1810_Fouqu_019 Topic 1

Caroline de la Motte Fouque

Die Frau des Falkensteins

Ein Roman in zwei Bandchen

von der Verfasserin des Rodrich

Erstes Bandchen

Zueignung

Mit der Bescheidenheit gesenkter Wimper

Tritt vor die hohe, konigliche Herrin

Die Frau des Falkensteins verlegen hin.

Sie fuhlt sich ihr genaht durch das Geschlecht,

Das zarte, weibliche, dem sie gehort;

Genaht ihr, weil auch sie den Namen tragt,

Den unsre Konigin ihn fuhrend ehrt.

Doch ach, wie fern, wie fern in Allem sonst!

Mich Frau des Falkensteines traf der Himmel

Barmherzig, aber strafend, mit Gewittern,

Abbrennend mir des schwachen Herzens Schuld.

Und wenn auch um die schone Konigin

Gewitter einst sich hoben, Blitze zuckten,

So war es nur glorreiches Prufungsfeuer,

Aus dem das Gold, vorher schon rein und klar,

Gleich rein und klar hervorgeht, unverwandelt.

Daher auch scheidet streng' sich meine Bahn

Von jenen seegensreichen, freud'gen Wegen,

Zu denen trub' mein Blick hinuberstreift.

Ich, aus des Unheils Gluthen kaum gerettet,

Trat still ergeben in die Klosterwelt

Der Abgeschiedenheit und der Entsagung;

Kein zartes Kind hat Mutter mich gegrusst.

Der Herrin bluht nach finstrer Wetternacht

Ein Fruhlingsmorgen wundersam hervor,

Als holde Kinder leuchten um sie her

Viel kunft'ge Helden, ruhmliche Regenten,

Und kunft'ger edler Frau'n ein schoner Kreis.

O, reicher Seegen zeigt sich meinem Blick

In ferner Jahre labendem Gefild!

Was Deine Volker beten, hohe Kon'gin,

Dein Heil und Deines Stamm's, es wird erhort,

Denn Reinheit, frommer Muth und edle Huld,

Die in der Prufungszeit Dich treu umwallten,

Sie bringen nun des gottgesandten Lohnes

Frischlaub'ge Kranz' aus Paradiesesland.

Erstes Buch

Komm, ich bitte Dich, rief Mathilde, indem sie ein verhulltes Korbchen in die Hohe hielt. Wusstest Du Luise flog den Lindengang hinunter, in dessen Schatten die geliebte Mutter, durch krankelndes Unvermogen gehalten, sie unruhig erwartete. Der Wind strich spielend durch die Zweige und hob das Tuch, ehe noch Luise jenes geheimnissreiche Korbchen ergreifen konnte. Ein reiches Stirnband blitzte ihr wie tausend Liebesblicke daraus entgegen. Geschenke von Julius, rief sie, und sank uberrascht zu den Fussen der Mutter, die behaglich die hellen Steine zwischen den braunen Locken der Tochter spielen liess. Luise kusste geruhrt die schonen Hande, die so oft in lieber Ungeduld ihre Lippen streiften. Das schwindende Leben in Mathildens Zugen, ihr naher Tod und der brautliche Schmuck, der so sichtlich auf die kommende Feier hindeutete, alle Freuden ihres jungen Lebens und der ernste Wechsel desselben, das ganze wunderbare Gewebe der Zukunft schien sich in den Steinen zu spiegeln, die sie schnell wieder verbarg, indem sie bittend sagte: noch nicht, beste Mutter, noch nicht! und als habe sie das goldne Band gedruckt, so strich sie die Locken aus der Stirn und liess sich anmuthig von den streifenden Luften kuhlen. Wie seltsam! sagte die Mutter, sie unruhig betrachtend, Du fragst nicht einmal, wie Dir die reichen Gaben kommen, und ob sie nicht irgend ein geliebtes Wort begleitet? So, fiel Luise zerstreut ein: hat er geschrieben? Ja lies nur, du unstates Kind, erwiederte Mathilde, indem sie ihr ein offnes Blatt hinreichte. Luise ward bei dem Anblick der festen, sichren Schriftzuge, die ihr den gehaltnen Sinn des ernsten Mannes so klar aussprachen, plotzlich gesammelt, und eine innre Aengstlichkeit kaum beachtend, gab sie sich gern dem Dank und der Ruhrung hin, die folgende Worte in ihr erregten.

"Ihre Hand, geliebte Mutter, moge meine Luise mit dem Schonsten zieren, was ich fur sie auffinden konnte. Sah ich doch immer mit Entzucken, wie sich das mutterliche Auge in dem Glanz des aufbluhenden Kindes belebte, und wie jedes Gefuhl durch diese heilige Liebe erhoht wird. Darum lege ich auch heute all mein Wunschen und Hoffen einzig an Ihr Herz, und bitte Sie, es so erfreulicher vor Luise hintreten zu lassen.

Liebe Mutter, mich qualt so oft der Gedanke, dass ich uberall nicht fahig sei, ein weibliches Gemuth zu beglucken, am wenigsten ein solches, das sich im zartesten Liebeshauch erschloss.

Der schwerfallige Ernst unsrer Altvater, der auf mir und meinen dustren Umgebungen ruht, und den die Gluth meiner italienischen Mutter nur im Innern, wie eine zuckende Flamme, durchbricht, lasst mich so wortarm, so schroff, wo ich voll Liebe die Menschen an meine Brust drucken und das tiefste innerste Leben ausweinen mochte! Oft ist es grade das Gefuhl dieser aussren Starrheit, was meine Zunge lahmt und mich in wildem Unmuth uber die Welt und mich selbst hinaustreibt. Und wie ich dann so einsam hier im dunklen Harzwalde auf mich und den uralten Sitz meiner Ahnen blicke, und es inne werde, dass so wenig modische Macht dem alten Falkenstein ein heitres Ansehn geben konnten, auch mich Jahre langes Reisen und ein bewegliches Leben unter fremdem Himmel unverandert liessen, so denke ich zagend an die lachende Luise und den seltsamen Willen des Schicksals, das uns beide verband.

Sie sehen, der wunderliche Knabe blickt noch uberall hindurch, der einst Musik und Kerzenschein verschmahend, ruhig in der nahen Klosterkirche, unter dem steinernen Bilde seiner Ahnfrau schlief, bis Sie und die bunte Schaar der Gaste ihn dort erweckten. Aber es soll nun alles anders werden. Ich eile zu Ihnen und fuhre Sie und Luisen hieher. Gewiss, Sie durfen mir keinen Augenblick langer fehlen. Sie allein verstanden mich immer. Ihre milde Gute sohnte mich zuerst mit mir selbst aus und offnete mir die seligste Zukunft. Ach ich erschrecke, wie ich das Wort schreibe! Wer kennt ihre verborgne Tiefen! und wem hat sie nicht mit neckenden Zauberkunsten gelogen! Schelten Sie nicht uber den ewig wiederkehrenden Trubsinn. Mir wird so wehmuthig wie ich von Ihnen scheide. Schon gestern liess ich das Blatt unvollendet, und lief hinaus in den Wald, mich selbst und meine Traumereien zu vergessen. Ich traf hier zufallig den Monch, dem ich schon mehreremale begegnete, ohne gleichwohl je ein Wort mit ihm zu wechseln. Diesmal begrusste er mich auf eine feine, sittige Weise. Seine Stimme hat eine Weichheit, die die scharfsten Tone verschmilzt und unsrer Sprache etwas Fremdes, unendlich Anmuthiges leiht. Ich gesellte mich gern zu ihm. Wir sprachen bald vertraulicher, und mein Herz, das sich selten verschliesst, lag in der heimlichen, stillen Sommernacht offen vor ihm da. Er sprach mit leutseligem Ernst uber das trube Versinken jugendlicher Gemuther, und warnte mich vor jener zagenden Unthatigkeit, die so oft die besten Krafte untergrabe. Zwar, setzte er lachelnd hinzu, sei dies eine Klippe, an welcher nur Wenige scheitern, da die meisten Menschen durch freches Eingreifen ihr Leben verwirrten. Ueberall sprach eine grosse Kenntniss der Welt aus seinen Worten, deren Andenken ihn wohl oft wehmuthig bewegen mag. Wir schieden endlich mit dem Versprechen, uns ofter zu begegnen, was mir einen neuen Zuwachs von Freuden verheisst.

Mein alter Georg drangt mich, zu schliessen, er will Ihnen selbst diese Zeilen und das Geschmeide uberbringen. Leben Sie denn wohl, meine gutige, liebe Mutter! In wenig Tagen bin ich bei Ihnen, um endlich an Luisens Seite ein freudigeres Dasein kennen zu lernen. Mit tiefer Ruhrung schliesse ich Sie Beide an mein Herz.

Der Ihrige,

J u l i u s v o n F a l k e n s t e i n ."

Der arme, gute Mensch, sagte Luise, indem sie den Brief gedankenvoll zusammenfaltete. Ist denn, fuhr sie nach einer Weile fort, das alte Schloss wirklich so ode und duster, wie es ihm erscheint? Es sieht fremd und sehr erhaben aus einer verschollnen Zeit hervor, sagte Mathilde, und scheint mit seinen gewaltigen Mauern und Gewolben des kindischen Flitters zu spotten, den Julius Mutter ersindrisch verbreitete, um die Riesengestaltung der Vorzeit zu vergessen. Sie konnte sich nie recht mit der freundlichen Stille dieser Gegend vertragen, am wenigsten aber mit ihrem Wohnsitz und dessen Umgebungen. Was war es doch eigentlich mit ihr? fragte Luise, ich entsinne mich, sie in einem hellen Kleide und vielen Blumen gesehen zu haben. Sie erzahlte Julius und mir wunderliche Mahrchen, worin etwas von einem Salamander vorkam, und dabei leuchteten ihre grossen, dunklen Augen so hell, dass ich die Meinigen gar nicht wieder abwenden konnte. Seitdem sah ich sie niemals wieder, aber das Bild ist mir fur mein ganzes Leben geblieben. Sie starb bald darauf, sagte Mathilde, durch eine eigne Vorstellung geangstet, die sie ins Grab zog. Ich habe mir niemals einen rechten Begriff von einer so ungleichen Gemuthsart, als die ihrige, machen konnen, da mein Leben stets sehr einfach blieb und nur durch fremde Sturme getrubt ward; noch weniger konnte ich die phantastische fast wilde Frohlichkeit mit dem Trubsinn vereinen, der ihr zu Zeiten wie ein fremder Geist inwohnte und ihrem Wesen eine Einformigkeit lieh, die jeden ermudete. Und dennoch so durch Sitte und Gemuth als Vaterland und Sprache von einander geschieden, verband uns in der Ferne ein ungluckseliges Verhaltniss, das meinem Herzen die erste Wunde schlug. Hier schwieg Mathilde und liess in Luisen das lebendigste Verlangen, mehr von einer Begebenheit zu erfahren, die ganz dunkel aus den fruhesten Erinnerungen hervorsah. Das Andenken der schonen Viola, wie sie ihre Mutter sonst wohl mit Ruhrung nannte, hatte immer einen eignen Zauber uber sie ausgeubt, und ohnerachtet sie nur in fluchtigen Hindeutungen von ihr horte, so setzte sich dennoch der kindische Sinn ein Bild zusammen, das noch jetzt sehr reizend in ihrer Phantasie fortlebte. Ich weiss, sagte sie, in der Hoffnung mehr zu erfahren, die Grafin Falkenstein trug fruher den Schleier, den sie bald darauf willig zerriss, um dem Grafen nach Deutschland zu folgen, allein der eigentliche Zusammenhang des Ganzen ist mir fremd geblieben. Liebes Kind, hub die Mutter nach einer Weile an, man soll die Vergangenheit nie absichtlich aufdecken. Was ihr Schoos verbirgt, das ruhe, bis im Laufe der Zeiten die junge That unwillkuhrlich auf ihren fruhern Ursprung zuruckweist. Das Verborgene tritt so ungerufen allmahlig ans Licht, und verliert im Zusammenhang des Ganzen das Fremde, was den gewagten Ruckblick in die Tiefe oft schwindelnd zuruckstosst. Allein wie Julius Brief langst verklungene Saiten in mir anschlagt, so geht auch der Ton in Deine Seele uber und konnte Dich verwirren, wenn ich nicht dreist fortgriffe, um den reinen Akkord wieder aufzusuchen. Aber lass uns hinunter an den See gehn, die Sonne neigt sich so gross und herrlich in die Fluth! Sieh wie der Harz in seiner blaulichen Hulle feierlich dasteht, als wolle er ihr ein langes Lebewohl sagen. Es ist wohl schon, dass sich so oft am Abend die aufgeregte Natur sanftigt! alles wird stiller, die Luftzuge wehen wie lange, heilige Seufzer, und ganz zuletzt reissen die Nebel und glanzen in tausend wehmuthigen Thranen auf der Erde! Sie setzten sich an das Ufer; den Blick nach dem Harz gewandt, fuhr Mathilde fort: das dunkle Geburge, das dort wie eine Wolke vor uns aufsteigt, scheint mir in diesem Augenblick die ganze Welt zu umfassen, wie es denn auch wirklich alle Bilder meines Lebens umfangt, die allesammt wie ein Punkt in der hereinbrechenden Nacht verschwinden. Es fliesst schon so manches ineinander, was ich nicht mehr deutlich erkenne; nur der frische Duft einer ungetrubten Jugend durchdringt mich jetzt wie ehemals und lasst mich mit Wehmuth auf die spatere Storungen blicken.

Ich erzahlte Dir wohl fruher von einem geliebten Bruder, den die Lust an den Waffen in fremde Dienste, fernhin nach Italien zog. Es war wenige Tage nachdem ich mich Deinem Vater verlobte, als das Schicksal so uber ihn entschied. Meine junge Seele kampfte zum erstenmal gegen die eigenen Wunsche und das Verlangen meines Bruders, der von je mein ganzes Herz besass und mir den Verlust einer fruh beweinten Mutter allein ersetzte, da mein Vater, in Geschaften versunken, wenig auf mich achtete. Ich hatte indess nicht den Muth, meinen Schmerz zu aussern, da Eduards laute Freude jedes andre Gefuhl uberhorte. Ich ging daher bang und verschlossen neben ihm hin, bis endlich am Abend vor unsrer Trennung, als wir allein in seinem aufgeraumten Zimmer standen, und die oden Wande seinen Namen, den er lachend ausrief, dumpf erschallen liessen, sein Herz brach, und er weinend in meine Arme sank. Es war, als ruhre ihn die Zukunft warnend an, er blickte zagend um sich her, und wiederholte mehremale: liebe, liebe Mathilde, ich verliere Dich nicht, Du bleibst mir gewiss, Deine treue Liebe begleitet mich unter fremden Himmel und findet unverandert ein deutsches Herz in meiner Brust! Ich konnte nicht sprechen. Seine Thranen losten den lang verhaltnen Schmerz unwiderstehlich auf, ich glaubte in seinen Armen zu vergehen. Bald darauf riss er sich von mir los und eilte seiner Bestimmung entgegen. Dein Vater fuhrte mich mit schonender Gute hieher. Allein ich konnte mich an nichts erfreuen, bis ich endlich nach mehrern Monaten einen Brief aus Neapel erhielt. Ich glaubte Anfangs, Worte einer fremden Welt zu lesen. Eduard wogte in dem frischen Strom eines neuen Lebens. Die reiche Natur rauschte wirbelnd durch sein Innres. Alle Worte klangen wie abgerissne Tone, die in innrer Gluth erzitternd, Violas Nahmen heraufbeschworen. Er hatte sie gesehn und ihre Gunst ohne Wissen der Eltern gewonnen. Der lockende Zauber verborgner Seligkeit riss ihn fort, er verlor sich im uppigsten Taumel. Ich konnte lange den Eindruck jener Worte nicht los werden, die unwillkuhrlich mein Gemuth erschutterten und einen truben Schein auf die einfache Gestaltung meiner Umgebungen warfen. Traurig blickte ich hinauf zu dem wolkigen Himmel unsers Vaterlandes und maass beklommen den langen, einformigen Gang einer farblosen Zukunft. Nach und nach versohnte ich mich indess mit meinem Loose, das sich mir in der stillen Wirksamkeit eines thatigen Lebens allmahlig freundlicher erschloss. Eduard schrieb jetzt seltner. Sein Gluck ward haufig durch aussre Stohrungen getrubt. Viola sollte die Hand eines reichen Deutschen, den er gleichwohl nicht nannte, nach dem Willen ihrer Eltern annehmen. Ihr standhaftes Weigern erregte Argwohn und setzte sie harten Verfolgungen aus. Nach langem, angstigendem Schweigen meldete er mir endlich aus Venedig, alles sei entdeckt, Viola habe den Schleier genommen, und er irre, verfolgt, halb sinnlos vor Schmerz, umher, ohne zu wissen, wohin er seine Schritte lenken sollte. Ich bat ihn dringend, zu mir zuruckzukehren; allein meine Briefe blieben unbeantwortet, wie spaterhin alle Nachforschungen fruchtlos. Ich sah mit wachsender Angst, bei jedem wiederholten Versuche, Nachricht von ihm einzuziehen, der Gewissheit seines Todes entgegen, und ich versank zuletzt in jene dumpfe Muthlosigkeit, an welcher alle Freuden des Lebens unbemerkt vorubergehn. Eines Abends sass ich einsam in meinem Zimmer und uberschaute mein freudloses Dasein, als sich die Thur offnete, und Dein Vater mit einer verschleiereen Dame hereintrat, welcher ein Mann von hohem Ansehn und ausgezeichneter Kleidung folgte. Der Graf und die Grafin Falkenstein, sagte er, mit sichtlicher Freude, die kurzlich aus Italien zuruckkehrten. Aus Italien! rief ich, von tausend Ahndungen durchbebt, und eilte der Grafin entgegen. Sie warf den Schleier zuruck, und indem sie sich mit vieler Anmuth zu mir neigte, uberzog eine fluchtige Rothe ihr etwas bleiches Gesicht, dessen bewegliche Zuge keinen bleibenden Eindruck gestatteten. Aus Italien! wiederholte ich mit bangem Zagen, haben Sie Der Graf trat hier zu mir, und entschuldigte auf eine feine Weise sein unerwartetes Erscheinen mit der unveranderten Anhanglichkeit an meinem Gemahl, fur dessen Jugendfreund er sich erklarte, und von welchem, wie er verbindlich hinzusetzte, ihn nur widerstrebend ein vieljahriger Gesandschaftsposten habe entfernen konnen. Ich sah mich in ein gleichgultiges Gesprach verwickelt, wahrend die dringendste Frage auf meinen Lippen schwebte. Die Grafin mass mich mit ihren grossen vielsagenden Augen, und sagte hinterher, in gebrochnem Deutsch, mit der lieblichsten Stimme, ein schmeichelndes Wort. So hielten mich beide gefangen, und ich verzweifelte fast, irgend etwas Naheres zu erfahren, da des Grafen wortreiche Hoflichkeit mich immer mehr in mich selbst zuruckdrangte, als dieser hinzusetzte, er habe nicht gehofft, seiner Viola so bald eine Freundinn zuzufuhren, da er erst seit wenigen Stunden von der Heirath seines Freundes unterrichtet sei. Dieser Nahme uberflog jede anderweitige Rucksicht. Ich bitte Sie, rief ich, ihn unterbrechend, kannten Sie in Neapel eine Viola, welche den Schleier nahm, die mein Bruder Eduard von Mansfeld Viola lag schon langst zu meinen Fussen, druckte meine Knie an ihre Brust und rief unter lautem Weinen: ich ich die arme Viola. Mit stummer Verwunderung blickte ich auf sie und den Grafen, der, eine kleine Verlegenheit verbergend, sich von mir abwandte; indess bald darauf mit beispielloser Ruhe sagte: hatte ich ahnden konnen, wie nahe jene Begebenheit Sie angeht, ich wurde Sie ohnfehlbar vorbereitet haben, denn ich hasse sicher nichts so sehr als Erschutterungen, die den gebildeten Menschen aus dem schicklichen Gleichgewicht reissen. Jetzt ist indess die Entdeckung gemacht, und ich zweifle nicht, wir Alle gewinnen bald die Fassung wieder, die wir dem aussren Anstand schuldig sind. Die Grafin lag wie zerschmettert am Boden, und schien auf nichts zu achten. Ich fuhr aufs neue wie ein Blitz durch den ruhigen Gang seiner Rede, indem ich dringend nach meinem Bruder fragte. Verzeihen Sie, erwiederte er gutig, wenn ich dieser Frage nicht fruher zuvorkam, ich glaubte Sie besser unterrichtet. Herr von Mansfeld ist wohl, und in diesem Augenblick auf einem Schiff, das nach Constantinopel unter Segel ging. Um jede verletzende Erklarung, fuhr er fort, schnell zu beendigen, sage ich Ihnen noch, dass Viola zwischen mir und dem Schleier zu wahlen hatte, dass ein kurzer Aufenthalt im Kloster, der Anfang des Probejahrs, sie auf immer mit einer so dustern, ihrem Gemuth wenig angemessenen, Zukunft entzweite, und sie es vorzog, eine fremde Blume, in deutschen Waldern zu glanzen, als zwischen hohen Mauern zu verschmachten. Lassen wir jetzt, setzte er lachelnd hinzu, die kleine Wolke voruberziehn, glauben Sie mir, der heitre italienische Himmel durchbricht diese Nebelstreifen leicht! Ich blickte auf die schone Frau, der ich um so weniger feind sein konnte, da sie durch ihr unstates Betragen jeden Einfluss auf das kunftige Schicksal meines Bruders verloren hatte. Diese Sicherheit und die Freude, ihn wohl und kraftig neuen Unternehmungen entgegen eilen zu sehen, setzte mich schnell uber die augenblickliche Storung hinaus. Ich wandte mich versohnt zu Viola, die sich willig an mir aufrichtete und in ein andres Zimmer fuhren liess. Es gelang mir bald (indem ich sie franzosisch anredete) ihr Vertrauen ohne Ruckhalt zu gewinnen. Sie klagte sich selbst mit vernichtender Reue an, und beweinte in ihrer dunklen Zukunft alle verlorne Freuden der Liebe. Allein wahrend die gluhendste Phantasie sie immer weiter und weiter fortriss, schuf sie sich selbst die besten Trostgrunde, und endete damit, ein behagliches Licht auf ein Leben zu werfen, in welchem, wie in ihrem Ideengange, Eines ganz naturlich aus dem Andren zu entspringen schien. Ich kannte die Fertigkeit wenig, Ursach und Wirkung so geschickt zu folgern, dass alles gerade und eben dasteht, wahrend der eigentliche Grund der Handlung in den innren Tiefen des Gemuths verschuttet wird. Daher blieb ich in dem kunstlichen Netze gefangen, und schwieg, wie es mir nachher oft geschah, ohne gleichwohl eine innre Unbehaglichkeit los werden zu konnen. Mit unwiderstehlicher Anmuth schmiegte sie sich darauf an meine Brust, und bat mich, sie nicht auf dem einsamen Wege zu verlassen, den ihr jetzt des Grafen kaltes Herz vorzeichne. Ich habe niemals dem Zauber ihrer Worte und Mienen widerstehen konnen, und wie bei ihr bestechende Erinnrungen die Ungleichheit unsrer Gemuther ausglichen, so hielt mich der glanzendste Farbenschmuck einer gluhend weiblichen Natur an sie gefesselt. Ich sicherte ihr eine Freundschaft zu, die durch lange Jahre unerschuttert blieb. Als wir bald nachher zu den Herren zuruckkehrten, fanden wir sie im Gesprach vertieft uber italienische Weine, und die Moglichkeit, ahnliche Sorten auf unsern kalten Boden fortzupflanzen. Ich musste aufs neue uber die gemessne Haltung des Grafen staunen, die Violas Leichtigkeit, in jeden Gegenstand der Unterhaltung einzugehn, nichts nachgab. Ich gerieth in Verlegenheit, die ganze Begebenheit fur einen Traum zu halten, da auch die leiseste Erinnrung daran verwischt schien, und wirklich ist nie wieder offentlich die Rede davon gewesen, ob wir gleich von da an fast unzertrennlich verbunden blieben. Ich brachte nach diesem Tage die meiste Zeit auf dem Falkenstein zu, wo die Grafin bald ein neues Leben verbreitete, das fast spottend an dem alten Geist dieser Mauern voruberzog. Der Graf sonnte sich im Glanz seines Hauses, und sah es gern, dass Viola den rauhen Einflussen des Klimas wie dem farblosen Einerlei geselliger Unterhaltung zu Hulfe kam, wobei Kunst und Sitte sie immer auf der Bahn des Schicklichen erhielten. Allein ohnerachtet dieser stets erneueten Anregungen, versank sie dennoch augenblicklich in eine Abspannung und ein Missbehagen, das sich nicht selten mit zerreissender Heftigkeit in bittern Thranen aufloste. Mir schien es oft, als ruhe irgend etwas in ihrer Brust, das sie drucke, ohne es gleichwohl kund geben zu wollen: weshalb ich auch niemals in sie drang. Zu diesen innren Storungen kam noch die ganzliche Unwissenheit, in der wir uber Eduards Schicksal lebten. Ich hatte mich vergebens an den Gesandten in Constantinopel gewandt, und der Graf, der uns vielleicht allein behulflich sein konnte, verscheuchte jedes Vertrauen dieser Art. Unter so streitenden Einflussen ward Julius geboren. Viola hatte sich eine Tochter gewunscht, und war mehr uber das Dasein des Kindes geruhrt, als erfreut. Oft sah ich ihre Blicke schmerzlich auf den seinen ruhen und Erinnrungen einer Zeit erwachen, wo Gluck und Liebe Hand in Hand gingen. Als Du mir einige Jahre darauf, nachdem ich lange kinderlos blieb, vom Himmel geschenkt wardst, beschloss die Grafin sogleich eure Verbindung. Dieser Gedanke beschaftigte sie angenehm und liess sie den Verlust eigner Gluckseligkeit weniger empfinden. Wie sie alles an sich zog, was sie gewinnen wollte, so hingst auch Du mit solcher Liebe an ihr, dass Du nie von ihrem Arm fortzulocken warst, und jener Augenblick, der noch in Deiner Erinnrung lebt, war einer von den vielen, wo sie Deine Aufmerksamkeit durch Gesang und Erzahlung fesselte, ohnerachtet noch kein festes Bild in dir haften konnte. So verfloss uns die Zeit in Hoffnung und Glauben an eine heitre Zukunft unsrer Kinder, als ich bei der Grafin ein trubes Nachdenken wahrnahm, das sie haufig von allem Aeussern abzog. Sie verschloss sich Stundenlang in ihr Kabinet und ging ofter als gewohnlich zur Messe ins benachbarte Kloster. Einst begleiteten ihr Gemahl und ich sie dorthin. Auf dem Wege sprachen wir uber die seltsame Lage des Gebaudes, das in sumpfigem Grunde, von Klippen umgeben, recht wider Gewohnheit der Kloster, ode dasteht. Daruber, sagte der Graf, giebt die Geschichte meines Hauses volligen Aufschluss, und wenn auch der dumpfe Glaube meines Ahnherrn manches Wunderbare hinzusetzte, so liegt doch eine zuverlassige Wahrheit zum Grunde. Wir drangen in ihn, uns das Nahere mitzutheilen. Frauen, erwiederte er lachelnd, lieben alles, was sie aus dem eintonigen Gange ihrer Bestimmung hinauszieht, und staunen mit offnen Sinnen an, was diese beweglichen Sinne ungewohnt anregt, vorzuglich hat Sie, liebe Mathilde, ihr abgeschlossnes Leben noch begieriger auf dergleichen gemacht, und darum horen Sie nur.

Vor mehrern hundert Jahren herrschte eine Frau von Falkenstein uber diese Gegend, die, wie die Sage erzahlt, in geheimer Verbindung mit den Geistern des Waldes stand. Durch diese wusste sie, dass ihre Sohne einander nach dem Leben trachten und Unheil uber ihr Geschlecht bringen wurden. Sie beschloss daher, zu Gunsten des Einen den Andern bald nach seiner Geburt aufzuopfern, und liess ihn zwischen diesen Klippen, die damals ein reissender Bach durchzog, aussetzen. Der Aeltere wuchs nun ungestort heran, ward tapfer und fromm, weshalb er auch eine Reise nach dem heiligen Lande unternahm. Die Mutter verwaltete wahrend dem die Geschafte, und erwartete ungeduldig seine Ruckkehr; allein nach zwei langen Jahren kamen seine Begleiter ohne ihn zuruck und meldeten seinen Tod. Die Frau vom Falkenstein sah nun alle ihre Erwartungen vereitelt, entzweite sich mit der Welt und ihren verbundeten Geistern und beschloss keinen Fuss aus ihrer Burg zu setzen, weshalb auch nach und nach Sand und Steine die Zugange bedeckten. Da trat einst ein Bettler in ihren Hof, und bat sie dringend um die Erlaubniss, den Schutt von ihrer Schwelle wegraumen zu durfen. Sie gestattete das, ohne sich um die Ursach einer so seltsamen Bitte zu bekummern. Nicht lange darauf kam der Bettler voller Freuden zu ihr hin, zeigte ein breites, schones Schwerdt, das er unter dem Schutte gefunden hatte und welches er fur das seine erklarte, wobei er eilend hinzusetzte, dass er, in der Wildniss aufgewachsen, endlich in eine Schmiede gerathen sei und dies Gewerbe mit Lust gelernt und getrieben habe. Nun sei vor kurzem ein kleiner, grauer Mann auf einem weisslichen Pferde gekommen, welches er habe beschlagen lassen. Wahrend der Arbeit habe er ihm einen goldnen Siegelring gegeben und gesagt: er solle das dazu gehorige Schwerdt, welches am Knopf ein ahnliches Zeichen fuhre, sorgfaltig unter Trummern und Steinen alter Vesten suchen, und musse er auch Jahrelang als Bettler umherwandern; beides gehore seinem Vater, und werde ihm zu hohen Ehren bringen. Die begluckte Mutter erkannte sogleich die Waffen ihres Gemahls, und den Bettler fur den einst freventlich geopferten Sohn, den sie unter besonderm Schutz der Geister wahnte und ihn mit erhohtem Glauben in seine Wurden einsetzte. Sie beschloss sogleich, hier am Rande des Baches eine Kapelle zu erbauen, und ging oft mit ihrem Sohn dahin, der Arbeit zuzusehen. Da kam eines Tages derselbe kleine Mann im Gefolge eines schwarzen Ritters auf sie zu, indem er neckend sagte, jetzt sei es Zeit, das gefundne Schwerdt zu brauchen, worauf er sich schnell wieder zwischen den Klippen verlor. Der schwarze Ritter aber rief der erschrocknen Frau zu, warum sie es dulde, dass ein Fremdling in seinem Eigenthum herrsche, und ob sie so seine Ruckkehr zu feiern gedachte? Ohne eine Erklarung zu erwarten, fielen sich nun die Bruder in wildem Grimm an und sturzten bald darauf sterbend nieder. Der Bach stockte den Augenblick, nur die Erde blieb feucht von dem Blute der Erschlagnen.

Der Graf lachte hier laut uber mein angstliches Aussehen, da ich wirklich unwillkuhrlich zusammen fuhr, wie wir uber den nassen schlupfrigen Boden hingingen. Das Abentheuerliche der Geschichte abgerechnet, fuhr er fort, ist es wahr, dass sich hier zwei Bruder erschlugen, und dass die Mutter auf derselben Stelle das Kloster errichten liess, weshalb ihr steinernes Bild noch darin aufbewahrt ist. Jesus! rief Viola, und ich sah sie bleich und zitternd an des Grafen Brust sinken. Mein Gemuth war so ergriffen von den eben empfangenen Eindrucken, dass ich uberall ahnliche Schrecken sah und ganz trostlos rief: sie stirbt, sie stirbt! Der Graf, durch nichts erschuttert, trug Viola zu einer Anhohe, die eine freie Aussicht in das Feld eroffnete, aus welchem uns die Luft rein und erfrischend entgegen wehete. Hier erholte sich die Grafin bald genug, um uber einen Zufall zu lacheln, der, wie sie sagte, leicht hatte glauben lassen, jene mahrchenhafte Sage konne solche Gewalt uber sie ausuben. Ich war nicht einen Augenblick im Irrthum hieruber, erwiederte der Graf; allein unsre Freundin, die alles zu ernst und wichtig fur das wirkliche Leben nimmt, sah Dich schon von den feindlichen Geistern der Falkensteine gefangen. Wir scherzten bald alle uber die Begebenheit, und als wir bei unsrer Ruckkehr Besuch aus der Nachbarschaft antrafen, uberliess sich Viola der allerheitersten Laune, die sich immer mehr steigernd, zuletzt alles wie im Rausche fortriss. Ich war daher sehr uberrascht, als sie in der Nacht ernst und mit sichtlicher Anstrengung vor mein Bett trat. Erschrick nicht, liebe Mathilde, sagte sie leise, ich habe mit Dir zu reden, und Du musst besonnen sein, um mich anhoren zu konnen. Sie zundete darauf mehrere Lichte an, und vertheilte sie so, dass das ganze Zimmer hell erleuchtet war, dann setzte sie sich zu mir, und, indem sie den Kopf fest in meine Kissen verbarg, sagte sie: ich bin thorigt genug gewesen, eine Unruhe ubertauben zu wollen, die schon langst an mir nagt und gestern stechend hervorgerufen ward. Es ist vergebens, ich bin erschopft und kann den peinlichsten Vorstellungen nicht langer widerstehn, die nun mit doppelter Gewalt uber mich herfallen. Sie schwieg einen Augenblick und uberliess mich einer unbestimmten, fast scheuen Begier, mehr zu erfahren. Schon vor mehrern Monaten, hub sie nach einer Weile an, wahrend ich, uber sie gebeugt, mit gespannten Mienen meine Blicke auf sie heftete, schon vor mehrern Monaten traumte mir, ich hore in der Klosterkirche die Messe, und wolle nun den Ruckweg antreten. Es war, als sei der Graf mit mir, denn ich sah mich wiederholt nach jemand um, der zu mir gehorte und in der Kirche zuruckblieb, weshalb ich auch den rechten Ausgang verfehlte. Ich stieg mehrere Stufen hinunter und lief lange in den dunklen Gangen umher, wobei ich eine entsetzliche Angst vor dem Fallen hatte. Endlich kam ich wieder in die Kirche zuruck. Es war Niemand mehr darin, die Kerzen waren ausgeloscht und alle Zugange verschlossen. In der bittren Noth schrie ich laut um Hulfe; da bewegte sich das grosse steinerne Bild der Ahnfrau und schritt auf mich zu. Ich wollte fliehen; allein sie fasste mich, und als ich recht hinsehen musste, erblickte ich zwei wunderschone Knaben an ihrer Hand, wovon der eine, wie eben geschossnes Wild, stark an der rechten Seite blutete. In dem Augenblick offnete sich die Pforte, mir war, als horte ich eine bekannte Stimme, und ich sturzte mit dem blutenden Knaben heraus. Der Traum liess einen Eindruck zuruck, den die Gewissheit, aufs neue Mutter zu werden, mit jedem Tage scharfte. Du kannst nun begreifen, wie mich die Erzahlung des Grafen, die mir erst den rechten Aufschluss gab, erschuttern musste. Liebe Viola, sagte ich fast so bewegt als sie, Dein Zustand fuhrt ganz naturlich schwere Traume und dustre Vorstellungen mit sich. Das darf Dich weiter nicht befremden, lass sie nur nicht so unbeschrankt uber Dich herrschen, Du wirst das alles sicher in Kurzem leichter ansehn, und die Erste sein, die daruber lacht. Viola blieb indess still und sinnend. Von da an konnte sie nichts zerstreuen, und ich weiss nicht, ob es ein Gluck zu nennen ist, dass sie, durch innre Qualen zerstort und aufgerieben, vor ihrer Niederkunft an einem Nervenfieber starb.

O gewiss, gewiss, fiel Luise schnell ein, denn so etwas, das unaufhorlich im Innern druckt und nagt, ist zehnfacher Tod. Das kennst Du doch wohl schwerlich aus Erfahrung, sagte die Mutter. Nein, erwiederte Luise; allein schon der blosse Gedanke daran hat so etwas Peinliches fur mich, dass ich ihn nicht lange festhalten mag.

Mathilde bemerkte, dass es kuhl werde, und liess sich nach Hause fuhren. Hier begrusste sie der alte Georg mit der herzlichen Theilnahme, die er fur alles empfand, was seinem Herrn theuer war. Luise freuete sich, jemand zu sehen, der Viola gekannt und lange Zeit auf dem Falkenstein gelebt hatte, da ihre Phantasie kein andres Bild festhalten konnte und unaufhorlich in jenen Kreisen umherschweifte. Allein Georg blieb hieruber sehr einsilbig. Die Grafin hatte nie in seine einfache Art und Weise gepasst und er fand an manchem Aergerniss, was den Sitten seines Landes fremd war. Luise schalt den guten Alten herzlos, und rief sich selbst jeden interessanten Moment aus Mathildens Erzahlung herauf.

Sie starb also, sagte sie am Abend zu ihrer Mutter, ohne Eduard wiederzusehn? Erfullte er denn nicht noch in den letzten Augenblicken ihre ganze Seele? Ich habe Dir gesagt, erwiederte Mathilde, dass die Grafin zuletzt nur einen Gedanken festhielt, der alle Erinnerungen erstickte. Mein Bruder war langst fur sie, wie fur mich, verloren, da wir wohl Beide nicht langer an seinen Tod zweifeln konnten, seit der Graf einst unaufgefordert von ihm sprach, und versicherte, keine Nachforschungen gespart zu haben, ohne gleichwohl etwas Beruhigendes zu erfahren. Ihn hatten wohl fruher die Wellen begraben und alle Gluth seines kranken Herzens gestillt!

Mathilde offnete, wahrend sie sprach, ein elfenbeinernes Kastchen, das sonst immer verschlossen auf ihrem Schreibtisch stand und von jeher Luisens Aufmerksamkeit erregte. Wohl tausendmal hatte diese mit einer Nadel an dem feinen Schlosschen gedreht, und erwartet, es solle aufspringen und ihr die verdeckte Herrlichkeit zeigen. Heute geschah nun ganz von selbst, was sie so lange wunschte: der Deckel sprang auf und Mathilde zog unter einem Packet Papieren eine goldne Kapsel hervor, die Eduards und Violas Bildniss enthielt. Luise betrachtete wehmuthig die edlen Zuge, die in Gluck und Freude erbluht, in eine Zukunft voll Schmerz und unerfullten Hoffnungen hinaussahen. Viola war einfach, dennoch der herrschenden Mode zuwider, phantastisch gekleidet; farbiger Stoff wand sich vielfach, wie ein Turban, um ihr dunkles Haar und ein hellblauer Mantel hing nachlassig uber der rechten Schulter. Beides gab ihr ein fremdes Ansehn, das Luisen besonders wohlgefiel. Die grossen, wunderbaren Augen und das feine Lacheln um den schon geschweiften Mund, wurden ohnehin durch den orientalischen Kopfputz noch mehr herausgehoben. Eduard trug eine rothe Uniform, die unmittelbar in die heutige Zeit versetzte. Schone Zuge im reinsten Verhaltniss, ein frisches, festes Ansehen und blondes Haar zeigten den Norddeutschen unverkennbar an.

Als Luise die Kapsel wieder zu den Papieren legte, bemerkte sie, dass diese von einer breiten Flechte der schonsten schwarzen Haare zusammengehalten wurden, wahrend ein kleines Siegel, gleichsam zum Wahrzeichen, daruber hing. Dies Packet, sagte Mathilde, ihren Blicken folgend, fand ich nach dem Tode der Grafin in einem verborgenen Fach ihres Schreibetisches. Da es versiegelt war, durfte ich es nicht eroffnen, und aus andren Rucksichten mochte ich es nicht verbrennen. Viola hatte eine Freundin in Neapel zuruckgelassen, die fruher ihre Vertraute war und von der sie ofters Briefe empfing, die sie jedesmal sehr bewegten. Wahrscheinlich sind dies jene Briefe, deren sorgfaltiges Aufbewahren von einer innren Wichtigkeit zeugt. Ich erwartete lange, dass man sie zuruckfodern wurde, da ich ohne hinlangliche Gewissheit sie unmoglich fremden Handen zuschicken konnte. So sind sie denn bis hieher unversehrt in dem Kastchen geblieben; jetzt moge Julius daruber entscheiden, dem ich sie nachstens zu ubergeben gedenke. Konnten es nicht Briefe von Eduard sein? fragte Luise. Nein, erwiederte Mathilde, das Kastchen verschliessend; ein fluchtiger Blick auf die Handschrift hat mich vom Gegentheil uberzeugt.

Beide schwiegen eine Zeitlang, in eignen Gedanken verloren. Liebes Kind, hub Mathilde nach einer Weile an, ich sah noch einmal in die Vergangenheit zuruck und liess jene Begebenheiten an Dir vorubergehn, um Dich von dem Gluck zu uberzeugen, das Deiner in einer Verbindung erwartet, die stille Anhanglichkeit in ungestortem Fortschreiten grundete. Glaube mir, jene leidenschaftliche Wallungen, die den Sinn aus der Ferne durch ein scheinbar regsames Leben bestechen, welken die eigentliche Frische des Gemuths und geben ihm eine bloss krankliche Heftigkeit, die aus Mangel an Kraft entspringt. So verwirrt sich der Mensch im Innren und findet niemals wieder das rechte Gleichgewicht. Deine Liebe zu Julius ist mit Dir aufgewachsen und hat sich mit allen andren Kraften Deiner Seele zugleich entwickelt. Ich liess Dich den Weg ungehindert fortgehn, der Dich einer ruhigen Bestimmung zufuhrt. Nichts widersprach Deiner Neigung, und reizte sie, ihre Schranken zu uberfliegen. Kein ungewohnliches Ereigniss unterbrach den einfachen Gang Deines Lebens. Die Welt, mit allem was sie Tauschendes enthalt, blieb Dir fremd. Du trittst jetzt an der Hand des edelsten Mannes in einem Augenblick hinein, wo sehr ernste Pflichten Deine Aufmerksamkeit fodern. Wie sollte ich an Deinem Gluck zweifeln, wie solltest Du je etwas Wunschenswertheres begehren konnen? Ich weiss nicht, warum mich dennoch Deine regsame Phantasie, die jedes neue Bild begierig auffasst, warum mich Dein heftiges Gemuth, selbst in seinen edelsten Aufwallungen, angstet. Du bist jetzt so oft gedankenvoll; ich sah Dich wohl fruher die Hand nach Kleinigkeiten ausstrecken, um sie bald darauf gleichgultig zuruckzuziehen. Dein Sinn schweift umher, auch jetzt Du horst mich nicht Luise! Liebe Mutter, erwiederte jene, ich denke an Julius, und wie es moglich ist, dass er seinen beiden Eltern so unahnlich ward. Mochtest Du ihn anders? fragte Mathilde ernst. Auch ist er ihnen, fuhr sie fort, nicht so unahnlich als Du denkst; ihre ganzlich widersprechende Naturen haben sich sehr glucklich in ihm verschmolzen, und was ausserlich schwer und trube an ihm haftet, das hat ihm des Grafen absichtsvolle Erziehung gegeben, der, allen naturlichen Anlagen zuwider, einen schlauen Weltmann aus ihm bilden wollte, und eben dadurch den freimuthigen Knaben missmuthig und unsicher machte. Wie es wohl auf dem Falkenstein aussehen mag? fragte Luise, durch neue Vorstellungen abgezogen: hat die Zeit nicht allmahlig alle Spuren von Violas Glanz verwischt? Ich weiss es nicht, erwiederte Mathilde, seit dem Tode Deines Vaters, der der Grafin bald folgte, bin ich nicht dort gewesen. Allein sowohl der Graf, als neuerlich der Baron Veltheim, Julius Vormund, sollen alles wohl erhalten haben. Sie schwieg hier, durch Luisens stetes Abspringen verletzt, und beide trennten sich bald darauf, beklommen, und im Gefuhl eines innern Missverstehens, geangstet.

Als Luise am folgenden Morgen die Augen aufschlug, stand Mariane, die Kammerfrau ihrer Mutter, mit bekummerten Mienen vor ihrem Bette, und schien den Augenblick ihres Erwachens erwartet zu haben. Ach, liebes Fraulein, hub sie sogleich an, die gnadige Frau hat die ganze Nacht hindurch gelitten und ist jetzt kranker als zuvor; Sie werden am besten bestimmen konnen, ob man den Arzt holen soll? Luise war an das stete Uebelbefinden ihrer Mutter gewohnt, und wusste, dass es nie gefahrlich ward; allein jetzt traf diese Nachricht ihre vom Schlaf befangnen Sinne so unerwartet, dass sie lange wie betaubt vor sich hinsah, und nicht den Muth hatte, ihr dumpfes Gefuhl zu befragen. Gleich, gleich, rief sie, halb traumend, Marianen zu, und schlich sich, von innrer Angst gelahmt, an Mathildens Thur. Hier war alles still; sie trat leise hinein an das Bett der Kranken, die grunseidnen Vorhange waren zugezogen, sie konnte nichts sehen, horte indess schnell und hohl athmen. Mit zitternder Hand theilte sie ein wenig die Gardine, und sah die geliebte Mutter mit zuruckgebognem Kopf und halboffnen Augen im angstigendsten Fieberschlaf daliegen. Luise beugte sich uber sie hin und bemerkte mit Entsetzen ein innres Zucken der Nerven, das wie ein Blitz uber das Gesicht hinfuhr. Zum erstenmal in ihrem Leben traten die Schrecken des Todes vor sie hin, zum erstenmal fuhlte sie deutlich, dass das treueste, liebevollste Herz sich von dem ihren losreissen werde. Sie sturzte, halb bewusstlos, aus dem Zimmer und rief wiederholt: den Arzt, um Gotteswillen den Arzt. Man traf alle Anstalten; allein die nachste Stadt war uber zwei Meilen. Der Doktor, oft verreist, kam erst am andern Morgen, nachdem Luise die Nacht unter den heftigsten Qualen an Mathildens Bett zugebracht hatte. Es war ein kleiner, wohlbeleibter Mann; voller Kenntniss, allein unaufhorlich mit sich selbst beschaftigt, so lange die dringendste Noth nicht seine ungetheilte Aufmerksamkeit forderte. Daher unterhielt er Luisen zuerst mit vielen Worten von seinem eignen Uebelbefinden in den letztern Tagen, und trat ganz sorglos zu der Kranken, die, sich etwas ermunternd, voll Theilnahme auf seine Klagen horte. Luise hatte indess die Vorhange aufgezogen und bemuhte sich, in des Doktors Zugen irgend ein entscheidendes Urtheil zu lesen. Dieser hielt Mathildens brennende Hand in der seinen, ward immer ernster, und sagte endlich, durch die ungeahndete Gefahr hingerissen: Mein Gott, der Puls intermittirt! Was heisst das? fragte die Kranke ruhig. Unregelmassigkeit in der Cirkulation des Blutes, erwiederte er, sich fassend; ich hoffe, es hat nichts zu bedeuten. Er trat in ein Nebenzimmer, wohin ihm Luise sogleich folgte. Was heisst es, lieber Doktor, rief sie mit bebender Stimme, um Gottes willen, was heisst es? Gefahr, liebes Kind, erwiederte er bewegt, grosse Gefahr. Ach retten Sie! schluchzte sie, ihn mit beiden Armen umschlingend. Das vermag Gott allein, erwiederte er; thun will ich, was ich kann, das Uebrige muss man erwarten. Erwarten dachte Luise; wer hat hier Muth und Besonnenheit, auf eine langsame Wirkung der angewandten Mittel zu hoffen! Das Schrecklichste sieht mir ganz nahe, ich muss es weggeraumt wissen, oder erliegen!

Sie konnte von da an nur Augenblicke an Mathildens Bett zubringen. Ihr ganzes Innre war zu gewaltig aufgereizt, um irgend eine Fassung zu gewinnen. Still weinend kniete sie hinter einem Schirm, der ihr indess nicht die leiseste Bewegung im Zimmer entzog. Oft konnte sie es auch da nicht aushalten; sie schlich leise zu der Kranken und harrte mit zuruckgehaltnem Athem auf jede ihrer Bewegungen. Mathilde reichte ihr dann, wehmuthig lachelnd, die Hand, und Beide wandten das Gesicht ab, um die hervorbrechende Thranen zu verbergen.

So schlichen die Stunden langsam hin; niemand wagte seine innre Angst auszusprechen. Jeder ahndete und schob dennoch die Gewissheit des nahen Unglucks schaudernd zuruck.

Gegen Abend bemerkte Luise, dass ihre Mutter ganz still werde. Mariane glaubte, sie schlafe, und sass ruhig zu ihren Fussen. Nach einer Weile offnete sie dennoch die Gardinen, und da sie Mathilden wachend fand, fragte sie, ob sie leide und ob nichts zu ihrer Erleichterung geschehen konne? Nein, gutes Kind, antwortete diese mit ihrer gewohnten Milde, mir fehlt nichts, ich wunsche auch nichts mehr aber die lange, lange Trennung! Hier schlug eine Uhr, die Viola einst, ihres kunstlichen Glockenspiels wegen, Luisen schenkte, sieben. Sieben, wiederholte die Kranke langsam zahlend, ach nun muss ich noch siebenmal sterben. Hier hielt sich Luise nicht langer; sie eilte hinaus in den Garten und warf sich laut weinend auf den Boden. Ihre Arme streckten sich betend empor; aber Worte und Gedanken verwirrten sich in abgerissnen Tonen, die schreiend aus ihrer Brust heraufdrangen. Der Himmel blickte im stillen Abendglanz auf sie nieder, Blumen und Sterne begrussten sich wie lang getrennte Freunde, und zwischen ihnen hin glanzte der klare Strom in leichten, kreisenden Wellen. Da horte Luise jemand schnell den Lindengang heraufgehen, sie wandte sich und erkannte Julius, der auf sie zu eilte. Meine arme, arme Luise! rief er, sie an seine Brust druckend. Du weisst? fragte sie. Alles, alles, erwiederte er; Georg hat nicht gesaumt O Julius, sagte sie, die schonen Hande dankbar faltend, Dich hat Gott gesandt. Komm nur komm. Sie gingen stumm neben einander hin. In Julius Zugen malte sich der tiefe Schmerz einer starken Seele, die, Klagen verschmahend, still im Innern ringt. Luise wagte nicht, an ihm hinauf zu sehen. Seine Blicke, die zwischen eigner Verzweiflung und anscheinender Ruhe kampften, druckten sie doppelt nieder. Langsam, den Augenblick der Entscheidung vor sich hindrangend, kamen sie zu Mathilden zuruck. Sie sass, von Marianen unterstutzt, aufgerichtet im Bett, und schien ihre Blicke auf die Uhr zu heften. Bei ihrem Eintreten bellte der kleine Hund, der wahrend diesen Tagen nicht von der Kranken wich, und als diese Julius erkannte, rief sie neu belebt: Gott Lob, mein Sohn, mein lieber Sohn! Julius Festigkeit erlag bei dem ernsten Ton dieser gebrochnen Stimme. Seine Thranen rannen unaufhaltsam, er konnte kein Wort hervorbringen, und als er beim unsichren Schein der Lampe nach und nach die verfallnen Zuge des geliebten Gesichtes wahrnahm, barg er seinen Kopf in die Kissen und gab sich ohne Widerstand dem heftigsten Schmerze hin. In diesem Augenblick war Mathilde fur ihn todt, und was nachher wirklich erfolgte, erregte nur den Wiederschein jenes ersten heftigen Gefuhls in ihm. Der Doktor naherte sich jetzt und wunschte, man moge jede Erschutterung vermeiden. Wozu das? fragte Mathilde. Lassen Sie doch die letzten, freien Ergiessungen durch keine Rucksicht hemmen. Man erwagt ja das Leben hindurch Vortheil und Schaden; in dieser Stunde darf uns dergleichen wohl nicht storen.

Ihre Augen belebten sich, wahrend sie sprach und fachten in Luisen neue Hoffnung an. Allein sie selbst fuhlte wohl, dass dieser ruckkehrende Lebensblitz nur ein Wiederschein des schwindenden Geistes sei, der noch einmal der lieben, befreundeten Welt Lebewohl sagte; daher eilte sie, die gegonnte Frist zu benutzen und wandte sich zu ihren Kindern, die, von tausend Gefuhlen zerrissen, sich fest umschlungen hielten. Lieber Julius, sagte sie, Deine unerwartete Ankunft ist mir ein erfreuliches Zeichen. Luise wird nie allein siehn, im Augenblick der Gefahr bist Du ihr zur Seite; schutze sie, mein lieber Sohn, vergiss nicht, dass sie nun niemand mehr auf der Welt hat als Dich. Lass jetzt fuhr sie nach einer Weile fort, den Prediger rufen, ich will zu des Himmels Segen noch den meinigen fugen.

Julius schwankte betaubt zur Thur hinaus. Jetzt, dachte er, jetzt! mit diesem blutenden Herzen! Luise fuhlte nichts als die unbeschreiblichste Angst, mit der sie unaufhorlich ihrer Mutter Hand kusste und druckte und durch tausend Liebkosungen den nahenden Tod zu besanftigen meinte. Mariane allein dachte an die Trauung: sie pfluckte einige Zweige von einem schonen Myrtenbaum und wand sie zwischen Luisens Haar. Der Geistliche trat bald mit Julius herein. Herr Prediger, sagte Mathilde, sie sollen drei Menschen mit Gott vereinen, durch Liebe und Tod. Niemand konnte in dem Augenblick sprechen. Julius sah umher in der dustren Krankenstube, auf Luisen, die der brautliche Kranz wie ein Todtenopfer schmuckte. Das also, sagte er in sich selbst, ist die lang gewunschte, von Kindheit an ersehnte, Feier! Er reichte dem bleichen Madchen die Hand, die sich nicht von der Mutter losmachen wollte, und, indem sie Beide an ihrem Bett knieten, ihre drei Hande ineinander verschlang. Der Prediger stand gegenuber, sprach mit bebender Stimme den Seegen, und endete in folgenden Worten: Der Tod ist verschlungen in den Sieg, und der Sieg leuchtet uns in der Liebe, die das Band ist aller Vollkommenheit. Hier schlug die Uhr Eins. Mathilde dehnte sich mit leisem Wimmern, und ihre kalte Hand hielt die ihrer Kinder krampfhaft zusammen. Eilen Sie, rief der Doktor, wenn der Schreck ihre Braut nicht todten soll! Mathilde schloss die Augen, und Julius trug die ohnmachtige Luise aus dem Zimmer.

Zweites Buch

Der Wagen hielt vor der Thur, alles war bereit, Luise warf noch einen wehmuthigen Blick hinter sich und stieg an Julius Hand hinein. Als Georg den Schlag zumachte, war ihr, als sei sie nun auf ewig von allen lieben Erinnerungen der Vergangenheit geschieden. Der enge Raum, der sie umfing, angstete sie. Sie lehnte sich weit heraus, und grusste im Vorubereilen, mit doppelter Herzlichkeit, alle Bekannte des Dorfes, die vor den Thuren standen und ihr laut Heil und Gluck wunschten. Auch der Geistliche bog sein weisses Haupt zwischen grunen Weinranken hervor und blickte segnend auf das junge Paar, das bis jetzt nur Dornen auf dem neuen Lebenswege fand.

Bei einer Beugung der Strasse wurden Mathildens Fenster noch einmal sichtbar. Sie glanzten hell in der aufgehenden Sonne und liessen die herabgelassenen Vorhange sehen, die sich dicht an das Glas anschmiegten. O Gott! O Gott! rief Luise, seit vier Wochen sind sie geschlossen und ihre Hand wird sie nie mehr offnen! Sie druckte sich fest in die Ecke des Wagens und weinte, von erwachenden Schmerzen ergriffen. Julius bemuhete sich, ihr etwas Trostliches zu sagen; allein er furchtete jetzt, wie so oft, das Rechte zu verfehlen und ihr Gefuhl durch irgend ein gewagtes Wort zu verletzen, daher schwieg er ganz und uberliess sie ihren eignen Vorstellungen.

Sie fuhren lange Zeit uber weiten Ebnen zwischen vollen Kornfeldern hin, die, ausser dem behaglichen Gefuhl des reichen Gewinnes, die Sinne unbeschaftigt lassen. Da trabte ein junger, blonder Mann auf einem schonen Pferde vorbei; ihm folgte in einiger Entfernung ein Knabe in gruner Livree, der einen kleinen turkischen Schimmel ritt. Luise blickte unwillkurlich auf; das feine kindliche Figurchen auf dem weissen Pferde sah fast weiblich aus und erweckte in ihr die Lust zu reiten, die sie schon langst hegte, ohne sie in ihrer abgeschlossnen Lage befriedigen zu konnen. Julius bemerkte nicht so bald das fluchtige Wohlgefallen auf ihrem Gesicht, als er, die Veranlassung errathend, sogleich ein erheiterndes Gesprach anstimmte, und ihr selbst Gelegenheit gab, ihre kleinen Wunsche laut werden zu lassen. Der Knabe, sagte er, erinnert mich, im Vorubereilen, an eine junge Italienerin, die ihren Geliebten, in ahnlicher Tracht, auf seinen Streifereien begleitete, und mit vieler Gewandheit ein kleines Pferdchen nach den wilden Launen ihres Freundes lenkte. Luise fand das sehr reizend, es passte in ihre phantastische Welt und schmeichelte dem ihr eignen Wohlgefallen an jeder ungewohnlichen Erscheinung. Sie horte daher aufmerksam zu, als Julius fortfuhr. Ich lernte Beide in Rom kennen, wo wir in einem Hause wohnten, ohne einander zu Anfang eine grosse Aufmerksamkeit zu schenken. Der junge Mann schloss sich indess aus angebornem Widerspruch des Gemuthes an mich an und sagte oft lachend, er liebe mich der Natur zum Trotz, die uns in allen Richtungen unsres Innern von einander geschieden habe. Wirklich war nichts Unahnlicheres zu finden und dennoch widerstand ich seiner Liebenswurdigkeit nicht, die im steten Wechsel immer einen originellen Charakter behielt. Ich habe es oft versucht, ein festes Bild in der Erinnerung von ihm aufzufassen; allein das ist durchaus unmoglich, da in diesem Augenblick die sittigste Gewandheit, schmeichelnde Worte und Mienen, ja inniges Gefuhl, von den allerwildesten Ausbruchen toller Laune verdrangt werden und, mitten aus diesem Tumult, der Verstand wieder klar und besonnen hervortritt und uber die wechselnden Eindrucke lachelt, die solch tauschendes Spiel erzeugt. Ich weiss nicht, ob ihn diese Besonnenheit immer leitet, ob er stets absichtlich handelt, oder ob seine brennende Phantasie ihn fortreisst, die er aus eigner Kraft dann selbst wieder zugelt und vielleicht sich wie die Welt glauben lasst, ruhige Ueberlegung leite seine Schritte. Ich mag bei dem Letztern gern stehen bleiben, weil ich einmal ein bestechliches Wohlwollen fur ihn empfinde, und auch nicht denken kann, dass der Mensch, bei so grossen Anlagen, ein bloss mechanisches Kunststuck aus sich machen werde. Allein, er hat mir ofter gesagt: es sei die Schuld aller nicht Blindgebornen, wenn sie schwarz fur weiss ansehen. Die Phantasie der Meisten sei so arm, ihr Gefuhl so nuchtern, dass sie es immer dankbar annehmen, wenn man ihnen von aussen etwas aufdringe, was sie beschaftigen konne. Es sei eine Lust, wie sie sich hin und her werfen liessen, ohne nur einmal den Wunsch in sich aufkommen zu lassen, durch innre Haltung solchem Spiel zu widerstehen. Dieser Zustand halben Denkens, diese augenblickliche Anregung des Verstandes, der sich sogleich voll Eitelkeit uber sich selbst erhebe und der Sache auf den Grund zu schauen meine, dies vornehme Verachten jeder ungewohnlichen Handlung, alles dies thue den Menschen so wohl, dass sie zu Dutzenden in sein Netz liefen und, selbst nach erkannter Tauschung, willig bei ihm aushielten.

Luise fasste einen lebhaften Widerwillen gegen solch Gemuth und erklarte es geradezu fur boshaft. Julius bestritt das und versicherte, dass es ihm mit der Verachtung der Menschen sicher nicht Ernst sei, da er ihn nicht selten mit ganzlicher Selbstverlaugnung fur Andre thatig gesehen und, ohnerachtet eigner Zugellosigkeit, dennoch eine richtige Wurdigung des Guten in ihm gefunden habe. Die Frauen, setzte er lachelnd hinzu, haben freilich Fernando nicht zu loben, denn ob er gleich ihren Reizen huldigt, so sieht er dennoch in ihnen nur ein liebliches Spielwerk, das man ohne sonderliche Reue zerbrechen und nach Gefallen wegwerfen kann. Die kleine Francesca musste das erfahren; ob sie ihn gleich mit einer Ergebenheit liebte, die sie oft zur Vertrauten, ja Helferin, neuer Abentheuer machte, so verliess er sie dennoch, um mich nach Paris zu begleiten, wo er einen Theil seines Lebens zubrachte und alte Verbindungen wieder anknupfen wollte. Sie gerieth ganz ausser sich, als er sie am Abend vor unsrer Abreise auf die ruhigsie Weise mit seinen Planen bekannt machte. Sie uberhaufte ihn mit Schmahungen und zerschlug sich mit den kleinen Handen die Brust, um sein trugerisches Bild darin zu vernichten. Er begegnete allen ihren Ausfallen sehr sanft, lachte aber uberlaut, als sie ihm auch Vorstellungen uber seinen Wankelmuth machte. Du Neuling in der Welt! rief er, solche Thranen sind morgen getrocknet. Du bist unwiederbringlich verloren, wenn Du Dich von Ihnen berucken lassst. Sage mir, was sollte aus uns werden, wenn dies verfuhrerische Geschlecht alle Macht uber uns ausubte, die es gern uber den ganzen Erdkreis verbreiten mochte! Sei kein Kind, Francesca, sagte er, die Kleine kussend, Du weisst wohl, wie kalt mich Auftritte dieser Art lassen und wie sie immer ihren Zweck verfehlen. Verweine Deine schonen Augen nicht, Du kannst sie besser gebrauchen. Ich war ganz emport uber diesen Nachsatz; allein Francesca lachte mitten unter ihren Thranen, und sagte: geh nur! Du kommst doch wieder zu mir zuruck, denn Dich versteht Niemand so gut als ich, und Du bist nirgend so recht eigentlich zu Hause, als in dem Umgang mit mir. Fernando gab ihr gern Recht, und wir brachten den Abend sehr vergnugt zu.

Sie waren wahrend dieser Unterredung, die Luisen einigermassen von sich selbst abzog, nach Quedlinburg gekommen, wo sie die Mittagstunden zubringen wollten. Die kleine schmutzige Stadt, das ungleiche Steinpflaster, das den Wagen hin und her warf und sie zwang, langsam an den niedren Fenstern der Einwohner voruber zu fahren, wobei sie unwillkurlich einen Blick in das Innre bedurftiger Haushaltungen warfen, alle diese unerfreulichen Eindrucke wurden bei dem Anblick des kleinen, grunen Jokeis, den Luise aus der Ferne vor der Thur des Gasthofes wahrnahm, vergessen. Allein bei naherer Betrachtung zeigte sich's, dass das turkische Pferdchen und das zierliche Kasket, welches jetzt auf einem Pfeiler der Treppe hing, dem armen Knaben allen Zauber und jede Aehnlichkeit mit Francesca nahmen. Ein frisches, halberstadtisches Gesicht sah ihnen aus dunn verschnittnem Haar entgegen, und verwischte alle Erinnerungen aus der italienischen Welt. Julius lachelte im Vorbeigehn uber sich und die Bestechlichkeit der Sinne, als ihnen der Wirth entgegentrat und sie hoflichst befragte, ob sie nichts dawider hatten, mit einem anstandigen Herrn hier im nachsten Zimmer zu speisen. Sie nahmen es an und traten hinein. In's Fenster gelehnt stand ihr blonder Reisegefahrte, der sie, aus einem fluchtigen Blick im Vorbeireiten, erkannte und hoflichst begrusste. Das Gesprach ward bald, wie gewohnlich im Leben, an unbedeutende Gemeinplatze angeknupft, die es denn endlich ganz naturlich herbeifuhrten, dass der junge Mann, Jagdjunker eines benachbarten Fursten, auf dem Wege zu dessen Residenz begriffen sei. Er hatte eine etwas raube Stimme; sonst viel gutmuthige Herzlichkeit, die leicht Eingang fand; vorzuglich war er aufmerksam um Luisen bemuht und liebkoste tandelnd Mathildens Hund, der sie nach dem Falkenstein begleitete. Julius sagte ihm: dass ihnen dies kleine Thier als ein liebes Andenken einer kurzlich verstorbnen Mutter sehr werth sei, wobei Luise ihre feuchten Augen senkte und die Ruhrung des Fremden nicht wahrnahm, der fast kindlich ausrief: ach Gott! ich habe meine Mutter niemals gesehn und habe auch kein Andenken von ihr! Sein Gesicht druckte dabei so wahr die Sehnsucht nach dem ungekannten Glucke aus, dass Julius voll Theilnahme seine Hand fasste und alle Drei recht von Herzen zu reden begonnen. Es zeigte sich nun bald, im Laufe der Unterhaltung, dass der junge Mann ein Neffe des Baron Veltheim und Julius, aus seiner Kindheit, unter dem Nahmen Carl bekannt war. Sie hatten nicht sobald diesen gemeinschaftlichen Beruhrungspunkt gefunden, als die Familie des Barons Luisen aus manchen treffenden Zugen bekannt gemacht, und der Wunsch, sie kennen zu lernen, in ihr erregt wurde, wobei Carl lustig hinzusetzte, er kame sich dort wie ein Ostrogothe vor, da ihn die Tante jeden Augenblick versichre: er habe nicht die geringste Leichtigkeit im Umgang mit Frauen, keine Gewandheit in der Unterhaltung; eine Reise nach Paris konne ihm beides allein geben, und, statt einen so untergeordneten Posten an einem kleinen Hofe anzunehmen, hatte er suchen sollen, in Verbindung mit einem weltklugen Freunde, die Reise zu unternehmen. Der Onkel hingegen lebe in der alten und neuen Literatur, rufe einen Kreis von Gelehrten um sich her, in welchem er ihn ganzlich ubersehe. Selbst in der Gefalligkeit der kleinen Cousine liege eine Art von Spott, denn sie rede von nichts als Hunden, Jagd und Pferden mit ihm, und zeige wohl, dass sie sich gutig bemuhe, zu ihm herunter zu steigen. Julius entschuldigte das mit der Unkunde der meisten Menschen, eine allgemeine Unterhaltung herbei fuhren zu konnen, wodurch allein die gesellige Mittheilung frei bleibe und jeder in den Stand gesetzt werde, das Seinige dazu beizutragen, ohne ihn auf eine angreifende Weise in den abgeschlossenen Kreis seines taglichen Thuns und Treibens zuruckzudrangen. Ja, sagte Carl, und das Zuruckdrangen hat denn noch den Fehler, dass man es dem Andren gleich ansieht, er ritte lieber seinen eignen Gaul, da er auf dem fremden mein Leben nicht recht im Sattel ist. Die Leichtigkeit, fuhr Julius fort, in die abgeschlossnen Verhaltnisse jedes Menschen einzugehen, wird grosstentheils als der Gipfel der feinern Bildung angesehen, aber es muss wie von selbst aus dem Vorhergehenden entspringen und sich leicht und gefallig der allgemeinen Unterhaltung anschliessen, sonst hat es etwas Demuthigendes fur den, der einmal aus dem alten Geleise heraustreten wollte und dem man dadurch freundschaftlichst winkt, stehen zu bleiben. Das ist wahr! rief Carl ganz entzuckt, das ist wahrhaftig wahr. Das werde ich Emilien nachstens sagen, wenn sie mich wieder in meine Walder schickt, aus denen ich eben komme, um mit ihr ganz andre Dinge zu reden.

Der Wagen war indess vorgefahren. Julius wunschte Luisen bald in ihr neues Reich einzufuhren und eilte daher, den Rest der kleinen Reise bald zuruckzulegen. Carl trennte sich wie ein alter Freund von ihnen, der sich in ihrer Nahe leicht und wohl fuhlend, ehestens zu ihnen zuruckzukehren versprach.

Ich erinnere mich, sagte Julius, als sie allein waren, dass mein Vater fast auf ahnliche Weise wie die Baronin uber Carl urtheilte, und es hat sich dennoch ein recht frischer, gesunder Sinn und zuverlassig ein treues Herz in ihm entwickelt. Luise hatte in der Einsamkeit eine sehr gebildete Erziehung genossen; sie besass viel Kenntnisse und war durch Mathilden an eine unterrichtende, fast gewahlte, Unterhaltung gewohnt. Sie hegte daher eine Art von Verachtung gegen alle Unwissenheit und ubersah Menschen ohne hervorstechende Gaben fast ganzlich. Carls Gutmuthigkeit hatte sie bewegt, indess glaubte sie, mitleidiges Wohlwollen sei nicht das Rechte, was Einer fur den Andern empfinden solle. Julius versicherte sie, oft bei dem reichsten Schatz von Kenntnissen, mehr Einseitigkeit und ermudendes Einerlei, als bei diesem offnen, freien Gemuthe gefunden zu haben. Frei? wiederholte Luise, das bestreite ich, er fuhlt sich alle Augenblicke einmal beschrankt und hat weder die Mittel, noch sucht er die Wege, sich los zu machen. Liebe Luise, erwiederte Julius, verdamme die Unbeholfnen nicht so gradehin, ein jeder hat seinen Kreis, in welchem er sich frei bewegt; fuhre ihn da heraus, so steht er wie Carl da, der wenigstens gescheut einlenkt und seine Freiheit dadurch behauptet, dass er nicht mehr will als er kann. Ich weiss wohl, fuhr er fort, dass der Kreis des Einen grosser ist als des Andern; allein ein jeder zieht ihn sich am Ende selbst und kann nicht uber seine Krafte hinaus. Manche, die weit ausholten, wurden am Ende auf den Ausgangspunkt zuruckgedrangt. Luise hatte dagegen noch Manches einzuwenden gehabt und meinte im Innern, dies sei aller Dumpfheit das Wort geredet; allein sie war wenig zum Streiten aufgelegt, und kampfte genugsam gegen manche peinliche Vorstellungen, die sie bei der Annaherung an den Falkenstein befielen. Der Weg dahin ward immer verschlungener, das Gebusch dichter, und ein schwerer, gluhender Himmel machte die eingeschlossne Gebirgsluft unertraglich; dazu kam, dass ein starker Gewitterregen Quellen und Bache angeschwellt und die Wege uberschwemmt hatte; sie konnten daher nur langsam auf dem schlupfrigen Boden fahren. Luise war bemuht, die truben Bilder, die auf sie zu traten, durch eine Menge unzusammenhangender Fragen zu verdrangen; allein ihre Unruhe wuchs so sehr, dass sie endlich Julius bat, mit ihr den Berg hinan auf einem festen ebnen Fusspfad zu steigen. Er willigte gern ein, und Beide hatten Ursach, sich uber diesen Entschluss Gluck zu wunschen; denn nicht lange darauf schlug der Wagen mit solcher Gewalt gegen einen Stein, den das ubergetretne Wasser verbarg, dass das Rad absprang und der Wagen auf die Seite fiel. Luise that einen lauten Schrei, da sie dies von fern sahe, und Julius gerieth in solche Wuth auf seine Leute, als sei Luise wirklich beschadigt. Sie sah ihn zum erstenmal, durch die losbrechende Heftigkeit seines Gemuthes hingerissen, ohne Besonnenheit handeln. Die Verlegenheit, in der sie sich befanden, zwang ihn indess, in sich selbst zuruckzugehn. Sie waren schon zu weit von der Stadt, um dort Hulfe zu suchen, und eben so wenig wollten sie um solche Veranlassung jetzt nach dem Falkenstein schicken, wo man sie in Lust und Freude erwartete. Julius erinnerte sich, dass hier in der Nahe die Wohnung eines Heidelaufers sein musse, zu der jener Fusssteig, in gleicher Richtung der grossen Strasse, vorbei fuhre. Er entschloss sich, Luisen hinzufuhren, und dort ein Mittel, wie ihnen schnell geholfen werden konne, zu erfahren. Sie waren bald bei dem kleinen Hauschen, das, wenige Schritte davon, im Gebusch versteckt lag. Lieber Gott, sagte eine Stimme von innen, schlage doch nur noch einmal, nur ein einzigesmal, die Augen auf! Julius zog die Hand zuruck, die schon die Thur gefasst hatte; er besann sich einen Augenblick und pochte dann leise an. Sogleich trat eine junge Frau heraus, wischte die hellen Thranen aus den Augen und erwiederte auf die Frage nach ihrem Manne, mit angenehmer Stimme, dass er dort im Hofe arbeite. Dieser trat jetzt zur Hinterthur herein und stellte, die Fremden im Vorbeigehn grussend, einige glatt gehobelte Bretter in die Luft. Es wird wohl Noth haben, sagte die Frau, auf die Bretter sehend, es ist bald vorbei! Ein Sarg! dachte Luise, und schauderte zusammen. Danke Gott, erwiederte der Mann, das Wurm hat viel gelitten! Julius hatte nicht das Herz, sein Gesuch vorzutragen; allein der Mann fragte ihn gleich darauf ganz ruhig, was zu seinem Befehle stande, und meinte nach erhaltner Auskunft, wenn es nichts als ein abgesprungenes und etwas beschadigtes Rad sei, so konne er wohl allein helfen, ohne deshalb noch weiter zu gehn. Er versah sich mit dem Nothigsten und machte sich sogleich mit Julius auf den Weg.

Wollen Sie nicht hinein treten? sagte die Frau zu Luisen, ansteckend ist die Krankheit nicht. Luise zogerte noch einen Augenblick und fragte, was es fur ein Uebel sei. Das weiss der Himmel, antwortete die Frau; seit dreizehn Wochen leidet das Kind. Wir haben wohl einen Chirurgus befragt, aber das hat bei armen Leuten keine Art. Man kann auch nicht alles so haben, (sie waren wahrend dem in ein niedriges, enges Stubchen an das Bett der Kleinen getreten) und heute, fuhr die Frau fort sie konnte nichts weiter sagen, buckte sich zu dem Kinde und druckte seine welke Handchen an ihre Lippen. Luise sah uberall Spuren der allerhochsten Durftigkeit; sie glaubte fast, dass Mangel an kraftiger Nahrung das Kind, nach fruher uberstandner Krankheit, allein todte, und dachte mit Wehmuth, dass so mancher unbeachtet hinstirbt, den oft eine Kleinigkeit retten konne. Ein kristallnes Buchschen offnend, liess sie einen Tropfen starken Balsams unter die Zunge der Kranken fallen, die sogleich stark nieste und die grossen Augen verwundert aufschlug. Mariechen, liebes Mariechen! rief die Mutter, kennst Du mich? Das Kind schloss aufs neue die Augen und wandte sich auf die Seite. Luise schickte die Frau nach dem Wagen, indem sie ihr auftrug, sich dort den mitgebrachten Wein und Zwieback geben zu lassen, und fuhr fort, der Kleinen die Schlafe mit dem Balsam zu reiben. In Kurzem kam die Mutter zuruck. Luise nahm das Kind in den Arm und flosste etwas Wein in den halbgeoffneten Mund. Nach einer Viertelstunde ermunterte sich Marie, sah umher, und spielte mit Luisens Fingern, an welchen mehrere Ringe glanzten. Liebe Frau, sagte diese, unter den freudigsten Thranen die sie jemals vergoss, das Kind wird gewiss besser, wenn es alle Stunden, von jetzt an bis morgen Mittag, einen Loffel von dem Weine bekommt. Dann werde ich wieder herschicken und fur weitre Hulfe sorgen. Die Frau fasste Luisens Hande, streichelte ihr die schonen frischen Wangen, bog sich dann wieder zu der Kleinen, kusste und druckte sie, ohne ein Wort hervorbringen zu konnen. Nachdem ihr Luise noch manches uber die Behandlung der Kranken gesagt hatte, fragte sie nach den nahern Umstanden der kleinen Haushaltung. Ach Gott, sagte die Frau, ich bin von je her an Kummer und Trubsal gewohnt, und habe auf Erden nichts, als den festen Glauben an die grosse Gute des Himmels, die niemand verderben lasst. Mein Vater, der ein armer Nadler in Goslar war, lebte und starb in dieser Ueberzeugung, und liess mich, voll Vertrauen, im vierzehnten Jahre, ohne Beistand auf der Welt zuruck. Unsre Nachbarn nahmen sich meiner an, trugen mir allerhand kleine hausliche Verrichtungen auf und gebrauchten mich zu Auftragen in der Stadt, wobei ich indess nur karglich mein Brod hatte, und, an ein bestandiges Herumlaufen gewohnt, zu aller sitzenden Arbeit verdorben wurde, daher es auch niemand einfiel, mich als Magd in den Dienst zu nehmen. Ich hatte mehrere Jahre so verlebt, als es mir einmal schwer aufs Herz fiel, dass ich doch nirgend zu Hause sei, keinen Anhang habe, von niemand geliebt, hochstens aus Mitleid geduldet werde. Ich weiss es noch, es war an einem Sonntag, die Madchen aus der Stadt gingen geputzt nach der Kirche, ich hatte nichts in meinem Vermogen, als einen schlechten Rock und eine zerrissene Schurze; ich sah betrubt auf die Letztre und trocknete mir die nassen Augen damit. Ein hubscher Knabe ging, mit dem Gesangbuch unter dem Arm, recht sittsam vorbei, und sagte sein: Gott gruss, Jungfer! so gutmuthig, dass ich ihm zurief: beten Sie fur mich, liebes Kind, ich darf doch nicht in die Kirche hinein. Warum nicht? fragte eine etwas rauhe Stimme. Es war Anton, den ich zum erstenmal in meinem Leben sah. Ich schamte mich, vor einem fremden Menschen zu klagen, und schwieg. Er mochte wohl was Arges denken, denn er wandte sich ab, als wolle er gehn, da sagte ich ihm, dass ich zu arm sei, um mir anstandige Kleider zu kaufen, und so abgerissen nicht neben Andren sitzen wolle. Er schuttelte den Kopf, druckte mir aber doch ein blankes Stuck Geld in die Hand und ging, ohne ein Wort zu sagen. Ich begegnete ihm nach der Zeit oft. Er grusste jedesmal und sah mir lange nach, wenn ich die Strassen entlang schwere Lasten fur geringen Lohn tragen musste. Einmal bot er mir die Hand, erzahlte mir, dass er einen kleinen Posten, ein Hauschen unb eine Strecke Landes zu einem Garten bekommen habe, hier draussen ganz allein wohne, und mich, da er hore, dass ich fromm und ehrlich sei, frage, ob ich mit ihm hinausziehn und als seine Frau bei ihm leben wolle? Ich fiel wie aus den Wolken, besah mich selbst verwundert, und wusste nicht, was ich denken sollte. Er merkte wohl, dass ich nicht nein sagen wurde, und redete nun weitlauftiger uber alles. Wir wurden bald einig; ich hatte von da an keinen Willen als den seinen, und horte und sah auch uberdem nichts, da mir das Hauschen und der Garten immer vor Augen schwebten. Ich dachte wohl an meinen Vater und dankte Gott recht aus zufriednem Herzen. Meine ehemaligen Wohlthater schenkten uns allerlei zur Einrichtung und wir zogen nach kurzer Zeit hierher. Der arme Anton sah bald so gut wie ich, dass es mit der Herrlichkeit nicht weit her und das Brod fur zwei knapp zugeschnitten sei. Er ist heftigen Gemuths und erbittert sich selbst, wenn es nicht so geht wie er denkt; darum verzweifelt er gar zu bald und hat keinen rechten Glauben. Es ging denn auch freilich schlecht, ein schweres Wochenbett machte mich zu harter Arbeit untuchtig, und nun kam das lange Leiden mit dem Kinde; es ging alles zuruck, wir machten Schulden und geriethen in grosse Noth. Bis heute blieb ich indess voll Zuversicht; wenn ich so recht aus Herzensgrund geweint hatte, dann fiel mir mein Vater ein, und der liebe Gott, der alles wohl macht, und ich hoffte gleich aufs neue wieder. Aber vor ein paar Stunden, da brach mit Mariechens Augen mein Herz und aller Muth zusammen. Ich wunschte mir recht sundlich den Tod und nun ach du Herzenskind, sagte sie, und betrachtete es mit Blicken, die Luisen in den Himmel erhoben. Julius und Anton kamen jetzt zuruck. Sieh doch, sieh! rief die Frau Letzterm entgegen, und zeigte auf die Kleine, welche mit sichtlicher Lust von einem Zwieback ass. Dahin hat es die liebe, schone Dame in so kurzer Zeit gebracht. Julius betrachtete Luisen, die, mit dem Kinde im Arme, wie ein Engel da sass und ihr verklartes Auge freudig auf ihn richtete. Anton hingegen lachelte unglaubig und sagte, das wird nicht lange wahren, Angst und Noth sind nun einmal bei uns eingekehrt und kommen immer wieder. Schame Dich, lispelte die Frau leise, vertraust Du nicht mehr auf Gott? Luise sah ungern ihr Gefuhl gestort, druckte dem zagenden Mann ein paar Goldstucke in die Hand und eilte mit Julius zu dem Wagen, der sie unten erwartete. Ihr war unbeschreiblich leicht und wohl ums Herz. Sie umfasste noch einmal die langen Leiden der armen Frau, die gleichwohl ihre Gefuhle nicht einengen und die Gemeinschaft mit Gott nicht aufheben konnten, und druckte dann voll Dankbarkeit Julius Hand, der sie einer sorgenfreien, heitern, Zukunft entgegenfuhrte. Ihr war, als sahe ihre Mutter auf sie herunter und wiederhole jene Worte: Wie sollte ich an Deinem Glucke zweifeln, wie solltest Du je etwas Wunschenswertheres begehren konnen!

So mit sich und ihrem Loose zufrieden, setzte Luise ihre Reise fort, wahrend sie mit Julius jede Moglichkeit erwog, wie den armen Leuten dauernd zu helfen sei, und den kleinen Unfall segnete, der so viel Gluck herbeigefuhrt hatte. Julius schamte sich seiner vorigen Heftigkeit, daher ging er um so eher in Luisens Plane ein, das kleine Unrecht auf diese Weise vor sich selbst wieder gut zu machen.

Es war indess spat geworden. Der Mond stand hoch am Himmel, von den Wiesen stieg ein frischer Dampf herauf, der sich wie ein Flor uber die grune Flache hinzog. Gluhwurmchen leuchteten, herabgefallnen Sternen gleich, aus den Buschen, und kreisend durchzogen einzelne Vogel die Luft, um dann von den letzten Geschaften des Tages auszuruhen. Luise fuhr unwillkuhrlich zusammen, als Julius freudig rief: das ist der Falkenstein! Sie blickte auf. Graue Thurme sahen im bleichen Mondenlicht zwischen Felsenwanden und dunklen Tannen hervor. Das ist der Falkenstein, wiederholte sie langsam. Sie fuhren jetzt einem Wasserfall voruber, der sich in einen breiten Graben ergoss. Eine wohlerhaltne Zugbrucke fuhrte uber letztern in den Schlosshof hinein. Luise trat mit wankenden Knien aus dem Wagen, in das weite Portal, wo die Dienerschaft des Hauses sie unter tausend Gluckwunschen erwarteten. Willkommen, meine Luise! rief Julius aus bewegter Brust; willkommen! tonte es von mehrern Stimmen durch die gewolbten Hallen. Luise neigte sich freundlich gegen Alle und folgte Julius die Steintreppe hinauf zu Violas Zimmer, die er, als die heitersten und schonsten, fur sie bestimmt hatte. Sie ward angenehm uberrascht, als sie in einen kleinen wohlerleuchteten Saal trat, dessen Wande, grun, mit Basreliefs von der auserlesensten Arbeit verziert waren. Ringsumher standen, auf kleinen Fussgestellen, hohe Vasen mit Blumen, dazwischen Statuen, Abgusse der besten Meister. Einem grossen Spiegel gegenuber sah man durch eine geoffnete Glasthur in einen bluhenden anmuthigen Garten, der am Abhange des Felsen angelegt war. Mariane, eilig bemuht alle Herrlichkeiten in Augenschein zu nehmen, trat voll Freude aus demselben hervor, und begrusste Luisen wie eine liebe Bekannte. Alles gewann hier ein lustiges, vertrauliches Ansehn. Der dustre Eindruck des alten Gebaudes verschwand, jede Spur, jede Erinnerung daran war durch Violas Andenken verwischt. Mit liebevoller Ehrfurcht nahm Luise von den ubrigen Gemachern Besitz, die noch aller Zauber ihrer ehemaligen Bewohnerin erfullte. Ahndungen und Sorgen waren vergessen. Mathilde und die Grafin schienen ihr uberall zur Seite zu gehn und sie zu jedem reinen Genuss zu ermuntern.

Die schone Zeit, wo der Mensch mit erwachender Lebenslust eine neue Laufbahn betritt, wo die Seele sich in den weitren Kreisen dehnt und jede Kraft muthiger ubt, hob auch Luisen uber innre Storungen hinaus und offnete ihr ein frisches thatiges Leben, das der reinste Wille und die andachtige Feier entschwundner Geliebten mehr und mehr veredelte. Die arme Familie im Walde wurde in dieser Stimmung am wenigsten vergessen. Ihre Segnungen tonten in Luisens Herzen wie der Ruf des Himmels zu neuen guten Werken.

Julius ging indess seinen einsamen Weg. Zu Anfang war es wohl, als wenn Luisens erheitertes Dasein auch erfrischend durch ihn hinzoge; allein er fiel bald wieder in sich selbst zuruck. Die Sorge fur die Dauer ihres Gluckes beschaftigte ihn angstlich, und machte ihn uber die Mittel, es zu erhalten, unschlussig. Gleichwohl vermochte er nicht, mit ihr daruber zu reden, weil er uberall dem innern Reichthum seiner Gefuhle keine Worte leihen konnte, weshalb er in ihrer Gegenwart einsilbig, oft verlegen blieb. Dieser innre Druck ward noch dadurch vermehrt, dass ihn Luise, so oft sie bei einander waren, drangte, ihr etwas vorzulesen, Klavier zu spielen, oder auf einem Spaziergange den Monch aufzusuchen, den sie oftmals antrafen, und fur den sie eine grosse Anhanglichkeit gewann. Julius fuhlte wohl, dass die Armuth seiner Unterhaltung nach und nach alle gegenseitige Mittheilung hemmen und Luisens lebendigen Sinn mit Gewalt nach Aussen treiben werde. Er versuchte es daher mit der gutmuthigsten Anstrengung, sich freier und lebendiger zu zeigen; allein die Natur widersteht jeder Absichtlichkeit, und nur in einzelnen Augenblikken, wenn irgend eine Saite seines Innren ungewohnt beruhrt ward, rauschte der Klang erschutternd durch ihn hin, und sprengte die Bande, die den edelsten Geist gefesselt hielten. Der Monch verstand es fast allein, solche Momente herbeizufuhren. Durch ihn lernten Beide die Bibel kennen, die sie bis dahin nur, als ein nothwendiges Glied in der Stufenfolge menschlicher Entwicklung, geschichtlich, betrachtet hatten. Er sagte ihnen oft: wenn es nur zu wahr ist, dass der schwankende Mensch aussrer Anregungen bedarf, wo kann er sie wurdiger finden, als grade hier? Das Leben, fuhr er fort, ist reich in Vergangenheit und Gegenwart, die Entwicklung des einen, ewigen, Geistes in Natur und Menschen sichtbar; allein dies in jeder Zeit wahrzunehmen, erfordert einen wachen, geubten Blick. Das halbgeoffnete Auge schweift an den grossen Offenbarungen voruber, die, wie einzelne Chiffern, nur dem eine lesbare Schrift sind, der ihren Sinn erkannt in sich tragt. Die leisere Fuhlbarkeit, das schnelle Erfassen und Vereinen voruberfliegender Tone, ist nur einem sehr reichen, in sich beweglichen Gemuth gegeben, einem solchen, dem alles durchsichtig erscheint, und das ohne fremde Kraft die atherischen Regionen durchzieht, die sein eigentliches Lebenselement sind. Die Meisten wollen einen lauten, ans Herz dringenden Ruf, der sie fast unwillkuhrlich erweckt. Sie sind verloren, wenn sie sich hingebend und erwartend eignen Einwirkungen uberlassen. Ich fuhle das oft beschamt, und fluchte zur Bibel, als dem vollsten und reichsten Schatz ans Licht getretner Herrlichkeit. Was die Geschichte im Aeussren und Allgemeinen darstellt, den Menschen in der Folgereihe fortlaufender Begebenheiten, das Zusammenfallen grosser Naturerscheinungen und innrer Umwalzungen, das tritt hier wie ein Blitz der Offenbarung unmittelbar, und in der beredtsten, dem Herzen verwandtesten, Sprache aus dem Innren hervor. Luise fuhlte besonders die Wahrheit des Letztren, denn sie konnte nie ohne tiefe Ruhrung die Worte der Schrift lesen, und blieb noch lange nachher in einer weichen, jedem bessren Eindruck offnen, Stimmung.

Um diese Zeit traf Carl, seinem Versprechen gemass, bei ihnen ein, und beredete sie freundlich, ihn auf eine kleine Lustreise zu dem Landsitz seines Onkels zu begleiten. Es sei dort, setzte er hinzu, jetzt bunter als jemals; Gelehrte und Ungelehrte, Pharisaer und Leviten, Jude und Teufel, alles ginge Hand in Hand. Luise furchtete ein wenig die Baronin; allein Julius sah es als eine Art von Schuldigkeit an, sie dieser vorzustellen, und willigte um so lieber ein, da er sich von Carls Gesellschaft und seinen naiven Anmerkungen manche Freude versprach.

Schon des andern Tages machten sie sich bei heiterm Wetter und der besten Laune auf den Weg. Carl ward nicht mude, von dem glanzenden Kreis zu reden, in den sie eintreten wollten, und dabei die Gelehrten und Dichter zu verspotten, welche Letztre er nun einmal in den Tod hasste und gradehin fur Luckenbusser in der menschlichen Gesellschaft erklarte. Ich habe nicht viel gelernt, setzte er mit komischer Zuversicht hinzu; allein ich gehe meinen Weg rustig fort, und stosse ich auf irgend ein Hinderniss, so raume ich es weg, oder kehre still um, ohne die ganze Welt zum Zeugen aufzurufen; solch Himmelskind hingegen weiss niemals ob es fest auftreten darf, und fasst bei aller Gelegenheit nach einem tuchtigen Arm an den es sich halten kann. Julius lachelte, ohne Carls Meinung anzugreifen, da sie ihm vielleicht nothwendig war, um ruhig in den Schranken auszuhalten, die seine individuelle Natur ihm gesteckt hatte. Allein Luise sagte, Sie nannten die Dichter vielleicht mit Recht Himmelskinder; gonnen Sie ihnen also ihre eigne Welt, und wundern Sie sich nicht, wenn sie der unsrigen fremd bleiben. So sind die Frauen, rief Carl ungeduldig aus, solch unzusammenhangendes Wesen gefallt ihnen. Liebe, schone Grafin, wer in den Himmel will, muss auch auf der Erde zu Hause sein, sonst hatte ihn unser Herr Gott weggelassen. Und ubrigens sind die Herren auch nicht so himmlisch wie es in den Buchern aussieht; sie greifen mit allen Sinnen umher wie jeder andre Erdensohn, und geniessen wo es etwas Gutes giebt. Wenn so einer von Nektar schlurfen redet, denn weiss ich schon was die Glocke geschlagen hat. Die Seligkeit kenne ich auch, wo alles blau ist wie der Himmel uber uns! Diese Gleichstellung des phantastischen Dichterrausches mit den gemeinen Wirkungen des Weines brachte alle zum Lachen, und niemand stritt weiter mit Carl, der im Zuge des Erzahlens blieb. Sie werden, fuhr er fort, bei dem Onkel wunderliche Heilige erblicken, zu deren Sekte ich mich nun einmal nicht bekennen mag. Einer ist indess unter ihnen, den ich ausnehme. Ein braver, excellenter Junge, ehemaliger hannoverscher Offizier, der bei der Auflosung der Armee auch um seinen Degen kam, und nun vor Angst und Kummer Dichter geworden ist. Seitdem klagt er ein bischen zu viel uber sein eigen Leid; allein das gehort nun einmal zu seinem Gewerbe, sonst ist er noch eben so gut und anspruchlos wie ehemals. Auch hat die Tante eine gewisse Vorliebe fur ihn, weil er von guter Familie ist, denn bei aller Verachtung andrer Vorurtheile halt man doch in dem Hause gewaltig auf den alten Erbadel, als ein Ueberbleibsel des Ritterthums, das jetzt wieder bei den Gelehrten in Ansehn kommt.

Sie hatten indess mehrere Meilen zuruckgelegt, und sahen nun von fern das Ziel ihrer Reise, ein schones, im modernen Styl erbautes Landhaus, von hohen italienischen Pappeln und Schwarztannen beschattet. Unmittelbar daran schloss sich ein englischer Garten, an welchem sie jetzt voruberfuhren, und die Gesellschaft auf einem frischen Rasenplatz, zwischen verschiednen Gruppen auslandischer Baume, beim Thee versammelt fanden. Luise bemerkte zuerst eine junge Blondine, die mit gefalligem Wesen zu mehrern jungen Mannern redete und sie fast allein zu beschaftigen schien, wahrend sie nachlassig mit ihnen unter den Baumen hin und her ging. Ihr Haar war vorzuglich schon geordnet und schmiegte sich lockig an die weichen Umrisse des Gesichtes. Das ist Emilie, rief Carl, der werden die Poeten auch noch den Kopf verrucken! Der hubsche, junge Mann an ihrer Seite ist jener Offizier, von welchem ich ihnen zuvor sprach, ein Herr von Stein, in der Gelehrtenwelt Reinhold genannt; ihm zunachst geht ein Englander mit einem Juden, der ihm die deutsche Dichtkunst um ein Billiges ablasst. Hier trat ihnen die Baronin, von ihrer Ankunft benachrichtigt, entgegen. Luise ward durch die Schonheit und Wurde ihrer Gestalt uberrascht. Ohnerachtet sie von Mathildens Alter zu sein schien, war die fast plastische Ruhe ihrer Zuge, durch ein gleichformig fortlaufendes Leben, ungestort geblieben, und ihre Schonheit uber die Zeit hinausgehoben. Sie redete mit der einfachen Sicherheit, die ein langerer Umgang mit der Welt fast einem Jeden giebt. Vor Julius hatte sie eine Art von Ehrfurcht, weil er uber die Granzen Deutschlands hinausgekommen war, was sie ihm auch, durch bescheidne Zuruckhaltung, die seinem Verdienst den Vorzug einzuraumen schien, bezeigte. Luise ward einigen Damen aus der Nachbarschaft vorgestellt, und dann von Emilien, die sie mit besondrer Herzlichkeit empfing, in den Kreis um den Theetisch eingefuhrt. Ihr zunachst sass eine hubsche junge Frau, die lebhaft mit einem bleichen, sehr ruhig scheinenden, Mann redete, und sich oftmals argerlich von ihm abwandte, ohnerachtet sie es nicht lassen konnte, immer wieder hin zu horen, so oft er mit einem weichen, fast leisen Organ, etwas Beissendes sagte, was sie unwillkuhrlich zur Antwort reizte. Der Baron war indess mit einigen andern Herren hinzugekommen. Herr Werner, sagte die junge Dame zu einem derselben, tritt heute aufs neue wie der Baum der Erkenntniss zwischen die unschuldigsten Genusse der Menschen, und ist bemuht uns durch die Fruchte seines Witzes die Augen zu offnen. Ich wiederhole nur, erwiederte jener, gleichgultig mit seinen Lunetten spielend, die er eben abgenommen hatte, um Emiliens Stickerei genauer zu betrachten, ich wiederhole nur, was die offentlichen Blatter sagen. Ein von der gnadigen Frau beschutztes Buch, R o d r i c h , ist darin wie ein Rezept zu einer Torte zerlegt, so und so viel Orangenbluthen, Citronen nach Belieben, mehrere poetische Sussigkeiten, einige ergreifende Scenen als pikante Gewurze, und zuletzt zur Dekoration die Gruppe des Laokoon. Was meinen Sie dazu, Herr Professor, unterbrach ihn die Dame heftig, sich zu demjenigen wendend, welchen sie zuvor anredete, ich bitte Sie, was heisst das? So viel als nichts, erwiederte dieser, das konnte man so ziemlich von den mehrsten Romanen sagen, die im Suden spielen; das bezeichnet aussre Zufalligkeiten, die keinesweges die Idee des Ganzen darstellen. Allein wer diese richtig auffasst und sie angreift, ist meiner Meinung. Werner lachte in sich. Ihrer Meinung? wiederholte die hubsche kleine Frau ganz betroffen, und stand von ihrem Stuhl auf, als wolle sie jenes nachtheilige Urtheil fliehn. Raume ihnen nicht das Feld, liebe Auguste! rief Emilie, vertheidige den armen Rodrich, Du weisst wohl Gnadige Frau, hub der Professor aufs neue an, Sie forderten mich auf; ich kann nicht anders als wahr sein. Nun denn, erwiederte Auguste, auf alles gefasst, so sagen Sie nur was Sie denken. Ich denke, fuhr jener fort, was Ihrem Scharfsinn bei naherer Betrachtung nicht entgehen kann, wenn der erste Eindruck mancher anziehenden Verhaltnisse verwischt sein wird. Es ist in dem Buche nicht sowohl die Rede von der Nichtigkeit des menschlichen Thun und Treibens in seinen verworrenen Richtungen, sondern ein vollig abwarts gehendes Streben bei fruh erkanntem Ziel. Der Sundenfall n a c h d e r Erkenntniss. Rosalie personifizirt das Ganze, absichtlicher Wahnsinn. Alle sind klug, besonnen, ermessen und prufen, heben sich uber sich selbst hinaus, und neigen sich am Ende zur gemeinen Alltaglichkeit herab. Das kann ich so strenge nicht tadeln, sagte Werner, das bezeichnet eine Ansicht wie eine Seite des Lebens; warum soll die nicht ausgesprochen werden? Storender ist mir, dass das Buch weder ein Roman, noch eine Novelle oder ein Mahrchen ist; diese ausserliche Unvollkommenheit verruckt alle Augenblick den Standpunkt, aus welchem man es betrachten soll, und verwirrt es in sich selbst. Noch bemerke ich, dass die sogenannten poetischen Situationen gekunstelt und absichtlich erscheinen, und die einzige Wahrheit des Gefuhls in der anspruchlosen Aline niedergelegt ist. Das eben, das eben, unterbrach ihn der Professor, ist das frevelhafte Spiel, was durch das ganze Buch geht. Das Heiligste wird niedergetreten, weil es schwach, ohnmachtig, abhangig, erscheint, indess die reichste Kraft sich in sich selbst zernichtet.

Fur mich ist es immer schwer, von diesem Buche reden zu horen, sagte Reinhold, im Guten sowohl als im Bosen, denn ich mochte gegen Beides anstreiten, und gerathe deshalb unausbleiblich ins Gefecht, oft gar auch in ein kreuzendes Feuer, wie es mir zum Beispiel hier gehen wurde. Aber eine blosse Gefuhlsausserung, die keinen Anspruch auf irgend eine richtende Kraft hegt, zieht wohl als ein friedlicher Gesandter durchhin, und ich will es daher nur dreist heraussagen, dass ich von dem Rodrich tief angesprochen werde, dann wieder unendlich hart abgestossen, dann wieder zum allerkuhnsten Spott gereizt. Oft tritt er ganz fremd vor mich hin, als ware gar keine Beruhrung zwischen uns Beiden, treibt mich durch gezierte Gesellschaften vornehm umher, erinnert mich an andre Bucher, die eben so vornehm thun und die ich nicht leiden kann, der Unwille runzelt meine Stirn, der Hohn schwebt auf meiner Lippe und plotzlich brechen die Stralen des reinsten, seligsten Friedens hervor; das Wehmuthigste aus meinem Leben, das Lieblichste aus meiner Kindheit tritt vertraulich kosend auf mich zu; ich zurne uber meinen Hochmuth, uber meinen Spott, und losche mit linden Thranen Rodrichs und meine Fehler zugleich aus. Gottlob! rief Auguste, das ist doch etwas Andres, als der blosse Verstand, das empfind' und begreife ich zugleich! Luise blickte zufrieden auf das edle Gesicht des jungen Mannes, das eine fromme, fast demuthige, Ruhrung uberzog. Lieber Reinhold, hub Werner an, Sie sagten mit Unrecht, dass Ihre poetische Ergiessungen wie ein Friedensbote durch jene Urtheile hingingen; sie gehen daruber hin und schwemmen die einfache Wahrheit derselben in ein unsichres Rauschen der Gefuhle weg. O! nichts weiter, sagte Auguste ungeduldig, wir wollen uns lieber auf dem warmen Strom seiner Gefuhle hin und her schwingen, als muhsam an Ihre Weisheit hinanklimmen! Die Baronin, der das Gesprach schon lange nicht angenehm war, weil es durch seinen Gegenstand kein allgemeines Interesse gewinnen konnte, schlug der Gesellschaft einen Spaziergang vor, und man machte sich bereits auf den Weg, als Herr Aaron, wie vor sich selbst redend, bemerkte, dass man dem Buch zu viel gethan habe, da es doch wirklich mehrere gluckliche Momente und eine grosse Pracht und Reichthum der Phantasie enthalte. Ich lasse mich hangen, flusterte Carl Luisen zu, wenn das alles nicht eine abgeredete Karte ist; der Jude steckt mit dem Buchhandler unter einer Decke und hat den Andren zugeredet, das narrische Zeug anzugreifen, damit man neugierig werden und es lesen mochte. Carl, sagte Luise sehr ernsthaft, Ihr Vorurtheil macht Sie boshaft. Nehmen Sie sich in Acht, Ihre Gutmuthigkeit lauft Gefahr, von einem hasslichen Gifte befleckt zu werden. Emilie, die herzu gekommen war, druckte ihr die Hand und sagte (einen strafenden Blick auf Carl), wie ist es moglich, dass Sie Herrn von Stein fahig halten O ich weiss, ich weiss, unterbrach sie jener, Reinhold nicht beachtend, der ihn in dem Augenblick gutmuthig umfasste und durch einige freundliche Worte beschamt in sich selbst zuruckdrangte. Trauen Sie dem wilden Jager nicht, er geht auf eine gefahrliche Jagd aus, lispelte Werner im Vorubergehen. Gefahrliche Jagd? wiederholte Carl; was soll das heissen. Gott weiss, sagte Reinhold, aus dem wird niemand klug; aber lassen Sie ihn nur, er meint es nicht bose.

Luise dachte anders, sie konnte sich einer innern Scheu nicht erwehren, die ihr Werners hohnende Ruhe aufdrang. Uebrigens gefiel sie sich ganz wohl in dem gemischten Kreise und beantwortete Emiliens vertrauliche Liebkosungen, wie der Baronin feines Zuvorkommen, mit dankbar frohem Herzen. Bei einer grossen Empfanglichkeit fur fremde Eindrucke, ward es ihr leicht, den herrschenden Ton der Gesellschaft aufzufassen, wodurch sie, zu ahnlich freier Mittheilung angeregt, sehr bald vortheilhaft ausgezeichnet wurde. Der kleine Triumph entging ihr nicht, so wenig wie Augustens Empfindlichkeit daruber, die sich verstimmt zuruckzog, indess die unbefangne Emilie nur noch liebreicher und heitrer wurde. Gewohnt, Huldigungen zu empfangen, war diese niemals bemuht, irgend eine Aufmerksamkeit gewaltsam an sich zu reissen, sondern alles gehen zu lassen wie es gehen wollte und konnte, weshalb sie auch das Wohlwollen der Manner, bei ganz veranderter Beziehung des Gefuhls, immer rein erhielt.

Ein kleiner Regen trieb die Gesellschaft in die Zimmer zuruck. Emilie verbarg sich unter Luisens Shawl, und, indem sie sich Beide umschlangen, rannten sie schnell dem Hause zu. Der weiche indische Stoff, der sich um die schlanke Gestalten schmiegte, bildete eine Gruppe, die von allen Herren unter lautem Beifallruf bewundert wurde. Nun nur schnell Musik! rief Auguste im Hereintreten, durch jenes Lob verletzt, die Worte todten uns sonst heute in der angstlichen Stubenluft; Herr von Stein, Sie versagen mir es nicht! Reinhold, immer bereit, Andren Freude zu machen, trat zum Clavier; Werner stellte sich zu Augusten, und, wahrend er die Gruppe von vorhin in farbigem Papier sehr geschickt ausschnitt, lockte er ihr unter kunstlichen Wendungen die Ursach ihrer truben Laune ab. Die andern horten indess auf folgendes Lied:

Ein weiches Herz im Busen,

Ein krieg'risch gluh'nder Sinn,

Manch holder Wink der Musen,

Das ward mir zum Gewinn.

Und fruh besonnte Bahnen,

Sie schlossen mir sich auf;

Beifallig sah'n die Ahnen

Auf ihres Enkels Lauf.

Wie schnell, wie hart geendet!

Wie nah' der Freude Grab!

Vom weichen Herzen wendet

Die kluge Welt sich ab.

Die ehmals tapfre Klinge

Blitzt matt in Trummern auf,

Und wenn ich Lieder singe,

Wer hort in Liebe drauf?

Zwar edle Kranze rauschen

Fernher zu meinem Preis;

Die mocht' ich gerne tauschen

Um ein demuth'ges Reis.

Um's Reis der sussen Minne,

Das welkend mir verblich.

Umsonst! Im stillen Sinne

Verzehrt mein Sehnen mich.

Emilie reichte mit ihrer gewohnten Gutmuthigkeit, Reinhold, nachdem er geendet, die Hand, und liess ganz rucksichtslos die Ruhrung blicken, welche jene Worte in ihr erregten. So viel Theilnahme uberraschte ihn. Er druckte die schonen Finger an seine Lippen, wahrend er, uber ihren Stuhl gelehnt, einen langen, fragenden Blick auf sie richtete. Luisens Herz klopfte unwillkurlich. Eine seltsam dunkle Ahndung stieg in ihr auf, ihr Athem stockte, helle Thranen drangen aus ihren Augen; da unterbrach Werner die augenblickliche Stille mit einem lauten Gelachter und zeigte auf den Professor, der in einer Ecke des Sophas in guter Ruhe schlief. Geschwind, Herr Professor, rief Auguste, geschwind eine Vorlesung uber die Tragheit der Menschen. Der kleine Mann rieb sich die Augen, sprang mit einem Satze auf, als treibe ihn angeborne Schnellkraft, wahrend er sich mit zusammengebissnen Zahnen die Sporen gab, setzte sich mitten ins Zimmer und hub dann mit einer Stimme, die noch heiser vom Schlafe war, folgendermassen an.

"Keine Gefahr steht dem Menschen naher, als zu jener tragen Dumpfheit herabzusinken, die, indem sie die Regsamkeit der Sinne hemmt, oder doch nur einseitig und mechanisch ubt, den innern Reichthum der Gefuhle einengt, den Blick verdunkelt und den Geist mit bleiernen Gewichten zu dem kurzgesteckten Ziele hinabdrangt."

Alle lachten, denn seine Augen schienen noch jetzt von diesen bleiernen Gewichten herabgezogen. Der Englander aber meinte, es gehe ihm wie den Somnambulen, die im Schlafe das Beste zu Tage fordern; denn, setzte er hinzu, im Grunde hat er doch eine Saite angeschlagen, die jeden mehr oder weniger trifft. Wahr ist es am Ende, dass wir alle nach und nach von der innern Regsamkeit verlieren, und dass selbst das wackerste, mit Lust und Liebe unternommne Geschaft den Mehrsten unter den Handen zum abschmeckenden Einerlei wird. Das mude Auge heftet sich dann auf irgend einen befreundeten Gegenstand, und starrt ihn so lange gedankenlos an, bis es gar nichts mehr sieht und alle Dinge in einem truben Dammerlichte vor ihm hinziehn.

Der Professor ward von einem kleinen Froste uberfallen, den ein unterbrochner Schlaf allemal zurucklasst; er schuttelte sich gahnend und sagte dann, um die an ihn gerichtete Rede einigermassen zu beantworten: was sich nicht unaufhorlich aus sich selbst erzeugt, das gehort einer fremden Gewalt an, die mit tausend Handen nach uns greift und uns ohne Leben und Bewegung in ihren Banden gefesselt halt. Viele schmachten, sich selbst unbewusst, in diesem Zustande, indess Andre den innren Funken im eignen Dunstkreis ersticken und sich uberreden, Eines sei wie das Andre und das Nachste das Beste. Eines ist wie das Andre, sagte Werner kalt; der Rangstreit, dachte ich, ware lange abgemacht. Freilich, erwiederte der Professor, durch diesen Widerspruch schnell aufgeregt, freilich alles ist schon und herrlich, wie es der wache Sinn erkannt und gepruft in sich tragt, aber das innre Licht soll in tausend Blitzen durch den festen Kern gluhen und ihn uberstralen, dass man es inne werde, welch ein Geist hier waltet. In der Liebe, sagte Reinhold, Emiliens Hand, die er noch immer in der seinigen hielt, sanft druckend, wird das jedem anschaulich. Alles ist ihr Zeichen, Hindeutung uberschwenglicher Fulle; unter ihrer Beruhrung erweitert sich das beschrankteste Dasein und ruft Krafte hervor, die sonst wohl ewig schliefen. Bei den Mehrsten, fiel der Englander ein, wahrt dieser Zustand des innern Wachens nur nicht lange. Sie sinken sogleich in den vorigen Traum von Leben und Thatigkeit zuruck und blicken hochst vornehm auf die wenigen lichten Punkte ihrer dunklen Wirksamkeit. Wer es nicht scheut, fuhr er fort, in sich selbst zuruckzugehn, wird uber die kunstreichen Wiegenlieder erstaunen, mit denen man sich selbst in trage Ruhe singt. Das ist es aber eben, erwiederte der Professor, was fast ein jeder scheut. Das Denken ist dem ungeubten Denker wirklich eine Last. Wie sich die dunkle Fluth von Ahndungen, Begriffen, Empfindungen und Ideen regt, reisst sie das blode Auge mit sich fort, bis es sich angstvoll verschliesst und nur den gewohnten Kreisen eroffnet. Ohne gewaltsamen aussren Stoss wiederholt selten jemand ahnliche Versuche, bis die innre Beweglichkeit immer mehr stockt und der Geist zuletzt nur noch bang an die enge Klause anpocht und sich durch ein gespenstisches Rauschen verkundet. Das gilt doch nur von einzelnen Augenblicken, sagte Reinhold, in andren regt sich in eines jeden Brust irgend ein Laut, der sein innerstes Wesen kund giebt. Bei dem Tode eines geliebten Freundes, oder beim Erwachen der Natur durchzieht ihn ein wehmuthiger Ruf, den er versteht, wie man Gott fuhlt und empfindet, ohne eigentliche Worte fur dies Gefuhl zu haben.

Werner, dem jene Ruhrung in Luisens Seele nicht entgangen war, hatte sich indess zu ihr gestellt und fragte sie um ihre Meinung uber den eben behandelten Gegenstand. Sie dachte an ihre Mutter und die Bibel, und sagte mit bewegter Stimme, dass, wenn den Frauen auch das eigentlich kunstliche Denken fremd sei, sie dennoch in Religion und Liebe eine stete innre Anregung fanden, der sie sich nur uberlassen durften, um vor der gefurchteten Dumpfheit sicher zu sein! Indem trat der Baron mit einem jungen Mann in das Zimmer, den er der Gesellschaft als Kunstler und Freund des Hauses vorstellte, welcher, nach geendigten Reisen, in seine Heimath zuruckkehre. Es war der Sohn des Pfarrers aus dem Dorfe, von dem Baron fruh hervorgezogen, und, bei der Entdeckung eines aufbluhenden Talents, auf alle Weise begunstigt. Emilie begrusste ihn herzlich und machte ihn sogleich mit allen Anwesenden bekannt. Der junge Mann horte nicht sobald, dass sich der Graf Falkenstein hier befinde, als er aus seiner Brieftasche ein Schreiben hervorzog, welches er Julius sogleich einhandigte. Von Fernando! rief dieser, angenehm bei dem Anblick der Schriftzuge uberrascht. Wo verliessen sie ihn? In Wien, erwiederte der Maler, wohin wir von Venedig mit einander reisten. Dort, setzte er lachelnd hinzu, wird er nun wohl so lange bleiben, als ihn seine Grillen fesseln.

Julius hatte indess das Siegel erbrochen und stellte sich hinter Luisens Stuhl, so dass Beide folgende Worte lasen.

"Du weissst, lieber Julius, ich liebe die Coltsequenz im Leben. Du hast geheirathet, und das ist weise; ich durchziehe die Welt, und das ist ebenfalls weise. Jetzt bin ich hier, die deutsche Hauslichkeit zu bewundern, von der ihr selbst viel Aufhebens und einige schlechte Schauspiele gemacht habt. Dass ich nachstens nach Deinem Hexensteine komme, begreifst Du wohl; der Himmel bewahre mich dort nur vor Bezaubrung."

Luise entfarbte sich etwas, und sagte, ohne das Ende des Briefes abzuwarten, sie wunsche, dass er in Wien bleibe, da sie auf seine Bekanntschaft weiter nicht begierig sei. Julius fragte indess den Maler, indem er den Brief zusammenfaltete, was Fernando abgehalten habe, ihn sogleich zu begleiten. Eine Begebenheit seiner Art, erwiederte dieser. Die Blicke der Gesellschaft richteten sich bei dem Worte, das immer etwas Ungewohnliches erwarten lasst, auf den jungen Mann, und schienen eine nahere Erklarung zu verlangen. Er fuhr auch sogleich fort: Es war wenig Tage vor meiner Abreise, als wir bei dem Herausgehn aus dem Schauspiel einen Knaben begegneten, welcher auf seiner schnarrenden Leier unaufhorlich dasselbe Lied spielte und die Vorubergehenden so um Almosen ansprach. Fernando warf ihm ein Stuck Geld hin und bat ihn, zu schweigen; allein der Knabe folgte uns durch eine lange Strasse, immer dasselbe leiernd. Fernandos Ohr ward aufs ausserste verletzt; er wandte sich ungeduldig, um den Knaben zu fassen, der angstvoll vor ihm hinrannte indem offnete sich die Thur eines ansehnlichen Hauses, an welchem beide streiften; der Knabe drangte sich hinein und riss Fernando in seinem Grimme nach. Gleich darauf fiel die Thure wieder zu, die Leier ertonte einen Augenblick, dann ward alles still, der Knabe trat allein heraus und ging frisch und frohlich an mir voruber. Ich war noch voll Verwundrung uber den seltsamen Zufall, als ich einen Mann in einem dunklen Mantel auf das Haus zueilen sah. Ich zog mich sogleich hinter einen hervorspringenden Pfeiler zuruck, und bemerkte dass der Unbekannte an dem Schlosse drehte, dann unmuthig mit dem Fusse stampfte und sich auf der andern Seite der Thur hinter einem ahnlichen Pfeiler verbarg. Wir mochten beide ohngefahr eine halbe Stunde auf diese Weise gestanden haben, als mir, bei einer unvorsichtigen Bewegung, der Stock aus der Hand fiel und mit ziemlichem Gerausch auf den Steinen hinrollte. Mein ungekannter Feind bog sich, auf den nahen Larm, sogleich hervor, und da er mich in einer peinlich-lauernden Stellung wahrnahm, sprang er ungestum auf mich zu und fragte keck nach der Ursach meines Dortseins. Ich war nicht in der Stimmung, ihm auf eine geschickte Weise auszuweichen, noch weniger Rechenschaft von meinem Thun und Lassen abzulegen, daher antwortete ich eben so heftig, ohne eigentlich zu antworten. Das Gesprach erhitzte sich immer mehr und riss uns vom Gegenstand desselben zu personlichen Beleidigungen fort. Wahrend der Zeit war Fernando unbemerkt aus der Thure geschlupft. Von dem, was ihm eben begegnet war, konnte er sehr leicht auf die Veranlassung unsers Wortwechsels schliessen. Er trat daher zu uns, und nachdem er sich fur meinen Reisegefahrten und uns beide fur Fremdlinge in dieser Stadt erklart hatte, bewies er dem armen Betrognen, dass wir uns bei verschiednen, von einander abweichenden, Geschaften in dieser Gegend dies ausgezeichnete Haus, zum Wahrzeichen gemeinschaftlichen Zusammentreffens, ausersehen hatten. Eine Fluth von Worten und feinen Wendungen druckte jeden Zweifel in unserm Gegner nieder, der sich am Ende beschamt und reuig zuruckzog. Kaum waren wir allein, so riss mich Fernando, unter tollem Lachen, nach einem nahgelegnen Kaffeehause. Hier machte er endlich seinem Herzen Luft, und, wahrend er seine eigne kleine Geschichte als eine fremde Begebenheit erzahlte, zog er die Aufmerksamkeit mehrerer Anwesenden auf sich. Der Zusammenhang war ubrigens nicht schwer zu errathen. Die Leier hatte das Ende des Schauspiels und den Augenblick einer verabredeten Zusammenkunft anzeigen sollen. Fernandos Ungeduld verwirrte alles, indem er den Knaben mit Gewalt zu seinem Ziele drangte. Bei Annaherung der Tone sprang die Thure auf, Fernando fuhr hinein, eine weiche kleine Hand druckte sich schmeichelnd auf seine Lippen und zwang ihn, zu schweigen. Er stand einen Augenblick unschlussig; allein als dieselbe kleine Hand ihn ungeduldig fortzog, folgte er in der Dunkelheit durch mehrere Zimmer, bis ihn seine Fuhrerin am Eingang eines schwach erleuchteten Vorsaals verliess. Alles war hier still, nichts regte sich, er blickte neugierig umher und sah endlich durch einen gegenuber hangenden Spiegel eine zierliche Gestalt, die sich, fast schwebend, auf den Zehen, in der Thur eines anstossenden Cabinets hielt und ihm winkte, sich zu nahern. Er that, wie man ihm gebot. Ein lauter Schrei empfing ihn, den er indess, wie er lachelnd hinzusetzte, bald zu unterdrucken und die arme Kleine uberall zu trosten verstand. Fernando gefiel sich so wohl in diesem Abentheuer, dass er auch noch das Ende desselben und das Zusammentreffen mit dem wahren Geliebten wiederholte, woruber ein kleiner, sehr weiss gepuderter Herr, der ein besondres Behagen an der Geschichte fand, fast vor Lachen sticken wollte. Er konnte sich gar nicht wieder von Fernando losreissen und nothigte uns beim Weggehn, den Abend bei ihm zuzubringen. Wir willigten ein, und er fuhrte uns zu unserm Erstaunen in dasselbe Haus, das nun einmal der Schauplatz der lacherlichsten Begebenheiten bleiben sollte. Wir traten endlich in das bekannte Cabinet, wo uns der Herr Rath mit vieler Artigkeit seiner halbtodt erschrockenen Gemahlin vorstellte. Fernandos geschickte Haltung beugte indess jeder Unvorsichtigkeit vor und erhielt uns den Abend in der besten Laune. Er hat nun einmal Zutritt bei der Familie und reisst sich vielleicht nicht so schnell wieder los, da ihn alles, was von der hergebrachten Weise abweicht, fesselt.

Luise war aufgestanden und redete mit der Baronin sehr eifrig uber eine vor ihr liegende Handarbeit, die nach franzosischem Dessein gemacht war, Werner aber horte nicht auf, von Fernando zu reden, und warnte Emilien vor seiner Bekanntschaft. Nach dem, was wir eben gehort, fiel Luise schnell ein, setzen Sie den Geist wie das Zartgefuhl des Frauleins durch solche Warnung sehr herab, da sie gewiss etwas Edleres zu wurdigen versteht. Werner zuckte spottisch mit der Oberlippe, und meinte, sie gerade lasse dem Fraulein keine Gerechtigkeit wiederfahren, da es ihren Reizen wohl gegeben sei, solchen Unbestandigen zu fesseln. Nach der Annahme des Aristophanes beim Platon, fuhr er fort, der ich nun einmal zugethan bin, waren die Korper ursprunglich spharisch geformt und beschrieben ungestort ihre Bahnen. Nach dem Fall der ganzen Welt wurden sie mitten von einander getheilt und laufen irrend umher, bis ein jedes seine Halfte findet. Wer sagt uns nun, dass Fraulein Emilie nicht die Halfte ist, welche der interessante Fremde unter tausend vergeblichen Bemuhungen aufzusuchen strebt? Emilie lachte. Wer ist denn eigentlich dieser Fernando? fragte die Baronin. Ein in der That sehr liebenswurdiger Mann, erwiederte Julius, von den seltensten Anlagen, aus guter Familie und von einem Vermogen, das ihm eine unabhangige Existenz sichert. Hm sagte die Baronin beifallig. Carl aber fragte schnell, ob er auch ein Dichter oder sonst so etwas sei. Mein Gott! rief Emilie, und zuckte die kleinen, beweglichen Schultern, lassen Sie ihn doch sein was er will; es ist ja noch die Frage, ob wir ihn jemals sehen, er gefallt sich so gut in Wien. Alle lachten uber ihre naive Ungeduld. Luise blieb indess unruhig und verbarg es sich auch weiter nicht, dass sie eine Scheu vor Fernandos Ankunft habe, die sie hinderte, an der Heiterkeit der Gesellschaft Theil zu nehmen, weshalb sie des andern Tages auch gern ihre Ruckreise antrat und sich von den neuen Bekannten, in der Erwartung, sie nachstens auf dem Falkenstein zu sehen, ohne sonderlichen Kummer trennte.

Sie fuhren durch ein trubes, feuchtes Wetter hin. Der graue Nebel lag schwer auf Luisens Seele. Sie sprach wenig; auch Julius war einsilbig. So trat sie, beklommen, mit einer angstigenden Leere im Innren, in ihre Zimmer. Julius ging seinen Geschaften nach; sie blieb allein, ohne ein lebendiges Wesen, ausser die bewegliche Flamme im Kamine, um sich zu haben. Gedankenvoll trat sie an das Feuer, und warf einzelne Blumen, die sie aus einer nahstehenden Vase zog, hinein. Da horte sie einen Postillon blasen; ein Wagen rollte in den Hof, hielt vor der Thur. Sie fuhlte im Augenblick, wer es sei, und blieb unbeweglich, den Kopf zwischen beiden Handen auf dem Kamin gestutzt, in dunklen Ahndungen verloren. Julius trat mit einem jungen, schonen Mann herein, welcher sie auf den ersten Blick Fernando erkennen liess.

Drittes Buch

In einem Gemisch von Bangigkeit und Ueberraschung begrusste Luise ihren Gast, mehr kalt als wurdig; er hingegen mass sie mit einem seltsam lachelnden Blick, der sich gleich darauf unter den schonsten Wimpern senkte, und dem beweglichen Mienenspiel einen Anflug von bescheidner Zuruckhaltung gab. Julius Augen ruheten forschend auf Luisen. Er furchtete jedes storende Gefuhl in ihrer Seele und eben deshalb ihr Missfallen uber Fernandos Ankunft. Allein sie verbarg alles was in ihr vorging unter einer scheinbaren Gleichgultigkeit, und beschaftigte sich angelegentlich bei dem Theetisch, den man vor den Kamin gestellt hatte. Fernando setzte sich ihr gegenuber; die Unterhaltung blieb einsilbig. Julius fuhlte wohl, dass sein gewandter Freund leise auftrat, um erst den herrschenden Geist seiner Umgebungen aufzufassen; er suchte ihn daher durch die Frage: was ihn so schnell zu einer Reise nach Deutschland bewogen habe? mehr auf sich selbst zuruck, und zugleich einen Gegenstand herbeizufuhren, uber welchen beide ofter schon mit vieler Laune gestritten hatten. Sonst, fuhr er fort, lag Dir solch ein Gedanke sehr fern; Berlin und Novazembla stellten sich Dir ziemlich unter einem Bilde dar. Du hast unmoglich, erwiederte Fernando ernsthaft und mit weicher Stimme, Du kannst keinen Begriff von einem Gemuth haben, was ewig zu suchen und nie zu finden verdammt ist. Luise sah ihn zum erstenmal genauer an. Er hatte sich etwas vorgebeugt, so dass die Flamme aus dem Kamin einen hellen Schein auf sein Gesicht warf und den Glanz seiner Augen erhohte. Mich, fuhr er fort, schleudert das Schicksal vielleicht noch durch ganz Europa, indess Dich das schonste Gluck gefesselt halt. Ein Loos wie das Deinige konnte mich auf ewig mit mir selbst entzweien, da ohnehin die Tauschungen der Jugend immer schneller und gedrangter an mir vorubergehn! Seit Wien ? fragte Julius lachelnd. O mein Gott! rief jener, aufspringend, solche Erinnerungen konnen wohl niemand bis hieher begleiten, am wenigsten finden sie in diesem Zimmer Raum. Luise blickte unwillkuhrlich auf. Dasselbe zweideutige Lacheln schwebte um seinen halbgeoffneten Mund und wandte sie schnell wieder von ihm ab. Ueberall, fuhr er fort, sie scharf ins Auge fassend, mochte ich die Vergangenheit unberuhrt lassen, sie passt nicht zur Gegenwart, und ich will in dieser gern ganz und ungetheilt leben.

Luisens Verlegenheit ward jetzt noch vermehrt, da man Julius abrief und sie nun allein mit dem gefurchteten Fremden blieb. Es fiel ihr schwer aufs Herz, dass solche Augenblicke oft wiederkehren und sie der peinlichsten Unruhe aussetzen wurden. Sie beschloss daher bei sich, noch diesen Abend die Baronin dringend zu einem Gegenbesuch einzuladen, und die dortige bunte Welt um sich zu versammeln. Fernando weidete sich schweigend an der Verwirrung, die uber ihr ganzes Wesen ausgegossen war. Er sah wohl, dass sie auf eine gleichgultige Anrede sann, die das Gesprach anknupfen sollte; er wusste eben so wohl, dass es ihm ein kleines Wort kostete, um dieses in den Gang zu bringen; allein er sah ruhig zu, wie sie die Tassen hin und her ruckte, ubermassig Zucker hineinschuttete, fur weit mehr Menschen Thee eingoss, als ihr kleiner Cirkel in sich fasste und endlich hochst trocken fragte: ob er den deutschen Maler schon lange kenne, da er ihn sich zum Reisegefahrten gewahlt habe? Ich kenne, erwiederte Fernando, die Menschen entweder gar nicht, oder sehr lange. Sie gehn unbemerkt neben mir hin, oder ein unwiderstehlicher Zug reisst mich ihnen nach; dann schliesst sich meine ganze Seele auf, und stromt wie eine Feuerfluth in die ihrige uber, so dass ich sie plotzlich durchdringe und kenne. Er hatte sich Luisen genahert und fasste ihre Hand, die spielend das siedende Wasser in den Theetopf tropfeln liess. Ich bitte Sie, fuhr er fort, schone Grafin, vergessen Sie es nicht, dass ich ein Fremdling in ihrem Norden bin, messen Sie mich nicht mit dem gewohnten Massstab Ihrer einmal angenommenen Weise. Die deutschen Frauen, sagt man, sind sehr ernst und an einen ruhigen, besonnenen Umgang gewohnt; ubersehen Sie daher die Funken, die bei der leisesten Beruhrung aus diesem gluhenden Innern spruhen, und denken Sie darum nicht nachtheiliger von mir als Julius trat herein. Ich habe, fuhr er fort, diesem die andre Hand reichend, nur kurze Zeit in einem Familienkreis verlebt und wenige Erinnrungen aus meiner Kindheit von so friedlichen Augenblicken gerettet; allein sie wollen hier wieder erwachen, und ich bitte zwei gute Menschen, mich auf eine Zeitlang in ihre Mitte aufzunehmen. Julius umarmte ihn geruhrt; Luise sagte mit unsichrer Stimme; sie wunsche, dass er sich in den einformigen Umgebungen gefallen konne, und eilte dann in ihr Cabinet, folgende Zeilen an Emilien zu schreiben.

"Sie ahnden schwerlich, dass ich Ihnen aufs neue den Nahmen jenes beruchtigten Fremden nennen, und Sie von dessen plotzlicher Erscheinung benach richtigen will. Er ist wirklich hier, und was noch mehr ist, gesonnen, lange hier zu bleiben. Sein Anblick hat den Eindruck nicht verwischen konnen, den sein fruher aufgefasstes Bild in mir zuruck liess. Ich weiss es nicht, warum mir alles, auch das Einfachste in ihm, zweideutig und falsch erscheint; allein in dieser Stimmung muss ich befangen und wir alle drei mussen in einem gespannten Verhaltniss bleiben. Vielleicht wirkt er auf Andre gunstiger, vielleicht sehe ich auch hier in meiner Einsamkeit zu angstlich auf ihn und lasse mich von Kleinigkeiten storen, die sonst wohl unbemerkt hingingen. Ich wage es daher, liebe Emilie, Ihre Mutter an die Erfullung ihres Versprechens zu erinnern, und erwarte Sie mit allen Ihren Gasten in diesen Tagen auf dem Falkenstein. Sagen Sie ihr, dass ich, an die Leitung der besten Mutter gewohnt, ihrer feinen Gewandtheit und Weltkenntniss bedurfe, um eine schickliche Haltung zu gewinnen, und dass ich sie dringend bitte, mir den Beistand nicht zu versagen, den sie mir so mutterlich zugesichert habe.

Leben Sie wohl, beste Emilie. Empfehlen Sie mich Ihrer gelehrten Welt und dem guten Carl, wenn er noch bei Ihnen ist. Vergessen Sie auch nicht, den Maler mitzubringen, der Fernando vielleicht am besten unter uns allen kennt."

Als Luise siegelte, horte sie im Hofe ein italienisches Lied singen; gleichwohl war Julius mit seinem Freunde im Nebenzimmer. Francesca dachte sie, und sprang zum Fenster. Ein finstres, altliches Gesicht sah ihr zwischen zwei Mantelsacken entgegen, die Fernandos Bedienter auf beiden Schultern geladen, dem Hause singend entgegen trug. Sie holte tief Athem. Warum auch nicht? fragte sie beschamt. Warum? wiederholte sie heftig welche Unschicklichkeit! wenn er hier Sie mochte den Gedanken nicht festhalten, und eilte zu ihrem kleinen Geschaft zuruck. Julius unterbrach sie auf's neue, indem er sie freundlich erinnerte, Fernando nicht so geflissentlich zu meiden, was ihn nothwendig verletzen musse. Sie machte ihn darauf mit ihrem Vorhaben bekannt, mehrere Menschen um ihren Gast zu versammeln, der ohnehin wohl die deutsche Hauslichkeit sehr todt finden werde. Julius war es gern zufrieden, worauf sie beide in den Saal zuruckgingen.

Fernandos lebendiger Sinn durchbrach sehr bald die Schranken uberlegter Zuruckhaltung, die er sich fur den Augenblick selbst gezogen hatte. Er konnte den gewohnten Gang der Unterhaltung, den ruhigen Strom der Worte, die in gegenseitiger Mittheilung still hinfliessen, und in ihrem Lauf Gedanken und Gefuhle allmahlig entwickeln; er konnte das nicht ertragen, ohne wie ein ungeduldiges Kind einen Stein hinein zu werfen, dass die Wellen kreisend uber einander schlugen und sich alles verwirrte. Ueberdem wusste er, dass solch plotzliches Unterbrechen, solch gewagter Wurf oft die klarsten Gemuther befangt, und man bei kuhnem Vordringen leicht den Platz einnimmt, den man behaupten will. Er liess sich daher von seiner Phantasie ungestort forttragen, und bemerkte nicht ohne innre Lust Luisens Kampf, mit dem sie gegen das Feuer seiner Unterhaltung anstritt, um sich vor sich selbst in ihrer angenommenen Kalte zu behaupten.

Als sie am folgenden Abend bei dem Wasserfall nicht weit vom Schlosse sassen und sich alle Drei unwillkuhrlich in das stille Rauschen verloren, ohne die innren Gefuhle laut werden zu lassen, sagte Julius endlich: Du hast uns immer noch so wenig von Deinem eignen Leben erzahlt, lieber Fernando, und dennoch ist es sicher reich an merkwurdigen Begebenheiten. Mein Leben? erwiederte dieser, wie aus sich selbst erwachend, das besteht aus Fragmenten, aus nichts als Fragmenten! es hat sich mir so unter den Handen zerstuckelt; ich finde seit Kurzem selbst keinen Zusammenhang darin. Er sah auf Luisen, zu deren Fussen er auf einem Stein sass, so dass ihr Kleid bei einer kleinen Bewegung seine Locken streifte. Dies luftige Beruhren ging wie ein elektrischer Funke durch sein Innres; er bog sich noch mehr zuruck und druckte einen leisen Kuss auf den weichen Musselin. Fragmente? wiederholte Julius Nun wenn sie rechter Art sind, so enthalten sie dennoch ein Ganzes. Gieb uns nur immer einige derselben zum Besten. Seltsam! rief Fernando aus, dass jetzt, grade jetzt einer der furchtbarsten Momente vor mich hintritt. Er war aufgesprungen, und heftete seine Blicke, wie unwillkuhrlich angezogen, auf einen Fleck. Luisens Herz klopfte, sie erwartete angstlich, dass er das Schweigen breche. Du weissst, hub er endlich an, sich zu Julius wendend, dass ich nach dem Tode meiner Eltern, die ich niemals sahe, in Neapel bei einer Verwandten erzogen und spaterhin, in Begleitung eines deutschen Gelehrten, auf Reisen geschickt ward. Du hast es so wenig als ich verstanden, warum mich mein Mentor nicht nach seinem Vaterlande, sondern nach Paris fuhrte, womit ich ubrigens ganz zufrieden war und mir dabei so wohl gefiel, dass ich meiner Tante sehr missfiel und nur eilen musste, sie durch eine baldige Ruckkehr zu versohnen. Die liebe, gutige Frau herrschte mit einer so unwiderstehlich sanften Gewalt uber mich, dass ich den Gedanken ihres Unwillens nie ertragen konnte, und es jedesmal herzlich bereute, sie gekrankt zu haben. Meine Bereitwilligkeit, zu ihr zuruckzukehren, entzuckte sie; jede Spur des Unwillens war bei meiner Ankunft verwischt. Sie betrachtete mich mit ruhrendem Wohlwollen und fuhrte mich durch tausend theilnehmende Fragen so leicht und gefallig in den Kreis meiner verlassenen Freuden zuruck, dass ich sie noch einmal an ihrer Seite herauffuhrte und mit froherm Sinn genoss. So schwatzten wir die ersten Abende bis tief in die Nacht hinein. An einem derselben, als sie gefallig auf jedes kleine Abentheuer horte, ward noch ganz spat ein Fremder bei ihr gemeldet, der ihr zugleich ein Blatt uberschickte, auf welchem ich griechische Schriftzuge wahrnahm. Sie uberflog es schnell, schlug beide Hande in hochster Bewegung zusammen, indem sie wiederholt ausrief: er lebt! er lebt, Fernando, um Gottes Willen! Ein altlicher Mann, von hoher, etwas gebeugter, Gestalt trat hier in das Zimmer. Er trug ein langes, graues Oberkleid, das mit einem weisslichen Gurtel zusammengehalten war; sein gebleichtes Haar hing noch voll und lockig uber grosse tiefliegende Augen, die sich unverwandt auf mich hefteten. Es war etwas Fremdes, Auffallendes, in dieser Erscheinung, was mich unwillkuhrlich anzog. Die Markise schrie laut auf und riss mich zu dem Fremden, der uns Beide fest umschlang, ohne ein Wort zu sagen, als furchte er, aus einem glucklichen Traum zu erwachen. Ich wusste nicht wie mir war, mein Herz klopfte ungestum; alles Geheimnissvolle war mir von je her angstlich. Ich hatte gern das dumpfe Schweigen durch eine dreiste Frage unterbrochen; allein ein Blick auf den Fremden hielt mich gefangen. Meine Tante flusterte zuerst einige Worte, wir traten auseinander; die Beiden sprachen leise und heftig in einem Fenster, ich ging wie auf gluhenden Kohlen auf und nieder. Todt? rief der Fremde plotzlich. Grosser Gott, ich wusste es, und dennoch ! Der klagende Ton ging mir durch die Seele. Ich naherte mich ihm; er streckte mir beide Arme entgegen und weinte heftig an meiner Brust. Morgen, lieber Fernando, sagte meine Tante, mich sanft wegdrangend, morgen sollst Du Heute lass uns Ich ging zur Thur; ein leises Wimmern riss mich noch einmal zuruck. Der Fremde lag, das Gesicht mit beiden Handen verdeckt, zusammengesunken in einem Stuhl und klagte in zerreissenden Tonen. Die Markise winkte mir; ich ging still nach meinem Zimmer, ohne etwas Deutliches zu denken, ohne mich selbst einem bestimmten Gefuhl zu uberlassen. Die Luft ward mir hier zu enge; ich offnete das Fenster und starrte in die dunkle Nacht hinein. Morgen, dachte ich Morgen! warum nicht jetzt, nicht diesen Augenblick? Was soll die geheimnissvolle Weise, was will der bekummerte Alte? Ich hatte grosse Lust, die ganze Begebenheit zu verspotten und in einigen lustigen Ausfallen die wehmuthige Unruhe von mir zu werfen, die mir fremd und druckend war; allein es ging nicht, meine Brust zog sich angstlich zusammen, ich fand nirgend Ruhe. Nach einer Weile horte ich eine Thur offnen, die aus dem Cabinet meiner Tante in den Garten ging. Ich lehnte mich weit aus dem Fenster, konnte indess in der Dunkelheit keinen Gegenstand unterscheiden. Ein leises Rauschen, wie ferne menschliche Tritte, ging uber den Rasen hin; dann ward alles wieder still. Ich warf mich halb argerlich, halb erschopft, aufs Bett, ohne gleichwohl schlafen zu konnen. Nach einigen Stunden wiederholte sich dasselbe Gerausch. Thuren knarrten, Fusstritte gingen durch das Haus, alles leise, kaum horbar. Zu Anfang strengte ich meine Aufmerksamkeit an, etwas Wahres zu unterscheiden; allein es war, als senke sich der Schlaf bleiern auf meine Augen; ich widerstand nicht lange und schlief fest, als mich am Morgen ein furchtbares Angstgeschrei erweckte. Mein erster Blick traf das versammelte Hausgesinde der Markise, das voll Entsetzen zu mir hereinsturzte. Ich sprang wie betaubt unter sie; verworrene, dunkle Worte, Thranen, lautes Jammern umfing mich von allen Seiten und riss mich zu dem Cabinet meiner Tante. Nein, niemals, niemals wird mich das Entsetzen jenes Augenblickes verlassen! Er fasste Luisens beide Hande und bedeckte sein Gesicht, auf welchem alle Schrecken jener Erinnrung lagen. Ich fand sie todt sagte er nach einem augenblicklichen Schweigen, mit stockender, verhaltener Stimme, todt ermordet, die schonen Hande gebunden, alle Zeichen eines gewaltsamen Ueberfalls und der schandlichsten Beraubung ihrer Kostbarkeiten um sie her. Der Fremde, der Fremde, tonte es wie aus einem Munde von den Umstehenden. Ich weiss nicht, warum mich dieser Verdacht mehr als die That emporte. In der hochsten Wuth stritt ich dagegen, sank indess bald darauf erschopft und bewusstlos zu den Fussen meiner geliebten Freundin, von der man mich, ohne ein Zeichen des Lebens, den Gefahren einer langen Krankheit entgegenfuhrte. Als ich endlich genas und die Erinnrungen des Vergangnen langsam wieder hervortraten, sagten mir meine Freunde, jene grauenvolle That wiederhole sich auf ahnliche Weise, fast jede Nacht, in den angesehensten Hausern Neapels. Eine angstigende Scheu liege auf den bleichen Gesichtern der Einwohner, die still auf den Strassen hinschlichen, ohne Lust und Muth, einander anzureden. Niemand traue dem geliebtesten Freunde, die Hauser blieben verschlossen, und gleichwohl glaube man an eine unsichtbare Gewalt, die dem angstvoll Schlafenden uberfalle und das frischeste Leben schnell beende. Nothigen Vorkehrungen gemass, habe man auf blossen Verdacht hin, eine Menge Personen in Verhaft gezogen, ohne gleichwohl irgend eine zuverlassige Spur aufzufinden. Ich dachte sogleich an den Unbekannten, und mit einer Angst, die unbeschreiblich ist, forschte ich, ob er sich unter den Beschuldigten befande. Allein niemand wusste etwas von ihm. Die Leute im Hause meinten, er sei gar nicht sichtbar in der Stadt geworden, kein Mensch wolle ihn gesehn haben. Ich ward wieder ruhiger, und liess in einer Art von Dumpfheit, die wohl noch Folge meiner Krankheit war, alles um mich her geschehen, ohne sonderlichen Antheil zu nehmen, als eines Tages die Haushalterin der Markise im hochsten Unwillen zu mir hereintrat und mit Thranen sagte: das Maass der Leiden dieser armen Stadt sei gefullt, da auch die geprufteste Unschuld nicht mehr vor erniedrigendem Verdacht sicher sei. Sogar der arme Schuster, fuhr sie fort, hier im Nebenhause, dessen stilles, heiliges Leben wohl manchem ein Vorwurf sein mochte, ist diesen Morgen, da er sich zufallig mit mehrern seines Gewerbes in der Herberge befand, aufgegriffen und eingezogen worden. Ich kannte den Mann sehr wohl; er gehorte zu den Frommen Neapels, und war sowohl wegen seines strengen, enthaltsamen, Wandels beruhmt, als wegen der erschutternden Reden, die er ofters dem Volke auf den Strassen hielt. Er redete in wahrhafter Verzuckung mit einem Feuer und in so phantastischen Bildern, dass man unwillkuhrlich hingerissen ward, weshalb er denn auch in den vornehmsten Hausern Zutritt fand. Ich trostete die bekummerte Frau, der er wohl oft das Herz mochte erweicht haben, mit der allgemeinen Achtung, die Antonio genoss, und versprach ihr, mich noch personlich wegen seiner Freilassung zu verwenden. Der Gang des Rechts ist indess langsam, die Anhaufung der Klagen und Furbitten war so gross, die ganze Verhandlung so dunkel, dass es mir erst nach vierzehn Tagen gelang, Antonio zu befreien. Seine Anhanger erwarteten ihn mit sturmischer Freude an den Thuren des Gefangnisses. Er trat mit ernster Ruhe unter sie, und duldete es nicht, als man ihn im Triumph nach Hause fuhren wollte; indess geschahen mehrere Tage hindurch formliche Wallfahrten nach seiner dunklen, oden Wohnung, in der er sich eingeschlossen hielt. Man nahm allgemeinen Antheil an dieser kleinen Begebenheit, und ward eben so sehr allgemein besturzt, als es verlauten wollte, dass der Verdacht gegen den Schuster aufs neue erwache, da wahrend der ganzen Zeit seiner Gefangenschaft kein Mord geschehen, die blutige That indess an einem der vornehmsten Richter in der Nacht nach Antonios Freilassung verubt sei. Ich, wie Mehrere, erklarten dies fur einen Zufall. Man ward dennoch aufmerksam, beobachtete ihn, forschte nach seinem Thun und Treiben, ohne jedoch etwas zu entdecken. Ein fremder Rechtsgelehrter hatte den Einfall, den Angeklagten mitten in der Nacht uberfallen, aus dem Bett reissen und vor das Gericht fuhren zu lassen. Halb vom Schlaf befangen, aus den unruhigen Traumen eines bewegten Gemuthes in die fremde Wirklichkeit hinubergezogen, trat Antonio vor die ernste Versammlung der Richter. Sein Gleichmuth verliess ihn, er fand keinen Ausweg, und bekannte, dass er seit zwei Monaten fast jede Nacht, allein, ohne eines Menschen Wissen, in die Hauser der Reichen, deren geheime Zugange er kenne, gedrungen, sie ermordet und beraubt habe. Eine so ungewohnte Erscheinung veranlasste tausend Nachforschungen, was diesen Frevel in ihm veranlasst habe. Er sagte darauf immer dasselbe: vom Guten zum Bosen, wie von der Demuth zum Uebermuth, fuhre oft nur ein Schritt. Die Eitelkeit habe ihn in des Teufels Arme gelockt. Als er keine Rettung sah, stiess er sich den Kopf an den Mauern seines Gefangnisses ein.

Als Fernando hier endigte, die Eindrucke der Erzahlung in eines Jeden Brust hin und her wogten, und niemand ein beruhigendes Bild festhalten und den innern Aufruhr stillen konnte, bemerkte Julius ihnen gegenuber den Monch, der, mit verschrankten Armen an einem Baumstamme gelehnt, wohl schon lange dort in stiller Beschauung mochte gestanden haben. Er ging ihm, wie gewohnlich, mit herzlicher Freude entgegen. Fernando achtete nicht viel darauf. Er war um Luisen beschaftigt, die, heftig erschuttert, ihre Thranen nicht zuruckhalten konnte. Hatte ich fruher, sagte er leise, einen Begriff von dieser zarten Regsamkeit gehabt, ware es mir uberall gegeben, in Ihrer Nahe lange zu uberlegen, glauben Sie sicher, ich wurde jene grauenvolle Erscheinung nie an Ihnen vorubergefuhrt haben. Werden Sie mir verzeihen? fragte er schmeichelnd. Luise lachelte freundlich unter ihren Thranen, und nickte wiederholt mit dem Kopfe, ohne ein Wort sagen zu konnen. Werden Sie mich eben so wenig roh und ungeschickt nennen, fuhr er fort, wenn ich die ruhrende Beweglichkeit ihres Sinnes nicht ganz verstehe, und Sie frage, was Sie eigentlich so ungewohnt bewegt? Ich weiss es nicht, erwiederte sie, sich fassend, ich weiss es durchaus nicht; allein mir ist, als waren mir einige der erwahnten Personen nicht fremd, als ginge es mich mit an. Als ginge es Sie mit an? unterbrach sie Fernando, ihre Worte falsch deutend; Luise Sie stand auf und wandte sich zu Julius, der mit dem Monch auf sie zutrat. Guten Abend, lieber Vater! rief sie dem Letztren zu. Dieser blieb einen Augenblick in sich versunken, dann sagte er mit bewegter Stimme: der Herr segne und behute Euch! und schlug einen andren Weg zum Kloster ein.

Was war das, rief Fernando! seltsam! wie sich heute alles in mir verwirrt!

Sie traten Alle jetzt den Ruckweg zum Schlosse an, und trennten sich dann alle drei in eignen Vorstellungen befangen.

Luise warf sich geangstet in ihrem Bett hin und her, ohne einen Augenblick Ruhe zu finden. Die Scheu gegen Fernando, und das Misstrauen, das ihr fruher sein Lacheln eingeflosst, kampften peinlich mit Wohlwollen und Bewundrung. Umsonst suchte sie ihre gestrige Stimmung hervorzurufen, umsonst blieb sie bei jeder zweideutigen Aeussrung stehn, umsonst drangte sie sein Bild von sich weg, es rang sich tief aus der gepressten Brust herauf, und riss sie in einen Wirbel widersprechender Gefuhle fort. Die Nacht dehnte sich in ewig langen Stunden hin, in denen der unsichre Blick, durch nichts Aeussres angezogen, hin und her schweifte, und, wie in Fiebertraumen, immer nur das Gefurchtete sah. Am Morgen endlich raffte sie sich aus dem Taumel empor. Mit den ersten Lichtstralen ward es klarer in ihrer Seele, die bangen Vorstellungen wichen immer weiter und weiter zuruck. Der junge Tag sah ihr wie ein neues Leben frisch und freudig entgegen. Lieber Gott, sagte sie bewegt, gieb mir einen stillen Sinn, deinen Frieden rein in meiner Brust zu bewahren. So sahe sie, wohl noch etwas schwankend, aber doch mit offner empfanglicher Seele ins Freie, als man ihr folgenden Brief der Baronin uberbrachte.

"Erlauben Sie, meine junge Freundin, dass ich Ihre gutige Zeilen in Emiliens Nahmen beantworte. Vieles darin ist ohnehin an mich gerichtet, und ich will sogleich von dem Vorrechte Gebrauch machen, welches Sie mir, mit der liebenswurdigsten Hingebung, einraumen. Man beschuldigt jeden, dessen Wirksamkeit beschrankt ist, und vorzuglich Frauen in meinen Jahren, dass sie gern Rollen in fremden Angelegenheiten ubernehmen, und sich sehr wichtig auf dem Platze erscheinen, den ihnen Alter und Erfahrung ganz naturlich anweisen. Die Eitelkeit schleicht sich wohl oft unbemerkt in unsre Herzen, und wirft einen vornehmen Schein uber nichtswurdige Motive; dennoch kann ich hier wohl mit Wahrheit versichern, dass mich die allerherzlichste Theilnahme an Ihnen zu der freien Mittheilung meiner Gesinnungen zwingt, zur der Sie mich gewissermassen auffordern.

Ich kann es Ihnen nicht verhehlen, Ihr Brief hat mich erschreckt. Es ist ein gewisses unsichres Herumfassen nach fremder Hulfe darin sichtbar, eine Angst vor sich selbst, die sich unter unnaturlichem Hass gegen einen Unbekannten verbirgt. Was reizt Sie zu dieser Heftigkeit, die Sie in sich selbst irre macht? Glauben Sie mir, es ist den Frauen selten etwas gefahrlicher, als einem ausschliessenden Gefuhl fur irgend einen Mann, der nicht der ihrige ist, Raum zu geben, am wenigsten aber durfen Sie es sich und Andren so klar und mit dieser Leidenschaftlichkeit aussprechen. Hass und Liebe beruhren sich schon darin, dass uns der Gegenstand beider Empfindung niemals gleichgultig ist, und gleichgultig sollte Ihnen der fremde Jungling billig sein. Was haben Sie mit seinen Fehlern und Tugenden zu schaffen? Lassen Sie ihn ruhig neben sich hingehen, Ihre Wege sind ohnehin von einander geschieden. Und von mir, liebes Kind, von meinem Rath erwarten Sie die schickliche Haltung in Ihrer misslichen Lage? Fuhlen Sie wirklich diese schon in irgend einem Augenblick verloren zu haben? Welch Gefuhl, ich bitte Sie, ist so machtig in Ihre Brust, dass es die grosse Ehrfurcht vor dem aussren Anstand, vor Ihrer ganzen Lage und Ihren Verhaltnissen, nur in mindesten schwachen konnte? Bewahren Sie doch um Alles das ruhige Gleichgewicht Ihres Seyns und Wirkens, ohne welches Sie die strenge vorgezeichnete Bahn leicht ubertreten konnten. Ich sollte vielleicht schweigen, und Sie ruhig neben dem Abgrund fortgehen lassen. Vielleicht sicherte Sie eigne angeborne Kraft, vielleicht sahen Sie selbst noch klarer die Gefahr. Ich wurde es darauf ankommen lassen, wenn Ihre freundliche Einladung und das Drangen meiner Hausgenossen, sie anzunehmen, mich nicht zu reden zwange. Sie wissen, wen ich Ihnen zufuhre. Sein Sie auf Ihrer Hut. Morgen Abend umarme ich Sie, und hoffe im voraus Verzeihung fur meinen treuherzig mutterlichen Rath, den meine Liebe und Theilnahme allein entschuldigen konnen."

Luise ward unangenehm durch den Inhalt dieser Zeilen ergriffen, so als wenn man unversehens eine wunde Stelle beruhrt und den ungeahndeten Schmerz hervorruft. Was ist denn geschehen, fragte sie sich selbst, das diese ernste, eindringliche Worte veranlasst. Schicklichkeit aussrer Anstand! nein, nein, das nicht! Dein heiliger Wille, mein Gott, der ist es, den ich nicht verletzen darf, und der zum Gluck noch laut und vernehmlich genug in meiner Seele spricht, um ihn nie zu uberhoren.

Guten Morgen, liebe Luise! rief hier Julius, der eben unter ihrem Fenster, an welches sie sich gedankenvoll lehnte, voruberging. Sie fuhr unwillkuhrlich zusammen. Seine Stimme traf sie wie ein innrer Vorwurf. Er sah so gut, so herzensgut, aus, die Thranen traten ihr in die Augen. Guten Morgen! rief sie aus voller Seele, als er in dem Augenblick zu ihr hereintrat. Er hatte ihr heut tausend Dinge zu sagen. Sein Herz offnete sich wie unter freundlicher Beruhrung; es war klar, irgend etwas Aeussres regte ihn ungewohnt an. Luise lenkte das Gesprach auf den gestrigen Abend, und bemerkte bald, dass er auch in ihm einen Eindruck zuruckgelassen, der noch jetzt fortwirkte. Es ist nicht jene Geschichte, sagte Julius, ihre Fragen beantwortend, was mich bewegt. Ich mochte ihren Inhalt vergessen konnen, der die Moglichkeit des plotzlichen Sundenfalls in einer bis dahin frommen und reinen Seele, so schauderhaft, in dieser blutigen Verzerrung hinstellt. Nein, es ist der Monch, den ich nicht vergessen kann. Wie verzuckt sah er auf eine Stelle, als ich zu ihm hintrat, und ohne meinen Gruss zu beachten, sagte er vor sich hinredend: unbegreifliches, unbegreifliches Schicksal! dann fragte er mit einer Heftigkeit, die ich ihm niemals kannte, seit wie lange der fremde Jungling bei mir sei? Ich gab ihm in einigen Worten Auskunft uber unsre Bekanntschaft und Fernandos unstatem Herumstreifen. Er machte eine schnelle Bewegung zu diesem hin, wandte sich aber wie von deiner Stimme aufgeschreckt, von uns ab, und ging still dem Walde zu. Beide fanden das hochst sonderbar, und Luise erschopfte sich, nach Frauenart, in tausend Muthmassungen, als Fernando zum Fruhstuck hereintrat. Er war ernst und einsilbig, allein so, dass man nicht recht wusste, ob ihn Kummer oder Missmuth verstimme.

Als er spaterhin mit Luisen allein war, bemerkte er theilnehmend, dass sie bleich aussahe, und in ihren Augen Spuren vergossener Thranen. Sie lehnte seine Fragen ziemlich unbefangen ab, und erzahlte ihm von den Gasten, die sie morgen erwarte, unter denen sie Emilien sehr anziehend heraushob. Er schien nicht viel darauf zu merken, als sie aber fortfuhr, die Vortrefflichkeit einiger Mitglieder der Gesellschaft zu schildern, und der Baronin einfaches, wurdiges Wesen ruhmte, sagte er hohnisch, sie wollten wohl den Teufel durch fromme Geister bannen. Luise entfarbte sich und fuhlte mit Unmuth, dass sie, wie sie es auch anfangen mochte, ihm gegenuber immer auf irgend eine Weise in Verlegenheit gerathen musse. Gestehn Sie es nur, fuhr er fort, die Bekannten und Freunde sollen doch den lastigen Fremdling nur ubertragen helfen; Luise, was habe ich Ihnen gethan, dass Sie mich hassen. Jenes Beruhren von Hass und Liebe, in dem Briefe der Baronin, fiel ihr plotzlich ein. Mein Gott, sagte sie schnell, nein, ich hasse Sie nicht, gewiss nicht! Warum furchten Sie mich denn? fragte er ernst. Mit vollen Schwingen hob sich bei diesen Worten die eingeborne Wurde der Weiblichkeit in Luisens Seele. Sie sah ihn ruhig an, und sagte fester, als sie es vor einem Augenblick noch gekonnt hatte, wie sollten Sie mir furchtbar sein, ich kenne Sie weder im Guten noch Bosen. Fernando wollte einlenken, allein Luise blieb fur jetzt gefasst und sicher, weshalb er sich denn auch verletzt zuruckzog, und gedankenlos am nachsten Fenster in einem Buche blatterte. Einige Anordnungen nothigten sie, sich zu entfernen; als sie wieder hereintrat, fand sie das Zimmer leer; allein, zu ihrem grossen Schreck, den Brief der Baronin, den sie bei Julius Eintritt in ein Buch gelegt hatte, offen auf demselben Fenster, an dem sie Fernando verlassen. Ich bin verloren, sagte sie, das Blatt in tausend Stucke reissend, wenn er ihn gelesen hat. O uber meine Thorheit, jedem Gefuhl, das fluchtig durch meine Seele hinzieht, Worte zu leihen, und dadurch so unnutze, so verderbliche Erklarungen zu veranlassen! Und nun noch diese Unachtsamkeit! Sie blieb den ganzen Tag in der peinlichsten Unruhe, die Fernandos zweideutiges Wesen noch vermehrte. Recht von Herzen fuhlte sie sich daher am folgenden Abend erleichtert, als nun endlich die ersehnte Gesellschaft eintraf. Sie begrusste jeden der Angekommenen mit sichtlicher Freude, und hatte selbst denjenigen, die ihr bis dahin gleichgultig geblieben waren, etwas Verbindliches zu sagen. Emilie sah sehr reizend in einem kleinen Strohhut aus, der zwar das schone Haar verbarg, allein ubrigens zu der zierlichen Gestalt sehr wohl stand. Es mussten sie schon haufige Neckereien uber Fernando getroffen haben, denn sie konnte sich eines kleinen Lachelns nicht erwehren, als sie diesen begrusste und ihre Blicke zufallig denen ihrer Reisegefahrten begegneten.

Zu Anfang blieb man einander fremd, ohnerachtet der Cirkel nur klein war, da der Baron mit dem Professor und dessen beiden Anhangern, dem Englander und Herrn Aaron, die Uebrigen nicht begleitet hatten. Fernando beschaftigte sich ausschliessend mit dem Maler, und andrer Seits hatte man das Ansehen, auch nicht viel auf ihn zu merken. Doch nach und nach ward die Unterhaltung allgemeiner, wenigstens verschmahete es keiner, in das Gesprach des Andern einzugehn. Stein konnte sich nicht genugsam uber die Herrlichkeit des altvaterlichen Gebaudes und dessen romantische Umgebungen auslassen. Nur blickte er mit einer Art von Unmuth auf den modernen Glanz, der ihn umgab. Das ist deutsche Sitte heutiger Zeit, sagte der Maler, das sollte Sie nicht mehr befremden. Warum, fragte Fernando, machen Sie den Deutschen allein diesen Vorwurf, da er jede Europaische Nation fast in gleichem Maasse trifft? Finden Sie in Italien nicht auch das Alte mit dem Neuen gepaart, ohne dass es unangenehm auffallt? Das ist ganz etwas andres, unterbrach ihn Stein. Dort ist Vegetation, Kultur, Kunstsinn, ja der Charakter der Kunst, durch viele Jahrhunderte gleich geblieben, keine der heutigen Erscheinungen ist in sich widersprechend mit ihren Umgebungen; aber wenn wir zu unsern alten, auf rauhem Boden erwachsnen, Eichen, zwischen den Steinmassen, die ein Riesengeist aufthurmte, die Griechheit hinuberziehn und diese noch mit franzosischem Schimmer bedecken wollen, so ist das wohl ein Uebelstand zu nennen. Dann werden wir nur die ehrenwerthen Denkmaler schleifen mussen, sagte Werner, denn in der Nachbarschaft wird sich bald ein Hauschen finden, das, nach modernem Massstab erbauet, nicht zu ihm passt. Niemand darf sich einfallen lassen, es bewohnen zu wollen, denn niemand schickt sich dort hinein, nicht der Hausherr, nicht die Frau, nicht die Gaste. Was hulfe es Ihnen, wenn hier alles nach alter Weise, derb und tuchtig zugeschnitten ware, und wir mit den franzosischen Kleidern und den Pigmaengestalten herumliefen, die Damen mit griechischem Kopfputz und uppigen Gewandern am Arm. Julius sagte hierauf, dass er sie alle mit Rustungen und Waffen versehen konne, da sich noch eine vollstandige Rustkammer im Schlosse befinde, woruber Stein eine grosse Freude hatte, die noch erhoht ward, als er auch von einem kunstlich ausgelegten Schrein horte, welcher theils alte Handschriften, theils schon gedruckte Erzahlungen und Legenden enthalte. Er versprach sich davon eine reiche Ausbeute fur den folgenden Tag, welche Aeusserung Carl mit einem mitleidigen Achselzucken begleitete, und sich ordentlich mit einer Art von Geringschatzung von ihm abwandte.

Die Baronin fand bald Geschmack an Fernandos

Unterhaltung, der sich sehr eifrig um sie und Emilien bemuhte. Je langer sie ihn ansah und sein Lacheln und Mienenspiel beachtete, desto auffallender fand sie eine Aehnlichkeit zwischen ihm und der verstorbenen Grafin Falkenstein, was sie auch Luisen sogleich mittheilte. Mit Viola, dachte diese ihre Augen hefteten sich unwillkuhrlich auf die seinigen, und das kleine Bild aus der Kapsel schien wachsend und belebt vor sie hinzutreten, so dass die beiden Gestalten sich auf eine angstende Weise in ihrer Phantasie verschmolzen. Die Worte der Baronin sollten nun einmal auf alle Weise ihre Unruhe vermehren. Alles was sie von Julius Mutter horte, ihre Liebe und ihre Leiden, der ganze herbe Kampf ihres Lebens, alles erwachte in ihr. Als sie allein war, warf sie sich auf ein Ruhebett, das Viola besonders liebte, und den Kopf in die Kissen verbergend, dachte sie, wie viel tausend Thranen mogen hier geflossen sein, wie oft mag das arme Herz hier umsonst Ruhe gesucht haben. Sie bemuhete sich, das Bild der Grafin festzuhalten; allein Fernando trat unaufhorlich dazwischen. O warum, warum! rief sie aufspringend, warum diese ungluckliche Aehnlichkeit! bedurfte es dieser Tauschung noch? Sie wollte sich so gern uberreden, dass die Baronin falsch gesehen und sie mit in den Irrthum befangen habe, daher eilte sie, nach dem elfenbeinernen Kastchen zu fragen, das sie bis dahin vergessen hatte; allein es fand sich, dass es in den Zimmern ihrer Mutter stehn geblieben war, welche niemand wieder nach deren Tode betreten hatte. Diese Erinnrungen, das Andenken an den ernsten, furchtbarsten Moment ihres Lebens, weckten andre Vorstellungen in Luisens Seele. Sie weinte still vor sich hin, weich und hingebend, ohne eigentlichen Vorsatz und Willen, aber doch in reinem, heiligem Gefuhl.

Am andren Morgen war Carl der Erste, welcher sich von den angekommnen Fremden sehen liess. Mit grossen Schritten ging er im Vorhofe auf und nieder, bis ihn Julius nothigte, herauf zu kommen. Nein, sagte er im Hereintreten, lieber will ich in einer Synagoge schlafen, als neben solchem welschen Teufel; hat er nicht gestern Abend mit seinem Schurken von Bedienten geschabbert, dass mir noch die Ohren gellen, so will ich nicht selig werden. Zu Anfang liess ich mirs gefallen; wie aber das auslandsche Geleiere nicht aufhorte, warf ich meinen Pantoffel gegen die Thur, dass alles so krachte; glauben Sie, dass sie sich storen liessen? recht wie die Mause, waren sie einen Augenblick still, und dann ging es wieder, hast du nicht, so siehst du nicht. Luise musste trotz ihrer innren Verstimmung uber diesen komischen Zorn lachen. Na, fuhr er fort, und wie der Bediente heraus war, kam der Maler hinein, da wisperten sie eine Weile leise, nachher ging es aber wieder lustig zu, doch sprachen sie deutsch, denn ich horte die Baronin nennen, und den Italiener sagen, ich bin der Frau grossere Verbindlichkeiten schuldig als irgend jemand ahndet; dann kam was von Aufruhr in der Seele, und Kampf und Sieg, das war mir zu gelehrt, ich zog die Bettdecke uber den Kopf und schlief uber dem Gesumse ein.

Luisens Wangen gluhten bei diesen letzten Worten, die recht wie ein unerwarteter Schlag ihr Innres trafen. Da erschien Emilie an Fernandos Arm, der ihr zufallig auf der Treppe begegnet war, und sie frisch und freudig in das Zimmer fuhrte. Die kleine hingebende Blondine nahm sich recht wohl an der Seite des schonen Junglings aus. Beider Anblick machte einen angenehmen Eindruck, das konnte sich auch Luise nicht verhehlen, ohnerachtet sie ein peinliches Gefuhl dabei ergriff.

Nach und nach versammelte sich die ubrige Gesellschaft. Stein hatte die ganze Nacht von den alten Helden und Geistern des Schlosses getraumt, und viel wunderliche Gestalten gesehn. Er erzahlte, dass ihm vorzuglich ein kleiner grauer Mann auf einem weisslichen Pferde einen seltsamen Schauer eingeflosst habe. Dieser sei unaufhorlich um den Felsen umhergeritten, ohne dem Pferde Ruhe zu gonnen, welches dabei stark gehinkt, als habe es ein Eisen verloren. Werner schlug vor, ein jeder solle die Traume, Eingebungen und Begebenheiten dieser Nacht erzahlen, wobei sicher recht seltsame Bilder ans Licht treten wurden. Nun, sagte Carl, ich bin bald fertig damit, denn ich habe die ganze Nacht eine Wassermuhle gehort, die so brummte und sauste, dass mir noch der Kopf wehe thut. Alle lachten uber den seltsamen Contrast mit Reinholds Erscheinungen, ohnerachtet nur Luise und Julius den eigentlichen Sinn dieser Worte verstanden.

Fernando hatte indess nicht so bald von Emilien gehort, dass Stein Dichter und musikalisch sei, als er ihn bat, die Gesellschaft mit einem Liede zu erfreuen, worauf dieser, durch einen Blick von Emilien bestimmt, folgende Worte zur Guitarre sang, auf welcher ihn Fernando sogleich accompagnirte.

Der Sklave singt am Ruder,

Auf wogender Galeere,

Ein Spiel emporter Meere,

Vom Vaterlande fern.

Sein Leiden hort kein Bruder,

Er folgt dem strengen Herrn,

Oft rinnt die heisse Zahre!

Doch auf Gesanges Wogen,

Schwebt susse Tauschung nieder,

Schafft ihm die Heimath wieder,

Und trautes, festes Land,

Wo er, noch nie betrogen,

Die Welt so freundlich fand;

O holder Geist der Lieder!

So tanzt um mich Gesange,

Ihr immer neu ergluhten,

Und treibt empor zu Bluthen,

Die Bilder meiner Brust.

Sturm' nur du Weltgedrange!

Lock' nur du Sinnenlust!

Mich soll das Lied behuten.

Man drang darauf in Fernando, ebenfalls zu singen. Er meinte, er wisse kein passendes Lied auswendig, wenn man ihm indess erlauben wollte, seinem Gefuhle in seiner Muttersprache Worte zu leihen, so werde er wohl eine angemessene Musik dazu auffinden. Man war das gern zufrieden. Er stimmte daher einen Gesang an, den Werner nachher also ubersetzte:

Lang auf fremden Seen geschwommen,

Lang durchzogen fremde Nacht,

War der Sanger heimgekommen,

Wo Italiens Sonne lacht.

Wie er von den Alpenzinnen,

Froh ins Land hinunterschaut,

Lehnt an ihn, in susses Sinnen

Ganz verloren, seine Braut.

Aus des hohen Nordens Pforten,

Hat er mit sie hergefuhrt,

Und sie spricht mit leisen Worten,

Von des Sudens Hauch beruhrt.

"Lieber, welch ein grosser Garten,

Welch erquicklich Blumenspiel,

Ihn zu huten und zu warten,

Braucht es wohl der Gartner viel?"

"Schone, nur der Sonne Lacheln,

Hutet unsre Blumenflor.

Gartner ist der Lufte Facheln,

Lockt sie uberall hervor."

"Und die Hauserchen dahinter,

Hell mit Farb und Gold geschmuckt!

Doch was birgt Euch, wenn nun Winter,

Hart auf Eure Fluren druckt?"

"Nie so gramlichen Bekannten,

Triffst du an auf dieser Flur,

Denn wir spotten des Verbannten

Lieblingskinder der Natur."

"Wie viel schon umkranzte Braute,

Wie Musik sich horen lasst!

Dort im lust'gen Tanz die Leute!

Sicher giebt's ein hohes Fest."

"Kranze, Lieder, lustge Reigen,

Sind uns immer frisch und wach.

Vor der heitren Sonne Steigen,

Wird zum Fest ein jeder Tag."

"Oft ist mir dein Lied erklungen,

Von Elysiums Lorbeerwald,

Hast uns wohl emporgeschwungen,

Zu der Sel'gen Aufenthalt?"

"Schone, nein, wir sind auf Erden,

Ziehn in unsre Heimath ein;

Doch Elysium ganz zu werden,

Braucht sie nur der Liebe Schein."

Die Baronin hatte indess leise mit Luisen geredet, welche halb auf sie, halb auf die Musik horte, dennoch zuletzt, durch die Wendung des Gesprachs, gezwungen ward zu antworten. Sie verzeihen mir also, sagte die warnende Freundin, wenn meine Besorgnisse ungegrundet waren? O gewiss, von ganzem Herzen, erwiederte Luise. Und sind nun ganz in der ruhigen Stimmung, fuhr die Erstre fort, in der ich Sie wunschte? Luisen fiel eine Stricknadel aus der Hand, welche sie langsam aufhob, wahrend sie die schonen Locken uber das gluhende Gesicht fallen liess, in der ruhigsten von der Welt, erwiederte sie kaum horbar. So sagte die Baronin etwas trocken. Gleichwohl scheint eine Art von Missverstandniss zwischen Ihnen und Ihrem Gast obzuwalten, er meidet Sie auf eine seltsame Weise. O, fiel Luise halb verletzt, halb geangstigt, ein, das ist so seine Art, er ist heftigen Gemuthes und ergreift alles Neue mit ausschliessender Aufmerksamkeit. Liebes Kind, sagte die erfahrne Frau, woher kennen Sie ihn denn so genau? Sein Sie doch unbefangen im Gefuhl Ihres eignen Werthes mit mir, wie mit der ganzen Welt. Glauben Sie nur, Ihre kleine Verlegenheiten entgehen ihm nicht, er treibt ein leichtfertiges Spiel damit.

Die Musik schwieg hier. Die Baronin erinnerte, dass es Zeit sei, Toilette zu machen, und fuhrte die von Myrtenhainen und Kranzen traumende Emilie mit sich fort.

Luise empfand eine Art Scheu vor dem kalten Blick dieser Frau, der wie ein Senkblei in ihr Herz fiel. Sie schrak vor ihr zusammen, so oft sie sie jene Ueberlegenheit und die Entfernung des Platzes fuhlen liess, auf welchem sie eigentlich stehn sollte. Die Aufforderung, unbefangen zu sein, konnte sie am wenigsten erfullen, da sie die ernste Beobachterin furchtete, und nur noch unsichrer in ihrem Betragen ward.

Die Zeit verfloss indess fast auf ahnliche Weise. Fernando hatte nur Augen und Sinn fur Emilien, wodurch er wechselsweise Luisens Stolz hob, und ihr Gefuhl zerriss.

An einem Nachmittage, als eine zahlreiche Gesellschaft aus der Nachbarschaft sich noch zu der des Schlosses gesellte, und alle im Freien versammelt waren, zog ein Trupp Bergleute singend den Harz hinunter. Sie trugen vielfache musikalische Instrumente und schienen bereit, sie in Bewegung zu setzen, als Fernando vorschlug, ob man, da es schon spat und dunkel werde, nicht nach dem Schlosse zuruckkehren und dort einige Stunden nach der lustigen Musik dieser Leute tanzen wolle. Alle stimmten freudig ein. Man machte sich sogleich auf den Weg. Die Bergleute gingen spielend voran, und das bunte Gemisch von Frauen und Mannern zog, durch eine dunkle Tannenallee, dem lustigen Saale zu, der Luisen bei ihrem Eintritt zuerst mit ihrer neuen Wohnung versohnt hatte. Fernando walzte sogleich mit Emilien. Die Kleine schmiegte sich mit einer anmuthigen Bewegung des Kopfes lachelnd in seine Arme, und schien sich und die ganze Welt zu vergessen. Stein sah an einem Pfeiler gelehnt, dem Spiele wehmuthig zu; er war im Begriff, Luisen seine Hand zu reichen, und im allgemeinen Taumel die Schmerzen seiner Brust zu betauben, als sich dieser einer der neuangekommnen Gaste, ein schon langst bemerkter und bewunderter Fremder, nahete, und sie auf eine feine, sittige Weise zum Tanze fuhrte. Er war russischer Obrist, von hohem, edlem Wuchs, und jener Gewandheit, welche die hohern Stande seiner Nation auszeichnet. Eine Sendung seines Hofes nach einer nahen Residenz fuhrte ihn in diese Gegend, zu einem Theil seiner Familie, der sich in Deutschland niedergelassen hatte, und auf die Weise kam er heute nach dem Falkenstein. Es sah schon, ja koniglich aus, wie sich die beiden herrlichen Gestalten langsam, nach Norddeutscher Sitte, durch den Saal bewegten. Die dunkelgrune, geschmackvoll verzierte, Uniform passte wohl zu Luisens einfachem weissen Kleide und dem grunen Zweige, der sich durch ihre Locken wand. Fernando betrachtete sie mit einem tiefen, dustren Blick, der dann, wild auflodernd, ihre Brust wie zwei Flammen traf. Sie hatte kaum geendet und sich gegen ihren schonen Tanzer verneigt, als Fernando auf sie zutrat und sie, nach einigen fluchtigen Worten, umschlingend, in raschem kreisendem Wirbel mit sich fortriss. Die rauschende Musik, das dunkle, in sich zuruckgezogne Feuer seiner Augen, die ganz eigne, unruhige Heftigkeit in Mienen und Bewegungen ergriff sie so sehr, dass sie sich nach einigen Augenblicken halb ohnmachtig an ihn lehnen und ihn bitten musste, aufzuhoren. Er druckte sie leise an die gluhende Brust und liess sie dann schweigend aus seinen Armen. Sich kaum noch besinnend, trat sie in die offne Gartenthur, und eilte von da weiter den Felsengang hinauf, zu einem Sitz, der in dem Stein gehauen und von einer uberhangenden Buche versteckt war. Nicht lange darauf horte sie neben sich reden; die Stimmen kamen naher, und sie erkannte bald Stein und Werner, die, sich an den Baum lehnend, mit einander sprachen. Also wirklich, wirklich, sagte der Erstre, Sie glauben nicht, dass er Emilien liebt? Mein Gott, erwiederte Werner, das liegt ja so klar am Tage, wie der Zweck des ganzen Spieles! Nein, nein! fiel jener heftig ein, das nicht, das gewiss nicht! Werner lachte laut. Nun wahrhaftig, sagte er, Sie sind von einer seltnen Unschuld des Sinnes. Was liegt denn darin so Unerhortes? Es konnte in der That interessant werden, wie der ganze Mensch, der grosse Anlagen hat, wenn er sich nicht selbst zur abgerichteten Puppe wie sein Unternehmen zu einer auswendig gelernten Posse machte. Auch will ich wohl wetten, dass er den bekannten Weg hier nicht zum letztenmal einschlagt! Reizend ist bei allem dem dies Ringen einer schuldlosen Seele, in der die Welt und Sinnenlust plotzlich hervorbricht und sie hin und her treibt, dass sie nach allen Seiten fasst und greift und zwischen Himmel und Holle schwebt. Hier zwar wird nun der Kampf nicht lange unentschieden sein, denn die ganze Richtung des Gemuthes spricht sich bei der schonen Frau in Gestalt und Wesen aus. Sie erscheint recht wie eine erhabene Sunderin, die im stolzen, kuhnen Fluge hinaufstrebt und durch die Eigenthumlichkeit ihrer Natur alle Augenblicke einmal das edle Haupt senkt und sich von den irdischen Banden umstricken lasst. Daher ist auch ein eigner Streit von Stolz und Hingebung in ihrem aussren Erscheinen, und ich bin sehr uberzeugt, dass in diesem Streit ihr ganzes Leben hinfliessen wird. Sie haben eine ordentliche Freude, sagte Stein, an solcher innren Verwirrung. Nein, entgegnete Werner; allein ich muss so lange forschen und beobachten, bis ich einen jeden auf den Platz gestellt habe, wo er eigentlich stehen muss, sonst bin ich in mir selbst unsicher. Beide gingen hierauf weiter. Luise sass lange Zeit in dumpfer Betaubung da. Endlich raffte sie sich auf, und eilte, ohne den Saal zu betreten, durch einen Umweg dem Schlosse zu. Sie musste, um zu ihren Zimmern zu gelangen, durch einen langen, schmalen Gang, an dessen Wanden mehrere Familiengemalde hingen. Der Mond schien hell durch die hohen Fenster und beleuchtete vorzuglich das Bild einer Dame, die als Leiche gemalt war, und aus einem reichen Schmuck dunkler, mit Perlen durchflochtener Haare, bleich und etwas verzerrt hervorsah. Man glaubte allgemein im Schlosse, es sei das Bild der Ahnfrau, was auch eine Vergleichung der Zuge mit dem im Kloster wahrscheinlich machte. Eine Bewegung der Baume vor den Fenstern bewegte auch itzt den Schein auf dem Bilde so, als rege sich das Gesicht und offne den ohnehin verzognen Mund. Luise verhullte die Augen und sturzte laut schreiend in ihr Cabinet. Hier lag sie, heftig weinend, ohne klares Bewusstsein, mit einem tiefen, schneidenden Schmerz im Innern, lange Zeit auf ihren Knieen, als eine warme Hand leise die ihrige beruhrte. Jesus! rief sie, aufspringend. Fernando stand vor ihr. Luise, sagte er mit einem wehmuthigen Ton, verdiene ich denn wirklich nur Ihren Abscheu? Ich weiss es nicht, stammelte sie, Gott allein weiss es; allein jetzt bitte ich Sie, verlassen Sie mich. O bei allem was Ihnen heilig ist, verlassen Sie mich! Sie stossen mich also ganz und auf immer von sich? fragte er, ihre Hand an sein Herz druckend. Auf ein Vorurtheil hin verdammen Sie mich, zwingen Sie sich selbst, mich zu hassen! Luise versuchte, sich zu entfernen. Nein, nein! rief er, ich lasse Sie nicht, jetzt nicht, ich will einmal in meinem Leben wenigstens zu Ihnen reden; rechnen Sie es dem gluhenden, heftigen Jungling nicht zu gering an, dass er die ganze Zeit uber schwieg, dass er ein Feuer in sich zuruckdrangte, was Sie erschrecken wurde, wenn es einmal ungehindert aufflammte. Beide schwiegen einen Augenblick. Was that ich Ihnen, sagte er darauf, um dies abstossende, geringschatzige Betragen zu verdienen? Mussten Sie mich niedertreten, um sich zu heben? Fand Ihr Stolz Nahrung in den lauten Aeusserungen eines ungerechten Hasses? Jener Brief O Gott! o Gott! rief Luise ganz erschopft; ihr Kopf senkte sich und heisse Thranen flossen auf die schonen Hande, die sich kreuzend auf der Brust falteten. Wer hat Sie, rief Fernando, so in sich selbst aufgeschreckt, dass Sie aufhorten, der einfachen Richtung Ihres Gefuhls nachzugehn? Warum strafen Sie mich, so oft eine mildere Regung aus Ihren Augen spricht; warum reizen Sie sich zu einem unnaturlichen Kampf, der Sie und mich zerstort? Luise, ich habe seit dem Tode jener Frau, die meine Jugend bildete, niemand auf Erden, der mit einem reinen heiligen Gefuhl an mir hinge; ich habe auch niemand gefunden, dem ich mein ganzes Dasein so ungetheilt hingegeben hatte. In Ihre Hande allein lege ich es, wenn Sie meine Freundin, meine Schutzheilige sein wollen! Ich bin nicht schlecht! bei dem ewigen Gott, ich bin nicht schlecht! Wollen Sie? fragte er weich und schmeichelnd. Auf Luisens Augen schwebte ein zitterndes Ja. Ihre Augen schlossen sich an seine Brust, indem er sie leise auf die Stirn kusste.

Wie die ewige Versohnung tonte das Wort Freundin in ihre Seele. Der schwere Kampf schien geschlichtet, Gott und Menschen versohnt. Ist es denn wahr, sagte sie aufblickend, ich soll das nicht scheuen und verdammen, was ich mit unsaglicher Angst Meine Luise, unterbrach sie Fernando, wie glucklich konnten wir lange sein, wenn Sie sich fruher selbst verstanden! Ein Gerausch im Nebenzimmer machte ihn aufmerksam. Er fuhrte Luisen zu einem Stuhl und stand ihr gegenuber, am Clavier gelehnt, als die Thur aufging, und Georg, mit zwei Lichten in der Hand, hereintrat. Immer aufmerksam auf alles, was seinem Dienst anging, hatte er sich erinnert, dass diese Zimmer noch nicht erleuchtet waren und dass sich die Grafin, da er sie nicht in der Gesellschaft fand, wohl hieher konne begeben haben. Auf Fernandos Stirn lag der tiefste Unmuth uber die unwillkommne Storung; er ging heftig auf und nieder, wahrend der alte Diener alles gehorig ordnete, die Fensterladen schloss, und sich bei manchem kleinen Geschaft verweilte. Luise schien von allem nichts zu bemerken; in der seligsten innern Stille liess sie ihre Thranen ungehindert fliessen. Georg betrachtete Beide kopfschuttelnd, und ging in der Ueberzeugung hinaus, dass der wuste Fremde seiner jungen Herrschaft recht zur Qual und Aergerniss hier sei. Bei dem Oeffnen der Thur schallte die Musik hell aus den Nebenzimmern heruber. Luise ward durch die Tone aufgeschreckt. Gehn Sie, lieber Fernando! rief sie eilig, gehn Sie zur Gesellschaft, ich folge Ihnen sogleich! Ist das die erste Bitte, Luise, fragte er verletzt, die Sie dem neuen Freunde zu thun hatten? Werde ich nie andre Worte aus Ihrem Munde horen? Gilt es denn immer nur, mich zu entfernen? Mein lieber Fernando, erwiederte sie, wenn Sie wussten Aber Sie sollen sehn, fiel er rasch ein, selbst einen neuen Ueberfall furchtend, Sie sollen sehn, dass mir Ihr Wille in jedem Augenblick heilig ist, ich gehe; allein, Luise, wenn ich Sie jetzt ruhiger verlasse, wenn die Ruhrung Ihrer Engelseele mich entzuckte, wenn ich mich einen Augenblick einer glucklichen Zukunft uberliess, werden Sie fest bleiben? werden Sie nicht auf's neue, durch tausend Grillen erschreckt, wanken, und ein fluchtiges Wohlwollen bereuen, was mich auf ewig an Sie kettet? Nein, nein! rief sie aus vollem Herzen, ach nein, ich kann ja nicht anders als Ihnen vertrauen! Werden Sie das immer? fragte er, auch wenn Zweifel Sie angsten, auch wenn weise Rathgeberinn O still, still! unterbrach ihn Luise, und drangte ihn bittend zur Thur.

Als sie zur Gesellschaft zuruckkam, fand sie Emilien zwischen Carl und dem Maler, nachlassig auf einen Stuhl geworfen und ziemlich unwillig uber den allzuoffnen Vetter, der sie, ohne Rucksicht auf ihren Nachbar, mit Fernandos Vernachlassigung und scheinbarer Erkaltung neckte. Sehn Sie! rief er, da sitzt er wahrhaftigen Gotts, tiefsinnig wie ein Englander! er sieht nicht, er hort nicht. Wissen Sie was, wir wollen einmal mit einander walzen, vielleicht sieht er das, er wird eifersuchtig Auf Sie? fragte Emilie spottisch. Cousinchen, erwiederte Carl, werfen Sie die deutschen Manner nicht weg, es ist Verlass auf sie; die Fremden sind Zugvogel, sie bauen sich hier keine Nester. Der Maler wollte sticken vor Lachen. Emilie stand endlich auf und ging zu ihrer Mutter, die sehr eifrig mit Stein redete. Der ernste Russe hatte sich zu Luisen gesetzt, und sprach verbindlich und mit vieler Einsicht uber das Charakteristische deutscher Geselligkeit. Bei der unvermeidlichen Annahme und nothwendigen Verschmelzung fremder Sitten, meinte er, sei eine eingeborne Wurde, ein gewisses hausliches Zusammenhalten und meistentheils grossere Tiefe des Gefuhls ganz unverkennbar, was vorzuglich die Frauen sehr anmuthig zwischen die Englanderinnen und Franzosinnen stelle, und auch den Umgang der Manner, ohnerachtet ihres fruhen Zuruckziehens von aller geselligen Mittheilung, dennoch interessant mache. Sie war genothigt, so verbindliche Worte aufmerksam anzuhoren, und, indem sie sie schicklich erwiederte, das Gesprach langer als sie wunschte fortzusetzen. Fernando hatte sich ihr indess genahert, und flusterte, uber ihren Stuhl gebeugt: Sie ahnden nicht, wie wehe Sie mir thun; mussen Ihre Freunde so schnell zuruckstehn? Sie ward hochst verlegen, antwortete hochst einsilbig und unpassend, worauf der Obrist auch geschickt abbrach und sich zuruckzog.

Mehrere der Fremden hatten noch einen weiten Weg zu machen; man trennte sich daher nach und nach, und die Baronin, die durch ihr Gesprach verstimmt schien, erklarte, dass es uberall Zeit sei, der Ruhe zu geniessen, worauf alles fur heute auseinander ging.

Fernando hatte mit Recht neue Erschutterungen in Luisens Seele vorausgesehn. Sie war nicht sobald allein, als sie eine Bangigkeit befiel, die Hand in Hand mit der eingebornen Scheu vor dem Unrecht geht. Es regte sich jenes Zagen in ihr, was zuerst die Bilder lockender Erinnrung unruhig hin und her wirft, bis das verlangende Auge nicht mehr darauf haften kann. Und wie dann alles so innerlich erzittert, so fliehen die Ahndungen hoherer Liebe, die ein Gott uns einhaucht, die Erde offnet ihren Schoos und zeigt uns alle Schrecken, die unsrer warten. Dazwischen horte Luise Werners zernichtende Worte. Alles fiel ihr plotzlich zusammen. Sie erschien sich strafbarer, verlorner, als sie war; sie wusste nicht, wie sie sich selbst entfliehen sollte. Ach es war ja so wahr, so unwidersprechlich wahr; sie liebte ihn mit allen Kraften ihres emporten Herzens. Unter tausend Qualen war sie spat am Morgen eingeschlafen, als Julius vor ihr Bett trat. Sie schreckte bei dem leisen Gerausch auf. Ich wollte Dich nicht storen, sagte er, gutmuthig besorgt, aber ich bin Deinetwegen beunruhigt, liebe Luise, und muss Dich endlich fragen, was so schwer auf Deiner Seele druckt? was Dich so ausschliessend beschaftigt, dass Du fast fur nichts ausser dem Sinn hast? Liebe, liebe Luise, verhehle mir doch nichts; glaube nur, ich habe Deine Schmerzen, ohne sie zu kennen, zerreissend gefuhlt. Ach ich trage ja kein andres Leben in mir, als Dein Gluck, Deine Ruhe. Sie sank weinend in seine Arme. O ware er mein Bruder, dachte sie. Erinnerst Du Dich, fuhr er fort, was die Mutter sagte: Luise hat nun niemand auf Erden als dich, verlasse sie nie, stehe ihr im entscheidenden Augenblick zur Seite. Meine Luise, sei offen. Wie Himmelsthau fielen diese Worte in ihr Herz; sie rang noch einen Augenblick mit der Furcht, Julius durch ein freimuthiges Gestandniss wehe zu thun; dann aber siegte die Wahrheit, ihr Innres schloss sich auf, die Worte schwebten auf ihren Lippen; da sturzte Mariane herein und sagte eilig, der Herr Jagdjunker und Herr Werner seien im Vorzimmer in heftigem Wortwechsel und sie habe von Schiessen und Schlagen gehort. Julius sprang auf; er furchtete Carls Ungestum, und eilte, einem Ungluck vorzubeugen. Nach einer Weile kam er sehr bleich und erschuttert zuruck. Es ist nichts, sagte er angestrengt; ein Missverstandniss, das sich schon wieder aufgeklart hat. Sonst nichts? fragte Luise, wirklich nichts? Nein, nein, wirklich nicht, erwiederte er und ging dann schweigend auf und nieder. Luise erwartete mit klopfendem Herzen, dass er das vorige Gesprach wieder anknupfen und auf's neue in sie dringen sollte. Allein Julius sagte kein Wort. Sie selbst hatte nicht den Muth, wieder anzufangen. Ueberdem war der rechte Augenblick voruber, und so blieb es zwischen Beiden still, bis Mehrere hinzukamen und im Allgemeinen ein leidliches Gesprach in den Gang brachten. Ein fluchtiger Blick zeigte Fernando die Wolken auf Julius Stirn und Luisens trube, gesenkte Augen. Er neigte sich daher zu Emilien und redete auf's neue angelegentlich mit ihr. Werner trat zu Stein, der in einem alten Buche, das er in jenem Schreine fand, verblichene, kaum noch kenntliche, Holzschnitte betrachtete. Die Worte darunter schienen haufig gelesen, denn zwischen den feinen Blattern lagen mehrere Zeichen, Goldfaden, auch Stuckchen farbiger Stoffe, die wohl eine langst vertrocknete Hand da hinein gelegt hatte. O lassen Sie sehn! rief er, als Reinhold eben ein Blatt umschlagen wollte und er die Worte in kunstreich gezirkelten Buchstaben las: V o n g e t r e u e r u n d s i t t s a m e r M i n n e . Die Andren naherten sich nach und nach auch. Man ward begierig, die Bedeutung der Bilder zu wissen. Eine innre Ehrfurcht vor den alten, ehrenwerthen Gestalten, ja vor dem Buche selbst, das wie ein edler, fremder Geist mitten unter ihre neue Ansichten und Gefuhle trat, verscheuchte jede Spotterei. Man drang in Stein, die kleine Geschichte vorzutragen, und er, ohne sich lange bitten zu lassen, fing sogleich an:

Von getreuer und sittsamer Minne.

"Ein sehr edler und schoner Ritter hatte sich in die Tochter des Konigs verliebt, die unter allen furstlichen Jungfrauen weit und breit, nicht allein als die anmuthigste und liebreizendste, sondern auch als die sittigste und in aller wohlanstandigen Geschicklichkeit erfahrenste, beruhmt war. Wie nun die Liebe von keiner Macht in der Welt Gesetze annehmen will, half es auch ihm nichts, dass er sich die Schwierigkeiten, ja die Thorheit eines solchen Beginnens, unablassig vor Augen stellte. Jemehr er sich schalt, um desto mehr entbrannte er in den gewaltigen Flammen, von denen sein ganzes Gemuth durchhitzt war, und es hatte wohl noch ein fruhes Ende mit seinem Leben genommen, wenn ihm nicht ein gunstiger Zufall, (so deren viele, sagt man, im Solde des Liebesgottes stehn sollen,) zu Hulfe gekommen ware. Auf einem grossen Jagen namlich, als er sich in den tiefsten Wald begeben hatte, um seinen schwermuthigen Gedanken nachzuhangen, begab es sich, dass er auf die Prinzessin traf, indem sie durch ihren scheuen Zelter weit von dem ganzen Hofgefolge auf ungebahnten Wegen fortgerissen ward. Er that dem wilden Thiere Einhalt, und nachdem er die schone Jungfrau herabgehoben hatte, wollte sie sich nicht wieder der einmal bestandnen Gefahr anvertrauen, sondern zog es vor, sich von dem jungen Helden zu Fuss nach dem Schlosse heimgeleiten zu lassen. In dem dunkelgrunen, sonnendurchblitzten Laubholz schlug dem Ritter das Herz immer hoher und hoher; er sing an zu bedenken, dass, wenn es doch einmal umgekommen sein musse, der Schrecken ein schnellres und leichteres Ende bescheere, als der Gram, und dass er lieber an der Grausamkeit seiner Dame, als an der eignen Zaghaftigkeit sterben wolle. Deshalben begann er erst mit stotternder, dann mit uberstromender Zunge und weinenden Augen, der Schonen sein Leid zu klagen. Sie gedachte ihn anfanglich zum Schweigen zu verweisen, aber weil der einsame Weg so gar lang wahrte, konnte sie letztlich das Heben und Senken ihrer zarten Brustlein, das Errothen ihrer Wangen, das Blitzen ihrer Augen sich und dem Ritter nicht langer verbergen. Sie gestand ihm, dass sie vor allen Mannern auf der ganzen Erde nur ihn allein mit herzlicher Treue meine, und hiermit zu ihrem Verlobten auserwahle. Als sich nun der Liebhaber recht versann, dass er nicht etwa dergleichen blos im Traum, oder sonst in phantastischen Gesichtern erblicke, sondern in der That die schone Konigstochter ihm ihre Liebe gewahre, dachte er vor Freuden zu sterben, wie noch wenige Stunden fruher vor Herzeleid. Kaum aber dass er sich ein wenig erholt hatte, so schlug er eine Menge Mittel vor, wie sie beide recht bald zu dem ehrlichen Ziel ihres Liebhabens in einer vergnugten Ehe gelangen mochten. Die kluge Jungfrau aber sagte: Lasst es uns wohl bedenken, mein herzlieber Herr Adelhof, (denn also war der Ritter bei seinem Taufnamen geheissen,) dass wir auf ein gar angstliches und gefahrliches Unternehmen ausgehn. Mein Vater, wie Euch nicht fremd sein kann, ist gar ein ernster und hochtrachtender Herr, eines recht furstlichen Heldengemuthes, der nimmermehr zugeben wird, dass seine Tochter einem Vasallen zu Theil werde, es sei denn, dass sich dieser durch unerhorte Thaten den regierenden Hauptern gleich zu stellen wisse. Nun aber habe ich das gute Vertrauen zu meinem Gott (wohl spurend, dass meine Liebe keusch und rein, und seines heiligen Schutzes werth sei), dass er Euch eine Gelegenheit geben wird, Euern schon erprobten Rittermuth zum Heil des Konigs und des lieben deutschen Landes auf eine solche Weise leuchten zu lassen, dass Euch meine Hand als ein billiger Ehrenpreis nicht versagt werden mag. Wollet deshalb damit zufrieden bleiben, susser Freund, dass meine unsterbliche Seele, nachst Gott, Euch allein angehort, und in Geduld stehen, bis sich eine gunstigere Zeit offenbart. Auch wollet nichts von heimlichen Zusammenkunften oder dergleichen Leichtfertigkeiten begehren, sintemal das Euerm eignen kunftigen Eheweib eine grosse Schmach sein wurde.

Unter dergleichen liebevollen, doch frommen, Gesprachen waren sie zu dem Schloss gekommen, wo der Konig eine grosse Freude uber die Rettung seiner Prinzessin Tochter bezeugte, ohne nur im geringsten zu ahnen, was sie im Walde mit dem Ritter Adelhof konne verabredet haben.

Von diesem Tage an lebten die beiden jungen Leute in aller zuchtigen Liebe und Ergotzlichkeit unterschiedliche Monden hintereinander sonder Storung fort. Wenn es auch bisweilen geschah, dass bei dem Ritter, wie es der Manner Art ist, ein ungeduldiges Feuer aufgehn wollte, so wussten doch alsbald die sittigfreundlichen Blicke der Jungfrau die ungestume Lohe dergestalt zu bezahmen, dass nur ein stiller, labender Schein daraus ubrig blieb, dessen niemand als sie selbst wahrnehmen mochte. Der Ritter ward mit jedem Tage frommer und linder gegen Menschen sowohl als jede andre Creaturen, und wenn er einen deutsamen Gruss von seiner Herzliebsten gewonnen hatte, schien es gar, als lachle der Himmel selbst aus allen Zugen seines Antlitzes.

Ein so recht paradiesisches Erquicken jedoch kann auf unsrer Erde nicht von langem Bestand sein. Es verbreitete sich nach kurzer Zeit das Gerucht, als habe der Konig seine Tochter an einen benachbarten Prinzen verlobt, welcher auch gleich darauf selbst an den Hof kam, offentlich in den Farben der schonen Jungfrau prangend, und uberhaupt weder seine Werbung noch die Begunstigung des Brautvaters im geringsten verhehlend. Wie da dem armen Ritter Adelhof zu Muth gewesen sei, kann leichtlich ein jeder selbst ermessen, sofern er nur einmal die ergotzlichen und doch auch oft so schmerzlichen Blumenketten der Minne getragen hat. Wenn dem Ritter auch kein Zweifel an die Bestandigkeit seiner tugendhaften Liebschaft in den Sinn kam, so wusste er doch auch recht gut, wie weit eines gekronten Konigs Arm reiche, und wie schwer es halten musse, durch einen so hartnackigen und vielfach unterstutzten Willen zu brechen. Doch trostete er sich damit, dass es auch kein Leichtes sei, getreuer Liebe einen Kampf abzugewinnen, und dass seine Gegner daher wenigstens eben so schwieriges Spiel vorfanden, als er. Entschlossen, das Allerausserste mit tausend Freuden zu wagen, trachtete er nur darnach, wie er seiner geliebten Prinzessin von diesen Gedanken Nachricht geben und gehorige Abrede treffen mochte.

Auf einem Turniere, das man dem fremden Brautmann zu Ehren angestellt hatte, gebrauchte sich der Ritter Adelhof so mannlich, dass man ihm vor allen Anwesenden den Preis zuerkennen musste, und zugleich die Ehre, am Abende den Reihen mit der Prinzessin zu beginnen. Das war es eben, was er so eifrig gesucht hatte, und wahrend nun die Musik recht kunstreich und gewaltig durch den Saal schmetterte, er aber mit zierlichgemessenen Schritten neben der Jungfrau hertanzte, nahm er Gelegenheit, ihr auf eine geschickte Weise zuzuflustern, wie er Willens sei, sie am folgenden Abend zu entfuhren, der Hoffnung, dass sich jenseit des Meeres Sicherheit und ein bessres Gluck antreffen lasse. Sie aber entgegnete voller Schrecken: Wie sollte ich ein so grosses Uebel thun, und als eine unverehelichte Magd heimlich mit Dir aus dem Hause meines Vaters wegziehn! Adelhof sagte mit herzlichem Bedauern: ich merke leider schon, wo das hinaus will. Die Pracht des Fremden hat Dein Gemuth befangen, und Du mochtest des armen Edelmanns nun gern entledigt sein. Nicht also, sprach die Jungfrau. Keinem andern Mann als Dir will ich jemals angehoren, aber auch ein reines, fleckenloses Weib bleiben, so weit es einem sundigen Menschenkinde moglich ist. Ach, bedenke Dich wohl, was du thust, sagte der Ritter. Du stossest ein getreues Herze von Dir, denn wenn Du nicht einwilligest, mit mir von hinnen zu ziehn, so erwahle ich mir selbst die Verbannung aus diesen Landen, allen glatten Worten unvertrauend, die so ubel mit der That zusammenstimmen. Was recht und ehrlich ist, soll geschehn, mehr aber nicht, sagte die Jungfrau, und damit hatte eben der Tanz ein Ende genommen. Sie mussten von einander gehn, ohne dass sie die Gelegenheit finden konnten, ihre Angelegenheiten des weitern zu besprechen. Der Ritter sah die Jungfrau wohl bisweilen flehend an, in Hoffnung, irgend eine gunstigere Entscheidung aus ihren Augen zu schopfen; aber ob sich diese gleich vielmals mit recht perlenglanzenden Thranen fullten, wiegte sich doch das schone Haupt dabei leise verneinend hin und her, daraus wohl abzunehmen stand, wie es bei dem einmal gefassten Entschluss bleibe.

Sich selbst und Alle scheltend, die jemals ihr Vertrauen auf das eitle Gemuth eines Weibes gesetzt, verliess der Ritter den Tanz, in Willens, mit dem fruhsten Morgen davon zu reiten, je weiter je lieber, von einer Gegend, wo es ihm mit seinen liebsten Wunschen so widerwartig gegangen war. Dessungeachtet kamen ihm mit dem hellen Morgenrorh andre Gedanken zuruck. Er meinte, wie doch immer Licht aus Nacht entspriesse, moge es auch wohl mit seinen Schicksalen ergehn, die Jungfrau habe sich vielleicht ihr furchtsames Verweigern schon langst gereuen lassen, und es komme nur auf einen kuhnen Versuch an, sie fur seinen Entwurf zu gewinnen. Dieses Vertrauens voll, richtete er Alles zur Reise ein, ohne sich dabei einer lebendigen Seele anzuvertrauen, erhandelte auch unter anderm Vorwand einen leichten Zelter mit bequemem Geschirr fur seine schone Genossin, und harrte ganz allein, die beiden Rosse am Zugel, unter ihren Fenstern, bis er an dem Lampenschimmer vermerken konnte, sie sei nun von dem Nachtmahle zuruck gekehret und allein in ihrem Gemach. Da begann er folgende Verse zu singen:

Nicht allzuhoch die Fensterwand,

Strickleiter in des Liebsten Hand;

Ein Wink aus Liebchens Fensterlein,

So stiegt die seidne Trepp' hinein,

Und will sie dran hernieder gleiten

So konnen, eh' der Morgen graut,

Von stiller Nacht allein beschaut,

Zum Meerstrand die Verliebten reiten.

Er sah wohl, dass sich die Schone dem Fenster zu nahern schien, und sang deshalb in froher Hoffnung fort:

Was ist der achten Minne gleich?

Nicht Furstenthum, nicht Konigreich.

Zwei Herzen fromm, zwei Herzen treu,

Sie ziehn sich an in susser Scheu,

Mit Mond und Stern im frohen Bunde

Wird ihnen Nacht zum heitern Tag,

Das Waldesgrun zum sichern Dach.

O Liebchen komm, gut ist die Stunde.

Die Jungfrau stand an dem Schieber, es war schon, als wolle sie das Fenster offnen; aber mit einemmale liess sie den Vorhang herunter rollen und floh zuruck. Der Ritter sang mit weinenden Augen:

O schwacher Sinn! O falsches Herz!

Du wahlst und giebst fur Freude Schmerz!

Warst doch allein all' meine Lust,

Trug nur Dein Bildniss in der Brust,

Und soll Dich nun so gar entbehren,

Trub scheiden, der so frohlich kam.

Ach Gott, erstark' nur meinen Gram,

So wird er fruher mich verzehren.

Es kam ihm vor, als sahe er durch die Vorhange, wie die Prinzessin mit vor den Augen gehaltnen Handen heftig weine, ja als vernahme er ihr leises Schluchzen; plotzlich aber loschte sie ihr Licht und es liess sich keine Regung in dem dunklen Zimmer mehr vernehmen. Da riss er in wildem Unmuth den Zugel von des Zelters Hals und jagte ihn von sich, wahrend er auf seinen Streithengst sprang und diesen mit wilden Sporenstossen in den Wald hinein trieb.

Eine lange Zeit hindurch zog er in fremden Landen umher, in solchen am liebsten, wo man gar nichts von der lieben deutschen Muttersprache verstand, auf dass er nur von aller Erinnerung an die Jungfrau befreit werden mochte. Ja, so oft sie ihm des Nachts in Traumen vorkam, pflegte er am folgenden Tage recht geflissentlich Festlichkeiten oder Gefechte aufzusuchen, um seine Betrubniss gleichsam in derlei ungestumen Meeren zu ertranken. So geschah es, dass er endlich am Hofe einer italischen Furstin bekannt ward, die von allen Hofleuten sowohl, als auch von den kunstreichsten Bildhauern und Malern fur die schonste Person auf der ganzen Welt gehalten ward. Der Ritter Adelhof meinte, wenn er deren Minne verdienen konne, sei er auf's beste an der Konigstochter geracht, und musse es ihr zum absonderlichen Kummer gereichen, ihren verstossnen Liebhaber so glanzend entschadigt zu wissen. In dieser Absicht strebte er nach allen Kraften, die Gunst der schonen Italienerin zu gewinnen; da er aber (wie sich leichtlich denken lasst) eine grosse Schaar von mannlichen und schonen Mitwerbern vorfand, konnte er sich nie vergewissern, wie er eigentlich bei der Dame stehe, ob er gleich taglich auf das freundlichste empfangen ward, ja sich sogar mancher sehr gunstigen Blicke und Worte zu ruhmen hatte.

Viele Ritter und Herren, denen es auf gleiche Weise erging, wurden endlich eins, die Schone um eine bestimmte Erklarung anzugehn, und wenn sie auch noch von keiner bestimmten Wahl horen wollte, sie doch wenigstens um die Aufgabe irgend einer That oder eines Geschenkes zu bitten, wodurch man des Gluckes ihrer Minne theilhaftig werden konne; des vergeblichen Harrens und Seufzens, wie aller fortdauernden Ungewissheit, sei man nun einmal durchaus uberdrussig. Man brachte ihr auch diese Willensmeinung vor, obgleich mit den allerzierlichsten und verbindlichsten Worten, welche sich nur erdenken lassen. Die Schone aber entgegnete den versammelten Werbern: Ihr Herren, meine Antwort wird kurz sein, wie Ihr Euch denn die Aufgabe leicht selbst hattet machen konnen, wenn irgend etwas Wahres an Eurer Bewundrung meiner Schonheit zu finden ware. Ist die Gestalt, in welche es dem Himmel beliebt hat, mich zu kleiden, so ganzlich makellos, als Ihr zu glauben vorgebt, wie ist es dann noch Keinem eingefallen, dass einer solchen auch ein makelloses Gewand gebuhre? Was ich aber bis jetzt von Seide, Stoff, Leinen, Flor und irgend andern Kleidungsstucken gesehn habe, trug bestandig irgend einen Mangel an sich. Auf dann, Ihr Werber, mir ein Gewebe sonder Fehl zu verschaffen, und wem es damit gelingt, der soll mich in eben diesem Kleide zur Trauung fuhren.

Die Ritter standen eine Zeitlang besturzt, vermeinend, man wurde ihnen eher ein kuhnes Wagstuck aufgegeben haben, als das Erkiesen eines tadelfreien Gewebes, worauf sich die Wenigsten von ihnen verstehn mochten. Demohngeachtet grubelten sie nicht allzulange; wollten sie die Braut haben, so mussten sie nach deren Willen tanzen, weshalb sie auch mit dem nachsten Tage nach allen vier Weltgegenden hinauszogen.

Der junge Deutsche Weigand Adelhof nahm seine Richtung noch weiter gegen Mittag, des Glaubens, wie die Lufte klarer, die Flusse heller, die Sonnenstralen lichter wurden, mussten auch die Werke aller Menschenkinder an Zierlichkeit und Zartheit zunehmen.

Ein heilsames Verirren brachte ihn jedoch bald darauf in dunkler Nacht zu der Hutte eines Klausners, der ihn gastlich aufnahm, und wahrend des massigen Mahles ungefragt durch ihn selbst (wie denn das der Jugend Art zu sein pflegt) von seiner Reise und ihrem Ziel umstandlich benachrichtigt ward.

Ei, rief der Siedler am Ende der Geschichte aus, Ihr kommt mir vor wie ein sehr thorichter Gesell. Nicht allein, dass Ihr Eurer Spinne selbsten die Gewebe zutragt, darin sie Euch desto besser fangen moge, sucht Ihr auch das noch auf ganz verkehrten Wegen! Seid Ihr ein geborner deutscher Edelmann und wisst noch nicht, dass in Eurem Land fast einzig und allein die rechte ernste Freudigkeit und Treue, vermoge deren man kunstreiche Arbeiten verfertiget, daheim sind? Halte dafur, Eure fremden Nebenbuhler wissen besser Bescheid, und haben gewiss sammtlich ihre Richtung nach der deutschen Granze genommen.

Herr Adelhof schamte sich sehr, dass er dieser Zurechtweisung bedurfte, und machte sich in aller Fruhe und Eilfertigkeit auf den Weg nach Deutschland.

In der That war er auch kaum einige Tage lang in dem guten Lande Tyrol, als er schon von einer wundersamen Frau horte, welche Gewande zu weben und zu sticken verstehe, dergleichen man in der ganzen weiten Welt nicht finde. Sie wohne, sagte man ihm ferner, bei einer alten Hirtenfrau im Gebirge, welche ihr vor etwa zwei Jahren aus Erbarmen, fast ungern, Obdach gestattet habe, nun aber sich durch die Arbeiten der Fremden in einen grossen Wohlstand versetzt befinde. Das meiste ihres reichlichen Gewinnstes wende jedoch die fromme Weberin auf Capellen und Kirchen, deren sie schon unterschiedliche in dem sonst wilden Thale mit aller Pracht und Zierlichkeit habe erbauen lassen. Sie selbst fuhre ein wahres Klosterleben, und erlaube nur ihrer alten Wirthin den Eintritt in ihre Zelle. Der Ritter, voller Ungeduld, das Ziel seines Suchens zu erreichen, kam noch selben Abends vor der Meierei der Hirtenfrau an, von welcher die Klause, darin die gottesfurchtige Fremde ihr einsames Wesen trieb, etwa funfhundert Schritt oder mehr entlegen sein mochte. Die alte Wirthin nahm ihn zwar anfanglich ganz willig auf, als er aber sein Begehren nur kund zu thun anfing, unterbrach sie ihn sogleich, versichernd, die Gedanken daran konne er sich auf alle Weise vergehn lassen. Es seien schon viele reiche und edle Herren in der namlichen Absicht hier gewesen; da habe die fromme Dame erklart: um kein Geld, noch Gut, noch Ehrenbezeigung, wolle sie die Hand fur die Befriedigung solch toller Eitelkeit anlegen, die sich ja in der That an Uebermuth den Einfallen vergleiche, womit ehemals Feien und andre bose Heidinnen die Welt geplagt hatten, wie man davon manche furchtbare Geschichte vernehme. Der Ritter Adelhof ward zwar uber diese Weigerung sehr besturzt, jedoch wollte er nicht minder als seine Nebenbuhler versucht haben, und drang daher in die Alte, sein Anbringen doch wenigstens der Dame vorzutragen. Man musse alles zu seinem Glucke aufs fleissigste anstellen, meinte er; niemand wisse, was grade ihm aufgehoben sei, und schlage es auch alsdann ganzlich fehl, so durfe man doch nicht auf sich selber schelten. Die Alte konnte ihm hierin nicht ganzlich Unrecht geben, und verfugte sich daher nach der Klause, wobei sie indess bestandig den Kopf als in vielem Zweifeln schuttelte. In der hochsten Verwundrung aber kam sie zuruck, so schnell es ihre wenigen Krafte erlaubten, die Hande zusammenschlagend, und ausrufend: Ihr thut wahrhaftig wohl, Eurer Fortuna zu vertrauen, denn Ihr seid ein unstreitiges Gluckskind. Zum erstenmale, seit ich die fromme Dame kenne, hat sie ihren Entschluss geandert. Sobald ich Euren Namen und Begehr vorgetragen hatte, entgegnete sie: sag' ihm, dass ich in diesem Augenblick an die Arbeit gehe, dass ein tadelfreies Gewebe binnen neun Tagen vollendet sein soll, und dass er so lange bei Dir herbergen mag, um es alsdann gleich mitzunehmen und seiner wunderschonen Braut zu uberbringen. Store mich aber in dieser Zeit mit keinem Worte. Ich bedarf eines frommen, gesammelten Gemuthes und vieles Betens, um eine solche Arbeit zu Ende zu fuhren.

Der Ritter wunderte sich selbst uber die unvermuthete Gewahrung seiner Wunsche; da ihn aber eine grosse Ungeduld nach Welschland zuruck trieb, dachte er nur daran, es ins Ungewisse stellend, woher ihm ein so grosses Gluck aufgegangen sei, und ergab sich wahrend der langen neun Tage fast in einem fort dem Zeitvertreib des Jagens, wie es denn einem so rustigen und vornehmen Herrn auch wohl geziemte. Eines Abends kam er ganz spat aus dem Forste zuruck, und, indem ihn sein Weg zufalliger Weise an der Klause vorbei fuhrte, horte er darin singen. Er stand neugierig still und vernahm folgende Worte:

O schwacher Sinn! O falsches Herz!

Du wahlst und giebst fur Freude Schmerz.

Warst doch allein all' meine Lust,

Drug nur Dein Bildniss in der Brust,

Und soll Dich nun so gar entbehren,

Trub scheiden, der so frohlich kam.

Ach Gott, erstark' nur meinen Gram,

So wird er fruher mich verzehren.

Er wusste nicht, ob er wache oder traume, denn ihm waren diese Verse, welche er am Abende seines Abschieds von der Konigstochter gesungen hatte, noch wohl im Sinn geblieben. Nach Endigung des Liedes horte er die Dame bitterlich weinen und sagen: o mein herzallerliebster Freund, wie grosses Unrecht hast Du mir mit solchen Klagen gethan, und wie viel besser passen sie nun fur mich. Damit ward sie wieder stille, und man vernahm nichts mehr, als den Gang des fleissig angeregten Webestuhls.

Es ward dem Ritter unheimlich zu Muth; er musste beinah glauben, dass die Konigstochter vielleicht gestorben sei, und ihm nun mit gespenstischem Treiben verfolge, denn wie sollte sie lebendig, von Vater und Brautigam weg, allein in dieses Gebirge gekommen sein, und wem hinwiederum war das Abschiedslied bekannt, als ihm und ihr? In solcher Zweifelhaftigkeit verging ihm die Nacht, und auch ein Theil des folgenden Tages, ohne dass er sich der Klause wieder naher gewagt hatte, als er aber im Forste einen Jager antraf, mit dem er schon vor einem Paar Tagen Bekanntschaft gemacht hatte, konnte er nicht umhin, ihn wegen der Konigstochter zu befragen, ob man nicht in deutschen Landen hore, wie lange sie schon mit dem Fursten verheirathet sei, und wie es ihr mit ihm ergehe?

Ei mein Gott, wisst Ihr das nicht? sagte der Jager. Da ist an keine Heirath zu denken, und wer weiss, ob das schone Fraulein nicht langst in Noth und Elend vergangen ist. Der Konig bestand wohl auf diesen Eidam, sie aber soll einen Andern im Herzen getragen haben, oder der Brautigam war ihr sonst zuwider. Da gebot ihr der Konig kraft seiner vaterlichen sowohl als herrschaftlichen Gewalt, sie solle sich des nachsten Sonntages in der Kirchen einstellen, geschmuckt, wie es einer furstlichen Braut gezieme. Sie kam auch dem Befehl mit allem Gehorsam nach, vom Priester aber befragt, entgegnete sie laut vor allem Volke, wie sie zwar wohl wisse, dass sich keine Magd ohne Vergunst ihres Vaters verehelichen durfe, dass sie aber auch ein so heiliges Sakrament, als die Ehe, nicht durch eine lieblose, aus weltlichen Rucksichten gegebne, Einwilligung, entweihen konne. Bitte derohalben um Erlaubniss, dieser Verbindung uberhoben zu sein, und sich erst dann einem Gemahl zu ergeben, wenn solcher, als ein vom Himmel beschiedner, dem Willen ihres Herrn Vaters und ihrem eignen Gemuthe gleich angenehm sei. Alle Leute verwunderten sich und erfreuten sich uber die sittsame Festigkeit, mit welcher sie diese Worte vorzubringen wusste. Der Brautigam aber ritt im Zorne davon, und der Konig zog seine Hand ganzlich von ihr ab. Sie konne heirathen wem sie wolle, erklarte er feierlichst, solle sich aber bei Todesstrafe nicht langer an seinen Hoflager sehn lassen. Nachdem sie mit demuthigen Thranen auf's unterwurfigste Abschied genommen, hat zum grossten Leidwesen der Unterthanen Niemand erfahren konnen, wohin sie gekommen sei, ob sie noch zu den Lebendigen, oder schon lange zu den Todten gehore.

Hiermit schloss der Jager seinen Bericht, und Adelhof, von einem heissen Reumuth durchdrungen, dachte nur daran, wie er seine verkannte und verlassne Geliebte, (denn als solche erkannte er nun die fromme Weberin wohl) nach Gebuhr an ihm selbst rachen wolle. Als daher die Alte nach Verlauf der neun Tage ihm das Gewand einhandigte, bat er, sie moge, da ihm die Dame doch so gnadig gewesen sei, ihr noch seine Bitte um mundliche Empfehlung und Danksagung vortragen. Die Alte berichtete zuruck, wie die schone Dame sehr betrubt gewesen sei, und nach einem schweren Seufzer gesagt habe: Herr Gott, auch das noch! aber er mag nur kommen.

Adelhof fand sie in tiefe Schleier gewickelt, in welchen sie ihm unerkannt zu bleiben meinte; er aber liess sich vor ihr auf ein Knie nieder, und wahrend er ihr seinen Dolch darreichte, sprach er: Wollet zu der mir erzeigten Huld auch noch die fugen, schone Konigstochter, einem thorichten, undankbaren, aber bereuenden Jungling mit Euern Handen den verdienten Tod zu geben, und ihm solchermassen zur Ruhe zu verhelfen. Ich habe schwer an Euch gesundigt, und wohl wissend, wie ich Eurer ganzlich unwerth bin, erbitte ich mir nur noch diese einzige Milderung meines Elends. Sie aber schlug die Schleier zuruck, und, ihn in all ihrer Schonheit und Frommigkeit anlachelnd, sagte sie: willkommen sei, mein susser Freund und Gemahl. Mein Vater hat mich der Schuldigkeit entbunden, die mich von Dir geschieden hielt. Hast Du mich nun noch lieb, so ist mein Leid in Freude verwandelt, und wir wollen als liebevolle Eheleute mit einander leben, das Eine jedoch bedungen, dass Du aller Klag' und Schmahung gegen meinen Herzgeliebten, den edlen Ritter Adelhof, entsagst. Hierauf breitete sie ihm ihre zarten Arme entgegen, und er, sie umfangend, sagte: O lieber, getreuer Gott, wen Du auf Erden froh, im Himmel selig haben willst, dem gieb zur Geleiterin eine fromme deutsche Frau.

Der welschen Furstin ward fortan unter den Beiden nicht mehr gedacht, und nach langem, freudvollen Ehestande hinterliessen sie ein zahlreiches und hochst ruhmwurdiges Geschlecht." Als Stein geendet hatte, legte er das Buch schweigend aus der Hand. Niemand redete. Manchem hatte die Erzahlung Langeweile gemacht, Andren riefen jene einfache Tone alter fester Zeit wehmuthige Vergleiche mit der zerfallnen, zerstuckelten, Gegenwart herauf. Luise allein lebte ganz in den vorubergefuhrten Begebenheiten. Diese stille Sicherheit, im schwersten Kampf zwischen Neigung und Pflicht, dies reine Wollen und Vollbringen, ja die ganze prunklose Tugend altdeutscher Sitte, der ungetrubte Spiegel einer jungfraulichen Seele, warf einen so klaren Schein zuruck, dass sie scheu in sich zuruckbebte. Ich will fliehen, dachte sie, weit weg von hier, zu dem Grabe meiner Mutter. Ach meine Mutter! sie schlug die schonen Augen gen Himmel, rufe mich zu dir, sagte sie leise, wo keine Sunde ist, und kein Verbrechen dein schwaches Kind irre leitet!

Wollen wir noch einen Gang im Freien machen? sagte die Baronin aufstehend. Die Luft wird Allen nach dem gestrigen Tanze wohlthun. Sie hatte nicht viel auf die Vorlesung geachtet, ihr lagen andre Dinge im Sinne, daher sie auch, sobald sie einige Schritte mit Luisen vorausgeruckt war, anhub: Wir verlassen Sie diesen Nachmittag, liebes Kind, es ist Zeit, glauben Sie mir, auch fur Emilien! Furchten Sie, fiel Luise ein, dass Fernando? hieruber bin ich eben so wenig als irgend jemand im Irrthum, erwiederte sie etwas heftig, allein, Emilie wird unsicher in sich selbst, und das konnte ihrem Gefuhl grade eine Richtung geben, die mir nicht willkommen ware. Wenn ich sie bis jetzt mit scheinbarer Sorglosigkeit sich selbst uberliess, so geschahe das auf die Ueberzeugung hin, dass ich sie in jedem Augenblick verstehe, und bei der Gewalt, die ich uber sie habe, einlenken kann wenn ich will. Emilie ist sehr unbefangen hingebend, aber auch eben so fugsam in die Nothwendigkeit aussrer Verhaltnisse. Sie schliesst sich an, und wendet sich ab, wenn es die Umstande gebieten, ohne sonderlichen Kummer zu empfinden. Mein Gott, unterbrach sie Luise, furchten Sie denn nicht, dass, bey diesem steten Herumschweifen, ihr eigentliches Gefuhl zu Grunde geht? Ihr eigentliches Gefuhl? erwiederte die Baronin; verwechseln Sie doch damit ein fluchtiges Wohlwollen nicht. Die jungen Leute halten gemeinhin Eins fur das Andre, und wenn man denn recht viel Aufhebens damit macht, so kunsteln sie sich eine Leidenschaft zusammen, die sie und Andre erschreckt. Ueber die grosse Ruhe, ja Nichtachtung, mit der ich jede Bewegung in Emiliens Herzen kommen und schwinden sah, ist es bei ihr niemals recht zur Sprache gelangt, und ich denke, sie soll die Tiefe und den Umfang ihres eigentlichen Gefuhles, wie Sie sagen, unter ernstren Beziehungen kennen lernen. Hier ist sie indess in einer misslichen Lage. Wenn Fernando ein kunstliches Feuerwerk vor ihr aufsteigen lasst, so ruft Stein mit seinen bilderreichen mystischen Worten Irrlichter aus der Tiefe, die sie vollends verwirren. Er hat gestern lange mit mir uber sie geredet. Ich habe eine herzliche Achtung vor ihm, allein fur Emilien passt er nicht. Seine Welt ist nicht die ihrige, und eben, dass sie sich fur einen Augenblick in jene konnte hinuberziehn lassen, machte unsre Abreise nothwendig. Von hier aus trennen wir uns alle. Stein geht mit Herrn Werner nach Berlin, Carl zu seinem Fursten, und der Maler bleibt bei Fernando zuruck. Luise sagte noch einige hofliche Worte, um sie langer zuruckzuhalten. Lassen wir das, erwiederte jene, unsre Gegenwart hat Ihnen nicht wohl gethan; allein besser, wir reden davon nicht weiter! ich hatte vielleicht uberall besser gethan, zu schweigen. Doch war es bei Ihnen ganz anders als bei Emilien. Die leidenschaftliche Heftigkeit Ihres Gemuthes war fruher durch den steten Kampf aufgeregt, zu dem Sie eine verfehlte Wahl verdammt. Bis dahin hatte es Luise noch nie gewagt, klar zu denken, dass sie besser hatte wahlen konnen. Wie eine schwere, druckende, Kette schlang sich plotzlich das Band, das sie an Julius fesselte, um ihr Herz. Tausend frevelhafte Wunsche flogen kreuzend an ihr voruber; das Unmogliche zeigte sich aus der Ferne erreichbar; es trat immer naher und naher auf sie zu. Verzeihen Sie, sagte die Baronin, wenn diese Worte Sie verletzen. Sie sind nicht glucklich, liebes Kind; aber eben darum mussen Sie auf sich achten und Ihr Gefuhl vor der Welt verbergen. Ein Wort, Luise, um Gotteswillen, ein Wort, flusterte Fernando, der sich an sie herangedrangt hatte, ich kann den Druck nicht langer ertragen, der bittre Schmerz liegt auf Ihren gesenkten Augen, auch Julius was ist vorgegangen? Gleich, lieber Fernando, erwiederte sie, in der todtlichsten Angst, dass die Baronin alles horen werde, so bald wir allein sind. Wann werden wir das sein, fragte er unmuthig, es umringt Sie ja immer die halbe Dienerschaft; wann denn, Luise; wann meinen Sie? Bald, bald; diesen Abend, sagte sie, sich schnell wieder zu ihrer aufmerksamen Gefahrtin wendend. Nun denn! rief er, bis dahin! Die Baronin hatte sich zu Emilien gekehrt, und Carl trat in ihre Stelle an Luisens Seite. Liebe Grafin, sagte er, ich habe Sie noch um Vergebung zu bitten, wegen des Larmens von heute Morgen. O ich weiss, unterbrach sie ihm, ich weiss alles. Sie wissen? fragte er, Sie? Nein, Sie wissen nicht, Sie sollen auch nicht wissen, bewahre Gott, das fehlte noch! Nein, setzte er hinzu, es war nur von dem kleinen Schreck die Rede. Ich hatte nicht auf die Kammerfrau gemerkt, die im Vorzimmer das Fruhstuck besorgte, sie hat denn auch mehr davon gemacht, als dran war. Julius kam sehr ungerufen dazu! Na, es ist vorbei, alles ist gut, Sie sind es doch auch? Gewiss, mein guter Carl, erwiederte Luise. Er hatte sie bei der Hand gefasst, und ging einige Schritte mit ihr voraus. Nun, und Julius, fuhr er fort, hat auch weiter keinen Unwillen gegen den Italiener? Gegen Fernando? fragte Luise, die es wie eine Ahndung anflog, dass Werner etwas in Beziehung auf ihn und sie konne gesagt haben. Um's Himmelswillen, ist er denn auch in dem Streit vermischt? Nun, so halb, erwiederte Carl. Ich bitte Sie, sagte Luise dringend, was ist vorgefallen? Nichts, nichts, antwortete er, was Sie jetzt noch angstigen darf. O ich weiss es dennoch! rief sie ganz trostlos. Fernando Herr Werner hat von mir und ihm sie barg das Gesicht in den Tuch und weinte. Wenn Sie es denn doch wissen, sagte Carl, so will ich es weiter nicht leugnen; ja, er sagte so etwas, mit dem kalten, spitzen Ton, was ich nicht ganz verstand, was doch aber so zweideutig klang, und wie ich es nicht leiden mag, dass man uber Sie redet. Ich bat mir eine Erklarung aus. Da lachte er hohnisch, und meinte, die lage in der Natur der Sache, wie er sich denn immer so gelehrt ausdruckt. Ich versicherte ihn aber, ich verstande ihn noch nicht. Mein Himmel, sagte er, was ist denn Dunkles darin, dass ein hubscher, junger Mann sein Gluck bei einer hubschen Frau versucht? Nun verstand ich ihn freilich, aber es kochte auch alles in mir, ich hatte ihn mogen zum Fenster 'raus werfen. Er blieb aber fest und keck bei seinem Satz, und, wie nachher Julius herzukam und sich nach der Ursach unsers Streites erkundigte, wiederholte er auf eine recht geschickte Manier beinahe dasselbe, so dass er eigentlich nichts widerrief und man ihm auch nichts anhaben konnte; dabei sah er unverandert so ruhig und blass aus, wie immer, indess ich uber und uber gluhete. Wir gingen darauf ruhig auseinander, aber Julius kriegte doch einen Stich weg, das merkte ich ihm an. Er zuckte ein paarmal mit der Oberlippe, konnte aber kein Wort hervorbringen.

Armer, armer Julius, dachte sie, als sie eben wieder das finstre Schloss betraten, und ihr eignes Leid und das seine ihr doppelt schwer auf's Herz fielen. Sie wollte fort, nach dem Landhause ihrer Mutter; von dort aus wollte sie Fernando schreiben und ihn dringend bitten, diese Gegend zu verlassen. Ihr odes, freudloses Leben, hoffte sie, solle so nicht lange wahren. Sie machte im Geheim alle Anstalten zu ihrer Reise, und als ihre Gaste sie nun endlich gegen Abend verliessen, suchte sie Julius auf, und sagte ihm so ruhig als sie konnte, dass sie schon langst den Wunsch gehegt habe, das Grab ihrer Mutter zu besuchen, und daher gesonnen sei, auf ein paar Tage nach ihrem kleinen Dorfchen zuruckzukehren. Julius druckte ihr geruhrt die Hand und sagte: geh' nur, meine Luise, wohin Dein guter Geist Dich ruft. Der Maler und Fernando kamen darauf, sie zu einem Spatziergang abzuholen, und alle Viere bestiegen die nahen Berge. Luise, sagte Fernando, als sich Julius, eben mit dem jungen Kunstler in einem Gesprach verwickelt, abwarts wandte, ich erinnre Sie an Ihr Versprechen. Hoffen Sie nicht, mir zu entgehn. Bei allem was heilig ist, ich muss Sie sprechen. Sie zogern Bei dem ew'gen Gott, Sie wissen nicht was Sie thun! Ich zerreisse alle Bande, ich ehre kein Gesetz, nichts mehr. Auf diesen Armen trage ich Sie weit, weit weg von hier, wo keine Pflicht Sie bindet, wo Sie nichts hindert, mein zu sein jetzt Luise jetzt in diesem Augenblick! Er trat mit einer Heftigkeit auf sie zu, dass sie zusammenfuhr und ihre Hande flehend gegen ihn aufhob. Um Gotteswillen, eine Entscheidung! ich ertrag' es nicht langer! Der Traum von Freundschaft ist hin, ich fuhle nichts als die gluhendste, zerstorendste Leidenschaft; ich muss Sie sprechen, heute noch gewiss, Luise, heute noch oder wir sehen uns nie wieder, oder dieser Augenblick ist der letzte meines Lebens. Er trat dicht an den Abhang des Felsens; den Kopf weit vorgebeugt, sah er schwindelnd in den Abgrund. Ich will, ich will Sie ja sprechen! rief Luise. O, mein Gott, wann! fragte er mit einem wilden Blick. Ich weiss es nicht, sagte sie zitternd. Ach Gott! wie soll ich in der Todesangst Nun denn, hub er milder an, diesen Abend, wenn alles schlaft, dann erwarte ich Sie da druben in dem stillen Buchengange vor dem Kloster. Luise schauderte zusammen. Fernando hatte sich schnell zu dem ruckkehrenden Julius gesellt. Sie hatte nicht die Kraft, den Fuss von der Stelle zu bewegen. Wie gebannt stand sie an die Felswand gelehnt. Luise! rief Julius, Du wirst Dich in der feuchten Abendluft erkalten. Sie schwankte unsicher an seiner Seite zum Schlosse zuruck.

Als nun in der Nacht die Uhr, welche die Todesstunde ihrer Mutter anzeigte, Eins schlug, hullte sie sich in einen Shawl und ging, die Holle in der Brust, dumpf und zagend zur Gartenthur hinaus. Sie warf einen scheuen Blick auf Julius Fenster. Das Licht brannte hell dahinter. O Gott, dachte sie, wenn er ahndete Sie lief, ohne sich umzusehen, mit klopfender Brust, bis sie plotzlich vor dem Monch zuruckprallte, der ihr wie ein Geist aus dem Gebusch entgegentrat. So spat, sagte er verwundert, in dem kalten Nebel! Ich muss, guter Vater, erwiederte sie, ohne zu wissen was sie sagte; ich muss, ich kann nicht schlafen Armes Kind! rief er ihr wehmuthig nach. Armes Kind, wiederholte sie; ja wohl, armes, armes Kind! Sie weinte heftig, als ihr plotzlich der Anblick des nahen Klosters ein unbeschreibliches Grausen einflosste. Hier! rief sie, ohne zu wissen was sie mit diesem Hier ausdruckte. Fernando trat ihr entgegen. Sie sank schweigend an seine Brust. Tausche Dich nicht, meine Luise, sagte er sanft, Dir ist dieser Augenblick so erwunscht als mir; du hast ihn durch schwere, unnutze, Kampfe erkauft. Die kleine Unruhe wird sich legen. Es war Luisen, als zupfe sie etwas am Kleide. Sie sah sich um; der Hund ihrer Mutter sprang spielend um sie her. Wie vor einem menschlichen Auge schreckte sie bei dem Anblick des kleinen Thieres zusammen. Ihr war, als musse er Zeugniss der dunklen, verbotnen That ablegen. Ach Fernando! rief sie angstvoll, verbirg mich vor mir selber. Ja, Ungluckliche! rief eine bekannte Stimme, verbirg Dich in die innerste Tiefe Deiner Seele. Luise erkannte, laut schreiend, Julius. Wie das rachende Schicksal trat er vor Beide. Alle zuruckgedrangte Gluth seiner entzundeten Brust flammte lodernd auf. Er griff Fernando heftig beim Arm. Verflucht! rief er, verflucht sei die Stunde, wo Dich Deine Mutter gebahr, unwurdiger Freund! Losche Dein Verbrechen mit Deinem oder meinem Blute. Er warf ihm ein Pistol hin. Fernando hob es still auf. Sie stellten sich gegenuber. Luise sank sprachlos zu Boden, indem sie ihre Arme flehend gegen Beide aufhob. Um aller Heiligen Willen! rief der Monch herzusturzend, haltet ein, ihr seid Bruder, Fernando ist mein, ist Violas Sohn; ich bin Eduard von Mansfeld! Der Knall beider zugleich abgedruckten Pistolen fuhr schneidend durch die Luft, ehe er noch endete; Fernando fiel blutend in seine Arme.

Zweites Bandchen

Erstes Buch

Nach langem Todesschlaf blickte Luise zuerst, wie durch einen Zauberspiegel, in die Umgebungen ihrer Kinderwelt. Hell, wie der Morgen des Lebens, stralten ihr die blassrothen Wande ihres kleinen Zimmers in der mutterlichen Wohnung entgegen. Alles stand und lag hier wie ehemals. Die reiche Sammlung bunter Schmetterlinge, die Julius mit unsaglicher Liebe in der Schweiz und Italien fur sie sammelte und in Rahmen von seltnen Holzarten einfassen liess, hing wie sonst an den Pfeilern umher. Vom Kamin glanzten noch all die bunten Steinchen, Kristallspitzen und die tausend Spielereien, die er ihr ebenfalls von den Alpen und seinen andren Reisen mitbrachte. Ach! und die vielen Schildereien, unter denen sein Bild und das ihre so still aus jenen Tagen herubersahen, dass Luise unbewusst lachelte und durch die schneeweissen Gardinen des jungfraulichen Bettes wie in leichten, wogenden Morgenduft hineinsah.

Ihr Innres war zusammengesturzt. Die Vergangenheit lag in dunkler Tiefe verschuttet, keine Spur fuhrte dahin zuruck, der gewaltige Schlag lag betaubend auf allen ihren Sinnen. Da traf ein leises Wimmern ihr Ohr. Sie richtete sich schnell in die Hohe, und sah Marianen, wie an jenem Tage, als der erste Schmerz ihr nahete, unter stillem Weinen an ihrem Bette stehn. Luise sah sie starr an, dunkle Gestalten schwebten an ihr voruber, sie wollte sie festhalten, behielt aber nichts als das Bild des Todes. Schaudernd sank sie in die Kissen zuruck. Allein das tiefe Schweigen ihrer Brust war nun gebrochen, die erstorbne Welt regte sich darin, und zahllose Erinnrungen fuhren wie Geister aus ihren Grabern herauf. Von allen Seiten fasste es sie mit unnennbarer Angst, so dass sie laut aufschrie und die Arme fest auf der Brust zusammenschlang, als wolle sie das beginnende Leben darin ersticken.

Ihr banger Ruf hatte mehrere der Umstehenden herbeigelockt. Unter ihnen trat der alte Geistliche zunachst zu ihr hin, und fragte sie leutselig: ob sie irgend einen Schmerz empfinde. Aber Luise antwortete nicht, sondern ergriff mit Heftigkeit seine Hand, die sie vor wenig Monaten an Julius Seite einsegnete. Zufallig heftete sie den Blick auf die verschlungnen Hande. Der Trauring glanzte hell an ihrem Finger, und mahnte sie, wie das leuchtende Antlitz des Greises, an den gebrochnen Eid. O mein Gott! o mein Gott! stammelte sie wiederholt, und verhullte unter lautem Schluchzen ihr Gesicht in die Decke. Der fromme Alte sah sie verwundert an. Ihm war wenig von der Veranlassung ihres Kummers bekannt, und ware er auch davon unterrichtet gewesen, er wurde schwerlich Luisen verstanden haben, da er durch ein langes, gedrangtes Leben jeder Widerwartigkeit nur mit stillem Sinn zu begegnen wusste. Wenn Sie sich etwas sammeln konnten, hub er nach einer Weile an, ein Brief des Herrn Grafen wartet schon so lange auf Sie, vielleicht wurde Sie dieser beruhigen. Luise sah auf, ihre Thranen stockten, ihr war, als brache das Strafgericht uber sie ein. Zitternd, ohne Muth, das unvermeidlich scheinende abzuwenden, sass sie aufgerichtet im Bette. Der Prediger hielt diese beredte Zeichen fur eine stille Einwilligung. Den Brief vor sie hinlegend, stand er auf, und eilte, durch ein Amtsgeschaft berufen, sich fur den Augenblick zu entfernen. Luise erbrach das Siegel, ohne recht zu wissen was sie that, und las Folgendes:

"Lass Dich nicht von dem Anblick dieser Zeilen erschrecken, liebe Luise. Es steht alles besser als Du denkst. Fernando lebt, und wird im Kloster bei den frommen Brudern bald genesen. Ich bin ja nun auch nicht so unglucklich, als ich hatte werden konnen; und doch liegt es so schwer, so entsetzlich schwer auf meiner Seele, ich weiss auch nicht, wie das jemals anders werden soll! Ueberhaupt kann ich nicht mehr an den nachsten Augenblick denken. Es ist alles so losgerissen, so dunkel; ich weiss mich in nichts zu finden. Du eiltest auch so schnell vom Falkenstein! Ach Du hattest wohl Recht! Was solltest Du auch bei mir! Ich war Dir nichts, konnte Dir nie etwas sein! Ich habe das immer mit unsaglichem Schmerz gefuhlt; aber es musste so kommen, damit ich es Dir wie mir gestand. Nun ist alles aus; der lange, schone Traum meines Gluckes ist aus! Ach und ich habe Dich doch so sehr, so sehr geliebt. Sieh, ich konnte denken Du seist meine Schwester, und mit Dir reden wie ehemals. Aber dann fallt mir's mit Todesangst ein, dass du das nicht bist, dass es sonst anders war, und ich frage mich und Gott und die Natur, was Du mir bist. Sage mir, Luise, was bist Du mir denn? Ich konnte uber die Frage den Verstand verlieren! Zuweilen ist's auch, als verwirrten sich mir alle Begriffe. Ich fodre Dich dann mit bittrem Trotz vom Schicksal, als mein heiligstes Eigenthum; ich will hin zu Dir, ich will Dich fragen, ob Du ein theuer gelobtes Wort brechen, ob Du alle gottliche Ordnung verhohnen darfst? Ach ich vergesse, dass mein Gluck wie mein Recht nur in dem kunstreichen Gewebe zweier geschaftigen Frauen erwuchs, dass mein Sinn zufallig in die Dichtung verstrickt ward, wahrend der Deine sie weit uberflog, dass nichts von dem allen wirklich bestand, als meine Liebe, meine qualvolle Liebe, die nun, da die bunten Faden zerschnitten sind, in meiner Brust ihr Grab findet. Ach Luise, Luise, wie elend sind wir! Ja, Du bist es auch; ich fuhle es wohl, wie Reue und Sehnsucht zerstorend um Dich kampfen, wie alles in der Zukunft Dich anzieht und abstosst, wie Du zwischen mir und Fernando, zwischen dem alten, befreundeten Jugendgespielen, dem Liebling Deiner Mutter, und dem heissersehnten, durch Blut und Sunde erkauften, Geliebten dastehst, und bei keinem, keinem die Ruhe Deines Herzens wiederfindest. Armes Kind! warst Du hier, Dir ware doch wohl besser! Denn ich sieh, ich wurde Dich in meine Arme nehmen und mit Dir weinen; wir standen dann Beide an den Trummern unsers Gluckes! Aber nein, nein, bleib, o bleibe! Ich kann Dich nun nicht wiedersehn. Ich musste Dich ja fragen, was Du mir bist? und das weissst Du nicht, und ich nicht, und kein Gott kann mir's sagen.

Mir war leichter, als ich anfing mit Dir zu zu reden. Nun zieht sich wieder alles dicht um mich her; ich kann kaum athmen! Lebe wohl! ach lebe tausendmal wohl, Du schone Fruhlingsblume meines Lebens, Du hast Dir wie mir gelogen, der Sommer bleibt wohl ewig fern! Warst Du todt, ich konnte sagen, was vergangen, ist dennoch gewesen; aber so ist nichts vergangen und nichts gewesen, und das susseste Gluck meines Lebens, ja mein ganzes Dasein, ist nur ein neckendes Traumgesicht. Noch schwebe ich oft am goldnen Saum des Traumes zwischen Wachen und Schlafen; wenn nun aber der volle bleibende Tag hereinbricht, dann muss ich vergehn wie alle Truggestalten der Nacht. O es ist erschrecklich, Luise, wenn uns die Vergangenheit so zur Luge wird und wir hinter uns in das ode Nichts sehn!

Ich sollte Dir das alles wohl nicht sagen, aber Du fuhlst es, um der Wahrheit willen, die in Deiner Seele ist und die nichts daraus verdrangen kann. Auch bestand ja von je mein lebendigstes Denken aus innren an Dich gerichteten Worten. Gonne mir noch eine Zeitlang die liebe Gewohnheit, sie ist mir zur Natur geworden.

Vielleicht freuet es Dich, wenn ich Dir sage, dass der Monch seine Liebe und Sorgfalt zwischen mir und dem wiedergefundnen Sohne theilt. Du weissst ja wohl? oder weissst Du nicht? Er meint ja, Du habest die letzten Worte gehort, und seiest erst, nachdem Fernando fiel, verschwunden. Ja wohl, verschwunden! Vergebens strecke ich meine Arme nach Dir aus; das Luftbild ist zerronnen, meine Luise bleibt ewig fern.

Man sagt, Du seiest krank. Ich kann das wohl begreifen; und doch erschrickt's mich nicht wie sonst. Der Tod scheint mir so wunschenswerth, so losend und beruhigend. Ganz anders fuhl' ich die Schmerzen Deiner Seele."

Luise ward fur den Augenblick ruhiger. Fernando lebte, Julius redete zu ihr, keines seiner Worte verdammte sie, ihr Vergehn erschien ihr weniger gross, seit der Ausgang der letzten Begebenheiten milder war als sie furchtete.

Nach und nach ward es heller in ihrer Seele. Sie konnte das Einzelne festhalten, ansehn und erkennen. Nur war ihr die Zeit zwischen jenem blutigen Ereigniss im Walde und ihrem jetzigen Erwachen ganz entfallen. Sie sann lange darauf, wie sie hieher gekommen sei, konnte aber nichts als einzelne voruberfliegende Erinnrungen auffinden.

Mariane sass indess unermudet zu ihren Fussen und schien bereit, das lange Schweigen auf den ersten Wink zu brechen. Daher schopfte sie tief Athem, als Luise sie nach den nahern Umstanden ihrer Reise befragte, und erwiederte, nachdem sie die letzten Ereignisse noch einmal uberflog: Lieber Himmel, gnadge Grafin, das ging alles so wunderlich zu, dass ich's noch heute am Tage nicht zu erklaren weiss. Es war fast Mitternacht, als ich Sie vorigen Mittewochs ausgekleidet hatte, und mich ebenfalls anschickte, schlafen zu gehen, da trat Georg noch zu mir in die Stube, setzte sich still in einen Winkel und sagte lange kein Wort. Ich wusste nicht, was das zu bedeuten hatte, und sahe ihn verwundert an. Jungfer, sagte er endlich halblaut, es geht hier was vor, es ist seit einiger Zeit ein gewaltiges Gepolter in den langen Gangen. Gestern fiel's in der Rustkammer, dass der Boden drohnte. Ich sagte es heute Morgen dem Herrn Grafen. Wir gingen hinein, und fanden das breite Schwerdt mit dem Siegelring am Knopf, von dem ich Ihnen oft erzahlte, halb aus der Scheide heraus, am Boden liegen. Der Herr Graf nahm's auf, besah's und hing's still wieder an, aber der Nagel war in der Mauer los geworden und fiel heraus. Da hat's der Herr Graf mit auf sein Zimmer genommen. Jungfer, das ist ein Ungluckszeichen. Der Todesengel wird kommen und sich's abfordern. Sagen Sie, dass ich's gesagt habe. Heute ist's nun schon dreimal um das Schloss geritten, und so oft ich hinaus sah, war nichts da. Gott bewahre uns! rief ich, was sind das fur wunderliche Grillen! aber ich zitterte, wie ich das sagte, und konnte den alten Georg nicht ansehn, der mir in der Angst ganz fremd vorkam. Da rief er mit einemmale: Herr Jesus, was war das! Ich hatte nichts gehort und nichts gesehn; aber ich erschrak so, dass ich mir mit beiden Handen die Augen zuhielt und nicht eher wieder aufsah, als bis der Jager fluchend hereintrat und den fremden Herrn verwunschte, der nichts als Teufeleien im Schlosse anfange, wodurch ehrliches Gesinde geschoren werde. Er solle, sagte er, noch spat in der Nacht mit einem Handpferde nach Harzgerode reiten und dort Order erwarten. Der Herr Graf sei auch noch ausgegangen, das alles gelte sicher so ein italienisches Stuckchen, eine Streiferei im Geburge, die der Fremde angezettelt habe. Georg sass wahrend dem immer noch mit gefalteten Handen, sein kleines schwarzes Mutzchen weit uber die Augen gezogen, ohne ein Wort zu sagen. Ja, ja, der Fremde! rief er jetzt, schob sich die Mutze aus den Augen und wankte zur Thur. Der Jager folgte ihm. Ich war nun ganz allein, und so angst und bange, dass ich mich aufs Bett warf und die Decke dicht uber den Kopf zog. Zuletzt mochte ich wohl eingeschlafen sein, als ich's leise um mich herum gehen horte. Der Athem stockte mir, ich zitterte am ganzen Leibe, und konnte nicht einmal beten, so schnurte mir's die Brust zusammen. Da horte ich meinen Nahmen; es zog erst sacht, dann starker an meiner Decke, eine Hand fuhr mir uber die Augen, so dass ich sie halb offnen musste; da standen Sie, gnadige Grafin, nein niemals werde ich's vergessen, Sie standen in den langen, dunkelrothen Shawl gewickelt, blass wie der Tod neben mir, und sagten mit zitternder Stimme: steh auf, Mariane, lass anspannen, wir mussen fort, geschwind, geschwind. Ich weiss nicht, wie ich auf die Beine und zur Thur hinaus kam. Im Flur stiess ich auf Georg. Ich wiederholte ihm Ihren Befehl. Schon gut, sagte er, ohne weiter zu fragen, als wisse er alles. Ich konnte mich lange nicht finden, endlich erinnerte ich mich, dass Sie schon am Vorabend Anstalten zur Reise machten, dass ich eingepackt hatte und noch mancherlei besorgen musse. Als ich nach einer Weile zu Ihnen zuruckkehrte, standen Sie noch, wie zuvor, an mein Bett gelehnt, ohne sich um etwas zu bekummern oder weiter zu befehlen. Endlich fuhr der Wagen vor. Auf sein erstes Gerausch gingen Sie zur Thur. Georg offnete sie und sagte: es ist nun so weit. Im Hofe fanden wir das Gesinde versammelt. Der Jager hielt zu Pferde mitten unter ihnen. Im Walde, horten wir, sei ein Schuss gefallen, einer sei verwundet, der Herr Graf sei auch dabei; mehr konnten wir in der Eil nicht erfahren, denn Sie, gnadige Grafin, riefen wiederholt: fort, um Gotteswillen fort! Ich und die Andern glaubten Anfangs, Sie wollten nach dem Walde fahren, der Kutscher lenkte auch dahin; aber als wir bei dem Wasserfall vorbei kamen, sagten Sie aufs neue: Mariane, mach' dass wir nach Quedlinburg kommen, aber bald, recht bald! Wir nahmen den Weg dahin. Sie legten darauf den Kopf auf meine Schulter und schienen einzuschlafen. Da ward mir nun vollends erst recht beklommen. Sie lagen so kalt und unbeweglich in meinen Armen, dazu ward die Nacht immer finstrer, ich konnte nicht vor, nicht neben mir sehen, und wenn wir denn so hart an den Baumen hinfuhren und die langen, durren Zweige oft raschelnd an die Wagenfenster schlugen, dann fuhr ich zusammen und wusste vor Angst nicht meines Bleibens. So lange wir im Geburge reisten, kam mir's immer so vor, als ritte jemand neben dem Wagen, ich konnte aber nichts erkennen. Gegen Morgen zu horte ich auch einmal ein Pferd dicht neben mir schnauben, dabei pfiff es wie ein kalter Wind durch den Wagen. Mir schauderte, wenn ich an alles zuruckdachte. Als wir endlich in die Stadt kamen, redeten Sie ein paar Worte. Wir mussten Pferde wechseln, und Sie verlangten ausdrucklich, hierher gebracht zu werden. Nach einigen Stunden wurden Sie aber ganz still. Ihre Augen schlossen sich, die Brust flog wie im heftigsten Krampfe. So kamen wir hier an. Ich konnte vor Angst und Thranen kaum sprechen. Wir brachten Sie gleich in das nachste Zimmer und schickten eilends zum Doktor, der auch diese Tage immer hier blieb, wahrend Sie im starksten Fieber und dem angstlichsten Schlaf dalagen und von nichts wussten, was um Sie vorging. In vorletzter Nacht ward der Doktor abgerufen. Er sagte, er musse fort, versprach aber, heute vor Abend hier zu sein. Ich bin, so lange er fort ist, ganz trostlos gewesen. Ich glaubte gewiss, Sie mussten nun sterben. Ach Gott! was ware dann aus mir geworden. Sie beugte sich bei diesen Worten uber Luisens Hand, die sie unter stillen Thranen kusste.

Mariane hatte kaum geendet, als ein Wagen in den Hof fuhr, aus welchem Carl und der Doktor stiegen. Luise erfuhr nicht so bald, wer angekommen sei, als sie eine tiefe Beschamung fuhlte, Jemand wiederzusehn, mit dem sie die letzten Tage auf dem Falkenstein verlebte. Sie war noch unschlussig, ob sie nicht Carls Besuch abweisen sollte, als dieser schon hereintrat. Gottlob! rief er, Sie eben. Aber lieber Himmel, wie sehn Sie aus! Er blieb eine Weile schweigend vor ihr stehen. Ich mochte mir eine Kugel durch den Kopf jagen, fuhr er fort, wenn ich denke, dass ich an allem dem Schuld bin! Und doch ist's so; mein verfluchter Streit mit dem Werner hat Sie erst recht in's Elend gesturzt. Und dazu verliessen wir Sie wie feige Buben. Sie hatten nun die Qual im Herzen und Angst und Gefahr von allen Seiten, da mussten Sie sich wohl an den Gott sei bei uns selber wenden. Denn dass Sie unschuldig sind, darauf verwette ich meine Seligkeit! Lieber Carl, sagte Luise sehr erschuttert, lassen Sie das Vergangene ruhen. Es lasst mich aber nicht ruhen, fiel er heftig ein. Ich kann an nichts anders denken, und Sie, wenn Sie aufrichtig sein wollen, haben zuverlassig auch keinen andren Gedanken. Zu was sollen wir einander hintergehn und hin und her sprechen, wahrend uns ganz andre Dinge im Sinne liegen. Ich kann mir wohl vorstellen, wie Sie sich innerlich abqualen und doch gegen alle, die um Sie sind, nichts aussern durfen. Gewiss, Ihre Lage ist recht trostlos!

Der Doktor naherte sich jetzt, nachdem er draussen uberall weitlauftige Erkundigungen eingezogen hatte. Nun es geht ja gut, sagte er, Luisens Hand ergreifend. Sein Blick ruhete dabei mit seltsam zuruckgedrangter Neugier bald auf Carl, bald auf Luisen. Sie mussen nur Ihr Gemuth beruhigen, fuhr er fort, denn was sich da verletzt und zerstort, kann ich nicht ausheilen, und das hat einen ganz erstaunlichen Einfluss auf den Korper. Das ist wohl leicht gesagt, unterbrach ihn Carl, aber beruhige einer mal, wenn es so recht wurmt und sticht. Der Doktor zuckte die Achseln. Der Wille thut viel, sagte er, indem er den Mund etwas nach der Seite und die Augenbraunen zusammen zog, was er gewohnlich that, wenn er geruhrt war, und dennoch die aussre, mit seinen Geschaften verbundene, Ruhe behaupten wollte. Der Wille wiederholte Carl, den hat erst alles recht zum Besten, Menschen, Umstande und so mancherlei in uns, was ich nicht nennen kann, was aber recht wie der Teufel hinterm Busche 'rausguckt und einen anpackt, dass man nicht wieder los kann. Das, dachte ich, hatten wir erst gestern gesehn. So ein gescheuter Mann, so fest und ruhig, und nun hin, dass es ein Erbarmen ist. Der Doktor winkte hier Carl bedeutend. Ja so! sagte dieser, und trat einige Schritte zuruck. Der Doktor redete hierauf noch einiges mit Luisen und setzte sich dann, eine Zeitschrift aus der Tasche ziehend, in ein Nebenzimmer, um zu lesen.

Carl, sagte Luise, der jener Wink nicht entgangen war, ist es Julius, den Sie eben jetzt meinten? Ich bitte Sie um Gotteswillen, sagen Sie mir die Wahrheit, ist er krank? gefahrlich krank? Weiss der Himmel! rief jener nach kurzem Besinnen, wie mir's bei Ihnen mit meinen Geheimnissen geht! Wenn ich einmal unversehens anschlage, so kommen Sie gewiss gleich auf die rechte Spur und erfahren allemal was Sie nicht wissen sollen, denn ableugnen kann ich nicht, und auf solche Kunststuckchen, Sie auf falsche Fahrte zu lokken, verstehe ich mich gar nicht. Also ist es so! rief Luise ganz ausser sich. O Gott, auch das noch! Beunruhigen Sie sich nicht vor der Zeit, sagte Carl, das Schlimmste ist noch nicht da, ist vielleicht noch sehr entfernt; aber wahr ist's, Julius leidet viel. Ich traf gestern den Doktor auf dem Falkenstein, wohin ihn Georg in der Herzensangst rufen liess. Julius hat ein paarmal heftige Fieberanfalle gehabt und sieht sich kaum noch ahnlich. Ich erschrak, als ich zu ihm hineintrat. Er sass da, bleich und abgefallen, wie ein Schatten. Guter Carl, sagte er, als ich ihm die Hand gab, Du hast es immer ehrlich mit mir gemeint, in unsern Kinderspielen wie im Leben selbst; ich danke Dir. Mir gingen diese Worte durch die Seele. Sie klangen wie ein Abschiedsgruss. Ich betrachtete ihn schweigend. So kurze Zeit, und diese Verandrung. Ich kam mir selber steinalt vor. Meine ganze Jugend sah ich mit ihm zu Grabe gehn. Du weissst doch, fuhr er fort, und die Welt weiss es wohl auch schon, was ich gefunden und verloren habe. Wollte Gott, rief ich, Du hattest nichts gefunden, so hattest Du auch nichts verloren! Das mag ich nicht denken, sagte er, immer gleich sanft und ergeben, Gott wollte sicher alles ganz anders, aber ein jeder von uns bat, wie es so oft im Leben geschieht, den eignen Wunschen gefolgt, und nun kreuzt sich's so bunt durcheinander. Du gutes, treues Herz! rief ich unaussprechlich geruhrt, was hast Du denn dabei verschuldet? So manche Ahndung, sagte er ernst, flog warnend an mir voruber, ich habe sie uberhort, und selbst das Netz geschurzt, worin ich nun gefangen liege. Ich fragte ihn, wie er das meine; allein er schuttelte schweigend den Kopf, und sah vor sich hin, ohne weiter auf mich zu merken. Mir schossen die Thranen in die Augen, so oft ich ihn ansah. Deshalb ging ich hinunter in den Garten. Aber da war es nun vollends erst recht traurig. Das Laub ist in den wenigen Tagen ganz gelb geworden, vieles liegt vertrocknet auf dem Boden, dort in den langen Alleen rauschte es unter meinen Fussen, oder zitterte knisternd an den Zweigen. Ich ging rasch an dem Rasensitz voruber, wo wir den Tag versammelt waren, als die Bergleute kamen, es war mir gar zu wehmuthig, an die kurze Freude zu denken; aber wo ich ging und stand ward mir zu Muthe, als kame ich Nachts an einen Kirchhof. Ihre Blumentopfe lagen meist vom Winde umgeworfen. Von dem einen Myrtenbaume hing die abgebrochne Krone am Bande, womit er angebunden war, und schlenkerte in der nassen Luft hin und her. Ich mochte nicht zu Ihren Fenstern aufsehn, und machte dass ich wieder in das Schloss zuruckkam. Auf der Treppe begegnete ich dem Doktor. Ich befragte ihn uber Julius. Er meinte, es sei in dem Augenblick vielleicht weniger Gefahr als man denke; allein es arbeite so vieles in seinem Innren, was uber den Ausgang nicht entscheiden lasse.

Als ich am Abend mit Julius allein war, redete er sehr viel, und so schnell und heftig, wie ich es nie von ihm gehort hatte. Aber immer kam er auf den Vorgang im Walde zuruck, und konnte sich nicht von den Erinnrungen losmachen, die ihn sichtlich angsteten. Mir selbst ward ein paarmal ganz wunderlich, wenn er mich mit beiden Handen fasste und ausrief: Carl, denke Dir's doch, denke Dir's, es war ja mein Bruder, auf den ich zielte; Herr Jesus, wenn ich ihn getroffen hatte! Ich fragte ihn darauf, wie ihm das Pistol auch sogleich in die Hand und er in den Wald gekommen sei. Ich weiss nicht, erwiederte er, wie ich mir selbst vorkomme, wenn ich an alles zuruckdenke! Werners Worte lagen mir immer im Sinn und befleckten und zerrissen mir alles, was mir bis dahin allein lieb war, weniger um das, worauf sie deuteten, als dass sie uberall laut werden konnten. Mir war den ganzen Tag, als sei der Boden unter mir aufgewuhlt, ich konnte nirgend fest auftreten. Nach langem Hin- und Hersinnen nahm ich mir vor, mit Fernando recht offen zu reden, und zu uberlegen, was so unberufne Urtheile konne veranlasst haben. Ich ging in dieser Absicht den Abend spat nach seinem Zimmer. Die Thur war angelehnt, er nicht darin, wohl aber der Maler, was mich befremdete, schlafend im Nebenzimmer. So wird Luise vielleicht noch wachen, dachte ich, und wandte mich dorthin. Sie wollte am andern Morgen verreisen, und ich muss die arme zagende Seele zuvor noch beruhigen. Allein auch hier fand ich die Thur, die nach dem Vorsaal geht, nur angelehnt. Ich trat hinein, alles war still, Luisens Kleider hingen uber einem Stuhl, ihr Bett war noch unberuhrt, sie selbst nirgend zu finden. In dem Augenblick uberfiel mich eine Angst, dass ich mich kaum aufrecht erhalten konnte. Ich stellte das Licht auf Luisens offnen Schreibtisch und lehnte mich an einen davor stehenden Stuhl, um Athem zu schopfen. Meine Blicke fielen zufallig auf zerstreut liegende Papiere, deren Schriftzuge ich lange anstarrte, ohne zu wissen was ich las; doch nach und nach traten die Worte wie Nachtgesichte vor mich hin und fuhren schneidend in mein Innres. Ich besann mich; es waren fliegende Blatter aus Luisens Tagebuch, die vor mir lagen. Ihr Inhalt schuttelte mich wach. Ich erkannte damals, wie jetzt, die Qual, mit der sie rang, und beschloss, sie zu retten, gleichviel wie. Mit den Pistolen unter dem Arm, sturzte ich aus dem Hause. Im Hofe traf ich den Jager, der aus dem Walde zuruckkam. Ich fragte ihn, ob er dem Fremden begegnet sei. Ja wohl, sagte er, der muss was auf der Spur haben; ich sah ihn, durch die Schonung kommend, rechts uber den Graben setzen und dann den Weg nach dem Kloster nehmen. Nach dem Kloster? fragte ich. Mich schuttelte es wie Fieberfrost. Sattle zwei Pferde! rief ich, reite nach Harzgerode und erwarte dort Nachricht. Ich weiss nicht recht, warum ich das sagte; ich dachte wohl an ein Ungluck, an mogliche Flucht fur Fernando; deutlich war mir nichts, selbst nicht mein Wille. Am Eingang der Buchenallee, die zum Kloster fuhrt, sprang mir Luisens Hund entgegen. Er lief hin und her, bald vor- bald ruckwarts. Ich folgte ihm athemlos, mit klopfender Brust, wie ein Getriebener. Plotzlich stand ich vor Beiden. O erlass mir ich bitte Dich Er schwieg. Ach Gott, ich wusste ja das Uebrige und weinte aus Herzensgrunde mit ihm.

Luise hatte nicht den Muth, die Augen aufzuschlagen. Carls Worte fielen schonungslos in ihre Seele. Seine treue Schilderung zeigte ihr die Dinge wie sie waren, und gestatteten durchaus kein Verkleiden der Wahrheit, die sie derb anfasste, und zwang, ihr in das strenge Antlitz zu sehen. Hier stand es mit Flammenzugen, die keine Macht der Erde ausloschte, sie habe das Bose herauf beschworen, dadurch, dass sie sich seinen fruhesten Lockungen zagend hingab. Jetzt, das fuhlte sie, hatte es sie beruhrt, und alles was ihr lieb war, bis auf die heiligsten Erinnrungen befleckt.

Der arme Julius, hub Carl auf's neue an, hat nun seit dem nirgend Ruhe. Er sagte mir einmal, was ihn am meisten quale, sei, dass er nicht wisse, wo er mit den eignen Gedanken hin solle. In der Vergangenheit sei ihm alles zusammengesturzt, die vertrautesten Bilder sehen ihn fremd an, er suche und suche, und finde weder Kindheit noch Jugend. Die Zukunft aber stehe wie ein bleiches Gespenst da; ihn schaudre wenn er darauf hinblicke. Ich sprach ihm Muth ein, und sagte, es konne ja noch alles besser werden. Was soll werden? fragte er; es ist ja nichts da, was werden konnte! Das ist mein Elend, dass nichts, nichts von allem dem wirklich ist, worin ich lebte, und ich nur wie eine dunkle Wolke an Luisens Himmel hinziehe. Es muss wohl so sein, wie er sagt, denn recht von Herzen ging es ihm, mir ward fast wie ihm dabei zu Muth.

Der Doktor war indess, mit einem Licht in der Hand, vor die tausendmal gesehenen und besprochnen Schildereien getreten. Julius Bild, als Knabe gemalt, sprang in voller Beleuchtung hervor. Das Kind sah sinnend und sehr ernst aus grossen etwas tief liegenden Augen hervor. Schlichtes Haar, nur an den Spitzen gekrauselt, theilte sich auf der Stirn, so dass diese, fast frei werdend, eine Falte uber den Augenbrauen sehen liess, die dem Gesichtchen etwas Ungewohnliches, uberaus Hohes, gab. Nur um den Mund schwebte ein kindliches Lacheln, das man fast schmerzlich nennen konnte, so wehmuthig fuhlte man sich davon ergriffen. Ganz erstaunt getroffen, sagte der Doktor halbleise zu Marianen, die mit ihrer Arbeit zunachst dem Bilde sass; nicht wahr? zum sprechen. Luise hielt sich nicht langer. Ja, ja, es spricht! rief sie. Du liebes, frommes Kind, offne nur den verschlossnen Mund, und nenne mein Leid und das Deine! Der Doktor wandte sich erschrocken zu ihr. Er glaubte sie zu sehr im Gesprach mit Carl vertieft, um auf jene rucksichtslos gesprochnen Worte zu achten. Luise begegnete seinen Blicken, die sich voll gutmuthiger Theilnahme auf sie richteten. Lassen Sie immerhin Ihr Gefuhl laut werden, mein alter Freund, sagte sie geruhrt, das Schweigen ist nun gebrochen; ach! und es liegt ja auch ohnehin alles so hell am Tage, mein Ungluck und mein Vergehn!

Der Doktor ward lebhaft von der grossen Storung eines ruhig burgerlichen Verhaltnisses ergriffen, das fruher unter seinen Augen entstanden und in seiner Gegenwart bestatigt war. Diese Storung mehr als das personliche Leid in's Auge fassend, sagte er mit finsterm Ernst: mein Gott, wer hatte dies vor einem halben Jahre denken sollen, als wir alle das letztemal hier versammelt waren. Ich ahndete es lange, erwiederte der alte Geistliche, der von den Andren unbemerkt schon eine Weile im Zimmer war. Mir stellten sich recht wider Willen unheimliche Ahndungen in den Weg, und im entscheidenden Augenblick ging ich zum erstenmal im Leben zagend an meinen Beruf. Tod und Leben begegneten einander so wunderbar auf demselben Wege Die befangnen Sinne fassten alles unsicher auf, Niemand verstand sich selbst, der Schmerz riss Alle im Taumel fort. So im Streit mit Gottes Willen und den eignen Wunschen soll der Mensch nicht uber sich bestimmen wollen. Die Liebe sollte siegen, aber der Tod mit seinen Qualen drangte sie zuruck.

Carl stand mit gefalteten Handen vor dem Greise. Reden Sie nicht mehr vom Tode, sagte er erschuttert, ich habe ihn seit gestern immer vor Augen, und das angstet mich entsetzlich. Der Alte sah den frischen lebenslustigen Jungling an, nahm seine Hand und sagte: nun, so wollen wir vom Engel des Friedens reden, der alle bosen Traume und auch den Tod verjagt. Er sei uns hier und dort nahe.

Alle schwiegen. Luisen fasste ein leiser, wonniger Schauer. Der Friedensengel neigte sich zu ihr und kusste ihre wunde Brust. Dort und hier? dachte sie. Was birgt das dunkle Jenseit? Sollen dort Blumen bluhen, die mir hier fremd waren? Ist der Himmel nicht der ewig Eine? Still dammernd brach ein neuer Morgen in ihre Seele herein. Sie fuhlte eine unaussprechliche Sehnsucht nach Julius, der versohnend aus der Ferne winkte und das feuchte Auge voll Schmerz und Liebe auf sie heftete. Dahin, dahin, dachte sie, fuhrt der Weg zum Himmel.

Haben Sie gelesen? fragte der Prediger, auf Julius Brief zeigend. Ja, ach ja, erwiederte Luise. Und soll ich fragte er weiter, soll ich Nein, unterbrach sie ihn, ich will selbst schreiben, diesen Abend noch, gleich. Das ist recht, fiel Carl ein, das kann vieles wieder gut machen! O! ich hoffte es immer. Hm sagte der Doktor kopfschuttelnd, und wandte sich ab. Der Riss ist einmal geschehn. Alle Theile sind aus ihren Fugen gesprengt, es halt schwer, so etwas wieder einzurichten. Ich weiss nicht, hub der Prediger an, was Ihre Worte bewirken sollen; aber rufen Sie einen stillen Sinn ans Licht, und den Willen, der zugleich demuthig ist und kuhn, so machen Sie vieles gut. Luise druckte ihm schweigend die Hand. Bald darauf ausserte sie den Wunsch, allein zu sein, worauf sie Carl dringend bat, ihm ihre Auftrage nach dem Falkenstein mitzugeben, da er noch diese Nacht den Weg dahin antrete, und alsdann zum Onkel gehe, um dort den Klugen die Kopfe zurecht zu setzen. Die Baronin, setzte er hinzu, habe ihm gleich nach des Malers Ruckkehr den fatalen Vorfall gemeldet. Ihre Worte haben wohl traurig, aber doch spitz und vornehm geklungen, weshalb er auch gleich hingewollt, zuerst aber doch zusehen mussen, wie die Dinge eigentlich stehen. Nun werde er wohl Rede und Antwort geben und die Seitenhiebe pariren konnen. Er ermahnte Luisen noch einmal, alles anzuwenden, das Geschehene ungeschehen zu machen und die Dinge ins vorige Geleis zu bringen. Was mich anbetrifft, setzte er treuherzig hinzu, ich werde keine Muhe sparen, wobei er ihr zuversichtlich die Hand schuttelte und den Andren folgte.

Sie war nicht so bald allein, als sie mit moglichster Anstrengung das Bett verliess und zum Schreibtisch eilte. Ihr Herz klopfte angstlich, als sie die Feder ergriff. Voll Reue und Vertrauen wollte sie sich dem einzigen Wesen hingeben, das sie auf dieser Welt uber alles liebte. Wahr, wie vor Gott, im Bekenntniss ihrer Schuld an die treueste Brust sinken und den verhaltnen Schmerz und die Kampfe der zagenden Seele laut werden lassen. Demuthig barg sie ihr Gesicht in die gefaltnen Hande und betete noch einmal still. Als sie aufsah, fielen ihre Augen zufallig auf ein Packet ineinander geworfener Papiere. Die Worte zogen sie unwillkuhrlich an. Es war ihr Tagebuch, welches Mariane in der Nacht ihrer Abreise vom Falkenstein gedankenlos mit andern Sachen zusammengerafft und hier in den offen gefundnen Schreibtisch geworfen hatte. Ach! jene Blatter, die Julius den Todesstoss gaben, lagen obenauf. Der bange Ruf aus jener Zeit riss sie fort. Sie las gleich zuerst:

"Was bedeutet die Angst, die mich bei des Fremden Anblick, ja bei seinem Nahmen, befallt! Alte Sagen sprechen viel vom Basilisken, dessen Blick vergiftend die fremde Brust beruhrt. Ich spure etwas Aehnliches. Der seine zieht mein Herz zusammen. Und warum? Julius liebt ihn, er ist sein Freund. Was geht mich alles andre an! Und dennoch! Mir ist so bang, so wehmuthig! Ich mochte weinen uber die schone stille Zeit, die so rasch verflossen und so widrig gestort ist!

Kann die Natur auch lugen, oder sich in sich selbst widersprechen? Wozu all die Schonheit und Fulle und Herrlichkeit des Geistes, wenn alles ein Gaukelspiel ist und die Sunde und Arglist im Hinterhalt lauern! Ich war auch wohl nur eine Thorin! Das Fremde beruhrte mich vielleicht nur fremd. Ich werde mich versohnen lernen.

Nein, nein, es ist vergebens! Ich finde nirgend Ruhe. Es peinigt mich die innre Unsicherheit und die wechselnden Eindrucke, die mich hin und her werfen zwischen Hass und Wohlwollen. Zuweilen besanftigt mich die leise, schmeichelnde Stimme, es wird still in mir, ich vergesse mich selbst und hore aufmerksam auf die Begebenheiten eines reichen Lebens. Dann fahrt das Lacheln, das hohnende Lacheln, schneidend durch mich hin; ich erschrecke und fliehe wie vor dem bosen Feind.

Hass und Liebe! O hatte die erfahrne Frau doch nie gesprochen! Dies also, dies war die Todesangst? Und er weiss es, was mich qualt und sieht vornehm daruber hin! Ich wusst' es nicht, ach nein, ich wusst' es nicht, darum mein Gott lass mich's auch bald vergessen!

Ich glaubte, es solle besser werden, die vielen Menschen um mich her werden mich zerstreuen; Ja wohl zerstreuen! das haben sie gethan. Weniger gesammelt als je, verliere ich mich in bangen unsichern Ahndungen. Anfangs war mir leichter, ich konnte freier reden zu allen denen die nicht wussten wie mir zu Sinne ist. Jetzt aber, jetzt ! O Gott im Himmel, du siehst die Angst die mich aus allen Sinnen drangt. Fremd, verlegen, sitze ich in dem bunten Kreise, ohne Muth mich selbst zu behaupten, ohne Kraft, heimlichen Angriffen zu widerstehn. Wie gebannt liege ich in den Schlingen, die eine freche Hand uber mich zusammenzieht. Zuweilen mahnt mich noch ein innrer Ruf, ich reisse mich aus der eignen Erniedrigung empor, ich stemme mich gegen die Gewalt, die auf mich eindringt, ach, und wenn dann mein scheuer Blick den seinen streift, der so kalt und hoch uber mich hinfahrt, dann sinke ich wie ein Kind zusammen, und beweine mein Elend und meine Thorheit. Es ist gewiss, seit er mich hasst, fuhl' ich doppelt was mir ewig ein Geheimniss bleiben sollte. Wusst' ich nur, wohin ich fliehen, an welche treue Brust ich mich verbergen konnte. Julius geht so still, so ruhig neben mir hin. Mein Julius ach Gott bewahre mich vor dem Frevel, Dein reines Herz mit diesem Misston zu verletzen! Die Baronin drangt sich wohl an mich, aber sie weiss nicht was sie thut. Ein Spiel, mein Kind, sagte sie diesen Morgen, ein freches Spiel treibt er mit ihnen. O fuhlt sie's nicht, wie das die wunde Seele vollends zerreisst! Soll ich denn mit Gewalt verachten, was ich mit unsaglicher Qual u n d Verzweiflung liebe?

Es ist geschehen! Der Schleier ist zerrissen! Das innre Gift und meine Thranen nagten unaufhorlich an dem luftigen Gewebe. Was es verdeckte, liegt nun offen dar. Es ist laut geworden ihm und mir, was tief in Nacht das Licht scheuete. Was ist die Kraft, was der Stolz edler Naturen, wenn fremde Machte so mit uns spielen! In sein Herz legte ich alle meine Sorgen nieder! Mir war so wohl, so unaussprechlich wohl. Der Friede lachte mir nach langem Streit. Ich war mit allem ausgesohnt, ich scheuete Niemand, auch Julius nicht. Ach, ich hatte ihn umfangen und mit voller Wahrheit an meine Brust drucken mogen! Kann der Himmel auch die Holle bergen? Um ein paar voruberfliegende Sonnenblicke zu erhaschen, gab ich Ruhe und Gluck, ja das Leben selbst hin. Denn ist das ein Leben zu nennen, was unaufhorlich das Leben zerreisst? Wie Grabesnacht sehen mich meine Umgebungen an, und druber hinaus zieht es wie ein buntes Spiel, das nicht zu mir gehort. O Erinnrungen, konnte ich euch ersticken, dass ihr nicht mit euren Zauberklangen die Sinne wach erhieltet! Aber immer, immer werde ich die Stimme horen, die bald schmeichelnd, bald drohend mein Ohr beruhrte. Sie riss mich fort; ich musste folgen! Ich muss auch jetzt O Julius, Julius! das herbste Gift ward Dir durch mich bereitet. Jetzt musst Du alles wissen, das ist das harteste von allem, ich darf Dich nicht mehr schonen. Ach schonungslos zerriss ich ja Dich wie mich! "

Luise legte das Blatt still vor sich hin. Das also, dachte sie, hat Julius gelesen; so unverstellt lag die Wahrheit da, dass ihm kein Zweifel, ach nicht eine arme Hoffnung ubrig blieb. Was kann ich ihm jetzt noch sagen, als dass wir Beide untergehn und einer wie der Andre das Leben beweinen mussen!

Sie blieb lange Zeit nachdenkend, als Carl auf's neue zu ihr hereintrat und sie ungeduldig fragte, ob sie geschrieben habe und ihn nun mit ihren Befehlen beehren wolle, da er im Begriff sei, abzureisen. Grussen Sie Julius, lieber Carl, erwiederte sie verlegen, sagen Sie ihm, wie Sie mich gefunden haben; ich kann heute nicht schreiben, mir ist alles noch so verworren, ich brauche Zeit. Also nicht? unterbrach sie Carl; das ist Schade! Ich habe mich so gefreut! Und Julius weiss nun nichts von Ihnen; denn was soll ich ihm sagen, als dass Sie betrubt sind und nicht schreiben mogen? Guter Mensch, erwiederte Luise, ihm dankbar die Hand reichend, Julius weiss wohl mehr von mir, als Sie und ich ihm sagen konnen. Aber beruhigen Sie sich, er soll dennoch bald von mir horen, recht bald. Gewiss? fragte Carl. Gewiss, sagte sie, worauf er sich voll neuer Hoffnungen von ihr trennte.

Am andern Morgen sprach Luise noch einige Augenblicke den Doktor, der, ohne sie nach ihrem Wohlsein zu fragen, viel von der eignen Schlaflosigkeit und den beunruhigenden Gedanken erzahlte, die er seit den traurigen Begebenheiten nicht los werden konne. Und wie er sich unaufhorlich der verstorbenen Mutter erinnere, die, nur in der Zukunft lebend, alles so wohl darin begrundet glaubte, dass sie ohne Sorgen diese Welt verliess. Luise drangte ihn uber diese Betrachtungen mit der Bitte hinaus, ihr oft und bald Nachricht von Julius zu geben. Er zuckte bei diesen Worten unsicher die Schultern, und meinte, daruber lasse sich jetzt noch nichts Bestimmtes sagen, die Natur sei noch in der Arbeit, sie musse erst selbst den Weg angeben, wo man ihr naher treten konne. Indess zog er aus einer Brieftasche eine Pergament-Tafel, auf welcher er gewohnlich alle bevorstehende Geschafte, Krankenbesuche, Auftrage u.s.w. anzeigte, um auch jetzt Luisens Wunsch anzumerken und dem uberhauften Gedachtniss zu Hulfe zu kommen. Das fruher Aufgeschriebene laut, und durch Nachsinnen unterbrochen, noch einmal uberlesend, nannte er Kloster Augustin. Luise machte eine rasche Bewegung. Dort war Fernando. Eine flammende Rothe uberzog ihr Gesicht, doch erstarb die Frage auf ihren Lippen. Hm sagte der Doktor, ihre Erschutterung fluchtig beachtend, da steht es gut. Es war nur eine Streifwunde in der rechten Seite unter den Rippen weg. Die Monche greifen uns in's Handwerk, und da es sogenannte Heilige sind, darf man nichts sagen. Hier, wo es nun nicht viel auf sich hatte, ging es mit der naturlichen Heilkunde wohl so ab, sonst haben dergleichen Pfuschereien schon manchem sein Grab bereitet. Der Herr Graf, fuhr er fort, indem er die Brieftasche schloss, und wieder zu sich steckte, der Herr Graf forderten mich auf, als ich auf dem Falkenstein war, dem Kranken einen Besuch zu machen. Ich that es ungern, indess bin ich belohnt worden. Es ist ein ganz scharmanter Mann, von uberaus feiner Bildung, sehr zuvorkommend, und dabei von vielen und grossen Kenntnissen. Er sagte dies Letztre theils aus Ueberzeugung, theils um Luisen, die er durch fruhere Aeusserungen verletzt glaubte, wieder zu versohnen, wobei er gutmuthig verschlagen lachelte, der fruhern schmerzlichen Ruckblicke und sorgenvollen Aeusserungen uneingedenk. Als aber Luise ernst vor sich hinblickte, wechselte er auch schnell Ton und Mienen; wie aus einem augenblicklichen Vergessen aufgeschreckt und zutraulich ihre Hand fassend, sagte er: Gott starke Sie. Ihre Gesundheit beunruhigt mich weiter nicht. Sie sind jung, fest, die Natur beruhigt, das hat nichts auf sich; aber, aber ! Nun leben Sie wohl! Er blieb noch einmal vor Julius Bild stehen und ging dann mit den Worten: es ist doch Schade, sehr Schade! aus dem Zimmer.

Luise blieb von da an still und in sich gekehrt, wie jemand, auf dem das Leben gewaltsam lastet und der im Innern keinen Ausweg zu finden weiss. Sie sah, sie sprach Niemand. Viele Tage vergingen ihr so, ohne dass sie den Muth hatte, ihr Zimmer zu verlassen. Die Welt, ja die aussre lebendige Natur schien ihr fremd geworden, sie gehorte nicht mehr zu ihr, sie hatte sie ausgestossen um der Frevel jener sinnverwirrenden Leidenschaft willen. An ihre Mutter konnte sie nur mit Bangigkeit denken, und nichts hatte sie vermocht, den Fuss in das stille Waldchen zu setzen, das ihr Grab beschattete. Der Prediger kam wohl von Zeit zu Zeit zu ihr und brachte ihr Blumen, die er mit vieler Liebe aufzog; allein er setzte sie schweigend an ihr Fenster, und ging, ohne ihr dustres Sinnen zu unterbrechen. Einmal indess, als sie ihm die Hand reichte und ihn mit dankbarem Blick begrusste, sagte er: es arbeitet recht schwer in Ihrer Seele, ob durch Gottes oder fremde Macht, das muss sich zeigen, ich will's indess nicht storen, da ich weder etwas nehmen noch geben kann. Doch lassen Sie es bald Tag in sich werden.

Noch am nemlichen Tage rief Luise Marianen zu sich. Ich muss ihn sehn, sagte sie, ich kann nicht eher ruhig sein, darum wollen wir fort, morgen oder heute noch aber ganz in der Stille; horst Du? Wohin denn? fragte Mariane zagend. Wohin? wiederholte Luise; kannst Du fragen? nach dem Falkensteine. Mariane schlug freudig in die Hande. Gottlob! rief sie, Gottlob! nun wird alles wieder wie zuvor, nun gehen die schonen Tage wieder an, das wird ein Jubel sein! Die schonen Tage? sagte Luise wehmuthig; ach, armes Kind, die sind langst untergegangen. Ich will nur noch einmal beten, damit ich ruhig die Augen schliessen moge. Liebe Mariane, wie konnte ich sterben, wenn ich mich nicht zuvor in Julius Armen mit Gott versohnte! Doch, Mariane, Niemand darf wissen, wohin wir gehn. Nenne meinen Leuten den ersten, besten Ort; sage, Geschafte zwangen mich zu einer Reise. In der nachsten Station nehme ich Postpferde; kein Mensch weiss dann, auf welchem Wege wir sind.

Mariane war so voll Hoffnung, dass sie alles schnell betrieb, und sie nach wenigen Stunden schon im Wagen sassen. Bei den truben herbstlichen Tagen und schlechten Wegen konnten sie indess nur langsam reisen. Luisens Herz klopfte voll banger Ungeduld. Oft beugte sie sich zum Schlage hinaus und maass mit unruhigen Blicken den Raum, der sie noch vom Ziele ihrer Reise trennte. Am Abend des folgenden Tages kamen sie endlich in die Nahe vom Falkenstein. Als Luise die Thurme der alten Burg erblickte, liess sie halten. Den ubrigen Weg wollte sie zu Fuss zurucklegen, deshalb stieg sie, von Marianen begleitet, aus, und befahl dem Postillon, sie zu erwarten. Wie sie ging, rauschten die Wipfel der alten Tannen in wunderlich gebrochnen Tonen; ein feuchter Wind blies ihr unbehaglich entgegen und jagte das Gewolk uber einzelne hervorblickende Sterne, so dass es oft ganz dunkel um sie her ward und die zagende Mariane nichts als den Schleier ihrer Gebieterin sah, der, vom Winde gehoben, Luisens Gestalt umspielend, wie eine weisse Wolke vor ihr hin zog.

Als sie in den Schlosshof traten, leuchteten ihnen einzelne Lichte matt aus dem obern Stockwerk entgegen. Das weite Portal stand offen, die Thorflugel schlugen knarrend im Winde hin und her, kein lebendiges Wesen begegnete ihnen. Einen Augenblick blieb Luise am Eingang stehen, dann aber eilte sie durch die langen Gange hin in eine Gallerie zunachst an Julius Zimmer, welches, den innern Raum eines der Schlossthurme einnehmend, so weit von Aussen hervorsprang, dass man von der Gallerie zu den Fenstern hinein in das Innre desselben sehen konnte. Luisens erster Blick traf den bleichen Julius, zusammengesunken, in einem Armsessel sitzend, den Kopf in die Hand gestutzt, wahrend die andre matt zu dem kleinen Hunde hinabhing, der neben ihm auf einem niedren Tabouret lag, und von Zeit zu Zeit liebkosend an ihm aufblickte. Nach einer Weile fuhr Julius wie aus einem Traume auf. Er stand auf, schwankte zum Clavier, auf welchem er einzelne tiefe Akkorde anschlug, deren bebende Tone Luisen zu rufen schienen. Ohne weiteres Besinnen offnete sie in dem Augenblick die Thur und sank sprachlos vor Julius nieder. Ach Luise, meine Luise! rief dieser in der heftigsten Erschuttrung. O Gott im Himmel, so sehe ich Dich wieder! Steh' auf, Du armes, liebes Kind! steh' auf, meine Luise! Er fasste sie in seine Arme, er kniete neben ihr. Die Stirn an seine Brust gelehnt, vergoss sie stille, selige Thranen. Weine nicht, weine nicht, bat er sie dringend; Du weissst ja, das brach mir von je das Herz; ach es ist noch darin wie ehemals! Ehemals! wiederholte Luise schluchzend. Julius sah sie fremd an ja freilich, sagte er, langsam aufstehend, es ist anders wie ehemals! weit, weit anders! Er reichte ihr die Hand und fuhrte sie zum nachsten Stuhl. Beide sassen eine Weile schweigend neben einander. Es ist doch schon von Dir, hub er endlich an, dass Du gekommen bist. Er stockte auf's neue. Plotzlich liess er ihre Hand fahren, barg das Gesicht in sein Taschentuch und rief wiederholt: nein, nein, es ist nicht gut, dass Du gekommen bist! ach nein, es war so besser! Jede freundliche Tauschung flieht vor Deinem Anblick. Ich will auch gleich wieder fort, lieber Julius, sagte Luise; ich bin nur gekommen, Dich noch einmal zu sehn, meine Angst war so gross, ich konnte nicht mehr leben, bis Du wieder zu mir gesprochen hattest; der Friede, dacht' ich Ach Julius, wir sind Beide recht unglucklich! Sie wandte sich ab, um ihren Thranen freien Lauf zu lassen. Wie gut Du bist! sagte Julius; Du dachtest so viel an mich, Du kommst sogar zu mir! Ich habe das wohl geglaubt und recht gut gefuhlt, wie viel Du littest. Du wirst auch nicht eher ruhig sein, bis Du mich zufriedner weissst. Deshalb will ich fort aus dieser Gegend, Deine Nahe thut mir nicht wohl, die meine druckt Dich. Ich will in der Welt umherstreifen, fremde Menschen suchen, wie jemand, der nirgend zu Hause ist. Seh' ich doch all mein Gut verschuttet, meine Heimath verodet; ich fliehe wie ein Vertriebener. Du gute Seele, fuhr er mildernd fort, als er Luisens heftigen Schmerz sah, Du treibst mich nicht; mein eignes, trubes Loos. Wir gehoren nun einmal nicht zu einander. Ich wollte Dich vom Schicksal ertrotzen; den Trotz muss ich bussen. Sage das nicht, Julius, fiel Luise ein, sage das nicht, wir gehorten doch wohl zu einander, alles andre war ein Wahn. Nein, ach nein, erwiederte er sinnend. Und wenn es dennoch ware, fuhr er schneller fort wenn Herr Gott im Himmel! es war wohl alles nur ein Traum, Du kamst, mich zu wecken; wie schon Du bist, Luise, wie fromm und bittend Dein Auge! Er hielt lange inne, als bekampfe er sich selbst. Geh', gutes Kind, sagte er plotzlich mit verandertem Ton, geh' Du thust mir wehe, unaussprechlich wehe. Luise stand scheu und zagend auf. Wohin gehst du? fragte er sanft. Zu meiner einsamen Wohnung, erwiederte sie, wo ich Niemand, ach Niemand mehr habe als meinen Gram. O Julius! rief sie, vor ihm niederknieend, Du weissst, ich bin nun ganz allein, gieb mir Deinen Segen, sage, dass Du mir nicht fluchst, damit Dein Andenken wieder rein in mir leben und Du mir dennoch schutzend zur Seite stehn mogest! Niemals, niemals! rief er, sie heftig an seine Brust druckend, wird dies Herz eine feindliche Regung kennen! Wie sollte ich Dir fluchen, ohne mich selbst nicht tausendfach zu verwunden! Wie konnte ich Dein Bild vergiften, was mich, wie der Maienmorgen unsrer Kindheit, hell und friedlich ansieht! Nein, Du armes, verwaistes Kind, meine Liebe kann Dich nie verlassen! sie erfleht Dir den Segen des Himmels, der Dich jetzt geleiten moge! Er sagte diese letzten Worte leise, mit erstickter Stimme, indem er sich sanft aus ihren Armen wand. Luise schwankte zur Thur. Lebe wohl, ach lebe wohl, Du schones Traumgesicht! rief er noch einmal im heftigsten Kampf. Luise machte eine Bewegung, zu ihm zuruckzukehren; aber er verhullte das Gesicht, als scheue er ihren Anblick. Lebe wohl, mein Julius, sagte sie, in stiller Ergebung das Zimmer verlassend. Wie sich die Thur nun hinter ihr schloss, da schrie Julius, seines Schmerzes nicht mehr machtig, laut auf. Luise schauderte zusammen, und dennoch hatte sie nicht den Muth, jene Thur wieder zu offnen, wohl fuhlend, dass es nicht die dunne Scheidewand, welche sie mit einem Fingerdruck wegraumen konnte, sei, die sie von seinem Herzen trennte. Sie fasste Marianen schweigend unter den Arm und zog diese mit sich aus der Gallerie. Also doch fort? fragte das weinende Madchen, und wohin denn in der finstren Nacht? Zu dem ehrlichen Anton, im Walde, erwiederte Luise; doch komm, ich bitte Dich! Julius, der arme Julius! Hortest Du nicht, wie ihn meine Nahe angstet?

Sie eilten unbemerkt hinunter. Im Hofe warf Luise noch einen schmerzlichen Blick hinter sich und ging dann, still weinend, zu ihrem Wagen.

Nach einer Stunde hielten sie vor Antons Thur. Der Postillon fragte sie, ob sie hier ubernachten wolle, in welchem Falle er seiner Wege reiten werde. Luise war es zufrieden, indem sie des andern Tages Pferde aus Ballenstadt bekommen konnte. Auf das Gerausch war die Frau aus dem Hause getreten. Sie erkannte nicht sobald Luisen, als sie freudig aufschrie und sie liebkosend in das bekannte kleine Stubchen fuhrte.

Luise ward im Hereintreten seltsam von einer Gestalt ergriffen, die ihr das helle Kaminfeuer in unsichrem, flackernden Lichte zeigte. Es war ein alter, sehr bleicher Bergmann, der, der Flamme gegenuber, eine Cither im Arm, mit geschlossnen Augen, fast regungslos da sass. Zu seinen Fussen spielte die kleine Marie, die, in die Handchen klopfend, wiederholt rief: mehr, mehr singen! worauf der Alte die Saiten ruhrte, und, die erstorbnen Lippen offnend, folgende Worte sang:

Im Tannenschatten ganz allein

Den Berg hinan auf oden Wegen,

Wenn Sterne seh'n zum Wald herein,

Zu Hauf' in Wolken zeucht der Regen,

Da mag ich doch zum liebsten sein.

Ich klopf' an' Berg, ich sag' ein Wort

Davor sich's regt in seinem Herzen.

Mein Bub' erwacht am dunklen Ort

Und ruft nach mir, und will mich herzen,

Nur will die Steinwand noch nicht fort.

Musst fort zuletzt, du Stein, so hart;

Mein Spruch kann hartre Ding' erweichen.

Horch! wie der Bub' schon drinnen scharrt.

Er wird den seltnen Schatz mir reichen,

Der ihm im Berg' zu Theile ward.

Ich weiss den Schatz, ich nenn' ihn nicht,

Er ist ein Gold ohn' alle Schlacken,

Und kenntet ihr sein susses Licht,

Ihr Leut', ihr kamt mit Spat' und Hacken,

Und fandet doch den Holden nicht.

Ihn kann aus seinem finstren Grab

Nur ein sundlos Geschopf erwecken,

Drum fuhr mein frommer Bub' hinab.

Im Anfang that's mich doch erschrecken,

Nun schuttl' ich alles Bangen ab.

Die Frau hatte indess, das Lied wenig beachtend, Stuhle herbei geschoben, abgewischt und Luisen wiederholt zum Sitzen genothigt, als diese sie unter innrem Schauern fragte, wer der wunderliche Alte sei. Es ist der wahnsinnige Claus, erwiederte diese leise. Sollten Sie den nicht auf dem Falkenstein gesehn haben? Er ist des alten Georgs Bruder, und streift uberall umher. Ostern werden es vier Jahr, da verlor er sein einzig Kind, einen bildschonen Buben von funfzehn Jahren, der im Schacht verschuttet ward. Seitdem ist er irre geworden. Zu Anfang sass er Nacht und Tag auf der Felswand und pochte an, und hoffte, der Knabe solle ihm antworten. Damals mocht' er wohl das Lied zuerst singen, was er zeither gehend und stehend horen lasst. Nun geht er nur ab und zu nach dem Berge, wo das Ungluck geschah. Er sagt, es sei noch nicht an der Zeit. O er spricht Ihnen so vernunftig daruber, dass man wirklich denken sollte, es ware alles so, wie's ihm vorkommt. Er thut keinem Menschen etwas. Zur Winterzeit kommt er zu den Leuten in die Hauser; da hangen sich die Kinder ordentlich an ihn, und keines sagt ihm ein Leidwort. Da oben hinauf, im Geburge, erzahlen sie, er sei von je absonderlich gewesen, und habe wunderliche Dinge gesprochen von dem was unter der Erde vorgeht.

Marie war indess an den Alten hinangeklettert, und strich mit ihren kleinen Fingern die Saiten der Cither. Du! sagt' er ernst, schweig' jetzt, horst Du nicht wie's im Feuer klingt? Ei, lasst's klingen, sagte die Frau, indem sie das Kind von seinen Knieen hob, und ruckt Euch da ein Bischen von der Seite, damit die gnad'ge Frau auch Platz finde. Der Alte sah sie finster an. Ihr sprecht, wie Ihr's versteht, sagte er; die Elemente reden seltsamlich mit einander, und geben Kunde von dem, was hier und dort vorgeht. Hat sie doch der alte Schlund geboren, der nun achzt und stohnt nach den rebellischen Kindern. Die kreisen derweil, und formiren in den Luften und uben Gewalt uber die Creatur, die sie nicht mehr versteht und ihrer nicht Herr werden kann. Dann aber hat Gott Erbarmen und sendet seine Engel, die wilde Brut mit dem alten Geist zu versohnen, damit Friede werde im Himmel wie auf Erden. Mein Knab' war einer von diesen, er musste hinunter in die Tiefe, und wenn er wiederkehrt, bringt er zum Unterpfand den reichen Schatz an's Tageslicht. Mein Knab' war schon wie die Engel sind, er verstand die Sprache der Thiere und jeden Laut in der Natur. Er hat mir's seitdem zu Nachts gelehrt, dass ich nun weiss was kommen wird, und ruhig bin. Des Alten Blicke leuchteten, wahrend er sprach, er hob sich immer mehr und mehr, so dass er gerade und feierlich da sass, als er mit gehobner Stimme sagte: vernehmt Ihr des Windes Rauschen und das Schwirren der Vogel, die langsam durch den Wald hinziehn? Dazu bricht sich die Flamme in wunderlichen Farben und zischt wie der alten Schlange Ruf. Es nahet irgend ein sundbeladnes Haupt, und druber hin zieht der Tod.

Luisen fasste ein entsetzliches Grausen. Mariane war schon langst hinter einen grossen Schrank gefluchtet und verhullte Aug' und Ohren. Da trat Anton herein; die Anwesenden fluchtig grussend, wandte er sich zu seiner Frau, und sagte ihr, dass ihm ein Fremder auf den Fuss folge, der sich im Walde verirrt habe und hier den Aufgang des Mondes abwarten wolle. Er zundete dabei eine kleine Handlaterne an, und machte sich bereit, wieder hinaus zu gehn, um, wie er sagte, den Leuten und Pferden des Reisenden ein Obdach im nachsten Holzschuppen zu suchen, derweil die Frau fur das Abendessen sorgen solle.

Luise furchtete auf irgend einen Bekannten zu stossen, und bereuete sehr, nicht nach Ballenstadt gefahren zu sein, wo sie im Gasthofe ein einsames Zimmer finden konnte. Sie trat daher zu Marianen, dieser ihre Besorgnisse mitzutheilen, wahrend ihre Wirthin draussen beschaftigt war. Von dem altvaterlichen, weit hervorspringenden Schrank verdeckt, redeten Beide mit einander, als die Thur aufging, und der angekundigte Gast, im dunklen, weiten Reisemantel und mit heruntergeschlagnem Hute, eintrat. Ei, sieh da! rief er, zum Bergmann tretend, alter Gesell, treff' ich Dich hier? Wie steht's mit dem Golde, ist es bald heraufbeschworen? Die Sunde, sagte dieser, hat das Gold verflucht; Ihr musst Euch erst entsundigen, ehe ich den Schatz hebe! Da wird's Weile haben! rief jener lachend, und warf Mantel und Hut auf den nachsten Sessel. Herr Gott im Himmel! schrie Luise, die beim ersten Ton der fremden Stimme bebte, und jetzt mit Entsetzen Fernando vor sich sah. Dieser wandte sich betroffen zu ihr. Von dem eignen Geschick ergriffen, welches ihn unwillkurlich zu dem trieb, was er vermeiden wollte, blieb er eine Zeit lang unbeweglich vor ihr stehen, dennoch aber, sich bald darauf fassend, sagte er mit unsichrer Stimme, welche die innre Bewegung seines Gemuthes verrieth: Sie sehn, schone Luise, wir konnen einander nicht entfliehn. Da sei Gott vor! rief sie heftig, indem sie eine Bewegung machte, als wolle sie den frechen Ausspruch Lugen strafen. Wo wollen Sie hin? fragte Fernando schmeichelnd. In der Dunkelheit konnen Sie unmoglich weiter reisen. Luise erinnerte sich, dass sie den Postillon fortgeschickt, und sich, unbewusst, die schmerzlichste Verlegenheit bereitet hatte. Wie gebannt stand sie nun in dem engen Stubchen, von der erwachenden Liebe und allen Schrecknissen ihrer Lage hin und her geworfen. Vor ihr Fernando mit der sussen, lockenden Gestalt, daneben der wahnsinnige Alte, der, mit geschlossnen Augen, wie im Traume, seltsame Tone auf der Cither anschlug. Ihre Sinne schwankten verworren umher. Lassen Sie mich! lassen Sie mich! rief sie wiederholt, als solle Fernando sie frei geben. Luise, sagte dieser sehr ernst, ich fuhle was Sie sich, was Sie der Welt schuldig sind, sein Sie versichert, ich fuhle das. An mir ist es zu gehn. Ich zogre auch nicht, so bald Sie's wollen. Nur horen Sie mich zuvor einen Augenblick. Er fuhrte sie zu einer kleinen Bank im nachsten Fenster, und sich behend auf den Rand derselben zu ihr setzend, fuhr er leiser fort: missverstehn Sie sich nicht, liebe Luise, Sie sind aufgeschreckt, in sich zerrissen, unsicher, Sie wollen mir, sich selbst entfliehn! Geben Sie Acht, dass Sie sich nicht ganz elend machen. Glauben Sie mir, Ihr Streben ist fruchtlos, Sie reissen sich nicht von mir los. Das ist das Vorrecht reiner Seelen, dass sie nur ein Bild in dem klaren Spiegel ihres Innren dulden konnen und es fur alle Zeit darin bewahren. Das ist so wahr, dass Sie jetzt, jetzt, wo Sie mich zu hassen meinen, dennoch einer zartlichern Regung nicht Herr werden konnen, die aus Ihren Blicken, ja aus dem sussen Zittern Ihres ganzen Wesens, spricht. Sie erschrecken; aber ich muss es dennoch sagen, liebe Luise: wir konnen nicht anders, wir mussen einander ewig lieben. Luise wollte hier aufstehn; allein er hielt sie bittend zuruck. Horen Sie mich aus, sagte er; ich gehe, so gewiss ich Sie liebe, wenn Sie es dann noch wollen. Wir sind nicht umsonst durch tausend schmerzhafte und herbe Aufopferungen verbunden, um uns, wie zwei feindliche Krafte, zu fliehen, die, nach zufalliger Beruhrung, in ihrem Grimm auseinander sprengen. Sagen Sie selbst, ist in Ihrem Herzen wohl ein recht wahres Gefuhl, das mich verdammt? Was ist denn auch so Unerhortes geschehn, das den Fluch des Himmels herabzoge! Die Natur ist machtiger als alle menschliche Weisheit, daher verspottet sie jene krankliche Vertrage, die man ein Band der Gesellschaft nennt. Meine Luise, sei starker als die Zeit in der Du lebst; gestehe Dir's nur, Du gehorst mir, mir, keinem Andern! O wie viel Jammer hatte uns meine Mutter erspart, wenn sie, die Formen verachtend, freier, ja freimuthiger handelte. Sieh, was davon herkommt, geselligen Vertragen zu Lieb, sich selbst und die Wahrheit seiner Gefuhle aufzuopfern! Schone sie, schmeichle Du ihnen jetzt immerhin, Du bist doch mit ihnen zerfallen. Die Welt verdammt Dich, Julius ist fur Dich todt. Luise schauderte schmerzlich zusammen, ein tiefer Seufzer drang aus ihrer Brust; sie fuhlte es wohl, sie war verloren. Wie eine abgerissne Bluthe hing sie in der frechen Hand, die sie um alle Hoffnungen des Lebens betrog. Unfahig, zu reden, lehnte sie den Kopf abwarts an das kleine Fenster, und die Stirn fest an die kalten Scheiben druckend, starrte sie hinaus in die Nacht. Fernando neigte sich vertraulich zu ihr, so dass der warme Hauch seiner Lippen sie wie ein leiser Kuss beruhrte. Wie Musik umspielte sie dabei das weiche Flustern seiner Stimme, das unwillkuhrlich ihre Thranen hervorlockte. Du weinst, Luise? fragte er sanft; Du zitterst? erschrickst Du vor dem Gedanken, Niemand als mich zu haben, in dessen Brust Du die Welt, den Frieden und die Unschuld Deiner Seele wiederfinden kannst? Sieh um Dich, Du bist allein, ganz allein unter Menschen, die Dich nicht verstehn, nicht verstehn wollen. Im Kampf mit Dir selbst, zerreissst Du ein Leben, das so seelig, so unaussprechlich seelig sein konnte! Sei doch mitleidig gegen Dich selbst. Komm, fliehe mit mir. Dieser Augenblick entscheidet fur uns Beide. Sieh, ich fuhre Dich in mein Vaterland, wo Du geliebt, wo Du glucklich sein wirst. Hier ? Was suchst Du hier? Was erwartest Du von Verhaltnissen, die Dich hohl und kalt ansehn? Glaubst Du, die Freunde werden es Dir verzeihn, dass Du einen andern Weg gingst, als den sie Dir mit ihren Alltagsblicken vorzeichneten. Hoffst Du, Julius sei mehr als ein Mensch? Er verschmaht ein Herz, das sich und ihn belog. Komm denn, komm mit mir, Luise.

Georg! Georg! rief der Alte im Schlaf, lass Deine Thranen nicht so uber die grauen Wimpern fliessen! Sie tragen Dich auch bald hinunter. Hor nur, wie der Todtenvogel krachzt.

Mit schwerem Fittig fuhr jetzt eine Eule schreiend am Fenster voruber. Luise sprang auf. Das Entsetzen gab ihr Kraft. Bleich stand sie vor Fernando. Sie mussen fort, stammelte sie. Die Natur hat eine Sprache, die ich fuhle, wenn ich sie gleich nicht klar verstehe. Umsonst hauft sie so nicht ihre Schrecken. Sie hat mich geweckt. Ich weiss es, Sie mussen fort. Der Tod trat zwischen uns. Wir scheiden. Geben Sie, eilen Sie, Fernando. Ist das Ihr Ernst? fragte er. Mein heiligster, erwiederte sie. Nun dann! rief er, auf Wiedersehn in einer andren Welt! Ich gehe in franzosische Kriegsdienste. Ich hatte dies beschlossen, ehe ich Sie hier traf. Ihr Anblick erschutterte mich. Das Leben sah mich noch einmal lockend an. Ich glaubte einen Augenblick an eine friedlichere Bestimmung. Sie wollen's anders. Ich gehorche. Sein Sie glucklich, recht glucklich. Mich reisst mein Schicksal fort! Ich sturze mich hinein, wie jemand der nicht vor, nicht hinter sich sehen mag, gleichviel wie's endet! Ich habe oft mit dem Leben gespielt, sagte er, bitter lachend; nun spielt es mit mir! Sturmen Sie nicht so wild in die dunkle Nacht hinein, unterbrach ihn Luise sanft; scheiden Sie milder, Fernando. Ach Gott! ich habe es wohl um Sie verdient. Mein Sinn ist wild, erwiederte er; unsre Liebe war's auch. Sie wissen ja, sie will ein blutig Ende, darum schicken Sie mich in den Krieg. O Fernando, Fernando! rief Luise erschuttert. Er stand erwartend vor ihr. Seine Blicke lagen gespannt auf den ihren. Sie zitterte heftig, und hatte kaum noch Kraft, sich aufrecht zu erhalten. Eine rasche Bewegung, als wolle er sie umfangen, schreckte sie auf. Um Gottes Willen! rief sie, lassen Sie mich! Sie haben es gelobt, Sie mussen, ja Sie mussen mich verlassen. In ihrem scheuen Blick, in dem Entsetzen, das uber das bleiche Gesicht hinfuhr, lag etwas Gebietendes. Fernando gedachte unwillkuhrlich jener Nacht im Walde. Nun denn, alter Camerad! rief er, den Bergmann aus dem Schlaf ruttelnd, so komm, geleite mich durch den Wald. Du kennst ja Wege und Stege. Lass die dumpfe Cither vor uns her klingen. Der wahnsinnige Greis taumelte vom Schemel, und Fernando unter den Arm fassend, schwankten Beide hinaus. Luise barg den Kopf an Marianens Brust, um die voruberklingenden Tone der Cither nicht zu horen, die noch lange vernehmlich durch den Wald hinzogen. Wie sie fernab rauschten und endlich verstummten, ward es auch stiller in ihr; der innre Sturm sanftigte sich. Sie holte aus tiefer Brust Athem und blickte seit lange zum erstenmal ruhig gen Himmel.

Die Wirthin trat bald darauf mit dem Abendessen herein, fast argerlich, dass sie der vornehme Gast so schnell verlassen habe. Luise gewann nach und nach Fassung genug, mit der gesprachigen Frau uber vieles zu reden, was dieser lieb war, und als Anton spaterhin hinzukam, horte sie theilnehmend ihren aufbluhenden Wohlstand ruhmen, dessen Schopferin sie war. So von sich selbst abgezogen, auf die stille Wirksamkeit einer glucklichen Familie gelenkt, stellte sich das innre Gleichgewicht ihrer erschutterten Sinne wieder her. Sie schlief die Nacht uber, wie jemand, der einer grossen Gefahr entronnen ist, und sich nun der Ruhe hingeben darf. In diesem Gefuhl trat sie auch am folgenden Morgen die Ruckreise an, von tausend Segenswunschen ihrer freundlichen Wirthe begleitet. Als sie indess Abends spat so allein und verlassen die verodete Wohnung wieder betrat, und nun in dem engen Bezirk das Ziel wie den Ausgangspunkt ihrer fruh beschlossnen Laufbahn umfasste, da fiel ihr trubes Loos centnerschwer auf die zagende Seele. Alle freudige Gestaltungen ihres Lebens, die fruhen Verheissungen von Liebe und Gluck, alles, alles wich vor dem truben Einerlei zuruck, was ihr aus den menschenleeren, unbewohnten Zimmern entge entrat, die man sorglich bis zu ihrer Ruckkehr verschlossen hatte. Ihr war, als offne sich ein Gefangniss, wie sich der Schlussel drehte und die verhaltne Luft aus der geoffneten Thur drang. So jung und so fruh beendet, dachte sie, und sah betrubt im nahen Spiegel die bluhende Gestalt, die in aller Frische der Jugend Anforderungen an ein freudigeres Dasein machte. Fernandos Worte drangen aus dem Grunde ihres Herzens herauf, und schienen eine Entsagung zu verspotten, der Schmerz und Reue folgten. Wehmuthig gedachte sie der voruberrauschenden Klange der Cither. Hier war alles stumm und todt. Nur die tragen Schritte ihrer mussigen Diener unterbrachen die tiefe Stille um sie her.

Wochenlang schleppte sie dies beengte, dumpfe, Leben muhsam mit sich fort, als ein schoner Herbsttag mit seinen sinkenden Nebeln und der hell hervorbrechenden Sonne sie unwillkurlich in's Freie lockte. Ein klarer Luftstrom zog erfrischend durch das gepresste Herz. Sie blickte um sich. Jenseits des Sees rollten sich die Dunste wie fallende Schleier zusammen, und zeigten ihr ein schones, sonst so oft besuchtes Birkenwaldchen, das heut mit seinem goldgelben herbstlichen Schmuck fast fremd wie ein unbekanntes Eiland vor ihr lag. Sie ging den See entlang und trat in eine Fahre, die, durch ein Seil regiert, in das Waldchen fuhrte. Von dem ruhigen Wasserspiegel getragen, ward ihr leichter; die trube Welt schien von ihr abgeschnitten, die kleinen kreisenden Wellen fuhrten sie spielend in eine neue Heimath. So betrat sie das Ufer, und ging zwischen den Baumen hin, der Landstrasse zu, die hier voruberfuhrte. Ein lauer Wind trug vom nahen Dorfe einzelne Tone eines Kirchenliedes zu ihr her. Sie erinnerte sich, dass es Sonntag und die Gemeine um den frommen Greis versammelt sei. Eine Liebe, dachte sie, wehet durch diese Stimmen. O mein Gott, du bist so gross und gut, du sanftigst in einem Augenblick alle Schmerzen einer truben, langen Woche! lass deinen Frieden auch uber mich kommen. Da raschelte etwas neben ihr in den welken Blattern. Ein Reisender wollte vorubergehen. Georg! rief Luise, ihn erkennend, Georg! wie finde ich Dich hier? Der Alte stand alsobald mit einem Briefe vor ihr, und reichte ihr denselben, ohne ein Wort zu sagen. Schnell das Siegel erbrechend, las Luise Folgendes:

"Liebe Luise! Ich versprach Dir bei Deinem Hiersein, bald diese Gegend zu verlassen. Ich halte schneller Wort, als ich es damals glaubte. In wenig Stunden trete ich eine lange, weite, Reise an. Mir ist wohl und wehe, nun es so weit kommt. Ach wir werden uns wohl so bald nicht wiedersehn! Lebe denn wohl, meine Luise! Lebe wohl, mein hochstes Gluck auf Erden."

Wie denn, Georg, sagte Luise, und er blieb zuruck? Der Alte senkte weinend die Augen zur Erde. Wollte er mich doch nicht mitnehmen, stammelte er leise. Ging er denn so weit von uns? fragte Luise. Ach ja! ach ja! wimmerte Georg, weit hin! wohin ihn die zunehmende Krankheit zeither unablassig rief, in den Tod! der hat ihn nun gefasst! O mein Gott! seufzte Luise. Beide konnten lange nicht reden. Schweigend wankten sie neben einander an das Ufer hin, und traten in die Fahre, ohne recht zu wissen, was sie thaten. Ueber das Wasser hin klangen die Tone aus der Kirche immer vernehmlicher. Georg faltete andachtig die Hande, und wahrend Luise im dumpfen Schmerz das schlaffe Seil des Fahrzeugs aufrollte, begleitete er die fernen Stimmen folgendermassen:

Noch schauen wir im dunklen Wort;

Noch reisst uns mancher Irrthum fort,

Und unser wankender Verstand

Hat abgewandt

Von Gott, oft Gottes Rath verkannt.

Zweites Buch

Ein Band nach dem andren hatte sich jetzt von Luisens Herzen gelost. Die ausgestorbne Welt lag wie ein oder Kirchhof um sie her, in dessen kaltem Grabeshauch sie wie eine einsame Blume traurig hin und her schwankte. Ohne Liebe, ohne Hoffnung barg das Leben nichts mehr von allem, was allein Leben giebt. Jedes Geheimniss der innersten Seele schien ausgesprochen, jede Frage beantwortet, alles an seinem Ziel zu sein. Was sie that und was sie dachte, kehrte beziehungslos in sie selbst zuruck, und drangte das Bild ihres verwaisten Daseins immer peinigender vor sie hin. Dazu verscheuchte der hereinbrechende Winter noch die letzten Spuren lebendiger Regsamkeit. Ueberall, uberall war nichts als der Tod. Die einsamen Abende, die ewig langen Nachte, wanden sich druckend an der beklommnen Luise hin, die alles, bis auf die Traume, floh. Als lege sich der schwarze Saum der Nacht auf ihre Brust, so sah sie den Tag sinken und versank mit in die gestaltlose Dunkelheit.

Aber wie auch Wunsche und Erwartungen welken, so dass sie wie durre Halme hohnend auf den entschwundnen Fruhling hinweisen, so regt sich dennoch tief an ihrer Wurzel die ewige Sehnsucht, die erst leise, dann immer machtiger sich dehnend, das Innre plotzlich mit solcher Gewalt erfasst, dass sich's, auf's neue aus sich herausgedrangt, mit schmerzlichem Verlangen in die bunte Welt sturzt und das ungekannte Gut an sich reissen mochte. Luise konnte sich tausendmal sagen, es ist vorbei, es ist alles vorbei! so ergriff sie dabei eine Angst und eine Ungeduld, die zerstorend mit der ganzlichen Trostlosigkeit und dem Druck ihrer Lage stritt. Unwillkuhrlich sann sie auf Rettung, mass und erwog, uberflog augenblicklich die scharfgezognen Linien weiblicher Beschranktheit, traumte sich in ferne Lander, unter fremde Menschen, die ein helleres, freudigeres, Dasein an das ihre anknupften und so eine neue Welt um sie her schufen. Nach Italien wandte sich am liebsten ihr Blick. Dort, dachte sie, wehen laue Lufte, dort mussen die innren Schmerzen heilen und alle Sorgen vor dem ewig reinen Himmel fliehen. Aber auch hier schreckte sie Fernandos Bild wie eine Aegide zuruck. Und dennoch sauselten die lauen Lufte so schmeichelnd und lockten sie hinuber in wunderliche, verworrne Traume, in denen Wille und Verlangen seltsam kampften.

So in Widerspruchen verstrickt, fiel ihr Auge einst auf das elfenbeinerne Kastchen, welches Violas Bild und jene versiegelten Papiere enthielt. Luise offnete es, als einzige Besitzerin von allem, was Julius zugehorte, und als Theilhaberin eines Geheimnisses, das hier nur naher bestatigt sein konnte. Wie sie die Haarflechte loste und die Blatter einzeln in ihre Hand fielen, zeigten ihr sogleich die ersten Worte, dass es Briefe der Markise an Viola waren, in welchen sie Fernandos nur zu oft gedachte. Mehrere durchlesend, fand sie einen, der sie mehr als alle andre ergriff, und folgendermassen lautete:

"Wie dauerst Du mich, arme Viola! in Deinem strengen, farblosen Norden, wenn ich den reichen Schmuck und die Fulle und die Gluth unsrer blumigen Heimath betrachte! Kenne ich doch den lieben, beweglichen Sinn, der Dich wohl abwarts trieb, weil man ihn binden wollte, einst aber kosend, wie unsre erfrischende Seelufte, uber den bunten Schmelz des Lebens hinzog. Armes Herz! und Du sollst nun welken und vergehn unter den schweren Wolken eines fremden Himmels! Ich schreibe Dir aus meiner Villa, von dem wohlbekannten, niedren Balkon, nach der Wasserseite. Ach Viola! wie muss ich hier unsrer Jugend gedenken, und wie nun alles, alles so anders kam, als wir damals traumten! Erinnerst Du Dich der stillen Nachte, wenn wir von hier, uber den Golf hinaus, nach den fernen Kusten schauten, und Dein Gesang Dich, halb sehnsuchtig, halb in frohem Uebermuth, zu den ungekannten Landern trug, und Du vermessen aus der Ferne Dein Liebesgluck heraufbeschworst. Es nahete Dir, aber von einer andern Seite, als Dir es ahndete. Noch sehe ich, unter den Pinien dort, den schlanken, blondlockigen, Nordlander hervortreten, und sein Erscheinen sittig und schmeichelnd mit dem Zauber Deiner Tone entschuldigen, die ihn unwillkuhrlich angelockt. Lieber, unglucklicher Eduard! wo irrst Du jetzt umher, jene Nachte verwunschend, wie Du sie einst segnetest! Viola, das Myrtenreis ist nicht wieder gewachsen, was damals brach, als er sich zuerst zu dem Balkon aufschwang. Dein schoner Knabe tritt jetzt auf den halbtrocknen Stamm und arbeitet sich zu mir herauf, um mich zum Spielen zu zwingen. Er wendet sich unwillig ab, da er mich schreiben sieht, was er in den Tod hasst, geht nach dem Ufer, sich zu baden, und ich Thorin uberwinde mich kaum, ihn gehn zu lassen. Du tadelst es, dass er uns alle beherrscht. Aber sieh nur den sussen Trotz in Aug' und Mienen, das schmeichelnde und gebietende Lacheln; Du widerstandest auch nicht. Und lass es doch! Wem die Natur das Herrscherstegel so aufgedruckt, der herrscht, wie man ihn auch demuthige. Vor so einem beugt sich die Welt, und wo ihm das Geschick entgegensteht, da zertritt oder uberspringt er es, und wird dennoch nicht unglucklich. Du willst ihn also nicht sehn? Er soll nie Curen deutschen Boden betreten? Du selbst wagst Dich nicht in Dein Vaterland zuruck? Und dies alles um eines Traumes willen? Wie bist Du so anders geworden. Wehet dieser Geist in Euren Waldern? Du qualst und arbeitest Dich ab, eine Zukunft zu berechnen, die Dir so furchtbar in ihrer Dunkelheit ist. Liebe Viola, der Wurf ist gethan, Du setzest ihm kein Ziel. Stelle und straube Dich, umbaue und verbirg Dich, thue was Du willst, das Unvermeidliche ereilt Dich dennoch! Und Zeit und Ordnung uberfliegend, wagst Du, das tief verborgne Geheimniss zweier kindlichen Herzen auszusprechen? Im Saamen bestimmst Du die Frucht; vor der Entwicklung die Reife? Viola, erinnre Dich, dass das Gluck solche flieht, die es mit Gewalt erfassen wollen. Weissst Du, ob, was Du bindest, sich nicht ewig meiden wird? Was soll Dein trubsehender, in Schmerz und Reue erzeugter Julius mit der reizenden kleinen Luise, die Dir, wie Du selbst sagst, so ahnlich ist, bei deren heitrem Lacheln Du Dein eignes freudigeres Dasein noch einmal aufgehn siebst. Lass den armen Knaben Deine Schuld allein abbussen und schicke mir das muntre Kind, damit ihr an Fernandos Seite ein bluhenderes Loos werde. Aber ich tadle Dich und mochte eben jetzt dem Schicksal vorgreifen! Was kommen soll, wird geschehn! Niemand weiss, wie er endet! O konntest Du nur, wie ich, unsern holden Liebling sehn, wie er hier vor mir die schonen Glieder auf dem weissen Schnee der blaulichen Wellen wiegt, wie alles, Licht und Luft und die kleinen kreisenden Fluthen, mit ihm zu spielen scheint, und er dann von Zeit zu Zeit das Kopfchen hebt, die dunklen Locken schuttelt und unter den hohen Brauen zu mir hinsteht, als wolle er das ernstre Geschaft bannen und mich unwiderstehlich zu sich herabziehn. Armer Eduard! Arme Viola!"

O vermessne, hochst vermessne Viola! rief Luise, mit blutendem, gewaltsam bewegtem Herzen. Wie hast Du Dich an das Heiligste gewagt, und uns alle in Dein finstres Loos verstrickt! So nahe also, so ganz nahe lag mir mein Gluck, und nun ! Ihr war, als hatten die Worte der Markise jene oft beweinten, immer noch lebendigen, Gefuhle gerechtfertigt; ja sie sah sich als die fruhere Verlobte Fernandos an, dem man sie absichtlich, widerrechtlich entrissen habe. Von da an wich jede stillere Ergebung, alle Sussigkeit sanfter, auflosender Schmerzen aus ihrer Seele. Verzweifelnd straubte sie sich gegen die Hand des Schicksals, die fremde Gewalten vernichtend auf sie gelegt. Jener einzige Blick in eine hellere Welt zog ihre Umgebungen so eng zusammen, dass sie oft schreiend aus der gepressten Brust athmete. Einzig beruhigte es sie, sich augenblicklich in die von der Markise fluchtig angedeuteten Verhaltnisse zu versetzen. Die bange Zeit zuruckdrangend, ging sie, ein gluckliches Kind, spielend an Fernandos Hand, dem weiten Meer entlang, das so lockend und sehnsuchtig aus der Ferne herubersah. Leicht bewimpelte Fahrzeuge segelten voruber, auf ihnen, Manner in fremder Tracht, oder leicht verschleierte Frauen. Von der Landseite beugten sich hohe Orangen zu ihnen heruber; Fernando wand sich behend den schlanken Stamm hinan und liess die gluhenden Fruchte in ihren Schoos fallen. Zwischen hin erschien die Markise, eine milde weibliche Gestalt, an deren Herzen beide ohne Schmerz und ohne Storung heranwuchsen und vereint die erweiterten Kreise einer geahndeten, unaussprechlich reizenden Welt betraten. Wie anders! rief sie dann, von der nackten, durren Gegenwart aufgeschreckt, wie anders war' es so gekommen! Und warum durft' es nicht so sein? Sie konnte uber die Frage nicht hinaus, und verhartete und erbitterte ihr Gemuth gegen alles, was das Leben ihr noch Trostreiches geben konnte.

So umgewandelt, schroff und herbe, sich gegen das unvermeidliche Verhangniss auflehnend, sank ihr Innres immer mehr zusammen, ohne dass ein lebendes Wesen, ein vertrauliches Wort es erfrischend beruhrte. Die leichtgeknupften, fruhern Verbindungen hatte Julius Tod meist gelost, entferntere Bekannte schwiegen, verlegen, wie sie ihre Theilnahme aussern sollten, ohne der storenden Missverhaltnisse zu gedenken. Der alte Geistliche lag krank, schon seit Monaten mit eignen Leiden kampfend. Luise hatte es immer verschoben, ihn zu besuchen, weil sie, wie so viele Ungluckliche, von jedem Tage etwas Neues, Ungewohnliches, erwartete und mit beruhigterm Gemuth an das stille Lager zu treten hoffte. Als aber alles blieb wie es war, und das Verlangen nach dem sanften Trost ihres alten Freundes sie einmal recht lebendig erfasste, machte sie sich auf den Weg, und trat durch das sauber geschnitzte, von dunkler Vinca umrankte Gitter des Pfarrhofes, als folgende Worte einer weiblichen Stimme aus dem Hause heruberklangen:

Weiss auf weissem Grund gewoben,

Blumen, seid so bleich und fremd,

Hab' zum Brautschmuck euch erhoben,

Webte ja kein Todtenhemd.

Ach, ihr blasset, bunte Seiden,

Von der kranken Hand beruhrt,

Die im Spiel die eignen Leiden

Muhsam so herauf gefuhrt.

Thau'ge Perlen, senkt euch nieder

Auf das luftige Gewand;

Schlingt euch um die Blumen wieder

In ein helles Thranenband.

Luise war indess hineingegangen, und offnete, da die Stimme schwieg, die Thur der Wohnstube, in deren Grunde ein schones, bleiches Madchen an einem Stickrahmen sass, und, uberrascht durch ihr Erscheinen, von der Arbeit aufsah. Luise erkannte auf den ersten Blick eine fruhere Gespielin, des Predigers Nichte, die vor mehrern Jahren sein Haus verlassen hatte, und jetzt, Luisen unbewusst, darin zuruckgekehrt war. Willkommen, liebes Minchen! rief sie, von allen lieben Erinnrungen der Kindheit durchbebt, wie finde ich Sie so unerwartet hier? Sie kennen mich also dennoch wieder? fragte jene wehmuthig lachelnd. Wie sollte ich nicht, fiel Luise schnell ein; mir ist in diesem Augenblick, als sei noch alles wie sonst! wenn ich so kam und Sie abholte, und wir die ersten Veilchen auf dem Kirchhofe suchten. Ich werde das nie vergessen! Ich sehe noch die kleinen Kranze, die wir dann an die Linden uber die Kirchmauer hingen, und uns freueten, wenn sie nach mehrern Tagen noch frisch und duftend im Winde spielten. Beide wandten sich unwillkuhrlich nach dem Fenster, der Mauer gegenuber. Die alte Linde streckte ihre nackten Zweige in den kalten Winter hinaus, weisser Reif uberzog sie und hing in starken Tropfen herunter. Wie in einem Spiegel den truben Wechsel ihres eignen Lebens erkennend, senkten Beide die Blicke zur Erde. Sie hatten eine Schwester, hub Luise endlich wieder an, ein schones, frohes Kind. Sie ist recht freudig herangewachsen, entgegnete Wilhelmine, und feiert in Kurzem ihr Hochzeitfest. Ich sticke eben jetzt das Brautkleid. Also nicht das Ihre? fragte Luise. Ein leises nein, o nein! bebte auf Wilhelminens Lippen. Sie war zum Rahmen getreten, und rollte in grosser Bewegung den feinen Musselin auseinander, um Luisen die Arbeit zu zeigen. Die weissen, leicht hingeworfnen Blumen riefen dieser die truben Worte des Liedes zuruck. Es ist wohl recht muhsam? fragte sie, ihre Erschutterung zu verbergen. Gar nicht, erwiederte Minchen, wieder gefasst und freundlich. Ich kann nur bei Tage so wenig dabei bleiben; ich muss dem Onkel fast immer vorlesen, wenn er nicht schlaft, wie jetzt, daher arbeite ich meist des Nachts. Des Nachts? fragte Luise, so feine Stickerei? Warum nicht, entgegnete jene, dann ist alles so still und heimlich, Lottchen steht wie ein freundlicher Geist vor mir, ich sehe ihre hellen Blicke, und denke wie schon sie in dem Kleide sein wird, und alles geht leicht und gut. Der Alte rief aus dem Nebenzimmer. Wilhelmine eilte schnell zu ihm, kehrte indess sogleich zuruck, um Luisen zu dem guten Onkel zu fuhren, der herzlich nach ihr verlangte.

Wahrend das sorgsame Madchen, theils um den

Kranken, theils in hauslichen Verrichtungen, auswarts beschaftigt war, sagte Luise dem Prediger, wie es sie uberrascht habe, die alte Jugendfreundin so unerwartet zu finden, und wie sie sich freue, die liebreiche Pflegerin bei ihm zu wissen. Das fromme Herz! rief jener geruhrt. Sie ringt so still mit dem grossen Leid, das an ihr nagt, und uberfliegt es oft, indem sie sich unaufhorlich in die thatigste Wirksamkeit fur Andre verliert. Sie druckt der Schmerz nicht; er hebt sie und zieht sie unwiderstehlich zu denen, die noch etwas vom Leben erwarten, und denen sie freudig ihr ganzes Dasein opfert, ja sie schilt sich, wenn ihr eigne Sorgen den Sinn verfinstern und sie nicht mit der ganzen, lebendigen Kraft ihre seelige Bestimmung verfolgt. Und das ist alles so lieb und naturlich und so klar empfunden. Ich wusste nicht, fuhr er nach einer Weile mit erheitertem Blicke fort, ich wusste nicht was ich auf Erden noch wunschen konnte, als in den Armen dieses Engels zu sterben. Wilhelmine trat hier, mit einem Blumentopf im Arm, herein, und ihn auf ein Tischchen neben dem Bette des Kranken setzend, sagte sie: die Veilchen hat mir Gartners Riekchen so muhsam gezogen, und nun ist sie noch fruher als die kleinen Blumen verbluht. Also doch gestorben? fragte der Prediger; Du hofftest gestern noch. Ja, sagte sie, die Augen waren so klar und sie kannte mich auch; aber das war auch das letzte Aufblitzen des kleinen Lichtchens. Die beiden andern Kleinen bringen mir eben den Blumentopf, und bitten mich um ein Kronchen fur die Schwester. Das liebe Kind! Sie starb so fromm, und wusste recht eigen um ihren Tod und dachte an mich und an Albert, von dem ich ihr gesagt, dass er im Himmel auf uns warte! Das liebe, liebe Kind! Grosse Tropfen fielen aus Wilhelminens Augen. Sie wandte sich ab und ging still zur Thur, als der Onkel sie fragte, wo sie hin wolle. Zu den Kleinen, erwiederte sie, die warten auf mich, sie wollen die Krone mitnehmen; ich muss sie nur winden, die arme Mutter verlangt es nach dem letzten Schmuck ihres Kindes.

Wer ist Albert? fragte Luise, als Minchen sie verlassen hatte. Ein junger Arzt, erwiederte der Alte, dem das arme Madchen verlobt war. Ihre stillen Gemuther schlossen sich wahrend einer langen Krankheit, aus der der milde Freund Wilhelminens Mutter rettete, fest aneinander. Derselbe Zug durch die Bedurftigkeit und Sorgen des Lebens hin den einzelnen Freuden nachzugehen und die arme Menschenbrust augenblicklich von dem grossen Druck eines beengten Daseins zu erretten, fuhrte sie zusammen, und machte ihre Verbindung zu der innerlichsten und heiligsten, als der Tod ihn wenig Tage vor der Hochzeit aus ihren Armen riss. Sie trug das herbe Geschick mit grosser Kraft, und ist seitdem nur noch fester und innerlicher geworden, da sie nun nichts mehr auf dieser Welt fur sich hofft. Aber in dem Maasse, wie sie sich in sich selbst abschliesst, giebt sie sich Andren hin. Sie ermudet nicht, jedem die Hand zu reichen, um ihn schnell durch die dunklen Gewinde irdischer Muhseligkeit durchzuhelfen, den klaren Blick dabei auf ein hoheres Ziel richtend, dem sie still entgegengeht, wie sehr sie auch Schmerz und Sehnsucht oft beengen.

Der Alte redete noch lange so fort und erfrischte sich an dem reinen Stral des milden Gestirns, das den Abend seines Lebens erhellte, als Luise durch den sinkenden Tag an ihre Ruckkehr erinnert ward. Wie sie zu Wilhelminen kam, fand sie diese mit dem Kranze beschaftigt. Die beiden Kinder standen vor ihr und spielten mit der kleinen Fahne von Zittergold, worauf eben Riekchens Nahme eingeschnitten war. Luise sah den blassgrunen Rossmarin in einander flechten, und druber hin in den spitzen Blattern flokkige Purpurseide, wie den letzten Stral des sinkenden Abendroths spielen. Ach Minchen! rief sie bewegt, an ihre Brust sinkend, Todtenkronen und Brautkleider gehen durch Deine Hande, Du umwindest Dir selbst den Pfeil, den Du so immer tiefer in die wunde Brust druckst.

Dies also, dachte sie im Gehen, ist nun aller Lohn und aller Genuss des Lebens? Schmerzenslust! Wonne unter blutigen Thranen! Wer sieht euer doppeltes Antlitz und bebt nicht vor seinem eignen Loose zuruck! Ein lautes Gerausch weckte sie indess aus ihren Betrachtungen. Sie sah einen stattlichen Reisewagen an sich voruber in ihren Hof fahren. Halb erfreut, halb verlegen, beflugelte sie die Schritte und trat fast zugleich mit zwei Damen in das Haus, in denen sie nicht ohne Erstaunen Augusten und Emilien erkannte Die Erstere ging ihr etwas feierlich entgegen, und sagte mit gehaltnem Ton, wie die kurze Bekanntschaft keinesweges ein so unerwartetes Erscheinen rechtfertige wohl aber die innigste Theilnahme, die ein Band sei, welches uber Zeit und Verhaltnisse hinausreiche. Emilie hingegen sank ihr weinend in die Arme und versicherte ihr liebkosend, dass sie so oft an sie gedacht und sich so herzlich nach ihr gesehnt habe, dass sie dem Wunsche nicht widerstehen konne, sie bei ihrer Durchreise zu begrussen. Die Herzlichkeit des anschmiegenden Madchen that Luisen wohl, und milderte einigermassen die Verwirrung, welche Augustens Gegenwart in ihr erregte. Diese hatte sich ihr vormals mehr abstossend als liebreich gezeigt, und sie war daher um so mehr verlegen, sich jetzt in ihrer Nahe zu befinden. Allein Luisens veranderte Lage war es gerade, was sie in Augustens Augen hob, welche es fur eine Art zu losender Aufgabe ansah, der Gefallnen ihren Schutz angedeihen zu lassen und deshalb willig in Emiliens Vorschlag einging, hier einen Tag zu verweilen.

Sie haben den Fruhling um sich her gezaubert, sagte Auguste, im Hereintreten Luisens reichen Blumenflor beachtend. Sie thaten sicher wohl, denn die kleinen Zungen reden oft wahrer zu uns, als die schwankenden Menschenworte. Ja wohl! rief Emilie, ich muss bei ihrem Anblick an Alles denken, was ich lieb habe. Luise seufzte, und ein welkes Blatt zerdrukkend, sagte sie: der Tod spricht nur so unmittelbar aus ihnen, wie schnell zerstiebt die Farbenpracht zwischen unsern Fingern, und wir sehen wehmuthig dem blassen Staube nach! Das hochste Entzucken, fiel Auguste ein, ist schmerzlich. Das liegt im Wechsel der Erscheinungen, den wir im fluchtigen Genuss vorempfinden, und uber den hinaus wir das Ewige binden mochten. Aber dieser Wechsel, liebe Freundin, fuhr sie fast vertraulich fort, sollte dem wahrhaften Menschen eigentlich nichts anhaben. Wer die volle, gesammte Einheit in sich tragt, der konne, dunkt mich, dem Spiel der bunten Oberflache ruhig zusehn. Er kennt die tief verborgne Bedeutung desselben und sieht in jedem Schmerz das Saamenkorn neuer Offenbarungen. Ich fur mein Theil habe keinen Begriff von der Ewigkeit, der Trauer und jenem sehnsuchtigen Schmachten, das einen welken Schein uber die ganze Schopfung ausgiesst, die Menschen in krankliche Traume wiegt und sie in trager Hingebung mit Andacht und Frommigkeit afft, statt dass ein frischer Lebenshauch den Phonix aus der Asche erweckt.

Wie schon Du redest, sagte Emilie, die wahrend dem beifallig mit dem Kopf genickt und Luisen wiederholt ihr Entzucken mitgetheilt hatte. Es wundert mich nicht, dass Du den kalten Sir Arthur gewannest. Du konntest Steine beleben. Aber Sie wissen wohl nicht, liebe Luise, fuhr sie fort, dass unsre Freundin mit dem jungen Englander verlobt ist, den Sie bei meinen Eltern sahen.

Luise wusste es nicht, und erinnerte sich kaum ein fluchtiges Zeichen der Zuneigung zwischen Beiden bemerkt zu haben.

Die arme Auguste, sagte Emilie weiter, hat sich jetzt auf mehrere Monate von dem Geliebten getrennt, der erst kommenden Herbst, und vielleicht noch spater, aus seinem Vaterlande zuruckkehrt. Ich begreife kaum, wie sie den Schmerz der Trennung so uberwindet. Den Menschen, hub Auguste sinnend an, den wir einmal wahrhaft sahen, den sahen wir, den werden wir ewig sehen! Zeit und Raum sind in dieser Hinsicht hochst untergeordnete Begriffe, die dem Wesen tief empfundner Liebe entgegenstehn.

Emilie bewunderte auf's neue diese Starke der Gesinnung, und sagte sehr naiv, dass sie den Geliebten entweder gar nicht aus ihren Armen gelassen, oder ihn gleich aufgegeben hatte, denn sie kenne sich und die Menschen, und wisse, dass uber den ersten, entsetzlichen Schmerz der Trennung hinaus, die Welt gar zu lockend und lieblich auf die Herzen eindringe, die solch gegebnes Wort nur peinlich hin und her zerre. Von hier ging sie freudig zu den Verhaltnissen zur Welt im Allgemeinen uber, lobte das beweglichere Leben in den Stadten, erzahlte von ihrem nahen Aufenthalt in der Residenz, und schloss damit, Luisen dringend um ihre Begleitung dorthin zu bitten. Wider alles Vermuthen stimmte Auguste mit in diese Einladung, und bot ihr sehr gastlich einen schicklichen Aufenthalt in ihrem Hause an. Hierdurch wurden nothwendig Luisens fruhere Verhaltnisse beruhrt. Theilnahme erweckt Vertrauen. Das weibliche Herz erschliesst sich um so leichter, je dringender ihm in manchen Augenblicken Mittheilung wird. Emiliens liebreiches Entgegenkommen ruhrte Luisen, und wenn ihr auch die Denkspruche und geformelten Phrasen der belesenen Auguste fremd blieben, so klangen sie doch gewichtig, und zwangen sie mit einer Art von Achtung zu der Rednerin aufzusehn, deren Urtheil sie ihre Unerfahrenheit unterwarf, und daher ohne Ruckhalt zu Beiden sprach.

So verging dieser Tag und ein folgender, ohne dass sich Luise gleichwohl uber jenen gethanen Antrag bestimmte. Allein Emilie horte nicht auf, sie mit Liebe und Bitten zu besturmen, und sagte ihr endlich in einem Augenblick, in welchem sie Auguste verlassen hatte, dass sie ihrer Theilnahme in einer ziemlich misslichen Lage bedurfe, dass Auguste ihr zu fern stehe, und nur ein Herz wie das ihre sie verstehn konne. Hierauf entdeckte sie ihr ohne Weiteres ihre Liebe fur den jungen Maler, die seit ihrer fruhesten Kindheit ihr Herz erfullte. Zugleich aber auch, wie lange Trennungen dies Verhaltniss unterbrochen und ihre gegenseitige Zuneigung oftmals abwarts gelenkt hatten, weshalb auch ihre Mutter lange keinen Verdacht gehegt, neuerlich aber durch ein unvorsichtig verwahrtes Billet hinter die Wahrheit gekommen sei, und, ohne einen grossen Zorn blicken zu lassen, nur erklart habe, dass, da sie das Geschehene nicht ungeschehen machen konne, sie allein den Anstand fur die Zukunft retten und so schnell als moglich eine schickliche Partie fur sie suchen werde. Diese Partie, setzte Emilie hinzu, ist nun gefunden, und da wir Beide von der Unmoglichkeit einer gesetzlichen Verbindung nur zu sehr uberzeugt sind, und die Grunde dagegen anerkennen mussen, so habe ich Steins Hand angenommen, der grade seine Bewerbung bei meiner Mutter erneuerte. Stein! rief Luise ganz entrustet; Emilie, wo denken Sie hin, dies edle Gemuth wollen Sie hintergehn! Gott bewahre mich, erwiederte jene, ich will ihn gewiss recht glucklich machen. Mit diesem getheilten Herzen? fragte Luise. O das wird schon ruhiger schlagen lernen, entgegnete Emilie; und dann sagt Mutter, Pflicht und Gewohnheit ersetzten jede heftigere Neigung, und wenn ich sie selbst betrachte, so bin ich sehr geneigt, es zu glauben; sie lebte immer zufrieden an meines Vaters Seite, und ich bin gewiss, sie hat ihn nie geliebt. Aber Ihre Mutter selbst, unterbrach sie Luise, war fruher so entschieden gegen eine Verbindung mit Stein. So lange nur, erwiederte Emilie, als sie furchtete, seine Leidenschaft konne mich unnaturlich entzunden, und, wie sie sagt, unversehens in eine Welt zaubern, in der ich hochst unbehaglich zu mir selbst kommen wurde. Jetzt aber, da ich ihn mit ruhigem Gemuth allein aus Vernunft heiraten will, sieht sie weiter keine Gefahr fur mich, und ist sehr gewiss, dass ich immer die Verschiedenheit unsrer Wege anerkennen, und durch Nothwendigkeit gehalten, den meinen recht still fortgehn werde. Luise ward lebhaft von der Herabwurdigung der allerheiligsten Verbindung ergriffen, die man hier, wie so oft im Leben, augenblicklichen Zwecken unterordnete, und rief daher, ganz rucksichtslos auf die Baronin: liebe Emilie, man tauscht Sie! man tauscht Sie absichtlich! Sie wissen nicht, was es beisst, eine verfehlte Wahl; Sie ahnden den Kampf gutgearteter Naturen nicht, die vielleicht ein langes Leben hindurch mit Theilnahme und Mitleid und den eignen qualvollen Wunschen ringen mussen. Noch viel weniger fuhlen Sie, was dadurch in Ihnen verloren geht. Das Unschuldigste wird Ihnen unter den Handen zur Schuld; Frevel und Sunde treten Ihnen unversehens immer naher und naher, und fassen und halten Sie, bis die Ruhe und das Gluck Ihres Lebens auf ewig vergiftet sind. Freilich, freilich! sagte Emilie, einigermassen erschuttert; aber Mutter behauptet, einer Frau, die das Pflichtmassige ihrer Verhaltnisse nicht von selbst vor jeder Gefahr sichre, sei uberhaupt nicht zu helfen. Kleine Abweichungen von der gewohnten Ordnung gehoren der ungebundnen Jugend an. Wie wir aber in die wirkliche Welt treten, fasse uns der Ernst unsrer Bestimmung unwillkuhrlich an, und drange uns unbewusst in den gemessnen Gang hauslicher Thatigkeit; die Gewohnheit fande sich von selbst ein, und das ganze getraumte Wesen der Jugend liege plotzlich weit, weit hinter uns. O mein Gott! sagte Luise, so ist denn die Ehe nichts als ein burgerlicher Verein, so wie noch tausend Andre, in denen Absichtlichkeit und Gesetz die Menschen zusammenhalten. Ihr reines Element wird ein truber Sumpf, und die freieste Gabe des Herzens ein knechtisches Naturgebot! Aber wenn Sie sich auch finden lernen, fuhr sie gemassigter fort, was soll aus dem Unglucklichen werden, dem sie so zuversichtlich die schwere Kette uber den Nacken werfen? Wagen Sie es, auch fur ihn gut zu sagen? Liebe Emilie, hoffen Sie nicht, ihn in den breiten Weg der Alltaglichkeit hineinzuziehn! In Steins Seele ist ein heller Tag aufgegangen; er macht andre Anforderungen an das Leben, als Sie es wunschen; ein volles, inniges Dasein will er mit Ihnen theilen. O Emilie, wenn diese hochst einfachen Anforderungen Sie drucken, und Sie das treue, begehrliche Herz durch Unvermogen, es zu begreifen, zerreissen werden, hoffen Sie dann noch, Ihren Weg still und ungestort fortzugehn? Wahrhaftig, sagte die Kleine halb weinend, Sie machen mich ganz bange! Ich habe das immer dunkel gefuhlt. Aber es ist ja auch noch nicht alles verloren. Verlassen Sie mich nur nicht, beste Luise, ich bitte Sie, versagen Sie uns Ihre Begleitung nicht. Auguste kam hier auch herzu, und sagte noch vieles und manches uber das unsichre Schwanken unsers Willens, und wie unersprieslich es sei, einen Entschluss zu verschieben, zu dem uns die innre Neigung vielleicht langst aufgefordert habe, so dass sich Luise entschied, und der folgende Tag zu ihrer Aller Abreise bestimmt ward.

Das ganze Haus gerieth bei dieser Nachricht in freudige Bewegung. Mariane sah nach monatlicher Trauer mit Entzucken einer willkommnen Veranderung entgegen, und auch fur Luisen hatte die kleine Reise und die Aussicht in ein beweglicheres Leben, etwas Erfreuliches, ohnerachtet eine innre Bangigkeit sie wohl zuweilen die Neuheit ungewohnter Verhaltnisse vorempfinden liess.

Als sie am folgenden Morgen fruh im halben Dammerlicht an des Predigers Wohnung voruberfuhren, offnete Minchen schnell die Vorhange und winkte Luisen noch ein herzliches Lebewohl zu. Diese ward innig dadurch geruhrt. Der zitternde Tagesschein, der die Gegenstande mehr in einander schmolz, als bezeichnete, gab der Gestalt etwas schattenartiges, das Luisen unwillkuhrlich ergriff. Nur den tiefen Schmerz, den sie Minchen kannte, glaubte sie in ihren bleichen Zugen gesehen zu haben. Ihr war, als haben die weissen Arme, die sie grussend bald hob und neigte, gestrebt, sie zuruckzuhalten. Ihre Bewegung entging ihren Begleiterinnen nicht. Sie drangen in sie, und Luise sprach mit Warme von Minchens Leiden und der stillen Ergebung, mit der sie sie trage, was Emilien haufige Thranen entlockte, Augusten aber in ein augenblickliches Nachdenken versenkte, aus welchem sehr bald folgende Worte hervorgingen. Mich dunkt doch, hub sie an, es sei keine rechte Einheit in diesem Gemuth! Entweder sie erwartet noch etwas vom Leben, oder sie begiebt sich aller Anspruche daran. Ist das Erstere der Fall, warum dehnt sie die fruchtlose Trauer uber das Grab des Geliebten hinaus? Warum? fragte Luise; lieber Himmel, kann sie denn anders? Daruber kann sie freilich nur selbst entscheiden, entgegnete Auguste, aber dann sollte sie auch nur konsequent sein, und sich gleich mit in das kuhle Grab legen, das nun einmal das Ziel ihrer Wunsche umfasst. Was will sie in der Welt? Sie zerreisst sich muthwillig. Beschrankte Naturen thun am Besten, sich gleich zu ergeben, da es ihnen an Kraft gebricht, die Nothwendigkeit zur Freiheit zu erheben. Beschrankte Naturen! rief Luise verletzt. O fuhlen Sie denn nicht wie eine Schranke nach der andern vor diesen Augen fiel, die, ein hoheres Ziel erfassend, muthig den dornigen Weg uberschauen, der ausgebreitet daliegt? Kann sie den zarten Gliedern gebieten, nicht zu bluten, wenn die Dornen sie wund ritzen? Und sehen Sie nicht, wie der Schmerz, als ihr irrdisch Erbtheil, immer mehr hinter ihr zusammensinkt, und sie sich auf machtigen Schwingen uber sich selbst erhebt? Ich halte von solchen Kampfen nicht viel, sagte Auguste kalt. Stehn ihr die Schwingen wirklich zu Gebot, wie Sie glauben, was uberfliegt sie nicht gleich den muhseligen Weg, und erreicht so fruher das Ziel? Weil sie, erwiederte Luise, ihre Kraft erst im Schmerze prufte; weil ein wahrhaftes Leid den Menschen erschuttert und ihm alle Tiefen der Seele eroffnet, in denen er sich und die Welt und seine Bestimmung verstehen lernt. Glauben Sie das nicht, fiel Auguste ein, wer das Rechte von Anfang will, der findet es auch, der will denn auch nur das Eine in jeder wechselnden Gestaltung der Dinge, das ist seines Daseins ewiges unwandelbares Gebot.

Unter diesen und ahnlichen Gesprachen setzten sie ihre Reise fort. Luise fuhlte sich sehr unbehaglich auf ihrem Platze. Emilie schlief, oder verlor sich doch mit geschlossnen Augen in lustige Traume; Auguste redete freilich, verletzte sie indess unaufhorlich durch ihre durre Sentenzen. Tausendmal ihren raschen Entschluss bereuend, sich der fremdartigen Gesellschaft angeschlossen zu haben, beugte sie den Kopf aus dem Wagenfenster, um, wo moglich, in den aussren Gegenstanden eine erfreulichere Unterhaltung zu finden. Nicht lange, so bemerkte sie eine Chaise, die ihnen bald in geringer, bald in weiter Entfernung folgte, je nachdem der trage Gang der abgetriebnen Postpferde es gestattete. Unwillkuhrlich wendete sich Luise noch mehr zuruck, um wo moglich zu entdecken, wer in dem Wagen sitze; allein er war dicht verschlossen, und sie musste unbefriedigt von ihren wiederholten Versuchen abstehn. Zufallig traf es sich, dass jener Wagen, beim erneueten Wechseln der Pferde, jedesmal vor dem Posthause still hielt, wenn sie wieder abfuhren, wodurch auch die Neugier der beiden andren Damen erregt ward.

Da sie nun unterwegs ubernachten mussten, und der Ort, den sie dazu bestimmten, wenig Ausbeute zur geselligen Unterhaltung gewahren konnte, so scherzten sie gegenseitig uber die Moglichkeit, in ihrer unbekannten Begleitung irgend eine interessante Bekanntschaft zu machen. Wirklich waren sie kaum in den Gasthof eingezogen, als ein Wagen vor die Thur rollte, den Luise, ohnerachtet der fast hereingebrochnen Dunkelheit, fur den besagten erkannte. Ein junger Mann, in einen weiten Pelz gewickelt, sprang heraus, und die dienstfertig entgegenkommende Wirthin bei der Hand fassend, sagte er: es ist verteufelt kalt, schone Frau! Mein Zimmer, geschwind mein Zimmer! In drei Satzen war er die Treppe herauf; eine Thur neben ihnen ward aufgeschlossen und er trat singend und lachend in das anstossende Gemach. Die Stimme klang weich und fremd, die Leichtigkeit, das Benehmen liess auf aussre Gewandheit und Lebenserfahrung schliessen. Ohnerachtet der hohen Ruhe, mit welcher Auguste das bunte Spiel der Oberflache betrachtete, fuhlte sie doch keine geringe Begier, die neue Erscheinung naher in Augenschein zu nehmen. Sie empfahl indess ihren Gefahrtinnen die hochste Aufmerksamkeit, um durch kein Gerausch dem neuen Ankommling ihre Anwesenheit zu verrathen, wodurch sie sich einigermassen vor sich selbst rechtfertigen wollte, und zugleich auch den Fremden besser zu beobachten hoffte.

Nicht lange darauf horten sie die Wirthin auf's neue hineingehn. Tassen klapperten, ein wohlunterhaltenes Feuer knisterte im Kamin; der Fremde ward sichtlich mit Aufmerksamkeit bedient, wahrend sie noch an allem Mangel litten, woruber Auguste fast alle Haltung verlor. Ein lautes, wiederholtes Kichern zeigte, wie wohl sich die Wirthin in ihren Geschaften befand, und dass sie vor der Hand noch nicht an sie denken werde. So wohl versehen und schon ganz behaglich eingewohnt, horten sie ihren Nachbar nach einer Weile eine Kiste offnen, einige Griffe auf einer Guitarre thun, und sich zu folgenden Worten auf dem Instrument begleiten:

Zierliche Blondine

Ging heut fruh' zu Walde,

Wollt' beimkehren balde,

Pfluckte Blumchen hier.

Sonnenhelle Miene,

Mund voll frischer Rosen,

Suss des Auges Kosen,

Freud'ges Liederspiel!

Traurige Blondine

Kam heut' Abend wieder

Ohne lust'ge Lieder,

Seufzte tief und schwer.

"Was so trube Miene?

Fandst Du keine Blumen?

Ach! ich brauch' nicht Blumen,

Brauch' kein Kranzlein mehr."

Mein Gott, was ist Ihnen! rief hier Emilie, auf Luise zueilend, Sie sind bleich wie mein Tuch! Lassen Sie nur, sagte jene leise, es ist nichts, sicher nichts, eine vorubergehende Erschutterung. Die Worte, die dort heruberklangen; sie lehnte den Kopf an Emiliens Brust; ich horte sie nur von Fernando, er selbst hat sie aus seiner Muttersprache in's Deutsche ubertragen, aber das beweist nichts, gar nichts. Die beiden Andren wurden hierdurch ebenfalls uberrascht. Wenn er's ware, sagte Emilie, grade hier, mit uns auf einem Wege, es ware doch fatal! Es ist unmoglich, unterbrach sie Luise schnell, ich sagte Ihnen ja, er sei in franzosische Kriegsdienste gegangen, was soll er hier wollen? Was sichert Sie denn, fiel Auguste ein, dass dies Vorhaben ausgefuhrt, ja dass es im Ernst gefasst ward. Ich dachte, Sie wussten, was von Aeusserungen aus diesem Munde zu halten sei. Hier trat endlich die Wirthin, von Marianen begleitet, und mit allem zu ihrer Bequemlichkeit Erforderlichen versehen, hinein. Kennen Sie den Fremden schon langer? fragte sie Auguste spottisch, dass Sie ihm so viel Vorzuge vor Ihren ubrigen Gasten einraumen? Gott nein! erwiederte jene betreten, es ist ja ein Auslander, aber der Herr sind so ungestum, dass man nur eilen muss, ihn zu befriedigen. Ein Auslander? wiederholte Emilie; wissen Sie nicht, von welcher Nation? Ein Franzose, glaube ich, erwiederte sie. I, mein Gott, dass ich recht sage, ein Italiener; ja, ja, ein Italiener, man kunfundirt sich so leicht, und denn die Uniform! Eine Uniform? fragten alle Drei. Ja, ich weiss selbst nicht, ob es eine ist, sagte sie, aber es sieht so aus. Wenn es Ihnen gefallig ware, fuhr sie fort, so konnten Sie miteinander speisen, die gnadigen Damen wurden gewiss Unterhaltung finden. Gott bewahre uns! scholl es aus einem Munde; wir bitten Sie sogar, setzte Auguste hinzu, unsrer auf keine Weise gegen den Herrn zu erwahnen. Nun, wie Sie befehlen, sagte die Wirthin, durch ihre Heftigkeit aufmerksam gemacht, und wenig geneigt, der letzten Aeusserung zu achten.

Je mehr ich nachdenke, sagte Luise, als sie allein waren, je unwahrscheinlicher ist's mir, dass Fernando ohne alles Gefolge, ohne allen aussren Glanz, in der Residenz erscheinen wurde. Er fordert so viel vom Leben, er selbst thut so viel dafur; wie sollte er sich in dieser unbedeutenden Aussenseite unter das bunte Gewuhl einer Hauptstadt mengen! Sie vergessen, sagte Auguste, dass er mehrere Rollen hat; kennen Sie seine jetzigen Zwecke? Luise fuhr indess fort, Grunde aufzusuchen, sich und die Andren vom Gegentheil zu uberfuhren und die bange Wahrscheinlichkeit wo moglich durch einige Zweifel anzugreifen. Der Abend verging auf diese Weise schnell genug. Bei ihren Nachbar war es indess ganz still geworden. Er schlafe, so schien es den Damen, welche auch fruher als gewohnlich Ruhe suchten. Luise warf sich indess noch lange im Bette hin und her, als die leisen, gemessnen Athemzuge ihrer Gefahrtinnen von ihrem glucklichen Schlafe zeugten. Jetzt, da ihr Niemand widersprach, da sie keine neuen Grunde mehr aufzufinden wusste, jetzt kam es ihr ganz glaublich vor, dass Fernando nur durch eine dunne Wand von ihr geschieden, nahe bei ihr lebe und athme; ja es ward ihr mit jedem Augenblick gewisser. Von dieser Vorstellung geschreckt, von tausend qualenden Erinnrungen gemartert, warf sie die lastige Decke von sich, und schlich zum Fenster, um reine Luft zu schopfen. Ohne innres, festes Denken, starrte sie zerstreut in die dunkle Nacht hinein, als ein leises Schluchzen, dicht neben ihr, sie erschreckte. Das Haus war fur den Nutzen erbaut, kein Raum verloren, die Fenster daher nur durch sehr schmale Pfeiler getrennt. Luise erkannte leicht, dass jener Ton aus dem ebenfalls geoffneten Fenster des Nebenzimmers komme. Aufs hochste gespannt, unterschied sie bald einzelne Worte in italienischer Sprache, die flusternd durch die Dunkelheit hinschwirrten; plotzlich horte sie deutlich wie in Unmuth sagen: Fernando, Fernando! wohin verirrst Du Dich! Was suchst Du? was kannst Du hoffen? bist Du denn auf ewig verloren! Kalter Nachtwind fuhr hier schneidend an den Hausern voruber. Die Stimme schwieg; bald ward auch das Fenster geschlossen. Luise horte nichts mehr; unbeweglich auf ihrem Platze, wiederholte sie sich jene Worte, die sie mit der peinlichsten Unruhe erfullten. Unglucklich also, dachte sie. Sie erkannte ihn ganz in dieser schmerzlichen Heftigkeit, in diesem Unmuth uber sich selbst. Was druckt ihn aber so sehr? Was suchte er jetzt? Wusste er vielleicht ? Dies seltsame Zusammentreffen! Die gleiche Richtung ihres Weges! Wenn er unerkannt in ihrer Nahe lebte! Wenn er sie immer beobachtete! Wenn er dennoch treu ergeben Eine Bewegung der schlafenden Auguste zog sie unwillkuhrlich zu ihrem Bette zuruck. Halb traumend sank sie in die Kissen. Bald darauf war ihr, als sei von dem allen nichts geschehen. Sie musste sich besinnen, ob sie wirklich am Fenster gestanden habe. Dann fiel es ihr plotzlich ein, dass es gar nicht Fernandos Stimme war, die sie horte, dass wohl wohl alles ein Blendwerk sein konne; und dennoch drang Fernandos Name, den sie doch bestimmt vernommen, immer wieder in ihr herauf und neckte und qualte sie, bis sie verzweifelnd die Augen schloss und die bange Seele dem dumpfen Schlafe hingab.

Nach wenigen Stunden ward es wieder lebendig um sie. Auguste trieb zum fruhen Aufbruch an, da sie gern vor Abends das Ziel ihrer Reise erreichen wollte. Sie reisten ab, ohne das mindeste von dem Fremden gehort zu haben, der, nach der Wirthin Aussage, wohl noch tief schlafe. Erst in dem Thore der Residenz trafen sie mit dem Wagen des Unbekannten wieder zusammen, der an ihnen voruber, in eine Seitengasse hineinfuhr. Luisens Herz klopfte gewaltsam. Die neue Welt schloss sich ihr in einem Augenblick auf, wo alle alte, muhsam niedergekampfte, Anforderungen an Fernando wieder in ihr erwachten. Jede ungewohnte Erscheinung fiel so gewichtiger in ihr aufgeregtes Innre. Die bunte Menschenmasse wogte in vielfachem Treiben durch die Strassen hin, und zog sie mit in ihr verworrenes Gewuhl hinein. Hohe Hauser, geschmuckte Laden, weite Platze, erhabne Kunstwerke, aller Prunk, wie jeder erhohete Wille des Lebens, redete zu ihr, und uberglanzte die bleiche Durftigkeit und den frostigen Hunger, der langsam neben ihr hinschlich.

Auguste wohnte in der gesuchtesten Gegend der Stadt. Alles athmete hier verfeinerten Lebensgenuss. Die elegante Welt zog in tausendfachen Gestaltungen vor Luisens stets angeregten Blicken hin, und liess sie zu keiner eigentlichen Anschauung oder innren Betrachtung kommen.

Nach wenigen Stunden erschien die Baronin, von Emiliens Ankunft benachrichtet, diese abzuholen. Luisens Ungluck hatte sie versohnt. Alles, was sie deshalb gesagt und nicht gesagt hatte, war eingetroffen; ihr tiefer Blick in die verworrnen Welthandel gerechtfertigt, und sie selbst als weise Menschenkennerin anerkannt. Ihres hohen Ansehns bei Luisen gewiss, empfing sie diese mit leutseliger Herablassung, und lud sie sogar zu einer Abendversammlung des kommenden Tages bei sich ein, welche sie, wie sie hinzusetzte, sogleich in die rechte Bahn bringen und mit dem Besten, was es in der Stadt gebe, bekannt machen wurde. Nur Eins, Liebe, fuhr sie belehrend fort, muss ich Ihnen zuvor noch sagen, weil es einen entschiednen Einfluss auf Ihren Success in der Gesellschaft haben wird; versaumen Sie es ja nicht, den altren Frauen mit der gesuchtesten Aufmerksamkeit entgegenzutreten, weil sie es sind, die den Ruf der Jungern grunden und ihn allein bei den schwankenden, durch augenblickliche Eindrucke bedingten, Meinungen erhalten. Die Manner werden unbewusst von diesen Orakelspruchen beherrscht, die erst als vielfach bearbeitete allgemeine Stimme der Welt zu ihnen dringen und den die hellsehendern, jungern Frauen nicht zu widersprechen wagen. Luise wusste nicht recht, ob sich ihre Beschutzerin zu der Classe der Matronen zahle, und vermied daher, anders als durch eine dankende Verbeugung, zu antworten, da sie doch in sich sehr entschlossen war, die Achtung keines Menschen zu erschleichen, und alles dem gunstigen oder ungunstigen Eindruck uberlassen wollte, den ihr Erscheinen auf die Herzen machen werde.

Nicht ohne Verlegenheit trat sie indess des andern Tages an der Baronin Hand in den glanzenden Kreis. Eine Menge unbekannter Namen uberhorend, welche ihr die gastliche Wirthin nannte, bemerkte Luise nichts als dasselbe hofliche Lacheln, das von Mund zu Mund nach jedem Bewillkommungsgrusse flog, und wie ein gebrochner Stral uber alle Gesichter zuckte, ohne eine bleibende Spur zuruckzulassen. Vergebens suchte Luise ein Auge, auf welchem das ihre ruhen konne. Dieselbe theilnahmlose Hingebung an die oft genossnen, wiederkehrenden Freuden trieb die Blicke gleichsam hin und her, und goss einen Schein des Gleichartigen uber alle Gestalten. Um sie bekummerte man sich nach der ersten Begrussung weiter nicht. Sie war weder Auslanderin, noch unter der schutzenden Aegide dieser Gesellschaft erzogen; ein deutscher, unbefreundeter Name verhallte wie er genannt war. Auguste und Emilie mussten alte Bekannte aufsuchen; die Baronin war vielfach beschaftigt. Zum erstenmal im Leben empfand Luise eine demuthigende Zurucksetzung. Im Kampf mit dem Streben, eine wurdige Haltung zu behaupten, und dem Gefuhl, dass diese in der wachsenden Verlegenheit immer mehr schwinde, trat Stein zu ihr. Ein herzliches Wort, das unmittelbar aus dieser offnen, reinen Seele in die ihre uberging, ruckte sie schnell uber den Druck des Augenblicks hinaus. Sie sprach innig und frei, indess das tonlose Rauschen der Menge sie umschwirrte.

Die Baronin hatte dennoch, ihrer Menschenkenntniss vertrauend, einiges uber Luisens Schicksal fallen lassen, wodurch sie diese den Gemuthern ganz unvermerkt naher ruckte, und ihre Aufmerksamkeit gewann! Die alten Damen sahen in ihr ein ungluckliches Opfer heutiger Verderbniss, die jungern fanden sie sehr interessant, den Zug stiller Schwermuth um den schon geschweiften Mund unwiderstehlich, und die Manner bemerkten, ein fruhzerstortes hausliches Gluck sei eine Brucke, die uber das weite Meer conventioneller Formen und lastiger Versuche, unmittelbar in die Gunst der Frauen fuhre. Desto besser, sagte ein junger Offizier, dem eine Dame Luisens Geschichte schon ziemlich verstellt erzahlte, desto besser,

La vertu est une isle escarpee et sans bord

On n'y peut plus rentrer, des qu'on en est dehors.

Abscheulich! rief die Dame, konnte sich aber doch nicht enthalten, dem liebenswurdigen Freigeist einen schmeichelnden Blick zuzuwerfen.

Unvermerkt hatte sich indess um Luisen ein kleiner Kreis von Frauen und Manner versammelt, die, im Gesprach mit Emilien, sich an sie und Stein anschlossen. Mit Bewundrung bemerkte Luise unter ihnen eine schone weibliche Gestalt, deren edle Haltung und Zuge ihr bekannt schienen, und sie dunkel in die Vergangenheit zuruckfuhrten. Eine grosse innere Bewegung arbeitete unverkennbar auf dem feinen Gesichtchen, und trieb ihre Blicke unwillkuhrlich zu einen zartgebildeten, schlanken Mann, dessen weiches abgespanntes Wesen seltsam gegen die Uniform abstach, die er auch nur des herkommlichen Gebrauches wegen zu tragen schien. An einen Pfeiler geschmiegt, gleichsam um sich selbst tragen zu helfen, sagte er mit vorgebeugtem Kopfe und leiser Stimme zu Emilien: Sie sind so glucklich gewesen, einige Zeit in der Einsamkeit auf dem Lande zuzubringen, wahrend mich das Leben hier fast erdruckte.

Noch immer die alte Unzufriedenheit! rief Emilie lachend. Wie kann es anders sein, erwiederte jener, dies abgenutzte Treiben hier, das mich wie ein Ball hin und her wirft und alle Ruhe und allen Genuss raubt, presst mir oft die Brust so zusammen, dass ich mein ganzes Verhaltniss zerbrechen und in irgend einen Winkel der Erde fliehen mochte, wo ich wenigstens allein sein konnte, wenn ich will! Aber mein Gott, Sie ungalanter Mensch, was qualt Sie denn bei uns? fragte Emilie. Alles! rief er; mein Stand, die ganze Welt, alles was Anspruche an mich zu haben glaubt und mir meine Ruhe missgonnt. Seine Blicke gleiteten wahrend dem nachlassig an Luisen hin, und fielen wie von ohngefahr auf die schone Frau, die, eine Thrane zerdruckend, angelegentlich mit Stein zu sprechen schien. Auf Ehre! Horst, rief jener freigesinnte, Offizier, schon mehreremal von Emilien als der hubsche Baron Roll erwahnt, der seiner hohern Taktik zu Folge Luisen naher geruckt war, auf Ehre, Sie werden ein Menschenfeind! Was haben Sie nun gegen unsere Stadt? Mich dunkt, Sie und ich hatten nicht uber sie zu klagen; oder rechnen Sie den reichen Schatz von Erfahrungen, den wir gegen ein paar missmuthige Stunden eintauschten, fur nichts? Auf Ehre, ich gebe ihn um meinen ganzen Credit nicht weg, der denn doch der eigentliche Point unsrer Existenz ist. Und, Luisen fixirend, ohne sich ihr gleichwohl vorstellen zu lassen, fuhr er, wie unter bekannter Voraussetzung fort: Sie, Frau Grafin, werden mir gewiss in Kurzem Recht geben, wenn Sie unsre Welt mehr kennen lernen. Sie waren noch nicht im hiesigen Theater? Sie sahen noch nicht Richter und die schone Antonie spielen? Luise hatte kaum Zeit es zu verneinen, als er, sich zu Stein wendend, aufs neue anhub: A propos, man will uns ja den Shakespear nun auch goutiren lehren; ich denke man spricht von einer Vorstellung Heinrich des Vierten. Da werden wir Offiziere nur gleich Urlaub nehmen mussen, um den Schluss zu horen, denn solch Stuck spielt seine 24 Stunden in einer Angst weg. Er lachte laut uber den glucklichen Einfall, der den Andern schon bekannt war, und als vielfach bewundert, das Patent des Witzes erhalten hatte. Ich glaube selbst, entgegnete Stein, dass sich der Shakespear weder fur unsre Buhne, noch unser Publikum passt. Des Komischen wegen? fiel Auguste ein. Sein Sie versichert, wir verstehn die privilegirten wie die anderweitigen Spassmacher zu wurdigen. Roll verschmerzte den Stich, und wandte sich ausschliessend an Luise, die er mit einem Heer unbedeutender Fragen besturmte. Horst schwankte indess mit unsichren, schleichenden Schritten zu der Dame, welche Luisens Aufmerksamkeit fruher erregte. So in Gedanken, Frau von Seckingen? fragte er lachelnd, was beschaftigt Sie so ausschliessend? Der Wechsel der Dinge, entgegnete sie, nicht ohne Heftigkeit. Unbesonnene, flusterte er, und wandte sich unwillig ab.

Eine kleine Bewegung in der Gesellschaft liess hier auf die Ankunft eines neuen Mitgliedes derselben schliessen. Luisens Herz klopfte unwillkuhrlich; sie dachte dunkel an den Unbekannten, an Fernando, als Frau von Seckingen ausrief: ach, mein Bruder! und die Baronin in dem Augenblick, von dem russischen Obristen begleitet, vor Luise trat, erfreut, ihr einen alten Bekannten zuzufuhren. Ohne irgend eine schmerzliche Erinnrung zu beruhren, begnugte sich der gewandte Mann, den gegenwartigen Augenblick allein herauszuheben und eine Reihe froher Bilder einer glucklichen Zukunft daran anzuschliessen, welche ihm Luisens Anwesenheit in der Residenz versprach; dann das Gesprach immer leichter und freier verschlingend, zog er bald die anmuthige Schwester mit hinein, deren Herz sich willig so freundlicher Beruhrung offnete, seit sie nichts mehr unmittelbar storte, da Horst gleich nach des Obristen Ankunft verschwand. Luise fuhlte sich in der kunstlosen, wie von selbst fortlaufenden, Unterhaltung immer behaglicher, und trat zwischen den beiden edlen Gestalten fest und sicher auf die glatte Flache der neuen Welt hin, die sie vor wenig Augenblicken noch erschreckte. Allein je mehr ihre Theilnahme fur beide Geschwister wuchs, je mehr beunruhigte sie das Schicksal der bekummerten Frau, welches ihr noch druckender schien, seit der Obrist sagte: Liebe Sophie, Dich erwarten Briefe von Deinem Mann. Er hat mir auch geschrieben, und sagt, dass seine Geschafte ihn noch lange in Paris aufhalten konnten. Der Mann lebt noch? dachte Luise; also wieder eine missrathene Ehe! und sicher ein edles Herz, das sich selbst tauscht! Dieser Gedanke fiel storend in ihre Freude, und hatte fast die alte Wehmuth wieder angeregt, da sie in demselben Augenblick Stein an Emiliens Seite, mit allen Zeichen unbefriedigter Sehnsucht, wahrnahm, und hier auf beiden Gesichtern auf's neue das Aushangeschild einer verfehlten Wahl sehen musste; allein des Obristen freundliches Bemuhen hob sie bald uber jene beunruhigende Betrachtungen hinaus. Diese hohe, klare Erscheinung, auf der ein vielfachgestaltetes Leben keine Spur zerreissender Leidenschaften oder verfehlten Strebens zuruckgelassen hatte, schien, in ihrem milden Ernst, recht dazu geeignet, Luisens Achtung zu erzwingen, die sich auch bald eines kindischen, durch zufallige Verirrungen angeregten, Unglaubens schamte, und sich voll Heiterkeit den beseligenden Einflussen einer entstehenden Freundschaft hingab, ein Wechsel, der Augusten nicht entging, und ihr fur diesen und viele folgende Tage Anlass zu Neckereien und nicht immer ganz schmeichelhaften Anmerkungen gab. So nannte sie Sophie ziemlich unzart eine phantastische Thorin, die unaufhorlich die Liebe mit dem Gegenstande derselben verwechsle, und ihr daher bald Altare, bald Graber erbaue. Ich verstehe Sie nicht, sagte Luise empfindlich. Nun, entgegnete sie, alle Frische, Kraft und Gottlichkeit des Gefuhls meint sie in dem geliebten Manne zu finden, und wenn denn nun nach und nach die mangelhafte Natur hervorsieht, und das Traumbild ein ordinarer Mensch wird, dann erhebt sie ein Geschrei und hullt sich in Trauerschleier, und klagt uber das trugerische Spiel der Liebe. Warum sieht sie im Sperling den Paradiesvogel? Ich begreife, fuhr sie fort, dass ein ungeprufter, vielleicht uberall stumpfer Blick sie verwirren kann; aber was qualt sie sich denn noch nach erkannter Tauschung? und warum will sie diese mit Gewalt auf Kosten ihres eignen naturlichen Gefuhls erhalten? Was ist es denn weiter? sie hat sich geirrt; lasse sie den Irrthum fahren und sehe sich nach Wahrheit um. Luise hatte es sich langst des Streitens mit ihr begeben. Sie schwieg, und begnugte sich, wie herabsetzend auch jene Worte klangen, sich nur fester und vertrauender an Sophie anzuschliessen, deren zarter Sinn und treue Anhanglichkeit fur das einmal Erwahlte sie, trotz des sichtlichen Missgriffs ihrer Wahl, hochst liebenswurdig machte. Luise ubersah oder schob auf die allgemeine Verwirrung menschlicher Gefuhle und Verhaltnisse, was sie nicht billigen konnte, und neigte sich ohne Ruckhalt zu einem Herzen, das im Missverstehn selbst noch so gross und tief empfand.

Mehrere Zeit hatte es Luise vermieden, in das Schauspiel zu gehn, aus geheimer Furcht, in dem Unbekannten Fernando wiederum anzutreffen. Endlich musste sie indess den wiederholten Bitten ihrer Bekannten nachgeben, und so liess sie sich wirklich von Auguste in ihre Loge fuhren. Das erste Storende, was sie von hier aus erblickte, war Werner, der, sie erkennend, ohne Zeichen der mindesten Verlegenheit zu ihnen eilte, und sie ganz in seinem gewohnten Ton begrusste. Diese Ruhe druckte die ganze Vergangenheit in die dunkelste Tiefe. Luisen war, als sei eine lange Reihe von Jahren verflossen, seit sie Werner sah, und die damals gehemmte Ordnung langst wieder im alten Geleis. Nicht lange darauf trat auch Baron Roll zu ihnen in die Loge. Er that sehr vertraut mit Werner, der ihn mit komischer Freundlichkeit empfing, gleichsam als thue es ihm wohl, die gescharften Blicke eine Zeitlang auf jener flachen Unbedeutendheit ausruhen zu lassen. Das Stuck hatte allenfalls Aufmerksamkeit verdient, allein Roll liess es bei Keinem, ausser bei Augusten, um die er sich niemals bekummerte, zu einen gesunden Gedanken kommen. Sehn Sie um Gottes Willen! rief er ganz emport, hat die Reinhart nicht rothe Schuhe an! bei dem grossen Fuss! Es ist, auf Ehre, unbegreiflich! Sein Mund verzog sich fast wehmuthig. Das allerliebste Madchen! rief er, und so schimpfirt! Kaum gewann ein Lieblingsschauspieler so viel uber ihn, dass er einige Augenblicke schwieg; dann aber beugte er sich zu Werner und sagte ihm vertrauend: wenn ich so glucklich sein konnte, den Richter nur einmal zu frisiren, er sollte wahrhaftig anders aussehn! Hm entgegnete jener ganz kalt, das liesse sich vielleicht machen. Luise konnte sich trotz ihres Ingrimms des Lachens nicht erwehren, ein Muthwille, den Roll sehr bald, ohne es zu wissen, rachte, indem er zu Werner sagte: haben Sie schon gehort, dass unser hubscher Italiener wieder hier ist? Luise fuhr unwillkuhrlich zusammen. Werner bemerkte es, und sich gegen das Innre des Hauses vorbeugend, sagte er: in der That, da sitzt er ja! Luise war seinen Blicken gefolgt, die sich nach dem Parterre richteten, und ohne zu wissen wen er meine, heftete sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf einen jungen Mann, der, in nachlassiger Stellung, halbliegend sass, den Arm auf die Lehne des benachbarten Sitzes gestutzt, und so, das abgewandte Gesicht in der aufwarts gerichteten Hand ruhend, angelegentlich mit einer hubschen Nachbarin sprach. Ich werde ihn morgen bei der Seckingen einfuhren, sagte hierauf Roll, er wird unsere Damen mit seinen kleinen Talenten amusiren. Das thun Sie doch, erwiederte Werner, und verliess, da das Stuck bald zu Ende war, gleich darauf mit Roll die Loge.

Vergebens hatte Luise bis dahin auf eine Wendung des angstlich beobachteten Kopfes gewartet; jetzt, da alles aufstand und das Gedrange immer mehr zunahm, schwankten die Gestalten verworren und unsicher umher. Sie konnte nichts bestimmt unterscheiden; allein je mehr ihr die Mittel fehlten, sich zu uberzeugen, je uberzeugter ward sie in sich. Es war Fernandos Stellung, sein dunkel gelocktes Haar; sie durfte nicht zweifeln. Halb entschlossen, die morgende Gesellschaft nicht zu besuchen, gedachte sie mit Unruhe des Obristen, und erwog, wie seltsam, wenn es Fernando wirklich sei, man ihr Ausbleiben deuten, wie auffallend es erscheinen musse, dass sie fruher von seiner Anwesenheit unterrichtet gewesen. Das Fur und Wider abwechselnd annehmend, fuhr sie endlich des folgenden Abends sehr spat zu ihrer neuen Freundin. Es ward getanzt, und sie fand alles in frohlicher Bewegung, als sie mit gesenktem Blick, fluchtig durch die Zimmer hin, in ein kleines Cabinet eilte, wo sie nur altere Damen am Spieltisch wusste. Bleich und zerstreut setzte sie sich neben die Baronin, welche diese Auszeichnung als eine schuldige Aufmerksamkeit gutig aufnahm. Indem trat Emilie, erhitzt vom Tanzen, herein, und flusterte ihr leise zu: wissen Sie, wer hier ist? Ich weiss, ich weiss, entgegnete sie in todtlicher Angst. Sie wissen? woher denn? fragte Emilie. Gestern erwiederte Luise; ich kann jetzt nicht. Denken Sie sich, fuhr jene fort, die Wirthin hat uns dennoch verrathen; er sah den Abend, als wir assen, durch die Thur, welche die Wirthin ein wenig auf liess. Er hat mir's selbst gesagt; gleich auf den ersten Blick hat er mich erkannt Sie? fragte Luise, Sie allein? Nun, er wird Sie auch erkennen, erwiederte Emilie; aber sehn Sie, da ist er. Luise hatte nicht das Herz, die Augen zu heben. Rolls Stimme zwang sie endlich, aufzublicken. Sie horte einen unbekannten Namen, sah ein ganz fremdes Gesicht, eine zarte, fast unausgebildete Gestalt. Kaum gewann sie so viel Fassung, ihr Befremden zu verbergen und einige wohlgewandte an sie gerichtete Worte des Fremden zu beantworten.

Wen aber, liebe Emilie, meinten Sie denn zuvor? fragte sie diese, noch ganz unsicher und verlegen, als die beiden Herren sie verliessen. Wen? Nun mein Gott, erwiederte jene, den jungen Cesario, unsern Reisegefahrten, den Unbekannten im Gasthofe; wen anders? Dieser also war es! sagte Luise zerstreut. Gott ja, fiel Emilie ein, ich glaubte Sie wussten Freilich, freilich, erwiederte Luise, ohne zu wissen was sie sagte. Dieser also! wiederholte sie mehreremale vor sich. Es ist doch seltsam! Sie erinnerte sich der Worte, die er gesprochen, und dass er bestimmt Fernandos Namen genannt hatte. Sein Freund also, dachte sie, und ein besorgter, zartlicher Freund! Aber wie wagt er sich mit dieser Jugend und Unerfahrenheit so allein in die Welt und auf die unsichre Spur eines so beweglichen, ewig getriebnen Menschen!

Des Obristen Blicke, die sie schon langst gesucht, trafen sie hier. Er naherte sich schnell, und fragte fast bekummert: warum kamen Sie doch so spat? Ich hatte mich so auf diesen Abend gefreut und nun ist alles voller Widerspruche! Sophie ist plotzlich unpasslich geworden, und hat sich entfernt; auch Sie sehn bleich und angegriffen aus. Darf Ihr Freund wissen, was Sie beunruhigt? Doch, setzte er lachelnd hinzu, wir sollten uns huten, die Geheimnisse der Frauen an uns zu reissen, sie verletzen uns oft, ohne dass wir sie verstehn. Weil sie zu unwichtig oder zu bedeutend sind? fragte Luise. Gewiss das Letztre, erwiederte er. Ihr ganzes Innre ist ein unendlich zartes, geheimnissreiches Gewebe, dessen luftige Fadchen sich so wunderlich verschlingen, dass sie oft ein gewagter Blick zerreisst, und sie sich, wie die Blumen, vor so rauher Beruhrung verschliessen; der eigentliche Schmuck, der Bluthenstaub ihres Innern, bleibt uns daher fast immer fremd. Ihren Blick, sagte Luise sinnend, wie aus voller Ueberzeugung, wurde ich niemals scheuen. Gewiss? fragte er; auch dann nicht, wenn ich Sie bate, mir zu sagen, was Sie gestern so angstigend im Schauspiel beschaftigte, da Sie niemand, auch Ihre Freunde nicht, erkannten, und noch beim Herausgehn meinen Gruss unerwiedert liessen? Auch dann nicht, erwiederte Luise nach augenblicklichem Nachdenken, nur fragen Sie jetzt nicht weiter; morgen, oder wenn Sie wollen. Nein, meine gutige Freundin, erwiederte er bewegt, ich werde nicht weiter fragen. Glauben Sie mir, diesmal habe ich Sie verstanden. Unsre Organe werden feiner, wenn wir sie in das reine Element der Liebe tauchen. Luise errothete; er selbst schwieg, wie erschreckt, uber das rasch entschlupfte Wort. Nach einer Weile fragte er sie, um sich selbst zu entgehn, ob sie nicht tanze. Nie wieder, sagte sie schnell, in der Erinnrung jenes Abends, da sie Fernando in wilder Heftigkeit von seiner Seite riss. Nie wieder? entgegnete er; auch hier, fuhr er fort, liegt Ihr reines Herz so offen da, dass ich Sie um keine Erklarung zu bitten habe. Mich beunruhigt Ihre Schwester, sagte Luise verlegen; wollten Sie mich wohl zu ihr begleiten? Sie nahm des Obristen Arm, und eilte in Sophiens Cabinet, wo sie die schone Frau sehr zerstort, und in sichtlicher Anstrengung, sich wieder herzustellen, fanden. Der Obrist schloss sie geruhrt in seine Arme und verliess schweigend das Zimmer; aber Sophiens Schmerz brach in unzahligen Thranen aus. Klagend sank sie an Luisens Herz. Sie sprach von Horst, ihrer Liebe, seinem jetzigen schneidenden Betragen, und zog zuletzt ein Billet hervor, das sie eben erst, nach vielen vergeblichen Bothschaften, als Entschuldigung seines Ausbleibens, von ihm erpresst hatte. Luise las Folgendes:

"Je deteste les propos du monde, je n'aime pas a etre cite, voila la raison de ma conduite"

Wollen Sie mit Ihrem Blut dies welke Herz nahren? rief sie emport. O um Gottes Willen, achten Sie sich doch hoher. Sehn Sie nur, wie die conventionelle Sprache selbst den groben Sinn nicht verbergen konnte, der sicher nie in Ihr Innres drang! Ach sie sind Alle, Alle nicht anders! jammerte Sophie. Alle? fragte Luise; auch Ihr Bruder? Dieser trat eben jetzt wieder herein. Wenn es Dir doch moglich ware, sagte er, sich zwischen beide Freundinnen setzend, zur Gesellschaft zuruckzukehren, man vermisst Dich uberall. Du leidest, fuhr er fort; ich darf nicht fragen, was Dich qualt. Liebe Sophie, sei weniger verschlossen! Sieh! hier habe ich noch eine Schwester, die meine Theilnahme nicht zuruckstosst. Er hatte Luisen bei der Hand gefasst und blickte geruhrt auf sie hin.

Muss ich denn, sagte Sophie sanft, mein Innres nicht vor mir selbst verschliessen? Und was gewonnest Du, in die Verwirrung hineinzusehn, wo eines das andre zerstort und keines das rechte ist? Ganz anders ist es mit Luisen; e i n grosser Schlag des Schlag des Schicksals hob sie uber so peinigende Kampfe hinaus. Fur sie beginnt ganz eigentlich ein neues Dasein, dem sie mit jugendlicher Ungeduld eine sichre Richtung zu geben sucht. Ihr Gemuth ist frisch und wach, deshalb versteht sie Dich, und scheuet Deinen Blick so wenig, dass es ihr vielmehr wohl thut, ihm zu begegnen. Luise reichte sittig, vor den Obristen hingebeugt, ihre Hand der Freundin, die, bei eignem getrubten Denken, die fremde Brust dennoch klar durchschaute. Mit tiefer, innrer, Bewegung fuhlte der Obrist die schone Gestalt seinem Herzen so nahe. Wie aus sich herausgedrangt, sagte er, die dargebotne Hand schnell erfassend: wenn es wahr ware, liebe Luise, wenn Sie mich verstanden, wenn Sie mich auch jetzt verstehn ? Heiliges, fast demuthiges, Entzucken zitterte durch Luisens Seele. Sie hob ihre Augen zu den hellen Blicken, die sie so wahr in ihrem eignesten Wesen auffanden; nichts trubte, nichts vervielfachte auch jetzt ihr friedliches Licht; ein Bote des Himmels hatte zu ihr geredet. Einen Augenblick schwieg sie, durch so wundersame Fugungen ergriffen. Nein gewiss, sagte sie endlich, gewiss, ich kann Sie nicht missverstehn! O Gott! rief der Obrist, beide geliebte Wesen sanft umschlingend, so lass mich sterben! Ihr armen, wunden Seelen, heilt Euch in meiner Liebe, deren stilles Feuer ewig so rein gluhen wird.

Drittes Buch

Jedes, was in unsichtbarem Zusammenhange, unvorbereitet, in das Leben eines Menschen eingreift, und das uber dasselbe fur den Augenblick bestimmt, scheint die Vergangenheit ganzlich von der Gegenwart loszureissen, und aus dieser eine neue beginnende Welt hervorzurufen. So schwanden auch jetzt alle fruhere Storungen aus Luisens Seele. Ohne Kampf, wie ohne grosse innere Bewegung, gab sie sich der stillen Gewalt einer Neigung hin, die, wie alles Schone und Herrliche, aus der Wurzel des Daseins entspringend, ihr Gemuth erweiterte und erhellte. Sie sann und erwog weniger als je, aber das Beste stand ihr immer ganz nahe, und sie erkannte und ergriff es mit frischem Sinn. So fugte sich in des Obristen heitrer Nahe alles wie von selbst, und ihr Verhaltniss zu ihm, ohne gerade eine bestimmte aussre Form zu haben, ward durch so milden Einfluss unwillkuhrlich dichter und in sich unaufloslich.

Ein auf solche Weise heilig gehaltener, innrer Verein konnte indess den Augen der Welt nicht entgehn. Der Obrist war eine zu bedeutende Erscheinung in ihr, seine Verbindungen blieben nicht unbeobachtet, und es konnte daher nicht fehlen, dass eine grosse Auszeichnung als entschiedne Wahl angenommen ward. Allein diese Auszeichnung hob auch Luisen sogleich uber jedes Schwanken der Meinungen hinaus. Ihr Platz in der Gesellschaft, durch die Gunst des Schicksals bezeichnet, war nun eingenommen; jeder Zweifel schnell gelost, jede Muthmassung beseitigt. Die Manner schwiegen da, wo nur eine bedeutende Stimme das Recht hatte, zu sprechen; und die Frauen durch Klugheit gehalten, raumten willig Vorzuge ein, wo ein Tadel ihr Urtheil verdachtig gemacht hatte. Alles trat daher Luisen schmeichlend entgegen. Selbst Auguste horte auf zu spotteln und liess sie ruhig gewahren. Aber vor allen war die Baronin bemuht, ihren Beifall zu aussern. Durch hausliche Sorgen und Verwicklungen geangstet, wandte sie sich gern zu der wiederkehrenden Ordnung eines vormals so verworrnen Daseins, und nicht ohne innre Behaglichkeit schrieb sie der eignen Mitwirkung einen Theil dieser heilsamen Veranderung zu. Luise gonnte ihr gern diese kleine Beruhigung, da ohnehin so manches ihren Erwartungen und Planen entgegenstrebte. Denn es war nicht zu verkennen, wie rucksichtslos auf Stein und andre Verhaltnisse sich Emilie einer entstehenden Neigung fur den jungen Cesario hingab. Ein launenhaftes, zweideutiges Wesen, das weich und schmeichelnd in die Gunst der Frauen hineinschlupfte, und sie bald darauf, wie die ganze ubrige Welt, in dustrem Ernst zuruckwies. Niemand konnte bestimmen, ob innre Unhaltbarkeit oder irgend eine Absicht diesem wechselnden Spiele zum Grunde lag. Allein, wie man auch tadeln musste, so fuhlte sich doch ein Jeder auf irgend eine Weise davon angesprochen. Oft erschien er so mild, aus den feuchten Blicken drang eine Sehnsucht, die sich unwillkuhrlich an jedes Herz legte. Aber plotzlich spruhete ein wunderliches Feuer aus Aug' und Mienen, er drang mit Ungestum aus sich selbst heraus, sang, improvisirte, zog die Gesellschaft in seine bunte Phantasieen hinein, indem er sinnvolle Tanze und Pantomimen anordnete, denen er einen ganz eignen Charakter von Wehmuth und Lust zu geben verstand. Alles stromte dann aus den fernsten Spielzimmern herbei. Man stand in gedrangten Kreisen um ihn, und rief ihm laut und ungetheilt Beifall zu. Nur der Obrist betrachtete ihn schweigend, voll mitleidsvollem Ernst, und sagte einst zu Luisen gewandt: fuhlt denn niemand, wie sich das zarte, fast noch kindische, Geschopfchen zerreisst, um ein innres Uebel zu ertodten! Luise gedachte ihres ersten Zusammentreffens im Gasthause. Diese Erinnrungen, wie uberall die ganze rathselhafte Erscheinung, mussten sie drucken. Es war ihr unmoglich, Cesario ohne ein angstigendes Gefuhl zu betrachten, das vergebens einen bestimmten Eindruck aufsuchte und sich dennoch nicht gleichgultig abwenden konnte.

Was sie indess storte, zog Emilien um so bestimmter an. Ihr kleines Herz liess sich gern von den neckenden Widerspruchen hin und her werfen. Der Wechsel war ihr rechtes Lebenselement, dem sie freudig Ruhe, hauslichen Frieden, ja selbst den aussren Anstand, aufopferte. Ihre eigenste Natur schien sich in dem Umgange mit Cesario nur erst recht zu entwickeln. Wie ihre zarte, biegsame Gestalt und die Weichheit und Rundung ihrer Bewegungen sie zu seiner steten Gefahrtin bei Spielen und Tanzen machte, so fugte sie sich mit der gleichen Leichtigkeit in die scharfen Uebergange seiner jedesmaligen Stimmung. Ja, sie theilte nicht etwa nur seine Schmerzen und Freuden, sie nahm sie ganz in sich auf, und empfand sie vollig und innig wie er.

Stein trug ein klares Bild von Emilien in seiner Brust. Er konnte es sich nicht bergen, wie viel ihr alles Neue, wie wenig er ihr war. Allein die Liebe zu ihr lahmte jeden kraftigen Entschluss. Er weilte in ihrer Nahe, sich uberredend, er hoffe auf irgend eine gunstige Veranderung; was uberall wandelbar sei, konne sich ja auch zu ihm wenden, und vielleicht sei dann der bunte Kreislauf vollendet, und das Bleibende erzeuge sich von selbst. Dennoch wagte er es nicht, eine festere Verbindung fur den Augenblick zu wunschen, ja er ruckte den Gedanken daran in die bessere Zukunft hinaus, an die er nicht glauben, auf die er nicht hoffen konnte. So hielt er sich in einem selbst geschurzten Netz gefangen, erwartend und verzweifelnd, mit wundem Herzen und uberreiztem Gemuth, das nur einer bestimmten Veranlassung bedurfte, um alle verhaltne Bitterkeit gegen den uberlastigen Cesario auszustromen.

Bei weitem ruhiger schien der Maler Emiliens doppelte Treulosigkeit anzusehn. Fur den Winter in die Residenz zuruckgekehrt, lebte er allein der Kunst, wenig bekummert um irgend etwas ausser ihr. Allein Werners gescharfter, mehr spurender als forschender Blick, der jedes, was er im Laufe des Lebens irgendwo beruhrte, wieder anfassen und an sich ziehn musste, hatte ihn in seiner Stille aufgefunden. Er drangte sich an ihn, und fuhrte ihn, unter mehrern Bekannten, auch zu Augusten. Hier hatte Luise ofters Gelegenheit, den Gleichmuth des jungen Kunstlers zu bewundern, da niemand, ausser ihr, mit seinen Verhaltnissen bekannt, es vermied, uber Emilien und ihre Verirrungen zu reden. Selbst Auguste schonte ihrer Freundin so wenig, dass sie sich lachend uber den Spott des Schicksals ausliess, welches gewollt, dass ein unbartiger Knabe das Gewebe der klugen Sybille hochst keck zerreisse, und sie zwinge, das Tochterchen in die Arme des ungekannten Fremdlings zu legen, um dem lastigen Gerede Einhalt zu thun. Der Maler schwieg meist ohne ein Zeichen besondrer Theilnahme; nur diesmal erwiederte er: dahin wird es nicht kommen. Sein Sie versichert, Emilie tauscht sich, und muss in Kurzem selbst davon uberzeugt werden. Er sagte das sehr gefasst, und mit einer Zuversicht, die Werners Aufmerksamkeit erregte. Allein da er sogleich wieder abbrach, so liessen auch die Andren das Gesprach fallen, ohne dass es zu einer nahern Erorterung kam.

Wenn Luise die Menschen um sich her, in ihren verschiednen Beziehungen zu einander, betrachtete, und dann auf sich selbst zurucksah, so musste sie oft erstaunen, wie ganz anders, milder, verwandter, ihr alle erschienen. Recht wie Gestalten, die uns am Vorabend, bei hereinbrechender Nacht, mit unheimlichen Schauern erfullten, und nun am vollen Tage klar und befreundet auf uns zutreten. Was sie sonst erschreckte und die innre Unsicherheit mehrte, fiel, wie von selbst, von dem vielen Guten und Erfreulichen ab, was sie wohlthuend zu der Welt zog und den Frieden mit ihr begrundete. Selbst mit Werner war sie im Herzen versohnt, seit sie ihm auf keine Weise scheuen durfte. Cesario allein liess sie niemals frei von jener fruher empfundnen Bangigkeit deren sie, mit aller Anstrengung, nicht Herr werden konnte.

Als sie sich einmal recht lebhaft dieser Schwache schamte, da erinnerte sie sich, wie leicht ein geheim gehaltenes Gefuhl dem schonsten Verhaltniss Gefahr drohe, und wie wohl grosseres Vertrauen ihr und Julius Gluck gesichert hatte. Sie konnte nicht anstehn, in des Freundes treue Brust die letzte, kleine Sorge niederzulegen. Dennoch geschah es nicht ohne einige Verlegenheit, dass sie ihrer fruhesten Bekanntschaft mit Cesario und des belauschten Selbstgesprachs im Gasthofe gegen den Obristen gedachte. Seitdem, fuhr sie mit gesenkten Augen fort, befallt mich eine Unruhe, so oft ich ihn sehe, die jene zuruckruft, weiche lange das Ungluck meines Lebens machte. Der Obrist hatte ihre Hand gefasst, und sahe mit leutseligem Ernst in ihr anmuthig verschamtes Gesicht. Meine Luise, sagte er, es ist ja dies ihr eigenthumliches Wesen, dass Sie niemand in Ungewissheit uber sich lassen konnen, als den, der sich selbst tauscht. Sie sagen mir daher nichts Neues. Ich habe Sie immer verstanden. Wie sollte es mir entgangen sein, dass Ihnen Cesario, durch irgend eine innre Ideenverbindung, Fernandos Bild zuruckwirft. Ich mochte Sie beruhigen konnen, wenn ich Ihnen sage, dass die Unklarheit der Erscheinung es ist, welche den truben Eindruck erzeugt. Offenbar ist etwas da, was Sie anspricht, aber Sie wissen es weder in noch ausser sich in einem bestimmten Zusammenhang zu denken. Es steht losgerissen da, und schwankt nach den entgegengesetztesten Richtungen. Das ist es, was Sie verwirrt. Denn gewiss ist es das Unzusammenhangende allein, was uns im Leben stort. Konnten wir die Geschichte der Welt und jedes einzelnen Wesens in ihrer naturlichen Verbindung zu einander entstehn und fortschreiten sehn, der Faden des verworrnen Knauels liesse sich, ganz leicht, ohne willkuhrliches Abreissen und Verknupfen, abrollen, und der Mensch horte auf, so einzeln und so feindlich der Natur und sich gegenuber zu stehn. Deshalb lassen Sie sich auch jetzt nicht beunruhigen. Haben Sie uberall nur Acht auf das, was in Ihnen vorgeht, und konnen Sie das scheinbar Storende in irgend einen Einklang mit sich selbst bringen, so lassen Sie es ruhig walten. Sie drangen es vergebens weg, wie unbequem es auch die gewohnte Weise durchkreuzt.

Luise erinnerte sich ahnlicher Worte Fernandos, zwar in ganz individueller Beziehung gesprochen, aber dennoch geeignet, sie fur den Augenblick in eine hochst verwerfliche Ruhe zu wiegen. Wie leicht, unterbrach sie ihn, hintergehn wir uns aber selbst, und sehen das als zu uns gehorig an, was uns zerreisst und zerstort.

Dann, erwiederte der Obrist, kehren wir nur das eigentliche Verhaltniss um. Wir geben uns dem Fremdartigen blindlings hin, und verleugnen uns so vor uns selbst. Der besonnene Mensch hingegen lasst das Ungekannte auf sich zu kommen, und wie es sich an sein innerstes Leben w a g t , fasst er es mit scharfen Blikken an; ach liebe Luise! und wie bald zeigt es sich dann, was in hoherer Natur uber unser Wissen und Wollen gebietet. Mit welchem Rechte sagen wir daher, wir musse der Stimme des Herzens folgen. Was man insgemein so nennt, das ist es nun freilich wohl nicht, was ich meine. Es spricht so vieles auf den Menschen hinein, dass er sich zuletzt selbst nicht mehr erkennt. Aber was so recht eigentlich aus dem Herzen heraufdringt, dem widersteht sicher Niemand. Wie wahr, fuhr er, sie umschlingend, fort, und wie hochst seltsam hat mich diese Stimme gefuhrt! In welchem Augenblicke druckte sich Ihr Bild in mein Innres! Alles gebot mir, es daraus zu verdrangen. Ich versuchte es oft, aber als es immer wiederkehrte, habe ich es heilig gehalten, und treu bewahret wie ein liebes Geschenk des Himmels, das mich still entzucken und nie wieder verlassen sollte!

Luise hatte den Kopf in grosser Ruhrung an seine Brust gelehnt. Er druckte sie fester an sich, und sagte, uber sie hingebeugt: hier wird es nun ewig leben! Wie es auch kommen moge, dies Bild nimmt mir keine Gewalt der Erde, denn es ist mein geworden durch einen friedlichen Bund mit mir selbst.

Was soll kommen? fragte Luise besorgt; was mein lieber, lieber Freund, soll uns trennen?

Ach, liebe Luise, erwiederte der Obrist, wer darf das wissen wollen? Die Bedingungen unsers Daseins wie unsers Gluckes greifen in Vor- und kommende Zeit hinein, und dennoch ist unser Gesichtskreis so eng gezogen, wir verstehn die Zukunft nie aus der Vergangenheit. Da liegt alles dunkel und in sich verschlungen. Wir durfen es nicht anruhren, wenn wir die fluchtige Gegenwart nicht verscheuchen wollen.

Luise blieb einen Augenblick nachdenkend. Ware es moglich, sagte sie darauf, dass meine zu grosse Offenheit Sie beunruhigt hatte?

Behute mich der Himmel vor solcher Schwache, fiel der Obrist schnell ein. Nein, o Gott nein! wie sollte mich beunruhigen, was der schonste Burge meiner Ruhe ist. Liebe Luise, missverstehn Sie mich doch ja nicht. Der Mensch thut nur wohl daran, im Uebermasse des Glucks sich den moglichen Wechsel als moglich zu denken.

Das war es nicht allein, sagte Luise, es war mehr als das. Ihr Ton drang so wehmuthig durch mein Herz, als ginge er von truber Ahndung aus.

Jeder Blick in die Zukunft, erwiederte er, erinnert uns an die Wandelbarkeit des Gluckes. Eben weil wir dort nichts Bestimmtes sehen, so tritt uns so vieles entgegen, wovon eines das andre zernichtet. Aber, was verderben wir denn die lieben, freundlichen Stunden durch so wunderliche Betrachtungen!

Luise war indess in sich aufgeschreckt. Sie konnte sich nicht wiederfinden. Die Moglichkeit, den geliebten Freund zu verlieren, trat ihr plotzlich so nahe, dass sie ihn gar nicht von sich lassen wollte. Sie furchtete, jeder Augenblick konne ihn ihr entreissen. Und als er nun ging, und sie ihm aus dem geoffneten Fenster, die Strasse hinunter, lange nachsahe, bis er sich unter fremde Gestalten verlor, da war ihr, als sei die Strasse der vor ihr liegende Lebensweg, auf dem ihr alles unbekannt erschien, bis auf das eine geliebte Wesen, das sich nun auch abwandte und sie verliess. Sie verlor sich immer mehr in diese Vorstellung, und ward nicht eher wieder froh, als bis der Obrist des folgenden Tages in einem reich verzierten Schlitten vor ihrer Thur hielt. Das Gelaut der Glockchen hatte sie an das Fenster gelockt. Sie schlug freudig in die Hande, als der schone Mann von dem leichten Fahrzeuge springend, zu ihr hineilte.

Ich komme, meine Luise, sagte er im Hineintreten, Sie zu fragen, ob Sie sich wohl eine Stunde meiner Fuhrung anvertrauen, und mich auf einer Spatzierfahrt begleiten wollen. Der klare stille Wintertag erinnert mich so lebhaft an mein Vaterland. Ich mochte diese Erinnerungen gern mit meinen liebsten Freuden vereinen. Konnten Sie sich wohl fur Augenblicke mit Ihrem Freunde in den starren Norden versetzen?

Luise willigte ohne Weiteres ein, und in Pelz und Schleier gehullt, eilte sie, an seinem Arm, der lustigen Fahrt entgegen. Zwei russische Knaben, fremd an Ansehn und Tracht, hielten zu Pferde neben dem Schlitten. Luise setzte sich hinein. Der Obrist breitete ein Tigerfell uber ihre Fusse, dessen Zipfel Goldfranzen einfassten. Er selbst nahm sodann seinen Platz hinter ihr, und die Zugel leicht hebend, flogen sie pfeilschnell durch die Strassen und Thore der Stadt. Bald war diese weit hinter ihnen. Der geebnete Weg fuhrte nach einem Walde, der sie plotzlich wie eine veranderte Welt umschloss. Ungleich thurmte sich der Schnee in grossen Massen zwischen den Baumen, die zum Theil ihre nackten Zweige starr in die eisige Luft streckten, oder die herabgezogenen Wipfel uber einander neigten. Ueberall schien das Leben gewichen, hin und her sahe man auf der weissen Decke die Spur einzelnen Wildes. Freudig sprengten die Knaben mit wunderlich dumpfem Geschrei voran. Mein Russland, rief der Obrist lebhaft! und lenkte den Schlitten immer tiefer in den wildesten Theil des Waldes.

Luise befand sich in einer Gegend, die sie fruher nie betrat. Die Tauschung gewann immer mehr Gewalt uber sie. Es war ihr wirklich, als standen Vaterland und Freunde in unerreichbarer Weite, und alle losgerissne Banden schlangen sich einzig um den geliebten Mann, dem sie vertrauend unter rauhe Himmelsstriche folge. Sie zog den Schleier dicht an sich, und in einer Art behaglicher Selbstvernichtung liess sie ihr Dasein sinnend in ein Fremdes ubergehn. Vergeben Sie mir, sagte der Obrist, durch ihr Schweigen aufmerksam gemacht, vergeben Sie mir meine thorige Freude, die Sie so wenig theilen konnen. Ist denn der Mensch wie eine Pflanze an den heimathlichen Boden, wie an den eignen Leib gebunden? Und ist nicht ein freies, hoheres Verhaltniss zum Leben, wie ein zweiter Leib zu betrachten, den er sich mit Wahl und Besonnenheit selbst schafft, durch den er zur Welt gehort und sich ihr kund giebt? Warum streckt uns denn das Vaterland seine tausend Arme nach, und strebt uns in seine Mitte zuruckzuziehen.

Luise war in ihren Traumen verloren. Sie hatte einen grossen Theil dieser Worte uberhort, und fuhlte nur des Obristen Hand, welche schmeichelnd die ihrige ergriffen hatte. Ihr Herz war voll der innigsten Liebe, und in dem Sinne sagte sie: gewiss, es ist uberall schon, wo uns auch die Natur ein getrubtes Antlitz zuwendet.

Es soll bald wieder heitrer werden, entgegnete der Obrist, der schon fruher einen Nebenweg eingeschlagen, und nun uber einzelne Hugel, welche die nahe Ebne verbarg, aus dem Walde bog. Eine breite, spiegelglatte Eisflache lag hier vor ihnen, hinter welcher sich das furstliche Schloss mit seinen vergoldeten Dachern und weissen Saulen feenartig erhob. Heller Lichtglanz war uber die ganze Gegend ausgegossen, die in so magischer Beleuchtung das uberraschte Auge blendete. Wie herrlich! rief Luise, indem sie aufstand und mit der einen Hand den gehobnen Schleier hielt, wahrend die andre auf des Obristen Schulter vertrauend ruhte. Der Schlitten gleitete indess leicht uber den festen Eisrucken des Stromes zu dem jenseitigen Ufer, an welches die Schlossgarten stiessen. Lebhaft wurden hier Luisens Blicke durch halbgeoffnete Sonnenhauser angezogen, die beim Voruberfahren ihre innren Schatze ahnden liessen. Der Obrist schlug ihr vor, einige Augenblicke unter den Blumen auszuruhen, was sie dankbar annahm und in seiner Begleitung in die kunstreich geordneten Sale trat. Wie neugeboren begrusste sie das frische Grun, das ihr aus den seltensten Gewachsen entgegen duftete. Der Gartner trat hoflich auf sie zu, sogleich bemuht, durch nahere Erklarungen die Eigenthumlichkeit der merkwurdigsten Pflanzen und Stauden anzugeben. Luise ergotzte sich an Allem. In froher Hast eilte sie den Andren voran, sah und bewunderte jedes zuerst, und trat so allein in ein kleines Cabinet, welches hohe Granaten und fruchttragende Orangen am Ende des Gebaudes bildeten. Das frischeste Moos bedeckte den Boden in einer Hohe, dass es zu den Seiten stehende Blumenbehaltnisse verbarg, und so das Ansehn gewann, als lasse es den lachenden Bluthenteppich aus seinem Schoos hervorgehn. Die goldnen Fruchte schienen Luisen recht eigentlich zu winken. Sie fuhlte sich auf das Anmuthigste angezogen. Alte Mahrchen von verzauberten Schlossern wurden wach in ihr. Dabei musste sie an die Markise und Viola denken. Sie glaubte zu traumen. Der ode Wald, das starre Eis, und nun alle sudliche Herrlichkeit! Sie konnte sich eines lauten Freudenrufs nicht erwehren. Da war es, als bewegten sich hinter ihr die Zweige; sie wandte sich, und bemerkte einen Mann, der schnell zu einer Seitenthur hinauseilte, ohne dass sie sein Gesicht sehen konnte. An der saubergestickten Uniform und dem dunkel gelockten Haar glaubte sie Cesario zu erkennen. Ihre Blicke waren noch auf die Thur geheftet, als ein Wagen an dem Hause voruberfuhr, und sie unwillkuhrlich zum Fenster zog; aber die verschlungnen grunen Zweige lagen wie ein Gewebe davor, und hinderten sie, etwas zu erkennen.

Sie haben wohl ofter Besuch, sagte der Obrist, mit dem Gartner hinzutretend. An solchen Tagen, erwiederte dieser, sind die Sale fast nie leer, besonders finden sich Auslander und Fremde haufig ein, durch die Freiheit des Zutritts in allen furstlichen Gebauden angelockt.

Der Blumenduft betaubte Luisen; sie fuhlte sich unwohl, und trieb zur Ruckkehr ins Freie, wo sie alsbald den Weg nach der Stadt auf einer heitren, vielfach befahrnen Landstrasse nahmen.

Der Obrist sprach wahrend des Fahrens noch viel uber das Edle und Gefallige in der Bauart des Schlosses und seiner Umgebungen. Er machte Luisen aufmerksam auf die konigliche Grosse des Ganzen, welches doch keinesweges druckend sei fur die nahestehenden Gegenstande, was er allein als Wirkung hoherer Kunst angab. Denn diese, sagte er, kann niemals etwas fur sich allein betrachten, sondern findet nur in dem innren Zusammenhang aller nothwendigen Bedingungen das richtige Verhaltniss fur jedes Einzelne, wahrend die blosse Pracht alles um sich her vernichtet. Dies zeigt sich am auffallendsten im Orient, wo ein an sich untergeordneter Zweck alle hoheren Strebungen beherrscht. Selbst die Denkmaler alter Kunst sind dort storend geworden, weil sie, losgerissen von Zeit und Ort, keinen gnugenden Eindruck gewahren, sondern dem unbefriedigten Gemuth schmerzliche Betrachtungen entreissen, was dem Wesen der Kunst zuwider ist, die sonst unsre innre Gesammtheit, Fulle und Kraft hervor ruft, und den ganzen Menschen gottlicher und freier macht.

In diesem Sinne war die Kunst wahrhaft in ihn ubergegangen, und seine Liebe zu ihr konnte daher nur von denen ermessen werden, die ihn in allen Beziehungen seines Lebens verstanden.

Luise suchte wahrend dem sich selbst zu entgehn, und liess es an lebhaften Aeusseruugen nicht fehlen, die das Gesprach nur mehr in seinem Lauf fortdrangen sollten. Allein sie war niemals frei genug in sich selbst, um irgend etwas, das sie zufallig beruhrte, fur Augenblicke liegen zu lassen, und mit Besonnenheit mehreres aufzufassen. Eines beschaftigte sie alsdann so ausschliessend, dass sie fur alles andre entweder gar nicht da war, oder doch zerstreut und kalt erschien. So konnte sie es jetzt nicht aus den Gedanken bringen, warum Cesario ihr gerade in dem Moment habe nahe sein mussen? und weshalb sein Erscheinen, oft so halb und versteckt, sie in Ungewissheit, selbst daruber lasse, ob er es sei oder nicht? Ihr fiel ein, dass, gleich wie ganz verschiedenartige Menschen, die spaterhin einen gewichtigen Einfluss auf unser Schicksal haben, sich fruher in unsrer Erinnrung zusammen stellen, ohne dass wir sie in irgend einer Beziehung zu einander dachten, die Natur der Umgebungen und die Stimmung, welche diese in uns erwecken, gleichfalls bedeutend sei fur das Zusammentreffen mit diesem oder jenem. Sie sann vergeblich, auf welche Weise Cesario mit in ihr Leben verflochten sein konne, und hatte zugleich eine Scheu, es zu entdecken, da sie uberall so ungelegen von ihm gestort ward.

Der nachste Morgen verjagte indess diese Wolken. Sie war die folgenden Tage heitrer als je, vielleicht weil sie sich von mehrern ihrer Bekannten zuruckgezogen hatte, und allein in des Obristen und Sophiens Gesellschaft lebte. Diese schien auch wieder ruhig und gefasst. Luise bemerkte leicht, dass nur eine Aussohnung mit Horst dies bewirkt habe, obgleich dieser in ihrem engeren Familienkreis keinen Zutritt hatte. Sie begriff eben so bald, wie sehr ein solches Gefuhl geschont sein wolle, und ohne dagegen zu eifern, begnugte sie sich, ihre Freundin in einer vertrauten Stunde zu fragen, wie sie nur dies Verhaltniss mit ihren sonstigen Ansichten und Begriffen vereine.

Das ist nun so, entgegnete jene. Ich rede ungern daruber. Vieles kommt in Anregung, was besser verschwiegen wird. Doch glaube mir, gutes Kind, Vergehn aus Liebe begangen, bussen sich nur durch Treue ab. Dies ist weder so leicht, als eine herzhafte Ruckkehr zur Pflicht schwer ist. Zu dem Letztren bewegt uns oft gerade das, was uns fruher verlockte, Sehnsucht nach einem Herzen, das uns versteht und verstehn will. Wir glauben so leicht, es gefunden zu haben, wahrend es uns in allen Verhaltnissen ziemlich gleich unerreichbar ist. Ueber die ersten poetischen Traumen der Jugend hinaus, halten es die Manner kaum der Muhe werth, in das innre Geheimniss unsers Wesens einzudringen, dessen Selbststandigkeit sie nie anerkennen, dessen hohere Natur sie sich gern verbergen, um der gewohnlichsten und naturlichsten Rucksichten uberhoben zu sein. Da es denn nun uberall auf die Aufopferung unsrer selbst angesehen ist, was zaudern wir, dies Opfer da zu bringen, wo wir in der Bewahrung und dem Heilighalten der Liebe uns vor uns selbst bewahren? Ich wenigstens bin resignirt, und kann mich in dieser Resignation nur mit mir und meinem Vergehn aussohnen.

Du bringst Dich also der Liebe und nicht dem Geliebten zum Opfer? fragte Luise.

Sage mir, erwiederte jene, wie soll ich die eine ohne den andren denken, ohne auf immer mit meinem Gewissen zu zerfallen? Soll ich um ein Geringeres, als die hochste Bedingung meines Lebens, Schwur und Pflicht verletzt haben? Und wenn ich mich tauschte, war es nicht die Liebe, welche den Zauber hervorrief? Aber es ist falsch, dass die Liebe uns tausche. Sie, das einzig, ewig Wahre, zeigt uns die Menschen allein wie sie sind. Von ihr durchdrungen, haben sie fur Momente wirklich erreicht, wonach sie, fruher und spater, durch den ganzen Kreislauf eines langen, beschwerlichen Lebens ringen. Nur wie die Aussenwelt wieder nach ihnen greift und ihre Tauschungen auf sie zuruckwirft, sinkt die Liebe in die stille Nacht ihres verborgnen Lebens zuruck. Allein, ich habe ja doch den geliebten Mann in jenen gottlichen Momenten gesehn, und so will und werde ich ihn immer sehn.

Der Obrist unterbrach sie hier, indem er ihnen die Ankunft der Baronin meldete, welche auch sogleich eintrat.

Endlich! sagte diese gutmuthig, zu Luisen gewandt, finde ich Sie. Boses Kind! Nun sollen Sie mir nicht wieder entgehn. Ich entfuhre Sie sogleich. Alle Freunde und Bekannte sind bei mir versammelt. Alle haben beschlossen, Sie der Einsamkeit zu entreissen. Man hat wichtige Dinge vor. Ich habe geloben mussen, Sie aufzuheben, wo ich Sie finde. Luise warf bittende Blicke auf den Obrist und Sophien. Dort suchen Sie vergebens Beistand, sagte die Baronin, ihre Gedanken errathend; diese sind auch meine Gefangenen. Ich lasse Niemand entschlupfen. Sie mussen alle sogleich mit mir fort.

Beide Geschwister versprachen, der Einladung in Kurzem zu folgen. Luise musste es aber geschehn lassen, dass sie die Baronin ohne weiteres zu ihrem Wagen fuhrte, und sie, so bald sie sich hier allein sahen, mit kaum verhaltner Heftigkeit in ihre Familien-Angelegenheiten hineinzog. Es ist mir lieb, hub sie sogleich an, Sie zuerst ohne Zeugen zu sprechen; Sie mussen mir einen wichtigen Dienst leisten. Es gilt hier, Stein zu einem schnellen Entschluss zu bewegen. Er muss Emilien bald, gleich, seine Hand geben. Sie konnen ihn dazu durch Grunde bewegen, die mir nicht geziemen, anzufuhren. Lassen Sie mich ausreden, fuhr sie, jeder Unterbrechung vorbeugend, fort. Es ist gewiss, es ist nicht alles so, wie es sein konnte; allein, ohne mich geradezu in Emilien verrechnet zu haben, tragen zum Theil die Umstande die Schuld jener ungunstigen Wendung. Ich habe nicht immer ganz freie Hand gehabt. Viel Fremdartiges hat in meine Plane eingegriffen; des Barons Ansichten und Gesellschaften, eine gewisse Freigeisterei in allem Herkommlichen und Bestehenden, welches die ungluckselige Poesie an den Tag bringt, und mehr als alles, Ihr Schicksal, mein liebes Kind, haben mir bei Emilien entgegengearbeitet. Es ist meist das Leben Andrer, das plotzlich einen Funken in ein junges Gemuth wirft und sehr zur Unzeit darin Tag werden lasst. Dies ist indess alles geschehn. Wir konnen nichts, als grosserem Uebel vorbeugen. Stein hatte schon so manches hindern konnen, wenn er mir und sich selbst mehr vertrauete. Er nimmt das Spiel mit dem halbkindischen Cesario zu hoch, wenigstens giebt er ihm ein zu ernstes Ansehn vor der Welt. Ueberall erscheinen ihm die geringfugigsten Dinge so gewichtig, dass er fast unter ihrer Last erliegt. Ich begreife nur nicht, unterbrach sie hier Luise, warum Ihre Wahl grade auf ihn gefallen ist. Aufrichtig gesagt, erwiederte die Baronin, ich weiss jetzt keinen Bessren. Dem knabenhaften Abentheurer wollen wir sie doch nicht etwa geben? Andrer Unschicklichkeiten der Art nicht zu gedenken. Auch ist Stein im Grunde lenksam, Emilie hat viel Gewalt uber ihn, unter meiner Leitung wird sich alles machen. Nur haben wir keine Zeit zu verlieren. In vierzehn Tagen gehe ich auf's Land, Stein muss uns sogleich folgen, und die Hochzeit schnell und still gefeiert werden. Dahin mussen Sie ihn durch die einfachsten und naturlichsten Bewegungsgrunde zu fuhren suchen, die zum Theil in seiner Liebe zu Emilien, zum Theil in der Achtung vor dem aussren Anstand liegen, da er diesen durch die schnelle Beendigung unberufner Geruchte am sichersten rettet.

Aber Emilie? fragte Luise.

Nun? entgegnete die Baronin, die hat wohl keine Wahl. Was bleibt ihr noch ubrig? Sie wissen wohl am besten, was die Klugheit in solchen Fallen rath. Sie selbst haben, mit mehr Ruhe als ich Ihnen zutraute, durch einen kraftigen Entschluss Ihren erschutterten Ruf wieder hergestellt. Denn mich wollen Sie doch wohl nicht, wie die Welt, uberreden, das kaum beruhigte Herz habe sich auf's neue einer grossen gewaltigen Neigung uberlassen. So etwas liegt ausser allen Granzen der Moglichkeit. Aber Sie handelten weise, und deshalb kann ich auch um so sichrer auf Ihren Beistand rechnen.

Luise hatte nicht Zeit, ein Wort zu erwiedern. Der Wagen hielt vor der Baronin Hause, die Bedienten offneten den Schlag, und sie musste ihrer steten Qualerin ohne weiteres in die Gesellschaftszimmer folgen.

Obgleich jene Worte sie recht empfindlich trafen und sie auf's neue in sich verwirrten, so ward sie doch bei Emiliens Anblick von sich auf andere Betrachtungen gezogen. Es musste sie uberraschen, diese ganz vertraut zwischen Cesario und dem Maler, vor einem Tischchen sitzend und mit beiden uber vor ihnen liegende Zeichnungen berathschlagend, zu finden. Baron Roll beugte sich zwischen sie durch, und schien seinen Beifall zu bezeigen, indem er mit wohlgefalligem Lacheln seine ausgespreizten Finger auf ein aufgerolltes Blatt druckte, welches der Maler mit beiden Handen sauber hielt und wohl vor weitrer Verletzung sichern wollte. Werner und Auguste standen zur Seite, wie gewohnlich, in Streit verwickelt.

Als Emilie die Eintretenden bemerkte, schlug sie freudig in die Hande, und ohne ihre Stellung zu verandern, rief sie Luisen zu: geschwind kommen Sie, uns Ihren Rath zu geben. Wir qualen uns schon seit einer Stunde, und kein Mensch bringt etwas Gescheutes heraus. Der Furst giebt einen Maskenball, und wir sind versammelt, etwas ganz Neues, Ungewohnliches fur den Abend zu ersinnen, denn die Griechen, und Ritter und Genien und Musen sieht man sich nun schon seit lange zum Ueberdruss. Auguste schlug so eben einen Spharentanz nach alt Aegyptischer Weise vor. Allein weder sie noch irgend Jemand weiss diesen recht eigentlich anzugeben, so wenig wie die ganz fruhe Tracht dieses Volkes, denn die Zeichnungen hier, nach einigen Kunstwerken aus der grauen, versteinten Zeit, konnen doch nicht zu Modellen dienen sollen. Ich wurde eher, sagte Werner, Gegenstand und Charakter aus irgend einem bekannten Mahrchen der T a u s e n d u n d e i n e N a c h t vorschlagen. Sinnreiche Erfindungen und Pracht liessen sich so leicht vereinigen. Ach! fiel Emilie ein, dann giebt es wieder Turban und Schleier ohne Ende und das alte Lied wird nur mit Variationen angestimmt.

Was schicken wir dem kurzweiligen Spiel so beschwerliche Berathschlagungen voran, rief Cesario, ungeduldig aufspringend. Ihr fasst ja das Vergnugen so derb an, und dreht und handhabt den fluchtigen Genuss, dass aller Reiz verschwindet. Ob neu oder alt, ob selten oder oft gesehn, die Freude tragtimmer ein frisches, jugendliches Gesicht. Nehme sie jeder, wie sie sich ihm zeigt. Ich fur mein Theil halte mich in der komischen Familie meines Vaterlandes, Arlechino altert nie, und Sie Emilie, Sie verlassen mich nicht.

Emilie willigte ein, die Maske der Colombine zu nehmen. Werner verstand sich zu der des Pantalon, und Baron Roll ward ohne weitere Anfrage zum Brighella erwahlt.

Bei eigenthumlicher Gewandheit und Laune, sagte der Maler, kann das phantastische Spiel immer neu erscheinen, und zu manchem lustigen Spass Anlass geben.

Insbesondere, fiel Werner ein, wenn mehr als eine dieser Familien zugleich auftraten, und so durch stete Verwirrungen und Verwechselungen eigne und fremde Plane durchkreuzten.

Man fand den Gedanken lustig, ohne ihn gleichwohl festzuhalten. Auguste verwarf ihn ganz und setzte ziemlich trocken hinzu; wenn Ihr Euch alle von den Aegyptern abwendet, so will ich dennoch dem tiefen, geheimnissreichen Volke treu bleiben, und wenn nicht auf alte, doch auf neue Weise. Ich wahle eine Zigeuner-Maske. Hutet Euch. Ich sehe in die Vergangenheit und Zukunft, und werde manches Geheimniss enthullen. Die Vorstellung des nahen Festes beschaftigte alle angenehm. Viele spielten ihre Rolle schon in Gedanken durch, und diejenigen, welche noch keine Masken gewahlt hatten, sannen auf passende und anmuthige Erfindungen. Stein, welcher bis dahin abgewandt in einem entfernten Theil des Zimmers beim Clavier sass, und zwischen den weitlauftigen Verhandlungen und Streitigkeiten manch stilles Liedchen leise sang, trat nun auch zu Luisen, und befragte sie uber die Wahl ihrer Maske. Sie war noch unschlussig, und bat den Obristen, der nicht langst gekommen war, fur sie zu entscheiden. Ich weiss nicht, sagte dieser, ob ich Unrecht habe, wenn ich wunsche, Sie in altdeutscher, furstlicher Tracht zu sehen, sehr einfach, dennoch hochst edel und prachtig, und zwar in einer mehr innerlichen, gediegnen als strahlenden Pracht. Viele wurden Sie lieber in den uppigen Orient versetzen, und den gluhenden Schimmer des sudlichen Himmels um Sie verbreiten; ich glaube selbst, Sie ziehen das Letztere vor, aber die hohe, in sich beschlossene, und eben dadurch gebietende Weiblichkeit liegt doch auch in Ihrer Seele. Ja, was noch mehr ist, macht das Wesentliche derselben aus.

Es ist sonderbar, sagte Luise, in meinen fruhern Jahren fanden mehrere meiner Bekannten eine grosse Aehnlichkeit mit mir und einigen Bildern altnordischer Koniginnen, und gleichwohl habe ich eher mit Schauder als Sehnsucht auf jene Zeit zuruckgesehn.

Wir strauben uns oft, erwiederte der Obrist, grade gegen dasjenige, was doch zuletzt Recht uber uns behalt.

Nun, rief Luise lachend, fur den Abend sollen Sie es wenigstens behalten. Ich unterwerfe mich Ihrer Entscheidung.

Wohlan, sagte er, so sind wir beide Ihre Ritter. Ich trug immer ein Schwerdt, und lege es auch im Spiele nicht gern von mir. Werden Sie mir es vergonnen, fragte Stein, fast wehmuthig, wohl als ein uberflussiger, aber doch treuer Diener, meinen Platz an Ihre Seite zu suchen? Luise reichte ihm voll herzlicher Theilnahme die Hand, und alle drei redeten sofort das Nahere mit einander ab.

Als bald darauf die Gesellschaft auseinander ging, vertrauete Auguste Luisen, dass sie fruher, als Werner, einen ahnlichen Gedanken gehegt habe, und gesonnen sei, zuerst zwar als Zigeunerin, sodann aber als eine zweite Colombine aufzutreten, und dem Liebespaar und seinen Helfershelfern manchen hinterlistigen Streich zu spielen. Luise misstrauete uberall ihren Absichten, und konnte auch an dieser Neckerei keinen Gefallen finden, uber die sie weiter nicht redeten, sondern von da an, ein jedes nur mit eigenen Einrichtungen beschaftigt blieben. Frau von Seckingen allein war durch nichts zur Theilnahme an dem Feste zu bewegen. Sie scheue, sagte sie, die freigegebene, ungebundene Frohlichkeit. Wo alle Rucksichten schwanden, trate die unbewachte Individualitat oft abstossend hervor, und das sei gefahrlich fur diejenigen, die nur ein bestimmtes, lang gehegtes und gepflegtes Bild festhalten mochten. Es sei nicht das erstemal, fuhr sie fort, dass dergleichen Festlichkeiten Entdeckungen veranlassten, welche ein ruhiges Verhaltniss aufgelost und Menschen getrennt hatten, welche durch diese Trennung um nichts besser geworden waren. Ihr sei es nothwendig, nur das fur wahr zu halten was nach hohern Gesetzen wahr sein musste, und sich so wenig als moglich darum zu bekummern, was unter aussren Bedingungen sich als bestehend erweise, und fur die Welt allein Wirklichkeit habe. Luise verstand sie wohl, und drang nicht weiter in sie, ohnerachtet sie solche angstigende Sicherstellung als den wahren Tod und den eigentlichen Gegensatz aller Liebe ansahe.

Am Vorabend des Balles trat der Obrist ungewohnlich spat in Luisens Zimmer. Sie sass am Stickrahmen, und war noch mit einer Arbeit fur den folgenden Tag beschaftigt, als er sich zu ihr setzte, und nachdem er eine Zeitlang die Sauberkeit und den Fleiss des kleinen Kunstwerks bewundert und schweigend beobachtet hatte, wie lange die geschaftigen Finger den Faden hin und wieder lenken mussen, ehe nur der hundertste Theil des Ganzen kenntlich hervortrete, rief er fast ungeduldig: Welch muhseliges Vorbereiten zu dem fluchtigen Genuss! Aber, fuhr er fort, das scheint wohl auch nur so. Fur Sie ist es wirklich nicht muhevoll. Sie haben bei jedem Stich das Ganze vor Augen, und leben so den Augenblick tausendfaltig, den Sie sich erst schaffen wollen. Warum ist das nicht im Grossen wie im Kleinen. Wie leicht vergessen wir bei einem sauern Gange das Ziel, wohin er fuhrt! Und ist nicht am Ende das ganze Leben ein solcher Gang, den wir uns recht eigentlich erschweren, da wir gewohnlich nur auf die nachsten Schritte vor uns sehen?

Was macht Sie denn heut so ungewohnlich ernst? fragte Luise. Ich verstehe Sie nicht, lieber Freund! Die lustige Spielerei will kein so trubes Gesicht.

Er beugte sich schweigend auf ihre Hand, die nachlassig mit den goldnen Fadchen der Stickerei spielte. Wie denn? sagte sie ernster, ist das nicht bloss Zufall? lieber, lieber Freund, ist Ihnen etwas begegnet? haben Sie Kummer?

Ja wohl, rief er sehr bewegt, ja wohl, ich habe Kummer! ach meine Luise! Sie sollten mich nicht so schwach sehen. Der Mann muss dem Verhangniss fest entgegentreten. Ich werde mich auch sogleich wiederfinden. Ihr lieber freudiger Blick fiel nur so zerreissend in meine bewegte Brust. Ich wollte Ihnen heute, auch morgen, noch nichts sagen, und nun uberrascht mich das so. Vergeben Sie mir, Luise. O um's Himmels Willen, unterbrach sie ihn, nur geschwind, was ist es denn, was kann es denn sein!

Ein Befehl meines Hofes ist es, entgegnete er, der mich, da mein Geschaft hier so weit eingeleitet ist, um es einem Andren zu ubertragen, nach Petersburg zuruckruft, und zu einer neuen Mission nach Persien vorbereitet.

Beide schwiegen eine Weile. Mir bleibt nichts ubrig, als zu gehorchen, fuhr er sodann fort. Ich gehore meinem Vaterlande, und darf mich ihm auf keine Weise entziehn.

Nun, fiel Luise schnell ein, warum erschrecken wir denn auch! Was hindert uns dennoch, ungetrennt zu bleiben? Ich folge Ihnen, wohin Ihr Beruf Sie fuhrt. Das wollten Sie, Luise? fragte er geruhrt, das konnten Sie wollen? So grosses Opfer durfte Ihr Freund kaum annehmen.

Lieber, unterbrach sie ihn, wie nennen Sie nur ein Opfer, was so naturlich ist, und kaum einer Ueberlegung bedarf, da ich ohne Schmerz ein Vaterland hinter mir lasse, das nichts als trube Erinnrungen einschliesst.

Er druckte freudig ihre beiden Hande an sein Herz. Ich habe das nicht glauben, ich habe es nicht hoffen mogen! rief er; und nun gewiss, in der Liebe wird den Frauen eine Kraft und ein Wille, der den Glauben der Manner weit uberfliegt. Aber wenn nun fremde Sitten, wunderliche, ungewohnte Erscheinungen, plotzlich eine Scheidewand zwischen Ihnen und die heimathliche, befreundete Welt ziehen, meine Luise, werden Sie immer an diesem Herzen Trost und Ersatz suchen?

Sie sagte ihm darauf recht wahr und zuversichtlich, wie sie es empfand, dass sie in seiner Nahe allein noch Ruhe und Schutz gegen oft erwachende, innre Storungen finden konne, dass seine Milde und Klarheit keinen Zweifel und keine Besorgniss in ihr aufkommen lasse, und die Zukunft sich recht hell vor ihr ausdehne.

So innig und durcheinander beruhigt, mit dem festem Blick auf ein vereint heitres Leben, schickten sie sich beide zu dem Feste des kommenden Tages an, und theilten recht freudig die allgemein empfundene Lust.

Sorgfaltig und hochst edel gekleidet, traten sie zur bestimmten Zeit in die vielfach gemischte Welt. Ein wunderliches Grauen uberfiel Luisen, als die schwirrenden, lispelnden Tone aus den starren Lippen zu ihr hindrangen. Die grossere Beweglichkeit der Gestalten und der Tod auf ihren Gesichtern, hatte etwas so Widriges fur sie, dass sie kaum die gaukelnden Neckereien des zierlichen Arlechino bemerken, noch die Pracht anderer Erscheinungen gehorig wurdigen konnte. Die Zigeunerin streifte an ihr vorbei, und Cesarios Hand fassend, sagte sie mit komischer Geberde:

Ich sage Dir wahr,

Mein Auge ist klar,

Der Trug liegt versteckt,

Ich hab' ihn entdeckt.

Drum leih' mir Dein Ohr,

Und sieh' Dich wohl vor,

Wenn Dirs gegluckt,

Bist Du beruckt.

Was Du umfasst,

Es wird Dir zur Last,

Neckt Dich und qualt,

Wie Du 's erwahlt.

Euch allen droht List.

In kurzerer Frist

Als Ihr's erwogen,

Seid Ihr betrogen.

Es drangten sich mehrere Masken dazwischen. Luise sah nur die verworrene Menge hin und her wogen und ward gedankenlos mit fortgerissen. In dem wachsenden Gedrange lispelte eine Stimme dicht an ihr Ohr: Hat die Bussende in dem Treibhause Blumen fur Julius Grab gesammelt; oder will sie sich mit neuen Myrthen schmucken? Sie wandte sich erschrocken nach der Seite des Sprechenden, ein dichter Haufe schwarzer Dominos arbeitete sich durcheinander hin, Cesario stand in einer entfernten Loge und sah der lustigen Verwirrung eine Weile mussig zu. Lassen Sie uns dem Magier dort naher treten, sagte Stein, ich wette, es ist der Maler. Luise sah uberall nur den ungeschmuckten Grabhugel und jene fremde Hand, die sie so frostig darauf hinwies. Stein hatte indess den Magier angeredet und ihn befragt: ob er ihm die Tiefen seines verworrenen Schicksals aufdecken wolle. Das Furchtbarste, erwiederte eine dumpfe Stimme, fasst Dich schon mit beiden Handen, das Gefurchtete ist ein Unding. Ein neuer Strom eindringender Masken drangte sie auseinander. Das Spiel, sagte der Obrist, wird immer bunter und lustiger, recht nach Masken-Weise, dort treibt Arlechino auf's neue sein tolles Wesen; horen wir doch, was der Magier Colombinen sagt, sie nahen jetzt einander. Niemals! rief der prophetische Alte der Kleinen zu, niemals findest Du, was Du hier suchst, aber der Dich sucht, wird Dich finden. Wir suchen einander wohl nicht, sagte Cesario, Stein vertraulich unter den Arm fassend. Aber lassen Sie uns unter der sichtbaren Maske, die uns das fremde Spiel giebt, jene unsichtbare abwerfen, die wir uns selbst gaben, ich wette, wir werden auf der Stelle die besten Freunde. Fur jetzt, erwiederte Stein, haben wir nur den Charakter festzuhalten, den uns das Spiel vorzeichnet, der meinige ist trockner Ernst, der Ihrige, possenhafte Thorheit. Mein guter Ritter! rief Arlechino, Ihr Ernst ist die tollste Posse von der Welt, und dient mir zu dem lustigsten Spass. Steins Worte fielen von da an immer gewichtiger, Cesarios leichter, hohnender, und wurden eben daher aufs hochste verletzend; er hatte sich recht muthwillig in das eigne Netz verstrickt, sein Gegner hielt ihn unerbittlich fest, und forderte die strengste Genugthuung. Arlechino sah mit komischer Gebehrde auf sein holzernes Schwerdt, und bat Brighella um Beistand. Der Obrist wollte sich verdrusslich von dem ungleichen Streit abwenden, allein sie befanden sich alle in einer Ecke des Saals zusammen gepresst, Niemand konnte einen Schritt weichen. Auf morgen! rief Stein in grosser Erbitterung. Was beginnst Du, sagte eine schwarze Maske, Arlechino bei der Hand fassend; welche neue Unbesonnenheit, Francesca! Jesus Maria! Fernando! rief diese, Du hier! Er hatte die Larve abgenommen, und sah mit unbeschreiblicher Anmuth um sich her. Der vermeinte Cesario, sagte er lachelnd, ist ein schones Madchen, das die Tapferkeit mehr liebt, als besitzt; ich denke, Sie befreien das arme Herz gern von der Angst, die so viel Uebermuth muthlos macht. So steht das Spiel? sagte Stein; das andert freilich alles. Sie haben Recht; was kann ich anders wollen, als in des Herzens Qual meine Rache finden. Er sah Emilien scharf an, die sich an den Magier lehnte und von ihm fortgezogen ward. Das Schattenbild Cesario verschwindet nun, sagte Arlechino, zurne niemand der armen Francesca. Stein verlor sich unter die Menge. Es ward plotzlich leer um Luisen, nur Fernando stand, mit fest auf sie gerichteten Blicken, vor ihr, und schien jeden ihrer Gedanken zu bewachen. Der Obrist fuhlte ihre Hand in der seinen zittern. Lassen Sie uns eilen, sagte er leise, die sonderbare Verwirrung ubt ihre Gewalt uber uns alle. Ja wohl, ja wohl, erwiederte sie zerstreut. Aber es ist ja ohnehin zu Ende; nicht wahr? es ist alles vorbei. Ich glaube, sagte er bewegt, darum lassen Sie uns gehn.

Am Ausgange stiessen sie auf Werner, der Augusten als Colombine, ohne sie zu kennen, fuhrte. Der Spass flusterte diese Luisen zu, ist uber Erwarten gelungen. Ich bin hinter die lustigsten Geheimnisse gekommen. Jetzt fuhrt er mich zur Baronin, die wir vergebens im ganzen Saale suchten. Dort muss sich nothwendig alles aufklaren. Ich denke, ich habe sie allesammt gehorig angefuhrt.

Mehrere Masken traten zwischen sie. Gute Nacht, meine Luise, sagte eine bekannte Stimme kaum horbar, ja mein, wie Du Dich und mich und die Welt auch bethorst. Wir treffen einander wohl wieder, und Du bekennst mir, wogegen Du Dich jetzt vergebens straubst.

Luise sturzte in ihren Wagen, ohne sich umzusehn, ja, ohne des Obristen freundliches Lebewohl zu erwiedern.

Es war tief in der Nacht, als sie in ihr Zimmer trat. Mariane war eingeschlafen, die Lichter brannten trube, und warfen einen unsichren Schein umher. Sie ging, ohne sich umzukleiden, in grosser Bewegung auf und ab, ihr ganzes Wesen war im heftigsten Aufruhr, eine nie gefuhlte Verzweiflung lehnte sich plotzlich gegen das Feindliche ihres Schicksals auf Ihr ganzes Leben trat in gedrangten, entscheidenden Momenten vor sie hin. Welt und Menschen, alles schien nur da, um sie und das was sie liebte, in's Verderben zu sturzen. Von ungefahr fiel ihr Blick in einen Spiegel. Sie erschrak vor sich selbst. Die fremde, veraltete Tracht, ihr bleiches, fast verzognes, Gesicht rief ihr das Bild der Ahnfrau vom Falkenstein zuruck. Je mehr sie hinsah, je deutlicher glaubte sie alle Zuge zu erkennen. Ha! rief sie, ich bin die Letzte des verloschnen Namens! soll ich bussen, was jene verbrach, und so die Schuld losen? Da stand es klar, wie von hoherer Macht gesprochen, vor ihrer Seele: so ist es, kinderlos, ohne Liebe, in Reue uber das Vergangene; fern von jeder Hoffnung fur die Zukunft, sollst Du eigne und fremde That bussen. Entsage freiwillig, denn Du begehrst vergebens, was Dir Dein Schicksal verweigert. So ist es, ja so ist es, wiederholte sie mehrmals. Alle Faden der Hoffnung waren zerschnitten. Das Unabanderliche senkte sich tief in ihr Innres. Niemals, das fuhlte sie, konnte sie in der Verwirrung des Lebens Ruhe finden vor der feindlichen Gewalt, die sichtbar und unsichtbar nach ihr griff, und alle Bluthen eines kaum erschlossnen Daseins hohnend zerstorte. Und hat er denn nicht Recht? sagte sie. Bethore ich mich nicht selbst? Was ist es denn, was mich in ihm erschreckt und zusammenwirft, wie das zagende Verbrechen, wenn es nicht die unselige Liebe ist, die wie ein Fluch auf mir liegt. Die erdruckt nun und zertritt die letzte Hoffnung. Alles, alles ist vorbei. Ich muss dem hohern Rufe folgen.

Sie sah den Gedanken so lange und fest an, bis er sie durchleuchtete wie ein stiller Tag, in welchem kein Wechsel ist und kein Schmerz. Aus der vollesten innren Ueberzeugung erwuchs ihr Wille und Kraft. Sie ubersah die Zukunft mit festem Blick. Nichts konnte sich andern, nichts den Schluss des Schicksals nach eigner Willkuhr lenken. Alles blieb wie es war, bis an das Ende ihrer Tage; aber da trat der Tod wie ein seliger Engel zu ihr und druckte ihr die muden Augen zu, die nicht langer aus ihren dunklen Holen sahen, sondern den Blick nach innen richteten, wo sich eine wundervolle Welt voll nie geahndeter Herrlichkeiten aufthat. Sie sah das alles wirklich und versank in hochster Entzuckung, halb schlummernd, in die heiligen Tiefen des Unsichtbaren.

Als sie erwachte, war es Tag geworden. Die Lichte brannten nicht mehr. In den Gassen lebt' es und regte sich's wieder. Mariane war auch munter geworden, und raumte im Zimmer umher. Allein die Erinnrung jener Seligkeit war ihr so lebhaft geblieben; sie glaubte so fest an eine hohere Offenbarung, die sie in der Stille der Nacht wahrhaft empfangen habe, dass das erwachende Leben sie nicht storen konnte. Und als sie nun gezwungen war, auf's neue in dasselbe mit einzugreifen und sich um das nachste Aeussre zu bekummern, ward ihr Vorsatz nur noch fester. Ohne sich grade angstlich zu drangen und zu treiben, sah sie ruhig alles kommen, wie es nun kommen musste.

Ein Billet der Baronin war das Erste, was sie an die tausendfaltigen Verwirrungen der Welt erinnerte. Diese schrieb ihr:

"Ich konnte besorgt wegen Emilien sein, wenn ich nicht voraussetzte, dass sie meiner ruhigen Vernunft traute, und allenfalls darauf hin eine Unbesonnenheit wagen zu durfen glaubt. Sie ist noch nicht zu mir zuruckgekehrt. Wahrscheinlich ist sie bei Ihnen und Augusten. Ich bitte Sie, mir daruber Auskunft zu geben, so wie uber die Veranlassung ihres Wegbleibens. Auf jeden Fall soll sie meine Missbilligung fuhlen. Sagen Sie ihr das, ich ersuche Sie darum."

Luise erinnerte sich jetzt erst an Augustens letzte Worte, und wie sie gesonnen gewesen sei, zu der Baronin zu fahren, wo sich die ganze Verwicklung auflosen sollte. Sie begriff nicht, was sie daran verhindert und zugleich bewogen habe, Emilien bei sich zu behalten. Sie wollte zu ihr gehn, um sie deshalb zu befragen, als ihr Mariane sagte, dass die Leute im Hause ihre Herrschaft vergeblich bis jetzt erwarteten, und Niemand wisse, was er er davon denken solle. In grosser Besorgniss schrieb daher Luise der Baronin, was sie selbst durch Augusten erfahren hatte, und wie sie diese noch zuletzt an Werners Arm auf dem Wege zu ihr gesprochen habe, weshalb man bei Werner allein die nothigen Erkundigungen einziehen konne. Von Emilien aber wisse sie nichts, und begreife ihr Verschwinden so wenig wie das von Augusten.

Nach einigen Stunden trat Stein bleich und zerstort in Luisens Zimmer. Eine ungeheure Thorheit oder Niedertrachtigkeit, rief er, ist in dieser Nacht vorgefallen. Werner, der Maler, Emilie und Auguste, alle sind fort! Alle Nachforschungen sind vergeblich, Niemand will etwas von ihnen wissen. Ich komme sogar von Francesca. Sie schwort, der ganze Handel sei ihr fremd. Sie habe wohl den Maler in Italien gekannt, und ihn deshalb hier in ihr Interesse ziehn mussen, ohne gleichwohl seine weiteren Verbindungen und Plane zu kennen. Geschienen habe es ihr freilich, als liebe er Emilien, und trachte im Stillen, seinen Wunschen nachzugehn, auch Emilien sei oft etwas Aehnliches entfallen, doch konne sie das alles auf keine Weise verburgen. Luise konnte ihm nicht langer verhehlen, was sie selbst daruber wusste. Dennoch sahen beide nicht, wie das Ganze zusammenhing, besonders, in wie weit Werner und Auguste darin verwikkelt waren. Was suchen wir, sagte Stein, den Grund einer Thorheit auf, die so grundlos in sich selbst ist, dass sie, wie sie entstanden, auch zerfallt. Ich wende mich auf immer von dem verachtlichen Spiel, und lasse sie sich wechselseitig verderben.

In dem Augenblicke fuhr die Baronin, in einem vollig gepackten Reisewagen, vor das Haus. Sie kam auf wenige Augenblicke zu Luisen, und kundigte ihr an, dass sie im Begriff sei, auf ihr Landgut zu gehn. Es sei dies ein Mittel, das Gerede der Welt zu verwirren, und eben dadurch in den Augen der Meisten unzuverlassig zu machen. Durch ihre Abreise gewinne es das Ansehn, als habe sie die fehlenden Personen begleitet. Wenigstens wurden das Manche glauben, und ehe man der Sache auf den Grund kame, ware wohl alles langst schon im alten Gleise. Und Sie, Herr von Stein, setzte sie hinzu, gewinnen auch dadurch Musse, ihre Nachforschungen geheim und mit moglichster Schonung zu betreiben. Ich mochte ungern weiter forschen, erwiederte dieser. Gonnen Sie mir meine Unwissenheit. Ich furchte, gnadige Frau, Sie wunschen sie sich auch in Kurzem zuruck. Die Baronin lief Gefahr, alle Fassung zu verlieren. Stein fasste sanft ihre Hand. Es ist so leicht, sagte er, dass mir jetzt ein verletzendes Wort entfallt, und ich wurde mir es nicht verzeihen, Sie gekrankt zu haben. Lassen Sie uns daher nicht weiter uber einen Gegenstand reden, der mir fremd bleiben soll, fremd bleiben muss. Zum erstenmal sah Luise Thranen in der Baronin Auge. Sie suchte sie zu verbergen, konnte sich dennoch einer grossen Ruhrung nicht erwahren, als sie Luisen umarmte, und nun so allein und verlassen zu dem geraumigen Wagen ging, und den leergebliebenen Platz neben sich betrachtete. Stein konnte lange das Bild der gedemuthigten, schwer gekrankten Mutter nicht los werden. Er kampfte mit sich, ob er ihr nicht nacheilen, und ihr wenigstens seinen Beistand zusichern solle. Allein er fuhlte bald, dass er sich in nichts einlassen durfe, und nur eilen musse, sich der nachtheiligen Erinnerungen zu entschlagen.

Der Obrist trat bald darauf hinein, wodurch das Gesprach auf's neue auf die unerklarliche Begebenheit dieser Nacht gelenkt ward. Roll hatte die Geschichte, welche er von den Leuten der Baronin sehr zeitig erfuhr, mit grosser Geschaftigkeit herumgetragen, und hinzugesetzt, die Familie sei gesonnen, Augusten, als Urheberin des Complots, offentlich zu zitiren. Unbegreiflich, setzte der Obrist hinzu, sei es jedermann, welches Augustens Theilnahme an dieser Sache sei, die vollig ihrer Art zu denken widersprache. Ein Missverstandniss, erwiederte Luise, kann ihr allein nur ein so boses Spiel bereitet, und sie unwillkuhrlich fortgezogen haben. Freilich, fugte sie hinzu, wird es ihr schwer sein, wieder einzulenken, da es so weit gekommen ist.

Es ist uberall misslich mit dem Einlenken, erwiederte Stein.

Wenn man die Nothwendigkeit davon einsieht, sagte Luise, muss es dennoch geschehn.

Was ist aber so absolut nothwendig, fragte jener?

Das Wurdige allein, erwiederte sie, was jedem auf seine Weise zu thun geziemt. Sagen Sie mir, beginnt das Verhangniss eines Menschen erst mit seiner Geburt? oder ist es nicht vielmehr in einer Reihe vor und nach ihm lebender Wesen begrundet, mit denen es sich in die Unendlichkeit fortschlingt? Gewiss, sagte der Obrist, der Punkt, auf dem ein jeder von uns steht, ist kein zufalliger, sondern durch die Natur seines und des Daseins aller genau bestimmt.

Und ein Schritt uber oder unter diesen Punkt, fiel Luise schnell ein, verwirrt uns und andre. Und ist es denn nun nicht die hochste Freiheit, wenn wir uns mit Besonnenheit, und dadurch aus eigner Wahl dahin stellen, wohin uns unentgehbare Ereignisse, nach einem zerrissenen, verpfuschten Leben, zuruckwerfen?

Der Obrist betrachtete sie forschend, wahrend sie einen Augenblick gedankenvoll in sich zurucksah. Was gewinnen wir, fuhr sie nach einer Weile fort, wenn wir uns so viel und mancherlei uberreden, und einen Wahn pflegen, den wir zuletzt mit aller Anstrengung nicht festhalten konnen; was bleibt uns anders, als ein wehmuthiger Blick auf ein verfehltes Streben?

Ja wohl, ja wohl! sagte Stein erschuttert. Dennoch greifen die Elemente unsers Daseins oft so wunderbar in einer Brust zusammen, und mischen und gestalten sich so verschieden, dass ihr Wesen nicht immer sogleich zu verstehn ist. Deshalb tadle Niemand die stillen Kampfe eines vielfach gestorten Gemuthes, ehe es durch sich selbst erfahrt, was es kann und soll.

Er reichte beiden die Hand, und verliess in grosser Bewegung das Zimmer.

Muss ich meinem Gefuhle trauen, Luise, fragte der Obrist, habe ich sie verstanden?

Niemand, erwiederte sie, kann weniger in Zweifel uber mich sein, als Sie. Ja, Sie verstanden mich gewiss. Ach! Sie fuhlen es auch, ich darf nicht glucklich sein wollen.

Und ich? fragte er. Sie werden es nicht bereuen, entgegnete sie, eine Freundin gesucht und gefunden zu haben. Glauben Sie mir, wir waren einander nie naher, als in diesem Augenblick, wo ich Ihnen aus voller Ueberzeugung sage, dass ich meinen Weg allein gehn muss. Mein edler Freund, es muss, gewiss, es muss so sein!

Das ist es nun also, sagte er sinnend. Es lag dunkel in meiner Seele. Nun ist es ausgesprochen. Ja, Sie haben Recht, es muss so sein. Wie wunderbar, dass uns die Wahrheit so nahe liegt, ohne dass wir sie sehen mogen! Und gleichwohl ist es schon, dass uns ihr unerwartetes Erscheinen jetzt nicht erschreckt. Nein, Sie sollen mich nicht kleiner sehen, als Sie es erwarteten. Ihr Muth, der nicht Leichtsinn ist und nicht Verzweiflung, hebt mich zu Ihnen hinauf. Und wer muss denn nicht am Ende die liebsten Wunsche unter die Trummer seiner Hoffnungen begraben? Aber wenn Sie nun so alles von sich gedrangt haben, Liebe, und jeden freudigen Genuss des vielfach gestalteten Lebens, was erwarten Sie denn noch von diesem Leben?

Innre Stille erwiederte Luise. Und erschrecken Sie nicht vor dieser Grabesstille? fragte er, sie mitleidsvoll betrachtend. Luise, wenn Sie sich tauschten, wenn Sie so um so sichrer Ihre Bestimmung verfehlen. Lieber Freund, unterbrach sie ihn, die ist verfehlt, und kann nur auf dem umgekehrten Wege wieder errungen werden. In dem Leben der Frauen muss alles den einfachsten, ruhigsten Gang gehen. Weder grosse Kampfe noch heftige Leidenschaften durfen es verwirren, sonst geht die Richtung verloren, die in scheinbarer Beschranktheit das Herrlichste erzielt. Wie die Gestirne ihre abgeschlossnen Bahnen still vollenden, so muss der Kreislauf weiblicher Wirksamkeit nach einem ewigen Gesetz gleichmassig fortlaufen, die innre, oder Schattenseite des Lebens beschreiben, und nur unsichtbar in die mannigfache Gestaltung der Dinge eingreifen. Wie das Fremdartige sie zu nahe beruhrt, ist dieser ruhige Lauf unterbrochen, und sie schwanken und fassen nach dem verlornen Gleichgewicht umher, das sie nur in dem freiwilligen Hingeben alles dessen, was ihnen nicht mehr gehort, wiederfinden. In der Liebe geht den Frauen der Himmel auf. Wo diese aber mit der Natur in Streit ist, da mussen die bethorten Herzen in Reue und Busse erst den Himmel und in ihm die Liebe suchen. Das ist so wahr, fuhr sie lebhaft fort, das habe ich in dieser Nacht durch hohere Eingebung erfahren, und das steht nun so fest in meiner Seele, dass ich eher sterben, als es verleugnen konnte. O glauben Sie mir, es giebt Ahndungen, die unser dunkles Dasein durchblitzen, die wir festhalten, denen wir unbedingt folgen mussen.

Sie redeten von da an sehr klar und bestimmt uber ihre beiderseitige Zukunft. Der Obrist versicherte, es konne ihr Entschluss ihn nicht abhalten, sie sobald als moglich wieder aufzusuchen. Weshalb, sagte sie, sollten wir einander auch fliehen? Der Friede, der in dieser Stunde uber uns kommt, der kommt von Gott, der grundet sein stilles Reich in ewiger, heiliger Erinnrung. Ich werde Ihr liebes Auge nie vergessen, das so mild und schonend in mein gestortes Innre blickte.

Als sie sich am Abend von einander trennten, wandte sich der Ob ist noch einmal zu Luisen, und sie mit festem Blicke betrachtend, sagte er: nicht wahr, meine Freundin, es muss so sein! Ja Lieber, entgegnete sie bewegt. Lassen Sie uns auf das innre Wort achten, und es durch ein treues, wahrhaftes Leben aussprechen.

Am folgenden Tage kam Frau von Seckingen zu Luisen. Ihre verweinten Augen und die zitternde Stimme bestatigten dieser, was sie geahndet. Er ist fort? fragte sie. Ja, rief Sophie mit verhulltem Gesicht, und Du hast ihn einer Grille wegen hingegeben, von Dir gestossen; hatte er Dich doch nie gesehen! So sagte er nicht, erwiederte Luise sanft, er kennt mich besser. O nenne keine Grille, was mein ganzes Wesen so lebhaft und dringend heischt! Und wie missverstehst Du mich denn? Kannst Du verkennen, was eine nahere Verbindung zwischen uns unmoglich macht? Siehst Du nicht, wie ein fruherer Eindruck jeden stillen Genuss meines Lebens vergiftet! Soll ich die Ruhe des edelsten Herzen einem Ungefahr, einem zufalligen Zusammentreffen mit dem Erbfeinde meines Gluckes aussetzen? O Du solltest gerechter sein!

Ich bin nicht unbillig, erwiederte Sophie. Ich finde Dich nur inconsequent. Liebst Du jenen, warum verkennst Du den Wink der Natur, warum zogerst Du? Die Natur ist ewig, unterbrach sie Luise, vergiss es nicht, dass ihr Reich nicht allein von dieser Welt ist. Was hier die Nothwendigkeit versagt, erringt dort die Freiheit wieder! Hier tritt Julius Schatten zwischen mir und ihn. Und dennoch liebst Du ihn? fragte Sophie. Ja, ach Gott ja, ich liebe ihn. Eine unbegreifliche Gewalt zieht mich zu ihm hin; ich weiss nicht, woher? ich weiss nicht weshalb? aber es ist so, und dennoch durfen die unsichtbaren Bande nicht sichtbar werden, ja ich muss streben, so viel an mir ist, sie zu zerreissen. Dann sind alle versohnt, dann ruhen die Leiber in ihren Grabern, und alle seligen Geister freuen sich des Lichtes.

Frau von Seckingen sah sie fremd an. Du schwarmst, Luise, sagte sie, gewiss Du hattest besser gethan, Dich einem sichren Fuhrer auf der einfachen Strasse des Lebens anzuvertrauen, als auf eine so unnaturliche Hohe allein hinaufzusteigen.

Luise fuhlte, dass sie ihr nichts erwiedern konne. Sie versuchte noch einigemal, von dem Obristen zu reden; allein Sophie wich ihr verstimmt aus, und sie schieden zum erstenmal, jedes in sich zuruckgedrangt und entfremdet.

Sie erkaltet wohl nun auch, sagte Luise betrubt. Sie hat eine Andre in mir, nur um des Bruders Willen, geliebt. So fallt eines nach dem Andren ab, und zerstreut sich in einem Leben, das ich fliehen muss. Sie lehnte sich gedankenvoll an's Fenster, und sah dem wegrollendem Wagen nach, als Fernando, in reicher Uniform, an Francescas Seite voruber ritt. Er redete mit dieser, und blickte auf zu Luisen, welche schnell zurucktrat. So hatte sie beide in Julius fruhester Schilderung zuerst gesehen. Das war das erste Bild, das sich von beiden in ihre Seele druckte. Der Kreis ihres damals beginnenden Lebens schien nun geschlossen. Jetzt wie damals ging er, einer Erscheinung gleich, an ihr voruber. Von nun an, sagte sie, will ich ihn nicht wieder sehen. Sie wusste durch den Obristen, dass er franzosischer Offizier, und nicht aus eignem Triebe, sondern in Auftragen, in der Residenz war. Sie beschloss, diese so schnell als moglich zu verlassen, und sich fur immer in den dichten Mauern des Falkensteins vor jeder neuen Storung zu bewahren.

Noch am selben Abend ward ihr Minchens Ankunft gemeldet. Diese kam, sie von des Onkels Tod zu benachrichtigen, und sich sodann bei der einzigen Verwandtin ihrer Mutter hier in der Stadt aufzuhalten.

Liebes Kind, sagte ihr Luise, wir sind wohl beide mit unsren Anforderungen an die Welt fertig. Wir bleiben nun zusammen, und flechten, wie ehemals, Veilchen- und Cyanenkranze, und lassen sie nun uber Julius stilles Grab in den Zweigen spielen. Das bescheidene Madchen hatte nie so grosse Hoffnungen gehegt, und ahnliche auffliegende Wunsche schnell unterdruckt. In grosser Ruhrung fuhlte sie sich jetzt zu der Jugendgespielin hingezogen, die ihr so liebreichen Schutz anbot. Luise aber sah in das bleiche Gesicht ihrer neuen Gefahrtin, wie in den Mond, der eine stille Winternacht erhellet. Der fluchtige Tagesschein ihres jungen Lebens war beiden untergegangen. Wunsche und Erwartungen, ruheten in dem heiligen Schooss des innren Daseins, aus welchem spaterhin der neue Morgen hervorgehen soll; aber Minchens Blick und Gruss ruhrte die stille Nacht an, und warf einen milden Silberschein uber die schlafende Welt, die nun in Erinnerungen forttraumte, und ihr innigstes Leben nicht verbergen konnte.

Noch vor ihrer Abreise erhielt Luise folgenden Brief von Augusten:

"Ich musste verzweifeln, wenn sich der Mensch uberall selbst verlieren konnte. Aber das druckendste im Leben ist, sich zu kleinen Zwecken in fremder Willkuhr gehalten zu sehn.

Sie kennen meine schuldlose Spielerei an jenem Abend. Wem das Bose fremd ist, der ahndet es auch da nicht, wo es ihm ganz nahe tritt. Ich begegnete Ihnen, in der Absicht, mit Werner zur Baronin zu fahren. Die Nacht war dunkel, keine Laternen brannten mehr in den Strassen, mein Begleiter unterhielt mich mit grosser Lebhaftigkeit, und verwickelte sich immer mehr durch neue Entdeckungen, an denen ich mich dergestalt ergotzte, dass es mir entging, als wir aus dem Thore auf abgelegenem Wege fuhren. Endlich hielt der Wagen. Ich sah der Entdeckung mit grosser Lust entgegen, als der Maler an den Schlag trat, und ungeduldig rief: schnell Werner, wir haben keine Zeit zu verlieren. Dieser bot mir den Arm, und ohnerachtet mich jene Worte befremdeten, so stieg ich dennoch in der Erwartung aus, die Sache nun beendigt zu sehn. Es war so dunkel, dass man keine Hand vor Augen sahe. Geschwind, geschwind, rief der Maler auf's neue. Nun, erwiederte Werner, mich zu ihm fuhrend, massigen Sie Ihre Ungeduld, da ist sie. Was zum Teufel, schrie jener, noch Eine! Noch Eine ? fragte Werner besturzt. Nun ja, sagte der Maler, Emilie ist dort im andern Wagen. Wir haben uns vollkommen verstandigt. Sie willigt in Alles. Ich hatte die Maske abgenommen, und sagte mit meiner naturlichen Stimme: Erschrecken Sie nicht, Herr Werner, ich habe nur Ihren Gedanken ausgefuhrt, und als zweite Colombine Ihre Plane und Absichten durchkreuzt! Auguste! riefen beide zugleich! Das ist eine schone Geschichte, sagte Werner, unmassig lachend. Ja, gnadige Frau, fuhr er fort, Sie erinnern sich, dass ich ein gegenseitiges Durchkreuzen der Plane beabsichtigte. Dem sind Sie nun hulfreichst entgegen gekommen. Wir sind Alle in demselben Gewebe gefangen. Sie durfen wir nicht freilassen. Sie mussen uns nun schon weiter begleiten, da Sie einmal bis hieher kamen. Sie wollten uns anfuhren, wir mussen Sie entfuhren, und zwar nach Italien, wohin unser Weg geht. Ich schrie bei diesen Worten aus Leibeskraften um Hulfe, allein beide Manner fassten mich unter die Arme, und schleppten mich in den Wagen, der, ehe ich mich besinnen konnte, unaufhaltsam fortrollte.

So fuhrten sie mich nun, von Station zu Station, wie eine Gefangene, aus Furcht, dass ich sie verrathen werde, mit sich fort. Heute, da Emilie des Malers Frau geworden ist, und sie uberdem einen grossen Vorsprung gewonnen haben, hat man mir erlaubt, zu schreiben, weil es mir unmoglich ist, ohne Geld allein zuruck zu kehren. Ich bin durch Noth an diese elende Seelen gebunden, die durch Betrug erringen, was der kuhne Sinn in offner That erzwungen hatte. Eilen Sie daher, mir durch meinen Sachwalter Geld nach Venedig zu schicken, von wo aus der Maler verspricht, es in meine Hande zu besorgen, da er mir weder uber die Richtung unseres Weges, noch uber den Ort unseres Aufenthalts, etwas Naheres sagen will.

Emilie ist kindisch mit allem Neuen was sie sieht, beschaftigt, und hofft nach einem Jahre auf die Verzeihung und Einwilligung ihrer Eltern.

Ich gonne ihr diese Hoffnung, von der es mir ubrigens gleich ist, ob sie erfullt wird, oder nicht, da sie in sich nichts bedeutet. Ganz anders beschaftigt mich meine Ruckkehr, die ich Sie, so sehr als moglich, zu beschleunigen bitte."

Luise besorgte den erhaltenen Auftrag, und sandte Stein sodann diesen Brief, der mit kalter Hand jede Erinnerung an Emilien niederschlug.

Ohne jene oft empfundene Scheu, in einer Art seeligem Erwarten, hatte Luise ihre Reise angetreten und zuruckgelegt. Tage und Wochen waren ihr auf dem Falkensteine verflossen, mit dessen einsamen Schauern sie sich immer mehr befreundete. Das Dunkle, Fremdartige, war ihr naher getreten. Sie freuete sich selbst an den Bildern, die sie vormals schreckten. Deshalb war sie oft, in den weniger verzierten Zimmern nach der Waldseite, mit allem beschaftigt, was sie eine kurz verflossene Gegenwart vergessen machte. Wunderbar ergriff sie das Rauschen der hohen Tannen, jene dumpfe, hallende Tone einer verschollenen Natursprache, dem Menschen nur noch in wehmuthigen Ahndungen vernehmlich. Dazwischen murmelte der nahe Wasserfall aus dem geoffneten Mund der grauen Felsen, und daruber hin zogen Sterne herauf, in ihren bedeutsamen Bildern. Alles redete sie an, ernst, aber tief aus dem Herzen des Daseins hervor. Aber seltsamer und reicher gestaltete sich ihr die Nacht. Unaufhorlich traumte sie von den vormaligen Bewohnern des Schlosses. Ritter und Frauen, reich geschmuckt oder in hauslicher Tracht, in Freude und Schmerz, bei festlichen Gelagen oder Kampfen, immer traten sie, auf irgend eine Weise mit in ihr Leben verflochten, vor sie hin, und immer erschien sie selbst handelnd unter ihnen. Oft kehrten dieselben Gestalten wieder, unter ihnen besonders eine verschleierte Frau, die langsam durch die Zimmer des Schlosses schritt, und wenn sie vor das grosse Bild der Ahnfrau trat, die Schleier auseinder schlug, und Luisen in ihrer hohlen Brust ein blutiges, zitterndes Herz zeigte, um welches zwei kleine schwarze Schatten flogen und es unaufhorlich an- und abstiessen. Sie erwachte dann wohl, von angstigenden Tonen aufgeschreckt, und wenn sie sich recht besann, so war es der wahnsinnige Claus, der mit seiner Cither durch die Berge zog, oder auch an des alten Georg Fenster pochte, und ihn zu sich in die dunkle Nacht rief. Wie ein Schatten der vormaligen Zeit schlich dann am folgenden Morgen Georg durch das Schloss, und murmelte unzusammenhangende Worte. Luise fuhlte sich wenig hierdurch gestort. Sie gewohnte sich an Alles, ja die Traume wurden ihr lieb, sie setzten sie in geheime Verbindung mit der Vorwelt, die sie so wunderbar zu sich zuruck zog.

Minchen hingegen, immer still und thatig wirkend, war langst der mussigen Beschauung entflohen. Der Fruhling offnete allmahlich seine hellen Augen, und lockte den bunten Blumenschmuck aus der Erde. Minchen war vertraut mit dem zarten Leben der kleinen Pflanzen. Unter ihrer Pflege sprossen Krokos und Anemonen schneller hervor. Aufmerksam lauschte sie auf jede neue Entwickelung, und durchlief Feld und Garten und Wald, mit der unermudlichen Theilnahme eines Herzens, das alles freuet und bewegt, was zur Lust und dem Heil der Menschen da ist. Als sie Luisen die ersten Veilchen brachte, sanken sie einander sprachlos in die Arme. Beide durchdrang das gleiche Gefuhl. Es war ja der alte Fruhling wieder, der sie heute wie ehemals, mit seiner sussen Milde beruhrte. Die Natur, gross und ewig, war ihren stillen Gang fortgegangen, unbekummert um die widersprechenden kleinen Wunsche der Menschen. Und sollen wir nicht, sagte Minchen, durch stetes ruhiges Walten, uns selbst treu bleiben, wie die alte weise Fuhrerin es lehrt! Die innigste Liebe trieb sie dann auf's neue hinaus. Sie saete und pflanzte und ordnete, mit des Gartners Hulfe, alles zu Luisens Freude. Dabei sammelte sie heilbringende Krauter, die sie zu bereiten verstand, und rastete nicht eher, bis sie Kranke und Leidende fand, denen sie helfen, die sie heilen und pflegen konnte. Luise ward unwillkuhrlich in dies regsamere Leben mit hineingezogen. Nur gestaltete sich unter ihren Handen alles anders, grosser, umfassender, als es Minchen, an beschranktere Mittel gewohnt, wunschen durfte. Schon bei dem Anblick der fast sterbenden Marie, war es ihr anschaulich geworden, wie man das Leben und die Gesundheit der Menschen bei weitem nicht heilig genug halte, und durch Unachtsamkeit auf den bedurftigern Theil derselben, manchen Mord begehe. Besonders hatte sie auf dem Lande genugsam Gelegenheit gehabt, zu sehen, dass ansteckende Krankheiten, aus Mangel an Raum, den Kern so manches Daseins fur immer vergifteten. Sie beschloss daher, am Fusse des Schlossberges, auf einem freien, und dennoch geschutzten Platze, ein Gebaude zur Aufnahme hulfsbedurftiger Kranken errichten zu lassen; darneben sollte ein Garten angelegt werden, theils zur Erheiterung der Genesenden, theils darin Klima und Boden angemessene Heilpflanzen und Krauter zu ziehen. Die innre Oekonomie des Ganzen sollte bejahrten Mannern und Frauen anvertraut werden, welche auf die Weise, zu groberer Arbeit untauglich, hinreichenden Unterhalt fanden. Minchen berechnete sogleich, wie man auch verwaiste Kinder bei der Anstalt versorgen, und zu nutzlicher Thatigkeit anfuhren konne, und zwar, indem man den Knaben die Bearbeitung des Gartens, den Madchen aber das Spinnen und Weben der nothigen Wasche fur die Kranken ubertruge. Je naher beide den Entwurf betrachteten, je lebhafter ward der Wunsch in ihnen, die Ausfuhrung desselben ins Werk zu richten. Luise fuhlte indess bald, dass sie trotz allem Aufwand von Kraften, dennoch fremder Hulfe dazu bedurfe. Sie wandte sich daher an ihren alten Freund, den Arzt, dem ausser den erforderlichen Kenntnissen seines Faches, eine umfassende Bildung, und besonders Anschaulichkeit und Maass fur die verschiedenen Verhaltnisse aussrer Anordnung, ja eine grosse mechanische Tuchtigkeit ganz zu eigen war. Seine Vorschlage waren durchdacht, standen auf allen Seiten fest. Luise hatte ihn ganz auf seinen Platz gestellt. Ihr Antrag ehrte ihn, und er leitete die Arbeit mit Genauigkeit und Fleiss. Minchen fand bald verlassene Kinder und freundliche Alte, die fur ihren Zweck passten. Alles war eingeleitet, und Eines trieb frisch und freudig das Andere. Luise sah mit steigender Freude den Fortschritten des Baues zu. Nach Monathen stand endlich das helle, freundliche Haus da. Keine Inschrift, keine Spur der Eitelkeit zog die Aufmerksamkeit des mussigen Beschauers auf sich. Still sah es zwischen hohen Baumen hindurch, die es von der Nord- und Ost-Seite schutzten, sudlich zog sich der Garten hin, von lebendigen Hecken eingefasst; alles hochst einfach und anspruchslos. Unmittelbar hinter diesem breitete sich eine frische Wiese aus, die dem Auge einen weiten, freien, Horizont eroffnete. Nach dieser Seite zu, lagen die Krankenzimmer, geraumige Sale, an deren Fenster sich Wein und Epheu hinaufrankte, ohne jedoch die Aussicht ganz zu verdecken. Die Wande waren grun gemahlt, oberhalb in schmale weisse Felder getheilt, welche Frucht- und Blumen-Kranze einfassten, in diesen Feldern standen Biblische Spruche sehr gross geschrieben, zur Erbauung und zum Troste der Leidenden.

Zu grosse Entfernung hinderte den Arzt, fortwahrend Theil an dem glucklich eingeleiteten Geschafte zu nehmen. Er empfahl daher Luisen einen Mann von reifen Jahren, einen Chirurgus des nachsten Stadtchens, der im Druck und der Beschranktheit sein Gemuth befestigt, und seinen Geist still fortgebildet hatte. In einem hohen Grade mild und selbstverlaugnend, passte er sich ganz zum steten Beobachter vieler Unglucklichen, die Trost und Heil von ihm erwarteten. In dankbarer Ruhrung nahm er Luisens Vorschlag an, worauf er sofort ein Zimmer in dem neuerbauten Hause bezog. Minchen ging ihm fleissig an die Hand, Aufmerksamkeit und Erfahrung hatten sie schon zu so manchem richtigen Schluss gefuhrt. Besonders verstand sie sich auf die Anwendung selbstgezogener Krauter, und Bereitung von Saften und Getranken. Luise konnte nicht sowohl selbst Hand anlegen, als mit schnellem Blick das Fehlende erkennen, und ihm durch gehorige Anordnungen abhelfen. Dennoch brachte sie viele Stunden des Tages bei den Kranken zu. Ihr blosses Erscheinen, und der sanfte ergebene Ernst in ihren Zugen wirkte wohlthuend auf die Gemuther. Auch kam sie selten mit leeren Handen. Immer fand sie etwas aus, was den Ermatteten erquicken, den Schmrrz des Leidenden lindern, oder den Muthlosen uberraschend anregen konnte. Willig las sie denen aus der Bibel vor, die gern den gesunkenen Sinn in den Quell des Lebens erfrischen mogten. Besonders aber war sie den Kindern eine liebe Mutter, die ihr schon immer von fern die Handchen entgegenstreckten, um die mitgebrachten Bilder und Spielereien in Empfang zu nehmen.

Der Ruf einer so milden Stiftung, auf der sichtlich Gottes Segen ruhete, da alles den erwunschtesten Erfolg hatte, musste sich hald verbreiten. Von nah- und fernen Ortschaften schleppten sich Kranke herbei, oder liessen sich fahren und tragen, um nur unter den segensvollen Handen der Dame vom Schlosse zu heilen. Luise musste bald eine strenge Auswah! unter ihnen treffen, und konnte nur diejenigen aufnehmen, welchen wahrhaft aussre Mittel zu ihrer Wiederherstellung fehlten, um nicht uber das Maass ihrer Krafte hinausgetrieben zu werden. Dennoch ward sie als Heilige geehrt und blieb immer gleich gesucht.

Unter so frommem Wirken ging die Zeit unmerklich an Luisen voruber. Die Jahreszeiten wechselten, aber das stille Leben blieb ununterbrochen dasselbe. Zuweilen erhielt sie Briefe vom Obristen, der, recht im Gegensatz mit ihr, scharf und entscheidend in die Welthandel eingriff, und jetzt auf auf einem Zuge gegen die Kaukasische Tartaren vorruckte. Er furchtete, lange nicht nach Europa zuruckzukehren, wohin ihn doch Luisens Andenken unverandert rief. Sie erzahlte ihm dafur gern alles, was auf den wieder errungenen Frieden ihres Herzens Bezug hatte, und betrachtete uberall diesen Briefwechsel als eine liebe Zugabe ihres anderweitigen, heitren Lebens. Weniger erfreulich waren ihr die Nachrichten, welche sie von Zeit zu Zeit von ihren Freunden aus der Stadt erhielt. Auguste hatte bei ihrer Ruckkehr mit aller Anstrengung und allem Gewicht ihrer Sentenzen nichts gegen die Stimme der Welt ausrichten konnen. Der Schein war gegen sie; man glaubte sie in den bosen Handel verstrickt, und alles, selbst der Englander, der vor ihr angekommen war, wandte sich von ihr ab. Sie schrie und schimpfte und hasste nun die englische Nation, wie sie sie vormals geliebt hatte. Die Baronin blieb ihre argste Feindin, da diese sich mit scheinbarer Kalte auch von der eignen Tochter wenden zu mussen glaubte, um ihr Gewicht in der Meinung der Menschen nicht zu verlieren. Von Emilien erfuhr man wenig, da die Mutter nie, und die Welt selten noch von ihr sprach. Frau von Seckingen war endlich durch den Tod ihres Mannes in den Stand gesetzt, Horst ihre Hand zu geben. Sie besassen nun beide, was sie wunschten, und schleppten ein nuchternes Dasein neben einander hin. Luise betrachtete mit Wehmuth all die mannichfachen Verirrungen, und wie so viel gute Menschen sich selbst tauschen. Sie redete einst mit Minchen daruber. Allein diese erwiederte: ich weiss nicht recht, was das eigentlich heisst, wenn man von der Liebe eines Menschen sagt, er tausche sich selbst. Was doch so recht innig und lebhaft das ganze Wesen erschuttert, das ist doch da, und wirklich, wo ist denn nun die Tauschung? Am wenigsten mag ich es leiden, wenn die Leute selbst nach kurzer Frist ein Gefuhl so nennen, was ihnen doch fur Augenblicke hoher als ihr eignes Leben war. Ich glaube, erwiederte Luise, man kann jeden Missgriff wohl mit Recht eine Tauschung nennen. Das Gefuhl selbst ist kein trugerisches Spiel, aber seine Beziehung kann falsch sein, und man darf in den vielen voruberrauschenden Neigungen nichts Ewiges sehen, als die unendliche Sehnsucht nach einer unwandelbaren Liebe. Aber, fiel Minchen ein, sollen die armen Betrognen erst Menschenalter durchleben, um zu wissen, welches die rechte Liebe sei? Das ist ein Geheimniss, sagte Luise, welches die Liebe jedem in sich selbst offenbart.

Wahrend sie so redeten, trat der Monch unerwartet zu ihnen in's Zimmer. Er war lange in Geschaften seines Ordens verreist gewesen, auch hatte Luise ihn bis dahin vermieden, aus Furcht, schlafende Erinnrungen zu erwecken. Sie musste heftig weinen, als sie ihn sah. Zugleich aber stromte auch in seiner Nahe mancher verhaltne Schmerz aus. Sie fuhlte sich bald erfrischt und gestarkt. Er verstand sie wohl. Auch in ihm regte sich die Vergangenheit lebendiger bei ihrem Anblick. Liebes Kind, sagte er in grosser Ruhrung, glaube es nur, der rechte Mensch in uns altert nie! Was Dich bewegt, das zittert noch durch meine ganze Seele. Luise betrachtete ihn lange schweigend. Es war das erstemal, dass sie ihn nach jener Entdeckung wiedersah. Eduard von Mansfeld, sagte sie, an das kleine Miniaturbild und die Schilderung der Markise denkend, wie anders, und doch wieder so ganz derselbe. Was sind denn Zeit und Jahre; klingt doch die alte Liebe immer wieder aus den Tiefen des Herzens herauf. Alles in ihr zog sie von da zu dem geliebten Verwandten, der sie gern aufsuchte und mit Liebe in ihren thatigen, begluckenden, Beruf eingriff. Und wenn das fromme Tagewerk nun vollendet war, so sassen sie die Abende vertraut bei einander, und keiner scheuete, in sich zuruckzublicken, und die geheimsten Gedanken auszusprechen. Eduard erzahlte oft von seinen Reisen, seinem langen Aufenthalte in Aegypten, und wie ihm dort Violas Tod so gewiss geworden sei, dass er nie mehr daran gezweifelt habe. Ein Eid, sagte er, den Violas Eltern ihn abgedrungen, sich nur in hochst entscheidenden Momenten, wo es das Leben des Einen oder Andern gelte, als Vater des Kindes zu erkennen zu geben, habe ihn immer von Fernando entfernt gehalten. Aber, fuhr er fort, des Menschen Vorsicht ist eitel, der Himmel macht sie meist zu Schanden. Wie lebendig, hub er nach einer Weile auf's neue an, steht hier immer die Jugendzeit meiner Liebe vor mir! Es ist Violas Geist, der so wunderlich, so bunt und ernst in dem Schmuck und Zierrath der Zimmer lebt. Es ist, als sahe sie aus den ubrigen dunklen Umgebungen, wie aus dem Grabe, nach mir hin. Er redete noch viel von ihr, und seine junge Freundinnen horten ihm theilnehmend zu, als ein heftiger Knall im Zimmer sie alle aufschreckte. Wie sie sich umsahen, nahmen sie einen grossen Riss in der Tapete wahr, die, an zwei Stellen geplatzt, sich weit auseinander rollte. Minchen trat mit einem Lichte naher. Seht doch! rief sie, wie seltsam! Sie fanden ein hohes, schwarzes Cruzifix, das in die Wand eingelassen war. Daneben sah man auf holzernen Feldern Heiligen- und Martyrerbilder, im altesten Styl gemalt. Bei genauer Besichtigung entdeckten sie unterhalb einen kleinen eingemauerten Schrein, dessen Thuren sich leicht aufschieben liessen. Hier lag, neben Weihgefassen und einem Rosenkranz, ein kleines Buchelchen, mit silbernen Nesteln zugehakt. Luise offnete es zuerst. Unter Gebeten und Spruchen, fiel ihr auf der innern Seite des Deckels eine feine Handschrift auf, die so lautete:

"Hier hab ich Gott all mein Herze gesagt und Trost

erfunden in mancher Stund. Doch ist des Leides kein End', denn der Herr mag nicht wehren das Bose, bis es selbst versohnt die eignen Schulden. Aber eine Zeit wird kommen, davon ist gesagt, dass ein frommes Auge mit heissen Thranen Aller Schuld abwaschen und Busse an Leib und Seele uben werde. Dann soll die Lust und die Ehre aus diesen Mauern ausziehn, und der Name Falkenstein verhallen, und Friede sein und Ruhe in den Grabern. Denn der Herr zahlet die Seufzer und Thranen, und giebt den Seinen was ihnen werden muss. G e r t r u d v o n F a l k e n s t e i n ."

Das ist der Name der Ahnfrau, sagte der Monch, der unter dem steinernem Bilde in Kloster eingegraben ist. Luise heftete ihre Augen noch immer auf die vor ihr liegenden Worte. Niemand sagte weiter etwas. Jeder war mit eigenen Gedanken beschaftigt, bei dem Anblick des Cruzifixes und seiner Ausschmuckungen, die fast gewaltsam aus der alten Welt hervordrangen. In Luisen besonders bildeten sich langst gehegte Vorstellungen noch fester aus. Schon lange waren ihre Traumgesichte seltner und milder geworden. Die verschleierte Gestalt zeigte ihr meist ihr Gesicht, das unendlich wehmuthig und hold auf sie blickte. Alles deutete ihr die nahe Versohnung.

Der Krieg war indess fast in ganz Deutschland ausgebrochen, und trieb Luisen viel Ungluckliche zu, die ihre Aufmerksamkeit mehr als jemals in Anspruch nahmen. Unter den gehauften Beschaftigungen horte sie dennoch theilnehmend, dass Stein mit den Kampfenden war, und sich mit allem neu erwachtem Lebensmuth auszeichnete.

Trotz der allgemeinen Unruhen blieb ihre Einsamkeit von Storungen verschont. Sie musste ihr stilles Loos seegnen, das ihr so glucklich den Schutz der Bedrangten gewahrte, ohne sie in den wilden Wirbel mit hinein zu ziehn. Der Monch hingegen, ward lebhafter durch die nachste Ereignisse angesprochen. Fernando war auf's neue in seiner Nahe. Er wunschte und furchtete ihn zu sehn. Als darauf aber der Friede geschlossen war, und der siegreiche Feind dennoch weilte, hoffte er mit wachsender Sehnsucht auf die letzte Umarmung seines Sohnes. Luise blieb sehr entfernt von ahnlichen Gedanken. Seit der Krieg ihr jedes Mittel, von den Obristen Nachricht zu erhalten, abschnitt, bekummerte sie sich wenig mehr um Dinge, die ausser ihrem Kreise lagen. Sie fragte nicht, und erfuhr daher auch selten, was Tausende unruhig beschaftigte.

Als sie eines Tages ihre Kranken besuchte, und einem schonen, eben genesenden, Knaben liebkosete, und ihm allerlei Spielwerk mitbrachte, bat sie dieser, mit ihm in Garten zu gehn, wo so viel schone Blumen bluheten. Es war ein warmer Maitag, und sie mochte ihm wohl den Gefallen thun. Das Kind war aber noch matt, und konnte nicht weit gehn. Sie fuhrte ihn also in eine Laube, und nachdem sie ihm hohe Wasserlilien und Kalmus gepfluckt hatte, setzte sie sich zu ihm, lehrte ihn von den gespaltenen Stielen und langen Blattern schone Ketten machen, und erzahlte ihm da von dem Jesuskinde aus einem bekannten Volksbuche, wie es so gern mit andern Kindern gespielt, und dabei alles zum Besten gewandt und den Bekummerten geholfen habe. Einst, sagte sie, war Jesus nah bei einem Brunnen und setzte sich auf einen Stein, da kam ein Kind mit einem Kruge, um Wasser zu schopfen, aber es liess den Krug fallen, und der Krug zerbrach in tausend Stucke. Als das Kind nun so sehr weinte, und sich vor seiner Mutter furchtete, da streichelte ihn Jesus mit den kleinen Handchen, und sagte, weine nicht, ich will dir helfen, geh nur und hole mir die Scherben, und da diese nun vor Jesum lagen, da machte er den Krug wieder ganz, so dass man nicht sehen konnte, dass er zerbrochen gewesen war. Eben wie sie die letzten Worte sagte, fiel nicht weit von ihr ein Schuss. Der kranke Knabe schreckte heftig zusammen, und barg den Kopf in ihren Schooss. Luise redete ihm zu, und suchte ihn auf alle Weise zu beruhigen, als sie selbst durch ein ungewohnliches hin und her Laufen ausserhalb des Gartens verstort ward. Sie wollte nach der Thur eilen, konnte aber wegen des Knaben nur langsam gehen. Dieser hatte mit einer Hand seine Blumenbusche zusammen gefasst, und hielt mit der andern die Kette und Luisens Kleid. So schlichen sie an der Hecke entlang, als plotzlich hinter derselben ein Mann, wild und verstort, vor Luisen hinsturzte, und heftig rief: Sie werden mir fluchen, Sie mussen mir fluchen, gewiss, gewiss, ich habe ihn ja ermordet! Sie erkannte schaudernd den Jagdjunker, und wie ein Blitz fuhr der Sinn seiner Worte durch ihre Seele. Fernando! rief sie. Ja, ja schrie Carl, da tragen sie ihn hin. Luise sah auf, zwei Manner hoben eine Tragbahre in das Haus hinein. Tod? fragte sie sanft, und aller Schmerz eines langen Lebens presste sich in einzelne herabrollende Thranen zusammen. Noch nicht, aber bald, erwiederte Carl. Sie reichte ihm die Hand. Lassen sie mich ihn noch einmal sehen, sagte sie, jetzt habe ich nichts mehr zu scheuen, die Stunde versohnt uns alle. Der Knabe drangte sich furchtsam an sie, er wollte nicht von ihr weichen, und sie konnte ihn jetzt am wenigsten hart zuruckweisen. So traten sie in das Krankenzimmer. Fernando lag auf einem Sessel der Thur gegenuber. Er richtete sich vollig auf, als Luise nahete. Gott mein Gott! rief er die Arme ausbreitend, so finden wir uns dennoch wieder! aber wiederkehrende Schmerzen uberwaltigten ihn bald, und rissen ihn wimmernd auf sein Lager zuruck. Luise kniete neben ihm, der Knabe reichte dem Kranken unaufhorlich seine Blumen hin, und sagte, er solle nur still sein, Jesus werde ihn bald helfen, der habe ihm auch geholfen. Fernando musste endlich die Blumen nehmen, ihr frischer Duft belebte ihn fur einen Augenblick, er kusste des Knaben Stirn, welcher ihm auch nun die schone Kette zeigte, und sie spielend um ihn und Luisen schlang. Jesus Christus sei gelobt! rief Fernando, Luisens Hand ergreifend, sein Auge brach, er sagte nichts mehr. Da trat der Monch herzu, er legte seine Hand segnend auf des Sohnes Stirn, und liess ihn still an seiner Brust verscheiden.

Als er nun neben Julius begraben, und alles ruhiger und seliger in Luisen war, erfuhr sie durch Carl, wie eine unbedeutende Neckerei, beide bei zufalligem Zusammentreffen im nachsten Stadtchen aneinander brachte, dass Fernando darauf nach dem Kloster geritten, Carl ihm aber in seinem Grimm gefolgt sei, und der hitzigste Wortwechsel zuletzt Blut gefordert habe. Fernando war an derselben Stelle gefallen, wo ihn Julius fruher verwundet hatte. Gott hat es so gewollt, trostete ihn Luise. Das war schon langst bestimmt, und Sie ein unschuldiges Werkzeug ewiger Vergeltung.

Sie lebte von da noch viele Jahre ein stilles, erbauliches Leben, durch nichts unterbrochen, weder in ubergrosser Freude noch Schmerz. Der Obrist ward durch seinen Beruf und Familienverhaltnisse gezwungen, von ihr entfernt, im Nordlichen Asien, den wichtigen Posten eines Gouverneurs dortiger Provinzen zu ubernehmen. Er bewahrte immer eine treue Liebe fur Luisen, und starb endlich unvermahlt. Minchen blieb Luisens treue Gefahrtin. Einst erschien dieser nach langer Zeit die Ahnfrau wieder im Traume, jugendlich und reich geschmuckt, wie sie sich zu ihr neigte, und sie kusste. Noch selbigen Tages schloss Luise die muden Augen, nachdem sie ihre fromme Stiftung dem Kloster vermacht, und Minchen zur Vorsteherin derselben ernannt hatte.