangen, aber von neuem packte er mich hinterwarts und zerfleischte meinen Nacken mit wutenden Bissen! Vergebens rang ich, unsinnig vor Schmerz und Wut, lange mit ihm, endlich zwang ihn ein kraftiger Stoss, von mir abzulassen, und als er von neuem uber mich herfiel, da zog ich mein Messer; zwei Stiche, und er sank rochelnd zu Boden, dass es dumpf im Korridor widerhallte. Bis heraus aus dem Zimmer hatten wir uns gedrangt im Kampfe der Verzweiflung.

Sowie Hermogen gefallen, rannte ich in wilder Wut die Treppe herab, da riefen gellende Stimmen durch das ganze Schloss: "Mord! Mord!" Lichter schweiften hin und her, und die Tritte der Herbeieilenden schallten durch die langen Gange, die Angst verwirrte mich, ich war auf entlegene Seitentreppen geraten. Immer lauter, immer heller wurde es im Schlosse, immer naher und naher erscholl es grasslich: "Mord, Mord!" Ich unterschied die Stimme des Barons und Reinholds, welche heftig mit den Bedienten sprachen. Wohin fliehen, wohin mich verbergen? Noch vor wenigen Augenblicken, als ich Euphemien mit demselben Messer ermorden wollte, mit dem ich den wahnsinnigen Hermogen totete, war es mir, als konne ich, mit dem blutigen Mordinstrument in der Hand, vertrauend auf meine Macht, keck hinaustreten, da keiner, von scheuer Furcht ergriffen, es wagen wurde, mich aufzuhalten; jetzt war ich selbst von todlicher Angst befangen. Endlich, endlich war ich auf der Haupttreppe, der Tumult hatte sich nach den Zimmern der Baronesse gezogen, es wurde ruhiger, in drei gewaltigen Sprungen war ich hinab, nur noch wenige Schritte vom Portal entfernt. Da gellte ein durchdringender Schrei durch die Gange, dem ahnlich, den ich in voriger Nacht gehort. "Sie ist tot, gemordet durch das Gift, das sie mir bereitet", sprach ich dumpf in mich hinein. Aber nun stromte es wieder hell aus Euphemiens Zimmern. Aurelie schrie angstvoll um Hilfe. Aufs neue erscholl es grasslich: "Mord, Mord!" Sie brachten Hermogens Leichnam! "Eilt nach dem Morder", hort' ich Reinhold rufen. Da lachte ich grimmig auf, dass es durch den Saal, durch die Gange drohnte, und rief mit schrecklicher Stimme: "Wahnwitzige, wollt ihr das Verhangnis fahen, das die frevelnden Sunder gerichtet?" Sie horchten auf, der Zug blieb wie festgebannt auf der Treppe stehen. Nicht fliehen wollt' ich mehr, ja ihnen entgegenschreiten, die Rache Gottes an den Frevlern in donnernden Worten verkundend. Aber des grasslichen Anblicks! vor mir! vor mir stand Viktorins blutige Gestalt, nicht ich, er hatte die Worte gesprochen. Das Entsetzen straubte mein Haar, ich sturzte in wahnsinniger Angst heraus, durch den Park! Bald war ich im Freien, da horte ich Pferdegetrappel hinter mir, und indem ich meine letzte Kraft zusammennahm, um der Verfolgung zu entgehen, fiel ich, uber eine Baumwurzel strauchelnd, zu Boden. Bald standen die Pferde bei mir. Es war Viktorins Jager. "Um Jesus willen, gnadiger Herr," fing er an, "was ist im Schlosse vorgefallen, man schreit Mord! Schon ist das Dorf im Aufruhr. Nun, was es auch sein mag, ein guter Geist hat es mir eingegeben, aufzupacken und aus dem Stadtchen hieher zu reiten; es ist alles im Felleisen auf Ihrem Pferde, gnadiger Herr, denn wir werden uns doch wohl trennen mussen vorderhand, es ist gewiss recht was Gefahrliches geschehen, nicht wahr?" Ich raffte mich auf, und mich aufs Pferd schwingend, bedeutete ich den Jager, in das Stadtchen zuruckzureiten und dort meine Befehle zu erwarten. Sobald er sich in der Finsternis entfernt hatte, stieg ich wieder vom Pferde und leitete es behutsam in den dicken Tannenwald hinein, der sich vor mir ausbreitete.

Dritter Abschnitt

Die Abenteuer der Reise

Als die ersten Strahlen der Sonne durch den finstern Tannenwald brachen, befand ich mich an einem frisch und hell uber glatte Kieselsteine dahinstromenden Bach. Das Pferd, welches ich muhsam durch das Dikkicht geleitet, stand ruhig neben mir, und ich hatte nichts Angelegentlicheres zu tun, als das Felleisen, womit es bepackt war, zu untersuchen. Wasche, Kleidungsstucke, ein mit Gold wohlgefullter Beutel fielen mir in die Hande. Ich beschloss, mich sogleich umzukleiden; mit Hilfe der kleinen Schere und des Kamms, den ich in einem Besteck gefunden, verschnitt ich den Bart und brachte die Haare, so gut es gehen wollte, in Ordnung. Ich warf die Kutte ab, in welcher ich noch das kleine verhangnisvolle Messer, Viktorins Portefeuille, sowie die Korbflasche mit dem Rest des Teufelselixiers vorfand, und bald stand ich da, in weltlicher Kleidung mit der Reisemutze auf dem Kopf, so dass ich mich selbst, als mir der Bach mein Bild heraufspiegelte, kaum wieder erkannte. Bald war ich am Ausgange des Waldes, und der in der Ferne aufsteigende Dampf, sowie das helle Glokkengelaute, das zu mir herubertonte, liessen mich ein Dorf in der Nahe vermuten. Kaum hatte ich die Anhohe vor mir erreicht, als ein freundliches schones Tal sich offnete, in dem ein grosses Dorf lag. Ich schlug den breiten Weg ein, der sich hinabschlangelte, und sobald der Abhang weniger steil wurde, schwang ich mich aufs Pferd, um soviel moglich mich an das mir ganz fremde Reiten zu gewohnen. Die Kutte hatte ich in einen hohlen Baum verborgen und mit ihr all die feindseligen Erscheinungen auf dem Schlosse in dem finstern Wald gebannt; denn ich fuhlte mich froh und mutig, und es war mir, als habe nur meine uberreizte Phantasie mir Viktorins blutige grassliche Gestalt gezeigt und als waren die letzten Worte, die ich den mich Verfolgenden entgegenrief, wie in hoher Begeisterung unbewusst aus meinem Innern hervorgegangen und hatten die wahre geheime Beziehung des Zufalls, der mich auf das Schloss brachte und das, was ich dort begann, herbeifuhrte, deutlich ausgesprochen. Wie das waltende Verhangnis selbst trat ich ein, den boshaften Frevel strafend und den Sunder in dem ihm bereiteten Untergange entsundigend. Nur Aureliens holdes Bild lebte noch wie sonst in mir, und ich konnte nicht an sie denken, ohne meine Brust beengt, ja physisch einen nagenden Schmerz in meinem Innern zu fuhlen. Doch war es mir, als musse ich sie vielleicht in fernen Landen wiedersehen, ja, als musse sie, wie von unwiderstehlichem Drange hingerissen, von unaufloslichen Banden an mich gekettet, mein werden.

Ich bemerkte, dass die Leute, welche mir begegneten, still standen und mir verwundert nachsahen, ja dass der Wirt im Dorfe vor Erstaunen uber meinen Anblick kaum Worte finden konnte, welches mich nicht wenig angstigte. Wahrend dass ich mein Fruhstuck verzehrte und mein Pferd gefuttert wurde, versammelten sich mehrere Bauern in der Wirtsstube, die, mit scheuen Blicken mich anschielend, miteinander flusterten. Immer mehr drangte sich das Volk zu, und mich dicht umringend, gafften sie mich an mit dummem Erstaunen. Ich bemuhte mich, ruhig und unbefangen zu bleiben, und rief mit lauter Stimme den Wirt, dem ich befahl, mein Pferd satteln und das Felleisen aufpacken zu lassen. Er ging, zweideutig lachelnd, hinaus und kam bald darauf mit einem langen Mann zuruck, der mit finstrer Amtsmiene und komischer Gravitat auf mich zuschritt. Er fasste mich scharf ins Auge, ich erwiderte den Blick, indem ich aufstand und mich dicht vor ihn stellte. Das schien ihn etwas ausser Fassung zu setzen, indem er sich scheu nach den versammelten Bauern umsah. "Nun, was ist es," rief ich, "Ihr scheint mir etwas sagen zu wollen." Da rausperte sich der ernsthafte Mann und sprach, indem er sich bemuhte, in den Ton seiner Stimme recht viel Gewichtiges zu legen: "Herr! Ihr kommt nicht eher von hinnen, bis Ihr Uns, dem Richter hier am Orte, umstandlich gesagt, wer Ihr seid, mit allen Qualitaten, was Geburt, Stand und Wurde anbelangt, auch woher Ihr gekommen und wohin Ihr zu reisen gedenkt, nach allen Qualitaten der Lage des Ortes, des Namens, Provinz und Stadt und was weiter zu bemerken, und uber das alles musst Ihr Uns, dem Richter, einen Pass vorzeigen, geschrieben und unterschieben, untersiegelt nach allen Qualitaten, wie es recht ist und gebrauchlich!" Ich hatte noch gar nicht daran gedacht, dass es notig sei, irgend einen Namen anzunehmen, und noch weniger war mir eingefallen, dass das Sonderbare, Fremde meines Aussern welches durch die Kleidung, der sich mein monchischer Anstand nicht fugen wollte, sowie durch die Spuren des ubelverschnittenen Bartes erzeugt wurde mich jeden Augenblick in die Verlegenheit setzen wurde, uber meine Person ausgeforscht zu werden. Die Frage des Dorfrichters kam mir daher so unerwartet, dass ich vergebens sann, ihm irgend eine befriedigende Antwort zu geben. Ich entschloss mich, zu versuchen, was entschiedene Keckheit bewirken wurde, und sagte mit fester Stimme: "Wer ich bin, habe ich Ursache zu verschweigen, und deshalb trachtet Ihr vergeblich, meinen Pass zu sehen, ubrigens hutet Euch, eine Person von Stande mit Eueren lappischen Weitlauftigkeiten nur einen Augenblick aufzuhalten." "Hoho!" rief der Dorfrichter, indem er eine grosse Dose hervorzog, in die, als er schnupfte, funf Hande der hinter ihm stehenden Gerichtsschoppen hineingriffen, gewaltige Prisen herausholend, "hoho, nur nicht so barsch, gnadigster Herr! Ihre Exzellenz wird sich gefallen lassen mussen, Uns, dem Richter, Rede zu stehen und den Pass zu zeigen, denn, nun gerade herausgesagt, hier im Gebirge gibt es seit einiger Zeit allerlei verdachtige Gestalten, die dann und wann aus dem Walde gucken und wieder verschwinden wie der Gottseibeiuns selbst, aber es ist verfluchtes Diebs- und Raubgesindel, die den Reisenden auflauern und allerlei Schaden anrichten durch Mord und Brand, und Ihr, mein gnadigster Herr, seht in der Tat so absonderlich aus, dass Ihr ganz dem Bilde ahnlich seid, das die hochlobliche Landesregierung von einem grossen Rauber und Hauptspitzbuben, geschrieben und beschrieben nach allen Qualitaten, an Uns, den Richter, geschickt hat. Also nur ohne alle weitere Umstande und zeremonische Worte den Pass, oder in den Turm!" Ich sah, dass mit dem Mann so nichts auszurichten war, ich schickte mich daher an zu einem andern Versuch. "Gestrenger Herr Richter," sprach ich, "wenn Ihr mir die Gnade erzeigen wolltet, dass ich mit Euch allein sprechen durfte, so wollte ich alle Eure Zweifel leicht aufklaren und im Vertrauen auf Eure Klugheit Euch das Geheimnis offenbaren, das mich in dem Aufzuge, der Euch so auffallend dunkt, herfuhrt." "Ha, ha! Geheimnisse offenbaren," sprach der Richter, "ich merke schon, was das sein wird; nun, geht nur hinaus, ihr Leute, bewacht die Ture und das Fenster und lasst niemanden hinein und heraus!" Als wir allein waren, fing ich an: "Ihr seht in mir, Herr Richter, einen unglucklichen Fluchtling, dem es endlich durch seine Freunde gluckte, einem schmachvollen Gefangnis und der Gefahr, auf ewig ins Kloster gesperrt zu werden, zu entgehen. Erlasst mir die naheren Umstande meiner Geschichte, die das Gewebe von Ranken und Bosheiten einer rachsuchtigen Familie ist. Die Liebe zu einem Madchen niedern Standes war die Ursache meiner Leiden. In dem langen Gefangnis war mir der Bart gewachsen und man hatte mir schon die Tonsur geben lassen, wie Ihr's bemerken konnet, sowie ich auch in dem Gefangnisse, in dem ich schmachtete, in eine Monchskutte gekleidet gehen musste. Erst nach meiner Flucht, hier im Walde, durfte ich mich umkleiden, weil man mich sonst ereilt haben wurde. Ihr merkt nun selbst, woher das Auffallende in meinem Aussern ruhrt, das mich bei Euch in solch bosen Verdacht gesetzt hat. Einen Pass kann ich Euch, wie Ihr seht, nun nicht vorzeigen, aber fur die Wahrheit meiner Behauptungen habe ich gewisse Grunde, die Ihr wohl fur richtig anerkennen werdet." Mit diesen Worten zog ich den Geldbeutel hervor, legte drei blanke Dukaten auf den Tisch, und der gravitatische Ernst des Herrn Richters verzog sich zum schmunzelnden Lacheln. "Eure Grunde, mein Herr," sagte er, "sind gewiss einleuchtend genug, aber nehmt es nicht ubel, mein Herr! es fehlt Ihnen noch eine gewisse uberzeugende Gleichheit nach allen Qualitaten! Wenn Ihr wollt, dass ich das Ungerade fur gerade nehmen soll, so mussen Eure Grunde auch so beschaffen sein." Ich verstand den Schelm und legte noch einen Dukaten hinzu. "Nun sehe ich," sprach der Richter, "dass ich Euch mit meinem Verdacht unrecht getan habe; reiset nur weiter, aber schlagt, wie Ihr es wohl gewohnt sein moget, hubsch die Nebenwege ein, haltet Euch von der Heerstrasse ab, bis Ihr Euch des verdachtigen Aussern ganz entledigt." Er offnete die Tur nun weit und rief laut der versammelten Menge entgegen: "Der Herr da drinnen ist ein vornehmer Herr nach allen Qualitaten, er hat sich Uns, dem Richter, in einer geheimen Audienz entdeckt, er reiset inkognito, das heisst unbekannterweise, und dass ihr alle davon nichts zu wissen und zu vernehmen braucht, ihr Schlingel! Nun, gluckliche Reise, gnad'ger Herr!" Die Bauern zogen, ehrfurchtsvoll schweigend, die Mutzen ab, als ich mich auf das Pferd schwang. Rasch wollte ich durch das Tor sprengen, aber das Pferd fing an, sich zu baumen, meine Unwissenheit, meine Ungeschicklichkeit im Reiten versagte mir jedes Mittel, es von der Stelle zu bringen, im Kreise drehte es sich mit mir herum und warf mich endlich unter dem schallenden Gelachter der Bauern dem herbeieilenden Richter und dem Wirte in die Arme. "Das ist ein boses Pferd", sagte der Richter mit unterdrucktem Lachen. "Ein boses Pferd!" wiederholte ich, mir den Staub abklopfend. Sie halfen mir wieder herauf, aber von neuem baumte sich schnaubend und prustend das Pferd, durchaus war es nicht durch das Tor zu bringen. Da rief ein alter Bauer: "Ei seht doch, da sitzt ja das Zeterweib, die alte Liese, an dem Tor und lasst den gnadigen Herrn nicht fort, aus Schabernack, weil er ihr keinen Groschen gegeben." Nun erst fiel mir ein altes zerlumptes Bettelweib ins Auge, die dicht am Torwege niedergekauert sass und mich mit wahnsinnigen Blicken anlachte. "Will die Zeterhexe gleich aus dem Weg!" schrie der Richter, aber die Alte kreischte: "Der Blutbruder hat mir keinen Groschen gegeben, seht ihr nicht den toten Menschen vor mir liegen? Uber den kann der Blutbruder nicht wegspringen, der tote Mensch richtet sich auf, aber ich drucke ihn nieder, wenn mir der Blutbruder einen Groschen gibt." Der Richter hatte das Pferd bei dem Zugel ergriffen und wollte es, ohne auf das wahnwitzige Geschrei der Alten zu achten, durch das Tor ziehen, vergeblich war indessen alle Anstrengung, und die Alte schrie grasslich dazwischen: "Blutbruder, Blutbruder, gib mir Groschen, gib mir Groschen!" Da griff ich in die Tasche und warf ihr Geld in den Schoss, und jubelnd und jauchzend sprang die Alte auf in die Lufte und schrie: "Seht die schonen Groschen, die mir der Blutbruder gegeben, seht die schonen Groschen!" Aber mein Pferd wieherte laut und kurbettierte, von dem Richter losgelassen, durch das Tor. "Nun geht es gar schon und herrlich mit dem Reiten, gnadiger Herr, nach allen Qualitaten", sagte der Richter, und die Bauern, die mir bis vors Tor nachgelaufen, lachten noch einmal uber die Massen, als sie mich unter den Sprungen des muntern Pferdes so auf und nieder fliegen sahen, und riefen; "Seht doch, seht doch, der reitet wie ein Kapuziner!"

Der ganze Vorfall im Dorfe, vorzuglich die verhangnisvollen Worte des wahnsinnigen Weibes, hatten mich nicht wenig aufgeregt. Die vornehmsten Massregeln, die ich jetzt zu ergreifen hatte, schienen mir, bei der ersten Gelegenheit alles Auffallende aus meinem Aussern zu verbannen und mir irgend einen Namen zu geben, mit dem ich mich ganz unbemerkt in die Masse der Menschen eindrangen konne. Das Leben lag vor mir wie ein finstres, undurchschauliches Verhangnis, was konnte ich anders tun, als mich in meiner Verbannung ganz den Wellen des Stroms uberlassen, der mich unaufhaltsam dahinriss. Alle Faden, die mich sonst an bestimmte Lebensverhaltnisse banden, waren zerschnitten und daher kein Halt fur mich zu finden. Immer lebendiger und lebendiger wurde die Heerstrasse, und alles kundigte schon in der Ferne die reiche, lebhafte Handelsstadt an, der ich mich jetzt naherte. In wenigen Tagen lag sie mir vor Augen; ohne gefragt, ja ohne einmal eben genau betrachtet zu werden, ritt ich in die Vorstadt hinein. Ein grosses Haus mit hellen Spiegelfenstern, uber dessen Ture ein goldner geflugelter Lowe prangte, fiel mir in die Augen. Eine Menge Menschen wogte hinein und hinaus, Wagen kamen und fuhren ab, aus den untern Zimmern schallte mir Gelachter und Glaserklang entgegen. Kaum hielt ich an der Ture, als geschaftig der Hausknecht herbeisprang, mein Pferd bei dem Zugel ergriff und es, als ich abgestiegen, hineinfuhrte. Der zierlich gekleidete Kellner kam mit dem klappernden Schlusselbunde und schritt mir voran die Treppe herauf; als wir uns im zweiten Stock befanden, sah er mich noch einmal fluchtig an und fuhrte mich dann noch eine Treppe hoher, wo er mir ein massiges Zimmer offnete und mich dann hoflich frug, was ich vorderhand befohle, um zwei Uhr wurde gespeiset im Saal No. 10. erster Stock u.s.w. "Bringen Sie mir eine Flasche Wein!" Das war in der Tat das erste Wort, das ich der dienstfertigen Geschaftigkeit dieser Leute einschieben konnte.

Kaum war ich allein, als es klopfte und ein Gesicht zur Ture hereinsah, das einer komischen Maske glich, wie ich sie wohl ehemals gesehen. Eine spitze rote Nase, ein paar kleine funkelnde Augen, ein langes Kinn und dazu ein aufgeturmtes gepudertes Toupet, das, wie ich nachher wahrnahm, ganz unvermuteterweise hinten in einen Titus ausging, ein grosses Jabot, ein brennend rotes Gilet, unter dem zwei starke Uhrketten hervorhingen, Pantalons, ein Frack, der manchmal zu enge, dann aber auch wieder zu weit war, kurz mit Konsequenz uberall nicht passte! So schritt die Figur in der Krummung des Bucklings, der in der Ture begonnen, herein, Hut, Schere und Kamm in der Hand, sprechend: "Ich bin der Friseur des Hauses und biete meine Dienste, meine unmassgeblichen Dienste gehorsamst an." Die kleine winddurre Figur hatte so etwas Possierliches, dass ich das Lachen kaum unterdrucken konnte. Doch war mir der Mann willkommen, und ich stand nicht an, ihn zu fragen, ob er sich getraue, meine durch die lange Reise und noch dazu durch ubles Verschneiden ganz in Verwirrung geratene Haare in Ordnung zu bringen. Er sah meinen Kopf mit kunstrichterlichen Augen an und sprach, indem er die rechte Hand, grazios gekrummt, mit ausgespreizten Fingern auf die rechte Brust legte: "In Ordnung bringen? O Gott! Pietro Belcampo, du, den die schnoden Neider schlechtweg Peter Schonfeld nennen, wie den gottlichen Regimentspfeifer und Hornisten Giacomo Punto Jakob Stich, du wirst verkannt. Aber stellst du nicht selbst dein Licht unter den Scheffel, statt es leuchten zu lassen vor der Welt? Sollte der Bau dieser Hand, sollte der Funke des Genies, der aus diesem Auge strahlt und wie ein lieblich Morgenrot die Nase farbt im Vorbeistreifen, sollte dein ganzes Wesen nicht dem ersten Blick des Kenners verraten, dass der Geist dir einwohnt, der nach dem Ideal strebt? In Ordnung bringen! ein kaltes Wort, mein Herr!"

Ich bat den wunderlichen kleinen Mann, sich nicht so zu ereifern, indem ich seiner Geschicklichkeit alles zutraue. "Geschicklichkeit?" fuhr er in seinem Eifer fort, "was ist Geschicklichkeit? Wer war geschickt? Jener, der das Mass nahm nach funf Augenlangen und dann springend dreissig Ellen weit in den Graben sturzte? Jener, der ein Linsenkorn auf zwanzig Schritte weit durch ein Nahnadelohr schleuderte? Jener, der funf Zentner an den Degen hing und so ihn an der Nasenspitze balancierte sechs Stunden, sechs Minuten, sechs Sekunden und einen Augenblick? Ha, was ist Geschicklichkeit! Sie ist fremd dem Pietro Belcampo, den die Kunst, die heilige, durchdringt. Die Kunst, mein Herr, die Kunst! Meine Phantasie irrt in dem wunderbaren Lockenbau, in dem kunstlichen Gefuge, das der Zephirhauch in Wellenzirkeln baut und zerstort. Da schafft sie und wirkt und arbeitet. Ha, es ist was Gottliches um die Kunst, denn die Kunst, mein Herr, ist eigentlich nicht sowohl die Kunst, von der man soviel spricht, sondern sie entsteht vielmehr erst aus dem allen, was man die Kunst heisst! Sie verstehen mich, mein Herr, denn Sie scheinen mir ein denkender Kopf, wie ich aus dem Lockchen schliesse, das sich rechter Hand uber Dero verehrte Stirn gelegt." Ich versicherte, dass ich ihn vollkommen verstande, und indem mich die ganz originelle Narrheit des Kleinen hochlich ergotzte, beschloss ich, seine geruhmte Kunst in Anspruch nehmend, seinen Eifer, seinen Pathos nicht im mindesten zu unterbrechen. "Was gedenken Sie denn", sagte ich, "aus meinen verworrenen Haaren herauszubringen?" "Alles, was Sie wollen", erwiderte der Kleine; "soll Pietro Belcampo, des Kunstlers Rat aber etwas vermogen, so lassen Sie mich erst in den gehorigen Weiten, Breiten und Langen Ihr wertes Haupt, Ihre ganze Gestalt, Ihren Gang, Ihre Mienen, Ihr Gebardenspiel betrachten, dann werde ich sagen, ob Sie sich mehr zum Antiken oder zum Romantischen, zum Heroischen, Grossen, Erhabenen, zum Naiven, zum Idyllischen, zum Spottischen, zum Humoristischen hinneigen; dann werde ich die Geister des Caracalla, des Titus, Karls des Grossen, Heinrich des Vierten, Gustav Adolfs oder Virgils, Tassos, Boccaccios heraufbeschworen. Von ihnen beseelt, zukken die Muskeln meiner Finger, und unter der sonoren zwitschernden Schere geht das Meisterstuck hervor. Ich werde es sein, mein Herr, der Ihre Charakteristik, wie sie sich aussprechen soll im Leben, vollendet. Aber jetzt bitte ich, die Stube einigemal auf und ab zu schreiten, ich will beobachten, bemerken, anschauen, ich bitte!"

Dem wunderlichen Mann musste ich mich wohl fugen, ich schritt daher, wie er gewollt, die Stube auf und ab, indem ich mir alle Muhe gab, den gewissen monchischen Anstand, den keiner ganz abzulegen vermag, ist es auch noch so lange her, dass er das Kloster verlassen, zu verbergen. Der Kleine betrachtete mich aufmerksam, dann aber fing er an, um mich her zu trippeln, er seufzte und achzte, er zog sein Schnupftuch hervor und wischte sich die Schweisstropfen von der Stirne. Endlich stand er still, und ich frug ihn, ob er nun mit sich einig worden, wie er mein Haar behandeln musse. Da seufzte er und sprach: "Ach, mein Herr, was ist denn das? Sie haben sich nicht ihrem naturlichen Wesen uberlassen, es war ein Zwang in dieser Bewegung, ein Kampf streitender Naturen. Noch ein paar Schritte, mein Herr!" Ich schlug es ihm rund ab, mich noch einmal zur Schau zu stellen, indem ich erklarte, dass, wenn er nun sich nicht entschliessen konne, mein Haar zu verschneiden, ich darauf verzichten musse, seine Kunst in Anspruch zu nehmen. "Begrabe dich, Pietro," rief der Kleine in vollem Eifer, "denn du wirst verkannt in dieser Welt, wo keine Treue, keine Aufrichtigkeit mehr zu finden. Aber Sie sollen doch meinen Blick, der in die Tiefe schaut, bewundern, ja den Genius in mir verehren, mein Herr! Vergebens suchte ich lange all das Widersprechende, was in Ihrem ganzen Wesen, in Ihren Bewegungen liegt, zusammenzufugen. Es liegt in Ihrem Gange etwas, das auf einen Geistlichen hindeutet. Ex profundis clamavi ad te Domine Oremus Et in omnia saecula saeculorum Amen!" Diese Worte sang der Kleine mit heisrer, quakender Stimme, indem er mit treuster Wahrheit Stellung und Gebarde der Monche nachahmte. Er drehte sich wie vor dem Altar, er kniete und stand wieder auf, aber nun nahm er einen stolzen trotzigen Anstand an, er runzelte die Stirn, er riss die Augen auf und sprach: "Mein ist die Welt! Ich bin reicher, kluger, verstandiger als ihr alle, ihr Maulwurfe; beugt euch vor mir! Sehen Sie, mein Herr," sagte der Kleine, "das sind die Hauptingredienzien Ihres aussern Anstandes, und wenn Sie es wunschen, so will ich, Ihre Zuge, Ihre Gestalt, Ihre Sinnesart beachtend, etwas Caracalla, Abalard und Boccaz zusammengiessen und so in der Glut, Form und Gestalt bildend, den wunderbaren antik-romantischen Bau atherischer Locken und Lockchen beginnen." Es lag so viel Wahres in der Bemerkung des Kleinen, dass ich es fur geraten hielt, ihm zu gestehen, wie ich in der Tat geistlich gewesen und schon die Tonsur erhalten, die ich jetzt soviel moglich zu verstecken wunsche.

Unter seltsamen Sprungen, Grimassen und wunderlichen Reden bearbeitete der Kleine mein Haar. Bald sah er finster und murrisch aus, bald lachelte er, bald stand er in athletischer Stellung, bald erhob er sich auf den Fussspitzen, kurz, es war mir kaum moglich, nicht noch mehr zu lachen, als schon wider meinen Willen geschah. Endlich war er fertig, und ich bat ihn, noch ehe er in die Worte ausbrechen konnte, die ihm schon auf der Zunge schwebten, mir jemanden heraufzuschicken, der sich, ebenso wie er des Haupthaars, meines verwirrten Barts annehmen konnte. Da lachelte er ganz seltsam, schlich auf den Zehen zur Stubenture und verschloss sie. Dann trippelte er leise bis mitten ins Zimmer und sprach: "Goldene Zeit, als noch Bart und Haupthaar in einer Lockenfulle sich zum Schmuck des Mannes ergoss und die susse Sorge eines Kunstlers war. Aber du bist dahin! Der Mann hat seine schonste Zierde verworfen, und eine schandliche Klasse hat sich hingegeben, den Bart mit entsetzlichen Instrumenten bis auf die Haut zu vertilgen. O, ihr schnoden, schmahlichen Bartkratzer und Bartputzer, wetzt nur eure Messer auf schwarzen, mit ubelriechendem Ol getrankten Riemen zum Hohn der Kunst, schwingt eure betroddelten Beutel, klappert mit euern Becken und schaumt die Seife, heisses, gefahrliches Wasser umherspritzend, fragt im frechen Frevel euere Patienten, ob sie uber den Daumen oder uber den Loffel rasiert sein wollen. Es gibt Pietros, die euerm schnoden Gewerbe entgegenarbeiten und, sich erniedrigend zu euerm schmachvollen Treiben, die Barte auszurotten, noch das zu retten suchen, was sich uber die Wellen der Zeit erhebt. Was sind die tausendmal variierten Backenbarte in lieblichen Windungen und Krummungen, bald sich sanft schmiegend der Linie des sanften Ovals, bald traurig niedersinkend in des Halses Vertiefung, bald keck emporstrebend uber die Mundwinkel heraus, bald bescheiden sich einengend in schmaler Linie, bald sich auseinanderbreitend in kuhnem Lockenschwunge was sind sie anders, als die Erfindung unserer Kunst, in der sich das hohe Streben nach dem Schonen, nach dem Heiligen entfaltet? Ha, Pietro! zeige, welcher Geist dir einwohnt, ja, was du fur die Kunst zu unternehmen bereit bist, indem du herabsteigst zum unleidlichen Geschaft der Bartkratzer." Unter diesen Worten hatte der Kleine ein vollstandiges Barbierzeug hervorgezogen und fing an, mich mit leichter geubter Hand von meinem Barte zu befreien. Wirklich ging ich aus seinen Handen ganz anders gestaltet hervor, und es bedurfte nur noch anderer, weniger ins Auge fallender Kleidungsstucke, um mich der Gefahr zu entziehen, wenigstens durch mein Ausseres eine mir gefahrliche Aufmerksamkeit zu erregen. Der Kleine stand, in inniger Zufriedenheit mich anlachelnd, da. Ich sagte ihm, dass ich ganz unbekannt in der Stadt ware und dass es mir angenehm sein wurde, mich bald nach der Sitte des Orts kleiden zu konnen. Ich druckte ihm fur seine Bemuhung und um ihn aufzumuntern, meinen Kommissionar zu machen, einen Dukaten in die Hand. Er war wie verklart, er beaugelte den Dukaten in der flachen Hand. "Wertester Gonner und Mazen," fing er an, "ich habe mich nicht in Ihnen betrogen, der Geist leitete meine Hand, und im Adlerflug des Backenbarts sind Ihre hohe Gesinnungen rein ausgesprochen. Ich habe einen Freund, einen Damon, einen Orest, der das am Korper vollendet, was ich am Haupt begonnen, mit demselben tiefen Sinn, mit demselben Genie. Sie merken, mein Herr, dass es ein Kostumkunstler ist, denn so nenne ich ihn statt des gewohnlichen trivialen Ausdrucks Schneider. Er verliert sich gern in das Ideelle, und so hat er, Formen und Gestalten in der Phantasie bildend, ein Magazin der verschiedensten Kleidungsstucke angelegt. Sie erblicken den modernen Elegant in allen moglichen Nuancen, wie er, bald keck und kuhn alles uberleuchtend, bald, in sich versunken, nichts beachtend, bald naiv tandelnd, bald ironisch, witzig, ubellaunigt, schwermutig, bizarr, ausgelassen, zierlich, burschikos erscheinen will. Der Jungling, der sich zum erstenmal einen Rock machen lassen ohne einengenden Rat der Mama oder des Hofmeisters; der Vierziger, der sich pudern muss des weissen Haars wegen; der lebenslustige Alte, der Gelehrte, wie er sich in der Welt bewegt, der reiche Kaufmann, der wohlhabende Burger: alles hangt in meines Damons Laden vor Ihren Augen; in wenigen Augenblicken sollen sich die Meisterstucke meines Freundes Ihrem Blick entfalten." Er hupfte schnell von dannen und erschien bald mit einem grossen, starken, anstandig gekleideten Manne wieder, der gerade den Gegensatz des Kleinen machte, sowohl im Aussern als in seinem ganzen Wesen und den er mir doch eben als seinen Damon vorstellte. Damon mass mich mit den Augen und suchte dann selbst aus dem Paket, das ihm ein Bursche nachgetragen, Kleidungsstucke heraus, die den Wunschen, welche ich ihm eroffnet, ganz entsprachen. Ja, erst in der Folge habe ich den feinen Takt des Kostumkunstlers, wie ihn der Kleine prezios nannte, eingesehen, der in dem Sinn durchaus nicht aufzufallen, sondern unbemerkt und doch beim Bemerktwerden geachtet, ohne Neugierde uber Stand, Gewerbe u.s.w. zu erregen, zu wandeln, so richtig wahlte. Es ist in der Tat schwer, sich so zu kleiden, dass der gewisse allgemeinere Charakter des Anzuges irgend eine Vermutung, man treibe dies oder jenes Gewerbe, nicht aufkommen lasst, ja, dass niemand daran denkt, darauf zu sinnen. Das Kostum des Weltburgers wird wohl nur durch das Negative bedingt und lauft ungefahr darauf hinaus, was man das gebildete Benehmen heisst, das auch mehr im Unterlassen als im Tun liegt. Der Kleine ergoss sich noch in allerlei sonderbaren grotesken Redensarten, ja, da ihm vielleicht wenige so williges Ohr verliehen als ich, schien er uberglucklich, sein Licht recht leuchten lassen zu konnen. Damon, ein ernster und, wie mir schien, verstandiger Mann, schnitt ihm aber plotzlich die Rede ab, indem er ihn bei der Schulter fasste und sprach: "Schonfeld, du bist heute wieder einmal recht im Zuge, tolles Zeug zu schwatzen; ich wette, dass dem Herrn schon die Ohren wehe tun von all dem Unsinn, den du vorbringst." Belcampo liess traurig sein Haupt sinken, aber dann ergriff er schnell den bestaubten Hut und rief laut, indem er zur Ture hinaussprang: "So werd' ich prostituiert von meinen besten Freunden!" Damon sagte, indem er sich mir empfahl: "Es ist ein Hasenfuss ganz eigner Art, dieser Schonfeld! Das viele Lesen hat ihn halb verruckt gemacht, aber sonst ein gutmutiger Mensch und in seinem Metier geschickt, weshalb ich ihn leiden mag, denn leistet man recht viel wenigstens in einer Sache, so kann man sonst wohl etwas weniges uber die Schnur hauen." Als ich allein war, fing ich vor dem grossen Spiegel, der im Zimmer aufgehangt war, eine formliche Ubung im Gehen an. Der kleine Friseur hatte mir einen richtigen Fingerzeig gegeben. Den Monchen ist eine gewisse schwerfallige, ungelenke Geschwindigkeit im Gehen eigen, die durch die lange Kleidung, welche die Schritte hemmt, und durch das Streben, sich schnell zu bewegen, wie es der Kultus erfordert, hervorgebracht wird. Ebenso liegt in dem zuruckgebeugten Korper und in dem Tragen der Arme, die niemals herunterhangen durfen, da der Monch die Hande, wenn er sie nicht faltet, in die weiten Armel der Kutte steckt, etwas so Charakteristisches, das dem Aufmerksamen nicht leicht entgeht. Ich versuchte dies alles abzulegen, um jede Spur meines Standes zu verwischen. Nur darin fand ich Trost fur mein Gemut, dass ich mein ganzes Leben als ausgelebt, mocht' ich sagen, als uberstanden ansah und nun in ein neues Sein so eintrat, als belebe ein geistiges Prinzip die neue Gestalt, von der uberbaut, selbst die Erinnerung ehemaliger Existenz, immer schwacher und schwacher werdend, endlich ganz unterginge. Das Gewuhl der Menschen, der fortdauernde Larm des Gewerbes, das sich auf den Strassen ruhrte, alles war mir neu und ganz dazu geeignet, die heitre Stimmung zu erhalten, in die mich der komische Kleine versetzt. In meiner neuen anstandigen Kleidung wagte ich mich hinab an die zahlreiche Wirtstafel, und jede Scheu verschwand, als ich wahrnahm, dass mich niemand bemerkte, ja dass mein nachster Nachbar sich nicht einmal die Muhe gab, mich anzuschauen, als ich mich neben ihn setzte. In der Fremdenliste hatte ich, meiner Befreiung durch den Prior gedenkend, mich Leonhard genannt und fur einen Privatmann ausgegeben, der zu seinem Vergnugen reise. Dergleichen Reisende mochte es in der Stadt gar viele geben, und um so weniger veranlasste ich weitere Nachfrage. Es war mir ein eignes Vergnugen, die Strassen zu durchstreichen und mich an dem Anblick der reichen Kaufladen, der ausgehangten Bilder und Kupferstiche zu ergotzen. Abends besuchte ich die offentlichen Spaziergange, wo mich oft meine Abgeschiedenheit mitten im lebhaftesten Gewuhl der Menschen mit bittern Empfindungen erfullte. Von niemanden gekannt zu sein, in niemandes Brust die leiseste Ahnung vermuten zu konnen, wer ich sei, welch ein wunderbares, merkwurdiges Spiel des Zufalls mich hieher geworfen, ja was ich alles in mir selbst verschliesse, so wohltatig es mir in meinem Verhaltnis sein musste, hatte doch fur mich etwas wahrhaft Schauerliches, indem ich mir selbst dann vorkam wie ein abgeschiedener Geist, der noch auf Erden wandle, da alles ihm sonst im Leben Befreundete langst gestorben. Dachte ich daran, wie ehemals den beruhmten Kanzelredner alles freundlich und ehrfurchtsvoll grusste, wie alles nach seiner Unterhaltung, ja nach ein paar Worten von ihm geizte, so ergriff mich bittrer Unmut. Aber jener Kanzelredner war der Monch Medardus, der ist gestorben und begraben in den Abgrunden des Gebirges, ich bin es nicht, denn ich lebe, ja mir ist erst jetzt das Leben neu aufgegangen, das mir seine Genusse bietet. So war es mir, wenn Traume mir die Begebenheiten im Schlosse wiederholten, als waren sie einem anderen, nicht mir, geschehen; dieser andere war doch wieder der Kapuziner, aber nicht ich selbst. Nur der Gedanke an Aurelien verknupfte noch mein voriges Sein mit dem jetzigen, aber wie ein tiefer, nie zu verwindender Schmerz totete er oft die Lust, die mir aufgegangen, und ich wurde dann plotzlich herausgerissen aus den bunten Kreisen, womit mich immer mehr das Leben umfing. Ich unterliess nicht, die vielen offentlichen Hauser zu besuchen, in denen man trank, spielte u.d.m., und vorzuglich war mir in dieser Art ein Hotel in der Stadt lieb geworden, in dem sich des guten Weins wegen jeden Abend eine zahlreiche Gesellschaft versammelte. An einem Tisch im Nebenzimmer sah ich immer dieselben Personen, ihre Unterhaltung war lebhaft und geistreich. Es gelang mir, den Mannern, die einen geschlossenen Zirkel gebildet hatten, naher zu treten, indem ich erst in einer Ecke des Zimmers still und bescheiden meinen Wein trank, endlich irgend eine interessante, literarische Notiz, nach der sie vergebens suchten, mitteilte und so einen Platz am Tische erhielt, den sie mir um so lieber einraumten, als ihnen mein Vortrag sowie meine mannigfachen Kenntnisse, die ich, taglich mehr eindringend in all die Zweige der Wissenschaft, die mir bisher unbekannt bleiben mussten, erweiterte, zusagten. So erwarb ich mir eine Bekanntschaft, die mir wohl tat, und mich immer mehr und mehr an das Leben in der Welt gewohnend, wurde meine Stimmung taglich unbefangener und heitrer; ich schliff all die rauhen Ecken ab, die mir von meiner vorigen Lebensweise ubrig geblieben. Seit mehreren Abenden sprach man in der Gesellschaft, die ich besuchte, viel von einem fremden Maler, der angekommen und eine Ausstellung seiner Gemalde veranstaltet habe; alle ausser mir hatten die Gemalde schon gesehen und ruhmten ihre Vortrefflichkeit so sehr, dass ich mich entschloss auch hinzugehen. Der Maler war nicht zugegen, als ich in den Saal trat, doch machte ein alter Mann den Cicerone und nannte die Meister der fremden Gemalde, die der Maler zugleich mit den seinigen ausgestellt. Es waren herrliche Stucke, mehrenteils Originale beruhmter Meister, deren Anblick mich entzuckte. Bei manchen Bildern, die der Alte fluchtige, grossen Freskogemalden entnommene Kopien nannte, dammerten in meiner Seele Erinnerungen aus meiner fruhsten Jugend auf. Immer deutlicher und deutlicher, immer lebendiger ergluhten sie in regen Farben. Es waren offenbar Kopien aus der heiligen Linde. So erkannte ich auch bei einer heiligen Familie in Josephs Zugen ganz das Gesicht jenes fremden Pilgers, der mir den wunderbaren Knaben brachte. Das Gefuhl der tiefsten Wehmut durchdrang mich, aber eines lauten Ausrufs konnte ich mich nicht erwehren, als mein Blick auf ein lebensgrosses Portrat fiel, in dem ich die Furstin, meine Pflegemutter, erkannte. Sie war herrlich und mit jener im hochsten Sinn aufgefassten Ahnlichkeit, wie Van Dyck seine Portrats malte, in der Tracht, wie sie in der Prozession am Bernardustage vor den Nonnen einherzuschreiten pflegte, gemalt. Der Maler hatte gerade den Moment ergriffen, als sie nach vollendetem Gebet sich anschickt aus ihrem Zimmer zu treten, um die Prozession zu beginnen, auf welche das versammelte Volk in der Kirche, die sich in der Perspektive des Hintergrundes offnet, erwartungsvoll harrt. In dem Blick der herrlichen Frau lag ganz der Ausdruck des zum Himmlischen erhobenen Gemuts, ach, es war, als schien sie Vergebung fur den frevelnden frechen Sunder zu erflehen, der sich gewaltsam von ihrem Mutterherzen losgerissen, und dieser Sunder war ja ich selbst! Gefuhle, die mir langst fremd worden, durchstromten meine Brust, eine unaussprechliche Sehnsucht riss mich fort, ich war wieder bei dem guten Pfarrer im Dorfe des Zisterzienserklosters, ein muntrer, unbefangener, froher Knabe, vor Lust jauchzend, weil der Bernardustag gekommen. Ich sah sie! "Bist du recht fromm und gut gewesen, Franziskus?" frug sie mit der Stimme, deren vollen Klang die Liebe dampfte, dass sie weich und lieblich zu mir herubertonte. "Bist du recht fromm und gut gewesen?" Ach, was konnte ich ihr antworten? Frevel auf Frevel habe ich gehauft, dem Bruch des Gelubdes folgte der Mord! Von Gram und Reue zerfleischt, sank ich halb ohnmachtig auf die Knie, Tranen entsturzten meinen Augen. Erschrocken sprang der Alte auf mich zu und frug heftig: "Was ist Ihnen, was ist Ihnen, mein Herr?" "Das Bild der Abtissin ist meiner, eines grausamen Todes gestorbenen Mutter so ahnlich", sagte ich dumpf in mich hinein und suchte, indem ich aufstand, so viel Fassung als moglich zu gewinnen. "Kommen Sie, mein Herr!" sagte der Alte, "solche Erinnerungen sind zu schmerzhaft, man darf sie vermeiden, es ist noch ein Portrat hier, welches mein Herr fur sein bestes halt. Das Bild ist nach dem Leben gemalt und unlangst vollendet, wir haben es verhangt, damit die Sonne nicht die noch nicht einmal ganz eingetrockneten Farben verderbe." Der Alte stellte mich sorglich in das gehorige Licht und zog dann schnell den Vorhang weg. Es war Aurelie! Mich ergriff ein Entsetzen, das ich kaum zu bekampfen vermochte. Aber ich erkannte die Nahe des Feindes, der mich in die wogende Flut, der ich kaum entronnen, gewaltsam hineindrangen, mich vernichten wollte, und mir kam der Mut wieder, mich aufzulehnen gegen das Ungetum, das in geheimnisvollem Dunkel auf mich einsturmte.

Mit gierigen Blicken verschlang ich Aureliens Reize, die aus dem in regem Leben gluhenden Bilde hervorstrahlten. Der kindliche milde Blick des frommen Kindes schien den verruchten Morder des Bruders anzuklagen, aber jedes Gefuhl der Reue erstarb in dem bittern feindlichen Hohn, der, in meinem Innern aufkeimend, mich wie mit giftigen Stacheln hinaustrieb aus dem freundlichen Leben. Nur das peinigte mich, dass in jener verhangnisvollen Nacht auf dem Schlosse Aurelie nicht mein geworden. Hermogens Erscheinung vereitelte das Unternehmen, aber er busste mit dem Tode! Aurelie lebt, und das ist genug, der Hoffnung Raum zu geben, sie zu besitzen! Ja, es ist gewiss, dass sie noch mein wird, denn das Verhangnis waltet, dem sie nicht entgehen kann; und bin ich nicht selbst dieses Verhangnis?

So ermutigte ich mich zum Frevel, indem ich das Bild anstarrte. Der Alte schien uber mich verwundert. Er kramte viel Worte aus uber Zeichnung, Ton, Kolorit, ich horte ihn nicht. Der Gedanke an Aurelie, die Hoffnung, die nur aufgeschobene bose Tat noch zu vollbringen, erfullte mich so ganz und gar, dass ich forteilte, ohne nach dem fremden Maler zu fragen und so vielleicht naher zu erforschen, was fur eine Bewandtnis es mit den Gemalden haben konne, die wie in einem Zyklus Andeutungen uber mein ganzes Leben enthielten. Um Aureliens Besitz war ich entschlossen alles zu wagen, ja es war mir, als ob ich selbst, uber die Erscheinungen meines Lebens gestellt und sie durchschauend, niemals zu furchten und daher auch niemals zu wagen haben konne. Ich brutete uber allerlei Plane und Entwurfe, meinem Ziele naher zu kommen, vorzuglich glaubte ich nun, von dem fremden Maler manches zu erfahren und manche mir fremde Beziehung zu erforschen, die mir zu wissen als Vorbereitung zu meinem Zweck notig sein konnte. Ich hatte namlich nichts Geringeres im Sinn, als in meiner jetzigen neuen Gestalt auf das Schloss zuruckzukehren, und das schien mir nicht einmal ein sonderlich kuhnes Wagstuck zu sein. Am Abend ging ich in jene Gesellschaft; es war mir darum zu tun, der immer steigenden Spannung meines Geistes, dem ungezahmten Arbeiten meiner aufgeregten Phantasie Schranken zu setzen.

Man sprach viel von den Gemalden des fremden Malers und vorzuglich von dem seltnen Ausdruck, den er seinen Portrats zu geben wusste; es war mir moglich, in dies Lob einzustimmen und mit einem besondern Glanz des Ausdrucks, der nur der Reflex der hohnenden Ironie war, die in meinem Innern wie verzehrendes Feuer brannte, die unnennbaren Reize, die uber Aureliens frommes engelschones Gesicht verbreitet, zu schildern. Einer sagte, dass er den Maler, den die Vollendung mehrerer Portrats, die er angefangen, noch am Orte festhielt und der ein interessanter herrlicher Kunstler, wiewohl schon ziemlich bejahrt sei, morgen abends in die Gesellschaft mitbringen wolle.

Von seltsamen Gefuhlen, von unbekannten Ahnungen besturmt, ging ich den andern Abend spater als gewohnlich in die Gesellschaft; der Fremde sass mit mir zugekehrtem Rucken am Tische. Als ich mich setzte, als ich ihn erblickte, da starrten mir die Zuge jenes furchterlichen Unbekannten entgegen, der am Antoniustage an den Eckpfeiler gelehnt stand und mich mit Angst und Entsetzen erfullte. Er sah mich lange an mit tiefem Ernst, aber die Stimmung, in der ich mich befand, seitdem ich Aureliens Bild geschaut hatte, gab mir Mut und Kraft, diesen Blick zu ertragen. Der Feind war nun sichtlich ins Leben getreten, und es galt, den Kampf auf den Tod mit ihm zu beginnen. Ich beschloss, den Angriff abzuwarten, aber dann ihn mit den Waffen, auf deren Starke ich bauen konnte, zuruckzuschlagen. Der Fremde schien mich nicht sonderlich zu beachten, sondern setzte, den Blick wieder von mir abwendend, das Kunstgesprach fort, in dem er begriffen gewesen, als ich eintrat. Man kam auf seine Gemalde und lobte vorzuglich Aureliens Portrat. Jemand behauptete, dass das Bild, unerachtet es sich auf den ersten Blick als Portrat ausspreche, doch als Studie dienen und zu irgend einer Heiligen benutzt werden konne. Man frug nach meinem Urteil, da ich eben jenes Bild so herrlich mit allen seinen Vorzugen in Worten dargestellt, und unwillkurlich fuhr es mir heraus, dass ich die heilige Rosalia mir nicht wohl anders denken konne, als ebenso wie das Portrat der Unbekannten. Der Maler schien meine Worte kaum zu bemerken, indem er sogleich einfiel: "In der Tat ist jenes Frauenzimmer, die das Portrat getreulich darstellt, eine fromme Heilige, die im Kampfe sich zum Himmlischen erhebt. Ich habe sie gemalt, als sie, von dem entsetzlichsten Jammer ergriffen, doch in der Religion Trost und von dem ewigen Verhangnis, das uber den Wolken thront, Hilfe hoffte; und den Ausdruck dieser Hoffnung, die nur in dem Gemut wohnen kann, das sich uber das Irdische hoch erhebt, habe ich dem Bilde zu geben gesucht." Man verlor sich in andere Gesprache, der Wein, der heute dem fremden Maler zu Ehren in bessrer Sorte und reichlicher getrunken wurde als sonst, erheiterte die Gemuter. Jeder wusste irgend etwas Ergotzliches zu erzahlen, und wiewohl der Fremde nur im Innern zu lachen und dies innere Lachen sich nur im Auge abzuspiegeln schien, so wusste er doch, oft nur durch ein paar hineingeworfene kraftige Worte, das Ganze in besonderem Schwunge zu erhalten. Konnte ich auch, so oft mich der Fremde ins Auge fasste, ein unheimliches grauenhaftes Gefuhl nicht unterdrucken, so uberwand ich doch immer mehr und mehr die entsetzliche Stimmung, von der ich erst ergriffen, als ich den Fremden erblickte. Ich erzahlte von dem possierlichen Belcampo, den alle kannten, und wusste zu ihrer Freude seine phantastische Hasenfussigkeit recht ins grelle Licht zu stellen, so dass ein recht gemutlicher dicker Kaufmann, der mir gegenuber zu sitzen pflegte, mit vor Lachen tranenden Augen versicherte, das sei seit langer Zeit der vergnugteste Abend, den er erlebe. Als das Lachen endlich zu verstummen anfing, frug der Fremde plotzlich: "Haben Sie schon den Teufel gesehen, meine Herren?" Man hielt die Frage fur die Einleitung zu irgend einem Schwank und versicherte allgemein, dass man noch nicht die Ehre gehabt; da fuhr der Fremde fort: "Nun, es hatte wenig gefehlt, so ware ich zu der Ehre gekommen, und zwar auf dem Schlosse des Barons F. im Gebirge." Ich erbebte, aber die andern riefen lachend: "Nur weiter, weiter!" "Sie kennen", nahm der Fremde wieder das Wort, "wohl alle wahrscheinlich, wenn Sie die Reise durch das Gebirge machten, jene wilde schauerliche Gegend, in der, wenn der Wanderer aus dem dicken Tannenwalde auf die hohen Felsenmassen tritt, sich ihm ein tiefer schwarzer Abgrund offnet. Es ist der sogenannte Teufelsgrund, und oben ragt ein Felsenstuck hervor, welches den sogenannten Teufelssitz bildet. Man spricht davon, dass der Graf Viktorin, mit bosen Anschlagen im Kopfe, eben auf diesem Felsen sass, als plotzlich der Teufel erschien und, weil er beschlossen, Viktorins ihm wohlgefallige Anschlage selbst auszufuhren, den Grafen in den Abgrund schleuderte. Der Teufel erschien sodann als Kapuziner auf dem Schlosse des Barons, und nachdem er seine Lust mit der Baronesse gehabt, schickte er sie zur Holle, sowie er auch den wahnsinnigen Sohn des Barons, der durchaus des Teufels Inkognito nicht dulden wollte, sondern laut verkundete: 'Es ist der Teufel!' erwurgte, wodurch denn aber eine fromme Seele aus dem Verderben errettet wurde, das der arglistige Teufel beschlossen. Nachher verschwand der Kapuziner auf unbegreifliche Weise, und man sagt, er sei feige geflohn vor Viktorin, der aus seinem Grabe blutig emporgestiegen. Dem sei nun allem, wie ihm wolle, so kann ich Sie doch davon versichern, dass die Baronesse an Gift umkam, Hermogen meuchlings ermordet wurde, der Baron kurz darauf vor Gram starb und Aurelie, eben die fromme Heilige, die ich in der Zeit, als das Entsetzliche geschehen, auf dem Schlosse malte, als verlassene Waise in ein fernes Land, und zwar in ein Zisterzienserkloster, fluchtete, dessen Abtissin ihrem Vater befreundet war. Sie haben das Bild dieser herrlichen Frau in meiner Galerie gesehn. Doch das alles wird Ihnen dieser Herr (er wies nach mir) viel umstandlicher und besser erzahlen konnen, da er wahrend der ganzen Begebenheit auf dem Schlosse zugegen war." Alle Blicke waren voll Erstaunen auf mich gerichtet, entrustet sprang ich auf und rief mit heftiger Stimme: "Ei, mein Herr, was habe ich mit Ihren albernen Teufelsgeschichten, mit Ihren Morderzahlungen zu schaffen, Sie verkennen mich, Sie verkennen mich in der Tat, und ich bitte, mich ganz aus dem Spiel zu lassen." Bei dem Aufruhr in meinem Innern wurde es mir schwer genug, meinen Worten noch diesen Anstrich von Gleichgultigkeit zu geben; die Wirkung der geheimnisvollen Reden des Malers sowie meine leidenschaftliche Unruhe, die ich zu verbergen mich vergebens bemuhte, war nur zu sichtlich. Die heitre Stimmung verschwand, und die Gaste, nun sich erinnernd, wie ich, allen ganzlich fremd, mich so nach und nach dazu gefunden, sahen mich mit misstrauischen, argwohnischen Blicken an.

Der fremde Maler war aufgestanden und durchbohrte mich mit den stieren lebendigtoten Augen wie damals in der Kapuzinerkirche. Er sprach kein Wort, er schien starr und leblos, aber sein gespenstischer Anblick straubte mein Haar, kalte Tropfen standen auf der Stirn, und von Entsetzen gewaltig erfasst, erbebten alle Fibern. "Hebe dich weg," schrie ich ausser mir, "du bist selbst der Satan, du bist der frevelnde Mord, aber uber mich hast du keine Macht!"

Alles erhob sich von den Sitzen: "Was ist das, was ist das?" rief es durcheinander; aus dem Saale drangten sich, das Spiel verlassend, die Menschen hinein, von dem furchterlichen Ton meiner Stimme erschreckt. "Ein Betrunkener, ein Wahnsinniger! Bringt ihn fort, bringt ihn fort", riefen mehrere. Aber der fremde Maler stand unbeweglich, mich anstarrend. Unsinnig vor Wut und Verzweiflung, riss ich das Messer, womit ich Hermogen getotet und das ich stets bei mir zu tragen pflegte, aus der Seitentasche und sturzte mich auf den Maler, aber ein Schlag warf mich nieder, und der Maler lachte im furchterlichen Hohn, dass es im Zimmer widerhallte: "Bruder Medardus, Bruder Medardus, falsch ist dein Spiel, geh und verzweifle in Reue und Scham." Ich fuhlte mich von den Gasten angepackt, da ermannte ich mich, und wie ein wutender Stier drangte und stiess ich gegen die Menge, dass mehrere zur Erde sturzten und ich mir den Weg zur Ture bahnte. Rasch eilte ich durch den Korridor, da offnete sich eine kleine Seitenture, ich wurde in ein finstres Zimmer hineingezogen, ich widerstrebte nicht, weil die Menschen schon hinter mir herbrausten. Als der Schwarm voruber, fuhrte man mich eine Seitentreppe hinab in den Hof und dann durch das Hintergebaude auf die Strasse. Bei dem hellen Schein der Laterne erkannte ich in meinem Retter den possierlichen Belcampo. "Dieselben scheinen", fing er an, "einige Fatalitat mit dem fremden Maler zu haben, ich trank im Nebenzimmer ein Glaschen, als der Larm anging, und beschloss, da mir die Gelegenheit des Hauses bekannt, Sie zu retten, denn nur ich allein bin an der ganzen Fatalitat schuld." "Wie ist das moglich?" frug ich voll Erstaunen. "Wer gebietet dem Moment, wer widerstrebt den Hingebungen des hohern Geistes!" fuhr der Kleine voll Pathos fort. "Als ich Ihr Haupthaar arrangierte, Verehrter, entzundeten sich in mir comme a l'ordinaire die sublimsten Ideen, ich uberliess mich dem wilden Ausbruch ungeregelter Phantasie, und daruber vergass ich nicht allein, die Locke des Zorns auf dem Hauptwirbel gehorig zur weichen Runde abzuglatten, sondern liess auch sogar siebenundzwanzig Haare der Angst und des Entsetzens uber der Stirne stehen, diese richteten sich auf bei den starren Blicken des Malers, der eigentlich ein Revenant ist, und neigten sich achzend gegen die Locke des Zorns, die zischend und knisternd auseinanderfuhr. Ich habe alles geschaut, da zogen Sie, von Wut entbrannt, ein Messer, Verehrter, an dem schon diverse Blutstropfen hingen, aber es war ein eitles Bemuhen, dem Orkus den zuzusenden, der dem Orkus schon gehorte, denn dieser Maler ist Ahasverus, der ewige Jude, oder Bertram de Bornis oder Mephistopheles oder Benvenuto Cellini oder der heilige Peter, kurz ein schnoder Revenant und durch nichts anders zu bannen, als durch ein gluhendes Lockeneisen, welches die Idee krummt, welche eigentlich er ist oder durch schickliches Frisieren der Gedanken, die er einsaugen muss, um die Idee zu nahren, mit elektrischen Kammen. Sie sehen, Verehrter, dass mir, dem Kunstler und Phantasten von Profession, dergleichen Dinge wahre Pomade sind, welches Sprichwort, aus meiner Kunst entnommen, weit bedeutender ist, als man wohl glaubt, sobald nur die Pomade echtes Nelkenol enthalt." Das tolle Geschwatz des Kleinen, der unterdessen mit mir durch die Strassen rannte, hatte in dem Augenblick fur mich etwas Grauenhaftes, und wenn ich dann und wann seine skurrile Sprunge, sein komisches Gesicht bemerkte, musste ich wie im konvulsivischen Krampf laut auflachen. Endlich waren wir in meinem Zimmer; Belcampo half mir packen, bald war alles zur Reise bereit, ich druckte dem Kleinen mehrere Dukaten in die Hand, er sprang hoch auf vor Freude und rief laut: "Heisa, nun habe ich ehrenwertes Geld, lauter flimmerndes Gold, mit Herzblut getrankt, gleissend und rote Strahlen spielend. Das ist ein Einfall und noch dazu ein lustiger, mein Herr, weiter nichts."

Den Zusatz mochte ihm mein Befremden uber seinen Ausruf entlocken; er bat sich es aus, der Locke des Zorns noch die gehorige Runde geben, die Haare des Entsetzens kurzer schneiden und ein Lockchen Liebe zum Andenken mitnehmen zu durfen. Ich liess ihn gewahren, und er vollbrachte alles unter den possierlichsten Gebarden und Grimassen. Zuletzt ergriff er das Messer, welches ich beim Umkleiden auf den Tisch gelegt, und stach damit, indem er eine Fechterstellung annahm, in die Luft hinein. "Ich tote ihren Widersacher," rief er, "und da er eine blosse Idee ist, muss er getotet werden konnen durch eine Idee und erstirbt demnach an dieser, der meinigen, die ich, um die Expression zu verstarken, mit schicklichen Leibesbewegungen begleite. Apage Satanas, apage, apage, Ahasverus, allez-vous-en! Nun das ware getan", sagte er, das Messer weglegend, tief atmend und sich die Stirne trocknend, wie einer, der sich tuchtig angegriffen, um eine schwere Arbeit zu vollbringen. Rasch wollte ich das Messer verbergen und fuhr damit in den Armel, als truge ich noch die Monchskutte, welches der Kleine bemerkte und ganz schlau belachelte. Indem blies der Postillon vor dem Hause, da veranderte Belcampo plotzlich Ton und Stellung, er holte ein kleines Schnupftuch hervor, tat, als wische er sich die Tranen aus den Augen, buckte sich einmal uber das andere ganz ehrerbietig, kusste mir die Hand und den Rock und flehte: "Zwei Messen fur meine Grossmutter, die an einer Indigestion, vier Messen fur meinen Vater, der an unwillkurlichem Fasten starb, ehrwurdiger Herr! Aber fur mich jede Woche eine, wenn ich gestorben. Vorderhand Ablass fur meine vielen Sunden. Ach, ehrwurdiger Herr, es steckt ein infamer sundlicher Kerl in meinem Innern und spricht: 'Peter Schonfeld, sei kein Affe und glaube, dass du bist, sondern ich bin eigentlich du, heisse Belcampo und bin eine geniale Idee, und wenn du das nicht glaubst, so stosse ich dich nieder mit einem spitzigen haarscharfen Gedanken.' Dieser feindliche Mensch, Belcampo genannt, Ehrwurdiger, begeht alle mogliche Laster; unter andern zweifelt er oft an der Gegenwart, betrinkt sich sehr, schlagt um sich und treibt Unzucht mit schonen jungfraulichen Gedanken; dieser Belcampo hat mich, den Peter Schonfeld, ganz verwirrt und konfuse gemacht, dass ich oft ungebuhrlich springe und die Farbe der Unschuld schande, indem ich singend in dulci jubilo mit weissseidenen Strumpfen in den Dr- setze. Vergebung fur beide, Pietro Belcampo und Peter Schonfeld!" Er kniete vor mir nieder und tat, als schluchze er heftig. Die Narrheit des Menschen wurde mir lastig. "Seien Sie doch vernunftig", rief ich ihm zu; der Kellner trat herein, um mein Gepack zu holen. Belcampo sprang auf, und wieder in seinen lustigen Humor zuruckkommend, half er, indem er in einem fort schwatzte, dem Kellner das herbeibringen, was ich noch in der Eile verlangte. "Der Kerl ist ein ausgemachter Hasenfuss, man darf sich mit ihm nicht viel einlassen", rief der Kellner, indem er die Wagenture zuschlug. Belcampo schwenkte den Hut und rief: "Bis zum letzten Hauch meines Lebens!" als ich mit bedeutendem Blick den Finger auf den Mund legte.

Als der Morgen zu dammern anfing, lag die Stadt schon weit hinter mir, und die Gestalt des furchtbaren, entsetzlichen Menschen, der wie ein unerforschliches Geheimnis mich grauenvoll umfing, war verschwunden. Die Frage der Postmeister: "Wohin?" ruckte es immer wieder aufs neue mir vor, wie ich nun jeder Verbindung im Leben abtrunnig worden und, den wogenden Wellen des Zufalls preisgegeben, umherstreiche. Aber hatte nicht eine unwiderstehliche Macht mich gewaltsam herausgerissen aus allem, was mir sonst befreundet, nur damit der mir inwohnende Geist in ungehemmter Kraft seine Schwingen rustig entfalte und rege? Rastlos durchstrich ich das herrliche Land, nirgends fand ich Ruhe, es trieb mich unaufhaltsam fort, immer weiter hinab in den Suden, ich war, ohne daran zu denken, bis jetzt kaum merklich von der Reiseroute abgewichen, die mir Leonardus bezeichnet, und so wirkte der Stoss, mit dem er mich in die Welt getrieben, wie mit magischer Gewalt fort in gerader Richtung.

In einer finstern Nacht fuhr ich durch einen dichten Wald, der sich bis uber die nachste Station ausdehnen sollte, wie mir der Postmeister gesagt und deshalb geraten hatte, bei ihm den Morgen abzuwarten, welches ich, um nur so rasch als moglich ein Ziel zu erreichen, das mir selbst ein Geheimnis war, ausschlug. Schon als ich abfuhr, leuchteten Blitze in der Ferne, aber bald zogen schwarzer und schwarzer die Wolken herauf, die der Sturm zusammengeballt hatte und brausend vor sich her jagte: der Donner hallte furchtbar im tausendstimmigen Echo wieder, und rote Blitze durchkreuzten den Horizont, soweit das Auge reichte; die hohen Tannen krachten, bis in die Wurzel erschuttert, der Regen goss in Stromen herab. Jeden Augenblick liefen wir Gefahr, von den Baumen erschlagen zu werden, die Pferde baumten sich, scheu geworden durch das Leuchten der Blitze, bald konnten wir kaum noch fort; endlich wurde der Wagen so hart umgeschleudert, dass das Hinterrad zerbrach. So mussten wir nun auf der Stelle bleiben und warten, bis das Gewitter nachliess und der Mond durch die Wolken brach. Jetzt bemerkte der Postillon, dass er in der Finsternis ganz von der Strasse abgekommen und in einen Waldweg geraten sei; es war kein andres Mittel, als diesen Weg, so gut es gehen wollte, zu verfolgen und so vielleicht mit Tagesanbruch in ein Dorf zu kommen. Der Wagen wurde mit einem Baumast gestutzt, und so ging es Schritt vor Schritt fort. Bald bemerkte ich, der ich voranging, in der Ferne den Schimmer eines Lichts und glaubte Hundegebell zu vernehmen; ich hatte mich nicht getauscht, denn kaum waren wir einige Minuten langer gegangen, als ich ganz deutlich Hunde anschlagen horte. Wir kamen an ein ansehnliches Haus, das in einem grossen, mit einer Mauer umschlossenen Hofe stand. Der Postillon klopfte an die Pforte, die Hunde sprangen tobend und bellend herbei, aber im Hause selbst blieb alles stille und tot, bis der Postillon sein Horn erschallen liess; da wurde im obern Stock das Fenster, aus dem mir das Licht entgegenschimmerte, geoffnet und eine tiefe rauhe Stimme rief herab: "Christian, Christian!" "Ja, gestrenger Herr", antwortete es unten. "Da klopft und blast es", fuhr die Stimme von oben fort, "an unserm Tor, und die Hunde sind ganz des Teufels. Nehm er einmal die Laterne und die Buchse No. 3 und sehe er zu, was es gibt." Bald darauf horten wir, wie Christian die Hunde ablockte, und sahen ihn endlich mit der Laterne kommen. Der Postillon meinte, es sei kein Zweifel, wie er gleich, als der Wald begonnen, statt geradeaus zu fahren, seitwarts eingebogen sein musse, da wir bei der Forsterwohnung waren, die von der letzten Station eine Stunde rechts abliege. Als wir dem Christian den Zufall, der uns betroffen, geklagt, offnete er sogleich beide Flugel des Tors und half den Wagen hinein. Die beschwichtigten Hunde schwanzelten und schnuffelten um uns her, und der Mann, der sich nicht vom Fenster entfernt, rief unaufhorlich herab: "Was da, was da? Was fur eine Karawane?" ohne dass Christian oder einer von uns Bescheid gegeben. Endlich trat ich, wahrend Christian Pferde und Wagen unterbrachte, ins Haus, das Christian geoffnet, und es kam mir ein grosser starker Mann mit sonneverbranntem Gesicht, den grossen Hut mit grunem Federbusch auf dem Kopf, ubrigens im Hemde, nur die Pantoffeln an die Fusse gesteckt, mit dem blossen Hirschfanger in der Hand, entgegen, indem er mir barsch entgegenrief: "Woher des Landes? Was turbiert man die Leute in der Nacht, das ist hier kein Wirtshaus, keine Poststation. Hier wohnt der Revierforster, und das bin ich! Christian ist ein Esel, dass er das Tor geoffnet." Ich erzahlte ganz kleinmutig meinen Unfall und dass nur die Not uns hier hineingetrieben, da wurde der Mann geschmeidiger, er sagte: "Nun freilich, das Unwetter war gar heftig, aber der Postillon ist doch ein Schlingel, dass er falsch fuhr und den Wagen zerbrach. Solch ein Kerl muss mit verbundenen Augen im Walde fahren konnen, er muss darin zu Hause sein wie unsereins." Er fuhrte mich herauf, und indem er den Hirschfanger aus der Hand legte, den Hut abnahm und den Rock uberwarf, bat er, seinen rauhen Empfang nicht ubel zu deuten, da er hier in der abgelegenen Wohnung um so mehr auf der Hut sein musse, als wohl ofters allerlei liederlich Gesindel den Wald durchstreife und er vorzuglich mit den sogenannten Freischutzen, die ihm schon oft nach dem Leben getrachtet, beinahe in offner Fehde liege. "Aber," fuhr er fort, "die Spitzbuben konnen mir nichts anhaben, denn mit der Hilfe Gottes verwalte ich mein Amt treu und redlich, und im Glauben und Vertrauen auf ihn und auf mein gut Gewehr biete ich ihnen Trotz." Unwillkurlich schob ich, wie ich es noch oft aus alter Gewohnheit nicht lassen konnte, einige salbungsvolle Worte uber die Kraft des Vertrauens auf Gott ein, und der Forster erheiterte sich immer mehr und mehr. Meiner Protestationen unerachtet weckte er seine Frau, eine betagte, aber muntre ruhrige Matrone, die, wiewohl aus dem Schlafe gestort, doch freundlich den Gast bewillkommte und auf des Mannes Geheiss sogleich ein Abendessen zu bereiten anfing. Der Postillion sollte, so hatte es ihm der Forster als Strafe aufgegeben, noch in derselben Nacht mit dem zerbrochenen Wagen auf die Station zuruck, von der er gekommen, und ich von ihm, dem Forster, nach meinem Belieben auf die nachste Station gebracht werden. Ich liess mir das um so eher gefallen, als mir selbst wenigstens eine kurze Ruhe notig schien. Ich ausserte deshalb dem Forster, dass ich wohl bis zum Mittag des folgenden Tages dazubleiben wunsche, um mich ganz von der Ermudung zu erholen, die mir das bestandige, unaufhorliche Fahren mehrere Tage hindurch verursacht. "Wenn ich Ihnen raten soll, mein Herr," erwiderte der Forster, "so bleiben Sie morgen den ganzen Tag uber hier und warten Sie bis ubermorgen, da bringt Sie mein altester Sohn, den ich in die furstliche Residenz schicke, selbst bis auf die nachste Station." Auch damit war ich zufrieden, indem ich die Einsamkeit des Orts ruhmte, die mich wunderbar anziehe. "Nun, mein Herr," sagte der Forster, "einsam ist es hier wohl gar nicht, Sie mussten denn so nach den gewohnlichen Begriffen der Stadter jede Wohnung einsam nennen, die im Walde liegt, unerachtet es denn doch sehr darauf ankommt, wer sich darin aufhalt, Ja, wenn hier in diesem alten Jagdschloss noch so ein griesgramiger alter Herr wohnte, wie ehemals, der sich in seinen vier Mauern einschloss und keine Lust hatte an Wald und Jagd, da mochte es wohl ein einsamer Aufenthalt sein, aber seitdem er tot ist und der gnadige Landesfurst das Gebaude zur Forsterwohnung einrichten lassen, da ist es hier recht lebendig worden. Sie sind doch wohl so ein Stadter, mein Herr, der nichts weiss von Wald und Jagdlust, da konnen Sie sich's denn nicht denken, was wir Jagersleute fur ein herrlich freudig Leben fuhren. Ich mit meinen Jagerburschen mache nur eine Familie aus, ja, Sie mogen das nun kurios finden oder nicht, ich rechne meine klugen anstelligen Hunde auch dazu; die verstehen mich und passen auf mein Wort, auf meinen Wink und sind mir treu bis zum Tode. Sehen Sie wohl, wie mein Waldmann da mich so verstandig anschaut, weil er weiss, dass ich von ihm rede? Nun, Herr, gibt es beinahe immer was im Walde zu tun, da ist denn nun abends ein Vorbereiten und Wirtschaften, und sowie der Morgen graut, bin ich aus den Federn und trete heraus, ein lustig Jagerstuckchen auf meinem Horn blasend. Da ruttelt und rappelt sich alles aus dem Schlafe, die Hunde schlagen an, sie jauchzen vor Mut und Jagdbegier. Die Bursche werfen sich schnell in die Kleider, Jagdtasch' umgeworfen, Gewehr uber der Schulter, treten sie hinein in die Stube, wo meine Alte das Jagerfruhstuck bereitet, und nun geht's heraus in Jubel und Lust. Wir kommen hin an die Stellen, wo das Wild verborgen, da nimmt jeder, vom andern entfernt, einzeln seinen Platz, die Hunde schleichen, den Kopf geduckt zur Erde, und schnuffeln und spuren und schauen den Jager an wie mit klugen menschlichen Augen, und der Jager steht, kaum atmend, mit gespanntem Hahn regungslos, wie eingewurzelt auf der Stelle. Und wenn nun das Wild herausspringt aus dem Dickicht und die Schusse knallen und die Hunde sturzen hintendrein, ei Herr, da klopft einem das Herz, und man ist ein ganz andrer Mensch. Und jedesmal ist solch ein Ausziehen zur Jagd was neues, denn immer kommt was ganz Besonderes vor, was noch nicht dagewesen. Schon dadurch, dass das Wild sich in die Zeiten teilt, so dass nun dies, dann jenes sich zeigt, wird das Ding so herrlich, dass kein Mensch auf Erden es satt haben kann. Aber, Herr, auch der Wald schon an und vor sich selbst, der Wald ist ja so lustig und lebendig, dass ich mich niemals einsam fuhle. Da kenne ich jedes Platzchen und jeden Baum, und es ist mir wahrhaftig so, als wenn jeder Baum, der unter meinen Augen aufgewachsen und nun seine blanken regen Wipfel in die Lufte streckt, mich auch kennen und lieb haben musste, weil ich ihn gehegt und gepflegt, ja ich glaube ordentlich, wenn es manchmal so wunderbar rauscht und flustert, als sprache es zu mir mit ganz eignen Stimmen, und das ware eigentlich das wahre Lobpreisen Gottes und seiner Allmacht und ein Gebet, wie man es gar nicht mit Worten auszusprechen vermag. Kurz, ein rechtschaffener frommer Jagersmann fuhrt ein gar lustig herrlich Leben, denn es ist ihm ja wohl noch etwas von der alten, schonen Freiheit geblieben, wie die Menschen so recht in der Natur lebten und von all dem Geschwanzel und Geziere nichts wussten, womit sie sich in ihren gemauerten Kerkern qualen, so dass sie auch ganz entfremdet sind all den herrlichen Dingen, die Gott um sie hergestellt hat, damit sie sich daran erbauen und ergotzen sollen, wie es sonst die Freien taten, die mit der ganzen Natur in Liebe und Freundschaft lebten, wie man es in den alten Geschichten lieset."

Alles das sagte der alte Forster mit einem Ton und Ausdruck, dass man wohl uberzeugt sein musste, wie er es tief in der Brust fuhle, und ich beneidete ihn in der Tat um sein gluckliches Leben, um seine im Innersten tiefbegrundete ruhige Gemutsstimmung, die der meinigen so unahnlich war.

Im andern Teil des, wie ich jetzt wahrnahm, ziemlich weitlauftigen Gebaudes wies mir der Alte ein kleines, nett aufgeputztes Gemach an, in welchem ich meine Sachen bereits vorfand, und verliess mich, indem er versicherte, dass mich der fruhe Larm im Hause nicht wecken wurde, da ich mich von der ubrigen Hausgenossenschaft ganz abgesondert befinde und daher so lange ruhen konne, als ich wolle, nur erst, wenn ich hinabrufe, wurde man mir das Fruhstuck bringen, ich aber ihn, den Alten, erst beim Mittagsessen wiedersehen, da er fruh mit den Burschen in den Wald ziehe und vor Mittag nicht heimkehre. Ich warf mich auf das Lager und fiel, ermudet wie ich war, bald in tiefen Schlaf, aber es folterte mich ein entsetzliches Traumbild. Auf ganz wunderbare Weise fing der Traum mit dem Bewusstsein des Schlafs an, ich sagte mir namlich selbst: "Nun, das ist herrlich, dass ich gleich eingeschlafen bin und so fest und ruhig schlummere, das wird mich von der Ermudung ganz erlaben; nur muss ich ja nicht die Augen offnen." Aber demunerachtet war es mir, als konne ich das nicht unterlassen, und doch wurde mein Schlaf dadurch nicht unterbrochen; da ging die Ture auf, und eine dunkle Gestalt trat hinein, die ich zu meinem Entsetzen als mich selbst, im Kapuzinerhabit, mit Bart und Tonsur erkannte. Die Gestalt kam naher und naher an mein Bett, ich war regungslos, und jeder Laut, den ich herauszupressen suchte, erstickte in dem Starrkrampf, der mich ergriffen. Jetzt setzte sich die Gestalt auf mein Bett und grinsete mich hohnisch an. "Du musst jetzt mit mir kommen," sprach die Gestalt, "wir wollen auf das Dach steigen unter die Wetterfahne, die ein lustig Brautlied spielt, weil der Uhu Hochzeit macht. Dort wollen wir ringen miteinander, und wer den andern herabstosst, ist Konig und darf Blut trinken." Ich fuhlte, wie die Gestalt mich packte und in die Hohe zog, da gab mir die Verzweiflung meine Kraft wieder. "Du bist nicht ich, du bist der Teufel", schrie ich auf und griff wie mit Krallen dem bedrohlichen Gespenst ins Gesicht, aber es war, als bohrten meine Finger sich in die Augen wie in tiefe Hohlen, und die Gestalt lachte von neuem auf in schneidendem Ton. In dem Augenblick erwachte ich, wie von einem plotzlichen Ruck emporgeschuttelt. Aber das Gelachter dauerte fort im Zimmer. Ich fuhr in die Hohe, der Morgen brach in lichten Strahlen durch das Fenster, und ich sah vor dem Tisch, den Rucken mir zugewendet, eine Gestalt im Kapuzinerhabit stehen. Ich erstarrte vor Schreck, der grauenhafte Traum trat ins Leben. Der Kapuziner stoberte unter den Sachen, die auf dem Tische lagen. Jetzt wandte er sich, und mir kam aller Mut wieder, als ich ein fremdes Gesicht mit schwarzem verwildertem Barte erblickte, aus dessen Augen der gedankenlose Wahnsinn lachte: gewisse Zuge erinnerten entfernt an Hermogen. Ich beschloss abzuwarten, was der Unbekannte beginnen werde, und nur irgend einer schadlichen Unternehmung Einhalt zu tun. Mein Stilett lag neben mir, ich war deshalb, und schon meiner korperlichen Leibesstarke wegen, auf die ich bauen konnte, auch ohne weitere Hilfe des Fremden machtig. Er schien mit meinen Sachen wie ein Kind zu spielen, vorzuglich hatte er Freude an dem roten Portefeuille, das er hin und her gegen das Fenster wandte und dabei auf seltsame Weise in die Hohe sprang. Endlich fand er die Korbflasche mit dem Rest des geheimnisvollen Weins; er offnete sie und roch daran, da bebte es ihm durch alle Glieder, er stiess einen Schrei aus, der dumpf und grauenvoll im Zimmer wiederklang. Eine helle Glocke im Hause schlug drei Uhr, da heulte er, wie von entsetzlicher Qual ergriffen, aber dann brach er wieder aus in das schneidende Gelachter, wie ich es im Traum gehort; er schwenkte sich in wilden Sprungen, er trank aus der Flasche und rannte dann, sie von sich schleudernd, zur Ture hinaus. Ich stand schnell auf und lief ihm nach, aber er war mir schon aus dem Gesichte, ich horte ihn die entfernte Treppe hinabpoltern und einen dumpfen Schlag, wie von einer hart zugeworfenen Ture. Ich verriegelte mein Zimmer, um eines zweiten Besuchs uberhoben zu sein, und warf mich aufs neue ins Bette. Zu erschopft war ich nun, um nicht bald wieder einzuschlafen; erquickt und gestarkt erwachte ich, als schon die Sonne ins Gemach hineinfunkelte. Der Forster war, wie er es gesagt hatte, mit seinen Sohnen und den Jagerburschen in den Wald gezogen; ein bluhendes freundliches Madchen, des Forsters jungere Tochter, brachte mir das Fruhstuck, wahrend die altere mit der Mutter in der Kuche beschaftigt war. Das Madchen wusste gar lieblich zu erzahlen, wie sie hier alle Tage froh und friedlich zusammen lebten und nur manchmal es Tumult von vielen Menschen gabe, wenn der Furst im Revier jage und dann manchmal im Hause ubernachte. So schlichen ein paar Stunden hin, da war es Mittag, und lustiger Jubel und Hornerklang verkundeten den Forster, der mit seinen vier Sohnen, herrlichen bluhenden Junglingen, von denen der jungste kaum funfzehn Jahr alt sein mochte, und drei Jagerburschen heimkehrte. Er frug, wie ich denn geschlafen und ob mich nicht der fruhe Larm vor der Zeit geweckt habe; ich mochte ihm das uberstandene Abenteuer nicht erzahlen, denn die lebendige Erscheinung des grauenhaften Monchs hatte sich so fest an das Traumbild gereiht, dass ich kaum zu unterscheiden vermochte, wo der Traum ubergegangen sei ins wirkliche Leben. Der Tisch war gedeckt, die Suppe dampfte, der Alte zog sein Kappchen ab, um das Gebet zu halten, da ging die Ture auf, und der Kapuziner, den ich in der Nacht gesehen, trat hinein. Der Wahnsinn war aus seinem Gesichte verschwunden, aber er hatte ein dustres storrisches Ansehen. "Sein Sie willkommen, ehrwurdiger Herr!" rief ihm der Alte entgegen, "sprechen Sie das Gratias und speisen Sie dann mit uns." Da blickte er um sich mit zornfunkelnden Augen und schrie mit furchterlicher Stimme: "Der Satan soll dich zerreissen mit deinem ehrwurdigen Herrn und deinem verfluchten Beten; hast du mich nicht hergelockt, damit ich der dreizehnte sein soll und du mich umbringen lassen kannst von dem fremden Morder? Hast du mich nicht in diese Kutte gesteckt, damit niemand den Grafen, deinen Herrn und Gebieter, erkennen soll? Aber hute dich, Verfluchter, vor meinem Zorn!" Damit ergriff der Monch einen schweren Krug, der auf dem Tische stand, und schleuderte ihn nach dem Alten, der nur durch eine geschickte Wendung dem Wurf auswich, der ihm den Kopf zerschmettert hatte. Der Krug flog gegen die Wand und zerbrach in tausend Scherben. Aber in dem Augenblick packten die Jagerbursche den Rasenden und hielten ihn fest. "Was!" rief der Forster, "du verruchter, gotteslasterlicher Mensch, du wagst es, hier wieder mit deinem rasenden Beginnen unter fromme Leute zu treten, du wagst es, mir, der ich dich aus viehischem Zustande, aus der ewigen Verderbnis errettet, aufs neue nach dem Leben zu trachten? Fort mit dir in den Turm!" Der Monch fiel auf die Knie, er flehte heulend um Erbarmen, aber der Alte sagte: "Du musst in den Turm und darfst nicht eher wieder hieher kommen, bis ich weiss, dass du dem Satan entsagt hast, der dich verblendet, sonst musst du sterben." Da schrie der Monch auf wie im trostlosen Jammer der Todesnot, aber die Jagerbursche brachten ihn fort und berichteten, wiederkehrend, dass der Monch ruhiger geworden, sobald er in das Turmgemach getreten. Christian, der ihn bewache, habe ubrigens erzahlt, dass der Monch die ganze Nacht uber in den Gangen des Hauses herumgepoltert und vorzuglich nach Tagesanbruch geschrien habe: "Gib mir noch mehr von deinem Wein, und ich will mich dir ganz ergeben; mehr Wein, mehr Wein!" Es habe dem Christian ubrigens wirklich geschienen, als taumle der Monch wie betrunken, unerachtet er nicht begriffen, wie der Monch an irgend ein starkes berauschendes Getrank gekommen sein konne. Nun nahm ich nicht langer Anstand, das uberstandene Abenteuer zu erzahlen, wobei ich nicht vergass, der ausgeleerten Korbflasche zu gedenken. "Ei, das ist schlimm," sagte der Forster, "doch Sie scheinen mir ein mutiger frommer Mann, ein anderer hatte des Todes sein konnen vor Schreck." Ich bat ihn, mir naher zu sagen, was es mit dem wahnsinnigen Monch fur eine Bewandtnis habe. "Ach," erwiderte der Alte, "das ist eine lange abenteuerliche Geschichte, so was taugt nicht beim Essen. Schlimm genug schon, dass uns der garstige Mensch, eben als wir, was uns Gott beschert, froh und freudig geniessen wollten, mit seinem freveligen Beginnen so gestort hat; aber nun wollen wir auch gleich an den Tisch." Damit zog er sein Mutzchen ab, sprach andachtig und fromm das Gratias, und unter lustigen, frohen Gesprachen verzehrten wir das landliche, kraftig und schmackhaft zubereitete Mahl. Dem Gast zu Ehren liess der Alte guten Wein heraufbringen, den er mir nach patriarchalischer Sitte aus einem schonen Pokal zutrank. Der Tisch war indessen abgeraumt, die Jagerbursche nahmen ein paar Horner von der Wand und bliesen ein Jagerlied. Bei der zweiten Wiederholung fielen die Madchen singend ein, und mit ihnen wiederholten die Forsterssohne im Chor die Schlussstrophe. Meine Brust erweiterte sich auf wunderbare Weise: seit langer Zeit war mir nicht im Innersten so wohl gewesen, als unter diesen einfachen, frommen Menschen. Es wurden mehrere gemutliche wohltonende Lieder gesungen, bis der Alte aufstand und mit dem Ausruf: "Es leben alle braven Manner, die das edle Weidwerk ehren", sein Glas leerte; wir stimmten alle ein, und so war das frohe Mahl, das mir zu Ehren durch Wein und Gesang verherrlicht wurde, beschlossen.

Der Alte sprach zu mir: "Nun, mein Herr, schlafe ich ein halbes Stundchen, aber dann gehen wir in den Wald, und ich erzahle es Ihnen, wie der Monch in mein Haus gekommen und was ich sonst von ihm weiss. Bis dahin tritt die Dammerung ein, dann gehen wir auf den Anstand, da es, wie mir Franz sagt, Huhner gibt. Auch Sie sollen ein gutes Gewehr erhalten und Ihr Gluck versuchen." Die Sache war mir neu, da ich als Seminarist zwar manchmal nach der Scheibe, aber nie nach Wild geschossen; ich nahm daher des Forsters Anerbieten an, der hochlich daruber erfreut schien und mir mit treuherziger Gutmutigkeit in aller Eil' noch vor dem Schlaf, den er zu tun gedachte, die ersten, unentbehrlichsten Grundsatze der Schiesskunst beizubringen suchte.

Ich wurde mit Flinte und Jagdtasche ausgerustet, und so zog ich mit dem Forster in den Wald, der die Geschichte von dem seltsamen Monch in folgender Art anfing:

"Kunftigen Herbst sind es schon zwei Jahre her, als meine Bursche im Walde oft ein entsetzliches Heulen vernahmen, das, so wenig Menschliches es auch hatte, doch, wie Franz, mein jungst angenommener Lehrling, meinte, von einem Menschen herruhren mochte. Franz war dazu bestimmt, von dem heulenden Ungetum geneckt zu werden, denn wenn er auf den Anstand ging, so verscheuchte das Heulen, welches sich dicht bei ihm horen liess, die Tiere, und er sah zuletzt, wenn er auf ein Tier anlegen wollte, ein borstiges unkenntliches Wesen aus dem Gebusch springen, das seinen Schuss vereitelte. Franz hatte den Kopf voll von all den spukhaften Jagerlegenden, die ihm sein Vater, ein alter Jager, erzahlt, und er war geneigt, das Wesen fur den Satan selbst zu halten, der ihm das Weidhandwerk verleiden oder ihn sonst verlocken wolle. Die anderen Bursche, selbst meine Sohne, denen auch das Ungetum aufgestossen, pflichteten ihm endlich bei, und umso mehr war mir daran gelegen, dem Dinge naher auf die Spur zu kommen, als ich es fur eine List der Freischutzen hielt, meine Jager vom Anstand wegzuschrecken. Ich befahl deshalb meinen Sohnen und den Burschen, die Gestalt, falls sie sich wieder zeigen sollte, anzurufen, und falls sie nicht stehen oder Bescheid geben sollte, nach Jagerrecht ohne weiteres nach ihr zu schiessen. Den Franz traf es wieder, der erste zu sein, dem das Ungetum auf dem Anstand in den Weg trat. Er rief ihm zu, das Gewehr anlegend, die Gestalt sprang ins Gebusch, Franz wollte hinterdrein knallen, aber der Schuss versagte, und nun lief er voll Angst und Schrecken zu den andern, die von ihm entfernt standen, uberzeugt, dass es der Satan sei, der ihm zum Trutz das Wild verscheuche und sein Gewehr verzaubere; denn in der Tat traf er, seitdem ihn das Ungetum verfolgte, kein Tier, so gut er sonst geschossen. Das Gerucht von dem Spuk im Walde verbreitete sich, und man erzahlte schon im Dorfe, wie der Satan dem Franz in den Weg getreten und ihm Freikugeln angeboten, und noch anderes tolles Zeug mehr. Ich beschloss, dem Unwesen ein Ende zu machen und das Ungetum, das mir selbst noch niemals aufgestossen, auf den Statten, wo es sich zu zeigen pflegte, zu verfolgen. Lange wollte es mir nicht glucken; endlich, als ich an einem neblichten Novemberabend gerade da, wo Franz das Ungetum zuerst erblickt, auf dem Anstand war, rauschte es mir ganz nahe im Gebusch, ich legte leise das Gewehr an, ein Tier vermutend, aber eine grassliche Gestalt mit rotfunkelnden Augen und schwarzen borstigen Haaren, mit Lumpen behangen, brach hervor. Das Ungetum stierte mich an, indem es entsetzliche heulende Tone ausstiess. Herr! es war ein Anblick, der dem Beherztesten Furcht einjagen konnte, ja mir war es, als stehe wirklich der Satan vor mir, und ich fuhlte, wie mir der Angstschweiss ausbrach. Aber im kraftigen Gebet, das ich mit starker Stimme sprach, ermutigte ich mich ganz. Sowie ich betete und den Namen Jesus Christus aussprach, heulte wutender das Ungetum und brach endlich in entsetzliche gotteslasterliche Verwunschungen aus. Da rief ich: 'Du verfluchter, bubischer Kerl, halt ein mit deinen gotteslasterlichen Reden und gib dich gefangen, oder ich schiesse dich nieder.' Da fiel der Mensch wimmernd zu Boden und bat um Erbarmen. Meine Bursche kamen herbei, wir packten den Menschen und fuhrten ihn nach Hause, wo ich ihn in den Turm bei dem Nebengebaude einsperren liess und den nachsten Morgen den Vorfall der Obrigkeit anzeigen wollte. Er fiel, sowie er in den Turm kam, in einen ohnmachtigen Zustand. Als ich den andern Morgen zu ihm ging, sass er auf dem Strohlager, das ich ihm bereiten lassen, und weinte heftig. Er fiel mir zu Fussen und flehte mich an, dass ich mit ihm Erbarmen haben solle; schon seit mehreren Wochen habe er im Walde gelebt und nichts gegessen als Krauter und wildes Obst, er sei ein armer Kapuziner aus einem weit entlegenen Kloster und aus dem Gefangnisse, in das man ihn wahnsinnshalber gesperrt, entsprungen. Der Mensch war in der Tat in einem erbarmungswurdigen Zustande, ich hatte Mitleiden mit ihm und liess ihm Speise und Wein zur Starkung reichen, worauf er sich sichtlich erholte. Er bat mich auf das eindringendste, ihn nur einige Tage im Hause zu dulden und ihm ein neues Ordenshabit zu verschaffen, er wolle dann selbst nach dem Kloster zuruckwandeln. Ich erfullte seinen Wunsch, und sein Wahnsinn schien wirklich nachzulassen, da die Paroxysmen minder heftig und seltner wurden. In den Ausbruchen der Raserei stiess er entsetzliche Reden aus, und ich bemerkte, dass er, wenn ich ihn deshalb hart anredete und mit dem Tode drohte, in einen Zustand innerer Zerknirschung uberging, indem er sich kasteite, ja sogar Gott und die Heiligen anrief, ihn von der Hollenqual zu befreien. Er schien sich dann fur den heiligen Antonius zu halten, sowie er in der Raserei immer tobte, er sei Graf und gebietender Herr, und er wolle uns alle ermorden lassen, wenn seine Diener kamen. In den lichten Zwischenraumen bat er mich, um Gottes willen ihn nicht zu verstossen, weil er fuhle, dass nur sein Aufenthalt bei mir ihn heilen konne. Nur ein einziges Mal gab es noch einen harten Auftritt mit ihm, und zwar, als der Furst hier eben im Revier gejagt und bei mir ubernachtet hatte. Der Monch war, nachdem er den Fursten mit seiner glanzenden Umgebung gesehen, ganz verandert. Er blieb storrisch und verschlossen, er entfernte sich schnell, wenn wir beteten, es zuckte ihm durch alle Glieder, wenn er nur ein andachtiges Wort horte, und dabei schaute er meine Tochter Anne mit solchen lusternen Blicken an, dass ich beschloss, ihn fortzubringen, um allerlei Unfug zu verhuten. In der Nacht vorher, als ich den Morgen meinen Plan ausfuhren wollte, weckte mich ein durchdringendes Geschrei auf dem Gange, ich sprang aus dem Bette und lief schnell mit angezundetem Licht nach dem Gemach, wo meine Tochter schliefen. Der Monch war aus dem Turm, wo ich ihn allnachtlich eingeschlossen, gebrochen und in viehischer Brunst nach dem Gemach meiner Tochter gerannt, dessen Ture er mit einem Fusstritt sprengte. Zum Gluck hatte den Franz ein unausstehlicher Durst aus der Kammer, wo die Bursche schlafen, hinausgetrieben, und er wollte gerade nach der Kuche gehen, um sich Wasser zu schopfen, als er den Monch uber den Gang poltern horte. Er lief herbei und packte ihn gerade in dem Augenblick, als er die Ture einstiess, von hinten her; aber der Junge war zu schwach, den Rasenden zu bandigen, sie balgten sich unter dem Geschrei der erwachten Madchen in der Ture, und ich kam gerade in dem Augenblick herzu, als der Monch den Burschen zu Boden geworfen und ihn meuchlerisch bei der Kehle gepackt hatte. Ohne mich zu besinnen, fasste ich den Monch und riss ihn von Franzen weg, aber plotzlich, noch weiss ich nicht, wie das zugegangen, blinkte ein Messer in des Monchs Faust, er stiess nach mir, aber Franz, der sich aufgerafft, fiel ihm in den Arm, und mir, der ich nun wohl ein starker Mann bin, gelang es bald, den Rasenden so fest an die Mauer zu drucken, dass ihm schier der Atem ausgehen wollte. Die Bursche waren ob dem Larm alle wach worden und herbeigelaufen; wir banden den Monch und schmissen ihn in den Turm, ich holte aber meine Hetzpeitsche herbei und zahlte ihm zur Abmahnung von kunftigen Untaten ahnlicher Art einige kraftige Hiebe auf, so dass er ganz erbarmlich achzte und wimmerte; aber ich sprach: 'Du Bosewicht, das ist noch viel zu wenig fur deine Schandlichkeit, dass du meine Tochter verfuhren wollen und mir nach dem Leben getrachtet, eigentlich solltest du sterben.' Er heulte vor Angst und Entsetzen, denn die Furcht vor dem Tode schien ihn ganz zu vernichten. Den andern Morgen war es nicht moglich, ihn fortzubringen, denn er lag totenahnlich in ganzlicher Abspannung da und flosste mir wahres Mitleiden ein. Ich liess ihm in einem bessern Gemach ein gutes Bette bereiten, und meine Alte pflegte seiner, indem sie ihm starkende Suppen kochte und aus unserer Hausapotheke das reichte, was ihm dienlich schien. Meine Alte hat die gute Gewohnheit, wenn sie einsam sitzt, oft ein andachtig Lied anzustimmen, aber wenn es ihr recht wohl ums Herz sein soll, muss meine Anne mit ihrer hellen Stimme ihr solch ein Lied vorsingen. Das geschah nun auch vor dem Bette des Kranken. Da seufzte er oft tief und sah meine Alte und die Anne mit recht wehmutigen Blicken an, oft flossen ihm die Tranen uber die Wangen. Zuweilen bewegte er die Hand und die Finger, als wolle er sich kreuzigen, aber das gelang nicht, die Hand fiel kraftlos nieder; dann stiess er auch manchmal leise Tone aus, als wolle er in den Gesang einstimmen. Endlich fing er an, zusehends zu genesen, jetzt schlug er oft das Kreuz nach Sitte der Monche und betete leise. Aber ganz unvermutet fing er einmal an, lateinische Lieder zu singen, die meiner Alten und der Anne, unerachtet sie die Worte nicht verstanden, mit ihren ganz wunderbaren heiligen Tonen bis ins Innerste drangen, so dass sie nicht genug sagen konnten, wie der Kranke sie erbaue. Der Monch war so weit hergestellt, dass er aufstehen und im Hause umherwandeln konnte, aber sein Aussehen, sein Wesen war ganz verandert. Die Augen blickten sanft, statt dass sonst ein gar boses Feuer in ihnen funkelte, er schritt ganz nach Klostersitte leise und andachtig mit gefaltenen Handen umher, jede Spur des Wahnsinns war verschwunden. Er genoss nichts als Gemuse, Brot und Wasser, und nur selten konnte ich ihn in der letzten Zeit dahin bringen, dass er sich an meinen Tisch setzte und etwas von den Speisen genoss sowie einen kleinen Schluck Wein trank. Dann sprach er das Gratias und ergotzte uns mit seinen Reden, die er so wohl zu stellen wusste wie nicht leicht einer. Oft ging er im Walde einsam spazieren, so kam es denn, dass ich ihm einmal begegnete und, ohne gerade viel zu denken, frug, ob er nicht nun bald in sein Kloster zuruckkehren werde. Er schien sehr bewegt, er fasste meine Hand und sprach: 'Mein Freund, ich habe dir das Heil meiner Seele zu danken, du hast mich errettet von der ewigen Verderbnis, noch kann ich nicht von dir scheiden, lass mich bei dir sein. Ach, habe Mitleid mit mir, den der Satan verlockt hat und der unwiederbringlich verloren war, wenn ihn der Heilige, zu dem er flehte in angstvollen Stunden, nicht im Wahnsinn in diesen Wald gebracht hatte. Sie fanden mich', fuhr der Monch nach einigem Stillschweigen fort, 'in einem ganz entarteten Zustande und ahnden auch jetzt gewiss nicht, dass ich einst ein von der Natur reich ausgestatteter Jungling war, den nur eine schwarmerische Neigung zur Einsamkeit und zu den tiefsinnigsten Studien ins Kloster brachte. Meine Bruder liebten mich alle ausnehmend, und ich lebte so froh, als es nur in dem Kloster geschehen kann. Durch Frommigkeit und musterhaftes Betragen schwang ich mich empor, man sah in mir schon den kunftigen Prior. Es begab sich, dass einer der Bruder von weiten Reisen heimkehrte und dem Kloster verschiedene Reliquien, die er sich auf dem Wege zu verschaffen gewusst, mitbrachte. Unter diesen befand sich eine verschlossene Flasche, die der heilige Antonius dem Teufel, der darin ein verfuhrerisches Elixier bewahrte, abgenommen haben sollte. Auch diese Reliquie wurde sorgfaltig aufbewahrt, unerachtet mir die Sache ganz gegen den Geist der Andacht, den die wahren Reliquien einflossen sollen, und uberhaupt ganz abgeschmackt zu sein schien. Aber eine unbeschreibliche Lusternheit bemachtigte sich meiner, das zu erforschen, was wohl eigentlich in der Flasche enthalten. Es gelang mir, sie beiseite zu schaffen, ich offnete sie und fand ein herrlich duftendes, suss schmeckendes starkes Getrank darin, das ich bis auf den letzten Tropfen genoss. Wie nun mein ganzer Sinn sich anderte, wie ich einen brennenden 'Durst' nach der Lust der Welt empfand, wie das Laster in verfuhrerischer Gestalt mir als des Lebens hochste Spitze erschien, das alles mag ich nicht sagen, kurz, mein Leben wurde eine Reihe schandlicher Verbrechen, so dass, als ich meiner teuflischen Lust unerachtet verraten wurde, mich der Prior zum ewigen Gefangnis verurteilte. Als ich schon mehrere Wochen in dem dumpfen, feuchten Kerker zugebracht hatte, verfluchte ich mich und mein Dasein, ich lasterte Gott und die Heiligen, da trat im gluhend roten Scheine der Satan zu mir und sprach, dass, wenn ich meine Seele ganz dem Hochsten abwenden und ihm dienen wolle, er mich befreien werde. Heulend sturzte ich auf die Knie und rief: 'Es ist kein Gott, dem ich diene, du bist mein Herr, und aus deinen Gluten stromt die Lust des Lebens.' Da brauste es in den Luften wie eine Windsbraut, und die Mauern drohnten, wie vom Erdbeben erschuttert, ein schneidender Ton pfiff durch den Kerker, die Eisenstabe des Fensters fielen zerbrockelt herab, und ich stand, von unsichtbarer Gewalt hinausgeschleudert, im Klosterhofe. Der Mond schien hell durch die Wolken, und in seinen Strahlen erglanzte das Standbild des heiligen Antonius, das mitten im Hofe bei einem Springbrunnen aufgerichtet war. Eine unbeschreibliche Angst zerriss mein Herz, ich warf mich zerknirscht nieder vor dem Heiligen, ich schwor dem Bosen ab und flehte um Erbarmen; aber da zogen schwarze Wolken herauf, und aufs neue brauste der Orkan durch die Luft, mir vergingen die Sinne, und ich fand mich erst im Walde wieder, in dem ich, wahnsinnig vor Hunger und Verzweiflung, umhertobte und aus dem Sie mich erretteten.' So erzahlte der Monch, und seine Geschichte machte auf mich solch einen tiefen Eindruck, dass ich nach vielen Jahren noch so wie heute imstande sein werde, alles Wort fur Wort zu wiederholen. Seit der Zeit hat sich der Monch so fromm, so gutmutig betragen, dass wir ihn alle lieb gewannen, und um so unbegreiflicher ist es mir, wie in voriger Nacht sein Wahnsinn hat aufs neue ausbrechen konnen."

"Wissen Sie denn gar nicht", fiel ich dem Forster ins Wort, "aus welchem Kapuzinerkloster der Ungluckliche entsprungen ist?" "Er hat mir es verschwiegen," erwiderte der Forster, "und ich mag um so weniger darnach fragen, als es mir beinahe gewiss ist, dass es wohl derselbe Ungluckliche sein mag, der unlangst das Gesprach des Hofes war, unerachtet man seine Nahe nicht vermutete und ich auch meine Vermutung zum wahren Besten des Monchs nicht gerade bei Hofe laut werden lassen mochte." "Aber ich darf sie wohl erfahren," versetzte ich, "da ich ein Fremder bin und noch uberdies mit Hand und Mund versprechen will, gewissenhaft zu schweigen." "Sie mussen wissen," sprach der Forster weiter, "dass die Schwester unserer Furstin Abtissin des Zisterzienserklosters in *** ist. Diese hatte sich des Sohnes einer armen Frau, deren Mann mit unserm Hofe in gewissen geheimnisvollen Beziehungen gestanden haben soll, angenommen und ihn aufziehen lassen. Aus Neigung wurde er Kapuziner und als Kanzelredner weit und breit bekannt. Die Abtissin schrieb ihrer Schwester sehr oft uber den Pflegling und betrauerte vor einiger Zeit tief seinen Verlust. Er soll durch den Missbrauch einer Reliquie schwer gesundigt haben und aus dem Kloster, dessen Zierde er so lange war, verbannt worden sein. Alles dieses weiss ich aus einem Gesprach des furstlichen Leibarztes mit einem andern Herrn vom Hofe, das ich vor einiger Zeit anhorte. Sie erwahnten einiger sehr merkwurdiger Umstande, die mir jedoch, weil ich all die Geschichten nicht von Grund aus kenne, unverstandlich geblieben und wieder entfallen sind. Erzahlt nun auch der Monch seine Errettung aus dem Klostergefangnis auf andere Weise, soll sie namlich durch den Satan geschehen sein, so halte ich dies doch fur eine Einbildung, die ihm noch vom Wahnsinn zuruckblieb, und meine, dass der Monch kein anderer als eben der Bruder Medardus ist, den die Abtissin zum geistlichen Stande erziehen liess, und den der Teufel zu allerlei Sunden verlockte, bis ihn Gottes Gericht mit viehischer Raserei strafte."

Als der Forster den Namen Medardus nannte, durchbebte mich ein innerer Schauer, ja die ganze Erzahlung hatte mich wie mit todlichen Stichen, die mein Innerstes trafen, gepeinigt. Nur zu sehr war ich uberzeugt, dass der Monch die Wahrheit gesprochen, da nur eben ein solches Getrank der Holle, das er lustern genossen, ihn aufs neue in verruchten gotteslasterlichen Wahnsinn gesturzt hatte. Aber ich selbst war herabgesunken zum elenden Spielwerk der bosen, geheimnisvollen Macht, die mich mit unaufloslichen Banden umstrickt hielt, so dass ich, der ich frei zu sein glaubte, mich nur innerhalb des Kafichts bewegte, in den ich rettungslos gesperrt worden. Die guten Lehren des frommen Cyrillus, die ich unbeachtet liess, die Erscheinung des Grafen und seines leichtsinnigen Hofmeisters, alles kam mir in den Sinn. Ich wusste nun, woher die plotzliche Garung im Innern, die Anderung meines Gemuts entstanden; ich schamte mich meines freveligen Beginnens, und diese Scham galt mir in dem Augenblick fur die tiefe Reue und Zerknirschung, die ich in wahrhafter Busse hatte empfinden sollen. So war ich in tiefes Nachdenken versunken und horte kaum auf den Alten, der nun, wieder auf die Jagerei gekommen, mir manchen Strauss schilderte, den er mit den bosen Freischutzen gehabt. Die Dammerung war eingebrochen, und wir standen vor dem Gebusch, in dem die Huhner liegen sollten; der Forster stellte mich auf meinen Platz, scharfte mir ein, weder zu sprechen noch sonst mich viel zu regen und mit gespanntem Hahn recht sorglich zu lauschen. Die Jager schlichen leise auf ihre Platze, und ich stand einsam in der Dunkelheit, die immer mehr zunahm. Da traten Gestalten aus meinem Leben hervor im dustern Walde. Ich sah meine Mutter, die Abtissin, sie schauten mich an mit strafenden Blicken. Euphemie rauschte auf mich zu mit totenbleichem Gesicht und starrte mich an mit ihren schwarzen gluhenden Augen, sie erhob ihre blutigen Hande, mir drohend, ach, es waren Blutstropfen, Hermogens Todeswunde entquollen, ich schrie auf! Da schwirrte es uber mir in starkem Flugelschlag, ich schoss blindlings in die Luft, und zwei Huhner sturzten getroffen herab. "Bravo!" rief der unfern von mir stehende Jagerbursche, indem er das dritte herabschoss. Schusse knallten jetzt ringsumher, und die Jager versammelten sich, jeder seine Beute herbeitragend. Der Jagerbursche erzahlte, nicht ohne listige Seitenblicke auf mich, wie ich ganz laut aufgeschrien, da die Huhner dicht uber meinem Kopf weggestrichen, als hatte ich grossen Schreck, und dann, ohne einmal recht anzulegen, blindlings drunter geschossen und doch zwei Huhner getroffen; ja, es sei in der Finsternis ihm vorgekommen, als hatte ich das Gewehr ganz nach anderer Richtung hingehalten, und doch waren die Huhner gesturzt. Der alte Forster lachte laut auf, dass ich so uber die Huhner erschrocken sei und mich nur gewehrt habe mit Drunterschiessen. "Ubrigens, mein Herr," fuhr er fort, "will ich hoffen, dass Sie ein ehrlicher frommer Weidmann und kein Freijager sind, der es mit dem Bosen halt und hinschiessen kann, wo er will, ohne das zu fehlen, was er zu treffen willens." Dieser gewiss unbefangene Scherz des Alten traf mein Innerstes, und selbst mein glucklicher Schuss in jener aufgeregten entsetzlichen Stimmung, den doch nur der Zufall herbeigefuhrt, erfullte mich mit Grauen. Mit meinem Selbst mehr als jemals entzweit, wurde ich mir selbst zweideutig, und ein inneres Grausen umfing mein eignes Wesen mit zerstorender Kraft.

Als wir ins Haus zuruckkamen, berichtete Christian, dass der Monch sich im Turm ganz ruhig verhalten, kein einziges Wort gesprochen und auch keine Nahrung zu sich genommen habe. "Ich kann ihn nun nicht langer bei mir behalten," sprach der Forster, "denn wer steht mir dafur, dass sein, wie es scheint, unheilbarer Wahnsinn nach langer Zeit nicht aufs neue ausbricht und er irgend ein entsetzliches Unheil hier im Hause anrichtet; er muss morgen in aller Fruhe mit Christian und Franz nach der Stadt; mein Bericht uber den ganzen Vorgang ist langst fertig, und da mag er denn in die Irrenanstalt gebracht werden."

Als ich in meinem Gemach allein war, stand mir Hermogens Gestalt vor Augen, und wenn ich sie fassen wollte mit scharferem Blick, wandelte sie sich um in den wahnsinnigen Monch. Beide flossen in meinem Gemut in eins zusammen und bildeten so die Warnung der hohern Macht, die ich wie dicht vor dem Abgrunde vernahm. Ich stiess an die Korbflasche, die noch auf dem Boden lag; der Monch hatte sie bis auf den letzten Tropfen ausgeleert, und so war ich jeder neuen Versuchung, davon zu geniessen, enthoben; aber auch selbst die Flasche, aus der noch ein starker berauschender Duft stromte, schleuderte ich fort durch das offne Fenster uber die Hofmauer weg, um so jede mogliche Wirkung des verhangnisvollen Elixiers zu vernichten. Nach und nach wurde ich ruhiger, ja der Gedanke ermutigte mich, dass ich auf jeden Fall in geistiger Hinsicht erhaben sein musse uber jenen Monch, den das dem meinigen gleiche Getrank in wilden Wahnsinn sturzte. Ich fuhlte, wie dies entsetzliche Verhangnis bei mir vorubergestreift; ja, dass der alte Forster den Monch eben fur den unglucklichen Medardus, fur mich selbst, hielt, war mir ein Fingerzeig der hoheren, heiligen Macht, die mich noch nicht sinken lassen wollte in das trostlose Elend. Schien nicht der Wahnsinn, der uberall sich mir in den Weg stellte, nur allein vermogend, mein Inneres zu durchblicken und immer dringender vor dem bosen Geiste zu warnen, der mir, wie ich glaubte, sichtbarlich in der Gestalt des bedrohlichen gespenstischen Malers erschienen?

Unwiderstehlich zog es mich fort nach der Residenz. Die Schwester meiner Pflegemutter, die, wie ich mich besann, der Abtissin ganz ahnlich war, da ich ihr Bild ofters gesehen, sollte mich wieder zuruckfuhren in das fromme schuldlose Leben, wie es ehemals mir bluhte, denn dazu bedurfte es in meiner jetzigen Stimmung nur ihres Anblicks und der dadurch erweckten Erinnerungen. Dem Zufall wollte ich es uberlassen, mich in ihre Nahe zu bringen.

Kaum war es Tag worden, als ich des Forsters Stimme im Hofe vernahm; fruh sollte ich mit dem Sohne abreisen, ich warf mich daher schnell in die Kleider. Als ich herabkam, stand ein Leiterwagen mit Strohsitzen zum Abfahren bereit vor der Haustur; man brachte den Monch, der mit totenbleichem und verstortem Gesicht sich geduldig fuhren liess. Er antwortete auf keine Frage, er wollte nichts geniessen, kaum schien er die Menschen um sich zu gewahren. Man hob ihn auf den Wagen und band ihn mit Strikken fest, da sein Zustand allerdings bedenklich schien und man vor dem plotzlichen Ausbruch einer innern verhaltenen Wut keinesweges sicher war. Als man seine Arme festschnurte, verzog sich sein Gesicht krampfhaft, und er achzte leise. Sein Zustand durchbohrte mein Herz, er war mir verwandt worden, ja nur seinem Verderben verdankte ich vielleicht meine Rettung. Christian und ein Jagerbursche setzten sich neben ihm in den Wagen. Erst im Fortfahren fiel sein Blick auf mich, und er wurde plotzlich von tiefem Staunen ergriffen; als der Wagen sich schon entfernte (wir waren ihm bis vor die Mauer gefolgt), blieb sein Kopf gewandt und sein Blick auf mich gerichtet. "Sehen Sie," sagte der alte Forster, "wie er Sie so scharf ins Auge fasst; ich glaube, dass Ihre Gegenwart im Speisezimmer, die er nicht vermutete, auch viel zu seinem rasenden Beginnen beigetragen hat, denn selbst in seiner guten Periode blieb er ungemein scheu und hatte immer den Argwohn, dass ein Fremder kommen und ihn toten wurde. Vor dem Tode hat er namlich eine ganz ungemessene Furcht, und durch die Drohung, ihn gleich erschiessen zu lassen, habe ich oft den Ausbruchen seiner Raserei widerstanden."

Mir war wohl und leicht, dass der Monch, dessen Erscheinung mein eignes Ich in verzerrten grasslichen Zugen reflektierte, entfernt worden. Ich freuete mich auf die Residenz, denn es war mir, als solle dort die Last des schweren finstern Verhangnisses, die mich niederdruckt, mir entnommen werden, ja, als wurde ich mich dort, erkraftigt, der bosen Macht, die mein Leben befangen, entreissen konnen. Als das Fruhstuck verzehrt, fuhr der saubre, mit raschen Pferden bespannte Reisewagen des Forsters vor. Kaum gelang es mir, der Frau fur die Gastlichkeit, mit der ich aufgenommen, etwas Geld, sowie den beiden bildhubschen Tochtern einige Galanteriewaren, die ich zufallig bei mir trug, aufzudringen. Die ganze Familie nahm so herzlichen Abschied, als sei ich langst im Hause bekannt gewesen, der Alte scherzte noch viel uber mein Jagertalent. Heiter und froh fuhr ich von dannen.

Vierter Abschnitt

Das Leben am furstlichen Hofe

Die Residenz des Fursten bildete gerade den Gegensatz zu der Handelsstadt, die ich verlassen. Im Umfange bedeutend kleiner, war sie regelmassiger und schoner gebaut, aber ziemlich menschenleer. Mehrere Strassen, worin Alleen gepflanzt, schienen mehr Anlagen eines Parks zu sein, als zur Stadt zu gehoren; alles bewegte sich still und feierlich, selten von dem rasselnden Gerausch eines Wagens unterbrochen. Selbst in der Kleidung und in dem Anstande der Einwohner bis auf den gemeinen Mann herrschte eine gewisse Zierlichkeit, ein Streben, aussere Bildung zu zeigen.

Der furstliche Palast war nichts weniger als gross, auch nicht im grossen Stil erbaut, aber rucksichts der Eleganz, der richtigen Verhaltnisse eines der schonsten Gebaude, die ich jemals gesehen; an ihn schloss sich ein anmutiger Park, den der liberale Furst den Einwohnern zum Spaziergange geoffnet.

Man sagte mir in dem Gasthause, wo ich eingekehrt, dass die furstliche Familie gewohnlich abends einen Gang durch den Park zu machen pflege und dass viele Einwohner diese Gelegenheit niemals versaumten, den gutigen Landesherrn zu sehen. Ich eilte um die bestimmte Stunde in den Park, der Furst trat mit seiner Gemahlin und einer geringen Umgebung aus dem Schlosse. Ach! bald sah ich nichts mehr als die Furstin, sie, die meiner Pflegemutter so ahnlich war! Dieselbe Hoheit, dieselbe Anmut in jeder ihrer Bewegungen, derselbe geistvolle Blick des Auges, dieselbe freie Stirne, das himmlische Lacheln. Nur schien sie mir im Wuchse voller und junger als die Abtissin. Sie redete liebreich mit mehreren Frauenzimmern, die sich eben in der Allee befanden, wahrend der Furst mit einem ernsten Mann im interessanten eifrigen Gesprach begriffen schien. Die Kleidung, das Benehmen der furstlichen Familie, ihre Umgebung, alles griff ein in den Ton des Ganzen. Man sah wohl, wie die anstandige Haltung in einer gewissen Ruhe und anspruchslosen Zierlichkeit, in der sich die Residenz erhielt, von dem Hofe ausging. Zufallig stand ich bei einem aufgeweckten Mann, der mir auf alle mogliche Fragen Bescheid gab und manche muntere Anmerkung einzuflechten wusste. Als die furstliche Familie voruber war, schlug er mir vor, einen Gang durch den Park zu machen und mir, dem Fremden, die geschmackvollen Anlagen zu zeigen, welche uberall in demselben anzutreffen; das war mir nun ganz recht, und ich fand in der Tat, dass uberall der Geist der Anmut und des geregelten Geschmacks verbreitet, wiewohl mir oft in den im Park zerstreuten Gebauden das Streben nach der antiken Form, die nur die grandiosesten Verhaltnisse duldet, den Bauherrn zu Kleinlichkeiten verleitet zu haben schien. Antike Saulen, deren Kapitaler ein grosser Mann beinahe mit der Hand erreicht, sind wohl ziemlich lacherlich. Ebenso gab es in entgegengesetzter Art im andern Teil des Parks ein paar gotische Gebaude, die sich in ihrer Kleinheit gar zu kleinlich ausnahmen. Ich glaube, dass das Nachahmen gotischer Formen beinahe noch gefahrlicher ist als jenes Streben nach dem Antiken. Denn ist es auch allerdings richtig, dass kleine Kapellen dem Baumeister, der rucksichts der Grosse des Gebaudes und der darauf zu verwendenden Kosten eingeschrankt ist, Anlass genug geben, in jenem Stil zu bauen, so mochte es doch wohl mit den Spitzbogen, bizarren Saulen, Schnorkeln, die man dieser oder jener Kirche nachahmt, nicht getan sein, da nur der Baumeister etwas Wahrhaftiges in der Art leisten wird, der sich von dem tiefen Sinn wie er in den alten Meistern wohnte, welche das willkurlich, ja das heterogen Scheinende so herrlich zu einem sinnigen bedeutungsvollen Ganzen zu verbinden wussten, beseelt fuhlt. Es ist mit einem Wort der seltene Sinn fur das Romantische, der den gotischen Baumeister leiten muss, da hier von dem Schulgerechten, an das er sich bei der antiken Form halten kann, nicht die Rede ist. Ich ausserte alles dieses meinem Begleiter; er stimmte mir vollkommen bei und suchte nur fur jene Kleinigkeiten darin eine Entschuldigung, dass die in einem Park notige Abwechslung und selbst das Bedurfnis, hie und da Gebaude als Zufluchtsort bei plotzlich einbrechendem Unwetter oder auch nur zur Erholung, zum Ausruhen zu finden, beinahe von selbst jene Missgriffe herbeifuhre. Die einfachsten, anspruchslosesten Gartenhauser, Strohdacher, auf Baumstamme gestutzt und in anmutige Gebusche versteckt, die eben jenen angedeuteten Zweck erreichten, meinte ich dagegen, waren mir lieber als alle jene Tempelchen und Kapellchen; und sollte denn nun einmal gezimmert und gemauert werden, so stehe dem geistreichen Baumeister, der rucksichts des Umfanges und der Kosten beschrankt sei, wohl ein Stil zu Gebote, der, sich zum antiken oder zum gotischen hinneigend, ohne kleinliche Nachahmerei, ohne Anspruch, das grandiose, alte Muster zu erreichen, nur das Anmutige, den dem Gemute des Beschauers wohltuenden Eindruck bezwecke.

"Ich bin ganz Ihrer Meinung," erwiderte mein Begleiter, "indessen ruhren alle diese Gebaude, ja die Anlage des ganzen Parks von dem Fursten selbst her, und dieser Umstand beschwichtigt, wenigstens bei uns Einheimischen, jeden Tadel. Der Furst ist der beste Mensch, den es auf der Welt geben kann, von jeher hat er den wahrhaft landesvaterlichen Grundsatz, dass die Untertanen nicht seinetwegen da waren, er vielmehr der Untertanen wegen da sei, recht an den Tag gelegt. Die Freiheit, alles zu aussern, was man denkt; die Geringfugigkeit der Abgaben und der daraus entspringende niedrige Preis aller Lebensbedurfnisse; das ganzliche Zurucktreten der Polizei, die nur dem boshaften Ubermute ohne Gerausch Schranken setzt und weit entfernt ist, den einheimischen Burger sowie den Fremden mit gehassigem Amtseifer zu qualen; die Entfernung alles soldatischen Unwesens, die gemutliche Ruhe, womit Geschafte, Gewerbe getrieben werden: alles das wird Ihnen den Aufenthalt in unserm Landchen erfreulich machen. Ich wette, dass man Sie bis jetzt noch nicht nach Namen und Stand gefragt hat und der Gastwirt keinesweges, wie in andern Stadten, in der ersten Viertelstunde mit dem grossen Buche unterm Arm feierlich angeruckt ist, worin man genotigt wird, seinen eignen Steckbrief mit stumpfer Feder und blasser Tinte hineinzukritzeln. Kurz, die ganze Einrichtung unseres kleinen Staats, in dem die wahre Lebensweisheit herrscht, geht von unserm herrlichen Fursten aus, da vorher die Menschen, wie man mir gesagt hat, durch albernen Pedantismus eines Hofes, der die Ausgabe des benachbarten grossen Hofes in Taschenformat war, gequalt wurden. Der Furst liebt Kunste und Wissenschaft, daher ist ihm jeder geschickte Kunstler, jeder geistreiche Gelehrte willkommen, und der Grad seines Wissens nur ist die Ahnenprobe, die die Fahigkeit bestimmt, in der nachsten Umgebung des Fursten erscheinen zu durfen. Aber eben in die Kunst und Wissenschaft des vielseitig gebildeten Fursten hat sich etwas von dem Pedantismus geschlichen, der ihn bei seiner Erziehung einzwangte und der sich jetzt in dem sklavischen Anhangen an irgend eine Form ausspricht. Er schrieb und zeichnete den Baumeistern mit angstlicher Genauigkeit jedes Detail der Gebaude vor, und jede geringe Abweichung von dem aufgestellten Muster, das er muhsam aus allen nur moglichen antiquarischen Werken herausgesucht, konnte ihn ebenso angstigen, als wenn dieses oder jenes dem verjungten Massstab, den ihm die beengten Verhaltnisse aufdrangen, sich durchaus nicht fugen wollte. Durch eben das Anhangen an diese oder jene Form, die er liebgewonnen, leidet auch unser Theater, das von der einmal bestimmten Manier, der sich die heterogensten Elemente fugen mussen, nicht abweicht. Der Furst wechselt mit gewissen Lieblingsneigungen, die aber gewiss niemals irgend jemandem zu nahe treten. Als der Park angelegt wurde, war er leidenschaftlicher Baumeister und Gartner, dann begeisterte ihn der Schwung, den seit einiger Zeit die Musik genommen, und dieser Begeisterung verdanken wir die Einrichtung einer ganz vorzuglichen Kapelle. Dann beschaftigte ihn die Malerei, in der er selbst das Ungewohnliche leistet. Selbst bei den taglichen Belustigungen des Hofes findet dieser Wechsel statt. Sonst wurde viel getanzt, jetzt wird an Gesellschaftstagen eine Pharobank gehalten, und der Furst, ohne im mindesten eigentlicher Spieler zu sein, ergotzt sich an den sonderbaren Verknupfungen des Zufalls, doch bedarf es nur irgend eines Impulses, um wieder etwas anderes an die Tagesordnung zu bringen. Dieser schnelle Wechsel der Neigungen hat dem guten Fursten den Vorwurf zugezogen, dass ihm diejenige Tiefe des Geistes fehle, in der sich, wie in einem klaren sonnenhellen See, das farbenreiche Bild des Lebens unverandert spiegelt; meiner Meinung nach tut man ihm aber unrecht, da eine besondere Regsamkeit des Geistes nur ihn dazu treibt, diesem oder jenem nach erhaltenem Impuls mit besonderer Leidenschaft nachzuhangen, ohne dass daruber das ebenso Edle vergessen oder auch nur vernachlassigt werden sollte. Daher kommt es, dass Sie diesen Park so wohl erhalten sehen, dass unsere Kapelle, unser Theater fortdauernd auf alle mogliche Weise unterstutzt und gehoben, dass die Gemaldesammlung nach Kraften bereichert wird. Was aber den Wechsel der Unterhaltungen bei Hofe betrifft, so ist das wohl ein heitres Spiel im Leben, das jeder dem regsamen Fursten zur Erholung vom ernsten, oft muhevollen Geschaft recht herzlich gonnen mag." Wir gingen eben bei ganz herrlichen, mit tiefem malerischem Sinn gruppierten Gebuschen und Baumen voruber, ich ausserte meine Bewunderung, und mein Begleiter sagte: "Alle diese Anlagen, diese Pflanzungen, diese Blumengruppen sind das Werk der vortrefflichen Furstin. Sie ist selbst vollendete Landschaftsmalerin und ausserdem die Naturkunde ihre Lieblingswissenschaft. Sie finden daher auslandische Baume, seltene Blumen und Pflanzen, aber nicht wie zur Schau ausgestellt, sondern mit tiefem Sinn so geordnet und in zwanglose Partien verteilt, als waren sie ohne alles Zutun der Kunst aus heimatlichem Boden entsprossen. Die Furstin ausserte einen Abscheu gegen all die aus Sandstein unbeholfen gemeisselten Gotter und Gottinnen, Najaden und Dryaden, wovon sonst der Park wimmelte. Diese Standbilder sind deshalb verbannt worden, und Sie finden nur noch einige gute Kopien nach der Antike, die der Furst gewisser, ihm teurer Erinnerungen wegen gern im Park behalten wollte, die aber die Furstin so geschickt mit zartem Sinn des Fursten innerste Willensmeinung ergreifend aufstellen zu lassen wusste, dass sie auf jeden, dem auch die geheimeren Beziehungen fremd sind, ganz wunderbar wirken." Es war spater Abend geworden, wir verliessen den Park, mein Begleiter nahm die Einladung an, mit mir im Gasthofe zu speisen, und gab sich endlich als den Inspektor der furstlichen Bildergalerie zu erkennen.

Ich ausserte ihm, als wir bei der Mahlzeit vertrauter geworden, meinen herzlichen Wunsch, der furstlichen Familie naher zu treten, und er versicherte, dass nichts leichter sei als dieses, da jeder gebildete, geistreiche Fremde im Zirkel des Hofes willkommen ware. Ich durfe nur dem Hofmarschall den Besuch machen und ihn bitten, mich dem Fursten vorzustellen. Diese diplomatische Art, zum Fursten zu gelangen, gefiel mir um so weniger, als ich kaum hoffen konnte, gewissen lastigen Fragen des Hofmarschalls uber das "Woher?", uber Stand und Charakter zu entgehen; ich beschloss daher, dem Zufall zu vertrauen, der mir vielleicht den kurzeren Weg zeigen wurde, und das traf auch in der Tat bald ein. Als ich namlich eines Morgens in dem zur Stunde gerade ganz menschenleeren Park lustwandelte, begegnete mir der Furst in einem schlichten Oberrock. Ich grusste ihn, als sei er mir ganzlich unbekannt, er blieb stehen und eroffnete das Gesprach mit der Frage, ob ich fremd hier sei. Ich bejahte es, mit dem Zusatz, wie ich vor ein paar Tagen angekommen und bloss durchreisen wollen; die Reize des Orts und vorzuglich die Gemutlichkeit und Ruhe, die hier uberall herrsche, hatten mich aber vermocht, zu verweilen. Ganz unabhangig, bloss der Wissenschaft und der Kunst lebend, ware ich gesonnen, recht lange hier zu bleiben, da mich die ganze Umgebung auf hochste Weise anspreche und anziehe. Dem Fursten schien das zu gefallen, und er erbot sich mir als Cicerone alle Anlagen des Parks zu zeigen. Ich hutete mich zu verraten, dass ich das alles schon gesehen, sondern liess mich durch alle Grotten, Tempel, gotische Kapellen, Pavillons fuhren und horte geduldig die weitschweifigen Kommentare an, die der Furst von jeder Anlage gab. Uberall nannte er die Muster, nach welchen gearbeitet worden, machte mich auf die genaue Ausfuhrung der gestellten Aufgaben aufmerksam und verbreitete sich uberhaupt uber die eigentliche Tendenz, die bei der ganzen Einrichtung dieses Parks zum Grunde gelegen und die bei jedem Park vorwalten sollte. Er frug nach meiner Meinung; ich ruhmte die Anmut des Orts, die uppige herrliche Vegetation, unterliess aber auch nicht rucksichts der Gebaude mich ebenso wie gegen den Galerie-Inspektor zu aussern. Er horte mich aufmerksam an, er schien manches meiner Urteile nicht gerade zu verwerfen, indessen schnitt er jede weitere Diskussion uber diesen Gegenstand durch die Ausserung ab, dass ich zwar in ideeller Hinsicht recht haben konne, indessen mir die Kenntnis des Praktischen und der wahren Art der Ausfuhrung furs Leben abzugehen scheine. Das Gesprach wandte sich zur Kunst, ich bewies mich als guter Kenner der Malerei und als praktischer Tonkunstler, ich wagte manchen Widerspruch gegen seine Urteile, die geistreich und prazis seine innere Uberzeugung aussprachen, aber auch wahrnehmen liessen, dass seine Kunstbildung zwar bei weitem die ubertraf, wie sie die Grossen gemeinhin zu erhalten pflegen, indessen doch viel zu oberflachlich war, um nur die Tiefe zu ahnen, aus der dem wahren Kunstler die herrliche Kunst aufgeht und in ihm den gottlichen Funken des Strebens nach dem Wahrhaftigen entzundet. Meine Widerspruche, meine Ansichten galten ihm nur als Beweis meines Dilettantismus, der gewohnlich nicht von der wahren praktischen Einsicht erleuchtet werde. Er belehrte mich uber die wahren Tendenzen der Malerei und der Musik, uber die Bedingnisse des Gemaldes, der Oper. Ich erfuhr viel von Kolorit, Draperie, Pyramidalgruppen, von ernster und komischer Musik, von Szenen fur die Primadonna, von Choren, vom Effekt, vom Helldunkel, der Beleuchtung u.s.w. Ich horte alles an, ohne den Fursten, der sich in dieser Unterhaltung recht zu gefallen schien, zu unterbrechen. Endlich schnitt er selbst seine Rede ab mit der schnellen Frage: "Spielen Sie Pharo?" Ich verneinte es. "Das ist ein herrliches Spiel," fuhr er fort, "in seiner hohen Einfachheit das wahre Spiel fur geistreiche Manner. Man tritt gleichsam aus sich selbst heraus, oder besser, man stellt sich auf einen Standpunkt, von dem man die sonderbaren Verschlingungen und Verknupfungen, die die geheime Macht, welche wir Zufall nennen, mit unsichtbarem Faden spinnt, zu erblicken imstande ist. Gewinn und Verlust sind die beiden Angeln, auf denen sich die geheimnisvolle Maschine bewegt, die wir angestossen und die nun der ihr einwohnende Geist nach Willkur forttreibt. Das Spiel mussen Sie lernen, ich will selbst Ihr Lehrmeister sein." Ich versicherte, bis jetzt nicht viel Lust zu einem Spiel in mir zu spuren, das, wie mir oft versichert worden, hochst gefahrlich und verderblich sein solle. Der Furst lachelte und fuhr, mich mit seinen lebhaften klaren Augen scharf anblikkend, fort: "Ei, das sind kindische Seelen, die das behaupten, aber am Ende halten Sie mich wohl fur einen Spieler, der Sie ins Garn locken will. Ich bin der Furst; gefallt es Ihnen hier in der Residenz, so bleiben Sie hier und besuchen Sie meinen Zirkel, in dem wir manchmal Pharo spielen, ohne dass ich zugebe, dass sich irgend jemand durch das Spiel derangiere, unerachtet das Spiel bedeutend sein muss, um zu interessieren, denn der Zufall ist trage, sobald ihm nur Unbedeutendes dargeboten wird." Schon im Begriff, mich zu verlassen, kehrte der Furst sich noch zu mir und frug: "Mit wem habe ich aber gesprochen?" Ich erwiderte, dass ich Leonard heisse und als Gelehrter privatisiere, ich sei ubrigens keinesweges von Adel und durfe vielleicht daher von der mir angebotenen Gnade, im Hofzirkel zu erscheinen, keinen Gebrauch machen. "Was Adel, was Adel," rief der Furst heftig, "Sie sind, wie ich mich uberzeugt habe, ein sehr unterrichteter, geistreicher Mann. Die Wissenschaft adelt Sie und macht Sie fahig, in meiner Umgebung zu erscheinen. Adieu, Herr Leonard, auf Wiedersehen!" So war denn mein Wunsch fruher und leichter, als ich es mir gedacht hatte, erfullt. Zum erstenmal in meinem Leben sollte ich an einem Hofe erscheinen, ja, in gewisser Art selbst am Hofe leben, und mir gingen all die abenteuerlichen Geschichten von den Kabalen, Ranken, Intrigen der Hofe, wie sie sinnreiche Roman- und Komodienschreiber aushekken, durch den Kopf. Nach Aussage dieser Leute musste der Furst von Bosewichtern aller Art umgeben und verblendet, insonderheit aber der Hofmarschall ein ahnenstolzer abgeschmackter Pinsel, der erste Minister ein rankevoller habsuchtiger Bosewicht, die Kammerjunker mussen aber lockere Menschen und Madchenverfuhrer sein. Jedes Gesicht ist kunstmassig in freundliche Falten gelegt, aber im Herzen Lug und Trug; sie schmelzen vor Freundschaft und Zartlichkeit, sie bucken und krummen sich, aber jeder ist des andern unversohnlicher Feind und sucht ihm hinterlistig ein Bein zu stellen, dass er rettungslos umschlagt und der Hintermann in seine Stelle tritt, bis ihm ein gleiches widerfahrt. Die Hofdamen sind hasslich, stolz, rankevoll, dabei verliebt und stellen Netze und Sprenkeln, vor denen man sich zu huten hat wie vor dem Feuer! So stand das Bild eines Hofes in meiner Seele, als ich im Seminar so viel davon gelesen; es war mir immer, als treibe der Teufel da recht ungestort sein Spiel, und unerachtet mir Leonardus manches von Hofen, an denen er sonst gewesen, erzahlte, was zu meinen Begriffen davon durchaus nicht passen wollte, so blieb mir doch eine gewisse Scheu vor allem Hofischen zuruck, die noch jetzt, da ich im Begriff stand, einen Hof zu sehen, ihre Wirkung ausserte. Mein Verlangen, der Furstin naher zu treten, ja eine innere Stimme, die mir unaufhorlich wie in dunklen Worten zurief, dass hier mein Geschick sich bestimmen werde, trieben mich unwiderstehlich fort, und um die bestimmte Stunde befand ich mich, nicht ohne innere Beklemmung, im furstlichen Vorsaal.

Mein ziemlich langer Aufenthalt in jener Reichsund Handelsstadt hatte mir dazu gedient, all das Ungelenke, Steife, Eckichte meines Betragens, das mir sonst noch vom Klosterleben anklebte, ganz abzuschleifen. Mein von Natur geschmeidiger, vorzuglich wohlgebauter Korper gewohnte sich leicht an die ungezwungene freie Bewegung, die dem Weltmann eigen. Die Blasse, die den jungen Monch auch bei schonem Gesicht entstellt, war aus meinem Gesicht verschwunden, ich befand mich in den Jahren der hochsten Kraft, die meine Wangen rotete und aus meinen Augen blitzte; meine dunkelbraunen Locken verbargen jedes Uberbleibsel der Tonsur. Zu dem allen kam, dass ich eine feine, zierliche schwarze Kleidung im neuesten Geschmack trug, die ich aus der Handelsstadt mitgebracht, und so konnte es nicht fehlen, dass meine Erscheinung angenehm auf die schon Versammelten wirken musste, wie sie es durch ihr zuvorkommendes Betragen, das, sich in den Schranken der hochsten Feinheit haltend, nicht zudringlich wurde, bewiesen. So wie nach meiner aus Romanen und Komodien gezogenen Theorie der Furst, als er mit mir im Parke sprach, bei den Worten: "Ich bin der Furst", eigentlich den Oberrock rasch aufknopfen und mir einen grossen Stern entgegenblitzen lassen musste, so sollten auch all die Herren, die den Fursten umgaben, in gestickten Rocken, steifen Frisuren u.s.w. einhergehen, und ich war nicht wenig verwundert, nur einfache geschmackvolle Anzuge zu bemerken. Ich nahm wahr, dass mein Begriff vom Leben am Hofe wohl uberhaupt ein kindisches Vorurteil sein konne, meine Befangenheit verlor sich, und ganz ermutigte mich der Furst, der mit den Worten auf mich zutrat: "Sieh da, Herr Leonard!" und dann uber meinen strengen kunstrichterlichen Blick scherzte, mit dem ich seinen Park gemustert. Die Flugelturen offneten sich, und die Furstin trat in den Konversationssaal, nur von zwei Hofdamen begleitet. Wie erbebte ich bei ihrem Anblick im Innersten, wie war sie nun beim Schein der Lichter meiner Pflegemutter noch ahnlicher als sonst. Die Damen umringten sie, man stellte mich vor, sie sah mich an mit einem Blick, der Erstaunen, eine innere Bewegung verriet; sie lispelte einige Worte, die ich nicht verstand, und kehrte sich dann zu einer alten Dame, der sie etwas leise sagte, woruber diese unruhig wurde und mich scharf anblickte. Alles dieses geschah in einem Moment. Jetzt teilte sich die Gesellschaft in kleinere und grossere Gruppen, lebhafte Gesprache begannen, es herrschte ein freier ungezwungener Ton, und doch fuhlte man es, dass man sich im Zirkel des Hofes, in der Nahe des Fursten befand, ohne dass dies Gefuhl nur im mindesten gedruckt hatte. Kaum eine einzige Figur fand ich, die in das Bild des Hofes, wie ich ihn mir sonst dachte, gepasst haben sollte. Der Hofmarschall war ein alter lebenslustiger, aufgeweckter Mann, die Kammerjunker muntre Junglinge, die nicht im mindesten darnach aussahen, als fuhrten sie Boses im Schilde. Die beiden Hofdamen schienen Schwestern, sie waren sehr jung und ebenso unbedeutend, zum Gluck aber sehr anspruchslos geputzt. Vorzuglich war es ein kleiner Mann mit aufgestutzter Nase und lebhaft funkelnden Augen, schwarz gekleidet, den langen Stahldegen an der Seite, der, indem er sich mit unglaublicher Schnelle durch die Gesellschaft wand und schlangelte und bald hier, bald dort war, nirgends weilend, keinem Rede stehend, hundert witzige, sarkastische Einfalle wie Feuerfunken umherspruhte, uberall reges Leben entzundete. Es war des Fursten Leibarzt. Die alte Dame, mit der die Furstin gesprochen, hatte unbemerkt mich so geschickt zu umkreisen gewusst, dass ich, ehe ich mir's versah, mit ihr allein im Fenster stand. Sie liess sich alsbald in ein Gesprach mit mir ein, das, so schlau sie es anfing, bald den einzigen Zweck verriet, mich uber meine Lebensverhaltnisse auszufragen. Ich war auf dergleichen vorbereitet, und uberzeugt, dass die einfachste, anspruchloseste Erzahlung in solchen Fallen die unschadlichste und gefahrloseste ist, schrankte ich mich darauf ein, ihr zu sagen, dass ich ehemals Theologie studiert, jetzt aber, nachdem ich den reichen Vater beerbt, aus Lust und Liebe reise. Meinen Geburtsort verlegte ich nach dem polnischen Preussen und gab ihm einen solchen barbarischen, Zahne und Zunge zerbrechenden Namen, der der alten Dame das Ohr verletzte und ihr jede Lust benahm, noch einmal zu fragen. "Ei, ei," sagte die alte Dame, "Sie haben ein Gesicht, mein Herr, das hier gewisse traurige Erinnerungen wecken konnte, und sind vielleicht mehr als Sie scheinen wollen, da Ihr Anstand keinesweges auf einen Studenten der Theologie deutet."

Nachdem Erfrischungen gereicht worden, ging es in den Saal, wo der Pharotisch in Bereitschaft stand. Der Hofmarschall machte den Bankier, doch stand er, wie man mir sagte, mit dem Fursten in der Art im Verein, dass er allen Gewinn behielt, der Furst ihm aber jeden Verlust, insofern er den Fonds der Bank schwachte, ersetzte. Die Herren versammelten sich um den Tisch bis auf den Leibarzt, der durchaus niemals spielte, sondern bei den Damen blieb, die an dem Spiel keinen Anteil nahmen. Der Furst rief mich zu sich, ich musste neben ihm stehen, und er wahlte meine Karten, nachdem er mir in kurzen Worten das Mechanische des Spiels erklart. Dem Fursten schlugen alle Karten um, und auch ich befand mich, so genau ich den Rat des Fursten befolgte, fortwahrend im Verlust, der bedeutend wurde, da ein Louisdor als niedrigster Point galt. Meine Kasse war ziemlich auf der Neige, und schon oft hatte ich gesonnen, wie es gehen wurde, wenn die letzten Louisdors ausgegeben, um so mehr war mir das Spiel, welches mich auf einmal arm machen konnte, fatal. Eine neue Taille begann, und ich bat den Fursten, mich nun ganz mir selbst zu uberlassen, da es scheine, als wenn ich, als ein ausgemacht unglucklicher Spieler, ihn auch in Verlust brachte. Der Furst meinte lachelnd, dass ich noch vielleicht meinen Verlust hatte einbringen konnen, wenn ich nach dem Rat des erfahrnen Spielers fortgefahren, indessen wolle er nun sehn, wie ich mich benehmen wurde, da ich mir so viel zutraue. Ich zog aus meinen Karten, ohne sie anzusehen, blindlings eine heraus, es war die Dame. Wohl mag es lacherlich zu sagen sein, dass ich in diesem blassen leblosen Kartengesicht Aureliens Zuge zu entdecken glaubte. Ich starrte das Blatt an, kaum konnte ich meine innere Bewegung verbergen; der Zuruf des Bankiers, ob das Spiel gemacht sei, riss mich aus der Betaubung. Ohne mich zu besinnen, zog ich die letzten funf Louisdors, die ich noch bei mir trug, aus der Tasche und setzte sie auf die Dame. Sie gewann, nun setzte ich immer fort und fort auf die Dame, und immer hoher, sowie der Gewinn stieg. Jedesmal, wenn ich wieder die Dame setzte, riefen die Spieler: "Nein, es ist unmoglich, jetzt muss die Dame untreu werden" und alle Karten der ubrigen Spieler schlugen um. "Das ist mirakulos, das ist unerhort", erscholl es von allen Seiten, indem ich still und in mich gekehrt, ganz mein Gemut Aurelien zugewendet, kaum das Gold achtete, das mir der Bankier einmal ubers andere zuschob. Kurz, in den vier letzten Taillen hatte die Dame unausgesetzt gewonnen und ich die Taschen voll Gold. Es waren an zweitausend Louisdors, die mir das Gluck durch die Dame zuzugeteilt, und unerachtet ich nun aller Verlegenheit enthoben, so konnte ich mich doch eines innern unheimlichen Gefuhls nicht erwehren. Auf wunderbare Art fand ich einen geheimen Zusammenhang zwischen dem glucklichen Schuss aufs Geratewohl, der neulich die Huhner herabwarf, und zwischen meinem heutigen Gluck. Es wurde mir klar, dass nicht ich, sondern die fremde Macht, die in mein Wesen getreten, alles das Ungewohnliche bewirke und ich nur das willenlose Werkzeug sei, dessen sich jene Macht bediene zu mir unbekannten Zwekken. Die Erkenntnis dieses Zwiespalts, der mein Inneres feindselig trennte, gab mir aber Trost, indem sie mir das allmahliche Aufkeimen eigner Kraft, die, bald starker und starker werdend, dem Feinde widerstehen und ihn bekampfen werde, verkundete. Das ewige Abspiegeln von Aureliens Bild konnte nichts anderes sein, als ein verruchtes Verlocken zum bosen Beginnen, und eben dieser frevelige Missbrauch des frommen lieben Bildes erfullte mich mit Grausen und Abscheu.

In der dustersten Stimmung schlich ich des Morgens durch den Park, als mir der Furst, der um die Stunde auch zu lustwandeln pflegte, entgegentrat. "Nun, Herr Leonard," rief er, "wie finden Sie mein Pharospiel? Was sagen Sie von der Laune des Zufalls, der Ihnen alles tolle Beginnen verzieh und das Gold zuwarf? Sie hatten glucklicherweise die Karte Favorite getroffen, aber so blindlings durfen Sie selbst der Karte Favorite nicht immer vertrauen." Er verbreitete sich weitlauftig uber den Begriff der Karte Favorite, gab mir die wohlersonnensten Regeln, wie man dem Zufall in die Hand spielen musse, und schloss mit der Ausserung, dass ich nun mein Gluck im Spiel wohl eifrigst verfolgen werde. Ich versicherte dagegen freimutig, dass es mein fester Vorsatz sei, nie mehr eine Karte anzuruhren. Der Furst sah mich verwundert an. "Eben mein gestriges wunderbares Gluck", fuhr ich fort, "hat diesen Entschluss erzeugt, denn alles das, was ich sonst von dem Gefahrlichen, ja Verderblichen dieses Spiels gehort, ist dadurch bewahrt worden. Es lag fur mich etwas Entsetzliches darin, dass, indem die gleichgultige Karte, die ich blindlings zog, in mir eine schmerzhafte, herzzerreissende Erinnerung weckte, ich von einer unbekannten Macht ergriffen wurde, die das Gluck des Spiels, den losen Geldgewinn mir zuwarf, als entsprosse es aus meinem eignen Innern, als wenn ich selbst, jenes Wesen denkend, das aus der leblosen Karte mir mit gluhenden Farben entgegenstrahlte, dem Zufall gebieten konne, seine geheimsten Verschlingungen erkennend." "Ich verstehe Sie," unterbrach mich der Furst, "Sie liebten unglucklich, die Karte rief das Bild der verlornen Geliebten in Ihre Seele zuruck, obgleich mich das, mit Ihrer Erlaubnis, possierlich anspricht, wenn ich mir das breite, blasse komische Kartengesicht der Curdame, die Ihnen in die Hand fiel, lebhaft imaginiere. Doch Sie dachten nun einmal an die Geliebte, und sie war Ihnen im Spiel treuer und wohltuender als vielleicht im Leben; aber was darin Entsetzliches, Schreckbares liegen soll, kann ich durchaus nicht begreifen, vielmehr muss es ja erfreulich sein, dass Ihnen das Gluck wohlwollte. Uberhaupt! ist Ihnen denn nun einmal die ominose Verknupfung des Spielglucks mit Ihrer Geliebten so unheimlich, so tragt nicht das Spiel die Schuld, sondern nur Ihre individuelle Stimmung." "Mag das sein, gnadigster Herr," erwiderte ich, "aber ich fuhle nur zu lebhaft, dass es nicht sowohl die Gefahr ist, durch bedeutenden Verlust in die ubelste Lage zu geraten, welche dieses Spiel so verderblich macht, sondern vielmehr die Kuhnheit, geradezu wie in offener Fehde es mit der geheimen Macht aufzunehmen, die aus dem Dunkel glanzend hervortritt und uns wie ein verfuhrerisches Trugbild in eine Region verlockt, in der sie uns hohnend ergreift und zermalmt. Eben dieser Kampf mit jener Macht scheint das anziehende Wagestuck zu sein, das der Mensch, seiner Kraft kindisch vertrauend, so gern unternimmt und das er, einmal begonnen, bestandig, ja noch im Todeskampfe den Sieg hoffend, nicht mehr lassen kann. Daher kommt meines Bedunkens die wahnsinnige Leidenschaft der Pharospieler und die innere Zerruttung des Geistes, die der blosse Geldverlust nicht nach sich zu ziehen vermag und die sie zerstort. Aber auch schon in untergeordneter Hinsicht kann selbst dieser Verlust auch den leidenschaftlosen Spieler, in den noch nicht jenes feindselige Prinzip gedrungen, in tausend Unannehmlichkeiten, ja in offenbare Not sturzen, da er doch nur, durch die Umstande veranlasst, spielte. Ich darf es gestehen, gnadigster Herr, dass ich selbst gestern im Begriff stand, meine ganze Reisekasse gesprengt zu sehen." "Das hatte ich erfahren", fiel der Furst rasch ein, "und Ihnen den Verlust dreidoppelt ersetzt, denn ich will nicht, dass sich jemand meines Vergnugens wegen ruiniere, uberhaupt kann das bei mir nicht geschehen, da ich meine Spieler kenne und sie nicht aus den Augen lasse." "Aber eben diese Einschrankung, gnadigster Herr," erwiderte ich, "hebt wieder die Freiheit des Spiels auf und setzt selbst jenen besonderen Verknupfungen des Zufalls Schranken, deren Betrachtung Ihnen, gnadigster Herr, das Spiel so interessant macht. Aber wird nicht auch dieser oder jener, den die Leidenschaft des Spiels unwiderstehlich ergriffen, Mittel finden, zu seinem eignen Verderben der Aufsicht zu entgehen und so ein Missverhaltnis in sein Leben bringen, das ihn zerstort? Verzeihen Sie meine Freimutigkeit, gnadigster Herr! Ich glaube uberdem, dass jede Einschrankung der Freiheit, sollte diese auch gemissbraucht werden, druckend, ja, als dem menschlichen Wesen schnurstracks entgegenstrebend, unausstehlich ist." "Sie sind nun einmal, wie es scheint, uberall nicht meiner Meinung, Herr Leonard", fuhr der Furst auf und entfernte sich rasch, indem er mir ein leichtes "Adieu" zuwarf. Kaum wusste ich selbst, wie ich dazu gekommen, mich so offenherzig zu aussern, ja ich hatte niemals, unerachtet ich in der Handelsstadt oft an bedeutenden Banken als Zuschauer stand, genug uber das Spiel nachgedacht, um meine Uberzeugung im Innern so zu ordnen, wie sie mir jetzt unwillkurlich von den Lippen floss. Es tat mir leid, die Gnade des Fursten verscherzt und das Recht verloren zu haben, im Zirkel des Hofes erscheinen und der Furstin naher treten zu durfen. Ich hatte mich indessen geirrt, denn noch denselben Abend erhielt ich eine Einladungskarte zum Hofkonzert, und der Furst sagte im Vorbeistreifen mit freundlichem Humor zu mir: "Guten Abend, Herr Leonard, gebe der Himmel, dass meine Kapelle heute Ehre einlegt und meine Musik Ihnen besser gefallt als mein Park."

Die Musik war in der Tat recht artig, es ging alles prazis, indessen schien mir die Wahl der Stucke nicht glucklich, indem eins die Wirkung des andern vernichtete, und vorzuglich erregte mir eine lange Szene, die mir wie nach einer aufgegebenen Formel komponiert zu sein schien, herzliche Langeweile. Ich hutete mich wohl, meine wahre innere Meinung zu aussern, und hatte um so kluger daran getan, als man mir in der Folge sagte, dass eben jene lange Szene eine Komposition des Fursten gewesen.

Ohne Bedenken fand ich mich in dem nachsten Zirkel des Hofes ein und wollte selbst am Pharospiel teilnehmen, um den Fursten ganz mit mir auszusohnen, aber nicht wenig erstaunte ich, als ich keine Bank erblickte, vielmehr sich einige gewohnliche Spieltische formten und unter den ubrigen Herren und Damen, die sich im Zirkel um den Fursten setzten, eine lebhafte geistreiche Unterhaltung begann. Dieser oder jener wusste manches Ergotzliche zu erzahlen, ja Anekdoten mit scharfer Spitze wurden nicht verschmaht; meine Rednergabe kam mir zustatten, und es waren Andeutungen aus meinem eignen Leben, die ich unter der Hulle romantischer Dichtung auf anziehende Weise vorzutragen wusste. So erwarb ich mir die Aufmerksamkeit und den Beifall des Zirkels; der Furst liebte aber mehr das Heitre, Humoristische, und darin ubertraf niemand den Leibarzt, der in tausend possierlichen Einfallen und Wendungen unerschopflich war.

Diese Art der Unterhaltung erweiterte sich dahin, dass oft dieser oder jener etwas aufgeschrieben hatte, das er in der Gesellschaft vorlas, und so kam es denn, dass das Ganze bald das Ansehen eines wohlorganisierten literarisch-asthetischen Vereins erhielt, in dem der Furst prasidierte und in welchem jeder das Fach ergriff, welches ihm am mehrsten zusagte. Einmal hatte ein Gelehrter, der ein trefflicher tiefdenkender Physiker war, uns mit neuen interessanten Entdeckungen im Gebiet seiner Wissenschaft uberrascht, und so sehr dies den Teil der Gesellschaft ansprach, der wissenschaftlich genug war, den Vortrag des Professors zu fassen, so sehr langweilte sich der Teil, dem das alles fremd und unbekannt blieb. Selbst der Furst schien sich nicht sonderlich in die Ideen des Professors zu finden und auf den Schluss mit herzlicher Sehnsucht zu warten. Endlich hatte der Professor geendet, der Leibarzt war vorzuglich erfreut und brach aus in Lob und Bewunderung, indem er hinzufugte, dass dem tiefen Wissenschaftlichen wohl zur Erheiterung des Gemuts etwas folgen konne, das nun eben auf nichts weiter Anspruch mache als auf Erreichung dieses Zwecks. Die Schwachlichen, die die Macht der ihnen fremden Wissenschaft gebeugt hatte, richteten sich auf, und selbst des Fursten Gesicht uberflog ein Lacheln, welches bewies, wie sehr ihm die Ruckkehr ins Alltagsleben wohltat.

"Sie wissen, gnadigster Herr," hob der Leibarzt an, indem er sich zum Fursten wandte, "dass ich auf meinen Reisen nicht unterliess, all die lustigen Vorfalle, wie sie das Leben durchkreuzen, vorzuglich aber die possierlichen Originale, die mir aufstiessen, treu in meinem Reisejournal zu bewahren, und eben aus diesem Journal bin ich im Begriff etwas mitzuteilen, das, ohne sonderlich bedeutend zu sein, doch mir ergotzlich scheint. Auf meiner vorjahrigen Reise kam ich in spater Nacht in das schone grosse Dorf vier Stunden von B.; ich entschloss mich, in den stattlichen Gasthof einzukehren, wo mich ein freundlicher aufgeweckter Wirt empfing. Ermudet, ja zerschlagen von der weiten Reise, warf ich mich in meinem Zimmer gleich ins Bette, um recht auszuschlafen, aber es mochte eben eins geschlagen haben, als mich eine Flote, die dicht neben mir geblasen wurde, weckte. In meinem Leben hatt' ich solch ein Blasen nicht gehort. Der Mensch musste ungeheure Lungen haben, denn mit einem schneidenden, durchdringenden Ton, der den Charakter des Instruments ganz vernichtete, blies er immer dieselbe Passage hintereinander fort, so dass man sich nichts Abscheulicheres, Unsinnigeres denken konnte. Ich schimpfte und fluchte auf den verdammten tollen Musikanten, der mir den Schlaf raubte und die Ohren zerriss, aber wie ein aufgezogenes Uhrwerk rollte die Passage fort, bis ich endlich einen dumpfen Schlag vernahm, als wurde etwas gegen die Wand geschleudert, worauf es still blieb und ich ruhig fortschlafen konnte.

Am Morgen horte ich ein starkes Gezank unten im Hause. Ich unterschied die Stimme des Wirts und eines Mannes, der unaufhorlich schrie: 'Verdammt sei Ihr Haus, ware ich nie uber die Schwelle getreten. Der Teufel hat mich in Ihr Haus gefuhrt, wo man nichts trinken, nichts geniessen kann! alles ist infam schlecht und hundemassig teuer. Da haben Sie Ihr Geld, Adieu, Sie sehn mich nicht wieder in Ihrer vermaladeiten Kneipe.' Damit sprang ein kleiner, winddurrer Mann in einem kaffeebraunen Rocke und fuchsroter runder Perucke, auf die er einen grauen Hut ganz schief und martialisch gestulpt, schnell zum Hause heraus und lief nach dem Stalle, aus dem ich ihn bald auf einem ziemlich steifen Gaule in schwerfalligem Galopp zum Hofe hinausreiten sah.

Naturlicherweise hielt ich ihn fur einen Fremden, der sich mit dem Wirte entzweit habe und nun abgereiset sei; eben deshalb nahm es mich nicht wenig wunder, als ich mittags, da ich mich in der Wirtsstube befand, dieselbe komische kaffeebraune Figur mit der fuchsroten Perucke, welche des Morgens hinausritt, eintreten und ohne Umstande an dem gedeckten Tisch Platz nehmen sah. Es war das hasslichste und dabei possierlichste Gesicht, das mir jemals aufstiess. In dem ganzen Wesen des Mannes lag so etwas drollig Ernstes, dass man, ihn betrachtend, sich kaum des Lachens enthalten konnte. Wir assen miteinander, und ein wortkarges Gesprach schlich zwischen mir und dem Wirt hin, ohne dass der Fremde, der gewaltig ass, daran Anteil nehmen wollte. Offenbar war es, wie ich nachher einsah, Bosheit des Wirts, dass er das Gesprach geschickt auf nationelle Eigentumlichkeiten lenkte und mich geradezu frug, ob ich wohl schon Irlander kennen gelernt und von ihren sogenannten Bulls etwas wisse. 'Allerdings!' erwiderte ich, indem mir gleich eine ganze Reihe solcher Bulls durch den Kopf ging. Ich erzahlte von jenem Irlander, der, als man ihn frug, warum er den Strumpf verkehrt angezogen, ganz treuherzig antwortete: 'Auf der rechten Seite ist ein Loch!' Es kam mir ferner der herrliche Bull jenes Irlanders in den Sinn, der mit einem jahzornigen Schotten zusammen in einem Bette schlief und den blossen Fuss unter der Decke hervorgestreckt hatte. Nun bemerkte dies ein Englander, der im Zimmer befindlich, und schnallte flugs dem Irlander den Sporn an den Fuss, den er von seinem Stiefel heruntergenommen. Der Irlander zog schlafend den Fuss wieder unter die Decke und ritzte mit dem Sporn den Schotten, der daruber aufwachte und dem Irlander eine tuchtige Ohrfeige gab. Darauf entspann sich unter ihnen folgendes sinnreiche Gesprach: 'Was Teufel ficht dich an, warum schlagst du mich?' 'Weil du mich mit deinem Sporn geritzt hast!' 'Wie ist das moglich, da ich mit blossen Fussen bei dir im Bette liege?' 'Und doch ist es so, sieh nur her.' 'Gott verdamm mich, du hast recht, hat der verfluchte Kerl von Hausknecht mir den Stiefel ausgezogen und den Sporn sitzen lassen.' Der Wirt brach in ein unmassiges Gelachter aus, aber der Fremde, der eben mit dem Essen fertig worden und ein grosses Glas Bier heruntergesturzt hatte, sah mich ernst an und sprach: 'Sie haben ganz recht, die Irlander machen oft dergleichen Bulls, aber es liegt keinesweges an dem Volke, das regsam und geistreich ist, vielmehr weht dort eine solche verfluchte Luft, die einen mit dergleichen Tollheiten wie mit einem Schnupfen befallt, denn, mein Herr, ich selbst bin zwar ein Englander, aber in Irland geboren und erzogen und nur deshalb jener verdammten Krankheit der Bulls unterworfen.' Der Wirt lachte noch starker, und ich musste unwillkurlich einstimmen, denn sehr ergotzlich war es doch, dass der Irlander, nur von Bulls sprechend, gleich selbst einen ganz vortrefflichen zum besten gab. Der Fremde, weit entfernt, durch unser Gelachter beleidigt zu werden, riss die Augen weit auf, legte die Finger an die Nase und sprach: 'In England sind die Irlander das starke Gewurz, das der Gesellschaft hinzugefugt wird, um sie schmackhaft zu machen. Ich selbst bin in dem einzigen Stuck dem Falstaff ahnlich, dass ich oft nicht allein selbst witzig bin, sondern auch den Witz anderer erwecke, was in dieser nuchternen Zeit kein geringes Verdienst ist. Sollten Sie denken, dass in dieser ledernen leeren Bierwirtsseele sich auch oft dergleichen regt, bloss auf meinen Anlass? Aber dieser Wirt ist ein guter Wirt, er greift sein durftig Kapital von guten Einfallen durchaus nicht an, sondern leiht hie und da in Gesellschaft der Reichen nur einen aus auf hohe Zinsen; er zeigt, ist er dieser Zinsen nicht versichert, wie eben jetzt, hochstens den Einband seines Hauptbuchs, und der ist sein unmassiges Lachen; denn in dies Lachen hat er seinen Witz eingewickelt. Gott befohlen, meine Herrn!' Damit schritt der originelle Mann zur Ture hinaus, und ich bat den Wirt sofort um Auskunft uber ihn. 'Dieser Irlander', sagte der Wirt, 'der Ewson heisst und deswegen ein Englander sein will, weil sein Stammbaum in England wurzelt, ist erst seit kurzer Zeit hier, es werden nun gerade zweiundzwanzig Jahre sein. Ich hatte als ein junger Mensch den Gasthof gekauft und hielt Hochzeit, als Herr Ewson, der auch noch ein Jungling war, aber schon damals eine fuchsrote Perucke, einen grauen Hut und einen kaffeebraunen Rock von demselben Schnitt wie heute trug, auf der Ruckreise nach seinem Vaterlande begriffen, hier vorbeikam und durch die Tanzmusik, die lustig erschallte, hereingelockt wurde. Er schwur, dass man nur auf dem Schiffe zu tanzen verstehe, wo er es seit seiner Kindheit erlernt, und fuhrte, um dies zu beweisen, indem er auf grassliche Weise dazu zwischen den Zahnen pfiff, einen Hornpipe aus, wobei er aber bei einem Hauptsprunge sich den Fuss dermassen verrenkte, dass er bei mir liegen bleiben und sich heilen lassen musste. Seit der Zeit hat er mich nicht wieder verlassen. Mit seinen Eigenheiten habe ich meine liebe Not; jeden Tag seit den vielen Jahren zankt er mit mir, er schmalt auf die Lebensart, er wirft mir vor, dass ich ihn uberteure, dass er ohne Roastbeef und Porter nicht langer leben konne, packt sein Felleisen, setzt seine drei Perucken auf, eine uber die andere, nimmt von mir Abschied und reitet auf seinem alten Gaule davon. Das ist aber nur sein Spazierritt, denn mittags kommt er wieder zum andern Tore herein, setzt sich, wie Sie heute gesehen haben, ruhig an den Tisch und isst von den ungeniessbaren Speisen fur drei Mann. Jedes Jahr erhalt er einen starken Wechsel; dann sagt er mir ganz wehmutig Lebewohl, er nennt mich seinen besten Freund und vergiesst Tranen, wobei mir auch die Tranen uber die Backen laufen, aber vor unterdrucktem Lachen. Nachdem er noch lebens- und sterbenshalber seinen letzten Willen aufgesetzt und, wie er sagt, meiner altesten Tochter sein Vermogen vermacht hat, reitet er ganz langsam und betrubt nach der Stadt. Den dritten oder hochstens vierten Tag ist er aber wieder hier und bringt zwei kaffeebraune Rocke, drei fuchsrote Perukken, eine gleissender wie die andere, sechs Hemden, einen neuen grauen Hut und andere Bedurfnisse seines Anzuges, meiner altesten Tochter, seiner Lieblingin, aber ein Tutchen Zuckerwerk mit wie einem Kinde, unerachtet sie nun schon achtzehn Jahre alt worden. Er denkt dann weder an seinen Aufenthalt in der Stadt, noch an die Heimreise. Seine Zeche berichtigt er jeden Abend, und das Geld fur das Fruhstuck wirft er mir jeden Morgen zornig hin, wenn er wegreitet, um nicht wiederzukommen. Sonst ist er der gutmutigste Mensch von der Welt, er beschenkt meine Kinder bei jeder Gelegenheit, er tut den Armen im Dorfe wohl, nur den Prediger kann er nicht leiden, weil er, wie Herr Ewson es von dem Schulmeister erfuhr, einmal ein Goldstuck, das Ewson in die Armenbuchse geworfen, eingewechselt und lauter Kupferpfennige dafur gegeben hat. Seit der Zeit weicht er ihm uberall aus und geht niemals in die Kirche, weshalb der Prediger ihn fur einen Atheisten ausschreit. Wie gesagt, habe ich aber oft meine liebe Not mit ihm, weil er jahzornig ist und ganz tolle Einfalle hat. Erst gestern horte ich, als ich nach Hause kam, schon von weitem ein heftiges Geschrei und unterschied Ewsons Stimme. Als ich ins Haus trat, fand ich ihn im starksten Zank mit der Hausmagd begriffen. Er hatte, wie es im Zorn immer geschieht, bereits seine Perucke weggeschleudert und stand im kahlen Kopf, ohne Rock, in Hemdarmeln dicht vor der Magd, der er ein grosses Buch unter die Nase hielt und, stark schreiend und fluchend, mit dem Finger hineinwies. Die Magd hatte die Hande in die Seiten gestemmt und schrie, er moge andere zu seinen Streichen brauchen, er sei ein schlechter Mensch, der an nichts glaube u.s.w. Mit Muhe gelang es mir, die Streitenden auseinander zu bringen und der Sache auf den Grund zu kommen. Herr Ewson hatte verlangt, die Magd solle ihm Oblate verschaffen zum Briefsiegeln; die Magd verstand ihn anfangs gar nicht, zuletzt fiel ihr ein, dass das Oblate sei, was bei dem Abendmahl gebraucht werde, und meinte, Herr Ewson wolle mit der Hostie verruchtes Gespotte treiben, weil der Herr Pfarrer ohnedies gesagt, dass er ein Gottesleugner sei. Sie widersetzte sich daher, und Herr Ewson, der da glaubte, nur nicht richtig ausgesprochen zu haben und nicht verstanden zu sein, holte sofort sein englisch-deutsches Worterbuch und demonstrierte daraus der Bauermagd, die kein Wort lesen konnte, was er haben wolle, wobei er zuletzt nichts als englisch sprach, welches die Magd fur das sinnverwirrende Gewasche des Teufels hielt. Nur mein Dazwischentreten verhinderte die Prugelei, in der Herr Ewson vielleicht den Kurzeren gezogen.'

Ich unterbrach den Wirt in der Erzahlung von dem drolligen Manne, indem ich frug, ob das vielleicht auch Herr Ewson gewesen, der mich in der Nacht durch sein grassliches Flotenblasen so gestort und geargert habe. 'Ach, mein Herr!' fuhr der Wirt fort, 'das ist nun auch eine von Herr Ewsons Eigenheiten, womit er mir beinahe die Gaste verscheucht. Vor drei Jahren kam mein Sohn aus der Stadt hieher; der Junge blast eine herrliche Flote und ubte hier fleissig sein Instrument. Da fiel es Herrn Ewson ein, dass er ehemals auch Flote geblasen, und liess nicht nach, bis ihm Fritz seine Flote und ein Konzert, das er mitgebracht hatte, fur schweres Geld verkaufte.

Nun fing Herr Ewson, der gar keinen Sinn fur Musik, gar keinen Takt hat, mit dem grossten Eifer an, das Konzert zu blasen. Er kam aber nur bis zum zweiten Solo des ersten Allegros, da stiess ihm eine Passage auf, die er nicht herausbringen konnte, und diese einzige Passage blast er nun seit den drei Jahren fast jeden Tag hundertmal hintereinander, bis er im hochsten Zorn erst die Flote und dann die Perucke an die Wand schleudert. Da dies nun wenige Floten lange aushalten, so braucht er gar oft neue und hat jetzt gewohnlich drei bis vier im Gange. Ist nur ein Schraubchen zerbrochen oder eine Klappe schadhaft, so wirft er sie mit einem 'Gott verdamm mich, nur in England macht man Instrumente, die was taugen!' durchs Fenster. Ganz erschrecklich ist es, dass ihn diese Passion der Flotenblaserei oft nachts uberfallt und er dann meine Gaste aus dem tiefsten Schlafe dudelt. Sollten Sie aber glauben, dass hier im Amtshause sich beinahe ebenso lange, als Herr Ewson bei mir ist, ein englischer Doktor aufhalt, der Green heisst und mit Herrn Ewson darin sympathisiert, dass er ebenso originell, ebenso voll sonderbaren Humors ist? Sie zanken sich unaufhorlich und konnen doch nicht ohne einander leben. Es fallt mir eben ein, dass Herr Ewson auf heute Abend einen Punsch bei mir bestellt hat, zu dem er den Amtmann und den Doktor Green eingeladen. Wollen Sie es sich, mein Herr, gefallen lassen, noch bis morgen fruh hier zu verweilen, so konnen Sie heute abend bei mir das possierlichste Kleeblatt sehen, das sich nur zusammenfinden kann.'

Sie stellen sich es vor, gnadigster Herr, dass ich mir den Aufschub der Reise gern gefallen liess, weil ich hoffte, den Herrn Ewson in seiner Glorie zu sehen. Er trat, sowie es Abend worden, ins Zimmer und war artig genug, mich zu dem Punsch einzuladen, indem er hinzusetzte, wie es ihm nur leid tate, mich mit dem nichtswurdigen Getrank, das man hier Punsch nenne, bewirten zu mussen; nur in England trinke man Punsch, und da er nachstens dahin zuruckkehren werde, hoffe er, kame ich jemals nach England, mir es beweisen zu konnen, dass er es verstehe, das kostliche Getrank zu bereiten. Ich wusste, was ich davon zu denken hatte. Bald darauf traten auch die eingeladenen Gaste ein. Der Amtmann war ein kleines kugelrundes, hochst freundliches Mannlein mit vergnugt blickenden Augen und einem roten Naschen; der Doktor Green ein robuster Mann von mittlern Jahren mit einem auffallenden Nationalgesicht, modern, aber nachlassig gekleidet, Brill' auf der Nase, Hut auf dem Kopfe. 'Gebt mir Sekt, dass meine Augen rot werden!' rief er pathetisch, indem er auf den Wirt zuschritt und ihn, bei der Brust packend, heftig schuttelte: 'Halunkischer Cambyses, sprich! wo sind die Prinzessinnen? Nach Kaffee riecht's und nicht nach Trank der Gotter!' 'Lass ab von mir, o Held, weg mit der starken Faust, zermalmst im Zorne mir die Rippen!' rief der Wirt keuchend. 'Nicht eher, feiger Schwachling', fuhr der Doktor fort, 'bis susser Dampf des Punsches, Sinn umnebelnd, Nase kitzelt, nicht eher lass ich dich, du ganz unwerter Wirt!' Aber nun schoss Ewson grimmig auf den Doktor los und schalt: 'Unwurd'ger Green! Grun soll's dir werden vor den Augen, ja greinen sollst du gramerfullt, wenn du nicht ablasst von schmachvoller Tat!' Nun, dacht' ich, wurde Zank und Tumult losbrechen, aber der Doktor sagte: 'So will ich, feiger Ohnmacht spottend, ruhig sein und harrn des Gottertranks, den du bereitet, wurd'ger Ewson.' Er liess den Wirt los, der eiligst davonsprang, setzte sich mit einer Catos Miene an den Tisch, ergriff die gestopfte Pfeife und blies grosse Dampfwolken von sich. 'Ist das nicht, als ware man im Theater?' sagte der freundliche Amtmann zu mir, 'aber der Doktor, der sonst kein teutsches Buch in die Hand nimmt, fand zufallig Schlegels Shakespeare bei mir, und seit der Zeit spielt er, nach seinem Ausdruck, uralte bekannte Melodien auf einem fremden Instrumente. Sie werden bemerkt haben, dass sogar der Wirt rhythmisch spricht, der Doktor hat ihn sozusagen eingejambt.' Der Wirt brachte den dampfenden Punschnapf, und unerachtet Ewson und Green schwuren, er sei kaum trinkbar, so sturzten sie doch ein grosses Glas nach dem andern hinab. Wir fuhrten ein leidlich Gesprach. Green blieb wortkarg, nur dann und wann gab er auf komische Weise, die Opposition behauptend, etwas von sich. So sprach z.B. der Amtmann von dem Theater in der Stadt, und ich versicherte, der erste Held spiele vortrefflich. 'Das kann ich nicht finden', fiel sogleich der Doktor ein, 'Glauben Sie nicht, dass, hatte der Mann sechsmal besser gespielt, er des Beifalls viel wurd'ger sein wurde?' Ich musste das notgedrungen zugeben und meinte nur, dass dies sechsmal besser Spielen dem Schauspieler not tue, der die zartlichen Vater ganz erbarmlich tragiere. 'Das kann ich nicht finden', sagte Green wieder, 'der Mann gibt alles, was er in sich tragt! Kann er dafur, dass seine Tendenz sich zum Schlechten hinneigt? Er hat es aber im Schlechten zu ruhmlicher Vollkommenheit gebracht, man muss ihn deshalb loben!' Der Amtmann sass mit seinem Talent, die beiden anzuregen zu allerlei tollen Einfallen und Meinungen, in ihrer Mitte wie das exzitierende Prinzip, und so ging es fort, bis der starke Punsch zu wirken anfing. Da wurde Ewson ausgelassen lustig, er sang mit krachzender Stimme Nationallieder, er warf Perucke und Rock durchs Fenster in den Hof und fing an, mit den sonderbarsten Grimassen auf so drollige Weise zu tanzen, dass man sich vor Lachen hatte ausschutten mogen. Der Doktor blieb ernsthaft, hatte aber die seltsamsten Visionen. Er sah den Punschnapf fur eine Bassgeige an und wollte durchaus darauf herumstreichen, mit dem Loffel Ewsons Lieder akkompagnierend, wovon ihn nur des Wirts dringendste Protestationen abhalten konnten. Der Amtmann war immer stiller und stiller geworden, am Ende stolperte er in eine Ecke des Zimmers, wo er sich hinsetzte und heftig zu weinen anfing. Ich verstand den Wink des Wirts und frug den Amtmann um die Ursache seines tiefen Schmerzes. 'Ach, ach!' brach er schluchzend los, 'der Prinz Eugen war doch ein grosser Feldherr, und dieser heldenmutige Furst musste sterben. Ach! ach!' und damit weinte er heftiger, dass ihm die hellen Tranen uber die Backen liefen. Ich versuchte ihn uber den Verlust dieses wackern Prinzen des langst vergangenen Jahrhunderts moglichst zu trosten, aber es war vergebens. Der Doktor Green hatte indessen eine grosse Lichtschere ergriffen und fuhr damit unaufhorlich gegen das offene Fenster. Er hatte nichts geringeres im Sinn, als den Mond zu putzen, der hell hineinschien. Ewson sprang und schrie, als ware er besessen von tausend Teufeln, bis endlich der Hausknecht, des hellen Mondscheins unerachtet, mit einer grossen Laterne in das Zimmer trat und laut rief: 'Da bin ich, meine Herren, nun kanns fortgehen.' Der Doktor stellte sich dicht vor ihm hin und sprach, ihm die Dampfwolken ins Gesicht blasend: 'Willkommen, Freund! Bist du der Squenz, der Mondschein tragt und Hund und Dornbusch? Ich habe dich geputzt, Halunke, darum scheinst du hell! Gut' Nacht denn, viel des schnoden Safts hab' ich getrunken, gut' Nacht, mein werter Wirt, gut' Nacht mein Pylades!' Ewson schwur, dass kein Mensch zu Hause gehen solle, ohne den Hals zu brechen, aber niemand achtete darauf, vielmehr nahm der Hausknecht den Doktor unter den einen, den Amtmann, der noch immer uber den Verlust des Prinzen Eugen lamentierte, unter den andern Arm, und so wackelten sie uber die Strasse fort nach dem Amtshause. Mit Muhe brachten wir den narrischen Ewson in sein Zimmer, wo er noch die halbe Nacht auf der Flote tobte, so dass ich kein Auge zutun und mich erst, im Wagen schlafend, von dem tollen Abend im Gasthause erholen konnte."

Die Erzahlung des Leibarztes wurde oft durch lauteres Gelachter, als man es wohl sonst im Zirkel eines Hofes horen mag, unterbrochen. Der Furst schien sich sehr ergotzt zu haben. "Nur eine Figur", sagte er zum Leibarzt, "haben Sie in dem Gemalde zu sehr in den Hintergrund gestellt, und das ist Ihre eigne, denn ich wette, dass Ihr zuzeiten etwas boshafter Humor den narrischen Ewson sowie den pathetischen Doktor zu tausend tollen Ausschweifungen verleitet hat und dass Sie eigentlich das exzitierende Prinzip waren, fur das Sie den lamentablen Amtmann ausgeben." "Ich versichere, gnadigster Herr," erwiderte der Leibarzt, "dass dieser aus seltner Narrheit komponierte Klub so in sich abgerundet war, dass alles Fremde nur dissoniert hatte. Um in dem musikalischen Gleichnis zu bleiben, waren die drei Menschen der reine Dreiklang, jeder verschieden, im Ton aber harmonisch mitklingend der Wirt sprang hinzu wie eine Septime." Auf diese Weise wurde noch manches hin- und hergesprochen, bis sich, wie gewohnlich, die furstliche Familie in ihre Zimmer zuruckzog und die Gesellschaft in der gemutlichsten Laune auseinanderging. Ich bewegte mich heiter und lebenslustig in einer neuen Welt. Je mehr ich in den ruhigen gemutlichen Gang des Lebens in der Residenz und am Hofe eingriff, je mehr man mir einen Platz einraumte, den ich mit Ehre und Beifall behaupten konnte, desto weniger dachte ich an die Vergangenheit, sowie daran, dass mein hiesiges Verhaltnis sich jemals andern konne. Der Furst schien ein besonderes Wohlgefallen an mir zu finden, und aus verschiedenen fluchtigen Andeutungen konnte ich schliessen, dass er mich auf diese oder jene Weise in seiner Umgebung festzustellen wunschte. Nicht zu leugnen war es, dass eine gewisse Gleichformigkeit der Ausbildung, ja eine gewisse angenommene gleiche Manier in allem wissenschaftlichen und kunstlerischen Treiben, die sich vom Hofe aus uber die ganze Residenz verbreitete, manchem geistreichen und an unbedingte Freiheit gewohnten Mann den Aufenthalt daselbst bald verleidet hatte; indessen kam mir, so oft auch die Beschrankung, welche die Einseitigkeit des Hofes hervorbrachte, lastig wurde, das fruhere Gewohnen an eine bestimmte Form, die wenigstens das Aussere regelt, dabei sehr zustatten. Mein Klosterleben war es, das hier, freilich unmerklicherweise, noch auf mich wirkte. So sehr mich der Furst auszeichnete, so sehr ich mich bemuhte, die Aufmerksamkeit der Furstin auf mich zu ziehen, so blieb diese doch kalt und verschlossen. Ja, meine Gegenwart schien sie oft auf besondere Weise zu beunruhigen, und nur mit Muhe erhielt sie es uber sich, mir wie den andern ein paar freundliche Worte zuzuwerfen. Bei den Damen, die sie umgaben, war ich glucklicher; mein Ausseres schien einen gunstigen Eindruck gemacht zu haben, und indem ich mich oft in ihren Kreisen bewegte, gelang es mir bald, diejenige wunderliche Weltbildung zu erhalten, welche man Galanterie nennt und die in nichts anderm besteht, als die aussere korperliche Geschmeidigkeit, vermoge der man immer da, wo man steht oder geht, hinzupassen scheint, auch in die Unterhaltung zu ubertragen. Es ist die sonderbare Gabe, uber nichts mit bedeutenden Worten zu schwatzen und so den Weibern ein gewisses Wohlbehagen zu erregen, von dem, wie es entstanden, sie sich selbst nicht Rechenschaft geben konnen. Dass diese hohere und eigentliche Galanterie sich nicht mit plumpen Schmeicheleien abgeben kann, fliesst aus dem Gesagten, wiewohl in jenem interessanten Geschwatz, das wie ein Hymnus der Angebeteten erklingt, eben das ganzliche Eingehen in ihr Innerstes liegt, so dass ihr eignes Selbst ihnen klar zu werden scheint und sie sich in dem Reflex ihres eignen Ichs mit Wohlgefallen spiegeln. Wer hatte nun noch den Monch in mir erkennen sollen! Der einzige mir gefahrliche Ort war vielleicht nur noch die Kirche, in welcher es mir schwer wurde, jene klosterliche Andachtsubungen, die ein besonderer Rhythmus, ein besonderer Takt auszeichnet, zu vermeiden.

Der Leibarzt war der einzige, der das Geprage, womit alles wie gleiche Munze ausgestempelt war, nicht angenommen hatte, und dies zog mich zu ihm hin, so wie er sich deshalb an mich anschloss, weil ich, wie er recht gut wusste, anfangs die Opposition gebildet und meine freimutigen Ausserungen, die dem fur kecke Wahrheit empfanglichen Fursten eindrangen, das verhasste Pharospiel mit einemmal verbannt hatten.

So kam es denn, dass wir oft zusammen waren und bald uber Wissenschaft und Kunst, bald uber das Leben, wie es sich vor uns ausbreitete, sprachen. Der Leibarzt verehrte ebenso hoch die Furstin als ich und versicherte, dass nur sie es sei, die manche Abgeschmacktheit des Fursten abwende und diejenige sonderbare Art Langeweile, welche ihn auf der Oberflache hin- und hertreibe, dadurch zu verscheuchen wisse, dass sie ihm oft ganz unvermerkt ein unschadliches Spielzeug in die Hande gebe. Ich unterliess nicht, bei dieser Gelegenheit mich zu beklagen, dass ich, ohne den Grund erforschen zu konnen, der Furstin durch meine Gegenwart oft ein unausstehliches Missbehagen zu erregen scheine. Der Leibarzt stand sofort auf und holte, da wir uns gerade in seinem Zimmer befanden, ein kleines Miniaturbild aus dem Schreibepult, welches er mir mit der Weisung, es recht genau zu betrachten, in die Hande gab. Ich tat es und erstaunte nicht wenig, als ich in den Zugen des Mannes, den das Bild darstellte, ganz die meinigen erkannte. Nur der Anderung der Frisur und der Kleidung, die nach verjahrter Mode gemalt war, nur der Hinzufugung meines starken Backenbarts, dem Meisterstuck Belcampos, bedurfte es, um das Bild ganz zu meinem Portrat zu machen. Ich ausserte dies unverhohlen dem Leibarzt. "Und eben diese Ahnlichkeit", sagte er, "ist es, welche die Furstin erschreckt und beunruhigt, so oft Sie in ihre Nahe kommen, denn Ihr Gesicht erneuert das Andenken einer entsetzlichen Begebenheit, die vor mehreren Jahren den Hof traf wie ein zerstorender Schlag. Der vorige Leibarzt, der vor einigen Jahren starb und dessen Zogling in der Wissenschaft ich bin, vertraute mir jenen Vorgang in der furstlichen Familie und gab mir zugleich das Bild, welches den ehemaligen Gunstling des Fursten, Francesko, darstellt und zugleich, wie Sie sehen, rucksichts der Malerei ein wahres Meisterstuck ist. Es ruhrt von dem wunderlichen fremden Maler her, der sich damals am Hofe befand und eben in jener Tragodie die Hauptrolle spielte." Bei der Betrachtung des Bildes regten sich gewisse verworrene Ahnungen in mir, die ich vergebens trachtete klar aufzufassen. Jene Begebenheit schien mir ein Geheimnis erschliessen zu wollen, in das ich selbst verflochten war, und um so mehr drang ich in den Leibarzt, mir das zu vertrauen, welches zu erfahren mich die zufallige Ahnlichkeit mit Francesko zu berechtigen scheine. "Freilich", sagte der Leibarzt, "muss dieser hochst merkwurdige Umstand Ihre Neugierde nicht wenig aufregen, und so ungern ich eigentlich von jener Begebenheit sprechen mag, uber die noch jetzt, fur mich wenigstens, ein geheimnisvoller Schleier liegt, den ich auch weiter gar nicht luften will, so sollen Sie doch alles erfahren, was ich davon weiss. Viele Jahre sind vergangen und die Hauptpersonen von der Buhne abgetreten, nur die Erinnerung ist es, welche feindselig wirkt. Ich bitte, gegen niemanden von dem, was Sie erfuhren, etwas zu aussern." Ich versprach das, und der Arzt fing in folgender Art seine Erzahlung an:

"Eben zu der Zeit, als unser Furst sich vermahlte, kam sein Bruder in Gesellschaft eines Mannes, den er Francesko nannte, unerachtet man wusste, dass er ein Deutscher war, sowie eines Malers von weiten Reisen zuruck. Der Prinz war einer der schonsten Manner, die man gesehen, und schon deshalb stach er vor unserm Fursten hervor, hatte er ihn auch nicht an Lebensfulle und geistiger Kraft ubertroffen. Er machte auf die junge Furstin, die damals bis zur Ausgelassenheit lebhaft und der der Furst viel zu formell, viel zu kalt war, einen seltenen Eindruck, und ebenso fand sich der Prinz von der jungen bildschonen Gemahlin seines Bruders angezogen. Ohne an ein strafbares Verhaltnis zu denken, mussten sie der unwiderstehlichen Gewalt nachgeben, die ihr inneres Leben, nur wie wechselseitig sich entzundend, bedingte und so die Flamme nahren, die ihr Wesen in eins verschmolz. Francesko allein war es, der in jeder Hinsicht seinem Freunde an die Seite gesetzt werden konnte, und so wie der Prinz auf die Gemahlin seines Bruders, so wirkte Francesko auf die altere Schwester der Furstin. Francesko wurde sein Gluck bald gewahr, benutzte es mit durchdachter Schlauheit, und die Neigung der Prinzessin wuchs bald zur heftigsten, brennendsten Liebe. Der Furst war von der Tugend seiner Gemahlin zu sehr uberzeugt, um nicht alle hamische Zwischentragerei zu verachten, wiewohl ihn das gespannte Verhaltnis mit dem Bruder druckte; und nur dem Francesko, den er seines seltnen Geistes, seiner lebensklugen Umsicht halber lieb gewonnen, war es moglich, ihn in gewissen Gleichmut zu erhalten. Der Furst wollte ihn zu den ersten Hofstellen befordern, Francesko begnugte sich aber mit den geheimen Vorrechten des ersten Gunstlings und mit der Liebe der Prinzessin. In diesen Verhaltnissen bewegte sich der Hof, so gut es gehen wollte, aber nur die vier durch geheime Bande verknupften Personen waren glucklich in dem Eldorado der Liebe, das sie sich gebildet und das anderen verschlossen. Wohl mochte es der Furst, ohne dass man es wusste, veranstaltet haben, dass mit vielem Pomp eine italienische Prinzessin am Hofe erschien, die fruher dem Prinzen als Gemahlin zugedacht war, und der er, als er auf der Reise sich am Hofe ihres Vaters befand, sichtliche Zuneigung bewiesen hatte. Sie soll ausnehmend schon und uberhaupt die Grazie, die Anmut selbst gewesen sein, und dies spricht auch das herrliche Portrat aus, was Sie noch auf der Galerie sehen konnen. Ihre Gegenwart belebte den in dustre Langeweile versunkenen Hof, sie uberstrahlte alles, selbst die Furstin und ihre Schwester nicht ausgenommen. Franceskos Betragen anderte sich bald nach der Ankunft der Italienerin auf eine ganz auffallende Weise; es war, als zehre ein geheimer Gram an seiner Lebensblute, er wurde murrisch, verschlossen, er vernachlassigte seine furstliche Geliebte. Der Prinz war ebenso tiefsinnig geworden, er fuhlte sich von Regungen ergriffen, denen er nicht zu widerstehen vermochte. Der Furstin stiess die Ankunft der Italienerin einen Dolch ins Herz. Fur die zur Schwarmerei geneigte Prinzessin war nun mit Franceskos Liebe alles Lebensgluck entflohen, und so waren die vier Glucklichen, Beneidenswerten in Gram und Betrubnis versenkt. Der Prinz erholte sich zuerst, indem er bei der strengen Tugend seiner Schwagerin den Lockungen des schonen verfuhrerischen Weibes nicht widerstehen konnte. Jenes kindliche, recht aus dem tiefsten Innern entsprossene Verhaltnis mit der Furstin ging unter in der namenlosen Lust, die ihm die Italienerin verhiess, und so kam es denn, dass er bald aufs neue in den alten Fesseln lag, denen er seit nicht lange her sich entwunden. Je mehr der Prinz dieser Liebe nachhing, desto auffallender wurde Franceskos Betragen, den man jetzt beinahe gar nicht mehr am Hofe sah, sondern der einsam umherschwarmte und oft wochenlang von der Residenz abwesend war. Dagegen liess sich der wunderliche menschenscheue Maler mehr sehen als sonst und arbeitete vorzuglich gern in dem Atelier, das ihm die Italienerin in ihrem Hause einrichten lassen. Er malte sie mehrmals mit einem Ausdruck ohnegleichen; der Furstin schien er abhold, er wollte sie durchaus nicht malen, dagegen vollendete er das Portrat der Prinzessin, ohne dass sie ihm ein einziges Mal gesessen, auf das ahnlichste und herrlichste. Die Italienerin bewies diesem Maler so viel Aufmerksamkeit, und er dagegen begegnete ihr mit solcher vertraulicher Galanterie, dass der Prinz eifersuchtig wurde und dem Maler, als er ihn einmal im Atelier arbeitend antraf und er, fest den Blick auf den Kopf der Italienerin, den er wieder hingezaubert, gerichtet, sein Eintreten gar nicht zu bemerken schien, rund heraussagte, er moge ihm den Gefallen tun und hier nicht mehr arbeiten, sondern sich ein anderes Atelier suchen. Der Maler schnickte gelassen den Pinsel aus und nahm schweigend das Bild von der Staffelei. Im hochsten Unmute riss es der Prinz ihm aus der Hand mit der Ausserung, es sei so herrlich getroffen, dass er es besitzen musse. Der Maler, immer ruhig und gelassen bleibend, bat, nur zu erlauben, dass er das Bild mit ein paar Zugen vollende. Der Prinz stellte das Bild wieder auf die Staffelei, nach ein paar Minuten gab der Maler es ihm zuruck und lachte hell auf, als der Prinz uber das grasslich verzerrte Gesicht erschrak, zu dem das Portrat geworden. Nun ging der Maler langsam aus dem Saal, aber nah an der Ture kehrte er um, sah den Prinzen an mit ernstem durchdringendem Blick und sprach dumpf und feierlich: 'Nun bist du verloren!'

Dies geschah, als die Italienerin schon fur des Prinzen Braut erklart war und in wenigen Tagen die feierliche Vermahlung vor sich gehen sollte. Des Malers Betragen achtete der Prinz um so weniger, als er in dem allgemeinen Ruf stand, zuweilen von einiger Tollheit heimgesucht zu werden. Er sass, wie man erzahlte, nun wieder in seinem kleinen Zimmer und starrte tagelang eine grosse aufgespannte Leinwand an, indem er versicherte, wie er eben jetzt an ganz herrlichen Gemalden arbeite; so vergass er den Hof und wurde von diesem wieder vergessen.

Die Vermahlung des Prinzen mit der Italienerin ging in dem Palast des Fursten auf das feierlichste vor sich; die Furstin hatte sich in ihr Geschick gefugt und einer zwecklosen, nie zu befriedigenden Neigung entsagt; die Prinzessin war wie verklart, denn ihr geliebter Francesko war wieder erschienen, bluhender, lebensfroher als je. Der Prinz sollte mit seiner Gemahlin den Flugel des Schlosses beziehen, den der Furst erst zu dem Behuf einrichten lassen. Bei diesem Bau war er recht in seinem Wirkungskreise, man sah ihn nicht anders, als von Architekten, Malern, Tapezierern umgeben, in grossen Buchern blatternd und Plane, Risse, Skizzen vor sich ausbreitend, die er zum Teil selbst gemacht und die mitunter schlecht genug geraten waren. Weder der Prinz noch seine Braut durften fruher etwas von der inneren Einrichtung sehen, bis am spaten Abend des Vermahlungstages, an dem sie von dem Fursten in einem langen feierlichen Zuge durch die in der Tat mit geschmackvoller Pracht dekorierten Zimmer geleitet wurden, und ein Ball in einem herrlichen Saal, der einem bluhenden Garten glich, das Fest beschloss. In der Nacht entstand in dem Flugel des Prinzen ein dumpfer Larm, aber lauter und lauter wurde das Getose, bis es den Fursten selbst aufweckte. Ungluckahnend sprang er auf, eilte, von der Wache begleitet, nach dem entfernten Flugel und trat in den breiten Korridor, als eben der Prinz gebracht wurde, den man vor der Ture des Brautgemachs, durch einen Messerstich in den Hals ermordet, gefunden. Man kann sich das Entsetzen des Fursten, der Prinzessin Verzweiflung, die tiefe, herzzerreissende Trauer der Furstin denken. Als der Furst ruhiger worden, fing er an, der Moglichkeit, wie der Mord geschehen, wie der Morder durch die uberall mit Wachen besetzten Korridore habe entfliehen konnen, nachzuspahen; alle Schlupfwinkel wurden durchsucht, aber vergebens. Der Page, der den Prinzen bedient, erzahlte, wie er seinen Herrn, der, von banger Ahnung ergriffen, sehr unruhig gewesen und lange in seinem Kabinett auf und ab gangen sei, endlich entkleidet und mit dem Armleuchter in der Hand bis an das Vorzimmer des Brautgemachs geleuchtet habe. Der Prinz hatte ihm den Leuchter aus der Hand genommen und ihn zuruckgeschickt; kaum sei er aber aus dem Zimmer gewesen, als er einen dumpfen Schrei, einen Schlag und das Klirren des fallenden Armleuchters gehort. Gleich sei er zuruckgerannt und habe bei dem Schein eines Lichts, das noch auf der Erde fortgebrannt, den Prinzen vor der Ture des Brautgemachs und neben ihm ein kleines blutiges Messer liegen gesehen, nun aber gleich Larm gemacht. Nach der Erzahlung der Gemahlin des unglucklichen Prinzen war er, gleich nachdem sie die Kammerfrauen entfernt, hastig ohne Licht in das Zimmer getreten, hatte alle Lichter schnell ausgeloscht, war wohl eine halbe Stunde bei ihr geblieben und hatte sich dann wieder entfernt; erst einige Minuten darauf geschah der Mord. Als man sich in Vermutungen, wer der Morder sein konne, erschopfte, als es durchaus kein einziges Mittel mehr gab, dem Tater auf die Spur zu kommen, da trat eine Kammerfrau der Prinzessin auf, die in einem Nebenzimmer, dessen Ture geoffnet war, jenen verfanglichen Auftritt des Prinzen mit dem Maler bemerkt hatte; den erzahlte sie nun mit allen Umstanden. Niemand zweifelte, dass der Maler sich auf unbegreifliche Weise in den Palast zu schleichen gewusst und den Prinzen ermordet habe. Der Maler sollte im Augenblick verhaftet werden, schon seit zwei Tagen war er aber aus dem Hause verschwunden, niemand wusste wohin, und alle Nachforschungen blieben vergebens. Der Hof war in die tiefste Trauer versenkt, die die ganze Residenz mit ihm teilte, und es war nur Francesko, der, wieder unausgesetzt bei Hofe erscheinend, in dem kleinen Familienzirkel manchen Sonnenblick aus den truben Wolken hervorzuzaubern wusste.

Die Prinzessin fuhlte sich schwanger, und da es klar zu sein schien, dass der Morder des Gemahls die ahnliche Gestalt zum verruchten Betruge gemissbraucht, begab sie sich auf ein entferntes Schloss des Fursten, damit die Niederkunft verschwiegen bliebe, und so die Frucht eines hollischen Frevels wenigstens nicht vor der Welt, der der Leichtsinn der Diener die Ereignisse der Brautnacht verraten, den unglucklichen Gemahl schande.

Franceskos Verhaltnis mit der Schwester der Furstin wurde in dieser Trauerzeit immer fester und inniger, und ebensosehr verstarkte sich die Freundschaft des furstlichen Paars fur ihn. Der Furst war langst in Franceskos Geheimnis eingeweiht, er konnte bald nicht langer dem Andringen der Furstin und der Prinzessin widerstehen und willigte in Franceskos heimliche Vermahlung mit der Prinzessin. Francesko sollte sich im Dienst eines fremden Hofes zu einem hohen militarischen Grad aufschwingen und dann die offentliche Kundmachung seiner Ehe mit der Prinzessin erfolgen. An jenem Hofe war das damals, bei den Verbindungen des Fursten mit ihm, moglich.

Der Tag der Verbindung erschien, der Furst mit seiner Gemahlin sowie zwei vertraute Manner des Hofes (mein Vorganger war einer von ihnen) waren die einzigen, die der Trauung in der kleinen Kapelle im furstlichen Palast beiwohnen sollten. Ein einziger Page, in das Geheimnis eingeweiht, bewachte die Ture.

Das Paar stand vor dem Altar, der Beichtiger des Fursten, ein alter ehrwurdiger Priester, begann das Formular, nachdem er ein stilles Amt gehalten. Da erblasste Francesko, und mit stieren, auf den Eckpfeiler beim Hochaltar gerichteten Augen rief er mit dumpfer Stimme: 'Was willst du von mir?' An den Eckpfeiler gelehnt, stand der Maler, in fremder seltsamer Tracht, den violetten Mantel um die Schulter geschlagen, und durchbohrte Francesko mit dem gespenstischen Blick seiner hohlen schwarzen Augen. Die Prinzessin war der Ohnmacht nahe, alles erbebte, vom Entsetzen ergriffen, nur der Priester blieb ruhig und sprach zu Francesko: 'Warum erschreckt dich die Gestalt dieses Mannes, wenn dein Gewissen rein ist?' Da raffte sich Francesko auf, der noch gekniet, und sturzte mit einem kleinen Messer in der Hand auf den Maler, aber noch ehe er ihn erreicht, sank er mit einem dumpfen Geheul ohnmachtig nieder, und der Maler verschwand hinter dem Pfeiler. Da erwachten alle wie aus einer Betaubung, man eilte Francesko zu Hilfe, er lag totenahnlich da. Um alles Aufsehen zu vermeiden, wurde er von den beiden vertrauten Mannern in die Zimmer des Fursten getragen. Als er aus der Ohnmacht erwachte, verlangte er heftig, dass man ihn entlasse in seine Wohnung, ohne eine einzige Frage des Fursten uber den geheimnisvollen Vorgang in der Kirche zu beantworten. Den andern Morgen war Francesko aus der Residenz mit den Kostbarkeiten, die ihm die Gunst des Prinzen und des Fursten zugewendet, entflohen. Der Furst unterliess nichts, um dem Geheimnisse, dem gespenstischen Erscheinen des Malers auf die Spur zu kommen. Die Kapelle hatte nur zwei Eingange, von denen einer aus den inneren Zimmern des Palastes nach den Logen neben dem Hochaltar, der andere hingegen aus dem breiten Hauptkorridor in das Schiff der Kapelle fuhrte. Diesen Eingang hatte der Page bewacht, damit kein Neugieriger sich nahe, der andere war verschlossen, unbegreiflich blieb es daher, wie der Maler in der Kapelle erscheinen und wieder verschwinden konnen. Das Messer, welches Francesko gegen den Maler gezuckt, behielt er, ohnmachtig werdend, wie im Starrkrampf in der Hand, und der Page (derselbe, der an dem unglucklichen Vermahlungsabende den Prinzen entkleidete und der nun die Ture der Kapelle bewachte) behauptete, es sei dasselbe gewesen, was damals neben dem Prinzen gelegen, da es seiner silbernen blinkenden Schale wegen sehr ins Auge falle. Nicht lange nach diesen geheimnisvollen Begebenheiten kamen Nachrichten von der Prinzessin; an eben dem Tage, da Franceskos Vermahlung vor sich gehen sollte, hatte sie einen Sohn geboren und war bald nach der Entbindung gestorben. Der Furst betrauerte ihren Verlust, wiewohl das Geheimnis der Brautnacht schwer auf ihr lag und in gewisser Art einen vielleicht ungerechten Verdacht gegen sie selbst erweckte. Der Sohn, die Frucht einer freveligen verruchten Tat, wurde in entfernten Landen unter dem Namen des Grafen Viktorin erzogen. Die Prinzessin (ich meine die Schwester der Furstin), im Innersten zerrissen von den schrecklichen Begebenheiten, die in so kurzer Zeit auf sie eindrangen, wahlte das Kloster. Sie ist, wie es Ihnen bekannt sein wird, Abtissin des Zisterzienser-Klosters in ***. Ganz wunderbar und geheimnisvoll sich beziehend auf jene Begebenheiten an unserm Hofe, ist nun aber ein Ereignis, das sich unlangst auf dem Schlosse des Barons F. zutrug und diese Familie so wie damals unsern Hof auseinander warf. Die Abtissin hatte namlich, geruhrt von dem Elende einer armen Frau, die mit einem kleinen Kinde auf der Pilgerfahrt von der heiligen Linde ins Kloster einkehrte, ihren-"

Hier unterbrach ein Besuch die Erzahlung des Leibarztes, und es gelang mir, den Sturm, der in mir wogte, zu verbergen. Klar stand es vor meiner Seele, Francesko war mein Vater, er hatte den Prinzen mit demselben Messer ermordet, mit dem ich Hermogen totete! Ich beschloss, in einigen Tagen nach Italien abzureisen und so endlich aus dem Kreise zu treten, in den mich die bose feindliche Macht gebannt hatte. Denselben Abend erschien ich im Zirkel des Hofes; man erzahlte viel von einem herrlichen bildschonen Fraulein, die als Hofdame in der Umgebung der Furstin heute zum erstenmal erscheinen werde, da sie erst gestern angekommen.

Die Flugelturen offneten sich, die Furstin trat herein, mit ihr die Fremde. Ich erkannte Aurelien.

Zweiter Teil

Erster Abschnitt

Der Wendepunkt

In wessen Leben ging nicht einmal das wunderbare, in tiefster Brust bewahrte Geheimnis der Liebe auf! Wer du auch sein magst, der du kunftig diese Blatter liesest, rufe dir jene hochste Sonnenzeit zuruck, schaue noch einmal das holde Frauenbild, das, der Geist der Liebe selbst, dir entgegentrat. Da glaubtest du ja nur in ihr dich, dein hoheres Sein zu erkennen. Weisst du noch, wie die rauschenden Quellen, die flusternden Busche, wie der kosende Abendwind von ihr, von deiner Liebe so vernehmlich zu dir sprachen? Siehst du es noch, wie die Blumen dich mit hellen freundlichen Augen anblickten, Gruss und Kuss von ihr bringend? Und sie kam, sie wollte dein sein ganz und gar. Du umfingst sie voll gluhenden Verlangens und wolltest, losgeloset von der Erde, auflodern in inbrunstiger Sehnsucht! Aber das Mysterium blieb unerfullt, eine finstre Macht zog stark und gewaltig dich zur Erde nieder, als du dich aufschwingen wolltest mit ihr zu dem fernen Jenseits, das dir verheissen. Noch ehe du zu hoffen wagtest, hattest du sie verloren, alle Stimmen, alle Tone waren verklungen, und nur die hoffnungslose Klage des Einsamen achzte grauenvoll durch die dustre Einode. Du, Fremder! Unbekannter! Hat dich je solch namenloser Schmerz zermalmt, so stimme ein in den trostlosen Jammer des ergrauten Monchs, der in finstrer Zelle der Sonnenzeit seiner Liebe gedenkend, das harte Lager mit blutigen Tranen netzt, dessen bange Todesseufzer in stiller Nacht durch die dustren Klostergange hallen. Aber auch du, du mir im Innern Verwandter, auch du glaubst es, dass der Liebe hochste Seligkeit, die Erfullung des Geheimnisses, im Tode aufgeht. So verkunden es uns die dunklen weissagenden Stimmen, die aus jener, keinem irdischen Massstab messlichen Urzeit zu uns herubertonen, und wie in den Mysterien, die die Sauglinge der Natur feierten, ist uns ja auch der Tod das Weihfest der Liebe!

Ein Blitz fuhr durch mein Innres, mein Atem stockte, die Pulse schlugen, krampfhaft zuckte das Herz, zerspringen wollte die Brust! Hin zu ihr hin zu ihr sie an mich reissen in toller Liebeswut! "Was widerstrebst du, Unselige, der Macht, die dich unaufloslich an mich gekettet? Bist du nicht mein! mein immerdar?" Doch besser wie damals, als ich Aurelien zum erstenmal im Schlosse des Barons erblickte, hemmte ich den Ausbruch meiner wahnsinnigen Leidenschaft. Uberdem waren aller Augen auf Aurelien gerichtet, und so gelang es mir, im Kreise gleichgultiger Menschen mich zu drehen und zu wenden, ohne dass irgend einer mich sonderlich bemerkt oder gar angeredet hatte, welches mir unertraglich gewesen sein wurde, da ich nur sie sehen horen denken wollte.

Man sage nicht, dass das einfache Hauskleid das wahrhaft schone Madchen am besten ziere, der Putz der Weiber ubt einen geheimnisvollen Zauber, dem wir nicht leicht widerstehen konnen. In ihrer tiefsten Natur mag es liegen, dass im Putz recht aus ihrem Innern heraus sich alles schimmernder und schoner entfaltet, wie Blumen nur dann vollendet sich darstellen, wenn sie in uppiger Fulle in bunten glanzenden Farben aufgebrochen. Als du die Geliebte zum erstenmal geschmuckt sahst, frostelte da nicht ein unerklarlich Gefuhl dir durch Nerv und Adern? Sie kam dir so fremd vor, aber selbst das gab ihr einen unnennbaren Reiz. Wie durchbebten dich Wonne und namenlose Lusternheit, wenn du verstohlen ihre Hand drucken konntest! Aurelien hatte ich nie anders als im einfachen Hauskleide gesehen, heute erschien sie, der Hofsitte gemass, in vollem Schmuck. Wie schon sie war! Wie fuhlte ich mich bei ihrem Anblick von unnennbarem Entzucken, von susser Wollust durchschauert! Aber da wurde der Geist des Bosen machtig in mir und erhob seine Stimme, der ich williges Ohr lieh. "Siehst du es nun wohl, Medardus," so flusterte es mir zu, "siehst du es nun wohl, wie du dem Geschick gebietest, wie der Zufall, dir untergeordnet, nur die Faden geschickt verschlingt, die du selbst gesponnen?" Es gab in dem Zirkel des Hofes Frauen, die fur vollendet schon geachtet werden konnten, aber vor Aureliens das Gemut tief ergreifendem Liebreiz verblasste alles wie in unscheinbarer Farbe. Eine eigne Begeisterung regte die Tragsten auf, selbst den alteren Mannern riss der Faden gewohnlicher Hofkonversation, wo es nur auf Worter ankommt, denen von aussen her einiger Sinn anfliegt, jahlings ab, und es war lustig, wie jeder mit sichtlicher Qual darnach rang, in Wort und Miene recht sonntagsmassig vor der Fremden zu erscheinen. Aurelie nahm diese Huldigungen mit niedergeschlagenen Augen, in holder Anmut hoch errotend, auf; aber als nun der Furst die alteren Manner um sich sammelte und mancher bildschone Jungling sich schuchtern mit freundlichen Worten Aurelien nahte, wurde sie sichtlich heitrer und unbefangener. Vorzuglich gelang es einem Major von der Leibgarde, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, so dass sie bald in lebhaftem Gesprach begriffen schienen. Ich kannte den Major als entschiedenen Liebling der Weiber. Er wusste mit geringem Aufwande harmlos scheinender Mittel Sinn und Geist aufzuregen und zu umstricken. Mit feinem Ohr auch den leisesten Anklang erlauschend, liess er schnell wie ein geschickter Spieler alle verwandte Akkorde nach Willkur vibrieren, so dass die Getauschte in den fremden Tonen nur ihre eigne innere Musik zu horen glaubte. Ich stand nicht fern von Aurelien, sie schien mich nicht zu bemerken ich wollte hin zu ihr, aber wie mit eisernen Banden gefesselt, vermochte ich nicht, mich von der Stelle zu ruhren. Noch einmal den Major scharf anblickend, war es mir plotzlich, als stehe Viktorin bei Aurelien. Da lachte ich auf im grimmigen Hohn: "Hei! Hei! Du Verruchter, hast du dich im Teufelsgrunde so weich gebettet, dass du in toller Brunst trachten magst nach der Buhlin des Monchs?"

Ich weiss nicht, ob ich diese Worte wirklich sprach, aber ich horte mich selbst lachen und fuhr auf wie aus tiefem Traum, als der alte Hofmarschall, sanft meine Hand fassend, frug: "Woruber erfreuen Sie sich so, lieber Herr Leonard?" Eiskalt durchbebte es mich!

Waren das nicht die Worte des frommen Bruders Cyrill, der mich ebenso frug, als er bei der Einkleidung mein freveliges Lacheln bemerkte? Kaum vermochte ich, etwas Unzusammenhangendes herzustammeln. Ich fuhlte es, dass Aurelie nicht mehr in meiner Nahe war, doch wagte ich es nicht, aufzublicken, ich rannte fort durch die erleuchteten Sale. Wohl mag mein ganzes Wesen gar unheimlich erschienen sein; denn ich bemerkte, wie mir alles scheu auswich, als ich die breite Haupttreppe mehr herabsprang als herabstieg.

Ich mied den Hof, denn Aurelien ohne Gefahr, mein tiefstes Geheimnis zu verraten, wiederzusehen, schien mir unmoglich. Einsam lief ich durch Flur und Wald, nur sie denkend, nur sie schauend. Fester und fester wurde meine Uberzeugung, dass ein dunkles Verhangnis ihr Geschick in das meinige verschlungen habe und dass das, was mir manchmal als sundhafter Frevel erschienen, nur die Erfullung eines ewigen unabanderlichen Ratschlusses sei. So mich ermutigend, lachte ich der Gefahr, die mir dann drohen konnte, wenn Aurelie in mir Hermogens Morder erkennen sollte. Dies dunkte mir jedoch uberdem hochst unwahrscheinlich. Wie erbarmlich erschienen mir nun jene Junglinge, die in eitlem Wahn sich um die bemuhten, die so ganz und gar mein eigen worden, dass ihr leisester Lebenshauch nur durch das Sein in mir bedingt schien. Was sind mir diese Grafen, diese Freiherren, diese Kammerherren, diese Offiziere in ihren bunten Rocken in ihrem blinkenden Golde, ihren schimmernden Orden anders als ohnmachtige, geschmuckte Insektlein, die ich, wird mir das Volk lastig, mit kraftiger Faust zermalme. In der Kutte will ich unter sie treten, Aurelien brautlich geschmuckt in meinen Armen, und diese stolze feindliche Furstin soll selbst das Hochzeitslager bereiten dem siegenden Monch, den sie verachtet. In solchen Gedanken arbeitend, rief ich oft laut Aureliens Namen und lachte und heulte wie ein Wahnsinniger. Aber bald legte sich der Sturm. Ich wurde ruhiger und fahig, daruber Entschlusse zu fassen, wie ich nun mich Aurelien nahern wollte. Eben schlich ich eines Tages durch den Park, nachsinnend, ob es ratsam sei, die Abendgesellschaft zu besuchen, die der Furst ansagen lassen, als man von hinten her auf meine Schulter klopfte. Ich wandte mich um, der Leibarzt stand vor mir. "Erlauben Sie mir Ihren werten Puls!" fing er sogleich an und griff, starr mir ins Auge blickend, nach meinem Arm. "Was bedeutet das?" frug ich erstaunt. "Nicht viel," fuhr er fort, "es soll hier still und heimlich einige Tollheit umherschleichen, die die Menschen recht banditenmassig uberfallt und ihnen eins versetzt, dass sie leicht aufkreischen mussen, klingt das auch zuweilen nur wie ein unsinnig Lachen. Indessen kann alles auch nur ein Phantasma oder jener tolle Teufel nur ein gelindes Fieber mit steigender Hitze sein, darum erlauben Sie Ihren werten Puls, Liebster!" "Ich versichre Sie, mein Herr, dass ich von dem allen kein Wort verstehe!" So fiel ich ein, aber der Leibarzt hatte meinen Arm gefasst und zahlte den Puls mit zum Himmel gerichtetem Blick eins zwei, drei. Mir war sein wunderliches Betragen ratselhaft, ich drang in ihn, mir doch nur zu sagen, was er eigentlich wolle. "Sie wissen also nicht, werter Herr Leonard, dass Sie neulich den ganzen Hof in Schrecken und Besturzung gesetzt haben? Die Oberhofmeisterin leidet bis dato an Krampfen, und der Konsistorial-Prasident versaumt die wichtigsten Sessionen, weil es Ihnen beliebt hat, uber seine podagrischen Fusse wegzurennen, so dass er, im Lehnstuhl sitzend, noch uber mannigfache Stiche betrachtlich brullt! Das geschah namlich, als Sie, wie von einiger Tollheit heimgesucht, aus dem Saale sturzten, nachdem sie ohne merkliche Ursache so aufgelacht hatten, dass allen ein Grausen ankam und sich die Haare straubten!" In dem Augenblick dachte ich an den Hofmarschall und meinte, dass ich mich nun wohl erinnere, in Gedanken laut aufgelacht zu haben, um so weniger konne das aber von solch wunderlicher Wirkung gewesen sein, als der Hofmarschall mich ja ganz sanft gefragt hatte, woruber ich mich so erfreue. "Ei, Ei!" fuhr der Leibarzt fort, "das will nichts bedeuten, der Hofmarschall ist solch ein homo impavidus, der sich aus dem Teufel selbst nichts macht. Er blieb in seiner ruhigen Dolcezza, obgleich erwahnter Konsistorial-Prasident wirklich meinte, der Teufel habe aus Ihnen, mein Teurer, auf seine Weise gelachelt, und unsere schone Aurelie von solchem Grausen und Entsetzen ergriffen wurde, dass alle Bemuhungen der Herrschaft, sie zu beruhigen, vergebens blieben und sie bald die Gesellschaft verlassen musste, zur Verzweiflung samtlicher Herren, denen sichtlich das Liebesfeuer aus den exaltierten Toupets dampfte! In dem Augenblick, als Sie, werter Herr Leonard, so lieblich lachten, soll Aurelie mit schneidendem, in das Herz dringenden Ton: 'Hermogen!' gerufen haben. Ei, Ei! was mag das bedeuten? Das konnten Sie vielleicht wissen Sie sind uberhaupt ein lieber, lustiger, kluger Mann, Herr Leonard, und es ist mir nicht unlieb, dass ich Ihnen Franceskos merkwurdige Geschichte anvertraut habe, das muss recht lehrreich fur Sie werden!" Immerfort hielt der Leibarzt meinen Arm fest und sah mir starr in die Augen. "Ich weiss," sagte ich, mich ziemlich unsanft losmachend, "ich weiss Ihre wunderliche Reden nicht zu deuten, mein Herr, aber ich muss gestehen, dass, als ich Aurelien von den geschmuckten Herren umlagert sah, denen, wie Sie witzig bemerken, das Liebesfeuer aus den exaltierten Toupets dampfte, mir eine sehr bittre Erinnerung aus meinem fruheren Leben durch die Seele fuhr und dass ich, von recht grimmigem Hohn uber mancher Menschen toricht Treiben ergriffen, unwillkurlich hell auflachen musste. Es tut mir leid, dass ich, ohne es zu wollen, so viel Unheil angerichtet habe, und ich busse dafur, indem ich mich selbst auf einige Zeit vom Hofe verbanne. Mag mir die Furstin, mag mir Aurelie verzeihen." "Ei, mein lieber Herr Leonard," versetzte der Leibarzt, "man hat ja wohl wunderliche Anwandlungen, denen man leicht widersteht, wenn man sonst nur reinen Herzens ist." "Wer darf sich dessen ruhmen hienieden?" frug ich dumpf in mich hinein. Der Leibarzt anderte plotzlich Blick und Ton. "Sie scheinen mir," sprach er milde und ernst, "Sie scheinen mir aber doch wirklich krank. Sie sehen blass und verstort aus Ihr Auge ist eingefallen und brennt seltsam in rotlicher Glut... Ihr Puls geht fieberhaft... Ihre Sprache klingt dumpf... soll ich Ihnen etwas aufschreiben?" "Gift!" sprach ich kaum vernehmbar. "Ho ho!" rief der Leibarzt, "steht es so mit Ihnen? Nun, nun, statt des Gifts das niederschlagende Mittel zerstreuender Gesellschaft. Es kann aber auch sein, dass... Wunderlich ist es aber doch... vielleicht " "Ich bitte Sie, mein Herr!" rief ich ganz erzurnt, "ich bitte Sie, mich nicht mit abgebrochenen unverstandlichen Reden zu qualen, sondern lieber geradezu alles..." "Halt!" unterbrach mich der Leibarzt, "halt... es gibt die wunderlichsten Tauschungen, mein Herr Leonard, beinahe ist's mir gewiss, dass man auf augenblicklichen Eindruck eine Hypothese gebaut hat, die vielleicht in wenigen Minuten in nichts zerfallt. Dort kommt die Furstin mit Aurelien, nutzen Sie dieses zufallige Zusammentreffen, entschuldigen Sie Ihr Betragen... Eigentlich... mein Gott! eigentlich haben Sie ja auch nur gelacht... freilich auf etwas wunderliche Weise, wer kann aber dafur, dass schwachnervige Personen daruber erschrecken? Adieu!"

Der Leibarzt sprang mit der ihm eignen Behendigkeit davon. Die Furstin kam mit Aurelien den Gang herab. Ich erbebte. Mit aller Gewalt raffte ich mich zusammen. Ich fuhlte nach des Leibarztes geheimnisvollen Reden, dass es nun galt, mich auf der Stelle zu behaupten. Keck trat ich den Kommenden entgegen. Als Aurelie mich ins Auge fasste, sank sie mit einem dumpfen Schrei wie tot zusammen, ich wollte hinzu, mit Abscheu und Entsetzen winkte mich die Furstin fort, laut um Hilfe rufend. Wie von Furien und Teufeln gepeitscht, rannte ich fort durch den Park. Ich schloss mich in meine Wohnung ein und warf mich, vor Wut und Verzweiflung knirschend, aufs Lager! Der Abend kam, die Nacht brach ein, da horte ich die Hausture aufschliessen, mehrere Stimmen murmelten und flusterten durcheinander, es wankte und tappte die Treppe herauf endlich pochte man an meine Ture und befahl mir im Namen der Obrigkeit, aufzumachen. Ohne deutliches Bewusstsein, was mir drohen konne, glaubte ich zu fuhlen, dass ich nun verloren sei. Rettung durch Flucht so dachte ich und riss das Fenster auf. Ich erblickte Bewaffnete vor dem Hause, von denen mich einer sogleich bemerkte. "Wohin?" rief er mir zu, und in dem Augenblick wurde die Ture meines Schlafzimmers gesprengt. Mehrere Manner traten herein; bei dem Leuchten der Laterne, die einer von ihnen trug, erkannte ich sie fur Polizeisoldaten. Man zeigte mir die Ordre des Kriminalgerichts, mich zu verhaften, vor; jeder Widerstand ware toricht gewesen. Man warf mich in den Wagen, der vor dem Hause hielt, und als ich, an den Ort, der meine Bestimmung schien, angekommen, frug, wo ich mich befande, so erhielt ich zur Antwort: "In den Gefangnissen der obern Burg." Ich wusste, dass man hier gefahrliche Verbrecher wahrend des Prozesses einsperre. Nicht lange dauerte es, so wurde mein Bette gebracht, und der Gefangenwarter frug mich, ob ich noch etwas zu meiner Bequemlichkeit wunsche. Ich verneinte das und blieb endlich allein. Die lange nachhallenden Tritte und das Auf- und Zuschliessen vieler Turen liessen mich wahrnehmen, dass ich mich in einem der innersten Gefangnisse auf der Burg befand. Auf mir selbst unerklarliche Weise war ich wahrend der ziemlich langen Fahrt ruhig geworden, ja in einer Art Sinnesbetaubung erblickte ich alle Bilder, die mir vorubergingen, nur in blassen, halberloschenen Farben. Ich erlag nicht dem Schlaf, sondern einer Gedanken und Phantasie lahmenden Ohnmacht. Als ich am hellen Morgen erwachte, kam mir nur nach und nach die Erinnerung dessen, was geschehen und wo ich hingebracht worden. Die gewolbte, ganz zellenartige Kammer, wo ich lag, hatte mir kaum ein Gefangnis geschienen, wenn nicht das kleine Fenster stark mit Eisenstaben vergittert und so hoch angebracht gewesen ware, dass ich es nicht einmal mit ausgestreckter Hand erreichen, viel weniger hinausschauen konnte. Nur wenige Sonnenstrahlen fielen sparsam hinein; mich wandelte die Lust an, die Umgebungen meines Aufenthaltes zu erforschen, ich ruckte daher mein Bette heran und stellte den Tisch darauf. Eben wollte ich hinaufklettern, als der Gefangenwarter hereintrat und uber mein Beginnen sehr verwundert schien. Er frug mich, was ich da mache, ich erwiderte, dass ich nur hinausschauen wollen; schweigend trug er Tisch, Bette und den Stuhl fort und schloss mich sogleich wieder ein. Nicht eine Stunde hatte es gedauert, als er, von zwei anderen Mannern begleitet, wieder erschien und mich durch lange Gange treppauf, treppab fuhrte, bis ich endlich in einen kleinen Saal eintrat, wo mich der Kriminalrichter erwartete. Ihm zur Seite sass ein junger Mann, dem er in der Folge alles, was ich auf die an mich gerichtete Fragen erwidert hatte, laut in die Feder diktierte. Meinen ehemaligen Verhaltnissen bei Hofe und der allgemeinen Achtung, die ich in der Tat so lange genossen hatte, mochte ich die hofliche Art danken, mit der man mich behandelte, wiewohl ich auch die Uberzeugung darauf baute, dass nur Vermutungen, die hauptsachlich auf Aureliens ahnendes Gefuhl beruhen konnten, meine Verhaftung veranlasst hatten. Der Richter forderte mich auf, meine bisherigen Lebensverhaltnisse genau anzugeben; ich bat ihn, mir erst die Ursache meiner plotzlichen Verhaftung zu sagen, er erwiderte, dass ich uber das mir schuld gegebene Verbrechen zu seiner Zeit genau genug vernommen werden solle. Jetzt komme es nur darauf an, meinen ganzen Lebenslauf bis zur Ankunft in der Residenz auf das genaueste zu wissen, und er musse mich daran erinnern, dass es dem Kriminalgericht nicht an Mitteln fehlen wurde, auch dem kleinsten von mir angegebenen Umstande nachzuspuren, weshalb ich denn ja der strengsten Wahrheit treu bleiben moge. Diese Ermahnung, die der Richter, ein kleiner durrer Mann mit fuchsroten Haaren, mit heiserer, lacherlich quakender Stimme mir hielt, indem er die grauen Augen weit aufriss, fiel auf einen fruchtbaren Boden; denn ich erinnerte mich nun, dass ich in meiner Erzahlung den Faden genau so aufgreifen und fortspinnen musse, wie ich ihn angelegt, als ich bei Hofe meinen Namen und Geburtsort angab. Auch war es wohl notig, alles Auffallende vermeidend, meinen Lebenslauf ins Alltagliche, aber weit Entfernte, Ungewisse zu spielen, so dass die weitern Nachforschungen dadurch auf jeden Fall weit aussehend und schwierig werden mussten. In dem Augenblick kam mir auch ein junger Pole ins Gedachtnis, mit dem ich auf dem Seminar in B. studierte; ich beschloss, seine einfachen Lebensumstande mir anzueignen. So gerustet, begann ich in folgender Art: "Es mag wohl sein, dass man mich eines schweren Verbrechens beschuldigt, ich habe indessen hier unter den Augen des Fursten und der ganzen Stadt gelebt, und es ist wahrend der Zeit meines Aufenthaltes kein Verbrechen verubt worden, fur dessen Urheber ich gehalten werden oder dessen Teilnehmer ich sein konnte. Es muss also ein Fremder sein, der mich eines in fruherer Zeit begangenen Verbrechens anklagt, und da ich mich von aller Schuld vollig rein fuhle, so hat vielleicht nur eine ungluckliche Ahnlichkeit die Vermutung meiner Schuld erregt; um so harter finde ich es aber, dass man mich leerer Vermutungen und vorgefasster Meinungen wegen, dem uberfuhrten Verbrecher gleich, in ein strenges Kriminalgefangnis sperrt. Warum stellt man mich nicht meinem leichtsinnigen, vielleicht boshaften Anklager unter die Augen? ... Gewiss ist es am Ende ein alberner Tor, der..." "Gemach, gemach, Herr Leonard," quakte der Richter, "menagieren Sie sich, Sie konnten sonst garstig anstossen gegen hohe Personen, und die fremde Person, die Sie, mein Herr Leonard, oder Herr... (er biss sich schnell in die Lippen) erkannt hat, ist auch weder leichtsinnig noch albern, sondern... Nun, und dann haben wir gute Nachrichten aus der..." Er nannte die Gegend, wo die Guter des Barons F. lagen, und alles klarte sich dadurch mir deutlich auf. Entschieden war es, dass Aurelie in mir den Monch erkannt hatte, der ihren Bruder ermordete. Dieser Monch war ja aber Medardus, der beruhmte Kanzelredner aus dem Kapuzinerkloster in B. Als diesen hatte ihn Reinhold erkannt, und so hatte er sich auch selbst kund getan. Dass Francesko der Vater jenes Medardus war, wusste die Abtissin, und so musste meine Ahnlichkeit mit ihm, die der Furstin gleich anfangs so unheimlich worden, die Vermutungen, welche die Furstin und die Abtissin vielleicht schon brieflich unter sich angeregt hatten, beinahe zur Gewissheit erheben. Moglich war es auch, dass Nachrichten selbst aus dem Kapuzinerkloster in B. eingeholt worden; dass man meine Spur genau verfolgt und so die Identitat meiner Person mit dem Monch Medardus festgestellt hatte. Alles dieses uberdachte ich schnell und sah die Gefahr meiner Lage. Der Richter schwatzte noch fort, und dies brachte mir Vorteil, denn es fiel mir auch jetzt der lange vergebens gesuchte Name des polnischen Stadtchens ein, das ich der alten Dame bei Hofe als meinen Geburtsort genannt hatte. Kaum endete daher der Richter seinen Sermon mit der barschen Ausserung, dass ich nun ohne weiteres meinen bisherigen Lebenslauf erzahlen solle, als ich anfing: "Ich heisse eigentlich Leonard Krczynski und bin der einzige Sohn eines Edelmanns, der sein Gutchen verkauft hatte und sich in Kwiecziczewo aufhielt." "Wie, was?" rief der Richter, indem er sich vergebens bemuhte, meinen sowie den Namen meines angeblichen Geburtsortes nachzusprechen. Der Protokollfuhrer wusste gar nicht, wie er die Worter aufschreiben sollte; ich musste beide Namen selbst einrucken und fuhr dann fort: "Sie bemerken, mein Herr, wie schwer es der deutschen Zunge wird, meine konsonantenreichen Namen nachzusprechen, und darin liegt die Ursache, warum ich ihn, sowie ich nach Deutschland kam, wegwarf und mich bloss nach meinem Vornamen, Leonard, nannte. Ubrigens kann keines Menschen Lebenslauf einfacher sein, als der meinige. Mein Vater, selbst ziemlich unterrichtet, billigte meinen entschiedenen Hang zu den Wissenschaften und wollte mich eben nach Krakau zu einem ihm verwandten Geistlichen, Stanislaw Krczynski schicken, als er starb. Niemand bekummerte sich um mich, ich verkaufte die kleine Habe, zog einige Schulden ein und begab mich wirklich mit dem ganzen mir von meinem Vater hinterlassenen Vermogen nach Krakau, wo ich einige Jahre unter meines Verwandten Aufsicht studierte. Dann ging ich nach Danzig und nach Konigsberg. Endlich trieb es mich wie mit unwiderstehlicher Gewalt, eine Reise nach dem Suden zu machen; ich hoffte, mich mit dem Rest meines kleinen Vermogens durchzubringen und dann eine Anstellung bei irgend einer Universitat zu finden, doch ware es mir hier beinahe schlimm ergangen, wenn nicht ein betrachtlicher Gewinn an der Pharobank des Fursten mich in den Stand gesetzt hatte, hier noch ganz gemachlich zu verweilen und dann, wie ich es im Sinn hatte, meine Reise nach Italien fortzusetzen. Irgend etwas Ausgezeichnetes, das wert ware, erzahlt zu werden, hat sich in meinem Leben gar nicht zugetragen. Doch muss ich wohl noch erwahnen, dass es mir leicht gewesen sein wurde, die Wahrheit meiner Angaben ganz unzweifelhaft nachzuweisen, wenn nicht ein ganz besonderer Zufall mich um meine Brieftasche gebracht hatte, worin mein Pass, meine Reiseroute und verschiedene andere Skripturen befindlich waren, die jenem Zweck gedient hatten". Der Richter fuhr sichtlich auf, er sah mich scharf an und frug mit beinahe spottischem Ton, welcher Zufall mich denn ausserstande gesetzt hatte, mich, wie es verlangt werden musste, zu legitimieren. "Vor mehreren Monaten", so erzahlte ich, "befand ich mich auf dem Wege hieher im Gebirge. Die anmutige Jahreszeit sowie die herrliche romantische Gegend bestimmten mich, den Weg zu Fusse zu machen. Ermudet sass ich eines Tages in dem Wirtshause eines kleinen Dorfchens; ich hatte mir Erfrischungen reichen lassen und ein Blattchen aus meiner Brieftasche genommen, um irgend etwas, das mir eingefallen, aufzuzeichnen; die Brieftasche lag vor mir auf dem Tische. Bald darauf kam ein Reiter dahergesprengt, dessen sonderbare Kleidung und verwildertes Ansehen meine Aufmerksamkeit erregte. Er trat ins Zimmer, forderte einen Trunk und setzte sich, finster und scheu mich anblikkend, mir gegenuber an den Tisch. Der Mann war mir unheimlich, ich trat daher ins Freie hinaus. Bald darauf kam auch der Reiter, bezahlte den Wirt und sprengte, mich fluchtig grussend, davon. Ich stand im Begriff, weiter zu gehen, als ich mich der Brieftasche erinnerte, die ich in der Stube auf dem Tische liegen lassen; ich ging hinein und fand sie noch auf dem alten Platz. Erst des andern Tages, als ich die Brieftasche hervorzog, entdeckte ich, dass es nicht die meinige war, sondern dass sie wahrscheinlich dem Fremden gehorte, der gewiss aus Irrtum die meinige eingesteckt hatte. Nur einige mir unverstandliche Notizen und mehrere an einen Grafen Viktorin gerichtete Briefe befanden sich darin. Diese Brieftasche nebst dem Inhalt wird man noch unter meinen Sachen finden; in der meinigen hatte ich, wie gesagt, meinen Pass, meine Reiseroute und, wie mir jetzt eben einfallt, sogar meinen Taufschein; um das alles bin ich durch jene Verwechslung gekommen."

Der Richter liess sich den Fremden, dessen ich erwahnt, von Kopf bis zu Fuss beschreiben, und ich ermangelte nicht, die Figur mit aller nur moglichen Eigentumlichkeit aus der Gestalt des Grafen Viktorin und aus der meinigen auf der Flucht aus dem Schlosse des Barons F. geschickt zusammenzufugen. Nicht aufhoren konnte der Richter, mich uber die kleinsten Umstande dieser Begebenheit auszufragen, und indem ich alles befriedigend beantwortete, rundete sich das Bild davon so in meinem Innern, dass ich selbst daran glaubte und keine Gefahr lief, mich in Widerspruche zu verwickeln. Mit Recht konnte ich es ubrigens wohl fur einen glucklichen Gedanken halten, wenn ich, den Besitz jener an den Grafen Viktorin gerichteten Briefe, die in der Tat sich noch im Portefeuille befanden, rechtfertigend, zugleich eine fingierte Person einzuflechten suchte, die kunftig, je nachdem die Umstande darauf hindeuteten, den entflohenen Medardus oder den Grafen Viktorin vorstellen konnte. Dabei fiel mir ein, dass vielleicht unter Euphemiens Papieren sich Briefe vorfanden, die uber Viktorins Plan, als Monch im Schlosse zu erscheinen, Aufschluss gaben, und dass dies aufs neue den eigentlichen Hergang der Sache verdunkeln und verwirren konne. Meine Phantasie arbeitete fort, indem der Richter mich frug, und es entwickelten sich mir immer neue Mittel, mich vor jeder Entdeckung zu sichern, so dass ich auf das Argste gefasst zu sein glaubte. Ich erwartete nun, da uber mein Leben im allgemeinen alles genug erortert schien, dass der Richter dem mir angeschuldigten Verbrechen naher kommen wurde, es war aber dem nicht so; vielmehr frug er, warum ich habe aus dem Gefangnis entfliehen wollen. Ich versicherte, dass mir dies nicht in den Sinn gekommen sei. Das Zeugnis des Gefangenwarters, der mich an das Fenster hinaufkletternd angetroffen, schien aber wider mich zu sprechen. Der Richter drohte mir, dass ich nach einem zweiten Versuch angeschlossen werden solle. Ich wurde in den Kerker zuruckgefuhrt. Man hatte mir das Bette genommen und ein Strohlager auf dem Boden bereitet, der Tisch war festgeschraubt, statt des Stuhles fand ich eine sehr niedrige Bank. Es vergingen drei Tage, ohne dass man weiter nach mir frug, ich sah nur das murrische Gesicht eines alten Knechts, der mir das Essen brachte und abends die Lampe ansteckte. Da liess die gespannte Stimmung nach, in der es mir war, als stehe ich im lustigen Kampf auf Leben und Tod, den ich wie ein wackrer Streiter ausfechten werde. Ich fiel in ein trubes dustres Hinbruten, alles schien mir gleichgultig, selbst Aureliens Bild war verschwunden. Doch bald ruttelte sich der Geist wieder auf, aber nur um starker von dem unheimlichen, krankhaften Gefuhl befangen zu werden, das die Einsamkeit, die dumpfe Kerkerluft erzeugt hatte und dem ich nicht zu widerstehen vermochte. Ich konnte nicht mehr schlafen. In den wunderlichen Reflexen, die der dustre flackernde Schein der Lampe an Wande und Decke warf, grinsten mich allerlei verzerrte Gesichter an; ich loschte die Lampe aus, ich barg mich in die Strohkissen, aber grasslicher tonte dann das dumpfe Stohnen, das Kettengerassel der Gefangenen durch die grauenvolle Stille der Nacht. Oft war es mir, als hore ich Euphemiens Viktorins Todesrocheln. "Bin ich denn schuld an euerm Verderben? Wart ihr es nicht selbst, Verruchte, die ihr euch hingabt meinem rachenden Arm?" So schrie ich laut auf, aber dann ging ein langer, tief ausatmender Todesseufzer durch die Gewolbe, und in wilder Verzweiflung heulte ich: "Du bist es, Hermogen! ... Nah ist die Rache! ... Keine Rettung mehr!" In der neunten Nacht mochte es sein, als ich, halb ohnmachtig von Grauen und Entsetzen, auf dem kalten Boden des Gefangnisses ausgestreckt lag. Da vernahm ich deutlich unter mir ein leises, abgemessenes Klopfen. Ich horchte auf, das Klopfen dauerte fort, und dazwischen lachte es seltsamlich aus dem Boden hervor! Ich sprang auf und warf mich auf das Strohlager, aber immerfort klopfte es und lachte und stohnte dazwischen. Endlich rief es leise, leise, aber wie mit hasslicher, heiserer, stammelnder Stimme hintereinander fort: "Me-dar-dus! Me-dar-dus!" Ein Eisstrom goss sich mir durch die Glieder! Ich ermannte mich und rief "Wer da! Wer ist da?" Lauter lachte es nun und stohnte und achzte und klopfte und stammelte heiser: "Me-dar-dus... Medar-dus!" Ich raffte mich auf vom Lager. "Wer du auch bist, der du hier tollen Spuk treibst, stell' dich her sichtbarlich vor meine Augen, dass ich dich schauen mag, oder hore auf mit deinem wusten Lachen und Klopfen!" So rief ich in die dicke Finsternis hinein, aber recht unter meinen Fussen klopfte es starker und stammelte: "Hihihi... hihihi... Bru-der-lein... Bru-derlein... Me-dar-dus... ich bin da... bin da... ma-mach auf... auf... wir wollen in den Wa-Wald gehn... Wald gehn!" Jetzt tonte die Stimme dunkel in meinem Innern wie bekannt; ich hatte sie schon sonst gehort, doch nicht, wie mich es dunkte, so abgebrochen und so stammelnd. Ja, mit Entsetzen glaubte ich meinen eignen Sprachton zu vernehmen. Unwillkurlich, als wollte ich versuchen, ob es dem so sei, stammelte ich nach: "Me-dar-dus... Me-dar-dus!" Da lachte es wieder, aber hohnisch und grimmig und rief: "Bru-derlein... Bru-der-lein, hast... du, du mi-mich erkannt... erkannt? ... ma-mach auf wir wo-wollen in den WaWald... in den Wald!" "Armer Wahnsinniger," so sprach es dumpf und schauerlich aus mir heraus, "armer Wahnsinniger, nicht aufmachen kann ich dir, nicht heraus mit dir in den schonen Wald, in die herrliche freie Fruhlingsluft, die draussen wehen mag; eingesperrt im dumpfen dustern Kerker bin ich wie du!" Da achzte es im trostlosen Jammer, und immer leiser und unvernehmlicher wurde das Klopfen, bis es endlich ganz schwieg; der Morgen brach durch das Fenster, die Schlosser rasselten, und der Kerkermeister, den ich die ganze Zeit uber nicht gesehen, trat herein. "Man hat", fing er an, "in dieser Nacht allerlei Larm in Ihrem Zimmer gehort und lautes Sprechen. Wie ist es damit?" "Ich habe die Gewohnheit," erwiderte ich so ruhig, als es mir nur moglich war, "laut und stark im Schlafe zu reden, und fuhrte ich auch im Wachen Selbstgesprache, so glaube ich, dass mir dies wohl erlaubt sein wird." "Wahrscheinlich", fuhr der Kerkermeister fort, "ist Ihnen bekannt worden, dass jeder Versuch zu entfliehen, jedes Einverstandnis mit den Mitgefangenen hart geahndet wird." Ich beteuerte, nichts dergleichen hatte ich vor. Ein paar Stunden nachher fuhrte man mich hinauf zum Kriminalgericht. Nicht der Richter, der mich zuerst vernommen, sondern ein anderer, ziemlich junger Mann, dem ich auf den ersten Blick anmerkte, dass er dem vorigen an Gewandtheit und eindringenden Sinn weit uberlegen sein musse, trat freundlich auf mich zu und lud mich zum Sitzen ein. Noch steht er mir gar lebendig vor Augen. Er war fur seine Jahre ziemlich untersetzt, sein Kopf beinahe haarlos, er trug eine Brille. In seinem ganzen Wesen lag so viel Gute und Gemutlichkeit, dass ich wohl fuhlte, gerade deshalb musse jeder nicht ganz verstockte Verbrecher ihm schwer widerstehen konnen. Seine Fragen warf er leicht, beinahe im Konversationston hin, aber sie waren uberdacht und so prazis gestellt, dass nur bestimmte Antworten erfolgen konnten. "Ich muss Sie zuvorderst fragen," so fing er an, "ob alles das, was Sie uber Ihren Lebenslauf angegeben haben, wirklich gegrundet ist, oder ob bei reiflichem Nachdenken Ihnen nicht dieser oder jener Umstand einfiel, den Sie noch erwahnen wollen?"

"Ich habe alles gesagt, was ich uber mein einfaches Leben zu sagen wusste."

"Haben Sie nie mit Geistlichen... mit Monchen Umgang gepflogen?"

"Ja, in Krakau... Danzig... Frauenburg... Konigsberg. Am letztern Orte mit den Weltgeistlichen, die bei der Kirche als Pfarrer und Kapellan angestellt waren."

"Sie haben fruher nicht erwahnt, dass Sie auch in Frauenburg gewesen sind?"

"Weil ich es nicht der Muhe wert hielt, eines kurzen, wie mich dunkt, achttagigen Aufenthalts dort auf der Reise von Danzig nach Konigsberg zu erwahnen."

"Also in Kwiecziczewo sind Sie geboren?"

Dies frug der Richter plotzlich in polnischer Sprache, und zwar in echt polnischem Dialekt, jedoch ebenfalls ganz leichthin. Ich wurde in der Tat einen Augenblick verwirrt, raffte mich jedoch zusammen, besann mich auf das wenige Polnische, was ich von meinem Freunde Krczynski im Seminar gelernt hatte, und antwortete:

"Auf dem kleinen Gute meines Vaters bei Kwiecziczewo."

"Wie hiess dieses Gut?"

"Krcziniewo, das Stammgut meiner Familie."

"Sie sprechen fur einen Nationalpolen das Polnische nicht sonderlich aus. Aufrichtig gesagt, in ziemlich deutschem Dialekt. Wie kommt das?"

"Schon seit vielen Jahren spreche ich nichts als Deutsch. Ja selbst schon in Krakau hatte ich viel Umgang mit Deutschen, die das Polnische von mir erlernen wollten; unvermerkt mag ich ihren Dialekt mir angewohnt haben, wie man leicht provinzielle Aussprache annimmt und die bessere, eigentumliche daruber vergisst."

Der Richter blickte mich an, ein leises Lacheln flog uber sein Gesicht, dann wandte er sich zum Protokollfuhrer und diktierte ihm leise etwas. Ich unterschied deutlich die Worte: "Sichtlich in Verlegenheit" und wollte mich eben noch mehr uber mein schlechtes Polnisch auslassen, als der Richter frug:

"Waren Sie niemals in B.?"

"Niemals!"

"Der Weg von Konigsberg hieher kann Sie uber den Ort gefuhrt haben?"

"Ich habe eine andere Strasse eingeschlagen."

"Haben Sie nie einen Monch aus dem Kapuzinerkloster in B. kennen gelernt?"

"Nein!"

Der Richter klingelte und gab dem hereintretenden Gerichtsdiener leise einen Befehl. Bald darauf offnete sich die Ture, und wie durchbebten mich Schreck und Entsetzen, als ich den Pater Cyrillus eintreten sah. Der Richter frug:

"Kennen Sie diesen Mann?"

"Nein! ... ich habe ihn fruher niemals gesehen!"

Da heftete Cyrillus den starren Blick auf mich, dann trat er naher; er schlug die Hande zusammen und rief laut, indem Tranen ihm aus den Augen gewaltsam hervorquollen: "Medardus, Bruder Medardus ...! um Christus willen, wie muss ich dich wiederfinden, im Verbrechen teuflisch frevelnd. Bruder Medardus, gehe in dich, bekenne, bereue... Gottes Langmut ist unendlich!" Der Richter schien mit Cyrillus' Rede unzufrieden, er unterbrach ihn mit der Frage: "Erkennen Sie diesen Mann fur den Monch Medardus aus dem Kapuzinerkloster in B.?"

"So wahr mir Christus helfe zur Seligkeit," erwiderte Cyrillus, "so kann ich nicht anders glauben, als dass dieser Mann, tragt er auch weltliche Kleidung, jener Medardus ist, der im Kapuzinerkloster zu B. unter meinen Augen Noviz war und die Weihe empfing. Doch hat Medardus das rote Zeichen eines Kreuzes an der linken Seite des Halses, und wenn dieser Mann"... "Sie bemerken," unterbrach der Richter den Monch, sich zu mir wendend, "dass man Sie fur den Kapuziner Medardus aus dem Kloster in B. halt und dass man eben diesen Medardus schwerer Verbrechen halber angeklagt hat. Sind Sie nicht dieser Monch, so wird es Ihnen leicht werden, dies darzutun; eben dass jener Medardus ein besonderes Abzeichen am Halse tragt, welches Sie, sind Ihre Angaben richtig, nicht haben konnen gibt Ihnen die beste Gelegenheit dazu. Entblossen Sie Ihren Hals." "Es bedarf dessen nicht," erwiderte ich gefasst, "ein besonderes Verhangnis scheint mir die treueste Ahnlichkeit mit jenem angeklagten, mir ganzlich unbekannten Monch Medardus gegeben zu haben, denn selbst ein rotes Kreuzzeichen trage ich an der linken Seite des Halses." Es war dem wirklich so, jene Verwundung am Halse, die mir das diamantne Kreuz der Abtissin zufugte, hatte eine rote, kreuzformige Narbe hinterlassen, die die Zeit nicht vertilgen konnte. "Entblossen Sie Ihren Hals", wiederholte der Richter. Ich tat es, da schrie Cyrillus laut: "Heilige Mutter Gottes, es ist es, es ist das rote Kreuzzeichen! ... Medardus... Ach, Bruder Medardus, hast du denn ganz entsagt dem ewigen Heil?" Weinend und halb ohnmachtig sank er in einen Stuhl. "Was erwidern Sie auf die Behauptung dieses ehrwurdigen Geistlichen?" frug der Richter. In dem Augenblick durchfuhr es mich wie eine Blitzesflamme: alle Verzagtheit, die mich zu ubermannen drohte, war von mir gewichen, ach, es war der Widersacher selbst, der mir zuflusterte: "Was vermogen diese Schwachlinge gegen dich Starken in Sinn und Geist? ... Soll Aurelie denn nicht dein werden?" Ich fuhr heraus beinahe in wildem, hohnendem Trotz: "Dieser Monch da, der ohnmachtig im Stuhle liegt, ist ein schwachsinniger, bloder Greis, der in toller Einbildung mich fur irgend einen verlaufenen Kapuziner seines Klosters halt, von dem ich vielleicht eine fluchtige Ahnlichkeit trage." Der Richter war bis jetzt in ruhiger Fassung geblieben, ohne Blick und Ton zu andern; zum erstenmal verzog sich nun sein Gesicht zum finstern, durchbohrenden Ernst, er stand auf und blickte mir scharf ins Auge. Ich muss gestehen, selbst das Funkeln seiner Glaser hatte fur mich etwas Unertragliches, Entsetzliches, ich konnte nicht weiter reden; von innerer verzweifelnder Wut grimmig erfasst, die geballte Faust vor der Stirn, schrie ich laut auf: "Aurelie!" "Was soll das, was bedeutet der Name?" frug der Richter heftig. "Ein dunkles Verhangnis opfert mich dem schmachvollen Tode," sagte ich dumpf, "aber ich bin unschuldig, gewiss... ich bin ganz unschuldig... entlassen Sie mich... haben Sie Mitleiden... ich fuhle es, dass Wahnsinn mir durch Nerv und Adern zu toben beginnt... entlassen Sie mich!" Der Richter, wieder ganz ruhig geworden, diktierte dem Protokollfuhrer vieles, was ich nicht verstand, endlich las er mir eine Verhandlung vor, worin alles, was er gefragt und was ich geantwortet sowie was sich mit Cyrillus zugetragen hatte, verzeichnet war. Ich musste meinen Namen unterschreiben, dann forderte mich der Richter auf, irgend etwas polnisch und deutsch aufzuzeichnen, ich tat es. Der Richter nahm das deutsche Blatt und gab es dem Pater Cyrillus, der sich unterdessen wieder erholt hatte, mit der Frage in die Hande: "Haben diese Schriftzuge Ahnlichkeit mit der Hand, die Ihr Klosterbruder Medardus schrieb?" "Es ist ganz genau seine Hand, bis auf die kleinsten Eigentumlichkeiten", erwiderte Cyrillus und wandte sich wieder zu mir. Er wollte sprechen, ein Blick des Richters wies ihn zur Ruhe. Der Richter sah das von mir geschriebene polnische Blatt sehr aufmerksam durch, dann stand er auf, trat dicht vor mir hin und sagte mit sehr ernstem, entscheidendem Ton: "Sie sind kein Pole. Diese Schrift ist durchaus unrichtig, voller grammatischer und orthographischer Fehler. Kein Nationalpole schreibt so, ware er auch viel weniger wissenschaftlich ausgebildet, als Sie es sind."

"Ich bin in Krcziniewo geboren, folglich allerdings ein Pole. Selbst aber in dem Fall, dass ich es nicht ware, dass geheimnisvolle Umstande mich zwangen, Stand und Namen zu verleugnen, so wurde ich deshalb doch nicht der Kapuziner Medardus sein durfen, der aus dem Kloster in B., wie ich glauben muss, entsprang."

"Ach, Bruder Medardus," fiel Cyrillus ein, "schickte dich unser ehrwurdiger Prior Leonardus nicht im Vertrauen auf deine Treue und Frommigkeit nach Rom? ... Bruder Medardus! um Christus willen, verleugne nicht langer auf gottlose Weise den heiligen Stand, dem du entronnen."

"Ich bitte Sie, uns nicht zu unterbrechen", sagte der Richter und fuhr dann, sich zu mir wendend, fort:

"Ich muss Ihnen bemerklich machen, wie die unverdachtige Aussage dieses ehrwurdigen Herrn die dringendste Vermutung bewirkt, dass Sie wirklich der Medardus sind, fur den man Sie halt. Nicht verhehlen mag ich auch, dass man Ihnen mehrere Personen entgegenstellen wird, die Sie fur jenen Monch unzweifelhaft erkannt haben. Unter diesen Personen befindet sich eine, die Sie, treffen die Vermutungen ein, schwer furchten mussen. Ja selbst unter Ihren eigenen Sachen hat sich manches gefunden, was den Verdacht wider Sie unterstutzt. Endlich werden bald die Nachrichten uber Ihre vorgebliche Familienumstande eingehen, um die man die Gerichte in Posen ersucht hat... Alles dieses sage ich Ihnen offner, als es mein Amt gebietet, damit Sie sich uberzeugen, wie wenig ich auf irgend einen Kunstgriff rechne, Sie, haben jene Vermutungen Grund, zum Gestandnis der Wahrheit zu bringen. Bereiten Sie sich vor, wie Sie wollen; sind Sie wirklich jener angeklagte Medardus, so glauben Sie, dass der Blick des Richters die tiefste Verhullung bald durchdringen wird; Sie werden dann auch selbst sehr genau wissen, welcher Verbrechen man Sie anklagt. Sollten Sie dagegen wirklich der Leonard von Krczynski sein, fur den Sie sich ausgeben, und ein besonderes Spiel der Natur Sie, selbst rucksichts besonderer Abzeichen, jenem Medardus ahnlich gemacht haben, so werden Sie selbst leicht Mittel finden, dies klar nachzuweisen. Sie schienen mir erst in einem sehr exaltierten Zustande, schon deshalb brach ich die Verhandlung ab, indessen wollte ich Ihnen zugleich auch Raum geben zum reiflichen Nachdenken. Nach dem, was heute geschehen, kann es Ihnen an Stoff dazu nicht fehlen."

"Sie halten also meine Angaben durchaus fur falsch? ... Sie sehen in mir den verlaufenen Monch Medardus?" So frug ich; der Richter sagte mit einer leichten Verbeugung: "Adieu, Herr von Krczynski!" und man brachte mich in den Kerker zuruck.

Die Worte des Richters durchbohrten mein Innres wie gluhende Stacheln. Alles, was ich vorgegeben, kam mir seicht und abgeschmackt vor. Dass die Person, der ich entgegengestellt werden und die ich so schwer zu furchten haben sollte, Aurelie sein musste, war nur zu klar. Wie sollt' ich das ertragen! Ich dachte nach, was unter meinen Sachen wohl verdachtig sein konne, da fiel es mir schwer aufs Herz, dass ich noch aus jener Zeit meines Aufenthaltes auf dem Schlosse des Barons von F. einen Ring mit Euphemiens Namen besass sowie dass Viktorins Felleisen, das ich auf meiner Flucht mit mir genommen, noch mit dem Kapuzinerstrick zugeschnurt war! Ich hielt mich fur verloren! Verzweifelnd rannte ich den Kerker auf und ab. Da war es, als flusterte, als zischte es mir in die Ohren: "Du Tor, was verzagst du? denkst du nicht an Viktorin?" Laut rief ich: "Ha! nicht verloren, gewonnen ist das Spiel." Es arbeitete und kochte in meinem Innern! Schon fruher hatte ich daran gedacht, dass unter Euphemiens Papieren sich wohl etwas gefunden haben musse, was auf Viktorins Erscheinen auf dem Schlosse als Monch hindeute. Darauf mich stutzend, wollte ich auf irgend eine Weise ein Zusammentreffen mit Viktorin, ja selbst mit dem Medardus, fur den man mich hielt, vorgeben; jenes Abenteuer auf dem Schlosse, das so furchterlich endete, als von Horensagen erzahlen und mich selbst, meine Ahnlichkeit mit jenen beiden, auf unschadliche Weise geschickt hinein verflechten. Der kleinste Umstand musste reiflich erwogen werden; aufzuschreiben beschloss ich daher den Roman, der mich retten sollte! Man bewilligte mir die Schreibmaterialien, die ich forderte, um schriftlich noch manchen verschwiegenen Umstand meines Lebens zu erortern. Ich arbeitete mit Anstrengung bis in die Nacht hinein; im Schreiben erhitzte sich meine Phantasie, alles formte sich wie eine gerundete Dichtung, und fester und fester spann sich das Gewebe endloser Lugen, womit ich dem Richter die Wahrheit zu verschleiern hoffte.

Die Burgglocke hatte zwolfe geschlagen, als sich wieder leise und entfernt das Pochen vernehmen liess, das mich gestern so verstort hatte. Ich wollte darauf nicht achten, aber immer lauter pochte es in abgemessenen Schlagen, und dabei fing es wieder an, dazwischen zu lachen und zu achzen. Stark auf dem Tisch schlagend, rief ich laut: "Still ihr da drunten!" und glaubte mich so von dem Grauen, das mich befing, zu ermutigen; aber da lachte es gellend und schneidend durch das Gewolbe und stammelte: "Bru-der-lein, Bru-der-lein... zu dir her-auf... herauf... ma-mach auf... mach auf!" Nun begann es dicht neben mir im Fussboden zu schaben, zu rasseln und zu kratzen, und immer wieder lachte es und achzte; starker und immer starker wurde das Gerausch, das Rasseln, das Kratzen dazwischen dumpf drohnende Schlage wie das Fallen schwerer Massen. Ich war aufgestanden, mit der Lampe in der Hand. Da ruhrte es sich unter meinem Fuss, ich schritt weiter und sah, wie an der Stelle, wo ich gestanden, sich ein Stein des Pflasters losbrokkelte. Ich erfasste ihn und hob ihn mit leichter Muhe vollends heraus. Ein dustrer Schein brach durch die Offnung, ein nackter Arm mit einem blinkenden Messer in der Hand streckte sich mir entgegen. Von tiefem Entsetzen durchschauert, bebte ich zuruck. Da stammelte es von unten herauf: "Bru-der-lein! Bruder-lein, Me-dar-dus ist da-da, herauf... nimm, nimm! ... brich... brich... in den Wa-Wald... in den Wald!" Schnell dachte ich Flucht und Rettung; alles Grauen uberwunden, ergriff ich das Messer, das die Hand mir willig liess und fing an, den Mortel zwischen den Steinen des Fussbodens emsig wegzubrechen. Der, der unten war, druckte wacker herauf. Vier, funf Steine lagen zur Seite weggeschleudert, da erhob sich plotzlich ein nackter Mensch bis an die Huften aus der Tiefe empor und starrte mich gespenstisch an mit des Wahnsinns grinsendem, entsetzlichem Gelachter. Der volle Schein der Lampe fiel auf das Gesicht ich erkannte mich selbst mir vergingen die Sinne. Ein empfindlicher Schmerz an den Armen weckte mich aus tiefer Ohnmacht! Hell war es um mich her, der Kerkermeister stand mit einer blendenden Leuchte vor mir, Kettengerassel und Hammerschlage hallten durch das Gewolbe. Man war beschaftigt, mich in Fesseln zu schmieden. Ausser den Hand und Fussschellen wurde ich mittelst eines Ringes um den Leib und einer daran befestigten Kette an die Mauer gefesselt. "Nun wird es der Herr wohl bleiben lassen, an das Durchbrechen zu denken", sagte der Kerkermeister. "Was hat denn der Kerl eigentlich getan?" frug ein Schmiedeknecht. "Ei," erwiderte der Kerkermeister, "weisst du denn das nicht, Jost? ... die ganze Stadt ist ja davon voll. 's ist ein verfluchter Kapuziner, der drei Menschen ermordet hat. Sie haben's schon ganz heraus. In wenigen Tagen haben wir grosse Gala, da werden die Rader spielen." Ich horte nichts mehr, denn aufs neue entschwanden mir Sinn und Gedanken. Nur muhsam erholte ich mich aus der Betaubung, finster blieb es, endlich brachen einige matte Streiflichter des Tages herein in das niedrige, kaum sechs Fuss hohe Gewolbe, in das, wie ich jetzt zu meinem Entsetzen wahrnahm, man mich aus meinem vorigen Kerker gebracht hatte. Mich durstete, ich griff nach dem Wasserkruge, der neben mir stand, feucht und kalt schlupfte es mir durch die Hand, ich sah eine aufgedunsene scheussliche Krote schwerfallig davonhupfen. Voll Ekel und Abscheu liess ich den Krug fahren. "Aurelie!" stohnte ich auf in dem Gefuhl des namenlosen Elends, das nun uber mich hereingebrochen. "Und darum das armselige Leugnen und Lugen vor Gericht? alle gleissnerischen Kunste des teuflischen Heuchlers? darum, um ein zerrissenes, qualvolles Leben einige Stunden langer zu fristen? Was willst du, Wahnsinniger! Aurelien besitzen, die nur durch ein unerhortes Verbrechen dein werden konnte? Denn immerdar, lugst du auch der Welt deine Unschuld vor, wurde sie in dir Hermogens verruchten Morder erkennen und dich tief verabscheuen. Elender, wahnwitziger Tor, wo sind nun deine hochfliegenden Plane, der Glaube an deine uberirdische Macht, womit du das Schicksal selbst nach Willkur zu lenken wahntest; nicht zu toten vermagst du den Wurm, der an deinem Herzmark mit todlichen Bissen nagt, schmachvoll verderben wirst du in trostlosem Jammer, wenn der Arm der Gerechtigkeit auch deiner schont." So, laut klagend, warf ich mich auf das Stroh und fuhlte in dem Augenblick einen Druck auf der Brust, der von einem harten Korper in der Busentasche meiner Weste herzuruhren schien. Ich fasste hinein und zog ein kleines Messer hervor. Nie hatte ich, so lange ich im Kerker war, ein Messer bei mir getragen, es musste daher dasselbe sein, das mir mein gespenstisches Ebenbild herauf gereicht hatte. Muhsam stand ich auf und hielt das Messer in den starker hereinbrechenden Lichtstrahl. Ich erblickte das silberne blinkende Heft. Unerforschliches Verhangnis! es war dasselbe Messer, womit ich Hermogen getotet und das ich seit einigen Wochen vermisst hatte. Aber nun ging plotzlich in meinem Innern, wunderbar leuchtend, Trost und Rettung von der Schmach auf. Die unbegreifliche Art, wie ich das Messer erhalten, war mir ein Fingerzeig der ewigen Macht, wie ich meine Verbrechen bussen, wie ich im Tode Aurelien versohnen solle. Wie ein gottlicher Strahl im reinen Feuer, durchgluhte mich nun die Liebe zu Aurelien, jede sundliche Begierde war von mir gewichen. Es war mir, als sahe ich sie selbst, wie damals, als sie am Beichtstuhl in der Kirche des Kapuzinerklosters erschien. "Wohl liebe ich dich, Medardus, aber du verstandest mich nicht! ... meine Liebe ist der Tod!" so umsauselte und umflusterte mich Aureliens Stimme, und fest stand mein Entschluss, dem Richter frei die merkwurdige Geschichte meiner Verirrungen zu gestehen und dann mir den Tod zu geben.

Der Kerkermeister trat herein und brachte mir bessere Speisen, als ich sonst zu erhalten pflegte, sowie eine Flasche Wein. "Vom Fursten so befohlen", sprach er, indem er den Tisch, den ihm sein Knecht nachtrug, deckte und die Kette, die mich an die Wand fesselte, losschloss. Ich bat ihn, dem Richter zu sagen, dass ich vernommen zu werden wunsche, weil ich vieles zu eroffnen hatte, was mir schwer auf dem Herzen liege. Er versprach, meinen Auftrag auszurichten, indessen wartete ich vergebens, dass man mich zum Verhor abholen solle; niemand liess sich mehr sehen, bis der Knecht, als es schon ganz finster worden, hereintrat und die am Gewolbe hangende Lampe anzundete. In meinem Innern war ich ruhiger als jemals, doch fuhlte ich mich sehr erschopft und versank bald in tiefen Schlaf. Da wurde ich in einen langen, dustern, gewolbten Saal gefuhrt, in dem ich eine Reihe in schwarzen Talaren gekleideter Geistlicher erblickte, die der Wand entlang auf hohen Stuhlen sassen. Vor ihnen, an einem mit blutroter Decke behangenen Tisch sass der Richter und neben ihm ein Dominikaner im Ordenshabit. "Du bist jetzt", sprach der Richter mit feierlich erhabener Stimme, "dem geistlichen Gericht ubergeben, da du, verstockter, freveliger Monch, vergebens deinen Stand und Namen verleugnet hast. Franziskus, mit dem Klosternamen Medardus genannt, sprich, welcher Verbrechen bist du beziehen worden?" Ich wollte alles, was ich je Sundhaftes und Freveliges begangen, offen eingestehen, aber zu meinem Entsetzen war das, was ich sprach, durchaus nicht das, was ich dachte und sagen wollte. Statt des ernsten, reuigen Bekenntnisses verlor ich mich in ungereimte, unzusammenhangende Reden. Da sagte der Dominikaner, riesengross vor mir dastehend und mit grasslich funkelndem Blick mich durchbohrend: "Auf die Folter mit dir, du halsstarriger, verstockter Monch!" Die seltsamen Gestalten rings umher erhoben sich und streckten ihre langen Arme nach mir aus und riefen in heiseren grausigem Einklang: "Auf die Folter mit ihm!" Ich riss das Messer heraus und stiess nach meinem Herzen, aber der Arm fuhr unwillkurlich herauf; ich traf den Hals, und am Zeichen des Kreuzes sprang die Klinge wie in Glasscherben, ohne mich zu verwunden. Da ergriffen mich die Henkersknechte und stiessen mich hinab in ein tiefes unterirdisches Gewolbe. Der Dominikaner und der Richter stiegen mir nach. Noch einmal forderte mich dieser auf, zu gestehen. Nochmals strengte ich mich an, aber in tollem Zwiespalt stand Rede und Gedanke. Reuevoll, zerknirscht von tiefer Schmach, bekannte ich im Innern alles abgeschmackt, verwirrt, sinnlos war, was der Mund ausstiess. Auf den Wink des Dominikaners zogen mich die Henkersknechte nackt aus, schnurten mir beide Arme uber den Rucken zusammen, und hinaufgewunden fuhlte ich, wie die ausgedehnten Gelenke knackend zerbrockeln wollten. In heillosem, wutendem Schmerz schrie ich laut auf und erwachte. Der Schmerz an den Handen und Fussen dauerte fort, er ruhrte von den schweren Ketten her, die ich trug, doch empfand ich noch ausserdem einen Druck uber den Augen, die ich nicht aufzuschlagen vermochte. Endlich war es, als wurde plotzlich eine Last mir von der Stirn genommen, ich richtete mich schnell empor, ein Dominikanermonch stand vor meinem Strohlager. Mein Traum trat in das Leben, eiskalt rieselte es mir durch die Adern. Unbeweglich wie eine Bildsaule, mit ubereinander geschlagenen Armen stand der Monch da und starrte mich an mit den hohlen schwarzen Augen. Ich erkannte den grasslichen Maler und fiel halb ohnmachtig auf mein Strohlager zuruck. Vielleicht war es nur eine Tauschung der durch den Traum aufgeregten Sinne? Ich ermannte mich, ich richtete mich auf, aber unbeweglich stand der Monch und starrte mich an mit den hohlen schwarzen Augen. Da schrie ich in wahnsinniger Verzweiflung: "Entsetzlicher Mensch... hebe dich weg! ... Nein! ... Kein Mensch, du bist der Widersacher selbst, der mich sturzen will in ewige Verderbnis... hebe dich weg, Verruchter! hebe dich weg!" "Armer, kurzsichtiger Tor, ich bin nicht der, der dich ganz unaufloslich zu umstricken strebt mit ehernen Banden! der dich abwendig machen will dem heiligen Werk, zu dem dich die ewige Macht berief. Medardus! armer, kurzsichtiger Tor! schreckbar, grauenvoll bin ich dir erschienen, wenn du uber dem offenen Grabe ewiger Verdammnis leichtsinnig gaukeltest. Ich warnte dich, aber du hast mich nicht verstanden! Auf! nahere dich mir!" Der Monch sprach alles dieses im dumpfen Ton der tiefen, herzzerschneidendsten Klage; sein Blick, mir sonst so furchterlich, war sanft und milde worden, Mensch, du bist der Widersacher selbst, der mich weicher die Form seines Gesichts. Eine unbeschreibliche Wehmut durchbebte mein Innerstes; wie ein Gesandter der ewigen Macht, mich aufzurichten, mich zu trosten im endlosen Elend, erschien mir der sonst so schreckliche Maler. Ich stand auf vom Lager, ich trat ihm nahe, es war kein Phantom, ich beruhrte sein Kleid; ich kniete unwillkurlich nieder, er legte die Hand auf mein Haupt, wie mich segnend. Da gingen in lichten Farben herrliche Gebilde in mir auf. Ach! ich war in dem heiligen Walde! ja, es war derselbe Platz, wo in fruher Kindheit der fremdartig gekleidete Pilger mir den wunderbaren Knaben brachte. Ich wollte fortschreiten, ich wollte hinein in die Kirche, die ich dicht vor mir erblickte. Dort sollte ich (so war es mir) bussend und bereuend Ablass erhalten von schwerer Sunde. Aber ich blieb regungslos mein eignes Ich konnte ich nicht erschauen, nicht erfassen. Da sprach eine dumpfe, hohle Stimme: "Der Gedanke ist die Tat!" Die Traume verschwebten; es war der Maler, der jene Worte gesprochen. "Unbegreifliches Wesen, warst du es denn selbst? an jenem unglucklichen Morgen in der Kapuzinerkirche zu B.? in der Reichsstadt, und nun?" "Halt ein," unterbrach mich der Maler, "ich war es, der uberall dir nahe war, um dich zu retten von Verderben und Schmach, aber dein Sinn blieb verschlossen! Das Werk, zu dem du erkoren, musst du vollbringen zu deinem eignen Heil." "Ach," rief ich voll Verzweiflung, "warum hieltst du nicht meinen Arm zuruck, als ich in verruchtem Frevel jenen Jungling..." "Das war mir nicht vergonnt," fiel der Maler ein, "frage nicht weiter! vermessen ist es, vorgreifen zu wollen dem, was die ewige Macht beschlossen... Medardus! du gehst deinem Ziel entgegen... morgen!" Ich erbebte in eiskaltem Schauer, denn ich glaubte den Maler ganz zu verstehen. Er wusste und billigte den beschlossenen Selbstmord. Der Maler wankte mit leisem Tritt nach der Tur des Kerkers. "Wann, wann sehe ich dich wieder?" "Am Ziele!" rief er, sich noch einmal nach mir umwendend, feierlich und stark, dass das Gewolbe drohnte "Also morgen?" Leise drehte sich die Ture in den Angeln, der Maler war verschwunden.

Sowie der helle Tag nur angebrochen, erschien der Kerkermeister mit seinen Knechten, die mir die Fesseln von den wunden Armen und Fussen ablosten. Ich solle bald zum Verhor hinaufgefuhrt werden, hiess es. Tief in mich gekehrt, mit dem Gedanken des nahen Todes vertraut, schritt ich hinauf in den Gerichtssaal; mein Bekenntnis hatte ich im Innern so geordnet, dass ich dem Richter eine kurze, aber den kleinsten Umstand mit aufgreifende Erzahlung zu machen hoffte. Der Richter kam mir schnell entgegen, ich musste hochst entstellt aussehen, denn bei meinem Anblick verzog sich schnell das freudige Lacheln, das erst auf seinem Gesicht schwebte, zur Miene des tiefsten Mitleids. Er fasste meine beiden Hande und schob mich sanft in seinen Lehnstuhl. Dann mich starr anschauend, sagte er langsam und feierlich: "Herr von Krczynski! ich habe Ihnen Frohes zu verkunden! Sie sind frei! Die Untersuchung ist auf Befehl des Fursten niedergeschlagen worden. Man hat Sie mit einer andern Person verwechselt, woran Ihre ganz unglaubliche Ahnlichkeit mit dieser Person schuld ist. Klar, ganz klar ist Ihre Schuldlosigkeit dargetan! ... Sie sind frei!" Es schwirrte und sauste und drehte sich alles um mich her. Des Richters Gestalt blinkte, hundertfach vervielfaltigt, durch den dustern Nebel, alles schwand in dicker Finsternis. Ich fuhlte endlich, dass man mir die Stirne mit starkem Wasser rieb, und erholte mich aus dem ohnmachtahnlichen Zustande, in den ich versunken. Der Richter las mir ein kurzes Protokoll vor, welches sagte, dass er mir die Niederschlagung des Prozesses bekannt gemacht und meine Entlassung aus dem Kerker bewirkt habe. Ich unterschrieb schweigend, keines Wortes war ich machtig. Ein unbeschreibliches, mich im Innersten vernichtendes Gefuhl liess keine Freude aufkommen. Sowie mich der Richter mit recht in das Herz dringender Gutmutigkeit anblickte, war es mir, als musse ich nun, da man an meine Unschuld glaubte und mich freilassen wollte, allen verruchten Frevel, den ich begangen, frei gestehen und dann mir das Messer in das Herz stossen. Ich wollte reden der Richter schien meine Entfernung zu wunschen. Ich ging nach der Ture, da kam er mir nach und sagte leise: "Nun habe ich aufgehort Richter zu sein; von dem ersten Augenblick, als ich Sie sah, interessierten Sie mich auf das hochste. So sehr, wie (Sie werden dies selbst zugeben mussen) der Schein wider Sie war, so wunschte ich doch gleich, dass Sie in der Tat nicht der abscheuliche, verbrecherische Monch sein mochten, fur den man Sie hielt. Jetzt darf ich Ihnen zutraulich sagen... Sie sind kein Pole. Sie sind nicht in Kwiecziczewo geboren. Sie heissen nicht Leonard von Krczynski." Mit Ruhe und Festigkeit antwortete ich: "Nein!" "Und auch kein Geistlicher?" frug der Richter weiter, indem er die Augen niederschlug, wahrscheinlich um mir den Blick des Inquisitors zu ersparen. Es wallte auf in meinem Innern. "So horen Sie denn", fuhr ich heraus "Still," unterbrach mich der Richter, "was ich gleich anfangs geglaubt und noch glaube, bestatigt sich. Ich sehe, dass hier ratselhafte Umstande walten, und dass Sie selbst mit gewissen Personen des Hofes in ein geheimnisvolles Spiel des Schicksals verflochten sind. Es ist nicht mehr meines Berufs, tiefer einzudringen, und ich wurde es fur unziemlichen Vorwitz halten, Ihnen irgend etwas uber Ihre Person, uber Ihre wahrscheinlich ganz eigne Lebensverhaltnisse entlokken zu wollen! Doch, wie ware es, wenn Sie, sich losreissend von allem Ihrer Ruhe Bedrohlichem, den Ort verliessen. Nach dem, was geschehen, kann Ihnen ohnedies der Aufenthalt hier nicht wohltun." Sowie der Richter dieses sprach, war es, als flohen alle finstre Schatten, die sich druckend uber mich gelegt hatten, schnell von hinnen. Das Leben war wiedergewonnen, und die Lebenslust stieg durch Nerv und Adern gluhend in mir auf. Aurelie! sie dachte ich wieder, und ich sollte jetzt fort von dem Orte, fort von ihr? Tief seufzte ich auf: "Und sie verlassen?" Der Richter blickte mich im hochsten Erstaunen an und sagte dann schnell: "Ach! jetzt glaube ich klar zu sehen! Der Himmel gebe, Herr Leonard, dass eine sehr schlimme Ahnung, die mir eben jetzt recht deutlich wird, nicht in Erfullung gehen moge." Alles hatte sich in meinem Innern anders gestaltet. Hin war alle Reue, und wohl mochte es beinahe frevelnde Frechheit sein, dass ich den Richter mit erheuchelter Ruhe frug: "Und Sie halten mich doch fur schuldig?" "Erlauben Sie, mein Herr," erwiderte der Richter sehr ernst, "dass ich meine Uberzeugungen, die doch nur auf ein reges Gefuhl gestutzt scheinen, fur mich behalte. Es ist ausgemittelt nach bester Form und Weise, dass Sie nicht der Monch Medardus sein konnen, da eben dieser Medardus sich hier befindet und von dem Pater Cyrill, der sich durch Ihre ganz genaue Ahnlichkeit tauschen liess, anerkannt wurde, ja auch selbst gar nicht leugnet, dass er jener Kapuziner sei. Damit ist nun alles geschehen, was geschehen konnte, um Sie von jedem Verdacht zu reinigen, und um so mehr muss ich glauben, dass Sie sich frei von jeder Schuld fuhlen." Ein Gerichtsdiener rief in diesem Augenblick den Richter ab, und so wurde ein Gesprach unterbrochen, als es eben begann, mich zu peinigen.

Ich begab mich nach meiner Wohnung und fand alles so wieder, wie ich es verlassen. Meine Papiere hatte man in Beschlag genommen, in ein Paket gesiegelt, lagen sie auf meinem Schreibtische, nur Viktorins Brieftasche, Euphemiens Ring und den Kapuzinerstrick vermisste ich, meine Vermutungen im Gefangnisse waren daher richtig. Nicht lange dauerte es, so erschien ein furstlicher Diener, der mit einem Handbillet des Fursten mir eine goldene, mit kostbaren Steinen besetzte Dose uberreichte. "Es ist Ihnen ubel mitgespielt worden, Herr von Krczynski," schrieb der Furst, "aber weder ich noch meine Gerichte sind schuld daran. Sie sind einem sehr bosen Menschen auf ganz unglaubliche Weise ahnlich; alles ist aber nun zu Ihrem Besten aufgeklart; ich sende Ihnen ein Zeichen meines Wohlwollens und hoffe, Sie bald zu sehen." Des Fursten Gnade war mir ebenso gleichgultig als sein Geschenk; eine dustre Traurigkeit, die geisttotend mein Inneres durchschlich, war die Folge des strengen Gefangnisses; ich fuhlte, dass mir korperlich aufgeholfen werden musse, und lieb war es mir daher, als der Leibarzt erschien. Das Arztliche war bald besprochen. "Ist es nicht", fing nun der Leibarzt an, "eine besondere Fugung des Schicksals, dass eben in dem Augenblick, als man davon uberzeugt zu sein glaubt, dass Sie jener abscheuliche Monch sind, der in der Familie des Barons von F. so viel Unheil anrichtete, dieser Monch wirklich erscheint und Sie von jedem Verdacht rettet?"

"Ich muss versichern, dass ich von den naheren Umstanden, die meine Befreiung bewirkten, nicht unterrichtet bin; nur im allgemeinen sagte mir der Richter, dass der Kapuziner Medardus, dem man nachspurte und fur den man mich hielt, sich hier eingefunden habe."

"Nicht eingefunden hat er sich, sondern hergebracht ist er worden, festgebunden auf einem Wagen, und seltsamerweise zu derselben Zeit, als Sie hergekommen waren. Eben fallt mir ein, dass, als ich Ihnen einst jene wunderbaren Ereignisse erzahlen wollte, die sich vor einiger Zeit an unserm Hofe zutrugen, ich gerade dann unterbrochen wurde, als ich auf den feindlichen Medardus, Franceskos Sohn, und auf seine verruchte Tat im Schlosse des Barons von F. gekommen war. Ich nehme den Faden der Begebenheit da wieder auf, wo er damals abriss. Die Schwester unserer Furstin, wie Sie wissen, Abtissin im Zisterzienserkloster zu B., nahm einst freundlich eine arme Frau mit einem Kinde auf, die von der Pilgerfahrt nach der heiligen Linde wiederkehrte."

"Die Frau war Franceskos Witwe, und der Knabe eben der Medardus."

"Ganz recht, aber wie kommen Sie dazu, dies zu wissen?"

"Auf die seltsamste Weise sind mir die geheimnisvollen Lebensumstande des Kapuziners Medardus bekannt worden. Bis zu dem Augenblick, als er aus dem Schloss des Barons von F. entfloh, bin ich von dem, was sich dort zutrug, genau unterrichtet."

"Aber wie?. .. von wem?" ...

"Ein lebendiger Traum hat mir alles dargestellt."

"Sie scherzen?"

"Keinesweges. Es ist mir wirklich so, als hatte ich traumend die Geschichte eines Unglucklichen gehort, der, ein Spielwerk dunkler Machte, hin und her geschleudert und von Verbrechen zu Verbrechen getrieben wurde. In dem ...tzer Forst hatte mich auf der Reise hierher der Postillon irre gefahren; ich kam in das Forsterhaus, und dort..."

"Ha! ich verstehe alles, dort trafen Sie den Monch an"...

"So ist es, er war aber wahnsinnig."

"Er scheint es nicht mehr zu sein. Schon damals hatte er lichte Stunden und vertraute Ihnen alles?"...

"Nicht geradezu. In der Nacht trat er, von meiner Ankunft im Forsterhause nicht unterrichtet, in mein Zimmer. Ich, mit der treuen, beispiellosen Ahnlichkeit, war ihm furchtbar. Er hielt mich fur seinen Doppeltganger, dessen Erscheinung ihm den Tod verkunde. Er stammelte stotterte Bekenntnisse her unwillkurlich ubermannte mich, von der Reise ermudet, der Schlaf; es war mir, als spreche der Monch nun ruhig und gefasst weiter, und ich weiss in der Tat jetzt nicht, wo und wie der Traum eintrat. Es dunkt mich, dass der Monch behauptete, nicht er habe Euphemien und Hermogen getotet, sondern beider Morder sei der Graf Viktorin."

"Sonderbar, hochst sonderbar, aber warum verschwiegen Sie das alles dem Richter?"

"Wie konnte ich hoffen, dass der Richter auch nur einiges Gewicht auf eine Erzahlung legen werde, die ihm ganz abenteuerlich klingen musste. Darf denn uberhaupt ein erleuchtetes Kriminalgericht an das Wunderbare glauben?"

"Wenigstens hatten Sie aber doch gleich ahnen, dass man Sie mit dem wahnsinnigen Monch verwechsle, und diesen als den Kapuziner Medardus bezeichnen sollen?"

"Freilich und zwar nachdem mich ein alter bloder Greis, ich glaube, er heisst Cyrillus, durchaus fur seinen Klosterbruder halten wollte. Es ist mir nicht eingefallen, dass der wahnsinnige Monch eben der Medardus, und das Verbrechen, das er mir bekannte, Gegenstand des jetzigen Prozesses sein konne. Aber wie mir der Forster sagte, hatte er ihm niemals seinen Namen genannt wie kam man zur Entdeckung?"

"Auf die einfachste Weise. Der Monch hatte sich, wie Sie wissen, einige Zeit bei dem Forster aufgehalten; er schien geheilt, aber aufs neue brach der Wahnsinn so verderblich aus, dass der Forster sich genotigt sah, ihn hierher zu schaffen, wo er in das Irrenhaus eingesperrt wurde. Dort sass er Tag und Nacht mit starrem Blick, ohne Regung, wie eine Bildsaule. Er sprach kein Wort und musste gefuttert werden, da er keine Hand bewegte. Verschiedene Mittel, ihn aus der Starrsucht zu wecken, blieben fruchtlos, zu den starksten durfte man nicht schreiten, ohne Gefahr ihn wieder in wilde Raserei zu sturzen. Vor einigen Tagen kommt des Forsters altester Sohn nach der Stadt, er geht in das Irrenhaus, um den Monch wieder zu sehen. Ganz erfullt von dem trostlosen Zustande des Unglucklichen, tritt er aus dem Hause, als eben der Pater Cyrillus aus dem Kapuzinerkloster in B. voruberschreitet. Den redet er an und bittet ihn, den unglucklichen, hier eingesperrten Klosterbruder zu besuchen, da ihm Zuspruch eines Geistlichen seines Ordens vielleicht heilsam sein konne. Als Cyrillus den Monch erblickt, fahrt er entsetzt zuruck. 'Heilige Mutter Gottes! Medardus, ungluckseliger Medardus!' So ruft Cyrillus, und in dem Augenblick beleben sich die starren Augen des Monchs. Er steht auf und fallt mit einem dumpfen Schrei kraftlos zu Boden. Cyrillus mit den ubrigen, die bei dem Ereignis zugegen waren, geht sofort zum Prasidenten des Kriminalgerichts und zeigt alles an. Der Richter, dem die Untersuchung wider Sie ubertragen, begibt sich mit Cyrillus nach dem Irrenhause; man findet den Monch sehr matt, aber frei von allem Wahnsinn. Er gesteht ein, dass er der Monch Medardus aus dem Kapuzinerkloster in B. sei. Cyrillus versicherte seinerseits, dass Ihre unglaubliche Ahnlichkeit mit Medardus ihn getauscht habe. Nun bemerke er wohl, wie Herr Leonard sich in Sprache, Blick, Gang und Stellung sehr merklich von dem Monch Medardus, den er nun vor sich sehe, unterscheide. Man entdeckte auch das bedeutende Kreuzeszeichen an der linken Seite des Halses, von dem in Ihrem Prozess so viel Aufhebens gemacht worden ist. Nun wird der Monch uber die Begebenheiten aus dem Schlosse des Barons von F. befragt. 'Ich bin ein abscheulicher, verruchter Verbrecher', sagt er mit matter, kaum vernehmbarer Stimme, 'ich bereue tief, was ich getan. Ach, ich liess mich um mein Selbst, um meine unsterbliche Seele betrugen! ... Man habe Mitleiden! ... man lasse mir Zeit... alles... alles will ich gestehen!' Der Furst, unterrichtet, befiehlt sofort den Prozess wider Sie aufzuheben und Sie der Haft zu entlassen. Das ist die Geschichte Ihrer Befreiung. Der Monch ist nach dem Kriminalgefangnis gebracht worden."

"Und hat alles gestanden? Hat er Euphemien, Hermogen ermordet? wie ist es mit dem Grafen Viktorin?"...

"Soviel wie ich weiss, fangt der eigentliche Kriminalprozess wider den Monch erst heute an. Was aber den Grafen Viktorin betrifft, so scheint es, als wenn nun einmal alles, was nur irgend mit jenen Ereignissen an unserm Hofe in Verbindung steht, dunkel und unbegreiflich bleiben musse."

"Wie die Ereignisse auf dem Schlosse des Barons von F. aber mit jener Katastrophe an Ihrem Hofe sich verbinden sollen, sehe ich in der Tat nicht ein."

"Eigentlich meinte ich auch mehr die spielenden Personen als die Begebenheit."

"Ich verstehe Sie nicht."

"Erinnern Sie sich genau meiner Erzahlung jener Katastrophe, die dem Prinzen den Tod brachte?"

"Allerdings."

"Ist es Ihnen dabei nicht vollig klar worden, dass Francesko verbrecherisch die Italienerin liebte? dass er es war, der vor dem Prinzen in die Brautkammer schlich und den Prinzen niederstiess? Viktorin ist die Frucht jener freveligen Untat. Er und Medardus sind Sohne eines Vaters. Spurlos ist Viktorin verschwunden, alles Nachforschen blieb vergebens."

"Der Monch schleuderte ihn hinab in den Teufelsgrund. Fluch dem wahnsinnigen Brudermorder!"

Leise leise liess sich in dem Augenblick, als ich heftig diese Worte ausstiess, jenes Klopfen des gespenstischen Unholds aus dem Kerker horen. Vergebens suchte ich das Grausen zu bekampfen, welches mich ergriff. Der Arzt schien so wenig das Klopfen als meinen innern Kampf zu bemerken. Er fuhr fort: "Was? ... Hat der Monch Ihnen gestanden, dass auch Viktorin durch seine Hand fiel?"

"Ja! ... Wenigstens schliesse ich aus seinen abgebrochenen Ausserungen, halte ich damit Viktorins Verschwinden zusammen, dass sich die Sache wirklich so verhalt. Fluch dem wahnsinnigen Brudermorder!" Starker klopfte es und stohnte und achzte; ein feines Lachen, das durch die Stube pfiff, klang wie Medardus... Medardus... hi... hi... hi hilf! Der Arzt, ohne das zu bemerken, fuhr fort:

"Ein besonderes Geheimnis scheint noch auf Franceskos Herkunft zu ruhen. Er ist hochstwahrscheinlich dem furstlichen Hause verwandt. So viel ist gewiss, dass Euphemie die Tochter..."

Mit einem entsetzlichen Schlage, dass die Angeln zusammenkrachten, sprang die Tur auf, ein schneidendes Gelachter gellte herein. "Ho ho... ho... ho Bruderlein," schrie ich wahnsinnig auf, "hoho... hieher... frisch, frisch, wenn du kampfen willst mit mir... der Uhu macht Hochzeit; nun wollen wir auf das Dach steigen und ringen miteinander, und wer den andern herabstosst, ist Konig und darf Blut trinken." Der Leibarzt fasste mich in die Arme und rief: "Was ist das? was ist das? Sie sind krank... in der Tat, gefahrlich krank. Fort, fort, zu Bette." Aber ich starrte nach der offnen Ture, ob mein scheusslicher Doppeltganger nicht hereintreten werde, doch ich erschaute nichts und erholte mich bald von dem wilden Entsetzen, das mich gepackt hatte mit eiskalten Krallen. Der Leibarzt bestand darauf, dass ich kranker sei, als ich selbst wohl glauben moge, und schob alles auf den Kerker und die Gemutsbewegung, die mir uberhaupt der Prozess verursacht haben musse. Ich brauchte seine Mittel, aber mehr als seine Kunst trug zu meiner schnellen Genesung bei, dass das Klopfen sich nicht mehr horen liess, der furchtbare Doppeltganger mich daher ganz verlassen zu haben schien.

Die Fruhlingssonne warf eines Morgens ihre goldnen Strahlen hell und freundlich in mein Zimmer, susse Blumendufte stromten durch das Fenster; hinaus ins Freie trieb mich ein unendlich Sehnen, und des Arztes Verbot nicht achtend, lief ich fort in den Park. Da begrussten Baume und Busche rauschend und flusternd den von der Todeskrankheit Genesenen. Ich atmete auf, wie aus langem schwerem Traum erwacht, und tiefe Seufzer waren des Entzuckens unaussprechbare Worte, die ich hineinhauchte in das Gejauchze der Vogel, in das frohliche Sumsen und Schwirren bunter Insekten.

Ja! ein schwerer Traum dunkte mir nicht nur die letztvergangene Zeit, sondern mein ganzes Leben, seitdem ich das Kloster verlassen, als ich mich in einem von dunklen Platanen beschatteten Gange befand. Ich war im Garten der Kapuziner zu B. Aus dem fernen Gebusch ragte schon das hohe Kreuz hervor, an dem ich sonst oft mit tiefer Inbrunst flehte um Kraft, aller Versuchung zu widerstehen. Das Kreuz schien mir nun das Ziel zu sein, wo ich hinwallen musse, um, in den Staub niedergeworfen, zu bereuen und zu bussen den Frevel sundhafter Traume, die mir der Satan vorgegaukelt; und ich schritt fort mit gefalteten emporgehobenen Handen, den Blick nach dem Kreuz gerichtet. Starker und starker zog der Luftstrom ich glaubte die Hymnen der Bruder zu vernehmen, aber es waren nur des Waldes wunderbare Klange, die der Wind, durch die Baume sausend, geweckt hatte, und der meinen Atem fortriss, so dass ich bald erschopft stillstehen, ja mich an einen nahen Baum festhalten musste, um nicht nieder zu sinken. Doch hin zog es mich mit unwiderstehlicher Gewalt nach dem fernen Kreuz; ich nahm alle meine Kraft zusammen und wankte weiter fort, aber nur bis an den Moossitz dicht vor dem Gebusch konnte ich gelangen; alle Glieder lahmte plotzlich todliche Ermattung; wie ein schwacher Greis liess ich langsam mich nieder, und in dumpfem Stohnen suchte ich die gepresste Brust zu erleichtern. Es rauschte im Gange dicht neben mir... Aurelie! Sowie der Gedanke mich durchblitzte, stand sie vor mir! Tranen inbrunstiger Wehmut quollen aus den Himmelsaugen, aber durch die Tranen funkelte ein zundender Strahl; es war der unbeschreibliche Ausdruck der gluhendsten Sehnsucht, der Aurelien fremd schien. Aber so flammte der Liebesblick jenes geheimnisvollen Wesens am Beichtstuhl, das ich oft in sussen Traumen sah. "Konnen Sie mir jemals verzeihen!" lispelte Aurelie. Da sturzte ich, wahnsinnig vor namenlosem Entzucken, vor ihr hin, ich ergriff ihre Hande! "Aurelie... Aurelie... fur dich Marter! ... Tod!" Ich fuhlte mich sanft emporgehoben Aurelie sank an meine Brust, ich schwelgte in gluhenden Kussen. Aufgeschreckt durch ein nahes Gerausch, wand sie sich endlich los aus meinen Armen, ich durfte sie nicht zuruckhalten. "Erfullt ist all mein Sehnen und Hoffen", sprach sie leise, und in dem Augenblick sah ich die Furstin den Gang heraufkommen. Ich trat hinein in das Gebusch und wurde nun gewahr, dass ich wunderlicherweise einen durren grauen Stamm fur ein Kruzifix gehalten.

Ich fuhlte keine Ermattung mehr, Aureliens Kusse durchgluhten mich mit neuer Lebenskraft; es war mir, als sei jetzt hell und herrlich das Geheimnis meines Seins aufgegangen. Ach, es war das wunderbare Geheimnis der Liebe, das sich nun erst in rein strahlender Glorie mir erschlossen. Ich stand auf dem hochsten Punkt des Lebens; abwarts musste es sich wenden, damit ein Geschick erfullt werde, das die hohere Macht beschlossen. Diese Zeit war es, die mich wie ein Traum aus dem Himmel umfing, als ich das aufzuzeichnen begann, was sich nach Aureliens Wiedersehen mit mir begab. Dich Fremden, Unbekannten, der du einst diese Blatter lesen wirst, bat ich, du solltest jene hochste Sonnenzeit deines eigenen Lebens zuruckrufen, dann wurdest du den trostlosen Jammer des in Reue und Busse ergrauten Monchs verstehen und einstimmen in seine Klagen. Noch einmal bitte ich dich jetzt, lass jene Zeit im Innern dir aufgehen, und nicht darf ich dann dir's sagen, wie Aureliens Liebe mich und alles um mich her verklarte, wie reger und lebendiger mein Geist das Leben im Leben erschaute und ergriff, wie mich, den gottlich Begeisterten, die Freudigkeit des Himmels erfullte. Kein finstrer Gedanke ging durch meine Seele, Aureliens Liebe hatte mich entsundigt, ja, auf wunderbare Weise keimte in mir die feste Uberzeugung auf, dass nicht ich jener ruchlose Frevler auf dem Schlosse des Barons von F. war, der Euphemien Hermogen erschlug, sondern dass der wahnsinnige Monch, den ich im Forsterhause traf, die Tat begangen. Alles, was ich dem Leibarzt gestand, schien mir nicht Luge, sondern der wahre geheimnisvolle Hergang der Sache zu sein, der mir selbst unbegreiflich blieb. Der Furst hatte mich empfangen wie einen Freund, den man verloren glaubt und wiederfindet; dies gab naturlicherweise den Ton an, in den alle einstimmen mussten, nur die Furstin, war sie auch milder als sonst, blieb ernst und zuruckhaltend.

Aurelie gab sich mir mit kindlicher Unbefangenheit ganz hin, ihre Liebe war ihr keine Schuld, die sie der Welt verbergen musste, und ebensowenig vermochte ich auch nur im mindesten das Gefuhl zu verhehlen, in dem allein ich nur lebte. Jeder bemerkte mein Verhaltnis mit Aurelien, niemand sprach daruber, weil man in des Fursten Blicken las, dass er unsre Liebe, wo nicht begunstigen, doch stillschweigend dulden wolle. So kam es, dass ich zwanglos Aurelien ofter, manchmal auch wohl ohne Zeugen sah. Ich schloss sie in meine Arme, sie erwiderte meine Kusse, aber es fuhlend, wie sie erbebte in jungfraulicher Scheu, konnte ich nicht Raum geben der sundlichen Begierde; jeder frevelige Gedanke erstarb in dem Schauer, der durch mein Innres glitt. Sie schien keine Gefahr zu ahnen, wirklich gab es fur sie keine, denn oft, wenn sie im einsamen Zimmer neben mir sass, wenn machtiger als je ihr Himmelsreiz strahlte, wenn wilder die Liebesglut in mir aufflammen wollte, blickte sie mich an so unbeschreiblich milde und keusch, dass es mir war, als vergonne es der Himmel dem bussenden Sunder, schon hier auf Erden der Heiligen zu nahen. Ja, nicht Aurelie, die heilige Rosalia selbst war es, und ich sturzte zu ihren Fussen und rief laut: "O du, fromme, hohe Heilige, darf sich denn irdische Liebe zu dir im Herzen regen?" Dann reichte sie mir die Hand und sprach mit susser milder Stimme: "Ach, keine hohe Heilige bin ich, aber wohl recht fromm und liebe dich gar sehr!"

Ich hatte Aurelien mehrere Tage nicht gesehen, sie war mit der Furstin auf ein nahe gelegenes Lustschloss gegangen. Ich ertrug es nicht langer, ich rannte hin. Am spaten Abend angekommen, traf ich im Garten auf eine Kammerfrau, die mir Aureliens Zimmer nachwies. Leise, leise offnete ich die Tur ich trat hinein eine schwule Luft, ein wunderbarer Blumengeruch wallte mir sinnebetaubend entgegen. Erinnerungen stiegen in mir auf wie dunkle Traume! Ist das nicht Aureliens Zimmer auf dem Schlosse des Barons, wo ich... Sowie ich dies dachte, war es, als erhobe sich hinter mir eine finstre Gestalt, und: "Hermogen!" rief es in meinem Innern! Entsetzt rannte ich vorwarts, nur angelehnt war die Ture des Kabinetts. Aurelie kniete, den Rucken mir zugekehrt, vor einem Tabourett, auf dem ein aufgeschlagenes Buch lag. Voll scheuer Angst blickte ich unwillkurlich zuruck ich schaute nichts, da rief ich im hochsten Entzucken: "Aurelie, Aurelie!" Sie wandte sich schnell um, aber noch ehe sie aufgestanden, lag ich neben ihr und hatte sie fest umschlungen. "Leonard! mein Geliebter!" lispelte sie leise. Da kochte und garte in meinem Innern rasende Begier, wildes, sundiges Verlangen. Sie hing kraftlos in meinen Armen: die genestelten Haare waren aufgegangen und fielen in uppigen Locken uber meine Schultern, der jugendliche Busen quoll hervor sie achzte dumpf ich kannte mich selbst nicht mehr! Ich riss sie empor, sie schien erkraftigt, eine fremde Glut brannte in ihrem Auge, feuriger erwiderte sie meine wutenden Kusse. Da rauschte es hinter uns wie starker, machtiger Flugelschlag; ein schneidender Ton, wie das Angstgeschrei des zum Tode Getroffenen, gellte durch das Zimmer. "Hermogen!" schrie Aurelie und sank ohnmachtig hin aus meinen Armen. Von wildem Entsetzen erfasst, rannte ich fort! Im Flur trat mir die Furstin, von einem Spaziergange heimkehrend, entgegen. Sie blickte mich ernst und stolz an, indem sie sprach: "Es ist mir in der Tat sehr befremdlich, Sie hier zu sehen, Herr Leonard!" Meine Verstortheit im Augenblick bemeisternd, antwortete ich in beinahe bestimmterem Ton, als es ziemlich sein mochte, dass man oft gegen grosse Anregungen vergebens ankampfe, und dass oft das unschicklich Scheinende fur das Schicklichste gelten konne! Als ich durch die finstre Nacht der Residenz zueilte, war es mir, als liefe jemand neben mir her, und als flustere eine Stimme: "I... Imm... Immer bin ich bei di... dir... Bru... Bruderlein... Bruderlein Medardus!" Blickte ich um mich her, so merkte ich wohl, dass das Phantom des Doppeltgangers nur in meiner Phantasie spuke; aber nicht los konnte ich das entsetzliche Bild werden, ja es war mir endlich, als musse ich mit ihm sprechen und ihm erzahlen, dass ich wieder recht albern gewesen sei und mich habe schrecken lassen von dem tollen Hermogen; die heilige Rosalia sollte denn nun bald mein ganz mein sein, denn dafur ware ich Monch und habe die Weihe erhalten. Da lachte und stohnte mein Doppeltganger, wie er sonst getan, und stotterte: "Aber schn... schnell... schnell!" "Gedulde dich nur," sprach ich wieder, "gedulde dich nur, mein Junge! Alles wird gut werden. Den Hermogen habe ich nur nicht gut getroffen, er hat solch ein verdammtes Kreuz am Halse, wie wir beide, aber mein flinkes Messerchen ist noch scharf und spitzig." "Hi... hi hi... tri... triff gut... triff gut!" So verflusterte des Doppeltgangers Stimme im Sausen des Morgenwindes, der von dem Feuerpurpur herstrich, welches aufbrannte im Osten.

Eben war ich in meiner Wohnung angekommen, als ich zum Fursten beschieden wurde. Der Furst kam mir sehr freundlich entgegen. "In der Tat, Herr Leonard!" fing er an, "Sie haben sich meine Zuneigung im hohen Grade erworben; nicht verhehlen kann ich's Ihnen, dass mein Wohlwollen fur Sie wahre Freundschaft geworden ist. Ich mochte Sie nicht verlieren, ich mochte Sie glucklich sehen. Uberdem ist man Ihnen fur das, was Sie gelitten haben, alle nur mogliche Entschadigung zu gewahren schuldig. Wissen Sie wohl, Herr Leonard, wer Ihren bosen Prozess einzig und allein veranlasste? wer Sie anklagte?"

"Nein, gnadigster Herr!"

"Baronesse Aurelie! ... Sie erstaunen? Ja ja, Baronesse Aurelie, mein Herr Leonard, die hat Sie (er lachte laut auf), die hat Sie fur einen Kapuziner gehalten! Nun bei Gott! sind Sie ein Kapuziner, so sind Sie der liebenswurdigste, den je ein menschliches Auge sah! Sagen Sie aufrichtig, Herr Leonard, sind Sie wirklich so ein Stuck von Klostergeistlichen?"

"Gnadigster Herr, ich weiss nicht, welch ein boses Verhangnis mich immer zu dem Monch machen will, der..."

"Nun nun! ich bin kein Inquisitor! fatal war's doch, wenn ein geistliches Gelubde Sie bande. Zur Sache! mochten Sie nicht fur das Unheil, das Baronesse Aurelie Ihnen zufugte, Rache nehmen?"

"In welches Menschen Brust konnte ein Gedanke der Art gegen das holde Himmelsbild aufkommen?"

"Sie lieben Aurelien?"

Dies frug der Furst, mir ernst und scharf ins Auge blickend. Ich schwieg, indem ich die Hand auf die Brust legte. Der Furst fuhr weiter fort:

"Ich weiss es, Sie haben Aurelien geliebt seit dem Augenblick, als sie mit der Furstin hier zum erstenmal in den Saal trat. Sie werden wieder geliebt, und zwar mit einem Feuer, das ich der sanften Aurelie nicht zugetraut hatte. Sie lebt nur in Ihnen, die Furstin hat mir alles gesagt. Glauben Sie wohl, dass nach Ihrer Verhaftung Aurelie sich einer ganz trostlosen, verzweifelten Stimmung uberliess, die sie auf das Krankenbett warf und dem Tode nahe brachte? Aurelie hielt Sie damals fur den Morder ihres Bruders, um so unerklarlicher war uns ihr Schmerz. Schon damals wurden Sie geliebt. Nun, Herr Leonard, oder vielmehr Herr von Krczynski, Sie sind von Adel, ich fixiere Sie bei Hofe auf eine Art, die Ihnen angenehm sein soll. Sie heiraten Aurelien. In einigen Tagen feiern wir die Verlobung, ich selbst werde die Stelle des Brautvaters vertreten." Stumm, von den widersprechendsten Gefuhlen zerrissen, stand ich da. "Adieu, Herr Leonard!" rief der Furst und verschwand, mir freundlich zuwinkend, aus dem Zimmer.

Aurelie mein Weib! Das Weib eines verbrecherischen Monchs! Nein! so wollen es die dunklen Machte nicht, mag auch uber die Arme verhangt sein, was da will! Dieser Gedanke erhob sich in mir, siegend uber alles, was sich dagegen auflehnen mochte. Irgend ein Entschluss, das fuhlte ich, musste auf der Stelle gefasst werden, aber vergebens sann ich auf Mittel, mich schmerzlos von Aurelien zu trennen. Der Gedanke, sie nicht wieder zu sehen, war mir unertraglich, aber dass sie mein Weib werden sollte, das erfullte mich mit einem mir selbst unerklarlichen Abscheu. Deutlich ging in mir die Ahnung auf, dass, wenn der verbrecherische Monch vor dem Altar des Herrn stehen werde, um mit heiligen Gelubden freveliges Spiel zu treiben, jenes fremden Malers Gestalt, aber nicht milde trostend wie im Gefangnis, sondern Rache und Verderben furchtbar verkundend, wie bei Franceskos Trauung, erscheinen und mich sturzen werde in namenlose Schmach, in zeitliches, ewiges Elend. Aber dann vernahm ich tief im Innern eine dunkle Stimme: "Und doch muss Aurelie dein sein! Schwachsinniger Tor, wie gedenkst du zu andern das, was uber euch verhangt ist?" Und dann rief es wiederum: "Nieder nieder wirf dich in den Staub! Verblendeter, du frevelst! Nie kann sie dein werden; es ist die heilige Rosalia selbst, die du zu umfangen gedenkst in irdischer Liebe." So im Zwiespalt grauser Machte hin und her getrieben, vermochte ich nicht zu denken, nicht zu ahnen, was ich tun musse, um dem Verderben zu entrinnen, das mir uberall zu drohen schien. Voruber war jene begeisterte Stimmung, in der mein ganzes Leben, mein verhangnisvoller Aufenthalt auf dem Schlosse des Barons von F. mir nur ein schwerer Traum schien. In dustrer Verzagtheit sah ich in mir nur den gemeinen Lustling und Verbrecher. Alles, was ich dem Richter, dem Leibarzt gesagt, war nun nichts als alberne, schlecht erfundene Luge, nicht eine innere Stimme hatte gesprochen, wie ich sonst mich selbst uberreden wollte.

Tief in mich gekehrt, nichts ausser mir bemerkend und vernehmend, schlich ich uber die Strasse. Der laute Zuruf des Kutschers, das Gerassel des Wagens weckte mich, schnell sprang ich zur Seite. Der Wagen der Furstin rollte voruber, der Leibarzt buckte sich aus dem Schlage und winkte mir freundlich zu; ich folgte ihm nach seiner Wohnung. Er sprang heraus und zog mich mit den Worten: "Eben komme ich von Aurelien, ich habe Ihnen manches zu sagen!" herauf in sein Zimmer. "Ei, ei," fing er an, "Sie Heftiger, Unbesonnener! was haben Sie angefangen! Aurelien sind Sie erschienen plotzlich wie ein Gespenst, und das arme nervenschwache Wesen ist daruber erkrankt!" Der Arzt bemerkte mein Erbleichen. "Nun nun," fuhr er fort, "arg ist es eben nicht, sie geht wieder im Garten umher und kehrt morgen mit der Furstin nach der Residenz zuruck. Von Ihnen, lieber Leonard, sprach Aurelie viel, sie empfindet herzliche Sehnsucht, Sie wieder zu sehen und sich zu entschuldigen. Sie glaubt, Ihnen albern und toricht erschienen zu sein."

Ich wusste, dachte ich daran, was auf dem Lustschlosse vorgegangen, Aureliens Ausserung nicht zu deuten.

Der Arzt schien von dem, was der Furst mit mir im Sinn hatte, unterrichtet, er gab mir dies nicht undeutlich zu verstehen, und mittelst seiner hellen Lebendigkeit, die alles um ihn her ergriff, gelang es ihm bald, mich aus der dustern Stimmung zu reissen, so dass unser Gesprach sich heiter wandte. Er beschrieb noch einmal, wie er Aurelien getroffen, die, dem Kinde gleich, das sich nicht vom schweren Traum erholen kann, mit halb geschlossenen, in Tranen lachelnden Augen auf dem Ruhbette, das Kopfchen in die Hand gestutzt, gelegen und ihm ihre krankhafte Visionen geklagt habe. Er wiederholte ihre Worte, die durch leise Seufzer unterbrochene Stimme des schuchternen Madchens nachahmend, und wusste, indem er manche ihrer Klagen neckisch genug stellte, das anmutige Bild durch einige kecke ironische Lichtblicke so zu heben, dass es gar heiter und lebendig vor mir aufging. Dazu kam, dass er im Kontrast die gravitatische Furstin hinstellte, welches mich nicht wenig ergotzte. "Haben Sie wohl gedacht," fing er endlich an, "haben Sie wohl gedacht, als Sie in die Residenz einzogen, dass Ihnen so viel Wunderliches hier geschehen wurde? Erst das tolle Missverstandnis, das Sie in die Hande des Kriminalgerichts brachte, und dann das wahrhaft beneidenswerte Gluck, das Ihnen der furstliche Freund bereitet!"

"Ich muss in der Tat gestehen, dass gleich anfangs der freundliche Empfang des Fursten mir wohl tat; doch fuhle ich, wie sehr ich jetzt in seiner, in aller Achtung bei Hofe gestiegen bin, das habe ich gewiss meinem erlittenen Unrecht zu verdanken."

"Nicht sowohl dem, als einem andern ganz kleinen Umstande, den Sie wohl erraten konnen."

"Keinesweges."

"Zwar nennt man Sie, weil Sie es so wollen, schlechtweg Herr Leonard, wie vorher, jeder weiss aber jetzt, dass Sie von Adel sind, da die Nachrichten, die man aus Posen erhalten hat, Ihre Angaben bestatigten."

"Wie kann das aber auf den Fursten, auf die Achtung, die ich im Zirkel des Hofes geniesse, von Einfluss sein? Als mich der Furst kennen lernte und mich einlud, im Zirkel des Hofes zu erscheinen, wandte ich ein, dass ich nur von burgerlicher Abkunft sei, da sagte mir der Furst, dass die Wissenschaft mich adle und fahig mache, in seiner Umgebung zu erscheinen."

"Er halt es wirklich so, kokettierend mit aufgeklartem Sinn fur Wissenschaft und Kunst. Sie werden im Zirkel des Hofes manchen burgerlichen Gelehrten und Kunstler bemerkt haben, aber die Feinfuhlenden unter diesen, denen Leichtigkeit des innern Seins abgeht, die sich nicht in heitrer Ironie auf den hohen Standpunkt stellen konnen, der sie uber das Ganze erhebt, sieht man nur selten, sie bleiben auch wohl ganz aus. Bei dem besten Willen, sich recht vorurteilsfrei zu zeigen, mischt sich in das Betragen des Adligen gegen den Burger ein gewisses Etwas, das wie Herablassung, Duldung des eigentlich Unziemlichen aussieht; das leidet kein Mann, der im gerechten Stolz wohl fuhlt, wie in adliger Gesellschaft oft nur er es ist, der sich herablassen und dulden muss das geistig Gemeine und Abgeschmackte. Sie sind selbst von Adel, Herr Leonard, aber wie ich hore, ganz geistlich und wissenschaftlich erzogen. Daher mag es kommen, dass Sie der erste Adlige sind, an dem ich selbst im Zirkel des Hofes unter Adligen auch jetzt nichts Adliges, im schlimmen Sinn genommen, verspurt habe. Sie konnten glauben, ich sprache da als Burgerlicher vorgefasste Meinungen aus, oder mir sei personlich etwas begegnet, das ein Vorurteil erweckt habe, dem ist aber nicht so. Ich gehore nun einmal zu einer der Klassen, die ausnahmsweise nicht bloss toleriert, sondern wirklich gehegt und gepflegt werden. Arzte und Beichtvater sind regierende Herren Herrscher uber Leib und Seele, mithin allemal von gutem Adel. Sollten denn auch nicht Indigestion und ewige Verdammnis den Courfahigsten etwas weniges inkommodieren konnen? Von Beichtvatern gilt das aber nur bei den katholischen. Die protestantischen Prediger, wenigstens auf dem Lande, sind nur Hausoffizianten, die, nachdem sie der gnadigen Herrschaft das Gewissen geruhrt, am untersten Ende des Tisches sich in Demut an Braten und Wein erlaben. Mag es schwer sein, ein eingewurzeltes Vorurteil abzulegen, aber es fehlt auch meistenteils an gutem Willen, da mancher Adliger ahnen mag, dass nur als solcher er eine Stellung im Leben behaupten konne, zu der ihm sonst nichts in der Welt ein Recht gibt. Der Ahnen- und Adelstolz ist in unserer, alles immer mehr vergeistigenden Zeit eine hochst seltsame, beinahe lacherliche Erscheinung. Vom Rittertum, von Krieg und Waffen ausgehend, bildet sich eine Kaste, die ausschliesslich die andern Stande schutzt, und das subordinierte Verhaltnis des Beschutzten gegen den Schutzherrn erzeugt sich von selbst. Mag der Gelehrte seine Wissenschaft, der Kunstler seine Kunst, der Handwerker, der Kaufmann sein Gewerbe ruhmen, 'siehe', sagt der Ritter, 'da kommt ein ungebardiger Feind, dem ihr, des Krieges Unerfahrne, nicht zu widerstehen vermoget, aber ich Waffengeubter stelle mich mit meinem Schlachtschwert vor euch hin, und was mein Spiel, was meine Freude ist, rettet euer Leben, euer Hab und Gut'. Doch immer mehr schwindet die rohe Gewalt von der Erde, immer mehr treibt und schafft der Geist, und immer mehr enthullt sich seine alles uberwaltigende Kraft. Bald wird man gewahr, dass eine starke Faust, ein Harnisch, ein machtig geschwungenes Schwert nicht hinreichen, das zu besiegen, was der Geist will; selbst Krieg und Waffenubung unterwerfen sich dem geistigen Prinzip der Zeit. Jeder wird immer mehr und mehr auf sich selbst gestellt, aus seinem innern geistigen Vermogen muss er das schopfen, womit er, gibt der Staat ihm auch irgend einen blendenden aussern Glanz, sich der Welt geltend machen muss. Auf das entgegengesetzte Prinzip stutzt sich der aus dem Rittertum hervorgehende Ahnenstolz, der nur in dem Satz seinen Grund findet: 'Meine Voreltern waren Helden, also bin ich dito ein Held.' Je hoher das hinaufgeht, desto besser; denn kann man das leicht absehen, wo einem Grosspapa der Heldensinn kommen und ihm der Adel verliehen worden, so traut man dem, wie allem Wunderbaren, das zu nahe liegt, nicht recht. Alles bezieht sich wieder auf Heldenmut und korperliche Kraft. Starke, robuste Eltern haben wenigstens in der Regel eben dergleichen Kinder, und ebenso vererbt sich kriegerischer Sinn und Mut. Die Ritterkaste rein zu erhalten, war daher wohl Erfordernis jener alten Ritterzeit, und kein geringes Verdienst fur ein altstammiges Fraulein, einen Junker zu gebaren, zu dem die arme burgerliche Welt flehte: 'Bitte, friss uns nicht, sondern schutze uns vor andern Junkern;' mit dem geistigen Vermogen ist es nicht so. Sehr weise Vater erzielen oft dumme Sohnchen, und es mochte, eben weil die Zeit dem physischen Rittertum das psychische untergeschoben hat, rucksichts des Beweises angeerbten Adels angstlicher sein, von Leibniz abzustammen als von Amadis von Gallien oder sonst einem uralten Ritter der Tafelrunde. In der einmal bestimmten Richtung schreitet der Geist der Zeit vorwarts, und die Lage des ahnenstolzen Adels verschlimmert sich merklich; daher denn auch wohl jenes taktlose, aus Anerkennung des Verdienstes und widerlicher Herablassung gemischte Benehmen gegen der Welt und dem Staat hoch geltende Burgerliche das Erzeugnis eines dunkeln, verzagten Gefuhls sein mag, in dem sie ahnen, dass vor den Augen der Weisen der veraltete Tand langst verjahrter Zeit abfallt und die lacherliche Blosse sich ihnen frei darstellt.

Dank sei es dem Himmel, viele Adlige, Manner und Frauen, erkennen den Geist der Zeit und schwingen sich auf im herrlichen Fluge zu der Lebenshohe, die ihnen Wissenschaft und Kunst darbieten; diese werden die wahren Geisterbanner jenes Unholds sein."

Des Leibarztes Gesprach hatte mich in ein fremdes Gebiet gefuhrt. Niemals war es mir eingefallen, uber den Adel und uber sein Verhaltnis zum Burger zu reflektieren. Wohl mochte der Leibarzt nicht ahnen, dass ich ehedem eben zu der zweiten Klasse gehort hatte, die nach seiner Behauptung der Stolz des Adels nicht trifft. War ich denn nicht in den vornehmsten adeligen Hausern zu B. der hochgeachtete, hochverehrte Beichtiger? Weiter nachsinnend, erkannte ich, wie ich selbst aufs neue mein Schicksal verschlungen hatte, indem aus dem Namen Kwiecziczewo, den ich jener alten Dame bei Hofe nannte, mein Adel entsprang und so dem Fursten der Gedanke einkam, mich mit Aurelien zu vermahlen.

Die Furstin war zuruckgekommen. Ich eilte zu Aurelien. Sie empfing mich mit holder jungfraulicher Verschamtheit; ich schloss sie in meine Arme und glaubte in dem Augenblick daran, dass sie mein Weib werden konne. Aurelie war weicher, hingebender als sonst. Ihr Auge hing voll Tranen, und der Ton, in dem sie sprach, war wehmutige Bitte, so wie wenn im Gemut des schmollenden Kindes sich der Zorn bricht, in dem es gesundigt. Ich durfte an meinen Besuch im Lustschloss der Furstin denken, lebhaft drang ich darauf, alles zu erfahren; ich beschwor Aurelien, mir zu vertrauen, was sie damals so erschrecken konnte. Sie schwieg, sie schlug die Augen nieder, aber sowie mich selbst der Gedanke meines grasslichen Doppeltgangers starker erfasste, schrie ich auf: "Aurelie! um aller Heiligen willen, welche schreckliche Gestalt erblicktest du hinter uns!" Sie sah mich voll Verwunderung an, immer starrer und starrer wurde ihr Blick, dann sprang sie plotzlich auf, als wolle sie fliehen, doch blieb sie und schluchzte, beide Hande vor die Augen gedruckt: "Nein, nein, nein er ist es ja nicht!" Ich erfasste sie sanft, erschopft liess sie sich nieder. "Wer, wer ist es nicht?" frug ich heftig, wohl alles ahnend, was in ihrem Innern sich entfalten mochte. "Ach, mein Freund, mein Geliebter," sprach sie leise und wehmutig; "wurdest du mich nicht fur eine wahnsinnige Schwarmerin halten, wenn ich alles... alles... dir sagen sollte, was mich immer wieder so verstort im vollen Gluck der reinsten Liebe? Ein grauenvoller Traum geht durch mein Leben, er stellte sich mit seinen entsetzlichen Bildern zwischen uns, als ich dich zum ersten Male sah; wie mit kalten Todesschwingen wehte er mich an, als du so plotzlich eintratst in mein Zimmer auf dem Lustschloss der Furstin. Wisse, so wie du damals, kniete einst neben mir ein verruchter Monch und wollte heiliges Gebet missbrauchen zum grasslichen Frevel. Er wurde, als er, wie ein wildes Tier listig auf seine Beute lauernd, mich umschlich, der Morder meines Bruders! Ach und du! ... deine Zuge! ... deine Sprache... jenes Bild! ... lass mich schweigen, o lass mich schweigen." Aurelie bog sich zuruck; in halb liegender Stellung lehnte sie, den Kopf auf die Hand gestutzt, in die Ecke des Sofas, uppiger traten die schwellenden Umrisse des jugendlichen Korpers hervor. Ich stand vor ihr, das lusterne Auge schwelgte in dem unendlichen Liebreiz, aber mit der Lust kampfte der teuflische Hohn, der in mir rief: "Du Ungluckselige, du dem Satan Erkaufte, bist du ihm denn entflohen, dem Monch, der dich im Gebet zur Sunde verlockte? Nun bist du seine Braut... seine Braut!" In dem Augenblick war jene Liebe zu Aurelien, die ein Himmelsstrahl zu entzunden schien, als, dem Gefangnis, dem Tode entronnen, ich sie im Park wiedersah, aus meinem Innern verschwunden, und der Gedanke, dass ihr Verderben meines Lebens glanzendster Lichtpunkt sein konne, erfullte mich ganz und gar. Man rief Aurelien zur Furstin. Klar wurde es mir, dass Aureliens Leben gewisse mir noch unbekannte Beziehungen auf mich selbst haben musse; und doch fand ich keinen Weg dies zu erfahren, da Aurelie, alles Bittens unerachtet, jene einzelne hingeworfene Ausserungen nicht naher deuten wollte. Der Zufall enthullte mir das, was sie zu verschweigen gedachte. Eines Tages befand ich mich im Zimmer des Hofbeamten, dem es oblag, alle Privatbriefe des Fursten und der dem Hofe Angehorigen zur Post zu befordern. Er war eben abwesend, als Aureliens Madchen mit einem starken Briefe hineintrat und ihn auf den Tisch zu den ubrigen, die schon dort befindlich, legte. Ein fluchtiger Blick uberzeugte mich, dass die Aufschrift an die Abtissin, der Furstin Schwester, von Aureliens Hand war. Die Ahnung, alles noch nicht Erforschte sei darin enthalten, durchflog mich mit Blitzesschnelle; noch ehe der Beamte zuruckgekehrt, war ich fort mit dem Briefe Aureliens.

Du Monch oder im weltlichen Treiben Befangener, der du aus meinem Leben Lehre und Warnung zu schopfen trachtest, lies die Blatter, die ich hier einschalte, lies die Gestandnisse des frommen, reinen Madchens, von den bittern Tranen des reuigen, hoffnungslosen Sunders benetzt. Moge das fromme Gemut dir aufgehen, wie leuchtender Trost in der Zeit der Sunde und des Frevels.

Aurelie an die Abtissin

des Zisterzienser-Nonnenklosters zu...

Meine teure gute Mutter! Mit welchen Worten soll ich Dir's denn verkunden, dass Dein Kind glucklich ist, dass endlich die grause Gestalt, die, wie ein schrecklich drohendes Gespenst, alle Bluten abstreifend, alle Hoffnungen zerstorend, in mein Leben trat, gebannt wurde durch der Liebe gottlichen Zauber. Aber nun fallt es mir recht schwer aufs Herz, dass, wenn du meines unglucklichen Bruders, meines Vaters, den der Gram totete, gedachtest und mich aufrichtetest in meinem trostlosen Jammer dass ich dann dir nicht wie in heiliger Beichte mein Innres ganz aufschloss. Doch ich vermag ja auch nun erst das dustre Geheimnis auszusprechen, das tief in meiner Brust verborgen lag. Es ist, als wenn eine bose unheimliche Macht mir mein hochstes Lebensgluck recht trugerisch wie ein grausiges Schreckbild vorgaukelte. Ich sollte wie auf einem wogenden Meer hin und her schwanken und vielleicht rettungslos untergehen. Doch der Himmel half, wie durch ein Wunder, in dem Augenblick, als ich im Begriff stand, unnennbar elend zu werden. Ich muss zuruckgehen in meine fruhe Kinderzeit, um alles, alles zu sagen, denn schon damals wurde der Keim in mein Innres gelegt, der so lange Zeit hindurch verderblich fortwucherte. Erst drei oder vier Jahre war ich alt, als ich einst in der schonsten Fruhlingszeit im Garten unseres Schlosses mit Hermogen spielte. Wir pfluckten allerlei Blumen, und Hermogen, sonst eben nicht dazu aufgelegt, liess es sich gefallen, mir Kranze zu flechten, in die ich mich putzte. "Nun wollen wir zur Mutter gehen", sprach ich, als ich mich uber und uber mit Blumen behangt hatte; da sprang aber Hermogen hastig auf und rief mit wilder Stimme: "Lass uns nur hier bleiben, klein Ding! die Mutter ist im blauen Kabinett und spricht mit dem Teufel!" Ich wusste gar nicht, was er damit sagen wollte, aber dennoch erstarrte ich vor Schreck und fing endlich an, jammerlich zu weinen. "Dumme Schwester, was heulst du," rief Hermogen, "Mutter spricht alle Tage mit dem Teufel, er tut ihr nichts!" Ich furchtete mich vor Hermogen, weil er so finster vor sich hinblickte, so rauh sprach, und schwieg stille. Die Mutter war damals schon sehr kranklich, sie wurde oft von furchterlichen Krampfen ergriffen, die in einen todahnlichen Zustand ubergingen. Wir, ich und Hermogen, wurden dann fortgebracht. Ich horte nicht auf zu klagen, aber Hermogen sprach dumpf in sich hinein: "Der Teufel hat's ihr angetan!" So wurde in meinem kindischen Gemut der Gedanke erweckt, die Mutter habe Gemeinschaft mit einem bosen hasslichen Gespenst, denn anders dachte ich mir nicht den Teufel, da ich mit den Lehren der Kirche noch unbekannt war. Eines Tages hatte man mich allein gelassen, mir wurde ganz unheimlich zumute, und vor Schreck vermochte ich nicht zu fliehen, als ich wahrnahm, dass ich eben in dem blauen Kabinett mich befand, wo nach Hermogens Behauptung die Mutter mit dem Teufel sprechen sollte. Die Ture ging auf, die Mutter trat leichenblass herein und vor eine leere Wand hin. Sie rief mit dumpfer, tief klagender Stimme: "Francesko, Francesko!" Da rauschte und regte es sich hinter der Wand, sie schob sich auseinander, und das lebensgrosse Bild eines schonen, in einem violetten Mantel wunderbar gekleideten Mannes wurde sichtbar. Die Gestalt, das Gesicht dieses Mannes machte einen unbeschreiblichen Eindruck auf mich, ich jauchzte auf vor Freude; die Mutter, umblikkend, wurde nun erst mich gewahr und rief heftig: "Was willst du hier, Aurelie? wer hat dich hieher gebracht?" Die Mutter, sonst so sanft und gutig, war erzurnter, als ich sie je gesehen. Ich glaubte daran schuld zu sein. "Ach," stammelte ich unter vielen Tranen, "sie haben mich hier allein gelassen, ich wollte ja nicht hier bleiben." Aber als ich wahrnahm, dass das Bild verschwunden, da rief ich: "Ach das schone Bild! wo ist das schone Bild!" Die Mutter hob mich in die Hohe, kusste und herzte mich und sprach: "Du bist mein gutes, liebes Kind, aber das Bild darf niemand sehen, auch ist es nun auf immer fort!" Niemand vertraute ich, was mir widerfahren, nur zu Hermogen sprach ich einmal: "Hore! die Mutter spricht nicht mit dem Teufel, sondern mit einem schonen Mann, aber der ist nur ein Bild und springt aus der Wand, wenn Mutter ihn ruft." Da sah Hermogen starr vor sich hin und murmelte: "Der Teufel kann aussehen, wie er will, sagt der Herr Pater, aber der Mutter tut er doch nichts." Mich uberfiel ein Grauen, und ich bat Hermogen flehentlich, doch ja nicht wieder von dem Teufel zu sprechen. Wir gingen nach der Hauptstadt, das Bild verlor sich aus meinem Gedachtnis und wurde selbst dann nicht wieder lebendig, als wir nach dem Tode der guten Mutter auf das Land zuruckgekehrt waren. Der Flugel des Schlosses, in welchem jenes blaue Kabinett gelegen, blieb unbewohnt; es waren die Zimmer meiner Mutter, die der Vater nicht betreten konnte, ohne die schmerzlichsten Erinnerungen in sich aufzuregen. Eine Reparatur des Gebaudes machte es endlich notig, die Zimmer zu offnen; ich trat in das blaue Kabinett, als die Arbeiter eben beschaftiget waren, den Fussboden aufzureissen. Sowie einer von ihnen eine Tafel in der Mitte des Zimmers emporhob, rauschte es hinter der Wand, sie schob sich auseinander, und das lebensgrosse Bild des Unbekannten wurde sichtbar. Man entdeckte die Feder im Fussboden, welche, angedruckt, eine Maschine hinter der Wand in Bewegung setzte, die ein Feld des Tafelwerks, womit die Wand bekleidet, auseinanderschob. Nun gedachte ich lebhaft jenes Augenblicks meiner Kinderjahre, meine Mutter stand wieder vor mir, ich vergoss heisse Tranen, aber nicht wegwenden konnte ich den Blick von dem fremden herrlichen Mann, der mich mit lebendig strahlenden Augen anschaute. Man hatte wahrscheinlich meinem Vater gleich gemeldet, was sich zugetragen, er trat herein, als ich noch vor dem Bilde stand. Nur einen Blick hatte er darauf geworfen, als er, von Entsetzen ergriffen, stehen blieb und dumpf in sich hineinmurmelte: "Francesko, Francesko!" Darauf wandte er sich rasch zu den Arbeitern und befahl mit starker Stimme: "Man breche sogleich das Bild aus der Wand, rolle es auf und ubergebe es Reinhold." Es war mir, als solle ich den schonen herrlichen Mann, der in seinem wunderbaren Gewande mir wie ein hoher Geisterfurst vorkam, niemals wiedersehen, und doch hielt mich eine unuberwindliche Scheu zuruck, den Vater zu bitten, das Bild ja nicht vernichten zu lassen. In wenigen Tagen verschwand jedoch der Eindruck, den der Auftritt mit dem Bilde auf mich gemacht hatte, spurlos aus meinem Innern. Ich war schon vierzehn Jahre alt worden und noch ein wildes, unbesonnenes Ding, so dass ich sonderbar genug gegen den ernsten feierlichen Hermogen abstach und der Vater oft sagte, dass, wenn Hermogen mehr ein stilles Madchen schiene, ich ein recht ausgelassener Knabe sei. Das sollte sich bald andern. Hermogen fing an, mit Leidenschaft und Kraft ritterliche Ubungen zu treiben. Er lebte nur in Kampf und Schlacht, seine ganze Seele war davon erfullt, und da es eben Krieg geben sollte, lag er dem Vater an, ihn nur gleich Dienste nehmen zu lassen. Mich uberfiel dagegen eben zu der Zeit eine solch unerklarliche Stimmung, die ich nicht zu deuten wusste und die bald mein ganzes Wesen verstorte. Ein seltsames Ubelbefinden schien aus der Seele zu kommen und alle Lebenspulse gewaltsam zu ergreifen. Ich war oft der Ohnmacht nahe, dann kamen allerlei wunderliche Bilder und Traume, und es war mir, als solle ich einen glanzenden Himmel voll Seligkeit und Wonne erschauen und konne nur wie ein schlaftrunknes Kind die Augen nicht offnen. Ohne zu wissen, warum, konnte ich oft bis zum Tode betrubt, oft ausgelassen frohlich sein. Bei dem geringsten Anlass sturzten mir die Tranen aus den Augen, eine unerklarliche Sehnsucht stieg oft bis zu korperlichem Schmerz, so dass alle Glieder krampfhaft zuckten. Der Vater bemerkte meinen Zustand, schrieb ihn uberreizten Nerven zu und suchte die Hilfe des Arztes, der allerlei Mittel verordnete, die ohne Wirkung blieben. Ich weiss selbst nicht, wie es kam, urplotzlich erschien mir das vergessene Bild jenes unbekannten Mannes so lebhaft, dass es mir war, als stehe es vor mir, Blicke des Mitleids auf mich gerichtet. "Ach! soll ich denn sterben? was ist es, das mich so unaussprechlich qualt?" So rief ich dem Traumbilde entgegen, da lachelte der Unbekannte und antwortete: "Du liebst mich, Aurelie; das ist deine Qual, aber kannst du die Gelubde des Gottgeweihten brechen?" Zu meinem Erstaunen wurde ich nun gewahr, dass der Unbekannte das Ordenskleid der Kapuziner trug. Ich raffte mich mit aller Gewalt auf, um nur aus dem traumerischen Zustande zu erwachen. Es gelang mir. Fest war ich uberzeugt, dass jener Monch nur ein loses trugerisches Spiel meiner Einbildung gewesen, und doch ahnte ich nur zu deutlich, dass das Geheimnis der Liebe sich mir erschlossen hatte. Ja! ich liebte den Unbekannten mit aller Starke des erwachten Gefuhls, mit aller Leidenschaft und Inbrunst, deren das jugendliche Herz fahig. In jenen Augenblicken traumerischen Hinbrutens, als ich den Unbekannten zu sehen glaubte, schien mein Ubelbefinden den hochsten Punkt erreicht zu haben, ich wurde zusehends wohler, indem meine Nervenschwache nachliess, und nur das stete starre Festhalten jenes Bildes, die phantastische Liebe zu einem Wesen, das nur in mir lebte, gab mir das Ansehen einer Traumerin. Ich war fur alles verstummt, ich sass in der Gesellschaft, ohne mich zu regen, und indem ich, mit meinem Ideal beschaftigt, nicht darauf achtete, was man sprach, gab ich oft verkehrte Antworten, so dass man mich fur ein einfaltig Ding achten mochte. In meines Bruders Zimmer sah ich ein fremdes Buch auf dem Tische liegen; ich schlug es auf, es war ein aus dem Englischen ubersetzter Roman: "Der Monch"! Mit eiskaltem Schauer durchbebte mich der Gedanke, dass der unbekannte Geliebte ein Monch sei. Nie hatte ich geahnt, dass die Liebe zu einem Gottgeweihten sundlich sein konne, nun kamen mir plotzlich die Worte des Traumbildes ein: "Kannst du die Gelubde des Gottgeweihten brechen?" und nun erst verwundeten sie, mit schwerem Gewicht in mein Innres fallend, mich tief. Es war mir, als konne jenes Buch mir manchen Aufschluss geben. Ich nahm es mit mir, ich fing an zu lesen, die wunderbare Geschichte riss mich hin, aber als der erste Mord geschehen, als immer verruchter der grassliche Monch frevelt, als er endlich ins Bundnis tritt mit dem Bosen, da ergriff mich namenloses Entsetzen, denn ich gedachte jener Worte Hermogens: "Die Mutter spricht mit dem Teufel!" Nun glaubte ich, so wie jener Monch im Roman, sei der Unbekannte ein dem Bosen Verkaufter, der mich verlocken wolle. Und doch konnte ich nicht gebieten der Liebe zu dem Monch, der in mir lebte. Nun erst wusste ich, dass es frevelhafte Liebe gebe, mein Abscheu dagegen kampfte mit dem Gefuhl, das meine Brust erfullte, und dieser Kampf machte mich auf eigne Weise reizbar. Oft bemeisterte sich meiner in der Nahe eines Mannes ein unheimliches Gefuhl, weil es mir plotzlich war, als sei es der Monch, der nun mich erfassen und fortreissen werde ins Verderben. Reinhold kam von einer Reise zuruck und erzahlte viel von einem Kapuziner Medardus, der als Kanzelredner weit und breit beruhmt sei und den er selbst in ...r mit Verwunderung gehort habe. Ich dachte an den Monch im Roman, und es uberfiel mich eine seltsame Ahnung, dass das geliebte und gefurchtete Traumbild jener Medardus sein konne. Der Gedanke war mir schrecklich, selbst wusste ich nicht, warum, und mein Zustand wurde in der Tat peinlicher und verstorter, als ich es zu ertragen vermochte. Ich schwamm in einem Meer von Ahnungen und Traumen. Aber vergebens suchte ich das Bild des Monchs aus meinem Innern zu verbannen; ich ungluckliches Kind konnte nicht widerstehen der sundigen Liebe zu dem Gottgeweihten. Ein Geistlicher besuchte einst, wie er es wohl manchmal zu tun pflegte, den Vater. Er liess sich weitlauftig uber die mannigfachen Versuchungen des Teufels aus, und mancher Funke fiel in meine Seele, indem der Geistliche den trostlosen Zustand des jungen Gemuts beschrieb, in das sich der Bose den Weg bahnen wolle und worin er nur schwaches Widerstreben fande. Mein Vater fugte manches hinzu, als ob er von mir rede. Nur unbegrenzte Zuversicht, sagte endlich der Geistliche, nur unwandelbares Vertrauen, nicht sowohl zu befreundeten Menschen, als zur Religion und ihren Dienern, konne Rettung bringen. Dies merkwurdige Gesprach bestimmte mich, den Trost der Kirche zu suchen und meine Brust durch reuiges Gestandnis in heiliger Beichte zu erleichtern. Am fruhen Morgen des andern Tages wollte ich, da wir uns eben in der Residenz befanden, in die dicht neben unserm Hause gelegene Klosterkirche gehen. Es war eine qualvolle, entsetzliche Nacht, die ich zu uberstehen hatte. Abscheuliche, frevelige Bilder, wie ich sie nie gesehen, nie gedacht, umgaukelten mich, aber dann mitten drunter stand der Monch da, mir die Hand wie zur Rettung bietend, und rief: "Sprich es nur aus, dass du mich liebst, und frei bist du aller Not." Da musst' ich unwillkurlich rufen: "Ja Medardus, ich liebe dich!" und verschwunden waren die Geister der Holle! Endlich stand ich auf, kleidete mich an und ging nach der Klosterkirche. Das Morgenlicht brach eben in farbigen Strahlen durch die bunten Fenster, ein Laienbruder reinigte die Gange. Unfern der Seitenpforte, wo ich hineingetreten, stand ein der heiligen Rosalia geweihter Altar, dort hielt ich ein kurzes Gebet und schritt dann auf den Beichtstuhl zu, in dem ich einen Monch erblickte. Hilf, heiliger Himmel! es war Medardus! Kein Zweifel blieb ubrig, eine hohere Macht sagte es mir. Da ergriff mich wahnsinnige Angst und Liebe, aber ich fuhlte, dass nur standhafter Mut mich retten konne. Ich beichtete ihm selbst meine sundliche Liebe zu dem Gottgeweihten, ja mehr als das! ... Ewiger Gott! in dem Augenblicke war es mir, als hatte ich schon oft in trostloser Verzweiflung den heiligen Banden, die den Geliebten fesselten, geflucht, und auch das beichtete ich. "Du selbst, du selbst, Medardus, bist es, den ich so unaussprechlich liebe." Das waren die letzten Worte, die ich zu sprechen vermochte, aber nun floss lindernder Trost der Kirche, wie des Himmels Balsam, von den Lippen des Monchs, der mir plotzlich nicht mehr Medardus schien. Bald darauf nahm mich ein alter ehrwurdiger Pilger in seine Arme und fuhrte mich langsamen Schrittes durch die Gange der Kirche zur Hauptpforte hinaus. Er sprach hochheilige, herrliche Worte, aber ich musste entschlummern wie ein unter sanften, sussen Tonen eingewiegtes Kind. Ich verlor das Bewusstsein. Als ich erwachte, lag ich angekleidet auf dem Sofa meines Zimmers. "Gott und den Heiligen Lob und Dank, die Krisis ist voruber, sie erholt sich!" rief eine Stimme. Es war der Arzt, der diese Worte zu meinem Vater sprach. Man sagte mir, dass man mich des Morgens in einem erstarrten, todahnlichen Zustande gefunden und einen Nervenschlag befurchtet habe. Du siehst, meine liebe, fromme Mutter, dass meine Beichte bei dem Monch Medardus nur ein lebhafter Traum in einem uberreizten Zustande war, aber die heilige Rosalia, zu der ich oft flehte und deren Bildnis ich ja auch im Traum anrief, hat mir wohl alles so erscheinen lassen, damit ich errettet werden moge aus den Schlingen, die mir der arglistige Bose gelegt. Verschwunden war aus meinem Innern die wahnsinnige Liebe zu dem Trugbilde im Monchsgewand. Ich erholte mich ganz und trat nun erst heiter und unbefangen in das Leben ein. Aber, gerechter Gott, noch einmal sollte mich jener verhasste Monch auf entsetzliche Weise bis zum Tode treffen. Fur eben jenen Medardus, dem ich im Traum gebeichtet, erkannte ich augenblicklich den Monch, der sich auf unserm Schlosse eingefunden. "Das ist der Teufel, mit dem die Mutter gesprochen, hute dich, hute dich! er stellt dir nach!" so rief der ungluckliche Hermogen immer in mich hinein. Ach, es hatte dieser Warnung nicht bedurft. Von dem ersten Moment an, als mich der Monch mit vor freveliger Begier funkelnden Augen anblickte und dann in geheuchelter Verzuckung die heilige Rosalia anrief, war er mir unheimlich und entsetzlich. Du weisst alles Furchterliche, was sich darauf begab, meine gute liebe Mutter. Ach aber, muss ich es nicht Dir auch gestehen, dass der Monch mir desto gefahrlicher war, als sich tief in meinem Innersten ein Gefuhl regte, dem gleich, als zuerst der Gedanke der Sunde in mir entstand und als ich ankampfen musste gegen die Verlockung des Bosen? Es gab Augenblicke, in denen ich Verblendete den heuchlerischen frommen Reden des Monchs traute, ja in denen es mir war, als strahle aus seinem Innern der Funke des Himmels, der mich zur reinen uberirdischen Liebe entzunden konne. Aber dann wusste er mit verruchter List, selbst in begeisterter Andacht, eine Glut anzufachen, die aus der Holle kam. Wie den mich bewachenden Schutzengel sandten mir dann die Heiligen, zu denen ich inbrunstig flehte, den Bruder. Denke Dir, liebe Mutter, mein Entsetzen, als hier, bald nachdem ich zum erstenmal bei Hofe erschienen, ein Mann auf mich zutrat, den ich auf den ersten Blick fur den Monch Medardus zu erkennen glaubte, unerachtet er weltlich gekleidet ging. Ich wurde ohnmachtig, als ich ihn sah. In den Armen der Furstin erwacht, rief ich laut: "Er ist es, er ist es, der Morder meines Bruders." "Ja, er ist es," sprach die Furstin, "der verkappte Monch Medardus, der dem Kloster entsprang; die auffallende Ahnlichkeit mit seinem Vater Francesko..." Hilf, heiliger Himmel, indem ich diesen Namen schreibe, rinnen eiskalte Schauer mir durch alle Glieder. Jenes Bild meiner Mutter war Francesko... das trugerische Monchsgebilde, das mich qualte, hatte ganz seine Zuge! Medardus, ihn erkannte ich als jenes Gebilde in dem wunderbaren Traum der Beichte. Medardus ist Franceskos Sohn, Franz, den Du, meine gute Mutter, so fromm erziehen liessest und der in Sunde und Frevel geriet. Welche Verbindung hatte meine Mutter mit jenem Francesko, dass sie sein Bild heimlich aufbewahrte und bei seinem Anblick sich dem Andenken einer seligen Zeit zu uberlassen schien? Wie kam es, dass in diesem Bilde Hermogen den Teufel sah, und dass es den Grund legte zu meiner sonderbaren Verirrung? Ich versinke in Ahnungen und Zweifel. Heiliger Gott, bin ich denn entronnen der bosen Macht, die mich umstrickt hielt? Nein, ich kann nicht weiter schreiben, mir ist, als wurd' ich von dunkler Nacht befangen und kein Hoffnungsstern leuchte, mir freundlich den Weg zeigend, den ich wandeln soll! (Einige Tage spater.) Nein! Keine finstere Zweifel sollen mir die hellen Sonnentage verdustern, die mir aufgegangen sind. Der ehrwurdige Pater Cyrillus hat Dir, meine teure Mutter, wie ich weiss, schon ausfuhrlich berichtet, welch eine schlimme Wendung der Prozess Leonards nahm, den meine Ubereilung den bosen Kriminalgerichten in die Hande gab. Dass der wirkliche Medardus eingefangen wurde, dass sein vielleicht verstellter Wahnsinn bald ganz nachliess, dass er seine Freveltaten eingestand, dass er seine gerechte Strafe erwartet und... doch nicht weiter, denn nur zu sehr wurde das schmachvolle Schicksal des Verbrechers, der als Knabe Dir so teuer war, Dein Herz verwunden. Der merkwurdige Prozess war das einzige Gesprach bei Hofe. Man hielt Leonard fur einen verschmitzten, hartnackigen Verbrecher, weil er alles leugnete. Gott im Himmel! Dolchstiche waren mir manche Reden, denn auf wunderbare Weise sprach eine Stimme in mir: "Er ist unschuldig, und das wird klar werden, wie der Tag." Ich empfand das tiefste Mitleid mit ihm, gestehen musste ich es mir selbst, dass mir sein Bild, rief ich es mir wieder zuruck, Regungen erweckte, die ich nicht missdeuten konnte. Ja! ich liebte ihn schon unaussprechlich, als er der Welt noch ein freveliger Verbrecher schien. Ein Wunder musste ihn und mich retten, denn ich starb, sowie Leonard durch die Hand des Henkers fiel. Er ist schuldlos, er liebt mich, und bald ist er ganz mein. So geht eine dunkle Ahnung aus fruhen Kindesjahren, die mir eine feindliche Macht arglistig zu vertruben suchte, herrlich, herrlich auf in regen wonnigem Leben. O gib mir, gib dem Geliebten Deinen Segen, Du fromme Mutter! Ach konnte Dein gluckliches Kind nur ihre volle Himmelslust recht ausweinen an Deinem Herzen! Leonard gleicht ganz jenem Francesko, nur scheint er grosser, auch unterscheidet ihn ein gewisser charakteristischer Zug, der seiner Nation eigen (Du weisst, dass er ein Pole ist), von Francesko und dem Monch Medardus sehr merklich. Albern war es wohl uberhaupt, den geistreichen, gewandten, herrlichen Leonard auch nur einen Augenblick fur einen entlaufenen Monch anzusehen. Aber so stark ist noch der furchterliche Eindruck jener grasslichen Szenen auf unserm Schlosse, dass oft, tritt Leonard unvermutet zu mir herein und blickt mich an mit seinem strahlenden Auge, das ach nur zu sehr jenem Medardus gleicht, mich unwillkurliches Grausen befallt und ich Gefahr laufe, durch mein kindisches Wesen den Geliebten zu verletzen. Mir ist, als wurde erst des Priesters Segen die finstere Gestalten bannen, die noch jetzt recht feindlich manchen Wolkenschatten in mein Leben werfen. Schliesse mich und den Geliebten in Dein frommes Gebet, meine teure Mutter! Der Furst wunscht, dass die Vermahlung bald vor sich gehe; den Tag schreibe ich Dir, damit Du Deines Kindes gedenken mogest in ihres Lebens feierlicher, verhangnisvoller Stunde etc. Immer und immer wieder las ich Aureliens Blatter. Es war, als wenn der Geist des Himmels, der daraus hervorleuchtete, in mein Inneres dringe und vor seinem reinen Strahl alle sundliche, frevelige Glut verlosche. Bei Aureliens Anblick uberfiel mich heilige Scheu, ich wagte es nicht mehr, sie sturmisch zu liebkosen, wie sonst. Aurelie bemerkte mein verandertes Betragen, ich gestand ihr reuig den Raub des Briefes an die Abtissin; ich entschuldigte ihn mit einem unerklarlichen Drange, dem ich, wie der Gewalt einer unsichtbaren hoheren Macht, nicht widerstehen konnen, ich behauptete, dass eben jene hohere, auf mich einwirkende Macht mir jene Vision am Beichtstuhle habe kund tun wollen, um mir zu zeigen, wie unsere innigste Verbindung ihr ewiger Ratschluss sei. "Ja, du frommes Himmelskind," sprach ich, "auch mir ging einst ein wunderbarer Traum auf, in dem du mir deine Liebe gestandest, aber ich war ein unglucklicher, vom Geschick zermalmter Monch, dessen Brust tausend Qualen der Holle zerrissen. Dich dich liebte ich mit namenloser Inbrunst, doch Frevel, doppelter, verruchter Frevel war meine Liebe, denn ich war ja ein Monch und du die heilige Rosalia." Erschrocken fuhr Aurelie auf. "Um Gott," sprach sie, "um Gott, es geht ein tiefes unerforschliches Geheimnis durch unser Leben; ach, Leonard, lass uns nie an dem Schleier ruhren, der es umhullt, wer weiss, was Grauenvolles, Entsetzliches dahinter verborgen. Lass uns fromm sein und fest aneinander halten in treuer Liebe, so widerstehen wir der dunkeln Macht, deren Geister uns vielleicht feindlich bedrohen. Dass du meinen Brief lasest, das musste so sein; ach! ich selbst hatte dir alles erschliessen sollen, kein Geheimnis darf unter uns walten. Und doch ist es mir, als kampftest du mit manchem, was fruher recht verderblich eintrat in dein Leben und was du nicht vermochtest uber die Lippen zu bringen vor unrechter Scheu! Sei aufrichtig, Leonard! Ach wie wird ein freimutiges Gestandnis deine Brust erleichtern und heller unsere Liebe strahlen!" Wohl fuhlte ich bei diesen Worten Aureliens recht marternd, wie der Geist des Truges in mir wohne, und wie ich nur noch vor wenigen Augenblikken das fromme Kind recht frevelig getauscht; und dies Gefuhl regte sich starker und starker auf in wunderbarer Weise, ich musste Aurelien alles alles entdecken und doch ihre Liebe gewinnen. "Aurelie du meine Heilige, die mich rettet von..." In dem Augenblick trat die Furstin herein, ihr Anblick warf mich plotzlich zuruck in die Holle, voll Hohn und Gedanken des Verderbens. Sie musste mich jetzt dulden, ich blieb und stellte mich als Aureliens Brautigam kuhn und keck ihr entgegen. Uberhaupt war ich nur frei von allen bosen Gedanken, wenn ich mit Aurelien allein mich befand; dann ging mir aber auch die Seligkeit des Himmels auf. Jetzt erst wunschte ich lebhaft meine Vermahlung mit Aurelien. In einer Nacht stand lebhaft meine Mutter vor mir, ich wollte ihre Hand ergreifen und wurde gewahr, dass es nur Duft sei, der sich gestaltet. "Weshalb diese alberne Tauschung?" rief ich erzurnt; da flossen helle Tranen aus meiner Mutter Augen, die wurden aber zu silbernen, hellblinkenden Sternen, aus denen leuchtende Tropfen fielen und um mein Haupt kreisten, als wollten sie einen Heiligenschein bilden, doch immer zerriss eine schwarze furchterliche Faust den Kreis. "Du, den ich rein von jeder Untat geboren," sprach meine Mutter mit sanfter Stimme, "ist denn deine Kraft gebrochen, dass du nicht zu widerstehen vermagst den Verlockungen des Satans? Jetzt kann ich erst dein Innres durchschauen, denn mir ist die Last des Irdischen entnommen! Erhebe dich, Franziskus! ich will dich schmucken mit Bandern und Blumen, denn es ist der Tag des heiligen Bernardus gekommen, und du sollst wieder ein frommer Knabe sein!" Da war es mir, als musse ich wie sonst einen Hymnus anstimmen zum Lobe des Heiligen, aber entsetzlich tobte es dazwischen, mein Gesang wurde ein wildes Geheul, und schwarze Schleier rauschten herab zwischen mir und der Gestalt meiner Mutter. Mehrere Tage nach dieser Vision begegnete mir der Kriminalrichter auf der Strasse. Er trat freundlich auf mich zu. "Wissen Sie schon," fing er an, "dass der Prozess des Kapuziners Medardus wieder zweifelhaft worden? Das Urteil, das ihm hochst wahrscheinlich den Tod zuerkannt hatte, sollte schon abgefasst werden, als er aufs neue Spuren des Wahnsinns zeigte. Das Kriminalgericht erhielt namlich die Nachricht von dem Tode seiner Mutter; ich machte es ihm bekannt, da lachte er wild auf und rief mit einer Stimme, die selbst dem standhaftesten Gemut Entsetzen erregen konnte: 'Ha ha ha! die Prinzessin von... (er nannte die Gemahlin des ermordeten Bruders unsers Fursten) ist langst gestorben!' Es ist jetzt eine neue arztliche Untersuchung verfugt, man glaubt jedoch, dass der Wahnsinn des Monchs verstellt sei." Ich liess mir Tag und Stunde des Todes meiner Mutter sagen! sie war mir in demselben Moment, als sie starb, erschienen, und tief eindringend in Sinn und Gemut, war nun auch die nur zu sehr vergessene Mutter die Mittlerin zwischen mir und der reinen Himmelsseele, die mein werden sollte. Milder und weicher geworden, schien ich nun erst Aureliens Liebe ganz zu verstehen, ich mochte sie wie eine mich beschirmende Heilige kaum verlassen, und mein dusteres Geheimnis wurde, indem sie nicht mehr deshalb in mich drang, nun ein mir selbst unerforschliches, von hoheren Machten verhangtes Ereignis. Der von dem Fursten bestimmte Tag der Vermahlung war gekommen. Aurelie wollte in erster Fruhe vor dem Altar der heiligen Rosalia in der nahegelegenen Klosterkirche getraut sein. Wachend und nach langer Zeit zum erstenmal inbrunstig betend, brachte ich die Nacht zu. Ach! ich Verblendeter fuhlte nicht, dass das Gebet, womit ich mich zur Sunde rustete, hollischer Frevel sei! Als ich zu Aurelien eintrat, kam sie mir, weiss gekleidet und mit duftenden Rosen geschmuckt, in holder Engelsschonheit entgegen. Ihr Gewand sowie ihr Haarschmuck hatte etwas sonderbar Altertumliches, eine dunkle Erinnerung ging in mir auf, aber von tiefem Schauer fuhlte ich mich durchbebt, als plotzlich lebhaft das Bild des Altars, an dem wir getraut werden sollten, mir vor Augen stand. Das Bild stellte das Martyrium der heiligen Rosalia vor, und gerade so wie Aurelie war sie gekleidet. Schwer wurde es mir, den grausigen Eindruck, den dies auf mich machte, zu verbergen. Aurelie gab mir mit einem Blick, aus dem ein ganzer Himmel voll Liebe und Seligkeit strahlte, die Hand, ich zog sie an meine Brust, und mit dem Kuss des reinsten Entzuckens durchdrang mich aufs neue das deutliche Gefuhl, dass nur durch Aurelie meine Seele errettet werden konne. Ein furstlicher Bedienter meldete, dass die Herrschaft bereit sei, uns zu empfangen. Aurelie zog schnell die Handschuhe an, ich nahm ihren Arm, da bemerkte das Kammermadchen, dass das Haar in Unordnung gekommen sei, sie sprang fort, um Nadeln zu holen. Wir warteten an der Ture, der Aufenthalt schien Aurelien unangenehm. In dem Augenblick entstand ein dumpfes Gerausch auf der Strasse, hohle Stimmen riefen durcheinander, und das drohnende Gerassel eines schweren, langsam rollenden Wagens liess sich vernehmen. Ich eilte ans Fenster! Da stand eben vor dem Palast der vom Henkersknecht gefuhrte Leiterwagen, auf dem der Monch ruckwarts sass, vor ihm ein Kapuziner, laut und eifrig mit ihm betend. Er war entstellt von der Blasse der Todesangst und dem struppigen Bart doch waren die Zuge des grasslichen Doppeltgangers mir nur zu kenntlich. Sowie der Wagen, augenblicklich gehemmt durch die andrangende Volksmasse, wieder fortrollte, warf er den stieren entsetzlichen Blick der funkelnden Augen zu mir herauf und lachte und heulte herauf: "Brautigam, Brautigam! ... komm... komm aufs Dach... aufs Dach... da wollen wir ringen miteinander, und wer den andern herabstosst, ist Konig und darf Blut trinken!" Ich schrie auf: "Entsetzlicher Mensch... was willst du... was willst du von mir?" Aurelie umfasste mich mit beiden Armen, sie riss mich mit Gewalt vom Fenster, rufend: "Um Gott und der heiligen Jungfrau willen... Sie fuhren den Medardus... den Morder meines Bruders, zum Tode... Leonard... Leonard!" Da wurden die Geister der Holle in mir wach und baumten sich auf mit der Gewalt, die ihnen verliehen uber den frevelnden verruchten Sunder. Ich erfasste Aurelien mit grimmer Wut, dass sie zusammenzuckte: "Ha ha ha... Wahnsinniges, toriges Weib... ich... ich, dein Buhle, dein Brautigam, bin der Medardus... bin deines Bruders Morder... du, Braut des Monchs, willst Verderben herabwinseln uber deinen Brautigam? Ho ho ho! ... ich bin Konig... ich trinke dein Blut!" Das Mordmesser riss ich heraus ich stiess nach Aurelien, die ich zu Boden fallen lassen ein Blutstrom sprang hervor uber meine Hand. Ich sturzte die Treppen hinab, durch das Volk hin zum Wagen, ich riss den Monch herab und warf ihn zu Boden; da wurde ich festgepackt, wutend stiess ich mit dem Messer um mich herum ich wurde frei ich sprang fort man drang auf mich ein, ich fuhlte mich in der Seite durch einen Stich verwundet, aber das Messer in der rechten Hand, und mit der linken kraftige Faustschlage austeilend, arbeitete ich mich durch bis an die nahe Mauer des Parks, die ich mit einem furchterlichen Satz ubersprang. "Mord... Mord... Haltet... haltet den Morder!" riefen Stimmen hinter mir her, ich horte es rasseln, man wollte das verschlossene Tor des Parks sprengen, unaufhaltsam rannte ich fort. Ich kam an den breiten Graben, der den Park von dem dicht dabei gelegenen Walde trennte, ein machtiger Sprung ich war hinuber, und immer fort und fort rannte ich durch den Wald, bis ich erschopft unter einem Baume niedersank. Es war schon finstre Nacht worden, als ich, wie aus tiefer Betaubung, erwachte. Nur der Gedanke, zu fliehen wie ein gehetztes Tier, stand fest in meiner Seele. Ich stand auf, aber kaum war ich einige Schritte fort, als, aus dem Gebusch hervorrauschend, ein Mensch auf meinen Rucken sprang und mich mit den Armen umhalste. Vergebens versuchte ich, ihn abzuschutteln ich warf mich nieder, ich druckte mich hinterrucks an die Baume, alles umsonst. Der Mensch kicherte und lachte hohnisch; da brach der Mond hellleuchtend durch die schwarzen Tannen, und das totenbleiche, grassliche Gesicht des Monchs des vermeintlichen Medardus, des Doppeltgangers, starrte mich an mit dem grasslichen Blick, wie von dem Wagen herauf. "Hi... hi... hi... Bruderlein... Bruderlein, immer, immer bin ich bei dir... lasse dich nicht... lasse... dich nicht... Kann nicht lau... laufen... wie du... musst mich tra... tragen... Komme vom Ga... Galgen... haben mich ra... radern wollen... hi hi..." So lachte und heulte das grause Gespenst, indem ich, von wildem Entsetzen gekraftigt, hoch emporsprang wie ein von der Riesenschlange eingeschnurter Tiger! Ich raste gegen Baum- und Felsstucke, um ihn, wo nicht zu toten, doch wenigstens hart zu verwunden, dass er mich zu lassen genotigt sein sollte. Dann lachte er starker, und mich nur traf jaher Schmerz; ich versuchte seine unter meinem Kinn festgeknoteten Hande loszuwinden, aber die Gurgel einzudrucken drohte mir des Ungetumes Gewalt. Endlich, nach tollem Rasen, fiel er plotzlich herab, aber kaum war ich einige Schritte fortgerannt, als er von neuem auf meinem Rucken sass, kichernd und lachend und jene entsetzliche Worte stammelnd! Aufs neue jene Anstrengungen wilder Wut aufs neue befreit! aufs neue umhalst von dem furchterlichen Gespenst. Es ist mir nicht moglich, deutlich anzugeben, wie lange ich, von dem Doppeltganger verfolgt, durch finstre Walder floh, es ist mir so, als musse das Monate hindurch, ohne dass ich Speise und Trank genoss, gedauert haben. Nur eines lichten Augenblicks erinnere ich mich lebhaft, nach welchem ich in ganzlich bewusstlosen Zustand verfiel. Eben war es mir gegluckt, meinen Doppeltganger abzuwerfen, als ein heller Sonnenstrahl und mit ihm ein holdes anmutiges Tonen den Wald durchdrang. Ich unterschied eine Klosterglocke, die zur Fruhmette lautete. "Du hast Aurelie ermordet!" Der Gedanke erfasste mich mit des Todes eiskalten Armen, und ich sank bewusstlos nieder.

Zweiter Abschnitt

Die Busse

Eine sanfte Warme glitt durch mein Inneres. Dann fuhlte ich es in allen Adern seltsam arbeiten und prikkeln; dies Gefuhl wurde zu Gedanken, doch war mein Ich hundertfach zerteilt. Jeder Teil hatte im eignen Regen eignes Bewusstsein des Lebens, und umsonst gebot das Haupt den Gliedern, die wie untreue Vasallen sich nicht sammeln mochten unter seiner Herrschaft. Nun fingen die Gedanken der einzelnen Teile an, sich zu drehen wie leuchtende Punkte, immer schneller und schneller, so dass sie einen Feuerkreis bildeten, der wurde kleiner, sowie die Schnelligkeit wuchs, dass er zuletzt nur eine stillstehende Feuerkugel schien. Aus der schossen rotgluhende Strahlen und bewegten sich im farbichten Flammenspiel. "Das sind meine Glieder, die sich regen, jetzt erwache ich!" So dachte ich deutlich, aber in dem Augenblick durchzuckte mich ein jaher Schmerz, helle Glockentone schlugen an mein Ohr. "Fliehen, weiter fort! weiter fort!" rief ich laut, wollte mich schnell aufraffen, fiel aber entkraftet zuruck. Jetzt erst vermochte ich die Augen zu offnen. Die Glockentone dauerten fort ich glaubte noch im Walde zu sein, aber wie erstaunte ich, als ich die Gegenstande rings umher, als ich mich selbst betrachtete. In dem Ordenshabit der Kapuziner lag ich in einem hohen einfachen Zimmer auf einer wohlgepolsterten Matratze ausgestreckt. Ein paar Rohrstuhle, ein kleiner Tisch und ein armliches Bett waren die einzigen Gegenstande, die sich noch im Zimmer befanden. Es wurde mir klar, dass mein bewusstloser Zustand eine Zeitlang gedauert haben und dass ich in demselben auf diese oder jene Weise in ein Kloster gebracht sein musste, das Kranke aufnehme. Vielleicht war meine Kleidung zerrissen, und man gab mir vorlaufig eine Kutte. Der Gefahr, so schien es mir, war ich entronnen. Diese Vorstellungen beruhigten mich ganz, und ich beschloss abzuwarten, was sich weiter zutragen wurde, da ich voraussetzen konnte, dass man bald nach dem Kranken sehen wurde. Ich fuhlte mich sehr matt, sonst aber ganz schmerzlos. Nur einige Minuten hatte ich so, zum vollkommenen Bewusstsein erwacht, gelegen, als ich Tritte vernahm, die sich wie auf einem langen Gange naherten. Man schloss meine Ture auf, und ich erblickte zwei Manner, von denen einer burgerlich gekleidet war, der andere aber den Ordenshabit der Barmherzigen Bruder trug. Sie traten schweigend auf mich zu, der burgerlich Gekleidete sah mir scharf in die Augen und schien sehr verwundert. "Ich bin wieder zu mir selbst gekommen, mein Herr," fing ich mit matter Stimme an, "dem Himmel sei es gedankt, der mich zum Leben erweckt hat wo befinde ich mich aber? wie bin ich hergekommen?" Ohne mir zu antworten, wandte sich der burgerlich Gekleidete zu dem Geistlichen und sprach auf italienisch: "Das ist in der Tat erstaunenswurdig, der Blick ist ganz geandert, die Sprache rein, nur matt... es muss eine besondere Krisis eingetreten sein." "Mir scheint," erwiderte der Geistliche, "mir scheint, als wenn die Heilung nicht mehr zweifelhaft sein konne." "Das kommt," fuhr der burgerlich Gekleidete fort, "das kommt darauf an, wie er sich in den nachsten Tagen halt. Verstehen Sie nicht so viel deutsch, um mit ihm zu sprechen?" "Leider nein", antwortete der Geistliche. "Ich verstehe und spreche italienisch," fiel ich ein; "sagen Sie mir, wo bin ich, wie bin ich hergekommen?" Der burgerlich Gekleidete, wie ich wohl merken konnte, ein Arzt, schien freudig verwundert. "Ah," rief er aus, "ah, das ist gut. Ihr befindet Euch, ehrwurdiger Herr, an einem Orte, wo man nur fur Euer Wohl auf alle mogliche Weise sorgt. Ihr wurdet vor drei Monaten in einem sehr bedenklichen Zustande hergebracht. Ihr wart sehr krank, aber durch unsere Sorgfalt und Pflege scheint Ihr Euch auf dem Wege der Genesung zu befinden. Haben wir das Gluck, Euch ganz zu heilen, so konnt Ihr ruhig Eure Strasse fortwandeln, denn wie ich hore, wollt Ihr nach Rom!" "Bin ich denn", frug ich weiter, "in der Kleidung, die ich trage, zu Euch gekommen?" "Freilich," erwiderte der Arzt, "aber lasst das Fragen, beunruhigt Euch nur nicht, alles sollt Ihr erfahren, die Sorge fur Eure Gesundheit ist jetzt das vornehmlichste." Er fasste meinen Puls, der Geistliche hatte unterdessen eine Tasse herbeigebracht, die er mir darreichte. "Trinkt," sprach der Arzt, "und sagt mir dann, wofur Ihr das Getrank haltet." "Es ist," erwiderte ich, nachdem ich getrunken, "es ist eine gar kraftig zubereitete Fleischbruhe." Der Arzt lachelte zufrieden und rief dem Geistlichen zu: "Gut, sehr gut!" Beide verliessen mich. Nun war meine Vermutung, wie ich glaubte, richtig. Ich befand mich in einem offentlichen Krankenhause. Man pflegte mich mit starkenden Nahrungsmitteln und kraftiger Arzenei, so dass ich nach drei Tagen imstande war, aufzustehen. Der Geistliche offnete ein Fenster, eine warme herrliche Luft, wie ich sie nie geatmet, stromte herein, ein Garten schloss sich an das Gebaude, herrliche fremde Baume grunten und bluhten, Weinlaub rankte sich uppig an der Mauer empor, vor allem aber war mir der dunkelblaue duftige Himmel eine Erscheinung aus ferner Zauberwelt. "Wo bin ich denn," rief ich voll Entzucken aus, "haben mich die Heiligen gewurdigt, in einem Himmelslande zu wohnen?" Der Geistliche lachelte wohlbehaglich, indem er sprach: "Ihr seid in Italien, mein Bruder, in Italien!" Meine Verwunderung wuchs bis zum hochsten Grade, ich drang in den Geistlichen, mir genau die Umstande meines Eintritts in dies Haus zu sagen, er wies mich an den Doktor. Der sagte mir endlich, dass vor drei Monaten mich ein wunderlicher Mensch hergebracht und gebeten habe, mich aufzunehmen; ich befande mich namlich in einem Krankenhause, das von Barmherzigen Brudern verwaltet werde. Sowie ich mich mehr und mehr erkraftigte, bemerkte ich, dass beide, der Arzt und der Geistliche, sich in mannigfache Gesprache mit mir einliessen und mir vorzuglich Gelegenheit gaben, lange hintereinander zu erzahlen. Meine ausgebreiteten Kenntnisse in den verschiedensten Fachern des Wissens gaben mir reichen Stoff dazu, und der Arzt lag mir an, manches niederzuschreiben, welches er dann in meiner Gegenwart las und sehr zufrieden schien. Doch fiel es mir oft seltsamlich auf, dass er, statt meine Arbeit selbst zu loben, immer nur sagte: "In der Tat... das geht gut... ich habe mich nicht getauscht! ... wunderbar... wunderbar!" Ich durfte nun zu gewissen Stunden in den Garten hinab, wo ich manchmal grausig entstellte, totenblasse, bis zum Geripp ausgetrocknete Menschen, von Barmherzigen Brudern geleitet, erblickte. Einmal begegnete mir, als ich schon im Begriff stand, in das Haus zuruckzukehren, ein langer, hagerer Mann, in einem seltsamen erdgelben Mantel, der wurde von zwei Geistlichen bei den Armen gefuhrt, und nach jedem Schritt machte er einen possierlichen Sprung und pfiff dazu mit durchdringender Stimme. Erstaunt blieb ich stehen, doch der Geistliche, der mich begleitete, zog mich schnell fort, indem er sprach: "Kommt, kommt, lieber Bruder Medardus! das ist nichts fur Euch." "Um Gott," rief ich aus, "woher wisst Ihr meinen Namen?" Die Heftigkeit, womit ich diese Worte ausstiess, schien meinen Begleiter zu beunruhigen. "Ei," sprach er, "wie sollen wir denn Euern Namen nicht wissen? Der Mann, der Euch herbrachte, nannte ihn ja ausdrucklich, und Ihr seid eingetragen in die Register des Hauses: Medardus, Bruder des Kapuzinerklosters zu B." Eiskalt bebte es mir durch die Glieder. Aber mochte der Unbekannte, der mich in das Krankenhaus gebracht hatte, sein, wer er wollte, mochte er eingeweiht sein in mein entsetzliches Geheimnis; er konnte nicht Boses wollen, denn er hatte ja freundlich fur mich gesorgt, und ich war ja frei.

Ich lag im offnen Fenster und atmete in vollen Zugen die herrliche, warme Luft ein, die, durch Mark und Adern stromend, neues Leben in mir entzundete, als ich eine kleine, durre Figur, ein spitzes Hutchen auf dem Kopfe, und in einen armlichen erblichenen Uberrock gekleidet, den Hauptgang nach dem Hause herauf mehr hupfen und trippeln als gehen sah. Als er mich erblickte, schwenkte er den Hut in der Luft und warf mir Kusshandchen zu. Das Mannlein hatte etwas Bekanntes, doch konnte ich die Gesichtszuge nicht deutlich erkennen, und er verschwand unter den Baumen, ehe ich mit mir einig worden, wer es wohl sein moge. Doch nicht lange dauerte es, so klopfte es an meine Ture, ich offnete, und dieselbe Figur, die ich im Garten gesehen, trat herein. "Schonfeld," rief ich voll Verwunderung, "Schonfeld, wie kommen Sie her, um des Himmels willen?" Es war jener narrische Friseur aus der Handelsstadt, der mich damals rettete aus grosser Gefahr. "Ach ach, ach!" seufzte er, indem sich sein Gesicht auf komische Weise weinerlich verzog, "wie soll ich denn herkommen, ehrwurdiger Herr, wie soll ich denn herkommen anders, als geworfen geschleudert von dem bosen Verhangnis, das alle Genies verfolgt! Eines Mordes wegen musste ich fliehen..." "Eines Mordes wegen?" unterbrach ich ihn heftig. "Ja, eines Mordes wegen," fuhr er fort, "ich hatte im Zorn den linken Backenbart des jungsten Kommerzienrates in der Stadt getotet und dem rechten gefahrliche Wunden beigebracht." "Ich bitte Sie," unterbrach ich ihn aufs neue, "lassen Sie die Possen, sein Sie einmal vernunftig und erzahlen Sie im Zusammenhange oder verlassen Sie mich." "Ei, lieber Bruder Medardus," fing er plotzlich sehr ernst an; "du willst mich fortschicken, nun du genesen, und musstest mich doch in deiner Nahe leiden, als du krank dalagst und ich dein Stubenkamerad war und in jenem Bette schlief." "Was heisst das," rief ich besturzt aus, "wie kommen Sie auf den Namen Medardus?" "Schauen Sie", sprach er lachelnd, "den rechten Zipfel Ihrer Kutte gefalligst an." Ich tat es und erstarrte vor Schreck und Erstaunen, denn ich fand, dass der Name Medardus hineingenaht war, sowie mich bei genauerer Untersuchung untrugliche Kennzeichen wahrnehmen liessen, dass ich ganz unbezweifelt dieselbe Kutte trug, die ich auf der Flucht aus dem Schlosse des Barons von F. in einem hohlen Baum verborgen hatte. Schonfeld bemerkte meine innere Bewegung, er lachelte ganz seltsam; den Zeigefinger an die Nase gelegt, sich auf den Fussspitzen erhebend, schaute er mir ins Auge; ich blieb sprachlos, da fing er leise und bedachtig an: "Ew. Ehrwurden wundern sich merklich uber das schone Kleid, das Ihnen angelegt worden, es scheint Ihnen uberall wunderbar anzustehn und zu passen, besser als jenes nussbraune Kleid mit schnoden besponnenen Knopfen, das mein ernsthafter vernunftiger Damon Ihnen anlegte... Ich... ich... der verkannte, verbannte Pietro Belcampo war es, der Eure Blosse deckte mit diesem Kleide. Bruder Medardus! Ihr wart nicht im sonderlichsten Zustande, denn als Uberrock Spenzer englischen Frack trugt Ihr simplerweise Eure eigne Haut, und an schickliche Frisur war nicht zu denken, da Ihr, eingreifend in meine Kunst, Euern Karakalla mit dem zehnzahnichten Kamm, der Euch an die Fauste gewachsen, selbst besorgtet" "Lasst die Narrheiten," fuhr ich auf, "lasst die Narrheiten, Schonfeld"... "Pietro Belcampo heisse ich," unterbrach er mich in vollem Zorne, "ja Pietro Belcampo, hier in Italien, und du magst es nur wissen, Medardus, ich selbst, ich selbst bin die Narrheit, die ist uberall hinter dir her, um deiner Vernunft beizustehen, und du magst es nun einsehen oder nicht, in der Narrheit findest du nur dein Heil, denn deine Vernunft ist ein hochst miserables Ding und kann sich nicht aufrecht erhalten, sie taumelt hin und her wie ein gebrechliches Kind und muss mit der Narrheit in Kompanie treten, die hilft ihr auf und weiss den richtigen Weg zu finden nach der Heimat das ist das Tollhaus, da sind wir beide richtig angelangt, mein Bruderchen Medardus." Ich schauderte zusammen, ich dachte an die Gestalten, die ich gesehen; an den springenden Mann im erdgelben Mantel, und konnte nicht zweifeln, dass Schonfeld in seinem Wahnsinn mir die Wahrheit sagte. "Ja, mein Bruderchen Medardus," fuhr Schonfeld mit erhobener Stimme und heftig gestikulierend fort, "ja, mein liebes Bruderchen. Die Narrheit erscheint auf Erden wie die wahre Geisterkonigin. Die Vernunft ist nur ein trager Statthalter, der sich nie darum kummert, was ausser den Grenzen des Reichs vorgeht, der nur aus Langerweile auf dem Paradeplatz die Soldaten exerzieren lasst, die konnen nachher keinen ordentlichen Schuss tun, wenn der Feind eindringt von aussen. Aber die Narrheit, die wahre Konigin des Volks, zieht ein mit Pauken und Trompeten: hussa hussa! hinter ihr her Jubel Jubel Die Vasallen erheben sich von den Platzen, wo sie die Vernunft einsperrte, und wollen nicht mehr stehen, sitzen und liegen, wie der pedantische Hofmeister es will; der sieht die Nummern durch und spricht: 'Seht, die Narrheit hat mir meine besten Eleven entruckt fortgeruckt verruckt ja sie sind verruckt worden.' Das ist ein Wortspiel, Bruderlein Medardus ein Wortspiel ist ein gluhendes Lockeneisen in der Hand der Narrheit, womit sie Gedanken krummt." "Noch einmal," fiel ich dem albernen Schonfeld in die Rede, "noch einmal bitte ich Euch, das unsinnige Geschwatz zu lassen, wenn Ihr es vermoget, und mir zu sagen, wie Ihr hergekommen seid und was Ihr von mir und von dem Kleide wisst, das ich trage." Ich hatte ihn mit diesen Worten bei den Handen gefasst und in einen Stuhl gedruckt. Er schien sich zu besinnen, indem er die Augen niederschlug und tief Atem schopfte. "Ich habe Ihnen," fing er dann mit leiser matter Stimme an, "ich habe Ihnen das Leben zum zweitenmal gerettet, ich war es ja, der Ihrer Flucht aus der Handelsstadt behilflich war, ich war es wiederum, der Sie herbrachte." "Aber um Gott, um der Heiligen willen, wo fanden Sie mich?" So rief ich laut aus, indem ich ihn losliess, doch in dem Augenblick sprang er auf und schrie mit funkelnden Augen: "Ei, Bruder Medardus, hatt' ich dich nicht, klein und schwach, wie ich bin, auf meinen Schultern fortgeschleppt, du lagest mit zerschmetterten Gliedern auf dem Rade." Ich erbebte wie vernichtet sank ich in den Stuhl, die Ture offnete sich, und hastig trat der mich pflegende Geistliche herein. "Wie kommt Ihr hieher? wer hat Euch erlaubt, dies Zimmer zu betreten?" So fuhr er auf Belcampo los, dem sturzten aber die Tranen aus den Augen, und er sprach mit flehender Stimme: "Ach, mein ehrwurdiger Herr! nicht langer konnte ich dem Drange widerstehen, meinen Freund zu sprechen, den ich dringender Todesgefahr entrissen!" Ich ermannte mich. "Sagt mir, mein lieber Bruder," sprach ich zu dem Geistlichen, "hat mich dieser Mann wirklich hergebracht?" Er stockte. "Ich weiss jetzt, wo ich mich befinde," fuhr ich fort, "ich kann vermuten, dass ich im schrecklichsten Zustande war, den es gibt, aber Ihr merkt, dass ich vollkommen genesen, und so darf ich wohl nun alles erfahren, was man mir bis jetzt absichtlich verschweigen mochte, weil man mich fur reizbar hielt." "So ist es in der Tat," antwortete der Geistliche, "dieser Mann brachte Euch, es mogen ungefahr drei bis viertehalb Monate her sein, in unsere Anstalt. Er hatte Euch, wie er erzahlte, fur tot in dem Walde, der vier Meilen von hier das...sche von unserm Gebiet scheidet, gefunden und Euch fur den ihm fruher bekannten Kapuzinermonch Medardus aus dem Kloster zu B. erkannt, der auf einer Reise nach Rom durch den Ort kam, wo er sonst wohnte. Ihr befandet Euch in einem vollkommen apathischen Zustande. Ihr gingt, wenn man Euch fuhrte, Ihr bliebt stehen, wenn man Euch losliess, Ihr setztet, Ihr legtet Euch nieder, wenn man Euch die Richtung gab. Speise und Trank musste man Euch einflossen. Nur dumpfe, unverstandliche Laute vermochtet Ihr auszustossen, Euer Blick schien ohne alle Sehkraft. Belcampo verliess Euch nicht, sondern war Euer treuer Warter. Nach vier Wochen fielt Ihr in die schrecklichste Raserei: man war genotiget, Euch in eins der dazu bestimmten abgelegenen Gemacher zu bringen. Ihr waret dem wilden Tier gleich doch nicht naher mag ich Euch einen Zustand schildern, dessen Erinnerung Euch vielleicht zu schmerzlich sein wurde. Nach vier Wochen kehrte plotzlich jener apathische Zustand wieder, der in eine vollkommene Starrsucht uberging, aus der Ihr genesen erwachtet." Schonfeld hatte sich wahrend dieser Erzahlung des Geistlichen gesetzt, und, wie in tiefes Nachdenken versunken, den Kopf in die Hand gestutzt. "Ja," fing er an, "ich weiss recht gut, dass ich zuweilen ein aberwitziger Narr bin, aber die Luft im Tollhause, vernunftigen Leuten verderblich, hat gar gut auf mich gewirkt. Ich fange an, uber mich selbst zu rasonieren, und das ist kein ubles Zeichen. Existiere ich uberhaupt nur durch mein eignes Bewusstsein, so kommt es nur darauf an, dass dies Bewusstsein dem Bewussten die Hanswurstjacke ausziehe, und ich selbst stehe da als solider Gentleman. O Gott! ist aber ein genialer Friseur nicht schon an und vor sich selbst ein gesetzter Hasenfuss? Hasenfussigkeit schutzt vor allem Wahnsinn, und ich kann Euch versichern, ehrwurdiger Herr, dass ich auch bei Nordnordwest einen Kirchturm von einem Leuchtenpfahl genau zu unterscheiden vermag."- "Ist dem wirklich so," sprach ich, "so beweisen Sie es dadurch, dass Sie mir ruhig den Hergang der Sache erzahlen, wie Sie mich fanden, und wie Sie mich herbrachten." "Das will ich tun," erwiderte Schonfeld, "unerachtet der geistliche Herr hier ein gar besorgliches Gesicht schneidet; erlaube aber, Bruder Medardus, dass ich dich als meinen Schutzling mit dem vertraulichen Du anrede. Der fremde Maler war den andern Morgen, nachdem du in der Nacht entflohen, auch mit seiner Gemaldesammlung auf unbegreifliche Weise verschwunden. So sehr die Sache uberhaupt anfangs Aufsehen erregt hatte, so bald war sie doch im Strome neuer Begebenheiten untergegangen. Nur als der Mord auf dem Schlosse des Barons F. bekannt wurde; als die...sche Gerichte durch Steckbriefe den Monch Medardus aus dem Kapuzinerkloster zu B. verfolgten, da erinnerte man sich daran, dass der Maler die ganze Geschichte im Weinhause erzahlt und in dir den Bruder Medardus erkannt hatte. Der Wirt des Hotels, wo du gewohnt hattest, bestatigte die Vermutung, dass ich deiner Flucht forderlich gewesen war. Man wurde auf mich aufmerksam, man wollte mich ins Gefangnis setzen. Leicht war mir der Entschluss, dem elenden Leben, das schon langst mich zu Boden gedruckt hatte, zu entfliehen. Ich beschloss, nach Italien zu gehen, wo es Abbates und Frisuren gibt. Auf meinem Wege dahin sah ich dich in der Residenz des Fursten von ***. Man sprach von deiner Vermahlung mit Aurelien und von der Hinrichtung des Monchs Medardus. Ich sah auch diesen Monch Nun! dem sei, wie ihm wolle, ich halte dich nun einmal fur den wahren Medardus. Ich stellte mich dir in den Weg, du bemerktest mich nicht, und ich verliess die Residenz, um meine Strasse weiter zu verfolgen. Nach langer Reise rustete ich mich einst in fruhster Morgendammerung, den Wald zu durchwandern, der in dustrer Schwarze vor mir lag. Eben brachen die ersten Strahlen der Morgensonne hervor, als es in dem dicken Gebusch rauschte und ein Mensch mit zerzaustem Kopfhaar und Bart, aber in zierlicher Kleidung, bei mir vorubersprang. Sein Blick war wild und verstort, im Augenblick war er mir aus dem Gesicht verschwunden. Ich schritt weiter fort, doch wie entsetzte ich mich, als ich dicht vor mir eine nackte menschliche Figur, ausgestreckt auf dem Boden, erblickte. Ich glaubte, es sei ein Mord geschehen, und der Fliehende sei der Morder. Ich buckte mich herab zu dem Nackten, erkannte dich und wurde gewahr, dass du leise atmetest. Dicht bei dir lag die Monchskutte, die du jetzt tragst; mit vieler Muhe kleidete ich dich darin und schleppte dich weiter fort. Endlich erwachtest du aus tiefer Ohnmacht, du bliebst aber in dem Zustande, wie ihn dir der ehrwurdige Herr hier erst beschrieben. Es kostete keine geringe Anstrengung, dich fortzuschaffen, und so kam es, dass ich erst am Abende eine Schenke erreichte, die mitten im Walde liegt. Wie schlaftrunken liess ich dich auf einem Rasenplatze zuruck und ging hinein, um Speise und Trank zu holen. In der Schenke sassen ***sche Dragoner, die sollten, wie die Wirtin sagte, einem Monch bis an die Grenze nachspuren, der auf unbegreifliche Weise in dem Augenblicke entflohen sei, als er schwerer Verbrechen halber in *** hatte hingerichtet werden sollen. Ein Geheimnis war es mir, wie du aus der Residenz in den Wald kamst, aber die Uberzeugung, du seist eben der Medardus, den man suche, hiess mich alle Sorgfalt anwenden, dich der Gefahr, in der du mir zu schweben schienst, zu entreissen. Durch Schleichwege schaffte ich dich fort uber die Grenze und kam endlich mit dir in dies Haus, wo man dich und auch mich aufnahm, da ich erklarte, mich von dir nicht trennen zu wollen. Hier warst du sicher, denn in keiner Art hatte man den aufgenommenen Kranken fremden Gerichten ausgeliefert. Mit deinen funf Sinnen war es nicht sonderlich bestellt, als ich hier im Zimmer bei dir wohnte und dich pflegte. Auch die Bewegung deiner Gliedmassen war nicht zu ruhmen, Noverre und Vestris hatten dich tief verachtet, denn dein Kopf hing auf die Brust, und wollte man dich gerade aufrichten, so stulptest du um wie ein missratner Kegel. Auch mit der Rednergabe ging es hochst traurig, denn du warst verdammt einsilbig und sagtest in aufgeraumten Stunden nur 'Hu hu' und 'Me... me...', woraus dein Wollen und Denken nicht sonderlich zu vernehmen und beinahe zu glauben, beides sei dir untreu worden und vagabundiere auf seine eigene Hand oder seinen eignen Fuss. Endlich wurdest du mit einemmal uberaus lustig, du sprangst hoch in die Lufte, brulltest vor lauter Entzucken und rissest dir die Kutte vom Leibe, um frei zu sein von jeder naturbeschrankenden Fessel dein Appetit..." "Halten Sie ein, Schonfeld," unterbrach ich den entsetzlichen Witzling, "halten Sie ein! Man hat mich schon von dem furchterlichen Zustande, in den ich versunken, unterrichtet. Dank sei es der ewigen Langmut und Gnade des Herrn, Dank sei es der Fursprache der Gebenedeiten und der Heiligen, dass ich errettet worden bin!" "Ei, ehrwurdiger Herr!" fuhr Schonfeld fort, "was haben Sie denn nun davon! ich meine von der besonderen Geistesfunktion, die man Bewusstsein nennt und die nichts anders ist als die verfluchte Tatigkeit eines verdammten Toreinnehmers Akziseoffizianten Oberkontrollassistenten, der sein heilloses Kontor im Oberstubchen aufgeschlagen hat und zu aller Ware, die hinaus will, sagt: 'Hei... hei... die Ausfuhr ist verboten... im Lande, im Lande bleibt's.' Die schonsten Juwelen werden wie schnode Saatkorner in die Erde gesteckt, und was emporschiesst, sind hochstens Runkelruben, aus denen die Praxis mit tausend Zentner schwerem Gewicht eine Viertelunze ubelschmeckenden Zucker presst... Hei hei... und doch sollte jene Ausfuhr einen Handelsverkehr begrunden mit der herrlichen Gottesstadt da droben, wo alles stolz und herrlich ist. Gott im Himmel! Herr! Allen meinen teuer erkauften Puder a la Marechal oder a la Pompadour oder a la reine de Golconde hatte ich in den Fluss geworfen, wo er am tiefsten ist, hatte ich nur wenigstens durch Transito-Handel ein Quentlein Sonnenstaubchen von dorther bekommen konnen, um die Perucken hochst gebildeter Professoren und Schulkollegen zu pudern, zuvorderst aber meine eigne! Was sage ich? hatte mein Damon Ihnen, ehrwurdigster aller ehrwurdigen Monche, statt des flohfarbnen Fracks einen Sonnenmatin umhangen konnen, in dem die reichen, ubermutigen Burger der Gottesstadt zu Stuhle gehen, wahrhaftig, es ware, was Anstand und Wurde betrifft, alles anders gekommen: aber so hielt Sie die Welt fur einen gemeinen glebae adscriptus und den Teufel fur Ihren Cousin germain" Schonfeld war aufgestanden und ging oder hupfte vielmehr, stark gestikulierend und tolle Gesichter schneidend, von einer Ecke des Zimmers zur andern. Er war im vollen Zuge, wie gewohnlich sich in der Narrheit durch die Narrheit zu entzunden, ich fasste ihn daher bei beiden Handen und sprach: "Willst du dich denn durchaus statt meiner hier einburgern? Ist es dir denn nicht moglich, nach einer Minute verstandigen Ernstes das Possenhafte zu lassen?" Er lachelte auf seltsame Weise und sagte: "Ist wirklich alles so albern, was ich spreche, wenn mir der Geist kommt?" "Das ist ja eben das Ungluck," erwiderte ich, "dass deinen Fratzen oft tiefer Sinn zum Grunde liegt, aber du vertrodelst und verbramst alles mit solch buntem Zeuge, dass ein guter, in echter Farbe gehaltener Gedanke lacherlich und unscheinbar wird, wie ein mit scheckigen Fetzen behangtes Kleid. Du kannst wie ein Betrunkener nicht auf gerader Schnur gehen, du springst hinuber und heruber deine Richtung ist schief!" "Was ist Richtung", unterbrach mich Schonfeld leise und fortlachelnd mit bittersusser Miene. "Was ist Richtung, ehrwurdiger Kapuziner? Richtung setzt ein Ziel voraus, nach dem wir unsere Richtung nehmen. Sind Sie Ihres Zieles gewiss, teurer Monch? furchten Sie nicht, dass Sie bisweilen zu wenig Katzenhirn zu sich genommen, statt dessen aber im Wirtshause neben der gezogenen Schnur zu viel Spirituoses genossen und nun wie ein schwindliger Turmdecker zwei Ziele sehen, ohne zu wissen, welches das rechte? Uberdem, Kapuziner, vergib es meinem Stande, dass ich das Possenhafte als eine angenehme Beimischung, spanischen Pfeffer zum Blumenkohl, in mir trage. Ohne das ist ein Haarkunstler eine erbarmliche Figur, ein armseliger Dummkopf, der das Privilegium in der Tasche tragt, ohne es zu nutzen zu seiner Lust und Freude." Der Geistliche hatte bald mich, bald den grimassierenden Schonfeld mit Aufmerksamkeit betrachtet; er verstand, da wir deutsch sprachen, kein Wort; jetzt unterbrach er unser Gesprach. "Verzeihet, meine Herren, wenn es meine Pflicht heischt, eine Unterredung zu enden, die euch beiden unmoglich wohl tun kann. Ihr seid, mein Bruder, noch zu sehr geschwacht, um von Dingen, die wahrscheinlich aus Euerm fruhern Leben schmerzhafte Erinnerungen aufregen, so anhaltend fortzusprechen; Ihr konnet ja nach und nach von Euerm Freunde alles erfahren, denn wenn Ihr auch ganz genesen unsere Anstalt verlasset, so wird Euch doch wohl Euer Freund weiter geleiten. Zudem habt Ihr (er wandte sich zu Schonfeld) eine Art des Vortrags, die ganz dazu geeignet ist, alles das, wovon Ihr sprecht, dem Zuhorer lebendig vor Augen zu bringen. In Deutschland muss man Euch fur toll halten, und selbst bei uns wurdet Ihr fur einen guten Buffone gelten. Ihr konnt auf dem komischen Theater Euer Gluck machen." Schonfeld starrte den Geistlichen mit weit aufgerissenen Augen an, dann erhob er sich auf den Fussspitzen, schlug die Hande uber den Kopf zusammen und rief auf italienisch: "Geisterstimme! ... Schicksalsstimme, du hast aus dem Munde dieses ehrwurdigen Herrn zu mir gesprochen! ... Belcampo... Belcampo... so konntest du deinen wahrhaften Beruf verkennen... es ist entschieden!" Damit sprang er zur Ture hinaus. Den andern Morgen trat er reisefertig zu mir herein. "Du bist, mein lieber Bruder Medardus," sprach er, "nunmehr ganz genesen, du bedarfst meines Beistandes nicht mehr, ich ziehe fort, wohin mich mein innerster Beruf leitet... Lebe wohl! ... doch erlaube dass ich zum letztenmal meine Kunst, die mir nun wie ein schnodes Gewerbe vorkommt, an dir ube." Er zog Messer, Schere und Kamm hervor und brachte unter tausend Grimassen und possenhaften Reden meine Tonsur und meinen Bart in Ordnung. Der Mensch war mir trotz der Treue, die er mir bewiesen, unheimlich worden, ich war froh, als er geschieden. Der Arzt hatte mir mit starkender Arznei ziemlich aufgeholfen; meine Farbe war frischer worden, und durch immer langere Spaziergange gewann ich meine Krafte wieder. Ich war uberzeugt, eine Fussreise aushalten zu konnen, und verliess ein Haus, das dem Geisteskranken wohltatig, dem Gesunden aber unheimlich und grauenvoll sein musste. Man hatte mir die Absicht untergeschoben, nach Rom zu pilgern, ich beschloss, dieses wirklich zu tun, und so wandelte ich fort auf der Strasse, die als dorthin fuhrend mir bezeichnet worden war. Unerachtet mein Geist vollkommen genesen, war ich mir doch selbst eines gefuhllosen Zustandes bewusst, der uber jedes im Innern aufkeimende Bild einen dustern Flor warf, so dass alles farblos, grau in grau erschien. Ohne alle deutliche Erinnerung des Vergangenen, beschaftigte mich die Sorge fur den Augenblick ganz und gar. Ich sah in die Ferne, um den Ort zu erspahen, wo ich wurde einsprechen konnen, um mir Speise oder Nachtquartier zu erbetteln, und war recht innig froh, wenn Andachtige meinen Bettelsack und meine Flasche gut gefullt hatten, wofur ich meine Gebete mechanisch herplapperte. Ich war selbst im Geist zum gewohnlichen stupiden Bettelmonch herabgesunken. So kam ich endlich an das grosse Kapuzinerkloster, das, wenige Stunden von Rom, nur von Wirtschaftsgebauden umgeben, einzeln daliegt. Dort musste man den Ordensbruder aufnehmen, und ich gedachte, mich in voller Gemachlichkeit recht auszupflegen. Ich gab vor, dass, nachdem das Kloster in Deutschland, worin ich mich sonst befand, aufgehoben worden, ich fortgepilgert sei und in irgend ein anderes Kloster meines Ordens einzutreten wunsche. Mit der Freundlichkeit, die den italienischen Monchen eigen, bewirtete man mich reichlich, und der Prior erklarte, dass, insofern mich nicht vielleicht die Erfullung eines Gelubdes weiter zu pilgern notige, ich als Fremder so lange im Kloster bleiben konne, als es mir anstehen wurde. Es war Vesperzeit, die Monche gingen in den Chor, und ich trat in die Kirche. Der kuhne, herrliche Bau des Schiffs setzte mich nicht wenig in Verwunderung, aber mein zur Erde gebeugter Geist konnte sich nicht erheben, wie es sonst geschah, seit der Zeit, als ich, ein kaum erwachtes Kind, die Kirche der heiligen Linde geschaut hatte. Nachdem ich mein Gebet am Hochaltar verrichtet, schritt ich durch die Seitengange, die Altargemalde betrachtend, welche, wie gewohnlich, die Martyrien der Heiligen, denen sie geweiht, darstellten. Endlich trat ich in eine Seitenkapelle, deren Altar von den durch die bunten Fensterscheiben brechenden Sonnenstrahlen magisch beleuchtet wurde. Ich wollte das Gemalde betrachten, ich stieg die Stufen hinauf. Die heilige Rosalia das verhangnisvolle Altarblatt meines Klosters Ach! Aurelien erblickte ich! Mein ganzes Leben meine tausendfachen Frevel meine Missetaten Hermogens Aureliens Mord alles alles nur ein entsetzlicher Gedanke, und der durchfuhr wie ein spitzes gluhendes Eisen mein Gehirn. Meine Brust Adern und Fibern, zerrissen im wilden Schmerz der grausamsten Folter! Kein lindernder Tod! Ich warf mich nieder ich zerriss in rasender Verzweiflung mein Gewand ich heulte auf im trostlosen Jammer, dass es weit in der Kirche nachhallte: "Ich bin verflucht, ich bin verflucht! Keine Gnade kein Trost mehr, hier und dort! Zur Holle zur Holle ewige Verdammnis uber mich verruchten Sunder beschlossen!" Man hob mich auf die Monche waren in der Kapelle, vor mir stand der Prior, ein hoher ehrwurdiger Greis. Er schaute mich an mit unbeschreiblich mildem Ernst, er fasste meine Hande, und es war, als halte ein Heiliger, von himmlischem Mitleid erfullt, den Verlornen in den Luften uber dem Flammenpfuhl fest, in den er hinabsturzen wollte. "Du bist krank, mein Bruder!" sprach der Prior, "wir wollen dich in das Kloster bringen, da magst du dich erholen." Ich kusste seine Hande, sein Kleid, ich konnte nicht sprechen, nur tiefe angstvolle Seufzer verrieten den furchterlichen, zerrissenen Zustand meiner Seele. Man fuhrte mich in das Refektorium, auf einen Wink des Priors entfernten sich die Monche, ich blieb mit ihm allein. "Du scheinst, mein Bruder," fing er an, "von schwerer Sunde belastet, denn nur die tiefste, trostloseste Reue uber eine entsetzliche Tat kann sich so gebarden. Doch gross ist die Langmut des Herrn, stark und kraftig ist die Fursprache der Heiligen, fasse Vertrauen du sollst mir beichten, und es wird dir, wenn du bussest, Trost der Kirche werden!" In dem Augenblick schien es mir, als sei der Prior jener alte Pilger aus der heiligen Linde, und nur der sei das einzige Wesen auf der ganzen weiten Erde, dem ich mein Leben voller Sunde und Frevel offenbaren musse. Noch war ich keines Wortes machtig, ich warf mich vor dem Greise nieder in den Staub. "Ich gehe in die Kapelle des Klosters," sprach er mit feierlichem Ton und schritt von dannen. Ich war gefasst ich eilte ihm nach, er sass im Beichtstuhl, und ich tat augenblicklich, wozu mich der Geist unwiderstehlich trieb; ich beichtete alles alles! Schrecklich war die Busse, die mir der Prior auflegte. Verstossen von der Kirche, wie ein Aussatziger verbannt aus den Versammlungen der Bruder, lag ich in den Totengewolben des Klosters, mein Leben karglich fristend durch unschmackhafte, in Wasser gekochte Krauter, mich geisselnd und peinigend mit Marterinstrumenten, die die sinnreichste Grausamkeit erfunden, und meine Stimme erhebend nur zur eigenen Anklage, zum zerknirschten Gebet um Rettung aus der Holle, deren Flammen schon in mir loderten. Aber wenn das Blut aus hundert Wunden rann, wenn der Schmerz in hundert giftigen Skorpionstichen brannte und dann endlich die Natur erlag, bis der Schlaf sie wie ein ohnmachtiges Kind schutzend mit seinen Armen umfing, dann stiegen feindliche Traumbilder empor, die mir neue Todesmarter bereiteten. Mein ganzes Leben gestaltete sich auf entsetzliche Weise. Ich sah Euphemien, wie sie in uppiger Schonheit mir nahte, aber laut schrie ich auf: "Was willst du von mir, Verruchte! Nein, die Holle hat keinen Teil an mir." Da schlug sie ihr Gewand auseinander, und die Schauer der Verdammnis ergriffen mich. Zum Gerippe eingedorrt war ihr Leib, aber in dem Gerippe wanden sich unzahlige Schlangen durcheinander und streckten ihre Haupter, ihre rotgluhenden Zungen mir entgegen. "Lass ab von mir! ... Deine Schlangen stechen hinein in die wunde Brust... sie wollen sich masten von meinem Herzblut... aber dann sterbe ich... dann sterbe ich... der Tod entreisst mich deiner Rache." So schrie ich auf, da heulte die Gestalt: "Meine Schlangen konnen sich nahren von deinem Herzblut... aber das fuhlst du nicht, denn das ist nicht deine Qual deine Qual ist in dir und totet dich nicht, denn du lebst in ihr. Deine Qual ist der Gedanke des Frevels, und der ist ewig!" Der blutende Hermogen stieg auf, aber vor ihm floh Euphemie, und er rauschte voruber, auf die Halswunde deutend, die die Gestalt des Kreuzes hatte. Ich wollte beten, da begann ein sinnverwirrendes Flustern und Rauschen. Menschen, die ich sonst gesehen, erschienen zu tollen Fratzen verunstaltet. Kopfe krochen mit Heuschreckenbeinen, die ihnen an die Ohren gewachsen, umher und lachten mich hamisch an seltsames Geflugel Raben mit Menschengesichtern rauschten in der Luft Ich erkannte den Konzertmeister aus B. mit seiner Schwester, die drehte sich in wildem Walzer, und der Bruder spielte dazu auf, aber auf der eigenen Brust streichend, die zur Geige worden. Belcampo, mit einem hasslichen Eidechsengesicht, auf einem ekelhaften geflugelten Wurm sitzend, fuhr auf mich ein, er wollte meinen Bart kammen mit eisernem gluhendem Kamm aber es gelang ihm nicht. Toller und toller wird das Gewirre, seltsamer, abenteuerlicher werden die Gestalten, von der kleinsten Ameise mit tanzenden Menschenfusschen bis zum langgedehnten Rossgerippe mit funkelnden Augen, dessen Haut zur Schabracke worden, auf der ein Reuter mit leuchtendem Eulenkopfe sitzt. Ein bodenloser Becher ist sein Leibharnisch ein umgestulpter Trichter sein Helm! Der Spass der Holle ist emporgestiegen. Ich hore mich lachen, aber dies Lachen zerschneidet die Brust, und brennender wird der Schmerz, und heftiger bluten alle Wunden. Die Gestalt eines Weibes leuchtet hervor, das Gesindel weicht sie tritt auf mich zu! Ach, es ist Aurelie ! "Ich lebe und bin nun ganz dein!" spricht die Gestalt. Da wird der Frevel in mir wach. Rasend vor wilder Begier, umschlinge ich sie mit meinen Armen. Alle Ohnmacht ist von mir gewichen, aber da legt es sich gluhend an meine Brust rauhe Borsten zerkratzen meine Augen, und der Satan lacht gellend auf: "Nun bist du ganz mein!" Mit dem Schrei des Entsetzens erwache ich, und bald fliesst mein Blut in Stromen von den Hieben der Stachelpeitsche, mit der ich mich in trostloser Verzweiflung zuchtige. Denn selbst die Frevel des Traums, jeder sundliche Gedanke fordert doppelte Busse. Endlich war die Zeit, die der Prior zur strengsten Busse bestimmt hatte, verstrichen, und ich stieg empor aus dem Totengewolbe, um in dem Kloster selbst, aber in abgesonderter Zelle, entfernt von den Brudern, die nun mir auferlegten Bussubungen vorzunehmen. Dann, immer in geringern Graden der Busse, wurde mir der Eintritt in die Kirche und in den Chor der Bruder erlaubt. Doch mir selbst genugte nicht diese letzte Art der Busse, die nur in taglicher gewohnlicher Geisselung bestehen sollte. Ich wies standhaft jede bessere Kost zuruck, die man mir reichen wollte, ganze Tage lag ich ausgestreckt auf dem kalten Marmorboden vor dem Bilde der heiligen Rosalia und marterte mich in einsamer Zelle selbst auf die grausamste Weise, denn durch aussere Qualen gedachte ich die innere grassliche Marter zu ubertauben. Es war vergebens, immer kehrten jene Gestalten, von dem Gedanken erzeugt, wieder, und dem Satan selbst war ich preisgegeben, dass er mich hohnend foltere und verlocke zur Sunde. Meine strenge Busse, die unerhorte Weise, wie ich sie vollzog, erregte die Aufmerksamkeit der Monche. Sie betrachteten mich mit ehrfurchtsvoller Scheu, und ich horte es sogar unter ihnen flustern: "Das ist ein Heiliger!" Dies Wort war mir entsetzlich, denn nur zu lebhaft erinnerte es mich an jenen grasslichen Augenblick in der Kapuzinerkirche zu B., als ich dem mich anstarrenden Maler in vermessenem Wahnsinn entgegenrief: "Ich bin der heilige Antonius!" Die letzte von dem Prior bestimmte Zeit der Busse war endlich auch verflossen, ohne dass ich davon abliess, mich zu martern, unerachtet meine Natur der Qual zu erliegen schien. Meine Augen waren erloschen, mein wunder Korper ein blutendes Gerippe, und es kam dahin, dass, wenn ich stundenlang am Boden gelegen, ich ohne Hilfe anderer nicht aufzustehen vermochte. Der Prior liess mich in sein Sprachzimmer bringen. "Fuhlst du, mein Bruder," fing er an, "durch die strenge Busse dein Inneres erleichtert? Ist Trost des Himmels dir worden?" "Nein, ehrwurdiger Herr," erwiderte ich in dumpfer Verzweiflung. "Indem ich dir," fuhr der Prior mit erhohter Stimme fort, "indem ich dir, mein Bruder, da du mir eine Reihe entsetzlicher Taten gebeichtet hattest, die strengste Busse auflegte, genugte ich den Gesetzen der Kirche, welche wollen, dass der Ubeltater, den der Arm der Gerechtigkeit nicht erreichte und der reuig dem Diener des Herrn seine Verbrechen bekannte, auch durch aussere Handlungen die Wahrheit seiner Reue kund tue. Er soll den Geist ganz dem Himmlischen zuwenden und doch das Fleisch peinigen, damit die irdische Marter jede teuflische Lust der Untaten aufwage. Doch glaube ich, und mir stimmen beruhmte Kirchenlehrer bei, dass die entsetzlichsten Qualen, die sich der Bussende zufugt, dem Gewicht seiner Sunden auch nicht ein Quentlein entnehmen, sobald er darauf seine Zuversicht stutzt und der Gnade des Ewigen deshalb sich wurdig dunkt. Keiner menschlichen Vernunft erforschlich ist es, wie der Ewige unsere Taten misst, verloren ist der, der, ist er auch von wirklichem Frevel rein, vermessen glaubt, den Himmel zu ersturmen durch ausseres Frommtun, und der Bussende, welcher nach der Bussubung seinen Frevel vertilgt glaubt, beweiset, dass seine innere Reue nicht wahrhaft ist. Du, lieber Bruder Medardus, empfindest noch keine Trostung, das beweiset die Wahrhaftigkeit deiner Reue, unterlasse jetzt, ich will es, alle Geisselungen, nimm bessere Speise zu dir und fliehe nicht mehr den Umgang der Bruder. Wisse, dass dein geheimnisvolles Leben mir in allen seinen wunderbarsten Verschlingungen besser bekannt worden als dir selbst. Ein Verhangnis, dem du nicht entrinnen konntest, gab dem Satan Macht uber dich, und indem du freveltest, warst du nur sein Werkzeug. Wahne aber nicht, dass du deshalb weniger sundig vor den Augen des Herrn erschienest, denn dir war die Kraft gegeben, im rustigen Kampf den Satan zu bezwingen. In wessen Menschen Herz sturmt nicht der Bose und widerstrebt dem Guten; aber ohne diesen Kampf gab' es keine Tugend, denn diese ist nur der Sieg des guten Prinzips uber das bose, sowie aus dem umgekehrten die Sunde entspringt. Wisse furs erste, dass du dich eines Verbrechens anklagst, welches du nur im Willen vollbrachtest. Aurelie lebt, in wildem Wahnsinn verletztest du dich selbst, das Blut deiner eigenen Wunde war es, was uber deine Hand floss... Aurelie lebt... ich weiss es."

Ich sturzte auf die Knie, ich hob meine Hande betend empor, tiefe Seufzer entflohen der Brust, Tranen quollen aus den Augen! "Wisse ferner," fuhr der Prior fort, "dass jener alte fremde Maler, von dem du in der Beichte gesprochen, schon so lange, als ich denken kann, zuweilen unser Kloster besucht hat und vielleicht bald wieder eintreffen wird. Er hat ein Buch mir in Verwahrung gegeben, welches verschiedene Zeichnungen, vorzuglich aber eine Geschichte enthalt, der er jedesmal, wenn er bei uns einsprach, einige Zeilen zusetzte. Er hat mir nicht verboten, das Buch jemanden in die Hande zu geben, und um so mehr will ich es dir anvertrauen, als dies meine heiligste Pflicht ist. Den Zusammenhang deiner eignen, seltsamen Schicksale, die dich bald in eine hohere Welt wunderbarer Visionen, bald in das gemeinste Leben versetzten, wirst du erfahren. Man sagt, das Wunderbare sei von der Erde verschwunden, ich glaube nicht daran. Die Wunder sind geblieben, denn wenn wir selbst das Wunderbarste, von dem wir taglich umgeben, deshalb nicht mehr so nennen wollen, weil wir einer Reihe von Erscheinungen die Regel der zyklischen Wiederkehr abgelauert haben, so fahrt doch oft durch jenen Kreis ein Phanomen, das all unsre Klugheit zuschanden macht und an das wir, weil wir es nicht zu erfassen vermogen, in stumpfsinniger Verstocktheit nicht glauben. Hartnackig leugnen wir dem innern Auge deshalb die Erscheinung ab, weil sie zu durchsichtig war, um sich auf der rauhen Flache des aussern Auges abzuspiegeln. Jenen seltsamen Maler rechne ich zu den ausserordentlichen Erscheinungen, die jeder erlauerten Regel spotten; ich bin zweifelhaft, ob seine korperliche Erscheinung das ist, was wir wahr nennen. So viel ist gewiss, dass niemand die gewohnlichen Funktionen des Lebens bei ihm bemerkt hat. Auch sah ich ihn niemals schreiben oder zeichnen, unerachtet im Buch, worin er nur zu lesen schien, jedesmal, wenn er bei uns gewesen, mehr Blatter als vorher beschrieben waren. Seltsam ist es auch, dass mir alles im Buche nur verworrenes Gekritzel, undeutliche Skizze eines phantastischen Malers zu sein schien und nur dann erst erkennbar und lesbar wurde, als du, mein lieber Bruder Medardus, mir gebeichtet hattest. Nicht naher darf ich mich daruber auslassen, was ich rucksichts des Malers ahne und glaube. Du selbst wirst es erraten, oder vielmehr das Geheimnis wird sich dir von selbst auftun. Gehe, erkraftige dich, und fuhlst du dich, wie ich glaube, dass es in wenigen Tagen geschehen wird, im Geiste aufgerichtet, so erhaltst du von mir des fremden Malers wunderbares Buch."

Ich tat nach dem Willen des Priors, ich ass mit den Brudern, ich unterliess die Kasteiungen und beschrankte mich auf inbrunstiges Gebet an den Altaren der Heiligen. Blutete auch meine Herzenswunde fort, wurde auch nicht milder der Schmerz, der aus dem Innern heraus mich durchbohrte, so verliessen mich doch die entsetzlichen Traumbilder, und oft, wenn ich, zum Tode matt, auf dem harten Lager schlaflos lag, umwehte es mich wie mit Engelsfittichen, und ich sah die holde Gestalt der lebenden Aurelie, die, himmlisches Mitleiden im Auge voll Tranen, sich uber mich hinbeugte. Sie streckte die Hand, wie mich beschirmend, aus uber mein Haupt, da senkten sich meine Augenlider, und ein sanfter erquickender Schlummer goss neue Lebenskraft in meine Adern. Als der Prior bemerkte, dass mein Geist wieder einige Spannung gewonnen, gab er mir des Malers Buch und ermahnte mich, es aufmerksam in seiner Zelle zu lesen. Ich schlug es auf, und das erste, was mir ins Auge fiel, waren die in Umrissen angedeuteten und dann in Licht und Schatten ausgefuhrten Zeichnungen der Fresko-Gemalde in der heiligen Linde. Nicht das mindeste Erstaunen, nicht die mindeste Begierde, schnell das Ratsel zu losen, regte sich in mir auf. Nein! Es gab kein Ratsel fur mich, langst wusste ich ja alles, was in diesem Malerbuch aufbewahrt worden. Das, was der Maler auf den letzten Seiten des Buchs in kleiner, kaum lesbarer bunt gefarbter Schrift zusammengetragen hatte, waren meine Traume, meine Ahnungen, nur deutlich, bestimmt in scharfen Zugen dargestellt, wie ich es niemals zu tun vermochte.

Eingeschaltete Anmerkung des Herausgebers

Bruder Medardus fahrt hier, ohne sich weiter auf das, was er im Malerbuche fand, einzulassen, in seiner Erzahlung fort, wie er Abschied nahm von dem in seine Geheimnisse eingeweihten Prior und von den freundlichen Brudern, und wie er nach Rom pilgerte und uberall, in Sankt Peter, in St. Sebastian und Laurenz, in St. Giovanni a Laterano, in Sankta Maria Maggiore u.s.w. an allen Altaren kniete und betete, wie er selbst des Papstes Aufmerksamkeit erregte und endlich in einen Geruch der Heiligkeit kam, der ihn da er jetzt wirklich ein reuiger Sunder worden und wohl fuhlte, dass er nichts mehr alt das sei von Rom vertrieb. Wir, ich meine dich und mich, mein gunstiger Leser, wissen aber viel zu wenig Deutliches von den Ahnungen und Traumen des Bruders Medardus, als dass wir, ohne zu lesen, was der Maler aufgeschrieben, auch nur im mindesten das Band zusammenzuknupfen vermochten, welches die verworren anseinander laufenden Faden der Geschichte des Medardus wie in einen Knoten einigt. Ein besseres Gleichnis ubrigens ist es, dass uns der Fokus fehlt, aus dem die verschiedenen bunten Strahlen brachen. Das Manuskript des seligen Kapuziners war in altes vergelbtes Pergament eingeschlagen und dies Pergament mit kleiner, beinahe unleserlicher Schrift beschrieben, die, da sich darin eine ganz seltsame Hand kund tat, meine Neugierde nicht wenig reizte. Nach vieler Muhe gelang es mir, Buchstaben und Worte zu entziffern, und wie erstaunte ich, als es mir klar wurde, dass es jene im Malerbuch aufgezeichnete Geschichte sei, von der Medardus spricht. Im alten Italienisch ist sie beinahe chronikenartig und sehr aphoristisch geschrieben. Der seltsame Ton klingt im Deutschen nur rauh und dumpf wie ein gesprungenes Glas, doch war es notig, zum Verstandnis des Ganzen hier die Ubersetzung einzuschalten; dies tue ich, nachdem ich nur noch folgendes wehmutigst bemerkt. Die furstliche Familie, aus der jener oft genannte Francesko abstammte, lebt noch in Italien, und ebenso leben noch die Nachkommlinge des Fursten, in dessen Residenz sich Medardus aufhielt. Unmoglich war es daher, die Namen zu nennen, und unbehilflicher, ungeschickter ist niemand auf der ganzen Welt, als derjenige, der dir, gunstiger Leser, dies Buch in die Hande gibt, wenn er Namen erdenken soll da, wo schon wirkliche, und zwar schon und romantisch tonende, vorhanden sind, wie es hier der Fall war. Bezeichneter Herausgeber gedachte sich sehr gut mit dem: der Furst, der Baron u.s.w. herauszuhelfen, nun aber der alte Maler die geheimnisvollen, verwickeltsten Familienverhaltnisse ins klare stellt, sieht er wohl ein, dass er mit den allgemeinen Bezeichnungen nicht vermag ganz verstandlich zu werden. Er musste den einfachen Chroniken-Choral des Malers mit allerlei Erklarungen und Zurechtweisungen wie mit krausen Figuren verschnorkeln und verbramen. Ich trete in die Person des Herausgebers und bitte dich, gunstiger Leser, du wollest, ehe du weiter liesest, folgendes dir gutigst merken. Camillo, Furst von P., tritt als Stammvater der Familie auf, aus der Francesko, des Medardus Vater, stammt. Theodor, Furst von W., ist der Vater des Fursten Alexander von W., an dessen Hofe sich Medardus aufhielt. Sein Bruder Albert, Furst von W., vermahlte sich mit der italienischen Prinzessin Giazinta B. Die Familie des Barons F. im Gebirge ist bekannt, und nur zu bemerken, dass die Baronesse von F. aus Italien abstammte, denn sie war die Tochter des Grafen Pietro S., eines Sohnes des Grafen Filippo S. Alles wird sich, lieber Leser, nun klarlich dartun, wenn du diese wenigen Vornamen und Buchstaben im Sinn behaltst. Es folgt nunmehr statt der Fortsetzung der Geschichte

das Pergamentblatt des alten Malers.

Und es begab sich, dass die Republik Genua, hart bedrangt von den algierischen Korsaren, sich an den grossen Seehelden Camillo, Fursten von P., wandte, dass er mit vier wohl ausgerusteten und bemannten Galeonen einen Streifzug gegen die verwegenen Rauber unternehmen moge. Camillo, nach ruhmvollen Taten durstend, schrieb sofort an seinen altesten Sohn Francesko, dass er kommen moge, in des Vaters Abwesenheit das Land zu regieren. Francesko ubte in Leonardo da Vincis Schule die Malerei, und der Geist der Kunst hatte sich seiner so ganz und gar bemachtigt, dass er nichts anders denken konnte. Daher hielt er auch die Kunst hoher als alle Ehre und Pracht auf Erden, und alles ubrige Tun und Treiben der Menschen erschien ihm als ein klagliches Bemuhen um eitlen Tand. Er konnte von der Kunst und von dem Meister, der schon hoch in den Jahren war, nicht lassen und schrieb daher dem Vater zuruck, dass er wohl den Pinsel, aber nicht den Zepter zu fuhren verstehe und bei Leonardo bleiben wolle. Da war der alte stolze Furst Camillo hoch erzurnt, schalt den Sohn einen unwurdigen Toren und schickte vertraute Diener ab, die den Sohn zuruckbringen sollten. Als nun aber Francesko standhaft verweigerte, zuruckzukehren, als er erklarte, dass ein Furst, von allem Glanz des Throns umstrahlt, ihm nur ein elendiglich Wesen dunke gegen einen tuchtigen Maler und dass die grossten Kriegestaten nur ein grausames irdisches Spiel waren, dagegen die Schopfung des Malers die reine Abspiegelung des ihm inwohnenden gottlichen Geistes sei, da ergrimmte der Seeheld Camillo und schwur, dass er den Francesko verstossen und seinem jungern Bruder Zenobio die Nachfolge zusichern wolle. Francesko war damit gar zufrieden, ja er trat in einer Urkunde seinem jungern Bruder die Nachfolge auf den furstlichen Thron mit aller Form und Feierlichkeit ab, und so begab es sich, dass, als der alte Furst Camillo in einem harten blutigen Kampfe mit den Algierern sein Leben verloren hatte, Zenobio zur Regierung kam, Francesko dagegen, seinen furstlichen Stand und Namen verleugnend, ein Maler wurde und von einem kleinen Jahrgehalt, den ihm der regierende Bruder ausgesetzt, kummerlich genug lebte. Francesko war sonst ein stolzer, ubermutiger Jungling gewesen, nur der alte Leonardo zahmte seinen wilden Sinn, und als Francesko dem furstlichen Stand entsagt hatte, wurde er Leonardos frommer, treuer Sohn. Er half dem Alten manch wichtiges grosses Werk vollenden, und es geschah, dass der Schuler, sich hinaufschwingend zu der Hohe des Meisters, beruhmt wurde und manches Altarblatt fur Kirchen und Kloster malen musste. Der alte Leonardo stand ihm treulich bei mit Rat und Tat, bis er denn endlich im hohen Alter starb. Da brach wie ein lange muhsam unterdrucktes Feuer in dem Jungling Francesko wieder der Stolz und Ubermut hervor. Er hielt sich fur den grossten Maler seiner Zeit, und die erreichte Kunstvollkommenheit mit seinem Stande paarend, nannte er sich selbst den furstlichen Maler. Von dem alten Leonardo sprach er verachtlich und schuf, abweichend von dem frommen, einfachen Stil, sich eine neue Manier, die mit der Uppigkeit der Gestalten und dem prahlenden Farbenglanz die Augen der Menge verblendete, deren ubertriebene Lobspruche ihn immer eitler und ubermutiger machten. Es geschah, dass er zu Rom unter wilde, ausschweifende Junglinge geriet, und wie er nun in allem der erste und vorzuglichste zu sein begehrte, so war er bald im wilden Sturm des Lasters der rustigste Segler. Ganz von der falschen, trugerischen Pracht des Heidentums verfuhrt, bildeten die Junglinge, an deren Spitze Francesko stand, einen geheimen Bund, in dem sie, das Christentum auf frevelige Weise verspottend, die Gebrauche der alten Griechen nachahmten und mit frechen Dirnen verruchte sundhafte Feste feierten. Es waren Maler, aber noch mehr Bildhauer unter ihnen, die wollten nur von der antikischen Kunst etwas wissen und verlachten alles, was neue Kunstler, von dem heiligen Christentum entzundet, zur Glorie desselben erfunden und herrlich ausgefuhrt hatten. Francesko malte in unheiliger Begeisterung viele Bilder aus der lugenhaften Fabelwelt. Keiner als er vermochte die buhlerische Uppigkeit der weiblichen Gestalten so wahrhaft darzustellen, indem er von lebenden Modellen die Karnation, von den alten Marmorbildern aber Form und Bildung entnahm. Statt wie sonst in den Kirchen und Klostern sich an den herrlichen Bildern der alten frommen Meister zu erbauen und sie mit kunstlerischer Andacht aufzunehmen in sein Inneres, zeichnete er emsig die Gestalten der lugnerischen Heidengotter nach. Von keiner Gestalt war er aber so ganz und gar durchdrungen, als von einem beruhmten Venusbilde, das er stets in Gedanken trug. Das Jahrgehalt, was Zenobio dem Bruder ausgesetzt hatte, blieb einmal langer als gewohnlich aus, und so kam es, dass Francesko bei seinem wilden Leben, das ihm allen Verdienst schnell hinwegraffte und das er doch nicht lassen wollte, in arge Geldnot geriet. Da gedachte er, dass vor langer Zeit ihm ein Kapuzinerkloster aufgetragen hatte, fur einen hohen Preis das Bild der heiligen Rosalia zu malen, und er beschloss, das Werk, das er aus Abscheu gegen alle christliche Heiligen nicht unternehmen wollte, nun schnell zu vollenden, um das Geld zu erhalten. Er gedachte die Heilige nackt und in Form und Bildung des Gesichts jenem Venusbilde gleich darzustellen. Der Entwurf geriet uber die Massen wohl, und die freveligen Junglinge priesen hoch Franceskos verruchten Einfall, den frommen Monchen statt der christlichen Heiligen ein heidnisches Gotzenbild in die Kirche zu stellen. Aber wie Francesko zu malen begann, siehe, da gestaltete sich alles anders, als er es in Sinn und Gedanken getragen, und ein machtigerer Geist uberwaltigte den Geist der schnoden Luge, der ihn beherrscht hatte. Das Gesicht eines Engels aus dem hohen Himmelreiche fing an, aus dustern Nebeln hervor zu dammern; aber als wie von scheuer Angst, das Heilige zu verletzen und dann dem Strafgericht des Herrn zu erliegen, ergriffen, wagte Francesko nicht, das Gesicht zu vollenden, und um den nackt gezeichneten Korper legten in anmutigen Falten sich zuchtige Gewander, ein dunkelrotes Kleid und ein azurblauer Mantel. Die Kapuzinermonche hatten in dem Schreiben an den Maler Francesko nur des Bildes der heiligen Rosalia gedacht, ohne weiter zu bestimmen, ob dabei nicht eine denkwurdige Geschichte ihres Lebens der Vorwurf des Malers sein solle, und ebendaher hatte Francesko auch nur in der Mitte des Blatts die Gestalt der Heiligen entworfen; aber nun malte er, vom Geiste getrieben, allerlei Figuren rings umher, die sich wunderbarlich zusammenfugten, um das Martyrium der Heiligen darzustellen. Francesko war in sein Bild ganz und gar versunken, oder vielmehr das Bild war selbst der machtige Geist worden, der ihn mit starken Armen umfasste und emporhielt uber das frevelige Weltleben, das er bisher getrieben. Nicht zu vollenden vermochte er aber das Gesicht der Heiligen, und das wurde ihm zu einer hollischen Qual, die wie mit spitzen Stacheln in sein inneres Gemut bohrte. Er gedachte nicht mehr des Venusbildes, wohl aber war es ihm, als sahe er den alten Meister Leonardo, der ihn anblickte mit klaglicher Gebarde und ganz angstlich und schmerzlich sprach: "Ach, ich wollte dir wohl helfen, aber ich darf es nicht, du musst erst entsagen allem sundhaften Streben und in tiefer Reue und Demut die Furbitte der Heiligen erflehen, gegen die du gefrevelt hast." Die Junglinge, welche Francesko so lange geflohen, suchten ihn auf in seiner Werkstatt und fanden ihn wie einen ohnmachtigen Kranken ausgestreckt auf seinem Lager liegen. Da aber Francesko ihnen seine Not klagte, wie er, als habe ein boser Geist seine Kraft gebrochen, nicht das Bild der heiligen Rosalia fertig zu machen vermoge, da lachten sie alle auf und sprachen: "Ei mein Bruder, wie bist du denn mit einemmal so krank worden? Lasst uns dem Askulap und der freundlichen Hygeia ein Weinopfer bringen, damit jener Schwache dort genese!" Es wurde Syrakuser Wein gebracht, womit die Junglinge die Trinkschalen fullten und, vor dem unvollendeten Bilde den heidnischen Gottern Libationen darbringend, ausgossen. Aber als sie dann wacker zu zechen begannen und dem Francesko Wein darboten, da wollte dieser nicht trinken und nicht teilnehmen an dem Gelage der wilden Bruder, unerachtet sie Frau Venus hochleben liessen! Da sprach einer unter ihnen: "Der torichte Maler da ist wohl wirklich in seinen Gedanken und Gliedmassen krank, und ich muss nur einen Doktor herbeiholen." Er warf seinen Mantel um, steckte seinen Stossdegen an und schritt zur Ture hinaus. Es hatte aber nur wenige Augenblicke gedauert, als er wieder hereintrat und sagte: "Ei seht doch nur, ich bin ja selbst schon der Arzt, der jenen Siechling dort heilen will." Der Jungling, der gewiss einem alten Arzt in Gang und Stellung recht ahnlich zu sein begehrte, trippelte mit gekrummten Knien einher und hatte sein jugendliches Gesicht seltsamlich in Runzeln und Falten verzogen, so dass er anzusehen war wie ein alter, recht hasslicher Mann, und die Junglinge sehr lachten und riefen: "Ei seht doch, was der Doktor fur gelehrte Gesichter zu schneiden vermag!" Der Doktor naherte sich dem kranken Francesko und sprach mit rauher Stimme und verhohnendem Ton: "Ei, du armer Geselle, ich muss dich wohl aufrichten aus trubseliger Ohnmacht! Ei, du erbarmlicher Geselle, wie siehst du doch so blass und krank aus, der Frau Venus wirst du so nicht gefallen! Kann sein, dass Donna Rosalia sich deiner annehmen wird, wenn du gesundet! Du ohnmachtiger Geselle, nippe von meiner Wunderarzenei. Da du Heilige malen willst, wird dich mein Trank wohl zu erkraftigen vermogen, es ist Wein aus dem Keller des heiligen Antonius." Der angebliche Doktor hatte eine Flasche unter dem Mantel hervorgezogen, die er jetzt offnete. Es stieg ein seltsamlicher Duft aus der Flasche, der die Junglinge betaubte, so dass sie, wie von Schlafrigkeit ubernommen, in die Sessel sanken und die Augen schlossen. Aber Francesko riss in wilder Wut, verhohnt zu sein als ein ohnmachtiger Schwachling, die Flasche dem Doktor aus den Handen und trank in vollen Zugen. "Wohl bekomm dir's", rief der Jungling, der nun wieder sein jugendliches Gesicht und seinen kraftigen Gang angenommen hatte. Dann rief er die andern Junglinge aus dem Schlafe auf, worin sie versunken, und sie taumelten mit ihm die Treppe hinab. So wie der Berg Vesuv in wildem Brausen verzehrende Flammen ausspruht, so tobte es jetzt in Feuerstromen heraus aus Franceskos Innern. Alle heidnische Geschichten, die er jemals gemalt, sah er vor Augen, als ob sie lebendig worden, und er rief mit gewaltiger Stimme: "Auch du musst kommen, meine geliebte Gottin, du musst leben und mein sein, oder ich weihe mich den unterirdischen Gottern!" Da erblickte er Frau Venus, dicht vor dem Bilde stehend und ihm freundlich zuwinkend. Er sprang auf von seinem Lager und begann an dem Kopfe der heiligen Rosalia zu malen, weil er nun der Frau Venus reizendes Angesicht ganz getreulich abzukonterfeien gedachte. Es war ihm so, als konne der feste Wille nicht gebieten der Hand, denn immer glitt der Pinsel ab von den Nebeln, in denen der Kopf der heiligen Rosalia eingehullt war, und strich unwillkurlich an den Hauptern der barbarischen Manner, von denen sie umgeben. Und doch kam das himmlische Antlitz der Heiligen immer sichtbarlicher zum Vorschein und blickte den Francesko plotzlich mit solchen lebendig strahlenden Augen an, dass er, wie von einem herabfahrenden Blitze todlich getroffen, zu Boden sturzte. Als er wieder nur etwas weniges seiner Sinnen machtig worden, richtete er sich muhsam in die Hohe, er wagte jedoch nicht, nach dem Bilde, das ihm so schrecklich worden, hinzublicken, sondern schlich mit gesenktem Haupte nach dem Tische, auf dem des Doktors Weinflasche stand, aus der er einen tuchtigen Zug tat. Da war Francesko wieder ganz erkraftigt, er schaute nach seinem Bilde, es stand, bis auf den letzten Pinselstrich vollendet, vor ihm, und nicht das Antlitz der heiligen Rosalia, sondern das geliebte Venusbild lachte ihn mit uppigem Liebesblicke an. In demselben Augenblick wurde Francesko von wilden freveligen Trieben entzundet. Er heulte vor wahnsinniger Begier, er gedachte des heidnischen Bildhauers Pygmalion, dessen Geschichte er gemalt, und flehte so wie er zur Frau Venus, dass sie seinem Bilde Leben einhauchen moge. Bald war es ihm auch, als finge das Bild an sich zu regen, doch als er es in seine Arme fassen wollte, sah er wohl, dass es tote Leinewand geblieben. Dann zerraufte er sein Haar und gebardete sich wie einer, der von dem Satan besessen. Schon zwei Tage und zwei Nachte hatte es Francesko so getrieben; am dritten Tag, als er wie eine erstarrte Bildsaule vor dem Bilde stand, ging die Ture seines Gemachs auf, und es rauschte hinter ihm wie mit weiblichen Gewandern. Er drehte sich um und erblickte ein Weib, das er fur das Original seines Bildes erkannte. Es waren ihm schier die Sinne vergangen, als er das Bild, welches er aus seinen innersten Gedanken nach einem Marmorbilde erschaffen, nun lebendig vor sich in aller nur erdenklichen Schonheit erblickte, und es wandelte ihn beinahe ein Grausen an, wenn er das Gemalde ansah, das nun wie eine getreuliche Abspiegelung des fremden Weibes erschien. Es geschah ihm dasjenige, was die wunderbarliche Erscheinung eines Geistes zu bewirken pflegt, die Zunge war ihm gebunden, und er fiel lautlos vor der Fremden auf die Kniee und hob die Hande wie anbetend zu ihr empor. Das fremde Weib richtete ihn aber lachelnd auf und sagte ihm, dass sie ihn schon damals, als er in der Malerschule des alten Leonardo da Vinci gewesen, als ein kleines Madchen oftmals gesehen und eine unsagliche Liebe zu ihm gefasst habe. Eltern und Verwandte habe sie nun verlassen und sei allein nach Rom gewandert, um ihn wiederzufinden, da eine in ihrem Innern ertonende Stimme ihr gesagt habe, dass er sie sehr liebe und sie aus lauter Sehnsucht und Begierde abkonterfeit habe, was denn, wie sie jetzt sehe, auch wirklich wahr sei. Francesko merkte nun, dass ein geheimnisvolles Seelenverstandnis mit dem fremden Weibe obgewaltet und dass dieses Verstandnis das wunderbare Bild und seine wahnsinnige Liebe zu demselben geschaffen hatte. Er umarmte das Weib voll inbrunstiger Liebe und wollte sie sogleich nach der Kirche fuhren, damit ein Priester sie durch das heilige Sakrament der Ehe auf ewig binde. Dafur schien sich das Weib aber zu entsetzen, und sie sprach: "Ei, mein geliebter Francesko, bist du denn nicht ein wackrer Kunstler, der sich nicht fesseln lasst von den Banden der christlichen Kirche? Bist du nicht mit Leib und Seele dem freudigen frischen Altertum und seinen dem Leben freundlichen Gottern zugewandt? Was geht unser Bundnis die traurigen Priester an, die in dustern Hallen ihr Leben in hoffnungsloser Klage verjammern? Lass uns heiter und hell das Fest unserer Liebe feiern." Francesko wurde von diesen Reden des Weibes verfuhrt, und so geschah es, dass er mit den von sundigem, freveligem Leichtsinn befangenen Junglingen, die sich seine Freunde nannten, noch an demselben Abende sein Hochzeitsfest mit dem fremden Weibe nach heidnischen Gebrauchen beging. Es fand sich, dass das Weib eine Kiste mit Kleinodien und barem Gelde mitgebracht hatte, und Francesko lebte mit ihr, in sundlichen Genussen schwelgend und seiner Kunst entsagend, lange Zeit hindurch. Das Weib fuhlte sich schwanger und bluhte nun erst immer herrlicher und herrlicher in leuchtender Schonheit auf, sie schien ganz und gar das erweckte Venusbild, und Francesko vermochte kaum, die uppige Lust seines Lebens zu ertragen. Ein dumpfes angstvolles Stohnen weckte in einer Nacht den Francesko aus dem Schlafe; als er erschrocken aufsprang und mit der Leuchte in der Hand nach seinem Weibe sah, hatte sie ihm ein Knablein geboren. Schnell mussten die Diener eilen, um Wehmutter und Arzt herbeizurufen. Francesko nahm das Kind von dem Schosse der Mutter, aber in demselben Augenblick stiess das Weib einen entsetzlichen, durchdringenden Schrei aus und krummte sich, wie von gewaltigen Fausten gepackt, zusammen. Die Wehmutter kam mit ihrer Dienerin, ihr folgte der Arzt; als sie nun aber dem Weibe Hilfe leisten wollten, schauderten sie entsetzt zuruck, denn das Weib war zum Tode erstarrt, Hals und Brust durch blaue, garstige Flecke verunstaltet, und statt des jungen schonen Gesichts erblickten sie ein grasslich verzerrtes runzliges Gesicht mit offnen herausstarrenden Augen. Auf das Geschrei, das die beiden Weiber erhoben, liefen die Nachbarsleute hinzu, man hatte von jeher von dem fremden Weibe allerlei Seltsames gesprochen; die uppige Lebensart, die sie mit Francesko fuhrte, war allen ein Greuel gewesen, und es stand daran, dass man ihr sundhaftes Beisammensein ohne priesterliche Einsegnung den geistlichen Gerichten anzeigen wollte. Nun, als sie die grasslich entstellte Tote sahen, war es allen gewiss, dass sie im Bundnis mit dem Teufel gelebt, der sich jetzt ihrer bemachtigt habe. Ihre Schonheit war nur ein lugnerisches Trugbild verdammter Zauberei gewesen. Alle Leute, die gekommen, flohen erschreckt von dannen, keiner mochte die Tote anruhren. Francesko wusste nun wohl, mit wem er es zu tun gehabt hatte, und es bemachtigte sich seiner eine entsetzliche Angst. Alle seine Frevel standen ihm vor Augen, und das Strafgericht des Herrn begann schon hier auf Erden, da die Flammen der Holle in seinem Innern aufloderten. Des andern Tages kam ein Abgeordneter des geistlichen Gerichts mit den Haschern und wollte den Francesko verhaften, da erwachte aber sein Mut und stolzer Sinn, er ergriff seinen Stossdegen, machte sich Platz und entrann. Eine gute Strecke von Rom fand er eine Hohle, in die er sich ermudet und ermattet verbarg. Ohne sich dessen deutlich bewusst zu sein, hatte er das neugeborne Knablein in den Mantel gewickelt und mit sich genommen. Voll wilden Ingrimms wollte er das von dem teuflischen Weibe ihm geborne Kind an den Steinen zerschmettern, aber indem er es in die Hohe hob, stiess es klagliche bittende Tone aus, und es wandelte ihn tiefes Mitleid an, er legte das Knablein auf weiches Moos und tropfelte ihm den Saft einer Pommeranze ein, die er bei sich getragen. Francesko hatte, gleich einem bussenden Einsiedler, mehrere Wochen in der Hohle zugebracht und, sich abwendend von dem sundlichen Frevel, in dem er gelebt, inbrunstig zu den Heiligen gebetet. Aber vor allen andern rief er die von ihm schwer beleidigte Rosalia an, dass sie vor dem Throne des Herrn seine Fursprecherin sein moge. Eines Abends lag Francesko, in der Wildnis betend, auf den Knien und schaute in die Sonne, welche sich tauchte in das Meer, das in Westen seine roten Flammenwellen emporschlug. Aber sowie die Flammen verblassten im grauen Abendnebel, gewahrte Francesko in den Luften einen leuchtenden Rosenschimmer, der sich bald zu gestalten begann. Von Engeln umgeben sah Francesko die heilige Rosalia, wie sie auf einer Wolke kniete, und ein sanftes Sauseln und Rauschen sprach die Worte: "Herr, vergib dem Menschen, der in seiner Schwachheit und Ohnmacht nicht zu widerstehen vermochte den Lokkungen des Satans." Da zuckten Blitze durch den Rosenschimmer, und ein dumpfer Donner ging drohnend durch das Gewolbe des Himmels: "Welcher sundige Mensch hat gleich diesem gefrevelt! Nicht Gnade, nicht Ruhe im Grabe soll er finden, solange der Stamm, den sein Verbrechen erzeugte, fortwuchert in freveliger Sunde!" Francesko sank nieder in den Staub, denn er wusste wohl, dass nun sein Urteil gesprochen und ein entsetzliches Verhangnis ihn trostlos umhertreiben werde. Er floh, ohne des Knableins in der Hohle zu gedenken, von dannen und lebte, da er nicht mehr zu malen vermochte, im tiefen, jammervollen Elend. Manchmal kam es ihm in den Sinn, als musse er zur Glorie der christlichen Religion herrliche Gemalde ausfuhren, und er dachte grosse Stucke in der Zeichnung und Farbung aus, die die heiligen Geschichten der Jungfrau und der heiligen Rosalia darstellen sollten; aber wie konnte er solche Malerei beginnen, da er keinen Skudo besass, um Leinwand und Farben zu kaufen, und nur von durftigen Almosen, an den Kirchenturen gespendet, sein qualvolles Leben durchbrachte? Da begab es sich, dass, als er einst in einer Kirche, die leere Wand anstarrend, in Gedanken malte, zwei in Schleier gehullte Frauen auf ihn zutraten, von denen eine mit holder Engelsstimme sprach: "In dem fernen Preussen ist der Jungfrau Maria, da, wo die Engel des Herrn ihr Bildnis auf einen Lindenbaum niedersetzten, eine Kirche erbaut worden, die noch des Schmuckes der Malerei entbehrt. Ziehe hin, die Ausubung deiner Kunst sei dir heilige Andacht, und deine zerrissene Seele wird gelabt werden mit himmlischem Trost." Als Francesko aufblickte zu den Frauen, gewahrte er, wie sie in sanftleuchtenden Strahlen zerflossen und ein Lilien- und Rosenduft die Kirche durchstromte. Nun wusste Francesko, wer die Frauen waren, und wollte den andern Morgen seine Pilgerfahrt beginnen. Aber noch am Abende desselben Tages fand ihn nach vielem Muhen ein Diener Zenobios auf, der ihm ein zweijahriges Gehalt auszahlte und ihn einlud an den Hof seines Herrn. Doch nur eine geringe Summe behielt Francesko, das ubrige teilte er aus an die Armen und machte sich auf nach dem fernen Preussen. Der Weg fuhrte ihn uber Rom, und er kam in das nicht ferne davon gelegene Kapuzinerkloster, fur welches er die heilige Rosalia gemalt hatte. Er sah auch das Bild in den Altar eingefugt, doch bemerkte er bei naherer Betrachtung, dass es nur ein Kopie seines Gemaldes war. Das Original hatten, wie er erfuhr, die Monche nicht behalten mogen, wegen der sonderbaren Geruchte, die man von dem entflohenen Maler verbreitete, aus dessen Nachlass sie das Bild bekommen, sondern dasselbe nach genommener Kopie an das Kapuzinerkloster in B. verkauft. Nach beschwerlicher Pilgerfahrt langte Francesko in dem Kloster der heiligen Linde in Ostpreussen an und erfullte den Befehl, den ihm die heilige Jungfrau selbst gegeben. Er malte die Kirche so wunderbarlich aus, dass er wohl einsah, wie der Geist der Gnade in ihm zu wirken beginne. Trost des Himmels floss in seine Seele. Es begab sich, dass der Graf Filippo S. auf der Jagd in einer abgelegenen wilden Gegend von einem bosen Unwetter uberfallen wurde. Der Sturm heulte durch die Klufte, der Regen goss in Stromen herab, als solle in einer neuen Sundflut Mensch und Tier untergehen; da fand Graf Filippo eine Hohle, in die er sich samt seinem Pferde, das er muhsam hineinzog, rettete. Schwarzes Gewolk hatte sich uber den ganzen Horizont gelegt, daher war es, zumal in der Hohle, so finster, dass Graf Filippo nichts unterscheiden und nicht entdecken konnte, was dicht neben ihm so raschle und rausche. Er war voll Bangigkeit, dass wohl ein wildes Tier in der Hohle verborgen sein konne, und zog sein Schwert, um jeden Angriff abzuwehren. Als aber das Unwetter voruber und die Sonnenstrahlen in die Hohle fielen, gewahrte er zu seinem Erstaunen, dass neben ihm auf einem Blatterlager ein nacktes Knablein lag und ihn mit hellen funkelnden Augen anschaute. Neben ihm stand ein Becher von Elfenbein, in dem der Graf Filippo noch einige Tropfen duftenden Weines fand, die das Knablein begierig einsog. Der Graf liess sein Horn ertonen, nach und nach sammelten sich seine Leute, die hierhin, dorthin gefluchtet waren, und man wartete auf des Grafen Befehl, ob sich nicht derjenige, der das Kind in die Hohle gelegt, einfinden wurde, es abzuholen. Als nun aber die Nacht einzubrechen begann, da sprach der Graf Filippo: "Ich kann das Knablein nicht hilflos liegen lassen, sondern will es mit mir nehmen, und dass ich dies getan, uberall bekannt machen lassen, damit es die Eltern oder sonst einer, der es in die Hohle legte, von mir abfordern kann." Es geschah so; aber Wochen, Monate und Jahre vergingen, ohne dass sich jemand gemeldet hatte. Der Graf hatte dem Fundling in heiliger Taufe den Namen Francesko geben lassen. Der Knabe wuchs heran und wurde an Gestalt und Geist ein wunderbarer Jungling, den der Graf seiner seltenen Gaben wegen wie seinen Sohn liebte und ihm, da er kinderlos war, sein ganzes Vermogen zuzuwenden gedachte. Schon funfundzwanzig Jahre war Francesko alt worden, als der Graf Filippo in torichter Liebe zu einem armen bildschonen Fraulein entbrannte und sie heiratete, unerachtet sie blutjung, er aber schon sehr hoch in Jahren war. Francesko wurde alsbald von sundhafter Begier nach dem Besitze der Grafin erfasst, und unerachtet sie gar fromm und tugendhaft war und nicht die geschworene Treue verletzen wollte, gelang es ihm doch endlich nach hartem Kampfe, sie durch teuflische Kunste zu verstricken, so dass sie sich der freveligen Lust uberliess, und er seinen Wohltater mit schwarzem Undank und Verrat lohnte. Die beiden Kinder, Graf Pietro und Grafin Angiola, die der greise Filippo in vollem Entzucken der Vaterfreude an sein Herz druckte, waren die Fruchte des Frevels, der ihm sowie der Welt auf ewig verborgen blieb. Von innerm Geiste getrieben, trat ich zu meinem Bruder Zenobio und sprach: "Ich habe dem Throne entsagt, und selbst dann, wenn du kinderlos vor mir sterben solltest, will ich ein armer Maler bleiben und mein Leben in stiller Andacht, die Kunst ubend, hinbringen. Doch nicht fremdem Staat soll unser Landlein anheim fallen. Jener Francesko, den der Graf Filippo S. erzogen, ist mein Sohn. Ich war es, der auf wilder Flucht ihn in der Hohle zuruckliess, wo ihn der Graf fand. Auf dem elfenbeinernen Becher, der bei ihm stand, ist unser Wappen geschnitzt, doch noch mehr als das schutzt des Junglings Bildung, die ihn als aus unserer Familie abstammend getreulich bezeichnet, vor jedem Irrtum. Nimm, mein Bruder Zenobio, den Jungling als deinen Sohn auf, und er sei dein Nachfolger!" Zenobios Zweifel, ob der Jungling Francesko in rechtmassiger Ehe erzeugt sei, wurden durch die von dem Papst sanktionierte Adoptionsurkunde, die ich auswirkte, gehoben, und so geschah es, dass meines Sohnes sundhaftes, ehebrecherisches Leben endete und er bald in rechtmassiger Ehe einen Sohn erzeugte, den er Paolo Francesko nannte. Gewuchert hat der verbrecherische Stamm auf verbrecherische Weise. Doch kann meines Sohnes Reue nicht seine Frevel suhnen? Ich stand vor ihm wie das Strafgericht des Herrn, denn sein Innerstes lag vor mir offen und klar, und was der Welt verborgen, das sagte mir der Geist, der machtig und machtiger wird in mir und mich emporhebt uber den brausenden Wellen des Lebens, dass ich hinabzuschauen vermag in die Tiefe, ohne dass dieser Blick mich hinabzieht zum Tode. Franceskos Entfernung brachte der Grafin S. den Tod, denn nun erst erwachte sie zum Bewusstsein der Sunde, und nicht uberstehen konnte sie den Kampf der Liebe zum Verbrecher und der Reue uber das, was sie begangen. Graf Filippo wurde neunzig Jahr alt, dann starb er als ein kindischer Greis. Sein vermeintlicher Sohn Pietro zog mit seiner Schwester Angiola an den Hof Franceskos, der dem Zenobio gefolgt war. Durch glanzende Feste wurde Paolo Franceskos Verlobung mit Vittoria, Furstin von M., gefeiert, als aber Pietro die Braut in voller Schonheit erblickte, wurde er in heftiger Liebe entzundet, und ohne der Gefahr zu achten, bewarb er sich um Vittorias Gunst. Doch Paolo Franceskos Blicken entging Pietros Bestreben, da er selbst in seine Schwester Angiola heftig entbrannt war, die all sein Bemuhen kalt zuruckwies. Vittoria entfernte sich von dem Hofe, um, wie sie vorgab, noch vor ihrer Heirat in stiller Einsamkeit ein heiliges Gelubde zu erfullen. Erst nach Ablauf eines Jahres kehrte sie zuruck, die Hochzeit sollte vor sich gehen, und gleich nach derselben wollte Graf Pietro mit seiner Schwester Angiola nach seiner Vaterstadt zuruckkehren. Paolo Franceskos Liebe zur Angiola war durch ihr stetes, standhaftes Widerstreben immer mehr entflammt worden und artete jetzt aus in die wutende Begier des wilden Tieres, die er nur durch den Gedanken des Genusses zu bezahmen vermochte. So geschah es, dass er durch den schandlichsten Verrat am Hochzeitstage, ehe er in die Brautkammer ging, Angiola in ihrem Schlafzimmer uberfiel und, ohne dass sie zur Besinnung kam, denn Opiate hatte sie beim Hochzeitmahl bekommen, seine frevelige Lust befriedigte. Als Angiola durch die verruchte Tat dem Tode nahe gebracht wurde, da gestand der von Gewissensbissen gefolterte Paolo Francesko ein, was er begangen. Im ersten Aufbrausen des Zorns wollte Pietro den Verrater niederstossen, aber gelahmt sank sein Arm nieder, da er daran dachte, dass seine Rache der Tat vorangegangen. Die kleine Giazinta, Furstin von B., allgemein fur die Tochter der Schwester Vittorias geltend, war die Frucht des geheimen Verstandnisses, das Pietro mit Paolo Franceskos Braut unterhalten hatte. Pietro ging mit Angiola nach Deutschland, wo sie einen Sohn gebar, den man Franz nannte und sorgfaltig erziehen liess. Die schuldlose Angiola trostete sich endlich uber den entsetzlichen Frevel und bluhte wieder auf in gar herrlicher Anmut und Schonheit. So kam es, dass der Furst Theodor von W. eine gar heftige Liebe zu ihr fasste, die sie aus tiefer Seele erwiderte. Sie wurde in kurzer Zeit seine Gemahlin, und Graf Pietro vermahlte sich zu gleicher Zeit mit einem teutschen Fraulein, mit der er eine Tochter erzeugte, so wie Angiola dem Fursten zwei Sohne gebar. Wohl konnte sich die fromme Angiola ganz rein im Gewissen fuhlen, und doch versank sie oft in dusteres Nachdenken, wenn ihr wie ein boser Traum Paolo Franceskos verruchte Tat in den Sinn kam, ja es war ihr oft so zumute, als sei selbst die bewusstlos begangene Sunde strafbar und wurde geracht werden an ihr und ihren Nachkommen. Selbst die Beichte und vollstandige Absolution konnte sie nicht beruhigen. Wie eine himmlische Eingebung kam ihr nach langer Qual der Gedanke, dass sie alles ihrem Gemahl entdecken musse. Unerachtet sie wohl sich des schweren Kampfes versah, den ihr das Gestandnis des von dem Bosewicht Paolo Francesko verubten Frevels kosten wurde, so gelobte sie sich doch feierlich, den schweren Schritt zu wagen, und sie hielt, was sie gelobt hatte. Mit Entsetzen vernahm Furst Theodor die verruchte Tat, sein Inneres wurde heftig erschuttert, und der tiefe Ingrimm schien selbst der schuldlosen Gemahlin bedrohlich zu werden. So geschah es, dass sie einige Monate auf einem entfernten Schloss zubrachte; wahrend der Zeit bekampfte der Furst die bittern Empfindungen, die ihn qualten, und es kam so weit, dass er nicht allein versohnt der Gemahlin die Hand bot, sondern auch, ohne dass sie es wusste, fur Franzens Erziehung sorgte. Nach dem Tode des Fursten und seiner Gemahlin wusste nur Graf Pietro und der junge Furst Alexander von W. um das Geheimnis von Franzens Geburt. Keiner der Nachkommlinge des Malers wurde jenem Francesko, den Graf Filippo erzog, so ganz und gar ahnlich an Geist und Bildung als dieser Franz. Ein wunderbarer Jungling, vom hoheren Geiste belebt, feurig und rasch in Gedanken und Tat. Mag des Vaters, mag des Ahnherrn Sunde nicht auf ihm lasten, mag er widerstehen den bosen Verlokkungen des Satans. Ehe Furst Theodor starb, reiseten seine beiden Sohne Alexander und Johann nach dem schonen Welschland, doch nicht sowohl offenbare Uneinigkeit als verschiedene Neigung, verschiedenes Streben war die Ursache, dass die beiden Bruder sich in Rom trennten. Alexander kam an Paolo Franceskos Hof und fasste solche Liebe zu Paolos jungster mit Vittoria erzeugten Tochter, dass er sich ihr zu vermahlen gedachte. Furst Theodor wies indessen mit einem Abscheu, der dem Fursten Alexander unerklarlich war, die Verbindung zuruck, und so kam es, dass erst nach Theodors Tode Furst Alexander sich mit Paolo Franceskos Tochter vermahlte. Prinz Johann hatte auf dem Heimwege seinen Bruder Franz kennen gelernt und fand an dem Junglinge, dessen nahe Verwandtschaft mit ihm er nicht ahnte, solches Behagen, dass er sich nicht mehr von ihm trennen mochte. Franz war die Ursache, dass der Prinz, statt heimzukehren nach der Residenz des Bruders, nach Italien zuruckging. Das ewige unerforschliche Verhaltnis wollte es, dass beide, Prinz Johann und Franz, Vittorias und Pietros Tochter Giazinta sahen und beide in heftiger Liebe zu ihr entbrannten. Das Verbrechen keimt, wer vermag zu widerstehen den dunkeln Machten!

Wohl waren die Sunden und Frevel meiner Jugend entsetzlich, aber durch die Fursprache der Gebenedeiten und der heiligen Rosalia bin ich errettet vom ewigen Verderben, und es ist mir vergonnt, die Qualen der Verdammnis zu erdulden hier auf Erden, bis der verbrecherische Stamm verdorret ist und keine Fruchte mehr tragt. Uber geistige Krafte gebietend, druckt mich die Last des Irdischen nieder, und das Geheimnis der dustern Zukunft ahnend, blendet mich der trugerische Farbenglanz des Lebens, und das blode Auge verwirrt sich in zerfliessenden Bildern, ohne dass es die wahre innere Gestaltung zu erkennen vermag! Ich erblicke oft den Faden, den die dunkle Macht, sich auflehnend gegen das Heil meiner Seele, fortspinnt, und glaube toricht ihn erfassen, ihn zerreissen zu konnen. Aber dulden soll ich und glaubig und fromm in fortwahrender reuiger Busse die Marter ertragen, die mir auferlegt worden, um meine Missetaten zu suhnen. Ich habe den Prinzen und Franz von Giazinta weggescheucht, aber der Satan ist geschaftig, dem Franz das Verderben zu bereiten, dem er nicht entgehen wird. Franz kam mit dem Prinzen an den Ort, wo sich Graf Pietro mit seiner Gemahlin und seiner Tochter Aurelie, die eben funfzehn Jahr alt worden, aufhielt. So wie der verbrecherische Vater Paolo Francesko in wilder Begier entbrannte, als er Angiola sah, so loderte das Feuer verbotener Lust auf in dem Sohn, als er das holde Kind Aurelie erblickte. Durch allerlei teuflische Kunste der Verfuhrung wusste er die fromme, kaum erbluhte Aurelie zu umstricken, dass sie mit ganzer Seele ihm sich ergab, und sie hatte gesundigt, ehe der Gedanke der Sunde aufgegangen in ihrem Innern. Als die Tat nicht mehr verschwiegen bleiben konnte, da warf er sich, wie voll Verzweiflung uber das, was er begangen, der Mutter zu Fussen und gestand alles. Graf Pietro, unerachtet selbst in Sunde und Frevel befangen, hatte Franz und Aurelie ermordet. Die Mutter liess den Franz ihren gerechten Zorn fuhlen, indem sie ihn mit der Drohung, die verruchte Tat dem Grafen Pietro zu entdecken, auf immer aus ihren und der verfuhrten Tochter Augen verbannte. Es gelang der Grafin, die Tochter den Augen des Grafen Pietro zu entziehen, und sie gebar an entfernten Orten ein Tochterlein. Aber Franz konnte nicht lassen von Aurelien, er erfuhr ihren Aufenthalt, eilte hin und trat in das Zimmer, als eben die Grafin, verlassen vom Hausgesinde, neben dem Bette der Tochter sass und das Tochterlein, das erst acht Tage alt worden, auf dem Schosse hielt. Die Grafin stand voller Schreck und Entsetzen uber den unvermuteten Anblick des Bosewichts auf und gebot ihm, das Zimmer zu verlassen. "Fort... fort, sonst bist du verloren; Graf Pietro weiss, was du Verruchter begonnen!" So rief sie, um dem Franz Furcht einzujagen, und drangte ihn nach der Ture; da ubermannte den Franz wilde, teuflische Wut, er riss der Grafin das Kind vom Arme, versetzte ihr einen Faustschlag vor die Brust, dass sie rucklings niedersturzte, und rannte fort. Als Aurelie aus tiefer Ohnmacht erwachte, war die Mutter nicht mehr am Leben, die tiefe Kopfwunde (sie war auf einen mit Eisen beschlagenen Kasten gesturzt) hatte sie getotet. Franz hatte im Sinn, das Kind zu ermorden, er wickelte es in Tucher, lief am finstern Abend die Treppe hinab und wollte eben zum Hause hinaus, als er ein dumpfes Wimmern vernahm, das aus einem Zimmer des Erdgeschosses zu kommen schien. Unwillkurlich blieb er stehen, horchte und schlich endlich jenem Zimmer naher. In dem Augenblick trat eine Frau, welche er fur die Kinderwarterin der Baronesse S., in deren Hause er wohnte, erkannte, unter klaglichem Jammern heraus. Franz frug, weshalb sie sich so gebarde. "Ach Herr," sagte die Frau, "mein Ungluck ist gewiss, soeben sass die kleine Euphemie auf meinem Schosse und juchzte und lachte, aber mit einemmal lasst sie das Kopfchen sinken und ist tot. Blaue Flecken hat sie auf der Stirn, und so wird man mir Schuld geben, dass ich sie habe fallen lassen!" Schnell trat Franz hinein, und als er das tote Kind erblickte, gewahrte er, wie das Verhangnis das Leben seines Kindes wollte, denn es war mit der toten Euphemie auf wunderbare Weise gleich gebildet und gestaltet. Die Warterin, vielleicht nicht so unschuldig an dem Tode des Kindes, als sie vorgab, und bestochen durch Franzens reichliches Geschenk, liess sich den Tausch gefallen; Franz wickelte nun das tote Kind in die Tucher und warf es in den Strom. Aureliens Kind wurde als die Tochter der Baronesse von S., Euphemie mit Namen, erzogen, und der Welt blieb das Geheimnis ihrer Geburt verborgen. Die Unselige wurde nicht durch das Sakrament der heiligen Taufe in den Schoss der Kirche aufgenommen, denn getauft war schon das Kind, dessen Tod ihr Leben erhielt. Aurelie hat sich nach mehreren Jahren mit dem Baron von F. vermahlt; zwei Kinder, Hermogen und Aurelie, sind die Frucht dieser Vermahlung. Die ewige Macht des Himmels hatte es mir vergonnt, dass, als der Prinz mit Francesko (so nannte er den Franz auf italienische Weise) nach der Residenzstadt des furstlichen Bruders zu gehen gedachte, ich zu ihnen treten und mitziehen durfte. Mit kraftigem Arm wollte ich den schwankenden Francesko erfassen, wenn er sich dem Abgrunde nahte, der sich vor ihm aufgetan. Torichtes Beginnen des ohnmachtigen Sunders, der noch nicht Gnade gefunden vor dem Throne des Herrn! Francesko ermordete den Bruder, nachdem er an Giazinta verruchten Frevel geubt! Franceskos Sohn ist der unselige Knabe, den der Furst unter dem Namen des Grafen Viktorin erziehen lasst. Der Morder Francesko gedachte sich zu vermahlen mit der frommen Schwester der Furstin, aber ich vermochte dem Frevel vorzubeugen in dem Augenblick, als er begangen werden sollte an heiliger Statte. Wohl bedurfte es des tiefen Elends, in das Franz versank nachdem er, gefoltert von dem Gedanken nie abzubussender Sunde, entflohen um ihn zur Reue zu wenden. Von Gram und Krankheit gebeugt, kam er auf der Flucht zu einem Landmann, der ihn freundlich aufnahm. Des Landmanns Tochter, eine fromme, stille Jungfrau, fasste wunderbare Liebe zu dem Fremden und pflegte ihn sorglich. So geschah es, dass, als Francesko genesen, er der Jungfrau Liebe erwiderte, und sie wurden durch das heilige Sakrament der Ehe vereinigt. Es gelang ihm, durch seine Klugheit und Wissenschaft sich aufzuschwingen und des Vaters nicht geringen Nachlass reichlich zu vermehren, so dass er viel irdischen Wohlstand genoss. Aber unsicher und eitel ist das Gluck des mit Gott nicht versohnten Sunders. Franz sank zuruck in die bitterste Armut, und totend war sein Elend, denn er fuhlte, wie Geist und Korper hinschwanden in krankelnder Siechheit. Sein Leben wurde eine fortwahrende Bussubung. Endlich sandte ihm der Himmel einen Strahl des Trostes. Er soll pilgern nach der heiligen Linde, und dort wird ihm die Geburt eines Sohnes die Gnade des Herrn verkunden. In dem Walde, der das Kloster zur heiligen Linde umschliesst, trat ich zu der bedrangten Mutter, als sie uber dem neugebornen vaterlosen Knablein weinte, und erquickte sie mit Worten des Trostes.

Wunderbar geht die Gnade des Herrn auf dem Kinde, das geboren wird in dem segensreichen Heiligtum der Gebenedeiten! Oftmals begibt es sich, dass das Jesuskindlein sichtbarlich zu ihm tritt und fruh in dem kindischen Gemut den Funken der Liebe entzundet.

Die Mutter hat in heiliger Taufe dem Knaben des Vaters Namen, Franz, geben lassen! Wirst du es denn sein, Franziskus, der, an heiliger Statte geboren, durch frommen Wandel den verbrecherischen Ahnherrn entsundigt und ihm Ruhe schafft im Grabe? Fern von der Welt und ihren verfuhrerischen Lockungen, soll der Knabe sich ganz dem Himmlischen zuwenden. Er soll geistlich werden. So hat es der heilige Mann, der wunderbaren Trost in meine Seele goss, der Mutter verkundet, und es mag wohl die Prophezeiung der Gnade sein, die mich mit wundervoller Klarheit erleuchtet, so dass ich in meinem Innern das lebendige Bild der Zukunft zu erschauen vermeine.

Ich sehe den Jungling den Todeskampf streiten mit der finstern Macht, die auf ihn eindringt mit furchtbarer Waffe! Er fallt, doch ein gottlich Weib erhebt uber sein Haupt die Siegeskrone! Es ist die heilige Rosalia selbst, die ihn errettet! So oft es mir die ewige Macht des Himmels vergonnt, will ich dem Knaben, dem Junglinge, dem Manne nahe sein und ihn schutzen, wie es die mir verliehene Kraft vermag. Er wird sein wie

Anmerkung des Herausgebers

Hier wird, gunstiger Leser, die halb erloschene Schrift des alten Malers so undeutlich, dass weiter etwas zu entziffern ganz unmoglich ist. Wir kehren zu dem Manuskript des merkwurdigen Kapuziners Medardus zuruck.

Dritter Abschnitt

Die Ruckkehr in das Kloster

Es war so weit gekommen, dass uberall, wo ich mich in den Strassen von Rom blicken liess, einzelne aus dem Volk still standen und in gebeugter, demutiger Stellung um meinen Segen baten. Mocht' es sein, dass meine strenge Bussubungen, die ich fortsetzte, schon Aufsehen erregten, aber gewiss war es, dass meine fremdartige, wunderliche Erscheinung den lebhaften phantastischen Romern bald zu einer Legende werden musste, und dass sie mich vielleicht, ohne dass ich es ahnte, zu dem Helden irgend eines frommen Marchens erhoben hatten. Oft weckten mich bange Seufzer und das Gemurmel leiser Gebete aus tiefer Betrachtung, in die ich, auf den Stufen des Altars liegend, versunken, und ich bemerkte dann, wie rings um mich her Andachtige knieten und meine Furbitte zu erflehen schienen. So wie in jenem Kapuzinerkloster horte ich hinter mir rufen: il Santo! und schmerzhafte Dolchstiche fuhren durch meine Brust. Ich wollte Rom verlassen, doch wie erschrak ich, als der Prior des Klosters, in dem ich mich aufhielt, mir ankundigte, dass der Papst mich hatte zu sich gebieten lassen. Dustre Ahnungen stiegen in mir auf, dass vielleicht aufs neue die bose Macht in feindlichen Verkettungen mich festzubannen trachte, indessen fasste ich Mut und ging zur bestimmten Stunde nach dem Vatikan. Der Papst, ein wohlgebildeter Mann, noch in den Jahren der vollen Kraft, empfing mich, auf einem reich verzierten Lehnstuhl sitzend. Zwei wunderschone, geistlich gekleidete Knaben bedienten ihn mit Eiswasser und durchfachelten das Zimmer mit Reiherbuschen, um, da der Tag uberheiss war, die Kuhle zu erhalten. Demutig trat ich auf ihn zu und machte die gewohnliche Kniebeugung. Er sah mich scharf an, der Blick hatte aber etwas Gutmutiges, und statt des strengen Ernstes, der sonst, wie ich aus der Ferne wahrzunehmen geglaubt, auf seinem Gesicht ruhte, ging ein sanftes Lacheln durch alle Zuge. Er frug, woher ich kame, was mich nach Rom gebracht kurz das Gewohnlichste uber meine personliche Verhaltnisse, und stand dann auf, indem er sprach: "Ich liess Euch rufen, weil man mir von Eurer seltenen Frommigkeit erzahlt. Warum, Monch Medardus, treibst du deine Andachtsubungen offentlich vor dem Volk in den besuchtesten Kirchen? Gedenkst du zu erscheinen als ein Heiliger des Herrn und angebetet zu werden von dem fanatischen Pobel, so greife in deine Brust und forsche wohl, wie der innerste Gedanke beschaffen, der dich so zu handeln treibt. Bist du nicht rein vor dem Herrn und vor mir, seinem Statthalter, so nimmst du bald ein schmahliches Ende, Monch Medardus!" Diese Worte sprach der Papst mit starker, durchdringender Stimme, und wie treffende Blitze funkelte es aus seinen Augen. Nach langer Zeit zum erstenmal fuhlte ich mich nicht der Sunde schuldig, der ich angeklagt wurde, und so musste es wohl kommen, dass ich nicht allein meine Fassung behielt, sondern auch von dem Gedanken, dass meine Busse aus wahrer innerer Zerknirschung hervorgegangen, erhoben wurde und wie ein Begeisterter zu sprechen vermochte: "Ihr hochheiliger Statthalter des Herrn, wohl ist Euch die Kraft verliehen, in mein Inneres zu schauen; wohl mogt Ihr es wissen, dass zentnerschwer mich die unsagliche Last meiner Sunden zu Boden druckt, aber ebenso werdet Ihr die Wahrheit meiner Reue erkennen. Fern von mir ist der Gedanke schnoder Heuchelei, fern von mir jede ehrgeizige Absicht, das Volk zu tauschen auf verruchte Weise. Vergonnt es dem bussenden Monche, o hochheiliger Herr, dass er in kurzen Worten sein verbrecherisches Leben, aber auch das, was er in der tiefsten Reue und Zerknirschung begonnen, Euch enthulle!" So fing ich an und erzahlte nun, ohne Namen zu nennen und so gedrangt als moglich, meinen ganzen Lebenslauf. Aufmerksamer und aufmerksamer wurde der Papst. Er setzte sich in den Lehnstuhl und stutzte den Kopf in die Hand; er sah zur Erde nieder, dann fuhr er plotzlich in die Hohe; die Hande ubereinander geschlagen und mit dem rechten Fuss ausschreitend, als wolle er auf mich zutreten, starrte er mich an mit gluhenden Augen. Als ich geendet, setzte er sich aufs neue. "Eure Geschichte, Monch Medardus," fing er an, "ist die verwunderlichste, die ich jemals vernommen. Glaubt Ihr an die offenbare, sichtliche Einwirkung einer bosen Macht, die die Kirche Teufel nennt?" Ich wollte antworten, der Papst fuhr fort: "Glaubt Ihr, dass der Wein, den Ihr aus der Reliquienkammer stahlt und austranket, Euch zu den Freveln trieb, die Ihr beginget?" "Wie ein von giftigen Dunsten geschwangertes Wasser gab er Kraft dem bosen Keim, der in mir ruhete, dass er fortzuwuchern vermochte!" Als ich dies erwidert, schwieg der Papst einige Augenblicke, dann fuhr er mit ernstem, in sich gekehrtem Blick fort: "Wie, wenn die Natur die Regel des korperlichen Organism auch im geistigen befolgte, dass gleicher Keim nur Gleiches zu gebaren vermag? ... Wenn Neigung und Wollen, wie die Kraft, die im Kern verschlossen, des hervorschiessenden Baumes Blatter wieder grun farbt sich fortpflanzte von Vatern zu Vatern, alle Willkur aufhebend? ... Es gibt Familien von Mordern, von Raubern! ... Das ware die Erbsunde, des frevelhaften Geschlechts ewiger, durch kein Suhnopfer vertilgbarer Fluch!" "Muss der vom Sunder Geborne wieder sundigen vermoge des vererbten Organism ..., dann gibt es keine Sunde", so unterbrach ich den Papst. "Doch!" sprach er, "der ewige Geist schuf einen Riesen, der jenes blinde Tier, das in uns wutet, zu bandigen und in Fesseln zu schlagen vermag. Bewusstsein heisst dieser Riese, aus dessen Kampf mit dem Tier sich die Spontaneitat erzeugt. Des Riesen Sieg ist die Tugend, der Sieg des Tieres die Sunde." Der Papst schwieg einige Augenblicke, dann heiterte sein Blick sich auf, und er sprach mit sanfter Stimme: "Glaubt Ihr, Monch Medardus, dass es fur den Statthalter des Herrn schicklich sei, mit Euch uber Tugend und Sunde zu vernunfteln?" "Ihr habt, hochheiliger Herr," erwiderte ich, "Euern Diener gewurdigt, Eure tiefe Ansicht des menschlichen Seins zu vernehmen, und wohl mag es Euch ziemen, uber den Kampf zu sprechen, den Ihr langst, herrlich und glorreich siegend, geendet." "Du hast eine gute Meinung von mir, Bruder Medardus," sprach der Papst, "oder glaubst du, dass die Tiara der Lorbeer sei, der mich als Helden und Sieger der Welt verkundet?" "Es ist", sprach ich, "wohl etwas Grosses, Konig sein und herrschen uber ein Volk. So im Leben hochgestellt, mag alles rings umher naher zusammengeruckt, in jedem Verhaltnis kommensurabler erscheinen, und eben durch die hohe Stellung sich die wunderbare Kraft des Uberschauens entwickeln, die wie eine hohere Weihe sich kundtut im gebornen Fursten." "Du meinst," fiel der Papst ein, "dass selbst den Fursten, die schwach an Verstande und Willen, doch eine gewisse wunderliche Sagazitat beiwohne, die fuglich fur Weisheit geltend, der Menge zu imponieren vermag. Aber wie gehort das hieher?" "Ich wollte", fuhr ich fort, "von der Weihe der Fursten reden, deren Reich von dieser Welt ist, und dann von der heiligen, gottlichen Weihe des Statthalters des Herrn. Auf geheimnisvolle Weise erleuchtet der Geist des Herrn die im Konklave verschlossenen hohen Priester. Getrennt, in einzelnen Gemachern frommer Betrachtung hingegeben, befruchtet der Strahl des Himmels das nach der Offenbarung sich sehnende Gemut, und ein Name erschallt wie ein die ewige Macht lobpreisenden Hymnus von den begeisterten Lippen. Nur kund getan in irdischer Sprache wird der Beschluss der ewigen Macht, die sich ihren wurdigen Statthalter auf Erden erkor, und so, hochheiliger Herr, ist Eure Krone, im dreifachen Ringe das Mysterium Eures Herrn, des Herrn der Welten, verkundend, in der Tat der Lorbeer, der Euch als Helden und Sieger darstellt. Nicht von dieser Welt ist Euer Reich, und doch seid Ihr berufen zu herrschen uber alle Reiche dieser Erde, die Glieder der unsichtbaren Kirche sammelnd unter der Fahne des Herrn! Das weltliche Reich, das Euch beschieden, ist nur Euer in himmlischer Pracht bluhender Thron." "Das gibst du zu," unterbrach mich der Papst, "das gibst du zu, Bruder Medardus, dass ich Ursache habe, mit diesem mir beschiedenen Thron zufrieden zu sein. Wohl ist meine bluhende Oma geschmuckt mit himmlischer Pracht, das wirst du auch wohl fuhlen, Bruder Medardus, hast du deinen Blick nicht ganz dem Irdischen verschlossen... Doch das glaub' ich nicht... Du bist ein wackrer Redner und hast mir zum Sinn gesprochen... Wir werden uns, merk' ich, naher verstandigen! ... Bleibe hier! ... In einigen Tagen bist du vielleicht Prior, und spater konnt' ich dich wohl gar zu meinem Beichtvater erwahlen... Gehe... gebarde dich weniger narrisch in den Kirchen, zum Heiligen schwingst du dich nun einmal nicht hinauf der Kalender ist vollzahlig. Gehe." Des Papstes letzte Worte verwunderten mich ebenso wie sein ganzes Betragen uberhaupt, das ganz dem Bilde widersprach, wie es sonst von dem Hochsten der christlichen Gemeinde, dem die Macht gegeben zu binden und zu losen, in meinem Innern aufgegangen war. Es war mir nicht zweifelhaft, dass er alles, was ich von der hohen Gottlichkeit seines Berufs gesprochen, fur eine leere listige Schmeichelei gehalten hatte. Er ging von der Idee aus, dass ich mich hatte zum Heiligen aufschwingen wollen und dass ich, da er mir aus besondern Grunden den Weg dazu versperren musste, nun gesonnen war, mir auf andere Weise Ansehn und Einfluss zu verschaffen. Auf dieses wollte er wieder aus besonderen mir unbekannten Grunden eingehen.

Ich beschloss ohne daran zu denken, dass ich ja, ehe der Papst mich rufen liess, Rom hatte verlassen wollen meine Andachtsubungen fortzusetzen. Doch nur zu sehr im Innern fuhlte ich mich bewegt, um wie sonst mein Gemut ganz dem Himmlischen zuwenden zu konnen. Unwillkurlich dachte ich selbst im Gebet an mein fruheres Leben; erblasst war das Bild meiner Sunden, und nur das Glanzende der Laufbahn, die ich als Liebling eines Fursten begonnen, als Beichtiger des Papstes fortsetzen und wer weiss auf welcher Hohe enden werde, stand grell leuchtend vor meines Geistes Augen. So kam es, dass ich, nicht weil es der Papst verboten, sondern unwillkurlich meine Andachtsubungen einstellte und statt dessen in den Strassen von Rom umherschlenderte. Als ich eines Tages uber den spanischen Platz ging, war ein Haufen Volks um den Kasten eines Puppenspielers versammelt. Ich vernahm Pulcinells komisches Gequake und das wiehernde Gelachter der Menge. Der erste Akt war geendet, man bereitete sich auf den zweiten vor. Die kleine Decke flog auf, der junge David erschien mit seiner Schleuder und dem Sack voll Kieselsteinen. Unter possierlichen Bewegungen versprach er, dass nunmehr der ungeschlachte Riese Goliath ganz gewiss erschlagen und Israel errettet werden solle. Es liess sich ein dumpfes Rauschen und Brummen horen. Der Riese Goliath stieg empor mit einem ungeheuern Kopfe. Wie erstaunte ich, als ich auf den ersten Blick in dem Goliathskopf den narrischen Belcampo erkannte. Dicht unter dem Kopf hatte er mittelst einer besondern Vorrichtung einen kleinen Korper mit Armchen und Beinchen angebracht, seine eigenen Schultern und Arme aber durch eine Draperie versteckt, die wie Goliaths breit gefalteter Mantel anzusehen war. Goliath hielt mit den seltsamsten Grimassen und groteskem Schutteln des Zwergleibes eine stolze Rede, die David nur zuweilen durch ein feines Kickern unterbrach. Das Volk lachte unmassig, und ich selbst, wunderlich angesprochen von der neuen fabelhaften Erscheinung Belcampos, liess mich fortreissen und brach aus in das langst ungewohnte Lachen der innern kindischen Lust. Ach, wie oft war sonst mein Lachen nur der konvulsivische Krampf der innern herzzerreissenden Qual. Dem Kampf mit dem Riesen ging eine lange Disputation voraus, und David bewies uberaus kunstlich und gelehrt, warum er den furchtbaren Gegner totschmeissen musse und werde. Belcampo liess alle Muskeln seines Gesichts wie knisternde Lauffeuer spielen, und dabei schlugen die Riesenarmchen nach dem kleiner als kleinen David, der geschickt unterzuducken wusste und dann hie und da, ja selbst aus Goliaths eigner Mantelfalte zum Vorschein kam. Endlich flog der Kiesel an Goliaths Haupt, er sank hin, und die Decke fiel. Ich lachte immer mehr, durch Belcampos tollen Genius gereizt, uberlaut, da klopfte jemand leise auf meine Schulter. Ein Abbate stand neben mir. "Es freut mich," fing er an, "dass Ihr, mein ehrwurdiger Herr, nicht die Lust am Irdischen verloren habt. Beinahe traute ich Euch, nachdem ich Eure merkwurdige Andachtsubungen gesehen, nicht mehr zu, dass Ihr uber solche Torheiten zu lachen vermochtet." Es war mir so, als der Abbate dieses sprach, als musste ich mich meiner Lustigkeit schamen, und unwillkurlich sprach ich, was ich gleich darauf schwer bereute, gesprochen zu haben. "Glaubt mir, mein Herr Abbate," sagte ich, "dass dem, der in dem buntesten Wogenspiel des Lebens ein rustiger Schwimmer war, nie die Kraft gebricht, aus dunkler Flut aufzutauchen und mutig sein Haupt zu erheben." Der Abbate sah mich mit blitzenden Augen an. "Ei," sprach er, "wie habt Ihr das Bild so gut erfunden und ausgefuhrt. Ich glaube Euch jetzt zu kennen ganz und gar und bewundere Euch aus tiefstem Grunde meiner Seele."

"Ich weiss nicht, mein Herr, wie ein armer bussender Monch Eure Bewunderung zu erregen vermochte!"

"Vortrefflich, Ehrwurdigster! Ihr fallt zuruck in Eure Rolle! Ihr seid des Papstes Liebling?"

"Dem hochheiligen Statthalter des Herrn hat es gefallen, mich seines Blicks zu wurdigen. Ich habe ihn verehrt im Staube, wie es der Wurde, die ihm die ewige Macht verlieh, als sie himmlisch reine Tugend bewahrt fand in seinem Innern, geziemt."

"Nun, du ganz wurdiger Vasall an dem Thron des dreifach Gekronten, du wirst tapfer tun, was deines Amtes ist! Aber glaube mir, der jetzige Statthalter des Herrn ist ein Kleinod der Tugend gegen Alexander den Sechsten, und da magst du dich vielleicht doch verrechnet haben! Doch spiele deine Rolle ausgespielt ist bald, was munter und lustig begann. Lebt wohl, mein sehr ehrwurdiger Herr!"

Mit gellendem Hohngelachter sprang der Abbate von dannen, erstarrt blieb ich stehen. Hielt ich seine letzte Ausserung mit meinen eignen Bemerkungen uber den Papst zusammen, so musste es mir wohl klar aufgehen, dass er keinesweges der nach dem Kampf mit dem Tier gekronte Sieger war, fur den ich ihn gehalten, und ebenso musste ich auf entsetzliche Weise mich uberzeugen, dass wenigstens dem eingeweihten Teil des Publikums meine Busse als ein heuchlerisches Bestreben erschienen war, mich auf diese oder jene Weise aufzuschwingen. Verwundet bis tief in das Innerste, kehrte ich in mein Kloster zuruck und betete inbrunstig in der einsamen Kirche. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und ich erkannte bald die Versuchung der finstern Macht, die mich aufs neue zu verstricken getrachtet hatte, aber auch zugleich meine sundige Schwachheit und die Strafe des Himmels. Nur schnelle Flucht konnte mich retten, und ich beschloss mit dem fruhesten Morgen mich auf den Weg zu machen. Schon war beinahe die Nacht eingebrochen, als die Hausglocke des Klosters stark angezogen wurde. Bald darauf trat der Bruder Pfortner in meine Zelle und berichtete, dass ein seltsam gekleideter Mann durchaus begehre mich zu sprechen. Ich ging nach dem Sprachzimmer, es war Belcampo, der nach seiner tollen Weise auf mich zusprang, bei beiden Armen mich packte und mich schnell in einen Winkel zog. "Medardus," fing er leise und eilig an, "Medardus, du magst es nun anstellen, wie du willst, um dich zu verderben, die Narrheit ist hinter dir her auf den Flugeln des Westwindes Sudwindes oder auch Sud-Sudwest oder sonst und packt dich, ragt auch nur noch ein Zipfel deiner Kutte hervor aus dem Abgrunde, und zieht dich herauf O Medardus, erkenne das erkenne, was Freundschaft ist, erkenne, was Liebe vermag, glaube an David und Jonathan, liebster Kapuziner!" "Ich habe Sie als Goliath bewundert," fiel ich dem Schwatzer in die Rede, "aber sagen Sie mir schnell, worauf es ankommt was Sie zu mir hertreibt?" "Was mich hertreibt?" sprach Belcampo, "was mich hertreibt? Wahnsinnige Liebe zu einem Kapuziner, dem ich einst den Kopf zurechtsetzte, der umherwarf mit blutiggoldenen Dukaten der Umgang hatte mit scheusslichen Revenants der, nachdem er was weniges gemordet hatte die Schonste der Welt heiraten wollte, burgerlicheroder vielmehr adligerweise." "Halt ein," rief ich, "halt ein, du grauenhafter Narr! Gebusst habe ich schwer, was du mir vorwirfst im freveligen Mutwillen." "O Herr," fuhr Belcampo fort, "noch ist die Stelle so empfindlich, wo Euch die feindliche Macht tiefe Wunden schlug? Ei, so ist Eure Heilung noch nicht vollbracht. Nun ich will sanft und ruhig sein wie ein frommes Kind, ich will mich bezahmen, ich will nicht mehr springen, weder korperlich noch geistig, und Euch, geliebter Kapuziner, bloss sagen, dass ich Euch hauptsachlich Eurer sublimen Tollheit halber so zartlich liebe, und da es uberhaupt nutzlich ist, dass jedes tolle Prinzip so lange lebe und gedeihe auf Erden, als nur immer moglich, so rette ich dich aus jeder Todesgefahr, in die du mutwilligerweise dich begibst. In meinem Puppenkasten habe ich ein Gesprach belauscht, das dich betrifft. Der Papst will dich zum Prior des hiesigen Kapuzinerklosters und zu seinem Beichtiger erheben. Fliehe schnell, schnell fort von Rom, denn Dolche lauern auf dich. Ich kenne den Bravo, der dich ins Himmelreich spedieren soll. Du bist dem Dominikaner, der jetzt des Papstes Beichtiger ist, und seinem Anhange im Wege. Morgen darfst du nicht mehr hier sein." Diese neue Begebenheit konnte ich gar gut mit den Ausserungen des unbekannten Abbates zusammenraumen; so betroffen war ich, dass ich kaum bemerkte, wie der possierliche Belcampo mich ein Mal uber das andere an das Herz druckte und endlich mit seinen gewohnlichen seltsamen Grimassen und Sprungen Abschied nahm.

Mitternacht mochte voruber sein, als ich die aussere Pforte des Klosters offnen und einen Wagen dumpf uber das Pflaster des Hofes hereinrollen horte. Bald darauf kam es den Gang herauf; man klopfte an meine Zelle, ich offnete und erblickte den Pater Guardian, dem ein tief vermummter Mann mit einer Fackel folgte. "Bruder Medardus," sprach der Guardian, "ein Sterbender verlangt in der Todesnot Euern geistlichen Zuspruch und die letzte Olung. Tut, was Eures Amtes ist, und folgt diesem Mann, der Euch dort hinfuhren wird, wo man Eurer bedarf." Mich uberlief ein kalter Schauer, die Ahnung, dass man mich zum Tode fuhren wolle, regte sich in mir auf; doch durfte ich mich nicht weigern und folgte daher dem Vermummten, der den Schlag des Wagens offnete und mich notigte einzusteigen. Im Wagen fand ich zwei Manner, die mich in ihre Mitte nahmen. Ich frug, wo man mich hinfuhren wolle, wer gerade von mir Zuspruch und letzte Olung verlange. Keine Antwort! In tiefem Schweigen ging es fort durch mehrere Strassen. Ich glaubte an dem Klange wahrzunehmen, dass wir schon ausserhalb Rom waren, doch bald vernahm ich deutlich, dass wir durch ein Tor und dann wieder durch gepflasterte Strassen fuhren. Endlich hielt der Wagen, und schnell wurden mir die Hande gebunden, und eine dicke Kappe fiel uber mein Gesicht. "Euch soll nichts Boses widerfahren," sprach eine rauhe Stimme, "nur schweigen musst Ihr uber alles, was Ihr sehen und horen werdet, sonst ist Euer augenblicklicher Tod gewiss." Man hob mich aus dem Wagen, Schlosser klirrten, und ein Tor drohnte auf in schweren ungefugigen Angeln. Man fuhrte mich durch lange Gange und endlich Treppen hinab tiefer und tiefer. Der Schall der Tritte uberzeugte mich, dass wir uns in Gewolben befanden, deren Bestimmung der durchdringende Totengeruch verriet. Endlich stand man still die Hande wurden mir losgebunden, die Kappe mir vom Kopfe gezogen. Ich befand mich in einem geraumigen, von einer Ampel schwach beleuchteten Gewolbe, ein schwarz vermummter Mann, wahrscheinlich derselbe, der mich hergefuhrt hatte, stand neben mir, rings umher sassen auf niedrigen Banken Dominikanermonche. Der grauenhafte Traum, den ich einst in dem Kerker traumte, kam mir in den Sinn, ich hielt meinen qualvollen Tod fur gewiss, doch blieb ich gefasst und betete inbrunstig im stillen, nicht um Rettung, sondern um ein seliges Ende. Nach einigen Minuten dustern ahnungsvollen Schweigens trat einer der Monche auf mich zu und sprach mit dumpfer Stimme: "Wir haben einen Eurer Ordensbruder gerichtet, Medardus, das Urteil soll vollstreckt werden. Von Euch, einem heiligen Manne, erwartet er Absolution und Zuspruch im Tode! Geht und tut, was Eures Amts ist." Der Vermummte, welcher neben mir stand, fasste mich unter den Arm und fuhrte mich weiter fort durch einen engen Gang in ein kleines Gewolbe. Hier lag in einem Winkel auf dem Strohlager ein bleiches, abgezehrtes, mit Lumpen behangtes Geripp. Der Vermummte setzte die Lampe, die er mitgebracht, auf dem steinernen Tisch in die Mitte des Gewolbes und entfernte sich. Ich nahte mich dem Gefangenen, er drehte sich muhsam nach mir um; ich erstarrte, als ich die ehrwurdigen Zuge des frommen Cyrillus erkannte. Ein himmlisches verklartes Lacheln uberflog sein Gesicht. "So haben mich," fing er mit matter Stimme an, "die entsetzlichen Diener der Holle, welche hier hausen, doch nicht getauscht. Durch sie erfuhr ich, dass du, mein lieber Bruder Medardus, dich in Rom befandest, und als ich mich so sehnte nach dir, weil ich grosses Unrecht an dir verubt habe, da versprachen sie mir, sie wollten dich zu mir fuhren in der Todesstunde. Die ist nun wohl gekommen, und sie haben Wort gehalten." Ich kniete nieder bei dem frommen ehrwurdigen Greis, ich beschwor ihn, mir nur vor allen Dingen zu sagen, wie es moglich gewesen sei, ihn einzukerkern, ihn zum Tode zu verdammen. "Mein lieber Bruder Medardus," sprach Cyrill, "erst nachdem ich reuig bekannt, wie sundlich ich aus Irrtum an dir gehandelt, erst wenn du mich mit Gott versohnt, darf ich von meinem Elende, von meinem irdischen Untergange zu dir reden! Du weisst, dass ich und mit mir unser Kloster dich fur den verruchtesten Sunder gehalten; die ungeheuersten Frevel hattest du (so glaubten wir) auf dein Haupt geladen, und ausgestossen hatten wir dich aus aller Gemeinschaft. Und doch war es nur ein verhangnisvoller Augenblick, in dem der Teufel dir die Schlinge uber den Hals warf und dich fortriss von der heiligen Statte in das sundliche Weltleben. Dich um deinen Namen, um dein Kleid, um deine Gestalt betrugend, beging ein teuflischer Heuchler jene Untaten, die dir beinahe den schmachvollen Tod des Morders zugezogen hatten. Die ewige Macht hat es auf wunderbare Weise offenbart, dass du zwar leichtsinnig sundigtest, indem dein Trachten darauf ausging, dein Gelubde zu brechen, dass du aber rein bist von jenen entsetzlichen Freveln. Kehre zuruck in unser Kloster, Leonardus, die Bruder werden dich, den verloren Geglaubten, mit Liebe und Freudigkeit aufnehmen. O Medardus..." Der Greis, von Schwache ubermannt, sank in eine tiefe Ohnmacht. Ich widerstand der Spannung, die seine Worte, welche eine neue wunderbare Begebenheit zu verkunden schienen, in mir erregt hatten, und nur an ihn, an das Heil seiner Seele denkend, suchte ich, von allen andern Hilfsmitteln entblosst, ihn dadurch ins Leben zuruckzurufen, dass ich langsam und leise Kopf und Brust mit meiner rechten Hand anstrich, eine in unsern Klostern ubliche Art, Todkranke aus der Ohnmacht zu wecken. Cyrillus erholte sich bald und beichtete mir, er, der Fromme, dem freveligen Sunder! Aber es war, als wurde, indem ich den Greis, dessen hochste Vergehen nur in Zweifel bestanden, die ihm hie und da aufgestossen, absolvierte, von der hohen ewigen Macht ein Geist des Himmels in mir entzundet, und als sei ich nur das Werkzeug, das korpergewordene Organ, dessen sich jene Macht bediene, um schon hienieden zu dem noch nicht entbundenen Menschen menschlich zu reden. Cyrillus hob den andachtsvollen Blick zum Himmel und sprach: "O, mein Bruder Medardus, wie haben mich deine Worte erquickt! Froh gehe ich dem Tode entgegen, den mir verruchte Bosewichter bereitet! Ich falle, ein Opfer der grasslichsten Falschheit und Sunde, die den Thron des dreifach Gekronten umgibt." Ich vernahm dumpfe Tritte, die naher und naher kamen, die Schlussel rasselten im Schloss der Ture. Cyrillus raffte sich mit Gewalt empor, erfasste meine Hand und rief mir ins Ohr: "Kehre in unser Kloster zuruck Leonardus ist von allem unterrichtet, er weiss, wie ich sterbe beschwore ihn, uber meinen Tod zu schweigen. Wie bald hatte mich ermatteten Greis auch sonst der Tod ereilt Lebe wohl, mein Bruder! Bete fur das Heil meiner Seele! Ich werde bei euch sein, wenn ihr im Kloster mein Totenamt haltet. Gelobe mir, dass du hier uber alles, was du erfahren, schweigen willst, denn du fuhrst nur dein Verderben herbei und verwickelst unser Kloster in tausend schlimme Handel!" Ich tat es, Vermummte waren hereingetreten, sie hoben den Greis aus dem Bette und schleppten ihn, der vor Mattigkeit nicht fortzuschreiten vermochte, durch den Gang nach dem Gewolbe, in dem ich fruher gewesen. Auf den Wink der Vermummten war ich gefolgt, die Dominikaner hatten einen Kreis geschlossen, in den man den Greis brachte und auf ein Haufchen Erde, das man in der Mitte aufgeschuttet, niederknien hiess. Man hatte ihm ein Kruzifix in die Hand gegeben. Ich war, weil ich es meines Amts hielt, mit in den Kreis getreten und betete laut. Ein Dominikaner ergriff mich beim Arm und zog mich beiseite. In dem Augenblick sah ich in der Hand eines Vermummten, der hinterwarts in den Kreis getreten, ein Schwert blitzen, und Cyrillus' blutiges Haupt rollte zu meinen Fussen hin. Ich sank bewusstlos nieder. Als ich wieder zu mir selbst kam, befand ich mich in einem kleinen zellenartigen Zimmer. Ein Dominikaner trat auf mich zu und sprach mit hamischem Lacheln: "Ihr seid wohl recht erschrocken, mein Bruder, und solltet doch billig Euch erfreuen, da Ihr mit eignen Augen ein schones Martyrium angeschaut habt. So muss man ja wohl es nennen, wenn ein Bruder aus Euerm Kloster den verdienten Tod empfangt, denn Ihr seid wohl alle samt und sonders Heilige?" "Nicht Heilige sind wir," sprach ich, "aber in unserm Kloster wurde noch nie ein Unschuldiger ermordet! Entlasst mich ich habe mein Amt vollbracht mit Freudigkeit! Der Geist des Verklarten wird mir nahe sein, wenn ich fallen sollte in die Hande verruchter Morder!" "Ich zweifle gar nicht," sprach der Dominikaner, "dass der selige Bruder Cyrillus Euch in dergleichen Fallen beizustehen imstande sein wird, wollet aber doch, lieber Bruder, seine Hinrichtung nicht etwa einen Mord nennen! Schwer hatte sich Cyrillus versundigt an dem Statthalter des Herrn, und dieser selbst war es, der seinen Tod befahl. Doch er muss Euch ja wohl alles gebeichtet haben, unnutz ist es daher, mit Euch daruber zu sprechen, nehmt lieber dieses zur Starkung und Erfrischung, Ihr seht ganz blass und verstort aus." Mit diesen Worten reichte mir der Dominikaner einen kristallenen Pokal, in dem ein dunkelroter, stark duftender Wein schaumte. Ich weiss nicht, welche Ahnung mich durchblitzte, als ich den Pokal an den Mund brachte. Doch war es gewiss, dass ich denselben Wein roch, den mir einst Euphemie in jener verhangnisvollen Nacht kredenzte, und unwillkurlich, ohne deutlichen Gedanken, goss ich ihn aus in den linken Armel meines Habits, indem ich, wie von der Ampel geblendet, die linke Hand vor die Augen hielt. "Wohl bekomm' es Euch", rief der Dominikaner, indem er mich schnell zur Ture hinausschob. Man warf mich in den Wagen, der zu meiner Verwunderung leer war, und zog mit mir von dannen. Die Schrecken der Nacht, die geistige Anspannung, der tiefe Schmerz uber den unglucklichen Cyrill warfen mich in einen betaubten Zustand, so dass ich mich, ohne zu widerstehen, hingab, als man mich aus dem Wagen herausriss und ziemlich unsanft auf den Boden fallen liess. Der Morgen brach an, und ich sah mich an der Pforte des Kapuzinerklosters liegen, dessen Glokke ich, als ich mich aufgerichtet hatte, anzog. Der Pfortner erschrak uber mein bleiches, verstortes Ansehen und mochte dem Prior die Art, wie ich zuruckgekommen, gemeldet haben, denn gleich nach der Fruhmesse trat dieser mit besorglichem Blick in meine Zelle. Auf sein Fragen erwiderte ich nur im allgemeinen, dass der Tod dessen, den ich absolvieren mussen, zu grasslich gewesen sei, um mich nicht im Innersten aufzuregen, aber bald konnte ich vor dem wutenden Schmerz, den ich am linken Arme empfand, nicht weiter reden, ich schrie laut auf. Der Wundarzt des Klosters kam, man riss mir den fest am Fleisch klebenden Armel herab und fand den ganzen Arm wie von einer atzenden Materie zerfleischt und zerfressen. "Ich habe Wein trinken sollen ich habe ihn in den Armel gegossen", stohnte ich, ohnmachtig von der entsetzlichen Qual! "Atzendes Gift war in dem Weine", rief der Wundarzt und eilte, Mittel anzuwenden, die wenigstens bald den wutenden Schmerz linderten. Es gelang der Geschicklichkeit des Wundarztes und der sorglichen Pflege, die mir der Prior angedeihen liess, den Arm, der erst abgenommen werden sollte, zu retten, aber bis auf den Knochen dorrte das Fleisch ein, und alle Kraft der Bewegung hatte der feindliche Schierlingstrank gebrochen. "Ich sehe nur zu deutlich," sprach der Prior, "was es mit jener Begebenheit, die Euch um Euern Arm brachte, fur eine Bewandtnis hat. Der fromme Bruder Cyrillus verschwand aus unserm Kloster und aus Rom auf unbegreifliche Weise, und auch Ihr, lieber Bruder Medardus, werdet auf dieselbe Weise verloren gehen, wenn Ihr Rom nicht alsbald verlasset. Auf verschiedene verdachtige Weise erkundigte man sich nach Euch wahrend der Zeit, als Ihr krank lagt, und nur meiner Wachsamkeit und der Einigkeit der frommgesinnten Bruder moget Ihr es verdanken, dass Euch der Mord nicht bis in Eure Zelle verfolgte. So wie Ihr uberhaupt mir ein verwunderlicher Mann zu sein scheint, den uberall verhangnisvolle Bande umschlingen, so seid Ihr auch seit der kurzen Zeit Eures Aufenthalts in Rom gewiss wider Euern Willen viel zu merkwurdig geworden, als dass es gewissen Personen nicht wunschenswert sein sollte, Euch aus dem Wege zu raumen. Kehrt zuruck in Euer Vaterland, in Euer Kloster! Friede sei mit Euch!"

Ich fuhlte wohl, dass, solange ich mich in Rom befande, mein Leben in steter Gefahr bleiben musse, aber zu dem peinigenden Andenken an alle begangene Frevel, das die strengste Busse nicht zu vertilgen vermocht hatte, gesellte sich der korperliche empfindliche Schmerz des abwelkenden Armes, und so achtete ich ein qualvolles sieches Dasein nicht, das ich durch einen schnell mir gegebenen Tod wie eine druckende Burde fahren lassen konnte. Immer mehr gewohnte ich mich an den Gedanken, eines gewaltsamen Todes zu sterben, und er erschien mir bald sogar als ein glorreiches, durch meine strenge Busse erworbenes Martyrertum. Ich sah mich selbst, wie ich zu den Pforten des Klosters hinausschritt, und wie eine finstere Gestalt mich schnell mit einem Dolch durchbohrte. Das Volk versammelte sich um den blutigen Leichnam "Medardus der fromme bussende Medardus ist ermordet!" So rief man durch die Strassen, und dichter und dichter drangten sich die Menschen, laut wehklagend um den Entseelten. Weiber knieten nieder und trockneten mit weissen Tuchern die Wunde, aus der das Blut hervorquoll. Da sieht eine das Kreuz an meinem Halse, laut schreit sie auf: "Er ist ein Martyrer, ein Heiliger seht hier das Zeichen des Herrn, das er am Halse tragt!" da wirft sich alles auf die Knie. Glucklich, der den Korper des Heiligen beruhren, der nur sein Gewand erfassen kann! Schnell ist eine Bahre gebracht, der Korper hinaufgelegt, mit Blumen bekranzt, und im Triumphzuge unter lautem Gesang und Gebet tragen ihn Junglinge nach St. Peter! So arbeitete meine Phantasie ein Gemalde aus, das meine Verherrlichung hienieden mit lebendigen Farben darstellte, und nicht gedenkend, nicht ahnend, wie der bose Geist des sundlichen Stolzes mich auf neue Weise zu verlocken trachte, beschloss ich, nach meiner volligen Genesung in Rom zu bleiben, meine bisherige Lebensweise fortzusetzen und so entweder glorreich zu sterben oder, durch den Papst meinen Feinden entrissen, emporzusteigen zu hohen Wurden der Kirche. Meine starke lebenskraftige Natur liess mich endlich den namenlosen Schmerz ertragen und widerstand der Einwirkung des hollischen Safts, der von aussen her mein Inneres zerrutten wollte. Der Arzt versprach meine baldige Herstellung, und in der Tat empfand ich nur in den Augenblicken jenes Delirierens, das dem Einschlafen vorherzugehen pflegt, fieberhafte Anfalle, die mit kalten Schauern und fliegender Hitze wechselten. Gerade in diesen Augenblicken war es, als ich, ganz erfullt von dem Bilde meines Martyriums, mich selbst, wie es schon oft geschehen, durch einen Dolchstich in der Brust ermordet schaute. Doch, statt dass ich mich sonst gewohnlich auf dem spanischen Platz niedergestreckt und bald von einer Menge Volks, die meine Heiligsprechung verbreitete, umgeben sah, lag ich einsam in einem Laubgange des Klostergartens in B. Statt des Blutes quoll ein ekelhafter farbloser Saft aus der weit aufklaffenden Wunde, und eine Stimme sprach: "Ist das Blut vom Martyrer vergossen? Doch ich will das unreine Wasser klaren und farben, und dann wird das Feuer, welches uber das Licht gesiegt, ihn kronen!" Ich war es, der dies gesprochen, als ich mich aber von meinem toten Selbst getrennt fuhlte, merkte ich wohl, dass ich der wesenlose Gedanke meines Ichs sei, und bald erkannte ich mich als das im Ather schwimmende Rot. Ich schwang mich auf zu den leuchtenden Bergspitzen ich wollte einziehn durch das Tor goldner Morgenwolken in die heimatliche Burg, aber Blitze durchkreuzten, gleich im Feuer auflodernden Schlangen, das Gewolbe des Himmels, und ich sank herab, ein feuchter, farbloser Nebel. "Ich ich," sprach der Gedanke, "ich bin es, der Eure Blumen Euer Blut farbt Blumen und Blut sind Euer Hochzeitschmuck, den ich bereite!" Sowie ich tiefer und tiefer niederfiel, erblickte ich die Leiche mit weit aufklaffender Wunde in der Brust, aus der jenes unreine Wasser in Stromen floss. Mein Hauch sollte das Wasser umwandeln in Blut, doch geschah es nicht, die Leiche richtete sich auf und starrte mich an mit hohlen grasslichen Augen und heulte wie der Nordwind in tiefer Kluft: "Verblendeter, torichter Gedanke, kein Kampf zwischen Licht und Feuer, aber das Licht ist die Feuertaufe durch das Rot, das du zu vergiften trachtest." Die Leiche sank nieder; alle Blumen auf der Flur neigten verwelkt ihre Haupter, Menschen, bleichen Gespenstern ahnlich, warfen sich zur Erde, und ein tausendstimmiger trostloser Jammer stieg in die Lufte: "O Herr, Herr! ist so unermesslich die Last unsrer Sunde, dass du Macht gibst dem Feinde, unseres Blutes Suhnopfer zu ertoten?" Starker und starker, wie des Meeres brausende Welle, schwoll die Klage! Der Gedanke wollte zerstauben in dem gewaltigen Ton des trostlosen Jammers, da wurde ich wie durch einen elektrischen Schlag emporgerissen aus dem Traum. Die Turmglocke des Klosters schlug zwolfe, ein blendendes Licht fiel aus den Fenstern der Kirche in meine Zelle. "Die Toten richten sich auf aus den Grabern und halten Gottesdienst." So sprach es in meinem Innern, und ich begann zu beten. Da vernahm ich ein leises Klopfen. Ich glaubte, irgend ein Monch wolle zu mir herein, aber mit tiefem Entsetzen horte ich bald jenes grauenvolle Kichern und Lachen meines gespenstischen Doppeltgangers, und es rief neckend und hohnend: "Bruderchen... Bruderchen... Nun bin ich wieder bei dir... die Wunde blutet... die Wunde blutet... rot... rot... Komm mit mir, Bruderchen Medardus! Komm mit mir!" Ich wollte aufspringen vom Lager, aber das Grausen hatte seine Eisdecke uber mich geworfen, und jede Bewegung, die ich versuchte, wurde zum innern Krampf, der die Muskeln zerschnitt. Nur der Gedanke blieb und war inbrunstiges Gebet: dass ich errettet werden moge von den dunklen Machten, die aus der offenen Hollenpforte auf mich eindrangen. Es geschah, dass ich mein Gebet, nur im Innern gedacht, laut und vernehmlich horte, wie es Herr wurde uber das Klopfen und Kichern und unheimliche Geschwatz des furchtbaren Doppeltgangers, aber zuletzt sich verlor in ein seltsames Summen, wie wenn der Sudwind Schwarme feindlicher Insekten geweckt hat, die giftige Saugrussel ansetzen an die bluhende Saat. Zu jener trostlosen Klage der Menschen wurde das Summen, und meine Seele frug: "Ist das nicht der weissagende Traum, der sich auf deine blutende Wunde heilend und trostend legen will?" In dem Augenblicke brach der Purpurschimmer des Abendrots durch den dustern farblosen Nebel, aber in ihm erhob sich eine hohe Gestalt. Es war Christus, aus jeder seiner Wunden perlte ein Tropfen Bluts, und wiedergegeben war der Erde das Rot, und der Menschen Jammer wurde ein jauchzender Hymnus, denn das Rot war die Gnade des Herrn, die uber ihnen aufgegangen! Nur Medardus' Blut floss noch farblos aus der Wunde, und er flehte inbrunstig: "Soll auf der ganzen weiten Erde ich, ich allein nur trostlos der ewigen Qual der Verdammnis preisgegeben bleiben?" Da regte es sich in den Buschen eine Rose, von himmlischer Glut hoch gefarbt, streckte ihr Haupt empor und schaute den Medardus an mit englisch mildem Lacheln, und susser Duft umfing ihn, und der Duft war das wunderbare Leuchten des reinsten Fruhlingsathers. "Nicht das Feuer hat gesiegt, kein Kampf zwischen Licht und Feuer. Feuer ist das Wort, das den Sundigen erleuchtet." Es war, als hatte die Rose diese Worte gesprochen, aber die Rose war ein holdes Frauenbild. In weissem Gewande, Rosen in das dunkle Haar geflochten, trat sie mir entgegen. "Aurelie," schrie ich auf, aus dem Traume erwachend; ein wunderbarer Rosengeruch erfullte die Zelle, und fur Tauschung meiner aufgeregten Sinne musst' ich es wohl halten, als ich deutlich Aureliens Gestalt wahrzunehmen glaubte, wie sie mich mit ernsten Blicken anschaute und dann in den Strahlen des Morgens, die in die Zelle fielen, zu verduften schien. Nun erkannte ich die Versuchung des Teufels und meine sundige Schwachheit. Ich eilte herab und betete inbrunstig am Altar der heiligen Rosalia. Keine Kasteiung, keine Busse im Sinn des Klosters; aber als die Mittagssonne senkrecht ihre Strahlen herabschoss, war ich schon mehrere Stunden von Rom entfernt. Nicht nur Cyrillus' Mahnung, sondern eine innere unwiderstehliche Sehnsucht nach der Heimat trieb mich fort auf demselben Pfade, den ich bis nach Rom durchwandert. Ohne es zu wollen, hatte ich, indem ich meinem Beruf entfliehen wollte, den geradesten Weg nach dem mir von dem Prior Leonardus bestimmten Ziel genommen.

Ich vermied die Residenz des Fursten, nicht weil ich furchtete, erkannt zu werden und aufs neue dem Kriminalgericht in die Hande zu fallen, aber wie konnte ich ohne herzzerreissende Erinnerung den Ort betreten, wo ich in frevelnder Verkehrtheit nach einem irdischen Gluck zu trachten mich vermass, dem ich Gottgeweihter ja entsagt hatte ach, wo ich, dem ewigen reinen Geist der Liebe abgewandt, fur des Lebens hochsten Lichtpunkt, in dem das Sinnliche und Ubersinnliche in einer Flamme auflodert, den Moment der Befriedigung des irdischen Triebes nahm; wo mir die rege Fulle des Lebens, genahrt von seinem eigenen uppigen Reichtum, als das Prinzip erschien, das sich kraftig auflehnen musse gegen jenes Aufstreben nach dem Himmlischen, das ich nur unnaturliche Selbstverleugnung nennen konnte! Aber noch mehr! tief im Innern fuhlte ich trotz der Erkraftigung, die mir durch unstraflichen Wandel, durch anhaltende schwere Busse werden sollte, die Ohnmacht, einen Kampf glorreich zu bestehen, zu dem mich jene dunkle, grauenvolle Macht, deren Einwirkung ich nur zu oft, zu schreckbar gefuhlt, unversehends aufreizen konne. Aurelien wiedersehen! vielleicht in voller Anmut und Schonheit prangend! Konnt' ich das ertragen, ohne ubermannt zu werden von dem Geist des Bosen, der wohl noch mit den Flammen der Holle mein Blut aufkochte, dass es zischend und garend durch die Adern stromte. Wie oft erschien mir Aureliens Gestalt, aber wie oft regten sich dabei Gefuhle in meinem Innersten, deren Sundhaftigkeit ich erkannte und mit aller Kraft des Willens vernichtete. Nur in dem Bewusstsein alles dessen, woraus die hellste Aufmerksamkeit auf mich selbst hervorging, und dem Gefuhl meiner Ohnmacht, die mich den Kampf vermeiden hiess, glaubte ich die Wahrhaftigkeit meiner Busse zu erkennen, und trostend war die Uberzeugung, dass wenigstens der hollische Geist des Stolzes, die Vermessenheit, es aufzunehmen mit den dunklen Machten, mich verlassen habe. Bald war ich im Gebirge, und eines Morgens tauchte aus dem Nebel des vor mir liegenden Tals ein Schloss auf, das ich, naher schreitend, wohl erkannte. Ich war auf dem Gute des Barons von F. Die Anlagen des Parks waren verwildert, die Gange verwachsen und mit Unkraut bedeckt; auf dem sonst so schonen Rasenplatz vor dem Schlosse weidete in dem hohen Grase Vieh, die Fenster des Schlosses hin und wieder zerbrochen der Aufgang verfallen. Keine menschliche Seele liess sich blicken. Stumm und starr stand ich da in grauenvoller Einsamkeit. Ein leises Stohnen drang aus einem noch ziemlich erhaltenen Boskett, und ich wurde einen alten eisgrauen Mann gewahr, der in dem Boskett sass und mich, unerachtet ich ihm nahe genug war, nicht wahrzunehmen schien. Als ich mich noch mehr naherte, vernahm ich die Worte: "Tot tot sind sie alle, die ich liebte! Ach, Aurelie! Aurelie auch du! die letzte! tot tot fur diese Welt!" Ich erkannte den alten Reinhold eingewurzelt blieb ich stehen. "Aurelie tot? Nein, nein, du irrst, Alter, die hat die ewige Macht beschutzt vor dem Messer des freveligen Morders." So sprach ich, da fuhr der Alte, wie vom Blitz getroffen, zusammen und rief laut: "Wer ist hier? wer ist hier? Leopold! Leopold!" Ein Knabe sprang herbei; als er mich erblickte, neigte er sich tief und grusste: "Laudetur Jesus Christus!" "In omina saecula saeculorum," erwiderte ich, da raffte der Alte sich auf und rief noch starker: "Wer ist hier? wer ist hier?" Nun sah ich, dass der Alte blind war. "Ein ehrwurdiger Herr," sprach der Knabe, "ein Geistlicher vom Orden der Kapuziner ist hier." Da war es, als erfasse den Alten tiefes Grauen und Entsetzen, und er schrie: "Fort fort Knabe, fuhre mich fort hinein hinein verschliess die Turen Peter soll Wache halten fort, fort, hinein!" Der Alte nahm alle Kraft zusammen, die ihm geblieben, um vor mir zu fliehen wie vor dem reissenden Tier. Verwundert, erschrocken sah mich der Knabe an, doch der Alte, statt sich von ihm fuhren zu lassen, riss ihn fort, und bald waren sie durch die Ture verschwunden, die, wie ich horte, fest verschlossen wurde. Schnell floh ich fort von dem Schauplatz meiner hochsten Frevel, die bei diesem Auftritt lebendiger als jemals vor mir sich wiedergestalteten, und bald befand ich mich in dem tiefsten Dickicht. Ermudet setzte ich mich an den Fuss eines Baumes in das Moos nieder; unweit davon war ein kleiner Hugel aufgeschuttet, auf welchem ein Kreuz stand. Als ich aus dem Schlaf, in dem ich vor Ermattung gesunken, erwachte, sass ein alter Bauer neben mir, der alsbald, da er mich ermuntert sah, ehrerbietig seine Mutze abzog und im Ton der vollsten, ehrlichsten Gutmutigkeit sprach: "Ei, Ihr seid wohl weit her gewandert, ehrwurdiger Herr, und recht mude geworden, denn sonst waret Ihr hier an dem schauerlichen Platzchen nicht in solch tiefen Schlaf gesunken. Oder Ihr wisset vielleicht gar nicht, was es mit diesem Orte hier fur eine Bewandtnis hat?" Ich versicherte, dass ich als fremder, von Italien hereinwandernder Pilger durchaus nicht von dem, was hier vorgefallen, unterrichtet sei. "Es geht", sprach der Bauer, "Euch und Euere Ordensbruder ganz besonders an, und ich muss gestehen, als ich Euch so sanft schlafend fand, setzte ich mich her, um jede etwanige Gefahr von Euch abzuwenden. Vor mehrern Jahren soll hier ein Kapuziner ermordet worden sein. So viel ist gewiss, dass ein Kapuziner zu der Zeit durch unser Dorf kam, und nachdem er ubernachtet, dem Gebirge zuwanderte. An demselben Tage ging mein Nachbar den tiefen Talweg unterhalb des Teufelsgrundes hinab und horte mit einemmal ein fernes durchdringendes Geschrei, welches ganz absonderlich in den Luften verklang. Er will sogar, was mir aber unmoglich scheint, eine Gestalt von der Bergspitze herab in den Abgrund sturzen gesehen haben. So viel ist gewiss, dass wir alle im Dorfe, ohne zu wissen, warum, glaubten, der Kapuziner konne wohl herabgesturzt sein, und dass mehrere von uns hingingen und, soweit es nur moglich war, ohne das Leben aufs Spiel zu setzen, hinabstiegen, um wenigstens die Leiche des unglucklichen Menschen zu finden. Wir konnten aber nichts entdecken und lachten den Nachbar tuchtig aus, als er einmal, in der mondhellen Nacht auf dem Talwege heimkehrend, ganz voll Todesschrecken einen nackten Menschen aus dem Teufelsgrunde wollte emporsteigen gesehen haben. Das war nun pure Einbildung; aber spater erfuhr man denn wohl, dass der Kapuziner, Gott weiss warum, hier von einem vornehmen Mann ermordet und der Leichnam in den Teufelsgrund geschleudert worden sei. Hier auf diesem Fleck muss der Mord geschehen sein, davon bin ich uberzeugt, denn seht einmal, ehrwurdiger Herr, hier sitze ich einst und schaue so in Gedanken da den hohlen Baum neben uns an. Mit einemmal ist es mir, als hinge ein Stuck dunkelbraunes Tuch zur Spalte heraus. Ich springe auf, ich gehe hin und ziehe einen ganz neuen Kapuzinerhabit heraus. An dem einen Armel klebte etwas Blut, und in einem Zipfel war der Name Medardus hineingezeichnet. Ich dachte, arm wie ich bin, ein gutes Werk zu tun, wenn ich den Habit verkaufe und fur das daraus geloste Geld dem armen ehrwurdigen Herrn, der hier ermordet, ohne sich zum Tode vorzubereiten und seine Rechnung zu machen, Messen lesen liesse. So geschah es denn, dass ich das Kleid nach der Stadt trug, aber kein Trodler wollte es kaufen, und ein Kapuzinerkloster gab es nicht am Orte; endlich kam ein Mann, seiner Kleidung nach war's wohl ein Jager oder ein Forster, der sagte, er brauche gerade solch einen Kapuzinerrock und bezahlte mir meinen Fund reichlich. Nun liess ich von unserm Herrn Pfarrer eine tuchtige Messe lesen und setzte, da im Teufelsgrunde kein Kreuz anzubringen, hier eins hin zum Zeichen des schmahlichen Todes des Herrn Kapuziners. Aber der selige Herr muss etwas viel uber die Schnur gehauen haben, denn er soll hier noch zuweilen herumspuken, und so hat des Herrn Pfarrers Messe nicht viel geholfen. Darum bitte ich Euch, ehrwurdiger Herr, seid Ihr gesund heimgekehrt von Eurer Reise, so haltet ein Amt fur das Heil der Seele Eures Ordensbruders Medardus. Versprecht mir das!" "Ihr seid im Irrtum, mein guter Freund!" sprach ich, "der Kapuziner Medardus, der vor mehrern Jahren auf der Reise nach Italien durch Euer Dorf zog, ist nicht ermordet. Noch bedarf es keiner Seelenmesse fur ihn, er lebt und kann noch arbeiten fur sein ewiges Heil! Ich bin selbst dieser Medardus!" Mit diesen Worten schlug ich meine Kutte auseinander und zeigte ihm den in den Zipfel gestickten Namen Medardus. Kaum hatte der Bauer den Namen erblickt, als er erbleichte und mich voll Entsetzen anstarrte. Dann sprang er jahlings auf und lief, laut schreiend, in den Wald hinein. Es war klar, dass er mich fur das umgehende Gespenst des ermordeten Medardus hielt, und vergeblich wurde mein Bestreben gewesen sein, ihm den Irrtum zu benehmen. Die Abgeschiedenheit, die Stille des Orts, nur von dem dumpfen Brausen des nicht fernen Waldstroms unterbrochen, war auch ganz dazu geeignet, grauenvolle Bilder aufzuregen; ich dachte an meinen grasslichen Doppeltganger, und, angesteckt von dem Entsetzen des Bauers, fuhlte ich mich im Innersten erbeben, da es mir war, als wurde er aus diesem, aus jenem finstern Busch hervortreten. Mich ermannend, schritt ich weiter fort, und erst dann, als mich die grausige Idee des Gespenstes meines Ichs, fur das mich der Bauer gehalten, verlassen, dachte ich daran, dass mir nun ja erklart worden sei, wie der wahnsinnige Monch zu dem Kapuzinerrock gekommen, den er mir auf der Flucht zuruckliess und den ich unbezweifelt fur den meinigen erkannte. Der Forster, bei dem er sich aufhielt und den er um ein neues Kleid angesprochen, hatte ihn in der Stadt von dem Bauer gekauft. Wie die verhangnisvolle Begebenheit am Teufelsgrunde auf merkwurdige Weise verstummelt worden, das fiel tief in meine Seele, denn ich sah wohl, wie alle Umstande sich vereinigen mussten, um jene unheilbringende Verwechslung mit Viktorin herbeizufuhren. Sehr wichtig schien mir des furchtsamen Nachbars wunderbare Vision, und ich sah mit Zuversicht noch deutlicherer Aufklarung entgegen, ohne zu ahnen, wo und wie ich sie erhalten wurde.

Endlich, nach rastloser Wanderung mehrere Wochen hindurch, nahte ich mich der Heimat; mit klopfendem Herzen sah ich die Turme des Zisterzienser Nonnenklosters vor mir aufsteigen. Ich kam in das Dorf, auf den freien Platz vor der Klosterkirche. Ein Hymnus, von Mannerstimmen gesungen, klang aus der Ferne heruber. Ein Kreuz wurde sichtbar Monche, paarweise wie in Prozession fortschreitend, hinter ihm. Ach ich erkannte meine Ordensbruder, den greisen Leonardus, von einem jungen, mir unbekannten Bruder gefuhrt, an ihrer Spitze. Ohne mich zu bemerken, schritten sie singend bei mir voruber und hinein durch die geoffnete Klosterpforte. Bald darauf zogen auf gleiche Weise die Dominikaner und Franziskaner aus B. herbei, fest verschlossene Kutschen fuhren hinein in den Klosterhof, es waren die Klaren Nonnen aus B. Alles liess mich wahrnehmen, dass irgend ein ausserordentliches Fest gefeiert werden solle. Die Kirchenturen standen weit offen, ich trat hinein und bemerkte, wie alles sorgfaltig gekehrt und gesaubert wurde. Man schmuckte den Hochaltar und die Nebenaltare mit Blumengewinden, und ein Kirchendiener sprach viel von frisch aufgebluhten Rosen, die durchaus morgen in aller Fruhe herbeigeschafft werden mussten, weil die Frau Abtissin ausdrucklich befohlen habe, dass mit Rosen der Hochaltar verziert werden solle. Entschlossen, nun gleich zu den Brudern zu treten, ging ich, nachdem ich mich durch kraftiges Gebet gestarkt, in das Kloster und frug nach dem Prior Leonardus; die Pfortnerin fuhrte mich in einen Saal, Leonardus sass im Lehnstuhl, von den Brudern umgeben; laut weinend, im Innersten zerknirscht, keines Wortes machtig, sturzte ich zu seinen Fussen. "Medardus!" schrie er auf, und ein dumpfes Gemurmel lief durch die Reihe der Bruder: "Medardus Bruder Medardus ist endlich wieder da!" Man hob mich auf, die Bruder druckten mich an ihre Brust: "Dank den himmlischen Machten, dass du errettet bist aus den Schlingen der arglistigen Welt aber erzahle erzahle, mein Bruder" so riefen die Monche durcheinander. Der Prior erhob sich, und auf seinen Wink folgte ich ihm in das Zimmer, welches ihm gewohnlich bei dem Besuch des Klosters zum Aufenthalt diente. "Medardus," fing er an, "du hast auf frevelige Weise dein Gelubde gebrochen; du hast, indem du, anstatt die dir gegebenen Auftrage auszurichten, schandlich entflohst, das Kloster auf die unwurdigste Weise betrogen. Einmauern konnte ich dich lassen, wollte ich verfahren nach der Strenge des Klostergesetzes!" "Richtet mich, mein ehrwurdiger Vater," erwiderte ich, "richtet mich, wie das Gesetz es will; ach! mit Freuden werfe ich die Burde eines elenden qualvollen Lebens ab! Ich fuhl' es wohl, dass die strengste Busse, der ich mich unterwarf, mir keinen Trost hienieden geben konnte!" "Ermanne dich," fuhr Leonardus fort, "der Prior hat mit dir gesprochen, jetzt kann der Freund, der Vater mit dir reden! Auf wunderbare Weise bist du errettet worden vom Tode, der dir in Rom drohte. Nur Cyrillus fiel als Opfer..." "Ihr wisst also?" frug ich voll Staunen. "Alles," erwiderte der Prior, "ich weiss, dass du dem Armen beistandest in der letzten Todesnot, und dass man dich mit dem vergifteten Wein, den man dir zum Labetrunk darbot, zu ermorden gedachte. Wahrscheinlich hast du, bewacht von den Argusaugen der Monche, doch Gelegenheit gefunden, den Wein ganz zu verschutten, denn trankst du nur einen Tropfen, so warst du hin in Zeit von zehn Minuten." "O, schaut her," rief ich und zeigte, den Armel der Kutte aufstreifend, dem Prior meinen bis auf den Knochen eingeschrumpften Arm, indem ich erzahlte, wie ich, Boses ahnend, den Wein in den Armel gegossen. Leonardus schauerte zuruck vor dem hasslichen Anblick des mumienartigen Gliedes und sprach dumpf in sich hinein: "Gebusst hast du, der du freveltest auf jedigliche Weise; aber Cyrillus du frommer Greis!" Ich sagte dem Prior, dass mir die eigentliche Ursache der heimlichen Hinrichtung des armen Cyrillus unbekannt geblieben. "Vielleicht", sprach der Prior, "hattest du dasselbe Schicksal, wenn du wie Cyrillus als Bevollmachtigter unseres Klosters auftratst. Du weisst, dass die Anspruche unsers Klosters Einkunfte des Kardinals ***, die er auf unrechtmassige Weise zieht, vernichten; dies war die Ursache, warum der Kardinal mit des Papstes Beichtvater, den er bis jetzt angefeindet, plotzlich Freundschaft schloss und so sich in dem Dominikaner einen kraftigen Gegner gewann, den er dem Cyrillus entgegenstellen konnte. Der schlaue Monch fand bald die Art aus, wie Cyrill gesturzt werden konnte. Er fuhrte ihn selbst ein bei dem Papst und wusste diesem den fremden Kapuziner so darzustellen, dass der Papst ihn wie eine merkwurdige Erscheinung bei sich aufnahm, und Cyrillus in die Reihe der Geistlichen trat, von denen er umgeben. Cyrillus musste nun bald gewahr werden, wie der Statthalter des Herrn nur zu sehr sein Reich in dieser Welt und ihren Lusten suche und finde; wie er einer heuchlerischen Brut zum Spielwerk diene, die ihn trotz des kraftigen Geistes, der sonst ihm einwohnte, den sie aber durch die verworfensten Mittel zu beugen wusste, zwischen Himmel und Holle herumwerfe. Der fromme Mann, das war vorauszusehen, nahm grosses Argernis daran und fuhlte sich berufen, durch feurige Reden, wie der Geist sie ihm eingab, den Papst im Innersten zu erschuttern und seinen Geist von dem Irdischen abzulenken. Der Papst, wie verweichlichte Gemuter pflegen, wurde in der Tat von des frommen Greises Worten ergriffen, und eben in diesem erregten Zustande wurde es dem Dominikaner leicht, auf geschickte Weise nach und nach den Schlag vorzubereiten, der den armen Cyrillus treffen sollte. Er berichtete dem Papst, dass es auf nichts Geringeres abgesehen sei, als auf eine heimliche Verschworung, die ihn der Kirche als unwurdig der dreifachen Krone darstellen sollte; Cyrillus habe den Auftrag, ihn dahin zu bringen, dass er irgend eine offentliche Bussubung vornehme, welche dann als Signal des formlichen, unter den Kardinalen garenden Aufstandes dienen wurde. Jetzt fand der Papst in den salbungsvollen Reden unseres Bruders die versteckte Absicht leicht heraus, der Alte wurde ihm tief verhasst, und um nur irgend einen auffallenden Schritt zu vermeiden, litt er ihn noch in seiner Nahe. Als Cyrillus wieder einmal Gelegenheit fand, zu dem Papst ohne Zeugen zu sprechen, sagte er geradezu, dass der, der den Lusten der Welt nicht ganz entsage, der nicht einen wahrhaft heiligen Wandel fuhre, ein unwurdiger Statthalter des Herrn und der Kirche eine Schmach und Verdammnis bringende Last sei, von der sie sich befreien musse. Bald darauf, und zwar nachdem man Cyrillus aus den innern Kammern des Papstes treten gesehen, fand man das Eiswasser, welches der Papst zu trinken pflegte, vergiftet. Dass Cyrillus unschuldig war, darf ich dir, der du den frommen Greis gekannt hast, nicht versichern. Doch uberzeugt war der Papst von seiner Schuld, und der Befehl, den fremden Monch bei den Dominikanern heimlich hinzurichten, die Folge davon. Du warst in Rom eine auffallende Erscheinung; die Art, wie du dich gegen den Papst aussertest, vorzuglich die Erzahlung deines Lebenslaufs, liess ihn eine gewisse geistige Verwandtschaft zwischen ihm und dir finden; er glaubte, sich mit dir zu einem hohern Standpunkt erheben und in sundhaftem Vernunfteln uber alle Tugend und Religion recht erlaben und erkraftigen zu konnen, um, wie ich wohl sagen mag, mit rechter Begeisterung fur die Sunde zu sundigen. Deine Bussubungen waren ihm nur ein recht klug angelegtes heuchlerisches Bestreben, zum hoheren Zweck zu gelangen. Er bewunderte dich und sonnte sich in den glanzenden, lobpreisenden Reden, die du ihm hieltst. So kam es, dass du, ehe der Dominikaner es ahnte, dich erhobst und der Rotte gefahrlicher wurdest, als es Cyrillus jemals werden konnte. Du merkst, Medardus, dass ich von deinem Beginnen in Rom genau unterrichtet bin; dass ich jedes Wort weiss, welches du mit dem Papst sprachst, und darin liegt weiter nichts Geheimnisvolles, wenn ich dir sage, dass das Kloster in der Nahe Sr. Heiligkeit einen Freund hat, der mir genau alles berichtete. Selbst als du mit dem Papst allein zu sein glaubtest, war er nahe genug, um jedes Wort zu verstehen. Als du in dem Kapuzinerkloster, dessen Prior mir nahe verwandt ist, deine strenge Bussubungen begannst, hielt ich deine Reue fur echt. Es war auch wohl dem so, aber in Rom erfasste dich der bose Geist des sundhaften Hochmuts, dem du bei uns erlagst, aufs neue. Warum klagtest du dich gegen den Papst Verbrechen an, die du niemals begingst? Warst du denn jemals auf dem Schlosse des Barons von F.?" "Ach! mein ehrwurdiger Vater," rief ich, von innerm Schmerz zermalmt, "das war ja der Ort meiner entsetzlichsten Frevel! Das ist aber die harteste Strafe der ewigen unerforschlichen Macht, dass ich auf Erden nicht gereinigt erscheinen soll von der Sunde, die ich in wahnsinniger Verblendung beging! Auch Euch, mein ehrwurdiger Vater, bin ich ein sundiger Heuchler?" "In der Tat", fuhr der Prior fort, "bin ich jetzt, da ich dich sehe und spreche, beinahe uberzeugt, dass du nach deiner Busse der Luge nicht mehr fahig warst, dann aber waltet noch ein mir bis jetzt unerklarliches Geheimnis ob. Bald nach deiner Flucht aus der Residenz (der Himmel wollte den Frevel nicht, den du zu begehen im Begriff standest, er errettete die fromme Aurelie), bald nach deiner Flucht, sage ich, und nachdem der Monch, den selbst Cyrillus fur dich hielt, wie durch ein Wunder sich gerettet hatte, wurde es bekannt, dass nicht du, sondern der als Kapuziner verkappte Graf Viktorin auf dem Schlosse des Barons gewesen war. Briefe, die sich in Euphemiens Nachlass fanden, hatten dies zwar schon fruher kundgetan, man hielt aber Euphemien selbst fur getauscht, da Reinhold versicherte, er habe dich zu genau gekannt, um selbst bei deiner treuesten Ahnlichkeit mit Viktorin getauscht zu werden. Euphemiens Verblendung blieb unbegreiflich. Da erschien plotzlich der Reitknecht des Grafen und erzahlte, wie der Graf, der seit Monaten im Gebirge einsam gelebt und sich den Bart wachsen lassen, ihm in dem Walde, und zwar bei dem sogenannten Teufelsgrunde, plotzlich als Kapuziner gekleidet erschienen sei. Obgleich er nicht gewusst, wo der Graf die Kleider hergenommen, so sei ihm doch die Verkleidung weiter nicht aufgefallen, da er von dem Anschlage des Grafen, im Schlosse des Barons in Monchshabit zu erscheinen, denselben ein ganzes Jahr zu tragen und so auch wohl noch hohere Dinge auszufuhren, unterrichtet gewesen. Geahnt habe er wohl, wo der Graf zum Kapuzinerrock gekommen sei, da er den Tag vorher gesagt, wie er einen Kapuziner im Dorfe gesehen und von ihm, wandere er durch den Wald, seinen Rock auf diese oder jene Weise zu bekommen hoffe. Gesehen habe er den Kapuziner nicht, wohl aber einen Schrei gehort, bald darauf sei auch im Dorf von einem im Walde ermordeten Kapuziner die Rede gewesen. Zu genau habe er seinen Herrn gekannt, zu viel mit ihm noch auf der Flucht aus dem Schlosse gesprochen, als dass hier eine Verwechselung stattfinden konne. Diese Aussage des Reitknechts entkraftete Reinholds Meinung, und nur Viktorins ganzliches Verschwinden blieb unbegreiflich. Die Furstin stellte die Hypothese auf, dass der vorgebliche Herr von Krczynski aus Kwiecziczewo eben der Graf Viktorin gewesen sei, und stutzte sich auf seine merkwurdige, ganz auffallende Ahnlichkeit mit Francesko, an dessen Schuld langst niemand zweifelte, sowie auf die Motion, die ihr jedesmal sein Anblick verursacht habe. Viele traten ihr bei und wollten, im Grunde genommen, viel graflichen Anstand an jenem Abenteurer bemerkt haben, den man lacherlicherweise fur einen verkappten Monch gehalten. Die Erzahlung des Forsters von dem wahnsinnigen Monch, der im Walde hausete und zuletzt von ihm aufgenommen wurde, fand nun auch ihren Zusammenhang mit der Untat Viktorins, sobald man nur einige Umstande als wahr voraussetzte. Ein Bruder des Klosters, in dem Medardus gewesen, hatte den wahnsinnigen Monch ausdrucklich fur den Medardus erkannt, er musste es also wohl sein. Viktorin hatte ihn in den Abgrund gesturzt; durch irgend einen Zufall, der gar nicht unerhort sein durfte, wurde er errettet. Aus der Betaubung erwacht, aber schwer am Kopfe verwundet, gelang es ihm, aus dem Grabe heraufzukriechen. Der Schmerz der Wunde, Hunger und Durst machten ihn wahnsinnig rasend! So lief er durch das Gebirge, vielleicht von einem mitleidigen Bauer hin und wieder gespeiset und mit Lumpen behangen, bis er in die Gegend der Forsterwohnung kam. Zwei Dinge bleiben hier aber unerklarbar, namlich wie Medardus eine solche Strecke aus dem Gebirge laufen konnte, ohne angehalten zu werden, und wie er, selbst in den von Arzten bezeugten Augenblicken des vollkommensten ruhigsten Bewusstseins, sich zu Untaten bekennen konnte, die er nie begangen. Die, welche die Wahrscheinlichkeit jenes Zusammenhangs der Sache verteidigten, bemerkten, dass man ja von den Schicksalen des aus dem Teufelsgrunde erretteten Medardus gar nichts wisse; es sei ja moglich, dass sein Wahnsinn erst ausgebrochen, als er auf der Pilgerreise in der Gegend der Forsterwohnung sich befand. Was aber das Zugestandnis der Verbrechen, deren er beschuldigt, belange, so sei eben daraus abzunehmen, dass er niemals geheilt gewesen, sondern, anscheinend bei Verstande, doch immer wahnsinnig geblieben ware. Dass er die ihm angeschuldigten Mordtaten wirklich begangen, dieser Gedanke habe sich zur fixen Idee umgestaltet. Der Kriminalrichter, auf dessen Sagazitat man sehr baute, sprach, als man ihn um seine Meinung frug: 'Der vorgebliche Herr von Krczynski war kein Pole und auch kein Graf, der Graf Viktorin gewiss nicht, aber unschuldig auch keinesweges der Monch blieb wahnsinnig und unzurechnungsfahig in jedem Fall, deshalb das Kriminalgericht auch nur auf seine Einsperrung als Sicherheitsmassregel erkennen konnte.' Dieses Urteil durfte der Furst nicht horen, denn er war es allein, der, tief ergriffen von den Freveln auf dem Schlosse des Barons, jene von dem Kriminalgericht in Vorschlag gebrachte Einsperrung in die Strafe des Schwerts umwandelte. Wie aber alles in diesem elenden verganglichen Leben, sei es Begebenheit oder Tat, noch so ungeheuer im ersten Augenblick erscheinend, sehr bald Glanz und Farbe verliert, so geschah es auch, dass das, was in der Residenz und vorzuglich am Hofe Schauer und Entsetzen erregt hatte, herabsank bis zur argerlichen Klatscherei. Jene Hypothese, dass Aureliens entflohener Brautigam Graf Viktorin gewesen, brachte die Geschichte der Italienerin in frisches Andenken, selbst die fruher nicht Unterrichteten wurden von denen, die nun nicht mehr schweigen zu durfen glaubten, aufgeklart, und jeder, der den Medardus gesehen, fand es naturlich, dass seine Gesichtszuge vollkommen denen des Grafen Viktorin glichen, da sie Sohne eines Vaters waren. Der Leibarzt war uberzeugt, dass die Sache sich so verhalten musste, und sprach zum Fursten: 'Wir wollen froh sein, gnadigster Herr, dass beide unheimliche Gesellen fort sind, und es bei der ersten vergeblich gebliebenen Verfolgung bewenden lassen.' Dieser Meinung trat der Furst aus dem Grunde seines Herzens bei, denn er fuhlte wohl, wie der doppelte Medardus ihn von einem Missgriff zum andern verleitet hatte. 'Die Sache wird geheimnisvoll bleiben', sagte der Furst, 'wir wollen nicht mehr an dem Schleier zupfen, den ein wunderbares Geschick wohltatig daruber geworfen hat.' Nur Aurelie..."- "Aurelie," unterbrach ich den Prior mit Heftigkeit, "um Gott, mein ehrwurdiger Vater, sagt mir, wie ward es mit Aurelien?" "Ei, Bruder Medardus," sprach der Prior sanft lachelnd, "noch ist das gefahrliche Feuer in deinem Innern nicht verdampft? noch lodert die Flamme empor bei leiser Beruhrung? So bist du noch nicht frei von den sundlichen Trieben, denen du dich hingabst. Und ich soll der Wahrheit deiner Busse trauen; ich soll uberzeugt sein, dass der Geist der Luge dich ganz verlassen? Wisse, Medardus, dass ich deine Reue fur wahrhaft nur dann anerkennen wurde, wenn du jene Frevel, deren du dich anklagst, wirklich begingst. Denn nur in diesem Fall konnt' ich glauben, dass jene Untaten so dein Inneres zerrutteten, dass du, meiner Lehren, alles dessen, was ich dir uber aussere und innere Busse sagte, uneingedenk, wie der Schiffbruchige nach dem leichten unsichern Brett, nach jenen trugerischen Mitteln, dein Verbrechen zu suhnen, haschtest, die dich nicht allein einem verworfenen Papst, sondern jedem wahrhaft frommen Mann als einen eitlen Gaukler erscheinen liessen. Sage, Medardus, war deine Andacht, deine Erhebung zu der ewigen Macht ganz makellos, wenn du Aurelien gedenken musstest?" Ich schlug, im Innern vernichtet, die Augen nieder. "Du bist aufrichtig, Medardus," fuhr der Prior fort, "dein Schweigen sagt mir alles. Ich wusste mit der vollsten Uberzeugung, dass du es warst, der in der Residenz die Rolle eines polnischen Edelmanns spielte und die Baronesse Aurelie heiraten wollte. Ich hatte den Weg, den du genommen, ziemlich genau verfolgt, ein seltsamer Mensch (er nannte sich den Haarkunstler Belcampo), den du zuletzt in Rom sahst, gab mir Nachrichten; ich war uberzeugt, dass du auf verruchte Weise Hermogen und Euphemien mordetest, und um so grasslicher war es mir, dass du Aurelien so in Teufelsbanden verstricken wolltest. Ich hatte dich verderben konnen, doch weit entfernt, mich zum Racheramt erkoren zu glauben, uberliess ich dich und dein Schicksal der ewigen Macht des Himmels. Du bist erhalten worden auf wunderbare Weise, und schon dieses uberzeugt mich, dass dein irdischer Untergang noch nicht beschlossen war. Hore, welches besonderen Umstandes halber ich spater glauben musste, dass es in der Tat Graf Viktorin war, der als Kapuziner auf dem Schlosse des Barons von F. erschien! Nicht gar zu lange ist es her, als Bruder Sebastianus, der Pfortner, durch ein Achzen und Stohnen, das den Seufzern eines Sterbenden glich, geweckt wurde. Der Morgen war schon angebrochen, er stand auf, offnete die Klosterpforte und fand einen Menschen, der dicht vor derselben, halb erstarrt vor Kalte, lag und muhsam die Worte herausbrachte, er sei Medardus, der aus unserm Kloster entflohene Monch. Sebastianus meldete mir ganz erschrocken, was sich unten zugetragen; ich stieg mit den Brudern hinab, wir brachten den ohnmachtigen Mann in das Refektorium. Trotz des bis zum Grausen entstellten Gesichts des Mannes glaubten wir doch deine Zuge zu erkennen, und mehrere meinten, dass wohl nur die veranderte Tracht den wohlbekannten Medardus so fremdartig darstelle. Er hatte Bart und Tonsur, dazu aber eine weltliche Kleidung, die zwar ganz verdorben und zerrissen war, der man aber noch die ursprungliche Zierlichkeit ansah. Er trug seidene Strumpfe, auf einem Schuhe noch eine goldene Schnalle, eine weisse Atlasweste..." "Einen kastanienbraunen Rock von dem feinsten Tuch," fiel ich ein, "zierlich genahte Wasche einen einfachen goldenen Ring am Finger." "Allerdings," sprach Leonardus erstaunt, "aber wie kannst du..." "Ach, es war ja der Anzug, wie ich ihn an jenem verhangnisvollen Hochzeittage trug!" Der Doppeltganger stand mir vor Augen. Nein, es war nicht der wesenlose entsetzliche Teufel des Wahnsinns, der hinter mir herrannte, der, wie ein mich bis ins Innerste zerfleischendes Untier, aufhockte auf meinen Schultern; es war der entflohene wahnsinnige Monch, der mich verfolgte, der endlich, als ich in tiefer Ohnmacht dalag, meine Kleider nahm und mir die Kutte uberwarf. Er war es, der an der Klosterpforte lag, mich mich selbst auf schauderhafte Weise darstellend! Ich bat den Prior, nur fortzufahren in seiner Erzahlung, da die Ahnung der Wahrheit, wie es sich mit mir auf die wunderbarste, geheimnisvollste Weise zugetragen, in mir aufdammere. "Nicht lange dauerte es," erzahlte der Prior weiter, "als sich bei dem Manne die deutlichsten, unzweifelhaftesten Spuren des unheilbaren Wahnsinns zeigten, und unerachtet, wie gesagt, die Zuge seines Gesichts den deinigen auf das genaueste glichen, unerachtet er fortwahrend rief: 'Ich bin Medardus, der entlaufene Monch, ich will Busse tun bei euch' so war doch bald jeder von uns uberzeugt, dass es fixe Idee des Fremden sei, sich fur dich zu halten. Wir zogen ihm das Kleid der Kapuziner an, wir fuhrten ihn in die Kirche, er musste die gewohnlichen Andachtsubungen vornehmen, und wie er dies zu tun sich bemuhte, merkten wir bald, dass er niemals in einem Kloster gewesen sein konne. Es musste mir wohl die Idee kommen: 'Wie, wenn dies der aus der Residenz entsprungene Monch, wie, wenn dieser Monch Viktorin ware?' Die Geschichte, die der Wahnsinnige ehemals dem Forster aufgetischt hatte, war mir bekannt worden, indessen fand ich, dass alle Umstande, das Auffinden und Austrinken des Teufelselixiers, die Vision in dem Kerker, kurz der ganze Aufenthalt im Kloster, wohl die durch deine auf seltsame psychische Weise einwirkende Individualitat erzeugte Ausgeburt des erkrankten Geistes sein konne. Merkwurdig war es in dieser Hinsicht, dass der Monch in bosen Augenblicken immer geschrieen hatte, er sei Graf und gebietender Herr! Ich beschloss, den fremden Mann der Irrenanstalt zu St. Getreu zu ubergeben, weil ich hoffen durfte, dass, ware Wiederherstellung moglich, sie gewiss dem Direktor jener Anstalt, einem in jede Abnormitat des menschlichen Organismus tief eindringenden, genialen Arzte, gelingen werde. Des Fremden Genesen musste das geheimnisvolle Spiel der unbekannten Machte wenigstens zum Teil enthullen. Es kam nicht dazu. In der dritten Nacht weckte mich die Glocke, die, wie du weisst, angezogen wird, sobald jemand im Krankenzimmer meines Beistandes bedarf. Ich trat hinein, man sagte mir, der Fremde habe eifrig nach mir verlangt, und es scheine, als habe ihn der Wahnsinn ganzlich verlassen, wahrscheinlich wolle er beichten; denn er sei so schwach, dass er die Nacht wohl nicht uberleben werde. 'Verzeiht', fing der Fremde an, als ich ihm mit frommen Worten zugesprochen, 'verzeiht, ehrwurdiger Herr, dass ich Euch tauschen zu wollen mich vermass. Ich bin nicht der Monch Medardus, der Euerm Kloster entfloh. Den Grafen Viktorin seht Ihr vor Euch... Furst sollte er heissen, denn aus furstlichem Hause ist er entsprossen, und ich rate Euch, dies zu beachten, da sonst mein Zorn Euch treffen konnte.' Sei er auch Furst, erwiderte ich, so ware dies in unsern Mauern und in seiner jetzigen Lage ohne alle Bedeutung, und es schiene mir besser zu sein, wenn er sich abwende von dem Irdischen und in Demut erwarte, was die ewige Macht uber ihn verhangt habe. Er sah mich starr an, ihm schienen die Sinne zu vergehen, man gab ihm starkende Tropfen, er erholte sich bald und sprach: 'Es ist mir so, als musse ich bald sterben und vorher mein Herz erleichtern. Ihr habt Macht uber mich, denn so sehr Ihr Euch auch verstellen moget, merke ich doch wohl, dass Ihr der heilige Antonius seid und am besten wisset, was fur Unheil Eure Elixiere angerichtet. Ich hatte wohl Grosses im Sinne, als ich beschloss, mich als ein geistlicher Herr darzustellen mit grossem Barte und brauner Kutte. Aber als ich so recht mit mir zu Rate ging, war es, als traten die heimlichsten Gedanken aus meinem Innern heraus und verpuppten sich zu einem korperlichen Wesen, das recht graulich, doch mein Ich war. Dies zweite Ich hatte grimmige Kraft und schleuderte mich, als aus dem schwarzen Gestein des tiefen Abgrundes zwischen sprudelndem schaumigen Gewasser die Prinzessin schneeweiss hervortrat, hinab. Die Prinzessin fing mich auf in ihren Armen und wusch meine Wunden aus, dass ich bald keinen Schmerz mehr fuhlte. Monch war ich nun freilich geworden, aber das Ich meiner Gedanken war starker und trieb mich, dass ich die Prinzessin, die mich errettet und die ich sehr liebte, samt ihrem Bruder ermorden musste. Man warf mich in den Kerker, aber Ihr wisst selbst, heiliger Antonius, auf welche Weise Ihr, nachdem ich Euern verfluchten Trank gesoffen, mich entfuhrtet durch die Lufte. Der grune Waldkonig nahm mich schlecht auf, unerachtet er doch meine Furstlichkeit kannte; das Ich meiner Gedanken erschien bei ihm und ruckte mir allerlei Hassliches vor und wollte, weil wir doch alles zusammen getan, in Gemeinschaft mit mir bleiben. Das geschah auch, aber bald, als wir davonliefen, weil man uns den Kopf abschlagen wollte, haben wir uns doch entzweit. Als das lacherliche Ich indessen immer und ewig genahrt sein wollte von meinem Gedanken, schmiss ich es nieder, prugelte es derb ab und nahm ihm seinen Rock.' So weit waren die Reden des Unglucklichen einigermassen verstandlich, dann verlor er sich in das unsinnige alberne Gewasch des hochsten Wahnsinns. Eine Stunde spater, als das Fruhamt eingelautet wurde, fuhr er mit einem durchdringenden entsetzlichen Schrei auf und sank, wie es uns schien, tot nieder. Ich liess ihn nach der Totenkammer bringen, er sollte in unserm Garten an geweihter Statte begraben werden, du kannst dir aber wohl unser Erstaunen, unsern Schreck denken, als die Leiche, da wir sie hinaustragen und einsargen wollten, spurlos verschwunden war. Alles Nachforschen blieb vergebens, und ich musste darauf verzichten, jemals Naheres, Verstandlicheres uber den ratselhaften Zusammenhang der Begebenheiten, in die du mit dem Grafen verwickelt wurdest, zu erfahren. Indessen hielt ich alle mir uber die Vorfalle im Schloss bekannt gewordenen Umstande mit jenen verworrenen, durch Wahnsinn entstellten Reden zusammen, so konnte ich kaum daran zweifeln, dass der Verstorbene wirklich Graf Viktorin war. Er hatte, wie der Reitknecht andeutete, irgend einen pilgernden Kapuziner im Gebirge ermordet und ihm das Kleid genommen, um seinen Anschlag im Schlosse des Barons auszufuhren. Wie er vielleicht es gar nicht im Sinn hatte, endete der begonnene Frevel mit dem Morde Euphemiens und Hermogens. Vielleicht war er schon wahnsinnig, wie Reinhold es behauptet, oder er wurde es dann auf der Flucht, gequalt von Gewissensbissen. Das Kleid, welches er trug, und die Ermordung des Monchs gestaltete sich in ihm zur fixen Idee, dass er wirklich ein Monch und sein Ich zerspaltet sei in zwei sich feindliche Wesen. Nur die Periode von der Flucht aus dem Schlosse bis zur Ankunft bei dem Forster bleibt dunkel, sowie es unerklarlich ist, wie sich die Erzahlung von seinem Aufenthalt im Kloster und der Art seiner Rettung aus dem Kerker in ihm bildete. Dass aussere Motive stattfinden mussten, leidet gar keinen Zweifel, aber hochst merkwurdig ist es, dass diese Erzahlung dein Schicksal, wiewohl verstummelt, darstellt. Nur die Zeit der Ankunft des Monchs bei dem Forster wie dieser sie angibt, will gar nicht mit Reinholds Angabe des Tages, wann Viktorin aus dem Schlosse entfloh, zusammenstimmen. Nach der Behauptung des Forsters musste sich der wahnsinnige Viktorin gleich haben im Walde blicken lassen, nachdem er auf dem Schlosse des Barons angekommen." "Haltet ein," unterbrach ich den Prior, "haltet ein, mein ehrwurdiger Vater, jede Hoffnung, der Last meiner Sunden unerachtet, nach der Langmut des Herrn noch Gnade und ewige Seligkeit zu erringen, soll aus meiner Seele schwinden; in trostloser Verzweiflung, mich selbst und mein Leben verfluchend, will ich sterben, wenn ich nicht in tiefster Reue und Zerknirschung Euch alles, was sich mit mir begab, seitdem ich das Kloster verliess, getreulich offenbaren will, wie ich es in heiliger Beichte tat." Der Prior geriet in das hochste Erstaunen, als ich ihm nun mein ganzes Leben mit aller nur moglichen Umstandlichkeit enthullte. "Ich muss dir glauben," sprach der Prior, als ich geendet, "ich muss dir glauben, Bruder Medardus, denn alle Zeichen wahrer Reue entdeckte ich, als du redetest. Wer vermag das Geheimnis zu enthullen, das die geistige Verwandtschaft zweier Bruder, Sohne eines verbrecherischen Vaters, und selbst in Verbrechen befangen, bildete. Es ist gewiss, dass Viktorin auf wunderbare Weise errettet wurde aus dem Abgrunde, in den du ihn sturztest, dass er der wahnsinnige Monch war, den der Forster aufnahm, der dich als dein Doppeltganger verfolgte und hier im Kloster starb. Er diente der dunkeln Macht, die in dein Leben eingriff, nur zum Spiel, nicht dein Genosse war er, nur das untergeordnete Wesen, welches dir in den Weg gestellt wurde, damit das lichte Ziel, das sich dir vielleicht auftun konnte, deinem Blick verhullt bleibe. Ach, Bruder Medardus, noch geht der Teufel rastlos auf Erden umher und bietet den Menschen seine Elixiere dar! Wer hat dieses oder jenes seiner hollischen Getranke nicht einmal schmackhaft gefunden; aber das ist der Wille des Himmels, dass der Mensch der bosen Wirkung des augenblicklichen Leichtsinns sich bewusst werde und aus diesem klaren Bewusstsein die Kraft schopfe, ihr zu widerstehen. Darin offenbart sich die Macht des Herrn, dass, so wie das Leben der Natur durch das Gift, das sittlich gute Prinzip in ihr erst durch das Bose bedingt wird. Ich darf zu dir so sprechen, Medardus, da ich weiss, dass du mich nicht missverstehest. Gehe jetzt zu den Brudern."

In dem Augenblick erfasste mich wie ein jaher, alle Nerven und Pulse durchzuckender Schmerz die Sehnsucht der hochsten Liebe; "Aurelie ach, Aurelie!" rief ich laut. Der Prior stand auf und sprach in sehr ernstem Ton: "Du hast wahrscheinlich die Zubereitungen zu einem grossen Feste in dem Kloster bemerkt? Aurelie wird morgen eingekleidet und erhalt den Klosternamen Rosalia." Erstarrt lautlos blieb ich vor dem Prior stehen. "Gehe zu den Brudern!" rief er beinahe zornig, und ohne deutliches Bewusstsein stieg ich hinab in das Refektorium, wo die Bruder versammelt waren. Man besturmte mich aufs neue mit Fragen, aber nicht fahig war ich, auch nur ein einziges Wort uber mein Leben zu sagen; alle Bilder der Vergangenheit verdunkelten sich in mir, und nur Aureliens Lichtgestalt trat mir glanzend entgegen. Unter dem Vorwande einer Andachtsubung verliess ich die Bruder und begab mich nach der Kapelle, die an dem aussersten Ende des weitlauftigen Klostergartens lag. Hier wollte ich beten, aber das kleinste Gerausch, das linde Sauseln des Laubganges riss mich empor aus frommer Betrachtung. "Sie ist es... sie kommt... ich werde sie wiedersehen" so rief es in mir, und mein Herz bebte vor Angst und Entzucken. Es war mir, als hore ich ein leises Gesprach. Ich raffte mich auf, ich trat aus der Kapelle, und siehe, langsamen Schrittes, nicht fern von mir, wandelten zwei Nonnen, in ihrer Mitte eine Novize. Ach, es war gewiss Aurelie mich uberfiel ein krampfhaftes Zittern mein Atem stockte ich wollte vorschreiten, aber keines Schrittes machtig, sank ich zu Boden. Die Nonnen, mit ihnen die Novize, verschwanden im Gebusch. Welch ein Tag! welch eine Nacht! Immer nur Aurelie und Aurelie kein anderes Bild kein anderer Gedanke fand Raum in meinem Innern.

Sowie die ersten Strahlen des Morgens aufgingen, verkundigten die Glocken des Klosters das Fest der Einkleidung Aureliens, und bald darauf versammelten sich die Bruder in einem grossen Saal; die Abtissin trat, von zwei Schwestern begleitet, herein. Unbeschreiblich ist das Gefuhl, das mich durchdrang, als ich die wiedersah, die meinen Vater so innig liebte, und unerachtet er durch Freveltaten ein Bundnis, das ihm das hochste Erdengluck erwerben musste, gewaltsam zerriss, doch die Neigung, die ihr Gluck zerstort hatte, auf den Sohn ubertrug. Zur Tugend, zur Frommigkeit wollte sie diesen Sohn aufziehen, aber dem Vater gleich, haufte er Frevel auf Frevel und vernichtete so jede Hoffnung der frommen Pflegemutter, die in der Tugend des Sohnes Trost fur des sundigen Vaters Verderbnis finden wollte. Niedergesenkten Hauptes, den Blick zur Erde gerichtet, horte ich die kurze Rede an, worin die Abtissin nochmals der versammelten Geistlichkeit Aureliens Eintritt in das Kloster anzeigte und sie aufforderte, eifrig zu beten in dem entscheidenden Augenblick des Gelubdes, damit der Erbfeind nicht Macht haben moge, sinneverwirrendes Spiel zu treiben zur Qual der frommen Jungfrau. "Schwer," sprach die Abtissin, "schwer waren die Prufungen, die die Jungfrau zu uberstehen hatte. Der Feind wollte sie verlocken zum Bosen, und alles, was die List der Holle vermag, wandte er an, sie zu betoren, dass sie, ohne Boses zu ahnen, sundige und dann, aus dem Traum erwachend, untergehe in Schmach und Verzweiflung. Doch die ewige Macht beschutzte das Himmelskind, und mag denn der Feind auch noch heute es versuchen, ihr verderblich zu nahen, ihr Sieg uber ihn wird desto glorreicher sein. Betet betet, meine Bruder, nicht darum, dass die Christusbraut nicht wanke, denn fest und standhaft ist ihr dem Himmlischen ganz zugewandter Sinn, sondern dass kein irdisches Unheil die fromme Handlung unterbreche. Eine Bangigkeit hat sich meines Gemuts bemachtigt, der ich nicht zu widerstehen vermag!"

Es war klar, dass die Abtissin mich mich allein den Teufel der Versuchung nannte, dass sie meine Ankunft mit der Einkleidung Aureliens in Bezug, dass sie vielleicht in mir die Absicht irgend einer Greueltat voraussetzte. Das Gefuhl der Wahrheit meiner Reue, meiner Busse, der Uberzeugung, dass mein Sinn geandert worden, richtete mich empor. Die Abtissin wurdigte mich nicht eines Blickes; tief im Innersten gekrankt, regte sich in mir jener bittere, verhohnende Hass, wie ich ihn sonst in der Residenz bei dem Anblick der Furstin gefuhlt, und statt dass ich, ehe die Abtissin jene Worte sprach, mich hatte vor ihr niederwerfen mogen in den Staub, wollte ich keck und kuhn vor sie hintreten und sprechen: "Warst du denn immer solch ein uberirdisches Weib, dass die Lust der Erde dir nicht aufging? ... Als du meinen Vater sahst, verwahrtest du denn immer dich so, dass der Gedanke der Sunde nicht Raum fand? ... Ei, sage doch, ob selbst dann, als schon die Inful und der Stab dich schmuckten, in unbewachten Augenblicken meines Vaters Bild nicht Sehnsucht nach irdischer Lust in dir aufregte? ... Was empfandest du denn, Stolze, als du den Sohn des Geliebten an dein Herz drucktest und den Namen des Verlorenen, war er gleich ein freveliger Sunder, so schmerzvoll riefst? Hast du jemals gekampft mit der dunklen Macht wie ich? Kannst du dich eines wahren Sieges erfreuen, wenn kein harter Kampf vorherging? Fuhlst du dich selbst so stark, dass du den verachtest, der dem machtigsten Feinde erlag und sich dennoch erhob in tiefer Reue und Busse?" Die plotzliche Anderung meiner Gedanken, die Umwandlung des Bussenden in den, der stolz auf den bestandenen Kampf fest einschreitet in das wiedergewonnene Leben, muss selbst im Aussern sichtlich gewesen sein. Denn der neben mir stehende Bruder frug: "Was ist dir, Medardus, warum wirfst du solche sonderbare zurnende Blicke auf die hochheilige Frau?" "Ja," erwiderte ich halblaut, "wohl mag es eine hochheilige Frau sein, denn sie stand immer so hoch, dass das Profane sie nicht erreichen konnte, doch kommt sie mir jetzt nicht sowohl wie eine christliche, sondern wie eine heidnische Priesterin vor, die sich bereitet, mit gezucktem Messer das Menschenopfer zu vollbringen." Ich weiss selbst nicht, wie ich dazu kam, die letzten Worte, die ausser meiner Ideenreihe lagen, zu sprechen, aber mit ihnen drangten sich im bunten Gewirr Bilder durcheinander, die nur im Entsetzlichsten sich zu einen schienen. Aurelie sollte auf immer die Welt verlassen, sie sollte, wie ich, durch ein Gelubde, das mir jetzt nur die Ausgeburt des religiosen Wahnsinns schien, dem Irdischen entsagen? So wie ehemals, als ich, dem Satan verkauft, in Sunde und Frevel den hochsten, strahlendsten Lichtpunkt des Lebens zu schauen wahnte, dachte ich jetzt daran, dass beide, ich und Aurelie, im Leben, sei es auch nur durch den einzigen Moment des hochsten irdischen Genusses, vereint und dann als der unterirdischen Macht Geweihte sterben mussten. Ja, wie ein grasslicher Unhold, wie der Satan selbst ging der Gedanke des Mordes mir durch die Seele! Ach, ich Verblendeter gewahrte nicht, dass in dem Moment, als ich der Abtissin Worte auf mich deutete, ich preisgegeben war der vielleicht hartesten Prufung, dass der Satan Macht bekommen uber mich und mich verlocken wollte zu dem Entsetzlichsten, das ich noch begangen! Der Bruder, zu dem ich gesprochen, sah mich erschrocken an: "Um Jesus und der heiligen Jungfrau willen, was sagt Ihr da!" so sprach er; ich schaute nach der Abtissin, die im Begriff stand, den Saal zu verlassen, ihr Blick fiel auf mich, totenbleich starrte sie mich an, sie wankte, die Nonnen mussten sie unterstutzen. Es war mir, als lisple sie die Worte: "O all ihr Heiligen, meine Ahnung." Bald darauf wurde der Prior Leonardus zu ihr gerufen. Schon lauteten aufs neue alle Glocken des Klosters, und dazwischen tonten die donnernden Tone der Orgel, die Weihgesange der im Chor versammelten Schwestern, durch die Lufte, als der Prior wieder in den Saal trat. Nun begaben sich die Bruder der verschiedenen Orden in feierlichem Zuge nach der Kirche, die von Menschen beinahe so uberfullt war, als sonst am Tage des heiligen Bernardus. An einer Seite des mit duftenden Rosen geschmuckten Hochaltars waren erhohte Sitze fur die Geistlichkeit angebracht der Tribune gegenuber, auf welcher die Kapelle des Bischofs die Musik des Amts, welches er selbst hielt, ausfuhrte. Leonardus rief mich an seine Seite, und ich bemerkte, dass er angstlich auf mich wachte; die kleinste Bewegung erregte seine Aufmerksamkeit; er hielt mich an, fortwahrend aus meinem Brevier zu beten. Die Klaren Nonnen versammelten sich in dem mit einem niedrigen Gitter eingeschlossenen Platz dicht vor dem Hochaltar, der entscheidende Augenblick kam; aus dem Innern des Klosters, durch die Gitterture hinter dem Altar fuhrten die Zisterzienser Nonnen Aurelien herbei. Ein Gefluster rauschte durch die Menge, als sie sichtbar worden, die Orgel schwieg, und der einfache Hymnus der Nonnen erklang in wunderbaren, tief ins Innerste dringenden Akkorden. Noch hatte ich keinen Blick aufgeschlagen; von einer furchtbaren Angst ergriffen, zuckte ich krampfhaft zusammen, so dass mein Brevier zur Erde fiel. Ich buckte mich darnach, es aufzuheben, aber ein plotzlicher Schwindel hatte mich von dem hohen Sitz herabgesturzt, wenn Leonardus mich nicht fasste und festhielt. "Was ist dir, Medardus," sprach der Prior leise, "du befindest dich in seltsamer Bewegung, widerstehe dem bosen Feinde, der dich treibt." Ich fasste mich mit aller Gewalt zusammen, ich schaute auf und erblickte Aurelien, vor dem Hochaltar knieend. O Herr des Himmels, in hoher Schonheit und Anmut strahlte sie mehr als je! Sie war brautlich ach! ebenso wie an jenem verhangnisvollen Tage, da sie mein werden sollte, gekleidet. Bluhende Myrten und Rosen im kunstlich geflochtenen Haar. Die Andacht, das Feierliche des Moments hatte ihre Wangen hoher gefarbt, und in dem zum Himmel gerichteten Blick lag der volle Ausdruck himmlischer Lust. Was waren jene Augenblicke, als ich Aurelien zum erstenmal, als ich sie am Hofe des Fursten sah, gegen dieses Wiedersehen. Rasender als jemals flammte in mir die Glut der Liebe der wilden Begier auf "O Gott, o, all ihr Heiligen! lasst mich nicht wahnsinnig werden, nur nicht wahnsinnig rettet mich, rettet mich von dieser Pein der Holle Nur nicht wahnsinnig lasst mich werden denn das Entsetzliche muss ich sonst tun und meine Seele preisgeben der ewigen Verdammnis!" So betete ich im Innern, denn ich fuhlte, wie immer mehr und mehr der bose Geist uber mich Herr werden wollte. Es war mir, als habe Aurelie teil an dem Frevel, den ich nur beging, als sei das Gelubde, das sie zu leisten gedachte, in ihren Gedanken nur der feierliche Schwur, vor dem Altar des Herrn mein zu sein. Nicht die Christusbraut, des Monchs, der sein Gelubde brach, verbrecherisches Weib sah ich in ihr. Sie mit aller Inbrunst der wutenden Begier umarmen und dann ihr den Tod geben der Gedanke erfasste mich unwiderstehlich. Der bose Geist trieb mich wilder und wilder schon wollte ich schreien: "Haltet ein, verblendete Toren! Nicht die von irdischem Triebe reine Jungfrau, die Braut des Monchs wollt ihr erheben zur Himmelsbraut!" mich hinabsturzen unter die Nonnen, sie herausreissen ich fasste in die Kutte, ich suchte nach dem Messer, da war die Zeremonie so weit gediehen, dass Aurelie anfing, das Gelubde zu sprechen. Als ich ihre Stimme horte, war es, als brache milder Mondesglanz durch die schwarzen, von wildem Sturm gejagten Wetterwolken. Licht wurde es in mir, und ich erkannte den bosen Geist, dem ich mit aller Gewalt widerstand. Jedes Wort Aureliens gab mir neue Kraft, und im heissen Kampf wurde ich bald Sieger. Entflohen war jeder schwarze Gedanke des Frevels, jede Regung der irdischen Begier. Aurelie war die fromme Himmelsbraut, deren Gebet mich retten konnte von ewiger Schmach und Verderbnis. Ihr Gelubde war mein Trost, meine Hoffnung, und hell ging in mir die Heiterkeit des Himmels auf. Leonardus, den ich nun erst wieder bemerkte, schien die Anderung in meinem Innern wahrzunehmen, denn mit sanfter Stimme sprach er: "Du hast dem Feinde widerstanden, mein Sohn! Das war wohl die letzte schwere Prufung, die dir die ewige Macht auferlegt!"

Das Gelubde war gesprochen; wahrend eines Wechselgesanges, den die Klaren Schwestern anstimmten, wollte man Aurelien das Nonnengewand anlegen. Schon hatte man die Myrten und Rosen aus dem Haar geflochten, schon stand man im Begriff, die herabwallenden Locken abzuschneiden, als ein Getummel in der Kirche entstand ich sah, wie die Menschen auseinander gedrangt und zu Boden geworfen wurden; naher und naher wirbelte der Tumult. Mit rasender Gebarde, mit wildem, entsetzlichen Blick drangte sich ein halbnackter Mensch (die Lumpen eines Kapuzinerrocks hingen ihm um den Leib), alles um sich her mit geballten Fausten niederstossend, durch die Menge. Ich erkannte meinen grasslichen Doppeltganger, aber in demselben Moment, als ich, Entsetzliches ahnend, hinabspringen und mich ihm entgegenwerfen wollte, hatte der wahnsinnige Unhold die Galerie, die den Platz des Hochaltars einschloss, ubersprungen. Die Nonnen staubten schreiend auseinander; die Abtissin hatte Aurelien fest in ihre Arme eingeschlossen. "Ha ha ha! " kreischte der Rasende mit gellender Stimme, "wollt ihr mir die Prinzessin rauben? Ha ha ha! Die Prinzessin ist mein Brautchen, mein Brautchen" und damit riss er Aurelien empor und stiess ihr das Messer, das er hochgeschwungen in der Hand hielt, bis an das Heft in die Brust, dass des Blutes Springquell hoch emporspritzte. "Juchhe Juch Juch nun hab ich mein Brautchen, nun hab ich die Prinzessin gewonnen!" So schrie der Rasende auf und sprang hinter den Hochaltar, durch die Gitterture fort in die Klostergange. Voll Entsetzen kreischten die Nonnen auf. "Mord Mord am Altar des Herrn", schrie das Volk, nach dem Hochaltar sturmend. "Besetzt die Ausgange des Klosters, dass der Morder nicht entkomme", rief Leonardus mit lauter Stimme, und das Volk sturzte hinaus, und wer von den Monchen rustig war, ergriff die im Winkel stehenden Prozessionsstabe und setzte dem Unhold nach durch die Gange des Klosters. Alles war die Tat eines Augenblicks; bald kniete ich neben Aurelien, die Nonnen hatten mit weissen Tuchern die Wunde, so gut es gehen wollte, verbunden und standen der ohnmachtigen Abtissin bei. Eine starke Stimme sprach neben mir: "Sancta Rosalia, ora pro nobis", und alle, die noch in der Kirche geblieben, riefen laut: "Ein Mirakel ein Mirakel, ja sie ist eine Martyrin. Sancta Rosalia, ora pro nobis." Ich schaute auf. Der alte Maler stand neben mir, aber ernst und mild, so wie er mir im Kerker erschien. Kein irdischer Schmerz uber Aureliens Tod, kein Entsetzen uber die Erscheinung des Malers konnte mich fassen, denn in meiner Seele dammerte es auf, wie nun die ratselhaften Schlingen, die die dunkle Macht geknupft, sich losten.

"Mirakel, Mirakel!" schrie das Volk immerfort, "seht ihr wohl den alten Mann im violetten Mantel? Der ist aus dem Bilde des Hochaltars herabgestiegen ich habe es gesehen ich auch ich auch " riefen mehrere Stimmen durcheinander, und nun sturzte alles auf die Knie nieder, und das verworrene Getummel verbrauste und ging uber in ein von heftigem Schluchzen und Weinen unterbrochenes Gemurmel des Gebets. Die Abtissin erwachte aus der Ohnmacht und sprach mit dem herzzerschneidenden Ton des tiefen, gewaltigen Schmerzes: "Aurelie! mein Kind! meine fromme Tochter! ewiger Gott es ist dein Ratschluss!" Man hatte eine mit Polstern und Decken belegte Bahre herbeigebracht. Als man Aurelien hinaufhob, seufzte sie tief und schlug die Augen auf. Der Maler stand hinter ihrem Haupte, auf das er seine Hand gelegt. Er war anzusehen wie ein machtiger Heiliger, und alle, selbst die Abtissin, schienen von wunderbarer scheuer Ehrfurcht durchdrungen. Ich kniete beinahe dicht an der Seite der Bahre. Aureliens Blick fiel auf mich, da erfasste mich tiefer Jammer uber der Heiligen schmerzliches Martyrertum. Keines Wortes machtig, war es nur ein dumpfer Schrei, den ich ausstiess. Da sprach Aurelie sanft und leise: "Was klagest du uber die, welche von der ewigen Macht des Himmels gewurdigt wurde, von der Erde zu scheiden in dem Augenblick, als sie die Nichtigkeit alles Irdischen erkannt, als die unendliche Sehnsucht nach dem Reich der ewigen Freude und Seligkeit ihre Brust erfullte?" Ich war aufgestanden, ich war dicht an die Bahre getreten. "Aurelie," sprach ich, "heilige Jungfrau! Nur einen einzigen Augenblick senke deinen Blick herab aus den hohen Regionen, sonst muss ich vergehen, in meine Seele, mein innerstes Gemut zerruttenden, verderbenden Zweifeln. Aurelie! verachtest du den Frevler, der, wie der bose Feind selbst, in dein Leben trat? Ach! schwer hat er gebusst aber er weiss es wohl, dass alle Busse seiner Sunden Mass nicht mindert Aurelie! bist du versohnt im Tode?" Wie von Engelsfittichen beruhrt, lachelte Aurelie und schloss die Augen. "O, Heiland der Welt heilige Jungfrau so bleibe ich zuruck, ohne Trost der Verzweiflung hingegeben! O Rettung! Rettung von hollischem Verderben!" So betete ich inbrunstig, da schlug Aurelie noch einmal die Augen auf und sprach: "Medardus nachgegeben hast du der bosen Macht! Aber blieb ich denn rein von der Sunde, als ich irdisches Gluck zu erlangen hoffte in meiner verbrecherischen Liebe? Ein besonderer Ratschluss des Ewigen hatte uns bestimmt, schwere Verbrechen unseres freveligen Stammes zu suhnen, und so vereinigte uns das Band der Liebe, die nur uber den Sternen thront und die nichts gemein hat mit irdischer Lust. Aber dem listigen Feinde gelang es, die tiefe Bedeutung unserer Liebe uns zu verhullen, ja uns auf entsetzliche Weise zu verlocken, dass wir das Himmlische nur deuten konnten auf irdische Weise. Ach! war ich es denn nicht, die dir ihre Liebe bekannte im Beichtstuhl, aber statt den Gedanken der ewigen Liebe in dir zu entzunden, die hollische Glut der Lust in dir entflammte, welche du, da sie dich verzehren wollte, durch Verbrechen zu loschen gedachtest? Fasse Mut, Medardus! Der wahnsinnige Tor, den der bose Feind verlockt hat zu glauben, er sei du und musse vollbringen, was du begonnen, war das Werkzeug des Himmels, durch das sein Ratschluss vollendet wurde. Fasse Mut, Medardus bald, bald..." Aurelie, die das letzte schon mit geschlossenen Augen und horbarer Anstrengung gesprochen, wurde ohnmachtig, doch der Tod konnte sie noch nicht erfassen. "Hat sie Euch gebeichtet, ehrwurdiger Herr? Hat sie Euch gebeichtet?" so frugen mich neugierig die Nonnen. "Mit nichten," erwiderte ich, "nicht ich, sie hat meine Seele mit himmlischen Trost erfullt." "Wohl dir, Medardus, bald ist deine Prufungszeit beendet und wohl mir dann!" Es war der Maler, der diese Worte sprach. Ich trat auf ihn zu: "So verlasst mich nicht, wunderbarer Mann." Ich weiss selbst nicht, wie meine Sinne, indem ich weiter sprechen wollte, auf seltsame Weise betaubt worden; ich geriet in einen Zustand zwischen Wachen und Traumen, aus dem mich ein lautes Rufen und Schreien erweckte. Ich sah den Maler nicht mehr. Bauern Burgersleute Soldaten waren in die Kirche gedrungen und verlangten durchaus, dass ihnen erlaubt werden solle, das ganze Kloster zu durchsuchen, um den Morder Aureliens, der noch im Kloster sein musse, aufzufinden. Die Abtissin, mit Recht Unordnungen befurchtend, verweigerte dies, aber ihres Ansehens unerachtet, vermochte sie nicht die erhitzten Gemuter zu beschwichtigen. Man warf ihr vor, dass sie aus kleinlicher Furcht den Morder verhehle, weil er ein Monch sei, und immer heftiger tobend, schien das Volk sich zum Sturmen des Klosters aufzuregen. Da bestieg Leonardus die Kanzel und sagte dem Volk nach einigen kraftigen Worten uber die Entweihung heiliger Statten, dass der Morder keinesweges ein Monch, sondern ein Wahnsinniger sei, den er im Kloster zur Pflege aufgenommen, den er, als er tot geschienen, im Ordenshabit nach der Totenkammer bringen lassen, der aber aus dem todahnlichen Zustande erwacht und entsprungen sei. Ware er noch im Kloster, so wurden es ihm die getroffenen Massregeln unmoglich machen, zu entspringen. Das Volk beruhigte sich und verlangte nur, dass Aurelie nicht durch die Gange, sondern uber den Hof in feierlicher Prozession nach dem Kloster gebracht werden solle. Dies geschah. Die verschuchterten Nonnen hoben die Bahre auf, die man mit Rosen bekranzt hatte. Auch Aurelie war, wie vorher, mit Myrten und Rosen geschmuckt. Dicht hinter der Bahre, uber welche vier Nonnen den Baldachin trugen, schritt die Abtissin, von zwei Nonnen unterstutzt, die ubrigen folgten mit den Klaren Schwestern, dann die Bruder der verschiedenen Orden, ihnen schloss sich das Volk an, und so bewegte sich der Zug durch die Kirche. Die Schwester, welche die Orgel spielte, musste sich auf den Chor begeben haben, denn sowie der Zug in der Mitte der Kirche war, ertonten dumpf und schauerlich tiefe Orgeltone vom Chor herab. Aber siehe, da richtete sich Aurelie langsam auf und erhob die Hande betend zum Himmel, und aufs neue sturzte alles Volk auf die Knie nieder und rief: "Sancta Rosalia, ora pro nobis." So wurde das wahr, was ich, als ich Aurelien zum erstenmal sah, in satanischer Verblendung nur frevelig heuchelnd, verkundet.

Als die Nonnen in dem untern Saal des Klosters die Bahre niedersetzten, als Schwestern und Bruder betend im Kreis umherstanden, sank Aurelie mit einem tiefen Seufzer der Abtissin, die neben ihr kniete, in die Arme. Sie war tot! Das Volk wich nicht von der Klosterpforte, und als nun die Glocken den irdischen Untergang der frommen Jungfrau verkundeten, brach alles aus in Schluchzen und Jammergeschrei. Viele taten das Gelubde, bis zu Aureliens Exequien in dem Dorf zu bleiben und erst nach denselben in die Heimat zuruckzufahren, wahrend der Zeit aber strenge zu fasten. Das Gerucht von der entsetzlichen Untat und von dem Martyrium der Braut des Himmels verbreitete sich schnell, und so geschah es, dass Aureliens Exequien, die nach vier Tagen begangen wurden, einem hohen, die Verklarung einer Heiligen feiernden Jubelfest glichen. Denn schon tages vorher war die Wiese vor dem Kloster, wie sonst am Bernardustage, mit Menschen bedeckt, die, sich auf den Boden lagernd, den Morgen erwarteten. Nur statt des frohen Getummels horte man fromme Seufzer und ein dumpfes Murmeln. Von Mund zu Mund ging die Erzahlung von der entsetzlichen Tat am Hochaltar der Kirche, und brach einmal eine laute Stimme hervor, so geschah es in Verwunschungen des Morders, der spurlos verschwunden blieb.

Von tieferer Einwirkung auf das Heil meiner Seele waren wohl diese vier Tage, die ich meistens einsam in der Kapelle des Gartens zubrachte, als die lange strenge Busse im Kapuzinerkloster bei Rom. Aureliens letzte Worte hatten mir das Geheimnis meiner Sunden erschlossen, und ich erkannte, dass ich, ausgerustet mit aller Kraft der Tugend und Frommigkeit, doch wie ein mutloser Feigling dem Satan, der den verbrecherischen Stamm zu hegen trachtete, dass er fort und fort gedeihe, nicht zu widerstehen vermochte. Gering war der Keim des Bosen in mir, als ich des Konzertmeisters Schwester sah, als der frevelige Stolz in mir erwachte, aber da spielte mir der Satan jenes Elixier in die Hande, das mein Blut wie ein verdammtes Gift in Garung setzte. Nicht achtete ich des unbekannten Malers, des Priors, der Abtissin ernste Mahnung. Aureliens Erscheinung am Beichtstuhl vollendete den Verbrecher. Wie eine physische Krankheit von jenem Gift erzeugt, brach die Sunde hervor. Wie konnte der dem Satan Ergebene das Band erkennen, das die Macht des Himmels als Symbol der ewigen Liebe um mich und Aurelien geschlungen? Schadenfroh fesselte mich der Satan an einen Verruchten, in dessen Sein mein Ich eindringen, so wie er geistig auf mich einwirken musste. Seinen scheinbaren Tod, vielleicht das leere Blendwerk des Teufels, musste ich mir zuschreiben. Die Tat machte mich vertraut mit dem Gedanken des Mordes, der dem teuflischen Trug folgte. So war der in verruchter Sunde erzeugte Bruder das vom Teufel beseelte Prinzip, das mich in die abscheulichsten Frevel sturzte und mich mit den grasslichsten Qualen umhertrieb. Bis dahin, als Aurelie nach dem Ratschluss der ewigen Macht ihr Gelubde sprach, war mein Innres nicht rein von der Sunde; bis dahin hatte der Feind Macht uber mich, aber die wunderbare innere Ruhe, die wie von oben herabstrahlende Heiterkeit, die uber mich kam, als Aurelie die letzten Worte gesprochen, uberzeugte mich, dass Aureliens Tod die Verheissung der Suhne sei. Als in dem feierlichen Requiem der Chor die Worte sang: "Confutatis maledictis flammis acribus addictis," fuhlte ich mich erheben, aber bei dem "Voca me cum benedictis" war es mir, als sahe ich in himmlischer Sonnenklarheit Aurelien, wie sie erst auf mich niederblickte und dann ihr von einem strahlenden Sternenringe umgebenes Haupt zum hochsten Wesen erhob, um fur das ewige Heil meiner Seele zu bitten! "Oro supplex et acclinis cor contritum quasi cinis!" Nieder sank ich in den Staub, aber wie wenig glich mein inneres Gefuhl, mein demutiges Flehen jener leidenschaftlichen Zerknirschung, jenen grausamen, wilden Bussubungen im Kapuzinerkloster. Erst jetzt war mein Geist fahig, das Wahre von dem Falschen zu unterscheiden, und bei diesem klaren Bewusstsein musste jede neue Prufung des Feindes wirkungslos bleiben. Nicht Aureliens Tod, sondern nur die als grasslich und entsetzlich erscheinende Art desselben hatte mich in den ersten Augenblicken so tief erschuttert; aber wie bald erkannte ich, dass die Gunst der ewigen Macht sie das Hochste bestehen liess! Das Martyrium der gepruften, entsundigten Christusbraut! War sie denn fur mich untergegangen? Nein! jetzt erst, nachdem sie der Erde voller Qual entruckt, wurde sie mir der reine Strahl der ewigen Liebe, der in meiner Brust aufgluhte. Ja! Aureliens Tod war das Weihfest jener Liebe, die, wie Aurelie sprach, nur uber den Sternen thront und nichts gemein hat mit dem Irdischen. Diese Gedanken erhoben mich uber mein irdisches Selbst, und so waren wohl jene Tage im Zisterzienserkloster die wahrhaft seligsten meines Lebens.

Nach der Exportation, welche am folgenden Morgen stattfand, wollte Leonardus mit den Brudern nach der Stadt zuruckkehren; die Abtissin liess mich, als schon der Zug beginnen sollte, zu sich rufen. Ich fand sie allein in ihrem Zimmer, sie war in der hochsten Bewegung, die Tranen sturzten ihr aus den Augen. "Alles alles weiss ich jetzt, mein Sohn Medardus! Ja, ich nenne dich so wieder, denn uberstanden hast du die Prufungen, die uber dich Unglucklichen, Bedauernswurdigen ergingen! Ach, Medardus, nur sie, nur sie, die am Throne Gottes unsere Fursprecherin sein mag, ist rein von der Sunde. Stand ich nicht am Rande des Abgrundes, als ich, von dem Gedanken an irdische Lust erfullt, dem Morder mich verkaufen wollte? Und doch Sohn Medardus! verbrecherische Tranen hab' ich geweint in einsamer Zelle, deines Vaters gedenkend! Gehe, Sohn Medardus! Jeder Zweifel, dass ich vielleicht zu mir selbst anzurechnenden Schuld in dir den freveligsten Sunder erzog, ist aus meiner Seele verschwunden."

Leonardus, der gewiss der Abtissin alles enthullt hatte, was ihr aus meinem Leben noch unbekannt geblieben, bewies mir durch sein Betragen, dass auch er mir verziehen und dem Hochsten anheimgestellt hatte, wie ich vor seinem Richterstuhl bestehen werde. Die alte Ordnung des Klosters war geblieben, und ich trat in die Reihe der Bruder ein wie sonst. Leonardus sprach eines Tages zu mir: "Ich mochte dir, Bruder Medardus, wohl noch eine Bussubung aufgeben." Demutig frug ich, worin sie bestehen solle. "Du magst", erwiderte der Prior, "die Geschichte deines Lebens genau aufschreiben. Keinen der merkwurdigen Vorfalle, auch selbst der unbedeutenderen, vorzuglich nichts, was dir im bunten Weltleben widerfuhr, darfst du auslassen. Die Phantasie wird dich wirklich in die Welt zuruckfuhren, du wirst alles Grauenvolle, Possenhafte, Schauerliche und Lustige noch einmal fuhlen, ja es ist moglich, dass du im Moment Aurelien anders, nicht als die Nonne Rosalia, die das Martyrium bestand, erblickst; aber hat der Geist des Bosen dich ganz verlassen, hast du dich ganz vom Irdischen abgewendet, so wirst du wie ein hoheres Prinzip uber alles schweben, und so wird jener Eindruck keine Spur hinterlassen." Ich tat, wie der Prior geboten. Ach! wohl geschah es so, wie er es ausgesprochen! Schmerz und Wonne, Grauen und Lust Entsetzen und Entzucken sturmten in meinem Innern, als ich mein Leben schrieb. Du, der du einst diese Blatter liesest, ich sprach zu dir von der Liebe hochster Sonnenzeit, als Aureliens Bild mir im regen Leben aufging! Es gibt Hoheres als irdische Lust, die meistens nur Verderben bereitet dem leichtsinnigen, blodsinnigen Menschen, und das ist jene hochste Sonnenzeit, wenn, fern von dem Gedanken freveliger Begier, die Geliebte wie ein Himmelsstrahl alles Hohere, alles, was aus dem Reich der Liebe segensvoll herabkommt auf den armen Menschen, in deiner Brust entzundet. Dieser Gedanke hat mich erquickt, wenn bei der Erinnerung an die herrlichsten Momente, die mir die Welt gab, heisse Tranen den Augen entsturzten und alle langst verharrschte Wunden aufs neue bluteten.

Ich weiss, dass vielleicht noch im Tode der Widersacher Macht haben wird, den sundigen Monch zu qualen, aber standhaft, ja mit inbrunstiger Sehnsucht erwarte ich den Augenblick, der mich der Erde entruckt, denn es ist der Augenblick der Erfullung alles dessen, was mir Aurelie, ach! die heilige Rosalia selbst, im Tode verheissen. Bitte bitte fur mich, o heilige Jungfrau, in der dunklen Stunde, dass die Macht der Holle, der ich so oft erlegen, nicht mich bezwinge und hinabreisse in den Pfuhl ewiger Verderbnis!

Nachtrag des Paters Spiridion,

Bibliothekar des Kapuzinerklosters zu B.

In der Nacht vom dritten auf den vierten September des Jahres 17** hat sich viel Wunderbares in unserm Kloster ereignet. Es mochte wohl um Mitternacht sein, als ich in der neben der meinigen liegenden Zelle des Bruders Medardus ein seltsames Kichern und Lachen und wahrenddessen ein dumpfes klagliches Achzen vernahm. Mir war es, als hore ich deutlich von einer sehr hasslichen, widerwartigen Stimme die Worte sprechen: "Komm mit mir, Bruderchen Medardus, wir wollen die Braut suchen." Ich stand auf und wollte mich zum Bruder Medardus begeben, da uberfiel mich aber ein besonderes Grauen, so dass ich wie von dem Frost eines Fiebers ganz gewaltig durch alle Glieder geschuttelt wurde; ich ging demnach, statt in des Medardus Zelle, zum Prior Leonardus, weckte ihn nicht ohne Muhe und erzahlte ihm, was ich vernommen. Der Prior erschrak sehr, sprang auf und sagte, ich solle geweihte Kerzen holen und wir wollten uns beide dann zum Bruder Medardus begeben. Ich tat, wie mir geheissen, zundete die Kerzen an der Lampe des Muttergottesbildes auf dem Gange an, und wir stiegen die Treppe hinauf. So sehr wir aber auch horchen mochten, die abscheuliche Stimme, die ich vernommen, liess sich nicht wieder horen. Statt dessen horten wir leise liebliche Glockenklange, und es war so, als verbreite sich ein feiner Rosenduft. Wir traten naher, da offnete sich die Ture der Zelle, und ein wunderlicher grosser Mann mit weissem krausen Bart, in einem violetten Mantel, schritt heraus; ich war sehr erschrocken, denn ich wusste wohl, dass der Mann ein drohendes Gespenst sein musste, da die Klosterpforten fest verschlossen waren, mithin kein Fremder eindringen konnte; aber Leonardus schaute ihn keck an, jedoch ohne ein Wort zu sagen. "Die Stunde der Erfullung ist nicht mehr fern", sprach die Gestalt sehr dumpf und feierlich und verschwand in dem dunklen Gang, so dass meine Bangigkeit noch starker wurde und ich schier hatte die Kerze aus der zitternden Hand fallen lassen mogen. Aber der Prior, der ob seiner Frommigkeit und Starke im Glauben nach Gespenstern nicht viel fragt, fasste mich beim Arm und sagte: "Nun wollen wir in die Zelle des Bruders Medardus treten." Das geschah denn auch. Wir fanden den Bruder, der schon seit einiger Zeit sehr schwach worden, im Sterben, der Tod hatte ihm die Zunge gebunden, er rochelte nur noch was weniges. Leonardus blieb bei ihm, und ich weckte die Bruder, indem ich die Glocke stark anzog und mit lauter Stimme rief: "Steht auf! steht auf! Der Bruder Medardus liegt im Tode!" Sie standen auch wirklich auf, so dass nicht ein einziger fehlte, als wir mit angebrannten Kerzen uns zu dem sterbenden Bruder begaben. Alle, auch ich, der ich dem Grauen endlich widerstanden, uberliessen uns vieler Betrubnis. Wir trugen den Bruder Medardus auf einer Bahre nach der Klosterkirche und setzten ihn vor dem Hochaltar nieder. Da erholte er sich zu unserm Erstaunen und fing an zu sprechen, so dass Leonardus selbst sogleich nach vollendeter Beichte und Absolution die letzte Olung vornahm. Nachher begaben wir uns, wahrend Leonardus unten blieb und immerfort mit dem Bruder Medardus redete, in den Chor und sangen die gewohnlichen Totengesange fur das Heil der Seele des sterbenden Bruders. Gerade als die Glocke des Klosters den andern Tag, namlich am funften September des Jahres 17**, mittags zwolfe schlug, verschied Bruder Medardus in des Priors Armen. Wir bemerkten, dass es Tag und Stunde war, in der voriges Jahr die Nonne Rosalia auf entsetzliche Weise, gleich nachdem sie das Gelubde abgelegt, ermordet wurde. Bei dem Requiem und der Exportation hat sich noch folgendes ereignet. Bei dem Requiem namlich verbreitete sich ein sehr starker Rosenduft, und wir bemerkten, dass an dem schonen Bilde der heiligen Rosalia, das von einem sehr alten unbekannten italienischen Maler verfertigt sein soll und das unser Kloster von den Kapuzinern in der Gegend von Rom fur erkleckliches Geld erkaufte, so dass sie nur eine Kopie des Bildes behielten, ein Strauss der schonsten, in dieser Jahreszeit seltenen Rosen befestigt war. Der Bruder Pfortner sagte, dass am fruhen Morgen ein zerlumpter, sehr elend aussehender Bettler, von uns unbemerkt, hinaufgestiegen und den Strauss an das Bild geheftet habe. Derselbe Bettler fand sich bei der Exportation ein und drangte sich unter die Bruder. Wir wollten ihn zuruckweisen, als aber der Prior Leonardus ihn scharf angeblickt hatte, befahl er, ihn unter uns zu leiden. Er nahm ihn als Laienbruder im Kloster auf; wir nannten ihn Bruder Peter, da er im Leben Peter Schonfeld geheissen, und gonnten ihm den stolzen Namen, weil er uberaus still und gutmutig war, wenig sprach und nur zuweilen sehr possierlich lachte, welches, da es gar nichts Sundliches hatte, uns sehr ergotzte. Der Prior Leonardus sprach einmal, des Peters Licht sei im Dampf der Narrheit verloscht, in die sich in seinem Innern die Ironie des Lebens umgestaltet. Wir verstanden alle nicht, was der gelehrte Leonardus damit sagen wollte, merkten aber wohl, dass er mit dem Laienbruder Peter langst bekannt sein musse. So habe ich den Blattern, die des Bruders Medardi Leben enthalten sollen, die ich aber nicht gelesen, die Umstande seines Todes sehr genau und nicht ohne Muhe ad majorem dei gloriam hinzugefugt. Friede und Ruhe dem entschlafenen Bruder Medardus, der Herr des Himmels lasse ihn dereinst frohlich auferstehen und nehme ihn auf in den Chor heiliger Manner, da er sehr fromm gestorben.