Joseph von Eichendorff
Ahnung und Gegenwart
Erstes Buch
Erstes Kapitel
Die Sonne war eben prachtig aufgegangen, da fuhr ein Schiff zwischen den grunen Bergen und Waldern auf der Donau herunter. Auf dem Schiffe befand sich ein lustiges Haufchen Studenten. Sie begleiteten einige Tagereisen weit den jungen Grafen Friedrich, welcher soeben die Universitat verlassen hatte, um sich auf Reisen zu begeben. Einige von ihnen hatten sich auf dem Verdecke auf ihre ausgebreitete Mantel hingestreckt und wurfelten. Andere hatten alle Augenblick neue Burgen zu salutieren, neue Echos zu versuchen, und waren daher ohne Unterlass beschaftigt, ihre Gewehre zu laden und abzufeuern. Wieder andere ubten ihren Witz an allen, die das Ungluck hatten am Ufer voruberzugehen, und diese aus der Luft gegriffene Unterhaltung endigte dann gewohnlich mit lustigen Schimpfreden, welche wechselseitig so lange fortgesetzt wurden, bis beide Parteien einander langst nicht mehr verstanden. Mitten unter ihnen stand Graf Friedrich in stiller, beschaulicher Freude. Er war grosser als die andern, und zeichnete sich durch ein einfaches, freies, fast altritterliches Ansehen aus. Er selbst sprach wenig, sondern ergotzte sich vielmehr still in sich an den Ausgelassenheiten der lustigen Gesellen; ein gemeiner Menschensinn hatte ihn leicht fur einfaltig gehalten. Von beiden Seiten sangen die Vogel aus dem Walde, der Widerhall von dem Rufen und Schiessen irrte weit in den Bergen umher, ein frischer Wind strich uber das Wasser, und so fuhren die Studenten in ihren bunten, phantastischen Trachten wie das Schiff der Argonauten. Und so fahre denn, frische Jugend! Glaube es nicht, dass es einmal anders wird auf Erden. Unsere freudigen Gedanken werden niemals alt und die Jugend ist ewig.
Wer von Regensburg her auf der Donau hinabgefahren ist, der kennt die herrliche Stelle, welche der Wirbel genannt wird. Hohe Bergschluften umgeben den wunderbaren Ort. In der Mitte des Stromes steht ein seltsam geformter Fels, von dem ein hohes Kreuz trost- und friedenreich in den Sturz und Streit der emporten Wogen hinabschaut. Kein Mensch ist hier zu sehen, kein Vogel singt, nur der Wald von den Bergen und der furchtbare Kreis, der alles Leben in seinen unergrundlichen Schlund hinabzieht, rauschen hier seit Jahrhunderten gleichformig fort. Der Mund des Wirbels offnet sich von Zeit zu Zeit dunkelblickend, wie das Auge des Todes. Der Mensch fuhlt sich auf einmal verlassen in der Gewalt des feindseligen, unbekannten Elements, und das Kreuz auf dem Felsen tritt hier in seiner heiligsten und grossten Bedeutung hervor. Alle wurden bei diesem Anblicke still und atmeten tief uber dem Wellenrauschen. Hier bog plotzlich ein anderes fremdes Schiff, das sie lange in weiter Entfernung verfolgt hatte, hinter ihnen um die Felsenecke. Eine hohe, junge, weibliche Gestalt stand ganz vorn auf dem Verdecke und sah unverwandt in den Wirbel hinab. Die Studenten waren von der plotzlichen Erscheinung in dieser dunkelgrunen Ode uberrascht und brachen einmutig in ein freudiges Hurra aus, dass es weit an den Bergen hinunterschallte. Da sah das Madchen auf einmal auf, und ihre Augen begegneten Friedrichs Blicken. Er fuhr innerlichst zusammen. Denn es war, als deckten ihre Blicke plotzlich eine neue Welt von bluhender Wunderpracht, uralten Erinnerungen und nie gekannten Wunschen in seinem Herzen auf. Er stand lange in ihrem Anblick versunken, und bemerkte kaum, wie indes der Strom nun wieder ruhiger geworden war und zu beiden Seiten schone Schlosser, Dorfer und Wiesen voruberflogen, aus denen der Wind das Gelaute weidender Herden heruberwehte.
Sie fuhren soeben an einer kleinen Stadt voruber. Hart am Ufer war eine Promenade mit Alleen. Herren und Damen gingen im Sonntagsputze spazieren, fuhrten einander, lachten, grussten und verbeugten sich hin und wieder, und eine lustige Musik schallte aus dem bunten, frohlichen Schwalle. Das Schiff, worauf die schone Unbekannte stand, folgte unsern Reisenden immerfort in einiger Entfernung nach. Der Strom war hier so breit und spiegelglatt wie ein See. Da ergriff einer von den Studenten seine Gitarre, und sang der Schonen auf dem andern Schiffe druben lustig zu:
"Die Jager ziehn in grunen Wald
Und Reiter blitzend ubers Feld,
Studenten durch die ganze Welt,
So weit der blaue Himmel wallt.
Der Fruhling ist der Freudensaal,
Viel tausend Voglein spielen auf,
Da schallt's im Wald bergab, bergauf:
Gruss dich, mein Schatz, vieltausendmal!"
Sie bemerkten wohl, dass die Schone allezeit zu ihnen herubersah, und alle Herzen und Augen waren wie frische junge Segel nach ihr gerichtet. Das Schiff naherte sich ihnen hier ganz dicht. "Wahrhaftig, ein schones Madchen!" riefen einige, und der Student sang weiter:
"Viel rust'ge Bursche ritterlich,
Die fahren hier in Stromes Mitt,
Wie wilde sie auch stellen sich,
Trau mir, mein Kind, und furcht dich nit!
Queruber ubers Wasser glatt
Lass werben deine Augelein,
Und der dir wohlgefallen hat,
Der soll dein lieber Buhle sein."
Hier naherten sich wieder die Schiffe einander. Die Schone sass vorn, wagte es aber in dieser Nahe nicht, aufzublicken. Sie hatte das Gesicht auf die andere Seite gewendet, und zeichnete mit ihrem Finger auf dem Boden. Der Wind wehte die Tone zu ihr heruber, und sie verstand wohl alles, als der Student wieder weitersang:
"Durch Nacht und Nebel schleich ich sacht,
Kein Lichtlein brennt, kalt weht der Wind,
Riegl' auf, riegl' auf bei stiller Nacht,
Weil wir so jung beisammen sind!
Ade nun, Kind, und nicht geweint!
Schon gehen Stimmen da und dort,
Hoch uberm Wald Aurora scheint,
Und die Studenten reisen fort."
So war es endlich Abend geworden, und die Schiffer lenkten ans Ufer. Alles stieg aus, und begab sich in ein Wirtshaus, das auf einer Anhohe an der Donau stand. Diesen Ort hatten die Studenten zum Ziele ihrer Begleitung bestimmt. Hier wollten sie morgen fruh den Grafen verlassen und wieder zuruckreisen. Sie nahmen sogleich Beschlag von einem geraumigen Zimmer, dessen Fenster auf die Donau hinausgingen. Friedrich folgte ihnen erst etwas spater von den Schiffen nach. Als er die Stiege hinaufging, offnete sich seitwarts eine Ture und die unbekannte Schone, die auch hier eingekehrt war, trat eben aus dem erleuchteten Zimmer. Beide schienen ubereinander erschrokken. Friedrich grusste sie, sie schlug die Augen nieder und kehrte schnell wieder in das Zimmer zuruck.
Unterdes hatten sich die lustigen Gesellen in ihrer Stube schon ausgebreitet. Da lagen Jacken, Hute, Federbusche, Tabakspfeifen und blanke Schwerter in der buntesten Verwirrung umher, und die Aufwarterin trat mit heimlicher Furcht unter die wilden Gaste, die halbentkleidet auf Betten, Tischen und Stuhlen, wie Soldaten nach einer blutigen Schlacht, gelagert waren. Es wurde bald Wein angeschafft, man setzte sich in die Runde, sang und trank des Grafen Gesundheit. Friedrich war heute dabei sonderbar zumute. Er war seit mehreren Jahren diese Lebensweise gewohnt, und das Herz war ihm jedesmal aufgegangen, wie diese freie Jugend ihm so keck und mutig ins Gesicht sah. Nun, da er von dem allem auf immer Abschied nehmen sollte, war ihm wie einem, der von einem lustigen Maskenballe auf die Gasse hinaustritt, wo sich alles nuchtern fortbewegt wie vorher. Er schlich sich unbemerkt aus dem Zimmer und trat hinaus auf den Balkon, der von dem Mittelgange des Hauses uber die Donau hinausging. Der Gesang der Studenten, zuweilen von dem Geklirre der Hieber unterbrochen, schallte aus den Fenstern, die einen langen Schein in das Tal hinauswarfen. Die Nacht war sehr finster. Als er sich uber das Gelander hinauslehnte, glaubte er neben sich atmen zu horen. Er langte nach der Seite hin und ergriff eine kleine zarte Hand. Er zog den weichen Arm naher an sich, da funkelten ihn zwei Augen durch die Nacht an. Er erkannte an der hohen Gestalt sogleich das schone Madchen von dem andern Schiffe. Er stand so dicht vor ihr, dass ihn ihr Atem beruhrte. Sie litt es gern, dass er sie noch naher an sich zog, und ihre Lippen kamen zusammen. "Wie heissen Sie?" fragte Friedrich endlich. "Rosa", sagte sie leise und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Handen. In diesem Augenblicke ging die Stubentur auf, ein verworrener Schwall von Licht, Tabaksdampf und verschiedenen tosenden Stimmen quoll heraus, und das Madchen war verschwunden, ohne dass Friedrich sie halten konnte.
Erst lange Zeit nachher ging er wieder in sein Zimmer zuruck. Aber da war indes alles still geworden. Das Licht war bis an den Leuchter ausgebrannt und warf, manchmal noch aufflackernd, einen fluchtigen Schein uber das Zimmer und die Studenten, die zwischen Trummern von Tabakspfeifen, wie Tote, umherlagen und schliefen. Friedrich machte daher die Tur leise zu und begab sich wieder auf den Balkon hinaus, wo er die Nacht zuzubringen beschloss. Entzuckt in allen seinen Sinnen, schaute er da in die stille Gegend hinaus. "Fliegt nur, ihr Wolken", rief er aus, "rauscht nur und ruhrt euch recht, ihr Walder! Und wenn alles auf Erden schlaft, ich bin so wach, dass ich tanzen mochte!" Er warf sich auf die steinerne Bank hin, wo das Madchen gesessen hatte, lehnte die Stirn ans Gelander und sang still in sich verschiedene alte Lieder, und jedes gefiel ihm heut besser und ruhrte ihn neu. Das Rauschen des Stromes und die ziehenden Wolken schifften in seine frohlichen Gedanken hinein; im Hause waren langst alle Lichter verloscht. Die Wellen platscherten immerfort so einformig unten an den Steinen, und so schlummerte er endlich traumend ein.
Zweites Kapitel
Als die ersten Strahlen der Sonne in die Fenster schienen, erhob sich ein Student nach dem andern von seinem harten Lager, riss das Fenster auf und dehnte sich in den frischen Morgen hinaus. Auch Friedrich befand sich wieder unter ihnen; denn eine Nachtigall, welche die ganze Nacht unermudlich vor dem Hause sang, hatte ihn draussen geweckt und die kuhle, der Morgenrote vorausfliegende Luft in die warmere Stube getrieben. Singen, Lachen und muntere Reden erfullten nun bald wieder das Zimmer. Friedrich uberdachte seine Begebenheit in der Nacht. Es war ihm, als erwachte er aus einem Rausche, als ware die schone Rosa, ihr Kuss und alles nur Traum gewesen.
Der Wirt trat mit der Rechnung herein. "Wer ist das Frauenzimmer", fragte Friedrich, "die gestern abends mit uns angekommen ist?" "Ich kenne sie nicht, aber eine vornehme Dame muss sie sein, denn ein Wagen mit vier Pferden und Bedienten hat sie noch lange vor Tagesanbruch von hier abgeholt." Friedrich blickte bei diesen Worten durchs offene Fenster auf den Strom und die Berge druben, welche heute Nacht stille Zeugen seiner Gluckseligkeit gewesen waren. Jetzt sah da draussen alles anders aus und eine unbeschreibliche Bangigkeit flog durch sein Herz.
Die Pferde, welche die Studenten hierherbestellt hatten, um darauf wieder zuruckzureiten, harrten ihrer schon seit gestern unten. Auch Friedrich hatte sich ein schones, munteres Pferd gekauft, auf dem er nun ganz allein seine Reise fortsetzen wollte. Die Reisebundel wurden daher nun schnell zusammengeschnurt, die langen Sporen umgeschnallt und alles schwang sich auf die rustigen Klepper. Die Studenten beschlossen, den Grafen noch eine kleine Strecke landeinwarts zu geleiten, und so ritt denn der ganze bunte Trupp in den heitern Morgen hinein. An einem Kreuzwege hielten sie endlich still und nahmen Abschied. "Lebe wohl", sagte einer von den Studenten zu Friedrich, "du kommst nun in fremde Lander, unter fremde Menschen, und wir sehen einander vielleicht nie mehr wieder. Vergiss uns nicht! Und wenn du einmal auf deinen Schlossern hausest, werde nicht wie alle andere, werde niemals ein trauriger, vornehmer, schmunzelnder, bequemer Philister! Denn, bei meiner Seele, du warst doch der beste und bravste Kerl unter uns allen. Reise mit Gott!" Hier schuttelte jeder dem Grafen vom Pferde noch einmal die Hand und sie und Friedrich sprengten dann in entgegengesetzten Richtungen voneinander. Als er so eine Weile fortgeritten war, sah er sie noch einmal, wie sie eben, schon fern, mit ihren bunten Federbuschen uber einen Bergrucken fortzogen. Sie sangen ein bekanntes Studentenlied, dessen Schlusschor:
"Ins Horn, ins Horn, ins Jagerhorn!"
der Wind zu ihm heruberbrachte. "Ade, ihr rustigen Gesellen", rief er geruhrt; "ade, du schone freie Zeit!" Der herrliche Morgen stand flammend vor ihm. Er gab seinem Pferde die Sporen, um den Tonen zu entkommen und ritt, dass der frische Wind an seinem Hute pfiff.
Wer Studenten auf ihren Wanderungen sah, wie sie fruhmorgens aus dem dunkeln Tore ausziehen und den Hut schwenken in der frischen Luft, wie sie wohlgemut und ohne Sorgen uber die grune Erde reisen, und die unbegrenzten Augen an blauem Himmel, Wald und Fels sich noch erquicken, der mag gern unsern Grafen auf seinem Zuge durch das Gebirge begleiten. Er ritt jetzt langsam weiter. Bauern ackerten, Hirten trieben ihre Herden voruber. Die Fruhlingssonne schien warm uber die dampfende Erde, Baume, Gras und Blumen augelten dazwischen mit blitzenden Tropfen, unzahlige Lerchen schwirrten durch die laue Luft. Ihm war recht innerlichst frohlich zumute. Tausend Erinnerungen, Entwurfe und Hoffnungen zogen wie ein Schattenspiel durch Seine bewegte Brust. Das Bild der schonen Rosa stand wieder ganz lebendig in ihm auf, mit aller Farbenpracht des Morgens gemalt und geschmuckt. Der Sonnenschein, der laue Wind und Lerchensang verwirrte sich in das Bild, und so entstand in seinem glucklichen Herzen folgendes Liedchen, das er immerfort laut vor sich hersang:
"Gruss euch aus Herzensgrund:
Zwei Augen hell und rein,
Zwei Roslein auf dem Mund,
Kleid blank aus Sonnenschein!
Nachtigall klagt und weint,
Wollustig rauscht der Hain,
Alles die Liebste meint:
Wo weilt sie so allein?
Weil's draussen finster war,
Sah ich viel hellern Schein,
Jetzt ist es licht und klar,
Ich muss im Dunkeln sein.
Sonne nicht steigen mag,
Sieht so verschlafen drein,
Wunschet den ganzen Tag,
Dass wieder Nacht mocht sein.
Liebe geht durch die Luft,
Holt fern die Liebste ein;
Fort uber Berg und Kluft!
Und sie wird doch noch mein!"
Das Liedchen gefiel ihm so wohl, dass er seine Schreibtafel herauszog, um es aufzuschreiben. Da er aber anfing, die fluchtigen Worte bedachtig aufzuzeichnen und nicht mehr sang, musste er uber sich selber lachen und loschte alles wieder aus.
Der Mittag war unterdes durch die kuhlen Waldschluften fast unvermerkt vorubergezogen. Da erblickte Friedrich mit Vergnugen einen hohen, bepflanzten Berg, der ihm als ein beruhmter Belustigungsort dieser Gegend anempfohlen worden war. Farbige Lusthauser blickten von dem schattigen Gipfel ins Tal herab. Rings um den Berg herum wand sich ein Pfad hinauf, auf dem man viele Frauenzimmer mit ihren bunten Tuchern in der Grune wallfahrten sah. Der Anblick war sehr freundlich und einladend. Friedrich lenkte daher sein Pferd um, und ritt mit dem frohlichen Zuge hinan, sich erfreuend, wie bei jedem Schritte der Kreis der Aussicht ringsum sich erweiterte. Noch angenehmer wurde er uberrascht, als er endlich den Gipfel erreichte. Da war ein weiter, schoner und kuhler Rasenplatz. An kleinen Tischchen sassen im Freien verschiedene Gesellschaften umher und speisten in lustigem Gesprach. Kinder spielten auf dem Rasen, ein alter Mann spielte die Harfe und sang. Friedrich liess sich sein Mittagsmahl ganz allein in einem Sommerhauschen bereiten, das am Abhange des Berges stand. Er machte alle Fenster weit auf, so dass die Luft uberall durchstrich, und er von allen Seiten die Landschaft und den blauen Himmel sah. Kuhler Wein und hellgeschliffene Glaser blinkten von dem Tische. Er trank seinen fernen Freunden und seiner Rosa in Gedanken zu. Dann stellte er sich ans Fenster. Man sah von dort weit in das Gebirge. Ein Strom ging in der Tiefe, an welchem eine hellglanzende Landstrasse hinablief. Die heissen Sonnenstrahlen schillerten uber dem Tale, die ganze Gegend lag unten in schwuler Ruhe. Draussen vor der offenen Tur spielte und sang der Harfenist immerfort. Friedrich sah den Wolken nach, die nach jenen Gegenden hinaussegelten, die er selber auch bald begrussen sollte. "O Leben und Reisen, wie bist du schon!" rief er freudig, zog dann seinen Diamant vom Finger und zeichnete den Namen Rosa in die Fensterscheibe. Bald darauf wurde er unten mehrere Reuter gewahr, die auf der Landstrasse schnell dem Gebirge zu voruberflogen. Er verwandte keinen Blick davon. Ein Madchen, hoch und schlank, ritt den andern voraus und sah fluchtig mit den frischen Augen den Berg hinan, gerade auf den Fleck, wo Friedrich stand. Der Berg war hoch, die Entfernung und Schnelligkeit gross; doch glaubte sie Friedrich mit einem Blicke zu erkennen, es war Rosa. Wie ein plotzlicher Morgenblick blitzte ihm dieser Gedanke frohlich uber die ganze Erde. Er bezahlte eiligst seine Zeche, schwang sich auf sein Pferd, und stolperte so schnell als moglich den sich ewig windenden Bergpfad hinab; seine Blicke und Gedanken flogen wie Adler von der Hohe voraus. Als er sich endlich bis auf die Strasse hinausgearbeitet hatte und freier Atem schopfte, war die Reuterin schon nicht mehr zu sehen. Er setzte die Sporen tapfer ein und sprengte weiter fort. Ein Weg ging links von der Strasse ab in den Wald hinein. Er erkannte an der frischen Spur der Rosseshufe, dass ihn die Reuter eingeschlagen hatten. Er folgte ihm daher auch. Als er aber eine grosse Strecke so fortgeritten war, teilten sich auf einmal wieder drei Wege nach verschiedenen Richtungen und keine Spur war weiter auf dem harteren Boden zu bemerken. Fluchend und lachend zugleich vor Ungeduld, blieb er nun hier eine Weile still stehen, wahlte dann gelassener den Pfad, der ihm der anmutigste dunkte, und zog langsam weiter.
Der Wald wurde indes immer dunkler und dichter, der Pfad enger und wilder. Er kam endlich an einen dunkelgrunen, kuhlen Platz, der rings von Felsen und hohen Baumen umgeben war. Der einsame Ort gefiel ihm so wohl, dass er vom Pferde stieg, um hier etwas auszuruhen. Er streichelte ihm den gebogenen Hals, zaumte es ab und liess es frei weiden. Er selbst legte sich auf den Rucken und sah dem Wolkenzuge zu. Die Sonne neigte sich schon und funkelte schrage durch die dunkeln Wipfel, die sich leise rauschend hin und her bewegten. Unzahlige Waldvogel zwitscherten in lustiger Verwirrung durcheinander. Er war so mude, er konnte sich nicht halten, die Augen sanken ihm zu. Mitten im Schlummer kam es ihm manchmal vor, als hore er Horner aus der Ferne. Er horte den Klang oft ganz deutlich und naher, aber er konnte sich nicht besinnen und schlummerte immer wieder von neuem ein.
Als er endlich erwachte, erschrak er nicht wenig, da es schon finstere Nacht und alles um ihn her still und ode war. Er sprang erstaunt auf. Da horte er uber sich auf dem Felsen zwei Mannerstimmen, die ganz in der Nahe schienen. Er rief sie an, aber niemand gab Antwort und alles war auf einmal wieder still. Nun nahm er sein Pferd beim Zugel und setzte so seine Reise auf gut Gluck weiter fort. Mit Muhe arbeitete er sich durch die Rabennacht des Waldes hindurch und kam endlich auf einen weiten und freien Bergrucken, der nur mit kleinem Gestrauch bewachsen war. Der Mond schien sehr hell, und der plotzliche Anblick des freien, grenzenlosen Himmels erfreute und starkte recht sein Herz. Die Ebene musste sehr hoch liegen, denn er sah ringsumher eine dunkle Runde von Bergen unter sich ruhen. Von der einen Seite kam der einformige Schlag von Eisenhammern aus der Ferne heruber. Er nahm daher seine Richtung dorthin. Sein und seines Pferdes Schatten, wie er so fortschritt, strichen wie dunkle Riesen uber die Heide vor ihm her und das Pferd fuhr oft schnaubend und straubend zusammen. "So", sagte Friedrich, dessen Herz recht weit und vergnugt war, "so muss vor vielen hundert Jahren den Rittern zumute gewesen sein, wenn sie bei stiller, nachtlicher Weile uber diese Berge zogen und auf Ruhm und grosse Taten sannen. So voll adeliger Gedanken und Gesinnungen mag mancher auf diese Walder und Berge hinuntergesehen haben, die noch immer dastehen, wie damals. Was muhn wir uns doch ab in unseren besten Jahren, lernen, polieren und feilen, um uns zu rechten Leuten zu machen, als furchteten oder schamten wir uns vor uns selbst, und wollten uns daher hinter Geschicklichkeiten verbergen und zerstreuen, anstatt dass es darauf ankame, sich innerlichst nur recht zusammenzunehmen zu hohen Entschliessungen und einem tugendhaften Wandel. Denn wahrhaftig, ein ruhiges, tapferes, tuchtiges und ritterliches Leben ist jetzt jedem Manne, wie damals, vonnoten. Jedes Weltkind sollte wenigstens jeden Monat eine Nacht im Freien einsam durchwachen, um einmal seine eitlen Muhen und Kunste abzustreifen und sich im Glauben zu starken und zu erbauen. Wie bin ich so frohlich und erquickt! Gebe mir Gott nur die Gnade, dass dieser Arm einmal was Rechtes in der Welt vollbringe!"
Unter solchen Gedanken schritt er immer fort. Der Fusssteig hatte sich indes immer mehr gesenkt, und er erblickte endlich ein Licht, das aus dem Tale heraufschimmerte. Er eilte darauf los und kam an eine elende, einsame Waldschenke. Er sah durch das kleine Fenster in die Stube hinein. Da sass ein Haufen zerlumpter Kerls mit bartigen Spitzbubengesichtern um einen Tisch und trank. In allen Winkeln standen Gewehre angelehnt. An dem hellen Kaminfeuer, das einen grasslichen Schein uber den Menschenklumpen warf, sass ein altes Weib gebuckt, und zerrte, wie es schien, blutige Darme an den Flammen auseinander. Ein Grausen uberfiel den Grafen bei dem scheusslichen Anblick, er setzte sich rasch auf sein Pferd und sprengte querfeldein.
Das Rauschen und Klappern einer Waldmuhle bestimmte seine Richtung. Ein ungeheurer Hund empfing ihn dort an dem Hofe der Muhle. Friedrich und sein Pferd waren zu ermattet, um noch weiterzureisen. Er pochte daher an die Hausture. Eine rauhe Stimme antwortete von innen, bald darauf ging die Ture auf, und ein langer, hagerer Mann trat heraus. Er sah Friedrich, der ihn um Herberge bat, von oben bis unten an, nahm dann Sein Pferd und fuhrte es stillschweigend nach dem Stalle. Friedrich ging nun in die Stube hinein. Ein Frauenzimmer stand drinnen und pickte Feuer. Er bemerkte bei den Blitzen der Funken ein junges und schones Madchengesicht. Als sie das Licht angezundet hatte, betrachtete sie den Grafen mit einem freudigen Erstaunen, das ihr fast den Atem zu verhalten schien. Darauf ergriff sie das Licht und fuhrte ihn, ohne ein Wort zu sagen, die Stiege hinauf in ein geraumiges Zimmer mit mehreren Betten. Sie war barfuss und Friedrich bemerkte, als sie so vor ihm herging, dass sie nur im Hemde war und den Busen fast ganz bloss hatte. Er argerte sich uber die Frechheit bei solcher zarten Jugend. Als sie oben in der Stube waren, blieb das Madchen stehen und sah den Grafen furchtsam an. Er hielt sie fur ein verliebtes Ding. "Geh", sagte er gutmutig, "geh schlafen, liebes Kind." Sie sah sich nach der Ture um, dann wieder nach Friedrich. "Ach, Gott!" sagte sie endlich, legte die Hand aufs Herz und ging zaudernd fort. Friedrich kam ihr Benehmen sehr sonderbar vor, denn es war ihm nicht entgangen, dass sie beim Hinausgehen an allen Gliedern zitterte.
Mitternacht war schon vorbei. Friedrich war uberwacht und von den verschiedenen Begegnissen viel zu sehr aufgeregt, um schlafen zu konnen. Er setzte sich ans offene Fenster. Das Wasser rauschte unten uber ein Wehr. Der Mond blickte seltsam und unheimlich aus dunkeln Wolken, die schnell uber den Himmel flogen. Er sang:
"Er reitet nachts auf einem braunen Ross,
Er reitet voruber an manchem Schloss:
Schlaf droben, mein Kind, bis der Tag erscheint,
Die finstre Nacht ist des Menschen Feind!
Er reitet voruber an einem Teich,
Da stehet ein schones Madchen bleich
Und singt, ihr Hemdlein flattert im Wind,
Voruber, voruber, mir graut vor dem Kind!
Er reitet voruber an einem Fluss,
Da ruft ihm der Wassermann seinen Gruss,
Taucht wieder unter dann mit Gesaus,
Und stille wird's uber dem kuhlen Haus.
Wann Tag und Nacht in verworrenem Streit,
Schon Hahne krahen in Dorfern weit,
Da schauert sein Ross und wuhlet hinab,
Scharret ihm schnaubend sein eigenes Grab."
Er mochte ungefahr so eine Stunde gesessen haben, als der grosse Hund unten im Hofe ein paarmal anschlug. Bald darauf kam es ihm vor, als horte er draussen mehrere Stimmen. Er horchte hinaus, aber alles war wieder still. Eine Unruhe bemachtigte sich seiner, er stand vom Fenster auf, untersuchte seine geladenen Taschenpistolen und legte seinen Reisesabel auf den Tisch. In diesem Augenblicke ging auch die Tur auf, und mehrere wilde Manner traten herein. Sie blieben erschrocken stehen, da sie den Grafen wach fanden. Er erkannte sogleich die furchterlichen Gesichter aus der Waldschenke und seinen Hauswirt, den langen Muller, mitten unter ihnen. Dieser fasste sich zuerst und druckte unversehens eine Pistol nach ihm ab. Die Kugel prellte neben seinem Kopfe an die Mauer. "Falsch gezielt, heimtuckischer Hund", schrie der Graf ausser sich vor Zorn und schoss den Kerl durchs Hirn. Darauf ergriff er seinen Sabel, sturzte sich in den Haufen hinein und warf die Rauber, rechts und links mit in die Augen gedrucktem Hute um sich herumhauend, die Stiege hinunter. Mitten in dem Gemetzel glaubte er das schone Mullermadchen wiederzusehen. Sie hatte selber ein Schwert in der Hand, mit dem sie sich hochherzig, den Grafen verteidigend, zwischen die Verrater warf. Unten an der Stiege endlich, da alles, was noch laufen konnte, Reissaus genommen hatte, sank er, von vielen Wunden und Blutverluste ermattet, ohne Bewusstsein nieder.
Drittes Kapitel
Als Friedrich wieder das erstemal die Augen aufschlug und mit gesunden Sinnen in der Welt umherschauen konnte, erblickte er sich in einem unbekannten, schonen und reichen Zimmer. Die Morgensonne schien auf die seidenen Vorhange seines Bettes; sein Kopf war verbunden. Zu den Fussen des Bettes knieete ein schoner Knabe, der den Kopf auf beide Arme an das Bett gelehnt hatte, und schlief.
Friedrich wusste sich in diese Verwandlungen nicht zu finden. Er sann nach, was mit ihm vorgegangen war. Aber nur die furchterliche Nacht in der Waldmuhle mit ihren Mordgesichtern stand lebhaft vor ihm, alles ubrige schien wie ein schwerer Traum. Verschiedene fremde Gestalten aus dieser letzten Zeit waren ihm wohl dunkel erinnerlich, aber er konnte keine unterscheiden. Nur eine einzige ungewisse Vorstellung blieb ihm lieblich getreu. Es war ihm namlich immer vorgekommen, als hatte sich ein wunderschones Engelsbild uber ihn geneigt, so dass ihn die langen, reichen Locken rings umgaben, und die Worte, die es sprach, flogen wie Musik uber ihn weg.
Da er sich nun recht leicht und neugestarkt spurte, stieg er aus dem Bette und trat ans Fenster. Er sah da, dass er sich in einem grossen Schlosse befand. Unten lag ein schoner Garten; alles war noch still, nur Vogel flatterten auf den einsamen kuhlen Gangen, der Morgen war uberaus heiter.
Der Knabe an dem Bette war indes auch aufgewacht. "Gott sei Dank!" rief er aus Herzensgrunde, als er die Augen aufschlug und den Grafen aufgestanden und munter erblickte. Friedrich glaubte sein Gesicht zu kennen, doch konnte er sich durchaus nicht besinnen, wo er es gesehen hatte. "Wo bin ich?" fragte er endlich erstaunt. "Gott sei Dank!" wiederholte der Knabe nur, und sah ihn mit seinen grossen, frohlichen Augen noch immer unverwandt an, als konnte er sich gar nicht in die Freude finden, ihn wirklich wiederhergestellt zu sehen. Friedrich drang nun in ihn, ihm den Zusammenhang dieser ganzen seltsamen Begebenheit zu entwirren. Der Knabe besann sich einen Augenblick und erzahlte dann: "Gestern fruh, da ich eben in den Wald ging, sah ich dich blutig und ohne Leben am Wege liegen. Das Blut floss uber den Kopf, ich verband die Wunde mit meinem Tuche, so gut ich konnte. Aber das Blut drang durch und floss immerfort, und ich versuchte alles vergebens, um es zu stillen. Ich lief und rief nun in meiner Angst rings im Walde umher und betete und weinte dann wieder dazwischen, da ich mir gar nicht mehr zu helfen wusste. Da kam auf einmal ein Wagen die Strasse gefahren. Eine Dame erblickte uns aus demselben und liess sogleich stillhalten. Die Bedienten verbanden die Wunden sehr geschickt. Die Dame schien sehr verwundert und erschrocken uber den Umstand. Darauf nahm sie uns beide mit in den Wagen und fuhrte uns hierher auf ihr Schloss. Die Grafin hat beinahe die ganze Nacht hindurch hier am Bette gewacht." Friedrich dachte an das Engelsbild, das sich wie im Traume uber sein Gesicht geneigt hatte, und war noch verwirrter, als vorher. "Aber wer bist denn du?" fragte er darauf den Knaben wieder. "Ich habe keine Eltern mehr", antwortete dieser, und schlug verwirrt die Augen nieder, "ich ging eben uber Land, um Dienste zu suchen." Friedrich fasste den Furchtsamen bei beiden Handen: "Willst du bei mir bleiben?" "Ewig, mein Herr!" sagte der Knabe mit auffallender Heftigkeit.
Friedrich kleidete sich nun vollig an und verliess seine Stube, um sich hier umzusehen und uber sein Verhaltnis in diesem Schlosse auf irgendeine Art Gewissheit zu erlangen. Er erstaunte uber das Altfrankische der Bauart und der Einrichtung. Die Gange waren gewolbt, die Fenster in der dicken, dunklen Mauer alle oben in einem Bogen zugespitzt und mit kleinen runden Scheiben versehen. Wunderschone Bilder von Glas fullten oben die Fensterbogen, die von der Morgensonne in den buntesten Farben brannten. Alles im ganzen Hause war still. Er sah zum Fenster hinaus. Das alte Schloss stand von dieser Seite an dem Abhange eines hohen Berges, der, so wie das Tal, unten mit Schwarzwald bedeckt war, aus welchem die Klange einsamer Holzhauer heraufschallten. Gleich am Fenster, uber der schwindlichten Tiefe war ein Ritter, der sein Schwert in den gefalteten Handen hielt, in Riesengrosse, wie der steinerne Roland, in die Mauer gehauen. Friedrich glaubte jeden Augenblick, das Burgfraulein, den hohen Spitzenkragen um das schone Gesicht, werde in einem der Gange heraufkommen. In der sonderbarsten Laune ging er nun die Stiege hinab und uber eine Zugbrucke in den Garten hinaus.
Hier standen auf einem weiten Platze die sonderbarsten, fremden Blumenarten in phantastischem Schmucke. Kunstliche Brunnen sprangen, im Morgenscheine funkelnd, kuhle hin und wider. Dazwischen sah man Pfauen in der Grune weiden und stolz ihre tausendfarbigen Rader schlagen. Im Hintergrunde sass ein Storch auf einem Beine und sah melancholisch in die weite Gegend hinaus. Als sich Friedrich an dem Anblicke, den der frische Morgen prachtig machte, so ergotzte, erblickte er in einiger Entfernung vor sich einen Mann, der hinter einem Spaliere an einem Tischchen sass, das voll Papiere lag. Er schrieb, blickte manchmal in die Gegend hinaus, und schrieb dann wieder emsig fort. Friedrich wollte ausweichen, um ihn nicht zu storen, aber es war nur der einzige Weg und der Unbekannte hatte ihn auch schon erblickt. Er ging daher auf ihn zu und grusste ihn. Der Schreiber mochte eine lange Unterredung befurchten. "Ich kenne Sie wahrhaftig nicht", sagte er halb argerlich, halb lachend, "aber wenn Sie selbst Alexander der Grosse waren, so musst ich Sie fur jetzt nur bitten, mir aus der Sonne zu gehen." Friedrich verwunderte sich hochlichst uber diesen unhoflichen Diogenes und liess den wunderlichen Gesellen sitzen, der sogleich wieder zu schreiben anfing.
Er kam nun an den Ausgang des Gartens, an den ein lustiges Waldchen von Laubholz stiess. An dem Saume des Waldes stand ein Jagerhaus, das ringsum mit Hirschgeweihen ausgeziert war. Auf einer kleinen Wiese, welche vor dem Hause mitten zwischen dem Walde lag, sass ein schones, kaum funfzehnjahriges Madchen auf einem, wie es schien, soeben erlegten Rehe, streichelte das Tierchen und sang:
"War ich ein muntres Hirschlein schlank,
Wollt ich im grunen Walde gehn,
Spazierengehn bei Hornerklang,
Nach meinem Liebsten mich umsehn."
Ein junger Jager, der seitwarts an einem Baume gelehnt stand und ihren Gesang mit dem Waldhorne begleitete, antwortete ihr sogleich nach derselben Melodie:
"Nach meiner Liebsten mich umsehn
Tu ich wohl, zieh ich fruh von hier,
Doch sie mag niemals zu mir gehn
Im dunkelgrunen Waldrevier."
Sie sang weiter:
"Im dunkelgrunen Waldrevier,
Da blitzt der Liebste rosenrot,
Gefallt so sehr dem armen Tier,
Das Hirschlein wunscht, es lage tot."
Der Jager antwortete wieder:
"Und war das schone Hirschlein tot,
So mocht ich langer jagen nicht;
Scheint ubern Wald der Morgen rot:
Hut schones Hirschlein, hute dich!"
Sie:
"Hut schones Hirschlein, hute dich!
Spricht's Hirschlein selbst in seinem Sinn,
Wie soll ich, soll ich huten mich,
Wenn ich so sehr verliebet bin?"
Er:
"Weil ich so sehr verliebet bin,
Wollt ich das Hirschlein, schon und wild,
Aufsuchen tief im Walde drin
Und streicheln, bis es stillehielt."
Sie:
"Ja, streicheln, bis es stillehielt,
Falsch locken so in Stall und Haus!
Zum Wald springt's Hirschlein frei und wild
Und lacht verliebte Narren aus."
Hierbei sprang sie von ihrem Rehe auf, denn Pferde, Hunde, Jager und Waldhornsklange sturzten auf einmal mit einem verworrenen Getose aus dem Walde heraus und verbreiteten sich bunt uber die Wiese. Ein sehr schoner, junger Mann in Jagerkleidung und das Halstuch in einer unordentlichen Schleife herabhangend, schwang sich vom Pferde und eine Menge grosser Hunde sprangen von allen Seiten freundlich an ihm herauf. Friedrich erstaunte beim ersten Blick uber die grosse Ahnlichkeit, die derselbe mit einem alteren Bruder hatte, den er seit seiner Kindheit nicht mehr gesehen, nur dass der Unbekannte hier frischer und freudiger anzusehen war. Dieser kam sogleich auf ihn zu. "Es freut mich", sagte er, "Sie so munter wiederzufinden. Meine Schwester hat Sie unterwegs in einem schlimmen Zustande getroffen und gestern abends zu mir auf mein Schloss gebracht. Sie ist heute noch vor Tagesanbruch wieder fort. Lassen Sie es sich bei uns gefallen, Sie werden lustige Leute finden." Wahrend ihm nun Friedrich eben noch fur seine Gute dankte, brachte auf einmal der Wind aus dem Garten oben mehrere Blatter Papier, die hoch uber ihre Kopfe weg nach einem nahe gelegenen Wasser zuflatterten. Hinterdrein horte man von oben eine Stimme "Halt, halt, halt auf!" rufen, und der Mensch, den Friedrich im Garten schreibend angetroffen hatte, kam eilends nachgelaufen. Leontin, so hiess der junge Graf, dem dieses Schloss gehorte, legte schnell seine Buchse an und schoss das unbandige Papier aus der Luft herab. "Das ist doch dumm", sagte der Nachsetzende, der unterdes atemlos angelangt war, da er die Blatter, auf welche Verse geschrieben waren, von den Schroten ganz durchlochert erblickte. Das schone Madchen, das vorher auf der Wiese gesungen hatte, stand hinter ihm und kicherte. Er drehte sich geschwind herum und wollte sie kussen, aber sie entsprang in das Jagerhaus und guckte lachend hinter der halbgeoffneten Ture hervor. "Das ist der Dichter Faber", sagte Leontin, dem Grafen den Nachsetzenden vorstellend. Friedrich erschrak recht uber den Namen. Er hatte viel von Faber gelesen; manches hatte ihm gar nicht gefallen, vieles andere aber ihn wieder so ergriffen, dass er oft nicht begreifen konnte, wie derselbe Mensch so etwas Schones erfinden konne. Und nun, da der wunderbare Mensch leibhaftig vor ihm stand, betrachtete er ihn mit allen Sinnen, als wollte er alle die Gedichte von ihm, die ihm am besten gefallen, in seinem Gesichte ablesen. Aber da war keine Spur davon zu finden.
Friedrich hatte sich ihn ganz anders vorgestellt, und hatte viel darum gegeben, wenn es Leontin gewesen ware, bei dessen lebendigem, erquicklichem Wesen ihm das Herz aufging. Herr Faber erzahlte nun lachend, wie ihn Friedrich in seiner Werkstatt uberrascht habe. "Da sind Sie schon angekommen", sagte Leontin zu Friedrich, "denn da sitzt Herr Faber wie die Lowin uber ihren Jungen, und schlagt grimmig um sich." "So sollte jeder Dichter dichten", meinte Friedrich, "am fruhen Morgen, unter freiem Himmel, in einer schonen Gegend. Da ist die Seele rustig, und so wie dann die Baume rauschen, die Vogel singen und der Jager vor Lust in sein Horn stosst, so muss der Dichter dichten." "Sie sind ein Naturalist in der Poesie", entgegnete Faber mit einer etwas zweideutigen Miene. "Ich wunschte", fiel ihm Leontin ins Wort, "Sie ritten lieber alle Morgen mit mir auf die Jagd, lieber Faber. Der Morgen gluht Sie wie eine reizende Geliebte an, und Sie klecksen ihr mit Dinte in das schone Gesicht." Faber lachte, zog eine kleine Flote hervor und fing an, darauf zu blasen. Friedrich fand ihn in diesem Augenblicke sehr liebenswurdig. Leontin trug dem Grafen an, mit ihm zu seiner Schwester hinuberzureiten, wenn er sich schon stark genug dazu fuhle. Friedrich willigte mit Freuden ein, und bald darauf sassen beide zu Pferde. Die Gegend war sehr heiter. Sie ritten eben uber einen weiten, grunen Anger. Friedrich fuhlte sich bei dem schonen Morgen recht in allen Sinnen genesen, und freute sich uber den anmutigen Leontin, wie das Pferd unter ihm mit gebogenem Halse uber die Ebene hintanzte. "Meine Schwester", sagte Leontin unterweges und sah den Grafen mit verstecktem Lachen immerfort an, "meine Schwester ist viel alter als ich, und, ich muss es nur im voraus sagen, recht hasslich." "So!" sagte Friedrich langsam und gedehnt, denn er hatte heimlich andere Erwartungen und Hoffnungen gehegt. Er schwieg darauf still; Leontin lachte und pfiff ein lustiges Liedchen. Endlich sah man ein schones, neues Schloss sich aus einem grossen Park luftig erheben. Es war das Schloss von Leontins Schwester. Sie stiegen unten am Eingange des Parkes ab und gingen zu Fusse hinauf. Der Garten war ganz im neuesten Geschmacke angelegt. Kleine, sich schlangelnde Gange, dichte Gebusche von auslandischen Strauchern, dazwischen leichte Brucken von weissem Birkenholze luftig geschwungen, waren recht artig anzuschauen. Zwischen mehreren schlanken Saulen traten sie in das Schloss. Es war ein grosses gemaltes Zimmer mit hellglanzendem Fussboden; ein kristallener Lustre hing an der Decke und Ottomanen von reichen Stoffen standen an den Wanden umher. Durch die hohe Glastur ubersah man den Garten. Niemand, da es noch fruh, war in der ganzen Reihe von prachtvollen Gemachern, die sich an dieses anschlossen, zu sehen. Die Morgensonne, die durch die Glastur schien, erfullte das schone Zimmer mit einem geheimnisvollen Helldunkel und beleuchtete eben eine Gitarre, die in der Mitte auf einem Tischchen lag. Leontin nahm dieselbe und begab sich damit wieder hinaus. Friedrich blieb in der Tur stehen, wahrend Leontin sich draussen unter die Fenster stellte, in die Saiten griff und sang:
"Fruhmorgens durch die Winde kuhl
Zwei Ritter hergeritten sind,
Im Garten klingt ihr Saitenspiel,
Wach auf, wach auf, mein schones Kind!
Ringsum viel Schlosser schimmernd stehn,
So silbern geht der Strome Lauf,
Hoch, weit rings Lerchenlieder wehn,
Schliess Fenster, Herz und Auglein auf!"
Friedrich war gar nicht begierig, die alte Schone kennenzulernen, und blieb ruhig in der Tur stehen. Da horte er oben ein Fenster sich offnen. "Guten Morgen, lieber Bruder!" sagte eine liebliche Stimme. Leontin sang:
"So wie du bist, verschlafen heiss,
Lass allen Putz und Zier zu Haus,
Tritt nur herfur im Hemdlein weiss,
Siehst so gar schon verliebet aus."
"Wenn du so garstig singst", sagte oben die liebliche Stimme, "so leg ich mich gleich wieder schlafen." Friedrich erblickte einen schneeweissen, vollen Arm im Fenster und Leontin sang wieder:
"Ich hab einen Fremden wohl bei mir,
Der lauert unten auf der Wacht,
Der bittet schon dich um Quartier,
Verschlafnes Kind, nimm dich in acht!"
Friedrich trat nun aus seinem Hinterhalte hervor und sah mit Erstaunen seine Rosa am Fenster. Sie war in einem leichten Nachtkleide und dehnte sich mit aufgehobenen Armen in den frischen Morgen hinaus. Als sie so unverhofft Friedrich erblickte, liess sie mit einem Schrei die Arme sinken, schlug das Fenster zu und war verschwunden.
Leontin ging nun fort, um ein neues Pferd der Schwester im Hofe herumzutummeln und Friedrich blieb allein im Garten zuruck.
Bald darauf kam die Grafin Rosa in einem weissen Morgenkleide herab. Sie hiess den Grafen mit einer Scham willkommen, die ihr unwiderstehlich schon stand. Lange, dunkle Locken fielen zu beiden Seiten bis auf die Schultern und den blendendweissen Busen hinab. Die schonste Reihe von Zahnen sah man manchmal zwischen den vollen, roten Lippen hervorschimmern. Sie atmete noch warm von der Nacht; es war die prachtigste Schonheit, die Friedrich jemals gesehen hatte. Sie gingen nebeneinander in den Garten hinein. Der Morgen blitzte herrlich uber die ganze Gegend, aus allen Zweigen jubelten unzahlige Vogel. Sie setzten sich in einer dichten Laube auf eine Rasenbank. Friedrich dankte ihr fur ihr hulfreiches Mitleid und sprach dann von seiner schonen Donaureise. Die Grafin sass, wahrend er davon erzahlte, beschamt und still, hatte die langen Augenwimpern niedergeschlagen, und wagte kaum zu atmen. Als er endlich auch seiner Wunde erwahnte, schlug sie auf einmal die grossen, schonen Augen auf, um die Wunde zu betrachten. Ihre Augen, Locken und Busen kamen ihm dabei so nahe, dass sich ihre Lippen fast beruhrten. Er kusste sie auf den roten Mund und sie gab ihm den Kuss wieder. Da nahm er sie in beide Arme und kusste sie unzahligemal und alle Freuden der Welt verwirrten sich in diesen einen Augenblick, der niemals zum zweiten Male wiederkehrt. Rosa machte sich endlich los, sprang auf und lief nach dem Schlosse zu. Leontin kam ihr eben von der andern Seite entgegen, sie rannte in der Verwirrung gerade in seine ausgebreiteten Arme hinein. Er gab ihr schnell einen Kuss und kam zu Friedrich, um mit ihm wieder nach Hause zu reiten.
Als Friedrich wieder draussen im Freien zu Pferde sass, besann er sich erst recht auf sein ganzes Gluck. Mit unbeschreiblichem Entzucken betrachtete er Himmel und Erde, die im reichsten Morgenschmucke vor ihm lagen. Sie ist mein! rief er immerfort still in sich, sie ist mein! Leontin wiederholte lachend die Beschreibung von der Hasslichkeit seiner Schwester die er vorhin beim Herritt dem Grafen gemacht hatte, jagte dann weit voraus, setzte mit bewunderungswurdiger Leichtigkeit und Kuhnheit uber Zaune und Graben und trieb allerlei Schwanke.
Als sie bei Leontins Schlosse ankamen, horten sie schon von ferne ein unbegreifliches, verworrenes Getos. Ein Waldhorn raste in den unbandigsten, falschesten Tonen, dazwischen horte man eine Stimme, die unaufhorlich fortschimpfte. "Da hat gewiss wieder Faber was angestellt", sagte Leontin. Und es fand sich wirklich so. Herr Faber hatte sich namlich in ihrer Abwesenheit niedergesetzt, um ein Waldhornecho zu dichten. Zum Ungluck fiel es zu gleicher Zeit einem von Leontins Jagern ein, nicht weit davon wirklich auf dem Waldhorne zu blasen. Faber storte die nahe Musik, er rief daher ungeduldig dem Jager zu, still zu sein. Dieser aber, der sich, wie fast alle Leute Leontins, uber Herrn Faber von jeher argerte, weil er immer mit der Feder hinterm Ohre so erbarmlich aussah, gehorchte nicht. Da sprang Faber auf und uberhaufte ihn mit Schimpfreden. Der Jager, um ihn zu ubertauben, schuttelte nun statt aller Antwort einen ganzen Schwall von verworrenen und falschen Tonen aus seinem Horne, wahrend Faber, im Gesichte uberrot vor Zorn, vor ihm stand und gestikulierte. Als der Jager jetzt seinen Herrn erblickte, endigte er seinen Spass und ging fort. Faber aber hatte indes, so boshaft er auch aussah, schon langst der Zorn verlassen, denn es waren ihm mitten in der Wut eine Menge witziger Schimpfworter und komischer Grobheiten in den Sinn gekommen, und er schimpfte tapfer fort, ohne mehr an den Jager zu denken, und brach endlich in ein lautes Gelachter aus, in das Leontin und Friedrich von Herzen mit einstimmten.
Am Abend sassen Leontin, Friedrich und Faber zusammen an einem Feldtische auf der Wiese am Jagerhause und assen und tranken. Das Abendrot schaute gluhend durch die Wipfel des Tannenwaldes, welcher die Wiese ringsumher einschloss. Der Wein erweiterte ihre Herzen und sie waren alle drei wie alte Bekannte miteinander. "Das ist wohl ein rechtes Dichterleben, Herr Faber", sagte Friedrich vergnugt. "Immer doch", hub Faber ziemlich pathetisch an, "hore ich das Leben und Dichten verwechseln." "Aber, aber, bester Herr Faber", fiel ihm Leontin schnell ins Wort, dem jeder ernsthafte Diskurs uber Poesie die Kehle zusammenschnurte, weil er selber nie ein Urteil hatte. Er pflegte daher immer mit Witzen, Radottements, dazwischenzufahren und fuhr auch jetzt, geschwind unterbrechend, fort: "Ihr verwechselt mit euren Wortwechseleien alles so, dass man am Ende seiner selbst nicht sicher bleibt. Glaubte ich doch einmal in allem Ernste, ich sei die Weltseele und wusste vor lauter Welt nicht, ob ich eine Seele hatte, oder umgekehrt. Das Leben aber, mein bester Herr Faber, mit seinen bunten Bildern, verhalt sich zum Dichter, wie ein unubersehbar weitlaufiges Hieroglyphenbuch von einer unbekannten, lange untergegangenen Ursprache zum Leser. Da sitzen von Ewigkeit zu Ewigkeit die redlichsten, gutmutigsten Weltnarren, die Dichter, und lesen und lesen. Aber die alten, wunderbaren Worte der Zeichen sind unbekannt und der Wind weht die Blatter des grossen Buches so schnell und verworren durcheinander, dass einem die Augen ubergehn." Friedrich sah Leontin gross an, es war etwas in seinen Worten, das ihn ernsthaft machte. Faber aber, dem Leontin zu schnell gesprochen zu haben schien, spann gelassen seinen vorigen Diskurs wieder an: "Ihr haltet das Dichten fur eine gar so leichte Sache, weil es fluchtig aus der Feder fliesst, aber keiner bedenkt, wie das Kind, vielleicht vor vielen Jahren schon in Lust empfangen, dann im Mutterleibe mit Freuden und Schmerzen ernahrt und gebildet wird, ehe es aus seinem stillen Hause das frohliche Licht des Tages begrusst." "Das ist ein langweiliges Kind", unterbrach ihn Leontin munter, "ware ich so eine schwangere Frau, als Sie da sagen, da lacht ich mich gewiss, wie Philine, vor dem Spiegel uber mich selber zu Tode, eh ich mit dem ersten Verse niederkame." Hier erblickte er ein Paket Papiere, das aus Fabers Rocktasche hervorragte: eines davon war "An die Deutschen" uberschrieben. Er bat ihn, es ihnen vorzulesen. Faber zog es heraus und las es. Das Gedicht enthielt die Herausforderung eines bis zum Tode verwundeten Ritters an alle Feinde der deutschen Ehre. Leontin sowohl als Friedrich erstaunten uber die Gediegenheit und mannliche Tiefe der Romanze und fuhlten sich wahrhaft erbaut. "Wer sollte es glauben", sagte Leontin, "dass Herr Faber diese Romanze zu ebender Zeit verfertiget hat, als er Reissaus nahm, um nicht mit gegen die Franzosen zu Felde ziehn zu durfen." Faber nahm darauf ein anderes Blatt zur Hand und las ihnen ein Gedicht vor, in welchem er sich selber mit hochst komischer Laune in diesem seinem feigherzigen Widerspruche darstellte, worin aber mitten durch die lustigen Scherze ein tiefer Ernst, wie mit grossen, frommen Augen, ruhend und ergreifend hindurchschaute. Friedrich ging jedes Wort dieses Gedichtes schneidend durchs Herz. Jetzt wurde es ihm auf einmal klar, warum ihm so viele Stellungen und Einrichtungen in Fabers Schriften durchaus fremd blieben und missfielen.
"Dem einen ist zu tun, zu schreiben mir gegeben",
sagte Faber, als er ausgelesen hatte. "Poetisch sein und Poet sein", fuhr er fort, "das sind zwei verschiedene Dinge, man mag dagegen sagen, was man will. Bei dem letzteren ist, wie selbst unser grosser Meister Goethe eingesteht, immer etwas Taschenspielerei, Seiltanzerei usw. mit im Spiele." "Das ist nicht so", sagte Friedrich ernst und sicher, "und ware es so, so mochte ich niemals dichten. Wie wollt Ihr, dass die Menschen Eure Werke hochachten, sich daran erquikken und erbauen sollen, wenn Ihr Euch Selber nicht glaubt, was Ihr schreibt und durch schone Worte und kunstliche Gedanken Gott und Menschen zu uberlisten trachtet? Das ist ein eitles, nichtsnutziges Spiel, und es hilft Euch doch nichts, denn es ist nichts gross, als was aus einem einfaltigen Herzen kommt. Das heisst recht dem Teufel der Gemeinheit, der immer in der Menge wach und auf der Lauer ist, den Dolch selbst in die Hand geben gegen die gottliche Poesie. Wo soll die rechte, schlichte Sitte, das treue Tun, das schone Lieben, die deutsche Ehre und alle die alte herrliche Schonheit sich hinfluchten, wenn es ihre angebornen Ritter, die Dichter, nicht wahrhaft ehrlich, aufrichtig und ritterlich mit ihr meinen? Bis in den Tod verhasst sind mir besonders jene ewigen Klagen, die mit weinerlichen Sonetten die alte schone Zeit zuruckwinseln wollen, und, wie ein Strohfeuer, weder die Schlechten verbrennen, noch die Guten erleuchten und erwarmen. Denn wie wenigen mochte doch das Herz zerspringen, wenn alles so dumm geht, und habe ich nicht den Mut, besser zu sein als meine Zeit, so mag ich zerknirscht das Schimpfen lassen, denn keine Zeit ist durchaus schlecht. Die heiligen Martyrer, wie sie, laut ihren Erloser bekennend, mit aufgehobenen Armen in die Todesflammen sprangen das sind des Dichters echte Bruder, und er soll ebenso furstlich denken von sich; denn so wie sie den ewigen Geist Gottes auf Erden durch Taten ausdruckten, so soll er ihn aufrichtig in einer verwitterten, feindseligen Zeit durch rechte Worte und gottliche Erfindungen verkunden und verherrlichen. Die Menge, nur auf weltliche Dinge erpicht, zerstreut und trage, sitzt gebuckt und blind draussen im warmen Sonnenscheine und langt ruhrend nach dem ewigen Lichte, das sie niemals erblickt. Der Dichter hat einsam die schonen Augen offen; mit Demut und Freudigkeit betrachtet er, selber erstaunt, Himmel und Erde, und das Herz geht ihm auf bei der uberschwenglichen Aussicht, und so besingt er die Welt, die, wie Memnons Bild, voll stummer Bedeutung, nur dann durch und durch erklingt, wenn sie die Aurora eines dichterischen Gemutes mit ihren verwandten Strahlen beruhrt." Leontin fiel hier dem Grafen freudig um den Hals. "Schon, besonders zuletzt sehr schon gesagt", sagte Faber, und druckte ihm herzlich die Hand. Sie meinen es doch alle beide nicht so, wie ich, fuhlte und dachte Friedrich betrubt.
Es war unterdes schon dunkel geworden und der Abendstern funkelte vom heitern Himmel uber den Wald heruber. Da wurde ihr Gesprach auf eine lustige Art unterbrochen. Die kleine Marie namlich, die am Morgen mit dem Jager auf der Wiese gesungen, hatte sich als Jagerbursche angezogen. Die Jager jagten sie auf der Wiese herum, sie liess sich aber nicht erhaschen, weil sie, wie sie sagte, nach Tabaksrauch rochen. Wie ein gescheuchtes Reh kam sie endlich an dem Tische voruber. Leontin fing sie auf und setzte sie vor sich auf seinen Schoss. Er strich ihr die Haare aus den muntern Augen und gab ihr aus seinem Glase zu trinken. Sie trank viel und wurde bald ungewohnlich beredt, dass sich alle uber ihre liebenswurdige Lebhaftigkeit freuten. Leontin fing an, von ihrer Schlafkammer zu sprechen und andere leichtfertige Reden vorzubringen, und als er sie endlich auch kusste, umklammerte sie mit beiden Armen seinen Hals. Friedrich schmerzte das ganze lose Spiel, sosehr es auch Faber gefiel, und er sprach laut vom Verfuhren. Marie hupfte von Leontins Schosse, wunschte allen mit verschmitzten Augen eine gute Nacht und sprang fort ins Jagerhaus. Leontin reichte Friedrich lachelnd die Hand und alle drei schieden voneinander, um sich zur Ruhe zu begeben. Faber sagte im Weggehen: seine Seele sei heut so wach, dass er noch tief in die Nacht hinein an einem angefangenen, grossen Gedichte fortarbeiten wolle.
Als Friedrich in sein Schlafzimmer kam, stellte er sich noch eine Weile ans offene Fenster. Von der andern Seite des Schlosses schimmerte aus Fabers Zimmer ein einsames Licht in die stille Gegend hinaus. Fabers Fleiss ruhrte den Grafen, und er kam ihm in diesem Augenblicke als ein hoheres Wesen vor. "Es ist wohl gross", sagte er, "so mit gottlichen Gedanken uber dem weiten, stillen Kreise der Erde zu schweben. Wache, sinne und bilde nur fleissig fort, frohliche Seele, wenn alle die andern Menschen schlafen! Gott ist mit dir in deiner Einsamkeit und Er weiss es allein, was ein Dichter treulich will, wenn auch kein Mensch sich um dich bekummert." Der Mond stand eben uber dem altertumlichen Turme des Schlosses, unten lag der schwarze Waldgrund in stummer Ruhe. Die Fenster gingen nach der Gegend hinaus, wo die Grafin Rosa hinter dem Walde wohnte. Friedrich hatte Leontins Gitarre mit hinaufgenommen. Er nahm sie in den Arm und sang:
"Die Welt ruht still im Hafen,
Mein Liebchen, gute Nacht!
Wann Wald und Berge schlafen,
Treu' Liebe einsam wacht.
Ich bin so wach und lustig,
Die Seele ist so licht,
Und eh ich liebt, da wusst ich
Von solcher Freude nicht.
Ich fuhl mich so befreiet
Von eitlem Trieb und Streit,
Nichts mehr das Herz zerstreuet
In seiner Frohlichkeit.
Mir ist, als musst ich singen
So recht aus tiefer Lust
Von wunderbaren Dingen,
Was niemand sonst bewusst.
O konnt ich alles sagen!
O war ich recht geschickt!
So muss ich still ertragen,
Was mich so hoch begluckt."
Viertes Kapitel
Friedrich gab Leontins Bitten, noch langer auf seinem Schlosse zu verweilen, gern nach. Leontin hatte nach seiner raschen, frohlichen Art bald eine wahre Freundschaft zu ihm gefasst, und sie verabredeten miteinander, einen Streifzug durch das nahe Gebirge zu machen, das manches Sehenswerte enthielt. Die Ausfuhrung dieses Planes blieb indes von Tage zu Tage verschoben. Bald war das Wetter zu neblicht, bald waren die Pferde nicht zu entbehren oder sonst etwas Notwendiges zu verrichten, und sie mussten sich am Ende selber eingestehen, dass es ihnen beiden eigentlich schwerfiel, sich, auch nur auf wenige Tage, von ihrer hiesigen Nachbarschaft zu trennen. Leontin hatte hier seine eigenen Geheimnisse. Er ritt oft ganz abgelegene Wege in den Wald hinein, wo er nicht selten halbe Tage lang ausblieb. Niemand wusste, was er dort vorhabe, und er selber sprach nie davon. Friedrich dagegen besuchte Rosa fast taglich. Druben in ihrem schonen Garten hatte die Liebe ihr tausendfarbiges Zelt aufgeschlagen, ihre wunderreichen Fernen ausgespannt, ihre Regenbogen und goldenen Brucken durch die blaue Luft geschwungen, und rings die Berge und Walder wie einen Zauberkreis um ihr morgenrotes Reich gezogen. Er war unaussprechlich glucklich. Leontin begleitete ihn sehr selten, weil ihm, wie er immer zu sagen pflegte, seine Schwester wie ein gemalter Fruhling vorkame. Friedrich glaubte von jeher bemerkt zu haben, dass Leontin bei aller seiner Lebhaftigkeit doch eigentlich kalt sei und dachte dabei: was hilft dir der schonste gemalte oder naturliche Fruhling! Aus dir selber muss doch die Sonne das Bild bescheinen, um es zu beleben.
Zu Hause, auf Leontins Schlosse, wurde Friedrichs poetischer Rausch durch nichts gestort; denn was hier Faber Herrliches ersann und fleissig aufschrieb, suchte Leontin auf seine freie, wunderliche Weise ins Leben einzufuhren. Seine Leute mochten alle fortleben, wie es ihnen ihr frischer, guter Sinn eingab; das Waldhorn irrte fast Tag und Nacht in dem Walde hin und her, dazwischen spukte die eben erwachende Sinnlichkeit der kleinen Marie wie ein reizender Kobold, und so machte dieser seltsame, bunte Haushalt diesen ganzen Aufenthalt zu einer wahren Feenburg. Mitten in dem schonen Feste blieb nur ein einziges Wesen einsam und anteillos. Das war Erwin, der schone Knabe, der mit Friedrich auf das Schloss gekommen war. Er war allen unbegreiflich. Sein einziges Ziel und Augenmerk schien es, seinen Herrn, den Grafen Friedrich, zu bedienen, welches er bis zur geringsten Kleinigkeit aufmerksam, emsig und gewissenhaft tat. Sonst mischte er sich in keine Geschafte oder Lust der andern, erschien zerstreut, immer fremd, verschlossen und fast hart, so lieblich weich auch seine helle Stimme klang. Nur manchmal, bei Veranlassungen, die oft allen gleichgultig waren, sprach er auf einmal viel und bewegt, und jedem fiel dann sein schones, seelenvolles Gesicht auf. Unter seine Seltsamkeiten gehorte auch, dass er niemals zu bewegen war, eine Nacht in der Stube zuzubringen. Wenn alles im Schlosse schlief und draussen die Sterne am Himmel prangten, ging er vielmehr mit der Gitarre aus, setzte sich gewohnlich auf die alte Schlossmauer uber dem Waldgrunde und ubte sich dort heimlich auf dem Instrumente. Wie oft, wenn Friedrich manchmal in der Nacht erwachte, brachte der Wind einzelne Tone seines Gesanges uber den stillen Hof zu ihm heruber, oder er fand ihn fruhmorgens auf der Mauer uber der Gitarre eingeschlafen. Leontin nannte den Knaben eine wunderbare Laute aus alter Zeit, die jetzt niemand mehr zu spielen verstehe.
Eines Abends, da Leontin wieder auf einem seiner geheimnisvollen Ausfluge ungewohnlich lange ausblieb, sassen Friedrich und Faber, der sich nach geschehener Tagesarbeit einen frohlichen Feierabend nicht nehmen liess, auf der Wiese um den runden Tisch. Der Mond stand schon uber dem dunkeln Turme des Schlosses. Da horten sie plotzlich ein Gerausch durch das Dickicht brechen und Leontin sturzte auf seinem Pferde, wie ein gejagtes Wild, aus dem Walde hervor. Totenbleich, atemlos, und hin und wieder von den Asten blutig gerissen, kam er sogleich zu ihnen an den Tisch und trank hastig mehrere Glaser Wein nacheinander aus. Friedrich erschutterte die schone, wuste Gestalt. Leontin lachte laut auf, da er bemerkte, dass ihn alle so verwundert ansahen. Faber drang neugierig in ihn, ihnen zu erzahlen, was ihm begegnet sei. Er erzahlte aber nichts, sondern sagte statt aller Antwort: "Ich reise fort ins Gebirge, wollt ihr mit?" Faber sagte uberrascht und unentschlossen, dass ihm jetzt jede Storung unwillkommen sei, da er soeben an dem angefangenen grossen Gedichte arbeite, schlug aber endlich ein. Friedrich schwieg still. Leontin, der ihm wohl ansah, was er meine, entband ihn seines alten Versprechens, ihn zu begleiten; er musste ihm aber dagegen geloben, ihn auf seinem Schlosse zu erwarten. Sie blieben nun noch einige Zeit beieinander. Aber Leontin blieb nachdenklich und still. Seine beiden Gaste begaben sich daher bald zur Ruhe, ohne zu wissen, was sie von seiner Veranderung und raschem Entschlusse denken sollten. Noch im Weggehen horten sie ihn singen:
"Hinaus, o Mensch, weit in die Welt,
Bangt dir das Herz in krankem Mut!
Nichts ist so trub in Nacht gestellt,
Der Morgen leicht macht's wieder gut."
Am Morgen fruhzeitig blickte Friedrich aus seinem Fenster. Da sah er Leontin schon unten auf der Waldstrasse auf das Schloss seiner Schwester zureiten. Er eilte schnell hinab und ritt ihm nach.
Als er auf Rosas Schlosse ankam, fand er Leontin im Garten in einem lauten Wortwechsel mit seiner Schwester. Leontin war namlich hergekommen, um Abschied von ihr zu nehmen. Rosa hatte aber kaum von seinem Vorhaben gehort, als sie sogleich mit aller Heftigkeit den Gedanken ergriff mitzureisen. "Das lass ich wohl bleiben", sagte Leontin, "da schnure ich noch heut mein Bundel und reit euch ganz allein davon. Ich will eben als ein Verzweifelter weit in die Welt hinaus, will mich, wie Don Quijote, im Gebirge auf den Kopf stellen und einmal recht verruckt sein, und da fallt's euch gerade ein, hinter mir dreinzuzotteln, als reisten wir nach Karlsbad oder Pyrmont, um mich jedesmal fein naturlich wieder auf die Beine zu bringen und zurechtzurucken. Kommt mir doch jetzt meine ganze Reise vor, wie eine Armee, wo man vorn blitzende Schwerter und wehende Fahnen, hinterdrein aber einen langen Schwanz von Wagen und Weibern sieht, die auf alten Stuhlen, Betten und anderm Hausgerat sitzen und plaudern, kochen, handeln und zanken, als ware da vorn eben alles nichts, dass einem alle Lust zur Courage vergeht. Wahrhaftig, wenn du mitziehst, meine weltliche Rosa, so lasse ich das ganze herrliche, tausendfarbige Rad meiner Reisevorsatze fallen, wie der Pfau, wenn er seine prosaischen Fusse besieht." Rosa, die kein Wort von allem verstanden hatte, was ihr Bruder gesagt, liess sich nichts ausreden, sondern beharrte ruhig und fest bei ihrem Entschlusse, denn sie gefiel sich schon im voraus zu sehr als Amazone zu Pferde und freute sich auf neue Spektakel. Friedrich, der eben hier dazukam, schuttelte den Kopf uber ihr hartes Kopfchen, das ihm unter allen Untugenden der Madchen die unleidlichste war. Noch tiefer aber schmerzte ihn ihre Hartnackigkeit, da sie doch wusste, dass er nicht mitreise, dass er es nur um ihretwillen ausgeschlagen habe, und ihn wandelte heimlich die Lust an, selber allein in alle Welt zu gehen. Leontin, der, wie auf etwas sinnend, unterdes die beiden verliebten Gesichter angesehen hatte, lachte auf einmal auf. "Nein", rief er, "wahrhaftig, der Spass ist so grosser! Rosa, du sollst mitreisen, und Faber und Marie und Erwin und Haus und Hof. Wir wollen sanft uber die grunen Hugel wallen, wie Schafer, die Jager sollen die ungeschlachten Horner zu Hause lassen und Flote blasen. Ich will mit blossem Halse gehn, die Haare blond farben und ringeln, ich will zahm Sein, auf den Zehen gehen und immer mit zugespitztem Munde leise lispeln: 'O teuerste, schone Seele, o mein Leben, o mein Schaf!' Ihr sollt sehen, ich will mich bemuhen, recht mit Anstand lustig zu sein. Dem Herrn Faber wollen wir einen Strohhut mit Lilabandern auf das dicke Gesicht setzen und einen langen Stab in die Hand geben, er soll den Zug anfuhren. Wir andern werden uns zuweilen zum Spass im grunen Haine verirren, und dann uber unser hartes Trennungslos aus unsern spasshaften Schmerzen ernsthafte Sonette machen." Rosa, die von allem wieder nur gehort hatte, dass sie mitreisen durfe, fiel hier ihrem Bruder unterbrechend um den Hals und tat so schon in ihrer Freude, dass Friedrich wieder ganz mit ihr ausgesohnt war. Es wurde nun verabredet, dass sie sich noch heute abend auf Leontins Schlosse einfinden sollten, damit sie alle morgen fruhzeitig aufbrechen konnten, und sie sprang frohlich fort, um ihre Anstalten zu treffen.
Als Friedrich und Leontin wieder nach Hause kamen, begann letzterer, der seinen gestrigen Schreck fast schon ganz wieder vergessen zu haben schien, sogleich mit vieler Lustigkeit zusammenzurufen, Befehle auszuteilen und uberall Alarm zu schlagen, um, wie er sagte, das Zigeunerleben bald von allen Seiten aufzuruhren. Rosa traf, wie sie es versprochen hatte, gegen Abend ein und fand auf der Wiese bei Mondenschein bereits alles in der buntesten Bewegung. Die Jager putzten singend ihre Buchsen und Sattelzeug, andere versuchten ihre Horner, Faber band ganze Ballen Papier zusammen, die kleine Marie sprang zwischen allen leichtfertig herum.
Alle begaben sich heute etwas fruher als gewohnlich zur Ruhe. Als Friedrich eben einschlummerte, horte er draussen einige volle Akkorde auf der Laute anschlagen. Bald darauf vernahm er Erwins Stimme. Das Lied, das er sang, ruhrte ihn wunderbar, denn es war eine alte, einfache Melodie, die er in seiner Kindheit sehr oft und seitdem niemals wieder gehort hatte. Er sprang erstaunt ans Fenster, aber Erwin hatte soeben wieder aufgehort. Das Licht aus Rosas Schlafzimmer am andern Flugel des Schlosses war erloschen, der Wind drehte knarrend die Wetterfahne auf dem Turme, der Mond schien ausserordentlich hell. Friedrich sah Erwin wieder, wie sonst, mit der Gitarre auf der Mauer sitzen. Bald darauf horte er den Knaben sprechen; eine durchaus unbekannte, mannliche Stimme schien ihm von Zeit zu Zeit Antwort zu geben. Friedrich verdoppelte seine Aufmerksamkeit, aber er konnte nichts verstehen, auch sah er niemand ausser Erwin. Nur manchmal kam es ihm vor, als lange ein langer Arm uber die Mauer heruber nach dem Knaben. Zuletzt sah er einen Schatten von dem Knaben fort langs der Mauer hinuntergehen. Der Schatten wuchs beim Mondenschein mit jedem Schritte immer hoher und langer, bis er sich endlich in Riesengrosse in den Wald hinein verlor. Friedrich lehnte sich ganz zum Fenster hinaus, aber er konnte nichts unterscheiden. Erwin sprach nun auch nicht mehr und die ganze Gegend war totenstill. Ein Schauer uberlief ihn dabei. Sollte diese Erscheinung, dachte er, Zusammenhang haben mit Leontins Begebenheiten? Weiss vielleicht dieser Knabe um seine Geheimnisse? Ihm fiel dabei ein, dass sich sein ganzes Gesicht lebhaft verandert hatte, als Faber heute noch einmal Leontins gestrigen unbekannten Begegnisses erwahnte. Beinahe hatte er alles fur einen uberwachten Traum gehalten, so seltsam kam es ihm vor, und er schlief endlich mit sonderbaren und abenteuerlichen Gedanken ein.
Funftes Kapitel
Als draussen Berg und Tal wieder licht waren, war der ganze bunte Trupp schon eine Stunde weit von Leontins Schlosse entfernt. Der sonderbare Zug gewahrte einen lustigen Anblick. Leontin ritt ein unbandiges Pferd allen voraus. Er war leicht und nachlassig angezogen, und seine ganze Gestalt hatte etwas Auslandisches. Friedrich sah durchaus deutsch aus. Faber dagegen machte den allerseltsamsten und abenteuerlichsten Aufzug. Er hatte einen runden Hut mit ungeheuer breiten Krempen, der ihn, wie ein Schirm, gegen die Sonne und Regen zugleich schutzen sollte. An seiner Seite hing eine dick angeschwollene Tasche mit Schreibtafeln, Buchern und anderm Reisegerat herab. Er war wie ein fahrender Scholast anzusehen. Rosa ritt mitten unter ihnen ein schones, frommes Pferd auf einem weiblichen, englischen Sattel. Ein langes grunes Reitkleid, von einem goldenen Gurtel zusammengehalten, schmiegte sich an ihre vollen Glieder, ein blendendweisser Spitzenkragen umschloss das schone Kopfchen, von dem hohe Federn in die Morgenluft nickten. Zu ihrer Begleitung hatte man die kleine Marie bestimmt, die ihr als Jagerknabe folgte. Auch Erwin ritt mit und hatte die Gitarre an einem himmelblauen Bande umgehangt. Hinterdrein kamen mehrere Jager mit wohlbepackten Pferden.
Sie zogen eben uber einen freien Bergrucken weg. Die Morgensonne funkelte ihnen frohlich entgegen. Rosa blickte Friedrich aus ihren grossen Augen so frisch und freudig an, dass es ihm durch die Seele ging. Als sie auf den Gipfel kamen, lag auf einmal ein unubersehbar weites Tal im Morgenschimmer unter ihnen. "Viktoria!" rief Leontin frohlich und schwang seinen Hut. "Es geht doch nichts ubers Reisen, wenn man nicht dahin oder dorthin reiset, sondern in die weite Welt hinein, wie es Gott gefallt! Wie uns aus Waldern, Bergen, aus bluhenden Madchengesichtern, die von lichten Schlossern grussen, aus Stromen und alten Burgen das noch unbekannte, uberschwengliche Leben ernst und frohlich ansieht!" "Das Reisen", sagte Faber, "ist dem Leben vergleichbar. Das Leben der meisten ist eine immerwahrende Geschaftsreise vom Buttermarkt zum Kasemarkt; das Leben der Poetischen dagegen ein freies, unendliches Reisen nach dem Himmelreich." Leontin, dessen Widerspruchsgeist Faber jederzeit unwiderstehlich anregte, sagte darauf: "Diese reisenden Poetischen sind wieder den Paradiesvogeln zu vergleichen, von denen man falschlich glaubt, dass sie keine Fusse haben. Sie mussen doch auch herunter und in Wirtshausern einkehren und Vettern und Basen besuchen, und, was sie sich auch fur Zeug einbilden, das Fraulein auf dem lichten Schlosse ist doch nur ein dummes, hochstens verliebtes Ding, das die Liebe mit ihrem bisschen brennbaren Stoffe eine Weile in die Lufte treibt, um dann desto jammerlicher, wie ein ausgeblasener Dudelsack, wieder zur Erde zu fallen; auf der alten, schonen, trotzigen Burg findet sich auch am Ende nur noch ein kahler Landkavalier usw. Alles ist Einbildung." "Du solltest nicht so reden", entgegnete Friedrich. "Wenn wir von einer innern Freudigkeit erfullt sind, welche, wie die Morgensonne, die Welt uberscheint und alle Begebenheiten, Verhaltnisse und Kreaturen zur eigentumlichen Bedeutung erhebt, so ist dieses freudige Licht vielmehr die wahre gottliche Gnade, in der allein alle Tugenden und grossen Gedanken gedeihen, und die Welt ist wirklich so bedeutsam, jung und schon, wie sie unser Gemut in sich selber anschaut. Der Missmut aber, die trage Niedergeschlagenheit und alle diese Entzauberungen, das ist die wahre Einbildung, die wir durch Gebet und Mut zu uberwinden trachten sollen, denn diese verdirbt die ursprungliche Schonheit der Welt." "Ist mir auch recht", erwiderte Leontin lustig. "Graf Friedrich", sagte Faber, "hat eine Unschuld in seinen Betrachtungen, eine Unschuld." "Ihr Dichter", fiel ihm Leontin hastig ins Wort, "seid alle eurer Unschuld uber den Kopf gewachsen, und, wie ihr eure Gedichte ausspendet, sagt ihr immer: 'Da ist ein prachtiges Kunststuck von meiner Kindlichkeit, da ist ein besonders wohleingerichtetes Stuck von meinem Patriotismus oder von meiner Ehre!'" Friedrich erstaunte, da Leontin so keck und hart aussprach, was er, als eine Lasterung aller Poesie, sich selber zu denken niemals erlauben mochte.
Rosa hatte unterdes uber dem Gesprache mehrere Male gegahnt. Faber bemerkte es, und da er sich jederzeit als ein galanter Verehrer des schonen Geschlechts auszeichnete, so trug er sich an, zu allgemeiner Unterhaltung eine Erzahlung zum besten zu geben. "Nur nicht in Versen", rief Rosa, "denn da versteht man doch alles nur halb." Man ruckte daher naher zusammen, Faber in die Mitte nehmend, und er erzahlte folgende Geschichte, wahrend sie zwischen den waldigen Bergen langsam fortzogen:
"Es war einmal ein Ritter." "Das fangt ja an wie ein Marchen", unterbrach ihn Rosa. Faber setzte von neuem an: "Es war einmal ein Ritter, der lebte tief im Walde auf seiner alten Burg in geistlichen Betrachtungen und strengen Bussubungen. Kein Fremder besuchte den frommen Ritter, alle Wege zu seiner Burg waren lange mit hohem Grase uberwachsen und nur das Glocklein, das er bei seinen Gebeten von Zeit zu Zeit zog, unterbrach die Stille und klang in hellen Nachten weit uber die Walder weg. Der Ritter hatte ein junges Tochterlein, die machte ihm viel Kummer, denn sie war ganz anderer Sinnesart, als ihr Vater und all ihr Trachten ging nur auf weltliche Dinge. Wenn sie abends am Spinnrocken sass, und er ihr aus seinen alten Buchern die wunderbaren Geschichten von den heiligen Martyrern vorlas, dachte sie immer heimlich bei sich: Das waren wohl rechte Toren, und hielt sich fur weit kluger, als ihr alter Vater, der alle die Wunder glaubte. Oft, wenn ihr Vater weg war, blatterte sie in den Buchern und malte den Heiligen, die darin abgebildet waren, grosse Schnurrbarte" Rosa lachte hierbei laut auf. "Was lachst du?" fragte Leontin Spitzig, und Faber fuhr in Seiner Erzahlung fort: "Sie war sehr schon und kluger, als alle die andern Kinder in ihrem Alter, weswegen sie sich auch immer mit ihnen zu spielen schamte, und wer mit ihr sprach, glaubte eine erwachsene Person reden zu horen, so gescheit und kunstlich waren alle ihre Worte gesetzt. Dabei ging sie bei Tag und Nacht ganz allein im Walde umher, ohne sich zu furchten, und lachte immer den alten Burgvogt aus, der ihr schauerliche Geschichten vom Wassermann erzahlte. Gar oft stand sie dann an dem blauen Flusse im Walde und rief mit lachendem Munde: 'Wassermann soll mein Brautigam sein! Wassermann soll mein Brautigam sein!'
Als nun der Vater zum Sterben kam, rief er die Tochter zu seinem Bette und ubergab ihr einen grossen Ring, der war sehr schwer von reinem Golde gearbeitet. Er sagte dabei zu ihr: 'Dieser Ring ist vor uralten Zeiten von einer kunstreichen Hand verfertigt. Einer deiner Vorfahren hat ihn in Palastina, mitten im Getummel der Schlacht, erfochten. Dort lag er unter Blut und Staub auf dem Boden, aber er blieb unbefleckt und glanzte so hell und durchdringlich, dass sich alle Rosse davor baumten und keines ihn mit seinem Hufe zertreten wollte. Alle deine Mutter haben den Ring getragen und Gott hat ihren frommen Ehestand gesegnet. Nimm du ihn auch hin und betrachte ihn alle Morgen mit rechten Sinnen, so wird sein Glanz dein Herz erquicken und starken. Wenden sich aber deine Gedanken und Neigungen zum Bosen, so verloscht sein Glanz mit der Klarheit deiner Seele und wird dir gar trube erscheinen. Bewahre ihn treu an deinem Finger, bis du einen tugendhaften Mann gefunden. Denn welcher Mann ihn einmal an seiner Hand tragt, der kann nicht mehr von dir lassen und wird dein Brautigam.' Bei diesen Worten verschied der alte Ritter.
Ida blieb nun allein zuruck. Ihr war langst angst und bange auf dem alten Schlosse gewesen, und da sie jetzt ungeheure Schatze in den Kellern ihres Vaters vorfand, so veranderte sie sogleich ihre Lebensweise." "Gott sei Dank", sagte Rosa, "denn bis jetzt war sie ziemlich langweilig." Faber fuhr wieder fort: "Die dunkeln Bogen, Tore und Hofe der alten Burg wurden niedergerissen und ein neues, lichtes Schloss mit blendendweissen Mauern und kleinern, luftigen Turmchen erhob sich bald uber den alten Steinen. Ein grosser, schoner Garten wurde daneben angelegt, durch den der blaue Fluss voruberfloss. Da standen tausenderlei hohe, bunte Blumen, Wasserkunste sprangen dazwischen, und zahme Rehe gingen darin spazieren. Der Schlosshof wimmelte von Rossen und reichgeschmuckten Edelknaben, die lustige Lieder auf ihr schones Fraulein sangen. Sie selber war nun schon gross und ausserordentlich schon geworden. Von Ost und West kamen daher nun reiche und junge Freier angezogen, und die Strassen, die zu dem Schlosse fuhrten, blitzten von blanken Reitern, Helmen und Federbuschen.
Das gefiel dem Fraulein gar wohl, aber so gern sie auch alle Manner hatte, so mochte sie doch mit keinem einzigen ihren Ring auswechseln; denn jeder Gedanke an die Ehe war ihr lacherlich und verhasst. Was soll ich, sagte sie zu sich selbst, meine schone Jugend verkummern, um in abgeschiedener, langweiliger Einsamkeit eine armselige Hausmutter abzugeben, anstatt dass ich jetzt so frei bin, wie der Vogel in der Luft. Dabei kamen ihr alle Manner gar dummlich vor, weil sie entweder zu unbehulflich waren, ihrem mussigen Witze nachzukommen, oder auf andere, hohe Dinge stolz taten, an die sie nicht glaubte. Und so betrachtete sie sich in ihrer Verblendung als eine reizende Fee unter verzauberten Baren und Affen, die nach ihrem Winke tanzen und aufwarten mussten. Der Ring wurde indes von Tage zu Tage truber.
Eines Tages gab sie ein glanzendes Bankett. Unter einem prachtigen Zelte, das im Garten aufgeschlagen war, sassen die jungen Ritter und Frauen um die Tafel, in ihrer Mitte das stolze Fraulein, gleich einer Konigin, und ihre witzigen Redensarten uberstrahlten den Glanz der Perlen und Edelgesteine, womit ihr Hals und Busen geschmuckt war. Recht wie ein wurmstichiger Apfel, so schon rot und betruglich war sie anzusehen. Der goldene Wein kreiste frohlich herum, die Ritter schauten kuhner, uppig lockende Lieder zogen hin und wieder im Garten durch die sommerlaue Luft. Da fielen Idas Blicke zufallig auf ihren Ring. Der war auf einmal finster geworden, und sein verloschender Glanz tat nur eben noch einen seltsamen, dunkelgluhenden Blick auf sie. Sie stand schnell auf und ging an den Abhang des Gartens. 'Du einfaltiger Stein sollst mich nicht langer mehr storen!' sagte sie, in ihrem Ubermute lachend, zog den Ring vom Finger und warf ihn in den Strom hinunter. Er beschrieb im Fluge einen hellschimmernden Bogen und tauchte sogleich in den tiefsten Abgrund hinab. Darauf kehrte sie wieder in den Garten zuruck, aus dem die Tone wollustig nach ihr zu langen schienen.
Am andern Tage sass Ida allein im Garten und sah in den Fluss hinunter. Es war gerade um die Mittagszeit. Alle Gaste waren fortgezogen, die ganze Gegend lag still und schwul. Einzelne seltsam gestaltete Wolken zogen langsam uber den dunkelblauen Himmel; manchmal flog ein plotzlicher Wind uber die Gegend, und dann war es, als ob die alten Felsen und die alten Baume sich uber den Fluss unten neigten und miteinander uber sie besprachen. Ein Schauder uberlief Ida. Da sah sie auf einmal einen schonen, hohen Ritter, der auf einem schneeweissen Rosse die Strasse hergeritten kam. Seine Rustung und sein Helm waren wasserblau, eine wasserblaue Binde flatterte in der Luft, seine Sporen waren von Kristall. Er grusste sie freundlich, stieg ab und kam zu ihr. Ida schrie laut auf vor Schreck, denn sie erblickte den alten wundertatigen Ring, den sie gestern in den Fluss geworfen hatte, an seinem Finger, und dachte sogleich daran, was ihr ihr Vater auf dem Totenbette prophezeit hatte. Der schone Ritter zog sogleich eine dreifache Schnur von Perlen hervor und hing sie dem Fraulein um den Hals, dabei kusste er sie auf den Mund, nannte sie seine Braut und versprach, sie heute abend heimzuholen. Ida konnte nichts antworten, denn es kam ihr vor, als lage sie in einem tiefen Schlafe, und doch vernahm sie den Ritter, der in gar lieblichen Worten zu ihr sprach, ganz deutlich, und horte dazwischen auch den Strom, wie uber ihr, immerfort verworren dreinrauschen. Darauf sah sie den Ritter sich wieder auf seinen Schimmel schwingen und so schnell in den Wald zurucksprengen, dass der Wind hinter ihm dreinpfiff.
Als es gegen Abend kam, stand sie in ihrem Schlosse am Fenster und schaute in das Gebirge hinaus, das schon die graue Dammerung zu uberziehen anfing. Sie sann hin und her, wer der schone Ritter sein moge, aber sie konnte nichts herausbringen. Eine nie gefuhlte Unruhe und Angstlichkeit uberfiel dabei ihre Seele, die immer mehr zunahm, je dunkler draussen die Gegend wurde. Sie nahm die Zither, um sich zu zerstreuen. Es fiel ihr ein altes Lied ein, das sie als Kind oft ihren Vater in der Nacht, wenn sie manchmal erwachte, hatte singen horen. Sie fing an zu singen:
'Obschon ist hin der Sonnenschein
Und wir im Finstern mussen sein,
So konnen wir doch singen
Von Gottes Gut und seiner Macht,
Weil uns kann hindern keine Nacht,
Sein Lobe zu vollbringen.'
Die Tranen brachen ihr hierbei aus den Augen, und sie musste die Zither weglegen, so weh war ihr zumute.
Endlich, da es draussen schon ganz finster gewor
den, horte sie auf einmal ein grosses Getos von Rosseshufen und fremden Stimmen. Der Schlosshof fullte sich mit Windlichtern, bei deren Schein sie ein wildes Gewimmel von Wagen, Pferden, Rittern und Frauen erblickte. Die Hochzeitsgaste verbreiteten sich bald in der ganzen Burg, und sie erkannte alle ihre alten Bekannten, die auch letzthinauf dem Bankett bei ihr gewesen waren. Der schone Brautigam, wieder ganz in wasserblaue Seide gekleidet, trat zu ihr und erheiterte gar bald ihr Herz durch seine anmutigen und sussen Reden, Musikanten spielten lustig, Edelknaben schenkten Wein herum, und alles tanzte und schmauste in freudenreichem Schalle.
Wahrend des Festes trat Ida mit ihrem Brautigam ans offene Fenster. Die Gegend war unten weit und breit still, wie ein Grab, nur der Fluss rauschte aus dem finstern Grunde herauf. 'Was sind das fur schwarze Vogel', fragte Ida, 'die da in langen Scharen so langsam uber den Himmel ziehn?' 'Sie ziehen die ganze Nacht fort', sagte der Brautigam, 'sie bedeuten deine Hochzeit.' 'Was sind das fur fremde Leute', fragte Ida wieder, 'die dort unten am Flusse auf den Steinen sitzen und sich nicht ruhren?' 'Das sind meine Diener', sagte der Brautigam, 'die auf uns warten.' Unterdes fingen schon lichte Streifen an, sich am Himmel aufzurichten, und aus den Talern horte man von ferne Hahne krahen. 'Es wird so kuhl', sagte Ida und schloss das Fenster. 'In meinem Hause ist es noch viel kuhler', erwiderte der Brautigam, und Ida schauderte unwillkurlich zusammen.
Darauf fasste er sie beim Arme und fuhrte sie mitten unter den lustigen Schwarm zum Tanze. Der Morgen ruckte indes immer naher, die Kerzen im Saale flakkerten nur noch matt und loschten zum Teil gar aus. Wahrend Ida mit ihrem Brautigam herumwalzte, bemerkte sie mit Grausen, dass er immer blasser ward, je lichter es wurde. Draussen vor den Fenstern sah sie lange Manner mit seltsamen Gesichtern ankommen, die in den Saal hereinschauten. Auch die Gesichter der ubrigen Gaste und Bekannten veranderten sich nach und nach, und sie sahen alle aus wie Leichen. 'Mein Gott, mit wem habe ich so lange Zeit gelebt?' rief sie aus. Sie konnte vor Ermattung nicht mehr fort und wollte sich loswinden, aber der Brautigam hielt sie fest um den Leib und tanzte immerfort, bis sie atemlos auf die Erde hinsturzte.
Fruhmorgens, als die Sonne frohlich uber das Gebirge schien, sah man den Schlossgarten auf dem Berge verwustet, im Schlosse war kein Mensch zu finden, und alle Fenster standen weit offen. Die Reisenden, die bei hellem Mondenscheine oder um die Mittagszeit an dem Flusse vorubergingen, sahen oft ein junges Madchen sich mitten im Strome mit halbem Leibe uber das Wasser emporheben. Sie war sehr schon, aber totenblass."
So endigte Faber seine Erzahlung. "Erschrecklich!" rief Leontin, sich, wie vor Frost, schuttelnd. Rosa schwieg still. Auf Friedrich hatte das Marchen einen tiefen und ganz besonderen Eindruck gemacht. Er konnte sich nicht enthalten, wahrend der ganzen Erzahlung mit einem unbestimmten, schmerzlichen Gefuhle an Rosa zu denken, und es kam ihm vor, als hatte Faber selber nicht ohne Absicht gerade diese Erfindung gewahlt.
Fabers Marchen gab Veranlassung, dass auch Friedrich und Leontin mehrere Geschichten erzahlten, woran aber Rosa immer nur einen entfernten Anteil nahm. So verging dieser Tag unter frohlichen Gesprachen, ehe sie es selber bemerkten, und der Abend uberraschte sie mitten im Walde in einer unbekannten Gegend. Sie schlugen daher den ersten Weg ein, der sich ihnen darbot, und kamen schon in der Dunkelheit bei einem Bauernhause an, das ganz allein im Walde stand, und wo sie zu ubernachten beschlossen. Die Hauswirtin, ein junges, rustiges Weib, wusste nicht, was sie aus dem ganz unerwarteten Besuche machen sollte und mass sie mit Blicken, die eben nicht das beste Zutrauen verrieten. Die lustigen Reden und Schwanke Leontins und seiner Jager aber brachten sie bald in die beste Laune, und sie bereitete alles recht mit Lust zu ihrer Aufnahme.
Nach einem fluchtig eingenommenen Abendessen ergriffen Leontin, Faber und die Jager ihre Flinten und gingen noch in den Wald hinaus auf den Anstand, da ihnen die gefallige Bauerin mit einer gewissen verstohlenen Vertraulichkeit den Platz verraten hatte, wo das Wild gewohnlich zu wechseln pflegte. Rosa furchtete sich nun, hier allein zuruckzubleiben, und bat daher Friedrich, ihr Gesellschaft zu leisten, welches dieser mit Freuden annahm. Beide setzten sich, als alles fort war, auf die Bank an der Haustur vor den weiten Kreis der Walder. Friedrich hatte die Gitarre bei sich und griff einige volle Akkorde, welche sich in der heitern, stillen Nacht herrlich ausnahmen. Rosa war in dieser ungewohnten Lage ganz verandert. Sie war einmal ohne alle kleine Launen, hingebend, ungewohnlich vertraulich und liebenswurdig ermattet. Friedrich glaubte sie noch niemals so angenehm gesehen zu haben. Er hatte ihr schon langst versprechen mussen, seine ganze Jugendgeschichte einmal ausfuhrlich zu erzahlen. Sie bat ihn nun, sein Versprechen zu erfullen, bis die andern zuruckkamen. Er war gerade auch aufgelegt dazu und begann daher, wahrend sie, mit dem einen Arme auf seine Achsel gelehnt, so nahe als moglich an ihn ruckte, folgendermassen zu erzahlen:
"Meine fruhesten Erinnerungen verlieren sich in einem grossen, schonen Garten. Lange, hohe Gange von gradbeschnittenen Baumwanden laufen nach allen Richtungen zwischen grossen Blumenfeldern hin, Wasserkunste rauschen einsam dazwischen, die Wolken ziehen hoch uber die dunkeln Gange weg, ein wunderschones kleines Madchen, alter als ich, sitzt an der Wasserkunst und singt welsche Lieder, wahrend ich oft stundenlang an den eisernen Staben des Gartentors stehe, das an die Strasse stosst, und sehe, wie draussen der Sonnenschein wechselnd uber Walder und Wiesen fliegt, und Wagen, Reuter und Fussganger am Tore voruber in die glanzende Ferne hinausziehen. Diese ganze, stille Zeit liegt weit hinter all dem Schwalle der seitdem durchlebten Tage, wie ein uraltes, wehmutig susses Lied, und wenn mich oft nur ein einzelner Ton davon wieder beruhrt, fasst mich ein unbeschreibliches Heimweh, nicht nur nach jenen Garten und Bergen, sondern nach einer viel ferneren und tieferen Heimat, von welcher jene nur ein lieblicher Widerschein zu sein scheint. Ach, warum mussen wir jene unschuldige Betrachtung der Welt, jene wundervolle Sehnsucht, jenen geheimnisvollen, unbeschreiblichen Schimmer der Natur verlieren, in dem wir nur manchmal noch im Traume unbekannte, seltsame Gegenden wiedersehen!"
"Und wie war es denn nun weiter?" fiel ihm Rosa ins Wort.
"Meinen Vater und meine Mutter", fuhr Friedrich fort, "habe ich niemals gesehen. Ich lebte auf dem Schlosse eines Vormunds. Aber eines altern Bruders erinnere ich mich sehr deutlich. Er war schon, wild, witzig, keck und dabei storrisch, tiefsinnig und menschenscheu. Dein Bruder Leontin sieht ihm sehr ahnlich und ist mir darum um desto teurer. Am besten kann ich mir ihn vorstellen, wenn ich an einen Umstand zuruckdenke. An unserm altertumlichen Schlosse lief namlich eine grosse steinerne Galerie rings herum. Dort pflegten wir beide gewohnlich des Abends zu sitzen, und ich erinnere mich noch immer an den eignen, sehnsuchtsvollen Schauer, mit dem ich hinuntersah, wie der Abend blutrot hinter den schwarzen Waldern versank und dann nach und nach alles dunkel wurde. Unsere alte Warterin erzahlte uns dann gewohnlich das Marchen von dem Kinde, dem die Mutter mit dem Kasten den Kopf abschlug und das darauf als ein schoner Vogel draussen auf den Baumen sang. Rudolf, so hiess mein Bruder, lief oder ritt unterdes auf dem steinernen Gelander der Galerie herum, dass mir vor Schwindel alle Sinne vergingen. Und in dieser Stellung schwebt mir sein Bild noch immer vor, das ich von dem Marchen, den schwarzen Waldern unten und den seltsamen Abendlichtern gar nicht trennen kann. Da er wenig lernte und noch weniger gehorchte, wurde er kalt und ubel behandelt. Oft wurde ich ihm als Muster vorgestellt, und dies war mein grosster und tiefster Schmerz, den ich damals hatte, denn ich liebte ihn unaussprechlich. Aber er achtete wenig darauf. Das schone italienische Madchen furchtete sich vor ihm, sooft sie mit ihm zusammenkam, und doch schien sie ihn immer wieder von neuem aufzusuchen. Mit mir dagegen war sie sehr vertraulich und oft ausgelassen lustig. Alle Morgen, wenn es schon war, ging sie in den Garten hinunter und wusch sich an der Wasserkunst die hellen Augen und den kleinen, weissen Hals, und ich musste ihr wahrenddessen die zierlichen Zopfchen flechten helfen, die sie dann in einen Kranz uber dem Scheitel zusammenheftete. Dabei sang sie immer folgendes Liedchen, das mir mit seiner ganz eignen Melodie noch immer sehr deutlich vorschwebt:
'Zwischen Bergen, liebe Mutter,
Weit den Wald entlang,
Reiten da drei junge Jager
Auf drei Rosslein blank,
lieb Mutter,
Auf drei Rosslein blank.
Ihr konnt frohlich sein, lieb Mutter:
Wird es draussen still,
Kommt der Vater heim vom Walde,
Kusst Euch wie er will,
lieb Mutter,
Kusst Euch wie er will.
Und ich werfe mich im Bettchen
Nachts ohn Unterlass,
Kehr mich links, und kehr mich rechtshin,
Nirgends hab ich was,
lieb Mutter,
Nirgends hab ich was.
Bin ich eine Frau erst einmal,
In der Nacht dann still
Wend ich mich nach allen Seiten,
Kuss, soviel ich will,
lieb Mutter,
Kuss, soviel ich will.'
Sie sang das Liedchen ganz allerliebst. Das arme Kind wusste wohl damals selbst noch nicht deutlich, was sie sang. Aber einmal fuhren die Alten, die sie daruber belauscht hatten, gar tappisch mit harten Verweisen drein, und seitdem, erinnere ich mich, sang sie das Lied heimlich noch viel lieber. So lebten wir lange Zeit in Frieden nebeneinander, und es fiel mir gar nicht ein, dass es jemals anders werden konnte, nur dass Rudolf immer finsterer wurde, je mehr er heranwuchs. Um diese Zeit hatte ich mehrere Male sehr schwere und furchtbare Traume. Ich sah namlich immer meinen Bruder Rudolf in einer Rustung, wie sie sich auf einem alten Ritterbilde auf unserem Vorsaale befand, durch ein Meer von durcheinanderwogenden, ungeheuren Wolken schreiten, wobei er sich mit einem langen Schwerte rechts und links Bahn zu hauen schien. Sooft er mit dem Schwerte die Wolken beruhrte, gab es eine Menge Funken, die mich mit ihren vielfarbigen Lichtern blendeten, und bei jedem solchen Leuchten kam mir auch Rudolfs Gesicht plotzlich blass und ganz verandert vor. Wahrend ich mich nun mit den Augen so recht in den Wolkenzug vertiefte, bemerkte ich mit Verwunderung, dass es eigentlich keine Wolken waren, sondern sich alles nach und nach in ein langes, dunkles, seltsam geformtes Gebirge verwandelte, vor dem mir schauderte, und ich konnte gar nicht begreifen, wie sich Rudolf dort so allein nicht furchtete. Seitwarts von dem Gebirge sah ich eine weite Landschaft, deren unbeschreibliche Schonheit und wunderbaren Farbenschimmer ich niemals vergessen habe. Ein grosser Strom ging mitten hindurch bis in eine unabsehbare, duftige Ferne, wo er sich mit Gesang zu verlieren schien. Auf einem sanftgrunen Hugel uber dem Strome sass Angelina, das italienische Madchen, und zog mit ihrem kleinen, rosigen Finger zu meinem Erstaunen einen Regenbogen uber den blauen Himmel. Unterdes sah ich, dass das Gebirge anfing sich wundersam zu regen; die Baume streckten lange Arme aus, die sich wie Schlangen ineinanderschlungen, die Felsen dehnten sich zu ungeheuren Drachengestalten aus, andere zogen Gesichter mit langen Nasen, die ganze wunderschone Gegend uberzog und verdeckte dabei ein qualmender Nebel. Zwischen den Felsenplatten streckte Rudolf den Kopf hervor, der auf einmal viel alter und selber wie von Stein aussah, und lachte ubermassig mit seltsamen Gebarden. Alles verwirrte sich zuletzt und ich sah nur die entfliehende Angelina mit angstlich zuruckgewandtem Gesichte und weissem, flatterndem Gewande, wie ein Bild uber einen grauen Vorhang, voruberschweben. Eine grosse Furcht uberfiel mich da jedesmal und ich wachte vor Schreck und Entsetzen auf.
Diese Traume, die sich, wie gesagt, mehrere Male wiederholten, machten einen so tiefen Eindruck auf mein kindisches Gemut, dass ich nun meinen Bruder oft heimlich mit einer Art von Furcht betrachtete, auch die seltsame Gestaltung des Gebirges nie wieder vergass.
Eines Abends, da ich eben im Garten herumging und zusah, wie es in der Ferne an den Bergen gewitterte, trat auf einmal an dem Ende eines Bogenganges Rudolf zu mir. Er war finsterer, als gewohnlich. 'Siehst du das Gebirge dort?' sagte er, auf die fernen Berge deutend. 'Druben liegt ein viel schoneres Land, ich habe ein einziges Mal hinuntergeblickt.' Er setzte sich ins Gras hin, dann sagte er in einer Weile wieder. 'Horst du, wie jetzt in der weiten Stille unten die Strome und Bache rauschen und wunderbarlich lokken? Wenn ich so hinunterstiege in das Gebirge hinein, ich ginge fort und immer fort, du wurdest unterdes alt, das Schloss ware auch verfallen und der Garten hier lange einsam und wuste.' Mir fiel bei diesen Worten mein Traum wieder ein, ich sah ihn an, und auch sein Gesicht kam mir in dem Augenblicke gerade so vor, wie es mir im Traume immer erschien. Eine niegefuhlte Angst uberwaltigte mich und ich fing an zu weinen. 'Weine nur nicht!' sagte er hart und wollte mich schlagen. Unterdes kam Angelina mit neuem Spielzeuge lustig auf uns zugesprungen und Rudolf entfernte sich wieder in den dunkeln Bogengang. Ich spielte nun mit dem muntern Madchen auf dem Rasenplatze vor dem Schlosse und vergass daruber alles Vorhergegangene. Endlich trieb uns der Hofmeister zu Bette. Ich erinnere mich nicht, dass mir als Kind irgend etwas widerwartiger gewesen ware, als das zeitige Schlafengehen, wenn alles draussen noch schallte und schwarmte und meine ganze Seele noch so wach war. Dieser Abend war besonders schon und schwul. Ich legte mich unruhig nieder. Die Baume rauschten durch das offene Fenster herein, die Nachtigall schlug tief aus dem Garten, dazwischen horte ich noch manchmal Stimmen unter dem Fenster sprechen, bis ich endlich nach langer Zeit einschlummerte. Da kam es mir auf einmal vor, als schiene der Mond sehr hell durch die Stube, mein Bruder erhobe sich aus seinem Bett und ginge verschiedentlich im Zimmer herum, neige sich dann uber mein Bett und kusse mich. Aber ich konnte mich durchaus nicht besinnen.
Den folgenden Morgen wachte ich spater auf, als gewohnlich. Ich blickte sogleich nach dem Bette meines Bruders und sah, nicht ohne Ahnung und Schreck, dass es leer war. Ich lief schnell in den Garten hinaus, da sass Angelina am Springbrunnen und weinte heftig. Meine Pflegeeltern und alle im ganzen Hause waren heimlich, verwirrt und verstort, und so erfuhr ich erst nach und nach, dass Rudolf in dieser Nacht entflohen sei. Man schickte Boten nach allen Seiten aus, aber keiner brachte ihn mehr wieder."
"Und habt ihr denn seitdem niemals wieder etwas von ihm gehort?" fragte Rosa.
"Es kam wohl die Nachricht", sagte Friedrich, "dass er sich bei einem Freikorps habe anwerben lassen, nachher gar, dass er in einem Treffen geblieben sei. Aber aus spateren, einzelnen, abgebrochenen Reden meiner Pflegeeltern gelangte ich wohl zu der Gewissheit, dass er noch am Leben sein musse. Doch taten sie sehr heimlich damit und horten sogleich auf davon zu sprechen, wenn ich hinzutrat; und seitdem habe ich von ihm nichts mehr sehen noch erfahren konnen.
Bald darauf verliess auch Angelina mit ihrem Vater, der weitlaufig mit uns verwandt war, unser Schloss und reiste nach Italien zuruck. Es ist sonderbar, dass ich mich auf die Zuge des Kindes nie wieder besinnen konnte. Nur ein leises, freundliches Bild ihrer Gestalt und ganzen lieblichen Gegenwart blieb mir ubrig. Und so war denn nun das Kleeblatt meiner Kindheit zerrissen und Gott weiss, ob wir uns jemals wiedersehen. Mir war zum Sterben bange, mein Spielzeug freute mich nicht mehr, der Garten kam mir unaussprechlich einsam vor. Es war, als musste ich hinter jedem Baume, an jedem Bogengange noch Angelina oder meinem Bruder begegnen, das einformige Platschern der Wasserkunste Tag und Nacht hindurch vermehrte nur meine tiefe Bangigkeit. Mir war es unbegreiflich, wie es meine Pflegeeltern hier noch aushalten konnten, wie alles um mich herum seinen alten Gang fortging, als ware eben alles noch, wie zuvor.
Damals ging ich oft heimlich und ganz allein nach dem Gebirge, das mir Rudolf an jenem letzten Abend gezeigt hatte, und hoffte in meinem kindischen Sinne zuversichtlich, ihn dort noch wiederzufinden. Wie oft uberfiel mich dort ein Grausen vor den Bergen, wenn ich mich manchmal droben verspatet hatte und nur noch die Schlage einsamer Holzhauer durch die dunkelgrunen Bogen heraufschallten, wahrend tief unten schon hin und her Lichter in den Dorfern erschienen, aus denen die Hunde fern bellten. Auf einem dieser Streifzuge verfehlte ich beim Heruntersteigen den rechten Weg und konnte ihn durchaus nicht wiederfinden. Es war schon dunkel geworden und meine Angst nahm mit jeder Minute zu. Da erblickte ich seitwarts ein Licht; ich ging darauf los und kam an ein kleines Hauschen. Ich guckte furchtsam durch das erleuchtete Fenster hinein und sah darin in einer freundlichen Stube eine ganze Familie friedlich um ein lustig flakkerndes Herdfeuer gelagert. Der Vater, wie es schien, hatte ein Buchelchen in der Hand und las vor. Mehrere sehr hubsche Kinder sassen im Kreise um ihn herum und horten, die Kopfchen in beide Arme aufgestutzt, mit der grossten Aufmerksamkeit zu, wahrend eine junge Frau daneben spann und von Zeit zu Zeit Holz an das Feuer legte. Der Anblick machte mir wieder Mut, ich trat in die Stube hinein. Die Leute waren sehr erstaunt, mich bei ihnen zu sehen, denn sie kannten mich wohl, und ein junger Bursche wurde sogleich fortgesandt, sich anzukleiden, um mich auf das Schloss zuruckzugeleiten. Der Vater setzte unterdes, da ich ihn darum bat, seine Vorlesung wieder fort. Die Geschichte wollte mich bald sehr anmutig und wundervoll bedunken. Mein Begleiter stand schon lange fertig an der Tur. Aber ich vertiefte mich immer mehr in die Wunder; ich wagte kaum zu atmen und horte zu und immer zu und ware die ganze Nacht geblieben, wenn mich nicht der Mann endlich erinnert hatte, dass meine Eltern in Angst kommen wurden, wenn ich nicht bald nach Hause ginge. Es war der gehornte Siegfried, den er las."
Rosa lachte. Friedrich fuhr, etwas gestort, fort:
"Ich konnte diese ganze Nacht nicht schlafen, ich dachte immerfort an die schone Geschichte. Ich besuchte nun das kleine Hauschen fast taglich, und der gute Mann gab mir von den ersehnten Buchern mit nach Hause, soviel ich nur wollte. Es war gerade in den ersten Fruhlingstagen. Da sass ich denn einsam im Garten und las die 'Magelone', 'Genoveva', die 'Haimonskinder' und vieles andere unermudet der Reihe nach durch. Am liebsten wahlte ich dazu meinen Sitz in dem Wipfel eines hohen Birnbaumes, der am Abhange des Gartens stand, von wo ich dann uber das Blutenmeer der niedern Baume weit ins Land schauen konnte, oder an schwulen Nachmittagen die dunklen Wetterwolken uber den Rand des Waldes langsam auf mich zukommen sah."
Rosa lachte wieder. Friedrich schwieg eine Weile unwillig still. Denn die Erinnerungen aus der Kindheit sind desto empfindlicher und verschamter, je tiefer und unverstandlicher sie werden, und furchten sich vor gross gewordenen, altklugen Menschen, die sich in ihr wunderbares Spielzeug nicht mehr zu finden wissen. Dann erzahlte er weiter:
"Ich weiss nicht, ob der Fruhling mit seinen Zauberlichtern in diese Geschichten hineinspielte, oder ob sie den Lenz mit ihren ruhrenden Wunderscheinen uberglanzten aber Blumen, Wald und Wiesen erschienen mir damals anders und schoner. Es war, als hatten mir diese Bucher die goldnen Schlussel zu den Wunderschatzen und der verborgenen Pracht der Natur gegeben. Mir war noch nie So fromm und frohlich zumute gewesen. Selbst die ungeschickten Holzstiche dabei waren mir lieb, ja uberaus wert. Ich erinnere mich noch jetzt mit Vergnugen, wie ich mich in das Bild, wo der Ritter Peter von seinen Eltern zieht, vertiefen konnte, wie ich mir den einen Berg im Hintergrunde mit Burgen, Waldern, Stadten und Morgenglanz ausschmuckte, und in das Meer dahinter, aus wenigen groben Strichen bestehend, und die Wolken druber, mit ganzer Seele hineinsegelte. Ja, ich glaube wahrhaftig, wenn einmal bei Gedichten Bilder sein sollen, so sind solche die besten. Jene feinern, sauberen Kupferstiche mit ihren modernen Gesichtern und ihrer, bis zum kleinsten Strauche, ausgefuhrten und festbegrenzten Umgebung verderben und beengen alle Einbildung, anstatt dass diese Holzstiche mit ihren verworrenen Strichen und unkenntlichen Gesichtern der Phantasie, ohne die doch niemand lesen sollte, einen frischen, unendlichen Spielraum eroffnen, ja sie gleichsam herausfordern.
Alle diese Herrlichkeit dauerte nicht lange. Mein Hofmeister, ein aufgeklarter Mann, kam hinter meine heimlichen Studien und nahm mir die geliebten Bucher weg. Ich war untrostlich. Aber Gott sei Dank, das Wegnehmen kam zu spat. Meine Phantasie hatte auf den waldgrunen Bergen, unter den Wundern und Helden jener Geschichten gesunde, freie Luft genug eingesogen, um sich des Anfalls einer ganz nuchternen Welt zu erwehren. Ich bekam nun dafur Campes Kinderbibliothek. Da erfuhr ich denn, wie man Bohnen steckt, sich selber Regenschirme macht, wenn man etwa einmal, wie Robinson, auf eine wuste Insel verschlagen werden sollte, nebstbei mehrere zuckergebackene, edle Handlungen, einige Elternliebe und kindliche Liebe in Scharaden. Mitten aus dieser padagogischen Fabrik schlugen mir einige kleine Lieder von Matthias Claudius ruhrend und lockend ans Herz. Sie sahen mich in meiner prosaischen Niedergeschlagenheit mit schlichten, ernsten, treuen Augen an, als wollten sie freundlich trostend sagen: 'Lasset die Kleinen zu mir kommen!' Diese Blumen machten mir den farb- und geruchslosen, zur Menschheitssaat umgepflugten Boden, in welchen sie seltsam genug verpflanzt waren, einigermassen heimatlich. Ich entsinne mich, dass ich in dieser Zeit verschiedene Platze im Garten hatte, welche Hamburg, Braunschweig und Wandsbek vorstellten. Da eilte ich denn von einem zum andern und brachte dem guten Claudius, mit dem ich mich besonders gerne und lange unterhielt, immer viele Grusse mit. Es war damals mein grosster, innigster Wunsch, ihn einmal in meinem Leben zu sehen.
Bald aber machte eine neue Epoche, die entscheidende fur mein ganzes Leben, dieser Spielerei ein Ende. Mein Hofmeister fing namlich an, mir alle Sonntage aus der Leidensgeschichte Jesu vorzulesen. Ich horte sehr aufmerksam zu. Bald wurde mir das periodische, immer wieder abgebrochene Vorlesen zu langweilig. Ich nahm das Buch und las es fur mich ganz aus. Ich kann es nicht mit Worten beschreiben, was ich dabei empfand. Ich weinte aus Herzensgrunde, dass ich schluchzte. Mein ganzes Wesen war davon erfullt und durchdrungen, und ich begriff nicht, wie mein Hofmeister und alle Leute im Hause, die doch das alles schon lange wussten, nicht ebenso geruhrt waren und auf ihre alte Weise so ruhig fortleben konnten."
Hier brach Friedrich plotzlich ab, denn er bemerkte, dass Rosa fest eingeschlafen war. Eine schmerzliche Unlust flog ihn bei diesem Anblicke an. Was tu ich hier, sagte er zu sich selber, als alles so still um ihn geworden war, sind das meine Entschlusse, meine grossen Hoffnungen und Erwartungen, von denen meine Seele so voll war, als ich ausreiste? Was zerschlage ich den besten Teil meines Lebens in unnutze Abenteuer ohne allen Zweck, ohne alle rechte Tatigkeit? Dieser Leontin, Faber und Rosa, sie werden mir doch ewig fremd bleiben. Auch zwischen diesen Menschen reisen meine eigentlichsten Gedanken und Empfindungen hindurch, wie ein Deutscher durch Frankreich. Sind dir denn die Flugel gebrochen, guter, mutiger Geist, der in die Welt hinausschaute, wie in sein angebornes Reich? Das Auge hat in sich Raum genug fur eine ganze Welt, und nun sollte es eine kleine Madchenhand bedecken und zudrucken konnen? Der Eindruck, den Rosas Lachen wahrend seiner Erzahlung auf ihn gemacht hatte, war noch nicht vergangen. Sie schlummerte ruckwarts auf ihren Arm gelehnt, ihr Busen, in den sich die dunklen Locken herabringelten, ging im Schlafe ruhig auf und nieder. So ruhte sie neben ihm in unbeschreiblicher Schonheit. Ihm fiel dabei ein Lied ein. Er stand auf und sang zur Gitarre:
"Ich hab manch Lied geschrieben,
Die Seele war voll Lust,
Von treuem Tun und Lieben,
Das Beste, was ich wusst.
Was mir das Herz bewogen,
Das sagte treu mein Mund,
Und das ist nicht erlogen,
Was kommt aus Herzensgrund.
Liebchen wusst's nicht zu deuten
Und lacht mir ins Gesicht,
Dreht sich zu andern Leuten
Und achtet's weiter nicht.
Und spielt mit manchem Tropfe,
Weil ich so tief betrubt.
Mir ist so dumm im Kopfe,
Als war ich nicht verliebt.
Ach Gott, wem soll ich trauen?
Will sie mich nicht verstehn,
Tun all' so fremde schauen,
Und alles muss vergehn.
Und alles irrt zerstreuet
Sie ist so schon und rot
Ich hab nichts, was mich freuet,
War ich viel lieber tot!"
Rosa schlug die Augen auf, denn das Waldhorn erschallte in dem Tale und man horte Leontin und die Jager, die soeben von ihrem Streifzuge zuruckkehrten, im Walde rufen und schreien. Sie hatten gar keine Beute gemacht und waren alle der Ruhe hochst bedurftig. Die Wirtin wurde daher eiligst in Tatigkeit gesetzt, um jedem sein Lager anzuweisen, so gut es die Umstande zuliessen. Es wurde nun von allen Seiten Stroh herbeigeschafft und in der Stube ausgebreitet, die fur Rosa, Leontin, Friedrich und Faber bestimmt war; die ubrigen sollten sonstwo im Hause untergebracht werden. Da alles mithalf, ging es bei den Zubereitungen ziemlich tumultuarisch her. Besonders aber zeigte sich die kleine Marie, welcher die Jager tapfer zugetrunken hatten, ungewohnlich ausgelassen. Jeder behandelte sie aus Gewohnheit als ein halberwachsenes Kind, fing sie auf und kusste sie. Friedrich aber sah wohl, dass sie sich dabei gar kunstlich straubte, um nur immer fester gehalten zu werden, und dass ihre Kusse nicht mehr kindisch waren. Dem Herrn Faber schien sie heute ganz besonders wohl zu behagen, und Friedrich glaubte zu bemerken, dass sie sich einige Male verstohlen und wie im Fluge mit ihm besprach.
Endlich hatte sich nach und nach alles verloren, und die Herrschaften blieben allein im Zimmer zuruck. Faber meinte: sein Kopf sei so voll guter Gedanken, dass er sich jetzt nicht niederlegen konne. Das Wetter sei so schon und die Stube so schwul, er wolle daher die Nacht im Freien zubringen. Damit nahm er Abschied und ging hinaus. Leontin lachte ihm ausgelassen nach. Rosa war unterdes in uble Laune geraten. Die Stube war ihr zu schmutzig und enge, das Stroh zu hart. Sie erklarte, sie konne so unmoglich schlafen, und setzte sich schmollend auf eine Bank hin. Leontin warf sich, ohne ein Wort darauf zu erwidern, auf das Stroh und war gleich eingeschlafen. Endlich uberwand auch bei Rosa die Mudigkeit den Eigensinn. Sie verliess ihre harte Bank, lachte uber sich selbst und legte sich neben ihren Bruder hin.
Friedrich ruhte noch lange wach, den Kopf in die Hand gestutzt. Der Mond schien durch das kleine Fenster herein, die Wanduhr pickte einformig immer fort. Da vernahm er auf einmal draussen folgenden Gesang:
"Ach, von dem weichen Pfuhle
Was treibt dich irr umher?
Bei meinem Saitenspiele
Schlafe, was willst du mehr?
Bei meinem Saitenspiele
Heben dich allzusehr
Die ewigen Gefuhle;
Schlafe, was willst du mehr?
Die ewigen Gefuhle,
Schnupfen und Husten schwer,
Ziehn durch die nacht'ge Kuhle;
Schlafe, was willst du mehr?
Ziehn durch die nacht'ge Kuhle
Mir den Verliebten her,
Hoch auf schwindlige Pfuhle;
Schlafe, was willst du mehr?
Hoch auf schwindligem Pfuhle
Zahle der Sterne Heer;
Und so dir das missfiele:
Schlafe, was willst du mehr?"
Friedrich konnte die Stimme nicht erkennen; sie schien ihm mit Fleiss verandert und verstellt. Mit besonders komischem Ausdruck wurde jedesmal das: "Schlafe, was willst du mehr?" wiederholt. Er sprang auf und trat ans Fenster. Da sah er einen dunklen Schatten schnell uber den mondhellen Platz vor dem Hause voruberlaufen und zwischen den Baumen verschwinden. Er horchte noch lange Zeit dort hinaus, alles blieb still die ganze Nacht hindurch.
Sechstes Kapitel
Ein Hifthorn draussen im Hofe weckte am Morgen die Neugestarkten. Leontin sprang schnell vom Lager. Auch Rosa richtete sich auf. Die Morgensonne schien ihr durch das Fenster gerade ins Gesicht. Die Locken noch verwirrt vom nachtlichen Lager, sah sie so bluhend und reizend verschlafen aus, dass sich Friedrich nicht enthalten konnte, ihr einen Kuss auf die frischen Lippen zu drucken. Alles rustete sich nun frohlich wieder zur Weiterreise. Aber nun bemerkten sie erst, dass Faber fehle. Er hatte sich, wie wir wissen, abends hinausbegeben und er war seitdem nicht wieder in die Stube zuruckgekehrt. Leontin befragte daher die Jager, und diese sagten denn zu allgemeiner Verwunderung Folgendes aus:
Als sie, noch vor Tagesanbruch, hinausgingen, um nach den Pferden zu sehen, horten sie jemand hoch uber ihnen, wie aus der Luft zu wiederholten Malen rufen. Sie sahen ringsherum und erblickten endlich mit Erstaunen Herrn Faber, der mitten auf dem Dache des Hauses an dem festverschlossenen Dachfenster sass und schimpfend mit beiden Armen, wie eine Windmuhle, in der Morgendammerung focht. Sie setzten ihm nun auf sein Begehren die Leiter an, die vor dem Hause auf der Erde lag, und erlosten ihn so von seinem luftigen Throne. Er aber forderte, sobald er unten war, ohne sich weiter in Erklarungen einzulassen, sogleich sein Pferd und seinen Mantelsack heraus. Da er sehr heftig und wunderlich zu sein schien, taten sie, was er verlangte. Als er sein Pferd bestiegen hatte, sagte er nur noch zu ihnen: sie mochten ihren Herrn, den fremden Grafen und die Grafin Rosa von ihm auf das beste grussen, und fur die lang erwiesene Freundschaft in seinem Namen danken; er fur seinen Teil reise in die Residenz, wo er sie fruher oder spater wiederzusehen hoffe. Darauf habe er dem Pferde die Sporen gegeben und sei in den Wald hineingeritten.
"Lebe wohl, guter, unruhiger Freund!" rief Leontin bei dieser Nachricht aus, "ich konnte wahrhaftig in diesem Augenblicke recht aus Herzensgrunde traurig sein, so gewohnt war ich an dein wunderliches Wesen. Fahre wohl, und Gott gebe, dass wir bald wieder zusammenkommen!" "Amen", fiel Rosa ein; "aber was in aller Welt hat ihn denn auf das Dach hinaufgetrieben und bewogen, uns dann so plotzlich zu verlassen?" Niemand wusste sich das Ratsel zu losen. Aber die kleine Marie horte wahrend der ganzen Zeit nicht auf, geheimnisvoll zu kichern, Friedrich erinnerte sich auch an das gestrige, sonderbare Nachtlied vor dem Fenster, und nun ubersahen sie nach und nach den ganzen Zusammenhang.
Faber hatte namlich gestern abend mit Marie eine heimliche Zusammenkunft in der Dachkammer, wo sie schlief, verabredet. Das schlaue Madchen aber hatte, statt Wort zu halten, das Dachfenster von innen fest versperrt und sich, ehe noch Faber so kunstlich von ihnen weggeschlichen, in den Wald hinausbegeben, wo sie abwartete, bis der Verliebte, der Verabredung gemass, auf der Leiter das Dach erstiegen hatte. Dann sprang sie schnell hervor, nahm die Leiter weg und sang ihm unten das lustige Standchen, das Friedrich gestern belauscht, wahrend Faber, stumm vor Zorn und Scham, zwischen Himmel und Erde schwebte.
Leontin und Rosa lachten unmassig und fanden den Einfall uberaus herrlich. Friedrich aber fand ihn anders und schuttelte unwillig den Kopf uber das vierzehnjahrige Madchen.
Sie setzten nun also ihre Reise allein weiter fort. Der Morgen war sehr heiter, die Gegend wunderschon; dessenungeachtet konnten sie heute gar nicht recht in die alte Lust und gewohnte Gesprachsweise hineinkommen. Faber fehlte ihnen und wurde von allen vermisst, besonders von Leontin, der fortwahrend einen Ableiter seines uberflussigen Witzes brauchte. Dazu taugte ihm aber gerade niemand besser, als Faber, der komisch genug war, um Witz zu erzeugen und selber witzig genug, ihn zu verstehn. Friedrich nannte daher auch alle Gesprache zwischen Leontin und Faber egoistische Monologe, wo jeder nur sich selbst reden hort und beantwortet, anstatt dass er bei jeder Unterhaltung mit redlichem Eifer fur die Sache selbst in den anderen uberzeugend einzudringen suchte. Am sichtbarsten unter allen aber war Rosa verstimmt. Sie hatte sich ganz besondere, unerhorte Ereignisse und Wunderdinge von der Reise versprochen, und da diese nun nicht erscheinen wollten und auch der Schimmer der Neuheit von ihren Augen gefallen war, fing sie nach und nach an zu bemerken, dass es sich doch eigentlich fur sie nicht schicke, so allein mit den Mannern in der Welt herumzustreifen, und sie hatte keine Ruhe und keine Lust mehr an den ewigen, langweiligen Steinen und Baumen.
So waren sie an einen freigrunen Platz auf dem Gipfel einer Anhohe gekommen und beschlossen, hier den Mittag abzuwarten. Ringsum lagen niedrigere Berge mit Schwarzwald bedeckt, von der einen Seite aber hatte man eine weite Aussicht ins ebene Land, wo man die blauen Turme der Residenz an einem blitzenden Strome sich ausbreiten sah. Der mitgenommene Mundvorrat wurde nun abgepackt, ein Feldtischchen mitten in der Aue aufgepflanzt, und alle lagerten sich in einem Kreise auf dem Rasen herum und assen und tranken. Rosa mochte launisch nichts geniessen, sondern zog, zu Leontins grossem Argernis, ihre Strickerei hervor, setzte sich allein seitwarts und arbeitete, bis sie am Ende daruber einschlief. Friedrich und Leontin nahmen daher ihre Flinten und gingen in den Wald, um Vogel zu schiessen. Die lustigen bunten Sanger, die von einem Wipfel zum andern vor ihnen herflogen, lockten sie immer weiter zwischen den dunkelgrunen Hallen fort, so dass sie erst nach langer Zeit wieder auf dem Lagerplatze anlangten.
Hier kam ihnen Erwin mit auffallender Lebhaftigkeit und Freude entgegengesprungen und sagte, dass Rosa fort sei. Ein Wagen, erzahlte der Knabe, sei bald, nachdem sie fortgegangen waren, die Strasse hergefahren. Eine schone, junge Dame sah aus dem Wagen heraus, liess sogleich stillhalten und kam auf die Grafin Rosa zu, mit der sie sich dann lange sehr lebhaft und mit vielen Freuden besprach. Zuletzt bat sie dieselbe, mit ihr zu fahren. Rosa wollte anfangs nicht, aber die fremde Dame streichelte und kusste sie und schob sie endlich halb mit Gewalt in den Wagen. Die kleine Marie musste auch mit einsitzen, und so hatten sie den Weg nach der Residenz eingeschlagen. Friedrich krankte bei dieser unerwarteten Nachricht die Leichtfertigkeit, mit der ihn Rosa so schnell verlassen konnte, in tiefster Seele. Als sie an den Feldtisch in der Mitte der Aue kamen, fanden sie dort ein Papier, worauf mit Bleistift geschrieben stand: "Die Grafin Romana."
"Das dacht ich gleich", rief Leontin, "das ist so ihre Weise." "Wer ist die Dame?" fragte Friedrich. "Eine junge, reiche Witwe", antwortete Leontin, "die nicht weiss, was sie mit ihrer Schonheit und ihrem Geiste anfangen soll, eine Freundin meiner Schwester, weil sie mit ihr spielen kann, wie sie will, eine tollgewordene Genialitat, die in die Mannlichkeit hineinpfuscht." Hierbei wandte er sich argerlich zu seinen Jagern, die ihre Pferde schon wieder aufgezaumt hatten, und befahl ihnen, nach seinem Schlosse zuruckzukehren, um die Reise freier und bequemer, bloss in Friedrichs und Erwins Begleitung weiter fortzusetzen.
Die Jager brachen bald auf und die beiden Grafen blieben nun allein auf dem grunen Platze zuruck, wo es so auf einmal still und leer geworden war. Da kam Erwin wieder gesprungen und sagte, dass man den Wagen soeben noch in der Ferne sehen konne. Sie blickten hinab und sahen, wie er in der glanzenden Ebene fortrollte, bis er zwischen den bluhenden Hugeln und Garten in dem Abendschimmer verschwand, der sich eben weit uber die Taler legte. Von der andern Seite horte man noch die Horner der heimziehenden Jager uber die Berge. "Siehst du dort", sagte Friedrich, "die dunklen Turme der Residenz? Sie stehen wie Leichensteine des versunkenen Tages. Anders sind die Menschen dort, unter welche Rosa nun kommt; treue Sitte, Frommigkeit und Einfalt gilt nicht unter ihnen. Ich mochte sie lieber tot, als so wiedersehn. Ist mir doch, als stiege sie, wie eine Todesbraut, in ein flimmernd aufgeschmucktes, grosses Grab, und wir wendeten uns treulos von ihr und liessen sie gehen." Leontin fuhr lustig uber die Saiten der Gitarre und sang:
"Der Liebende steht trage auf,
Zieht ein Herrjemine-Gesicht
Und wunscht, er ware tot.
Der Morgen tut sich prachtig auf,
So silbern geht der Strome Lauf,
Die Voglein schwingen hell sich auf:
'Bad, Menschlein, dich im Morgenrot,
Dein Sorgen ist ein Wicht!'"
Darauf bestiegen sie beide ihre Pferde und ritten in das Gebirge hinein.
Nachdem sie so mehrere Tage herumgeirrt und die merkwurdigsten Orte des Gebirges in Augenschein genommen hatten, kamen sie eines Abends schon in der Dunkelheit in einem Dorfe an, wo sie im Wirtshause einkehrten. Dort aber war alles leer und nur von einer alten Frau, die allein in der Stube sass, erfuhren sie, dass der Pachter des Ortes heute einen Ball gebe, wobei auch seine Grundherrschaft sich befande, und dass daher alles aus dem Hause gelaufen sei, um dem Tanze zuzusehen. Da es zum Schlafengehen noch zu zeitig und die Nacht sehr schon war, so entschlossen sich auch die beiden Grafen, noch einen Spaziergang zu machen. Sie strichen durchs Dorf und kamen bald darauf am andern Ende desselben an einen Garten, hinter welchem sich die Wohnung des Pachters befand, aus deren erleuchteten Fenstern die Tanzmusik zu ihnen heruberschallte. Leontin, den diese ganz unverhoffte Begebenheit in die lustigste Laune versetzt hatte, schwang sich sogleich uber den Gartenzaun, und uberredete auch Friedrich, ihm zu folgen. Der Garten war ganz still, sie gingen daher durch die verschiedenen Gange bis an das Wohnhaus. Die Fenster des Zimmers, wo getanzt wurde, gingen auf den Garten hinaus, aber es war hoch oben im zweiten Stockwerke. Ein grosser, dichtbelaubter Baum stand da am Hause und breitete seine Aste gerade vor den Fenstern aus. "Der Baum ist eine wahre Jakobsleiter", sagte Leontin, und war im Augenblicke droben. Friedrich wollte durchaus nicht mit hinauf. "Das Belauschen", sagte er, "besonders frohlicher Menschen in ihrer Lust, hat immer etwas Schlechtes im Hinterhalte." "Wenn du Umstande machst", rief Leontin von oben, "so fange ich hier so ein Geschrei an, dass alle zusammenlaufen und uns als Narren auffangen oder tuchtig durchprugeln." Soeben knarrte auch wirklich die Haustur unten und Friedrich bestieg daher ebenfalls eilfertig den luftigen Sitz.
Oben aus der weiten, dichten Krone des Baumes konnten sie die ganze Gesellschaft ubersehen. Es wurde eben ein Walzer getanzt, und ein Paar nach dem andern flog an dem Fenster voruber. Junge, fluchtige Okonomen, wie es schien, in knappen und eng zugespitzten Fracken fegten tapfer mit tuchtigen Madchen, die vor Gesundheit und Freude uber und uber rot waren. Hin und wieder zogen frohliche, dicke Gesichter, wie Vollmonde, durch diesen Sternenhimmel. Mitten in dem Gewimmel tanzte eine hagere Figur, wie ein Satyr, in den abenteuerlichsten, ubertriebensten Wendungen und Kapriolen, als wollte er alles Affektierte, Lacherliche und Ekle jedes einzelnen der Gesellschaft in eine einzige Karikatur zusammendrangen. Bald darauf sah man ihn auch unter den Musikanten ebenso mit Leib und Seele die Geige streichen. "Das ist ein hochst seltsamer Gesell", sagte Leontin, und verwendete kein Auge von ihm. "Es ist doch ein sonderbares Gefuhl", erwiderte Friedrich nach einer Weile, "so draussen aus der weiten, stillen Einsamkeit auf einmal in die bunte Lust der Menschen hineinzusehen, ohne ihren inneren Zusammenhang zu kennen; wie sie sich, gleich Marionetten, voreinander verneigen und beugen, lachen und die Lippen bewegen, ohne dass wir horen, was sie sprechen." "Oh, ich konnte mir", sagte Leontin, "kein schauerlicheres und lacherlicheres Schauspiel zugleich wunschen, als eine Bande Musikanten, die recht eifrig und in den schwierigsten Passagen spielten, und einen Saal voll Tanzender dazu, ohne dass ich einen Laut von der Musik vernahme." "Und hast du dieses Schauspiel nicht im Grunde taglich?" entgegnete Friedrich. "Gestikulieren, qualen und muhen sich nicht uberhaupt alle Menschen ab, die eigentumliche Grundmelodie ausserlich zu gestalten, die jedem in tiefster Seele mitgegeben ist, und die der eine mehr, der andere weniger und keiner ganz auszudrucken vermag, wie sie ihm vorschwebt? Wie weniges verstehen wir von den Taten, ja, selbst von den Worten eines Menschen!" "Ja, wenn sie erst Musik im Leibe hatten!" fiel ihm Leontin lachend ins Wort. "Aber die meisten fingern wirklich ganz ernsthaft auf Holzchen ohne Saiten, weil es einmal so hergebracht ist und das vorliegende Blatt heruntergespielt werden muss; aber das, was das ganze Hantieren eigentlich vorstellen soll, die Musik selbst und Bedeutung des Lebens, haben die narrisch gewordenen Musikanten daruber vergessen und verloren."
In diesem Augenblicke kam ein neues Paar bei dem Fenster angeflogen, alles machte ehrerbietig Platz und sie erblickten ein wunderschones Madchen, das sich durch seinen Anstand vor allen den andern auszeichnete. Sie lehnte lachelnd die zarte, gluhende Wange an die Fensterscheibe, um sie abzukuhlen. Darauf offnete sie gar das Fenster, teilte zierlich ihre Haare, durch die ein Rosenkranz geflochten war, nach beiden Seiten uber die Stirn, und schaute, so wie in Gedanken versunken, lange in die Nacht hinaus. Leontin und Friedrich waren ihr dabei so nahe, dass sie ihren Atem horen konnten; ihre stillen, grossen Augen, in deren feuchtem Spiegel der Mond widerglanzte, standen gerade vor ihnen. "Wo ist das Fraulein?" rief auf einmal eine Stimme von innen, und das Madchen wandte sich um und verlor sich unter den Menschen. Leontin sagte: "Ich mochte den Baum schutteln, dass er bis in die Wurzeln vor Freude beben sollte, ich mochte hier ins offene Fenster hineinspringen und tanzen, bis die Sonne aufginge, ich mochte wie ein Vogel von dem Baume fliegen uber Berge und Walder!" Zwei altliche Herren unterbrachen diese Ausrufungen, indem sie sich zum Fenster hinauslehnten. Ihr Gesprach, so ruhig wie ihre Gesichter, ergoss sich wie ein einformiger, aber klarer Strom uber die neuesten politischen Zeitbegebenheiten, von denen sie bald auf ihre Landwirtschaft ablenkten, und aus den Blitzen, die man in der Ferne am wolkenlosen Himmel erblickte, ein gunstiges Erntewetter prophezeieten.
Unterdes hatte die Musik aufgehort, das Zimmer oben wurde leerer. Man horte unten die Tur auf- und zugehen, verschiedene Parteien gingen bei dem schonen Mondscheine im Garten auf und nieder, und auch die beiden alten Herren verschwanden von dem Fenster. Da kam ein junges Paar, ganz getrennt von den ubrigen, langsam auf den Baum zugewandelt. "Gott steh uns bei", sagte Leontin, "da kommen gewiss Sentimentale, denn sie wandeln so schwebend auf den Zehen, wie einer, der gern fliegen mochte und nicht kann." Sie waren indes schon so nahe gekommen, dass man verstehen konnte, was sie sprachen. "Haben Sie", fragte der junge Mann, "das neueste Werk von Lafontaine gelesen?" "Ja", antwortete das Madchen, in einer ziemlich bauerischen Mundart, "ich habe es gelesen, mein adler Freund! und es hat mir Tranen entlockt, Tranen, wie sie jeder Fuhlende gern weint. Ich bin so froh", fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, "dass wir aus dem Schwarm, von den larmenden, unempfindlichen Menschen fort sind; die rauschenden Vergnugungen sind gar nicht meine Sache, es ist da gar nichts fur das Herz." Er: "Oh, daran erkenne ich ganz die schone Seele! Aber Sie sollten sich der sussen Melancholie nicht so stark ergeben, die edlen Empfindungen greifen den Menschen zu sehr an." "Sie sieht aber doch", flusterte Friedrich, "blitzgesund aus und voll zum Aufspringen." "Das kommt eben von dem Angreifen", meinte Leontin. Er: "Ach, in wenigen Stunden scheidet uns das eiserne Schicksal wieder, und Berge und Taler liegen zwischen zwei gebrochenen Herzen." Sie: "Ja, und in dem einen Tale ist der Weg immer so kotig und kaum zum Durchkommen." Er: "Und an meinem neuen schonen Parutsch gerade auch ein Rad gebrochen. Aber geniessen wir doch die schone Natur! An ihrem Busen werd ich so warm!" Sie: "O ja." Er: "Es geht doch nichts uber die Einsamkeit fur ein sanftes, uberfliessendes Herz. Ach! die kalten Menschen verstehen mich gar nicht!" Sie: "Auch Sie sind der einzige, mein adler Freund, der mich ganz versteht. Schon lange habe ich Sie im stillen bewundert, diesen wie soll ich sagen? diesen adlen Charakter, diese schonen Sentimentre " "Sentiments wollen Sie sagen", fiel er ihr ins Wort und ruckte sich mit eitler Wichtigkeit zusammen.
"O jemine!" flusterte Leontin wieder, "mir juckt der Edelmut schon in allen Fingern, ich dachte, wir prugelten ihn durch."
Die beiden Sentimentalen hatten einander indes mit den Armen umschlungen und sahen lange stumm in den Mond. "Nun sitzt die Unterhaltung auf dem Sande", sagte Leontin, "der Witz ist im abnehmenden Monde." Aber zu seiner Verwunderung hub er von neuem an: "O heilige Melancholie! du sympathetische Harmonie gleichgestimmter Seelen! So rein, wie der Mond dort oben, ist unsere Liebe!" Wahrenddessen fing er an, heftig an dem Busenbande des Madchens zu arbeiten, die sich nur wenig straubte. "Nun", sagte Leontin, "sind sie in ihre eigentliche Natur zuruckgefallen, der Teufel hat die Poesie geholt." "Das ist ja ein verwetterter Schuft", rief Friedrich, und fing oben auf seinem Baume an, ganz laut zu singen. Die Sentimentalen sahen sich eine Weile erschrocken nach allen Seiten um, dann nahmen sie in der grossten Verwirrung Reissaus. Leontin schwang sich lachend, wie ein Wetterkeil, vom Baume hinter ihnen drein und verdoppelte ihren Schreck und ihre Flucht.
Unsere Reisenden waren nun wahrscheinlich verraten und mussten also auf einen klugen Ruckzug bedacht sein. Sie zogen sich daher auf den leeren Gangen des Gartens an den Spazierengehenden voruber und wurden so, vom Dunkel begunstigt, von allen entweder ubersehen oder fur Ballgaste gehalten.
Als sie, schon nahe am Ausgange, eben um die Ecke eines Ganges umbiegen wollten, stand auf einmal das schone Fraulein, die mit einer Begleitung von der andern Seite kam, dicht vor ihnen. Der Mondschein fiel gerade sehr hell durch eine Offnung der Baume und beleuchtete die beiden schonen Manner. Das Fraulein blieb mit sichtbarer Verwirrung vor ihnen stehen. Sie grussten sie ehrerbietig. Sie dankte verlegen mit einer tiefen, zierlichen Verbeugung, und eilte dann schnell wieder weiter. Aber sie bemerkten wohl, dass sie sich in einiger Entfernung noch einmal fluchtig nach ihnen umsah.
Sie kehrten nun wieder in ihr Wirtshaus zuruck, wo sie bereits alles zu einer guten Nacht vorbereitet fanden. Leontin war unterwegs voller Gedanken und stiller, als gewohnlich. Friedrich stellte sich eben noch an das offene Fenster, von dem man das stille Dorf und den gestirnten Himmel ubersah, verrichtete sein Abendgebet und legte sich schlafen. Leontin aber nahm die Gitarre und schlenderte langsam durch das nachtliche Dorf Nach verschiedenen Umwegen kam er wieder an den Garten. Da war unterdes alles leer geworden und totenstill, in der Wohnung des Pachters alle Lichter verloscht und die ganze laute, frohliche Erscheinung versunken. Ein leichter Wind ging rauschend durch die Wipfel des einsamen Gartens, hin und wieder nur bellten Hunde aus entfernteren Dorfern uber das stille Feld. Leontin setzte sich auf den Gartenzaun hinauf und sang:
"Der Tanz, der ist zerstoben,
Die Musik ist verhallt,
Nun kreisen Sterne droben,
Zum Reigen singt der Wald.
Sind alle fortgezogen,
Wie ist's nun leer und tot!
Du rufst vom Fensterbogen:
Wann kommt der Morgen rot!
Mein Herz mocht mir zerspringen,
Darum, so wein ich nicht,
Darum, so muss ich singen
Bis dass der Tag anbricht.
Eh es beginnt zu tagen:
Der Strom geht still und breit,
Die Nachtigallen schlagen,
Mein Herz wird mir so weit!
Du tragst so rote Rosen,
Du schaust so freudenreich,
Du kannst so frohlich kosen,
Was stehst du still und bleich?
Und lass sie gehn und treiben
Und wieder nuchtern sein,
Ich will wohl bei dir bleiben!
Ich will dein Liebster sein."
Das schone Fraulein war in dem Hause des Pachters uber Nacht geblieben. Sie stand halbentkleidet an dem offenen Fenster, das auf den Garten hinausging. "Wer mogen wohl die beiden Fremden sein?" sagte sie gleichgultig scheinend zu ihrer Jungfer. "Ich weiss es nicht, aber ich mochte mich gleich fortschleichen und noch heute im Wirtshause nachfragen." "Um Gottes willen, tu das nicht", sagte das Fraulein erschrocken, und hielt sie angstlich am Arme fest. "Morgen ist es zu spat. Wenn die Sonne aufgeht, sind sie gewiss langst wieder uber alle Berge." "Ich will schlafen gehen", sagte das Fraulein, ganz in Gedanken versunken. "Gott weiss, wie es kommt, ich bin heute so mude und doch so munter." Sie liess sich darauf entkleiden und legte sich nieder. Aber sie schlief nicht, denn das Fenster blieb offen und Leontins verfuhrerische Tone stiegen die ganze Nacht wie auf goldenen Leitern in die Schlafkammer des Madchens ein und aus.
Siebentes Kapitel
Stand ein Madchen an dem Fenster,
Da es draussen Morgen war,
Kammte sich die langen Haare,
Wusch sich ihre Auglein klar.
Sangen Voglein aller Arten,
Sonnenschein spielt' vor dem Haus,
Draussen ubern schonen Garten
Flogen Wolken weit hinaus.
Und sie dehnt' sich in den Morgen
Als ob sie noch schlafrig sei,
Ach, sie war so voller Sorgen,
Flocht ihr Haar und sang dabei:
"Wie ein Voglein hell und reine,
Ziehet draussen muntre Lieb,
Lockt hinaus zum Sonnenscheine,
Ach, wer da zu Hause blieb'!"
Die Morgensonne traf unsre Reisenden schon wieder draussen zu Pferde, und das Dorf, wo sie ubernachtet, lag dampfend hinter ihnen. Leontin hatte bereits im Wirtshause erfahren, dass das schone Fraulein die Tochter eines in der Nahe reich beguterten Edelmannes sei, welcher, wie er sich sehr wohl erinnerte, mit seinem Vater in ganz besonders freundschaftlichen Verhaltnissen gestanden hatte. Es wurde daher beschlossen, bei ihm einzusprechen.
Gegen Abend erblickten sie das Schloss des Herrn v. A., das aus einem freundlichen Chaos von Garten und hohen Baumen friedlich hervorragte. Sie ritten langsam zwischen hohen Kornfeldern hin. Die Sonne, die sich eben zum Untergange neigte, warf ihre Strahlen schief uber die Flache und spielte lustig in den nickenden Ahren. Ein frohliches Singen und Wirren verschiedener Stimmen lenkte bald die Augen der beiden Reiter von der ruhigen Landschaft vor ihnen ab, und sie erblickten seitwarts in einiger Entfernung vom Wege ein weites Feld, wo man soeben mit der Ernte begriffen war. Eine lange Reihe von Arbeitern wimmelte lustig durcheinander, der laute Ruf der Merker erschallte von Zeit zu Zeit dazwischen, und schwerbeladene Wagen zogen langsam und knarrend dem Dorfe zu. Im Hintergrunde dieses Gewimmels sah man eine bunte Gruppe von vornehmeren Personen gelagert, die den Arbeitern zusahen und unter denen Leontin sogleich das schone Fraulein wiedererkannte. Mitten unter ihnen ragte eine hochst seltsame Figur hervor. Ein hagerer Mensch namlich in einem langen, weissen Mantel sass auf einem hochbeinigten Schimmel, der den Kopf fast auf die Erde hangen liess. Von dieser seiner Rosinante teilte die abenteuerliche Gestalt im Tone einer Predigt Befehle an die Bauern aus, worauf jedesmal ein lautes Gelachter erfolgte.
Leontin und Friedrich zweifelten nicht, dass jene Zuschauer die Herrschaft des Ortes seien, und da sie bemerkten, dass bereits alle Augen auf sie gerichtet waren, so ubergaben sie ihre Pferde an Erwin und eilten, sich selber der Gesellschaft vorzustellen. Herr v. A. und seine Schwester, die sich seit dem Tode ihres Mannes beim Bruder aufhielt, erinnerten sich sogleich der ehemaligen freundschaftlichen Verhaltnisse zwischen den beiden Hausern, und druckten ihre Freude, Leontin und seinen Freund bei sich zu sehen, mit den aufrichtigsten Worten aus. Das Fraulein wurde bei ihrer Ankunft uber und uber rot und wagte nicht, die Augen aufzuschlagen, denn sie erkannte beide recht gut wieder. Neben ihr stand ein ziemlich junger, bleicher Mann, in dem sie sogleich dieselbe Gestalt wiedererkannten, die gestern mit so einer ironischen Wut getanzt und musiziert hatte. Seine auffallenden Gesichtszuge hatten sich tief in Leontins Gedachtnis gedruckt. Aber es war heut gar keine Spur von gestern an ihm, er schien ein ganz anderer Mensch. Er sah schlicht, still und traurig und war verlegen im Gesprache. Es war ein Theolog, der, zu arm, seine Studien zu vollenden, auf dem Schlosse des Herrn v. A. Unterhalt, Freunde und Heimat gefunden und dafur die Leitung des Schulwesens auf den samtlichen Gutern ubernommen hatte. Der Ritter von der traurigen Gestalt dagegen schaute von seinem Schimmel wahrend des Empfanges und der ersten Unterhaltung so unheimlich und komisch darein, dass Leontin gar nicht von ihm wegsehen konnte. Jeder Bauer, den seine Arbeit an ihm voruberfuhrte, gesegnete die Gestalt mit einem tuchtigen Witze, wobei sich jener immer heftig verteidigte. Leontin erhielt sich nur noch mit vieler Muhe, sich nicht dareinzumischen, als die Tante endlich die Gesellschaft aufforderte, sich nach Hause zu begeben, und alles aufbrach. Die sonderbare Gestalt setzte sich nun voraus in Galopp. Er schlug dabei mit beiden Fussen unaufhorlich in die Rippen des Kleppers und sein weisser Mantel rauschte in seiner ganzen Lange in den Luften hinter ihm drein. Die Bauern riefen ihm samtlich ein freudiges Hurra nach. Herr v. A., der die Verwunderung der beiden Gaste bemerkte, sagte lachend: "Das ist ein armer Edelmann, der vom Stegreif lebt, ein irrender Ritter, der von Schloss zu Schloss zieht, und uns besonders oft heimsucht, ein Hofnarr fur alle, die ihn ertragen konnen, halb narrisch und halb gescheut."
Als sie durchs Dorf gingen, wurden sie von allen Seiten nicht nur mit dem Hute, sondern auch mit freundlichen Worten und Mienen begrusst, welches immer ein gutmutiges und naturliches Verhaltnis zwischen der Herrschaft und ihren Bauern verrat. Sie kamen endlich an das Schloss und ubersahen auf einmal einen weiten, freundlichen und frohlich wimmelnden Hof. Alles war geschaftig, nett und ordentlich und beurkundete eine tatige Hauswirtin. Friedrich ausserte diese Bemerkung, wodurch sich die Tante ungemein geschmeichelt zu finden schien. Sie konnte ihre Freude daruber so wenig verbergen, dass sie sogleich anfing, sich mit einer Art von Wohlbehagen uber ihre hauslichen Einrichtungen und die Vergnugungen der Landwirtschaft auszubreiten. Das Schloss selbst war neu, sehr heiter, licht und angenehm, das Hausgerat in den gemutlichen Zimmern ohne besondere Wahl gemischt und samtlich wie aus einer unlangst vergangenen Zeit.
Der Tisch in dem grossen, geraumigen Tafelzimmer wurde gedeckt und man setzte sich bald frohlich zum Abendessen. Die Unterhaltung blieb anfangs ziemlich stockend, steif und gezwungen, wie dies jederzeit in solchen Hausern der Fall ist, wo, aus Mangel an vielseitigen, allgemeinen Beruhrungen mit der Aussenwelt, eine gewisse feste, ungelenke Gewohnheit des Lebens Wurzel geschlagen hat, die durch das plotzliche Eindringen wildfremder Erscheinungen, auf die ihr ewig gleichformiger Gang nicht berechnet ist, immer eher verstimmt als umgestimmt wird. Herr v. A., ein langer, ernster Mann, in seiner Kleidung fast pedantisch, sprach wenig. Desto mehr fuhrte seine Schwester das hohe Wort. Sie war eine lebhafte, regsame Frau, wie man zu sagen pflegt, in den besten Jahren, eigentlich aber gerade in den schlimmsten. Denn ihre Gestalt und unverkennbar schonen Gesichtszuge fingen soeben an, auf ein vergangenes Reich zu deuten. In dieser gefahrlichen Sonnenwende steigt die Schonheit murrisch, launisch und zankend von ihrem irdischen Throne, wo sie ein halbes Leben lang geherrscht, in die ode, freudenlose Zukunft, wie ins Grab. Wohl denen seltenen grosseren Frauen, welche die Zeit nicht versaumten, sondern im ruhigen, gesammelten Gemute sich eine andere Welt der Religion und Sanftmut erbauten! Sie verwechseln nur die Throne und werden ewig lieben und geliebt werden.
Das Gesprach fiel wahrend der Tafel auch auf die Erziehung der Kinder, ein Kapitel, von dem fast alle Weiber am liebsten sprechen und am wenigsten verstehen. Die Tante, die nur auf eine Gelegenheit gepasst hatte, ihren Geist vor den beiden Fremden glanzen zu lassen, verbreitete sich daruber in dem gewohnlichen Tone von Aufklarung, Bildung, feinen Sitten usw. Zu ihrem Ungluck aber fiel es dem irrenden Ritter, der unterdes ganz unten an der Tafel mit Leib und Seele gegessen hatte, ein, sich mit in das Gesprach zu mischen. Gerade, als sie sich in ihren Redensarten eben am wohlsten gefiel, fuhr er hochst komisch mit Wahrheiten darein, die aber alle so ungewohnlich und abenteuerlich ausgedruckt waren, dass Friedrich und Leontin nicht wussten, ob sie mehr uber die Scharfe seines Geistes oder uber seine Verrucktheit erstaunen sollten. Besonders brach Leontin in ein schadenfrohes Gelachter aus. Die Tante, der es nicht an vielseitigen Talenten gebrach, um seine Verrucktheiten nicht ohne Salz zu finden, warf ihm unwillige Blicke zu, worauf sich jener in einem philosophischen Bombast von Unsinn verteidigte und endlich selber in ein albernes Lachen ausbrach. Sie hatte aber doch das Spiel verspielt; denn beide Gaste, besonders Leontin, spurten bereits eine gewisse Kameradschaft mit dem ratselhaften irrenden Ritter in sich.
Als endlich die Tafel aufgehoben wurde, musste Fraulein Julie noch ihre Geschicklichkeit auf dem Klaviere zeigen, welches sie ziemlich fertig spielte. Wahrenddes hatte die Tante Friedrich beiseite genommen, und erzahlte ihm, wie sehr sie bedaure, ihre Nichte nicht fruhzeitig in die Residenz in irgendein Erziehungshaus geschickt zu haben, wo allein junge Frauenzimmer das gewisse Etwas erlernten, welches zum geselligen Leben so unentbehrlich sei. "Ich bin der Meinung", antwortete ihr Friedrich, "dass jungen Fraulein das Landleben gerade am besten fromme. In jenen beruhmten Instituten wird durch Eitelkeit und heillose Nachahmungssucht die kindliche Eigentumlichkeit jedes Madchens nur verallgemeinert und verdorben. Die arme Seele wird nach einem Modelle, das fur alle passen soll, so lange dressiert und gemodelt, bis am Ende davon nichts ubrigbleibt, als das leere Modell. Ich versichere, ich will alle Madchen aus solchen Instituten sogleich an ihrer Wohlerzogenheit erkennen, und wenn ich sie anrede, weiss ich schon im voraus, was sie mir antworten werden, was fur ein Schlag von Witz oder Spass erfolgen muss, was sie fur kleine Lieblingslaunen haben usw." Die Tante lachte, ohne jedoch eigentlich zu wissen, was Friedrich mit alledem meine.
Unterdes hatte das Fraulein ein Volkslied angefangen. Die Tante unterbrach sie schnell und ermahnte sie, doch lieber etwas Vernunftiges und Sanftes zu singen. Leontin aber, den dabei seine Laune uberwaltigte, setzte sich statt des Frauleins hin und sang sogleich aus dem Stegreif ein zartliches Lied so ubertrieben und susslich, dass Friedrich fast ubel wurde. Fraulein Julie sah ihn gross an und war dann wahrend seines ganzen Gesanges in tiefe Gedanken versunken. Erst spat begab man sich zur Ruhe.
Das Schlafzimmer der beiden Gaste war sehr nett und sauber zubereitet, die Fenster gingen auf den Garten hinaus. Eine geheimnisvolle Aussicht eroffnete sich dort uber den Garten weg in ein weites Tal, das in stiller, nachtlicher Runde vor ihnen lag. In einiger Ferne schien ein Strom zu gehen, Nachtigallen schlugen uberall aus den Talern herauf. "Das muss hier eine schone Gegend sein", sagte Leontin, indem er sich zum Fenster hinauslehnte. "Sie kommt mir vor, wie die Menschen hier im Hause", entgegnete Friedrich. "Wenn ich in einen solchen abgeschlossenen Kreis von fremden Menschen hineintrete, ist es mir immer, als sahe ich von einem Berge in ein unbekanntes, weites, nachtliches Land. Da gehen stille breite Strome, und tausend verborgene Wunder liegen seltsam zerstreut, und die frohliche Seele dichtet bunte, lichte, gluckliche Tage in die verworrene Dammerung hinein. Ich habe oft gewunscht, dass ich die meisten Menschen niemals zum zweiten Male wiedersehen und naher kennenlernen durfte, oder dass ich immer aufgeschrieben hatte, wie mir jeder zum ersten Male vorkam." "Wahrhaftig", fiel ihm Leontin lachend ins Wort, "sprichst du doch, als warst du von neuem verliebt. Aber du hast ganz recht, mir ist ebenso zumute, und es ist nur schade um ein redliches Herz, das durch eine immerwahrende Tauschung so entherzt wird. Denn wenn in jene schone, ungewisse Nacht der ersten Bekanntschaft nach und nach der Tag anfangt heruberzuschielen und die nuchternen Hahne krahen, da schleicht ein wunderbarer Geist nach dem andern abseits; was in der Nacht wie ein dunkler Riese dastand, wird ein krummer Baum, das Tal, das aussah wie eine umgeworfene, uralte romische Stadt, wird ein gemeines Ackerfeld, und das ganze Marchen nimmt ein schales Ende. Ich konnte so fromm sein, wie ein Lammchen und niemals eine Anwandlung von Witz verspuren, wenn nicht alles so dumm ginge." Friedrich sagte darauf: "Nimm dich in acht mit deinem Ubermute! Es ist leicht und angenehm, zu verspotten, aber mitten in der Tauschung den grossen, herrlichen Glauben an das Bessere festzuhalten, und die andern mit feurigen Armen emporzuheben, das gab Gott nur seinen liebsten Sohnen." "Ich sage dir in vollem Ernst", erwiderte Leontin ungemein liebenswurdig, "du wirst mich noch einmal ganz bekehren, du seltsamer Mensch. Gott weiss es wohl, mir fehlt noch viel, dass ich gut ware."
Am Morgen strahlte die Gegend in einem zauberischen Glanze in ihre Fenster herauf. Sie eilten in den Garten hinab, wo sie nicht wenig uber die Schonheit der Landschaft erstaunten. Der Garten selbst stand auf einer Reihe von Hugeln, wie eine frische Blumenkrone uber der grunen Gegend. Von jedem Punkte desselben hatte man die erheiternde Aussicht in das Land, das wie in einem Panorama ringsherum ausgebreitet lag. Nirgends bemerkte man weder eine franzosische noch englische durchgreifende Regel, aber das Ganze war ungemein erquicklich, als hatte die Natur aus frohlichem Ubermute sich selber aufschmucken wollen.
Herr v. A. und seine Schwester, letztere, wie wir spater sehen werden, wohl nicht ohne besondere Absicht, baten ihre Gaste recht herzlich und dringend, langere Zeit bei ihnen zu verweilen, und beide willigten gern in den angenehmen Aufenthalt. Doch erst, als die allmahliche Gewohnheit des Zusammenlebens ihnen das Burgerrecht des Hauses erteilt hatte, empfanden sie die Wohltat des stillen, gleichformigen, hauslichen Lebens und labten sich an diesem immer neu erfreulichen Schauspiele, das uber gutgeartete Gemuter eine Ruhe und einen gewissen festen Frieden verbreitet, den viele ein Leben lang in der bunten Weltlust oder in der Wissenschaft selber vergebens suchen.
Wenn die Sonne uber den Garten, Bergen und Talern auf ging, flog auch schon alles aus dem Schlosse nach allen Seiten aus. Herr v. A. fuhr auf die Felder, seine Schwester und das Fraulein hatten im Hofe zu tun und wurden gewohnlich erst gegen Mittag in reinlichen, weissen Kleidern sichtbar. Friedrich und Leontin wohnten eigentlich den ganzen Vormittag draussen in dem schonen Garten. Auf Friedrich hatte das stille Leben den wohltatigsten Einfluss. Seine Seele befand sich in einer kraftigen Ruhe, in welcher allein sie imstande ist, gleich dem unbewegten Spiegel eines Sees, den Himmel in sich aufzunehmen. Das Rauschen des Waldes, der Vogelsang rings um ihn her, diese seit seiner Kindheit entbehrte grune Abgeschiedenheit, alles rief in seiner Brust jenes ewige Gefuhl wieder hervor, das uns wie in den Mittelpunkt alles Lebens versenkt, wo alle die Farbenstrahlen, gleich Radien, ausgehn und sich an der wechselnden Oberflache zu dem schmerzlich-schonen Spiele der Erscheinung gestalten. Alles Durchlebte und Vergangene geht noch einmal ernster und wurdiger an uns voruber, eine uberschwengliche Zukunft legt sich, wie ein Morgenrot, bluhend uber die Bilder und so entsteht aus Ahnung und Erinnerung eine neue Welt in uns und wir erkennen wohl alle die Gegenden und Gestalten wieder, aber sie sind grosser, schoner und gewaltiger und wandeln in einem anderen, wunderbaren Lichte. Und so dichtete hier Friedrich unzahlige Lieder und wunderbare Geschichten aus tiefster Herzenslust, und es waren fast die glucklichsten Stunden seines Lebens.
Oft besuchte ihn dort Herr v. A. in seiner Werkstatt, doch immer nur auf kurze Zeit, um ihn nicht zu storen; denn er schien eine heilige Scheu vor allem zu haben, womit es einem Menschen Ernst war, obschon er, wie Friedrich aus mehreren Ausserungen bemerkt hatte, insbesondere von der Dichtkunst gar nichts hielt. Er war einer von jenen, die, durch einseitige Erziehung und eine Reihe schmerzlicher Erfahrungen ermudet, den lebendigen Glauben an Poesie, Liebe, Heldenmut und alles Grosse und Ungewohnliche im Leben aufgegeben haben, weil es sich so ungefuge gebardet und nirgends mehr in die Zeit hineinpassen will. Zu uberdrussig, um sich diese Ratsel zu losen, und doch zu grossmutig, um sich in das wichtigtuende Nichts der andern einzulassen, ziehen sich solche Menschen nach und nach kalt in sich selbst zuruck und erklaren zuletzt alles fur eitel und Affektation. Daher liebte er die beiden Gaste, welche seine meist sehr genialen Bemerkungen, mit denen er das Erbarmliche aller Affektation auf die hochste Spitze des Lacherlichen zu stellen pflegte, immer sogleich verstanden und wurdigten. Uberhaupt waren ihm diese beiden eine ganz neue Erscheinung, die ihn oft in seiner Apathie irremachte, und er gewann wahrend ihres Aufenthaltes auf dem Schlosse eine ungewohnliche Heiterkeit und Lust an sich selber. Ubrigens war er bis zur Sonderbarkeit einfach, redlich und gutmutig, und Friedrich liebte ihn unaussprechlich.
Fraulein Julie fuhr fort, ihre Tante in den hauslichen Geschaften mit der strengsten Ordnung zu unterstutzen. Sonst war sie still und wusste sich ebensowenig wie ihr Vater in die gewohnliche Unterhaltung zu finden, woruber sie oft von der Tante Vorwurfe anhoren musste. Doch verbreitete die bestandige Heiterkeit und Klarheit ihres Gemutes einen unwiderstehlichen Fruhling uber ihr ganzes Wesen. Leontin, den ihre Schonheit vom ersten Augenblicke an heftig ergriffen hatte, beschaftigte sich viel mit ihr, sang ihr seine phantastischen Lieder vor, oder zeichnete ihr Landschaften voll abenteuerlicher Karikaturen und Baumen und Felsen, die immer aussehen, wie Traume. Aber er fand, dass sie gewohnlich nicht wusste, was sie mit alledem anfangen sollte, dass sie gerade bei Dingen, die ihn besonders erfassten, fast kalt blieb. Er begriff nicht, dass das heiligste Wesen des weiblichen Gemutes in der Sitte und dem Anstande bestehe, dass ihm in der Kunst, wie im Leben, alles Zugellose ewig fremd bliebe. Er wurde daher gewohnlich ungeduldig und brach dann in seiner seltsamen Art in Witze und Wortspiele aus. Da aber das Fraulein wieder viel zu unbelesen war, um diese Sprunge seines Geistes zu verfolgen und zu verstehen, so fuhrte er, statt zu belehren, einen immerwahrenden Krieg in die Luft mit einem Madchen, dessen Seele war wie das Himmelblau, in dem jeder fremde Schall verfliegt, das aber in ungestorter Ruhe aus sich selber den reichen Fruhling ausbrutet.
Desto besser schien das Fraulein mit Friedrich zu stehen. Diesem erzahlte sie zutraulich mit einer wohltuenden Bestimmtheit und Umsicht von ihrem Hauswesen, ihrer beschrankten Lebensweise, zeigte ihm ihre bisherige Lekture aus der Bibliothek ihres Vaters, die meistenteils aus fabelhaften Reisebeschreibungen und alten Romanen aus dem Englischen bestand, und tat dabei unbewusst mit einzelnen, abgerissenen, ihr ganz eignen Worten, oft Ausserungen, die eine solche Tiefe und Fulle des Gemutes aufdeckten, und so seltsam weit uber den beschrankten Kreis ihres Lebens hinausreichten, dass Friedrich oft erstaunt vor ihr stand und durch ihre grossen, blauen Augen in ein Wunderreich hinunterzublicken glaubte. Leontin sah sie oft stundenlang so zusammen im Garten gehen und war dann gewohnlich den ganzen Tag uber ausgelassen, welches bei ihm immer ein schlimmes Zeichen war.
Der schone Knabe Erwin, der mit einer unbeschreiblichen Treue an Friedrich hing, behielt indes auch hier seine Sonderbarkeiten bei. Er hatte ebenfalls seinen Wohnplatz in dem Garten aufgeschlagen und war noch immer nicht dahin zu bringen eine Nacht im Hause zu schlafen. Leontin hatte fur ihn eine eigne phantastische Tracht ausgesonnen, so viel auch die Tante, die es sehr ungereimt fand, dagegen hatte. Eine Art von spanischem Wams namlich, himmelblau mit goldenen Kettchen, umschloss den schlanken Korper des Knaben. Den weissen Hals trug er bloss, ein zierlicher Kragen umgab den schonen Kopf, der mit seinen dunklen Locken und schwarzen Augen wie eine Blume uber dem bunten Schmucke ruhte. Da Friedrich hier weniger zerstreut war, als sonst, so widmete er auch dem Knaben eine besondere Aufmerksamkeit. Er entdeckte in wenigen Gesprachen bald an Scharfe und Tiefe eine auffallende Ahnlichkeit seines Gemutes mit Julien. Nur mangelte bei Erwin das ruhige Gleichgewicht der Krafte, die alles beleuchtende Klarheit ganz und gar. Im verborgensten Grunde der Seele schien vielmehr eine geheimnisvolle Leidenschaftlichkeit zu ruhen, die alles verwirrte und am Ende zu zerstoren drohte. Mit Erstaunen bemerkte Friedrich zugleich, dass es dem Knaben durchaus an allem Unterrichte in der Religion gebreche. Er suchte daher seine fruhesten Lebensumstande zu erforschen, aber der Knabe beharrte mit unbegreiflicher Hartnackigkeit, ja mit einer Art von Todesangst auf seinem Stillschweigen uber diesen Punkt. Friedrich liess es sich nun ernstlich angelegen sein, ihn im Christentume zu unterrichten. Alle Morgen, wenn die Natur in ihrer Pracht vor ihnen ausgebreitet lag, sass er mit ihm im Garten, und machte ihn mit dem grossen wunderreichen Lebenswandel des Erlosers bekannt und fand, ganz dem Gange der Zeit zuwider, das Gemut des Knaben weit empfanglicher fur das Verstandnis des Wunderbaren als des Alltaglichen und Gewohnlichen. Seit dieser Zeit schien Erwin innerlich stiller, ruhiger und selbst geselliger zu werden.
In Juliens Wesen war indes, seit die Fremden hier angekommen waren, eine unverkennbare Veranderung vorgegangen. Sie schien seitdem gewachsen und sichtbar schoner geworden zu sein. Auch fing sie an, sich mehrere Stunden des Tages auf ihrem Zimmer zu beschaftigen. Aus diesem Zimmer ging eine Glastur auf den Garten hinaus; vor derselben standen auf einem Balkon eine Menge hoher, auslandischer Blumen; mitten in diesem Wunderreiche von Duft und Glanz sass ein bunter Papagei hinter goldenen Staben. Hier befand sich Julie, wenn alles ausgegangen war, und las oder schrieb, wahrend Erwin, draussen vor dem Balkon sitzend, auf der Gitarre spielte und sang. So fand sie Friedrich einmal, als er sie zu einem Spaziergange abholte, eben uber einem Gemalde begriffen. Es war, wie er mit dem ersten Blicke fluchtig unterscheiden konnte, ein halbvollendetes Portrait eines jungen Mannes. Sie verdeckte es schnell, als er hereintrat, und sah ihn mit einem durchdringenden, ratselhaften Blicke an. Sollte sie lieben? dachte Friedrich und wusste nicht, was er davon halten sollte.
Achtes Kapitel
Es war festgesetzt worden, dass die ganze Familie eine kleine Reise auf ein Jagdgut des Herrn v. A. unternehmen sollte, das einige Meilen von dem Schlosse entfernt war. Am Morgen des bestimmten Tages wachte Friedrich sehr zeitig auf. Er stellte sich ans Fenster. Der Hof und die ganze Gegend lag noch ruhig, am fernen Horizonte fing bereits an der Tag zu grauen. Nur zwei Jager waren auch schon munter und putzten unten im Hofe die Gewehre. Sie bemerkten den Grafen nicht und schwatzten und lachten miteinander. Friedrich horte dabei mit Verwunderung mehrere Male Fraulein Julie nennen. Der eine Jager, ein schoner junger Bursch, sang darauf mit heller Stimme ein altes Lied, wovon Friedrich immer nur die letzten Verse, womit sich jede Strophe schloss, verstand:
"Das Fraulein ist ein schones Kind,
Sie hat so muntre Augen,
Die Augen so verliebet sind,
Zu sonst sie gar nichts taugen."
Friedrich erschrak, denn er zweifelte nicht, dass das Lied Julien gelten sollte. Er uberdachte das Benehmen des Frauleins in der letzten Zeit, das Verstecken des Bildes und verschiedene hingeworfene Reden, und konnte sich selbst der Meinung nicht erwehren, dass sie verliebt sei; aber wen sie meine, blieb ihm noch immer dunkel.
Unterdes hatte sich der Tag immer mehr und mehr erhoben, hin und wieder im Schlosse gingen schon Turen auf und zu, bis es endlich nach und nach lebendig wurde. Wer es weiss, was es heisst, ein so schwerfalliges Haus flottzumachen, der wird sich von dem Rumpelmorgen einen Begriff machen konnen, der nun begann. Wie auf einem Schiffe, das sich zu einer nahen Schlacht bereitet, verbreitete sich langsam wachsend ein dunkles Getose von Eile und Geschaftigkeit durchs ganze Schloss, Betten, Koffer und Schachteln flogen aus einer Ecke in die andere, nur noch selten horte man die Kommandotrompete der Tante dazwischentonen. Fur Leontin waren diese feierlichen Vorbereitungen, die Wichtigkeit, mit der jeder sein Geschaft betrieb, ein wahres Fest. Unermudlich befand er sich uberall mitten im Gewuhle und suchte unter dem Scheine der Hulfleistung die Verwirrung immer grosser zu machen, bis er endlich durch seine zweideutigen Mienen den Zorn der gesamten Frauenzimmer dergestalt gegen sich emport hatte, dass er es fur das ratlichste hielt, Reissaus zu nehmen.
Er setzte sich daher mit Friedrich und Viktor, so hiess der Theolog, zu Pferde und sie ritten auf das Gut hinaus. Viktor, der nun mit den beiden schon vertrauter und gesprachiger geworden war, schien alle Trubnis dahintengelassen zu haben, als sie uber die Berge ritten. Er war auf einmal ausgelassen lustig, und sie konnten nicht umhin, uber den sonderbar wechselnden Menschen zu erstaunen, der besonders ganz nach Leontins Geschmack war. Unterwegs sahen sie den seltsamen, irrenden Ritter, der schon lange wieder das Schloss verlassen hatte, in der Ferne auf seinem Gaule uber ein Ackerfeld hinwegstolpern. Viktor brachte dieser Anblick ganz ausser sich vor Freude. Er rief ihm sogleich mit geschwenktem Hute zu. Da aber jener, statt stillzuhalten, seinen Gaul vielmehr in Trab setzte, um ihnen zu entkommen, so druckte er sogleich die Sporen ein und machte Jagd auf ihn. Er hatte ihn bald eingeholt und brachte ihn unter einem heftigen und lauten Wortwechsel mit sich zuruck. Um diese Eroberung vermehrt, zogen sie nun frohlich weiter und erblickten nach einigen Stunden endlich das Gut des Herrn v. A., als sie auf einer Anhohe plotzlich aus dem Walde herauskamen. Das kleine Schloss mit seinem netten Hofe lag mitten in einem einsamen Tale, ringsumher von Tannenwaldern umschlossen. Leontin, den diese tiefe Einsamkeit uberraschte, blieb in Gedanken stehen und sagte: "Wie furchterlich schon, hier mit einem geliebten Weibe ein ganzes Leben lang zu wohnen! Ich mochte mich um alle Welt nicht verlieben."
Als sie unten in das Tal hinabzogen, bog auch schon auf der Hohe der Wagen des Herrn v. A. mit seinen vier Rappen um die Waldesecke herum, und der Kutscher knallte lustig mit der Peitsche, dass es weit in die Walder hineinschallte. Das Fraulein lehnte sich zum Wagen hinaus. "Da reitet er!" rief sie auf einmal hastig. Zum Glucke rollte der Wagen zu schnell hinab, und die Tante hatte es nicht gehort.
Am folgenden Morgen, da die Gesellschaft zur Jagd aufbrach, war Leontin schon lange draussen im Walde. Er hatte sich von den Jagern im allgemeinen die Gegend bezeichnen lassen, wo die Jagd gehalten werden sollte, und war noch vor Tagesanbruch allein herausgeritten. Denn ihm waren alle die weitlaufigen und schulgerechten Zurustungen, die einer solchen allgemeinen Jagd immer vorherzugehen pflegen, in den Tod verhasst. Er durchstrich daher an dem frischen Morgen allein die einsame Heide, wo ihn oft plotzlich durch eine Lichtung des Waldes die herrlichsten Aussichten uberraschten und stundenlang festbannten. So folgte er dem lustigen Jagdgewirre immer von weitem nach. Und wie unter ihm die Walder rauchten, hin und wieder Schusse fielen, und zwischen dem Gebell der Hunde die Horner von Zeit zu Zeit ertonten, da dichtete seine frische Seele unaufhorlich seltsame Lieder, die er sogleich sang, ohne jemals ein einziges aufzuzeichnen. Denn was er aufschrieb, daran verlor er sogleich die freie, unbestimmte Lust. Es war, als brache das Wort unter seiner Hand die luftigen Schwingen. Er beherrschte nicht, wie der besonnene Dichter, das gewaltige Element der Poesie, der Gluckliche wurde von ihr beherrscht.
Unterdes war die Sonne schon hoch uber die Wipfel des Waldes gestiegen, nur noch hin und her gaben die Hunde einzelne Laute, kein Schuss fiel mehr und der Wald wurde auf einmal wieder still. Die Jager durchstrichen das Revier und riefen mit ihren Hifthornern die zerstreuten Schutzen von allen Seiten zusammen. So hatte sich nach und nach die Gesellschaft, ausser Leontin zusammengefunden und auf einer grossen, schonen Wiese gelagert, die kuhl und luftig zwischen den Waldbergen sich hinstreckte. Mehrere benachbarte Edelleute waren schon fruhmorgens mit ihren Sohnen und Tochtern im Walde zur Jagd gestossen und vermehrten nun den Trupp ansehnlich. Die Madchen sassen, wie Blumen in einen Teppich gewirkt, mit ihren bunten Tuchern lustig im Grunen, reinlich gedeckte Tische mit Esswaren und Wein standen schimmernd unter den kuhlen Schatten, die Tante ging, alles fleissig und mit gutem Sinne ordnend, umher. Julie hatte, wahrend Friedrichs und Leontins Aufenthalte auf dem Schlosse, den benachbarten Fraulein schon manches von den beiden Fremden geschrieben, vielerlei seltsame Dinge hatte der Ruf, der auf dem Lande alles Fremde um desto hungriger ergreift, je seltener es ihm kommt, zu ihnen getragen. Friedrich hatten sie nun kennengelernt, aber seine ruhige, einfache Sitte befriedigte die jungen, neugierigen Seelen keineswegs. Und doch hatte ihnen Julie immer nur von ihm mit so vieler Warme und Ausfuhrlichkeit geschrieben, Leontin aber bloss mit einigen fluchtigen Worten beruhrt, aus denen sie niemals recht klug werden konnten. Auf einmal trat auch dieser gegenuber auf der Hohe aus dem Walde, und alle die jungen, schonen Augen flogen der hohen, schlanken Gestalt zu. Er konnte sich nicht enthalten, als er unter sich das bunte Lustlager erblickte, seinen Hut uberm Kopfe zu schwenken. Man erwiderte von unten seine Begrussung, wobei sich insbesondere Viktor wieder auszeichnete. Er warf seinen Hut mit frohlicher Wut hoch in die Luft, ergriff schnell seine Buchse und schoss ihn so im Fluge, zu nicht geringem Schrecken der samtlichen Frauenzimmer, wieder herab.
Leontin war indes hinabgestiegen, und alles ruckte sich nun um die reichbedeckten Tische zusammen. Die Jager lagen, ihre Weinflaschen in der Hand, hin und her zerstreut, ihre Hunde lechzend neben ihnen auf den Boden hingestreckt. Der freie Himmel machte alle Herzen weit, der Wein blickte golden aus den hellgeschliffenen Glasern, wie die Lust aus den glanzenden Augen, und ein frohliches Durcheinandersprechen erfullte bald die Luft. Unter den fremden Fraulein befand sich auch eine Braut, ein hubsches, junges, sehr munteres Madchen. Ihr Brautigam war ein schoner, schlanker Landjunker mit einem bedeutenden Gesicht voll Leben, um das es jammerschade war, dass es durch einige rohe Zuge entstellt wurde. Er musste sich auf das tumultuarische Andringen samtlicher Alten feierlich neben seine Braut setzen, welches er auch ohne weiteres tat. "Konnte ich es nur ein einziges Mal in meinem Leben so weit bringen", sagte Leontin zu Friedrich, "so einen stattlichen, engelrechten Brautigam vorzustellen! So eine offentliche Brautschaft ist wie ein Wirtshaus mit einem abgeschabten Cupido am Aushangeschilde, wo jedermann aus und ein gehen und sein bisschen Witz blicken lassen darf."
Wehe der Braut, die unter lustige Trinker gerat! So wurde auch hier nach rechter deutscher Weise dem Brautpaare bald von allen Seiten mit kernigen Anhangen zugetrunken, wofur sich die junge Braut immer zierlich und errotend bedankte, indem sie jedesmal ebenfalls das Glas an den Mund setzte. Auch Leontin, der sich an dem allgemeinen Getummel von guten und schlechten Einfallen ergotzte, und dem die feinen Lippen der Braut rosiger vorkamen, wenn sie sie in den goldenen Rand des Weines tauchte, setzte ihr tapfer zu und trank mehr als gewohnlich.
Die alten Herren hatten sich indes in einen weitlaufigen Diskurs uber die Begebenheiten und Heldentaten der heutigen Jagd verwickelt und konnten nicht aufhoren, zu erzahlen, wie jener Hase so herrlich zum Schuss gekommen, wie jener Hund angeschlagen, der andre die Jagd dreimal gewendet usw. Leontin, der auch mit in das Gesprach hineingezogen wurde, sagte: "Ich liebe an der Jagd nur den frischen Morgen, den Wald, die lustigen Horner und das gefahrliche, freie, soldatische Leben." Alle nahmen sogleich Partei gegen diesen ketzerischen Satz und uberschrieen ihn heftig mit einem verworrenen Schwall von Widerspruchen. "Die eigentlichen Jager vom Handwerk", fuhr Leontin lustig fort, "sind die eigentlichen Pfuscher in der edlen Jagerei, Narren des Waldes, Pedanten, die den Waldgeist nicht verstehen; man sollte sie gar nicht zulassen, uns andern gehort das schone Waldrevier!" Diese offenbare Kriegserklarung brachte nun vollends alles in Harnisch. Von allen Seiten fiel man laut uber ihn her. Leontin, den der viele Wein und die allgemeine Fehde erst recht in seine Lustigkeit hineinversetzt hatte, wusste sich nicht mehr anders zu retten: er ergriff die Gitarre, die Julie mitgebracht, sprang auf seinen Stuhl hinauf und ubersang die Kampfenden mit folgendem Liede:
"Was wollt ihr in dem Walde haben,
Mag sich die arme Menschenbrust
Am Waldesgrusse nicht erlaben,
Am Morgenrot und gruner Lust?
Was tragt ihr Horner an der Seite,
Wenn ihr des Hornes Sinn vergasst,
Wenn's euch nicht selbst lockt in die Weite,
Wie ihr vom Berg fruhmorgens blast?
Ihr werdt doch nicht die Lust erjagen,
Ihr mogt durch alle Walder gehn;
Nur mude Fuss und leere Magen
Mir mocht die Jagerei vergehn!
O nehmet doch die Schneiderelle,
Guckt in der Kuche in den Topf!
Sonntags dann auf des Hauses Schwelle
Krau euch die Ehfrau auf dem Kopf!
Die Tierlein selber: Hirsch und Rehen,
Was lustig haust im grunen Haus,
Sie fliehn auf ihre freien Hohen,
Und lachen arme Wichte aus.
Doch, kommt ein Jager, wohlgeboren,
Das Horn irrt, er blitzt rosenrot,
Da ist das Hirschlein wohl verloren,
Stellt selber sich zum lust'gen Tod.
Vor allen aber die Verliebten,
Die lad ich ein zur Jagerlust,
Nur nicht die weinerlich Betrubten
Die recht von frisch' und starker Brust.
Mein Schatz ist Konigin im Walde,
Ich stoss ins Horn, ins Jagerhorn!
Sie hort mich fern und naht wohl balde,
Und was ich blas, ist nicht verlorn.
Ich glaube, ich blase gar schon aus des Knaben Wunderhorn", unterbrach er sich hier selber, und sprang schnell von seinem Stuhle. Die ganze Gesellschaft war durch das lustige Lied wieder mit ihm ausgesohnt, der Streit war vergessen, und von allen Seiten wurde auf die Gesundheit des Sangers getrunken. Unterdes zog der seltsame Viktor, der sich wahrend Leontins Gesang fortgeschlichen hatte, weil er kein Lied vertragen konnte, wo er nicht selbst mitsingen durfte, aller Augen auf ein neues Schauspiel. Er warf namlich im Hintergrunde, um nicht bemerkt zu werden, zu seiner eigenen Herzenslust, die leeren Weinfasschen in die Luft, wahrend die Jager alle nach denselben schiessen mussten, welches nicht ohne das grosste Geschrei ablief. Die Tante, welche keinen Rausch an Mannern ertragen konnte, befurchtete eine allgemeine Anarchie und lud die Gesellschaft, um die erhitzten Gemuter zu zerstreuen, noch auf einige Stunden zu sich auf das Jagdschloss. Alles brach daher auf und bestieg den Wagen. Friedrich, Leontin und Viktor ritten wieder dem langen Zuge voran, den Ritter von der traurigen Gestalt in ihrer Mitte, dessen baufalliges Pferd die Jager mit einem Baldachin von grunen Zweigen und jungen Baumchen besteckt hatten, so dass er, gleich Munchhausen, wie unter einer Laube ritt.
Als sie auf dem Schlosse angekommen waren, wurden geschwind noch einige Musikanten, so gut sie hier zu bekommen waren, zusammengebracht, und man tanzte bis zur einbrechenden Nacht. Fur Friedrich und Leontin, die, fruhzeitig in die Welt hinausgestossen, gewohnt waren, das Leben immer nur in grossen, vollendeten Massen, gleichsam wie im Fluge, zu beruhren, gewahrte dieser kleine Kreis, wo fast alle, miteinander verwandt, nur eine Familie bildeten, eine neue Erscheinung. Die erquickliche Art, wie die jungen Landfraulein immer mit Mund, Handen und den muntern Augen zugleich erzahlten, ihre kleinen Manieren und unschuldige Koketterie, die Sorgfalt, mit welcher die Mutter nach jedem Tanze herumgingen und ihren artigen Katzchen die Haare aus der heissen Stirne strichen und sie ermahnten, nicht kalt zu trinken, das lachelnde Wohlbehagen, mit dem eine jede alle Mienen Leontins und Friedrichs verfolgte, wenn sie sich mit ihren Tochtern gut zu unterhalten schienen, alles dies machte auf die beiden Fremden den sonderbarsten Eindruck, und sie hatten mit ihrem neuen und ungewohnlichen Wesen heut viele Herzen erobern konnen, wenn der eine nicht zu grossmutig, der andre nicht zu wild gewesen ware.
Leontin walzte mit der niedlichen Braut. Sie tanzte ausserordentlich leicht und schon, und wie er so den schlanken, vollen Leib im Arme hatte, sah sie so unbeschreiblich frisch und reizend aus, dass er sich nicht enthalten konnte, das schone Kind einige Male an sich zu drucken. Sie blickte heimlich lachelnd mit listig fragenden Augen zu ihm hinauf. Sie konnten endlich beide vor Mudigkeit nicht mehr weiter fort und er tanzte daher mit ihr bis in die nachste Fensternische, wo sie zusammen auf die Stuhle sanken.
Nach einiger Zeit sah er sie an einem andern Fenster neben Fraulein Julie in ruhigem Gesprache sitzen. Er lehnte sich hinter ihnen an die Wand, ohne von ihnen bemerkt zu werden. Sie erzahlte Julie, wann ihre Hochzeit sein werde, wieviel feine Wasche sie mitbekomme, wie sie ihren kleinen Garten einrichten wollten usw. "Dort in dem Schlosschen unten", fuhr sie fort, "werden wir wohnen." Leontin warf einen Blick durch das offene Fenster und sah das Dach des Schlosschens, soeben vom Abendrot beleuchtet, unbeschreiblich einsam und verlassen aus den Waldern hervorragen. Eine grosse Bangigkeit uberflog da sein Herz und er versank in tiefe Gedanken. Die Braut, die unterdes auf einmal gewahr wurde, dass er alles mit angehort, schamte sich und verdeckte ihr Gesicht mit beiden Handen.
In diesem Augenblick horte man ein verworrenes Getose auf der Stiege, die Tur gahnte und spie einen ganzen Knauel der seltsamsten und abenteuerlichsten Zerrbilder und Missgestalten aus, wie sie nur eine furchterlich reiche, dunkel in sich selber arbeitende Phantasie ersinnen konnte. "Viktor!" riefen Leontin und Friedrich zugleich, und sie hatten es erraten. Dieser hatte namlich in moglichster Hast alles Altmodische, Lacherliche und Zerlumpte von Kleidungsstukken, dessen er habhaft werden konnte, zusammengerafft und damit die Bedienten und Jager des Herrn v. A. aufgeputzt. Mit einem unubertrefflich raschen und glucklichen Witze hatte er, da er alle genau kannte, jedem zugeteilt, was ihm zukam, und so durch eine ungewohnliche Verbindung des Gewohnlichsten den phantasiereichsten Charakterzug erschaffen. Da keine Larven vorhanden waren, so hatte er selber in aller Schnelligkeit die Gesichter gemalt, und man musste zugeben, jedes war ein wahrer Triumph der freisten und scharfsten Laune, denn eines jeden verborgenste, innerste Narrheit lachte erlost aus den Zugen. Besonders zeichnete sich eine uber alle Massen dunne und schneiderartige Figur aus mit einem unbeschreiblich albern lachelnden Gesichte, dem er alle Haare ruckwarts aus der glatten Stirne gekammt hatte. Der Leib des alten Rockes war um ebensoviel zu lang, als die knappen Armel zu kurz erschienen. Recht oben auf dem Wirbel schwebte ein winziges Hutchen, in der Hand trug er einen kleinen Sonnenschirm. Viktor selbst fuhrte in einem umgekehrten Rocke mit einer verstimmten Geige den Zug an und war recht das Salz und die Seele des Abenteuers. Mit einer Wut von Lust wusste er einem jeden seinen eigentumlichen Spielraum zu verschaffen, und selbst die Eitelsten dahin zu bringen, dass sie sich einmal uber sich selbst erhoben und ihre eigene Narrheit zum Narren hatten. Und so gebardeten sich denn auch die Ungeschicktesten meisterhaft, so wie die Plumpheit selber komisch wird, wenn sie uber ihre eigenen Fusse fallt. Herr v. A. stand ganz still in einer Ecke und lachte, dass ihm die Augen ubergingen. Die Tante, die, wie fast alle Damen, keinen unmittelbaren Spass verstand, lachelte gezwungen. Manche andere schamten sich zu lachen, und taten sich Gewalt an, ernsthaft auszusehen. Den irrenden Ritter aber hatte, seltsam genug, gleich beim Eintritte des Maskenzuges eine sonderbare Furcht uberfallen; er nahm Reissaus und liess sich nicht wieder sehen.
Viktor fuhrte daher, als die Ergotzung an dem Spektakel anfing lau zu werden, endlich die Bande wieder fort, um den fluchtigen Ritter aufzusuchen. Sie fanden ihn in einem finstern Winkel des Hofes versteckt. Er war ausserst aufgebracht und wehrte sich mit Handen und Fussen, als sie ihn aufspurten. Viktor nahm ihn beim Arme und walzte mit ihm, wie wahnsinnig, im Hofe um den Brunnen herum. Ein alter, dicker Gerichtsverwalter, dem sie unvermerkt die Dose mit Kienruss gefullt, und der daher, da er sich bei jeder Prise das Gesicht bemalte, wider sein Wissen und Willen eine Hauptfigur in dem Lustspiele abgab, musste ebenfalls an einer allgemeinen Menuett teilnehmen, die sich jetzt in dem Hofe entspann. Ein einziges Licht stand auf einem Pfahle und warf im Winde einen flatternden Schein uber die seltsame Verwirrung. Leontin, der sich bald anfangs mit Leib und Seele mit hineingemischt hatte, sass hoch oben auf dem Gartenzaune und strich die verstimmte Geige dazu. Den irrenden Ritter, der sich indes voll Angst und Zorn mit Gewalt wieder losgemacht hatte, sah man auf seinem Pferde mitten in der mondhellen Nacht uber die Felder entfliehen.
"Wie haben Ihnen die Streiche gefallen?" fragte die Tante den Grafen Friedrich, von dem sie ganz zuversichtlich erwartete, dass er den Spass fur unanstandig hielt. "In meinem Leben", sagte Friedrich, "habe ich keine Pantomime gesehen, wo mit so einfachen Mitteln so Vollkommenes erreicht worden ware. Es ware zu wunschen, man konnte die weltberuhmten Mimiker, Grotesktanzer, und wie sie sich immer nennen, auf einen Augenblick zu ihrer Belehrung unter diesen Trupp versetzen. Wie armselig, nuchtern und albern wurden sie sich unter diesen tuchtigen Gesellen ausnehmen, die nicht bloss diese oder jene einzelne Richtung des Komischen angstlich herausheben, sondern Sprache, Witz und den ganzen Menschen in Anspruch nehmen. Jene ermatten uns recht mit allgemeinen Spasschen ohne alle Individualitat, mit hergebrachten, langst abgenutzten Mienen und Sprungen, und vor lauter kunstlichen Anstalten zum Lachen kommen wir niemals zum Lachen selber. Hier erfindet jeder selbst, wie es ihm die Lust des Augenblickes eingibt, und die Torheit lacht uns unmittelbar und keck ins Gesicht, dass uns recht das Herz vor Freiheit aufgeht." "Das ist wahr", sagte die Tante, uber dieses Urteil erstaunt, "unser Viktor ist ein pudelnarrischer, lustiger Mensch." "Das glaube ich kaum", erwiderte Friedrich, "ein Mensch muss sehr kalt oder sehr unglucklich sein, um so zu phantasieren. Viktor kommt mir vor wie jener Prinz in Sizilien, der in seinem Garten und Schlosse alles schief baute, so dass sein Herz das einzige Gerade in der phantastischen Verkehrung war."
Es war unterdes schon spat geworden, die fremden Wagen fuhren unten vor, und die Gesellschaft fing an Abschied zu nehmen und aufzusteigen. In dem allgemeinen Getummel der Bekomplimentierungen hatte die niedliche Braut noch ein Tuch vergessen. Sie lief daher mit Julie noch einmal in das Zimmer zuruck. Es war niemand mehr darin; nur Leontin, der endlich auch die Maskenbande verlassen hatte, kam soeben von der andern Seite herein. Das lustige Madchen versteckte sich schnell, da sie ihn erblickte, hinter die lange Fenstergardine und wickelte sich ganz darein, so dass nur die muntern Augen lustern auffordernd aus dem Schleier hervorblitzten. Leontin zog das schone mutwillige Kind heraus und kusste sie auf den Mund. Sie gab ihm schnell einen herzhaften Kuss wieder und rannte eiligst zu dem Wagen zuruck, wo man ihrer schon harrte. "Ade, ade!" sagte sie noch am Schlage zu Julie, eigentlich aber mehr zu Leontin hingewendet, "ihr seht mich nun so bald nicht wieder, gewiss nicht." Und sie hielt Wort.
Die Gaste waren nun fort, Herr v. A. und seine Schwester schlafen gegangen, und alles im Schlosse leer und still. Leontin sass oben im Vorsaale im offenen Fenster. Draussen zogen Gewitter, man sah es am fernen Horizonte blitzen. Fraulein Julie ging soeben, mit einem Lichte in der Hand, uber den Hausflur nach ihrer Schlafkammer. Er rief ihr eine gute Nacht zu. Sie war unentschlossen, ob sie bleiben oder weitergehen sollte. Endlich kehrte sie zogernd um und trat zu ihm ans Fenster. Da bemerkte er Tranen in ihren grossen Augen; sie war ihm noch nie so wunderschon vorgekommen. "Liebe Julie!" sagte er, und fasste ihre kleine Hand, die sie gern in der seinigen liess. Der Wind, der zum Fenster hereinkam, loschte ihr plotzlich das Licht aus. Mit abgewendetem Gesicht sprach sie da einige Worte in die Nacht hinaus, aber so leise und, wie es ihm schien, von verhaltenem Weinen erstickt, dass er nichts verstehen konnte. Er wollte sie fragen, aber sie zog ihre Hand weg und ging schnell in ihr Schlafzimmer.
Ohne zu wissen, was er davon halten sollte, schaute er voller Gedanken in den finstern Hof hinunter. Dort sah er Viktor auf einem grossen Steine sitzen, den Kopf in beide Hande gestutzt; er schien eingeschlafen. Er eilte daher selber in den Hof hinab und nahm die Gitarre mit, die er unten im Fenster liegend fand. "Wir wollen diese Nacht auf dem Teiche herumfahren", sagte er zu Viktor, der indes aufgewacht war. Dieser war sogleich mit voller Lust von der Partie, und so zogen sie zusammen hinaus.
Sie bestiegen den kleinen Kahn, der unweit vom Schlosse im Schilfe angebunden lag, und ruderten bis in die Mitte des Sees. Die ganze Runde war totenstill, nur einige Nachtvogel pfiffen von Zeit zu Zeit aus dem Walde heruber. Es schien, als wollte das Wetter heraufkommen, das man von ferne sah, denn ein kuhler Wind flog uber den Teich voran und krauselte die ruhige Flache. Sie glaubten Fraulein Julie an dem Fenster zu bemerken. Da sang Leontin, der vorn im Kahne aufrecht stand, folgendes Lied zur Gitarre, wahrend der ewig rege und unruhige Viktor bald tollkuhn mit dem Kahne schaukelte, bald wieder in den Wald hinausrief, dass hin und her die Hunde an den nachsten Hausern wach wurden:
"Schlafe Liebchen, weil's auf Erden
Nun so still und seltsam wird!
Oben geht die goldne Herde,
Fur uns alle wacht der Hirt.
In der Ferne ziehn Gewitter;
Einsam auf dem Schifflein schwank
Greif ich draussen in die Zither,
Weil mir gar so schwul und bang.
Schlingend sich an Baum und Zweigen,
In dein stilles Kammerlein,
Wie auf goldnen Leitern, steigen
Diese Tone aus und ein.
Und ein wunderschoner Knabe
Schifft hoch uber Tal und Kluft,
Ruhrt mit seinem goldnen Stabe
Sauselnd in der lauen Luft.
Und in wunderbaren Weisen
Singt er ein uraltes Lied,
Das in linden Zauberkreisen
Hinter seinem Schifflein zieht.
Ach, den sussen Klang verfuhret
Weit der buhlerische Wind,
Und durch Schloss und Wand ihn spuret
Traumend jedes schone Kind."
Es fing starker an zu blitzen, das Gewitter stieg herauf. Viktor schaukelte heftiger mit dem Kahne; Leontin sang:
"Es waren zwei junge Grafen
Verliebt bis in den Tod,
Die konnten nicht ruhn noch schlafen
Bis an den Morgen rot.
O trau den zwei Gesellen,
Mein Liebchen, nimmermehr,
Die gehn wie Wind und Wellen,
Gott weiss: wohin, woher.
Wir grussen Land und Sterne
Mit wunderbarem Klang,
Und wer uns spurt von ferne,
Dem wird so wohl und bang.
Wir haben wohl hienieden
Kein Haus an keinem Ort,
Es reisen die Gedanken
Zur Heimat ewig fort.
Wie eines Stromes Dringen
Geht unser Lebenslauf,
Gesanges Macht und Ringen
Tut helle Augen auf.
Und Ufer, Wolkenflugel,
Die Liebe hoch und mild
Es wird in diesem Spiegel
Die ganze Welt zum Bild.
Dich ruhrt die frische Helle,
Das Rauschen heimlich, kuhl,
Das lockt dich zu der Welle,
Weil's draussen leer und schwul.
Doch wolle nie dir halten
Der Bilder Wunder fest,
Tot wird ihr freies Walten,
Haltst du es weltlich fest.
Kein Bett darf er hier finden.
Wohl in den Talern schon
Siehst du sein Gold sich winden,
Dann plotzlich meerwarts drehn."
Viktor, der unterdes, ohne auf das Lied zu achten, immerfort das Echo versuchte, zwang ihn, durch sein ubermassiges Rufen und Schreien, hier abzubrechen. Julie hatte auch schon lange das Fenster geschlossen und alles im Schlosse war finster und still. Das Gewitter zog indes gerade uber ihnen hin, die Walder rauschten von allen Seiten. Leontin griff starker und frommer in die Saiten:
"Schlag mit den flamm'gen Flugeln!
Wenn Blitz aus Blitz sich reisst,
Steht wie in Rossesbugeln
So ritterlich mein Geist.
Waldesrauschen, Wetterblicken
Macht recht die Seele los,
Da grusst sie mit Entzucken,
Was wahrhaft, ernst und gross.
Es schiffen die Gedanken
Fern wie auf weitem Meer,
Wie auch die Wogen schwanken:
Die Segel schwellen mehr.
Herr Gott, es wacht dein Wille!
Wie Tag und Lust verwehn,
Mein Herz wird mir so stille
Und wird nicht untergehn."
Sie bemerkten nun einen roten Schein, der uber dem Schlosshofe zu stehen schien. Sie hielten es fur einen Feuermann; denn die ganze Zeit hindurch hatten sie rings in der Runde solche Erscheinungen, wie Wachtfeuer, lodern gesehen: teils blauliche Irrlichter, die im Winde uber die Wiesen streiften, teils grossere Feuergestalten, mit zweifelhaftem Glanze durch die Nacht wandelnd. Als sie aber wieder hinblickten, sahen sie den Feuermann uber dem Schlosse sich langsam dehnen und riesengross wachsen, und ein langer Blitz, der soeben die ganze Gegend beleuchtete, zeigte ihnen, dass der Schein gerade vom Dache ausging. "Um Gottes willen, das ist Feuer im Schloss!" rief Viktor erblassend, und sie ruderten, ohne ein Wort zu sprechen, eiligst auf das Ufer zu.
Als sie ans Land kamen, sahen sie bereits einen rotlichen Qualm zum Dachfenster hervordringen und sich in furchterlichen Kreisen in die Nacht hinauswalzen. Alles im Hause und im Hofe schlief noch in tiefster Ruhe. Viktor machte Larm an allen Turen und Fenstern. Leontin eilte in die Kirche und zog die Sturmglocke, deren abgebrochene, dumpfe Klange, die weit uber die stillen Berge hinzogen, ihn selber im Innersten erschutterten. Der Nachtwachter ging durch die Gassen des Dorfes und erfullte die Luft mit den grasslichen Jammertonen seines Hornes. Und so wurde endlich nach und nach alles lebendig, und rannte mit bleichen Totengesichtern, gleich Gespenstern, besturzt und verstort durcheinander. Die heftige Tante hatte bald der erste Schrecken uberwaltigt. Sie lag bewusstlos in Krampfen und vermehrte so die allgemeine Verwirrung noch mehr.
Schon schlug die helle Flamme oben aus dem Dache, das Hinterhaus stand noch ruhig und unversehrt. Niemanden fiel es in der ersten Besturzung ein, dass Fraulein Julie im Hinterhause schlafe und ohne Rettung verloren sei, wenn die Flamme die einzige Stiege, die dort hinauffuhrte, ergriffe. Leontin dachte daran und sturzte sich sogleich in die Glut.
Als er in ihr Schlafzimmer trat, sah er das schone Madchen, den Kopf auf den vollen, weissen Arm gesenkt, in ungestortem Schlafe ruhen. Alles in dem Zimmer lag noch still und friedlich umher, wie sie es beim Entkleiden hingelegt; ein aufgeschlagenes Gebetbuch lag an ihrer Seite. Es war ihm in diesem Augenblicke, als sahe er einen schonen, goldgelockten Engel neben ihrem Bette sitzen, der schaute mit den stillen, himmlischen Augen in das wilde Element, das sich vor Kinderaugen furchtet. Das Fraulein schlug verwundert fragend die grossen Augen auf, als er zu ihr trat, und erblickte bald die ungewohnliche, schreckliche Helle durch das ganze Haus. Leontin schlug schnell das Bettuch um sie herum und nahm sie auf den Arm. Ohne ein Wort zu sprechen, umklammerte sie ihn in stummem Schrecken. Ein heftiger Wind, der aus dem Brande selbst auszugehen schien, faltete indes die Flammenfahnen immer mehr auseinander, der schreckliche Feuermann griff mit seinen Riesenarmen rechts und links in die dunkle Nacht und hatte bereits auch schon das Hinterhaus erfasst. Da sah Leontin auf einmal, mitten zwischen den Flammen, eine unbekannte weibliche Gestalt in weissem Gewande erscheinen, die ruhig in dem Getummel auf und nieder ging. "Gott sei Dank!" horte er zugleich draussen die Bauern rufen, "wenn die da ist, wird's bald besser gehn." "Wer ist die weisse Frau?" fragte Leontin, der nicht ohne innerlichen Schauder auf sie hinblicken konnte. Julie, die ihr Gesicht fest an ihn gedruckt hatte, uberhorte in der Verwirrung die Frage, und so trug er sie hoch durch das Feuer hindurch, ohne die Augen von der fremden Gestalt zu wenden. Kaum hatte er aber das Fraulein im Hofe niedergesetzt, als er selber, von dem Rauche, der Hitze und Anstrengung ganz erschopft, bewusstlos auf den Boden hinsank.
Jene seltsame Erscheinung hatte wahrenddessen alle mit frischem Mute beseelt, und so war es der verdoppelten Anstrengung gelungen, die Flammen endlich zu zwingen. Als Leontin die Augen wieder aufschlug, sah er mit Erstaunen alles ringsumher schon leer und ruhig. Die weisse Frau aber war mit dem Feuer verschwunden, wie sie gekommen war. Er selber lag neben der Brandstatte auf einem Kasten zwischen einer Menge geretteter Geratschaften, die unordentlich ubereinanderlagen. Julie sass neben ihm und hatte seinen Kopf auf ihrem Schosse. Alle andern hatten sich, von der Arbeit ermattet, nach und nach zerstreut, Herr v. A. und seine Schwester noch auf einige Stunden sich zur Ruhe begeben. Nur Viktor, der wahrend des Brandes mehrere Male bis in die innersten Zimmer eingedrungen, und immer mitten zwischen dem zusammensturzenden Gebalk erschienen war, sah er hoch auf einem halbabgebrannten Pfeiler eingeschlafen. Das prachtige Feuerwerk war nun in sich selber zusammengesunken, nur hin und wieder flakkerte noch zuweilen ein Flammchen auf, wahrend einige dunkle Wachen an dem verwusteten Platze auf und ab gingen, um das Feuer zu huten. Leontin hatte den einen Arm um Julie geschlungen, die still neben ihm sass. Ihr Herz war so voll, wie noch niemals in ihrem ganzen Leben. Im Innersten aufgeregt von den raschen Begebenheiten dieser Nacht, war es ihr, als hatte sie in den wenigen Stunden Jahre uberlebt; was lange im stillen geglommen, war auf einmal in helle Flammen ausgebrochen. Mude lehnte sie ihr Gesicht an seine Brust und sagte, ohne aufzusehen: "Sie haben mir mein Leben gerettet. Ich kann es nicht beschreiben, wie mir damals zumute war. Ich mochte Ihnen nun so gern aus ganzer Seele danken, aber ich konnte es doch nicht ausdrucken, wenn ich es auch sagen wollte. Es ist auch eigentlich nicht das, dass Sie mich aus dem Feuer getragen haben." Hier hielt sie eine Weile inne, dann fuhr sie wieder fort: "Die Flamme ist nun verloschen. Wenn der Tag kommt, ist alles wieder gut und ruhig, wie sonst. Jeder geht wieder gelassen an seine alte Arbeit und denkt nicht mehr daran. Ich werde diese Nacht niemals vergessen."
Sie sah bei diesen Worten gedankenvoll vor sich hin. Leontin hielt sich nicht langer, er zog sie an sich und wollte sie kussen. Sie aber wehrte ihn ab und sah ihn sonderbar an. So sassen sie noch lange, wenig sprechend, nebeneinander, bis endlich Julie die Augen zusanken. Er fuhlte ihr ruhiges, gleichformiges Atmen an seiner Brust. Er hielt sie fest im Arme und sass so traumerisch die ubrige Nacht hindurch.
Die Gewitter hatten sich indes ringsum verzogen, ein labender Duft stieg aus den erquickten Feldern, Krautern und Baumen. Aurora stand schon hoch uber den Waldern. Da weckte der kuhle Morgenwind Julie aus dem Schlummer. Der Rausch der Nacht war verflogen; sie erschrak uber ihre Stellung in Leontins Armen und bemerkte nun, da es uberall licht war, mit Erroten, dass sie halb bloss war. Leontin hob das schone, verschlafene Kind hoch vor sich in den frischen Morgen hinein, wahrend sie ihr Gesicht mit beiden Handen bedeckte. Darauf sprang sie fort von ihm und eilte ins Haus, wo soeben alles anfing sich zu ermuntern.
Neuntes Kapitel
Am Morgen sassen alle in der Stube des Jagers beim Fruhstuck versammelt, die unruhigen Ereignisse dieser Nacht besprechend. Julie sah blass aus, und Leontin bemerkte, dass sie oft heimlich uber die Tasse weg nach ihm hinblickte, und schnell wieder wegsah, wenn sein Auge ihr begegnete.
Alle untersuchten darauf noch einmal die Brandstatte, die noch immer fortrauchte. Man war allgemein der Meinung, dass ein Blitz gezundet haben musse, so viele Muhe sich auch der dicke Gerichtsverwalter gab, darzutun, dass es boshafterweise angelegt sei, und dass man daher mit aller Strenge untersuchen und verfahren musse. Herr v. A. verschmerzte den Verlust sehr leicht, da er ohnedies schon lange willens war, das alte Schlosschen niederreissen zu lassen, um ein neues, bequemeres hinzubauen.
Leontin fragte endlich wieder um die weisse Frau. "Es ist eine reiche Witwe", sagte Herr v. A., "die vor einigen Jahren plotzlich in diese Gegend kam und mehrere Guter ankaufte. Sie ist im stillen sehr wohltatig, und, seltsam genug, bei Tag und bei Nacht, wo immer ein Feuer ausbricht, sogleich bei der Hand, wobei sie dann die armen Verungluckten mit ansehnlichen Summen unterstutzt. Die Bauern glauben nun ganz zuversichtlich, sobald sie nur erscheint, musse das Feuer sich legen, wie beim Anblick einer Heiligen. Ubrigens empfangt und erwidert sie keine Besuche, und niemand weiss eigentlich recht, wie sie heisst, und woher sie gekommen; denn sie selber spricht niemals von ihrem vergangenen Leben." "Ja wohl", sagte der Gerichtsverwalter, mit einer wichtigen Miene, "es geht dort uberaus geheimnisvoll zu. Aber es gibt auch noch Leute hinterm Berge. Man weiss wohl, wie es zugeht in der Welt. Mein Gott! die liebe Jugend junges Blut tut nicht gut." "Ich bitte, malen Sie uns keinen Schnurrbart an das Heiligenbild!" unterbrach ihn Leontin, der sich seine Phantasie von der wunderbaren Erscheinung nicht verderben lassen wollte.
Es war unterdes schon wieder aufgepackt worden, um auf das Schloss des Herrn v. A. zuruckzukehren. Leontin konnte der Begierde nicht widerstehen, die weisse Frau naher kennenzulernen. Er beredete daher Friedrich, mit ihm einen Streifzug nach dem nahegelegenen Gute derselben zu machen. Sie versprachen beide, noch vor Abend wieder bei der Gesellschaft einzutreffen.
Gegen Mittag kamen sie auf dem Landsitze der Unbekannten an. Sie fanden ein neuerbautes Schloss, das, ohne eben gross zu sein, durch seine grosse, einfache Erfindung auf das angenehmste uberraschte. Eine Reihe hoher, schlanker Saulen bildete oben den Vorderteil des Schlosses. Eine schone, steinerne Stiege, welche die ganze Breite des Hauses einnahm, fuhrte zu diesem Sauleneingange hinauf. Die Stiege erhob sich nur allmahlich und terrassenformig und war mit Orangen, Zitronenbaumen und verschiedenen hohen Blumen besetzt. Vor dieser bluhenden Terrasse lag ein weiter, schattenreicher Garten ausgebreitet.
Alles war still, es schien niemand zu Hause zu sein. Auf der Stiege lag ein schones, etwa zehnjahriges Madchen uber einem Tamburin, auf das sie das zierliche Kopfchen gelehnt hatte, eingeschlummert. Oben horte man eine Flotenuhr spielen. Das Madchen wachte auf, als sie an sie herankamen, und schuttelte erstaunt die schwarzen Locken aus den muntern Augen. Dann sprang sie scheu auf und in den Garten fort, wahrend die Schellen des Tamburins, das sie hoch in die Luft hielt, hell erklangen.
Die beiden Grafen gingen nun in den Garten hinab, dessen ganze Anlage sie nicht weniger anzog, als das Aussere des Schlosses. "Wie wahr ist es", sagte Friedrich, "dass jede Gegend schon von Natur ihre eigentumliche Schonheit, ihre eigene Idee hat, die sich mit ihren Bachen, Baumen und Bergen, wie mit abgebrochenen Worten, auszusprechen sucht. Wen diese einzelnen Laute ruhren, der setzt mit wenigen Mitteln die ganze Rede zusammen. Und darin besteht doch eigentlich die ganze Kunst und Lust, dass wir uns mit dem Garten recht verstehen." Leontin war indes mehrere Male verwundert stehengeblieben. "Hochst seltsam!" sagte er endlich, als sie den Gipfel eines Hugels erreicht hatten, "diese Baumgruppen, Waldchen, Hugel und Aussichten erinnern mich ganz deutlich an gewisse Gegenden, die ich in Italien gesehen, und an manchen glucklich durchschwarmten Abend. Es ist wahrhaftig mehr als eine zufallige Tauschung."
Der Abend fing bereits an, einzubrechen, als sie wieder bei den Stufen der grossen Stiege anlangten. Sie wurden beide von dem herrlichen Anblicke uberrascht, der sich ihnen dort von oben darbot. Die Gegend lag in der abendroten Dammerung wie ein verworrenes Zaubermeer von Baumen, Stromen, Garten und Bergen, auf dem Nachtigallenlieder, gleich Sirenen, schifften. "Wie glucklich", sagte Friedrich, "ist eine beruhigte, stille Seele, die imstande ist, so besonnen und gleichformig nach allen Seiten hin zu wirken und zu schaffen, die, von keiner besondern Leidenschaft mehr gestort, auf der schonen Erde wie in der Vorhalle des grossern Tempels wohnt!"
Er wurde hier durch einige Saitenakkorde unterbrochen, die aus dem Garten herauftonten. Bald darauf horten sie einen Gesang. Friedrich horchte voll Erstaunen, denn es war dasselbe sonderbare Lied aus seiner Kindheit, das manchmal auch Erwin in der Nacht gesungen, und das er sonst nirgends wieder gehort hatte.
Leontin war indes in das erste Zimmer hineingetreten, dessen Tur halb geoffnet stand. Er warf einen fluchtigen Blick durch das Gemach. Ein altes, auf Holz gemaltes Ritterbild hing dort an der Wand, uber welche der Abend zuckend die letzten ungewissen Strahlen warf. Leontin trat erschuttert zuruck, denn er erkannte auf einmal das beleuchtete Gesicht des Bildes. In demselben Augenblick trat ein alter Bedienter von der andern Seite in das Zimmer und schien heftig zu erschrecken, als er Leontin ansah. "Um Gottes willen", rief Leontin ihm zu, "sagen Sie mir, wer ist der Ritter dort?" Der Alte entfarbte sich und sah ihn lange ernsthaft und forschend an. "Das Bild ist vor mehreren hundert Jahren gemalt, eine zufallige Ahnlichkeit muss Sie tauschen", sagte er hierauf wieder gesammelt und ruhig. "Wo ist die Frau vom Hause?" fragte Leontin wieder. "Sie ist heut noch vor Tagesanbruch schnell fortgereist und kommt so bald nicht zuruck", antwortete der Bediente und entfernte sich mit einer eiligen Verbeugung, als wollte er allen fernern Fragen ausweichen.
Unruhig kehrte nun Leontin wieder zu Friedrich zuruck, gegen den er von dem ganzen letzten Vorfalle nichts erwahnte. Weder der Bediente, noch auch das zierliche, scheue Madchen, das sie vorhin schlummernd angetroffen, zeigte sich mehr, und so ritten beide endlich gedankenvoll auf das Schloss des Herrn v. A. zuruck, wo sie spat in der Nacht anlangten.
Zehntes Kapitel
Die alte, gleichformige Ordnung der Lebensweise kehrte nun wieder auf dem Schlosse zuruck. Die beiden Gaste hatten auf vieles Bitten noch einige Zeit zugeben mussen und lebten jeder auf seine Weise fort. Friedrich dichtete wieder fleissig im Garten oder in dem daranstossenden angenehmen Waldchen. Meist war dabei irgendein Buch aus der Bibliothek des Herrn v. A., wie es ihm gerade in die Hande fiel, sein Begleiter. Seine Seele war dort so ungestort und heiter, dass er die gewohnlichsten Romane mit jener Andacht und Frischheit der Phantasie ergriff, mit welcher wir in unserer Kindheit solche Sachen lesen. Wer denkt nicht mit Vergnugen daran zuruck, wie ihm zumute war, als er den ersten Robinson oder Ritterroman las, aus dem ihm das fruheste, lusterne Vorgefuhl, die wunderbare Ahnung des ganzen, kunftigen, reichen Lebens anwehte; wie zauberisch da alles aussah und jeder Buchstab auf dem Papiere lebendig wurde? Wenn ihm dann nach vielen Jahren ein solches Buch wieder in die Hand kommt, sucht er begierig die alte Freude wieder auf darin, aber der frische, kindische Glanz, der damals das Buch und die ganze Erde uberschien, ist verschwunden, die Gestalten, mit denen er so innig vertraut war, sind unterdes fremd und anders geworden, und sehen ihn an wie ein schlechter Holzstich, dass er weinen und lachen mochte zugleich. Mit so muntern, malerischen Kindesaugen durchflog denn auch Friedrich diese Bucher. Wenn er dazwischen dann vom Blatte aufsah, glanzte von allen Seiten der schone Kreis der Landschaft in die Geschichten hinein, die Figuren, wie der Wind durch die Blatter des Buches rauschte, erhoben sich vor ihm in der grenzenlosen, grunen Stille und traten lebendig in die schimmernde Ferne hinaus; und so war eigentlich kein Buch so schlecht erfunden, dass er es nicht erquickt und belehrt aus der Hand gelegt hatte. Und das sind die rechten Leser, die mit und uber dem Buche dichten. Denn kein Dichter gibt einen fertigen Himmel; er stellt nur die Himmelsleiter auf von der schonen Erde. Wer, zu trage und unlustig, nicht den Mut verspurt, die goldenen, losen Sprossen zu besteigen, dem bleibt der geheimnisvolle Buchstab ewig tot, und er tate besser, zu graben oder zu pflugen, als so mit unnutzem Lesen mussig zu gehn.
Leontin dagegen durchstrich alle Morgen, wenn er es etwa nicht verschlief, welches gar oft geschah, mit der Flinte auf dem Rucken Felder und Walder, schwamm einige Male des Tages uber die reissendsten Stellen des Flusses, der im Tale vorbeiging, und kannte bereits alle Pfade und Gesichter der Gegend. Auch auf das Schloss der unbekannten Dame war er schon einige Male wieder hinubergeritten, fand aber immer niemanden zu Hause. Alle Tage besuchte er gewissenhaft ein paar wunderliche altkluge Gesellen auf dem Felde, die er auf seinen Streifereien ausgespurt hatte, gab ihnen Tabak zu schnupfen, den er bloss ihretwillen bei sich trug, und fuhrte stundenlang eine tolle Unterhaltung mit ihnen. Er las wenig, besonders von neuen Schriften, gegen die er eine Art von Widerwillen hatte. Dessenungeachtet kannte er doch die ganze Literatur ziemlich vollstandig. Denn sein wunderliches Leben fuhrte ihn von selbst und wider Willen in Beruhrung mit allen ausgezeichneten Mannern, und was er so bei Gelegenheit kennenlernte, fasste er schnell und ganz auf.
Sowohl er, als Friedrich besuchten fast alle Nachmittage den einsamen Viktor, dessen kleines Wohnhaus, von einem noch kleineren Gartchen umgeben, hart am Kirchhofe lag. Dort unter den hohen Linden, die den schonberaseten Kirchhof beschatteten, fanden sie den seltsamen Menschen vergraben in eine Werkstatt von Meisseln, Bohrern, Drehscheiben und anderm unzahligen Handwerkszeuge, als wollte er sich selber sein Grab bauen. Hier arbeitete und kunstelte derselbe taglich, soviel es ihm seine Berufsgeschafte zuliessen, mit einem unbeschreiblichen Eifer und Fleisse, ohne um die andere Welt draussen zu fragen. Ohne jemals eine Anleitung genossen zu haben, verfertigte er Spieluhren, kunstliche Schlosser, neue, sonderbare Instrumente, und sein bei der Stille nach aussen ewig unruhiger und reger Geist verfiel dabei auf die seltsamsten Erfindungen, die oft alle in Erstaunen setzten. Seine Lieblingsidee war, ein Luftschiff zu erfinden, mit dem man dieses lose Element ebenso bezwingen konnte, wie das Wasser, und er ware beinahe ein Gelehrter geworden, so hartnackig und unermudlich verfolgte er diesen Gedanken. Fur Poesie hatte er, sonderbar genug, durchaus keinen Sinn, so willig, ja neugierig er auch aufhorchte, wenn Leontin oder Friedrich daruber sprachen. Nur Abraham von St. Clara, jener geniale Schalk, der mit einer ernsthaften Amtsmiene die Narren auslacht, denen er zu predigen vorgibt, war seine einzige und liebste Unterhaltung, und niemand verstand wohl die Werke dieses Schriftstellers so zu durchdringen und sich aus Herzensgrunde daran zu ergotzen, als er. In diesem unformlichen "Gemisch-Gemasch" von Spott, Witz und Humor fand sein sehr nahe verwandter Geist den rechten Tummelplatz.
Ubrigens hatte sich Friedrich gleich anfangs in seinem Urteile uber ihn keineswegs geirrt. Seine Gemutsart war wirklich durchaus dunkel und melancholisch. Die eine Halfte seines Lebens hindurch war er bis zum Tode betrubt, murrisch und unbehulflich, die andere Halfte lustig bis zur Ausgelassenheit, witzig, sinnreich und geschickt, so dass die meisten, die sich mit einer gewohnlichen Betrachtung der menschlichen Natur begnugen, ihn fur einen zweifachen Menschen hielten. Es war aber eben die Tiefe seines Wesens, dass er sich niemals zu dem ordentlichen, immer gleichformigen Spiele der andern an der Oberflache bequemen konnte, und selbst seine Lustigkeit, wenn sie oft plotzlich losbrach, war durchaus ironisch und fast schauerlich. Dabei waren alle Schmeichelkunste und alltaglichen Handgriffe, sich durch die Welt zu helfen, seiner sproden Natur so zuwider, dass er selbst die unschuldigsten, gebrauchlichsten Gunstbewerbungen, ja sogar unter Freunden alle aussern Zeichen der Freundschaft verschmahte. Vor allen sogenannten klugen, gemachten Leuten war er besonders verschlossen, weil sie niemals weder seine Betrubnis, noch seine Lust verstanden und ihn mit ihrer angebildeten Afterweisheit von allen Seiten beengten. Die beiden Grafen waren die ersten in seinem Leben, die bei allen seinen Ausserungen wussten, was er meine. Denn es ist das Besondere ausgezeichneter Menschen, dass jede Erscheinung in ihrer reinen Brust sich in ihrer ursprunglichen Eigentumlichkeit bespiegelt, ohne dass sie dieselbe durch einen Beischmack ihres eigenen Selbst verderben. Er liebte sie daher auch mit unerschutterlicher Treue bis zu seinem Tode.
Sooft sie nachmittags zu ihm kamen, warf er sogleich alle Instrumente und Geratschaften weit von sich und war aus Herzensgrunde lustig. Sie musizierten dann in seiner kleinen Stube entweder auf alten, halbbespannten Instrumenten, oder Friedrich musste einige wilde Burschenlieder auf die Bahn bringen, die Viktor schnell auswendig wusste und mit gewaltiger Stimme mitsang. Fraulein Julie, die nebst ihrem Vater von jeher Viktors beste und einzige Freundin im Hause war, stand dann gar oft stundenlang gegenuber am Zaune des Schlossgartens, strickte und unterhielt sich mit ihnen, war aber niemals zu bereden, selber zu ihnen heruberzukommen. Die Tante und die meisten andern konnten gar nicht begreifen, wie die beiden Grafen einen solchen Geschmack an dem ungebildeten Viktor und seinen larmenden Vergnugungen finden konnten.
Und du seltsamer, guter, geprufter Freund, ich brauche dich und mich nicht zu nennen; aber du wirst uns beide in tiefster Seele erkennen, wenn dir diese Blatter vielleicht einmal zufallig in die Hande kommen. Dein Leben ist mir immer vorgekommen, wie ein uraltes, dunkel verbautes Gemach mit vielen rauhen Ecken, das unbeschreiblich einsam und hoch steht uber den gewohnlichen Hantierungen der Menschen. Eine alte verstimmte Laute, die niemand mehr zu spielen versteht, liegt verstaubt auf dem Boden. Aus dem finstern Erker siehst du durch bunt und phantastisch gemalte Scheiben uber das niedere, emsig wimmelnde Land unten weg in ein anderes, ruhiges, wunderbares, ewig freies Land. Alle die wenigen, die dich kennen und lieben, siehst du dort im Sonnenscheine wandeln und das Heimweh befallt auch dich. Aber dir fehlen Flugel und Segel, und du reissest in verzweifelter Lustigkeit an den Saiten der alten Laute, dass es mir oft das Herz zerreissen wollte. Die Leute gehen unten voruber und verlachen dein wildes Geklimper, aber ich sage dir, es ist mehr gottlicher Klang darin, als in ihrem ordentlichen, allgepriesenen Geleier.
An einem schwulen Nachmittage sass Leontin im Garten an dem Abhange, der in das Land hinausging. Kein Mensch war draussen, alle Vogel hielten sich im dichtesten Laube versteckt, es war so still und einsam auf den Gangen und in der ganzen Gegend umher, als ob die Natur ihren Atem an sich hielte. Er versuchte einzuschlummern. Aber wie uber ihm die Graser zwischen dem unaufhorlichen, einformigen Gesumme der Bienen sich hin und wider neigten, und rings am fernen Horizonte schwere Gewitterwolken gleich phantastischen Gebirgen mit grossen, einsamen Seen und himmelhohen Felsenzacken die ganze Welt enge und immer enger einzuschliessen schienen, presste eine solche Bangigkeit sein Herz zusammen, dass er schnell wieder aufsprang. Er bestieg einen hohen, am Abhange stehenden Baum, in dessen schwankem Wipfel er sich in das schwule Tal hinauswiegte, um nur die furchterliche Stille in und um sich loszuwerden.
Er hatte noch nicht lange oben gesessen, als er den Herrn v. A. und dessen Schwester aus dem Bogengange hervorbiegen und langsam auf den Baum zukommen sah. Sie waren in einem lauten und lebhaften Gesprache begriffen, er horte dass von ihm die Rede war. "Du magst sprechen, was du willst", sagte die Tante, "er ist bis uber die Ohren verliebt in unser Madchen. Da musst ich keine Menschenkenntnis haben! Und Julie kann keine bessere Partie finden. Ich habe schon lange, ohne dir etwas zu sagen, nahere Erkundigungen uber ihn eingezogen. Er steht sehr gut. Er vertut zwar viel Geld auf Reisen und verschiedenes unnutzes Zeug, und soll zu Hause ein etwas unordentliches und auffallendes Leben fuhren; aber er ist noch ein junger Mensch, und unser Kind wird ihn schon kirre machen. Glaube mir, mein Schatz, ein kluges Weib kann durch vernunftiges Zureden sehr viel bewirken. Sind sie nur erst verheiratet und sitzen ruhig auf ihrem Gutchen, so wird er schon sein sonderbares Wesen und seine uberspannten Ideen fahrenlassen und werden wie alle andern. Hore, mein Schatz, fange doch recht bald an, ihn so von weitem naher zu sondieren." "Das tue ich nicht", erwiderte Herr v. A. ruhig, "ich habe mich um nichts erkundigt, ich habe nichts bemerkt und nichts erfahren. Ihr Weiber verlegt euch alle aufs Spionieren und Heiratsstiften und sehet zu weit. Wirbt er um sie, und sie ist ihm gut, so soll er sie haben; denn er gefallt mir sehr. Aber ich menge mich in nichts." "Mit deiner ewigen Gelassenheit", fiel ihm hier die Schwester heftig ins Wort, "wirst du noch alles verderben. Dich ruhrt das Gluck deines eigenen Kindes nicht. Und ich sage dir, ich ruhe und raste nicht, bis sie ein Paar werden!" Sie waren unterdes schon wieder von der andern Seite hinter den Baumen verschwunden, und er konnte nichts mehr verstehn.
Er stieg rasch vom Baume herab. "Noch bin ich frei und ledig!" rief er aus und schuttelte alle Glieder. "Ruckt mir nicht auf den Hals mit eurem soliden, hauslichen, langweiligen Gluck, mit eurer abgestandenen Tugend im Schlafrock! Wohl hat die Liebe zwei Gesichter wie Janus. Mit dem einen buhlt diese ungetreue, reizende Fortuna auf ihrer farbigen Kugel mit der frischen Jugend um fluchtige Kusse; doch willst du sie plump haschen und festhalten, kehrt sie dir plotzlich das andere, alte, verschrumpfte Gesicht zu, das dich unbarmherzig zu Tode schmatzt. Heiraten und fett werden, mit der Schlafmutze auf dem Kopfe hinaussehen, wie draussen Aurora scheint, Walder und Strome noch immer ohne Ruhe fortrauschen mussen, Soldaten uber die Berge ziehn und raufen, und dann auf den Bauch schlagen und: Gott sei Dank! rufen konnen, das ist freilich ein Gluck! Und doch noch tausendmal widerlicher sind mir die Faungesichter von Hagestolzen, wie sie sich um die Mauern streichen, ein bisschen Rammelei und Diebsgelust im Herzen, wenn sie noch eins haben. Pfui! Pfui!"
So jagten sich die Gedanken in seinem Kopfe argerlich durcheinander, und er war, ohne dass er es selbst bemerkte, ins Schloss gekommen. Die Tur zu Juliens Zimmer stand nur halb angelehnt, er ging hinein, fand sie aber nicht darin. Sie schien es eben verlassen zu haben; denn Farben, Pinsel und andere Malergeratschaften lagen noch umher. Auf dem Tische stand ein Bild aufgerichtet. Er betrachtete es voll Erstaunen: es war sein eignes Portrat, an welchem Julie lange heimlich gearbeitet. Er war in derselben Jagerkleidung gemalt, in der sie ihn zum ersten Male gesehen hatte. Mit Verwunderung glaubte er auch die Gegend, die den Hintergrund des Bildes ausfullte, zu erkennen. Er erinnerte sich endlich, dass er Julien manchmal von seinem Schlosse, seinem Garten, den Bergen und Waldern, die es umgeben, erzahlt hatte, und ihr reiches Gemut hatte sich nun aus den wenigen Zugen ein ganz anderes, wunderbares Zauberland, als ihre neue Heimat, zusammengesetzt.
Er stand lange voller Gedanken am Fenster. Ihre Gitarre lag dort; er nahm sie und wollte singen, aber es ging nicht. Er lehnte Sich mit der Stirn ans Fenster und wollte sie durchaus hier erwarten, aber sie kam nicht.
Endlich stieg er hinab, ging in den Hof und sattelte und zaumte sich selber sein Pferd. Als er eben zum Tore hinausritt, kam Julie eilfertig aus der Gartentur. Sie schien ein Geschaft vorzuhaben, sie grusste ihn nur fluchtig mit freundlichen Augen und lief ins Schloss. Er gab seinem Pferde die Sporen und sprengte ins Feld hinaus.
Ohne einen bestimmten Weg einzuschlagen, war er schon lange herumgeritten, als er mitten im Walde auf einen hochgelegenen, ausgehauenen Fleck kam. Er horte jemanden lustig ein Liedchen pfeifen und ritt darauf los. Es war zu seiner nicht geringen Freude der bekannte Ritter, den er schon lange einmal auf seinen Irrzugen zu erwischen sich gewunscht hatte. Er sass auf einem Baumsturze und liess seinen Klepper neben sich weiden. Romantische, goldene Zeit des alten, freien Schweifens, wo die ganze schone Erde unser Lustrevier, der grune Wald unser Haus und Burg, dich schimpft man narrisch dachte Leontin bei diesem Anblicke, und rief dem Ritter aus Herzensgrunde sein Hurra zu. Er stieg darauf selbst vom Pferde und setzte sich zu ihm hin. Der Tag fing eben an, sich zu Ende zu neigen, die Waldvogel zwitscherten von allen Wipfeln in der Runde. Von der einen Seite sah man in einer Vertiefung unter der Heide ein Schlosschen mit stillem Hofe und Garten ganz in die Waldeinsamkeit versenkt. Die Wolken flogen so niedrig uber das Dach weg, als sollte sich die bedrangte Seele daranhangen, um jenseits ins Weite, Freie zu gelangen. Mit einem innerlichen Schauder von Bangigkeit erfuhr Leontin von dem Ritter, dass dies dasselbe Schloss sei, wo jetzt die muntere Braut, die er auf jener Jagd kennengelernt, seit lange schon mit ihrem jungen Manne ruhig wohne, wirtschafte und hause.
"Aber", sagte er endlich zu dem Ritter, "wird Euch denn niemals bange auf Euren einsamen Zugen? Was macht und sinnt Ihr denn den ganzen langen Tag?" "Ich suche den Stein der Weisen", erwiderte der Ritter ruhig. Leontin musste uber diese fertige, unerwartete Antwort laut auflachen. "Ihr seid irrisch in Eurem Verstande, dass Ihr so lacht", sagte der Ritter etwas aufgebracht. "Eben weil die Leute wohl wissen, dass ich den Stein der Weisen wittere, so trachten die Pharisaer und Schriftgelehrten darnach, mir durch Reden und Blicke meine Majestat von allen Seiten auszusaugen, auszuwalzen und auszudreschen. Aber ich halte mich an das Prinzipium: an Essen und Trinken; denn wer nicht isst, der lebt nicht, wer nicht lebt, der studiert nicht, und wer nicht studiert, der wird kein Weltweiser, und das ist das Fundament der Philosophie." So sprach der tolle Ritter eifrig fort, und gab durch Mienen und Hande seinen Worten den Nachdruck der ernsthaftesten Uberzeugung. Leontin, den seine heutige Stimmung besonders aufgelegt machte zu ausschweifenden Reden, stimmte nach seiner Art in denselben Ton mit ein, und so fuhrten die beiden dort uber die ganze Welt das allerseltsamste und unformlichste Gesprach, das jemals gehort wurde, wahrend es ringsumher schon lange finster geworden war. Der Ritter, dem ein so aufmerksamer Zuhorer etwas Seltenes war, hielt tapfer Stich, und focht nach allen Seiten in einem wunderlichen Chaos von Sinn und Unsinn, das oft die herrlichsten Gedanken durchblitzten. Leontin erstaunte uber die scharfen, ganz selbsterschaffenen Ausdrucke und die entschiedene Anlage zum Tiefsinn. Aber alles schien wie eine uppige Wildnis, durch den lebenslangen Mussiggang zerruttet und fast bis zum Wahnwitz verworren.
Zuletzt sprach der Ritter noch von einem Philosophen, den er jahrlich einmal besuche. Leontin war mit ganzer Seele gespannt, denn die Beschreibung von demselben stimmte auffallend mit dem alten Ritterbilde uberein, dessen Anblick ihn auf dem Schlosse der weissen Frau so sehr erschuttert hatte. Er fragte naher nach, aber der Ritter antwortete jedesmal so toll und abschweifend, dass er alle weitern Erkundigungen aufgeben musste.
Endlich brach der Ritter auf, da er heute noch auf dem Schlosse der niedlichen Braut Herberge suchen wollte. Leontin trug ihm an dieselbe seine schonsten Grusse auf. Der Ritter stolperte nun auf seiner Rosinante langsam uber die Heide hinab, und unterhielt sich noch immerfort mit Leontin mit grossem Geschrei uber die Philosophie, wahrend er schon langst in der Nacht verschwunden war.
Leontin sah sich, nun allein, nach allen Seiten um. Alle Walder und Berge lagen still und dunkel ringsumher. Unten in der Tiefe schimmerten Lichter hin und her aus den zerstreuten Dorfern, Hunde bellten fern in den einsamen Hofen. Auch in dem Schlosse des Herrn v. A. sah er noch mehrere Fenster erleuchtet. So blieb er noch lange oben auf der Heide stehen.
Am folgenden Morgen fruhzeitig erhielt Friedrich einen Brief. Er erkannte sogleich die Zuge wieder: er war von Rosa. So lange schon hatte er sich von Tage zu Tage vergebens darauf gefreut, und erbrach ihn nun mit hastiger Ungeduld. Der Brief war folgenden Inhalts: "Wo bleibst Du so lange, mein innig geliebter Freund? Hast Du denn gar kein Mitleid mehr mit Deiner armen Rosa, die sich so sehr nach Dir sehnt? Als ich auf der Hohe im Gebirge von euch entfuhrt wurde, hatte ich mir fest vorgenommen, gleich nach meiner Ankunft in der Residenz an Dich zu schreiben. Aber Du weisst selbst, wieviel man die erste Zeit an einem solchen Orte mit Einrichtungen, Besuchen und Gegenbesuchen zu tun hat. Ich konnte damals durchaus nicht dazu kommen, obschon ich immer und uberall an Dich gedacht habe. Und so verging die erste Woche, und ich wusste dann nicht mehr, wohin ich meinen Brief adressieren sollte. Vor einigen Tagen endlich kam hier der junge Marquis von P. an, der wollte bestimmt wissen, dass sich mein Bruder mit einem fremden Herrn auf dem Gute des Herrn v. A. aufhalte. Ich eilte also, sogleich an Dich dorthin zu schreiben. Der Marquis verwunderte sich zugleich, wie ihr es dort so lange aushalten konntet. Er sagte, es ware ein Sejour zum Melancholischwerden. Mit der ganzen Familie ware in der Welt nichts anzufangen. Der Baron sei wie ein Holzstich in den alten Rittergeschichten: gedruckt in diesem Jahr, die Tante wisse von nichts zu sprechen, als von ihrer Wirtschaft, und das Fraulein vom Hause sei ein halbreifes Ganseblumchen, ein rechtes Bild ohne Gnaden. Sind das nicht recht narrische Einfalle? Wahrhaftig, man muss dem Marquis gut sein mit seinem losen Maule. Siehst Du, es ist Dein Gluck, denn ich hatte schon grosse Lust eifersuchtig zu werden. Aber ich kenne schon meinen Bruder, solche Bekanntschaften sind ihm immer die liebsten; er lasst sich nichts einreden. Ich bitte Dich aber, sage ihm nichts von alle diesem. Denn er kann sich ohnedies von jeher mit dem Marquis nicht vertragen. Er hat sich schon einige Male mit ihm geschlagen, und der Marquis hat an der letzten Wunde uber ein Vierteljahr zubringen mussen. Er fangt immer selber ohne allen Anlass Handel mit ihm an. Ich weiss gar nicht, was er wider ihn hat. Der Marquis ist hier in allen gebildeten Gesellschaften beliebt und ein geistreicher Mann. Ich weiss gewiss, Du und der Marquis werdet die besten Freunde werden. Denn er macht auch Verse und von der Musik ist er ein grosser Kenner. Ubrigens lebe ich hier recht glucklich, so gut es Deine Rosa ohne Dich sein kann. Ich bekomme und erwidere Besuche, mache Landpartien usw. Dabei fallt mir immer ein, wie ganz anders Du doch eigentlich bist als alle diese Leute, und dann wird mir mitten in dem Schwarme so bange, dass ich mich oft heimlich wegschleichen muss, um mich recht auszuweinen. Die junge, schone Grafin Romana, die mich alle Morgen an der Toilette besucht, sagt mir immer, wenn ich mich anziehe, dass meine Augen so schon waren, und wickelt sich meine Haare um ihren Arm und kusst mich. Ich denke dann immer an Dich. Du hast das auch gesagt und getan, und nun bleibst Du auf einmal so lange aus. Ich bitte Dich, wenn Du mir gut bist, lass mich nicht so allein; es ist nicht gut so.
Ich hatte mich gestern soeben erst recht eingeschrieben und hatte Dir noch so viel zu sagen, da wurde ich zu meinem Verdrusse durch einen Besuch unterbrochen. Jetzt ist es schon zu spat, da die Post sogleich abgehen wird. Ich schliesse also schnell in der Hoffnung, Dich bald an mein liebendes Herz zu drucken. Diesen Winter wird es hier besonders brillant werden. Wie schon ware es, wenn wir ihn hier zusammen zubrachten! Komm, komm gewiss!" Friedrich legte den Brief still wieder zusammen. Unwillkurlich summte ihm der Gassenhauer: "Freut euch des Lebens" usw., den Leontin gewohnlich abzuleiern pflegte, wenn seine Schwester etwas nach ihrer Art Wichtiges vorbrachte, durch den Kopf. Der ganze Brief, wie von einem von Lustbarkeiten Atemlosen im Fluge abgeworfen, war wie eine Lucke in seinem Leben, durch die ihn ein fremdartiger, staubiger Wind anblies. Habe ich es oben auf der Hohe nicht gesagt, dass du in dein Grab hinabsteigst? Wenn die Schonheit mit ihren frischen Augen, mit den jugendlichen Gedanken und Wunschen unter euch tritt, und, wie sie die eigene, grossere Lebenslust treibt, sorglos und lustern in das liebewarme Leben hinauslangt und sprosst, sich an die feinen Spitzen, die zum Himmel streben, giftig anzusaugen und zur Erde hinabzuzerren, bis die ganze, prachtige Schonheit, fahl und ihres himmlischen Schmuckes beraubt, unter euch dasteht wie euresgleichen die Halunken!
Er offnete das Fenster. Der herrliche Morgen lag draussen wie eine Verklarung uber dem Lande, und wusste nichts von den menschlichen Wirren, nur von rustigem Tun, Freudigkeit und Frieden. Friedrich spurte sich durch den Anblick innerlichst genesen, und der Glaube an die ewige Gewalt der Wahrheit und des festen religiosen Willens wurde wieder stark in ihm. Der Gedanke, zu retten, was noch zu retten war, erhob seine Seele, und er beschloss, nach der Residenz abzureisen.
Er ging mit dieser Nachricht zu Leontin, aber er fand seine Schlafstube leer und das Bett noch von gestern in Ordnung. Er ging daher zu Julie hinuber, da er horte, dass sie schon auf war. Das schone Madchen stand in ihrer weissen Morgenkleidung eben am Fenster. Sie kehrte sich schnell zu ihm herum, als er hereintrat. "Er ist fort!" sagte sie leise mit unterdruckter Stimme, zeigte mit dem Finger auf das Fenster und stellte sich wieder mit abgewendetem Gesichte abseits an das andere. Der erstaunte Friedrich erkannte Leontins Schrift auf der Scheibe, die er wahrscheinlich gestern, als er hier allein war, mit seinem Ringe aufgezeichnet hatte. Er las:
"Der fleissigen Wirtin von dem Haus
Dank ich von Herzen fur Trank und Schmaus,
Und was beim Mahl den Gast erfreut:
Fur heitre Mien und Freundlichkeit.
Dem Herrn vom Haus sei Lob und Preis!
Seinen Segen wunsch ich mir auf die Reis,
Nach seiner Lieb mich sehr begehrt,
Wie ich ihn halte ehrenwert.
Herr Viktor soll beten und fleissig sein,
Denn der Teufel lauert, wo einer allein;
Soll lustig auf dem Kopfe stehn,
Wenn alle so dumm auf den Beinen gehn.
Und wenn mein Weg uber Berge hoch geht,
Aurora sich auftut, das Posthorn weht,
Da will ich ihm rufen von Herzen voll,
Dass er's in der Ferne spuren soll.
Ade! Schloss, heiter uberm Tal,
Ihr schwulen Taler allzumal,
Du blauer Fluss ums Schloss herum,
Ihr Dorfer, Walder um und um.
Wohl sah ich dort eine Zaubrin gehn,
Nach ihr nur alle Blumen und Walder sehn,
Mit hellen Augen Strome und Seen,
In stillem Schaun, wie verzaubert, stehn.
Ein jeder Strom wohl findt sein Meer,
Ein jeglich Schiff kehrt endlich her,
Nur ich treibe und sehne mich immerzu,
O wilder Trieb! wann lasst du einmal Ruh?"
Darunter stand, kaum leserlich, gekritzelt:
"Herr Friedrich, der schlaft in der Ruhe Schoss,
Ich wunsch ihm viel Ungluck, dass er sich erbos,
Ins Horn, zum Schwert, frisch dran und drauf!
Philister uber dir, wach, Simson, wach auf!"
Friedrich stutzte uber diese letzten Zeilen, die ihn unerwartet trafen. Er erkannte tief das Schwerfallige seiner Natur und versank auf einen Augenblick sinnend in sich selbst.
Julie stand noch immerfort am Fenster, sah durch die Scheiben und weinte heimlich. Er fasste ihre Hand. Da hielt sie sich nicht langer, sie setzte sich auf ihr Bett und schluchzte laut. Friedrich wusste wohl, wie untrostlich ein liebendes Madchen ist. Er verabscheute alle jene erbarmlichen Spitaltroster voll Wiedersehens, unverhofften Windungen des Schicksals usw. "Lieb ihn nur recht", sagte er zu Julien, "so ist er ewig dein, und wenn die ganze Welt dazwischenlage. Glaube nur niemals den falschen Verfuhrern: dass die Manner eurer Liebe nicht wert sind. Die Schufte freilich nicht, die das sagen; aber es gibt nichts Herrlicheres auf Erden, als der Mann, und nichts Schoneres, als das Weib, das ihm treu ergeben bis zum Tode." Er kusste das weinende Madchen und ging darauf zu ihren Eltern, um ihnen seine eigene, baldige Abreise anzukundigen.
Er fand die Tante hochst besturzt uber Leontins unerklarliche Flucht, die sie auf einmal ganz irre an ihm und allen ihren Planen machte. Sie war anfangs bose, dann still und wie vernichtet. Herr v. A. ausserte weniger mit Worten, als durch ein ungewohnlich hastiges und zerstreutes Tun und Lassen, das Friedrich unbeschreiblich ruhrte, wie schwer es ihm falle, sich von Leontin getrennt zu sehen, und die Tranen traten ihm in die Augen, als nun auch Friedrich erklarte, schon morgen abreisen zu mussen. So verging dieser noch ubrige Tag zerstreut, gestort und freudenlos.
Am andern Morgen hatte Erwin fruhzeitig die Reisebundel geschnurt, die Pferde standen bereit und scharrten ungeduldig unten im Hofe. Friedrich machte noch eilig einen Streifzug durch den Garten und sah noch einmal von dem Berge in die herrlichen Taler hinaus. Auch das stille, kuhle Platzchen, wo er so oft gedichtet und glucklich gewesen, besuchte er. Wie im Fluge schrieb er dort folgende Verse in seine Schreibtafel:
"O Taler weit, o Hohen,
O schoner, gruner Wald,
Du meiner Lust und Wehen
Andacht'ger Aufenthalt!
Da draussen, stets betrogen,
Saust die geschaft'ge Welt,
Schlag noch einmal die Bogen
Um mich, du grunes Zelt!
Wann es beginnt zu tagen,
Die Erde dampft und blinkt,
Die Vogel lustig schlagen,
Dass dir dein Herz erklingt:
Da mag vergehn, verwehen
Das trube Erdenleid,
Da sollst du auferstehen
In junger Herrlichkeit.
Da steht im Wald geschrieben
Ein stilles, ernstes Wort,
Vom rechten Tun und Lieben,
Und was des Menschen Hort.
Ich habe treu gelesen
Die Worte, schlicht und wahr,
Und durch mein ganzes Wesen
Ward's unaussprechlich klar.
Bald werd ich dich verlassen,
Fremd in der Fremde gehn,
Auf buntbewegten Gassen
Des Lebens Schauspiel sehn,
Und mitten in dem Leben
Wird deines Ernsts Gewalt,
Mich Einsamen erheben,
So wird mein Herz nicht alt."
Als der junge Tag sich aus den Morgenwolken hervorgearbeitet hatte, war Friedrich schon draussen zu Pferde. Julie winkte noch weit mit ihrem weissen Tuche aus dem Fenster nach.
Zweites Buch
Elftes Kapitel
Es war schon Abend, als Friedrich in der Residenz ankam. Er war sehr schnell geritten, so dass Erwin fast nicht mehr nach konnte. Je einsamer draussen der Kreis der Felder ins Dunkel versank, je hoher nach und nach die Turme der Stadt, wie Riesen, sich aus der Finsternis aufrichteten, desto lichter war es in seiner Seele geworden vor Freude und Erwartung. Er stieg im Wirtshause ab und eilte sogleich zu Rosas Wohnung. Wie schlug sein Herz, als er durch die dunklen Strassen schritt, als er endlich die hellbeleuchtete Treppe in ihrem Hause hinaufstieg. Er mochte keinen Bedienten fragen, er offnete hastig die erste Tur. Das grosse, getafelte Zimmer war leer, nur im Hintergrunde sass eine weibliche Gestalt in vornehmer Kleidung. Er glaubte sich verirrt zu haben und wollte sich entschuldigen. Aber das Madchen vom Fenster kam sogleich auf ihn zu, fuhrte sich selbst als Rosas Kammermadchen auf und versicherte sehr gleichgultig, die Grafin sei auf den Maskenball gefahren. Diese Nachricht fiel wie ein Maifrost in seine Lust. Es war ihm vor Freude gar nicht eingefallen, dass er sie verfehlen konnte, und er hatte beinahe Lust zu zurnen, dass sie ihn nicht zu Hause erwartet habe. "Wo ist denn die kleine Marie?" fragte er nach einer Weile wieder: "Oh, die ist lange aus den Diensten der Grafin", sagte das Madchen mit gerumpftem Naschen und betrachtete ihn von oben bis unten mit einer schnippischen Miene. Friedrich glaubte, es galte seiner staubigen Reisekleidung; alles argerte ihn, er liess den Affen stehn und ging, ohne seinen Namen zu hinterlassen, wieder fort.
Verdrusslich nahm er den Weg zu den Redoutensalen. Die Musik schallte lockend aus den hohen Bogenfenstern, die ihre Scheine weit unten uber den einsamen Platz warfen. Ein alter Springbrunnen stand in der Mitte des Platzes, uber den nur noch einzelne dunkle Gestalten hin und her irrten. Friedrich blieb lange an dem Brunnen stehen, der seltsam zwischen den Tonen von oben fortrauschte. Aber ein Polizeidiener, der, in seinen Mantel gehullt, an der Ecke lauerte, verjagte ihn endlich durch die Aufmerksamkeit, mit der er ihn zu beobachten schien.
Er ging ins Haus hinein, versah sich mit einem Domino und einer Larve, und hoffte seine Rosa noch heute in dem Getummel herauszufinden. Geblendet trat er aus der stillen Nacht in den plotzlichen Schwall von Tonen, Lichtern und Stimmen, der wie ein Zaubermeer mit rastlos beweglichen, klingenden Wogen uber ihm zusammenschlug. Zwei grosse, hohe Sale, nur leicht voneinander geschieden, eroffneten die unermesslichste Aussicht. Er stellte sich in das Bogentor zwischen beide, wo die doppelten Musikchore aus beiden Salen verworren ineinanderklangen. Zu beiden Seiten toste der seltsame, lustige Markt, frohliche, reizende und ernste Bilder des Lebens zogen wechselnd voruber, Girlanden von Lampen schmuckten die Wande, unzahlige Spiegel dazwischen spielten das Leben ins Unendliche, so dass man die Gestalten mit ihrem Widerspiel verwechselte, und das Auge verwirrt in der grenzenlosen Ferne dieser Aussicht sich verlor. Ihn schauderte mitten unter diesen Larven. Er sturzte sich selber mit in das Gewimmel, wo es am dichtesten war.
Gewohnliches Volk, Charaktermasken ohne Charakter vertraten auch hier, wie draussen im Leben, uberall den Weg: gespreizte Spanier, papierne Ritter, Taminos, die uber ihre Flote stolperten, hin und wieder ein behender Harlekin, der sich durch die unbehulflichen Zuge hindurchwand und nach allen Seiten peitschte. Eine hochst seltsame Maske zog indes seine Aufmerksamkeit auf sich. Es war ein Ritter in schwarzer, altdeutscher Tracht, die so genau und streng gehalten war, dass man glaubte, irgendein altes Bild sei aus seinem Rahmen ins Leben hinausgetreten. Die Gestalt war hoch und schlank, sein Wams reich mit Gold, der Hut mit hohen Federn geschmuckt, die ganze Pracht doch so uralt, fremd und fast gespenstisch, dass jedem unheimlich zumute ward, an dem er voruberstreifte. Er war ubrigens galant und wusste zu leben. Friedrich sah ihn fast mit allen Schonen buhlen. Doch alle machten sich gleich nach den ersten Worten schnell wieder von ihm los, denn unter den Spitzen der Ritterarmel langten die Knochenhande eines Totengerippes hervor.
Friedrich wollte eben den sonderbaren Gast weiter verfolgen, als sich die Bahn mit einem Janhagel junger Manner verstopfte, die auf einer Jagd begriffen schienen. Bald erblickte er auch das fluchtige Reh. Es war eine kleine, junge Zigeunerin, sehr nachlassig verhullt, das schone schwarze Haar mit bunten Bandern in lange Zopfe geflochten. Sie hatte ein Tamburin, mit dem sie die Zudringlichsten so schalkisch abzuwehren wusste, dass ihr alles nur um desto lieber nachfolgte. Jede ihrer Bewegungen war zierlich, es war das niedlichste Figurchen, das Friedrich jemals gesehen.
In diesem Augenblicke streiften zwei schone, hohe weibliche Gestalten an ihm vorbei. Zwei mannliche Masken drangten sich nach. "Es ist ganz sicher die Grafin Rosa", sagte die eine Maske mit dusterer Stimme. Friedrich traute seinen Ohren kaum. Er drangte sich ihnen schnell nach, aber das Gewimmel war zu gross, und sie blieben ihm immer eine Strecke voraus. Er sah, dass der schwarze Ritter den beiden weiblichen Masken begegnete, und der einen im Vorbeigehen etwas ins Ohr raunte, woruber sie hochst besturzt schien und ihm eine Weile nachsah, wahrend er langst schon wieder im Gedrange verschwunden war. Mehrere Parteien durchkreuzten sich unterdes von neuem, und Friedrich hatte Rosa aus dem Gesichte verloren.
Ermudet fluchtete er sich endlich an ein abgelegenes Fenster, um auszuruhen. Er hatte noch nicht lange dort gestanden, als die eine von den weiblichen Masken eiligst ebenfalls auf das Fenster zukam. Er erkannte sogleich seine Rosa an der Gestalt. Die eine mannliche Maske folgte ihr auf dem Fusse nach, sie schienen beide den Grafen nicht zu bemerken. "Nur einen einzigen Blick!" bat die Maske dringend. Rosa zog ihre Larve weg und sah den Bittenden mit den wunderschonen Augen lachelnd an. Sie schien unruhig. Ihre Blicke durchschweiften den ganzen Saal und begegneten schon wieder dem schwarzen Ritter, der wie eine Totenfahne durch die bunten Reihen drang. "Ich will nach Hause " sagte sie darauf angstlich bittend, und Friedrich glaubte Tranen in ihren Augen zu bemerken. Sie bedeckte ihr Gesicht schnell wieder mit der Larve. Ihr unbekannter Begleiter bot ihr seinen Arm, drangte Friedrich, der gerade vor ihr stand, stolz aus dem Wege und bald hatten sich beide in dem Gewirre verloren.
Der schwarze Ritter war indes bei dem Fenster angelangt. Er blieb vor Friedrich stehen und sah ihm scharf ins Gesicht. Dem Grafen grauste, so allein mit der wunderbaren Erscheinung zu stehn, denn hinter der Larve des Ritters schien alles hohl und dunkel, man sah keine Augen. "Wer bist du?" fragte ihn Friedrich. "Der Tod von Basel", antwortete der Ritter und wandte sich schnell fort. Die Stimme hatte etwas so Altbekanntes und Anklingendes aus langstvergangener Zeit, dass Friedrich lange sinnend stehen blieb. Er wollte ihm endlich nach, aber er sah ihn schon wieder im dicksten Haufen mit einer Schonen wie toll herumwalzen.
Ein Getummel von Lichtern draussen unter den Fenstern lenkte seine Aufmerksamkeit ab. Er blickte hinaus und sah bei dem Scheine einer Fackel, wie die mannliche Maske Rosan nebst noch einer andern Dame in den Wagen hob. Der Wagen rollte darauf schnell fort, die Lichter verschwanden, und der Platz unten war auf einmal wieder still und finster.
Er warf das Fenster zu und wandte sich in den glanzenden Saal zuruck, um sich ebenfalls fortzubegeben. Der schwarze Ritter war nirgends mehr zu sehen. Nach einigem Herumschweifen traf er in der mit Blumen geschmuckten Kredenz noch einmal auf die nur allzu gefallige Zigeunerin. Sie hatte die Larve abgenommen, trank Wein und blickte mit den muntern Augen reizend uber das Glas weg. Friedrich erschrak, denn es war die kleine Marie. Er druckte seine Larve fester ins Gesicht und fasste das niedliche Madchen bei der Hand. Sie zog sie verwundert zuruck und zeichnete mit ihrem Finger ratend eine Menge Buchstaben in seine flache Hand, aber keiner passte auf seinen Namen.
Er zog sie an ein Tischchen und kaufte ihr Zucker und Naschwerk. Mit ungemeiner Zierlichkeit wusste das liebliche Kind alles mit ihm zu teilen, und blinzelte ihm dazwischen oft neugierig in die Augen. Unbesorgt um die Reize, die sie dabei enthullte, riss sie einen Blumenstrauss von ihrem Busen und uberreichte ihn lachelnd ihrem unbekannten, sonderbaren Wirte, der immerfort so stumm und kalt neben ihr sass. "Die Blumen sind ja alle schon verwelkt", sagte Friedrich, zerzupfte den Strauss und warf die Stucke auf die Erde. Marie schlug ihn lachend auf die Hand und riss ihm die noch ubrigen Blumen aus. Er bat endlich um die Erlaubnis, sie nach Hause begleiten zu durfen, und sie willigte mit einem freudigen Handedruck ein.
Als er sie nun durch den Saal fortfuhrte, war unterdes alles leer geworden. Die Lampen waren grosstenteils verloscht und warfen nur noch zuckende, falbe Scheine durch den Qualm und Staub, in welchen das ganze bunte Leben verraucht schien. Die Musikanten spielten wohl fort, aber nur noch einzelne Gestalten wankten auf und ab, demaskiert, nuchtern und ubersatt. Mitten in dieser Zerstorung glaubte Friedrich mit einem fluchtigen Blicke Leontin totenblass und mit verwirrtem Haar in einem fernen Winkel schlafen zu sehen. Er blieb erstaunt stehen, alles kam ihm wie ein Traum vor. Aber Marie drangte ihn schnell und angstlich fort, als ware es unheimlich, langer an dem Orte zu hausen.
Als sie unten zusammen im Wagen sassen, sagte Marie zu Friedrich: "Ihre Stimme hat eine sonderbare Ahnlichkeit mit der eines Herrn, den ich sonst gekannt habe." Friedrich antwortete nicht darauf. "Ach Gott!" sagte sie bald nachher, "die Nacht ist heut gar so schwul und finster!" Sie offnete das Kutschenfenster, und er sah bei dem matten Schimmer einer Laterne, an der sie voruberflogen, dass sie ernsthaft und in Gedanken versunken war. Sie fuhren lange durch eine Menge enger und finsterer Gasschen, endlich rief Marie dem Kutscher zu, und sie hielten vor einem abgelegenen, kleinen Hause. Sie sprang schnell aus dem Wagen und in das Haus hinein. Ein Madchen, das in Mariens Diensten zu sein schien, empfing sie an der Haustur. "Er ist mein, er ist mein!" rief Marie kaum horbar, aber aus Herzensgrunde, dem Madchen im Vorubergehen zu und schlupfte in ein Zimmer.
Das Madchen fuhrte den Grafen mit prufenden Blicken uber ein kleines Treppchen zu einer andern Tur. "Warum", sagte sie, "sind Sie gestern abend nicht schon zu uns gekommen, da Sie vorbeiritten und so freundlich heraufgrussten? Ich sollte wohl nichts sagen, aber seit acht Tagen spricht und traumt die arme Marie von nichts als von Ihnen, und wenn es lange gedauert hatte, ware sie gewiss bald gestorben." Friedrich wollte fragen, aber sie schob die Tur hinter ihm zu und war verschwunden.
Er trat in eine fortlaufende Reihe schoner, geschmackvoller Zimmer. Ein prachtiges Ruhebett stand im Hintergrunde, der Fussboden war mit reichen Teppichen geschmuckt, eine alabasterne Lampe erleuchtete das Ganze nur dammernd. In dem letzten Zimmer sah er die niedliche Zigeunerin vor einem grossen Wandspiegel stehen und ihre Haare fluchtig in Ordnung bringen. Als sie ihn in dem vordern Zimmer erblickte, kam sie sogleich herbeigesprungen und sturzte mit einer Hingebung in seine Arme, die keine Verstellung mit ihren gemeinen Kunsten jemals erreicht. Der erstaunte Friedrich riss in diesem Augenblicke seinen Mantel und die Larve von sich. Wie vom Blitze beruhrt, sprang Marie bei diesem Anblicke auf, sturzte mit einem lauten Schrei auf das Ruhebett und druckte ihr mit beiden Handen bedecktes Gesicht tief in die Kissen.
"Was ist das!" sagte Friedrich, "sind deine Freunde Gespenster geworden? Warum hast du mich geliebt, eh du mich kanntest, und furchtest dich nun vor mir?" Marie blieb in ihrer Stellung und liess die eine Hand, die er gefasst hatte, matt in der seinigen; sie schien ganz vernichtet. Mit noch immer verstecktem Gesichte sagte sie leise und gepresst: "Er war auf dem Balle dieselbe Gestalt dieselbe Maske." "Du hast dich in mir geirrt", sagte Friedrich, und setzte sich neben sie auf das Bett, "viel schwerer und furchtbarer irrst du dich am Leben, leichtsinniges Madchen! Wie der schwarze Ritter heute auf dem Balle, tritt uberall ein freier, wilder Gast ungeladen in das Fest. Er ist so lustig aufgeschmuckt und ein rustiger Tanzer, aber seine Augen sind leer und hohl, und seine Hande totenkalt, und du musst sterben, wenn er dich in die Arme nimmt, denn dein Buhle ist der Teufel." Marie, seltsam erschuttert von diesen Worten, die sie nur halb vernahm, richtete sich auf. Er hob sie auf seinen Schoss, wo sie still sitzen blieb, wahrend er sprach. Ihre Augen und Mienen kamen ihm in diesem Augenblicke wieder so unschuldig und kindisch vor, wie ehemals. "Was ist aus dir geworden, arme Marie!" fuhr er geruhrt fort. "Als ich das erstemal auf die schone grune Waldeswiese hinunterkam, wo dein stilles Jagerhaus stand, wie du frohlich auf dem Rehe sassest und sangst der Himmel war so heiter, der Wald stand frisch und rauschte im Winde, von allen Bergen bliesen die Jager auf ihren Hornern das war eine schone Zeit! Ich habe einmal an einem kalten, sturmischen Herbsttage ein Frauenzimmer draussen im Felde sitzen gesehen, die war verruckt geworden, weil sie ihr Liebhaber, der sich lange mit ihr herumgeherzt, verlassen hatte. Er hatte ihr versprochen, noch an demselben Tage wiederzukommen. Sie ging nun seit vielen Jahren alle Tage auf das Feld und sah immerfort auf die Landstrasse hinaus. Sie hatte noch immer das Kleid an, das sie damals getragen hatte, das war schon zerrissen und seitdem ganz altmodisch geworden. Sie zupfte immer an dem Armel und sang ein altes Lied zum Rasendwerden." Marie stand bei diesen Worten schnell auf und ging an den Tisch. Friedrich sah auf einmal Blut uber ihre Hand hervorrinnen. Alles dieses geschah in einem Augenblicke.
"Was hast du vor?" rief Friedrich, der unterdes herbeigesprungen war. "Was soll mir das Leben!" antwortete sie mit verhaltener, trostloser Stimme. Er sah, dass sie sich mit einem Federmesser gerade am gefahrlichsten Flecke unterhalb der Hand verwundet hatte. "Pfui", sagte Friedrich, "wie bist du seitdem unbandig geworden!" Das Madchen wurde blass, als sie das Blut erblickte, das haufig uber den weissen Arm floss. Er zog sie an das Bett hin und riss schnell ein Band aus ihren Haaren. Sie kniete vor ihm hin und liess sich gutwillig von ihm das Blut stillen und die Wunde verbinden. Das heftige Madchen war wahrenddessen ruhiger geworden. Sie lehnte den Kopf an seine Kniee und brach in einen Strom von Tranen aus.
Da wurden sie durch Mariens Kammermadchen unterbrochen, die plotzlich in die Stube sturzte und mit Verwirrung vorbrachte, dass soeben der Herr auf dem Wege hierher sei. "O Gott!" rief Marie sich aufraffend, "wie unglucklich bin ich!" Das Madchen aber schob den Grafen, ohne sich weiter auf Erklarungen einzulassen, eiligst aus dem Zimmer und dem Hause und schloss die Tur hinter ihm ab.
Draussen auf der Strasse, die leer und ode war, begegnete er bald zwei mannlichen, in dunkle Mantel dicht verhullten Gestalten, die durch die neblige Nacht an den Hausern vorbeistrichen. Der eine von ihnen zog einen Schlussel hervor, eroffnete leise Mariens Haustur und schlupfte hinein. Desselben Stimme, die er jetzt im Vorbeigehen fluchtig gehort hatte, glaubte er vom heutigen Maskenballe auffallend wiederzuerkennen.
Da hierauf alles auf der Gasse ruhig wurde, eilte er endlich voller Gedanken seiner Wohnung zu. Oben in seiner Stube fand er Erwin, den Kopf auf den Arm gestutzt, eingeschlummert. Die Lampe auf dem Tische war fast ausgebrannt und dammerte nur noch schwach uber das Zimmer. Der gute Junge hatte durchaus seinen Herrn erwarten wollen, und sprang verwirrt auf, als Friedrich hereintrat. Draussen rasselten die Wagen noch immerfort, Laufer schweiften mit ihren Windlichtern an den dunklen Hausern voruber, in Osten standen schon Morgenstreifen am Himmel. Erwin sagte, dass er sich in der grossen Stadt furchte; das Gerassel der Wagen ware ihm vorgekommen wie ein unaufhorlicher Sturmwind, die nachtliche Stadt wie ein dunkler eingeschlafener Riese. Er hat wohl recht, es ist manchmal furchterlich, dachte Friedrich, denn ihm war bei diesen Worten, als hatte dieser Riese Marie und seine Rosa erdruckt, und der Sturmwind ginge uber ihre Graber. "Bete", sagte er zu dem Knaben, "und leg dich ruhig schlafen!" Erwin gehorchte, Friedrich aber blieb noch auf. Seine Seele war von den buntwechselnden Erscheinungen dieser Nacht mit einer unbeschreiblichen Wehmut erfullt, und er schrieb heute noch folgendes Gedicht auf:
Der armen Schonheit Lebenslauf
Die arme Schonheit irrt auf Erden,
So lieblich Wetter draussen ist,
Mocht gern recht viel gesehen werden,
Weil jeder sie so freundlich grusst.
Und wer die arme Schonheit schauet,
Sich wie auf grosses Gluck besinnt,
Die Seele fuhlt sich recht erbauet,
Wie wenn der Fruhling neu beginnt.
Da sieht sie viele schone Knaben,
Die reiten unten durch den Wind,
Mocht manchen gern im Arme haben,
Hut dich, hut dich, du armes Kind!
Da ziehn manch redliche Gesellen,
Die sagen: "Hast nicht Geld noch Haus,
Wir furchten deine Augen helle,
Wir haben nichts zum Hochzeitsschmaus."
Von andern tut sie sich wegdrehen,
Weil keiner ihr so wohl gefallt,
Die mussen traurig weitergehen,
Und zogen gern ans End der Welt.
Da sagt sie: "Was hilft mir mein Sehen,
Ich wunscht, ich ware lieber blind,
Da alle furchtsam von mir gehen,
Weil gar so schon mein Augen sind."
Nun sitzt sie hoch auf lichtem Schlosse,
In schone Kleider putzt sie sich,
Die Fenster gluhn, sie winkt vom Schlosse,
Die Sonne blinkt, das blendet dich.
Die Augen, die so furchtsam waren,
Die haben jetzt so freien Lauf,
Fort ist das Kranzlein aus den Haaren,
Und hohe Federn stehn darauf.
Das Kranzlein ist herausgerissen,
Ganz ohne Scheu sie mich anlacht;
Geh du vorbei: sie wird dich grussen,
Winkt dir zu einer schonen Nacht.
Da sieht sie die Gesellen wieder,
Die fahren unten auf dem Fluss,
Es singen laut die lust'gen Bruder;
So furchtbar schallt des einen Gruss:
"Was bist du fur 'ne schone Leiche!
So wuste ist mir meine Brust,
Wie bist du nun so arm, du Reiche,
Ich hab an dir nicht weiter Lust!"
Der Wilde hat ihr so gefallen,
Laut schrie sie auf bei seinem Gruss,
Vom Schloss mocht sie hinunterfallen
Und unten ruhn im kuhlen Fluss.
Sie blieb nicht langer mehr da oben,
Weil alles anders worden war,
Von Schmerz ist ihr das Herz erhoben,
Da ward's so kalt, doch himmlisch klar;
Da legt sie ab die goldnen Spangen,
Den falschen Putz und Ziererei,
Aus dem verstockten Herzen drangen
Die alten Tranen wieder frei.
Kein Stern wollt nicht die Nacht erhellen,
Da musste die Verliebte gehn,
Wie rauscht der Fluss! die Hunde bellen,
Die Fenster fern erleuchtet stehn.
Nun bist du frei von deinen Sunden,
Die Lieb zog triumphierend ein,
Du wirst noch hohe Gnade finden,
Die Seele geht in Hafen ein.
Der Liebste war ein Jager worden,
Der Morgen schien so rosenrot,
Da blies er lustig auf dem Horne,
Blies immerfort in seiner Not.
Zwolftes Kapitel
Rosa sass des Morgens an der Toilette; ihr Kammermadchen musste ihr weitlaufig von dem fremden Herrn erzahlen, der gestern nach ihr gefragt hatte. Sie zerbrach sich vergebens den Kopf, wer es wohl gewesen sein mochte, denn Friedrich erwartete sie nicht so schnell. Vielmehr glaubte sie, er werde darauf bestehen, dass sie die Residenz verlasse und das machte ihr manchen Kummer. Die junge Grafin Romana, eine Verwandte von ihr, in deren Hause sie wohnte, sass neben ihr am Flugel und schwelgte tosend in den Tanzen von der gestrigen Redoute. "Wie ihr andern nur", sagte sie, "alle Lust so gelassen ertragen und aus dem Tanze schnurstracks ins Bett springen konnt und der schonen Welt so auf einmal ein Ende machen! Ich bin immer so ganz durchklungen, als sollte die Musik niemals aufhoren."
Bald darauf fand sie Rosas Augen so suss verschlafen, dass sie schnell zu ihr hinsprang und sie kusste. Sie setzte sich neben sie hin und half sie von allen Seiten schmucken, setzte ihr bald einen Hut, bald Blumen auf, und riss ebensooft alles wieder herunter, wie ein verliebter Knabe, der nicht weiss, wie er sich sein Liebchen wurdig genug aufputzen soll. "Ich weiss gar nicht, was wir uns putzen", sagte das schone Weib endlich und lehnte den schwarzgelockten Kopf schwermutig auf den blendendweissen Arm, "was wir uns kummern und noch Herzweh haben nach den Mannern: solches schmutziges, abgearbeitetes, unverschamtes Volk, steifleinene Helden, die sich spreizen und in allem Ernste glauben, dass sie uns beherrschen, wahrend wir sie auslachen, fleissige Staatsburger und ehrliche Ehestandskandidaten, die, ganz beschwitzt von der Berufsarbeit und das Schurzfell noch um den Leib, mit aller Wut ihrer Inbrunst von der Werkstatt zum Garten der Liebe springen, und denen die Liebe ansteht wie eine umgekehrt aufgesetzte Perucke." Rosa besah sich im Spiegel und lachte. "Wenn ich bedenke", fuhr die Grafin fort, "wie ich mir sonst als kleines Madchen einen Liebhaber vorgestellt habe: wunderschon, stark, voll Tapferkeit, wild, und doch wieder so milde, wenn er bei mir war.
Ich weiss noch, unser Schloss lag sehr hoch zwischen einsamen Waldern, ein schoner Garten war daneben, unten ging ein Strom voruber. Alle Morgen, wenn ich in den Garten kam, horte ich draussen in den Bergen ein Waldhorn blasen, bald nahe, bald weit, dazwischen sah ich oft einen Reiter plotzlich fern zwischen den Baumen erscheinen und schnell wieder verschwinden. Gott! mit welchen Augen schaute ich da in die Walder und den blauen, weiten Himmel hinaus! Aber ich durfte, solange meine Mutter lebte, niemals allein aus dem Garten. Ein einziges Mal, an einem prachtigen Abende, da der Jager draussen wieder blies, wagte ich es und schlich unbemerkt in den Wald hinaus. Ich ging nun zum ersten Male allein durch die dunkelgrunen Gange, zwischen Felsen und uber eingeschlossene Wiesen voll bunter Blumen, alte, seltsame Geschichten, die mir die Amme oft erzahlte, fielen mir dabei ein; viele Vogel sangen ringsumher, das Waldhorn rief immerfort, noch niemals hatte ich so grosse Lust empfunden. Doch wie ich im Beschauen so versunken ging und staunte, hatt ich den rechten Weg verloren, auch wurde es schon dunkel. Ich irrt und rief, doch niemand gab mir Antwort. Die Nacht bedeckte indes Walder und Berge, die nun wie dunkle Riesen auf mich sahen, nur die Baume ruhrten sich so schaurig, sonst war es still im grossen Walde. Ist das nicht recht romantisch?" unterbrach sich hier die Grafin selbst, laut auflachend. "Ermudet", fuhr sie wieder weiter fort, "setzte ich mich endlich auf die Erde nieder und weinte bitterlich. Da hort ich plotzlich hinter mir ein Gerausch, ein Reh bricht aus dem Dickicht hervor und hinterdrein der Reiter. Es war ein wilder Knabe, der Mond schien ihm hell ins Gesicht; wie schon und herrlich er anzusehen war, kann ich mit Worten nicht beschreiben. Er stutzte, als er mich erblickte, und staunend standen wir so voreinander. Erst lange darauf fragte er mich, wie ich hierhergekommen und wohin ich wollte? Ich konnte vor Verwirrung nicht antworten, sondern stand still vor ihm und sah ihn an. Da hob er mich schnell vor sich auf sein Ross, umschlang mich fest mit einem Arme, und ritt so mit mir davon. Ich fragte nicht: wohin? denn Lust und Furcht war so gemischt in seinem wunderbaren Anblick, dass ich weder wunschte, noch wagte von ihm zu scheiden. Unterwegs bat er mich freundlich um ein Andenken. Ich zog stillschweigend meinen Ring vom Finger und gab ihn ihm. So waren wir, nach kurzem Reiten auf unbekannten Wegen, zu meiner Verwunderung auf einmal vor unser Schloss gekommen. Der Jager setzte mich hier ab, kusste mich und kehrte schnell wieder in den Wald zuruck.
Aber mir scheint gar, du glaubst mir wirklich alles das Zeug da", sagte hier die Grafin, da sie Rosa uber der Erzahlung ihren ganzen Putz vergessen und mit grossen Augen zuhorchen sah. "Und ist es denn nicht wahr?" fragte Rosa. "So, so", erwiderte die Grafin, "es ist eigentlich mein Lebenslauf in der Knospe. Willst du weiter horen, mein Puppchen?
Der Sommer, die bunten Vogel und die Waldhornsklange zogen nun fort, aber das Bild des schonen Jagers blieb heimlich bei mir den langen Winter hindurch. Es war an einem von jenen wundervollen Vorfruhlingstagen, wo die ersten Lerchen wieder in der lauen Luft Schwirren, ich Stand mit meiner Mutter an dem Abhange des Gartens, der Fluss unten war von dem geschmolzenen Schnee ausgetreten und die Gegend weit und breit wie ein grosser See zu sehen. Da erblickte ich plotzlich meinen Jager wieder gegenuber auf der Hohe. Ich erschrak vor Freude, dass ich am ganzen Leibe zitterte. Er bemerkte mich und hielt meinen Ring an seiner Hand gerade auf mich zu, dass der Stein im Sonnenscheine funkelnd, wunderbar uber das Tal heruberblitzte. Er schien zu uns heruber zu wollen, aber das Wasser hinderte ihn. So ritt er auf verschiedenen Umwegen und kam an einen tiefen Schlund, vor dem das Pferd sich zogernd baumte. Endlich wagte es den Sprung, sprang zu kurz und er sturzte in den Abgrund. Als ich das sah, sprang ich, ohne mich zu besinnen, mit einem Schrei vom Abhange aus dem Garten hinunter. Man trug mich ohnmachtig ins Schloss, und ich sah ihn niemals mehr wieder; aber der Ring blitzt wohl noch jeden Fruhling aus der Grune farbigflammend in mein Herz, und ich werde die Zauberei nicht los." "Was sagte denn aber die Mutter dazu?" fragte Rosa. "Sie erinnerte sich sehr oft daran. Noch den Tag vor ihrem Tode, da sie schon zuweilen irre sprach, fiel es ihr ein und sie sagte in einer Art von Verzuckung zu mir: 'Springe nicht aus dem Garten! Er ist so fromm und zierlich umzaunt mit Rosen, Lilien und Rosmarin. Die Sonne scheint gar lieblich darauf und lichtglanzende Kinder sehen dir von fern zu und wollen dort zwischen den Blumenbeeten mit dir spazierengehen. Denn du sollst mehr Gnade erfahren und mehr gottliche Pracht uberschauen, als andere. Und eben, weil du oft frohlich und kuhn sein wirst und Flugel haben, so bitte ich dich: springe niemals aus dem stillen Garten!'" "Was wollte sie denn aber damit sagen?" fiel ihr Rosa ins Wort, "verstehst du's?" "Manchmal", erwiderte die Grafin, "an nebligen Herbsttagen." Sie nahm die Gitarre, trat an das offene Fenster und sang:
"Laue Luft kommt blau geflossen,
Fruhling, Fruhling soll es sein!
Waldwarts Hornerklang geschossen,
Mut'ger Augen lichter Schein,
Und das Wirren bunt und bunter
Wird ein magisch wilder Fluss,
In die schone Welt hinunter
Lockt dich dieses Stromes Gruss.
Und ich mag mich nicht bewahren!
Weit von euch treibt mich der Wind,
Auf dem Strome will ich fahren,
Von dem Glanze selig blind!
Tausend Stimmen lockend schlagen,
Hoch Aurora flammend weht,
Fahre zu! ich mag nicht fragen,
Wo die Fahrt zu Ende geht!
Was macht dein Bruder Leontin?" fragte sie schnell abbrechend und legte die Gitarre, in Gedanken versunken, hin. "Wie kommst du jetzt auf den?" fragte Rosa verwundert. "Er sagt von mir", antwortete die Grafin, "ich sei wie eine Flote, in der viel himmlischer Klang ist, aber das frische Holz habe sich geworfen, habe einen genialischen Sprung, und so tauge doch am Ende das ganze Instrument nichts. Das fiel mir eben jetzt ein."
Rosa war froh, dass gerade der Bediente hereintrat und meldete, dass die Pferde zum Spazierritte bereit seien. Denn die Reden der Grafin hatten sie heute mehr gepresst, als sie zeigte, und ware Friedrich, nach dessen immer beruhigenden Gesprachen sie hier gar oft eine aufrichtige Sehnsucht fuhlte, in diesem Augenblicke hereingetreten, sie ware ihm gewiss mit einer Leidenschaft um den Hals gefallen, die ihn in Verwunderung gesetzt hatte.
Friedrich hatte bis weit in den Tag hinein geschlafen oder vielmehr getraumt und stand unerquickt und nuchtern auf. Die alte, schone Gewohnheit, beim ersten Erwachen in die rustige, freie Morgenpracht hinauszutreten, und auf hohem Berge oder im Walde die Weihe grosser Gedanken fur den Tag zu empfangen, musste er nun ablegen. Trostlos blickte er aus dem Fenster in das verwirrende Treiben der muhselig drangenden, schwankenden Menge, und es war ihm, als konnte er hier nicht beten. In solchen verlassenen Stunden wenden wir uns mit doppelter Liebe nach den Augen der Geliebten, aus denen uns die Natur wieder wunderbar begrusst, wo wir Ruhe, Trost und Freude wiederzufinden wahnen. Auch Friedrich eilte, seine Rosa endlich wiederzusehen. Aber seine Erwartung sollte noch einmal getauscht werden. Sie war, wie wir gehort haben, eben fortgeritten, als er hinkam.
Ungeduldig verliess er von neuem das Haus, und es fehlte wenig, dass er in einer Aufwallung nicht sogleich gar wieder fortreiste. Mussig und unlustig schlenderte er durch die Gassen zwischen den fremden Menschengesichtern, ohne zu wissen, wohin. Die ersten Stunden und Tage, die wir in einer grossen, unbekannten Stadt verbringen, gehoren meistens unter die verdrusslichsten unsers Lebens. Uberall von aller organischen Teilnahme ausgeschlossen, sind wir wie ein uberflussiges stillstehendes Rad an dem grossen Uhrwerke des allgemeinen Treibens. Neutral hangen wir gleichsam unser ganzes Wesen schlaff zu Boden und haschen, da wir innerlich nicht zu Hause sind, auswarts nach einem festen, sichern Halt. Solche Augenblicke sind es, wo wir darauf verfallen Visiten zu machen und nach Bekanntschaften zu jagen, da uns sonst der ungestorte Zug eines frischen, bewegten Lebens in Liebe und Hass mit Gleichen und Widrigen von selbst kraftiger und sicherer zusammenfuhrt.
So erinnerte sich auch Friedrich, dass er ein Empfehlungsschreiben an den hiesigen Minister P., den er von einsichtsvollen Mannern als ein Wunder von tuchtiger Tatigkeit ruhmen gehort, bei sich habe. Er zog es hervor und uberlas bei dieser Gelegenheit wieder einmal den weitlaufigen Reiseplan, den er bei seinem Auszuge von der Universitat sorgfaltig in seine Schreibtafel aufgezeichnet hatte. Es ruhrte ihn, wie da alle Wege so genau vorausbestimmt waren, und wie nachher alles anders gekommen war, wie das innere Leben uberall durchdringt und, sich an keine vorberechneten Plane kehrend, gleich einem Baume aus freier, geheimnisvoller Werkstatt seine Aste nach allen Richtungen hinstreckt und treibt, und erst als Ganzes einen Plan und Ordnung erweist.
Unter solchen Gedanken erreichte er des Ministers Haus. Ein Kammerdiener meldete ihn an und fuhrte ihn bald darauf durch eine lange Reihe von Zimmern, die alle fast bis zur Einformigkeit einfach und schmucklos waren. Erstaunt blieb er stehen, als ihm endlich an der letzten Tur der Minister selbst entgegenkam. Er hatte sich nach alledem Erhebenden, was er von seinem grossen Streben gehort, einen lebenskraftigen, heldenahnlichen, freudigen Mann vorgestellt, und fand eine lange, hagere, schwarzgekleidete Gestalt, die ihn mit unhoflicher Hoflichkeit empfing. Denn so mochte man jene Hoflichkeit nennen, die nichts mehr bedeuten will, und keinen Zug mehr ihres Ursprungs, der wohlwollenden Gute, an sich hat. Der Minister las das Schreiben schnell durch und erkundigte sich um die Familienverhaltnisse des Grafen mit wenigen sonderbaren Fragen, aus denen Friedrich zu seiner hochsten Verwunderung ersah, dass der Minister in die Geheimnise seiner Familie eingeweihter sein musse, als er selber, und er betrachtete den kalten Mann einige Augenblicke mit einer Art von heiliger Scheu.
Wahrend dieser Unterredung kam unten ein junger Mann in soldatischer Kleidung die Strasse herabgeritten. Wie wenn ein Ritter, noch ein heiliges Bild voriger, rechter Jugend, dessen Anblicks unser Auge langst entwohnt ist, uns plotzlich begegnete, so ragte der herrliche Reiter uber die verworrene, falbe Menge, die sein wildes Ross auseinandersprengte. Alles zog ehrerbietig den Hut, er nickte freundlich in das Fenster hinauf, der Minister verneigte sich tief; es war der Erbprinz.
Auf Friedrich hatte die wahrhaft furstliche Schonheit des Reiters einen wunderbaren Eindruck gemacht, den er, solange er lebte, nie wieder auszuloschen vermochte. Er sagte es dem Minister. Der Minister lachelte. Friedrich argerte das britisierende, eingefrorne Wesen, das er aus Jean Pauls Romanen bis zum Ekel kannte, und jederzeit fur die allerschandlichste Prahlerei hielt. Auf die Wahrhaftigkeit seines Herzens vertrauend, sprach er daher, als sich bald nachher die Unterhaltung zu den neuesten Zeitbegebenheiten wandte, uber Staat, offentliche Verhandlungen und Patriotismus mit einer sorglosen, sieghaften Ergreifung, die vielleicht manchmal um desto eher an Ubertreibung grenzte, je mehr ihn der unuberwindlich kalte Gegensatz des Ministers erhitzte. Der Minister horte ihn stillschweigend an. Als er geendigt hatte, sagte er ruhig: "Ich bitte Sie, verlegen Sie sich doch einige Zeit mit ausschliesslichem Fleisse auf das Studium der Jurisprudenz und der kameralistischen Wissenschaften." Friedrich griff schnell nach seinem Hute. Der Minister uberreichte ihm eine Einladungskarte zu einem sogenannten Tableau, welches heute abend bei einer Dame, die durch gelehrte Zirkel beruchtigt war, von mehreren jungen Damen aufgefuhrt werden sollte, und Friedrich eilte aus dem Hause fort. Er hatte sich oben in der Gegenwart des Ministers wie von einer unsichtbaren Ubermacht bedruckt gefuhlt, es kam ihm vor, als ginge alles anders auf der Welt, als er es sich in guten Tagen vorgestellt.
Es war schon Abend geworden, als sich Friedrich endlich entschloss, von der Einladungskarte, die er vom Minister bekommen hatte, Gebrauch zu machen. Er machte sich schnell auf den Weg; aber das Haus der Dame, wohin die Adresse gerichtet war, lag weit in dem andern Teile der Stadt, und so langte er ziemlich spat dort an.
Er wurde bei Vorweisung der Karte in einen Saal gewiesen, der, wie es schien, mit Fleiss nur durch einen einzigen Kronleuchter sehr matt beleuchtet wurde. In dieser sonderbaren Dammerung fand er eine zahlreiche Gesellschaft, die, lebhaft durcheinandersprechend, in einzelne Partien zerstreut umhersass. Er kannte niemand und wurde auch nicht bemerkt; er blieb daher im Hintergrunde und erwartete, an einen Pfeiler gelehnt, den Ausgang der Sache.
Bald darauf wurde zu seinem Erstaunen auch der einzige Kronleuchter hinaufgezogen. Eine undurchdringliche Finsternis erfullte nun plotzlich den Raum und er horte ein quiekendes, leichtfertiges Gelachter unter den jungen Frauenzimmern uber den ganzen Saal. Wie sehr aber fuhlte er sich uberrascht, als auf einmal ein Vorhang im Vordergrunde niedersank und eine unerwartete Erscheinung von der seltsamsten Erfindung sich den Augen darbot.
Man sah namlich sehr uberraschend ins Freie, uberschaute statt eines Theaters die grosse, wunderbare Buhne der Nacht selber, die vom Monde beleuchtet draussen ruhte. Schrage uber die Gegend hin streckte sich ein ungeheurer Riesenschatten weit hinaus, auf dessen Rucken eine hohe weibliche Gestalt erhoben stand. Ihr langes weites Gewand war durchaus blendendweiss, die eine Hand hatte sie ans Herz gelegt, mit der andern hielt sie ein Kreuz zum Himmel empor. Das Gewand schien ganz und gar von Licht durchdrungen und stromte von allen Seiten einen milden Glanz aus, der eine himmlische Glorie um die ganze Gestalt bildete und sich ins Firmament zu verlieren schien, wo oben an seinem Ausgange einzelne wirkliche Sterne hindurchschimmerten. Rings unter dieser Gestalt war ein dunkler Kreis hoher, traumhafter, phantastisch ineinander verschlungener Pflanzen, unter denen unkenntlich verworrene Gestalten zerstreut lagen und schliefen, als ware ihr wunderbarer Traum uber ihnen abgebildet. Nur hin und her endigten sich die hochsten dieser Pflanzengewinde in einzelne Lilien und Rosen, die von der Glorie, der sie sich zuwandten, beruhrt und verklart wurden und in deren Kelchen goldene Kanarienvogel sassen und in dem Glanze mit den Flugeln schlugen. Unter den dunklen Gestalten des untern Kreises war nur eine kenntlich. Es war ein Ritter, der sich, der glanzenden Erscheinung zugekehrt, auf beide Kniee aufgerichtet hatte und auf ein Schwert stutzte, und dessen goldene Rustung von der Glorie hell beleuchtet wurde. Von der andern Seite stand eine schone weibliche Gestalt in griechischer Kleidung, wie die Alten ihre Gottinnen abbildeten. Sie war mit bunten, vollen Blumengewinden umhangen und hielt mit beiden aufgehobenen Armen eine Zimbel, wie zum Tanze, hoch in die Hoh, so dass die ganze regelmassige Fulle und Pracht der Glieder sichtbar wurde. Das Gesicht erschrocken von der Glorie abgewendet, war sie nur zur Halfte erleuchtet; aber es war die deutlichste und vollendetste Figur. Es schien, als ware die irdische, lebenslustige Schonheit von dem Glanze jener himmlischen beruhrt, in ihrer bacchantischen Stellung plotzlich so erstarrt. Je langer man das Ganze betrachtete, je mehr und mehr wurde das Zauberbild von allen Seiten lebendig. Die Glorie der mittelsten Figur spielte in den Pflanzengewinden und den zitternden Blatterspitzen der nachststehenden Baume. Im Hintergrunde sah man noch einige Streifen des Abendrots am Himmel stehen, fernes, dunkelblaues Gebirg, und hin und wieder den Strom aus der weiten Tiefe wie Silber aufblikkend. Die ganze Gegend schien in erwartungsvoller Stille zu feiern, wie vor einem grossen Morgen, der das geheimnisvoll gebundene Leben in herrlicher Pracht losen soll.
Friedrich war freudig zusammengefahren, als der Vorhang sich plotzlich eroffnete, denn er hatte in der mittelsten Figur mit dem Kreuze sogleich seine Rosa erkannt. Wie wir einen geliebten kostlichen Stein mit dem Kostbarsten sorgfaltig umfassen, so schien auch ihm der herrliche Kreis der gestirnten Nacht draussen nur eine Folie um das schone Bild der Geliebten, zu welcher aller Augen unwiderstehlich hingezogen wurden. An ihren grossen, sinnigen Augen entzundete sich in seiner Brust die Macht hoher, freudiger Entschlusse und Gedanken, das Abendrot draussen war ihm die Aurora eines kunftigen, weiten, herrlichen Lebens und seine ganze Seele flog wie mit grossen Flugeln in die wunderbare Aussicht hinein.
Mitten in dieser Entzuckung fiel der Vorhang plotzlich wieder, das Ganze verdeckend, herab, der Kronleuchter wurde heruntergelassen und ein schnatterndes Gewuhl und Lachen erfullte auf einmal wieder den Saal. Der grosste Teil der Gesellschaft brach nun von allen Sitzen auf und verlor sich. Nur ein kleiner Teil von Auserwahlten blieb im Saale zuruck. Friedrich wurde wahrenddessen vom Minister, der auch zugegen war, bemerkt und sogleich der Frau vom Hause vorgestellt. Es war eine fast durchsichtig schlanke, schmachtige Gestalt, gleichsam im Nachsommer ihrer Blute und Schonheit. Sie bat ihn mit so uberaus sanften, leisen, lispelnden Worten, dass er Muhe hatte, sie zu verstehen, ihre kunstlerischen Abendandachten, wie sie sich ausdruckte, mit seiner Gegenwart zu beehren, und sah ihn dabei mit blinzelnden, fast zugedruckten Augen an, von denen er zweifelhaft war, ob sie ausforschend, gelehrt, sanft, verliebt oder nur interessant sein sollten.
Die Gesellschaft zog sich indes in eine kleinere Stube zusammen. Die Zimmer waren durchaus prachtvoll und im neuesten Geschmacke dekoriert; nur hin und wieder bemerkte man einige auffallende Besonderheiten und Nachlassigkeiten, unsymmetrische Spiegel, Gitarren, aufgeschlagene Musikalien und Bucher, die auf den Ottomanen zerstreut umherlagen. Friedrich kam es vor, als hatte es der Frau vom Hause vorher einige Stunden muhsamen Studiums gekostet, um in das Ganze eine gewisse unordentliche Genialitat hineinzubringen.
Endlich erschien auch Rosa mit der jungen Grafin Romana, welche in dem Tableau die griechische Figur, die lebenslustige, vor dem Glanze des Christentums zu Stein gewordene Religion der Phantasie so meisterhaft dargestellt hatte. Rosas erster Blick traf gerade auf Friedrich. Erstaunt und mit innigster Herzensfreude rief sie laut seinen Namen. Er ware ihr um den Hals gefallen, aber der Minister stand eben wie eine Statue neben ihm, und manche Augen hatte ihr unvorsichtiger Ausruf auf ihn gerichtet. Er hatte sich vor diesen Leuten ebensogern wie Don Quijote in der Wildnis vor seinem Sancho Pansa in Purzelbaumen produzieren wollen, als seine Liebe ihren Augen preisgeben. Aber so nahe als moglich hielt er sich zu ihr, es war ihm eine unbeschreibliche Lust, sie anzuruhren, er sprach wieder mit ihr, als ware er nie von ihr gewesen und hielt oft minutenlang ihre Hand in der seinigen. Rosa tat diese langentbehrte, ungekunstelte, unwiderstehliche Freude an ihr im Innersten wohl.
Es hatte sich unterdes ein niedliches, etwa zehnjahriges Madchen eingefunden, die in einer reizenden Kleidung mit langen Beinkleidern und kurzem schleiernen Rockchen daruber, keck im Zimmer herumsprang. Es war die Tochter vom Hause. Ein Herr aus der Gesellschaft reichte ihr ein Tamburin, das in einer Ecke auf dem Fussboden gelegen hatte. Alle schlossen bald einen Kreis um sie und das zierliche Madchen tanzte mit einer wirklich bewunderungswurdigen Anmut und Geschicklichkeit, wahrend sie das Tamburin auf mannigfache Weise schwang und beruhrte und ein niedliches italienisches Liedchen dazu sang. Jeder war begeistert, erschopfte sich in Lobspruchen und wunschte der Mutter Gluck, die sehr zufrieden lachelte. Nur Friedrich schwieg still. Denn einmal war ihm schon die moderne Knabentracht bei Madchen zuwider, ganz abscheulich aber war ihm diese gottlose Art, unschuldige Kinder durch Eitelkeit zu dressieren. Er fuhlte vielmehr ein tiefes Mitleid mit der schonen kleinen Bajadere. Sein Arger und das Lobpreisen der andern stieg, als nachher das Wunderkind sich unter die Gesellschaft mischte, nach allen Seiten hin in fertigem Franzosisch schnippische Antworten erteilte, die eine Klugheit weit uber ihr Alter zeigten, und uberhaupt jede Ungezogenheit als genial genommen wurde.
Die Damen, welche samtlich sehr asthetische Mienen machten, setzten sich darauf nebst mehreren Herren unter dem Vorsitze der Frau vom Hause, die mit vieler Grazie den Tee einzuschenken wusste, formlich in Schlachtordnung und fingen an, von Ohrenschmausen zu reden. Der Minister entfernte sich in die Nebenstube, um zu spielen. Friedrich erstaunte, wie diese Weiber gelaufig mit den neuesten Erscheinungen der Literatur umzuspringen wussten, von denen er selber manche kaum dem Namen nach kannte, wie leicht sie mit Namen herumwarfen, die er nie ohne heilige, tiefe Ehrfurcht auszusprechen gewohnt war. Unter ihnen schien besonders ein junger Mann mit einer verachtenden Miene in einem gewissen Glauben und Ansehen zu stehen. Die Frauenzimmer sahen ihn bestandig an, wenn es darauf ankam, ein Urteil zu sagen, und suchten in seinem Gesichte seinen Beifall oder Tadel im voraus herauszulesen, um sich nicht etwa mit etwas Abgeschmacktem zu prostituieren. Er hatte viele genialische Reisen gemacht, in den meisten Hauptstadten auf offentlicher Strasse auf seine eigene Faust Ball gespielt, Kotzebue einmal in einer Gesellschaft in den Sack gesprochen, fast mit allen beruhmten Schriftstellern zu Mittag gespeist oder kleine Fussreisen gemacht. Ubrigens gehorte er eigentlich zu keiner Partei; er ubersah alle weit und belachelte die entgegengesetzten Gesinnungen und Bestrebungen, den eifrigen Streit unter den Philosophen oder Dichtern: Er war sich der Lichtpunkt dieser verschiedenen Reflexe. Seine Urteile waren alle nur wie zum Spiele fluchtig hingeworfen mit einem nachlassig mystischen Anstrich, und die Frauenzimmer erstaunten nicht uber das, was er sagte, sondern was er, in der Uberzeugung, nicht verstanden zu werden, zu verschweigen schien.
Wenn dieser heimlich die Meinung zu regieren schien, so fuhrte dagegen ein anderer fast einzig das hohe Wort. Es war ein junger, voller Mensch mit strotzender Gesundheit, ein Antlitz, das vor wohlbehaglicher Selbstgefalligkeit glanzte und strahlte. Er wusste fur jedes Ding ein hohes Schwungwort, lobte und tadelte ohne Mass und sprach hastig mit einer durchdringenden, gellenden Stimme. Er schien ein wutend Begeisterter von Profession und liess sich von den Frauenzimmern, denen er sehr gewogen schien, gern den heiligen Thyrsusschwinger nennen. Es fehlte ihm dabei nicht an einer gewissen schlauen Miene, womit er niedrere, nicht so saftige Naturen seiner Ironie preiszugeben pflegte. Friedrich wusste gar nicht, wohin dieser wahrend seiner Deklamationen so viel Liebesblicke verschwende, bis er endlich ihm gerade gegenuber einen grossen Spiegel entdeckte.
Der Begeisterte liess sich nicht lange bitten, etwas von seinen Poesien mitzuteilen. Er las eine lange Dithyrambe von Gott, Himmel, Holle, Erde und dem Karfunkelstein mit angestrengtester Heftigkeit vor, und schloss mit solchem Schrei und Nachdruck, dass er ganz blau im Gesichte wurde. Die Damen waren ganz ausser sich uber die heroische Kraft des Gedichts, sowie des Vortrags.
Ein anderer junger Dichter von mehr schmachtendem Ansehn, der neben der Frau vom Hause seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte, lobte zwar auch mit, warf aber dabei einige durchbohrende, neidische Blikke auf den Begeisterten, vom Lesen ganz Erschopften. Uberhaupt war dieser Friedrich schon von Anfang an durch seinen grossen Unterschied von jenen beiden Flausenmachern aufgefallen. Er hatte sich wahrend der ganzen Zeit, ohne sich um die Verhandlungen der andern zu bekummern, ausschliesslich mit der Frau vom Hause unterhalten, mit der er eine Seele zu sein schien, wie man von dem sussen, zugespitzten Munde beider abnehmen konnte, und Friedrich horte nur manchmal einzelne Laute, wie: "Mein ganzes Leben wird zum Roman" "uberschwengliches Gemut" "Priesterleben" heruberschallen. Endlich zog auch dieser ein ungeheures Paket Papiere aus der Tasche und begann vorzulesen, unter andern folgendes Assonanzenlied:
"Hat nun Lenz die silbern'n Bronnen
Losgebunden:
Knie ich nieder, sussbeklommen,
In die Wunder.
Himmelreich so kommt geschwommen
Auf die Wunden!
Hast du einzig mich erkoren
Zu den Wundern?
In die Ferne suss verloren,
Lieder fluten,
Dass sie, ruckwarts sanft erschollen,
Bringen Kunde.
Was die andern sorgen wollen,
Ist mir dunkel,
Mir will ew'ger Durst nur frommen
Nach dem Durste.
Was ich liebte und vernommen,
Was geklungen,
Ist den eignen, tiefen Wonnen
Selig Wunder!"
Weiter folgendes Sonett:
"Ein Wunderland ist oben aufgeschlagen,
Wo goldne Strome gehn und dunkel schallen
Und durch ihr Rauschen tief Gesange hallen,
Die mochten gern ein hohes Wort uns sagen.
Viel goldne Brucken sind dort kuhn geschlagen,
Daruber alte Bruder sinnend wallen
Und seltsam' Tone oft herunterfallen
Da will tief Sehnen uns von hinnen tragen.
Wen einmal so beruhrt die heil'gen Lieder:
Sein Leben taucht in die Musik der Sterne,
Ein ewig Ziehn in wunderbare Ferne.
Wie bald liegt da tief unten alles Trube!
Er kniet ewig betend einsam nieder,
Verklart im heil'gen Morgenrot der Liebe."
Er las noch einen Haufen Sonette mit einer Art von priesterlicher Feierlichkeit. Keinem derselben fehlte es an irgendeinem wirklich aufrichtigen kleinen Gefuhlchen, an grossen Ausdrucken und lieblichen Bildern. Alle hatten einen einzigen, bis ins Unendliche breit auseinandergeschlagenen Gedanken, sie bezogen sich alle auf den Beruf des Dichters und die Gottlichkeit der Poesie, aber die Poesie selber, das ursprungliche, freie, tuchtige Leben, das uns ergreift, ehe wir daruber sprechen, kam nicht zum Vorschein vor lauter Komplimenten davor und Anstalten dazu. Friedrich kamen diese Poesierer in ihrer durchaus polierten, glanzenden, wohlerzogenen Weichlichkeit wie der fade, unerquickliche Teedampf, die zierliche Teekanne mit ihrem lodernden Spiritus auf dem Tische wie der Opferaltar dieser Musen vor. Er erinnerte sich bei diesem asthetischen Geschwatz der schonen Abende im Walde bei Leontins Schloss, wie da Leontin manchmal so seltsame Gesprache uber Poesie und Kunst hielt, wie seine Worte, je finsterer es nach und nach ringsumher wurde, zuletzt eins wurden mit dem Rauschen des Waldes und der Strome und dem grossen Geheimnisse des Lebens, und weniger belehrten als erquickten, starkten und erhoben.
Er erholte sich recht an der erfrischenden Schonheit Rosas, in deren Gesicht und Gestalt unverkennbar der herrliche, wilde, oft ungeniessbare Berg- und Waldgeist ihres Bruders zur ruhigeren, grossen, schonen Form geworden war. Sie kam ihm diesen Abend viel schoner und unschuldiger vor, da sie sich fast gar nicht in die gelehrten Unterhaltungen mit einmischte. Hochst anziehend und zuruckstossend zugleich erschien ihm dagegen ihre Nachbarin, die junge Grafin Romana, welche er sogleich fur die griechische Figur in dem Tableau erkannte, und die daher heute allgemein die schone Heidin genannt wurde. Ihre Schonheit war durchaus verschwenderisch reich, sudlich und blendend und uberstrahlte Rosas mehr deutsche Bildung weit, ohne eigentlich vollendeter zu sein. Ihre Bewegungen waren feurig, ihre grossen, brennenden, durchdringenden Augen, denen es nicht an Strenge fehlte, bestrichen Friedrich wie ein Magnet. Als endlich der Schmachtende seine Vorlesung geendigt hatte, wurde sie ziemlich unerwartet um ihr Urteil daruber befragt. Sie antwortete sehr kurz und verworren, denn sie wusste fast kein Wort davon; sie hatte wahrenddessen heimlich ein auffallend getroffenes Portrait Friedrichs geschnitzt, das sie schnell Rosa zusteckte. Bald darauf wurde auch sie aufgefordert, etwas von ihren Poesien zum besten zu geben. Sie versicherte vergebens, dass sie nichts bei sich habe, man drang von allen Seiten, besonders die Weiber mit wahren Judasgesichtern, in sie, und so begann sie, ohne sich lange zu besinnen, folgende Verse, die sie zum Teil aus der Erinnerung hersagte, grosstenteils im Augenblick erfand und durch ihre musikalischen Mienen wunderbar belebte:
"Weit in einem Walde droben,
Zwischen hoher Felsen Zinnen,
Steht ein altes Schloss erhoben,
Wohnet eine Zaubrin drinne.
Von dem Schloss, der Zaubrin Schone,
Gehen wunderbare Sagen,
Lockend schweifen fremde Tone
Plotzlich her oft aus dem Walde.
Wem sie recht das Herz getroffen,
Der muss nach dem Walde gehen,
Ewig diesen Klangen folgend,
Und wird nimmermehr gesehen.
Tief in wundersamer Grune
Steht das Schloss, schon halb verfallen,
Hell die goldnen Zinnen gluhen,
Einsam sind die weiten Hallen.
Auf des Hofes stein'gem Rasen
Sitzen von der Tafelrunde
All die Helden dort gelagert,
Uberdeckt mit Staub und Wunden.
Heinrich liegt auf seinem Lowen,
Gottfried auch, Siegfried der Scharfe,
Konig Alfred, eingeschlafen
Uber seiner goldnen Harfe.
Don Quijote hoch auf der Mauer,
Sinnend tief in nacht'ger Stunde,
Steht gerustet auf der Lauer
Und bewacht die heil'ge Runde.
Unter fremdes Volk verschlagen,
Arm und ausgehohnt, verraten,
Hat er treu sich durchgeschlagen,
Eingedenk der Heldentaten
Und der grossen alten Zeiten,
Bis er, ganz von Wahnsinn trunken,
Endlich so nach langem Streiten
Seine Bruder hat gefunden.
Einen wunderbaren Hofstaat
Die Prinzessin dorthin fuhret,
Hat ein'n wunderlichen Alten,
Der das ganze Haus regieret.
Einen Mantel tragt der Alte,
Schillernd bunt in allen Farben
Mit unzahligen Zieraten,
Spielzeug hat er in den Falten.
Scheint der Monden helle draussen,
Wolken fliegen uberm Grunde:
Fangt er draussen an zu hausen,
Kramt sein Spielzeug aus zur Stunde.
Und das Spielzeug um den Alten
Ruhrt sich bald beim Mondenscheine,
Zupfet ihn beim langen Barte,
Schlingt um ihn die bunten Kreise,
Auch die Blumlein nach ihm langen,
Mochten doch sich sittsam zeigen,
Ziehn verstohlen ihn beim Mantel,
Lachen dann in sich gar heimlich.
Und ringsum die ganze Runde
Zieht Gesichter ihm und rauschet,
Unterhalt aus dunklem Grunde
Sich mit ihm als wie im Traume.
Und er spricht und sinnt und sinnet,
Bunt verwirrend alle Zeiten,
Weinet bitterlich und lachet,
Seine Seele ist so heiter.
Bei ihm sitzt dann die Prinzessin,
Spielt mit seinen Seltsamkeiten,
Immer neue Wunder blinkend
Muss er aus dem Mantel breiten,
Und der wunderliche Alte
Hielt sie sich bei seinen Bildern
Neidisch immerfort gefangen,
Weit von aller Welt geschieden.
Aber der Prinzessin wurde
Mitten in dem Spiele bange
Unter diesen Zauberblumen,
Zwischen dieser Quellen Rauschen.
Frisches Morgenrot im Herzen
Und voll freudiger Gedanken,
Sind die Augen wie zwei Kerzen,
Schon die Welt dran zu entflammen.
Und die wunderschone Erde,
Wie Aurora sie beruhret,
Will mit ird'scher Lust und Schmerzen
Ewig neu sie stets verfuhren.
Denn aus dem bewegten Leben
Spuret sie ein Hochzeitsgrussen,
Mitten zwischen ihren Spielen
Muss sie sich bezwungen fuhlen.
Und es hebt die ewig Schone,
Da der Morgen herrlich schiene,
In den Augen grosse Tranen,
Hell die jugendlichen Glieder.
'Wie so anders war es damals,
Da mich, brautlich Ausgeschmuckte,
Aus dem heimatlichen Garten
Hier herab der Vater schickte!
Wie die Erde frisch und jung noch,
Von Gesangen rings erklingend,
Schauernd in Erinnerungen,
Helle in das Herz mir blickte,
Dass ich, schamhaft mich verhullend,
Meinen Ring, von Glanz geblendet,
Schleudert in die pracht'ge Fulle,
Als die ew'ge Braut der Erde.
Wo ist nun die Pracht geblieben,
Treuer Ernst im rust'gen Treiben,
Rechtes Tun und rechtes Lieben
Und die Schonheit und die Freude?
Ach! ringsum die Helden alle,
Die sonst schon und helle schauten,
Um mich in den lichten Tagen
Durch die Welt sich frohlich hauten,
Strecken steinern nun die Glieder,
Eingehullt in ihre Fahnen,
Sind seitdem so alt geworden,
Nur ich bin so jung wie damals.
Von der Welt kann ich nicht lassen,
Liebeln nicht von fern mit Reden,
Muss mit Armen warm umfassen!
Lass mich lieben, lass mich leben!'
Nun verliebt die Augen gehen
Uber ihres Gartens Mauer,
War so einsam dort zu sehen
Schimmernd Land und Strom und Auen.
Und wo ihre Augen gingen:
Quellen aus der Grune sprangen,
Berg und Wald verzaubert standen,
Tausend Vogel schwirrend sangen.
Golden blitzt es uberm Grunde,
Seltne Farben irrend schweifen,
Wie zu lang entbehrtem Feste
Will die Erde sich bereiten.
Und nun kamen angezogen
Freier bald von allen Seiten,
Federn bunt im Winde flogen,
Jager schmuck im Walde reiten.
Horner lustig drein erschallen
Auf und munter durch das Grune,
Pilger fromm dazwischen wallen,
Die das Heimatsfieber spuren.
Auf vielsonn'gen Wiesen floten
Schafer bei schneeflock'gen Schafen,
Ritter in der Abendrote
Knieen auf des Berges Hange,
Und die Nachte von Gitarren
Und Gesangen weich erschallen,
Dass der wunderliche Alte
Wie verruckt beginnt zu tanzen.
Die Prinzessin schmuckt mit Kranzen
Wieder sich die schonen Haare,
Und die vollen Kranze glanzen
Und sie blickt verlangend nieder.
Doch die alten Helden alle,
Draussen vor der Burg gelagert,
Sassen dort im Morgenglanze,
Die das schone Kind bewachten.
An das Tor die Freier kamen
Nun gesprengt, gehupft, gelaufen,
Ritter, Jager, Provenzalen,
Bunte, helle, lichte Haufen.
Und vor allen junge Recken
Stolzen Blicks den Berg berannten,
Die die alten Helden weckten,
Sie vertraulich Bruder nannten,
Doch wie diese uralt blicken,
An die Eisenbrust geschlossen
Bruderlich die Jungen drucken,
Fallen die erdruckt zu Boden.
Andre lagern sich zum Alten,
Graust ihn'n gleich bei seinen Mienen,
Ordnen sein verworrnes Walten,
Dass es jedem wohl gefiele;
Doch sie fuhlen schauernd balde,
Dass sie ihn nicht konnen zwingen,
Selbst zu Spielzeug sich verwandeln,
Und der Alte spielt mit ihnen.
Und sie mussen toricht tanzen,
Manche mit der Kron geschmucket
Und im purpurnen Talare
Feierlich den Reigen fuhren.
Andre schweben lispelnd lose,
Andre mussen mannlich larmen,
Rittern reissen aus die Rosse
Und die schreien gar erbarmlich.
Bis sie endlich alle mude
Wieder kommen zu Verstande,
Mit der ganzen Welt in Frieden,
Legen ab die Maskerade.
'Jager sind wir nicht, noch Ritter',
Hort man sie von fern noch summen,
'Spiel nur war das wir sind Dichter!'
So vertost der ganze Plunder,
Nuchtern liegt die Welt wie ehe,
Und die Zaubrin bei dem Alten
Spielt die vor'gen Spiele wieder
Einsam wohl noch lange Jahre. "
Die Grafin, die zuletzt mit ihrem schonen, begeisterten Gesicht einer welschen Improvisatorin glich, unterbrach sich hier plotzlich selber, indem sie laut auflachte, ohne dass jemand wusste, warum. Verwundert fragte alles durcheinander: "Was lachen Sie? Ist die Allegorie schon geschlossen? Ist das nicht die Poesie?" "Ich weiss nicht, ich weiss nicht, ich weiss nicht", sagte die Grafin lustig und sprang auf.
Von allen Seiten wurden nun die fluchtigen Verse besprochen. Einige hielten die Prinzessin im Gedicht fur die Venus, andre nannten sie die Schonheit, andre nannten sie die Poesie des Lebens. Es mag wohl die Grafin selber sein, dachte Friedrich. "Es ist die Jungfrau Maria als die grosse Weltliebe", sagte der genialische Reisende, der wenig achtgegeben hatte, mit vornehmer Nachlassigkeit. "Ei, dass Gott behute!" brach Friedrich, dem das Gedicht der Grafin heidnisch und ubermutig vorgekommen war, wie ihre ganze Schonheit, halb lachend und halb unwillig aus: "Sind wir doch kaum des Vernunftelns in der Religion los und fangen dagegen schon wieder an, ihre festen Glaubenssatze, Wunder und Wahrheiten zu verpoetisieren und zu verfluchtigen. In wem die Religion zum Leben gelangt, wer in allem Tun und Lassen von der Gnade wahrhaft durchdrungen ist, dessen Seele mag sich auch in Liedern ihrer Entzuckung und des himmlischen Glanzes erfreuen. Wer aber hochmutig und schlau diese Geheimnisse und einfaltigen Wahrheiten als beliebigen Dichtungsstoff zu uberschauen glaubt, wer die Religion, die nicht dem Glauben, dem Verstande oder der Poesie allein, sondern allen dreien, dem ganzen Menschen, angehort, bloss mit der Phantasie in ihren einzelnen Schonheiten willkurlich zusammenrafft, der wird ebensogern an den griechischen Olymp glauben, als an das Christentum, und eins mit dem andern verwechseln und versetzen, bis der ganze Himmel furchtbar ode und leer wird." Friedrich bemerkte, dass er von mehreren sehr weise belachelt wurde, als konne er sich nicht zu ihrer freien Ansicht erheben.
Man hatte indes an dem Tische die Geschichte der Grafin Dolores aufgeschlagen und blatterte darin hin und her. Die mannigfaltigsten Urteile daruber durchkreuzten sich bald. Die Frau vom Hause und ihr Nachbar, der Schmachtende, sprachen vor allen andern bitter und mit einer auffallend gekrankten Empfindlichkeit und Heftigkeit daruber. Sie schienen das Buch aus tiefster Seele zu hassen. Friedrich erriet wohl die Ursache und schwieg. "Ich muss gestehen", sagte eine junge Dame, "ich kann mich darein nicht verstehen, ich wusste niemals, was ich aus dieser Geschichte mit den tausend Geschichten machen soll." "Sie haben sehr recht", fiel ihr einer von den Mannern, der sonst unter allen immer am richtigsten geurteilt hatte, ins Wort, "es ist mir immer vorgekommen, als sollte dieser Dichter noch einige Jahre pausieren, um dichten zu lernen. Welche Sonderbarkeiten, Verrenkungen und schreienden Ubertreibungen!" "Gerade das Gegenteil", unterbrach ihn ein anderer, "ich finde das Ganze nur allzu prosaisch, ohne die himmlische Uberschwenglichkeit der Phantasie. Wenn wir noch viele solche Romane erhalten, so wird unsere Poesie wieder eine blosse allegorische Person der Moral."
Hier hielt sich Friedrich, der dieses Buch hoch in Ehren hielt, nicht langer. "Alles ringsumher", sagte er, "ist prosaisch und gemein, oder gross und herrlich, wie wir es verdrossen und trage, oder begeistert ergreifen. Die grosste Sunde aber unsrer jetzigen Poesie ist meines Wissens die ganzliche Abstraktion, das abgestandene Leben, die leere, willkurliche, sich selbst zerstorende Schwelgerei in Bildern. Die Poesie liegt vielmehr in einer fortwahrend begeisterten Anschauung und Betrachtung der Welt und der menschlichen Dinge, sie liegt ebensosehr in der Gesinnung als in den lieblichen Talenten, die erst durch die Art ihres Gebrauches gross werden. Wenn in einem sinnreichen, einfach strengen, mannlichen Gemute auf solche Weise die Poesie wahrhaft lebendig wird, dann verschwindet aller Zwiespalt: Moral, Schonheit, Tugend und Poesie, alles wird eins in den adeligen Gedanken, in der gottlichen, sinnigen Lust und Freude, und dann mag freilich das Gedicht erscheinen, wie ein in der Erde wohlgegrundeter, tuchtiger, schlanker, hoher Baum, wo grob und fein erquicklich durcheinander wachst, und rauscht und sich ruhrt zu Gottes Lobe. Und so ist mir auch dieses Buch jedesmal vorgekommen, obgleich ich gern zugebe, dass der Autor in stolzer Sorglosigkeit sehr unbekummert mit den Worten schaltet, und sich nur zu oft daran ergotzt, die kleinen Zauberdinger kurios auf den Kopf zu stellen."
Die Frauenzimmer machten grosse Augen, als Friedrich unerwartet so sprach. Was er gesagt, hatte wenigstens den gewissen, guten Klang, der ihnen bei allen solchen Dingen die Hauptsache war. Romana, die es von weitem fluchtig mit angehort, fing an, ihn mit ihren dunkelgluhenden Augen bedeutender anzusehen. Friedrich aber dachte: in euch wird doch alles Wort nur wieder Wort, und wandte sich zu einem schlichten Manne, der vom Lande war und weniger mit der Literatur als mit dieser Art, sie zu behandeln, unbekannt zu sein schien.
Dieser erzahlte ihm, wie er jenem Romane eine seltsame Verwandlung seines ganzen Lebens zu verdanken habe. Auf dem Lande ausschliesslich zur Okonomie erzogen, hatte er namlich von fruhester Kindheit an nie Neigung zum Lesen und besonders einen gewissen Widerwillen gegen alle Poesie, als einen unnutzen Zeitvertreib. Seine Kinder dagegen liessen seit ihrem zartesten Alter einen unuberwindlichen Hang und Geschicklichkeit zum Dichten und zur Kunst verspuren, und alle Mittel, die er anwandte, waren nicht imstande, sie davon abzubringen und sie zu tatigen, ordentlichen Landwirten zu machen. Vielmehr lief ihm der alteste Sohn fort und wurde wider seinen Willen Maler. Dadurch wurde er immer verschlossener, und seine Abneigung gegen die Kunst verwandelte sich immer bitterer in entschiedenen Hass gegen alles, was ihr nur anhing. Der Maler hatte indes eine ungluckselige Liebe zu einem jungen, seltsamen Madchen gefasst. Es war gewiss das talentvollste, heftigste, beste und schlechteste Madchen zugleich, das man nur finden konnte. Eine Menge unordentlicher Liebschaften, in die sie sich auch jetzt noch immerfort einliess, brachte den Maler oft auf das Ausserste, so dass es in Anfallen von Wut oft zwischen beiden zu Auftritten kam, die ebenso furchtbar als komisch waren. Ihre unbeschreibliche Schonheit zog ihn aber immer wieder unbezwinglich zu ihr hin, und so teilte er sein unruhvolles Leben zwischen Hass und Liebe und allen den heftigsten Leidenschaften, wahrend er immerfort in den ubrigen Stunden unermudet und nur um desto eifriger an seinen grossen Gemalden fortarbeitete. "Ich machte mich endlich einmal nach der weit entlegenen Stadt auf den Weg", fuhr der Mann in seiner Erzahlung fort, "um die seltsame Wirtschaft meines Sohnes, von der ich schon so viel gehort hatte, mit eigenen Augen anzusehen. Schon unterweges horte ich von einem seiner besten Freunde, dass sich manches verandert habe. Das Madchen oder Weib meines Sohnes habe namlich von ohngefahr ein Buch in die Hande bekommen, worin sie mehrere Tage unausgesetzt und tiefsinnig gelesen. Keiner ihrer Liebhaber habe sie seitdem zu sehen bekommen und sie sei endlich daruber in eine schwere Krankheit verfallen. Das Buch war kein anderes, als ebendiese Geschichte von der Grafin Dolores. Als ich in die Stadt ankomme, eile ich sogleich nach der Wohnung meines Sohnes. Ich finde niemand im ganzen Hause, die Tur offen, alles ode. Ich trete in die Stube: das Madchen lag auf einem Bette, blass und wie vor Mattigkeit eingeschlafen. Ich habe niemals etwas Schoneres gesehen. In dem Zimmer standen fertige und halb vollendete Gemalde auf Staffeleien umher, Malergeratschaften, Bucher, Kleider, halbbezogene Gitarren, alles sehr unordentlich durcheinander. Durch das Fenster, welches offenstand, hatte man uber die Stadt weg eine entzukkende Aussicht auf den weit gewundenen Strom und die Gebirge. In der Stube fand ich auf einem Tische ein Buch aufgeschlagen, es war die 'Dolores'. Ich wollte die Kranke nicht wecken, setzte mich hin und fing an in dem Buche zu lesen. Ich las und las, vieles Dunkle zog mich immer mehr an, vieles kam mir so wahrhaft vor, wie meine verborgene innerste Meinung oder wie alte, lange wieder verlorne und untergegangene Gedanken, und ich vertiefte mich immer mehr. Ich las bis es finster wurde. Die Sonne war draussen untergegangen, und nur noch einzelne Scheine des Abendrots fielen seltsam auf die Gemalde, die so still auf ihren Staffeleien umherstanden. Ich betrachtete sie aufmerksamer, es war, als fingen sie an lebendig zu werden, und mir kam in diesem Augenblicke die Kunst, der unuberwindliche Hang und das Leben meines Sohnes, begreiflich vor. Ich kann uberhaupt nicht beschreiben, wie mir damals zumute war; es war das erstemal in meinem Leben, dass ich die wunderbare Gewalt der Poesie im Innersten fuhlte, und ich erschrak ordentlich vor mir selber. Es war mir unterdes aufgefallen, dass sich das Madchen auf dem Bette noch immer nicht ruhre, ich trat zu ihr, schuttelte sie und rief. Sie gab keine Antwort mehr, sie war tot. Ich horte nachher, dass mein Sohn heute, sowie sie gestorben war, fortgereist sei und alles in seiner Stube so stehn gelassen habe."
Hier hielt der Mann ernsthaft inne. "Ich lese seitdem fleissig", fuhr er nach einer kleinen Pause gesammelt fort; "vieles in den Dichtern bleibt mir durchaus unverstandlich, aber ich lerne taglich in mir und in den Menschen und Dingen um mich vieles einsehen und losen, was mir sonst wohl unbegreiflich war und mich unbeschreiblich bedruckte. Ich befinde mich jetzt viel wohler."
Friedrich hatte diese einfache Erzahlung geruhrt. Er sah den Mann aufmerksam an und bemerkte in seinem stark gezeichneten Gesicht einen einzigen, sonderbar dunklen Zug, der aussah wie Ungluck und vor dem ihm schauderte. Er wollte ihn eben noch um einiges fragen, das in der Geschichte besonders seine Aufmerksamkeit erregt hatte, aber der dithyrambische Thyrsusschwinger, der unterdes bei den Damen seinen Witz unermudet hatte leuchten lassen, lenkte ihn davon ab, indem er sich plotzlich mit sehr heftigen Bitten zu dem guten Schmachtenden wandte, ihnen noch einige seiner vortrefflichen Sonette vorzulesen, obschon er, wie Friedrich gar wohl gehort, die ganze Zeit uber gerade diese Gedichte vor den Damen zum Stichblatt seines Witzes und Spottes gemacht hatte. Friedrich emporte diese herzlose, doppelzungige Teufelei; er kehrte sich schnell zu dem Schmachtenden, der neben ihm stand, und sagte: "Ihre Gedichte gefallen mir ganz und gar nicht." Der Schmachtende machte grosse Augen, und niemand von der Gesellschaft verstand Friedrichs grossmutige Meinung. Der Dithyrambist aber fuhlte die Schwere der Beschamung wohl, er wagte nicht weiter mit seinen Bitten in den Schmachtenden zu dringen und furchtete Friedrich seitdem wie ein richtendes Gewissen. Friedrich wandte sich darauf wieder zu dem Landmanne und sagte zu ihm laut genug, dass es der Thyrsusschwinger horen konnte: "Fahren Sie nur fort, sich ruhig an den Werken der Dichter zu ergotzen, mit schlichtem Sinne und redlichem Willen wird Ihnen nach und nach alles in denselben klar werden. Es ist in unsern Tagen das grosste Hindernis fur das wahrhafte Verstandnis aller Dichterwerke, dass jeder, statt sich recht und auf sein ganzes Leben davon durchdringen zu lassen, sogleich ein unruhiges, krankhaftes Jucken verspurt, selber zu dichten und etwas dergleichen zu liefern. Adler werden sogleich hochgeboren und schwingen sich schon vom Neste in die Luft, der Strauss aber wird oft als Konig der Vogel gepriesen, weil er mit grossem Getos seinen Anlauf nimmt, aber er kann nicht fliegen."
Es ist nichts kunstlicher und lustiger, als die Unterhaltung einer solchen Gesellschaft. Was das Ganze noch so leidlich zusammenhalt, sind tausend feine, fast unsichtbare Faden von Eitelkeit, Lob und Gegenlob usw., und sie nennen es denn gar zu gern ein Liebesnetz. Arbeitet dann unverhofft einmal einer, der davon nichts weiss, tuchtig darin herum, geht die ganze Spinnewebe von ewiger Freundschaft und heiligem Bunde auseinander.
So hatte auch heute Friedrich den ganzen Tee versalzen. Keiner konnte das kunstlerische Weberschiffchen, das sonst, fein im Takte, so zarte asthetische Abende wob, wieder in Gang bringen. Die meisten wurden misslaunisch, keiner konnte oder mochte, wie beim babylonischen Baue, des andern Wortgeprang verstehen, und so beleidigte einer den andern in der ganzlichen Verwirrung. Mehrere Herren nahmen endlich unwillig Abschied, die Gesellschaft wurde kleiner und vereinzelter. Die Damen gruppierten sich hin und wieder auf den Ottomanen in malerischen und ziemlich unanstandigen Stellungen. Friedrich bemerkte bald ein heimliches Verstandnis zwischen der Frau vom Hause und dem Schmachtenden. Doch glaubte er zugleich an ihr ein feines Liebaugeln zu entdecken, das ihm selber zu gelten schien. Er fand sie uberhaupt viel schlauer, als man anfanglich ihrer lispelnden Sanftmut hatte zutrauen mogen; sie schien ihren schmachtenden Liebhaber bei weitem zu ubersehen und, sehr aufgeklart, selber nicht so viel von ihm zu halten, als sie vorgab und er aus ganzer Seele glaubte.
Wie ein rustiger Jager in frischer Morgenschonheit stand Friedrich unter diesen verwischten Lebensbildern. Nur die einzige Grafin Romana zog ihn an. Schon das Gedicht, das sie rezitiert, hatte ihn auf sie aufmerksam gemacht und auf die eigentumliche, von allen den andern verschiedene Richtung ihres Geistes. Er glaubte schon damals eine tiefe Verachtung und ein scharfes Uberschauen der ganzen Teegesellschaft in derselben zu bemerken, und seine jetzigen Gesprache mit ihr bestatigten seine Meinung. Er erstaunte uber die Freiheit ihres Blicks und die Keckheit, womit sie alle Menschen aufzufassen und zu behandeln wusste. Sie hatte sich im Augenblick in alle Ideen, die Friedrich in seinen vorigen Ausserungen beruhrt, mit einer unbegreiflichen Lebhaftigkeit hineinverstanden und kam ihm nun in allen seinen Gedanken entgegen. Es war in ihrem Geiste, wie in ihrem schonen Korper ein zauberischer Reichtum; nichts schien zu gross in der Welt fur ihr Herz; sie zeigte eine tiefe, begeisterte Einsicht ins Leben wie in alle Kunste, und Friedrich unterhielt sich daher lange Zeit ausschliesslich mit ihr, die ubrige Gesellschaft vergessend. Die Damen fingen unterdes schon an zu flustern und uber die neue Eroberung der Grafin die Nasen zu rumpfen.
Das Gesprach der beiden wurde endlich durch Rosa unterbrochen, die zu der Grafin trat und verdrusslich nach Hause zu fahren begehrte. Friedrich, der eine grosse Betrubnis in ihrem Gesichte bemerkte, fasste ihre Hand. Sie wandte sich aber schnell weg und eilte in ein abgelegenes Fenster. Er ging ihr nach. Sie sah mit abgewendetem Gesicht in den stillen Garten hinaus, er horte, dass sie schluchzte. Eifersucht vielleicht und das schmerzlichste Gefuhl ihres Unvermogens, in allen diesen Dingen mit der Grafin zu wetteifern, arbeitete in ihrer Seele. Friedrich druckte das schone, trostlose Madchen an sich. Da fiel sie ihm schnell und heftig um den Hals und sagte aus Grund der Seele: "Mein lieber Mann!" Es war das erstemal in seinem Leben, dass sie ihn so genannt.
Es kamen soeben mehrere andere hinzu und alles fing an Abschied zu nehmen und auseinanderzugehen; er konnte nichts mehr mit ihr sprechen. Noch im Weggehn trat der Minister zu ihm und fragte ihn, wie es ihm hier gefallen habe? Er antwortete mit einer zweideutigen Hoflichkeit. Der Minister sah ihn ernsthaft und ausforschend an und ging fort. Friedrich aber eilte durch die nachtliche Stadt seiner Wohnung zu. Ein rauher Wind ging durch die Strassen. Er hatte sich noch nie so unbehaglich, leer und mude gefuhlt.
Dreizehntes Kapitel
Es war ein schoner Herbstmorgen, da ritt Friedrich eine von den langen Strassenalleen hinunter, die von der Residenz ins Land hinausfuhrten. Er hatte es schon langst der schonen Grafin Romana versprechen mussen, sie auf ihrem Landgute, das einige Meilen von der Stadt entfernt lag, zu besuchen, und der blaue Himmel hatte ihn heute hinausgelockt. Sie war seit seiner Trennung von Leontin die einzige, zu der er von allem reden konnte, was er dachte, wusste und wollte, die Unterhaltung mit ihr war ihm fast schon zum Bedurfnis geworden.
Der Weg war ebenso anmutig als der Morgen. Er kam bald an einen von beiden Seiten eng von Bergen eingeschlossenen Fluss, an dem die Strasse hinablief. Die Walder, welche die schonen Berge bedeckten, waren schon uberall mit gelben und roten Blattern bunt geschmuckt, Vogel reisten hoch uber ihm weg dem Strome nach und erfullten die Luft mit ihren abgebrochenen Abschiedstonen, die Friedrich jedesmal wunderbar an seine Kindheit erinnerten, wo er, der Natur noch nicht entwachsen, einzig von ihren Blikken und Gaben lebte.
Einige Stunden war er so zwischen den einsamen Bergschluchten hingeritten, als er am jenseitigen Ufer eine Stimme rufen horte, die ihn immerfort zu begleiten schien und vom Echo in den grunen Windungen unaufhorlich wiederholt wurde. Je langer er nachhorchte, je mehr kam es ihm vor, als kenne er die Stimme. Plotzlich horte das Rufen wieder auf und Friedrich fing nun an zu bemerken, dass er einen unrechten Weg eingeschlagen haben musse, denn die grunen Bergesgange wollten kein Ende nehmen. Er verdoppelte daher seine Eile und kam bald darauf an den Ausgang des Gebirges und an ein Dorf, das auf einmal sehr reizend im Freien vor ihm lag.
Das erste, was ihm in die Augen fiel, war ein Wirtshaus, vor welchem sich ein schoner gruner Platz bis an den Fluss ausbreitete. Auf dem Platze sah er einen, mit ungewohnlichem und ratselhaftem Gerate schwer bepackten Wagen stehen und mehrere sonderbare Gestalten, die wunderlich mit der Luft zu fechten schienen. Wie erstaunte er aber, als er naher kam und mitten unter ihnen Leontin und Faber erkannte. Leontin, der ihn schon von weitem uber den Hugel kommen sah, rief ihm sogleich entgegen: "Kommst du auch angezogen, neumodischer Don Quijote, Lamm Gottes, du sanfter Vogel, der immer voll schoner Weisen ist, haben sie dir noch nicht die Flugel gebrochen? Mir war schon lange zum Sterben bange nach dir!" Friedrich sprang schnell vom Pferde und fiel ihm um den Hals. Er hielt Leontins Hand mit seinen beiden Handen und sah ihm mit grenzenloser Freude in das lebhafte Gesicht; es war, als entzunde sich sein innerstes Leben jedesmal neu an seinen schwarzen Augen.
Er bemerkte indes, dass die Menschen ringsum, die ihm schon von weitem aufgefallen waren, auf das abenteuerlichste in lange, spanische Mantel gehullt waren und sich immerfort, ohne sich von ihm storen zu lassen, wie Verruckte miteinander unterhielten. "Ha, verzweifelte Sonne!" rief einer von ihnen, der eine Art von Turban auf dem Kopfe und ein gewisses tyrannisches Ansehn hatte, "willst du mich ewig bescheinen? Die Fliegen spielen in deinem Licht, die Kafer im ruhen selig in deinem Schosse, Natur! Und ich und ich warum bin ich nicht ein Kafer geworden, unerforschlich waltendes Schicksal? Was ist der Mensch? Ein Schaum. Was ist das Leben? Ein nichtswurdiger Wurm." "Umgekehrt, gerade umgekehrt, wollen Sie wohl sagen", rief eine andere Stimme. "Was ist die Welt?" fuhr jener fort, ohne sich storen zu lassen, "was ist die Welt?" Hier hielt er inne und lachte grinsend und weltverachtend wie Aballino unter seinem Mantel hervor, wendete sich darauf schnell um und fasste unvermutet Herrn Faber, der eben neben ihm stand, bei der Brust. "Ich verbitte mir das", sagte Faber argerlich, "wie oft soll ich noch erklaren, dass ich durchaus nicht mit in den Plan gehore!" "Lass dich's nicht wundern", sagte endlich Leontin zu Friedrich, der aus dem allen nicht gescheit werden konnte, "das ist eine Bande Schauspieler, mit denen ich auf der Strasse zusammengetroffen und seit gestern reise. Wir probieren soeben eine Komodie aus dem Stegreif, zu der ich die Lineamente unterwegs entworfen habe. Sie heisst: 'Burgerlicher Seelenadel und Menschheitsgrosse, oder der tugendhafte Bosewicht, ein psychologisches Trauerspiel in funf Verwirrungen der menschlichen Leidenschaften', und wird heute abend in dem nachsten Stadtchen gegeben werden, wo der gebildete Magistrat zum Anfang durchaus ein schillerndes Stuck verlangt hat. Ich werde der Vorstellung mit beiwohnen und habe alle Folgen uber mich genommen."
"Ja, wahrhaftig", sagte Faber, "wenn das noch lange so fortgeht, so sage ich aller gebildeten Welt Lebewohl und fange an auf dem Seile zu tanzen, oder die Zigeunersprache zu studieren. Ich bin des Herumziehens in der Tat von Herzen satt." "Verstellen Sie sich nur nicht immer so", fiel ihm Leontin ins Wort, "Sie kommen doch am Ende nicht weg von mir. Wir zanken uns immer und treffen doch immer wieder auf einerlei Wegen zusammen. Ubrigens sind diese Schauspieler ein gar vortrefflicher Kunstlerverein; sie wollen nicht gepriesen, sondern gespeist sein, und gehen daher in der Verzweiflung der Natur noch keck und beherzt auf den Leib."
Es war unterdes an einen jungen Menschen von der Truppe, der auch eine Rolle in dem Stucke ubernommen hatte, die Reihe gekommen, ebenfalls seinen Teil vorzustellen. Er benahm sich aber sehr ungeschickt und war durchaus nicht imstande, etwas zu erfinden und vorzubringen. Ein schones Madchen, mit welcher er eben die Szene spielen sollte, wurde ungeduldig, erklarte, sie wolle hier nicht langer einen Narren abgeben, und sprang lachend fort, der andere, altere Schauspieler lief ihr nach, um sie zuruckzuholen, und so war die ganze Probe gestort.
Der junge Mann war indes naher getreten. Friedrich sah ihm genauer ins Gesicht, er traute seinen Augen kaum, es war einer von den Studenten, die ihm bei seinem Abzuge von der Universitat das Geleit gegeben hatten. "Mein Gott! wie kommst du unter diese Leute?" rief Friedrich voll Erstaunen, denn er hatte ihn damals als einen stillen und fleissigen Menschen gekannt, der vor den Ausgelassenheiten der andern jederzeit einen heimlichen Widerwillen hegte. Der Student gestand, dass er den Grafen sogleich wiedererkannt, aber gehofft habe, von ihm ubersehen zu werden. Er schien sehr verlegen.
Friedrich, der sich an seinem Gesichte aller alten Freuden und Leiden erinnerte, zog ihn erfreut und vertraulich an den Tisch und der Student erzahlte ihnen endlich den ganzen Hergang seiner Geschichte. Nicht lange nach Friedrichs Abreise hatte sich namlich auf der Universitat eine reisende Gesellschaft von Seiltanzern eingefunden, worunter besonders eine Springerin durch ihre Schonheit alle Augen auf sich zog. Viele Studenten versuchten und fanden ihr Gluck. Er aber mit seiner stillen und tiefern Gemutsart verliebte sich im Ernste in das Madchen, und wie ihr Herz bisher in ihrer tollen Lebensweise von der Gewalt der Liebe ungeruhrt geblieben war, wurde sie von seiner zarten, ungewohnten Art, sie zu behandeln und zu gewinnen, uberrascht und gefangen. Sie beredeten sich, einander zu heiraten; sie verliess die Bande und er arbeitete von nun an Tag und Nacht, um seine Studien zu vollenden und sich ein Einkommen zu erwerben. Es verging indes langere Zeit, als er geglaubt hatte, das Madchen fing an, von Zeit zu Zeit launisch zu werden, bekam haufige Anfalle von Langeweile und eh er sich's versah, war sie verschwunden. "Mein muhsam erspartes Geld", fuhr der Student weiter fort, "hatte ich indes immer wieder auf verschiedene Einfalle und Launen des Madchens zersplittert, meine Eltern wollten nichts von mir wissen, mein innerstes Leben hatte mich auf einmal betrogen, die Studenten lachten entsetzlich, es war der schmerzlichste und unglucklichste Augenblick meines Lebens. Ich liess alles und reiste dem Madchen nach. Nach langem Irren fand ich sie endlich bei diesen Komodianten wieder, denn es ist dieselbe, die vorhin hier weggegangen. Sie kam sehr freudig auf mich zugesprungen, als sie mich erblickte, doch ohne ihre Flucht zu entschuldigen oder im geringsten unnaturlich zu finden. Meine Mutter ist seitdem aus Gram gestorben. Ich weiss, dass ich ein Narr bin und kann doch nicht anders."
Die Tranen standen ihm in den Augen, als er das sagte. Friedrich, der wohl einsah, dass der gute Mensch sein Herz und sein Leben nur wegwerfe, riet ihm mit Warme, sich ernstlich zusammenzunehmen und das Madchen zu verlassen, er wolle fur sein Auskommen sorgen. Der Verliebte schwieg still. "Lass doch die Jugend fahren!" sagte Leontin, "jeder Schiffmann hat seine Sterne und das Alter treibt uns zeitig genug auf den Sand. Du brichst dem tollen Nachtwandler doch den Hals, wenn du ihn bei seinem prosaischen, burgerlichen Namen rufst. Aber harter mussen Sie sein", sagte er zu dem Studenten, "denn die Welt ist hart und druckt Sie sonst zuschanden."
Das Madchen kam unterdes wieder und trallerte ein Liedchen. Ihre Gestalt war herrlich, aber ihr schones Gesicht hatte etwas Verwildertes. Sie antwortete auf alle Fragen sehr unterwurfig und keck zugleich, und schien nicht uble Lust zu haben, noch langer bei den beiden Grafen zuruckzubleiben, als der Theaterprinzipal kam und ankundigte, dass alles zur Abreise fertig sei.
Der Student druckte Friedrich herzlich die Hand und eilte zu dem aufbrechenden Haufen. Der mit allerhand Dekorationen schwer bepackte Wagen, von dessen schwankender Hohe der Prinzipal noch immerfort aus der Ferne seine untertanigste Bitte an Leontin wiederholte, heute abend mit seiner hochst notigen Protektion nicht auszubleiben, wackelte indes langsam fort, nebenher ging die ganze ubrige Gesellschaft bunt zerstreut und lustig einher, der Student war zu Pferde, neben ihm ritt sein Madchen auch auf einem Klepper und warf Leontin noch einige Blicke zu, die ziemlich vertraulich aussahen, und so zog die bunte Karawane wie ein Schattenspiel in die grune Schlucht hinein. "Wie glucklich", sagte Leontin, als alles verschwunden war, "konnte der Student sein, so frank und frei mit seiner Liebsten durch die Welt zu ziehn! wenn er nur Talend furs Gluck hatte, aber er hat eine einformige Niedergeschlagenheit in sich, die er nicht niederschlagen kann, und die ihn durchs Leben nur so hinschleppt."
Sie setzten sich nun auf dem schonen grunen Platze um einen Tisch zusammen, der Fluss flog lustig an ihnen voruber, die Herbstsonne warmte sehr angenehm. Leontin erzahlte, wie er den Morgen nach seiner Flucht vom Schlosse des Herrn v. A. bei Anbruch des Tages auf den Gipfel eines hohen Berges gekommen sei, von dem er von der einen Seite die fernen Turme der Residenz, von der andern die friedlich reiche Gegend des Herrn v. A. ubersah, uber welcher soeben die Sonne aufging. Lange habe er vor dieser grenzenlosen Aussicht nicht gewusst, wohin er sich wenden solle, als er auf einmal unten im Tale Faber die Strasse heraufwandern sah, den, wie er wohl wusste, wieder einmal die Albernheiten der Stadt auf einige Zeit in alle Welt getrieben hatten. Wie die Stimme in der Wuste habe er ihn daher, da er gerade eben in einem ziemlich ahnlichen Humor gewesen, mit einer langen Anrede uber die Verganglichkeit aller irdischen Dinge empfangen, ohne von ihm gesehen werden zu konnen, und so zu sich hinaufgelockt. Leontin versank dabei in Gedanken. "Wahrhaftig", sagte er, "wenn ich mich in jenen Sonnenaufgang auf dem Berge recht hineindenke, ist mir zumute, als konnt es mir manchmal auch so gehn, wie dem Studenten."
Faber war unterdes fortgegangen, um etwas zu essen und zu trinken zu bestellen, und Friedrich bemerkte dabei mit Verwunderung, dass die Leute, wenn er mit ihnen sprach oder etwas forderte, ihm ins Gesicht lachten oder einander heimlich zuwinkten und die neugierigen Kinder furchtsam zuruckzogen, wenn er sich ihnen naherte. Leontin gestand, dass er manchmal, wenn sie in einem Dorfe einkehrten, vorauszueilen pflege und die Wirtsleute uberrede, dass der gute Mann, den er bei sich habe, nicht recht bei Verstande sei, sie sollten nur recht auf seine Worte und Bewegungen achthaben, wenn er nachkame. Dies gebe dann zu vielerlei Lust und Missverstandnis Anlass, denn wenn sich Faber einige Zeit mit den Gesichtern abgebe, die ihn alle so heimlich, furchtsam und bedauernd ansahen, hielten sie sich am Ende wechselseitig alle fur verruckt. Leontin brach schnell ab, denn Faber kam eben zu ihnen zuruck und schimpfte uber die Dummheit des Landvolks.
Friedrich musste nun von seinem Abschiede auf dem Schlosse des Herrn v. A. und seinen Abenteuern in der Residenz erzahlen. Er kam bald auch auf die asthetische Teegesellschaft und versicherte, er habe sich dabei recht ohne alle Mannlichkeit gefuhlt, etwa wie bei einem Spaziergange durch die Luneburger Ebne mit Aussicht auf Heidekraut. Leontin lachte hell-laut. "Du nimmst solche Sachen viel zu ernsthaft und wichtiger, als sie sind", sagte er. "Alle Figuren dieses Schauspiels sind ubrigens auch von meiner Bekanntschaft, ich mochte aber nur wissen, was sie seit der Zeit, dass ich sie nicht gesehen, angefangen haben, denn wie ich soeben hore, hat sich seitdem auch nicht das mindeste in ihnen verandert. Diese Leute schreiten fleissig von einem Messkataloge zum andern mit der Zeit fort, aber man spurt nicht, dass die Zeit auch nur um einen Zoll durch sie weiter fortruckte. Ich kann dir jedoch im Gegenteil versichern, dass ich nicht bald so lustig war, als an jenem Abende, da ich zum ersten Male in diese Teetaufe oder Traufe geriet. Aller Augen waren prufend und in erwartungsvoller Stille auf mich neuen Junger gerichtet. Da ich die ganze heilige Synode, gleich den Freimaurern mit Schurz und Kelle, so feierlich mit poetischem Ornate angetan dasitzen sah, konnt ich mich nicht enthalten, despektierlich von der Poesie zu sprechen und mit unermudlichem Eifer ein Gesprach von der Landwirtschaft, von den Runkelruben usw. anzuspinnen, so dass die Damen wie uber den Dampf von Kuhmist die Nasen rumpften und mich bald fur verloren hielten. Mit dem Schmachtenden unterhielt ich mich besonders viel. Er ist ein guter Kerl, aber er hat keine Mannsmuskel im Leibe. Ich weiss nicht, was er gerade damals fur eine fixe Idee von der Dichtkunst im Kopfe hatte, aber er las ein Gedicht vor, wovon ich trotz der grossten Anstrengung nichts verstand, und wobei mir unaufhorlich des simplicianisch-teutschen Michels verstummeltes Sprachgeprange im Sinne lag. Denn es waren deutsche Worte, spanische Konstruktionen, welsche Bilder, altdeutsche Redensarten, doch alles mit uberaus feinem Firnis von Sanftmut verschmiert. Ich gab ihm ernsthaft den Rat, alle Morgen gepfefferten Schnaps zu nehmen, denn der ewige Nektar erschlaffe nur den Magen, woruber er sich entrustet von mir wandte. Mit dem vom Hochmutsteufel besessenen Dithyrambisten aber bestand ich den schonsten Strauss. Er hatte mit pfiffiger Miene alle Segel seines Witzes aufgespannt und kam mit vollem Winde der Eitelkeit auf mich losgefahren, um mich Unpoetischen vor den Augen der Damen in den Grund zu bugsieren. Um mich zu retten, fing ich zum Beweise meiner poetischen Belesenheit an, aus Shakespeares: 'Was ihr wollt', wo Junker Tobias den Malvolio peinigt, zu rezitieren: 'Und besasse ihn eine Legion selbst, so will ich ihn doch anreden.' Er stutzte und fragte mich mit herablassender Genugsamkeit und kniffigem Gesichte, ob vielleicht gar Shakespeare mein Lieblingsautor sei? Ich liess mich aber nicht storen, sondern fuhr mit Junker Tobias fort: 'Ei, Freund, leistet dem Teufel Widerstand, er ist der Erbfeind der Menschenkinder.' Er fing nun an, sehr salbungsvolle, genialische Worte uber Shakespeare ergehen zu lassen, ich aber, da ich ihn sich so aufblasen sah, sagte weiter: 'Sanftmutig, sanftmutig! Ei, was machst du, mein Taubchen? Wie geht's, mein Puthuhnchen? Ei, sieh doch, komm, tucktuck!' Er schien nun mit Malvolio zu bemerken, dass er nicht in meine Sphare gehore, und kehrte sich mit einem unsaglich stolzen Blicke, wie von einem unerhort Tollen, von mir. 'O jemine!' fiel die Grafin Romana hier mit ein. Sie sagte dies so richtig und schon, dass ich sie dafur hatte kussen mogen. Das schlimmste war aber nun, dass ich dadurch demaskiert war, ich konnte nicht langer fur einen Ignoranten gelten; und die Frauenzimmer merkten dies nicht so bald, als sie mit allerhand Phrasen, die sie hin und wieder ernascht, uber mich herfielen. In der Angst fing ich daher nun an, wutend mit gelehrten Redensarten und poetischen Paradoxen nach allen Seiten um mich herumzuwerfen, bis sie mich, ich sie, und ich mich selber nicht mehr verstand und alles verwirrt wurde. Seit dieser Zeit hasst mich der ganze Zirkel und hat mich als eine Pest der Poesie formlich exkommuniziert."
Friedrich, der Leontin ruhig und mit Vergnugen angehort hatte, sagte: "So habe ich dich am liebsten, so bist du in deinem eigentlichen Leben. Du siehst so frisch in die Welt hinein, dass alles unter deinen Augen bunt und lebendig wird." "Jawohl", antwortete Leontin, "so buntscheckig, dass ich manchmal selber zum Narren daruber werden konnte."
Die Sonne fing indes schon an, sich zu senken, und sowohl Friedrich als Leontin gedachten ihrer Weiterreise und versprachen einander, nachstens in der Residenz sich wieder zu treffen. Herr Faber bat Friedrich, ihn der Grafin Romana bestens zu empfehlen. "Die Grafin", sagte er, "hat schone Talente und sich durch mehrere Arbeiten, die ich kenne, als Dichterin erwiesen. Nur macht sie sich freilich alles etwas gar zu leicht." Leontin, den immer sogleich ein seltsamer Humor befiel, wenn er die Grafin nennen horte, sang lustig:
"Lustig auf den Kopf, mein Liebchen,
Stell dich, in die Luft die Bein!
Heisa! ich will sein dein Bubchen,
Heute nacht soll Hochzeit sein!
Wenn du Shakespeare kannst vertragen,
O du liebe Unschuld du!
Wirst du mich wohl auch ertragen
Und noch jedermann dazu. "
Er sprach noch allerhand wild und unzuchtig von der Grafin und trug Friedrich noch einen zugellosen Gruss an sie auf, als sie endlich von entgegengesetzten Seiten auseinanderritten. Friedrich wusste nicht, was er aus diesen wilden Reden machen sollte. Sie argerten ihn, denn er hielt die Grafin hoch, und er konnte sich dabei der Besorgnis nicht enthalten, dass Leontins lebhafter Geist in solcher Art von Renommisterei am Ende sich selber aufreiben werde.
In solchen Gedanken war er einige Zeit fortgeritten, als er bei einer Biegung um eine Feldecke plotzlich das Schloss der Grafin vor sich sah. Es stand wie eine Zauberei hoch uber einem weiten, unbeschreiblichen Chaos von Garten, Weinbergen, Baumen und Flussen, der Schlossberg selber war ein grosser Garten, wo unzahlige Wasserkunste aus dem Grun hervorsprangen. Die Sonne ging eben hinter dem Berge unter und bedeckte das prachtige Bild mit Glanz und Schimmer, so dass man nichts deutlich unterscheiden konnte.
Uberrascht und geblendet gab Friedrich seinem Pferde die Sporen und ritt die Hohe hinan. Er erstaunte uber die seltsame Bauart des Schlosses, das durch eine fast barocke Pracht auffiel. Es war niemand zu sehen. Er trat in die weite, mit buntem Marmor getafelte Vorhalle, durch deren Saulenreihen man von der andern Seite in den Garten hinaussah. Dort standen die seltsamsten auslandischen Baume und Pflanzen wie halbausgesprochene, verzauberte Gedanken, schimmernde Wasserstrahlen durchkreuzten sich in kristallenen Bogen hoch uber ihnen, auslandische Vogel sassen sinnend und traumhaft zwischen den dunkelgrunen Schatten umher.
Ein wunderschoner Knabe sprang indes soeben draussen im Hofe vom Pferde, stutzte, als er im Vorbeilaufen Friedrich erblickte, sah ihn einen Augenblick mit den grossen, schonen Augen trotzig an und eilte sogleich wieder durch die Vorhalle weiter in den Garten hinaus. Friedrich sah, wie er dort mit bewunderungswurdiger Fertigkeit eine hohe, am Abhange des Gartens stehende Tanne bestieg und aus dem hochsten Gipfel sich in die Gegend hinauslegte, als suche er fern etwas mit den Augen.
Da immer noch niemand kam, stellte sich Friedrich an ein hohes Bogenfenster, aus dem man die prachtigste Aussicht auf das Tal und die Gebirge hatte. Noch niemals hatte er eine so uppige Natur gesehen. Mehrere Strome blickten wie Silber hin und her aus dem Grunde, freundliche Landstrassen, von hohen Nussbaumen reich beschattet, zogen sich bis in die weiteste Ferne nach allen Richtungen hin, der Abend lag warm und schallend uber der Gegend, weit uber die Garten und Hugel hin horte man ringsum das Jauchzen der Winzer. Friedrich wurde bei dieser Aussicht unsaglich bange in dem einsamen Schlosse, es war ihm, als ware alles zu einem grossen Feste hinausgezogen, und er konnte kaum mehr widerstehen, selber wieder hinunterzureiten, als er auf einmal die Grafin erblickte, die in einem langen grunen Jagdkleide in dem erquikkenden Hauche des Abends auf der glanzenden Landstrasse aus dem Tale heraufgeritten kam. Sie war allein, er erkannte sie sogleich an ihrer hohen, schonen Gestalt.
Als sie vor dem Schlosse vom Pferde stieg, kam der schone Knabe, der vorhin auf der Tanne gelauert hatte, schnell herbeigesprungen, fiel ihr sturmisch um den Hals und kusste sie. "Kleiner Ungestum!" sagte sie halb bose und wischte sich den Mund. Sie schien einen Augenblick verlegen, als sie so unvermutet Friedrich erblickte und bemerkte, dass er diesen sonderbaren Empfang gesehen hatte. Sie schuttelte aber die fluchtige Scham bald wieder von sich und bewillkommte Friedrich mit einer Heftigkeit, die ihm auffiel. "Ich bedaure nur", sagte sie, "dass ich Sie nicht so bewirten kann, wie ich wunschte, alle meine Leute schwarmen schon den ganzen Tag bei der Weinlese, ich selbst bin seit fruhem Morgen in der Gegend herumgeritten."
Sie nahm ihn bei der Hand und fuhrte ihn in das Innere des Schlosses. Friedrich verwunderte sich, denn fast in allen Zimmern standen Turen und Fenster offen. Die hochgewolbten Zimmer selbst waren ein seltsames Gemisch von alter und neuer Zeit, einige standen leer und wuste, wie ausgeplundert, in andern sah er alte Gemalde an der Wand herumhangen, die wie aus schandlichem Mutwillen mit Sabelhieben zerhauen schienen. Sie kamen in der Grafin Schlafgemach. Das grosse Himmelbett war noch unzugerichtet, wie sie es fruhmorgens verlassen, Strumpfe, Halstucher und allerlei Gerat lag bunt auf allen Stuhlen umher. In dem einen Winkel hing ein Portrait, und er glaubte, soviel es die Dammerung zuliess, zu seinem Erstaunen die Zuge des Erbprinzen zu erkennen, dessen Schonheit in der Residenz einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte.
Die Grafin nahm den schonen Knaben, der ihnen immerfort gefolgt war, beiseite und trug ihm heimlich etwas auf. Der Knabe schien durchaus nicht gehorchen zu wollen, er wurde immer lauter und ungebardiger, stampfte endlich zornig mit dem Fusse, rannte hinaus und warf die Tur hinter sich zu, dass es durch das weite Haus erschallte. "Er ist doch in einer Stunde wieder da", sagte Romana, ihm nachsehend, nahm die Gitarre, die in einer Ecke auf der Erde lag, wahrend sie Friedrich ein Korbchen mit Obst und Wein ubergab, und fuhrte ihn wieder weiter eine Stiege aufwarts.
Wie einem Nachtwandler, der plotzlich auf ungewohntem Orte aus schweren, unglaublichen Traumen erwacht, war Friedrich zumute, als er mit ihr die letzten Stufen erreichte, und sich auf einmal unter der weiten, freien, gestirnten Wolbung des Himmels erblickte. Es war namlich eine grosse Terrasse, die nach italienischer Art uber das Dach des Schlosses ging. Ringsum an der Galerie standen Orangenbaume und hohe, auslandische Blumen, welche den himmlischen Platz mit Duften erfullten.
"Hier auf dem Dache", sagte Romana, "ist mein liebster Aufenthalt. In den warmen Sommernachten schlafe ich oft hier oben." Sie setzte sich zu ihm, reichte ihm die Fruchte und trank ihm von dem mitgenommenen Weine selber zu. "Sie wohnen hier so schwindlig hoch", sagte Friedrich, "dass Sie die ganze Welt mit Fussen treten." Romana, die sogleich begriff, was er meinte, antwortete stolz und keck: "Die Welt, der grosse Tolpel, der niemals gescheiter wird, ware freilich der Muhe wert, dass man ihm hoflich und voll Ehrfurcht das Gesicht streichelte, damit er einen wohlwollend und voll Applaus anlachle. Es ist ja doch nichts als Magen und Kopf, und noch dazu ein recht breiter, ubermutiger, selbstgefalliger, eitler, unertraglicher, den es eine rechte Gotterlust ist aufs Maul zu schlagen." Sie brach hierbei schnell ab und lenkte das Gesprach auf andere Gegenstande.
Friedrich musste dabei mehr als einmal die fast unweibliche Kuhnheit ihrer Gedanken bewundern, ihr Geist schien heut von allen Banden los. Sie ergriff endlich die Gitarre und sang einige Lieder, die sie selbst gedichtet und komponiert hatte. Die Musik war durchaus wunderbar, unbegreiflich und oft beinahe wild, aber es war eine unwiderstehliche Gewalt in ihrem Zusammenklange. Der weite, stille Kreis von Stromen, Seen, Waldern und Bergen, die in grossen, halbkenntlichen Massen ubereinander ruhten, rauschten dabei feenhaft zwischen die hinausschiffenden Tone hinein. Die Zauberei dieses Abends ergriff auch Friedrichs Herz, und in diesem sinnenverwirrenden Rausche fand er das schone Weib an seiner Seite zum ersten Male verfuhrerisch. "Wahrhaftig", sagte sie endlich aus tiefster Seele, "wenn ich mich einmal recht verliebte, es wurde mich gewiss das Leben kosten! Es reiste einmal", fuhr sie fort, "ein Student hier in der Nacht beim Schlosse vorbei, als ich eben auf dem Dache eingeschlummert war, der sang:
'Wenn die Sonne lieblich schiene
Wie in Welschland, lau und blau,
Ging' ich mit der Mandoline
Durch die uberglanzte Au.
In der Nacht dann Liebchen lauschte
An dem Fenster, sussverwacht,
Wunschte mir und ihr uns beiden
Heimlich eine schone Nacht.
Wenn die Sonne lieblich schiene
Wie in Welschland, lau und blau,
Ging' ich mit der Mandoline
Durch die uberglanzte Au.'
Aber die Sonne scheint nicht wie in Welschland und der Student zog weiter, und es ist eben alles nichts. Gehn wir schlafen, gehn wir schlafen", setzte sie langweilig gahnend hinzu, nahm Friedrich bei der Hand und fuhrte ihn wieder die Stiege hinab.
Er bemerkte, als sie wieder in den Zimmern angekommen waren, eine ungewohnliche Unruhe an ihr, sie hing bewegt an seinem Arme. Sie schien ihm bei dem Mondenschimmer, der durch das offne Fenster auf ihr Gesicht fiel, totenblass, eine Art von seltsamer Furcht befiel ihn da auf einmal vor ihr und dem ganzen Feenschlosse, er gab ihr schnell eine gute Nacht und eilte in das ihm angewiesene Zimmer, wo er sich angekleidet auf das Bett hinwarf.
Das Gemach war nur um einige Zimmer von dem Schlafgemach der Grafin entfernt. Die Turen dazwischen fehlten ganz und gar. Eine Lampe, die der Grafin Zimmer matt erhellte, warf durch die offenen Turen ihren Schein gerade auf einen grossen, altmodischen Spiegel, der vor Friedrichs Bett an der Wand hing, so dass er in demselben fast ihr ganzes Schlafzimmer ubersehen konnte. Er sah, wie der schone Knabe, der sich unterdes wieder eingeschlichen haben musste, quer uber einigen Stuhlen vor ihrem Bette eingeschlafen lag. Die Grafin entkleidete sich nach und nach und stieg so uber den Knaben weg ins Bett. Alles im Schlosse wurde nun totenstill und er wendete das Gesicht auf die andere Seite, dem offenen Fenster zu. Die Baume rauschten vor demselben, aus dem Tale kam von Zeit zu Zeit ein frohliches Jauchzen, bald naher, bald wieder in weiter Ferne, dazwischen horte er auslandische Vogel draussen im Garten in wunderlichen Tonen immerfort wie im Traume sprechen, das seltsame bleiche Gesicht der Grafin, wie sie ihm zuletzt vorgekommen, stellte sich ihm dabei unaufhorlich vor die Augen, und so schlummerte er erst spat unter verworrenen Phantasien ein.
Mitten in der Nacht wachte er plotzlich auf, es war ihm, als hatte er Gesang gehort. Der Mond schien hell draussen uber der Gegend und durch das Fenster herein. Mit Erstaunen horte er neben sich atmen. Er sah umher und erblickte Romana, unangekleidet wie sie war, an dem Fusse seines Betts eingeschlafen. Sie ruhte auf dem Boden, mit dem einen Arm und dem halben Leibe auf das Bett gelehnt. Die langen schwarzen Haare hingen aufgelost uber den weissen Nacken und Busen herab. Er betrachtete die wunderschone Gestalt lange voll Verwunderung halbaufgerichtet. Da horte er auf einmal die Tone wieder, die er schon im Schlummer vernommen hatte. Er horchte hinaus; das Singen kam jenseits von den Bergen uber die stille Gegend heruber, er konnte folgende Worte verstehen:
"Vergangen ist der lichte Tag,
Von ferne kommt der Glockenschlag,
So reist die Zeit die ganze Nacht,
Nimmt manchen mit, der's nicht gedacht.
Wo ist nun hin die bunte Lust,
Des Freundes Trost und treue Brust,
Des Weibes susser Augenschein?
Will keiner mit mir munter sein?
Da's nun so stille auf der Welt,
Ziehn Wolken einsam ubers Feld,
Und Feld und Baum besprechen sich
O Menschenkind! was schauert dich?
Wie weit die falsche Welt auch sei,
Bleibt mir doch Einer nur getreu,
Der mit mir weint, der mit mir wacht,
Wenn ich nur recht an Ihn gedacht.
Frisch auf denn, liebe Nachtigall,
Du Wasserfall mit hellem Schall!
Gott loben wollen wir vereint,
Bis dass der lichte Morgen scheint!"
Friedrich erkannte die Weise, es war Leontins Stimme. "Ich komme, herrlicher Gesell!" rief er bewegt in sich und raffte Sich schnell auf, ohne die Grafin zu wecken. Nicht ohne Schauer ging er durch die totenstillen, weit oden Gemacher, zaumte sich im Hofe selber sein Pferd und sprengte den Schlossberg hinab.
Er atmete tief auf, als er draussen in die herrliche Nacht hineinritt, seine Seele war wie von tausend Ketten frei. Es war ihm, als ob er aus fieberhaften Traumen oder aus einem langen, wusten, liederlichen Lustleben zuruckkehre. Das hohe Bild der Grafin, das er mit hergebracht, war in seiner Seele durch diese sonderbare Nacht phantastisch verzerrt und zerrissen, und er verstand nun Leontins wilde Reden an dem Wirtshause.
Leontins Gesang war indes verschollen, er hatte nichts mehr gehort und schlug voller Gedanken den Weg nach der Residenz ein. Das Feenschloss hinter ihm war lange versunken, die Baume an der Strasse fingen schon an lange Schatten uber das glanzende Feld zu werfen, Vogel wirbelten schon hin und her hoch in der Luft, die Residenz lag mit ihren Feuersaulen wie ein brennender Wald im Morgenglanze vor ihm.
Vierzehntes Kapitel
Draussen uber das Land jagten zerrissene Wolken, die Melusina sang an seufzenden Waldern, Garten und Zaunen ihr unergrundlich einformiges Lied, die Dorfer lagen selig verschneit. In der Residenz zog der Winter prachtig ein mit Schellengeklingel, frischen Madchengesichtern, die vom Lande fluchteten, mit Ballen, Opern und Konzerten, wie eine lustige Hochzeit. Friedrich stand gegen Abend einsam an seinem Fenster, Leontin und Faber liessen noch immer nichts von sich horen, Rosa hatte ihn letzthin ausgelacht, als er voller Freuden zu ihr lief, um ihr eine politische Neuigkeit zu erzahlen, die ihn ganz ergriffen hatte, an der Grafin Romana hatte er seit jener Nacht keine Lust weiter, er hatte beide seitdem nicht wiedergesehen; vor den Fenstern fiel der Schnee langsam und bedachtig in grossen Flocken, als wollte der graue Himmel die Welt verschutten. Da sah er unten zwei Reiter in langen Manteln die Strasse ziehn. Der eine sah sich um, Friedrich rief: "Viktoria!" es waren Leontin und Faber, die soeben einzogen.
Friedrich sprang, ohne sich zu besinnen, zur Tur hinaus und die Stiege hinunter. Als er aber auf die Strasse kam, waren sie schon verschwunden. Er schlenderte einige Gassen in dem Schneegestober auf und ab. Da stiess der Marquis, den wir schon aus Rosas Briefe kennen, die hervorragenden Steine mit den Zehen zierlich suchend, auf ihn. Er hing sich ihm sogleich wie ein guter Bruder, in den Arm, und erzahlte ihm in einem Redestrome tausend Spasse zum Totlachen, wie er meinte, die sich heut und gestern in der Stadt zugetragen, welche Damen heut vom Lande angekommen, wer verliebt sei und nicht wiedergeliebt werde usw. Friedrich war die flache Lustigkeit des Wichts heut entsetzlich, und er liess sich daher, da ihm dieser nur die Wahl liess, ihn entweder zu sich nach Hause, oder in die Gesellschaft zum Minister zu begleiten, gern zu dem letztern mit fortschleppen. Denn besser mit einem Haufen Narren, dachte er ubellaunisch, als mit einem allein.
Er fand einen zahlreichen und glanzenden Zirkel. Die vielen Lichter, die prachtigen Kleider, der glatte Fussboden, die zierlichen Reden, die hin und wider flogen, alles glanzte. Er ware fast wieder umgekehrt, so ganz ohne Schein kam er sich da auf einmal vor. Vor allen erblickte er seine Rosa. Sie hatte ein rosasamtnes Kleid, ihre schwarzen Locken ringelten sich auf den weissen Busen hinab. Der Erbprinz unterhielt sich lebhaft mit ihr. Sie sah inzwischen mehrere Male mit einer Art von triumphierenden Blicken seitwarts auf Friedrich; sie wusste wohl, wie schon sie war. Friedrich unterhielt sich gedankenvoll zerstreut rechts und links. Jene Frau vom Hause, bei der er die Teegesellschaft verlebt, war auch da und schien wieder an ihren asthetischen Krampfen zu leiden. Sie unterhielt sich sehr lebendig mit mehreren hubschen jungen Mannern uber die Kunst, und Friedrich verstand nur, wie sie zuletzt ausrief: "Oh, ich mochte Millionen glucklich machen!" Da horte man plotzlich ein lautes Lachen aus einem andern abgelegenen Winkel des Zimmers erschallen. Friedrich erkannte mit Erstaunen sogleich Leontins Stimme. Die Manner bissen sich heimlich in die Lippen uber dieses Lachen zu rechter Zeit, obschon keiner vermutete, dass es wirklich jenem Ausruf gelten sollte, da der Lacher fern in eine ganz andere Unterhaltung vertieft schien. Friedrich aber wusste gar wohl, wie es Leontin meinte. Er eilte sogleich auf ihn los und fand ihn zwischen zwei alten Herren mit Perucken und altfrankischen Gesichtern, mit denen sich niemand abgeben mochte, mit denen er sich aber kindlich besprach und gut zu vertragen schien. Er erzahlte ihnen von seiner Gebirgsreise die wunderbarsten Geschichten vor, und lachte herzlich mit den beiden guten Alten, wenn sie dabei ihn uber offenbaren, gar zu tollen Lugen ertappten. Er freute sich sehr, Friedrich noch heut zu sehn, und sagte, wie es ihm eine gar wunderlich schauerliche Lust sei, so aus der Grabesstille der verschneiten Felder mitten in die glanzendsten Stadtzirkel hineinzureiten, und umgekehrt.
Sie sprachen noch manches zusammen, als der Prinz hinzutrat und Friedrich in ein Fenster fuhrte. "Der Minister", sagte er zu ihm, als sie allein waren, "hat Sie mir sehr warm, ja ich kann wohl sagen, mit Leidenschaft empfohlen. Es ist etwas Ausserordentliches, denn er empfiehlt sonst keinen Menschen auf diese Art." Friedrich ausserte daruber seine grosse Verwunderung, da er von dem Minister gerade das Gegenteil erwartete. "Der Minister", fuhr der Prinz fort, "lasst sein Urteil nicht fangen, und ich vertraue Ihnen daher. Unsere Zeit ist so gewaltig, dass die Tugend nichts gilt ohne Starke. Die wenigen Mutigen aus aller Welt sollten sich daher treu zusammenhalten, als ein rechter Damm gegen das Bose. Es ware nicht schon, lieber Graf, wenn Sie sich von der gemeinen Not absonderten." "Gott behute mich vor solcher Schande!" erwiderte Friedrich halb betroffen, "mein Leben gehort Gott und meinem rechtmassigen Herrn." "Es ist gross, sich selber, von aller Welt losgesagt, fromm und fleissig auszubilden", sagte darauf der Prinz begeistert, "aber es ist grosser, alle Freuden, alle eigenen Wunsche und Bestrebungen wegzuwerfen fur das Recht, alles " hier strich soeben die Grafin Romana an ihnen voruber. Der Prinz ergriff ihre Hand und sagte: "So lange von uns wegzubleiben!" Sie zog langsam ihre Hand aus der seinigen und sah nur Friedrich gross an, als sahe sie ihn wieder zum ersten Male. Der Prinz lachte unerklarlich, druckte Friedrich fluchtig die Hand und wandte sich wieder in den Saal zuruck. Friedrich folgte der Grafin mit ihren herausfordernden Augen. Sie war schwarz angezogen und fast furchtbar schon anzusehen. Von der Nacht auf dem Schlosse erwahnte sie kein Wort.
Leontin kam auf sie zu und erzahlte ihr, wie er erst gestern bei ihrem Schlosse vorbeigezogen. "Es war schon Nacht", sagte er, "ich war so frei, mit Faber und einer Flasche echten Rheinweins, die wir bei uns hatten, das oberste Dach des Schlosses zu besteigen. Der Garten, die Gegend und die Galerie oben waren tief verschneit, eine Tur im Hause musste offenstehn, denn der Wind warf sie immerfort einformig auf und zu, uber der verstarrten Verwustung hielt die Windsbraut einen lustigen Hexentanz, dass uns der Schnee ins Gesicht wirbelte, es war eine wahre Brockennacht. Ich trank dabei dem Dauernden im Wechsel ein Glas nach dem andern zu und rezitierte mehrere Stellen aus Goethes Faust, die mir mit den Schneewirbeln alle auf einmal eiskalt auf Kopf und Herz zuflogen. 'Verfluchte Verse!' rief Faber, 'schweig, oder ich werfe dich wahrhaftig uber die Galerie hinunter!' Ich habe ihn niemals so entrustet gesehn. Ich warf die Flasche ins Tal hinaus, denn mich fror, dass mir die Zahne klapperten." Romana antwortete nichts, sondern setzte sich an den Flugel und sang ein wildes Lied, das nur aus dem tiefsten Jammer einer zerrissenen Seele kommen konnte. "Ist das nicht schon?" fragte sie einige Male dazwischen, sich mit Tranen in den Augen zu Friedrich herumwendend, und lachte abscheulich dabei. "Ah pah!" rief Leontin zornig, "das ist nichts, es muss noch besser kommen!" Er setzte sich hin und sang ein altes Lied aus dem Dreissigjahrigen Kriege, dessen furchterliche Klange wie blutige Schwerter durch Mark und Bein gingen. Friedrich bemerkte, dass Romana zitterte. Leontin war indes wieder aufgestanden und hatte sich aus der Gesellschaft fortgeschlichen, wie immer, wenn er geruhrt war.
Wir aber wenden uns ebenfalls von den Blasen der Phantasie, die, wie die Blasen auf dem Rheine, nahes Gewitter bedeuten, zu der Einsamkeit Friedrichs, wie er nun oft nachtelang voller Gedanken unter Buchern sass und arbeitete. Wohl ist der Weltmarkt grosser Stadte eine rechte Schule des Ernstes fur bessere, beschauliche Gemuter, als der getreueste Spiegel ihrer Zeit. Da haben sie den alten, gewaltigen Strom in ihre Maschinen und Rader aufgefangen, dass er nur immer schneller und schneller fliesse, bis er gar abfliesst, da breitet denn das arme Fabrikenleben in dem ausgetrockneten Bette seine hochmutigen Teppiche aus, deren inwendige Kehrseite ekle, kahle, farblose Faden sind, verschamt hangen dazwischen wenige Bilder in uralter Schonheit verstaubt, die niemand betrachtet, das Gemeinste und das Grosste, heftig aneinandergeworfen, wird hier zu Wort und Schlag, die Schwache wird dreist durch den Haufen, das Hohe ficht allein. Friedrich sah zum ersten Male so recht in den grossen Spiegel, da schnitt ihm ein unbeschreiblicher Jammer durch die Brust, und die Schonheit und Hoheit und das heilige Recht, dass sie so allein waren, und wie er sich selber in dem Spiegel so winzig und verloren in dem Ganzen erblickte, schien es ihm herrlich, sich selber vergessend, dem Ganzen treulich zu helfen mit Geist, Mund und Arm. Er erstaunte, wie er noch so gar nichts getan, wie es ihn noch niemals lebendig erbarmet um die Welt. So schien das grosse Schauspiel des Lebens, manche besondere aussere Anregung, vor allem aber der furchtbare Gang der Zeit, der wohl keines der bessern Gemuter unberuhrt liess, auf einmal alle die hellen Quellen in seinem Innern, die sonst zum Zeitvertreibe wie lustige Springbrunnen spielten, in einen grossen Strom vereinigt zu haben. Ihn ekelten die falschen Dichter an mit ihren tauben Herzen, die, uneingedenk der himmelschreienden Mahnung der Zeit, ihre Nationalkraft in mussigem Spiele verliederten. Die unbestimmte Knabensehnsucht, jener wunderbare Spielmann vom Venusberge, verwandelte sich in eine heilige Liebe und Begeisterung fur den bestimmten und festen Zweck. Gar vieles, was ihn sonst beangstigte, wurde zuschanden, er wurde reifer, klar, selbststandig und ruhig uber das Urteil der Welt. Es genugte ihm nicht mehr, sich an sich allein zu ergotzen, er wollte lebendig eindringen. Desto tiefer und schmerzlicher musste er sich uberzeugen, wie schwer es sei, nutzlich zu sein. Mit grenzenloser Aufopferung warf er sich daher auf das Studium der Staaten, ein neuer Weltteil fur ihn, oder vielmehr die ganze Welt und was der ewige Geist des Menschen strebte, dachte und wollte, in wenigen grossen Umrissen, vor dessen unermessner Aussicht sein Innerstes aufjauchzte.
Ihm traumte einmal, als er in der Nacht einst so uber seinen alten Buchern eingeschlummert, als weckte ihn ein glanzendes Kind aus langen lieblichen Traumen. Er konnte kaum die Augen auftun vor Licht, von so wunderbarer Hoheit und Schonheit war des Kindes Angesicht. Es wies mit seinem kleinen Rosenfinger von dem hohen Berge in die Gegend hinaus, da sah er ringsum eine unbegrenzte Runde, Meer, Strome und Lander, ungeheure, umgeworfene Stadte mit zerbrochenen Riesensaulen, das alte Schloss seiner Kinderjahre seltsam verfallen, einige Schiffe zogen hinten nach dem Meere, auf dem einen stand sein verstorbener Vater, wie er ihn oft auf Bildern gesehen, und sah ungewohnlich ernsthaft alles doch wie in Dammerung aufarbeitend, zweifelhaft und unkenntlich, wie ein verwischtes, grosses Bild, denn ein dunkler Sturm ging uber die ganze Aussicht, als ware die Welt verbrannt, und der ungeheure Rauch davon lege sich nun uber die Verwustung. Dort, wo des Vaters Schiff hinzog, brach darauf plotzlich ein Abendrot durch den Qualm hervor, die Sonne senkte sich fern nach dem Meere hinab. Als er ihr so nachsah, sah er dasselbe wunderschone Kind, das vorhin neben ihm gewesen, recht mitten in der Sonne zwischen den spielenden Farbenlichtern traurig an ein grosses Kreuz gelehnt, stehen. Eine unbeschreibliche Sehnsucht befiel ihn da, und Angst zugleich, dass die Sonne fur immer in das Meer versinken werde. Da war ihm, als sagte das wunderschone Kind, doch ohne den Mund zu bewegen oder aus seiner traurigen Stellung aufzublicken: "Liebst du mich recht, so gehe mit mir unter, als Sonne wirst du dann wieder aufgehen, und die Welt ist frei!" Vor Lust und Schwindel wachte er auf. Draussen funkelte der heitere Wintermorgen schon uber die Dacher, das Licht war herabgebrannt, Erwin sass bereits angekleidet ihm gegenuber und sah ihn mit den grossen, schonen Augen still und ernsthaft an.
Zu solcher Lebensweise kam ein schoner Kreis neuer, rustiger Freunde, die auf Reisen, an gleicher Gesinnung sich erkennend, aus verschiedenen deutschen Zonen sich nach und nach hier zusammengefunden hatten. Der Erbprinz, der mit einer fast grenzenlosen Leidenschaft an Friedrich hing, wusste den Bund durch seine hinreissende Glut und Beredsamkeit immer frisch zu starken, so auch, obgleich auf ganz verschiedene Weise, der altere, besonnene Minister, der nach einer herumschweifenden und wust durchlebten Jugend, spater, seiner grosseren Entwurfe und seiner Kraft und Berufes vor allen andern, sie auszufuhren sich klar bewusst, auf einmal mehrere brave aber schwachere Manner gewaltsam unterdruckt, ja, selbst seinen eigensten Wunsch, eine Liebe aus fruherer Zeit, aufgegeben und dafur eine freudenlose Ehe mit einem der vornehmsten Madchen gewahlt hatte, einzig um das Steuer des Staats in seine festere und sichere Hand zu erhalten. Eine gleiche Gesinnung schien alle Glieder dieses Kreises zu verbrudern. Sie arbeiteten fleissig, hoffend und glaubend, dem alten Recht in der engen Zeit Luft zu machen, auf Tod und Leben bereit.
Ganz anders, abgesondert und ohne alle Beruhrung mit diesem Kreise lebte Leontin in einem abgelegenen Quartiere der Residenz mit der Aussicht auf die beschneiten Berge uber die weiten Vorstadte weg, wo er, mit Faber zusammenwohnend, einen wunderlichen Haushalt fuhrte. Alle die Begeisterungen, Freuden und Schmerzen, die sich Friedrich, dessen Bildung langsam aber sicherer fortschritt, erst jetzt neu aufdeckten, hatte er langst im Innersten empfunden. Ihn jammerte seine Zeit vielleicht wie keinen, aber er hasste es, davon zu sprechen. Mit der grossten Geisteskraft hatte er schon oft redlich alles versucht, wo es etwas nutzen konnte, aber immer uberwiesen, wie die Menge reich an Wunschen, aber innerlich dumpf und gleichgultig sei, wo es gilt, und wie seine Gedanken jederzeit weiter reichten als die Krafte der Zeit, warf er sich in einer Art von Verzweiflung immer wieder auf die Poesie zuruck und dichtete oft nachtelang ein wunderbares Leben, meist Tragodien, die er am Morgen wieder verbrannte. Seine alles verspottende Lustigkeit war im Grunde nichts, als diese Verzweiflung, wie sie sich an den bunten Bildern der Erde in tausend Farben brach und bespiegelte.
Friedrich besuchte ihn taglich, sie blieben einander wechselseitig noch immer durchaus unentbehrliche Freunde, wenngleich Leontin auf keine Weise zu bereden war, an den Bestrebungen jenes Kreises Anteil zu nehmen. Er nannte unverhohlen das Ganze eine leidliche Komodie und den Minister den unleidlichen Theaterprinzipal, der gewiss noch am Ende des Stucks herausgerufen werden wurde, wenn nur darin das Wort: "deutsch" recht fleissig vorkame, denn das mache in der undeutschen Zeit den besten Effekt. Besonders aber war er ein rechter Feind des Erbprinzen. Er sagte oft, er wunschte ihn mit einem grossen Schwerte seiner Ahnherrn aus Barmherzigkeit recht in der Mitte entzweihauen zu konnen, damit die eine ordinare Halfte vor der andern narrischen, begeisterten einmal Ruhe hatte. Dergleichen Reden verstand Friedrich zwar damals nicht recht, denn seine beste Natur straubte sich gegen ihr Verstandnis, aber sie machten ihn stutzig. Faber dagegen, welcher, der Dichtkunst treu ergeben, immer fleissig fortarbeitete, empfing ihn alle Tage gelassen mit derselben Frage: ob er noch immer weltburgerlich sei? "Gott sei Dank", antwortete Friedrich argerlich, "ich verkaufte mein Leben an den ersten besten Buchhandler, wenn es eng genug ware, sich in einigen hundert Versen ausfingern zu lassen." "Sehr gut", erwiderte Faber mit jener Ruhe, welche das Bewusstsein eines redlichen ernsthaften Strebens gibt, "wir alle sollen nach allgemeiner Ausbildung und Tatigkeit, nach dem Verein aller Dinge mit Gott streben; aber wer von seinem einzelnen, wenn es uberhaupt ein solches gibt, es sei Staats-, Dicht- oder Kriegskunst, recht wahrhaft und innig, d.h. christlich durchdrungen ward, der ist ja eben dadurch allgemein. Denn nimm du einen einzelnen Ring aus der Kette, so ist es die Kette nicht mehr, folglich ist eben der Ring auch die Kette." Friedrich sagte: "Um aber ein Ring in der Kette zu sein, musst du ebenfalls tuchtig von Eisen und aus einem Gusse mit dem Ganzen sein, und das meinte ich." Leontin verwickelte sie hier durch ein vielfaches Wortspiel dergestalt in ihre Kette, dass sie beide nicht weiterkonnten.
Diese strebende, webende Lebensart schien Friedrich einigermassen von Rosa zu entfernen, denn jede grosse innerliche Tatigkeit macht ausserlich still. Es schien aber auch nur so, denn eigentlich hatte seine Liebe zu Rosa, ohne dass er selbst es wusste, einen grossen Anteil an seinem Ringen nach dem Hochsten. So wie die Erde in tausend Stammen, Stromen und Bluten treibt und singt, wenn sie der alles belebenden Sonne zugewendet, so ist auch das menschliche Gemut zu allem Grossen freudig in der Sonnenseite der Liebe. Rosa nahm Friedrichs nur seltene Besuche nicht in diesem Sinne, denn wenige Weiber begreifen der Manner Liebe in ihrem Umfange, sondern messen ungeschickt das Unermessliche nach Kussen und eitlen Versicherungen. Es ist, als waren ihre Augen zu blode, frei in die gottliche Flamme zu schauen, sie spielen nur mit ihrem spielenden Widerscheine. Friedrich fand sie uberhaupt seit einiger Zeit etwas verandert. Sie war oft einsilbig, oft wieder bis zur Leichtfertigkeit munter, beides schien Manier. Sie mischte oft in ihre besten Unterhaltungen so Fremdartiges, als hatte ihr innerstes Leben sein altes Gleichgewicht verloren. Uber seine seltenen Besuche machte sie ihm nie den kleinsten Vorwurf. Er war weit entfernt, den wahren Grund von allem diesem auch nur zu ahnen. Denn die rechte Liebe ist einfaltig und sorglos.
Eines Tages kam er gegen Abend zu ihr. Das Zimmer war schon dunkel, sie war allein. Sie schien ganz atemlos vor Verlegenheit, als er so plotzlich in das Zimmer trat, und sah sich angstlich einige Male nach der andern Tur um. Friedrich bemerkte ihre Unruhe nicht, oder mochte sie nicht bemerken. Er hatte heut den ganzen Tag gearbeitet, geschrieben und gesonnen. Auf seiner unbekummert unordentlichen Kleidung, auf dem verwachten, etwas bleichen Gesichte und den sinnigen Augen ruhte noch der Nachsommer der Begeisterung. Er bat sie, kein Licht anzuzunden, setzte sich nach seiner Gewohnheit mit der Gitarre ans Fenster und sang frohlich ein altes Lied, das er Rosa oft im Garten bei ihrem Schlosse gesungen. Rosa sass dicht vor ihm, voll Gedanken, es war, je langer er sang, als musste sie ihm etwas vertrauen und konne sich nicht dazu entschliessen. Sie sah ihn immerfort an. "Nein, es ist mir nicht moglich!" rief sie endlich und sprang auf. Er legte die Laute weg; sie war schnell durch die andere Tur verschwunden. Er stand noch einige Zeit nachdenkend, da aber niemand kam, ging er verwundert fort.
Es war ihm von jeher eine eigene Freude, wenn er so abends durch die Gassen strich, in die untern erleuchteten Fenster hineinzublicken, wie da alles, wahrend es draussen stob und sturmte, gemutlich um den warmen Ofen sass, oder an reinlich gedeckten Tischen schmauste, des Tages Arbeit und Muhen vergessend, wie eine bunte Galerie von Weihnachtsbildern. Er schlug heute einen andern, ungewohnten Weg ein, durch kleine, unbesuchte Gasschen, da glaubte er auf einmal in dem einen Fenster den Prinzen zu sehen. Er blieb erstaunt stehen. Er war es wirklich. Er sass in einem schlechten Uberrocke, den er noch niemals bei ihm gesehen, im Hintergrunde auf einem holzernen Stuhle. Vor ihm sass ein junges Madchen in burgerlicher Kleidung auf einem Schemel, beide Arme auf seine Kniee gestutzt, und sah zu ihm hinauf, wahrend er etwas zu erzahlen schien und ihr die Haare von beiden Seiten aus der heitern Stirn strich. Ein flackerndes Herdfeuer, an welchem eine alte Frau etwas zubereitete, warf seine gemutlichen Scheine uber die Stube. Teller und Schusseln waren in ihren Gelandern ringsum an den Wanden blank und in zierlicher Ordnung aufgestellt, ein Katzchen sass auf einem Grossvaterstuhle am Ofen und putzte sich, im Hintergrunde hing ein Muttergottesbild, vom Kamine hell beleuchtet. Es schien ein stilles, ordentliches Haus. Das Madchen sprang frohlich von ihrem Sitze auf, kam ans Fenster und sah einen Augenblick durch die Scheiben. Friedrich erstaunte uber ihre Schonheit. Sie schuttelte sich darauf munter und ungemein lieblich, als frore sie bei dem fluchtigen Blick in die sturmische Nacht draussen, stieg auf einen Stuhl und schloss die Fensterladen zu.
Am folgenden Morgen, als Friedrich mit dem Prinzen zusammenkam, sagte er ihm sogleich, was er gestern gesehen. Der Prinz schien betroffen, besann sich darauf einen Augenblick und bat Friedrich, die ganze Begebenheit zu verschweigen. Er besuche, sagte er, das Madchen schon seit langer Zeit und gebe sich fur einen armen Studenten aus. Die Mutter und die Tochter, die wenig auskamen, hielten ihn wirklich dafur. Friedrich sagte ihm offen und ernsthaft, wie dies ein gefahrliches Spiel sei, wobei das Madchen verspielen musse, er solle lieber alles aufgeben, ehe es zu weit kame, und vor allen Dingen grossmutig das Madchen schonen, das ihm noch unschuldig schiene. Der Prinz war geruhrt, druckte Friedrich die Hand und schwur, dass er das Madchen zu sehr liebe, um sie unglucklich zu machen. Er nannte sie nur sein hohes Madchen.
Spater, an einem von jenen wunderbaren Tagen, wo die Bache wieder ihre klaren Augen aufschlagen und einzelne Lerchen schon hoch in dem blauen Himmel singen, hatte Friedrich alle seine Fenster offen, die auf einen einsamen Spaziergang hinausgingen, den zu dieser Jahreszeit fast niemand besuchte. Es war ein Sonntag, unzahlige Glocken schallten durch die stille, heitere Luft. Da sah er den Prinzen wieder verkleidet in der Ferne vorubergehen, neben ihm sein Burgermadchen, im sonntaglichen Putze zierlich aufgeschmuckt. Sie schien sehr zufrieden und glucklich und druckte sich oft frohlich an seinen Arm. Friedrich nahm die Gitarre, setzte sich auf das Fenster und sang:
"Wann der kalte Schnee zergangen,
Stehst du draussen in der Tur,
Kommt ein Knabe schon gegangen,
Stellt sich freundlich da zu dir,
Lobet deine frischen Wangen,
Dunkle Locken, Augen licht,
Wann der kalte Schnee zergangen,
Glaub dem falschen Herzen nicht!
Wann die lauen Winde wehen,
Scheint die Sonne lieblich warm:
Wirst du wohl spazierengehen,
Und er fuhret dich am Arm,
Tranen dir im Auge stehen,
Denn so schon klingt, was er spricht;
Wann die lauen Winde wehen,
Glaub dem falschen Herzen nicht!
Wenn die Lerchen wieder schwirren,
Trittst du draussen vor das Haus,
Doch er mag nicht mit dir irren,
Zog weit in das Land hinaus;
Die Gedanken sich verwirren,
Wie du siehst den Morgen rot;
Wann die Lerchen wieder schwirren,
Armes Kind, ach, warst du tot!"
Das Lied ruhrte Friedrich selbst mit einer unbeschreiblichen Gewalt. Die Glucklichen hatten ihn nicht bemerkt, er horte das Madchen noch munter lachen, als sie schon beide wieder verschwunden waren.
Der Winter neckte bald darauf noch einmal durch seine spaten Zuge. Es war ein unfreundlicher Abend, der Wind jagte den Schnee durch die Gassen, da ging Friedrich, in seinen Mantel fest eingewickelt, zu Rosa. Sie hatte ihm, da sie uberhaupt jetzt mehr als sonst sich in Gesellschaften einliess, feierlich versprochen, ihn heut zu Hause zu erwarten. Er hatte eine Sammlung alter Bilder unter dem Mantel, die er erst unlangst aufgekauft, und an denen sie sich heut ergotzen wollten. Er freute sich unbeschreiblich darauf, ihr die Bedeutung und die alten Geschichten dazu zu erzahlen. Wie gross war aber sein Erstaunen, als er alles im Hause still fand. Er konnte es noch nicht glauben, er stieg hinauf. Ihr Wohnzimmer war auch leer und kein Mensch zur Auskunft da. Der Spiegel auf der Toilette stand noch aufgestellt, kunstliche Blumen, goldene Kamme und Kleider lagen auf den Stuhlen umher; sie musste das Zimmer unlangst verlassen haben. Er setzte sich an den Tisch und schlug einsam seine Bilder auf. Die treue Farbenpracht, die noch so frisch aus den alten Bildern schaute, als waren sie heute gemalt, ruhrte ihn; wie da die Genoveva arm und bloss im Walde stand, das Reh vor ihr niedersturzt und hinterdrein der Landgraf mit Rossen, Jagern und Hornern, wie da so bunte Blumen stehen, unzahlige Vogel in den Zweigen mit den glanzenden Flugeln schlagen, wie die Genoveva so schon ist und die Sonne prachtig scheint, alles grun und golden musizierend, und Himmel und Erde voller Freude und Entzuckung. "Mein Gott, mein Gott", sagte Friedrich, "warum ist alles auf der Welt so anders geworden!" Er fand ein Blatt auf dem Tische, worauf Rosa die Zeichnung einer Rose angefangen. Er schrieb, ohne selbst recht zu wissen, was er tat: "Lebe wohl" auf das Blatt. Darauf ging er fort.
Draussen auf der Strasse fiel ihm ein, dass heute Ball beim Minister sei. Nun ubersah er den ganzen Zusammenhang und ging sogleich hin, um sich naher zu uberzeugen. Dicht und unkenntlich in seinen Mantel gehullt, stellte er sich in die Tur unter die zusehenden Bedienten. Er musste lachen, wie der Marquis soeben im festlichen Staate einzog und mit einer vornehmen Geckenhaftigkeit ihn mit den andern Leuten auf die Seite schob. Er bemerkte wohl, wie die Bedienten heimlich lachten. Gott steh dem Adel bei, dachte er dabei, wenn dies noch seine einzige Unterscheidung und Halt sein soll in der gewaltsam drangenden Zeit, wo untergehen muss, was sich nicht ernstlich rafft!
Die Tanzmusik schallte lustig uber den Saal, wie ein wogendes Meer, wo unzahlige Sterne glanzend auf- und untergingen. Da sah er Rosa mit dem Prinzen walzen. Alle sahen hin und machten willig Platz, so schon war das Paar. Sie langte im Fluge ohnweit der Tur an und warf sich atemlos in ein Sofa. Ihre Wangen gluhten, ihr Busen, dessen Weisse die schwarz herabgeringelten Locken noch blendender machten, hob sich heftig auf und nieder; sie war uberaus reizend. Er konnte sehen, wie sie dem Prinzen, der lange mit Bitten in sie zu dringen schien, tandelnd etwas reichte, das er schnell zu sich steckte. Der Prinz sagte ihr darauf etwas ins Ohr, worauf sie so leichtfertig lachte, dass es Friedrich durch die Seele schnitt.
Hochst sonderbar, erst hier in diesem Taumel, in dieser Umgebung glaubte Friedrich auf einmal in des Prinzen Reden dieselbe Stimme wiederzuerkennen, die er auf dem Maskenballe, da er Rosa zum ersten Male wiedergesehen, bei ihrem Begleiter, und dann in dem dunklen Gasschen, als er von der kleinen Marie herauskam, bei dem einen von den zwei verhullten Mannern gehort hatte. Er erschrak innerlichst uber diese Entdeckung. Er dachte an das arme Burgermadchen, an Leontins Hass gegen den Prinzen, an die verlorne Marie, an alle die schonen auf immer vergangenen Zeiten, und sturzte sich wieder hinunter in das lustige Schneegestober.
Als er nach Hause kam, fand er Erwin auf dem Sofa eingeschlummert. Schreibzeug lag umher, er schien geschrieben zu haben. Er lag auf dem Rucken, in der rechten Hand, die auf dem Herzen ruhte, hielt er ein zusammengelegtes Papier lose zwischen den Fingern. Friedrich hielt es fur einen Brief, da es immer Erwins liebstes Geschaft war, ihn mit den neuangekommenen Briefen bei seiner Nachhausekunft selbst zu uberraschen. Er zog es dem Knaben leise aus der Hand und machte es, ohne es naher zu betrachten, schnell auf.
Er las: "Die Wolken ziehn immerfort, die Nacht ist so finster. Wo fuhrst du mich hin, wunderbarer Schiffer? Die Wolken und das Meer haben kein Ende, die Welt ist so gross und still, es ist entsetzlich, allein zu sein." Weiter unten stand: "Liebe Julie, denkst du noch daran, wie wir im Garten unter den hohen Blumen sassen und spielten und sangen, die Sonne schien warm, du warst so gut. Seitdem hat niemand mehr Mitleid mit mir." Wieder weiter: "Ich kann nicht langer schweigen, der Neid druckt mir das Herz ab." Friedrich bemerkte erst jetzt, dass das Papier nur wie ein Brief zusammengelegt und ohne alle Aufschrift war. Voll Erstaunen legte er es wieder neben Erwin hin und sah den lieblich atmenden Knaben nachdenklich an.
Da wachte Erwin auf, verwunderte sich, Friedrich und den Brief neben sich zu sehen, steckte das Papier hastig zu sich und sprang auf. Friedrich fasste seine beiden Hande und zog ihn vor sich hin. "Was fehlt dir?" fragte er ihn unwiderstehlich gutmutig. Erwin sah ihn mit den grossen, schonen Augen lange an, ohne zu antworten, dann sagte er auf einmal schnell, und eine lebhafte Frohlichkeit flog dabei uber sein seelenvolles Gesicht: "Reisen wir aus der Stadt und weit fort von den Menschen, ich fuhr dich in den grossen Wald." Von einem grossen Walde darauf und einem kuhlen Strome und einem Turme daruber, wo ein Verstorbener wohne, sprach er wunderbar wie aus dunklen, verworrenen Erinnerungen, oft alte Aussichten aus Friedrichs eigener Kindheit plotzlich aufdekkend. Friedrich kusste den begeisterten Knaben auf die Stirn. Da fiel er ihm um den Hals und kusste ihn heftig, mit beiden Armen ihn fest umklammernd. Voll Erstaunen machte sich Friedrich nur mit Muhe aus seinen Armen los, es war etwas ungewohnlich Verandertes in seinem Gesichte, eine seltsame Lust in seinen Kussen, seine Lippen brannten, das Herz schlug fast horbar, er hatte ihn noch niemals so gesehen.
Der Bediente trat eben ein, um Friedrich auszukleiden. Erwin war verschwunden. Friedrich horte, wie er darauf in seiner Stube sang:
"Es weiss und rat es doch keiner,
Wie mir so wohl ist, so wohl!
Ach, wusst es nur einer, nur einer,
Kein Mensch sonst es wissen sollt!
So still ist's nicht draussen im Schnee,
So stumm und verschwiegen sind
Die Sterne nicht in der Hohe,
Als meine Gedanken sind.
Ich wunscht, es ware schon Morgen,
Da fliegen zwei Lerchen auf,
Die uberfliegen einander,
Mein Herze folgt ihrem Lauf:
Ich wunscht, ich ware ein Voglein
Und zoge uber das Meer,
Wohl uber das Meer und weiter,
Bis dass ich im Himmel war!"
Funfzehntes Kapitel
Schwul und erwartungsvoll schauen wir in den dunkelblauen Himmel, schwere Gewitter steigen ringsum herauf, die uber manche liebe Gegend und Freunde ergehen sollen, der Strom schiesst dunkelglatt und schneller vorbei, als wollte er seinem Geschick entfliehen, die ganze Gegend verwandelt plotzlich seltsam ihre Miene. Keine Glockenklange wehen mehr fromm uber die Felder, die Wolken zu zerteilen, der Glaube ist tot, die Welt liegt stumm, und viel Teures wird untergehen, eh die Brust wieder frei aufatmet.
Friedrich fuhlte diesen gewitternden Druck der Luft und waffnete sich nur desto frommer mit jenem Ernst und Mute, den ein grosser Zweck der Seele gibt. Er warf sich mit doppeltem Eifer wieder auf seine Studien, sein ganzes Sinnen und Trachten war endlich auf sein Vaterland gerichtet. Dies mochte ihn abhalten, Erwin damals genauer zu beobachten, der seit jenem Abend stiller als je geworden und sich an einem wunderbaren Triebe nach freier Luft und Freiheit langsam zu verzehren schien. Rosa mochte er seitdem nicht wieder besuchen. Romana hatte sich seit einiger Zeit seltsam von allen grosseren Gesellschaften entfernt. Wir aber sturzen uns lieber in die Wirbel der Geschichte, denn es wird der Seele wohler und weiter im Sturm und Blitzen, als in dieser feindlich lauernden Stille.
Es war ein Feiertag im Marz, da ritt Friedrich mit dem Prinzen auf einem der besuchtesten Spaziergange. Nach allen Richtungen hin zogen unzahlige bunte Schwarme zu den dunklen Toren aus und zerstreuten sich lustig in die neue, warme, schallende Welt. Schaukeln und Ringelspiele drehten sich auf den offenen Rasenplatzen, Musiken klangen von allen Seiten ineinander, eine unubersehbare Reihe prachtiger Wagen bewegte sich schimmernd die Allee hinunter. Romana teilte die Menge rasch zu Pferde wie eine Amazone. Friedrich hatte sie nie so schon und wild gesehen. Rosa war nirgends zu sehen. Als sie an das Ende der Allee kamen, horten sie plotzlich einen Schrei. Sie sahen sich um und erblickten mehrere Menschen, die bemuht schienen, jemand Hulfe zu leisten. Der Prinz ritt sogleich hinzu; alles machte ehrerbietig Platz und er erblickte sein Burgermadchen, die ohnmachtig in den Armen ihrer Mutter lag. Wie versteinert schaute er in das totenbleiche Gesicht des Madchens. Er bat Friedrich, fur sie Sorge zu tragen, wandte sein Pferd und sprengte davon. Er hatte sie zum letzten Male gesehen.
Die Mutter, welche sich selbst von Staunen und Schreck nicht erholen konnte, erzahlte Friedrich, nachdem er alle unnotigen Gaffer zu entfernen gewusst, wie sie heut mit ihrer Tochter hierher spazierengegangen, um einmal den Hof zu sehen, der, wie sie gehort, an diesem Tage gewohnlich hier zu erscheinen pflege. Ihr Kind sei besonders frohlich gewesen und habe noch oft gesagt: "Wenn er doch mit uns ware, so konnte er uns alle die Herrschaften nennen!" Auf einmal horten sie hinter sich: "Der Prinz! der Prinz!" Alles blieb stehen und zog den Hut. Sowie ihre Tochter den Prinzen nur erblickte, sei sie sogleich umgefallen. Friedrich ruhrte die stille Schonheit des Madchens mit ihren geschlossenen Augen tief. Er liess sie sicher nach Hause bringen; er selbst wollte sie nicht begleiten, um alles Aufsehn zu vermeiden.
Noch denselben Abend spat sprach er mit dem Prinzen uber diese Begebenheit. Dieser war sehr bewegt. Er hatte das Madchen des Abends besucht. Sie aber wollte ihn durchaus nicht wiedersehen und hatte ebenso hartnackig ein furstliches Geschenk, das er ihr anbot, ausgeschlagen. Ubrigens schiene sie, wie er horte, ganz gesund.
Erwin fing um diese Zeit an zu krankeln, es war, als erdruckte ihn die Stadtluft. Seine seltsame Gewohnheit, die Nachte im Freien zuzubringen, hatte er hier ablegen mussen. Es schien seit fruhester Kindheit eine wunderbare Freundschaft zwischen ihm und der Natur mit ihren Waldern, Stromen und Felsen. Jetzt, da dieser Bund durch das beengte Leben zerstort war, schien er, wie ein erwachter Nachtwandler, auf einmal allein in der Welt.
So versank er mitten in der Stadt immer tiefer in Einsamkeit. Nur um Rosa bekummerte er sich viel und mit einer auffallenden Leidenschaftlichkeit. Ubrigens erlernte er noch immer nichts, obschon es nicht am guten Willen fehlte. Ebenso las er auch sehr wenig und ungern, desto mehr, ja fast unaufhorlich, schrieb er, seit er es beim Grafen gelernt, sooft er allein gewesen. Friedrich fand manchmal dergleichen Zettel. Es waren einzelne Gedanken, so seltsam weit abschweifend von der Sinnes- und Ausdrucksart unsrer Zeit, dass sie oft unverstandlich wurden, abgebrochene Bemerkungen uber seine Umgebungen und das Leben, wie fahrende Blitze auf durchaus nachtlichem, melancholischem Grunde, wunderschone Bilder aus der Erinnerung an eine fruher verlebte Zeit und Anreden an Personen, die Friedrich gar nicht kannte, dazwischen Gebete wie aus der tiefsten Seelenverwirrung eines geangstigten Verbrechers, immerwahrende Beziehung auf eine unselige verdeckte Leidenschaft, die sich selber nie deutlich schien, kein einziger Vers, keine Ruhe, keine Klarheit uberall.
Friedrich versuchte unermudlich seine fruhere Lebensgeschichte auszuspuren, um nach so erkannter Wurzel des Ubels vielleicht das aufruhrerische Gemut des Knaben sicherer zu beruhigen und ins Gleichgewicht zu bringen. Aber vergebens. Wir wissen, mit welcher Furcht er das Geheimnis seiner Kindheit hutete. "Ich muss sterben, wenn es jemand erfahrt", war dann jedesmal seine Antwort. Eine ebenso unbegreifliche Angst hatte er auch vor allen Arzten.
Sein Zustand wurde indes immer bedenklicher. Friedrich hatte daher alles einem verstandigen Arzte von seiner Bekanntschaft anvertraut und bat denselben, ihn, ohne Seine Absicht merken zu lassen, des Abends zu besuchen, wann Erwin bei ihm ware.
Als Friedrich des Abends an Erwins Tur kam, horte er ihn drin nach einer ruhrenden Melodie ohne alle Begleitung eines Instruments folgende Worte singen:
"Ich kann wohl manchmal singen,
Als ob ich frohlich sei,
Doch heimlich Tranen dringen,
Da wird das Herz mir frei.
So lassen Nachtigallen,
Spielt draussen Fruhlingsluft,
Der Sehnsucht Lied erschallen
Aus ihres Kafigts Gruft.
Da lauschen alle Herzen,
Und alles ist erfreut,
Doch keiner fuhlt die Schmerzen,
Im Lied das tiefe Leid."
Friedrich trat wahrend der letzten Strophe unbemerkt in die Stube. Der Knabe ruhte auf dem Bette, und sang so liegend mit geschlossenen Augen.
Er richtete sich schnell auf, als er Friedrich erblickte. "Ich bin nicht krank", sagte er, "gewiss nicht!" damit sprang er auf. Er war sehr blass. Er zwang sich, munter zu scheinen, lachte und sprach mehr und lustiger, als gewohnlich. Dann klagte er uber Kopfweh. Friedrich strich ihm die nussbraunen Locken aus den Augen. "Tu nicht schon mit mir, ich bitte dich!" sagte der Knabe da, sonderbar und wie mit verhaltenen Tranen.
Der Arzt trat eben in das Zimmer. Erwin sprang auf. Er erriet ahnend sogleich, was der fremde Mann wolle, und machte Miene zu entspringen. Er wollte sich durchaus nicht von ihm beruhren lassen und zitterte am ganzen Leibe. Der Arzt schuttelte den Kopf. "Hier wird meine Kunst nicht ausreichen", sagte er zu Friedrich, und verliess das Zimmer bald wieder, um den Knaben in diesem Augenblicke zu schonen. Da sank Erwin ermattet zu Friedrichs Fussen. Friedrich hob ihn freundlich auf seine Knie und kusste ihn. Er aber kusste und umarmte ihn nicht wieder, wie damals, sondern sass still und sah, in Gedanken verloren, vor sich hin.
Schon spannen warmere Sommernachte draussen ihre Zaubereien uber Berge und Taler, da war es Friedrich einmal mitten in der Nacht, als riefe ihn ein Freund, auf den er sich nicht besinnen konnte, wie aus weiter Ferne. Er wachte auf, da stand eine lange Gestalt mitten in dem finstern Zimmer. Er erkannte Leontin an der Stimme. "Frisch auf, Herzensbruder!" sagte dieser, "die eine Halbkugel ruhrt sich hellbeleuchtet, die andere traumt; mir war nicht wohl, ich will den Rhein einmal wiedersehen, komm mit!" Er hatte die Fenster aufgemacht, einzelne graue Streifen langten schon uber den Himmel, unten auf der Gasse blies der Postillion lustig auf dem Horne.
Da galt kein Staunen und kein Zogern, Friedrich musste mit ihm hinunter in den Wagen. Auch Erwin war mit unbegreiflicher Schnelligkeit reisefertig. Friedrich erstaunte, ihn auf einmal ganz munter und gesund zu sehen. Mit funkelnden Augen sprang er mit in den Wagen, und so rasselten sie durch das stille Tor ins Freie hinaus.
Sie fuhren schnell durch unubersehbare stille Felder, durch einen dunkeldichten Wald, spater zwischen engen, hohen Bergen, an deren Fuss manch Stadtlein zu liegen schien, ein Fluss, den sie nicht sahen, rauschte immerfort seitwarts unter der Strasse, alles feenhaft verworren. Leontin erzahlte ein Marchen mit den wechselnden Wundern der Nacht, wie sie sich die Seele ausmalte, in Worten kuhl spielend. Friedrich schaute still in die Nacht, Erwin ihm gegenuber hatte die Augen weit offen, die unausgesetzt, solange es dunkel war, auf ihn geheftet schienen, der Postillion blies oft dazwischen. Der Tag fing indes an von der einen Seite zu hellen, sie erkannten nach und nach ihre Gesichter wieder, einzelne zu fruh erwachte Lerchen schwirrten schon, wie halb im Schlafe, hoch in den Luften ihr endloses Lied, es wurde herrlich kuhl.
Bald darauf langten sie an dem Gebirgsstadtchen an, wohin sie wollten. Das Tor war noch geschlossen. Der Torwachter trat schlaftrunken heraus, wunschte ihnen einen guten Morgen und pries die Reisenden gluckselig und beneidenswert in dieser Jahreszeit. In dem Stadtchen war noch alles leer und still. Nur einzelne Nachtigallen vor den Fenstern und unzahlige von den Bergen uber dem Stadtchen schlugen um die Wette. Mehrere alte Brunnen mit zierlichem Gitterwerk rauschten einformig auf den Gassen. In dem Wirtshause, wo sie abstiegen, war auch noch niemand auf. Der Postillion blies daher, um sie zu wecken, mehrere Stucke, dass es uber die stillen Strassen weg in die Berge hineinschallte. Erwin sass indes auf einem Springbrunnen auf dem Platze und wusch sich die Augen klar.
Friedrich und Leontin liessen Erwin bei dem Wagen zuruck und gingen von der andern Seite ins Gebirge. Als sie aus dem Walde auf einen hervorragenden Felsen heraustraten, sahen sie auf einmal aus wunderreicher Ferne, von alten Burgen und ewigen Waldern kommend, den Strom vergangener Zeiten und unverganglicher Begeisterung, den koniglichen Rhein. Leontin sah lange still in Gedanken in die grune Kuhle hinunter, dann fing er sich schnell an auszukleiden. Einige Fischer fuhren auf dem Rheine voruber und sangen ihr Morgenlied, die Sonne ging eben prachtig auf, da sprang er mit ausgebreiteten Armen in die kuhlen Fluten hinab. Friedrich folgte seinem Beispiele, und beide rustige Schwimmer rangen sich lange jubelnd mit den vom Morgenglanze trunkenen, eisigen Wogen. Unbeschreiblich leicht und heiter kehrten sie nach dem Morgenbade wieder in das Stadtchen zuruck, wo unterdes alles schon munter geworden. Es war die Weihe der Kraft fur lange Kampfe, die ihrer harrten.
Als die Sonne schon hoch war, bestiegen sie die alte, wohlerhaltene Burg, die wie eine Ehrenkrone uber der altdeutschen Gegend stand. Des Wirtes Tochter ging ihnen mit einigen Flaschen Wein lustig die dunklen, mit Efeu uberwachsenen Mauerpfade voran, ihr junges, bluhendes Gesicht nahm sich gar zierlich zwischen dem alten Gemauer und Bilderwerk aus. Sie legte vor der Sonne die Hand uber die Augen und nannte ihnen die zerstreuten Stadte und Flusse in der unermesslichen Aussicht, die sich unten auftat. Leontin schenkte Wein ein, sie tat ihnen Bescheid und gab jedem willig zum Abschiede einen Kuss.
Sie stieg nun wieder den Berg hinab, die beiden schauten frohlich in das Land hinaus. Da sahen sie, wie jenseits des Rheins zwei Jagerburschen aus dem Walde kamen und einen Kahn bestiegen, der am Ufer lag. Sie kamen quer uber den Rhein auf das Stadtchen zugefahren. Der eine sass tiefsinnig im Kahne, der andere tat mehrere Schusse, die vielfach in den Bergen widerhallten. Erwin hatte sich in ein ausgebrochenes Bogenfenster der Burg gesetzt, das unmittelbar uber dem Abgrunde stand. Ohne allen Schwindel sass er dort oben, seine ganze Seele schien aus den sinnigen Augen in die wunderbare Aussicht hinauszusehen. Er sagte voller Freuden, er erblicke ganz im Hintergrunde einen Berg und einen hervorragenden Wald, den er gar wohl kenne. Leontin liess sich die Gegend zeigen und schien sie ebenfalls zu erkennen. Er sah darauf den Knaben ernsthaft und verwundert an, der es nicht bemerkte.
Erwin blieb in dem Fensterbogen sitzen, sie aber durchzogen das Schloss und den Berg in die Runde. Junge, grune Zweige und wildbunte Blumen beugten sich uberall uber die dunklen Trummer der Burg, der Wald rauschte kuhl, Quellen sprangen in hellen, frischlichen Bogen von den Steinen, unzahlige Vogel sangen, von allen Seiten die unermessliche Aussicht, die Sonne schien warm uber der Flache, in tausend Stromen sich spiegelnd; es war, als sei die Natur hier rustiger und lebendiger vor Erinnerung im Angesichte des Rheins und der alten Zeit. "Wo ein Begeisterter steht, ist der Gipfel der Welt", rief Leontin frohlich aus.
"Willkommen, Freund, Bruder!" sagte da auf einmal eine Stimme mit Pathos, und ein fremder junger Mann, den sie vorher nicht bemerkt hatten, fasste Leontin fest bei der Hand. "Ach, was Bruder!" fuhr Leontin heraus, argerlich uber die unerwartete Storung. Der Fremde liess sich nicht abschrecken, sondern sagte: "Jene Worte logen nicht, Sie sind ein Verehrer der Natur, ich bin auch stolz auf diesen Namen." "Wahrhaftig, mein Herr", erwiderte Leontin geschwind, sich komisch erwehrend, "Sie irren sich entsetzlich, ich bin weder biederherzig, wie Sie sich vorstellen, noch begeistert, noch ein Verehrer der Natur, noch " Der Fremde fuhr ganz blind erpicht fort: "Lassen Sie die Gewohnlichen sich ewig suchen und verfehlen, die Seltenen wirft ein magnetischer Zug einander an die mannliche Brust, und der ewige Bund ist ohne Wort geschlossen in des Eichenwaldes heiligen Schatten, wenn die Orgel des Weltbaues gewaltig dahinbraust." Bei diesen Worten fiel ihm ein Buch aus der Tasche. "Sie verlieren Ihre Noten", sagte Leontin, Schillers Don Carlos erkennend. "Warum Noten?" fragte der Fremde. "Darum", sagte Leontin, "weil Euch die ganze Natur nur der Text dazu ist, den Ihr nach den Dingern da aborgelt, und je schwieriger und wurgender die Koloraturen sind, dass Ihr davon ganz rot und blau im Gesichte werdet und die Tranen samt den Augen heraustreten, je begeisterter und geruhrter seid Ihr. Macht doch die Augen fest zu in der Musik und im Sausen des Waldes, dass Ihr die ganze Welt vergesst und Euch vor allem!"
Der Fremde wusste nicht recht, was er darauf antworten sollte. Leontin fand ihn zuletzt gar possierlich; sie gingen und sprachen noch viel zusammen und es fand sich am Ende, dass er ein abgedankter Liebhaber der Schmachtenden in der Residenz sei, den er fruher manchmal bei ihr gesehen. Der Einklang der Seelen hatte sie zusammen , und ich weiss nicht was, wieder auseinandergefuhrt. Er ruhmte viel, wie dieses seelenvolle Weib mit Geschmack, treu und tugendhaft liebe. "Treu? sie ist ja verheiratet", sagte Friedrich unschuldig. "Ei, was!" fiel ihm Leontin ins Wort, "diese Alwinas, diese neuen Heloisen, diese Erbschleicherinnen der Tugend sind pfiffiger als Gottes Wort. Nicht wahr, der Teufel stinkt nicht und hat keine Horner, und Ehebrechen und Ehebrechen ist zweierlei?" Der Fremde war verlegen wie ein Schulknabe.
Es neigte sich indes zum Abend, aber die Luft war schwul geworden und man horte von fern donnern. Das letztere war dem Fremden eben recht; der Donner, den er nicht anders als rollend nannte, schien ihn mit einem neuen Anfalle von Genialitat aufzublahen. Er versicherte, er musse im Gewitter einsam und im Freien sein, das ware von jeher so seine Art, und nahm Abschied von ihnen. Leontin klopfte ihn beim Weggehn tuchtig auf die Achsel: "Beten und fasten Sie fleissig und dann schauen Sie wieder in Gottes Welt hinaus, wie da der Herr genialisch ist. Es ist doch nichts lacherlicher", sagte er, da jener fort war, "als eine aus der Mode gekommene Genialitat. Man weiss dann gar nicht, was die Kerls eigentlich haben wollen."
Es gewitterte indes immer starker und naher. Leontin bestieg schnell eine hohe Tanne, die am Abhange stand, um das Wetter zu beschauen. Der Wind, der dem Gewitter vorausflog, rauschte durch die dunklen Aste des Baumes und neigte den Wipfel uber den Abgrund hinaus. "Ich sehe in das Stadtchen, in alle Strassen hinab", rief Leontin von oben, "wie die Leute eilig hin und her laufen, und die Fenster und Turen schliessen, und mit den Laden klappern vor dem heranziehenden Wetter! Es achtet ihrer doch nicht und zieht uber sie weg. Unsern Don Carlos sehe ich auf einer Felsenspitze, den Batterien des Gewitters gegenuber, er steht, die Arme uber der Brust verschrankt, den Hut tief in die Augen gedruckt, den einen Fuss trotzig vorwarts, pfui, pfui, uber den Hochmut! Den Rhein seh ich kommen, zu dem alle Flusse des Landes fluchten, langsam und dunkelgrun, Schiffe rudern eilig ans Ufer, eines seh ich mit Gott geradaus fahren; fahre, herrlicher Strom! Wie Gottes Flugel rauschen, und die Walder sich neigen, und die Welt still wird, wenn der Herr mit ihr spricht. Wo ist dein Witz, deine Pracht, deine Genialitat? Warum wird unten auf den Flachen alles eins und unkenntlich wie ein Meer, und nur die Burgen stehen einzeln und unterschieden zwischen den wehenden Glockenklangen und schweifenden Blitzen. Du konntest mich wahnwitzig machen unten, erschreckliches Bild meiner Zeit, wo das zertrummerte Alte in einsamer Hohe steht, wo nur das einzelne gilt und sich, schroff und scharf im Sonnenlichte abgezeichnet, hervorhebt, wahrend das Ganze in farblosen Massen gestaltlos liegt, wie ein ungeheurer, grauer Vorhang, an dem unsere Gedanken, gleich Riesenschatten aus einer andern Welt, sich abarbeiten." Der Wind verwehte seine Worte in die grenzenlose Luft. Es regnete schon lange. Der Regen und der Sturm wurden endlich so heftig, dass er sich nicht mehr auf dem Baume erhalten konnte. Er stieg herab, und sie kehrten zu der Burg zuruck.
Als das Wetter sich nach einiger Zeit wieder verzogen hatte, brachen sie aus ihrem Schlupfwinkel auf, um sich in das Stadtchen hinunterzubegeben. Da trafen sie an dem Ausgange der Burg mit den zwei Jagern zusammen, die sie fruhmorgens uber den Rhein fahren gesehen, und die ebenfalls das Gewitter in der Burg belagert gehalten hatte. Es war schon dunkel geworden, so dass sie einander nicht wohl erkennen konnten. Die Baume hingen voll heller Tropfen, der enge Fusssteig war durch den Regen ausserst glatt geworden. Die beiden Jager gingen sehr vorsichtig und furchtsam, hielten sich an alle Straucher und glitten mehrere Male bald Friedrich, bald Leontin in die Arme, woruber sie vom letztern, der ihnen durchaus nicht helfen wollte, viel Gelachter ausstehn mussten. Erwin sprang mit einer ihm sonst nie gewohnlichen Wildheit allen weit voraus, wie ein Gems den Berg hinab.
Allen wurde wohl, als sie nach der langen Einsamkeit in das Stadtchen hinunterkamen, wo es recht patriarchalisch aussah. Auf den Gassen ging jung und alt, sprechend und lachend, nach dem Regen spazieren, die Madchen des Stadtchens sassen draussen vor ihren Turen unter den Weinlauben. Der Abend war herrlich, alles erquickt nach dem Gewitter, das nur noch von fern nachhallte, Nachtigallen schlugen wieder von den Bergen, vor ihren Augen rauschte der Rhein an dem Stadtchen voruber. Leontin zog mit seiner Gitarre, wie ein reisender Spielmann aus alter Zeit, von Haus zu Haus und erzahlte den Madchen Marchen, oder sang ihnen neue Melodien auf ihre alten Lieder, wobei sie still mit ihren sinnigen Augen um ihn herumsassen. Friedrich sass neben ihm auf der Bank, den Kopf in beide Arme auf die Knie gestutzt, und erholte sich recht an den altfrankischen Klangen.
Die zwei Jager hatten sich nicht weit von ihnen um einen Tisch gelagert, der auf dem grunen Platze zwischen den Hausern und dem Rheine aufgeschlagen war, und schakerten mit den Madchen, denen sie gar wohl zu gefallen schienen. Die Madchen verfertigten schnell einen frohlichen, ubervollen Kranz von hellroten Rosen, den sie dem einen, welcher der lustigste schien, auf die Stirn druckten. Leontin, der wenig darauf achtgab, begann folgendes Lied uber ein am Rheine bekanntes Marchen:
"Es ist schon spat, es wird schon kalt,
Was reitst du einsam durch den Wald?
Der Wald ist lang, du bist allein,
Du schone Braut! ich fuhr dich heim!"
Da antwortete der Bekranzte druben vom andern Tische mit der folgenden Strophe des Liedes:
"Gross ist der Manner Trug und List,
Vor Schmerz mein Herz gebrochen ist,
Wohl irrt das Waldhorn her und hin,
O flieh! du weisst nicht, wer ich bin."
Leontin stutzte und sang weiter:
"So reich geschmuckt ist Ross und Weib,
So wunderschon der junge Leib,
Jetzt kenn ich dich Gott steh mir bei!
Du bist die Hexe Lorelei."
Der Jager antwortete wieder:
"Du kennst mich wohl von hohem Stein,
Schaut still mein Schloss tief in den Rhein.
Es ist schon spat, es wird schon kalt,
Kommst nimmermehr aus diesem Wald!"
Der Jager nahm nun ein Glas, kam auf sie los und trank Friedrich keck zu: "Unsere Schonen sollen leben!" Friedrich stiess mit an. Da zersprang der Romer des Jagers klingend an dem seinigen. Der Jager erblasste und schleuderte das Glas in den Rhein.
Es war unterdes schon spat geworden, die Madchen fingen an einzunicken, die Alten trieben ihre Kinder zu Bett, und so verlor sich nach und nach eines nach dem andern, bis sich unsere Reisenden allein auf dem Platze sahen. Die Nacht war sehr warm, Leontin schlug daher vor, die ganze Nacht uber auf dem Rheine nach der Residenz hinunterzufahren, er sei ein guter Steuermann und kenne jede Klippe auswendig. Alle willigten sogleich ein, der eine Jager nur mit Zaudern, und so bestiegen sie einen Kahn, der am Ufer angebunden war. Den Knaben Erwin, der wahrend Leontins Liedern zu Friedrichs Fussen eingeschlafen, hatten sie, da er durchaus nicht zu ermuntern war, in den Kahn hineintragen mussen, wo er auch nach einem kurzen, halbwachen Taumel sogleich wieder in Schlaf versank. Friedrich sass vorn, die beiden Jager in der Mitte, Leontin am Steuerruder lenkte keck gerade auf die Mitte los, die Gewalt des Stromes fasste recht das Schiffchen, zu beiden Seiten flogen Weingarten, einsame Schlunde und Felsenriesen mit ausgebreiteten Eichenarmen, wechselnd voruber, als gingen die alten Helden unsichtbar durch den Himmel und wurfen so ihre streifenden Schatten uber die stille Erde.
Der Himmel hatte sich indes von neuem uberzogen, die Gewitter schienen wieder naher zu kommen. Der eine von den Jagern, der uberhaupt fast noch gar nicht gesprochen, blieb fortwahrend still. Der andere mit dem Rosenkranze dagegen sass schaukelnd und gefahrlich auf dem Rande des Kahnes und hatte beide Beine, die bei jeder Schwankung die Wellen beruhrten, daruber heruntergehangen. Er sah in das Wasser hinab, wie die fluchtigen Wirbel kuhl aufrauschend, dann wieder still, wunderbar hinunterlockten. Leontin hiess ihn die Beine einstecken. "Was schadet's", sagte der Jager innerlich heftig, "ich tauge doch nichts auf der Welt, ich bin schlecht, war ich da unten, ware auf einmal alles still." "Oho!" rief Leontin, "Ihr seid verliebt, das Sind verliebte Spruche. Sag an, wie sieht dein Liebchen aus? Ist's schlank, stolz, kuhn, voll hohen Graus', ist's Hirsch, Pfau oder eine kleine susse Maus?" Der Jager sagte: "Mein Schatz ist ein Hirsch, der wandelt in einer prachtigen Wildnis, die liegt so unbeschreiblich hoch und einsam, und die ganze Welt ubersieht man von dort, wie sich die Sonne ringsum in Seen und Flussen und allen Kreaturen wunderbar bespiegelt. Es ist des Jagers dunkelwuste Lust, das Schonste, was ihn ruhrt, zu verderben. So nahm er Abschied von seinem alten Leben und folgte dem Hirsche immer hoher muhsam hinauf. Als die Sonne aufging, legte er oben in der klaren Stille lauernd an. Da wandte sich der Hirsch plotzlich und sah ihn keck und fromm an, wie den Herzog Hubertus. Da verliessen den Jager auf einmal seine Kunste und seine ganze Welt, aber er konnte nicht niederknieen, wie jener, denn ihm schwindelte vor dem Blick und der Hohe, und es fasste ihn ein seltsames Gelust, die dunkle Mundung auf seine eigene, ausgestorbene Brust zu kehren."
Die beiden Grafen uberhorten bei dem Winde, der sich nach und nach zu erheben anfing, diese sonderbaren Worte des Verliebten. Fahrende Blitze erhellten inzwischen von Zeit zu Zeit die Gegend, und ihr Schein fiel auf die Gesichter der beiden Jager. Sie waren gar lieblich anzusehen, schienen beide noch Knaben. Der eine hatte ein silbernes Horn an der Seite hangen. Leontin sagte, er solle eins blasen; er versicherte aber, dass er es nicht konne. Leontin lachte ihn aus, was sie fur Jager waren, nahm das Horn und blies sehr geschickt ein altes, schones Lied. Der eine gesprachige Jager sagte, es fiele ihm dabei eben ein Lied ein, und sang zu den beiden Grafen mit einer angenehmen Stimme:
"Wir sind so tief betrubt, wenn wir auch scherzen,
Die armen Menschen muhn sich ab und reisen,
Die Welt zieht ernst und streng in ihren Gleisen,
Ein feuchter Wind verloscht die lust'gen Kerzen.
Du hast so schone Worte tief im Herzen,
Du weisst so wunderbare alte Weisen,
Und wie die Stern am Firmamente kreisen,
Ziehn durch die Brust dir ewig Lust und
Schmerzen.
So lass dein Stimme hell im Wald erscheinen!
Das Waldhorn fromm wird auf und nieder wehen,
Die Wasser gehn, und Rehe einsam weiden.
Wir wollen stille sitzen und nicht weinen,
Wir wollen in den Rhein hinuntersehen,
Und, wird es finster auf der Welt, nicht scheiden."
Kaum hatte er die letzten Worte ausgesungen, als Erwin, der durch den Gesang aufgewacht war und bei einem langen Blitze das Gesicht des andern stillen Jagers plotzlich dicht vor sich erblickte, mit einem lauten Schrei aufsprang und sich in demselben Augenblicke uber den Kahn in den Rhein sturzte. Die beiden Jager schrieen entsetzlich, der Knabe aber schwamm wie ein Fisch durch den Strom und war schnell hinter dem Gestrauch am Ufer verschwunden.
Leontin lenkte sogleich ihm nach ans Ufer und alle eilten verwundert und besturzt ans Land. Sie fanden sein Tuch zerrissen an den Strauchern hangen; es war fast unbegreiflich, wie er durch dieses Dickicht sich hindurchgearbeitet.
Friedrich und Leontin begaben sich in verschiedenen Richtungen ins Gebirge, sie durchkletterten alle Felsen und Schluchten und riefen nach allen Seiten hin. Aber alles blieb nachtlich still, nur der Wald rauschte einformig fort. Nach langem Suchen kamen sie endlich mude beide wieder auf der Hohe uber ihrem Landungsplatze zusammen. Der Kahn stand noch am Ufer, die beiden Jager aber unten waren verschwunden. Der Rhein rauschte prachtig funkelnd in der Morgensonne zwischen den Bergen hin. Erwin kehrte nicht mehr zuruck.
Sechszehntes Kapitel
Die heftige Romana liebte Friedrich vom ersten Blikke an mit der ihr eigentumlichen Gewalt. Seitdem er aber in jener Nacht auf dem Schlosse von ihr fortgeritten, als sie bemerkte, wie ihre Schonheit, ihre vielseitigen Talente, die ganze Phantasterei ihres kunstlich gesteigerten Lebens alle Bedeutung verlor und zuschanden wurde an seiner hohern Ruhe, da fuhlte sie zum ersten Male die entsetzliche Lucke in ihrem Leben, und dass alle Talente Tugenden werden mussen oder nichts sind, und Schauderte vor der Lugenhaftigkeit ihres ganzen Wesens. Friedrichs Verachtung war ihr durchaus unertraglich, obgleich sie sonst die Manner verachtete. Da raffte sie sich innerlichst zusammen, zerriss alle ihre alten Verbindungen und begab sich in die Einsamkeit ihres Schlosses. Daher ihr plotzliches Verschwinden aus der Residenz.
Sie mochte sich nicht stuckweise bessern, ein ganz neues Leben der Wahrheit wollte sie anfangen. Vor allem bestrebte sie sich mit ehrlichem Eifer, den schonen, verwilderten Knaben, den wir dort kennengelernt, zu Gott zuruckzufuhren, und er ubertraf mit seiner Kraft eines unabgenutzten Gemutes gar bald seine Lehrerin. Sie knupfte Bekanntschaften an mit einigen hauslichen Frauen der Nachbarschaft, die sie sonst unsaglich verachtet, und musste beschamt vor mancher Trefflichkeit stehen, von der sie sich ehedem nichts traumen liess. Die Fenster und Turen ihres Schlosses, die sonst Tag und Nacht offenstanden, wurden nun geschlossen, sie wirkte still und fleissig nach allen Seiten und fuhrte eine strenge Hauszucht. Friedrich sollte ihretwegen von alledem nichts wissen, das war ihr, wie sie meinte, einerlei.
Es war ihr redlicher Ernst, anders zu werden, und noch nie hatte sich ihre Seele so rein triumphierend und frei gefuhlt, als in dieser Zeit. Aber es war auch nur ein Rausch, obgleich der schonste in ihrem Leben. Es gibt nichts Erbarmungswurdigeres, als ein reiches, verwildertes Gemut, das in verzweifelter Erinnerung an seine ursprungliche, alte Gute, sich luderlich an dem Besten und Schlechtesten berauscht, um nur jenes Andenken loszuwerden, bis es, so ausgehohlt, zugrunde geht. Wenn uns der Wandel tugendhafter Frauen wie die Sonne erscheint, die in gleich verbreiteter Klarheit, still und erwarmend, taglich die vorgeschriebenen Kreise beschreibt, so mochten wir dagegen Romanas rasches Leben einer Rakete vergleichen, die sich mit schimmerndem Geprassel zum Himmel aufreisst und oben unter dem Beifallsklatschen der staunenden Menge in tausend funkelnde Sterne ohne Licht und Warme prachtig zerplatzt.
Sie hatte die Einfalt, diese Grundkraft aller Tugend, leichtsinnig verspielt; sie kannte gleichsam alle Schliche und Kniffe der Besserung. Sie mochte sich stellen, wie sie wollte, sie konnte, gleich einem Somnambulisten, ihre ganze Bekehrungsgeschichte wie ein wohlgeschriebenes Gedicht, Vers vor Vers, inwendig vorauslesen, und der Teufel sass gegenuber und lachte ihr dabei immerfort ins Gesicht. In solcher Seelenangst dichtete sie oft die herrlichsten Sachen, aber mitten im Schreiben fiel es ihr ein, wie doch alles eigentlich nicht wahr sei wenn sie betete, kreuzten ihr haufig unkeusche Gedanken durch den Sinn, dass sie erschrocken aufsprang.
Ein alter, frommer Geistlicher vom Dorfe besuchte die schone Busserin fleissig. Sie erstaunte, wie der Mann so eigentlich ohne alle Bildung und doch so hochgebildet war. Er sprach ihr oft stundenlang von den tiefsinnigsten Wahrheiten seiner Religion, und war dabei immer so herzlich heiter, ja, oft voll lustiger Schwanke, wahrend sie dabei jedesmal in eine peinliche, gedankenvolle Traurigkeit versank. Er fand manchmal geistliche Lieder und Legenden bei ihr, die sie soeben gedichtet. Nichts glich dann seiner Freude daruber; er nannte sie sein liebes Lammchen, las die Lieder viele Male sehr aufmerksam und legte sie in sein Gebetbuch. Mein Gott! sagte da Romana in Gedanken verloren oft zu sich selbst, wie ist der gute Mann doch unschuldig!
In dieser Zeit schrieb sie, weniger aus Freundschaft, als aus Laune und Bedurfnis sich auszusprechen, mehrere Briefe an die Schmachtende in der Residenz, im tiefsten Jammer ihrer Seele verfasst. Sie erstaunte uber sich selbst, wie moralisch sie zu schreiben wusste, wie ganz klar ihr Zustand ihr vor Augen lag und sie es doch nicht andern konnte. Die Schmachtende konnte sich nicht enthalten, diese interessanten Briefe ihrem Abendzirkel mitzuteilen. Man nahm dieselben dort fur Grundrisse zu einem Romane, und bewunderte die feine Anlage und den Geist der Grafin.
Romana hielt es endlich nicht langer aus, sie musste ihren hohen Feind und Freund, den Grafen Friedrich, wiedersehen. Kaum hatte sie sich diesen Wunsch einmal erlaubt, als sie auch schon auf dem Pferde sass und der Residenz zuflog. Dies war damals, als sie Friedrich an dem warmen Marzfeste so wild die Menge teilend voruberreiten sah. Als sie nun ihren Geliebten wieder vor sich sah, noch immer unverandert ruhig und streng wie vorher, wahrend eine ganz neue Welt in ihr auf- und untergegangen war, da schien es ihr unmoglich, seine Tugend und Grosse zu erreichen. Die beiden vor ihr Leben gespannten, unbandigen Rosse, das schwarze und das weisse, gingen bei dem Anblick von neuem durch mit ihr, alle ihre schonen Plane lagen unter den heissen Radern des Wagens zerschlagen, sie liess die Zugel schiessen und gab sich selber auf.
Friedrich war indes noch mehrere Tage lang mit Leontin in dem Gebirge herumgestrichen, um Erwin wiederzufinden. Aber alle Nachforschungen blieben vergebens. Es blieb ihm nichts ubrig, als auf immer Abschied zu nehmen von dem lieben Wesen, dessen wunderbare Nahe ihm durch die lange Gewohnheit fast unentbehrlich geworden war.
Rustig und neu gestarkt durch die kuhle Wald- und Bergluft, die wieder einmal sein ganzes Leben angeweht, kehrte er in die Residenz zuruck und ging freudiger, als jemals, wieder an seine Studien, Hoffnungen und Plane. Aber wie vieles hatte sich gar bald verandert. Die braven Gesellen, welche der Winter tuchtig zusammengehalten, zerstreute und erschlaffte die warme Jahreszeit. Der eine hatte eine schone, reiche Braut gefunden und rechnete die gemeinsame Not seiner Zeit gegen sein eigenes einzelnes Gluck zufrieden ab, seine Rolle war ausgespielt. Andere fingen an auf offentlichen Promenaden zu paradieren, zu spielen und zu liebeln, und wurden nach und nach kalt und beinahe ganz geistlos. Mehrere rief der Sommer in ihre Heimat zuruck. Aller Ernst war verwittert, und Friedrich stand fast allein. Mehr jedoch, als diese Treulosigkeit einzelner, auf die er doch nie gebaut, krankte ihn die allgemeine Willenlosigkeit, von der er sich immer deutlicher uberzeugen musste. So bemerkte er, unter vielen andern Zeichen der Zeit, oft an einem Abend und in einer Gesellschaft zwei Arten von Religionsnarren. Die einen prahlten da, dass sie das ganze Jahr nicht in die Kirche gingen, verspotteten freigeisterisch alles Heilige und hingen auf alle Weise, die Gott sei Dank! bereits abgenutzte und schabige Paradedecke der Aufklarung aus. Aber es war nicht wahr, denn sie schlichen heimlich vor Tagesanbruch, wenn der Kuster aufschloss, zum Hinterpfortchen in die Kirchen hinein und beteten fleissig. Die andern fielen dagegen gar weidlich uber diese her, verfochten die Religion und begeisterten sich durch ihre eigenen schonen Redensarten. Aber es war auch nicht wahr, denn sie gingen in keine Kirche und glaubten heimlich selber nicht, was sie sagten. Das war es, was Friedrich emporte, die uberhandnehmende Desorganisation gerade unter den Bessern, dass niemand mehr wusste, wo er ist, die landesubliche Abgotterei unmoralischer Exaltation, die eine allgemeine Auflosung nach sich fuhren musste.
Um diese Zeit erhielt Friedrich nach so vielen Monaten unerwartet einen Brief von dem Gute des Herrn v. A. An den langen Drudenfussen sowohl, als an dem fast komisch falsch gesetzten Titel erkannte er sogleich den halbvergessenen Viktor. Er erbrach schnell und voll Freude das Siegel. Der Brief war folgenden Inhalts: "Es wird uns alle sehr freuen, wenn wir horen, dass Sie und der Herr Graf Leontin sich wohl befinden, wir sind hier alle Gott sei Dank! gesund. Als Sie beide weggereist sind, war es hier so still, als wenn ein Kriegslager aufgebrochen ware und die Felder nun einsam und verlassen stunden, im ganzen Schlosse sieht's aus, wie in einer alten Rumpelkammer. Ich musste anfangs an den langen Abenden auf dem Schlosse aus dem Abraham a St. Clara vorlesen. Aber es ging gar nicht recht. Der Herr v. A. sagte: ja, wenn der Leontin dabei ware! Die gnadige Frau sagte: es ware doch alles gar zu dummes Gewasch durcheinander, und Fraulein Julie dachte Gott weiss an was, und passte gar nicht auf. Es ist gar nichts mehr auf der Welt anzufangen. Ich kann das verdammte traurige Wesen nicht leiden! Ich bin daher schon uber einen Monat weder aufs Schloss, noch sonstwo ausgekommen. Sie sind doch recht glucklich! Sie sehen immer neue Gegenden und neue Menschen. Ich weiss die vier Wande in meiner Kammer schon auswendig. Ich habe meine zwei kleinen Fenster mit Stroh verhangen, denn der Wind blast schon infam kalt durch die Locher herein, auch alle meine Wanduhren habe ich ablaufen lassen, denn das ewige Picken mocht einen toll machen, wenn man so allein ist. Ich denke mir dann gar oft, wie Sie jetzt auf einem Balle mit schonen, vornehmen Damen tanzen, oder weit von hier am Rheine fahren oder reiten, und rauche Tabak, dass das Licht auf dem Tische oft auslischt. Gestern hat es zum ersten Male den ganzen Tag wie aus einem Sacke geschneit. Das ist meine grosste Lust. Ich ging noch spatabends, in den Mantel gehullt, auf den Berg hinaus, wo wir immer nachmittags im Sommer zusammen gelegen haben. Das Rauchtal und die ganze, schone Gegend war verschneit und sah kurios aus. Es schneite immerfort tapfer zu. Ich tanzte, um mich zu erwarmen, uber eine Stunde in dem Schneegestober herum.
Dies hab ich schon vor einigen Monaten geschrieben. Gleich nach jener Nacht, da ich draussen getanzt, verfiel ich in eine langwierige Krankheit. Alle Leute furchteten sich vor mir, weil es ein hitziges Fieber war, und ich hatte wie ein Hund umkommen mussen; aber Fraulein Julie besuchte mich alle Tage und sorgte fur Medizin und alles, wofur sie Gott belohnen wird. Ich wusste nichts von mir. Sie sagt mir aber, ich hatte immerfort von Ihnen beiden phantasiert und oft auch gar in Reimen gesprochen. Ich muss mir das Zeug durch die Erkaltung zugezogen haben. Jetzt bin ich, Gott sei Dank, wiederhergestellt, und mache wieder fleissig Uhren. Neues weiss ich weiter nichts, als dass seit mehreren Wochen ein fremder Kavalier, der in der Nachbarschaft grosse Herrschaften gekauft, zu uns auf das Schloss kommt. Er soll viele Sprachen kennen und sehr gelehrt und bereist sein, und will unser Fraulein Julie haben. Die gnadige Frau mochte es gern sehen, aber dem Fraulein gefallt er gar nicht. Wenn sie nachmittags oben im Garten beim Lusthause sitzt und ihn von weitem unten um die Ecke heranreiten sieht, klettert sie geschwind uber den Gartenzaun und kommt zu mir. Was will ich tun? Ich muss sie in meiner Kammer einsperren, und gehe unterdes spazieren. Neulich, als ich schon ziemlich spat wieder zuruckkam und meine Tur aufschloss, fand ich sie ganz blass und am ganzen Leibe zitternd. Sie war noch vollig atemlos vor Schreck und fragte mich schnell, ob ich ihn nicht gesehen? Dann erzahlte sie mir: als es angefangen finster zu werden, habe sie auf meinem Bette in Gedanken gesessen, da habe auf einmal etwas an das Fenster geklopft. Sie hatte den Atem eingehalten und unbeweglich gesessen, da ware plotzlich das Fenster aufgegangen und Ihr leibhaftiger Page, der Erwin, habe mit totenblassem Gesicht und verwirrten Haaren in die Stube hineingeguckt. Als er sich uberall umgesehen und sie auf dem Bett erblickt, habe er ihr mit dem Finger gedroht und sei wieder verschwunden. Ich sagte ihr, sie sollte sich solches dummes Zeug nicht in den Kopf setzen. Sie aber hat es sich sehr zu Herzen genommen, und ist seitdem etwas traurig. Die Tante soll nichts davon wissen. Was gibt's denn mit dem guten Jungen, ist er nicht mehr bei Ihnen? Soeben, wie ich dies schreibe, sieht Fraulein Julie druben uber den Gartenzaun. Als ich sagte, dass ich an Sie schriebe, kam sie schnell aus dem Garten zu mir heruber und ich musste ihr eine Feder schneiden; sie wollte selber etwas dazuschreiben. Dann wollte sie wieder nicht und lief davon. Sie sagte mir, ich solle Sie von ihr grussen und bitten, Sie mochten auch den Herrn Grafen Leontin von ihr grussen, wenn er bei Ihnen ware. Kommen Sie beide doch bald wieder einmal zu uns! Es ist jetzt wieder sehr schon im Garten und auf den Feldern. Ich gehe wieder, wie damals, alle Morgen vor Tagesanbruch auf den Berg, wo Sie und Leontin mich immer auf meinem Sitze besucht haben. Die Sonne geht gerade in der Gegend auf, wo Sie mir immer an den schwulen Nachmittagen beschrieben haben, dass die Residenz liegt und der Rhein geht. Ich rufe dann mein Hurra und werfe meinen Hut und meine Pfeife hoch in die Luft.
P. S. Die niedliche Braut, auf die Sie sich vielleicht noch von dem Tanze auf dem Jagdschlosse her erinnern, besucht uns jetzt oft und empfiehlt sich. Sie leben recht gut in ihrer Wildnis, sie hat schon ein Kind und ist noch schoner geworden und sehr lustig. Adieu!" Friedrich legte das Papier stillschweigend zusammen. Ihn befiel eine unbeschreibliche Wehmut bei der lebhaften Erinnerung an jene Zeiten. Er dachte sich, wie sie alle dort noch immer, wie damals, seit hundert Jahren und immerfort zwischen ihren Bergen und Waldern friedlich wohnen, im ewig gleichen Wechsel einformiger Tage frisch und arbeitsam Gott loben und glucklich sind, und nichts wissen von der andern Welt, die seitdem mit tausend Freuden und Schmerzen durch seine Seele gegangen. Warum konnte er, und wie er wohl bemerkte, auch Viktor nicht ebenso glucklich und ruhig sein?
Dabei hatte ihn die Nachricht von Erwins unerklarlicher, fluchtiger Erscheinung heftig bewegt. Er ging sogleich mit dem Briefe zu Leontin. Aber er fand weder ihn, noch Faber zu Hause. Er sah durch das offene Fenster, der reine Himmel lag blau und unbegrenzt uber den fernen Dachern und Kuppeln bis in die neblige Weite. Er konnt es nicht aushalten; er nahm Hut und Stock und wanderte durch die Vorstadte ins Freie hinaus. Unzahlige Lerchen schwirrten hoch in der warmen Luft, die neugeschmuckte Fruhlingsbuhne sah ihn wie eine alte Geliebte an, als wollte ihn alles fragen: Wo bist du so lange gewesen? Hast du uns vergessen? Ihm war so wohl zum Weinen. Da blies neben ihm ein Postillion lustig auf dem Horne. Eine schone Reisekutsche mit einem Herrn und einem jungen Frauenzimmer fuhr schnell an ihm voruber. Das Frauenzimmer sah lachend aus dem Wagen nach ihm zuruck. Er tauschte sich nicht, es war Marie. Verwundert sah Friedrich dem Wagen nach, bis er weit in der heitern Luft verschwunden war. Die Strasse ging nach Italien hinunter.
Da es sich zum Abend neigte, wandte er sich wieder heimwarts. In den Vorstadten war uberall ein sommerabendliches Leben und Weben, wie in den kleinen Landstadtchen. Die Kinder spielten mit wirrem Geschrei vor den Hausern, junge Burschen und Madchen gingen spazieren, der Abend wehte von draussen frohlich durch alle Gassen. Da bemerkte Friedrich seitwarts eine alte, abgelegene Kirche, die er sonst noch niemals gesehen hatte. Er fand sie offen und ging hinein.
Es schauderte ihn, wie er aus der warmen, frohlich bunten Wirrung so auf einmal in diese ewig stille Kuhle hineintrat. Es war alles leer und dunkel drinnen, nur die ewige Lampe brannte wie ein farbiger Stern in der Mitte vor dem Hochaltare; die Abendsonne schimmerte durch die gemalten, gotischen, Fenster. Er kniete in eine Bank hin. Bald darauf bemerkte er in einem Winkel eine weibliche Gestalt, die vor einem Seitenaltare, im Gebet versunken, auf den Knien lag. Sie erhob sich nach einer Weile und sah ihn an. Da kam es ihm vor, als ware es das Burgermadchen, die ungluckliche Geliebte des Prinzen. Doch konnte er sich gar nicht recht in die Gestalt finden; sie schien ihm weit grosser und ganz verandert seitdem. Sie war ganz weiss angezogen und sah sehr blass und seltsam aus. Sie schien weder erfreut, noch verwundert uber seinen Anblick, sondern ging, ohne ein Wort zu sprechen, tief in einen dunklen Seitengang hinein, auf den Ausgang der Kirche zu. Friedrich ging ihr nach, er wollte mit ihr sprechen. Aber draussen fuhren und gingen die Menschen bunt durcheinander, und er hatte sie verloren.
Als er nach Hause kam, fand er den Prinzen bei sich, der, den Kopf in die Hand gestutzt, am Fenster sass und ihn erwartete. "Mein hohes Madchen ist tot!" rief er aufspringend, als Friedrich hereintrat. Friedrich fuhr zusammen: "Wann ist sie gestorben?" "Vorgestern." Friedrich stand in tiefen Gedanken und horte kaum, wie der Prinz erzahlte, was er von der alten Mutter der Dahingeschiedenen gehort: wie das Madchen anfangs nach der Ohnmacht in allen Kirchen herumgezogen und Gott inbrunstig gebeten, dass er sie doch noch einmal glucklich in der Welt machen mochte. Nach und nach aber fing sie an zu krankeln und wurde melancholisch. Sie sprach sehr zuversichtlich, dass sie bald sterben wurde, und von einer grossen Sunde, die sie abzubussen hatte, und fragte die Mutter oft angstlich, ob sie denn noch in den Himmel kommen konnte? Den Prinzen wollte sie noch immer nicht wiedersehen. Die letzten Tage vor ihrem Tode wurde sie merklich besser und heiter. Noch den letzten Tag kam sie sehr frohlich nach Hause und sagte mit leuchtenden Augen, sie habe den Prinzen wiedergesehen, er sei, ohne sie zu bemerken, an ihr vorbeigeritten. Den Abend darauf starb sie. Der Prinz zog hierbei ein Papier heraus und las Friedrich ein Totenopfer vor, welches er heut in einer Reihe von Sonetten auf den Tod des Madchens gedichtet hatte. Die ersten Sonette enthielten eine wunderfeine Beschreibung, wie der Prinz das Madchen verfuhrt. Friedrich graute, wie schon sich da die Sunde ausnahm. Das letzte Sonett schloss:
"Einsiedler will ich sein und einsam stehen,
Nicht klagen, weinen, sondern bussend beten,
Du bitt fur mich dort, dass ich besser werde!
Nur einmal, schones Bild, lass dich mir sehen,
Nachts, wenn all' Bilder weit zurucke treten,
Und nimm mich mit dir von der dunklen Erde!"
"Wie gefallt Ihnen das Gedicht?" "Gehn Sie in jene Kirche, die dort so dunkel hersieht", sagte Friedrich erschuttert, "und wenn der Teufel mit meinen gesunden Augen nicht sein Spiel treibt, so werden Sie sie dort wiedersehen." "Dort ist sie begraben", antwortete der Prinz, und wurde blass und immer blasser, als ihm Friedrich erzahlte, was ihm begegnet. "Warum furchten Sie sich?" sagte Friedrich hastig, denn ihm war, als sahe ihn das stille, weisse Bild wie in der Kirche wieder an, "wenn Sie den Mut hatten, das hinzuschreiben, warum erschrecken Sie, wenn es auf einmal Ernst wird und die Worte sich ruhren und lebendig werden? Ich mochte nicht dichten, wenn es nur Spass ware, denn wo durfen wir jetzt noch redlich und wahrhaft sein, wenn es nicht im Gedichte ist? Haben Sie den rechten Mut, besser zu werden, so gehn Sie in die Kirche und bitten Sie Gott inbrunstig um seine Kraft und Gnade. Ist aber das Beten und alle unsere schonen Gedanken um des Reimes willen auf dem Papiere, so hol der Teufel auf ewig den Reim samt den Gedanken!"
Hier fiel der Prinz Friedrich ungestum um den Hals. "Ich bin durch und durch schlecht", rief er, "Sie wissen gar nicht und niemand weiss es, wie schlecht ich bin! die Grafin Romana hat mich zuerst verdorben vor langer Zeit; das verstorbene Madchen habe ich sehr kunstlich verfuhrt; der damals in der Nacht zu Marie bei Ihnen vorbeischlich, das war ich; der auf jener Redoute " Hier hielt er inne. "Betrugerisch, verbuhlt, falsch und erbarmlich bin ich ganz", fuhr er weiter fort. "Der Massigung, der Gerechtigkeit, der grossen, schonen Entwurfe, und was wir da zusammen beschlossen, geschrieben und besprochen, dem bin ich nicht gewachsen, sondern im Innersten voller Neid, dass ich's nicht bin. Es war mir nie Ernst damit und mit nichts in der Welt. Ach, dass Gott sich meiner erbarme!" Hierbei zerriss er sein Gedicht in kleine Stuckchen, wie ein Kind, und weinte fast. Friedrich, wie aus den Wolken gefallen, sprach kein einziges Wort der Liebe und Trostung, sondern die Brust voll Schmerzen und kalt wandte er sich zum offenen Fenster von dem gefallenen Fursten, der nicht einmal ein Mann sein konnte.
Siebzehntes Kapitel
Rosa sass fruhmorgens am Putztische und erzahlte ihrem Kammermadchen folgenden Traum, den sie heut nacht gehabt: "Ich stand zu Hause in meiner Heimat im Garten; der Garten war noch ganz so, wie er ehedem gewesen, ich erinnere mich wohl, mit allen den Alleen, Gangen und Figuren aus Buchsbaum. Ich selber war klein, wie damals, da ich als Kind in dem Garten gespielt. Ich verwunderte mich sehr daruber, und musste auch wieder lachen, wenn ich mich ansah, und furchtete mich vor den seltsamen Baumfiguren. Dabei war es mir, als ware mein vergangenes Leben und dass ich schon einmal gross gewesen, nur ein Traum. Ich sang immerfort ein altes Lied, das ich damals als Kind alle Tage gesungen und seitdem wieder vergessen habe. Es ist doch seltsam, wie ich es in der Nacht ganz auswendig wusste! Ich habe heut schon viel nachgesonnen, aber es fallt mir nicht wieder ein. Meine Mutter lebte auch noch. Sie stand seitwarts vom Garten an einem Teiche. Ich rief ihr zu, sie sollte heruberkommen. Aber sie antwortete mir nicht, sondern stand still und unbeweglich, vom Kopfe bis zu den Fussen in ein langes, weisses Tuch gehullt. Da trat auf einmal Graf Friedrich zu mir. Es war mir, als sahe ich ihn zum ersten Male, und doch war er mir wie langst bekannt. Wir waren wieder gute Freunde, wie sonst ich habe ihn nie so gut und freundlich gesehen. Ein schoner Vogel sass mitten im Garten auf einer hohen Blume und sang, dass es mir durch die Seele ging, meinen Bruder sah ich unten uber das glanzende Land reiten, er hatte die kleine Marie, die eine Zimbel hoch in die Luft hielt, vor sich auf dem Rosse, die Sonne schien prachtig. 'Reisen wir nach Italien!' sagte da Friedrich zu mir. Ich folgte ihm gleich, und wir gingen sehr schnell durch viele schone Gegenden immer nebeneinander fort. Sooft ich mich umsah, sah ich hinten nichts, als ein grenzenloses Abendrot, und in dem Abendrot meiner Mutter Bild, die unterdes sehr gross geworden war, in der Ferne wie eine Statue stehen, immerfort so still nach uns zugewendet, dass ich vor Grauen davon wegsehen musste. Es war unterdes Nacht geworden und ich sah vor uns unzahlige Schlosser auf den Bergen brennen. Jenseits wanderten in dem Scheine, der von den brennenden Schlossern kam, viele Leute mit Weib und Kindern, wie Vertriebene, sie waren alle in seltsamer, uralter Tracht; es kam mir vor, als sahe ich auch meinen Vater und meine Mutter unter ihnen, und mir war unbeschreiblich bange. Wie wir so fortgingen, schien es mir, als wurde Friedrich selbst nach und nach immer grosser. Er war still und seine Mienen veranderten sich seltsam, so dass ich mich vor ihm furchtete. Er hatte ein langes, blankes Schwert in der Hand, mit dem er vor uns her den Weg aushaute; sooft er es schwang, warf es einen weitblitzenden Schein uber den Himmel und uber die Gegend unten. Vor ihm ging sein langer Schatten, wie ein Riese, weit uber alle Taler gestreckt. Die Gegend wurde indes immer seltsamer und wilder, wir gingen zwischen himmelhohen, zackigen Gebirgen. Wenn wir an einen Strom kamen, gingen wir auf unsern eigenen Schatten, wie auf einer Brucke, daruber. Wir kamen so auf eine weite Heide, wo ungeheure Steine zerstreut umherlagen. Mich befiel eine niegefuhlte Angst, denn je mehr ich die zerstreuten Steine betrachtete, je mehr kamen sie mir wie eingeschlafene Manner vor. Die Gegend lag unbeschreiblich hoch, die Luft war kalt und scharf. Da sagte Friedrich: 'Wir sind zu Hause!' Ich sah ihn erschrokken an und erkannte ihn nicht wieder, er war vollig geharnischt, wie ein Ritter. Sonderbar! es hing ein altes Ritterbild sonst in einem Zimmer unsers Schlosses, vor dem ich oft als Kind gestanden. Ich hatte langst alle Zuge davon vergessen, und geradeso sah jetzt Friedrich auf einmal aus. Ich fror entsetzlich. Da ging die Sonne plotzlich auf und Friedrich nahm mich in beide Arme und presste mich so fest an seine Brust, dass ich vor Schmerz mit einem lauten Schrei erwachte."
"Glaubst du an Traume?" sagte Rosa nach einer Weile in Gedanken zu dem Kammermadchen. Das Madchen antwortete nicht. "Wo mag nun wohl Marie sein, die Armste?" sagte Rosa unruhig wieder. Dann stand sie auf und trat ans Fenster. Es war ein Gartenhaus der Grafin Romana, das sie bewohnte; der Morgen blitzte unten uber den kuhlen Garten, weithin ubersah man die Stadt mit ihren duftigen Kuppeln, die Luft war frisch und klar. Da warf sie plotzlich alle Schminkbuchschen, die auf dem Fenster standen, heimlich hinaus und zwang sich, zu lacheln, als es das Madchen bemerkte.
Denselben Tag abends erhielt sie einen Brief von Romana, die wieder seit einiger Zeit auf einem ihrer entferntesten Landguter im Gebirge sich aufhielt. Es war eine sehr dringende Einladung zu einer Gemsenjagd, die in wenigen Tagen dort gehalten werden sollte. Der Brief bestand nur in wenigen Zeilen und war auffallend verwirrt und seltsam geschrieben, selbst ihre Zuge schienen verandert und hatten etwas Fremdes und Verwildertes. Ganz unten stand noch: "Letzthin, als Du auf dem Balle beim Minister warst, war Friedrich unbemerkt auch da und hat Dich gesehen."
Rosa versank uber dieser Stelle in tiefe Gedanken. Sie erinnerte sich aller Umstande jenes Abends auf einmal sehr deutlich, wie sie Friedrich versprochen hatte, ihn zu Hause zu erwarten, und wie er seitdem nicht wieder bei ihr gewesen. Ein Schmerz, wie sie ihn noch nie gefuhlt, durchdrang ihre Seele. Sie ging unruhig im Zimmer auf und ab. Sie konnte es endlich nicht langer aushalten, sie wollte alle Madchenscheu abwerfen, sie wollte Friedrich, auf welche Art es immer sei, noch heute sehn und sprechen. Sie war eben allein, draussen war es schon finster. Mehrere Male nahm sie ihren Mantel um und legte ihn zaudernd wieder hin. Endlich fasste sie ein Herz, schlich unbemerkt aus dem Hause und uber die dunklen Gassen fort zu Friedrichs Wohnung. Atemlos mit klopfendem Herzen flog sie die Stiegen hinauf, um, so ganz sein und um alle Welt nichts fragend, an seine Brust zu fallen. Aber das Ungluck wollte, dass er eben nicht zu Hause war. Da stand sie im Vorhaus und weinte bitterlich. Mehrere Turen gingen indes im Hause auf und zu, Bediente eilten hin und her uber die Gange. Sie konnte nicht langer weilen, ohne verraten zu werden.
Die Furcht, so allein und zu dieser Zeit auf der Gasse erkannt zu werden, trieb sie schnell durch die Gassen zuruck, das Gesicht tief in den seidenen Mantel gehullt. Aber das Geschick war in seiner teuflischen Laune. Als sie eben um eine Ecke bog, stand der Prinz plotzlich vor ihr. Eine Laterne schien ihr gerade ins Gesicht, er hatte sie erkannt. Ohne irgendein Erstaunen zu aussern, bot er ihr den Arm, um sie nach Hause zu begleiten. Sie sagte nichts, sondern hing kraftlos und vernichtet vor Scham an seinem Arm. Er wunderte sich nicht, er lachelte nicht, er fragte um nichts, sondern sprach artig von gewohnlichen Dingen. Als sie an ihr Haus kamen, bat er sie scherzend um einen Kuss. Sie willigte verwirrt ein, er umschlang sie heftig und kusste sie zum ersten Male. Eine lange Gestalt stand indes unbemerkt gegenuber an der Mauer und kam plotzlich auf den Prinzen los. Der Prinz, der sich nichts Gutes versah, sprang schnell in ein Nebenhaus und schloss die Tur hinter sich zu. Es war Friedrich, den der Zufall eben hier vorbeigefuhrt hatte. Sie hatten beide einander nicht erkannt. Er sass noch die halbe Nacht dort auf der Schwelle des Hauses und lauerte auf den unbekannten Gast. Die wildesten Gedanken, wie er sie sein Lebelang nicht gehabt, durchkreuzten seine Seele. Aber der Prinz kam nicht wieder heraus. Rosa hatte von der ganzen letzten Begebenheit nichts mehr gesehen. Der Prinz hatte sie uberrascht. Noch niemals war er ihr so bescheiden, so gut, so schon und liebenswurdig vorgekommen, und sein Kuss brannte die ganze Nacht verfuhrerisch auf ihren schonen Lippen fort.
Es war ein herrlicher Morgen, als Friedrich und Leontin in den ewigen Zwinger der Alpen einritten, wohin auch sie von der Grafin Romana zur Jagd geladen waren. Als sie um die letzte Bergecke herumkamen, fanden sie schon die Gesellschaft auf einer schonen Wiese zwischen grunen Bergen bunt und schallend zerstreut. Einzelne Gruppen von Pferden und gekoppelten Hunden standen rings in der schonen Wildnis umher, im Hintergrunde erhob sich lustig ein farbiges Zelt. Mitten auf der glanzenden Wiese stand die zauberische Romana in einer grunen Jagdkleidung, sehr geschmuckt, fast phantastisch wie eine Waldfee anzusehn. Neben ihr, auf ihre Achsel gelehnt, stand Rosa in mannlichen Jagdkleidern und versteckte ihr Gesicht an der Grafin, da der Prinz eben zu ihr sprach, als sie Friedrich mit ihrem Bruder von der andern Seite ankommen sah. Von allen Seiten vom Gebirge herab bliesen die Jager auf ihren Hornern, als bewillkommneten sie die beiden neuangekommenen Gaste. Friedrich hatte Rosa noch nie in dieser Verkleidung gesehen und betrachtete lange ernsthaft das wunderschone Madchen.
Romana kam auf die beiden los und empfing sie mit einer auffallenden Heftigkeit. Nun entlud sich auch das Zelt auf einmal eines ganzen Haufens von Gasten, und Leontin war in dem Gewirre gar bald in seine launigste Ausgelassenheit hineingeargert, und spielte in kecken, barocken Worten, die ihm wie von den hellen Schneehauptern der Alpen zuzufliegen schienen, mit diesem Jagdgesindel, das ein einziger Auerochs verjagt hatte. Auch hier war die innerliche Antipathie zwischen ihm und dem Prinzen bemerkbar. Der Prinz wurde still und vermied ihn, wo er konnte, wie ein Feuer, das uberall mit seinen Flammenspitzen nach ihm griff und ihn im Innersten versengte. Nur Romana war heute auf keine Weise aus dem Felde zu schlagen, sie schien sich vielmehr an seiner eigenen Weise nur immer mehr zu berauschen. Er konnte sich, wie immer, wenn er sie sah, nicht enthalten, mit zweideutigen Witzen und Wortspielen ihre innerste Natur herauszukitzeln, und sie hielt ihm heute tapfer Stich, so dass Rosa mehrere Male rot wurde und endlich fortgehn musste. "Gott segne uns alle", sagte er zuletzt zu einem vornehmen Mannlein, das eben sehr komisch bei ihm stand, "dass wir heute dort oben an einem schmalen Felsenabhange nicht etwa einem von unsern Ahnherren begegnen, denn die verstehn keinen Spass, und wir sind schwindlige Leute."
Hier wurde er durch das Jagdgeschrei unterbrochen, das nun plotzlich von allen Seiten losbrach. Die Horner forderten wie zum Kriege, die Hunde wurden losgelassen, und alles griff nach den Gewehren. Leontin war bei dem ersten Signal mitten in seiner Rede fortgesprungen, er war der erste unter dem Haufen der anfuhrenden Jager. Mit einer schwindelerregenden Kuhnheit sah man ihn, sich an die Straucher haltend, geschickt von Fels zu Fels uber die Abgrunde immer hoher hinaufschwingen; er hatte bald alle Jager weit unter sich und verschwand in der Wildnis. Mehrere von der Gesellschaft schrien dabei angstlich auf. Romana sah ihm furchtlos mit unverwandten Blicken nach; "wie sind die Manner beneidenswert!" sagte sie, als er sich verloren hatte.
Die Gesellschaft hatte sich unterdes nach allen Richtungen hin zerstreut, und die Jagd ging wie ein Krieg durch das Gebirge. In tiefster Abgeschiedenheit, wo Bache in hellen Bogen von den Hohen sprangen, sah man die Gemsen schwindlig von Spitze zu Spitze hupfen, einsame Jager dazwischen auf den Klippen erscheinen und wieder verschwinden, einzelne Schusse fielen hin und her, das Hifthorn verkundigte von Zeit zu Zeit den Tod eines jeden Tieres. Da sah Friedrich auf einem einsamen Fleck nach mehreren Stunden seinen Leontin wagehalsig auf der hochsten von allen den Felsspitzen stehen, dass das Auge den Anblick kaum ertragen konnte. Er erblickte Friedrich und rief zu ihm hinab: "Das Pack da unten ist mir unertraglich; wie sie hinter mir drein quickten, als ich vorher hinaufstieg! Ich bleibe in den Bergen oben, lebe wohl, Bruder!" Hierauf wandte er sich wieder weiter und kam nicht mehr zum Vorschein.
Der Abend ruckte heran, in den Talern wurde es schon dunkel. Die Jagd schien geendigt, nur einzelne kuhne Schutzen sah man noch hin und wieder an den Klippen hangen, von den letzten Widerscheinen der Abendsonne scharf beleuchtet. Friedrich stand eben in hochster Einsamkeit an seine Flinte gelehnt, als er in einiger Entfernung im Walde singen horte:
"Dammrung will die Flugel spreiten,
Schaurig ruhren sich die Baume,
Wolken ziehn wie schwere Traume
Was will dieses Graun bedeuten?
Hast ein Reh du lieb vor andern,
Lass es nicht alleine grasen,
Jager ziehn im Wald und blasen,
Stimmen hin und wider wandern.
Hast du einen Freund hienieden,
Trau ihm nicht zu dieser Stunde,
Freundlich wohl mit Aug und Munde,
Sinnt er Krieg im tuck'schen Frieden.
Was heut mude gehet unter,
Hebt sich morgen neugeboren.
Manches bleibt in Nacht verloren
Hute dich, bleib wach und munter!"
Es wurde wieder still. Friedrich erschrak, denn es kam ihm nicht anders vor, als sei er selber mit dem Liede gemeint. Die Stimme war ihm durchaus unbekannt. Er eilte auf den Ort zu, woher der Gesang gekommen war, aber kein Laut liess sich weiter vernehmen.
Als er eben so um eine Felsenecke bog, stand plotzlich Rosa in ihrer Jagertracht vor ihm. Sie konnte der Sanger nicht gewesen sein, denn der Gesang hatte sich nach einer ganz andern Richtung hin verloren. Sie schien heftig erschrocken uber den unerwarteten Anblick Friedrichs. Hochrot im Gesicht, angstlich und verwirrt, wandte sie sich schnell und sprang wie ein aufgescheuchtes Reh, ohne der Gefahr zu achten, von Klippe zu Klippe die Hohe hinab, bis sie sich unten im Walde verlor. Friedrich sah ihr lange verwundert nach, spater stieg auch er ins Tal hinab.
Dort fand er die Gesellschaft auf der schonen Wiese schon grosstenteils versammelt. Das Zelt in der Mitte derselben schien von den vielen Lichtern wie in farbigen Flammen zu stehn, eine Tafel mit Wein und allerhand Erfrischungen schimmerte lustern lockend zwischen den buntgewirkten Teppichen hervor, Manner und Frauen waren in freien Scherzen ringsumher gelagert. Die vielen wandelnden Windlichter der Jager, deren Scheine an den Felsenwanden und am Walde auf und nieder schweiften, gewahrten einen zauberischen Anblick. Mitten unter den frohlich Gelagerten und den magischen Lichtern ging Romana fur sich allein, eine Gitarre im Arm, auf der Wiese auf und ab. Friedrich glaubte eine auffallende Spannung in ihrem Gesichte und ganzem Wesen zu bemerken. Sie sang:
"In goldner Morgenstunde,
Weil alles freudig stand,
Da ritt im heitern Grunde
Ein Ritter uber Land.
Rings sangen auf das beste
Die Voglein mannigfalt,
Es schuttelte die Aste
Vor Lust der grune Wald.
Den Nacken, stolz gebogen,
Klopft er dem Rosselein
So ist er hingezogen
Tief in den Wald hinein.
Sein Ross hat er getrieben,
Ihn trieb der frische Mut;
'Ist alles fern geblieben,
So ist mir wohl und gut!'"
Sie ging wahrend des Liedes immerfort unruhig auf und ab und sah mehrere Male seitwarts in den Wald hinein, als erwartete sie jemand. Auch sprach sie einmal heimlich mit einem Jager, worauf dieser sogleich forteilte. Friedrich glaubte manchmal eine plotzliche, aber ebenso schnell wieder verschwindende Ahnlichkeit ihres Gesanges mit jener Stimme auf dem Berge zu bemerken, da sie wieder weitersang:
"Mit Freuden musst er sehen
Im Wald ein' grune Au,
Wo Brunnlein kuhle gehen,
Von Blumen rot und blau.
Vom Ross ist er gesprungen,
Legt sich zum kuhlen Bach,
Die Wellen lieblich klungen,
Das ganze Herz zog nach.
So grune war der Rasen,
Es rauschte Bach und Baum,
Sein Ross tat stille grasen,
Und alles wie ein Traum.
Die Wolken sah er gehen,
Die schifften immerzu,
Er konnt nicht widerstehen
Die Augen sanken ihm zu.
Nun hort' er Stimmen rinnen,
Als wie der Liebsten Gruss,
Er konnt sich nicht besinnen
Bis ihn erweckt ein Kuss.
Wie prachtig glanzt' die Aue!
Wie Gold der Quell nun floss,
Und einer sussen Fraue,
Lag er im weichen Schoss.
'Herr Ritter! wollt Ihr wohnen
Bei mir im grunen Haus:
Aus allen Blumenkronen
Wind ich Euch einen Strauss!
Der Wald ringsum wird wachen,
Wie wir beisammen sein,
Der Kuckuck schelmisch lachen,
Und alles frohlich sein.'
Es bog ihr Angesichte
Auf ihn, den sussen Leib,
Schaut mit den Augen lichte
Das wunderschone Weib.
Sie nahm sein'n Helm herunter,
Lost Krause ihm und Bund,
Spielt mit den Locken munter,
Kusst ihm den roten Mund.
Und spielt' viel susse Spiele
Wohl in geheimer Lust,
Es flog so kuhl und schwule
Ihm um die offne Brust."
Friedrichs Jager trat hier eiligst zu seinem Herrn und zog ihn abseits in den Wald, wo er sehr bewegt mit ihm zu sprechen schien. Romana hatte es bemerkt. Sie verwandte gespannt kein Auge von Friedrich und folgte ihm in einiger Entfernung langsam in den Wald nach, wahrend sie dabei weitersang:
"Um ihn nun tat sie schlagen
Die Arme weich und bloss,
Er konnte nichts mehr sagen,
Sie liess ihn nicht mehr los.
Und diese Au zur Stunde
Ward ein kristallnes Schloss,
Der Bach, ein Strom gewunden,
Ringsum gewaltig floss.
Auf diesem Strome gingen
Viel Schiffe wohl vorbei,
Es konnt ihn keines bringen
Aus boser Zauberei."
Sie hatte kaum noch die letzten Worte ausgesungen, als Friedrich plotzlich auf sie zukam, dass sie innerlichst zusammenfuhr. "Wo ist Rosa?" fragte er rasch und streng. "Ich weiss es nicht", antwortete Romana schnell wieder gefasst, und suchte mit erzwungener Gleichgultigkeit auf ihrer Gitarre die alte Melodie wiederzufinden. Friedrich wiederholte die Frage noch einmal dringender. Da hielt sie sich nicht langer. Als ware ihr innerstes Wesen auf einmal losgebunden, brach sie schnell und mit fast schreckhaften Mienen aus: "Du kennst noch nicht mich und jene unbezwingliche Gewalt der Liebe, die wie ein Feuer alles verzehrt, um sich an dem freien Spiele der eigenen Flammen zu weiden und selber zu verzehren, wo Lust und Entsetzen in wildem Wahnsinn einander beruhren. Auch die grunblitzenden Augen des buntschillernden, blutleckenden Drachen im Liebeszauber sind keine Fabel, ich kenne sie wohl und sie machen mich noch rasend. Oh, hatte ich Helm und Schwert wie Armida! Rosa kann mich nicht hindern, denn ihre Schonheit ist blode und dein nicht wert. Ja, gegen dich selber will ich um dich kampfen. Ich liebe dich unaussprechlich, bleibe bei mir, wie ich nicht mehr von dir fort kann!" Sie hatte ihn bei den letzten Worten fest umschlungen. Friedrich fuhr mit einem Male aus tiefen Gedanken auf, streifte schnell die blanken Arme von sich ab, und eilte, ohne ein Wort zu sagen, tief in den Wald, wo er sein Pferd bestieg, mit dem ihn der Jager schon erwartete, und fort hinaussprengte.
Romana war auf den Boden niedergesunken, das Gesicht mit beiden Handen verdeckt. Das frohliche Lachen, Singen und Glaserklirren von der Wiese her schallte ihr wie ein hollisches Hohngelachter.
Rosa war, als sich Tag und Jagd zu Ende neigten, von Romana und aller Begleitung, wie durch Zufall, verlassen worden. Der Prinz hatte sie den ganzen Tag uber beobachtet, war ihr uberall im Grunen begegnet und wieder verschwunden. Sie hatte sich endlich halb zogernd entschlossen, ihn zu fliehen und hoher ins Gebirge hinaufzusteigen. Sein bluhendes Bild heimlich im Herzen, das die Waldhornsklange immer wieder von neuem weckten, unschlussig, traumend und halbverirrt, zuletzt noch von dem Liede des Unbekannten, das auch sie horte, seltsam getroffen und verwirrt, so war sie damals bis zu dem Flecke hinaufgekommen, wo sie so auf einmal Friedrich vor sich sah. Der Ort lag sehr hoch und wie von aller Welt geschieden, sie dachte an ihren neulichen Traum und eine unbeschreibliche Furcht befiel sie vor dem Grafen, die sie schnell von dem Berge hinabtrieb.
Unten, fern von der Jagd, sass der Prinz auf einem ungeheuren Baume. Da horte er das Gerausch hinter sich durch das Dickicht brechen. Er sprang auf und Rosa fiel atemlos in seine ausgebreiteten Arme. Ihr gestortes Verhaltnis zu Friedrich, das Lied oben, und tausend alte Erinnerungen, die in der grunen Einsamkeit wieder wach geworden, hatten das reizende Madchen heftig bewegt. Ihr Schmerz machte sich hier endlich in einem Strome von Tranen Luft. Ihr Herz war zu voll, sie konnte nicht schweigen. Sie erzahlte dem Prinzen alles aus tiefster, geruhrter Seele.
Es ist gefahrlich fur ein junges Madchen, einen schonen Vertrauten zu haben. Der Prinz setzte sich neben ihr auf den Rasen hin. Sie liess sich willig von ihm in den Arm nehmen und lehnte ihr Gesicht mude an seine Brust. Die Abendscheine spielten schon zukkend durch die Wipfel, unzahlige Vogel sangen von allen Seiten, die Waldhorner klangen wollustig durch den warmen Abend aus der Ferne heruber. Der Prinz hatte ihre langen Haare, die aufgegangen waren, um seinen Arm gewickelt und sprach ununterbrochen so wunderliebliche, zauberische Worte, gleich sanfter Quellen Rauschen, kuhlelockend und sinnenberauschend, wie Tone alter Lieder aus der Ferne verfuhrend heruberspielen. Rosa bemerkte endlich mit Schrecken, dass es indes schon finster geworden war, und drang angstlich in den Prinzen, sie zu der Gesellschaft zuruckzufuhren. Der Prinz sprang sogleich seitwarts in den Wald und brachte zu ihrem Erstaunen zwei gesattelte Pferde mit hervor. Er hob sie schnell auf das eine hinauf, und sie ritten nun, so geschwind als es die Dunkelheit zuliess, durch den Wald fort.
Sie waren schon weit auf verschiedenen, sich durchkreuzenden Wegen fortgetrabt, aber die Wiese mit dem Zelte wollte noch immer nicht erscheinen. Die Waldhornsklange, die sie vorher gehort hatten, waren schon lange verstummt, der Mond trat schon zwischen den Wolken hervor. Rosa wurde immer angstlicher, aber der Prinz wusste sie jedesmal wieder zu beruhigen.
Endlich horten sie die Horner von neuem aus der Ferne vor sich. Sie verdoppelten ihre Eile, die Klange kamen immer naher. Doch wie gross war Rosas Schrecken, als sie auf einmal aus dem Walde herauskam und ein ganz fremdes, unbekanntes Schloss vor sich auf dem Berge liegen sah. Entrustet wollte sie umkehren und machte dem Prinzen weinend die bittersten Vorwurfe. Nun legte der Prinz die Maske ab. Er entschuldigte seine Kuhnheit mit der unwiderstehlichen Gewalt seiner lange heimlich genahrten Sehnsucht, umschlang und kusste die Weinende und beschwor alle Teufel seiner Liebe herauf. Die Horner klangen lockend immerfort, und zitternd, halb gezwungen und halb verfuhrt, folgte sie ihm endlich den Berg hinauf. Es war ein abgelegenes Jagdschloss des Prinzen. Nur wenige verschwiegene Diener hatten dort alles zu ihrem Empfange bereitet.
Friedrich ritt indes zwischen den Bergen fort. Sein Jager, der gegen Abend weit von der Jagd abgekommen war, hatte zufallig Rosa mit dem Prinzen auf ihrer Flucht durch den Wald fortjagen gesehen, und war sogleich zu seinem Herrn zuruckgeeilt, um ihm diese Entdeckung mitzuteilen. Dies war es, was Friedrich so schnell auf sein Pferd getrieben hatte.
Als er endlich nach manchem Umwege an die letzten Felsen kam, welche diese Wiese umschlossen, erblickte er plotzlich im Walde seitwarts eine weisse Figur, die, eine Flinte im Arm, gerade auf seine Brust zielte. Ein fluchtiger Mondesblick beleuchtete die unbewegliche Gestalt, und Friedrich glaubte mit Entsetzen Romana zu erkennen. Sie liess erschrocken die Flinte sinken, als er sich nach ihr umwandte, und war im Augenblick im Walde verschwunden. Ein seltsames Graun befiel dabei den Grafen. Er setzte die Sporen ein, bis er das ganze furchtbare Jagdrevier weit hinter sich hatte.
Unermudet durchstreifte er nun den Wald nach allen Richtungen, denn jede Minute schien ihm kostbar, um der Ausfuhrung dieser Verraterei zuvorzukommen. Aber kein Laut und kein Licht ruhrte sich weit und breit. So ritt er ohne Bahn fort und immerfort, und der Wald und die Nacht nahmen kein Ende.
Drittes Buch
Achtzehntes Kapitel
Wir finden Friedrich fern von dem wirrenden Leben, das ihn gereizt und betrogen, in der tiefsten Einsamkeit eines Gebirges wieder. Ein unaufhorlicher Regen war lange wie eine Sundflut herabgesturzt, die Walder wogten wie Ahrenfelder im feuchten Sturme. Als er endlich eines Abends auf die letzte Ringmauer von Deutschland kam, wo man nach Welschland heruntersieht, fing das Wetter auf einmal an sich auszuklaren, und die Sonne brach warm durch den Qualm. Die Baume tropfelten in tausend Farben blitzend, unzahlige Vogel begannen zu singen, das liebreizende, vielgepriesene Land unten schlug die Schleier zuruck und blickte ihm wie eine Geliebte ins Herz.
Da er eben in die weite Tiefe zu den aufgehenden Garten hinablenken wollte, sah er auf einer der Klippen einen jungen, schlanken Gemsenjager keck und trotzig ihm gegenuberstehn und seinen Stutz auf ihn anlegen. Er wandte schnell um und ritt auf den Jager los. Das schien diesem zu gefallen, er kam schnell zu Friedrich herabgesprungen und sah ihn vom Kopf bis auf den Fuss gross an, wahrend er dem Pferde desselben, das ungeduldig stampfte, mit vieler Freude den gebogenen Hals streichelte. "Wer gibt dir das Recht, Reisende aufzuhalten?" fuhr ihn Friedrich an. "Du sprichst ja deutsch", sagte der Jager, ihn ruhig auslachend, "du konntest jetzt auch etwas Besseres tun, als reisen! Komm nur mit mir!" Friedrich erfrischte recht das kecke, freie Wesen, das feine Gesicht voll Ehre, die gelenke, tapfere Gestalt; er hatte nie einen schonern Jager gesehen. Er zweifelte nicht, dass er einer von jenen sei, um derentwillen er schon seit mehreren Tagen das verlassene Gebirge vergebens durchschweift hatte, und trug daher keinen Augenblick Bedenken, dem Abenteuer zu folgen. Der Jager ging singend voraus, Friedrich ritt in einiger Entfernung nach.
So zogen sie immer tiefer in das Gebirge hinein. Die Sonne war lange untergegangen, der Mond schien hell uber die Walder. Als sie ohngefahr eine halbe Stunde so gewandert waren, blieb der Jager in einiger Entfernung plotzlich stehen, nahm sein Hifthorn und stiess dreimal hinein. Sogleich gaben unzahlige Horner nacheinander weit in das Gebirge hinein Antwort. Friedrich stutzte und wurde einen Augenblick an dem ehrlichen Gesichte irre. Er hielt sein Pferd an, zog sein Pistol heraus und hielt es, gefasst gegen alles, was daraus werden durfte, auf seinen Fuhrer. Der Jager bemerkte es. "Lauter Landsleute!" rief er lachend, und schritt ruhig weiter. Aller Argwohn war verschwunden, und Friedrich ritt wieder nach.
So kamen sie endlich schon bei finsterer Nacht auf einem hochgelegenen, freien Platze an. Ein Kreis bartiger Schutzen war dort um ein Wachtfeuer gelagert, grune Reiser auf den Huten, und ihre Gewehre neben sich auf dem Boden. Friedrichs Fuhrer war schon voraus mitten unter ihnen und hatte den Fremden angemeldet. Mehrere von den Schutzen sprangen sogleich auf, umringten Friedrich bei seiner Ankunft und fragten ihn um Neuigkeiten aus dem flachen Lande. Friedrich wusste sie wenig zu befriedigen, aber seine Freude war unbeschreiblich, sich endlich am Ziele seiner Irrfahrt zu sehen. Denn dieser Trupp war, wie er gleich beim ersten Anblick vermutet, wirklich eine Partei des Landsturmes, den das Gebirgsvolk bei dem unlangst ausgebrochenen Kriege gebildet hatte.
Die Flamme warf einen seltsamen Schein uber den soldatischen Kreis von Gestalten, die rings umherlagen. Die Nacht war still und sternhell. Einer von den Jagern, die draussen auf dem Felsen auf der Lauer lagen, kam und meldete, wie in dem Tale nach Deutschland zu ein grosses Feuer zu sehen sei. Alles richtete sich auf und lief weiter an den Bergesrand. Man sah unten die Flammen aus der stillen Nacht sich erheben, und konnte ungeachtet der Entfernung die sturzenden Gebalke der Hauser deutlich unterscheiden. Die meisten kannten die Gegend, einige nannten sogar die Dorfer, welche brennen mussten. Alle aber waren sehr verwundert uber die unerwartete Nahe des Feindes, denn diesem schrieben sie den Brand zu. Man erwartete mit Ungeduld die Zuruckkunft eines Trupps, der schon gestern in die Taler auf Kundschaft ausgezogen war.
Einige Stunden nach Mitternacht ohngefahr horte man in einiger Entfernung im Walde von mehreren Wachen das Losungswort erschallen; bald darauf erschienen einige Manner, die man sogleich fur die auf Kundschaft Ausgeschickten erkannte und begrusste. Sie hatten einen jungen, fremden Mann bei sich, der aber uber der ublen Zeitung, welche die Kundschafter mitbrachten, anfangs von allen ubersehen wurde. Sie sagten namlich aus, eine ansehnliche feindliche Abteilung habe ihre heimlichen Schlupfwinkel entdeckt und sie durch einen rastlosen, muhsamen Marsch umgangen. Der Feind stehe nun auf dem Gebirge selbst mitten zwischen ihren einzelnen, auf den Hohen zerstreuten Haufen, um sie mit Tagesanbruch so einzeln aufzureiben. Ein allgemeines Gelachter erscholl bei den letzten Worten im ganzen Trupp. "Wir wollen sehn, wer harter ist", sagte einer von den Jagern, "unsere Steine oder ihre Kopfe!" Die Jungsten warfen ihre Hute in die Luft, alles freute sich, dass es endlich zum Schlagen kommen sollte.
Man beratschlagte nun eifrig, was unter diesen Umstanden das klugste sei. Zum Uberlegen war indes nicht lange Zeit es musste fur den immer mehr herannahenden Morgen ein rascher Entschluss gefasst werden. Friedrich, der allen wohl behagte, gab den Rat, sie sollten sich heimlich auf Umwegen neben den feindlichen Posten hin vor Tagesanbruch mit allen den andern zerstreuten Haufen auf einem festen Fleck zu vereinigen suchen. Dies wurde einmutig angenommen, und der Alteste unter ihnen teilte hiermit alsogleich den ganzen Haufen in viele kleine Trupps und gab jedem einen jungen, rustigen Fuhrer zu, der alle Stege des Gebirges am besten kannte. Uber die einsamsten und gefahrlichsten Felsenpfade wollten sie heimlich mitten durch ihre Feinde gehen, alle ihre andern Haufen, auf die sie unterwegs stossen mussten, an sich ziehn und auf dem hochsten Gipfel, wo sie wussten, dass ihr Hauptstamm sich befande, wieder zusammenkommen, um sich bei Anbruch des Tages von dort mit der Sonne auf den Feind zu sturzen.
Das Unternehmen war gefahrlich und gewagt, doch nahmen sie sehr vergnugt Abschied voneinander. Friedrich hatte sich auch ein grunes Reis auf den Hut gesteckt und auf das beste bewaffnet. Ihm war der junge Jager, den er zuerst auf der Strasse nach Italien getroffen, zum Fuhrer bestimmt worden, zu seinen Begleitern hatte er noch zwei Schutzen und den jungen Menschen, den die Kundschafter vorhin mitgebracht. Dieser hatte die ganze Zeit uber, ohne einigen Anteil an der Begebenheit verspuren zu lassen, seitwarts auf einem Baumsturze gesessen, den Kopf in beide Hande gestutzt, als schliefe er. Sie ruttelten ihn nun auf. Wie erstaunte da Friedrich, als er sich aufrichtete und in ihm denselben Studenten wiedererkannte, den er damals auf der Wiese unter den herumziehenden Komodianten getroffen hatte, als er auf Romanas Schloss zum Besuche ritt. Doch hatte er sich seitdem sehr verandert, er sah blass aus, seine Kleidung war abgerissen, er schien ganz herunter. Sie setzten sich sogleich in Marsch, und da es zum Gesetz gemacht worden war, den ganzen Weg nichts miteinander zu sprechen, so konnte Friedrich nicht erfahren, wie derselbe aufs Gebirge und in diesen Zustand geraten war.
Sie gingen nun zwischen Waldern, Felsenwanden und unabsehbaren Abgrunden immer fort; der ganze Kreis der Berge lag still, nur die Walder rauschten von unten herauf, ein scharfer Wind ging auf der Hohe. Der Gemsenjager schritt frisch voran, sie sprachen kein Wort. Als sie einige Zeit so fortgezogen waren, horten sie plotzlich uber sich mehrere Stimmen in auslandischer Sprache. Sie blieben stehen und druckten sich alle hart an die Felsenwand an. Die Stimmen kamen auf sie los und schienen auf einmal dicht bei ihnen; dann lenkten sie wieder seitwarts und verloren sich schnell. Dies bewog den Fuhrer, einen andern, mehr talwarts fuhrenden Umweg einzuschlagen, wo sie sicherer zu sein hofften.
Sie hatten aber kaum die untere Region erlangt, als ihnen ein Gewirre von Reden, Lachen und Singen durcheinander entgegenscholl. Zum Umkehren war keine Zeit mehr, seitwarts von dem Platze, wo das Schallen sich verbreitet, fuhrte nur ein einziger Steg uber den Strom, der dort in das Tal hinauskam. Als sie an den Bach kamen, sahen sie zwei feindliche Reiter auf dem Stege, die beschaftigt waren, Wasser zu schopfen. Sie streckten sich daher schnell unter die Straucher auf den Boden nieder, um nicht bemerkt zu werden. Da konnten sie zwischen den Zweigen hindurch die vom Monde hell beleuchtete Wiese ubersehen. Ringsum an dem Rande des Waldes stand dort ein Kreis von Pferden angebunden, eine Schar von Reitern war lustig uber die Aue verbreitet. Einige putzten singend ihre Gewehre, andere lagen auf dem Rasen und wurfelten auf ihren ausgebreiteten Manteln, mehrere Offiziere sassen vorn um ein Feldtischchen und tranken. Der eine von ihnen hatte ein Madchen auf dem Schosse, das ihn mit dem einen Arme umschlungen hielt. Friedrich erschrak im Innersten, denn der Offizier war einer seiner Bekannten aus der Residenz, das Madchen die verlorne Marie. Es war einer von jenen leichten, halbbartigen Brudern, die im Winter zu seinem Kreise gehort, und bei anbrechendem Fruhling Ernst, Ehrlichkeit und ihre gemeinschaftlichen Bestrebungen mit den Ballen und andern Winterunterhaltungen vergassen.
Ihn emporte dieses Elend ohne Treue und Gesinnung, wie er mit vornehmer Zufriedenheit seinen Schnauzbart strich und auf seinen Sabel schlug, gleichviel fur was oder gegen wen er ihn zog. Der Lauf seines Gewehres war zufallig gerade auf ihn gerichtet; er hatte es in diesem Augenblicke auf ihn losgedruckt, wenn ihn nicht die Furcht, alle zu verraten, davon abgehalten hatte.
Der Offizier stand auf, hob sein Glas in die Hoh und fing an Schillers Reiterlied zu singen, die andern stimmten mit vollen Kehlen ein. Noch niemals hatte Friedrich das furchterliche Lied so widerlich und hollisch-gurgelnd geklungen. Ein anderer Offizier mit einem feuerroten Gesichte, in dem alle menschliche Bildung zerfetzt war, trat dazu, schlug mit dem Sabel auf den Tisch, dass die Glaser klirrten, und pfiff durchdringend den Dessauer Marsch drein. Ein allgemeines wildes Gelachter belohnte seine Zote.
Unterdes hatten die beiden Reiter den Steg wieder verlassen. Friedrich und seine Gesellen rafften sich daher schnell vom Boden auf und eilten uber den Bach von der andern Seite wieder ins Gebirge hinauf. Je hoher sie kamen, je stiller wurde es ringsumher. Nach einer Stunde endlich wurden sie von den ersten Posten der Ihrigen angerufen. Hier erfuhren sie auch, dass fast alle die ubrigen Abteilungen, die sich teils durchgeschlichen, teils mit vielem Mute durchgeschlagen hatten, bereits oben angekommen waren. Es war ein freudenreicher Anblick, als sie bald darauf den weiten, freien Platz auf der letzten Hohe glucklich erreicht hatten. Die ganze unubersehbare Schar sass dort, auf ihre Waffen gestutzt, auf den Zinnen ihrer ewigen Burg, die grossen Augen gedankenvoll nach der Seite hingerichtet, wo die Sonne aufgehn sollte. Friedrich lagerte sich vorn auf einem Felsen, der in das Tal hinausragte. Unten rings um den Horizont war bereits ein heller Morgenstreifen sichtbar, kuhle Winde kamen als Vorboten des Morgens angeflogen. Eine feierliche, erwartungsvolle Stille war uber die Schar verbreitet, einzelne Wachen nur horte man von Zeit zu Zeit weit uber das Gebirge rufen. Ein Jager vorn auf dem Felsen begann folgendes Lied, in das immer zuletzt alle die andern mit einfielen:
"In stiller Bucht, bei finstrer Nacht,
Schlaft tief die Welt im Grunde,
Die Berge rings stehn auf der Wacht,
Der Himmel macht die Runde,
Geht um und um
Ums Land herum
Mit seinen goldnen Scharen,
Die Frommen zu bewahren.
Kommt nur heran mit eurer List,
Mit Leitern, Strick und Banden,
Der Herr doch noch viel starker ist,
Macht euren Witz zuschanden.
Wie wart ihr klug!
Nun schwindelt Trug
Hinab vom Felsenrande
Wie seid ihr dumm! o Schande!
Gleichwie die Stamme in dem Wald
Wolln wir zusammenhalten,
Ein' feste Burg, Trutz der Gewalt,
Verbleiben treu die alten.
Steig, Sonne, schon!
Wirf von den Hohn
Nacht und die mit ihr kamen,
Hinab in Gottes Namen!"
Friedrich argerte es recht, dass der Student immerfort so traurig dabeisass. Seine Komodiantin, wie er Friedrich hier endlich entdeckte, hatte ihn von neuem verlassen und diesmal auch alle seine Barschaft mitgenommen. Arm und bloss und zum Tode verliebt, war er nun dem aufruhrerischen Gebirge zugeeilt, um im Kriege sein Ende zu finden. "Aber so seid nur nicht gar so talket!" sagte ein Jager, der seine Erzahlung mit angehort hatte. "Mein Schatz", sang ein anderer neben ihm:
"Mein Schatz, das ist ein kluges Kind,
Die spricht: 'Willst du nicht fechten,
Wir zwei geschiedne Leute sind;
Erschlagen dich die Schlechten,
Auch keins von beiden dran gewinnt.'
Mein Schatz, das ist ein kluges Kind,
Fur die will ich lebn und fechten!"
"Was ist das fur eine Liebe, die so wehmutige, weichliche Tapferkeit erzeugt?" sagte Friedrich zum Studenten, denn ihm kam seine Melancholie in dieser Zeit, auf diesen Bergen und unter diesen Leuten unbeschreiblich albern vor. "Glaubt mir, das Sterben ist viel zu ernsthaft fur einen sentimentalischen Spass. Wer den Tod furchtet und wer ihn sucht, sind beide schlechte Soldaten, wer aber ein schlechter Soldat ist, der ist auch kein rechter Mann."
Sie wurden hier unterbrochen, denn soeben fielen von mehreren Seiten Schusse tief unten im Walde. Es war das verabredete Zeichen zum Aufbruch. Sie wollten den Feind nicht erwarten, sondern ihn von dieser Seite, wo er es nicht vermutete, selber angreifen. Alles sprang frohlich auf und griff nach den herumliegenden Waffen. In kurzer Zeit hatten sie den Feind im Angesicht. Wie ein heller Strom brachen sie aus ihren Schluchten gegen den blinkenden Damm der feindlichen Glieder, die auf der halben Hohe des Berges steif gespreizt standen. Die ersten Reihen waren bald gebrochen, und das Gefecht zerschlug sich in so viele einzelne Zweikampfe, als es ehrenfeste Herzen gab, die es auf Tod und Leben meinten. Es kommandierte, wem Besonnenheit oder Begeisterung die Ubermacht gab. Friedrich war uberall zu sehen, wo es am gefahrlichsten herging, selber mit Blut uberdeckt. Einzelne rangen da auf schwindligen Klippen, bis beide einander umklammernd in den Abgrund sturzten. Blutrot stieg die Sonne auf die Hohen, ein wilder Sturm wutete durch die alten Walder, Felsenstucke sturzten zermalmend auf den Feind. Es schien das ganze Gebirge selbst wie ein Riese die steinernen Glieder zu bewegen, um die fremden Menschlein abzuschutteln, die ihn dreist geweckt hatten und an ihm heraufklettern wollten. Mit grenzenloser Unordnung entfloh endlich der Feind nach allen Seiten weit in die Taler hinaus.
Nur auf einem einzigen Flecke wurde noch immer fortgefochten. Friedrich eilte hinzu und erkannte inmittelst jenen Offizier wieder, der in der Residenz zu seinen Genossen gehorte. Dieser hatte sich, von den Seinigen getrennt, schon einmal gefangengegeben, als er zufallig um den Anfuhrer seiner Sieger fragte. Mehrere nannten einstimmig Friedrich. Bei diesem Namen hatte er plotzlich einem seiner Fuhrer den Sabel entrissen und versuchte wutend, noch einmal sich durchzuschlagen. Als er nun Friedrich selber erblickte, verdoppelte er seine fast schon erschopften Krafte von neuem und hieb in Wut blind um sich, bis er endlich von der Menge entwaffnet wurde. Stillschweigend folgte er nun, wohin sie ihn fuhrten, und wollte durchaus kein Wort sprechen. Friedrich mochte ihn in diesem Augenblicke nicht anreden.
Das Verfolgen des fluchtigen Feindes dauerte bis gegen Abend. Da langte Friedrich mit den Seinigen ermudet auf einem altfrankischen Schlosse an, das am Abhange des Gebirges stand. Hof und Schloss stand leer; alle Bewohner hatten es aus Furcht vor Freund und Feind feigherzig verlassen. Der Trupp lagerte sich sogleich auf dem geraumigen Hofe, dessen Pflaster schon hin und wieder mit Gras uberwachsen war. Rings um das Schloss wurden Wachen ausgestellt.
Friedrich fand eine Tur offen und ging in das Schloss. Er schritt durch mehrere leere Gange und Zimmer und kam zuletzt in eine Kapelle. Ein einfacher Altar war dort aufgerichtet, mehrere alte Heiligenbilder auf Holz hingen an den Wanden umher, auf dem Altare stand ein Kruzifix. Er kniete vor dem Altare nieder und dankte Gott aus Grund der Seele fur den heutigen Tag. Darauf stand er neugestarkt auf und fuhlte die vielen Wunden kaum, die er in dem Gefechte erhalten. Er erinnerte sich nicht, dass ihm jemals in seinem Leben so wohl gewesen. Es war das erstemal, dass es ihm genugte, was er hier trieb und vorhatte. Er war vollig uberzeugt, dass er das Rechte wolle, und sein ganzes voriges Leben, was er sonst einzeln versucht, gestrebt und geubt hatte, kam ihm nun nur wie eine lange Vorschule vor zu der sichern, klaren und grossen Gesinnung, die jetzt sein Tun und Denken regierte.
Er ging nun durch das Schloss, wo fast alle Turen geoffnet waren. In dem einen Gemache fand er ein altes Sofa. Er streckte sich darauf; aber er konnte nicht schlafen, so mude er auch war. Denn tausenderlei Gedanken zogen wechselnd durch seine Seele, wahrend er dort von der einen Seite durch die offene Tur den Schlosshof ubersah, wo die Schutzen um ein Feuer lagen, das die alten Gemauer seltsam beleuchtete, von der andern Seite durchs Fenster die Wolkenzuge uber den stillen, schwarzen Waldern. Er gedachte seines vergangenen ruhigen Lebens, wie er noch mit seiner Poesie zufrieden und glucklich war, an seinen Leontin, an Rosa, an den stillen Garten beim Herrn v. A., wie das alles so weit von hier hinter den Bergen jetzt im ruhigen Schlafe ruhte.
Das Feuer aus dem Hofe warf indes einen hellen Widerschein uber die eine Wand der Stube. Da wurde er auf ein grosses, altes Bild aufmerksam, das dort hing. Es stellte die heilige Mutter Anna vor, wie sie die kleine Maria lesen lehrte. Sie hatte ein grosses Buch vor sich auf dem Schosse. An ihren Knien stand die kleine Maria mit vor der Brust gefalteten Handchen, die Augen fleissig auf das Buch niedergeschlagen. Eine wunderbare Unschuld und Frommigkeit, wie die demutige Ahnung einer kunftigen, unbeschreiblichen Schonheit und Herrlichkeit, ruhte auf dem Gesichte des Kindes. Es war, als musste sie jeden Augenblick die schonen, klaren Kindesaugen aufschlagen, um der Welt Trost und himmlischen Frieden zu geben. Friedrich war erstaunt, denn je langer er das stille Kopfchen ansah, je deutlicher schienen alle Zuge desselben in ein ihm wohlbekanntes Gesicht zu verschwimmen. Doch verlor sich diese Erinnerung in seine fruheste Kindheit, und er konnte sich durchaus nicht genau besinnen. Er sprang auf und untersuchte das Bild von allen Seiten, aber nirgends war irgendein Name oder besonderes Zeichen zu sehen.
Verwundert ging er in den Hof hinaus und fragte nach den Bewohnern des Schlosses. Nur einige wussten Bescheid und sagten aus, das Schloss werde gewohnlich bloss von einem Vogte bewohnt und gehore eigentlich einer Edelfrau im Auslande, die alle Jahre immer nur auf wenige Tage herkomme. Sonst konnte er nichts erfahren. Ihm fiel dabei unwillkurlich die weisse Frau ein, die er schon fast wieder vergessen hatte.
Sein Schlaf war vorbei er begab sich daher auf die alte steinerne Galerie, die auf der Waldseite uber eine tiefe Schlucht hinausging, um dort den Morgen abzuwarten. Dort fand er auch den gefangenen Offizier, der in einem dunklen Winkel zusammengekrummt lag. Er setzte sich zu ihm auf das halb abgebrochene Gelander.
"Das Ungluck macht vieles wieder gut", sagte er, und reichte ihm die Hand. Der Offizier wickelte sich fester in seinen Mantel und antwortete nicht. "Hast du denn alles vergessen", fuhr Friedrich fort, "was wir in der guten Zeit vorbereitet? Mir war es Ernst mit dem, was ich vorhatte. Ich war ein ehrlicher Narr, und ich will es lieber sein, als klug ohne Ehre." Der Offizier fuhr auf, schlug seinen Mantel auseinander und rief: "Schlag mich tot wie einen Hund!" "Lass diese weibische Wut, wenn du nichts Besseres kannst", sagte Friedrich ruhig. "Du siehst so wust und dunkel aus, ich kenne dein Gesicht nicht mehr wieder. Ich liebte dich sonst, so bist du mir gar nichts wert." Bei diesen Worten sprang der Offizier, der Friedrichs ruhige Zuge nicht langer ertragen konnte, auf, packte ihn bei der Brust und wollte ihn uber die Galerie in den Abgrund sturzen. Sie rangen einige Zeit miteinander; Friedrich war vom vielen Blutverluste ermattet und taumelte nach dem schwindligen Rande zu. Da fiel ein Schuss aus einem Fenster des Schlosses; ein Schutze hatte alles mit angesehen. "Jesus Maria!" rief der Offizier getroffen, und sturzte uber das Gelander in den Abgrund hinunter. Da wurde es auf einmal still, nur der Wald rauschte finster von unten herauf. Friedrich wandte sich schaudernd von dem unheimlichen Orte.
Die Schutzen hatten unterdes ausgerastet, das Morgenrot begann bereits sich zu erheben. Neue Nachrichten, die soeben eingelaufen waren, bestimmten den Trupp, sogleich von seinem Schlosse aufzubrechen, um sich mit den andern tiefer im Lande zu vereinigen.
Eine seltsame Erscheinung zog jedoch bald darauf aller Augen auf sich. Als sie namlich auf der einen Seite des Schlosses herauskamen, sahen sie jenseits zwischen den Baumen auf einer hohen Klippe eine weibliche Gestalt stehen, welche zwei von den Ihrigen, die ihr nachstiegen, mit dem Degen abwehrte. Friedrich wurde hinzugerufen. Er erfuhr, das Madchen sei gegen Morgen allein mit verwirrtem Haar und einem Degen in der Hand an dem Schlosse herumgeirrt, als suche sie etwas. Als sie dann auf den erschossenen Offizier gestossen, habe sie ihn schnell in die Arme genommen, und den Leichnam mit einer bewunderungswurdigen Kraft und Geduld in das Gebirge hinaufgeschleppt. Zwei Schutzen, denen ihr Herumschleichen verdachtig wurde, waren ihr bis zu diesem Felsen gefolgt, den sie nun wie ihre Burg verteidigte.
Als Friedrich naher kam, erkannte er in dem wunderbaren Madchen sogleich Marie, sie kam ihm heute viel grosser und schoner vor. Ihre langen, schwarzen Locken waren auseinandergerollt, sie hieb nach allen Seiten um sich, so dass keiner, ohne sie zu verletzen, die steile Klippe ersteigen konnte. Als dieselbe Friedrich unter den fremden Mannern erblickte, liess sie plotzlich den Degen fallen, sank auf die Knie und verbarg ihr Gesicht an der kalten Brust ihres Geliebten. Die bartigen Manner blieben erstaunt stehn. "Ist in dir eine solche Gewalt wahrhafter Liebe", sagte Friedrich geruhrt zu ihr, "so wende sie zu Gott, und du wirst noch grosse Gnade erfahren!"
Die Umstande notigten indes immer dringender zum Aufbruch. Friedrich liess daher einen des Weges kundigen Jager bei Marie zuruck, der sie in Sicherheit bringen sollte. Das Madchen richtete sich halb auf und sah still dem Grafen nach; sie aber zogen singend uber die Berge weiter, uber denen soeben die Sonne aufging.
Neunzehntes Kapitel
Der Krieg wutete noch lange fort. Friedrich hatte im Laufe desselben den Ruhm seines alten Namens durch alte Tugend wieder angefrischt. Der Furst, dem er angehorte, war unter den Feinden. Friedrichs Guter wurden daher eingezogen. Das Kriegsgluck wandte sich, die Seinigen wurden immer geringer und schwacher, alles ging schlecht: er blieb allein desto hartnackiger gut und wich nicht. Endlich wurde der Friede geschlossen. Da nahm er, zuruckgedrangt auf die hochsten Zinnen des Gebirges, Abschied von seinen Hochlandern und eilte guterlos und geachtet hinab. Uber das platte Land verbreitete sich der Friede weit und breit in schallender Freude; er allein zog einsam hindurch, und seine Gedanken kann niemand beschreiben, als er die letzten Gipfel des Gebirges hinter sich versinken sah. Er gedachte wenig seiner eigenen Gefahr, da rings in dem Lande die feindlichen Truppen noch zerstreut lagen, von denen er wohl wusste, dass sie seiner habhaft zu werden trachteten. Er achtete sein Leben nicht, es schien ihm nun zu nichts mehr nutze.
So langte er an einem unfreundlichen, sturmischen Abend in einem abgelegenen Dorfe an. Die Garten waren alle verwustet, die Hauser niedergebrannt, die wenigen ubriggebliebenen schienen von den Bewohnern verlassen; es war ein trauriges Denkmal des kaum geendigten Krieges, der an diesen Gegenden besonders seine Wut recht ausgelassen hatte. An dem andern Ende des Dorfes fand Friedrich endlich einen Mann, der auf einem schwarzgebrannten Balken seines umgerissenen Hauses sass und an einem Stuck trockener Brotrinde nagte. Friedrich fragte um Unterkommen fur sich und sein Pferd. Der Mann lachte ihm widerlich ins Gesicht und zeigte auf das abgebrannte Dorf.
Ermudet band Friedrich sein Pferd an und setzte sich zu dem Manne hin. Er befragte ihn, wie so grosses Ungluck insonderheit dieses Dorf getroffen? Der Mann sagte gleichgultig und wortkarg: "Wir haben uns den Feinden widersetzt, worauf unser Dorf abgebrannt und mancher von uns erschossen wurde. Was kummert mich aber das, und das Land und die ganze Welt", fuhr er nach einer Weile fort, "mir tut's nur leid um mich, denn zu fressen muss man doch haben!" Friedrich sah ihn von der Seite an, wie er so an seinem Brote kauete, sein Gesicht war hager und bleichgelb, und sah nach nichts Gutem aus.
Eine lustige Tanzmusik schallte inzwischen immerfort durch die Nacht zu ihnen heruber. Sie kam aus einem altertumlichen Schlosse, das dem Dorfe gegenuber auf einer Anhohe stand. Die Fenster waren alle hell erleuchtet. Inwendig sah man eine Menge Leute sich drehen und wirren; manches Paar lehnte sich in die offenen Fenster und sah in die regnerische Gegend hinaus.
"Wem gehort das Schloss da droben, wo es so lustig hergeht?" fragte Friedrich. "Der Grafin Romana", war die Antwort. Unwillkurlich schauderte er bei dieser unerwarteten Antwort zusammen. Erstaunt drang er nun mit Fragen in den Mann und horte mit den seltsamsten Empfindungen zu, da dieser erzahlte: "Als die letzte Schlacht verloren war und alles recht drunter und druber ging, heisa! da wurde unsere Grafin so lustig! Ihr Vermogen war verloren, ihre Guter und Schlosser verwustet, und als unser Dorf in Flammen aufging, sahen wir sie mit einem feindlichen Offiziere an dem Brande vorbeireiten, der hatte sie vorn vor sich auf seinem Pferde, und so ging es fort in alle Welt. Seit einigen Tagen hatte der Feind dort unten auf den Feldern sein Lager aufgeschlagen; da war ein Trommeln, Jubeln, Musizieren, Saufen und Lachen, Tag und Nacht, und unsere Grafin mitten unter ihnen, wie eine Marketenderin. Gestern ist das Lager aufgebrochen und die Grafin gibt den Offizieren, die heute auch noch nachziehen, droben den Abschiedsschmaus." Friedrich war uber dieser Erzahlung in Nachdenken versunken. "Ich sehe den Offizier noch immer vor mir", fuhr der Mann bald darauf wieder fort, "der den Befehl gab, unsere Hauser anzustecken. Ich lag eben hinter einem Zaune, ganz zusammengehauen. Er sass seitwarts nicht weit von mir auf seinem Pferde, der Widerschein von den Flammen fiel ihm durch die dunkle Nacht gerade auf sein wohlgenahrtes, glattes Gesicht. Ich wurde das Gesicht in hundert Jahren noch wiedererkennen."
Die Lichter in dem Schlosse, wahrend sie so sprachen, fingen indes an zu verloschen, die Musik horte auf, und es wurde nach und nach immer stiller. Der Mann wurde seltsam unruhig. "Jetzt werden die Offiziere auch fortziehn, wollen wir ihnen nicht sicheres Geleit geben?" sagte er abscheulich lachend, und stand auf. Friedrich bemerkte dabei, dass er etwas Blitzendes, wie ein Gewehr, unter seinem Kittel verborgen hatte. Eh er sich aber besann, war der Mann schon hinter den Hausern in der Finsternis verschwunden. Friedrich trauete ihm nicht recht, er zweifelte nicht, dass er etwas Grassliches vorhabe. Er eilte ihm daher nach, um ihn auf alle Falle zu verhindern. Tief im Walde sah er ihn noch einmal von weitem, wie er eben eilig um eine Felsenecke herumbog; darauf verschwand er ihm fur immer, und er hatte sich vergebens ziemlich weit vom Dorfe in dem Gebirge verstiegen.
Als er eben auf einer Hohe ankam, um sich von dort wieder zurechtzufinden, stand sehr unerwartet die Grafin Romana plotzlich vor ihm. Sie hatte eine kurze Flinte auf dem Rucken und dieselbe feenhafte Jagerkleidung, in welcher er sie zum letzten Male auf der Gemsenjagd gesehen hatte. Versteinert wie eine Bildsaule blieb sie stehen, als sie Friedrich so unverhofft erblickte. Dann sah sie ringsherum und sagte: "Ich habe mich hier oben verirrt, ich weiss den Weg nicht mehr nach Hause fuhre mich, wohin du willst, es ist alles einerlei!" Friedrich fiel das ungewohnte "Du" auf, auch bemerkte er in ihrem Gesichte jene leidenschaftliche Blasse, die ihn sonst schon oft an ihr gestort hatte. Die Nacht uberdeckte schon unten die stillen Walder, der Mond ging von der andern Seite uber den Bergen auf. Er fuhrte sie an Klippen und schwindligen Abhangen voruber den hohen, langen Berg hinab, sie sprachen kein Wort miteinander.
So kamen sie endlich nach einem muhsamen Wege zu dem Schlosse der Grafin zuruck. Es war eine alte Burg, mitten in der Wildnis, halb verfallen, kein Mensch war darin zu sehen. "Das ist mein Stammschloss", sagte Romana, "und ich bin die letzte des alten, beruhmten Geschlechts."
Sie fuhrte ihn durch die hohen, gewolbten Gemacher. In dem einen Zimmer lag alles vom Feste noch unordentlich umher, zerbrochene Weinflaschen und umgeworfene Stuhle; durch das zerschlagene Fenster pfiff der Wind herein und flackerte mit dem einzigen Lichte, das, fast schon bis an den Leuchter herabgebrannt, in der Mitte auf einem Tische stand und spielende Scheine auf eine Reihe altvaterischer Ahnenbilder warf, die rings an den Wanden umherhingen.
"Sie sind alle schon morsch, die guten Gesellen", sagte Romana in einem Anfalle von gespannter, unmenschlicher Lustigkeit, als sie die Verwustung betrat, die noch vor so kurzer Zeit vom Getummel und freudenreichen Schalle belebt war, nahm ihre Stutzflinte vom Rucken und stiess ein Bild nach dem andern von der Wand, dass sie zertrummert auf die Erde fielen. Dazwischen kehrte sie sich auf einmal zu Friedrich und sagte:
"Als ich mich vorhin im Gebirge umwandte, um wieder zum Schlosse zuruckzukehren, sah ich plotzlich auf einer Klippe mir gegenuber einen langen, wilden Mann stehen, den ich sonst in meinem Leben nicht gesehen, der hatte in der einsamen Stille seine Flinte unbeweglich mit der Mundung gerade auf mich angelegt. Ich sprang fort, denn mir kam es vor, als stehe der Mann seit tausend Jahren immer und ewig so dort oben." Friedrich bemerkte bei diesen verwirrten Worten, die ihn an den Halbverruckten erinnerten, dem er vorhin gefolgt, dass der Hahn an ihrer Flinte, die sie unbekummert in der Hand hielt und haufig gegen sich kehrte, noch gespannt sei. Er verwies es ihr. Sie sah in die Mundung hinein und lachte wild auf. "Schweigen Sie still", sagte Friedrich ernst und streng, und fasste sie unsanft an.
Er trat an das eine Fenster, setzte sich in den Fensterbogen und sah in die vom Monde beschienenen Grunde hinab. Romana setzte sich zu ihm. Sie sah noch immer blass, aber auch in der Verwustung noch schon aus, ihr Busen war unanstandig fast ganz entblosst; sie hielt seine Hand, er bemerkte, dass die ihrige bisweilen zuckte.
"Heftiges, unbandiges Weib", sagte Friedrich, der sich nicht langer mehr hielt, sehr ernsthaft, "gehn Sie beten! Beschauen Sie recht den Wunderbau der hundertjahrigen Stamme da unten, die alten Felsenriesen und den ewigen Himmel daruber, wie da die Elemente, sonst wechselseitig vernichtende Feinde gegeneinander, selber ihre rauhen, verwitternden Riesennacken und angeborne Wildheit vor ihrem Herrn beugend, Freundschaft schliessen und in weiser Ordnung und Frommigkeit die Welt tragen und erhalten. Und so soll auch der Mensch die wilden Elemente, die in seiner eigenen dunklen Brust nach der alten Willkur lauern und an ihren Ketten reissen und beissen, mit gottlichem Sinne besprechen und zu einem schonen, lichten Leben die Ehre, Tugend und Gottseligkeit in Eintracht verbinden und formieren. Denn es gibt etwas Festeres und Grosseres, als der kleine Mensch in seinem Hochmute, das der Scharfsinn nicht begreift und die Begeisterung nicht erfindet und macht, die, einmal abtrunnig, in frecher, mutwilliger, verwilderter Willkur wie das Feuer alles ringsum zerstort und verzehrt, bis sie uber dem Schutte in sich selber ausbrennt Sie glauben nicht an Gott!"
Friedrich sprach noch viel. Romana sass still und schien ganz ruhig geworden zu sein, nur manchmal, wenn die Walder heraufrauschten, schauerte sie, als ob sie der Frost schuttelte. Sie sah Friedrich mit ihren grossen Augen unverwandt an, denn sie wusste alles, was er in der letzten Zeit getan und aufgeopfert, und es war im tiefsten Grunde nur ihre unbezwingliche Leidenschaft zu ihm im zerknirschenden Gefuhl, ihn nie erreichen zu konnen, was das heftige Weib nach und nach bis zu diesem schwindligen Abgrund verwildert hatte. Es war, als ginge bei seinem neuen Anblick die Erinnerung an ihre eigene ursprungliche, zerstorte Grosse noch einmal schneidend durch ihre Seele. Sie stand auf und ging, ohne ein Wort zu sagen, nach der einen Seite fort.
Friedrich blieb noch lange dort sitzen, denn sein Herz war noch nie so bekummert und gepresst, als diese Nacht. Da fiel plotzlich ganz nahe im Schlosse ein Schuss. Er sprang, wie vom Blitze geruhrt, auf, eine entsetzliche Ahnung flog durch seine Brust. Er eilte durch mehrere Gemacher, die leer und offen standen, das letzte war fest verschlossen. Er riss die Tur mit Gewalt ein: welch ein erschrecklicher Anblick versteinerte da alle seine Sinne! Uber den Trummern ihrer Ahnenbilder lag dort Romana in ihrem Blute hingestreckt, das Gewehr, wie ihren letzten Freund, noch fest in der Hand.
Ihn uberfiel im ersten Augenblicke ein seltsamer Zorn, er fasste sie in beide Arme, als musste er sie mit Gewalt noch dem Teufel entreissen. Aber das wilde Spiel war fur immer verspielt, sie hatte sich gerade ins Herz geschossen. Der mude Leib ruhte schon und fromm, da ihn die heidnische Seele nicht mehr regierte. Er kniete neben ihr hin und betete fur sie aus Herzensgrunde.
Da sah er auf einmal helle Flammen zu den Fenstern hereinschlagen, durch die offene Tur erblickte er auch schon die andern Gemacher in vollem Brande. Kein Mensch war da, die Nacht auch gewitterstill, sie musste das Schloss in ihrer Raserei selber angesteckt haben, vielleicht um Friedrich zugleich mit sich zu verderben. Er nahm den Leichnam und trug ihn durch das brennende Tor ins Freie hinaus. Dort legte er sie unter eine Eiche und bedeckte sie mit Zweigen, damit sie die Raben nicht frassen, bis er im nachsten Dorfe die notigen Vorkehrungen zu ihrem Begrabnisse getroffen. Dann eilte er den Berg hinab und schwang sich auf sein Pferd.
Hinter ihm stieg die Flamme auf die hochste Zinne der Burg und warf grassliche Scheine weit zwischen den Baumen. Das Schloss sank wie ein dunkler Riese in dem feurigen Ofen zusammen, uber der alten, guten Zeit hielt das Flammenspiel im Winde seinen wilden Tanz; es war, als ginge der Geist ihrer Herrin noch einmal durch die Lohen.
Zwanzigstes Kapitel
Es war Friedrich seltsam zumute, als er den andern Tag am Saume des Waldes herauskam und den wirtlichen, zierlich bepflanzten Berg mit seinen bunten Lusthausern und dunklen Lauben dort auf einmal vor sich sah, auf dem er beim Antritt seiner Reise die ersten einsamen, frohlichen Stunden nach der Trennung von seinen Universitatsfreunden zugebracht hatte. Uberrascht blieb er eine Weile vor der weiten, von der Sonne hell beschienenen Gegend stehen, die ihm wie ein Traum, wie eine liebliche Zauberei vorkam; denn eine Gegend aus unserm ersten, frischen Jugendglanze bleibt uns wie das Bild der ersten Geliebten ewig erinnerlich und reizend. Dann lenkte er langsam den lustigen Berg hinan.
Dort oben war alles noch wie damals, die Tische und Banke im Grunen standen noch immer an derselben Stelle, mehrere Gesellschaften waren wieder bunt und frohlich uber den grunen Platz zerstreut und schmausten und lachten, aller kaum vergangenen Not vergessend. Auch der alte Harfenist lebte noch und sang draussen seine vorigen Lieder. Friedrich suchte das luftige Sommerhaus auf, wo er damals gespeist und den eben verlassenen Gesellen frisch zugetrunken hatte. Dort fand er den Namen Rosa wieder, den er an jenem schwulen Nachmittage mit seinem Ringe in die Fensterscheibe gezeichnet. Er hielt beide Hande vor die Augen, so tief uberfiel ihn die Gewalt dieser Erinnerung. Die treuen Zuge blitzten noch frisch in der Sonne, aber die Zuge jenes wunderschonen Bildes, das er damals in der Seele hatte, waren unterdes im Leben verworren und verloren fur immer.
Er lehnte sich zum Fenster hinaus und ubersah die schone, noch gar wohlbekannte Gegend, und sein ganzer damaliger Zustand wurde ihm dabei so deutlich, wie wenn man ein lange vergessenes, fruhes Gedicht nach vielen Jahren wiederliest, wo alles vergangen ist, was einen zu dem Liede verfuhrt. Wie anders war seitdem alles in ihm geworden! Damals segelten seine Gedanken und Wunsche mit den Wolken ins Blaue uber das Gebirge fort, hinter dem ihm das Leben mit seinen Reisewundern wie ein schones, uberschwenglich reiches Geheimnis lag. Jetzt stand er an demselben Orte, wo er begonnen, wie nach einem muhsam beschriebenen Zirkel, fruhzeitig an dem andern, ernstern und stillern Ende seiner Reise und hatte keine Sehnsucht mehr nach dem Plunder hinter den Bergen und weiter. Die Poesie, seine damalige, susse Reisegefahrtin genugte ihm nicht mehr, alle seine ernstesten, herzlichsten Plane waren an dem Neide seiner Zeit gescheitert, seine Madchenliebe musste, ohne dass er es selbst bemerkte, einer hoheren Liebe weichen, und jenes grosse, reiche Geheimnis des Lebens hatte sich ihm endlich in Gott gelost.
Wahrend er dies alles so uberdachte, fiel ihm ein, wie Leontins Schloss ganz in der Nahe von hier sei. Er fuhlte ein recht herzliches Verlangen, diesen seinen Bruder und jene Waldberge wiederzusehen. Der Gedanke bewegte ihn so, dass er sogleich sein Pferd bestieg und von dem Berge hinab die schattige Landstrasse wieder einschlug.
Die Sonne stand noch hoch, er hoffte den Wald noch vor Anbruch der Nacht zuruckzulegen. Nach einiger Zeit erlangte er einen hohen Bergrucken. Die Lage der Walder, der Kreis von niederern Bergen ringsumher, alles kam ihm so bekannt vor. Er ritt langsam und sinnend fort, bis er sich endlich erinnerte, dass es dieselbe Heide sei, uber welche er in jener Nacht, da er sich verirrt und das seltsame Abenteuer in der Muhle bestanden, sein Pferd am Zugel gefuhrt hatte. Der Schlag der Eisenhammer kam nur schwach und verworren durch das Singen der Vogel und den schallenden Tag aus der fernen Tiefe herauf. Es war ihm, als ruckte sein ganzes Leben Bild vor Bild so wieder ruckwarts, wie ein Schiff nach langer Fahrt, die wohlbekannten Ufer wieder begrussend, endlich dem alten, heimatlichen Hafen bereichert zufahrt.
Ein Gebirgsbach fand sich dort in der Einsamkeit mit seiner plauderhaften Emsigkeit neben ihm ein. Er wusste, dass es der namliche sei, der die schone Wiese von Leontins Schlosse durchschnitt, und folgte ihm daher auf einem Fusssteige die Hohen hinab. Da erblickte er nach einem langen Wege unerwartet auch die beruchtigte Waldmuhle im Grunde wieder. Wie anders, gespensterhaft und voll wunderbarer Schrekken hatte ihm damals die phantastische Nacht diese Gegend ausgebildet, die heute recht behaglich im Sonnenscheine vor ihm lag. Der Bach rauschte melancholisch an der alten Muhle voruber, die halbverfallen dastand und schon lange verlassen zu sein schien; das Rad war zerbrochen und stand still.
Auf der einen Seite der Muhle war ein schoner, lichtgruner Grund, uber welchem frische Eichen ihre kuhlen Hallen woben. Dort sah Friedrich ein Madchen in einem reinlichen, weissen Kleide am Boden sitzen, halb mit dem Rucken nach ihm gekehrt. Er horte das Madchen singen und konnte deutlich folgende Worte verstehen:
"In einem kuhlen Grunde,
Da geht ein Muhlenrad,
Mein' Liebste ist verschwunden,
Die dort gewohnet hat.
Sie hat mir Treu versprochen,
Gab mir ein'n Ring dabei,
Sie hat die Treu gebrochen,
Mein Ringlein sprang entzwei.
Ich mocht als Spielmann reisen
Weit in die Welt hinaus,
Und singen meine Weisen
Und gehn von Haus zu Haus.
Ich mocht als Reiter fliegen,
Wohl in die blut'ge Schlacht,
Um stille Feuer liegen
Im Feld bei dunkler Nacht.
Hor ich das Muhlrad gehen,
Ich weiss nicht, was ich will
Ich mocht am liebsten sterben,
Da war's auf einmal still."
Diese Worte, so aus tiefster Seele herausgesungen, kamen Friedrich in dem Munde eines Madchens sehr seltsam vor. Wie erstaunt, ja wunderbar erschuttert aber war er, als sich das Madchen wahrend des Gesanges, ohne ihn zu bemerken, einmal fluchtig umwandte, und er bei dem Sonnenstreif, der durch die Zweige gerade auf ihr Gesicht fiel, nicht nur eine auffallende Ahnlichkeit mit dem Madchen, das ihm damals in der Muhle hinaufgeleuchtet, bemerkte, sondern in dieser Kleidung und Umgebung vielmehr jenes wunderschone Kind aus langst verklungener Zeit wiederzusehen glaubte, mit der er als kleiner Knabe so oft zu Hause im Garten gespielt, und die er seitdem nie wiedergesehen hatte. Jetzt fiel es ihm auch plotzlich wie Schuppen von den Augen, dass dies dieselben Zuge seien, die ihm in dem verlassenen Gebirgsschlosse auf dem Bilde der heiligen Anna in dem Gesichte des Kindes Maria so sehr aufgefallen waren.
Verwirrt durch so viele sich durchkreuzende, uralte Erinnerungen, ritt er auf das Madchen zu, da sie eben ihr Lied geendigt hatte. Sie aber, von dem Gerausche aufgeschreckt, sprang, ohne sich weiter umzusehen, fort, und war bald in dem Walde verschwunden.
Da sah er auf der Anhohe, wohin sich das Madchen gefluchtet, eine andere weibliche Gestalt zwischen den Baumen erscheinen, gross, schon und herrlich. Es war Friedrich, als begrusse ihn sein ganzes vergangenes Leben hier wie in einem Traume noch einmal in tausend schonwirrenden Verwandlungen; denn je naher er dem Berge kam, je deutlicher glaubte er in jener Gestalt Julie wiederzuerkennen. Er stieg vom Pferde und eilte die Anhohe hinauf, wo unterdes die liebliche Erscheinung sich wieder verloren hatte.
Oben fand er sie ruhig auf dem Boden sitzend, es war wirklich Julie. "Stille, stille", sagte sie, als er naher trat, nicht weniger uberrascht als er, und wies auf Leontin, der neben ihr, an einem Baume angelehnt, eingeschlummert lag. Er war auffallend blass, sein linker Arm ruhte in einer Binde. Friedrich betrachtete verwundert bald Leontin, bald Julie. Julie schien dabei das Unschickliche ihrer einsamen Lage mit Leontin einzufallen, und sie sah errotend in den Schoss.
Leontin war indes erwacht und machte die Augen gross auf, da er neben der Geliebten auch noch den Freund vor sich sah. "Da mag schlafen, wer Lust hat, wenn es wieder so lustig auf der Welt aussieht", sagte er, und sprang rasch auf. Friedrich erstaunte, wie mannlicher seitdem sein ganzes Wesen geworden. "Aber sage, wie hat dich der Himmel wieder hierhergebracht?" fuhr er fort, "ich dachte, die Zeit wurde uns beide mit verschlingen; aber ich glaube, sie furchtet sich, uns nicht verdauen zu konnen." Friedrich kam nun vor lauter Fragen nicht selber zum Fragen, sosehr es ihm auch am Herzen lag; er musste sich bequemen, die Geschichte seines Lebens seit ihrer Trennung zu erzahlen. Als er auf den Tod der Grafin Romana kam, wurde Leontin nachdenkend. Julie, die auch sonst schon viel von ihr gehort, konnte sich in diese ihre seltsame Verwilderung durchaus nicht finden und verdammte ihr schimpfliches Ende ohne Erbarmen, ja, mit einer ihr sonst ungewohnlichen Art von Hass.
Nach vielem Hin- und Herreden, das jedes Wiedersehen mit sich zu bringen pflegt, bat endlich auch Friedrich die beiden, seinen Bericht mit einer ausfuhrlichen Erzahlung ihrer seitherigen Begebenheiten zu erwidern, da er aus ihren kurzen, unzusammenhangenden Antworten noch immer nicht klug werden konnte. Vor allem erkundigte er sich nach dem Madchen, das, wie er meinte, zu ihnen gefluchtet sein musse. Julie sah dabei Leontin unentschlossen an. "Lassen wir das jetzt!" sagte dieser, "die Gegend und meine Seele ist so klar und heiter, wie nach einem Gewitter, es ist mir gerade alles recht lebhaft erinnerlich, ich will dir erzahlen, wie wir hier zusammengekommen."
Er nahm hierbei eine Flasche Wein aus einem Korbchen, das neben Julie stand, und setzte sich damit an den Abhang mit der Aussicht in die grune Waldschlucht bei der Muhle; Friedrich und Julie setzten sich zu beiden Seiten neben ihn. Sie wollte ihm durchaus die Flasche wieder entreissen, da sie wohl wusste dass er mehr trinken werde, als seinen Wunden noch zutraglich war. Aber er hielt sie fest in beiden Handen. "Wo es", sagte er, "wieder so gut, frisch Leben gibt, wer fragt da, wie lange es dauert!" Und Julie musste sich am Ende selber bequemen, mitzutrinken. Sie hatte sich mit beiden Armen auf seine Knie gestutzt, um die Geschichte, die sie beinahe schon auswendig wusste, noch einmal recht aufmerksam anzuhoren. Friedrich, der sie nun ruhig betrachten konnte, bemerkte dabei, wie sich ihre ganze Gestalt seitdem entwickelt hatte. Alle ihre Zuge waren entschieden und geistreich. So begann nun Leontin folgendermassen:
"Als ich auf jener Alp wahrend der Gemsenjagd von dir Abschied nahm, wurde mir sehr bange, denn ich wusste wahrhaftig nicht, was ich in der Welt eigentlich wollte und anfangen sollte. Was recht Tuchtiges war eben nicht zu tun, gleichviel, ob am Guten oder am Schlechten; bloss um der Tatigkeit willen abzuarbeiten, wie man etwa spazierengeht, um sich Motion zu machen, war von jeher meine grosste Widerwartigkeit. Ware ich recht arm gewesen, ich hatte aus lauter Langeweile arbeiten konnen, um mir Geld zu erwerben, und hinterdrein die Leute uberredet, es geschehe alles um des Staates willen, wie die andern tun. Unter solchen moralischen Betrachtungen ritt ich uber das Gebirge fort, und es tat mir recht ohne allen Hochmut leid, wie da alle die Stadte und Dorfer gleich Ameisenhaufen und Maulwurfshugeln so tief unter mir lagen; denn ich habe nie mehr Menschenliebe, als wenn ich weit von den Menschen bin. Da wurde es nach und nach schwul und immer schwuler unten uber dem deutschen Reiche, die Donau sah ich wie eine silberne Schlange durch das unendliche, blauschwule Land gehn, zwei Gewitter, dunkel, schwer und langsam standen am aussersten Horizonte gegeneinander auf; sie blitzten und donnerten noch nicht, es war eine erschreckliche Stille. Ich erinnere mich, wie frei mir zumute wurde, als ich endlich die ersten Soldaten unten uber die Hugel kommen und hin und wider reiten, wirren und blitzen sah.
Ich zog in den Krieg hinunter. Was da geschah, ist dir bekannt. Nach der grossen Schlacht, die wir verloren, war das Korps, zu dem ich gehorte, erschlagen und zersprengt, ich selber von den Meinigen getrennt. Ich suchte durch verschiedene Umwege mich wieder zu vereinigen, aber je langer ich ritt, je tiefer verirrte ich mich in dem verteufelten Walde. Es regnete und sturmte in einem fort, aber ich mochte nirgends einkehren, denn ich war innerlichst so zornig, dass ich mich in dem Wetter noch am leidlichsten befand.
Am Abend des andern Tages fingen endlich die Wolken an sich zu zerteilen, die Sonne brach wieder hindurch und schien warm und dampfend auf den Erdboden, da kam ich auf einer Hohe plotzlich aus dem Walde und stand vor Juliens Gegend. Ich kann es nicht beschreiben, mit welcher Empfindung ich aus der kriegerischen Wildnis meines emporten Gemuts so auf einmal in die friedens- und segensreiche Gegend voll alter Erinnerungen und Anklange hinaussah, die, wie du wissen wirst, zwischen ihren einsamen Bergen und Waldern mitten im Kriege in tiefster Stille lag.
Uberrascht blieb ich oben stehen. Da sah ich den blauen Strom unten wieder gehn und Segel fahren, das freundliche Schloss am Hugel und den wohlbekannten Garten ringsumher, alles in alter Ruhe, wie damals. Den Herrn v. A. sah ich auf dem mittelsten Gange des Gartens hinab ruhig spazierengehen. Auf den weiten Planen jenseits des Stromes, uber welche die eben untergehende Sonne schrag ihre letzten Strahlen warf, kam ein Reiter auf das Schloss zugezogen, ich konnte ihn nicht erkennen. Julie erblickte ich nirgends.
Es liess mir da oben nicht langer Ruh; ich eilte den Berg hinunter, ich wollte Julie, ihren Vater, den Viktor wiedersehen, die ganze Vergangenheit noch einmal in einem schnellen Zuge durchleben und geniessen. Tiefer unten am Abhange erblickte ich den Reiter plotzlich wieder. Es war eine junge, hagere, verlebte Figur, durchaus modern, einer von den gang und gaben alten Jungen mit der Brille auf der Nase. Mich uberlief ein Arger, dass dieses modische, mir nur zu sehr bekannte Gezucht auch schon bis in diese glucklich verborgenen Taler gedrungen war. Er aber sah mich fluchtig vornehm an, lenkte auf einem bequemeren, aber weiteren Umwege nach dem Schlosse und verschwand bald wieder.
Ein Bauer aus dem Dorfe des Herrn v. A., der auch von der Arbeit nach Hause ging, hatte sich indes neben mir eingefunden. Ich erinnerte mich seines Gesichts sogleich wieder, er aber kannte mich nicht mehr. Von diesem erfuhr ich nach einem schnell angeknupften Gesprache, dass die Tante schon seit langerer Zeit tot sei. Ich fragte ihn darauf, wer der fremde Herr sei, der eben vorbeigeritten. Er antwortete mir mit heimlicher Miene: 'Fraulein Juliens Brautigam.'"
Hier schuttelte Julie lachelnd den Kopf und wollte Leontins Erzahlung unterbrechen. Leontin fuhr aber sogleich wieder fort:
"Es war inzwischen vollig Nacht geworden, als ich das Dorf erreichte. Ich mochte nach jener Nachricht nun niemand aus dem Hause sprechen, noch sehen nur einen fluchtigen Streifzug durch den alten, schuldlosen Garten wollt ich machen, und sogleich wieder fort.
Ich band mein Pferd an einem Baume an und stieg ubern Zaun in den Garten. Dort war jeder Gang, jede Bank, ja, jedes Blumenbeet noch immer auf dem alten Platze, so dass die Seele nach so vielen inzwischen durchlebten Gedanken und Veranderungen diesen gemutlichen Stillstand kaum fassen konnte. Der Sturm wutete indes noch immer heftig fort und riss ein Heer von Wolken nebst vielen verspateten Abendvogeln, die kreischend dazwischenruderten, in einer unabsehbaren Flucht uber den Garten hinaus, wahrend unten die Baume sich neigten und einzelne Nachtigallentone aus den Talern durch den Wind heraufklagten; es war eine recht dunkelschwule Gespensternacht.
Ein ungewohnlich starkes Licht, das aus dem einen Fenster in den Garten hinausschien, zog mich zum Schlosse hin. Ich stellte mich gerade vor das Fenster und konnte das ganze Zimmer ubersehen, das von einem Kaminfeuer so hell erleuchtet wurde. Der Herr v. A. sass in einem Lehnstuhle und las Zeitungen, Julie sass am Kamine und sang, hatte aber den Rucken gegen das Fenster gekehrt, so dass ich ihr Gesicht nicht sehen konnte. Was sie sang, war eine alte Romanze, die mir schon als Kind bekannt war. Sie ist mir noch erinnerlich:
'Hoch uber den stillen Hohen
Stand in dem Wald ein Haus,
Dort war's so einsam zu sehen
Weit ubern Wald hinaus.
Drin sass ein Madchen am Rocken
Den ganzen Abend lang,
Der wurden die Augen nicht trocken,
Sie spann und sann und sang:
"Mein Liebster, der war ein Reiter,
Dem schwur ich Treu bis in Tod,
Der zog uber Land und weiter
Zu Kriegeslust und not.
Und als ein Jahr war vergangen,
Und wieder bluhte das Land,
Da stand ich voller Verlangen
Hoch an des Waldes Rand.
Und zwischen den Bergesbogen,
Wohl uber den grunen Plan,
Kam mancher Reiter gezogen,
Der meine kam nicht mit an.
Und zwischen den Bergesbogen,
Wohl uber den grunen Plan,
Ein Jagersmann kam geflogen,
Der sah mich so mutig an.
So lieblich die Sonne schiene,
Das Waldhorn scholl weit und breit,
Da fuhrt' er mich in das Grune.
Das war eine schone Zeit!
Der hat so lieblich gelogen
Mich aus der Treue heraus,
Der Falsche hat mich betrogen,
Zog weit in die Welt hinaus."
Sie konnte nicht weitersingen,
Vor bitterem Schmerz und Leid,
Die Augen ihr ubergingen
In ihrer Einsamkeit.'
Julie ging es wohl nicht besser, denn sie stand plotzlich auf, offnete das Fenster und lehnte sich in die Nacht hinaus. Uberhaupt glaubte ich wahrend des Singens eine grosse Unruhe an ihr bemerkt zu haben. 'Was ist das fur ein erschrecklicher Sturm!' hort ich den Herrn v. A. drin sagen, 'der bedeutet noch Krieg, Gott steh unsern Leuten bei, die schlagen sich wohl jetzt wieder.' 'Und ich muss hier sitzen!' sagte Julie aus tiefster Seele. Ich stand seitwarts, an einen Pfeiler gelehnt, und die Tone gingen in dem rasenden Winde gar seltsam wehmutig uber den Garten hinaus, in dem ich mir nun wie ein lange Verbannter vorkam, da Julie bald in ihrem Gesange am offenen Fenster wieder also fortfuhr:
'Die Muhme, die sass beim Feuer
Und warmet sich am Kamin,
Es flackert und spruht das Feuer,
Hell uber die Stub es schien.
Sie sprach: "Ein Kranzlein in Haaren,
Das stunde dir heut gar schon,
Willst draussen auf dem See nicht fahren?
Hohe Blumen am Ufer dort stehn."
"Ich kann nicht holen die Blumen,
Im Hemdlein weiss am Teich
Ein Madchen hutet die Blumen,
Die sieht so totenbleich."
"Und hoch auf des Sees Weite,
Wenn alles finster und still,
Da rudern zwei stille Leute,
Der eine dich haben will."
"Sie schauen wie alte Bekannte,
Still, ewig stille sie sind,
Doch einmal der eine sich wandte,
Da fasst' mich ein eiskalter Wind.
Mir ist zu wehe zum Weinen
Die Uhr so gleichformig pickt,
Das Radlein, das schnurrt so in einem,
Mir ist, als war ich verruckt.
Ach Gott! wann wird sich doch roten
Die frohliche Morgenstund!
Ich mochte hinausgehn und beten,
Und beten aus Herzensgrund!
So bleich schon werden die Sterne,
Es ruhrt sich starker der Wald,
Schon krahen die Hahne von ferne,
Mich friert, es wird so kalt!
Ach, Muhme! was ist Euch geschehen?
Die Nase wird Euch so lang,
Die Augen sich seltsam verdrehen
Wie wird mir vor Euch so bang!"
Und wie sie so grauenvoll klagte,
Klopft's draussen ans Fensterlein,
Ein Mann aus der Finsternis ragte,
Schaut still in die Stube herein.
Die Haare wild umgehangen,
Von blutigen Tropfen nass,
Zwei blutige Streifen sich schlangen,
Wie Kranzlein, ums Antlitz blass.
Er grusst' sie so furchterlich heiter,
Er heisst sie sein' liebliche Braut,
Da kannt sie mit Schaudern den Reiter,
Fallt nieder auf ihre Knie.
Er zielt' mit dem Rohre durchs Gitter
Auf die schneeweisse Brust hin;
"Ach, wie ist das Sterben so bitter,
Erbarm dich, weil ich so jung noch bin!"
Stumm blieb sein steinerner Wille,
Es blitzte so rosenrot,
Da wurd es auf einmal stille
Im Walde und Haus und Hof.
Fruhmorgens da lag so schaurig
Verfallen im Walde das Haus,
Ein Waldvoglein sang so traurig,
Flog fort uber den See hinaus.'
Gegen das Ende ihres Gesanges hatte Julie von ohngefahr meinen Schatten bemerkt, den das Licht vom Zimmer lang und unbeweglich in den Garten warf. Sie sah sich stutzend um, und da sie nichts erblicken konnte, schloss sie nachdenkend und schweigend das Fenster. In diesem Augenblick klopfte es drin an die Stubentur. Sie fuhr erschrocken zusammen und vom Fenster auf. Ich blickte noch einmal hinein und sah jenen gehassigen Reiter, dem ich vorhin begegnet, eilfertig eintreten. 'Er lebt!' rief Julie ausser sich vor Freude und sturzte dem Manne um den Hals.
Hatt ich schon vorher draussen in dem Fremden sogleich einen von jenen poetischen Jungern erkannt, die's niemals zum Meister oder uberhaupt zu einem Manne bringen, so kam mir jetzt der hagere, blasse Poet neben der gesunden Julie, die unterdes so wunderbar hoch geworden war, und deren grosse Augen in diesem Augenblicke vor Freude ordentliche Strahlen warfen, gar erbarmlich vor. Mir kamen die Verse aus Goethes Fischerin zwischen die Zahne:
'Wer soll Brautigam sein?
Zaunkonig soll Brautigam sein!
Zaunkonig sprach zu ihnen
Hinwieder den beiden:
"Ich bin ein sehr kleiner Kerl,
Kann nicht Brautigam sein,
Ich kann nicht der Brautigam sein!"'
Ich schwang mich sogleich wieder uber den Gartenzaun, band mein Pferd los und ging, es hinter mir herfuhrend, aus dem Dorfe hinaus. Da kam ich am andern Ende desselben an dem kleinen Hauschen Viktors voruber, ich guckte ihm ins Fenster hinein, das, wie du weisst, im Sommer Tag und Nacht offensteht. Er sass eben mit dem Rucken gegen das Fenster, uber einem alten, dicken Buche, den Kopf in die Hand gestutzt. Das Licht auf dem Tische flackerte ungewiss umher, die vielen Uhren an den Wanden pickten einformig immerfort, es war eine unendliche Einsamkeit drinnen. Ich begrusste ihn endlich mit dem Vers, der ihm im ganzen Faust der liebste war: 'Ich guckte der Eule in ihr Nest, Hu! die macht' ein Paar Augen!' Er wandte sich schnell um, und als er mein Gesicht vollig erkannte, sprang er auf, warf die Bucher und alles, was auf dem Tische lag, auf die Erde und tanzte wie unsinnig in der Stube herum. Ich kletterte sogleich durchs Fenster zu ihm hinein, ergriff eine halbbespannte Geige, die an der Wand hing, und so walzten wir beide mit den seltsamsten Gebarden und grossem Getos nebeneinander in der kleinen Stube auf und ab, bis er endlich erschopft vor Lachen auf den Boden hinsank. Es dauerte lange, ehe wir zu einem vernunftigen Diskurs kamen, wahrend welchem er einen ungeheuren Krug voll Wein anschleppte. Er ist noch immer der alte, noch immer nicht fetter, nicht ruhiger, nicht kluger, und wie sonst wutend kriegerisch gegen alle Sentimentalitat, die er ordentlich misshandelt.
Gegen Mitternacht endlich, so viel er auch dagegen hatte, zog ich wieder von dannen, das gelobte Land in ruhigem Schlafe hinter mir und die weite Stille ringsumher gesegnend, wahrend Viktor, der mich ein Stuck begleitet hatte, auf der letzten Hohe mir wie eine Windmuhle in der Dunkelheit mit dem Hute nachschwenkte und nachrief, bis alles in den grossen, grauen Schoss versunken war.
'In den Krieg denn von neuem in Gottes Namen hinaus!' rief ich draussen und nahm die Richtung auf mein Schloss, da ich indes erfahren hatte, dass der Tummelplatz jetzt dort in der Nahe sei. Bei Sonnenaufgang sah ich die Unsrigen in dem weiten Tale bunt und blitzend zerstreut wieder, und das Herz ging mir auf bei dem Anblick. Die lustige Bewegung, die mir von weitem so mutig entgegenblitzte, war aber nichts anderes, als eine verworrene, grenzenlose Flucht. Der Feind war noch ziemlich weit, ich ritt daher an den zerstreuten Trupps langsam voruber. Da sah ich den Haufen in dumpfer Resignation herumtaumeln, mehrere weise Mienen achselzuckend zur Schau tragen, als steckten wohl ganz andere Plane dahinter keinem hatte das Herz im Leibe zerspringen mogen. Da fiel mir ein, was mir Viktor oft in seinen melancholischsten Stunden gesagt: besser, Uhren machen, als Soldaten spielen.
Ich meinesteils war fest entschlossen, da alles, was mir ehrwurdig und lieb auf Erden war, zugrunde gehen sollte, lieber fechtend selber mit unterzugehn, als gefangen in der gemeinen Schande zuruckzubleiben. Ich sprengte eilig auf mein Schloss und bot alle meine Jager und Diener auf, deren Gesinnung und Treue ich kannte, viele Freiwillige von der Armee gesellten sich wacker dazu, und so verschanzten und besetzten wir mein Schloss und Garten, da ich wohl wusste, dass der Feind bei seiner Verfolgung diesen Weg nehmen und demselben an dieser vorteilhaften Hohe besonders viel gelegen sein musste. Wir wehrten uns verzweifelt oder vielmehr tollkuhn gegen die Ubermacht. Die feindlichen Kugeln hatten mein Schloss furchterlich zerrissen, die Gesimse brannten, ein Burgtor nach dem andern sturzte in den Lohen zusammen, alles war verloren, und ich fiel, der letzte, nieder. Als ich die Augen wieder aufschlug, lag ich im Sonnenscheine in dem schonen Garten des Herrn v. A. vor der grossen Aussicht, und Julie stand still neben mir."
Hier hielt Leontin inne, denn Julie, die sich schon einige Zeit mit angstlicher Unruhe umgesehen hatte, sagte ihm etwas ins Ohr, stand schnell auf und ging in den Wald hinein, worauf Leontin, nachdem er ihr eine Weile nachgesehen, folgendermassen wieder fortfuhr:
"Es war mir wie im Traume, als ich so wieder meinen ersten Blick in die Welt tat, alles auf einmal so stille um mich, und Julie neben mir, die mich schweigend und ernsthaft betrachtete. Sie sagte mir damals nichts, aber spater erfuhr und erriet ich Folgendes: Der moderne Junge, dem ich damals in der Nacht auf dem Schlosse des Herrn v. A. begegnet, war ein Edelmann aus der Nachbarschaft, der erst unlangst von Universitaten auf seine Guter zuruckgekehrt war. Seine fast taglichen Besuche bei Julie, seine ungebundene Art, mit ihr umzugehen, und die voreilig geschwatzigen Andeutungen der anfangs noch lebenden Tante veranlassten, dass er binnen kurzer Zeit allgemein fur Juliens Brautigam gehalten wurde. Er war nach seiner Art verliebt in Julie, aber ein Madchen im Ernste zu lieben oder gar zu heiraten, hielt er fur lacherlich, denn er war zum Dichter berufen. Als nachher der Krieg ausbrach und das Gerucht mein Benehmen dabei auch bis dorthin trug, pries er mit grenzenlosem Enthusiasmus, doch immer mit der vornehmen Miene eines eigenen, hoheren Standpunktes, solche erzgediegne, lebenskraftige Naturen, ewig zusammenhaltende Granitblocke des Gemeinwesens usw., aber selbst mit dreinschlagen konnt er nicht, denn er war zum Dichter berufen. Ubrigens hat er ein ganz ordinar sogenanntes gutes Herz. Daher ritt er, als mich allerhand widersprechende Geruchte bald fur tot, bald fur verwundet ausgaben, aus Mitleid fur Julie auf Kundschaft aus, und kehrte eben in jener Nacht, da ich ihm begegnete, mit der gewissen Botschaft meines Lebens zuruck, und Juliens: 'Er lebt!' das mich damals so schnell vom Fenster und ubern Zaun und aus dem Dorfe trieb, galt mir.
Erstaunt erfuhr Julie am Morgen von Viktor meinen schnellen Durchzug, und bald nachher auch das Los meiner Burg. Ohne Verwirrung, im Schreck wie in der Freude, sattelte sie noch in der Nacht, wo sie die Nachricht erhalten, ihr Pferd und ritt, ohne ihren Vater zu wecken, mit einem Bedienten nach meinem Schloss. Der vermeinte Brautigam, der noch dort war, liess es sich durchaus nicht nehmen, die Romanze, wie er es nannte, mitzumachen. Er schmuckte sich in aller Eile sehr phantastisch und abenteuerlich aus, bewaffnete sich mit einem Schwert, einer Flinte und mehreren Pistolen, obschon die Feinde mein Schloss langst wieder verlassen hatten, da es ihnen jetzt, bei dem grossen Vorsprunge der Unsrigen, ganz unnutz geworden war. Julie suchte unermudlich zwischen den zusammengefallenen Steinen, erkannte mich endlich und trug mich selbst aus den dampfenden Trummern. Der Brautigam machte ein Sonett darauf, und Julie heilte mich zu Hause aus.
Da aber meine Verteidigung des Schlosses als unberufen, und in einem bereits eroberten Lande als rebellisch angesehen wird, so wurde mir vom Feinde nachgestellt, und ich befand mich auf dem Schlosse des Herrn v. A. nicht mehr sicher. Man brachte mich daher auf die abgelegene Muhle hier, wo mich Julie taglich besucht, bis ich endlich jetzt wieder ganz hergestellt bin."
So endigte Leontin seine Erzahlung. "Und wohin willst du nun?" fragte Friedrich. "Jetzt weiss ich nichts mehr in der Welt", sagte Leontin unmutig. Sie mussten abbrechen, denn eben kam Julie wieder zuruck und winkte Leontin heimlich mit den Augen, als sei etwas Bewusstes glucklich vollbracht.
Sie hatten indes uber diesen Unterhaltungen alle nicht bemerkt, dass es bereits anfing dunkel zu werden. Julie wurde es zuerst gewahr, und zwar nicht ohne sichtbare Verlegenheit, denn jetzt in der Nacht nach Hause zu reiten, war wegen der noch immer umherstreifenden Soldaten fur ihr Geheimnis hochst bedenklich, andererseits uberfiel sie ein madchenhafter Schauer bei dem Gedanken, so allein mit den zwei Mannern im Walde uber Nacht zu bleiben. Am Ende musste sie sich doch zu dem letztern bequemen, und so lagerten sie sich denn, so gut sie konnten, vergnuglich in das hohe Gras auf der Anhohe.
Die Nacht dehnte langsam die ungeheuren Drachenflugel uber den Kreis der Wildnis unter ihnen, die Walder rauschten dunkel aus der grenzenlosen Stille herauf. Julie war ohne alle Furcht. Leontin aber, der noch matt war, fing endlich an sich nach kraftigerer Ruhe zu sehnen, und auch Julie wurde die zunehmende Frische der Nacht nach und nach empfindlich. Sie brachen daher auf und begaben sich zu der nahen, alten, verlassenen Muhle, wo Leontin, wie gesagt, schon seit einigen Tagen heimlich sein Quartier hatte. Friedrich wollte draussen auf der Schwelle bleiben und als ein wackrer Ritter die Jungfrau im Kastell bewachen, Julie bat ihn aber errotend, mit hineinzugehen, und er willigte lachelnd ein, wahrend einem Bedienten, den Julie mitgebracht, aufgetragen wurde, vor der Tur Haus und Pferde zu bewachen.
Das Stubchen, das sie in Beschlag nahmen, war eng und nur zur Not vor dem Wetter verwahrt. Ein Bett, das Julie fur Leontin mitgebracht hatte, wurde verteilt und nebst einigem Stroh auf dem Fussboden ausgebreitet, so dass es fur alle drei hinreichte; Licht wagte man nicht zu brennen. Die beiden Grafen nahmen das Fraulein in ihre Mitte, Leontin war vor Mudigkeit bald eingeschlafen. Friedrich bemerkte, wie Julie sich fest aufs Ohr legte und tat, als ob sie schliefe, wahrend sie beide Augen lauschend weit offen hatte und Leontin fortwahrend ungestort betrachtete, bis sie endlich auch mit einschlummerte. Friedrich hatte sich mit halbem Leibe aufgerichtet und sah sich, auf den einen Arm gestutzt, ringsum. Ein Schauder uberlief ihn, sich wieder an demselben Orte zu erblikken, wo er damals die grausige Nacht verlebt. Er gedachte des jungen Madchens wieder, das ihm damals in dieser Stube hier Feuer gepickt, ihm fiel dabei die ratselhafte Gestalt ein, die er heut bei seiner Ankunft vor der Muhle getroffen, und ihre fluchtige Ahnlichkeit mit jener, und er versank in ein Meer von Erinnerungen und Verwirrung. Julie horte er leise neben sich atmen, es war eine unendlich stille, mondhelle Nacht.
Da erhob sich auf einmal draussen ein Gesang, von einer Zither begleitet, zuerst vom Walde, dann wie aus der Ferne melodisch schallend, das Haus mit wunderschonen Weisen erfullend, dann wieder weiter verhallend. Friedrich wagte kaum zu atmen, um die Zauberei nicht zu storen. Doch, je langer er den leise verschwindenden Tonen lauschte, je unruhiger wurde er nach und nach; denn es war wieder jenes alte Lied aus seiner Kindheit, das er einmal in der Nacht auf Leontins Schlosse von Erwin auf der Mauer singen gehort; auch schien es dieselbe Stimme. Er raffte sich endlich auf und trat leise vor die Tur hinaus. Da lag und schlief der Bediente quer uber der Schwelle, wie ein Toter. Draussen sah er den Sanger im hellen Mondenscheine unter den hohen Eichen wandeln. Er lief freudig auf ihn zu es war Erwin! Der Knabe wandte sich schnell, und als er Friedrich erblickte, sturzte er mit einem durchdringenden Schrei zu Boden, unter ihm lag seine Zither zerbrochen.
Der Bediente auf der Schwelle fuhr uber dem Schrei taumelnd auf. "Verruckt! verruckt!" rief er, sich aufmunternd Friedrich zu, und eilte sehr angstlich in das Haus hinein, um seine Herrschaft zu wekken. Friedrich schnitt dieser Ausruf wie Schwerter durchs Herz, denn er hatte es aus des Knaben unbegreiflicher Flucht langst gefurchtet.
Erwin sah indes wie aus einem langen Traume mit ungewiss schweifenden Blicken rings um sich her und dann Friedrich an, wahrend sehr heftige innerliche Zuckungen, die sich immer mehr dem Herzen zu nahern schienen, durch seinen Korper fuhren. Abgebrochen durch den Schmerz, aber ohne sein schones Gesicht zu verziehen, sagte er zu Friedrich: "Es war ein tiefes, weites, rosenrotes Meer, dich sah ich darin auf dem Grunde immerfort uber hohe Gebirge gehen, ich sang die besten alten Lieder, die ich wusste, aber du erinnertest dich nicht mehr daran, ich konnte dich niemals erjagen, und unten stand der Alte tief im Meere, ich furchtete mich vor seinen Augen. Manchmal ruhtest du, auf mich zugewendet, aus, da sass ich still dir gegenuber und sah dich vielhundert Jahre an ach, ich war dir so gut, so gut! Die Leute sagten, ich sei verruckt, ich horte es wohl und horte auch draussen die Uhren schlagen und die Welt ordentlich gehn und schallen wie durch Glas, aber ich konnte nicht mit hinein. Damals war mir wohl, jetzt bin ich wieder krank. Glaube nur nicht, dass ich jetzt irre spreche, jetzt weiss ich wohl recht gut, was ich rede und wo ich bin das ist ja der Eichgrund, das ist die alte Muhle " bei diesen Worten versank er in ein starres Nachsinnen. Dann fuhr er unter immerwahrenden Krampfen wieder fort: "Dort, wo die Sonne aufgehn wird, ist ein grosser Wald, in dem Walde wohnt ein Mann mit dunklen Augen und einer langen Schramme uber dem rechten Auge, der kennt mich und euch alle, er " hier nahmen die Zuckungen in immer engern Kreisen auf einmal sehr heftig zu. Der Knabe nahm Friedrichs Hand, druckte sie fest an seine Lippen und sagte: "Mein lieber Herr!" Ein plotzlicher Krampf streckte noch einmal seinen ganzen Leib, und er horte auf zu atmen.
Friedrich, ausser sich, sturzte uber ihn her und offnete oben schnell sein Wams, denn es war dieselbe phantastische Kleidung, die der Knabe sonst auf dem Schlosse des Herrn v. A. getragen hatte. Wie sehr erschrak und erstaunte er, als ihm da der schonste Madchenbusen entgegenschwoll, noch warm, aber nicht mehr schlagend. Er blieb wie eingewurzelt auf seinen Knien und starrte dem Madchen in das stille Gesicht, als hatte er es noch nie vorher gesehn.
Leontin und Julie waren unterdes auch aus der Muhle herbeigeeilt. Sie schienen gar nicht erstaunt, Erwin hier zu sehen, noch weniger uber die Entdekkung seines Geschlechts, sondern nur besturzt uber seinen jetzigen, unerwarteten Zustand. In stummer Geschaftigkeit, ohne sich wechselseitig zu erklaren, waren alle nur bemuht, ihn ins Leben zuruckzurufen aber alles blieb vergebens, das schone, seltsame Madchen war tot.
Julie hatte sie trostlos vor sich auf dem Schosse liegen. Sie ruhte wie ein Engel still und schon. Kein Atem wehte mehr sauselnd durch die zarten, roten Lippen, die sonst zu so wunderschonen Tonen sich auftaten, ihre grossen Augen, so lieblich wild, waren auf ewig verschlossen, nur eine einsame Nachtluft bewegte noch ihre Locken hin und her. Leontin und Friedrich sassen stillschweigend gegenuber. Friedrich, dem jetzt auf einmal viele Sonderbarkeiten des Madchens nur zu klar wurden, klagte sich in tiefem, stummem Schmerze bei sich selber an, dass er ihre zerstorende, verhaltene Liebe zu ihm so schlecht belohnt, dass er sie bei grosserer Achtsamkeit hatte schonen und retten konnen.
Wahrenddes fing jenseits uber dem Walde der Morgen an zu dammern und beleuchtete die seltsame Gruppe. Da kam plotzlich ein Bedienter von dem Schlosse des Herrn v. A. angesprengt und brachte atemlos die Nachricht, dass ein feindlicher Offizier mit seinem Trupp in der Nahe herumstreife und ihnen, wie er eben von Bauern erfahren, auf der Spur sei. Die Besturzung aller uber diese unerwartete Begebenheit war nicht gering. Leontin und Friedrich, die ein Schicksal verfolgte, waren in diesem Augenblick noch ohne weitern Plan; soviel war gewiss, dass Julie zum Vater zuruckkehren und das tote Madchen mitnehmen musste. Die Leiche wurde daher eiligst auf ein lediges Handpferd gehoben. Dabei entdeckte Julie ein reichgefasstes Medaillon, welches das Madchen auf dem blossen Leibe hangen hatte, und das sonst niemand jemals bei ihr bemerkt. Es war das Portrait eines sehr schonen, etwa neunjahrigen Madchens. Sie nahm es ab und uberreichte es Friedrich.
Sein Gesicht veranderte sich, als er den ersten Blick darauf warf; denn es waren die Zuge der kleinen Angelina, mit der er als Kind so oft im Garten gespielt, und welcher, wie es ihm nun ganz klarwurde, das Kind Maria auf dem Heiligenbilde des verlassenen Gebirgsschlosses so auffallend ahnlich sah. Er betrachtete es lange geruhrt und stillschweigend. Da fielen ihm die ratselhaften Worte wieder ein, die Erwin sterbend von dem Alten im Walde gesagt hatte. Er zweifelte nicht, dass dieser um vieles wissen musse, was ihnen Licht uber das sonderbare Leben der Verstorbenen und ihren Zusammenhang mit seiner eigenen Kindheit geben konne. Er erzahlte es Leontin. Dieser erschrak daruber und ward bei jedem Worte aufmerksamer; er schien den Alten selber schon gesehen zu haben, doch sagte er nicht, wann und wo.
Die beiden Freunde beschlossen nun, jenen Winken Erwins zufolge die Richtung nach dem beschriebenen Walde hin zu nehmen, um dort vielleicht eine erwunschte Auflosung zu erhalten, da uberdies jene Wildnis von Feinden rein und der Weg Leontin ziemlich bekannt war. Es wurde schnell alles vorbereitet. Sie nahmen herzlichen Abschied von Julie, mit dem Versprechen, einander so bald als moglich wiederzusehen, und Julie ritt nun mit ihrer sussen, traurigen Last, die sie in ihrer bunten Kleidung wie eine abgebrochene Blume auf einem Pferde neben sich herfuhrte, von der einen Seite nach Hause, wahrend sie von der andern gegen Sonnenaufgang in den grossen Wald fortzogen.
Einundzwanzigstes Kapitel
Der Morgen stieg dampfend aus den Waldern, als die beiden Grafen schon fern uber einen einsamen Wiesengrund hinritten, der seltsamen Ereignisse dieser Nacht gedenkend. Der Weg war fur jeden Fremdling fast ungangbar, die Entfernung, die sie in den wenigen Stunden zuruckgelegt, ziemlich betrachtlich, sie konnten schon langsamer und gemachlicher ziehn. Da erzahlte Leontin Friedrich Folgendes:
"Es war ein schoner Sommermorgen, da Julie in ihrem Schlafzimmer, das, wie du weisst, auf den Garten hinausgeht, noch schlummerte, als sie draussen von einer bekannten Stimme mit einem bekannten Liede geweckt wurde. Sie trat in den Garten hinaus und sah Erwin, der wieder auf der Blumenterrasse sass und in das glanzende Land hinaussang. Mit pochendem Herzen flog sie zu ihm und fragte ihn nach seinem Herrn. Der Knabe sah sie aber starr an, er war blass und seltsam verwildert im Gesichte, und aus seinen verwirrten Antworten bemerkte sie bald mit Schrecken, dass er verruckt sei. In solchem Gemutszustande hatte er uns namlich in jener Nacht auf dem Rheine so unbegreiflich verlassen, und auf unzahligen Umwegen zu dem Schlosse des Herrn v. A. sich gefluchtet, wahrscheinlich aus Eifersucht, denn die beiden Jager, die wir damals in der alten Burg trafen, und die dann mit uns auf dem Rheine fuhren, waren, wie ich nachher erfuhr, niemand anders, als Romana und meine Schwester Rosa, welche Erwin bei dem schnellen Lichte des Blitzes, gleichwie mit scharferen Sinnen, plotzlich erkannt hatte." Friedrich verwunderte sich hier uber die gewagte Kleidung der beiden Weiber und beklagte das ungluckliche Ohngefahr, indem ihm dabei alles, was in jener Nacht vorgegangen, wieder erinnerlich ward. Leontin fuhr fort: "Erwin verriet durch seine jetzige verwirrte Unachtsamkeit und seine tiefe, unuberwindliche Neigung zu dir gar bald sein Geschlecht. Das ungluckliche Madchen sang sehr viel, und ihre Lieder zeigten oft eine zeitig aufgereizte und heimlich genahrte, heftige Sinnlichkeit. Von ihrem fruhesten Leben war auch jetzt nicht das mindeste herauszukriegen. Julie bot alles auf, sie zu retten. Sie nannte sie Erwine, gab ihr Frauenzimmerkleider, suchte uberhaupt alles erinnernde Phantastische aus ihrer Lebensweise zu entfernen und taufte sie so, nach dem gewohnlichen Verfahren in solchen Fallen, in gemeingultige Prosa. Das Madchen wurde dadurch auch stiller, aber es war eine wahre Grabesstille, von der sie sich nur manchmal im Gesange wieder zu erholen schien.
So traf ich sie, als ich verwundet auf dem Schlosse ankam. Mein erster Anblick verdarb auf einmal wieder viel an ihr, doch nur vorubergehend. Viel heftiger, und uns allen unerklarlich aber erschutterte sie der Anblick der alten Muhle, wohin wir sie mitnahmen, als ich hingebracht wurde; sie zitterte am ganzen Leibe. Julie nahm sie daher kunftig niemals mehr mit dorthin. Gestern aber war sie ihr heimlich nachgeschlichen, und sie war es, die du im weissen Gewande singend vor der Muhle trafst. Wir waren in nicht geringer Besorgnis, dass sie dich nicht so plotzlich wiedersehe, und Julie schickte sie daher heimlich mit dem Bedienten sogleich wieder auf das Schloss zuruck. Dort muss sie aber in der Nacht ihrer alten Knabentracht habhaft geworden und noch einmal entwichen sein."
Der Schluss von Leontins Erzahlung bestatigte Friedrichs Ahnung, dass Erwin wirklich dasselbe Madchen sein musse, das ihm damals in jener furchterlichen Nacht in der Muhle Feuer gemacht und hinaufgeleuchtet hatte, womit auch ihre schon bemerkte Ahnlichkeit vollkommen ubereinstimmte. Er versank daruber in Gedanken und sie beschleunigten beide stillschweigend wieder ihre Reise.
Gegen Abend erblickten sie auf einmal von einer Hohe fern unten die Kuppeln der Residenz. Ein von plotzlichem Regen angeschwollener Gebirgsbach hinderte sie zugleich, ihren Weg in der bisherigen Richtung fortzusetzen. Sie blieben eine Weile unentschlossen stehen. Die Dammerung fing indes an, sich niederzusenken, da bemerkten sie mit Verwunderung Feuerblicke und schnell entstehende und wieder verschwindende Sterne in der Gegend der Residenz, die sie fur Raketen hielten. "Das sieht recht lustig aus", sagte Leontin. "Hier konnen wir ohnedies nicht weiter, lass uns einen Streifzug dorthinaus wagen und sehen, was es in der Stadt gibt. Wir kommen wohl in der Dunkelheit unerkannt durch und sind, ehe der Tag anbricht, wieder im Gebirge." Friedrich willigte ein, und so zogen sie ins Tal hinunter.
Noch vor Mitternacht langten sie vor der Residenz an. Der ganze Kreis der Stadt war bis zu den hochsten Turmspitzen hinauf erleuchtet, und lag mit seinen unzahligen Fenstern wie eine Feeninsel in der stillen Nacht vor ihnen. Sie hatten die Kuhnheit, bis ins Tor hineinzureiten. Ein verworrener Schwall von Musik und Lichtern quoll ihnen da entgegen. Herren und Damen wandelten wie am Tage geputzt durch die Gassen, unzahlige Wagen mit Fackeln tosten dazwischen, sich mannigfaltig durchkreuzend, eine frohliche Menge schwarmte hin und her. "Nun, was gibt's denn hier noch fur eine rasende Freude?" fragte Leontin endlich einen Handwerksmann, der, ein Schurzfell um den Leib und ein Glas Branntwein hoch in der Hand, unaufhorlich Vivat rief. Der Mann machte eine verteufelt pfiffige Miene und hatte gern die Unwissenheit der beiden Fremden tuchtig abgefuhrt, wenn ihm nicht eben sein Witz versagt hatte. Endlich sagte er: "Der Erbprinz halt heute Hochzeit mit der schonen Grafin Rosa. Wer will mir da Branntwein verbieten! Mag der Grafin voriger Brautigam Wasser saufen, denn er ist lange tot, und ihr Bruder mit den Engeln Milch und Honig trinken, denn er treibt sich in allen Waldern herum. Hol der Teufel alle Ruhestorer! Friede! Friede! Es leben alle Patrioten, vivat hoch!" So taumelte der Branntweinzapf wieder weiter.
Die beiden Grafen sahen einander verwundert an. An Friedrichs Brust schallte die Neuigkeit ziemlich gleichgultig voruber. Er hatte Rosa langst aufgegeben. Seine Phantasie, die Liebeskupplerin, war seitdem von grossern Bildern durchdrungen, alle die hellen Quellen seiner irdischen Liebe waren in einen grossen, ruhigen Strom gesammelt, der andere Wunsche und Hoffnungen zu einem andern Geliebten trug.
Ein Burger, der ihr Gesprach mit dem Betrunkenen mit angehort hatte, war unterdes zu ihnen getreten und sagte: "Es ist alles wahr, was der Kerl da so konfus vorgebracht. Die Grafin Rosa hatte wirklich vorher schon einen Grafen zum Liebhaber; der ist aber im Kriege geblieben und es ist gut fur ihn, denn er ist mit Lehn und Habe dem Staate verfallen. Der Bruder der Grafin ebenfalls, aber wir wissen von sicherer Hand, dass man gegen diesen nicht streng verfahren wird und ihm gern verzeihen mochte, wenn er nur zuruckkame und Reue und Besserung verspuren lassen wollte."
Leontin lachte bei diesen Worten laut auf und gab seinem Pferde die Sporen. "Frischauf!" sagte er zu Friedrich, "ich ziehe mit den Toten, da die Lebendigen so abgestanden sind! Ich mag keinen von ihnen mehr wiedersehen, kommen wir wieder zuruck auf unsere grunen Freiheitsburgen!"
Sie waren indes an das furstliche Schloss gekommen. Tanzmusik schallte aus den hellen Fenstern. Eine Menge Volks war unten versammelt und gebardete sich wie unsinnig vor Entzucken. Denn Rosa zeigte sich eben an der Seite ihres Brautigams am Fenster. Man konnte sie deutlich sehen. Ihre blendende Schonheit, mit einem reichen Diadem von Edelsteinen geschmuckt, funkelte und blitzte bei den vielen Lichtern manches Herz unten zu Asche. So hatte sie ihr hochstes Ziel, die weltliche Pracht und Herrlichkeit, erreicht. "Sie taugte niemals viel, Weltfutter, nichts als Weltfutter!" schimpfte Leontin argerlich immerfort. Friedrich druckte den Hut tief in die Augen, und so zogen die beiden dunklen Gestalten einsam durch den Jubel hindurch, zum Tore hinaus und wieder in die Berge zuruck.
Nach mehreren einsamen Tagereisen, wobei auch die schonen Nachte zu Hulfe genommen wurden, kamen sie endlich immer hoher auf das Gebirge. Die Gegend wurde immer grosser und ernster, kaum noch lagen mehr einzelne Hirtenhutten in den tiefen, dunkelgrunen Schluchten hin und her zerstreut, es war eine grenzenlose Einsamkeit, nebenaus oft Streifen von unermesslicher Aussicht. Ihre Herzen wurden wieder stark und weit, und voll kuhler Freudenquellen.
Da erblickten sie sehr unerwartet mitten in der Wildnis einen niedrigen, zierlichen Zaun von weissem Birkenholz, dem es ordentlich Muhe zu kosten schien, die wilde Freiheit der Natur, die uberall ihre grunen, festen Arme wie zum Spotte ungezogen durchstreckte, im Zaume zu halten. Sie lachten einander beide bei dem ersten Anblicke an, denn uberraschender konnte ihnen nichts kommen, als gar eine moderne englische Anlage in dieser menschenleeren Gegend. Sie ritten langs des Zaunes hin, aber nirgends war die geringste Spur eines Einganges. Sie wussten wohl, dass sie bereits in dem grossen Walde sein mussten, den Erwine sterbend meinte, auch waren sie nach der langen Tagereise begierig, endlich einmal Menschen, Speise und Trank wiederzufinden, sie banden daher ihre Pferde an und sprangen uber den Zaun hinein.
Ein niedlicher Schlangenpfad, mit weissem Sande ausgestreut, fuhrte sie dort bis an ein grosses, dichtes Gebusch von meist auslandischen Strauchern, wo er sich plotzlich in zwei Arme teilte. Sie schlugen nun jeder fur sich allein einen derselben ein, um so desto eher zu einer erwunschten Entdeckung zu gelangen. Doch diese schmalen Pfade gingen seltsam genug in einem ewigen Kreise immerfort um sich selber herum, so dass die beiden Grafen, je emsiger sie zuschritten, zwar immer ganz nahe blieben, aber einander niemals erjagen oder zusammenkommen konnten. Einige Male, wo die Gange sich plotzlich durchkreuzten, stiessen sie unverhofft aneinander, trennten sich von neuem und standen endlich, nachdem sie sich beinahe mude geirrt, auf einmal wieder vor dem Zaune, an demselben Orte, wo sie ausgelaufen waren.
Sie lachten und argerten sich zugleich uber den sinnreichen Einfall. Doch machte sie diese kleine Probe aufmerksam und neugieriger auf die ganze sonderbare Anlage. Sie nahmen daher noch einmal einen beherzten Anlauf und drangen nun mitten durch das dicke Gehege gerade hindurch. Da kamen sie bald auf einen freien Platz zu einem Gebaude. Ihre Augen konnten sich bei dem ersten verwirrenden Anblick durchaus nicht aus dem labyrinthischen, hochst abenteuerlichen Gemisch dieses Tempels herausfinden, so unformlich, obgleich klein, war alles uber- und durcheinandergebaut. Den Haupteingang namlich bildete ein griechischer Tempel mit zierlichem Saulenportal, welches sehr komisch aussah, da alles uberaus niedlich und nur aus angestrichenem Holze war. Sie traten hinein und fanden in der Halle einen holzernen Apollo, der die Geige strich, und dem der Kopf fehlte, weil nicht mehr Raum genug dazu ubriggeblieben war. Gleich aus dem Tempel trat man in einen geschmackvollen Kuhstall nebst einer vollstandigen hollandischen Meierei in der neuesten Manier, aber alles leer. Uber der Meierei hing, wie ein Bienenkorb, eine Art von schwebender Einsiedelei. Den zweiten Eingang bildete ein viereckiger Turm, wie bei den alten Burgen, der eine Ruine vorstellen sollte, und auf dessen Mauer hin und her Blumentopfe mit Moos umherstanden. Uber das ganze Gemisch hinweg endlich erhob sich ein feingeschnitztes, buntes, chinesisches Turmchen, an welchem unzahlige Glocklein im Winde musizierten. Unter diesem Turmchen in dem innersten Gemache sass inmitten des getafelten Bodens ein unformlicher, kleiner Chinese von Porzellan mit untergeschlagenen Beinen und dickem Bauche, und wakkelte einsam fort mit dem breiten Kahlkopfe, als der einzige Bewohner seines unsinnigen Palastes.
"Nein, das ist zu toll!" sagte Leontin, "was gab ich drum, wenn wir den Phantasten von Baumeister noch selber in seinem Zauberneste uberraschten! Das ist ja ein wahrer Surrogattempel fur allen Geschmack auf Erden."
Wahrenddes waren sie endlich in dem letzten Gemache des Gebaudes angekommen, welches mit grossen, goldenen Buchstaben "Gesellschaftssaal" uberschrieben war. Sie erstaunten auch wirklich beim Eintritte nicht wenig uber die ungeheure Gesellschaft, denn Wande und Decke bestanden daselbst aus kunstlich geschliffenen Spiegeln, die ihre Gestalten auf einmal ins Unendliche vervielfaltigten. Ihr Kopf war ganz uberfullt und verwirrt von dem Gesehenen. Kein Mensch war in der weiten Runde zu horen, es grauste ihnen fast, langer in dieser Verruckung so einsam zu verweilen, und sie begaben sich daher schnell wieder ins Freie.
Sie durchstrichen darauf noch den andern Teil des Parks, der auf die alltaglichste Art mit Trauerweiden, Baumgruppchen, Bruckchen usw. angefullt war. Auch die ublichen Aushangetafeln mit Inschriften waren im Uberfluss vorhanden, nur mit dem Unterschiede, dass hier alle von einer ungeheuren Lange und Breite waren, so dass sie die jungen Baume, an denen sie befestigt, fast bis auf die Erde herunterzogen. Unsere Reisenden verweilten verwundert hin und wieder, und lasen unter andern: "Wachsen, Bluhen, Staubwerden." Gleich daneben stand auf einer andern Tafel die erste Strophe von: "Freuet euch des Lebens!" usw. nebst einigen andern Zoten.
So von groben Baumen verfolgt, waren sie endlich am andern Ende des sonderbaren Parks angekommen, wo derselbe wieder durch ein niedliches Zaunchen von dem Walde geschieden war. Noch eine ungeheure Inschrift begrusste sie dort folgendermassen: "Gefuhlvoller Wanderer! stehe still und vergiesse einige Tranen uber deine Narrheit!" Darunter stand nur noch halbleserlich mit Bleistift geschrieben: "Und dann kehre wieder um, denn mir bist du doch nur langweilig." Nicht ohne Bedeutung, wie es schien, stiess diese letzte Partie des Gartens, welche besonders kleinlich aus allerlei Zwergbaumen nebst einem kaum bemerkbaren Wasserfalle bestand, auf einmal an den dunkelgrunen Saum des Hochwaldes. Zwischen Felsen sturzte dort ein einsamer Strom gerade hinab, als wollte er den ganzen Garten vernichten, wandte sich dann am Fusse der Hohe plotzlich, wie aus Verachtung, wieder seitwarts in den Wald zuruck, dessen ernstes, ewig gleiches Rauschen gegen die unruhig phantastische Spielerei der Gartenanlage fast schmerzlich abstach, so dass die beiden Freunde uberrascht stillstanden. Sie sehnten sich recht in die grosse, ruhige, kuhle Pracht hinaus und atmeten erst frei, als sie wirklich endlich wieder zu Pferde sassen.
Wahrend sie sich so uber das Gesehene besprachen, verwundert, keine menschliche Wohnung ringsum zu erblicken, fing indes die Gegend an etwas lieblicher und milder zu werden. Vor ihnen erhob sich ein freundlicher, bis an den Gipfel mit Laubwald bedeckter Berg aus dem dunkelzackigen Chaos von Gebirgen. Hinter dem Berge schien es nach der einen Seite hin auf einmal freier zu werden und versprach eine grosse Aussicht. Sie zogen langsam ihres Weges fort, der Himmel war unbeschreiblich heiter, der Abend sank schon hernieder und spielte mit seinen letzten Strahlen lustig in dem lichten Grun des Berges vor ihnen. Friedrich hatte lange unverwandt in die Gegend vor sich hinausgesehen, dann hielt er plotzlich an und sagte: "Ich weiss nicht, wie mir ist, diese Aussicht ist mir so altbekannt, und doch war ich, solange ich lebe, nicht hier."
Je weiter sie kamen, je erinnernder und sehnsuchtiger sprach jede Stelle zu ihm; oft verwandelte sich auf einmal alles wieder, ein Baum, ein Hugel legte sich fremd vor seine Aussicht wie in eine uralte, wehmutige Zeit, doch konnte er sich durchaus nicht besinnen.
So hatten sie nach und nach den Gipfel des Berges erreicht. Freudig uberrascht standen sie beide still, denn eine uberschwengliche Aussicht uber Stadte, Strome und Walder, so weit die Blicke in das frohlich-bunte Reich hinauslangten, lag unermesslich unter ihnen. Da erinnerte sich Friedrich auf einmal: "das ist ja meine Heimat!" rief er, mit ganzer Seele in die Aussicht versenkt. "Was ich sehe, hier und in die Runde, alles gemahnt mich wie ein Zauberspiegel an den Ort, wo ich als Kind aufwuchs! Derselbe Wald, dieselben Gange nur das schone, altertumliche Schloss Ende ich nicht wieder auf dem Berge."
Sie stiegen weiter und erblickten wirklich auf dem Gipfel im Gebusche die Ruinen eines alten, verfallenen Schlosses. Sie kletterten uber die umhergeworfenen Steine hinein und erstaunten nicht wenig, als sie dort ein steinernes Grabmal fanden, das ihnen durch seine Schonheit sowohl, als durch seine mannigfaltige Bedeutsamkeit auffiel. Es stellte namlich eine junge, schone, fast wollustig gebaute weibliche Figur vor, die tot uber den Steinen lag. Ihre Arme waren mit kunstlichen Spangen, ihr Haupt mit Pfauenfedern geschmuckt. Eine grosse Schlange, mit einem Kronlein auf dem Kopfe, hatte sich ihr dreimal um den Leib geschlungen. Neben und zum Teil uber dem schonen Leichnam lag ein altgeformtes Schwert, in der Mitte entzweigesprungen, und ein zerbrochenes Wappen. Aus dieser Gruppe erhob sich ein hohes, einfaches Kreuz, mit seinem Fusse die Schlange erdruckend.
Friedrich traute seinen Augen kaum, da er bei genauerer Betrachtung auf dem zerbrochenen Schilde sein eigenes Familienwappen erkannte. Seine Augen fielen dabei noch einmal aufmerksamer auf die weibliche Gestalt, deren Gesicht soeben von einem gluhenden Abendstrahle hell beleuchtet wurde. Er erschrak und wusste doch nicht, warum ihn diese Mienen so wunderbar anzogen. Endlich nahm er das kleine Portrat hervor, das sie auf Erwinens Brust gefunden hatten. Es waren dieselben Zuge, es war das schone Kind, mit dem er damals in dem Blumengarten seiner Heimat gespielt; nur das Leben schien seitdem viele Zuge verwischt und seltsam entfremdet zu haben. Ein wehmutiger Strom von Erinnerung zog da durch seine Seele, dem er kaum mehr in jenes fruhste, helldunkle Wunderland nachzufolgen vermochte. Er fuhlte schaudernd seinen eigenen Lebenslauf in den geheimnisvollen Kreis dieser Berge mit hineingezogen.
Er setzte sich voller Gedanken auf das steinerne Grabmal und sah in die Taler hinunter, wie die Welt da nur noch in einzelnen, grossen Farbenmassen durcheinander arbeitete, in welche Turme und Dorfer langsam versanken, bis es dann still wurde wie uber einem beruhigten Meere. Nur das Kreuz auf ihrem Berge oben funkelte noch lange golden fort.
Da horten sie auf einmal hinter ihnen eine Schalmei uber die Berge wehen; die Tone blieben oft in weiter Ferne aus, dann brachen sie auf einmal wieder mit neuer Gewalt durch die ziehenden Wolken heruber. Sie sprangen freudig auf. Sie zweifelten langst nicht mehr, dass sie sich in dem Gebiete des sonderbaren Mannes befanden, zu dem sie von Erwin hingewiesen worden. Um desto willkommener war es ihnen, endlich einen Menschen zu finden, der ihnen aus diesem wunderbaren Labyrinthe heraushelfe, in dem ihre Augen sowie ihre Gedanken verwirrt und verloren waren. Sie bestiegen daher schnell ihre Pferde und ritten jenen Klangen nach.
Die Tone fuhrten sie immerfort bergan zu einer ungeheuren Hohe, die immer oder und verlassener wurde. Ganz oben erblickten sie endlich einen Hirten, welcher, auf der Schalmei blasend, seine Herde in der Dammerung vor sich her nach Hause trieb. Sie grussten ihn, er dankte und sah sie ruhig und lange von oben bis unten an. "Wem dient Ihr?" fragte Leontin. "Dem Grafen." "Wo wohnt der Graf?" "Dort rechts auf dem letzten Berge in seinem Schlosse." "Wer liegt dort", fuhr Leontin fort, "auf der grunen Hohe unter den steinernen Figuren begraben?" Der Hirt sah ihn an und antwortete nicht; er wusste nichts davon und war noch niemals dort hinabgekommen. Sie ritten langsam neben ihm her, da erzahlte er ihnen, wie auch er weit von hier in den Talern geboren und aufgewachsen sei, "aber das ist lange her", sagte er, "und ich weiss nicht mehr, wie es unten aussieht." Darauf wunschte er ihnen eine gute Nacht, nahm seine Schalmei wieder vor und lenkte links in das Gebirge hinein. Sie blickten rings um sich, es war eine weite, kahle Heide und die Aussicht zwischen den einzelnen Fichten, die hin und her zerstreut standen, unbeschreiblich einsam, als ware die Welt zu Ende. Es wurde ihnen angst und weh an dem Orte. Sie gaben ihren Pferden die Sporen und schlugen rechts den Weg ein, den ihnen der einsilbige Hirt zu dem Schlosse des Grafen angezeigt hatte.
Es war indes vollig dunkel geworden. Die Gegend wurde noch immer hoher, die Luft scharfer; sie wikkelten sich fest in ihre Mantel ein und ritten schnell fort. Da erblickten sie endlich auf dem hochsten Gipfel des Gebirges das verheissene Schloss. Es war, soviel sie in der Dunkelheit unterscheiden konnten, weitlaufig gebaut und alt. Der Weg fuhrte sie von selbst durch ein dunkles Burgtor in den altertumlichen, gepflasterten Hof, in dessen Mitte sich ein grosser Baum uber einem steinernen Springbrunnen wolbte.
Das erste, das ihnen dort auffiel war ein seltsamer Mensch, mit einem langen, breiten Talare uber den Achseln, einer Art von Krone, die etwas schief auf dem Kopfe sass, und einem langen Hirtenstabe in der Hand. Er naherte sich ihnen ein wenig, kehrte sich dann stolz wieder um und ging mit einem feierlich abgemessenen Schwebetritte langsam uber den Hof, wobei der breite Mantel, wie der Schweif eines sich aufblahenden kalkuttischen Hahnes, hinter ihm drein rauschte. Ein alter Mann war unterdes heruntergekommen und sagte den beiden Gasten, sein Graf sei nicht zu Hause, bat sie aber, abzusteigen. Sie hatten die Augen noch auf jene voruberschwebende Figur gerichtet und fragten erstaunt, was das zu bedeuten habe? "Er sucht den Karfunkelstein", sagte der Alte trocken und fuhrte ihre Pferde ab.
Ein junger Mensch, der sich inzwischen mit einem Lichte eingefunden hatte, bat sie, ihm zu folgen, und fuhrte sie stillschweigend uber verschiedene Wendeltreppen und einen langen Bogengang in ein grosses, gotisch gewolbtes Gemach mit zwei Himmelbetten, ein paar grossen, altmodischen Stuhlen und einem ungeheuren runden Tische in der Mitte. Sie bemerkten mit Verwunderung, dass er ein ledernes Reiterwams trug und seine ganze Tracht uberhaupt altdeutsch sei. Seine blonden Haare hatte er uber der Stirne gescheitelt und in schonen Locken uber die Schultern herabhangen.
Er setzte das Licht auf den Tisch und fragte sie, wann sie wieder weiterzuziehen gedachten? "Ach", fugte er hinzu, ohne erst ihre Antwort abzuwarten, "ach, konnt ich mitziehn!" "Und wer halt Euch denn hier?" fragte Leontin. "Es ist meine eigene Unwurdigkeit", entgegnete jener wieder, "wohl fehlt mir noch viel zu der ehrenfesten Gesinnung, zu der Andacht und der bestandigen Begeisterung, um der Welt wieder einmal Luft zum Himmel zu hauen. Ich bin gering und noch kein Ritter, aber ich hoffe, es durch fleissige Tugendubung mit Gottes Gnade zu werden und gegen die Heiden hinauszuziehn; denn die Welt wimmelt wieder von Heiden. Die Burgen sind geschleift, die Walder ausgehauen, alle Wunder haben Abschied genommen, und die Erde schamt sich recht in ihrer fahlen, leeren Nacktheit vor dem Kruzifixe, wo noch eines einsam auf dem Felde steht; aber die Heiden hantieren und gehen hochmutig voruber und schamen sich nicht." Er sprach dies mit einer wirklich ruhrenden Demut, doch selbst in der steigenden Begeisterung, in die er sich bei den letzten Worten hineingesprochen hatte, blieb etwas modern Fades in seinen Zugen zuruck. Leontin fasste ihn bei der Hand und wusste nicht, was er aus ihm machen sollte, denn fur einen Menschen, der seine ordentliche Vernunft besitzt, hatte er ihm doch beinahe zu gescheit gesprochen.
Unterdes hatte sich der Ritter nachlassig in einen Stuhl geworfen, zog eine Lorgnette unter dem Wams hervor, betrachtete die beiden Grafen fluchtig und sagte, seine letzten Worte wohlgefallig wiederholend: "Aber die Heiden gehen voruber und schamen sich nicht. Recht gut gesagt, nicht wahr, recht gut?" Beide sahen ihn erstaunt an. Er lorgnettierte sie von neuem. "Aber ihr seid doch recht einfaltig", fuhr er darauf lachend fort, "dass ihr das alles eigentlich so fur baren Ernst nehmt! Ihr seid wohl noch niemals in Berlin gewesen? Seht, ich mochte wohl eigentlich ein Ritter sein, aber, aufrichtig gesprochen, das ist doch im Grunde alles narrisches Zeug, welcher gescheite Mensch wird im Ernste an so etwas glauben! Uberdies ware es auch schrecklich langweilig, so strenge auf Tugend und Ehre zu halten. Ich versichere euch aber, ich bin wohl eigentlich ein Ritter, aber ihr fasst das nur nicht, ihr andern Leute, ich halte aus ganzer Seele gleichsam auf die alte Ehre, aber seht, das ist ganz anders zu verstehen das ist aber ihr versteht mich doch nicht das ist" hierbei schien er verwirrt und zerstreut zu werden. Er zog sein Ritterwams vom Leibe und erschien auf einmal in einem uberaus modernen Neglige vom feinsten, weissen Perkal, von dem er mit vieler Grazie hin und wieder die Staubfleckchen abzuklopfen und wegzublasen bemuht war.
Nach einer Weile nahm er das Augenglas wieder vor und musterte die beiden Fremden, sich vornehm auf dem Sessel hin und her schaukelnd. "Bei welchem Schneider lassen Sie arbeiten?" sagte er endlich. Dann stand er auf und befuhlte ihre Hemden an der Brust. "Aber, mein Gott! wie kann man so etwas tragen?" sagte er, "bon soir, bon soir, mes amis!" Hiermit ging er, laut ein franzosisches Liedchen trallernd, ab. In der Tur begegnete er einem Madchen, das eben mit einem Korbe voll Erfrischungen heraufkam. Er nahm sie sogleich in den Arm und wollte sie kussen. Sie schien aber keinen Spass zu verstehen und warf den Ritter, wie sie an dem Gepolter wahrnehmen konnten, ziemlich unsanft die Stiege hinab.
"Nun wahrhaftig", sagte Friedrich, "hier geht es lustig zu, ich sehe nur, wann wir beide selber anfangen, mit verruckt zu werden." "Mir war bei dem Kerl zumute", meinte Leontin, "als sollten wir ihn hundemassig durchprugeln."
Das Madchen hatte unterdes, ohne ein Wort zu sprechen, mit unglaublicher Geschwindigkeit den Tisch gedeckt und Essen aufgetragen. Ihre Hast fiel ihnen auf, sie betrachteten dieselbe genauer und erschraken beide, als sie in ihr die verlorne Marie erkannten. Sie war leichenblass, ihr schones Haar war seltsam aufgeputzt und phantastisch mit bunten Federn und Flitter geschmuckt. Der uberraschte Leontin nahm sie sanft streichelnd bei dem weichen, vollen Arme, und sah ihr in die sonst so frischen Augen, die er seit ihrem Abschiede auf der Gebirgsreise nicht wiedergesehen hatte. Sie aber wand die Hand los, legte den Finger geheimnisvoll auf den Mund, und war so im Augenblicke zur Tur hinaus. Vergebens eilten und riefen sie ihr nach, sie war gleich einer Lazerte zwischen dem alten Gemauer verschwunden.
Beide hatte dieses unerwartete Begegnis sehr bewegt. Sie lehnten sich in das Fenster und sahen uber die Walder hinaus, die der Mond herrlich beleuchtete. Leontin wurde immer stiller. Endlich sagte er: "Es ist doch seltsam, wie gegenwartig mir hier eine Begebenheit wird, die mich einst heftig erschutterte; und ich tausche mich nicht, dass ich hier endlich eine Auflosung daruber erhalten werde." Friedrich bat ihn, sie ihm mitzuteilen, und Leontin erzahlte:
"Ich hatte einst ein Liebchen hinter dem Walde bei meinem Schlosse, ein gutes, herziges, verliebtes Ding. Ich ritt gewohnlich spatabends zu ihr, und sie litt mich wohl manchmal uber Nacht. Eines Abends, da ich eben auch hinkomme, sieht sie ungewohnlich blass und ernsthaft aus, und empfangt mich ganz feierlich, ohne mir, wie sonst, um den Hals zu fallen. Doch schien sie mehr traurig, als schmollend. Wir gingen an dem Teiche spazieren, der bei ihrem Hauschen lag, wo sie mit ihrer Mutter einsam wohnte; da sagte sie mir: ich sei ja gestern abends noch sehr spat bei ihr gewesen, und da sie mich kussen wollen, hatte ich sie ermahnt, lieber Gott, als die Manner zu lieben, darauf hatte ich noch eine Weile sehr streng und ernsthaft mit ihr gesprochen, wovon sie aber nur wenig verstanden, und ware dann ohne Abschied fortgegangen.
Ich erschrak nicht wenig uber diese Rede, denn ich war jenen Abend nicht von meinem Schlosse weggekommen. Wahrend sie noch so erzahlte, bemerkte ich, dass sie plotzlich blass wurde und starr auf einen Fleck im Walde hinsah. Ich konnte nirgends etwas erblikken, aber sie fiel auf einmal fur tot auf die Erde.
Als sie sich zu Hause, wohin ich sie gebracht, nach einiger Zeit wieder erholt hatte, schien sie sich ordentlich vor mir zu furchten, und bat mich in einer sonderbaren Gemutsbewegung, niemals mehr wiederzukommen. Ich musst es ihr versprechen, um sie einigermassen zu beruhigen. Dessenungeachtet trieb mich die Besorgnis um das Madchen und die Neugierde den folgenden Abend wieder hinaus, um wenigstens von der Mutter etwas zu erfahren.
Es war schon ziemlich spat, der Mond schien wie heute. Als ich in dem Walde, durch den ich hindurch musste, eben auf einem etwas freien, mondhellen Platz herumbiege, steigt auf einmal mein Pferd und mein eigenes Haar vom Kopfe in die Hoh. Denn einige Schritte vor mir, lang und unbeweglich an einem Baume, stehe ich selber leibhaftig. Mir fiel dabei ein, was das Madchen gestern sagte; mir grauste durch Mark und Bein bei dem grasslichen Anblicke. Darauf fasste mich, ich weiss selbst nicht wie, ein seltsamer Zorn, das Phantom zu vernichten, das immer unbeweglich auf mich sah. Ich spornte mein Pferd, aber es stieg schnaubend in die Hoh und wollte nicht daran. Die Angst steckte mich am Ende mit an, ich konnte es nicht aushalten, langer hinzusehn, mein Pferd kehrte unaufhaltsam um eine unbeschreibliche Furcht bemachtigte sich seiner und meiner, und so ging es windschnell durch Straucher und Hecken, dass die Aste mich hin und her blutig schlugen, bis wir beide atemlos wieder bei dem Schlosse anlangten. Das war jener Abend vor unserer Gebirgsreise, da ich so wild und ungebardet tat, als du mit Faber ruhig am Tische auf der Wiese sassest. Spater erfuhr ich, dass das Madchen denselben Abend um dieselbe Stunde gestorben sei. Und so wolle Gott jeden Schnapphahn kurieren, denn ich habe mich seitdem gebessert, das kann ich redlich sagen!"
Friedrich erinnerte sich bei dieser wunderlichen Geschichte an eine Nacht auf Leontins Schlosse, wie er Erwinen einmal von der Mauer sich mit einem fremden Manne unterhalten gehort und dann einen langen, dunklen Schatten von ihm in den Wald hineingehn gesehen hatte. "Allerdings", sagte Leontin, "habe ich selber einmal dergleichen bemerkt, und es kam mir zu meinem Erstaunen vor, als ware es dieselbe Gestalt, die mir im Walde erschienen. Aber du weisst, wie geheimnisvoll Erwine immer war und blieb; doch so viel wird mir nach verschiedenen fluchtigen Ausserungen von ihr immer wahrscheinlicher, dass dieses Bild hier in diesem Walde spuke oder lebe, es sei nun was es wolle. Ich weiss nicht, ob du noch unsres Besuches auf dem Schlosse der Frau v. A. gedenkest. Dort sah ich ein altes Ritterbild, vor dem ich augenblicklich zuruckfuhr. Denn es war offenbar sein Portrait. Es waren meine eigenen Zuge, nur etwas alter und ein fremder Zug auf der Stirn uber den Augen."
Wahrend Leontin noch so sprach, horten sie auf einmal ein Gerausch auf dem Hofe unten, und ein Reiter sprengte durch das Tor herein; mehrere Windlichter fullten sogleich den Platz, in deren uber die Mauern hinschweifenden Scheinen sich alle Figuren nur noch dunkler ausnahmen. "Er ist's!" rief Leontin. Der Reiter, welcher der Herr des Schlosses zu sein schien, stieg schnell ab und ging hinein, die Windlichter verschwanden mit ihm, und es war plotzlich wieder dunkel und still wie vorher.
Leontin war sehr bewegt, sie beide blieben noch lange voll Erwartung am Fenster, aber es ruhrte sich nichts im Schlosse. Ermudet warfen sie sich endlich auf die grossen, altmodischen Betten, um den Tag zu erwarten, aber sie konnten nicht einschlafen, denn der Wind knarrte und pfiff unaufhorlich an den Wetterhahnen und Pfeilern des alten, weitlaufigen Schlosses, und ein seltsames Sausen, das nicht vom Walde herzukommen schien, sondern wie ferner Wellenschlag tonte, brauste die ganze Nacht hindurch.
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Kaum fing der Morgen draussen an zu dammern, so sprangen die beiden schon von ihrem Lager auf und eilten aus ihrem Zimmer auf den Gang hinaus. Aber kein Mensch war noch da zu sehen, die Gange und Stiegen standen leer, der steinerne Brunnen im Hofe rauschte einformig fort. Sie gingen unruhig auf und ab; nirgends bemerkten sie einen neuen Bau oder Verzierung an dem Schlosse, es schien nur das Alte gerade zur Notdurft zusammengehalten. Bunte Blumen und kleine grune Baumchen wuchsen hin und wieder auf dem hohen Dache, zwischen denen Vogel lustig sangen. Sie kamen endlich uber mehrere Gange in dem abgelegensten und verfallensten Teile des Schlosses in ein offenes, hochgelegenes Gemach, dessen Wande sie mit Kohle bemalt fanden. Es waren meist fluchtige Umrisse von mehr als lebensgrossen Figuren, Felsen und Baumen, zum Teil halb verwischt und unkenntlich. Gleich an der Tur war eine seltsame Figur, die sie sogleich fur den Eulenspiegel erkannten. Auf der andern Wand erkannte Friedrich hochst betroffen einen grossen, ziemlich weitlaufigen Umriss seiner Heimat, das grosse alte Schloss und den Garten auf dem Berge, den Strom unten, den Wald und die ganze Gegend. Aber es war unbeschreiblich einsam anzusehen, denn ein ungeheurer Sturm schien uber die winterliche Gegend zu gehen, und beugte die entlaubten Baume alle nach einer Seite, sowie auch eine wilde Flammenkrone, die aus dem Dache des Schlosses hervorbrach, welches zum Teil schon in der Feuersbrunst zusammensturzte.
Friedrich konnte die Augen von diesen Zugen kaum wegwenden, als Leontin einen Haufen von Zeichnungen und Skizzen hervorzog, die ganz verstaubt und vermodert in einem Winkel des Zimmers lagen. Sie setzten sich beide auf den Fussboden hin und rollten eine nach der andern auf. Die meisten Blatter waren komischen Inhalts, fast alle von einem ungewohnlichen Umfange. Die Zuge waren durchaus keck und oft bis zur Harte streng, aber keine der Darstellungen machte einen angenehmen, viele sogar einen widrigen Eindruck. Unter den komischen Gesichtern glaubte Friedrich zu seiner hochsten Verwunderung manche alte Bekannte aus seiner Kindheit wiederzufinden.
Der erste Morgenschein fiel indes soeben durch die hohen Bogenfenster, und spielte gar seltsam an den Wanden der Polterkammer und in die wunderliche Welt der Gedanken und Gestalten hinein, die rings um sie her auf dem Boden zerstreut lagen. Es war ihnen dabei wie in einem Traume zumute. Sie schoben endlich alle die Bilder wieder in den Winkel zusammen und lehnten sich zum Fenster hinaus.
Alles war noch nachtlich und grenzenlos still, nur einige fruhe Vogel zogen pfeifend hin und her uber den Wald und begrussten die ersten Morgenstrahlen, die durch die Wipfel funkelten. Da horten sie auf einmal draussen in einiger Entfernung folgendes Lied singen:
"Ein Stern still nach dem andern fallt
Tief in des Himmels Kluft,
Schon zucken Strahlen durch die Welt,
Ich wittre Morgenluft.
In Qualmen steigt und sinkt das Tal;
Verodet noch vom Fest
Liegt still der weite Freudensaal,
Und tot noch alle Gast.
Da hebt die Sonne aus dem Meer
Eratmend ihren Lauf:
Zur Erde geht, was feucht und schwer,
Was klar, zu ihr hinauf.
Hebt gruner Walder Trieb und Macht
Neu rauschend in die Luft,
Zieht hinten Stadte, eitel Pracht,
Blau' Berge durch den Duft.
Spannt aus die grunen Tepp'che weich,
Von Stromen hell durchrankt,
Und schallend glanzt das frische Reich,
So weit das Auge langt.
Der Mensch nun aus der tiefen Welt
Der Traume tritt heraus,
Freut sich, dass alles noch so halt,
Dass noch das Spiel nicht aus.
Und nun geht's an ein Fleissigsein!
Umsumsend Berg und Tal,
Agieret lustig gross und klein
Den Plunder allzumal.
Die Sonne steiget einsam auf,
Ernst uber Lust und Weh,
Lenkt sie den ungestorten Lauf
In stiller Glorie.
Und wie er dehnt die Flugel aus,
Und wie er auch sich stellt:
Der Mensch kann nimmermehr hinaus,
Aus dieser Narrenwelt."
Die beiden Freunde eilten Sogleich auf das sonderbare Lied hinunter und aus dem Schlosse hinaus. Die Walder rauchten ringsum aus den Talern, eine kuhle Morgenluft griff starkend an alle Glieder. Der Gesang hatte unterdes aufgehort, doch erblickten sie in jener Gegend, wo er hergekommen war, einen grossen, schonen, ziemlich jungen Mann an dem Eingange des Waldes. Er stand auf und schien weggehn zu wollen, als er sie gewahr wurde; dann blieb er stehen und sah sie noch einmal an, kam darauf auf sie zu, fasste Friedrich bei der Hand und sagte sehr gleichgultig: "Willkommen Bruder!"
Wie dem Schweizer in der Fremde, wenn plotzlich ein Alphorn ertont, alle Berge und Taler, die ihn von der Heimat scheiden, in dem Klange versinken, und er die Gletscher wiedersieht, und den alten, stillen Garten am Bergeshange, und alle die morgenfrische Aussicht in das Wunderreich der Kindheit, so fiel auch Friedrich bei dem Tone dieser Stimme die muhsame Wand eines langen, verworrenen Lebens von der Seele nieder; er erkannte seinen wilden Bruder Rudolf, der als Knabe fortgelaufen war, und von dem er seitdem nie wieder etwas gehort hatte.
Keine ruhige, segensreiche Vergangenheit schien aus diesen dunkelgluhenden Blicken hervorzusehen, eine Narbe uber dem rechten Auge entstellte ihn seltsam. Leontin stand still dabei und betrachtete ihn aufmerksam, denn es war wirklich dasselbe Bild, das ihm mitten im bunten Leben oft so schaurig begegnet. "Oh, mein lieber Bruder", sagte Friedrich, "so habe ich dich denn wirklich wieder! Ich habe dich immer geliebt. Und als ich dann grosser wurde und die Welt immer kleiner und enger, und alles so wunderlos und zahm, wie oft hab ich da an dich zuruckgedacht und mich nach deinem wunderbaren hartern Wesen gesehnt!" Rudolf schien wenig auf diese Worte zu achten, sondern wandte sich zu Leontin um und sagte: "Wie geht es Euch, mein Signor Amoroso? Durch diesen Wald geht kein Weg zum Liebchen." "Und keiner in der Welt mehr", fiel Leontin, der wohl wusste, was er meine, empfindlich ihm ins Wort, "denn Eure Possen haben das Madchen ins Grab gebracht." "Besser tot, als eine H " sagte Rudolf gelassen. "Aber", fuhr er fort, "was treibt euch aus der Welt hier zu mir herauf? Sucht ihr Ruhe: ich habe selber keine; sucht ihr Liebe: ich liebe keinen Menschen, oder wollt ihr mich listig aussondieren, zerstreuen und lustig machen: so zieht nur in Frieden wieder hinunter, esst, trinkt, arbeitet fleissig, schlaft bei euren Weibern oder Madchen, seid lustig und lacht, dass ihr euch krahend die Seiten halten musst, und danket Gott, dass er euch weisse Lebern, einen ordentlichen Verstand, keinen uberflussigen Witz, gesellige Sitten und ein langes, wohlgefalliges Leben bescheret hat denn mir ist das alles zuwider." Friedrich sah den Bruder staunend an, dann sagte er: "Wie ist dein Gemut so feindselig und wust geworden! Hat dich die Liebe " "Nein", sagte Rudolf, "ihr seid gar verliebt, da lebt recht wohl!"
Hiermit ging er wirklich mit grossen Schritten in den Wald hinein und war bald hinter den Baumen verschwunden. Leontin lief ihm einige Schritte nach, aber vergebens. "Nein", rief er endlich aus, "er soll mich nicht so verachten, der wunderliche Gesell! Ich bin so reich und so verruckt wie er!" Friedrich sagte: "Ich kann es nicht mit Worten ausdrucken, wie es mich ruhrt, den tapfern, gerechten, rustigen Knaben, der mir immer vorgeschwebt, wenn ich dich ansah, so verwildert wiederzusehen. Aber ich bleibe nun gewiss auch wider seinen Willen hier, ich will keine Muhen sparen, sein reines Gold, denn solches war in ihm, aus dem wust verfallenen Schachte wieder ans Tageslicht zu fordern." "Oh", fiel ihm Leontin ins Wort, "das Meer ist nicht so tief, als der Hochmutige in sich selber versunken ist! Nimm dich in acht! er zieht dich eher schwindelnd zu sich hinunter, ehe du ihn zu dir hinauf."
Friedrich hatte der Anblick seines Bruders auf das heftigste bewegt. Er ging schnell von Leontin fort und allein tief in den Wald hinein. Er brauchte der stillen, vollen Einsamkeit, um die neuen Erscheinungen, die auf einmal so gewaltsam auf ihn eindrangen, zu verarbeiten und seine seltsam aufgeregten Geister zu beruhigen.
Lange war er so im Walde herumgeschweift, als auch Leontin wieder zu ihm stiess. Dieser hatte wahrenddes wieder jene Bilderstube bestiegen und die Zeit unter den Zeichnungen gesessen. Dabei waren ihm in dieser Einsamkeit die Figuren oft wie lebendig geworden vorgekommen und verschiedene Lieder eines Wahnsinnigen eingefallen, die er, wie Spruche auf die alten Bilder, den Gestalten aus dem Munde auf die Wand aufgeschrieben hatte.
Die Sonne fing schon wieder an sich von der Mittagshohe herabzuneigen. Weder Leontin noch Friedrich wussten recht, wo Sie sich befanden, denn kein ordentlicher Weg fuhrte vom Schlosse hierher. Sie schlugen daher die ohngefahre Richtung ein, sich uber den melancholischen Rudolf besprechend. Als sie nach langem Irren eben auf einer Hohe angelangt waren, horten sie plotzlich mehrere lebhafte Stimmen vor sich. Ein undurchdringliches Dickicht, durch welches von dieser Seite kein Eingang moglich war, trennte sie von den Sprechenden. Leontin bog die obersten Zweige mit Gewalt auseinander: da eroffnete sich ihnen auf einmal das seltsamste Gesicht. Mehrere auffallende Figuren namlich, worunter sie sogleich Marie, den Karfunkelsteinspaher und den Ritter von gestern erkannten, lagen und sassen dort auf einer grunen Wiese zerstreut umher. Die grosse Einsamkeit, die fremdartigen, zum Teil ritterlichen Trachten, womit die meisten angetan, gaben der Gruppe ein uberraschendes, buntes und wundersames Ansehen, als ob ein Zug von Rittern und Frauen aus alter Zeit hier ausraste.
Marie war ihnen besonders nahe, doch ohne sie zu bemerken. Sie war mit langen Kranzen von Gras behangen und hatte eine Gitarre vor sich auf dem Schosse. Auf dieser spielte sie und sang das Lied, das sie damals auf dem Rehe gesungen, als sie Friedrich zum ersten Male auf der Wiese bei Leontins Schlosse traf. Nach der ersten Strophe hielt sie, in Gedanken verloren, inne, als wollte sie sich auf das Weitere besinnen, und fing dann das Lied immer wieder vom Anfang an.
Mitten unter den Narren sass Rudolf auf einem umgefallenen Baumstamme, den Kopf vornhin in beide Arme auf die Knie gestutzt. Er war ohne Hut und sah sehr blass aus. Mit Verwunderung horten sie, wie er mit ihnen allen in ein lebhaftes Gesprach vertieft war. Er wusste dem Wahnsinn eines jeden eine Tiefe und Bedeutung zu geben, uber welche sie erstaunten, und je verruckter die Narren sprachen, je witziger und ausgelassener wurde er in seinem wunderlichen Humor. Aber sein Witz war scharf ohne Heiterkeit, wie Dissonanzen einer grossen, zerstorten Musik, die keinen Einklang finden konnen oder mogen.
Leontin, der aufmerksam zugehort hatte, war es durchaus unmoglich, das wilde Spiel langer zu ertragen. Er hielt sich nicht mehr, riss mit Gewalt durch das Dickicht und eilte auf Rudolf zu. Rudolf, durch sein Gesprach exaltiert, sprang uber der plotzlichen, unerwarteten Erscheinung rasch auf, und riss dem verruckten Ritter, der neben ihm sass, den Degen aus der Scheide. So mit dem Degen aufgerichtet, sah der lange Mann mit seinen verworrenen Haaren und bleichem Gesichte fast gespensterartig aus. Beide hieben in demselben Augenblicke wutend aufeinander ein, denn Leontin ging unter diesen Verruckten nicht unbewaffnet aus. Ein Strom von Blut drang plotzlich aus Rudolfs Arme und machte der seltsamen Verblendung ein Ende. Alles dieses war das Werk eines Augenblicks.
Friedrich war indes auch herbeigeeilt, und beide Freunde waren bemuht, das Blut des verwundeten Rudolfs mit ihren Tuchern zu stillen, worauf sie ihn naher an sein Schloss fuhrten.
Als er sich nach einiger Zeit wieder erholt hatte, und die Gemuter beruhigt waren, ausserte Friedrich seine Verwunderung, wie er so einsam in dieser Gesellschaft aushalten konne.
"Und was ist es denn mehr und anders", sagte Rudolf, "als in der andern gescheiten Welt? Da steht auch jeder mit seinen besondern, eigenen Empfindungen, Gedanken, Ansichten und Wunschen neben dem andern wieder mit seinem besondern Wesen, und wie sie sich auch, gleichwie mit Polypenarmen, kunstlich betasten und einander recht aus dem Grunde herauszufuhlen trachten, es weiss ja doch am Ende keiner, was er selber ist oder was der andere eigentlich meint und haben will, und so muss jeder dem andern verruckt sein, wenn es ubrigens Narren sind, die uberhaupt noch etwas meinen oder wollen. Das einzige Tolle bei jenen Verruckten von Profession aber ist nur, dass sie dabei noch glucklich sind."
Bei diesen Worten erblickte er das vielerwahnte Medaillon von Erwin, das Friedrich nur halbverborgen unter dem Rocke trug. Er ging schnell auf Friedrich zu. "Woher hast du das?" fragte er, und nahm das Bild zu sich. Er schien bewegt, als sie ihm erzahlten, von wem sie es hatten und dass Erwin gestorben sei, doch konnte man nicht unterscheiden, ob es Zorn oder Ruhrung war. Er sah darauf das Bild lange Zeit an und sagte kein Wort.
Durch die Ermattung von dem Blutverluste, sowie durch den unerwarteten Anblick des Portraits, schien seine Wildheit einigermassen gebandigt. Die beiden Freunde drangen daher in ihn, ihnen endlich Aufschluss uber das alles zu geben, und, wo moglich, seine Lebensgeschichte zu erzahlen, auf welche sie beide sehr begierig waren, da sie wohl bemerkten, dass er mit diesem Madchen und vielen andern Ratseln in einem nahen Zusammenhange stehen musse. Er war heut wirklich ruhig genug dazu. Er setzte sich, ohne sich weiter notigen zu lassen, neben ihnen auf den Rasen und begann sogleich folgendermassen:
Dreiundzwanzigstes Kapitel
"Wenn ich mein Leben uberdenke, ist mir so totenstill und nuchtern, wie nach einem Balle, wenn der Saal noch wust und schwul qualmt und ein Licht nach dem andern verloscht, weil andere Lichter durch die zerschlagenen Fenster hineinschielen, und man reisst die Kleider von der Brust und steigt draussen auf den hochsten Berg und sieht der Sonne entgegen, ob sie nicht bald aufgehn will Doch ich will ruhig erzahlen:
Die erste Begebenheit meines Lebens, an die ich mich wie an einen Traum erinnere, war eine grosse Feuersbrunst. Es war in der Nacht, die Mutter fuhr mit uns und noch einigen fremden Leuten, auf die ich mich nicht mehr besinne, im Kahne uber einen grossen See. Mehrere Schlosser und Dorfer brannten ringsumher an den Ufern und der Widerschein von den Flammen spiegelte sich bis weit in den See hinein. Meine Warterin hob mich aus dem Kahne hoch in die Hohe und ich langte mit beiden Armen nach dem Feuer. Alle die fremden Leute im Kahne waren still, meine Mutter weinte sehr; man sagte mir, mein Vater sei tot.
Noch eines Umstandes muss ich dabei gedenken, weil er seltsam mit meinem ubrigen Leben zusammenhangt. Als wir namlich, soviel ich mich erinnere, gleichsam aus Flammen in den Kahn einstiegen, erblickte ich einen Knaben etwa von meinem Alter, den ich sonst nie gesehn hatte. Der lachte uns aus, tanzte an dem Feuer mit hohnenden Gebarden und schnitt mir Gesichter. Ich nahm schnell einen Stein und warf ihn ihm mit einer fur mein Alter ungewohnlichen Kraft an den Kopf, dass er umfiel. Sein Gesicht ist mir noch jetzt ganz deutlich und ich wurde den widrigen Eindruck dieser Begebenheit niemals wieder los. Das ist alles, was mir von jener merkwurdigen Nacht ubrigblieb, deren Stille, Wunderbilder und feurige Widerscheine sich meinem kindischen Gemute unverloschlich einpragten. In dieser Nacht sah ich meine Mutter zum letzten Male.
Nachher erinnere ich mich wieder auf nichts, als Berge und Walder, grosse Haufen von Soldaten und blitzenden Reitern, die mit klingendem Spiele uber Brucken zogen, unbekannte Taler und Gegenden, die wie ein Schattenspiel schnell an meiner Seele voruberflogen.
Als ich mich endlich zum ersten Male mit Besinnung in der Welt umzuschauen anfing, befand ich mich allein mit dir in einem fremden, schonen Schloss und Garten unter fremden Leuten. Es war, wie du weisst, unser Vormund, und das Schloss, obschon unser Eigentum, doch nicht unser Geburtsort. Wir beide sind am Rheine geboren. Es mochte mir hier bald nicht behagen. Besonders stach mir gegen das niemals in meiner Erinnerung erloschene Bild meiner Mutter, die ernst, hoch und schlank war, die neue, kleine, wirtschaftliche und dickliche Mutter zu sehr ab. Ich wollte ihr niemals die Hand kussen. Ich musste viel sitzen und lernen, aber ich konnte nichts erlernen, besonders keine fremde Sprache. Am wenigsten aber wollte mir das sogenannte gewisse Etwas in Gesellschaften anpassen, wobei ich mich denn immer sehr schlecht und zu allgemeiner Unzufriedenheit prasentierte. Mir war dabei das Verstellen und das zierliche Niedlichtun der Vormunderin und des Hofmeisters unbegreiflich, die immer auf einmal ganz andere Leute waren, wenn Gaste kamen. Ja, ich erinnere mich, dass ich den letztern einige Male, wenn er so ausser dem gewohnlichen Wege besonders klug sprach, hinten am Rocke zupfte und laut auflachte, worauf ich denn jedesmal mit drohenden Blicken aus dem Zimmer verwiesen wurde. Mit Prugeln war bei mir nichts auszurichten, denn ich verteidigte mich bis zum Tode gegen den Hofmeister und jedermann, der mich schlagen wollte. So kam es denn endlich, dass ich bei jeder Gelegenheit hintenangesetzt wurde. Man hielt mich fur einen trubseligen Einfaltspinsel, von dem weder etwas zu hoffen noch zu furchten sei. Ich wurde dadurch nur noch immer tiefsinniger und einsamer und traumte unaufhorlich von einer geheimen Verschworung aller gegen mich, selbst dich nicht ausgenommen, weil du mit den meisten im Hause gut standest.
Ein einziges liebes Bild ging in dieser dunklen,
schwerer Traume vollen Zeit an mir voruber. Es war die kleine Angelina, die Tochter eines verwandten italienischen Marchese, der sich auch vor den Unruhen in Italien zu uns gefluchtet hatte und lange Zeit dort blieb. Du wirst dich des lieblichen, wunderschonen Kindes erinnern, wie sie von uns Deutsch lernte und so schone, welsche Lieder wusste. Ich hatte damals Tag und Nacht keine Seelenruh vor diesem schonen Bilde. Inzwischen glaubte ich zu bemerken, dass sie uberall dich mehr begunstigte, als mich; ich war ihr zu wild, sie schien sich vor mir zu furchten. Mein alter Argwohn, Hass und Bangigkeit nahm taglich zu, ich sass, wie in mir selbst gefangen, bis endlich ein seltsamer Umstand alle die Engel und Teufel, die damals noch dunkel in mir rangen, auf einmal losmachte.
Ich war namlich eines Abends eben mit Angelina
im Garten an dem eisernen Gitter, durch das man auf die Strasse hinaussah. Angelina stand am Springbrunnen und spielte mit den goldenen Kugeln, welche die Wasserkunst glanzend auf- und niederwarf. Da kam eine alte Zigeunerin am Gitter vorbei und verlangte, als sie uns drinnen erblickte, auf die gewohnliche ungestume Art, uns zu prophezeien. Ich streckte sogleich meine Hand hinaus. Sie las lange Zeit darin. Wahrenddes ritt ein junger Mensch, der ein Reisender schien, draussen die Strasse vorbei und grusste uns hoflich. Die Zigeunerin sah erstaunt mich, Angelina und den voruberziehenden Fremden wechselseitig an, endlich sagte sie, auf uns und ihn deutend: 'Eines von euch dreien wird den andern ermorden.' Ich blickte dem Reiter scharf nach, er sah sich noch einmal um, und ich erkannte erschrocken und zornig sogleich das Gesicht desselben unbekannten Knaben wieder, der uns bei unsrem Auszuge aus der Heimat an dem Feuer so verhohnt hatte. Die Zigeunerin war unterdes verschwunden, Angelina furchtsam fortgelaufen, und ich blieb allein in dem grossen, dammernden Garten und glaubte fest, nun als Morder auch sogar von Gott verlassen zu sein; niemals fuhlte ich mich so finster und leer.
In der Nacht konnt ich nicht schlafen, ich stand auf und zog mich vollig an. Es war alles still, nur die Wetterhahne knarrten im Hofe, der Mond schien sehr hell. Du schliefst still neben mir, das Gebetbuch lag noch halb aufgeschlagen bei dir, ich wusste nicht, wie du so ruhig sein konntest. Ich kusste dich auf den Mund, ging dann schnell aus dem Hause, durch den Garten, und kehrte niemals mehr wieder.
Von nun an geht mein Leben rasch, bunt, ungenugsam, wechselnd, und in allem Wechsel doch unbefriedigt. Ich will nur einige Augenblicke herausheben, die mich, wie einsam erleuchtete Berggipfel uber dem dunkelwuhlenden Gewirre, noch immer von weitem ansehn.
Als ich zu Ende jener Nacht die letzte Hohe erreicht hatte, ging eben die Sonne prachtig auf. Die Gegend unten, so weit die Blicke reichten, war mit bunten Zelten, unermesslich blitzenden Reihen, und Lust und Schallen uberdeckt. Einzelne bunte Reiter flogen in allen Richtungen uber den grunen Anger, einzelne Schusse fielen bis in die tiefste Ferne hin und her im Walde. Ich stand wie eingewurzelt vor Lust bei dem Anblick. Ich glaubte es nun auf einmal gefunden zu haben, was mir fehlte und was ich eigentlich wollte. Ich eilte daher schnell hinunter und liess mich anwerben.
Wir brachen noch denselben Tag von dem Orte auf, aber schon da auf dem Marsche fing ich an zu bemerken, dass dieses nicht das Leben war, das ich erwartete. Der platte Leichtsinn, das Prahlen und der geschaftige Mussiggang ekelte mich an, besonders unertraglich aber war mir, dass ein einziger, unbeschreiblicher Wille das Ganze wie ein dunkles Fatum regieren sollte, dass ich im Grunde nicht mehr wert sein sollte, als mein Pferd und so versenkten mich diese Betrachtungen in eine furchterliche Langeweile, aus der mich kaum die Signale, welche die Schlacht ankundigten, aufzurutteln vermochten.
Damals bekam mein Oberst von meinem Vormund, der mich aufgespurt hatte, einen Brief, worin er ihn bat, mich auszuliefern. Aber es war zu spat, denn das Treffen war eben losgegangen. Mitten im blitzenden Dampfe und Todesgewuhl erblickt ich plotzlich das beinahe bleiche Gesicht des Unbekannten wieder mir feindlich gegenuber. Wutend, dass das Gespenst mich uberall verfolgte, sturzte ich auf ihn ein. Er focht so gut, wie ich. Endlich sah ich sein Pferd sturzen, wahrend ich selbst, leicht verwundet, vor Ermattung bewusstlos hinsank. Als ich wieder erwachte, war alles ringsum finster und totenstill uber der weiten Ebene, die mit Leichen bedeckt war. Mehrere Dorfer brannten in der Runde, und nur einzelne Figuren, wie am Jungsten Gericht, erhoben sich hin und her und wandelten dunkel durch die Stille. Ein unbeschreibliches Grausen uberfiel mich vor dem wahnwitzigen Jammerspiel, ich raffte mich schnell auf und lief, bis es Tag wurde.
In einem Stadtchen las ich in der Zeitung die Bekanntmachung meines Vormunds, dass ich in dem Treffen geblieben sei, auch horte ich, dass der Marchese mit seiner Tochter unser Schloss wieder verlassen habe. Ich war zu stolz und aufgeregt, um nach Hause zuruckzukehren. Indes erwachte das Bild der kleinen Angelina von neuem in meinem Herzen. Ich bildete mir die liebliche Erinnerung mit allen Kraften meiner Seele aus, und so malte ich damals jenes Engelskopfchen, das du hier zu meinem Erstaunen mitgebracht hast. Es ist Angelinens Portrait.
Mein unruhiges und doch immer in sich selbst verschlossenes Gemut bekam nun auf einmal die erste entschiedene Richtung nach aussen. Ich warf mich mit einem unerhorten Fleisse auf die Malerei und streifte mit dem Gelde, das ich mir dadurch erwarb, in Italien herum. Ich glaubte damals, die Kunst werde mein Gemut ganz befriedigen und ausfullen. Aber es war nicht so. Es blieb immer ein dunkler, harter Fleck in mir, der keine Farben annahm und doch mein eigentlicher, innerster Kern war. Ich glaube, wenn ich in meiner Angst einen neuen Munster hatte aus mir herausbauen konnen, mir ware wohler geworden, so felsengross lag immer meine Entzuckung auf mir. Meine Skizzen waren immer besser als die Gemalde, weil ihre Ausfuhrung meistens unmoglich war. Gar oft in guten Stunden ist mir wohl eine solche Glorie von nie gesehenen Farben und unbeschreiblich himmlischer Schonheit vorgekommen, dass ich mich kaum zu fassen wusste. Aber dann war's auch wieder aus, und ich konnte sie niemals ausdrucken. So schmuckt sich wohl jede tuchtige Seele einmal ihren Kerker mit Kunsten aus, ohne deswegen zum Kunstler berufen zu sein. Und uberhaupt ist es am Ende doch nur Putz und eitel Spielerei. Oder wurdet ihr den nicht fur toricht halten, der sich im Wirtshause, wo er ubernachtet, eifrig auszieren wollte? Und wir machen so viel Umstande mit dem Leben und wissen nicht, ob wir noch eine Stunde bleiben!
An einem schonen Sommerabende fuhr ich einmal in Venedig auf dem Golf spazieren. Der Halbkreis von Palasten mit ihren still erleuchteten Fenstern gewahrte einen prachtigen Anblick. Unzahlige Gondeln glitten aneinander voruber uber das ruhige Wasser, Gitarren und tausend weiche Gesange zogen durch die laue Nacht. Ich ruderte voll Gedanken fort und immer fort, bis nach und nach die Lieder verhallten und alles um mich her still und einsam geworden war. Ich dachte an die ferne Heimat und sang ein altes, deutsches Lied, eines von denen, die ich noch als Knabe Angelina gelehrt hatte. Wie sehr erstaunte ich, als mir da auf einmal eine wunderschone weibliche Stimme von dem Altan eines Hauses mit der nachstfolgenden Strophe desselben Liedes antwortete. Ich sprang sogleich ans Ufer und eilte auf das Haus zu, von dem der Gesang herkam. Eine weisse Madchengestalt neigte sich zwischen den Orangenbaumen und Blumen uber den Balkon herab und sagte flusternd: 'Rudolf!' Ich erkannte bei dem hellen Mondenscheine sogleich Angelina. Sie schien noch mehr sprechen zu wollen, aber die Tur auf dem Balkon offnete sich von innen, und sie war verschwunden.
Verwundert und entzuckt in allen meinen Sinnen, setzt ich mich an einen steinernen Springbrunnen, der auf dem weiten, stillen Platze vor dem Hause stand. Ich mochte ohngefahr eine Stunde dort gesessen haben, als ich die Glastur oben leise wieder offnen horte. Angelina trat, sich furchtsam auf dem Platze umsehend, noch einmal auf den Balkon heraus. Ihre schonen Locken fielen auf den schneeweissen, nur halbverhullten Busen herab, sie war barfuss und im leichtesten Nachtkleide. Sie erschrak, als sie mich wirklich noch unten erblickte. Sie legte den Finger auf den Mund, wahrend sie mit der andern Hand auf die Tur deutete, lehnte sich stillschweigend uber das Gelander und sah mich so lange Zeit unbeschreiblich lieblich an. Darauf zog sie ein Papierchen hervor, warf es mir hinab lispelte kaum horbar: 'Gute Nacht!' und ging zaudernd wieder hinein. Auf dem Zettel stand mit Bleistift der Name einer Kirche aufgeschrieben.
Ich begab mich am Morgen zu der benannten Kirche und sah das Madchen wirklich zur bestimmten Stunde mit einer altlichen Frau, die ihre Vertraute schien, schon von weitem die Strasse heraufkommen. Ich erschrak fast vor Freuden, so uberaus schon war sie geworden. Als sie mich ebenfalls erblickte, wurde sie rot vor Scham uber die vergangene Nacht und schlug den Schleier fest uber das Gesicht. Auf dem Wege und in der Kirche erzahlte sie mir nun ungestort, dass sie schon lange wieder in Italien zuruck seien, dass ihr Vater, da ihre Mutter bei ihrer Geburt in Todesnot war, das feierliche Gelubde getan, sie, Angelina, als Klosterjungfrau dem Himmel zu weihn, und dass der dazu bestimmte Tag nicht mehr fern sei. Das verliebte Madchen sagte dies mit Tranen in den Augen.
Wir kamen darauf noch oft, bald in der Kirche, bald in der Nacht am Balkon zusammen; der Tag, wo Angelina aus dem vaterlichen Hause fort ins Kloster sollte, ruckte immer naher heran, und wir verabredeten endlich, miteinander zu entfliehn.
In der Nacht, die wir zur Flucht bestimmt hatten, trat sie, mit dem Notwendigsten versehen und reich geschmuckt wie eine Braut, hervor. Die heftige Bewegung, in der ihr Gemut war, machte ihr Gesicht wunderschon, und ich sehe sie in diesem Zustande, in diesem Kleide, noch wie heute vor mir stehn. Sie war noch in ihrem Leben nicht um diese Zeit allein auf der Gasse gewesen, sie wurde daher noch im letzten Augenblick von neuem schuchtern und halb unschlussig; sie weinte und fiel mir um den Hals. Ich fasste sie endlich um den Leib und trug sie in den Kahn, den ich im Golf bereithielt. Ich stiess schnell vom Ufer ab, das Segel schwoll im lauen Winde, der Halbkreis der erleuchteten Fenster versank allmahlich hinter uns, und wir befanden uns allein auf der stillen, unermesslichen Flache.
Die Liebe hatte sie nun ganz in meine Gewalt gegeben. Sie wurde nun ruhig. Innerlichst frohlich, aber still sass sie fest an mich gedruckt und sah mit den weit offenen, sinnigen Augen unverwandt ins Meer hinaus. Ich bemerkte, dass sie oft heimlich zusammenschauerte, bis sie endlich ermudet einschlummerte.
Da rauschte plotzlich ein Kahn mit mehreren Leuten und Fackelschein voruber nach Venedig zu. Der eine von ihnen schwang eben seine Fackel und ich erblickte bei dem fluchtigen Scheine den unbekannten, wunderbar mit mir verknupften Fremden wieder, der mitten im Kahne aufrecht stand. Ich fuhr unwillkurlich bei dem Anblick zusammen, und hochst seltsam, obschon die ganze Erscheinung ohne das mindeste Gerausch vorubergeglitten war, so wachte doch Angelina in demselben Augenblicke von selber auf und sagte mir erschrocken, es habe ihr etwas Furchterliches getraumt, sie wisse sich nun aber nicht mehr darauf zu besinnen. Ich beruhigte sie und sagte ihr nichts von dem Begegnis, worauf sie denn bald von neuem einschlief.
Ein lauter Freudenschrei entfuhr ihrer Brust, als sie nach einigen Stunden die hellen Augen aufschlug, denn die Sonne ging eben prachtig uber der Kuste von Italien auf, die in duftigem Wunderglanze vor uns dalag. Es war der erste uberschwengliche Blick des jungen Gemutes in das freie, lustern lockende, reiche, noch ungewisse Leben. Wir stiegen nun ans Land und setzten unsre Reise zu Pferde nach Rom fort. Dieses Ziehen in den blauen, lieblichen Tagen uber grune Berge, Taler und Flusse, rollt sich noch jetzt blendend vor meiner Erinnerung auf, wie ein mit prachtig glanzenden, wunderbaren Blumen gestickter Teppich, auf dem ich mich selbst als lustige Figur mit bunt geflickter Narrenjacke erblicke.
In Rom nisteten wir uns in einem entlegenen Quartiere der Stadt ein, wo uns niemand bemerkte. Wir fuhrten einen wunderlichen, ziemlich unordentlichen Haushalt miteinander, denn Angelina gewohnte sich sehr bald auch an das freie, sorglose Kunstlerwesen. Sie hatte, gleich als wir ans Land stiegen, Mannskleider anlegen mussen, um nicht erkannt zu werden, und ich gab sie so fur meinen Vetter aus. Die Tracht, in der sie mich nun auch frei auf allen Spaziergangen begleitete, stand ihr sehr niedlich; sie sah oft aus wie Correggios Bogenschutz. Sie musste mir oft zum Modell sitzen, und sie tat es gern, denn sie wusste wohl, wie schon sie war. Damals wurden meine Gemalde weniger hart, angenehmer und sinnreicher in der Ausfuhrung.
Indes entging es mir nicht, dass Angelina anfing mit der Madchentracht nach und nach auch ihr voriges madchenhaftes, bei aller Liebe verschamtes Wesen abzulegen, sie wurde in Worten und Gebarden kecker, und ihre sonst so schuchternen Augen schweiften lustern rechts und links. Ja, es geschah wohl manchmal, wenn ich sie unter lustige Gesellen mitnahm, mit denen wir in einem Garten oft die Nacht durchschwarmten, dass sie sich berauschte, wo sie dann mit den furchtsam dreisten Mienen und glanzend schmachtenden Augen ein ungemein reizendes Spiel der Sinnlichkeit gab.
Weiber ertragen solche kuhnere Lebensweise nicht. Ein Jahr hatten wir so zusammengelebt, als mir Angelina eine Tochter gebar. Ich hatte sie einige Zeit vorher auf einem Landhause bei Rom vor aller Welt Augen verborgen, und auf ihr eigenes Verlangen, welches meiner Eifersucht auffiel, blieb sie nun auch noch lange nach ihrer Niederkunft mit dem Kinde dort.
Eines Morgens, als ich eben von Rom hinkomme, finde ich alles leer. Das alte Weib, welches das Haus hutete, erzahlt mir zitternd: Angelina habe sich gestern abend sehr zierlich als Jager angezogen, sie habe darauf, da der Abend sehr warm war, lange Zeit bei ihr vor der Tur auf der Bank gesessen und angefangen so betrubt und melancholisch zu sprechen, dass es ihr durch die Seele ging, wobei sie ofters ausrief: 'War ich doch lieber ins Kloster gegangen!' Dann sagte sie wieder lustig: 'Bin ich nicht ein schoner Jager?' Darauf sei sie hinaufgegangen, habe, wahrend schon alles schlief, noch immerfort Licht gebrannt und am offenen Fenster allerlei zur Laute gesungen. Besonders habe sie folgendes Liedchen zum oftern wiederholt, welches auch mir gar wohlbekannt war, da es Angelina von mir gelernt hatte:
"Ich hab gesehn ein Hirschlein schlank
Im Waldesgrunde stehn,
Nun ist mir draussen weh und bang,
Muss ewig nach ihm gehn.
'Frischauf, ihr Waldgesellen mein!
Ins Horn, ins Horn frischauf!
Das lockt so hell, das lockt so fein,
Aurora tut sich auf!'
Das Hirschlein fuhrt den Jagersmann
In gruner Waldesnacht
Talunter, schwindelnd und bergan,
Zu nie gesehner Pracht.
'Wie rauscht schon abendlich der Wald,
Die Brust mir schaurig schwellt!
Die Freunde fern, der Wind so kalt,
So tief und weit die Welt!'
Es lockt so tief, es lockt so fein
Durchs dunkelgrune Haus,
Der Jager irrt und irrt allein,
Findt nimmermehr heraus."
'Gegen Mitternacht ohngefahr', fuhr die Alte fort, 'horte ich ein leises Handeklatschen vor dem Hause. Ich offnete leise die Lade meines Guckfensters und sah einen grossen Mann, bewaffnet und in einen langen Mantel vermummt, unter Angelinas Fenster stehn, seitwarts im Gebusch hielt ein Wagen mit Bedienten und vier Pferden. In demselben Augenblicke kam auch Angelina, ihr Kind auf dem Arme, unten zum Hause heraus. Der fremde Herr kusste sie und hob sie geschwind in den Wagen, der pfeilschnell davonrollte. Eh ich mich besann, herauslief und schrie, war alles in der dicken Finsternis verschwunden.'
Auf diesen verzweifelten Bericht der Alten sturzte ich in das Zimmer hinauf. Alles lag noch wie sonst umher, sie hatte nichts mitgenommen, als ihr Kind. Ein Bild, das nach ihr kopiert war, stand noch ruhig auf der Staffelei, wie ich es verlassen. Auf dem Tische daneben lag ein ungeheurer Haufen von Goldstucken. Wutend und ausser mir, warf ich alle das Gold, das Bild und alle andere Bilder und Zeichnungen hinterdrein zum Fenster hinaus. Die Alte tanzte unten mit widrig vor Staunen und Gier verzerrten Gebarden wie eine Hexe zwischen dem Goldregen herum, und ich glaubte da auf einmal in ihren Zugen dieselbe Zigeunerin zu erkennen, die mir damals an dem Gartengitter prophezeit hatte. Ich eilte zu ihr hinab, aber sie hatte sich bereits mit dem Golde verloren. Ich lud nun meine Pistolen warf mich auf mein Pferd und jagte der Spur des Wagens nach, die noch deutlich zu kennen war. Ich war vollkommen entschlossen, Angelina und ihren Entfuhrer totzuschiessen. So erbarmliches Zeug ist die Liebe, diese liederliche Anspannung der Seele!
So durchstreifte ich fast ganz Italien nach allen Richtungen, ich fand sie nimmermehr. Als ich endlich, erschopft von den vielen Zugen, auf den letzten Gipfeln der Schweiz ankam, schauderte mir, als ich da auf einmal aus dem italienischen Glanze nach Deutschland hinabsah, wie das so ganz anders, still und ernsthaft mit seinen dunklen Waldern, Bergen und dem koniglichen Rheine dalag. Ich hatte keine Sehnsucht mehr nach der Ferne und versank in eine ode Einsamkeit. Mit meiner Kunst war es aus.
Dagegen lockte mich nun bald die Philosophie unwiderstehlich in ihre wunderbaren Tiefen. Die Welt lag wie ein grosses Ratsel vor mir, die vollen Strome des Lebens rauschten geheimnisvoll, aber vernehmlich, an mir voruber, mich durstete unendlich nach ihren heiligen, unbekannten Quellen. Der kuhnere Hang zum Tiefsinn war eigentlich mein angebornes Naturell. Schon als Kind hatte ich oft meinen Hofmeister durch seltsame, ungewohnliche Fragen in Verwirrung gebracht, und selbst meine ganze Malerei war im Grunde nur ein falsches Streben, das Unaussprechliche auszusprechen, das Undarstellbare darzustellen. Besonders verspurte ich schon damals dieses Gelust vor manchen Bildern des grossen Albrecht Durer und Michelangelo. Ich studierte nun mit eisernem, unausgesetztem Fleiss alle Philosopheme, was die Alten ahneten und die Neuen grubelten oder phantasierten. Aber alle Systeme fuhrten mich entweder von Gott ab, oder zu einem falschen Gott.
Alles aufgebend und verzweifelt, dass ich auf keine Weise die Schranken durchbrechen und aus mir selber herauskommen konnte, sturzt ich mich nun wutend, mit wenigen lichten Augenblicken schrecklicher Reue, in den flimmernden Abgrund aller sinnlichen Ausschweifungen und Greuel, als wollt ich mein eigenes Bild aus meinem Andenken verwischen. Dabei wurde ich niemals frohlich, denn mitten im Genuss musste ich die Menschen verhohnen, die, als waren sie meinesgleichen, halb schlecht und halb furchtsam, nach der Weltlust haschten und dabei wirklich und in allem Ernst zufrieden und glucklich waren. Niemals ist mir das Hantieren und Treiben der Welt so erbarmlich vorgekommen, als damals, da ich mich selber darin untertauchte.
Eines Abends sitz ich am Pharotisch, ohne aufzublicken und mich um die Gesellschaft zu bekummern. Ich spielte diesen Abend wider alle sonstige Gewohnheit immerfort unglucklich, und wagte immer toller, je mehr ich verlor. Zuletzt setzte ich mein noch ubriges Vermogen auf die Karte. 'Verloren!' hort ich den Bankhalter am andern Ende der Tafel rufen. Ich springe auf und erblicke den geheimnisvollen Unbekannten, den ich fast schon vergessen hatte. Er wurde sichtbar bleich, als er mich erkannte. Ich weiss nicht, mit welcher Medusengewalt gerade in diesem Augenblicke sein Bild auf meine Seele wirkte. In der Verblendung dieses Anblicks warf ich alle Karten nach dem Orte, wo die Erscheinung gestanden, aber er war schon fort und schnell aus der Stube verschwunden. Alle sahen mich erstaunt an, einige murrten, ich sturzte zur Tur hinaus auf die Strasse.
Ich ging eilig durch die Gassen und blickte rechts und links in die erleuchteten Fenster hinein, wie da einige soeben ruhig und vollauf zu Abend schmausten, dort andere ein L'hombrechen spielten, anderswo wieder lustige Paare sich drehten und jubelten, und allen so philisterhaft wohl war. Mich hungerte gewaltig. Betteln mocht ich nicht. 'Schmaust, jubelt und dreht euch nur, ihr Narren!' rief ich, und ging mit starken Schritten aus dem Tore aufs Feld hinaus. Es war eine stockfinstere Nacht, der Wind jagte mir den Regen ins Gesicht.
Als ich eben an den Saum eines Waldes kam, erblickte ich plotzlich hart vor mir zwei lange Manner, heimlich lauernd an eine Eiche gelehnt, die ich sogleich fur Schnapphahne erkannte. Ich ging im Augenblick auf sie los, und packte den einen bei der Brust. 'Gebt mir was zu essen, ihr elenden Kerle!' schrie ich sie an, und musste auch gleich darauf laut auflachen, was sie uber diese unerwartete Wendung der Sache fur Gesichter schnitten. Doch schien ihnen das zu gefallen, sie betrachteten mich als einen wurdigen Kumpan, und fuhrten mich freundschaftlich tiefer in den Wald hinein.
Wir kamen bald auf einen freien, einsamen Platz, wo bartige Manner, Weiber und Kinder um ein Feldfeuer herumlagen, und ich bemerkte nun wohl, dass ich unter einen Zigeunerhaufen geraten war. Da wurde geschlachtet, geschunden, gekocht und geschmort, alle sprachen und sangen ihr Kauderwelsch verworren durcheinander, dabei regnete und sturmte es immerfort; es war eine wahre Walpurgisnacht. Mir war recht kannibalisch wohl. Ubrigens war es, ausser dass sie alle ausgemachte Spitzbuben waren, eine recht gute, unterhaltende Gesellschaft. Sie gaben mir zu essen, Branntwein zu trinken, tanzten, musizierten und kummerten sich um die ganze Welt nicht.
Mitten in dem Haufen bemerkte ich bald darauf ein altes Weib, die ich bei dem Widerscheine der Flamme nicht ohne Schreck fur dieselbe Zigeunerin wiedererkannte, die mir als Kind geweissagt hatte. Ich ging zu ihr hin, sie kannte mich nicht mehr. Von unserm letzten Zusammentreffen bei Rom wusste oder mochte sie nichts wissen. Ich reichte ihr noch einmal die Hand hin. Sie betrachtete alle Linien sehr genau, dann sah sie mir scharf in die Augen und sagte, wahrend sie mit seltsamen Gebarden nach allen Weltgegenden in die Luft focht: 'Es ist hoch an der Zeit, der Feind ist nicht mehr weit, hute dich, hute dich!' Darauf verlor sie sich augenblicklich unter dem Haufen, und ich sah sie nicht mehr wieder. Mir wurde dabei nicht wohl zumute und die abenteuerlichen Worte gingen mir wunderlich im Kopfe herum.
Indes brachten mich die andern Gesellen wieder auf andere Gedanken. Denn sie drangten sich immer vertraulicher um mich, und erzahlten mir ihre verubten Schwanke und Schalkstaten, worunter eine besonders meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein junger Bursch erzahlte mir namlich, wie seine Grossmutter vor vielen Jahren einmal einer reisenden, welschen Dame, die mit einem Herrn im Wirtshause ubernachtete, ihr kleines Kind gestohlen habe, weil es so wunderschon aussah. Er beschrieb mir dabei alle Nebenumstande so genau, dass ich fast nicht zweifeln konnte, die reisende, welsche Dame sei niemand anders, als Angelina selbst gewesen. Ich sprang auf und drang in ihn, mir die Geraubte sogleich zu zeigen. Besturzt uber meinen unerklarlichen Ungestum, antwortete er mir: 'Das geraubte Fraulein wuchs teils unter uns, teils unter unsern Brudern in einer Waldmuhle auf, wo sie vor einigen Tagen plotzlich mit Mann und Maus verschwunden ist, ohne dass wir wissen, wohin?'"
"So war also Erwine deine Tochter!" fiel hier Friedrich seinem Bruder erstaunt ins Wort. "Seit ich dieses kleine Bild hier gesehen", sagte dieser, "und ihre weitere Geschichte und Namen von euch gehort habe, ist es mir gewiss. Ich habe sie spater, nachdem ich schon von der Welt geschieden war, manchmal von der Mauer gesehn und gesprochen, wenn ich des Nachts an Leontins Schlosse vorbeistreifte. Aber mir war der Knabe, fur den ich sie hielt, wie ihr, nur reizend als eine besondere neue Art von Narren, als von welcher mir noch keiner vorgekommen war. Denn auch ich konnte und mochte niemals etwas von ihrem fruheren Leben aus ihr herauskriegen. Das gute Kind furchtete wahrscheinlich noch immer Strafe fur die unwillkurliche, schandliche Verbindung, in der sie ihre Kindheit zugebracht. Doch, hort nun meine Geschichte vollig aus, denn das viele Plaudern ist mir schon zuwider:
Noch vor Tagesanbruch also, als wir so lagen und erzahlten, kam ein junger Kerl von der Bande, der auf Kundschaft ausgeschickt worden war, mit frohlicher Botschaft zuruck, die sogleich den ganzen Haufen in Alarm brachte. 'Der reiche Graf', sagte er namlich aus, 'wird heute abend auf dem Schlosse seinen Geburtstag feiern, da gibt's was zu schmausen und zu verdienen!' Es wurde sogleich beschlossen, dem Feste, auf was immer fur eine Art, ungeladen beizuwohnen. Das Wetter hatte sich aufgeklart, wir brachen daher alle schnell auf und zogen lustig uber das Gebirge fort.
Gegen Abend lagerten wir uns auf einem schonen, waldigen Berge, dem graflichen Schlosse gegenuber, das jenseits eines Stromes ebenfalls auf einer Anhohe mit seinen Saulenportalen und seinem italienischen Dache sich recht lustig ausnahm. Wir wollten hier die Dunkelheit abwarten. Der letzte Widerschein der untergehenden Sonne flog eben wie ein Schattenspiel uber die Gegend. Unten auf dem Flusse zogen mehrere aufgeschmuckte Schiffe voll Herren und Damen mit bunten Tuchern und Federn lustig auf das Schloss zu, wahrend von beiden Seiten Waldhorner weit in die Berge hinein verhallten.
Als es endlich ringsumher still und finster wurde, sahen wir, wie im Schlosse druben ein Fenster nach dem andern erleuchtet wurde und Kronleuchter mit ihren Kreisen von Lichtern sich langsam zu drehen anfingen. Auch im Garten entstand ein Licht nach dem andern, bis auf einmal der ganze Berg mit Sternen, Bogengangen und Girlanden von buntfarbigen Glaskugeln erleuchtet, sich wie eine Feeninsel aus der Nacht hervorhob. Ich uberliess meine Begleiter ihren Beratschlagungen und Kunstgriffen und begab mich allein hinuber zu dem Feste, ohne eigentlich selber zu wissen, was ich dort wollte.
Von der Seite, wo ich auf dem Berge hinaufgekommen, war kein Eingang. Ich schwang mich daher auf die Mauer und sah, so da droben sitzend, in den Zaubergarten hinein, aus dem mir uberall Musik entgegenschwoll. Herren und Frauen spazierten da in zierlicher Frohlichkeit zwischen den magischen Lichtern, Klangen und schimmernden Wasserkunsten prachtig durcheinander. Auch mehrere Masken sah ich wie Geister durch den lebendigen Jubel auf und ab wandeln.
Mich fasste bei dem Anblick auf meiner Mauer oben ein blindes, wildes, ungluckseliges Gelust, mich mit hineinzumischen. Aber meine von Regen und Wind zerzauste Kleidung war wenig zu einem solchen Abenteuer eingerichtet. Da erblickte ich seitwarts durch ein offenes Fenster eine Menge verschiedener Masken in der Vorhalle des Schlosses umherliegen. Ohne mich zu besinnen, sprang ich von der Mauer herab und in das Vorhaus hinein. Eine Menge Bedienten, halb berauscht, rannten dort mit Glasern und Tellern durcheinander, ohne mich zu bemerken oder doch weiter zu beachten. Ich zettelte daher den bunten Plunder von Masken ungestort auseinander und zog zufallig eine schwarze Rittertracht nebst Schwert und allem Zubehor hervor. Ich legte sie schnell an, nahm eine danebenliegende Larve vor und begab mich so mitten unter das Gewirre in den Glanz hinaus.
Ich kam mir in der Frohlichkeit vor wie der Bose, denn mir war nicht anders zumute, als dem Zigeunerhauptmann auf dem Jahrmarkt zu Plundersweilern. Am Ende eines erleuchteten Bogenganges horte ich auf einmal einige Damen ausrufen: 'Sieh da, die Frau vom Hause! Welche Perlen! Welche Juwelen!' Ich sehe mich schnell um und erblicke Angelina, die in voller Pracht ihrer Schonheit die Allee heraufkommt. Mein morderischer Zorn, der mich damals durch ganz Italien hin und her gehetzt hatte, war langst voruber, denn ich war nicht mehr verliebt. Es war mir eben alles einerlei auf der Welt. Ich wandte mich daher, und wollte, ohne sie zu sprechen, in einen andern Gang herumbiegen. Wie sehr erstaunte ich aber, als Angelina mir schnell nachhupfte und sich vertraulich in meinen Arm hing. 'Kennst du mich?' rief ich ganz entrustet. 'Wie sollt ich doch nicht', sagte sie scherzend, 'hab ich dir denn nicht selber die Halskrause zu der Maske genaht?' Ich bemerkte nun wohl, dass sie mich verkannte, konnte aber nicht wissen, fur wen sie mich hielt, und ging daher stillschweigend neben ihr her.
Wir waren indes von der Gesellschaft abgekommen, die Musik schallte nur noch schwach nach, die Beleuchtung ging gar aus, von fern gewitterte es hin und wieder. 'Warum bist du so still?' sagte sie wieder. 'Ich weiss nicht', fuhr sie fort, 'ich bin heut traurig bei aller Lust, und ich konnte es auch nicht beschreiben, wie mir zumute ist. Aber ihr harten Manner achtet gar wenig darauf.' Wir kamen an eine Laube, in deren Mitte eine Gitarre auf einem Tischchen lag. Sie nahm dieselbe und fing an, ein italienisches Liedchen zu singen. Mitten in dem Liede brach sie aber wieder ab. 'Ach, in Italien war es doch schoner!' sagte sie, und lehnte die Stirn an meine Brust. 'Angelina!' rief ich, um sie zu ermuntern. Sie richtete sich schnell auf und lauschte dem Rufe wie einem alten, wohlbekannten Tone auf den sie sich nicht recht besinnen konnte. Dann sagte sie: 'Ich bitte dich, singe etwas, denn mir ist zum Sterben bange!' Ich nahm die Gitarre und sang folgende Romanze, die mir in diesem Augenblick sehr deutlich durch den Sinn ging:
'Nachts durch die stille Runde
Rauschte des Rheines Lauf,
Ein Schifflein zog im Grunde,
Ein Ritter stand darauf.
Die Blicke irre schweifen
Von seines Schiffes Rand,
Ein blutigroter Streifen
Sich um das Haupt ihm wand.
Der sprach: "Da oben stehet
Ein Schlosslein uberm Rhein,
Die an dem Fenster stehet:
Das ist die Liebste mein.
Sie hat mir Treu versprochen,
Bis ich gekommen sei,
Sie hat die Treu gebrochen,
Und alles ist vorbei."'
Ich bemerkte hier bei dem Scheine eines Blitzes, dass Angelina heftig geweint hatte und noch fortweinte. Ich sang weiter:
'Viel Hochzeitleute drehen
Sich oben laut und bunt,
Sie bleibet einsam stehen,
Und lauschet in den Grund.
Und wie sie tanzen munter,
Und Schiff und Schiffer schwand,
Stieg sie vom Schloss herunter,
Bis sie im Garten stand.
Die Spielleut musizierten,
Sie sann gar mancherlei,
Die Tone sie so ruhrten,
Als musst das Herz entzwei.
Da trat ihr Braut'gam susse
Zu ihr aus stiller Nacht,
So freundlich er sie grusste,
Dass ihr das Herze lacht.
Er sprach: "Was willst du weinen,
Weil alle frohlich sein?
Die Stern so helle scheinen,
So lustig geht der Rhein.
Das Kranzlein in den Haaren
Steht dir so wunderfein,
Wir wollen etwas fahren
Hinunter auf dem Rhein."
Zum Kahn folgt' sie behende,
Setzt' sich ganz vorne hin,
Er setzt' sich an das Ende
Und liess das Schifflein ziehn.
Sie sprach: "Die Tone kommen
Verworren durch den Wind,
Die Fenster sind verglommen,
Wir fahren so geschwind.
Was sind das fur so lange
Gebirge weit und breit?
Mir wird auf einmal bange
In dieser Einsamkeit!
Und fremde Leute stehen
Auf mancher Felsenwand,
Und stehen still und sehen
So schwindlig ubern Rand."
Der Braut'gam schien so traurig
Und sprach kein einzig Wort,
Schaut in die Wellen schaurig
Und rudert immerfort.
Sie sprach: "Schon seh ich Streifen
So rot im Morgen stehn,
Und Stimmen hor ich schweifen,
Am Ufer Hahne krahn.
Du siehst so still und wilde,
So bleich ist dein Gesicht,
Mir graut vor deinem Bilde
Du bist mein Braut'gam nicht!"'
'Ich bitte dich um Gottes willen', unterbrach mich hier Angelina dringend, 'nimm die Larve ab, ich furchte mich vor dir.' 'Lass das', sagte ich abwehrend, 'es gibt furchterliche Gesichter, die das Herz in Stein verwandeln, wie das Haupt der Medusa.' Ich hatte fast zu viel gesagt und griff rasch wieder in die Saiten:
'Da stand er auf das Sausen
Hielt an in Flut und Wald
Es ruhrt mit Lust und Grausen
Das Herz ihr die Gestalt.
Und wie mit steinern'n Armen
Hob er sie auf voll Lust,
Druckt ihren schonen, warmen
Leib an die eis'ge Brust.
Licht wurden Wald und Hohen,
Der Morgen schien blutrot,
Das Schifflein sah man gehen,
Die schone Braut drin tot.'
Kaum hatte ich noch die letzte Strophe geendigt, als Angelina mit einem lauten Schrei neben mir zu Boden fiel. Ich schaue ringsum und erblicke mein eigenes, leibhaftiges Konterfei im Eingange des Bosketts: dieselbe schwarze Rittermaske, die namliche Grosse und Gestalt. 'Lass mein Weib, verfuhrerisches Blendwerk der Holle!' rief die Maske ausser sich, und sturzte mit blankem Schwerte so wutend auf mich ein, dass ich kaum Zeit genug hatte, meinen eigenen Degen zu ziehn. Ich erstaunte uber die Ahnlichkeit seiner Stimme mit der meinigen, und begriff nun, dass mich Angelina fur diesen ihren Mann gehalten hatte. In der Bewegung des Gefechts war ihm indes die Larve vom Gesicht gefallen, und ich erkannte mit Grausen den furchterlichen Unbekannten wieder, dessen Schreckbild mich durchs ganze Leben verfolgt. Mir fiel die Prophezeiung ein. Ich wich entsetzt zuruck, denn er focht unbesonnen in blinder Eifersucht und ich war im Vorteil. Aber es war zu spat, denn in demselben Augenblicke rannte er sich wutend selber meine Degenspitze in die Brust und sank tot nieder.
Mein dunkler, wilder, halb unwillkurlicher Trieb war nun erfullt. Finsterer, als die Nacht um mich, eilte ich den Garten hinab. Ein Kahn stand unten am Ufer des Stromes angebunden. Ich stieg hinein und liess ihn den Strom hinabfahren. Die Nacht verging, die Sonne ging auf und wieder unter, ich sass und fuhr noch immerfort.
Den andern Morgen verlor sich der Strom zwischen wilden, einsamen Waldern und Schluchten. Der Hunger trieb mich ans Land. Es war diese Gegend hier. Ich fand nach einigem Herumirren das Schloss, das ihr gesehen. Ein alter, verruckter Einsiedler wohnte damals darin, von dessen fruherem Lebenslaufe ich nie etwas erfahren konnte. Es gefiel mir gar wohl in dieser Wuste und ich blieb bei ihm. Kurze Zeit darauf starb der Alte und hinterliess mir seine alten Bucher, sein verfallenes Schloss und eine Menge Goldes in den Kellern. Ich hatte nun wieder in die Welt zuruckkehren konnen mit dem Schatze zum allgemeinen Nutzen und Vergnugen. Aber ich passe nirgends mehr in die Welt hinein. Die Welt ist ein grosser, unermesslicher Magen und braucht leichte, weiche, bewegliche Menschen, die er in seinen vielfach verschlungenen, langweiligen Kanalen verarbeiten kann. Ich tauge nicht dazu, und sie wirft solche Gesellen wieder aus, wie unverdauliches Eisen, fest, kalt, formlos und ewig unfruchtbar." So endigte Rudolf seine Erzahlung, welche die beiden Grafen in eine nachdenkliche Stille versenkt hatte. Leontin hatte sich, als Rudolf das Schloss der Angelina beschrieb, an jenen kurzen Besuch erinnert, den er nach dem Brande mit Friedrich auf dem Schlosse der weissen Frau abgelegt, und konnte sich der Vermutung nicht erwehren, dass diese vielleicht Angelina selber war. Es war unterdes dunkel geworden, der Mond trat eben uber den einsamen Bergen hervor. "Ihr wisst nun alles, gute Nacht!" sagte Rudolf schnell und ging von ihnen fort. Sie sahen ihm lange nach, wie sein langer, dunkler Schatten sich zwischen den hohen Baumen verlor. Als sie wieder oben in ihrem Zimmer waren, ergriff Leontin Mariens Gitarre, die sie dort vergessen hatte, und sang uber den stillen Kreis der Walder hinaus:
"Nachtlich dehnen sich die Stunden,
Unschuld schlaft in stiller Bucht,
Fernab ist die Welt verschwunden,
Die das Herz in Traumen sucht.
Und der Geist tritt auf die Zinne,
Und noch stiller wird's umher,
Schauet mit dem starren Sinne
In das wesenlose Meer.
Wer ihn sah bei Wetterblicken
Stehn in seiner Rustung blank:
Den mag nimmermehr erquicken
Reichen Lebens frischer Drang.
Frohlich an den oden Mauern
Schweift der Morgensonne Blick,
Da versinkt das Bild mit Schauern
Einsam in sich selbst zuruck."
Vierundzwanzigstes Kapitel
Friedrich und Leontin vermehrten nun auch den wunderlichen Haushalt auf dem alten Waldschlosse. Der ungluckliche Rudolf lag gegen beide und gegen alle Welt mit Witz zu Felde, sooft er mit ihnen zusammenkam. Doch geschah dies nur selten, denn er schweifte oft tagelang allein im Walde umher, wo er sich mit sich selber oder den Rehen, die er sehr zahm zu machen gewusst, in lange Unterredungen einzulassen pflegte. Ja, es geschah gar oft, dass sie ihn in einem lebhaften und hochst komischen Gesprache mit irgendeinem Felsen oder Steine uberraschten, der etwa durch eine mundahnliche Offnung oder durch eine weise vorstehende Nase eine eigene, wunderliche Physiognomie machte. Dabei bildeten die Narren, welche er auf seinen Streifzugen, die er noch bisweilen ins Land hinab machte, zusammengerafft, eine seltsame Akademie um ihn, alle ernsthaften Torheiten der Welt in fast schauerlicher und tragischer Karikatur travestierend. Jeder derselben hatte seine bestimmte Tagesarbeit im Hauswesen. Durch diese fortlaufende Beschaftigung, die Einsamkeit und reine Bergluft kamen viele von ihnen nach und nach wieder zur Vernunft, worauf sie dann Rudolf wieder in die Welt hinaussandte und geruhrt auf immer von ihnen Abschied nahm.
In Friedrich entwickelte diese Abgeschiedenheit endlich die ursprungliche, religiose Kraft seiner Seele, die schon im Weltleben, durch gutmutiges Staunen geblendet, durch den Drang der Zeiten oft verschlagen und falsche Bahnen suchend, aus allen seinen Bestrebungen, Taten, Poesieen und Irrtumern hervorleuchtete. Jetzt hatte er alle seine Plane, Talentchen, Kunste und Wissenschaften unten zuruckgelassen, und las wieder die Bibel, wie er schon einmal als Kind angefangen. Da fand er Trost uber die Verwirrung der Zeit, und das einzige Recht und Heil auf Erden in dem heiligen Kreuze. Er hatte endlich den phantastischen, tausendfarbigen Pilgermantel abgeworfen, und stand nun in blanker Rustung als Kampfer Gottes gleichsam an der Grenze zweier Welten. Wie oft, wenn er da uber die Taler hinaussah, fiel er auf seine Knie und betete inbrunstig zu Gott, ihm Kraft zu verleihen, was er in der Erleuchtung erfahren, durch Wort und Tat seinen Brudern mitzuteilen. Leontin dagegen wurde hier oben ganz melancholisch und wehmutig, wie ihn Friedrich noch niemals gesehen. Es fehlte ihm hier alle Handhabe, das Leben anzugreifen.
Eines Tages, da sie beide zusammen einen ihnen bis jetzt noch unbekannten Weg eingeschlagen und sich weiter als gewohnlich von dem Schlosse verirrt hatten, kamen sie auf einmal auf eine Anhohe zwischen den Baumen heraus zu einer wundervollen Aussicht, die sie innigst uberraschte. Mitten in der Waldeseinsamkeit stand namlich ein Kloster auf einem Berge; hinter dem Berge lag plotzlich das Meer in seiner schauerlichen Unermesslichkeit; von der andern Seite sah man weit in das ebene Land hinaus. Es schien eben ein Fest in dem Kloster gewesen zu sein, denn lange, bunte Zuge von Wallfahrern wallten durch das Grun den Berg hinab und sangen geistliche Lieder, deren ruhrende Weise sich gar anmutig mit den Klangen der Abendglocken vermischte, die ihnen von dem Kloster nachhallten.
Leontin sah ihnen stillschweigend nach, bis ihr Gesang in der Ferne verhallte und die Gegend in dammernde Stille versank. Dann nahm er die Gitarre, die hier uberall seine Begleiterin war, und sang folgendes Lied:
"Lass, mein Herz, das bange Trauern
Um vergangnes Erdengluck,
Ach, von dieser Felsen Mauern
Schweifet nur umsonst dein Blick!
Sind denn alle fortgegangen:
Jugend, Sang und Fruhlingslust?
Lassen, scheidend, nur Verlangen
Einsam mir in meiner Brust?
Voglein hoch in Luften reisen,
Schiffe fahren auf der See,
Ihre Segel, ihre Weisen
Mehren nur des Herzens Weh.
Ist vorbei das bunte Ziehen,
Lustig uber Berg und Kluft,
Wenn die Bilder wechselnd fliehen,
Waldhorn immer weiter ruft?
Soll die Lieb auf sonn'gen Matten
Nicht mehr baun ihr prachtig Zelt,
Ubergolden Wald und Schatten
Und die weite, schone Welt?
Lass das Bangen, lass das Trauern,
Helle wieder nur den Blick!
Fern von dieser Felsen Mauern
Bluht dir noch gar manches Gluck!"
Beide Freunde wurden still nach dem Liede und gingen schweigend nebeneinander wieder nach dem Schlosse zuruck. Die abgefallenen Blatter raschelten schon unter ihren Tritten auf dem Boden, ein herbstlicher Wind durchstrich den seufzenden Wald und verkundigte, dass die frohliche Sommerzeit bald Abschied nehmen wolle. Sie schienen beide besondern Gedanken und Entschlussen nachzuhangen, die sie an jenem Platze gefasst hatten.
Als der Mond die alten Zinnen des Schlosses beleuchtete, trat Leontin auf einmal reisefertig vor Friedrich. "Ich ziehe fort", sagte er, "der Winter kommt bald, mir ist, als lage das ganze Leben wie diese Felsen hier auf meiner Brust, und ein Strom von Tranen mochte aus dem tiefsten Herzen ausbrechen, um die Berge wegzuwalzen; ich muss fort, ziehe du auch mit!" Friedrich schuttelte lachelnd den Kopf, aber im Innersten war er traurig, denn er fuhlte, dass sich ihr Lebenslauf nun bedeutend und vielleicht auf immer scheiden werde.
Leontin zog endlich sein Pferd hervor und fuhrte es langsam am Zugel hinter sich her, wahrend ihm Friedrich noch eine Strecke weit das Geleite gab. Der volle Mond ging eben uber dem stillen Erdkreise auf, man konnte in der Tiefe weit hinaus den Lauf der Strome deutlich unterscheiden. Leontin war ungewohnlich geruhrt und drang nochmals in Friedrich, mit hinunterzuziehn. "Du weisst nicht, was du forderst", sagte dieser ernst, "locke mich nicht noch einmal hinab in die Welt, mir ist hier oben unbeschreiblich wohl, und ich bin kaum erst ruhig geworden. Dich will ich nicht halten, denn das muss von innen kommen, sonst tut es nicht gut. Und also ziehe mit Gott!" Die beiden Freunde umarmten einander noch einmal herzlich, und Leontin war bald in der Dunkelheit verschwunden.
Ihm zogen nun bald auch Vogel, Laub, Blumen und alle Farben nach. Der alte, gramliche Winter sass melancholisch mit seiner spitzen Schneehaube auf dem Gipfel des Gebirges zog die bunten Gardinen weg, stellte wunderlich nach allen Seiten die Kulissen der lustigen Buhne, wie in einer Rumpelkammer, auseinander und durcheinander, baute sich phantastisch blitzende Eispalaste und zerstorte sie wieder, und schuttelte unaufhorlich eisige Flocken aus seinem weiten Mantel daruber. Der stumme Wald sah aus wie die Saulen eines umgefallenen Tempels, die Erde war weiss, so weit die Blicke reichten, das Meer dunkel; es war eine unbeschreibliche Einsamkeit da droben.
Rudolfs seltsam verwildertem Gemut war diese Zeit eben recht. Er streifte oft halbe Tage lang mitten im Sturm und Schneegestober auf allen den alten Platzen umher. Abends pflegte er haufig bis tief in die Nacht auf seiner Sternwarte zu sitzen und die Konjunkturen der Gestirne zu beobachten. Eine Menge alter astrologischer Bucher lag dabei um ihn her, aus denen er verschiedenes auszeichnete und geheimnisvolle Figuren bildete.
Nach solchen Perioden machte er dann gewohnlich wieder grossere Streifzuge, manchmal bis ans Meer, wo es ihm eine eigene Lust war, ganz allein auf einem Kahne mit Lebensgefahr in die wilde, unermessliche Einode hinauszufahren. Bisweilen verirrte er sich auch wohl in den Talern zu manchem einsamen Landschlosse, wenn er in der Faschingszeit die Fenster hellerleuchtet sah. Er betrachtete dann gewohnlich draussen die Tanzenden durchs Fenster, wurde aber immer bald von dem rasenden Trompeten und Geigen wieder vertrieben.
Als er einmal von so einem Zuge zuruckkam, erzahlte er Friedrich, er habe unten, weit von hier, einen grossen Leichenzug gesehen, der sich bei Fackelschein und mit schwarzbehangten Pferden langsam uber die beschneiten Felder hinbewegte. Er habe weder die Gegend, noch die Personen gekannt, die der Leiche im Wagen folgten. Aber Leontin sei bei dem Zuge, ohne ihn zu bemerken, an ihm vorubergesprengt. Friedrich erschrak uber diese dustere Botschaft. Aber er konnte nicht erraten, welchem alten Bekannten der Zug gegolten, da sich Rudolf weiter um nichts bekummert hatte.
Friedrich setzte indes noch immer seine geistlichen Betrachtungen fort. Er besuchte, sooft es nur das Wetter erlaubte, das nahgelegene Kloster, das er an Leontins Abschiedstage zum ersten Male gesehen, und blieb oft wochenlang dort. Rudolf konnte er niemals bewegen, ihn zu begleiten, oder auch nur ein einziges Mal die Kirche zu besuchen. Er fand in dem Prior des Klosters einen frommen erleuchteten Mann, der besonders auf der Kanzel in seiner Begeisterung, gleich einem Apostel, wunderbar und altertumlich erschien. Friedrich schied nie ohne Belehrung und himmlische Beruhigung von ihm, und mochte sich bald gar nicht mehr von ihm trennen. Und so bildete sich denn sein Entschluss, selber ins Kloster zu gehen, immer mehr zur Reife.
Der Winter war vergangen, die schone Fruhlingszeit liess die Strome los und schlug weit und breit ihr liebliches Reich wieder auf. Da erblickte Friedrich eines Morgens, als er eben von der Hohe schaute, unten in der Ferne zwei Reiter, die uber die grunen Matten hinzogen. Sie verschwanden bald hinter den Baumen, bald erschienen sie wieder auf einen Augenblick, bis sie Friedrich endlich in dem Walde vollig aus dem Gesichte verlor.
Er wollte nach einiger Zeit eben wieder in das Schloss zuruckkehren, als die beiden Reiter plotzlich vor ihm aus dem Walde den Berg heraufkamen. Er erkannte sogleich seinen Leontin. Sein Begleiter, ein feiner, junger Jager, sprang ebenfalls vom Pferde und kam auf ihn zu.
"Setzen wir uns", sagte Leontin gleich nach der ersten Begrussung munter, "ich habe dir viel zu sagen. Vor allem: kennst du den?" Hierbei hob er dem Jager den Hut aus der Stirne, und Friedrich erkannte mit Erstaunen die schone Julie, die in dieser Verkleidung mit niedergeschlagenen Augen vor ihm stand. "Wir sind auf einer grossen Reise begriffen", sagte er darauf. "Die Jungfrau Europa, die so hochherzig mit ihren ausgebreiteten Armen dastand, als wolle sie die ganze Welt umspannen, hat die alten, sinnreichen, frommen, schonen Sitten abgelegt und ist eine Metze geworden. Sie buhlt frei mit dem gesunden Menschenverstande, dem Unglauben, Gewalt und Verrat, und ihr Herz ist dabei besonders eingeschrumpft. Pfui, ich habe keine Lust mehr an der Philisterin! Ich reise weit fort von hier in einen andern Weltteil, und Julie begleitet mich." Friedrich sah ihn bei diesen Worten gross an. "Es ist mein voller Ernst", fuhr Leontin fort, "Juliens Vater ist auch gestorben und ich kann hier nicht langer mehr leben, wie ich nicht mag und darf."
Friedrich erfuhr nun auch, dass sie Land und alles, was sie hier besessen, zu Gelde gemacht, und ein eigenes Schiff bereits in der abgelegenen Bucht, die an das erwahnte Kloster stiess, bereitliege, um sie zu jeder Stunde aufzunehmen. Er konnte, ungeachtet der schmerzlichen Trennung, nicht umhin, sich uber dieses Vorhaben zu freuen, denn er wusste wohl, dass nur ein frisches, weites Leben seinen Freund erhalten konne, der hier in der allgemeinen Misere durch fruchtlose Unruhe und Bestrebung nur sich selber vernichtet hatte.
Sie sprachen dort noch lange daruber. Julie sass unterdes still, mit dem einen Arme auf Leontins Knie gestutzt, und sah uberaus reizend aus. "Seid ihr denn getraut?" fragte Friedrich Leontin leise. Julie hatte es dessenungeachtet gehort, und wurde uber und uber rot.
Es wurde nun sogleich beschlossen, die Trauung noch heute in dem Kloster zu vollziehen. Man begab sich daher in das alte Schloss, die Felleisen wurden abgeschnallt und Julie musste sich umziehen. Friedrich bereitete unterdes frohlich alles, was sich hier schaffen liess, zu einem lustigen Hochzeitsfeste, wahrend Leontin, der sich in dieser Lage als feierlicher Brautigam gar komisch vorkam, allerhand Possen machte, und die seltsamsten Anstalten traf, um das Fest recht phantastisch auszuschmucken.
Endlich erschien Julie wieder. Sie hatte ein weisses Kleid, die schonen, goldenen Haare fielen in langen Locken uber den Nacken und die Schultern, man konnte sie nicht ansehen ohne sich an irgendein schones, altdeutsches Bild zu erinnern. Sie bestiegen nun alle ihre Pferde und zogen so, Julie in die Mitte nehmend, auf das Kloster zu. Als sie die letzte Hohe vor demselben erreichten, wo auf einmal das Meer durch die Walder und Hugel seinen furchtbar grossen Geisterblick hinaufsandte, tat Julie einen Freudenschrei uber den unerwarteten, noch nie gehabten Anblick, und sah dann den ganzen Weg uber mit den grossen, sinnigen Augen stumm in das wunderbare Reich, wie in eine unbekannte, gewaltige Zukunft. Die Glockenklange von dem Klosterturme kamen ihnen wunderbar trostend aus der unermesslichen Aussicht entgegen.
In dem Kloster selbst war eben das Wallfahrtsfest, das alle Jahre einige Male gefeiert wurde, wiedergekehrt. Die Einsamkeit ringsherum war wieder bunt belebt, eine Menge Pilger war, als sie dort ankamen, in kleinen Haufen unter den grunen Baumen vor der Kirche gelagert, die Kirche selbst mit Blumen und grunen Reisern freundlich geschmuckt. Friedrich hatte schon fruher den Prior von ihrer Ankunft benachrichtigen lassen, und so wurden denn Leontin und Julie noch diesen Vormittag in der Kirche feierlich zusammengegeben.
Die Menge fremder Pilger freute sich uber das fremde Paar. Nur eine hohe, junge Dame, die einen dichten Schleier uber das Gesicht geschlagen hatte, lag seitwarts vor einem einsamen Altare voll Andacht auf den Knien und schien von allem, was hinter ihr in der Kirche vorging, nichts zu bemerken. Friedrich sah sie; sie kam ihm bekannt vor. Diese einsame Gestalt, das unaufhorliche Ringen und Brausen der Orgeltone, der frohliche Sonnenschein, der draussen vor der offenen Tur auf dem grunen Platze spielte, alles drang so seltsam ruhrend auf ihn ein, als wollte das ganze vergangene Leben noch einmal mit den altesten Erinnerungen und lang vergessenen Klangen an ihm vorubergehen, um auf immer Abschied zu nehmen. Ihm fiel dabei recht ein, wie nun auch Leontin fortreise und wahrscheinlich nie mehr wiederkomme, und eine unbeschreibliche Wehmut bemachtigte sich seiner, so dass er ins Freie hinaus musste. Er ging draussen unter den hohen Baumen vor der Kirche auf und ab und weinte sich herzlich aus.
Die Zeremonie war unterdes geendigt, und sie ritten wieder nach dem alten Schlosse zuruck. Auf dem grunen Platze vor demselben empfing sie unter den hohen Baumen ein reinlich gedeckter Tisch; grosse Blumenstrausse und vielfarbiges Obst stand in silbernen Gefassen zwischen dem golden blickenden Wein und hellgeschliffenen Glasern, alle das frohlich bunte Gemisch von Farben gab in dem Grun und unter blauheiterm Himmel einen frischer lockenden Schein. Man hatte, was in dem Schlosse nicht zu finden war, schnell aus dem Kloster herbeigeschafft. Rudolf liess sich nirgends sehen.
Sie assen und tranken nun in der grunen Einsamkeit, wahrend der Kreis der Walder in ihre Gesprache hineinrauschte. Julie sass still in die Zukunft versenkt und schien innerlich entzuckt, dass nun endlich ihr ganzes Leben in des Geliebten Gewalt gegeben sei.
So kam der Abend heran. Da sahen sie zwei Manner, die in einem lebhaften Gesprache miteinander begriffen schienen, aus dem Walde zu ihnen heraufkommen. Sie erkannten Rudolf an der Stimme. Kaum hatte ihn Julie, die schon von dem vielen Weine erhitzt war, erblickt, als sie laut aufschrie und sich furchtsam an Leontin andruckte. Es war dieselbe dunkle Gestalt, die sie aus dem Wagen bei dem Leichenzuge ihres Vaters einsam auf dem beschneiten Felde hatte stehen sehen.
"O seht, was ich da habe", rief ihnen Rudolf schon von weitem entgegen, "ich habe im Walde einen Poeten gefunden, wahrhaftig, einen Poeten! Er sass unter einem Baume und schmalte laut auf die ganze Welt in schonen, gereimten Versen, dass ich bis zu Tranen lachen musste. 'Gib dich zufrieden, Gevatter!' sagte ich so gelind als moglich zu ihm, aber er nimmt keine Vernunft an und schimpft immerfort." Rudolf lachte hierbei so ubermassig und aus Herzensgrunde, wie sie ihn noch niemals gesehen.
Sie hatten indes in seinem Begleiter mit Freuden den lang entbehrten Herrn Faber erkannt. Leontin sprang sogleich auf, ergriff ihn, und walzte mit ihm auf der Wiese herum, bis sie beide nicht mehr weiter konnten. "Et tu Brute?" rief endlich Faber aus, als er wieder zu Atem gekommen war, "nein, das ist zu toll, der Berg muss verzaubert sein! Unten begegne ich der kleinen Marie, ich will sie aus alter Bekanntschaft haschen und kussen, und bekomme eine Ohrfeige; weiter oben sitzt auf einer Felsenspitze eine Figur mit breitem Mantel und Krone auf dem Haupte, wie der Metallfurst, und will mir gramlich nicht den Weg weisen, ein als Ritter verkappter Phantast rennt mich fast um; dann falle ich jenem Melancholikus da in die Hande, der nicht weiss, warum er lacht; und nachdem ich mich endlich mit Lebensgefahr hinaufgearbeitet habe, seid ihr hier oben am Ende auch noch verruckt." "Das kann wohl sein", sagte Leontin lustig, "denn ich bin verheiratet" (hierbei kusste er Julie, die ihm die Hand auf den Mund legte) "und Friedrich da", fuhr er fort, "will ins Kloster gehn. Aber du weisst ja den alten Spruch: sie haben sich zu Toren gemacht vor der Welt. Und nun sage mir nur, wie in aller Welt du uns hier aufgefunden hast?"
Faber erzahlte nun, dass er auf einer Wallfahrt zu dem Kloster begriffen gewesen, von dessen schoner Lage er schon viel gehort. Unterwegs habe er am Meere von Schiffsleuten vernommen, dass sich Leontin hier oben aufhalte, und daher den Berg bestiegen. Rudolf verwandte unterdes mit komischer Aufmerksamkeit kein Auge von dem kurzen, runden, wohlhabigen Manne, der mit so lebhaften Gebarden sprach. Faber setzte sich zu ihnen, und sie teilten ihm nun zu seiner Verwunderung ihre Plane mit. Rudolf war indes auch wieder still geworden und sass wie der steinerne Gast unter ihnen am Tische. Julie blickte ihn oft seitwarts an und konnte sich noch immer einer heimlichen Furcht vor ihm nicht erwehren, denn es war ihr, als verginge diesem kalten und klugen Gesichte gegenuber ihre Liebe und alles Gluck ihres Lebens zu nichts.
Die Nacht war indes angebrochen, die Sterne prangten an dem heitern Himmel. Da erklang auf einmal Musik aus dem nachsten Gebusche. Es waren Spielleute aus dem Kloster, die Leontin bestellt hatte. Rudolf stand bei den ersten Klangen auf, sah sich argerlich um und ging fort.
Leontin, von den plotzlichen Tonen wie im innersten Herzen erweckt, hob sein Glas hoch in die Hohe und rief: "Es lebe die Freiheit!" "Wo?" fragte Faber, indem er selbst langsam sein Glas aufhob. "Nur nicht etwa in der Brust des Philosophen allein", erwiderte Leontin, unangenehm gestort. "Diese allgemeine, naturliche, philosophische Freiheit, der jede Welt gut genug ist, um sich in ihrem Hochmute frei zu fuhlen, ist mir ebenso in der Seele zuwider, als jene naturliche Religion, welcher alle Religionen einerlei sind. Ich meine jene uralte, lebendige Freiheit, die uns in grossen Waldern wie mit wehmutigen Erinnerungen anweht, oder bei alten Burgen sich wie ein Geist auf die zerfallene Zinne stellt, der das Menschenschifflein unten wohl zufahren heisst, jene frische, ewig junge Waldesbraut, nach welcher der Jager fruhmorgens aus den Dorfern und Stadten hinauszieht, und sie mit seinem Horne lockt und ruft, jener reine, kuhle Lebensatem, den die Gebirgsvolker auf ihren Alpen einsaugen, dass sie nicht anders leben konnen, als wie es der Ehre geziemt. Aber damit ist es nun aus. Wenn unserer Altvordern Herzen wohl mit dreifachem Erz gewappnet waren, das vor dem rechten Strahle erklang, wie das Erz von Dodona; so sind die unsrigen nun mit sechsfacher Butter des hauslichen Gluckes, des guten Geschmacks, zarter Empfindungen und edelmutiger Handlungen umgeben, durch die kein Wunderlaut bis zu der Talggrube hindurchdringt. Zieht dann von Zeit zu Zeit einmal ein wunderbarer, altfrankischer Gesell, der es noch ehrlich und ernsthaft meint, wie Don Quijote, voruber, so sehen Herren und Damen nach der Tafel gebildet und gemachlich zu den Fenstern hinaus, stochern sich die Zahne und ergotzen sich an seinen wunderlichen Kapriolen, oder machen wohl gar auch Sonette auf ihn, und meinen, er sei eine recht interessante Erscheinung, wenn er nur nicht eigentlich verruckt ware. Das alte grosse Racheschwert haben sie sorglich vergraben und verschuttet, und keiner weiss den Fleck mehr, und daruber auf dem lockern Schutt bauen sie nun ihre Villen, Parks, Eremitagen und Wohnstuben, und meinen in ihrer vernunftigen Dummheit, der Plunder konne so fortbestehn. Die Walder haben sie ausgehauen, denn sie furchten sich vor ihnen, weil sie von der alten Zeit zu ihnen sprechen und am Ende den Ort noch verraten konnten, wo das Schwert vergraben liegt." Leontin ergriff hierbei hastig die Gitarre, die neben ihm auf dem Rasen lag, und sang:
"O konnt ich mich niederlegen
Weit in den tiefsten Wald,
Zu Haupten den guten Degen,
Der noch von den Vatern alt!
Und durft von allem nichts spuren
In dieser dummen Zeit,
Was sie da unten hantieren,
Von Gott verlassen, zerstreut;
Von furstlichen Taten und Werken,
Von alter Ehre und Pracht,
Und was die Seele mag starken,
Vertraumend die lange Nacht!
Denn eine Zeit wird kommen,
Da macht der Herr ein End,
Da wird den Falschen genommen
Ihr unechtes Regiment.
Denn wie die Erze vom Hammer,
So wird das lockre Geschlecht,
Gehaun sein von Not und Jammer
Zu festem Eisen recht.
Da wird Aurora tagen
Hoch uber den Wald hinauf,
Da gibt's was zu siegen und schlagen,
Da wacht, ihr Getreuen, auf!
Und so", sagte er, "will ich denn in dem noch unberuhrten Waldesgrun eines andern Weltteils Herz und Augen starken, und mir die Ehre und die Erinnerung an die vergangene grosse Zeit, sowie den tiefen Schmerz uber die gegenwartige heilig bewahren, damit ich der kunftigen, bessern, die wir alle hoffen, wurdig bleibe, und sie mich wach und rustig finde. Und du", fuhr er zu Julie gewendet fort, "wirst du ganz ein Weib sein, und, wie Shakespeare sagt, dich dem Triebe hingeben, der dich zugellos ergreift und dahin oder dorthin reisst, oder wirst du immer Mut genug haben, dein Leben etwas Hoherem unterzuordnen? Und dammert endlich die Zeit heran, die mich Gott erleben lasse! wirst du frohlich sagen konnen: 'Ziehe hin! denn was du willst und sollst, ist mehr wert, als dein und mein Leben?'" Julie nahm ihm frohlich die Gitarre aus der Hand und antwortete mit folgender Romanze:
"Von der deutschen Jungfrau
Es stand ein Fraulein auf dem Schloss,
Erschlagen war im Streit ihr Ross,
Schnob wie ein See die finstre Nacht,
Wollt uberschrein die wilde Schlacht.
Im Tal die Bruder lagen tot,
Es brannt die Burg so blutigrot,
In Lohen stand sie auf der Wand,
Hielt hoch die Fahne in der Hand.
Da kam ein rom'scher Rittersmann,
Der ritt keck an die Burg hinan,
Es blitzt sein Helm gar mannigfach,
Der schone Ritter also sprach:
'Jungfrau, komm in die Arme mein!
Sollst deines Siegers Herrin sein.
Will baun dir einen Palast schon,
In pracht'gen Kleidern sollst du gehn.
Es tun dein Augen mir Gewalt,
Kann nicht mehr fort aus diesem Wald,
Aus wilder Flammen Spiel und Graus
Trag ich mir meine Braut nach Haus!'
Der Ritter liess sein weisses Ross,
Stieg durch den Brand hinauf ins Schloss,
Viel Knecht ihm waren da zur Hand,
Zu holen das Fraulein von der Wand.
Das Fraulein stiess die Knecht hinab,
Den Liebsten auch ins heisse Grab,
Sie selbst dann in die Flammen sprang,
Uber ihnen die Burg zusammensank."
Faber brach, als sie geendigt hatte, einen Eichenzweig von einem herabhangenden Aste, bog ihn schnell zu einem Kranze zusammen und uberreichte ihr denselben, indem er mit altritterlicher Galanterie vor ihr hinkniete. Julie druckte den Kranz mit seinen frischgrunen, vollen Blattern lachelnd in ihre blonden Locken uber die ernsten, grossen Augen, und sah so wirklich dem Bilde nicht unahnlich, das sie besungen.
"Es ist seltsam", sagte Faber darauf, "wie sich unser Gesprach nach und nach beinahe in einen Wechselgesang aufgelost hat. Der weite, gestirnte Himmel, das Rauschen der Walder ringsumher, der innere Reichtum und die uberschwengliche Wonne, mit welcher neue Entschlusse uns jederzeit erfullen, alles kommt zusammen; es ist, als horte die Seele in der Ferne unaufhorlich eine grosse, himmlische Melodie, wie von einem unbekannten Strome, der durch die Welt zieht, und so werden am Ende auch die Worte unwillkurlich melodisch, als wollten sie jenen wunderbaren Strom erreichen und mitziehen. So fallt auch mir jetzt ein Sonett ein, das euch am besten erklaren mag, was ich von Leontins Vorhaben halte." Er sprach:
'In Wind verfliegen sah ich, was wir klagen,
Erbarmlich Volk um falscher Gotzen Thronen,
Wen'ger Gedanken, deutschen Landes Kronen,
Wie Felsen, aus dem Jammer einsam ragen.
Da mocht ich langer nicht nach euch mehr fragen,
Der Wald empfing, wie rauschend! den Entflohnen,
In Burgen alt, an Stromeskuhle wohnen,
Wollt ich auf Bergen bei den alten Sagen.
Da hort ich Strom und Wald dort so mich tadeln:
"Was willst, Lebend'ger du, hier uberm Leben,
Einsam verwildernd in den eignen Tonen?
Es soll im Kampf der rechte Schmerz sich adeln,
Den deutschen Ruhm aus der Verwustung heben,
Das will der alte Gott von seinen Sohnen!"'
Friedrich sagte: "Es ist wahr, wovon Ihr Sonett da spricht, und doch billige ich Leontins Plan vollkommen. Denn wer, von Natur ungestum, sich berufen fuhlt, in das Raderwerk des Weltganges unmittelbar mit einzugreifen, der mag von hier fluchten, so weit er kann. Es ist noch nicht an der Zeit, zu bauen, solange die Backsteine, noch weich und unreif, unter den Handen zerfliessen. Mir scheint in diesem Elend, wie immer, keine andere Hulfe, als die Religion. Denn wo ist in dem Schwalle von Poesie, Andacht, Deutschheit, Tugend und Vaterlanderei, die jetzt, wie bei der babylonischen Sprachverwirrung, schwankend hin und her summen, ein sicherer Mittelpunkt, aus welchem alles dieses zu einem klaren Verstandnis, zu einem lebendigen Ganzen gelangen konnte? Wenn das Geschlecht vorderhand einmal alle seine irdischen Sorgen, Muhen und fruchtlosen Versuche, der Zeit wieder auf die Beine zu helfen, vergessen und wie ein Kleid abstreifen, und sich dafur mit voller, siegreicher Gewalt zu Gott wenden wollte, wenn die Gemuter auf solche Weise von den gottlichen Wahrheiten der Religion lange vorbereitet, erweitert, gereinigt und wahrhaft durchdrungen wurden, dass der Geist Gottes und das Grosse im offentlichen Leben wieder Raum in ihnen gewonne, dann erst wird es Zeit sein, unmittelbar zu handeln, und das alte Recht, die alte Freiheit, Ehre und Ruhm in das wiedereroberte Reich zuruckzufuhren. Und in dieser Gesinnung bleibe ich in Deutschland und wahle mir das Kreuz zum Schwerte. Denn, wahrlich, wie man sonst Missionarien unter Kannibalen aussandte, so tut es jetzt viel mehr not in Europa, dem ausgebildeten Heidensitze."
Faber kam aus tiefen Gedanken zuruck, als Friedrich ausgeredet hatte. "Wie Ihr da so sprecht", sagte er, "ist mir gar seltsam zumute. War mir doch, als verschwande dabei die Poesie und alle Kunst wie in der fernsten Ferne, und ich hatte mein Leben an eine reizende Spielerei verloren. Denn das Haschen der Poesie nach aussen, das geistige Verarbeiten und Bekummern um das, was eben vorgeht, das Ringen und Abarbeiten an der Zeit, so gross und lobenswert als Gesinnung, ist doch immer unkunstlerisch. Die Poesie mag wohl Wurzel schlagen in demselben Boden der Religion und Nationalitat, aber unbekummert, bloss um ihrer himmlischen Schonheit willen, als Wunderblume zu uns heraufwachsen. Sie will und soll zu nichts brauchbar sein. Aber das versteht Ihr nicht und macht mich nur irre. Ein frohlicher Kunstler mag sich vor Euch huten. Denn wer die Gegenwart aufgibt, wie Friedrich, wem die frische Lust am Leben und seinem uberschwenglichen Reichtume gebrochen ist, mit dessen Poesie ist es aus. Er ist wie ein Maler ohne Farben."
Friedrich, den die Zuruckrufung der grossen Bilder seiner Hoffnungen innerlichst frohlich gemacht hatte, nahm statt aller Antwort die Gitarre, und sang nach einer alten, schlichten Melodie:
"Wo treues Wollen, redlich Streben
Und rechten Sinn der Rechte spurt,
Das muss die Seele ihm erheben,
Das hat mich jedesmal geruhrt.
Das Reich des Glaubens ist geendet,
Zerstort die alte Herrlichkeit,
Die Schonheit weinend abgewendet,
So gnadenlos ist unsre Zeit.
O Einfalt gut in frommen Herzen,
Du zuchtig schone Gottesbraut!
Dich schlugen sie mit frechen Scherzen,
Weil dir vor ihrer Klugheit graut.
Wo findst du nun ein Haus, vertrieben,
Wo man dir deine Wunder lasst,
Das treue Tun, das schone Lieben,
Des Lebens fromm vergnuglich Fest?
Wo findest du den alten Garten,
Dein Spielzeug, wunderbares Kind,
Der Sterne heil'ge Redensarten,
Das Morgenrot, den frischen Wind?
Wie hat die Sonne schon geschienen!
Nun ist so alt und schwach die Zeit;
Wie stehst so jung du unter ihnen,
Wie wird mein Herz mir stark und weit!
Der Dichter kann nicht mit verarmen;
Wenn alles um ihn her zerfallt,
Hebt ihn ein gottliches Erbarmen
Der Dichter ist das Herz der Welt.
Den bloden Willen aller Wesen,
Im Irdischen des Herren Spur,
Soll er durch Liebeskraft erlosen,
Der schone Liebling der Natur.
Drum hat ihm Gott das Wort gegeben,
Das kuhn das Dunkelste benennt,
Den frommen Ernst im reichen Leben,
Die Freudigkeit, die keiner kennt.
Da soll er singen frei auf Erden,
In Lust und Not auf Gott vertraun,
Dass aller Herzen freier werden,
Eratmend in die Klange schaun.
Der Ehre sei er recht zum Horte,
Der Schande leucht er ins Gesicht!
Viel Wunderkraft ist in dem Worte,
Das hell aus reinem Herzen bricht.
Vor Eitelkeit soll er vor allen
Streng huten sein unschuld'ges Herz,
Im Falschen nimmer sich gefallen,
Um eitel Witz und blanken Scherz.
O lasst unedle Muhe fahren,
O klinget, gleisst und spielet nicht
Mit Licht und Gnad, so ihr erfahren,
Zur Sunde macht ihr das Gedicht!
Den lieben Gott lass in dir walten,
Aus frischer Brust nur treulich sing!
Was wahr in dir, wird sich gestalten,
Das andre ist erbarmlich Ding.
Den Morgen seh ich ferne scheinen,
Die Strome ziehn im grunen Grund,
Mir ist so wohl! die's ehrlich meinen,
Die gruss ich all aus Herzensgrund!"
Faber reichte Friedrich, der die Gitarre wieder weglegte, die Hand zur Versohnung. Der Morgen warf unterdes wirklich schon vom Meere her ungewisse Scheine uber den dammernden Himmel, hin und wieder erwachten schon fruhe Vogel im Walde, alle Wipfel fingen an sich frischer zu ruhren. Da sprang Leontin frohlich mitten auf den Tisch, hob sein Glas hoch in die Hoh und sang:
"Kuhle auf dem schonen Rheine
Fuhren wir vereinte Bruder,
Tranken von dem goldnen Weine,
Singend gute deutsche Lieder.
Was uns dort erfullt' die Brust,
Sollen wir halten,
Niemals erkalten,
Und vollbringen treu mit Lust!
Und so wollen wir uns teilen,
Eines Fels' verschiedne Quellen,
Bleiben so auf hundert Meilen
Ewig redliche Gesellen!"
Alle stiessen freudig mit ihren Glasern an, und Leontin sprang wieder vom Tische herab. Denn soeben sahen sie Rudolf, unter beiden Armen schwer bepackt, aus der Burg auf sie zukommen. "Lustig! lustig!" rief er, als er den glaserklirrenden Jubel sah, "frisch, spielt auf, Floten und Geigen! Da habt ihr Gold!" Hierbei warf er zwei grosse Geldsacke vor ihnen auf die Erde, dass die Goldstucke nach allen Seiten in das Gras hervorrollten. "Das ist ein lustiges Metall", fuhr er fort, "wie es in die frohliche, unschuldige Welt hinaushupft und rollt, mit den verwunderten Grasern funkelnd spielt und mit dunkelroten, irren Flammen zuckt, liebaugelnd, klingend und lockend! Verfluchter, unterirdischer, rotaugiger Lugengeist, der niemals halt, was er verspricht! Da, nehmt alles, greift zu! Kauft Ehre, kauft Liebe, kauft Ruhm, Lust und alles Ergotzen der Erde, seid immer satt und immer wieder durstiger bis ans Grab, und wenn ihr einmal frohlich und zufrieden werdet, so mogt ihr mir danken."
Alle sahen ihn erstaunt an. Faber sagte: "Ich achte das Geld nur, wenn ich es brauche. Aber Dichter brauchen immer Geld." Und hiermit packte er ruhig seine Taschen voll, so dass er mit dem aufgeschwollnen Rocke sehr lacherlich anzusehen war. Rudolf nahm hierauf kurzen Abschied von allen und wandte sich wieder nach seinem Schlosse zuruck. Friedrich eilte ihm nach, er wollte ihn so nicht gehn lassen. Da kehrte er sich noch einmal zu ihm. "Du willst ins Kloster?" fragte er ihn, und blieb stehn. "Ja", sagte Friedrich, und hielt seine Hand fest, "und was willst du nun kunftig beginnen?" "Nichts " war Rudolfs Antwort. "Ich bitte dich", sagte Friedrich, "versenke dich nicht so furchterlich in dich selbst. Dort findest du nimmermehr Trost. Du gehst niemals in die Kirche." "In mir", erwiderte Rudolf, "ist es wie ein unabsehbarer Abgrund, und alles still." Friedrich glaubte dabei zu bemerken, dass er heimlich im Innersten bewegt war.
"O konnt ich alles Grosse wecken", fuhr er dringender fort, "was in dir verzweifelt und gebunden ringt! Hast du doch selber erzahlt, dass dich alle wissenschaftliche Philosophie nicht befriedigte, dass du darin Gott und dich nie erkanntest. So wende dich denn zur Religion zuruck, wo Gott selber unmittelbar zu dir spricht, dich starkt, belehrt und trostet!" "Du meinst es gut", sagte Rudolf finster, "aber das ist es eben in mir: ich kann nicht glauben. Und da mich denn der Himmel nicht mag, so will ich mich der Magie ergeben. Ich gehe nach Agypten, dem Lande der alten Wunder." Hiermit druckte er seinem Bruder schnell die Hand und ging mit grossen Schritten in den Wald hinein. Sie sahen ihn nicht mehr wieder.
Lange blickten sie ihm nach und bedauerten den unglucklich Verwirrten, als ein Schiffer ankam, um Leontin an die Abfahrt zu mahnen, indem soeben ein gunstiger Wind vom Lande trieb. Alle sahen einander stillschweigend an und schienen erschrocken, da nun der Augenblick wirklich da war, den sie selber lange vorbereitet hatten.
Der Schiffer ubernahm das wenige Gepack, und sie machten sich sogleich auf den Weg nach dem Meere. Friedrich begleitete sie. Langsam ruckten Berge und Walder bei jedem Schritte immer weiter hinter ihnen zuruck, das Meer rollte sich vor ihren Blicken auseinander.
Friedrich sagte unterwegs: "Mir scheint unsre Zeit dieser weiten, ungewissen Dammerung zu gleichen! Licht und Schatten ringen noch ungeschieden in wunderbaren Massen gewaltig miteinander, dunkle Wolken ziehn verhangnisschwer dazwischen, ungewiss, ob sie Tod oder Segen fuhren, die Welt liegt unten in weiter, dumpfstiller Erwartung. Kometen und wunderbare Himmelszeichen zeigen sich wieder, Gespenster wandeln wieder durch unsre Nachte, fabelhafte Sirenen selber tauchen, wie vor nahen Gewittern, von neuem uber den Meeresspiegel und singen, alles weist wie mit blutigem Finger warnend auf ein grosses, unvermeidliches Ungluck hin. Unsere Jugend erfreut kein sorglos leichtes Spiel, keine frohliche Ruhe, wie unsere Vater, uns hat fruhe der Ernst des Lebens gefasst. Im Kampfe sind wir geboren, und im Kampfe werden wir, uberwunden oder triumphierend, untergehn. Denn aus dem Zauberrauche unsrer Bildung wird sich ein Kriegsgespenst gestalten, geharnischt, mit bleichem Totengesicht und blutigen Haaren; wessen Auge in der Einsamkeit geubt, der sieht schon jetzt in den wunderbaren Verschlingungen des Dampfes die Lineamente dazu aufringen und sich leise formieren. Verloren ist, wen die Zeit unvorbereitet und unbewaffnet trifft; und wie mancher, der weich und aufgelegt zu Lust und frohlichem Dichten, sich so gern mit der Welt vertruge, wird, wie Prinz Hamlet, zu sich selber sagen: 'Weh, dass ich zur Welt, sie einzurichten, kam!' Denn aus ihren Fugen wird sie noch einmal kommen, ein unerhorter Kampf zwischen Altem und Neuem beginnen, die Leidenschaften, die jetzt verkappt schleichen, werden die Larven wegwerfen, und flammender Wahnsinn sich mit Brandfackeln in die Verwirrung sturzen, als ware die Holle losgelassen, Recht und Unrecht, beide Parteien, in blinder Wut einander verwechseln Wunder werden zuletzt geschehen, um der Gerechten willen, bis endlich die neue und doch ewig alte Sonne durch die Greuel bricht, die Donner rollen nur noch fernab an den Bergen, die weisse Taube kommt durch die blaue Luft geflogen, und die Erde hebt sich verweint, wie eine befreite Schone, in neuer Glorie empor. O Leontin! wer von uns wird das erleben!"
Sie waren unterdes ans Gestade gekommen. Leontin umarmte hierauf noch einmal die Freunde, Friedrich kusste Julie auf die Stirn, und die drei bestiegen ihr Schiff. Faber ritt landeinwarts fort. Friedrich kehrte ins Kloster zuruck, um es niemals mehr zu verlassen.
Als er in die Kirche eintrat, fand er dort noch alles leer und still. Nur einige fromme Pilger waren noch hin und her in den Banken zerstreut. Auch die hohe, verschleierte Dame von gestern bemerkte er wieder unter ihnen. Er kniete vor einen Altar und betete. Als er wieder aufstand und sich umwandte, wobei ihm durch ein offenes Fenster die Morgenhelle gerade auf Brust und Gesicht fiel, sank plotzlich die Dame ohnmachtig auf den Boden nieder. Mehrere Bedienten sprangen herbei und brachten sie vor die Tur, wo ein Wagen ihrer zu warten schien. Es war Rosa.
Friedrich hatte nichts mehr davon bemerkt. Beruhigt und gluckselig war er in den stillen Klostergarten hinausgetreten. Da sah er noch, wie von der einen Seite Faber zwischen Stromen, Weinbergen und bluhenden Garten in das blitzende, buntbewegte Leben hinauszog, von der andern Seite sah er Leontins Schiff mit seinem weissen Segel auf der fernsten Hohe des Meeres zwischen Himmel und Wasser verschwinden. Die Sonne ging eben prachtig auf.
Joseph von Eichendorff
Erzahlungen
Die Zauberei im Herbste
Entstanden 1808/09, Erstdruck in: Aus dem
Nachlass des Freiherrn Joseph von Eichendorff,
Koln 1906.
Das Marmorbild
Entstanden 1816/17, Erstdruck in: Frauenta
schenbuch fur das Jahre 1819 von de la Motte
Fouque, Nurnberg 1818.
Aus dem Leben eines Taugenichts
Erstdruck: Berlin (Simion) 1826.
Viel Larmen um Nichts
Erstdruck in: Der Gesellschafter oder Blatter
fur Herz und Geist (Berlin), 16. Jg., 1832.
Auch ich war in Arkadien
Entstanden 1832, Erstdruck in: Aus dem litera
rischen Nachlasse Joseph Freiherrn von Ei