Caroline de la Motte Fouque
Magie der Natur
Eine Revolutions-Geschichte
Erstes Buch
Erstes Kapitel
Um die Zeit der grossen Franzosischen Revolution sah man, noch mehrere Jahre hindurch, an den Ufern der Rhone, im sudlichen Burgund, ein hochst prachtvolles, alterthumliches, Schloss sein unerschuttertes Dasein behaupten, wahrend unscheinbare Besitzungen langst der freigegebenen Willkuhr weichen mussten. Sein Bewohner, der Marquis von Villeroi, blieb untheilnehmend, und deshalb unangefochten in Mitten der dammlosen Fluth; und Mauern und Zinnen spiegelten sich ruhig in der koniglichen Rhone, die, ihren jahen Sturz gleichsam bereuend, sich plotzlich hier in scharfer Beugung westlich wendet. Sie netzte in silbernem Wellenschlag die Wurzeln uralter Baume, die, eine zweite Wehr, den hohen Wall in doppelten Reihen einfassten. Ueber ihren Wipfeln spielten die Fahnen vieler kleinen Thurme ihr bewegliches Spiel mit den wechselnden Winden fort, wahrend die alte Thurmuhr in gemessenem Takt den Pulsschlag des verhangnissvollen Lebens angab.
Der Marquis hatte Jahrelang ihren Stundenwechsel in tiefer Einsamkeit gezahlt, ohne in die grosse Reibung des Aussenlebens hineingezogen zu werden. Sein Gemuth war fruher auf andere Weise getroffen. Ein Schuler Mesmers, rang er mit durstiger Seele nach dem geheimnissvollen Zusammenhang der Dinge. Von dammernder Ahndung getrieben, dem Wunderbaren ganz rucksichtslos offen, ohne Sinn fur das grosste Wunder der Welt, Gott in den Dingen, ja ohne Ehrfurcht vor dem Gesetzlichen in der Wissenschaft, und deshalb ohne ruhiges Entfaltungsvermogen, griff er rasch in das aufgerollte Netz, dessen Schlingen sich eben so plotzlich uber ihm zusammenhakten und ihn gefangen hielten. Durch jede Bemuhung, sich Luft zu machen, rankte er sich nur fester hinein. Er wollte das grosse Rathsel mit einem Schlage losen, aber es ging ihm wie solchen, denen das Wort entflieht, wie sie es auszusprechen im Begriff sind. In dieser Verwirrung strebte er sich und seinen Meister zu uberfliegen. Und als im Jahre 1779 seine Gattin, die er aus gluhender Liebe in seinen leidenschaftlichen Wirbeln verstrickt hielt, im Wochenbette starb, nachdem sie ihm ein schones Madchenpaar geboren hatte, und der geheimnissvolle Magnet die schwindende Lebenskraft nicht fesseln konnte, ja sie vielleicht gewaltsam zerbrach, riss sich der Marquis aus den zauberischen Banden heraus, floh die Schule der Harmonie, Paris und die Welt, und begrub sich in diesem Schlosse, dessen Stifter ihn, Mutterlicher Seits, mit dem Konigsgeschlecht der Burgundionen verband.
Zu Anfang glaubte er sein Lebensgeschaft abgethan, dessen Ziel verfehlt. Was er gewollt und nicht gewollt, jegliches Streben, das ganze Dasein, ward ihm ein Hirngespinnst, jede Thatigkeit ein lastiges, zweckloses Spiel der Krafte, dessen er sich entschlagen zu mussen glaubte, um die thorigen Triebe nicht abermals an den affenden Gaukeleien abzuarbeiten. So brach er jeden Verkehr mit befreundeten Menschen ab, und schob selbst die Sorge fur seine Kinder in fremde Hande; indem er sie mit einer Ruhe, die weder Glaube, noch absolute Verzweiflung, war, in einem nahen Kloster erziehen liess.
Die Einsamkeit lockte indess langsam seine eigenste Natur aus dieser Scheinvernichtung hervor, und fuhrte sie, durch manchen wunderbaren Ruf angeregt, wieder in die alte Kreise zuruck.
Zweites Kapitel
Der Marquis pflegte mehrere Stunden des Tages in einer langen Gallerie, welche den ostlichen Flugel des Schlosses mit dem westlichen verband, auf und abzugehen, und sein lebensmudes Auge an dem bunten Schmelz der farbigen Bogenfenster zu laben, deren purpurrothe, goldgelbe, grune und dunkelblaue Scheiben zwar einen unkenntlich machenden, aber deshalb magischen, Schein auf die dahinter liegende Landschaft warfen, und die Gegenstande, in dem veranderten Lichte der Traum- und Geisterwelt des Marquis, naher ruckten. Vorzuglich nahmen sich der Strom und die daruber hinziehenden Wolkenbilder seltsam aus, jenachdem das Auge ihnen zufallig in einem bestimmten Farbenton, oder durch die gebrochene Lichter dicht aneinandergranzender Glasflachen, begegnete.
Wie oft wohl Klange an den verschlossenen Kammern der Seele voruberrauschen, Riegel und Pforten vor ihnen zusammen sturzen, und alle liebe Bilder der Vergangenheit sich plotzlich, wie freigelassen, in wehmuthiger Eil zum Herzen drangen, so ruhrte hier der bewegliche Strahl des Lebens an die dunkle Innenwelt, und der Farben Gluth schmolz langsam die nachtige Decke hinweg. Der Marquis fand sich angenehm in der ungehofften Verjungung uberrascht; denn unversehns war alles wieder wie sonst in ihm, Fragen, Wunsche, Erwartungen, alles gewann dieselbe Richtung, dieselbe Gewalt der Leidenschaft, das gleiche Steigern des Zieles. Nur, dass ihn eine geheime Scheu vor aussrem Misslingen und jeder geselligen Gemeinschaft zu immer verborgenerm Umgang mit dem Geheimnissvollen trieb, und seinem Thun und Erscheinen ein fremdes, ja unheimliches, Ansehn gab; wozu ein ganzlich vernachlassigter Anzug, oder, bei einzelnen, feierlichen, Momenten, ein wunderlicher Aufputz, theils veralteter Pracht und steifer Festlichkeit, theils eigenthumlicher Zusammenstellung der Kleidung, vieles beitrug. So war er gewohnlich mit einem langen Schlafrock von chinesischem Stoffe angethan, den ein breiter Gurt uber den Huften zusammenhielt, ein grosser ziemlich verrosteter Schlussel sah aus diesem hervor; um den ganz unbedecktem Hals trug er, an einer langen Haarschnur, etwas, das in einem seidnen Beutelchen nach Art geweiheter Amulete, verdeckt war. Die weiten Aermel streifte er, indem sie ihm, bei freier, oft heftiger Bewegung hinderlich waren, meist in die Hohe und liess die Arme unbedeckt daraus hervorsehen. Das Haar blieb unfrisirt und ungepudert; um es indess uber der Stirn zusammen zu halten, trug er um diese ein farbiges Tuch geknupft. Den Bart liess er sich nicht so oft abnehmen, dass dessen dunkle Blaue nicht Kinn und Hals beschattet hatte. Doch vor allem auffallend an ihm war die Gewohnheit, sehr laut und uberaus schnell und anhaltend vor sich selbst zu reden, so bald er allein war. Die innere Nothwendigkeit, dieses zu sein, und das Bedurfniss, durch Wort und Geberde aus sich herauszugehn, vielleicht auch andere, nicht gekannte, Ursachen, liessen ihn so ungetheiltes Gesprach oft Stundenlang fuhren. Seine Leute, anfanglich in dem Glauben, ihm sei etwas zugestossen, dann aber, um ihn aufmerksamer auf sich selbst zu machen, eilten zu ihm in das Zimmer, nach seinen Befehlen fragend? Aber sie mussten jedesmal solchen Vorwitz durch einen furchterlichen Blick bussen, den er aus dem gluhendem Augenpaar auf sie niederschoss, indem er mit einer Art zitternden Donner in der Stimme rief: was wollt Ihr? Niemand verlangt Euch! Ihr seid Gottlob weit von meinen Gedanken. Auch konnte er solche Storung sobald nicht uberwinden, und man sah ihn Tagelang mit innerer Beklemmung kampfen, die es sogleich nicht wieder zu einem ahnlichen Strom der Rede kommen liess. Er konnte sich niemals von diesem fremdartigen Weesen losmachen, selbst bei unabzuweisenden Besuchen seiner Nachbarn, oder von Geschaftsmannern, ja spaterhin, in einem ausgebreiteten geselligen Verkehr, flusterte er oftmals lange Zeit vor sich hin, und jeder liess ihn gewahren, seine Art schon kennend.
Das erste deutliche Bewusstseyn jener obenerwahnten Wiederbelebung gab dem Marquis indess ein Augenblick, der, wie immer im Leben, der Gipfelpunkt vieler andern war, die ihm vorbereitend vorausgingen.
Er fand sich nemlich einst bei hereinbrechender Abenddammerung in jener Gallerie, wo es ihm bald ausschliessend einheimisch und wohl war. Die Jahreszeit fiel in die Herbst-Aequinoktien. Die Natur arbeitete schwer, unter starken, anhaltenden Sturmen. Ungeheure Wolkenmassen rissen sich voneinander und thurmten sich wieder zusammen, immer wechselnd und steigend, bis ihre tiefblauen Gipfel sich uber das Flussbett neigten und das geangstete Wasser unter sich wie mit metallener Geissel peitschten. Dieses aber brauste und zischte und der gahrende Brodem kampfte gegen die heulenden Luftzuge, die immer gewichtiger daruher hinfuhren, die Baume in ihren Gipfeln fassend, wie ein ungestumer, trotziger Gast an Gemauer und Fenster mit gewaltigen Stossen anschlagend. Der Marquis gerieth gemeinhin durch die gebrochenen Tone, das plotzliche Abprallen, und fernhin rollende Gewimmer des Sturmes, in den qualendsten Zustand. Sein ganzes Wesen schwankte wie auf Windeswogen. Schon als Knabe fand er in solchen Augenblicken keine Ruhe, und auch spaterhin hatte er sehr peinliche Kampfe mit den wechselnden Naturzustanden auszuhalten. Jetzt stand er wie eingewurzelt, und starrte gedankenvoll, doch bewusstlos wie im Traume, in die aufgeruhrte Elementenwirbel. Plotzlich legte es sich wie ein weisser Schein uber dem dunklen Wolkenberge auseinander, kleine Silberflokken kreisten anfangs am Saume umher, bis sie immer dunner und durchsichtiger ineinanderflossen, und das weisse Gewolk endlich wie ein weiter Schleier aufwallete, hinter welchem der Vollmond in seiner ganzen, wunderlichen Herrlichkeit heraufstieg, und gleichsam auf dem schwarzen Throne Platz nahm. Dem Marquis war es, als sahe die strenge Naturgottin strafend auf ihn nieder. Er schauerte unwillkuhrlich zusammen, und schloss die geblendeten Augen.
Der gesellige Mensch, voll heim athlicher Bilder des befreundeten Lebens, voll vertraulich gewordenen, aus der aufgedeckten Welt geschopften Wunschen, weiss kaum, wie die Nacht an die Seele des Einsamen, Hoffnungsarmen, ruhrt, wie er dastehen, auf einen Ton horchen konne, den er vergebens dem reichen Tagesschein abbettelte.
Der Marquis hoffte mit gespannten Sinnen auf irgend eine grosse Offenbarung. Ihm werde, dachte er, jetzt gegeben, was er fruher der Natur abzutrotzen meinte. Doch leider sollte er nur immer tiefer in die alte Verwirrung hineingerathen!
Das volle Mondenlicht warf einem hellen Kreis in das Zimmer, der Marquis stand in Mitten desselben, fast regungslos, in einem Strudel ungestum arbeitender Vorstellungen befangen. Zwei Welten schmolzen jetzt in ihm zusammen, aussere Wahrnehmung und inneres Schauen und Fuhlen wurden Eins. Der wachsende Sturm riss in seiner Seele, ohne dass er sich bewusst war, ihn zu horen, der herabstromende Regen, ja ein, zu dieser Jahreszeit ungewohnlich starkes, Gewitter, rollte nur dumpf an ihm voruber, doch fuhlte er es wie Feuergusse durch sich hinziehn. Auch vor den geschlossenen Augen spruhete es ihm wie Feuer, und zwar wie lauter brennende Schriftzuge, von denen er gleichwohl nichts lesen konnte. Er sprach in der Zukunft gern und oft von diesem Zustand, der ihm wie ein Traum erinnerlich blieb, und den er, als einen Licht- und Wendepunkt seines Lebens, sehr in Ehren hielt. Plotzlich fiel ein heftiger Donnerschlag, der, mehrere Scheiben zerschlagend, in das Gemach hinein, eine metallene Leiste entlangs, an einem sehr kunstreichen, in die Wand eingelassenen, Uhrwerke herab, in die Erde fuhr. Dies Uhrwerk, von einem deutschen Meister vor mehrerern hundert Jahren verfertigt, liess zu bestimmter Zeit einen Vogel aus goldgeflochtenem Bauer hervorgehen, der, seine Schwingen ausspreitzend, mit gellender Kehle die Stundenzahl angab. Die ganze Sache war seit langer Zeit ins Stocken gerathen. Niemand erinnerte sich, das nunmehr ziemlich verachtete Kunststuckchen selbst gesehen und gehort zu haben, man erwahnte dessen nur als einer Merkwurdigkeit des Schlosses. Jetzt aber, wie durch einen elektrischen Schlag entzaubert, trat der Vogel hervor, und gleichsam, als wolle er sich fur das lange Schweigen schadlos halten, blieb er in einem schnarrenden Geschmetter, bis das rostige Raderwerk, abgelaufen, wieder in seine Fugen zurucksprang, indem noch zuletzt ein Ton nachklang und langsam verhallte. Da nun der Marquis mit diesem einen letzten Tone zugleich aus seiner halben Ohnmacht aufschreckte, und es sich fand, dass es nach Mitternacht, ja nach den ubrigen Uhren des Schlosses, auf den Glockenschlag Eins sei, so behauptete er, die Stunde seiner Wiedergeburt habe zugleich auch in der Geisterwelt geschlagen, und alles, was er in dieser erlebt und nicht erlebt, was er geahndet und innerlich gesehn, sei Mahnung zu einem hochst wundervollen Berufe, dem er sich nun ganz ohnfehlbar weihen solle.
Hierin ward er folgenden Tages um so mehr bestarkt, indem er jene herausgefallene und zerbrochene Scheiben aufsammelte, und wirkliche Schildereien, ja recht sinnvolle Gestalten, darauf wahrnahm, was er fruher niemals bemerkt, indem sie die obern Felder ausfullten und sich weiter herunter keine gemalte, sondern, vielleicht als spatere Erganzungen, nur farbige Glaser vorfanden. Besonders auffallend war ihm die Bildung eines Mannes mit grossem Buch und goldenem Schlussel in der Hand. Die Figur war sorgsam ausgezeichnet, nur in Rucksicht der Kleidung schien sie keinem Zeitalter noch Volk eigends anzugehoren, sondern allein das Wunderbare der Zauberei anzudeuten. Da sich nun dasselbe Buch mit daruber liegendem Schlussel auf den ubrigen Glasscherben, auch ohne die erwahnte Gestalt, zeigte, so glaubte der Marquis, hierin, in Verbindung mit jenen im Innern gesehenen, feurigen Schriftzugen, eine Weisung zu finden, dass solches Buch noch irgendwo im Schlosse verborgen sei, welches ihm vielleicht allein die ersehnten Aufschlusse geben konne.
Er stellte deshalb sogleich die allergenauesten Untersuchungen an, und gelangte endlich, am aussersten Ende des Gebaudes, in ein Zimmer, welches den untern Raum eines der vielen kleinen Thurme ausmachte. Hier hatte man nun wohl seit Jahren den lastigen Ausschuss abgetragener Kleider, veralteten Hausgeraths, zerrissener und verblichener Schildereien, kurz alles dasjenige hingeworfen, was die neuere Zeit von sich wegschiebt, ohne grade zu auf zerstorende Weise Hand daran legen zu wollen. Unter vermodertem Plunder und einer Decke von Staub und Spinnengewebe lagen auch wirklich Bucher, welche der Marquis sogleich hervorzog, und einen Folianten mit Pergamentdeckel als das rechte und ersehnte erkannte. Zu seinem Kummer aber war es in unbekannter Sprache geschrieben, und die uber jedem Paragraphen eingestochenen Cirkel, Linien und seltsamen Figuren, reitzten seine Begier bis zur qualendsten Leidenschaft.
Er konnte indess den gefundenen Schatz dennoch nicht wieder fahren lassen. Er beschloss, alles anzuwenden, das Geheimniss zu entziffern, indem er ausfundig zu machen hoffte, in welcher Sprache das Buch abgefasst sei, und diese sodann ohne weiteres erlernen zu konnen meinte.
Voll von diesem Gedanken wollte er das Zimmer verlassen, als er auf dem hervorspringenden Sims der Thur einen Schlussel liegen sah. Er durfte, seiner Meinung nach, nichts unbeachtet lassen, und ob er gleichwohl keinen Nutzen von dieser Entdeckung einsah, so steckte er doch den Schlussel zu sich, und traumte sich im Besitz vom Steine der Weisen, ohne diesen jemals zu finden, denn wenn er auch Tage und Nachte und Monate und Jahre uber das Buch sann, und forschte, es blieb ihm verschlossen, und keine Spur konnte ihm die eigentliche Sprache entdecken.
Er begnugte sich demnach, mit den darin befindlichen Zeichen Versuche anzustellen, und, indem er sie so oder so legte und stellte, brachte er Resultate heraus, die ihm zwar nicht gnugten, dennoch aber eine eigene Magie zusammenbaueten, in welcher er sich selbst als Herrn und Meister feierte.
Drittes Kapitel
Auf diese Weise war dem Marquis, unter stetem Forschen und angestrengter Arbeit, eine Reihe von Jahren in einer Gattung von Thatigkeit verflossen, welche zwar keinen sichtbaren Einfluss auf das Gestalten und den Fortgang der Dinge gewann, ihm jedoch grosse Ereignisse vorzubereiten schien. Was uberall geschehen konne? was er besonders erringen werde? daruber war er wohl nicht vollig auf dem Reinen. Nur so viel schien ihm gewiss: Die Natur habe in jeder ihrer Offenbarungen eine Stimme, und ob nun gleich diese der sinnlichen Warnehmung meist unverstandlich bliebe, so musse die entbundene Seele doch nothwendig in einen Rapport mit der geheimnissvollen Innenwelt zu setzen und in Einverstandniss mit ihr zu bringen sein. Das grosse Phanomen des Somnambulismus und der Clairvoyance schwebte ihm hierbei vor Augen. Was dort dem Uebergewicht e i n e r animalischen Kraft uber die andere moglich sei, das, glaubte er, durfe der Einwirkung hoherer Krafte um so weniger entstehn. Wie diese nun zu beschworen, wie sie von den Banden der Leiblichkeit frei zu machen seien, das war die grosse Angelegenheit seines Lebens, an die er Gesundheit, frische und freudige Sinnenlust, den Schmuck und die heitere Klarheit des Lebens, ja alles in allem, des Daseins ewig bewegliches Element, der Liebe und Freundschaft belebenden Verkehr, setzte.
Wahrend er sich indess in die finstern Schachten langsam selbst vergrub, und der Qualm und Dampf. nebelnder Ahndungen sein Herz vertrocknete und den Geist wie ein flackerndes Licht unstat hin und her trieb, ruckte ihm das wirkliche Leben immer naher und naher, und schien die gefristete Stundenzahl mit Wucher von ihm einzufodern.
Sein abstruses, oft verzucktes, Wesen hatte ihm langst den Ruf stillen Wahnsinnes gegeben. Man war ihm mit einer Scheu begegnet, welche, bei aller Verachtung vor ubersinnlicher Traumerei, in unsern Tagen, nicht selten, im Gemisch von Geringschatzung und augenblicklich aufflammender Ahndung eines Etwas, das die bunte Decke des Lebens verbirgt, den Schein demuthiger Furcht gewinnt. Ein Mensch wie der Marquis zieht unwillkuhrlich einen Kreis um sich her, den das freudige, wie das freche, Leben flieht.
Deshalb konnte die Revolution losbrechen, und sich von den Stufen des Thrones durch Gerichtshofe und Institutionen bis zu dem stillen Verkehr des Landmanns hinunterwalzen. Das grosse Triebund Raderwerk ineinander greifender Verhaltnisse aus seinen Fugen reissen, alle Bande des Gesetzes, der Ehre, sichtbarer und unsichtbarer Liebe zerbrechen, weder Partheigeist, noch Freundschaft, noch tapferer Muth machten sich Bahn zu dem abentheuerlich gesinnten Mann, dem sich, in truber Verpuppung, die glanzenden Fittige niemals losen wollten.
Wie der Marquis indess in jener Nacht das Gewitter schmerzlich fuhlte, ohne es deutlich zu horen, so zitterte auch jetzt sein Herz bei dem Untergange alles dessen, was zahllose Geschlechter aus sich erwachsen sahen, wie der Leib ihres Denkens und Schaffens Fuss fasste auf Erden. Der Mensch wachst mit der Form zusammen, die er bilden half, und man zerbricht diese niemals, ohne das innere Leben nicht auch zu beruhren. Die Nachricht der Gefangennehmung des Konigs, und spater dessen Tod, jagte dem Marquis das Blut flammend durch die Adern. Ein unleidlicher Druck legte sich ihm auf Brust und Herz. Seine ganze Vergangenheit war zusammengesturtzt, zu welcher ihn der Gedanke, in stillen, erschopften Stunden, unwillkuhrlich zurucktrug, und den ganzen wehmuthigen Traum des Lebens nochmals vor ihm aufrollte. Deshalb ward ihm nunmehr alles peinigend, was aus jener Zeit zu ihm redete, und er befliss sich sorgfaltig, jeglichen Gegenstand zu entfernen, welcher diese Sprache fuhrte. Aus eben dem Grunde liess er die Bildnisse seiner Eltern aus dem Zimmer tragen und sein Familienwappen uber dem Kamin verhangen. Dieser Umstand legte den Grund nachheriger Verwirrungen, und gab den ersten Anstoss, welcher in die Ereignisse der Zeit hineindrangte. Denn es war nicht sobald laut geworden, dass der Marquis, in lichten Momenten, wie sie es nannten, der guten Sache anhange, ja Vater und Mutter verleugne und der grossen Angelegenheit der Menschheit huldige, als einzelne rohe Bursche versuchten, seine Reichthumer und geheimen Kunste zu ihrem Vortheil zu benutzen.
Es war schon hoch an der Zeit, als eines Abends der ehemalige Essenkehrer des Schlosses und zwei andere Handwerksgesellen aus dem nahen Stadtchens in tappischer Eil zu dem Marquis eintraten. Mit gespreitzten Beinen, auf Eisen beschlagenem Knotenstock gestutzt, standen sie da, streckten die breiten, bartigen Gesichter auf kurtzem Halse aus Flugelartig gebogenen Schultern hervor, und schickten lustern freche Blicke im reichen Zimmer umher. Verwogen hing die Jakobinermutze uber einem Ohr in den Nakken herab, das struppig wilde Haar bauschte sich unter dieser uber flacher, eingedruckter Stirn. Der Marquis fuhr erstaunt bei ihrem Eintritt in die Hohe, aber sie legten die groben Fauste vertraulich auf seine Schultern und Arme; und riefen "Hor' Burger, Du bist von den Unsern, wir wissens, lass jetzt einmal Deine Hexenstreiche, und thu' was rechts. Die Lyoner Konigsknechte schicken Streifparthieen im Lande umher, zieh' mit uns! wer weiss, wie lange der alte Steinhaufen so noch steht! Zieh' mit uns!" riefen alle drei und stiessen die derben Knittel ermunternd auf gegen den Boden. "Oder willst Du das nicht, fuhr der Essenkehrer fort, so gieb Deine Baarschaft her, wir brauchen Geld, Waffen, Kleider und Schuh, es ist ja fur Dich wie fur uns, wie das Sundengeld von Dir, was Deine hollischen Vater erpressten."
Bleich wie der Tod, die nackten Arme drohend aufgehoben, starren Blickes, mit verhaltenem Athem, stand der Marquis ihnen gegenuber! So dreist sah die neue Welt zum erstenmal in seine Einsamkeit hinein! Die Wuth schwellte sein Herz zum Zerspringen. Furchterlich schrie er auf, und fiel, wie die uberreitzte Natur sich jetzt oft so in ihm zerriss, in Haaranstraubenden Zuckungen zur Erde.
Die Bursche blickten einander, wie gelahmt an Handen und Fussen, ganz verdutzt an, dann aber, wie auf einen Wink, sturtzten sie, ohne hinter sich zu sehen, zur Thur und zum Schlosse hinaus, und meinten nicht anders, als der Teufel gehe drin um, und es sei nicht gerathen, sich mit diesem weiter einzulassen. Mehrere Domestiken des Marquis, welche schon langst ahnliche Vermuthungen hegten, schlossen sich an die Fluchtenden an. Wenige blieben zuruck, unter ihnen Bertrand, der bejahrte Schlossverwalter. Dieser eilte zu seinem Herrn, leistete ihm alle erdenkliche Hulfe, und verliess ihn wahrend der ganzen Nacht, in welcher der Marquis viel innere und aussere Schmerzen litt, nicht einen Augenblick. Der unerwartete Vorgang schwebte diesem unablassig vor der Seele. Er hatte so lange nichts von der Welt gesehen, nun brach sie so frech, so verwirrend, auf ihn ein! Dass diesem ersten Anfalle ahnliche folgen wurden, fuhlte er wohl. Er sah sich der rohesten Willkuhr blossgestellt. Deshalb fiel es ihm auch wohl ein, Eigenthum und Vaterland zu verlassen, allein sein Blick war nirgend in der Aussenwelt zu Hause, sein Denken, nach dieser Richtung hin, so unbehulflich, er selbst so losgerissen von jeder befreundeten Beziehung des Lebens, so eingefugt in die liebe, lange Gewohnheit taglichen Seins und Thuns, dass er sich trostete, so gut es ging, die Gefahr in weite Ferne hinausschob, und bange Vorgefuhle einschlaferte.
Der Mensch mag sich indess vor sich selbst und gegen die Welt hinstellen und wenden wie er will, das Alte kehrt ihm nie in seiner vorigen Gestalt zuruck. So kam dem Marquis grade dasjenige, was er bewahren wollte, die gewohnte Weise, nicht in dem vorigen Takt und Maasse wieder. Mit dem mussigen Zusehn des Aussenlebens war es vorbei! Jene grossen, allgemeinen Fragen uber Natur und Menschenleben wanden sich in immer engern Kreisen zu einem ganz kurz gesteckten Zielpunkte zuruck. Seine Orakelbeschworungen klangen bald anders. Unwillkuhrlich schloss Frankreichs Boden die Welt in sich, das eigene, enge Dasein umfasste die grosse Angelegenheit der Menschheit, und ewig fortschreitende Zeitentwickelungen wurden zu Heut und Morgen. Was einmal geschehen war, konnte wiederkehren; und bei weitem gewaltsamer, frecher, Freiheit und Leben bedrohender. Deshalb mischte sich Unsicherheit und Zagen in alle Vorstellungen des Marquis. Er konnte nicht mehr allein sein. Bertrand durfte ihn nicht verlassen, ja er verschmahete es nicht, mit diesem zu reden, und Fragen uber die Tagesneuigkeiten an ihn zu richten, welche die innere Unrnhe seines Gemuthes deutlich genug offenbarten.
In dieser Stimmung erhielt er eines Tages eine Botschaft von der Aebtissin jenes Klosters, in welchem seine Tochter ohnweit Lyon erzogen wurden. Sie meldete ihm durch einen Kohler, welcher das Klosters Heitzung fruher gepachtet hatte, dass die Gewalt auch in ihrer Provinz von neuem siege, dass sie seinen Kindern langer keinen Schutz zusichern konne, und selbst, einzig unter Gottes Schutz fluchtend, ihr Vaterland zu verlassen gesonnen sei. Der Kohler setzte hinzu, die bedrangte Unschuld habe wohl Schande und Uebermuth zu furchten, da unzahlige Opfer taglich unter dem blutigen Beile des Henkers fielen, Andere, durch die Kriegesgeissel vertrieben, unstat umherwanderten, oder in Hunger und Noth verkamen, er selbst sei mit Frau und Kind auf dem Wege nach den Savoyer Gebirgen.
In Chambery habe die Frau einen Bruder wohnen, dort wollten sie noch ein Stuckchen Erbschaft holen, und dann vielleicht nordwarts nach Deutschland wandern, wo die Menschen doch einen Gott und einen Glauben hatten.
D e s Mannes verkummerte Gestalt, die Schatten, die bei den truben Worten, wie Schreckenserinnerungen, uber sein bleiches Gesicht hinfuhren, und mehr als alles, die Hindeutung auf schamloses Entweihen zarter, geheiligter Unschuld, sprach mit unwiderstehlicher Gewalt zu dem Herzen des Marquis. Das Entsetzen, die Angst, gaben ihm augenblicklich Kraft und Entschluss. Es galt die Ehre seines Hauses, er konnte nicht zogern. So wollte er sich denn aufraffen und seine Tochter retten, die er nicht kannte, an die er seit siebzehn Jahren zum erstenmal in einem einzigen, alles beherrschenden, Gefuhle dachte. Er zitterte vor Ungeduld, war ganz Feuer, Muth und That, plotzlich allen banglichen Rucksichten vorubergeflogen. Er selbst verstand sich nicht, und glaubte, eine unsichtbare Gewalt handle durch ihn, um so mehr, da er sein Vorhaben durch des Kohlers Bereitwilligkeit, dessen Zuhausesein in der jetzigen Welt, seinen wackeren Sinn und thatigen Eifer, unerwartet erleichtert sah.
Das Kloster war nicht uber funfzehn Stunden vom Schlosse entfernt. Der Kohler liess sich sogleich willig finden, den Marquis dorthin zu begleiten, der niemand die Sorge fur seine Kinder anvertrauen wollte, je furchtbarer der wildeste Aufruhr grade in diesem Zeitpunkte durch ganz Frankreich raste. Vorzuglich erzitterten die sudlichen Departements unter den Doppelschlagen inlandischer und auswartiger Feinde. Die Konigsgesinnten hoben, durch Schmerz und Verzweiflung getroffen, einen Augenblick die gebeugten Haupter, Toulon war in den Handen der Englander, Portugiesen und Spanier hatten Fuss gefasst bis jenseits Perpignan, Lyon trotzte Gefahr und Tod, aber Carnot schoss Feuerflammen in die Herzen der Republikaner. Aus Savoyen stromten die Truppen, welche es unter Montesquiou besetzten, zuruck Tod und Blutgier waren losgelassen, der Wurgeengel ging vor beiden Partheien einher, nichts sollte bestehen, die Erde arbeitete ein neues Leben aus den Blutwellen herauf. Durch alle diese Schrecken sah der wachgeschuttelte Vater mit steigender Ungeduld der Rettung seiner Kinder entgegen! Deshalb hatte er auch keinen Augenblick langer Ruhe. Die Luft im Schlosse schien ihm das Herz zusammenzudrucken, uberall wo er sich hinwandte, was er anfasste, traf es ihn wie mit elektrischen Schlagen! Er trieb und drangte demnach mit solcher Heftigkeit, dass in wenigen Stunden alles berathschlagt, eingerichtet, und zur Abreise bereit war.
Viertes Kapitel
Der Morgen dammerte kaum, als sich der Marquis in der allerwunderlichsten Stimmung, von Schmerz und Erwartung zerrissen, mit den Waffen des stolzesten Muthes im Innern, und den gehorigen Vertheidigungsmitteln von Aussen versehen, in den Wagen warf, und nachdem er des Kohlers Frau, nebst ihrem Kinde, Bertrands Pflege empfohlen hatte, mit seinem rustigen Begleiter in Gottes Nahmen die Reise antrat.
Aber es war nicht das ehemalige Frankreich, noch dessen vorige Bewohner, welche die alte, ewig gekannte, Sonne beschien! Weder Dorfer noch Felder und Walder sahen sich ahnlich. Ganze Ortschaften lagen eingeaschert, oder standen leer; aus zerschlagenen Thuren und Fenstern klafften blutgefleckte Wande schreiend hervor. Nirgend hatte die Pflugschaar ihre segensreiche Furchen gezogen. Die Kammern der Reichen waren aufgerissen, geiler Ueberfluss verscheuchte Fleiss und Betriebsamkeit und den stillen Genuss sittigen Erwerbs. Die Aecker lagen aufgewuhlt, zerstampft, tief gleisete Wege fuhrten achtlos daruber hin. Auf den Weinbergen rankte sich ein wild wucherndes Gewachs zwischen uberhangendem Unkraut hin, Planken und Pfahle waren ausgerissen, Winzerwohnungen umgesturtzt, die schwellende Traube schuttete ihren Segen in den Schooss der Erde, keine Hand wollte sie pflucken, in keinen Becher perlte der bescheidene Most, so lange reiche Keller ihre Schatze hergaben und schaumende Feuerstrome das trockene Gehirn der Menge entzundeten. Und aus all den verwandelten Umgebungen starrte ein neues Geschlecht mit verwilderten Blicken hervor. Sehr mannigfach und in seltsamer Verzerrung war dessen Erscheinen! Auf das Emporendste trieben viehische Rohheit und bettelhafter Trotz ihr wustes Spiel unter Mannern und Frauen. Bewaffnete und verstummelte Weiber schleppten sich in wilden Haufen umher, hielten Wegelagerung und waren die grausamsten Verfolgerinnen ihrer Beute. Spindel und Nadel ruheten, das Schwerdt half ertrozzen, was diese muhsam erwarben. Aber mehr noch als Geldgier und Rache war Misstrauen das Schreckensgespenst, das vor jeglichem herging, und mit seinem Pesthauch die Lebensluft vergiftete. Es zerschnitt plotzlich Vertrauen und Zuversicht und verwirrete die reinsten Verhaltnisse.
Unversehns hatte es auch den Marquis erfasst, die dustere Verwilderung um ihn her hatte in diesem den unheimlichen Gedanken erwerkt, dass der Kohler abgeschickt sei, ihn vor irgend ein Blut-Gericht zu lokken, dass man ihn dort der Zauberei angeklagt habe, sein verborgenes Wesen indess scheue, deshalb keine Gewalt gebrauchen wolle, und sich der List bediene.
Was zu Anfang nur in dunkler Beklemmung sein Herz zusammenzog, arbeitete sich immer deutlicher und kenntlicher herauf, wie er den Gedanken nur einmal ins Auge fasste. Jede Bewegung des Kohlers ward ihm verdachtig. Er bewachte ihn mit gespannten Blikken und steigerte seine Angst, vorzuglich gegen die Nacht, auf eine Weise, dass die wildesten Mordbilder seine Seele durchzuckten. Der stille Schlaf des muden Mannes schien ihm die abgefeimteste Heuchelei, und ein verruchtes Mittel, ihn selbst zu ahnlicher Hingebung anzulocken. Dahin liess es nun die geangstete Natur auf keine Weise in ihm kommen, das fuhlte er wohl, indem er sein Ahnungsvermogen pries, welches ihn zu rechter Zeit vor Gefahr warnte. Diese ward ihm aber so gewiss, dass er entschlossen war, umzuwenden, und nach dem Schlosse zuruckzufahren. Indess schwankte er noch, und verweilte einen Augenblick bei der Moglichkeit, das allgemeine Elend konne ihn sehr zur Unzeit scheu und voreilig machen, als ein neuer unerwarteter Auftritt seine ganze Aufmerksamkeit gefangen nahm und ihn zwang, auf das Nachste und Gewisseste hinzusehn.
Ihr Weg fuhrte sie an dem Schlosse des Baron C l a i r v a l vorbei, welcher mit einer Schwester der verstorbenen Marquise vermahlt war. Unzahligemal kamen die jungen Frauen in der schonen Sommerzeit des kurzen Ehegluckes der Marquise hier zusammen. Der Baron, voll gemuthlicher Frohlichkeit, reich, grossmuthig, gastlich, sinnreich im Genuss der Zeit, zog Freunde und Bekannte in seinen heitern Kreise. Die jugendlichste Lebenslust trieb hier ihr freudiges Spiel. Theater, Balle, glanzende Aufzuge, muthwillige Verkleidungen, gesellige Intriguen, Freundschaft und Liebe, alles durcheinander, fullte hier Herz und Sinne vieler sorgenfreien, lustigen Menschen, denen sich die Welt, wie eine Knospe, plotzlich im Fruhroth des Lebens offnete. Der Marquis insbesondere spruhete seine Feuernatur in tausend gluhenden Funken umher, wohin diese fielen, zundeten sie, und stromten bewegliches Leben durch die gesellige Lust. Ihn selbst erfullte nur e i n Gefuhl, Vergotterung der jungen, bildschonen Frau, und heftiges Verlangen, diese unaufloslich an sich zu ketten, zu bannen, durch alle Kunste geheimnissvoller Liebeszauberei. Damals spielte dies Verlangen nur noch auf der frischen, farbigen Blumendecke des Lebens. Die Aufmerksamkeit des geliebten Weibes immer neu und gespannt auf sich zu heften, zeigte er sich dieser in mannigfacher Gestalt. Sein reiches Talent, die Gewalt und brennende Kraft seines Willens, gaben ihm tausend Mittel dazu. Er war furchtbar herrlich in der Tragodie, blendend und fast verwirrend im magischen Zauber ausgewahlter Aufzuge, zierlich, gewandt bei Tanz und Spiel, und unwiderstehlich fortreissend in der leidenschaftlichen Gluth seiner Liebe. So uberfullte und zersprengte er denn auch das zarteste Herz, das sich in jenen Tagen unbefangen an das seine legte. Seitdem sah er das Schloss nicht wieder. Mit allem, was ihm sonst gelacht, zerfallen, blieb ihm das gastliche Gebaude verschlossen. Jetzt war es bis auf seine Grundsteine geschleift, Lust- und Fruchtgarten lagen verschuttet, wo sich einst die heitern Zimmer dem vertrautesten Menschenverkehr eroffneten; wo Musik, befreundete Gesprache und der Liebe leises, berauschendes Gefluster erklangen, da brannten jetzt Wachtfeuer, ein republikanisches Chasseur-Regiment nebst Infantexte-Bataillon stand dort auf dem Bivouac, Gesindel aller Art hatte sich hinzugesellt, viel abentheuerliche Gestalten lagen neben dem Auswurf des Pobels um dampfende Kessel frisch geschlachteten Fleisches, freche Lieder schallten durch die Luft, zwischen den Feuern sah man die Carmagnole unter wuthenden Verdrehungen tanzen, dazwischen schrieen ganze Schaaren Raubvogel, die gierig auf die ekelhaft umhergeworfenen Eingeweide des getodteten Viehes niederfielen, an den Seiten hielten Vedetten zu Pferde und zu Fuss. Eine derselben, ein Infanterist, vertrockneter, durftiger Statur, in weiten Lumpen hangend, mit seltsam aufgeputztem Helm, dessen Flugelartige Schutzleder von Tigerfell sich um das gelbe, abgeflachte Gesicht legten und es bewahrend einschlossen, brullte den Reisenden sein qui vit? entgegen. Dem Marquis, dem Vergangenheit und Gegenwart, wie zwei gegeneinander fassende Dolche ohnehin in die Seele schnitten, gerieth durch den widerlich-trotzigen Anruf ganz ausser sich, er sprang auf, griff nach seinen Waffen, und war im Begriff, ein Pistol abzudrucken, als der Kohler sich uber ihn warf, seine Arme fest um ihn schlang und dem Vorposten zurief, er bringe den wahnsinnigen Burger Villeroi in Verwahrung in das Hospital nach S t . F o n s . Der Marquis schrie bei diesen Worten laut auf, und der Kohler hatte alle Muhe, sich seiner versichert zu halten, als der Republikaner ungestum den Pass zu sehn verlangte. Da kam ein junger schoner Mann, in reicher Uniform, auf stattlichem Pferde, an den Wagen gesprengt, und gebot mit uberaus milder Stimme, den Unglucklichen fahren zu lassen, der sichtlich Hulfe bedurfe. Der Ton dieser Stimme fiel wie Balsam auf des Marquis innere Wunden, er wusste nicht, wie ihm geschah, der Zorn hatte keine Kraft mehr in ihm, Thranen sturtzten aus seinen Augen, er wollte dem jungen Mann um alles nur einmal ins Gesicht sehn, aber der hatte sein Pferd gewandt, und der Wagen flog schnell davon.
Der Kohler liess jetzt den Marquis aus seinen Armen. Verzeiht, lieber Herr! sagte er leise, wenn Euch meine Worte verdrossen haben, aber ich wusste kein ander Mittel, und es ist doch nun auch alles gelungen. Der Marquis erwiederte nichts, druckte sich in eine Ecke des Wagens und bemerkte es kaum, dass unwillkuhrlich ein Gebet uber seine Lippen flog. Der Kohler zog einen Rosenkranz aus dem Futter seines Rockes und betete still mit, bis der Marquis eingeschlafen war.
Dieser sah im Traum den jungen Mann in allerlei bekannter Gestalt hin und herschwanken. Paris, das verwustete Schloss, er selbst, seine fruherer Soldatenstand, alles rankte sich in ein buntes Geflecht zusammen, zuletzt trat die verstorbene Marquise zu ihm, sie hielt den Finger auf das geheimnissvolle Buch, die magischen Zeichen flossen alle in einander, dann traten wieder Buchstaben einzeln herauf, aber er konnte sie nicht festhalten, und vergass einen uber den andern, da wollte er fragend zu der Marquise hinsehn, die war nicht mehr da, das Buch aber, was er in der Hand hielt, war die Bibel.
Die Bibel! sagte er traumend, als jetzt der Wagen hielt und der volle Tag das Kloster beschien, welches am Abhang eines ausnehmend frischen und bluhenden Hugels vor ihm lag. Der Kohler offnete den Schlag, der Marquis sah geruhrt auf ihn hin, reichte ihm in schweigender Beschamung die Hand, und ging nun, von der treuen Seele geleitet, den Steg hinan.
Sie fanden die grossen Flugelthuren achtlos angelehnt, das Gebaude wie ausgestorben, alle Zellen offen und leer! Dem Marquis klopfte das Herz in unaussprechlicher Angst, auch der Kohler ward unruhig, indess fanden sie keine Spur irgend einer Gewaltthatigkeit. Freiwillige Auswanderung nur war denkbar, doch so plotzlich erschien auch diese unbegreiflich. Sie setzten daher ihre Nachforschungen mit moglichster Sorgfalt fort. Alle Schlupfwinkel waren bereits durchsucht, als sie hinter einem Pfeiler in der Kapelle eine Thur wahrnahmen, sie offneten und eine Treppe hinuntergingen, welche zu mehrern labyrinthisch in einander fortlaufenden Gewolben fuhrte. Der schrage Strahl eines fernen Lichtscheines gab ihrer Wanderung hier bestimmte Richtung. Sie traten auch bald in eine weite Halle, deren schone Verhaltnisse und schlanke Saulenpracht, den Eintretenden das Gefuhl heimathlicher Ruhe und tiefen Ernstes in die Seele legte. An den Seiten standen viel kostbare Sarge in Nischen, welche zugleich die steinernen Bildnisse verstorbener Klosterfrauen einschlossen. Aus dem Hintergrunde strahlten mehrere Kerzen herauf und verbreiteten ein heiteres Licht uber die einfach grosse Erscheinung. Das bewegliche Gemuth des Marquis war auf das Hochste gespannt, als die Aebtissin, durch den Anblick des Kohlers jeder Erklarung uberhoben, von mehrern Jungfrauen begleitet, vortrat, und dem Marquis ein uberaus zartes, fast kindisches Wesen, mit blondem Lockenkopfchen und schmeichelndem Augenpaar, zufuhrte. Mehr hinter ihr, als zu ihrer Seite, schritt eine hohe Gestalt von uberaus grosser Schonheit, blendendem Auge und strenger Regelmassigkeit in Wuchs und Gang, langsam, fast zogernd, einher. Der Marquis hatte die Worte: Ihre Kinder! schon gehort, fuhlte die Kleine unter heissen Thranen an seiner Brust, als jene, nicht scheu, nicht schroff, aber sinnig beachtend, dastand, gleichsam, als erwarte ihr Herz, was der ungekannte Vater zu diesem sprechen, was der ganze wunderbare Moment ihr sagen werde. Auch der Marquis sah fragend in ihr Auge und beider Blick brannte in stummen schauervollem Erkennen ineinander. M e i n e Tochter, sagte er langsam, sich des Unbegreiflichen versichernd, sie neigte sprachlos ihre Stirn auf seine Hand und es schien, als gehe mit dieser Beruhrung sein ganzes Wesen, zu ihrer Verstandigung, in sie uber. Unter Grabern, sagte sie, welche Betrachtung eben in ihm aufstieg, fuhrt uns das rohe Leben zusammen. Es deutet uns wohl auf den truben Ernst unserer aller Zukunft! Die Aebtissin sah sie verwundert an, sie hatte sie niemals so bestimmt und dreist sprechen horen. Antonie aber sank zu ihren Fussen, umfasste ihre Knie und flehete mit nie geausserter Heftigkeit um ihren Segen. Die bewegte Frau legte ihre Hande segnend auf beide Schwestern, die kleine lachelnde Marie indess mit besonders wehmuthiger Inbrunst an ihre Brust druckend. Drauf fuhrte sie beide nochmals den Vater zu und liess der Natur still geheimnissvolle Sprache sich ungehindert offenbaren!
Funftes Kapitel
Nach diesen ersten, gefeierten Momenten kam es sodann bald zwischen dem Marquis und der Aebtissin zu den nothigen Erorterungen. Sie sagte ihm: dass die gehauften Truppenmarsche dieser Tage, Lyons nahender Fall, die immer wachsende Zugellosigkeit und Gewalt der Republikaner, ihr Kloster jedem Angriff blosgestellt und sie zu dieser letzten Zuflucht hinabgedrangt habe, welche ihr jedoch nur sehr Augenblicklichen Schutz gewahren durfe; sie sei deshalb erfreut, ihre Pfleglinge seinem Handen zuruckgeben zu konnen, indem sie nur fur diese gesorgt, ungewiss, welcher Parthei er, der Marquis, beigetreten sei, oder welche Plane er fur seine Familie entworfen habe, die sie vielleicht, nothgedrungen, durch still vorbereitete Flucht und ganzliche Auswanderung zu durchkreutzen, noch vor wenigen Minuten im Begriff gestanden. Er seiner Seits versicherte sie seiner Dankbarkeit mit all der Leidenschaft, in welche ihn das zur Halfte gelungene Vorhaben, der Anblick seiner Kinder, alles vorher Erfahrene, der Ort ihres Wiedersehns, und eine unruhig in seiner Seele heraufdammernde Zukunft, versetzte. Er redete, wie immer, ausserordentlich schnell, leise, und mit geringer Bewegung der kaum geoffneten Lippen; so dass der Ton seiner Stimme einem fernen Sauseln glich, und um so grasslicher eingriff, wenn ihn einzelne Erschutterungen, unversehns wie Sturmgeheul, hoben. Seine Worte fugten sich leicht und kunstlos: aber mit der seltsamen Behendigkeit laut denkender, sich alles aussprechender Gemuther, zu einem ganz eigenthumlich wogenden Strom der Rede zusammen. Ohne seinen Entschluss fur die Zukunft bestimmt hinzustellen, verbreitete er sich mit der sinnlichsten Erfasslichkeit uber die schaudervolle Zerruttung seines Vaterlandes und das Verhaltniss jedes Gutgesinnten zu diesem; der rasche Lauf seiner Rede entfuhrte ihn zuletzt sich selbst, er sagte Worte voll prophetischen Inhaltes, vor denen sich die Aebtissin scheu abwandte. Marie hielt diese freundlich umfangen, und folgte mit geschaftigem Blick den ungekannten schnellen Verschlingungen des Gesprachs. Antonie ging Gedankenvoll auf und nieder; zuweilen betrachtete sie die schonen, jetzt durch Alter und fortwahrendes Arbeiten der Seele, scharfausgesprochenen Zuge ihres Vaters. Auf das Gesprach achtete sie wenig: mehr aber auf die Blitzartigen Bewegungen des Marquis, vor welchen sie oft, wie davon getroffen, die Augen schloss und mit verschrankten Armen dastand, als wolle sie das fremde Bild vor die inneren Spiegel tragen, unfahig es sogleich zu erkennen.
Noch, sagte die Aebtissin, den Marquis abwarts fuhrend, lage mir ob, Ihnen in allgemeinen Unrissen das Bild Ihrer Kinder zu entwerfen und so das schnellere Verstehn aller Theile zu erleichtern, doch glaube ich, uberheben Sie mich dieser, ohnehin gewagten, Arbeit. Beider Erscheinung sagt vieles, und, ich leugne es nicht, die Hand wurde dem Herzen folgen, das aber ist nicht frei von Partheilichkeit. Antonie steht allen, auch mir und der Schwester, fern. Ich habe sie nie verstanden, und wage es nicht, sie zu ahnden. Schon als Kind war ihre Nahe angstend. Am Tage traumend, ohne Lust und Theilnahme zu Spiel und Arbeit, war Nachts im Schlafe ihre Seele wie geflugelt, sie erzahlte gehorte und nicht gehorte Dinge; und ging zum Entsetzen der Klosterfrauen durch die langen Gange, zur Kapelle, wo sie vor einem Schrein, in welchem das Muttergottesbild steht, knieend, das Salve regina und Stabat Mater mit heller tonender Stimme sang. Oft fanden wir sie noch in den Fruhmetten umherschleichend, oder sie gesellte sich im Schlafe zu uns, und fand jedesmal ihren Platz an meiner Seite. Erweckten wir sie, so war ihr von allem dem keine Erinnerung geblieben, und sie schien unsern Worten sogar keinen Glauben beizumessen. Da ihre Gesundheit indess durch diese Naturunordnung litt, so war ich genothigt, dem Rath erfahrner Aerzte gemass, zu strengen Zuchtigungen meine Zuflucht zu nehmen, und ich heilte sie auch wirklich von diesem krankhaften Schlaf, der ihr oftmals die heftigsten Uebel zuzog. Doch scheint die, einmal in ihren Grundfesten anders gebildete Organisation, stets einen eigenthumlichen Gang zu gehn! Antonie fallt zu Zeiten, am Tage, in jenen dem Nachtwandel ahnlichen Zustand; welchen noch kein Arzt recht verstand, ihn entweder zu hoch, ausser der Sphare medicinischer Erkenntniss, oder zu tief, in die Classe gemeiner Verstellungskunst, hinabsetzend. Wie wenig letzteres nun hier der Fall ist, bewies schon sehr fruhe ein Vorfall, der mir stets unvergesslich bleiben wird. Eine junge Novize sollte ihr Gelubde ablegen. Der Tag war festgesetzt. Die Heiligkeit, wie der aussere Schein der Feier, zog Fromme und Neugierige herbei, ganz ungewohntes Leben regte sich um die Kinder, deren Gemuth durch Hin- und Wieder-Reden, Vorkehrungen und Erwarten aufs hochste gespannt war. Endlich schlug die Stunde. Der Zug brach auf nach der Kapelle, die, voll gepfropft von Menschen, der scheidenden Himmelsbraut noch ein letztesmal das Bild der bunten Welt vor die Sinne fuhrte. Diese schwankte in sichtlicher Bewegung zu den Stufen des Altars. Ein druckender Dunst zitterte durch das Gebaude und schien mit den reinen Klangen der Orgel und den hallenden Menschenstimmen zu ringen. Ich weiss selbst nicht, wie mir so bange und beklommen ward, noch weniger, wie es kam, dass Antonie, von der Hand ihrer Aufseherin losgemacht, zu mir hintrat. Sie sah mit scharfem Blick auf die Novize, und als diese niederkniete und sich anschickte, ihr Gelubbde abzulegen, die Musik schwieg, und kein Athemzug aus der dichten Volksmenge gehort ward, schlang Antonie beide Arme uber die Brust, und sank wie todt zu meinen Fussen. Ich hob sie erschrocken auf, richtete ihr den Kopf in die Hohe, sie hatte beide Augen geschlossen und vollkommen das Ansehn einer Schlafenden. Wie ist Dir Kind? fragte ich leise, den Andern kaum horbar, aber sie sagte, langsam und sehr deutlich, mit einer Stimme, die aus keiner Menschenbrust, nicht uber Menschenlippen zu kommen schien, tief wie aus dem hohlen Innern einer Maschine: heisst ihr, das Bildniss wegwerfen, das sie an goldner Kette im Busen tragt, es druckt mir das Herz entzwei! Ich neigte meinen Mund, so verwirrende Worte abwehrend, auf den ihrigen, aber sie rief fast schreiend: heisst ihr das Bild wegwerfen, es ist eines Mannes Bild, ich ertrage den Schmerz nicht langer! Dumpfes Murmeln rollte durch die Versammlung, plotzlich wiederholten viele Stimmen Antoniens Gebot. Der unruhige Strom wogte immer naher und naher heran, ich wollte die Angeklagte retten, und drangte mich zu ihr hin, sie fluchtete scheu an meine Brust, aber, als habe sie Gottes Blick getroffen, so riss der Himmel die Wahrheit an das Licht, bei der raschen Bewegung glitt das Bild aus den Schleiern hervor und sah ernst und finster von ihrem Herzen auf die erstaunte Menge hin. Die Ungluckliche hatte alle Besinnung verloren, sie welkte von da in einem wahnsinnigem Traume hin, der ihr niemals gestattete, das Gelubde wahrhaft abzulegen.
Antonie aber ward wie eine Heilige auf ihr Zimmer getragen. Ich hatte Muhe, dem Ueberlaufenden Zudringen zu wehren. Sie schlief indess viele Stunden einen festen naturlichen Schlaf, und hatte, wie immer, keine Erinnerung von dem ganzen Vorgange, ja ihre ersten Worte vielmehr waren: nun sie sagt ja nichts! als horche sie auf das abzulegende Gelubbde, von welchem sie sich langst etwas Grosses versprochen und mich oft danach gefragt hatte.
Spaterhin erfuhr ich, dass Antonie stets ein Uebelbefinden in der Nahe der armen Schwester spurte, und als sie einst das goldene Kettchen auf ihrem Busen schimmern sah, fuhr es ihr stechend durch den ganzen Korper, so dass sie laut ausschrie. Doch als man sie nach der Ursach dieser Bewegung fragte, verschwieg sie sie aus geheimer Scheu. Von dem Bilde indess wusste sie wachend nicht, wie es in ihre Seele kam? Hier trat der Kohler herzu und benachrichtigte sie, dass viel Kriegsvolk im Anmarsch sei, und so viel er von fern gesehen, glaube er, dieselben Truppen zu erkennen, welchen sie in der Nacht begegneten. Er empfahl Allen Stille und Zuruckgezogenheit, da es nicht wahrscheinlich sei, dass sie dem Kloster vorbeiziehen werden, ohne es zuvor zu durchsuchen, er seiner Seits habe sogleich Wagen und Pferde in Sicherheit gebracht, indem er sie in die unter den Speichern befindlichen Gewolbe gezogen und verborgen.
Die Aebtissin war sehr erschrocken und voll bittren Unwillens, sich noch in den letzten Stunden ihrer harten Prufung gefahrdet zu sehn. Doch vor allen bezeigte sich Antonie unruhig. Sie ging heftig hin und wieder, und ausserte den lebhaften Wunsch, selbst auf den obern Thurm zu steigen, um den Zug der Krieger zu beobachten; ja als das wuste Larmen dieser schon naher auf sie zudrang, war sie kaum von ihrem Vorhaben abzubringen.
Indess horte man bald in den obern Gangen Fusstritte schallen, Thuren wurden aufgesprengt, drauf tobte es wild in der Kapelle, heftige Kolbenstosse, von lautem Viktoriaruf begleitet, verkundeten den Umsturz und die Verstummelung geweiheter Gefasse und Heiligenbilder; das Gewuhl wand sich bald uber, bald neben den Gefangenen, plotzlich drang das Stampfen vieler Pferde zu diesen hinunter, ein dumpfer Trompetenstoss schmetterte durch die Hallen, alles lief wild durcheinander, viele drangten sich die Treppen zu den Gewolben hinunter, als eine einzelne Menschenstimme dicht neben ihnen ein lautes Commandowort rief. Antonie fuhr auf, sturtzte bis zu dem Eingang der Halle, und blieb mit ausgebreiteten Armen dort knieend, als das Getose mehr und mehr fernabbrauste, und sich dann ganzlich verlor
Niemand als der Vater hatte Antonien in dem Augenblicke beobachtet, er selbst war, wie von der gebietenden Stimme angezogen, vorgetreten, und als nun alles ruhig war, standen sich Vater und Tochter nahe und reichten einander die Hande, wie solche, die sich auf einem Wege begegnen, ohne zu wissen, wohin dieser fuhrt?
Ob nun gleich die nahe Gefahr voruber war, so blieb es doch fur jeden ungerathen, sich sogleich hervorzuwagen, und das Kloster jetzt zu verlassen. Die Unruhe auf den Heerstrassen zwang sie, die Nacht abzuwarten. Es ward ihnen auch nicht schwer, die Zeit bis dahin mit vorbereitenden, der Gegenwart zuvoreilenden, Gesprachen auszufullen. Jedes war durch den letzten Ueberfall auf eigene Weise in Nachdenken oder Sorgen versenkt. Marie sah ganz still und schuchtern in sich hinein; auch der Marquis richtete seine Gedanken auf die unsichere Zukunft. Antonie nur schien mit dem eben Erfahrenen beschaftigt. Es ist furchterlich, sagte sie, von Wesen bedroht zu werden, denen unser Auge vielleicht nie begegnen wird! und wie man sonst wohl unterirdische Geister scheut, so hatten wir das zu furchten, was unsichtbar uber uns sein Wesen trieb! Ueber oder unter uns, sagte die Aebtissin, noch immer sehr erschuttert und ungewiss uber das Nachste, es ist ewig der Ring des Schicksals, aus dem wir nicht heraus konnen! Ring des Schicksals! wiederholte Marie, ihr fiel dabei ein wirklicher wahrhafter Ring ein, ihre kindisch-spielende Phantasie fuhrte ihr goldene Ringe und goldene Tage vor die Sinne, Gedanken rankten sich an Gedanken, eine liebe, heitere Welt that sich vor ihr auf, und sie dachte vergnugt, dass dennoch eine Zeit kommen konne, welche ihr den Schmuck des Lebens zufuhren werde. Die Aebtissin hingegen fuhr in grosser Bewegung fort; es ist gewiss, man verliert den Muth zu handeln, ja zu denken, wenn man es steht, auf wie morschem Grunde des Menschen Werke stehn! Bedurfte es mehr, als der Frechheit niederer Rebellen, um das zu zerstoren, was Jahrhunderte erzeugten! Was hat dieser Zeitmoment nicht alles untergraben, was spurlos vernichtet! Und wie es einem gesegneten, arg- und sorglosen Volke im Allgemeinen erging, so ergeht es taglich jedem Einzelnen, ob auf Frankreichs oder Chinas Boden! und keinen, keinen giebt es, der nicht das Spiel seiner Hoffnungen, ja seiner Vorsatze, ein ganzes Leben hindurch ware! Mit Schaudern betrat ich vor vielen Jahren diese Schwellen, und nun mir die Thore geoffnet sind, was bietet mir die Welt anders, als die bejammernswurdige Freiheit, meinen Wanderstab uber die Granzen meines Vaterlandes hinaussetzen zu durfen, ohne irgendwo eine Heimath, ohne ein Herz zu finden, das zu mir gehort! Auch Du, rief sie, Marien heftig an sich ziehend, wirst die stillen Tage hier zu beweinen haben! Was kann das Leben anders mit Dir thun, als Dich verlocken und hintergehn? Die Kleine sah betrubt mit fragendem Blick auf Vater und Schwester, und als diese, uberrascht von der losbrechenden Heftigkeit der sonst so gehaltenen Frau, schwiegen, und, gleich ihr, vor dem Augenblick zuruckbebten, der sie plotzlich, in der breiten Schrankenlosigkeit aufgeloster Verhaltnisse, zu Schopfern ihrer Zukunft machte, so sturtzten dem armen Kinde ihre bunten Bilder alle zusammen, und sie betete still um einen fruhen Tod, der sie der dustern Lebensnacht uberheben moge.
In dieser wachsenden Verfinsterung der Gemuther brach der Abend allmahlich herein. Die Aebtissin legte mit zitternden Handen baurische Kleider uber die ihrigen, umwickelte sich Stirn und Kinn mit dikken Tuchern, und erwartete sehr unruhig ein verabredetes Zeichen, welches ihr die Anwesenheit ihres Fuhrers und Beschutzers ankundigen sollte; sie entdeckte dem Marquis, ihre grosse Familienahnlichkeit mit den Bourbons, von welchen sie, in geringer Abstufung, stamme, gabe ihr die entsetzlichsten Besorgnisse, sie verliere fast den Muth, aus diesen Mauern hervorzutreten, sie scheue jedes Menschenauge, ja die Luft, das Licht, das ihr Gesicht beruhren werde; sie wolle deshalb so geheim als moglich nach den Kusten eilen, und nach Toulon auf ein englisches Schiff zu gelangen suchen, wohin sie Adressen habe.
Die Stille von Aussen hatte ihnen Muth genug gegeben, nach den obern Gemachern heraufzusteigen. Antonie blieb mehreremale auf den Treppen und in den Gangen stehn, sie schien sich die Gestalten zu dem zu schaffen, was sie im Taumel ihrer Sinne gehort hatte. Antonie, sagte die Aebtissin, rufe Dir nicht Dinge in das Gemuth zuruck, die uns noch blutig genug auf unserm Wege begegnen konnen! Auch dem Marquis waren jene Erinnerungen widrig, da es ihm unschicklich, ja entehrend, erschien, dass er sich wie ein Gelahmter oder Feigling vor der wilden Rotte verborgen halten, und jeden Gedanken an tapfern Widerstand unterdrucken musste. Er zog daher Antonien schnell mit sich fort, und wunschte in allem sehnlich, das Gebaude je eher je lieber verlassen zu konnen. Es ward auch nach grade so dunkel, dass jeder unerkannt seines Weges zu ziehn hoffen durfte. Alle sassen nun unruhig neben, nicht mehr bei einander, denn eines jeden Gedanke war uber die Gegenwart hinausgeruckt. Man erwartete nur den Aufbruch der Aebtissin, welche der Marquis niemals allein zuruckgelassen haben wurde. Endlich klang es von aussen, als wenn zwei Eisen zusammenfielen. Das ist der Herzog! rief die Aebtissin ganz ausser sich. Der Herzog! wiederholten Alle, aber die erschutterte Frau, welche die endliche Befreiung in ein ganz fremdartiges Element des Lebens warf, vor welchem sie innerlich zuruckbebte, hatte nur noch Kraft, sich den alten und neuen Freunden sprachlos in die Arme zu werfen. Antonie ward leichenblass, als sie auf diese zutrat, sie fasste ihre beiden Hande und riss sie in wilder Heftigkeit an ihre Brust. Dann wankten alle zur grossen Pforte, durch welche nun auch ein jeder einem ganz unbekannten Leben entgegentreten sollte.
Draussen stand ein langer, dicht vermummter Mann, neben einem einspannigen, Karrenartigen Fuhrwerk. Er hielt mit einer Hand eine kleine Blendlaterne, doch so, dass der Schein nicht auf sein Gesicht fiel, die andere bot er der Aebtissin, welche unter dumpfem Wimmern auf dem durftigen Brettchen Platz nahm. Der Mann schwang sich dann auf das Pferd, und fuhrte das kleine Fuhrwerk kaum horbar von dannen, als die Aebtissin sich noch einmal in die Hohe richtete, die Freunde zu grussen, Antonie schrie laut auf, und verhullte, als sehe sie etwas Unheimliches, das Gesicht.
Jetzt trieb auch der Kohler Pferde und Wagen des Marquis aus den untern Speichern herauf. Er hatte zuvor ein Bundel Kiehn in den Klosterhof angezundet. Die Thiere stiegen wild und scheu aus dem dunkeln Schlupfwinkel hervor und schuttelten sich und stampften den Boden, den das grelle Licht blendend uberflog, die beiden Madchen sahen scheu auf ihre Fuhrer, welche sie indess schnell in den Wagen hoben, und ohne weiteres mit ihnen in die dunkle Nacht hineinfuhren.
Sechstes Kapitel
Scharfere Luftzuge und ein dammernder Himmel verkundeten den Anbruch des Tages, als die Reisenden, im unbehaglichen Gefuhl des Ueberwachens und dem krankhaften Frosteln abgespannter Krafte, vor einem ehemaligen Zoll- und Gasthause an der Landstrasse hielten, um die Pferde etwas verschnaufen zu lassen und selbst einige Stunden dort zu ruhen.
Der Kohler klopfte an der Thur, vor welcher er, erwartend dass sie sich offne, stehn blieb; es regte sich auch drinnen, ward aber bald wieder still, er klopfte deshalb noch einmal und starker, und voll Ungeduld, den erschopften Frauen einige Erholung zu verschaffen, stiess er ein drittesmal heftig mit dem Fusse dagegen. Endlich ward das Seitenfenster aufgeschoben, ein bartiges Gesicht sah heraus, ein paar derbe Fluche durch die Luft schmetternd. Der Kohler verlangte mit einigem Ungestum Obdach fur sich und seine Begleiter. Zum Teufel rief jener, hier ist kein Wirthshaus! packt Euch weiter! und schlug das Fenster zu. Die Pferde waren indess unruhig geworden, traten bald vor, bald zuruck, wodurch der Wagen, auf unangenehme Weise geruckt, hin und wieder schwankend, das Uebelbefinden der Reisenden vermehrte; besonders litt Marie, welche das bleiche Gesichtchen ganz erschopft an der Schwester Schulter lehnte, und nur bat: man moge weiter fahren, da sich ihr unter dem Anhalten alles schwindelnd drehe und sie es kaum noch ertragen konne. Dem Marquis kochte schon langst das Blut: gewohnt, sich durch eine lange Reihe von Jahren gehorcht zu sehn, ohne seinen Willen irgend einer obern Gewalt zu unterwerfen, befahl er, man solle die Thur einschlagen, wenn die Hunde keine Vernunft annehmen wollten! Er machte dabei Miene, aus dem Wagen zu springen und selbst Hand an das Werk zu legen, als der Kohler seine Stimme noch einmal erhob, und dringend und mit mehr Hoflichkeit bat, einer jungen, kranken Dame nur einen Augenblick Ruhe und etwas Brod und Wein zu gestatten. Drauf fielen drinnen einige Worte, und ob gleich der Kohler diese nicht verstand, so horte er doch Schritte auf sich zukommen und sah endlich die Thur aufgehn.
Es war indess ziemlich hell geworden, man konnte die Gegenstande umher genau ins Auge fassen. Der Anblick des Mannes, der jetzt aus dem Hause, und auf den Wagen zutrat, benahm den Frauen daher fast den Muth, auszusteigen und seinem Anerbieten zu folgen. Er war wilden, Soldatischen Ansehns, von roher Gesichtsbildung und plumper Galanterie. Sehr ungeschickt entschuldigte er seine fruhere Grobheit, und setzte lachend hinzu: dass wenn er gewusst, welche Schonheiten zu ihm hineingewollt, er ihnen wahrhaftig die Thur nicht wurde verschlossen haben. Marie und Antonie wandten sich betroffdn ab. Der Marquis aber, immer noch ungeduldig, seinen Vorsatz durchgesetzt zu sehn, riss den Schlag auf, und trat mit seinen Tochtern unter die offene Thur. Der fremde Mann sagte ihnen, indem sie sich auf dem Hausflur befanden, dies Gebaude gehore zwar nicht ihm, es sei auch uberall keine eigentliche Wirthschaft und kein fortgesetzter Verkehr darin, allein fur etwas Gluhwein und gerostetes Brod wolle er dennoch sorgen, die zarten Puppchen mochten indess nur ihre Bequemlichkeit brauchen, und somit offnete er ihnen eine lange, dunkle Stube, deren raucherige, angeschmutzte Wande auf den ersten Blick widrig in die Sinne fielen. Doch wie mit Eiseshand zog es den Eintretenden das Herz zusammen, als sie auf dem Boden umher wohl an zwanzig schlafende Manner auf Strohlagern hingestreckt sahen. Ihre Reisebundel, Gewehre und Mutzen, lagen zerstreut, zwischen Glasern, leeren und halbangefullten Flaschen, auf einem langen Tische; ekelhafte Spuren verschutteten Getranks nassten noch den schmalen Gang zwischen den Lagerstatten der Schlafenden, so dass man nicht wohl trockenen Fusses einen Schritt gehen konnte. Der Kohler zupfte den Marquis leise beim Ermel, dieser machte eine unschlussige Bewegung, ungewiss, ob er vor, oder zuruckgehn solle? Doch als einige der Kerle sich regten, und halb aufgerichtet mit blinzelnden, kaum geoffneten, Augen schlaftrunken auf ihn hinsahen, stand er fest, jeden Gedanken an Entfernen jetzt fur feig und niedertrachtig verwerfend. Er hiess seinen Kindern, sich neben ihn auf eine an der Wand fortlaufende Bank niederzusetzen, und erwartete sehr gespannt, was ihm der nachste Augenblick bringen werde.
Auch blieben sie nicht lange unangefochten. Es walzte sich auf dem knisternden Stroh bald eine bekannte Gestalt aus dem Winkel hervor! aufgerichtet, das breite Gesicht zwischen beiden Handen aufwartsgeschoben, starrte der Essenkehrer dem Marquis in die Augen. Bist Du es, rief er lachend, oder bist Du es nicht? denn Dich Teufelskerl kennt nur der Teufel! Hat Dich der endlich einmal losgelassen? Aber eine verflucht feine Nase hast Du doch, unser Fuchsloch gleich auszuwittern! Sieh! nun bist Du mitten unter uns! Hier ist unser Feldlager, unser Proviant- und Rathhaus, unser Kriegs- und Bluttribunal, von hier geht es nach allen Richtungen, wo es was zu thun giebt! Sag' hast Du das ausgespurt? Nein, entgegnete der Marquis. Nein, wiederholte jener; wie hast Du uns denn aufgefunden? Ich weiss nicht, war die Antwort. Ueber Deine dummen Rathsel? rief der Essenlehrer aufgebracht? Sag' wie kommst Du hieher? Durch Nacht und Dunkel und die Gewalt der Sterne, sagte der Marquis mehr vor sich hin, als in Antwort jener Frage. Hast Du uns die da mitgebracht, rief ein junger Bursche, dicht vor Antonien hintretend, so komm' meinethalben aus der Holle! Ihr sprecht das Wort so leicht aus, sagte diese, wisst Ihr denn, ob Ihr nicht da hinab musst? Sieh mal! die Hexe! schrieen lachend mehrere Stimmen! hast Du auch Teufeleien im Kopf? Antonie sah mit ihren brennend durchbohrenden Blikken starr auf sie hin, anfangs lachten sie, dann aber druckten sie die Augen zu, und wandten sich, uber das vermaledeiete Hexenvolk etwas in den Bart murmelnd, von ihr ab! Lasst nur, rief der Essenkehrer, wir werden sie schon zahm machen, los kommt sie einmal nicht, sie mag ihre Kunste an uns probiren. Dem Kohler schwoll das Herz, er sah hier mehr als ein Ungluck auf sie zukommen, und wusste keinen Ausweg zu finden, da das fruher benutzte, halb wahre Mahrchen vom Wahnsinn des Marquis, nichts fruchten, ja diesen aufs Aeusserste treibend, alles zum Ausbruch bringen konnte, was vielleicht noch zu umgehen war.
Volk ist Volk, dachte dagegen der Marquis, ob frei, ob in Banden, wer es versteht, beherrscht es. Er maass das Hauflein mit schnellem Blick. Dummer Trotz und feige Schwelgerei lagen lang und breit auf den nuchternen Gesichtern ausgespannt. Die possenhafte Tapferkeit, die ihr Muthchen am Abknallen eines Gewehrs und dem Tragen der Freiheitsmutze kuhlt, verwirrte ihn nicht. Abwarts von ehrlichem Streit, sagte er sich, treiben sie ihr loses Wesen, sie sind der schmutzige Schaum, den der gahrende Gedanke auswirft. Man muss sie mit dem Teufel kirren, der in sie gefahren ist. Und somit that er einige rasche Schritte, und stand in Mitten des eklen Knauels mit Lumpen ausstaffirter Neuerer. Burger, rief er, den finstern Blick in sich zuruckgezogen, ich bin in dieser Nacht unter Euch getreten, wie? das lasst Euch gleich sein. Ihr seid freie Burger auf Erden, aber uber und unter dieser waltet das Gestirn. Forscht nicht, lasst Euch an dem gnugen, was Ihr seht. Ich bringe Euch Gold, ich weiss, die Freiheit will durch Gold und Eisen gewonnen sein, das Letztere wusstet Ihr mit furchtbarer Hand zu fassen. Das Erstere mussen Euch des Schicksals Machte zufuhren. Ich bin ihr geweiheter Diener! Nehmt, was ich Euch bringe! Er streuete bei diesen Worten einige Hande voll Gold, welches er fur den Nothfall zu sich gesteckt hatte, unter sie. Aber, fuhr er fort, lasst Euch nicht einfallen, thorige Gedanken auf mich und die Meinen zu richten, ich gehore Euch nicht, nicht der Welt, nicht mir an. Die unerforschlich Tiefen, setzte er mit steigender, sich und alles was ihn umgab, vergessender Stimme, hinzu, sie allein wissen von mir, sie gebieten uber mich, sie reissen mich fort in die Wirbel des neugebahrenden Lebens, und so schopf' ich, und schopfe mit wuchernder Hand, das Gold aus den heiligen Behaltern der Unverganglichen! Seine Stimme zitterte zuletzt wie ein Donner durch das Zimmer! und, das Maass seines Wollens uberspringend, hatte er sich selbst in die Tauschung hineingesponnen, die er Andern bereitete. Als ihn der rohe Zuruf der Menge zu sich selbst brachte, schlug er sich mit beiden Handen vor die Stirn und sank dem Kohler halb ohnmachtig in die Arme. Dieser ward ganz irre an ihm, ungewiss, was dem Selbstbetruge oder ersonnener List angehore? Die Kerle aber rafften ihr Geld zusammen, und, es sich einander zuzahlend, liessen sie sich das Uebrige nicht sonderlich anfechtend.
Jetzt trat auch der vermeintliche Hauswirth mit einem Napf dampfenden Weines herein. Das Gold in den Handen seiner Kameraden und mehrere durcheinander hingestossene Worte sagten ihm genug. Er sann nicht lange nach, riss schnell den Stopsel aus einer leeren Flasche, klemmte ihn zwischen den Henkel eines Glases, zog drauf eine Gabel aus seiner Mutze, steckte diese in den Kork, und schopfte so den Wein in die Glaser. Eines dann in die Hohe hebend, rief er! Heil und Brudergruss den geheimen Munzern! Nimm mich zu Deinem Gesellen Alter, und trink' mir gute Kameradschaft zu. Der Marquis stiess das Glas zuruck. Du thatest gut daran, sagte jener, denn ich gehe Dir nicht von der Falte, Du liessest uns denn die Weiber hier! Ja, lass uns die Weiber hier, brullten Alle, und halb liegend, den Kopf auf die aufgestemmten Arme gestutzt, gossen sie sich das gluhende Getrank in die aufgerissenen Mauler. Lass uns die Weiber hier! scholl es noch einmal, fast gebietend. Da kannte sich der Marquis nicht langer. Auch nicht die Spitze eines Haares soll Euch bleiben, schrie er! Und wahrend Antonie die Hand des Uebermuthigen wegschleuderte, der ihr zur Besiegelung seines Hollenbundes Wein einzwingen wollte, rief der Marquis, auf diesen ein Pistol abdruckend: ihren Durst loscht nur Blut! fasste sie dann mit Blitzesschnelle in die Arme, schlang den Andern um Marien, und ehe sich das Gesindel aufraffen und nach den Gewehren greifen konnte, sturtzte er mit beiden und dem Kohler zur Thur und dem Hause hinaus, dem Wagen zu, fasste selbst die Zugel der Pferde, und trieb diese, mehr fliegend als gehend, den Weg entlangs, der furchterlichen Rotte aus den Augen.
Die Sonne stand hell und ruhig uber ihnen, als sie, zu sich selbst kommend, in einem frischen bluhenden Wiesenthal gleichsam zuerst Athem schopften, und die erschutterten Gedanken in ein klares Gefuhl zusammenfassten. Hier war alles friedlich. Einige schon gefleckte Rinder weideten ruhig zwischen den Grasern, neben ihnen schlenderte ein Knabe, sein Liedchen auf Binsenrohren pfeifend. Als dieser die Reisenden sahe, pfluckte er eine Hand voll Blumen, und warf sie ihnen zum Morgengruss in den Wagen, eine zierliche Art, die Blicke des Vorubereilenden auf sich zu ziehen, ihn erinnernd, das Unscheinbare nicht zu ubersehn, woran sich der Marquis oft schon in ahnlichen Fallen erfreuete, weshalb er auch jetzt mit rechter Lust ein Geldstuck in das hingehaltene Strohhutchen des Kindes warf. Marie hatte Gefahr und Todesangst vergessen. Sie lehnte sich weit zum Schlage hinaus, und freuete sich an der sonnigen Beleuchtung des Thales, dem frischen Klee, und den vielen rothen und gelben Blumen, die in grossen Buschen umherstanden. Auch dem Marquis war leicht und wohl. Er hatte sich in der Gefahr zusammengefasst, und hielt sich nun eine Zeitlang so gesammelt, den nachsten Kampfen tuchtig zu begegnen. Es ist nothig geworden, sagte er, dass wir an die Zukunft deutlich und mit bestimmtem Entschluss denken. So ins Blaue hinein dem Zufall langer vertrauen, ist tollkuhnes Spiel. Auch werden die Bluthunde wohl bald genug Ernst mit uns machen. Was sie jetzt versaumten, werden sie nachstens nachholen. Deshalb ist mein Plan nach Deutschland zu fluchten; spatestens Morgen oder Uebermorgen mussen wir die Wanderung antreten. Ich brauche nur soviel Zeit, das Nothwendigste einzurichten, dann bin ich bereit. Euch meinen Tochtern wird das Opfer leicht. Eure Welt ist noch uberall dieselbe! Mir auch! mir auch! was ich suche, ist nirgend oder uberall!
Sie blieben von da nachdenkend. Die Vorstellung eines fremden Volkes, fremder Sprache, vielleicht auch Sitten, verwickelte ihre Phantasie in unerfreulich unbequemes Denken. Sie fanden keinen Maasstab fur das Kunftige, und waren nirgend mehr zu Hause.
Ziemlich spat langten sie auf dem Schlosse an. Der Marquis verschloss sich sogleich in seinem Cabinet. Doch Bertrand trug fast die jungen Fraulein auf ihre Zimmer, wo das Schonste und Beste fur sie bereitet war. Allein sie genossen von allem nur fluchtig, hatten nirgend Ruhe, und baten den Alten, ihnen alle Gemacher zu offnen, damit sie noch Heut alles in Augenschein nahmen. Die Augenblicke sind in dieser Zeit gemessen, sagte Antonie, wir werden die Herrlichkeiten kaum einmal uberschauen durfen.
So durchflogen sie denn Kammern und Sale. Auch zu dem Bildersale kamen sie. Marie hatte sich an Antoniens Arm gehangt. Diese trug die Kerze, welche sie in die Hohe hob, als sie zwischen zwei hervorspringenden Saulen in das Zimmer traten. Die veralteten, durch die Zeit angebraunten, Gesichter der Ritter, Marschalle und Geistlichen, neben den wunderlich aufgeputzten Damen an ihrer Seite, welche alle so grade und starr durcheinander hinsahen, gaben den beiden Madchen das beklemmende Gefuhl zweier Fremdlinge, die in grosse unbekannte Versammlung treten. Schuchtern schlossen sie sich aneinander, sie, die beiden einzigen, lebenden Wesen unter so vielen verehrten Todten! Mit unaussprechlichem Entzucken entdeckte Antonie zuerst das Bild ihrer Mutter. Sie war mit aller Pracht hofischer Sitte, sehr reich, etwas steif, aber doch hochst edel, abgebildet. Beiden war, als sahen sie sich selbst, und auch jede die Andere, im Spiegel. Antonie hielt das Licht in grosster Ueberraschung gegen die wunderbar verschmolzenen Zuge, beide betrachteten es lange, dann sahen sie einander an, wie sich der Blick wohl vom Conterfei vergleichend auf das Original zuruck wendet, und in uberwaltigender Ruhrung sanken sie sich in die Arme, und weinten das erstemal Herz an Herzen. Antonie besonders war ganz Liebe und Milde, sie streichelte Mariens Wangen, und druckte das zarte dankbar an sie angeschmiegte Wesen liebkosend an die Brust. Wie ruhrst Du mich, da Du weinst, sagte sie, nun siehst Du erst der Mutter ganz ahnlich, die den reizend jungen Leib so vorahndend mit aller Pracht der Welt verziert, als werde sie nun bald vom Schmuck des Lebens scheiden! Das sagt der feuchte Blick, der sich recht wie eine Decke uber das gluhende Herz hinzieht! Denn da gluht es, das fuhl' ich, in den lieben bewegten Mienen, in der ernsten, strengen Haltung, die verbirgt, was die Welt nicht sehen soll. Die Haltung, sagte Marie, ist die Deine, darin eben, liebe Antonie, und in den hohen Brauen und den etwas gehobenen Schwanenhals bist Du ihr so sprechend ahnlich, mir hat sie wohl nur das blonde Haar gelassen, und die armen Augen, die so leicht uber Geringes weinen mussen! Sei nicht bose daruber, unterbrach sie Antonie, es liegt ein ganzer Himmel in diesen Augen! Und, die Schwester wieder an sich ziehend, gingen beide in ungewohnter Vertraulichkeit den Saal auf und nieder. Wahrend dem offneten sie eine Glasthure, welche nach dem Balkon hinausfuhrte, sie traten in dieselbe, den Blick an der nachtigen Stille der Landschaft zu starken. Das Gebaude selbst verbarg ihnen zwar den Mond, allein dessen lichter, schneeiger Glanz spielte dennoch um Busche und Wiesen, und leuchtete zuruck aus dem versilberten Flussbett. Unaussprechlich gewaltig, und doch mild wie die gehaltene Kraft, rauschte der Strom in gleichmassigem Wellenschlag durch die tiefe Ruhe der Natur. Riesenhaft, in grossen Massen, traten die Gegenstande hervor, undeutlich in ihren Umrissen und doch so ahndungsreich! die Schwestern blieben lange Zeit stumm, sie furchteten, den leisen Schlaf des rasch bewegten Lebens zu unterbrechen. Ganz still setzten sie sich auf die schmale Steinbank, welche dem Eisengitter des Balkon entlangs lief, und flusterten kaum horbare Worte.
Antoniens Herz war wunderbar erweicht. Offen liess sie sich uber manches aus, was in ihr vorging. Es ist traurig, sagte sie, dass oft etwas Unwillkuhrliches mein ganzes Wesen zusammenzieht, und Schrecken ungekannter Art mein Blut versteinen. So, ich darf es Dir wohl sagen, uberlief's mich todeskalt, als die Aebtissin scheidend ihren Arm um meinen Nacken legte; ein leiblich Weh stiess einen Schrei aus meiner Brust. Ihr Gesicht schien mir verzerrt, und ekler Leichenduft umgab sie. Mein Herz war mir zum Zerspringen voll, ich hatte sie um alles in die Arme schliessen mogen, und doch vermocht ich's nichts. So geht mirs oft mit dem was ich liebe, es flosst mir plotzlich Schauder und Entsetzen ein, so ging mirs ganz fruhe mit jener schonen Nonne, und fast muss ich glauben, die Natur habe ein unglucklich weissagend Gefuhl in meine Brust gelegt, und diese solle sich strenge dem verschliessen, was die Welt schon und freundlich nennt. Denn wie leicht, dass ich nur zerstorend lieben konnte! Ich spure so etwas in mir! Drum liebes Kind bewach' ich mich, und zugele stets den Drang nach Mittheilung und jenes innige Erwiedern des Empfundenen, die jedes Herz bewegen. Denn mir und Andern, das glaube nur, wurde ich grossen Schmerz bereiten, wollte ich dem brennenden Verlangen meiner Seele Gnuge leisten. Nur mir, sagte Marie, ganz hingerissen von der leutseligen Hingebung der Schwester, nur mir gonne den Reichthum Deines schonen Herzens. Ueberschutte, erdrucke mich damit, aber nimm mir nicht wieder, was Du mich ahnden liessest. Sieh' meine Antonie, wir werden vielleicht nun bald ganz allein, von allem losgerissen, in fernen, fernen Landen leben; wenn wir nun nicht aneinander hangen, uns nicht treu in Liebe bewahren, was soll aus mir, ja auch aus Dir Antonie werden? Liebe Schwester, lass uns an die Mutter, an die arme liebe Mutter denken! Das wollen wir! erwiederte Antonie bewegt, und ihre Hand in die der Schwester legend, sassen beide Gedankenvoll und schweigend, als ein Getose sie aufschreckte, das erst dumpf, dann immer anschwellender und lauter, zu ihnen herandrangte. Herr Jesus! schrie Antonie, da sind sie schon! Indem sturzte Bertrand die Stiegen herauf, und bleich und verstort rief er ihnen zu: dass ein Schwarm Republikaner das Schloss umzingele, und obgleich die Zugbrucken aufgezogen, sei es doch zu befurchten, dass sie durch die flachen Graben dringen, den Wall erklettern, und Pforten und Riegel sprengen werden. Der Marquis sei ausser Fassung, denn, da er sich nicht vertheidigen konne, woran er zuerst gedacht, wisse er auch kein Rettungsmittel zu finden. So wird er und wir Alle doch zu sterben wissen, sagte Antonie, welche voraneilend dem Vater zurief: Ist noch etwas zu thun, so lassen Sie uns nicht saumen, wo nicht, den Tod suchen. Noch ist es moglich, von der Wasserseite zu entfliehn, sagte Bertrand, es kommt allein darauf an, dass der Kahn auf dieser Seite des Ufers ist, und wir unbemerkt aus dem Schlosse entkommen konnen. Ich gehe, setzte er nach einigem Besinnen hinzu, das Nothige zu erkunden. Marie druckte ihm sprachlos weinend die Hand, Antonie aber beschwor ihn, zu eilen, ungeduldig die Entscheidung ihres Schicksals zu erfahren.
Alle blieben in gleichem Maasse unruhig zuruck. Der Marquis lief heftig auf und nieder, fuhr sich oft mit beiden Handen in die Haare, und machte so grassliche Geberden, als sahe er schon all die Greuel, die ihn bedroheten. Plotzlich fiel ein Buchsenschuss dicht vor dem Fenster, dann noch einer, und des Essenkehrers Stimme rief laut: nur mir nach, ich kenne hier Wege und Stege! Herr des Lebens! schrie die Kohlerfrau, Alexis, ihr funfjahriges Sohnchen, in den Arm nehmend, nun sind sie heruber, nun ists vorbei mit uns! Antonie aber zog alle mit sich fort in die hinteren Gemacher, sie hatte selbst keinen klaren Gedanken, sie wollte nur entfernt sein von den nahen Eingangen. Dasselbe Gefuhl drangte alle immer weiter zuruck, und so fluchteten sie von Zimmer zu Zimmer, und kamen endlich in jene Polterkammer, welche dem Marquis vor vielen Jahren das rathselhafte Buch und den Schlussel zufuhrte. Antonie schob einen alten Schrank vor die einzige Thur, die zu diesem aussersten Schlupfwinkel fuhrte. Und so blieben sie einander gegenuber, entsetzt, nichts mehr zu ihrer Rettung thun zu konnen.
Indess knisterten neben und uber ihnen Flammen, welche durch hereingeworfene Feuerbrande im Schlosse angeschurt waren. Die furchterlichste Angst, auf solche Weise dem Tode nicht mehr entgehen zu konnen, riss Alle aus sich heraus, und uberwaltigte jeden stilleren Ruf mahnender Gottesfurcht und Ergebung. Der Marquis schaumte vor Wuth, Antonie ging wie betaubt umher; die Andern lagen kniend am Boden. Der Qualm und Rauch drang schon durch die verrammelte Thur, als Antonie jenen Schlussel, welchen der Vater immer bei sich trug, aus dessen Tasche zog, ihn in eine schmale Thur, welche hinter einem Wust alten Bilder und zerbrochener Stuhle verborgen war, hineinsteckte, mit grosser Anstrengung in dem verrosteten Schlosse umdrehete, die Thur eroffnete, einzelne in der breiten Mauer eingehauene Stufen hinabstieg, und den Andern, ihr zu folgen, winkte. Worauf sie alle einen schmalen, dunklen Steg fortgingen, ohne zu wissen, was sie thaten, noch wohin sie gelangen wurden. Doch ehe sie sich recht besannen, waren sie auf der andern Seite des Walles, dicht an der leuchtenden Rhone, die ihnen den silbernen Rucken grossmuthig bot, sie aus den Flammen zu tragen. Dicht am Ufer stand Bertrand mit dem Nachen, und sah verzweifelnd auf das brennende Schloss. Doch kaum ward er ihrer ansichtig, als er auf sie zusteuerte, und die plotzlich Erretteten, zitternd vor Wonne und Angst, in das kleine Fahrzeug stiegen, sich einander in die Arme fielen, beteten und weinten, und halb ohnmachtig an den Mauern hingleiteten, aus welchen die Flammen wild hervorleckten, und die Fenster grasslich erhellten, die klirrend uber ihnen zersprangen, und die innere Verwustung kund gaben. Bald nachher sahen sie einige ihrer Verfolger sich auf die Baume der Wallbekranzung schwingen, und ihre Gewehre nach dem Wasser zu abfeuern. Ruhig glitt der Kahn indess, von dem machtigen Strome geschutzt, weiter hinab, die Nacht verdeckte sie, wie die heimathliche Gegend, nur die Feuer warfen noch, hell aufleuchtend, scheidende Blicke vom Schlosse auf sie heruber.
Zweites Buch
Siebentes Kapitel
Der feuchte, losende Hauch des Wassers, wie das linde Wiegen des Kahnes, hatte nach grade alle Gemuther beruhigt. Die Gefahr trat mit Frankreichs Kusten zuruck. Ein fremder Boden sollte ihnen eine neue Welt, neue Verhaltnisse, neue Gluckseligkeit, zufuhren. Die Erinnerung jener verstorenden Schreckbilder ward von den voruberrauschenden Wellen verdrangt. Wo diese herkamen, war es anders; dahin ging ihr Weg. Zudem boten ihnen Savoyens nahe Ufer Augenblickliche Rettung. Und als der Kohler dem Marquis vorschlug, mit ihm nach Chambery zu gehn, und so lange dort zu bleiben, bis er einen festen Plan fur die Zukunft gefasst habe, willigte dieser ein, worauf sie sofort ans Land stiegen, und ihre Wanderung durch das anmuthige Thal bis zur Hauptstadt voll belebender Hoffnung fortsetzten.
Als sie dort ankamen, und durch die schmale Gassen, zwischen hohen, schonen Hausern hingingen, ihre Blicke bald hier bald dorthin auf den belebten Gang ungefahrdeten Verkehrs richtend, der lang entbehrten burgerlichen Sicherheit froh, ward in mehreren Kirchen die Messe eingelautet. Der Glocken metallene Schwingungen bebten durch die eng aneinander gereiheten Gebaude, und brachen sich, wie Himmelsruf, in den Herzen der glucklich Erretteten. Unwillkuhrlich lenkten diese ihre Schritte zu den Stufen einer Kathedrale, und dort niedersinkend, beteten alle aus tiefstem Innern, ja in beschamender Freude, so vieler Huld gewurdigt zu sein.
Unter der Menge hier aus und ein stromender Menschen, streifte auch eine armlich in Trauer gekleidete Frau an ihnen vorbei. Sie blieb einen Augenblick stehn, und sah leutselig froh auf die verschiedenartige Gruppe schoner, bedeutender Kopfe, als sie, plotzlich den Marquis in die Augen fassend, naher hinzu trat; doch eben so plotzlich durch das Gedrange neu Herzukommender fortgerissen, sich in die grosse Masse verlor.
Der Marquis hatte weder sie, noch uberall einen der Vorubergehenden bemerkt. Durch das eigene Innere uberrascht und bezwungen, hatte er gebetet, und folgte nun fast traumend dem Kohler, der ihn freundlich einlud, bei seinem Schwager einzukehren, welcher Goldarbeiter, wohlhabend und gastlich sei, die ausgewanderten Nachbarn daher gern aufnehmen werde. Die Frau, setzte er hinzu, treibe daneben einen Spitzenhandel, der wie bekannt uberall stark in der Stadt getrieben werde, habe deshalb viel Verkehr, selbst im Auslande, bis nordlich uber die Berge hin, und, gewandt und freundlich wie sie sei, konne sie ihnen wohl uber manches Auskunft geben.
Dem Marquis war das ganz willkommen. Er trug ausser mehrern wichtigen Papieren noch das Schmuckkastchen der Marquise bei sich, und hoffte, mit Hulfe des Goldarbeiters, einige Kleinigkeiten desselben vortheilhaft benutzen zu konnen, indem es ihm wichtig war, die Papiere, alle auf bedeutende Summen ausgestellt, nicht eher umzusetzen, als bis sein ausseres Verhaltniss sich fest gestaltet habe.
Sie kamen jetzt an ein sauberes Hauschen oberhalb der Leisse gelegen, als der Kohler sagte, nun sind wir an Ort und Stelle! Der Goldarbeiter hatte seine Werkstatt in der Vorhalle aufgeschlagen, und arbeitete dort emsig. Die Thur nach Innen zu war offen. Man sah um einen grunbehangenen Tisch Kinder und Jungfrauen im Vorsale sitzen, alle die schweren Kissen vor sich, und die feinen Knoppel, wie zum Spiel, zwischen den Fingern hin und her werfend. Als der Kohler zuerst mit Frau und Kind herantrat, stand der Mann hoflich grussend von seinem Sitze auf, doch plotzlich ward sein Gesicht hell wie die Freude, und ein Zug weichen Mitleids um den Mund, sagte was in seinem Herzen vorging. Er nahm den Knaben auf den Arm, hertzte und kusste ihn, streichelte der Kohlerin blasse Wange, und eilte, nach einer fluchtigen Unterredung, dem Marquis, voll Bereitwilligkeit, ihn und die Seinen aufzunehmen, entgegen. Es bedurfte wenig Worte, um dass alle befreundet in das Haus traten. Auch Felicitas, die Hausfrau, zeigte sich wohlmeinend; und gewohnt, die geschaftigen Hande flink zu ruhren, hatte sie alles bald angeordnet, Zimmer geraumt, jeden seinen Platz angewiesen, Erfrischungen herbeigeschafft; und wohl fuhlend, dass Ruhe das Nothwendigste sei, was die armen Erschopften bedurften, diese im Hause geboten, und sich mit den Ihren zuruckgezogen.
Es gab auch wirklich Niemand unter ihnen, welcher den Schlaf nicht gesucht und gefunden hatte. Er legte sich besonders den beiden Schwestern so bleiern auf Auge und Bewusstsein, dass andern Tages beider Erwachen recht beklemmend war. Das ungewohnte Zimmer, das fremde Bett, die eigens dem Bedarf angepassten burgerlichen Umgebungen, ja ehe sie alles das noch deutlich wahrnehmen konnten, das lose Schwanken des innern und aussern Blickes, bis er die wirkliche, nun aufgegangene Gegenwart gefasst, alles druckte sie schuchtern in ihre Decken zuruck. Was gestern noch wunschenswerth erschienen, was der Noth des Augenblicks plotzlich abhalf, war heute doch beengend. Wie aus dem Schlaf, so erwachten sie jetzt erst aus der Verwirrung ihrer Sinne. Frankreich, dem schonen Vaterlande, hatten sie in angstlicher Eile den Rucken gewandt, und sich blindlings fremdem Boden anvertrauet! Anders, sagte Antonie, ist es hier, ganz anders, das ist gewiss! ob besser oder schlechter? wir wissens nicht! Niemand von uns weiss es! Mir fallt, vielleicht zur Unzeit, die Geschichte eines Offiziers bei, welcher wahrend eines Krieges in den Transcheen kommandirend, endlich abgelost, zu seinem Regimente geht, und aller Gefahr entgangen, auf dem Wege dahin vom Gewitter erschlagen wird. Liebe Marie! wer weiss was sich da hinter den blauen Gebirgen fur Gewitter gegen uns aufthurmen!
Marie sah angstlich in dem engen Zimmerchen umher, und zu der truben Schwester hin, deren Worte immer so schwer in ihre Seele fielen. Ihr stiegen die Thranen in die Augen, sie ging zum Fenster, offnete das, und erheiterte schnell ihren Blick, an den schonen, vollen Fruchten, den Blumen, den Cither- und Mandolinen- Klangen, den freudigen Menschenstimmen, an all dem bunten Wesen der Menge. Sieh, o sieh! liebe Antonie, rief sie dieser zu, hier ist es wirklich gar nicht so traurig! Die Menschen sehn recht lustig aus! bemerkst Du wohl das kleine Madchen, mit dem glanzenden Strohhut! wie allerliebst! sieh, wie zierlich ihr die Mandoline uber der Schulter hangt, wie sie mit einer Hand zwei Orangen spielend in die Hohe wirft, und immer eine wiederfangt, indess sie mit der andern Hand leicht uber die Saiten hinfahrt, als greife sie die Tone und den Takt aus der Luft, mit welchen sie die tanzende Bewegung ihres Korpers begleitet! komm, ich bitte Doch, lass uns das naher sehn, geh mit mir hinunter!
Antonie folgte ihr Gedankenvoll in den Vorsal. Er war noch leer. Sie traten in die Halle. Hier sass Alexis auf dem Sessel des Oheims, vor dessen Arbeitstisch, und einen Stift in der Hand grub er, diesen nachahmend, in eine kleine Silberplatte lauter Punktchen, einen neben den andern. Antonie verwies es ihm, aus Furcht, dass er etwas verderben mochte. Das Kind hatte immer eine grosse Scheu vor ihr gehabt. Ihr strenger Blick und die starre Schonheit ihrer Zuge machten ihn heben. Jetzt sah sie besonders strafend auf ihn nieder. Er fuhr bei dem Ton ihrer Stimme zusammen, und wollte erschrocken fliehen, als er unversehens den Stuhl, auf dem er sass, mit dem Tisch und allem darauf liegenden, zur Erde warf.
Antonie ward sehr besturtzt uber diesen Vorfall. Denn Gold und Silber, Feile, Schmelztiegel und Goldwage, Cirkel und Maassstab, alles lag neben edlen und unedlen Steinen bunt durcheinander. Marie war ihr sogleich behulflich, alles wieder an Ort und Stelle zu legen. Auch Antonie wollte das Ihre thun, als sie, ein aufgesprungenes Futteral schliessend, einen schon gearbeiteten Dolch erblickte, der sie erst mit einer Art Entsetzen erfullte, dann aber ihr Blut gluhend durch die Adern trieb. Dunkel sagte sie sich: ich will dem Goldarbeiter davon sagen, und steckte ihn in den Busen. Da klopfte eine leise Hand auf ihre Schulter, sie wandte sich, und die Frau in Trauer stand vor ihr, ein Kastchen mit Arbeitsgerath und ein Kissen, worauf angefangene Spitzen befestigt waren, unter dem Arm tragend. Verzeihen Sie, sagte diese im feinsten Pariser Accent, wenn ich eine Unbescheidenheit begehe, indem ich Sie frage, ob Sie sich gestern mit einem altlichen Herrn am Eingang der grossen Kathedrale befanden? ob dieser Herr Ihr Vater war? ob Sie O mein Gott vergeben Sie, setzte sie hinzu, als Antonie etwas zerstreuet, und mit dem Vorhergehendem beschaftigt, ungeduldig auf sie hinsah, aber ich muss Sie bitten, mir das zu beantworten. Nun ja, sagte Antonie, er ist mein Vater. Der aber rief jene unbeschreiblich bewegt, ist kein anderer, kann kein anderer sein, als der Marquis von Villeroi! und ein Fraulein Villeroi steht hier vor mir! Mein liebstes Kind, umarme mich immer! ich habe Rechte auf Dein Herz, glaube mir das! Sie zog Antonien an ihre Brust; dann aber, sich besinnend, fragte sie hastig, wo ist Deine Schwester? lebt sie nicht mehr? Marie naherte sich, und ihre Hand mit Schuchternheit fassend, sagte sie leise, ich bin es! Arme hubsche Kinder! rief die Dame! wandte sich dann ab, und weinte einige Augenblicke heftig in ihr Taschentuch.
Wo soll ich denn anfangen, sagte sie drauf gefasster, Euch kenntlich zu werden! Ihr wisst nichts von Eurer Familie! Ihr seid so jung, die Vergangenheit ist so alt! es ist so lange her, dass Frankreich schon war, dass Freunde und Verwandte von einander wussten. Ihr kennt wohl Niemand! habt niemals von mir sprechen horen! und getraumt hat Euch auch nicht von der armen ausgestossenen, bejammernswerthen Tante Clairval!
Marie lag schon lange schluchzend an ihrer Brust, als Antonie nachsinnend sagte: ich habe Sie fruher gesehn, meine Tante, ich erinnere mich dunkel! Niemals, niemals, mein Kind, entgegnete die Baronin. Nach dem Tode Deiner armen Mutter hat der Marquis sich und seine Kinder von der Welt fern gehalten. Die Aebtissin Eures Klosters war nicht meine Freundin. Seit dem ersten Jahre Eures Lebens trafen wir nicht wieder zusammen. Doch! doch! sagte Antonie in sich zurucksehend, als der Marquis eben in den Vorsaal trat. Die Baronin blieb einen Augenblick uberrascht stehn! Das ist er also geworden! rief sie, so hat die Zeit gearbeitet! Der Marquis ward bei dem Ton ihrer Stimme von verworrner Erinnerung getroffen. Er sah fragend auf seine Tochter. Armer Schwager! sagte die Baronin, so ist alles todt! die schone Jugend, und die Liebe, und das Andenken an den Wahnsinn der Leidenschaft, und den beruhigenden Balsam treuer Freundschaft! Mein Gott, Pauline, rief der Marquis, wie vom Blitze getroffen, meine liebe, meine ungluckliche Pauline! Was machen Sie hier? was wollen Sie hier? in diesem Aufzuge, in Trauer sehe ich Sie wieder! Was ich hier will? erwiederte sie, lieber Himmel! weinen und arbeiten, da druben haben sie mir das Herz aus dem Busen gerissen, und nachdem sie es mit Fussen getreten, stiessen sie mich zum Lande hinaus! Schloss Clairval ist geschleift, der Baron sie stockte einen Augenblick die Henker schleppten ihn aufs Blutgerust, mich wollten sie nicht, ich weiss nicht, warum ich leben muss, aber ich muss! ich thue selbst dazu, ich friste mir das Leben, ich arbeite fur Geld; dieselbe Frau die mir sonst haufig grosse Pakete Spitzen auf heimlichem Wege zuschicken musste, hat mich nun selbst auf heimlichem Wege hiehergebracht, und lehrt mich, fur den Schmuck, und das elegante Bedurfniss Anderer sorgen. Es liegt darin nichts besonderes, es ist der Lauf der Dinge! und doch ist hier etwas, sie druckte beide Hande gegen die Brust, was sich emport, was mir bittere Thranen auspresst. Es ist so schwer, allem zu entsagen, was, wie das Tageslicht, Leblosem und Lebendem erst Glanz und Farbe giebt. Doch ich rede von mir. Sagen Sie mir, wie es Ihnen erging? Was mein Bruder macht und sein Sohn? ob sie noch in Frankreich, ob der Letztere noch bei seinem Regimente ist?
Beschamt, nichts von den Freunden zu wissen, sah der Marquis zur Erde, und sagte kleinlaut, ich denke, wir begrussen einander alle recht bald in unserm Vaterlande wieder. Glauben Sie das? fragte die Baronin, damit haben sich die Leichtglaubigen seit Jahren einander selbst belogen. Und wenn auch! Das Alte kommt nicht wieder. Wie wir beide nicht noch einmal zwanzig Jahr werden konnen, so macht auch das Gesammtleben keinen Ruckschritt. Politische Crisen sind Stufenjahre, geistige und leibliche Natur, alles geht einen Weg. Verwachsen Kinder ihren Schuh, so verwachst der Zeitmoment Formen. Lieber Marquis, wir betteln uns wohl einmal wieder in unser Vaterland zuruck, aber die abgefallene Frucht ist doch tod. Sie wissen also nichts von den Meinen? fuhr sie nachsinnend fort. Es ist schlimm! ich hatte auf meinen Bruder gehofft!
Sie haben den Bruder wieder, liebe Pauline, sagte der Marquis sehr bewegt, wir verlassen einander nicht! Sie mussen meinen Tochtern die Mutter ersetzen. Ich verstehe nichts mehr von der Welt, die Welt nichts von mir, die armen Kinder sind wohl ubel daran mit mir, gewiss liebe Freundin, Sie konnen nicht so ungrossmuthig sein, sie jetzt zu verlassen.
Musste denn so vieles geschehn, sagte die Baronin, ehe wir uns wiederfanden! Und sind wir nun zwei Andere geworden, dass Sie Vertrauen zu mir fassen? Mein alter Freund, ich sehe in dem umdammertem Auge da dieselbe dunkle Gluth, die Hochzeit- und Todtenfackeln anzundete, die Schloss Clairval mit tausend Blitzen durchschoss, vor der sich Herzen zusammenzogen und die dennoch Schmerz und Entzucken hineinbrannte! Ich hore aus dem Ton Ihrer Stimme jene Worte des Mahomet herausklingen, mit der Sie von der Buhne aus die Seele der Geliebten, wie die der Freunde, heftig anfassten: "Ha, wiss um meine Wuth, um alle meine
Schwachen!"
Und dann wieder: "Mein Leben ist ein Kampf, durch meine Massigkeit Hab ich Natur dem Joch des strengen Sinns geweiht!" Ja, ich fuhl es dem unbezwinglichen Herzen an, dass es Heut wie in jenem Sinnverwirrenden Winter zu Paris die Abgrunde der Zeit wie der Erde sprengen, der Natur ihr hohes Geheimniss und die Zugel der Weltherrschaft entreissen, sich aber zum Gott und Tyrannen der Welt hinaufmeistern mochte!
Sie sagte die letzten Worte unter heftigem Weinen, denn sie dachte an die bluhende Schwester, die ein Opfer jener vermessenen Versuche ward! Der Marquis hatte sich in einen Stuhl geworfen, und mehr durch die Fruhlingslichter jener Zeit, als durch ihre Vorwurfe, getroffen, liess er ungehindert einzelne Thranen uber sein Gesicht hinrollen. Die Baronin trat zu ihm, legte die Hand auf seine Schulter, und sagte gutmuthig, ich will nicht rechten mit Ihnen, auch nicht tadeln, was die Natur und das Leben einmal so gemacht, einmal so gewollt haben! aber fragen muss ich Sie doch, ob Sie es Heut besser wie damals in mir dulden werden, wenn ich uber manches anders denke, anders empfinde, wie Sie? Ich bin in der Hauptsache dieselbe geblieben. Sie haben das so eben noch gesehn. Ich muss sagen, wie ich es empfinde, berechnen kann ich nicht, solchen Kopf hatte ich nie. Und wenn mich nun meine Welterfahrung, mein rasches Hineinempfinden in das Leben, andere Dinge sehen lasst, als Ihnen Ihr mystischer Feuerblick zeigt, werden sich die Kinder da in dem Streite behaupten konnen? Was von allem wird ihnen wahr, nothwendig, und bestehend erscheinen?
Der Marquis schwieg einen Augenblick. Meine Freundin, hub er nach einer Weile an, ich bin unruhig in mir selbst geworden. Ich glaubte mit dem Aussenleben fertig zu sein. Ich durfte das lange Zeit glauben, jetzt scheint die allgemein menschliche Wirksamkeit die gefristete Stundenzahl einzufodern, ich weiss nicht, wie ich mich darin finden werde, ich weiss nicht, wie ich mich uberhaupt finden soll! Der Blick fur das Maass und die Verhaltnisse des ganzen Aussenwerkes ist mir verloren gegangen. Man hat den Boden unter mir verschoben, deshalb stehe ich zu dem neuen Leben in schiefer Richtung, und alles darin stort und verletzt mich. Urtheilen Sie nun, wie uberraschend, wie erwunscht es mir ist, Sie zu finden, der ich getrost den verwickelten Faden in die Hand geben kann, die Tochter daran fortzuleiten, ohne selbst meine eigenste Welt zu verlassen, die ich niemals verlassen kann, in der weder Sie, noch irgend einer mich findet, und die deshalb jedem verschlossen bleiben muss, den nicht tiefe Nacht die flammenden Hieroglyphen entziffern lehrte. Pauline, es ist etwas fruchtbar Heiliges um die Nacht; glauben Sie mir das! sie spinnt ihre Faden durch Schlaf und Traum, wirkt und webt Bilder in die Seele, die aus Grabern hinaufsteigen, die Decke von dem tiefen Grunde wegziehen und hinweisen auf das grosse Raderwerk des ewigen Weltmechanismus! Der Schlussel, der ihre Thore offnet Er hielt betroffen inne, der Schlussel mein Gott! wohin hat mich der gefuhrt!
In die Welt! unterbrach ihn die Baronin etwas ungeduldig. Tauschen Sie sich nicht, Sie kommen so leichten Kaufs nicht los! Das Leben hat Sie einmal gerufen, es giebt Sie nicht wieder frei. Doch lassen wir das! es findet sich von selbst am besten. Vor der Hand nur das Nachste. Der Augenblick hat uns, wie viele Andere, unversehens zusammengefuhrt. Sie reichen mir die Hand, aus Grossmuth? aus bequemer Eil die eigene Ruhe zu erretten? ich will nicht grubeln! Nehmt mich hin, Ihr Kinder, rief sie, beide Madchen umschlingend! Ich berge es nicht, mir bangte recht nach Herzen, die meines Stammes Blut bewegt, sich hore wieder Frankreichs Sprache! Paris, die Welt, die Jugend, das volle Leben ist wieder da! Ich liebe auch das Fremde, es sieht oft so gross, oft recht zierlich aus, aber wenn ich denke, dass es mich festhalten will, dann ist mirs ein Grauel! Seht! so habe ich unzahlige Thranen auf die Kantenarbeit fallen lassen, die Nadeln da auf dem grunen Kissen druckten sich mir jedesmal ins Herz zuruck, die Hande zitterten vor Ungeduld, dacht' ich, dass all die Schlingen und Oesen mein armes Dasein so eng einspannen. Und doch werde ich noch recht oft Kanten knoppeln! Es ist ein liebes Spiel! Man wirft die Faden so hin und wieder, wie oft die Menschen und die Ereignisse im Leben, und wenn es fertig ist, ist's doch etwas! Werdet Ihr mich auch lieb haben Kinder? fragte sie jetzt, ohne Eure Liebe konnte ich nicht eine Stunde unter Euch sein. Du da, mit den Junoaugen und der wunderbaren Stirn, sie strich Antonien leise uber die Augenbrauen, was liegt da fur eine dunkle Welt? Eine Welt voll tiefer Liebe, sagte Antonie, schnell auf ihre Hand gebeugt. Die Baronin kusste ihr die Stirn. Du hast was Eigenes, Kind, sagte sie, was Fremdes! ich muss Dich wider Willen ansehn! Nun wir werden uns alle in einander finden lernen!
Marie flog jubelnd durch das Hauschen, erzahlte Bertrand, Felicitas, allen die es horen wollten, dass sie eine liebe Verwandte, die Tante Clairval gefunden hatten, und nun immer mit ihr sein, mit ihr reisen, und vielleicht auch nach Frankreich zuruckkehren wurden. Alle nahmen Theil, besonders freuete sich Felicitas des Gluckswechsels ihrer ehemaligen Beschutzerin, sie setzte hinzu: sie habe sie zwar gern ihr kleines Handwerk gelehrt; doch habe es sie jedesmal geschmerzt, es sie so angstlich, des Gewinnftes willen, treiben zu sehn.
Der Marquis hatte indess der Baronin das Schmuckkastchen seiner Frau gegeben, und sie gebeten, dasjenige herauszunehmen, was ihr jetzt am nutzbarsten zu sein schiene. Sie empfing es nicht ohne Errothen, und hielt das sauber ausgelegte Maroquinfutteral einen Augenblick, unschlussig, was sie thun solle? Doch offnete sie es. Steine und Perlen sahen schon von dem weissen Sammet herauf, mit welchem die innern Facher ausgelegt waren. Die Baronin liess uberrascht den Deckel wieder zufallen. Helle Thranen schossen ihr in die Augen. Die furchtbarste Sprache in der Natur, sagte sie, hat das Leblose, es fallt wie eine Leiche auf unsere Brust! Ein ausgeraumtes Haus, ein Kleid, ja ein blosser Handschuh, konnen einem die Seele zerreissen! und nun diese Steine! Aus jedem sieht mir das liebe Gesichtchen entgegen! Sie setzte sich, das Futteral vor sich auf den Tisch legend! Lange spielte sie gedankenvoll an dem silbernen Schloss, dann offnete sie es langsam, als wolle sie sich mit dem Anblick bekannt machen. Die Schwestern sahen ihr neugierig uber die Schulter, aber Antonie hatte kaum einen halben Blick hinein gethan, als sie schnell nach eines Mannes Bild, reich mit Steinen eingefasst, griff, und unruhig fragte, wer der Herr sei? Mein Bruder, der Herzog, entgegnete die Baronin. Ohne weiter Antonien zu beachten, nahm sie das Bild, und zu dem Marquis gewandt, sagte sie; wenn ich die glanzende Einfassung hier abnehme, will ich denken, ein Theil von dem verlorenen Glanze des armen Herzogs, wie des Vermogens meiner Vater, sei auf mich gekommen, und ich empfange nur, was mir fruher zukam. So schalte ich wie mit dem Meinen, und mir ist wohler Ihnen gegenuber. Kommt eine Zeit der Ausgleichung, so wird das Spiel ein ernster Tausch, wo nicht so loscht eine hohere Hand meinen Schuldbrief.
Antonie fasste jetzt mit grosser Heftigkeit der Baronin Hande, sah ihr fast bittend in die Augen, liess dann langsam die Hande sinken, u n d wandte sich schweigend ab. Die Baronin verstand sie nicht, sie schuttelte den Kopf, sagte indess nichts weiter, sondern schritt gleich zur Ausfuhrung dessen, was sie so eben dem Marquis mitgetheilt hatte. Deshalb hiess sie dem herzukommendem Juwelier, ihr das Bild sauber aus der Fassung heben, diese dann abschatzen, und den Handel selbst ubernehmen, oder ihn gefalligst anderweitig zu besorgen.
Der Mann ging sogleich an die Arbeit. Felicitas stellte sich neben ihn, den Werth der Steine mit ihm zu besprechen, sie wollte der Freundin gern zum Vortheil, und sich auch nicht zum Schaden die Sache eingeleitet wissen, und legte Maass und Gewicht in ihre Blicke, die auf und ab uber das Bild hingleiteten. Die Schonheit der Zuge fiel ihr daneben auch in die Sinne, sie fasste sie daher scharf auf, und sagte, da ihr die Sache klar ward: ich habe den Herrn kurtzlich gesehn, als die franzosischen Regimenter die Stadt besetzten. Ihn gewiss nicht, erwiederte die Baronin, vielleicht seinen Sohn, denn die Aehnlichkeit ist sprechend, vergleiche ich diesen mit dem, was der Herzog in seinem Alter war. Nun, auch mit Ihnen, gnadige Frau, sagte Felicitas, ist die Familienahnlichkeit sehr auffallend. Antonie fuhr schmerzlich mit der Hand auf die Brust; sie fuhlte dort den Dolch, welchen sie vergessen hatte, sah verwirrend zur Erde, und ging mit gesenktem Auge zum Zimmer hinaus.
Achtes Kapitel
Alles war nach und nach in ruhigen Gang gekommen. Die Baronin war wieder geschmackvoll und bequem gekleidet, hatte ein Zimmer neben ihren Nichten bezogen, jedes fugte sich, und wurden heimathlich und vertraut mit Lage und Umgebung.
Die Tante hatte es gern, wenn Marie erzahlte; sie sass dann behaglich auf dem Ruhebett, die Arme ubereinander geschlungen, den Oberleib etwas vorgebeugt, und sah mit anmuthiger Neugier und seitwarts geneigtem Kopfe, in die weichen, beweglichen Zuge der Kleinen. Oft unterbrach sie dies auch, spielte mit ihren blonden Locken, und sagte wohlgefallig: wie hubsches weiches Haar! Marie kusste ihr dann die schonen Hande, und gab ihr die kleinen Schmeicheleien reichlich wieder zuruck. Antonie war meist still, doch aufmerksam, ja zartlich bis zur Demuth, gegen die Baronin. Sie lernte vom Juwelier allerlei feine Arbeit machen, auch in Kupfer stechen, und in Gold und Silber graviren. Es beschaftigte sie dies dauernd, und oft bis zur Erschopfung angestrengt. Sie bemuhete sich indess vergebens, ein hochst widriges Gefuhl hierbei zu bekampfen, was sie zu Zeiten nothigte, mit der Arbeit inne zu halten, und mehrere Stunden zu feiern. Es gab nehmlich Tage, vorzuglich bei scharfem Sonnenschein, wo ihr das Beruhren aller Metalle hochst empfindlich war. Sie versuchte sich mit allen, doch jedes wirkte eigens unangenehm. Ganz besonders gaben ihr Kupfer und Eisen die groste Qual. Letzteres goss Todeskalte durch ihren Korper, da Ersteres durch bittere Saure ekelhaft auf Geruch- und Geschmacksnerven wirkt. Auch mit dem Golde ging es ihr nicht besser, dies stach ihr prickelnd, wie elektrische Funkchen, durch Arme und Finger. Sie war an solchen Tagen, heftig, ungleich, Fieberkrank, konnte weder bei der Werkstatt des Goldarbeiters vorbeigehn, noch diesen uberall um sich dulden. Eigen war es, dass sie, auf solche Weise gereitzt, mit einer Art von Begier den stahlernen Dolch ergriff, welchen sie heimlich von ihrem Wirthe eingehandelt und in ihren Kleidern verborgen hatte, an diesem hin und her griff und einen wohlthatigen Strom durch ihre Adern rinnen fuhlte. Fast immer in sich verschlossen, kam von allem dem nichts zu der Kenntniss der Andern, als was die Aufmerksamkeit dieser erspahte, oder was sich durch die sprode Sonderbarkeit Antoniens ihnen unverstandlich aufdrang. Auch standen beide Schwestern jetzt einander wieder entfernter. Marie war hochst behaglich und wie zu Hause bei der Tante. Beide plauderten vor ihr Leben gern, und mochten von allem horen, was um sie vorging. Zudem hatte Marie mit grosser Freude jenes zierliche Kind, was sie jungst so auf der Strasse entzuckte, unter Felicitas Schulerinnen wahrgenommen. Sie war eine Veroneserin, um weniges junger als Marie, noch kleiner als diese, und auf die anmuthigste Weise lebhaft und gewandt. Beide gesellten sich leicht zu einander, und war Marie ganz Entzucken, sah sie Giannina die uppige Tarantela nach dem schallenden Takt der Kastagneten tanzen; oder horte sie sie, im Wechselmaass, den Streit zweier Liebenden mit gelaufiger Zunge komisch parodiren; so bewunderte jene in ihr das feine Franzosisch und die vornehmen Sitten.
Die Baronin hatte Giannina schon fruher lieb gewonnen, sie sah es gern, wenn sie nach der Arbeit zu ihr herauf kam. Sie wusste so wunderliche Geschichtchen zu erzahlen, oder zartliche Romanzen zu singen, die auch Alexis anzogen, so dass er niemals dabei fehlte. Der Herbst kundigte sich uberdem jetzt, von den Gebirgen her, schon ziemlich sturmisch an; Im Freien war es nicht mehr hubsch; um den Kamin sass es sich behaglicher. Die Baronin war nicht viel davon wegzubringen und nie erschien sie heiterer, als wenn sie die lieben, kleinen Menschengesichter, wie sie ihre jungen Freunde nannte, umgaben.
Der Marquis hielt sich von all dem heitren Verkehr ziemlich entfernt. Er hatte sich wieder in seinem Zimmer eingebauet, und kam selten und nur fluchtig zur Baronin heruber. Sie dankte ihm sein Schweigen, und vermied es gern, ihn nach der Ursach einer immer wachsenden Unruhe zu fragen, die sich deutlich in seinem Wesen offenbarte. Doch ward sie endlich durch ihn selbst gezwungen, naher darauf einzugehn.
Er fand sich einst mit ihr allein, und, jedes andere Gesprach abbrechend, entdeckte er ihr, dass er gesonnen sei, sie und seine Kinder zu verlassen und sich allein nach Aegypten einzuschiffen. Ohne auf ihr Erstaunen und das Bestreben, ein Wort dazwischen zu reden, Acht zu haben, ruckte er seinen Stuhl naher an den ihren, und fuhr fort, ihr die Geschichte jener Gewitternacht, die Verheissung und das Auffinden des seltsamen Buches zu erzahlen, zugleich aber seinem Schmerz, uber den unvermeidlichen Verlust desselben bei dem Brande des Schlosses, freien Lauf zu lassen. Er setzte hinzu, dass er fest glaube, es sei in Aegyptischer Sprache abgefasst gewesen, weshalb er zu dem Quell der alten Weisheit hineile, die verborgenen Schatze aufzusuchen. Wie kommen Sie darauf? fragte die Baronin; warum grade in Aegyptischer Sprache? Ich sehe davon die Ursach nicht ein! Wie sollen Aegyptische Bucher nach den Ufern der Rhone kommen? Die alte, versteinte Zeichensprache ist ja kein Gemeingut, mit welchem, am Weitesten zuruckgegangen, Marsilias Erbauer Handelsverkehr getrieben hatten! Viel naturlicher halte ich jenes Buch fur eine Sammlung Altnordischer Zauberspruche, welche sehr wahrscheinlich die alte wunderliche Konigin Giselbertha, Ihre Stammmutter, aufsammeln liess. Sie wissen, was der Abbee Cername fur seltsame Nachrichten uber sie aus dem Schlossarchiv herauslas; wie sie durch das Auflegen ihrer Hande allerlei korperliche Schaden geheilt, welche Gabe sich lange in unsers Konigs Hause forterbte, wie sie ferner Metalladern und den Lauf des Wassers unter der Erde durch physische Wahrnehmung herausgefuhlt, und der Wunderkrafte und Eigenheiten mehr besessen hat. Der Marquis sah nachsinnend in die Flamme des Kamins; doppelt schlimm, rief er, wenn es so ist! ein vererbtes heiliges Pfand! und unersetzlich verloren, unersetzlich! Was hulfe es Ihnen, unterbrach ihn die Baronin, besassen Sie es noch, Sie konnen es nicht gebrauchen, niemand kann jetzt absichtlich zaubern, niemand; das ist vorbei, das soll vorbei sein. Wer sagt Ihnen das! rief der Marquis sehr heftig. Die Ordnung Gottlicher und weltlicher Dinge, entgegnete die Baronin. O heilige Natur! schrie er mit gewaltiger Stimme: kreisen Deine ewige Sonnen nicht Heut wie damals in ihren gesetzlichen Bahnen! ist ihr Verhaltniss zu einander ein neues geworden! und ist der Mensch ein ausgestossener Fremdling in Deinen azurnen Hallen? Ja, sagte die Baronin fest und sicher, ein uberwachsenes Kind ist er, das Thor ist ihm zu klein geworden, aus welchem er heraustrat, nun will er es einschlagen, das geht nicht, er soll leise anklopfen, es wachst mit seiner Demuth und wird hoher und hoher bis er bequem hineintritt! Heilig nennt Ihr die Natur, Ihr Neuerer, und wollt Ihr doch Gewalt anthun? Nein Marquis, Heut zu Tage kann nur ein Kranker oder ein Teufel zaubern wollen! Pauline! sagte der Marquis ernst Sie reichte ihm freundlich die Hand. Ich meine es nicht schlimm, sagte sie, wir missverstehn einander jetzt, wie so oft. Lassen wir das! Nur das Eine: sind die Zauberformeln rechter Art, so kommen Sie zu ihrer Bedeutung; so viel ist einmal gewiss! Wie meinen Sie das? fragte der Marquis. Es wird sich ja zeigen, entgegnete sie. Beide schwiegen. Das Gesprach war in sich zuruckgefallen, keiner nahm es wieder auf, und es blieb alles wie es war.
In dem Marquis war indess ein Gedanke zur Sprache gekommen, der, sich weiter entwickelnd, eine Art von Beruhigung fur ihn hatte. Er hielt nemlich das geheimnissvolle Buch nicht fur das einzige Erbgut seiner Stammmutter, und, die Nothwendigkeit des eigenen Daseins durch sie erkennend, war er uberzeugt, einen Schatz geheimer Krafte in sich zu tragen, welcher, trotz dem Dunkel der Zeit, sicher an das Licht treten werde. Er hielt sich an diese Ueberzeugung, ward zuverlassiger in sich selbst, heiterer und achtsam auf die aussere Umstande, wie auf den Gang des Lebens, in welchem er die Einflusse seiner Natur zu belauschen hoffte. Wie seltsam und ungewohnlich er auch unter dem staten Erspahen erschien, so trat ihm doch das Aussenleben naher, er liess sich ein damit, und es wirkte langsam und still wohlthatig auf ihn zuruck.
Die Baronin glaubte einen Umschwung in ihm bewirkt zu haben, und freuete sich der Gewalt ihrer Worte. Doch zu klug, um durch voreiligen Triumph die Eitelkeit und den Eigensinn des Marquis zu wekken, sammelte sie im Stillen die Fruchte ihres Sieges und war auch ihrer Seits leichter ums Herz.
So stand es mit allen Gliedern der kleinen Familie, als sie eines Abends bei der Baronin versammelt waren und heiter uber ihre Zukunft sprachen. Der Marquis, uberzeugt die Unruhen in Frankreich auf irgend eine Weise bald geschlichtet zu sehn, ausserte den Plan, den Winter uber ruhig in Chambery zu bleiben, und dann erst zu bestimmen, ob sie nach Deutschland fluchten oder nach Frankreich zuruckkehren wollten. Im letztern Fall, den Alle im Geheim als gewiss annahmen, erklarte er, dass er unverzuglich aus den Trummern des eingeascherten Schlosses ein neues, ganz im Plan des alten, erbauen werde, dass ihm die Statte heilig, dieser Punkt auf der Erde durch Gesetz und Natur angewiesen sei, und er ihn auch, als die eigentliche Sphare seiner Wirksamkeit, behaupten werde.
Die Baronin ward durch das Feuer seiner Worte an seine fruheste Jugend erinnert, und glaubte um so fester, er wolle von Anfang herauf ein ganz frisches, sicheres Leben beginnen. Giannina bat Marien leise, sie ja nicht allein hier zuruck zu lassen, sie beschwor sie, in ihre Dienste treten zu durfen, und beide schlossen ihren kleinen Kontrakt heimlich mit einander ab. Alexis sass auf der Thurschwelle, sang einige von Giannina aufgefangene Strophen, hielt ihre Mandoline zwischen den gekreuzten Beinen geklemmt, und stimmte und klimperte daran, bis endlich eine Saite unangenehm schrillend zerriss! Ha! schrie Antonie, was war das! sie war todtenbleich und zitterte heftig. Mein Gott! sagte die Baronin ungeduldig, was soll es sein! eine gesprungene Saite ist es, nichts mehr und nichts weniger! Mein armes Madchen, setzte sie begutigend hinzu, wie magst Du denn gleich so erschrecken! Antonie fasste sich, die Baronin setzte sich zu ihr, und alle redeten nun freundlich uber die Gewalt eines plotzlich hineinfallenden Tones, der selten der festeste Nervenbau ganz widerstehe. Auch ich, sagte die Baronin, erschrak, und mein kleiner Unwille galt meiner wie Deiner Schwache. Und bei Lichte gesehn, fuhr sie fort, ist auch daran nicht so Grosses zu tadeln. Wir wollen nun einmal von allem den Grund kennen; uberrascht uns die Wirkung ehe wir die Ursach ahnden, so schneidet das in unsern Ordnungssinn, und wir schreien, wie bei anderm Schmerz! Darum ist uns Gott so oft ein furchterlicher Gott! Verstanden wir ihn immer, er ware in jedem Augenblick die Liebe!
Sie schwieg hier, eine neue Ideeenreihe war in ihr angeknupft. Giannina aber schalt den Knaben, der, schon uber Antoniens Ausrufung erschrocken, bitter weinte. Die Kleine versuchte, nicht ohne Unwillen, das zerstorte Instrument wieder in Ordnung zu bringen, als es an der Thur klopfte, und der Kohler mit einem langen, sehr bleichen, Mann in das Zimmer trat.
Es dunkelte bereits, und nur die Flamme im Kamin warf ein ungewisses Licht umher. Die Baronin trat einige Schritte vor, sah zweifelnd auf den Fremden, schlang dann heftig beide Arme um ihn, und rief ganz ausser sich: mein Bruder! O Gott mein Bruder! Dieser zog sie ungestum an sich, und sie im Arme haltend, warf er den Adlersblick auf die andern Gestalten umher, und maass sie langsam erforschend. Nun Marquis! rief er, wir haben unsere Heldenbahn wurdig geschlossen, wir konnen aufs neue Bruderschaft machen, denn beim Himmel! ein Meisterstuck ist des andern werth! Wir geben der Welt ein Beispiel, was menschliche Klugheit ist! Wollen Sie sich gutigst erklaren, unterbrach ihn der Marquis mit kaum noch gehaltener Heftigkeit. O ich bitte Sie, sagte der Herzog, nehmen Sie es ja nicht ernsthaft. Mit dem Ernst ists vorbei, der lag in der Exposition der Tragodie, nun alles drunter und druber geht, wirds komisch. Ich muss Sie bitten, deutlicher zu sein, wiederholte der Marquis. Ja, dann mussen Sie erlauben, dass ich mich setze, entgegnete jener, sich in einen Stuhl niederlassend, denn sehn Sie, ich habe meine gesunden Glieder dabei in den Kauf gegeben, wie Sie fruher den gesunden Verstand! Herzog! rief der Marquis, das fodert Blut. Bewahre Gott, sagte dieser gelassen, die Muhe, uns die Halse zu brechen, konnen wir Andern uberlassen, dazu hat man jetzt leichte Mittel, und ich weiss die Leute die Wege dahin zu fuhren. Ich brauche keine fremde Hulfe, schrie der Marquis, heftig auf ihn eindringend! Zum Teufel, sagte jener, ich kann mich jetzt nicht schlagen, und hielt ihm den linken Arm abwehrend entgegen. Alle sahen jetzt erst, dass er den rechten im Bande trug, und einer Ohnmacht nahe war. Die Baronin, aufs hochste erschrocken, that dennoch keine unnutze Frage, sagte nichts, die Gemuther zu beruhigen, uberzeugt, dass sich alles von selbst machen musse, und war nur bemuhet, dem Bruder Hulfe zu leisten, als dieser erschopft sagte: Beruhige Dich, Villeroi, ich will keinen Krieg mit Dir, Du hast im Tumult Deiner Sinne die Ehre rein erhalten, Du bist der Alte! braver Camerad vergieb mir, mein dusterer Unmuth wollte sich Luft machen, gieb mir die Hand! wir sind nun Unglucksgefahrten, wie wir sonst Kriegsgefahrten waren. Du hast das Liebste, was Du auf Erden hattest, im Wahnsinn geopfert, ich habe eine ungluckliche Freundin zum Schaffot gefuhrt. Die Aebtissin rief Antonie, ja, sagte der Herzog, das Auge langsam auf sie hinrichtend, ich wollte geschickt und geheim ihre Freiheit sichern, ein unglucklicher Fehltritt des Pferdes sturzt dieses nieder, ich liege halbtodt am Boden, das Pferd rafft sich auf, fliegt im Gallopp mit dem leichten Karren uber mich weg, lenkt in die grosse Strasse, und fuhrt das ungluckliche Schlachtopfer den Bluthunden in die Hande. Pobelhaftes Volk, das mit seiner Schande die Erde besudelt, fangt den Karren auf, die Aebtissin wird misshandelt, nach dem nachsten Gerichtshofe geschleppt, und, ihrer Aehnlichkeit mit der Konigsfamilie wegen, zum Tode verdammt. Ich erwache aus meiner Betaubung, unfahig mich zu ruhren, Arm und Bein zerbrochen, zertreten, gequetscht, so liege ich, bis mich ein junges Weib, die des Weges geht, auf ihre Schultern ladet, und nach einer nahen Hutte schleppt. Unbeschreiblich ist's was die gute Seele an mir gethan hat, ihr Mann war ein Hirt, er heilte meine beschadigten Glieder. Kaum war ich im Stande, zu gehn, so nahm ich meinen Wanderstab, ich zog Erkundigungen ein, erfuhr, wie mein unseliges Geschick die verfluchte That veranlasste, und wollte mir nun den Sohn wenigstens aus dem Hollenpfuhl erretten, der stand vor Lyon, bei der Republikaner Armee. Ich bettle und schleiche mich bis einige Meilen davon; grade da geht der Tross der Konigsgesinnten uber, Toulon war auch erobert, viehischer Jubel schallt durch ganz Frankreich, ich muss mit jubeln oder mein Blut durch Henkers Hand verspritzen lassen; mein Entschluss war gefasst, durch und durch krank, verzehrt von Wuth und Schmerz, schicke ich mich an, das Vaterland zu verlassen, bei den Trummern vom Schloss Clairval stosse ich auf Andre, Deinen Kammerdiener, er ist jetzt Karrner und fahrt Baumwollen-Waaren aus der Schweitz nach Frankreich, er kannte Deinen Aufenthalt. Ich bin nun hier; was weiter aus uns allen wird, ist Gott bekannt, hier konnen wir nicht bleiben, denn Savoyen wird in Kurzem aufs neue besetzt sein, und ich bin zum Tode mude!
Der Marquis, wie immer durch einen starken Anstoss aufgeregt, vom Anblick des ehemaligen Waffenbruders in die alte Zeit versetzt, fuhlte seine Kraft im aufflammenden Ehrgefuhl wachsen. Ist nichts, gar nichts mehr zu thun, rief er! Soll Frankreich untergehn? Sollen wir Nahmen, Stand, Eigenthum, alles hinwerfen, und die Hande in den Schoos legen? Regt sichs nun? sagte der Herzog lachend, ja nun ist's zu spat! Ich habe meine Welt kennen gelernt! ich bin es mude, auf Worte zu bauen! In der Vendee da gab es Manner! und in Lyon! Was Menschen thun konnen, ist dort gethan! Ich habe lange unter den Vendeern gestritten. Es ist vorbei! Die Andern haben kein Mark, keinen Willen! Es ist unglaublich, wie sich Menschen uber sich selbst tauschen! Auch die Guten! Bei unbezwinglicher Scheu vor dem Streit fuhlen sie gleichwohl das Gebot der Ehre und peitschen sich mit Worten das Blut in den Adern hin und her, bis sie schon in Gedanken auf dem Schlachtfelde stehn, da traumen sie Thaten und schlagen uns ihr noch zu vergiessendes Blut zu hohen Preisen an! Dabei bleibt es aber! Die abgenutzten Worte Freiheit und Ehre sind wie ein Feuerzeug ohne Stahl, sie geben kein Feuer und kein Mensch warmt sich an einer Flamme, von der er nur reden hort! Der Marquis schwieg. Alle waren erschuttert, gestort. Antonie stand vor dem Herzog, jedes seiner Worte in sich hineinziehend. Die Baronin fuhlte, dass niemand in diesem Augenblick gestellt sei, etwas Zweckmassiges zu wollen, und fur die Folge den Andern vorzuschlagen; sie dachte daher an das Nachste, und hiess fur jetzt die Andern auseinandergehn, einzig auf die Pflege und Erholung des Herzogs bedacht. Morgen, sagte sie, werden wir uns eher finden, und das Nothwendige thun, Heute hat keiner einen gesunden Willen. Es stosst sich alles wie im Fiebertraum aneinander, wir haben so viel in Kurzem erlebt, es kann noch nicht alles Platz in uns finden. Wir mussen es erst auseinanderpacken, und jedes an seine Stelle legen, dann kommt der vernunftige Entschluss von selbst. Gute Nacht also, Ihr Kinder, sagte sie, und winkte Allen, sie zu verlassen.
Der Herzog ging mit dem Marquis, bei welchem er sich einquartirte, die Andern mussten folgen. Antonie allein blieb ganz still auf der Stelle stehn, wo der Herzog gesessen hatte, schien von dem Gebote der Tante auch nichts gehort zu haben, und nur als diese es wiederholte, ging sie schweigend in ihr Zimmer.
Neuntes Kapitel
Die Baronin bedurfte wirklich mehr als je der Ruhe und innern Sammlung. Das Leben war ihr aufs neue so aufgeruttelt, alles trube ineinandergewirrt, und grade jetzt, wo die Verhaltnisse anfingen, sich zu setzen. Sie ware so gern an Ort und Stelle geblieben! Das Herumziehn in fremden Landern, so spat im Jahre hinein, hatte viel Unerfreuliches. Und was war am Ende davon zu erwarten? Sie mochte die Gedanken hinwerfen, wohin sie wollte, sie mochte den Lebensplan so oder so ordnen, es blieb alles unbegrundet, alles durch Umstande bedingt, die ich nicht vorher bestimmen liessen. Unter dem Vielen Hin- und Herschieben und Stellen der Lebensverhaltnisse ward es ihr indess klar, dass uber diese das Leben ganz allein zu bestimmen habe, dass man sie musse kommen lassen, ohne sie sich selbst zuschneiden zu wollen, und dass der Mensch nichts anders solle und konne, als sich in jeder Lage wurdig behaupten.
Am Ende, sagte sie sich, ist daran auch nichts zu meistern! es wachst alles aus tiefem, unbekanntem Grunde herauf, wir mogen die Richtungen lenken, wie wir wollen, das Leben schlagt immer seinen eigenen Weg ein. Und hier, fuhr sie fort, giebt uns die Menschliche Klugheit auch nicht einmal Augenblickliche Zwecke zu berucksichtigen. Das Nothwendige liegt vor uns, wir mussen fort von hier. Wohin wir gehen? kann uns im Grunde gleich sein. Ein jeder Ort kann der rechte, ein jeder der unrechte sein. Wir haben keine Ursach, einen vor dem andern zu wahlen. Das Zweifelhafte hierbei muss uns, an uns selbst zweifeln, und hoherer Fuhrung vertrauen lehren.
Es ward ihr ganz leicht ums Herz, als sie sich das so anschaulich bestimmt ausgesprochen hatte; um so mehr, da sie nicht anders glauben konnte, als Frankreich werde dennoch das endliche Ziel aller dieser Irrfahrten sein. Und ob sich auch dort ihrer Seele kein vertraut gebliebenes Bild zeigen wollte, so war es doch der heimathliche Boden, welcher sich, wie gluckliche Inseln, aus den unruhigen Wellen der Ereignisse heraufhob.
Sie ruhete hier aus, liess die Familie des Marquis ihre eigene sein, sah mancherlei von weitem kommen, bis die Gedanken immer loser, die Bilder immer unkenntlicher, wurden, und sie endlich einschlief.
Sie lag indess noch zwischen Bewusstsein und Traum, im anmuthigen Gefuhl unwiderstehlicher Hingebung, als ihre Vorhange leise geoffnet wurden und der warme Hauch flusternder Lippen ihre Wange beruhrte.
Die Baronin war von Natur schrekhaft, leicht uberrascht, und verfiel, durch irgend etwas stark ergriffen, auf das Unwahrscheinlichste. Sie fuhr jetzt schnell in die Hohe, sah indess kaum die Umrisse einer weiblichen Gestalt im Dammerlicht der Lampe, als sie eben so schnell in ihre Kissen zuruckfiel, und kaum horbar stammelte: mein Heiland! die Marquise! Meine beste Tante, sagte Antoniens Stimme, ich wollte Sie nicht erschrecken. Aber Sie haben in meinem Herzen gelesen. Die Mutter ist es, die mich zu Ihnen fuhrt. Ich habe ihretwegen keine Ruhe. Ich muss es wissen, wie und auf welche Weise sie starb. Sonderbares Kind! sagte die Baronin etwas beschamt, welche Stunde wahlst Du auch dazu, Du hast mich ganz verwirrt, ich traumte wohl grade. Verzeihen Sie mir, erwiederte jene, aber ich dachte, wie unzuverlassig es jetzt mit der Zeitbestimmung sei, wir mussen vielleicht schon Morgen von hier fort, was uns zusammenfuhrte, kann uns auch wieder von einander reissen, man wird anjetzt so scheu, und dazu angstet mich das Dunkel der Vergangenheit mehr als die ungewisse Zukunft, deshalb meine Tante Nun wohl, unterbrach sie die Baronin, ich will Dir gern die gewunschte Auskunft geben. Sie richtete sich im Bette auf, und Antoniens beide Hande fassend, gleich als wolle sie sich versichern, dass sie zu einem lebenden Wesen rede, zog sie diese sanft zu sich nieder. Hast Du, hub sie nach einigem Besinnen an, vielleicht von einer geheimnissvollen Kraft gehort, welche einem Wesen uber das Andere eine furchtbare Gewalt einraumt, und die man, mit Recht oder Unrecht, magnetisch zu nennen pflegt? Magnetisch heisst die Kraft? fiel Antonie schnell ein. Ja, erwiederte die Baronin. Ich zweifele nicht, fuhr sie fort, es giebt so unbegreifliche Einflusse in der Natur, welche der Einzelne freilich nur am Einzelnen entdekken kann. Allein das Menschliche Gemuth ist nicht enthaltsam, es kann nichts kommen, nichts aus seiner Nothwendigkeit ruhig hervorgehn lassen, es muss alles an sich reissen, und wie der Effekt den Sinn trifft, und der Mensch durch irgend ein Vermittelndes dem Herr wird, so freuet er sich schwachherzig der Meisterschaft, und pruft und ubt sich an etwas Willkuhrlichem, das ihm unvermerkt Zweck wird. So ging es sicher mit mancher unerforschten Thatigkeit in der Natur, deren Wirkung, blendend oder verletzend, als Gaukelspiel verworfen ward, weil sie ausser ihrem Zusammenhang auf Individuelles bezogen, das todte Produkt tief verborgener, ungekannter Ursach blieb. Die bereits festgestellte Wissenschaft duldet das nicht, und es konnte nicht fehlen, dass grade dasjenige, was dem Geisterreich so nahe geruckt schien, alle solche zu Feinden hatte, welche nach vorgefundenem Maassstabe prufen, wie im Gegentheil in denjenigen Anhanger fand, die niemals Zeit behalten zu prufen. Dein Vater gehorte ganz unbedingt zu den Letztern; und jemehr die kalte Zergliederung und Herabwurdigung Anderer ihn verletzte, je leidenschaftlicher hielt er sich an dem, was er sah, erlebte, durch sich selbst erfuhr. Und wirklich waren die Hervorbringungen des Magnetismus so unleugbar, die Kraft des Willens erschien dabei so uber alles herrschend, dass der Marquis den weisern Einwurf, wie den frechen Tadel, auf gleiche Weise verlachte.
Es ware mir so unbequem, wie Dir unerspriesslich, wollte ich alle die zauberischen Wirkungen des Magnetismus hier aufzeichnen. Eben so wenig kann ich Dir ein genaues Bild der dabei vorwaltenden, mechanischen Behandlung entwerfen. Die grosse Hauptsache war, dass zuerst durch magnetische, mit der flachen oder geschlossenen Hand gefuhrte, Striche, der Behandelte von dem ersten Grad muden Ziehens der Augen, nach und nach in einen Zustand versetzt ward, in welchem die aussern Sinne vollkommen ruhen und die innern allein agiren. In diesem Zustande hat der magnetisch Schlafende eine vollkommene Kenntniss seiner selbst, sieht in sich, wie in Andere, hinein, denkt, handelt mit Bewusstsein, und redet Dinge, welche er vielleicht wachend nicht zu sagen wusste.
Es ist unglaublich, welche Sensation diese Entdekkung in Paris machte. Verbindungen wurden geschlossen, Gebaude, Zimmer eingerichtet, Versuche gemacht, an deren Resultate sich die gescheutesten Kopfe vergebens wagten.
Der Marquis hatte indess bei alle dem nur Eines im Sinne. Er beherrschte das Gemuth seiner Frau, und hielt ihr Herz in Handen. Sie war froh, seine leidenschaftliche Zweifel stillen zu konnen, und offnete ihm in Stunden der Crisen willig ihr reines Innre. Da sie indess guter Hoffnung und ausserst reizbar war, so kam es dahin, dass ein anhaltender Blick des Marquis sie in convulsivische Zuckungen und dann in jenen unnaturlichen Schlaf versetzte, die mir, als ich einst gegenwartig war, das angstigende Gefuhl gaben, als stehe ich zwischen dem todten Leib und der geschiedenen Seele meiner Schwester.
Vergebens schrie ich dem Marquis ins Gewissen, dass er seine Frau todte, beschwor ihn, sich von ihr zu entfernen, setzte Freunde, Aerzte, Himmel und Erde, in Bewegung, sie vor ihm zu retten, allein durch einen seltsamen Widerspruch wollte sie so wenig von ihm, als er von ihr lassen, ja sie war in dem Maasse an ihn gebannt, als seine Nahe zerstorend auf sie wirkte. So ward sie immer schwacher, fast verworren in sich selbst, und gab in einer dieser Crisen Euch, meine armen Kinder, das Dasein. Die Natur aber ward durch den doppelten Kampf zerrissen, sie starb wenige Stunden darauf.
Die Baronin schwieg sehr bewegt. Antonie sah vor sich hin. Der Tod der Mutter hatte nichts Trubes mehr fur sie, im Gegentheil ward ihre Brust von der sussesten Wehmuth gehoben. Sie fuhlte in allem dem eben Erfahrenen nur die Gewalt tiefer, unergrundlicher Liebe. Sie konnten nicht von einander lassen, sagte sie sich leise, so fest kettet die geheimnissvolle Kraft!
Seitdem, unterbrach endlich die Baronin das Schweigen, haben nahere Ereignisse das Auge von dem Unbegreiflichen abgezogen. Mein Kind, fuhr sie fort, ich habe noch immer gefunden, dass wenn die Menschen die Natur so recht derb anfassen, und sie nun in ihrer Gewalt zu haben glauben, diese plotzlich ihren Handen entschlupft, und gross und gelassen ihren gemessenen Gang uber ihnen hingeht; sie ruft sie an, aber unter ganz anderer Gestalt, und heisst ihnen, sie geschichtlich begleiten, wenn sie im freundlichen Verkehr mit ihr bleiben wollen. Wer dem Moment die Flugel beschneiden und ihn zu etwas machen will, der thut eben gar nichts! Und doch, sagte Antonie, ist das ganze Leben auch nur ein Moment, und was geschieht nicht alles in ihm! Ach die Liebe schafft ja eine ganze Welt hinein!
Grade die Liebe, erwiederte die Baronin, soll viel mehr als den Augenblick wollen. Will sie ihr Reich auf Erden so recht dicht und fest grunden, so bricht es zusammen, und das Herz obenein.
Aber wie bricht es! unterbrach sie Antonie, unter der allerseligsten, wie unter der furchtbarsten Gewalt! Kind, entgegnete die Tante, erinnere Dich, dass jedes Heraustreten aus dem Gleichgewicht der Natur Krankheit ist, und dass wir uns vor dieser uberall zu huten haben. Und nun geh', Du kleine Nachtwandlerin, fuhr sie gutig fort, geh, wir kehren sonst auch die Naturordnung um, und das thut niemals gut.
Mir hat es wohl gethan, sagte Antonie, indem sie ihre brennende Lippen auf die Hand der Baronin druckte. Diese kusste ihr die Stirn, und sah sie, mit einer Art von wehmuthigen Beklemmung, an dem Nachtlicht voruber durch das Zimmer gehn.
Am folgenden Morgen liess der Herzog keinen aus der Gesellschaft lange ruhen. Er war heftig, ja ungestum, und konnte es nicht dulden, dass man lange uber einen Entschluss sann, oder die Entscheidung gar von sich wegschob. Die Baronin aber trauete sich selbst nicht recht in Dingen, die in einem sachlich oder personlichen Verhaltniss zu nahe auf sie zutraten, ihr Blick ward alsdann leicht befangen, es ging ihr, wie solchen Augenkranken, die nur in gewisser Entfernung eine helle Unterscheidung und Uebersicht gewinnen. Sie sagte daher dem Herzog: Niemand wird so geblendet, so leicht bestochen, als ich wenn Mehreres zusammentritt; verschone mich also mit jedem, was einer Auswahl unter Vielem ahnlich sieht. Ich bin entweder ganz Gefuhl, oder ganz Ueberlegung. Die Letztere allein lasst es zu nichts kommen, das Erstere reisst mich fort. Ist einmal ein Ungluck geschehn, so weiss ich mich schnell zu finden, weil ich, zurucksehend, die Ursach bald entdecke, soll ich dies aber umgehn, so verwickele ich mich in den Wegen die umherlaufen. Es ist einmal meine Art so. Aendern lasst sich darin nicht viel. Schilt daruber auch weiter nicht, und da Du siehst, dass uns allen ein kraftig-bestimmender Wille Noth thut, so bestimme Du fur uns.
Nun gut, sagte der Herzog, meine Parthie ist bald genommen. Der Marquis schwindelt da noch von Abwehren der Gefahr, geheimen Einflussen, und Gott weiss was allem, aber das muss er mir nicht sagen, ich weiss auf ein Haar, wie wir stehn, ich bin auch keinesweges auf Gaukeleien der Art gestellt. Das Kurze und das Lange von der Sache ist, dass wir fort mussen, je eher je lieber, auf dem kurzesten Wege dem besten. Daher ist mein Plan, uber die Gebirge nach der Schweiz und Deutschland zu gehn. Sind wir gleich bereits weit in der Jahreszeit vorgeruckt, und sind Wege und Wetter rauh, so ist das ein freiwilliges Uebel, das wir uns auflegen, und keinesweges mit einem entehrenden Tode zu vergleichen, der uns hier unfehlbar bedroht. Ich fur mein Theil wenigstens gehe, und seid ihr klug, so folgt ihr nach. War es sonst schon immer schwer, dem raschen Andringen seiner Worte zu widerstreben, so liess sich jetzt gegen das Gewichtige derselben nichts einwenden. Es wurden deshalb, trotz der Unbequemlichkeit und dem Storenden einer Winterreise, alle erforderliche Anstalten dazu getroffen. Antonie, welche sich dem Herzog sehr ergeben zeigte, war besonders geschaftig dabei, und ubertrug gewissermassen Marien, die ungern den angenehmen, ruhigen Auffenthalt verliess, zumal da sie wegen Giannina in Verlegenheit war, und nicht recht wusste, wie sie es einzuleiten habe, dass sie das gute Kind begleiten durfe. Allein diese hatte in der Baronin eine Beschutzerin gefunden, die selbst nicht von der Kleinen lassen konnte. Sie ward daher formlich in das Gefolge des Marquis eingeschoben, ob man gleich ihr heiter-luftiges Wesen durch keine genauere Dienstbeschaftigung einengen wollte.
Marie ward dadurch um vieles getrosteter, nur kostete es ihr Muhe, sich von ihren freundlichen Wirthsleuten zu trennen. Sie gewohnte sich so leicht an Menschen! Der Ton ihrer Stimme, ihr Lacheln, ein gutes Wort, herzliches Benehmen' ja die eigene, selbst auf sie nicht Bezug habende, Art und Weise, fesselte sie, und ihr weiches Herzchen brach fast, musste sie solche verlassen, die ihr wohlgewollt, oder sie durch Gefalligkeit verpflichtet hatten. Zudem goss das lautlose Gewerbe beider Eheleute, ihre stille, genaue Thatigkeit, das Nothwendige ihres Gehens und Kommens, der angenehm belebte und doch so friedfertige Gang ihrer Unterhaltung, ein so helles lebendiges Sein, so behagliche Ordnung, durch das kleine Hauschen, dass allen darin wohl war, und Marie oftmals mit innerm Behagen dachte, wie schon es sei, sich als Mittelpunkt einer so geschaffenen kleinen Welt zu finden! Sie beneidete Felicitas darum, wie denn uberhaupt der Umgang dieser stets heiteren Frau, die Anlage zu mancher hauslichen Tugend und den alles fordernden und uber allem waltenden Ordnungssinn mehr und mehr in ihr heraushob, und ihr vielfache Unterhaltung in der wohleingerichteten Haushaltung gab. Jetzt ward der Faden ihrer kleinen Gedankenspiele plotzlich wieder zerrissen, der einfach ruhige Farbenton ihrer Vorstellungen gemischt, vervielfacht, ihr Blick auf Ungekanntes gelenkt, sie konnte sich der innern Trauer so wenig wie des Gedankens erwehren, dass solch unstates Leben sie nur verwirre, und ihr Gefuhl noch oft zerreissen werde.
Ihre Zartlichkeit fur die; welche sie verlassen sollte, mehrte sich mit jeder Stunde, und bewegte sowohl Felicitas, wie ihren Mann, auf solche Weise, dass Erstere ihr einen feinen Spitzenschleier, Letzterer aber zwei mit einander verbundene Goldringe, mit dem Bedeuten verehrte, solche an ihrem Hochzeitstage von einander zu losen und die Einigkeit und freudige Lust, die sie hier verbunden, mit dem Geliebten zu theilen; wie Gott ihrer beider Hande dann zusammenfugen werde, so werde sich auch das stille Band der Einigkeit verschlingen und Liebe und Treue nur Eine sein.
Marie empfing die Gaben, sowohl durch ihre Bedeutung, als den lustigen Glanz derselben, erfreuet. Sie besah sie wohl tausendmal, und steckte die Ringe unter innerm Erzittern des Herzens an den Finger. Noch oft am Tage zog sie sie ab, und steckte sie wieder an, sie errothete dabei, und versuchte, wie sie sich wohl ablosen wurden, ohne dadurch verletzt zu werden. Der Goldarbeiter bemerkte es wohl, und freuete sich ihrer unschuldigen Lust.
Indess war alles zur Reise angefertigt, Felleisen gepackt, Wagen und Fuhrer gemiethet, Wege und Stationen berechnet, die Richtung ostlich uber Aosta, den St. Bernhard und die Walliser Gebirge, nach Thun, Bern und Basel zu genommen; und da sie den naheren Weg uber Genf wegen der Kriegsunruhen vermeiden mussten, so sahen alle dem spateren Ruhepunkte mit Verlangen entgegen, und eilten nun insgesammt, aus dem naturlichen Triebe das fruhere Ungemach erst hinter sich zu haben, schnell zur Abfahrt.
Auch diesmal verliess sie der Kohler nicht, um so mehr, da er sich dort druben die Gelegenheit ansehen, und erwagen wollte, ob da seines Bleibens sein konnte. Die krankliche Frau aber liess er unter dem Schutze ihres Bruders zuruck, was er wohl thun durfte, da sie als Italienerin nichts von den feindlichen Franzosen zu furchten hatte. Nur von Alexis wusste er sich auf keine Weise zu trennen, und da der Knabe so leidenschaftlich an Giannina gebannt war, und diese ihre besten Neckereien mit ihm trieb, so fugten sich alle, und das Kind fand sein Platzchen.
Der Herzog hatte seinen Aerger uber das viele Hin und her Reden, die kleinen Berucksichtigungen, das Abschiednehmen und seltsame Erweichen bei der Trennung von einem Ort, den man von Anfang her nur als einen Durchgangspunkt angesehen, ja ihn niemals anders betrachtet wissen wollte. Welche Umstande, sagte er, um von Abend bis Morgen zu leben! wie schwerfallig macht so unzeitiges Erweichen, und wie trage zu jeder tuchtigen Betriebsamkeit! Du konntest, unterbrach ihn die Baronin, eben so gut sagen, welche Umstande uberall, zu leben, da jeder des Todes gewiss ist! Ein jeder weiss, dass er hier auf Erden keine bleibende Statte aufschlagt, und gleichwohl! wer vergasse es nicht gern? wer mochte noch etwas anfassen, erinnerte er sich jeden Augenblick, dass er den Tod in Handen halte? Treibt man im Allgemeinen schon so tolles Narrenspiel, sich selbst zu affen, sagte der Herzog, so sollte man es doch nicht absichtlich, bis zur Kinderei, vervielfachen. Es geschieht auch im Kleinen wie im Grossen nicht absichtlich, erwiederte jene, es kommt von selbst, man muss die Gegenwart eben so oft von ganzer Seele lieben, wie sie einem in andern Augenblicken von Herzen lastig fallt.
Sie wandte sich bei diesen Worten nicht ohne Unwillen von dem edlen aber schroffen Bruder, und Marien, auf welche dieser Ausfall besonders, ihrer vielen Thranen wegen, gerichtet war, bei der Hand nehmend, stieg sie in den Wagen, und gab so das Zeichen zum Aufbruch.
Es schien aber, als seien alle aus ihrem Gleise gewichen. Die heftigen, uber die Lippen hinfliegenden Worte, hatten die Baronin verstimmt, sie fuhlte dadurch in ihrem Innern das Verhaltniss zu dem Bruder fur den Augenblick gestort, sie konnte sich niemals einen Unwillen, oder gar eine Heftigkeit, gegen die, welche sie liebte, verzeihen, und wie sichtlich deren Unrecht war, es fiel, hatte sie es gerugt, immer doppelt auf sie zuruck; deshalb tadelte sie sich auch jetzt bitter, ja sie ging weiter, sie fand Mariens Thranen selbst kindisch, und verwies es ihr mit einiger Strenge, wodurch die arme Kleine nur noch bewegter, und unfahig ward, sich sogleich zu fassen. Da nun aber Alexis, wie alle Kinder, wenn sie weinen sehen, auch weinte, und, um dem Vorschub zu thun, laut nach der Mutter bangte, so griff die uble Laune alle an, und Verweise und Drohungen fielen durch einander hin, und wurden in dem engen Raum um so storender, da sie jede heitere Betrachtung unterbrachen.
Zudem wurden die Wege jetzt sehr beschwerlich. Die Baronin, im Fahren angstlich, nur gewohnt, von Paris nach Versailles, oder andere bekannte Strassen zu reisen, litt sichtlich von der qualendsten Besorgniss, wie sehr sie sich auch bekampfte. Niemand sprach zuletzt, bis Alexis, der sich in dem Maasse erheiterte, als die andern schwiegen, Giannina anlag, ihm etwas zu erzahlen. Diese wusste ein uraltes Mahrchen von einer Bergfrau, welche Abends auf weissem Flugelpferde durch die blaue Alpen ziehe, Krankheit und Tod uber die Menschen bringe, Junglinge aus den Hochzeitkammern entfuhre, und wenn die Braute ihnen nachfolgten, diese in kleine Blumen verwandele, welche man Alpenrosen zu nennen pflege. Der Knabe wurde nun auch still, und sah ganz scheu zum Wagen hinaus, denn er furchtete, die grosse, schreckliche Dame zu sehen, wie er sich ausdruckte.
Jenseit Aosta bestiegen die Manner Maulthiere, die Frauen mussten sich grosstentheils in Sesseln tragen lassen. Antonie indess bestand mit einiger Hast darauf, ebenfalls den Weg auf einem Maulthiere zuruckzulegen. Sie hatte einen sichern Fuhrer, und ritt nun zwischen dem Herzog und ihrem Vater die steilen, gewundenen Pfade entlangs, ohne eine Spur von Unruhe zu zeigen, weshalb sie der Herzog oftmals freundlich anlachelte, und selbst einigen Stolz uber sie, die Richte, zu empfinden schien.
Es war am Ende des Dezembers. Ungleiche Windstosse hullten sie oftmals in Wolken von Schnee und Hagel. Ein jeder fuhlte die Kalte sehr empfindlich, Antonie hatte einen Mantel ubergehangen, und den Kopf vielmals mit langen Schleiern umwunden, allein der Wind wickelte diesen, wie das aufgeflochtene Haar, immer wieder los, bis sie, doch etwas unsicher auf dem fremden Thier, und sich keinesweges mit Freiheit darauf bewegend, Haar und Schleier in Gottes Namen im Winde flattern liess, einzig darauf bedacht, wie sie sich sonst vor der Kalte verwahre, die immer schneidender ward.
Die Reitenden gewannen leicht einen kleinen Vorsprung, so dass sie die Andern zuweilen ganz aus den Augen verloren, und dann plotzlich bei einer Beugung des Pfades ihrer erst wieder ansichtig wurden. Als es daher bereits dunkelte, und Antonie, unter der schwarzen Wolke ihrer Haare, den Steg etwas fern ab ritt, schrie Alexis laut auf, und versteckte sich an Gianninas Brust, indem er rief, da ist die Dame! da ist sie! Wirklich hatte sie ein seltsames Ansehn, was durch die Schneewirbel noch undeutlicher, und ganz Mahrchenhaft, durchschimmerte.
Doch Antonie ward ihrer Seits auch bald genug auf weit ernstere Weise erschreckt. Sie stiegen bereits die nordliche Abdachung des Bernhard hinunter, und freueten sich, eine Hutte zu finden, wo sie ausruhen und ubernachten konnten, als die Thiere plotzlich stutzten, und ihre Fuhrer gleichfalls einige Schritt, vor einem, uber den Weg liegenden Mann, still standen. Ein Todter! rief der Eine, welcher naher herzugetreten war. Der Herzog sprang zur Erde, der Marquis folgte ihm, doch ehe sie noch zu der Stelle kamen, war ihnen Antonie schon vorangeflogen, hatte die Hand des Mannes gefasst, und rief sehr freudig: er lebt, er lebt!
Ob indess gleich einige matte Pulsschlage das krankhafte Leben andeuteten, so lag der Mann doch wie entseelt, regungslos, mit gebrochenem Auge. Das Blut war ihm aus mehrern Wunden hervorgesturtzt, jetzt rieselte es nur schwach an der geronnenen, zusammengeballten Kruste hin, die sich um die kranken Stellen gelegt hatte. Sein Gesicht war todtenbleich, die Hande starr und kalt, Rock und Gilet waren, wie in Todesangst, weit uber die Brnst aufgerissen, der Wind strich schneidend uber diese und die offenen Wunden hin. Antonie warf ihren Mantel uber ihn, riss heftig an den Schleiern, und, wahrend sie die Wunden mit diesen umwickelte, rieb sie sanft hin und wieder an den bleichen, verfallenen Schlafen. Ein grunes Netz deckte verschoben das reiche Haar, die schonsten Brauen lagen, wie hingezeichnet, auf der freien Stirn, Antonie beruhrte diese leise, als es wie eine Erinnerung durch sie hinfuhr, sie blickte auf nach dem Herzog, der stand, auf seinen Stock gestutzt, mit tief uber die Augen gezogenem Hut, finster und stumm da. Antonie fuhlte das Herz des Kranken jetzt starker schlagen, das Blut schien gestillt. Nun Ihr Manner! rief sie, was besinnt ihr Euch, soll der Ungluckliche hier vergehn? Er lebt, ich sage es Euch ja, die Besinnung kehrt zuruck, ich sehe es in den starren Zugen leise arbeiten! Wollt Ihr nicht, so trage ich ihn auf meinem Rucken zur nachsten Hutte!
Der Herzog machte eine unwillkuhrliche Bewegung zu dem Kranken hin, trat aber wieder zuruck, und stand wie eingewurzelt mit gesenkten Augen.
Der ganze Zug war indess herangekommen. Alles stockte und drangte sich herzu. Bertrand und der Kohler waren gleich bereit, den Unglucklichen herunter zu schaffen. Antonie half, ihn leise in die Hohe heben, deckte ihn dann behutsam mit ihrem Mantel zu, und hiess beide sachte, und soviel als moglich gleichen Schrittes, gehn, weil ungleiche Bewegung die Wunden wieder aufreissen konne. Als sich nun beide aufmachten und langsam vorangingen, sah Antonie ihnen noch eine Weile sorglich nach, dann fasste sie den Herzog bei der Hand und sagte leise: Mein Onkel! hassen Sie den Sohn? denn dass er das ist, das sieht und fuhlt sich wohl, warum denn diese Harte? Hm! sagte der Herzog, sich unwillig abwendend, erst muss ich wissen, ob er mit Ehren hier ist, ehe ihn meine Liebe zu nennen weiss. Sie sah ihn betroffen an, doch schwieg sie, und Alle setzten nun still, und innerlich beunruhigt, ihren Weg zur Hutte fort.
Zehntes Kapitel
Sie waren noch nicht lange auf diese Weise in Gedanken fortgeritten, als sie an der sanftern Abflachung des Weges ein Hauschen erblickten, das, zu gastlicher Bewirthung bestimmt, gehorig erhellt, dem nachtigen Wanderer schon von fern dies ersehnte Ziel langer, unbequemer Anstrengung zeigte.
So nahe, dachte Antonie, war der arme mude Mann Menschlicher Hulfe, und musste dennoch unfehlbar sterben, kamen wir nicht des Weges. Und wer weiss, war es nun nicht zu spat!
Sie hielten jetzt vor der Herberge. Antonie strich eilig an dem Wirthe voruber, welcher, der vielen Gaste froh, diesen entgegen trat. Ihr Haar hing noch aufgelost, wie ein Mantel, um ihre Schultern, die Unrahe der arbeitenden Seele gluhete unstat aus Blick und Mienen, der Mann trat einen Schritt zuruck, und sah sie befremdet die Thure der Gaststube mit wilder Hast aufreissen; doch hier blieb sie eben so schnell uberrascht stehn. Der Kranke sass bereits aufgerichtet in einem Lehnstuhl, sein bleiches Gesicht ruhete in der aufgestemmten Hand. Bertrand, ehemaliger Feldchirurgus, schien eben seine Wunden untersucht und verbunden zu haben, der Kohler legte ihm jetzt sanft den Mantel auf Brust und Schultern, wahrend Bertrand die feinen Instrumente sauber abwischte und wieder in die rothe Tasche einlegte, Antoniens blutiger abgerissener Schleier lag noch zu des Kranken Fussen. Sie buckte sich danach, und steckte ihn eben unter das Busentuch, als der junge Mann aufblickte, und, fast erschrocken, mit fliegender Rothe im Gesicht, beide Arme auf die Lehnen des Stuhls gestemmt, den Oberleib gehoben, eine rasche Bewegung ihr entgegen machte, aber mit einem tiefen Athemzug aus der kranken Brust, erschopft, halb in die alte Ohnmacht zurucksank.
Antonie that einen lauten Schrei, denn sie glaubte nicht anders, als er sterbe, da in diesem Augenblick die entsetzlichste Blasse sein Gesicht uberzog. Auf diesen Schmerzeston sturtzte auch der Herzog hinein, welcher bis dahin wie im Kampfe mit sich selbst zogernd vor dem Hause stehn geblieben war, und das Ansehn hatte, als erwarte er die Uebrigen der Gesellschaft, welche eben auch eintraten. Doch fasste er sich sogleich, als er den Sohn lebend, ja unter Bertrands Handen besser fand, als er es fruher dachte. Er blieb im Hintergrunde des Zimmers, und schien abzuwarten, bis es Zeit sein werde, zu reden. Allein die Baronin hatte kaum einen Blick auf den Kranken geworfen, als sie alle fortdrangte, an seinen Sessel niederkniete, seine Hande kusste, und unter einem Strom von Thranen wiederholt rief: Adalbert, Adalbert, mein Adalbert, bist Du es wirklich?
Dieser vernahm kaum den Ton ihrer Stimme, als sich die sanfteste Freundlichkeit uber das liebe, weiche Angesicht ausbreitete, und er mit aller Anstrengung seiner erschopften Krafte, ja mit ritterlicher Zierlichkeit, bemuhet war, die Tante vom Boden aufzuheben! Allein sie verharrte in ihrer Stellung, und sagte, noch immer heftig weinend, lass mich so, o lass mich so! ich bin Dir naher und danke zugleich Gott in Demuth fur Deine Rettung. Mein liebstes Kind! es ist mir wie ein Traum, dass ich Dich hier sehe! Ach Adalbert! rief sie, jetzt Frankreich, ihr eignes und des Neffen Leid beweinend, was ist aus Schloss Clairval, aus Dir und uns Allen geworden! Wir leben, meine Tante! erwiederte jener mit besanftigender Stimme, und haben die Ehre gerettet. Hast Du nun auch Deinem Vaterlande den Rucken gekehrt? fragte die Baronin, und die armen bethorten Mitburger verlassen? Ist es denn unvermeidlich geworden, dass Ihr Euch Alle auf eine oder die andere Weise Eurer Pflicht entziehet? Davor bewahre mich Gott! sagte Adalbert rasch einfallend, nur der Schuld entziehen wir uns! Der Degen, den mir mein Konig im Nahmen meines Vaterlandes gab, soll kein Blutbeil werden! Der Soldat, meine Tante treibt nicht des Nachrichters Handwerk! Das fuhlten alle meine Cameraden mit mir, unser Regiment ist aufgelost, das ganze Officierscorps, in Treue und Ehre verbunden, harret ein jeder, in wurdiger Zuruckgezogenheit, der Stimme seines Volkes das jetzt Teufel bethoren!
Gottlob! rief der Herzog. Er musste sich einen Augenblick auf den Marquis stutzen, denn seine Standhaftigkeit war durch den allermuhseligsten Kampf erschuttert! Doch kaum hatte Adalbert den Ton dieser Stimme gehort, als ihn niemand zuruck hielt, er glitt vom Sessel auf die Knie nieder, und schleppte sich, beide Arme ausgebreitet, zu den Fussen des todt geglaubten, lang entbehrten Vaters! Mein Sohn, stammelte der Herzog, noch immer bemuhet, die innere Bewegung zu verbergen! Mein Sohn! rief er endlich, diesen mit aller Gewalt des uberwaltigenden Entzukkens an die starke, liebevolle Brust druckend.
Alle hatten sich herzugedrangt, es war, als sei der schone tapfere Vetter erst in diesem Augenblick der Welt und ihnen insgesammt gegeben. Marie hatte im Gefuhl unaussprechlicher Verehrung auch ein Knie vor dem Herzog gebeugt, und kusste ganz still, dem eignen Herzen Gnuge zu thun, die Falten seines Mantels! Als daher Adalbert zuerst von der Brust des Vaters aufblickte, sah er das weinende Madchen an seiner Seite. Er reichte ihr sehr geruhrt die Hand, und als die Tante rief: Deine kleine Cousine Villeroi, so umarmten beide niegesehene Verwandte einander in dieser Stellung, welche ohnehin die Form gewohnter Sitte weit hinter sich liess.
Antonie sah zwischen dem Vater und der Tante hin, sehr ernst, fast gebietend, auf beide nieder, so dass Adalbert, als er auch auf sie durch die Tante aufmerksam gemacht ward, den Blick senkte, und sie mit ehrfurchtsvoller Scheu, den Kopf tief neigend, begrusste.
Die Freude ist ein Balsam, der oft schneller und wirksamer heilt, als die erprobteste Arzenei. Adalbert fuhlte sich gehoben, frei und stark in der Brust. Sein Blut floss so leicht durch die Adern, sein Herz klopfte so frei und ruhig. Alle gewannen dadurch Muth, auch an sich zu denken. Man freuete sich der endlich errungenen Bequemlichkeit, erfrischte und starkte sich, und setzte dem Wunsch, sich mitzutheilen, und voneinander zu horen, langer keine angstigende Granzen. Der Herzog sorgte indess fur Adalberts Gesundheit und behagliches Sein, mit einer Zartlichkeit, welche doppelt ruhrend war, jemehr sie unwillkuhrlich aus dem gehaltensten und festesten Innern hervorbrach. Er bestand darauf, dass der Kranke seinen vorigen Platz einnehme, holte selbst Mantel und Decken herbei, um ihn vor der eindringenden Zugluft zu bewahren, er beugte sich zur Erde nieder, und umlegte und umwand den Sessel damit, ja die fruher bezahmte Liebe wusste sich auf keine Weise selbst zu gnugen, und Vater und Sohn schienen in die zarten Verhaltnisse zuruckgekehrt, wo die unbeholfene Kindheit noch des Vaterlichen Beistandes bedarf, und die gegenseitige Beziehung zu einander durch leibliche Nothwendigkeit fester zusammengezogen erscheint. Auch war Adalbert schmeichelnd und geruhrt wie ein Kind. Er liess des Vaters Hand nicht aus der seinen, und richtete alle seine Worte ausschliessend an ihn, als habe er nur ihm von einem ganzen Leben Rechenschaft zu geben.
Die Ereignisse der letzten Tage wurden bald das ausschliessende Gesprach. Adalbert hatte wenig mehr zu sagen, als der Vater bereits wusste. Seit der Einnahme von Lyon und Robespierres Blutherrschaft hatte sich sein Regiment aufgelost. Er hatte denselben Weg wie sie gemacht, und war wenige Stunden vor ihnen auf der Stelle liegen geblieben, wo sie ihn gefunden, Erschopfung und Anstrengung hatten seine, bey Lyon empfangene, Wunden aufgerissen, er musste sterben, wenn sie ihn nicht retteten. Marie umarmte bei diesen Worten Antonien, sie schmeichelte der Tante, Giannina nahm den kleinen Alexis auf den Schoos, herzte ihn, und erlaubte ihm willig, mit einem kleinen Riechflaschchen zu spielen, das sie an einer feinen Kette um den Hals trug. Antonie sah sie befremdet an, sie konnte ihre Liebkosungen nicht erwiedern, es angstete sie selbst das frohliche Wesen, ihre Brust war durch alles Vorhergehende beklemmt, sie druckte, wie sie es in solchen Augenblicken oft that, die Hand gegen die Brust, um tief aus dem Innern heraus zu athmen, da durchschauerte sie etwas Unbegreifliches, es zog wie der zitternde Hauch eines warmen Luftstromes durch sie hin, Thranen traten ihr in die Augen, sie kusste die Schwester leise und zartlich.
Die Nacht foderte indess jeden zu Schlaf und Ruhe auf. Auch gebot der Herzog bald Stille, und da nur das eine Zimmer und weiter keine Lagerstatten vorhanden waren, so mussten sich alle bequemen, in ihren Sesseln beieinander zu ubernachten. Fur den Kranken ward ausschliessend gesorgt, die andern richteten sich ein, wie es eben ging.
Alle schliefen bald. Nur Antonie fand keine Ruhe; ihr brannte es wie Feuer in den Adern. Sie stand auf, schlich leise im Zimmer auf und ab, und liess ihre Blicke leicht uber die Schlafenden hingleiten. So oft sie Adalbert nahe trat, oder ihr Auge fest auf ihn richten wollte, ward dessen Schlaf unruhig, er warf sich hin und her, und sie musste sich abwenden, aus Furcht, ihn zu erwecken. Unwillkuhrlich sah sie von ihm weg auf Marien hin; und musste sich gestehn, dass sie nie ein zarteres Engelskopfchen gesehen habe. Hochst unbefangen sass die Kleine, beide Hande uber der Brust gefaltet, neben der Tante, ihr Kopf war dieser auf die Schultern gesunken, die blonden Lockchen krauselten sich weich uber den Schlafen, ihr Schatten lag fast wie ein Nebelstreifen auf dem klaren, ruhigen Gesicht. Zu ihren Fussen sass Alexis, den kleinen Krauskopf halb in ihrem Schooss verhullt.
Eilftes Kapitel
Der anbrechende Tag fand Antonien noch ruhelos, am Kamine sitzend, und beschaftiget, die Flamme hell und lebendig darin zu erhalten. Ob sie gleich selbst von ungewohnter Hitze brannte, so konnte sie doch nicht fort von dem beweglichen Elemente, das den dunklen Fragen ihrer Seele geheime Antwort zu geben schien. Sie fuhlte eine Unendlichkeit in sich, und hatte kein Wort, kein Bild, keinen Gedanken dafur, hier sah sie Unendliches ausser sich, senkte tiefsinnig den Blick hinein, und empfand mit geheimer Wollust ihr eigenes Wesen wieder. So traumte sie bewusstlos fort, bis ihr Auge und Wangen unertraglich brannten. Sie hielt die Hand schutzend vor der Flamme, und luftete mit der andern das sittig anschliessende Busentuch, als zu ihrem Schrecken der vergessene, blutgefleckte Schleier in ihren Schoos niederfiel. Mein Gott! rief sie, dies Blut! sein Blut so nahe trug ich's auf dem Herzen! sie schauerte zusammen, barg das Gesicht in beide Hande, und stammelte leise: O Gott! O Gott! es ist mein eigenes Herzensblut geworden!
Jetzt fuhlte sie, wie alles war, sie wusste es, sie sagte es sich ganz bestimmt. Der also, dachte sie, der ward mir so unleugbar auf diesen Wege zugefuhrt! Darum mussten wir hierher und grade hierher wie leicht konnte es anders sein! Mein armer Freund! und Dein Blut musste fliessen! sie sah mit tiefer, wehmuthiger Zartlichkeit zu ihm hin. Er war erwacht, und schien etwas betroffen ihrem Blicke zu begegnen. Es war gewiss, man konnte nichts Schoneres, nichts Ergreifenderes sehen, als sie in diesem Augenblick. Der strenge Ernst ihrer Mienen war erweicht, ihre Wangen gluheten wie zwei Purpurrosen, das Haar war fest geordnet, die Stirn frei und der konigliche Blick von sanfter Trauer uber des verhangnissvolle, schone, schmerzliche, Leben gemildert. Die langlich feinen Hande waren herabgesunken, Hals und Kopf weniger gehoben als sonst, es war, als sei ihr Stolz, ihr Muth, ihr Herz, gebrochen!
Doch jetzt war auch Marie erwacht. Sie rieb mit beiden Handchen die Augen klar, dann faltete sie sie wieder, und betete leise, ohne aufzusehen. Ihre Lippen bewegten sich anmuthig wie zwei Rosenknospen, die im sauselnden Morgenhauch einander leicht beruhren, Adalbert glaubte, das linde Wehen zu fuhlen, als sie hell aufsah, wie die Freude lachelte, ihn schweigend grusste, und nur mit Zeichen fragte, ob seine Wunden noch schmerzten? aus Furcht, den Schlaf der Andern zu storen. Ihre Bewegungen hatten dabei so viel Liebliches, und wenn sie die Hand mit der allerschuldlosesten Unbefangenheit bald hier bald dort auf die Brust legte, um die Stelle seiner Wunden anzudeuten, so hatte es fast das Ansehn, als betheure sie irgend eine liebevolle Zusicherung, so dass Adalbert, auf das Anmuthigste geruhrt, lebhaft wunschte, es mochte so sein, und, einen Augenblick dem sussen Wahne nachgebend, so viel Zartlichkeit und Ergebung in seine Geberden- und Zeichensprache legte, dass Antonie, davon erschreckt, unwillkuhrlich in die Hohe fuhr, und durch das etwas heftige Fortschieben ihres Stuhles die Andern erweckte.
Jetzt ward alles laut und lebendig. Man hatte sich begrusst, befragt, Mittel und Wege zur weitern Reise bestimmt, Alles war bereit. Adalbert sollte Antoniens Platz in der Baronin Wagen einnehmen. Antonie hatte sich einmal zu den Mannern gesellt, sie musste jetzt schon den unbequemern Sitz, und das luftigere Fuhrwerk, welches beide, wenn sie nicht ritten, vorzugsweise gewahlt hatten, dem kranken Vetter zu Liebe, ertragen. Der Herzog wollte nun einmal keine von den andern Frauen neben sich haben, er furchtete ihr verzarteltes Wesen, er kannte Antonien nur gesund, fest, und in jedem Augenblick Muthvoll. So blieb es dann dabei, dass Adalbert Marien gegenuber, im fest verschlossenen Reisewagen sass, und sie ihn fur mehrern Stunden aus den Augen verlor. Zwar hatte er sich nur muhsam in die Anordnung gefugt, und der gutigen Freundin so verbindlich und ruhrend fur das grosse Opfer gedankt, welches sie so willig bringe, dass sie gern tausendmal fur ihn gestorben ware, aber er reiste mit Marien, und ihr Herz litt von doppelten Qualen.
In ahnlicher Stimmung verlebte sie alle folgende Reisetage. Es half ihr wenig, dass sie sich rasch fortbewegte, und die Gegenstande um sie her wechselten, denn, obgleich die fortrollenden Rader zu irgend einem Ziele fuhrten, so war dieses doch ungekannt, ja ungewiss, da es stets von Umstanden abhing, ob sie da oder dort verweilen wurden. Zudem war jedes weitere Vordringen ein neues Abreissen, ein neuer Kampf, denn hatten die fruh einbrechenden Abende alle an irgend einem Orte versammelt, wo sie ubernachteten, machten sie dort nur eine Familie aus, drangte die Unbekanntschaft mit auswartigen Umgebungen, die Fremdlinge auf einander zuruck, so riss sie der folgende Morgen wieder auseinander, ja warf sie oftmals auf andere Wege, wo sie sich nicht begegneten, denn der Herzog liebte, mit dem beweglichern, leicht gebaueten Wagen, Seitenpfade einzuschlagen, wohin die andern nicht folgen konnten. Seiner Ungeduld, seinem Hinsturmen auf ein Ziel, musste sich alles fugen. Der Marquis war froh, an Ort und Stelle zu kommen, und liess ihn gewahren. Antonie schwieg; aber von da hatte sie nur ein Augenmerk, ein Einziges, was sie beschaftigte, und zwar, wie weit jener Wagen zuruckbleibe, und ob er sie beim Wechseln der Pferde, beim nothwendigen Aufenthalt einer halben oder ganzen Stunde, ihrerseits, nicht einholen konne? und liess dies Zusammentreffen auch nichts als einen fluchtigen Gruss, eine Erkundigung, den gemeinschaftlichen Genuss irgend einer Erfrischung zu, man trat doch in eine Art von Verhaltniss zu einander, denn es entging ihr nicht, wie die vielen kleinen Zufalligkeiten, die gemeinsamen Begegnisse, die Vertraulichkeit jener mehrten, wie das aussere Beruhren auch ein inneres ward, wie die Gemuther mit den Verhaltnissen zusammenfielen; deshalb wunschte sie, bald die Zeit beflugeln, bald ihren Lauf anhalten zu konnen. So berechnete sie stets, und nahm angstlich dies und jenes zum Maassstabe an. Doch ward ihre Brust oft grade da zerschnitten, wo sie Trost erwartete.
Einst fugte es sich, dass beide Wagen am Ausgang eines Waldes zusammentrafen. Antonie hatte langst Stimmen hinter sich gehort, welche immer in der Waldumgranzung vernehmlicher heruberklingen. Sie war hochst erfreuet, und sah mit Vergnugen, wie sie eine Zeitlang, auf ganz gleichlaufenden Wegen, neben einander hinfuhren, als, hochst unerwunscht, der Postillon des grossern Wagens einen Vorsprung zu gewinnen suchte, und der Herzog, sein fruheres Recht behauptend, selbst in die Zugel griff, die Pferde ungestum antrieb, uber Stock und Stein hinflog, und einen Wettstreit veranlasste, der wenig Erfreuliches erwarten liess. Auch trafen sie bei der Einbiegung in einen Hohlweg so heftig zusammen, dass des Herzogs Wagen halb umgeworfen, gegen die Seitenwand gedruckt ward, und sammtliche Pferde in einer Verwirrung drunter und druber hinsturzten, dass alles wie ein Knauel todt und beschadigt ineinander zu liegen schien. Der Herzog gerieth ausser sich. Die Erinnerung jenes unglucklichen Sturzes, der seiner Freundin das Leben kostete, setzte ihn in ungemessene Wuth, auch der Marquis fluchte und schimpfte, und gebot mit vorauseilender Heftigkeit, alles schnell wieder herzustellen. Dies wilde Durcheinanderrufen, das Gekrach des Falles, die Unbehulflichkeit ihrer Lage, alles gab den Unerfahrenen die grosste Angst, Marie glaubte die Schwester, alle Freunde in Gefahr, und, sich dicht an Adalbert anklammernd, flehete sie ihn um Rettung. Er fuhlte das kleine Herzchen so angstlich schlagen, er sah Thranen in ihren Augen, ihre Hande lagen bittend zusammengefaltet in den seinen, er rief bewegt, Marie wer durfte Dich je ungeruhrt weinen sehen! schlang dann seinen Arm dichter um sie, trug sie geschickt aus dem Wagen den Abhang hinauf, und liess die zierlich feine Gestalt leise auf einen Stein niedersinken. Marie sah ihm freundlich in die Augen, sie wollte ihn zu der andern Beistand fortdrangen, doch schien es ihr so undankbar, sie hatte nicht das Herz dazu, und blieb halb verlegen, halb unbewusst, was sie thue, dem lieben Freunde gegenuber, der sich zartlich uber sie neigte, und einen fluchtigen Kuss auf ihre Stirn druckte.
Als er denn endlich wieder zu der Tante und Antonien eilte, hatte diese den Verdruss, dass alles ohne ihn gethan war, und der Herzog bereits, mit dem Verbote, ihm nicht den Willen zu durchkreuzen, weiter fuhr.
Auch in den ruhigern Abendstunden ging es ihr nicht besser. Marie hatte Romanzen und kleine Lieder von dem Vetter gelernt, Giannina begleitete sie auf der Mandoline, alle drei sangen und musizirten die halben Abende mit einander, und, seit jenem letzten Vorfalle, flossen Stimmen wie Blicke des Lehrers und der Schulerin so innig zusammen, dass Antonie ihr Elend langsam auf sich zukommen sah!
Es ist eine Tauschung, sagte sie, es kann nicht sein, es soll nicht sein, das Schicksal hat anders gesprochen! Er darf sich nicht verblenden wollen! Sie sass des Nachts oft Stundenlang in ihrem Bette auf, und sann, wie es enden werde? Denn es schien ihr so unertraglich, wie unmoglich, dass er lange in dieser angstigenden Tauschung verharre.
Deshalb drangte sie sich zu Adalbert, sie horchte auf die Gesprache, in welche er sich ofter mit dem Marquis und seinem Vater uber die gegenwartige Verfassungen, uber die Lage Frankreichs, und ihrer aller Beziehung zu dem Vaterlande, sehr angelegentlich verwickelte. Sie durchdrang schnell seine Ansicht, und da diese das Allgemeine wie das Einzelne umfasste, so war sie bald, mit unbegreiflicher Gewandheit, ganz heimathlich in dem fremden Gebiete. Beide alteren Manner vertheidigten die alte, seit Jahrhunderten geheiligte Form, mit Feuer und dem nichts aufkommen lassenden Gewicht der Erfahrung. Adalbert fuhlte die Nothwendigkeit einer Umwalzung, er sprach lebhaft, schon und eindringlich, so lange er hoffen konnte, verstanden zu werden, schwieg aber, wenn der Herzog, vom Gegenstande abspringend, den Schwindelgeist der Jugend angriff. Dann liess Antonie oftmals einzelne Worte fallen, wie aus Adalberts tiefstem Innern herausgehoben, welche alle zwangen, auf sie zu merken, und dem Gesprach nicht selten eine ernstere, auf das Wesentliche zuruckgehende, Wendung gaben.
Auf ahnliche Weise griff sie fast uberall ein. Oft traf es sich, dass bei vorfallenden Streitigkeiten uber militairische Operationen, Stellungen und Marsche der Corps, Adalbert seine Meinung durch einige fluchtig auf das Papier hingeworfene Striche unterstutzte, und der Herzog sie dann, mit seinem Eigensinn, als undeutlich verwarf. Antonie an Sauberkeit und Scharfe der Umrisse, durch das Kupferstechen und Radiren gewohnt, wusste nicht selten im Fortgange des Sprechens, seine rasche Andeutungen genauer im Kleinen anzugeben, wodurch der Herzog, schon aus Bewunderung und Liebe fur sie, bezwungen ward. Adalbert konnte sie nicht ubersehen. Sie riss seine Aufmerksamkeit, seine Verehrung an sich. Doch liess der erste Eindruck eine peinigende Scheu zuruck, und er fluchtete nicht selten vor der Gewalt ihrer Herrschaft, zu Mariens kindlicher, hellen Engelswelt. Ihm hatte das Leben so selten gelacht, die Verhaltnisse der Gesellschaft hatten ihm so grosse Schmerzen gegeben! auch jetzt war er zerrissen in seiner Wirksamkeit, das Ziel blieb ihm verruckt, wie Vaterland, Stellung zur Welt und Gebrauch der Krafte umdunkelt waren. Er scheuete Antoniens Ernst, wie den truben Ruckblick in die Vergangenheit. Marie war heiter, ihre kleine Thatigkeit hatte immer etwas Freundliches, das Leben Anfrischendes, zum Ziel. Man sah so viel Schones in ihr werden, sie entwickelte mit jedem Worte, mit jeder That, eine Zukunft aus sich hervor, welche in eine Welt voll Liebe und Wohlwollen zuruckwies. Man ward an nichts Einzelnes bei ihr erinnert, aber man fuhlte sich so ganz, so vollstandig, so bereit, den jungen, frischen Lebensweg mit ihr einzuschlagen. Adalbert vergass, dass er je etwas Widerwartiges erfahren habe, wenn er bei dem guten Kinde war. Und er war viel um sie, denn es blieb auf der ganzen Reise bei der fruhern Einrichtung, obgleich seine Gesundheit zum Theil wiederhergestellt war, und er sehr wohl freie Luft, und anhaltende Bewegung ertragen konnte. Die Tante war einmal an die Art und Weise gewohnt, der leichte Gang des Gesprachs, die kleinen Neckereien, der Gesang, ja das liebliche Wechselspiel aufkeimender Neigung, alles erfreute sie. Ueberdem fand sie es langweilig, dass Frauen und Manner, auf einer ohnehin beschwerlichen Reise, so angstlich geschieden, die Tage von einander vertraumen sollten! Und an einen Umtausch mit Antonien gegen eine der andern Frauen, war bei des Herzogs Gesinnung nicht zu denken.
So kamen sie denn, auf eigene Weise gestimmt und verstimmt, endlich in Basel an. Man hatte, von Bern aus, die nothigen Vorkehrungen getroffen. Der Marquis, wie der Herzog, fanden wohl eingerichtete Wohnungen. Und ob beide Familien gleich durch ein paar Strassen von einander getrennt waren, so fuhlte Adalbert diesen Zwischenraum sehr storend. Antonie hingegen athmete freier. Alles verhielt sich nun anders! Beziehungen und Verhaltnisse waren gleichmassig vertheilt, ihre Einwirkung auf sein Gemuth blieb gehindert, hier riss der Morgen nicht ein, was der Abend aufgebauet, hier musste das Schicksal erfullen, was es verheissen hatte!
In der volkreichen, bequem gelegenen Stadt, fanden sich viele Ausgewanderte zusammen. Mehrere Bekannte aus der Pariser Welt stiessen leicht zu einander. Dem Herzog war der Anblick eines Mitburgers im Auslande, unter diesen Umstanden, ein Stich ins Herz. Er vermied jeglichen, so gut sichs thun liess. Die Baronin hakelte sich an alles an, was ihr die Vergangenheit zuruckrief, und bauete sich aus jedem morschen Bruchstuck auch ein Stuckchen alte Welt zusammen, sie wusste recht gut, was es damit zu bedeuten habe, aber es sah doch so aus, wie sonst, und war hubsch und bestechlich. Das Neue, pflegte sie wohl zu sagen, muss erst aus mir herauswachsen, und ich hinein altern. Jetzt ist es noch so unbequem!
Unter denen, welche ihr aus den ehemaligen Kreisen am meisten zusagten, war der Chevalier Cerane. Er hatte viel gereist, viel gesehen, viel erfahren, war von schneller Umsicht, grosser Gewandheit, leicht, und uberall, zu Hause, trug einen Abriss jeglicher Wissenschaft und Kunst in sich, und behauptete in jedem Augenblick ein freundlich, harmlos Gemuth. Man sah ihn fast immer in Gesellschaft zweier Damen, von denen die Prasidentin als die altere, Wittwe; Viktorine, ihre Nichte, aber noch verheirathet war. Ohne einer von beiden mit besonderer Neigung zugethan zu sein, war er durch Gewohnheit an sie gefesselt. Vertrauet mit ihrem Ideengange, ihrer Vorliebe fur diese oder jene Lebensansicht, eingepasst in Takt und Maass ihrer Gesprachsformeln, wusste er stets, wo er einzugreifen, wie weit er zu gehn habe. Zudem war die Prasidentin Schriftstellerin, hatte einen scharfen, genauen Blick fur das Einzelne, wusste dies leicht aufzufassen, und nicht ohne Witz zusammenzustellen, ihre Miniaturbildchen waren daher, der Aehnlichkeit wegen, immer interessant, um so mehr, da sie alle den Farbeton bekannter, und nur zu sehr vermisster Umgebungen trugen. Viktorine, jung, elegant, im Gemisch origineller Eitelkeit, mit Entsagung und Hingebung drappirt, warf sich der Welt als ein interessantes Rathsel in den Weg, an welchem sich der Chevalier den Kopf zu zerbrechen schien, ob er sie gleich vollkommen auswendig wusste. So waren die drei Personen einander unentbehrlich geworden. Der Baronin gereichte es zu besonderer Lust, sie um sich zu versammeln, sie ihre Kunststuckchen machen zu lassen; und hatte Viktorine gleich manches gegen die unbefangene Wahrheit dieser Frau, gegen das rasche Aussprechen ihres Gefuhls, einzuwenden, argerte sie ihr festhaltender Blick, der sich dieser, unwillkuhrlich, bis auf den Grund fremder Gemuther senkte, so fand sie sich dennoch durch ihre Auszeichnung geschmeichelt, und, der Eigenliebe nichts zu vergeben, uberredete sie sich, die Baronin suche ihren Umgang, die still erzogenen Nichten zu bilden.
Antonie sah indess streng und kalt, wie ein altes Steinbild, das man zufallig in einen modernen Gesellschaftssaal geschoben hatte, in jene Kreise hinein. Sie trug nichts in sich, was sie mit dem Fremden verbinden konnte. Die Welt lag ihr fern, was sie von Menschen kannte, war ihr nur durch Beziehungen lieb, und das einzige Wesen, in welchem Leben und Schmerz und Seeligkeit zusammenflossen, das trat ihr, wie die eigene Seele, weit aus dem hellen, dreisten Lichtscheine zuruck.
Mit Marien war es schon anders. Ganz Gluck, ganz Freude, im Gefuhl still empfundener, still getheilter Liebe, hatte man sie eher mit den lieben Frauen Bildchen vergleichen konnen, die so selig bescheiden aus dem goldenen Rahmen, wie aus der freundlichen Schranke weiblichen Genugens, hervorblicken. Ihr Verhaltniss zu Adalbert, das schweigend von ihr, wie von allen, ausser Antonien und dem Herzoge, anerkannt ward, schied sie zwar von den Uebrigen, allein da altere und reifere Personen sich stets an der zarten Entwickelung kindlicher Menschen erfreuen, und gluckliche Liebe immer einen himmlischen Zauber uber solche verbreitet, die sie in sittiger Verborgenheit hegen, so behauptete Marie doch unwillkuhrlich einen erfreulichen Platz in der Gesellschaft; vorzuglich raumten ihr diesen grade diejenigen Frauen ein, welche den schmalen Pass, der sie in die Matronenkreise hinuberfuhrt, schon zur Halfte hinter sich hatten, und das muhsam bezwungene Herz noch an jenen Nachklangen bestechlich erweichten. Die Manner hingegen, denen eine Verlobte oder bestimmt Liebende meist uninteressant wird, gaben Antonien, des Abentheuerlichen ihrer Erscheinung wegen, grossere Aufmerksamkeit. Wie still, wie untheilnehmend sie auch dasass, ihr lautloses Erscheinen, einzelne tief hervorgeholte Worte, ihr dunkelgluhendes Auge, das langsame Schreiten durch die Zimmer hin, und wieder die jahe Hast in Mienen und Geberden, die bei einzelnen Vorfallen heiter wie elektrische Funken durchbrachen, alles an ihr ubte die Magie des Unbegreiflichen, der selten irgend ein Gemuth widersteht. Der Chevalier besonders sah mit einer Art leidenschaftlicher Neugier auf sie hin. Sie gehorte zu dem Wenigen, was er nicht bequem in seiner eigenen Stellung zur Welt erfassen konnte, und doch so gern verstanden, mit vielem andern, was er besass, in Uebereinstimmung gebracht hatte! Er naherte sich ihr deshalb, und fuhlte leise in sie hinein, welche Satte er anzuschlagen habe? Antoniens kurzlich zuruckgelegte Reise gab sehr naturliche Veranlassung, das Gesprach zu eroffnen. Sie ausserte sich gern daruber, sie trug jene Bilder immer in ihrer Seele, von dem Uebergange uber den Bernhard, den steilen einsamen Pfaden, den gewaltigen Riesenmassen, an denen sich diese hinwinden, von der Grossheit und tiefsinnigen Ruhe der Natur in den unterhalb liegenden Thalern, redete sie mit Liebe und Ruhrung. Der Chevalier hatte nicht sobald ihr Hinneigen zu grossen Naturgegenstanden entdeckt, als er sie geschickt auf das, was er in der Art gesehen und erfahren, auf seine Reisen, auf seinen Aufenthalt in den Amerikanischen Inseln, zu lenken wusste. Er besass die Gewandheit aller der Menschen, die sich mehr bei dem Gesehenen als dem dabei Empfundenen aufzuhalten pflegen, und jenes in anschaulicher Deutlichkeit und eigenthumlichem Farbentone ausser sich hinzustellen wissen. Antonie horte ihm aufmerksam zu Nichts von allem, was er schilderte, war ihr fremd, es war, als rede er von ihrer Heimath, er riss sie aus der traumerischen Gegenwart heraus, in welcher ihr alles dammernd und unklar erschien, sie folgte ihm willig zum fremden tief hallenden Strande, die Natur war dort eine andere, auch ihr Geschick ward dort ein anderes, Adalbert war um sie, bis dahin waren sie gefluchtet, das trugerische Europa weit hinter sich lassend, nun Durchzogen sie die gewaltigen Walder, uber ihnen ein fremder Himmel, in seinen Gezelten schweift der machtige Riesengeier in weit gezogenen Kreisen, fremde Stimmen schlagen an ihr Ohr, ungeheure Thiere sehen bedrohlich auf sie hin, ein ungekannt Geschlecht scheint sich ihrer zu verwundern, allein mit dem Geliebten in der fremd belebten Wuste brennen ihre Herzen in der Tropen ewigen Gluth zusammen. Antonie war ganz Ohr, ganz inneres, unaussprechlich heisses, flammendes Leben!
So fanden sich denn beide aus ganz verschiedener Ursach, in ganz entgegengesetzter Richtung des Innern, ausserlich stets zusammen. Es blieb nicht unbemerkt, man lachelte und spottete freundlich daruber. Und wirklich hatte sich der Chevalier, indem er ein Gemuth auf grossen Umwegen ergrunden wollte, in diesem verloren, und die Herrschaft uber sich selbst auf eine Weise eingebusst, wie es denen immer geht, welche sich an etwas wagen, was uber ihre Krafte hinaus reicht. Schon konnte er nicht von Antonien getrennt sein, ohne eine lebhafte Unruhe zu empfinden, die so merklich aus der gezwungenen Haltung seines Gesprachs, aus dem muhsamen Abwenden seiner Blicke von der Thur wo sie einzutreten pflegte, aus allen den kleinen Bewegungen hervorleuchtete, welche ein erfahrenes Auge niemals ubersieht, dass die Baronin ihre herzliche Freude daran hatte. Denn ihr konnte es nicht ganz entgehn, was Antonie, obgleich dunkel, doch ihr vernehmlich, ahnden liess. Sie sah jetzt einen Ausweg aus dieser entstehenden Verwirrung, und lobte sich im Stillen den Zauber geselligen Verkehrs, der leicht und freudig das Storende ausgleiche, wenn die Einsamkeit jede Anregung mit angstigender Gewalt anpacke, und alles so einzeln und deshalb so ungeheuer hinstelle.
Frohlich wie sie war, dachte sie nur an Frohes. Kleine gesellige Feste waren ihr von je eine liebe Unterhaltung, und jetzt riefen sie ihr die Zeit zuruck, wo die Menschen in Ruhe und Sicherheit, sich selbst, ihrer Regierung, und ihrem Gott vertrauend, mit dem Leben ein heiteres Spiel trieben. Die Ruhe war wenigstens in ihrer Nahe scheinbar begrundet. Der Herzog weniger sturmisch, von Zeit zu Zeit sogar hauslich in ihrer Mitte, der Marquis, in der Gesellschaft eines niedersachsischen Arztes, dessen Bekanntschaft er gemacht, wohl unterhalten, alles hatte ein zufriedenes Ansehn. Sie erinnerte sich jetzt, dass sie in diesem Jahre das Fest der heiligen drei Konige zu feiern vergessen, dass sie dies nicht vorbei gehn lassen, dass sie es nachfeiern mussten. Alle stimmten ihr bei, es ward zum Tage Maria festgesetzt. Die lustige Konigswahl, welche an diesem Feste, in ganz Frankreich, durch das ohngefahre Zufallen einer, in einen Kuchen hineingebackenen, Bohne, scherzhaft getroffen, und fur einen Abend behauptet wird, gab schon vorher Stoff zu mancher Lust und mancher Neckerei. Der Tag kam. Das Loos entschied fur den Chevalier. Ihm blieb die Wahl einer Konigin. Er besann sich einen Augenblick, dann reichte er Antonien nicht ohne Ruhrung die Hand. Antonie hatte anders gewunscht, anders gehofft, Einer konnte ihrer Meinung nach, hier nur Konig sein! Das Loos hatte sich vergriffen. Sie sah zogernd umher, sie erwartete, alle sollten fuhlen wie sie! eine Gegenwahl schien ihr naturlich. Aber statt dessen drangte man sie, dem Herrscher zu folgen, ihr Herz staubte sich selbst gegen das augenblickliche Spiel, und sie schritt neben dem fremden, ihr aufgedrungenen Mann, mit unbeschreiblichem Stolz und wahrhaft koniglicher Miene einher. Alle huldigten ihr, und Adalbert neigte, als ihr vom Konig erwahlter Hofmarschall, halb scherzhaft, halb in uberraschender Aufwallung, ein Knie vor der schonen Gebieterin.
Wahrend dem Abendessen ward die Freude, wie immer, ungebundener. Der Wein entfesselte manche Zunge. Die kurze Lust steigerte sich mit jedem Augenblick, es schien, sie wolle ihr Maass auf lange Zeit erschopfen. Adalbert sang mit sehr schoner Stimme Kriegslieder, er sass neben Marien, Antonien gegenuber, er trank rasch und viel, unter stetem Sprechen und Singen. Mienen und Geberden waren unendlich beredet. Er schien Antonien etwas sagen zu mussen, sagen zu wollen, er machte oft eine Bewegung zu ihr hin, doch der Herzog, ebenfalls vom Weine angeregt, verliess fast Antoniens Sessel nicht. Endlich hoben sie die Tafel auf. Adalbert nahete sich Antonien, er zog sie leise in ein Fenster, und, die gluhenden Finger auf ihre Hand gelegt, sagte er heimlich flusternd, meine Freundin, meine Konigin, ein Wort von Ihren Lippen kann zwei Menschen beglucken, wollen Sie es sprechen? Antonie, unfahig zu reden, die Gluth seiner Finger wie heisse Zangen an ihrem Herzen fuhlend, athmete kaum. Adalbert riss unruhig ihre Hand an seine Brust, und sagte nun heftig und schnell: Antonie, Sie haben Gewalt uber meinen Vater, ich liebe Marien mehr wie mein Leben, sagen Sie ihm, dass er mir sie gebe, ich kann sonst nicht in Europa bleiben, sie allein kann mich mit dem Schicksale versohnen, ich fliehe sonst in einen andern Welttheil, der Sohn geht ihm fur immer, sagen Sie ihm das Antonie, fur immer verloren! O! meine schone Schwester, reden Sie, reden Sie fur mich! Wollen Sie? Antonie hatte langst nichts mehr gehort, sie sah nur die Bewegung seiner Lippen, sein Athem beruhrte sie, sie war wie eine Traumende und erwiederte Gedankenlos auf sein wiederholtes Fragen, ein dumpfes J a .
Der Herzog hatte sie, wie den Sohn, genau beobachtet, er trat zu ihr, als jener sie verliess. In seiner Seele war nur ein Gedanke. Er fragte zartlich: Ist alles richtig? seid Ihr einig? Antonie sah ihn krankhaft lachelnd an, und wiederholte ihr freudloses Ja.
Voll Entzucken eilte er nun zu Adalbert, druckte ihn ungestum an die Brust, und als dieser fast erstaunt fragt, habe ich Ihre Einwilligung? fallt er ihm heftig in die Rede, und bekraftigt seine Zusage mit einem heilig gegebenen Worte. Doch, gelahmt vor Schreck, bleibt er stumm, als auch Marie seine Hand fasste und beide Gluckliche sich umarmen.
Das Wort war gegeben. Pflicht und Ehre waren Burge geworden. Er hatte nichts mehr zu sagen. Wie ein grosser Missgriff sah ihn der ganze Abend an. Das Unvermeidliche war nicht zu vermeiden. Er fuhlte das tief, und stand noch in sich versunken, als sich der Marquis, die Baronin, alle um ihn versammelten, und Adalbert, der sich nicht kannte, der alles schon beendigt, sein Gluck vollkommen gesichert wissen wollte, ihm anlag, Heute, noch diesen Abend, die Trauung vollziehn zu lassen. Der Herzog nickte bejahend mit dem Kopfe. Ein Geistlicher war zur Stelle, die Tante flocht Marien das kleine Orangenbouquet durch das Haar, Adalbert brachte Antonien, welche sich auf dergleichen verstand, die beiden verbundene Ringe Mariens, mit der Bitte, sie geschickt von einander z u losen. Ohne Verwunderung blicken zu lassen, ja ohne Theilnahme irgend einer Art, empfing sie die Ringe. Sie trat damit zum Licht, und, eine kleine Zange aus einem Portefeuille nehmend, brach sie hin und her an der Verbindung. Sie schien selbst nicht zu wissen, was sie thue, denn plotzlich brachen beide Ringe entzwei, und das Stiftchen was sie zusammenhielt, flog weit davon. Im selben Augenblick drang es wie ein helles Lachen aus Antoniens Brust, sie sank nieder zur Erde und blieb bewusstlos liegen.
Der Deutsche Arzt, welcher zugegen war, und die Ungluckliche schon langst theilnehmend betrachtete, sprang auf sie zu, und trug sie zum Zimmer hinaus.
Doch Adelbert war Heut durch nichts zu erschrekken, durch nichts zu storen, er sorgte schnell fur zwei andere Ringe und die Ceremonie ward ohne Antonien, doch nicht ohne bange, angstigende Vorgefuhle, vollzogen.
Drittes Buch
Zwolftes Kapitel
Der Arzt sass indess bei Antoniens Bett, und that behutsam einige leise Fragen an sie, welche sie langsam und mit grosser Anstrengung beantwortete. Ueberhaupt schien ihr Zustand ganz dem ahnlich, welchen die Aebtissin fruherhin mit so grosser Bewegung erwahnte.
Der vorsichtige Mann trug Sorge, sie vor jedem Ueberfalle, vor jeder unwillkommenen Storung, zu bewahren. Er verweigerte selbst den Freunden allen Zutritt, und senkte, was er unwillkuhrlich erfahren, gewissenhaft in die verschlossene Tiefen seiner Seele. Doch konnte er es so wenig wissen, als verhindern, dass sich Alexis in der Nacht unbemerkt auf sein Brettchen warf, das nur durch eine dunne Bretterwand von Antoniens Lager getrennt war. Und erst viel spater traten die Vorstellungen hervor, welche das Kind wie im Traume beruhrten.
Als es darauf am folgenden Morgen in Adalbert Tag ward, besannen sich auch die Andern, und erschraken fast uber den gestrigen Taumel, der, so unvorbereitet, eine wirkliche, bleibende That veranlasste. Die ruhig-gesetzliche Klarheit um sie her schob die Erinnerung ihrer raschen Freude in den Hintergrund, und, wie ein Vorwurf, wie eine Warnung, reiheten sich Antonie, ihr Zusammensturtzen, der helle Schrei, der ihrer Brust entfuhr, der Vorfall mit den Ringen, an den bleichen Saum der Nacht, und schienen in den hellen Tag heruber zu sehen. Adalbert allein blieb heiter. Ihm war, wie Jemand, der von einem ersehnten Gute traumt, mit Bangigkeit erwacht, und sich plotzlich im Besitz desselben sieht. Das Ziel seiner Wunsche schien erreicht Er wollte sein Dasein nur dauernd begrunden. Tausend Plane flogen ihm durch den Sinn. Frankreichs Schicksal konnte nicht lange unentschieden bleiben. Seiner Ruckkehr dahin lag, bei gemassigterer Verfassung, nichts im Wege. Er hatte fur die Freiheit mit strengem Eifer, mit Auszeichnung, gefochten, sich allein ruchloser Willkuhr entzogen. Alle naturliche Bande zwischen dem Vaterlande und ihm waren unzerschnitten, und konnten sich in jedem Augenblicke enger zusammenziehn. Er hatte das nie so angesehen, nie so empfunden. Fruher erwartete er, alles annoch Bestehende werde zusammenbrechen, und aus dem allgemeinen Umsturz solle das Neue und Bessere hervorgehn; jetzt glaubte er an ein mogliches Zurucktreten der uberstromenden Willenskraft, er hoffte auf eine weise, begutigende Hand, welche die Granzen aufs neue scharf und bestimmt ziehe. Alle konnten noch glucklich, noch zufrieden werden; er rechnete darauf mit einer Zuversicht, wie sie nur der Gluckliche kennt. Marie theilte seine Hoffnungen, ihr hauslichansiedelnd Gemuth schuf sich in Gedanken schon all die freudige Wirksamkeit, die ein heimathliches Eigenthum der thatigen Frauenliebe bereitet.
So innig froh durch Besitz und Hoffnung, empfingen beide junge Gatten ihre gluckwunschenden Freunde. Mariens Gesichtchen glanzte wie der Schmelz des Fruhrothes. Sie war nur durch Eines beunruhigt. Die Schwester gab ihr Sorgen, und Niemand wusste recht, wie es mit ihr stehe? Endlich trat der Arzt in das Zimmer. Ein jeder besturmte ihn mit Fragen. Der Chevalier war kaum noch Herr seiner Ungeduld. Er trug die Gewissheit dessen, was Antoniens Uebelbefinden zum Grunde lag, dunkel in sich, die innere Angst sagte ihm etwas, das er nicht sogleich verstehn mochte. Jetzt erschien ihm der ernste deutsche Mann wie ein rettender Engel. Er hoffte, dieser solle etwas anders, etwas ganz Gewohnliches, uber jenes Ereigniss sagen, er fluchtete sich mit seinen Sorgen schon dahinter, als dieser, die Ungeduldigen hoflich abwehrend, seinen Platz neben der Baronin nahm, und mit seiner gewohnten Besonnenheit sagte: Der Arzt besonders soll bescheiden in der Beurtheilung solcher Falle sein, welche nicht in der a u f g e d e c k t e n Folgereihe wirkender Motive und Ursachen liegen, da seine Wissenschaft, vielleicht mehr als jede andere, mit der geheimnissvollen, unerforschten, Natur verkehrt. Er darf so wenig einzelne Anklange zu ausgesprochenen Worten umbilden, als sie uberhoren wollen. Er soll stets mit stillem, tief in das Innere zuruckgehenden Sinn beobachten, aber weder die Sucht, etwas Ausserordentliches aufgefunden zu haben, noch der kleinliche Kitzel, Entdeckungen Anderer verspotten zu wollen, darf ihn auf Nebenwege verlocken. Die heilige Ehrfurcht gegen das Wesen der Dinge erlaubt kein allzudreistes Hervortreten, und deshalb ist dem Arzt besonnenes Schweigen unerlassliche Pflicht.
Hiermit schwieg er wirklich, und niemand gewann sogleich den Muth zu erneueter Frage. Die Baronin allein, ob er gleich ihre eigenste Meinung ganz unleugbar aussprach, wollte es dennoch hierbei nicht bewenden lassen. Es schien ihr zuviel laut geworden zu sein, um es so unberuhrt bei Seite zu legen. Sie selbst hatte gestern in der Ueberraschung manches uber Antoniens wunderbares Wesen, die inneren Offenbarungen, welche sie fruherhin schmerzhaft durchzuckten, und alle in ihr erspaheten Eigenthumlichkeiten, fallen lassen, sie wollte jenen Aeusserungen das Abentheuerliche benehmen, indem sie dem Arzt zwang, umstandlicher auf das Vorliegende einzugehn. Deshalb sagte sie: wie sehr Sie im Allgemeinen recht haben, empfindet niemand deutlicher als ich. Doch thut es im Einzelnen ofters Noth, dass des Erfahrenen Urtheil schwankende Vorstellungen berichtige, da Irrthumer und Abwege ja allein d a r a u s entstehn, dass wir auf keinem sichern Grunde Fuss gefasst, und nur auf fluchtigen Erdschollen unsere systematische Gebaude aufgethurmt haben. Sie fuhr jetzt fort, manches kluge Wort uber Antonien zu reden, und alles zur Sprache zu bringen, was sie selbst uber diese wusste.
Es ist unleugbar, erwiederte der Arzt, nach einigem Besinnen, und wir durfen es wohl mit Zuversicht behaupten, dass, wie in allem organischen Leben Wechselbeziehungen statt finden, diese sich auch unter den Menschen, sowohl gegenseitig, als der bewusstlosen Natur gegenuber, offenbaren. Was hier nun jedesmal das Vermittelnde ist, ob ein Aeusseres, oder ein Inneres, ob beides zugleich? der sinnvolle, denkende Beobachter wird es prufen, ohne gleichwohl seinen Muthmassungen den Stempel der Unfehlbarkeit aufzudrucken. Vieles, das sehen wir wohl, soll dem Einzelnen dunkel bleiben, was uber seinen Zeitmoment hinaus liegt. Die ganze Menschheit reift immer erst langsam in eine grosse Idee hinein, und diese entwickelt sich wahrend dem durch das Leben selbst aus ihrer Wurzel rein heraus. Die Natur macht uns den Umgang mit ihr nicht allezeit leicht. Sie verkundet sich dem Einen heut, und scheint sich dem Andern Morgen zu widersprechen. Sie wirft uns grosse Phanomene wie Rathsel in den Weg. Der Mensch soll sich daran wagen, aber ich wiederhole es, mit Ehrfurcht und Bescheidenheit, was zu dreist, zu plotzlich, an das Licht gerissen wird, dem ergeht es wie solchen alterthumlichen Schatzen, welche lange Zeit der Erde Schooss verbarg, sie zerbrockeln an der jahen Luftberuhrung. Und sicher, wir graben auch nur versunkene Schatze aus.
Durch ahnliche Wechselbeziehung, sagte die Baronin, welche lange in tiefen Gedanken da sass, wurden die oft bestrittenen Wirkungen der Sympathie und Antipathie plotzlich berichtigt sein, und wie diesem, das Knarren einer Thur, das Schneiden in Kork, das Reiben zweier Metalle aneinander, jenem aber, der Duft einer Blume, die Ausdunstung eines Thieres, Uebelkeiten und physische Schmerzen geben, so durften Blick, Ton, Mienen und Geberdensprache, ja die blosse Atmosphare eines Menschen, anziehende oder abstossende Gewalt uber einen Dritten ausuben konnen, und Neigung oder Abneigung wurde ein Gemuth beherrschen, ehe es sich selbst davon Rechenschaft zu geben wusste. Sehr traurig, fuhr sie fort, bleibt es, wenn solche Zufalligkeiten uber ein Leben entscheiden sollen.
Zufalligkeiten, erwiederte der Arzt, durfen wir wohl nichts nennen, was durch innere Nothwendigkeit begrundet ist. Alles, was die Individualitat eines Menschen so, oder so bestimmt, geht aus dem Zusammenhang des Ganzen hervor, und selbst dasjenige, was von aussen hereinwirkend, als zufallig betrachtet wird, bekommt erst durch die innere Gegenkraft seine bleibende Richtung. Man kann nicht immer sagen, wie das Storende entstanden sei, allein wir empfinden dessen truben Grund in dem Eindruck, welchen es auf uns macht.
Das Furchterliche hierbei ist, fiel der Chevalier ein, dass man den Aussendingen eine unumschrankte Gewalt uber sich einraumt, und es den Umstanden uberlassen bleibt, ob zwei Wesen in Conflikt gerathen sollen, welche ohne aussere Vermittelung wohl nie von einander gewusst hatten. Er seufzte bei diesen Worten unwillkuhrlich, und schien sich seinem bedrohlichen Geschick hinzugeben.
Vergessen wir nicht, erwiederte der Arzt, dass die Natur ein Wechselgesprach mit uns fuhrt, und dass die Vernunft auch eine Stimme hat!
Die Vernunft! rief der Chevalier, ist sie in oder ausserhalb dem Zusammenhange des Ganzen begriffen? Im ersten Fall, wird sie nicht von der ganzen Folge nothwendiger Fortentwickelungen mit bestimmt werden? Oder, wo wollen sie ihr sonst ihren Platz anweisen?
Gewiss, nahm die Baronin hier rasch das Wort, ist die Vernunft in jedem Lebenskreise eingeschlossen, aber wie ein Auge, das alle Verhaltnisse zusammenfasst, und zu dem innern Spiegel zuruckfuhrt, ruht es mitten darinne; jeder Mensch ist wie ein kleiner Weltherrscher anzusehen, und da keiner dieser Lebenskreise fur sich allein ist, sondern alle, wie ein Nurnberger Ei, in einander gefugt sind, so lernt das Auge erst einen, als den Familienkreis, uberschauen, dann geht es weiter und weiter, und umfasst die Welt. Wie leicht wird uns bei einem erweiterten Horizont, und wie sehnen sich alle danach!
Sie werden mir aber doch nicht streiten, unterbrach sie der Chevalier, dass diese Erweiterung sowohl durch Raum- als Zeitverhaltnisse hedingt ist, und dass individuelle, wie allgemein geschichtliche, Entwickelungen hier das ihre thun. Wie oft, rief er, durch das Gewicht eigener Erfahrung unterstutzt, wird dies innere Auge, um Ihr Gleichniss beizubehalten, von undurchdringlichen Nebeln umschleiert, die so nothwendig, wie unwillkuhrlich, aus dem Kampf des Lebens erwuchsen. Wo, ich bitte sie, bleibt da die Freiheit der Vernunft?
In sich selbst, entgegnete der Arzt, in dem Vermogen, sich nach Innen zu dem hochsten Wesen zu fluchten, an ihm zu starken, von ihm zu erfahren, was wir w o l l e n und m u ss e n !
Der Chevalier schuttelte unglaubig den Kopf, als Antonie bleich und schwach, auf Marien gestutzt, in das Zimmer trat. Man begegnete ihr sehr liebreich, ohne sie gleichwohl durch zudringliche Fragen oder ein unruhig beeiferndes Entgegenkommen zu qualen. Es gewann sogar das Ansehen, als lasse man der Unterhaltung den einmal begonnenen Lauf. Antonie schien wenig auf die Uebrigen zu merken, sie setzte sich neben Marien ins Fenster, und arbeitete ruhig an einem Haargeflecht, das sie mit grosser Sauberkeit zu ordnen verstand. Zuweilen blickte sie auf, und hauchte einen fluchtigen Kuss auf Mariens Stirn; Viktorine ging mit der Prasidentin das Zimmer auf und ab, der Herzog stand duster auf Antonien sehend, dieser gegenuber, die Andren redeten eifrig, vorzuglich fasste der Chevalier den Faden immer wieder auf, sobald die Unterhaltung einen Augenblick stockte, und da diese von dem Besondern auf das Allgemeine hinauslief, so schien man den Gegenstand ein fur allemal erschopfen zu wollen. Adalbert war auch hinzugetreten. Man kam, wie gewohnlich, von Einem in das Andere; und das gemeinsame Gebiet der Ahndungen, Traume und Vorgefuhle, ward nach allen Richtungen durchzogen. Einige, welche das Allgemeine bestritten, stellten gleichwohl, unwillkuhrlich fortgezogen, einzelne Thatsachen in einem Gemisch von Unglauben und innerer Scheu als sonderbare Zufalligkeiten auf. Man sprach hin und her, uber die Moglichkeit wechselseitiger Einwirkung aus der Ferne. Mehrere bezweifelten sie, andere, unter ihnen der Arzt, meinten, der Punkt lasse sich schwerlich angeben, wo noch Mittheilung moglich sei, insbesondere, da man die Agenten keinesweges kenne, welche vermittelnd wirken, und die verschiedenen Naturen solche auf eigenthumliche Weise fordern und finden mussen. Der Marquis entschied fur die Nothwendigkeit unsichtbarer Verbindung durch alle Welten. Er verlor sich in die weiten Sternenraume, bezog ihren Lauf auf des Menschen Dasein und Bestimmung, und verwirrte sowohl Gegenstand als Ausgangspunkt des Streites, durch das Viele und Seltsame, was er durcheinander warf. Ohne so weit auszuholen, sagte Adalbert einlenkend, wurden mehrere Erfahrungssatze schon hinlanglich fur das Ferngefuhl beweisen, und da dieses, einmal angenommen, auf Schritte, oder Meilen ausgedehnt, seiner Idee nach immer dasselbe bleibt, so kann ich aus meinem eigenen Leben einen furchtbaren Beitrag zu vielen andern hieruber gesammelten Beobachtungen liefern. Er schwieg einen Augenblick, und schien die raschen Worte zu bereuen, alles war indess gespannt, und man drang lebhaft in ihn, fortzufahren.
Ich hatte, begonn er endlich, in den schonen Junglingstagen, wo das Herz so neu und die Hoffnung so frisch und muthig ist eine holde Freundin gefunden, die ihr junges, liebliches Leben, in der zartlichen Anhanglichkeit zu mir, jeden Tag reizender entwickelte. Familienbande hatten sie mir, wie Dich meine Marie, nahe gebracht. Des Junglings Seele will durch eine freundlichere Hand geweckt sein, als die gewohnten Tagesverhaltnisse ihm zufuhren. Sie beruhrt zugleich sein ganzes Dasein, und offnet alle verschlossenen Behalter des uberschaumenden Jugendlebens. Ich liebte in dem zarten Kinde die Welt, meine Bestimmung, die Ehre, Gott, eine tiefe unergrundliche Unendlichkeit. Unsere Verbindung entwickelte sich mit unsern Ansichten und Vorstellungen von dem Leben. Die Politik der Eltern meiner Geliebten fuhrte indess eine andere Sprache als unsere Herzen, das arme Kind ward fur das Kloster bestimmt. Ich wuthete, drohete, versuchte das Unerhorteste, die Jugend erschopft sich nie in Hoffnungen, aber sie weicht mit gesunder Kraft schnell dem Unabwendbaren. Ist das Entscheidende einmal geschehn, so kehrt der Muth in sich selbst zuruck, und ertragt ein Uebel, das er vorher mit Riesengewalt von sich zu stossen bemuht war. Meine junge Freundin hatte ein ergeben, fugsam Gemuth, sie konnte sich dem Willen der Eltern nicht widersetzen. Aber ihr zartes Herz brach unter den Ketten, die auf ihr lasteten. Man hatte sie unbarmherzig von der Welt und ihrer freundlichen Bestimmung geschieden. Ein Jahr lebte sie das trube, enge Klosterleben, in zweckloser Vorbereitung, denn sie starb, noch ehe sie den Schleier nahm. Die Veranlassung ihres Todes blieb mir lange verborgen. Nach mehreren Jahren erfuhr ich das Nahere hieruber aus einem Briefe der Aebtissin jenes Klosters. Es ist vergebens, schrieb mir diese, man versucht es nie ungestraft, Gott zu tauschen, hier hat ein unmundig Kind des Herrn Sache gefuhrt. Am Tage der Einkleidung Adalbert ward durch Antoniens Annaherung unterbrochen, sie war aufgestanden und stellte sich hinter seinen Stuhl, er wandte sich seitwarts gegen sie, und richtete seine Worte zu ihr hin. Am Tage der Einkleidung, fuhr er fort, war die Novize bereits im Begriff, den Eid abzulegen, als ein wunderbares Kind betaubt zur Erde sinkt, und in einem Zustande, den ich Schlaf nennen muss, laut in die Versammlung ruft, und der Freundin heisst, das Bild wegwerfen, das sie an goldner Kette im Busen tragt, es drucke ihr das Herz entzwei!
Der Marquis fasste Antoniens Hand, die kalt und zitternd in der seinen lag. Adalbert hielt einen Augenblick inne, ihre Bewegung auf ruckkehrendes Uebelsein deutend, denn sagte er weiter: Es war mein Bild, mein ungluckselig Bild, was auf dem armen, gequalten Herzen verborgen lag, niemand wusste darum, auch das Kind hatte es nie gesehen. Die Ungluckliche bebte bei den furchterlichen Worten, und, sich zur Aebtissin neigend, reisst sie selbst in unvorsichtiger Bewegung das stumme Zeugniss ihrer verratherischen Liebe an das Licht. Aller Augen richten sich darauf, dumpfes Murren rollt zu ihr heran, und, als habe sie Gottes Gericht getroffen, so sturzt sie leblos nieder und kehrt niemals zur Vernunft zuruck.
Antonie schlug hier beide Hande zusammen und mit aufwartsgerichteten Blicken ging sie schweigend zur Thur hinaus. Der Marquis und der Arzt folgten ihr nach, allein sie hatte sich in dem entferntesten Zimmer eingeschlossen, und antwortete keinem von beiden auf ihr wiederholtes Andringen, eingelassen zu werden, denn sie lag betend am Boden und gelobte es sich, Gottes Fingerzeig von nun an streng zu folgen. In ihr war kein Zweifel mehr. Es lag klar und unwidersprechlich vor ihr; sie war Adalberts Schutzgeist. Schon damals hatte sie ihn vor der ewigen Verdammniss gerettet, einen Meineid veranlasst zu haben, das Herz musste brechen, das er dem Himmel entrissen hatte, ehe es sich neuem Frevel hingab. Spater hauchte sie den Tod von seiner Stirn, und gestern zerbrachen die ungluckseligen Vermahlungsringe in ihrer Hand, als warnend untrugliches Zeichen. Niemand hatte das beachtet, sie wusste es jetzt, ihr war es Pflicht, ein Band zu trennen, gegen welches Gott gesprochen hatte. Der Marquis belehrte, ruckkehrend, die Anwesenden von dem Antheil, welchen Antonie an jenem Ereigniss hatte. Adalbert erschrak heftig. So nahe stand ihm das Werkzeug ewiger Rache! Sein Verhaltniss zu dem seltsamen Wesen schien ein anderes geworden, und wie eine Geweihete musste er sie betrachten, als sie ruhig, ja heiter, zur Gesellschaft wiederkehrte.
Auf Marien hatte Adalberts Erzahlung ebenfalls einen peinlichen Eindruck gemacht. Die fruhe Jugendliebe erschien ihr so reizend! Adalbert noch so innig, so leidenschaftlich, in ihr fortlebend! Sie erinnerte sich des schonen, fruh gefallenen Opfers gar wohl. Der Tag war ihr immer unvergesslich geblieben. Es war, als sahe sie die bleiche, schmachtende Gestalt in diesem Augenblicke niedersinken, und durch eine wunderbare Tauschung der Sinne, lieh sie dieser die eigenen Zuge, wie sie ihr unendlich Leid in sich selbst ubertrug. Sie konnte sich der Thranen nicht enthalten, ihr Herz schlug so angstlich, sie sank an Adalberts Brust, der sie liebreich, aber verstort und eigen zerstreut, an sich druckte, ohne gleichwohl nach der Ursach ihres Kummers zu fragen.
Die Prasidentin nutzte die allgemein verbreitete Stimmung zu ihrem Vortheil, und sehr uberzeugt, dass ein jeder willig etwas ausser ihm liegendes ergreifen werde, schlug sie vor, eine von ihr kurzlich verfasste Dichtung vorzulesen. Sie hatte richtig geurtheilt. Ihr Anerbieten ward von allen Seiten, sowohl aus Artigkeit, als Missbehagen mit der innern Gegenwart, angenommen. Man schloss sogleich einen engen Kreis um die Vorleserin, die, mit voller, angenehmer Stimme, recht wohltonende Worte las. So viel Behendigkeit sie indess im Auffassen und Darstellen gesellschaftlicher Verhaltnisse, eigenthumlicher Sonderbarkeiten der Menschen, und daraus entstehender Verwirrungen des Lebens und der Schicksalsbestimmungen besass, so fehlte es ihr doch ganzlich an Umsicht und Tiefe, wenn sie uber diese leicht angedeuteten Kreise hinausschweifte. Da sie nun jetzt durch eigenes und fremdes Missgeschick widerwartig getroffen, politische Ansichten und Zwecke scharfer ins Auge gefasst und haufig in sich umhergeworfen hatte, so wagte sie sich unbedacht in dies weite Feld; das sie noch unsicherer betrat, indem sie den Schauplatz nach dem Oriente verlegte, wohin die Phantasie nur unbequem hinubergetragen und in die entwachsene Marchenform gezwangt wurde. Den Zuhorern war dabei, als seien sie auf einem Maskenball. Bei jedem Schritte stiessen sie auf ein Bekanntes, dessen Verkleidung gleichwohl, wie eine abhaltende Scheidewand, die alte Vertraulichkeit hinderte. Man war zu Hause und auch wieder nicht, der Standpunkt fur Wahrnehmung und Mitgefuhl blieb verruckt, niemand konnte mit der behaglichen Theilnahme recht zu Stande kommen, da die Ereignisse, statt frisch und beweglich aus gesunder Wurzel zu erwachsen, wie eine Reihe aus dem Zusammenhang gerissener Erfahrungssatze, aufeinander gepackt dalagen, und das Schmerzliche, was ein jeder in der Zeit mit durchlebt, mit durcharbeitet hatte, das im rustigen Gegenstreit uberwunden war, jetzt schroff und schneidend in die Seele zuruckfiel. Zudem griffen die haufig vorkommenden politischen Diskussionen alte Streitpunkte ungeschickt an, und da sie sammtlich, auf Zufalligkeiten begrundet, aller soliden Basis ermangelten, so verletzten sie nicht selten Wahrheit und Sitte, und liessen alle Partheien unbefriedigt.
Es stand daher nach beendigter Vorlesung mit der
geselligen Heiterkeit um nichts besser, als zuvor, und die Verlegenheit, mit welcher ein jeder das durftige Lob uber kaum geoffnete Lippen druckte, gehorte in die Reihe aller peinlichen Zustande, die an diesem Tage auf einander folgten.
Der Herzog nahm indess ziemlich murrisch den
Faden der Unterhaltung bei der eben verhandelten Politik auf, und brachte das Gesprach nach und nach leidlich in Gang. Er griff die Prasidentin nicht ohne Grunde an, behauptete indess mit seiner gewohnten Strenge, Frauen haben gar keine Stimme uber offentliche Angelegenheiten, weil ihnen der innere, wie der aussere Maassstab, zu deren Beurtheilung, fehle. Was, fragte er, wollen Sie als Grundsatz, was als Zweck annehmen? Sie haben nur Familienruhe, Lebensglanz, oder hochst abentheuerliche Weltburgerliche Ideen im Sinne. Gewohnlich ist etwas Einseitiges der trube Quell ihrer Ehr- und Freiheitsliebe; ja sie haben kein anderes Vaterland, als den engen Raum, welchen die vier Pfale ihrer hauslichen Wirksamkeit einschliessen. Die Welt mogen sie hier ahnden und fuhlen, Liebesund Lebensverhaltnisse mogen sie hier begrunden, aber Staatsverhaltnisse werden sie nie begreifen, weil diese auf Bedingungen beruhen, deren Wesen ihnen nur undeutlich vorschwebt. Abgeschlossenes Recht, Gewalt, erfassender Wille, stehn ihnen so fern, wie der hohe Gedanke koniglicher Weltherrschaft. Sie traumen davon, wie von allem, aber empfunden hat es keine.
Viktorine, auf welche diese Worte hauptsachlich gerichtet waren, nahm sie auch ganz ausschliessend ubel auf. Ihr Mann focht mit den Englandern gegen das Vaterland, und so wenig man es tadeln mochte, dass sie sein Verfahren, wie die hierbei zum Grunde liegende Ansichten, billigte, so konnten es ihr die Manner niemals verzeihen, dass sie mit sarkastischen Ausfallen solche angriff, welche anderen Grundsatzen folgten. Sie stand daher in einer Art kriegerischem Verhaltniss mit Vielen unter ihnen, wenn Andere im Gegentheil die Oriflamme in ihrer Hand gewunscht hatten. Jetzt insbesondere hatte sie sich in ihrer einmal genommenen Stellung zu behaupten. Sie vertheidigte sich daher nachdrucklich, doch, wie immer, ohne Wortreichthum, mit gedampfter, etwas gedehnter, Stimme, welche den bescheidenen Ruckzug anzukundigen schien, im Grunde aber den Feind zu heftigerem Angriff verlocken sollte. Den Sinn fur Ehre, sagte sie sanft, werden Sie uns wenigstens lassen mussen, da sie es allein ist, um derentwillen wir die Manner lieben.
Drehen Sie den Satz um, unterbrach sie der Herzog lachend, Sie lieben die Ehre, der Manner willen. Denn diese Gattung der Ehre liegt ausserhalb ihrer Welt. Aber es ist Frauenart, sich in alles Fremde hineinzuwerfen und das Einzelne ins Allgemeine, Granzenlose auszudehnen. Die Theilnahme an dem Ruf, der gunstigen Stellung e i n e s Mannes, macht ihnen glauben, ihr Wesen wie das der Manner uberhaupt, gluhe und flamme in Thatendurst und ritterlichem Stolz. Ihr Wesen ist Liebe, wenn sie lieben, verstehn sie alles, sind sie alles, aber sie sollen sich auch nur liebend zeigen. Bei ihrem Antheil an dem Heil und Segen eines Staates, eines Volkes, soll immer die zartliche Sorge fur befreundete Wesen und durch diese fur alle Menschen hervorsehen, denn das Wort Volk an und fur sich, ist ihnen nichts, so wenig wie Staat und Regierung.
Sie schweigen zu dem Allem, flusterte der Chevalier Antonien zu, haben Sie nichts zur Rechtfertigung Ihres Geschlechtes zu erwiedern?
Wir sollen lieben, sagte sie zerstreuet, war es nicht so? Erschreckt Sie das Gebot, fragte er leiser, wollen Sie ihm folgen? konnen Sie es Antonie?
Sie sah ihn befremdet an, eine wunderliche Rothe flammte uber ihre Stirn, sie ruckte einigemal angstlich hin und her, dann, als konne sie seine Nahe nicht ertragen, stand sie hastig auf, und setzte sich an das andere Ende des Zimmers.
Der Herzog fuhr indess fort, seinem Unwillen Luft zu machen. Wussten die Frauen nur, sagte er weiter, wie sehr sie sich aus dem Vortheil geben, wenn sie sich an etwas wagen, dem sie nicht gewachsen sind. Die fremden Mienen zu den fremden Gedanken und Worten, die erhohete Stimme, die unnaturliche Gluth in ihren Augen, und all die gemachte Exaltation, lassen es die Manner vergessen, wer gegen sie streitet, Worte reihen sich an Worte, und wenn der Mann sein Leben an eine Meinung setzt, wodurch behauptet sich die Frau vor sich und der Welt, hat sie die Wurde ihres Geschlechtes verletzt?
Viktorine stand aufs hochste beleidigt von ihrem Sitze auf; Thranen des allerbittersten Unmuthes traten ihr in die Augen. Der Herzog fasste sie begutigend bei der Hand, warum, sagte er sanfter, wollen sie dem Schicksal etwas abtrotzen und sich durftig aneignen, was Ihnen nicht werden sollte? warum wollen sie sich des schonen Vorrechtes begeben, durch ihr blosses Erscheinen zu herrschen, Gesinnungen wie Thaten zu zugeln. Was sollen Ihnen die ungeschickten Waffen, die sie nicht zu lenken wissen, die unsicher umher schwanken, und meist nur sie selbst verletzen.
Niemals, versetzte Viktorine, werde ich mich uberzeugen, dass wir aus irgend einer Sphare menschlicher Wirksamkeit ausgeschlossen seien. Wie haufig sind es grade Frauen, welche die Zugel des Staates geheim und sicher lenken, und nicht selten verdanken es die Manner nur ihnen, wenn sie auf ihrem rechtem Platze stehn.
Meine schone Freundin, entgegnete der Herzog, in Staatsintriguen sind die Frauen immer die Ueberlisteten, sie werden zufallige Mittel, man giebt ihnen ein buntes Seilchen in die Hand, und macht ihnen weiss, sie lenken das gewaltige Fahrzeug, indess sie selbst weit sichrer durch Eitelkeit, Ruhmsucht und andere unreine Motive gelenkt werden.
Weiser Einfluss, sagte die Prasidentin, ist sehr wohl von gewinnsuchtiger Intrigue zu unterscheiden. Wie viel erhabene Furstinnen haben durch ihr ruhiges Erkennen, geschicktes Sondern, und schnelles Durchdringen, Gatten und Sohne zum Vortrefflichen gefuhrt, wie viele waren selbst vom Throne aus das Heil ihrer Volker.
Es ist wohl unleugbar, hub hierauf der Doktor an, dass den Frauen ein Organ fur jedes Verstandniss inwohnt; und sie augenblicklich in verwandtliche Beruhrung mit allem setzt, was ihnen nahe tritt. Sie erlangen dadurch eine geheimnissvolle Gewalt uber Dinge und Menschen, welche selbst der gesellschaftliche Sprachgebrauch zauberisch nennt. Solch ein Zauber war von jeher anerkannt, die koniglichen Frauen der Vorzeit ubten ihn, mittelbar in das aussere Leben und dessen Gestaltung einwirkend; aber es gehort dazu das treueste Verharren in der eigenen Natur, denn, wie es Ihre Worte erschopfend sagten, in der Liebe, welche der Frauen Wesen ist, verstehn und sind diese allein jedes und alles.
Als nun hierauf Viktorine unversohnt und die Prasidentin unbefriedigt die Gesellschaft verliessen und der kleine Kreis sich immer enger zusammenzog, fragte der Chevalier die Baronin, wie ihr die Vorlesung behagt habe? Ich kann das noch nicht wissen, erwiederte sie. Noch nicht! wiederholte er, mein Gott, wann wollen Sie es denn erfahren? Ich weiss nicht, war ihre Antwort, vielleicht zufallig einmal, wenn mir die Dichtung ganz von ohngefahr in die Hande fallt und ich sie wieder vergessen habe. Mir ist es allezeit angstlich, Werke meiner Bekannten von ihnen selbst vortragen zu horen. Ich behalte kein freies Urtheil dabei. Mir ist bange, sie entweder zu uberschatzen, oder nicht hoch genug zu stellen. Daruber geht mir der Totaleindruck verloren. Es ist so schwer, Menschen, die man essen und trinken, Gewohnliches im Tageslauf denken und thun sieht, plotzlich auf einer hohern Stufe zu erblicken, sie dreist zu der ganzen Welt reden zu horen, man kann sich nicht einbilden, dass dies nicht zuviel gewagt sei, man vermischt die einzelnen Stunden der Erhebung mit ihrem ubrigen Leben, und glaubt sie fruherhin oder jetzt misskannt zu haben; so wird das Urtheil trube, und es kommt zu keinem gesunden Gedanken.
Antonie, welche wahrend dem unruhig auf und ab gegangen war, fragte jetzt den Arzt, ob man nicht in alten Buchern das Leben jener wunderthatigen Frauen, deren er zuvor Erwahnung gethan, aufgezeichnet fande? und ob sie solche Schriften wohl zu lesen bekommen konne? sie erinnere sich aus ihrer Kindheit, ein Lied von einer Zauberkonigin gehort zu haben, es schwebe ihr aber nur ganz dunkel vor, sei ihr auch nichts Besonderes daraus erinnerlich, allein sie fuhle oft eine wehmuthig Sehnsucht nach dem alten Liede, und moge gern etwas ahnliches horen.
Der erfahrene Mann sah mit Bedauern, dass seine unschuldigen Worte die kranke Phantasie des armen Kindes in ein dunkles Meer verwirrender Bilder hineingezogen hatten. Er lenkte daher ihren Wunsch, mehr uber das geheime Wirken einzelner Geweiheten der Vorzeit zu erfahren, auf die genauere Kenntniss der Naturkrafte uberhaupt; rieth ihr, beweglichern Verkehr mit dem Lebendigen; freien, vertrauten Umgang mit der Gegenwart zu pflegen, verhiess ihr freundlich, sie in das geschaftige Innenleben der Natur einzufuhren, und suchte ihren Blick auf alle Weise von dem truben Wiederschein verblichener Gestaltungen abzulenken.
In Antonien war aber das Wort Zauberei wie ein zundender Funke hineingefallen. Sie dachte, es ist alles unbegreifliches Wunder, was uns umgiebt, warum sollen wir selbst nichts Wunderbares vollbringen durfen! Und gabe es einen Zauber, ihn an mich zu bannen, wie ich an ihn gebannt bin, weshalb sollte ich nicht? Es giebt so viel Verborgenes im Menschen, wovon er selbst nichts weiss Gott hat es ihm eingepflanzt Gott will Sie konnte es nicht vergessen, wozu sie Gott ausersehen habe. Ihre Eltern fielen ihr ein. Sie konnten nicht von einander lassen, sagte sie! ihr Herz bebte in freudigem Entzucken; sie beschloss, sich dem Marquis zu nahern, von ihm uber vieles Auskunft zu erhalten. Auch das Anerbieten des Arztes nahm sie an, sie hoffte, mehr unter seiner Anleitung zu ergrunden, als er ihr offenbaren konnte; denn gewinnen musste sie sich den Geliebten, das war im Himmel wie in ihrem Herzen beschlossen!
Dreizehntes Kapitel
Wahrend ein unnaturlich Beginnen der nothwendigen Ordnung des Lebens vorgreifen wollte, entfaltete sich der Fruhling nach alten, ewigen Gesetzen, und schien es den Menschen an das Herz zu legen, sich der stillen Fuhrung der Natur ruhig zu uberlassen. Unwetter und Sturme hatten ausgekampft, die Erde lachte ein neues Dasein in jedes Herz hinein, ihre feste Rinde gewann ein lockeres duftiges Ansehn, man sah sie arbeiten, und wenn sie Abends wogender Dampf umzog, und wieder in ein grosses Meer umzuwandeln schien, schwirrende Insekten durcheinander brausten, und tief unten alles hammerte und pochte, dann fuhlte jeder die Welt aufs neue in sich entstehn! Marie, wie Giannina und Alexis, waren die allerseligsten Kinder! Tagelang schweiften sie umher, sie waren nicht im Hause zu erhalten, und Marie, welche im Kloster ein eigenes Gartchen hatte, liess nicht ab mit Bitten, bis ihr Adalbert auch jetzt ein Sommerhaus, mit recht freundlicher Umgebung, vor dem Thore miethete. Hier war sie ganz in ihrem Element, sie verstand und trieb die Blumenzucht mit vielem Eifer. Alexis ging ihr dabei ganz besonders zur Hand. Der Knabe hatte Geschick und Trieb zu allem, was er Andere machen sah, deshalb war er auch uberall, wo es etwas zu thun gab, und uberall aufmerkend, behend und tauglich. Giannina lief viel hin und her, allein mit der Arbeit wollte es nicht recht von statten gehn, indess erhielt sie das Geschaft stets heiter, und Adalbert musste sich eingestehn, dass er nichts reizenderes kenne, als die drei zarten Wesen, welche, wie Elfen auf grunem Boden, ihr freundlich Beginnen so leicht und anmuthig forderten. Sie hatten recht nach Feeenart einen Blumenthron unter zwei dicht ineinander verwachsenen Ulmen erbauet. Eine Wand schlanker Kelchblumen, hoher Feuerlilien und gluhrothen Mohnes, fasste den lieblichen Sitz ein, am Boden bluheten Doppelveilchen und Anemonen, den Rasen aber bezog ein Gewinde der schonsten Vinka. Adalbert sass hier oft Stundenlang, und tandelte mit Marten, die, immer geschaftig, sich nur einzelne Augenblicke abstahl, um dem geliebten Mann in die Arme zu fliegen, und allen freundlichen Spott und die tausend kleinen Neckereien von seinem Lippen wegzukussen. Nicht selten feierte Giannina solche Augenblicke mit ihrer Herrin, und, sich in die Zweige der starken Ulme schwingend, sass sie uber dem jungen Ehepaare, wiegte sich nachlassig in dem Grun, und stimmte ein scherzendes Liedchen auf ihrer Mandoline an.
Einst waren alle hier versammelt, als die Baronin herzukam und Marien bat, sie nebst mehrern Andern auf einem Spatziergang den Rhein hinunter zu begleiten, wo sie in einer Meierei zu Abend essen und Nachts zu Wasser ruckkehren wollten. Marie liess sich sogleich willig finden. Giannina sollte ihr Instrument mitnehmen, Alexis, der zeither ganz artig das Flageolet blies, durfte auch nicht fehlen, man versprach sich unendliches Vergnugen. Auch Adalbert ward besturmt, mit zu gehn, er hatte noch Geschafte, wollte indess gewiss nachkommen. Antonie war mit dem Marquis; man wusste nicht, ob sie zu dem lustigen Feste gestimmt seien, doch ward Bertrand aufgetragen, sie einzuladen, wenn sie aus ihren Zimmern kamen.
Die Andern waren zum Aufbruch bereit. Marie hatte ihren Strohhut mit Mohn geschmuckt, und sah sehr reizend aus, als sie, von ihren jungen Gefahrten begleitet, den Zug eroffnete. Giannina wusste sich nicht zu lassen vor innerer Lust, sie bewegte den kleinen Korper in tausend zierlichen Verdrehungen, spielte, sang und tanzte, und zwang Alexis, in ihre komische Liedchen und Geberdensprache mit einzustimmen.
Adalbert blieb noch auf seinem Platze sitzen, sah innerlich entzuckt der anmuthigen Frau nach, und sich selbst in unzahlige liebliche Bilder hinein, bis der Blumenduft, das Sauseln der Blatter, die schwule Stille um ihn her, seine Augen schloss und er fest einschlief. Nicht lange, so theilte sich die Blumenwand hinter ihm, Antonie beugte sich leise hervor, legte ihre rechte Hand unter sein Herz, und flusterte, mit den Lippen fast seine Schlafe beruhrend: "Lass mein Bild in Dich eingehn, halte es fest, wie es der Traum Dir zeigt, werde mein fur alle Ewigkeit."
Sie wiederholte die Worte mehreremale, wie lebhaft sich auch Adalbert regte, und gegen den Traum anzukampfen schien, endlich seufzte er tief, offnete seine Arme, und breitete sie ihr entgegen. Antonie hauchte einen fluchtigen Kuss uber seine Lippen, und zog sich hinter die Blumen zuruck.
Es war bereits dunkelnder Abend geworden, als die Fehlenden, einer nach dem andern, zur ubrigen Gesellschaft stiessen. Marie flog Adalbert entgegen, er begrusste sie zerstreut, seine Blicke flogen uberall unruhig umher, endlich fanden sie Antonien, diese sass im Hintergrunde unter dem Vorgebau der Hausthur, um welche die Uebrigen einen Kreis geschlossen hatten. Ihr schneeweisses Kleid, das in einen hohen, weit abstehenden Kragen, dicht unter dem Kinn, zusammenlief, das Blendende ihrer fast blutlosen Haut, und die grossen, dunkelgluhenden Augen, gaben ihr in der abendlichen Dammerung etwas uberaus Wunderbares und Schauerliches. Adalbert bebte, als er sie sah, doch konnte er seine Augen nicht von ihr wenden. Sie schien gelassen, nur einmal fiel ihr Blick mit unbeschreiblicher Gewalt auf ihn nieder. Er senkte, wie davon getroffen, den Kopf auf Mariens Schulter, hinter deren Stuhl er stand, diese bog das Gesichtchen nach ihm zuruck, so dass ihr Mund seine Wange streifte. Zum erstenmal befiel ihn todtliche Angst bei ihren Liebkosungen, er machte sich schnell los, und eilte in das Gartchen der Meierwohnung.
Hier traf er den Herzog, welcher mit grosser Aufmerksamkeit den Fleiss und die Anordnungen des thatigen Besitzers beachtete. Alles war hier wohl ubersehen, benutzt und bekommen. Innerer Wohlstand, Stille und behagliches Gnugen, schienen durch die einfache Anlage hindurch zu sehen. Der Herzog redete gebrochenes deutsch mit den Arbeitern, er schien uber manches Auskunft zu wunschen. Als er Adalbert ansichtig ward, ging er ihm heiter entgegen; und indem er ihn auf die friedliche Betriebsamkeit der Leute aufmerksam machte, sagte er: mein Sohn, man ist nicht unglucklich, wenn man s o ein sturmisches Leben beschliesst. Adalbert sah ihn betroffen an, als er fortfuhr: fur uns ist wenig anders zu erwarten. Die thorigen Traume, welche wir lange nahrten, schrumpfen zu nichts zusammen. Unser Vaterland ist ein anderes geworden, seit die Republik sich konstituirte. Die Ruhe kehrt allmahlich darin zuruck, aber weder mein Einfluss, noch die alte Stellung zur Welt, kehren wieder; damit ist es vorbei, wie mit dem Glanz unsers Hauses, ich lerne das begreifen, deshalb freue ich mich jetzt Deiner einfachen Aussohnung mit dem Schicksal, Deiner fruhen Resignation! Du hast ein hauslich, bescheiden Weib zur Gefahrtin gewahlt, ich hatte Anfangs andere Plane, ich dachte Antonie Antonie, rief Adalbert entsetzt, Antonie mein Vater! Lass Dich das nicht befremden, entgegnete der Herzog, sie ist ein wunderbares Wesen von koniglichem Stolz und hoher Entschlossenheit, sie hat mir oft seltsame Gedanken gegeben, ich konnte nie in ihre Augen sehen, ohne so etwas von Weltherrschaft zu traumen. Lass das jetzt! es ist so besser, ich sehe das ein. Zwar glaube ich, hat sie Dich geliebt, heftig, gewaltsam, wie ihre ganze Natur es fodert, aber auch das ist wohl vorbei! Und Du hast glucklicher fur Dich, fur uns Alle, gewahlt. Die stille heitere Marie passt sich wohl fur ein beschranktes Dasein, das unser aller Loos geworden ist. Mich druckt dies auch nicht mehr. Das Leben reibt nach grade alle Stacheln der Ehrsucht stumpf. Wie ich hier so mitten in der kleinen Schopfung stand, und die Familie ihre Gerathschaften nach gethaner Arbeit bei Seite legte, die Hande freudig schwenkend zusammenschlug und nun Feierabend machte, mir ward mit ihnen wohl, unzahligemal habe ich Deine Marie so spielend arbeiten sehen, ich musste mit Liebe an sie denken, und ich kann sagen, ich freuete mich Deiner Wahl zum erstenmal recht von Herzen.
Er umarmte hier Adalbert und fuhrte ihn zu der Gesellschaft zuruck. Die war besonders laut und aufgewekt. Das Abendessen war bereit. Man sass um einen runden Tisch. Antonie hatte noch ihren vorigen Platz, der Kreis war dadurch nicht geschlossen, dass man neben ihr einen Raum liess fur die Ab- und zu- Gehenden aus dem Hause. Adalbert stand, ohne es zu wollen, neben ihr, doch redeten sie einander nicht an, beide assen nichts, sondern tranken nur ein wenig Milch. Sein Blut kochte, die Hand zitterte ihm, mit der er an Antonien vorbei, nach dem Glase fasste, unversehens vergriff er sich, er nahm Antoniens Glas, das er mit wilder Hast heruntersturzte.
Indess hatte die frohliche Laune allgemein um sich gegriffen, auch der Herzog war munterer als je, und stimmte schone Kriegslieder an. Adalbert musste auch singen, er stockte erst, dann aber ward er ganz zu Flammen und Gluth, die eigene Stimme schien ihm den Taumel seines Hochzeitsabends zuruckzurufen, er kannte sich kaum noch! Auch Giannina und Alexis waren durch die anregende Abendluft, den Gesang, den wurzigen Duft der Wiesenkrauter, wie betaubt. Das ausgelassene Madchen tanzte mit ungewohnlicher Heftigkeit, und fast ganzlichem Zerfliessen der uppigsten Geberden, die Tanze ihres Landes; die Saiten schrillten wunderbar dazwischen, und wenn sie auf dem Anger, in dem heraufgezogenen Mondlicht so leicht hinschwebte, glaubte man wirklich, eine feenartige Erscheinung zu sehen.
Der Kahn war jetzt angekommen, der sie zuruckfuhren sollte. Es war an keinen Aufschub mehr zu denken. Man stieg ein. Adalbert nahm das Ruder, um nur ausser sich Beschaftigung zu finden. Eine Zeitlang glitt man schweigend uber den Wellen hin, es war, als sanftige das Wasser die unruhige Frohlichkeit. Alexis, der alles n a c h alles m i t machen musste, hatte sich indess auch eines Ruders bemachtigt, man achtete Anfangs nicht viel darauf, weil er sich auch hierbei gewandt zeigte. Doch das wilde Spiel des ganzen Tages hatte sein Blut unnaturlich angeregt, der Kopf war ihm schwer, die Arme schwacher als sonst, er lehnte sich zu weit hinaus, und schoss vorn heruber ins Wasser. Ein lauter Schrei aller Anwesenden durchdrang noch die Luft, als Adalbert schon seinen Rock abgeworfen hatte, und frisch in die Wellen untertauchte. Mit Gewalt musste man Marien zuruckhalten. sich ihm nicht nachzusturzen, Antonie aber lag kniend im Boden, beide Arme uber den Bord des Kahnes ausgebreitet kein Laut drang aus ihrer Brust, sie schien nichts von sich zu wissen. Jetzt arbeitete sich Adelbert wieder herauf, den Knaben lebendig uber sich haltend. Ein Augenblick, und er war im Kahn, der Knabe in den Handen der Frauen, die den kleinen Unbedacht mit ihren Shawls und Tuchern rieben und ihn hineinwickelten, um alle bose Folgen zu vermeiden. Antonie begriff indess von allem nichts, als Adalberts jahen Sprung. Sie lag noch unbeweglich da, als der Kahn ans Land stiess. Da sie sich am vordern Rande des Schiffes befand, so reichte ihr Adalbert zuerst die Hand, um sie hinaus zu fuhren; sie sah ihn mit dem sussesten Lacheln an, bist Du wirklich gerettet? fragte sie. Seine Hand zitterte schon in der ihren, als er bewusstlos stammelte, nein Antonie, nein, ich bin von nun an rettungslos! Der Mond hatte sich hinter einer dichten Wolke versteckt, es war ganz dunkel um sie, als sie das kleine Brettchen betraten, das nach dem Ufer fuhrte, Antonie glitt aus, Adalbert fasste sie starker in seine Arme. O Gott, Adalbert! flusterte Antonie, uberwaltigt von seiner Nahe. Du liebst mich noch, rief er wild, es ist nicht vorbei, ich fuhle es an dem sussen Beben Deines himmlischen Leibes, sage m i r es Antonie, sage es dem Himmel, dass Du mich liebst. Sie standen jetzt auf der Rhede; ja, erwiederte sie gefasst, ja ich sage D i r es und dem H i m m e l , dass ich Dich liebe! Der Mond warf in diesem Augenblick einen leichten Strahl auf ihre Stirn. Gottlich Wesen! rief Adalbert wie verzuckt, ich gehore Dir von jetzt bis in alle Ewigkeit!
Vierzehntes Kapitel
Alexis war trotz aller Vorkehrungen am folgenden Tage dennoch bedeutend krank. Schon in der Nacht hatte er starkes Fieber, sprach und wimmerte angstlich, und schreckte zusammen, als thue er aufs neue den ersetzlichen Fall. Der Kohler war abwesend, er hatte weiter nordlich hin eine Geschaftsreise unternommen, und den Knaben Mariens Pflege uberlassen. Diese war nun aufs ausserste beunruhigt. Sie wich nicht von seiner Seite, und da er in der Fieberhitze nicht im Bette aushalten mochte, so lag er entweder auf ihrem Schoos, oder doch, den Kopf an ihre Brust gelehnt, auf einem Bankchen, das sie mit Decken belegte und bald hier hin und dort hin trug, wie es die Unruhe des armen Kindes foderte. Alles Spielzeug hiess sie herbeischleppen, jede Zerstreuung musste ihm augenblicklich werden. Er hatte nach Kinder Weise in Kisten und Kasten mancherlei hineingekramt, wonach man oft lange vergebens suchen musste. Jetzt verlangte er nach einem Beutelchen, worin, wie er sagte, schone Dinge seien. Man fand es endlich im Garten auf dem schattigen Blumensitz. Alexis offnete die Schnur, und schuttete unter mehrern bunten Steinchen, einigen Silberpfennigen und glanzenden Muscheln, die beiden zerbrochenen Ringe in Martens Schoos. Sie fuhr unwillkuhrlich zusammen, diese hier zu finden, da sie sie lange vergebens gesucht hatte. Das Kind, durch ihre Bewegung erschreckt, glaubte, sie wolle ihm die Kleinodien nehmen, und rief weinerlich, ich habe sie ja von der Erde aufgenommen, und wollte sie wieder mit Wachs zusammenkleben, wie der Onkel in Chambery, aber es ging ja nicht. Nein, nein guter Junge, erwiederte Marie, ihn auf die brennende Stirn kussend, es ging auch nicht, sei nur ruhig, und spiele fort. Hore mal, hub er nach einer Weile an, die Ringe hat die Antonie entzwei gemacht, es war recht unartig von ihr! Sie hat es nicht gern gethan, entgegnete Marie. Ja, rief er heftig, ja, sie hat es mit Willen gethan, ich weiss es. Alexis! drohete Marie sanft, so etwas musst Du nicht sagen! Es ist aber doch wahrhaftig wahr, schluchzte er, durch Krankheit und Widerspruch gereitzt, sie hat mir es ja selbst gesagt. Dir? fragte Marie, Kind, wann denn? I! damals, entgegnete er, wie sie so hasslich war! damals, Nachts, sein Auge flammte hell auf, er sprach entsetzlich schnell, sie setzte sich bei mir aufs Bett, und da schnarrte es so in ihrer Brust wie die grosse Hausuhr, und da traumte mir, und, da sagte sie ich weiss nicht recht, ich glaube, Adalbert gehort mir! Er gehort mir! ich lass ihn nun und nimmermehr, ich habe die Ringe zerbrochen, ich will alles zerbrechen, und dann kam was von Blut, von verschreiben, ich weiss nicht mehr, aber gesagt hat sie mirs gewiss.
Das Schicksal hat mich ihr verschrieben, schrie Adalbert, der in einem Seitencabinet arbeitete, rette mich Marie, rette mich Engel! rief er vor sie hinsturzend. Marien schwindelte es, sie dachte in die Erde zu sinken. Das Kind hatte sich angstlich an ihren Hals geklammert, Adalbert umfasste ihre beiden Knie und druckte sie unter heftigem Weinen an seine Brust. In dem Augenblicke trat Antonie in das Zimmer. Alexis lag mit halb offnen Augen, die Fieberhitze flimmerte zitternd uber die zufallenden Wimpern und riss sie krampfhaft in die Hohe; als er Antonien sah, sagte er furchtsam; sieh mal, sieh mal, da ist die bose Hexe wieder! Nicht doch, flusterte Marie sanft, und wandte sein Kopfchen abwarts nach der Wand. Doch als Adalbert Antoniens Blicke begegnete, fuhr er mit beiden Handen vor die Augen und rief in unmassigem Schmerz, ich bin unwiederbringlich verloren! Marie winkte ihm, sich zu entfernen, er schwankte nach seinem Zimmer. Antonie, sagte sie darauf, Du hast grausame Gewalt geubt! Musstest Du ihn verderben, wenn Du ihn liebst? und willst Du alles todten, was seinem Herzen nahe war?
Antonie stand regungslos da. Marie weinte still. Das Kind war auf ihrem Schoosse eingeschlafen. Jetzt trat Antonie zu ihr, reichte ihr die Hand, und sagte: Schwester, gieb ihn freiwillig auf, Dein darf er einmal nicht bleiben. Du bist furchterlich, seufzte Marie. Aber tausche Dich nicht, Gott hat unsern Schwur angenommen, er allein kann den Eid losen. Er hat auch meinen Schwur angenommen, entgegnete Antonie, auch den seinen, durch welchen er mein ist! Meineid dringt nicht auf zu Gott, sagte Marie, den halten die Engel mit ihren Schwingen zuruck, er fallt auf die Erde nieder! da aber, da saet er unabsehbares Elend! Sie verbarg ihr Gesicht in des Knaben Locken, den Blicken der Schwester zu entgehn!
Diese sank vor ihr auf die Knie, und mit aufgehobenen Handen sagte sie: ich beschwore Dich bei allem Heiligen, gieb ihn freiwillig auf!
Geh! erwiederte Marie gefasst, Gott wird zwischen uns richten! Er hat gesprochen, stammelte jene, in der hochsten Seelenangst, zerbrachen nicht die Ringe in meiner Hand?
Ach! stohnte Marie, die Ringe lagen jetzt, ein bei Seite geworfenes Spielzeug, neben dem kranken Kinde. Nun, rief sie, so moge uns des Ewigen Hand aus diesem Labyrinthe fuhren!
Sie horten jetzt ein Gerausch im Vorzimmer. Antonie stand auf, die Baronin trat eilig herein. Was geht hier vor? fragte sie mit ihrer gewohnten Heftigkeit; Alexis todtkrank, ihr beide in Thranen, Adalbert und der Chevalier wie zwei Rasenden an mir vorbei, die Treppe hinunter, zum Hause hinaus, was habt Ihr? was ist geschehn? Adalbert und der Chevalier? rief Antonie, die es wie ein Ahndungsblitz durchzuckte, das hat etwas zu bedeuten! Freilich, Ihr Kinder, sagte die Baronin, aber was denn, was denn? Ich weiss nicht, entgegnete Antonie, schon halb zur Thur hinaus, als ihr der Herzog in den Weg trat, und sie schweigend in das Zimmer hineinfuhrte. Niemand hatte jetzt den Muth zu einer Frage, oder auch nur zu einer verrathenden Bewegung. Der Knabe ist krank, sagte er, freundlich zu Marien gewandt. Sie bejahete es leise. Er betrachtete sie lange; sieh Pauline, rief er nach einer Weile, gleicht sie nicht der Mutter zum sprechen, grade jetzt, jetzt in diesem Augenblick! Marie streckte ihm die Arme entgegen, ihr Herz ertrug den Kampf nicht langer, sie weinte an seiner Brust auf doppelte Weise zerrissen Sagt mir um Gottes Willen, rief die Baronin, was ist es denn, was Euch so ausser Euch setzt? Dass sie ein Opfer wird, wie die Mutter, entgegnete er heftig losbrechend, das ist es, dass die Teufelskunste, die Aberwitz und freche Klugelei zum Spielwerk machten, ihr das Herz brechen, dass die tollen Fratzen uns noch lange nicht Elend genug bereitet haben, dass o ich mochte rasend werden! Wo ist Adalbert, was ist es mit ihm und dem Chevalier? fragte Marie. Bleibe ruhig, mein Kind erwiederte der Herzog, ihn fuhrt, ihn schutzt die Ehre, sie rettet ihn und uns vielleicht.
Antonie machte eine rasche Bewegung nach der Thur. Nicht von der Stelle, rief der Herzog, sie zuruckhaltend. Verwirrungen anzetteln mogen die Weiber, losen konnen sie nur Manner. Marie faltete ihre Hande zum beten. Recht mein Kind, sagte er, da suche Du Hulfe, d e r Weg ist D i r offen geblieben. Antonie sank wie zerschmettert auf den Boden, und beide Arme gen Himmel gebreitet, rief sie, fuhre Du meine Sache! O! verdammet mich nicht, wimmerte sie, des Herzogs Knie umfassend, Ihr wisst es alle nicht, was mich treibt!
Die Baronin hatte die Ungewissheit nicht langer ertragen konnen, sie war hinausgeeilt, und kam nach einigen Augenblicken mit dem Arzt zuruck, der ihr, von allem unterrichtet, das Nothige mitgetheilt hatte. Der Doktor reichte dem Herzog ein zusammengefaltetes Blatt. Gottlob! rief dieser, so ist er fort! Fort? wiederholten beide Schwestern. Mein Gott, Du bist gewaltig! seufzte Marie, beide Hande auf das kranke Herz legend.
Der Marquis kam jetzt auch herzu. Sie haben sich herrlich geschlagen, sagte er dem Herzog halb laut, der Chevalier ist durch die Schulter geschossen, Adalbert hat einen Streifschuss am rechten Arm unbedeutend, und keinesweges geeignet, ihn an seiner Reise zu hindern. Der Chevalier, ohne zum Tode zu sein, wird das Bett huten, und Adalberts Flucht hat einen Grund vor der Welt, der Anstand ist behauptet. Und die Ehre, fiel der Herzog ein, hat uns alle gerettet, indem sie heilig geachtet ward. Marie, fuhr er zu dieser gewendet fort, Dein Mann ward vom Chevalier beleidigt, welcher Rechte auf Antonien zu haben glaubt, und gestern etwas Zweideutiges beim Heraustreten aus dem Kahne will gehort haben. Worte, mein Kind, sind innere Waffen, welche die ausseren herausfordern. Adalbert fasste die Gelegenheit begierig auf, den tollen Gaukeleien ein Ende zu machen. Er musste mir versprechen, uberlebe er den Ausgang, nach Russland zu fluchten. Es ist geschehn. Jetzt fordere ich Haltung und Ruhe von allen. Das Uebrige wird sich finden.
Funfzehntes Kapitel
Marie und der Arzt blieben die ganze Nacht uber bei dem kranken Alexis; und obgleich das Kind nach Mitternacht ruhiger schien, so wollte ihn die sorgsame Pflegerin doch nicht verlassen. Ihre Haltung war die edelste, ihr Wesen klar und bestimmt. Der kleine Unmuth, die ungezugelte Trauer, der sie sich wohl bei geringfugigern Ereignissen hinzugeben pflegte, schien in die schwankende Kindeszeit zuruckgesunken, der sie plotzlich entwachsen war.
Sie redete gefasst mit dem Arzt uber mancherlei, nur erwahnte sie Adalberts nicht mit einer Silbe. Antoniens wunderbare Natur schien sie sich klar machen zu wollen. Sie kam immer auf diese zuruck. Es ist eigen, sagte sie einmal, dass wir einander so verschieden und doch so ahnlich sind. Auch im Aeussern ist das auffallend. Man sagt, Zwillinge gleichen sich oft zum Verwechseln. Bei uns ist das nur zum Theil der Fall! So im Tone der Stimme, im Gange, in der Handschrist, die gleichwohl schon mehr durch das Innere bedingt wird, und in diesem ist das verwandtliche Begegnen ausserordentlich! Sie schwieg einige Augenblicke betrubt. Ich erinnere mich, fuhr sie fort, dass wir in den fruhesten Kinderjahren oft plotzlich zugleich uber ein Spielzeug herfielen, dass wir so lange daruber weinten und zankten, bis es beiden genommen ward! Wie oft spielen Kinder so ihr ganzes kommendes Schicksal im voraus! Der Arzt fasste sie geruhrt bei der Hand: rechnen Sie darauf, sagte er, dass Gott einem Jeden giebt oder vielmehr lasst, was von je her sein eigen zu sein bestimmt war. Das thue ich auch, Herr Doktor, entgegnete Marie, wie konnte ich sonst wohl noch leben!
Sie redeten hierauf ruhig weiter, und er, um sie zu zerstreuen, erzahlte ihr manch merkwurdiges Beispiel der eben erwahnten Familienahnlichkeiten, welche sich in einer langen Reihe von Jahren durch ein ganzes Geschlecht dergestalt wiederholen, dass man alle des gleichen Namens durch e i n e n hervorklingenden Grundton wiedererkenne. Oftmals, fuhr er fort, ist die Aehnlichkeit nicht so durchgehend, sie springt uber, wie von Grosseltern auf Enkelkinder, anderer Seits wird sie auch wohl durch Vermischungen ganzlich unterbrochen, und tritt erst nach mehrern Stufenfolgen gewissermaassen fremd als etwas Neues auf, ob wir gleich nur das Alte darin erkennen sollten. So ist auch die Individualitat der Volksstamme allein zu begreifen.
Mir fallt bei dem, was sie zuvor uber Geschlechtsvermischungen sagten, ein, entgegnete Marie, dass die Reinerhaltung des Adels, die Ahnenproben, und alles was dahin gehort, wohl auf der Vorliebe fur jene Eigenthumlichkeit beruhen. Und war der alte, einfache Grund wahrhaft gut, so mogen wir uns auch wohl huten, etwas Fremdes darauf zu verpflanzen.
Man muss hierbei, nahm jener das Wort, viel auf die Kraft der Naturen rechnen. Es sichtet sich alles nach und nach, was im Kampf der Zeiten ubereinander geworfen wurde. Und fast immer finden wir in jeder Familie irgend eine versohnende Erscheinung, welche, das Alte und Neue zusammenfassend, den ubergetretenen Lebensstrom, auf eine oder die andere Weise, in seine Schranken zuruckfuhrt. Wie oft, dass ein Kind in Verwirrung und Schmerz geboren, bewusstlos Friede und Freude uber sein Haus mit auf die Welt bringt.
Er dachte hierbei an Marien, welche ihm immer wie ein versohnender Engel erschienen war. Sie aber deutete es anders, und blickte ernst und nachdenklich vor sich hin, dann reichte sie dem Arzt unter fluchtigem Errothen die Hand, und ging, da der Tag bereits angebrochen und Alexis fest eingeschlafen war, in ihr Zimmer zuruck.
Nichts glich der wehmuthigen Theilnahme, der innigen Zartlichkeit, mit welcher die Baronin ihrem unglucklichen Kinde, wie sie Marien nannte, entgegen kam. Alles was sie selbst jemals erfahren und gelitten hatte, alle trube Tage und Stunden, wanden sich wieder aus dem alten Abgrund der Zeit herauf. So vieles hatte sie eingebusst, so vieles heldenmuthig entbehrt, nichts Grosses mehr vom Schicksal verlangt, in das Unabwendbare hatte sie sich schnell gefunden, aber Familienfrieden, behagliches Theilen der letzten Lebensfreuden mit den theuern Verwandten, darauf hatte sie gerechnet, das, dachte sie, sei nicht zu viel gefodert, und nun war alles zerrissen, was sich so naturlich, so von selbst, zusammengefugt. Sie war von dem letztem Schlage wie zerschmettert.
Doch konnte sie nicht lange in einem Zustande verharren der sie zu allem tauglichen unfahig, zu jeder wohlthatigen Erheiterung Anderer ungeschickt machte. Sie gewann Kraft, sich aus einer Kette abspannender Erinnerungen und truber Weltansichten herauszureissen. Das alte Gleichgewicht war bald wieder in ihr hergestellt. Sie fasste die Gegenwart klar auf, und arbeitete einer bessern Zukunft dadurch entgegen, dass sie sich mit dem Arzte vereinte, Antoniens widerstrebendes Gemuth dem Gesetz und der Nothwendigkeit zu unterwerfen.
Erneuen, das wusste sie wohl, lassen sich Menschen nicht. Wegzuwischen, anders zu machen, war hier nichts, das Alte musste bleiben. Die Leidenschaft stumpft sich indess an dem Unmoglichen ab, oder sie wendet sich gegen die Brust, die sie hegt. Die Natur musste zeigen, zu was sie hier Muth habe, zum Besiegen oder Zerstoren!
Antonien ward daher die Unmoglichkeit, jemals zu Adalberts Besitz zu gelangen, hell und anschaulich auseinander gelegt. Du kannst ihn, sagte die Tante, bis ans Ende der Welt, aus der Welt treiben, aber was gewinnst Du dabei? Antonie schwieg. Gehort er dir darum mehr, wenn er Euch beide flieht? fuhr die Baronin fort, was hilft es Dir denn, ein Band locker und lose auseinander zu halten, das Du niemals zerreissen kannst? An Dir ist es also, den fremden Mann aufzugeben, und Deine eingebildeten Rechte bescheiden fahren zu lassen!
Fremder Mann! rief Antonie, Gott! Gott! Hier brennt sein Bild, sagte sie, die Hand der Baronin auf ihre Brust druckend, meine Tante, Sie wissens ja, Sie sagten es selbst, Sie konnten nicht von einander lassen, die unglucklichen Eltern! Wie soll ich denn von ihm lassen! Schieben, ruhren Sie nicht an seinem Bilde, Sie drucken es sonst so tief hinein, dass ich schreien muss! Es schnitt mir ja von Kindheit an blutige Wunden ins Herz, wie soll ich es denn jetzt wegwerfen konnen! Wie fodern nur uberall Menschen grade das Unmenschlichste! Lassen Sie dem Schicksal ungehindert seinen Lauf, ich bitte Sie!
Die Baronin ging nach jedem neuen Versuche trostloser von dem krankhaft verwirrten Madchen zuruck. Es starkte sich ihr wohl das Herz an Mariens ruhigem Walten, an ihrem milden Thun mit Alexis, der unter ihrer Pflege wieder aufbluhete, und sie Stundenlang auf ihren Spatziergangen begleitete, aber sie sah in dem allen keinen Ausweg, und zitterte vor irgend einem entscheidenden Schlage! Ueberall begriff sie die Fassung ihres zarten, so leicht zu verletzenden Kindes, nicht, die keine Anstrengung, keine Gattung nutzlicher Thatigkeit verschmahete, niemals klagte, niemals Adalberts Namen nannte, und jeden Fremden in schicklicher Entfernung zu halten wusste. Zwar hatte sich die Prasidentin bald genug eingestellt, erst leise angechlagen, dann dreister nach dem eigentlichen Grund des seltsamen Duells nachgegraben, auf die unbesonnene Heftigkeit der Manner gescholten, es lacherlich gefunden, dass solche, welchen das Verhaltniss verbiete, die Waffen fur das Vaterland zu fuhren, und die es gewissermassen entwaffnet habe, nun ihre Blutgier gegen einander richten, und dies aus Ursachen wobei sie lauernd inne hielt, denen wohl dieselben lahmenden Verhaltnisse, die ewige, nie zu erschopfende, Politik zum Grunde liege. Marie entgegnete ihr indess gelassen, dass sie das ernste Ereigniss nicht lacherlich finden konne, andern moge es so erscheinen, es sei hiermit, wie uberall mit jedem enthusiastischen Aufwallen, das den Gleichgultigen immer zum Spotte reize. Dann aber liess sie sich auf nichts weiter ein, und die Prasidentin verzweifelte an der strengen Entschlossenheit des sonst so geschmeidigen, fast unterwurfigen Wesens. Sie tadelte deshalb Marien, und meinte, sie habe doch im Grunde viel von Antoniens starrem Trotz. Viktorine hingegen hob die gekrankte Frau auf alle Weise heraus, und suchte an dieser ihre ganze Liebesfahigkeit, und den Schatz weiblicher Tugenden an den Tag legen zu wollen. Mit der Miene einer barmherzigen Schwester stattete sie der Leidenden unablassig Leidensbesuche ab, kam und ging zu jeder Stunde, verschmahete jede andere gesellige Mittheilung, hatte tausend leise Aufmerksamkeiten, und war von einer Aufopferung welche die Welt nicht unbeachtet, nicht unerkannt, lassen konnte. Gleichwohl war sie nicht zu bereden, Antonien ein einzigesmal in ihrer Abgeschlossenheit aufzusuchen. Die Ungluckliche litt zeither an einem unertraglichen Herzkrampf, der sie oft halbe Tage lang unfahig machte, ein Wort herauszubringen. Die Baronin lag deshalb Viktorinen oftmals an, ihre Gute zwischen beiden Schwestern zu theilen, doch sie entschuldigte sich anfangs unter frostiger Zuruckhaltung, endlich aber sagte sie, nicht ohne entstellende Bitterkeit: ich war immer von strengen Sitten, geprufter Auswahl meiner Freunde, und gestehn Sie mir, wurde eine junge Frau, in den Tagen der guten Gesellschaft, Fraulein Antonien ungestraft in Paris haben sehen konnen? Sie konnen es sich nicht verbergen, dass der Schein, trotz aller klugen Maassregeln ihrer Familie, gegen sie ist, und ich gestehe Ihnen, ich liebe meinen Ruf zu sehr, um ihm durch ubel angebrachte Nachgiebigkeit schaden zu wollen. Die Baronin stutzte, doch machte sie eine so stolze als abwehrende Bewegung mit dem Kopfe, und sagte mit gezwungener Haltung: dagegen lasst sich nichts einwenden, das hat die Sitte sanktionirt. Doch kaum hatte sich Viktorine entfernt, als sie mit losbrechender Heftigkeit ausrief, wie grausam und wie ungeschickt sind diese unsichern Geschopfe, die niemals wissen, wie sie mit sich und der Welt stehn, die ohne jene edle Haltung starker, reiner Naturen das elende Spiel fremder Fingerzeige sind, die kalten Blutes warme Herzen todt drucken, weil sie ihrer Meinung nach zu rasch schlagen, und die sich besinnen werden, ob sie eine Mucke in einer regnigen Mainacht aus dem Fenster setzen sollen, wenn grade ein Bewunderer dabei steht! O ich kenne sie auswendig, diese Frauen von sogenannten Grundsatzen, sie waren mir immer ein Greuel! weil sie leise, leise einen Tropfen Gift nach dem andern in den Ruf eines vielleicht bethorten Geschopfes schutten, und dessen Fall dadurch beschleunigen, weil sie selbst die Liebe, die sie nicht kennen, durch geistige Buhlerei verkruppeln, zu der ihnen das komponirte Wesen einen Freibrief auswirken half. Denn ich habe sie ja gesehen, diese selbe Frauen, wie sie ihr studirtes Mienenspiel und die kleinen Mittel ihrer armen Natur in Bewegung setzen, wenn es gilt, einen Mann zu bestricken, den sie nicht lieben, nicht achten, der grade da und Mode ist. Maske ist ihr ganzes Wesen, an der ich mich stets getrieben fuhle, zu rucken, und sie wegzuschieben. Die Welt sieht das auch ein, denn es ist ja zum Sprachgebrauch geworden, von solchen, die eben nichts anders thun als figuriren, gemeinhin zu sagen, sie behaupten ihre Rolle gut in der Welt, sie fallen nie aus ihrer Rolle! Wie anders ist es mit jenen hellen, durchsichtigen Engelsseelen, die an dem Unrecht hingehn, ohne Scheu vor Befleckung, oder die Starken, die uberwunden haben, und mild und gutig auf die hinblicken, die noch im Kampf begriffen sind. Unter allen weiblichen Tugenden ist sanfte Duldung die schonste. Sie kusste hier Marien auf die Stirn, welche sich zartlich an sie schmiegte, wie immer, Liebe und freundliches Anerkennen bei der mutterlichen Freundin findend.
So standen alle Theile zu einander, so hatte ein jeder Monate lang das Leben hingehalten, Sorgen und Bekummerniss in sich verschlossen, gehofft und gefurchtet, als endlich Briefe von Adalbert einliefen. Es waren fliegende Blatter an den Herzog addressirt, ohne Datum, ohne Ort des Auffenthalts. Ihr Inhalt war folgender.
"Zu wem unter Euch Allen soll ich reden? ich bin Euch Allen verschuldet! Ich kann an keinen ohne Schmerz, ohne Vorwurf, denken! Marie! Antonie! Wo ist hier ein Ausweg! War das ganze vorige Leben nicht da? Sagt, ich bitte Euch, ist Wahrheit in den Augenblick, den ich nicht weggeben, den ich nicht erlebt haben mochte? Es ist mir wie im Traum! ich hatte einen Traum O Gott! Traume greifen vor und zuruck, welches ist nun das rechte?
Warum treibe ich mich in so heftiger Eil von Ort zu Ort? Wohin will ich denn? was soll ich in einer ganz fremden Welt! Ich angstige die Postmeister, verleite die Postillone ihre Pferde todtzujagen, sturze mich bis in die Nacht unter unbekannte Gegenstande hin, reisse dann die Menschen unbarmherzig aus ihrem Schlaf, gonne Niemand Ruhe, weil ich sie selbst nirgend finde, setze nach kurzer Frist alles wieder in Bewegung, und schleppe mich heute wie gestern trostlos in der Irre umher. Wozu nur das? Ich sehe dem allem kein Ende?
Es muss anders werden! Gestern fand ich in einer Stadt franzosische Kriegsgefangene. Es waren Leute von meinem Regiment dabei. Sie erkannten mich gleich! ich glaubte Musik zu horen, als das Wort, Camerad, uber ihre Lippen flog. Ist denn der Mann noch etwas anderes als Soldat! Sie fragten mich wo ich hinwolle? Ich stand beschamt unter ihnen. Weiss ich es selbst! weiss es irgend eine Seele?
Ich mochte nach Frankreich zuruck! Der sche Gesandte bot mir es an, mir die nothige Erlaubniss auszuwirken, es gehn viel Emigrirte von hier dahin ab. Ich will wieder Kriegsdienste nehmen! Es muss anders werden!
Marie! meine Marie, weinst Du? Gott im Himmel! warum hast Du mich so elend gemacht! Vergieb mir Engel! aber ich kann, ich darf nicht zu Dir zuruck!"
Marie faltete die Blatter zitternd zusammen, nachdem sie sie gelesen und handigte sie dem Herzoge wieder ein.
Es ist im Grunde gut, sagte dieser, unruhig in ihr Auge blickend, dass sich die alte Kriegslust wieder in ihm regt; so schlagt doch etwas Bestimmtes den widerwartigen Streit nieder, er nimmt sich zusammen, er richtet sich an grossen Beispielen auf, und die gesunde Natur heilt sich nach und nach aus. Meinst Du nicht mein Kind? Marie druckte ihm die Hand, und weinte still in ihr Taschentuch. Sieh, fuhr er fort, wir konnen ja nun auch nach Frankreich zuruck. Wir sind ihm dann naher. Ich muss es Dir nur sagen, Dein Vater und ich haben seit Kurzem daran gearbeitet. Was sollen wir Krafte und Mittel im Auslande verschleudern? Wir haben ohnehin genug eingebusst; mit der Wiedererstattung daheim sieht es freilich misslich aus, indess hat der Marquis Hoffnung, sein Stammhaus an der Rhone wieder zu erlangen, und haben wir erst festen Fuss gefasst, so findet sich auch manches andere zu thun und zu erlangen.
Sein Stammhaus, sagte Marie, die Flammen haben es ja verschuttet. Er denkt es wieder aufzubauen, entgegnete der Herzog, lass ihn sich daran wagen, es beschaftigt ihn und lenkt ihn von thorigen Grubeleien ab. Sein Stammhaus wiederholte Marie noch einmal. Sie hielt einen Augenblick inne, dann sagte sie mit fester Stimme, mein Vater, ich kann nicht zweifeln, Gott habe zwischen mir und Antonien entschieden, die Natur lasst sich nicht irren, sie hat ihr einfaches Wort gesprochen, Adalbert ist durch sie an mich gebunden, er ist Vater. Der Herzog sah sie uberrascht und zugleich mit Ehrfurcht an, kusste ihre Stirn, und sagte, meine Tochter, bewahre das als ein heiliges Geheimniss, das in dieser Verwirrung noch nicht an das Licht treten soll. Vertraue Dich Niemand als dem Arzte, greife der Entscheidung durch nichts vor, lass die Natur ungehindert ihren zuverlassigen Sieg bereiten. Sie will uns in ihre stille Ordnung zuruck haben. Mein Gott! sagte er nach augenblicklichen Nachsinnen, wie ungestum ist der Mensch! wie arbeitet er sich an dem Unmoglichen ab, und dann kommt ihm das Gute unversehens von selbst, aber anders, ganz anders wie er es dachte! Mein Kind! es ist viel Wunderbares in dem Leben!
Von jetzt betrieb er nun die Versohnung mit dem Vaterlande auf alle Weise, was ihm um so leichter ward, da die gemassigte Gewalt der Direktoren nach der dritten Constitution, den Ausgewanderten die Thore der Heimath offnete. Frankreich hatte um diese Zeit mit einem Theil seiner auswartigen Feinde Frieden geschlossen. Es begrundete sich nun in sich selbst und zog die vertriebenen Mitburger theils durch die wieder aufgehende Ruhe, theils durch die allernaturlichsten, unzerreissbarsten Bande, nach und nach an sich. Auch der Kohler ward des Suchens und vergeblichen Ansiedelns in der Fremde mude, und schon im Herbst begleitete er den Marquis, der, den Wiederaufbau des Rhoneschlosses betreibend, vorauseilte, nach Frankreich zuruck, wie er ihn fruher aus diesem fuhrte.
Die Andern sollten unter dem Schutz des Herzogs
in kleinen Tagereisen folgen, und in B e s a n c o n Nachricht uber ihren fernern Aufenthalt erwarten, da vielleicht ein Theil des Schlosses stehn geblieben sei, und sie dort bis zur Wiederherstellung des Ganzen einziehen konnten. Marie fugte sich in alles, ohne grade besondern Hoffnungen Raum geben zu wollen. Doch wie es auch werden mochte, angstlicher konnte ihre Lage nirgend sein, als hier, wo ihr alles so liebe, gluckliche Tage zuruckrief, und wo sie jetzt die dunkle Gegenwart doppelt druckte. Auch konnte sie es nicht wehren, dass manch verheissender Traum unmerklich aus der unbekannten Zukunft heraufstieg; sie druckte ihn wohl scheu und bescheiden zuruck, aber er war doch einmal da gewesen, und jeder Blick in die Ferne zeigte ein mogliches Gluck, da die nahen Umgebungen im Gegentheil nur Storung und Sorgen enthielten. Denn Antoniens Zustand ward mit jedem Tage leidenschaftlicher, ihr Sinn immer finsterer. Sie kam wenig mehr unter Menschen. Meist allein in ihrem Zimmer, war sie beschaftigt, Scenen aus ihrem Leben, welche Bezug auf Adalbert hatten, mit grosser Kraft und erschutternder Wahrheit, in reichen und schon zusammengestellten Gruppen, mit Kreide auf das Papier zu werfen. Vorzuglich verweilte sie bei dem Uebergang uber den Gotthard. Alle andern Gestalten waren nur eben angegeben, Adalbert allein mit der hochsten Liebe in ruhrender Aehnlichkeit ausgezeichnet. Niemand konnte den Zug tiefen Leidens in seinem Gesicht ohne Wehmuth sehen. So mochte sie sich ihn am liebsten denken. Oft wenn sie stundenlang an seinem Bilde gearbeitet hatte und seine Lippen sich wie zum Sprechen zu offnen schienen, dann druckte sie die ihren darauf, und verwischte mit ihren Thranen die trugerisch verlockende Erinnerung!
Die herannahende Veranderung ihres Aufenthaltes war ihr willkommen. Sie verlangte sogar mit Heftigkeit darnach. In den letzten Tagen vor ihrer Abreise zeigte sie sich geselliger, oftmals heiter und liebreich, ihr war, als sei die Entscheidung nun ganz nahe. Sie sprach mit Liebe von der Rhone und dem bluhenden, heimathlichen Boden! zuweilen hoffte sie, die Flammen sollen nur das Innere des schonen Schlosses angegriffen und die Moglichkeit gelassen haben, es wieder bewohnen zu konnen. Sie pries dem Arzt die Herrlichkeit der schonen Besitzung, und lag ihm an, sie dahin zu begleiten. Sie hatte sich einmal an seine milde Behandlung gewohnt, selbst auf gewisse Weise Vertrauen zu ihm gefasst. Es schien ihr trostlich, sich ihn als eine Art von Mittelsperson zwischen ihr und der ubrigen Familie zu denken, er war vielleicht der Einzige, der sie verstand, seit sich auch der Herzog von ihr wandte. Sie hatte eine so beherrschende Gewalt in ihren Worten und Mienen, sie bestimmte nicht eigentlich durch Grunde, allein sie uberwaltigte die Grunde Anderer so, dass der leutselige Mann, durch Theilnahme fur eine der wunderbarsten Erscheinungen der Zeit, wie fur eine ganze liebenswurdige Familie, bewogen, in ihren Vorschlag willigte.
Am Vorabend der Reise trat der Chevalier zum erstenmal nach jenem ungluckseligen Vorfall wieder in ihren Kreis. Ein jeder ward durch seinen Anblick erschuttert. Er nahete sich Antonien, und in ehrerbietiger Entfernung sagte er: ich habe Sie beleidigt, mein Fraulein, mein Blut konnte den Frevel nicht wegwischen, ich will ihn abbussen, auf welche Weise Sie es wollen, unter allen Strafen die Sie mir auflegen konnen, ist wohl die harteste, Sie zu fliehen, doch ich bin Ihnen so sehr verschuldet, dass ich mich auch dieser unterwerfen muss. Wissen Sie aber eine freundlichere Art, die truben Missverstandnisse auszugleichen, wollen sie mir die schone Pflicht Antonie winkte mit der Hand der Krampf stellte sich wieder ein, er zog ihr das Herz zusammen, sie konnte nicht reden, und als der Chevalier ubermannt zu ihren Fussen sank, bezeigte sie die unertraglichste Unruhe. Ich bin ein Thor! rief er, stolz aufspringend, ein Unrecht gegen Sie durch ein grosseres gegen mich selbst aufheben zu wollen. Man gewinnt nie sogleich durch die erste veranderte Stellung das verlorene Gleichgewicht wieder, aber ein franzosischer Ritter hat es noch immer gefunden, wenn es die Ehre gebietet. Ich denke, es zweifelt niemand an mir, sagte er, zuversichtlich umhersehend, die kleinen Wolken auf der Stirn wird der ruhige Tagesschein bald wieder wegwischen. Er grusste anstandig, und verliess einigermassen zufrieden mit sich selbst, den Schauplatz einer kurzen, ziemlich hart bestraften, Thorheit.
Sechzehntes Kapitel
Der Marquis ward gleich bei seinem Eintritt in Frankreich auf eigene Weise uberrascht. Was er auch bis dahin von der neuen Verfassung gehort, was er selbst daruber gelesen hatte, er fand kein eigentliches Bild dafur in seiner Phantasie. An die Vorstellung des Gesetzlichen, der wiederbegrundeten Ordnung, reihete sich unwillkuhrlich die Erinnerung des ehemals Bestandenen. Es blieb ihm stets das Alte, er mochte es zurecht legen und stellen wie er wollte.
In dieser dunklen, wenn auch nicht ausgesprochenen, Erwartung, betrat er jetzt franzosischen Boden. Sitte und Nothwendigkeit hatten nach grade genauere Schranken gezogen. Eine jede Thatigkeit fand ihre eigene Sphare. Betriebsamkeit und tuchtiges Wesen suchten uberall wieder zu schaffen, zu erneuern. War indess das Leben in seinen Grundbestimmungen, auf die Weise, hier wie uberall, dasselbe geblieben, so war die Form desselben dennoch so ganz anders geworden, dass er sich nicht darin zu finden wusste, und grade durch die gesetzliche Feststellung des Neuen am meisten erschreckt ward. So lange noch alles in der allgemeinen Crisis begriffen, und ein jeder mir in die Gahrung hineingezogen war, konnte das zerrissene Gefuhl nicht zum eigentlichen Bewusstsein gelangen, doch jetzt, wo sich der Tumult arbeitender Krafte gelegt, und wirklich etwas gestaltet hatte, prallte das Auge scheu vor dem Fremden, Ungewohnten, zuruck. Der Marquis empfand den Stoss in der Fortentwickelung der Zeit, allein er konnte sich nicht besinnen, auf welchem Punkte er selbst stehe!
Um nichts besser ging es ihm beim Wiederfinden seines alten Besitzthumes, in welchem man kaum noch die Spur menschlichen Wohnsitzes erkannte. Das machtige Schloss war vollig in sich zusammengesturzt, und die gewaltigen Massen ubereinanderliegender Steine schienen Frieden mit der Gegenwart geschlossen zu haben, die wohl nicht mehr an ihnen ruhren mochte. Eine grune Moosdecke hatte sich schon uber das dunkle Gemauer ausgelegt, von der Terrasse herauf wanden sich Wein- und Epheuranken an einzelne Pfeilerstumpfe hinan, die Baume, welche es von der Wallseite schutzten, waren abgehauen, nichts von allem war sich gleich geblieben, als die prachtvolle Rhone, die, wie die Natur, an der verwustenden Zeit, in stiller Nothwendigkeit voruberging.
Nirgend mochte menschlicher Sinn hier an an heimathliches Ansiedeln, an friedlichen Lebensverkehr denken. Das Einzige, was sich noch in bewohnlichen Stand setzen liess, war ein ehmals moderner GartenPavillon, dessen Aussenwande ziemlich unverfehrt geblieben, und von dem nur die Bedachung und das Innere der Gemacher zerstort waren. Alle umfassende Plane des Marquis, alle seine Hoffnungen und Wunsche schrumpften demnach, bei genauerer Besichtigung des Vorgefundenen, auf die Wiederherstellung dieses einen, armen Restes ehemaliger Herrlichkeit, zusammen!
Zwar konnte er nicht sogleich einen Plan aufgeben, in welchem er seit langer Zeit lebte. Er hatte immer gehofft, das Alte wieder zu erneuern, und sich in mitten des koniglichen Gebaudes gleichsam als Zauberer betrachtet, welcher die Bande zwischen Vor- und Mitwelt versohnend zusammenhalte. Jetzt lag der tiefe Grund freilich verschuttet, aber er hoffte, die Zeit, die so Grosses verschuldet, werde auch nach und nach seinen Wunschen begutigend entgegen kommen.
Kaum hatte er sich indess an die neue Arbeit gewagt, Plane entworfen, Arbeiter angestellt, und selbst sein aufmerksames Auge darauf gerichtet, als er an dem Fortgange des Ganzen das lebhafteste Interesse nahm. Er hatte nie etwas Aeusseres erschaffen, ihm ward die Ringmauer des neuen Gehoftes eine Art magischer Kreis, in welchem er mit unglaublicher Schnelligkeit wirkte! Es war noch so vieles zu thun, so vieles aus der widrigen Verwilderung herauszureissen! Und zu dem behaglichen Gefuhl, auf dem Boden seiner Vater zu schalten und walten, gesellte sich bald die zuversichtliche Hoffnung, welche Mariens Briefe ihm nunmehr mittheilten, da deren Zustand nicht langer zu verbergen war, und sie, ihrer Entbindung nahe, eine grosse Sehnsucht nach dem Ort ihrer Bestimmung hegte.
Die Familie hatte einen Theil des kurzen Winters in Besancon verlebt, und traf nun zu Anfang des Marzes bei dem Marquis ein, den sie in ganz fremder Umgebung fanden. Vom alten Schloss sah man hier nichts. Das erneuete Gebaude lag zwischen heitern Pflanzungen, welche, noch ziemlich jung, der Raubsucht zu geringer Ausbeute dienend, unangetastet geblieben waren, und jetzt einen leicht gewundenen Pfad beschatteten, der sich an dem flacher werdenden Ufern des Stromes hinwand. Der Suden schickt seine Fruhlingsbluthen fruh. Das Gras duftete hier schon von tausend wurzigen Krautern, die Baume sahen nach und nach aus ihren Bluthenaugen hervor, alles schien sich zu Empfang und Freude zu schmucken. Der Kohler, welcher uberall rustig Hand anlegte, und sich, als alter Waldbewohner, auf Baume und Pflanzungen verstand, hatte manches zu Verschonung der neuen Anlagen beigetragen. Man musste sich in der kleinen Schopfung behaglich, recht hauslich wohl fuhlen.
Die Baronin war wie im Himmel. Sie horte, sah und empfand in allem ihr Frankreich wieder. S i e storte weder das Neue, noch vermisste sie das Alte! Alles war, wie es sein musste, sein konnte, sie hatte nichts daran auszusetzen. Sie mochte alle Menschen glucklich denken! Marie trug sie auf den Handen. Um alles hatte sie Adalbert herzaubern, ihr ihn wiedergeben, Antonien beruhigen, schadlos halten mogen! Sie hoffte deshalb manches in dem zartlichen Ungestum ihres Herzens, was sie sich selbst nicht anzugeben wusste, da auch wirklich kein eigentlicher Ausweg zu finden, kein Trost bei dem ganzlichen Mangel an Nachricht uber Adalbert zu ertheilen war. Marie behielt indess Muth, und die stille Ergebung, welche es ihr allein moglich machte, Antoniens zerreissenden Schmerz zu ertragen, der diese befiel, so oft sie Marien ansichtig ward. Die arme Marie zog sich dann bescheiden und sanft zuruck, und weinte oft im Stillen uber den unbegreiflichen Widerspruch der Natur, welcher der Einen das zur Pein werden lasse, was das einzige und hochste Gluck der Andern sei. Sie fragte auch wohl ihre Freunde, wie sich die immer wachsende Verwirrung losen, wie alles enden solle, und diese wussten sie dann freilich einzig auf Gott zuruckzufuhren, der einmal alles so zugelassen habe, und es nach seinem Willen fugen werde.
Der Marquis aber war weder so gelassen, noch in dem Unvermeidlichen gefasst. Ihn verliess zu Anfang der alte Glaube, als sei er zur Wiederauffindung der magischen Krafte seines Stammes ausersehen, auch keinesweges. Nur hatte er, wie immer, durch seine Zeit getrieben, einen neuen Weg einschlagen, und indem er sich in die Aussenwelt wagte, ruhrte diese auf eigene Weise an sein Inneres. Er ward unruhig uber das Vergangene, es irrte und storte ihn, besonders der Anblick des alten Schlosses, das er auch mit einer Art von Scheu vermied. Er wandte sich nun mit grosser Heftigkeit in die Zukunft, und strebte angstlich, das langsame Wenden des Zeitmomentes zu uberfliegen. Alles sollte schon da, alles zum Empfang des Kindes, das aus seinem Blute ausgegangen war, bereit, und er im Stande sein, dieses in seinen Geheimnissen auferziehend, zur Bluthe einer neuen Weltherrlichkeit zu bilden. Doch erschreckte ihn unter solchen Vorstellungen oft plotzlich Antoniens gespenstisches Erscheinen. Sie schlich wie ein Spuk an dem Schlossgemauer hin, und sah verwirrend aus dem alten Leben herauf. Dem Marquis war zuweilen, als sei mit ihrer Geburt der Natur Gewalt angethan, und das langst Verschollene freventlich ans Licht gerissen worden. Er gedachte dabei der Stunde ihrer Geburt, des damaligen Aufruhrs seiner Sinne, der Marquise, ihrer Leiden; Mariens herannahende Niederkunft mischte sich beengend unter diese Bilder, er fuhlte sich plotzlich in Erinnerung und Erwarten zerrissen, in keinem Zeitpunkt seines Lebens behaglich froh. Die verarbeiteten Krafte erschopften sich endlich in dem steten Kampfe; er verfiel in eine Abspannung, welche, von einem abzehrenden Fieber begleitet, Alle, und besonders den Arzt, fur sein Leben bange machte.
Um diese Zeit ward Marie sehr leicht und glucklich von einem Knaben entbunden. Am nemlichen Tage erhielt der Herzog die bestimmte Nachricht, dass Adalbert bei der Armee in Savoyen fechte, und ihnen folglich nahe sei. Doch wollte er, im Augenblick des eben eroffneten Feldzuges, sein Gemuth nicht durch eine Nachricht erschuttern, von der es nicht wohl voraus zu sehen war, wie sie ihn treffen werde. Er begnugte sich daher, ihm zu schreiben, dass sie alle nach Frankreich zuruckgekehrt seien, und er selbst vor der Hand noch auf den Gutern des Marquis bei diesem lebe. Zugleich bat er ihn dringend, sobald als moglich etwas Naheres von sich horen zu lassen, und sowohl ihm, als seiner Familie, uber seine gegenwartige Lage Auskunft zu geben.
Antonie gerieth durch die Nahe des Geliebten, wie durch des Kindes Geburt, in den allerentsetzlichsten Zustand. Ihr Abscheu gegen die neue Wohnung trieb sie jetzt noch rastloser im Freien umher. Stundenlang lag sie wimmernd auf dem alten Gestein, und breitete ihre Arme uber die Rhone hinaus, dem armen Vertriebenen entgegen. Wie ausgestossen von aller Welt brachen sich ihre Klagen an den zusammengesturzten Mauern. Der Strom rauschte ernst dazwischen, und schien ihr aus der Tiefe Antwort zu bringen. Oft lockte sie sein wogendes Bett, doch fuhlte sie sich starr und wie eisern in den Gliedern, sobald sie sich dem Wasser zu sehr nahete. Sie hatte ahnliche Wirkungen schon fruher, Zeitenweise, verspurt, es ging ihr fast auf ahnliche Weise damit, wie mit dem Beruhren der Metalle, vorzuglich bei hellem Sonnenschein. Doch wie auch der Fluss selbst aus der Ferne auf sie wirkte, sie konnte von ihrem Lieblingssitz auf der hohen Terasse nicht lassen, ob sie es gleich zum oftern durch verstarkten Herzkrampfe und die peinlichste Angst bussen musste. Hier war sie allein, hier trat ihr Adalbert nahe, hier war er ihr eigen, daheim war alles ungestaltet, das Leben, ihr Herz, zerrissen! Vielleicht stockte das arme Herz einmal auf immer in dieser seligen Abgeschiedenheit!
Siebenzehntes Kapitel
Es war Ende Mai, drei Wochen nach der Schlacht bei Lodi, dass Marie ihren Knaben taufen, und ihn nach ihrem Vater nennen liess. Der Marquis war so schwach, dass er das Bett nicht mehr verliess, und die heilige Handlung vor diesem verrichtet werden musste.
Antonie hatte sich nur mit Muhe wahrend derselben im Zimmer erhalten, sie sturzte verstort hinaus, und warf sich athemlos auf die Schlossterrasse nieder. Gott hatte das Kind in seine Liebesarme aufgenommen! Die Versohnungsworte waren uber dasselbe ausgesprochen, es war geheiliget, ihr Recht auf Adalbert vernichtet, der Natur geheimnissvolles Walten blieb ein unentworrenes Rathsel. Sie starrte finster in sich hinein, sie konnte nicht beten, nicht weinen!
Die Sonne neigte sich bereits, und warf ihre Strahlen scheidend uber den Strom, als mehrere flache Fahrzeuge, von jungen Weibern gefuhrt, mit Wasche beladen, an das Ufer stiessen. Die Schifferinnen befestigten ihre Kahne, traten mit den weissen, nackten Fussen, auf einzelne freiliegende Steine des Walles, und flink und munter spulten sie das Linnen in dem klaren Wasser. Das Klatschen der Wasche schien den Takt zu ihren Liedchen zu schlagen, die sie frohen Muthes, mit schonen, hellen Stimmen sangen. Diese Tone, welche aus dem Wasser heraufzusteigen schienen, lockten zuerst Thranen aus Antoniens Augen. Ihr granzenloses Elend, wie das ganze, verfehlte Streben ihres krankhaften Daseins, fiel mit solcher Gewalt auf sie nieder, dass sich ihre Sinne verwirrten, und sie kaum noch wusste, wo sie sei, und was in ihr vorgehe. Fast war die Sonne hinunter, weisse Nebelkreise stiegen uber die Wiesen, jenseit des Stromes herauf; bald dampfte das Wasser in dichten Wolkenwirbeln, der Abendvogel zog schwirrend voruber, die Stimmen dort unten klangen noch. Jetzt sangen sie das Lied von einer Zauberkonigin, die einem armen, schonen Kinde den Buhlen entfuhrt, ihn in Liebesnetze verstrickt, durch bose Kunst an sich gekettet halt, bis diese sich verzweifelnd in die Wellen sturzt, und jeden Abend den Treulosen aus flusterndem Rohrgesausel an sich ruft. Die Stimmen schweigen plotzlich, denn eben jetzt rauscht es zitternd durch die schwankenden Rohrhalme. Antonie fahrt schreiend in die Hohe, die Weiber, vom Lande stossend, sahen sie, wie sie mit drohender Geberde aus dem wusten Gemauer heraufblickte, und verhullten Gesichtes gleiten sie pfeilschnell die Rhone hinunter. Antonie bleibt regungslos, wie verzuckt, stehn, das Herz stockt ihr in der Brust, sie kann kaum noch athmen, das Blut scheint in den Adern zu kochen, sie greift krampfhaft umher, in der Angst fasst sie den Dolch, und stosst ihn langsam, langsam, sich an dem Stahle kuhlend, in die kranke Brust hinein.
Ihre Augen waren noch nicht geschlossen, als, nicht weit von ihr, zwei Manner in der abendlichen Dammerung auf dem Gestein niedersassen. Antonie richtete sich in die Hohe: Adalbert! rief sie schwach, er schwankte, von dem Andern gefuhrt, zu ihren Fussen. Das Wasser rauschte, wie an jenem Abend, neben ihnen, der Mond warf, wie damals, seinen verklarenden Schein auf Antonien, sie sagte stark, mit aufwarts gewandtem Auge: ich gebe Dich frei, Adalbert! dann sank sie, auf immer verstummend, an die Trummer ihres Stammhauses nieder.
Achtzehntes Kapitel
Der Marquis hatte sich indess ungewohnlich gegen Abend erholt, er sass aufgerichtet im Bett, Marie auf einem Fussbankchen neben ihm, das Kind lag in blendend weissen Tuchern auf ihrem Schooss, seine grossen Augen schon hell nach dem Lichte wendend, durch das offne Fenster strichen angenehme Luftzuge, die nahen Pappeln und Linden schutteten ihren Bluthenduft in das Zimmer, Marie tandelte leise mit dem Knaben, der Marquis sah lachelnd auf beide, und redete viel und heiter mit der Baronin und dem Herzoge, welche ihren Platz zu den Fussen des Bettes genommen hatten, der Arzt reichte ihm von Zeit zu Zeit einige Tropfen mit Wein vermischt, und bezeigte sich uberall sehr aufmerksam. Nicht lange, so schlief der Kranke erschopft ein. Da klopfte es an der Thur, sie ging auf, und es traten zwei Manner in Uniform herein. Auf das Gerausch schreckte der Marquis in die Hohe. Das Erste was ihm in die Augen fiel, war jene Gestalt, welche ihm bei Schloss Clairval in den Weg trat, er fuhr heftig auf, lass mich! schrie er, ruhr mich nicht an! der kranke Burger Villeroi geht zu den Barmherzigen im Himmel! Ich transportire Verwundete, erwiederte jener ruhig, wie zum Rapport, der brave Camerad hat bei Lodi was weggekriegt, er kann den Sabel leider Gottes nicht mehr fuhren, die rechte Hand ist ihm entzwei geschossen, er soll sich bei den Seinigen ausheilen. Ich will mich ausheilen, sagte Adalbert leise mit abgewandtem Gesicht. Seine Stimme rief dem Marquis den jungen, schlanken Chasseur-Offizier in diesem Augenblick zuerst wieder zuruck. Mein guter Engel! rief er betroffen, Du, Adalbert! Marie lag schon langst auf ihren Knieen, das Kind mit aufgehobenen Handen Adalbert entgegen haltend, dieser schwankte zu ihr hin, er kniete ebenfalls vor dem Kinde, beide Eltern spiegelten sich in dessen hellen Augen, ihre Thranen mischten sich auf den zarten Handchen, die damit zu spielen schienen. Dieser Thau wusch alle fremde Bilder aus Adalberts Seele, rein und heilig, druckte er Frau und Kind an sein Herz, das er Marien auf immer wiedergegeben fuhlte. Alle waren wie neu geboren, der Herzog segnete erst jetzt mit freier Brust die Verbindung seines Sohnes ein, Marie schwamm in Freudenthranen, sie war wieder ein seliges Kind geworden, sie schmiegte sich zartlich und liebkosend an Vater und Freunde, als der finstere Kriegsmann einige Schritte vortrat, und mit seiner barschen Stimme sagte, ich wollte nur melden, dass draussen bei dem alten Mauerwerk ein Frauenzimmer in ihrem Blute liegt, die hineingeschafft werden muss. Todesbote! rief der Marquis entsetzt, der Herzog und der Arzt sturtzten zum Zimmer hinaus, Adalbert sah bleich zur Erde. Ist sonst noch etwas hier zu thun? fragte dessen wilder Camerad, Adalbert winkte verneinend mit der Hand, und jener verliess sie ungesaumt. Todesbote! wiederholte der Marquis, sich in seine Decken verhullend.
Adalbert, sagte die Baronin, trinke jetzt beherzt die letzten Tropfen aus Deinem Leidensbecher. Es ist Thorheit, wenn man denkt, das Gewaltsame konne mild enden! Ein Ausrenken oder Verzerren der schonen Naturverhaltnisse kann nur durch einen Stoss oder Schlag in seine Ordnung zuruckspringen. Der Schlag ist erfolgt. Sieh nun auf die heitere Ordnung des Lebens! Adalbert druckte bejahend ihre Hand.
Jetzt kam der Arzt zuruck. Wie ist sie gestorben? fragte der Marquis. Nach dem starken Anschwellen der Blutadern zu urtheilen, entgegnete jener, hat sie in der Angst des gewaltsamen Krampfes, wie schon ofter, Kuhlung vom Stahle erwartet, und sich den Dolch bewusstlos in die Brust gestossen. Der Marquis faltete schweigend die Hande. Alle blieben lange stumm. Darauf foderte er, fast bittend, man solle ihm sein unglucklich Kind noch einmal zeigen.
Antonie lag sauber, in jenem weissem Gewande mit hohem abwartsstehendem Kragen, auf einem Ruhebett im Nebenzimmer, der Arzt offnete die Thur dahin in dem Augenblick, als Giannina und Alexis ihr eine Krone von dunklen Malven auf das Haupt setzten. Ihr Gesicht, weiss wie Marmor, schien ruhig, der Korper lag grade, die Hande gefaltet auf der Brust. Der Marquis liess sich in die Hohe richten und sah freundlich zu ihr hin. Er verbot, die Thur wieder zu schliessen, bat Alle, die Nacht bei ihm zu bleiben, und verlangte selbst den Korb des kleinen Renaud dicht an sein Bett geruckt zu sehen.
So blieben alle versammelt; zwischen dem Tode, dem aufbluhenden und hinscheidenden Leben, her und hin gehend. Gegen Mitternacht sagte der Marquis: es ist alles Gegenwart in der Liebe! ich lebe jetzt alle schone Augenblicke aufs neue mit der Marquise! es ist alles wieder da, ganz da! Es ist schon mit dem zugleich! aber der Mensch ertragt es nicht, er ist zu schwach! deshalb kann er auch die Vergangenheit niemals durch die That zur Gegenwart machen! es geht niemals, niemals! Er seufzte tief; ward unruhig, und schien etwas zu verlangen. Marie legte ihm schweigend ein Cruzifix auf die Brust. Er griff mit beiden Handen danach, befuhlte es lange, und rief dann freudig, das ist die Figur der Welt! Der Erloser der Schlussel des grossen Buches mein Gott! stammelte er gebrochen, Du bist die Liebe, in Dir ist ewige Gegenwart. Sein Kopf sank auf die Brust, die Lippen beruhrten das Kreuz, der Athem flog leicht zum letztenmale daruber hin. Der Arzt druckte ihm schweigend die schonen, starren Augen zu. Dann sagte er bewegt: so hat er denn ein Wunder erlebt, das einzige und ewige, die Fortentwickelung der Zeit!
Nach wenigen Tagen wurden Vater und Tochter neben dem alten Schlosse an den Ufern der Rhone beigesetzt. Marie schuf hier einen neuen Blumensitz, und Antonie lebte ohne Zauberei still und friedlich in Adalberts Seele, dem ein freundlich-heiteres Dasein an Mariens Liebe und seines Kindes Leben aufging. Die alten Wunder waren von der Erde verschwunden, aber die Liebe schuf taglich neue. Die Magie ihres Familienstammes bluhete in Marien auf so eigene reizende Weise wieder auf, dass sie ihres Gatten Herz in stets unaufloslichern Banden an sich zog.
Die Baronin und Giannina verliessen sie niemals, doch den Herzog trieb die erwachte Liebe zum Vaterlande noch in mach neues Kriegsunternehmen. Auch Alexis ward in der Folge Soldat, wahrend sein Vater das Grab seines alten Freundes hutete.