Caroline Auguste Fischer
Margarethe
Ein Roman
Von der Verfasserin von
Gustavs Verirrungen
Stephani an seine Verwandten.
Scheltet nur! es ist nichts angefangen, noch weniger vollendet. Eure Empfehlungsschreiben sind nicht abgegeben und euere Auftrage nicht besorgt. Der Alte! werdet ihr rufen. O nein! nicht ganz der Alte. Seit acht Tagen, die ich hier bin, noch kein Schauspiel besucht, alle Kunstschatze unbesehen, alle mondhellen Nachte durchschlafen.
Ihr werdet das Alles begreifen, wenn ich euch sage, dass Bernhard plotzlich in Dienstesangelegenheiten verreist war, von meiner Ankunft nichts wusste und nun gerade am Abende vor seinem Geburtstage zuruckkehren wollte. Da nahmen mich dann sogleich die Kinder in Beschlag und forderten Altare, verschlungene Namen und Illuminationen. Das herrliche Weib, die Mutter, schamte sich beinahe ihres Ungestumms; doch ging ihr der Tadel auch nicht von Herzen, und so machten die kleinen Qualgeister mit mir, was sie wollten.
Bernhards Ueberraschung war unbeschreiblich. Er vergass im ersten Augenblicke Weib und Kind. O die gluckseligen Menschen! Ich sage euch, mein sehnsuchtiger Geist ist befriedigt, oder wenn ihr wollt, eingewiegt, seitdem ich das Alles so dicht um mich her sehe.
Die Kinder nennen mich den grossen Bruder und Abends mag ich mich fluchten, wohin ich will, sie wissen mich aufzufinden und an das Rasenplatzchen zu bringen, wo des Erzahlens kein Ende wird; es sey denn, dass uns die Mutter zum Abendessen herein treibt.
Gelingt es ihnen aber nicht, mich von der Gegend zu entfernen, komme ich fruher als sie, so bin ich unbeweglich und sie mussen mich allein lassen. Auch des Morgens durfen sie mich nicht storen. So hoffe ich doch noch etwas zu Stande zu bringen und, seyd nur ruhig, euere Auftrage sollen auch besorgt werden. Es ist eine liebliche Gegend und schon vom sudlichen Hauche belebt. Landschaft mochte ich aber doch nicht hier studiren: denn, wie gesagt, es bleibt Alles beim Lieblichen, und Scenen wie bei uns, fehlen ganz und gar. Um so treuer widme ich mich dem historischen Fache, fur welches ich, wie ihr wisst, unschatzbare Kleinode hier finde.
Ob das nun der Zweck meines Lebens werden soll? Ich bitte euch, lasst mich! lasst mich doch! Ich gebe euch nichts zu bereuen, darauf konnt ihr bauen.
Wenn nun der Anblick himmlischer Schonheit mich erquickt, wenn mein umdusterter Geist heller, mein hochpochendes Herz ruhiger wird, handle ich dann wider euch? wider mich? Denkt an euere Angst, ich wurde mich der Buhne widmen war sie gegrundet? Vertraut nur der Mutter, wenn ihr mir wieder nicht glaubt. Sie wusste immer fruher als ich selbst, was ich wollte. Ich bin im Schauspiele gewesen, und es hat mich wunderbarer als jemals angezogen. Besonders tief hat mich das Ballet erschuttert. Sie haben Tanzer! eine Tanzerin! bei dem allwissenden Gott, das ist ein Geschopf sonder Gleichen! Thranen des Entzuckens fullen mein Auge, wenn ich daran zuruckdenke.
Ich weiss nicht, warum man bei uns so viel Komisches in das Ballet verflicht. Hier ist Ernst, hoher, heiliger Ernst. Ich kann, ich mag euch noch nicht sagen, welche Ahnungen das Alles in mir erweckt hat. Ich wollte, ihr kamet und sahet selbst. Seht, ich prufe, vergleiche, finde nichts ihr Gleiches, Aehnliches; nicht einmal unter den Werken der Kunst. Das ist Alles todt neben ihr.
Nur in dieser Lebendigkeit, sagen ihre Feinde, liege der ganze Reiz ihrer unvergleichlichen Schonheit. Die Thoren bilden sich ein, das sey Tadel. O dass sie den Blicken dieser Menschen Preis gegeben ist! die ihren Werth kaum ahnen. Ob sie das weiss? Ob sie weiss, wie sie verkannt wird? Sonderbar genug hat mich bis jetzt eine gewisse Scheu abgehalten. Aber soll sie das ferner? Sie ist nicht mannlich diese Scheu und was furcht' ich? Wahrlich es fehlt mir die Antwort! Wohin ich sehe, wohin ich gehe, da schwebt sie. Diese Scheu war Ahnung, Ahnung, dass sie mein ganzes Wesen umfangen wurde. Ich denke nichts mehr, als sie.
Bernhard scheint mich zuruckhalten zu wollen. Wovon? Von Anbetung der hochsten, seelenvollsten Schonheit, die ich je sah? Und ihr Auge ruht mit Wohlgefallen auf mir. Sie ahnet, dass ich sie kenne; verstehen wir keiner den Andern. Doch hat sie noch kein Wort von mir gehort. Wie konnt' ich auch sprechen, wenn diese Rosenlippen sich offnen! O nur diesen Mund mocht' ich euch zeichnen!
Ein erbarmlicher Mensch, ein Graf, bat mich letzt um ihr Bild; aber ich schlugs ab und gab vor, Portrat sey nicht mein Fach. Doch stellt er sich, als gabe er die Hoffnung nicht auf, und meinte, wenn sie mir nur sitzen wolle, wurde ich mich schon erbitten lassen. Erbitten! Morgen! Morgen! Aber dass dieser Mensch mich bei ihr einfuhrt, soll ich es dulden? Nein, wie sie es auch nimmt, ich gehe fruher.
Mathilde erblasste, da sie es horte, und Bernhard ward roth, wie vor Zorn. Bald hatte mich das erbittert; doch Mathildens Blick machte, dass ich mich schnell wieder fasste. Die Kinder drangten sich dicht um mich her, als geschahe ein Ungluck, und Bernhard verliess plotzlich das Zimmer. Die guten besorglichen Menschen nehmen das Alles ganz anders, befurchten eine gemeine Verbindung: von mir! von ihr! Mathilden sprach' ich, beruhigte ich gern; aber Bernhard ist bei ihr. Ich war bei ihr. Ein ganzes Zimmer voll Rosen duftete mir entgegen; Stuhle, Tische, der Fussboden, Alles mit Rosen bedeckt. Sie selbst schwebte aus einem andern Rosenzimmer herein, gestand mir diese Rosenleidenschaft, die sich jeden Fruhling erneuere, und ihr den Winter ertragen helfe. "Uebrigens," fugte sie hinzu, "scheinen mir die Manner am liebenswurdigsten, welche die wenigsten Rosen zertreten." Auf diese Worte setzte ich mich schnell ihr zur Seite. Sie war wunderbar schon, fuhlte es, lachelte, und wurde noch schoner. Ich starrte sie eine Weile sprachlos an, aber da ihr Auge fragend auf mir ruhete, fasste ich mich endlich und wagte meine Bitte. "Ach ja!" antwortete sie "der Graf hat mir schon lange davon gesagt, aber ich habe immer gezweifelt, dass irgend Jemand die nothige Geduld mit mir haben wurde, denn lange auf einer Stelle zu bleiben, ist mir unmoglich."
Ich versicherte ihr, dies sey gar nicht nothig, und ich hoffe um so mehr fur meine Arbeit, je weniger Zwang sie sich anthun werde.
"O wenn das ist!" rief sie mit einer unaussprechlich reizenden Bewegung "so konnen wir anfangen, wann Sie wollen."
Wir sprachen nun noch einiges uber den Anzug, und sie gestand mir, dass sie sich fur die Buhne in ganze Stucke Zeug kleide, welche, ohne Hulfe des Schneiders, sich nach ihrer Laune fugen mussten, dann reichte sie mir noch ein Paar Rosen, und verschwand in das andere Rosenzimmer.
Den Abend sah ich sie noch als Psyche und so will ich sie bitten, sich malen zu lassen. Bernhard war nicht bei Tisch und doch nicht verreist; Mathildens Augen waren roth, die Kinder fragten nach dem Vater, der Aelteste wollte ihn holen und sie verbot es. Langer nun zu schweigen war mir unmoglich. Mathilde sagt' ich warum sind wir getrennt?
Warum? O Gott! Bernhard sagt, ich sey Schuld.
Sie?
Ja, ich hatte Sie fruher warnen sollen.
Was furchten Sie?
Ach Gott! dass die ganze Ruhe Ihres Lebens verloren gehe.
Wenn ich das bewundere, was Jeder, der ein fuhlendes Herz hat, bewundert?
Bewunderten Sie es so, was hatt' es dann fur Noth? Sie lieben! lieben! und wen!
Mathilde! wen! rief ich ausser mir.
Sie verbarg das Gesicht in den Handen und eilte weinend davon. Ich war heftig erschuttert, und schloss die ganze Nacht kein Auge. Mein Gott, wie werde ich diese besorglichen Menschen zuruckbringen! Unbegreiflich ist es mir, wie sie, bei ihrer Bildung, sich von so ganz rohen Urtheilen hinreissen lassen. Sie, die mich liebten, die noch vor Kurzem, da sie mich in euerer Mitte sahen, Schatze fur etwas, das meinen gedruckten Geist hatte erheben konnen, geboten haben wurden, sie verbittern jetzt meine Freude.
Heute wollte sie mir sitzen; glucklicher Weise wurde sie abgehalten. Wer wusste, was sonst aus mir, aus dem Bilde geworden ware. Ich sah sie gestern auf der Buhne. O du! Inbegriff von tausendfaltigem Leben! von Seligkeit! bist du es; die sie lastern? Morgen, Morgen! Wird meine Hand nicht zittern? Mag Alles wahr seyn, was ihr vermuthet und furchtet; mich kummert das nicht mehr. Diese gottlichste Form, die mein Auge je sah, war bestimmt, einen gottlichen Geist zu umschliessen. Kann dieser Geist nun irren, geirrt haben, war es moglich, dass er sich selbst verkannte, eben weil andere ihn verkannten? Das nun ist gerade euere Sache zu beweisen. Und, wie gesagt, mich kummert das nicht mehr.
Kommt und seht. Meint ihr, ihr hattet schon gesehen? Ich sage euch, ihr irrt. Und stort mich nur nicht in meiner Seligkeit! Was hattet ihr? Was botet ihr, mich zu retten, da ich trostlos meine Bucher anstarrte? sie die mein Herz mit immer giftigern Zweifeln erfullten. Ihr betrachtet mich, wie einen Kranken, traumt von Gefahr und von Tod. Seyd ruhig! Jetzt, gerade jetzt fuhle ich die ganze Kraft, die volle Lebendigkeit meines Geistes. Naht mir der Tod, den ihr furchtet, ich erkenne ihn, rette mich, bin genesen schneller, als ihr glaubt. Nicht als Psyche, als Hebe will ich sie malen. Sie ist die ewige Jugend. In dieses Auge voll Leben und Seligkeit darf nichts Schmachtendes kommen. Ich vertraute das einem lieben, herzlichen Jungen, der mich versteht, und wie ich der Kunst leidenschaftlich ergeben ist. Er wandte mir ein, ihr Korper sey, wenn gleich entfernt von uppiger Fulle, dennoch zu vollendet und es fehle ihrem Gesichte Hebens characteristischer Zug. Fehlen! Haben kann sie etwas, was Hebe nicht hat; fehlen kann ihr nichts.
Wir stritten lange daruber. Endlich meinte er, wenn das Gemalde fertig sey, werden wir sehen.
Die Menschen haben alle etwas gegen sie, konnen es nicht leiden, dass ich so mit ganzer Seele an ihr hange. Am Ende ist es der blosse Neid freilich bei diesem herrlichen Jungen wohl nicht denn ihr Auge ruht mit Wohlgefallen auf mir. Es qualt mich, dass irgend etwas Wahres an seiner Bemerkung seyn mochte. Aber bin ich nicht ein Thor? Warum will ich sie so oder so? warum nicht ganz als sie selbst malen? Die Tanzerin! da liegt es! die Menschen haben mich schon mit ihren kleinlichen Vorurtheilen angesteckt. Glucklicherweise ist von dem Allen noch nichts laut geworden, und ich behalte freies Feld. Die Zeichnung ist fertig und das Bild untermalt. Sie, sie selbst ist es. Nicht ruhend, nicht stehend, schwebend, wie ich sie immer sehe, auch dann, wenn ich fern von ihr bin.
Die armen Menschen! sie erzahlen mir allerhand, fragen mich um dieses und jenes, und geben nachher nicht undeutlich zu verstehen: dass ich wohl so gewissen Abwesenheiten unterworfen seyn musse. Ganz recht! ich bin abwesend. O Gott, mochte ich es ewig so seyn! Eine Fulle von Seligkeit durchstromt mein ganzes Wesen. Ich schliesse Mathilde, Bernhard, dessen Zorn mich schon lange nicht mehr beleidigt, in die Arme, und sie fuhlen es, wiewohl, sonderbar genug, trauernd, dass ich selig bin.
Wunderbar verstehen mich die Kinder. Sie wissen, dass ich Alles thue, was sie wollen; dass sie dafur aber auch schweigen und mein Rasenplatzchen heilig halten mussen. Sie nahen sich mir immer nur mit bedeutendem Lacheln, in das sich bei den alteren, eben so sonderbar, wie bei Bernhard und Mathilden, etwas Wehmuthiges mischt. Alle Kunste sind verschwistert, deuten alle die Sehnsucht nach der verschleierten Mutter, lindern, trosten, geben Antwort auf tausend weinende Fragen; aber keine erheitert so schnell als Malerei. Seht, ich habe sie nicht, male nur ihr Gewand und mein Geist schwebt in Sonnenschein.
Wunderbare Gewalt der Farben! noch wunderbarere Gewalt der gottlich-menschlichen, der menschlich-gottlichen Form! O es ist mein gelungenstes Bild! das sagen Alle. Aber idealisirt setzen sie hinzu. Und ich sage nein. Sie selbst, nichts als sie selbst ist es; aber in ihrem glucklichsten Momente. So sehen sie sie nicht, so konnen sie sie nicht sehen; denn dazu gehort nicht allein das Auge des Kunstlers, sondern das Auge der Liebe, das allenthalben das Wahrste, das heisst: das Schonste entdeckt.
Nun qualen sie mich um Copien. Jetzt, da sie festgehalten ist auf der Leinwand, ahnen sie doch ihren Werth. Die sind mir nun gerade die Unertraglichsten, die das laugnen, Alles auf die Kunst schieben, und sich in ein ewiges Geschwatz uber Bescheidenheit und dergleichen vertiefen wollen. Ich weiss am besten, was an dieser Bescheidenheit ist. War ich begeistert, durch dieses gottliche Auge bin ich es geworden. Morgen bringe ich ihr das Bild. Eben war sie aufgestanden und sass im Garten unter bluhenden Gestrauchen. O sie war schoner als das Bild. Ich kniete nieder und uberreicht' es ihr. Sie sprach von Lohn. Das schmerzte tief. Aber die Nachtigall schlug. Sie beugte sich nieder und ihr Rosenmund beruhrte meine Stirne. Ich bin belohnt. Gestern, da ich zu ihr ging, begegnete mir der Graf. Er kehrte plotzlich um und klagte in ihrer Gegenwart: sie habe ihm das Bild nicht ohne meine Zustimmung lassen wollen, und es sey doch fur ihn gemalt. Da sey Gott vor! rief ich erzurnt. Wie so? sagt' er verwundert ich verstehe mich zu jedem Preis. Kann seyn! erwiedert' ich gefasster und mit scheinbarer Kalte das Bild ist fur mich und fur Niemand anders. Doch haben sie es mir zugesagt fiel er ein. Da rief ich, plotzlich wieder ausser aller Fassung: ist erlogen! Wie! sagte er mit einem widerlich affectirten Zorn Sie unterstehen sich? Das verdient eine Zuchtigung! Die Ihnen werden soll! entgegnete ich schnell, und so verliessen wir beide das Zimmer.
Wir schlugen uns. Ich bekam eine leichte Schmarre uber die linke Wange und er einen ernsthafteren Hieb, als ich wollte, uber den einen Arm. Seitdem ist er artiger und bettelt nur um die Copie. Ich sage weder nein, noch ja; glaube aber nicht, dass ich sie mache. Warum? Es widersteht mir; weiter kann ich nichts sagen. Der Furst hatte von dem Bilde gehort und liess mich rufen. Welch ein liebenswurdiger Mensch! welch ein wahrhafter Adel in allen Bewegungen! welch ein schones, tiefes Zartgefuhl fur die Kunst!
Er fragte mich: wem das Bild eigentlich gehore; ich gestand ihm, dass es Anfangs fur mich bestimmt gewesen, dass Rosamunde aber von Lohn gesprochen, mich wirklich belohnt, und es sich demnach zum Eigenthum erkauft, ich aber bis jetzt gezittert habe, es ihr ganz zu uberlassen, aus Furcht, es moge in unrechte Hande kommen, es wieder mitgenommen und seitdem allerhand Kleinigkeiten daran verbessert habe.
Er fasste mit sonderbarer Heftigkeit meine Hand, und fragte, welche Summe ich bekommen habe. Ich sah beschamt vor mir nieder, und konnte die Worte nicht finden. Er aber drang immer heftiger in mich, und ich gestand die Wahrheit.
"O du lieblicher Schwarmer!" rief er "kann man dich so gewinnen? dann bist du mehr mein, als irgend eines Anderen! Ich habe Kusse zu verkaufen, die du mir mit noch kostlicheren Gemalden einhandeln sollst. Das heisst viel gesagt, wenn man dieses sieht denn du musst nur wissen, dass ich es und zwar in deiner eigenen Wohnung gesehen habe doch soll es nicht zu viel gesagt seyn. Hier seh' ich sie all!" rief er begeistert, indem er die Hand auf meine Stirne legte "die schonen Gebilde! sie sollen mir hervor und ich will der Zauberer seyn, der sie ruft!"
Seitdem muss ich taglich zu ihm kommen, und wie ihr seht, ware es nun wohl Thorheit, eine andere Laufbahn zu wahlen. Auch der Furst ist gegen sie. Das schmerzt tief. Wer ist der Blinde? ich oder sie Alle?
Gestern sass ich zu ihren Fussen, sie streichelte meine Wange, und mein Auge blickte thranenvoll zu ihr auf. Warum weinest du? fragte sie.
Ach! sagte ich sie wissen nicht, wer du bist! lastern, verkennen dich ganz.
Was glaubst du? fragte sie weiter mit ihrem Zauberlacheln.
O! rief ich ich fuhle Schmerz! Konnt' ich dich retten vor ihren Blicken!
Sie schwieg.
Giebt es kein Mittel? rief ich angstvoll und lauter O sag'! giebt es kein Mittel?
Fasse dich! sprach sie und sag was du meinest.
Was ich meine? rief ich unwillig aufspringend Fuhlst du nicht, was ich meine?
Der verhasste Mensch, der Graf, trat herein, und ich ging. Meine hohe Freude hat sich in Schmerz verwandelt. Ich kann sie nicht mehr auf der Buhne sehen. O wer versteht mich, wem soll ich es klagen?
Schade, dass sie nicht Schauspielerin ist rief letzt ein unertraglicher Mensch. Gott sey gelobt, dass sie nicht Schauspielerin ist! rief ich mit gluhenden Wangen. Der dumme hassliche Mensch schien auf eine spitzige Antwort zu sinnen. Aber der Furst schob mich in sein Kabinet und sagte: fangen Sie mir nur nicht von dergleichen mit meinem Tollkopf an! da hat er seine eigenen Grillen.
Ach er glaubt mich zu schonen! und ein einziger spottischer Blick von ihm ist mehr, als Alles, was sie schwatzen.
Gretchen an ihre Mutter.
Herzliebste Mutter! ich bin recht glucklich und wohl angekommen, und von all dem Unglucke, wovor uns so bange war, ist mir gar nichts begegnet. Der Herr Vetter sagt, das komme daher, weil ich fleissig gebetet und gar keine bosen Gedanken gehabt habe; das konne einem gleich jedermann ansehen, und nehme sich in Acht, einen zu beleidigen.
Nun, herzliebste Mutter! so braucht sie sich denn gar nicht mehr zu furchten, dass mir ein Leides geschehe.
Was das aber fur eine schone Stadt ist und wie viel prachtige Sachen man da zu sehen bekommt, das kann sie sich gar nicht vorstellen. Die Frauen sind fast alle sehr freundlich und haben fast alle recht gute Augen; die Manner aber haben fast alle sehr hassliche Augen, und gefallen mir nicht. Sie sieht wohl, dass ich ihre Lehre noch nicht vergessen habe: ich solle den Leuten nur gleich nach den Augen sehen.
Einen jungen Herrn habe ich aber gesehen, der kommt mir gerade wie ein Engel vor, und ich weiss gewiss, herzliebste Mutter, dass er ihr eben so vorkommen wurde. Er wohnt bei dem Herrn Prasidenten, und malt so schone Bilder, dass einem die Thranen in die Augen kommen, wenn man sie ansieht, und dass man des Nachts davon traumt.
Der Herr Vetter konnte uns nicht genug davon erzahlen, als er die vielen Bilderrahmen hingebracht hatte, und sagte auch, die Frau Prasidentin wolle dem jungen Herrn gar zu gern ein Dutzend recht feine schone Hemden schenken, und ob's denn gar nicht moglich ware, dass die Frau Base sie nahen konne; denn die Frau Prasidentin werde wohl vor den vielen Kindern und vor der grossen Haushaltung nicht dazu kommen.
Als nun die Frau Base hinging, die Leinwand abzuholen, bat ich gar zu sehr, ob ich nicht mitgehen durfe? Die Frau Base sagte aber: das schicke sich nicht. Der Herr Vetter wurde aber fast bose, und sagte: das schicke sich recht wohl; ich sey ehrlicher Leute Kind und konne allenthalben hinkommen, und wenn ich so sittsam und gottesfurchtig bleibe, mussen alle Menschen Freude an mir haben, und die Mutter habe mich gerade in die Stadt geschickt, dass ich mich ein wenig umthun und nicht leutescheu werden solle, und die Frau Prasidentin sey eine Frau, die ihres Gleichen nicht habe, und sey ein grosses Gluck fur mich, wenn ich manchmal hinkommen durfe.
So nahm mich die Frau Base dann mit, und wahrend sie von der Frau Prasidentin die Leinwand empfing, sah ich in den Garten, und da sass der junge Herr in tiefen Gedanken und sah aus, wie ein trauernder Engel.
Die Frau Prasidentin erzahlte auch, dass er eine Gemuthskrankheit habe, und dass sie recht in Verlegenheit wegen seines Zimmers sey, denn es konne ihm Niemand vorsichtig genug mit den Gemalden umgehen, und seitdem eine alte Aufwarterin, an die er einmal gewohnt gewesen, todt sey, wisse sie gar nicht mehr, was sie anfangen solle.
Die Frau Base sagte: dass ich die Aufwartung nicht wohl ubernehmen konne, es der Herr Vetter auch nicht leiden werde, denn er sey ein wenig eigen; dass ich aber jeden Tag, wenn der junge Herr ausgegangen sey, kommen solle, das Zimmer zu reinigen; denn sie habe mich schon zugelehrt, und ich wisse mit feinen kostbaren Mobeln recht gut umzugehen; dass die Frau Prasidentin aber mit dem Herrn Vetter ja nicht von Geld und dergleichen sprechen solle; sonst werde er es nicht leiden. Auch der junge Herr durfe nichts davon wissen; sonst konne es gleich ein boses Gerede geben.
Die Frau Prasidentin freute sich gar sehr daruber und streichelte mich, und nannte mich ihr liebes Kind. Der Herr Vetter hatte auch nichts dagegen; sagte aber: ich musse ihr erst schreiben, habe nicht nothig, den Leuten dienstbar zu werden; da es aber die Frau Prasidentin sey, mochte ich ihr nicht verhehlen, dass er es gern sahe; doch wolle er nichts gesagt haben, sobald sie nicht ihren vollen Willen darein gabe.
Und so bitte ich sie denn, herzliebste Mutter, leide sie es doch! und gebe sie dem Boten nur mundliche Antwort, damit sie durch das Schreiben nicht zu lange aufgehalten werde. Nun, ich befehle sie dem lieben Gott, herzliebste Mutter.
Gretchen an ihre Mutter.
Ich danke ihr tausendmal, herzliebste Mutter! und ich habe auch dem Boten das schone Silberstuck von der Frau Pathe geschenkt. Ich weiss gewiss, dass sie nicht bos werden wird; denn ich habe ja oft gesehen, dass sie auch in der Freude so etwas weggeschenkt hat.
Sey sie nur ruhig, herzliebste Mutter! Sie soll gewiss Freude an mir erleben. Alle Leute, die mich kennen lernen, haben mich gleich uber die Maassen lieb, und da gebe ich mir immer mehr Muhe, dass ich Alles recht schon und ordentlich mache. Ich habe auch der Frau Base an den Hemden geholfen, und zuletzt hat sie gesagt, ich konne sie nur ganz allein machen, denn so gute Augen habe sie doch nicht mehr.
Nun muss ich ihr aber etwas gestehen, herzliebste Mutter, wovon ich nicht weiss, ob es Recht ist.
Sie kennt ja das schone Liederbuch, was mir der Herr Pfarrer geschenkt hat. Da hab' ich nun, als die Hemden ganz fertig waren, und sie die Frau Base nicht mehr in die Hande bekam, des Nachts allerhand schone Verse aus dem Buche hineingenaht. Immer einen ganzen Vers um den Hals, und einen um die beiden Aermel, auf jedem die Halfte; und vorn auf der Brust, weiss sie ja, macht man immer so ein doppeltes Herzchen von Leinwand, dass es nicht einreissen soll; das hab' ich aber viel grosser gemacht, denn es halt besser, und ich hatte auch sonst nicht die grosse Krone aus meinem Zeichentuche daruber nahen konnen, denn es sind gar zu viel Zierrathen daran; so aber sieht es sehr schon aus, und da der junge Herr eine Gemuthskrankheit hat, so kann der liebe Gott es wohl einmal fugen, dass er die schonen Verse bemerkt, und dass sie ihn trosten, wenn er am allerbetrubtesten ist.
Ach liebste Mutter, ich glaube gewiss nicht, dass sie bos daruber wird. Es betrubt mich nur, dass ich es der Frau Base noch nicht gesagt habe, denn ich schame mich jetzt, dass ich es heimlich gemacht. Meint sie aber, dass es Unrecht ist, wenn ich es langer verschweige, so will ich es sagen.
Nun, ich befehle sie dem lieben Gott, herzliebste Mutter, und lasse sie mich doch bald ihre Meinung wissen.
Stephani an seine Verwandten.
Sie vermeidet mich. O mein Gott! bin ich ihr Feind? Wenn es moglich ware, dass sie mich verkenne, meine wahrhafte Liebe nicht begriffe, ware sie dann noch meiner wurdig?
Fort! der Gedanke vergiftet mich! Sie, die Grausamen, die sich weiden an meiner Marter, haben ihn mir gegeben.
Liebe verschloss mir den Mund, Liebe soll mir ihn offnen. Schmerz werd' ich hervorbringen. O mein Innerstes selbst wird er durchdringen. Am Ende ist es wohl Feigheit und Eigensucht, dass ich noch zaudere. Dieser Vorstellung bedurft' es, um mich unwiderruflich zu bestimmen. Es war des Fursten Geburtstag, und sie feierte ihren glanzendsten Sieg. Der Beifall wurde ein anhaltendes Jauchzen. Aber sie war todtlich ermudet und klagte uber Schmerzen in der Brust.
Ich trug sie in ihr Zimmer. Meine Hande zitterten, und das laute Schlagen meines Herzens versetzte mir den Athem.
Wie dein Herz schlagt sagte sie.
O! rief ich, mit halb erstickter Stimme so trage ich dich bald, wenn das deine aufhort zu schlagen.
So bald noch wohl nicht antwortete sie mit erzwungenem Lacheln doch was seyn muss, muss seyn.
Meiner gedenkst du nicht dabei!
Haltst du mich fur unsterblich?
Ist das eine Antwort auf meine Klage?
Du klagst das allgemeine Loos der Menschheit.
O nein! rief ich ausser mir Ich klage, dass du der Ruhe deines Herzens, deiner Jugend und Schonheit das Grab grabst.
Schon und jung zu sterben, wahrlich ein neidenswerthes Loos!
Meiner gedenkst du nicht? rief ich abermals Erwiedere mir nichts! Ruhe und schweige! Was du hortest, erpresste mir der Schmerz. Bald, ein andermal, wollen wir uns gegenseitig vertrauen, was uns druckt.
Mich druckt nichts! sagte sie dennoch mit Lacheln.
Ich rief ihre Frauen und entfloh, den giftigen Stachel im Herzen. Am andern Tage kam sie mir wieder bluhend, wie ihre Rosen, entgegen. Ich setzte mich traurig und schwieg.
Nun? sagte sie siehst du nun, dass du irrst?
Ich sehe antwortete ich dass dich nichts druckt, nicht einmal der Kummer, mir welchen zu bereiten.
Und wenn dein Kummer ohne Grund ware?
So war' er dennoch Kummer. Aber deinen Worten fehlt der Sinn. Kein Kummer ist ohne Grund, denn er grundet sich immerdar auf die Vorstellungsart desjenigen, der ihn empfindet.
Was musst ich nun thun, dich zu beruhigen?
Was du thun musstest? rief ich mit gluhenden Wangen du musstest mich lieben und dich selbst!
Es giebt der Arten zu lieben so mancherlei. Soll ich dir sagen, welche du von mir forderst? Wohlan ich will es versuchen! und du wirst hoffentlich gestehen, dass ich dich sehr wohl begreife. Aufgeben soll ich mein wahres, lebendiges Leben, um ein Scheinleben, einen verkappten Tod mit dir zu versuchen. Unterbrich mich nicht! Gestern gebotest du mir Schweigen. Darf ich dich bitten, dir heute dasselbe zu gebieten.
Angenommen, du wolltest laugnen, was ich jetzt sagte, wie wurdest du es anfangen, das Gegentheil zu beweisen? Wer von euch, die ihr uns da von unten herauf bekrittelt, lebt wirklich? Ihr? Dichter und Kunstler? O ja! wenn eine nie befriedigte Sehnsucht nach einem unerreichbaren Ideale Leben heisst. Ist nun aber Sehnsucht Schmerz, wiewohl gemilderter Schmerz, also das Gegentheil von Wohlseyn, welches allein den Namen Leben verdient; wer kann behaupten: dass ihr lebt? Musst ihr nun aber dem wahren Leben entsagen; wem von den Andern wollt ihr es zusprechen? Euern Fursten, Staatsbeamten, Rechtsbeflissenen, Kaufleuten, Handwerkern? wohl schwerlich.
Nur Genuss ist dir Leben!
Und dir? was ist es dir? Nichts, oder das Streben nach einem kunftigen (Gegenwartiges verachtest du) in allen Perioden deines Daseyns immer kunftigen Genusse. Aber du wolltest mich nicht unterbrechen, und so erlaube, dass ich die Zeit benutze, und dir schnell das Gemalde unseres kunftigen Lebens, wofern deine Vorstellungen mich bestimmten, vorhalte.
Angenommen demnach, ich stiege hinauf, oder hinunter zu den Frauen, welche du mir ohne Zweifel als Muster vorhalten wirst, und die es euch allen, Weisen und Unweisen, nur in so fern sind, als sie zu den Mannern, denen sie das Schicksal unterworfen hat, passen. Wie musst' ich nun seyn, um zu dir zu passen, deine Forderungen zu befriedigen?
Dass ewige Schonheit und Jugend eine der unerlasslichsten ist, wirst du, wo nicht laut, doch im Herzen sicherlich bekennen. Von euch zugegeben oder gelaugnet, bleibt es nicht minder wahr, dass Alter und Hasslichkeit in euern Augen Verbrechen sind, die ihr bestraft, wie und wodurch ihr nur konnt.
Eine sogenannte gluckliche Ehe kann demnach nur statt finden, wo die Frau jene euch allen sehr naturlich vorkommende Strafe in Demuth erduldet, und mit weiser List, die ihr der grossen Nutzbarkeit wegen auch der heiligen Jungfrau im Nothfalle erlaubet, es gar nicht zu bemerken scheint, wenn ihr gestrenger Herr und Meister, des ewigen Strafens mude, sich heimlich oder offentlich nach einem Gegenstande umsieht, wo er furs erste nicht verpflichtet ist, dieses unangenehme Amt zu verwalten. Du wolltest mich nicht unterbrechen! Das Unerlasslichste habe ich genannt. Doch, warum will ich unterscheiden? Das Folgende ist nicht minder nothwendig, und eben deswegen gleich unerlasslich.
Was ist es? Nichts weniger als die Unendlichkeit, die du in mir umfassen willst. Wehe mir in dem Augenblicke, wo du die Tauschung gewahrst! Du rachst dich, rachst dich um so sicherer, je weniger du eine nahe Aussicht hast, dich auf ahnliche Weise zu tauschen. Fur alle deine zerstorten Hoffnungen werde ich bussen.
Halt' ein! rief ich aufspringend halte ein, Grausame! Willst du mich langsam todten, so ists auch morgen noch Zeit!
Ich sturzte fort, und meine armen Freunde brachten die Nacht an meinem Lager zu. Ich lag im Fieber ohne Besinnung. Ein gottliches Kind stand ihnen zur Seite. Es reichte mir Trank. Ein Paar grosse Tropfen aus seinen Himmelaugen fielen hinein. Doch lachelte es. Begierig verschlang ich den Trank, und das Feuer, was mein Inneres zu verzehren drohete, wurde geloscht. Ich fiel in Schlummer und traumte fort von dem Kinde. Ach ich erwachte! und Niemand wollt' es gesehen haben.1 Zwei Tage irrt' ich herum auf Felsen und Hohen. Meine Kunst lag darnieder; doch zeichnete ich ein Madchen von untadelichem Wuchse, das einen Korb mit Fruchten auf dem Kopfe trug.2
Oft sah sie sich um, vielleicht nach dem Geliebten doch nein! ihr Gang, ihre Haltung hatten so viel wunderbar Jungfrauliches, Schwebendes nein, auf der Erde hatte sie noch keinen Geliebten. Ja, oft sah sie sich um; aber ihr Profil konnte ich dennoch nicht fassen. Ich ersetzt' es aus der Phantasie, ach und da ich zu Hause kam, hatte die Gestalt alle Zuge der Schrecklichen, die mein Herz zerreisst.
Der Furst, der mich oft uberrascht, fand mich darin vertieft und versunken. Immer Sie und nichts als Sie rief er drohend und lachelnd. Ich sprach schnell von etwas Anderem. So kamen wir auf die hohe Grazie der Stellung. Sie gefiel ihm so uberaus wohl, dass er in mich drang, ein Gemalde nach der Zeichnung in Lebensgrosse zu entwerfen.
So wuchere ich dennoch mit meinem Schmerze, ohne es zu wissen und zu wollen. Wer ist mein Feind und verrath mein Innerstes? Ach ich bin es selbst! Sie wissen es, dass ich durch sie leide, und wollen mich rachen. So muss ich sie wieder sehen, wo ich am meisten sie furchte; denn ich dulde es nicht, dass man sie krankt. Ist es Geschwatz, oder Wahrheit, was sie von meinem Werthe faseln? Wohlan! in ihr mogen sie mich ehren. Sie bedurfte meines Schutzes nicht, und meine Harte gegen den Fursten, die mich schmerzt, war uberflussig. Ich hatte gedroht, ihn zu verlassen, wofern nicht die ernsthaftesten Vorkehrungen gegen Alles, was sie beleidigen konnte, getroffen wurden. Ich konnte nicht anders.
Sie schwebte herein, und Alles verstummte. Gottlich reizender ist sie wohl niemals gewesen. Ihre bittersten Feinde wurden an diesem Abende gewonnen. Der Furst kam in die kleine Loge, die er sonst immer fur sich allein behielt, und mir nun eingegeben hat. Als sie verschwand, fasste er plotzlich meine Hand, und zog mich fort. Sein Wagen fuhr leer davon, und wir durchschweiften die Gassen.
Wie ware es, sagt' er mich aufhaltend wenn ich versuchte, ob sie wurdig ist, zu dir erhoben zu werden? Wie ware es, wenn ich mich melden liesse?
Sie wurden nicht angenommen werden antwortete ich mit Empfindlichkeit.
Warum nicht?
Weil sie Niemand so spat noch sieht.
Auch den Fursten nicht?
Ich glaube nicht.
Wollen es versuchen! sagte er forteilend, und ohne weiter auf mich zu achten. Nur da wir vor dem Hause standen, druckte er mir die Hand, und hiess mich einen Augenblick warten.
So gewiss ich auch war, sie werde ihn abweisen, so wenig mochte ich diesen Augenblick noch einmal leben. Doch war er kurz, denn der Furst kehrte schnell wieder zuruck.
Du hattest Recht! rief er und ich bekenne, dass es mich wundert, dass du Recht hattest. Wahrlich! das Madchen ist eine Ausnahme und der Muhe werth, es kennen zu lernen. Die Zofen empfingen mich recht artig und ergeben; aber von dem Willen ihrer Gebieterin abzuweichen, schien ihnen unmoglich. Das deutet auf vollkommene Herrschaft auch uber diese Leute, die doch sonst leicht zu bestechen sind, und wer die Herrschaft vollkommen ausubt, der ist der Herrschaft wurdig und stets ein erhabenes Gemuth.
Ich zog seine Hand schnell an mein Herz, denn das waren mir Worte des Lebens. Er druckte mich fest gegen das seinige, nahm mich mit in den Pallast und befahl das Nachtessen in seinem Kabinete aufzutragen. So blieben wir zusammen bis weit in die Nacht, und ich vertraute ihm das ganze, tiefe Klagelied meiner Liebe. Nimm mich einmal mit sagte er, als wir uns trennten Ich konnte sie zu mir kommen lassen; aber das ist doch immer unartig von unser einem, und mich nun noch feierlich melden, wurde auch ein dummes Aufsehen machen. An dem Fursten ist ihr, wie es scheint, nicht viel gelegen, lass sehen, wie sie deinen Freund aufnimmt.
Wir gingen. Ich hatte sie in zwei Tagen nicht allein gesehen, und es war mir lieb, dass er mitging, denn ich furchtete mein Herz.
Wie unaussprechlich schon war sie! Zum erstenmale sah ich den Fursten verlegen um die Worte, und seinen freien, herrlichen Anstand in Schuchternheit verwandelt.
Er fasste sich endlich, sprach von dem letzten Abende, und vertiefte sich in das Lob ihrer Kunst, was eigentlich ihrer Schonheit gehorte. O ich fuhle es wohl sagte er welch ein Opfer mein Freund von Ihnen fordert, aber was ist der Liebe zu schwer und zu gross?
Nichts! antwortete sie Es kommt nur darauf an, ob das Opfer ihm frommt.
Auch danach fragt die Liebe nicht.
Das sollte sie doch. Eine Blume, die auf mutterlichem Boden erhalten, uns lange ergotzt, verwelkt schnell in unsern Handen und wird bald weggeworfen. Konnte sie lieben, durch Worte, oder Blicke uns warnen, sie wurde uns bewegen, um unserer selbst willen sie nicht zu pflucken.
Recht gut, dass sie das nicht kann! denn sonst wurde sie nie das Eigenthum eines Einzigen, wurde nie von ihm als Eigenthum geliebt, genossen und bedauert werden.
Das mogte fur den Einzigen schlimmer, als fur sie selbst seyn.
Das ist die Frage! rief der Furst aufspringend und mit grossen Schritten das Zimmer messend das ist die Frage. Und setzte er nach einer Weile hinzu giebt es kein Alter? Verzeihen Sie! es ist vielleicht grausam, Sie in der hochsten Blute daran zu erinnern aber giebt es kein Alter? und ist es nicht furchtbarer fur die Weiber als fur uns?
O ja! fur die Freien, so wie fur die, welche Einer sich als Eigenthum unterworfen hat. Nur mit dem Unterschiede, dass die Letzten, fruh oder spat, den Misshandlungen ausgesetzt sind, vor denen sich die Ersten schutzen konnen.
Welchen Misshandlungen? Wer wird ein liebendes Weib misshandeln, das uns Jugend und Schonheit geopfert, vor mehreren Verirrungen still gewarnt, und die unvermeidlichen grossmuthig verziehen hat? Wer wird, wer kann das misshandeln?
Der, der den reizbarsten Sinn fur Jugend und Schonheit hat, und der eben deswegen, wenn beide entfliehen, unaussprechlich elend die schreckliche Leere seines Herzens mit irgend etwas, sollte es auch mit dem Hasse seyn, auszufullen gezwungen ist. Der kann es und wird es.
Nimmermehr! Er wird Mitleiden haben mit ihrem Schicksale und mit dem seinigen, er wird sie jetzt grossmuthig lieben, so wie er sie vormals geniessend und vielleicht eigensuchtig geliebt hat.
Kann seyn! fiel sie schnell ein ich aber denke niemals von Allmosen zu leben.
Schweigend sah er sie eine Weile an: Bewundern kann ich sie sagte er dann aber vor der Liebe haben Sie mich geschutzt. Bleibst du? fuhr er dann sich zu mir wendend fort ich gehe. Du bleibst? sagte sie, als er uns verlassen hatte Das ist nach solcher Aufforderung sehr grossmuthig. Rosamunde! antwortete ich vermeide solche Worte! Sie klingen wie Spott und uber wen mochtest du hier spotten? Ich meinte im vollen Ernste, was ich jetzt sagte, und war von Spott sehr weit entfernt. Es ist in der That sehr grossmuthig, dass du, nachdem ich mich gegen alle deine Wunsche erklarte, hier bleibst. Es ist liebevoll, und so wurdest du es nennen, wenn du die Liebe kenntest. Ich kenne sie, und werde dich davon uberzeugen, wenn du Geduld hast, die Geschichte meines Lebens zu horen. Nur erwarte das Ende des Karnevals, dann habe ich mehr Ruhe. Sie entfernte sich schnell, und ihre Augen waren voll Thranen.
Gretchen an ihre Mutter.
Wie geht es ihr, herzliebste Mutter? und was denkt sie wohl, dass ich so lange nicht geschrieben? Es giebt gar zu viel zu thun, und in des Herrn Prasidenten Hause ist auch viel Leiden gewesen. Der junge Herr kam zu einer ganz ungewohnlichen Zeit zu Hause, und wurde von Stunde an so krank, dass er uns Alle in grossen Schrecken versetzte.
Wir durften ihn gar nicht allein lassen, und wenn
die Frau Prasidentin nicht konnte, musste ich bei ihm bleiben. Der Herr Vetter hatte zwar ausdrucklich verlangt, er solle nicht wissen, dass ich im Hause sey: aber im ersten Schrecken dachte Niemand daran, und nachher sahen wir wohl, dass er keinen von uns kannte.
Wie mir aber war, herzliebste Mutter! wenn ich so
an seinem Bette stand, kann ich ihr gar nicht sagen. Ich glaube gewiss, dass er mit uns verwandt ist, nur dass wir es noch nicht wissen. Doch hat er etwas ganz Wunderbares an sich, was wir nicht haben. Alles, was er anruhrt, kommt mir vor, als hatte es einmal auf dem Altare gelegen, das Glas, aus welchem er trinkt, kommt mir wie ein Kelch, und das Zimmer, was er bewohnt, wie eine Kirche vor.
Und so ists auch mit seinen Bildern. Sie stellen
wohl ordentliche Menschen vor, ja, so naturlich und traulich, dass einem ist, als hatte man sie lange gekannt und geliebt; aber dann doch wieder so hoch und wunderbar, dass einem wird, wie zu Weihnacht oder Ostern, wenn alle Glocken unter Kanonendonner lauten und alle Menschen festlich gekleidet in stillen Schaaren zur Kirche ziehen.
Ich habe schon oft gedacht, herzliebste Mutter! und hoffe doch, ich werde mich nicht damit versundigen, dass in Herrn Stephani ein ganz eigentlich gottlicher Geist wohnen musse. Er soll zwar eine Gemuthskrankheit haben, und das ist freilich bei einem gottlichen Geiste nicht moglich; man sagt aber auch, dass die Person, welche er liebt, seiner nicht wurdig, und er eben deswegen so betrubt sey. Das ist ja aber dann eine wahrhaft gottliche Betrubniss. Weinte nicht unser Heiland uber Jerusalem, und war das eine Gemuthskrankheit? Herzliebste Mutter! mir ist etwas sehr Sonderbares begegnet. Als Herr Stephani krank war, trat plotzlich ein sehr schoner Mann herein, gegen den der Herr Prasident und die Frau Prasidentin und der Herr Doctor sehr ehrerbietig waren. Das bemerkte ich wohl, gab aber, vor Angst und Schrecken, nicht weiter Acht auf ihn. Dieser Mann war aber der Furst, was ich freilich nach seinem dunkeln, ganz einfachen Kleide nicht glaubte.
Er hatte nachher gefragt: wer ich ware; und die Frau Prasidentin hatte ihm allerhand von mir erzahlen mussen. Auch von den Hemden hatte sie ihm gesagt, und dass ich wegen der Spruche, die darauf genaht waren, so bange vor der Frau Base gewesen. Er hatte hierauf gesagt, er moge auch wohl solche Hemden haben, aber, da er nicht krank am Gemuthe sey, mit Spruchen, die sich fur Fursten schicken.
Das hat mich sehr erschreckt, herzliebste Mutter! denn ich weiss keine Spruche, die sich fur Fursten schicken, und wenn ich mir auch einbildete, ich wusste welche, konnte ich mir doch kein Herz fassen, sie hinein zu nahen. Was helfen auch Spruche, die man sich bestellt und bezahlt?
Ach alle meine heimliche Freude an den Hemden ist dahin, und wenn ich uber die Strasse gehe, denk' ich immer, die Leute werden sagen: da geht das Madchen, das den Leuten Spruche in die Hemden naht! und ich habe es doch nur ein einzigesmal gethan, und ist mir gar nicht eingefallen, es mehreren Leuten zu thun.
Ich sagte das auch der Frau Prasidentin, und bat sie, es dem Fursten vorzustellen. Er hat aber geantwortet: ich soll nicht bange seyn, es werde es Niemand erfahren, und ich solle nur zu ihm kommen, er wolle selbst mit mir daruber sprechen. Das thue ich aber gewiss nicht, herzliebste Mutter! ehe sie nicht die Sache mit dem Herrn Pfarrer uberlegt und er die Spruche gewahlt hat. Eile sie, herzliebste Mutter! denn der Herr Vetter sagt: solche Leute seyen nicht an das Warten gewohnt.
Gretchen an ihre Mutter.
Herzliebste Mutter!
Ich bin recht inniglich betrubt, wegen Alles dessen, was ich ihr geschrieben habe, und in grosser Angst, der Herr Pfarrer moge sagen, ich solle die Spruche fur den Fursten nahen. O hatt' ich mich doch nur keinem Menschen vertraut!
Nun soll ich doch nicht auf ihre Antwort warten, schon morgen zu dem Fursten gehen, und ihm selbst sagen, was ich geschrieben habe. Die Frau Prasidentin will mich begleiten. Ich glaube aber gewiss, dass ich krank werde.
Doch ich will auf Gott vertrauen. Vielleicht kommt morgen der Brief von dem Herrn Pfarrer. Da weiss ich ja gleich, was ich thun soll, und brauche nicht zu sagen, was ich geschrieben habe.
Herzliebste Mutter!
Ich bin nicht krank geworden und wirklich bei dem Fursten gewesen. Die Frau Prasidentin sagte, ich solle nur mein weisses Kleid anziehen, und meine Haare hubsch flechten, so ware es recht gut. Die Frau Base wollte mir aber noch ihren Brautschmuck angeben, und mir den einen Ohrring uber der Stirn auf einem Bande fest machen. Das kam mir aber gar zu hasslich vor, und ich bat sie mit Thranen, sie moge es doch nicht von mir verlangen, ich wolle ja lieber den ganzen Schmuck in einem Schachtelchen mitnehmen und ihn der Frau Prasidentin zeigen; die werde gewiss meiner Meinung seyn. Sie war es auch und sagte, ich habe ganz Recht gehabt.
So gingen wir dann zum Fursten. Er war sehr freundlich und sah mich eine Weile an, ohne was zu sagen. Endlich fragt' er mich, warum ich so betrubt ware. Ich erschrack anfangs, denn ich wusste nicht, ob ich die Wahrheit sagen durfe. Aber der liebe Gott gab es mir plotzlich in's Herz, dass ich sie doch nur sagen, und mich nicht furchten solle.
Gnadigster Herr! fing ich darauf an und sah ihm auch recht gerade ins Gesicht ich bitte Sie, dass Sie nicht unwillig auf mich werden! aber ich muss es nur rein heraus sagen, dass ich uber die Hemden so betrubt bin, und besonders daruber, dass sie wissen wollen, was ich geschrieben habe. Ich kann Sie versichern, dass ich so etwas, wenn ich ein Furst ware, niemals von den Leuten verlangen wurde. Bedenken Sie auch selbst, wie wurde Ihnen seyn, wenn Sie das, was Sie einem Freunde schrieben, Andern vertrauen sollten?
Gutes Kind! antwortete er wir haben eigentlich keinen Freund. Wir gehoren dem Ganzen, sollen und durfen keinem Einzelnen gehoren, dafur gehort aber auch uns kein Einziger.
Das jammerte mich nun unbeschreiblich, das Weinen war mir nahe, und es gereuete mich recht schmerzlich, was ich wegen der Hemden gesagt hatte.
Ach gnadigster Herr! fing ich endlich wieder an Gott ist mein Zeuge, dass ich Ihnen gern die Hemden nahen wollte, wenn ich nur Spruche wusste, die sich fur Fursten schicken, und ich will es Ihnen auch gestehen, dass ich meine Mutter gebeten habe, mit dem Herrn Pfarrer deswegen zu sprechen. Weiss der nun Spruche, die sich fur Fursten schicken, so will ich sie Ihnen ja herzlich gerne nahen.
Du hast nicht wohl gethan! sagte er verdrusslich Es war mir nicht um die Spruche eines Pfarrers zu thun.
Das verdross mich nun aber auch; denn ich kann es nicht leiden, wenn man etwas uber den Herrn Pfarrer sagt, und antwortete darum ganz hastig: Ja gnadiger Herr! Sie haben aber auch nicht wohl gethan, so etwas von einem armen, einfaltigen Madchen zu verlangen, und so kommt immer Eins aus dem Andern.
Die Frau Prasidentin sah mich erschrocken an, ich erschrack nun auch, und wusste nicht mehr, was ich anfangen sollte. Aber der Furst fasste mich sehr gutig bei der Hand und sagte: Du hast Recht, und es soll nicht wieder geschehen. Eins musst du mir aber doch versprechen: sieh ich habe viel Arbeit und Sorge, und erblicke selten was Erfreuliches. Am wenigsten gefallen mir die Menschen, von denen ich umgeben bin; aber ein solches Gesicht, wie das deinige, kann mir den ganzen Tag erheitern. Wenn du nun des Morgens auf einige Augenblicke zu mir kamest und brachtest mir etwas du magst es mir schenken Blumen, ein Paar Fruchte, oder was du sonst willst; so war' ich auf den ganzen Tag gestarkt, und hatten viel tausend Menschen gut davon. Sey nicht bange und sieh mich nur an, ich bin kein boser Mensch, und ist mir unmoglich, dich zu beleidigen. Nein, ich will vaterlich fur dich sorgen, und wenn du dieses oder jenes lernen willst, so vertrau' es mir nur; aber es muss Alles dein freier Wille seyn.
Das ist schon! gnadigster Herr antwortete ich denn sonst ware ich gewiss wieder sehr betrubt gewesen, und mein Kommen hatte Ihnen nichts geholfen. Nun will ich aber meiner Mutter schreiben, und wenn die nichts dawider hat, so komme ich gewiss. Er war sehr erfreut, und begleitete uns bis in das ausserste Zimmer.
Schreibe sie mir bald, herzliebste Mutter.
Stephani an seine Verwandten.
Alles will mich trosten. So muss ich denn wohl des Trostes sehr bedurfen. Sie ist abermals krank, und ihr Zustand bedenklich. Einige wollen mich vorbereiten auf das, was vielleicht geschehen konnte, wurde; aber dann ist mein Schmerz ohne Granzen. O wer von ihnen, die sich erfrechten, sie zu lastern, der lauten Stimme meines Herzens zu widersprechen, kannte sie wirklich? Horet die Geschichte ihres Lebens! Horet sie selbst.
Rosamundens Geschichte.
Ich war von eilf Kindern das jungste. Alle wurden von meiner Mutter getrankt, ich allein musste einer Fremden anvertraut werden, und blieb immerdar fremd unter meinen Geschwistern. Auch meine Eltern kannten mich nicht, und vereinigten sich bald in dem Urtheile: dass von meiner Fassungskraft nicht viel zu erwarten sey.
Von dem Augenblicke, wo ich dieses entdeckte, war es mir unmoglich, ihnen anders, als sie mich dachten, zu erscheinen. Diese Eigenheit ist mir mein ganzes Leben hindurch geblieben und es braucht nur Jemand eine unvortheilhafte Meinung von mir zu aussern, um sie durch tausend kleinen Zufalligkeiten bestatigt zu sehen.
Es ware mir wohl moglich, sie alle zu meinem Vortheile zu benutzen, und die gegen mich eingenommenen Menschen vielleicht fur immer zu gewinnen, aber eine unuberwindliche Scheu halt mich davon ab, auch ist mir eine uberlegte Freundschaft und Anhanglichkeit unertraglich.
So kam es denn, dass ich, mitten unter Eltern und Geschwistern in immer tiefere Einsamkeit gerieth, und zuletzt beinahe ganzlich verstummte. Dafur aber war ich allein immerdar begeistert. Unaufhorlich schwebten tragische Situationen vor meinem Sinne, denen ich durch Stimm' und Geberde Leben zu geben bemuht war.
Aber wie oft musste ich vor meinen Geschwistern aus einem dustern Winkel in den andern fliehen und das, was ich mit Thranenstromen, mit Triumph und Klagegesang luftdurchtonend hatte verkunden mogen, in mein Inneres verschliessen. Ganz konnte ich es gleichwohl nicht ohne mein Leben durch die gewaltige Empfindung zerstort zu sehen. Was blieb mir ubrig, als Tanz und Geberde?
Ich trauerte Anfangs daruber; entdeckte aber bald, dass eben dieses ganzliche Verstummen mir eine eigene, heilige Welt bildete, wo ich das den ubrigen Kunsten, trotz allem Bemuhen, dennoch Unaussprechliche seelenerhebend andeuten konnte. Aber wen erhob ich? Mich selbst und Tausende, die um mich versammelt waren. Wer waren diese Tausende? Geister, die vor meinem inneren Sinne so lebendig schwebten, als hatten sie geathmet.
Von Niemanden gekannt, erreichte ich so das funfzehnte Jahr. Meine Schwester hatte das siebenzehnte zuruckgelegt, und wurde allgemein fur ein sehr reizendes und geistvolles Madchen gehalten. Nur das erste war sie wirklich, doch schien sie mir damals, so wie Andern, das letzte in eben dem Grade, und ich war fest uberzeugt, in ihrer Gegenwart nicht besser als durch Schweigen fur mich sorgen zu konnen.
Eben deswegen blieb ich aber auch ganz unbemerkt neben ihr, und von allen Mannern, die sie umflatterten, war gewiss kein einziger, der mein Herz geahnet hatte. Ich fand dieses, durch meine Kindheit vorbereitet, sehr naturlich, und sogar dann, als meine ganze Lebenskraft fur einen der eifrigsten Anbeter meiner Schwester erwachte, kam es mir nicht in den Sinn, von ihm geliebt werden zu konnen.
Diese Ueberzeugung von Unliebenswurdigkeit ausserte sich immerdar minder oder mehr bei mir; gleichwohl half ich meine Schwester, die sich gern putzte, verschonern, und wenn auch oft ein stechender Schmerz meine Brust durchfuhr, that ich doch, in stiller Trauer, Alles, was sie wollte.
Dieses gefiel ihr, sie machte mich zu ihrer Vertrauten, und bereitete mir dadurch einen neuen schmerzlichen Genuss: sie sprach von dem Geliebten.
Er war sehr schon, ein mir oft schreckliches Lacheln ausgenommen, was meine Liebe, ware ich auch minder von der Unmoglichkeit, geliebt zu werden, uberzeugt gewesen, immerdar in meine Brust zuruckgeschreckt haben wurde.
Meine Schwester ubersah dieses Lacheln, vertraute ihm ihr Herz und ihr Schicksal, wurde seine Gattin. Mit heimlichem Schaudern begleitete ich sie zum Altare, ergriff, als sie in die Kirche trat, plotzlich ihr Kleid und wollte sie nicht lassen. Aber er fuhlte ihr Zogern und riss sie mit fort, so, dass ein Stuck ihres Kleides in meinen Handen blieb.
Tiefsinnig betrachtete ich das Stuck, und folgte langsam zum Altare. In dem Augenblicke, wo sie das Ja sagen sollte, versagte ihr die Stimme. Sie sah mich an und erbleichte. Aber der Geistliche fragte sie zum zweitenmale, und sie sagte das schreckliche Ja.
Die Hochzeit war larmend, aber die Braut traurig, und der Brautigam witzig. Es uberfiel mich ein Grauen bei diesem Witze, und bei dem mir so furchtbaren Lacheln traten mir brennende Thranen in die Augen.
Noch acht Tage sollte meine Schwester im vaterlichen Hause verweilen, dann wollte er sie nach Italien auf seine Guter fuhren.
Erst jetzt, da meiner Mutter die eine Tochter entrissen werden sollte, schien ihr die andere etwas werth, und sie widerstand fortwahrend Charlottens Bitte um meine Begleitung.
Der achte Trauertag brach an, Alles war zur Abreise bereit; aber meine Mutter unbeweglich. Schon sass meine Schwester im Wagen; aber noch einmal streckte sie die Hande nach mir aus. Sprachlos starrte ich sie an, sprang dann plotzlich in den Wagen, winkte dem Kutscher, und schlug die Thure hinter mir zu.
Ungeduldig hatten die Pferde lange gewartet, nun aber rissen sie uns fort im heftigsten Gallop. Meine Mutter, mein vaterliches Haus, meine Vaterstadt verschwand, der heimische Boden entfloh, Feuerfunken spruhten umher, hinaus in die fremde Welt rissen uns die schnaubenden Pferde.
Meine Schwester umklammerte mich mit Thranen. Ich aber konnte nicht weinen. Ich wusste ja schon, dass es keine Thranen und keine Worte fur meine Empfindungen gab, und betrachtete die Menschen, welche die ihrigen dadurch auszudrucken suchten, mit fortwahrendem Erstaunen. Ich hielt meine Schwester, und sah schweigend in die Ferne.
Als wir die Granze erreichten, schien sie des Trostes nicht mehr fahig, ihre Thranen flossen unaufhaltsam, und sie besturmte uns mit Bitten, sie in ihrem Vaterlande zu lassen. Antonio zuchtigte sie mit dem beissendsten Spotte. Nun schwieg sie wie ich, und in Kurzem waren wir auf italienischem Boden.
Der reine Himmel, die balsamische Luft, der lachende Fruhling, zu einer Zeit, wo sie ihr vaterliches Haus mit Schnee bedeckt verlassen hatte, das Alles schien meine arme Schwester wohlthatig zu zerstreuen. Um so tiefer verwundete es mich, als ihr Mann fortfuhr, sie mit boshaften Witzeleien an ihren vorigen Schmerz zu erinnern. Als er ihr aber mit hamischem Lacheln vorschlug, wofern sie ihn nicht begleiten wolle, stehe es ihr nun frei, wieder zuruckzukehren, war es, als werde mir das kunftige Schicksal der Unglucklichen durch einen Blitzstrahl erleuchtet.
Zum erstenmale brach ich das Schweigen, und stellte ihn, sobald ich es vor meiner Schwester unbemerkt thun konnte, dieser Aeusserung wegen zur Rede. Er versicherte, sie sey volliger Ernst; im Fall ich aber nicht Lust habe, meine Schwester zu begleiten, konne ich bei ihm bleiben, und solle es recht gut haben.
Ich fuhlte meine Wangen plotzlich erkalten, dann all mein Blut gewaltsam hineinstromen; aber meine Schwester trat zu uns, und ich schwieg.
Mit Einbruch der Nacht erreichten wir Florenz; horten aber zu unserm Erstaunen, dass Antonio alle nothigen Vorkehrungen traf, diese schone Stadt schon am dritten Tage zu verlassen.
Sogleich fragte ich meine Schwester, wo sich die beiden Wechsel, welche hier umgesetzt werden sollten, befanden. Sie sagte mir, dass Antonio sie schon zweimal gefordert, aber mit andern wichtigen Papieren, welche ganz unten in ihrem Koffer lagen, noch nicht habe erhalten konnen.
Mit Heftigkeit entriss ich ihr die Schlussel, liess augenblicklich den Koffer in mein Zimmer bringen, fand die Wechsel, und verbarg sie mit einem Ringe von grossem Werthe in meinem Bette. Die Juwelen meiner Schwester waren leider in Antonio's Koffer.
Ich schloss kein Auge, und diese Nacht schien mir die langste meines Lebens. Kaum war es Tag, als ich zu dem Kaufmann eilte, und ihm Alles entdeckte. Er sagte mir, dass er zwar noch keine Nachricht erhalten, mir aber, wenn ich es verlange, die Summe auszahlen wolle. Ich beschwor ihn, es nicht zu thun, und die Sache ihren gewohnlichen Gang gehen zu lassen.
Schon war ich von meiner Schwester vermisst worden, und Antonio fragte mich, wo ich gewesen? Ich sagte es, und versicherte, ohne auf seine wuthenden Blicke zu achten, dass es nun wohl unmoglich seyn werde, am dritten Tage weiter zu reisen. Ich aber rief er werde es moglich machen! und sturzte fort, ohne weiter auf uns zu achten.
Meine ungluckliche Schwester, ausserst befremdet und erschuttert, tadelte meinen Vorwitz, wie sie es nannte, und beschwor mich, ihren Mann doch ja nicht wieder auf solche Weise zu reizen. Ich antwortete, wie gewohnlich durch Schweigen; kampfte aber doch mit mir selbst, ob ich ihr nicht Alles entdecken solle.
Noch war ich nicht mit mir einig, als Antonio zuruckkehrte. Er kommt! sagte ich nun schnell furchte nichts und verlass dich auf mich! Alles, was ich that, war nothwendig. Mit diesen Worten verliess ich das Zimmer, und verschloss mich in das meinige.
Zu meinem Erstaunen blieb Alles ganz ruhig. Ich wurde zum Essen gerufen, und hatte mich nicht Antonio's giftiges Lacheln gewarnt, ich wurde ihn fur unbefangen gehalten haben. Aber eben dieses schreckliche Lacheln erregte mir Zweifel, und ich eilte noch spat zu dem Kaufmanne, mich zu uberzeugen.
Er hatte nichts ausgezahlt, und Antonio mit der Weisung zuruckgeschickt: er werde sich an die Person halten, welche den Wechsel vorgezeigt habe. So ging ich dann einigermassen beruhigt zu Haus, und fiel endlich in Schlaf.
Ich erwachte sehr spat, und fand meine Schwester in grosser Unruhe. Antonio hatte sich Nachts von ihrer Seite geschlichen und war abgereist, ohne dass Jemand im Hause Auskunft geben konnte, wohin. Was glaubst du davon? rief meine ungluckliche Schwester Ich brauche nichts zu glauben antwortete ich Ich weiss Alles! Was zu retten war, ist gerettet! dein Herz ist leider verloren! doch hoffentlich nicht auf immer. Fasse dich! Was ich dir gestern sagte, wiederhol' ich dir heute: du kannst dich auf mich verlassen. Willst du zuruckkehren ins vaterliche Haus?
Sie schrie laut auf bei diesen Worten und verbarg ihr Gesicht in den Handen.
Willst du nicht wohlan! so machen wir uns selbst ein Schicksal.
Das Schicksal macht sich nicht! rief sie laut schluchzend.
Wir wollen sehen! erwiederte ich Ware dein Herz nur geheilt!
Nimmer! fiel sie ein.
Wie bald! fuhr ich fort konnt' ich dir nur einen Theil meiner tiefen Verachtung gegen den Elenden mittheilen! Doch, traure aus du Ungluckliche, und lass mich sorgen!
Mit diesen Worten bracht' ich sie wieder auf ihr Lager, und eilte, den Arzt zu benachrichtigen. Aber er versicherte mir, seine Hulfe sey hier uberflussig, und Alles von der Zeit zu erwarten.
So war ich denn fur den Augenblick beruhigt, und konnte meine ganze Aufmerksamkeit unserer Lage widmen.
Ich sah bald, dass die Wechsel samt dem Ringe uns kaum ein Paar Jahre vor Mangel schutzen konnten, und dass meine Schwester, nach dem, was sie geaussert, sich nicht entschliessen werde, in das vaterliche Haus zuruckzukehren. Ich selbst musste es mir nach ihrer Zuruckkunft mit Jammer erfullt denken; doch nahm ich mir vor, sie noch einmal auf das Aeusserste zu prufen, und nur dann, wenn ich ihren Widerwillen unuberwindlich gefunden, einen festen Entschluss zu fassen.
Jemals zu heirathen schien mir, bei der Ueberzeugung, ich werde nie geliebt werden, unmoglich. Auch hatte ich sogenannte glucklichen Ehen genug beobachtet, um zu wissen, dass Ein Theil durchaus der Leidende seyn musse, um dieses scheinbare Gluck hervorzubringen und zu erhalten. Leiden erregte mir aber nicht Furcht, sondern Eckel. Es schien mir eine Krankheit, die, besonders wo sie anhaltend ware, den Tod des Geistes nothwendig zur Folge haben musse. So war ich dann fest entschlossen, es zu fliehen, wie und wo es mir drohen moge, und seine beiden furchtbarsten Feinde, Freiheit und Thatigkeit, zu erhalten.
Aber worauf sollte sich diese Thatigkeit wenden? Auf die Geschafte des gemeinen Lebens? Das schien mir gleichfalls unmoglich. War es gedenkbar, dass sie mich vor Geistesleiden, vor Geistestod schutzten? Wurden sie nach einem gewissen Zeitmaasse, wurden sie harmonisch verrichtet? Druckten sie die grosse Angelegenheit der Menschheit: den Kampf des Unordentlichen mit dem Ordentlichen, des Hasslichen mit dem Schonen, oder, was dasselbe ist: des Guten mit dem Bosen aus?
Tief lag es als Ahnung in meiner Seele, dass dieses der geheime Sinn aller Kunste, und der Grund aller Gewalt sey, welche sie an den Menschen uben. Ich hatte beweisen gesehen, dass Tone Gestalten hervorbringen, und diese hohe Bedeutung wurde mich zur Musik hingezogen haben, hatte sie mich nicht zu gewaltsam ergriffen; so dass ich meine Empfindung durch Tanz ausdrucken, oder untergehen musste. So war mir dann das Rathsel meiner Jugend gelost, und der Entschluss, als tragische Tanzerin aufzutreten, befestigt.
Ich theilte ihn meiner Schwester mit; aber es wahrte lange, ehe sie sich von der Wahrhaftigkeit meines Berufes uberzeugen, und uber die gemeine Ansicht erheben konnte. Gleichwohl begriff sie, dass irgend etwas Ausserordentliches geschehen musse, und liess mich, ohne mir gerade beizupflichten, wenigstens gewahren.
Ich benutzte diese Stimmung, und eilte, meinen Entschluss auszufuhren. Nur kurze Zeit liess man mich als Nebentanzerin auftreten, und schon an meinem sechszehnten Geburtstage wurde mir eine der Hauptrollen ubergeben. Man schien viel von mir zu erwarten, und das Haus konnte die Zuschauer nicht fassen.
Mein Auge uberflog die Menge, die Geister meiner Kindheit umschwebten mich, und gottliche Kraft belebte meine Glieder. Ich tanzte, tanzte die Geschichte meiner Kindheit, tanzte meine gestorbene Liebe, meine Sehnsucht nach der unverganglichen Schonheit. Der Beifall wurde rauschend, wie ein seliger Geist schwebte ich uber der Menge, die Ungeliebte plotzlich von Tausenden geliebt. Ich fuhlte es, fuhlte mit unaussprechlicher Wonne, dass ich das Rechte gewahlt habe, der kleinlichen Erdennoth entruckt, ein freier Geist durch die Kunst sey.
Mein Heimgang wurde ein Triumphzug. Ich war mit Rosen geschmuckt, von beiden Seiten flogen Rosen in meinen Wagen, und ich blieb seit diesem Abende, unter dem Namen Rosamunde, ein Liebling der Florentiner.
Seitdem gehort der geheimnissvolle Duft der Rosen zu meinem Wohlbefinden, und ich suche ihr schones Leben mit der aussersten Sorgfalt zu bewahren.
Oft haben mich Kunstler versichert, wie tief sie auch Anfangs durch den Beifall der Menge erschuttert seyen, habe derselbe doch bald allen Reiz fur sie verloren, und sey ihnen am Ende beinahe eckelhaft geworden.
Mir nicht also. Ich feierte mein eigentliches Leben nur mit dieser von ihnen verachteten Menge, und fuhlte geisterhebend, dass alles andere Leben kaum den Namen Leben verdiene. Ihr Beifall schien mir der Chor zu meinem Tanze, durch den ich die Schwere beinahe uberwunden, und mich dem Himmel genahert hatte. Wir alle feierten einen seligen Triumph.
Meine ungluckliche Schwester allein trauerte bei meinem Glucke. Ihre Liebe wurde Krankheit. Mir ganz unahnlich nahrte und pflegte sie ihren Kummer und wiess jede Linderung zuruck.
Die Bedauernswurdige litt auch noch durch meine Forderungen. Ihren Zustand ganzlich verkennend wahnte ich noch immer, sie werde sich uber ihr Schicksal erheben. Vergebens! Ihre Kraft war dahin, und ich sah endlich mit tiefem Jammer, dass ich mich schrecklich geirrt hatte. Es zeigten sich Spuren eines langsamen Giftes, und ein anderer Arzt, den ich nun schnell berief, verhelte mir nicht, dass ich mich auf ihren Verlust vorbereiten musse.
Nach dringenden Bitten erhielt ich die Erlaubniss, mich ganz ihrer Pflege widmen zu konnen, bis sie entweder genesen, oder ihr Leiden fur immer geendigt seyn werde.
Ach nicht lange verwaltete ich mein trauriges Amt! In wenigen Tagen lag sie ohne Hoffnung darnieder, und entschlummerte noch fruher, als der Arzt und wir alle geglaubt hatten.
Florenz sah mich trauern und trauerte mit mir. Zart schonend enthielt man sich lange, mich an mein Versprechen zu erinnern, und schon bluhten Rosen auf meiner Schwester Grabe, als man mich endlich darum mahnte. Zum erstenmale erschien ich nun wieder offentlich, und die Begeisterung dieses Abends war eine der hochsten meines Lebens.
Viele Manner warben jetzt um mein Herz. Ein russischer Graf unter allen am eifrigsten. Er sah mich Reichthum und Wohlleben zuruckweisen, und glaubte mit seiner Hand Alles zu uberbieten. Um so grosser war sein Erstaunen, als ich auch diese, wiewohl dankbar, aber gleichfalls mit Lacheln zuruckwiess.
Musst ich nicht lacheln, dass Menschen, die ich ihrer Armuth wegen bedauerte, mich bereichern wollten? dass der gute Graf, der mich so frei sah, wie ein menschlicher Geist es werden konnte, mich durch vornehme Sclaverei zu beglucken dachte? Begeistert und selig uber Tausende schwebend, sollte ich mich da unten, wo es mir vielleicht schon nach Jahresfrist nicht mehr gelang, die Falten seiner flachen Stirne zu verwischen, erhoben glauben!
Diese unbegreifliche Eitelkeit, welcher ich mehrere seines Standes und Geschlechtes ergeben sah, war eben so wenig, als das Schicksal der unglucklichen Weiber, welche ihrer sogenannten Liebe vertraueten, geschickt, mir eine hohere Meinung von den Mannern beizubringen. Beantwortete ich ihre Antrage immer noch mit Lacheln! so war dies vielleicht ein gutmuthigerer Ausdruck meiner Empfindung, als sie rechtmassigerweise erwarten konnten.
Gleichwohl war es eben dieses Lacheln, was mir
eine Menge der bittersten Feinde erweckte. Jeder, dessen Wunsche nicht erfullt wurden, schloss auf einen glucklichern Nebenbuhler, und schrieb es nur der Tiefe meiner Heuchelei zu, wenn er ihn nicht entdeckte.
Oft wurde die Erbitterung allgemein, und mein Un
tergang beschlossen. Ich wusste es; aber vertraute der Kunst. Mit Recht; denn sie verwandelte mehrmals an Einem Abende das ganze Heer meiner Feinde in eben so viele Lobpreiser und Beschutzer.
Immer durch die Kunst uberwunden, gaben sie es
endlich auf, mich zu verfolgen, und nur dann, als sie dich tiefer als sie Alle erregt sahen, beschlossen sie, dich und Alles, was sie langst verziehen hatten, noch einmal auf das empfindlichste zu rachen.
Ob es ihnen gelungen ist, hast du gesehen. Willst
du mich nun in Frieden scheiden lassen; sie werden meine Ruhe nicht mehr storen.
Gretchen an ihre Mutter.
Herzliebste Mutter!
Was sie mir geschrieben, habe ich nicht recht verstanden. Der Herr Vetter und die Frau Prasidentin sagen aber, das thue nichts, sie habe es nur so in der Angst hingeschrieben, und werde jetzt wohl begreifen, dass ich es nicht verstehen konne. Auch bedeute es Alles nichts anderes, als dass ihr bange sey, ich werde nicht so fromm und gottesfurchtig bleiben, als sie mich hergeschickt habe.
Da sey sie aber nur ganz ausser Sorge, herzliebste Mutter! Es ist ja nicht mit mir, wie mit einigen andern unglucklichen Leuten, die nur fromm und gottesfurchtig aus Zwang sind. Ich bin es ja, weil ich meine Freude daran habe, und ist mir ja Alles zuwider, was mich daran hindern kann. Es betrubt mich aber recht inniglich, dass sie nur daran zweifeln und sogar glauben kann, ich wurde ganz anders werden. Ach bilde sie sich so was nicht ein, herzliebste Mutter! Ich hab's ihr ja schon gesagt, sie soll gewiss Freude an mir erleben, und ich ware auch nicht zum Fursten gegangen, wenn sie es mir verboten hatte. Aber der Herr Vetter und die Frau Prasidentin sagen: sie habe es mir nicht verboten, und die verstehen ja doch ihren Brief besser als ich, wenn ich ihn auch noch so oft lese.
Der Furst ist zwar wohl manchmal ein wenig hastig und sonderbar; aber doch sonst ein sehr braver Herr. Ich furchte mich darum auch gar nicht mehr, und sage Alles, wie ich es denke. Es freuet ihn gar herzlich, das kann ich sehen, und wenn er manchmal noch so verdriesslich ist er mag auch wohl seine Noth haben wird er doch immer heiter, wenn ich komme.
Sehr gut ist's, dass der Herr Vetter einen Garten hat; sonst wusste ich nicht, was ich dem Fursten bringen sollte. So aber giebts immer Blumen und Fruchte, und der Furst versichert, es seyen die schonsten und wohlschmeckendsten, die er in seinem Leben gesehen und gegessen habe, und die auf seiner Tafel werden ihm ganz zum Eckel.
Wie das nun zugeht, kann ich nicht begreifen. Wenn andere Leute Gastereien geben, suchen sie doch immer Blumen und Fruchte vom Hofgartner zu bekommen, und mussen also wohl wissen, dass es die schonsten sind. Doch was soll man mit solchen grossen Herren anfangen? Man muss nur schweigen, und es so hingehen lassen.
Liebstes Gretchen! sagte er letzt, als ich eben den Korb vor ihn hinstellte du bringst mir nun alle Tage so viel Schones, ja das Schonste, was ich sehe; denkst du dann aber niemals daran, dass ich dir auch etwas dafur geben muss?
Ach, gnadigster Herr! antwortete ich ich bin nur froh, dass ich immer etwas zu bringen habe, und der Tag geht so schnell hin, und ich habe an so viel andere Sachen zu denken, dass mir das noch gar nicht eingefallen ist.
So! antwortete er sehr ernsthaft, stand schnell auf, und ging mit grossen Schritten vor mir hin und her. Mit einemmale blieb er aber stehen, fasste meine beiden Hande, und sagte sehr freundlich: Hore liebstes Gretchen! ich weiss, du haltst mich fur deinen Freund und sagst mir Alles ganz aufrichtig.
Ja, das weiss Gott! fiel ich ein und ich wurde mich auch versundigen, wenn ich es nicht thate.
Nun so sage mir doch einmal fuhr er fort woran denkst du nun wohl den ganzen Tag am meisten?
Das kann ich Ihnen wohl sagen, gnadigster Herr! antwortete ich Sie kennen ja den jungen Herrn in des Herrn Prasidenten Hause? der, der letzthin krank war, der die schonen Bilder malt?
Ja, ja, ich weiss! ich weiss! rief er ungeduldig, liess plotzlich meine Hande los, und ging von mir weg.
Mir war, als war' er bose, und doch konnte ich nicht begreifen woruber. Indem ich noch daruber nachdachte, und nicht gleich wusste, was ich anfangen sollte, kam er wieder auf mich zu. Warum schweigst du Gretchen? fragt' er, und nun kam es mir vor, als war' er betrubt Gereuet es dich, was du gesagt hast?
Lieber Gott! sagt' ich wie konnte mich das gereuen? Es kam mir nur vor, als waren Sie erzurnt; ich wusste freilich nicht woruber.
Kehre dich nicht daran! antwortete er Uns geht mancherlei durch den Kopf. Fahre fort, Gretchen! fahre fort! und indem er dieses sagte, presste er meine Hande so stark, dass sie mich schmerzten.
Gnadigster Herr! sagt' ich ich merke nun wohl, dass Sie uber den armen jungen Herrn, und besonders daruber erzurnt sind, dass er nicht von der Person, die ihn so unglucklich macht, lassen kann. Aber bedenken Sie nur, es hangt ja nicht von einem Menschen ab, wen und wie sehr er lieben will.
Weisst du das? rief er hastig Das weisst du!
Wie sollt' ichs denn nicht wissen! sagt' ich lachelnd man hort ja davon so mancherlei Geschichten, die noch viel wunderbarer sind, als die mit dem jungen Herrn.
Aber Gretchen sagte er sollte denn die Vernunft gar nichts uber einen Menschen vermogen?
Da konnt' ich aber das Lachen nicht lassen, und antwortete: nehmen Sie es mir nicht ubel, gnadiger Herr! aber das kommt mir gar zu possirlich vor, wenn man die Liebe durch die Vernunft austreiben will. Grosser Gott! die Liebe ist ja das Allervernunftigste auf der Erde. Vor dem lieben Gott wird der, der da liebt, immer und ewig Recht behalten, und nur der da hasset, wird verdammt werden, und zwar durch seinen eigenen Hass. Man sieht's ja auch alle Tage, die Liebe erhalt, und der Hass zerstort. Nun ware es ja aber unvernunftig, wenn ich mir einbildete: der liebe Gott wolle seine eigenen Werke zerstort haben. O nein! er hat den Menschen die Liebe gegeben, damit sie erhalten werden, und hat den Heiland gesandt, damit er die Menschen durch sein heiliges Leben an die Liebe an das Eine, was Noth thut, erinnere.
Liebstes Gretchen sagte der Furst du sprichst da von einer ganz andern Liebe.
Nun konnt' ich wieder das Lachen nicht lassen, denn es war mir einmal so lacherlich zu Muthe. Gnadigster Herr! sagt' ich nehmen Sie es mir nicht ubel, dass ich heute so viel lache; aber das ist nun wieder ganz was Sonderbares, dass die Leute einen Unterschied unter der Liebe machen. Liebe ist Liebe, sie mag vermischt seyn, womit sie will. So wie Gold Gold bleibt, mag auch noch so viel anderes Metall dazu kommen. Wie unvollkommen die Leute auch anfangen zu lieben, das thut Alles nichts, wenn sie nur immer fortfahren, werden sie es schon einmal lernen. Wenn sie aber hassen, sich im Hassen uben, kann in Ewigkeit nichts Gutes herauskommen.
Du wirst aber doch nicht laugnen sagte der Furst nun wieder dass die Liebe viel Unheil anrichten kann.
Ach lassen Sie sich so was nicht weiss machen, gnadiger Herr! fiel ich schnell ein die Liebe hat, so lange sie da ist, noch kein Unheil angerichtet. Alles, was die Leute von dieser sogenannten Liebe erzahlten, war nichts, als ein herausgeputzter Hass, und der mag freilich viel Unheil angerichtet haben.
Aber es kann doch Verhaltnisse geben, fuhr er fort in welchen die Liebe unerlaubt ist.
Das mogen mir schone Verhaltnisse seyn! rief ich nun wieder lachend wo die Liebe unerlaubt ist! Solch ein Verhaltniss mocht' ich wohl einmal sehen, in welchem mir das Lieben verboten werden konnte!
Gretchen sagt' er nun sehr ernsthaft du lachst; aber denke nur einmal daruber nach: ob es nicht solche Verhaltnisse giebt.
O ja! rief ich noch lauter lachend, indem ich meinen Korb nahm ich will daruber nachdenken! unterdessen, gnadiger Herr! denken Sie auch einmal daruber nach: ob es nicht Verhaltnisse giebt, in welchen einem das Athemholen verboten werden konne.
O Madchen! rief er nun, indem er mich fest um den Leib fasste gieb mir einen einzigen Apfel wollt' er gewiss sagen. Aber ich zeigte auf seinen Tisch, wo schon zwolf der allerschonsten lagen. Da schamte er sich, und liess mich plotzlich wieder los. Den andern Tag kam ich wieder und brachte ihm Erdbeeren und Blumen. Er nahm sie, setzte sie schweigend vor sich hin, und reichte mir die Hand. Wer pfluckt die Erdbeeren? fragt' er dann.
Ich, gnadigster Herr!
Aber du hast ja so viel zu thun.
Dazu muss immer Zeit werden.
Aber die Erdbeeren sind jetzt selten. Du musst wohl lange suchen?
Das schadt nichts! Ich thue es ja gern.
Aber gestern sagtest du mir, du dachtest an den jungen Maler in des Prasidenten Hause am meisten. Das Suchen stohrt dich aber.
O ganz und gar nicht! indem ich suche, kann ich ja denken, was ich will.
Du hast Recht! Du kannst denken, was du willst sagte er, liess meine Hand los, stand plotzlich auf, und ging wieder, was er immer thut, wenn ihm etwas nicht Recht ist, mit grossen Schritten auf und ab.
Gnadiger Herr! sagt' ich darum gleich es wird noch wohl so herauskommen, dass Sie nicht allein bose auf den armen jungen Herrn, sondern auch auf mich sind.
Wer sagt dir, dass ich bose auf euch bin?
Ach gnadigster Herr! ich bin nur ein einfaltiges Madchen; aber wenn Jemand bos auf mich ist, das kann ich gleich merken, und wenn Sie so mit grossen Schritten auf und ab gehen, da weiss ich immer schon, wie viel es an der Zeit ist.
Gretchen! sagt' er nun mit einemmale wieder lachelnd ich gebe dir mein Ehrenwort, dass du nicht weisst, wie viel es an der Zeit ist. Sey ruhig! Ich bin weder bos auf ihn, noch auf dich; wurde es nur dann seyn, wenn du anders sprachest, als du dachtest.
Das war' schon! rief ich.
Nein! nein! fuhr er fort ich weiss, dass du das nicht kannst und nicht willst. So sag' mir aber denn einmal, was denkst du nun so immer uber den Maler und sein Verhaltniss mit der Tanzerin?
Ach, gnadigster Herr! wie soll ich Ihnen das beschreiben! Sagte mir Einer: hundert Meilen von hier wachst ein Kraut, was ihm helfen kann, ich ginge und holte es herbei. Oder sagte Einer: ich will ihm helfen; aber du sollst mir dein ganzes Leben dafur dienen; ich riefe geschwind: hilf ihm, und ich will dir mein ganzes Leben dafur dienen und arbeiten, dass mir das Blut aus den Handen spritzt.
Aber Gretchen, wenn du nun das Alles thatest, und es wurde ihm wirklich dadurch geholfen, weisst du dann aber auch, dass er es erkennen wurde?
Gnadigster Herr! antwortete ich dergleichen thut man nicht, dass es erkannt werde. Wollte Gott, ich konnt' ihm nur helfen! mocht' er es meinetwegen nimmermehr erfahren.
Jetzt ging er wieder eine ganze Weile mit grossen Schritten tiefsinnig auf und ab. Hat er dich niemals gesehen? fragt' er endlich.
Niemals! ausser da er krank war; aber da wusst' er ja nichts von sich selbst.
Hast du auch niemals gewunscht, er moge dich sehen?
Ach Gott, nein! ich habe es immer gefurchtet.
Gefurchtet?
Ja! denn ich weiss schon vorher, dass ich in grosse Verlegenheit kommen und mich sehr einfaltig benehmen werde. Im Stillen ihm dienen, seine Schmerzen lindern, ist meine innigste Freude. Dass schon einiges davon bekannt wurde, hat mich eine Weile ganz betrubt gemacht. Mir war, als wurde mir was genommen. Jetzt hab' ichs verschmerzt, und ist mir wieder so still und heilig in seinem Zimmer, wie in einer Kirche.
Was malt er jetzt?
Ich habe nicht gesehen, dass er etwas Neues angefangen; aber man hat genug an dem, was fertig ist, zu sehen.
Weisst du auch, warum er nicht malt?
Sie ist krank.
Ja! und ihr Zustand bedenklich. Die Aerzte sprechen sehr zweifelhaft davon. Wenn sie sturbe
Dann ware der gute Herr fur uns Alle verloren.
Vielleicht auch fur immer gerettet.
Das glaub' ich nicht! Was sie ihm war, wird keine ihm werden.
Sie liebt ihn nicht.
Das ists eben.
Warum ists das eben?
Ich kann es auch nicht begreifen; aber die Frau Prasidentin sagt es.
Die Prasidentin. Aber du, was sagst du?
Ach, gnadiger Herr! ich hab' es ja schon gesagt, dass ich es nicht begreife. Aber wie vieles giebt es nicht, was man nicht begreift. So erzahlte letzt eine Dame bei der Frau Prasidentin, ein junges Madchen habe sich in einen ganz wilden, ausschweifenden jungen Menschen verliebt, so dass die Eltern gar nicht mehr gewusst hatten, was sie mit ihr anfangen sollten. Da habe ihnen eine Freundin gerathen, sie sollen einen jungen Mann, der aber uber 18 Jahre alt seyn musse ein Madchen brauche nur 14 zu seyn aufsuchen. Habe dieser junge Mann noch niemals aus Eitelkeit einem jungen Madchen gefallen wollen aus Liebe schade es nichts und uberhaupt noch keine bosen Gedanken gehabt; so durfe er nur ein Stuckchen von dem feinsten Scharlache Nachts und Tags, drei Monate lang, auf dem Herzen tragen, und er konne damit das Madchen retten.
Wie so?
Ja, das Stuckchen Tuch musse ihr dann auch aufs Herz gebunden werden. Habe der junge Mensch aber, in der Zeit, wo er es getragen, etwas Boses gedacht oder gethan; so helfe es nichts.
Nun wie ging es? Half es wirklich?
Ach sie haben keinen solchen jungen Menschen gefunden.
Ich glaube es! Aber du, Gretchen, konntest das einmal mit dem Maler versuchen.
Ich hab' es schon versucht.
Du hast es versucht?
Ja! aber auf eine andere Art. Die Dame setzte noch hinzu: wenn auch die Leute einen solchen jungen Mann gefunden hatten, war' es noch immer die Frage gewesen, ob er die Liebe des Madchens gewunscht hatte. Dafur sey aber auch Rath. Man brauche nur nicht das Stuckchen Tuch dem Madchen gerade aufs Herz zu binden, sondern nur Alles, was sie an sich trage, und beruhre, damit zu bestreichen, so werde sie doch gleich ruhig und alle ihre Leidenschaften gemassigter.
Und du?
Ja, mein seliger Vater sagte immer, all dergleichen sey Aberglauben. Man sieht aber doch heut zu Tage, dass manches fur Aberglauben gehalten worden, was es nicht ist, sondern wirklich tief in der Natur liegt. So dacht' ich dann: hilft es nicht, so schadet es doch auch keinem Menschen, du kannst es immerhin versuchen. Du tragst ein solches Stuckchen Tuch? Ja, ich trage es. Und nach drei Monaten wirst du es ihm aufs Herz binden lassen? Gott bewahre! Warum Gott bewahre? Es ware ihm ja dann fur immer geholfen. Ach Gott, nein! ich mag es nicht! Das ist sonderbar! Du willst ihm helfen, und dann willst du es wieder nicht. Ach, gnadiger Herr! rief ich Verstehen sie mich doch nur recht! Ich will ja wohl, dass ihm geholfen; aber nicht, dass er gezwungen werde, mich zu lieben. Ich sehe nicht ein sagte er nun ganz heftig warum du dich so sehr dagegen wehrst! Liebe ist ja Liebe, sagst du, sie mag kommen, woher, und mag vermischt seyn, womit sie will. Wie schlecht er dich Anfangs auch liebt, er wird es schon einmal lernen. Ach, gnadiger Herr! rief ich nun, und konnte das Weinen nicht mehr zuruckhalten das hatte ich nicht geglaubt, dass Sie meine einfaltigen Worte so gegen mich kehren, und so durch und durch bos auf mich werden wurden! Was ich Ihnen jetzt vertrauete, hat noch kein Mensch, ja meine Mutter nicht einmal erfahren. Nicht wahr? sagte er nun recht bitter lachelnd es gereuet dich, dass du so aufrichtig warest? Doch nein! es darf dich nicht gereuen, und du musst nun aufrichtig bleiben, sonst verliert ja der Scharlach seine Kraft.
Das war mir nun ein rechter Stich durchs Herz. Ich riss das Stuckchen Tuch hervor, hielt es ihm hin und rief: nehmen Sie es, gnadiger Herr! wenn Sie das glauben. Sie haben keinen Freund, sagen Sie, und trauen keinem Menschen recht mehr, als mir. Aber nun trauen Sie ja auch mir nicht mehr, und da sind Sie noch viel unglucklicher als der arme junge Herr.
Er sah mich mit grossen Augen an, nahm das Stuckchen Tuch und betrachtete es von allen Seiten. Dann gieng er schnell damit zum Fenster ich erschrack und dachte; er wolle es hinaus werfen; denn er glaubt doch nicht daran, das konnt' ich an seinen Mienen sehen verbarg es in seinen Busen und kam dann wieder ganz freundlich auf mich zu.
Gretchen! sagte er ich sehe nun wohl, dass wir beiden, der arme Maler, so wie ich, uns nur deines Mitleids zu erfreuen haben. Viel konnen wir uns freilich nicht darauf einbilden.
Grosser Gott! rief ich was konnten Sie sich denn auch darauf einbilden?
Lass das! sagte er untersuche das nicht! Was wir auch konnten; du hast uns davor geschutzt. Geh lieber Engel! (es war narrisch, dass er mich nun mit einemmale einen Engel nannte, nachdem er kurz zuvor geglaubt hatte, meine ganze Aufrichtigkeit komme von dem Stuckchen Tuche her). Ich habe mancherlei zu uberlegen, besonders aber, wie ich dir meine grossen und manchfaltigen Schulden abtragen will.
So nahm ich dann mein Korbchen, und ging voller Gedanken uber all das Sonderbare, was ich von dem Fursten gesehen und gehort hatte.
Er ist wohl, wie sie immer gesagt hat, dass die Manner sind, aufbrausend und launisch, aber doch gleich wieder gut und herzlich, und gar nicht so, wie der Herr Vetter sagt, dass die Fursten sind. Sie sieht auch, herzliebste Mutter! dass ich ihr Alles, wie sie es verlangt hat, schreibe. Das werde ich auch immer thun, damit sie weiss, dass sie nicht nothig hat, angst meinetwegen zu seyn.
Nun lebe sie wohl, herzliebste Mutter! Ich arbeite viel auf die Weihnacht fur die Frau Prasidentin; denn die Reihe der lieben Kinder ist gar zu lang, und sie kann es nicht allein bestreiten. Wenn der Bote aber zuruckkommt, habe ich doch einen ganzen Pack Geschriebenes wieder fertig. Man braucht nur ein bischen fruh aufzustehen, so muss sich Alles schicken.
Stephani an seine Verwandten.
Sie wurde an einen der benachbarten Hofe mit verdoppeltem Gehalte berufen. Der Brief kam gerade an dem Tage, als sie zum erstenmale das Bett verlassen hatte. Sie gab ihn mir lachelnd und sagte: die guten Leute glauben, mit Geld sey Alles gethan. Aber ich will bei meiner Schwester ruhen, und gehe nicht weiter; es sey denn, dass man mich gehen heisst.
Ich hinterbrachte diese Worte dem Fursten, und er kam am folgenden Tage, ihr das, was sie aufgeopfert hatte, zu ersetzen.
Von jeder Krankheit ersteht sie schoner, und ich sah, dass ihr Anblick ihn abermals uberraschte. Er gestand es mir, und versicherte, er werde sie um keinen Preis gehen lassen. Ihre Kunst sey unersetzlich.
Und ihre Gestalt! rief ich.
Das mocht' ich nicht so geradezu behaupten antwortete er.
Kennen Sie etwas Schoneres? rief ich abermals.
Ja! rief er eben so lebhaft; aber es war sichtbar, dass er seine Lebhaftigkeit bereuete.
Schon lange verbarg er mir etwas; aber ich war zu sehr mit meinem Schmerze beschaftigt, auch mocht' ich mich nicht aufdringen. So schwieg ich denn auch jetzt, und zeichnete, wie ich oft wahrend des Sprechens zu thun pflege.
Es war eine Gruppe spielender Knaben, welche ich auf dem Wege zu ihm mit Entzucken betrachtet hatte. Er ging kampfend mit sich selbst auf und ab, blieb dann wieder eine Weile bei mir stehen, und betrachtete die Zeichnung.
Himmlische Unschuld! rief er Fur wen die Knaben?
O ich weiss nicht! Fur mich selbst! Lebende habe ich doch nicht zu hoffen.
Unselige Leidenschaft! Wenn ich so sehe, wie sie deine Jugendkraft verzehrt! dich mir der Kunst raubt dann mocht' ich bereuen, was ich gethan habe, mochte sie ziehen lassen, mochte dich retten, um welchen Preis es auch sey!
Von ihr getrennt, war' ich gerettet? Ewig verlore die Kunst etwas an mir ewig fur sie verloren! Mein Leben ruht tief in Rosamunden, nur von ihren Lippen empfang ich es wieder. Trennung? Wahnsinn! Selbstmord! Wohin sie auch geht, ich folge, so gewiss mein Schatten mir selbst.
Unbegreiflich!
Warum? Sie ist das Vollkommenste, was ich kenne. In ihr ruht eine Welt herrlicher Gebilde. Nur sie durchschaut mein Innerstes, kennt den leisesten Wunsch meiner Seele .....
Wie? Und das Weib lasst dich verschmachten? O wenn ich sie nicht gerade sehe, und durch ihre Schonheit bestochen werde; ergreift mich oft eine ordentliche Wuth, und ich konnte das kalte, selbstsuchtige Geschopf ermorden.
Sie bluht schon dem Tode entgegen.
Und zieht dich mit in die Gruft. Bei Gott ich fordre Rechenschaft von ihr! Ich kann und darf es nicht langer mit ansehen. Du gehorst nicht allein dir! du gehorst uns, der Kunst, der Welt! Melde ihr, dass ich komme, dass sie sich bereit halte, entscheidende Antwort zu geben.
Wann?
Morgen! wenn es irgend meine Geschafte erlauben.
So wird es dann gut seyn erwiederte ich, indem ich ihm die Geschichte ihres Lebens, die ich, seit ich sie empfing, bestandig mit mir herumtrage, uberreichte dieses vorher zu lesen. Und hierauf entfernt' ich mich schnell, ohne seine Antwort abzuwarten.
Am folgenden Tage liess er mich plotzlich, als ich gerade vor der Staffelei sass, rufen. Aber ich liess ihm zuruck melden, dass es mir, ohne Gefahr fur mein Bild, welches mir theilweise eintrocknen wurde, unmoglich sey zu erscheinen. Es seyen die spielenden Knaben. Wenn sie ganz untermalt waren, wurde ich aufwarten. Er soll lernen dacht' ich wofern er es noch nicht weiss, dass die Kunst, wie das Gemuth, frei ist.
Aber er liess mir sogleich zuruck sagen: ich solle mich nicht storen. Er wolle sich gedulden, bis das Bild vollendet sey, und, ware es ihm moglich, selbst lieber kommen.
Diese plotzliche Nachgiebigkeit, diese tiefe Verehrung vor der Kunst, ruhrte mich dann wieder bis in das Innerste der Seele, und ich hatte ihm zu Fussen fallen, und Vergebung meiner Harte von ihm erflehen mogen.
Er kam wirklich, war so liebe-, freudevoll, so entzuckt von dem Bilde, so ganz entfernt zu ahnen, ich habe mich gegen ihn vergangen, dass ich wie vernichtet vor ihm stand, und nichts, als hassliche, falsche Scham mich abhielt, ihm meine tiefe Reue zu bekennen.
Er gab mir die Handschrift zuruck, gestand, dass sie ihm vieles erlautere, er aber dennoch auf Entscheidung dringen werde.
Am folgenden Tage gingen wir zu ihr. Ich sah, dass er eine harte Anrede im Sinne hatte, aber im Augenblicke, da wir eintraten, verandert und im hochsten Grade verwirrt wurde. Sein Unmuth daruber war unverkennbar. Sich selbst und dem machtigen Eindrucke zum Trotze, schien er nun seinen Vorsatz ausfuhren zu wollen. Wie gewohnlich ging er mit grossen Schritten auf und ab, wahrend ich mit Rosamunden die spielenden Knaben, die ich auf ihr Bitten hatte zu ihr bringen lassen, betrachtete.
Endlich trat er auch zu dem Bilde, und rief, nachdem er es gleichfalls eine Weile betrachtet hatte: gluckselige Mutter, die solche Kinder der Welt hinterlasst! Wie arm ist das gepriesenste Weib neben ihr! Nach wenigen Jahren ihre Spur nicht mehr zu finden! Nutzlos verwelkt ihre Schonheit, verloschen in dem Andenken der Menschen!
Rosamunde sah schweigend vor sich nieder.
Wozu seyd ihr da? fuhr er fort als gleich Blumen das Auge zu ergotzen, das innerste Leben zu erquicken, und Fruchte zu tragen? Euer schnelles Verbluhen predigt euch jeden Augenblick die treffende Aehnlichkeit dieses Bildes. Was seyd ihr? was bleibt ihr, wenn Fruchte nicht an euer kurzes Daseyn erinnern?
Blumen antwortete sie lachelnd.
Blumen! wiederholte er spottisch.
Die durch ihre Schonheit fuhr sie sanft und heiter fort das Auge ergotzen, das innerste Leben erquikken, nur keine Fruchte tragen.
Und wenn es bey dem Ersten nur bleibt?
Das Erste schliesst das Zweite schon in sich. Alle Schonheit erquickt das innigste Leben.
Sie kann auch zur Marter werden rief er heftig Daruber haben Sie als Weib keine Stimme. Sehen Sie ihn an! fuhr er fort, und sein Zorn stieg hoher Er stirbt! und Sie haben ihn mir, der Kunst und der Welt ermordet! Glauben Sie, dass ich das so dulden werde? Ich sage Ihnen nein! ich werde es nicht dulden. Von mir fordert ihn die Kunst, die Welt, und wussten Sie, was das gesagt heisst, so wurd' ich sagen: von Ihnen. Aber Sie haben nur Gefuhl fur Ihren eigenen Werth. Doch stirbt Ihre Kunst mit Ihnen. Nicht so bei ihm! er wird von ihr uberlebt. Nach Jahrhunderten werden seine Bilder ergotzen, und Menschen uber Erdennoth erheben. Ein unvergangliches Denkmal konnten Sie sich stiften, wenn Sie sein Leben verlangerten. Aber Sie verkurzen es, und so seyen Sie meines Hasses gewiss; es sey denn, dass Sie plotzlich bereuen. Gern will ich auch Ihre Kunst meinem Volke erhalten, denn ich bin ihm dafur, wie fur alles Schone, was ihm als das hochste Bildungsmittel geraubt werden kann, verantwortlich. Aber dann eilen Sie, sich zu entschliessen! Seyen Sie ein Weib, ein wahrhaft schones, ein liebendes Weib! Opfern Sie sich auf, und werden Sie gelustet Sie nach Ruhm durch dieses Opfer grosser, als der, dem Sie sich opfern.
Ich zweifele erwiederte sie dass er das Opfer annahme, und nahme er es an, so ware er dessen nicht wurdig.
O ja! rief er, gluhend vor Zorn Er war' es! er war' es! Wem anders, als dem Manne, gehort die Schonheit der Frau?
Ich glaube fuhr sie sehr sanft und lachelnd fort sie gehoret ihr selbst; so wie ihr Herz und ihr Leben. Wem sie es auch giebt, es ist ein freies Geschenk; oder es giebt keine Freiheit mehr auf Erden.
Er mass nun wieder mit grossen Schritten das Zimmer, blieb dann plotzlich vor ihr stehen, und fragte, wie er glaubte, sehr gefasst; aber mit blitzenden Augen Wo aber soll das enden? das frag' ich Sie, und darauf will ich Antwort.
Es endet mit meinem Leben antwortete sie ruhig und davon ist nicht viel mehr ubrig.
Tauschung! Schwarmerei! Wer, der Sie sieht, kann das glauben? Wohlan Sie wollen nicht endigen! so endige dann ich, auf eine Art, die Sie nimmermehr erwarten. Verstehen Sie mich? auf eine Art, die Sie nimmermehr ahnen.
Ich habe verstanden antwortete sie.
Nein, Sie haben mich nicht verstanden! rief er Ich kenne ein Madchen, das schoner ist, als Sie..... Ha sehen Sie! erbleichen Sie nur! Ja schoner! Ein Madchen, das nichts kennt, nichts weiss, als lieben. Ein Engel stralend von Unschuld. Sein Ideal, dafur burg' ich mit meinem Leben! sein Ideal, das er aufgab, da er Sie kennen lernte, wahnend es sey auf Erden nicht zu finden. Es ist gefunden! Jubelnd als Mann und als Kunstler wird er bekennen, dass es gefunden ist. Mit unendlichem Preise gegen den Allgutigen, der ihn schon lebend in seinen Himmel erhob. Ja, ein himmlisches, tausendfaltiges Leben wird er beginnen! Unsterbliche Werke wird er hervorbringen. Dieser Engel, voll ewiger Unschuld und Liebe, das Urbild aller Schonheit wird er ihm werden, und sein Bild wird der Nachwelt den ewigen Frieden aus jedem seiner Werke zulacheln. Sie, o Sie sind verschwunden, vertilgt aus seinem Gedachtnisse! Gedenkt er Ihrer, so ist es, wie einer schweren Krankheit, wo sein Geist verfinstert, seine Kraft gelahmt war, wo sein Schatten nur lebte. Wollen Sie das? Wollen Sie, dass ich so endige?
Wofern nicht auch mein Geist ganzlich verfinstert ist, so muss ich das wollen.
Wie!
Ist dieses Madchen sein Ideal, kann es mich aus seinem Herzen vertilgen: so ware ja das Opfer, was Sie fordern, zwecklos, widersinnig, ja schandlich; denn ich verkennete durch dieses Verschleudern meines Herzens, meines Lebens, den Werth, welchen sogar Sie mir noch beilegen. Ist seine Liebe zu mir Krankheit, und geneset sein Geist nur durch Verbindung mit diesem Madchen, wie eigensuchtig und hassenswurdig, ihn nicht genesen zu lassen. Nur dann, sagen Sie, wird sein wahres, sein himmlisches Kunstlerleben beginnen, nur dann wird er die unsterblichen Werke hervorbringen, die nun mit ihm untergehen. Was fordert die Welt nun von mir? was kann und muss sie nun fordern? Dass er erhalten werde, um welchen Preis es auch sey, ja, dass, liebt' ich ihn, sogar dieser Liebe nicht geachtet werde.
Mit diesen Worten schien ein Lichtstral in seine Seele zu fallen. Er betrachtete sie mit schweigender Ruhrung, und sagte dann sanft: Warum aber, wenn sie ihn lieben, zwingen Sie mich zu dieser Harte? warum wollen Sie ihn nicht sich selbst und uns Allen erhalten?
Es ist ja eben die Frage, ob ich dieses vermag?
Ja Sie vermogen es! Das Herz hat seine Launen. Wie himmlisch auch mir und Vielen das Madchen erscheint, Ihnen gehort nun einmal sein Herz, und uber Verwandschaft der Geister lasst sich nicht rechten.
Aber das Alles ist Tauschung. Sieht er das Madchen, muss sie verschwinden. Doch was thut's? hat doch seine Laune ihr freies Spiel gehabt. Mir Weggeworfenen, Nichtgeachteten mag das Herz nur brechen. Hat er doch Alles gekonnt, was er gewollt hat.
Nun ging er wieder schweigend und heftig auf und ab. Sie strafen mich hart sagte er dann fur meine unbesonnenen Worte.
Oft erwiederte sie scheint uns unbesonnen, was das Besonnenste ist. Indem Sie mir die Zukunft so wahr und treu vorhielten, wurden Sie mein Wohlthater, und Ihre Harte wurde die hochste Gute. Sie haben mich mir selbst erhalten, mich vor dem grausamsten Spiele geschutzt. Ein Spiel, was die Manner mit unserm ganzen herabgewurdigten Geschlechte treiben, und dessen Anblick mir das Herz schon lange emport und zerrissen hat. Ich will die Schmach dieses schandlich misshandelten Geschlechts nicht langer mit ansehen. Ich bin dem Tode geweiht, will es seyn, wer darf es mir wehren?
Er trat jetzt schnell auf sie zu, wollte etwas sagen; aber musste sich abwenden, denn seine Augen fullten sich mit Thranen.
Wie aber hub er endlich an wenn das Herz, was so oft Recht hatte, auch hier Recht gehabt hatte? Wenn er, den wir fur den Unvernunftigsten hielten, der Vernunftigste gewesen ware? allein Ihren ganzen tiefen Werth, gegen den auch ich leider verblendet war, empfunden und fur alle Zeiten gewurdigt hatte? Wenn seine Ahnung, dass Nichts sie ersetzen kann, Wahrheit wurde? er sich Ihnen nach ins Grab sturzte, und Sie jenseits errange? O wenn er fur uns dennoch verloren ware!
Wer ware Schuld daran? rief ich durch dieses Aufzahlen meiner Schmerzen aus trostloser Betaubung erwachend wer ware Schuld daran, als die, welche dieses hohe, und wahrhaft liebende Wesen irre machten uber seinen tiefen und ewigen Werth. Wer ware Schuld daran, als die, welche mein Herz besser verstehen wollten, als ich selbst. Langst ware sie mein, hatten grausame Vernunftler mich nicht fur Augenblicke geblendet, und mir ihre verwirrten Ansichten aufgedrungen. Ach sie trauet nicht mehr der Kraft meines Herzens! Jetzt ist sie verloren, und ich bin es mit ihr!
Nein! rief er du bist es nicht und sollst es nicht seyn! Nicht wir allein haben geirrt; auch sie. Hatte sie nicht in ihrem eigenen Herzen den Maassstab ihres Werthes? musste sie sich von uns Kurzsichtigen bethoren lassen? Hatte sie deine Wunsche erfullt, langst waren wir beschamt. Sie wird sie erfullen, denn sie hat ein liebendes Herz, und unser aller Trauer wird sich in Freude verwandeln.
Sie lachelte; aber ihr Lacheln war ein Stral der untergehenden Sonne, und in meinem Herzen blieb die Trauer.
Gretchen an ihre Mutter.
Endlich, herzliebste Mutter! kann ich einmal wieder schreiben. Wir haben Nacht und Tag auf die Weihnacht gearbeitet. Dafur ists aber auch eine Freude geworden, wie ich in meinem Leben nicht gesehen habe.
Die Frau Prasidentin macht es recht klug. Alles, was die Kinder das ganze Jahr durch nothig haben, spart sie auf die Weihnacht. Sie hatten sagt sie tausendmal mehr Freude daran, und hielten es viel werther.
Der Herr Prasident ist ein vortrefflicher Herr; aber doch ein bischen sehr ernsthaft, und meint, die Frau Prasidentin mache gar zu viel aus dem Feste, und fur die altesten Kinder sey das ganze Wesen nicht mehr passend. Die Frau Prasidentin aber meint, man konne gar nicht genug aus dem Feste machen. Es sey die traurigste Zeit im ganzen Jahre, und ein wahres Gluck fur Gross und Klein, dass das Fest gerade in diese Zeit falle. Was den Kindern an Spielen in freier Luft abgehe, ersetze die Freude vor und nach Weihnacht. Sie halte ihren Geist munter, und starke sie gegen vielerlei Unarten, und mit dem wildesten Buben sey im ganzen Jahre nicht so gut auszukommen.
Das giebt dann der Herr Prasident fur die Kleinen wohl zu; spricht aber doch immer von der Unschicklichkeit fur die Grossen. Die Grossen, sagt aber die Frau Prasidentin, seyen eben die Hauptsache. Sie wissen Alles, was die Kleinen bekommen, helfen es mit herbeischaffen und zubereiten, und freuen sich tausendmal vorher uber die Freude der Kleinen. Sie geben sich auch um diese Zeit ein viel weniger gelehrtes Ansehen gegen sie, schlichten mancherlei Streitigkeiten, eben weil sie Freude im Sinne hatten, mit Gute, und gestern haben sie ihnen noch zugerufen sie habe es im Nebenzimmer gehort ach wer will sich denn streiten! hort ihr denn nicht die Glocken? es geht ja auf Weihnacht!
Nun immerhin! sagte der Herr Prasident, und lachte doch wieder recht freundlich aber das sag' ich dir! in meiner Nahe kann ich den Spectakel nicht mehr dulden. Meine Geschafte leiden darunter.
Der Saal meinte die Frau Prasidentin sey ja noch zwei Zimmer von dem seinigen entfernt.
Nichts! nichts! rief aber der Herr Prasident der ganze Tross lauft dann von Morgen bis Abend auf und ab, und des Thurzuschlagens wird kein Ende.
So blieb uns dann nichts ubrig, als Herrn Stephani's Vorzimmer; denn im Wohn- und Esszimmer ist man keinen Augenblick sicher vor den Kleinen. Seit Rosamundens Krankheit war auch Herr Stephani noch keinen Abend zu Hause; sondern entweder bei ihr, oder bei dem Fursten.
So schaften wir dann in der Dammerung den grossen Tisch mit allem Zubehor herein, und putzten so prachtig auf, dass die altesten Kinder vor Freude auf den Stuhlen herumsprangen, und die Frau Prasidentin genug zu wehren hatte.
Da nun aber Alles fertig war, umringten sie sie mit einemmale und riefen: ach du allerweltssusseste Mutter! so nennen sie sie immer, wenn sie recht bitten wollen nun thue uns aber noch einen einzigen Gefallen! mach' es nun einmal ganz so, wie die andern Leute, und lass auch ein Christkind dabei kommen! Sieh! Gretchen kann das Christkind seyn. Gieb ihr dein silberflornes Kleid! Wir haben schon eine Krone von dem Stuck Goldstoff, was du uns schenktest, gemacht, und vom Hofgartner einen Palmzweig dazu bekommen. Wir haben die Krone schon vor acht Tagen gemacht, mochten sie dir aber nicht zeigen. Sonst hattest du es dem Vater gesagt, und der hatt' es nicht gelitten. Nun aber, wenn es so mit einemmale kommt, wird er sich prachtig daruber freuen. Du weisst es ja! wenn er auch manchmal etwas nicht leiden will, freuet er sich doch nachher daruber, und sagt dann: so, ja so ware es ganz anders, als er gedacht hatte. Und es macht ja auch gar keine Unruhe, und Gretchen zerreisst dir auch nichts an dem Kleide. O allerweltssusseste Mutter! thue es nur! Und so liessen sie nicht nach, bis sie endlich Ja nickte.
Nun wurde ich geschwind in der Frau Prasidentin Kammer gezogen, bekam das silberflorne Kleid an, den Palmzweig in die Hand, und die goldene Krone dazu auf. Meine Haare wurden ganz lang herunter gekammt, und da sie sich ein wenig locken, passte es recht gut dazu.
Aber es war spat uber dem Allen geworden, beinahe waren die Kleinen eingeschlafen; da sie aber das gewohnliche Zeichen mit der Glocke horten, wurden sie Alle wieder munter, und sturmten nun mit einemmale herein.
Aber, mein Gott! wie wurde mir! als Herr Stephani, der Furst und der Herr Prasident hinter ihnen her kamen. Ich stand oben am Tische, und sollte mich gar nicht ruhren; hatte aber vor Zittern bald den Palmzweig fallen lassen. Nun wurden mich auch erst die Kinder recht gewahr, und riefen mit einemmale: ach Gretchen! Gretchen ist das Christkind!
Ich hatte in die Erde sinken mogen, so schamte ich mich. Nun trat aber noch Herr Stephani hinzu, und betrachtete mich so erstaunt, als hielte er mich fur ein wirkliches Christkind. Daruber kamen mir dann vor Verlegenheit die Thranen in die Augen, und ich wurde so besturzt und betaubt, dass ich gar nicht mehr wusste, was ich anfangen sollte.
Die Kinder hatten sich indessen an die Spielsachen gemacht; aber Herr Stephani stand noch immer unbeweglich und staunte mich an. Ach Gott! hatte mir ein Mensch von meinem Putze geholfen, ich hatte ihm Alles zu Gefallen gethan. Vor Angst bekam ich entsetzliche Kopfschmerzen, die vielen Lichter blendeten mich auch, und ohne mehr recht zu wissen, was ich that, nahm ich die Krone ab, und gab sie mit dem Palmzweige Herrn Stephani.
Ich wollte nun geschwind hinauslaufen; aber die Knie zitterten mir so schrecklich, dass ich kaum die paar Schritte zur Thure machen konnte. Das war aber gewiss ein grosses Gluck; denn sonst hatt' ich vor Angst das ganze Kleid zerrissen.
Die Frau Prasidentin kam gleich hinter mir her, und sagte, der Herr Prasident habe befohlen, ich solle den Abend mit an ihrem Tische essen. Das war nun gewiss eine grosse Ehre; konnte sie aber doch nicht annehmen; sondern musste zu Hause gehen, und mich geschwind zu Bette legen. Mir war, als hatt' ich ein Fieber; fiel aber doch bald in Schlaf, und wachte den andern Morgen, beim herrlichen Glockengelaute, frisch und munter wieder auf.###
Ich war wohl eigentlich nicht krank; sondern nur von dem vielen Nahen bis tief in die Nacht, und von dem Schrecken, sehr angegriffen. Nach der Kirche ging ich aber doch gleich wieder zu der Frau Prasidentin. Lieber Gott! was hatt' ich aber da wieder fur ein freudiges Schrecken! In der Frau Prasidentin Stube war fur mich beschert. Ich wollt' es Anfangs gar nicht glauben, dass das Alles fur mich seyn sollte. Aber die Kinder riefen immer: ja, Gretchen, es ist Alles fur dich! Nimm's nur! nimm's nur! es ist Alles fur dich! Sieh, das prachtige Clavier und die Harfe, und die Kiste mit lauter feinen weissen Kleidern hat dir der Furst, das schone Stuck Leinwand und die hubsche Nahlade die Mutter, und das Gesangbuch mit Silber beschlagen der Vater, und wir haben dir Alle von unserm Honigkuchen, Zuckergebackenen, Aepfeln und Nussen dazu beschert. Nimm! nimm! riefen die Kleinen darein schmeckt gut, und sollst doch, wenn wir auch unsers aufgegessen haben, Alles behalten, und wollen nichts wieder von dir fordern!
Nun entstand mit einemmale im Nebenzimmer ein Gelachter. Es ist der Furst und Herr Stephani und der Vater! flusterten die Aeltesten sie haben sich versteckt und zugesehen, wie du erschrocken bist, und dich gefreut hast, und du wirst jetzt eine ordentliche vornehme Dame, und sollst Clavier und Harfe spielen, und Singen und Zeichnen lernen, und gar nicht mehr fur die Leute nahen.
Was schwatzt ihr denn da? sagte endlich die Frau Prasidentin Lasst doch das arme Madchen zu sich selbst kommen! Und nun zeigte sie mir Alles und sagte: es sey wirklich fur mich, und der Furst wolle mich Alles lernen lassen, und wenn es die Mutter und der Herr Vetter zufrieden waren, wolle sie mich ganz zu sich ins Haus nehmen. Ich solle es ihr heute gleich schreiben und bitten, dass sie es uberlege, und mir bald Antwort gabe. Es sey ja Alles zu meinem wahren Glucke; denn zu etwas Anderem werde sie nimmermehr rathen.
Das sagte sie auch zu dem Herrn Vetter. Der wurde aber ganz betrubt, und sagte: er werde es nicht verschmerzen, und werde ihm kein Essen mehr schmekken.
Da hiess mich aber die Frau Prasidentin hinausgehen, und sagte, sie wolle mit dem Herrn Vetter allein sprechen. Sie muss ihm gewiss recht zugeredet haben, denn als er zu Hause kam, sagte er: packe zusammen Gretchen, und mache, dass du aus dem Hause kommst. Aber thue's heimlich, sprich mir nichts von Abschied, und wenn du mich alten Mann nicht kranken willst, so sieh des Tages wenigstens einmal nach mir. Hoffartig wirst du nicht werden, das weiss ich schon, und so gehe mit Gott! Ich will in die Werkstatte und will's verarbeiten.
Ich hielt' ihn aber fest bei der Hand, und sagte: liebster Herr Vetter! sey er doch nicht gar zu betrubt! sonst kann ich nicht aus dem Hause, und was hilft mir all mein Gluck, wenn er es nicht ertragen kann?
Ich will's ertragen sagte er wischte sich aber die Thranen ab und jetzt lass mich gehen! Ich will dir ein Andenken machen, das sollen mir die jungen, neumodischen Bursche ungehudelt lassen, und soll Jedermann Respect dafur haben.
Ich aber konnte nun auch das Weinen nicht mehr lassen, und hatte beinahe gewunscht, es mogte ganz anders gekommen seyn. Als ich mich aber recht ausgeweint hatte, wurde ich mit einemmale wieder heiter, und dachte: wie, wenn du nun aber dem Vetter in der einen Stunde, wo du etwa kommen kannst, mehr Freude machtest, als sonst am ganzen Tage? Kannst ja immer vorher daran denken, kannst ihm ein Gericht, was er gern isst, oder sonst etwas Angenehmes bereiten, kannst dir die Zeitungen anschaffen, und ihm gleich, ehe er es noch sonst wo erfahrt, das Neueste daraus erzahlen. Den Magden kannst du auch immer etwas mitbringen, dass sie besser arbeiten und mit der Frau Base nicht uneinig werden, und wenn sie's geworden sind, lasst sich auch in einer Stunde viel wieder gut machen.
So dacht' ich, und packte meine Sachen zusammen. Als ich nun aber Alles ausgeleert hatte, wurde mir doch wieder ganz wehmuthig, und als ich mich endlich in der Dammerung fortschlich, kam ich doch mit ganz rothgeweinten Augen zu der Frau Prasidentin.
Nun lebe sie wohl, herzliebste Mutter! Ich hoffe doch, dass sie nicht bose daruber wird, dass ich ihre Erlaubniss nicht abgewartet habe. Der Herr Vetter hatte aber keine Ruhe mehr, und sagte: was geschehen musse, solle gleich geschehen, denn das Aufschieben konne er vollends nicht aushalten, und er wolle es schon bei ihr verantworten. Nun lebe sie nochmals wohl, herzliebste Mutter! Ich wunsche ihr ein froliches neues Jahr, und bitte Gott, dass er sie auf all ihren Wegen begleite.
Stephani an seine Verwandten.
Ich habe eine himmlische Erscheinung gehabt, und in meine ganz umdusterte Seele ist ein belebender Lichtstral gefallen. Alles schien mir dem Grabe geweiht; aber das Glockengelaute zum heiligen Feste scheint mir jetzt nur Auferstehung zu verkundigen. Ein unverwelklicher Fruhling ist mir aufgegangen, alle Blumen offnen mir Seligen den Kelch, und ich kann nichts denken, als Leben.
O es war kein Traum! Das gottliche Madchen, was mir einst Trank im brennenden Fieber reichte, was Niemand gesehen haben wollte, ich hab' es gesehen.
O ihr versteht mich nicht, und so muss ich erzahlen.
Die spielenden Knaben waren ganz fertig, der Furst trug grosses Verlangen, sie zu sehen, und wollte mich mit Bernhard, der gerade bei ihm war, in meine Werkstatte begleiten. Als wir aber vor das Haus kamen, schien mein ganzes Vorzimmer in Flammen zu stehen. Bernhard erschrack so wie wir, fasste sich aber bald, und rief zu unserm Erstaunen mit Lacheln: ich wette, das haben die Weiber angestellt!
Schnell drangen wir nun durch den Haufen des gaffenden Volks, und Bernhard, vielleicht seiner Sache doch nicht gewiss, eilte voraus. Als er aber das Zimmer offnete, leuchtete uns mit einemmale eine ganze Christbescherung mit allen neun Kindern entgegen. Anfangs sah ich nichts als die Kinder; plotzlich aber stralte mir vom andern Ende des Tisches ein Madchen im Gewande der Himmelskonigin entgegen.
Ich trete naher, sehe ein Wunder unvergleichlicher Schonheit, eine Jungfrau im hochsten Sinne des Worts. Meine Knie wollen sich beugen. Da nimmt sie die Krone vom Haupt, und reicht sie mir mit einem Palmzweige. In dem Augenblicke fallt ein Lichtstral in meine Seele. Ich erkenne das himmlische Kind, was mir im Fieber einst Trank reichte. Aber die gottliche Erscheinung wendet sich von mir und verschwindet.
Betaubt staun' ich ihr nach, da tritt der Furst zu mir, betrachtet schweigend, was sie mir gegeben, wendet sich dann ebenfalls schnell, beinahe unwillig von mir weg, und verlasst uns.
Noch erstaunter betracht' ich nun die Gabe, als eins der Kinder ruft: sieh Mutter! Gretchen hat die Kron' und den Palmzweig Herrn Stephani gegeben!
Wer ist Gretchen? frag' ich nun schnell.
Sie ist die Tochter eines Landschulmeisters antwortet Mathilde nach unserer Stadtsprache, ein ganz ungebildetes Madchen; aber gewiss die engelreinste Seele, die man finden kann.
Ja wohl! fiel Bernhard ein und nie habe ich sie in einem passendern Kleide gesehen. Sie hat mich auf das herrlichste uberrascht; doch schien sie es noch mehr, als wir Alle. Sieh doch nach ihr und bitte sie, diesen Abend bei uns zu bleiben.
Mathilde aber kam mit der Antwort zuruck: ihr sey nicht wohl, und sie habe gebeten, sich schnell nach Hause begeben zu durfen. Es ist wahrscheinlich nichts als Schrecken und Ermudung fuhr sie fort morgen wird sie wieder hergestellt seyn, und wir werden ihr hier im Hause Alles bescheren konnen. Auf diese Worte fingen die Kinder an zu jubeln, und ich trat gedankenvoll in mein Zimmer.
Den andern Morgen holten sie mich mit der Nachricht: es solle Gretchen beschert werden, der Furst sey da; wolle sich aber mit uns im Nebenzimmer verbergen, um recht zu sehen, wie Gretchen erstaunen und sich freuen werde.
Ich sah sie wieder. O du himmlische, himmlische Unschuld! Du liebenswurdigstes aller Geschopfe, die auf Erden geboren wurden! wofern du nicht gerade vom Himmel stiegest. Du meine innigste, heiligste Erscheinung! die ich oft auf der Leinwand darstellen wollte, damit ich sie auch mit korperlichem Auge schauen mochte; die dann aber zerfloss, nicht sichtbar werden wollte. Die ich dann schnell wieder, wie ein heiliges Geheimniss, in mein Innerstes verschloss, trauernd, dass es mir nicht vergonnt sey, dich als sichtbare Gottheit den Menschen zu hinterlassen.
O du athmest wie ich! Korper bist du dennoch geworden. Sey, werde unsterblich! oder verschwinde nur nicht von der Erde, bevor meine Augen sich schliessen! Was soll ich sehen, wenn ich dich nicht mehr sehe?
So weit hatt' ich geschrieben, als ein Gerausch mich aus meiner Entzuckung weckte. Es war der Furst.
Was treibst du? fragte er Alle deine ausseren Sinne waren verschlossen. Man meldete mich dir, ich trat mit Gerausch zu dir ein, und du bliebst unbeweglich.
Ich betheuerte, dass kein Mensch bei mir gewesen, dass ich ihn gesehen habe, ohne zu begreifen, woher er so plotzlich gekommen. Gleichwohl antwortete er ist mir mein Laufer auf deiner Schwelle begegnet. Aber, wie gesagt, du warest der Erde vollig entruckt. Hatt' ich dich malend gefunden, war' es begreiflich gewesen; aber mich dunkt, du schriebst, oder hattest geschrieben.
An meinen liebsten Verwandten sagt' ich dessen Briefe an Alle und fur Alle gelten. Man sieht mir viel nach, und so schreibe ich ohn' alle Rucksicht. Auch wird ein Brief in unserer Familie wie ein Heiligthum gehalten, und ein Jeder, der daraus das Geringste verriethe, wurde ein Verbrechen zu begehen glauben.
Eine Lehre fur mich! rief er denn wie durft' ich nun, wie sehr mich mein Herz dazu drangt, nach dem Inhalte fragen?
Er hielt inne und schien auf Antwort zu warten. Ich aber sah schweigend vor mich nieder. Eins aber fuhr er fort ist mir dennoch vergonnt, rathen ist mir nicht untersagt. Du schriebst, so rath' ich nun, von der, von welcher du immer schreibst. Er sah mich forschend an, ich wollte seinen Blick vermeiden; aber eine brennende Rothe uberzog meine Wangen.
Nicht? nicht? rief er, und ging, als er keine Antwort bekam, in heftiger Bewegung auf und ab, blieb dann plotzlich wieder vor mir stehen, ergriff meine Hande, und sagte mit der hochsten Wehmuth: Stephani! du schriebst nicht von ihr? nicht von Rosamunden?
Nein! sagt' ich halblaut, und wandte mein Gesicht von ihm weg.
Du wendest dich weg? rief er du schreibst nicht von ihr? So weiss ich.... und plotzlich hielt er wieder inne, und ging, kampfend mit sich selbst, auf und ab. Stephani fing er dann wieder an das Einzige sage mir! von wem schriebst du?
Von dem wunderbaren Madchen antwortete ich nun welches mir in Gestalt der Himmelskonigin erschien, mir im Fieber einst Trank reichte, Niemand wollte gesehen haben, und ich am Ende fur ein Gebilde meiner Phantasie hielt.
Jetzt nicht mehr! rief er.
Wie kann ich? fuhr ich fort Da liegt die Krone und die Palme und gestern sah ich sie ja zum zweitenmale mit Ihnen.
O ich bin ein armer Mann! rief er abermals, und warf sich in einen Sessel.
Sein Zustand drang mir tief durch die Seele. Dankbarkeit begeisterte mich. Mein Furst und mein Wohlthater hub ich an geben Sie dem Schmerze nicht Raum! Kann es Sie beruhigen, wenn mein ganzes Herz offen vor Ihnen liegt, wohlan blicken Sie hinein! und so moge mich Gott in der letzten Stunde verlassen, wofern Ihnen eine Empfindung, deren ich mir bewusst bin, verborgen bleibt!
Er sah mich geruhrt und zweifelhaft an.
Lesen Sie dann! fuhr ich fort und wenn Ihnen dieses Blatt entdeckt, dass Ihre Weissagung erfullt ist; so erfahren Sie auch zu gleicher Zeit, dass dieses wunderbare Madchen ein uberirdisches Wesen fur mich ist. Das kann es bleiben. Nur seinen Anblick entziehen Sie mir nicht! sonst mochte meine schon umdusterte Seele ganzlich verfinstert werden.
O! rief er es ist geschehen! Ich wollte mein Ungluck und musste es wollen. Wer konnte mich schutzen vor meinem eigenen Willen?
Ich mein Furst kann es vielleicht! Ich kann, ich darf vielleicht ihrem edeln Willen Einhalt thun. O wie tief fuhl' ich mich beschamt, gezuchtigt, fur so manche Kunstlerlaune, die ich dem feinfuhlendsten, edelsten Menschen und Fursten entgegensetzte! Mochte mein Blut fliessen, diesen Fleck in meinem Leben zu vertilgen! oder mocht' ich wurdig seyn, ihm, der es zu einem himmlischen erheben wollte, einen himmlischen Lohn durch ewige Entsagung zu bereiten!
Zu spat! rief er das Schicksal hat langst schon bereitet! Wen sie liebt, dem wird sie gehoren! verwahrte sie der Andere hinter dreifachen Riegeln.
Wen wird sie lieben? fiel ich ein als den grossesten Menschenfreund, ihren grossesten Wohlthater? der mit dem Strale seiner hohen Vernunft ihre schone Seele erleuchtet.
O! rief er lachelnd sie kann unserer Vernunft, wie unseres Lichtes entbehren! Ihre Vernunft ist die hochste Liebe! Liebe ihre hochste Vernunft! Ihr Herz hell und tief, wie der blaue Himmel! Ihr ganzes Leben und Weben nichts als Wahrheit und Licht!
Ich hab' es gesehen! fiel ich ein denn meine Knie wollten sich beugen. Sie ist meine innigste, heiligste Erscheinung. Ich habe sie gesehen, lange, eh' ich sie sah!
Diese unbesonnenen Worte verwundeten abermals sein edles Herz. Er sprang auf und verliess mich.
Gretchen an ihre Mutter.
Herzliebste Mutter!
Mir ist, als ware ich in den Himmel gekommen. Des Nachts traum' ich auch immer von Engeln, traume, dass ich schon die Harfe und das Clavier spielen konnte, und dass sie mir zuhorten. Die Harfe, die mir immer etwas schwer vorkommt, und mich manchmal, weil ich sie noch nicht recht zu halten verstehe, ein wenig druckt, ist mir im Traume ganz leicht. Ja, ich schwebe mit ihr frei in der Luft, singe aus voller Brust Lieder, die ich in meinem Leben nicht horte, greife voll Zuversicht in die Saiten, und bebe von unaussprechlicher Wonne, wenn sie ertonen.
O meine herzallerliebste Mutter! was bin ich so selig! Sehe sie! ich kann gar nicht mehr beten, wie sonst, und Gebete aus den Gebetbuchern kann ich auch nicht mehr beten. Ich kann nur die Hande falten, und manchmal auf das Clavier, und manchmal auf die Harfe blicken. Und dann kann ich das Weinen nicht mehr lassen, denn ich bin gar zu selig, und der ganze herrliche Tag, wo ich so viel lernen werde, steht mir vor Augen.
Wenn ich nun so gar nicht mehr weiss, was ich sagen und wie ich beten soll, dann troste ich mich mit der Nacht, wo ich in den herrlichen Liedern, die ich nie gelernt habe, Alles sagen kann, was ich jetzt muss verschweigen.
Der vortreffliche Mann, der Furst, wusste wohl, was mir gut war. Er sah, dass ich Manches dachte, was ich nicht ausdrucken konnte. Er hat mir eine Sprache gegeben, und in dieser Sprache will ich ihm danken.
Seit mehreren Tagen hab' ich ihn nicht gesehen; denn er hat der Frau Prasidentin gesagt: ich solle nicht kommen. Anfangs erschrack ich daruber. Aber die Frau Prasidentin sagte: er habe gar zu viel Geschafte, und durfe nicht gestort werden.
Herrn Stephani seh' ich nun alle Tage; aber es ist sonderbar, wir sprechen kein Wort miteinander. Das thut auch nichts; denn wenn ich nur seine Stimme hore, ist's einerlei, mit wem er spricht.
Herzliebste Mutter! ich sagte ihr einmal, er gliche einem trauernden Engel. Sehe Sie nur in die grosse Bilderbibel. Da wo der junge Tobias zu seinem Vater kommt. Gerade so, wie der Engel, der dabei steht, sieht er. Aber traurig ist er nicht mehr. Besonders nicht, wenn er einem unvermuthet entgegen kommt.
Gestern trug ich gerade einen Veilchenbusch, den ich heimlich fur die Frau Prasidentin gezogen hatte, in ihr Schlafzimmer, und gerade, wie ich in die Thure trat, kam er mir entgegen.
Es waren Fremde bei der Frau Prasidentin; und da hatte er sich gefluchtet. Sie qualen ihn gewohnlich mit Lobspruchen, und wollen mit Gewalt in sein Zimmer, und seine Bilder sehen. Das kann er aber nicht leiden.
So standen wir dann wieder dicht voreinander, wie am Weihnachtsabend. Aber ich weiss nicht, wie es kam diesesmal war ich gar nicht verlegen; sondern sah ihm so freudig ins Gesicht, als ob ich im Traume die Harfe spielte, und dazu sange.
Auch er sah vor Freude ganz verklart aus, und es war wirklich, als hatten wir uns lange verloren, und jetzt erst gefunden.
Der Blumentopf glitt leise an mir nieder auf den Teppich. Er hob ihn auf, gab ihn mir wieder, und wartete schweigend, bis ich das Zimmer verlassen hatte.
Herzliebste Mutter! ich habe seitdem erst begriffen, was in der Bibel vom Anschauen Gottes steht, und dass die Geister schon dadurch selig wurden.
Stephani an seine Verwandten.
Wie viel widersprechende Gefuhle vermag des Menschen Brust zu umfassen! Reue, Dankbarkeit, Entzukken. Welches ist das Herrschende? welches wird es bleiben? Ach ich weiss es nicht! Was wollt ich vor wenigen Wochen? Was will ich jetzt? Warum todtet mich diese Frage nicht? Mich! Kann auch ein Seliger getodtet werden?
Soll ich hin zu ihr? soll ihr gestehen, dass sie mich besser kannte, als ich mich selbst? Aber was liegt dann in diesem Bekenntnisse? liegt nicht darin, sie sey mir weniger geworden? und ist das wahr? Nein, bei dem allwissenden Gott! das ist nicht wahr! Mocht' ich sie lassen? sie verlieren? O ich kann es nicht denken! eben so wenig, als von der Himmlischen, die mich umschwebt, verbannt werden. Was will ich dann?
Ach! ich liess die Feder fallen, breitete meine Arme weit aus, und rief: sie beide! Sie beide! Ich? Wer bin ich, dass ich diesen Wunsch dachte? laut rief? Was that ich, ihn denken zu durfen? Nichts! Aber tief in meinem Innern fuhl' ich den Werth dieser Unvergleichlichen; tief in meinem Inneren fuhl' ich, dass kein Mann ihn so wurdigen kann und wird. Woher ich das weiss? O ich sehe es! Wird irgend Einer von Allen, die mich umgeben und der Kunst huldigen, von Schonheit so ergriffen, durchdrungen, wie ich? Ware das, so mussten sie sie darstellen, wie ich; denn alle Darstellungsgabe ist nichts, als Uebermaass des Gefuhls, des inneren Lebens, das gewaltsam hervorbricht, um getrennt von dem, welchem es zu machtig ward, ein eigenes, selbststandiges Leben zu beginnen.
Ist es nicht langst bekannt, dass nur der sich ein Gut am meisten zueignet, der es am meisten zu wurdigen und zu geniessen versteht? Wenn das ist; darf ich dann nicht rufen: sie sind mehr mein, als irgend eines Andern! Wenn das ist; darf ich mich dann nicht niederwerfen vor Gott, und bitten: gieb, erhalt' sie mir Beide! und liegt in dieser Bitte mehr, als ich mit meinem innigsten Gefuhle, mit meinem machtigsten Bedurfnisse rechtfertigen kann und will?
Ach, wohin bin ich gerathen! Ist mein Wille das Schicksal? Unglucklicher! bin ich es, der Verzicht thun wollte? Was klag' ich? Wem lachelt das Schicksal dennoch so wie mir? Wahrend ich den Blick zur Erde heftete, wurde himmlischer Trost mir bereitet. Die Stadt Pisa fordert eine Madonna, als Altarblatt, von mir. Ja, ihr sollt sie haben! Gerade ich kann sie euch geben! Ach die nothigen Vorbereitungen halten mich noch auf! Aber warum soll ich warten? Kann ich nicht selbst Handwerker, Handlanger werden? Ja, das will ich! und reinigen will ich die Farben, dass alles Irrdische daraus verschwindet. Gefarbtes Licht sollen sie bleiben; auch da, wo sie Schatten werden mussen.
Rosamunde, du schwebtest! Margarethe, du sollst schweben, wie sie! Aus eigener Kraft erhob sich jene von der Erde; du warst vom Anfange erhoben. Genien meines Lebens! Kunst und Liebe halt euch in meiner Nahe! Halleluja, ihr konnt nicht mehr von mir weichen!
Gretchen an ihre Mutter.
Herzliebste Mutter!
Es war gestern des Fursten Namenstag. Ich wusste es schon lange, und hatte meinen Lehrer gebeten, mich ein recht schones Lied zu lehren, was ich meinem theuern Wohlthater singen konnte. Es war ein prachtiges Lied, und mein Lehrer sagte, ich sange es recht gut.
Ach, wie freuete ich mich! Ich zog das schonste von den weissen Kleidern an, mit dem feinen goldenen Gurtel, den mir der Furst dazu geschenkt hat, und dem Perlenhalsbande mit dem goldenen Schlosse. Ich war gewiss recht schon geputzt, und als ich fertig war, dacht' ich einmal uber das andere: ach, wenn doch meine herzliebste Mutter hier ware, und mich sahe! denn ich bin ja doch ihre einzige Freude auf der Erde.
Der Herr Prasident liess mich auf das Schloss fahren, und meine Harfe wurde mir bis in das Vorzimmer gebracht. Als ich aber in des Fursten Zimmer treten sollte, wurde mir bange, und ich dachte: ach, die Harfe ist so schwer! wie ungeschickt wirst du damit hineinkommen! Aber es ging besser, als ich dachte.
Dicht neben der Thure ist eine Erhohung, auf diese kniete ich, und setzte die Harfe etwas tiefer vor mir nieder. Ich sagte nichts, sondern fing gleich an zu spielen und zu singen. Es uberraschte den Fursten ausserordentlich, und gefiel ihm uber die Maassen; denn er kam in grosser Bewegung auf mich zu, und sagte: was kniest du Engel? Steh' auf!
Ich aber blieb immer noch liegen, und spielte das Lied erst ganz aus, und sang die letzten Verse, welche die schonsten sind, viel besser als die ersten. Die grosse Freude, dass ich ihm mit so schonen Worten danken konnte, trieb alle Angst von mir weg, und die Harfe klang, wie im Traume.
Er aber nahm sie mir aus dem Arme, und sagte wiederum: O, steh' auf! Wer kann dich so sehen!
Nein! rief ich gnadiger Herr! lassen Sie mich Ihnen so danken fur das Leben, was Sie mir gegeben haben! Ach ich war todt vorher! Nur jetzt leb' ich wirklich! fuhle jeden Tag ein erhohteres Leben! Was soll ich, was kann ich thun, Ihnen zu danken? O, mochten Sie etwas recht Schweres von mir fordern! Etwas, das kein Mensch thun konnte, als ich.
Steh' auf! rief er wieder Du lieber Engel! was dir schwer wird, kann mir nicht frommen! nur was dir leicht wurde, konnte mich beglucken.
O! rief ich wieder gnadiger Herr! ich will es lernen! ich will es lernen! bis es mir leicht wird.
Er lachelte schmerzhaft, hob mich auf, und fuhrte mich hinunter ins Zimmer. Nun sah er mich eine ganze Weile schweigend und geruhrt an, und sagte dann: mich dunkt, du bist grosser geworden Gretchen!
Das glaub' ich wohl, gnadiger Herr! antwortete ich Es ist so lange, dass ich nicht zu Ihnen kommen durfte.
Du wolltest also doch zu mir kommen? Ich glaubte, du hattest nicht einmal an mich gedacht.
Da war' ich wohl ein verabscheuungswurdiges Geschopf, wenn ich an den nicht dachte, der mein grossester Wohlthater ist. O, Nacht und Tag hab' ich an Sie gedacht und Gottes Segen fur Sie erfleht.
Doch weiss ich Jemand, an den du noch viel mehr dachtest.
Nun den mocht' ich wohl sehen!
Wie! rief er erstaunt und sah mich wieder eine Weile forschend und schweigend an.
Ich kann mir nun wohl einbilden, gnadiger Herr! sagte ich dass Sie Herrn Stephani meinen. Aber von dem kann ich eben so wenig sagen, dass ich an ihn denke, als ich sagen kann, dass ich an mein Auge, oder an mein Herz denke. Er steht mir immerdar vor Augen, ich mag ihn sehen oder nicht. Ich habe auch meiner Mutter schon langst geschrieben: ich glaube er sey unser Verwandter, und habe immer zu uns gehort.
Ich also rief er ganz empfindlich gehore nicht zu euch?
Ach, gnadigster Herr! sagte ich Sie sind ja ein Furst! wie konnen Sie denn zu uns gehoren? Freilich setzt' ich schnell hinzu: denn es fiel mir wie ein Stein auf's Herz, was er vormals von den Fursten, und dass sie keine Freunde hatten, gesagt hatte freilich! wenn der Vater zu den Kindern, wenn Gott zu den Menschen gehort, wenn unsere innigste Liebe Sie uns zu eigen machen kann, so gehoren Sie zu uns, und werden immer zu uns gehoren.
O, schweig! rief er das klingt, als hattest du es von meinen Hofleuten gelernt. Es war mein Trost, dass du diese Sprache nie lernen wurdest. Den wenigstens hattest du mir lassen konnen.
Gnadiger Herr! sagte ich Gott gebe, dass es Ihre Hofleute so gut mit Ihnen meinen, wie ich! Dann wird Ihr Widerwille gegen sie sehr ungerecht seyn. Dass ich mich aber ungeschickt und unbesonnen ausdrucke, habe ich immer geglaubt, wurden Sie mir zu gute halten.
Davon ist nicht die Rede! sagte er verdrusslich Wenn ich dir etwas nicht zu gute halte, so ist es eben das Geschickte und Besonnene.
Ach, gnadiger Herr! rief ich nun, und konnte das Weinen nicht mehr zuruckhalten ich habe es schon lange gemerkt, dass, so gutig und gnadig Sie auch gegen mich sind, doch etwas in mir seyn muss, was Ihnen zuwider ist. Ich bitte Sie flehentlich! sagen Sie mir, was es ist? Was ist das Geschickte und Besonnene? Ich will es ablegen. Was man ernstlich will, sagte mein seliger Vater, das kann man auch, und der allwissende Gott ist mein Zeuge! dass ich es ernstlich will. Aber gerade jetzt, da Sie mich geschickt und besonnen nannten, ging mir Ihr Zustand tief durch die Seele. Muss ich und kann ich das nun auch ablegen?
Nun kam er mit einemmale wieder ganz freundlich und geruhrt auf mich zu und sagte: weine nicht, du heiliges Herz! Ich will es uberlegen, ja ich will es uberlegen, ob es gut ist, dass ich dir sage, was du nicht weisst. Geh in Frieden! meine Geschafte rufen mich jetzt. Aber deine Harfe lass mir hier. Ich schicke dir zur Stund eine andere.
Ich wollte mir nun ein Herz fassen und seine Hand kussen; aber er zog sie schnell weg und sagte: O Gretchen! Gretchen! geh geschwind!
Aber ich hatte mich schon zu sehr verspatet, und musste in meinem ganzen Putze zu Tische gehen; so dass Herr Stephani einmal uber das andere lachelte, wenn er mich ansah. Doch war es gewiss kein spottisches Lacheln. Als aber die Kinder fragten: ei Gretchen! wo bist du denn so schon geputzt hingewesen? und die Frau Prasidentin antwortete: beim Fursten, da lachelte Herr Stephani nicht mehr, sondern blickte traurig vor sich nieder.
Ach, herzliebste Mutter! warum wirft sich doch immer etwas zwischen die Menschen, dass sie sich nicht so lieben, wie sie sich lieben konnten? Es ist gewiss etwas zwischen dem Fursten und Herrn Stephani. Und das wird es auch wohl seyn, wovon der Furst sagt: er wolle uberlegen, ob es mir gut sey, dass ich es wisse.
O nein! es wird mir nicht gut seyn. Aber ihnen wird es noch weniger gut seyn; und darum werde ich auch nicht ruhen, bis ich es weggeraumt habe.
Der Hass ist gewiss das grosseste wahre Leiden auf der Erde. Ja, ich muss ihr gestehen, herzliebste Mutter! dass er mir wie eine ordentliche Verrucktheit vorkommt, die mein tiefstes Mitleiden erweckt, und dass ich es darum so recht inniglich mit meinem ganzen Wesen begreife, wie der Heiland sein Leben opfern konnte, damit sich die Menschen nur lieben lernten.
Ach, herzliebste Mutter! ich erschrecke davor, wenn ich denke, dass es Hochmuth oder Gotteslasterung seyn konnte; aber ihr darf ich es doch nicht verhelen, dass mir immer wunderbarer zu Muthe wird, je alter ich werde, ja, dass mir ganz anders wird, als den jungen Madchen, die ich kenne. Sie bekommen immer mehr Gefuhl fur die Freude, und ich immer mehr fur den Schmerz, nicht fur den eigenen, sondern fur den fremden. Wenn ich so Mutter ihre Kinder, Kinder ihre Mutter beweinen sehe, ach noch gestern sah ich es, dann ergreift es mich mit unbeschreiblicher Gewalt, und ich werfe mich nieder, und flehe zu Gott, er moge doch die Menschen vom Tode erlosen. O, wenn sie von der Sunde, von der Strafe der Sunden, durch einen Gerechten erlost werden konnten, warum nicht auch vom Hasse und vom Tode?
O, meine herzliebste Mutter! wenn man sich durch ein ganz reines Leben wurdig machen konnte, als ein Opfer fur die Menschheit angenommen zu werden; wenn es genug ware, dass Einer uber Alles liebte, Einer eines vieltausendfachen Todes sturbe; damit kein Hass, kein Todeskampf mehr auf Erde gefunden wurde. O meine Herzensmutter! ware ein solcher Tod nicht der tiefsten Sehnsucht wurdig?
Stephani an seine Verwandten.
Noch weiss Niemand, was ich vorhabe, und Alles erstaunt uber die ungewohnlichen Vorbereitungen. Da mein Zimmer ein viel zu beschrankter Raum fur das Bild ist, hat man mir auf mein Bitten den Saal eingeraumt. Er ist durch eine grosse Glasthure mit dem Wohnzimmer verbunden, und so kann ich die Himmlische beobachten, wann ich will. Gluckseliger! kein Kummer darf mir nahen. Auge! du gottliches! ich habe dich! und dich geschlossener heiliger Mund! O, mir sagt's mein Geist! dich wird wohl kein Mann jemals beruhren. Geschahe es, dann ware sein irrdisches Daseyn beschlossen, und er schwebte entsundigt zu den Seraphinen, die dich bildeten.
Gretchen an ihre Mutter.
Herzliebste Mutter!
Unser Wohnzimmer ist ganz verandert, und doch ist keine Veranderung darin vorgegangen. Aber Herr Stephani malt in dem grossen Saale, der daran stosst, und seitdem ist Alles ganz anders. Die Gemalde scheinen lebendig zu werden, und scheinen freudig zu lacheln, die Menschen scheinen Gemalde zu werden, und alles Hassliche zu vermeiden. Der Saal ist geheimnissvoll und prachtig, wie eine Kirche. Mehrere Fenster sind verhangen; aber in die offenen blickt die Sonne, wie ein gottlicher Geist.
Das Bild, was Herr Stephani malt, steht mit der Ruckseite gegen die Glasthure unseres Zimmers. Alles ist verschlossen, Niemand darf hinein. Es muss etwas ganz Auserordentliches vorstellen; denn Herr Stephani sieht aus, wie ein Entzuckter, wenn er zurucktritt, um es zu betrachten. Da er dieses sehr oft thut, und das Bild von ganz ungewohnlicher Grosse ist; so sagt die Frau Prasidentin: es musse wahrscheinlich bestimmt seyn, aus einer grossen Entfernung gesehen zu werden.
Gestern hab' ich auch gesehen, dass es wirklich so seyn muss. Herr Stephani ging ganz bis an das Ende des Saals, der sehr lang ist, um das Bild zu betrachten.
O, wenn nur auch gleich ein Maler da gewesen ware, der ihn hatte malen konnen! Es wurde ein eben so wunderbares Gemalde, ja, vielleicht ein noch wunderbareres, als das, woran er arbeitet, geworden seyn.
So habe ich noch keinen Menschen gesehen. Sein Haar schien sich zu heben, sein Auge stralte, wie eine Sonne, sein Arm streckte sich aus; er wollte malen und hatte die Entfernung vergessen. Plotzlich wurde er sie gewahr, und kam wieder auf das Bild zugeflogen.
O wie wurde mir, herzliebste Mutter! Ich ging schnell in mein Zimmer, und spielte kniend ein Danklied.
Stephani an seine Verwandten.
Der Furst war da, sah mich malen, und wollte wissen, was ich vorhabe. Niemand konnte es ihm sagen, und so liess er mich gestern zu sich rufen. Ich sah den Laufer durch die Glasthure, konnte wohl denken, dass es mir galte, und trat heraus zu bitten: der Furst moge mir erlauben, ihm Abends aufwarten zu durfen. Ich war auf den Morgen bestellt. Die seltene Gute dieses grossen Menschen macht einen dreist, und er ahnet nicht einmal, dass diese Dreistigkeit etwas Ungeziemendes enthalte.
Wahrend ich aber mit dem Laufer sprach, war Franzchen, ein Kind von zwei Jahren, mit seinem Steckenpferde durch die offene Thure getrabt, und stand nun, wie versteinert, vor dem Bilde. Sobald er zu sich selbst kam, rief er uberlaut: Gretchen! Gretchen! und wollte im vollen Gallop wieder davon.
Aber ich nahm ihn gefangen, bedeutete ihm, dass es eine grosse Freude, wie am Christabend werden solle, aber Niemand etwas davon wissen durfe. Wolle er artig und verschwiegen seyn, so solle er Farben und Pinsel bekommen, und mir unten an dem Bilde malen helfen.
Er versprach Alles; verlangte aber sogleich Pinsel und Farben, legte sein Steckenpferd zur Seite, und machte sich an das Geschaft. Jetzt wurden ihn die andern draussen gewahr, und verlangten nun auch eingelassen zu werden. Er aber versicherte ihnen sehr ernsthaft: das konne nicht geschehen. Sie seyen viel zu laut und unartig; er aber sey artig und verschwiegen, habe auch Farben und Pinsel, und sie mogen nur gleich weiter ziehen, und uns nicht storen. Wollen sie nun etwa bose daruber werden, und sein Steckenpferd zerschlagen, so gehe das auch nicht; denn er habe es bei sich behalten.
Es ist ein herrliches Kind, mit einem grossen, brennenden Dichterauge. Ich will ihn unter die himmlischen Heerscharen, von denen die Heilige angebetet wird, versetzen, und mich soll wundern, ob er sich findet. Wenn sie aufsteht, sich setzt, sich zu den Kindern beugt wie ganz anders, als die ubrigen weiblichen Korper! keine Begierde, Leidenschaft in irgend einer Bewegung. O, wie soll ich es ausdrucken! Nichts, nichts Irrdisches! Heilig! heilig vom himmlischen Haupte bis zur Ferse! und nie wird das sichtbarer, als wenn sie steht.
Will ich dann mit einem Worte meine ganze Seligkeit ausdrucken, so sage ich leise: die Jungfrau! Ich weiss nicht, ob ihr den erhabenen Reiz dieses Wortes nachempfindet? Mir ist es die hochste Musik. Auch sage man von der Gottlichkeit der mannlichen Gestalt, was man wolle, zu dieser Heiligkeit erhebt sie sich nicht. Ich weiss wohl, was man mir einwenden kann. Aber versteht mich!
Die hochste mannliche Schonheit, welche jemals dargestellt ist, wurde entweder zum Kampfe gerustet, oder nach siegreich gekampftem Kampfe dargestellt (Jupiter, Apoll). Tief in der Seele jener Kunstler, welche das Ideal mannlicher Schonheit darstellten, lag also die Ahnung: dass Kraft; keinesweges Sittlichkeit das Erste sey, wonach sie zu streben haben.
Ihr zweifelt? Wohlan! macht die Probe! Werft die Kraft weg! lasst Schonheit und Sittlichkeit. Habt ihr einen Mann? Das behaupten wir nicht! ruft ihr Haben wir die Kraft als nothwendiges Erforderniss gelaugnet? Aber schon, zum edeln Zwecke geleitet, harmonisch, mit einem Worte: sittlich soll sie seyn. Das aber laugne ich euch geradezu. War Jupiters, Apolls Kraft eine sittliche? Aber laugnet einmal, dass es eine mannliche war!
Was folgt hieraus? dass das Ideal der mannlichen Schonheit nie ohne Kraft, wohl aber ohne Sittlichkeit, um wie viel mehr ohne Heiligkeit bestehen konne.
Fuhrt nur keine Venus an! denn wofern sie euch mehr, als idealisirter Liebreiz ist, thut ihr ihr zu viel Ehre. Ich aber spreche von einer Jungfrau im hochsten Sinne des Worts, und vor der fallt eure Venus nieder; sey es auch, dass sie in dieser Stellung jene an Reiz tausendmal ubertreffe. Was beweisst das fur euch? Aber denkt euch einmal den knienden Jupiter, den knienden Apoll Wahnsinn! Nicht wahr? Ihr gesteht es?
Oder seyd ihr noch nicht zufrieden? Wollt ihr der Proben noch mehrere? Gut! so fragt euch dann: wer ist der unmannlichste Mann? der Hasslichste? der Unsittlichste? Keinesweges! es ist der Schwachste. Nun fragt weiter: welches ist das unweiblichste Weib? das starkste? das hasslichste? keinesweges! es ist das unreinste, das unsittlichste.
Und so musst ihr dann zugeben: dass, wollt ihr Mannlichkeit mit einem Worte ausdrucken, ihr Kraft, Weiblichkeit, ihr Reinheit, oder, was dasselbe ist, sittliche Schonheit sagen musset.
Gesteht, ihr seyd uberwunden! und wenn ihr es nicht gesteht; so kommt und seht mein Bild. Ich bin weit von der Furcht entfernt, ihr mochtet das Alles fur kindischen Dunkel nehmen. Ihr kennt mich ja. O nein! nein! ich will mich nicht halten! will laut triumphiren, dass es mir gelang, dass ich gewurdigt wurde, die Himmlische darzustellen. O, ich bin zu selig, als dass ich irrdische Rucksichten nehmen konnte.
Verzeiht dem Kunstler! ich halte das Bild fur eine
Angelegenheit der Menschheit. Schlosse der Tod einst das Auge des heiligen Madchens, ihr und andere konnten sagen: es habe niemals gelebt. Eure Venus musste dann das Hochste bedeuten, und ein ganzes herabgewurdigte Geschlecht wurde vielleicht seine hohe Bestimmung verkennen, und glauben, es sey nicht mehr werth, als wir es gelten lassen wollen.
Gretchen an ihre Mutter.
Herzliebste Mutter!
Vor einigen Tagen war der Furst da, kam gerade in das Wohnzimmer, und sah Herrn Stephani malen. Er wollte wissen, welch ein Gemalde es sey; aber Niemand konnte ihm Auskunft geben. Da liess er mich rufen und sagte: nicht wahr, Gretchen! du weisst, was er malt? Nein! gnadigster Herr! antwortete ich Es weiss es kein Mensch, ausser Franzchen. Sehen Sie! da steht er schon wieder bei Herrn Stephani. Aber wir konnen nichts aus ihm bringen: als dass es ein Weihnachtsbild sey, er auch mit darauf stehe, und daran helfe, weil er artig und verschwiegen sey, und dass ich am meisten daruber erschrecken und mich freuen werde.
Und Stephani?
Ja, der spricht mit Niemand mehr, scheint auch nichts von Allem, was um ihn vorgeht, zu bemerken. Selten kommt er zum Essen, und dann haben wir an den Kindern genug zu wehren; denn er giebt ihnen Antworten, die gar nicht auf ihre Fragen passen. Dann lachen die kleinen Schelme, wir mogen winken, wie wir wollen. Die Aeltesten aber reden ihn gar nicht mehr an, sondern betrachten ihn mit einer zartlichen Furcht, und machen gleich Platz, wenn er irgendwo durchgeht.
Aber mit dir Gretchen spricht er doch?
Ich wusste die Zeit nicht, dass er ein Wort mit mir gewechselt hatte!
Er wollte vor einigen Tagen zu mir kommen.
Ach, gnadigster Herr! zurnen Sie ja nicht deswegen auf ihn! Er liebt und verehrt Sie vor allen andern Menschen; aber er vergisst Alles, was nicht das Bild ist.
Unmoglich! rief er oder das Bild ..... Dann hielt er plotzlich inne, und sah mich an, als ob er mir bis auf den Grund des Herzens sehen wollte.
Was sehen Sie mich nun so an, gnadigster Herr? sagte ich Trauen Sie mir nun schon wieder nicht, und glauben, dass ich mehr weiss, als ich sage?
Nein, Gretchen! rief er wieder ehe glaube ich, dass ich mehr weiss, als du sagst.
Da er aber so laut rief, hatte Herr Stephani ihn gehort, und kam zu uns herein. Er entschuldigte sich sehr, dass er nicht gekommen. Aber der Furst sagte: lassen Sie das! lassen Sie das! Doch warum sind Sie so grausam gegen uns? Keiner Ihrer Freunde weiss, was Sie arbeiten.
Es ist ein Altarblatt antwortete Herr Stephani was die Stadt Pisa bei mir bestellt hat.
Der Furst wollte nun eben fragen: was es denn vorstelle, da erschrack Herr Stephani so, dass er ganz roth wurde, offnete plotzlich die Thure, und liess den Fursten hineingehen. Er muss gewiss befurchtet haben, ich wurde das Bild auch sehen wollen; denn er sahe mich so bittend und so angstvoll an, dass es mir im Herzen wehe that, und ich geschwind sagte: lieber Herr Stephani! ich will nicht mit hinein.
Da sah er mich noch einmal an, und es war, als wolle er mir mit diesem Blicke seine ganze Seele geben.
Herzliebste Mutter! diesen Blick werde ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen. Denn es ist mir, als hatte ich wirklich mit diesem Blicke etwas bekommen, und als sey es mir hier mitten in der Brust geblieben.
Stephani an seine Verwandten.
Der Furst hat das Bild gesehen, und ist heftig dadurch erschuttert worden. Lange staunte er es sprachlos an. Dann fiel er mir plotzlich um den Hals und sagte: versprich mir, dass du erfullen willst, warum ich dich bitte! Ich erschrack; denn ich ahnete, was er wollte.
Du thust es nicht! rief er Mir nicht? deinem Freunde nicht, der Alles fur dich thun wurde? Ich bitte dich, sage nicht nein! Mache den Pisanern eine Copie. Lass mir dieses Bild. Die Hande sanken mir nieder.
O, mein Gott! rief er abermals du kannst es nicht?
Ich muss es konnen antwortete ich sobald Sie es wollen.
Er schwieg, und betrachtete das Bild von neuem. Sage mir aufrichtig hub er dann wieder an warst du wirklich entschlossen, dieses Bild wegzugeben?
Nein sagte ich aber ich habe mich oft deswegen getadelt.
Wie so?
Die Pisaner haben keine Copie von mir gefordert.
Glaubst du, dass sie den Unterschied fuhlen?
Ich fuhle ihn.
Aber was wurdest du am Ende gethan haben?
Ich weiss es nicht.
Die Idee bleibt dieselbe.
Die Idee aber die Ausfuhrung!
Wie? du getraust dich nicht?
Wie viel ich mir trauen, mit Recht trauen konnte, musste die Folge erst lehren.
Wie viel Zeit hat man dir gelassen?
Das ist die Hauptschwierigkeit. Man wunscht sehnlich, die Kirche moge zu Ostern eingeweiht, und das Bild zugleich aufgestellt werden.
Sie konnen dir nichts vorschreiben.
Nein. Aber sie haben mich dringend gebeten.
Es ist himmelschreiend, dieses Bild von dem Volke verrauchern zu lassen.
Doch wird es schwerlich mehr, als gerade an diesem Orte wirken.
Wohlan, so trete ich mit ihnen in Unterhandlung. Wir haben auch Kirchen. Mag es dem Volke dann bleiben; aber mir soll es auch nicht ganz entrissen werden. In meiner Nahe will ich es behalten. Wenn sie es zufrieden sind fuhr er, meine Hand mit Heftigkeit ergreifend, fort wenn ich ihnen verspreche, versprechen darf: du wollest das Bild zum zweitenmale, diesem vollkommen gleich darstellen? Sie sollen es von mir geschenkt, und nach meinem Tode auch das erste als Vermachtniss erhalten? Wie dann? Wie dann?
O! rief ich dann ist uns Allen geholfen, und wir bleiben ewig Ihre Schuldner!
Oder wir die deinigen! fiel er ein, und schloss mich fest in die Arme.
In diesem Augenblicke waren wir seitwarts von dem Bilde gekommen, und das heilige Madchen erblickte uns. Der Furst bemerkte es, und sagte: Du Gluckseliger besitzest sie zweimal! wahrend ich Armer von elenden verzerrten Halbmenschen umgeben bin.
Sie hat geklagt antwortete ich dass sie nicht zu Ihnen kommen durfe.
Ach ich furchtete mich selbst! furchtete ein Gestandniss nicht mehr zurucknehmen zu konnen, was ihren hohen Kindersinn fur immer zerstort hatte. Denn ich weiss es! bleibe ich in den Schranken, so ist es diese himmlische Unbefangenheit allein, die mich halt. Meine lauernden Hoflinge haben mich errathen und mir eine Reihe Schonheiten vorgefuhrt, von denen du manche deines Pinsels wurdig gefunden haben wurdest. Vergebens! Berauscht haben sie mich; aber das Nuchternwerden konnten sie nicht hindern.
Ich gestehe, dass dieses Bekenntniss eine Art Freude bei mir erweckte. Ich fuhlte mich der Himmlischen naher, und fuhlte mich ihrer wurdiger. Er errieth mich augenblicklich, und eine finstre Wolke verbreitete sich uber sein schones Gesicht. Dann verliess er mich plotzlich, und ging, wie gewohnlich, wenn er uneins mit sich selbst ist, heftig auf und ab.
Ein Paar heimliche Blitze aus seinen Augen schossen an mir voruber. Ach, ich begriff und beklagte ihn. Eben so plotzlich als er mich verlassen hatte, blieb er jetzt vor mir stehen, und als ob er seine Empfindung in einem Worte zusammenpressen wollte, sagte er im Tone des Vorwurfs: Rosamunde! Ich sah vor mir nieder. Rosamunde! wiederholte er, meinen Arm ergreifend, als ob er mich aus einem Traume wecken wollte Rosamunde! was macht sie, die Ungluckliche?
Ich habe sie antwortete ich seit ich das Bild anfing, nicht gesehen.
Sie liebt dich.
Doch nicht so, wie sich selbst.
Wenn sie dir aus Liebe entsagte, liebte sie dich nicht, wie sich selbst?
Sie hat niemals gestanden, dass sie mir aus Liebe entsagte.
Wenn die That redet, was bedarf es der Worte?
Sie furchtete unglucklich mit mir zu werden.
Sie furchtete dich unglucklich zu machen.
Sie ubt eine schone Kunst, und so muss ihr Herz ewig getheilt bleiben.
Und das deine?
Ich bedarf zur Ausubung der meinigen der Schonheit ausser mir. Sie aber stellt sie durch sich selbst dar, und ist demnach unabhangiger von der Liebe, wie von der Schonheit.
Du aber scheinst jetzt eben so unabhangig von ihr, wie von ihrer Liebe zu seyn.
Wenn das ist, mein Furst! muss ich glauben, es sey ein Verbrechen? Sie sagten mir einst, ich werde ein hoheres Ideal kennen lernen. Wenn ich es kennen lernte, fuhrte ich, oder das Schicksal es herbei? Wenn ich, wie Sie und andere behaupten, die Schonheit reiner und erhabener, als bisher geschah, darstellte, so musste ich sie auch tiefer empfinden. Strafen Sie mich dann, dass ich das bin, wozu die Natur mich bildete.
Warlich! sie hat dich und uns Alle tiefer durchschaut, als wir glaubten. Meine Harte gegen sie gereuet mich bitter. Aber sie so ganzlich zu verlassen dazu war' ich nicht fahig.
Gott ist mein Zeuge! dass ich sie weder verlassen habe, noch verlassen wollte. Sie ist und bleibt mir unaussprechlich theuer, und so gewiss ich lebe, hat Niemand ihren hohen Werth inniger, als ich, gewurdigt. Aber das, was mich in diesen Tagen beschaftigte, musste meine ganze Seele einnehmen. Und Sie selbst, mein Furst! frage ich: konnt' es auf andere Weise werden, was es ist?
Die Ungluckliche!
Wahrlich! nicht unglucklicher als ich selbst.
Du! du? unglucklich?
Bin ich es nicht, so ist es die Kunst allein, die mich schutzt. Was kann ich ausser ihr hoffen!
Wie, wenn ich nicht ware?
Ich bin mir bewusst, diesen Gedanken niemals gedacht zu haben, und es schmerzt mich, dass ihn irgend Jemand denkt. Aus mir wird er nie kommen.
Naturlich war' er gleichwohl.
Es ist manches naturlich, was mir verachtlich und meiner durchaus unwurdig scheinen wurde. Ich gelobte Ihnen einst ewige Entsagung. Kann ich mehr thun, als dieses Gelubde erneuern?
O, ich weiss! ich weiss rief er mit flammendem Auge woher sie dir kommt, diese gewaltige Kraft! Du bietest aus, wovon du gewiss bist, dass es dir nie genommen werden konne. Aber wie? wenn du irrtest? Wenn ich sie dahin setzte, wohin sie gehort? Wenn ich mich uber elende Vorurtheile erhobe? Denk' einmal diesen Gedanken ganz aus, und dann sag' mir, was du empfindest.
Mit diesen Worten verliess er mich, und der ubrige Theil des Tages war fur mich und die Kunst verloren.
Gretchen an ihre Mutter.
Herzliebste Mutter!
Ich konnte das vorigemal nicht weiter schreiben; denn ich war gar zu heftig erschuttert. Ach der Furst ist ein guter Herr; aber er verandert sich gar zu plotzlich, und kann oft bose werden, wenn man es am wenigsten denkt.
Ich schrieb ihr, dass Herr Stephani ihn mit in das Zimmer genommen; was er gewiss keinem andern Menschen gethan haben wurde. Anfangs schien der Furst auch hochlich daruber erfreut. Er umarmte Herrn Stephani, und sah sehr gutig dabei aus. Mit einemmale aber wurde er heftig, und sein Gesicht ganzlich verandert. Es entstand ein Wortwechsel, ich horte den Namen Rosamunde, und ehe ich es mich versah, sturzte der Furst ganz entrustet durch das Zimmer; so, dass seine Leute kaum herbeifliegen und ihm folgen konnten.
Herr Stephani kam nicht zu Tische; malte aber auch nicht; sondern ging gleich auf sein Zimmer. Mir war es unmoglich, einen Bissen zu essen, und das Herz schlug mir so gewaltig, dass ich kaum Athem holen konnte.
Die Frau Prasidentin wollte wissen, was vorgegangen sey; aber ich konnte ihr nichts sagen, als: dass ich den Namen Rosamunde gehort, und dass der Furst ganz aufgebracht davon gegangen sey. Sie sah vor sich nieder und sagte: das ist sonderbar! Mir aber wurde so angst, dass ich geschwind hinausgehen, und bitterlich weinen musste.
Ach, es ist mir so, wie ich ihr schon einmal geschrieben habe: dass mir der Hass wie eine ordentliche Verrucktheit vorkommt. Sage sie mir auch um Gotteswillen! was sollen die Menschen auf der Erde, wenn sie sich nicht lieben wollen? Sie weiss es, vielleicht noch nicht denke sie einmal, herzliebste Mutter! die Erde schwebt so in der Luft, wie die Sonne und die Sterne. Nun ist es mir manchmal (sage Sie es aber keinem Menschen) als schwebte ich uber der Erde. Die grossen Lander, die gewaltigen Strome, kommen mir dann sehr klein vor, die Menschen noch kleiner, und ihr Zank und Streit erscheint mir nicht bloss wie Verrucktheit; sondern wie vollige Raserey.
Ach, wie unnaturlich ist es, dass sie nicht in fester Liebe zusammenhalten, um dem gewaltigen Schicksale, was sie, bedrauet, zu widerstehen. Denn, herzliebste Mutter! ich muss es ihr nur frei heraus sagen, dass ich von der Allmacht Gottes nicht so denken kann, wie uns geboten wird, von ihr zu denken. Seine Gute aber stelle ich mir noch viel grosser vor, als man sie uns schildert, und das ist auch mein einziger Trost, jetzt, da mich der Furst in der Geschichte unterrichten lasst.
Ach, herzliebste Mutter! hatte ich nicht schon einmal angefangen, und ware ich nicht jetzt begierig, an das Ende zu kommen, nimmermehr hatt' ich mich damit abgegeben. Etwas Schrecklicheres und Emporenderes, als schon auf dieser Erde vorgefallen ist, kann sie sich gar nicht denken. Aerger, als reissende Thiere haben Menschen gegen einander gewuthet, und unter tausendmalen hat die Unschuld neunhundertmal der Bosheit unterliegen mussen.
Das Alles, sagen die gelehrten Leute, konnte, sobald der Mensch frei bleiben sollte, nicht anders seyn. Aber, herzliebste Mutter! sie sagen das nur so, um sich etwas vorzumachen; bluten sie aber unter den Klauen eines Wuthrichs, so langen sie nicht mehr damit aus.
Nein! nein! Gott ist gewiss nicht allmachtig! sonst hatt' er das Bose gehindert. Es war, das sieht man tausendfaltig bestatigt, eine Kraft, welche sich ihm von Ewigkeit her widersetzte, und die er von Ewigkeit her bekampfte. Wie dieser Kampf endigen wird, ist, glaube sie mir, liebste Mutter! noch lange nicht entschieden.
Ach, wir blodsichtigen, in Leidenschaft und Irrthum taumelnden Kinder! kennen vielleicht noch lange nicht die Sorgen unseres grossen, liebevollen Vaters. Schaudern und Entsetzen wurde uns vielleicht ergreifen, wenn sie uns offenbar wurden. Wohl mogen wir beten: dein Reich komme! erlose uns von dem Bosen! Glaube sie mir, herzliebste Mutter! in diesen Worten unseres gottlichen Lehrers liegt weit mehr, als wir denken; so wie in seiner Versicherung: ich hatte euch noch vieles zu sagen, aber ihr konnt es jetzt nicht tragen.
Unzahligemale aber wiederholte er, dass Liebe und Reinigkeit des Herzens das Einzige seye, was Noth thue. Ach er wusste, dass das Eine zu dem Andern fuhre, und dass das Reich des Bosen am sichersten dadurch zerstort werde.
So glaube auch ich, liebste Mutter! dass die Macht Gottes durch jeden schonen Gedanken, durch jede liebevolle Handlung der Menschen vermehrt werde, und dass, wenn sie sich in Liebe und Tugend vereinigten, sein Reich kommen wurde und musste.
Aber, o Gott! wenn die Erde ganz dem Bosen hingegeben wurde sanke! sanke mit allen denkenden und empfindenden Wesen, welche keinen geheiligten Willen, keine Kraft hatten, sich uber sie zu erheben! sanke in die bodenlose Tiefe! zerschellte, zerschmetterte, zerstiebe! Oder wenn sie ganz zur Holle wurde! Wahrheit und Gerechtigkeit verhohnete Schatten die gottliche Gestalt des Menschen durch Laster bis zum Unkenntlichen verzerrt das Siegel der ewigen Verworfenheit ihm aufgedruckt gebeugt zur Erde kriechend wie ein Wurm die Ahnung der Unsterblichkeit, mit ihr sie selbst auf ewig verloren!!
Bei diesem entsetzlichen Gedanken horte ich ein durchdringendes Geschrei. Ach ich hatte es selbst ausgestossen, und ein unaussprechlicher Schmerz meine ganze Brust eingenommen.
Ich kann das Alles nicht mehr so mit ansehen. Herzliebste Mutter! ich fuhre aus, was ich jetzt denke. Ja, ich fuhre es aus, und Niemand soll es mir wehren.
Stephani an seine Verwandten.
Mehrere Tage verflossen, und ich vermochte nicht, mich uber die kleinmuthige Trauer, welche meine ganze Seele umfangen hatte, zu erheben. Endlich sah ich sie wieder, und, was ich fur unmoglich hielt, ihr Gesicht war in einem noch hoheren Grade veredelt.
Oft hatte ich bei rohen Menschen bemerkt, dass der Schmerz ihre Zuge veredle. Allerdings musste es kein leidenschaftlich hervorbrechender, sondern ein gehaltener Schmerz seyn. Nur bei der Unubertrefflichen schien es mir ungedenkbar. Aber so wie ihre Gestalt uber Andere erhaben ist, so ist es ihr Schmerz. Es ist kein menschlicher, der Erde zugewandter.
Was ich dem Fursten sagte: dass ich keinen andern Trost, als in der Kunst zu erwarten habe, ist mir jetzt noch wahrer, als damals. Ich werde immer uberzeugter, dass kein Mann sich der ausschliessenden, noch weniger der leidenschaftlichen Liebe dieses wunderbaren Madchens zu erfreuen haben werde. Aber ein viel innigeres, thatigeres Mitleid, als Menschen sonst gegen einander empfinden, scheint ihr Herz zu beleben und ganzlich zu erfullen. Der Leidendste ist immer derjenige, welcher sie am meisten beschaftigt, und es scheint mir jetzt, da ich sie naher kenne, nur ein lacherlicher Dunkel, wenn ich mir je mit etwas Mehrerem schmeichelte.
Mein Wortwechsel mit dem Fursten, der ihr, da sie im nachsten Zimmer war, nicht verborgen bleiben konnte, schien sie tief zu bewegen. Um meinetwillen, glaubte ich Thor! Aber gestern wurde von zwei Familien gesprochen, die ihre Kinder, den einzigen Sohn und die einzige Tochter, fur einander bestimmten; nun aber plotzlich zerfielen, und ihr Versprechen zurucknahmen.
Der Vater des jungen Mannes war der Beleidiger, und der Erste, welcher sein gegebenes Wort brach. Um so tiefer fuhlte sich der Andere gekrankt. Und damit sich kein Zweifel erhebe, ob er, als der Aermere, die Beleidigung vielleicht verschmerze, und die Tochter dennoch fur eine mogliche Versorgung aufspare, schickte er sie augenblicklich ins Kloster.
Bei dieser Nachricht gab sich der junge Mann zwei gefahrliche, doch nicht todliche Messerstiche in die Brust, und wehrte sich gegen das Verbinden mit allen noch ubrigen Kraften, bis der Vater ihm versprach, den Beleidigten um Verzeihung zu bitten, und noch einmal formlich um das Madchen anzuhalten.
Der Sohn nahm jetzt die Hulfe des Arztes an; wurde aber nach seiner volligen Genesung von dem Vater wegen seiner Leichtglaubigkeit verlacht, und dadurch bis zum Wahnsinn erbittert. Er verschwand, und Niemand wusste, oder weiss, wohin.
Diese allerdings schreckliche Begebenheit, im Tone der Stadtneuigkeiten von einem Bekannten mitgetheilt, hat mich, ich sehe es, ganz aus Margarethens Herze verdrangt.
Mit unbeschreiblicher Angst forscht sie taglich nach dem Aufenthalte des jungen Mannes, nach dem Namen des Klosters, wo das Madchen eingesperrt ist, und da all ihr Forschen vergebens bleibt, hat sie sich endlich an den Fursten gewandt.
Mathilde versichert: dass Margarethe weder den jungen Mann, noch sonst Jemand aus der Familie kenne, dass ihr aber dieses lebhafte und ungewohnlich thatige Mitleid schon oft bemerkbar, und bei einer in sanfter Frohlichkeit durchlebten, und von keinem Schmerze irgend einer Art getrubten Jugend, fast unbegreiflich sey.
Sie ist eine hohere Natur sagte Bernhard und nur dadurch wird Manches begreiflich, das weder in ihrer Erziehung, noch in den auf sie wirkenden Umstanden gegrundet ist. Ich bin begierig setzte er, mit einem Seitenblicke auf mich, hinzu ob es einem Manne gelingen wird, ihr Herz ganz fur sich zu gewinnen. Oft bin ich geneigt, es zu glauben; dann aber scheint es mir wieder zweifelhafter, als jemals.
Ich erwiederte keine Sylbe, sondern ging mit zerrissenem Herzen in meine Werkstatte. Ergriff dann aber, beim Anblicke des Bildes, den Pinsel zum erstenmale wieder, mit nie gefuhlter Begeisterung, und vollendete in einem Tage, was ich fur die Arbeit mehrerer Wochen gehalten hatte.
Rosamunde an Ludovika Arnoldi.
Warum bliebst du nicht bei uns Geliebte? Dein Scherz: du reisest bloss, um Briefe von uns zu bekommen, hat uns wenig getrostet; und Jedermann behauptet: du habest dich wenigstens zehn Jahre zu fruh dem allgemeinen Beifalle entrissen.
Von Stephani kann ich dir wenig melden; denn ich habe ihn in mehreren Wochen nicht gesehen. Er soll mit einem grossen Gemalde, wahrscheinlich noch mehr mit dem Originale, dem Madchen, mit welchem der Furst mir einst drohete, beschaftigt seyn.
Wie unaussprechlich elend hatte ich werden konnen; ware ich langer uber den Charakter dieses Mannes im Zweifel geblieben. Wehe auch ihr, der unglucklichen! wofern sie ihr Herz an ihn hangt, und sich die Moglichkeit, ihn fest zu halten, ertraumt. Er liebt das ganze Geschlecht, und zwar tiefer und leidenschaftlicher, als irgend ein Mann. Wird er auch jetzt von ihrer hohen Einfalt angezogen, so kann er doch als Kunstler den Sinn fur Mannigfaltigkeit nicht verlieren. Ja, dieser Sinn muss sich bei hellerem Blick und hoherer Vollendung nur immer mehr entwickeln. Gerade als Kunstler wird er sich zu vielem berechtigt glauben, was mit der Treue schwerlich bestehen kann.
Gott sey gelobt! ich bin aus seinem Zauberkreise gerettet, und habe das, was mir in hellen Augenblikken das Wunschenswurdigste war, seine Achtung behalten. Da ich ihm weder mein Herz noch mein Schicksal Preis gegeben, hat mich auch seine Aenderung nicht erbittert, und ich kann gegen ihn und seinen Ruhm immer gerecht bleiben.
Diejenige, welcher er jetzt huldigt, wird nun auch eine gewisse Celebritat erhalten. Ihr Bild ist zu einem Altarblatte bestimmt. Nur auf diese, oder auf eine ahnliche Weise, ist es moglich, dass eben diese Beruhmtheit, zu welcher sie durch ihn gelangt, ihr nichts bei ihm schade. Denn so weit ich die Manner kenne, ist die Beruhmtheit nachst dem Alter, der Hasslichkeit und der Kranklichkeit, derjenige Fehler, welchen sie am empfindlichsten rachen, und vielleicht hat es, seit Manner leben, kaum zehn gegeben, welche wahrhaft gross genug waren, eine grosse Frau zu ertragen.
Allerdings ist Beruhmtheit und Grosse keinesweges gleichbedeutend, und manche gottlich grosse Frau hat kaum ihren nachsten Verwandten fur das, was sie war, gegolten. Diese Grosse konnen die Manner gar wohl ertragen; um so mehr, da man sie benutzen kann, ohne sie anzuerkennen.
Wie dem auch sey! ich habe nur kurze Zeit gelitten, und meine Ruhe ist von neuem gesichert. Ich habe das Grab meiner Schwester besucht, und mir von neuem die Ursache ihres Todes vergegenwartigt. Die Klagen uber meine Freundlichkeit, Hoflichkeit und Kalte sind darauf nur bitterer geworden.
Warum aber klag' ich nicht? Hab' ich kein Herz? und ist es nicht schmerzhafter, ewig von einer Liebe schwatzen zu horen, die keine ist, als ohne Aufmunterung um eine zu werben, welche man im Kurzen nicht mehr die Kraft hat zu erwiedern?
In der Zeit, wo er wirbt sagst du vielleicht weiss das kein Mann. Glaube mir! er weiss es; oder kann es mit einiger Aufmerksamkeit auf sich selbst wissen, und ist er dieser Aufmerksamkeit nicht fahig; so bringt er schuldlos dasselbe Leiden hervor, als hatte er absichtlich betrogen. Und so ist dann nicht besser fur die Manner gesorgt, als wenn sie sich mit ihrer Liebe dahin wenden, wo sie auf gleiche Weise erwiedert, und Niemand beim Tausche vervortheilt wird.
Genug! und mehr, als genug, von einer Sache, die langst unter uns abgemacht ist.
Meine Rosen bluhen wieder in schoner Stille um mich her, die Kunst reicht mir wieder die schwesterliche Hand, und wenn du kommst, findest du mich wieder in meinem Paradiese.
Gretchen an ihre Mutter.
Herzliebste Mutter!
Wo soll ich anfangen, ihr Alles, was mir begegnet ist, zu schreiben?
Wegen einer sehr traurigen Begebenheit, welche sich in diesen Tagen zutrug, ging ich zum Fursten.
Ein abscheulicher Vater hatte die einzige Tochter ins Kloster gesperrt, damit ein anderer nur nicht glauben sollte, er werde eine von ihm empfangene Beleidigung vergessen, und das ungluckliche Madchen dem Sohne des Feindes dennoch geben. Der Andere, noch abscheulicher, brach hohnlachend sein dem Sohne feierlich gegebenes Versprechen, dem Beleidigten Friede und Freundschaft anzubieten, und das Madchen noch einmal zu erbitten. Nur unter dieser Bedingung hatte sich der Sohn zwei gefahrliche Wunden, die er sich in der Verzweiflung mit dem Messer gemacht hatte, verbinden lassen, und verliess nun, nach entdecktem Betruge, wahnsinnig das vaterliche Haus.
Ach, man erzahlte dieses, wie man alles Andere erzahlt, und das Herz wollte mir brechen vor Angst und Entsetzen. Ich lief zu der trostlosen Mutter, die so, wie der Sohn, von dem Vater verlacht wurde, und auf ihr Flehen, ihn aufsuchen zu lassen, keine Antwort erhielt, als: dass der Narr, wenn er ausgerast habe, schon wiederkehren werde.
Eben so unerbittlich war der Vater des Madchens; dessen Aufenthalt vor der Mutter, wie vor dem Gesinde, ein unerforschliches Geheimniss blieb.
Ich schloss die Nacht kein Auge, und ging den folgenden Morgen zum Fursten.
Er schien erstaunt, mich zu sehen; horte mir aber aufmerksam zu; und befahl in meiner Gegenwart: die beiden Vater unverzuglich zu ihrer Pflicht anzuhalten. Auch wurden von seinen Leuten sogleich Boten nach dem jungen Manne, wie nach dem Madchen geschickt. Mit unbeschreiblich gutigem Gesichte wandte er sich dann zu mir, und sagte: ists nun so recht, Gretchen?
Gott lohn' es Ihnen tausendfaltig, gnadigster Herr! antwortete ich Die armen geretteten jungen Leute werden es Ihnen ewig danken.
Siehst du Gretchen sagte er ohne dich konnte mir das Gott nun nicht lohnen; denn ich wurde es nicht haben thun konnen, und auf die Weise bin ich dir mehr Dank schuldig, als du mir.
Gnadigster Herr! das denken Sie nur so aus lauter Gute; Hatt' ich es Ihnen nicht gesagt, so hatt' es ein Anderer gethan, und Alles wurde geschehen seyn, wie es nun geschah.
Du irrst! meine Hofleute haben andere Dinge zu treiben. Und hatten sie davon gesprochen; so wurde es, wo nicht mit hofischem Lacheln, doch mit hofischem Bedauern gewesen seyn.
Sie aber, gnadigster Herr! hatten doch Alles gesehen, wie es ist.
Du gutes Herz! Sah' ich Alles, wie es ist, so ware ich da, wohin ich strebe, aber lange nicht bin. Laune, Arbeit, und Etwas, das mich vielleicht zu sehr beschaftigt, trubt nur gar zu oft meinen Blick. Um so mehr bedurft' ich eines Auges, wie das deinige.
Ach, gnadigster Herr! rief ich Sie haben in meinem Herzen gelesen!
Wie meinst du das, Gretchen?-fragte er, mit einer sonderbaren Heftigkeit.
Gnadigster Herr sagte ich ich bin mit lauter guten Menschen umringt: aber noch hab' ich es nicht gewagt, Jemanden zu vertrauen, was ich Ihnen jetzt sagen werde.
O, Gretchen! was ist es? verschweige mir nichts!
Nein, gnadigster Herr! denn ich weiss, dass Sie Alles gutig aufnehmen, und wenn es auch sonderbar ist, doch entschuldigen; dass Sie ach, wie soll ich es sagen? Ja! dass Sie weiter und besser sehen, als Andere, und dass sie, wenn auch nicht Diesen und Jenen, doch uberhaupt die Menschen mehr lieben, als Andere, und sie gern alle glucklich machen mochten.
Gretchen! Gretchen! wie klingt das aus deinem Munde! Willst du mich stolz machen?
Ach, glauben Sie nur so was nicht, gnadigster Herr! Aber, wessen das Herz voll ist, des geht der Mund uber.
O, Gretchen! rief er, und druckte meine Hand fest an sein Herz Wie sagtest du? Sage, ich bitte dich! sage das noch einmal.
Ich will es noch hundertmal sagen rief ich eben so laut Wessen das Herz voll ist, des geht der Mund uber! Ja gnadigster Herr! mein Herz ist voll von Ihrer grossen Gute und Menschlichkeit, und ich kann Gott nicht genug danken, dass ich zu Ihnen gekommen bin; denn sonst wusste ich nun nicht, ob mich Jemand verstande.
Und das weisst du von mir! Ich also verstehe dich besser, als andere? O Gretchen! fuhr er fort, ergriff abermals meine Hand, und seine Augen standen voll Thranen dies wird ein wichtiger Tag!
Vielleicht der wichtigste meines Lebens, gnadigster Herr!
Vollende Gretchen! Sage Alles! wenn es dann wahr ist, dass ich dich besser verstehe.
Ja, gnadigster Herr! Sie verstehen mich besser, weil Sie hoher stehen, als Alle, und die allgemeine Noth besser uberschauen konnen. Woruber erstaunen Sie, gnadigster Herr? Ich habe es schon lange eingesehen, dass das so ist, und nicht anders seyn kann. Wie gut die Menschen, welche mich umgeben, auch sind, ist es ihnen doch nicht moglich, Jedermann zu helfen. So sind sie dann gezwungen, sich gegen Leiden zu verharten, und denken gar bald: was hilft's? durch uns wird's nicht besser. Auch dann denken sie so, wenn's gar oft besser wurde. Sie aber, gnadigster Herr! haben die Macht in Handen, und darum denken Sie das nicht, und konnen es nicht denken.
Er sah ganz bedenklich und betroffen vor sich nieder. Das machte mich irre, und ich schwieg eine Weile. Dann aber fuhr ich herzhaft fort: Gnadigster Herr! ich bin so glucklich, habe Alles, was mein Herz wunscht; aber ich kann dieses Gluck nicht langer mehr tragen.
Wie! rief er, und es kam mir vor, als ob sich sein Gesicht ganzlich verfinsterte. Da furchtete ich, er mochte, wie gewohnlich, plotzlich bose werden, und fiel schnell vor ihm nieder. Nein! gnadigster Herr! sagt' ich noch einmal ich kann nicht mehr so still dem Leiden der Menschen zusehen. Ich muss hinaus und ihnen helfen. Vor allen Andern habe ich mich geschamt das zu sagen; vor Ihnen brauche ich mich nicht zu schamen. Sie begreifen was ich meine, und gingen, so wie ich, waren Sie durch Stand und Pflicht nicht gebunden.
Stehe auf! rief er stehe auf! ich bin nicht, wofur du mich haltst.
O ja, Sie sind es! und darum werden Sie mir auch meine Bitte gewahren.
Welche?
Es giebt Kloster, gnadigster Herr! ... O glauben Sie nur nicht, dass ich mich in Mauern einsperren will! Aber es giebt Kloster, in welchen man das nicht nothig hat.
Meines Wissens nicht.
Wohlan, so stiften Sie eins! nur mit dem Unterschiede, dass die Nonnen ausgehen und helfen konnen, wo sie wollen.
Und du?
Ich komme in dieses Kloster, kann helfen, wo ich will, kann die Menschen bitten; in Liebe und Einigkeit zusammen zu halten, ohne mich zu schamen, oder von den Leuten verlacht zu werden.
Das war deine Bitte?
Ja, gnadigster Herr! das war meine Bitte.
Du willst nicht bei mir bleiben?
Ich komme taglich zu Ihnen, berichte Ihnen Alles, was ich gesehen, gehort, fordre sie auf zur Hulfe. Kein Tag, keiner wird vergehen, ohne eine schone, menschliche Handlung, ohne getrocknete Thranen, ohne gestillete Seufzer. Ein himmlisches, ein gottliches Leben werden wir fuhren.
Wir?
Ja wir! wer sonst, wenn wir es nicht fuhren.
Wir! weisst du auch, wer du bist?
O, ich weiss es! aber bei Ihnen darf man vergessen, wer man ist.
Vergessen! O du! o knie nicht mehr!
Was denken Sie nun gnadigster Herr? Warum soll ich nicht knien? Ach Gott! geben Sie nur solchen Vorstellungen nicht nach, sonst schame ich mich vor Ihnen, wie vor den Andern, und aus der ganzen Sache wird nichts.
Nun ging er mit grossen Schritten auf und ab, und sagte kein Wort mehr. Da schlug die Glocke aber zwolf, und ich durfte nicht langer mehr warten. Leben Sie wohl, gnadigster Herr! sagt' ich nun Ich muss fort; denn die Kinder kommen jetzt zu Hause, und sturmen sonst gleich zu der Frau Prasidentin, und plagen sie gar zu sehr. Morgen aber, wenn Sie es erlauben, komme ich wieder, und hore, ob Sie mir meine Bitte gewahren. Den andern Tag kam ich wieder, und da ich unangemeldet hineintreten darf, hatte er mich nicht bemerkt, und sass in tiefen Gedanken. Mir wurde bange; denn er sah finster aus, und ich hatte nicht das Herz, ihn anzureden. Endlich bemerkte er mich, und kam sehr freundlich auf mich zu.
Du da, Gretchen? sagte er plotzlich, wie eine Erscheinung! Eben so plotzlich sah ich dich diese Nacht; aber mit einem glanzenden Flugelpaare. Du erhobst dich in die Lufte, ich wollte dir folgen, sank aber bald ermattet auf die Erde zuruck. Ich erwachte in einer truben Stimmung, die mir bis zu dem Augenblicke, wo ich dich sah, geblieben ist.
Glauben Sie denn auch an Traume, gnadiger Herr?
Wie du willst! Ich glaube daran und glaube nicht daran. Aeusserlich weiss ich gewaltig viel dagegen vorzubringen; innerlich bin ich vielleicht aberglaubischer, als irgend ein Anderer.
Das ist sonderbar!
Sonderbar und naturlich, wie so vieles in der Welt, wie du selbst, Gretchen.
Wie ich?
Ja gewiss! du bist die sonderbarste und dann doch die naturlichste Erscheinung meines ganzen Lebens!
Ei mein Gott, gnadiger Herr! wie sollte das zugehen?
Sage selbst, Gretchen! bist du wohl so, wie andere Madchen? denkst du wohl an Manner, ihnen zu gefallen? Auch nur an einen Einzigen, ihn zu besitzen? so zu besitzen, wie die Frau den Mann?
Ei, mein Gott! das ist wirklich sonderbar! Woher wissen Sie denn das?
Ich weiss es, weil ich dich beobachte. Lange habe ich geglaubt, du machest mit Stephani eine Ausnahme; jetzt glaub' ich es nicht mehr; denn ich sehe dich von Anderer Leiden noch tiefer, als von den seinigen erschuttert. Ja, du willst das Haus, wo er ist, verlassen, und dein Leben fremden Unglucklichen widmen. Oder irrte ich? war es nicht so?
O nein, gnadigster Herr! Sie irrten nicht. So war es. Ich sag' es ja! es begreift und versteht mich kein Mensch so, wie Sie.
Auch nicht Stephani?
Das weiss ich nicht; denn wir haben, so lange wir uns kennen, gar wenig mit einander gesprochen. Aber wenn es auch ware, so hat er doch nicht die Macht, mir ausfuhren zu helfen, was Noth thut.
Also nur wegen der Macht ziehst du mich vor?
Ach, gnadigster Herr! ist denn hier von einem Vorzuge die Rede? Ich liebe ihn unbeschreiblich, ich liebe und achte Sie eben so unbeschreiblich. Kann das nicht mit einander bestehen?
Aber du sagtest mir einst, es komme dir vor, als sey Stephani dein Verwandter, du denkest unaufhorlich an ihn, und wenn hundert Meilen weit ein Kraut wuchse, was ihm helfen konnte, du wurdest es holen.
Ja gewiss, gnadigster Herr! und das that' ich auch jetzt, wenn er es bedurfte.
Bedarf er es nicht mehr?
Ich glaube nicht. Er scheint durch Rosamunde nicht mehr zu leiden, scheint in seiner Kunst ganz glucklich zu seyn. Betrubt ihn noch etwas, so ist es, glaube ich, wenn er, ohne es zu wollen, Sie, gnadiger Herr! erzurnt.
Weswegen aber glaubst du wohl, dass ich mit ihm zurnen konne?
Ach; ich begreif' es nicht!
Wohlan! so erfahre es dann! Deinetwegen zurne ich mit ihm.
Grosser Gott! meinetwegen?
Ja, deinetwegen. Er glaubte Rosamunden zu lieben, und sieht, dass er irrte. Er glaubt jetzt dich zu lieben wie, wenn er nach einiger Zeit auch sahe, dass er irrte?
Was konnte das schaden, gnadiger Herr?
Was es schaden konnte! Es wurde dich unglucklich machen.
O glauben Sie das nicht, gnadigster Herr! Es ware ja nur ein Irrthum, und wenn ich das weiss, wie kann es mich unglucklich machen?
Was ware ein Irrthum?
Dass er mich nicht mehr zu lieben glaubte. Denn sollte es wahr werden, so musste ich schlecht und bose werden. Aber wurde es auch ohnedem wahr, so kommt es ja, so lange man auf Erden ist, nicht darauf an, wie sehr man geliebt wird; sondern, wie sehr man liebt, und geliebt hat.
Bei dem allwissenden Gott, das Erhabenste und Gottlichste, was ein Mensch sagen kann! Wer lehrte dich das?
O, gnadigster Herr! rief ich lachend so Etwas weiss man aus sich selbst; das braucht man nicht zu lernen.
Du weisst es aus dir selbst. Wer sonst noch?
Viele! aber sie vergessen es, und denken an tausend andere Dinge, die sie fur wichtiger halten. Gaben sie aber nur Acht, wie unglucklich es sie macht, dass sie immer dieses und jenes wunschen, was sie entweder gar nicht, oder nur dadurch, dass sie schlechter werden, erhalten konnen; wie bald wurden sie inne werden: dass Lieben die Hauptsache auf Erden, und alles Uebrige ohnedem nur Tand ist.
O, Gretchen! warum bist du nicht fur einen Thron geboren?
Ei, gnadiger Herr! weil ich mich nicht auf ihn schicke.
Soll ich dir beweisen, dass du dich auf ihn schickst?
Das mussten Sie rief ich wieder lachend wunderlich anfangen!
Ganz naturlich fang' ich es an. Ich setze dich darauf.
Da wurden die Leute was zu lachen bekommen.
Das Lachen wurde sich geben; denn die Lacher wurden es mit mir zu thun haben.
Dann hatten sie aber schon gelacht.
Wurde dich das abhalten?
Lieber Gott, gnadiger Herr! warum sollen wir von Sachen sprechen, die ja gar nicht moglich sind?
Ja, sie sind moglich! rief er ich werde sie moglich machen! aber du selbst musst es wollen.
Ich verstand ihn immer noch nicht, und sagte ganz verwirrt und betaubt: mein Gott! was muss ich denn wollen?
Du musst mein, ganz mein werden wollen. Dann setz' ich dich dahin, wo du Tausende beglucken kannst. Doch schmerzen wurd' es mich, wenn nur das dich bestimmte.
Wie mir nun wurde, herzliebste Mutter! kann ich gar nicht sagen. Ich sah nichts mehr, das Herz stand mir ganz still, und ich wurde gefallen seyn, hatte mich der Furst nicht auf einen Sessel gebracht. Er sagte mir nun noch vielerlei; aber ich verstand nichts mehr, und man musste mich zu Hause und ins Bette bringen.
Als ich mich wieder erholte, sass die Frau Prasidentin vor meinem Bette, und schien sehr bekummert zu seyn. Ich sah es ihr an, dass sie mich gern fragen wollte, und dann doch wieder Bedenken trug zu fragen. Darum sagt' ich ihr nun gleich Alles, und wie Angst und Schrecken mich so betaubt haben, dass ich nichts mehr von mir selbst gewusst.
Dass du uber diesen Antrag erstaunen konntest sagte sie begreife ich wohl; aber woher dieses gewaltige Schrecken?
Ach, liebste Frau Prasidentin! antwortete ich Sie kennen ja den Fursten! wie leicht er aufgebracht wird. Wenn ich nun seinen Antrag nicht annehme, wird der arme Herr Stephani Alles bussen mussen.
Ah, jetzt begreif' ich! Fur Stephani ist dir bange. Sey unbesorgt. Der Furst ist ein sehr edler Mensch. Sey ganz offen gegen ihn. Er wird deinem Herzen keine Gewalt anthun. Hast du einen andern Mann gewahlt, er wird, wie viel Ueberwindung es ihm auch kostet, er wird die Wahl billigen.
Liebste Frau Prasidentin! rief ich ich habe ja gar keinen Mann gewahlt, und werde auch keinen wahlen!
Sie sah mich nun ganz erstaunt und betroffen an, und sagte weiter kein Wort. Ich aber konnte vor Unruhe nicht mehr im Bette bleiben, und bat sie, da ich ja gar nicht krank sey, wieder aufstehen zu durfen. Nur mit Muhe willigte sie darein; kaum aber war ich wieder ordentlich angekleidet, als man den Fursten meldete.
Liebste Mutter! es ist Nacht, der Bote kommt morgen fruh 6 Uhr, und ich muss schliessen. Sey sie aber nur ganz unbesorgt. Gott schutzt mich auf allen Wegen, und seine heiligen Engel werden uber sie wachen, und vor aller Kummerniss bewahren. Mir, herzliebste Mutter! wird es immer gut gehen: das glaube sie nur festiglich.
Stephani an seine Verwandten.
Franz kam ausser Athem zu mir herein mit der Nachricht: Gretchen sey vom Fursten krank zu Hause gebracht, und liege im Bette. Es schien mir unglaublich; denn ich hatte sie noch niemals krank gedacht. Doch eilt' ich voll Zweifel und Schrecken zu Mathilden; aber in dem Augenblicke wurde der Furst gemeldet und trat fast zu gleicher Zeit mit mir ins Zimmer.
Er schien ausserst bewegt, auch da noch, als Mathilde ihm versicherte: Gretchen sey wieder auf und vollkommen hergestellt.
Ich hatte nicht den Muth, ihn anzureden, und auch er blickte nur seitwarts und verstohlen nach mir hin. Bis endlich Franzchen Farben und Pinsel ebenfalls mit der Nachricht brachte: Gretchen sey schon wieder auf, habe wieder ganz rothe Wangen, und wir konnen wieder malen.
Alle Einwendungen halfen nichts, er zog mich fort, und der Furst folgte nach.
Nach langem Stillschweigen fragte dieser endlich: Weiss sie noch nichts von dem Bilde?
Ich glaube nicht.
Und das Kind schweigt wirklich?
Franz nickte schalkhaft mit dem Kopfe und zeigte nach der Gegend, wo auch er abgebildet ist.
Das Gemalde ist fertig.
Nicht ganz.
Wann denkst du es zu vollenden?
Gewiss zum heiligen Feste,
Hast du Antwort von Pisa?
Nein. Aber ich zweifle nicht, dass man die Bedingungen annehmen werde.
Man soll mich augenblicklich benachrichtigen.
Ich werde nicht ermangeln.
Ich wunsche, dass sie das Bild zuerst in der Kirche an dem ihm bestimmten Orte sehe.
Ich schwieg.
Oder hast du es anders beschlossen?
Ich beschliesse nichts mehr uber dieses Bild.
Doch scheinst du etwas zu furchten.
Vielleicht eine zu starke Erschutterung bei Margarethen.
Ich will sie vorbereiten.
Ich schwieg abermals, kurz darauf trat sie in das Wohnzimmer und er verliess mich.
Was war die Ursache ihres plotzlichen Uebelbefindens? Er wusste es, das war sichtbar. Ja, er schien es veranlasst zu haben. Wodurch? O trugt mich nicht die Stimme meines Herzens! Geduld! das kann nicht verborgen bleiben.
Gretchen an ihre Mutter.
Herzliebste Mutter!
Wie danke ich es meinem geliebten Vater in der Erde, wie dank' ich es ihr, herzliebste Mutter! dass sie mich fruh vor Hochmuth und vor allem Tand, der vom ewigen Frieden abziehen kann, gewarnt haben. Wie leicht konnt' ich sonst nun eine dumme Thorin werden, und glauben, das, was das Gluck mir gabe, oder was andere in ubertriebener Einbildung mir zuschrieben, ware ich selbst. Nein! nein! herzliebste Mutter! vertraue sie nur auf Gott! Er hat mich bisher vor solchem dummen Uebermuth bewahrt, und wird es auch ferner.
Es kam mir einmal der schlechte Gedanke, ich wolle ihr, herzliebste Mutter! etwas verheimlichen, damit sie sich nur keine unnothige Sorge machen moge. Aber das war Abends, und als ich am andern Morgen meine Haare flocht, und sie vor dem Spiegel aufstecken wollte, konnte ich mich schon nicht mehr ausstehen. Vor Unmuth fing ich bitterlich an zu weinen, dann aber fasste ich mich und dachte: es gehe, wie es wolle! deiner herzliebsten Mutter sagst du mal Alles.
Was meint sie nun wohl, herzliebste Mutter! sey auf dem Bilde, was Herr Stephani malt, vorgestellt? Ich selbst, sagt der Furst. Nicht wahr, sie erstaunt? Ich aber bin noch weit mehr erstaunt, und habe nichts davon glauben wollen. Ich solle nur Franzchen fragen, und ob ich mich nicht erinnere, wie das Kind gesagt habe? ich werde am meisten daruber erschrecken und mich freuen.
Nun erschrack ich wirklich, und zwar so, dass ich kein Wort mehr vorbringen konnte. Glaubst du nun noch nicht fuhr der Furst fort dass du eines Thrones wurdig bist?
Gnadigster Herr! antwortete ich, und fing heftig an zu weinen wessen ich wurdig bin, das weiss ich wohl! namlich, dass sich Gott meiner erbarme, und mich vor Hochmuth bewahre.
Mein Gott! rief er was bewegt dich so tief?
Gnadigster Herr! sagt' ich ich weiss es selbst nicht recht; aber mir ist schon seit einigen Tagen so zu Muth; denn ich sehe wohl, dass mein Leben ganz anders wird, als ich es mir gedacht habe.
Wie hast du es dir gedacht? So soll es werden! das betheure ich dir bei meiner furstlichen Ehre!
Gnadiger Herr! rief ich, weinte noch viel starker, und fiel ihm zu Fussen Sie werden Ihr Wort erfullen! denn Sie haben es immer gethan.
So werde ich es ferner thun. Und darum steh' auf, und sage mir Alles.
Nun stand ich auf, und sagte: wie gern wollt' ich es, wenn ich es nur recht konnte.
Du wirst es konnen. Sammle dich, und verbanne alle Gedanken der Furcht.
Gnadigster Herr! hub ich nun an Sie verstehen mich am besten, wenn ich von dem Leiden der Menschen, und von dem Wunsche, ihnen zu helfen spreche. Werden Sie mich aber auch verstehen, werden Sie mir glauben, wenn ich Ihnen sage, dass ich ein Wohlgefallen an der Niedrigkeit, ja, dass ich eine ordentliche Sehnsucht nach ihr habe? Gnadigster Herr! Ihre Zimmer sind schon; Ihre Gemalde sind unaussprechlich schon; aber wie viel Niederschlagendes ist in ihrer Nahe. Man braucht nur einen der Menschen, die hier aus- und eingehen, zu sehen, fort ist alle Freude. Eine Angst, eine Beklommenheit uberfallt einen. Man muss fort, und oft dunkt einem, irgend ein Ungluck folge dicht auf der Ferse dunkt einem, fliehe man nicht schnell, werde man sich selbst verlieren.
Mir das, Gretchen!
Ach! ach! rief ich nun schluchzend ich weiss es wohl, dass ich Ihnen weh thue! und Gott ist mein Zeuge! wie Sie mir letzthin erzahlten: Sie haben mich im Traume mit ein Paar Flugeln gesehen, dacht' ich gleich: ach, hattest du nur ein Paar solche Flugel! warst du nur ein recht starkes ubermenschliches Wesen! du rissest ihn gleich heraus, und brachtest ihn dahin, wo Fried' und Seligkeit ist.
Wo ist Friede? Wo ist Seligkeit? auf Erden nicht mehr!
Da sey Gott vor! Ach gnadiger Herr! wussten Sie nur, wie einem so in einem kleinen, reinlichen Stubchen zu Muthe ist! Ein weisser holzerner Tisch, ein Strohstuhl, ein reinliches Bettchen. Ach, so wie in meines Vaters Hause! Und des Sonntags noch Alles ganz anders! und an den Festtagen himmlisch schon! und keine Luge, kein Betrug! Alles ein Herz und eine Seele! Und das man weiss, was man hat, haben Tausende, und ist deswegen Niemanden etwas genommen worden, und wenn man es verliert, kann es durch Arbeit alle Tage wieder erworben werden.
Wie? dieses ruhige Gluck ware das, was du suchst? du? die hinaus will in die Welt unter Noth und Jammer!
Ich sprach nicht von mir, gnadiger Herr! Ich wollte nur sagen, dass es gewiss noch Fried' und Seligkeit auf Erden giebt.
Welches beides dennoch von dir verschmaht wird.
O glauben Sie das nicht, gnadiger Herr! Wer weiss aber besser, als Sie, dass der eine Mensch so, der andere so empfindet? Mir lasst es nun einmal keine Ruhe, und wenn ich auch wenig hatte, wurde ich doch denken: es giebt Tausende, die noch weniger haben. Darum, gnadigster Herr! fleh' ich Sie an, lassen Sie mich ziehen und thun, was mein Herz mir gebeut!
Sonderbar, dass die ganze Welt sich deines Mitleids erfreut! wir allein, meinst du, bedurfen dessen nicht.
Ach, gnadigster Herr! ware Ihnen denn mit meinem Mitleiden gedient?
Nun wandte er sich schnell von mir ab, und ich furchtete schon, er wurde sich wieder erzurnen; als er mit einemmale wieder auf mich zukam und sagte: Aber wie, wenn mir nun damit gedient ware? Wie, wenn ich es darauf wagte?
Ach, Sie wurden sich irren, gnadiger Herr! Sie verlangen weit mehr.
Und was ware dieses Mehrere.
Sie verlangen, dass ich glucklich seyn soll.
Und, nicht wahr? das ist mit mir, an meiner Seite unmoglich?
O, nicht unmoglich mit Ihnen, an Ihrer Seite! aber an Ihrem Hofe.
Wie, wenn ich ihn abschaffte?
Gnadigster Herr! Sie spotten meiner nicht; wenn aber Jemand dieses horte, wurd' er es glauben.
Was er glauben wurde, weiss ich nicht; aber sehen wurde er, und wahrscheinlich zum erstenmale: dass es in den Augen eines Madchens ein Fehler ist, Furst zu seyn.
Ach ja, gnadigster Herr! und er wurde mich auslachen, und darum sehen Sie wohl, dass ich mich an einen Hof niemals schicken werde.
Und darum?
O, darum lassen Sie mich ziehen!
Und wie es mir dann geht? Wie kommt es, dass diese Frage dir gar nicht einfallt?
O, sie fallt mir ein! Es wird Ihnen gut gehen, und Sie werden bald wieder einsehen, was Sie schon lange gewusst und eingesehen haben: dass Sie zum Fursten geboren sind, und ich zur Niedrigkeit und Verborgenheit.
Verborgen! wenn du dein Leben Hunderten widmest?
O ja, gnadigster Herr! Stiften Sie nur das Kloster! Dann trag' ich ein Kleid, wie Alle, die darin sind, und wer kann dann gerade wissen: ob es Diese oder Jene ist, die Diesem oder Jenem geholfen habe?
Er sah mich nun wieder unbeschreiblich gutig an, und sagte: Wohlan, ich stifte das Kloster! Die Schwarmerei hat ihre Periode, wie die Ruhmsucht, und beides sind Krankheiten, die geheilt werden konnen. Woruber lachst du?
Dass Sie mich fur krank halten.
Jetzt sah er wieder etwas verdrusslich von mir weg, fragte dann aber mit einemmale: Wer soll die Gesetze fur das Kloster erfinden? Du?
Jetzt, gnadiger Herr! spotten Sie meiner ganz gewiss.
Nichts weniger! Der Gedanke kommt von dir, und die Gesetze eines Andern konnten dir vielleicht nicht gefallen.
Wenn sie von Ihnen kommen, werden sie mir schon gefallen.
Auch das, dass die Nonnen niemals ein Gelubde ablegen, und das Kloster verlassen konnen, wann sie wollen?
Das vor allem Andern.
Wohlan! Deine Bitte ist dir gewahrt. Ich stifte das Kloster.
Nun fiel ich ihm wieder zu Fussen, und dankte ihm mit tausend Thranen. Er aber hob mich ganz geruhrt wieder auf, und sagte: Thue nur so etwas nicht mehr! denn ich kann es nicht tragen. Gehe, du heiliger Engel! meine Geschafte rufen mich jetzt. Und wenn du dann ausziehst, den Verlassenen zu helfen; so denke, dass ich der Verlassenste von Allen bin.
Diese Worte drangen mir, wie ein zweischneidiges Schwerdt durch die Seele; ich konnte meine Thranen nicht mehr stillen, und als ich durch die hasslichen Menschen in den Vorzimmern ging, dacht' ich recht mit Unwillen: o mocht' euch Gott bessern, oder Alle vertilgen! Da ihr den vortrefflichen Mann so unglucklich macht, dass er sich fur den Verlassensten von uns Allen halt.
Stephani an seine Verwandten.
Franz behauptete schon seit mehreren Tagen: Gretchen wisse von dem Bilde. Auch war sie sichtbar verandert, und ihr unschuldvolles Himmelauge begegnete dem meinigen nicht mehr. Gestern kam dann auch die Antwort von Pisa, und ich musste zum Fursten.
Er empfing mich sehr ernst; aber doch gutig, und auf die Nachricht mit sichtbarer Freude. Dann aber brach er schnell ab, und liess einige Gemalde, die er gekauft hatte, und uber welche er meine Meinung wissen wollte, herein bringen. Es waren zwei vortreffliche darunter, eine Madonna, und ein Johannes in der Wuste.
Wir sprachen viel uber die Stellung der Ersten, und von der gefahrlichen Klippe, bei Darstellung heiliger Gegenstande an der Grazie zu scheitern. Er behauptete: sie solle ganz bei denselben verbannt werden; ich aber sucht' ihm das Gegentheil zu beweisen.
Er brauste auf, wie gewohnlich, und liess mich nicht zu Worte kommen. Endlich wurd' er aber doch aufmerksam, als ich sagte: es kommt Alles darauf an, uber die Bedeutung des Wortes Grazie einverstanden zu seyn. In dem Sinne, in welchem ich es nehme, muss ich darauf bestehen, dass kein heiliger Gegenstand richtig ohne dieselbe dargestellt werden konne.
Und ich sage dir: dass mich gerade diese verwunschte Grazie bei der Madonna argert, und dass ich sechsmal so viel, wenn sie das Bild nicht hatte, dafur bezahlt haben wurde.
Mit Recht! denn sie ist ihr einziger Fehler.
Heute verstehst du dich wohl selbst nicht.
Ich glaube doch. Nehmen Sie ein gesundes Kind, in den ersten Monaten seines Lebens, befreien sie es von seinen Windeln; oder noch besser, sorgen Sie, dass es nie welche gehabt habe, legen Sie es auf den Rasen, schutzen Sie es vor Hitze und Kalte, und vor einem unbefriedigten Bedurfnisse. Geben Sie nun Acht auf die Bewegungen dieses Kindes, und Sie werden erstaunen, keine einzige unmalerisch, im Gegentheile alle hochst grazios, hochst malerisch zu finden.
Woher kommt das?
Daher: dass die Grazie tief in der heiligen Natur liegt, und eben deswegen allen heiligen Gegenstanden vorzugsweise zukommt. Daher: dass sie nur der hochsten Unschuld eigen ist, und eben deswegen nur bei ganz unverdorbenen Kindern, oder bei Menschen, welche diese gottliche Reinheit nie verloren, gefunden werden kann; nicht sowohl dem Plumpen und Rohen, als dem Erlernten und Conventionellen entgegengesetzt ist. Wer dieses bezweifelt, kann augenblicklich durch die franzosische Grazie uberzeugt werden.
Und die griechische?
Wird ewig das Wunderbarste dieser wunderbaren Nation bleiben. Sie wurde dargestellt, ohne begriffen zu werden. Ein Produkt reiner Naivitat. Denn offenbar sagten die Griechen mit ihren Werken mehr, als sie sagen wollten, oder sich bewusst waren, gesagt zu haben. Inspirirte, die ihre selbstverkundigten Orakel nicht verstanden. Gleichwohl konnen nicht alle ihre Werke von dem Conventionellen freigesprochen werden, und ermangeln eben deswegen der wahrhaften Grazie. Eine Behauptung, der man noch so lange widersprechen, als man fortfahren wird, Reiz mit Grazie zu verwechseln.
Wie aber, wenn man dir sagt: deine Grazie solle Unschuld und nicht Anmuth heissen?
So wurde ich das nicht zugeben, sondern nur eingestehen, dass sie nicht ohne Unschuld bestehen konne, ohne darum die Unschuld selbst zu seyn. Wer das Erste wiederum bezweifelt, betrachte nur einen, in allen sogenannten Kunsten der Grazien vollkommen geubten Wustling, und sehe zu, ob er sich das heimlich Verrenkte, Widrige und Unharmonische seiner Bewegungen laugnen kann.
Gewiss und wahrhaftig giebt es aber doch Menschen, welche, obwohl durchaus unschuldig, der Grazie ganzlich entbehren.
Allerdings! und dieses beweisst abermals, dass sie nicht die Unschuld selbst ist.
Nun! was ist sie denn?
Die zarteste Blute vollkommen menschlicher Organisation! Welche leider durch Erziehung oft im Keime erstickt, oft, wenn dieses auch nicht geschehen, durch widriges Schicksal am Entfalten gehindert, durch Laster vollig zerstort wird; deren Anblick aber, wo sie sich noch findet, das Auge des Kenners mit hohem Entzucken erfullt.
Rosamunde!
Rosamunde hat sie im hohen, Margarethe im hochsten von mir erblickten Grade. Und man kann mit Wahrheit sagen: die ganze Fulle der menschlichen Gottheit, der gottlichen Menschheit ruhe in ihr.
Bei diesen Worten wandt er sich von mir weg, und ging mit heftigen Schritten auf und ab, ergriff dann aber sichtbar geruhrt meine Hand, und sagte: O du fuhlst ganz ihren Werth! aber dir wird sie nicht werden, und mir auch nicht.
Nach langem Stillschweigen setzt' er hinzu: weisst du, dass sie uns verlasst?
Nein! sagt' ich auch ist es mir unglaublich.
Unglaublich? Warum?
Ach ich kann es nicht sagen! aber es widersteht Allem, was ich denken kann. Warum sollte sie uns verlassen?
Weil sie das Gluck, welches sie hier geniesst, nicht mehr tragen kann.
Ich sah ihn an, ohne zu antworten.
Ja! ja! fuhr er mit bitterm Lacheln fort bei einem holzernen Tische, einem Strohstuhle, einem reinlichen, aber armlichem Bettchen, in einem niedrigen Zimmerchen, da kann man viel glucklicher seyn, als bei uns. Und wenn nun Sonntags, oder wohl gar Festtags die Glocken lauten, dann steigt die Gluckseligkeit bis zu einem uberirdischen Grade! Es ist zwar ganz hubsch bei uns, meine Gemalde, unter anderm, ganz ertraglich; aber was sie umgiebt, gar zu hasslich. Ich ein armer, mitleidswerther Mann, den man gern, war' es nur moglich, aus dieser hollischen Pracht reissen mochte, und da dieses nun nicht moglich ist, rathe was geschieht!
Ich sah ihn abermals, von der Bitterkeit seines Tones erschreckt, fragend und stillschweigend an.
Du errathst es nicht? Nun wohl, so erfahre es dann! Ein Kloster wird gestiftet; ich selbst muss es stiften. Nicht etwa, damit sie die Oberste und Alles darin nach ihrem Willen eingerichtet werde. O nein! das ist ihr Alles ganz gleichgultig, lastig sogar. Die Hauptsache ist und bleibt, dass sie ein Kleid, wie die Andern bekomme, damit sie nicht erkannt, nicht verlacht werde, wenn sie nach Osten und Westen zieht, die Kranken, Nothleidenden, Verwundeten aufzusuchen. Ja! ja! staune, wie du willst! Das bleibt die Hauptsache. Und wenn du ihr auch die unbeschreibliche Gluckseligkeit des holzernen Tisches, des Strohstuhles und des niedrigen Zimmerchens verschaffst; so wahne darum nicht, sie zu halten: denn so lang' es noch Tausende giebt, die auch das nicht haben, bleibt sie dir nicht. Bedurfte sie der Gesundheit nicht unumganglich, wurde sie es unfehlbar unertraglich finden, nicht krank zu seyn, weil Tausende es sind. Wie es aber dir, wie es mir geht; ob wir von Sehnsucht verzehrt werden das kummert sie nicht. Der himmlische Vater, auf welchen sie sich freilich in Ansehung der Andern nicht verlasst, wird schon fur uns sorgen. Du hast deine Kunst, ich mein Reich, und damit Gott befohlen.
Und Sie haben wirklich Ihre Einwilligung gegeben?
Konnt' ich sie verweigern? Sie beweist mir, dass mir mit ihrem Mitleid nicht gedient sey. Dass ich weit mehr, dass ich ihr Gluck, ihre Zufriedenheit verlange. Dass aber daran bei uns nicht zu denken sey, war nach ihrer Meinung langst erwiesen,
Sie wird uns auf ewig verlassen?
Nein! Das ist das Einzige, was ich mir bei dieser unerhorten Schwarmerei vorbehalten habe. Die Nonnen konnen das Kloster verlassen, wann sie wollen, und es wird in meiner Nahe gestiftet.
Gott sey gelobt!
Was hilft es dir? was mir? Wofern wir nicht dafur sorgen, krank, oder verwundet zu werden, wird sie uns schwerlich erscheinen. Und darum mache nur schnell Anstalt zu einem Bilde fur mich. Ganz eigentlich fur mich! Aber in keiner himmlischen Glorie will ich sie haben! So, wie ich sie zum erstenmale an deinem Bette sah, im landlichen Gewande der Unschuld; so will ich sie! Zweimal will ich sie so! Im Grossen und im Kleinen, damit ich sie mit mir fuhren, sie zwingen kann, mich nicht zu verlassen.
Wann wird das Kloster gestiftet?
So bald, als moglich! ja! so bald, als moglich! denn je fruher die Schwarmerei ans Ziel kommt, je fruher wird sie geheilt.
Sollte sie ihre Freunde vergessen?
O nein. Fuhrt die Strasse gerade dahin, wird sie ihrer schon gedenken. Liegt aber irgend ein Vagabund am Wege, mogen sie sich nur gedulden: denn furs erste ist ihr dieser der Nachste.
Seine Bitterkeit stieg bei diesen Worten, und er warf ein kleines Gemalde, was er die ganze Zeit scheinbar betrachtet hatte, mit Unwillen zur Seite. Nach langem Stillschweigen machte er endlich eine Bewegung mit der Hand, und ich deutete dies sogleich als Zeichen meiner Entlassung. Er aber schien erst jetzt aus seiner Traumerei zu erwachen, und rief hinter mir her: dass du dich nur meines Auftrages erinnerst! Ich neigte mich noch einmal schweigend und bejahend, und eilte, in freier Lust Athem zu holen.
Gretchen an ihre Mutter.
Herzliebste Mutter!
Ich danke dem allgutigen Gotte, dass sie es eingesehen, wie das, was ich erwahlet, das sicherste Mittel ist, mich vor Hochmuth, Eigendunkel und Weichlichkeit zu verwahren. Die guten Menschen, welche mich umgeben, bedauern mich, und meinen, ich sey von einer Krankheit befallen.
Ach, denk' ich dann moge euch Gott nur immer so gesund erhalten, als ich mich fuhle, und moget ihr nie mehr zu bereuen haben, als ich zu bereuen haben werde! Alles, was ihr mir von Genuss des Lebens vorsagt, ist ja keiner fur mich. Konnt ihr in Ruhe geniessen, wahrend Andere im Elende verschmachten O ich tadle euch ja nicht! Nur lasst mich gehen und thun, was mein Herz mir gebeut.
Alle Tage, herzliebste Mutter! wird so in mich hinein geredet. Herr Stephani schweigt zwar ganz still; aber sein Gesicht verrath die ausserste Wehmuth.
Ach, denk' ich dann, wenn du nur wusstest, dass du der erste Leidende bist, dem ich helfen will, und dem ich gerade durch meine Entfernung die grosseste Wohlthat erzeige.
Denn, sage sie selbst, herzliebste Mutter! giebt es wohl einen andern Rath, oder eine andere Hulfe? Wurden sich die beiden vortrefflichen Menschen, er und der Furst, nicht hassen, wenn ich Einen von Beiden erwahlte? Und das musst' ich mit ansehen und ertragen!
Nein! nein! so ist's am besten! Sehen sie mich nicht mehr, werden sie meiner auch nicht so vielfaltig gedenken. Wer hatte glauben sollen, Herr Stephani werde Rosamunde vergessen? und doch ist es geschehen. So werden sie auch mich vergessen, und sehen sie mich hin und wieder, sich doch an meine Abwesenheit gewohnen.
Sie werden Freunde bleiben, und wenn sie ja unwillig werden wollen, ihren Unwillen auf mich werfen. Das hat aber auch nichts zu sagen; denn wenn sie mich wiedersehen, werden sie mir doch nicht bose seyn konnen, und begreifen, dass das was ich that, das beste war, was ich thun konnte.
Eine Viertelstunde von der Stadt, mitten in einem unabsehbaren Garten, wird das Kloster erbaut. Die Nonnen konnen aus- und eingehen, wie sie wollen, die Kranken und Verwundeten in ihren Hausern oder im Kloster pflegen.
Gestern zeigte mir der Furst den Riss, nach welchem das Gebaude von ausserordentlicher Grosse, und mit allen fur die Unglucklichen erforderlichen Bequemlichkeiten versehen wird.
Nun! was sagst du dazu fragte er.
Ich sage rief ich ihm zu Fussen fallend, und indem mir die Freudenthranen aus den Augen sturzten dass ich schon selig werde hier auf Erde!
Am andern Morgen.
Ich dachte noch mehr zu schreiben, herzliebste Mutter! aber ich musste schliessen, denn es giebt auf das Fest noch gar viel zu nahen. Die Kinder sollen alle neu gekleidet werden, weil am ersten Ostertage ein sehr prachtiger Gottesdienst mit herrlicher Musik wird gehalten werden.
Die Frau Prasidentin sagt: ich musse diesesmal auch mit in die katholische Kirche gehen, sie wolle mich mit in ihren Stuhl nehmen, welcher dicht neben dem Furstenstuhle ist; und ich moge nur Alles so machen, wie sie, dann werde es nicht auffallen.
Herzliebste Mutter! frage sie doch den Herrn Pfarrer: ob ich das thun soll, und ob es auch Recht ist3?
Stephani an seine Verwandten.
Das Bild ist vollendet, in Gretchens Abwesenheit fortgetragen, und uber dem Hochaltare aufgestellt. Ich sehe zu meiner Freude, dass ich die Hohe und die Entfernung richtig berechnet, und die wahre Proportion zu den Umgebungen gefunden habe.
Gretchens Vetter, ein Handwerker, der sich zum Kunstler erhebt, hat beim Aufstellen geholfen, und sein Entzucken kaum massigen konnen. Ich habe mir seinen wahrhaft patriarchalischen Kopf, im Augenblicke der uberirdischen Freude, sogleich abgezeichnet, und finde, dass er einer der schonsten Menschen gewesen seyn muss. Er ist Margarethens Mutter Bruder, und die Schonheit ohne Zweifel schon lange erblich in dieser Familie.
Ich denke den Fursten mit diesem Kopfe auf das herrlichste zu uberraschen. Noch herrlicher aber wird er sich mit einer Figur im weitfaltigen Gewande, auf dem nach Pisa bestimmten Bilde, ausnehmen.
Der Alte wusste noch nichts von Gretchens Entschlusse, und gerieth in das hochste Erstaunen. Als ich ihm aber sagte, dass sie ihrer Freiheit durchaus nicht beraubt werde, fasste er sich, blickte noch einmal mit gefaltenen Handen und Thranen im Auge nach dem Bilde und sagte: Ach, ich habe es lange gedacht, dass sie auf dem gewohnlichen Wege nicht bleiben werde! Ihr Sinn war niemals auf Irdisches gerichtet. Aber, theuerster Herr! sagen Sie doch unserm gnadigsten Fursten im Namen eines armen Mannes den demuthigsten Dank, dass er sie vor dem Einsperren bewahrt hat. Es ware ein Nagel zu meinem Sarge gewesen.
Auch zu dem meinigen, liebster Alter! erwiederte ich, druckt' ihm die Hand, und entfernte mich schnell.
Als ich zu Hause kam, fuhlte ich erst meinen Verlust. Ach, der Platz, auf welchem das Bild gestanden hatte, war leer, und das ganze Zimmer eine Wuste. Aber Gretchen war vom Fursten noch nicht zuruck, und so eilte ich, die schon angefangene Zeichnung zu dem Bilde nach Pisa sogleich an die Stelle des vorigen setzen zu lassen.
Alles im Hause ist in ungewohnlicher Bewegung. Die Kinder springen lachelnd hin und her, machen allerhand bedeutende Zeichen, und als das Bild weggetragen wurde, war des Flusterns kein Ende.
Auch mir kommt dieses Fest ganz anders vor, als alle, die ich jemals erlebte. Ein unuberwindlicher Trubsinn, den selbst die Kunst nicht zerstreut, halt meine ganze Seele umfangen, und es dunkt mich, als furchte ich nicht blos den bekannten, sondern einen noch fremden Schmerz, welchen das Schicksal mir bereitet. Ich kann mich zu keiner neuen Arbeit entschliessen und thue nichts, als die vorigen mustern.
Es ist auffallend, wie ich in meinen ersten Entwurfen nur nach dem Leidenschaftlichen gestrebt, und erst spater Sinn fur das Harmonische bekommen habe.
Bisher fehlte mir die Zeit zu dieser Uebersicht; jetzt ist sie die einzige Beschaftigung, zu welcher ich fahig bin, und wird mir in der That sehr anziehend und lehrreich.
Gretchen an ihre Mutter.
Herzliebste Mutter!
Da es der Herr Pfarrer erlaubt, werde ich mit in die Kirche gehen, und habe es auch der Frau Prasidentin gesagt. Wir sind mit Allem fertig, und die Kinder freuen sich uber die Maassen.
Herzliebste Mutter! wie schon ist es doch, wenn es auf Ostern geht! Man freut sich nicht blos wegen der Auferstehung des Heilandes, sondern auch wegen der Auferstehung der ganzen Natur.
Unsere Winter sind freilich nicht mit den nordlichen, von welchen sie und der selige Vater erzahlten, zu vergleichen. Die mogen wohl schrecklich seyn; aber hier sind sie eine wahre Wohlthat des Himmels.
Und, herzliebste Mutter! Ach, wie soll ich's nur recht sagen? dunkt ihr nicht, als lage etwas ganz Wunderbares in der Fruhlingsluft? Ach, es ist nicht blos die Stimme der Vogel, das Sumsen der tausend und tausend Wurmchen, die zum neuen Leben erwachen, ach es ist noch ganz etwas Anderes. Mutter! herzliebste Mutter! wenn ich so des Morgens, gleich nach Sonnenaufgang unter die Blumen gehe, rauscht es an mir vorbei in einem Geton, dass mein Innerstes von hoher Wonne erbebt. Es spricht zu mir, aber nicht menschliche Worte; doch fuhl' ich, was sie bedeuten; aber mit Worten ausdrucken kann ich es auch nicht. Singen konnt' ich es, und sing' es auch, wenn ich allein bin. O Mutter, es antwortet mir! Ist das Gott? O geliebte Mutter! ich glaube, das ist Gott.
Gretchen an ihre Mutter.
Herzliebste Mutter!
Wo soll ich anfangen, ihr das viele Wunderbare, was mir in diesen Tagen begegnet ist, zu erzahlen?
Wir gingen unter herrlichem Glockengelaute in die Kirche, und fanden eine unzahlbare Menge Leute in derselben versammelt. Auch der Furst war schon da, und sass dicht neben unserm Stuhle. Ich war verschleiert, wie fast alle Frauenzimmer in der Kirche, und sehr froh, es zu seyn. Ich hatte mich des vielen Herumsehens geschamt, und hatte es doch wohl nicht lassen konnen.
Ich glaube, man muss an die Pracht des katholischen Gottesdienstes gewohnt seyn, um nicht durch dieselbe zerstreut zu werden. Mir wenigstens war es Anfangs unmoglich, mich zu sammeln. Nun aber ging die prachtige Musik an, und alles verschwand vor meinen Augen.
Ach, herzliebste Mutter! von einer solchen Musik hat sie gar keine Vorstellung! Kann auch kein Mensch, der sie nicht gehort, eine davon bekommen. Mir war als sey mein Geist schon vom Korper befreit, und schwebe gerade hinauf zu dem Allgutigen.
Nur manchmal wurde ich in meinem himmlischen Traume durch die Kommenden und Gehenden gestort. In einem solchen Augenblicke sah ich ein ganz schwarz gekleidetes, und ebenfalls verschleiertes Frauenzimmer hereintreten. Ihr Gang war ganz ungewohnlich, mehr ein Schweben zu nennen, und schien von dem Augenblicke, da sie eintrat, mit der Musik im Einklange.
Nicht weit unter unserm Stuhle kniete sie nieder, und war in dieser Stellung unaussprechlich schon; so, dass ich mein Auge nicht mehr von ihr wenden konnte. Immer hoffte ich, sie werde, wie mehrere Frauenzimmer, den Schleier zuruckschlagen, aber vergebens.
Jetzt hatte sie ihr Gebet verrichtet, setzte sich; und heftete, nach der Wendung ihres Kopfes zu urtheilen, ihren Blick unbeweglich auf den Hochaltar, der uns zur Linken war, und den ich bis dahin noch nicht beachtet hatte.
Nun aber folgte mein Auge dem ihrigen, und denke sie sich, herzliebste Mutter, um Gotteswillen mein Erstaunen! erblickte mein eigenes Bild im Gewande der heiligen Jungfrau. Ich sah schnell wieder weg, und hatte vor Scham und Schrecken in die Erde sinken mogen. Aber jetzt sah ich auch die Fremde sinken, und bei diesem Anblicke kehrten alle meine Lebensgeister zuruck. Ich wandte mich plotzlich um, machte mir Platz durch die Kinder, und eilte hinunter in die Kirche, der Fremden zu Hulfe.
Sie schien vollig erstarrt, und ihre Augen waren geschlossen. In dem Augenblicke, wo wir sie in den ersten Wagen bringen wollten, lief ein Bedienter herbei, und liess schnell einen andern vorfahren. Ohne ihn weiter deswegen zu befragen, brachten wir sie hinein, und ich setzte mich ihr zur Seite.
Wir hielten vor einem prachtigen Hause, der Bediente eilte hinein, und gleich darauf liefen zwei junge Madchen herbei, und schrien laut auf, als sie den Wagen offneten, und das Frauenzimmer leblos in meinen Armen erblickten.
Aber gerade dieses Geschrei schien sie zu erwekken. Sie schlug die Augen auf voll unaussprechlichen Schmerzens, blickte mich lange mit sprachlosem Erstaunen an, und schloss sie dann wieder, wie fur immer. Wir eilten nun, sie in ihre Zimmer zu bringen.
Sonderbar fiel es mir, ungeachtet meines Schrekkens auf, dass sie alle Rosenwaldern glichen, und ich sah gleich darauf bestatigt, was ich oft unsern Vater behaupten horte, dass der Rosenduft ausserst heilsam und der einzige, sogar im Uebermaasse, nicht schadliche sey.
Die Fremde erholte sich augenblicklich, und winkte verneinend, als sie von einem Arzte sprechen horte. Ich bat sie, etwas Starkendes zu sich zu nehmen, und sie nickte bejahend. Hierauf entfernten sich die Madchen, um es herbei zu holen, und wir blieben allein.
Kennen Sie mich? fragte sie nach einigem Stillschweigen.
O nein! sagte ich.
Sind sie niemals im Schauspiele gewesen?
Nein! sagt' ich wieder; aber in dem Augenblicke wurde mir Alles klar, und ich rief, mit Heftigkeit ihre Hand ergreifend: Rosamunde!
Ja, ich bin Rosamunde antwortete sie aber warum setzte sie mit einem forschenden Blicke hinzu waren Sie niemals im Schauspiele?
Ich kann es wirklich nicht recht sagen ... es hat sich nicht so gefugt.
Und Sie haben auch niemals einiges Verlangen darnach bezeigt?
Nein, niemals.
Das muss doch irgend einen Grund haben wiederholte sie.
Ach ja! antwortete ich den hatte es auch. Ich horte, dass Frauenzimmer mit auf das Theater kommen, und das that mir gar zu leid; denn sie mussen ja dort ganz anders scheinen, als sie sind.
Und die Manner?
Ja, die sind ohnehin bei so vielen Gelegenheiten gezwungen, sich offentlich zu zeigen, und sagen selbst, dass es ihnen ganz unmoglich sey, immer zu scheinen, was sie sind.
Und das ware der wahre und einzige Grund, der Sie abhielt?
Nein! sagt ich, und fuhlte, dass ich sehr roth ward es hatte auch noch einen anderen.
Und der war?
Ich wusste, dass ich auch Sie dort sehen wurde, und liebte Sie damals nicht, weil ich glaubte, dass Sie Herrn Stephani muthwillig unglucklich machten.
Die Magde kamen nun wieder herein, und ich konnte nicht fortfahren. Sie aber nahm ihnen das, was sie brachten, schnell ab, und winkte ihnen, uns zu verlassen.
Sie liebten mich damals nicht sagte sie nun und jetzt?
Sehe ich wohl, dass Sie Recht hatten, und Herrn Stephani besser kannten, als wir Alle.
Sie antwortete nichts, aber ihr Gesicht wurde noch bleicher. Nach einiger Zeit richtete sie sich auf, und sagte: meine Brust schmerzt mich. Man soll doch zum Arzte schicken.
Ich eilte hinaus. Aber, denke Sie sich, herzliebste Mutter! mein Entsetzen, als ich sie schwimmend im Blute, und einer Todten ahnlich wieder fand.
Auf mein Geschrei sturzten die Madchen herein, und gleich darauf kam auch der Arzt. Sie hatte einen Blutsturz bekommen, und war nur auf kurze Zeit noch zu retten.
Die Madchen wehklagten, und mir wollte die Angst den Athem benehmen. Doch war ich fest entschlossen, sie nicht mehr zu verlassen, und liess dies auch der Frau Prasidentin mit allen Umstanden wissen.
Rosamunde lag den ubrigen Theil des Tages, und die ganze darauf folgende Nacht in einem betaubenden Schlummer. Als die Sonne aufging, waren auch die Madchen eingeschlafen; aber Rosamunde wurde von ihr erweckt.
Sie blickte um sich, sah mich allein an ihrem Bette, und zog meine Hand mit einem unbeschreiblich liebevollen Blick an ihr Herz.
Ein Engel sagte sie steht mir im Tode bei! so muss ich wohl schuldlos gelebt haben.
O mein Gott! rief ich voll Angst; denn ich fand jetzt, beim Tageslichte, alle ihre Zuge bis zum Unkenntlichen verandert waren Sie nur nicht in der Kirche gewesen!
Du hast Recht antwortete sie Ich sah dort, was ich nicht bin, und das schliesst meine Augen auf ewig.
Ich konnte nichts mehr antworten, und fing heftig an zu weinen.
O weine nicht! sagte sie Du musst ewiglich lacheln. Woruber kannst du weinen? Sieh ich werde vom Leben genesen. Stelle mir die Rosen um mein Bett. Wecke Niemanden. Ich will leise entschlummern.
Ich that, was sie sagte, und nahm sie, da sie sich aufgerichtet hatte, aber zu schwach war, sich zu erhalten, in meine Arme. So hielt ich sie wohl eine Stunde. Aber bei der tiefen Stille und der immer gleichen Stellung wurde auch ich vom Schlummer uberfallen. Als ich erwachte, fand ich sie noch an meiner Brust gelehnt, und fest von meinen Armen umschlungen. Aber, ach Gott! ich war allein erwacht, und ihr Auge nicht wieder zu offnen. Herzliebste Mutter! ich kann nicht weiter schreiben.
Stephani an seine Verwandten.
Rosamunde hat die Erde verlassen, und meine dustere Ahnung ist mir vollig entrathselt. Alle gingen in die Kirche, und ich versprach augenblicklich zu folgen. Zweimal war ich schon an der Thure, und wurde jedesmal von einem unwiderstehlichen Gefuhle zuruckgehalten. Endlich ging ich dennoch; gerade dieser Empfindung zum Trotze. Als ich in die Kirche trat, suchte mein Auge Gretchen vergebens. Es hiess: sie sey einer Unbekannten zu Hulfe geeilt und mit ihr aus der Kirche verschwunden. Ich wollte sogleich wieder davon; aber in dem Augenblicke hort' ich den Fursten Befehl geben: dass man ihr folgen solle, und blieb nun, da er mir winkte, unbeweglich auf meiner Stelle. Bernhard und Mathilde brachen auf und erst jetzt erwacht' ich aus meiner Betaubung. Als wir zu Hause kamen, fanden wir schon Nachricht von Margarethen. Es war Rosamunde, der sie zu Hulfe geeilt, und welche, nach der Aussage des Arztes, nur kurze Zeit noch zu leben hatte. Ich sturzte fort. Aber am Eingange kam mir der Arzt entgegen, betheuerte: die geringste Erschutterung musse ihren Tod augenblicklich zur Folge haben, und mit seinem Willen solle, ausser denjenigen, welche schon bei ihr seyen, Niemand zugelassen werden. Sie selbst sind krank sagte er und ich beschwore Sie, mir zu folgen!
Bei diesen Worten zog er mich fort, und ubergab mich Bernharden und Mathilden. Nun uberwaltigte mich der Schmerz, und ich sank bewusstlos auf mein Lager.
Die Stimme des Friedensengels weckte mich wieder. Margarethe stand, wie vormals, an meiner Seite, und reichte mir Trank. Plotzlich belebte mich die Kraft der Verzweiflung. Ich sprang auf, und sturzte ihr zu Fussen. Sag' Himmlische! rief ich dass sie mir verzieh, und mich nicht hassend verliess!
O Gott! antwortete sie, und grosse Thranen rollten uber das heilige Sonnengesicht sie hat ja niemals aufgehort, Sie zu lieben!
Ein stechender Schmerz fuhr bei diesen Worten durch meine Brust; aber mein Auge wurde heller. Ich sah Bernhard, Mathilde und den Fursten. Man zwang mich, aufzustehen; aber zur Ruhe war ich nicht wieder zu bringen.
Rosamunde glauben sie werde morgen begraben.
Gretchen an ihre Mutter.
Herzliebste Mutter!
Rosamunde ist an ihre Ruhestatte gebracht. Wir hatten sie sehr schon mit weissen Rosen geschmuckt, und sie selbst glich einer Rose ohne Farbe.
Herr Stephani sah uns stillschweigend zu. Als aber die Trager erschienen, und den Sarg aufheben wollten, wurde er plotzlich von einem schrecklichen Zorne ergriffen. Er warf sich uber den Sarg her, und drohete Jedermann, der es wagen wurde, sich zu nahen.
Geht nur Alle wieder davon! rief er Erst will ich wissen, ob sie todt ist!
Die Leute sahen sich besturzt an; und in der That wagte es Niemand, sich zu widersetzen.
Wahrend dieser Besturzung hatte der Diener den Arzt herbei geholt; welcher nun versuchte, Herrn Stephani zuzureden.
Ich werde nachgeben sagte er sobald ich uberzeugt bin; aber das kann ich heute und morgen nicht werden. Sie ist an keiner ansteckenden Krankheit gestorben, und Niemand braucht dieses Haus zu bewachen. Ich werde allein bei ihr bleiben, und ist sie wirklich todt, sie dem Grabe uberlassen. Aber uberzeugt muss ich werden, wofern meine Sinne zusammen halten sollen.
Der Arzt bemerkte nur noch, dass es einer ausdrucklichen Erlaubniss der Regierung bedurfe
Die werde ich erhalten! antwortete Herr Stephani, und eilte, einige Zeilen aufzusetzen, wahrend er bald angstlich bald drohend nach dem Sarge hinblickte. Lassen Sie dieses sagt' er darauf dem Fursten ubergeben, und man wird mir meine Bitte nicht abschlagen. Der Arzt gab nun den Leuten ein Zeichen, sich zu entfernen, und eilte, den Fursten zu benachrichtigen.
Jetzt befragte uns Herr Stephani auf das genaueste: was man nach Rosamundens Tode mit ihr vorgenommen habe, und wir mussten ihm alle Versuche, sie ins Leben zuruckzurufen, auf das Umstandlichste beschreiben.
Er gestand, dass alles Mogliche geschehen sey. Doch setzte er hinzu es gluckte damals nicht; wer steht euch dafur, dass es auch jetzt nicht gluckt? Fort mit den Rosen! rief er, und warf sie heftig zur Seite Weg mit dem Sarge! Was soll sie darin? Niemand weiss, ob sie todt ist!
Bei diesen Worten hatte er die Schnure zerrissen, und den Korper herausgehoben. Er trug ihn ohne unsere Hulfe ins Bett, und wiederholte alle schon gemachten Versuche. Es war Nacht daruber geworden, und er hiess uns zur Ruhe gehen.
Morgen sagte er wiederholen wir, was wir heute gethan, und ich nehme noch einen Arzt mit zu Hulfe.
Der Diener und die Madchen wollten ihn bereden, auch einige Ruhe zu geniessen; aber er versicherte, dass das verlorne Muhe, und er fest entschlossen sey, nicht von der Stelle zu weichen.
So mussten wir dann gehen; beredeten uns aber im Nebenzimmer, abwechselnd zu wachen, und sahen ihn noch, die ganze Nacht, jene fruchtlosen Versuche wiederholen.
Am Morgen fanden wir ihn endlich zu den Fussen des Leichnams liegen, und glaubten er schliefe. Als wir aber naher hinzu traten, sprang er plotzlich auf, und blickte wild und misstrauisch um sich her.
Gleich darauf befahl er den Leuten, einen andern Arzt, den er ihnen nannte, herbei zu holen. Sie wagten es nicht, ihm zu widersprechen; konnten aber ihre Hoffnungslosigkeit nicht bergen.
Der Arzt kam, und der ganze Tag wurde nun mit Wiederholung der schon gemachten Versuche, und mehrerer andern hingebracht.
Sie waren abermals fruchtlos, und Herr Stephani erklarte endlich: dass er sich dem Begrabnisse nicht mehr widersetzen, sobald namlich Rosamunde am folgenden Tage geoffnet, und ihr Herz ihm ubergeben seyn werde. Dieses geschah wirklich, und nun sah er wieder stillschweigend alle nothigen Vorkehrungen machen.
Wir zitterten dennoch vor dem Begrabnisse; aber zu unserm Erstaunen sahen wir ihn schweigend dem Zuge folgen, und eine Fassung behaupten, welche uns Allen unmoglich wurde.
Alle Rosenbusche Rosamundens sind auf ihr Grab gepflanzt, und statt eines Leichensteins ist sie mit einem Rosenwalde bedeckt. Sie liegt dicht neben ihrer Schwester, wie sie es ausdrucklich verlangt hat.
Herzliebste Mutter! wie mag einem wohl seyn, wenn man so eben gestorben ist? Steigt der Geist dann gleich in die reinen hohen Lufte, oder verweilt man noch an der Erde, wo man so viele geliebten Menschen im Kummer und schweren Sorgen zurucklasst? Schwebt Rosamunde noch um ihre Rosen?
Ich sah diese Frage in Herrn Stephani's Auge; aber er folgte still, da wir vom Grabe zuruckkehrten. Nur als von Rosamundens Bilde gesprochen wurde, erklarte er mit Heftigkeit: dass er es als sein Eigenthum zurucknehme, und bei der geringsten Schwierigkeit jede dafur verlangte Summe bezahlen werde.
Es ist ihm aber auf Befehl des Fursten unentgeldlich ausgeliefert, und die ubrige sehr ansehnliche Verlassenschaft theils unter Rosamundens Leute getheilt, theils ihren in Deutschland noch lebenden Eltern ubermacht worden.
Ungeachtet Herrn Stephani's ausserlicher Ruhe furchten wir dennoch, ihn allein zu lassen. Aber ausser mir und Franzchen will er Niemanden um sich dulden. Er spricht selten; aber dann immer mit einer sonderbaren Heftigkeit, welche man, wahrend er schweigt, gar nicht erwarten sollte.
Der Arzt sagt: er musse reisen; aber ist nicht im Stande, ihn zu bereden. Nur wenn er Rosamundens Gemalde betrachtet, wird er heiterer, und gestern hat er angefangen, es in einen grossen Blumenkranz zu fassen.
Franzchen und ich trugen herbei, was wir nur konnten. Da lachelte er und ordnete die Blumen so schon, dass sie dadurch noch tausendmal schoner wurden.
Sie sind nun schon untermalt, und nimmermehr hatt' ich geglaubt, dass sich Blumen so tauschend darstellen liessen.
Herzliebste Mutter! Sie weiss, dass ich ihr Alles sage, und so will ich ihr auch Etwas nicht verhelen, was mich in diesen Tagen beunruhigt hat.
Wenn ich es mir selbst laugnen wollte, so wurd' ich es doch wissen, dass, als ich Rosamunde so todt in meinen Armen hielt, das Herz mir vor Schmerz fast brechen wollte, und ich willig mein Leben fur das ihrige hingegeben hatte. Aber jetzt nun, da ich sehe, dass Alles von diesem Tode spricht, und Niemand mehr an das Bild in der Kirche denkt, herzliebste Mutter! ach Gott! ich kann es mir auch nicht laugnen, dass mich das freut.
Wo hatt' ich bleiben, wohin mich verbergen sollen? ware nicht alle Aufmerksamkeit auf Rosamunde gerichtet worden.
So freuest du dich also doch wohl uber ihren Tod dacht' ich dann, und wurde von einer unbeschreiblichen Angst uberfallen.
Aber, herzliebste Mutter! ich betheure es ihr vor dem allwissenden Gott! dass ich mich nicht uber Rosamundens Tod freue. Frage sie doch den Herrn Pfarrer: woher es kommt, dass ich das weiss, und doch unruhig bin?
Gretchen an ihre Mutter.
Herzliebste Mutter!
Ich danke ihr tausendmal fur ihre schleunige Antwort. Der Herr Pfarrer hat mir ins Herz gesehen. Ach, es ist so, wie er sagt! Schon oft bin ich errothet, nicht weil ich etwas Boses gethan hatte, oder thun wollte; sondern weil ich mir lebhaft vorstellte, dass ich es gethan haben konnte.
O wie schon, wie unaussprechlich schon sind die Worte: nur fleckenlos geniesst sich ganz das Herz! Mit Freudenthranen und mit gefalteten Handen hab' ich sie mir unzahligemale wiederholt. Mir war, als sey diese himmlische Wahrheit erst jetzt gefunden, die Menschen auf ewig durch sie geadelt, und ihres gottlichen Ursprunges vergewissert. Sie klingen mir, wie Triumphgesang. So ruf' ich sie Morgens der Sonne entgegen, so wiederhol' ich sie, wenn die Sterne mir leuchten. Mein ganzes Daseyn entrathseln sie mir, und ich brauche nichts mehr, als sie, um Alles zu begreifen, was mir dunkel war.
Es sind Zauberworte. Versuch' sie es nur, herzliebste Mutter! Sprech' sie sie laut aus, und, was sie auch angstigt, plotzlich wird ein himmlischer Friede uber sie kommen, im tiefen Blau des Himmels wird sie Engel lacheln sehen, und ein nie gehorter Wohllaut wird in ihr Ohr dringen.
Herzliebste Mutter; an diesen himmlischen Worten mussen einst die Geister sich selbst und den Grad ihrer Seligkeit erkennen. Ruft einer dem andern zu: nur fleckenlos geniesst sich ganz das Herz! und er ist auf derselben Stufe der Bildung, der Seligkeit, so wird jener ihm dasselbe antworten. Sie fliegen dann auf einander zu, und dringen, mit vereinten Kraften und gestarkten Augen, in Raume des Lichts, welche sie vorher nicht erblickten. O, geliebte Mutter! ich verliere mich in dieser seligen Vorstellung, und was ich empfinde, ist nicht mehr zu beschreiben.
Stephani an seine Verwandten.
Sie war nicht mehr zu erwecken. Auf ihrem Grabe bluhen jetzt Rosen. Sie liebte mich! Ungluckseliger! und ich konnte es in ihrem Auge nicht mehr lesen! Der Anblick der Himmlischen todtete sie, und da ich scheinbar ihres Werthes nicht achtete, verachtete sie ihn, und wollte nicht mehr seyn, da sie das Hochste nicht war.
Aber, ach! hat sie nun aufgehort zu empfinden? Kann sie das Ewige, wie das Irdische verwerfen? und ist es gewiss, dass ein Quell der Vergessenheit dort rinnt?
Rosamunde! Rosamunde! warum eiltest du hinweg und verschmahtest, was dir ewig gehorte? Wenn es Verwandschaft der Geister giebt, warum glaubtest du nicht an Verwandschaft der Korper?
Gretchen an ihre Mutter.
Herzliebste Mutter!
Der Furst war gestern bei uns und fragte mich bitter: ob ich schon herumwandere, den Unglucklichen zu helfen. Ich erschrak vor seinem Ton, und wusste nicht, was ich antworten sollte. Aber die Frau Prasidentin antwortete fur mich, schilderte ihm Herrn Stephani's Zustand, und setzte hinzu: dass dieser wohl unglucklicher, als Viele jetzt ware, und Niemanden, als Franzchen und mich um sich dulde.
Ein sonderbarer Unglucklicher! fuhr er mit noch grosserer Bitterkeit fort da ihm das Beste immer zu Gebote steht, und was nicht fur ihn sterben kann, fur ihn lebt.
Wir sahen, dass ihn jedes Wort mehr aufbringen wurde, und schwiegen. Er trat ans Fenster und erblickte ein Paar Hyazinthen, welche die schonsten sind, die ich in meinem Leben gezogen habe, und eben deswegen fur ihn bestimmt waren.
Wem gehoren die Blumen? fragte er.
Ihnen gnadigster Herr! sagt' ich nun schnell Schon gestern wollt' ich sie bringen .....
Und brachtest sie nicht fiel er ein Naturlich! wie hattest du gekonnt!
Die Thranen traten mir vor Schmerz und Verlegenheit in die Augen. Ich glaubte aber doch nicht, dass man es meiner Stimme anhoren wurde, und fragte ihn: darf ich sie' heute nicht bringen? Aber die Worte klangen doch schon wie Weinen, und er sah nun auch die Thranen auf meinem Gesichte.
Bringe sie, wann du willst! antwortete er finster Blumen mit Thranen werden mich nicht glucklicher machen. Hierauf wandte er sich schnell von mir, und verliess uns.
Nun konnt' ich aber das Weinen nicht mehr zuruckhalten, fiel der Frau Prasidentin um den Hals und rief: Ach, was muss ich nun thun?
Ziehe dich schnell an sagte sie und bring' ihm die Blumen. Aber weine nicht mehr! sonst wird man es sehen.
Ja! man sah es schon. Und wievielmale ich mich auch wusch, sah man es doch. Endlich kleidete ich mich recht schon an, dachte, es wird schon von der Luft vergehen, und steckte auch meine Haare mit der goldenen Nadel, die ich vom Fursten bekommen hatte, zusammen.
Als ich aber die Blumen Herrn Stephani's Zimmer vorbei trug, jammerte es mich, dass er sie nicht einmal gesehen; da er doch dacht' ich besser als wir Alle weiss, wie schon sie sind. Ich stand wohl still, ging aber nicht hinein; denn ich hatt' es dem Fursten sagen mussen. Auch fiel mir nun bei, dass Herr Stephani einmal sagte: die Hyacinthen seyen zu gradlinicht, und darum nicht malerisch schon. Jetzt eilt' ich, was ich konnte.
Aber beim Eingange uberfiel mich ein Zittern, und ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Indem wurde die Thure geoffnet, und ich musste hineintreten.
Der Furst sass an einem grossen Tische mit Papieren, in tiefen Gedanken. Er sah gar nicht nach mir her, und nun konnt' ich vor Zittern die Blumen nicht mehr halten. Ich setzte sie ihm schnell zu Fussen; denn sonst waren sie gefallen. Nun sah er die Blumen und auch mich.
Du zitterst sagte er Wovor zitterst du?
Gnadigster Herr antwortete ich Ihr Unwille schmerzt mich tief in der Seele, und ich zittre, ihn durch etwas zu vermehren. Er stand schnell auf, und wandte sich finster zur Seite. Dann sagte er plotzlich: was macht Stephani?
Er malt.
Dein Bild?
O nein! an Rosamundens Bilde.
Was kann er daran malen? Es ist ja vollendet.
Einen grossen Blumenkranz rund um das Bild.
Und dem siehst du so zu?
O ja! es ist das Einzige, was ihn erheitert. Franzchen und ich haben aus zwei Garten die schonsten Blumen zusammengetragen, und was ich Anfangs nicht glaubte das Bild ist schoner dadurch geworden.
Und dabei erheitert sich dein Auge, und man sieht, dass es dich freuet.
Grosser Gott! warum sollt' es mich denn nicht freuen?
O Madchen! rief er nun, und schloss meine Hand fest in die seinige deine Stunde ist noch nicht gekommen! Wer wird der Mann seyn, durch welchen du die Liebe begreifst?
Da er jetzt wieder gutig aussah, bekam ich auch wieder Muth, und sagte: da sey Gott vor, gnadiger Herr! dass ich die Liebe jemals durch den Hass begreife. O, glauben Sie es mir! diese ausschliessende Liebe, welche mit dem Hasse so genau verbunden ist, den geliebten Gegenstand so absondern, ja, ohne es zu wissen, verzehren, vernichten will, ist nichts, als eine Ausgeburt der Verderbtheit der Menschen. Liebt Gott so? Liebten gottliche Menschen so? Kann der Mensch durch diese durftige, eingeschrankte, und eben deswegen sich selbst zerstorende Liebe, das werden, was er werden soll? So gewiss nicht, gnadigster Herr! als ein Mensch nicht das ganze lebendige Weltall in sich schliesst. Ach diese Liebe ist eine Krankheit, welche tausend und tausend Menschen elend macht, eben weil sie sie fur die hochste Gesundheit halten.
Sag', was du willst antwortete er das Aehnliche wird sich ewig suchen, verbinden und eben dadurch von dem Uebrigen absondern.
Und durch diese Absonderung fiel ich schnell ein so lange in Durftigkeit schmachten, bis es wieder mit dem Ganzen verbunden wird.
Der ewige Kreislauf der Dinge! dem auch du unterworfen bist. Und darum sag' ich: deine Stunde ist noch nicht gekommen.
Kame sie jemals auf diese Weise, so wurde ich elender, als Andere seyn; da ich jetzt schon weiss: dass ich elender machen wurde.
Vielleicht sagte er, und sah mich durchdringend dabei an ist es nur diese Furcht, welche sie verzogert.
Nein! antwortete ich aber sagen Sie selbst, gnadiger Herr! wenn ich jemals einen Mann wahlte, wurden Sie diese Wahl billigen?
Kaum hatte ich die Worte gesagt, als es mich schmerzlich gereuete; denn sein ganzes Gesicht wurde mit einer dustern Wolke umzogen, und er antwortete mit dumpfer Stimme: ich konnte sie billigen, und das Leben fortschleppen, weil ich musste.
Ach, ich hatte sein edles Herz verwundet! darum rief ich nun schnell: O, mein theuerster Wohlthater! so sagen Sie dann nicht, dass jene Stunde einst kommen werde! Sie wird nicht kommen! Denn mag es ein Fehler an mir seyn der Leidendste beschaftigt mich immer am meisten, und ich bin vielleicht eben deswegen nicht wurdig, dass ein Mann sich mir ganz hingebe. Das werden auch Sie endlich begreifen und empfinden, und ein zartlicheres Herz mit Ihrem grossen Herzen beglucken.
Du versussest den Wermuth, so gut du kannst. Aber wie, wenn ich dich auf eine Probe stellte, der du unterlagest?
Stellen Sie mich, auf welche Sie wollen! gnadigster Herr! Kenn' ich mich nicht, so ist es gut, dass ich mich kennen lerne.
Wie, wenn Stephani dich vergasse, wie er Rosamunde vergass? ein Madchen fande, welches an Schonheit dir gleich kame, seine Liebe endlich erwidert sahe, sich auf immer verbande, glucklich ware, glucklich ohne dich?
O! rief ich, fiel vor ihm nieder, und die Thranen sturzten mir stromweise von den Wangen Wo ist das Madchen? Fuhren Sie es her, und ich schmucke es als Braut mit dem Besten, was ich habe!
Stehe auf! sagte er nun mit ganz verandertem Gesichte ziehe hin! Du gehorst nicht mehr zu uns, und wenn wir es glaubten, so waren wir Thoren!
Ach, so konnt' ich ihn nicht verlassen! Ich ging furchtsam zu den Blumen, hob sie von der Erde, und stellte sie vor ihn hin. Gnadigster Herr! sagt' ich dann leise mit diesen Worten werden Sie mich nicht entlassen! Was hab' ich gethan, dass ich nicht mehr zu Ihnen gehore? Darf ich Ihnen nicht mehr Rechenschaft geben von meinem Leben, und werden Sie keinen Theil mehr daran nehmen? Ach dieser Ort dunkte mich mein vaterliches Haus! und ich glaubte wiederkehren zu durfen, wann ich wollte!
Hor' auf Margarethe! rief er nun schnell Was du darfst, kann Niemand besser wissen, als du selbst. Stephani hat den Auftrag, dein Bildniss zu machen. Geh', und melde ihm, dass er eile.
Mit diesen Worten wandt' er sich wieder zu dem grossen Tische mit Schriften, und ich musste nun gehen; ergriff aber doch noch schnell genug, ehe er es hindern konnte, seine Hand, und druckte sie fest an meine Lippen. Dann aber eilt' ich fort, ohne mich umzusehen.
Gretchen an ihre Mutter.
Herzliebste Mutter!
Alles, was ich denke und empfinde, ist ein Lobgesang; denn Herr Stephani ist ganz wieder hergestellt.
Als Rosamundens Bild fertig war, verfiel er wieder in eine so tiefe Schwermuth, dass wir Alle in die grosseste Angst geriethen. Unglucklicherweise vergass ich auch ganz daruber, was mir der Furst wegen meines Bildes aufgetragen hatte, und nur zufallig erinnerte ich mich einmal gegen die Frau Prasidentin daran.
Sie verlangte, ich solle es Herrn Stephani augenblicklich sagen. Aber, herzliebste Mutter! das war mir unmoglich, und so sprach die Frau Prasidentin selbst mit ihm daruber.
Herr Stephani fragte: ob ich noch wohl den Anzug besitze, in welchem ich zuerst ins Haus gekommen sey? denn der Furst wolle mich in einem landlichen Kleide dargestellt haben. Aber der Anzug war verschenkt. Hierauf zog er eine farbige Zeichnung unter seinen Papieren hervor, und sagte: dies sey ein unbekanntes Madchen, welches er einmal auf einem Spaziergange gezeichnet, dessen Gesicht er aber nicht gesehen, und ihm deswegen Rosamundens Zuge gegeben habe.
Mein Gott, das ist ja Gretchen! rief nun die Frau Prasidentin dieses Mieder trug sie gewohnlich, wenn sie in ihres Oheims Garten arbeitete. Es ist ihr Wuchs! ihre Stellung! Gerade so tragt sie den Korb. O es ist Gretchen!
Herrn Stephani's Freude daruber war ausserordentlich, und er versicherte, dass er das Bild ganz so entwerfen werde. Keine Spur von Krankheit mehr an ihm zu erblicken.
Der Furst hat die Zeichnung auch gesehen, ist aber nicht so dadurch erheitert worden.
Herzliebste Mutter! es ist doch eine grosse Wohlthat Gottes um eine schone Kunst, und der Mensch, welcher sie ubt, scheint eine allmachtige und immer wieder sich erneuernde Kraft gegen alle Erdennoth zu bekommen.
Wer sollte nicht glauben der Furst musse in seiner grossen Bestimmung mehr Seelenerhebendes, als Herr Stephani in seiner Kunst finden? Aber dem ist nicht so, das seh' ich tagtaglich, und kann keine andere Ursache finden, als: dass die schwere Regierungskunst auf der Erde festhalt; statt, dass die schone Kunst uber die Erde erhebt.
Ach, mochte das Gemalde lange nicht fertig, und dann gleich wieder etwas Erheiterndes fur Herrn Stephani gefunden werden!
Ich sagte das der Frau Prasidentin, und sie erzahlte mir: der Furst werde einen Sommerpallast in der Nahe des Klosters erbauen lassen, und Herr Stephani verschiedene grosse Deckengemalde in demselben auftragen. Gott sey gelobt! O herzliebste Mutter! ein heiteres Leben wird wieder beginnen, und es wird sich noch Alles zu einem schonen Wohlklange vereinigen.
Gretchen an ihre Mutter.
Herzliebste Mutter!
Der Bau des Klosters4 wird eifrig betrieben, der Furst hat es reichlich beschenkt, und die Aebtissin aus seiner eigenen Familie ernannt. Drei Frauen und ein Madchen haben sich schon gemeldet; Alle durch Leiden unerhorter Art vom Schicksale bezeichnet. Ich, herzliebste Mutter! bin die einzige Gluckliche, und darum erscheint mir auch wohl Alles ganz anders.
Wo die Andern nur beifallig lacheln, da juble ich. Die Vogel, die Blumen, die Thaler und die Hohen scheinen mir zu antworten, und mein Gang dunkt mich nur ein seliges Schweben durch diese paradiesischen Gefilde.
Ich habe schon mein Kleid, herzliebste Mutter! ich trage es schon! Darf schon helfen, wo ich will!
O, wie matt war die Vorstellung dieses gluckseligen Lebens! Wie ganz anders ist die Wirklichkeit! Wie viele Herzen, die sich trennen wollten, in Liebe vereinigt! Wie viele Thranen getrocknet!
Wird sie nicht zu uns kommen, herzliebste Mutter? Arbeiten sollen nicht auf sie warten; aber pflegen wollen wir ihr Alter, zu einem Himmel wollen wir es machen. Der eine Flugel des Gebaudes ist schon ganz vollendet. Komme sie, meine theure, geliebte Mutter! O, komme sie doch! Diese Zeilen waren das Letzte, welches von Margarethens Briefwechsel aufbewahrt wurde. Ihre Mutter langte wirklich kurz darauf an, sah ihre geliebte Tochter einen Engel der Rettung fur Tausende werden, und das, was man fur Schwarmerei gehalten hatte, sich in die erhabenste Wirklichkeit verklaren.
Margarethe wurde durch die beseligende Thatigkeit, der sie sich widmete, noch schoner, und verwandelte, ohne es zu ahnen, Stephani's, wie des Fursten leidenschaftliche Liebe, in tiefe Verehrung.
Dieser wurde nach einiger Zeit durch machtige Umstande zu einer Vermalung bewogen. Stephani aber, welcher in der That, wie Rosamunde einst schrieb, das ganze Geschlecht tiefer und leidenschaftlicher, als irgend ein Mann liebte, vermalte sich nie. Er hatte viele Geliebten, oft mehrere zu gleicher Zeit, und versetzte sie, noch kurz vor seinem Tode, in einem grossen Deckengemalde, unter die Gotter. Margarethe aber, vom hochsten Lichtglanze umflossen, als Venus Urania uber sie Alle.
Von ihr gepflegt, starb er, auf einem schmerzhaften Krankenlager, in ihren Armen, und in der Blute seines Lebens. Leidenschaftliche Liebe fur die Kunst, wie fur die Weiber, grub sein fruhzeitiges Grab.
Mehrere Jahre darauf starb auch der Furst, ebenfalls in Margarethens Armen, und von ihr bis zum letzten Augenblicke verpflegt.
Sie weinte lange. Aber Franz5, Stephani's geliebtester Schuler, behauptete: sie habe bei des Fursten Tode nur Stephani's Tod zum zweitenmale gefuhlt; auch sey damals eine ganzliche Veranderung in ihrem Wesen sichtbar geworden.
Doch blieb sie langer schon, als Sterbliche es bleiben, und brachte ihr himmlisches Leben, mit dem Gebrauche aller Sinne, bis zum hochsten menschlichen Alter.
Nur von Einer Schwache wurde dieses ausserordentliche Alter begleitet. Sie vermochte nicht mehr den Anblick verzerrter, noch weniger durch das Laster entstellter Menschen zu ertragen, und verfiel, wiewohl eine Feindin aller Pracht, beim Anblick des Schmutzes und der Unordnung in Schwermuth.
Man war daher gegen das Ende ihres Lebens bemuht, nur schone Gegenstande um sie zu versammeln, und die hochste Sauberkeit in ihrer Nahe zu erhalten. Sie wurde sichtbar dadurch erheitert, und ihren Freunden, ohne Zweifel, mehrere Jahre erhalten.
Endlich fiel sie in einen anhaltenden, nur durch kurzes Erwachen unterbrochenen Schlummer, und die Aerzte verkundigten ihr Ende.
Nun wurde ihr Bett mit Kindern jedes Alters umringt, die sie entweder selbst, oder deren Aeltern sie dem Tode, dem Hasse, oder dem Elende entrissen hatte.
Sie erwachte noch einmal, erblickte die Kinder, und verschied mit einem Lacheln, welches ihren himmlischen Zugen eingedruckt blieb.
Ihr Grab liegt auf einem Hugel, und die Sage geht, dass Gemuthskranke dort geheilet werden. Ob die reine Bergluft hierzu beitrage wag' ich nicht zu entscheiden.
Fussnoten
1 Es war Gretchen. 2 Gretchen. 3 Gretchen war eine Protestantin und in Deutschland geboren. 4 Es war nie ein eigentliches Kloster, sondern bestand, bis zu Ende der Regierung Gustavs von Medizis, unter dem Namen einer wohlthatigen Anstalt. 5 Er war es, der diese Papiere sammelte.