1814_Fouqu_021 Topic 1

Caroline de la Motte Fouque

Der Spanier und der Freiwillige in Paris

Eine Geschichte aus dem heiligen Kriege

Erstes Kapitel

Die grosse metallene Wanduhr schlug unter langen schnarrenden Absatzen zehn. Die junge Blansche sprang unruhig auf, schob den schweren, verblichenen Sammetsessel an die Seite und trat zu ihrer Mutter. Diese schrieb unter haufigen Thranen in schnellen, fluchtigen Zugen eilig fort, und ohne aufzusehen, fuhr sie schmeichelnd mit der flachen Hand uber das zarte Gesichtchen der Tochter. Doch plotzlich von den eignen, niedergeschriebenen Worten uberwaltigt, warf sie sich an ihres Kindes Brust, und rief unter lautem, ungehemmten Schluchzen: Gott, mein Gott, die Freude ist gewaltiger als der Schmerz! wie soll ich es denn ertragen, meinen rechtmassigen Konig, die Tochter meiner unglucklichen Konigin wiederzusehen! Blansche, liebes, liebes Kind, die Vorsehung schenkt uns die Bourbons wieder! Traume ich auch wirklich nicht? ist es denn wahr?

Frau von S a i n t A l b a n hatte die Hande gefalten, und sah, gleichsam uber das Unbegreifliche nachsinnend, in unaussprechlichem Entzucken gen Himmel. Blansche kniete vor ihr, und von den Thranen der Mutter aufs tiefste erschuttert, weinte sie still in ihr Tuch.

Beide hielten sich eine Zeit lang fest umschlungen, dem Gluck der nachsten Gegenwart voll Theilnahme und Vertrauen hingegeben, als der alte Kammerdiener eintrat und sein Erscheinen ihnen sagte, dass der unruhig erwartete Augenblick nun gekommen sei. Frau von Saint Alban sah geruhrt auf den treuen Armand. Er war fein und sorgfaltig gepudert, trug einen langen Rock von violetter Seide mit veralteter Stickerei, Points Manschetten und geranderte Schnallen, sein scharfes, hageres Gesicht war ernst, doch strebte er vergeblich durch feierliche Haltung und gemessene Worte die grosse Bewegung seiner Seele zu verbergen. Just so gekleidet, so geruhrt und so formlich war er vor sechs und zwanzig Jahren als Frau von Saint Alban dies Haus zuerst betrat, dessen schlechtere Zimmer sie zeither bescheidentlich bewohnte. Armand, sagte sie, ihm die Hand reichend, wir konnten denken, wir hatten geschlafen und wachten jetzt erst wieder auf, aber die Zeit hat entsetzlich gearbeitet, ihre Spuren schneiden schringend in die Sinne. Sie blickte fast beschamt auf die knappe, muhsam erganzte Kleidung, auf das beschadigte, gebrechliche Gerath, die abgesprungene Vergoldung, und den langen, eingelegten Spiegel, der ihr das Bild der schonen Blansche so bluhend und so schmucklos zuruckwarf. Sich abwendend sprang sie hastig auf, wie man wohl thut, wenn eine storende Empfindung unbequem in unsere Freude hineinsieht, faltete darauf das beschriebene Blatt zusammen, siegelte und addressirte unter angenehmem Lacheln, wog dann den Brief hoffnungsvoll zwischen Daum und Zeigefinger und eilte mit kurzen, schnellen Schritten in ein Seitenzimmer.

Blansche sah ihr bewegt nach. Sie wusste an wen der Brief gerichtet war, und dass er den ersten, freien, innigen Gruss der Mutter an die Herzogin von Angouleme enthielte, den mundlich auszusprechen ihr die Beschrankung ihrer Lage fur den Augenblick noch verbot. Zum erstenmal lastete der Druck enger Verhaltnisse peinlich auf dem kleinen Herzen, es regte sich ein wehmuthiger Streit, das Aussenleben war weniger hell, sie sah mit einiger Beschamung auf sich selbst zuruck, als Frau von Saint Alban mit einem Lilienzweig vor sie hintrat. Diese schwieg eine kleine Weile, ihr stockten die Worte in der Brust, sie verschluckte die Thranen, und sagte dann mit einer lieblichen, ihr eignen Neigung des Kopfes: mein armes Kind, das ist der einzige Schmuck, den ich dir geben kann, denk' aber, das befreiete Frankreich habe ihn dir geschenkt, und trage ihn so mit Ehrfurcht und Dankbarkeit.

Blansche war vor ihr hingesunken und fuhlte mit Stolz die Lilie zwischen ihren blonden Locken befestigen. Frau von Saint Alban hing darauf einen Schleier uber, legte ein schwarzes Sammetmantelchen an, und die etwas vergelbten weissen Handschuh sorgfaltig anziehend, gab sie der Tochter die Hand. Armand offnete beide Flugelthuren, und eilte dann in schicklicher Entfernung voraus an den Schlag eines bescheidenen Miethswagens. Den einen Fuss auf dem Tritt, wandte sich Frau von Saint Alban noch einmal, Gott! sagte sie, Freude wie Schmerz pressen die Brust angstlich zusammen, und jeder Entscheidung, der glucklichen wie der unglucklichen, geht eine erstikkende Beklommenheit voran.

Als nun der Schlag zufiel und der Kutscher sich fragend umwandte, sagte sie: nach der Kathedrale! ich will meinen Konig betend vor Gottes Thron begrussen.

Zweites Kapitel

Der Wagen fuhr langsam durch die gedrangten Strassen. Jeden Augenblick stockte die ungeheure, immer aufschwellendere Menschenmasse. Cabriolets und Kutschen, Truppenabtheilungen, feierliche Aufzuge, alles gerieth verwirrend aneinander, das Gelaute der Glocken, die Trommeln und Pfeiffen, die Pauken und Trompeten, die schreiende, jubelnde, schwatzende Menge, die ganze wogende Stadt betaubte die arme Blansche, die zitternd neben der Mutter sass, und jedesmal mit ersticktem Schrei zusammenfuhr, wenn das Volk sich immer dichter und dichter heranpressend, den Wagen fast zu tragen schien. Frau von Saint Alban wusste nichts von allem dem, sie sahe, sie horte alles und nichts, sie war in einem Taumel, in einer Bewegung, die das Einzelne verschlang, tausendmal liess sie die Fenster nieder und zog sie wieder auf, sie winkte, sie grusste Bekannte und Unbekannte, streckte die Hand zum Wagen hinaus, reichte und druckte sie dem Nachsten dem Besten, ihre ganze Seele schwamm in der Freude Frankreichs. Blansche hatte keinen Begriff von den Leidenschaften und der Veranderlichkeit der Menschen; in ihrem Kloster, von dem sie sich seit drei Tagen zum erstenmale trennte, ging alles so sacht und eben, so grade und nothwendig zu, dort freuete man sich auch, aber anders, stiller, innerlicher, sie wusste gar nicht wie ihr hier war, sie glaubte zuletzt, der tolle Strom werde sie unbarmherzig mit fortziehn.

Endlich waren sie vor der Kirche. Der Wagen hielt. Mit zitternden, wankenden Knieen traten sie in den Dom. Es waren eben noch nicht viel Menschen hier versammelt. Die Meisten trieb es nach Aussen hin. Frau von Saint Alban kniete vor einem Betpult, Blansche an ihrer Seite, beide, den Kopf auf die Brust gesenkt, die Augen geschlossen, beteten unter leisen, immer wachsenden Schauern, je naher der heranrollende Freuderuf den Namen des Konigs an ihr Ohr trug. Jetzt trat Ludwig der Geprufte unter die leinene Halle. Sein wurdevolles, edles Angesicht entfaltete sich heiter als er zwischen den getheilten Reihen hingetragen, nun vor dem Hochaltar, den heiligen Boden betretend, niederkniete, und das Gebetbuch aus des Erzbischofs Handen empfing. Die Wunder einer grossen, unerhorten Zeit, die Gewalt gottlichen Willens, der mit dem Konig so sinnlich nahe trat, die tief empfundene heilige Scheu vor dem Geweiheten des Schicksals, zugelte die taumelnden Sinne. Minutenlang ward kein Athemzug gehort, Blick und Minen lagen in heiligen Banden, Blansche sahe zitternd vor sich nieder. Jetzt ward das: Domine salvum fac regem angestimmt, ihr schwindelte, sie schlug die schonen blauen Augen auf, die Kirche war gepfropft voll, die gepresste Luft trat ihr zum Herzen, die Tone schienen in wunderbaren Gestalten an ihr hinumzuziehn, angstlich umblickend streiften ihre Augen an einem jungen Mann voruber, der sich nach ihr hinwandte und sie mit Theilnahme betrachtete. Die Haltung seines Kopfes war uberaus edel, er hatte die Arme ubereinander geschlagen und schien in jeder Bewegung gehalten. Die ganz schwarze Kleidung und das aufwarts gehobene, nach einer Seite der Stirn hingeworfene, blaulich schwarze Haar gab ihm zudem ein duster ernstes Ansehn. Blansche zitterte heftiger, die Sinne vergingen ihr, sie fuhlte sich zusammensinken, als sie ein starker Arm umfasste und sie gewandt und schnell an dem koniglichen Gefolge hin, nach der Halle trug. Sie athmete tief an des fremden Mannes Brust, sah dankbar in seine dunkle melankolische Augen, und fuhlte sich alsobald von ihm verlassen an der Seite einer altlichen Frau, dem koniglichen Leibarzt gegenuber, der ihr geschaftig die Schlafe mit starken Wassern rieb, und sie wohlmeinend der frischen Luft entgegenfuhrte.

Sie erholte sich bald, doch sie fuhlte sich mit Bangigkeit allein unter Fremden. Sie schrie laut auf und sturzte ihrer Mutter, die sich endlich zu ihr durcharbeitete, schluchzend und mit einer Freude in die Arme, als hatten sie Jahre getrennt.

An einen Pfeiler gelehnt, das Gedrange an sich vorbeilassend, erzahlte Blansche in grosser Bewegung ihr kleines Abentheuer, wahrend sie Armand und den Wagen erwarteten. Die Mutter war voll Dankbarkeit, voll Ungeduld, den grossmuthigen Ritter ihrer Tochter zu sehen, als Blansche rief, das ist er! das ist er gewiss! Frau von Saint Alban theilte die Menge, erreichte, fasste den jungen Mann und liess nun ihr volles Herz in reichen Wortstromen uberfliessen. Der Fremde dankte bescheiden, doch einsilbig und nachdem er gefragt, ob er noch nutzlich sein konne, entfernte er sich unter etwas stolzer, ernster Verbeugung; die Tochter wie die Mutter sahen ihm gedankenvoll nach und fuhren, jedes in sich beschaftigt, nach Hause.

Drittes Kapitel

Als Blansche am folgenden Morgen zu ihrer Mutter kam, fand sie einen altlichen fremden Herrn, im dunkeln Frack mit dem Ludwigskreutz im Knopfloch neben ihr sitzen. Frau von Saint Alban rief, sogleich auf sie zueilend, mit unglaublicher Schnelligkeit: der Herzog, dein Oheim, liebste Blansche, der so lange Jahre mit seinem Konig auf fremdem, unheimathlichen Boden lebte und litt, er ist in alle seine Wurden wieder eingesetzt, er liebt uns wie immer, er will unser Gluck; wir werden kunftig bei einander wohnen und alles, alles Leid ist vergessen. Sie druckte die Tochter heftig an sich, und warf sich dann in grosser Ruhrung an des Herzogs Brust. Dieser erwiederte schweigend, mit liebreichem Ernst und herzlich wohlmeinender Geberde der Schwester rasche Freude, indem er sich etwas beeilte die junge anmuthige Nichte in angebohrner Galanterie und hofisch bequemer Sitte zu begrussen.

Blansche besass jene anmuthige Verbindlichkeit der Worte und Minen, welche schnell in ein unbefangnes Verhaltniss setzt. Ihre Blodigkeit schwand sogleich vor einer tief empfundenen innern Beruhrung, es blitzte dann etwas von der Lebhaftigkeit der Mutter hervor, doch weniger gluhend, eher wehmuthig heiter. Die grosse Unschuld ihres Sinnes hielt noch jeden herben Lebensstreit fern, welcher Leiden schafft und uber die Granzen vollstandiger Natur hinausstreift. Doch offnen sich die Tiefen des Daseins oft vorahndend in jungen Gemuthern, und machen das Gefuhl an sich ernst und heilig in der innerlichen Erwartung naher und grosser Lebenserfahrungen. Wenn daher der Oheim in ihr klares, weiches Gesichtchen wie in die Maientage seiner Jugend verjungt zurucksah, so empfand sie ihrer Seits voll Ehrfurcht und Theilnahme bei seinem Anblick die schwere Arbeit der Zeit.

Der Herzog betrachtete sie mit vergleichenden Blicken auf die Mutter, es schien, er suche die Vergangenheit in neu belebten, redenden Zeichen wieder auf. Doch liess sich hier eben keine sonderliche Uebereinkunft finden. Frau von Saint Alban war von kleinem, zartem Bau und sehr lebendiger Gewandtheit, ihre grossen, feurigen Augen beleuchteten in spielenden Blitzen ein bleiches Gesicht und uberaus bewegliche, feine Zuge. Ohne Unruhe oder angstigende Ueberfulle in ihrem Wesen zu spuren, empfand man doch eine hochst empfangliche, stets mit V i e l e m beschaftigte Seele, ihre redende Physiognomie reflektirte das Aussen- und Innenleben in ununterbrochener Beruhrung, und schien nur auf diesem Wege die Sicherheit der Reife erlangt zu haben. Man fuhlte sich ihr gegenuber behaglich angeregt, zu Theilnahme und Mitleben getrieben. Blansche im Gegentheil war hoch und schlank, ihre stillen, edlen Zuge strahlten im Frieden unangeweheter Jugendbluthe, die schwimmenden blauen Augen empfingen ihr sanftes Licht nur von der Eintracht innerer Unschuld und Gute. Der Gang, die Bewegungen waren leicht, doch leise und eben, nirgend eine Spur leidenschaftlicher Heftigkeit, und zog auch eine dunkle Frage, eine unverstandene Bangigkeit durch sie hin, so perlete wohl ein Thranchen in den Augen, aber der ruhige Einklang des holden Ganzen blieb ungestort. Man konnte sie Stundenlang sehen, empfinden, ohne sich etwas anderen als wachsender Liebe, freudiger unbekummerter Hingebung bewusst zu werden, ihre anmuthige Nahe war durchaus beschwichtigend und heiter.

Das eine schone Kind, sagte der Herzog zur Schwester gewandt, ist dir allein noch geblieben. Ach Turgis! mein Turgis! rief Frau von Saint Alban aufs lebhafteste erschuttert. Alle Freude war aus den Blikken, aus der Seele plotzlich weggewischt, sie konnte sich kaum fassen und die Erinnerung uber das wunde Herz hinziehen lassend, lehnte sie, das Tuch vor den Augen, den Kopf abwarts von dem Bruder, an einen Wandpfeiler. Der Herzog sahe fragend auf Blansche. Diese entgegnete leise, um die Mutter zu schonen: mein Bruder fiel ohne Zweifel in Spanien, wir haben seitdem nicht wieder von ihm gehort. Im Dienste des Tyrannen? unterbrach sie der Herzog heftig. Blansche senkte die Augen. War das nicht zu vermeiden? setzte er begutigend hinzu. Es giebt Verhaltnisse, Herr Herzog, sagte Blansche schuchtern, die Augen noch immer nicht aufschlagend, welche das Gefuhl bezwingen und uns harte Pflichten auflegen, mein Bruder hat das sehr bitter empfunden. Die Ehre, gutes Kind, erwiederte der Oheim, ist immer die erste Pflicht: Ach, seufzte Blansche, ich horte den armen Turgis wohl sagen, in unserm unglucklichen Frankreich habe man nur die personliche Ehre zu retten. Dem jungen redlichen Gemuthe bleibe glucklicher Weise noch der Degen sich selbst einen Weg damit zu bahnen.

Der Herzog spielte, vor sich hinsehend, mit dem Stock auf den Teppich. Hm! sagte er, halb in Gedanken, die Jugend freilich, sie will leben es ist ein Unterschied, man sucht eine Wirksamkeit, einen Namen, und dann die Fesseln der Zeit, alles Hohe und Grosse in den Staub getreten. Ach! rief er aufblikkend, hatte er seinen Konig gesucht! Bruder, sagte Frau von Saint Alban, das trube Gesicht seitwarts nach ihm hingewandt, er hat wohl seinen Gott gefunden. Der Herzog schloss sie sehr geruhrt in die Arme und ausserte sich beruhigend und liebreich uber ihren gerechten Schmerz.

Es gelang ihm auch bald diesen zu mildern, man kam nach und nach wieder in die vorige heitere Haltung zuruck. Die kleine Erschutterung hatte sie unbewusst einander genahert, ein jedes hatte sich, vom Gefuhle uberrascht, unbewunden geaussert, man kannte, man schatzte sich in der bezeugten Treue fester Gesinnungen. Entstehendes Vertrauen windet unwillkuhrlich ein Band nach dem andern vom Herzen los, man will sich in jeder Beziehung lieb werden, und alles was im wohlbegrundeten Verhaltniss vielleicht unberuhrt liegen bliebe, tritt hervor, und macht sich Luft. Frau von Saint Alban hatte tausenderlei zu sagen und zu fragen, der Herzog seiner Seits manches aus seinem abgerissenen, zerstuckelten Leben zu erganzen. Die letzte Vergangenheit lag beiden gleich nahe. Vieles wurde von den Sorgen und der Angst, von der heftigen Bewegung geredet, welche grossen Umwalzungen stets vorangeht, alles ward noch einmal durchempfunden, und so kam man auch auf heute und gestern. Frau von Saint Alban konnte den Eindruck nicht genugsam beschreiben, den der Anblick des Konigs auf sie gemacht habe. Sie sagte, es sei ihr ein Zittern durch alle Glieder gegangen, die Knie habe sich von selbst gebeugt und ohne es zu wissen, hatte sie das Domine salvum fac regem mitgesungen, wobei ihr nicht anders gewesen, als rolle dumpfer Donner uber ihr hin und die Erde schwinde unter ihren Fussen. Beiden Geschwistern war es zugleich unbegreiflich und hochst ruhrend einander unerkannt so nahe gewesen zu sein. Frau von Saint Alban wusste uberall nicht viel von dem was um sie vorgegangen war und wie ihre Tochter so plotzlich von ihrer Seite kam. Sie ausserte sich uber diesen letzten Vorfall mit behaglicher Liebe fur Blansche und einer Art mutterlichen Triumpfs. Viel, sagte sie, gebe ich darum, den jungen Fremden noch einmal wiederzusehen, ob er gleich meinen Dank etwas frostig und sprode von sich wies. Hieran, fuhr sie fort und an den richtigen, ohne Accent, gleichwohl etwas langsam und feierlich gesprochenen Worten habe ich den Deutschen oder den Spanier erkannt. Und grade in diese beide Nationen, just weil sie u n s so hassen, bin ich ganz verliebt. Es war Charakter in der Physiognomie, mein Bruder, das versichere ich dich, sehr viel Charakter, und eine Melankolie und eine Weltverachtung, die unsere Theilnahme immer anregt, ware es auch nur um den stolzen, kalten Sinn zu bezwingen.

Blansche war wahrend dem an das Fenster getreten und knupfte in bunten Seiden allerlei Figuren und Bilder, der schwierigen Mosaic-Arbeit gleich. Der Herzog mass lachelnd ihre schone Gestalt, und sagte leise zur Schwester geneigt, wer weiss, ist es diesem Engel nicht aufbehalten, den freundlich feindlichen Fremden zu versohnen! Glaube mir, wir Franzosen brauchen solche Engel.

Viertes Kapitel

Frau von Saint Alban hatte recht gesehen. Der junge Mann, der ihre Dankbarkeit verdiente, ihre Theilnahme, ihren Stolz reizte, war ein Spanier, Don Alonzo de Mendoz. Seit Jahren in franzosischer Gefangenschaft, hatte ihn jetzt Ferdinand der Siebente in Auftragen nach Paris gesandt. Hier lastete die Luft centnerschwer auf seiner Brust. Der plotzliche Umschwung ausserer Gestaltung konnte ihn weder mit der Gegenwart uberhaupt, noch mit einer Nation versohnen, die ihm in allen Bedingungen seines Wesens entgegenstand, die er aus personlicher nicht ausgewaschener Ehrenkrankung, aus Grundsatz und Ueberzeugung hassen zu mussen glaubte. Alles, bis auf die unbetonte, dumpf verschwimmende Sprache war ihm an ihr in der Seele zuwider. Er hielt sich deshalb still und eingezogen, und wehrte das Aussenleben von sich ab, so viel es die Natur seines Geschaftes wie seiner Stellung zu hiesiger Welt erlaubte.

Zu den Kunstschatzen fluchtete er noch am liebsten. Sie ermangelten eben auch durch rohe Gewaltthat heimathlicher Uebereinkunft, und er konnte sie sich, losgerissen wie sie waren, ganz frei von aller storenden Beziehung aneignen.

Unter den hohen Gebilden fruherer, arbeitender Gedanken ward ihm das Herz weit, er vergass Zeit und Ort, sich selbst, und liess den beschwichtigenden Eindruck stiller Harmonie friedlich uber sich walten. Er konnte sich so hineinsehen und empfinden, dass er, wie in volliger Einsamkeit nicht allein, wenig oder gar nicht auf solche achtete, die Neugier und Ruhmsucht, das Ausserordentliche gesehen zu haben, hieher lockte, sondern auch unbewusst an Gleichfuhlende voruberging.

Wie sich indess der Mensch auch umbauen und verschanzen mag, Empfanglichkeit ohne Mittheilung wird zur druckenden Ueberfulle. Man schwelgt ungesellig, heimlich und im Dunkeln. Das Licht des antwortenden Auges fehlt. Herz und Gemuth brauchen den spiegelnden Strom der Rede, um sich klar zu werden.

Unzahligemal schwebte auf Alonzos Lippe ein Laut der Bewunderung, jener staunende Ruf der Seele, die plotzlich das Geahndete erkennt. Aber er drangte ihn angstlich in sich zuruck, und erstickte fast im Uebermaass des Entzuckens.

Sehr willkommen daher, wenn gleich uberraschend, war es ihm, als er eines Tages einen jungen preussischen Offizier an seiner Seite vernahm, der mit gleicher Lust und Innerlichkeit aufmerksam ein vor ihnen stehendes Bild betrachtete, und das beseelte Auge langsam zu Alonzo hinwendend, ihn bequem und sicher in spanischer Sprache anredete.

Alonzo ehrte die preussische Armee weit mehr als er es sagen konnte, er achtete die Ration wie die seine, und konnte nicht ohne demuthige Ruhrung den reinsten Heldenkonig sehen und nennen horen. Wenn er gleichwohl die ehrenwerthesten aller Kampf- und Waffengenossen auch jetzt nicht aufgesucht hatte, sich nicht von ihnen finden liess, so lag es wohl darin, dass der Spanier wie der Deutsche niemals unaufgefordert in des Andern Weg tritt, und beide es verschmaheten die franzosische Sprache in diesem Augenblick zur Vermittlerin zu machen. Denn es ist naturlich und dem Menschen eigen, sich von dem mit Widerwillen abzuwenden, was man los zu werden einmal beschlossen hat. Es fiel daher jetzt jede bisherige Scheidewand vor Alonzo nieder. Hatte ihn fruher die frische, frohliche Weise der tapfern Preussen, ihre naive Wissbegier und aufmerkende Theilnahme eben so wie die abhaltende Hoflichkeit ihres Benehmens erfreuet, so gelangte er hier durch die Fulle frei und kraftig gebildeter Kunstlernatur, den Scharfsinn und die gemuthvollste Gewandtheit unversehens zum Einverstandniss deutscher Nationalitat.

Wer sich eine Zeitlang vor der Welt verschlossen und alles daraus abgewehrt hat, was ihn ansprechen konnte, wird dem neu hineinfallenden Lebensstrahle um so mehr Gewalt uber sich gonnen mussen. Die wohlthatige Warme und Klarheit eines hellen Gespraches treibt Blut und Sinn und Worte zu schnellerem Lauf, ein Funke zundet den andern, es gluhet von allen Seiten. Gedanken brennen zusammen, die Flamme leuchtet weit uber die gewohnten Granzen hinaus.

Alonzo fuhlte sich immer freier und verstandlicher, sein Gefuhl immer lebendiger umgetrieben, je leiser und sachter der junge Fremde ihm entgegentrat, ohne ihn gleichwohl absichtlich suchen zu wollen. Beide gingen bald von der Kunst zu dem Leben und der Gegenwart uber, und in den Salen, als der gemeinsamen Heimath, auf und ab gehend, redeten sie ohne Zwang uber den gemischten und hochst wunderbaren Eindruck, den Paris unter den gegenwartigen Zeitumstanden auf sie mache. Alonzo hutete seinen Hass zu sorgfaltig, um ihn in Worten zersplittern zu wollen, er ausserte sich nur im allgemeinen, dass er den ganzen Streit nicht fur geschlichtet halte, so lange noch ein Einziger in dem eigenen Bewusstsein gefesselt bleibe. Er konne sich nun einmal mit der Freiheit nicht beruhigen, die ihm Andre erkampften. Teuflische List habe ihn um die Mitwirkung betrogen und dass er das nicht rachen durfe, hetze ihm eben das Blut durch alle Adern. Ehe gebe es auch keine Ruhe fur ihn, bis dies heisse Blut auf eine oder die andere Art sich gekuhlt habe. Der Deutsche war bei weitem milder. Er konnte manches Tadelnswerthe nicht in Abrede sein, gleichwohl ging er, als etwas Ausserwesentlichem, nur leicht daruber hin. Ueberall betrachtete er in dem Ort nicht sowohl die Hauptstadt Frankreichs, als vielmehr den Brenn- und Scheidepunkt ungeheurer Reibungen, die sich hier sichtend, befriedigt und vollstandig in die ruhige Natur ihrer Bestimmung zurucktreten mussten. Die wechselnden Beruhrungen so verschiedenartiger Elemente, fuhr er fort, konnen schon an sich nicht kalt lassen, zudem spiegeln sich die grossen Ereignisse in eines jedem Dasein eigenthumlich zuruck, und wenn man acht darauf hat, werden Kunst und Leben eben nicht zu kurz dabei kommen.

Alonzo hatte ihn unter dem Reden aufmerksam beachtet. Es ging ein leises, weiches Minenspiel uber sein jugendlich braunes Gesicht, das die Zuge hochst angenehm belebte. Um den Mund vorzuglich schwebte ein feines sittiges Lacheln, in welchem sich Gute und Schalkheit wunderbar mischten. Er offnete die Lippen nur wenig, wenn er sprach, doch ohne den Ton zu pressen, schlupften die Worte behend, wie leichtfertige Boten daruber hin, wahrend sich der kaum hervorgelockte Bart wie ein ernster Wolkenstreif daruber hinzog. Die Augen waren den stillen Grubenlichtern zu vergleichen, die in ihrem dunklen Glanz sicher in tiefe Schachten dringen, ohne durch flackernden Schein die Sinne zu irren. Er trug sich wohl und edel, ob er gleich weder gross noch hervorstechend gebauet war. Gestalt, Ton und Geberde, alles an ihm verkundete innere Uebereinstimmung, die in ihrer leisen, biegsamen Sicherheit nichts abwehrt und sich immer bewahrt.

Es war nicht leicht moglich den bildenden Kunstler in ihm zu verkennen. Auch erfuhr Alonzo bald im Laufe des Gesprachs, dass er Mahler sei, Philipp heisse und als Freiwilliger nur fur die Kriegszeit Soldat geworden, jetzt in die stille Kunstler-Laufbahn zurucktrete.

Beide schieden darauf mit dem Versprechen, einander wieder aufzusuchen. Als nun Alonzo einen herrlichen Barber Hengst bestieg, der draussen am Thore auf ihn wartete, blieb Philipp mit untergeschlagenen Armen vor ihm stehn, und sagte lachelnd: Alonzo gebe ihm das Bild zu einem ritterlich maurischen Helden der alten Spanierwelt, auch spure er etwas von der eifersuchtigen Gluth in seinen Augen, er wolle sich huten, ihm in den Weg zu treten. Alonzo sah sich nicht ungern in jene Zeit zuruckgewiesen, und als Philipp schalkhaft grussend, in eine Seitengasse bog, blickte er ihm mit einer Befriedigung und einem Wohlwollen nach, wie er es lange nicht in dem Maasse empfanden hatte.

In dieser erhoheten glucklichern Stimmung ritt er ganz behaglich durch den kuhlen Abend hin, ohne sonderlich von dem lastigen Schwarm umher gestort zu werden. Die Nahe liebenswurdiger Menschen hebt uns immer eine Zeit lang uber uns selbst hinaus, und trennen wir uns nun, so glimmt und dammert das Herz noch eine Weile in sich fort, ohne dass wir uns gerade davon Rechenschaft geben. Wir konnen nicht sagen was in uns vorgeht, wir lassen das Unbekannte eben walten. Alonzo erging es nicht anders.

Die duftigen, verschwimmenden Abendlichter schienen sich in seinem Innern zuruckzuspiegeln, er traumte so nachempfindend fort bis ihn das ganz unertragliche Gedrange an den Boulewards hin, alle zehn Schritt einmal zwang, seinen unruhigen schnaubenden Barber anzuhalten. Das stolze Thier warf ungeduldig den Kopf in die Hohe, und machte mahl auf mahl Mine, uber alles das wegzusetzen, Alonzo musste in einem Strafen und Zugeln bleiben. In diesem unbequemen Geschaft argerte ihn so viel zwecklose Beweglichkeit, das heisere Durcheinanderschreien, die Fremden, die sich nach dem Grossterlebten in eingefleischtem Vorurtheil, zu dem Unbedeutenden drangen konnten, die vergiftende Thorheit, der Schmutz, die Sunde doppelt und dreifach, und er wurde es dem Barber just eben nicht verdacht haben, wenn er den Boden aufwuhlend all der geschaftigen Verdorbenheit ihr Grab gegraben hatte. Im hochsten Unwillen hielt er hart an einem kurzlich eingeascherten Hause. Tanzende Affen, Leierkasten, Marionetten, Straussermadgen und Betteln der Invaliden, Hundecomedien und Vaudeville-Sanger, alles schwirrte, gaukelte und presste sich an ihm hin. Auf einem niedergebrannten Pfeiler dicht neben ihm sass ein braunes Madgen von zartem Alter in knappem blauen Kattunhemd und druber hingeworfenem dunkeln Mantel, dessen Risse und Schlitzen und abgetragene Wolle eine weitlauftig uberkommene Erbschaft verriethen. Neben ihr kauerte sich ein altes, durres Mutterchen frostelnd zusammen, die blinden Augen in der Kleinen Schoos gedruckt. Diese sang in demselben leiernden Ton, die gefaltenen Hande von Zeit zu Zeit mit auswendig gelernter, zur Gewohnheit gewordener Geberde gen Himmel hebend; um Gottes und des Heilands Liebe willen, fur eine arme Blinde ein paar Sous. Alonzo warf ihr Geld hin! Das Kind stand auf und verneigte sich, indem sie ihr: Herr, Gott wird es Ihnen vergelten: eben so nothwendig, eben so eintonig wie die fruhern Worte hersagte. Die Alte aber, vom Klange des Geldes aufgeweckt, richtete sich in die Hohe und mit den geschlossenen Augen muhsam zu Alonzo hinaufblinzelnd, rief sie: das schonste Herz Frankreichs wird so viel Grossmuth lohnen. Alonzo schauerte zuruck, theils vor dem gespenstischem Anblick des Weibes, theils vor der unwillkommenen Prophezeihung. Er wandte sich mit einiger Heftigkeit, doch die Blinde reckte sich, auf den Schultern des Madgens gestutzt, zu ihm hin, indem sie sagte: Bereuen Sie es ja nicht, wenn es Sie ubereilte, es ist auch zu Ihrem Gluck.

Alonzo glaubte, sie fasele, er wusste im Grunde nicht recht was sie wolle, das eben angstete ihn. Er spornte sein Pferd an und theilte in ein paar wilden Galoppsprungen die gaffende Menge, die bewundernd nachrief: herrlich! herrlich! auf Ehre echt englisch! Die Thoren! dachte Alonzo, ohne im Herzen ganz sicher zu sein, ob es nicht ebenfalls Thorheit genannt werden konne, sich durch ein paar Worte so jagen und hetzen zu lassen.

Funftes Kapitel

Er konnte gleichwohl den wusten Eindruck jener Worte mehrere Tage hindurch nicht los werden. Und was ihn vollends belastigte, war die Nothwendigkeit, mit verschiedenen Behorden verhandeln zu mussen, wozu ihn die Beschaffenheit seiner Sendung ganz naturlich verpflichtete. Beruhrungen der Art waren ihm stets verletzend. Er konnte nun einmal sein Gefuhl nicht bezwingen. Er empfand die Verschiedenheit diplomatischer und ritterlicher Galanterie ums o scharfer, je reiner das letztere Element in ihm ausgesprochen war. Was auch die franzosische Behendigkeit ersinnen, was die regelrechte ausgleichende Sprache auch verbindliches sagen mochte, er ahndete, er sah uberall den Hohn, die Geringschatzung leichtsinniger Beschranktheit; und unertraglich druckte ihn die versteckt gehaltene Ueberlegenheit, mit welcher Besiegte zu ihren Siegern reden durften. Ihm kochte das Blut jedesmal, dass er so oft etwas ahnliches horte, alle Sinne geriethen in Aufruhr, er musste sich selbst entfliehen, und Hass und Stolz und jede heisse Regung beleidigter Natur todten, um Sitte und Anstand retten zu konnen.

Ganz ermattet von so unseligen Kampfen, fluchtete er einst zu Philipp, dessen Wohnung er ausgemittelt hatte. Der junge ritterliche Kunstler sass im dunkeln, leicht umgeworfenen Mantelkragen, mit ubergeschlagenem Hemdestreif und entblosstem Hals, pfeiffend vor einer saubern Staffelei. Alonzo blieb ganz verwundert vor ihm stehen. Wie denn, sagte er, sie haben Lust und Musse gefunden, hier selbst etwas zu bilden? Wo nehmen sie nur den Frieden, die Eintracht im Innern her? Nun, entgegnete jener lachelnd, was soll ich mich weiter in dem Tumult verlieren! Auch sind mir die Eindrucke nicht so neu, ich war fruher hier und finde daher manchen unbesetzten Augenblick. Mir schien es billig, dass ich dem einzigen beruhigenden Eindruck, den ich hier empfing, Gestalt und Dauer gebe und ein versohnendes und werthes Andenken aus so merkwurdiger Zeit in die Heimath zuruckbringe. Alonzo war naher getreten. Er sah zur Zeit nur die noch erst hochst durftig und weich gehaltenen Umrisse eines Engelskopfes auf dem Leinen. Das Gesichtchen blickte uberaus unschuldig aus einer weisslichen Lichtwolke hervor, die fast blendend an dem nachtlichen Himmel voruberzog. Unterwarts arbeitete ein dunkel wogendes Meer, dessen nakte, kalte Kreideufer in wunderlich hieroglyphischen Spitzen und Zakken heraussprang. Den Hintergrund deckten tiefblaue Dunststreifen, man unterschied keinen einzigen Gegenstand. Die schauerliche Einode und tief empfundene Seele des Bildes erfullte Alonzo mit Ehrfurcht. Er hielt das Ganze fur eine Vision, deren der Kunstler hier gewurdigt worden und sah andachtig auf dessen Arbeit.

Wie indess nicht leicht im Innern ein Ton angeschlagen wird, den forthallend nicht noch viel andre Klange und Stimmen wecken und sich ganz eigne Akkorde und Chore bilden sollte, so rauschte auch jetzt etwas durch Alonzo hin wie der dunkle Flugelschlag der Nacht, von dem die einsame Seele in Sehnsucht erbebte. Alle Empfindungen wurden wach, sie fuhren schauernd aneinander, das Herz stockte fast in den gewaltsamen Wirbeln. Er hatte sich uber Philipps Sessel gelehnt, und sah und empfand sich in das Bild hinein, ohne eben deutlich zu denken oder gar zu reden. Die Arbeit ging indess still fort. Philipp war ohnehin nicht einer von vielen Worten. Es war ihm schon recht, dass nichts Fremdes in sein Thun und Sinnen hineinfiel, Alonzos Blicke begleiteten ihn vielmehr auf ganz eigene, geheime Weise. Mehr und mehr ging ein warmer Hauch von dem Lichtglanz der Wolke aus, Philipp selbst bog sich fast geblendet zuruck, das strahlende Engelsgesicht sah wie ein Friedensbote zwischen silberne Mondflammchen hindurch, die Landschaft war unbegreiflich hell geworden, die wuste Angst der Nacht sank ganz zusammen. Plotzlich fuhr Alonzo mit beiden Handen uber die Augen, er sah und sah, seine Blicke wurden immer fester, immer flammender, mein Gott, rief er, wie kommen Sie grade zu diesen Zugen? das ist ja das Gesicht des Madgens, das ich neuerlich aus dem Gedrange der Cathedrale trug. Thaten Sie das? fragte Philipp, den Kopf nach ihm hinwendend, nun da kann es ja sein, dass es dieselbe ist, die ich neben der Mutter knieend, in so seligem Schauen des reinen, ungetrubten Himmels fand, dass ihr still entzuckter Blick wie linder Engelsgrus uber die unruhig wirre Menge zu schweben schien. Ich habe nie etwas Klareres gesehen. Die blonden Haare spielten so kindlich weich um Schlafe und Wangen, der eingeflochtene Lilienkranz spiegelte sich in dem ruhigen Schein der Stirn zuruck, doch nichts glich dem losenden, beschwichtigenden Zauber jener schwimmenden, ganz von Begeisterung aufwarts gehobenen Augen, sie sahen, sie empfanden nur das Licht ewiger Liebe. Nirgend noch begegnete ich so fester Andacht in Mitten so sundlichen Tobens.

Philipp hatte mit grosser Lebhaftigkeit geredet, die Begeisterung spielte in rothlichen Streifen auf seiner Stirn, seine Augen schienen grosser als sonst, sie bewegten sich leuchtend in ihren Kreisen. Doch wie die Jugend oft beschamt da inne halt, wo sie mit liebenswurdigem Selbstvergessen uber sich hinauszugehen bereit war, so zugelte auch hier anmuthige Blodigkeit Philipps Zunge, er schwieg, sah Alonzo noch einen Augenblick nachsinnend an, und wandte sich dann zu seiner Arbeit zuruck.

Daher also, sagte Alonzo zerstreuet. Wie konnte Sie nur die Franzosin so begeistern? Das lassen Sie sich weiter nicht anfechten, entgegnete Philipp, das kommt hier ganz und gar nicht in Betracht. Es ist Gottlob nicht sowohl die Frage, wo sich ein Kunstler befindet, als ob uberhaupt ein Kunstlerauge da ist, denn Offenbarungen denke ich giebt es uberall!

Alonzos Blicke hingen unverwandt an dem Bilde, er schien ganz hineingewachsen. Offenbarungen, wiederholte er langsam, giebt es uberall! Und alle Werkzeuge der Offenbarung sind geheiligt? Fragen Sie sich das noch, unterbrach ihn Philipp lachelnd? Alonzo wandte sich mit einiger Heftigkeit abwarts. Er trat zum Fenster und starrte mehrere Augenblicke finster in die dunkle, unter menschliche Thorheit veraltete und verjungte Stadt; Hass und Unwille behaupteten wieder ihr verjahrtes Recht. Er athmete tief auf, und ohne das Bild weiter anzusehen, reichte er Philipp die Hand, druckte und schuttelte sie und fragte mit abwehrender Eile: wo treffen wir einander nun wohl wieder? Jener sah ihn etwas befremdet an, doch eine leise Empfindlichkeit schnell unterdruckend, entgegnete er heiter und zuversichtlich: Nun es trifft sich ja wohl bald einmal auf diese oder die andre Weise.

Er war aufgestanden und beschaftigt, Pinsel und Palette an die Seite zu legen. Das Bild stand frei. Alonzos Blicke streiften unwillkuhrlich daran hin. Er riss sich unter gluhendem Errothen davon los, als Philipp wieder zu ihm gekehrt, seinen Augen begegnete. Alonzo druckte den jungen, anmuthigen Kunstler an seine Brust und flog wie ein Getriebener aus dem Zimmer.

Sechstes Kapitel

In Paris war es indess nach und nach zu einer gewissen Ordnung gekommen. Die Eingebornen hatten sich in ganzlicher Sicherheit beruhigt, die Fremden leidlich gewohnt. Das Neue war alt geworden. Kein Mensch wunderte sich mehr. Man langweilte sich so alltaglich aneinander hin, und die Stadt wurde vergessen haben, wie ihr geschahe, hatten Kaiser und Konige nicht von Zeit zu Zeit ihre Truppen zur Heerschau versammelt. Dahin drangte denn doch immer wieder Alt und Jung. Man ward es nicht mude die schonen, kraftigen Gestalten, den Glanz, die Behendigkeit und wurdig stille Haltung der ritterlichen Helden zu bewundern. Der Trompete weckender Klang, der Waffen heller Schein, das Hurrah, der pfeilschnelle Flug behender leichtfussiger Pferde, das Leben, die Bewegung war doch jedesmal wieder neu und verlockte Herz und Augen.

Einst hatte der Konig von Preussen seine Garden zusammenberufen. In langen glanzenden Reihen fullten sie die Avenue von Saint Germain. Ihr koniglicher Fuhrer hielt neben dem unvollendet gebliebenen Triumpfbogen von Jena. Die Lust ewiger rachender Vergeltung blitzte aus Aller Augen. Ohne Stolz, mit treuherziger Vergnuglichkeit sahen die zuversichtlichen, ehrenfesten Krieger auf jenes schmahende Denkmal, und nachdenklich erwogen sie, wie wunderbar Gott der Zeit und den Kraften gebiete, nur fertige, was bestehen solle.

Unzahlige Wagen hielten dicht aneinander gereihet, unzahliges Volk wimmelte dazwischen, Adjudanten und Commandirte rauschten nur so eben an den Zuschauern hin, man horte nicht den Hufschlag ihrer Pferde, halb schreitend, halb fliegend schienen diese kaum den Erdboden zu beruhren. Federbusche wogten, Bajonette blitzten, Helm und Kurass leuchtete golden in spielenden Sonnenstrahlen. Voll und gewaltig schmetterten helle Kriegsklange dazwischen, alles Leben wurde wach, alle Herzen schlugen freier, man musterte, verglich und lobte nicht mehr, man sahe, man jubelte nur.

Alonzo hielt im Gefolge eines englischen Generals nahe an der Barriere de l'Etoile. Hier hatten sich viel Wagen zusammengedrangt, der Larm war ungeheuer, Alonzos Pferd wieherte jedem Trompetenstoss nach, und stampfte und schuttelte schaumend an dem zugelnden Gebiss. Er strich ihm wohl begutigend den schlanken Hals, und meisterte und wendete sich mit ihm bald rechts bald links, aber in der Seele war ihm wie dem feurigen Thier; vorwarts! rief es mit tausend Stimmen und die Zahne zusammenbeissend, schlug er die zundenden Augen gen Himmel. Er beachtete es nicht, dass dicht hinter ihm viel Larmens und Gelachter war; ein junger franzosischer Offizier sprengte mit fliegendem Ellenbogen und schwerfalliger Beweglichkeit bald hin bald her, hatte uberall zu sehen und zu reden. Jetzt bog die lange Wagenreihe etwas seitwarts, die Preussische Garde du Corps marschirte vorbei. Unwillkuhrlich lief ein leises Murmeln durch die Menge, man hatte nie etwas Schoneres gesehen. Ernst und gemessen ging der Zug vorbei. Alonzos Herz bebte bei dem Rasseln der Waffen, dem stolzen, sichern Tritt der Pferde, dem heitern Glanz freudiger Maiengesichter. Er hatte sich etwas genahert, um genauer zu sehen. Sein Pferd arbeitete und drangte ungestum an die Wagen hin, er war gezwungen es zu beachten als er eben an einem perlfarbenen Muschelwagen mit silbernen Verzierungen streifte und durch einen gewaltigen Satz ein junges schlankes Frauenzimmer todtlich erschreckte, die mit dem Rucken gegen ihn gewandt, die eine Hand auf dem Knopf des Schlages gestutzt, stehend, die Regimenter voruberziehen sah. Sie fuhr leise aufschreiend zusammen, und blickte etwas bleich und verstort nach dem schnaubenden Barber um. Ein leichter Strohhut mit blassrothen Rosen beschattete das feine Gesichtchen, gleichwohl waren diese Augen nicht zu verkennen, Alonzo neigte sich uberrascht vor seiner Unbekannten aus der Kathedrale. Der junge laut bewegliche Franzose, der sich schon fruher viel um diesen Wagen zu schaffen machte, hielt auf jener Seite, so dass er Blansche gegenuber war, er machte in diesem Augenblick eine etwas rasche Bewegung zu Alonzo hin, offnete die schmahlen, eingezogenen Lippen und stand im Begriff etwas Scharfes zu sagen, als sich Fahrende und Reuter plotzlich in Bewegung setzten und alles aneinander und durcheinander zur Stadt lenkte.

Alonzo war immer grader und hoher auf seinem Pferde geworden und schien noch jene gedrohete Anrede zu erwarten. Jetzt schoss er pfeilschnell nach der Barriere zu, er hatte die Welt darum gegeben, dem ubermuthig fragendem Gesicht noch einmal zu begegnen, aber das wuste Gewirr wickelte sich immer dunkler, immer unkenntlicher in einander, ganz von weitem zeigte sich die silberne Muschel von vier Apfelschimmeln gezogen, noch einmal. Alonzo hielt die Hand wie geblendet vor die Augen. Als er wieder aufsah, stand ein allerliebstes zierliches Kind, mit den aufgehobenen Armen ein Korbchen voll der gluhendsten Rosen haltend, neben ihm. Mine und Geberde sagte: schoner lieber Herr, kaufen Sie doch. Alonzo blickte ganz tiefsinnig in die hellen Rosenlichter, es trabte ein Preussischer Freiwilliger vorbei und sang:

Ihr habt uns geladen

Wie ringen wir baden

Durch Blut und durch Wolken

An's herrliche Ziel.

Alonzo hatte fruherhin auf spanischem Boden tapfere Deutsche gekannt, die der allgemein heiligen Sache im fremden Streite dienten. Das Wort Blut war ihm wohlbekannt, es fiel wunderbar in sein Ohr; er wandte sich nach dem Reuter und griff fast zugleich in das weiche Blumenmeer, die rothen, duftenden Wellchen spielten kuhlend um seine Finger, er fasste eine Hand voll Blumen und sagte ganz unwillkuhrlich: rothe Rosen, rothes Blut: und Geld in das Korbchen werfend, trabte er ganz in sich versunken nach seinem Quartier.

Siebentes Kapitel

Hatte Alonzo bis dahin still und verborgen gelebt, so hielt er es jetzt seiner Ehre gemass, uberall, so viel sichs thun liess, an offentlichen Orten zu erscheinen. Kein Mensch sollte ihn vergebens suchen, keine an ihn gerichtete Frage unbeantwortet bleiben. Er war desshalb, alles Widerwillens ohnerachtet, fast zu jeder Stunde im Palais Royal zu finden. Sein stattlich stolzes Wesen, der feste Trotz, mit dem er etwas zu erwarten schien, die kalte Geringschatzung in Blick und Minen bezeichnete ihn bald genug. Karikaturen und Vaudevilles malten den tiefsinnig sproden Spanier auf komisch neckende Weise, ohne dass er selbst eine Ahndung davon hatte. Sein Auge war auf ganz Anderes gerichtet. Mit scharfem Adlerblick fasste er jedes verwandte Gesicht, ohne gleichwohl seinen Mann finden zu konnen.

Unwillkuhrlich hatte er denn doch manche Bekanntschaft gemacht, sich manchem Kreise angeschlossen. Es konnte nicht fehlen, dass er hin und her zur Theilnahme gezwungen, in Gesprache verwickelt ward, in denen er ein tiefes, uberaus edles Gemuth offenbarte. So fand er sich bald gesucht und schon in den ersten Tagen unter mehreren verbundeten Offizieren einheimisch. Es kam hier vieles zur Sprache, das die gemischten, oft verletzenden Verhaltnisse der Zeit mit immer gesteigertem Unwillen aus den emporten Herzen riss, man stachelte sich so gegenseitig und es spruheten Funken, die oft nur des zundenden Gegenstandes ermangelten, um hell aufzuflammen. Niemand machte just ein Hehl daraus, dass er das Land, die Stadt und die Einwohner hasse, dass dies Gefuhl rechtmassig und nun und nimmermehr auszurotten sei. Wir haben es leider nur allzuzeitig vergessen, sagte einst ein wackrer Oestreicher, wie uns seit dem spanischen Successionskriege her und wohl fruher dies Volk gehofmeistert und durch seinen sundlichen Einfluss unterjocht hat. Das waren Franzosen wie jetzt. Man sagt immer: die Revolution und der Napoleon habe alles so schlimm gemacht, aber es lese nur Eins wie es damals zuging, Treue und Glauben war niemals drin.

Da hinter, sagte ein blonder, hochgewachsener Brandenburger, sind nun wohl nach grade auch alle gekommen, mit dem Vertrauen ist's meist aus und jedweder bleibt gefasst und auf seiner Hut. Was schmeichelt man ihnen denn noch lange, unterbrach ihn der Oestreicher, und lasst sie glauben, sie seien nicht besiegt. Es hatte nicht viel gefehlt, wir massten die grunen Zweige verstecken, weil ihnen das ehrenwerthe Feldzeichen in die Augen schlug. Darf sich wohl Einer rein heraus Sieger nennen, wir umgehen und umgehen das Wort und thun mit ihnen, wie mit kranken Kindern, daruber werden sie vollends thoricht und vorlaut. Ich glaube, sagte der Brandenburger aufstehend, man macht es mit den Franzosen wie mit den Besessenen, man scheuet und windet sich vor ihren krampfigen Zuckungen, und lasst sie laufen. Ich habe nur eine Zeitlang das Wesen so mit angesehen, und all' die Manovres und Kunststuckchen vormachen lassen, es war mir spasshaft genug, dass sie mich zu imponiren glaubten, aber es nehme mir kein Mensch ubel, lange halt man das nicht aus, zuletzt wird man ganz mude und matt und geht ihnen gern aus dem Wege.

Ein feiner, schlanker Russe, der eine Zeitlang lachelnd in den Streit hinein gesehen hatte, sagte jetzt in etwas gepresstem weichem franzosisch, wir hatten doch alle sammt unrecht, die Nation zu hassen, da wir ihrer Sprache jede gesellige Mittheilung und selbst den jetzigen, kameradschaftlichen Verkehr verdanken. Auch konnen wir es uns nicht wohl ableugnen, dass, die augenblicklichen Missverstandnisse abgerechnet, Paris der Sitz aller urbanen Gewandheit, des feinsten Gesellschaftswitzes und einer Cultur ist, wie wir sie anderswo nur im matten Wiederscheine finden. Die Franzosen bleiben immer unsre Vorbilder und wir streben vergebens sie zu erreichen. Gestehen wir es nur, wir bleiben bei allem Stolz weit hinter ihnen zuruck. Solch Streben, fiel der Preusse ein, verdient solchen Lohn. Gottlob! bei uns ist die alte Comodie ausgetrommelt. Es bringt sie kein Mensch mehr aufs Tapet. Wir fangen denn doch nach grade an uns zu ehren. Im Selbstgefuhl liegt die Selbststandigkeit, darauf soll der deutsche Ritter wieder seine Burgen bauen, und denn wirds auch mit der vielgepriesenen Welt- und Gesellschaftssprache ein Ende mit Schrekken nehmen. Ich sehe gar nicht ein, weshalb sie nicht zu entbehren sei. Es kommt nur darauf an, dass nothwendiger Ausgleichungen im Leben wegen, das klassisch, poetische Italianisch Hofsprache werde. Welch ganz anderer Geist wurde in die Gesellschaft ubergehen. Und gleichwohl, fiel der Russe ein, bestechen die Franzosen uns heut wie immer, uns reitzt und lockt die Meisterschaft dessen, was wir kennen, ohne es zu konnen. Mich nicht, fiel ein alter Landwehroffizier ein, mich wahrhaftig nicht. Ich wollte das Meer verschlange das ganze Land, ehe ist doch keine Ruhe in der Welt.

Philipp war wahrend dem hinzugekommen. Er lachte uber des alten guten Mannes Eifer, und malte seinen Vernichtungswunsch noch deutlicher aus, indem er in den Franzosen schon Seeungeheuer sahe, die nach tausend und tausend Jahren die Uferfahrenden durch wunderlichen Spuk erschrecken wurden und deren rathselhafte Fabeln die spaten Nachkommen von diesem Kriege und der Ahnherrn tapfere Thaten horen sollten. Man lachte und umspann Zorn und Unwillen in allerlei possenhaften Ausfallen.

Alonzo hatte sich etwas entfarbt als Philipp ihm zutraulich auf die Schulter klopfte und neckend fragte: Wie nehme ich es denn, dass Sie zu dem allem schweigen? Was sollen Worte? entgegnete jener. Wir sehens ja, man kuhlt sich gegenseitig wieder ab. Es ist immer ein mussiges Geschaft, das Skelett eigner Empfindung einem Andern ins Herz drucken zu wollen, jener wirft es heraus wie es ihm beschwert und behalt hochstens einen widrigen Eindruck davon.

Er hatte sich selbst im Reden erbittert und sah tiefsinnig und kalt an Philipp hin. Dieser schlenderte neben ihm, an etwas anders denkend, hin Beide traten in die Vorhofe des ungeheuren Gebaudes. Es war schon spat, der Nachtwind wehete kuhl. Im Caffe de la Rotonde erlosch ein Licht nach dem andern. Die Patrouillen gingen spahend umher, die Menge verliess sich. Mich friert, sagte eine bebende Stimme dicht neben Alonzo, gehn wir, mir ist so angst, es ist Zeit, niemand kommt mehr, alles wird still. Alonzo wandte sich nach der Stimme hin, er erkannte die Blinde von den Boulevards, an der Hand des braunen Kindes. Da steh'n noch zwei, flusterte dieses; wo? fragte die Alte. Die Kleine bog die durre Hand der Mutter bittend nach Alonzo. Doch diese zog sie sogleich zuruck; lass nur, sagte sie, lass, tritt niemand mehr in den Weg, es ist keine gute Stunde, stohre niemand, horst du, komm, jeder hat sein Geschaft, ach Gott, mir wird so angst! Sie keuchte an Alonzo vorbei, er horte sie noch dumpf aus der Ferne stohnen, bis sie in dem Caveau des aveugles verschwand!

Wo wollen Sie hin? fragte Philipp, als sich Alonzo schnell nach den Zimmern zuruckwandte, aus denen sie gekommen waren. Ich habe drinnen etwas zu zahlen vergessen, erwiederte dieser fluchtig. Lassen Sie's doch bis morgen, rief ihm Philipp nach, Sie horens ja, es ist keine Zeit mehr zu Geschaften. Alonzo stand einen Augenblick unschlussig, doch gleich darauf war er verschwunden. Philipp ging einige Zeit auf und ab, in der Absicht ihn zu erwarten. Er hatte ihn gern noch gesprochen. Doch wahrte es lange. Er konnte das nicht begreifen und halb verdriesslich, halb von einem beklommenden Vorgefuhl getrieben, folgte er dem Zogernden nach.

Es war fast uberall schon ode und leer. In einem hintern Spielzimmer endlich fand er Alonzo an einen Pfeiler gelehnt, mit festem Blick auf mehrere franzosische Offiziere sehend, die unter tollem lautem Gelachter einen jungen Cameraden aus ihrer Mitte zuhorten. Dieser hielt ein Blatt in der Hand, und fuhr mit dem langlichen Zeigefinger, seinem Witz bei sehr beweglichem Minenspiel mehr Nachdruck gebend, geschaftig daruber hin. Man trieb hier sichtlich hochst leere und flache Possen. Philipp trat daher ganz entrustet zu Alonzo, ihm zuflusternd, um Gotteswillen was thun Sie hier? lockt Sie die verrenkte Spasshaftigkeit so unwiderstehlich an? Es hatte mich vorlangst, entgegnete Alonzo mit unverwandtem Blick, einer der Herrn etwas zu fragen, ich erwarte nun dass ers thue. Ah! so! erwiederte Philipp, ohne sonderlich den Sinn jener Worte zu beachten. Er hatte viel anderes in Gedanken, und ubersah leicht was um ihn vorging. Nachlassig zog er einen Stuhl in eine Fenstervertiefung, stutzte den Ellenbogen auf den Sims und den Kopf in die Hand gelegt, richtete er die dunkeln Augenlichter in die Nacht stiller traumender Erinnerungen. Jetzt ward es jedoch laut neben ihm, er liess die Hand sinken und wandte das Gesicht nach dem Gerausche hin. Der junge Franzose trat mit eingeknicktem Beine und nachlassig schleppendem Gange, die geringschatzige Weise des Kaisers Napoleon nachahmend, Kopf und Nase in die Hohe geworfen vor Alonzo, und fragte mit Talmas Heldenmine: ob er etwas an ihm auszusetzen finde, da er ihn seit lange auf belastigende Weise fixire. Ich erwartete Sie, entgegnete Alonzo trocken. Sollte, fuhr der Franzose die Antwort uberhorend, fort, in Spanien, wie ich Ursache habe zu glauben, unsre freie, reiche Lebensgewandtheit noch fremd sein, so erlauben Sie mir Ihnen zu sagen, dass es bei uns hochst auffallend ist, jemand anzusehn, ohne ihn zu begrussen. Der Gebrauch verbietet das durchaus, es darf nie geschehn! Alonzo stand, beide Hande ubereinander auf den aufgestemmten Sabel gelegt, hochst stolz und feierlich vor ihm, und mit einem Feuerblick, an dem der Franzose fahrig hin und her flog, sagte er gelassen, ich habe mich niemals um franzosische Gebrauche bekummert, spanische Rittersitte, aber denke ich, sollte man in Frankreich kennen gelernt haben. Die Bekanntschaft, fiel der Franzose rasch ein, ist nicht seit gestern, sie war gegenseitig, auch ermangelten wir nicht ahnliche Notizen zu sammeln. Er hob ein bemaltes Blatt gegen die flache Hand gelehnt, schrag gegen Alonzo auf, und mit gekniffenem fuchsartigen Lacheln setzte er hinzu: wenn Umstande und Nationaldekrete uns die Waffen aus der Hand winden, so sehen Sie, dass wir die Waffe des Spottes unbestritten besitzen, vor der dennoch ganz Europa zittert. Alonzo hatte nur ein halbes Auge an die bunte Fratze gewandt, in welcher er sein und seiner Nation karikirtes Bild in der Person des Donquichot aus einem Lieblingsstuck der Varietes, Croque mitaine genannt, in allen seinen Zugen sprechend ahnlich, erkannte. Der Zorn flammte leuchtend auf seiner Stirn, er behielt die eine Hand an dem Sabel, neigte die andre gleichsam winkend gegen seinen Gegner, und sagte mit stiller Sicherheit, wir Spanier pflegen die Franzosen nur mit Blut zu malen. Er winkte noch einmal, und vorausgehend, setzte er hinzu, ich bitte zu folgen.

Philipp hatte schon langst sein weisses Barett in die Augen gedruckt, das Schwerdt heftig unter die Arme geklemmt, sich ungeduldig die Hande gerieben und bald den einen bald den andern Fuss zum Weggehen gehoben. Er zitterte vor innerer kaum verhaltener Wuth, er hatte den Uebermuthigen auf der Stelle niederstossen mogen. Jetzt stand er unter heftigem Herzklopfen neben Alonzo. Der Franzose lachelte auf eigne hohnisch verbindliche Weise, redete ein paar Worte mit seinen Cameraden und folgte Alonzo dann mit theatralischer Vornehmheit.

Sie gingen rasch und schweigend durch Strassen und uber Platze, jetzt standen sie an einer Gartenmauer. Alles war still, der Raum bequem. Die Entfernung ward ausgeschritten, man stellte sich. Alonzo blickte noch einmal umher, er sah uber die ausgebogene Mauer zwischen dunkeln Buchenwanden auf einen frischen Rasenplatz, hohe Rosen und Lilien weheten duftend heruber, ganz von fern schimmerte ein weisses Gewand, wie ein Lichtwolkchen durch die Schatten. Arme Taube! dachte Alonzo, so nahe bei dir rauscht vielleicht der Todesengel. Er hob das schone Auge ernst gen Himmel, silberne Mondlichter spielten auf seinem Gesicht, die dunklen Locken wogten in der Nachtluft, das Schwerdt blitzte in seiner Rechten. Mit Gott, rief er, die freie Hand aufs ungestume Herz druckend, schnell trafen dann die scharfen Waffen aneinander, es ging eine Weile Stich um Stich, drauf taumelte der Franzose, der Sabel fiel ihm aus der Hand, das Blut sprang dicht unter dem Herzen hervor, todtenbleich sank er in seines Kameraden Arme. Alonzo schopfte Athem, da rauschte das weisse Gewand immer naher und naher heran, das Gartenpfortchen sprang auf, Turgis, mein Turgis, rief eine Engelsstimme! Bediente sturzten herbei, man umringte, man besturmte den Verwundeten und trug ihn endlich unter lautem Jammergeschrei in den Garten. Die Thur schlug hinter ihm zu, alles ward still, Alonzo stand auf Philipp gestutzt, einsam in der kuhlen Nacht. Er seufzte tief, druckte Philipp die Hand und ging von dem stillen, innigen Jungling begleitet, im wunderbarsten Taumel der Sinne nach Hause.

Achtes Kapitel

Philipp war des andern Tages schon geraume Zeit bei Alonzo, ohne dass beide noch eigentlich mit einander geredet hatten, es wusste eben keiner recht anzufangen, indess Blick und Minen tausend Fragen an des Andern Seele thaten.

Sie haben wohl nichts gehort, hub endlich Alonzo an, das Auge unsicher auf Philipp gerichtet. Doch, entgegnete dieser, ich weiss wenigstens, dass Ihr Gegner lebt, dass er der Sohn einer Frau von Saint Alban und eines Herzogs Neffe ist, in Spanien fur den Unterdrucker focht, und dass just nicht viel an ihm verloren ware, falls der Himmel dennoch uber ihn beschlossen hatte. Er hatte dies Letztere schon mit halbem Lacheln gesagt und der lustige Glanz der Augen zeigte, dass er auf dem schonsten Wege war, seiner neckenden Laune Bahn zu machen.

Gestehe ich es Ihnen nur, fiel Alonzo niedersitzend ein, mir ist es lieb, dass er lebt. So lange ich gegen das namenlose Wesen focht, schlugen Hass und Rache flammend uber mir zusammen, ich sahe, ich horte nichts als die verhassten Tone, die meine Brust unter tausend Qualen unaufhorlich zerrissen. Ich dankte dem Himmel fur diesen Augenblick, der atzende Aerger war mir Labsal und da mir nun die warmen Blutquellen hell entgegensprudelten, athmete ich leicht, Gott, dachte ich, hat gerichtet. Als aber jene Klagestimme mir einen Namen nannte, da war es mit dem Zorne plotzlich aus, ich fuhlte ein menschliches, von warmen Herzen geliebtes Wesen nahe. Der wunde Jungling kam mir mit einem male ganz anders vor, er lag so bleich, so ruhrend da, aller Uebermuth war von der Stirn weggehaucht, sie schien mir ganz klar und rein. Der Schmerz zuckte wehmuthig an seiner Lippe, es ging mir durch alle Nerven, ich hatte ihn kussen, ihn Bruder nennen mogen. Philipp, darf auch der Mensch so uber den tief bewartesten, heiligsten Gefuhlen schalten lassen, darf er dem Mitleid diese Gewalt einraumen?

Philipp war auf- und abgegangen. Die Schultern etwas gehoben, mit der Hand auf Allgemein hinweisend, sagt er: Gott tragt auch Mitleid mit dem Sunder, wir sollen uns freuen, wenn wir einmal eine freie gottliche Regung in uns spuren. Was angstigen wir uns uberhaupt uber etwas, was einmal nicht anders sein kann.

Sie erkannten sie gleich? fragte Alonzo ohne aufzusehen. Jener wandte sich rasch, sah ihm scharf ins Auge und halb ernst halb lachelnd, sagte er unter leichtem Errothen, glauben Sie, dass das anders moglich sei? Alonzo schwieg. Philipp blieb vor ihm stehen. Mir war, sagte er, als habe sich eine von den hohen Lilien herubergeneigt und lege sich nun an des gefallenen Junglings Brust. Es kam alles so schnell, so traumartig.

Alonzo fasste seine Hand. Ich reise, lieber Philipp, ich muss hier fort, die Luft druckt mich entsetzlich. Ich habe meiner Mutter schon geschrieben. Es geht nicht langer. Sie muss sich bei dem Konige fur mich verwenden, er wird mich zuruckrufen, er siehts ja, ich tauge hier nichts, wie konnte er mich auch wahlen!

Ich wollte, ich konnte Sie begleiten, sagte Philipp, seine Hand immer noch in der seinen haltend, aber mein Weg ist mir schon vorgezeichnet.

Bei allem dem, fuhr Alonzo ganz in Gedanken fort, wie gut dass er lebt. Er schien ihr so werth, so unaussprechlich theuer zu sein! Wenn er o hochst wunderbarer unbegreiflicher Gott!

Beide schwiegen unter ernstem Nachdenken als ein Wagen vor dem Hause anhielt, und man Alonzo, Turgis Oheim, den Herzog meldete. Store ich Sie, sagte Philipp aufbrechend, so leben Sie fur jetzt wohl. Im Gegentheil, erwiederte Alonzo, Ihre Nahe thut mir ganz unumganglich noth. Ich denke es kommt hier noch wohl mancherlei zur Sprache, und wir halten und bewahren uns nie besser, als wenn wir wissen, dass uns ein Freund beachtet. Nun fiel jener lachend ein, das wird einmal wieder einen komischen Aufzug geben, am Ende sollen Sie sich wohl gar noch mit dem alten Herrn herumschlagen. Ich dachte Sie uberliessen mir das, wir konnen leicht die Rollen vertauschen, er kennt keinen von uns beiden, und ich zeige ihm dann sein eignes Gesicht, ich weiss schon all die Minen, Phrasen und Luftsprunge der Gedanken auswendig, er soll glauben sich in einem Spiegel zu sehen, horen Sie nur, da geht's los. Die Thuren schlugen auf, der altlich wurdige Mann trat ein und gab durch sein blosses Erscheinen den beiden Junglingen Ehrfurcht. Sie neigten sich schweigend gegen ihn. Das stille Leiden vieler Jahre, die Kraft und Ruhe der Ueberwindung lag auf den verfallenden Zugen, er richtete die grossen Augen nach Alonzo; die Nacht hereinbrechenden Alters umdammerte bereits ihre fruhere Gluth, und gab ihnen jenes wehmuthig verschwimmende Licht, das leise zum Herzen redet. Mit altadelich sicherm Anstande sagte er darauf, ich fuhle mich gedrungen Sie aufzusuchen, ihnen personlich zu eroffnen, wovon mein Herz voll ist. Sie sind zum Ungluck meines Hauses auf unverzeihliche Weise gereitzt worden, und haben nach wurdig anerkannter Sitte ihr Recht genommen, ich kann jenes nur bedauern, wie dieses ehren. Wenn indess der leichtsinnige Uebermuth eines Unbesonnenen, wenn die emporende Frechheit meines vergifteten Frankreichs sich so verletzend gegen Sie, gegen eine ganze edle Nation aussern durfte, werden Sie dem Bereuenden, dem Todtwunden verzeihen? werden Sie einer verzweifelnden Mutter den Trost geben wollen, dass kein Fluch ihrem Liebling ins Grab folgt? Mein Herr, Sie haben keinen Begriff von dem Schmerze, alle Lebenshoffnungen in seinem Kinde, in seinem eignen Blute scheitern zu sehen! Herr Herzog, entgegnete Alonzo in grosser Bewegung, Ihnen ist es zu wohl bekannt, dass der geendete Kampf auch den Streit beendet. Die Ehre ist befriedigt, das Gefuhl hat keine Stimme mehr; auch ist dieses beruhigt, und ich darf Ihnen mein Ritterwort geben, dass ich um so freier von allem Groll bin, als durchaus keine weitern Beziehungen zwischen mir und meinem Gegner statt finden, und nur die allgemeinen, tief liegenden Elemente verschiedener Nationalitat sich durch uns einen Weg bahnten, um aneinander zu gerathen. Die Gesetze wie die Weihe der Waffen haben hier geschlichtet und entschieden. Den Frieden der Gemuther behindert fortan nichts weiter. Wenn Sie, nahm der Herzog auf innige Weise das Wort, wenn Sie meiner Schwester das selbst sagen, wenn Sie uns die Beruhigung Ihrer Nahe nur auf kurze Augenblicke gonnen wollten. Alonzo sah ihn betreten an. Sie erschrecken, fuhr jener fort, schon vor der blossen Moglichkeit personlicher Befreundung, Sie hegen die lebhafteste Scheu gegen jede Art von Gemeinschaft mit allem was Franzose heisst? Ich kann Sie nicht tadeln, aber eben dass ich es nicht kann, lastet harter als der Fluch der Verbannung auf mir. Ich will Sie, fugte er einlenkend hinzu, weiter nicht in Verlegenheit setzen. Sie werden es ja nicht ubersehen w o l l e n , dass es auch hier tapfere und freie Herzen giebt, die Pflicht und Ehre, Gott und Gewissen uber alles hoch halten, und diesen Ihre Theilnahme schenken, je mehr Sie sie zu bedauern Ursach finden. Er hatte die letzten Worte mit frommen Eifer gesprochen, in seinen Augen glanzte eine Thrane. Alonzo sahe beschamt vor sich nieder. Ich gehe, sagte der Herzog nach kurzem Schweigen um vieles getrosteter von ihnen als ich kam, ich sehe Ihr menschliches Gefuhl uberwiegt den Nationalhass bei weitem, wenn dieser gleich nicht duldet, dass Sie sich aussprechen durfen. Ich verstehe Sie, junger Mann, und noch einmal, ich ehre Sie deshalb. Wo das Recht und die Wahrheit, rief Alonzo sehr bewegt, so gebietend sprechen, ist es nicht langer erlaubt zu wanken. Sie haben mich bezwungen, Herr Herzog, ich bitte Sie zu glauben, dass Sie, dass Ihre Familie meine Theilnahme in einem weit hohern Maasse besitzen als ich es sagen kann, dass ich stolz sein werde, Ihnen das zu bezeigen. Sie waren unter diesen Worten bis an die Thur gekommen. Der Herzog wandte sich noch einmal und mit prufendem Blick auf beide Fremdlinge, rief er, mochten Sie doch Frankreich wahrhaft befreien konnen!

Philipp sah ihm gedankenvoll nach. Wie eitel die Jugend ist, sagte er nach einer Pause zu Alonzo gewandt, wie klug und sicher waren wir vorher, und wie stehen wir nun da! Mich argern meine voreiligen Worte! Leben Sie wohl, ich bin verdrusslich, weiss nicht recht wie ich mit mir selbst dran bin. Der Hass ist von dieser Welt, aber die Gerechtigkeit ist Gottes, das fuhle ich wohl! Der Krieg macht doch wust und einseitig, es muss wieder anders werden! Leben Sie fur heute wohl.

Horen Sie doch, rief Alonzo ihn zuruckhaltend, Sie schlugen noch so eben vor, wir sollten unsere Rollen in dieser Sache vertauschen, so ganz denke ich Sie nicht beim Worte zu nehmen, doch einigermassen mussen Sie in meiner Seele handeln. Gott weiss es, setzte er tiefsinnig hinzu, ich bin mir selbst fremd geworden, wer mag sagen, wie weit das gehn kann, ich muss mich bei Zeiten zugeln, ich darf mich keiner allzu grossen Weichheit hingeben, und doch bin ich der Familie, dem braven alten Manne etwas schuldig, es muss etwas gescheh'n, ich darf nicht in dieser gemessenen Zuruckhaltung verharren. Wollen Sie in meinem Namen zu dem Kranken, zu der Mutter gehn? Ihnen wird es leichter sein, ein allgemein begutigendes Wort zu sprechen, ohne doch zu viel zu sagen. Sie werden das schon zu machen wissen, und verschaffen mir dadurch Zeit, mich zu sammeln. Es hat mich dies alles sehr uberrascht, ich muss mich wirklich erst wiederfinden. Vielleicht begnugen sich auch die Menschen mit dieser einen Hoflichkeit, sie wollen die Formen beobachtet wissen, sie vergessen nachher das Uebrige. Thun Sie es immer, lieber Philipp. Ich merke wohl, sagte dieser, es ist eine erschreckliche Sache mit den Worten, sie fallen einem so unversehens aus dem Munde und verstricken nachher in Dinge, die besser fern blieben. Ohne meinen unzeitigen Spass vorhin waren Sie gar nicht auf den Gedanken gekommen. Nun ich gehe, fuhr er fort, aber was daraus entsteht, setzte er mit halb verstecktem Ernst hinzu, kommt dennoch auf Sie.

Neuntes Kapitel

Alonzo vermied es auf alle Weise, mit sich zur Sprache zu kommen. Er liess die innern Wogen uber Herz und Brust zusammenschlagen, ohne viel zu ruhren und zu rucken. Die beklemmende Schwule hielt jeden freiern Lebensstrom gefangen. Das eben war ihm recht, er scheuete die eigne Kuhnheit.

Gleichwohl erwartete er Philipps Rukkehr mit weit mehr Unruhe als ihm lieb war. Er wollte etwas horen, etwas erfahren, er wusste selbst nicht was? Mit jeder Minute schwoll das Verlangen, die Sehnsucht immer sturmischer an. Er ging heftig auf und ab, Thure und Fenster standen offen, er wollte durch kein falsches Gerausch langer getauscht werden. Bei dem ersten Tritt, dem ersten Laut seiner Stimme, wollte er Philipp entgegentreten, er musste doch endlich kommen, es konnte gar nicht fehlen.

Ob der Kranke wohl noch lebt? fragte er zuweilen, mit dem allerinnigsten, tiefsten Mitleid, dazwischen drang eine andre Frage herauf, der er niemals Herr werden konnte, sie sah ihn so lange und so fest an, bis er ganz verwirrt die Hand auf die Augen druckte und nichts mehr horen und nichts mehr sehen mochte.

So qualte er sich stundenlang. Endlich sagte er ganz trotzig: mag er kommen oder nicht, was ist's weiter? Er ging aus, und vertraumte den Abend uber in Theater und Caffees. Aber mitten unter den tausend Lampen, unter den fremden Menschengesichtern schlich es wie ein Gespenst heran? was ist das schlanke, weinende Madgen dem wunden Jungling? liebt sie den Bruder, liebt sie den Freund in ihm? Und kann sie anders als den Morder hassen?

Als er spat nach Hause kam, erfuhr er, dass ihm Philipp aufgesucht, ihn zu sprechen gewunscht, gleichwohl etwas eilig und zerstreut, nichts an ihn zuruckgelassen habe. Gleichviel! sagte Alonzo, es ist auch so gut. Doch legte er sich ins Fenster und hoffte, jener solle noch einmal heransprechen. Es blieb indess alles wie es war. Seltsam ist es bei allem dem, sagte er missmuthig, dass Philipp nicht wenigstens ein paar Zeilen schreibt! wer weiss, was er mir zu sagen hatte! Es war schon tief in der Nacht. Er warf sich aufs Bett. Ihm ward unertraglich heiss. An Schlaf war nicht zu denken. Er sprang wieder auf, ging im Zimmer hin und her und griff dann in Gedanken nach der Guitarre, und da sie verstimmt war, spannte er an den Saiten, und ruhrte in die Tone, ohne etwas mehr als einzelne Akkorde anzuschlagen. Er sass dem Nachtlicht gegen uber, die Klange hallten leise an ihm hin, ein kuhler Lufthauch strich durch das offene Fenster, auf den Strassen war es still geworden, Alonzo sann und spielte sich so in eine tiefe Wehmuth hinein, als ein kleiner weisser Schmetterling, den man Nacht- oder Todtenvogel zu nennen pflegt, in blendenden Kreisen aus dem Dunkel an das Licht flog und voruberschwirrend bald wieder verschwand. Alonzo wehete ein Schauer an, er wusste nicht woher noch woruber. Lange nachher kam es ihm vor, als hore er noch das Schillern der bleichen Flugel, er griff deshalb starker in die Saiten und stimmte zuletzt unter lautem Begleiten der Stimme einen Choral an, vor dem seine Seele sich hob und dehnte.

Er hatte die ganze Nacht uber aufgesessen und die heisse Brust dem frischen, beruhigendem Morgenstrahl geoffnet. Der Thau lag perlend auf einem kleinen Blumengartchen unter seinen Fenstern. Levkoyen und Reseda dufteten balsamisch, durch die Blatter sauselte der Morgenwind und schuttelte die hellen Tropfen erquicklich auf den Rasen. Es ward recht still und hell in Alonzo, und er konnte sogar dem erwachenden Leben umher, vom einformigen Treiben der Hokerer und Verkaufer an bis zum emsigen Fleiss in der geoffneten Werkstatt freudig zu sehen. Nach und nach ward alles lauter, auch in seiner nachsten Nahe. Es war noch fruhe, als er folgenden Zettel von Philipp erhielt:

"Sie waren gestern Abend nicht zu finden, ich habe Sie vergeblich gesucht. Heute bin ich gedrangt und eilig. Nur so viel, Ihr Auftrag ist ausgerichtet und aufgenommen wie Sie wunschen konnen. Man sagt es nicht, aber man erwartet Sie. Sie hatten unrecht, dies Vertrauen zu tauschen. Leben Sie fur ein paar Tage wohl. Ich mache einen kleinen Streifzug nach Versailles und dort umher. Gott mit Ihnen!"

Weich und offen und unbewaffnet gegen unerwartete Eindrucke, wie Alonzo es in der fruhen Morgenstunde war, trafen ihn die fluchtigen unbefriedigenden Zeilen hochst unangenehm. Er warf den Zettel heftig vor sich hin. Es ist doch wahr, rief er, Kunstler sind schroffe Egoisten, sich selbst in der Kunst heraufschmeichelnd und verwohnend, lassen sie alles andre im Leben, all' die tausend ruhrenden Beziehungen des Daseins unbeachtet, und kranken unaufhorlich durch Nachlassigkeit und Leichtsinn! In Versailles! was will er da! nach alten Bildern jagen, je verbleichter und bestaubter, je lieber sind sie ihm freilich, die heisse, lebendige Nahe des wartenden Freundes, was ist sie dagegen! sie fallt nur unbequem in seine Traume. Die Gegenwart ist so wahr, sie sieht so scharf und nahe ins Auge, die Phantasie hat nicht Raum, nicht Zeit zu spielen, sie will die That, die rund herausgesprochene, feste That, man hat es leichter druben hin zu sehen und jeden fluchtig auf sich selbst zuruckzuwerfen!

Er war in grosser Bewegung auf- und abgegangen. Da blitzte es dunkel in ihm auf, er hat mir wohl gar etwas zu verbergen! er will mit der Sprache nicht heraus, ich soll selber sehen. Das ist so recht! dem unangenehmen Eindruck geht man aus dem Wege.

Immer unwilliger, immer zerrissener im Innern beschloss er jetzt all' der Qualerei ein Ende zu machen. Der schwere Gang zu Frau von Saint Alban ward unternommen. Der Weg war lang, Alonzo hatte ihn noch um Stunden ausdehnen mogen. Endlich fuhr der Wagen jener wohlbekannten Mauer entlangst. Der Tag schien hell und deutlich auf die verhangnissvolle Stelle nieder, das Pfortchen stand offen, Kinder liefen hinein und heraus und sammelten in Korbchen die abgefallenen Rosenblatter, um sie weiter zum Verkauf zu tragen. Ein alter Mann stand daneben und hutete die bluhenden Zweige vor Beschadigung. Es ward alles so wirklich, so beangstigend um Alonzo. Vor einem dunkeln Eisengatter, am Eingange einer dichten hochgewolbten Kastanienallee hielt jetzt der Wagen. Der Schlag flog auf, Alonzo blieb langer keine Wahl, er war gemeldet, angenommen, so trat er denn in Gottes Namen in den schattigen Gang. Die Brust war ihm so beklemmt, dass er ein paarmal hustete und stille stand, um nur des stockenden Athems wieder Herr zu werden. Eine breite Rasentreppe herauf zwischen kunstlichen Blumenbeeten erstieg er muhsam die Terassen, und trat nun unter das Portal des vornehmen altvaterlichen Gebaudes. Gewolbte Gange, in Stuck gearbeitete Verzierungen, breite Fliesen, ein paar steinerne Ritterbilder, an die sich die freche Hand der Zeit vergeblich wagte, alles hier sprach von gediegener, fester Sinnesweise. Armand offnete feierlich, mit gesenktem Blick einzig auf sein Geschaft bedacht, eine Thur, und Alonzo stand vor Frau von Saint Alban.

Wie er hieher gekommen? was er hier sollte? es war ihm selbst ein Rathsel. Er verbeugte sich tief, als die lebhafte Frau mit schnellem Blick an ihm hinfliegend ausrief: das erwartete ich. Sie mussten es sein! Ich erkannte sie sogleich und das ist bei dem Tumulte dieser Zeit recht sehr viel, Sie sehen, wie tief Sie in unserm Herzen leben. Alonzo hatte bei dem ersten Laut ihrer Stimme die Mutter seiner Unbekannten wiedergefunden. Ein Strahl unaussprechlicher Freude blitzte durch seine Seele. Es scheint, fuhr Frau von Saint Alban fort, Ihr Eintritt in dies Haus bringt Segen. Mein Sohn ist heut um vieles wohler, er dankt das unfehlbar Ihrer gestrigen Botschaft, die ihm sichtlich wohl that.

Die linde verbindliche Weise, mit der das zerrissene Mutterherz dem Trost zu geben bemuhet war, der ihr so unaussprechlich wehe that, verwirrte Alonzo vollends. Gnadige Frau, stammelte er unter flammendem Errothen, wie ich Ihnen gegenuberstehe, Sie trauen mir zu, dass ich es fuhle. Ihre Gute macht mich vor mir selbst schuldiger als ich es wirklich bin. Ich kann Ihnen nichts, gar nichts sagen, dass nicht zu viel oder zu wenig ware. Ihr scharfer Geist aber macht es Ihnen klar, dass es ungluckliche Werkzeuge in der Hand des Himmels giebt, die ohne ihre Schuld bestimmt sind, den Frieden Anderer zu truben. Gewiss es giebt im Leben verhangnissvolle Augenblicke, die dunkel und gewaltsam uber uns gebieten. Dass mein Gewissen rein ist, sagt Ihnen mein Anblick, wie konnte ich anders vor Ihnen erscheinen. Ach mein Herr, entgegnete Frau von Saint Alban, indem sie ihn gutig bei der Hand fassend, neben sich niedersetzen liess, Sie finden in mir eine herb geprufte, viel erfahrene Burgerin dieser Welt. Das Gluck kenne ich nur trugerisch und doch bin ich nicht unglucklich. Ich musste nach so vielen Tauschungen verzweifeln und doch hoffe ich gern, es ist mir nothig, und so oder so, am Ende geht mir doch mancher Wunsch aus, und es schickt und fugt sich mir zum Heil. Ich beweinte und betrauerte lange den einzigen Sohn. Ich gab ihn auf. Da fand ich ihn wieder. Aber anders, ganz anders, hochst fremd, und doch mein Kind. Sein Leben ward mir ein Schmerz. Ich war nicht ohne Schuld, ich hatte es denken konnen. Wer darf den Pesthauch dieser Luft ungestraft einathmen! Unter allen Graueln der Revolution aufgewachsen, hatte ich ihn gehegt, bewahrt und so tief ist der Grund, den ein frommer Sinn in eines Kindes Herzen legt, dass der falsche Schein nur augenblicklich weichen darf, so tritt das rechte Wesen lebendig hervor. Mein Turgis war so weich, so hold, so leicht beweglich, der Hollendamon der Armee, fasste und bearbeitete das arme, junge Herz. Mein Herr, Thorheit und Leichtsinn sind Gespielen der Jugend, wer darf einen Stein auf ihn werfen? Glucklich alle die, welche ein reines Vaterland haben, und bescheidene Vorliebe und feste Treue hegen durfen!

Sie schwieg einige Sekunden, den Blick tiefsinnig am Boden geheftet. Drauf leicht und vertraulich zu Alonzo gewandt, sagte sie lachelnd, es scheint, der Himmel habe es sich vorgesetzt, unsre Bekanntschaft nicht fallen zu lassen. Zu stolz, meinen Dank anzunehmen, zwingt Sie die Vorsehung nun zum Mitleid. Sie erinnern sich, dass es ein menschliches Auge ist, dem Sie Thranen auspressten, und eilen menschlich fuhlend es zu trocknen. Sie sahen, es musste so kommen, widerstreben Sie denn nicht langer, lassen Sie uns Freunde sein. Sie hatte ihre Hand mutterlich auf die seinige gelegt, Alonzo druckte sie geruhrt an die Lippen. Ich bin stolz darauf, entgegnete er lebhaft, von Ihnen gnadige Frau erkannt zu sein, Sie tadeln nicht, was mich fruherhin bestimmte, Sie fuhlen, was mich jetzt zu Ihnen fuhrt, und zweifeln keinen Augenblick an dem, was Sie zu unverhohlen in meiner Seele lesen.

Nun denn, sagte Frau von Saint Alban aufstehend, so ist Friede zwischen uns, und so Gott will, ein festerer als alle Politik der Welt zu schliessen vermag. Lassen Sie mich Sie nun meiner Familie vorstellen, der arme Kranke sehnt sich unaussprechlich Ihre Hand bruderlich zu fassen. Sie nahm Alonzos Arm und ging mit ihm durch mehrere Zimmer in einen kleinen Gartensaal. Turgis lag unter leichter Decke auf einem Ruhebett, den Kopf matt an Blansches Brust gelehnt. Diese hielt seine Hande in der ihrigen, das Gesicht wandte sich gedankenvoll nach dem offenen Fenster. Hohe Blumen wiegten draussen die Kelche hin und wieder, Bienen und glanzende Kafer summten begehrlich an ihnen hin, der Kranke schlummerte in leichten Fiebertraumen. Zuweilen hob Blansche die langliche Hand, und wehete leicht die Fliegen von des armen Turgis Stirn. Alonzo und die Mutter waren herzugetreten. Blansche wagte nicht sich zu regen, aus Furcht den Bruder zu erwecken, eine leichte Neigung des Kopfes, der gesenkte Blick und das feinste Errothen begrussten indess den Eintretenden. Alonzo betrachtete sie in stummer Ueberraschung. Die reichen blonden Haare waren in dichten Flechten aufgesteckt, Brust und Arme umschloss ein knappes weisses Kleid, das Gesichtchen sahe aus hohem Spitzenkragen, so schuldlos rein und friedlich wie der Engelskopf auf Philipps Bilde. Er hatte stundenlang so gegen ihr uber stehen konnen, ohne das tiefe Schweigen in ihm und um ihn durch einen Laut zu unterbrechen. Frau von Saint Alban war nicht so geduldig. Sie machte eine rasche Bewegung, Turgis schlug die Augen auf, ein leichter Schatten flog uber seine Stirn, die bleichen Wangen farbten sich leise. Alonzo hatte seine Hand gefasst und sah hell und versohnlich in die schonen, sich mehr und mehr belebenden Augen. Es ist mein Loos, sagte jener mit ruhrender Stimme, Sie uberall als Sieger zu sehen, Sie werden es indess begreifen, dass auch der Ueberwundene ein stolzes Herz hegen darf, und nur im wiedergefundenen Selbstgefuhl sich und dem Schicksal verzeihet, ihm so gedemuthiget zu haben. So gefallen und so gehoben darf ich Ihren bruderlichen Handedruck erwiedern. Alonzo ging ein tiefer Schauder durch die Seele, als er den matt gebrochenen Klang der jugendlichen Stimme horte, er sah mit bangem Herzklopfen die feinen, kaum geoffneten Lippen unter dem Sprechen beben, und als Turgis erschopft auf die Kissen zurucksank, beugte er sich unwillkuhrlich ihn zu unterstutzen. Frau von Saint Alban weinte in grosser Ruhrung, ihres Sohnes Stirn kussend, Blansche allein sah ruhig und klar auf den ritterlichen Versohnungsbund. Es kostete ihr auch weder Anstrengung, noch spurte man einen Wechsel in ihrem Wesen, als sich nach und nach das Gesprach gewohnlich gestaltete und alles mehr und mehr das Ansehn eines ruhig befreundeten Krankenbesuches gewann. Sie blieb unbefangen und innig, alle ihre Achtsamkeit auf den Bruder gerichtet; und theilte so den Andern eine Stille und Warme mit, die Alle begluckte. Alonzo vergass, wo er war. Er fuhlte sich ganz einheimisch, im Innern mit einer Familie verwachsen, von der er sich nur spat und muhsam losriss.

Zehntes Kapitel

Von da kostete es Alonzo weder Kampf noch Ueberredung zu seinen neuen, wunderbar gewonnenen Freunden zuruckzukehren. Unwillkuhrlich fuhrte ihn der Weg jeden Tag zu ihnen. Er ubte die angenehme Pflicht des Trostes und der Theilnahme mit einer Freudigkeit, in der er sich bald genug selbst vergass. Sein Blut floss leichter, sein Blick ward heller, der strenge Frost seines Wesens linder, er empfand sich mit unaussprechlicher Ruhrung, ohne sich zu kennen, ohne zu forschen und zu fragen. Der Schmerz wie die Freude, jedes heilige und wahre Gefuhl ziehet schnell das Band unter den Menschen zusammen. Wie durch ein Wunder war Alonzo plotzlich zu Hause unter den Fremden. Kam er, so hatte man ihn immer schon erwartet, seine Gegenwart schien allen mit einem male unentbehrlich, und nur unter herzlichen Versicherungen baldiger Wiederkehr schied man von einander. Blansche empfing ihn jedesmal mit verschamter und doch hochst edler Verbindlichkeit. Dem sussen Gemisch ihrer reizenden Natur widerstand leicht niemand, das Stimmchen so hell und rein, so einfache Worte und kindlich herzliches Lachen, die allerliebste Freudigkeit uber Kleines und Grosses, und doch wieder so fest und ruhig, so heilig still. Von solcher unbefangenen Hingebung, von diesem ernsten Selbsterfassen hatte Alonzo fruher nie eine Vorstellung gehabt. Alles war leise an dem zierlichen Madgen, ihr Gehen und Kommen, ihr Neigen und Grussen, jede Handreichung, die sie dem Bruder leistete, selbst die Worte flogen nur sauselnd uber die feinen Lippen, man glaubte eine Blume wehen und rauschen zu horen und athmete ihr Wesen wie den Duft der Maienglockchen, ihr linder Zauber hielt alle Gemuther gefangen. Litt Turgis, weinte die Mutter, sahen der Oheim und Alonzo zweifelhaft drin, so beschwichtigte ihr frommer Blick den Aufruhr der Sinne, die Herzen wandten sich unwillkuhrlich zu dem, den ihr Auge suchte, und still und ergeben erwartete man des Himmels ewigen Willen.

In solcher Nahe hatte Alonzo weder an Gefahr noch Trennung gedacht. Ihm war wohl, und er hielt das Storende abwarts. Auch blieb er sich selbst und seiner neuen Verbindung. Riemand hemmte den verborgenen Andrang und Wachsthum seiner Gefuhle. Philipp war immer noch nicht wieder da. Alonzo dachte nicht an ihn, er vermisste ihn nicht, er vermisste nichts in der Welt, er schien alles zu besitzen, was ihn beglucken durfte.

Sehr uberrascht war er daher, als er eines Morgens den abwesend geglaubten an Turgis Bett zwischen Blansche und ihrer Mutter im ruhigen Gesprach begriffen fand. Alle drei traten ihm entgegen. Die alte Freude begrusste ihn heut wie immer. Er erwiederte sie zerstreuet und als ihm Philipp lachelnd zuflusterte: ich war gewiss, Sie hier zu finden, desshalb suchte ich Sie auch nur hier, konnte er sich nicht entschliessen, in seine harmlose Neckerei einzugehen, sondern blieb ernst und einsylbig. Ihm war als sehe er in Philipps Augen wie in einen Spiegel, alles was er fruher gedacht, empfunden und gesagt hatte, ward ihm mit einem male gegenwartig. Er fuhlte sich unsicher, durch die Nahe des Freundes auf unbequeme Weise gedruckt. Die Uniform, welche Philipp trug, erinnerte ihn an Krieg und Streit, und seine Stellung zu Frankreich, eine Beschamung, deren er nicht Herr werden konnte, hielt Herz und Zunge gefangen. Dazu lagen Philipps Blicke in stiller Beschaulichkeit immer fester und innerlicher auf Blansches Zugen, er konnte es sich nicht ableugnen, dass der Glanz und die Seele des hellen Kunstlerauges eine Welt ausstrome, die unter tief empfundenen Schauren das verborgene Dasein wecke. Philipp kannte nur ein Leben, er hatte sich ihm hingegeben, sein ganzes Wesen in ihm aufgelost, er achtete nach Junglings- und Kunstlerweise wenig auf das, was um ihn vorging, ruhig horchte er der Offenbarung, welche ihm durch des Menschenbildes ewige Verkundigung aufging.

Alonzo befiel eine Angst, dass er nicht zu bleiben wusste. Er stand auf und setzte sich nieder, redete kurz und hastig, ohne mit sich zurecht zu kommen. Frau von Saint Alban spottete uber seine Unruhe. Aber er konnte sich nun einmal nicht finden, schutzte Geschafte vor, und eilte nach Hause.

So zerrissen und geklemmt, traf ihn folgender Brief seiner Mutter auf das peinlichste.

"Alonzo, ich sehe Dich ungern in einer Stimmung, die Deiner Wurde wie Deinem Frieden drohet. Was angstet dem Adler das wuste Geflatter der Raben. Der Spanier lebt stets in Mitten seiner Welt, voll Ehre und Ruhm. An diese Glorie reicht kein Gleissen, noch Flimmern. Richte Du dein Auge nach der Sonne, und lass der Nacht ihr dunkles Wesen. Was geht's Dich an! Dein unruhiger Hass gefallt mir nicht. Er zeigt von Ungleichheit und Streit, man hasst niemals, was man unbeachtet liess.

Dein Verhaltniss, dein Geschaft, sagst du, drucken dich? Die Pflicht darf niemand eine Last sein. Uebe sie ruhig, sie wird Dein Gemuth klar machen.

Des Konigs Vertrauen ehrt Dich. Ich darf nichts dazu noch davon thun. Er hat Dich gesandt, fordre nicht, dass ich Dich zuruckrufe. Alonzo, die Welt hat ihre Ketten abgeschuttelt, bist du noch unterjocht, dass du seufzst? Wehre den kranklichen Aerger von dir, er mattet das Herz ab und lockt die Schmach auf unser Haupt. Denke an den Heiland und seinen Stellvertreter auf Erden, er duldete und klagte nicht, und uberwand! Was kann Alonzo de Mendez mit einem Volk zu theilen haben, das nicht Gott, nicht Glauben, nicht Treue kennt! Vergiss es nicht, dass Deinem Blick das Unwurdige nicht begegnen darf, nicht begegnen k a n n , wenn er rein ist. Mein Sohn bete, und harre aus. Schlage das Kreuz Morgens und Abends auf Brust und Lippen, lass nichts Unreines hineinfallen, nichts Unbesonnenes herausgehn. Bete mein Kind, Deine Mutter betet mit dir. Bewahre Auge und Sinn."

Er hielt das Blatt in der Hand, und sah starr auf die strengen, heftig bewegten Zuge. Seine Augen fullten sich mit Thranen. Hat sie dich verstanden, Ungluckseliger, rief er unter gewaltiger Angst, hat ihr ahndendes Herz es ausgesprochen, ohne es zu wollen, ohne es zu wissen? und ist es nun wahr? Mein Gott ja, der Streit ist es, der Hass und die Liebe, die mich noch um Sinn und Verstand bringen werden. Er presste die gefaltenen Hande schmerzlich gegen die Brust. Blansches Bild stieg fromm und ruhrend in ihm auf, er sah das liebe Auge, den kleinen, rosigen Mund, das zarte weiche Minenspiel, es kam ihm vor als weine sie, als rede sie zu ihm! Ach Blansche, rief er, willst du den Freund nicht lassen, rufen Deine sanften Engelblicke ihn zuruck? Armes Herz, du weisst nichts von Feindschaft und Eigensinn der Menschen!

Eilftes Kapitel

Einen ganzen langen Tag hatte Alonzo zugebracht, ohne Blansche zu sehen. Es war so wust und dumpf in ihm, dass er nichts dachte, nichts zu wollen vermochte. Was in ihm vorging, was trube und schwer aus der tiefen Seele heraufdrangte, und die Bande lang gehegter Festigkeit und Ruhe zu sprengen drohte, es schwebte ihm dunkel vor, er wusste es nicht zu nennen, doch an der gahrenden Angst im Herzen spurte er, dass er sich langer selbst nicht trauen durfe, und arbeitete nun uber einen Gedanken, der ihn retten konne.

Unter dem unsichern Dammern ging die Zeit unbemerkt an ihm hin. Der Abend nahete, er hatte nichts gewonnen, der Pfeil steckte nur noch tiefer in der Wunde. Und wie denn Umstande und Ereignisse selten die Hand bieten uns zu retten, wenn wir es selbst nicht anzufangen wissen, im Gegentheil Kraft und Wille nur noch angstlicher verstricken, so waren auch folgende Zeilen, die Alonzo jetzt erhielt, wenig geeignet es zu einem klaren Entschluss in ihm kommen zu lassen. Frau von Saint Alban schrieb ihm:

"Was halt Sie ab, dass Sie nicht kommen? Ich bin glucklich, und desshalb brauche ich Sie; Turgis ist heut so still, so schmerzensfrei, ich hoffe so viel, durfen Sie uns fehlen, wenn wir hoffen? Lassen Sie jetzt alles andre bei Seite, auch ihren gestrigen chinesischen Ernst, Sie waren mir ganz fremd geworden. Ueberlegen Sie nicht lange, kommen Sie. Wir rechnen auf Sie," Hat denn, rief Alonzo plotzlich aufgeschuttelt, hat denn die Ehre zwei Stimmen? Darf sie das Eine gebieten und zugleich untersagen? Kann ich hier zuruckbleiben? Soll ich den Verdacht auf mich laden, als habe ich wie ein Morder meines Gegners Tod gewollt, zweideutig mit dem Worte Versohnung gespielt und dem Genesenden jetzt gehassig den Rucken gewandt? Soll ich kleinmuthig mit mir selber heucheln und aus fruherer That eine Luge machen? Blansche, darf ich das Gift des Misstrauens in deinen Freudenbecher giessen? Nein Engel, zweifeln sollst du nie an deinem Freund.

Er war unter diesen Worten schon uber die Schwelle der Thur, schon aus dem Hause getreten. Immer schneller und schneller trug ihn die Ungeduld nun vorwarts. Er hatte zuletzt keinen Athem mehr, und stand verschnaufend an dem Gartenpfortchen. Es war nur angelehnt, er trat hinein. Der Tag war fast ganz gesunken. Der Himmel unendlich rein und duftig. Hin und her funkelte schon ein Sternchen durch das bleichende Licht. Die blassen Umrisse des Mondes traten leuchtend hervor. Alles war still; schweigend ging er an den flusternden Blumenwanden hin. Die gluhende Lichnis, der hochflammende Mohn neigten sich grussend auf ihren zarten Stengeln, von fern sah er in den geoffneten Saal, die Thuren standen auf, Blansche schwebte daran hin und wieder. Wie sie ihn erblickte, flog sie zuruck, bald darauf trat sie mit der Mutter heraus, ihm entgegen. Alle drei hatten eine Freude, als waren sie einander aufs neue gegeben. Zuerst schalt Frau von Saint Alban, dann erzahlte sie von ihrer Hoffnung, von Turgis sichtlicher Besserung. Alonzo hatte beiden den Arm geboten, er ging, ohne Worte zu finden, zwischen ihnen. Blansche war so innig, so geruhrt, ihre Blicke richteten sich aufwarts zum Himmel. Alonzo suchte ihr Auge, sie sah ihn lachelnd an, aber es schwebte eine Wehmuth um ihren Lippen, vor der sein ganzes Herz zitterte. Leise druckte er ihren Arm an seine Brust. Die Mutter trat zuerst in den Saal. Alonzo hielt noch Blansches Hand, ihre Finger schlupften leicht durch die seinigen, ihm war als floge ein sanfter Druck, fast wie ein Lufthauch, druber hin. Alle Nerven bebten ihm, die gluhenden Augen lagen verzehrend auf Blanches Gestalt. Sie war schon weit von ihm, neben dem Bruder, der aufgerichtet im Bett, Alonzo freundlich zunickte. Diesem ging die Welt noch in wunderlichen, ungleichen Kreisen hin und wieder. Er sahe und horte nur halb. Gleichwohl fiel ihm die ausserordentliche Blasse und der feste, beinah verklarte Blick des Kranken auf. Er trat uberrascht zu ihm. Turgis redete stark und schnell. Er schien voll Theilnahme, empfanglich fur alles. Seine Zartlichkeit fur die Mutter hatte etwas unbeschreiblich Reizendes. Ueberall entfaltete er in der grossen Beweglichkeit der Zuge unwiderstehliche Anmuth.

Frau von Saint Alban sah liebkosend auf ihn nieder, mein bestes Kind, sagte sie, wenn werde ich dich wieder so frisch und freudig pfeifend und singend die Treppe hinauffliegen, deinen raschen Schritt durch Zimmer und Sale schallen horen. Gott weiss es, mir ist all' die Tage so still und angstlich gewesen, wie im Grabe. Blansche barg das Gesicht in Turgis Kissen. Es wird alles nach grade kommen, sagte der Oheim auf- und abgehend. Ja Gottlob, fiel Frau von Saint Alban ein, den heutigen Tag darf ich als eine Crisis ansehen, heut' ist er ganz umgewandelt. Nicht wahr, Turgis, dir ist viel leichter? Viel, erwiederte der Kranke, dankbar, ihre schmeichelnde Hand mit seinen Lippen suchend. Blansche kusste ihm auf die Stirn, sie hatte ihm Fruchte und Blumen, und alles was ihr junges Herz erfreuen konnte, auf die Decken gelegt. Er sah sie liebreich an, auf seinen Lippen schwebten die herzlichsten, sussesten Worte, doch schwieg er, und liess die Blicke in stiller Ruhrung an sie hingleiten. Als sie aber aus Furcht ihn zu hindern, zurucktrat, hielt er sie bei der Hand: bleibe so, sagte er leise, deine sanfte Nahe thut mir wohl. Ueberall angstete ihn das zerstreuete Umhergehn im Zimmer. Er wollte niemand entfernt wissen, und sahe es gern, als der Theetisch dicht an sein Bett geschoben ward, und alle nun ruhig umhersassen.

Frau von Saint Alban war von der sorglosesten Heiterkeit. Ein wenig vorgelehnt, mit ubereinandergeschlagenen Armen, sass sie recht behaglich da, und sprach von Turgis Krankheit wie von etwas, das nun uberwunden, nur noch in der Erinnerung schrecklich sei. Ein Vorgefuhl von dem, was mich treffen wurde, sagte sie, hatte ich doch wohl. Mir traumte, ich sah Turgis ganz klein in seiner Wiege liegen. Ich wollte ihn putzen und trug allerlei veraltete Stucke Zeug und staubigen Wust herbei. Sehr geschaftig hielt ich das zusammengetragene prufend gegen das Licht. Eins kam mir ganz auserlesen vor, ich zeigte es mehreren, die umherstanden, man lobte es sehr, ich legte es zurecht, als ich es aber dem Kinde nun anthun wollte, sah ich mit einem mal, dass es ein steifer, schwerer grauer Mantel war, ich erschrack sehr, und liess vor Entsetzen das hassliche Ding auf die Wiege fallen. Mir zitterten alle Glieder beim Erwachen, und als ich gar druber nachdachte, und die Nacht mir das Blut rascher durch die Adern jagte, befiel mich solch ein Schauder, dass ich nicht zu athmen wusste. Fruher, fuhr sie fort, habe ich niemals daruber reden wollen. Aber nun, da das Ungluck geschehen und zum Theil wieder gehoben ist, hat es weiter nichts zu bedeuten.

Wie gebannt lagen alle Blicke am Boden, niemand wagte die Augen aufzuschlagen, niemand sprach. Frau von Saint Alban bedachte zurucksehend das Vergangene, und blieb einen Augenblick gedankenvoll. Nach einer Weile sagte Turgis: ich vermisse ungern den jungen Deutschen unter uns, er brachte mir die erste versohnende Bothschaft von Ihnen Alonzo, ich wollte er ware hier, mein Friedensbote! Er kommt wohl gewiss noch, entgegnete Frau von Saint Alban, denn hat er auch nicht das Ansehn die Menschen zu suchen, so kann er doch nicht von ihnen lassen. Ihm steht das etwas sprode Verschmahen im Umgang recht wohl. Der Kunstler muss nicht allzuviel umhersehen, es stort ihn nur, darum liebe ich den abhaltenden Ernst, ja den ganzen wunderlichen Trotz in Philipp, der doch auch niemals die gute Sitte und den Anstand verletzt. Und denn, fuhr sie fort, hat er so innige verklarte Augen, so heilig verschamte Blicke, sein treuer Mund redet so liebe Worte. Ich bin gewiss, er hegt und bewahrt im Herzen, was Andre fahrig am Leben veraussern. Sie redeten noch mancherlei uber Philipp und das Uebersehen und fluchtige Abschatzen der Jugend. Es liegt, nahm der Herzog das Wort, in dem Nichts oder Alles, dem Entweder: Oder der Junglingsseele einzig der Keim zu festerer Lebensgestaltung. Die Verhaltnisse der Gesellschaft, die Behaglichkeit des Daseins vermitteln und gleichen nachher aus, wogegen fruherhin die frische Jugend in Zorn und Bewunderung aufloderte. Wir lassen es eben gehn, aber was wir empfinden und denken, es wird blass und fahl. Wer nicht uber alles lieben und aus voller Seele verabscheuen kann, der denke nicht zu leben. Frau von Saint Alban legte zutraulich ihre Hand auf seine Schulter, sie dachte mit Ehrfurcht an die feste Treue seines ganzen Lebens, und wie er sich auch im wiederkehrenden Glucke nicht verleugne. Doch das Gesprach auf Vergangenes zurucklenkend, nicht allzu ernst werden zu lassen, sagte sie mit angenehmen Lacheln: nun, wenn wir Frauen uns auch nicht so streng und scharf bezeigen, so ubt auch das Alter keinesweges diese niederschlagende Gewalt uber uns. Ich fur mein Theil empfinde noch immer die lebendigste Theilnahme, ich kann mich heute wie ehemals mit derselben Lebhaftigkeit dem Schmerz und der Freude entgegenwerfen, und so ausser mir vor Entzucken und Leidwesen gerathen, tadeln, loben, lieben, hassen, schelten und entschuldigen, als ware ich achtzehn Jahr. Die Frauen, entgegnete der Herzog, mit gutmuthiger Galanterie ihre Hand kussend, wollen schon hoher beachtet sein. Wir sollten ihnen billig eine andre Sphare anweisen, sie stehn keinesweges so mitten inne im Lebensverkehr, oder wissen sich doch druber hinauszuheben, die Zeit kann ihnen, wenn sie indess wollen, eben nicht sonderlich viel anhaben. Zu Anfang sind sie in lieblicher Unbestimmtheit alles z u g l e i c h , man ahndet jede schone Tugend in ihnen, man empfindet den schuldlosen Einklang aller Gefuhle an ihrer Seite, dann zwingt sie das Geschick so oder so in eine besondere Richtung, und scheint sie zu bestimmen. Sie stehn ausgesprochen vor uns, und man vermisst nicht selten die verschwimmende Weichheit und anmuthige Sorglosigkeit fruherer Zeit an ihnen. Absichtlich berechnet, verschlossen oder zerrissen, verarbeiten und durchsteuern sie so ein paar Umschwungsperioden, dann aber haben sie gesiegt, oder sind erlegen. Wir fuhlen uns wohl bei den altern Frauen, deren Wesen sich klart und setzt und ihnen die Gluth der Reife lasst. Man spurt noch all' die tausend Elemente menschlicher Leidenschaften und wird durch sie mit dem Leben in bewegliche Verhaltnisse gesetzt, ohne jemals das Unbequeme gegenwartiger Vorwirrung zu empfinden.

Frau von Saint Alban begleitete seine Worte mit beifalligem Blicke, jedes Stufenjahr weiblicher Anmuth, sagte sie lachelnd, findet doch in Frankreich seinen Ritter. Niemand taste mir mein galantes Frankreich an! Alonzo sahe uberrascht auf sie hin. Es fuhr schneidend durch seine Seele, er spurte ein unangenehmes Beben und das Unheimliche verborgener Storung. Aengstlich suchte er Blansche. Sie sass in qualvoller Anstrengung neben Turgis, seine Hand in der ihrigen, von Zeit zu Zeit einen Strauss weisser Rosen gegen die heissen, uberfliessenden Augen druckend. Ach! dachte er, konntest Du so alle schringende Wunden der Seele kuhlen.

Philipp war indess gerauschlos eingetreten, er grusste sittig und still, und nahm seinen Platz zu Turgis Fussen, Blansche gegenuber. Seine Blicke lagen mitempfindend auf beiden Geschwistern. Blansche hielt sich kaum noch, ihr Bruder sah sie oft lang und forschend an. Wehet es Sie nicht zu kuhl aus der offnen Thur entgegen? fragte Philipp den Kranken. Dieser lachelte und machte eine verneinende Bewegung. Er schien schlafen zu wollen, die Wimpern senkten sich so bleiern nieder. Alle redeten nun leiser, das Licht ward unter einer gefarbten Glasglocke gedampft, die mondhelle Nacht spielte in grussenden Flammchen durch die bewegten Zweige vor Thur und Fenstern, in den Blattern sauselte es horbar durch die wispernden Worte. Blansche schlupfte zur Thur hinaus. Alonzo sah sie in den dunkelsten Gangen langsam auf- und niedergehen. Er konnte nicht zuruckbleiben, er folgte ihr unsicher und beklommen nach. Die Stirn an eine junge schlanke Birke, wie an Schwesterbrust gelehnt, unvermogend sich langer zu bezwingen, weinte das arme bekummerte Kind aus voller heisser Seele. Alonzo fasste ihre Hand, sie wehrte es nicht, sie dachte nichts, sie fuhlte nur den unaussprechlich tiefen Schmerz. Blansche, flusterte er scheu und innig, meine arme Freundin, was angstet Sie nur gerade jetzt so herzzerreissend, so unbezwinglich? Er stirbt, ach Gott er stirbt ja! schluchzte sie. Sehn Sie's denn nicht! Sieht's denn kein Mensch als ich, welch' ein Lacheln ihm den ganzen Tag schon um die Lippen schwebte, so lacheln nur Engel, das ist der Tod! Der Tod! wiederholte Alonzo schaudernd! ihm war als stosse er erst jetzt den kalten Stahl in des armen Turgis Brust! Es schien ihm ganz unglaublich, ganz unerhort, dass es jemals dahin kam! Wie im Traum blieb er vor Blansche stehn, er liess ihre Hand fahren und sahe starr vor sich nieder. Ich konnte, klagte sie leise, langer die entsetzliche Angst nicht aushalten. Ganz langsam horte ich den Todesengel heranrauschen und als Turgis die Augen senkte, da brach mir das Herz, da war mir's als sehe ich den dunkel glanzenden Fittig, der sein liebes, liebes Gesicht beschattete. Sich abwendend, weinte sie still in die kleinen, vorgehaltenen Hande. Ihre Thranen fielen brennend in Alonzos Herz, zerreissender als Vorwurfe es gekonnt, klagten sie ihn an, er hatte nicht den Muth, Blansche anzusehn, und eiskalt uberlief es ihn, als sie plotzlich gefasst und ernst sagte: die Mutter ahndet es nicht, sie ist so kindlich vertrauend, alles, alles uberhort sie. Mein Gott, wie wird ihr sein, wenn nun der verhasste graue Todtenmantel auf ihren Liebling niederfallt.

Sie schlug die Augen bittend zum Himmel und ging langsam nach dem Hause zu. Alonzo wagte es nicht sie zu begleiten. Er blieb den einen Arm um die Birke geschlungen tiefsinnig zuruck. Der weisse Stamm leuchtete so hell im Mondenlicht, die schwanken Zweige spielten kuhlend um seine Schlafe, aber ihn konnte nichts erfreuen, nichts trosten. Das Leuchten und Flustern jagte ihm nur Graus in die Seele, er wand sich von dem Baume wie aus Gespenstes Armen und schritt rasch durch die Gange Blansche nach.

Bei dem Kranken war es dunkler und stiller geworden. Frau von Saint Alban hatte sich entfernt, der Herzog und Philipp sassen etwas abwarts, ohne zu reden. Alonzo sah schuchtern umher, er glaubte dem Todesengel irgendwo zu begegnen. Ich bitte, sagte Blansche zu ihrem Oheim gewandt, lassen Sie uns noch einige Stunden hier versammelt bleiben, ich furchte mein Turgis ist nicht mehr lange unter uns. Der Herzog strich ihr die blasse Wange und sah mit feuchten Augen auf das schmerzliche Beben ihrer Lippen, die nur muhsam die wenigen Worte herausbrachten. Er versprach zu thun was sie wolle und gestattete, dass der Beichtvater geholt ward, der unter frommem Gebet die scheidende Seele des Sterbenden geleitet.

Philipp sah ernst in den Garten hinein. Ueber dem breiten Rasenplatz hin zogen Nachtdunste in seltsamen Nebelbildern aufwarts. Alonzo war seinen Blikken gefolgt. Es ist eine tiefsinnige Bedeutung deutscher Sprache, sagte Philipp leise, dass Nebel umgekehrt Leben ist, und Eines in dem Andern liegt. So ist es ja denn auch wirklich, und erst wenn die Wahnund Trugspiele sinken, bricht die Lebenssonne an! Er hatte die Knie ubereinander geschlagen, und das Gesicht in die aufgestemmte Hand gesenkt, als spure er im Innern das Dammern ew'ger Glorie.

Turgis griff indess unruhig mit den Handen in die Luft, dann zupfte er an den Decken und schien in Gedanken Blumen zu zerpflucken. Noch einmal schlug er die gebrochenen Augen auf, er machte eine verlangende Bewegung mit den durstenden Lippen. Der Geistliche hielt das Crucifix an seinen Mund. Blansche zitterte heftig, doch fasste sie sich schnell. Niederkniend betete sie mit Engelsklarheit, Alonzo und Philipp an ihrer Seite. Es ist vorbei! sagte der Geistliche zu den Umstehenden gewandt. Blansche richtete sich auf. Sie druckte die Hand aufs Herz. Der Athem verging ihr. Tief aufseufzend sank sie ohnmachtig an Alonzos Brust. Er hielt sie, er trug sie wie ehemals aus der Kirche. Erde und Dasein, Leben und Tod, alles was Worte nennen, schwand vor seinen Blicken. Er fuhlte das arme Herz matt an seinem schlagen, den holden Leib kraftlos hingegeben in seinen Armen ruhen! Das zarte Kopfchen senkte sich gebeugt auf tiefbewegter Brust, ein scharfer Nachthauch schien es, habe der schlanken Blume wehe gethan. Alonzo furchtete sie mit seinem Athem zu beruhren. Ganz leise legte er sie im Nebenzimmer auf ein Ruhebett, ein Schauder, eine Scheu wehete ihn an, er hatte sie einen Augenblick sein genannt, zum zweitenmal hatte sie Gott unter heil'ger Weihe an seine Brust gelegt, doch er durfte, er konnte sie so nicht halten, er selber liess sie aus seinen Armen los. Noch hielt er ihre beiden Hande, er kniete schweigend neben ihr, kein Wort, kein Laut drang uber seine Lippen. Jetzt regte sie sich, sie schlug die Augen auf. Blansche, flusterte er, sagen Sie, das Sie mir den ungeheuren Schmerz verzeihen, dass Sie mich nicht hassen! Sie sahe klar zum Himmel, wie kame, sagte sie, in dieser Stunde Hass in meine Seele. Er starb ja versohnt. Vor dem Klang ihrer weichen, ruhrenden Stimme sprangen alle Banden von seiner Seele. Nichts mehr sehend als sie, unfahig zu denken, alles andre vergessend, rief er ganz ausser sich, so nehmen Sie denn das Opfer meines ganzen Lebens, Blansche, lassen Sie mich nur fur Sie Herz und Dasein haben, verwerfen Sie mich nicht, ich bin, ich athme nur durch Sie! Aufgerichtet, innig in sein schones Auge sehend, schwieg Blansche einen Augenblick, dann legte sie die errothende Wange wieder auf die Kissen zuruck und winkte Alonzo schweigend, mit linder Gute in Blick und Bewegung, sie zu verlassen.

Er gehorchte. Wie im Traume schwankte er nach dem Saale zuruck. Philipp stand seitwarts neben der Leiche, den einen Arm uber sie hingestreckt, druckte er sanft dem schlummernden Jungling die Augen zu, die seinen schwammen in dunkelm Glanz, er sah fast aus wie der Todesengel selbst. Der alte Herzog lehnte weinend an ein Fenster. Die Lichte waren ausgebrannt, der Morgen dammerte fahl herein, Einer erschrack vor des Andern Leichenblasse. Armand trat ein, er nahm seinen Platz zu seines jungen Herrn Fussen, der Herzog wandte sich traurig zu den beiden Freunden, die schwere Nacht, sagte er, war uberstanden, wir wollen uns alle einen hellen Morgen wunschen! Er neigte sich sehr liebreich und ging, das Taschentuch gegen die brennenden Augen haltend, aus dem Zimmer. Noch einmal fassten beide Turgis Hand, sie sahen sich geruhrt an und sanken laut schluchzend einander in die Arme. Schweigend, mit gesenktem Blick gingen sie darauf durch den hellen, lauter werdenden Tagesschein, in der Seele schmerzliches Entzucken und die Verheissung unverganglichen Daseins.

Zwolftes Kapitel

Es vergingen mehrere Tage, ohne dass Alonzo Blansche und ihre Mutter sahe. Die Familie begleitete die Leiche nach einem unweit gelegenen Landgute. Alles war leer und ode im Hause, niemand als Armand zuruckgeblieben. Es gereichte gleichwohl Alonzo zum Trost dahin zuruckzukehren und des Abends unter den Blumen und Baumen sitzend, von Blansche traumen zu konnen. Zuweilen gesellte sich der alte Diener zu ihm. Dieser redete gern von dem fruhern Glanz und der langen Prufungszeit seiner Herrschaft. Er erzahlte von der Hochzeitfeier der Frau von Saint Alban, und den vielen Gasten, von seinem Gehen und Laufen, und wie die verstorbene Herzogin Mutter gesagt habe: es ist wahr, niemand in der Welt versteht zu serviren wie der Armand; worauf der selige Herr von Saint Alban lachelnd erwiederte: er hat mich stets auf meinen Reisen begleitet, er war uberall in London, Wien und Petersburg mit mir, er hat die feinere Lebensart gebildeter Menschen studirt und kennt die Weise guter Hauser. Dieser Tag, der wie eine Ordensfeier in seine Dienstjahre fiel, ward denn plotzlich durch die Schrecken der Revolution verdunkelt. Er wusste von den damaligen Graueln und der sinnreichen Bosheit der Rebellen viel zu erzahlen, beweinte noch heut den Konig und die Konigin, und schloss gewohnlich mit der Versicherung: Strome Blutes, mein Herr, sind hier geflossen, Strome Blutes, sie haben die alte Zuverlassigkeit, den Respekt und die Devotion aus den Herzen der Franzosen weggespult. Glauben Sie mir, ich erkenne meine Mitburger nicht, alles ist seitdem anders geworden, auch der junge Herr von Saint Alban war angesteckt, das Gift hatte ihn gewonnen, hatte ihn gefasst, ich verstehe mich darauf, so etwas krankelt heimlich fort, haben Sie mich verstanden, so etwas wird niemals ganz ausgeheilt, glauben Sie mir, der Tod hat es gut mit ihm gemeint.

Alonzo half ihm uber alles dies hinaus zu Blansches Jugendleben hin. Armand schenkte ihm indess keinen Schreckenstag, kein bedeutendes oder unbedeutendes Ereigniss, und nur Schritt vor Schritt erfuhr er, dass Frau von Saint Alban Turgis im Arm, viele Meilen zu Fuss fluchten mussen, mit seinem Beistand und Geistesgegenwart endlich nach Holland ubergeschifft, und lange nachher durch den Schutz einer deutschen Furstin in ihr Vaterland zuruckgekehrt sei. Hier, fuhr er fort, lebte sie in ehrwurdiger Verborgenheit einige Jahre an der Seite ihres krankelnden Mannes und gab erst wenige Monate nach seinem Tode der schonen Blansche das Licht der Welt. Armes Kind, sagte sie bei ihrer Geburt, du hast nicht Vater, nicht Vaterland, was willst du in deiner verwaisten Familie! Doch ich lachelte, und dachte bei mir, dies ist, oder ich kenne mich nicht darauf, das schonste Kind der Welt und recht gemacht die Ungerechtigkeit des Geschickes zu versohnen. Frau von Saint Alban war um ihre Erziehung verlegen. Sie hatte indess ein zu stolzes Herz und zu gute Sitten, um von ihren Grundsatzen abzuweichen, und widerstand daher allen Versuchungen, die sie mit der verderbten Gesellschaft des heutigen Frankreichs in Beruhrung setzen konnte. Doch die Vorsehung sieht ins Verborgene, und weiss die Aufopferungen der Tugend zu lohnen. Die Aebtissin vom Kloster Sainte Genevieve sah die kleine Blansche, nahm sie zu sich, und erzog sie in Demuth und Weisheit bis zu diesem Tag.

Alonzo ward es nicht mude, auf verschiedene Fragen und Wendungen fast immer mit denselben Phrasen, dieselben Antworten zu horen. Die Sprache, die geschwatzige Beredsamkeit, das narcissartige Selbstbespiegeln, beaugeln und belehren, schien ihm nicht mehr lastig! Er hatte sich in die Weise hineinsingen lassen, sie war ihm schon nicht mehr fremd, er fuhlte sich sogar nie gemachlicher, nie entfernter von Streit und Ungleichheit, als wenn die veralteten Redensarten so schnarrlend an ihm hinleierten und jeder mahnende Aufschwung der Phantasie vor dem Passschritt eingefugter Alltaglichkeit unterduckte. Armand kam ihm ganz gescheut vor, er erinnerte ihn an alles, was ihm die feinere franzosische Welt gezeigt, die Bluthe geselligen und litterarischen Witzes von Frau von Sevigne. an bis auf den heutigen Tag gelehrt hatte. Die Bildungsfahigkeit der Individuen fiel ihm zum erstenmale auf, er bemerkte, dass wenn man Armands Erzahlungen Wort fur Wort aufschriebe, und sie in irgend einem franzosischen Roman einschalten wollte, man just kein Buch dadurch verschlechtern wurde.

Der gute, redselige Alte ward es denn auch nicht mude die Conversation zu machen, und Alonzo durch Garten und Haus umherfuhrend, das Geringfugige und Gewohnliche so zu erklaren, so umstandlich zu entwickeln und dergestalt als Ausserordentliches hinzustellen, dass jener oftmals irre an sich selber ward und nicht wusste, ob er auch wirklich jemals etwas Aehnliches sahe. Doch in so fern nur irgend eine Beziehung auf Blansche zu entdecken war, folgte Alonzo der weitschweifigen Anekdotenkramerei und Erklarungssucht wie ein gebundener Lowe, ohne Widerstreben.

Einst traten sie in eine schmale staubige Gallerie. Unter mehreren leer gewordenen Feldern hingen hin und her vergelbte Familienbilder, meist verzeichnet, unschon, in steifen, gezwangten Stellungen, den Tapetenfiguren ahnlich. Ganz im Schatten, aus dichtem Spinnengewebe, wie durch einen Schleier sah ein hubsches, blondes Gesichtchen auf die Beschauer nieder. Alonzo glaubte Blansche im veralteten Putz zu sehen. Armand auf seine Blicke aufmerksam, war sogleich auf einem Stuhl gestiegen und fuhr mit einem Tuch reinigend uber das Bild. Eine junge Dame stand unter sehr hellem Himmel, und liess mit der einen Hand einen Schmetterling aufwarts fliegen, wahrend sie mit der andern den braunlichen Carmelitermantel uber die Schultern hing. Waren Minen und Geberden gleich etwas peinlich und geziert, so war doch Seele in dem Gedanken und ein wehmuthiger Anklang, der Alonzo blitzesschnell traf. Die Herzogin von la Valliere, sagte Armand erklarend, sie war Frau von Saint Alban mutterlicher Seits verwandt. Die schone la Valliere rief Alonzo, das demuthige Veilchen! Sie starb im Kloster, fiel jener ein. Ich weiss, entgegnete Alonzo gedankenvoll. Du fruh gebrochenes Herz, sagte er gegen das Bild gewandt, die Welt hat dich zertreten, verworfen, aber du lebst in jeder fuhlenden Seele fort. Sie ward selig gesprochen, unterbrach ihn Armand mit Erhebung. Sie hatte dreissig Jahr gebusst, und war nun mit der Welt fertig. War mit der Welt fertig, wiederholte Alonzo, wer das sagen konnte! Und doch vergessen, doch in staubige Winkel geworfen! Er schuttelte Armand die Hand und schlich ganz aufgestort und tiefsinnig durch den Garten, in Willens nach Hause zu gehen. Doch wie er sich aus den Buchenhecken wendend, nun den Ruckweg antreten wollte, sahe er des Herzogs Wagen zu dem Eisengatter hineinbiegen. Er war im Begriff ihm nachzueilen. Doch besann er sich. Es fiel ihm ein, dass sein plotzlicher Anblick wohl die kaum beruhigten Gemuther storen konne. Er sagte sich das zuerst, wie man sich wohl aus schicklicher Ruksicht an etwas Hinderndes erinnert, allein kaum hatte er es ausgesprochen, so erschrak er auch auf das heftigste vor dem entsetzlichen Gedanken. Ja, ja, rief er, mein Anblick wird sie storen, muss sie ewig storen! wie ein Gespenst werde ich zwischen ihre fromme Ergebung treten, werde die ungeheure Pflicht mir verzeihen zu mussen, in die zuruckgezogene Herzen drucken. Unter Eisesschauern, scheu, in Todesangst werden sie mir gegenuber stehn. Kann ich den Schmerzesstachel aus ihrer Seele ziehn, kann ich das Geschehene ungeschehen machen? Wie soll die Mutter mir vergeben! Sie dachte es wohl, da das Ungluck ihr so fern schien, jetzt aber! Blansche und du? wirst du hassen und lieben zugleich! Ach Gott! was die Ruhrung, was des offnen Grabes Stimme Dir aus dem Herzen riss, was Du bewegt verhiessest, es ist auch wohl jetzt verklungen. Der stumme Schmerz verschliesst dir nun die Welt, du bist ernst und ruhig; von da zur Kalte und Strenge ist nur ein Schritt! Verdammen wird deine Engelsmilde mich just nicht, doch abwehren, zuruckdrangen wirst du den feindlichen Storer!

Er ging heftig in den dunkeln Schattengangen auf und ab. Die Nacht war wolkig und kuhl, durch die Fenster sah er Licht, nur am Gartensaale hin war alles verschlossen, vor der Glasthure war noch eine aussere holzerne angelehnt, breite eiserne Querstangen lagen wie Riegel daruber. Hier, dachte Alonzo, hier trugen sie den Sarg hinaus zwischen den Blumen hin! alle rauschten und klagten uber das fruh gebrochene Leben! Er sahe den Leichenzug, den bleichen Kerzenschein, der Blumen wunderliches Wanken. Zufallig stiess der Wind gegen die Thur, sie bebte zwischen den Eisenklammern, ihm war als falle sie jetzt erst zu. Gruft und Gewolbe und des Todes dunkle Angst zog durch seine Sinne. Er blieb vor der Thure stehen. Alles ausgestorben, rief er! und durch dich Ungluckseliger! Das war der namenlose Druck, die Pein, die mich hier in Frankreich folterte. Der Hass, der Freiheitsdurst war es nicht allein! Das stolze Herz verlangte nach den grossen Worten, es konnte nichts die heisse Brust fullen, die unbestimmte Angst wollte einen Namen haben. Darum befeindete ich das arme, verblendete Volk und dich, du lieber verfuhrter Jungling! So hamisch riss mich mein Geschick in den Abgrund. Ich hatte dich versteh'n sollen! der Vorschmack dieser Hollenqualen der lag mir in der Seele!

Hier klopfte es leise auf seine Schulter. Er fuhr rasch zuruck. Jesus! mein Erloser rief er, das Kreutz schlagend. Ihm war nicht anders, als sehe er Turgis vor sich steh'n. Was erschrecken Sie nur so heftig, rief eine bekannte Stimme fast unter gleichen Schauern bebend! Sind Sie es Philipp, sagte Alonzo etwas beschamt. Ja, entgegnete dieser, zutraulich seine Hand fassend, ich komme fur einige Tage Abschied zu nehmen. Alonzo konnte sich noch nicht recht von dem gehabten Schreck erholen, er betrachtete ihn ganz verwirrt. Philipp war in einen weissen Beutemantel gewickelt, das kleine Barett lag nachlassig auf die dunkeln Locken, so dass diese hervorquillend die Stirn beschatteten und vom Nachthauch bewegt, einen unkenntlich machenden Schein aufs Gesicht warfen. Ich werde, sagte er, jenen durch seine Stimme beruhigend, noch in dieser Nacht von hier in Auftragen versandt. Ich denke es ist das letzte Geschaft der Art, was mir uberkommt. Morgen wird der Friede unterzeichnet, ich fodre dann meinen Abschied. Er kann mir nicht entstehn. Bis dahin bleibe ich bei meinem Regimente. Doch sobald ich frei bin, kehre ich noch einmal zuruck, um alsdann von hier meinen Weg nach Rom zu nehmen. Nach Rom, wiederholte Alonzo gedankenvoll. Meine ganze Seele, fuhr jener fort, durstet danach. Haben Sie nicht gelesen, wie der heilige Vater, auf dem Altane stehend, den Segen austheilte und das Weihwasser mild traufelnd vom Himmel spruhete? O die ewige Liebe weiss es, wieviel tausend Wunden jetzt an diesem Balsam heilen mussen! Sein herrliches Auge glanzte wie ein milder Stern im Dunkeln. Alonzo fuhlte sich leise erschuttert. Glauben Sie mir, fuhr Philipp fort, wir leben in einer dreisten, kuhnen Zeit, die tiefsinnigsten Wunder werden herausgerissen, ans Licht geworfen, beklugelt, besprochen. Alle wollen alles wissen, es thut uns Noth, dass wir uns in Demuth zuruckziehn und still und heimlich werden. Die Luft hier ist trocken und kuhl, sie wirft einen fahlen Staub auf das Mysterium des Lebens. Wir halten den blassen Nebel fur Licht und wenden das Auge bequem ohne Blendung hier hin und dorthin, und bleiben doch immer auf dem alten Fleck. Vor jener Sonne aber reisst das Netz, wir werden erschrecken und das eben brauchen wir. Sie gingen schweigend weiter. Vor Alonzos Wohnung standen sie noch einen Augenblick. Sie kommen also gewiss wieder, fragte Alonzo? gewiss, erwiederte Philipp, doch meines Bleibens darf hier nur kurz sein. Auch Sie, setzte er hinzu, thun wohl bald von hier fortzukommen. Alonzo druckte verlegen seine Hand. Der Kampf, sagte Philipp ernst, ist kein Ungluck, wohl aber die Beschwichtigung. Nichts ist dem Menschen so gefahrlich als sich mit dem aussohnen, was ihm feindlich entgegenstehen soll, und Frevel wird es, alles Hohe und Herrliche der Seele augenblicklichen Beziehungen unterwerfen, und denken zu wollen, man sei eben nicht grosser als das Herz es wolle. Sein Blick flammte, des Geistes fromme Erleuchtung hob ihn uber sich selbst hinaus, heftig druckte er den Freund an seine Brust, Gott verlasse Sie nicht, rief er, und eilte dann fort zu seinem Geschaft.

Alonzo sah ihm nach. Ob es Philipp, ob es ein Bote des Himmels, der eben geredet, war, er wusste es nicht, sein Herz bebte, er wollte ihm folgen, doch trostlich war es ihm zugleich, dass er ihn nun nicht mehr erreichen konnte.

Dreizehntes Kapitel

Alonzo erfuhr bald, dass Frau von Saint Alban mit ihrer Tochter im Kloster Sainte Genevieve sei und dort die stille Trauerzeit zuzubringen denke. Er war noch in den bangsten Zweifeln, ob er sie dort aufsuchen durfe als eine Einladung der liebenswurdigen Frau ihn schnell uber alle Unsicherheit hinaushob. Sie schrieb ihm:

Mein armer junger Freund. Ich muss Sie sehen, wir gehoren von nun an zusammen, das Ungluck verbindet uns; denn mein Gott! wie unglucklich mussen Sie jetzt sein! Ich habe alle die Zeit mit wahrem Schmerz an Sie gedacht. Und ich Alonzo ich? denken Sie nicht, dass Sie mein Gefuhl begreifen, dass Sie es nur entfernt ahnden konnen! Wie ich an dem furchterlichen Tage die Augen aufschlug! wie es Nacht war und Nacht blieb, wie es an meinem Herzen riss und ich es mit aller Lebenskraft halten wollte! Es ist gescheh'n, es ist vorbei! Das Herz ist mir aus der Brust gefallen, sie ist seitdem ganz hohl und leer, nur Blansches Bild schwankt noch drin umher. Das arme Kind! sie lernt so fruhe weinen! Die Augen sind ihr so trube, die Wangen so bleich, matt und krank die Stimme, der Gang langsam und schleppend. Ich sahe das mit neuen Sorgen, aber ich habe noch keine Kraft zur Angst, wie musste ich sein, um ein neues Ungluck fassen zu konnen, Sie werden das alles lesen, die Thranen werden Ihnen in die Augen treten, Sie werden glauben mitzufuhlen! Ach mein Herr, der Schmerz der hier wuhlt, zittert nur matt in einer andern Seele wieder! Die Einbildungskraft schafft das nicht, die Natur straubt sich es vorher zu offenbaren, nur wenn das Schicksal sie beschleicht und zwingt, dann tritt sie aus aller Ordnung und wird entsetzlich!

Ich lerne jetzt die Worte recht verachten! sie beschneiden das Gefuhl, es kommt ganz eng und matt heraus. Ein Ton, ein einziger Ton! O Gott, was sagt der nicht! Zuweilen, wenn es mich so befallt, das Namenlose mich packt, ich in der Angst die Hande krampfhaft zusammenpresse, und ein Schrei aus meiner Brust dringt, dann beben selbst der Engel Seelen, die Heiligen weinen, und Menschen ahnden, was ein Mutterherz spaltet und zerbricht!

Alonzo, der graue Mantel ist nun doch niedergefallen! sie haben ihm das liebe Gesicht verhullt. Das schwere Kleid liegt auf ihm. Vielleicht erbarmt sich der Fruhling und streuet leichte Blumen darauf.

Wie ich sonst wohl sein Bett sorgsam zurecht legte, jedes Faltchen aus den Tuchern strich, die Vorhange zuzog, Luft und Zug abwehrte, so hute ich nun sein Grab, pflanze und begiesse und spiele Leben, aber kein Auge dankt mir, keine Lippe offnet sich nicht mehr!

Ich hatte unrecht vor Ihnen so zu klagen? Nein, nein, Sie durfen es horen, Ihre Seele ist rein von aller Schuld, das schwore ich! Aber auch seine? nicht wahr Alonzo, auch er ist gereinigt?

"Gott weiss es, ich liebe Sie jetzt mehr als sonst. Sie sind mir ein schmerzliches Andenken; und der Schmerz thut mir so wohl! Kommen Sie denn mein truber, armer Freund. Ich erwarte Sie."

Es bedurfte der herzerschutternden Worte nicht, um Alonzos ganzes Wesen gefangen zu nehmen. Er hatte ja schon lange keinen andern Wunsch, keinen andern Gedanken mehr. Das Ungluck, was er uber diese Familie gebracht, erschien ihm so ungeheuer, dass sein Leben nicht hinreichte es auszugleichen. Von jetzt kannte er keine andre Pflicht als die Thranen zu trocknen, die er ausgepresst. Er hielt sich dazu fur berufen. Umsonst hatte ihn das Verhangniss nicht so wunderbar gestellt.

Kaum hatte er die letzte Zeile gelesen, so flog er zu Frau von Saint Alban. Sie schrie laut als sie ihn sahe. Er sturzte zu ihren Fussen, er druckte ihre Hande an seine Brust, seine Augen lagen bittend auf den ihrigen. Sie weinte ohne ein Wort hervorbringen zu konnen, doch ihm unter den Thranen freundlich zulachelnd, war sie bemuht, Friede in das allzubewegte Herz zu giessen. Blansche stand in grosser Anstrengung abwarts. Mit der einen Hand das herabhangende Batisttuch haltend, stemmte sie sich gegen ein Tischchen, die andre spielte in einer neben ihr stehenden Cypressenstaude. Ohne Verruckung der ruhig klaren Zuge, flossen die Thranen perlend uber ihre Wangen, die Augen senkten sich zur Erde, ein bleiches Roth flog an sie hin, als sie schuchtern aufsehend, Alonzos ruhrenden Blicken begegnete. Er sahe sie leicht beben. Das war der Strahl, so fuhlte er, der ihre Seelen auf ewig vermahlte.

Frau von Saint Alban hatte sich schnell gefasst. Sie zeigte sich ruhiger als es Alonzo erwarten durfte. Mit unaussprechlicher Gute hob sie ihn vom Boden auf, hiess sie ihn neben ihr sitzen. Alles Liebkosende und Susse ihrer Stimme wandte sie an, um jede Scheu, jede Besorgniss aus seiner Seele zu wischen. Wie sie nun so herzlich bemuhet war, ihn zu beruhigen und der dustere Zweifel doch nicht von seiner Stirn weichen wollte, sagte sie: denken Sie nicht, dass es anders in mir sei, wenn ich Sie nicht sehe. Ich habe eine sehr lebhafte Vorstellung von den Leidenschaften der Menschen, und wie sie aneinander gerathend das Unerhorteste erzeugen. In ruhigen Stunden liegt der Grund von den Ereignissen, die mich am hartesten treffen, ganz unumwunden vor mir, ich gewinne eine Einsicht und werde stiller und ergebener in dem, was einmal so kommen musste. Man beschuldigt die Frauen, es komme bei ihnen alles darauf an, eine Ursach, eine Veranlassung auffinden zu konnen, wenn sie sagen durfen, d a s ist es, d a h e r kam es, so sind sie fertig in sich, der Erfolg moge dann sein, welcher er wolle. Ich weiss es nicht, ob die Befriedigung mussiger Neugier das Herz stillen konne, doch leugnen werde ich es nicht, dass, was einmal in nothwendiger Folge vor mir entsteht und wird, aufhort mich wie ein Gespenst mit verstorendem Sinn und Geist umhullenden Schauder zu erfullen. Die helle, freiwillige Ergebung in dem Unabwendbaren ist mir eigen, ist den Frauen uberhaupt so nothwendig. Wir konnen so wenig thun, wir mussen so viel leiden! wie kamen wir nur mit uns selbst zurecht, wie bewahrten wir die Duldung und Liebe, wenn ein eingebohrner Sinn nicht von selbst Dinge und Gefuhle zu ordnen wusste? Ich habe es in den gepresstesten, engsten Verhaltnissen erfahren, dass man sich nur dann frei bewegt, wenn man so viel als moglich jedes an seinen Platz zu stellen vermag. Ich weiss Sie zu stellen, Alonzo, auch meinen Turgis. Glauben Sie mir, ich kenne die ewige Ausgleicherin Zeit. Frankreich hat uber seine Krafte hinausgegriffen, es hat sich uberlebt, es ist welk und matt geworden. Ihm geht es wie jener Coquette, die taglich roth trug, und es nicht begreifen konnte, dass einmal der Tag kam, wo sie aufhoren musste, da sie es erst gestern und vorgestern that. Der Aufenthalt im Auslande hat mich uber vieles belehrt. Wir passen nicht unter die junge Welt, glauben Sie, ich fuhle das, und ohne zu wissen, was mit uns werden solle, begreife ich doch jeden Widerstreit.

Frau von Saint Alban kam von hier auf das wechselnde Ungluck ihres Vaterlandes zu reden, und was seit Jahrzehnte an ihm gepresst und gezehrt hatte. Sie verweilte mit Theilnahme bei allem Schonen und Erwunschten, was es zum Lebensgenusse biete. Mehr und mehr erreichte sie sich uber sein trubes Geschick. Die Demuthigung, welche es erfahren, schmerzte sie tief, der Unwille gegen die Verbundete blitzte unwillkuhrlich auf, sie tadelte diese niemals, aber sie lobte das Eigenthumliche franzosischer Nationalitat mit warmer, eingeborner Partheilichkeit, und konnte sich nicht enthalten zu sagen, das jugendlich gewordene Europa solle in seinem aufstrebenden Stolze nicht vergessen, dass es lange in franzosischer Schule ging, man konne nicht immer angeben, welchen Rutzen man von diesem oder jenem Unterricht gezogen, es solle sich nicht durch unbilliges Herabwurdigen selbst beflecken. Wenn sie gleich der Verderbtheit nicht das Wort reden, und schreiende Thatsachen entschuldigen wollte, so sahe sie diese doch mehr in den Zeitumstanden, in der Form zufalliger Gestaltung als in den verschlammten Wust vergifteter Lebenskraft begrundet. Und prophezeihete sie auch noch viel unsagliches Unheil fur Frankreich, so ahndete sie doch sein phonixartiges Vergnugen und das beschamte Anerkennen ungerechter Feinde. Ein lebhafter Sinn steigerte den Streit in ihrer Brust, bis sie, nicht mehr ausreichend, in matte Wehmuth verfiel. Die Verganglichkeit, der Wechsel alles irdischen Lebens trat ausgleichend vor sie hin, sie ward stiller und weinte viel.

Alonzo fuhlte sich beengt. Es war das erstemal, dass zwischen ihnen Nationalverschiedenheiten beruhrt, gerugt wurden. Frau von Saint Alban in allen ihren Gefuhlen aufgelost, sprach sich rucksichtslos aus, die Worte reiheten sich unberechnet aneinander und rollten eines durch das andre fortgezogen, in der Fluth unvereinbarer Empfindungen weiter. Endlich stand sie auf und ging in ein Nebenzimmer, wo sie unter vielen Papieren kramte und ordnete. Auch sie also! dachte Alonzo, auch sie kann den Stolz und die Herbigkeit nicht verleugnen, wie gerecht sie auch zu sein denkt. Er naherte sich Blansche. Sie war an das Fenster getreten. Errothend gab sie es zu, dass er ihre Hand fasse. Blansche, fragte er leise, wenn Sie in dieser Zeit an mich dachten, wie erschien Ihnen mein Bild? Haben Sie es in keinem Augenblick mit Schmerz und Unwillen zuruckgedrangt? Haben Sie nie den Unglucklichen verwunscht, der zu Ihrer Qual Frankreichs Boden betrat? Meine Seele, erwiederte Blansche still gefasst, weiss nichts von der wusten Qual, die Sie in mir voraussetzen. Ich habe recht friedlich und wie zum Trost in den letzten Stunden an Sie gedacht. Ich wusste Sie voll Theilnahme und Mitgefuhl, Ihr Andenken ist ganz rein und ungetrubt in mir.

Das Fenster war offen, sie sahen uber die Klostermauern in das weite Feld. Volle Kornahren wogten im gluhenden Abendroth wie ein leise wallendes Meer, die Sonne warf scheidend die scharfsten blendensten Lichter zuruck, Blansche stand ganz glanzend wie verklart neben Alonzo. Unwillkuhrlich sank er vor ihr nieder und mit den heissen Lippen die Falten ihres Kleides beruhrend, rief er, heiliger Engel! sage, dass du mich nicht verwirfst, dass du das Opfer meines Lebens annimmst! Blansche faltete die Hande, druckte sie gegen die Brust und die Augen zum Himmel gehoben, sagte sie, Gott willst du ein Opfer, nimm mich, lass ihn schuldlos, den Frieden seiner Seele unangefochten! Sie senkte das Gesicht in beide Hande, und blieb einige Sekunden still, drauf sich zu Alonzo wendend und ihn sanft vom Boden aufhebend, fuhr sie zutraulich fort: mein Freund, ich weiss wenig von der Welt, ihre Verhaltnisse sind mir meist unverstandlich und was sich dunkel und verworren um mich her getrieben, macht mich nicht begierig mehr zu erfahren. Was das Leben von mir fodern wird, es wird es mir ja sagen; ich will es gefasst erwarten. Was aber in mir lebt, Sie haben den stillen Gedanken Worte gegeben, ich hege keine Scheu es auszusprechen, ja Alonzo, in mir lebt Ihr Bild, es hat mein ganzes Herz genommen, und ich widerstehe der sanften Gewalt nicht. Geht es Ihnen auch so, so lassen Sie uns in dem innern, geheim gehaltenen Verkehr begluckt und heiter sein, vertrauen Sie Gott, lassen Sie das Uebrige kommen, noch weiss ich gewiss, ist die Stunde nicht da, wo die Welt, wo ein Mensch ausser uns darum wissen darf. Alonzo wagte nicht zu sprechen, sie anzuruhren, seine ganze Seele war in ihr, doch Wort und Bewegung schien ihm zu roh, zu kuhn fur dies durchsichtig helle Wesen, ihre Blicke flossen lautlos in einander, die Lippen verschlossen den allzudreisten Klang.

Frau von Saint Alban war wieder hineingetreten. Sie fand Alonzo gedankenvoll, ohne Worte. Freundlich, mit hochst liebenswurdiger Beschamung, die Hand auf seine Schulter gelegt, sagte sie: hat mein rasches Gefuhl Sie vorher beleidigt, armer Freund? Ich habe es schon langst vergessen, dass Sie nicht immer zu uns gehorten, wollen Sie, dass ich Worte und Gefuhl beherrschend, mich absichtlich daran erinnern soll? Alonzo war viel zu bewegt, um an irgend etwas ausser Blansche und an sein Gluck zu denken. Mein Gott, entgegnete er zerstreut, ich glaube, es ist uberall Friede, im Himmel und auf Erden, was bleibt uns noch zu wunschen ubrig? Freilich, sagte Frau von Saint Alban, Sie haben wohl recht, man ist lange nicht durchdrungen, lange nicht entzuckt genug uber diese Himmelsgabe! Aber so ist das Herz, niemals gnugt ihm das Eine, das Hochste, es zieht sich muhsam herab in den Streit hinein, es kann nicht Ruhe halten. Nun, Alonzo, nicht wahr, wir streiten nicht mit einander? Nein, gewiss nicht, gnadige Frau, rief er hastig, bei Ihnen ist Liebe und Gute und eine Welt voll Gluck. Er war im Begriff mehr zu sagen, Blansche sah ihn warnend an. Frau von Saint Alban war wieder mit sich selbst Eins und uber das Vergangene beruhigt. Alonzo allein wusste nirgend hin mit dem gedrangten Herzen, wie im Taumel redete er lebhaft und confus, kusste mit immer wachsender Innigkeit verschiedentlich Frau von Saint Alban die Hand und rettete endlich die uberstromende Leidenschaft vor allzu bedrohlichem Ausbruch durch fruhes Entfernen.

Vierzehntes Kapitel

Es war gescheh'n, der Bund war geschlossen. Was Alonzo noch vor wenigen Wochen ein frecher Spott uber sich selbst geschienen hatte, war Schritt vor Schritt heraufgedrungen, hatte sich Bahn gemacht, stand ausgesprochen vor ihm, und hatte seine Gewalt uber ein andres Wesen ausgestreckt, das zu ihm gehorte, das von nun an Pflicht und Ehre an sein Herz legten, das er nicht mehr lassen konnte.

Er erwachte des folgenden Morgens etwas schuchtern, ohne rechtes Vertrauen zu seinem Gluck, zu sich selbst. Sein Stolz war geknickt, er verhullte sich in den Zweifel an menschliche Kraft uberhaupt. Er fing an, der Nothwendigkeit ein furchtbares Recht uber That und Gedanken einzuraumen und sahe mit Unsicherheit dem fortrollenden Rade der Zeit kein Ziel.

Philipp hatte ihm einen Theil seiner Sachen zum Aufbewahren zuruckgelassen. Auch das unvollendet gebliebene Bild. Es stand auf einem Tischchen, die Ruckseite nach aussen, gegen die Wand gelehnt. Alonzo hatte es schon mehrere male betrachtet, und immer wieder mit einiger Unruhe abwarts gestellt. Unausgefuhrte Gemahlde haben stets etwas schauerlich Ruhrendes. Das unerschaffene Geheimniss liegt noch wie ein Schleier daruber, das ausgesprochene Leben hat kein Recht daran. Dies Bild ganz besonders sah wie ein Geisterhauch aus der dunkeln Traumwelt heruber. Alonzo ward immer bewegter, je ofter und langer er es ansah. So ist es, rief er sehr erschuttert, so ist es, aufwarts rufst du den Blick, unter dir, auf der trub bewegten Welle ist nicht Halt, nicht Raum fur des Menschenfuss. Das steile Ufer, der kahle Strand, alles glatt und schroff und zuruckweisend, nirgend wo der Mensch dem Menschen begegnen mag! O lage ich, wo Turgis liegt, wir waren wohl weniger getrennt! Weisses Nachtwolkchen mit den blendenden Schmetterlings-Schwingen weisest du dahin? Mahntest du nicht umsonst, bleicher warnender Todtenvogel? Er setzte das Bild schweigend an seine Stelle, und den bangen Druck im Innern los zu werden, ging er, sich an Aeusserem zerstreuend, in die Stadt umher.

Der Friede war bekannt gemacht, der Abmarsch der Truppen bestimmt. Die Freude der Franzosen gewann mehr und mehr ein ubermuthiges Gesicht. Des rettenden Schutzes uneingedenk, die lastigen Mahner armen Unvermogens verwunschend, blaheten sich aufs neue viele in Eitelkeit und Hochmuth. Was man nicht ungeschehen machen konnte, wollte man doch wenigstens lacherlich machen. Vertrauen, Massigung, ritterliche Treue, alles ward durch solche verhohnt, die mit behender Gewandheit, mit gespanntem Scharfsinn uber alles jenes hinaus ein einziges Gesetz ubten und ehrten, die es sich taglich zuriefen: Zugle das Gefuhl, nutze den Vortheil der Gegenwart, deren rasche, auf Aeusseres gestellte und geschliffene Fertigkeit tausendmal die Arg- und Harmlosen uberlistet, tausendmal in Unbedeutendem den Sieg uber sie davon getragen hatten. Deutsche und Russen hoben den Kopf stolz uber das fratzenhafte Andrangen hinaus, und wehrten muhelos, mit kaum gehobener Hand, die Pfeile ab, die man hohnisch genug in ihrem Rucken verschoss. Sie athmeten schon in Gedanken uberrheinische Luft, sie schuttelten den Staub von ihren Fussen und dankten Gott und freueten sich der Erlosung. Wie nach einem Schiffbruch der Geangstete Land sehend, dem Bruder entzuckt die Hand reicht, sie druckt und schuttelt und mit freiem Blick die Spanne misst, die ihn noch vom Ufer trennt, so traten jetzt Bekannte und Unbekannte, Stammverschiedene und Mitburger eines Landesstriches zu einander, und was die Unbekanntschaft der Sprache nicht zu sagen verstattete, das zeigten Minen und Geberden und die nach Osten winkende Hand. Jubelnd, den schlanken Leib wie zum Gruss geneigt, in dem behenden Arm die Lanze schwingend, sausten flinke Cosakken durch die Strassen und wie sie an den Franzosen voruberflogen, fuhren diese doch etwas zusammen, der Witz erstarb auf ihren Lippen, sie schluckten ihn beklemmt hinunter und verbargen geschickt das rasche Wort, bis die furchtbaren Racher Seine und Rhein hinter sich hatten.

Alonzo vergass, dass er zuruckbleiben musste. Er gesellte sich zu mehreren jungen Fremden, die frisch und froh gesinnt in dem lustigsten Behagen der uberstandenen Prufungsstunden gedachten und einander mit immer wachsender Innerlichkeit und Ruhrung die Ruckkehr in die Heimath ausmahlten. Ich kann mir kaum denken, sagte ein hubscher frischer Jungling, mit dem einnehmendsten Gesicht und den freundlichsten, herzlichsten Augen, wie es sein wird, wenn ich die liebe gute Mutter, den Grossvater, die Schwestern und alle herzensgute Menschen wiedersehen werde. Als wir uns trennten, es war eine abscheuliche Zeit, das ganze Land von feindlichen Bundesgenossen uberschwemmt, die Hauptstadt! ach ich mag gar nicht mehr daran denken! wie Gefangene, in burgerlichen Kleidern mussten wir Offiziere uns hineinschleichen, wir Preussen kennen das sonst nicht, unser Stolz ist die Uniform, mir war als musste ich den armen Sunderrock anzieh'n und ware es nicht um meine Mutter gescheh'n, mich hatten wahrhaftig nicht zehn Pferde nach Berlin gebracht. Sie war aber voller Muth, schenkte mir den Sabel hier und wie ihr die Thranen in die Augen traten, drangte sie mich selbst sanft zur Thur hinaus! wie leicht hatten wir uns niemals wiedergesehn! Bei L u t z e n war es hart dran! Sein alterer Bruder stand hinter ihm, zupfte an dem wohlgehaltenen Bart und strich einigemal uber die schongezeichneten, etwas stolzen Augenbraunen. Gottlob, sagte er, den Kopf gehoben, mit vornehmen zu ihm gehorigen Wesen, es ist niemand unter uns, der nicht leichten Herzens zuruckkehren konnte. Unser ganzer Stamm hat seinem Namen Ehre gemacht, wir sind uns in allem, auch in unserm Abscheu und Ekel gegen dies Land treu geblieben. Alonzo fuhr es durch alle Nerven. Ich fur mein Theil, fuhr jener fort, nehme noch eine Portion Widerwillen mehr nach Hause, als ich mitbrachte, und das will wahrhaftig viel sagen, denn mir kochte die Rache schon im Herzen, seit ich als Knabe in den Schulferien zum erstenmal nach Hause kommend, die unverschamten Gaste wie lastige Brumfliegen durch die Zimmer summsen horte, alle Freude war mir verdorben, ich empfand wie Knechtschaft in den kleinsten Lebensbeziehungen drucke, und schwur es einst zu rachen und habe Wort gehalten! Die Herren mochten schon damals spuren, was ihnen die heranwachsende Jugend fur ein Suppchen bereite, sie erinnerten die Mutter mit vieler Weisheit meinen Stolz zu massigen, ich hege, wie sie sagten, eine vornehme Geringschatzung gegen fremde marquante Personen, die mir spaterhin nachtheilig werden konnte. Wir haben jetzt viele von den marquanten Personen marquirt, und ich denke sie werden sich nie wieder aus ihren Granzen verlaufen. Man sage was man wolle, nahm ein Andrer das Wort, die Rache ist doch die eigentliche Suhnung der Ehre, und wir sollen nicht glauben, durch so ein zimperlich baumwollenes Wesen, unsrer Wurde gerade einen grossen Zuwachs gegeben zu haben, auf den Schlag gehort der Stich, das ist alte Sitte, also doppelte Bezahlung. Nun, ich denke, erwiederte der Erstere, schuldig sind wir ihnen just nichts geblieben. Diese Wiedervergeltung ist denn aber auch nachst dem befreieten Bewusstsein, das einzig kraftige wahrhafte Gefuhl, was man hier haben konnte. In meinem ganzen Leben ist es noch nicht so leer und schal in mir gewesen als hier. Die Luft ist ansteckend, es ist gut dass wir sie gekostet haben, wir werden davon zu sagen wissen. Hoffentlich wird sich die narrische Wuth nach Frankreich und Paris zu reisen, bei Kind und Kindeskind gelegt haben. Was ist denn auch Grossartiges, Hohes und Heiliges ehemals von hier aus auf Europa ubergegangen? Welche Ausbeute gewann der franzosirte Auslander? Liederlichen Witz, schlaffe und flache Philosophie, engherzige Moral und ausgeartete Beredsamkeit, das waren die Schatze, an denen er den eingebornen Reichthum setzte. Und denke niemand, man konne so ungestraft aus sich herausgehen, wie zum Spiele, das Eine thun, das Andre nicht lassen, das ist nichts, entweder warm oder kalt Gott haben oder nicht, dazwischen giebt's kein drittes.

Alonzo stand wie auf Kohlen. So hatte er ja auch gedacht, eben so empfunden, so lange er sich dem Ungleichartigen entgegenstellend, Sitte und Sinnesart und Menschen aus der Ferne an sich vorbeigehen liess, das war die unbewundene Strenge, die noch kein vermittelndes Element mildern konnte. Alles was der hochherzige Jungling im gerechten Unwillen sagte, hatte ihn ja auch tausendmal durchzuckt, seinen Zorn entflammt und tiefe, unbezwingliche Verachtung in seine Seele gelegt. Und nichts war anders geworden, alles noch heute so wahr und doch sein Gefuhl so himmelweit verschieden! Wenn Hass eine Strafe unserer Sunden ist, dachte er, womit, Ewiger, habe ich es verdient, dass ich lieben durfte, wo Andre das emporte Herz abwenden. Er erschrak uber die dreiste Frage, und sahe schuchtern und verlegen, als habe ein Mensch in sein Innres gelesen, im Kreise umher. Nicht weit von ihm stand ein fein gebaueter, sehr schlanker Offizier, das helle Haar lag schlicht und kurz an beiden Seiten der Schlafe, reine blaue Augen sahen bescheiden und mehr im sinnigen Nachdenken mit sich als Andern beschaftigt, vor sich nieder, sein Gesicht war kurz, fast kindlich gerundet, die Zuge klein. Er hatte noch wenig geredet, seine Freude, dies Land zu verlassen, schien still und bestimmt. Das Widerwartige lag schon weit hinter ihm. Jetzt zog er aus einer grunen Saffiantasche ein kleines Buch, er hielt es behend und sauber, der Deckel war von mattem Golde, auf der einen Seite sahe man die Verkundigung, auf der andern die Verklarung sehr sauber in Oel gemalt. Er blies fast angstlich die anfliegenden Staubchen ab, offnete es und zu einem nahe stehenden Freunde gewandt, sagte er mit angenehm nordischem Organ: der Kreis wird nun bald geschlossen sein, wer weiss welche Blume die Endpunkte des Kranzes verbindet. Nur keine franzosische Immortelle, entgegnete sein Nachbar lachelnd, er hielt den Finger, ohne das Blatt zu beruhren, gegen die aufgeschlagene Seite des Buches. Nicht doch! rief jener fast unwillig, du weisst ja, dies alles sind die Bluthen eines Jahres, soll das schone franzosische Madchen nicht auch ihren Platz finden durfen? Auf dem feinen, fast listigen Gesicht des Andern, spielte unaufhorlich neckender Muthwille, o ja, erwiederte er unbefangen, da kann sie recht schon stehn, sie nimmt just keiner bessern den Raum weg, und es ist auch um des Contrastes willen gut. Was diese Lippen ubrigens fur eine Sprache reden, fuhr er fort, eine leicht entworfene Zeichnung betrachtend, ist doch wirklich keine Frage, man sieht das krause Gelispel aus dem zugekniffenem, nur in der Mitte spitz geoffnetem Munde, kann da wohl ein herzliches Wort heraus? Er hatte dies Letztere in franzosischer Sprache, zu Alenzo gewendet, gesagt, der es hochst verlegen, unter fliegendem Errothen bejahte. Dieser suchte indess die innere Bewegung unter einer ausseren zu verbergen, indem er angelegentlich auf die vorgehaltene Zeichnung sahe, und sie in allen ihren Theilen zu studiren schien. Der Besitzer des kleinen Buches schlug gefallig noch einige andere Blatter um, und vergonnte Alonzo in das zarteste Bluthennez kindlicher, unendlich sinnvoller Gedankenspiele hineinzusehen. Hier, sagte er, hat alles was in dieser unermesslichen Zeit im tiefsten Schmerz, in der reinsten Freude meine Seele durchzog, was Freundschaft mir gegeben, was Liebe mich ahnden liess, duftige, traumartige Gestalt gewonnen, der Hauch, der von diesen Bildern wehet, denke ich, soll mein ganzes Leben erfrischen. Alonzo blatterte in dem Arabeskengedicht, Blumenkelche schlossen sich auf, helle Menschengesichter sahen aus dem geheimnissvollen Blatterkragen hervor, kuhne Heldensanger auf fliegendem Pferde Regenbogenbrucke ersturmend, ernste Schlachtscenen, tiefsinnige, trauernde Liebe, Engelskopfe aus Passionsblumen, unverbruchlicher Treue fester Bund, alles rankte sich phantastisch an Erlebtem und Gedachtem hin. Was eine treu bewahrte Seele in demuthigen Schauern hier geahndet, es war auch Liebe, freundliche allumfangende Engelsliebe, nirgend ein Zwiespalt, nirgend Kampf, keine Spur von unausreichendem Weltsinn, das ganze verderbte Frankreich war so rein an der unbefleckten Einbildungskraft hingegangen, nichts als das zarte Madgenbild fiel in die Erinnerung zuruck. Alonzo schloss beschamt das Buch, er gab es dem stillen Jungling wieder, ohne seinen Blick zu suchen, die Bilder gaukelten fast angstlich vor ihm her, was sich auf so ruhiger Fluth zuruckgespiegelt, wie sollten die dunklen Wellen das bewahren?

Doch was er heut gesehen und gehort, es war nichts gegen die Qual der folgenden Tage. Alle verbundete Truppen fort, kein verwandtes gleichfuhlendes Wesen zu finden, das dreiste laute Geschrei der Eingebohrnen oben auf, kein andrer Ton in den Strassen als dieser eine! Ganz dumpf und hohl schlugen die Klange zum erstenmale wieder an sein Ohr, wie geachtet wand er sich dann umher, alles Leben schien geschwunden, die Angst der Verdammniss klemmte ihm die Brust. Ich unter diesen? fragte er sich besinnend? Er flog zu Blansche, sie war in der Messe, ihre Mutter unwohl, verstimmt, der Aufenthalt im Kloster fing an diese zu drucken, die Einsamkeit machte sie schwer, alles haftete an ihr, sie empfand ihr Ungluck mit ungekannter Herbigkeit, gleichwohl war der Entschluss hier einige Zeit zu verleben, einmal ausgesprochen, ohne Unanstandigkeit war daran nichts zu andern, so suchte sie denn ihren Kreis zu erweitern, sie war sich das schuldig, sie zog ihre Freunde herbei. Zum erstenmale fand Alonzo mehrere, bis jetzt ungekannte Glieder der Familie bei Frau von Saint Alban versammelt. Die fremden Gesichter fielen ihm unangenehm auf. Man empfing ihn ziemlich leichthin, das Gesprach ward wie es war, fortgesetzt, ohne ihm das Wort zu gonnen. Man redete schnell und fluchtig durcheinander, die Verhaltnisse Frankreichs wurden auf unangenehme anmassende Weise beruhrt, der Fremden mit Bosheit und ublen Willen gedacht. Frau von Saint Alban wollte einlenken und zugleich nicht allzuviel wagen, ihr Verhaltniss zu Alonzo schien ihr in diesem Augenblick misslich. Eine Dame, welche man die Marschallin nannte, deren Witz man stillschweigend das Patent des guten Geschmackes und liebenswurdigen Muthwillens gab, machte ein hamisches Epigramm nach dem andern. Bei Gelegenheit der Deutschen rief sie: que de vertus ils me font hair! sie nannte sie les braves forces und des faiseurs de gloire oder Messieurs du grand air, wusste ihren verschiedenen Dialekt und den langfussigen weit ausgeholten Schritt ihres sublimen grammairen Franzosisch grotesk nachzuahmen, bezeichnete ihr stilles innerliches Wesen durch des manieres du fauxbourg St. Denis, verlegte die Wohnsitze der Preussen hart an die Pole, machte die Kosacken zu ihren Nachbarn und Wolfe und Baren zu ihren Feldkameraden; von den Russen sprach sie gar nicht anders als des betes qui s'abreuvent de l'air de Paris pour en donner aux habitans de Petersbourg. Doch nichts in der Welt stellte sie sich so komisch vor, als les dames de l'hopital de Berlin mit einem mal aus dem fond des boutiques de Paris ausstaffirt zu sehen. Wie, sagte sie, der ganze Einzug in diese Mauern ein Spiel war, das sie sich selbst gaben, so sind auch die Trophaen, die sie nach Hause schicken, Hauben und Bander und Schuhe, fur ihr Geld erhandelt, das emsige Mutter und Frauen karglich ersparten und das man fur unser Vergnugen pragen liess. Alonzo trat das Blut zum Herzen, die Augen rollten drohend in ihren Kreisen, er warf einen flammenden Blick auf die Dame, vor dem sie die elektrischen Spitzen ihres Witzes einzog: Moskau und Madrid, sagte er mit gezwungener Kalte, haben sich nicht gleichen Vortheils zu ruhmen, man wurde in ganz Europa das franzosische Sousstuck vergebens suchen und gleichwohl fanden wir Moskauer Silber und Shawls, Berliner Porzellan und spanische Tucher in Menge hier, ja der einzelne Eigenthumer sah oft plotzlich seinen Namen in franzosischen guten Hausern auf langst vermissten Buchern und Karten und Gerathen. Jenseit der Vogesen und Pyrenaen weiss man, wie Sie sehen, von den droits du vainceur noch zu wenig. Er war aufgestanden, verneigte sich, ohne etwas anders als das verletzte Recht, die befleckte Wahrheit, alle Foltern des gereizten Selbstgefuhls, in den tapfern Waffenbrudern zu empfinden, eilte er von hier weg in die tiefe Einsamkeit seiner entlegenen Wohnung.

Funfzehntes Kapitel

Der Aerger zitterte ihm noch lange in Herz und Gliedern. Er horte noch immer die hohnenden Worte, er sah das lachelnde, verschmitzte Gesicht; und Frau von Saint Alban hatte zu dem allem geschwiegen, sie hatte nichts versucht, um dem anwachsenden Uebermuth Einhalt zu thun, sie hatte ihm das Wort uberlassen und eben dadurch das Widerwartige, Nieauszugleichende herbeigefuhrt. Gesinnungen waren laut geworden, die bis dahin nur geahndet, unter dem Schleier zarter Schonung ihren Stachel verbargen. Jetzt war der Damm durchbrochen. Was Blut und Tod nicht vermochten, das unbezwingliche Wort hatte es fur ewig und immer angefacht. Die rasche That konnte ein dunkler Augenblick erzeugt haben, Liebe und Mitleid fuhlten sich gross im Verzeihen, wie aber der lang verkleidete Unwille das Innere schreiend auseinander riss, und das Herz des Lebens zerfleischte, da war an kein vergeben und vergessen zu denken. Die Kluft, die von jetzt zwischen Alonzo und der franzosischen Familie lag, verdeckten nicht Worte, nicht Thaten. Nur an Blansche konnte er sich noch mit seinen Gedanken wenden, sie war uber Streit und Unwillen, uber Vaterland und Welt hinaus gehoben, beziehungslos ewig Eins in seinem Herzen. Er fluchtete zu ihr, er schrieb ihr in diesen qualvollen Stunden.

"Warum meine Blansche, musste ich Sie vergeblich suchen, warum waren Sie so weit von ihrem Freunde? Ihr Auge, ihre Stimme, ihre Nahe hatte alles abgewendet! Es sollte so sein! Alles um uns her musste erst zusammenbrechen, der feindliche Hass alles untergraben, alles dunkel werden, nirgend eine Rettung, als in uns in unsrer Liebe! Ich habe das lange geahndet, jetzt ist es ja ganz unausloschlich da! Erschrecken Sie Blansche? Ich nicht. Ich habe mich nun erst ganz wieder, ich fuhle mich wie uber allen Streit hinaus. Was geht mich dies Frankreich an, was habe ich mit seinen Einwohnern zu schaffen! Nichts, in der Welt nichts! Sind Sie auch eine Burgerin Frankreichs, Blansche? O um Gottes Willen uberreden Sie sich das nicht. Sie sind es nicht, Sie durfen es nicht sein! Welches Land, welches Volk ist stolz genug, Sie sein zu nennen? Sie eine Franzosin! Wie thoricht und wie unwahr! Der Liebe gehoren Sie, das ist Ihre Heimath. Bin ich mit dieser zerfallen, Blansche? Sagen Sie das wirklich! Wie ihre stillen Zuge dies dunkle Land erhellen! wie ich bei Ihnen all' die Storungen vergass! Wird das nun anders sein? Ich weiss es, Ihre Mutter kann das nie verzeihen! Wo werde ich Sie denn wiedersehen? wann wird Ihr liebes frommes Auge Friede in meine Seele giessen? Meinen Sie etwa, ich sei nun entschlossen, Frankreich zu fliehen, Sie aufzugeben? Haben Sie denn ein Herz, Blansche und denken Sie so Entsetzliches? Nein, ich bleibe, ich werde Sie suchen, und so Gott will, finden. Kann Blansche durch die Meinung ihrer Freunde bestimmt werden? Kann irgend etwas mein Bild in Ihrem Herzen verrucken, so stand es niemals fest und dann moge es nur lieber gleich zerbrechen."

Der eben ausgesprochene Gedanke trat so lebhaft auf ihn zu, er sah ihn so entsetzlich an, dass er ganz gelahmt und erschrocken die Feder wegwarf und nun auch nicht wieder mit sich zurecht kam.

Des folgenden Tages eilte er mit jenen Zeilen zu Blansche, in der Absicht sie ihr heimlich einzuhandigen. Die kleine Scheu vor Frau von Saint Alban konnte ihn nicht zurucke halten. Im Gegentheil empfand er einigen Stolz, ihr so frei und unbekummert unter die Augen zu treten. Er traf Blansche allein. Sie schien etwas uberrascht ihn zu sehen, doch war sie nicht unruhig, noch verlegen. Er gab ihr das Blatt. Sie sah ihn gross an, an mich? fragte sie, von Ihnen? Was konnen Sie mir denn zu sagen haben, das ich so blode, so angstlich in diesem Papier einwickeln musste? Lesen Sie, bat Alonzo. Sie faltete kopfschuttelnd das Blatt auseinander, und es vor sich hinlegend, las sie, den Kopf in die Hand gestutzt, sehr langsam und genau, ohne durch irgend eine angstliche Anstrengung die Klarheit ihrer Zuge zu truben. Alonzo ging wahrend dem heftig auf und ab. Zuweilen blieb er stehen, sah sie dringend an, oder zahlte ungeduldig die ablaufenden Sekunden an der Wanduhr. Jetzt hatte sie geendigt. Sie legte das Blatt sorgfaltig in seine Falten zuruck, und verschloss es, ohne aufzusehn in dem Nahetischchen. Alonzo fasste ihre Hand. Sie sahe ihn lachelnd an; was sind Sie nur so unruhig, sagte sie mit anmuthiger Freundlichkeit. Sie thun so viel Fragen, lieber Alonzo, ich weiss nicht, wie ich das konnte, ich habe eine ausserordentliche Scheu vor dem Ausgesprochenen, lassen Sie doch dem Geheimniss, das bisher waltete, ferner seinen stillen Gang. Sie wollen mir entgehen, Blansche, unterbrach sie Alonzo hier, Sie wissen mir nichts zu antworten, Sie selber sind unsicher. Freilich, entgegnete sie leutselig, Sie konnten mich angstlich machen, ich habe Sie so nicht erwartet, ich glaubte Sie auf das Unvermeidliche gefasst, Sie sind so entzweiet mit allem, so unsicher, wo ist denn die Ueberzeugung und die Treue, die allein beglucke? Von welcher Ueberzeugung, Blansche, fiel Alonzo ein, reden Sie hier? Von der einfachsten und naturlichsten, die es giebt, von der Wahrheit des Wesens, das Sie liebend in ihrer Seele tragen, Alonzo, mein Freund, konnen Sie zweifeln und vertrauen zugleich? Sagen Sie mir, Blansche, hub Alonzo nach einigem Besinnen an, was soll ich bei so widerstrebenden Verhaltnissen fur ein Opfer von Ihrem Muthe erwarten durfen? Tauschen wir uns nicht; es ist plotzlich ein gewaltsamer Riss zu Ihren Fussen entstanden, Sie sind allein mit mir am jenseitigen Ufer, dorthin das Jugendland, die Mutter, die Freunde, Blansche, werden Sie mich nicht auch verlassen wollen? Was drangen Sie doch, rief Blansche wehmuthig, unser verborgenes Dasein so hastig in das bunte Leben hinein, und geben ihm die dreiste Figur und Sprache! Ach mein Freund, die Scheu, die ich davor habe, sagt mir, dass wir niemals aus dieser Verborgenheit hinaus sollen. Also doch! rief Alonzo heftig, Sie selbst verweisen mich zu ewigem Verstummen, zu Entsagung und Tod! Was Blansche, was denken Sie aus mir zu machen? Wollen Sie den Ueberlastigen aus Ihrer Gegenwart verbannen? Oder soll ich in verzehrender Gluth ein angstliches, peinliches Leben auf- und abwinden, ein Leben, in welchem Streit und Zorn das einzig Lebendige ist? Das einzig Lebendige? rief Blansche mit gefaltenen Handen, o Herr, mein Gott, so lehr du ihn doch, was Leben ist!

Frau von Saint Alban war herein getreten. Sie warf einen schnellen, scharfen Blick auf Blansche, der dann blitzartig an Alonzo voruberflog. Sie schien geruhrt, gereitzt, heftig und schnell wieder besonnen. Sie wusste das Gesprach am Rande der Vertraulichkeit hinzuhalten, Alonzo hatte sich just nicht zu beklagen, gleichwohl schwebte etwas Aengstigendes im Hinterhalte, was gern herauswollte, und nur der Gelegenheit ermangelte. Man wehrte diese ab, denn niemand hatte Lust es zu einer Erklarung kommen zu lassen. Frau von Saint Alban war Meisterin der Conversation, sobald Sie es wollte. Es schien, sie konne ihrer innern Bewegung plotzlich Einhalt thun. Mit Gewandtheit fasste sie jedes Aeussere an, warf es hin und wieder, und machte es in der Wechselberuhrung der Laune und des Witzes nach und nach zu etwas, das unterhielt, ohne zu beschaftigen. Alonzo vergass an ihrer Seite einen kurzen Augenblick, was seine Seele so schwer belastete, was aus der Ferne drohete, was zum Theil schon ganz nahe war. Die fluchtigen Worte wirbelten sich so leicht wie ein gefalliger Tanz an ihm hin, und stahlen seinen Beifall und sein Wohlgefallen, ohnerachtet des Disperaten ihres beiderseitigen Verhaltnisses. Zum Lachen gezwungen, vergass er leicht woruber und verlor ein paar Stunden an einem Spiel, dessen absichtlichen Gang er weit entfernt war zu ahnden. Als er endlich durch Blansches schwebenden Gang und ihr lautloses Verschwinden aufgeschreckt ward, verliess er Frau von Saint Alban etwas wust und betaubt, ohne ins Klare uber sie und sich selbst kommen zu konnen.

Auf den Strassen sang man das Couplet auf Heinrich den Vierten. Er hatte das tausend und tausendmal gehort, heute frappirten ihn die Worte angenehm. Das hochst wunderbare Gemisch von Galanterie, gutmuthiger Treuherzigkeit und neckendem Volkssinn spruhete auf eigene Weise an sein Gemuth. Er glaubte eine Einsicht in den Volkscharakter gewonnen zu haben. Der Duft frischer Jugendzeit wogte noch in dem alten Liede. Die anmuthigen Gestalten franzosischen Ritter- und Heldenthums traten hochst lebendig in ihrer feinen, jovialen Sitte in seine Erinnerung zuruck. Er glaubte noch verwandte Elemente in dem Herzog und Turgis entdecken zu konnen. Er dachte an die ritterlichen Konige, an die ruhrenden Worte Ludwig des Achtzehnten vor seinem Einzug in Paris: die Religion allein vermag mich diese Dornenkrone auf mein greises Haupt zu setzen. Er sahe das wurdig stille Angesicht, er fuhlte den Kampf und die Leiden der geweiheten Konigsfamilie, tiefe Ehrfurcht erfullte ihn. Er war milder gegen alles, was er sahe. Er ging heute in die Varietes au francois, er glaubte sein Unrecht gegen Frau von Saint Alban nicht genug abbussen zu konnen. Das reizende, ergreifende Spiel grosser Kunstler bezwang seine strenge Abneigung! Vieles ward ihm hier klar, was ihm im Leben verwirrte, die Funken originellen, treffenden Witzes spruheten fast blendend umher, der behende, fluchtige Verstand wagte die raschesten Fluge, er riss die Bewunderung um so eher fort, als niemand vor sich selbst zu besteh'n, zuruckbleiben wollte. Alonzo glaubte sich dem allem mehr und mehr verwandter, je mahnender er zur Theilnahme gezwungen ward. Er stand im Begriff noch heute an Blansche zu schreiben, sich selbst hart anzuklagen, das arme schone Herz durch Ungestum und schroffen Ernst erschreckt zu haben. Er wollte es ihr bekennen, dass er alles zu hoch und trube und gewaltsam genommen, dass er es empfinde, wie im Erkennen fremder Eigenthumlichkeit der Friede im Leben aufgehe, es schien ihm der Gedanke an Versohnung mit allem, was dem lieben Geschopf angehorte, so suss, er wollte ihr das sagen und noch vieles andre, wovon sein Herz voll war, als ihm eine Einladung des Herzogs, diesen zu Frau von Saint Alban zu begleiten, die Hoffnung gab, Blansche morgen zu sehen, und in der alten Eintracht und dem schonen, wechselseitigen Vertrauen mit ihr und ihren Freunden. Er schrieb jetzt nicht. Er dachte und malte sich die Stunden nachster Zukunft in dem Gewinn schwankender, unruhiger Leidenschaft bald lockend, bald angstigend aus, die Bilder flossen ungewiss in einander, und er musste sich zuletzt fragen, was von dem allem darfst du denn wunschen, bethortes Herz?

Sechszehntes Kapitel

Alonzo sass schon uber eine Stunde Blansche in hochster Spannung gegenuber, ohne ihr ein Wort sagen zu konnen. Unter mehrern Anwesenden war ein junger Verwandter um sie beschaftigt, in dessen leisem altfranzosischen Wesen sie sich mit der unbefangensten Heiterkeit ausnehmend zu gefallen schien. Sie nannte ihn Louis, und Frau von Saint Alban mein armer, kleiner Vetter, mit einem Ton, der die Theilnahme und das Vertrauen herzlicher Gesinnungen ganz rucksichtslos aussprach. Der junge Mann trug den Lilienorden, war von edler Familienbildung, und sachten, etwas schuchternen Manieren, die eine kleine Beimischung des Fremdartigen und Auslandischen an sich trugen. Auch war er uber dem Rhein erzogen. Der Kampf erweiterter Bildung und schmerzlich empfundener, unaustilglicher Blutsverwandtschaft hatte trube Jahre hindurch tiefe Furchen in die junge Stirn gedruckt und das reiche, dunkel wallende Haar hin und her gebleicht. Oft nach den launigsten Ausbruchen sanken seine Zuge plotzlich zusammen, es lag dann eine Trauer auf diesem Gesicht, die nicht Sehnsucht, nicht Ruckerinnerung, die Lebenserfahrung im allgemeinen so wunderbar erzeugte. Frau von Saint Alban hob ihn auf alle Weise heraus, die ubrige Familie suchte ihn mit Frankreich zu befreunden, wohin er erst seit kurzem zuruckgekehrt war, man neckte ihn und verspottete seine gemischten Sitten. Eine hubsche pikante Brunette sagte mit bedeutendem Seitenblick auf Blansche, er werde sich wohl nach und nach entgermanisiren, man erlaubte sich manche Anspielung auf sein Verhaltniss in der Familie, deren Aeltester er nach des Herzogs Tode ward. Er pflegte denn wohl mit einem komischen Seufzer, O du mein Gott! auszurufen und durch einen burlesken Gedankenspruch Spott und Laune auf etwas Anderes zu richten. Er redete etwas gepresst, die Gedanken rissen sich nur muhsam von dem Innern los, dafur gab er aber auch mit jedem Wort ein Stuck Herz in den Kauf. Frau von Saint Alban rief mal auf mal: wie gut er ist! Die kleine Brunette aber konnte sich nicht enthalten, ihn auszulachen, und die auslandischen Sonderbarkeiten und die eigne behutsame Weise, wie eines solchen, der stets anzustossen oder zu fallen denkt, aufs lebhafteste zu rugen. Sie flusterte Alonzo zu, Louis nehme sich aus wie ein altfranzosisches Bild, das man in Deutschland unter Glas und Nahmen geschoben und ihm glauben gemacht habe, es sei ein deutsches Kunstwerk. Er passe sich eben deshalb nicht recht in franzosischen Zimmern und uber dem Rhein wittere man doch auch den Franzosen in ihm. Ich mag es nicht leiden, setzte sie hinzu, wenn man sich so verschieben lasst und am Ende nirgend zu Hause ist. Deshalb hasse ich auch die meisten Nordlander, die uns zu Liebe ihre Nationalitat aufopfern, h i e r nicht geachtet und d o r t nicht verstanden, was wird aus ihnen? Gleichwohl sagte Alonzo, dem die schonen Lippen die Worte anmuthig ins Herz lachelten, steht nicht zu leugnen, dass viele Auslander durch stete Uebung eine gewisse Meisterschaft in der franzosischen Eleganz errungen haben, die doch anzuerkennen und von Ihnen, gnadige Frau, zu loben ware. Zu loben? rief sie heftig, weshalb denn? etwa weil sie auf plumpen Stelzen ungeschickt, eckig und langsam unsre freie, leichte Bewegungen einzeln und auswendig gelernt nachahmen? O ich hore sie auf zehn Meilen kommen, diese gemachten Pariser! steif, formell oder impertinent, nicht achtend wie ihnen veraltete Galanterie oder un mal appris de nos jours im Kopfe spukt, wenn so ein alter Herr mir die Reminiszenze des goldnen Zeitalters wieder auftischt und die ganze Conversation aus lauter Citaten alter bestaubter Bibliotheken besteht, dann schnappe ich nach Luft, denn der Bucherdunst schmeckt nach schwarzer Wasche, die man ausgezogen und langst weggeworfen hat.

Doch uber allen Ausdruck widerlich sind mir jene eifrigen Lehrlinge einer gewissen Schule, die kunstgerecht den Schmutz verderbter Dichter, wie die Ausspruche der Sorbonne, einstudiren und sie in Salen und Boudoirs geltend machen, die methodisch die Einbildungskraft beflecken, Mangelhaftigkeit im Leichtsinn heucheln, sich brutal in der Liebe und ungeschickt in der Treulosigkeit anstellen, kurz die durch groteske Nachaffung das Gefuhl auf alle Weise verletzen. Und sind sie denn anders, dachte Alonzo, die Originale zu diesen Copien? Verweilet man denn nicht noch am liebsten bei den verknocherten Gestalten, durch die, ruhrend genug, ein Anklang verschollener Zeit wehet? Stehet man gleich neben ihnen auf dem Grenzstein versunkener Galanterie, so spurt man doch wehmuthige Sehnsucht nach dem, wohin die letzten bleichenden Lichter unter Ludwig dem Vierzehnten zuruckweisen. Noch wagt sich die Liebe Liebe zu nennen, noch verspottet niemand den Prinzen und Helden, der in still bescheidener Demuth seiner Dame durch ein ganzes Leben huldigt, keine Zunge lastert den ehrfurchtsvollen Dienst geheimer Treue, galante Rittersitte hat noch Raum auf Erden, Henriette von England darf ohne Errothen ihr Bild auf einer Heldenbrust wissen, der Leumund schweigt, denn uneigennutzige Liebe ist noch kein Unding geworden, und tausende kennen ihr heiliges Panier. Kann das veraltete Wesen gleich nicht sonderlich mehr gefallen, so ruhrt es doch und verzeihlich wird es, mit dem Schein zu spielen, wenn man das Wesen empfindet. Doch verloren ist die Seele, die mit dem wesenlosen, giftigen Dunst heutiger Sitte liederliche Gaukeleien treibt. Er sah finster umher, Louis sass etwas abwarts, die Hand wie einen Schirm gegen die Stirn gehalten, so dass die Augen ungestort in sich hinein sehend bei Selbstgeschaffenem verweilten. Der Herzog hatte ihn einige Augenblicke beobachtet, mit Alonzo abwarts tretend, sagte er: die freie Gemeinschaft der Geister konnte ihm die leibliche Sicherheit des Daseins nicht erganzen, die man nur im Vaterlande empfindet, so innig ist der Mensch mit der Heimath verwachsen, wie thorigt daruber hinaus zu wollen! Man ist umsonst bemuhet das Ungleichartige zu verschmelzen. Der Natur widerstreben, heisst sich ewigen bittern Kampf bereiten! Wenig sind diesem gewachsen! Auch mein junger Vetter nicht! Er ist zerrissen, nicht hier, nicht dort zu Hause, und gleichwohl zieht ihn seine Vorwelt hieher. Was ist ein Dasein, mein Herr, ohne Erinnerungen? Darf der Mensch an eine Zukunft denken wollen, wenn er die Vergangenheit vernichtet?

Es schien Alonzo fast als lege der Herzog eine besondere Bedeutsamkeit in diese Worte. Was konnte er sagen wollen? hatte er in seinem Herzen gelesen? Und wollte der ruhig erfahrene Mann ihn warnend auf sich selbst zuruckfuhren? Alles kam ihm heut so absichtlich, so besonders vor. Frau von Saint Alban war von der gesuchtesten Hoflichkeit, sie wollte ihn recht eigentlich gegen ihre Familie herausheben, doch alle fruhere Innigkeit, das leichte anmuthige Vertrauen wandte sich auf Louis, fur Alonzo hatte sie nur Phrasen und achtungsvolles Bezeigen. Einmal als die Rede von einem jungen Auslander war, den man fruher in Paris gekannt und liebenswurdig gefunden hatte, sagte sie mit wegwerfender Bitterkeit, es ist ein Fremder! ich achte ihn ohne ihn zu verstehn, man versteht niemals das Fremde. Ihr Blick flog an Alonzo vorbei, er sahe sie errothen, er fuhlte, dass sie mit Absicht redete. Ihm ward sehr beklommen. Er suchte Blansche. Sie war in ein Nebenzimmer getreten und spielte gedankenvoll mit den Fingern gegen die Fensterscheiben. Was ist es, Blansche, sagte er dringend, was hier im Dunkel gahnt, was ich kommen hore? Sie wenigstens durfen mich nicht tauschen wollen. Blansche schlug die Augen zum Himmel auf. Sind Sie einig mit sich, lispelte sie leise, was angstet sie? was kann kommen, das Ihr Herz bezwange? O um Gottes willen, Wahrheit, rief er heftig, nackte, trockene Wahrheit? ich verstehe sie nicht, ich will sie nicht verstehen, diese dunkle Andeutungen! Von Ihnen will ich es horen, Blansche, Sie sollen mir es sagen, dass Sie, dass alle wortbruchig waren, dass Sie Herz und Leben zerreissen, zertreten, dass alles fruhere Luge und Possenspiel war, dass Sie das heilige Wort zurucknehmen. Blansche sahe ihn warnend an, huten Sie sich, Alonzo, sagte sie, dass Sie es nicht z u r u c k g e b e n . Sie war fort, ehe er sich besinnen konnte. Einen Augenblick darauf sahe er sie lachelnd neben Andren stehn. Sie war ihm ein Rathsel. Ihr Blick traf dann und wann bittend und beruhigend auf den seinen, er wusste ihr nicht zu antworten, seine Unruhe wuchs mit jedem Augenblick.

Frau von Saint Alban streifte im Vorubergehen an seinen Arm. Sie sahe entschuldigend zu ihm auf, sein dusteres Auge begegnete dem ihrigen. Die alte Ruhrung flog uber ihr Gesicht. Sie neigte den Kopf etwas seitwarts und mit lieblich weicher Stimme sagte sie: es muss sein, lieber Alonzo, es muss wahrhaftig sein. Sie selbst haben es so bestimmt gesagt; man schmeichelt sich immer eine Weile, aber der Irrthum halt nicht vor! Er wollte ihre Hand fassen, er wollte sie zwingen, ihm zu sagen, was sein musse? was er selbst gesagt, gethan habe? doch sie war ihm entschlupft. Man ging auseinander, der Herzog sagte gelassen: der Wagen erwartet uns. Alonzo sahe ihn betroffen an. Doch jener war schon in der Thur, er musste ihm folgen.

Sie sassen schweigend neben einander, der Wagen flog an der dunkeln Klostermauer hin. Alonzo sahe seinen Schatten, der immer langer ward und endlich zuruckzubleiben schien. Trubes Selbst, dachte er seufzend, du zerfliessest in Nacht und Traum, keine Spur bleibt von dir zuruck. Lieber Alonzo, hub der Herzog jetzt an, ich hatte fast vergessen, Ihnen zu sagen: dass Ihr Geschaft hier beendigt ist. Ihre Auftrage sind beantwortet, es liegt alles bereit, der Minister erwartet Sie, auch die Abschiedsaudienz beim Konige ist fur Sie nachgesucht und auf Morgen festgesetzt. Nachgesucht und festgesetzt? rief Alonzo mit flammender Stirn, wer mischte sich in meine Angelegenheiten? Ich, entgegnete der Herzog. Junger Mann, fuhr er sehr ernst fort, vergessen Sie nicht, dass nach dem Tode meines Neffen mein Ansehn, meine Vorsprache Sie allein hier erhielt. Ich hegte damals andre Wunsche, man hort auch im Alter nicht auf an dem Leben zu meistern und etwas anderes daraus machen zu wollen, als es sein kann. Der Hass ist so trube, Wohlwollen und Theilnahme so trostlich! Aus dem Verein der Familien, dachte ich, solle die Versohnung entzweieter Nationen hervorgehen. Opfer waren gefallen, die Rache hatte ihr Recht genommen, der Natur heilige Anfoderungen sollten sich durch sich selbst ausgleichen, ich durfte einen Augenblick an Erdengluck denken. Und weshalb, fiel Alonzo ganz uberwaltigt ein, weshalb wollen Sie so gerechte, so bescheidene Wunsche aufgeben? weshalb, ich beschwore Sie, wollen Sie mich unbarmherzig aus der Reihe Ihrer Hoffnungen ausstreichen? Warum, wenn ich Sie anders zu verstehen wage, warum wollen Sie das linde Band meinen Handen entreissen, dass Sie, dass Ihre Familie mit dem Schicksale aussohnen konnte? Sie gehoren nicht zu uns, entgegnete der Herzog kalt. Hass, wie gluhend er sei, kann Blut loschen, Verachtung tritt in den Staub und nie kann man lieben, was man befleckte? Lassen Sie uns davon schweigen, ich fuhle mein Blut noch brausend genug, um es furchten zu mussen. Sie selbst haben zur rechten Zeit den Wahn zerrissen, und mit ihm jeden aufbluhenden Verein, wir fallen ganz und auf immer auseinander, und wollen Sie sich anders treu bleiben, so durfen Sie nie daran denken, diese Kluft zu uberschreiten. Dacht' ich's doch, rief Alonzo, franzosische Eitelkeit konnte niemals verzeihen, was sie durch tausend und tausend argere Beleidigungen unserm emporten Gefuhl abpresste. Alles und jedes erlaubt sie sich zu sagen, und die einfachste Thatsache darf ihr nicht unter die Augen geruckt werden! Was ich mir und meinem Gott unter heissem Schmerz bekenne, entgegnete der Herzog, soll mir dennoch kein Anderer laut entgegenrufen, und wer es thut, dessen Anblick wird ewig den Stachel in meine Seele drucken und Gift und Galle aus eiternder Wunde pressen. Und desshalb also, sagte Alonzo spottisch, soll ich Frankreich meiden, weil Ihnen mein Anblick unangenehme Wahrheiten ins Gedachtniss ruft! sehr despotisch bei meiner Ehre! Nun ich denke, Alonzo de Mendez geht wohin ihn seine Pflicht ruft, entgegnete der Herzog mehr galant als aufrichtig. Es ist die Frage, fiel Alonzo ein, welche Pflicht mir die hohere ist. Die der Ehre, ohne Zweifel, erwiederte jener.

Beide schwiegen einige Augenblicke aus Furcht zu viel zu sagen. Wozu denn nur, rief Alonzo plotzlich vom Zorne uberwaltigt, das ganze Spiel des heutigen Tages, wozu dies Zusammenkommen, die trugerische Freundlichkeit und all' das Gleissen, dem Herz und Seele fehlte! Sie sind sehr ungerecht, unterbrach ihn der Herzog, wir waren es Ihnen und uns schuldig, im besten Vernehmen zu scheiden. Die Welt darf nie wissen, wenn wir uns in der Wahl unserer Freunde vergriffen. Ihre neulichen Ausfalle hatten Sie auf unangenehme Weise fur Sie und unser Haus affischirt, das musste durch die Achtung, die wir personlich gegeneinander an den Tag legten, ausgeglichen werden. Noch einmal mussten Sie in der Gesellschaft erscheinen. Das ist geschehen, auf die schicklichste Weise fur alle Theile. Jeder unangenehme Eindruck ist vertilgt. Dass Sie unwissend so gefuhrt wurden, werden Sie der Massigung Ihrer Freunde Dank wissen. Und Blansche, rief Alonzo mit bebenden Lippen, sie wusste darum? Sie konnte die Hand zu dem allem bieten? Blansche, erwiederte der Herzog, weiss, was sie sich, ihrem Namen und Vaterlande schuldig ist. Der Wagen hielt. Noch einmal, fuhr der Herzog fort, lassen Sie jeden personlichen Unwillen schweigen, denken Sie, dass eine unbezwingliche Naturnothwendigkeit so entscheidet, dass Sie diese vielleicht scharfer als ich empfinden und dass niemand gegen das Geschick ankampft. Ich werde, entgegnete Alonzo, etwas stolz von seinem Sitz aufstehend, wie ich denke, Gelegenheit finden zu zeigen, dass ich nur Vorschriften von mir selbst anzunehmen weiss, und hierin, wie in allen, den Gesetzen der Ehre folge. Er grusste fluchtig und beeilte seine Schritte, um jeder Antwort uberhoben zu sein.

Siebenzehntes Kapitel

In dem raschen Andrang aller Empfindungen, fand Alonzo ganz von selbst Gedanken und Entschluss. Eins stand fest in ihm, darum drehete sich alles Andre in naturlicher Ordnung. Er wollte jener feinen Absichtlichkeit zum Trotz in Paris bleiben und sollte Leib und Seele daruber zu Grunde gehen. Das einmal Eingeleitete war nicht abzubrechen, das sahe er wohl, seine Mission war hiermit beendet, gleichwohl fand er sich andrer Seits eben dadurch um so unabhangiger und zu ganz rucksichtslosem Verhalten berechtigt.

Er betrieb demnach alles auf das sorgfaltigste und schnellste, empfing und expedirte Depeschen, beurlaubte sich in der Qualitat eines Abgesandten, schickte Couriere ab, schutzte Krankheit vor und etablirte sich von da an ganz eigentlich zu Angriff und Vertheidigung.

Fur alles andre, als seine eigensten Wunsche todt, ging er nirgend hin als in die Messe, wo er Blansche zu finden hoffen durfte. Durch viele Tage erwartete er sie indess Morgens und Nachmittags vergeblich. Er ward nicht mude zu gehen und zu kommen. Liebe, Stolz, gekranktes Recht, alles hielt ihm sein Ziel unverruckt vor die Augen, die Leidenschaft hatte ihre Blitze zuruckgezogen, die Nacht tiefen Geheimnisses lag uber sein ernstes Gesicht und gab dem unbezwinglichen Willen das Ansehen ruhiger Eintracht und festen Gleichmuthes. In welchen Zustand ihn indess der harte Kampf, die gescheiterte Erwartungen setzten, wie streitend Gefuhl gegen Gefuhl anstrebte, was die Leidenschaft wollte und nicht wollte, das werden folgende Zeilen an Philipp deutlich machen.

"Wenn die stille Gluth Ihrer Augen der Leitstern zu Ihrem Herzen war, so haben Sie sie geliebt, Philipp, heiss, verzehrend, mit allem Schmerz und aller Lust der durstenden Seele. Das ist der Fluch des Menschen, dass ihn Gotterbilder affen, und den Himmel vor den trunkenen Blicken zaubern. Es ist alles Luge hier! alles! auch s i e , zweifeln Sie nicht. Wie konnte es anders sein! das absichtlich berechnete, auswendig gelernte Spiel fangt mit dem ersten Strahle des Bewusstseins an. Tugend heisst es und Weisheit, Leib und Leben und jeden freien Aufflug des Geistes in die enge Klammern nuchterner Sitte einzupressen, das sind die Formeln, die man dem weichen Kinderhirn eindruckt, ein paar knocherne Phrasen die ganze Mitgift auf der weit auslaufenden Lebensreise. Unbesonnen nennt man dies Volk, leichtsinnig und flatterhaft im Denken und Thun, schnelleres Blut, heisst es, treibe sie fluchtig an dem Ernst des Lebens hin, nicht Bosheit, nicht Sunde sei in ihnen, unbedacht wie unzuverlassig durfe man sie hochstens schelten. Hatten wir niemals einen Franzosen gesehen, wir konnten uns unter dem beweglichen Bilde harmlosen Genuss und den spielenden Schaum ungewisser Jugendlohe denken. Aber wie schlagt uns das welke, sich selbst uberlebende Gerippe in greiser Kindheit in die Augen! misstrauisch und lauernd wie das Alter, auf fremder Unkosten erfahren, zu Hause auf der glatt getretenen Bahn gewandt, in Maass und Takt selbst erfundener Convenienz, verlocken uns die graulichen Kindergestalten und prunken mit Weisheit, wenn sie den armen Vorrath ihres Herzens zu verschliessen, und Vertrauen und Liebe und Hoffnung zu betrugen wissen! Das ist die Klugheit der Welt, Philipp, nach der man Jahrhunderte rang, der man Altare bauete, die auch noch nicht aufhorte, die Leichtglaubigen zu blenden. Geschwatzig wie die Weiber, das Geheimste entweihend, schlau wie sie, da verschlossen, wo es den eignen Vortheil gilt, tauschen sie, reissen sie das Innere auf, und verletzen die offne Seele mit tausend giftigen Dolchen. Diplomatiker sind sie, das glaube ich, so lange Andre es wollen! Aber es giebt eine Kraft, die all' die abgenutzten Faden mit einem Griff zerreisst! Glauben Sie, dass sie mir jemals verziehen, mich selbst gegen einen Franzosen behauptet zu haben? Glauben Sie das? Mit Grossmuth haben sie eine Weile vor mir, vor der Welt, vor sich selbst gespielt, das war in ihrem Leben noch nicht vorgekommen, das passte zu irgend einer Theaterscene, es hatte Blut gekostet, es war hochtragisch! Aber die ganz gemeine, unzubestreitende Wahrheit, die so blank und baar da lag, die sich nicht drehen, nicht wenden, aus der sich nichts machen liess, die konnten sie nicht vertragen, da hatte das Spiel ein Ende, die kalten Herzen hatten nur sich geliebt! Konnte ich Ihnen die lange Comodie erzahlen, konnte ich Ihnen sagen, wie sie so naturlich zu hintergehen wussten! Auch s i e Philipp, ach Gott! auch sie konnte mich tauschen! Und wie denn am Ende alles so berechnet, so gemassigt, so vernunftig klar und ruhig endete! Ich sollte einsehen, empfinden, dankbar sein! Gottlob, ich fuhlte mich selbst. Freuet Sie das? Nun mich auch. Und ich denke, es wird uns allen frommen. Ich bin jetzt frei, und bleibe doch hier, aus eigner Kraft, verstehn Sie mich? Man hiess mich gehen. Jetzt ganz gewiss gehe ich nicht. Ich muss Blansche sehen, ich muss sie sprechen. So leichten Kaufes kommt sie nicht los. Vor Gott hat sie gelobt, vor Gott muss sie wiederrufen. Konnte ich Ihnen den Blick malen, so gross und still! Vertrauen sollte ich ihr! Herr Gott, ich that es unbedingt, Seele und Leben gehorten ihr, sie hat damit gespielt! Begreifen Sie es? Das Rathsel eben soll sie mir losen. Weiter will ich ja nichts, sie ist es mir schuldig, mein Glaube, meine Seligkeit hangt davon ab. Philipp, ich wollte, Sie waren hier! Wie unter Todten lebe ich, keine, keine Seele mein! "

Die letzten Worte waren von einem Strom unbezwinglich hervorbrechender Thranen verwischt. Alonzo schob das Blatt weg, den Kopf in die gefaltenen Hande gelehnt, weinte er heiss und bitterlich. Das Gerausch eines Eintretenden schreckte ihn auf. Beschamt riss er sich empor. Seine Weichheit schien ihm ganz kindisch, er fasste sich zusammen, und die eine Hand vor den Augen empfing er mit der Andern mehrere Briefe, unter denen die Schriftzuge seiner Mutter ihm das Blut beklemmend zum Herzen trieben. Er brach das Siegel mit kaum erzwungener Fassung und las, ohne recht zu wissen, was? folgendes:

"Mit Erstaunen und einem Befremden, von dem ich nicht weiss, ist's des Schreckens oder Zorns Erstarren, erfahre ich, dein Geschaft, Alonzo, sei beendigt, und du gleichwohl noch in Paris. Ich will nicht denken, was ich mich zu horen schamte, und ehe verschliesse sich diese Lippe auf ewig, als dass sie Unwurdiges von meinem Blute sage. Gleichviel auch welche Ursach! keine als Unvermogen des Leibes ist gultig, und auch denn noch, wenn die gelahmten Glieder ihren Dienst versagen, die schwindende Kraft nicht weiter kann, treibe die Angst der Verdammniss, den morschen Leichnam uber die verfluchte Erde hin nach geweiheter Statte!

Nur das Eine Alonzo hore. Den geschaftslosen Mann, der aus Neigung oder Tragheit in Paris verweilt, muss ich verachten, denn da der Einzelne nicht dem ganzen Volke stehen kann, duckt er dehmuthig unter und lasst die Woge des Uebermuths feige uber sich zusammenschlagen. Lacheln muss er, wenn ihm das Blut tropfend aus den Augen spruhet, Spass verstehen, unbeachtet die Pfeile schwirren horen, und wenn's hoch kommt, sie versenden helfen. Anders ist es, wenn ein gegebenes Ziel zu strenger Arbeit ruft, er sieht nicht rechts, nicht links, ihn schutzt das Panier der Pflicht. Doch des Mussiggangers fahrig Auge, was kann es anders wollen, als sich im Schmutz der Sunde baden? Alonzo hast du denn jenseit der Pyrenaen noch e i n Vaterland? Darfst du dein eigen sein, ein Dasein, Sitte und Gesetz, Gott und einen Heiland haben? O dass ich dich das fragen muss? Ist denn dein Stab so ganz und gar gebrochen, kreist denn keine Ader meines Blutes in deinem Herzen mehr? Ich will's nicht denken, doch muss ich zittern, weinen und wenn's sein muss, dich geliebtes Kind verfluchen!"

O Mutter, Mutter, rief Alonzo handeringend, verblendet denn die Leidenschaft und macht sie zugleich so scharf und hellesehend! Gute Mutter! wir werden von einer Flamme getrieben, nenne sie Zorn oder Liebe!

Eine lange Zeit sass er ganz tiefsinnig da, die entsetzlichen Worte dreheten sich ihm wie eine kreisende Scheibe im Gehirn umher. Er hatte gar keine Gedanken, ihm war, als werde er wahnsinnig, und so ging er dann wie im Traume, ohne Wille und ohne Widerstand zur gewohnten Stunde in die Messe. Er wusste kaum noch was er hier wollte. Die Augen lagen gesenkt am Boden, die Arme schlaff und matt in einander geschlungen, er betete mechanisch, und liess betaubt die Worte an sich voruberklingen, als das Wispern einer weichen Stimme neben ihm, plotzlich tausend Funken zugleich in seiner Seele anschlugen. Blansche kniete mit dem Rucken nach ihm gewandt, das Gesicht auf die Stufen eines kleinen Altars gesenkt, uber welchem Maria abgebildet war, wie sie das schlafende Jesuskind mit Liebe und Zuversicht betrachtet, ohne die wunderbare duftige Gestalten zu sehen, die im Traum an des Kindes Bettchen vorubergehen und ihm die Zukunft offenbaren, der Engel mit den Marterwerkzeugen schwebt leicht voruber, zuletzt uberstrahlt des Heilands Verklarung die weisslichen Wolkenspiele. Blansche hob den Kopf in die Hohe, sie sahe das Bild fest an, ihr Blick schien zu sagen, heilige Mutter, von dir geht das trube Erdenleben aus, aber du gabst uns den Erloser! Alonzo sahe und ahndete von dem allem nichts, er fuhlte nur Blansches Nahe. Seiner kaum noch machtig, unter ungestumen Klopfen der kochenden Brust, warf er sich neben sie nieder und mit einem Tone und Blick, vor dem das zarte Madchen zusammenschauerte, flusterte er, jetzt Blansche, jetzt konnen Sie mir langer nicht entgehn. Hier im Angesicht aller Heiligen wagen Sie es zu sagen, dass Sie mich verstossen, dass Sie Ihr eignes Wort zurucknehmen, dass Sie mich hassen! Sie sahe ihn wehmuthig an. Thranen stromten aus ihren schonen Augen. O Gott, sagte sie leise, so haben Sie mich denn nie verstanden; und kein Vertrauen, keine Ahndung meiner Liebe ist in Ihrer Seele! Sie lieben mich noch, Blansche? rief Alonzo ganz ausser sich, o sagen Sie nichts, kein einziges Wort weiter, auf Ihrer Zunge schwebt etwas, das ich nicht wissen will, nicht wissen darf, wenn Sie mich lieben ja unterbrach ihn Blansche ernst, ich liebe Sie, fest und uneigennutzig, wie Sie nicht lieben konnen. Jetzt Alonzo, fuhr sie aufstehend fort, wissen Sie, was Ihnen fur diese Welt zu wissen frommt, kann es Ihnen gnugen, so sind wir beide nicht zu beklagen wenn nicht ich kann nur aus der Ferne mit Ihnen weinen. Unsre Wege scheiden sich von hier, und ich fodre es im Namen der Kirche, deren Boden kein vermessener Schritt entweihen soll, folgen Sie mir nicht, Alonzo, bei Gott und seinem allmachtigen Sohn bleiben Sie zuruck. Sie hatte die letzten Worte mit bebenden Lippen in todtlicher Seelenangst gesprochen. Alonzo war einen Augenblick wie gelahmt, dann sturzte er ihr nach, drangte und sturmte alles aus seinem Wege, doch sie war fort, wie durch hohere Gewalt seinen Blicken entruckt.

Nun erst war es entschieden in ihm, nun wusste er bestimmt, was er immer gewollt hatte. Blansche sollte, musste sein werden und ginge auch Ruhe und Frieden und seiner Seelen Seeligkeit druber zu Grunde. Immer stachelnder und angstvoller wards nun in ihm. Der Weltklugheit zum Trotz wollte er mit Gewalt besitzen, was man ihm listig entzog. Frau von Saint Alban, der Herzog, seine Mutter es besturmte und drangte ihn alles so wunderbar, Hass und Pflicht, und mitten inne die fressende, verlangende Liebe ein kuhner Schlag musste die dumpfe Wetterschwule auf einemmal auseinander reissen, er musste Athem schopfen, er hielt es so nicht aus.

Ganz ermattet setzte er sich an seinen Schreibtisch. Der angefangene Brief an Philipp lag vor ihm. Er durchlas das Geschriebene noch einmal. Es schwirrte ihm confus durch die Sinne, er griff nach einer Feder, seine Seele durstete nach Mittheilung, Worte, dachte er, mussen die pressenden Bande losen. Er las laut, was er niederschrieb:

"Ich weiss nicht, Philipp, wie mir ist, noch was aus mir werden soll! Hatte mir ein Sterblicher gesagt, es wird ein Augenblick kommen, wo Don Alonzo de Mendez schwankend zwischen Ehre und Liebe und Pflicht dastehn und nicht wissen wird, welchen Weg er einschlagen soll, ein Blick hatte den Frevler vernichtet. Und jetzt mein Gott, was wolltest du mit deiner Creatur, als du an geweihter Statte das schone Madchen in meine Arme legtest und von da den Zunder in die offne Seele warfst! Sollte ich loschen, ehe ich brennen fuhlte? heimlich dammerte die Gluth herauf, schlich langsam durch die Adern, bis plotzlich alle Pulse rascher schlugen, die Flamme aufblitzte, Erinnerung, Bewusstsein, ein ganzes hingetraumtes Leben verschlang. Warum ich Ihnen das sage? Sie mussen alles wissen. Ich habe Blansche wiedergesehen, lieber Philipp, sie ist unschuldig, unschuldig wie ein Lamm, das man zur Schlachtbank fuhrt. Soll ich sie fallen sehen, wenn ich sie retten kann? Mitten aus dem fahlen Dunst, der das arme Herz beengt, reisse ich sie heraus, verlassen Sie sich darauf. Fragen Sie mich, ob ich das Blut der Mendez mit meiner Feinde Blut beflecken wolle? Feinde Philipp? Wie sagte Sie doch einmal? ich erinnere mich! der Hass ist von dieser Welt, aber die Gerechtigkeit ist Gottes. Ja, ja, mein Leidens- und Liebesgefahrte, der Hass ist von dieser Welt! lassen wir ihn da sein blutig Wesen treiben. Haben Sie nicht selbst dem Engel Blansche Schwingen gegeben, dass er uber das trube nachtige Meer hinaus den Blick versohnend zum Himmel trage? Hat die Kunst dem Gedanken Dasein verliehen, soll das Leben zogernd zuruckesteh'n?

Ich weiss nicht, wesshalb mich vor Ihnen bangt. Durfen Sie tadeln, was Sie selbst thaten? Philipp, es giebt Winke und Stimmen in der Natur, die wir nicht uberhoren durfen. Umsonst trifft nicht Eines zum Andern, das Schicksal will etwas, es zwingt uns, denn uber nichts spottet der Himmel so als uber menschliche Absicht. Sie haben es ja erfahren, was wundern Sie sich uber Andre! Sein Sie nicht weiser in Worten als Gefuhlen. Gefuhle allein sind wahr, alles andre ist todtes, angelerntes Gesetz. Was wissen wir auch von Gesetzen! Jedweder tragt einen eignen Schlussel zu diesem Hieroglyphen in sich. Das ist die gottliche Freiheit. Ich folge ihr, Philipp. Leben Sie wohl!"

Er siegelte mit einer Hast, als ware ihm um die Antwort zu thun gewesen, und ermahnte seine Leute zu schneller Besorgung. Philipp war noch nicht allzufern bei seinem Regimente. Alonzo hatte ihn gern hier gehabt und auch wieder nicht. Ihm war doch etwas leichter, nachdem er geschrieben hatte, nachdem er denken konnte, es werde ein menschliches Wesen fuhlen, wie ihm zu Muthe sei. Erhalt ein gefurchtetes Uebel gleich Riesengrosse und Gewissheit durch das Wort, so mildert Klage und Mittheilung das schon vorhandene gekannte Leiden. Alonzo kam sich gestarkt und fest durch den Schluss seines Briefes vor. Eines war seinem Willen doch auch schon wirklich gelungen, er hatte Blansche gesehen und gesprochen. Sie liebt ihn, uber sie war er beruhigt. Alles andre musste ja auch kommen, wenn er es nur ernstlich wollte.

So durch sich selbst gehoben und zuversichtlich

geworden, ging er noch spat, um Luft zu schopfen nach den Elisaischen Feldern. Schon von fern sahe er die kleine silberne Muschel und die vier Apfelschimmel des Herzogs, sie hielt an der Barriere, niemand war darin, ein paar mussige Knaben standen auf dem Lackaienbrett und schaukelten an den Riemen. Alonzo beeilte seine Schritte, doch ehe er heran kommen konnte, winkte ein Bediente, der Wagen bog in eine Allee, Frau von Saint Alban und nach ihr Blansche an der Hand ihres jungen Vetters, Louis de Bocourt, stiegen hinein. Dieser stand noch am Schlage, und gab Blansche einen Strauss wilder Krauter und Blumen, die sie sehr sorgfaltig zusammenfasste und ihn damit grussend beim Abfahren vertraulich winkte. Louis ging langsam nach der Seite, wo Alonzo stand. Er buckte sich von Zeit zu Zeit nach kleinen unscheinbaren Grasern oder Pflanzen und beachtete sie genau in allen ihren Fasern und Theilchen. Sein gutes, stilles Gesicht schien unter diesem Geschaft heiterer, sein Auge heller und von einem Strahl ruhiger und sicher gestellter Forschgier angenehm belebt. Er war jetzt dicht vor Alonzo getreten, ohne ihn zu sehen. Diesem war es lieb, einem Wesen zu begegnen, auf dem Blansches Augen freundlich geruhet hatten, er redete ihn an. Louis in seiner schuchternen, unendlich verbindlichen Hoflichkeit, sagte etwas verlegen grussend, o mein Gott! ich wusste nicht Frau von Saint Alban glaubte Sie langst abwesend von hier. Sie glaubte das, wiederholte Alonzo etwas trocken, mich dunkt sie hatte eine bessere Meinung von meiner Hoflichkeit hegen sollen, da keine Ursach denkbar ist, wesshalb ich mich so unter ihren Augen wegstehlen sollte, ohne sie zuvor begrusst zu haben. Doch, entgegnete jener achselzuckend, hat sie mir nicht anders gesagt, indem sie mit Bedauern und vieler Theilnahme und Liebe von Ihnen, mein Herr, sprach. Beide gingen einige Augenblicke schweigend neben einander, Louis etwas gedruckt, Alonzo etwas hoch und vornehm. Erst seit kurzem, hub dieser an, sind Sie in Ihr Vaterland zuruckgekehrt? Ganz neuerlich, erwiederte Louis. Sie waren lange abwesend, fuhr Alonzo fort, Sie werden Ihre schone Cousine kaum wiedergekannt haben. Auf des jungen Bocourt Gesicht schwebte eine ruhrende Freude, mit innigem Lacheln sagte er, ein recht liebes Madchen habe ich in ihr gefunden, von ungemeinem Liebreiz und einer Unschuld und Durchsichtigkeit, die an die fruheste Kindesreinheit der Menschen erinnert. Er sagte das so warm und wahr, so ganz ohne Bezug auf irgend etwas ausser Blansche, dass Alonzo hingerissen, sich selbst vergessend ausrief: nicht wahr, Sie fuhlen das! O wer ist auch so unglucklich, dagegen verschlossen zu bleiben. Sie hat mir, fuhr jener an Eigenes denkend, fort, das Sinnbild der Lilien klar gemacht, und wie es immer solche Engel gab, die uber Frankreich schwebten. Blansche ist ein Engel des Friedens und der Ruhe und erinnert zugleich an alles unbefangen Liebliche und Sinnvolle besserer Zeit, sie versohnt mit einem Lande, das aus seinem Schoos solche Bluthen hervorgehen liess. Alonzo sahe ihn gross an, ihn also versohnt sie mit dem Vaterlande, dachte er, und mich entzweiet sie mit dem meinigen vielleicht auf ewig! Ich habe, hub Louis nach kurzer Pause auf's neue an, geraume Zeit hindurch die Natur in ihrem leisen Verkehr mit der Pflanzenwelt begleitet, und hier ein heimathliches Verhaltniss gefunden, das ich bei den Menschen so rein und unbestritten nicht antraf. Blansche nun scheint mir in diese Blumenwelt ganz entschieden zu gehoren. Sie steht so rein und bestimmt vor mir da, dass gar kein Zweifel obwaltet, ja durch einen Zug geheimen Einverstandnisses glaube ich die stille Natur in ihren verwandten Elementen ganz zu verstehen. Ich weiss nicht was sie thun oder sagen konnte, woruber ich unsicher an ihr wurde. So genau, sagte Alonzo mit einem scharfen Blick, glauben Sie Blansche zu kennen? Was man so eigentlich unter kennen versteht, entgegnete jener, mochte ich nicht sagen, es konnte sein, dass sie ganz anders zu handeln durch sich selbst bestimmt wurde, als ich mir's vorgestellt hatte, doch sollte mich das nicht irre machen, ich wurde sogleich wissen, dass es so sein musste, dies zusammenklingende gleichartige Wesen kann sich selbst nicht untreu werden.

Sie waren unter diesem Gesprach auf eine Brucke gekommen, ihre Wege schieden sich. Louis war einigermassen blode und beschamt, so viel geredet, sich so umstandlich geaussert zu haben. Sein gutmuthiges Lacheln, die Art seiner schnell in sich zurucktretenden Verbeugung war auf gewisse Weise eine Entschuldigung dieser allzugrossen Freimuthigkeit. Alonzo wusste nicht recht, was er von ihm denken sollte. Er ging still vor sich hin und sagte sich selbst: was der da so trocken und schwerfallig hinspricht, ist das Grosste, was ein Mensch von dem Andern sagen kann, solch' Vertrauen ist gottlicher Art, es musste den ganzen Menschen begeistern, er bleibt gelassen, er meinte es so nicht, er ist gelehrt, er zwangt alles, was er sieht, in ein System und classifizirt Blansche wie Augentrost und Rosmarin. Was will er von dir wissen, schone Blansche! dein Herz ist der Schlussel zu deinem lieblichen Selbst, das aber soll mir keine Natur oder Kunstverwandschaft in aller Welt streitig machen!

Achtzehntes Kapitel

Je mehr die Gluth eigener Leidenschaft in Alonzo anwuchs, je fester bauete er sein Gluck und seine Hoffnungen auf Blansches Liebe. Er uberzeugte sich ganz innig und unbezweifelt, dass die gleiche Qual, wie sehr sie diese auch zu bergen wisse, an dem armen Herzen nage, und sie endlich uber jeden Widerstand hinaus in seine Arme treiben werde. Alles kam fur ihn darauf an, Blansche geheim und ungestort zu sprechen. Er war so gewiss wie von seinem Dasein, dass sie der Gewalt seiner Worte nicht widerstehen werde. Er hatte es ihrer Angst, den bleichen, bebenden Lippen, dem feuchten Glanz der schonen Augen ja angesehen, wie all' ihr Leben zum Herzen dringe, wie sie dieses nur unter truben Schmerzen zugle. Was konnte er wollen, dass nicht auch ihr geheimer, schuchterner Wunsch war! sie sollte das in seinen Armen fuhlen, ihm unter leisen, heimlichen Schauern bekennen. Er rang und spahete nur nach Mittel sie zu sehen. In der Messe durfte er nicht hoffen sie zu finden. Frau von Saint Alban und dem Herzog mochte er in dieser Stimmung nicht begegnen, gleichwohl verschmahete sein Stolz wie die Natur seiner Liebe jeden Schritt, den Blansche's Wurde zu nahe trat. Unter wechselnden Sturmen und Beschwichtigungen der Seele verwarf er jetzt, was er zuvor als wunschenswerth und nothwendig erkannte, und vergeudete Zeit und Kraft in ungleichen Kampfen.

Er erfuhr, dass Blansche mit ihrer Mutter das Kloster verlassen hatte, und wieder bei dem Herzog wohne. Es war ihm ein Trost sie dort zu wissen. Er ritt und fuhr und ging spat und fruh an dem dunkeln Eisengatter hin, ohne dass es sich gastlich wie ehemals vor ihm aufschloss. Es schien, die Familie verharre noch in der angenommenen klosterlichen Stille. Nur des jungen Bocourt Cabriolet sahe er zuweilen unter den Kastanien halten. Er ahndete wohl, was Frau von Saint Alban mit dieser auszeichnenden Vertraulichkeit wolle und welche Wunsche Louis hegen durfte. Gleichwohl konnte er dem unbefangenen, anspruchlosen Herzen nicht feind sein, das sich unter der stillen Begunstigung naturlicher Verhaltnisse vielleicht zum erstenmale ganz einig fuhlte. Er empfand sogar ein schmeichelndes, wohlthuendes Mitleid mit ihm und spurte selbst einige Neigung Louis Gutmuthigkeit und ablich bewahrter Sinnesweise zu vertrauen. Es dunkte ihm wahrscheinlich durch freie Eroffnung der wahrhaften Lage der Dinge, die Theilnahme des treuen Menschen zu gewinnen, er erwartete von der Uneigennutzigkeit des gepruften, an nichts verwohnten Gemuthes um so mehr, als er deren bedurfte. Selbst nicht aus noch ein wissend, in der Verwirrung dunkler, treibender Gefuhle wenig auf Gottes Beistand rechnend, dachte er dem Geschick vertrauen zu mussen, das ihm vielleicht in Blansche's Verwandten einen Freund zufuhrte.

Sehr uberrascht war er daher, als er Louis bei ihrem nachsten Zusammentreffen etwas feierlich, bei weitem weniger schuchtern, vielmehr in der Stellung des Erwartens und Kommenlassens fand. Alonzo brannte vor Ungeduld, die fremde angelegte Rinde zu losen und zu dem Kern des wohlwollenden Innern zu kommen, doch jener blieb behutsam, sprach mit seiner gewohnten leisen Hoflichkeit wenig, nannte Frau von Saint Alban gar nicht und suchte sich auf alle Weise los zu machen. Haben Sie ihn auch umstrickt, dachte Alonzo, und fuhren sie ihn nun an den kunstlich gesponnenen Faden? oder hat er sich selbst so diplomatisch uberfeint? Kann denn hier nichts wahrhaft und ungetuncht bleiben? Sie standen noch bei einander als mehrere franzosische Truppen-Detaschements, die fruher Paris verlassen mussten, jetzt wiederkehrend, an ihnen vorbeizogen. Die vergelbten, abgeflachten Gestalten gingen unter brutalem Trotz und dumpfen Gemurr durch die Strassen. Der dunne Wirbel matter Trommeln, das Zittern heiserer Trompeten verkundete ihre unerfreuliche Ankunft. Die Menge achtete bei stetem Hin- und Hertreiben wenig auf sie. Einzelne blieben stehn, es fielen tonlose Worte aus den hohlen Kehlen, wie dunkle Flammen aus qualmender Gluth aufprasseln, der Name des Kaisers, Fluch der Fremden, Schmahung der Regierung schallten rasch und drohend durcheinander. Gemuthloser Halbverstand zischelte daneben und blies luftigen Witz in die glimmenden Kohlen. Auf Louis Gesicht lag ein selbstzufriedenes Lacheln. Das ist etwas! sagte er, in den Kerlen steckt Nationalitat, da ist Furchtlosigkeit und Leichtsinn, der gewohnt ist mit der Gefahr zu spielen, da ist Kern und Mark, das macht sich wohl von selbst. Was, fragte Alonzo befremdet, was soll sich von selbst machen? Eine Verfassung, entgegnete jener, die nicht da ist. Und die auch diese Uebermuthigen, fiel Alonzo ein, wahrhaftig nicht wollen, was sollte den Gesetzlosen die stille Ordnung des Daseins? Erwarten Sie doch nichts von dem gahrenden Unrath, dem der fluchtige Geist unter unnaturlicher Uebertreibung verflog. Glauben Sie mir, das gehet so in sich selbst und verbrokelt im Wechsel der Zeit. Ich meine nicht, sagte Louis etwas empfindlich, die Elemente sind offenbar vorhanden, sie verlangen nach Bestimmtheit, nach Farbe und Physionomie. Die haben sie schon, erwiederte Alonzo rasch, und eine so fertige, so ausgesprochene, dass sie an Carikatur granzt, nicht ein Tuttelchen darf die Zeit hinzusetzen, so fallt das murbe Staubwerk zusammen. Das Rad der Zeit, entgegnete jener, geht um sich selbst herum, was da ist, soll etwas, wo Leben zu spuren ist, durfen wir an Verjungung denken. Gallien hat sich vielfach verjungt, sagte Alonzo lachelnd, doch waren es Fremdlinge, welche die verderbte Frucht zu brechen und neue Keime des Daseins durch gesunde Vermischung hervorzurufen wussten. An solche Verjungung will ich glauben. Es ist mit der Gesundheit, sagte Louis, nur uberall nicht weit her, die Keime sind im Ganzen faul, denn ach du mein Gott, der Rock, den die Gegenwart angelegt hat, ist mit Lumpen geflickt, das halt nicht uber das nachste Bedurfniss hinaus, in der Nahe kann man die Fasern nackt und blos liegen sehen, man zieht dann einen neuen an und es ist eben so gut. Alles bleibt am Ende gebrechliches Stuckwerk und die Erfahrung giebt zuletzt noch die beste Auskunft, wie wir wieder nach Hause finden. Das ist uberall Eins.

Alonzo war es, als wurde ihm ein Riegel vor die Brust geschoben. Er war ganz still geworden. Das ist also Weisheit, dachte er, die an alles zweifelt und hochstens das Alte wiederkommen sieht, just so, wie es auf einem gewissen Punkt war. Auch dies warme Herz, das so liebendes Verlangen in sich tragt, ehe giebt er alles auf als das Eine, was ihm einen Leib gab, aus dem er nicht heraus kann. Er konnte nicht mit Louis streiten, und ihm auch nicht vertrauen. Er fuhlte, sie verstanden einander nicht. Jener hatte sich gewissermassen behauptet und war nun wieder mild und einlenkend wie immer. Man sahe offenbar, er war auf Alonzo aufmerksam gemacht und hatte einen Angriff erwartet. Dies alles, was fremde Absichtlichkeit ahnden liess, verschloss Alonzo Herz und Lippen, er trennte sich sehr lau und ging in verdrusslicher Ungewissheit in sich selbst zuruck.

Auf seinen mussigen Streifzugen durch Strassen, uber Platze und Brucken gerieth er eines Tages an eine kleine Glucksbude. Unter leinenem Dach, auf niederm Schemel sass ein alter Invalide, die beiden Krucken lagen gekreutzt gegen seine Knie, neben ihm stand Alonzos wohlbekannte Blinde, den Becher und die Gluckswurfel in den zitternden Handen. Das kleine braune Madchen hielt einen schmutzigen verknitterten Bogen in der Hand, von dem sie Nummern und Gewinnste ablas. Auf langen rothen Bandern, hingen in verschlungenen Bogen am Saum des uberhangenden Daches grune Borsen, Ringe und Tuchnadeln, Ohrgehange, Uhrschlussel und andrer schillernder Tand sorgfaltig aneinander gereihet, und sahe vornehm auf braune Tabacksdosen, messingene Leuchter, Balsambuchschen und dergleichen mehr herab. Die blinde Glucksgottin hatte Alonzo angelockt. Er setzte Geld in ein kleines zinnernes Becken, das ihm der Alte herhielt und nahm die Becher, schuttelte die Wurfel hin und her, und warf mahl auf mahl eine Niete. Er ward argerlich, auch in dieser Kleinigkeit kein Gluck zu haben. Der alte Soldat lachelte uber den Eifer des vornehmen Herrn, der so erpicht auf einen kleinen Gewinst schien. Endlich fiel ihm ein kleiner goldner Schlussel zu, mehr als Zierrath als zum Nutzen an einer Uhr zu tragen. Die Blinde hatte ihn geschickt von dem Bande losgeknupft und hielt ihn Alonzo hin. Dieser besann sich noch einen Augenblick. Nehmen Sie immer, sagte sie, er gehort ihnen. Sie bedurfen seiner nicht, setzte der galante Franzose hinzu, desshalb hielt ihn das Schicksal so lange zuruck; die Herzen schliessen sich Ihnen von selbst auf, huten Sie sich keinen Missbrauch davon zu machen. Ein Schlussel! dachte Alonzo, diesen gedankenvoll zwischen den Fingern hin und her drehend, welch Geheimniss soll er mir eroffnen? Plotzlich fuhr es ihm wie ein Blitz durch den Sinn, vielleicht das Rathsel meines ganzen Lebens! Er sahe die Alte scharf an, durch sie hatte er ihn bekommen, sie konnte, sie sollte vielleicht mehr fur ihn thun, von Anfang her war sie ihm hier prophetisch gewesen. Immer hatte er sie vor einem entscheidenden Augenblick gesehen. Er beschied sie zu den andern Morgen nach seiner Wohnung, fest entschlossen ihren Beistand in Anspruch zu nehmen. Noch in selbiger Stunde schrieb er Blansche:

Ein wunderliches Wesen, von dem ich nicht weiss, wie es in meinen Weg kommt, noch was das Schicksal mit ihr will, bringt Dir diese Zeilen, liebste Blansche. Ich weiss nichts von Dir, als dass du mich liebst, daran glaube ich, darauf baue ich. Doch kann ich Frankreich nicht verlassen, ohne dich zuvor gesprochen zu haben. Du sollst uber mich bestimmen. Ich verstehe nichts mehr von mir, von der Welt, von den Menschen, ich lebe und denke in Dir, Blansche. Kannst Du wollen, dass es anders sei? O konntest Du dies zerrissene Innere sehen! wusstest Du, was an eines Menschen Seele zerren und martern kann! Und weisst Du es nicht, Blansche? Bist Du so ruhig? Ich beschwore Dich, lass Dir von niemand Dinge einreden, die Deinem schonen Herzen fremd sind. Denke an Deinen armen Freund! fuhle, dass Du ihm mit dem holden, berauschenden Gestandniss Deiner Liebe Rechte gegeben hast, die keine Klugheit, keine Rucksicht der Welt aufheben kann; die ich, erwage es wohl, nur mit meinem Leben aufgeben kann. Einmal nur lass mich Dich sprechen, ruhig, ungehindert, allein, Blansche. Kannst Du, so verbanne mich dann auf ewig von Dir. Denkst Du es zu konnen? Unmoglich, unmoglich! Was willst Du mit einem armen, nuchternen Leben ohne Liebe? Sieh ich mochte dir alles opfern, Namen, Vaterland, den Stolz und die Hoffnung kuhner feuriger Jugend, alle Gedanken, alle Wunsche, die muhselige Arbeit angestrengter Jahre, darfst Du zogern, Dein zerrissenes entartetes Frankreich hinter Dir zu lassen? Hast Du ein anderes Gluck als das meine? Sieh ich bin so stolz, so kuhn und dreist, wenn ich aus der Ferne zu Dir rede, und Du beherrschest mich so gewaltig, wenn ich Dich sehe, Blansche, um Gotteswillen missbrauche Deine Gewalt nicht. Ich bitte Dich, versage mir lieber die Gunst Dich zu sehen, als Dich streng und ernst wie neulich zu finden! Nein, Blansche, nein, hore das voreilige Wort nicht, willige vor allem andern in meine Bitte, lass mich zu Dir reden, lass mich dir ein einzigesmal alles, alles sagen, was auf diesem Herzen lastet. Morgen Abend, schone Blansche, bin ich an dem Gartenpfortchen, Engel, lass es mich offen finden! und wenn Du wolltest wenn du Deinem Freunde folgen k o n n t e s t ein Wagen ist bereit, meine angebetete Geliebte, England giebt dem Gedanken wie dem Herzen eine Freistatt!

Die Alte kam des andern Tages. Alonzo sprach mit ihr. Sie verstand ihn schnell. Leicht, meinte sie, sei es, in des Herzogs Hause Eingang zu finden und ein Herzchen wie Blansche zu ruhren. Vor Abend versprach sie Antwort.

Es ward Alonzo ganz leicht. Es gab Augenblicke, wo er gar nicht an seinem Glucke zweifelte. Er konnte sich die Zukunft mit allem, was sie Reizendes hatte, ausmalen, das Aengstigende, Trube legte er bei Seite. Blansche liebte ihn ja, was hatte er denn noch zu furchten! Gleichwohl liefen die Stunden ab, sein Herz schlug immer gewaltiger. Er hatte auf keiner Stelle Ruhe. Jetzt brachte man ihm einen Brief, die Blinde, rief er, und riss das Blatt von einander. Es war Philipps Hand, er schrieb ihm:

"Mussten Sie denn mein stilles Innere aufreissen, um das Ihrige daran zu messen und zu beruhigen? Warum beruhrten Sie ein Geheimniss, das geahndet noch zu zart ist, um es zu denken? Sie haben dem leisen Traume Worte gegeben, und die bescheidene Woge uber des Stromes Bett hinausgerissen! Dachten Sie rein zu werden, wenn Sie sich Mitschuldige schufen? Sie haben fehl geschlossen. Der Maassstab, den Sie anlegen, passt hier nicht. Anders ist es mit der Kunst, anders mit dem Leben. Mein schones Ideal bleibt fur alle Ewigkeit rein, wenn Sie das Ihrige im Sturm eigennutziger Leidenschaft tausendfach zerreissen. Dem Leben gehort der unstate Wunsch, der Kunst die stille Anschauung. Was fahren Sie so ungestum in den verborgenen Schacht, in welchem Sie nie zu Hause waren, wo Sie durch ihr dreistes Erscheinen nur hindern, ohne selbst belehrt zu werden? Missgonnen Sie mir den demuthigen Heiligendienst nicht, da Sie so laut den Gottern dieser Welt dienen!

Ihr Brief ist ein truber Beleg, wie auch ein starkes Herz sich selbst untreu werden kann. Ich verstehe es nicht, Sie mit Worten zu bestreiten, es ist wohl so weitlauftig als unnutz. Doch wenn Sie mich mit den eignen Waffen zu schlagen glauben, so muss ich mich schon vor Ihnen behaupten, und Sie auf den Sinn aufmerksam machen, in welchem diese gebraucht wurden. Der Hass ist von dieser Welt, habe ich gesagt. Sie gehoren in ihr, darum hassen Sie aus fester Seele, was nicht zu lieben ist. Werfen Sie nicht alles ubereinander, verwischen Sie die Granzen nicht! es kommt nichts als Unsicherheit, Reue, Trotz und Kalte aus dem wusten Selbstbetrug heraus. Gott allein darf alles lieben wollen, fur uns giebt es Leben und Tod, Hass und Liebe! Machen Sie sich nicht weiss, Ihre Brust sei weit genug, die ganze Welt zu umfassen. Wir halten nichts, wenn wir nach allem greifen. Und tuchtig gefasst will die Welt sein, horen Sie wohl, t u c h t i g , nicht lose und halb. Um Gottes Willen ubertunchen und verkleiden Sie den gerechten Zorn nicht, der allein Versohnung schafft! Im Uebrigen sehen Sie zu, wie weit Sie das schmeichelnde Gelispel bestochener Sinne locken wird. Don Alonzo, Don Alonzo, darf auch ein dritter zwischen ihnen und der Ehre den Dolmetscher machen? Stolzer Castilier, konnte es dahin kommen, und duldet die freie Brust das kranke Herz!"

Neunzehntes Kapitel

Der Abend dunkelte durch die Fenster, Blitze zuckten in der Luft, der Regen schlug rasselnd gegen die Fenster. Alonzo hielt Philipps Brief in der Hand und sah starr in das Unwetter hinein. Da klopfte es leise. Das braune Kind fuhrte die blinde Mutter uber die Thurschwelle, Haar und Kleider trieften, die Alte schauerte frostelnd zusammen. Muhsam wickelte sie aus einem alten Stuck Leinen einen kleinen Zettel, den sie Alonzo mit zitternden Handen hinhielt. Er griff hastig danach, seine Blicke verschlangen die kleinen, mit Bleistift geschriebenen Zeilen, er las folgendes "Das Gartenpfortchen wird sich gegen 11 Uhr Abends offnen, ich werde Sie sprechen. Blansche"

Gold fiel in der Blinden Schoos, Alonzo druckte ihr taumelnd die welken Hande, Himmel und Erde war sein, er hatte alle Herzen beglucken, alle Thranen trocknen mogen. Sie liess das Geld prufend zwischen den Fingern hin und her fallen, dann wog sie das Summchen bedachtig, indem sie sagte, man sollte denken, mir ware der Schlussel zu verborgenen Goldkammern zugekommen, aber das bedeuteten mir die funkelnden Sterne. Meine arme Augen, fuhr sie fort, haben Sie niemals gesehen, doch mussen Sie es sein, ich erkannte Sie an der Stimme, Sie sind mir im Traume erschienen. Alonzo ward es unheimlich, als sie jetzt Zug fur Zug seine Gestalt beschrieb, und dann fortfuhr: ich musste Sie just uber dieselbe Brucke fuhren, wo wir neulich zusammentrafen. Die Brucke war sehr lang, uber uns hing eine dunkle Wolke, sie sah aus wie ein langer fliegender Mantel. Sie gingen ganz stolz vor mir her, und es kam mir zuletzt vor als stunden Sie in der Wolke und stiessen mit dem Kopf gegen den Himmel. Ich hatte angstlich in die Hohe gesehen, da stolperte ich und es war mir als schluge mich jemand in den Rucken, so dass mir der Kopf auf die Brust sank und ich niedersahe, ich erschrak aber sehr, als mir zwei rothe Blutstropfen uber die Stirn rannen und auf die Erde niederfielen. Ich lasse Dir mein Herzblut zuruck, sagten Sie, und als ich aufblickte, waren Sie und die Wolke fort, aber im Osten funkelten viele, viele tausend Sterne und ein weisslicher Streif zog durch die rothe Gluth. Meiner Liebe Himmel! rief Alonzo ganz entzuckt, du hast auch mir den Weg dahin gebahnt, gute Alte, dein stiller Abend soll nun ferner auch hell und ungetrubt bleiben. Er druckte noch mehr Geld in ihre Hand und geleitete sie freudig an die Thur.

Das Wetter tobte indess ungestum fort. Alonzo zitterte, dass Blansche vielleicht gehindert werden konnte, Wort zu halten. Doch wickelte er sich in seinen Mantel und ging ungeduldig durch Regen und Sturm dem ersehnten Augenblick entgegen. Er kam an der kleinen Thur an. Es war noch meist um eine Stunde zu fruh, alles war dunkel, das Schloss verriegelt, unter ungeduldigen Herzschlagen die Hand an den Degen gelegt, ging er auf und nieder, als halte er Wache hier. Die schwanken Baumstamme jenseit der Mauer wanden sich angstlich unter heulenden Windstossen, das Laub schuttelte sich rauschend, es rang und arbeitete peinlich in der Natur. Alonzo setzte sich ermudet auf einen Stein an der Thur. Die Knie ubereinandergeschlagen, seine Waffen im Arm, sass er, den Kopf auf die Brust gesenkt, tiefsinnig da, und liess es nun uber sich toben und flustern und wimmern, er horte auf nichts als Blansche's leisen Schritt, den er alle Augenblicke uber den knirrenden Kies zu vernehmen glaubte. Die Zeit verging langsam, allerlei lief ihm durch den Sinn, er hatte die Augen geschlossen und sah in wachsender Fiebergluth Bild auf Bild vor sich aufsteigen. Die Blinde, der alte Stelzfuss, dann ein hoher, greiser Herr in seiner Landestracht, sahe ihn streng und scheltend an, Alonzo kannte ihn wohl aus alter Bildersammlung, es war sein Ahnherr, den er fruhe ehren gelernt. Die hohe Gestalt schien ihm so angstlich nahe, dass er aufsprang und einen Schritt zurucktrat. Alonzo, rief eine leise Stimme, die Thure ging auf, Blansche trat heraus, hinter ihr ein Mann, dessen Gesicht im Mantelkragen verdeckt lag. Bei seinem Anblick alles, auch Blansche vergessend, zog Alonzo das Schwerdt aus der Scheide, und: der dritte ist hier uberflussig, rufend, drang er auf den vermummten Begleiter ein. Sehen Sie um sich, sagte Blansche mit gebietender Stimme, dieser Boden hat schon einmal theures Blut getrunken, zugeln Sie die Ungluck bringende Hand! Alonzo liess Arm und Degen sinken und mit einem Schauer, als stehe Turgis Schatten mit aufgehobenem Finger vor ihm, fragte er leise, was wollen Sie mit mir, Blansche, machen Sie es kurz, ich bin gefasst. Die Erinnerung, mein armer Freund, entgegnete sie sanft, die Sie jetzt so lahmend trifft, sagt Ihnen, was fur diese Welt zwischen uns steht. Es ist nicht des Bruders junger, fruh geopferter Leib, es ist die Unvereinbarkeit ewig geschiedener Elemente. Alonzo, es ist ein Wahn, das Leben auf ungleichem Boden gestalten zu wollen. Niemand kann aus sich heraus. Sie konnen u n s das nie verzeihen, der Hass bahnt sich tausend Wege, beflecken Sie die Liebe nicht so sehr, sie in solchen Kampf herabzuziehen! Ein andrer Erdenfleck ward Ihnen angewiesen, ein andrer mir, was die Granzen uberstrahlt, ist ein himmlisches Licht, es scheint eine kleine Weile, dann zieht es sich betrubt zuruck, es weilt nicht auf dieser Erde. Sie gehoren hier nicht her, ich habe das immer beklemmend gefuhlt, die Angst hat mich in Ihrer Nahe nie verlassen, darum mein Freund sie druckte leise seine Hand, ihr Blick lag ungewiss und bang am Boden, Alonzo fuhlte ihre Finger auf den seinigen ruhend, ohne aus seiner starren, dustern Hingebung zu erwachen. Wir trennen uns, flusterte Blansche kaum horbar, dies Leben gehort der Pflicht, ich habe es mir gelobt, vor diesem Zeugen wiederhole ich es Ihnen und mir. Philipp schlug den Mantel zuruck und fasste bebend ihre dargereichte Hand. Alonzo sahe ihn verwundert an. Jetzt bog ein Reisewagen um die Ecke, Alonzo erkannte Gepack und Leute, es war sein eigner, ha! ich verstehe, rief er, heftig zitternd, Blansche stand abgewandt, ihre Brust arbeitete unter leisem Schluchzen. Nach Osten, sagte Philipp, die Hand nach dem klaren Himmel hebend, der von dort aus die tief blauen Gewitterschauer langsam aufrollte. Nach Osten, wiederholte Alonzo langsam. Er sank an Philipps Brust, Thranen erstickten seine Stimme. Darauf den Kopf muthig in die Hohe gehoben, sagte er, mit kraftigem Blick und Handedruck: junger Preusse, ihr tapfres Volk war der Wegweiser fur Europa, ich folge Ihnen, treuer Bundesgenosse! Nach Rom dann, sagte Philipp, Alonzo schuttelte ihm bejahend die Hand. Da warf sich Blansche an sein krankes Herz, der Scheidekuss, rief sie, sei Ihre Weihe. Er druckte sie heftig an sich, Blansche, Blansche stammelte er unter unsaglichem Schmerz sie wand sich sanft los und verschwand hinter der zufallenden Thur.

Stumm standen beide Freunde einander gegenuber. Ein stiller Heilgendienst? war es nicht so? fragte Alonzo nach einer kleinen Weile. Philipp winkte bejahend. Es mag, fuhr jener fort, leicht der einzige Weg zum Glucke sein, was wir im Leben anfassen, es ist todt und welk, Philipp fuhrte ihn schweigend zum Wagen. Als sie nun einstiegen und der Postillion in sein Horn stiess und die Rader sich fortbewegten, da brach Alonzos letzte Kraft zusammen. Er warf sich in die Ecke des Wagens, und weinte ohne alle Kraft, dem Schmerz zu widersteh'n. Philipp hatte seine Hand gefasst, er wagte kein Wort in den augenblicklichen schweren Kampf hineinzureden. Der Wagen rasselte uber das Steinpflaster, sie fuhren uber die Brukke, wo der Alten kleine Bude stand, Alonzo bog sich weit zum Schlage hinaus, das Wetter war still und klar, tausend Sterne funkelten uber seinem Kopf, im Osten dammette schon die rothe Morgengluth, jetzt waren sie an der Barriere, Alonzo riss plotzlich seine Hand aus Philipps los, warum folge ich Ihnen dann, rief er mit wildem Blick, was wollt Ihr Alle von mir, wer hat uber mich zu gebieten? Blansche, entgegnete Philipp, Sie wissen's ja o Gott, o Gott, rief Alonzo, beide Hande vor die Augen druckend, sie freilich sie will es! Was, hub Philipp nach kurzer Pause an, was hoffen Sie denn auch, nach dem letzten, hochsten Moment ihres ganzen Lebens noch Grosses zu gewinnen? Blansche lag an Ihrer Brust, sie gehorte Ihnen was noch kommen konnte, was ist's dagegen. Im Genuss spurt der Mensch die Armuth des Daseins. Wie voll und lebendig der Gedanke, wie reich die Phantasie. Das Errungene, Erlebte, wie trube und gemischt, wie kahl und nuchtern; glauben Sie's doch, nur in der schaffenden Kraft des Gedankens ist Leben!

Zwanzigstes Kapitel

Wochen waren verflossen. Alonzo schrieb seiner Mutter aus Rom:

"Von den Stufen der versohnten, verzeihenden Kirche wende ich mich zu Ihnen, meine hohe, strenge Mutter. Wenn die Liebe mich das Leben vergessen liess, so wusste sie auch Wege zu finden, mich mit seinen Anfoderungen auszugleichen. Worte sagen nicht, was ich hier erfuhr. Der Mensch wahne nicht, grosse Offenbarungen kommen ihm durch sich selbst. Auge und Sinne mussen empfangen, ehe die Seele erzeugt. In den Schauren geheimnissvoller Stille sahe Jesu Auge aus menschlicher Bildung auf mich nieder und ich empfand die Prufung wie die Weihe des Lebens. Wem die Glorie gottlicher Sendung nie geleuchtet, wer vor dem herandringenden Geheimniss niemals erbebte, wer das tiefsinnige Rathsel in des Menschen, in des Geweiheten Nahe nicht empfand, den durchzuckte nie hohere Ahndung, dem ist das Innere todt.

Ich bin gestarkt, zu neuem Dasein gerustet. Mein Vaterland ruft mich, vieles verwirrt sich dort aufs neue, vieles muss sich losen. Sie sehen mich in Kurzem wieder. Was aus der Vergangenheit mir blieb, moge Sie nicht storen, es ist die still begleitende Wehmuth, die niemand, der die Welt erkennt, verlasst. Sie sind gerecht, desshalb bin ich Ihrer wie meiner selbst gewiss."

Wahrend Philipp nun immer stiller und innerlicher seiner Kunst lebte und durch frische Heiterkeit einen hellen Glanz in Alonzo zuruckwarf, bereitete dieser auf solche Weise seine Rukkehr nach Spanien vor. Er hatte sich schon von seinem treuen Gefahrten getrennt, als er, recht wie ein Abschiedsgruss des kurzen, schwindenden Traumes, einen Brief von Frau von Saint Alban erhielt; sie schrieb ihm:

"Wussten Sie, wie schwer es mir geworden ist, was es mich gekostet hat, wie lieb ich Sie habe! doch alles war dagegen, ich sahe es wohl nachher, wie sehr ich mich auch anfangs selbst betrog. Ich habe geweint, geschluchzt, mit mir, mit dem Herzoge gescholten, ich wollte Blansche den letzten Abend, der mir so viel Thranen gekostet hat, zuruckrufen, Sie im Triumph in unser Haus einholen, ich ware Ihnen um den Hals gefallen, aber was ware es gewesen? Sie hatten mich nicht verstanden, so vieles in uns ist Ihnen ganz fremd, das ist es eben! das hat mich in den Tod beleidigt, das vergisst sich nicht. Lieber guter, junger Freund, der Mensch stelle sich wie er wolle, er ist unter Bedingungen da, von denen hangt er ab, die lassen ihn nicht, Sie nun ganz und gar gehorten nicht zu uns.

Blansche ist so vernunftig, so still und freundlich! das liebe Kind! gestern fragte der Herzog seine Nichte, ob sie sich der Worte noth erinnere, die sie ihm bei ihrem ersten Wiedersehen gesagt habe: es giebt Verhaltnisse, die das Gefuhl bezwingen und uns harte Pflichten auflegen. Blansche kusste seine Hand, und erwiederte lachelnd, ich habe noch nicht aufgehort so zu denken. Mein armer Alonzo, thut Ihnen das wehe? Ich berge es Ihnen nicht, lieber Freund, ich habe viel an Louis und eine Verbindung mit meiner Tochter gedacht. Bocourt ist so bescheiden, er versteht das sanfte Kind so gut, aber es wird nichts draus! Blansche liebt ihn wie einen Bruder, doch ich glaube, sie sturbe lieber als diesen Schritt zu thun. Sie fragte mich gestern, wo nahme ich denn ein Gemuth zu solchem Betruge her? Ich schwieg, lieber Alonzo, ich errothete vor mir selbst, Pflicht und Gesetz halten die stillen Seelen stets in schicklichem Gleichgewicht, ich beneide sie darum!

Ich furchte, Blansche hat weit anderes im Sinn. Sie geht fast taglich nach dem Kloster St. Genevieve. Klage ich daruber, so sieht sie mich so bittend an, dass es mir das Herz bricht. Gestern fand ich sie vor dem Bilde der schonen La Valliere. Armand musste es ihr herunterheben, sie wischte und sauberte daran und betrachtete es mit leidenschaftlicher Theilnahme. Blansche! rief ich, Thranen sturzten mir aus den Augen, sie flog an meine Brust, ich zog sie sanft an mich, mein Kind, fragte ich leise, denkst du daran mir Schmerz zu machen? sie weinte; was recht ist, sagte sie darauf, wird Sie nicht betruben. Ich weiss es, Alonzo, ich werde Himmel und Erde in Bewegung setzen, zu hintertreiben, was ich furchte, was ich nicht nennen mag, und werde es doch nicht hindern. Es geschieht gewiss, meine Angst sagt mirs.

Ich suche Sie heut, lieber Alonzo, um Ihnen zu sagen, wovon mir das Herz voll ist. Es ist wohl das letzte mal. Es ist recht betrubt, dass es so ist! ach so vieles ist betrubt im Leben. Es wird alles, alles anders als man denkt! Haben Sie mir denn vergeben, Alonzo? thun Sie es lieber junger Freund, glauben Sie nur, ich bin auch nicht glucklich, es wird so kraus und bunt um mich her, vielleicht lerne ich mich noch finden! So sagen wir uns nun Lebewohl aus weiter Ferne? Alonzo, ich hore nicht auf ein Kind zu sein! ich weine uber das, was ich selbst gewollt!"

Fromme Blansche! rief Alonzo, reife nur in deiner Einsamkeit zur Heiligen herauf! Was willst du auch unter den ungleichen, engen Gemuthern, in der frostigen, abgeblassten Welt, die sich den eignen Boden untergrabt und den Tag der Rache gewaltsam heranruft. D e r Tag wird kommen, tausend Stimmen verlangen, tausend Herzen dursten danach, denn noch ist nichts abgebusst und keine Schuld getilgt. Ihr Weltklugen mischt nur die Karten und berechnet das Spiel, das Schicksal spielt auch mit und ist ein unzuberechnender Gegner! Sanfte Blansche, bete du, und ruste deine Schutzlinge, lass die Kunst unter Philipps geweiheter Hand gross gewaltig aufbluhen, gonne deinem Freunde mit gluhenden Waffen seinen Namen in das Buch der Geschichte zu schreiben, und gelte es auch deinem Frankreich und musste der versteinte Hochmuth noch einmal vor dem Spanier und dem Freiwilligen erzittern!

Er warf sich mit diesen Worten in den Wagen und eilte Kraft und Muth in den Unruhen des Vaterlandes, in neuem glimmenden Krieg zu messen.