1809_Goethe_026 Topic 1

Johann Wolfgang Goethe

Die Wahlverwandtschaften

Ein Roman

Erster Teil

Erstes Kapitel

Eduard so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter Eduard hatte in seiner Baumschule die schonste Stunde eines Aprilnachmittags zugebracht, um frisch erhaltene Pfropfreiser auf junge Stamme zu bringen. Sein Geschaft war eben vollendet; er legte die Geratschaften in das Futteral zusammen und betrachtete seine Arbeit mit Vergnugen, als der Gartner hinzutrat und sich an dem teilnehmenden Fleisse des Herrn ergetzte.

"Hast du meine Frau nicht gesehen?" fragte Eduard, indem er sich weiterzugehen anschickte.

"Druben in den neuen Anlagen", versetzte der Gartner. "Die Mooshutte wird heute fertig, die sie an der Felswand, dem Schlosse gegenuber, gebaut hat. Alles ist recht schon geworden und muss Euer Gnaden gefallen. Man hat einen vortrefflichen Anblick: unten das Dorf, ein wenig rechter Hand die Kirche, uber deren Turmspitze man fast hinwegsieht, gegenuber das Schloss und die Garten."

"Ganz recht," versetzte Eduard; "einige Schritte von hier konnte ich die Leute arbeiten sehen."

"Dann", fuhr der Gartner fort, "offnet sich rechts das Tal, und man sieht uber die reichen Baumwiesen in eine heitere Ferne. Der Stieg die Felsen hinauf ist gar hubsch angelegt. Die gnadige Frau versteht es; man arbeitet unter ihr mit Vergnugen."

"Geh zu ihr", sagte Eduard, "und ersuche sie, auf mich zu warten. Sage ihr, ich wunsche die neue Schopfung zu sehen und mich daran zu erfreuen."

Der Gartner entfernte sich eilig, und Eduard folgte bald.

Dieser stieg nun die Terrassen hinunter, musterte im Vorbeigehen Gewachshauser und Treibebeete, bis er ans Wasser, dann uber einen Steg an den Ort kam, wo sich der Pfad nach den neuen Anlagen in zwei Arme teilte. Den einen, der uber den Kirchhof ziemlich gerade nach der Felswand hinging, liess er liegen, um den andern einzuschlagen, der sich links etwas weiter durch anmutiges Gebusch sachte hinaufwand; da, wo beide zusammentrafen, setzte er sich fur einen Augenblick auf einer wohlangebrachten Bank nieder, betrat sodann den eigentlichen Stieg und sah sich durch allerlei Treppen und Absatze auf dem schmalen, bald mehr bald weniger steilen Wege endlich zur Mooshutte geleitet.

An der Ture empfing Charlotte ihren Gemahl und liess ihn dergestalt niedersitzen, dass er durch Tur und Fenster die verschiedenen Bilder, welche die Landschaft gleichsam im Rahmen zeigten, auf einen Blick ubersehen konnte. Er freute sich daran in Hoffnung, dass der Fruhling bald alles noch reichlicher beleben wurde. "Nur eines habe ich zu erinnern," setzte er hinzu, "die Hutte scheint mir etwas zu eng."

"Fur uns beide doch geraumig genug," versetzte Charlotte.

"Nun freilich," sagte Eduard, "fur einen Dritten ist auch wohl noch Platz."

"Warum nicht?" versetzte Charlotte, "und auch fur ein Viertes. Fur grossere Gesellschaft wollen wir schon andere Stellen bereiten."

"Da wir denn ungestort hier allein sind", sagte Eduard, "und ganz ruhigen, heiteren Sinnes, so muss ich dir gestehen, dass ich schon einige Zeit etwas auf dem Herzen habe, was ich dir vertrauen muss und mochte, und nicht dazu kommen kann."

"Ich habe dir so etwas angemerkt," versetzte Charlotte.

"Und ich will nur gestehen," fuhr Eduard fort, "wenn mich der Postbote morgen fruh nicht drangte, wenn wir uns nicht heut entschliessen mussten, ich hatte vielleicht noch langer geschwiegen."

"Was ist es denn?" fragte Charlotte freundlich entgegenkommend.

"Es betrifft unsern Freund, den Hauptmann," antwortete Eduard. "Du kennst die traurige Lage, in die er, wie so mancher andere, ohne sein Verschulden gesetzt ist. Wie schmerzlich muss es einem Manne von seinen Kenntnissen, seinen Talenten und Fertigkeiten sein, sich ausser Tatigkeit zu sehen und ich will nicht lange zuruckhalten mit dem, was ich fur ihn wunsche: ich mochte, dass wir ihn auf einige Zeit zu uns nahmen."

"Das ist wohl zu uberlegen und von mehr als einer Seite zu betrachten," versetzte Charlotte.

"Meine Ansichten bin ich bereit dir mitzuteilen," entgegnete ihr Eduard. "In seinem letzten Briefe herrscht ein stiller Ausdruck des tiefsten Missmutes; nicht dass es ihm an irgendeinem Bedurfnis fehle, denn er weiss sich durchaus zu beschranken, und fur das Notwendige habe ich gesorgt; auch druckt es ihn nicht, etwas von mir anzunehmen, denn wir sind unsre Lebzeit uber einander wechselseitig uns so viel schuldig geworden, dass wir nicht berechnen konnen, wie unser Kredit und Debet sich gegeneinander verhalte dass er geschaftlos ist, das ist eigentlich seine Qual. Das Vielfache, was er an sich ausgebildet hat, zu andrer Nutzen taglich und stundlich zu gebrauchen, ist ganz allein sein Vergnugen, ja seine Leidenschaft. Und nun die Hande in den Schoss zu legen oder noch weiter zu studieren, sich weitere Geschicklichkeit zu verschaffen, da er das nicht brauchen kann, was er in vollem Masse besitzt genug, liebes Kind, es ist eine peinliche Lage, deren Qual er doppelt und dreifach in seiner Einsamkeit empfindet."

"Ich dachte doch," sagte Charlotte, "ihm waren von verschiedenen Orten Anerbietungen geschehen. Ich hatte selbst um seinetwillen an manche tatige Freunde und Freundinnen geschrieben, und soviel ich weiss, blieb dies auch nicht ohne Wirkung."

"Ganz recht," versetzte Eduard; "aber selbst diese verschiedenen Gelegenheiten, diese Anerbietungen machen ihm neue Qual, neue Unruhe. Keines von den Verhaltnissen ist ihm gemass. Er soll nicht wirken; er soll sich aufopfern, seine Zeit, seine Gesinnungen, seine Art zu sein, und das ist ihm unmoglich. Je mehr ich das alles betrachte, je mehr ich es fuhle, desto lebhafter wird der Wunsch, ihn bei uns zu sehen."

"Es ist recht schon und liebenswurdig von dir," versetzte Charlotte, "dass du des Freundes Zustand mit soviel Teilnahme bedenkst; allein erlaube mir, dich aufzufordern, auch deiner, auch unser zu gedenken."

"Das habe ich getan," entgegnete ihr Eduard. "Wir konnen von seiner Nahe uns nur Vorteil und Annehmlichkeit versprechen. Von dem Aufwande will ich nicht reden, der auf alle Falle gering fur mich wird, wenn er zu uns zieht, besonders wenn ich zugleich bedenke, dass uns seine Gegenwart nicht die mindeste Unbequemlichkeit verursacht. Auf dem rechten Flugel des Schlosses kann er wohnen, und alles andere findet sich. Wieviel wird ihm dadurch geleistet, und wie manches Angenehme wird uns durch seinen Umgang, ja wie mancher Vorteil! Ich hatte langst eine Ausmessung des Gutes und der Gegend gewunscht; er wird sie besorgen und leiten. Deine Absicht ist, selbst die Guter kunftig zu verwalten, sobald die Jahre der gegenwartigen Pachter verflossen sind. Wie bedenklich ist ein solches Unternehmen! Zu wie manchen Vorkenntnissen kann er uns nicht verhelfen! Ich fuhle nur zu sehr, dass mir ein Mann dieser Art abgeht. Die Landleute haben die rechten Kenntnisse; ihre Mitteilungen aber sind konfus und nicht ehrlich. Die Studierten aus der Stadt und von den Akademien sind wohl klar und ordentlich, aber es fehlt an der unmittelbaren Einsicht in die Sache. Vom Freunde kann ich mir beides versprechen; und dann entspringen noch hundert andere Verhaltnisse daraus, die ich mir alle gern vorstellen mag, die auch auf dich Bezug haben und wovon ich viel Gutes voraussehe. Nun danke ich dir, dass du mich freundlich angehort hast; jetzt sprich aber auch recht frei und umstandlich und sage mir alles, was du zu sagen hast; ich will dich nicht unterbrechen."

"Recht gut," versetzte Charlotte; "so will ich gleich mit einer allgemeinen Bemerkung anfangen. Die Manner denken mehr auf das Einzelne, auf das Gegenwartige, und das mit Recht, weil sie zu tun, zu wirken berufen sind, die Weiber hingegen mehr auf das, was im Leben zusammenhangt, und das mit gleichem Rechte, weil ihr Schicksal, das Schicksal ihrer Familien an diesen Zusammenhang geknupft ist und auch gerade dieses Zusammenhangende von ihnen gefordert wird. Lass uns deswegen einen Blick auf unser gegenwartiges, auf unser vergangenes Leben werfen, und du wirst mir eingestehen, dass die Berufung des Hauptmannes nicht so ganz mit unsern Vorsatzen, unsern Planen, unsern Einrichtungen zusammentrifft.

Mag ich doch so gern unserer fruhsten Verhaltnisse gedenken! Wir liebten einander als junge Leute recht herzlich; wir wurden getrennt; du von mir, weil dein Vater, aus nie zu sattigender Begierde des Besitzes, dich mit einer ziemlich alteren, reichen Frau verband; ich von dir, weil ich, ohne sonderliche Aussichten, einem wohlhabenden, nicht geliebten, aber geehrten Manne meine Hand reichen musste. Wir wurden wieder frei; du fruher, indem dich dein Mutterchen im Besitz eines grossen Vermogens liess; ich spater, eben zu der Zeit, da du von Reisen zuruckkamst. So fanden wir uns wieder. Wir freuten uns der Erinnerung, wir liebten die Erinnerung, wir konnten ungestort zusammenleben. Du drangst auf eine Verbindung; ich willigte nicht gleich ein, denn da wir ungefahr von denselben Jahren sind, so bin ich als Frau wohl alter geworden, du nicht als Mann. Zuletzt wollte ich dir nicht versagen, was du fur dein einziges Gluck zu halten schienst. Du wolltest von allen Unruhen, die du bei Hof, im Militar, auf Reisen erlebt hattest, dich an meiner Seite erholen, zur Besinnung kommen, des Lebens geniessen; aber auch nur mit mir allein. Meine einzige Tochter tat ich in Pension, wo sie sich freilich mannigfaltiger ausbildet, als bei einem landlichen Aufenthalte geschehen konnte; und nicht sie allein, auch Ottilien, meine liebe Nichte, tat ich dorthin, die vielleicht zur hauslichen Gehulfin unter meiner Anleitung am besten herangewachsen ware. Das alles geschah mit deiner Einstimmung, bloss damit wir uns selbst leben, bloss damit wir das fruh so sehnlich gewunschte, endlich spat erlangte Gluck ungestort geniessen mochten. So haben wir unsern landlichen Aufenthalt angetreten. Ich ubernahm das Innere, du das Aussere und was ins Ganze geht. Meine Einrichtung ist gemacht, dir in allem entgegenzukommen, nur fur dich allein zu leben; lass uns wenigstens eine Zeitlang versuchen, inwiefern wir auf diese Weise miteinander ausreichen."

"Da das Zusammenhangende, wie du sagst, eigentlich euer Element ist," versetzte Eduard, "so muss man euch freilich nicht in einer Folge reden horen oder sich entschliessen, euch recht zu geben; und du sollst auch recht haben bis auf den heutigen Tag. Die Anlage, die wir bis jetzt zu unserm Dasein gemacht haben, ist von guter Art; sollen wir aber nichts weiter darauf bauen, und soll sich nichts weiter daraus entwickeln? Was ich im Garten leiste, du im Park, soll das nur fur Einsiedler getan sein?"

"Recht gut!" versetzte Charlotte, "recht wohl! Nur dass wir nichts Hinderndes, Fremdes hereinbringen! Bedenke, dass unsre Vorsatze, auch was die Unterhaltung betrifft, sich gewissermassen nur auf unser beiderseitiges Zusammensein bezogen. Du wolltest zuerst die Tagebucher deiner Reise mir in ordentlicher Folge mitteilen, bei dieser Gelegenheit so manches dahin Gehorige von Papieren in Ordnung bringen und unter meiner Teilnahme, mit meiner Beihulfe aus diesen unschatzbaren, aber verworrenen Heften und Blattern ein fur uns und andere erfreuliches Ganze zusammenstellen. Ich versprach, dir an der Abschrift zu helfen, und wir dachten es uns so bequem, so artig, so gemutlich und heimlich, die Welt, die wir zusammen nicht sehen sollten, in der Erinnerung zu durchreisen. Ja, der Anfang ist schon gemacht. Dann hast du die Abende deine Flote wieder vorgenommen, begleitest mich am Klavier; und an Besuchen aus der Nachbarschaft und in die Nachbarschaft fehlt es uns nicht. Ich wenigstens habe mir aus allem diesem den ersten wahrhaft frohlichen Sommer zusammengebaut, den ich in meinem Leben zu geniessen dachte."

"Wenn mir nur nicht", versetzte Eduard, indem er sich die Stirne rieb, "bei alle dem, was du mir so liebevoll und verstandig wiederholst, immer der Gedanke beiginge, durch die Gegenwart des Hauptmanns wurde nichts gestort, ja vielmehr alles beschleunigt und neu belebt. Auch er hat einen Teil meiner Wanderungen mitgemacht; auch er hat manches, und in verschiedenem Sinne, sich angemerkt: wir benutzten das zusammen, und alsdann wurde es erst ein hubsches Ganze werden."

"So lass mich denn dir aufrichtig gestehen," entgegnete Charlotte mit einiger Ungeduld, "dass diesem Vorhaben mein Gefuhl widerspricht, dass eine Ahnung mir nichts Gutes weissagt."

"Auf diese Weise waret ihr Frauen wohl unuberwindlich," versetzte Eduard, "erst verstandig, dass man nicht widersprechen kann, liebevoll, dass man sich gern hingibt, gefuhlvoll, dass man euch nicht weh tun mag, ahnungsvoll, dass man erschrickt."

"Ich bin nicht aberglaubisch", versetzte Charlotte, "und gebe nichts auf diese dunklen Anregungen, insofern sie nur solche waren; aber es sind meistenteils unbewusste Erinnerungen glucklicher und unglucklicher Folgen, die wir an eigenen oder fremden Handlungen erlebt haben. Nichts ist bedeutender in jedem Zustande als die Dazwischenkunft eines Dritten. Ich habe Freunde gesehen, Geschwister, Liebende, Gatten, deren Verhaltnis durch den zufalligen oder gewahlten Hinzutritt einer neuen Person ganz und gar verandert, deren Lage vollig umgekehrt wurde."

"Das kann wohl geschehen", versetzte Eduard, "bei Menschen, die nur dunkel vor sich hinleben, nicht bei solchen, die, schon durch Erfahrung aufgeklart, sich mehr bewusst sind."

"Das Bewusstsein, mein Liebster," entgegnete Charlotte, "ist keine hinlangliche Waffe, ja manchmal eine gefahrliche fur den, der sie fuhrt; und aus diesem allen tritt wenigstens soviel hervor, dass wir uns ja nicht ubereilen sollen. Gonne mir noch einige Tage, entscheide nicht!"

"Wie die Sache steht," erwiderte Eduard, "werden wir uns auch nach mehreren Tagen immer ubereilen. Die Grunde fur und dagegen haben wir wechselsweise vorgebracht; es kommt auf den Entschluss an, und da war es wirklich das Beste, wir gaben ihn dem Los anheim."

"Ich weiss," versetzte Charlotte, "dass du in zweifelhaften Fallen gerne wettest oder wurfelst; bei einer so ernsthaften Sache hingegen wurde ich dies fur einen Frevel halten."

"Was soll ich aber dem Hauptmann schreiben?" rief Eduard aus; "denn ich muss mich gleich hinsetzen."

"Einen ruhigen, vernunftigen, trostlichen Brief," sagte Charlotte.

"Das heisst soviel wie keinen," versetzte Eduard.

"Und doch ist es in manchen Fallen", versetzte Charlotte, "notwendig und freundlich, lieber nichts zu schreiben, als nicht zu schreiben."

Zweites Kapitel

Eduard fand sich allein auf seinem Zimmer, und wirklich hatte die Wiederholung seiner Lebensschicksale aus dem Munde Charlottens, die Vergegenwartigung ihres beiderseitigen Zustandes, ihrer Vorsatze sein lebhaftes Gemut angenehm aufgeregt. Er hatte sich in ihrer Nahe, in ihrer Gesellschaft so glucklich gefuhlt, dass er sich einen freundlichen, teilnehmenden, aber ruhigen und auf nichts hindeutenden Brief an den Hauptmann ausdachte. Als er aber zum Schreibtisch ging und den Brief des Freundes aufnahm, um ihn nochmals durchzulesen, trat ihm sogleich wieder der traurige Zustand des trefflichen Mannes entgegen; alle Empfindungen, die ihn diese Tage gepeinigt hatten, wachten wieder auf, und es schien ihm unmoglich, seinen Freund einer so angstlichen Lage zu uberlassen.

Sich etwas zu versagen, war Eduard nicht gewohnt. Von Jugend auf das einzige, verzogene Kind reicher Eltern, die ihn zu einer seltsamen, aber hochst vorteilhaften Heirat mit einer viel alteren Frau zu bereden wussten, von dieser auch auf alle Weise verzartelt, indem sie sein gutes Betragen gegen sie durch die grosste Freigebigkeit zu erwidern suchte, nach ihrem baldigen Tode sein eigner Herr, auf Reisen unabhangig, jeder Abwechslung, jeder Veranderung machtig, nichts Ubertriebenes wollend, aber viel und vielerlei wollend, freimutig, wohltatig, brav, ja tapfer im Fall was konnte in der Welt seinen Wunschen entgegenstehen!

Bisher war alles nach seinem Sinne gegangen, auch zum Besitz Charlottens war er gelangt, den er sich durch eine hartnackige, ja romanenhafte Treue doch zuletzt erworben hatte; und nun fuhlte er sich zum erstenmal widersprochen, zum erstenmal gehindert, eben da er seinen Jugendfreund an sich heranziehen, da er sein ganzes Dasein gleichsam abschliessen wollte. Er war verdriesslich, ungeduldig, nahm einigemal die Feder und legte sie nieder, weil er nicht einig mit sich werden konnte, was er schreiben sollte. Gegen die Wunsche seiner Frau wollte er nicht, nach ihrem Verlangen konnte er nicht; unruhig wie er war, sollte er einen ruhigen Brief schreiben; es ware ihm ganz unmoglich gewesen. Das Naturlichste war, dass er Aufschub suchte. Mit wenig Worten bat er seinen Freund um Verzeihung, dass er diese Tage nicht geschrieben, dass er heut nicht umstandlich schreibe, und versprach fur nachstens ein bedeutenderes, ein beruhigendes Blatt.

Charlotte benutzte des andern Tags auf einem Spaziergang nach derselben Stelle die Gelegenheit, das Gesprach wieder anzuknupfen, vielleicht in der Uberzeugung, dass man einen Vorsatz nicht sicherer abstumpfen kann, als wenn man ihn ofters durchspricht.

Eduarden war diese Wiederholung erwunscht. Er ausserte sich nach seiner Weise freundlich und angenehm; denn wenn er, empfanglich wie er war, leicht aufloderte, wenn sein lebhaftes Begehren zudringlich ward, wenn seine Hartnackigkeit ungeduldig machen konnte, so waren doch alle seine Ausserungen durch eine vollkommene Schonung des andern dergestalt gemildert, dass man ihn immer noch liebenswurdig finden musste, wenn man ihn auch beschwerlich fand.

Auf eine solche Weise brachte er Charlotten diesen Morgen erst in die heiterste Laune, dann durch anmutige Gesprachswendungen ganz aus der Fassung, so dass sie zuletzt ausrief: "Du willst gewiss, dass ich das, was ich dem Ehemann versagte, dem Liebhaber zugestehen soll.

Wenigstens, mein Lieber," fuhr sie fort, "sollst du gewahr werden, dass deine Wunsche, die freundliche Lebhaftigkeit, womit du sie ausdruckst, mich nicht ungeruhrt, mich nicht unbewegt lassen. Sie notigen mich zu einem Gestandnis. Ich habe dir bisher auch etwas verborgen. Ich befinde mich in einer ahnlichen Lage wie du und habe mir schon eben die Gewalt angetan, die ich dir nun uber dich selbst zumute."

"Das hor ich gern," sagte Eduard; "ich merke wohl, im Ehestand muss man sich manchmal streiten, denn dadurch erfahrt man was voneinander."

"Nun sollst du also erfahren," sagte Charlotte, "dass es mir mit Ottilien geht, wie dir mit dem Hauptmann. Hochst ungern weiss ich das liebe Kind in der Pension, wo sie sich in sehr druckenden Verhaltnissen befindet. Wenn Luciane, meine Tochter, die fur die Welt geboren ist, sich dort fur die Welt bildet, wenn sie Sprachen, Geschichtliches und was sonst von Kenntnissen ihr mitgeteilt wird, so wie ihre Noten und Variationen vom Blatte wegspielt; wenn bei einer lebhaften Natur und bei einem glucklichen Gedachtnis sie, man mochte wohl sagen, alles vergisst und im Augenblicke sich an alles erinnert; wenn sie durch Freiheit des Betragens, Anmut im Tanze, schickliche Bequemlichkeit des Gesprachs sich vor allen auszeichnet und durch ein angebornes herrschendes Wesen sich zur Konigin des kleinen Kreises macht, wenn die Vorsteherin dieser Anstalt sie als kleine Gottheit ansieht, die nun erst unter ihren Handen recht gedeiht, die ihr Ehre machen, Zutrauen erwerben und einen Zufluss von andern jungen Personen verschaffen wird, wenn die ersten Seiten ihrer Briefe und Monatsberichte immer nur Hymnen sind uber die Vortrefflichkeit eines solchen Kindes, die ich denn recht gut in meine Prose zu ubersetzen weiss: so ist dagegen, was sie schliesslich von Ottilien erwahnt, nur immer Entschuldigung auf Entschuldigung, dass ein ubrigens so schon heranwachsendes Madchen sich nicht entwickeln, keine Fahigkeiten und keine Fertigkeiten zeigen wolle. Das wenige, was sie sonst noch hinzufugt, ist gleichfalls fur mich kein Ratsel, weil ich in diesem lieben Kinde den ganzen Charakter ihrer Mutter, meiner wertesten Freundin, gewahr werde, die sich neben mir entwickelt hat und deren Tochter ich gewiss, wenn ich Erzieherin oder Aufseherin sein konnte, zu einem herrlichen Geschopf heraufbilden wollte.

Da es aber einmal nicht in unsern Plan geht und man an seinen Lebensverhaltnissen nicht soviel zupfen und zerren, nicht immer was Neues an sie heranziehen soll, so trag ich das lieber, ja ich uberwinde die unangenehme Empfindung, wenn meine Tochter, welche recht gut weiss, dass die arme Ottilie ganz von uns abhangt, sich ihrer Vorteile ubermutig gegen sie bedient und unsre Wohltat dadurch gewissermassen vernichtet.

Doch wer ist so gebildet, dass er nicht seine Vorzuge gegen andre manchmal auf eine grausame Weise geltend machte! Wer steht so hoch, dass er unter einem solchen Druck nicht manchmal leiden musste! Durch diese Prufungen wachst Ottiliens Wert; aber seitdem ich den peinlichen Zustand recht deutlich einsehe, habe ich mir Muhe gegeben, sie anderwarts unterzubringen. Stundlich soll mir eine Antwort kommen, und alsdann will ich nicht zaudern. So steht es mit mir, mein Bester. Du siehst, wir tragen beiderseits dieselben Sorgen in einem treuen, freundschaftlichen Herzen. Lass sie uns gemeinsam tragen, da sie sich nicht gegeneinander aufheben!"

"Wir sind wunderliche Menschen," sagte Eduard lachelnd. "Wenn wir nur etwas, das uns Sorge macht, aus unserer Gegenwart verbannen konnen, da glauben wir schon, nun sei es abgetan. Im ganzen konnen wir vieles aufopfern, aber uns im einzelnen herzugeben, ist eine Forderung, der wir selten gewachsen sind. So war meine Mutter. Solange ich als Knabe oder Jungling bei ihr lebte, konnte sie der augenblicklichen Besorgnisse nicht los werden. Verspatete ich mich bei einem Ausritt, so musste mir ein Ungluck begegnet sein; durchnetzte mich ein Regenschauer, so war das Fieber mir gewiss. Ich verreiste, ich entfernte mich von ihr, und nun schien ich ihr kaum anzugehoren."

"Betrachten wir es genauer," fuhr er fort, "so handeln wir beide toricht und unverantwortlich, zwei der edelsten Naturen, die unser Herz so nahe angehen, im Kummer und im Druck zu lassen, nur um uns keiner Gefahr auszusetzen. Wenn dies nicht selbstsuchtig genannt werden soll, was will man so nennen! Nimm Ottilien, lass mir den Hauptmann, und in Gottes Namen sei der Versuch gemacht!"

"Es mochte noch zu wagen sein," sagte Charlotte bedenklich, "wenn die Gefahr fur uns allein ware. Glaubst du denn aber, dass es ratlich sei, den Hauptmann mit Ottilien als Hausgenossen zu sehen, einen Mann ohngefahr in deinen Jahren, in den Jahren dass ich dir dieses Schmeichelhafte nur gerade unter die Augen sage , wo der Mann erst liebefahig und erst der Liebe wert wird, und ein Madchen von Ottiliens Vorzugen?"

"Ich weiss doch auch nicht," versetzte Eduard, "wie du Ottilien so hoch stellen kannst! Nur dadurch erklare ich mir's, dass sie deine Neigung zu ihrer Mutter geerbt hat. Hubsch ist sie, das ist wahr, und ich erinnere mich, dass der Hauptmann mich auf sie aufmerksam machte, als wir vor einem Jahre zuruckkamen und sie mit dir bei deiner Tante trafen. Hubsch ist sie, besonders hat sie schone Augen; aber ich wusste doch nicht, dass sie den mindesten Eindruck auf mich gemacht hatte."

"Das ist loblich an dir," sagte Charlotte, "denn ich war ja gegenwartig; und ob sie gleich viel junger ist als ich, so hatte doch die Gegenwart der altern Freundin so viele Reize fur dich, dass du uber die aufbluhende, versprechende Schonheit hinaussahest. Es gehort auch dies zu deiner Art zu sein, deshalb ich so gern das Leben mit dir teile."

Charlotte, so aufrichtig sie zu sprechen schien, verhehlte doch etwas. Sie hatte namlich damals dem von Reisen zuruckkehrenden Eduard Ottilien absichtlich vorgefuhrt, um dieser geliebten Pflegetochter eine so grosse Partie zuzuwenden; denn an sich selbst in bezug auf Eduard dachte sie nicht mehr. Der Hauptmann war auch angestiftet, Eduarden aufmerksam zu machen; aber dieser, der seine fruhe Liebe zu Charlotten hartnackig im Sinne behielt, sah weder rechts noch links und war nur glucklich in dem Gefuhl, dass es moglich sei, eines so lebhaft gewunschten und durch eine Reihe von Ereignissen scheinbar auf immer versagten Gutes endlich doch teilhaft zu werden.

Eben stand das Ehepaar im Begriff, die neuen Anlagen herunter nach dem Schlosse zu gehen, als ein Bedienter ihnen hastig entgegenstieg und mit lachendem Munde sich schon von unten herauf vernehmen liess: "Kommen Euer Gnaden doch ja schnell heruber! Herr Mittler ist in den Schlosshof gesprengt. Er hat uns alle zusammengeschrieen, wir sollen sie aufsuchen, wir sollen Sie fragen, ob es not tue.

'Ob es not tut', rief er uns nach, 'hort ihr? aber geschwind, geschwind!'"

"Der drollige Mann!" rief Eduard aus; "kommt er nicht gerade zur rechten Zeit, Charlotte? Geschwind zuruck!" befahl er dem Bedienten; "sage ihm, es tue not, sehr not! Er soll nur absteigen. Versorgt sein Pferd; fuhrt ihn in den Saal, setzt ihm ein Fruhstuck vor! Wir kommen gleich.

Lass uns den nachsten Weg nehmen!" sagte er zu seiner Frau und schlug den Pfad uber den Kirchhof ein, den er sonst zu vermeiden pflegte. Aber wie verwundert war er, als er fand, dass Charlotte auch hier fur das Gefuhl gesorgt habe. Mit moglichster Schonung der alten Denkmaler hatte sie alles so zu vergleichen und zu ordnen gewusst, dass es ein angenehmer Raum erschien, auf dem das Auge und die Einbildungskraft gerne verweilten.

Auch dem altesten Stein hatte sie seine Ehre gegonnt. Den Jahren nach waren sie an der Mauer aufgerichtet, eingefugt oder sonst angebracht; der hohe Sockel der Kirche selbst war damit vermannigfaltigt und geziert. Eduard fuhlte sich sonderbar uberrascht, wie er durch die kleine Pforte hereintrat: er druckte Charlotten die Hand, und im Auge stand ihm eine Trane.

Aber der narrische Gast verscheuchte sie gleich. Denn dieser hatte keine Ruh im Schloss gehabt, war spornstreichs durchs Dorf bis an das Kirchhoftor geritten, wo er still hielt und seinen Freunden entgegenrief: "Ihr habt mich doch nicht zum besten? Tuts wirklich not, so bleibe ich zu Mittage hier. Haltet mich nicht auf! Ich habe heute noch viel zu tun."

"Da Ihr Euch so weit bemuht habt," rief ihm Eduard entgegen, "so reitet noch vollends herein; wir kommen an einem ernsthaften Orte zusammen; und seht, wie schon Charlotte diese Trauer ausgeschmuckt hat!"

"Hier herein", rief der Reiter, "komm ich weder zu Pferde, noch zu Wagen, noch zu Fusse. Diese da ruhen in Frieden, mit ihnen habe ich nichts zu schaffen. Gefallen muss ich mirs lassen, wenn man mich einmal, die Fusse voran, hereinschleppt. Also ists Ernst?"

"Ja," rief Charlotte, "recht Ernst! Es ist das erstemal, dass wir neuen Gatten in Not und Verwirrung sind, woraus wir uns nicht zu helfen wissen."

"Ihr seht nicht darnach aus," versetzte er, "doch will ichs glauben. Fuhrt ihr mich an, so lass ich euch kunftig stecken. Folgt geschwinde nach! Meinem Pferde mag die Erholung zugut kommen."

Bald fanden sich die dreie im Saale zusammen; das Essen ward aufgetragen, und Mittler erzahlte von seinen heutigen Taten und Vorhaben. Dieser seltsame Mann war fruherhin Geistlicher gewesen und hatte sich bei einer rastlosen Tatigkeit in seinem Amte dadurch ausgezeichnet, dass er alle Streitigkeiten, sowohl die hauslichen als die nachbarlichen, erst der einzelnen Bewohner, sodann ganzer Gemeinden und mehrerer Gutsbesitzer zu stillen und zu schlichten wusste. Solange er im Dienste war, hatte sich kein Ehepaar scheiden lassen, und die Landeskollegien wurden mit keinen Handeln und Prozessen von dorther behelliget. Wie notig ihm die Rechtskunde sei, ward er zeitig gewahr. Er warf sein ganzes Studium darauf und fuhlte sich bald den geschicktesten Advokaten gewachsen. Sein Wirkungskreis dehnte sich wunderbar aus; und man war im Begriff, ihn nach der Residenz zu ziehen, um das von oben herein zu vollenden, was er von unten herauf begonnen hatte, als er einen ansehnlichen Lotteriegewinst tat, sich ein massiges Gut kaufte, es verpachtete und zum Mittelpunkt seiner Wirksamkeit machte, mit dem festen Vorsatz oder vielmehr nach alter Gewohnheit und Neigung, in keinem Hause zu verweilen, wo nichts zu schlichten und nichts zu helfen ware. Diejenigen, die auf die Namensbedeutungen aberglaubisch sind, behaupten, der Name Mittler habe ihn genotigt, diese seltsamste aller Bestimmungen zu ergreifen.

Der Nachtisch war aufgetragen, als der Gast seine Wirte ernstlich vermahnte, nicht weiter mit ihren Entdeckungen zuruckzuhalten, weil er gleich nach dem Kaffee fort musse. Die beiden Eheleute machten umstandlich ihre Bekenntnisse; aber kaum hatte er den Sinn der Sache vernommen, als er verdriesslich vom Tische auffuhr, ans Fenster sprang und sein Pferd zu satteln befahl.

"Entweder ihr kennt mich nicht," rief er aus, "ihr versteht mich nicht, oder ihr seid sehr boshaft. Ist denn hier ein Streit? Ist denn hier eine Hulfe notig? Glaubt ihr, dass ich in der Welt bin, um Rat zu geben? Das ist das dummste Handwerk, das einer treiben kann. Rate sich jeder selbst und tue, was er nicht lassen kann. Gerat es gut, so freue er sich seiner Weisheit und seines Glucks; laufts ubel ab, dann bin ich bei der Hand. Wer ein Ubel los sein will, der weiss immer, was er will; wer was Bessers will, als er hat, der ist ganz starblind Ja ja! lacht nur er spielt Blindekuh, er ertappts vielleicht; aber was? Tut, was ihr wollt: es ist ganz einerlei! Nehmt die Freunde zu euch, lasst sie weg: alles einerlei! Das Vernunftigste habe ich misslingen sehen, das Abgeschmackteste gelingen. Zerbrecht euch die Kopfe nicht, und wenns auf eine oder die andre Weise ubel ablauft, zerbrecht sie euch auch nicht! Schickt nur nach mir, und euch soll geholfen werden. Bis dahin euer Diener!"

Und so schwang er sich aufs Pferd, ohne den Kaffee abzuwarten.

"Hier siehst du," sagte Charlotte, "wie wenig eigentlich ein Dritter fruchtet, wenn es zwischen zwei nah verbundenen Personen nicht ganz im Gleichgewicht steht. Gegenwartig sind wir doch wohl noch verworrner und ungewisser, wenns moglich ist, als vorher."

Beide Gatten wurden auch wohl noch eine Zeitlang geschwankt haben, ware nicht ein Brief des Hauptmanns im Wechsel gegen Eduards letzten angekommen. Er hatte sich entschlossen, eine der ihm angebotenen Stellen anzunehmen, ob sie ihm gleich keineswegs gemass war. Er sollte mit vornehmen und reichen Leuten die Langeweile teilen, indem man auf ihn das Zutrauen setzte, dass er sie vertreiben wurde.

Eduard ubersah das ganze Verhaltnis recht deutlich und malte es noch recht scharf aus. "Wollen wir unsern Freund in einem solchen Zustande wissen?" rief er. "Du kannst nicht so grausam sein, Charlotte!"

"Der wunderliche Mann, unser Mittler," versetzte Charlotte, "hat am Ende doch recht. Alle solche Unternehmungen sind Wagestucke. Was daraus werden kann, sieht kein Mensch voraus. Solche neue Verhaltnisse konnen fruchtbar sein an Gluck und an Ungluck, ohne dass wir uns dabei Verdienst oder Schuld sonderlich zurechnen durfen. Ich fuhle mich nicht stark genug, dir langer zu widerstehen. Lass uns den Versuch machen! Das einzige, was ich dich bitte: es sei nur auf kurze Zeit angesehen. Erlaube mir, dass ich mich tatiger als bisher fur ihn verwende und meinen Einfluss, meine Verbindungen eifrig benutze und aufrege, ihm eine Stelle zu verschaffen, die ihm nach seiner Weise einige Zufriedenheit gewahren kann."

Eduard versicherte seine Gattin auf die anmutigste Weise der lebhaftesten Dankbarkeit. Er eilte mit freiem, frohem Gemut, seinem Freunde Vorschlage schriftlich zu tun. Charlotte musste in einer Nachschrift ihren Beifall eigenhandig hinzufugen, ihre freundschaftlichen Bitten mit den seinen vereinigen. Sie schrieb mit gewandter Feder gefallig und verbindlich, aber doch mit einer Art von Hast, die ihr sonst nicht gewohnlich war; und was ihr nicht leicht begegnete, sie verunstaltete das Papier zuletzt mit einem Tintenfleck, der sie argerlich machte und nur grosser wurde, indem sie ihn wegwischen wollte.

Eduard scherzte daruber, und weil noch Platz war, fugte er eine zweite Nachschrift hinzu: der Freund solle aus diesen Zeichen die Ungeduld sehen, womit er erwartet werde, und nach der Eile, womit der Brief geschrieben, die Eilfertigkeit seiner Reise einrichten.

Der Bote war fort, und Eduard glaubte seine Dankbarkeit nicht uberzeugender ausdrucken zu konnen, als indem er aber- und abermals darauf bestand, Charlotte solle zugleich Ottilien aus der Pension holen lassen.

Sie bat um Aufschub und wusste diesen Abend bei Eduard die Lust zu einer musikalischen Unterhaltung aufzuregen. Charlotte spielte sehr gut Klavier, Eduard nicht ebenso bequem die Flote; denn ob er sich gleich zuzeiten viel Muhe gegeben hatte, so war ihm doch nicht die Geduld, die Ausdauer verliehen, die zur Ausbildung eines solchen Talentes gehort. Er fuhrte deshalb seine Partie sehr ungleich aus, einige Stellen gut, nur vielleicht zu geschwind; bei andern wieder hielt er an, weil sie ihm nicht gelaufig waren, und so war es fur jeden andern schwer gewesen, ein Duett mit ihm durchzubringen. Aber Charlotte wusste sich darein zu finden; sie hielt an und liess sich wieder von ihm fortreissen und versah also die doppelte Pflicht eines guten Kapellmeisters und einer klugen Hausfrau, die im ganzen immer das Mass zu erhalten wissen, wenn auch die einzelnen Passagen nicht immer im Takt bleiben sollten.

Drittes Kapitel

Der Hauptmann kam. Er hatte einen sehr verstandigen Brief vorausgeschickt, der Charlotten vollig beruhigte. Soviel Deutlichkeit uber sich selbst, soviel Klarheit uber seinen eigenen Zustand, uber den Zustand seiner Freunde gab eine heitere und frohliche Aussicht.

Die Unterhaltungen der ersten Stunden waren, wie unter Freunden zu geschehen pflegt, die sich eine Zeitlang nicht gesehen haben, lebhaft, ja fast erschopfend. Gegen Abend veranlasste Charlotte einen Spaziergang auf die neuen Anlagen. Der Hauptmann gefiel sich sehr in der Gegend und bemerkte jede Schonheit, welche durch die neuen Wege erst sichtbar und geniessbar geworden. Er hatte ein geubtes Auge und dabei ein genugsames; und ob er gleich das Wunschenswerte sehr wohl kannte, machte er doch nicht, wie es ofters zu geschehen pflegt, Personen, die ihn in dem Ihrigen herumfuhrten, dadurch einen ublen Humor, dass er mehr verlangte, als die Umstande zuliessen, oder auch wohl gar an etwas Vollkommneres erinnerte, das er anderswo gesehen.

Als sie die Mooshutte erreichten, fanden sie solche auf das lustigste ausgeschmuckt, zwar nur mit kunstlichen Blumen und Wintergrun, doch darunter so schone Buschel naturlichen Weizens und anderer Feld- und Baumfruchte angebracht, dass sie dem Kunstsinn der Anordnenden zur Ehre gereichten. "Obschon mein Mann nicht liebt, dass man seinen Geburts- oder Namenstag feire, so wird er mir doch heute nicht verargen, einem dreifachen Feste diese wenigen Kranze zu widmen."

"Ein dreifaches?" rief Eduard. "Ganz gewiss!" versetzte Charlotte; "unseres Freundes Ankunft behandeln wir billig als ein Fest; und dann habt ihr beide wohl nicht daran gedacht, dass heute euer Namenstag ist. Heisst nicht einer Otto so gut als der andere?"

Beide Freunde reichten sich die Hande uber den kleinen Tisch. "Du erinnerst mich", sagte Eduard, "an dieses jugendliche Freundschaftsstuck. Als Kinder hiessen wir beide so; doch als wir in der Pension zusammenlebten und manche Irrung daraus entstand, so trat ich ihm freiwillig diesen hubschen, lakonischen Namen ab."

"Wobei du denn doch nicht gar zu grossmutig warst," sagte der Hauptmann. "Denn ich erinnere mich recht wohl, dass dir der Name Eduard besser gefiel, wie er denn auch, von angenehmen Lippen ausgesprochen, einen besonders guten Klang hat."

Nun sassen sie also zu dreien um dasselbe Tischchen, wo Charlotte so eifrig gegen die Ankunft des Gastes gesprochen hatte. Eduard in seiner Zufriedenheit wollte die Gattin nicht an jene Stunden erinnern, doch enthielt er sich nicht zu sagen: "Fur ein Viertes ware auch noch recht gut Platz."

Waldhorner liessen sich in diesem Augenblick vom Schloss heruber vernehmen, bejahten gleichsam und bekraftigten die guten Gesinnungen und Wunsche der beisammen verweilenden Freunde. Stillschweigend horten sie zu, indem jedes in sich selbst zuruckkehrte und sein eigenes Gluck in so schoner Verbindung doppelt empfand.

Eduard unterbrach die Pause zuerst, indem er aufstand und vor die Mooshutte hinaustrat. "Lass uns", sagte er zu Charlotten, "den Freund gleich vollig auf die Hohe fuhren, damit er nicht glaube, dieses beschrankte Tal nur sei unser Erbgut und Aufenthalt; der Blick wird oben freier und die Brust erweitert sich."

"So mussen wir diesmal noch", versetzte Charlotte, "den alten, etwas beschwerlichen Fusspfad erklimmen; doch, hoffe ich, sollen meine Stufen und Steige nachstens bequemer bis ganz hinauf leiten."

Und so gelangte man denn uber Felsen, durch Busch und Gestrauch zur letzten Hohe, die zwar keine Flache, doch fortlaufende, fruchtbare Rucken bildete. Dorf und Schloss hinterwarts waren nicht mehr zu sehen. In der Tiefe erblickte man ausgebreitete Teiche, druben bewachsene Hugel, an denen sie sich hinzogen, endlich steile Felsen, welche senkrecht den letzten Wasserspiegel entschieden begrenzten und ihre bedeutenden Formen auf der Oberflache desselben abbildeten. Dort in der Schlucht, wo ein starker Bach den Teichen zufiel, lag eine Muhle halb versteckt, die mit ihren Umgebungen als ein freundliches Ruheplatzchen erschien. Mannigfaltig wechselten im ganzen Halbkreise, den man ubersah, Tiefen und Hohen, Busche und Walder, deren erstes Grun fur die Folge den fullereichsten Anblick versprach. Auch einzelne Baumgruppen hielten an mancher Stelle das Auge fest. Besonders zeichnete zu den Fussen der schauenden Freunde sich eine Masse Pappeln und Platanen zunachst an dem Rande des mittleren Teiches vorteilhaft aus. Sie stand in ihrem besten Wachstum, frisch, gesund, empor und in die Breite strebend.

Eduard lenkte besonders auf diese die Aufmerksamkeit seines Freundes. "Diese habe ich", rief er aus, "in meiner Jugend selbst gepflanzt. Es waren junge Stammchen, die ich rettete, als mein Vater, bei der Anlage zu einem neuen Teil des grossen Schlossgartens, sie mitten im Sommer ausroden liess. Ohne Zweifel werden sie auch dieses Jahr sich durch neue Triebe wieder dankbar hervortun."

Man kehrte zufrieden und heiter zuruck. Dem Gaste ward auf dem rechten Flugel des Schlosses ein freundliches, geraumiges Quartier angewiesen, wo er sehr bald Bucher, Papiere und Instrumente aufgestellt und geordnet hatte, um in seiner gewohnten Tatigkeit fortzufahren. Aber Eduard liess ihm in den ersten Tagen keine Ruhe; er fuhrte ihn uberall herum, bald zu Pferde, bald zu Fusse, und machte ihn mit der Gegend, mit dem Gute bekannt; wobei er ihm zugleich die Wunsche mitteilte, die er zu besserer Kenntnis und vorteilhafterer Benutzung desselben seit langer Zeit bei sich hegte.

"Das erste, was wir tun sollten," sagte der Hauptmann, "ware, dass ich die Gegend mit der Magnetnadel aufnahme. Es ist das ein leichtes, heiteres Geschaft, und wenn es auch nicht die grosste Genauigkeit gewahrt, so bleibt es doch immer nutzlich und fur den Anfang erfreulich; auch kann man es ohne grosse Beihulfe leisten und weiss gewiss, dass man fertig wird. Denkst du einmal an eine genauere Ausmessung, so lasst sich dazu wohl auch noch Rat finden."

Der Hauptmann war in dieser Art des Aufnehmens sehr geubt. Er hatte die notige Geratschaft mitgebracht und fing sogleich an. Er unterrichtete Eduarden, einige Jager und Bauern, die ihm bei dem Geschaft behulflich sein sollten. Die Tage waren gunstig; die Abende und die fruhsten Morgen brachte er mit Aufzeichnen und Schraffieren zu. Schnell war auch alles laviert und illuminiert, und Eduard sah seine Besitzungen auf das deutlichste aus dem Papier wie eine neue Schopfung hervorgewachsen. Er glaubte sie jetzt erst kennenzulernen, sie schienen ihm jetzt erst recht zu gehoren.

Es gab Gelegenheit, uber die Gegend, uber Anlagen zu sprechen, die man nach einer solchen Ubersicht viel besser zustande bringe, als wenn man nur einzeln, nach zufalligen Eindrucken, an der Natur herumversuche.

"Das mussen wir meiner Frau deutlich machen," sagte Eduard.

"Tue das nicht!" versetzte der Hauptmann, der die Uberzeugungen anderer nicht gern mit den seinigen durchkreuzte, den die Erfahrung gelehrt hatte, dass die Ansichten der Menschen viel zu mannigfaltig sind, als dass sie, selbst durch die vernunftigsten Vorstellungen, auf Einen Punkt versammelt werden konnten. "Tue es nicht!" rief er, "sie durfte leicht irre werden. Es ist ihr wie allen denen, die sich nur aus Liebhaberei mit solchen Dingen beschaftigen, mehr daran gelegen, dass sie etwas tue, als dass etwas getan werde. Man tastet an der Natur, man hat Vorliebe fur dieses oder jenes Platzchen; man wagt nicht, dieses oder jenes Hindernis wegzuraumen, man ist nicht kuhn genug, etwas aufzuopfern; man kann sich voraus nicht vorstellen, was entstehen soll, man probiert, es gerat, es missrat, man verandert, verandert vielleicht, was man lassen sollte, lasst, was man verandern sollte, und so bleibt es zuletzt immer ein Stuckwerk, das gefallt und anregt, aber nicht befriedigt."

"Gesteh mir aufrichtig," sagte Eduard, "du bist mit ihren Anlagen nicht zufrieden."

"Wenn die Ausfuhrung den Gedanken erschopfte, der sehr gut ist, so ware nichts zu erinnern. Sie hat sich muhsam durch das Gestein hinaufgequalt und qualt nun jeden, wenn du willst, den sie hinauffuhrt. Weder nebeneinander noch hintereinander schreitet man mit einer gewissen Freiheit. Der Takt des Schrittes wird jeden Augenblick unterbrochen; und was liesse sich nicht noch alles einwenden!"

"Ware es denn leicht anders zu machen gewesen?" fragte Eduard.

"Gar leicht," versetzte der Hauptmann; "sie durfte nur die eine Felsenecke, die noch dazu unscheinbar ist, weil sie aus kleinen Teilen besteht, wegbrechen, so erlangte sie eine schon geschwungene Wendung zum Aufstieg und zugleich uberflussige Steine, um die Stellen heraufzumauern, wo der Weg schmal und verkruppelt geworden ware. Doch sei dies im engsten Vertrauen unter uns gesagt; sie wird sonst irre und verdriesslich. Auch muss man, was gemacht ist, bestehen lassen. Will man weiter Geld und Muhe aufwenden, so ware von der Mooshutte hinaufwarts und uber die Anhohe noch mancherlei zu tun und viel Angenehmes zu leisten."

Hatten auf diese Weise die beiden Freunde am Gegenwartigen manche Beschaftigung, so fehlte es nicht an lebhafter und vergnuglicher Erinnerung vergangener Tage, woran Charlotte wohl teilzunehmen pflegte. Auch setzte man sich vor, wenn nur die nachsten Arbeiten erst getan waren, an die Reisejournale zu gehen und auch auf diese Weise die Vergangenheit hervorzurufen.

Ubrigens hatte Eduard mit Charlotten allein weniger Stoff zur Unterhaltung, besonders seitdem er den Tadel ihrer Parkanlagen, der ihm so gerecht schien, auf dem Herzen fuhlte. Lange verschwieg er, was ihm der Hauptmann vertraut hatte; aber als er seine Gattin zuletzt beschaftigt sah, von der Mooshutte hinauf zur Anhohe wieder mit Stufchen und Pfadchen sich emporzuarbeiten, so hielt er nicht langer zuruck, sondern machte sie nach einigen Umschweifen mit seinen neuen Einsichten bekannt.

Charlotte stand betroffen. Sie war geistreich genug, um schnell einzusehen, dass jene recht hatten; aber das Getane widersprach, es war nun einmal so gemacht; sie hatte es recht, sie hatte es wunschenswert gefunden, selbst das Getadelte war ihr in jedem einzelnen Teile lieb; sie widerstrebte der Uberzeugung, sie verteidigte ihre kleine Schopfung, sie schalt auf die Manner, die gleich ins Weite und Grosse gingen, aus einem Scherz, aus einer Unterhaltung gleich ein Werk machen wollten, nicht an die Kosten denken, die ein erweiterter Plan durchaus nach sich zieht. Sie war bewegt, verletzt, verdriesslich; sie konnte das Alte nicht fahren lassen, das Neue nicht ganz abweisen; aber entschlossen wie sie war, stellte sie sogleich die Arbeit ein und nahm sich Zeit, die Sache zu bedenken und bei sich reif werden zu lassen.

Indem sie nun auch diese tatige Unterhaltung vermisste, da indes die Manner ihr Geschaft immer geselliger betrieben und besonders die Kunstgarten und Glashauser mit Eifer besorgten, auch dazwischen die gewohnlichen ritterlichen Ubungen fortsetzten, als Jagen, Pferdekaufen, -tauschen, -bereiten und -einfahren, so fuhlte sich Charlotte taglich einsamer. Sie fuhrte ihren Briefwechsel auch um des Hauptmanns willen lebhafter, und doch gab es manche einsame Stunde. Desto angenehmer und unterhaltender waren ihr die Berichte, die sie aus der Pensionsanstalt erhielt.

Einem weitlaufigen Briefe der Vorsteherin, welcher sich wie gewohnlich uber der Tochter Fortschritte mit Behagen verbreitete, war eine kurze Nachschrift hinzugefugt nebst einer Beilage von der Hand eines mannlichen Gehulfen am Institut, die wir beide mitteilen.

Nachschrift der Vorsteherin

"Von Ottilien, meine Gnadige, hatte ich eigentlich nur zu wiederholen, was in meinen vorigen Berichten enthalten ist. Ich wusste sie nicht zu schelten, und doch kann ich nicht zufrieden mit ihr sein. Sie ist nach wie vor bescheiden und gefallig gegen andere; aber dieses Zurucktreten, diese Dienstbarkeit will mir nicht gefallen. Euer Gnaden haben ihr neulich Geld und verschiedene Zeuge geschickt. Das erste hat sie nicht angegriffen, die andern liegen auch noch da, unberuhrt. Sie halt freilich ihre Sachen sehr reinlich und gut und scheint nur in diesem Sinn die Kleider zu wechseln. Auch kann ich ihre grosse Massigkeit im Essen und Trinken nicht loben. An unserm Tisch ist kein Uberfluss; doch sehe ich nichts lieber, als wenn die Kinder sich an schmackhaften und gesunden Speisen satt essen. Was mit Bedacht und Uberzeugung aufgetragen und vorgelegt ist, soll auch aufgegessen werden. Dazu kann ich Ottilien niemals bringen. Ja, sie macht sich irgendein Geschaft, um eine Lucke auszufullen, wo die Dienerinnen etwas versaumen, nur um eine Speise oder den Nachtisch zu ubergehen. Bei diesem allen kommt jedoch in Betrachtung, dass sie manchmal, wie ich erst spat erfahren habe, Kopfweh auf der linken Seite hat, das zwar vorubergeht, aber schmerzlich und bedeutend sein mag. Soviel von diesem ubrigens so schonen und lieben Kinde."

Beilage des Gehulfen

"Unsere vortreffliche Vorsteherin lasst mich gewohnlich die Briefe lesen, in welchen sie Beobachtungen uber ihre Zoglinge den Eltern und Vorgesetzten mitteilt. Diejenigen, die an Euer Gnaden gerichtet sind, lese ich immer mit doppelter Aufmerksamkeit, mit doppeltem Vergnugen; denn indem wir Ihnen zu einer Tochter Gluck zu wunschen haben, die alle jene glanzenden Eigenschaften vereinigt, wodurch man in der Welt emporsteigt, so muss ich wenigstens Sie nicht minder glucklich preisen, dass Ihnen in Ihrer Pflegetochter ein Kind beschert ist, das zum Wohl, zur Zufriedenheit anderer und gewiss auch zu seinem eigenen Gluck geboren ward. Ottilie ist fast unser einziger Zogling, uber den ich mit unserer so verehrten Vorsteherin nicht einig werden kann. Ich verarge dieser tatigen Frau keinesweges, dass sie verlangt, man soll die Fruchte ihrer Sorgfalt ausserlich und deutlich sehen; aber es gibt auch verschlossene Fruchte, die erst die rechten, kernhaften sind und die sich fruher oder spater zu einem schonen Leben entwickeln. Dergleichen ist gewiss Ihre Pflegetochter. Solange ich sie unterrichte, sehe ich sie immer gleichen Schrittes gehen, langsam, langsam vorwarts, nie zuruck. Wenn es bei einem Kinde notig ist, vom Anfange anzufangen, so ist es gewiss bei ihr. Was nicht aus dem Vorhergehenden folgt, begreift sie nicht. Sie steht unfahig, ja stockisch vor einer leicht fasslichen Sache, die fur sie mit nichts zusammenhangt. Kann man aber die Mittelglieder finden und ihr deutlich machen, so ist ihr das Schwerste begreiflich.

Bei diesem langsamen Vorschreiten bleibt sie gegen ihre Mitschulerinnen zuruck, die mit ganz andern Fahigkeiten immer vorwartseilen, alles, auch das Unzusammenhangende, leicht fassen, leicht behalten und bequem wieder anwenden. So lernt sie, so vermag sie bei einem beschleunigten Lehrvortrage gar nichts; wie es der Fall in einigen Stunden ist, welche von trefflichen, aber raschen und ungeduldigen Lehrern gegeben werden. Man hat uber ihre Handschrift geklagt, uber ihre Unfahigkeit, die Regeln der Grammatik zu fassen. Ich habe diese Beschwerde naher untersucht: es ist wahr, sie schreibt langsam und steif, wenn man so will, doch nicht zaghaft und ungestalt. Was ich ihr von der franzosischen Sprache, die zwar mein Fach nicht ist, schrittweise mitteilte, begriff sie leicht. Freilich ist es wunderbar: sie weiss vieles und recht gut; nur wenn man sie fragt, scheint sie nichts zu wissen.

Soll ich mit einer allgemeinen Bemerkung schliessen, so mochte ich sagen: sie lernt nicht als eine, die erzogen werden soll, sondern als eine, die erziehen will; nicht als Schulerin, sondern als kunftige Lehrerin. Vielleicht kommt es Euer Gnaden sonderbar vor, dass ich selbst als Erzieher und Lehrer jemanden nicht mehr zu loben glaube, als wenn ich ihn fur meinesgleichen erklare. Euer Gnaden bessere Einsicht, tiefere Menschen- und Weltkenntnis wird aus meinen beschrankten, wohlgemeinten Worten das Beste nehmen. Sie werden sich uberzeugen, dass auch an diesem Kinde viel Freude zu hoffen ist. Ich empfehle mich zu Gnaden und bitte um die Erlaubnis, wieder zu schreiben, sobald ich glaube, dass mein Brief etwas Bedeutendes und Angenehmes enthalten werde." Charlotte freute sich uber dieses Blatt. Sein Inhalt traf ganz nahe mit den Vorstellungen zusammen, welche sie von Ottilien hegte; dabei konnte sie sich eines Lachelns nicht enthalten, indem der Anteil des Lehrers herzlicher zu sein schien, als ihn die Einsicht in die Tugenden eines Zoglings hervorzubringen pflegt. Bei ihrer ruhigen, vorurteilsfreien Denkweise liess sie auch ein solches Verhaltnis, wie so viele andre, vor sich liegen; die Teilnahme des verstandigen Mannes an Ottilien hielt sie wert; denn sie hatte in ihrem Leben genugsam einsehen gelernt, wie hoch jede wahre Neigung zu schatzen sei in einer Welt, wo Gleichgultigkeit und Abneigung eigentlich recht zu Hause sind.

Viertes Kapitel

Die topographische Karte, auf welcher das Gut mit seinen Umgebungen nach einem ziemlich grossen Massstabe charakteristisch und fasslich durch Federstriche und Farben dargestellt war und welche der Hauptmann durch einige trigonometrische Messungen sicher zu grunden wusste, war bald fertig; denn weniger Schlaf als dieser tatige Mann bedurfte kaum jemand, so wie sein Tag stets dem augenblicklichen Zwecke gewidmet und deswegen jederzeit am Abende etwas getan war.

"Lass uns nun", sagte er zu seinem Freunde, "an das ubrige gehen, an die Gutsbeschreibung, wozu schon genugsame Vorarbeit da sein muss, aus der sich nachher Pachtanschlage und anderes schon entwickeln werden. Nur Eines lass uns festsetzen und einrichten: trenne alles, was eigentlich Geschaft ist, vom Leben! Das Geschaft verlangt Ernst und Strenge, das Leben Willkur; das Geschaft die reinste Folge, dem Leben tut eine Inkonsequenz oft not, ja sie ist liebenswurdig und erheiternd. Bist du bei dem einen sicher, so kannst du in dem andern desto freier sein, anstatt dass bei einer Vermischung das Sichre durch das Freie weggerissen und aufgehoben wird."

Eduard fuhlte in diesen Vorschlagen einen leisen Vorwurf. Zwar von Natur nicht unordentlich, konnte er doch niemals dazu kommen, seine Papiere nach Fachern abzuteilen. Das, was er mit andern abzutun hatte, was bloss von ihm selbst abhing, es war nicht geschieden, so wie er auch Geschafte und Beschaftigung, Unterhaltung und Zerstreuung nicht genugsam voneinander absonderte. Jetzt wurde es ihm leicht, da ein Freund diese Bemuhung ubernahm, ein zweites Ich die Sonderung bewirkte, in die das eine Ich nicht immer sich spalten mag.

Sie errichteten auf dem Flugel des Hauptmanns eine Repositur fur das Gegenwartige, ein Archiv fur das Vergangene, schafften alle Dokumente, Papiere, Nachrichten aus verschiedenen Behaltnissen, Kammern, Schranken und Kisten herbei, und auf das geschwindeste war der Wust in eine erfreuliche Ordnung gebracht, lag rubriziert in bezeichneten Fachern. Was man wunschte, ward vollstandiger gefunden, als man gehofft hatte. Hierbei ging ihnen ein alter Schreiber sehr an die Hand, der den Tag uber, ja einen Teil der Nacht nicht vom Pulte kam und mit dem Eduard bisher immer unzufrieden gewesen war.

"Ich kenne ihn nicht mehr," sagte Eduard zu seinem Freund, "wie tatig und brauchbar der Mensch ist." "Das macht," versetzte der Hauptmann, "wir tragen ihm nichts Neues auf, als bis er das Alte nach seiner Bequemlichkeit vollendet hat; und so leistet er, wie du siehst, sehr viel; sobald man ihn stort, vermag er gar nichts."

Brachten die Freunde auf diese Weise ihre Tage zusammen zu, so versaumten sie abends nicht, Charlotten regelmassig zu besuchen. Fand sich keine Gesellschaft von benachbarten Orten und Gutern, welches ofters geschah, so war das Gesprach wie das Lesen meist solchen Gegenstanden gewidmet, welche den Wohlstand, die Vorteile und das Behagen der burgerlichen Gesellschaft vermehren.

Charlotte, ohnehin gewohnt, die Gegenwart zu nutzen, fuhlte sich, indem sie ihren Mann zufrieden sah, auch personlich gefordert. Verschiedene hausliche Anstalten, die sie langst gewunscht, aber nicht recht einleiten konnen, wurden durch die Tatigkeit des Hauptmanns bewirkt. Die Hausapotheke, die bisher nur aus wenigen Mitteln bestanden, ward bereichert und Charlotte sowohl durch fassliche Bucher als durch Unterredung in den Stand gesetzt, ihr tatiges und hulfreiches Wesen ofter und wirksamer als bisher in Ubung zu bringen.

Da man auch die gewohnlichen und dessen ungeachtet nur zu oft uberraschenden Notfalle durchdachte, so wurde alles, was zur Rettung der Ertrunkenen notig sein mochte, um so mehr angeschafft, als bei der Nahe so mancher Teiche, Gewasser und Wasserwerke ofters ein und der andere Unfall dieser Art vorkam. Diese Rubrik besorgte der Hauptmann sehr ausfuhrlich, und Eduarden entschlupfte die Bemerkung, dass ein solcher Fall in dem Leben seines Freundes auf die seltsamste Weise Epoche gemacht. Doch als dieser schwieg und einer traurigen Erinnerung auszuweichen schien, hielt Eduard gleichfalls an, so wie auch Charlotte, die nicht weniger im allgemeinen davon unterrichtet war, uber jene Ausserungen hinausging.

"Wir wollen alle diese vorsorglichen Anstalten loben," sagte eines Abends der Hauptmann; "nun geht uns aber das Notwendigste noch ab, ein tuchtiger Mann, der das alles zu handhaben weiss. Ich kann hiezu einen mir bekannten Feldchirurgus vorschlagen, der jetzt um leidliche Bedingung zu haben ist, ein vorzuglicher Mann in seinem Fache, und der mir auch in Behandlung heftiger innerer Ubel ofters mehr Genuge getan hat als ein beruhmter Arzt; und augenblickliche Hulfe ist doch immer das, was auf dem Lande am meisten vermisst wird."

Auch dieser wurde sogleich verschrieben, und beide Gatten freuten sich, dass sie so manche Summe, die ihnen zu willkurlichen Ausgaben ubrigblieb, auf die notigsten zu verwenden Anlass gefunden.

So benutzte Charlotte die Kenntnisse, die Tatigkeit des Hauptmanns auch nach ihrem Sinne und fing an, mit seiner Gegenwart vollig zufrieden und uber alle Folgen beruhigt zu werden. Sie bereitete sich gewohnlich vor, manches zu fragen, und da sie gern leben mochte, so suchte sie alles Schadliche, alles Todliche zu entfernen. Die Bleiglasur der Topferwaren, der Grunspan kupferner Gefasse hatte ihr schon manche Sorge gemacht. Sie liess sich hieruber belehren, und naturlicherweise musste man auf die Grundbegriffe der Physik und Chemie zuruckgehen.

Zufalligen, aber immer willkommenen Anlass zu solchen Unterhaltungen gab Eduards Neigung, der Gesellschaft vorzulesen. Er hatte eine sehr wohlklingende, tiefe Stimme und war fruher wegen lebhafter, gefuhlter Rezitation dichterischer und rednerischer Arbeiten angenehm und beruhmt gewesen. Nun waren es andre Gegenstande, die ihn beschaftigten, andre Schriften, woraus er vorlas, und eben seit einiger Zeit vorzuglich Werke physischen, chemischen und technischen Inhalts.

Eine seiner besondern Eigenheiten, die er jedoch vielleicht mit mehrern Menschen teilt, war die, dass es ihm unertraglich fiel, wenn jemand ihm beim Lesen in das Buch sah. In fruherer Zeit, beim Vorlesen von Gedichten, Schauspielen, Erzahlungen, war es die naturliche Folge der lebhaften Absicht, die der Vorlesende so gut als der Dichter, der Schauspieler, der Erzahlende hat, zu uberraschen, Pausen zu machen, Erwartungen zu erregen; da es denn freilich dieser beabsichtigten Wirkung sehr zuwider ist, wenn ihm ein Dritter wissentlich mit den Augen vorspringt. Er pflegte sich auch deswegen in solchem Falle immer so zu setzen, dass er niemand im Rucken hatte. Jetzt zu dreien war diese Vorsicht unnotig; und da es diesmal nicht auf Erregung des Gefuhls, auf Uberraschung der Einbildungskraft angesehen war, so dachte er selbst nicht daran, sich sonderlich in acht zu nehmen.

Nur eines Abends fiel es ihm auf, als er sich nachlassig gesetzt hatte, dass Charlotte ihm in das Buch sah. Seine alte Ungeduld erwachte, und er verwies es ihr, gewissermassen unfreundlich: "Wollte man sich doch solche Unarten, wie so manches andre, was der Gesellschaft lastig ist, ein fur allemal abgewohnen! Wenn ich jemand vorlese, ist es denn nicht, als wenn ich ihm mundlich etwas vortruge? Das Geschriebene, das Gedruckte tritt an die Stelle meines eigenen Sinnes, meines eigenen Herzens; und wurde ich mich wohl zu reden bemuhen, wenn ein Fensterchen vor meiner Stirn, vor meiner Brust angebracht ware, so dass der, dem ich meine Gedanken einzeln zuzahlen, meine Empfindungen einzeln zureichen will, immer schon lange vorher wissen konnte, wo es mit mir hinaus wollte? Wenn mir jemand ins Buch sieht, so ist mir immer, als wenn ich in zwei Stucke gerissen wurde."

Charlotte, deren Gewandtheit sich in grosseren und kleineren Zirkeln besonders dadurch bewies, dass sie jede unangenehme, jede heftige, ja selbst nur lebhafte Ausserung zu beseitigen, ein sich verlangerndes Gesprach zu unterbrechen, ein stockendes anzuregen wusste, war auch diesmal von ihrer guten Gabe nicht verlassen: "Du wirst mir meinen Fehler gewiss verzeihen, wenn ich bekenne, was mir diesen Augenblick begegnet ist. Ich horte von Verwandtschaften lesen, und da dacht ich eben gleich an meine Verwandten, an ein paar Vettern, die mir gerade in diesem Augenblick zu schaffen machen. Meine Aufmerksamkeit kehrt zu deiner Vorlesung zuruck; ich hore, dass von ganz leblosen Dingen die Rede ist, und blicke dir ins Buch, um mich wieder zurechtzufinden."

"Es ist eine Gleichnisrede, die dich verfuhrt und verwirrt hat," sagte Eduard. "Hier wird freilich nur von Erden und Mineralien gehandelt, aber der Mensch ist ein wahrer Narziss; er bespiegelt sich uberall gern selbst, er legt sich als Folie der ganzen Welt unter."

"Jawohl!" fuhr der Hauptmann fort; "so behandelt er alles, was er ausser sich findet; seine Weisheit wie seine Torheit, seinen Willen wie seine Willkur leiht er den Tieren, den Pflanzen, den Elementen und den Gottern."

"Mochtet ihr mich," versetzte Charlotte, "da ich euch nicht zu weit von dem augenblicklichen Interesse wegfuhren will, nur kurzlich belehren, wie es eigentlich hier mit den Verwandtschaften gemeint sei?"

"Das will ich wohl gerne tun," erwiderte der Hauptmann, gegen den sich Charlotte gewendet hatte, "freilich nur so gut, als ich es vermag, wie ich es etwa vor zehn Jahren gelernt, wie ich es gelesen habe. Ob man in der wissenschaftlichen Welt noch so daruber denkt, ob es zu den neuern Lehren passt, wusste ich nicht zu sagen."

"Es ist schlimm genug," rief Eduard, "dass man jetzt nichts mehr fur sein ganzes Leben lernen kann. Unsre Vorfahren hielten sich an den Unterricht, den sie in ihrer Jugend empfangen; wir aber mussen jetzt alle funf Jahre umlernen, wenn wir nicht ganz aus der Mode kommen wollen."

"Wir Frauen", sagte Charlotte, "nehmen es nicht so genau; und wenn ich aufrichtig sein soll, so ist es mir eigentlich nur um den Wortverstand zu tun; denn es macht in der Gesellschaft nichts lacherlicher, als wenn man ein fremdes, ein Kunstwort falsch anwendet. Deshalb machte ich nur wissen, in welchem Sinne dieser Ausdruck eben bei diesen Gegenstanden gebraucht wird. Wie es wissenschaftlich damit zusammenhange, wollen wir den Gelehrten uberlassen, die ubrigens, wie ich habe bemerken konnen, sich wohl schwerlich jemals vereinigen werden."

"Wo fangen wir aber nun an, um am schnellsten in die Sache zu kommen?" fragte Eduard nach einer Pause den Hauptmann, der, sich ein wenig bedenkend, bald darauf erwiderte:

"Wenn es mir erlaubt ist, dem Scheine nach weit auszuholen, so sind wir bald am Platze."

"Sein Sie meiner ganzen Aufmerksamkeit versichert," sagte Charlotte, indem sie ihre Arbeit beiseitelegte.

Und so begann der Hauptmann: "An allen Naturwesen, die wir gewahr werden, bemerken wir zuerst, dass sie einen Bezug auf sich selbst haben. Es klingt freilich wunderlich, wenn man etwas ausspricht, was sich ohnehin versteht; doch nur indem man sich uber das Bekannte vollig verstandigt hat, kann man miteinander zum Unbekannten fortschreiten."

"Ich dachte," fiel ihm Eduard ein, "wir machten ihr und uns die Sache durch Beispiele bequem. Stelle dir nur das Wasser, das Ol, das Quecksilber vor, so wirst du eine Einigkeit, einen Zusammenhang ihrer Teile finden. Diese Einung verlassen sie nicht, ausser durch Gewalt oder sonstige Bestimmung. Ist diese beseitigt, so treten sie gleich wieder zusammen."

"Ohne Frage," sagte Charlotte beistimmend. "Regentropfen vereinigen sich gern zu Stromen. Und schon als Kinder spielen wir erstaunt mit dem Quecksilber, indem wir es in Kugelchen trennen und es wieder zusammenlaufen lassen."

"Und so darf ich wohl", fugte der Hauptmann hinzu, "eines bedeutenden Punktes im fluchtigen Vorbeigehen erwahnen, dass namlich dieser vollig reine, durch Flussigkeit mogliche Bezug sich entschieden und immer durch die Kugelgestalt auszeichnet. Der fallende Wassertropfen ist rund; von den Quecksilberkugelchen haben Sie selbst gesprochen; ja ein fallendes geschmolzenes Blei, wenn es Zeit hat, vollig zu erstarren, kommt unten in Gestalt einer Kugel an."

"Lassen Sie mich voreilen," sagte Charlotte, "ob ich treffe, wo Sie hinwollen. Wie jedes gegen sich selbst einen Bezug hat, so muss es auch gegen andere ein Verhaltnis haben."

"Und das wird nach Verschiedenheit der Wesen verschieden sein," fuhr Eduard eilig fort. "Bald werden sie sich als Freunde und alte Bekannte begegnen, die schnell zusammentreten, sich vereinigen, ohne aneinander etwas zu verandern, wie sich Wein mit Wasser vermischt. Dagegen werden andre fremd nebeneinander verharren und selbst durch mechanisches Mischen und Reiben sich keinesweges verbinden; wie Ol und Wasser, zusammengeruttelt, sich den Augenblick wieder auseinander sondert."

"Es fehlt nicht viel," sagte Charlotte, "so sieht man in diesen einfachen Formen die Menschen, die man gekannt hat; besonders aber erinnert man sich dabei der Sozietaten, in denen man lebte. Die meiste Ahnlichkeit jedoch mit diesen seelenlosen Wesen haben die Massen, die in der Welt sich einander gegenuberstellen, die Stande, die Berufsbestimmungen, der Adel und der dritte Stand, der Soldat und der Zivilist."

"Und doch!" versetzte Eduard; "wie diese durch Sitten und Gesetze vereinbar sind, so gibt es auch in unserer chemischen Welt Mittelglieder, dasjenige zu verbinden, was sich einander abweist."

"So verbinden wir", fiel der Hauptmann ein, "das Ol durch Laugensalz mit dem Wasser."

"Nur nicht zu geschwind mit Ihrem Vortrag!" sagte Charlotte, "damit ich zeigen kann, dass ich Schritt halte. Sind wir nicht hier schon zu den Verwandtschaften gelangt?"

"Ganz richtig," erwiderte der Hauptmann; "und wir werden sie gleich in ihrer vollen Kraft und Bestimmtheit kennenlernen. Diejenigen Naturen, die sich beim Zusammentreffen einander schnell ergreifen und wechselseitig bestimmen, nennen wir verwandt. An den Alkalien und Sauren, die, obgleich einander entgegengesetzt und vielleicht eben deswegen, weil sie einander entgegengesetzt sind, sich am entschiedensten suchen und fassen, sich modifizieren und zusammen einen neuen Korper bilden, ist diese Verwandtschaft auffallend genug. Gedenken wir nur des Kalks, der zu allen Sauren eine grosse Neigung, eine entschiedene Vereinigungslust aussert! Sobald unser chemisches Kabinett ankommt, wollen wir Sie verschiedene Versuche sehen lassen, die sehr unterhaltend sind und einen bessern Begriff geben als Worte, Namen und Kunstausdrucke."

"Lassen Sie mich gestehen," sagte Charlotte, "wenn Sie diese Ihre wunderlichen Wesen verwandt nennen, so kommen sie mir nicht sowohl als Blutsverwandte, vielmehr als Geistes- und Seelenverwandte vor. Auf eben diese Weise konnen unter Menschen wahrhaft bedeutende Freundschaften entstehen; denn entgegengesetzte Eigenschaften machen eine innigere Vereinigung moglich. Und so will ich denn abwarten, was Sie mir von diesen geheimnisvollen Wirkungen vor die Augen bringen werden. Ich will dich", sagte sie, zu Eduard gewendet, "jetzt im Vorlesen nicht weiter storen und, um so viel besser unterrichtet, deinen Vortrag mit Aufmerksamkeit vernehmen."

"Da du uns einmal aufgerufen hast," versetzte Eduard, "so kommst du so leicht nicht los; denn eigentlich sind die verwickelten Falle die interessantesten. Erst bei diesen lernt man die Grade der Verwandtschaften, die nahern, starkern, entferntern, geringern Beziehungen kennen; die Verwandtschaften werden erst interessant, wenn sie Scheidungen bewirken."

"Kommt das traurige Wort," rief Charlotte, "das man leider in der Welt jetzt so oft hort, auch in der Naturlehre vor?"

"Allerdings!" erwiderte Eduard. "Es war sogar ein bezeichnender Ehrentitel der Chemiker, dass man sie Scheidekunstler nannte."

"Das tut man also nicht mehr", versetzte Charlotte, "und tut sehr wohl daran. Das Vereinigen ist eine grossere Kunst, ein grosseres Verdienst. Ein Einungskunstler ware in jedem Fache der ganzen Welt willkommen. Nun so lasst mich denn, weil ihr doch einmal im Zug seid, ein paar solche Falle wissen!"

"So schliessen wir uns denn gleich", sagte der Hauptmann, "an dasjenige wieder an, was wir oben schon benannt und besprochen haben. Zum Beispiel was wir Kalkstein nennen, ist eine mehr oder weniger reine Kalkerde, innig mit einer zarten Saure verbunden, die uns in Luftform bekannt geworden ist. Bringt man ein Stuck solchen Steines in verdunnte Schwefelsaure, so ergreift diese den Kalk und erscheint mit ihm als Gips; jene zarte, luftige Saure hingegen entflieht. Hier ist eine Trennung, eine neue Zusammensetzung entstanden, und man glaubt sich nunmehr berechtigt, sogar das Wort Wahlverwandtschaft anzuwenden, weil es wirklich aussieht, als wenn ein Verhaltnis dem andern vorgezogen, eins vor dem andern erwahlt wurde."

"Verzeihen Sie mir," sagte Charlotte, "wie ich dem Naturforscher verzeihe, aber ich wurde hier niemals eine Wahl, eher eine Naturnotwendigkeit erblicken, und diese kaum; denn es ist am Ende vielleicht gar nur die Sache der Gelegenheit. Gelegenheit macht Verhaltnisse, wie sie Diebe macht; und wenn von Ihren Naturkorpern die Rede ist, so scheint mir die Wahl bloss in den Handen des Chemikers zu liegen, der diese Wesen zusammenbringt. Sind sie aber einmal beisammen, dann gnade ihnen Gott! In dem gegenwartigen Falle dauert mich nur die arme Luftsaure, die sich wieder im Unendlichen herumtreiben muss."

"Es kommt nur auf sie an," versetzte der Hauptmann, "sich mit dem Wasser zu verbinden und als Mineralquelle Gesunden und Kranken zur Erquickung zu dienen."

"Der Gips hat gut reden," sagte Charlotte; "der ist nun fertig, ist ein Korper, ist versorgt, anstatt dass jenes ausgetriebene Wesen noch manche Not haben kann, bis es wieder unterkommt."

"Ich musste sehr irren," sagte Eduard lachelnd, "oder es steckt eine kleine Tucke hinter deinen Reden. Gesteh nur deine Schalkheit! Am Ende bin ich in deinen Augen der Kalk, der vom Hauptmann, als einer Schwefelsaure, ergriffen, deiner anmutigen Gesellschaft entzogen und in einen refraktaren Gips verwandelt wird."

"Wenn das Gewissen", versetzte Charlotte, "dich solche Betrachtungen machen heisst, so kann ich ohne Sorge sein. Diese Gleichnisreden sind artig und unterhaltend, und wer spielt nicht gern mit Ahnlichkeiten! Aber der Mensch ist doch um so manche Stufe uber jene Elemente erhoht, und wenn er hier mit den schonen Worten Wahl und Wahlverwandtschaft etwas freigebig gewesen, so tut er wohl, wieder in sich selbst zuruckzukehren und den Wert solcher Ausdrukke bei diesem Anlass recht zu bedenken. Mir sind leider Falle genug bekannt, wo eine innige, unaufloslich scheinende Verbindung zweier Wesen durch gelegentliche Zugesellung eines dritten aufgehoben und eins der erst so schon verbundenen ins lose Weite hinausgetrieben ward."

"Da sind die Chemiker viel galanter," sagte Eduard; "sie gesellen ein viertes dazu, damit keines leer ausgehe."

"Jawohl!" versetzte der Hauptmann; "diese Falle sind allerdings die bedeutendsten und merkwurdigsten, wo man das Anziehen, das Verwandtsein, dieses Verlassen, dieses Vereinigen gleichsam ubers Kreuz wirklich darstellen kann, wo vier bisher je zwei zu zwei verbundene Wesen, in Beruhrung gebracht, ihre bisherige Vereinigung verlassen und sich aufs neue verbinden. In diesem Fahrenlassen und Ergreifen, in diesem Fliehen und Suchen glaubt man wirklich eine hohere Bestimmung zu sehen; man traut solchen Wesen eine Art von Wollen und Wahlen zu und halt das Kunstwort 'Wahlverwandtschaften' fur vollkommen gerechtfertigt."

"Beschreiben Sie mir einen solchen Fall!" sagte Charlotte.

"Man sollte dergleichen", versetzte der Hauptmann, "nicht mit Worten abtun. Wie schon gesagt: sobald ich Ihnen die Versuche selbst zeigen kann, wird alles anschaulicher und angenehmer werden. Jetzt musste ich Sie mit schrecklichen Kunstworten hinhalten, die Ihnen doch keine Vorstellung gaben. Man muss diese tot scheinenden und doch zur Tatigkeit innerlich immer bereiten Wesen wirkend vor seinen Augen sehen, mit Teilnahme schauen, wie sie einander suchen, sich anziehen, ergreifen, zerstoren, verschlingen, aufzehren und sodann aus der innigsten Verbindung wieder in erneuter, neuer, unerwarteter Gestalt hervortreten: dann traut man ihnen erst ein ewiges Leben, ja wohl gar Sinn und Verstand zu, weil wir unsere Sinne kaum genugend fuhlen, sie recht zu beobachten, und unsre Vernunft kaum hinlanglich, sie zu fassen."

"Ich leugne nicht," sagte Eduard, "dass die seltsamen Kunstworter demjenigen, der nicht durch sinnliches Anschauen, durch Begriffe mit ihnen versohnt ist, beschwerlich, ja lacherlich werden mussen. Doch konnten wir leicht mit Buchstaben einstweilen das Verhaltnis ausdrucken, wovon hier die Rede war."

"Wenn Sie glauben, dass es nicht pedantisch aussieht," versetzte der Hauptmann, "so kann ich wohl in der Zeichensprache mich kurzlich zusammenfassen. Denken Sie sich ein A, das mit einem B innig verbunden ist, durch viele Mittel und durch manche Gewalt nicht von ihm zu trennen; denken Sie sich ein C, das sich ebenso zu einem D verhalt, bringen Sie nun die beiden Paare in Beruhrung: A wird sich zu D, C zu B werfen, ohne dass man sagen kann, wer das andere zuerst verlassen, wer sich mit dem andern zuerst wieder verbunden habe."

"Nun denn!" fiel Eduard ein; "bis wir alles dieses mit Augen sehen, wollen wir diese Formel als Gleichnisrede betrachten, woraus wir uns eine Lehre zum unmittelbaren Gebrauch ziehen. Du stellst das A vor, Charlotte, und ich dein B; denn eigentlich hange ich doch nur von dir ab und folge dir wie dem A das B. Das C ist ganz deutlich der Kapitan, der mich fur diesmal dir einigermassen entzieht. Nun ist es billig, dass, wenn du nicht ins Unbestimmte entweichen sollst, dir fur ein D gesorgt werde, und das ist ganz ohne Frage das liebenswurdige Damchen Ottilie, gegen deren Annaherung du dich nicht langer verteidigen darfst."

"Gut!" versetzte Charlotte. "Wenn auch das Beispiel, wie mir scheint, nicht ganz auf unsern Fall passt, so halte ich es doch fur ein Gluck, dass wir heute einmal vollig zusammentreffen und dass diese Naturund Wahlverwandtschaften unter uns eine vertrauliche Mitteilung beschleunigen. Ich will es also nur gestehen, dass ich seit diesem Nachmittage entschlossen bin, Ottilien zu berufen; denn meine bisherige treue Beschliesserin und Haushalterin wird abziehen, weil sie heiratet. Dies ware von meiner Seite und um meinetwillen; was mich um Ottiliens willen bestimmt, das wirst du uns vorlesen. Ich will dir nicht ins Blatt sehen, aber freilich ist mir der Inhalt schon bekannt. Doch lies nur, lies!" Mit diesen Worten zog sie einen Brief hervor und reichte ihn Eduarden.

Funftes Kapitel

Brief der Vorsteherin

"Euer Gnaden werden verzeihen, wenn ich mich heute ganz kurz fasse; denn ich habe nach vollendeter offentlicher Prufung dessen, was wir im vergangenen Jahr an unsern Zoglingen geleistet haben, an die samtlichen Eltern und Vorgesetzten den Verlauf zu melden; auch darf ich wohl kurz sein, weil ich mit wenigem viel sagen kann. Ihre Fraulein Tochter hat sich in jedem Sinne als die Erste bewiesen. Die beiliegenden Zeugnisse, ihr eigner Brief, der die Beschreibung der Preise enthalt, die ihr geworden sind, und zugleich das Vergnugen ausdruckt, das sie uber ein so gluckliches Gelingen empfindet, wird Ihnen zur Beruhigung, ja zur Freude gereichen. Die meinige wird dadurch einigermassen gemindert, dass ich voraussehe, wir werden nicht lange mehr Ursache haben, ein so weit vorgeschrittenes Frauenzimmer bei uns zuruckzuhalten. Ich empfehle mich zu Gnaden und nehme mir die Freiheit, nachstens meine Gedanken uber das, was ich am vorteilhaftesten fur sie halte, zu eroffnen. Von Ottilien schreibt mein freundlicher Gehulfe."

Brief des Gehulfen

"Von Ottilien lasst mich unsre ehrwurdige Vorsteherin schreiben, teils weil es ihr, nach ihrer Art zu denken, peinlich ware, dasjenige, was zu melden ist, zu melden, teils auch, weil sie selbst einer Entschuldigung bedarf, die sie lieber mir in den Mund legen mag.

Da ich nur allzuwohl weiss, wie wenig die gute Ot

tilie das zu aussern imstande ist, was in ihr liegt und was sie vermag, so war mir vor der offentlichen Prufung einigermassen bange, um so mehr, als uberhaupt dabei keine Vorbereitung moglich ist, und auch, wenn es nach der gewohnlichen Weise sein konnte, Ottilie auf den Schein nicht vorzubereiten ware. Der Ausgang hat meine Sorge nur zu sehr gerechtfertigt; sie hat keinen Preis erhalten und ist auch unter denen, die kein Zeugnis empfangen haben. Was soll ich viel sagen? Im Schreiben hatten andere kaum so wohlgeformte Buchstaben, doch viel freiere Zuge; im Rechnen waren alle schneller, und an schwierige Aufgaben, welche sie besser lost, kam es bei der Untersuchung nicht. Im Franzosischen uberparlierten und uberexponierten sie manche; in der Geschichte waren ihr Namen und Jahrzahlen nicht gleich bei der Hand; bei der Geographie vermisste man Aufmerksamkeit auf die politische Einteilung. Zum musikalischen Vortrag ihrer wenigen bescheidenen Melodien fand sich weder Zeit noch Ruhe. Im Zeichnen hatte sie gewiss den Preis davongetragen; ihre Umrisse waren rein und die Ausfuhrung bei vieler Sorgfalt geistreich. Leider hatte sie etwas zu Grosses unternommen und war nicht fertig geworden.

Als die Schulerinnen abgetreten waren, die Prufenden zusammen Rat hielten und uns Lehrern wenigstens einiges Wort dabei gonnten, merkte ich wohl bald, dass von Ottilien gar nicht und, wenn es geschah, wo nicht mit Missbilligung, doch mit Gleichgultigkeit gesprochen wurde. Ich hoffte, durch eine offne Darstellung ihrer Art zu sein einige Gunst zu erregen, und wagte mich daran mit doppeltem Eifer, einmal, weil ich nach meiner Uberzeugung sprechen konnte, und sodann, weil ich mich in jungeren Jahren in eben demselben traurigen Fall befunden hatte. Man horte mich mit Aufmerksamkeit an; doch als ich geendigt hatte, sagte mir der vorsitzende Prufende zwar freundlich, aber lakonisch: 'Fahigkeiten werden vorausgesetzt, sie sollen zu Fertigkeiten werden. Dies ist der Zweck aller Erziehung, dies ist die laute, deutliche Absicht der Eltern und Vorgesetzten, die stille, nur halb bewusste der Kinder selbst. Dies ist auch der Gegenstand der Prufung, wobei zugleich Lehrer und Schuler beurteilt werden. Aus dem, was wir von Ihnen vernehmen, schopfen wir gute Hoffnung von dem Kinde, und Sie sind allerdings lobenswurdig, indem Sie auf die Fahigkeiten der Schulerinnen genau achtgeben. Verwandeln Sie solche ubers Jahr in Fertigkeiten, so wird es Ihnen und Ihrer begunstigten Schulerin nicht an Beifall mangeln.'

In das, was hierauf folgte, hatte ich mich schon er

geben, aber ein noch Ubleres nicht befurchtet, das sich bald darauf zutrug. Unsere gute Vorsteherin, die wie ein guter Hirte auch nicht eins von ihren Schafchen verloren oder, wie es hier der Fall war, ungeschmuckt sehen mochte, konnte, nachdem die Herren sich entfernt hatten, ihren Unwillen nicht bergen und sagte zu Ottilien, die ganz ruhig, indem die andern sich uber ihre Preise freuten, am Fenster stand: 'Aber sagen Sie mir, um's Himmels willen! wie kann man so dumm aussehen, wenn man es nicht ist?' Ottilie versetzte ganz gelassen: 'Verzeihen Sie, liebe Mutter, ich habe gerade heute wieder mein Kopfweh, und ziemlich stark.' 'Das kann niemand wissen!' versetzte die sonst so teilnehmende Frau und kehrte sich verdriesslich um.

Nun es ist wahr: niemand kann es wissen; denn Ot

tilie verandert das Gesicht nicht, und ich habe auch nicht gesehen, dass sie einmal die Hand nach dem Schlafe zu bewegt hatte.

Das war noch nicht alles. Ihre Fraulein Tochter,

gnadige Frau, sonst lebhaft und freimutig, war im Gefuhl ihres heutigen Triumphs ausgelassen und ubermutig. Sie sprang mit ihren Preisen und Zeugnissen in den Zimmern herum und schuttelte sie auch Ottilien vor dem Gesicht. 'Du bist heute schlecht gefahren!' rief sie aus. Ganz gelassen antwortete Ottilie: 'Es ist noch nicht der letzte Prufungstag.' 'Und doch wirst du immer die Letzte bleiben!' rief das Fraulein und sprang hinweg.

Ottilie schien gelassen fur jeden andern, nur nicht fur mich. Eine innere, unangenehme, lebhafte Bewegung, der sie widersteht, zeigt sich durch eine ungleiche Farbe des Gesichts. Die linke Wange wird auf einen Augenblick rot, indem die rechte bleich wird. Ich sah dies Zeichen, und meine Teilnehmung konnte sich nicht zuruckhalten. Ich fuhrte unsre Vorsteherin beiseite, sprach ernsthaft mit ihr uber die Sache. Die treffliche Frau erkannte ihren Fehler.

Wir berieten, wir besprachen uns lange, und ohne deshalb weitlaufiger zu sein, will ich Euer Gnaden unsern Beschluss und unsre Bitte vortragen: Ottilien auf einige Zeit zu sich zu nehmen. Die Grunde werden Sie sich selbst am besten entfalten. Bestimmen Sie sich hiezu, so sage ich mehr uber die Behandlung des guten Kindes. Verlasst uns dann Ihre Fraulein Tochter, wie zu vermuten steht, so sehen wir Ottilien mit Freuden zuruckkehren.

Noch eins, das ich vielleicht in der Folge vergessen konnte: ich habe nie gesehen, dass Ottilie etwas verlangt oder gar um etwas dringend gebeten hatte. Dagegen kommen Falle, wiewohl selten, dass sie etwas abzulehnen sucht, was man von ihr fordert. Sie tut das mit einer Gebarde, die fur den, der den Sinn davon gefasst hat, unwiderstehlich ist. Sie druckt die flachen Hande, die sie in die Hohe hebt, zusammen und fuhrt sie gegen die Brust, indem sie sich nur wenig vorwarts neigt und den dringend Fordernden mit einem solchen Blick ansieht, dass er gern von allem absteht, was er verlangen oder wunschen mochte. Sehen Sie jemals diese Gebarde, gnadige Frau, wie es bei Ihrer Behandlung nicht wahrscheinlich ist, so gedenken Sie meiner und schonen Ottilien." Eduard hatte diese Briefe vorgelesen, nicht ohne Lacheln und Kopfschutteln. Auch konnte es an Bemerkungen uber die Personen und uber die Lage der Sache nicht fehlen. "Genug!" rief Eduard endlich aus; "es ist entschieden, sie kommt! Fur dich ware gesorgt, meine Liebe, und wir durfen nun auch mit unserm Vorschlag hervorrucken. Es wird hochst notig, dass ich zu dem Hauptmann auf den rechten Flugel hinuberziehe. Sowohl abends als morgens ist erst die rechte Zeit, zusammen zu arbeiten. Du erhaltst dagegen fur dich und Ottilien auf deiner Seite den schonsten Raum."

Charlotte liess sichs gefallen, und Eduard schilderte ihre kunftige Lebensart. Unter andern rief er aus: "Es ist doch recht zuvorkommend von der Nichte, ein wenig Kopfweh auf der linken Seite zu haben; ich habe es manchmal auf der rechten. Trifft es zusammen und wir sitzen gegeneinander, ich auf den rechten Ellbogen, sie auf den linken gestutzt und die Kopfe nach verschiedenen Seiten in die Hand gelegt, so muss das ein Paar artige Gegenbilder geben."

Der Hauptmann wollte das gefahrlich finden. Eduard hingegen rief aus: "Nehmen Sie sich nur, lieber Freund, vor dem D in acht! Was sollte B denn anfangen, wenn ihm C entrissen wurde?"

"Nun, ich dachte doch," versetzte Charlotte, "das verstunde sich von selbst."

"Freilich," rief Eduard; "es kehrte zu seinem A zuruck, zu seinem A und O!" rief er, indem er aufsprang und Charlotten fest an seine Brust druckte.

Sechstes Kapitel

Ein Wagen, der Ottilien brachte, war angefahren. Charlotte ging ihr entgegen; das liebe Kind eilte, sich ihr zu nahern, warf sich ihr zu Fussen und umfasste ihre Kniee.

"Wozu die Demutigung!" sagte Charlotte, die einigermassen verlegen war und sie aufheben wollte. "Es ist so demutig nicht gemeint," versetzte Ottilie, die in ihrer vorigen Stellung blieb. "Ich mag mich nur so gern jener Zeit erinnern, da ich noch nicht hoher reichte als bis an Ihre Kniee und Ihrer Liebe schon so gewiss war."

Sie stand auf, und Charlotte umarmte sie herzlich. Sie ward den Mannern vorgestellt und gleich mit besonderer Achtung als Gast behandelt. Schonheit ist uberall ein gar willkommener Gast. Sie schien aufmerksam auf das Gesprach, ohne dass sie daran teilgenommen hatte.

Den andern Morgen sagte Eduard zu Charlotten: "Es ist ein angenehmes, unterhaltendes Madchen."

"Unterhaltend?" versetzte Charlotte mit Lacheln; "sie hat ja den Mund noch nicht aufgetan."

"So?" erwiderte Eduard, indem er sich zu besinnen schien, "das ware doch wunderbar!"

Charlotte gab dem neuen Ankommling nur wenig Winke, wie es mit dem Hausgeschafte zu halten sei. Ottilie hatte schnell die ganze Ordnung eingesehen, ja, was noch mehr ist, empfunden. Was sie fur alle, fur einen jeden insbesondre zu besorgen hatte, begriff sie leicht. Alles geschah punktlich. Sie wusste anzuordnen, ohne dass sie zu befehlen schien, und wo jemand saumte, verrichtete sie das Geschaft gleich selbst.

Sobald sie gewahr wurde, wieviel Zeit ihr ubrigblieb, bat sie Charlotten, ihre Stunden einteilen zu durfen, die nun genau beobachtet wurden. Sie arbeitete das Vorgesetzte auf eine Art, von der Charlotte durch den Gehulfen unterrichtet war. Man liess sie gewahren. Nur zuweilen suchte Charlotte sie anzuregen. So schob sie ihr manchmal abgeschriebene Federn unter, um sie auf einen freieren Zug der Handschrift zu leiten; aber auch diese waren bald wieder scharf geschnitten.

Die Frauenzimmer hatten untereinander festgesetzt, franzosisch zu reden, wenn sie allein waren, und Charlotte beharrte um so mehr dabei, als Ottilie gesprachiger in der fremden Sprache war, indem man ihr die Ubung derselben zur Pflicht gemacht hatte. Hier sagte sie oft mehr, als sie zu wollen schien. Besonders ergetzte sich Charlotte an einer zufalligen, zwar genauen, aber doch liebevollen Schilderung der ganzen Pensionsanstalt. Ottilie ward ihr eine liebe Gesellschafterin, und sie hoffte, dereinst an ihr eine zuverlassige Freundin zu finden.

Charlotte nahm indes die alteren Papiere wieder vor, die sich auf Ottilien bezogen, um sich in Erinnerung zu bringen, was die Vorsteherin, was der Gehulfe uber das gute Kind geurteilt, um es mit ihrer Personlichkeit selbst zu vergleichen. Denn Charlotte war der Meinung, man konne nicht geschwind genug mit dem Charakter der Menschen bekannt werden, mit denen man zu leben hat, um zu wissen, was sich von ihnen erwarten, was sich an ihnen bilden lasst, oder was man ihnen ein fur allemal zugestehen und verzeihen muss.

Sie fand zwar bei dieser Untersuchung nichts Neues, aber manches Bekannte ward ihr bedeutender und auffallender. So konnte ihr zum Beispiel Ottiliens Massigkeit im Essen und Trinken wirklich Sorge machen.

Das Nachste, was die Frauen beschaftigte, war der Anzug. Charlotte verlangte von Ottilien, sie solle in Kleidern reicher und mehr ausgesucht erscheinen. Sogleich schnitt das gute, tatige Kind die ihr fruher geschenkten Stoffe selbst zu und wusste sie sich mit geringer Beihulfe anderer schnell und hochst zierlich anzupassen. Die neuen, modischen Gewander erhohten ihre Gestalt; denn indem das Angenehme einer Person sich auch uber ihre Hulle verbreitet, so glaubt man sie immer wieder von neuem und anmutiger zu sehen, wenn sie ihre Eigenschaften einer neuen Umgebung mitteilt.

Dadurch ward sie den Mannern, wie von Anfang so immer mehr, dass wir es nur mit dem rechten Namen nennen, ein wahrer Augentrost. Denn wenn der Smaragd durch seine herrliche Farbe dem Gesicht wohltut, ja sogar einige Heilkraft an diesem edlen Sinn ausubt, so wirkt die menschliche Schonheit noch mit weit grosserer Gewalt auf den aussern und innern Sinn. Wer sie erblickt, den kann nichts Ubles anwehen; er fuhlt sich mit sich selbst und mit der Welt in Ubereinstimmung.

Auf manche Weise hatte daher die Gesellschaft durch Ottiliens Ankunft gewonnen. Die beiden Freunde hielten regelmassiger die Stunden, ja die Minuten der Zusammenkunfte. Sie liessen weder zum Essen, noch zum Tee, noch zum Spaziergang langer als billig auf sich warten. Sie eilten, besonders abends, nicht so bald von Tische weg. Charlotte bemerkte das wohl und liess beide nicht unbeobachtet. Sie suchte zu erforschen, ob einer vor dem andern hiezu den Anlass gabe; aber sie konnte keinen Unterschied bemerken. Beide zeigten sich uberhaupt geselliger. Bei ihren Unterhaltungen schienen sie zu bedenken, was Ottiliens Teilnahme zu erregen geeignet sein mochte, was ihren Einsichten, ihren ubrigen Kenntnissen gemass ware. Beim Lesen und Erzahlen hielten sie inne, bis sie wiederkam. Sie wurden milder und im ganzen mitteilender.

In Erwiderung dagegen wuchs die Dienstbeflissenheit Ottiliens mit jedem Tage. Je mehr sie das Haus, die Menschen, die Verhaltnisse kennenlernte, desto lebhafter griff sie ein, desto schneller verstand sie jeden Blick, jede Bewegung, ein halbes Wort, einen Laut. Ihre ruhige Aufmerksamkeit blieb sich immer gleich, so wie ihre gelassene Regsamkeit. Und so war ihr Sitzen, Aufstehen, Gehen, Kommen, Holen, Bringen, Wiederniedersitzen ohne einen Schein von Unruhe, ein ewiger Wechsel, eine ewige angenehme Bewegung. Dazu kam, dass man sie nicht gehen horte; so leise trat sie auf.

Diese anstandige Dienstfertigkeit Ottiliens machte Charlotten viele Freude. Ein einziges, was ihr nicht ganz angemessen vorkam, verbarg sie Ottilien nicht. "Es gehort", sagte sie eines Tages zu ihr, "unter die lobenswurdigen Aufmerksamkeiten, dass wir uns schnell bucken, wenn jemand etwas aus der Hand fallen lasst, und es eilig aufzuheben suchen. Wir bekennen uns dadurch ihm gleichsam dienstpflichtig; nur ist in der grossern Welt dabei zu bedenken, wem man eine solche Ergebenheit bezeigt. Gegen Frauen will ich dir daruber keine Gesetze vorschreiben. Du bist jung. Gegen Hohere und Altere ist es Schuldigkeit, gegen deinesgleichen Artigkeit, gegen Jungere und Niedere zeigt man sich dadurch menschlich und gut; nur will es einem Frauenzimmer nicht wohl geziemen, sich Mannern auf diese Weise ergeben und dienstbar zu bezeigen."

"Ich will es mir abzugewohnen suchen," versetzte Ottilie. "Indessen werden Sie mir diese Unschicklichkeit vergeben, wenn ich Ihnen sage, wie ich dazu gekommen bin. Man hat uns die Geschichte gelehrt; ich habe nicht soviel daraus behalten, als ich wohl gesollt hatte; denn ich wusste nicht, wozu ichs brauchen wurde. Nur einzelne Begebenheiten sind mir sehr eindrucklich gewesen, so folgende:

Als Karl der Erste von England vor seinen sogenannten Richtern stand, fiel der goldne Knopf des Stockchens, das er trug, herunter. Gewohnt, dass bei solchen Gelegenheiten sich alles fur ihn bemuhte, schien er sich umzusehen und zu erwarten, dass ihm jemand auch diesmal den kleinen Dienst erzeigen sollte. Es regte sich niemand; er buckte sich selbst, um den Knopf aufzuheben. Mir kam das so schmerzlich vor, ich weiss nicht, ob mit Recht, dass ich von jenem Augenblick an niemanden kann etwas aus den Handen fallen sehn, ohne mich darnach zu bucken. Da es aber freilich nicht immer schicklich sein mag und ich", fuhr sie lachelnd fort, "nicht jederzeit meine Geschichte erzahlen kann, so will ich mich kunftig mehr zuruckhalten."

Indessen hatten die guten Anstalten, zu denen sich die beiden Freunde berufen fuhlten, ununterbrochenen Fortgang. Ja taglich fanden sie neuen Anlass, etwas zu bedenken und zu unternehmen.

Als sie eines Tages zusammen durch das Dorf gingen, bemerkten sie missfallig, wie weit es an Ordnung und Reinlichkeit hinter jenen Dorfern zuruckstehe, wo die Bewohner durch die Kostbarkeit des Raums auf beides hingewiesen werden.

"Du erinnerst dich," sagte der Hauptmann, "wie wir auf unserer Reise durch die Schweiz den Wunsch ausserten, eine landliche sogenannte Parkanlage recht eigentlich zu verschonern, indem wir ein so gelegenes Dorf nicht zur Schweizer Bauart, sondern zur Schweizer Ordnung und Sauberkeit, welche die Benutzung so sehr befordern, einrichteten."

"Hier zum Beispiel", versetzte Eduard, "ginge das wohl an. Der Schlossberg verlauft sich in einen vorspringenden Winkel herunter; das Dorf ist ziemlich regelmassig im Halbzirkel gegenuber gebaut; dazwischen fliesst der Bach, gegen dessen Anschwellen sich der eine mit Steinen, der andere mit Pfahlen, wieder einer mit Balken und der Nachbar sodann mit Planken verwahren will, keiner aber den andern fordert, vielmehr sich und den ubrigen Schaden und Nachteil bringt. So geht der Weg auch in ungeschickter Bewegung bald herauf, bald herab, bald durchs Wasser, bald uber Steine. Wollten die Leute mit Hand anlegen, so wurde kein grosser Zuschuss notig sein, um hier eine Mauer im Halbkreis aufzufuhren, den Weg dahinter bis an die Hauser zu erhohen, den schonsten Raum herzustellen, der Reinlichkeit Platz zu geben und durch eine ins Grosse gehende Anstalt alle kleine, unzulangliche Sorge auf einmal zu verbannen."

"Lass es uns versuchen!" sagte der Hauptmann, indem er die Lage mit den Augen uberlief und schnell beurteilte.

"Ich mag mit Burgern und Bauern nichts zu tun haben, wenn ich ihnen nicht geradezu befehlen kann," versetzte Eduard.

"Du hast so unrecht nicht," erwiderte der Hauptmann; "denn auch mir machten dergleichen Geschafte im Leben schon viel Verdruss. Wie schwer ist es, dass der Mensch recht abwage, was man aufopfern muss gegen das, was zu gewinnen ist, wie schwer, den Zweck zu wollen und die Mittel nicht zu verschmahen! Viele verwechseln gar die Mittel und den Zweck, erfreuen sich an jenen, ohne diesen im Auge zu behalten. Jedes Ubel soll an der Stelle geheilt werden, wo es zum Vorschein kommt, und man bekummert sich nicht um jenen Punkt, wo es eigentlich seinen Ursprung nimmt, woher es wirkt. Deswegen ist es so schwer, Rat zu pflegen, besonders mit der Menge, die im Taglichen ganz verstandig ist, aber selten weiter sieht als auf morgen. Kommt nun gar dazu, dass der eine bei einer gemeinsamen Anstalt gewinnen, der andre verlieren soll, da ist mit Vergleich nun gar nichts auszurichten. Alles eigentlich gemeinsame Gute muss durch das unumschrankte Majestatsrecht gefordert werden."

Indem sie standen und sprachen, bettelte sie ein Mensch an, der mehr frech als bedurftig aussah. Eduard, ungern unterbrochen und beunruhigt, schalt ihn, nachdem er ihn einigemal vergebens gelassener abgewiesen hatte. Als aber der Kerl sich murrend, ja gegenscheltend mit kleinen Schritten entfernte, auf die Rechte des Bettlers trotzte, dem man wohl ein Almosen versagen, ihn aber nicht beleidigen durfe, weil er so gut wie jeder andere unter dem Schutze Gottes und der Obrigkeit stehe, kam Eduard ganz aus der Fassung.

Der Hauptmann, ihn zu begutigen, sagte darauf: "Lass uns diesen Vorfall als eine Aufforderung annehmen, unsere landliche Polizei auch hieruber zu erstrecken! Almosen muss man einmal geben; man tut aber besser, wenn man sie nicht selbst gibt, besonders zu Hause. Da sollte man massig und gleichformig in allem sein, auch im Wohltun. Eine allzu reichliche Gabe lockt Bettler herbei, anstatt sie abzufertigen, dagegen man wohl auf der Reise, im Vorbeifliegen, einem Armen an der Strasse in der Gestalt des zufalligen Glucks erscheinen und ihm eine uberraschende Gabe zuwerfen mag. Uns macht die Lage des Dorfes, des Schlosses eine solche Anstalt sehr leicht; ich habe schon fruher daruber nachgedacht.

An dem einen Ende des Dorfes liegt das Wirtshaus, an dem andern wohnen ein Paar alte, gute Leute; an beiden Orten musst du eine kleine Geldsumme niederlegen. Nicht der ins Dorf Hereingehende, sondern der Hinausgehende erhalt etwas; und da die beiden Hauser zugleich an den Wegen stehen, die auf das Schloss fuhren, so wird auch alles, was sich hinaufwenden wollte, an die beiden Stellen gewiesen."

"Komm," sagte Eduard, "wir wollen das gleich abmachen; das Genauere konnen wir immer noch nachholen."

Sie gingen zum Wirt und zu dem alten Paare, und die Sache war abgetan.

"Ich weiss recht gut," sagte Eduard, indem sie zusammen den Schlossberg wieder hinaufstiegen, "dass alles in der Welt ankommt auf einen gescheiten Einfall und auf einen festen Entschluss. So hast du die Parkanlagen meiner Frau sehr richtig beurteilt und mir auch schon einen Wink zum Bessern gegeben, den ich ihr, wie ich gar nicht leugnen will, sogleich mitgeteilt habe."

"Ich konnte es vermuten," versetzte der Hauptmann, "aber nicht billigen. Du hast sie irregemacht; sie lasst alles liegen und trutzt in dieser einzigen Sache mit uns; denn sie vermeidet davon zu reden und hat uns nicht wieder zur Mooshutte eingeladen, ob sie gleich mit Ottilien in den Zwischenstunden hinaufgeht."

"Dadurch mussen wir uns", versetzte Eduard, "nicht abschrecken lassen. Wenn ich von etwas Gutem uberzeugt bin, was geschehen konnte und sollte, so habe ich keine Ruhe, bis ich es getan sehe. Sind wir doch sonst klug, etwas einzuleiten! Lass uns die englischen Parkbeschreibungen mit Kupfern zur Abendunterhaltung vornehmen, nachher deine Gutskarte! Man muss es erst problematisch und nur wie zum Scherz behandeln; der Ernst wird sich schon finden."

Nach dieser Verabredung wurden die Bucher aufgeschlagen, worin man jedesmal den Grundriss der Gegend und ihre landschaftliche Ansicht in ihrem ersten, rohen Naturzustande gezeichnet sah, sodann auf andern Blattern die Veranderung vorgestellt fand, welche die Kunst daran vorgenommen, um alles das bestehende Gute zu nutzen und zu steigern. Hievon war der Ubergang zur eigenen Besitzung, zur eignen Umgebung und zu dem, was man daran ausbilden konnte, sehr leicht.

Die von dem Hauptmann entworfene Karte zum Grunde zu legen, war nunmehr eine angenehme Beschaftigung; nur konnte man sich von jener ersten Vorstellung, nach der Charlotte die Sache einmal angefangen hatte, nicht ganz losreissen. Doch erfand man einen leichtern Aufgang auf die Hohe; man wollte oberwarts am Abhange vor einem angenehmen Holzchen ein Lustgebaude auffuhren; dieses sollte einen Bezug aufs Schloss haben; aus den Schlossfenstern sollte man es ubersehen, von dorther Schloss und Garten wieder bestreichen konnen.

Der Hauptmann hatte alles wohl uberlegt und gemessen und brachte jenen Dorfweg, jene Mauer am Bache her, jene Ausfullung wieder zur Sprache. "Ich gewinne," sagte er, "indem ich einen bequemen Weg zur Anhohe hinauffuhre, gerade soviel Steine, als ich zu jener Mauer bedarf. Sobald eins ins andre greift, wird beides wohlfeiler und geschwinder bewerkstelligt."

"Nun aber", sagte Charlotte, "kommt meine Sorge. Notwendig muss etwas Bestimmtes ausgesetzt werden; und wenn man weiss, wieviel zu einer solchen Anlage erforderlich ist, dann teilt man es ein, wo nicht auf Wochen, doch wenigstens auf Monate. Die Kasse ist unter meinem Beschluss; ich zahle die Zettel, und die Rechnung fuhre ich selbst."

"Du scheinst uns nicht sonderlich viel zu vertrauen," sagte Eduard.

"Nicht viel in willkurlichen Dingen," versetzte Charlotte. "Die Willkur wissen wir besser zu beherrschen als ihr."

Die Einrichtung war gemacht, die Arbeit rasch angefangen, der Hauptmann immer gegenwartig und Charlotte nunmehr fast taglich Zeuge seines ernsten und bestimmten Sinnes. Auch er lernte sie naher kennen, und beiden wurde es leicht, zusammen zu wirken und etwas zustande zu bringen.

Es ist mit den Geschaften wie mit dem Tanze: Personen, die gleichen Schritt halten, mussen sich unentbehrlich werden, ein wechselseitiges Wohlwollen muss notwendig daraus entspringen, und dass Charlotte dem Hauptmann, seitdem sie ihn naher kennengelernt, wirklich wohlwollte, davon war ein sicherer Beweis, dass sie ihn einen schonen Ruheplatz, den sie bei ihren ersten Anlagen besonders ausgesucht und verziert hatte, der aber seinem Plane entgegenstand, ganz gelassen zerstoren liess, ohne auch nur die mindeste unangenehme Empfindung dabei zu haben.

Siebentes Kapitel

Indem nun Charlotte mit dem Hauptmann eine gemeinsame Beschaftigung fand, so war die Folge, dass sich Eduard mehr zu Ottilien gesellte. Fur sie sprach ohnehin seit einiger Zeit eine stille, freundliche Neigung in seinem Herzen. Gegen jedermann war sie dienstfertig und zuvorkommend; dass sie es gegen ihn am meisten sei, das wollte seiner Selbstliebe scheinen. Nun war keine Frage: was fur Speisen und wie er sie liebte, hatte sie schon genau bemerkt; wieviel er Zucker zum Tee zu nehmen pflegte und was dergleichen mehr ist, entging ihr nicht. Besonders war sie sorgfaltig, alle Zugluft abzuwehren, gegen die er eine ubertriebene Empfindlichkeit zeigte und deshalb mit seiner Frau, der es nicht luftig genug sein konnte, manchmal in Widerspruch geriet. Ebenso wusste sie im Baum- und Blumengarten Bescheid. Was er wunschte, suchte sie zu befordern, was ihn ungeduldig machen konnte, zu verhuten, dergestalt dass sie in kurzem wie ein freundlicher Schutzgeist ihm unentbehrlich ward und er anfing, ihre Abwesenheit schon peinlich zu empfinden. Hiezu kam noch, dass sie gesprachiger und offener schien, sobald sie sich allein trafen.

Eduard hatte bei zunehmenden Jahren immer etwas Kindliches behalten, das der Jugend Ottiliens besonders zusagte. Sie erinnerten sich gern fruherer Zeiten, wo sie einander gesehen; es stiegen diese Erinnerungen bis in die ersten Epochen der Neigung Eduards zu Charlotten. Ottilie wollte sich der beiden noch als des schonsten Hofpaares erinnern; und wenn Eduard ihr ein solches Gedachtnis aus ganz fruher Jugend absprach, so behauptete sie doch, besonders einen Fall noch vollkommen gegenwartig zu haben, wie sie sich einmal bei seinem Hereintreten in Charlottens Schoss versteckt, nicht aus Furcht, sondern aus kindischer Uberraschung. Sie hatte dazusetzen konnen: weil er so lebhaften Eindruck auf sie gemacht, weil er ihr gar so wohl gefallen.

Bei solchen Verhaltnissen waren manche Geschafte, welche die beiden Freunde zusammen fruher vorgenommen, gewissermassen in Stocken geraten, so dass sie fur notig fanden, sich wieder eine Ubersicht zu verschaffen, einige Aufsatze zu entwerfen, Briefe zu schreiben. Sie bestellten sich deshalb auf ihre Kanzlei, wo sie den alten Kopisten mussig fanden. Sie gingen an die Arbeit und gaben ihm bald zu tun, ohne zu bemerken, dass sie ihm manches aufburdeten, was sie sonst selbst zu verrichten gewohnt waren. Gleich der erste Aufsatz wollte dem Hauptmann, gleich der erste Brief Eduarden nicht gelingen. Sie qualten sich eine Zeitlang mit Konzipieren und Umschreiben, bis endlich Eduard, dem es am wenigsten vonstatten ging, nach der Zeit fragte.

Da zeigte sich denn, dass der Hauptmann vergessen hatte, seine chronometrische Sekundenuhr aufzuziehen, das erstemal seit vielen Jahren; und sie schienen, wo nicht zu empfinden, doch zu ahnen, dass die Zeit anfange, ihnen gleichgultig zu werden.

Indem so die Manner einigermassen in ihrer Geschaftigkeit nachliessen, wuchs vielmehr die Tatigkeit der Frauen. Uberhaupt nimmt die gewohnliche Lebensweise einer Familie, die aus den gegebenen Personen und aus notwendigen Umstanden entspringt, auch wohl eine ausserordentliche Neigung, eine werdende Leidenschaft in sich wie ein Gefass auf, und es kann eine ziemliche Zeit vergehen, ehe dieses neue Ingrediens eine merkliche Garung verursacht und schaumend uber den Rand schwillt.

Bei unsern Freunden waren die entstehenden wechselseitigen Neigungen von der angenehmsten Wirkung. Die Gemuter offneten sich, und ein allgemeines Wohlwollen entsprang aus dem besonderen. Jeder Teil fuhlte sich glucklich und gonnte dem andern sein Gluck.

Ein solcher Zustand erhebt den Geist, indem er das Herz erweitert, und alles, was man tut und vornimmt, hat eine Richtung gegen das Unermessliche. So waren auch die Freunde nicht mehr in ihrer Wohnung befangen. Ihre Spaziergange dehnten sich weiter aus, und wenn dabei Eduard mit Ottilien, die Pfade zu wahlen, die Wege zu bahnen, vorauseilte, so folgte der Hauptmann mit Charlotten in bedeutender Unterhaltung, teilnehmend an manchem neuentdeckten Platzchen, an mancher unerwarteten Aussicht, geruhig der Spur jener rascheren Vorganger.

Eines Tages leitete sie ihr Spaziergang durch die Schlosspforte des rechten Flugels hinunter nach dem Gasthofe, uber die Brucke gegen die Teiche zu, an denen sie hingingen, soweit man gewohnlich das Wasser verfolgte, dessen Ufer sodann, von einem buschigen Hugel und weiterhin von Felsen eingeschlossen, aufhorte, gangbar zu sein.

Aber Eduard, dem von seinen Jagdwanderungen her die Gegend bekannt war, drang mit Ottilien auf einem bewachsenen Pfade weiter vor, wohl wissend, dass die alte, zwischen Felsen versteckte Muhle nicht weit abliegen konnte. Allein der wenig betretene Pfad verlor sich bald, und sie fanden sich im dichten Gebusch zwischen moosigem Gestein verirrt, doch nicht lange; denn das Rauschen der Rader verkundigte ihnen sogleich die Nahe des gesuchten Ortes.

Auf eine Klippe vorwarts tretend, sahen sie das alte, schwarze, wunderliche Holzgebaude im Grunde vor sich, von steilen Felsen sowie von hohen Baumen umschattet. Sie entschlossen sich kurz und gut, uber Moos und Felstrummer hinabzusteigen, Eduard voran; und wenn er nun in die Hohe sah und Ottilie leicht schreitend, ohne Furcht und Angstlichkeit, im schonsten Gleichgewicht von Stein zu Stein ihm folgte, glaubte er ein himmlisches Wesen zu sehen, das uber ihm schwebte. Und wenn sie nun manchmal an unsicherer Stelle seine ausgestreckte Hand ergriff, ja sich auf seine Schulter stutzte, dann konnte er sich nicht verleugnen, dass es das zarteste weibliche Wesen sei, das ihn beruhrte. Fast hatte er gewunscht, sie mochte straucheln, gleiten, dass er sie in seine Arme auffangen, sie an sein Herz drucken konnte. Doch dies hatte er unter keiner Bedingung getan, aus mehr als einer Ursache: er furchtete sie zu beleidigen, sie zu beschadigen.

Wie dies gemeint sei, erfahren wir sogleich. Denn als er nun herabgelangt, ihr unter den hohen Baumen am landlichen Tische gegenubersass, die freundliche Mullerin nach Milch, der bewillkommende Muller Charlotten und dem Hauptmann entgegen gesandt war, fing Eduard mit einigem Zaudern zu sprechen an:

"Ich habe eine Bitte, liebe Ottilie; verzeihen Sie mir die, wenn Sie mir sie auch versagen! Sie machen kein Geheimnis daraus, und es braucht es auch nicht, dass Sie unter Ihrem Gewand, auf Ihrer Brust ein Miniaturbild tragen. Es ist das Bild Ihres Vaters, des braven Mannes, den Sie kaum gekannt und der in jedem Sinne eine Stelle an Ihrem Herzen verdient. Aber vergeben Sie mir: das Bild ist ungeschickt gross, und dieses Metall, dieses Glas macht mir tausend Angste, wenn Sie ein Kind in die Hohe heben, etwas vor sich hintragen, wenn die Kutsche schwankt, wenn wir durchs Gebusch dringen, eben jetzt, wie wir vom Felsen herabstiegen. Mir ist die Moglichkeit schrecklich, dass irgendein unvorgesehener Stoss, ein Fall, eine Beruhrung Ihnen schadlich und verderblich sein konnte. Tun Sie es mir zuliebe, entfernen Sie das Bild, nicht aus Ihrem Andenken, nicht aus Ihrem Zimmer; ja geben Sie ihm den schonsten, den heiligsten Ort Ihrer Wohnung; nur von Ihrer Brust entfernen Sie etwas, dessen Nahe mir, vielleicht aus Ubertriebener Angstlichkeit, so gefahrlich scheint!"

Ottilie schwieg und hatte, wahrend er sprach, vor sich hingesehen; dann, ohne Ubereilung und ohne Zaudern, mit einem Blick mehr gen Himmel als auf Eduard gewendet, loste sie die Kette, zog das Bild hervor, druckte es gegen ihre Stirn und reichte es dem Freunde hin mit den Worten: "Heben Sie mir es auf, bis wir nach Hause kommen! Ich vermag Ihnen nicht besser zu bezeugen, wie sehr ich Ihre freundliche Sorgfalt zu schatzen weiss."

Der Freund wagte nicht, das Bild an seine Lippen zu drucken, aber er fasste ihre Hand und druckte sie an seine Augen. Es waren vielleicht die zwei schonsten Hande, die sich jemals zusammenschlossen. Ihm war, als wenn ihm ein Stein vom Herzen gefallen ware, als wenn sich eine Scheidewand zwischen ihm und Ottilien niedergelegt hatte.

Vom Muller gefuhrt, langten Charlotte und der Hauptmann auf einem bequemeren Pfade herunter. Man begrusste sich, man erfreute und erquickte sich. Zuruck wollte man denselben Weg nicht kehren, und Eduard schlug einen Felspfad auf der andern Seite des Baches vor, auf welchem die Teiche wieder zu Gesicht kamen, indem man ihn mit einiger Anstrengung zurucklegte. Nun durchstrich man abwechselndes Geholz und erblickte nach dem Lande zu mancherlei Dorfer, Flecken, Meiereien mit ihren grunen und fruchtbaren Umgebungen; zunachst ein Vorwerk, das an der Hohe mitten im Holze gar vertraulich lag. Am schonsten zeigte sich der grosste Reichtum der Gegend, vor- und ruckwarts, auf der sanfterstiegenen Hohe, von da man zu einem lustigen Waldchen gelangte und beim Heraustreten aus demselben sich auf dem Felsen dem Schlosse gegenuber befand.

Wie froh waren sie, als sie daselbst gewissermassen unvermutet ankamen! Sie hatten eine kleine Welt umgangen; sie standen auf dem Platze, wo das neue Gebaude hinkommen sollte, und sahen wieder in die Fenster ihrer Wohnung.

Man stieg zur Mooshutte hinunter und sass zum erstenmal darin zu vieren. Nichts war naturlicher, als dass einstimmig der Wunsch ausgesprochen wurde, dieser heutige Weg, den sie langsam und nicht ohne Beschwerlichkeit gemacht, mochte dergestalt gefuhrt und eingerichtet werden, dass man ihn gesellig, schlendernd und mit Behaglichkeit zurucklegen konnte. Jedes tat Vorschlage, und man berechnete, dass der Weg, zu welchem sie mehrere Stunden gebraucht hatten, wohlgebahnt in einer Stunde zum Schloss zuruckfuhren musste. Schon legte man in Gedanken unterhalb der Muhle, wo der Bach in die Teiche fliesst, eine wegverkurzende und die Landschaft zierende Brucke an, als Charlotte der erfindenden Einbildungskraft einigen Stillstand gebot, indem sie an die Kosten erinnerte, welche zu einem solchen Unternehmen erforderlich sein wurden.

"Hier ist auch zu helfen," versetzte Eduard. "Jenes Vorwerk im Walde, das so schon zu liegen scheint und so wenig eintragt, durfen wir nur veraussern und das daraus Geloste zu diesen Anlagen verwenden, so geniessen wir vergnuglich auf einem unschatzbaren Spaziergange die Interessen eines wohlangelegten Kapitals, da wir jetzt mit Missmut, bei letzter Berechnung am Schlusse des Jahrs, eine kummerliche Einnahme davon ziehen."

Charlotte selbst konnte als gute Haushalterin nicht viel dagegen erinnern. Die Sache war schon fruher zur Sprache gekommen. Nun wollte der Hauptmann einen Plan zu Zerschlagung der Grundstucke unter die Waldbauern machen; Eduard aber wollte kurzer und bequemer verfahren wissen. Der gegenwartige Pachter, der schon Vorschlage getan hatte, sollte es erhalten, terminweise zahlen, und so terminweise wollte man die planmassigen Anlagen von Strecke zu Strecke vornehmen.

So eine vernunftige, gemassigte Einrichtung musste durchaus Beifall finden, und schon sah die ganze Gesellschaft im Geiste die neuen Wege sich schlangeln, auf denen und in deren Nahe man noch die angenehmsten Ruhe- und Aussichtsplatze zu entdecken hoffte.

Um sich alles mehr im einzelnen zu vergegenwartigen, nahm man abends zu Hause sogleich die neue Karte vor. Man ubersah den zuruckgelegten Weg und wie er vielleicht an einigen Stellen noch vorteilhafter zu fuhren ware. Alle fruheren Vorsatze wurden nochmals durchgesprochen und mit den neuesten Gedanken verbunden, der Platz des neuen Hauses gegen dem Schloss uber nochmals gebilligt und der Kreislauf der Wege bis dahin abgeschlossen.

Ottilie hatte zu dem allen geschwiegen, als Eduard zuletzt den Plan, der bisher vor Charlotten gelegen, vor sie hinwandte und sie zugleich einlud, ihre Meinung zu sagen, und, als sie einen Augenblick anhielt, sie liebevoll ermunterte, doch ja nicht zu schweigen; alles sei ja noch gleichgultig, alles noch im Werden.

"Ich wurde", sagte Ottilie, indem sie den Finger auf die hochste Flache der Anhohe setzte, "das Haus hieher bauen. Man sahe zwar das Schloss nicht, denn es wird von dem Waldchen bedeckt; aber man befande sich auch dafur wie in einer andern und neuen Welt, indem zugleich das Dorf und alle Wohnungen verborgen waren. Die Aussicht auf die Teiche, nach der Muhle, auf die Hohen, in die Gebirge, nach dem Lande zu ist ausserordentlich schon; ich habe es im Vorbeigehen bemerkt."

"Sie hat recht!" rief Eduard. "Wie konnte uns das nicht einfallen! Nicht wahr, so ist es gemeint, Ottilie?" Er nahm einen Bleistift und strich ein langliches Viereck recht stark und derb auf die Anhohe.

Dem Hauptmann fuhr das durch die Seele, denn er sah einen sorgfaltigen, reinlich gezeichneten Plan ungern auf diese Weise verunstaltet; doch fasste er sich nach einer leisen Missbilligung und ging auf den Gedanken ein. "Ottilie hat recht," sagte er; "macht man nicht gern eine entfernte Spazierfahrt, um einen Kaffee zu trinken, einen Fisch zu geniessen, der uns zu Hause nicht so gut geschmeckt hatte? Wir verlangen Abwechselung und fremde Gegenstande. Das Schloss haben die Alten mit Vernunft hieher gebaut denn es liegt geschutzt vor den Winden und nah an allen taglichen Bedurfnissen; ein Gebaude hingegen, mehr zum geselligen Aufenthalt als zur Wohnung, wird sich dorthin recht wohl schicken und in der guten Jahrszeit die angenehmsten Stunden gewahren."

Je mehr man die Sache durchsprach, desto gunstiger erschien sie, und Eduard konnte seinen Triumph nicht bergen, dass Ottilie den Gedanken gehabt. Er war so stolz darauf, als ob die Erfindung sein gewesen ware.

Achtes Kapitel

Der Hauptmann untersuchte gleich am fruhsten Morgen den Platz, entwarf erst einen fluchtigen und, als die Gesellschaft an Ort und Stelle sich nochmals entschieden hatte, einen genauen Riss nebst Anschlag und allem Erforderlichen. Es fehlte nicht an der notigen Vorbereitung. Jenes Geschaft wegen Verkauf des Vorwerks ward auch sogleich wieder angegriffen. Die Manner fanden zusammen neuen Anlass zur Tatigkeit.

Der Hauptmann machte Eduarden bemerklich, dass es eine Artigkeit, ja wohl gar eine Schuldigkeit sei, Charlottens Geburtstag durch Legung des Grundsteins zu feiern. Es bedurfte nicht viel, die alte Abneigung Eduards gegen solche Feste zu uberwinden; denn es kam ihm schnell in den Sinn, Ottiliens Geburtstag, der spater fiel, gleichfalls recht feierlich zu begehen.

Charlotte, der die neuen Anlagen, und was deshalb geschehen sollte, bedeutend, ernstlich, ja fast bedenklich vorkamen, beschaftigte sich damit, die Anschlage, Zeit- und Geldeinteilungen nochmals fur sich durchzugehen. Man sah sich des Tages weniger, und mit desto mehr Verlangen suchte man sich des Abends auf.

Ottilie war indessen schon vollig Herrin des Haushaltes, und wie konnte es anders sein bei ihrem stillen und sichern Betragen. Auch war ihre ganze Sinnesweise dem Hause und dem Hauslichen mehr als der Welt, mehr als dem Leben im Freien zugewendet. Eduard bemerkte bald, dass sie eigentlich nur aus Gefalligkeit in die Gegend mitging, dass sie nur aus geselliger Pflicht abends langer draussen verweilte, auch wohl manchmal einen Vorwand hauslicher Tatigkeit suchte, um wieder hineinzugehen. Sehr bald wusste er daher die gemeinschaftlichen Wanderungen so einzurichten, dass man vor Sonnenuntergang wieder zu Hause war, und fing an, was er lange unterlassen hatte, Gedichte vorzulesen, solche besonders, in deren Vortrag der Ausdruck einer reinen, doch leidenschaftlichen Liebe zu legen war.

Gewohnlich sassen sie abends um einen kleinen Tisch auf hergebrachten Platzen: Charlotte auf dem Sofa, Ottilie auf einem Sessel gegen ihr uber, und die Manner nahmen die beiden andern Seiten ein. Ottilie sass zu Eduarden zur Rechten, wohin er auch das Licht schob, wenn er las. Alsdann ruckte sich Ottilie wohl naher, um ins Buch zu sehen, denn auch sie traute ihren eigenen Augen mehr als fremden Lippen; und Eduard gleichfalls ruckte zu, um es ihr auf alle Weise bequem zu machen, ja er hielt oft langere Pausen als notig, damit er nur nicht eher umwendete, bis auch sie zu Ende der Seite gekommen.

Charlotte und der Hauptmann bemerkten es wohl und sahen manchmal einander lachelnd an; doch wurden beide von einem andern Zeichen uberrascht, in welchem sich Ottiliens stille Neigung gelegentlich offenbarte.

An einem Abende, welcher der kleinen Gesellschaft durch einen lastigen Besuch zum Teil verloren gegangen, tat Eduard den Vorschlag, noch beisammen zu bleiben. Er fuhlte sich aufgelegt, seine Flote vorzunehmen, welche lange nicht an die Tagesordnung gekommen war. Charlotte suchte nach den Sonaten, die sie zusammen gewohnlich auszufuhren pflegten, und da sie nicht zu finden waren, gestand Ottilie nach einigem Zaudern, dass sie solche mit auf ihr Zimmer genommen.

"Und Sie konnen, Sie wollen mich auf dem Flugel begleiten?" rief Eduard, dem die Augen vor Freude glanzten. "Ich glaube wohl," versetzte Ottilie, "dass es gehen wird." Sie brachte die Noten herbei und setzte sich ans Klavier. Die Zuhorenden waren aufmerksam und uberrascht, wie vollkommen Ottilie das Musikstuck fur sich selbst eingelernt hatte, aber noch mehr uberrascht, wie sie es der Spielart Eduards anzupassen wusste. 'Anzupassen wusste' ist nicht der rechte Ausdruck; denn wenn es von Charlottens Geschicklichkeit und freiem Willen abhing, ihrem bald zogernden, bald voreilenden Gatten zuliebe hier anzuhalten, dort mitzugehen, so schien Ottilie, welche die Sonate von jenen einigemal spielen gehort, sie nur in dem Sinne eingelernt zu haben, wie jener sie begleitete. Sie hatte seine Mangel so zu den ihrigen gemacht, dass daraus wieder eine Art von lebendigem Ganzen entsprang, das sich zwar nicht taktgemass bewegte, aber doch hochst angenehm und gefallig lautete. Der Komponist selbst hatte seine Freude daran gehabt, sein Werk auf eine so liebevolle Weise entstellt zu sehen.

Auch diesem wundersamen, unerwarteten Begegnis sahen der Hauptmann und Charlotte stillschweigend mit einer Empfindung zu, wie man oft kindische Handlungen betrachtet, die man wegen ihrer besorglichen Folgen gerade nicht billigt und doch nicht schelten kann, ja vielleicht beneiden muss. Denn eigentlich war die Neigung dieser beiden ebensogut im Wachsen als jene, und vielleicht nur noch gefahrlicher dadurch, dass beide ernster, sicherer von sich selbst, sich zu halten fahiger waren.

Schon fing der Hauptmann an zu fuhlen, dass eine unwiderstehliche Gewohnheit ihn an Charlotten zu fesseln drohte. Er gewann es uber sich, den Stunden auszuweichen, in denen Charlotte nach den Anlagen zu kommen pflegte, indem er schon am fruhsten Morgen aufstand, alles anordnete und sich dann zur Arbeit auf seinen Flugel ins Schloss zuruckzog. Die ersten Tage hielt es Charlotte fur zufallig; sie suchte ihn an allen wahrscheinlichen Stellen; dann glaubte sie ihn zu verstehen und achtete ihn nur um desto mehr.

Vermied nun der Hauptmann, mit Charlotten allein zu sein, so war er desto emsiger, zur glanzenden Feier des herannahenden Geburtsfestes die Anlagen zu betreiben und zu beschleunigen; denn indem er von unten hinauf, hinter dem Dorfe her, den bequemen Weg fuhrte, so liess er, vorgeblich um Steine zu brechen, auch von oben herunter arbeiten und hatte alles so eingerichtet und berechnet, dass erst in der letzten Nacht die beiden Teile des Weges sich begegnen sollten. Zum neuen Hause oben war auch schon der Keller mehr gebrochen als gegraben und ein schoner Grundstein mit Fachern und Deckplatten zugehauen.

Die aussere Tatigkeit, diese kleinen, freundlichen, geheimnisvollen Absichten bei innern, mehr oder weniger zuruckgedrangten Empfindungen liessen die Unterhaltung der Gesellschaft, wenn sie beisammen war, nicht lebhaft werden, dergestalt dass Eduard, der etwas Luckenhaftes empfand, den Hauptmann eines Abends aufrief, seine Violine hervorzunehmen und Charlotten bei dem Klavier zu begleiten. Der Hauptmann konnte dem allgemeinen Verlangen nicht widerstehen, und so fuhrten beide mit Empfindung, Behagen und Freiheit eins der schwersten Musikstucke zusammen auf, dass es ihnen und dem zuhorenden Paar zum grossten Vergnugen gereichte. Man versprach sich oftere Wiederholung und mehrere Zusammenubung. "Sie machen es besser als wir, Ottilie!" sagte Eduard. "Wir wollen sie bewundern, aber uns doch zusammen freuen."

Neuntes Kapitel

Der Geburtstag war herbeigekommen und alles fertig geworden: die ganze Mauer, die den Dorfweg gegen das Wasser zu einfasste und erhohte, ebenso der Weg an der Kirche vorbei, wo er eine Zeitlang in dem von Charlotten angelegten Pfade fortlief, sich dann die Felsen hinaufwarts schlang, die Mooshutte links uber sich, dann nach einer volligen Wendung links unter sich liess und so allmahlich auf die Hohe gelangte.

Es hatte sich diesen Tag viel Gesellschaft eingefunden. Man ging zur Kirche, wo man die Gemeinde im festlichen Schmuck versammelt antraf. Nach dem Gottesdienste zogen die Knaben, Junglinge und Manner, wie es angeordnet war, voraus; dann kam die Herrschaft mit ihrem Besuch und Gefolge; Madchen, Jungfrauen und Frauen machten den Beschluss.

Bei der Wendung des Weges war ein erhohter Felsenplatz eingerichtet; dort liess der Hauptmann Charlotten und die Gaste ausruhen. Hier ubersahen sie den ganzen Weg, die hinaufgeschrittene Mannerschar, die nachwandelnden Frauen, welche nun vorbeizogen. Es war bei dem herrlichen Wetter ein wunderschoner Anblick. Charlotte fuhlte sich uberrascht, geruhrt und druckte dem Hauptmann herzlich die Hand.

Man folgte der sachte fortschreitenden Menge, die nun schon einen Kreis um den kunftigen Hausraum gebildet hatte. Der Bauherr, die Seinigen und die vornehmsten Gaste wurden eingeladen, in die Tiefe hinabzusteigen, wo der Grundstein, an einer Seite unterstutzt, eben zum Niederlassen bereit lag. Ein wohlgeputzter Maurer, die Kelle in der einen, den Hammer in der andern Hand, hielt in Reimen eine anmutige Rede, die wir in Prosa nur unvollkommen wiedergeben konnen.

"Drei Dinge", fing er an, "sind bei einem Gebaude zu beachten: dass es am rechten Fleck stehe, dass es wohl gegrundet, dass es vollkommen ausgefuhrt sei. Das erste ist eigentlich die Sache des Bauherrn; denn wie in der Stadt nur der Furst und die Gemeine bestimmen konnen, wohin gebaut werden soll, so ist es auf dem Lande das Vorrecht des Grundherrn, dass er sage: hier soll meine Wohnung stehen und nirgends anders."

Eduard und Ottilie wagten nicht, bei diesen Worten einander anzusehen, ob sie gleich nahe gegen einander uber standen.

"Das dritte, die Vollendung, ist die Sorge gar vieler Gewerke; ja wenige sind, die nicht dabei beschaftigt waren. Aber das zweite, die Grundung, ist des Maurers Angelegenheit und, dass wir es nur keck heraussagen, die Hauptangelegenheit des ganzen Unternehmens. Es ist ein ernstes Geschaft, und unsre Einladung ist ernsthaft; denn diese Feierlichkeit wird in der Tiefe begangen. Hier innerhalb dieses engen, ausgegrabenen Raums erweisen Sie uns die Ehre, als Zeugen unseres geheimnisvollen Geschaftes zu erscheinen. Gleich werden wir diesen wohlzugehauenen Stein niederlegen, und bald werden diese mit schonen und wurdigen Personen gezierten Erdwande nicht mehr zuganglich, sie werden ausgefullt sein.

Diesen Grundstein, der mit seiner Ecke die rechte Ecke des Gebaudes, mit seiner Rechtwinkligkeit die Regelmassigkeit desselben, mit seiner wasser- und senkrechten Lage Lot und Waage aller Mauern und Wande bezeichnet, konnten wir ohne weiteres niederlegen; denn er ruhte wohl auf seiner eignen Schwere. Aber auch hier soll es am Kalk, am Bindungsmittel nicht fehlen; denn so wie Menschen, die einander von Natur geneigt sind, noch besser zusammenhalten, wenn das Gesetz sie verkittet, so werden auch Steine, deren Form schon zusammenpasst, noch besser durch diese bindenden Krafte vereinigt; und da es sich nicht ziemen will, unter den Tatigen mussig zu sein, so werden Sie nicht verschmahen, auch hier Mitarbeiter zu werden."

Er uberreichte hierauf seine Kelle Charlotten, welche damit Kalk unter den Stein warf. Mehreren wurde ein Gleiches zu tun angesonnen und der Stein alsobald niedergesenkt, worauf denn Charlotten und den ubrigen sogleich der Hammer gereicht wurde, um durch ein dreimaliges Pochen die Verbindung des Steins mit dem Grunde ausdrucklich zu segnen.

"Des Maurers Arbeit," fuhr der Redner fort, "zwar jetzt unter freiem Himmel, geschieht, wo nicht immer im Verborgnen, doch zum Verborgnen. Der regelmassig aufgefuhrte Grund wird verschuttet, und sogar bei den Mauern, die wir am Tage auffuhren, ist man unser am Ende kaum eingedenk. Die Arbeiten des Steinmetzen und Bildhauers fallen mehr in die Augen, und wir mussen es sogar noch gutheissen, wenn der Tuncher die Spur unserer Hande vollig ausloscht und sich unser Werk zueignet, indem er es uberzieht, glattet und farbt.

Wem muss also mehr daran gelegen sein, das, was er tut, sich selbst recht zu machen, indem er es recht macht, als dem Maurer? Wer hat mehr als er das Selbstbewusstsein zu nahren Ursach? Wenn das Haus aufgefuhrt, der Boden geplattet und gepflastert, die Aussenseite mit Zieraten uberdeckt ist, so sieht er durch alle Hullen immer noch hinein und erkennt noch jene regelmassigen, sorgfaltigen Fugen, denen das Ganze sein Dasein und seinen Halt zu danken hat.

Aber wie jeder, der eine Ubeltat begangen, furchten muss, dass, ungeachtet alles Abwehrens, sie dennoch ans Licht kommen werde, so muss derjenige erwarten, der insgeheim das Gute getan, dass auch dieses wider seinen Willen an den Tag komme. Deswegen machen wir diesen Grundstein zugleich zum Denkstein. Hier in diese unterschiedlichen gehauenen Vertiefungen soll verschiedenes eingesenkt werden zum Zeugnis fur eine entfernte Nachwelt. Diese metallnen zugeloteten Kocher enthalten schriftliche Nachrichten; auf diese Metallplatten ist allerlei Merkwurdiges eingegraben; in diesen schonen glasernen Flaschen versenken wir den besten alten Wein, mit Bezeichnung seines Geburtsjahrs; es fehlt nicht an Munzen verschiedener Art, in diesem Jahre gepragt: alles dieses erhielten wir durch die Freigebigkeit unseres Bauherrn. Auch ist hier noch mancher Platz, wenn irgendein Gast und Zuschauer etwas der Nachwelt zu ubergeben Belieben truge."

Nach einer kleinen Pause sah der Geselle sich um; aber wie es in solchen Fallen zu gehen pflegt: niemand war vorbereitet, jedermann uberrascht, bis endlich ein junger, munterer Offizier anfing und sagte: "Wenn ich etwas beitragen soll, das in dieser Schatzkammer noch nicht niedergelegt ist, so muss ich ein paar Knopfe von der Uniform schneiden, die doch wohl auch verdienen, auf die Nachwelt zu kommen." Gesagt, getan! und nun hatte mancher einen ahnlichen Einfall. Die Frauenzimmer saumten nicht, von ihren kleinen Haarkammen hineinzulegen; Riechflaschchen und andre Zierden wurden nicht geschont; nur Ottilie zauderte, bis Eduard sie durch ein freundliches Wort aus der Betrachtung aller der beigesteuerten und eingelegten Dinge herausriss. Sie loste darauf die goldne Kette vom Halse, an der das Bild ihres Vaters gehangen hatte, und legte sie mit leiser Hand uber die anderen Kleinode hin, worauf Eduard mit einiger Hast veranstaltete, dass der wohlgefugte Deckel sogleich aufgesturzt und eingekittet wurde.

Der junge Gesell, der sich dabei am tatigsten erwiesen, nahm seine Rednermiene wieder an und fuhr fort: "Wir grunden diesen Stein fur ewig, zur Sicherung des langsten Genusses der gegenwartigen und kunftigen Besitzer dieses Hauses. Allein indem wir hier gleichsam einen Schatz vergraben, so denken wir zugleich, bei dem grundlichsten aller Geschafte, an die Verganglichkeit der menschlichen Dinge; wir denken uns eine Moglichkeit, dass dieser festversiegelte Deckel wieder aufgehoben werden konne, welches nicht anders geschehen durfte, als wenn das alles wieder zerstort ware, was wir noch nicht einmal aufgefuhrt haben.

Aber eben, damit dieses aufgefuhrt werde: zuruck mit den Gedanken aus der Zukunft, zuruck ins Gegenwartige! Lasst uns nach begangenem heutigem Feste unsre Arbeit sogleich fordern, damit keiner von den Gewerken, die auf unserm Grunde fortarbeiten, zu feiern brauche, dass der Bau eilig in die Hohe steige und vollendet werde und aus den Fenstern, die noch nicht sind, der Hausherr mit den Seinigen und seinen Gasten sich frohlich in der Gegend umschaue, deren aller sowie samtlicher Anwesenden Gesundheit hiermit getrunken sei!"

Und so leerte er ein wohlgeschliffenes Kelchglas auf einen Zug aus und warf es in die Luft; denn es bezeichnet das Ubermass einer Freude, das Gefass zu zerstoren, dessen man sich in der Frohlichkeit bedient. Aber diesmal ereignete es sich anders: das Glas kam nicht wieder auf den Boden, und zwar ohne Wunder.

Man hatte namlich, um mit dem Bau vorwartszukommen, bereits an der entgegengesetzten Ecke den Grund vollig herausgeschlagen, ja schon angefangen, die Mauern aufzufuhren, und zu dem Endzweck das Gerust erbaut, so hoch, als es uberhaupt notig war.

Dass man es besonders zu dieser Feierlichkeit mit Brettern belegt und eine Menge Zuschauer hinaufgelassen hatte, war zum Vorteil der Arbeitsleute geschehen. Dort hinauf flog das Glas und wurde von einem aufgefangen, der diesen Zufall als ein gluckliches Zeichen fur sich ansah. Er wies es zuletzt herum, ohne es aus der Hand zu lassen, und man sah darauf die Buchstaben E und O in sehr zierlicher Verschlingung eingeschnitten: es war eins der Glaser, die fur Eduarden in seiner Jugend verfertigt worden.

Die Geruste standen wieder leer, und die leichtesten unter den Gasten stiegen hinauf, sich umzusehen, und konnten die schone Aussicht nach allen Seiten nicht genugsam ruhmen; denn was entdeckt der nicht alles, der auf einem hohen Punkte nur um ein Geschoss hoher steht!

Nach dem Innern des Landes zu kamen mehrere

neue Dorfer zum Vorschein, den silbernen Streifen des Flusses erblickte man deutlich, ja selbst die Turme der Hauptstadt wollte einer gewahr werden. An der Ruckseite, hinter den waldigen Hugeln, erhoben sich die blauen Gipfel eines fernen Gebirges, und die nachste Gegend ubersah man im ganzen. "Nun sollten nur noch", rief einer, "die drei Teiche zu einem See vereinigt werden; dann hatte der Anblick alles, was gross und wunschenswert ist."

"Das liesse sich wohl machen," sagte der Haupt

mann; "denn sie bildeten schon vorzeiten einen Bergsee."

"Nur bitte ich, meine Platanen- und Pappelgruppe

zu schonen," sagte Eduard, "die so schon am mittelsten Teiche steht. Sehen Sie," wandte er sich zu Ottilien, die er einige Schritte vorfuhrte, indem er hinabwies "diese Baume habe ich selbst gepflanzt."

"Wie lange stehen sie wohl schon?" fragte Ottilie.

"Etwa so lange," versetzte Eduard, "als Sie auf der Welt sind. Ja, liebes Kind, ich pflanzte schon, da Sie noch in der Wiege lagen."

Die Gesellschaft begab sich wieder in das Schloss zuruck. Nach aufgehobener Tafel wurde sie zu einem Spaziergang durch das Dorf eingeladen, um auch hier die neuen Anstalten in Augenschein zu nehmen. Dort hatten sich auf des Hauptmanns Veranlassung die Bewohner vor ihren Hausern versammelt; sie standen nicht in Reihen, sondern familienweise naturlich gruppiert, teils, wie es der Abend forderte, beschaftigt, teils auf neuen Banken ausruhend. Es ward ihnen zur angenehmen Pflicht gemacht, wenigstens jeden Sonntag und Festtag diese Reinlichkeit, diese Ordnung zu erneuern.

Eine innere Geselligkeit mit Neigung, wie sie sich unter unseren Freunden erzeugt hatte, wird durch eine grossere Gesellschaft immer nur unangenehm unterbrochen. Alle vier waren zufrieden, sich wieder im grossen Saale allein zu finden; doch ward dieses hausliche Gefuhl einigermassen gestort, indem ein Brief, der Eduarden uberreicht wurde, neue Gaste auf morgen ankundigte.

"Wie wir vermuteten," rief Eduard Charlotten zu; "der Graf wird nicht ausbleiben, er kommt morgen."

"Da ist also auch die Baronesse nicht weit," versetzte Charlotte.

"Gewiss nicht!" antwortete Eduard; "sie wird auch morgen von ihrer Seite anlangen. Sie bitten um ein Nachtquartier und wollen ubermorgen zusammen wieder fortreisen."

"Da mussen wir unsere Anstalten beizeiten machen, Ottilie!" sagte Charlotte.

"Wie befehlen Sie die Einrichtung?" fragte Ottilie.

Charlotte gab es im allgemeinen an, und Ottilie entfernte sich.

Der Hauptmann erkundigte sich nach dem Verhaltnis dieser beiden Personen, das er nur im allgemeinsten kannte. Sie hatten fruher, beide schon anderwarts verheiratet, sich leidenschaftlich liebgewonnen. Eine doppelte Ehe war nicht ohne Aufsehn gestort; man dachte an Scheidung. Bei der Baronesse war sie moglich geworden, bei dem Grafen nicht. Sie mussten sich zum Scheine trennen, allein ihr Verhaltnis blieb; und wenn sie Winters in der Residenz nicht zusammen sein konnten, so entschadigten sie sich Sommers auf Lustreisen und in Badern. Sie waren beide um etwas alter als Eduard und Charlotte und samtlich genaue Freunde aus fruher Hofzeit her. Man hatte immer ein gutes Verhaltnis erhalten, ob man gleich nicht alles an seinen Freunden billigte. Nur diesmal war Charlotten ihre Ankunft gewissermassen ganz ungelegen, und wenn sie die Ursache genau untersucht hatte: es war eigentlich um Ottiliens willen. Das gute, reine Kind sollte ein solches Beispiel so fruh nicht gewahr werden.

" Sie hatten wohl noch ein paar Tage wegbleiben konnen," sagte Eduard, als eben Ottilie wieder hereintrat, "bis wir den Vorwerksverkauf in Ordnung gebracht. Der Aufsatz ist fertig, die eine Abschrift habe ich hier; nun fehlt es aber an der zweiten, und unser alter Kanzellist ist recht krank." Der Hauptmann bot sich an, auch Charlotte; dagegen waren einige Einwendungen zu machen. "Geben Sie mirs nur!" rief Ottilie mit einiger Hast.

"Du wirst nicht damit fertig," sagte Charlotte.

"Freilich musste ich es ubermorgen fruh haben, und es ist viel," sagte Eduard. "Es soll fertig sein," rief Ottilie und hatte das Blatt schon in den Handen.

Des andern Morgens, als sie sich aus dem obern Stock nach den Gasten umsahen, denen sie entgegenzugehen nicht verfehlen wollten, sagte Eduard: "Wer reitet denn so langsam dort die Strasse her?" Der Hauptmann beschrieb die Figur des Reiters genauer. "So ist ers doch," sagte Eduard; "denn das Einzelne, das du besser siehst als ich, passt sehr gut zu dem Ganzen, das ich recht wohl sehe. Es ist Mittler. Wie kommt er aber dazu, langsam und so langsam zu reiten?"

Die Figur kam naher, und Mittler war es wirklich. Man empfing ihn freundlich, als er langsam die Treppe heraufstieg. "Warum sind Sie nicht gestern gekommen?" rief ihm Eduard entgegen.

"Laute Feste lieb ich nicht," versetzte jener. "Heute komm ich aber, den Geburtstag meiner Freundin mit euch im stillen nachzufeiern."

"Wie konnen Sie denn soviel Zeit gewinnen?" fragte Eduard scherzend.

"Meinen Besuch, wenn er euch etwas wert ist, seid ihr einer Betrachtung schuldig, die ich gestern gemacht habe. Ich freute mich recht herzlich den halben Tag in einem Hause, wo ich Frieden gestiftet hatte, und dann horte ich, dass hier Geburtstag gefeiert werde. 'Das kann man doch am Ende selbstisch nennen', dachte ich bei mir, 'dass du dich nur mit denen freuen willst, die du zum Frieden bewogen hast. Warum freust du dich nicht auch einmal mit Freunden, die Frieden halten und hegen?' Gesagt, getan! Hier bin ich, wie ich mir vorgenommen hatte."

"Gestern hatten Sie grosse Gesellschaft gefunden, heute finden Sie nur kleine," sagte Charlotte. "Sie finden den Grafen und die Baronesse, die Ihnen auch schon zu schaffen gemacht haben."

Aus der Mitte der vier Hausgenossen, die den seltsamen, willkommenen Mann umgeben hatten, fuhr er mit verdriesslicher Lebhaftigkeit heraus, indem er sogleich nach Hut und Reitgerte suchte: "Schwebt doch immer ein Unstern uber mir, sobald ich einmal ruhen und mir wohltun will! Aber warum gehe ich aus meinem Charakter heraus! Ich hatte nicht kommen sollen, und nun werd ich vertrieben. Denn mit jenen will ich nicht unter einem Dache bleiben; und nehmt euch in acht: sie bringen nichts als Unheil! Ihr Wesen ist wie ein Sauerteig, der seine Ansteckung fortpflanzt."

Man suchte ihn zu begutigen, aber vergebens. "Wer mir den Ehstand angreift," rief er aus, "wer mir durch Wort, ja durch Tat diesen Grund aller sittlichen Gesellschaft untergrabt, der hat es mit mir zu tun; oder wenn ich sein nicht Herr werden kann, habe ich nichts mit ihm zu tun. Die Ehe ist der Anfang und der Gipfel aller Kultur. Sie macht den Rohen mild, und der Gebildetste hat keine bessere Gelegenheit, seine Milde zu beweisen. Unaufloslich muss sie sein; denn sie bringt so vieles Gluck, dass alles einzelne Ungluck dagegen gar nicht zu rechnen ist. Und was will man von Ungluck reden? Ungeduld ist es, die den Menschen von Zeit zu Zeit anfallt, und dann beliebt er sich unglucklich zu finden. Lasse man den Augenblick vorubergehen, und man wird sich glucklich preisen, dass ein so lange Bestandenes noch besteht. Sich zu trennen gibts gar keinen hinlanglichen Grund. Der menschliche Zustand ist so hoch in Leiden und Freuden gesetzt, dass gar nicht berechnet werden kann, was ein Paar Gatten einander schuldig werden. Es ist eine unendliche Schuld, die nur durch die Ewigkeit abgetragen werden kann. Unbequem mag es manchmal sein, das glaub ich wohl, und das ist eben recht. Sind wir nicht auch mit dem Gewissen verheiratet, das wir oft gerne los sein mochten, weil es unbequemer ist, als uns je ein Mann oder eine Frau werden konnte?"

So sprach er lebhaft und hatte wohl noch lange fortgesprochen, wenn nicht blasende Postillons die Ankunft der Herrschaften verkundigt hatten, welche wie abgemessen von beiden Seiten zu gleicher Zeit in den Schlosshof hereinfuhren. Als ihnen die Hausgenossen entgegeneilten, versteckte sich Mittler, liess sich das Pferd an den Gasthof bringen und ritt verdriesslich davon.

Zehntes Kapitel

Die Gaste waren bewillkommt und eingefuhrt; sie freuten sich, das Haus, die Zimmer wieder zu betreten, wo sie fruher so manchen guten Tag erlebt und die sie eine lange Zeit nicht gesehn hatten. Hochst angenehm war auch den Freunden ihre Gegenwart. Den Grafen sowie die Baronesse konnte man unter jene hohen, schonen Gestalten zahlen, die man in einem mittlern Alter fast lieber als in der Jugend sieht; denn wenn ihnen auch etwas von der ersten Blute abgehn mochte, so erregen sie doch nun mit der Neigung ein entschiedenes Zutrauen. Auch dieses Paar zeigte sich hochst bequem in der Gegenwart. Ihre freie Weise, die Zustande des Lebens zu nehmen und zu behandeln, ihre Heiterkeit und scheinbare Unbefangenheit teilte sich sogleich mit, und ein hoher Anstand begrenzte das Ganze, ohne dass man irgendeinen Zwang bemerkt hatte.

Diese Wirkung liess sich augenblicks in der Gesellschaft empfinden. Die Neueintretenden, welche unmittelbar aus der Welt kamen, wie man sogar an ihren Kleidern, Geratschaften und allen Umgebungen sehen konnte, machten gewissermassen mit unsern Freunden, ihrem landlichen und heimlich leidenschaftlichen Zustande eine Art von Gegensatz, der sich jedoch sehr bald verlor, indem alte Erinnerungen und gegenwartige Teilnahme sich vermischten und ein schnelles, lebhaftes Gesprach alle geschwind zusammenverband. Es wahrte indessen nicht lange, als schon eine Sonderung vorging. Die Frauen zogen sich auf ihren Flugel zuruck und fanden daselbst, indem sie sich mancherlei vertrauten und zugleich die neuesten Formen und Zuschnitte von Fruhkleidern, Huten und dergleichen zu mustern anfingen, genugsame Unterhaltung, wahrend die Manner sich um die neuen Reisewagen, mit vorgefuhrten Pferden, beschaftigten und gleich zu handeln und zu tauschen anfingen. Erst zu Tische kam man wieder zusammen. Die Umkleidung war geschehen, und auch hier zeigte sich das angekommene Paar zu seinem Vorteile. Alles, was sie an sich trugen, war neu und gleichsam ungesehen und doch schon durch den Gebrauch zur Gewohnheit und Bequemlichkeit eingeweiht. Das Gesprach war lebhaft und abwechselnd, wie denn in Gegenwart solcher Personen alles und nichts zu interessieren scheint. Man bediente sich der franzosischen Sprache, um die Aufwartenden von dem Mitverstandnis auszuschliessen, und schweifte mit mutwilligem Behagen uber hohe und mittlere Weltverhaltnisse hin. Auf einem einzigen Punkt blieb die Unterhaltung langer als billig haften, indem Charlotte nach einer Jugendfreundin sich erkundigte und mit einiger Befremdung vernahm, dass sie ehstens geschieden werden sollte.

"Es ist unerfreulich," sagte Charlotte, "wenn man seine abwesenden Freunde irgend einmal geborgen, eine Freundin, die man liebt, versorgt glaubt; eh man sichs versieht, muss man wieder horen, dass ihr Schicksal im Schwanken ist, und dass sie erst wieder neue und vielleicht abermals unsichre Pfade des Lebens betreten soll."

"Eigentlich, meine Beste," versetzte der Graf, "sind wir selbst schuld, wenn wir auf solche Weise uberrascht werden. Wir mogen uns die irdischen Dinge und besonders auch die ehlichen Verbindungen gern so recht dauerhaft vorstellen, und was den letzten Punkt betrifft, so verfuhren uns die Lustspiele, die wir immer wiederholen sehen, zu solchen Einbildungen, die mit dem Gange der Welt nicht zusammentreffen. In der Komodie sehen wir eine Heirat als das letzte Ziel eines durch die Hindernisse mehrerer Akte verschobenen Wunsches, und im Augenblick, da es erreicht ist, fallt der Vorhang, und die momentane Befriedigung klingt bei uns nach. In der Welt ist es anders; da wird hinten immer fortgespielt, und wenn der Vorhang wieder aufgeht, mag man gern nichts weiter davon sehen noch horen."

"Es muss doch so schlimm nicht sein," sagte Charlotte lachelnd, "da man sieht, dass auch Personen, die von diesem Theater abgetreten sind, wohl gern darauf wieder eine Rolle spielen mogen."

"Dagegen ist nichts einzuwenden," sagte der Graf. "Eine neue Rolle mag man gern wieder ubernehmen, und wenn man die Welt kennt, so sieht man wohl: auch bei dem Ehestande ist es nur diese entschiedene, ewige Dauer zwischen soviel Beweglichem in der Welt, die etwas Ungeschicktes an sich tragt. Einer von meinen Freunden, dessen gute Laune sich meist in Vorschlagen zu neuen Gesetzen hervortat, behauptete: eine jede Ehe solle nur auf funf Jahre geschlossen werden. Es sei, sagte er, dies eine schone, ungrade, heilige Zahl und ein solcher Zeitraum eben hinreichend, um sich kennenzulernen, einige Kinder heranzubringen, sich zu entzweien und, was das Schonste sei, sich wieder zu versohnen. Gewohnlich rief er aus: 'Wie glucklich wurde die erste Zeit verstreichen! Zwei, drei Jahre wenigstens gingen vergnuglich hin. Dann wurde doch wohl dem einen Teil daran gelegen sein, das Verhaltnis langer dauern zu sehen, die Gefalligkeit wurde wachsen, je mehr man sich dem Termin der Aufkundigung naherte. Der gleichgultige, ja selbst der unzufriedene Teil wurde durch ein solches Betragen begutigt und eingenommen. Man vergasse, wie man in guter Gesellschaft die Stunden vergisst, dass die Zeit verfliesse, und fande sich aufs angenehmste uberrascht, wenn man nach verlaufenem Termin erst bemerkte, dass er schon stillschweigend verlangert sei.'"

So artig und lustig dies klang und so gut man, wie Charlotte wohl empfand, diesem Scherz eine tiefe moralische Deutung geben konnte, so waren ihr dergleichen Ausserungen, besonders um Ottiliens willen, nicht angenehm. Sie wusste recht gut, dass nichts gefahrlicher sei als ein allzufreies Gesprach, das einen strafbaren oder halbstrafbaren Zustand als einen gewohnlichen, gemeinen, ja loblichen behandelt; und dahin gehort doch gewiss alles, was die eheliche Verbindung antastet. Sie suchte daher nach ihrer gewandten Weise das Gesprach abzulenken; da sie es nicht vermochte, tat es ihr leid, dass Ottilie alles so gut eingerichtet hatte, um nicht aufstehen zu durfen. Das ruhig aufmerksame Kind verstand sich mit dem Haushofmeister durch Blick und Wink, dass alles auf das trefflichste geriet, obgleich ein paar neue, ungeschickte Bedienten in der Livree staken.

Und so fuhr der Graf, Charlottens Ablenken nicht empfindend, uber diesen Gegenstand sich zu aussern fort. Ihm, der sonst nicht gewohnt war, im Gesprach irgend lastig zu sein, lastete diese Sache zu sehr auf dem Herzen, und die Schwierigkeiten, sich von seiner Gemahlin getrennt zu sehen, machten ihn bitter gegen alles, was eheliche Verbindung betraf, die er doch selbst mit der Baronesse so eifrig wunschte.

"Jener Freund", so fuhr er fort, "tat noch einen andern Gesetzvorschlag: Eine Ehe sollte nur alsdann fur unaufloslich gehalten werden, wenn entweder beide Teile oder wenigstens der eine Teil zum drittenmal verheiratet ware. Denn was eine solche Person betreffe, so bekenne sie unwidersprechlich, dass sie die Ehe fur etwas Unentbehrliches halte. Nun sei auch schon bekannt geworden, wie sie sich in ihren fruhern Verbindungen betragen, ob sie Eigenheiten habe, die oft mehr zur Trennung Anlass geben als uble Eigenschaften. Man habe sich also wechselseitig zu erkundigen; man habe ebensogut auf Verheiratete wie auf Unverheiratete achtzugeben, weil man nicht wisse, wie die Falle kommen konnen."

"Das wurde freilich das Interesse der Gesellschaft sehr vermehren," sagte Eduard; "denn in der Tat jetzt, wenn wir verheiratet sind, fragt niemand weiter mehr nach unsern Tugenden noch unsern Mangeln."

"Bei einer solchen Einrichtung", fiel die Baronesse lachelnd ein, "hatten unsere lieben Wirte schon zwei Stufen glucklich uberstiegen und konnten sich zu der dritten vorbereiten."

"Ihnen ists wohl geraten," sagte der Graf; "hier hat der Tod willig getan, was die Konsistorien sonst nur ungern zu tun pflegen."

"Lassen wir die Toten ruhen," versetzte Charlotte mit einem halb ernsten Blicke.

"Warum?" versetzte der Graf, "da man ihrer in Ehren gedenken kann. Sie waren bescheiden genug, sich mit einigen Jahren zu begnugen fur mannigfaltiges Gute, das sie zuruckliessen."

"Wenn nur nicht gerade", sagte die Baronesse mit einem verhaltenen Seufzer, "in solchen Fallen das Opfer der besten Jahre gebracht werden musste!"

"Jawohl," versetzte der Graf, "man musste daruber verzweifeln, wenn nicht uberhaupt in der Welt so weniges eine gehoffte Folge zeigte. Kinder halten nicht, was sie versprechen, junge Leute sehr selten, und wenn sie Wort halten, halt es ihnen die Welt nicht."

Charlotte, welche froh war, dass das Gesprach sich wendete, versetzte heiter: "Nun! wir mussen uns ja ohnehin bald genug gewohnen, das Gute stuck- und teilweise zu geniessen."

"Gewiss," versetzte der Graf, "Sie haben beide sehr schoner Zeiten genossen. Wenn ich mir die Jahre zuruckerinnere, da Sie und Eduard das schonste Paar bei Hof waren; weder von so glanzenden Zeiten noch von so hervorleuchtenden Gestalten ist jetzt die Rede mehr. Wenn Sie beide zusammen tanzten, aller Augen waren auf Sie gerichtet, und wie umworben beide, indem Sie sich nur ineinander bespiegelten!"

"Da sich so manches verandert hat," sagte Charlotte, "konnen wir wohl soviel Schones mit Bescheidenheit anhoren."

"Eduarden habe ich doch oft im stillen getadelt," sagte der Graf, "dass er nicht beharrlicher war; denn am Ende hatten seine wunderlichen Eltern wohl nachgegeben; und zehn fruhe Jahre gewinnen ist keine Kleinigkeit."

"Ich muss mich seiner annehmen," fiel die Baronesse ein. "Charlotte war nicht ganz ohne Schuld, nicht ganz rein von allem Umhersehen, und ob sie gleich Eduarden von Herzen liebte und sich ihn auch heimlich zum Gatten bestimmte, so war ich doch Zeuge, wie sehr sie ihn manchmal qualte, so dass man ihn leicht zu dem unglucklichen Entschluss drangen konnte, zu reisen, sich zu entfernen, sich von ihr zu entwohnen."

Eduard nickte der Baronesse zu und schien dankbar fur ihre Fursprache.

"Und dann muss ich eins", fuhr sie fort, "zu Charlottens Entschuldigung beifugen: der Mann, der zu jener Zeit um sie warb, hatte sich schon lange durch Neigung zu ihr ausgezeichnet und war, wenn man ihn naher kannte, gewiss liebenswurdiger, als ihr andern gern zugestehen mogt."

"Liebe Freundin," versetzte der Graf etwas lebhaft, "bekennen wir nur, dass er Ihnen nicht ganz gleichgultig war, und dass Charlotte von Ihnen mehr zu befurchten hatte als von einer andern. Ich finde das einen sehr hubschen Zug an den Frauen, dass sie ihre Anhanglichkeit an irgendeinen Mann solange noch fortsetzen, ja durch keine Art von Trennung storen oder aufheben lassen."

"Diese gute Eigenschaft besitzen vielleicht die Manner noch mehr," versetzte die Baronesse; "wenigstens an Ihnen, lieber Graf, habe ich bemerkt, dass niemand mehr Gewalt uber Sie hat als ein Frauenzimmer, dem Sie fruher geneigt waren. So habe ich gesehen, dass Sie auf die Fursprache einer solchen sich mehr Muhe gaben, um etwas auszuwirken, als vielleicht die Freundin des Augenblicks von Ihnen erlangt hatte."

"Einen solchen Vorwurf darf man sich wohl gefallen lassen," versetzte der Graf; "doch was Charlottens ersten Gemahl betrifft, so konnte ich ihn deshalb nicht leiden, weil er mir das schone Paar auseinandersprengte, ein wahrhaft pradestiniertes Paar, das, einmal zusammengegeben, weder funf Jahre zu scheuen, noch auf eine zweite oder gar dritte Verbindung hinzusehen brauchte."

"Wir wollen versuchen", sagte Charlotte, "wieder einzubringen, was wir versaumt haben."

"Da mussen Sie sich dazuhalten," sagte der Graf. "Ihre ersten Heiraten", fuhr er mit einiger Heftigkeit fort, "waren doch so eigentlich rechte Heiraten von der verhassten Art, und leider haben uberhaupt die Heiraten verzeihen Sie mir einen lebhafteren Ausdruck etwas Tolpelhaftes; sie verderben die zartesten Verhaltnisse, und es liegt doch eigentlich nur an der plumpen Sicherheit, auf die sich wenigstens ein Teil etwas zugute tut. Alles versteht sich von selbst, und man scheint sich nur verbunden zu haben, damit eins wie das andere nunmehr seiner Wege gehe."

In diesem Augenblick machte Charlotte, die ein fur allemal dies Gesprach abbrechen wollte, von einer kuhnen Wendung Gebrauch; es gelang ihr. Die Unterhaltung ward allgemeiner, die beiden Gatten und der Hauptmann konnten daran teilnehmen; selbst Ottilie ward veranlasst sich zu aussern, und der Nachtisch ward mit der besten Stimmung genossen, woran der in zierlichen Fruchtkorben aufgestellte Obstreichtum, die bunteste, in Prachtgefassen schon verteilte Blumenfulle den vorzuglichsten Anteil hatte.

Auch die neuen Parkanlagen kamen zur Sprache, die man sogleich nach Tische besuchte. Ottilie zog sich unter dem Vorwande hauslicher Beschaftigungen zuruck; eigentlich aber setzte sie sich nieder zur Abschrift. Der Graf wurde von dem Hauptmann unterhalten; spater gesellte sich Charlotte zu ihm. Als sie oben auf die Hohe gelangt waren und der Hauptmann gefallig hinuntereilte, um den Plan zu holen, so sagte der Graf zu Charlotten: "Dieser Mann gefallt mir ausserordentlich. Er ist sehr wohl und im Zusammenhang unterrichtet. Ebenso scheint seine Tatigkeit sehr ernst und folgerecht. Was er hier leistet, wurde in einem hohern Kreise von viel Bedeutung sein."

Charlotte vernahm des Hauptmanns Lob mit innigem Behagen. Sie fasste sich jedoch und bekraftigte das Gesagte mit Ruhe und Klarheit. Wie uberrascht war sie aber, als der Graf fortfuhr: "Diese Bekanntschaft kommt mir sehr zu gelegener Zeit. Ich weiss eine Stelle, an die der Mann vollkommen passt, und ich kann mir durch eine solche Empfehlung, indem ich ihn glucklich mache, einen hohen Freund auf das allerbeste verbinden."

Es war wie ein Donnerschlag, der auf Charlotten herabfiel. Der Graf bemerkte nichts; denn die Frauen, gewohnt, sich jederzeit zu bandigen, behalten in den ausserordentlichsten Fallen immer noch eine Art von scheinbarer Fassung. Doch horte sie schon nicht mehr, was der Graf sagte, indem er fortfuhr: "Wenn ich von etwas uberzeugt bin, geht es bei mir geschwind her. Ich habe schon meinen Brief im Kopfe zusammengestellt, und mich drangts, ihn zu schreiben. Sie verschaffen mir einen reitenden Boten, den ich noch heute abend wegschicken kann."

Charlotte war innerlich zerrissen. Von diesen Vorschlagen sowie von sich selbst uberrascht, konnte sie kein Wort hervorbringen. Der Graf fuhr glucklicherweise fort, von seinen Planen fur den Hauptmann zu sprechen, deren Gunstiges Charlotten nur allzusehr in die Augen fiel. Es war Zeit, dass der Hauptmann herauftrat und seine Rolle vor dem Grafen entfaltete. Aber mit wie andern Augen sah sie den Freund an, den sie verlieren sollte! Mit einer notdurftigen Verbeugung wandte sie sich weg und eilte hinunter nach der Mooshutte. Schon auf halbem Wege sturzten ihr die Tranen aus den Augen, und nun warf sie sich in den engen Raum der kleinen Einsiedelei und uberliess sich ganz einem Schmerz, einer Leidenschaft, einer Verzweiflung, von deren Moglichkeit sie wenig Augenblicke vorher auch nicht die leiseste Ahnung gehabt hatte.

Auf der andern Seite war Eduard mit der Baronesse an den Teichen hergegangen. Die kluge Frau, die gern von allem unterrichtet sein mochte, bemerkte bald in einem tastenden Gesprach, dass Eduard sich zu Ottiliens Lobe weitlaufig herausliess, und wusste ihn auf eine so naturliche Weise nach und nach in den Gang zu bringen, dass ihr zuletzt kein Zweifel ubrigblieb, hier sei eine Leidenschaft nicht auf dem Wege, sondern wirklich angelangt.

Verheiratete Frauen, wenn sie sich auch untereinander nicht lieben, stehen doch stillschweigend miteinander, besonders gegen junge Madchen, im Bundnis. Die Folgen einer solchen Zuneigung stellten sich ihrem weltgewandten Geiste nur allzugeschwind dar. Dazu kam noch, dass sie schon heute fruh mit Charlotten uber Ottilien gesprochen und den Aufenthalt dieses Kindes auf dem Lande, besonders bei seiner stillen Gemutsart, nicht gebilligt und den Vorschlag getan hatte, Ottilien in die Stadt zu einer Freundin zu bringen, die sehr viel an die Erziehung ihrer einzigen Tochter wende und sich nur nach einer gutartigen Gespielin umsehe, die an die zweite Kindesstatt eintreten und alle Vorteile mitgeniessen solle. Charlotte hatte sichs zur Uberlegung genommen.

Nun aber brachte der Blick in Eduards Gemut diesen Vorschlag bei der Baronesse ganz zur vorsatzlichen Festigkeit, und um so schneller dieses in ihr vorging, um desto mehr schmeichelte sie ausserlich Eduards Wunschen. Denn niemand besass sich mehr als diese Frau, und diese Selbstbeherrschung in ausserordentlichen Fallen gewohnt uns, sogar einen gemeinen Fall mit Verstellung zu behandeln, macht uns geneigt, indem wir soviel Gewalt uber uns selbst uben, unsre Herrschaft auch uber die andern zu verbreiten, um uns durch das, was wir ausserlich gewinnen, fur dasjenige, was wir innerlich entbehren, gewissermassen schadlos zu halten.

An diese Gesinnung schliesst sich meist eine Art heimlicher Schadenfreude uber die Dunkelheit der andern, uber das Bewusstlose, womit sie in eine Falle gehen. Wir freuen uns nicht allein uber das gegenwartige Gelingen, sondern zugleich auch auf die kunftig uberraschende Beschamung. Und so war die Baronesse boshaft genug, Eduarden zur Weinlese auf ihre Guter mit Charlotten einzuladen und die Frage Eduards, ob sie Ottilien mitbringen durften, auf eine Weise, die er beliebig zu seinen Gunsten auslegen konnte, zu beantworten.

Eduard sprach schon mit Entzucken von der herrlichen Gegend, dem grossen Flusse, den Hugeln, Felsen und Weinbergen, von alten Schlossern, von Wasserfahrten, von dem Jubel der Weinlese, des Kelterns und so weiter, wobei er in der Unschuld seines Herzens sich schon zum voraus laut uber den Eindruck freute, den dergleichen Szenen auf das frische Gemut Ottiliens machen wurden. In diesem Augenblick sah man Ottilien herankommen, und die Baronesse sagte schnell zu Eduard, er mochte von dieser vorhabenden Herbstreise ja nichts reden; denn gewohnlich geschahe das nicht, worauf man sich so lange voraus freue. Eduard versprach, notigte sie aber, Ottilien entgegen geschwinder zu gehen, und eilte ihr endlich, dem lieben Kinde zu, mehrere Schritte voran. Eine herzliche Freude druckte sich in seinem ganzen Wesen aus. Er kusste ihr die Hand, in die er einen Strauss Feldblumen druckte, die er unterwegs zusammengepfluckt hatte. Die Baronesse fuhlte sich bei diesem Anblick in ihrem Innern fast erbittert. Denn wenn sie auch das, was an dieser Neigung strafbar sein mochte, nicht billigen durfte, so konnte sie das, was daran liebenswurdig und angenehm war, jenem unbedeutenden Neuling von Madchen keineswegs gonnen.

Als man sich zum Abendessen zusammengesetzt hatte, war eine vollig andre Stimmung in der Gesellschaft verbreitet. Der Graf, der schon vor Tische geschrieben und den Boten fortgeschickt hatte, unterhielt sich mit dem Hauptmann, den er auf eine verstandige und bescheidene Weise immer mehr ausforschte, indem er ihn diesen Abend an seine Seite gebracht hatte. Die zur Rechten des Grafen sitzende Baronesse fand von daher wenig Unterhaltung, ebensowenig an Eduard, der, erst durstig, dann aufgeregt, des Weines nicht schonte und sich sehr lebhaft mit Ottilien unterhielt, die er an sich gezogen hatte, wie von der andern Seite neben dem Hauptmann Charlotte sass, der es schwer, ja beinahe unmoglich ward, die Bewegungen ihres Innern zu verbergen.

Die Baronesse hatte Zeit genug, Beobachtungen anzustellen. Sie bemerkte Charlottens Unbehagen, und weil sie nur Eduards Verhaltnis zu Ottilien im Sinn hatte, so uberzeugte sie sich leicht, auch Charlotte sei bedenklich und verdriesslich uber ihres Gemahls Benehmen, und uberlegte, wie sie nunmehr am besten zu ihren Zwecken gelangen konne.

Auch nach Tische fand sich ein Zwiespalt in der Gesellschaft. Der Graf, der den Hauptmann recht ergrunden wollte, brauchte bei einem so ruhigen, keineswegs eitlen und uberhaupt lakonischen Manne verschiedene Wendungen, um zu erfahren, was er wunschte. Sie gingen miteinander an der einen Seite des Saals auf und ab, indes Eduard, aufgeregt von Wein und Hoffnung, mit Ottilien an einem Fenster scherzte, Charlotte und die Baronesse aber stillschweigend an der andern Seite des Saals nebeneinander hin und wider gingen. Ihr Schweigen und mussiges Umherstehen brachte denn auch zuletzt eine Stockung in die ubrige Gesellschaft. Die Frauen zogen sich zuruck auf ihren Flugel, die Manner auf den andern, und so schien dieser Tag abgeschlossen.

Eilftes Kapitel

Eduard begleitete den Grafen auf sein Zimmer und liess sich recht gern durchs Gesprach verfuhren, noch eine Zeitlang bei ihm zu bleiben. Der Graf verlor sich in vorige Zeiten, gedachte mit Lebhaftigkeit an die Schonheit Charlottens, die er als ein Kenner mit vielem Feuer entwickelte: "Ein schoner Fuss ist eine grosse Gabe der Natur. Diese Anmut ist unverwustlich. Ich habe sie heute im Gehen beobachtet; noch immer mochte man ihren Schuh kussen und die zwar etwas barbarische, aber doch tief gefuhlte Ehrenbezeugung der Sarmaten wiederholen, die sich nichts Besseres kennen, als aus dem Schuh einer geliebten und verehrten Person ihre Gesundheit zu trinken."

Die Spitze des Fusses blieb nicht allein der Gegenstand des Lobes unter zwei vertrauten Mannern. Sie gingen von der Person auf alte Geschichten und Abenteuer zuruck und kamen auf die Hindernisse, die man ehemals den Zusammenkunften dieser beiden Liebenden entgegengesetzt, welche Muhe sie sich gegeben, welche Kunstgriffe sie erfunden, nur um sich sagen zu konnen, dass sie sich liebten.

"Erinnerst du dich," fuhr der Graf fort, "welch Abenteuer ich dir recht freundschaftlich und uneigennutzig bestehen helfen, als unsre hochsten Herrschaften ihren Oheim besuchten und auf dem weitlaufigen Schlosse zusammenkamen? Der Tag war in Feierlichkeiten und Feierkleidern hingegangen; ein Teil der Nacht sollte wenigstens unter freiem, liebevollem Gesprach verstreichen."

"Den Hinweg zu dem Quartier der Hofdamen hatten Sie sich wohl gemerkt," sagte Eduard. "Wir gelangten glucklich zu meiner Geliebten."

"Die", versetzte der Graf, "mehr an den Anstand als an meine Zufriedenheit gedacht und eine sehr hassliche Ehrenwachterin bei sich behalten hatte; da mir denn, indessen ihr euch mit Blicken und Worten sehr gut unterhieltet, ein hochst unerfreuliches Los zuteil ward."

"Ich habe mich noch gestern," versetzte Eduard, "als Sie sich anmelden liessen, mit meiner Frau an die Geschichte erinnert, besonders an unsern Ruckzug. Wir verfehlten den Weg und kamen an den Vorsaal der Garden. Weil wir uns nun von da recht gut zu finden wussten, so glaubten wir auch hier ganz ohne Bedenken hindurch und an dem Posten, wie an den ubrigen, vorbei gehen zu konnen. Aber wie gross war beim Eroffnen der Ture unsere Verwunderung! Der Weg war mit Matratzen verlegt, auf denen die Riesen in mehreren Reihen ausgestreckt lagen und schliefen. Der einzige Wachende auf dem Posten sah uns verwundert an; wir aber, im jugendlichen Mut und Mutwillen, stiegen ganz gelassen uber die ausgestreckten Stiefel weg, ohne dass auch nur einer von diesen schnarchenden Enakskindern erwacht ware."

"Ich hatte grosse Lust zu stolpern," sagte der Graf, "damit es Larm gegeben hatte; denn welch eine seltsame Auferstehung wurden wir gesehen haben!"

In diesem Augenblick schlug die Schlossglocke zwolf.

"Es ist hoch Mitternacht," sagte der Graf lachelnd, "und eben gerechte Zeit. Ich muss Sie, lieber Baron, um eine Gefalligkeit bitten: fuhren Sie mich heute, wie ich Sie damals fuhrte; ich habe der Baronesse das Versprechen gegeben, sie noch zu besuchen. Wir haben uns den ganzen Tag nicht allein gesprochen, wir haben uns solange nicht gesehen, und nichts ist naturlicher, als dass man sich nach einer vertraulichen Stunde sehnt. Zeigen Sie mir den Hinweg, den Ruckweg will ich schon finden, und auf alle Falle werde ich uber keine Stiefel wegzustolpern haben."

"Ich will Ihnen recht gern diese gastliche Gefalligkeit erzeigen," versetzte Eduard; "nur sind die drei Frauenzimmer druben zusammen auf dem Flugel. Wer weiss, ob wir sie nicht noch beieinander finden, oder was wir sonst fur Handel anrichten, die irgendein wunderliches Ansehn gewinnen."

"Nur ohne Sorge!" sagte der Graf; "die Baronesse erwartet mich. Sie ist um diese Zeit gewiss auf ihrem Zimmer und allein."

"Die Sache ist ubrigens leicht," versetzte Eduard und nahm ein Licht, dem Grafen vorleuchtend eine geheime Treppe hinunter, die zu einem langen Gang fuhrte. Am Ende desselben offnete Eduard eine kleine Ture. Sie erstiegen eine Wendeltreppe; oben auf einem engen Ruheplatz deutete Eduard dem Grafen, dem er das Licht in die Hand gab, nach einer Tapetenture rechts, die beim ersten Versuch sogleich sich offnete, den Grafen aufnahm und Eduarden in dem dunklen Raum zuruckliess.

Eine andre Ture links ging in Charlottens Schlafzimmer. Er horte reden und horchte. Charlotte sprach zu ihrem Kammermadchen: "Ist Ottilie schon zu Bette?" "Nein," versetzte jene, "sie sitzt noch unten und schreibt." "So zunde Sie das Nachtlicht an," sagte Charlotte, "und gehe Sie nur hin: es ist spat. Die Kerze will ich selbst ausloschen und fur mich zu Bette gehen."

Eduard horte mit Entzucken, dass Ottilie noch schreibe. 'Sie beschaftigt sich fur mich!' dachte er triumphierend. Durch die Finsternis ganz in sich selbst geengt, sah er sie sitzen, schreiben; er glaubte zu ihr zu treten, sie zu sehen, wie sie sich nach ihm umkehrte; er fuhlte ein unuberwindliches Verlangen, ihr noch einmal nahe zu sein. Von hier aber war kein Weg in das Halbgeschoss, wo sie wohnte. Nun fand er sich unmittelbar an seiner Frauen Ture, eine sonderbare Verwechselung ging in seiner Seele vor; er suchte die Ture aufzudrehen, er fand sie verschlossen, er pochte leise an, Charlotte horte nicht.

Sie ging in dem grosseren Nebenzimmer lebhaft auf und ab. Sie wiederholte sich aber- und abermals, was sie seit jenem unerwarteten Vorschlag des Grafen oft genug bei sich um und um gewendet hatte. Der Hauptmann schien vor ihr zu stehen. Er fullte noch das Haus, er belebte noch die Spaziergange, und er sollte fort, das alles sollte leer werden! Sie sagte sich alles, was man sich sagen kann, ja sie antizipierte, wie man gewohnlich pflegt, den leidigen Trost, dass auch solche Schmerzen durch die Zeit gelindert werden. Sie verwunschte die Zeit, die es braucht, um sie zu lindern; sie verwunschte die totenhafte Zeit, wo sie wurden gelindert sein.

Da war denn zuletzt die Zuflucht zu den Tranen um so willkommner, als sie bei ihr selten stattfand. Sie warf sich auf den Sofa und uberliess sich ganz ihrem Schmerz. Eduard seinerseits konnte von der Ture nicht weg; er pochte nochmals, und zum drittenmal etwas starker, so dass Charlotte durch die Nachtstille es ganz deutlich vernahm und erschreckt auffuhr. Der erste Gedanke war, es konne, es musse der Hauptmann sein; der zweite, das sei unmoglich. Sie hielt es fur Tauschung, aber sie hatte es gehort, sie wunschte, sie furchtete es gehort zu haben. Sie ging ins Schlafzimmer, trat leise zu der verriegelten Tapetentur. Sie schalt sich uber ihre Furcht. 'Wie leicht kann die Grafin etwas bedurfen!' sagte sie zu sich selbst und rief gefasst und gesetzt: "Ist jemand da?" Eine leise Stimme antwortete: "Ich bins." "Wer?" entgegnete Charlotte, die den Ton nicht unterscheiden konnte. Ihr stand des Hauptmanns Gestalt vor der Tur. Etwas lauter klang es ihr entgegen: "Eduard!" Sie offnete, und ihr Gemahl stand vor ihr. Er begrusste sie mit einem Scherz. Es ward ihr moglich, in diesem Tone fortzufahren. Er verwickelte den ratselhaften Besuch in ratselhafte Erklarungen. "Warum ich denn aber eigentlich komme," sagte er zuletzt, "muss ich dir nur gestehen. Ich habe ein Gelubde getan, heute abend noch deinen Schuh zu kussen."

"Das ist dir lange nicht eingefallen," sagte Charlotte. "Desto schlimmer," versetzte Eduard, "und desto besser!"

Sie hatte sich in einen Sessel gesetzt, um ihre leichte Nachtkleidung seinen Blicken zu entziehen. Er warf sich vor ihr nieder, und sie konnte sich nicht erwehren, dass er nicht ihren Schuh kusste, und dass, als dieser ihm in der Hand blieb, er den Fuss ergriff und ihn zartlich an seine Brust druckte.

Charlotte war eine von den Frauen, die, von Natur massig, im Ehestande ohne Vorsatz und Anstrengung die Art und Weise der Liebhaberinnen fortfuhren. Niemals reizte sie den Mann, ja seinem Verlangen kam sie kaum entgegen; aber ohne Kalte und abstossende Strenge glich sie immer einer liebevollen Braut, die selbst vor dem Erlaubten noch innige Scheu tragt. Und so fand sie Eduard diesen Abend in doppeltem Sinne. Wie sehnlich wunschte sie den Gatten weg; denn die Luftgestalt des Freundes schien ihr Vorwurfe zu machen. Aber das, was Eduarden hatte entfernen sollen, zog ihn nur mehr an. Eine gewisse Bewegung war an ihr sichtbar. Sie hatte geweint, und wenn weiche Personen dadurch meist an Anmut verlieren, so gewinnen diejenigen dadurch unendlich, die wir gewohnlich als stark und gefasst kennen. Eduard war so liebenswurdig, so freundlich, so dringend; er bat sie, bei ihr bleiben zu durfen, er forderte nicht, bald ernst bald scherzhaft suchte er sie zu bereden, er dachte nicht daran, dass er Rechte habe, und loschte zuletzt mutwillig die Kerze aus.

In der Lampendammerung sogleich behauptete die innre Neigung, behauptete die Einbildungskraft ihre Rechte uber das Wirkliche: Eduard hielt nur Ottilien in seinen Armen, Charlotten schwebte der Hauptmann naher oder ferner vor der Seele, und so verwebten, wundersam genug, sich Abwesendes und Gegenwartiges reizend und wonnevoll durcheinander.

Und doch lasst sich die Gegenwart ihr ungeheures Recht nicht rauben. Sie brachten einen Teil der Nacht unter allerlei Gesprachen und Scherzen zu, die um desto freier waren als das Herz leider keinen Teil daran nahm. Aber als Eduard des andern Morgens an dem Busen seiner Frau erwachte, schien ihm der Tag ahnungsvoll hereinzublicken, die Sonne schien ihm ein Verbrechen zu beleuchten; er schlich sich leise von ihrer Seite, und sie fand sich, seltsam genug, allein, als sie erwachte.

Zwolftes Kapitel

Als die Gesellschaft zum Fruhstuck wieder zusammenkam, hatte ein aufmerksamer Beobachter an dem Betragen der einzelnen die Verschiedenheit der innern Gesinnungen und Empfindungen abnehmen konnen. Der Graf und die Baronesse begegneten sich mit dem heitern Behagen, das ein Paar Liebende empfinden, die sich nach erduldeter Trennung ihrer wechselseitigen Neigung abermals versichert halten, dagegen Charlotte und Eduard gleichsam beschamt und reuig dem Hauptmann und Ottilien entgegentraten. Denn so ist die Liebe beschaffen, dass sie allein recht zu haben glaubt und alle anderen Rechte vor ihr verschwinden. Ottilie war kindlich heiter, nach ihrer Weise konnte man sie offen nennen. Ernst erschien der Hauptmann; ihm war bei der Unterredung mit dem Grafen, indem dieser alles in ihm aufregte, was einige Zeit geruht und geschlafen hatte, nur zu fuhlbar geworden, dass er eigentlich hier seine Bestimmung nicht erfulle und im Grunde bloss in einem halbtatigen Mussiggang hinschlendere. Kaum hatten sich die beiden Gaste entfernt, als schon wieder neuer Besuch eintraf, Charlotten willkommen, die aus sich selbst herauszugehen, sich zu zerstreuen wunschte; Eduarden ungelegen, der eine doppelte Neigung fuhlte, sich mit Ottilien zu beschaftigen; Ottilien gleichfalls unerwunscht, die mit ihrer auf morgen fruh so notigen Abschrift noch nicht fertig war. Und so eilte sie auch, als die Fremden sich spat entfernten, sogleich auf ihr Zimmer.

Es war Abend geworden. Eduard, Charlotte und der Hauptmann, welche die Fremden, ehe sie sich in den Wagen setzten, eine Strecke zu Fuss begleitet hatten, wurden einig, noch einen Spaziergang nach den Teichen zu machen. Ein Kahn war angekommen, den Eduard mit ansehnlichen Kosten aus der Ferne verschrieben hatte. Man wollte versuchen, ob er sich leicht bewegen und lenken lasse.

Er war am Ufer des mittelsten Teiches nicht weit von einigen alten Eichbaumen angebunden, auf die man schon bei kunftigen Anlagen gerechnet hatte. Hier sollte ein Landungsplatz angebracht, unter den Baumen ein architektonischer Ruhesitz aufgefuhrt werden, wonach diejenigen, die uber den See fahren, zu steuern hatten.

"Wo wird man denn nun druben die Landung am besten anlegen?" fragte Eduard. "Ich sollte denken, bei meinen Platanen."

"Sie stehen ein wenig zu weit rechts," sagte der Hauptmann. "Landet man weiter unten, so ist man dem Schlosse naher; doch muss man es uberlegen."

Der Hauptmann stand schon im Hinterteile des Kahns und hatte ein Ruder ergriffen. Charlotte stieg ein, Eduard gleichfalls und fasste das andre Ruder; aber als er eben im Abstossen begriffen war, gedachte er Ottiliens, gedachte, dass ihn diese Wasserfahrt verspaten, wer weiss erst wann zuruckfuhren wurde. Er entschloss sich kurz und gut, sprang wieder ans Land, reichte dem Hauptmann das andre Ruder und eilte, sich fluchtig entschuldigend, nach Hause.

Dort vernahm er, Ottilie habe sich eingeschlossen, sie schreibe. Bei dem angenehmen Gefuhle, dass sie fur ihn etwas tue, empfand er das lebhafteste Missbehagen, sie nicht gegenwartig zu sehen. Seine Ungeduld vermehrte sich mit jedem Augenblicke. Er ging in dem grossen Saale auf und ab, versuchte allerlei, und nichts vermochte seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Sie wunschte er zu sehen, allein zu sehen, ehe noch Charlotte mit dem Hauptmann zuruckkame. Es ward Nacht, die Kerzen wurden angezundet.

Endlich trat sie herein, glanzend von Liebenswurdigkeit. Das Gefuhl, etwas fur den Freund getan zu haben, hatte ihr ganzes Wesen uber sich selbst gehoben. Sie legte das Original und die Abschrift vor Eduard auf den Tisch. "Wollen wir kollationieren?" sagte sie lachelnd. Eduard wusste nicht, was er erwidern sollte. Er sah sie an, er besah die Abschrift. Die ersten Blatter waren mit der grossten Sorgfalt, mit einer zarten weiblichen Hand geschrieben, dann schienen sich die Zuge zu verandern, leichter und freier zu werden; aber wie erstaunt war er, als er die letzten Seiten mit den Augen uberlief! "Um Gottes willen!" rief er aus, "was ist das? Das ist meine Hand!" Er sah Ottilien an und wieder auf die Blatter, besonders der Schluss war ganz, als wenn er ihn selbst geschrieben hatte. Ottilie schwieg, aber sie blickte ihm mit der grossten Zufriedenheit in die Augen. Eduard hob seine Arme empor: "Du liebst mich!" rief er aus, "Ottilie, du liebst mich!" und sie hielten einander umfasst. Wer das andere zuerst ergriffen, ware nicht zu unterscheiden gewesen.

Von diesem Augenblick an war die Welt fur Eduarden umgewendet, er nicht mehr, was er gewesen, die Welt nicht mehr, was sie gewesen. Sie standen voreinander, er hielt ihre Hande, sie sahen einander in die Augen, im Begriff, sich wieder zu umarmen.

Charlotte mit dem Hauptmann trat herein. Zu den Entschuldigungen eines langeren Aussenbleibens lachelte Eduard heimlich. 'O wie viel zu fruh kommt ihr!' sagte er zu sich selbst.

Sie setzten sich zum Abendessen. Die Personen des heutigen Besuchs wurden beurteilt. Eduard, liebevoll aufgeregt, sprach gut von einem jeden, immer schonend, oft billigend. Charlotte, die nicht durchaus seiner Meinung war, bemerkte diese Stimmung und scherzte mit ihm, dass er, der sonst uber die scheidende Gesellschaft immer das strengste Zungengericht ergehen lasse, heute so mild und nachsichtig sei.

Mit Feuer und herzlicher Uberzeugung rief Eduard: "Man muss nur Ein Wesen recht von Grund aus lieben, da kommen einem die ubrigen alle liebenswurdig vor!" Ottilie schlug die Augen nieder, und Charlotte sah vor sich hin.

Der Hauptmann nahm das Wort und sagte: "Mit den Gefuhlen der Hochachtung, der Verehrung ist es doch auch etwas Ahnliches. Man erkennt nur erst das Schatzenswerte in der Welt, wenn man solche Gesinnungen an Einem Gegenstande zu uben Gelegenheit findet."

Charlotte suchte bald in ihr Schlafzimmer zu gelangen, um sich der Erinnerung dessen zu uberlassen, was diesen Abend zwischen ihr und dem Hauptmann vorgegangen war.

Als Eduard ans Ufer springend den Kahn vom Lande stiess, Gattin und Freund dem schwankenden Element selbst uberantwortete, sah nunmehr Charlotte den Mann, um den sie im stillen schon soviel gelitten hatte, in der Dammerung vor sich sitzen und durch die Fuhrung zweier Ruder das Fahrzeug in beliebiger Richtung fortbewegen. Sie empfand eine tiefe, selten gefuhlte Traurigkeit. Das Kreisen des Kahns, das Platschern der Ruder, der uber den Wasserspiegel hinschauernde Windhauch, das Sauseln der Rohre, das letzte Schweben der Vogel, das Blinken und Widerblinken der ersten Sterne: alles hatte etwas Geisterhaftes in dieser allgemeinen Stille. Es schien ihr, der Freund fuhre sie weit weg, um sie auszusetzen, sie allein zu lassen. Eine wunderbare Bewegung war in ihrem Innern, und sie konnte nicht weinen.

Der Hauptmann beschrieb ihr unterdessen, wie nach seiner Absicht die Anlagen werden sollten. Er ruhmte die guten Eigenschaften des Kahns, dass er sich leicht mit zwei Rudern von einer Person bewegen und regieren lasse. Sie werde das selbst lernen, es sei eine angenehme Empfindung, manchmal allein auf dem Wasser hinzuschwimmen und sein eigner Fahrund Steuermann zu sein.

Bei diesen Worten fiel der Freundin die bevorstehende Trennung aufs Herz. 'Sagt er das mit Vorsatz?' dachte sie bei sich selbst. 'Weiss er schon davon? vermutet ers? Oder sagt er es zufallig, so dass er mir bewusstlos mein Schicksal vorausverkundigt?' Es ergriff sie eine grosse Wehmut, eine Ungeduld; sie bat ihn, baldmoglichst zu landen und mit ihr nach dem Schlosse zuruckzukehren.

Es war das erstemal, dass der Hauptmann die Teiche befuhr, und ob er gleich im allgemeinen ihre Tiefe untersucht hatte, so waren ihm doch die einzelnen Stellen unbekannt. Dunkel fing es an zu werden; er richtete seinen Lauf dahin, wo er einen bequemen Ort zum Aussteigen vermutete und den Fusspfad nicht entfernt wusste, der nach dem Schlosse fuhrte. Aber auch von dieser Bahn wurde er einigermassen abgelenkt, als Charlotte mit einer Art von Angstlichkeit den Wunsch wiederholte, bald am Lande zu sein. Er naherte sich mit erneuten Anstrengungen dem Ufer, aber leider fuhlte er sich in einiger Entfernung davon angehalten; er hatte sich festgefahren, und seine Bemuhungen, wieder loszukommen, waren vergebens. Was war zu tun? Ihm blieb nichts ubrig, als in das Wasser zu steigen, das seicht genug war, und die Freundin an das Land zu tragen. Glucklich brachte er die liebe Burde hinuber, stark genug, um nicht zu schwanken oder ihr einige Sorgen zu geben; aber doch hatte sie angstlich ihre Arme um seinen Hals geschlungen.

Er hielt sie fest und druckte sie an sich. Erst auf einem Rasenabhang liess er sie nieder, nicht ohne Bewegung und Verwirrung. Sie lag noch an seinem Halse; er schloss sie aufs neue in seine Arme und druckte einen lebhaften Kuss auf ihre Lippen; aber auch im Augenblick lag er zu ihren Fussen, druckte seinen Mund auf ihre Hand und rief: "Charlotte, werden Sie mir vergeben?"

Der Kuss, den der Freund gewagt, den sie ihm beinahe zuruckgegeben, brachte Charlotten wieder zu sich selbst. Sie druckte seine Hand, aber sie hob ihn nicht auf. Doch indem sie sich zu ihm hinunterneigte und eine Hand auf seine Schultern legte, rief sie aus: "Dass dieser Augenblick in unserm Leben Epoche mache, konnen wir nicht verhindern; aber dass sie unser wert sei, hangt von uns ab. Sie mussen scheiden, lieber Freund, und Sie werden scheiden. Der Graf macht Anstalt, Ihr Schicksal zu verbessern; es freut und schmerzt mich. Ich wollte es verschweigen, bis es gewiss ware; der Augenblick notigt mich, dies Geheimnis zu entdecken. Nur insofern kann ich Ihnen, kann ich mir verzeihen, wenn wir den Mut haben, unsre Lage zu andern, da es von uns nicht abhangt, unsre Gesinnung zu andern." Sie hub ihn auf und ergriff seinen Arm, um sich darauf zu stutzen, und so kamen sie stillschweigend nach dem Schlosse.

Nun aber stand sie in ihrem Schlafzimmer, wo sie sich als Gattin Eduards empfinden und betrachten musste. Ihr kam bei diesen Widerspruchen ihr tuchtiger und durchs Leben mannigfaltig geubter Charakter zu Hulfe. Immer gewohnt, sich ihrer selbst bewusst zu sein, sich selbst zu gebieten, ward es ihr auch jetzt nicht schwer, durch ernste Betrachtung sich dem erwunschten Gleichgewichte zu nahern; ja sie musste uber sich selbst lacheln, indem sie des wunderlichen Nachtbesuches gedachte. Doch schnell ergriff sie eine seltsame Ahnung, ein freudig bangliches Erzittern, das in fromme Wunsche und Hoffnungen sich aufloste. Geruhrt kniete sie nieder, sie wiederholte den Schwur, den sie Eduarden vor dem Altar getan. Freundschaft, Neigung, Entsagen gingen vor ihr in heitern Bildern voruber. Sie fuhlte sich innerlich wiederhergestellt. Bald ergreift sie eine susse Mudigkeit und ruhig schlaft sie ein.

Dreizehntes Kapitel

Eduard von seiner Seite ist in einer ganz verschiedenen Stimmung. Zu schlafen denkt er so wenig, dass es ihm nicht einmal einfallt, sich auszuziehen. Die Abschrift des Dokuments kusst er tausendmal, den Anfang von Ottiliens kindlich schuchterner Hand; das Ende wagt er kaum zu kussen, weil er seine eigene Hand zu sehen glaubt. 'O dass es ein andres Dokument ware!' sagt er sich im stillen; und doch ist es ihm auch schon die schonste Versicherung, dass sein hochster Wunsch erfullt sei. Bleibt es ja doch in seinen Handen! und wird er es nicht immerfort an sein Herz drucken, obgleich entstellt durch die Unterschrift eines Dritten?

Der abnehmende Mond steigt uber den Wald hervor. Die warme Nacht lockt Eduarden ins Freie; er schweift umher, er ist der unruhigste und der glucklichste aller Sterblichen. Er wandelt durch die Garten; sie sind ihm zu enge; er eilt auf das Feld, und es wird ihm zu weit. Nach dem Schlosse zieht es ihn zuruck; er findet sich unter Ottiliens Fenstern. Dort setzt er sich auf eine Terrassentreppe. 'Mauern und Riegel', sagt er zu sich selbst, 'trennen uns jetzt, aber unsre Herzen sind nicht getrennt. Stunde sie vor mir, in meine Arme wurde sie fallen, ich in die ihrigen, und was bedarf es weiter als diese Gewissheit!' Alles war still um ihn her, kein Luftchen regte sich; so still wars, dass er das wuhlende Arbeiten emsiger Tiere unter der Erde vernehmen konnte, denen Tag und Nacht gleich sind. Er hing ganz seinen glucklichen Traumen nach, schlief endlich ein und erwachte nicht eher wieder, als bis die Sonne mit herrlichem Blick heraufstieg und die fruhsten Nebel gewaltigte.

Nun fand er sich den ersten Wachenden in seinen Besitzungen. Die Arbeiter schienen ihm zu lange auszubleiben. Sie kamen; es schienen ihm ihrer zu wenig und die vorgesetzte Tagesarbeit fur seine Wunsche zu gering. Er fragte nach mehreren Arbeitern; man versprach sie und stellte sie im Laufe des Tages. Aber auch diese sind ihm nicht genug, um seine Vorsatze schleunig ausgefuhrt zu sehen. Das Schaffen macht ihm keine Freude mehr; es soll schon alles fertig sein, und fur wen? Die Wege sollen gebahnt sein, damit Ottilie bequem sie gehen, die Sitze schon an Ort und Stelle, damit Ottilie dort ruhen konne. Auch an dem neuen Hause treibt er, was er kann; es soll an Ottiliens Geburtstage gerichtet werden. In Eduards Gesinnungen wie in seinen Handlungen ist kein Mass mehr. Das Bewusstsein, zu lieben und geliebt zu werden, treibt ihn ins Unendliche. Wie verandert ist ihm die Ansicht von allen Zimmern, von allen Umgebungen! Er findet sich in seinem eigenen Hause nicht mehr. Ottiliens Gegenwart verschlingt ihm alles; er ist ganz in ihr versunken, keine andre Betrachtung steigt vor ihm auf, kein Gewissen spricht ihm zu; alles, was in seiner Natur gebandigt war, bricht los, sein ganzes Wesen stromt gegen Ottilien.

Der Hauptmann beobachtet dieses leidenschaftliche Treiben und wunscht den traurigen Folgen zuvorzukommen. Alle diese Anlagen, die jetzt mit einem einseitigen Triebe ubermassig gefordert werden, hatte er auf ein ruhig freundliches Zusammenleben berechnet. Der Verkauf des Vorwerks war durch ihn zustande gebracht, die erste Zahlung geschehen, Charlotte hatte sie der Abrede nach in ihre Kasse genommen. Aber sie muss gleich in der ersten Woche Ernst und Geduld und Ordnung mehr als sonst uben und im Auge haben; denn nach der ubereilten Weise wird das Ausgesetzte nicht lange reichen.

Es war viel angefangen und viel zu tun. Wie soll er Charlotten in dieser Lage lassen! Sie beraten sich und kommen uberein, man wolle die planmassigen Arbeiten lieber selbst beschleunigen, zu dem Ende Gelder aufnehmen und zu deren Abtragung die Zahlungstermine anweisen, die vom Vorwerksverkauf zuruckgeblieben waren. Es liess sich fast ohne Verlust durch Zession der Gerechtsame tun; man hatte freiere Hand; man leistete, da alles im Gange, Arbeiter genug vorhanden waren, mehr auf einmal und gelangte gewiss und bald zum Zweck. Eduard stimmte gern bei, weil es mit seinen Absichten ubereintraf.

Im innern Herzen beharrt indessen Charlotte bei dem, was sie bedacht und sich vorgesetzt, und mannlich steht ihr der Freund mit gleichem Sinn zur Seite. Aber eben dadurch wird ihre Vertraulichkeit nur vermehrt. Sie erklaren sich wechselseitig uber Eduards Leidenschaft, sie beraten sich daruber. Charlotte schliesst Ottilien naher an sich, beobachtet sie strenger, und je mehr sie ihr eigen Herz gewahr worden, desto tiefer blickt sie in das Herz des Madchens. Sie sieht keine Rettung, als sie muss das Kind entfernen.

Nun scheint es ihr eine gluckliche Fugung, dass Luciane ein so ausgezeichnetes Lob in der Pension erhalten; denn die Grosstante, davon unterrichtet, will sie nun ein fur allemal zu sich nehmen, sie um sich haben, sie in die Welt einfuhren. Ottilie konnte in die Pension zuruckkehren, der Hauptmann entfernte sich wohlversorgt; und alles stand wie vor wenigen Monaten, ja um so viel besser. Ihr eigenes Verhaltnis hoffte Charlotte zu Eduard bald wiederherzustellen, und sie legte das alles so verstandig bei sich zurecht, dass sie sich nur immer mehr in dem Wahn bestarkte: in einen fruhern, beschranktern Zustand konne man zuruckkehren, ein gewaltsam Entbundenes lasse sich wieder ins Enge bringen.

Eduard empfand indessen die Hindernisse sehr hoch, die man ihm in den Weg legte. Er bemerkte gar bald, dass man ihn und Ottilien auseinanderhielt, dass man ihm erschwerte, sie allein zu sprechen, ja sich ihr zu nahern, ausser in Gegenwart von mehreren; und indem er hieruber verdriesslich war, ward er es uber manches andere. Konnte er Ottilien fluchtig sprechen, so war es nicht nur, sie seiner Liebe zu versichern, sondern sich auch uber seine Gattin, uber den Hauptmann zu beschweren. Er fuhlte nicht, dass er selbst durch sein heftiges Treiben die Kasse zu erschopfen auf dem Wege war; er tadelte bitter Charlotten und den Hauptmann, dass sie bei dem Geschaft gegen die erste Abrede handelten, und doch hatte er in die zweite Abrede gewilligt, ja er hatte sie selbst veranlasst und notwendig gemacht.

Der Hass ist parteiisch, aber die Liebe ist es noch mehr. Auch Ottilie entfremdete sich einigermassen von Charlotten und dem Hauptmann. Als Eduard sich einst gegen Ottilien uber den letztern beklagte, dass er als Freund und in einem solchen Verhaltnisse nicht ganz aufrichtig handle, versetzte Ottilie unbedachtsam: "Es hat mir schon fruher missfallen, dass er nicht ganz redlich gegen Sie ist. Ich horte ihn einmal zu Charlotten sagen: 'Wenn uns nur Eduard mit seiner Flotendudelei verschonte! Es kann daraus nichts werden und ist fur die Zuhorer so lastig.' Sie konnen denken, wie mich das geschmerzt hat, da ich Sie so gern akkompagniere."

Kaum hatte sie es gesagt, als ihr schon der Geist zuflusterte, dass sie hatte schweigen sollen; aber es war heraus. Eduards Gesichtszuge verwandelten sich. Nie hatte ihn etwas mehr verdrossen; er war in seinen liebsten Forderungen angegriffen, er war sich eines kindlichen Strebens ohne die mindeste Anmassung bewusst. Was ihn unterhielt, was ihn erfreute, sollte doch mit Schonung von Freunden behandelt werden. Er dachte nicht, wie schrecklich es fur einen Dritten sei, sich die Ohren durch ein unzulangliches Talent verletzen zu lassen. Er war beleidigt, wutend, um nicht wieder zu vergeben. Er fuhlte sich von allen Pflichten losgesprochen.

Die Notwendigkeit, mit Ottilien zu sein, sie zu sehen, ihr etwas zuzuflustern, ihr zu vertrauen, wuchs mit jedem Tage. Er entschloss sich, ihr zu schreiben, sie um einen geheimen Briefwechsel zu bitten. Das Streifchen Papier, worauf er dies lakonisch genug getan hatte, lag auf dem Schreibtisch und ward vom Zugwind heruntergefuhrt, als der Kammerdiener hereintrat, ihm die Haare zu krauseln. Gewohnlich, um die Hitze des Eisens zu versuchen, buckte sich dieser nach Papierschnitzeln auf der Erde; diesmal ergriff er das Billet, zwickte es eilig, und es war versengt. Eduard, den Missgriff bemerkend, riss es ihm aus der Hand. Bald darauf setzte er sich hin, es noch einmal zu schreiben; es wollte nicht ganz so zum zweitenmal aus der Feder. Er fuhlte einiges Bedenken, einige Besorgnis, die er jedoch uberwand. Ottilien wurde das Blattchen in die Hand gedruckt, den ersten Augenblick, wo er sich ihr nahern konnte.

Ottilie versaumte nicht, ihm zu antworten. Ungelesen steckte er das Zettelchen in die Weste, die, modisch kurz, es nicht gut verwahrte. Es schob sich heraus und fiel, ohne von ihm bemerkt zu werden, auf den Boden. Charlotte sah es und hob es auf und reichte es ihm mit einem fluchtigen Uberblick. "Hier ist etwas von deiner Hand," sagte sie, "das du vielleicht ungern verlorest."

Er war betroffen. 'Verstellt sie sich?' dachte er. 'Ist sie den Inhalt des Blattchens gewahr worden, oder irrt sie sich an der Ahnlichkeit der Hande?' Er hoffte, er dachte das letztre. Er war gewarnt, doppelt gewarnt; aber diese sonderbaren, zufalligen Zeichen, durch die ein hoheres Wesen mit uns zu sprechen scheint, waren seiner Leidenschaft unverstandlich; vielmehr, indem sie ihn immer weiter fuhrte, empfand er die Beschrankung, in der man ihn zu halten schien, immer unangenehmer. Die freundliche Geselligkeit verlor sich. Sein Herz war verschlossen, und wenn er mit Freund und Frau zusammenzusein genotigt war, so gelang es ihm nicht, seine fruhere Neigung zu ihnen in seinem Busen wieder aufzufinden, zu beleben. Der stille Vorwurf, den er sich selbst hieruber machen musste, war ihm unbequem, und er suchte sich durch eine Art von Humor zu helfen, der aber, weil er ohne Liebe war, auch der gewohnten Anmut ermangelte.

Uber alle diese Prufungen half Charlotten ihr inneres Gefuhl hinweg. Sie war sich ihres ernsten Vorsatzes bewusst, auf eine so schone, edle Neigung Verzicht zu tun.

Wie sehr wunschte sie, jenen beiden auch zu Hulfe zu kommen! Entfernung, fuhlte sie wohl, wird nicht allein hinreichend sein, ein solches Ubel zu heilen. Sie nimmt sich vor, die Sache gegen das gute Kind zur Sprache zu bringen; aber sie vermag es nicht; die Erinnerung ihres eignen Schwankens steht ihr im Wege. Sie sucht sich daruber im allgemeinen auszudrucken; das Allgemeine passt auch auf ihren eignen Zustand, den sie auszusprechen scheut. Ein jeder Wink, den sie Ottilien geben will, deutet zuruck in ihr eignes Herz. Sie will warnen und fuhlt, dass sie wohl selbst noch einer Warnung bedurfen konnte.

Schweigend halt sie daher die Liebenden noch immer auseinander, und die Sache wird dadurch nicht besser. Leise Andeutungen, die ihr manchmal entschlupfen, wirken auf Ottilien nicht; denn Eduard hatte diese von Charlottens Neigung zum Hauptmann uberzeugt, sie uberzeugt, dass Charlotte selbst eine Scheidung wunsche, die er nun auf eine anstandige Weise zu bewirken denke.

Ottilie, getragen durch das Gefuhl ihrer Unschuld, auf dem Wege zu dem erwunschtesten Gluck, lebt nur fur Eduard. Durch die Liebe zu ihm in allem Guten gestarkt, um seinetwillen freudiger in ihrem Tun, aufgeschlossener gegen andre, findet sie sich in einem Himmel auf Erden.

So setzen alle zusammen, jeder auf seine Weise, das tagliche Leben fort, mit und ohne Nachdenken; alles scheint seinen gewohnlichen Gang zu gehen, wie man auch in ungeheuren Fallen, wo alles auf dem Spiele steht, noch immer so fortlebt, als wenn von nichts die Rede ware.

Vierzehntes Kapitel

Von dem Grafen war indessen ein Brief an den Hauptmann angekommen, und zwar ein doppelter, einer zum Vorzeigen, der sehr schone Aussichten in die Ferne darwies; der andre hingegen, der ein entschiedenes Anerbieten fur die Gegenwart enthielt, eine bedeutende Hof- und Geschaftsstelle, den Charakter als Major, ansehnlichen Gehalt und andre Vorteile, sollte wegen verschiedener Nebenumstande noch geheimgehalten werden. Auch unterrichtete der Hauptmann seine Freunde nur von jenen Hoffnungen und verbarg, was so nahe bevorstand.

Indessen setzte er die gegenwartigen Geschafte leb

haft fort und machte in der Stille Einrichtungen, wie alles in seiner Abwesenheit ungehinderten Fortgang haben konnte. Es ist ihm nun selbst daran gelegen, dass fur manches ein Termin bestimmt werde, dass Ottiliens Geburtstag manches beschleunige. Nun wirken die beiden Freunde, obschon ohne ausdruckliches Einverstandnis, gern zusammen. Eduard ist nun recht zufrieden, dass man durch das Vorauserheben der Gelder die Kasse verstarkt hat; die ganze Anstalt ruckt auf das rascheste vorwarts.

Die drei Teiche in einen See zu verwandeln, hatte

jetzt der Hauptmann am liebsten ganz widerraten. Der untere Damm war zu verstarken, die mittlern abzutragen und die ganze Sache in mehr als einem Sinne wichtig und bedenklich. Beide Arbeiten aber, wie sie ineinanderwirken konnten, waren schon angefangen, und hier kam ein junger Architekt, ein ehemaliger Zogling des Hauptmanns, sehr erwunscht, der teils mit Anstellung tuchtiger Meister, teils mit Verdingen der Arbeit, wo sichs tun liess, die Sache forderte und dem Werke Sicherheit und Dauer versprach; wobei sich der Hauptmann im stillen freute, dass man seine Entfernung nicht fuhlen wurde. Denn er hatte den Grundsatz, aus einem ubernommenen unvollendeten Geschaft nicht zu scheiden, bis er seine Stelle genugsam ersetzt sahe. Ja er verachtete diejenigen, die, um ihren Abgang fuhlbar zu machen, erst noch Verwirrung in ihrem Kreise anrichten, indem sie als ungebildete Selbstler das zu zerstoren wunschen, wobei sie nicht mehr fortwirken sollen.

So arbeitete man immer mit Anstrengung, um Ottiliens Geburtstag zu verherrlichen, ohne dass man es aussprach oder sichs recht aufrichtig bekannte. Nach Charlottens obgleich neidlosen Gesinnungen konnte es doch kein entschiedenes Fest werden. Die Jugend Ottiliens, ihre Glucksumstande, das Verhaltnis zur Familie berechtigten sie nicht, als Konigin eines Tages zu erscheinen. Und Eduard wollte nicht davon gesprochen haben, weil alles wie von selbst entspringen, uberraschen und naturlich erfreuen sollte.

Alle kamen daher stillschweigend in dem Vorwande uberein, als wenn an diesem Tage, ohne weitere Beziehung, jenes Lusthaus gerichtet werden sollte, und bei diesem Anlass konnte man dem Volke sowie den Freunden ein Fest ankundigen.

Eduards Neigung war aber grenzenlos. Wie er sich Ottilien zuzueignen begehrte, so kannte er auch kein Mass des Hingebens, Schenkens, Versprechens. Zu einigen Gaben, die er Ottilien an diesem Tage verehren wollte, hatte ihm Charlotte viel zu armliche Vorschlage getan. Er sprach mit seinem Kammerdiener, der seine Garderobe besorgte und mit Handelsleuten und Modehandlern in bestandigem Verhaltnis blieb; dieser, nicht unbekannt sowohl mit den angenehmsten Gaben selbst als mit der besten Art, sie zu uberreichen, bestellte sogleich in der Stadt den niedlichsten Koffer, mit rotem Saffian uberzogen, mit Stahlnageln beschlagen und angefullt mit Geschenken, einer solchen Schale wurdig.

Noch einen andern Vorschlag tat er Eduarden. Es war ein kleines Feuerwerk vorhanden, das man immer abzubrennen versaumt hatte. Dies konnte man leicht verstarken und erweitern. Eduard ergriff den Gedanken, und jener versprach, fur die Ausfuhrung zu sorgen. Die Sache sollte ein Geheimnis bleiben.

Der Hauptmann hatte unterdessen, je naher der Tag heranruckte, seine polizeilichen Einrichtungen getroffen, die er fur so notig hielt, wenn eine Masse Menschen zusammenberufen oder gelockt wird. Ja sogar hatte er wegen des Bettelns und andrer Unbequemlichkeiten, wodurch die Anmut eines Festes gestort wird, durchaus Vorsorge genommen.

Eduard und sein Vertrauter dagegen beschaftigten sich vorzuglich mit dem Feuerwerk. Am mittelsten Teiche vor jenen grossen Eichbaumen sollte es abgebrannt werden; gegenuber unter den Platanen sollte die Gesellschaft sich aufhalten, um die Wirkung aus gehoriger Ferne, die Abspiegelung im Wasser, und was auf dem Wasser selbst brennend zu schwimmen bestimmt war, mit Sicherheit und Bequemlichkeit anzuschauen.

Unter einem andern Vorwand liess daher Eduard den Raum unter den Platanen von Gestrauch, Gras und Moos saubern, und nun erschien erst die Herrlichkeit des Baumwuchses sowohl an Hohe als Breite auf dem gereinigten Boden. Eduard empfand daruber die grosste Freude. 'Es war ungefahr um diese Jahrszeit, als ich sie pflanzte. Wie lange mag es her sein?' sagte er zu sich selbst. Sobald er nach Hause kam, schlug er in alten Tagebuchern nach, die sein Vater, besonders auf dem Lande, sehr ordentlich gefuhrt hatte. Zwar diese Pflanzung konnte nicht darin erwahnt sein, aber eine andre hauslich wichtige Begebenheit an demselben Tage, deren sich Eduard noch wohl erinnerte, musste notwendig darin angemerkt stehen. Er durchblattert einige Bande, der Umstand findet sich. Aber wie erstaunt, wie erfreut ist Eduard, als er das wunderbarste Zusammentreffen bemerkt! Der Tag, das Jahr jener Baumpflanzung ist zugleich der Tag, das Jahr von Ottiliens Geburt.

Funfzehntes Kapitel

Endlich leuchtete Eduarden der sehnlich erwartete Morgen, und nach und nach stellten viele Gaste sich ein; denn man hatte die Einladungen weit umhergeschickt, und manche, die das Legen des Grundsteins versaumt hatten, wovon man soviel Artiges erzahlte, wollten diese zweite Feierlichkeit um so weniger verfehlen.

Vor Tafel erschienen die Zimmerleute mit Musik im Schlosshofe, ihren reichen Kranz tragend, der aus vielen stufenweise ubereinander schwankenden Laubund Blumenreifen zusammengesetzt war. Sie sprachen ihren Gruss und erbaten sich zur gewohnlichen Ausschmuckung seidene Tucher und Bander von dem schonen Geschlecht. Indes die Herrschaft speiste, setzten sie ihren jauchzenden Zug weiter fort, und nachdem sie sich eine Zeitlang im Dorfe aufgehalten und daselbst Frauen und Madchen gleichfalls um manches Band gebracht, so kamen sie endlich, begleitet und erwartet von einer grossen Menge, auf die Hohe, wo das gerichtete Haus stand.

Charlotte hielt nach der Tafel die Gesellschaft einigermassen zuruck. Sie wollte keinen feierlichen, formlichen Zug, und man fand sich daher in einzelnen Partieen, ohne Rang und Ordnung, auf dem Platz gemachlich ein. Charlotte zogerte mit Ottilien und machte dadurch die Sache nicht besser; denn weil Ottilie wirklich die letzte war, die herantrat, so schien es, als wenn Trompeten und Pauken nur auf sie gewartet hatten, als wenn die Feierlichkeit bei ihrer Ankunft nun gleich beginnen musste.

Dem Hause das rohe Ansehn zu nehmen, hatte man

es mit grunem Reisig und Blumen, nach Angabe des Hauptmanns, architektonisch ausgeschmuckt; allein ohne dessen Mitwissen hatte Eduard den Architekten veranlasst, in dem Gesims das Datum mit Blumen zu bezeichnen. Das mochte noch hingehen; allein zeitig genug langte der Hauptmann an, um zu verhindern, dass nicht auch der Name Ottiliens im Giebelfelde glanzte. Er wusste dieses Beginnen auf eine geschickte Weise abzulehnen und die schon fertigen Blumenbuchstaben beiseitezubringen.

Der Kranz war aufgesteckt und weit umher in der

Gegend sichtbar. Bunt flatterten die Bander und Tucher in der Luft, und eine kurze Rede verscholl zum grossten Teil im Winde. Die Feierlichkeit war zu Ende, der Tanz auf dem geebneten und mit Lauben umkreiseten Platze vor dem Gebaude sollte nun angehen. Ein schmucker Zimmergeselle fuhrte Eduarden ein flinkes Bauermadchen zu und forderte Ottilien auf, welche danebenstand. Die beiden Paare fanden sogleich ihre Nachfolger, und bald genug wechselte Eduard, indem er Ottilien ergriff und mit ihr die Runde machte. Die jungere Gesellschaft mischte sich frohlich in den Tanz des Volks, indes die Altern beobachteten.

Sodann, ehe man sich auf den Spaziergangen zerstreute, ward abgeredet, dass man sich mit Untergang der Sonne bei den Platanen wieder versammeln wolle. Eduard fand sich zuerst ein, ordnete alles und nahm Abrede mit dem Kammerdiener, der auf der andern Seite in Gesellschaft des Feuerwerkers die Lusterscheinungen zu besorgen hatte.

Der Hauptmann bemerkte die dazu getroffenen Vorrichtungen nicht mit Vergnugen; er wollte wegen des zu erwartenden Andrangs der Zuschauer mit Eduard sprechen, als ihn derselbe etwas hastig bat, er moge ihm diesen Teil der Feierlichkeit doch allein uberlassen.

Schon hatte sich das Volk auf die oberwarts abgestochenen und vom Rasen entblossten Damme gedrangt, wo das Erdreich uneben und unsicher war. Die Sonne ging unter, die Dammerung trat ein, und in Erwartung grosserer Dunkelheit wurde die Gesellschaft unter den Platanen mit Erfrischungen bedient. Man fand den Ort unvergleichlich und freute sich in Gedanken, kunftig von hier die Aussicht auf einen weiten und so mannigfaltig begrenzten See zu geniessen.

Ein ruhiger Abend, eine vollkommene Windstille versprachen das nachtliche Fest zu begunstigen, als auf einmal ein entsetzliches Geschrei entstand. Grosse Schollen hatten sich vom Damme losgetrennt, man sah mehrere Menschen ins Wasser sturzen. Das Erdreich hatte nachgegeben unter dem Drangen und Treten der immer zunehmenden Menge. Jeder wollte den besten Platz haben, und nun konnte niemand vorwarts noch zuruck.

Jedermann sprang auf und hinzu, mehr um zu schauen als zu tun; denn was war da zu tun, wo niemand hinreichen konnte. Nebst einigen Entschlossenen eilte der Hauptmann herbei, trieb sogleich die Menge von dem Damm herunter nach den Ufern, um den Hulfreichen freie Hand zu geben, welche die Versinkenden herauszuziehen suchten. Schon waren alle teils durch eignes, teils durch fremdes Bestreben wieder auf dem Trocknen, bis auf einen Knaben, der durch allzu angstliches Bemuhen, statt sich dem Damm zu nahern, sich davon entfernt hatte. Die Krafte schienen ihn zu verlassen, nur einigemal kam noch eine Hand, ein Fuss in die Hohe. Unglucklicherweise war der Kahn auf der andern Seite, mit Feuerwerk gefullt, nur langsam konnte man ihn ausladen, und die Hulfe verzogerte sich. Des Hauptmanns Entschluss war gefasst, er warf die Oberkleider weg, aller Augen richteten sich auf ihn, und seine tuchtige, kraftige Gestalt flosste jedermann Zutrauen ein; aber ein Schrei der Uberraschung drang aus der Menge hervor, als er sich ins Wasser sturzte, jedes Auge begleitete ihn, der als geschickter Schwimmer den Knaben bald erreichte und ihn, jedoch fur tot, an den Damm brachte.

Indessen ruderte der Kahn herbei, der Hauptmann bestieg ihn und forschte genau von den Anwesenden, ob denn auch wirklich alle gerettet seien. Der Chirurgus kommt und ubernimmt den totgeglaubten Knaben; Charlotte tritt hinzu, sie bittet den Hauptmann, nur fur sich zu sorgen, nach dem Schlosse zuruckzukehren und die Kleider zu wechseln. Er zaudert, bis ihm gesetzte, verstandige Leute, die ganz nahe gegenwartig gewesen, die selbst zur Rettung der einzelnen beigetragen, auf das heiligste versichern, dass alle gerettet seien.

Charlotte sieht ihn nach Hause gehen, sie denkt, dass Wein und Tee und was sonst notig ware, verschlossen ist, dass in solchen Fallen die Menschen gewohnlich verkehrt handeln; sie eilt durch die zerstreute Gesellschaft, die sich noch unter den Platanen befindet. Eduard ist beschaftigt, jedermann zuzureden: man soll bleiben; in kurzem gedenkt er das Zeichen zu geben, und das Feuerwerk soll beginnen. Charlotte tritt hinzu und bittet ihn, ein Vergnugen zu verschieben, das jetzt nicht am Platze sei, das in dem gegenwartigen Augenblick nicht genossen werden konne; sie erinnert ihn, was man dem Geretteten und dem Retter schuldig sei. "Der Chirurgus wird schon seine Pflicht tun," versetzte Eduard. "Er ist mit allem versehen, und unser Zudringen ware nur eine hinderliche Teilnahme."

Charlotte bestand auf ihrem Sinne und winkte Ottilien, die sich sogleich zum Weggehen anschickte. Eduard ergriff ihre Hand und rief: "Wir wollen diesen Tag nicht im Lazarett endigen! Zur barmherzigen Schwester ist sie zu gut. Auch ohne uns werden die Scheintoten erwachen und die Lebendigen sich abtrocknen."

Charlotte schwieg und ging. Einige folgten ihr, andere diesen; endlich wollte niemand der letzte sein, und so folgten alle. Eduard und Ottilie fanden sich allein unter den Platanen. Er bestand darauf, zu bleiben, so dringend, so angstlich sie ihn auch bat, mit ihr nach dem Schlosse zuruckzukehren. "Nein, Ottilie!" rief er, "das Ausserordentliche geschieht nicht auf glattem, gewohnlichem Wege. Dieser uberraschende Vorfall von heute abend bringt uns schneller zusammen. Du bist die Meine! Ich habe dirs schon so oft gesagt und geschworen; wir wollen es nicht mehr sagen und schworen, nun soll es werden."

Der Kahn von der andern Seite schwamm heruber. Es war der Kammerdiener, der verlegen anfragte, was nunmehr mit dem Feuerwerk werden sollte. "Brennt es ab!" rief er ihm entgegen. "Fur dich allein war es bestellt, Ottilie, und nun sollst du es auch allein sehen! Erlaube mir, an deiner Seite sitzend, es mitzugeniessen." Zartlich bescheiden setzte er sich neben sie, ohne sie zu beruhren.

Raketen rauschten auf, Kanonenschlage donnerten, Leuchtkugeln stiegen, Schwarmer schlangelten und platzten, Rader gischten, jedes erst einzeln, dann gepaart, dann alle zusammen und immer gewaltsamer hintereinander und zusammen. Eduard, dessen Busen brannte, verfolgte mit lebhaft zufriedenem Blick diese feurigen Erscheinungen. Ottiliens zartem, aufgeregtem Gemut war dieses rauschende, blitzende Entstehen und Verschwinden eher angstlich als angenehm. Sie lehnte sich schuchtern an Eduard, dem diese Annaherung, dieses Zutrauen das volle Gefuhl gab, dass sie ihm ganz angehore.

Die Nacht war kaum in ihre Rechte wieder eingetreten, als der Mond aufging und die Pfade der beiden Ruckkehrenden beleuchtete. Eine Figur, den Hut in der Hand, vertrat ihnen den Weg und sprach sie um ein Almosen an, da er an diesem festlichen Tage versaumt worden sei. Der Mond schien ihm ins Gesicht, und Eduard erkannte die Zuge jenes zudringlichen Bettlers. Aber so glucklich wie er war, konnte er nicht ungehalten sein, konnte es ihm nicht einfallen, dass besonders fur heute das Betteln hochlich verpont worden. Er forschte nicht lange in der Tasche und gab ein Goldstuck hin. Er hatte jeden gern glucklich gemacht, da sein Gluck ohne Grenzen schien.

Zu Hause war indes alles erwunscht gelungen. Die Tatigkeit des Chirurgen, die Bereitschaft alles Notigen, der Beistand Charlottens, alles wirkte zusammen, und der Knabe ward wieder zum Leben hergestellt. Die Gaste zerstreuten sich, sowohl um noch etwas vom Feuerwerk aus der Ferne zu sehen, als auch um nach solchen verworrnen Szenen ihre ruhige Heimat wieder zu betreten.

Auch hatte der Hauptmann, geschwind umgekleidet, an der notigen Vorsorge tatigen Anteil genommen; alles war beruhigt, und er fand sich mit Charlotten allein. Mit zutraulicher Freundlichkeit erklarte er nun, dass seine Abreise nahe bevorstehe. Sie hatte diesen Abend so viel erlebt, dass diese Entdeckung wenig Eindruck auf sie machte; sie hatte gesehen, wie der Freund sich aufopferte, wie er rettete und selbst gerettet war. Diese wunderbaren Ereignisse schienen ihr eine bedeutende Zukunft, aber keine ungluckliche zu weissagen.

Eduarden, der mit Ottilien hereintrat, wurde die bevorstehende Abreise des Hauptmanns gleichfalls angekundigt. Er argwohnte, dass Charlotte fruher um das Nahere gewusst habe, war aber viel zu sehr mit sich und seinen Absichten beschaftigt, als dass er es hatte ubel empfinden sollen.

Im Gegenteil vernahm er aufmerksam und zufrieden die gute und ehrenvolle Lage, in die der Hauptmann versetzt werden sollte. Unbandig drangen seine geheimen Wunsche den Begebenheiten vor. Schon sah er jenen mit Charlotten verbunden, sich mit Ottilien. Man hatte ihm zu diesem Fest kein grosseres Geschenk machen konnen.

Aber wie erstaunt war Ottilie, als sie auf ihr Zimmer trat und den kostlichen kleinen Koffer auf ihrem Tische fand! Sie saumte nicht, ihn zu eroffnen. Da zeigte sich alles so schon gepackt und geordnet, dass sie es nicht auseinanderzunehmen, ja kaum zu luften wagte. Musselin, Batist, Seide, Schals und Spitzen wetteiferten an Feinheit, Zierlichkeit und Kostbarkeit. Auch war der Schmuck nicht vergessen. Sie begriff wohl die Absicht, sie mehr als einmal vom Kopf bis auf den Fuss zu kleiden; es war aber alles so kostbar und fremd, dass sie sichs in Gedanken nicht zuzueignen getraute.

Sechzehntes Kapitel

Des andern Morgens war der Hauptmann verschwunden und ein dankbar gefuhltes Blatt an die Freunde von ihm zuruckgeblieben. Er und Charlotte hatten abends vorher schon halben und einsilbigen Abschied genommen. Sie empfand eine ewige Trennung und ergab sich darein; denn in dem zweiten Briefe des Grafen, den ihr der Hauptmann zuletzt mitteilte, war auch von einer Aussicht auf eine vorteilhafte Heirat die Rede, und obgleich er diesem Punkt keine Aufmerksamkeit schenkte, so hielt sie doch die Sache schon fur gewiss und entsagte ihm rein und vollig.

Dagegen glaubte sie nun auch die Gewalt, die sie uber sich selbst ausgeubt, von andern fordern zu konnen. Ihr war es nicht unmoglich gewesen, andern sollte das gleiche moglich sein. In diesem Sinne begann sie das Gesprach mit ihrem Gemahl, um so mehr offen und zuversichtlich, als sie empfand, dass die Sache ein fur allemal abgetan werden musse.

"Unser Freund hat uns verlassen," sagte sie; "wir sind nun wieder gegeneinander uber wie vormals, und es kame nun wohl auf uns an, ob wir wieder vollig in den alten Zustand zuruckkehren wollten."

Eduard, der nichts vernahm, als was seiner Leidenschaft schmeichelte, glaubte, dass Charlotte durch diese Worte den fruheren Witwenstand bezeichnen und, obgleich auf unbestimmte Weise, zu einer Scheidung Hoffnung machen wolle. Er antwortete deshalb mit Lacheln: "Warum nicht? Es kame nur darauf an, dass man sich verstandigte."

Er fand sich daher gar sehr betrogen, als Charlotte versetzte: "Auch Ottilien in eine andere Lage zu bringen, haben wir gegenwartig nur zu wahlen; denn es findet sich eine doppelte Gelegenheit, ihr Verhaltnisse zu geben, die fur sie wunschenswert sind. Sie kann in die Pension zuruckkehren, da meine Tochter zur Grosstante gezogen ist; sie kann in ein angesehenes Haus aufgenommen werden, um mit einer einzigen Tochter alle Vorteile einer standesmassigen Erziehung zu geniessen."

"Indessen", versetzte Eduard ziemlich gefasst, "hat Ottilie sich in unserer freundlichen Gesellschaft so verwohnt, dass ihr eine andere wohl schwerlich willkommen sein mochte."

"Wir haben uns alle verwohnt," sagte Charlotte, "und du nicht zum letzten. Indessen ist es eine Epoche, die uns zur Besinnung auffordert, die uns ernstlich ermahnt, an das Beste samtlicher Mitglieder unseres kleinen Zirkels zu denken und auch irgendeine Aufopferung nicht zu versagen."

"Wenigstens finde ich es nicht billig," versetzte Eduard, "dass Ottilie aufgeopfert werde, und das geschahe doch, wenn man sie gegenwartig unter fremde Menschen hinunterstiesse. Den Hauptmann hat sein gutes Geschick hier aufgesucht; wir durfen ihn mit Ruhe, ja mit Behagen von uns wegscheiden lassen. Wer weiss, was Ottilien bevorsteht; warum sollten wir uns ubereilen?"

"Was uns bevorsteht, ist ziemlich klar," versetzte Charlotte mit einiger Bewegung, und da sie die Absicht hatte, ein fur allemal sich auszusprechen, fuhr sie fort: "Du liebst Ottilien, du gewohnst dich an sie. Neigung und Leidenschaft entspringt und nahrt sich auch von ihrer Seite. Warum sollen wir nicht mit Worten aussprechen, was uns jede Stunde gesteht und bekennt? Sollen wir nicht soviel Vorsicht haben, uns zu fragen, was das werden wird?"

"Wenn man auch sogleich nicht darauf antworten kann," versetzte Eduard, der sich zusammennahm, "so lasst sich doch soviel sagen, dass man eben alsdann sich am ersten entschliesst abzuwarten, was uns die Zukunft lehren wird, wenn man gerade nicht sagen kann, was aus einer Sache werden soll."

"Hier vorauszusehen," versetzte Charlotte, "bedarf es wohl keiner grossen Weisheit, und soviel lasst sich auf alle Falle gleich sagen, dass wir beide nicht mehr jung genug sind, um blindlings dahin zu gehen, wohin man nicht mochte oder nicht sollte. Niemand kann mehr fur uns sorgen; wir mussen unsre eigenen Freunde sein, unsre eigenen Hofmeister. Niemand erwartet von uns, dass wir uns in ein Ausserstes verlieren werden, niemand erwartet, uns tadelnswert oder gar lacherlich zu finden."

"Kannst du mirs verdenken," versetzte Eduard, der die offne, reine Sprache seiner Gattin nicht zu erwidern vermochte, "kannst du mich schelten, wenn mir Ottiliens Gluck am Herzen liegt? und nicht etwa ein kunftiges, das immer nicht zu berechnen ist, sondern ein gegenwartiges? Denke dir aufrichtig und ohne Selbstbetrug Ottilien aus unserer Gesellschaft gerissen und fremden Menschen untergeben ich wenigstens fuhle mich nicht grausam genug, ihr eine solche Veranderung zuzumuten."

Charlotte ward gar wohl die Entschlossenheit ihres Gemahls hinter seiner Verstellung gewahr. Erst jetzt fuhlte sie, wie weit er sich von ihr entfernt hatte. Mit einiger Bewegung rief sie aus: "Kann Ottilie glucklich sein, wenn sie uns entzweit, wenn sie mir einen Gatten, seinen Kindern einen Vater entreisst?"

"Fur unsere Kinder, dachte ich, ware gesorgt," sagte Eduard lachelnd und kalt; etwas freundlicher aber fugte er hinzu: "Wer wird auch gleich das Ausserste denken!"

"Das Ausserste liegt der Leidenschaft zu allernachst," bemerkte Charlotte. "Lehne, solange es noch Zeit ist, den guten Rat nicht ab, nicht die Hulfe, die ich uns biete. In truben Fallen muss derjenige wirken und helfen, der am klarsten sieht. Diesmal bin ichs. Lieber, liebster Eduard, lass mich gewahren! Kannst du mir zumuten, dass ich auf mein wohlerworbenes Gluck, auf die schonsten Rechte, auf dich so geradehin Verzicht leisten soll?"

"Wer sagt das?" versetzte Eduard mit einiger Verlegenheit.

"Du selbst," versetzte Charlotte; "indem du Ottilien in der Nahe behalten willst, gestehst du nicht alles zu, was daraus entspringen muss? Ich will nicht in dich dringen; aber wenn du dich nicht uberwinden kannst, so wirst du wenigstens dich nicht lange mehr betriegen konnen."

Eduard fuhlte, wie recht sie hatte. Ein ausgesprochnes Wort ist furchterlich, wenn es das auf einmal ausspricht, was das Herz lange sich erlaubt hat; und um nur fur den Augenblick auszuweichen, erwiderte Eduard: "Es ist mir ja noch nicht einmal klar, was du vorhast."

"Meine Absicht war," versetzte Charlotte, "mit dir die beiden Vorschlage zu uberlegen. Beide haben viel Gutes. Die Pension wurde Ottilien am gemassesten sein, wenn ich betrachte, wie das Kind jetzt ist. Jene grossere und weitere Lage verspricht aber mehr, wenn ich bedenke, was sie werden soll." Sie legte darauf umstandlich ihrem Gemahl die beiden Verhaltnisse dar und schloss mit den Worten: "Was meine Meinung betrifft, so wurde ich das Haus jener Dame der Pension vorziehen aus mehreren Ursachen, besonders aber auch, weil ich die Neigung, ja die Leidenschaft des jungen Mannes, den Ottilie dort fur sich gewonnen, nicht vermehren will."

Eduard schien ihr Beifall zu geben, nur aber, um einigen Aufschub zu suchen. Charlotte, die darauf ausging, etwas Entscheidendes zu tun, ergriff sogleich die Gelegenheit, als Eduard nicht unmittelbar widersprach, die Abreise Ottiliens, zu der sie schon alles im stillen vorbereitet hatte, auf die nachsten Tage festzusetzen.

Eduard schauderte, er hielt sich fur verraten und die liebevolle Sprache seiner Frau fur ausgedacht, kunstlich und planmassig, um ihn auf ewig von seinem Glucke zu trennen. Er schien ihr die Sache ganz zu uberlassen; allein schon war innerlich sein Entschluss gefasst. Um nur zu Atem zu kommen, um das bevorstehende unabsehliche Unheil der Entfernung Ottiliens abzuwenden, entschied er sich, sein Haus zu verlassen, und zwar nicht ganz ohne Vorbewusst Charlottens, die er jedoch durch die Einleitung zu tauschen verstand, dass er bei Ottiliens Abreise nicht gegenwartig sein, ja sie von diesem Augenblick an nicht mehr sehen wolle. Charlotte, die gewonnen zu haben glaubte, tat ihm allen Vorschub. Er befahl seine Pferde, gab dem Kammerdiener die notige Anweisung, was er einpacken und wie er ihm folgen solle, und so, wie schon im Stegreife, setzte er sich hin und schrieb.

Eduard an Charlotten

"Das Ubel, meine Liebe, das uns befallen hat, mag heilbar sein oder nicht, dies nur fuhle ich: wenn ich im Augenblicke nicht verzweifeln soll, so muss ich Aufschub finden fur mich, fur uns alle. Indem ich mich aufopfre, kann ich fordern. Ich verlasse mein Haus und kehre nur unter gunstigern, ruhigern Aussichten zuruck. Du sollst es indessen besitzen, aber mit Ottilien. Bei dir will ich sie wissen, nicht unter fremden Menschen. Sorge fur sie, behandle sie wie sonst, wie bisher, ja nur immer liebevoller, freundlicher und zarter. Ich verspreche, kein heimliches Verhaltnis zu Ottilien zu suchen. Lasst mich lieber eine Zeitlang ganz unwissend, wie ihr lebt; ich will mir das Beste denken. Denkt auch so von mir. Nur, was ich dich bitte, auf das innigste, auf das lebhafteste: mache keinen Versuch, Ottilien sonst irgendwo unterzugeben, in neue Verhaltnisse zu bringen! Ausser dem Bezirk deines Schlosses, deines Parks, fremden Menschen anvertraut, gehort sie mir, und ich werde mich ihrer bemachtigen. Ehrst du aber meine Neigung, meine Wunsche, meine Schmerzen, schmeichelst du meinem Wahn meinen Hoffnungen, so will ich auch der Genesung nicht widerstreben, wenn sie sich mir anbietet." Diese letzte Wendung floss ihm aus der Feder, nicht aus dem Herzen. Ja, wie er sie auf dem Papier sah, fing er bitterlich an zu weinen. Er sollte auf irgendeine Weise dem Gluck, ja dem Ungluck, Ottilien zu lieben, entsagen! Jetzt fuhlte er, was er tat. Er entfernte sich, ohne zu wissen, was daraus entstehen konnte. Er sollte sie wenigstens jetzt nicht wiedersehen; ob er sie je wiedersahe, welche Sicherheit konnte er sich daruber versprechen? Aber der Brief war geschrieben; die Pferde standen vor der Tur; jeden Augenblick musste er furchten, Ottilien irgendwo zu erblicken und zugleich seinen Entschluss vereitelt zu sehen. Er fasste sich; er dachte, dass es ihm doch moglich sei, jeden Augenblick zuruckzukehren und durch die Entfernung gerade seinen Wunschen naher zu kommen. Im Gegenteil stellte er sich Ottilien vor, aus dem Hause gedrangt, wenn er bliebe. Er siegelte den Brief, eilte die Treppe hinab und schwang sich aufs Pferd.

Als er beim Wirtshause vorbeiritt, sah er den Bettler in der Laube sitzen, den er gestern nacht so reichlich beschenkt hatte. Dieser sass behaglich an seinem Mittagsmahle, stand auf und neigte sich ehrerbietig, ja anbetend vor Eduarden. Eben diese Gestalt war ihm gestern erschienen, als er Ottilien am Arm fuhrte; nun erinnerte sie ihn schmerzlich an die glucklichste Stunde seines Lebens. Seine Leiden vermehrten sich; das Gefuhl dessen, was er zuruckliess, war ihm unertraglich; nochmals blickte er nach dem Bettler: "O du Beneidenswerter!" rief er aus; "du kannst noch am gestrigen Almosen zehren und ich nicht mehr am gestrigen Glucke!"

Siebzehntes Kapitel

Ottilie trat ans Fenster, als sie jemanden wegreiten horte, und sah Eduarden noch im Rucken. Es kam ihr wunderbar vor, dass er das Haus verliess, ohne sie gesehen, ohne ihr einen Morgengruss geboten zu haben. Sie ward unruhig und immer nachdenklicher, als Charlotte sie auf einen weiten Spaziergang mit sich zog und von mancherlei Gegenstanden sprach, aber des Gemahls, und wie es schien vorsatzlich, nicht erwahnte. Doppelt betroffen war sie daher, bei ihrer Zuruckkunft den Tisch nur mit zwei Gedecken besetzt zu finden.

Wir vermissen ungern gering scheinende Gewohnheiten, aber schmerzlich empfinden wir erst ein solches Entbehren in bedeutenden Fallen. Eduard und der Hauptmann fehlten, Charlotte hatte seit langer Zeit zum erstenmal den Tisch selbst angeordnet, und es wollte Ottilien scheinen, als wenn sie abgesetzt ware. Die beiden Frauen sassen gegeneinander uber; Charlotte sprach ganz unbefangen von der Anstellung des Hauptmanns und von der wenigen Hoffnung, ihn bald wiederzusehen. Das einzige trostete Ottilien in ihrer Lage, dass sie glauben konnte, Eduard sei, um den Freund noch eine Strecke zu begleiten, ihm nachgeritten.

Allein da sie von Tische aufstanden, sahen sie Eduards Reisewagen unter dem Fenster, und als Charlotte einigermassen unwillig fragte, wer ihn hieher bestellt habe, so antwortete man ihr, es sei der Kammerdiener, der hier noch einiges aufpacken wolle. Ottilie brauchte ihre ganze Fassung, um ihre Verwunderung und ihren Schmerz zu verbergen.

Der Kammerdiener trat herein und verlangte noch einiges. Es war eine Mundtasse des Herrn, ein paar silberne Loffel und mancherlei, was Ottilien auf eine weitere Reise, auf ein langeres Aussenbleiben zu deuten schien. Charlotte verwies ihm sein Begehren ganz trocken: sie verstehe nicht, was er damit sagen wolle; denn er habe ja alles, was sich auf den Herrn beziehe, selbst im Beschluss. Der gewandte Mann, dem es freilich nur darum zu tun war, Ottilien zu sprechen und sie deswegen unter irgendeinem Vorwande aus dem Zimmer zu locken, wusste sich zu entschuldigen und auf seinem Verlangen zu beharren, das ihm Ottilie auch zu gewahren wunschte; allein Charlotte lehnte es ab, der Kammerdiener musste sich entfernen, und der Wagen rollte fort.

Es war fur Ottilien ein schrecklicher Augenblick. Sie verstand es nicht, sie begriff es nicht; aber dass ihr Eduard auf geraume Zeit entrissen war, konnte sie fuhlen. Charlotte fuhlte den Zustand mit und liess sie allein. Wir wagen nicht, ihren Schmerz, ihre Tranen zu schildern. Sie litt unendlich. Sie bat nur Gott, dass er ihr nur uber diesen Tag weghelfen mochte; sie uberstand den Tag und die Nacht, und als sie sich wiedergefunden, glaubte sie, ein anderes Wesen anzutreffen.

Sie hatte sich nicht gefasst, sich nicht ergeben, aber sie war nach so grossem Verluste noch da und hatte noch mehr zu befurchten. Ihre nachste Sorge, nachdem das Bewusstsein wiedergekehrt, war sogleich, sie mochte nun, nach Entfernung der Manner, gleichfalls entfernt werden. Sie ahnte nichts von Eduards Drohungen, wodurch ihr der Aufenthalt neben Charlotten gesichert war; doch diente ihr das Betragen Charlottens zu einiger Beruhigung. Diese suchte das gute Kind zu beschaftigen und liess sie nur selten, nur ungern von sich; und ob sie gleich wohl wusste, dass man mit Worten nicht viel gegen eine entschiedene Leidenschaft zu wirken vermag, so kannte sie doch die Macht der Besonnenheit, des Bewusstseins, und brachte daher manches zwischen sich und Ottilien zur Sprache.

So war es fur diese ein grosser Trost, als jene gelegentlich mit Bedacht und Vorsatz die weise Betrachtung anstellte: "Wie lebhaft ist", sagte sie, "die Dankbarkeit derjenigen, denen wir mit Ruhe uber leidenschaftliche Verlegenheiten hinaushelfen! Lass uns freudig und munter in das eingreifen, was die Manner unvollendet zuruckgelassen haben; so bereiten wir uns die schonste Aussicht auf ihre Ruckkehr, indem wir das, was ihr sturmendes, ungeduldiges Wesen zerstoren mochte, durch unsre Massigung erhalten und fordern."

"Da Sie von Massigung sprechen, liebe Tante," versetzte Ottilie, "so kann ich nicht bergen, dass mir dabei die Unmassigkeit der Manner, besonders was den Wein betrifft, einfallt. Wie oft hat es mich betrubt und geangstigt, wenn ich bemerken musste, dass reiner Verstand, Klugheit, Schonung anderer, Anmut und Liebenswurdigkeit selbst fur mehrere Stunden verlorengingen und oft statt alles des Guten, was ein trefflicher Mann hervorzubringen und zu gewahren vermag, Unheil und Verwirrung hereinzubrechen drohte! Wie oft mogen dadurch gewaltsame Entschliessungen veranlasst werden!"

Charlotte gab ihr recht, doch setzte sie das Gesprach nicht fort; denn sie fuhlte nur zu wohl, dass auch hier Ottilie bloss Eduarden wieder im Sinne hatte, der zwar nicht gewohnlich, aber doch ofter, als es wunschenswert war, sein Vergnugen, seine Gesprachigkeit, seine Tatigkeit durch einen gelegentlichen Weingenuss zu steigern pflegte.

Hatte bei jener Ausserung Charlottens sich Ottilie die Manner, besonders Eduarden, wieder herandenken konnen, so war es ihr um desto auffallender, als Charlotte von einer bevorstehenden Heirat des Hauptmanns wie von einer ganz bekannten und gewissen Sache sprach, wodurch denn alles ein andres Ansehn gewann, als sie nach Eduards fruhern Versicherungen sich vorstellen mochte. Durch alles dies vermehrte sich die Aufmerksamkeit Ottiliens auf jede Ausserung, jeden Wink, jede Handlung, jeden Schritt Charlottens. Ottilie war klug, scharfsinnig, argwohnisch geworden, ohne es zu wissen.

Charlotte durchdrang indessen das einzelne ihrer ganzen Umgebung mit scharfem Blick und wirkte darin mit ihrer klaren Gewandtheit, wobei sie Ottilien bestandig teilzunehmen notigte. Sie zog ihren Haushalt ohne Banglichkeit ins Enge; ja, wenn sie alles genau betrachtete, so hielt sie den leidenschaftlichen Vorfall fur eine Art von glucklicher Schickung. Denn auf dem bisherigen Wege ware man leicht ins Grenzenlose geraten und hatte den schonen Zustand reichlicher Glucksguter, ohne sich zeitig genug zu besinnen, durch ein vordringliches Leben und Treiben, wo nicht zerstort, doch erschuttert.

Was von Parkanlagen im Gange war, storte sie nicht. Sie liess vielmehr dasjenige fortsetzen, was zum Grunde kunftiger Ausbildung liegen musste; aber dabei hatte es auch sein Bewenden. Ihr zuruckkehrender Gemahl sollte noch genug erfreuliche Beschaftigung finden.

Bei diesen Arbeiten und Vorsatzen konnte sie nicht genug das Verfahren des Architekten loben. Der See lag in kurzer Zeit ausgebreitet vor ihren Augen und die neuentstandenen Ufer zierlich und mannigfaltig bepflanzt und beraset. An dem neuen Hause ward alle rauhe Arbeit vollbracht, was zur Erhaltung notig war, besorgt, und dann machte sie einen Abschluss da, wo man mit Vergnugen wieder von vorn anfangen konnte. Dabei war sie ruhig und heiter; Ottilie schien es nur; denn in allem beobachtete sie nichts als Symptome, ob Eduard wohl bald erwartet werde oder nicht. Nichts interessierte sie an allem als diese Betrachtung.

Willkommen war ihr daher eine Anstalt, zu der man die Bauerknaben versammelte und die darauf abzielte, den weitlaufig gewordenen Park immer rein zu erhalten. Eduard hatte schon den Gedanken gehegt. Man liess den Knaben eine Art von heiterer Montierung machen, die sie in den Abendstunden anzogen, nachdem sie sich durchaus gereinigt und gesaubert hatten. Die Garderobe war im Schloss; dem verstandigsten, genausten Knaben vertraute man die Aufsicht an; der Architekt leitete das Ganze, und ehe man sichs versah, so hatten die Knaben alle ein gewisses Geschick. Man fand an ihnen eine bequeme Dressur, und sie verrichteten ihr Geschaft nicht ohne eine Art von Manover. Gewiss, wenn sie mit ihren Scharreisen, gestielten Messerklingen, Rechen, kleinen Spaten und Hacken und wedelartigen Besen einherzogen, wenn andre mit Korben hinterdrein kamen, um Unkraut und Steine beiseitezuschaffen, andre das hohe, grosse, eiserne Walzenrad hinter sich herzogen, so gab es einen hubschen, erfreulichen Aufzug, in welchem der Architekt eine artige Folge von Stellungen und Tatigkeiten fur den Fries eines Gartenhauses sich anmerkte; Ottilie hingegen sah darin nur eine Art von Parade, welche den ruckkehrenden Hausherrn bald begrussen sollte.

Dies gab ihr Mut und Lust, ihn mit etwas Ahnli

chem zu empfangen. Man hatte zeither die Madchen des Dorfes im Nahen, Stricken, Spinnen und andern weiblichen Arbeiten zu ermuntern gesucht. Auch diese Tugenden hatten zugenommen seit jenen Anstalten zu Reinlichkeit und Schonheit des Dorfes. Ottilie wirkte stets mit ein, aber mehr zufallig, nach Gelegenheit und Neigung. Nun gedachte sie es vollstandiger und folgerechter zu machen. Aber aus einer Anzahl Madchen lasst sich kein Chor bilden wie aus einer Anzahl Knaben. Sie folgte ihrem guten Sinne, und ohne sichs ganz deutlich zu machen, suchte sie nichts, als einem jeden Madchen Anhanglichkeit an sein Haus, seine Eltern und seine Geschwister einzuflossen.

Das gelang ihr mit vielen. Nur uber ein kleines,

lebhaftes Madchen wurde immer geklagt, dass sie ohne Geschick sei und im Hause nun ein fur allemal nichts tun wolle. Ottilie konnte dem Madchen nicht feind sein, denn ihr war es besonders freundlich. Zu ihr zog es sich, mit ihr ging und lief es, wenn sie es erlaubte. Da war es tatig, munter und unermudet. Die Anhanglichkeit an eine schone Herrin schien dem Kinde Bedurfnis zu sein. Anfanglich duldete Ottilie die Begleitung des Kindes; dann fasste sie selbst Neigung zu ihm; endlich trennten sie sich nicht mehr, und Nanny begleitete ihre Herrin uberallhin.

Diese nahm ofters den Weg nach dem Garten und freute sich uber das schone Gedeihen. Die Beerenund Kirschenzeit ging zu Ende, deren Spatlinge jedoch Nanny sich besonders schmecken liess. Bei dem ubrigen Obste, das fur den Herbst eine so reichliche Ernte versprach, gedachte der Gartner bestandig des Herrn und niemals, ohne ihn herbeizuwunschen. Ottilie horte dem guten alten Manne so gern zu. Er verstand sein Handwerk vollkommen und horte nicht auf, ihr von Eduard vorzusprechen.

Als Ottilie sich freute, dass die Pfropfreiser dieses Fruhjahrs alle so gar schon gekommen, erwiderte der Gartner bedenklich: "Ich wunsche nur, dass der gute Herr viel Freude daran erleben moge. Ware er diesen Herbst hier, so wurde er sehen, was fur kostliche Sorten noch von seinem Herrn Vater her im alten Schlossgarten stehen. Die jetzigen Herren Obstgartner sind nicht so zuverlassig, als sonst die Kartauser waren. In den Katalogen findet man wohl lauter honette Namen. Man pfropft und erzieht und endlich, wenn sie Fruchte tragen, so ist es nicht der Muhe wert, dass solche Baume im Garten stehen."

Am wiederholtesten aber fragte der treue Diener,

fast so oft er Ottilien sah, nach der Ruckkunft des Herrn und nach dem Termin derselben. Und wenn Ottilie ihn nicht angeben konnte, so liess ihr der gute Mann nicht ohne stille Betrubnis merken, dass er glaube, sie vertraue ihm nicht, und peinlich war ihr das Gefuhl der Unwissenheit, das ihr auf diese Weise recht aufgedrungen ward. Doch konnte sie sich von diesen Rabatten und Beeten nicht trennen. Was sie zusammen zum Teil gesaet, alles gepflanzt hatten, stand nun im volligen Flor; kaum bedurfte es noch einer Pflege, ausser dass Nanny immer zum Giessen bereit war. Mit welchen Empfindungen betrachtete Ottilie die spateren Blumen, die sich erst anzeigten, deren Glanz und Fulle dereinst an Eduards Geburtstag, dessen Feier sie sich manchmal versprach, prangen, ihre Neigung und Dankbarkeit ausdrucken sollten! Doch war die Hoffnung, dieses Fest zu sehen, nicht immer gleich lebendig. Zweifel und Sorgen umflusterten stets die Seele des guten Madchens.

Zu einer eigentlichen, offnen Ubereinstimmung mit

Charlotten konnte es auch wohl nicht wieder gebracht werden. Denn freilich war der Zustand beider Frauen sehr verschieden. Wenn alles beim alten blieb, wenn man in das Gleis des gesetzmassigen Lebens zuruckkehrte, gewann Charlotte an gegenwartigem Gluck, und eine frohe Aussicht in die Zukunft offnete sich ihr; Ottilie hingegen verlor alles, man kann wohl sagen alles; denn sie hatte zuerst Leben und Freude in Eduard gefunden, und in dem gegenwartigen Zustande fuhlte sie eine unendliche Leere, wovon sie fruher kaum etwas geahnet hatte. Denn ein Herz, das sucht, fuhlt wohl, dass ihm etwas mangle; ein Herz, das verloren hat, fuhlt, dass es entbehre. Sehnsucht verwandelt sich in Unmut und Ungeduld, und ein weibliches Gemut, zum Erwarten und Abwarten gewohnt, mochte nun aus seinem Kreise herausschreiten, tatig werden, unternehmen und auch etwas fur sein Gluck tun.

Ottilie hatte Eduarden nicht entsagt. Wie konnte sie es auch, obgleich Charlotte klug genug, gegen ihre eigne Uberzeugung die Sache fur bekannt annahm und als entschieden voraussetzte, dass ein freundschaftliches, ruhiges Verhaltnis zwischen ihrem Gatten und Ottilien moglich sei. Wie oft aber lag diese nachts, wenn sie sich eingeschlossen, auf den Knieen vor dem eroffneten Koffer und betrachtete die Geburtstagsgeschenke, von denen sie noch nichts gebraucht, nichts zerschnitten, nichts gefertigt. Wie oft eilte das gute Madchen mit Sonnenaufgang aus dem Hause, in dem sie sonst alle ihre Gluckseligkeit gefunden hatte, ins Freie hinaus, in die Gegend, die sie sonst nicht ansprach. Auch auf dem Boden mochte sie nicht verweilen. Sie sprang in den Kahn und ruderte sich bis mitten in den See; dann zog sie eine Reisebeschreibung hervor, liess sich von den bewegten Wellen schaukeln, las, traumte sich in die Fremde, und immer fand sie dort ihren Freund; seinem Herzen war sie noch immer nahe geblieben, er dem ihrigen.

Achtzehntes Kapitel

Dass jener wunderlich tatige Mann, den wir bereits kennengelernt, dass Mittler, nachdem er von dem Unheil, das unter diesen Freunden ausgebrochen, Nachricht erhalten, obgleich kein Teil noch seine Hulfe angerufen, in diesem Falle seine Freundschaft, seine Geschicklichkeit zu beweisen, zu uben geneigt war, lasst sich denken. Doch schien es ihm ratlich, erst eine Weile zu zaudern; denn er wusste nur zu wohl, dass es schwerer sei, gebildeten Menschen bei sittlichen Verworrenheiten zu Hulfe zu kommen als ungebildeten. Er uberliess sie deshalb eine Zeitlang sich selbst; allein zuletzt konnte er es nicht mehr aushalten und eilte, Eduarden aufzusuchen, dem er schon auf die Spur gekommen war.

Sein Weg fuhrte ihn zu einem angenehmen Tal, dessen anmutig grunen, baumreichen Wiesengrund die Wasserfulle eines immer lebendigen Baches bald durchschlangelte, bald durchrauschte. Auf den sanften Anhohen zogen sich fruchtbare Felder und wohlbestandene Obstpflanzungen hin. Die Dorfer lagen nicht zu nah aneinander, das Ganze hatte einen friedlichen Charakter, und die einzelnen Partieen, wenn auch nicht zum Malen, schienen doch zum Leben vorzuglich geeignet zu sein.

Ein wohlerhaltenes Vorwerk mit einem reinlichen, bescheidenen Wohnhause, von Garten umgeben, fiel ihm endlich in die Augen. Er vermutete, hier sei Eduards gegenwartiger Aufenthalt, und er irrte nicht.

Von diesem einsamen Freunde konnen wir so viel sagen, dass er sich im stillen dem Gefuhl seiner Leidenschaft ganz uberliess und dabei mancherlei Plane sich ausdachte, mancherlei Hoffnungen nahrte. Er konnte sich nicht leugnen, dass er Ottilien hier zu sehen wunsche, dass er wunsche, sie hieher zu fuhren, zu locken, und was er sich sonst noch Erlaubtes und Unerlaubtes zu denken nicht verwehrte. Dann schwankte seine Einbildungskraft in allen Moglichkeiten herum. Sollte er sie hier nicht besitzen, nicht rechtmassig besitzen konnen, so wollte er ihr den Besitz des Gutes zueignen. Hier sollte sie still fur sich, unabhangig leben; sie sollte glucklich sein und, wenn ihn eine selbstqualerische Einbildungskraft noch weiter fuhrte, vielleicht mit einem andern glucklich sein.

So verflossen ihm seine Tage in einem ewigen Schwanken zwischen Hoffnung und Schmerz, zwischen Tranen und Heiterkeit, zwischen Vorsatzen, Vorbereitungen und Verzweiflung. Der Anblick Mittlers uberraschte ihn nicht. Er hatte dessen Ankunft langst erwartet, und so war er ihm auch halb willkommen. Glaubte er ihn von Charlotten gesendet, so hatte er sich schon auf allerlei Entschuldigungen und Verzogerungen und sodann auf entscheidendere Vorschlage bereitet; hoffte er nun aber von Ottilien wieder etwas zu vernehmen, so war ihm Mittler so lieb als ein himmlischer Bote.

Verdriesslich daher und verstimmt war Eduard, als er vernahm, Mittler komme nicht von dorther, sondern aus eignem Antriebe. Sein Herz verschloss sich, und das Gesprach wollte sich anfangs nicht einleiten. Doch wusste Mittler nur zu gut, dass ein liebevoll beschaftigtes Gemut das dringende Bedurfnis hat, sich zu aussern, das, was in ihm vorgeht, vor einem Freunde auszuschutten, und liess sich daher gefallen, nach einigem Hin- und Widerreden diesmal aus seiner Rolle herauszugehen und statt des Vermittlers den Vertrauten zu spielen.

Als er hiernach auf eine freundliche Weise Eduarden wegen seines einsamen Lebens tadelte, erwiderte dieser: "O, ich wusste nicht, wie ich meine Zeit angenehmer zubringen sollte! Immer bin ich mit ihr beschaftigt, immer in ihrer Nahe. Ich habe den unschatzbaren Vorteil, mir denken zu konnen, wo sich Ottilie befindet, wo sie geht, wo sie steht, wo sie ausruht. Ich sehe sie vor mir tun und handeln wie gewohnlich, schaffen und vornehmen, freilich immer das, was mir am meisten schmeichelt. Dabei bleibt es aber nicht; denn wie kann ich fern von ihr glucklich sein! Nun arbeitet meine Phantasie durch, was Ottilie tun sollte, sich mir zu nahern. Ich schreibe susse, zutrauliche Briefe in ihrem Namen an mich, ich antworte ihr und verwahre die Blatter zusammen. Ich habe versprochen, keinen Schritt gegen sie zu tun, und das will ich halten. Aber was bindet sie, dass sie sich nicht zu mir wendet? Hat etwa Charlotte die Grausamkeit gehabt, Versprechen und Schwur von ihr zu fordern, dass sie mir nicht schreiben, keine Nachricht von sich geben wolle? Es ist naturlich, es ist wahrscheinlich, und doch finde ich es unerhort, unertraglich. Wenn sie mich liebt, wie ich glaube, wie ich weiss, warum entschliesst sie sich nicht, warum wagt sie es nicht, zu fliehen und sich in meine Arme zu werfen? Sie sollte das, denke ich manchmal, sie konnte das. Wenn sich etwas auf dem Vorsaale regt, sehe ich gegen die Ture. Sie soll hereintreten! denk ich, hoff ich. Ach! und da das Mogliche unmoglich ist, bilde ich mir ein, das Unmogliche musse moglich werden. Nachts, wenn ich aufwache, die Lampe einen unsichern Schein durch das Schlafzimmer wirft, da sollte ihre Gestalt, ihr Geist, eine Ahnung von ihr voruberschweben, herantreten, mich ergreifen, nur einen Augenblick, dass ich eine Art von Versicherung hatte, sie denke mein, sie sei mein.

Eine einzige Freude bleibt mir noch. Da ich ihr nahe war, traumte ich nie von ihr; jetzt aber, in der Ferne, sind wir im Traume zusammen, und sonderbar genug: seit ich andre liebenswurdige Personen hier in der Nachbarschaft kennengelernt, jetzt erst erscheint mir ihr Bild im Traum, als wenn sie mir sagen wollte: 'Siehe nur hin und her! du findest doch nichts Schoneres und Lieberes als mich.' Und so mischt sich ihr Bild in jeden meiner Traume. Alles, was mir mit ihr begegnet, schiebt sich durch- und ubereinander. Bald unterschreiben wir einen Kontrakt; da ist ihre Hand und die meinige, ihr Name und der meinige; beide loschen einander aus, beide verschlingen sich. Auch nicht ohne Schmerz sind diese wonnevollen Gaukeleien der Phantasie. Manchmal tut sie etwas, das die reine Idee beleidigt, die ich von ihr habe, dann fuhl ich erst, wie sehr ich sie liebe, indem ich uber alle Beschreibung geangstet bin. Manchmal neckt sie mich ganz gegen ihre Art und qualt mich; aber sogleich verandert sich ihr Bild, ihr schones, rundes, himmlisches Gesichtchen verlangert sich: es ist eine andre. Aber ich bin doch gequalt, unbefriedigt und zerruttet.

Lacheln Sie nicht, lieber Mittler, oder lacheln Sie auch! O ich schame mich nicht dieser Anhanglichkeit, dieser, wenn Sie wollen, torigen, rasenden Neigung. Nein, ich habe noch nie geliebt; jetzt erfahre ich erst, was das heisst. Bisher war alles in meinem Leben nur Vorspiel, nur Hinhalten, nur Zeitvertreib, nur Zeitverderb, bis ich sie kennenlernte, bis ich sie liebte und ganz und eigentlich liebte. Man hat mir nicht gerade ins Gesicht, aber doch wohl im Rucken den Vorwurf gemacht: ich pfusche, ich stumpere nur in den meisten Dingen. Es mag sein; aber ich hatte das noch nicht gefunden, worin ich mich als Meister zeigen kann. Ich will den sehen, der mich im Talent des Liebens ubertrifft.

Zwar ist es ein jammervolles, ein schmerzen , ein tranenreiches; aber ich finde es mir so naturlich, so eigen, dass ich es wohl schwerlich je wieder aufgebe."

Durch diese lebhaften, herzlichen Ausserungen hatte sich Eduard wohl erleichtert; aber es war ihm auch auf einmal jeder einzelne Zug seines wunderlichen Zustandes deutlich vor die Augen getreten, dass er, vom schmerzlichen Widerstreit uberwaltigt, in Tranen ausbrach, die um so reichlicher flossen, als sein Herz durch Mitteilung weich geworden war.

Mittler, der sein rasches Naturell, seinen unerbittlichen Verstand um so weniger verleugnen konnte, als er sich durch diesen schmerzlichen Ausbruch der Leidenschaft Eduards weit von dem Ziel seiner Reise verschlagen sah, ausserte aufrichtig und derb seine Missbilligung. Eduard hiess es solle sich ermannen, solle bedenken, was er seiner Manneswurde schuldig sei, solle nicht vergessen, dass dem Menschen zur hochsten Ehre gereiche, im Ungluck sich zu fassen, den Schmerz mit Gleichmut und Anstand zu ertragen, um hochlich geschatzt, verehrt und als Muster aufgestellt zu werden.

Aufgeregt, durchdrungen von den peinlichsten Gefuhlen, wie Eduard war, mussten ihm diese Worte hohl und nichtig vorkommen. "Der Gluckliche, der Behagliche hat gut reden," fuhr Eduard auf; "aber schamen wurde er sich, wenn er einsahe, wie unertraglich er dem Leidenden wird. Eine unendliche Geduld soll es geben, einen unendlichen Schmerz will der starre Behagliche nicht anerkennen. Es gibt Falle, ja, es gibt deren! wo jeder Trost niedertrachtig und Verzweiflung Pflicht ist. Verschmaht doch ein edler Grieche, der auch Helden zu schildern weiss, keineswegs, die seinigen bei schmerzlichem Drange weinen zu lassen. Selbst im Spruchwort sagt er: 'Tranenreiche Manner sind gut.' Verlasse mich jeder, der trocknen Herzens, trockner Augen ist! Ich verwunsche die Glucklichen, denen der Ungluckliche nur zum Spektakel dienen soll. Er soll sich in der grausamsten Lage korperlicher und geistiger Bedrangnis noch edel gebarden, um ihren Beifall zu erhalten, und, damit sie ihm beim Verscheiden noch applaudieren, wie ein Gladiator mit Anstand vor ihren Augen umkommen. Lieber Mittler, ich danke Ihnen fur Ihren Besuch; aber Sie erzeigten mir eine grosse Liebe, wenn Sie sich im Garten, in der Gegend umsahen. Wir kommen wieder zusammen. Ich suche gefasster und Ihnen ahnlicher zu werden."

Mittler mochte lieber einlenken als die Unterhaltung abbrechen, die er so leicht nicht wieder anknupfen konnte. Auch Eduarden war es ganz gemass, das Gesprach weiter fortzusetzen, das ohnehin zu seinem Ziele abzulaufen strebte.

"Freilich", sagte Eduard, "hilft das Hin- und Widerdenken, das Hin- und Widerreden zu nichts; doch unter diesem Reden bin ich mich selbst erst gewahr worden, habe ich erst entschieden gefuhlt, wozu ich mich entschliessen sollte, wozu ich entschlossen bin. Ich sehe mein gegenwartiges, mein zukunftiges Leben vor mir; nur zwischen Elend und Genuss habe ich zu wahlen. Bewirken Sie, bester Mann, eine Scheidung, die so notwendig, die schon geschehen ist; schaffen Sie mir Charlottens Einwilligung! Ich will nicht weiter ausfuhren, warum ich glaube, dass sie zu erlangen sein wird. Gehen Sie hin, lieber Mann, beruhigen Sie uns alle, machen Sie uns glucklich!"

Mittler stockte. Eduard fuhr fort: "Mein Schicksal und Ottiliens ist nicht zu trennen, und wir werden nicht zugrunde gehen. Sehen Sie dieses Glas! Unsere Namenszuge sind dareingeschnitten. Ein frohlich Jubelnder warf es in die Luft; niemand sollte mehr daraus trinken, auf dem felsigen Boden sollte es zerschellen; aber es ward aufgefangen. Um hohen Preis habe ich es wieder eingehandelt, und ich trinke nun taglich daraus, um mich taglich zu uberzeugen, dass alle Verhaltnisse unzerstorlich sind, die das Schicksal beschlossen hat."

"O wehe mir," rief Mittler, "was muss ich nicht mit meinen Freunden fur Geduld haben! Nun begegnet mir noch gar der Aberglaube, der mir als das Schadlichste, was bei den Menschen einkehren kann, verhasst bleibt. Wir spielen mit Voraussagungen und Traumen und machen dadurch das alltagliche Leben bedeutend. Aber wenn das Leben nun selbst bedeutend wird, wenn alles um uns sich bewegt und braust, dann wird das Gewitter durch jene Gespenster nur noch furchterlicher."

"Lassen Sie in dieser Ungewissheit des Lebens," rief Eduard, "zwischen diesem Hoffen und Bangen dem bedurftigen Herzen doch nur eine Art von Leitstern, nach welchem es hinblicke, wenn es auch nicht darnach steuern kann."

"Ich liesse mirs wohl gefallen," versetzte Mittler, "wenn dabei nur einige Konsequenz zu hoffen ware, aber ich habe immer gefunden: auf die warnenden Symptome achtet kein Mensch, auf die schmeichelnden und versprechenden allein ist die Aufmerksamkeit gerichtet und der Glaube fur sie ganz allein lebendig."

Da sich nun Mittler sogar in die dunklen Regionen gefuhrt sah, in denen er sich immer unbehaglicher fuhlte, je langer er darin verweilte, so nahm er den dringenden Wunsch Eduards, der ihn zu Charlotten gehen hiess, etwas williger auf. Denn was wollte er uberhaupt Eduarden in diesem Augenblicke noch entgegensetzen? Zeit zu gewinnen, zu erforschen, wie es um die Frauen stehe, das war es, was ihm selbst nach seinen eignen Gesinnungen zu tun ubrigblieb.

Er eilte zu Charlotten, die er wie sonst gefasst und heiter fand. Sie unterrichtete ihn gern von allem, was vorgefallen war; denn aus Eduards Reden konnte er nur die Wirkung abnehmen. Er trat von seiner Seite behutsam heran, konnte es aber nicht uber sich gewinnen, das Wort Scheidung auch nur im Vorbeigehn auszusprechen. Wie verwundert, erstaunt und, nach seiner Gesinnung, erheitert war er daher, als Charlotte ihm in Gefolg so manches Unerfreulichen endlich sagte: "Ich muss glauben, ich muss hoffen, dass alles sich wieder geben, dass Eduard sich wieder nahern werde. Wie kann es auch wohl anders sein, da Sie mich guter Hoffnung finden."

"Versteh ich Sie recht?" fiel Mittler ein. "Vollkommen," versetzte Charlotte. "Tausendmal gesegnet sei mir diese Nachricht!" rief er, die Hande zusammenschlagend. "Ich kenne die Starke dieses Arguments auf ein mannliches Gemut. Wie viele Heiraten sah ich dadurch beschleunigt, befestigt, wiederhergestellt! Mehr als tausend Worte wirkt eine solche gute Hoffnung, die furwahr die beste Hoffnung ist, die wir haben konnen. Doch", fuhr er fort, "was mich betrifft, so hatte ich alle Ursache, verdriesslich zu sein. In diesem Falle, sehe ich wohl, wird meiner Eigenliebe nicht geschmeichelt. Bei euch kann meine Tatigkeit keinen Dank verdienen. Ich komme mir vor wie jener Arzt, mein Freund, dem alle Kuren gelangen, die er um Gottes willen an Armen tat, der aber selten einen Reichen heilen konnte, der es gut bezahlen wollte. Glucklicherweise hilft sich hier die Sache von selbst, da meine Bemuhungen, mein Zureden fruchtlos geblieben waren."

Charlotte verlangte nun von ihm, er solle die Nachricht Eduarden bringen, einen Brief von ihr mitnehmen und sehen, was zu tun, was herzustellen sei. Er wollte das nicht eingehen. "Alles ist schon getan," rief er aus. "Schreiben Sie! ein jeder Bote ist so gut als ich. Muss ich doch meine Schritte hinwenden, wo ich notiger bin. Ich komme nur wieder, um Gluck zu wunschen; ich komme zur Taufe."

Charlotte war diesmal, wie schon ofters, uber Mittlern unzufrieden. Sein rasches Wesen brachte manches Gute hervor, aber seine Ubereilung war schuld an manchem Misslingen. Niemand war abhangiger von augenblicklich vorgefassten Meinungen als er.

Charlottens Bote kam zu Eduarden, der ihn mit halbem Schrecken empfing. Der Brief konnte ebensogut fur Nein als fur Ja entscheiden. Er wagte lange nicht, ihn aufzubrechen, und wie stand er betroffen, als er das Blatt gelesen, versteinert bei folgender Stelle, womit es sich endigte:

"Gedenke jener nachtlichen Stunden, in denen du deine Gattin abenteuerlich als Liebender besuchtest, sie unwiderstehlich an dich zogst, sie als eine Geliebte, als eine Braut in die Arme schlossest. Lass uns in dieser seltsamen Zufalligkeit eine Fugung des Himmels verehren, die fur ein neues Band unserer Verhaltnisse gesorgt hat in dem Augenblick, da das Gluck unseres Lebens auseinanderzufallen und zu verschwinden droht."

Was von dem Augenblick an in der Seele Eduards vorging, wurde schwer zu schildern sein. In einem solchen Gedrange treten zuletzt alte Gewohnheiten, alte Neigungen wieder hervor, um die Zeit zu toten und den Lebensraum auszufullen. Jagd und Krieg sind eine solche fur den Edelmann immer bereite Aushulfe. Eduard sehnte sich nach ausserer Gefahr, um der innerlichen das Gleichgewicht zu halten. Er sehnte sich nach dem Untergang, weil ihm das Dasein unertraglich zu werden drohte; ja es war ihm ein Trost zu denken, dass er nicht mehr sein werde und eben dadurch seine Geliebten, seine Freunde glucklich machen konne. Niemand stellte seinem Willen ein Hindernis entgegen, da er seinen Entschluss verheimlichte. Mit allen Formlichkeiten setzte er sein Testament auf; es war ihm eine susse Empfindung, Ottilien das Gut vermachen zu konnen. Fur Charlotten, fur das Ungeborne, fur den Hauptmann, fur seine Dienerschaft war gesorgt. Der wieder ausgebrochene Krieg begunstigte sein Vorhaben. Militarische Halbheiten hatten ihm in seiner Jugend viel zu schaffen gemacht; er hatte deswegen den Dienst verlassen. Nun war es ihm eine herrliche Empfindung, mit einem Feldherrn zu ziehen, von dem er sich sagen konnte: unter seiner Anfuhrung ist der Tod wahrscheinlich und der Sieg gewiss.

Ottilie, nachdem auch ihr Charlottens Geheimnis bekannt geworden, betroffen wie Eduard, und mehr, ging in sich zuruck. Sie hatte nichts weiter zu sagen. Hoffen konnte sie nicht, und wunschen durfte sie nicht. Einen Blick jedoch in ihr Inneres gewahrt uns ihr Tagebuch, aus dem wir einiges mitzuteilen gedenken.

Zweiter Teil

Erstes Kapitel

Im gemeinen Leben begegnet uns oft, was wir in der Epopoe als Kunstgriff des Dichters zu ruhmen pflegen, dass namlich, wenn die Hauptfiguren sich entfernen, verbergen, sich der Untatigkeit hingeben, gleich sodann schon ein Zweiter, Dritter, bisher kaum Bemerkter den Platz fullt und, indem er seine ganze Tatigkeit aussert, uns gleichfalls der Aufmerksamkeit, der Teilnahme, ja des Lobes und Preises wurdig erscheint.

So zeigte sich gleich nach der Entfernung des Hauptmanns und Eduards jener Architekt taglich bedeutender, von welchem die Anordnung und Ausfuhrung so manches Unternehmens allein abhing, wobei er sich genau, verstandig und tatig erwies und zugleich den Damen auf mancherlei Art beistand und in stillen, langwierigen Stunden sie zu unterhalten wusste. Schon sein Ausseres war von der Art, dass es Zutrauen einflosste und Neigung erweckte. Ein Jungling im vollen Sinne des Wortes, wohlgebaut, schlank, eher ein wenig zu gross, bescheiden ohne angstlich, zutraulich ohne zudringend zu sein. Freudig ubernahm er jede Sorge und Bemuhung, und weil er mit grosser Leichtigkeit rechnete, so war ihm bald das ganze Hauswesen kein Geheimnis, und uberallhin verbreitete sich sein gunstiger Einfluss. Die Fremden liess man ihn gewohnlich empfangen, und er wusste einen unerwarteten Besuch entweder abzulehnen oder die Frauen wenigstens dergestalt darauf vorzubereiten, dass ihnen keine Unbequemlichkeit daraus entsprang.

Unter andern gab ihm eines Tages ein junger Rechtsgelehrter viel zu schaffen, der, von einem benachbarten Edelmann gesendet, eine Sache zur Sprache brachte, die, zwar von keiner sonderlichen Bedeutung, Charlotten dennoch innig beruhrte. Wir mussen dieses Vorfalls gedenken, weil er verschiedenen Dingen einen Anstoss gab, die sonst vielleicht lange geruht hatten.

Wir erinnern uns jener Veranderung, welche Charlotte mit dem Kirchhofe vorgenommen hatte. Die samtlichen Monumente waren von ihrer Stelle geruckt und hatten an der Mauer, an dem Sockel der Kirche Platz gefunden. Der ubrige Raum war geebnet. Ausser einem breiten Wege, der zur Kirche und an derselben vorbei zu dem jenseitigen Pfortchen fuhrte, war das ubrige alles mit verschiedenen Arten Klee besaet, der auf das schonste grunte und bluhte. Nach einer gewissen Ordnung sollten vom Ende heran die neuen Graber bestellt, doch der Platz jederzeit wieder verglichen und ebenfalls besaet werden. Niemand konnte leugnen, dass diese Anstalt beim sonn- und festtagigen Kirchgang eine heitere und wurdige Ansicht gewahrte. Sogar der betagte und an alten Gewohnheiten haftende Geistliche, der anfanglich mit der Einrichtung nicht sonderlich zufrieden gewesen, hatte nunmehr seine Freude daran, wenn er unter den alten Linden, gleich Philemon, mit seiner Baucis vor der Hinterture ruhend, statt der holprigen Grabstatten einen schonen, bunten Teppich vor sich sah, der noch uberdies seinem Haushalt zugute kommen sollte, indem Charlotte die Nutzung dieses Fleckes der Pfarre zusichern lassen.

Allein desungeachtet hatten schon manche Gemeindeglieder fruher gemissbilligt, dass man die Bezeichnung der Stelle, wo ihre Vorfahren ruhten, aufgehoben und das Andenken dadurch gleichsam ausgeloscht; denn die wohlerhaltenen Monumente zeigen zwar an, wer begraben sei, aber nicht, wo er begraben sei, und auf das Wo komme es eigentlich an, wie viele behaupteten.

Von ebensolcher Gesinnung war eine benachbarte Familie, die sich und den Ihrigen einen Raum auf dieser allgemeinen Ruhestatte vor mehreren Jahren ausbedungen und dafur der Kirche eine kleine Stiftung zugewendet hatte. Nun war der junge Rechtsgelehrte abgesendet, um die Stiftung zu widerrufen und anzuzeigen, dass man nicht weiterzahlen werde, weil die Bedingung, unter welcher dieses bisher geschehen, einseitig aufgehoben und auf alle Vorstellungen und Widerreden nicht geachtet worden. Charlotte, die Urheberin dieser Veranderung, wollte den jungen Mann selbst sprechen, der zwar lebhaft, aber nicht allzu vorlaut seine und seines Prinzipals Grunde darlegte und der Gesellschaft manches zu denken gab.

"Sie sehen," sprach er nach einem kurzen Eingang, in welchem er seine Zudringlichkeit zu rechtfertigen wusste, "Sie sehen, dass dem Geringsten wie dem Hochsten daran gelegen ist, den Ort zu bezeichnen, der die Seinigen aufbewahrt. Dem armsten Landmann, der ein Kind begrabt, ist es eine Art von Trost, ein schwaches holzernes Kreuz auf das Grab zu stellen, es mit einem Kranze zu zieren, um wenigstens das Andenken so lange zu erhalten, als der Schmerz wahrt, wenn auch ein solches Merkzeichen, wie die Trauer selbst, durch die Zeit aufgehoben wird. Wohlhabende verwandeln diese Kreuze in eiserne, befestigen und schutzen sie auf mancherlei Weise, und hier ist schon Dauer fur mehrere Jahre. Doch weil auch diese endlich sinken und unscheinbar werden, so haben Beguterte nichts Angelegeneres, als einen Stein aufzurichten, der fur mehrere Generationen zu dauern verspricht und von den Nachkommen erneut und aufgefrischt werden kann. Aber dieser Stein ist es nicht, der uns anzieht, sondern das darunter Enthaltene, das daneben der Erde Vertraute. Es ist nicht sowohl vom Andenken die Rede als von der Person selbst, nicht von der Erinnerung, sondern von der Gegenwart. Ein geliebtes Abgeschiedenes umarme ich weit eher und inniger im Grabhugel als im Denkmal, denn dieses ist fur sich eigentlich nur wenig; aber um dasselbe her sollen sich wie um einen Markstein Gatten, Verwandte, Freunde selbst nach ihrem Hinscheiden noch versammeln, und der Lebende soll das Recht behalten, Fremde und Misswollende auch von der Seite seiner geliebten Ruhenden abzuweisen und zu entfernen.

Ich halte deswegen dafur, dass mein Prinzipal vollig recht habe, die Stiftung zuruckzunehmen; und dies ist noch billig genug, denn die Glieder der Familie sind auf eine Weise verletzt, wofur gar kein Ersatz zu denken ist. Sie sollen das schmerzlich susse Gefuhl entbehren, ihren Geliebten ein Totenopfer zu bringen, die trostliche Hoffnung, dereinst unmittelbar neben ihnen zu ruhen."

"Die Sache ist nicht von der Bedeutung," versetzte Charlotte, "dass man sich deshalb durch einen Rechtshandel beunruhigen sollte. Meine Anstalt reut mich so wenig, dass ich die Kirche gern wegen dessen, was ihr entgeht, entschadigen will. Nur muss ich Ihnen aufrichtig gestehen: Ihre Argumente haben mich nicht uberzeugt. Das reine Gefuhl einer endlichen allgemeinen Gleichheit, wenigstens nach dem Tode, scheint mir beruhigender als dieses eigensinnige, starre Fortsetzen unserer Personlichkeiten, Anhanglichkeiten und Lebensverhaltnisse. Und was sagen Sie hierzu?" richtete sie ihre Frage an den Architekten.

"Ich mochte", versetzte dieser, "in einer solchen Sache weder streiten noch den Ausschlag geben. Lassen Sie mich das, was meiner Kunst, meiner Denkweise am nachsten liegt, bescheidentlich aussern. Seitdem wir nicht mehr so glucklich sind, die Reste eines geliebten Gegenstandes eingeurnt an unsere Brust zu drucken, da wir weder reich noch heiter genug sind, sie unversehrt in grossen, wohlausgezierten Sarkophagen zu verwahren, ja da wir nicht einmal in den Kirchen mehr Platz fur uns und fur die Unsrigen finden, sondern hinaus ins Freie gewiesen sind, so haben wir alle Ursache, die Art und Weise, die Sie, meine gnadige Frau, eingeleitet haben, zu billigen. Wenn die Glieder einer Gemeinde reihenweise nebeneinander liegen, so ruhen sie bei und unter den Ihrigen; und wenn die Erde uns einmal aufnehmen soll, so finde ich nichts naturlicher und reinlicher, als dass man die zufallig entstandenen, nach und nach zusammensinkenden Hugel ungesaumt vergleiche und so die Dekke, indem alle sie tragen, einem jeden leichter gemacht werde."

"Und ohne irgendein Zeichen des Andenkens, ohne irgend etwas, das der Erinnerung entgegenkame, sollte das alles so vorubergehen?" versetzte Ottilie.

"Keineswegs!" fuhr der Architekt fort; "nicht vom Andenken, nur vom Platze soll man sich lossagen. Der Baukunstler, der Bildhauer sind hochlich interessiert, dass der Mensch von ihnen, von ihrer Kunst, von ihrer Hand eine Dauer seines Daseins erwarte; und deswegen wunschte ich gut gedachte, gut ausgefuhrte Monumente, nicht einzeln und zufallig ausgesaet, sondern an einem Orte aufgestellt, wo sie sich Dauer versprechen konnen. Da selbst die Frommen und Hohen auf das Vorrecht Verzicht tun, in den Kirchen personlich zu ruhen, so stelle man wenigstens dort oder in schonen Hallen um die Begrabnisplatze Denkzeichen, Denkschriften auf. Es gibt tausenderlei Formen, die man ihnen vorschreiben, tausenderlei Zieraten, womit man sie ausschmucken kann."

"Wenn die Kunstler so reich sind," versetzte Charlotte, "so sagen Sie mir doch: Wie kann man sich niemals aus der Form eines kleinlichen Obelisken, einer abgestutzten Saule und eines Aschenkrugs herausfinden? Anstatt der tausend Erfindungen, deren Sie sich ruhmen, habe ich immer nur tausend Wiederholungen gesehen."

"Das ist wohl bei uns so," entgegnete ihr der Architekt, "aber nicht uberall. Und uberhaupt mag es mit der Erfindung und der schicklichen Anwendung eine eigne Sache sein. Besonders hat es in diesem Falle manche Schwierigkeit, einen ernsten Gegenstand zu erheitern und bei einem unerfreulichen nicht ins Unerfreuliche zu geraten. Was Entwurfe zu Monumenten aller Art betrifft, deren habe ich viele gesammelt und zeige sie gelegentlich; doch bleibt immer das schonste Denkmal des Menschen eigenes Bildnis. Dieses gibt mehr als irgend etwas anders einen Begriff von dem, was er war; es ist der beste Text zu vielen oder wenigen Noten; nur musste es aber auch in seiner besten Zeit gemacht sein, welches gewohnlich versaumt wird. Niemand denkt daran, lebende Formen zu erhalten, und wenn es geschieht, so geschieht es auf unzulangliche Weise. Da wird ein Toter geschwind noch abgegossen und eine solche Maske auf einen Block gesetzt, und das heisst man eine Buste. Wie selten ist der Kunstler imstande, sie vollig wiederzubeleben!"

"Sie haben, ohne es vielleicht zu wissen und zu wollen," versetzte Charlotte, "dies Gesprach ganz zu meinen Gunsten gelenkt. Das Bild eines Menschen ist doch wohl unabhangig; uberall, wo es steht, steht es fur sich, und wir werden von ihm nicht verlangen, dass es die eigentliche Grabstatte bezeichne. Aber soll ich Ihnen eine wunderliche Empfindung bekennen? Selbst gegen die Bildnisse habe ich eine Art von Abneigung; denn sie scheinen mir immer einen stillen Vorwurf zu machen; sie deuten auf etwas Entferntes, Abgeschiedenes und erinnern mich, wie schwer es sei, die Gegenwart recht zu ehren. Gedenkt man, wieviel Menschen man gesehen, gekannt, und gesteht sich, wie wenig wir ihnen, wie wenig sie uns gewesen, wie wird uns da zumute! Wir begegnen dem Geistreichen, ohne uns mit ihm zu unterhalten, dem Gelehrten, ohne von ihm zu lernen, dem Gereisten, ohne uns zu unterrichten, dem Liebevollen, ohne ihm etwas Angenehmes zu erzeigen.

Und leider ereignet sich dies nicht bloss mit den Vorubergehenden. Gesellschaften und Familien betragen sich so gegen ihre liebsten Glieder, Stadte gegen ihre wurdigsten Burger, Volker gegen ihre trefflichsten Fursten, Nationen gegen ihre vorzuglichsten Menschen.

Ich horte fragen, warum man von den Toten so unbewunden Gutes sage, von den Lebenden immer mit einer gewissen Vorsicht. Es wurde geantwortet: weil wir von jenen nichts zu befurchten haben und diese uns noch irgendwo in den Weg kommen konnten. So unrein ist die Sorge fur das Andenken der andern; es ist meist nur ein selbstischer Scherz, wenn es dagegen ein heiliger Ernst ware, seine Verhaltnisse gegen die Uberbliebenen immer lebendig und tatig zu erhalten."

Zweites Kapitel

Aufgeregt durch den Vorfall und die daran sich knupfenden Gesprache, begab man sich des andern Tages nach dem Begrabnisplatz, zu dessen Verzierung und Erheiterung der Architekt manchen glucklichen Vorschlag tat. Allein auch auf die Kirche sollte sich seine Sorgfalt erstrecken, auf ein Gebaude, das gleich anfanglich seine Aufmerksamkeit an sich gezogen hatte.

Diese Kirche stand seit mehrern Jahrhunderten, nach deutscher Art und Kunst in guten Massen errichtet und auf eine gluckliche Weise verziert. Man konnte wohl nachkommen, dass der Baumeister eines benachbarten Klosters mit Einsicht und Neigung sich auch an diesem kleineren Gebaude bewahrt, und es wirkte noch immer ernst und angenehm auf den Betrachter, obgleich die innere neue Einrichtung zum protestantischen Gottesdienste ihm etwas von seiner Ruhe und Majestat genommen hatte.

Dem Architekten fiel es nicht schwer, sich von Charlotten eine massige Summe zu erbitten, wovon er das Aussere sowohl als das Innere im altertumlichen Sinne herzustellen und mit dem davorliegenden Auferstehungsfelde zur Ubereinstimmung zu bringen gedachte. Er hatte selbst viel Handgeschick, und einige Arbeiter, die noch am Hausbau beschaftigt waren, wollte man gern so lange beibehalten, bis auch dieses fromme Werk vollendet ware.

Man war nunmehr in dem Falle, das Gebaude selbst mit allen Umgebungen und Angebauden zu untersuchen, und da zeigte sich zum grossten Erstaunen und Vergnugen des Architekten eine wenig bemerkte kleine Seitenkapelle von noch geistreichern und leichtern Massen, von noch gefalligern und fleissigern Zieraten. Sie enthielt zugleich manchen geschnitzten und gemalten Rest jenes alteren Gottesdienstes, der mit mancherlei Gebild und Geratschaft die verschiedenen Feste zu bezeichnen und jedes auf seine eigne Weise zu feiern wusste.

Der Architekt konnte nicht unterlassen, die Kapelle sogleich in seinen Plan mit hereinzuziehen und besonders diesen engen Raum als ein Denkmal voriger Zeiten und ihres Geschmacks wiederherzustellen. Er hatte sich die leeren Flachen nach seiner Neigung schon verziert gedacht und freute sich, dabei sein malerisches Talent zu uben; allein er machte seinen Hausgenossen furs erste ein Geheimnis davon.

Vor allem andern zeigte er versprochenermassen den Frauen die verschiedenen Nachbildungen und Entwurfe von alten Grabmonumenten, Gefassen und andern dahin sich nahernden Dingen, und als man im Gesprach auf die einfachern Grabhugel der nordischen Volker zu reden kam, brachte er seine Sammlung von mancherlei Waffen und Geratschaften, die darin gefunden worden, zur Ansicht. Er hatte alles sehr reinlich und tragbar in Schubladen und Fachern auf eingeschnittenen, mit Tuch uberzogenen Brettern, so dass diese alten, ernsten Dinge durch seine Behandlung etwas Putzhaftes annahmen und man mit Vergnugen darauf wie auf die Kastchen eines Modehandlers hinblickte. Und da er einmal im Vorzeigen war, da die Einsamkeit eine Unterhaltung forderte, so pflegte er jeden Abend mit einem Teil seiner Schatze hervorzutreten. Sie waren meistenteils deutschen Ursprungs: Brakteaten, Dickmunzen, Siegel und was sonst sich noch anschliessen mag. Alle diese Dinge richteten die Einbildungskraft gegen die altere Zeit hin, und da er zuletzt mit den Anfangen des Drucks, Holzschnitten und den altesten Kupfern seine Unterhaltung zierte und die Kirche taglich auch, jenem Sinne gemass, an Farbe und sonstiger Auszierung gleichsam der Vergangenheit entgegenwuchs, so musste man sich beinahe selbst fragen, ob man denn wirklich in der neueren Zeit lebe, ob es nicht ein Traum sei, dass man nunmehr in ganz andern Sitten, Gewohnheiten, Lebensweisen und Uberzeugungen verweile.

Auf solche Art vorbereitet, tat ein grosseres Portefeuille, das er zuletzt herbeibrachte, die beste Wirkung. Es enthielt zwar meist nur umrissene Figuren, die aber, weil sie auf die Bilder selbst durchgezeichnet waren, ihren altertumlichen Charakter vollkommen erhalten hatten, und diesen, wie einnehmend fanden ihn die Beschauenden! Aus allen Gestalten blickte nur das reinste Dasein hervor; alle musste man, wo nicht fur edel, doch fur gut ansprechen. Heitere Sammlung, willige Anerkennung eines Ehrwurdigen uber uns, stille Hingebung in Liebe und Erwartung war auf allen Gesichtern, in allen Gebarden ausgedruckt. Der Greis mit dem kahlen Scheitel, der reichlockige Knabe, der muntere Jungling, der ernste Mann, der verklarte Heilige, der schwebende Engel, alle schienen selig in einem unschuldigen Genugen, in einem frommen Erwarten. Das Gemeinste, was geschah, hatte einen Zug von himmlischem Leben, und eine gottesdienstliche Handlung schien ganz jeder Natur angemessen. Nach einer solchen Region blikken wohl die meisten wie nach einem verschwundenen goldenen Zeitalter, nach einem verlorenen Paradiese hin. Nur vielleicht Ottilie war in dem Fall, sich unter ihresgleichen zu fuhlen.

Wer hatte nun widerstehen konnen, als der Architekt sich erbot, nach dem Anlass dieser Urbilder die Raume zwischen den Spitzbogen der Kapelle auszumalen und dadurch sein Andenken entschieden an einem Orte zu stiften, wo es ihm so gut gegangen war. Er erklarte sich hieruber mit einiger Wehmut; denn er konnte nach der Lage der Sache wohl einsehen, dass sein Aufenthalt in so vollkommener Gesellschaft nicht immer dauern konne, ja vielleicht bald abgebrochen werden musse.

Ubrigens waren diese Tage zwar nicht reich an Begebenheiten, doch voller Anlasse zu ernsthafter Unterhaltung. Wir nehmen daher Gelegenheit, von demjenigen, was Ottilie sich daraus in ihren Heften angemerkt, einiges mitzuteilen, wozu wir keinen schicklichern Ubergang finden als durch ein Gleichnis, das sich uns beim Betrachten ihrer liebenswurdigen Blatter aufdringt.

Wir horen von einer besondern Einrichtung bei der englischen Marine. Samtliche Tauwerke der koniglichen Flotte, vom starksten bis zum schwachsten, sind dergestalt gesponnen, dass ein roter Faden durch das Ganze durchgeht, den man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulosen, und woran auch die kleinsten Stucke kenntlich sind, dass sie der Krone gehoren.

Ebenso zieht sich durch Ottiliens Tagebuch ein Faden der Neigung und Anhanglichkeit, der alles verbindet und das Ganze bezeichnet. Dadurch werden diese Bemerkungen, Betrachtungen, ausgezogenen Sinnspruche und was sonst vorkommen mag, der Schreibenden ganz besonders eigen und fur sie von Bedeutung. Selbst jede einzelne von uns ausgewahlte und mitgeteilte Stelle gibt davon das entschiedenste Zeugnis.

Aus Ottiliens Tagebuche

Neben denen dereinst zu ruhen, die man liebt, ist die angenehmste Vorstellung, welche der Mensch haben kann, wenn er einmal uber das Leben hinausdenkt. "Zu den Seinigen versammelt werden" ist ein so herzlicher Ausdruck.

Es gibt mancherlei Denkmale und Merkzeichen, die uns Entfernte und Abgeschiedene naher bringen. Keins ist von der Bedeutung des Bildes. Die Unterhaltung mit einem geliebten Bilde, selbst wenn es unahnlich ist, hat was Reizendes, wie es manchmal etwas Reizendes hat, sich mit einem Freunde streiten. Man fuhlt auf eine angenehme Weise, dass man zu zweien ist und doch nicht auseinander kann.

Man unterhalt sich manchmal mit einem gegenwartigen Menschen als mit einem Bilde. Er braucht nicht zu sprechen, uns nicht anzusehen, sich nicht mit uns zu beschaftigen; wir sehen ihn, wir fuhlen unser Verhaltnis zu ihm, ja sogar unsere Verhaltnisse zu ihm konnen wachsen, ohne dass er etwas dazu tut, ohne dass er etwas davon empfindet, dass er sich eben bloss zu uns wie ein Bild verhalt.

Man ist niemals mit einem Portrat zufrieden von Personen, die man kennt. Deswegen habe ich die Portratmaler immer bedauert. Man verlangt so selten von den Leuten das Unmogliche, und gerade von diesen fordert mans. Sie sollen einem jeden sein Verhaltnis zu den Personen, seine Neigung und Abneigung mit in ihr Bild aufnehmen; sie sollen nicht bloss darstellen, wie sie einen Menschen fassen, sondern wie jeder ihn fassen wurde. Es nimmt mich nicht wunder, wenn solche Kunstler nach und nach verstockt, gleichgultig und eigensinnig werden. Daraus mochte denn entstehen, was wollte, wenn man nur nicht gerade daruber die Abbildungen so mancher lieben und teuren Menschen entbehren musste.

Es ist wohl wahr, die Sammlung des Architekten von Waffen und alten Geratschaften, die nebst dem Korper mit hohen Erdhugeln und Felsenstucken zugedeckt waren, bezeugt uns, wie unnutz die Vorsorge des Menschen sei fur die Erhaltung seiner Personlichkeit nach dem Tode. Und so widersprechend sind wir! Der Architekt gesteht, selbst solche Grabhugel der Vorfahren geoffnet zu haben, und fahrt dennoch fort, sich mit Denkmalern fur die Nachkommen zu beschaftigen.

Warum soll man es aber so streng nehmen? Ist denn alles, was wir tun, fur die Ewigkeit getan? Ziehen wir uns nicht morgens an, um uns abends wieder auszuziehen? Verreisen wir nicht, um wiederzukehren? Und warum sollten wir nicht wunschen, neben den Unsrigen zu ruhen, und wenn es auch nur fur ein Jahrhundert ware?

Wenn man die vielen versunkenen, die durch Kirchganger abgetretenen Grabsteine, die uber ihren Grabmalern selbst zusammengesturzten Kirchen erblickt, so kann einem das Leben nach dem Tode doch immer wie ein zweites Leben vorkommen, in das man nun im Bilde, in der Uberschrift eintritt und langer darin verweilt als in dem eigentlichen lebendigen Leben. Aber auch dieses Bild, dieses zweite Dasein verlischt fruher oder spater. Wie uber die Menschen, so auch uber die Denkmaler lasst sich die Zeit ihr Recht nicht nehmen.

Drittes Kapitel

Es ist eine so angenehme Empfindung, sich mit etwas zu beschaftigen, was man nur halb kann, dass niemand den Dilettanten schelten sollte, wenn er sich mit einer Kunst abgibt, die er nie lernen wird, noch den Kunstler tadeln durfte, wenn er uber die Grenze seiner Kunst hinaus in einem benachbarten Felde sich zu ergehen Lust hat.

Mit so billigen Gesinnungen betrachten wir die Anstalten des Architekten zum Ausmalen der Kapelle. Die Farben waren bereitet, die Masse genommen, die Kartone gezeichnet; allen Anspruch auf Erfindung hatte er aufgegeben; er hielt sich an seine Umrisse: nur die sitzenden und schwebenden Figuren geschickt auszuteilen, den Raum damit geschmackvoll auszuzieren, war seine Sorge.

Das Geruste stand, die Arbeit ging vorwarts, und da schon einiges, was in die Augen fiel, erreicht war, konnte es ihm nicht zuwider sein, dass Charlotte mit Ottilien ihn besuchte. Die lebendigen Engelsgesichter, die lebhaften Gewander auf dem blauen Himmelsgrunde erfreuten das Auge, indem ihr stilles frommes Wesen das Gemut zur Sammlung berief und eine sehr zarte Wirkung hervorbrachte.

Die Frauen waren zu ihm aufs Gerust gestiegen, und Ottilie bemerkte kaum, wie abgemessen leicht und bequem das alles zuging, als sich in ihr das durch fruhern Unterricht Empfangene mit einmal zu entwikkeln schien, sie nach Farbe und Pinsel griff und auf erhaltene Anweisung ein faltenreiches Gewand mit soviel Reinlichkeit als Geschicklichkeit anlegte.

Charlotte, welche gern sah, wenn Ottilie sich auf irgendeine Weise beschaftigte und zerstreute, liess die beiden gewahren und ging, um ihren eigenen Gedanken nachzuhangen, um ihre Betrachtungen und Sorgen, die sie niemanden mitteilen konnte, fur sich durchzuarbeiten.

Wenn gewohnliche Menschen, durch gemeine Verlegenheiten des Tags zu einem leidenschaftlich angstlichen Betragen aufgeregt, uns ein mitleidiges Lacheln abnotigen, so betrachten wir dagegen mit Ehrfurcht ein Gemut, in welchem die Saat eines grossen Schicksals ausgesaet worden, das die Entwicklung dieser Empfangnis abwarten muss und weder das Gute noch das Bose, weder das Gluckliche noch das Ungluckliche, was daraus entspringen soll, beschleunigen darf und kann.

Eduard hatte durch Charlottens Boten, den sie ihm in seine Einsamkeit gesendet, freundlich und teilnehmend, so aber doch eher gefasst und ernst als zutraulich und liebevoll, geantwortet. Kurz darauf war Eduard verschwunden, und seine Gattin konnte zu keiner Nachricht von ihm gelangen, bis sie endlich von ungefahr seinen Namen in den Zeitungen fand, wo er unter denen, die sich bei einer bedeutenden Kriegsgelegenheit hervorgetan hatten, mit Auszeichnung genannt war. Sie wusste nun, welchen Weg er genommen hatte, sie erfuhr, dass er grossen Gefahren entronnen war; allein sie uberzeugte sich sogleich, dass er grossere aufsuchen wurde, und sie konnte sich daraus nur allzusehr deuten, dass er in jedem Sinne schwerlich vom Aussersten wurde zuruckzuhalten sein. Sie trug diese Sorgen fur sich allein immer in Gedanken und mochte sie hin und wider legen, wie sie wollte, so konnte sie doch bei keiner Ansicht Beruhigung finden.

Ottilie, von alledem nichts ahnend, hatte indessen zu jener Arbeit die grosste Neigung gefasst und von Charlotten gar leicht die Erlaubnis erhalten, regelmassig darin fortfahren zu durfen. Nun ging es rasch weiter, und der azurne Himmel war bald mit wurdigen Bewohnern bevolkert. Durch eine anhaltende Ubung gewannen Ottilie und der Architekt bei den letzten Bildern mehr Freiheit; sie wurden zusehends besser. Auch die Gesichter, welche dem Architekten zu malen allein uberlassen war, zeigten nach und nach eine ganz besondere Eigenschaft; sie fingen samtlich an, Ottilien zu gleichen. Die Nahe des schonen Kindes musste wohl in die Seele des jungen Mannes, der noch keine naturliche oder kunstlerische Physiognomie vorgefasst hatte, einen so lebhaften Eindruck machen, dass ihm nach und nach auf dem Wege vom Auge zur Hand nichts verlorenging, ja dass beide zuletzt ganz gleichstimmig arbeiteten. Genug, eins der letzten Gesichtchen gluckte vollkommen, so dass es schien, als wenn Ottilie selbst aus den himmlischen Raumen heruntersahe.

An dem Gewolbe war man fertig; die Wande hatte man sich vorgenommen einfach zu lassen und nur mit einer hellern braunlichen Farbe zu uberziehen; die zarten Saulen und kunstlichen bildhauerischen Zieraten sollten sich durch eine dunklere auszeichnen. Aber wie in solchen Dingen immer eins zum andern fuhrt, so wurden noch Blumen und Fruchtgehange beschlossen, welche Himmel und Erde gleichsam zusammenknupfen sollten. Hier war nun Ottilie ganz in ihrem Felde. Die Garten lieferten die schonsten Muster, und obschon die Kranze sehr reich ausgestattet wurden, so kam man doch fruher, als man gedacht hatte, damit zustande.

Noch sah aber alles wuste und roh aus. Die Geruste waren durcheinander geschoben, die Bretter ubereinander geworfen, der ungleiche Fussboden durch mancherlei vergossene Farben noch mehr verunstaltet. Der Architekt erbat sich nunmehr, dass die Frauenzimmer ihm acht Tage Zeit lassen und bis dahin die Kapelle nicht betreten mochten. Endlich ersuchte er sie an einem schonen Abende, sich beiderseits dahin zu verfugen; doch wunschte er, sie nicht begleiten zu durfen, und empfahl sich sogleich.

"Was er uns auch fur eine Uberraschung zugedacht haben mag," sagte Charlotte, als er weggegangen war, "so habe ich doch gegenwartig keine Lust hinunterzugehen. Du nimmst es wohl allein uber dich und gibst mir Nachricht. Gewiss hat er etwas Angenehmes zustande gebracht. Ich werde es erst in deiner Beschreibung und dann gern in der Wirklichkeit geniessen."

Ottilie, die wohl wusste, dass Charlotte sich in manchen Stucken acht nahm, alle Gemutsbewegungen vermied und besonders nicht uberrascht sein wollte, begab sich sogleich allein auf den Weg und sah sich unwillkurlich nach dem Architekten um, der aber nirgends erschien und sich mochte verborgen haben. Sie trat in die Kirche, die sie offen fand. Diese war schon fruher fertig, gereinigt und eingeweiht. Sie trat zur Ture der Kapelle, deren schwere, mit Erz beschlagene Last sich leicht vor ihr auftat und sie in einem bekannten Raume mit einem unerwarteten Anblick uberraschte.

Durch das einzige hohe Fenster fiel ein ernstes, buntes Licht herein; denn es war von farbigen Glasern anmutig zusammengesetzt. Das Ganze erhielt dadurch einen fremden Ton und bereitete zu einer eigenen Stimmung. Die Schonheit des Gewolbes und der Wande ward durch die Zierde des Fussbodens erhoht, der aus besonders geformten, nach einem schonen Muster gelegten, durch eine gegossene Gipsflache verbundenen Ziegelsteinen bestand. Diese sowohl als die farbigen Scheiben hatte der Architekt heimlich bereiten lassen und konnte nun in kurzer Zeit alles zusammenfugen. Auch fur Ruheplatze war gesorgt. Es hatten sich unter jenen kirchlichen Altertumern einige schon geschnitzte Chorstuhle vorgefunden, die nun gar schicklich an den Wanden angebracht umherstanden.

Ottilie freute sich der bekannten, ihr als ein unbe

kanntes Ganze entgegentretenden Teile. Sie stand, ging hin und wider, sah und besah; endlich setzte sie sich auf einen der Stuhle, und es schien ihr, indem sie auf- und umherblickte, als wenn sie ware und nicht ware, als wenn sie sich empfande und nicht empfande, als wenn dies alles vor ihr, sie vor sich selbst verschwinden sollte; und nur als die Sonne das bisher sehr lebhaft beschienene Fenster verliess, erwachte Ottilie vor sich selbst und eilte nach dem Schlosse.

Sie verbarg sich nicht, in welche sonderbare Epo

che diese Uberraschung gefallen sei. Es war der Abend vor Eduards Geburtstage. Diesen hatte sie freilich ganz anders zu feiern gehofft. Wie sollte nicht alles zu diesem Feste geschmuckt sein! Aber nunmehr stand der ganze herbstliche Blumenreichtum ungepfluckt. Diese Sonnenblumen wendeten noch immer ihr Angesicht gen Himmel, diese Astern sahen noch immer still bescheiden vor sich hin, und was allenfalls davon zu Kranzen gebunden war, hatte zum Muster gedient, einen Ort auszuschmucken, der, wenn er nicht bloss eine Kunstlergrille bleiben, wenn er zu irgend etwas genutzt werden sollte, nur zu einer gemeinsamen Grabstatte geeignet schien.

Sie musste sich dabei der gerauschvollen Geschaftigkeit erinnern, mit welcher Eduard ihr Geburtsfest gefeiert; sie musste des neugerichteten Hauses gedenken, unter dessen Decke man sich soviel Freundliches versprach. Ja das Feuerwerk rauschte ihr wieder vor Augen und Ohren, je einsamer sie war, desto mehr vor der Einbildungskraft; aber sie fuhlte sich auch nur um desto mehr allein. Sie lehnte sich nicht mehr auf seinen Arm und hatte keine Hoffnung, an ihm jemals wieder eine Stutze zu finden.

Aus Ottiliens Tagebuche

Eine Bemerkung des jungen Kunstlers muss ich aufzeichnen: "Wie am Handwerker so am bildenden Kunstler kann man auf das deutlichste gewahr werden, dass der Mensch sich das am wenigsten zuzueignen vermag, was ihm ganz eigens angehort. Seine Werke verlassen ihn so wie die Vogel das Nest, worin sie ausgebrutet worden."

Der Baukunstler vor allen hat hierin das wunderlichste Schicksal. Wie oft wendet er seinen ganzen Geist, seine ganze Neigung auf, um Raume hervorzubringen, von denen er sich selbst ausschliessen muss! Die koniglichen Sale sind ihm ihre Pracht schuldig, deren grosste Wirkung er nicht mitgeniesst. In den Tempeln zieht er eine Grenze zwischen sich und dem Allerheiligsten, er darf die Stufen nicht mehr betreten, die er zur herzerhebenden Feierlichkeit grundete, so wie der Goldschmied die Monstranz nur von fern anbetet, deren Schmelz und Edelsteine er zusammengeordnet hat.

Dem Reichen ubergibt der Baumeister mit dem Schlussel des Palastes alle Bequemlichkeit und Behabigkeit, ohne irgend etwas davon mitzugeniessen. Muss sich nicht allgemach auf diese Weise die Kunst von dem Kunstler entfernen, wenn das Werk wie ein ausgestattetes Kind nicht mehr auf den Vater zuruckwirkt? Und wie sehr musste die Kunst sich selbst befordern, als sie fast allein mit dem Offentlichen, mit dem, was allen und also auch dem Kunstler gehorte, sich zu beschaftigen bestimmt war!

Eine Vorstellung der alten Volker ist ernst und kann furchtbar scheinen. Sie dachten sich ihre Vorfahren in grossen Hohlen ringsumher auf Thronen sitzend in stummer Unterhaltung. Dem Neuen, der hereintrat, wenn er wurdig genug war, standen sie auf und neigten ihm einen Willkommen. Gestern, als ich in der Kapelle sass und meinem geschnitzten Stuhle gegenuber noch mehrere umhergestellt sah, erschien mir jener Gedanke gar freundlich und anmutig. "Warum kannst du nicht sitzenbleiben?" dachte ich bei mir selbst, "still und in dich gekehrt sitzenbleiben, lange, lange, bis endlich die Freunde kamen, denen du aufstundest und ihren Platz mit freundlichem Neigen anwiesest." Die farbigen Scheiben machen den Tag zur ernsten Dammerung, und jemand musste eine ewige Lampe stiften, damit auch die Nacht nicht ganz finster bliebe.

Man mag sich stellen, wie man will, und man denkt sich immer sehend. Ich glaube, der Mensch traumt nur, damit er nicht aufhore zu sehen. Es konnte wohl sein, dass das innere Licht einmal aus uns heraustrate, so dass wir keines andern mehr bedurften.

Das Jahr klingt ab. Der Wind geht uber die Stoppeln und findet nichts mehr zu bewegen; nur die roten Beeren jener schlanken Baume scheinen uns noch an etwas Munteres erinnern zu wollen, so wie uns der Taktschlag des Dreschers den Gedanken erweckt, dass in der abgesichelten Ahre soviel Nahrendes und Lebendiges verborgen liegt.

Viertes Kapitel

Wie seltsam musste nach solchen Ereignissen, nach diesem aufgedrungenen Gefuhl von Verganglichkeit und Hinschwinden Ottilie durch die Nachricht getroffen werden, die ihr nicht langer verborgen bleiben konnte, dass Eduard sich dem wechselnden Kriegsgluck uberliefert habe. Es entging ihr leider keine von den Betrachtungen, die sie dabei zu machen Ursache hatte. Glucklicherweise kann der Mensch nur einen gewissen Grad des Unglucks fassen; was daruber hinausgeht, vernichtet ihn oder lasst ihn gleichgultig. Es gibt Lagen, in denen Furcht und Hoffnung eins werden, sich einander wechselseitig aufheben und in eine dunkle Fuhllosigkeit verlieren. Wie konnten wir sonst die entfernten Geliebtesten in stundlicher Gefahr wissen und dennoch unser tagliches, gewohnliches Leben immer so forttreiben.

Es war daher, als wenn ein guter Geist fur Ottilien

gesorgt hatte, indem er auf einmal in diese Stille, in der sie einsam und unbeschaftigt zu versinken schien, ein wildes Heer hereinbrachte, das, indem es ihr von aussen genug zu schaffen gab und sie aus sich selbst fuhrte, zugleich in ihr das Gefuhl eigener Kraft anregte.

Charlottens Tochter, Luciane, war kaum aus der

Pension in die grosse Welt getreten, hatte kaum in dem Hause ihrer Tante sich von zahlreicher Gesellschaft umgeben gesehen, als ihr Gefallenwollen wirklich Gefallen erregte und ein junger, sehr reicher Mann gar bald eine heftige Neigung empfand, sie zu besitzen. Sein ansehnliches Vermogen gab ihm ein Recht, das Beste jeder Art sein eigen zu nennen, und es schien ihm nichts weiter abzugehen als eine vollkommene Frau, um die ihn die Welt so wie um das ubrige zu beneiden hatte.

Diese Familienangelegenheit war es, welche Charlotten bisher sehr viel zu tun gab, der sie ihre ganze Uberlegung, ihre Korrespondenz widmete, insofern diese nicht darauf gerichtet war, von Eduard nahere Nachricht zu erhalten; deswegen auch Ottilie mehr als sonst in der letzten Zeit allein blieb. Diese wusste zwar um die Ankunft Lucianens; im Hause hatte sie deshalb die notigsten Vorkehrungen getroffen; allein so nahe stellte man sich den Besuch nicht vor. Man wollte vorher noch schreiben, abreden, naher bestimmen, als der Sturm auf einmal uber das Schloss und Ottilien hereinbrach.

Angefahren kamen nun Kammerjungfern und Bediente, Brancards mit Koffern und Kisten; man glaubte schon eine doppelte und dreifache Herrschaft im Hause zu haben; aber nun erschienen erst die Gaste selbst: die Grosstante mit Lucianen und einigen Freundinnen, der Brautigam gleichfalls nicht unbegleitet. Da lag das Vorhaus voll Vachen, Mantelsacke und anderer lederner Gehause. Mit Muhe sonderte man die vielen Kastchen und Futterale auseinander. Des Gepackes und Geschleppes war kein Ende. Dazwischen regnete es mit Gewalt, woraus manche Unbequemlichkeit entstand. Diesem ungestumen Treiben begegnete Ottilie mit gleichmutiger Tatigkeit, ja ihr heiteres Geschick erschien im schonsten Glanze; denn sie hatte in kurzer Zeit alles untergebracht und angeordnet. Jedermann war logiert, jedermann nach seiner Art bequem, und glaubte gut bedient zu sein, weil er nicht gehindert war, sich selbst zu bedienen.

Nun hatten alle gern, nach einer hochst beschwerlichen Reise, einige Ruhe genossen; der Brautigam hatte sich seiner Schwiegermutter gern genahert, um ihr seine Liebe, seinen guten Willen zu beteuern; aber Luciane konnte nicht rasten. Sie war nun einmal zu dem Glucke gelangt, ein Pferd besteigen zu durfen. Der Brautigam hatte schone Pferde, und sogleich musste man aufsitzen. Wetter und Wind, Regen und Sturm kamen nicht in Anschlag; es war, als wenn man nur lebte, um nass zu werden und sich wieder zu trocknen. Fiel es ihr ein, zu Fusse auszugehen, so fragte sie nicht, was fur Kleider sie anhatte und wie sie beschuht war: sie musste die Anlagen besichtigen, von denen sie vieles gehort hatte. Was nicht zu Pferde geschehen konnte, wurde zu Fuss durchrannt. Bald hatte sie alles gesehen und abgeurteilt. Bei der Schnelligkeit ihres Wesens war ihr nicht leicht zu widersprechen. Die Gesellschaft hatte manches zu leiden, am meisten aber die Kammermadchen, die mit Waschen und Bugeln, Auftrennen und Annahen nicht fertig werden konnten.

Kaum hatte sie das Haus und die Gegend erschopft, als sie sich verpflichtet fuhlte, rings in der Nachbarschaft Besuch abzulegen. Weil man sehr schnell ritt und fuhr, so reichte die Nachbarschaft ziemlich fern umher. Das Schloss ward mit Gegenbesuchen uberschwemmt, und damit man sich ja nicht verfehlen mochte, wurden bald bestimmte Tage angesetzt.

Indessen Charlotte mit der Tante und dem Geschaftstrager des Brautigams die innern Verhaltnisse festzustellen bemuht war und Ottilie mit ihren Untergebenen dafur zu sorgen wusste, dass es an nichts bei so grossem Zugang fehlen mochte, da denn Jager und Gartner, Fischer und Kramer in Bewegung gesetzt wurden, zeigte sich Luciane immer wie ein brennender Kometenkern, der einen langen Schweif nach sich zieht. Die gewohnlichen Besuchsunterhaltungen dunkten ihr bald ganz unschmackhaft. Kaum dass sie den altesten Personen eine Ruhe am Spieltisch gonnte: wer noch einigermassen beweglich war und wer liess sich nicht durch ihre reizenden Zudringlichkeiten in Bewegung setzen? , musste herbei, wo nicht zum Tanze, doch zum lebhaften Pfand-, Straf- und Vexierspiel. Und obgleich das alles, so wie hernach die Pfanderlosung, auf sie selbst berechnet war, so ging doch von der andern Seite niemand, besonders kein Mann, er mochte von einer Art sein, von welcher er wollte, ganz leer aus; ja es gluckte ihr, einige altere Personen von Bedeutung ganz fur sich zu gewinnen, indem sie ihre eben einfallenden Geburts- und Namenstage ausgeforscht hatte und besonders feierte. Dabei kam ihr ein ganz eignes Geschick zustatten, so dass, indem alle sich begunstigt sahen, jeder sich fur den am meisten Begunstigten hielt: eine Schwachheit, deren sich sogar der Alteste in der Gesellschaft am allermerklichsten schuldig machte.

Schien es bei ihr Plan zu sein, Manner, die etwas vorstellten, Rang, Ansehen, Ruhm oder sonst etwas Bedeutendes fur sich hatten, fur sich zu gewinnen, Weisheit und Besonnenheit zuschanden zu machen und ihrem wilden, wunderlichen Wesen selbst bei der Bedachtlichkeit Gunst zu erwerben, so kam die Jugend doch dabei nicht zu kurz; jeder hatte sein Teil, seinen Tag, seine Stunde, in der sie ihn zu entzucken und zu fesseln wusste. So hatte sie den Architekten schon bald ins Auge gefasst, der jedoch aus seinem schwarzen, langlockigen Haar so unbefangen heraussah, so gerad und ruhig in der Entfernung stand, auf alle Fragen kurz und verstandig antwortete, sich aber auf nichts weiter einzulassen geneigt schien, dass sie sich endlich einmal, halb unwillig halb listig, entschloss, ihn zum Helden des Tages zu machen und dadurch auch fur ihren Hof zu gewinnen.

Nicht umsonst hatte sie so vieles Gepacke mitgebracht, ja es war ihr noch manches gefolgt. Sie hatte sich auf eine unendliche Abwechselung in Kleidern vorgesehen. Wenn es ihr Vergnugen machte, sich des Tages drei , viermal umzuziehen und mit gewohnlichen, in der Gesellschaft ublichen Kleidern vom Morgen bis in die Nacht zu wechseln, so erschien sie dazwischen wohl auch einmal im wirklichen Maskenkleid, als Bauerin und Fischerin, als Fee und Blumenmadchen. Sie verschmahte nicht, sich als alte Frau zu verkleiden, um desto frischer ihr junges Gesicht aus der Kutte hervorzuzeigen; und wirklich verwirrte sie dadurch das Gegenwartige und das Eingebildete dergestalt, dass man sich mit der Saalnixe verwandt und verschwagert zu sein glaubte.

Wozu sie aber diese Verkleidungen hauptsachlich benutzte, waren pantomimische Stellungen und Tanze, in denen sie verschiedene Charaktere auszudrucken gewandt war. Ein Kavalier aus ihrem Gefolge hatte sich eingerichtet, auf dem Flugel ihre Gebarden mit der wenigen notigen Musik zu begleiten; es bedurfte nur einer kurzen Abrede, und sie waren sogleich in Einstimmung.

Eines Tages, als man sie bei der Pause eines lebhaften Balls auf ihren eigenen heimlichen Antrieb gleichsam aus dem Stegereife zu einer solchen Darstellung aufgefordert hatte, schien sie verlegen und uberrascht und liess sich wider ihre Gewohnheit lange bitten. Sie zeigte sich unentschlossen, liess die Wahl, bat wie ein Improvisator um einen Gegenstand, bis endlich jener Klavier spielende Gehulfe, mit dem es abgeredet sein mochte, sich an den Flugel setzte, einen Trauermarsch zu spielen anfing und sie aufforderte, jene Artemisia zu geben, welche sie so vortrefflich einstudiert habe. Sie liess sich erbitten, und nach einer kurzen Abwesenheit erschien sie, bei den zartlich traurigen Tonen des Totenmarsches, in Gestalt der koniglichen Witwe, mit gemessenem Schritt, einen Aschenkrug vor sich hertragend. Hinter ihr brachte man eine grosse schwarze Tafel und in einer goldenen Reissfeder ein wohlzugeschnitztes Stuck Kreide.

Einer ihrer Verehrer und Adjutanten, dem sie etwas ins Ohr sagte, ging sogleich den Architekten aufzufordern, zu notigen und gewissermassen herbeizuschieben, dass er als Baumeister das Grab des Mausolus zeichnen und also keineswegs einen Statisten, sondern einen ernstlich Mitspielenden vorstellen sollte. Wie verlegen der Architekt auch ausserlich erschien denn er machte in seiner ganz schwarzen, knappen, modernen Zivilgestalt einen wunderlichen Kontrast mit jenen Floren, Kreppen, Fransen, Schmelzen, Quasten und Kronen , so fasste er sich doch gleich innerlich, allein um so wunderlicher war es anzusehen. Mit dem grossten Ernst stellte er sich vor die grosse Tafel, die von ein paar Pagen gehalten wurde, und zeichnete mit viel Bedacht und Genauigkeit ein Grabmal, das zwar eher einem longobardischen als einem karischen Konig ware gemass gewesen, aber doch in so schonen Verhaltnissen, so ernst in seinen Teilen, so geistreich in seinen Zieraten, dass man es mit Vergnugen entstehen sah und, als es fertig war, bewunderte.

Er hatte sich in diesem ganzen Zeitraum fast nicht gegen die Konigin gewendet, sondern seinem Geschaft alle Aufmerksamkeit gewidmet. Endlich, als er sich vor ihr neigte und andeutete, dass er nun ihre Befehle vollzogen zu haben glaube, hielt sie ihm noch die Urne hin und bezeichnete das Verlangen, diese oben auf dem Gipfel abgebildet zu sehen. Er tat es, obgleich ungern, weil sie zu dem Charakter seines ubrigen Entwurfs nicht passen wollte. Was Lucianen betraf, so war sie endlich von ihrer Ungeduld erlost; denn ihre Absicht war keineswegs, eine gewissenhafte Zeichnung von ihm zu haben. Hatte er mit wenigen Strichen nur hinskizziert, was etwa einem Monument ahnlich gesehen, und sich die ubrige Zeit mit ihr abgegeben, so ware das wohl dem Endzweck und ihren Wunschen gemasser gewesen. Bei seinem Benehmen dagegen kam sie in die grosste Verlegenheit; denn ob sie gleich in ihrem Schmerz, ihren Anordnungen und Andeutungen, ihrem Beifall uber das nach und nach Entstehende ziemlich abzuwechseln suchte und sie ihn einigemal beinahe herumzerrte, um nur mit ihm in eine Art von Verhaltnis zu kommen, so erwies er sich doch gar zu steif, dergestalt dass sie allzuoft ihre Zuflucht zur Urne nehmen, sie an ihr Herz drucken und zum Himmel schauen musste, ja zuletzt, weil sich doch dergleichen Situationen immer steigern, mehr einer Witwe von Ephesus als einer Konigin von Karien ahnlich sah. Die Vorstellung zog sich daher in die Lange; der Klavierspieler, der sonst Geduld genug hatte, wusste nicht mehr, in welchen Ton er ausweichen sollte. Er dankte Gott, als er die Urne auf der Pyramide stehn sah, und fiel unwillkurlich, als die Konigin ihren Dank ausdrucken wollte, in ein lustiges Thema, wodurch die Vorstellung zwar ihren Charakter verlor, die Gesellschaft jedoch vollig aufgeheitert wurde, die sich denn sogleich teilte, der Dame fur ihren vortrefflichen Ausdruck und dem Architekten fur seine kunstliche und zierliche Zeichnung eine freudige Bewunderung zu beweisen.

Besonders der Brautigam unterhielt sich mit dem Architekten. "Es tut mir leid," sagte jener, "dass die Zeichnung so verganglich ist. Sie erlauben wenigstens, dass ich sie mir auf mein Zimmer bringen lasse und mich mit Ihnen daruber unterhalte." "Wenn es Ihnen Vergnugen macht," sagte der Architekt, "so kann ich Ihnen sorgfaltige Zeichnungen von dergleichen Gebauden und Monumenten vorlegen, wovon dieses nur ein zufalliger, fluchtiger Entwurf ist."

Ottilie stand nicht fern und trat zu den beiden. "Versaumen Sie nicht," sagte sie zum Architekten, "den Herrn Baron gelegentlich Ihre Sammlung sehen zu lassen; er ist ein Freund der Kunst und des Altertums; ich wunsche, dass Sie sich naher kennenlernen."

Luciane kam herbeigefahren und fragte: "Wovon ist die Rede?"

"Von einer Sammlung Kunstwerke," antwortete der Baron, "welche dieser Herr besitzt und die er uns gelegentlich zeigen will."

"Er mag sie nur gleich bringen!" rief Luciane. "Nicht wahr, Sie bringen sie gleich?" setzte sie schmeichelnd hinzu, indem sie ihn mit beiden Handen freundlich anfasste.

"Es mochte jetzt der Zeitpunkt nicht sein," versetzte der Architekt.

"Was!" rief Luciane gebieterisch, "Sie wollen dem Befehl Ihrer Konigin nicht gehorchen?" Dann legte sie sich auf ein neckisches Bitten.

"Sein Sie nicht eigensinnig!" sagte Ottilie halb leise.

Der Architekt entfernte sich mit einer Beugung; sie war weder bejahend noch verneinend.

Kaum war er fort, als Luciane sich mit einem Windspiel im Saale herumjagte. "Ach!" rief sie aus, indem sie zufallig an ihre Mutter stiess, "wie bin ich nicht unglucklich! Ich habe meinen Affen nicht mitgenommen; man hat es mir abgeraten; es ist aber nur die Bequemlichkeit meiner Leute, die mich um dieses Vergnugen bringt. Ich will ihn aber nachkommen lassen, es soll mir jemand hin, ihn zu holen. Wenn ich nur sein Bildnis sehen konnte, so ware ich schon vergnugt. Ich will ihn aber gewiss auch malen lassen, und er soll mir nicht von der Seite kommen."

"Vielleicht kann ich dich trosten," versetzte Charlotte, "wenn ich dir aus der Bibliothek einen ganzen Band der wunderlichsten Affenbilder kommen lasse." Luciane schrie vor Freuden laut auf, und der Folioband wurde gebracht. Der Anblick dieser menschenahnlichen und durch den Kunstler noch mehr vermenschlichten abscheulichen Geschopfe machte Lucianen die grosste Freude. Ganz glucklich aber fuhlte sie sich, bei einem jeden dieser Tiere die Ahnlichkeit mit bekannten Menschen zu finden. "Sieht der nicht aus wie der Onkel?" rief sie unbarmherzig, "der wie der Galanteriehandler M-, der wie der Pfarrer S-, und dieser ist der Dings-, der leibhaftig. Im Grunde sind doch die Affen die eigentlichen Incroyables, und es ist unbegreiflich, wie man sie aus der besten Gesellschaft ausschliessen mag."

Sie sagte das in der besten Gesellschaft, doch niemand nahm es ihr ubel. Man war so gewohnt, ihrer Anmut vieles zu erlauben, dass man zuletzt ihrer Unart alles erlaubte.

Ottilie unterhielt sich indessen mit dem Brautigam. Sie hoffte auf die Ruckkunft des Architekten, dessen ernstere, geschmackvollere Sammlungen die Gesellschaft von diesem Affenwesen befreien sollten. In dieser Erwartung hatte sie sich mit dem Baron besprochen und ihn auf manches aufmerksam gemacht. Allein der Architekt blieb aus, und als er endlich wiederkam, verlor er sich unter der Gesellschaft, ohne etwas mitzubringen und ohne zu tun, als ob von etwas die Frage gewesen ware. Ottilie ward einen Augenblick wie soll mans nennen? verdriesslich, ungehalten, betroffen; sie hatte ein gutes Wort an ihn gewendet, sie gonnte dem Brautigam eine vergnugte Stunde nach seinem Sinne, der bei seiner unendlichen Liebe fur Lucianen doch von ihrem Betragen zu leiden schien.

Die Affen mussten einer Kollation Platz machen. Gesellige Spiele, ja sogar noch Tanze, zuletzt ein freudeloses Herumsitzen und Wiederaufjagen einer schon gesunkenen Lust dauerten diesmal, wie sonst auch, weit uber Mitternacht. Denn schon hatte sich Luciane gewohnt, morgens nicht aus dem Bette und abends nicht ins Bette gelangen zu konnen.

Um diese Zeit finden sich in Ottiliens Tagebuch Ereignisse seltner angemerkt, dagegen haufiger auf das Leben bezugliche und vom Leben abgezogene Maximen und Sentenzen. Weil aber die meisten derselben wohl nicht durch ihre eigene Reflexion entstanden sein konnen, so ist es wahrscheinlich, dass man ihr irgendeinen Heft mitgeteilt, aus dem sie sich, was ihr gemutlich war, ausgeschrieben. Manches Eigene von innigerem Bezug wird an dem roten Faden wohl zu erkennen sein.

Aus Ottiliens Tagebuche

Wir blicken so gern in die Zukunft, weil wir das Ungefahre, was sich in ihr hin und her bewegt, durch stille Wunsche so gern zu unsern Gunsten heranleiten mochten.

Wir befinden uns nicht leicht in grosser Gesellschaft, ohne zu denken, der Zufall, der so viele zusammenbringt, solle uns auch unsre Freunde herbeifuhren.

Man mag noch so eingezogen leben, so wird man, ehe man sichs versieht, ein Schuldner oder ein Glaubiger.

Begegnet uns jemand, der uns Dank schuldig ist, gleich fallt es uns ein. Wie oft konnen wir jemand begegnen, dem wir Dank schuldig sind, ohne daran zu denken!

Sich mitzuteilen ist Natur; Mitgeteiltes aufzunehmen, wie es gegeben wird, ist Bildung.

Niemand wurde viel in Gesellschaften sprechen, wenn er sich bewusst ware, wie oft er die andern missversteht.

Man verandert fremde Reden beim Wiederholen wohl nur darum so sehr, weil man sie nicht verstanden hat.

Wer vor andern lange allein spricht, ohne den Zuhorern zu schmeicheln, erregt Widerwillen.

Jedes ausgesprochene Wort erregt den Gegensinn.

Widerspruch und Schmeichelei machen beide ein schlechtes Gesprach.

Die angenehmsten Gesellschaften sind die, in welchen eine heitere Ehrerbietung der Glieder gegeneinander obwaltet.

Durch nichts bezeichnen die Menschen mehr ihren Charakter als durch das, was sie lacherlich finden.

Das Lacherliche entspringt aus einem sittlichen Kontrast, der auf eine unschadliche Weise fur die Sinne in Verbindung gebracht wird.

Der sinnliche Mensch lacht oft, wo nichts zu lachen ist. Was ihn auch anregt, sein inneres Behagen kommt zum Vorschein.

Der Verstandige findet fast alles lacherlich, der Vernunftige fast nichts.

Einem bejahrten Manne verdachte man, dass er sich noch um junge Frauenzimmer bemuhte. "Es ist das einzige Mittel," versetzte er, "sich zu verjungen, und das will doch jedermann."

Man lasst sich seine Mangel vorhalten, man lasst sich strafen, man leidet manches um ihrer willen mit Geduld; aber ungeduldig wird man, wenn man sie ablegen soll.

Gewisse Mangel sind notwendig zum Dasein des einzelnen. Es wurde uns unangenehm sein, wenn alte Freunde gewisse Eigenheiten ablegten.

Man sagt: "Er stirbt bald", wenn einer etwas gegen seine Art und Weise tut.

Was fur Mangel durfen wir behalten, ja an uns kultivieren? Solche, die den andern eher schmeicheln als sie verletzen.

Die Leidenschaften sind Mangel oder Tugenden, nur gesteigerte.

Unsre Leidenschaften sind wahre Phonixe. Wie der alte verbrennt, steigt der neue sogleich wieder aus der Asche hervor.

Grosse Leidenschaften sind Krankheiten ohne Hoffnung.

Was sie heilen konnte, macht sie erst recht gefahrlich.

Die Leidenschaft erhoht und mildert sich durchs Bekennen. In nichts ware die Mittelstrasse vielleicht wunschenswerter als im Vertrauen und Verschweigen gegen die, die wir lieben.

Funftes Kapitel

So peitschte Luciane den Lebensrausch im geselligen Strudel immer vor sich her. Ihr Hofstaat vermehrte sich taglich, teils weil ihr Treiben so manchen erregte und anzog, teils weil sie sich andre durch Gefalligkeit und Wohltun zu verbinden wusste. Mitteilend war sie im hochsten Grade; denn da ihr durch die Neigung der Tante und des Brautigams soviel Schones und Kostliches auf einmal zugeflossen war, so schien sie nichts Eigenes zu besitzen und den Wert der Dinge nicht zu kennen, die sich um sie gehauft hatten. So zauderte sie nicht einen Augenblick, einen kostbaren Schal abzunehmen und ihn einem Frauenzimmer umzuhangen, das ihr gegen die ubrigen zu armlich gekleidet schien, und sie tat das auf eine so neckische, geschickte Weise, dass niemand eine solche Gabe ablehnen konnte. Einer von ihrem Hofstaat hatte stets eine Borse und den Auftrag, in den Orten, wo sie einkehrten, sich nach den Altesten und Kranksten zu erkundigen und ihren Zustand wenigstens fur den Augenblick zu erleichtern. Dadurch entstand ihr in der ganzen Gegend ein Name von Vortrefflichkeit, der ihr doch auch manchmal unbequem ward, weil er allzuviel lastige Notleidende an sie heranzog.

Durch nichts aber vermehrte sie so sehr ihren Ruf als durch ein auffallendes, gutes, beharrliches Benehmen gegen einen unglucklichen jungen Mann, der die Gesellschaft floh, weil er, ubrigens schon und wohlgebildet, seine rechte Hand, obgleich ruhmlich, in der Schlacht verloren hatte. Diese Verstummlung erregte ihm einen solchen Missmut, es war ihm so verdriesslich, dass jede neue Bekanntschaft sich auch immer mit seinem Unfall bekannt machen sollte, dass er sich lieber versteckte, sich dem Lesen und andern Studien ergab und ein fur allemal mit der Gesellschaft nichts wollte zu schaffen haben.

Das Dasein dieses jungen Mannes blieb ihr nicht verborgen. Er musste herbei, erst in kleiner Gesellschaft, dann in grosserer, dann in der grossten. Sie benahm sich anmutiger gegen ihn als gegen irgendeinen andern; besonders wusste sie durch zudringliche Dienstfertigkeit ihm seinen Verlust wert zu machen, indem sie geschaftig war, ihn zu ersetzen. Bei Tafel musste er neben ihr seinen Platz nehmen; sie schnitt ihm vor, so dass er nur die Gabel gebrauchen durfte. Nahmen Altere, Vornehmere ihm ihre Nachbarschaft weg, so erstreckte sie ihre Aufmerksamkeit uber die ganze Tafel hin, und die eilenden Bedienten mussten das ersetzen, was ihm die Entfernung zu rauben drohte. Zuletzt munterte sie ihn auf, mit der linken Hand zu schreiben; er musste alle seine Versuche an sie richten, und so stand sie, entfernt oder nah, immer mit ihm in Verhaltnis. Der junge Mann wusste nicht, wie ihm geworden war, und wirklich fing er von diesem Augenblick ein neues Leben an.

Vielleicht sollte man denken, ein solches Betragen ware dem Brautigam missfallig gewesen; allein es fand sich das Gegenteil. Er rechnete ihr diese Bemuhungen zu grossem Verdienst an und war um so mehr daruber ganz ruhig, als er ihre fast ubertriebenen Eigenheiten kannte, wodurch sie alles, was im mindesten verfanglich schien, von sich abzulehnen wusste. Sie wollte mit jedermann nach Belieben umspringen, jeder war in Gefahr, von ihr einmal angestossen, gezerrt oder sonst geneckt zu werden; niemand aber durfte sich gegen sie ein Gleiches erlauben, niemand sie nach Willkur beruhren, niemand auch nur im entferntesten Sinne eine Freiheit, die sie sich nahm, erwidern; und so hielt sie die andern in den strengsten Grenzen der Sittlichkeit gegen sich, die sie gegen andere jeden Augenblick zu ubertreten schien.

Uberhaupt hatte man glauben konnen, es sei bei ihr Maxime gewesen, sich dem Lobe und dem Tadel, der Neigung und der Abneigung gleichmassig auszusetzen. Denn wenn sie die Menschen auf mancherlei Weise fur sich zu gewinnen suchte, so verdarb sie es wieder mit ihnen gewohnlich durch eine bose Zunge, die niemanden schonte. So wurde kein Besuch in der Nachbarschaft abgelegt, nirgends sie und ihre Gesellschaft in Schlossern und Wohnungen freundlich aufgenommen, ohne dass sie bei der Ruckkehr auf das ausgelassenste merken liess, wie sie alle menschlichen Verhaltnisse nur von der lacherlichen Seite zu nehmen geneigt sei. Da waren drei Bruder, welche unter lauter Komplimenten, wer zuerst heiraten sollte, das Alter ubereilt hatte; hier eine kleine, junge Frau mit einem grossen, alten Manne; dort umgekehrt ein kleiner, munterer Mann und eine unbehulfliche Riesin. In dem einen Hause stolperte man bei jedem Schritt uber ein Kind; das andre wollte ihr bei der grossten Gesellschaft nicht voll erscheinen, weil keine Kinder gegenwartig waren. Alte Gatten sollten sich nur schnell begraben lassen, damit doch wieder einmal jemand im Hause zum Lachen kame, da ihnen keine Noterben gegeben waren. Junge Eheleute sollten reisen, weil das Haushalten sie gar nicht kleide. Und wie mit den Personen, so machte sie es auch mit den Sachen, mit den Gebauden wie mit dem Haus- und Tischgerate. Besonders alle Wandverzierungen reizten sie zu lustigen Bemerkungen. Von dem altesten Hautelisseteppich bis zu der neusten Papiertapete, vom ehrwurdigsten Familienbilde bis zum frivolsten neuen Kupferstich, eins wie das andre musste leiden, eins wie das andre wurde durch ihre spottischen Bemerkungen gleichsam aufgezehrt, so dass man sich hatte verwundern sollen, wie funf Meilen umher irgend etwas nur noch existierte.

Eigentliche Bosheit war vielleicht nicht in diesem verneinenden Bestreben; ein selbstischer Mutwille mochte sie gewohnlich anreizen; aber eine wahrhafte Bitterkeit hatte sich in ihrem Verhaltnis zu Ottilien erzeugt. Auf die ruhige, ununterbrochene Tatigkeit des lieben Kindes, die von jedermann bemerkt und gepriesen wurde, sah sie mit Verachtung herab; und als zur Sprache kam, wie sehr sich Ottilie der Garten und der Treibhauser annehme, spottete sie nicht allein daruber, indem sie uneingedenk des tiefen Winters, in dem man lebte, sich zu verwundern schien, dass man weder Blumen noch Fruchte gewahr werde, sondern sie liess auch von nun an so viel Grunes, so viel Zweige und was nur irgend keimte, herbeiholen und zur taglichen Zierde der Zimmer und des Tisches verschwenden, dass Ottilie und der Gartner nicht wenig gekrankt waren, ihre Hoffnungen fur das nachste Jahr und vielleicht auf langere Zeit zerstort zu sehen.

Ebensowenig gonnte sie Ottilien die Ruhe des hauslichen Ganges, worin sie sich mit Bequemlichkeit fortbewegte. Ottilie sollte mit auf die Lust- und Schlittenfahrten, sie sollte mit auf die Balle, die in der Nachbarschaft veranstaltet wurden; sie sollte weder Schnee noch Kalte noch gewaltsame Nachtsturme scheuen, da ja soviel andre nicht davon sturben. Das zarte Kind litt nicht wenig darunter, aber Luciane gewann nichts dabei; denn obgleich Ottilie sehr einfach gekleidet ging, so war sie doch, oder so schien sie wenigstens immer den Mannern die Schonste. Ein sanftes Anziehen versammelte alle Manner um sie her, sie mochte sich in den grossen Raumen am ersten oder am letzten Platze befinden; ja der Brautigam Lucianens selbst unterhielt sich oft mit ihr, und zwar um so mehr, als er in einer Angelegenheit, die ihn beschaftigte, ihren Rat, ihre Mitwirkung verlangte.

Er hatte den Architekten naher kennen lernen, bei Gelegenheit seiner Kunstsammlung viel uber das Geschichtliche mit ihm gesprochen, in andern Fallen auch, besonders bei Betrachtung der Kapelle, sein Talent schatzen gelernt. Der Baron war jung, reich; er sammelte, er wollte bauen; seine Liebhaberei war lebhaft, seine Kenntnisse schwach; er glaubte in dem Architekten seinen Mann zu finden, mit dem er mehr als Einen Zweck zugleich erreichen konnte. Er hatte seiner Braut von dieser Absicht gesprochen; sie lobte ihn darum und war hochlich mit dem Vorschlag zufrieden, doch vielleicht mehr, um diesen jungen Mann Ottilien zu entziehen denn sie glaubte so etwas von Neigung bei ihm zu bemerken , als dass sie gedacht hatte, sein Talent zu ihren Absichten zu benutzen. Denn ob er gleich bei ihren extemporierten Festen sich sehr tatig erwiesen und manche Ressourcen bei dieser und jener Anstalt dargeboten, so glaubte sie es doch immer selbst besser zu verstehen; und da ihre Erfindungen gewohnlich gemein waren, so reichte, um sie auszufuhren, die Geschicklichkeit eines gewandten Kammerdieners ebensogut hin als die des vorzuglichsten Kunstlers. Weiter als zu einem Altar, worauf geopfert ward, und zu einer Bekranzung, es mochte nun ein gipsernes oder ein lebendes Haupt sein, konnte ihre Einbildungskraft sich nicht versteigen, wenn sie irgend jemand zum Geburts- und Ehrentage ein festliches Kompliment zu machen gedachte.

Ottilie konnte dem Brautigam, der sich nach dem

Verhaltnis des Architekten zum Hause erkundigte, die beste Auskunft geben. Sie wusste, dass Charlotte sich schon fruher nach einer Stelle fur ihn umgetan hatte; denn ware die Gesellschaft nicht gekommen, so hatte sich der junge Mann gleich nach Vollendung der Kapelle entfernt, weil alle Bauten den Winter uber stillstehn sollten und mussten; und es war daher sehr erwunscht, wenn der geschickte Kunstler durch einen neuen Gonner wieder genutzt und befordert wurde.

Das personliche Verhaltnis Ottiliens zum Architek

ten war ganz rein und unbefangen. Seine angenehme und tatige Gegenwart hatte sie wie die Nahe eines altern Bruders unterhalten und erfreut. Ihre Empfindungen fur ihn blieben auf der ruhigen, leidenschaftslosen Oberflache der Blutsverwandtschaft; denn in ihrem Herzen war kein Raum mehr; es war von der Liebe zu Eduard ganz gedrangt ausgefullt, und nur die Gottheit, die alles durchdringt, konnte dieses Herz zugleich mit ihm besitzen.

Indessen je tiefer der Winter sich senkte, je wilderes Wetter, je unzuganglicher die Wege, desto anziehender schien es, in so guter Gesellschaft die abnehmenden Tage zuzubringen. Nach kurzen Ebben uberflutete die Menge von Zeit zu Zeit das Haus. Offiziere von entfernteren Garnisonen, die gebildeten zu ihrem grossen Vorteil, die roheren zur Unbequemlichkeit der Gesellschaft, zogen sich herbei; am Zivilstande fehlte es auch nicht, und ganz unerwartet kamen eines Tages der Graf und die Baronesse zusammen angefahren.

Ihre Gegenwart schien erst einen wahren Hof zu bilden. Die Manner von Stand und Sitten umgaben den Grafen, und die Frauen liessen der Baronesse Gerechtigkeit wider fahren. Man verwunderte sich nicht lange, sie beide zusammen und so heiter zu sehen; denn man vernahm, des Grafen Gemahlin sei gestorben, und eine neue Verbindung werde geschlossen sein, sobald es die Schicklichkeit nur erlaube. Ottilie erinnerte sich jenes ersten Besuchs, jedes Worts, was uber Ehestand und Scheidung, uber Verbindung und Trennung, uber Hoffnung, Erwartung, Entbehren und Entsagen gesprochen ward. Beide Personen, damals noch ganz ohne Aussichten, standen nun vor ihr, dem gehofften Gluck so nahe, und ein unwillkurlicher Seufzer drang aus ihrem Herzen.

Luciane horte kaum, dass der Graf ein Liebhaber von Musik sei, so wusste sie ein Konzert zu veranstalten; sie wollte sich dabei mit Gesang zur Gitarre horen lassen. Es geschah. Das Instrument spielte sie nicht ungeschickt, ihre Stimme war angenehm; was aber die Worte betraf, so verstand man sie so wenig, als wenn sonst eine deutsche Schone zur Gitarre singt. Indes versicherte jedermann, sie habe mit viel Ausdruck gesungen, und sie konnte mit dem lauten Beifall zufrieden sein. Nur ein wunderliches Ungluck begegnete bei dieser Gelegenheit. In der Gesellschaft befand sich ein Dichter, den sie auch besonders zu verbinden hoffte, weil sie einige Lieder von ihm an sie gerichtet wunschte, und deshalb diesen Abend meist nur von seinen Liedern vortrug. Er war uberhaupt, wie alle, hoflich gegen sie, aber sie hatte mehr erwartet. Sie legte es ihm einigemal nahe, konnte aber weiter nichts von ihm vernehmen, bis sie endlich aus Ungeduld einen ihrer Hofleute an ihn schickte und sondieren liess, ob er denn nicht entzuckt gewesen sei, seine vortrefflichen Gedichte so vortrefflich vortragen zu horen. "Meine Gedichte?" versetzte dieser mit Erstaunen. "Verzeihen Sie, mein Herr," fugte er hinzu; "ich habe nichts als Vokale gehort und die nicht einmal alle. Unterdessen ist es meine Schuldigkeit, mich fur eine so liebenswurdige Intention dankbar zu erweisen." Der Hofmann schwieg und verschwieg. Der andre suchte sich durch einige wohltonende Komplimente aus der Sache zu ziehen. Sie liess ihre Absicht nicht undeutlich merken, auch etwas eigens fur sie Gedichtetes zu besitzen. Wenn es nicht allzu unfreundlich gewesen ware, so hatte er ihr das Alphabet uberreichen konnen, um sich daraus ein beliebiges Lobgedicht zu irgendeiner vorkommenden Melodie selbst einzubilden. Doch sollte sie nicht ohne Krankung aus dieser Begebenheit scheiden. Kurze Zeit darauf erfuhr sie, er habe noch selbigen Abend einer von Ottiliens Lieblingsmelodien ein allerliebstes Gedicht untergelegt, das noch mehr als verbindlich sei.

Luciane, wie alle Menschen ihrer Art, die immer durcheinander mischen, was ihnen vorteilhaft und was ihnen nachteilig ist, wollte nun ihr Gluck im Rezitieren versuchen. Ihr Gedachtnis war gut, aber, wenn man aufrichtig reden sollte, ihr Vortrag geistlos und heftig, ohne leidenschaftlich zu sein. Sie rezitierte Balladen, Erzahlungen und was sonst in Deklamatorien vorzukommen pflegt. Dabei hatte sie die ungluckliche Gewohnheit angenommen, das, was sie vortrug, mit Gesten zu begleiten, wodurch man das, was eigentlich episch und lyrisch ist, auf eine unangenehme Weise mit dem Dramatischen mehr verwirrt als verbindet.

Der Graf, ein einsichtsvoller Mann, der gar bald die Gesellschaft, ihre Neigungen, Leidenschaften und Unterhaltungen ubersah, brachte Lucianen glucklicher oder unglucklicherweise auf eine neue Art von Darstellung, die ihrer Personlichkeit sehr gemass war. "Ich finde", sagte er, "hier so manche wohlgestaltete Personen, denen es gewiss nicht fehlt, malerische Bewegungen und Stellungen nachzuahmen. Sollten sie es noch nicht versucht haben, wirkliche, bekannte Gemalde vorzustellen? Eine solche Nachbildung, wenn sie auch manche muhsame Anordnung er fordert, bringt dagegen auch einen unglaublichen Reiz hervor."

Schnell ward Luciane gewahr, dass sie hier ganz in ihrem Fach sein wurde. Ihr schoner Wuchs, ihre volle Gestalt, ihr regelmassiges und doch bedeutendes Gesicht, ihre lichtbraunen Haarflechten, ihr schlanker Hals, alles war schon wie aufs Gemalde berechnet; und hatte sie nun gar gewusst, dass sie schoner aussah, wenn sie still stand, als wenn sie sich bewegte, indem ihr im letzten Falle manchmal etwas storendes Ungrazioses entschlupfte, so hatte sie sich mit noch mehrerem Eifer dieser naturlichen Bildnerei ergeben.

Man suchte nun Kupferstiche nach beruhmten Gemalden, man wahlte zuerst den Belisar nach van Dyck. Ein grosser und wohlgebauter Mann von gewissen Jahren sollte den sitzenden blinden General, der Architekt den vor ihm teilnehmend traurig stehenden Krieger nachbilden, dem er wirklich etwas ahnlich sah. Luciane hatte sich, halb bescheiden, das junge Weibchen im Hintergrunde gewahlt, das reichliche Almosen aus einem Beutel in die flache Hand zahlt, indes eine Alte sie abzumahnen und ihr vorzustellen scheint, dass sie zuviel tue. Eine andre, ihm wirklich Almosen reichende Frauensperson war nicht vergessen.

Mit diesen und andern Bildern beschaftigte man sich sehr ernstlich. Der Graf gab dem Architekten uber die Art der Einrichtung einige Winke, der sogleich ein Theater dazu aufstellte und wegen der Beleuchtung die notige Sorge trug. Man war schon tief in die Anstalten verwickelt, als man erst bemerkte, dass ein solches Unternehmen einen ansehnlichen Aufwand verlangte und dass auf dem Lande mitten im Winter gar manches Erfordernis abging. Deshalb liess, damit ja nichts stocken moge, Luciane beinah ihre samtliche Garderobe zerschneiden, um die verschiedenen Kostume zu liefern, die jene Kunstler willkurlich genug angegeben hatten.

Der Abend kam herbei, und die Darstellung wurde vor einer grossen Gesellschaft und zu allgemeinem Beifall ausgefuhrt. Eine bedeutende Musik spannte die Erwartung. Jener Belisar eroffnete die Buhne. Die Gestalten waren so passend, die Farben so glucklich ausgeteilt, die Beleuchtung so kunstreich, dass man furwahr in einer andern Welt zu sein glaubte, nur dass die Gegenwart des Wirklichen statt des Scheins eine Art von angstlicher Empfindung hervorbrachte.

Der Vorhang fiel und ward auf Verlangen mehr als einmal wieder aufgezogen. Ein musikalisches Zwischenspiel unterhielt die Gesellschaft, die man durch ein Bild hoherer Art uberraschen wollte. Es war die bekannte Vorstellung von Poussin: Ahasverus und Esther. Diesmal hatte sich Luciane besser bedacht. Sie entwickelte in der ohnmachtig hingesunkenen Konigin alle ihre Reize und hatte sich klugerweise zu den umgebenden, unterstutzenden Madchen lauter hubsche, wohlgebildete Figuren ausgesucht, worunter sich jedoch keine mit ihr auch nur im mindesten messen konnte. Ottilie blieb von diesem Bilde wie von den ubrigen ausgeschlossen. Auf den goldnen Thron hatten sie, um den Zeus gleichen Konig vorzustellen, den rustigsten und schonsten Mann der Gesellschaft gewahlt, so dass dieses Bild wirklich eine unvergleichliche Vollkommenheit gewann.

Als drittes hatte man die sogenannte "Vaterliche Ermahnung" von Terburg gewahlt, und wer kennt nicht den herrlichen Kupferstich unseres Wille von diesem Gemalde! Einen Fuss uber den andern geschlagen, sitzt ein edler, ritterlicher Vater und scheint seiner vor ihm stehenden Tochter ins Gewissen zu reden. Diese, eine herrliche Gestalt im faltenreichen, weissen Atlaskleide, wird zwar nur von hinten gesehen, aber ihr ganzes Wesen scheint anzudeuten, dass sie sich zusammennimmt. Dass jedoch die Ermahnung nicht heftig und beschamend sei, sieht man aus der Miene und Gebarde des Vaters; und was die Mutter betrifft, so scheint diese eine kleine Verlegenheit zu verbergen, indem sie in ein Glas Wein blickt, das sie eben auszuschlurfen im Begriff ist.

Bei dieser Gelegenheit nun sollte Luciane in ihrem hochsten Glanze erscheinen. Ihre Zopfe, die Form ihres Kopfes, Hals und Nacken waren uber alle Begriffe schon, und die Taille, von der bei den modernen antikisierenden Bekleidungen der Frauenzimmer wenig sichtbar wird, hochst zierlich, schlank und leicht, zeigte sich an ihr in dem alteren Kostum ausserst vorteilhaft; und der Architekt hatte gesorgt, die reichen Falten des weissen Atlasses mit der kunstlichsten Natur zu legen, so dass ganz ohne Frage diese lebendige Nachbildung weit uber jenes Originalbildnis hinausreichte und ein allgemeines Entzucken erregte. Man konnte mit dem Wiederverlangen nicht endigen, und der ganz naturliche Wunsch, einem so schonen Wesen, das man genugsam von der Ruckseite gesehen, auch ins Angesicht zu schauen, nahm dergestalt uberhand, dass ein lustiger, ungeduldiger Vogel die Worte, die man manchmal an das Ende einer Seite zu schreiben pflegt: "Tournez s'il vous plait", laut ausrief und eine allgemeine Beistimmung erregte. Die Darstellenden aber kannten ihren Vorteil zu gut und hatten den Sinn dieser Kunststucke zu wohl gefasst, als dass sie dem allgemeinen Ruf hatten nachgeben sollen. Die beschamt scheinende Tochter blieb ruhig stehen, ohne den Zuschauern den Ausdruck ihres Angesichts zu gonnen; der Vater blieb in seiner ermahnenden Stellung sitzen, und die Mutter brachte Nase und Augen nicht aus dem durchsichtigen Glase, worin sich, ob sie gleich zu trinken schien, der Wein nicht verminderte. Was sollen wir noch viel von kleinen Nachstucken sagen, wozu man niederlandische Wirtshaus- und Jahrmarktsszenen gewahlt hatte!

Der Graf und die Baronesse reisten ab und versprachen, in den ersten glucklichen Wochen ihrer nahen Verbindung wiederzukehren, und Charlotte hoffte nunmehr, nach zwei muhsam uberstandenen Monaten, die ubrige Gesellschaft gleichfalls loszuwerden. Sie war des Glucks ihrer Tochter gewiss, wenn bei dieser der erste Braut- und Jugendtaumel sich wurde gelegt haben; denn der Brautigam hielt sich fur den glucklichsten Menschen von der Welt. Bei grossem Vermogen und gemassigter Sinnesart schien er auf eine wunderbare Weise von dem Vorzuge geschmeichelt, ein Frauenzimmer zu besitzen, das der ganzen Welt gefallen musste. Er hatte einen so ganz eigenen Sinn, alles auf sie und erst durch sie auf sich zu beziehen, dass es ihm eine unangenehme Empfindung machte, wenn sich nicht gleich ein Neuankommender mit aller Aufmerksamkeit auf sie richtete und mit ihm, wie es wegen seiner guten Eigenschaften besonders von alteren Personen oft geschah, eine nahere Verbindung suchte, ohne sich sonderlich um sie zu kummern. Wegen des Architekten kam es bald zur Richtigkeit. Aufs Neujahr sollte ihm dieser folgen und das Karneval mit ihm in der Stadt zubringen, wo Luciane sich von der Wiederholung der so schon eingerichteten Gemalde sowie von hundert andern Dingen die grosste Gluckseligkeitversprach, um so mehr, als Tante und Brautigam jeden Aufwand fur gering zu achten schienen, der zu ihrem Vergnugen erfordert wurde.

Nun sollte man scheiden, aber das konnte nicht auf eine gewohnliche Weise geschehen. Man scherzte einmal ziemlich laut, dass Charlottens Wintervorrate nun bald aufgezehrt seien, als der Ehrenmann, der den Belisar vorgestellt hatte und freilich reich genug war, von Lucianens Vorzugen hingerissen, denen er nun schon so lange huldigte, unbedachtsam ausrief: "So lassen Sie es uns auf polnische Art halten! Kommen Sie nun und zehren mich auch auf! und so geht es dann weiter in der Runde herum." Gesagt, getan: Luciane schlug ein. Den andern Tag war gepackt, und der Schwarm warf sich auf ein anderes Besitztum. Dort hatte man auch Raum genug, aber weniger Bequemlichkeit und Einrichtung. Daraus entstand manches Unschickliche, das erst Lucianen recht glucklich machte. Das Leben wurde immer wuster und wilder. Treibjagen im tiefsten Schnee, und was man sonst nur Unbequemes auffinden konnte, wurde veranstaltet. Frauen so wenig als Manner durften sich ausschliessen, und so zog man jagend und reitend, schlittenfahrend und larmend von einem Gute zum andern, bis man sich endlich der Residenz naherte; da denn die Nachrichten und Erzahlungen, wie man sich bei Hofe und in der Stadt vergnuge, der Einbildungskraft eine andere Wendung gaben und Lucianen mit ihrer samtlichen Begleitung, indem die Tante schon vorausgegangen war, unaufhaltsam in einen andern Lebenskreis hineinzogen.

Aus Ottiliens Tagebuche

Man nimmt in der Welt jeden, wofur er sich gibt; aber er muss sich auch fur etwas geben. Man ertragt die Unbequemen lieber, als man die Unbedeutenden duldet.

Man kann der Gesellschaft alles aufdringen, nur nicht, was eine Folge hat.

Wir lernen die Menschen nicht kennen, wenn sie zu uns kommen; wir mussen zu ihnen gehen, um zu erfahren, wie es mit ihnen steht.

Ich finde es beinahe naturlich, dass wir an Besuchenden mancherlei auszusetzen haben, dass wir sogleich, wenn sie weg sind, uber sie nicht zum liebevollsten urteilen; denn wir haben sozusagen ein Recht, sie nach unserm Massstabe zu messen. Selbst verstandige und billige Menschen enthalten sich in solchen Fallen kaum einer scharfen Zensur.

Wenn man dagegen bei andern gewesen ist und hat sie mit ihren Umgebungen, Gewohnheiten, in ihren notwendigen, unausweichlichen Zustanden gesehen, wie sie um sich wirken oder wie sie sich fugen, so gehort schon Unverstand und boser Wille dazu, um das lacherlich zu finden, was uns in mehr als einem Sinne ehrwurdig scheinen musste.

Durch das, was wir Betragen und gute Sitten nennen, soll das erreicht werden, was ausserdem nur durch Gewalt oder auch nicht einmal durch Gewalt zu erreichen ist.

Der Umgang mit Frauen ist das Element guter Sitten.

Wie kann der Charakter, die Eigentumlichkeit des Menschen, mit der Lebensart bestehen?

Das Eigentumliche musste durch die Lebensart erst recht hervorgehoben werden. Das Bedeutende will jedermann, nur soll es nicht unbequem sein.

Die grossten Vorteile im Leben uberhaupt wie in der Gesellschaft hat ein gebildeter Soldat.

Rohe Kriegsleute gehen wenigstens nicht aus ihrem Charakter, und weil doch meist hinter der Starke eine Gutmutigkeit verborgen liegt, so ist im Notfall auch mit ihnen auszukommen.

Niemand ist lastiger als ein tappischer Mensch vom Zivilstande. Von ihm konnte man die Feinheit fordern, da er sich mit nichts Rohem zu beschaftigen hat.

Wenn wir mit Menschen leben, die ein zartes Gefuhl fur das Schickliche haben, so wird es uns angst um ihretwillen, wenn etwas Ungeschicktes begegnet. So fuhle ich immer fur und mit Charlotten, wenn jemand mit dem Stuhle schaukelt, weil sie das in den Tod nicht leiden kann.

Es kame niemand mit der Brille auf der Nase in ein vertrauliches Gemach, wenn er wusste, dass uns Frauen sogleich die Lust vergeht, ihn anzusehen und uns mit ihm zu unterhalten.

Zutraulichkeit an der Stelle der Ehrfurcht ist immer lacherlich. Es wurde niemand den Hut ablegen, nachdem er kaum das Kompliment gemacht hat, wenn er wusste, wie komisch das aussieht.

Es gibt kein ausseres Zeichen der Hoflichkeit, das nicht einen tiefen sittlichen Grund hatte. Die rechte Erziehung ware, welche dieses Zeichen und den Grund zugleich uberlieferte.

Das Betragen ist ein Spiegel, in welchem jeder sein Bild zeigt.

Es gibt eine Hoflichkeit des Herzens; sie ist der Liebe verwandt. Aus ihr entspringt die bequemste Hoflichkeit des aussern Betragens.

Freiwillige Abhangigkeit ist der schonste Zustand, und wie ware der moglich ohne Liebe.

Wir sind nie entfernter von unsern Wunschen, als wenn wir uns einbilden, das Gewunschte zu besitzen.

Niemand ist mehr Sklave, als der sich fur frei halt, ohne es zu sein.

Es darf sich einer nur fur frei erklaren, so fuhlt er sich den Augenblick als bedingt. Wagt er es, sich fur bedingt zu erklaren, so fuhlt er sich frei.

Gegen grosse Vorzuge eines andern gibt es kein Rettungsmittel als die Liebe.

Es ist was Schreckliches um einen vorzuglichen Mann, auf den sich die Dummen was zugute tun.

Es gibt, sagt man, fur den Kammerdiener keinen Helden.

Das kommt aber bloss daher, weil der Held nur vom Helden anerkannt werden kann. Der Kammerdiener wird aber wahrscheinlich seinesgleichen zu schatzen wissen.

Es gibt keinen grossern Trost fur die Mittelmassigkeit, als dass das Genie nicht unsterblich sei.

Die grossten Menschen hangen immer mit ihrem Jahrhundert durch eine Schwachheit zusammen.

Man halt die Menschen gewohnlich fur gefahrlicher, als sie sind.

Toren und gescheite Leute sind gleich unschadlich. Nur die Halbnarren und Halbweisen, das sind die Gefahrlichsten.

Man weicht der Welt nicht sicherer aus als durch die Kunst, und man verknupft sich nicht sicherer mit ihr als durch die Kunst.

Selbst im Augenblick des hochsten Glucks und der hochsten Not bedurfen wir des Kunstlers.

Die Kunst beschaftigt sich mit dem Schweren und Guten.

Das Schwierige leicht behandelt zu sehen, gibt uns das Anschauen des Unmoglichen.

Die Schwierigkeiten wachsen, je naher man dem Ziele kommt.

Saen ist nicht so beschwerlich als ernten.

Sechstes Kapitel

Die grosse Unruhe, welche Charlotten durch diesen Besuch erwuchs, ward ihr dadurch vergutet, dass sie ihre Tochter vollig begreifen lernte, worin ihr die Bekanntschaft mit der Welt sehr zu Hulfe kam. Es war nicht zum erstenmal, dass ihr ein so seltsamer Charakter begegnete, ob er ihr gleich noch niemals auf dieser Hohe erschien. Und doch hatte sie aus der Erfahrung, dass solche Personen, durchs Leben, durch mancherlei Ereignisse, durch elterliche Verhaltnisse gebildet, eine sehr angenehme und liebenswurdige Reife erlangen konnen, indem die Selbstigkeit gemildert wird und die schwarmende Tatigkeit eine entschiedene Richtung erhalt. Charlotte liess als Mutter sich um desto eher eine fur andere vielleicht unangenehme Erscheinung gefallen, als es Eltern wohl geziemt, da zu hoffen, wo Fremde nur zu geniessen wunschen oder wenigstens nicht belastigt sein wollen.

Auf eine eigne und unerwartete Weise jedoch sollte Charlotte nach ihrer Tochter Abreise getroffen werden, indem diese nicht sowohl durch das Tadelnswerte in ihrem Betragen als durch das, was man daran lobenswurdig hatte finden konnen, eine uble Nachrede hinter sich gelassen hatte. Luciane schien sichs zum Gesetz gemacht zu haben, nicht allein mit den Frohlichen frohlich, sondern auch mit den Traurigen traurig zu sein und, um den Geist des Widerspruchs recht zu uben, manchmal die Frohlichen verdriesslich und die Traurigen heiter zu machen. In allen Familien, wo sie hinkam, erkundigte sie sich nach den Kranken und Schwachen, die nicht in Gesellschaft erscheinen konnten. Sie besuchte sie auf ihren Zimmern, machte den Arzt und drang einem jeden aus ihrer Reiseapotheke, die sie bestandig im Wagen mit sich fuhrte, energische Mittel auf; da denn eine solche Kur, wie sich vermuten lasst, gelang oder misslang, wie es der Zufall herbeifuhrte.

In dieser Art von Wohltatigkeit war sie ganz grausam und liess sich gar nicht einreden, weil sie fest uberzeugt war, dass sie vortrefflich handle. Allein es missriet ihr auch ein Versuch von der sittlichen Seite, und dieser war es, der Charlotten viel zu schaffen machte, weil er Folgen hatte und jedermann daruber sprach. Erst nach Lucianens Abreise horte sie davon; Ottilie, die gerade jene Partie mitgemacht hatte, musste ihr umstandlich davon Rechenschaft geben.

Eine der Tochter eines angesehenen Hauses hatte das Ungluck gehabt, an dem Tode eines ihrer jungeren Geschwister schuld zu sein, und sich daruber nicht beruhigen noch wiederfinden konnen. Sie lebte auf ihrem Zimmer beschaftigt und still und ertrug selbst den Anblick der Ihrigen nur, wenn sie einzeln kamen; denn sie argwohnte sogleich, wenn mehrere beisammen waren, dass man untereinander uber sie und ihren Zustand reflektiere. Gegen jedes allein ausserte sie sich vernunftig und unterhielt sich stundenlang mit ihm.

Luciane hatte davon gehort und sich sogleich im stillen vorgenommen, wenn sie in das Haus kame, gleichsam ein Wunder zu tun und das Frauenzimmer der Gesellschaft wiederzugeben. Sie betrug sich dabei vorsichtiger als sonst, wusste sich allein bei der Seelenkranken einzufuhren und, soviel man merken konnte, durch Musik ihr Vertrauen zu gewinnen. Nur zuletzt versah sie es; denn eben weil sie Aufsehn erregen wollte, so brachte sie das schone, blasse Kind, das sie genug vorbereitet wahnte, eines Abends plotzlich in die bunte, glanzende Gesellschaft; und vielleicht ware auch das noch gelungen, wenn nicht die Sozietat selbst aus Neugierde und Apprehension sich ungeschickt benommen, sich um die Kranke versammelt, sie wieder gemieden, sie durch Flustern, Kopfezusammenstecken irregemacht und aufgeregt hatte. Die zart Empfindende ertrug das nicht. Sie entwich unter furchterlichem Schreien, das gleichsam ein Entsetzen vor einem eindringenden Ungeheuren auszudrucken schien. Erschreckt fuhr die Gesellschaft nach allen Seiten auseinander, und Ottilie war unter denen, welche die vollig Ohnmachtige wieder auf ihr Zimmer begleiteten.

Indessen hatte Luciane eine starke Strafrede nach ihrer Weise an die Gesellschaft gehalten, ohne im mindesten daran zu denken, dass sie allein alle Schuld habe, und ohne sich durch dieses und andres Misslingen von ihrem Tun und Treiben abhalten zu lassen.

Der Zustand der Kranken war seit jener Zeit bedenklicher geworden, ja das Ubel hatte sich so gesteigert, dass die Eltern das arme Kind nicht im Hause behalten konnten, sondern einer offentlichen Anstalt uberantworten mussten. Charlotten blieb nichts ubrig, als durch ein besonder zartes Benehmen gegen jene Familie den von ihrer Tochter verursachten Schmerz einigermassen zu lindern. Auf Ottilien hatte die Sache einen tiefen Eindruck gemacht; sie bedauerte das arme Madchen um so mehr, als sie uberzeugt war, wie sie auch gegen Charlotten nicht leugnete, dass bei einer konsequenten Behandlung die Kranke gewiss herzustellen gewesen ware.

So kam auch, weil man sich gewohnlich vom vergangenen Unangenehmen mehr als vom Angenehmen unterhalt, ein kleines Missverstandnis zur Sprache, das Ottilien an dem Architekten irregemacht hatte, als er jenen Abend seine Sammlung nicht vorzeigen wollte, ob sie ihn gleich so freundlich darum ersuchte. Es war ihr dieses abschlagige Betragen immer in der Seele geblieben, und sie wusste selbst nicht warum. Ihre Empfindungen waren sehr richtig; denn was ein Madchen wie Ottilie verlangen kann, sollte ein Jungling wie der Architekt nicht versagen. Dieser brachte jedoch auf ihre gelegentlichen leisen Vorwurfe ziemlich gultige Entschuldigungen zur Sprache.

"Wenn Sie wussten," sagte er, "wie roh selbst gebildete Menschen sich gegen die schatzbarsten Kunstwerke verhalten, Sie wurden mir verzeihen, wenn ich die meinigen nicht unter die Menge bringen mag. Niemand weiss eine Medaille am Rand anzufassen; sie betasten das schonste Geprage, den reinsten Grund, lassen die kostlichsten Stucke zwischen dem Daumen und Zeigefinger hin und her gehen, als wenn man Kunstformen auf diese Weise prufte. Ohne daran zu denken, dass man ein grosses Blatt mit zwei Handen anfassen musse, greifen sie mit einer Hand nach einem unschatzbaren Kupferstich, einer unersetzlichen Zeichnung, wie ein anmasslicher Politiker eine Zeitung fasst und durch das Zerknittern des Papiers schon im voraus sein Urteil uber die Weltbegebenheiten zu erkennen gibt. Niemand denkt daran, dass, wenn nur zwanzig Menschen mit einem Kunstwerke hintereinander ebenso verfuhren, der einundzwanzigste nicht mehr viel daran zu sehen hatte."

"Habe ich Sie nicht auch manchmal", fragte Ottilie, "in solche Verlegenheit gesetzt? Habe ich nicht etwan Ihre Schatze, ohne es zu ahnen, gelegentlich einmal beschadigt?"

"Niemals," versetzte der Architekt, "niemals! Ihnen ware es unmoglich; das Schickliche ist mit Ihnen geboren."

"Auf alle Falle", versetzte Ottilie, "ware es nicht ubel, wenn man kunftig in das Buchlein von guten Sitten nach den Kapiteln, wie man sich in Gesellschaft beim Essen und Trinken benehmen soll, ein recht umstandliches einschobe, wie man sich in Kunstsammlungen und Museen zu betragen habe."

"Gewiss", versetzte der Architekt, "wurden alsdann Kustoden und Liebhaber ihre Seltenheiten frohlicher mitteilen."

Ottilie hatte ihm schon lange verziehen; als er sich aber den Vorwurf sehr zu Herzen zu nehmen schien und immer aufs neue beteuerte, dass er gewiss gerne mitteile, gern fur Freunde tatig sei, so empfand sie, dass sie sein zartes Gemut verletzt habe, und fuhlte sich als seine Schuldnerin. Nicht wohl konnte sie ihm daher eine Bitte rund abschlagen, die er in Gefolg dieses Gesprachs an sie tat, ob sie gleich, indem sie schnell ihr Gefuhl zu Rate zog, nicht einsah, wie sie ihm seine Wunsche gewahren konne.

Die Sache verhielt sich also. Dass Ottilie durch Lucianens Eifersucht von den Gemaldedarstellungen ausgeschlossen worden, war ihm hochst empfindlich gewesen; dass Charlotte diesem glanzenden Teil der geselligen Unterhaltung nur unterbrochen beiwohnen konnen, weil sie sich nicht wohl befand, hatte er gleichfalls mit Bedauern bemerkt. Nun wollte er sich nicht entfernen, ohne seine Dankbarkeit auch dadurch zu beweisen, dass er zur Ehre der einen und zur Unterhaltung der andern eine weit schonere Darstellung veranstaltete, als die bisherigen gewesen waren. Vielleicht kam hierzu, ihm selbst unbewusst, ein andrer geheimer Antrieb: es ward ihm so schwer, dieses Haus, diese Familie zu verlassen, ja es schien ihm unmoglich, von Ottiliens Augen zu scheiden, von deren ruhig freundlich gewogenen Blicken er die letzte Zeit fast ganz allein gelebt hatte.

Die Weihnachtsfeiertage nahten sich, und es wurde ihm auf einmal klar, dass eigentlich jene Gemaldedarstellungen durch runde Figuren von dem sogenannten Prasepe ausgegangen, von der frommen Vorstellung, die man in dieser heiligen Zeit der gottlichen Mutter und dem Kinde widmete, wie sie in ihrer scheinbaren Niedrigkeit erst von Hirten, bald darauf von Konigen verehrt werden.

Er hatte sich die Moglichkeit eines solchen Bildes vollkommen vergegenwartigt. Ein schoner, frischer Knabe war gefunden; an Hirten und Hirtinnen konnte es auch nicht fehlen; aber ohne Ottilien war die Sache nicht auszufuhren. Der junge Mann hatte sie in seinem Sinne zur Mutter Gottes erhoben, und wenn sie es abschlug, so war bei ihm keine Frage, dass das Unternehmen fallen musse. Ottilie, halb verlegen uber seinen Antrag, wies ihn mit seiner Bitte an Charlotten. Diese erteilte ihm gern die Erlaubnis, und auch durch sie ward die Scheu Ottiliens, sich jener heiligen Gestalt anzumassen, auf eine freundliche Weise uberwunden. Der Architekt arbeitete Tag und Nacht, damit am Weihnachtsabend nichts fehlen moge.

Und zwar Tag und Nacht im eigentlichen Sinne. Er hatte ohnehin wenig Bedurfnisse, und Ottiliens Gegenwart schien ihm statt alles Labsals zu sein; indem er um ihretwillen arbeitete, war es, als wenn er keines Schlafs, indem er sich um sie beschaftigte, keiner Speise bedurfte. Zur feierlichen Abendstunde war deshalb alles fertig und bereit. Es war ihm moglich gewesen, wohltonende Blasinstrumente zu versammeln, welche die Einleitung machten und die gewunschte Stimmung hervorzubringen wussten. Als der Vorhang sich hob, war Charlotte wirklich uberrascht. Das Bild, das sich ihr vorstellte, war so oft in der Welt wiederholt, dass man kaum einen neuen Eindruck davon erwarten sollte. Aber hier hatte die Wirklichkeit als Bild ihre besonderen Vorzuge. Der ganze Raum war eher nachtlich als dammernd und doch nichts undeutlich im Einzelnen der Umgebung. Den unubertrefflichen Gedanken, dass alles Licht vom Kinde ausgeht, hatte der Kunstler durch einen klugen Mechanismus der Beleuchtung auszufuhren gewusst, der durch die beschatteten, nur von Streiflichtern erleuchteten Figuren im Vordergrunde zugedeckt wurde. Frohe Madchen und Knaben standen umher, die frischen Gesichter scharf von unten beleuchtet. Auch an Engeln fehlte es nicht, deren eigener Schein von dem gottlichen verdunkelt, deren atherischer Leib vor dem gottlich menschlichen verdichtet und lichtsbedurftig schien.

Glucklicherweise war das Kind in der anmutigsten Stellung eingeschlafen, so dass nichts die Betrachtung storte, wenn der Blick auf der scheinbaren Mutter verweilte, die mit unendlicher Anmut einen Schleier aufgehoben hatte, um den verborgenen Schatz zu offenbaren. In diesem Augenblick schien das Bild festgehalten und erstarrt zu sein. Physisch geblendet, geistig uberrascht, schien das umgebende Volk sich eben bewegt zu haben, um die getroffnen Augen wegzuwenden, neugierig erfreut wieder hinzublinzen und mehr Verwunderung und Lust als Bewunderung und Verehrung anzuzeigen, obgleich diese auch nicht vergessen und einigen altern Figuren der Ausdruck derselben ubertragen war.

Ottiliens Gestalt, Gebarde, Miene, Blick ubertraf aber alles, was je ein Maler dargestellt hat. Der gefuhlvolle Kenner, der diese Erscheinung gesehen hatte, ware in Furcht geraten, es moge sich nur irgend etwas bewegen; er ware in Sorge gestanden, ob ihm jemals etwas wieder so gefallen konne. Unglucklicherweise war niemand da, der diese ganze Wirkung aufzufassen vermocht hatte. Der Architekt allein, der als langer, schlanker Hirt von der Seite uber die Knieenden hereinsah, hatte, obgleich nicht in dem genauesten Standpunkt, noch den grossten Genuss. Und wer beschreibt auch die Miene der neugeschaffenen Himmelskonigin? Die reinste Demut, das liebenswurdigste Gefuhl von Bescheidenheit bei einer grossen, unverdient erhaltenen Ehre, einem unbegreiflich unermesslichen Gluck bildete sich in ihren Zugen, sowohl indem sich ihre eigene Empfindung, als indem sich die Vorstellung ausdruckte, die sie sich von dem machen konnte, was sie spielte.

Charlotten erfreute das schone Gebilde, doch wirkte hauptsachlich das Kind auf sie. Ihre Augen stromten von Tranen, und sie stellte sich auf das lebhafteste vor, dass sie ein ahnliches liebes Geschopf bald auf ihrem Schosse zu hoffen habe.

Man hatte den Vorhang niedergelassen, teils um den Vorstellenden einige Erleichterung zu geben, teils eine Veranderung in dem Dargestellten anzubringen. Der Kunstler hatte sich vorgenommen, das erste Nacht- und Niedrigkeitsbild in ein Tag- und Glorienbild zu verwandeln, und deswegen von allen Seiten eine unmassige Erleuchtung vorbereitet, die in der Zwischenzeit angezundet wurde.

Ottilien war in ihrer halb theatralischen Lage bisher die grosste Beruhigung gewesen, dass ausser Charlotten und wenigen Hausgenossen niemand dieser frommen Kunstmummerei zugesehen. Sie wurde daher einigermassen betroffen, als sie in der Zwischenzeit vernahm, es sei ein Fremder angekommen, im Saale von Charlotten freundlich begrusst. Wer es war, konnte man ihr nicht sagen. Sie ergab sich darein, um keine Storung zu verursachen. Lichter und Lampen brannten, und eine ganz unendliche Hellung umgab sie. Der Vorhang ging auf, fur die Zuschauenden ein uberraschender Anblick: das ganze Bild war alles Licht, und statt des vollig aufgehobenen Schattens blieben nur die Farben ubrig, die bei der klugen Auswahl eine liebliche Massigung hervorbrachten. Unter ihren langen Augenwimpern hervorblickend, bemerkte Ottilie eine Mannsperson neben Charlotten sitzend. Sie erkannte ihn nicht, aber sie glaubte die Stimme des Gehulfen aus der Pension zu horen. Eine wunderbare Empfindung ergriff sie. Wie vieles war begegnet, seitdem sie die Stimme dieses treuen Lehrers nicht vernommen! Wie im zackigen Blitz fuhr die Reihe ihrer Freuden und Leiden schnell vor ihrer Seele vorbei und regte die Frage auf: 'Darfst du ihm alles bekennen und gestehen? Und wie wenig wert bist du, unter dieser heiligen Gestalt vor ihm zu erscheinen, und wie seltsam muss es ihm vorkommen, dich, die er nur naturlich gesehen, als Maske zu erblicken?' Mit einer Schnelligkeit, die keinesgleichen hat, wirkten Gefuhl und Betrachtung in ihr gegeneinander. Ihr Herz war befangen, ihre Augen fullten sich mit Tranen, indem sie sich zwang, immerfort als ein starres Bild zu erscheinen; und wie froh war sie, als der Knabe sich zu regen anfing und der Kunstler sich genotiget sah, das Zeichen zu geben, dass der Vorhang wieder fallen sollte!

Hatte das peinliche Gefuhl, einem werten Freunde nicht entgegeneilen zu konnen, sich schon die letzten Augenblicke zu den ubrigen Empfindungen Ottiliens gesellt, so war sie jetzt in noch grosserer Verlegenheit. Sollte sie in diesem fremden Anzug und Schmuck ihm entgegengehn? Sollte sie sich umkleiden? Sie wahlte nicht, sie tat das letzte und suchte sich in der Zwischenzeit zusammenzunehmen, sich zu beruhigen, und war nur erst wieder mit sich selbst in Einstimmung, als sie endlich im gewohnten Kleide den Angekommenen begrusste.

Siebentes Kapitel

Insofern der Architekt seinen Gonnerinnen das Beste wunschte, war es ihm angenehm, da er doch endlich scheiden musste, sie in der guten Gesellschaft des schatzbaren Gehulfen zu wissen; indem er jedoch ihre Gunst auf sich selbst bezog, empfand er es einigermassen schmerzhaft, sich so bald und, wie es seiner Bescheidenheit dunken mochte, so gut, ja vollkommen ersetzt zu sehen. Er hatte noch immer gezaudert, nun aber drangte es ihn hinweg; denn was er sich nach seiner Entfernung musste gefallen lassen, das wollte er wenigstens gegenwartig nicht erleben.

Zu grosser Erheiterung dieser halb traurigen Gefuhle machten ihm die Damen beim Abschiede noch ein Geschenk mit einer Weste, an der er sie beide lange Zeit hatte stricken sehen, mit einem stillen Neid uber den unbekannten Glucklichen, dem sie dereinst werden konnte. Eine solche Gabe ist die angenehmste, die ein liebender, verehrender Mann erhalten mag; denn wenn er dabei des unermudeten Spiels der schonen Finger gedenkt, so kann er nicht umhin, sich zu schmeicheln, das Herz werde bei einer so anhaltenden Arbeit doch auch nicht ganz ohne Teilnahme geblieben sein.

Die Frauen hatten nun einen neuen Mann zu bewirten, dem sie wohlwollten und dem es bei ihnen wohl werden sollte. Das weibliche Geschlecht hegt ein eignes, inneres, unwandelbares Interesse, von dem sie nichts in der Welt abtrunnig macht; im aussern, geselligen Verhaltnis hingegen lassen sie sich gern und leicht durch den Mann bestimmen, der sie eben beschaftigt; und so durch Abweisen wie durch Empfanglichkeit, durch Beharren und Nachgiebigkeit fuhren sie eigentlich das Regiment, dem sich in der gesitteten Welt kein Mann zu entziehen wagt.

Hatte der Architekt, gleichsam nach eigener Lust und Belieben, seine Talente vor den Freundinnen zum Vergnugen und zu den Zwecken derselben geubt und bewiesen, war Beschaftigung und Unterhaltung in diesem Sinne und nach solchen Absichten eingerichtet, so machte sich in kurzer Zeit durch die Gegenwart des Gehulfen eine andere Lebensweise. Seine grosse Gabe war, gut zu sprechen und menschliche Verhaltnisse, besonders in bezug auf Bildung der Jugend, in der Unterredung zu behandeln. Und so entstand gegen die bisherige Art zu leben ein ziemlich fuhlbarer Gegensatz, um so mehr, als der Gehulfe nicht ganz dasjenige billigte, womit man sich die Zeit uber ausschliesslich beschaftigt hatte.

Von dem lebendigen Gemalde, das ihn bei seiner Ankunft empfing, sprach er gar nicht. Als man ihm hingegen Kirche, Kapelle und was sich darauf bezog, mit Zufriedenheit sehen liess, konnte er seine Meinung, seine Gesinnungen daruber nicht zuruckhalten. "Was mich betrifft," sagte er, "so will mir diese Annaherung, diese Vermischung des Heiligen zu und mit dem Sinnlichen keineswegs gefallen, nicht gefallen, dass man sich gewisse besondere Raume widmet, weihet und aufschmuckt, um erst dabei ein Gefuhl der Frommigkeit zu hegen und zu unterhalten. Keine Umgebung, selbst die gemeinste nicht, soll in uns das Gefuhl des Gottlichen storen, das uns uberallhin begleiten und jede Statte zu einem Tempel einweihen kann. Ich mag gern einen Hausgottesdienst in dem Saale gehalten sehen, wo man zu speisen, sich gesellig zu versammeln, mit Spiel und Tanz zu ergotzen pflegt. Das Hochste, das Vorzuglichste am Menschen ist gestaltlos, und man soll sich huten, es anders als in edler Tat zu gestalten."

Charlotte, die seine Gesinnungen schon im ganzen kannte und sie noch mehr in kurzer Zeit erforschte, brachte ihn gleich in seinem Fache zur Tatigkeit, indem sie ihre Gartenknaben, welche der Architekt vor seiner Abreise eben gemustert hatte, in dem grossen Saal aufmarschieren liess, da sie sich denn in ihren heitern, reinlichen Uniformen, mit gesetzlichen Bewegungen und einem naturlichen, lebhaften Wesen sehr gut ausnahmen. Der Gehulfe prufte sie nach seiner Weise und hatte durch mancherlei Fragen und Wendungen gar bald die Gemutsarten und Fahigkeiten der Kinder zutage gebracht und, ohne dass es so schien, in Zeit von weniger als einer Stunde sie wirklich bedeutend unterrichtet und gefordert.

"Wie machen Sie das nur?" sagte Charlotte, indem die Knaben wegzogen. "Ich habe sehr aufmerksam zugehort; es sind nichts als ganz bekannte Dinge vorgekommen, und doch wusste ich nicht, wie ich es anfangen sollte, sie in so kurzer Zeit, bei so vielem Hinund Widerreden, in solcher Folge zur Sprache zu bringen."

"Vielleicht sollte man", versetzte der Gehulfe, "aus den Vorteilen seines Handwerks ein Geheimnis machen. Doch kann ich Ihnen die ganz einfache Maxime nicht verbergen, nach der man dieses und noch viel mehr zu leisten vermag. Fassen Sie einen Gegenstand, eine Materie, einen Begriff, wie man es nennen will; halten Sie ihn recht fest; machen Sie sich ihn in allen seinen Teilen recht deutlich, und dann wird es Ihnen leicht sein, gesprachsweise an einer Masse Kinder zu erfahren, was sich davon schon in ihnen entwickelt hat, was noch anzuregen, zu uberliefern ist. Die Antworten auf Ihre Fragen mogen noch so ungehorig sein, mogen noch so sehr ins Weite gehen, wenn nur sodann Ihre Gegenfrage Geist und Sinn wieder hereinwarts zieht, wenn Sie sich nicht von Ihrem Standpunkte verrucken lassen, so mussen die Kinder zuletzt denken, begreifen, sich uberzeugen, nur von dem, was und wie es der Lehrende will. Sein grosster Fehler ist der, wenn er sich von den Lernenden mit in die Weite reissen lasst, wenn er sie nicht auf dem Punkte festzuhalten weiss, den er eben jetzt behandelt. Machen Sie nachstens einen Versuch, und es wird zu Ihrer grossen Unterhaltung dienen."

"Das ist artig," sagte Charlotte; "die gute Padagogik ist also gerade das Umgekehrte von der guten Lebensart. In der Gesellschaft soll man auf nichts verweilen, und bei dem Unterricht ware das hochste Gebot, gegen alle Zerstreuung zu arbeiten."

"Abwechselung ohne Zerstreuung ware fur Lehre und Leben der schonste Wahlspruch, wenn dieses lobliche Gleichgewicht nur so leicht zu erhalten ware!" sagte der Gehulfe und wollte weiter fortfahren, als ihn Charlotte aufrief, die Knaben nochmals zu betrachten, deren munterer Zug sich soeben uber den Hof bewegte. Er bezeigte seine Zufriedenheit, dass man die Kinder in Uniform zu gehen anhalte. "Manner", so sagte er, "sollten von Jugend auf Uniform tragen, weil sie sich gewohnen mussen, zusammen zu handeln, sich unter ihresgleichen zu verlieren, in Masse zu gehorchen und ins Ganze zu arbeiten. Auch befordert jede Art von Uniform einen militarischen Sinn sowie ein knapperes, strackeres Betragen, und alle Knaben sind ja ohnehin geborne Soldaten; man sehe nur ihre Kampf- und Streitspiele, ihr Ersturmen und Erklettern."

"So werden Sie mich dagegen nicht tadeln," versetzte Ottilie, "dass ich meine Madchen nicht uberein kleide. Wenn ich sie Ihnen vorfuhre, hoffe ich Sie durch ein buntes Gemisch zu ergotzen."

"Ich billige das sehr," versetzte jener. "Frauen sollten durchaus mannigfaltig gekleidet gehen, jede nach eigner Art und Weise, damit eine jede fuhlen lernte, was ihr eigentlich gut stehe und wohl zieme. Eine wichtigere Ursache ist noch die, weil sie bestimmt sind, ihr ganzes Leben allein zu stehen und allein zu handeln."

"Das scheint mir sehr paradox," versetzte Charlotte; "sind wir doch fast niemals fur uns."

"O ja!" versetzte der Gehulfe, "in Absicht auf andere Frauen ganz gewiss. Man betrachte ein Frauenzimmer als Liebende, als Braut, als Frau, Hausfrau und Mutter, immer steht sie isoliert, immer ist sie allein und will allein sein. Ja die Eitle selbst ist in dem Falle. Jede Frau schliesst die andre aus, ihrer Natur nach; denn von jeder wird alles gefordert, was dem ganzen Geschlechte zu leisten obliegt. Nicht so verhalt es sich mit den Mannern. Der Mann verlangt den Mann; er wurde sich einen zweiten erschaffen, wenn es keinen gabe; eine Frau konnte eine Ewigkeit leben, ohne daran zu denken, sich ihresgleichen hervorzubringen."

"Man darf", sagte Charlotte, "das Wahre nur wunderlich sagen, so scheint zuletzt das Wunderliche auch wahr. Wir wollen uns aus ihren Bemerkungen das Beste herausnehmen und doch als Frauen mit Frauen zusammenhalten und auch gemeinsam wirken, um den Mannern nicht allzu grosse Vorzuge uber uns einzuraumen. Ja, Sie werden uns eine kleine Schadenfreude nicht ubelnehmen, die wir kunftig um desto lebhafter empfinden mussen, wenn sich die Herren untereinander auch nicht sonderlich vertragen."

Mit vieler Sorgfalt untersuchte der verstandige Mann nunmehr die Art, wie Ottilie ihre kleinen Zoglinge behandelte, und bezeigte daruber seinen entschiedenen Beifall. "Sehr richtig heben Sie", sagte er, "Ihre Untergebenen nur zur nachsten Brauchbarkeit heran. Reinlichkeit veranlasst die Kinder, mit Freuden etwas auf sich selbst zu halten, und alles ist gewonnen, wenn sie das, was sie tun, mit Munterkeit und Selbstgefuhl zu leisten angeregt sind."

Ubrigens fand er zu seiner grossen Befriedigung nichts auf den Schein und nach aussen getan, sondern alles nach innen und fur die unerlasslichen Bedurfnisse. "Mit wie wenig Worten", rief er aus, "liesse sich das ganze Erziehungsgeschaft aussprechen, wenn jemand Ohren hatte zu horen!"

"Mogen Sie es nicht mit mir versuchen?" sagte freundlich Ottilie.

"Recht gern," versetzte jener; "nur mussen Sie mich nicht verraten. Man erziehe die Knaben zu Dienern und die Madchen zu Muttern, so wird es uberall wohlstehn."

"Zu Muttern," versetzte Ottilie, "das konnten die Frauen noch hingehen lassen, da sie sich, ohne Mutter zu sein, doch immer einrichten mussen, Warterinnen zu werden; aber freilich zu Dienern wurden sich unsre jungen Manner viel zu gut halten, da man jedem leicht ansehen kann, dass er sich zum Gebieten fahiger dunkt."

"Deswegen wollen wir es ihnen verschweigen," sagte der Gehulfe. "Man schmeichelt sich ins Leben hinein, aber das Leben schmeichelt uns nicht. Wieviel Menschen mogen denn das freiwillig zugestehen, was sie am Ende doch mussen? Lassen wir aber diese Betrachtungen, die uns hier nicht beruhren!

Ich preise Sie glucklich, dass Sie bei Ihren Zoglingen ein richtiges Verfahren anwenden konnen. Wenn Ihre kleinsten Madchen sich mit Puppen herumtragen und einige Lappchen fur sie zusammenflicken, wenn altere Geschwister alsdann fur die jungern sorgen und das Haus sich in sich selbst bedient und aufhilft, dann ist der weitere Schritt ins Leben nicht gross, und ein solches Madchen findet bei ihrem Gatten, was sie bei ihren Eltern verliess.

Aber in den gebildeten Standen ist die Aufgabe sehr verwickelt. Wir haben auf hohere, zartere, feinere, besonders auf gesellschaftliche Verhaltnisse Rucksicht zu nehmen. Wir andern sollen daher unsre Zoglinge nach aussen bilden; es ist notwendig, es ist unerlasslich und mochte recht gut sein, wenn man dabei nicht das Mass uberschritte; denn indem man die Kinder fur einen weiteren Kreis zu bilden gedenkt, treibt man sie leicht ins Grenzenlose, ohne im Auge zu behalten, was denn eigentlich die innere Natur fordert. Hier liegt die Aufgabe, welche mehr oder weniger von den Erziehern gelost oder verfehlt wird.

Bei manchem, womit wir unsere Schulerinnen in der Pension ausstatten, wird mir bange, weil die Erfahrung mir sagt, von wie geringem Gebrauch es kunftig sein werde. Was wird nicht gleich abgestreift, was nicht gleich der Vergessenheit uberantwortet, sobald ein Frauenzimmer sich im Stande der Hausfrau, der Mutter befindet!

Indessen kann ich mir den frommen Wunsch nicht versagen, da ich mich einmal diesem Geschaft gewidmet habe, dass es mir dereinst in Gesellschaft einer treuen Gehulfin gelingen moge, an meinen Zoglingen dasjenige rein auszubilden, was sie bedurfen, wenn sie in das Feld eigener Tatigkeit und Selbstandigkeit hinuberschreiten; dass ich mir sagen konnte: in diesem Sinne ist an ihnen die Erziehung vollendet. Freilich schliesst sich eine andere immer wieder an, die beinahe mit jedem Jahre unsers Lebens, wo nicht von uns selbst, doch von den Umstanden veranlasst wird."

Wie wahr fand Ottilie diese Bemerkung! Was hatte nicht eine ungeahnte Leidenschaft im vergangenen Jahr an ihr erzogen! Was sah sie nicht alles fur Prufungen vor sich schweben, wenn sie nur aufs Nachste, aufs Nachstkunftige hinblickte!

Der junge Mann hatte nicht ohne Vorbedacht einer Gehulfin, einer Gattin erwahnt; denn bei aller seiner Bescheidenheit konnte er nicht unterlassen, seine Absichten auf eine entfernte Weise anzudeuten; ja er war durch mancherlei Umstande und Vorfalle aufgeregt worden, bei diesem Besuch einige Schritte seinem Ziele naher zu tun.

Die Vorsteherin der Pension war bereits in Jahren; sie hatte sich unter ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen schon lange nach einer Person umgesehen, die eigentlich mit ihr in Gesellschaft trate, und zuletzt dem Gehulfen, dem sie zu vertrauen hochlich Ursache hatte, den Antrag getan, er solle mit ihr die Lehranstalt fortfuhren, darin als in dem Seinigen mitwirken und nach ihrem Tode als Erbe und einziger Besitzer eintreten. Die Hauptsache schien hiebei, dass er eine einstimmende Gattin finden musse. Er hatte im stillen Ottilien vor Augen und im Herzen; allein es regten sich mancherlei Zweifel, die wieder durch gunstige Ereignisse einiges Gegengewicht erhielten. Luciane hatte die Pension verlassen, Ottilie konnte freier zuruckkehren; von dem Verhaltnisse zu Eduard hatte zwar etwas verlautet, allein man nahm die Sache, wie ahnliche Vorfalle mehr, gleichgultig auf, und selbst dieses Ereignis konnte zu Ottiliens Ruckkehr beitragen. Doch ware man zu keinem Entschluss gekommen, kein Schritt ware geschehen, hatte nicht ein unvermuteter Besuch auch hier eine besondere Anregung gegeben, wie denn die Erscheinung von bedeutenden Menschen in irgendeinem Kreise niemals ohne Folge bleiben kann.

Der Graf und die Baronesse, welche so oft in den Fall kamen, uber den Wert verschiedener Pensionen befragt zu werden, weil fast jedermann um die Erziehung seiner Kinder verlegen ist, hatten sich vorgenommen, diese besonders kennenzulernen, von der soviel Gutes gesagt wurde, und konnten nunmehr in ihren neuen Verhaltnissen zusammen eine solche Untersuchung anstellen. Allein die Baronesse beabsichtigte noch etwas anderes. Wahrend ihres letzten Aufenthalts bei Charlotten hatte sie mit dieser alles umstandlich durchgesprochen, was sich auf Eduarden und Ottilien bezog. Sie bestand aber- und abermals darauf: Ottilie musse entfernt werden. Sie suchte Charlotten hiezu Mut einzusprechen, welche sich vor Eduards Drohungen noch immer furchtete. Man sprach uber die verschiedenen Auswege, und bei Gelegenheit der Pension war auch von der Neigung des Gehulfen die Rede, und die Baronesse entschloss sich um so mehr zu dem gedachten Besuch.

Sie kommt an, lernt den Gehulfen kennen, man beobachtet die Anstalt und spricht von Ottilien. Der Graf selbst unterhalt sich gern uber sie, indem er sie bei dem neulichen Besuch genauer kennengelernt. Sie hatte sich ihm genahert, ja sie ward von ihm angezogen, weil sie durch sein gehaltvolles Gesprach dasjenige zu sehen und zu kennen glaubte, was ihr bisher ganz unbekannt geblieben war. Und wie sie in dem Umgange mit Eduard die Welt vergass, so schien ihr in der Gegenwart des Grafen die Welt erst recht wunschenswert zu sein. Jede Anziehung ist wechselseitig. Der Graf empfand eine Neigung fur Ottilien, dass er sie gern als seine Tochter betrachtete. Auch hier war sie der Baronesse zum zweitenmal und mehr als das erstemal im Wege. Wer weiss, was diese in Zeiten lebhafterer Leidenschaft gegen sie angestiftet hatte! Jetzt war es ihr genug, sie durch eine Verheiratung den Ehefrauen unschadlicher zu machen.

Sie regte daher den Gehulfen auf eine leise, doch wirksame Art kluglich an, dass er sich zu einer kleinen Exkursion auf das Schloss einrichten und seinen Planen und Wunschen, von denen er der Dame kein Geheimnis gemacht, sich ungesaumt nahern solle.

Mit vollkommener Beistimmung der Vorsteherin trat er daher seine Reise an und hegte in seinem Gemute die besten Hoffnungen. Er weiss, Ottilie ist ihm nicht ungunstig; und wenn zwischen ihnen einiges Missverhaltnis des Standes war, so glich sich dieses gar leicht durch die Denkart der Zeit aus. Auch hatte die Baronesse ihn wohl fuhlen lassen, dass Ottilie immer ein armes Madchen bleibe. Mit einem reichen Hause verwandt zu sein, hiess es, kann niemanden helfen; denn man wurde sich selbst bei dem grossten Vermogen ein Gewissen daraus machen, denjenigen eine ansehnliche Summe zu entziehen, die dem naheren Grade nach ein vollkommeneres Recht auf ein Besitztum zu haben scheinen. Und gewiss bleibt es wunderbar, dass der Mensch das grosse Vorrecht, nach seinem Tode noch uber seine Habe zu disponieren, sehr selten zugunsten seiner Lieblinge gebraucht und, wie es scheint, aus Achtung fur das Herkommen nur diejenigen begunstigt, die nach ihm sein Vermogen besitzen wurden, wenn er auch selbst keinen Willen hatte.

Sein Gefuhl setzte ihn auf der Reise Ottilien vollig gleich. Eine gute Aufnahme erhohte seine Hoffnungen. Zwar fand er gegen sich Ottilien nicht ganz so offen wie sonst; aber sie war auch erwachsener, gebildeter und, wenn man will, im allgemeinen mitteilender, als er sie gekannt hatte. Vertraulich liess man ihn in manches Einsicht nehmen, was sich besonders auf sein Fach bezog. Doch wenn er seinem Zwecke sich nahern wollte, so hielt ihn immer eine gewisse innere Scheu zuruck.

Einst gab ihm jedoch Charlotte hierzu Gelegenheit, indem sie in Beisein Ottiliens zu ihm sagte: "Nun, Sie haben alles, was in meinem Kreise heranwachst, so ziemlich gepruft; wie finden Sie denn Ottilien? Sie durfen es wohl in ihrer Gegenwart aussprechen."

Der Gehulfe bezeichnete hierauf mit sehr viel Einsicht und ruhigem Ausdruck, wie er Ottilien in Absicht eines freieren Betragens, einer bequemeren Mitteilung, eines hoheren Blicks in die weltlichen Dinge, der sich mehr in ihren Handlungen als in ihren Worten betatige, sehr zu ihrem Vorteil verandert finde, dass er aber doch glaube, es konne ihr sehr zum Nutzen gereichen, wenn sie auf einige Zeit in die Pension zuruckkehre, um das in einer gewissen Folge grundlich und fur immer sich zuzueignen, was die Welt nur stuckweise und eher zur Verwirrung als zur Befriedigung, ja manchmal nur allzuspat uberliefere. Er wolle daruber nicht weitlaufig sein; Ottilie wisse selbst am besten, aus was fur zusammenhangenden Lehrvortragen sie damals herausgerissen worden.

Ottilie konnte das nicht leugnen; aber sie konnte nicht gestehen, was sie bei diesen Worten empfand, weil sie sich es kaum selbst auszulegen wusste. Es schien ihr in der Welt nichts mehr unzusammenhangend, wenn sie an den geliebten Mann dachte, und sie begriff nicht, wie ohne ihn noch irgend etwas zusammenhangen konne.

Charlotte beantwortete den Antrag mit kluger Freundlichkeit. Sie sagte, dass sowohl sie als Ottilie eine Ruckkehr nach der Pension langst gewunscht hatten. In dieser Zeit nur sei ihr die Gegenwart einer so lieben Freundin und Helferin unentbehrlich gewesen; doch wolle sie in der Folge nicht hinderlich sein, wenn es Ottiliens Wunsch bliebe, wieder auf so lange dorthin zuruckzukehren, bis sie das Angefangene geendet und das Unterbrochene sich vollstandig zugeeignet.

Der Gehulfe nahm diese Anerbietung freudig auf; Ottilie durfte nichts dagegen sagen, ob es ihr gleich vor dem Gedanken schauderte. Charlotte hingegen dachte Zeit zu gewinnen; sie hoffte, Eduard sollte sich erst als glucklicher Vater wiederfinden und einfinden, dann, war sie uberzeugt, wurde sich alles geben und auch fur Ottilien auf eine oder die andere Weise gesorgt werden.

Nach einem bedeutenden Gesprach, uber welches alle Teilnehmenden nachzudenken haben, pflegt ein gewisser Stillstand einzutreten, der einer allgemeinen Verlegenheit ahnlich sieht. Man ging im Saale auf und ab, der Gehulfe blatterte in einigen Buchern und kam endlich an den Folioband, der noch von Lucianens Zeiten her liegengeblieben war. Als er sah, dass darin nur Affen enthalten waren, schlug er ihn gleich wieder zu. Dieser Vorfall mag jedoch zu einem Gesprach Anlass gegeben haben, wovon wir die Spuren in Ottiliens Tagebuch finden.

Aus Ottiliens Tagebuche

Wie man es nur uber das Herz bringen kann, die garstigen Affen so sorgfaltig abzubilden! Man erniedrigt sich schon, wenn man sie nur als Tiere betrachtet; man wird aber wirklich bosartiger, wenn man dem Reize folgt, bekannte Menschen unter dieser Maske aufzusuchen.

Es gehort durchaus eine gewisse Verschrobenheit dazu, um sich gern mit Karikaturen und Zerrbildern abzugeben. Unserm guten Gehulfen danke ichs, dass ich nicht mit der Naturgeschichte gequalt worden bin; ich konnte mich mit den Wurmern und Kafern niemals befreunden.

Diesmal gestand er mir, dass es ihm ebenso gehe. "Von der Natur", sagte er, "sollten wir nichts kennen, als was uns unmittelbar lebendig umgibt. Mit den Baumen, die um uns bluhen, grunen, Frucht tragen, mit jeder Staude, an der wir vorbeigehen, mit jedem Grashalm, uber den wir hinwandeln, haben wir ein wahres Verhaltnis; sie sind unsre echten Kompatrioten. Die Vogel, die auf unsern Zweigen hin und wider hupfen, die in unserm Laube singen, gehoren uns an, sie sprechen zu uns von Jugend auf, und wir lernen ihre Sprache verstehen. Man frage sich, ob nicht ein jedes fremde, aus seiner Umgebung gerissene Geschopf einen gewissen angstlichen Eindruck auf uns macht, der nur durch Gewohnheit abgestumpft wird. Es gehort schon ein buntes, gerauschvolles Leben dazu, um Affen, Papageien und Mohren um sich zu ertragen."

Manchmal, wenn mich ein neugieriges Verlangen nach solchen abenteuerlichen Dingen anwandelte, habe ich den Reisenden beneidet, der solche Wunder mit andern Wundern in lebendiger, alltaglicher Verbindung sieht. Aber auch er wird ein anderer Mensch. Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen, und die Gesinnungen andern sich gewiss in einem Lande, wo Elefanten und Tiger zu Hause sind.

Nur der Naturforscher ist verehrungswert, der uns das Fremdeste, Seltsamste mit seiner Lokalitat, mit aller Nachbarschaft jedesmal in dem eigensten Elemente zu schildern und darzustellen weiss. Wie gern mochte ich nur einmal Humboldten erzahlen horen!

Ein Naturalienkabinett kann uns vorkommen wie eine agyptische Grabstatte, wo die verschiedenen Tier- und Pflanzengotzen balsamiert umherstehen. Einer Priesterkaste geziemt es wohl, sich damit in geheimnisvollem Halbdunkel abzugeben; aber in den allgemeinen Unterricht sollte dergleichen nicht einfliessen, um so weniger, als etwas Naheres und Wurdigeres sich dadurch leicht verdrangt sieht.

Ein Lehrer, der das Gefuhl an einer einzigen guten Tat, an einem einzigen guten Gedicht erwecken kann, leistet mehr als einer, der uns ganze Reihen untergeordneter Naturbildungen der Gestalt und dem Namen nach uberliefert; denn das ganze Resultat davon ist, was wir ohnedies wissen konnen, dass das Menschengebild am vorzuglichsten und einzigsten das Gleichnis der Gottheit an sich tragt.

Dem einzelnen bleibe die Freiheit, sich mit dem zu beschaftigen, was ihn anzieht, was ihm Freude macht, was ihm nutzlich deucht; aber das eigentliche Studium der Menschheit ist der Mensch.

Achtes Kapitel

Es gibt wenig Menschen, die sich mit dem Nachstvergangenen zu beschaftigen wissen. Entweder das Gegenwartige halt uns mit Gewalt an sich, oder wir verlieren uns in die Vergangenheit und suchen das vollig Verlorene, wie es nur moglich sein will, wieder hervorzurufen und herzustellen. Selbst in grossen und reichen Familien, die ihren Vorfahren vieles schuldig sind, pflegt es so zu gehen, dass man des Grossvaters mehr als des Vaters gedenkt.

Zu solchen Betrachtungen ward unser Gehulfe aufgefordert, als er an einem der schonen Tage, an welchen der scheidende Winter den Fruhling zu lugen pflegt, durch den grossen, alten Schlossgarten gegangen war und die hohen Lindenalleen, die regelmassigen Anlagen, die sich von Eduards Vater herschrieben, bewundert hatte. Sie waren vortrefflich gediehen in dem Sinne desjenigen, der sie pflanzte, und nun, da sie erst anerkannt und genossen werden sollten, sprach niemand mehr von ihnen, man besuchte sie kaum und hatte Liebhaberei und Aufwand gegen eine andere Seite hin ins Freie und Weite gerichtet.

Er machte bei seiner Ruckkehr Charlotten die Bemerkung, die sie nicht ungunstig aufnahm. "Indem uns das Leben fortzieht," versetzte sie, "glauben wir aus uns selbst zu handeln, unsre Tatigkeit, unsre Vergnugungen zu wahlen, aber freilich, wenn wir es genau ansehen, so sind es nur die Plane, die Neigungen der Zeit, die wir mit auszufuhren genotigt sind."

"Gewiss," sagte der Gehulfe; "und wer widersteht dem Strome seiner Umgebungen? Die Zeit ruckt fort und in ihr Gesinnungen, Meinungen, Vorurteile und Liebhabereien. Fallt die Jugend eines Sohnes gerade in die Zeit der Umwendung, so kann man versichert sein, dass er mit seinem Vater nichts gemein haben wird. Wenn dieser in einer Periode lebte, wo man Lust hatte, sich manches zuzueignen, dieses Eigentum zu sichern, zu beschranken, einzuengen und in der Absonderung von der Welt seinen Genuss zu befestigen, so wird jener sodann sich auszudehnen suchen, mitteilen, verbreiten und das Verschlossene eroffnen."

"Ganze Zeitraume", versetzte Charlotte, "gleichen diesem Vater und Sohn, den Sie schildern. Von jenen Zustanden, da jede kleine Stadt ihre Mauern und Graben haben musste, da man jeden Edelhof noch in einen Sumpf baute und die geringsten Schlosser nur durch eine Zugbrucke zuganglich waren, davon konnen wir uns kaum einen Begriff machen. Sogar grossere Stadte tragen jetzt ihre Walle ab, die Graben selbst furstlicher Schlosser werden ausgefullt, die Stadte bilden nur grosse Flecken, und wenn man so auf Reisen das ansieht, sollte man glauben, der allgemeine Friede sei befestigt und das goldne Zeitalter vor der Tur. Niemand glaubt sich in einem Garten behaglich, der nicht einem freien Lande ahnlich sieht; an Kunst, an Zwang soll nichts erinnern; wir wollen vollig frei und unbedingt Atem schopfen. Haben Sie wohl einen Begriff, mein Freund, dass man aus diesem in einen andern, in den vorigen Zustand zuruckkehren konne?"

"Warum nicht?" versetzte der Gehulfe; "jeder Zustand hat seine Beschwerlichkeit, der beschrankte sowohl als der losgebundene. Der letztere setzt Uberfluss voraus und fuhrt zur Verschwendung. Lassen Sie uns bei Ihrem Beispiel bleiben, das auffallend genug ist. Sobald der Mangel eintritt, sogleich ist die Selbstbeschrankung wiedergegeben. Menschen, die ihren Grund und Boden zu nutzen genotigt sind, fuhren schon wieder Mauern um ihre Garten auf, damit sie ihrer Erzeugnisse sicher seien. Daraus entsteht nach und nach eine neue Ansicht der Dinge. Das Nutzliche erhalt wieder die Oberhand, und selbst der Vielbesitzende meint zuletzt auch das alles nutzen zu mussen. Glauben Sie mir: es ist moglich, dass Ihr Sohn die samtlichen Parkanlagen vernachlassigt und sich wieder hinter die ernsten Mauern und unter die hohen Linden seines Grossvaters zuruckzieht."

Charlotte war im stillen erfreut, sich einen Sohn verkundigt zu horen, und verzieh dem Gehulfen deshalb die etwas unfreundliche Prophezeiung, wie es dereinst ihrem lieben, schonen Park ergehen konne. Sie versetzte deshalb ganz freundlich: "Wir sind beide noch nicht alt genug, um dergleichen Widerspruche mehrmals erlebt zu haben; allein wenn man sich in seine fruhe Jugend zuruckdenkt, sich erinnert, woruber man von alteren Personen klagen gehort, Lander und Stadte mit in die Betrachtung aufnimmt, so mochte wohl gegen die Bemerkung nichts einzuwenden sein. Sollte man denn aber einem solchen Naturgang nichts entgegensetzen, sollte man Vater und Sohn, Eltern und Kinder nicht in Ubereinstimmung bringen konnen? Sie haben mir freundlich einen Knaben geweissagt; musste denn der gerade mit seinem Vater im Widerspruch stehen? zerstoren, was seine Eltern erbaut haben, anstatt es zu vollenden und zu erheben, wenn er in demselben Sinne fortfahrt?"

"Dazu gibt es auch wohl ein vernunftiges Mittel," versetzte der Gehulfe, "das aber von den Menschen selten angewandt wird. Der Vater erhebe seinen Sohn zum Mitbesitzer, er lasse ihn mitbauen, -pflanzen und erlaube ihm, wie sich selbst, eine unschadliche Willkur. Eine Tatigkeit lasst sich in die andre verweben, keine an die andre anstuckeln. Ein junger Zweig verbindet sich mit einem alten Stamme gar leicht und gern, an den kein erwachsener Ast mehr anzufugen ist."

Es freute den Gehulfen, in dem Augenblick, da er Abschied zu nehmen sich genotigt sah, Charlotten zufalligerweise etwas Angenehmes gesagt und ihre Gunst aufs neue dadurch befestigt zu haben. Schon allzulange war er von Hause weg; doch konnte er zur Ruckreise sich nicht eher entschliessen als nach volliger Uberzeugung, er musse die herannahende Epoche von Charlottens Niederkunft erst vorbeigehen lassen, bevor er wegen Ottiliens irgendeine Entscheidung hoffen konne. Er fugte sich deshalb in die Umstande und kehrte mit diesen Aussichten und Hoffnungen wieder zur Vorsteherin zuruck.

Charlottens Niederkunft nahte heran. Sie hielt sich mehr in ihren Zimmern. Die Frauen, die sich um sie versammelt hatten, waren ihre geschlossenere Gesellschaft. Ottilie besorgte das Hauswesen, indem sie kaum daran denken durfte, was sie tat. Sie hatte sich zwar vollig ergeben; sie wunschte fur Charlotten, fur das Kind, fur Eduarden sich auch noch ferner auf das dienstlichste zu bemuhen; aber sie sah nicht ein, wie es moglich werden wollte. Nichts konnte sie vor volliger Verworrenheit retten, als dass sie jeden Tag ihre Pflicht tat.

Ein Sohn war glucklich zur Welt gekommen, und die Frauen versicherten samtlich, es sei der ganze leibhafte Vater. Nur Ottilie konnte es im stillen nicht finden, als sie der Wochnerin Gluck wunschte und das Kind auf das herzlichste begrusste. Schon bei den Anstalten zur Verheiratung ihrer Tochter war Charlotten die Abwesenheit ihres Gemahls hochst fuhlbar gewesen; nun sollte der Vater auch bei der Geburt des Sohnes nicht gegenwartig sein; er sollte den Namen nicht bestimmen, bei dem man ihn kunftig rufen wurde.

Der erste von allen Freunden, die sich begluckwunschend sehen liessen, war Mittler, der seine Kundschafter ausgestellt hatte, um von diesem Ereignis sogleich Nachricht zu erhalten. Er fand sich ein, und zwar sehr behaglich. Kaum dass er seinen Triumph in Gegenwart Ottiliens verbarg, so sprach er sich gegen Charlotten laut aus und war der Mann, alle Sorgen zu heben und alle augenblicklichen Hindernisse beiseitezubringen. Die Taufe sollte nicht lange aufgeschoben werden. Der alte Geistliche, mit einem Fuss schon im Grabe, sollte durch seinen Segen das Vergangene mit dem Zukunftigen zusammenknupfen; Otto sollte das Kind heissen; es konnte keinen andern Namen fuhren als den Namen des Vaters und des Freundes.

Es bedurfte der entschiedenen Zudringlichkeit dieses Mannes, um die hunderterlei Bedenklichkeiten, das Widerreden, Zaudern, Stocken, Besser oder Anderswissen, das Schwanken, Meinen, Um- und Wiedermeinen zu beseitigen, da gewohnlich bei solchen Gelegenheiten aus einer gehobenen Bedenklichkeit immer wieder neue entstehen und, indem man alle Verhaltnisse schonen will, immer der Fall eintritt, einige zu verletzen.

Alle Meldungsschreiben und Gevatterbriefe ubernahm Mittler; sie sollten gleich ausgefertigt sein, denn ihm war selbst hochlich daran gelegen, ein Gluck, das er fur die Familie so bedeutend hielt, auch der ubrigen mitunter misswollenden und missredenden Welt bekanntzumachen. Und freilich waren die bisherigen leidenschaftlichen Vorfalle dem Publikum nicht entgangen, das ohnehin in der Uberzeugung steht, alles, was geschieht, geschehe nur dazu, damit es etwas zu reden habe.

Die Feier des Taufaktes sollte wurdig, aber beschrankt und kurz sein. Man kam zusammen, Ottilie und Mittler sollten das Kind als Taufzeugen halten. Der alte Geistliche, unterstutzt vom Kirchdiener, trat mit langsamen Schritten heran. Das Gebet war verrichtet, Ottilien das Kind auf die Arme gelegt, und als sie mit Neigung auf dasselbe heruntersah, erschrak sie nicht wenig an seinen offenen Augen; denn sie glaubte in ihre eigenen zu sehen; eine solche Ubereinstimmung hatte jeden uberraschen mussen. Mittler, der zunachst das Kind empfing, stutzte gleichfalls, indem er in der Bildung desselben eine so auffallende Ahnlichkeit, und zwar mit dem Hauptmann, erblickte, dergleichen ihm sonst noch nie vorgekommen war.

Die Schwache des guten alten Geistlichen hatte ihn gehindert, die Taufhandlung mit mehrerem als der gewohnlichen Liturgie zu begleiten. Mittler indessen, voll von dem Gegenstande, gedachte seiner fruhern Amtsverrichtungen und hatte uberhaupt die Art, sich sogleich in jedem Falle zu denken, wie er nun reden, wie er sich aussern wurde. Diesmal konnte er sich um so weniger zuruckhalten, als es nur eine kleine Gesellschaft von lauter Freunden war, die ihn umgab. Er fing daher an, gegen das Ende des Akts mit Behaglichkeit sich an die Stelle des Geistlichen zu versetzen, in einer muntern Rede seine Patenpflichten und Hoffnungen zu aussern und um so mehr dabei zu verweilen, als er Charlottens Beifall in ihrer zufriedenen Miene zu erkennen glaubte.

Dass der gute alte Mann sich gern gesetzt hatte, entging dem rustigen Redner, der noch viel weniger dachte, dass er ein grosseres Ubel hervorzubringen auf dem Wege war; denn nachdem er das Verhaltnis eines jeden Anwesenden zum Kinde mit Nachdruck geschildert und Ottiliens Fassung dabei ziemlich auf die Probe gestellt hatte, so wandte er sich zuletzt gegen den Greis mit diesen Worten: "Und Sie, mein wurdiger Altvater, konnen nunmehr mit Simeon sprechen: 'Herr, lass deinen Diener in Frieden fahren; denn meine Augen haben den Heiland dieses Hauses gesehen.'"

Nun war er im Zuge, recht glanzend zu schliessen, aber er bemerkte bald, dass der Alte, dem er das Kind hinhielt, sich zwar erst gegen dasselbe zu neigen schien, nachher aber schnell zurucksank. Vom Fall kaum abgehalten, ward er in einen Sessel gebracht, und man musste ihn ungeachtet aller augenblicklichen Beihulfe fur tot ansprechen.

So unmittelbar Geburt und Tod, Sarg und Wiege nebeneinander zu sehen und zu denken, nicht bloss mit der Einbildungskraft, sondern mit den Augen diese ungeheuern Gegensatze zusammenzufassen, war fur die Umstehenden eine schwere Aufgabe, je uberraschender sie vorgelegt wurde. Ottilie allein betrachtete den Eingeschlummerten, der noch immer seine freundliche, einnehmende Miene behalten hatte, mit einer Art von Neid. Das Leben ihrer Seele war getotet; warum sollte der Korper noch erhalten werden?

Fuhrten sie auf diese Weise gar manchmal die unerfreulichen Begebenheiten des Tags auf die Betrachtung der Verganglichkeit, des Scheidens, des Verlierens, so waren ihr dagegen wundersame nachtliche Erscheinungen zum Trost gegeben, die ihr das Dasein des Geliebten versicherten und ihr eigenes befestigten und belebten. Wenn sie sich abends zur Ruhe gelegt und im sussen Gefuhl noch zwischen Schlaf und Wachen schwebte, schien es ihr, als wenn sie in einen ganz hellen, doch mild erleuchteten Raum hineinblickte. In diesem sah sie Eduarden ganz deutlich, und zwar nicht gekleidet, wie sie ihn sonst gesehen, sondern im kriegerischen Anzug, jedesmal in einer andern Stellung, die aber vollkommen naturlich war und nichts Phantastisches an sich hatte: stehend, gehend, liegend, reitend. Die Gestalt, bis aufs kleinste ausgemalt, bewegte sich willig vor ihr, ohne dass sie das mindeste dazu tat, ohne dass sie wollte oder die Einbildungskraft anstrengte. Manchmal sah sie ihn auch umgeben, besonders von etwas Beweglichem, das dunkler war als der helle Grund; aber sie unterschied kaum Schattenbilder, die ihr zuweilen als Menschen, als Pferde, als Baume und Gebirge vorkommen konnten. Gewohnlich schlief sie uber der Erscheinung ein, und wenn sie nach einer ruhigen Nacht morgens wieder erwachte, so war sie erquickt, getrostet; sie fuhlte sich uberzeugt, Eduard lebe noch, sie stehe mit ihm noch in dem innigsten Verhaltnis.

Neuntes Kapitel

Der Fruhling war gekommen, spater, aber auch rascher und freudiger als gewohnlich. Ottilie fand nun im Garten die Frucht ihres Vorsehens; alles keimte, grunte und bluhte zur rechten Zeit; manches, was hinter wohlangelegten Glashausern und Beeten vorbereitet worden, trat nun sogleich der endlich von aussen wirkenden Natur entgegen, und alles, was zu tun und zu besorgen war, blieb nicht bloss hoffnungsvolle Muhe wie bisher, sondern ward zum heitern Genusse.

An dem Gartner aber hatte sie zu trosten uber manche durch Lucianens Wildheit entstandene Lucke unter den Topfgewachsen, uber die zerstorte Symmetrie mancher Baumkrone. Sie machte ihm Mut, dass sich das alles bald wieder herstellen werde; aber er hatte zu ein tiefes Gefuhl, zu einen reinen Begriff von seinem Handwerk, als dass diese Trostgrunde viel bei ihm hatten fruchten sollen. So wenig der Gartner sich durch andere Liebhabereien und Neigungen zerstreuen darf, so wenig darf der ruhige Gang unterbrochen werden, den die Pflanze zur dauernden oder zur vorubergehenden Vollendung nimmt. Die Pflanze gleicht den eigensinnigen Menschen, von denen man alles erhalten kann, wenn man sie nach ihrer Art behandelt. Ein ruhiger Blick, eine stille Konsequenz, in jeder Jahrszeit, in jeder Stunde das ganz Gehorige zu tun, wird vielleicht von niemand mehr als vom Gartner verlangt.

Diese Eigenschaften besass der gute Mann in einem hohen Grade, deswegen auch Ottilie so gern mit ihm wirkte; aber sein eigentliches Talent konnte er schon einige Zeit nicht mehr mit Behaglichkeit ausuben. Denn ob er gleich alles, was die Baum- und Kuchengartnerei betraf, auch die Erfordernisse eines altern Ziergartens, vollkommen zu leisten verstand, wie denn uberhaupt einem vor dem andern dieses oder jenes gelingt, ob er schon in Behandlung der Orangerie der Blumenzwiebeln, der Nelken- und Aurikelnstocke die Natur selbst hatte herausfordern konnen, so waren ihm doch die neuen Zierbaume und Modeblumen einigermassen fremd geblieben, und er hatte vor dem unendlichen Felde der Botanik, das sich nach der Zeit auftat, und den darin herumsummenden fremden Namen eine Art von Scheu, die ihn verdriesslich machte. Was die Herrschaft voriges Jahr zu verschreiben angefangen, hielt er um so mehr fur unnutzen Aufwand und Verschwendung, als er gar manche kostbare Pflanze ausgehen sah und mit den Handelsgartnern, die ihn, wie er glaubte, nicht redlich genug bedienten, in keinem sonderlichen Verhaltnisse stand.

Er hatte sich daruber nach mancherlei Versuchen eine Art von Plan gemacht, in welchem ihn Ottilie um so mehr bestarkte, als er auf die Wiederkehr Eduards eigentlich gegrundet war, dessen Abwesenheit man in diesem wie in manchem andern Falle taglich nachteiliger empfinden musste.

Indem nun die Pflanzen immer mehr Wurzel schlugen und Zweige trieben, fuhlte sich auch Ottilie immer mehr an diese Raume gefesselt. Gerade vor einem Jahre trat sie als Fremdling, als ein unbedeutendes Wesen hier ein; wieviel hatte sie sich seit jener Zeit nicht erworben! aber leider wieviel hatte sie nicht auch seit jener Zeit wieder verloren! Sie war nie so reich und nie so arm gewesen. Das Gefuhl von beidem wechselte augenblicklich miteinander ab, ja durchkreuzte sich aufs innigste, so dass sie sich nicht anders zu helfen wusste, als dass sie immer wieder das Nachste mit Anteil, ja mit Leidenschaft ergriff.

Dass alles, was Eduarden besonders lieb war, auch ihre Sorgfalt am starksten an sich zog, lasst sich denken; ja warum sollte sie nicht hoffen, dass er selbst nun bald wiederkommen, dass er die fursorgliche Dienstlichkeit, die sie dem Abwesenden geleistet, dankbar gegenwartig bemerken werde?

Aber noch auf eine viel andre Weise war sie veranlasst fur ihn zu wirken. Sie hatte vorzuglich die Sorge fur das Kind ubernommen, dessen unmittelbare Pflegerin sie um so mehr werden konnte, als man es keiner Amme ubergeben, sondern mit Milch und Wasser aufzuziehen sich entschieden hatte. Es sollte in jener schonen Zeit der freien Luft geniessen; und so trug sie es am liebsten selbst heraus, trug das schlafende, unbewusste zwischen Blumen und Bluten her, die dereinst seiner Kindheit so freundlich entgegenlachen sollten, zwischen jungen Strauchen und Pflanzen, die mit ihm in die Hohe zu wachsen durch ihre Jugend bestimmt schienen. Wenn sie um sich her sah, so verbarg sie sich nicht, zu welchem grossen, reichen Zustande das Kind geboren sei; denn fast alles, wohin das Auge blickte, sollte dereinst ihm gehoren. Wie wunschenswert war es zu diesem allen, dass es vor den Augen des Vaters, der Mutter aufwuchse und eine erneute, frohe Verbindung bestatigte!

Ottilie fuhlte dies alles so rein, dass sie sichs als entschieden wirklich dachte und sich selbst dabei gar nicht empfand. Unter diesem klaren Himmel, bei diesem hellen Sonnenschein ward es ihr auf einmal klar, dass ihre Liebe, um sich zu vollenden, vollig uneigennutzig werden musse; ja in manchen Augenblicken glaubte sie diese Hohe schon erreicht zu haben. Sie wunschte nur das Wohl ihres Freundes, sie glaubte sich fahig, ihm zu entsagen, sogar ihn niemals wiederzusehen, wenn sie ihn nur glucklich wisse. Aber ganz entschieden war sie fur sich, niemals einem andern anzugehoren.

Dass der Herbst ebenso herrlich wurde wie der Fruhling, dafur war gesorgt. Alle sogenannten Sommergewachse, alles, was im Herbst mit Bluhen nicht enden kann und sich der Kalte noch keck entgegenentwickelt, Astern besonders, waren in der grossten Mannigfaltigkeit gesaet und sollten nun, uberallhinverpflanzt, einen Sternhimmel uber die Erde bilden.

Aus Ottiliens Tagebuche

Einen guten Gedanken, den wir gelesen, etwas Auffallendes, das wir gehort, tragen wir wohl in unser Tagebuch. Nahmen wir uns aber zugleich die Muhe, aus den Briefen unserer Freunde eigentumliche Bemerkungen, originelle Ansichten, fluchtige geistreiche Worte auszuzeichnen, so wurden wir sehr reich werden. Briefe hebt man auf, um sie nie wieder zu lesen; man zerstort sie zuletzt einmal aus Diskretion, und so verschwindet der schonste, unmittelbarste Lebenshauch unwiederbringlich fur uns und andre. Ich nehme mir vor, dieses Versaumnis wiedergutzumachen.

So wiederholt sich denn abermals das Jahresmarchen von vorn. Wir sind nun wieder, Gott sei Dank! an seinem artigsten Kapitel. Veilchen und Maiblumen sind wie Uberschriften oder Vignetten dazu. Es macht uns immer einen angenehmen Eindruck, wenn wir sie in dem Buche des Lebens wieder aufschlagen.

Wir schelten die Armen, besonders die Unmundigen, wenn sie sich an den Strassen herumlegen und betteln. Bemerken wir nicht, dass sie gleich tatig sind, sobald es was zu tun gibt? Kaum entfaltet die Natur ihre freundlichen Schatze, so sind die Kinder dahinterher, um ein Gewerbe zu eroffnen; keines bettelt mehr, jedes reicht dir einen Strauss; es hat ihn gepfluckt, ehe du vom Schlaf erwachtest, und das Bittende sieht dich so freundlich an wie die Gabe. Niemand sieht erbarmlich aus, der sich einiges Recht fuhlt, fordern zu durfen.

Warum nur das Jahr manchmal so kurz, manchmal so lang ist, warum es so kurz scheint und so lang in der Erinnerung! Mir ist es mit dem vergangenen so, und nirgends auffallender als im Garten, wie Vergangliches und Dauerndes ineinandergreift. Und doch ist nichts so fluchtig, das nicht eine Spur, das nicht seinesgleichen zurucklasse.

Man lasst sich den Winter auch gefallen. Man glaubt sich freier auszubreiten, wenn die Baume so geisterhaft, so durchsichtig vor uns stehen. Sie sind nichts, aber sie decken auch nichts zu. Wie aber einmal Knospen und Bluten kommen, dann wird man ungeduldig, bis das volle Laub hervortritt, bis die Landschaft sich verkorpert und der Baum sich als eine Gestalt uns entgegendrangt.

Alles Vollkommene in seiner Art muss uber seine Art hinausgehen, es muss etwas anderes, Unvergleichbares werden. In manchen Tonen ist die Nachtigall noch Vogel; dann steigt sie uber ihre Klasse hinuber und scheint jedem Gefiederten andeuten zu wollen, was eigentlich singen heisse.

Ein Leben ohne Liebe, ohne die Nahe des Geliebten ist nur eine "Comedie a tiroir", ein schlechtes Schubladenstuck. Man schiebt eine nach der andern heraus und wieder hinein und eilt zur folgenden. Alles, was auch Gutes und Bedeutendes vorkommt, hangt nur kummerlich zusammen. Man muss uberall von vorn anfangen und mochte uberall enden.

Zehntes Kapitel

Charlotte von ihrer Seite befindet sich munter und wohl. Sie freut sich an dem tuchtigen Knaben, dessen vielversprechende Gestalt ihr Auge und Gemut stundlich beschaftigt. Sie erhalt durch ihn einen neuen Bezug auf die Welt und auf den Besitz. Ihre alte Tatigkeit regt sich wieder; sie erblickt, wo sie auch hinsieht, im vergangenen Jahre vieles getan und empfindet Freude am Getanen. Von einem eigenen Gefuhl belebt, steigt sie zur Mooshutte mit Ottilien und dem Kinde; und indem sie dieses auf den kleinen Tisch als auf einen hauslichen Altar niederlegt und noch zwei Platze leer sieht, gedenkt sie der vorigen Zeiten, und eine neue Hoffnung fur sie und Ottilien dringt hervor.

Junge Frauenzimmer sehen sich bescheiden vielleicht nach diesem oder jenem Jungling um, mit stiller Prufung, ob sie ihn wohl zum Gatten wunschten; wer aber fur eine Tochter oder einen weiblichen Zogling zu sorgen hat, schaut in einem weitern Kreis umher. So ging es auch in diesem Augenblick Charlotten, der eine Verbindung des Hauptmanns mit Ottilien nicht unmoglich schien, wie sie doch auch schon ehemals in dieser Hutte nebeneinander gesessen hatten. Ihr war nicht unbekannt geblieben, dass jene Aussicht auf eine vorteilhafte Heirat wieder verschwunden sei.

Charlotte stieg weiter, und Ottilie trug das Kind. Jene uberliess sich mancherlei Betrachtungen. Auch auf dem festen Lande gibt es wohl Schiffbruch; sich davon auf das schnellste zu erholen und herzustellen, ist schon und preiswurdig. Ist doch das Leben nur auf Gewinn und Verlust berechnet! Wer macht nicht irgendeine Anlage und wird darin gestort! Wie oft schlagt man einen Weg ein und wird davon abgeleitet! Wie oft werden wir von einem scharf ins Auge gefassten Ziel abgelenkt, um ein hoheres zu erreichen!

Der Reisende bricht unterwegs zu seinem hochsten Verdruss ein Rad und gelangt durch diesen unangenehmen Zufall zu den erfreulichsten Bekanntschaften und Verbindungen, die auf sein ganzes Leben Einfluss haben. Das Schicksal gewahrt uns unsre Wunsche, aber auf seine Weise, um uns etwas uber unsere Wunsche geben zu konnen.

Diese und ahnliche Betrachtungen waren es, unter denen Charlotte zum neuen Gebaude auf der Hohe gelangte, wo sie vollkommen bestatigt wurden. Denn die Umgebung war viel schoner, als man sichs hatte denken konnen. Alles storende Kleinliche war ringsumher entfernt, alles Gute der Landschaft, was die Natur, was die Zeit daran getan hatte, trat reinlich hervor und fiel ins Auge, und schon grunten die jungen Pflanzungen, die bestimmt waren, einige Lucken auszufullen und die abgesonderten Teile angenehm zu verbinden.

Das Haus selbst war nahezu bewohnbar, die Aussicht, besonders aus den obern Zimmern, hochst mannigfaltig. Je langer man sich umsah, desto mehr Schones entdeckte man. Was mussten nicht hier die verschiedenen Tagszeiten, was Mond und Sonne fur Wirkungen hervorbringen! Hier zu verweilen war hochst wunschenswert, und wie schnell ward die Lust zu bauen und zu schaffen in Charlotten wieder erweckt, da sie alle grobe Arbeit getan fand! Ein Tischer, ein Tapezier, ein Maler, der mit Patronen und leichter Vergoldung sich zu helfen wusste, nur dieser bedurfte man, und in kurzer Zeit war das Gebaude im Stande. Keller und Kuche wurden schnell eingerichtet; denn in der Entfernung vom Schlosse musste man alle Bedurfnisse um sich versammeln. So wohnten die Frauenzimmer mit dem Kinde nun oben, und von diesem Aufenthalt, als von einem neuen Mittelpunkt, eroffneten sich ihnen unerwartete Spaziergange. Sie genossen vergnuglich in einer hoheren Region der freien, frischen Luft bei dem schonsten Wetter.

Ottiliens liebster Weg, teils allein, teils mit dem Kinde, ging herunter nach den Platanen auf einem bequemen Fusssteig, der sodann zu dem Punkte leitete, wo einer der Kahne angebunden war, mit denen man uberzufahren pflegte. Sie erfreute sich manchmal einer Wasserfahrt, allein ohne das Kind, weil Charlotte deshalb einige Besorgnis zeigte. Doch verfehlte sie nicht, taglich den Gartner im Schlossgarten zu besuchen und an seiner Sorgfalt fur die vielen Pflanzenzoglinge, die nun alle der freien Luft genossen, freundlich teilzunehmen.

In dieser schonen Zeit kam Charlotten der Besuch eines Englanders sehr gelegen, der Eduarden auf Reisen kennengelernt, einigemal getroffen hatte und nunmehr neugierig war, die schonen Anlagen zu sehen, von denen er soviel Gutes erzahlen horte. Er brachte ein Empfehlungsschreiben vom Grafen mit und stellte zugleich einen stillen, aber sehr gefalligen Mann als seinen Begleiter vor. Indem er nun bald mit Charlotten und Ottilien, bald mit Gartnern und Jagern, ofters mit seinem Begleiter und manchmal allein die Gegend durchstrich, so konnte man seinen Bemerkungen wohl ansehen, dass er ein Liebhaber und Kenner solcher Anlagen war, der wohl auch manche dergleichen selbst ausgefuhrt hatte. Obgleich in Jahren, nahm er auf eine heitere Weise an allem teil, was dem Leben zur Zierde gereichen und es bedeutend machen kann.

In seiner Gegenwart genossen die Frauenzimmer erst vollkommen ihrer Umgebung. Sein geubtes Auge empfing jeden Effekt ganz frisch, und er hatte um so mehr Freude an dem Entstandenen, als er die Gegend vorher nicht gekannt und, was man daran getan, von dem, was die Natur geliefert, kaum zu unterscheiden wusste.

Man kann wohl sagen, dass durch seine Bemerkungen der Park wuchs und sich bereicherte. Schon zum voraus erkannte er, was die neuen, heranstrebenden Pflanzungen versprachen. Keine Stelle blieb ihm unbemerkt, wo noch irgendeine Schonheit hervorzuheben oder anzubringen war. Hier deutete er auf eine Quelle, welche, gereinigt, die Zierde einer ganzen Buschpartie zu werden versprach, hier auf eine Hohle, die, ausgeraumt und erweitert, einen erwunschten Ruheplatz geben konnte, indessen man nur wenige Baume zu fallen brauchte, um von ihr aus herrliche Felsenmassen aufgeturmt zu erblicken. Er wunschte den Bewohnern Gluck, dass ihnen so manches nachzuarbeiten ubrigblieb, und ersuchte sie, damit nicht zu eilen, sondern fur folgende Jahre sich das Vergnugen des Schaffens und Einrichtens vorzubehalten.

Ubrigens war er ausser den geselligen Stunden keineswegs lastig; denn er beschaftigte sich die grosste Zeit des Tags, die malerischen Aussichten des Parks in einer tragbaren dunklen Kammer aufzufangen und zu zeichnen, um dadurch sich und andern von seinen Reisen eine schone Frucht zu gewinnen. Er hatte dieses schon seit mehreren Jahren in allen bedeutenden Gegenden getan und sich dadurch die angenehmste und interessanteste Sammlung verschafft. Ein grosses Portefeuille, das er mit sich fuhrte, zeigte er den Damen vor und unterhielt sie teils durch das Bild, teils durch die Auslegung. Sie freuten sich, hier in ihrer Einsamkeit die Welt so bequem zu durchreisen, Ufer und Hafen, Berge, Seen und Flusse, Stadte, Kastelle und manches andre Lokal, das in der Geschichte einen Namen hat, vor sich vorbeiziehen zu sehen.

Jede von beiden Frauen hatte ein besonderes Interesse, Charlotte das allgemeinere, gerade an dem, wo sich etwas historisch Merkwurdiges fand, wahrend Ottilie sich vorzuglich bei den Gegenden aufhielt, wovon Eduard viel zu erzahlen pflegte, wo er gern verweilt, wohin er ofters zuruckgekehrt; denn jeder Mensch hat in der Nahe und in der Ferne gewisse ortliche Einzelheiten, die ihn anziehen, die ihm seinem Charakter nach, um des ersten Eindrucks, gewisser Umstande, der Gewohnheit willen besonders lieb und aufregend sind.

Sie fragte daher den Lord, wo es ihm denn am besten gefalle und wo er nun seine Wohnung aufschlagen wurde, wenn er zu wahlen hatte. Da wusste er denn mehr als eine schone Gegend vorzuzeigen und, was ihm dort widerfahren, um sie ihm lieb und wert zu machen, in seinem eigens akzentuierten Franzosisch gar behaglich mitzuteilen.

Auf die Frage hingegen, wo er sich denn jetzt gewohnlich aufhalte, wohin er am liebsten zuruckkehre, liess er sich ganz unbewunden, doch den Frauen unerwartet, also vernehmen:

"Ich habe mir nun angewohnt, uberall zu Hause zu sein, und finde zuletzt nichts bequemer, als dass andre fur mich bauen, pflanzen und sich hauslich bemuhen. Nach meinen eigenen Besitzungen sehne ich mich nicht zuruck, teils aus politischen Ursachen, vorzuglich aber, weil mein Sohn, fur den ich alles eigentlich getan und eingerichtet, dem ich es zu ubergeben, mit dem ich es noch zu geniessen hoffte, an allem keinen Teil nimmt, sondern nach Indien gegangen ist, um sein Leben dort, wie mancher andere, hoher zu nutzen oder gar zu vergeuden.

Gewiss, wir machen viel zu viel vorarbeitenden Aufwand aufs Leben. Anstatt dass wir gleich anfingen, uns in einem massigen Zustand behaglich zu finden, so gehen wir immer mehr ins Breite, um es uns immer unbequemer zu machen. Wer geniesst jetzt meine Gebaude, meinen Park, meine Garten? Nicht ich, nicht einmal die Meinigen: fremde Gaste, Neugierige, unruhige Reisende.

Selbst bei vielen Mitteln sind wir immer nur halb und halb zu Hause, besonders auf dem Lande, wo uns manches Gewohnte der Stadt fehlt. Das Buch, das wir am eifrigsten wunschten, ist nicht zur Hand, und gerade, was wir am meisten bedurften, ist vergessen. Wir richten uns immer hauslich ein, um wieder auszuziehen, und wenn wir es nicht mit Willen und Willkur tun, so wirken Verhaltnisse, Leidenschaften, Zufalle, Notwendigkeit und was nicht alles."

Der Lord ahnete nicht, wie tief durch seine Betrachtungen die Freundinnen getroffen wurden. Und wie oft kommt nicht jeder in diese Gefahr, der eine allgemeine Betrachtung selbst in einer Gesellschaft, deren Verhaltnisse ihm sonst bekannt sind, ausspricht! Charlotten war eine solche zufallige Verletzung auch durch Wohlwollende und Gutmeinende nichts Neues; und die Welt lag ohnehin so deutlich vor ihren Augen, dass sie keinen besondern Schmerz empfand, wenngleich jemand sie unbedachtsam und unvorsichtig notigte, ihren Blick da oder dorthin auf eine unerfreuliche Stelle zu richten. Ottilie hingegen, die in halb bewusster Jugend mehr ahnete als sah und ihren Blick wegwenden durfte, ja musste von dem, was sie nicht sehen mochte und sollte, Ottilie ward durch diese traulichen Reden in den schrecklichsten Zustand versetzt; denn es zerriss mit Gewalt vor ihr der anmutige Schleier, und es schien ihr, als wenn alles, was bisher fur Haus und Hof, fur Garten, Park und die ganze Umgebung geschehen war, ganz eigentlich umsonst sei, weil der, dem es alles gehorte, es nicht genosse, weil auch der, wie der gegenwartige Gast, zum Herumschweifen in der Welt, und zwar zu dem gefahrlichsten, durch die Liebsten und Nachsten gedrangt worden. Sie hatte sich an Horen und Schweigen gewohnt, aber sie sass diesmal in der peinlichsten Lage, die durch des Fremden weiteres Gesprach eher vermehrt als vermindert wurde, das er mit heiterer Eigenheit und Bedachtlichkeit fortsetzte.

"Nun glaub ich", sagte er, "auf dem rechten Wege zu sein, da ich mich immerfort als einen Reisenden betrachte, der vielem entsagt, um vieles zu geniessen. Ich bin an den Wechsel gewohnt, ja er wird mir Bedurfnis, wie man in der Oper immer wieder auf eine neue Dekoration wartet, gerade weil schon so viele dagewesen. Was ich mir von dem besten und dem schlechtesten Wirtshause versprechen darf, ist mir bekannt; es mag so gut oder so schlimm sein, als es will, nirgends find ich das Gewohnte, und am Ende lauft es auf eins hinaus, ganz von einer notwendigen Gewohnheit oder ganz von der willkurlichsten Zufalligkeit abzuhangen. Wenigstens habe ich jetzt nicht den Verdruss, dass etwas verlegt oder verloren ist, dass mir ein tagliches Wohnzimmer unbrauchbar wird, weil ich es muss reparieren lassen, dass man mir eine liebe Tasse zerbricht und es mir eine ganze Zeit aus keiner andern schmecken will. Alles dessen bin ich uberhoben, und wenn mir das Haus uber dem Kopf zu brennen anfangt, so packen meine Leute gelassen ein und auf, und wir fahren zu Hofraum und Stadt hinaus. Und bei allen diesen Vorteilen, wenn ich es genau berechne, habe ich am Ende des Jahres nicht mehr ausgegeben, als es mich zu Hause gekostet hatte."

Bei dieser Schilderung sah Ottilie nur Eduarden vor sich, wie er nun auch mit Entbehren und Beschwerde auf ungebahnten Strassen hinziehe, mit Gefahr und Not zu Felde liege und bei soviel Unbestand und Wagnis sich gewohne, heimatlos und freundlos zu sein, alles wegzuwerfen, nur um nicht verlieren zu konnen. Glucklicherweise trennte sich die Gesellschaft fur einige Zeit. Ottilie fand Raum, sich in der Einsamkeit auszuweinen. Gewaltsamer hatte sie kein dumpfer Schmerz ergriffen als diese Klarheit, die sie sich noch klarer zu machen strebte, wie man es zu tun pflegt, dass man sich selbst peinigt, wenn man einmal auf dem Wege ist, gepeinigt zu werden.

Der Zustand Eduards kam ihr so kummerlich, so jammerlich vor, dass sie sich entschloss, es koste, was es wolle, zu seiner Wiedervereinigung mit Charlotten alles beizutragen, ihren Schmerz und ihre Liebe an irgendeinem stillen Orte zu verbergen und durch irgendeine Art von Tatigkeit zu betriegen.

Indessen hatte der Begleiter des Lords, ein verstandiger, ruhiger Mann und guter Beobachter, den Missgriff in der Unterhaltung bemerkt und die Ahnlichkeit der Zustande seinem Freunde offenbart. Dieser wusste nichts von den Verhaltnissen der Familie; allein jener, den eigentlich auf der Reise nichts mehr interessierte als die sonderbaren Ereignisse, welche durch naturliche und kunstliche Verhaltnisse, durch den Konflikt des Gesetzlichen und des Ungebandigten, des Verstandes und der Vernunft, der Leidenschaft und des Vorurteils hervorgebracht werden, jener hatte sich schon fruher und mehr noch im Hause selbst mit allem bekannt gemacht, was vorgegangen war und noch vorging.

Dem Lord tat es leid, ohne dass er daruber verlegen gewesen ware. Man musste ganz in Gesellschaft schweigen, wenn man nicht manchmal in den Fall kommen sollte; denn nicht allein bedeutende Bemerkungen, sondern die trivialsten Ausserungen konnen auf eine so missklingende Weise mit dem Interesse der Gegenwartigen zusammentreffen. "Wir wollen es heute abend wiedergutmachen," sagte der Lord, "und uns aller allgemeinen Gesprache enthalten. Geben Sie der Gesellschaft etwas von den vielen angenehmen und bedeutenden Anekdoten und Geschichten zu horen, womit Sie Ihr Portefeuille und Ihr Gedachtnis auf unserer Reise bereichert haben!"

Allein auch mit dem besten Vorsatze gelang es den Fremden nicht, die Freunde diesmal mit einer unverfanglichen Unterhaltung zu erfreuen. Denn nachdem der Begleiter durch manche sonderbare, bedeutende, heitere, ruhrende, furchtbare Geschichten die Aufmerksamkeit erregt und die Teilnahme aufs hochste gespannt hatte, so dachte er mit einer zwar sonderbaren, aber sanfteren Begebenheit zu schliessen und ahnete nicht, wie nahe diese seinen Zuhorern verwandt war.

Die wunderlichen Nachbarskinder

Novelle

Zwei Nachbarskinder von bedeutenden Hausern, Knabe und Madchen, in verhaltnismassigem Alter, um dereinst Gatten zu werden, liess man in dieser angenehmen Aussicht miteinander aufwachsen, und die beiderseitigen Eltern freuten sich einer kunftigen Verbindung. Doch man bemerkte gar bald, dass die Absicht zu misslingen schien, indem sich zwischen den beiden trefflichen Naturen ein sonderbarer Widerwille hervortat. Vielleicht waren sie einander zu ahnlich. Beide in sich selbst gewendet, deutlich in ihrem Wollen, fest in ihren Vorsatzen; jedes einzeln geliebt und geehrt von seinen Gespielen; immer Widersacher, wenn sie zusammen waren, immer aufbauend fur sich allein, immer wechselsweise zerstorend, wo sie sich begegneten, nicht wetteifernd nach einem Ziel, aber immer kampfend um einen Zweck; gutartig durchaus und liebenswurdig und nur hassend, ja bosartig, indem sie sich aufeinander bezogen.

Dieses wunderliche Verhaltnis zeigte sich schon bei kindischen Spielen, es zeigte sich bei zunehmenden Jahren. Und wie die Knaben Krieg zu spielen, sich in Parteien zu sondern, einander Schlachten zu liefern pflegen, so stellte sich das trotzig mutige Madchen einst an die Spitze des einen Heers und focht gegen das andre mit solcher Gewalt und Erbitterung, dass dieses schimpflich ware in die Flocht geschlagen worden, wenn ihr einzelner Widersacher sich nicht sehr brav gehalten und seine Gegnerin doch noch zuletzt entwaffnet und gefangengenommen hatte. Aber auch da noch wehrte sie sich so gewaltsam, dass er, um seine Augen zu erhalten und die Feindin doch nicht zu beschadigen, sein seidenes Halstuch abreissen und ihr die Hande damit auf den Rucken binden musste.

Dies verzieh sie ihm nie, ja sie machte so heimliche Anstalten und Versuche, ihn zu beschadigen, dass die Eltern, die auf diese seltsamen Leidenschaften schon langst achtgehabt, sich miteinander verstandigten und beschlossen, die beiden feindlichen Wesen zu trennen und jene lieblichen Hoffnungen aufzugeben.

Der Knabe tat sich in seinen neuen Verhaltnissen bald hervor. Jede Art von Unterricht schlug bei ihm an. Gonner und eigene Neigung bestimmten ihn zum Soldatenstande. Uberall, wo er sich fand, war er geliebt und geehrt. Seine tuchtige Natur schien nur zum Wohlsein, zum Behagen anderer zu wirken, und er war in sich, ohne deutliches Bewusstsein, recht glucklich, den einzigen Widersacher verloren zu haben, den die Natur ihm zugedacht hatte.

Das Madchen dagegen trat auf einmal in einen veranderten Zustand. Ihre Jahre, eine zunehmende Bildung und mehr noch ein gewisses inneres Gefuhl zogen sie von den heftigen Spielen hinweg, die sie bisher in Gesellschaft der Knaben auszuuben pflegte. Im ganzen schien ihr etwas zu fehlen, nichts war um sie herum, das wert gewesen ware, ihren Hass zu erregen. Liebenswurdig hatte sie noch niemanden gefunden.

Ein junger Mann, alter als ihr ehemaliger nachbarlicher Widersacher, von Stand, Vermogen und Bedeutung, beliebt in der Gesellschaft, gesucht von Frauen, wendete ihr seine ganze Neigung zu. Es war das erstemal, dass sich ein Freund, ein Liebhaber, ein Diener um sie bemuhte. Der Vorzug, den er ihr vor vielen gab, die alter, gebildeter, glanzender und anspruchsreicher waren als sie, tat ihr gar zu wohl. Seine fortgesetzte Aufmerksamkeit, ohne dass er zudringlich gewesen ware, sein treuer Beistand bei verschiedenen unangenehmen Zufallen, sein gegen ihre Eltern zwar ausgesprochnes, doch ruhiges und nur hoffnungsvolles Werben, da sie freilich noch sehr jung war: das alles nahm sie fur ihn ein, wozu die Gewohnheit, die aussern, nun von der Welt als bekannt angenommenen Verhaltnisse das Ihrige beitrugen. Sie war so oft Braut genannt worden, dass sie sich endlich selbst dafur hielt, und weder sie noch irgend jemand dachte daran, dass noch eine Prufung notig sei, als sie den Ring mit demjenigen wechselte, der so lange Zeit fur ihren Brautigam galt.

Der ruhige Gang, den die ganze Sache genommen hatte, war auch durch das Verlobnis nicht beschleunigt worden. Man liess eben von beiden Seiten alles so fortgewahren, man freute sich des Zusammenlebens und wollte die gute Jahreszeit durchaus noch als einen Fruhling des kunftigen ernsteren Lebens geniessen.

Indessen hatte der Entfernte sich zum schonsten ausgebildet, eine verdiente Stufe seiner Lebensbestimmung erstiegen und kam mit Urlaub, die Seinigen zu besuchen. Auf eine ganz naturliche, aber doch sonderbare Weise stand er seiner schonen Nachbarin abermals entgegen. Sie hatte in der letzten Zeit nur freundliche, brautliche Familienempfindungen bei sich genahrt, sie war mit allem, was sie umgab, in Ubereinstimmung; sie glaubte glucklich zu sein und war es auch auf gewisse Weise. Aber nun stand ihr zum erstenmal seit langer Zeit wieder etwas entgegen: es war nicht hassenswert; sie war des Hasses unfahig geworden, ja der kindische Hass, der eigentlich nur ein dunkles Anerkennen des inneren Wertes gewesen, ausserte sich nun in frohem Erstaunen, erfreulichem Betrachten, gefalligem Eingestehen, halb willigem halb unwilligem und doch notwendigem Annahen, und das alles war wechselseitig. Eine lange Entfernung gab zu langeren Unterhaltungen Anlass. Selbst jene kindische Unvernunft diente den Aufgeklarteren zu scherzhafter Erinnerung, und es war, als wenn man sich jenen nekkischen Hass wenigstens durch eine freundschaftliche, aufmerksame Behandlung verguten musse, als wenn jenes gewaltsame Verkennen nunmehr nicht ohne ein ausgesprochnes Anerkennen bleiben durfe.

Von seiner Seite blieb alles in einem verstandigen, wunschenswerten Mass. Sein Stand, seine Verhaltnisse, sein Streben, sein Ehrgeiz beschaftigten ihn so reichlich, dass er die Freundlichkeit der schonen Braut als eine dankenswerte Zugabe mit Behaglichkeit aufnahm, ohne sie deshalb in irgendeinem Bezug auf sich zu betrachten oder sie ihrem Brautigam zu missgonnen, mit dem er ubrigens in den besten Verhaltnissen stand.

Bei ihr hingegen sah es ganz anders aus. Sie schien sich wie aus einem Traum erwacht. Der Kampf gegen ihren jungen Nachbar war die erste Leidenschaft gewesen, und dieser heftige Kampf war doch nur, unter der Form des Widerstrebens, eine heftige, gleichsam angeborne Neigung. Auch kam es ihr in der Erinnerung nicht anders vor, als dass sie ihn immer geliebt habe. Sie lachelte uber jenes feindliche Suchen mit den Waffen in der Hand; sie wollte sich des angenehmsten Gefuhls erinnern, als er sie entwaffnete; sie bildete sich ein, die grosste Seligkeit empfunden zu haben, da er sie band, und alles, was sie zu seinem Schaden und Verdruss unternommen hatte, kam ihr nur als unschuldiges Mittel vor, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie verwunschte jene Trennung, sie bejammerte den Schlaf, in den sie verfallen, sie verfluchte die schleppende, traumerische Gewohnheit, durch die ihr ein so unbedeutender Brautigam hatte werden konnen; sie war verwandelt, doppelt verwandelt, vorwarts und ruckwarts, wie man es nehmen will.

Hatte jemand ihre Empfindungen, die sie ganz geheimhielt, entwickeln und mit ihr teilen konnen, so wurde er sie nicht gescholten haben; denn freilich konnte der Brautigam die Vergleichung mit dem Nachbar nicht aushalten, sobald man sie nebeneinander sah. Wenn man dem einen ein gewisses Zutrauen nicht versagen konnte, so erregte der andere das vollste Vertrauen; wenn man den einen gern zur Gesellschaft mochte, so wunschte man sich den andern zum Gefahrten; und dachte man gar an hohere Teilnahme, an ausserordentliche Falle, so hatte man wohl an dem einen gezweifelt, wenn einem der andere vollkommene Gewissheit gab. Fur solche Verhaltnisse ist den Weibern ein besonderer Takt angeboren, und sie haben Ursache sowie Gelegenheit, ihn auszubilden.

Je mehr die schone Braut solche Gesinnungen bei sich ganz heimlich nahrte, je weniger nur irgend jemand dasjenige auszusprechen im Fall war, was zugunsten des Brautigams gelten konnte, was Verhaltnisse, was Pflicht anzuraten und zu gebieten, ja was eine unabanderliche Notwendigkeit unwiderruflich zu fordern schien, desto mehr begunstigte das schone Herz seine Einseitigkeit; und indem sie von der einen Seite durch Welt und Familie, Brautigam und eigne Zusage unaufloslich gebunden war, von der andern der emporstrebende Jungling gar kein Geheimnis von seinen Gesinnungen, Planen und Aussichten machte, sich nur als ein treuer und nicht einmal zartlicher Bruder gegen sie bewies und nun gar von seiner unmittelbaren Abreise die Rede war, so schien es, als ob ihr fruher kindischer Geist mit allen seinen Tucken und Gewaltsamkeiten wiedererwachte und sich nun auf einer hoheren Lebensstufe mit Unwillen rustete, bedeutender und verderblicher zu wirken. Sie beschloss zu sterben, um den ehemals Gehassten und nun so heftig Geliebten fur seine Unteilnahme zu strafen und sich, indem sie ihn nicht besitzen sollte, wenigstens mit seiner Einbildungskraft, seiner Reue auf ewig zu vermahlen. Er sollte ihr totes Bild nicht loswerden, er sollte nicht aufhoren, sich Vorwurfe zu machen, dass er ihre Gesinnungen nicht erkannt, nicht erforscht, nicht geschatzt habe.

Dieser seltsame Wahnsinn begleitete sie uberallhin. Sie verbarg ihn unter allerlei Formen; und ob sie den Menschen gleich wunderlich vorkam, so war niemand aufmerksam oder klug genug, die innere, wahre Ursache zu entdecken.

Indessen hatten sich Freunde, Verwandte, Bekannte in Anordnungen von mancherlei Festen erschopft. Kaum verging ein Tag, dass nicht irgend etwas Neues und Unerwartetes angestellt worden ware. Kaum war ein schoner Platz der Landschaft, den man nicht ausgeschmuckt und zum Empfang vieler froher Gaste bereitet hatte. Auch wollte unser junger Ankommling noch vor seiner Abreise das Seinige tun und lud das junge Paar mit einem engeren Familienkreise zu einer Wasserlustfahrt. Man bestieg ein grosses, schones, wohlausgeschmucktes Schiff, eine der Jachten, die einen kleinen Saal und einige Zimmer anbieten und auf das Wasser die Bequemlichkeit des Landes uberzutragen suchen.

Man fuhr auf dem grossen Strome mit Musik dahin; die Gesellschaft hatte sich bei heisser Tageszeit in den untern Raumen versammelt, um sich an Geistes- und Glucksspielen zu ergotzen. Der junge Wirt, der niemals untatig bleiben konnte, hatte sich ans Steuer gesetzt, den alten Schiffsmeister abzulosen, der an seiner Seite eingeschlafen war; und eben brauchte der Wachende alle seine Vorsicht, da er sich einer Stelle nahte, wo zwei Inseln das Flussbette verengten und, indem sie ihre flachen Kiesufer bald an der einen, bald an der andern Seite hereinstreckten, ein gefahrliches Fahrwasser zubereiteten. Fast war der sorgsame und scharfblickende Steurer in Versuchung, den Meister zu wecken, aber er getraute sichs zu und fuhr gegen die Enge. In dem Augenblick erschien auf dem Verdeck seine schone Feindin mit einem Blumenkranz in den Haaren. Sie nahm ihn ab und warf ihn auf den Steuernden. "Nimm dies zum Andenken!" rief sie aus. "Store mich nicht!" rief er ihr entgegen, indem er den Kranz auffing; "ich bedarf aller meiner Krafte und meiner Aufmerksamkeit." "Ich store dich nicht weiter," rief sie; "du siehst mich nicht wieder!" Sie sprachs und eilte nach dem Vorderteil des Schiffs, von da sie ins Wasser sprang. Einige Stimmen riefen: "Rettet! rettet! sie ertrinkt." Er war in der entsetzlichsten Verlegenheit. Uber dem Larm erwacht der alte Schiffsmeister, will das Ruder ergreifen, der jungere es ihm ubergeben, aber es ist keine Zeit, die Herrschaft zu wechseln: das Schiff strandet, und in eben dem Augenblick, die lastigsten Kleidungsstucke wegwerfend, sturzte er sich ins Wasser und schwamm der schonen Feindin nach.

Das Wasser ist ein freundliches Element fur den, der damit bekannt ist und es zu behandeln weiss. Es trug ihn, und der geschickte Schwimmer beherrschte es. Bald hatte er die vor ihm fortgerissene Schone erreicht; er fasste sie, wusste sie zu heben und zu tragen; beide wurden vom Strom gewaltsam fortgerissen, bis sie die Inseln, die Werder weit hinter sich hatten und der Fluss wieder breit und gemachlich zu fliessen anfing. Nun erst ermannte, nun erholte er sich aus der ersten zudringenden Not, in der er ohne Besinnung nur mechanisch gehandelt; er blickte mit emporstrebendem Haupt umher und ruderte nach Vermogen einer flachen, buschichten Stelle zu, die sich angenehm und gelegen in den Fluss verlief. Dort brachte er seine schone Beute aufs Trockne; aber kein Lebenshauch war in ihr zu spuren. Er war in Verzweiflung, als ihm ein betretener Pfad, der durchs Gebusch lief, in die Augen leuchtete. Er belud sich aufs neue mit der teuren Last, er erblickte bald eine einsame Wohnung und erreichte sie. Dort fand er gute Leute, ein junges Ehepaar. Das Ungluck, die Not sprach sich geschwind aus. Was er nach einiger Besinnung forderte, ward geleistet. Ein lichtes Feuer brannte, wollne Dekken wurden uber ein Lager gebreitet, Pelze, Felle und was Erwarmendes vorratig war, schnell herbeigetragen. Hier uberwand die Begierde zu retten jede andre Betrachtung. Nichts ward versaumt, den schonen, halbstarren, nackten Korper wieder ins Leben zu rufen. Es gelang. Sie schlug die Augen auf, sie erblickte den Freund, umschlang seinen Hals mit ihren himmlischen Armen. So blieb sie lange; ein Tranenstrom sturzte aus ihren Augen und vollendete ihre Genesung. "Willst du mich verlassen," rief sie aus, "da ich dich so wiederfinde?" "Niemals," rief er, "niemals!" und wusste nicht, was er sagte noch was er tat. "Nur schone dich," rief er hinzu, "schone dich! denke an dich um deinet- und meinetwillen."

Sie dachte nun an sich und bemerkte jetzt erst den Zustand, in dem sie war. Sie konnte sich vor ihrem Liebling, ihrem Retter nicht schamen; aber sie entliess ihn gern, damit er fur sich sorgen moge; denn noch war, was ihn umgab, nass und triefend.

Die jungen Eheleute beredeten sich; er bot dem Jungling und sie der Schonen das Hochzeitskleid an, das noch vollstandig dahing, um ein Paar von Kopf zu Fuss und von innen heraus zu bekleiden. In kurzer Zeit waren die beiden Abenteurer nicht nur angezogen, sondern geputzt. Sie sahen allerliebst aus, staunten einander an, als sie zusammentraten, und fielen sich mit unmassiger Leidenschaft, und doch halb lachelnd uber die Vermummung, gewaltsam in die Arme. Die Kraft der Jugend und die Regsamkeit der Liebe stellten sie in wenigen Augenblicken vollig wieder her, und es fehlte nur die Musik, um sie zum Tanz aufzufordern.

Sich vom Wasser zur Erde, vom Tode zum Leben, aus dem Familienkreise in eine Wildnis, aus der Verzweiflung zum Entzucken, aus der Gleichgultigkeit zur Neigung, zur Leidenschaft gefunden zu haben, alles in einem Augenblick der Kopf ware nicht hinreichend, das zu fassen; er wurde zerspringen oder sich verwirren. Hiebei muss das Herz das Beste tun, wenn eine solche Uberraschung ertragen werden soll.

Ganz verloren eins ins andere, konnten sie erst nach einiger Zeit an die Angst, an die Sorgen der Zuruckgelassenen denken, und fast konnten sie selbst nicht ohne Angst, ohne Sorge daran denken, wie sie jenen wiederbegegnen wollten. "Sollen wir fliehen? sollen wir uns verbergen?" sagte der Jungling. "Wir wollen zusammenbleiben," sagte sie, indem sie an seinem Hals hing.

Der Landmann, der von ihnen die Geschichte des gestrandeten Schiffs vernommen hatte, eilte, ohne weiter zu fragen, nach dem Ufer. Das Fahrzeug kam glucklich einhergeschwommen; es war mit vieler Muhe losgebracht worden. Man fuhr aufs ungewisse fort, in Hoffnung, die Verlornen wiederzufinden. Als daher der Landmann mit Rufen und Winken die Schiffenden aufmerksam machte, an eine Stelle lief, wo ein vorteilhafter Landungsplatz sich zeigte, und mit Winken und Rufen nicht aufhorte, wandte sich das Schiff nach dem Ufer, und welch ein Schauspiel ward es, da sie landeten! Die Eltern der beiden Verlobten drangten sich zuerst ans Ufer; den liebenden Brautigam hatte fast die Besinnung verlassen. Kaum hatten sie vernommen, dass die lieben Kinder gerettet seien, so traten diese in ihrer sonderbaren Verkleidung aus dem Busch hervor. Man erkannte sie nicht eher, als bis sie ganz herangetreten waren. "Wen seh ich?" riefen die Mutter. "Was seh ich?" riefen die Vater. Die Geretteten warfen sich vor ihnen nieder. "Eure Kinder!" riefen sie aus, "ein Paar." "Verzeiht!" rief das Madchen. "Gebt uns Euren Segen!" rief der Jungling. "Gebt uns Euren Segen!" riefen beide, da alle Welt staunend verstummte. "Euren Segen!" ertonte es zum drittenmal, und wer hatte den versagen konnen!

Eilftes Kapitel

Der Erzahlende machte eine Pause oder hatte vielmehr schon geendigt, als er bemerken musste, dass Charlotte hochst bewegt sei; ja sie stand auf und verliess mit einer stummen Entschuldigung das Zimmer; denn die Geschichte war ihr bekannt. Diese Begebenheit hatte sich mit dem Hauptmann und einer Nachbarin wirklich zugetragen, zwar nicht ganz wie sie der Englander erzahlte, doch war sie in den Hauptzugen nicht entstellt, nur im einzelnen mehr ausgebildet und ausgeschmuckt, wie es dergleichen Geschichten zu gehen pflegt, wenn sie erst durch den Mund der Menge und sodann durch die Phantasie eines geistund geschmackreichen Erzahlers durchgehen. Es bleibt zuletzt meist alles und nichts, wie es war.

Ottilie folgte Charlotten, wie es die beiden Fremden selbst verlangten, und nun kam der Lord an die Reihe zu bemerken, dass vielleicht abermals ein Fehler begangen, etwas dem Hause Bekanntes oder gar Verwandtes erzahlt worden. "Wir mussen uns huten," fuhr er fort, "dass wir nicht noch mehr Ubles stiften. Fur das viele Gute und Angenehme, das wir hier genossen, scheinen wir den Bewohnerinnen wenig Gluck zu bringen; wir wollen uns auf eine schickliche Weise zu empfehlen suchen."

"Ich muss gestehen," versetzte der Begleiter, "dass mich hier noch etwas anderes festhalt, ohne dessen Aufklarung und nahere Kenntnis ich dieses Haus nicht gern verlassen mochte. Sie waren gestern, Mylord, als wir mit der tragbaren dunklen Kammer durch den Park zogen, viel zu beschaftigt, sich einen wahrhaft malerischen Standpunkt auszuwahlen, als dass Sie hatten bemerken sollen, was nebenher vorging. Sie lenkten vom Hauptwege ab, um zu einem wenig besuchten Platze am See zu gelangen, der Ihnen ein reizendes Gegenuber anbot. Ottilie, die uns begleitete, stand an zu folgen und bat, sich auf dem Kahne dorthin begeben zu durfen. Ich setzte mich mit ihr ein und hatte meine Freude an der Gewandtheit der schonen Schifferin. Ich versicherte ihr, dass ich seit der Schweiz, wo auch die reizendsten Madchen die Stelle des Fahrmanns vertreten, nicht so angenehm sei uber die Wellen geschaukelt worden, konnte mich aber nicht enthalten, sie zu fragen, warum sie eigentlich abgelehnt, jenen Seitenweg zu machen; denn wirklich war in ihrem Ausweichen eine Art von angstlicher Verlegenheit. 'Wenn Sie mich nicht auslachen wollen', versetzte sie freundlich, 'so kann ich Ihnen daruber wohl einige Auskunft geben, obgleich selbst fur mich dabei ein Geheimnis obwaltet. Ich habe jenen Nebenweg niemals betreten, ohne dass mich ein ganz eigener Schauer uberfallen hatte, den ich sonst nirgends empfinde und den ich mir nicht zu erklaren weiss. Ich vermeide daher lieber, mich einer solchen Empfindung auszusetzen, um so mehr, als sich gleich darauf ein Kopfweh an der linken Seite einstellt, woran ich sonst auch manchmal leide.' Wir landeten, Ottilie unterhielt sich mit Ihnen, und ich untersuchte indes die Stelle, die sie mir aus der Ferne deutlich angegeben hatte. Aber wie gross war meine Verwunderung, als ich eine sehr deutliche Spur von Steinkohlen entdeckte, die mich uberzeugt, man wurde bei so einigem Nachgraben vielleicht ein ergiebiges Lager in der Tiefe finden.

Verzeihen Sie, Mylord, ich sehe Sie lacheln und weiss recht gut, dass Sie mir eine leidenschaftliche Aufmerksamkeit auf diese Dinge, an die Sie keinen Glauben haben, nur als weiser Mann und als Freund nachsehen; aber es ist mir unmoglich, von hier zu scheiden, ohne das schone Kind auch die Pendelschwingungen versuchen zu lassen."

Es konnte niemals fehlen, wenn die Sache zur Sprache kam, dass der Lord nicht seine Grunde dagegen abermals wiederholte, welche der Begleiter bescheiden und geduldig aufnahm, aber doch zuletzt bei seiner Meinung, bei seinen Wunschen verharrte. Auch er gab wiederholt zu erkennen, dass man deswegen, weil solche Versuche nicht jedermann gelangen, die Sache nicht aufgeben, ja vielmehr nur desto ernsthafter und grundlicher untersuchen musste, da sich gewiss noch manche Bezuge und Verwandtschaften unorganischer Wesen untereinander, organischer gegen sie und abermals untereinander offenbaren wurden, die uns gegenwartig verborgen seien.

Er hatte seinen Apparat von goldnen Ringen, Markasiten und andern metallischen Substanzen, den er in einem schonen Kastchen immer bei sich fuhrte, schon ausgebreitet und liess nun Metalle, an Faden schwebend, uber liegende Metalle zum Versuche nieder. "Ich gonne Ihnen die Schadenfreude, Mylord," sagte er dabei, "die ich auf Ihrem Gesichte lese, dass sich bei mir und fur mich nichts bewegen will. Meine Operation ist aber auch nur ein Vorwand. Wenn die Damen zuruckkehren, sollen sie neugierig werden, was wir Wunderliches hier beginnen."

Die Frauenzimmer kamen zuruck. Charlotte verstand sogleich, was vorging. "Ich habe manches von diesen Dingen gehort," sagte sie, "aber niemals eine Wirkung gesehen. Da Sie alles so hubsch bereit haben, lassen Sie mich versuchen, ob es mir nicht auch anschlagt."

Sie nahm den Faden in die Hand, und da es ihr Ernst war, hielt sie ihn stet und ohne Gemutsbewegung; allein auch nicht das mindeste Schwanken war zu bemerken. Darauf ward Ottilie veranlasst. Sie hielt den Pendel noch ruhiger, unbefangener, unbewusster uber die unterliegenden Metalle. Aber in dem Augenblicke ward das Schwebende wie in einem entschiedenen Wirbel fortgerissen und drehte sich, je nachdem man die Unterlage wechselte, bald nach der einen, bald nach der andern Seite, jetzt in Kreisen, jetzt in Ellipsen, oder nahm seinen Schwung in graden Linien, wie es der Begleiter nur erwarten konnte, ja uber alle seine Erwartung.

Der Lord selbst stutzte einigermassen, aber der andere konnte vor Lust und Begierde gar nicht enden und bat immer um Wiederholung und Vermannigfaltigung der Versuche. Ottilie war gefallig genug, sich in sein Verlangen zu finden, bis sie ihn zuletzt freundlich ersuchte, er moge sie entlassen, weil ihr Kopfweh sich wieder einstelle. Er, daruber verwundert, ja entzuckt, versicherte ihr mit Enthusiasmus, dass er sie von diesem Ubel vollig heilen wolle, wenn sie sich seiner Kurart anvertraue. Man war einen Augenblick ungewiss; Charlotte aber, die geschwind begriff, wovon die Rede sei, lehnte den wohlgesinnten Antrag ab, weil sie nicht gemeint war, in ihrer Umgebung etwas zuzulassen, wovor sie immerfort eine starke Apprehension gefuhlt hatte.

Die Fremden hatten sich entfernt und, ungeachtet man von ihnen auf eine sonderbare Weise beruhrt worden war, doch den Wunsch zuruckgelassen, dass man sie irgendwo wieder antreffen mochte. Charlotte benutzte nunmehr die schonen Tage, um in der Nachbarschaft ihre Gegenbesuche zu enden, womit sie kaum fertig werden konnte, indem sich die ganze Landschaft umher, einige wahrhaft teilnehmend, andre bloss der Gewohnheit wegen, bisher fleissig um sie bekummert hatten. Zu Hause belebte sie der Anblick des Kindes; es war gewiss jeder Liebe, jeder Sorgfalt wert. Man sah in ihm ein wunderbares, ja ein Wunderkind, hochst erfreulich dem Anblick, an Grosse, Ebenmass, Starke und Gesundheit; und was noch mehr in Verwunderung setzte, war jene doppelte Ahnlichkeit, die sich immer mehr entwickelte. Den Gesichtszugen und der ganzen Form nach glich das Kind immer mehr dem Hauptmann, die Augen liessen sich immer weniger von Ottiliens Augen unterscheiden.

Durch diese sonderbare Verwandtschaft und vielleicht noch mehr durch das schone Gefuhl der Frauen geleitet, welche das Kind eines geliebten Mannes, auch von einer andern, mit zartlicher Neigung umfangen, ward Ottilie dem heranwachsenden Geschopf soviel als eine Mutter oder vielmehr eine andre Art von Mutter. Entfernte sich Charlotte, so blieb Ottilie mit dem Kinde und der Warterin allein. Nanny hatte sich seit einiger Zeit, eifersuchtig auf den Knaben, dem ihre Herrin alle Neigung zuzuwenden schien, trotzig von ihr entfernt und war zu ihren Eltern zuruckgekehrt. Ottilie fuhr fort, das Kind in die freie Luft zu tragen, und gewohnte sich an immer weitere Spaziergange. Sie hatte das Milchflaschchen bei sich, um dem Kinde, wenn es notig, seine Nahrung zu reichen. Selten unterliess sie dabei, ein Buch mitzunehmen, und so bildete sie, das Kind auf dem Arm, lesend und wandelnd, eine gar anmutige Penserosa.

Zwolftes Kapitel

Der Hauptzweck des Feldzugs war erreicht und Eduard, mit Ehrenzeichen geschmuckt, ruhmlich entlassen. Er begab sich sogleich wieder auf jenes kleine Gut, wo er genaue Nachrichten von den Seinigen fand, die er, ohne dass sie es bemerkten und wussten, scharf hatte beobachten lassen. Sein stiller Aufenthalt blickte ihm aufs freundlichste entgegen; denn man hatte indessen nach seiner Anordnung manches eingerichtet, gebessert und gefordert, so dass die Anlagen und Umgebungen, was ihnen an Weite und Breite fehlte, durch das Innere und zunachst Geniessbare ersetzten.

Eduard, durch einen raschen Lebensgang an entschiedenere Schritte gewohnt, nahm sich nunmehr vor, dasjenige auszufuhren, was er lange genug zu uberdenken Zeit gehabt hatte. Vor allen Dingen berief er den Major. Die Freude des Wiedersehens war gross. Jugendfreundschaften wie Blutsverwandtschaften haben den bedeutenden Vorteil, dass ihnen Irrungen und Missverstandnisse, von welcher Art sie auch seien, niemals von Grund aus schaden und die alten Verhaltnisse sich nach einiger Zeit wiederherstellen.

Zum frohen Empfang erkundigte sich Eduard nach dem Zustande des Freundes und vernahm, wie vollkommen nach seinen Wunschen ihn das Gluck begunstigt habe. Halb scherzend vertraulich fragte Eduard sodann, ob nicht auch eine schone Verbindung im Werke sei. Der Freund verneinte es mit bedeutendem Ernst.

"Ich kann und darf nicht hinterhaltig sein," fuhr Eduard fort; "ich muss dir meine Gesinnungen und Vorsatze sogleich entdecken. Du kennst meine Leidenschaft fur Ottilien und hast langst begriffen, dass sie es ist, die mich in diesen Feldzug gesturzt hat. Ich leugne nicht, dass ich gewunscht hatte, ein Leben loszuwerden, das mir ohne sie nichts weiter nutze war; allein zugleich muss ich dir gestehen, dass ich es nicht uber mich gewinnen konnte, vollkommen zu verzweifeln. Das Gluck mit ihr war so schon, so wunschenswert, dass es mir unmoglich blieb, vollig Verzicht darauf zu tun. So manche trostliche Ahnung, so manches heitere Zeichen hatte mich in dem Glauben, in dem Wahn bestarkt, Ottilie konne die Meine werden. Ein Glas mit unserm Namenszug bezeichnet, bei der Grundsteinlegung in die Lufte geworfen, ging nicht zu Trummern; es ward aufgefangen und ist wieder in meinen Handen. 'So will ich mich denn selbst', rief ich mir zu, als ich an diesem einsamen Orte soviel zweifelhafte Stunden verlebt hatte, 'mich selbst will ich an die Stelle des Glases zum Zeichen machen, ob unsre Verbindung moglich sei oder nicht. Ich gehe hin und suche den Tod, nicht als ein Rasender, sondern als einer, der zu leben hofft. Ottilie soll der Preis sein, um den ich kampfe; sie soll es sein, die ich hinter jeder feindlichen Schlachtordnung, in jeder Verschanzung, in jeder belagerten Festung zu gewinnen, zu erobern hoffe. Ich will Wunder tun mit dem Wunsche, verschont zu bleiben, im Sinne, Ottilien zu gewinnen, nicht sie zu verlieren.' Diese Gefuhle haben mich geleitet, sie haben mir durch alle Gefahren beigestanden; aber nun finde ich mich auch wie einen, der zu seinem Ziele gelangt ist, der alle Hindernisse uberwunden hat, dem nun nichts mehr im Wege steht. Ottilie ist mein, und was noch zwischen diesem Gedanken und der Ausfuhrung liegt, kann ich nur fur nichts bedeutend ansehen."

"Du loschest", versetzte der Major, "mit wenig

Zugen alles aus, was man dir entgegensetzen konnte und sollte; und doch muss es wiederholt werden. Das Verhaltnis zu deiner Frau in seinem ganzen Werte dir zuruckzurufen, uberlasse ich dir selbst; aber du bist es ihr, du bist es dir schuldig, dich hieruber nicht zu verdunkeln. Wie kann ich aber nur gedenken, dass euch ein Sohn gegeben ist, ohne zugleich auszusprechen, dass ihr einander auf immer angehort, dass ihr um dieses Wesens willen schuldig seid, vereint zu leben, damit ihr vereint fur seine Erziehung und fur sein kunftiges Wohl sorgen moget."

"Es ist bloss ein Dunkel der Eltern," versetzte Eduard, "wenn sie sich einbilden, dass ihr Dasein fur die Kinder so notig sei. Alles, was lebt, findet Nahrung und Beihulfe; und wenn der Sohn nach dem fruhen Tode des Vaters keine bequeme, so begunstigte Jugend hat, so gewinnt er vielleicht ebendeswegen an schnellerer Bildung fur die Welt, durch zeitiges Anerkennen, dass er sich in andere schicken muss, was wir denn doch fruher oder spater alle lernen mussen. Und hievon ist ja die Rede gar nicht: wir sind reich genug, um mehrere Kinder zu versorgen, und es ist keineswegs Pflicht noch Wohltat, auf Ein Haupt so viele Guter zu haufen."

Als der Major mit einigen Zugen Charlottens Wert und Eduards lange bestandenes Verhaltnis zu ihr anzudeuten gedachte, fiel ihm Eduard hastig in die Rede: "Wir haben eine Torheit begangen, die ich nur allzuwohl einsehe. Wer in einem gewissen Alter fruhere Jugendwunsche und Hoffnungen realisieren will, betriegt sich immer; denn jedes Jahrzehnt des Menschen hat sein eigenes Gluck, seine eigenen Hoffnungen und Aussichten. Wehe dem Menschen, der vorwarts oder ruckwarts zu greifen durch Umstande oder durch Wahn veranlasst wird! Wir haben eine Torheit begangen; soll sie es denn furs ganze Leben sein? Sollen wir uns aus irgendeiner Art von Bedenklichkeit dasjenige versagen, was uns die Sitten der Zeit nicht absprechen? In wie vielen Dingen nimmt der Mensch seinen Vorsatz, seine Tat zuruck, und hier gerade sollte es nicht geschehen, wo vom Ganzen und nicht vom Einzelnen, wo nicht von dieser oder jener Bedingung des Lebens, wo vom ganzen Komplex des Lebens die Rede ist!"

Der Major verfehlte nicht, auf eine ebenso geschickte als nachdruckliche Weise Eduarden die verschiedenen Bezuge zu seiner Gemahlin, zu den Familien, zu der Welt, zu seinen Besitzungen vorzustellen; aber es gelang ihm nicht, irgendeine Teilnahme zu erregen.

"Alles dieses, mein Freund," erwiderte Eduard, "ist mir vor der Seele vorbeigegangen, mitten im Gewuhl der Schlacht, wenn die Erde vom anhaltenden Donner bebte, wenn die Kugeln sausten und pfiffen, rechts und links die Gefahrten niederfielen, mein Pferd getroffen, mein Hut durchlochert ward; es hat mir vorgeschwebt beim stillen nachtlichen Feuer unter dem gestirnten Gewolbe des Himmels. Dann traten mir alle meine Verbindungen vor die Seele; ich habe sie durchgedacht, durchgefuhlt; ich habe mir zugeeignet, ich habe mich abgefunden, zu wiederholten Malen, und nun fur immer.

In solchen Augenblicken, wie kann ich dirs verschweigen, warst auch du mir gegenwartig, auch du gehortest in meinen Kreis; und gehoren wir denn nicht schon lange zueinander? Wenn ich dir etwas schuldig geworden, so komme ich jetzt in den Fall, dir es mit Zinsen abzutragen; wenn du mir je etwas schuldig geworden, so siehst du dich nun imstande mir es zu vergelten. Ich weiss, du liebst Charlotten, und sie verdient es; ich weiss, du bist ihr nicht gleichgultig, und warum sollte sie deinen Wert nicht erkennen! Nimm sie von meiner Hand, fuhre mir Ottilien zu! und wir sind die glucklichsten Menschen auf der Erde."

"Eben weil du mich mit so hohen Gaben bestechen willst," versetzte der Major, "muss ich desto vorsichtiger, desto strenger sein. Anstatt dass dieser Vorschlag, den ich still verehre, die Sache erleichtern mochte, erschwert er sie vielmehr. Es ist, wie von dir, nun auch von mir die Rede, und so wie von dem Schicksal, so auch von dem guten Namen, von der Ehre zweier Manner, die, bis jetzt unbescholten, durch diese wunderliche Handlung, wenn wir sie auch nicht anders nennen wollen, in Gefahr kommen, vor der Welt in einem hochst seltsamen Lichte zu erscheinen."

"Eben dass wir unbescholten sind," versetzte Eduard, "gibt uns das Recht, uns auch einmal schelten zu lassen. Wer sich sein ganzes Leben als einen zuverlassigen Mann bewiesen, der macht eine Handlung zuverlassig, die bei andern zweideutig erscheinen wurde. Was mich betrifft, ich fuhle mich durch die letzten Prufungen, die ich mir auferlegt, durch die schwierigen, gefahrvollen Taten, die ich fur andere getan, berechtigt, auch etwas fur mich zu tun. Was dich und Charlotten betrifft, so sei es der Zukunft anheimgegeben; mich aber wirst du, wird niemand von meinem Vorsatze zuruckhalten. Will man mir die Hand bieten, so bin ich auch wieder zu allem erbotig; will man mich mir selbst uberlassen oder mir wohl gar entgegen sein, so muss ein Extrem entstehen, es werde auch, wie es wolle."

Der Major hielt es fur seine Pflicht, dem Vorsatz Eduards solange als moglich Widerstand zu leisten, und er bediente sich nun gegen seinen Freund einer klugen Wendung, indem er nachzugeben schien und nur die Form, den Geschaftsgang zur Sprache brachte, durch welchen man diese Trennung, diese Verbindungen erreichen sollte. Da trat denn so manches Unerfreuliche, Beschwerliche, Unschickliche hervor, dass sich Eduard in die schlimmste Laune versetzt fuhlte.

"Ich sehe wohl," rief dieser endlich, "nicht allein von Feinden, sondern auch von Freunden muss, was man wunscht, ersturmt werden. Das, was ich will, was mir unentbehrlich ist, halte ich fest im Auge; ich werde es ergreifen und gewiss bald und behende. Dergleichen Verhaltnisse, weiss ich wohl, heben sich nicht auf und bilden sich nicht, ohne dass manches falle, was steht, ohne dass manches weiche, was zu beharren Lust hat. Durch Uberlegung wird so etwas nicht geendet; vor dem Verstande sind alle Rechte gleich, und auf die steigende Waagschale lasst sich immer wieder ein Gegengewicht legen. Entschliesse dich also, mein Freund, fur mich, fur dich zu handeln, fur mich, fur dich diese Zustande zu entwirren, aufzulosen, zu verknupfen! Lass dich durch keine Betrachtungen abhalten; wir haben die Welt ohnehin schon von uns reden machen; sie wird noch einmal von uns reden, uns sodann, wie alles ubrige, was aufhort neu zu sein, vergessen und uns gewahren lassen, wie wir konnen, ohne weitern Teil an uns zu nehmen."

Der Major hatte keinen andern Ausweg und musste endlich zugeben, dass Eduard ein fur allemal die Sache als etwas Bekanntes und Vorausgesetztes behandelte, dass er, wie alles anzustellen sei, im einzelnen durchsprach und sich uber die Zukunft auf das heiterste, sogar in Scherzen erging.

Dann wieder ernsthaft und nachdenklich fuhr er fort: "Wollten wir uns der Hoffnung, der Erwartung uberlassen, dass alles sich von selbst wieder finden, dass der Zufall uns leiten und begunstigen solle, so ware dies ein straflicher Selbstbetrug. Auf diese Weise konnen wir uns unmoglich retten, unsre allseitige Ruhe nicht wiederherstellen; und wie sollte ich mich trosten konnen, da ich unschuldig die Schuld an allem bin! Durch meine Zudringlichkeit habe ich Charlotten vermocht, dich ins Haus zu nehmen, und auch Ottilie ist nur in Gefolg von dieser Veranderung bei uns eingetreten. Wir sind nicht mehr Herr uber das, was daraus entsprungen ist, aber wir sind Herr, es unschadlich zu machen, die Verhaltnisse zu unserm Glucke zu leiten. Magst du die Augen von den schonen und freundlichen Aussichten abwenden, die ich uns eroffne, magst du mir, magst du uns allen ein trauriges Entsagen gebieten, insofern du dirs moglich denkst, insofern es moglich ware: ist denn nicht auch alsdann, wenn wir uns vornehmen, in die alten Zustande zuruckzukehren, manches Unschickliche, Unbequeme, Verdriessliche zu ubertragen, ohne dass irgend etwas Gutes, etwas Heiteres daraus entsprange? Wurde der gluckliche Zustand, in dem du dich befindest, dir wohl Freude machen, wenn du gehindert warst, mich zu besuchen, mit mir zu leben? Und nach dem, was vorgegangen ist, wurde es doch immer peinlich sein. Charlotte und ich wurden mit allem unserm Vermogen uns nur in einer traurigen Lage befinden. Und wenn du mit andern Weltmenschen glauben magst, dass Jahre, dass Entfernung solche Empfindungen abstumpfen, so tief eingegrabene Zuge ausloschen, so ist ja eben von diesen Jahren die Rede, die man nicht in Schmerz und Entbehren, sondern in Freude und Behagen zubringen will. Und nun zuletzt noch das Wichtigste auszusprechen: wenn wir auch unserm aussern und innern Zustande nach das allenfalls abwarten konnten, was soll aus Ottilien werden, die unser Haus verlassen, in der Gesellschaft unserer Vorsorge entbehren und sich in der verruchten, kalten Welt jammerlich herumdrucken musste! Male mir einen Zustand, worin Ottilie ohne mich, ohne uns glucklich sein konnte, dann sollst du ein Argument ausgesprochen haben, das starker ist als jedes andre, das ich, wenn ichs auch nicht zugeben, mich ihm nicht ergeben kann, dennoch recht gern aufs neue in Betrachtung und Uberlegung ziehen will."

Diese Aufgabe war so leicht nicht zu losen, wenigstens fiel dem Freunde hierauf keine hinlangliche Antwort ein, und es blieb ihm nichts ubrig, als wiederholt einzuscharfen, wie wichtig, wie bedenklich und in manchem Sinne gefahrlich das ganze Unternehmen sei, und dass man wenigstens, wie es anzugreifen ware, auf das ernstlichste zu bedenken habe. Eduard liess sichs gefallen, doch nur unter der Bedingung, dass ihn der Freund nicht eher verlassen wolle, als bis sie uber die Sache vollig einig geworden und die ersten Schritte getan seien.

Dreizehntes Kapitel

Vollig fremde und gegeneinander gleichgultige Menschen, wenn sie eine Zeitlang zusammenleben, kehren ihr Inneres wechselseitig heraus, und es muss eine gewisse Vertraulichkeit entstehen. Um so mehr lasst sich erwarten, dass unsern beiden Freunden, indem sie wieder nebeneinander wohnten, taglich und stundlich zusammen umgingen, gegenseitig nichts verborgen blieb. Sie wiederholten das Andenken ihrer fruheren Zustande, und der Major verhehlte nicht, dass Charlotte Eduarden, als er von Reisen zuruckgekommen, Ottilien zugedacht, dass sie ihm das schone Kind in der Folge zu vermahlen gemeint habe. Eduard, bis zur Verwirrung entzuckt uber diese Entdeckung, sprach ohne Ruckhalt von der gegenseitigen Neigung Charlottens und des Majors, die er, weil es ihm gerade bequem und gunstig war, mit lebhaften Farben ausmalte.

Ganz leugnen konnte der Major nicht und nicht

ganz eingestehen; aber Eduard befestigte, bestimmte sich nur mehr. Er dachte sich alles nicht als moglich, sondern als schon geschehen. Alle Teile brauchten nur in das zu willigen, was sie wunschten; eine Scheidung war gewiss zu erlangen; eine baldige Verbindung sollte folgen, und Eduard wollte mit Ottilien reisen.

Unter allem, was die Einbildungskraft sich Angenehmes ausmalt, ist vielleicht nichts Reizenderes, als wenn Liebende, wenn junge Gatten ihr neues, frisches Verhaltnis in einer neuen, frischen Welt zu geniessen und einen dauernden Bund an soviel wechselnden Zustanden zu prufen und zu bestatigen hoffen. Der Major und Charlotte sollten unterdessen unbeschrankte Vollmacht haben, alles, was sich auf Besitz, Vermogen und die irdischen wunschenswerten Einrichtungen bezieht, dergestalt zu ordnen und nach Recht und Billigkeit einzuleiten, dass alle Teile zufrieden sein konnten. Worauf jedoch Eduard am allermeisten zu fussen, wovon er sich den grossten Vorteil zu versprechen schien, war dies: Da das Kind bei der Mutter bleiben sollte, so wurde der Major den Knaben erziehen, ihn nach seinen Einsichten leiten, seine Fahigkeiten entwickeln konnen. Nicht umsonst hatte man ihm dann in der Taufe ihren beiderseitigen Namen Otto gegeben.

Das alles war bei Eduarden so fertig geworden, dass er keinen Tag langer anstehen mochte, der Ausfuhrung naherzutreten. Sie gelangten auf ihrem Wege nach dem Gute zu einer kleinen Stadt, in der Eduard ein Haus besass, wo er verweilen und die Ruckkunft des Majors abwarten wollte. Doch konnte er sich nicht uberwinden, daselbst sogleich abzusteigen, und begleitete den Freund noch durch den Ort. Sie waren beide zu Pferde, und in bedeutendem Gesprach verwickelt ritten sie zusammen weiter.

Auf einmal erblickten sie in der Ferne das neue Haus auf der Hohe, dessen rote Ziegeln sie zum erstenmal blinken sahen. Eduarden ergreift eine unwiderstehliche Sehnsucht; es soll noch diesen Abend alles abgetan sein. In einem ganz nahen Dorfe will er sich verborgen halten; der Major soll die Sache Charlotten dringend vorstellen, ihre Vorsicht uberraschen und durch den unerwarteten Antrag sie zu freier Eroffnung ihrer Gesinnung notigen. Denn Eduard, der seine Wunsche auf sie ubergetragen hatte, glaubte nicht anders, als dass er ihren entschiedenen Wunschen entgegenkomme, und hoffte eine so schnelle Einwilligung von ihr, weil er keinen andern Willen haben konnte.

Er sah den glucklichen Ausgang freudig vor Augen, und damit dieser dem Lauernden schnell verkundigt wurde, sollten einige Kanonenschlage losgebrannt werden und, ware es Nacht geworden, einige Raketen steigen.

Der Major ritt nach dem Schlosse zu. Er fand Charlotten nicht, sondern erfuhr vielmehr, dass sie gegenwartig oben auf dem neuen Gebaude wohne, jetzt aber einen Besuch in der Nachbarschaft ablege, von welchem sie heute wahrscheinlich nicht so bald nach Hause komme. Er ging in das Wirtshaus zuruck, wohin er sein Pferd gestellt hatte.

Eduard indessen, von unuberwindlicher Ungeduld getrieben, schlich aus seinem Hinterhalte durch einsame Pfade, nur Jagern und Fischern bekannt, nach seinem Park und fand sich gegen Abend im Gebusch in der Nachbarschaft des Sees, dessen Spiegel er zum erstenmal vollkommen und rein erblickte.

Ottilie hatte diesen Nachmittag einen Spaziergang an den See gemacht. Sie trug das Kind und las im Gehen nach ihrer Gewohnheit. So gelangte sie zu den Eichen bei der Uberfahrt. Der Knabe war eingeschlafen; sie setzte sich, legte ihn neben sich nieder und fuhr fort zu lesen. Das Buch war eins von denen, die ein zartes Gemut an sich ziehen und nicht wieder loslassen. Sie vergass Zeit und Stunde und dachte nicht, dass sie zu Lande noch einen weiten Ruckweg nach dem neuen Gebaude habe; aber sie sass versenkt in ihr Buch, in sich selbst, so liebenswurdig anzusehen, dass die Baume, die Strauche ringsumher hatten belebt, mit Augen begabt sein sollen, um sie zu bewundern und sich an ihr zu erfreuen. Und eben fiel ein rotliches Streiflicht der sinkenden Sonne hinter ihr her und vergoldete Wange und Schulter.

Eduard, dem es bisher gelungen war, unbemerkt so weit vorzudringen, der seinen Park leer, die Gegend einsam fand, wagte sich immer weiter. Endlich bricht er durch das Gebusch bei den Eichen, er sieht Ottilien, sie ihn; er fliegt auf sie zu und liegt zu ihren Fussen. Nach einer langen, stummen Pause, in der sich beide zu fassen suchen, erklart er ihr mit wenig Worten, warum und wie er hieher gekommen. Er habe den Major an Charlotten abgesendet, ihr gemeinsames Schicksal werde vielleicht in diesem Augenblick entschieden. Nie habe er an ihrer Liebe gezweifelt, sie gewiss auch nie an der seinigen. Er bitte sie um ihre Einwilligung. Sie zauderte, er beschwur sie; er wollte seine alten Rechte geltend machen und sie in seine Arme schliessen, sie deutete auf das Kind hin.

Eduard erblickt es und staunt. "Grosser Gott!" ruft er aus, "wenn ich Ursache hatte, an meiner Frau, an meinem Freunde zu zweifeln, so wurde diese Gestalt furchterlich gegen sie zeugen. Ist dies nicht die Bildung des Majors? Solch ein Gleichen habe ich nie gesehen."

"Nicht doch!" versetzte Ottilie; "alle Welt sagt, es gleiche mir." "War es moglich?" versetzte Eduard, und in dem Augenblick schlug das Kind die Augen auf, zwei grosse, schwarze, durchdringende Augen, tief und freundlich. Der Knabe sah die Welt schon so verstandig an; er schien die beiden zu kennen, die vor ihm standen. Eduard warf sich bei dem Kinde nieder, er kniete zweimal vor Ottilien. "Du bists!" rief er aus, "deine Augen sinds. Ach! aber lass mich nur in die deinigen schaun. Lass mich einen Schleier werfen uber jene unselige Stunde, die diesem Wesen das Dasein gab. Soll ich deine reine Seele mit dem unglucklichen Gedanken erschrecken, dass Mann und Frau entfremdet sich einander ans Herz drucken und einen gesetzlichen Bund durch lebhafte Wunsche entheiligen konnen? Oder ja, da wir einmal so weit sind, da mein Verhaltnis zu Charlotten getrennt werden muss, da du die Meinige sein wirst, warum soll ich es nicht sagen? Warum soll ich das harte Wort nicht aussprechen: dies Kind ist aus einem doppelten Ehbruch erzeugt! es trennt mich von meiner Gattin und meine Gattin von mir, wie es uns hatte verbinden sollen. Mag es denn gegen mich zeugen, mogen diese herrlichen Augen den deinigen sagen, dass ich in den Armen einer andern dir gehorte; mogest du fuhlen, Ottilie, recht fuhlen, dass ich jenen Fehler, jenes Verbrechen nur in deinen Armen abbussen kann!

Horch!" rief er aus, indem er aufsprang und einen Schuss zu horen glaubte, als das Zeichen, das der Major geben sollte. Es war ein Jager, der im benachbarten Gebirg geschossen hatte. Es erfolgte nichts weiter; Eduard war ungeduldig.

Nun erst sah Ottilie, dass die Sonne sich hinter die Berge gesenkt hatte. Noch zuletzt blinkte sie von den Fenstern des obern Gebaudes zuruck. "Entferne dich, Eduard!" rief Ottilie. "So lange haben wir entbehrt, so lange geduldet. Bedenke, was wir beide Charlotten schuldig sind. Sie muss unser Schicksal entscheiden, lass uns ihr nicht vorgreifen. Ich bin die Deine, wenn sie es vergonnt; wo nicht, so muss ich dir entsagen. Da du die Entscheidung so nah glaubst, so lass uns erwarten. Geh in das Dorf zuruck, wo der Major dich vermutet. Wie manches kann vorkommen, das eine Erklarung fordert. Ist es wahrscheinlich, dass ein roher Kanonenschlag dir den Erfolg seiner Unterhandlungen verkunde? Vielleicht sucht er dich auf in diesem Augenblick. Er hat Charlotten nicht getroffen, das weiss ich; er kann ihr entgegengegangen sein, denn man wusste, wo sie hin war. Wie vielerlei Falle sind moglich! Lass mich! Jetzt muss sie kommen. Sie erwartet mich mit dem Kinde dort oben."

Ottilie sprach in Hast. Sie rief sich alle Moglichkeiten zusammen. Sie war glucklich in Eduards Nahe und fuhlte, dass sie ihn jetzt entfernen musse. "Ich bitte, ich beschwore dich, Geliebter!" rief sie aus, "kehre zuruck und erwarte den Major!" "Ich gehorche deinen Befehlen," rief Eduard, indem er sie erst leidenschaftlich anblickte und sie dann fest in seine Arme schloss. Sie umschlang ihn mit den ihrigen und druckte ihn auf das zartlichste an ihre Brust. Die Hoffnung fuhr wie ein Stern, der vom Himmel fallt, uber ihre Haupter weg. Sie wahnten, sie glaubten einander anzugehoren; sie wechselten zum erstenmal entschiedene, freie Kusse und trennten sich gewaltsam und schmerzlich.

Die Sonne war untergegangen, und es dammerte schon und duftete feucht um den See. Ottilie stand verwirrt und bewegt; sie sah nach dem Berghause hinuber und glaubte Charlottens weisses Kleid auf dem Altan zu sehen. Der Umweg war gross am See hin; sie kannte Charlottens ungeduldiges Harren nach dem Kinde. Die Platanen sieht sie gegen sich uber, nur ein Wasserraum trennt sie von dem Pfade, der sogleich zu dem Gebaude hinauffuhrt. Mit Gedanken ist sie schon druben wie mit den Augen. Die Bedenklichkeit, mit dem Kinde sich aufs Wasser zu wagen, verschwindet in diesem Drange. Sie eilt nach dem Kahn, sie fuhlt nicht, dass ihr Herz pocht, dass ihre Fusse schwanken, dass ihr die Sinne zu vergehen drohn.

Sie springt in den Kahn, ergreift das Ruder und stosst ab. Sie muss Gewalt brauchen, sie wiederholt den Stoss, der Kahn schwankt und gleitet eine Strecke seewarts. Auf dem linken Arme das Kind, in der linken Hand das Buch, in der rechten das Ruder, schwankt auch sie und fallt in den Kahn. Das Ruder entfahrt ihr nach der einen Seite und, wie sie sich erhalten will, Kind und Buch nach der andern, alles ins Wasser. Sie ergreift noch des Kindes Gewand; aber ihre unbequeme Lage hindert sie selbst am Aufstehen. Die freie rechte Hand ist nicht hinreichend sich umzuwenden, sich aufzurichten; endlich gelingts, sie zieht das Kind aus dem Wasser, aber seine Augen sind geschlossen, es hat aufgehort zu atmen.

In dem Augenblicke kehrt ihre ganze Besonnenheit zuruck, aber um desto grosser ist ihr Schmerz. Der Kahn treibt fast in der Mitte des Sees, das Ruder schwimmt fern, sie erblickt niemanden am Ufer, und auch was hatte es ihr geholfen, jemanden zu sehen! Von allem abgesondert, schwebt sie auf dem treulosen, unzuganglichen Elemente.

Sie sucht Hulfe bei sich selbst. So oft hatte sie von Rettung der Ertrunkenen gehort. Noch am Abend ihres Geburtstags hatte sie es erlebt. Sie entkleidet das Kind und trocknets mit ihrem Musselingewand. Sie reisst ihren Busen auf und zeigt ihn zum erstenmal dem freien Himmel; zum erstenmal druckt sie ein Lebendiges an ihre reine nackte Brust, ach! und kein Lebendiges. Die kalten Glieder des unglucklichen Geschopfs verkalten ihren Busen bis ins innerste Herz. Unendliche Tranen entquellen ihren Augen und erteilen der Oberflache des Erstarrten einen Schein von Warme und Leben. Sie lasst nicht nach, sie uberhullt es mit ihrem Schal, und durch Streicheln, Andrucken, Anhauchen, Kussen, Tranen glaubt sie jene Hulfsmittel zu ersetzen, die ihr in dieser Abgeschnittenheit versagt sind.

Alles vergebens! Ohne Bewegung liegt das Kind in ihren Armen, ohne Bewegung steht der Kahn auf der Wasserflache; aber auch hier lasst ihr schones Gemut sie nicht hulflos. Sie wendet sich nach oben. Knieend sinkt sie in dem Kahne nieder und hebt das erstarrte Kind mit beiden Armen uber ihre unschuldige Brust, die an Weisse und leider auch an Kalte dem Marmor gleicht. Mit feuchtem Blick sieht sie empor und ruft Hulfe von daher, wo ein zartes Herz die grosste Fulle zu finden hofft, wenn es uberall mangelt.

Auch wendet sie sich nicht vergebens zu den Sternen, die schon einzeln hervorzublinken anfangen. Ein sanfter Wind erhebt sich und treibt den Kahn nach den Platanen.

Vierzehntes Kapitel

Sie eilt nach dem neuen Gebaude, sie ruft den Chirurgus hervor, sie ubergibt ihm das Kind. Der auf alles gefasste Mann behandelt den zarten Leichnam stufenweise nach gewohnter Art. Ottilie steht ihm in allem bei; sie schafft, sie bringt, sie sorgt, zwar wie in einer andern Welt wandelnd, denn das hochste Ungluck wie das hochste Gluck verandert die Ansicht aller Gegenstande; und nur, als nach allen durch gegangenen Versuchen der wackere Mann den Kopf schuttelt, auf ihre hoffnungsvollen Fragen erst schweigend, dann mit einem leisen Nein antwortet, verlasst sie das Schlafzimmer Charlottens, worin dies alles geschehen, und kaum hat sie das Wohnzimmer betreten, so fallt sie, ohne den Sofa erreichen zu konnen, erschopft aufs Angesicht uber den Teppich hin.

Eben hort man Charlotten vorfahren. Der Chirurg bittet die Umstehenden dringend, zuruckzubleiben, er will ihr entgegnen, sie vorbereiten; aber schon betritt sie ihr Zimmer. Sie findet Ottilien an der Erde, und ein Madchen des Hauses sturzt ihr mit Geschrei und Weinen entgegen. Der Chirurg tritt herein, und sie erfahrt alles auf einmal. Wie sollte sie aber jede Hoffnung mit einmal aufgeben! Der erfahrne, kunstreiche, kluge Mann bittet sie nur, das Kind nicht zu sehen; er entfernt sich, sie mit neuen Anstalten zu tauschen. Sie hat sich auf ihren Sofa gesetzt, Ottilie liegt noch an der Erde, aber an der Freundin Kniee herangehoben, uber die ihr schones Haupt hingesenkt ist. Der arztliche Freund geht ab und zu; er scheint sich um das Kind zu bemuhen, er bemuht sich um die Frauen. So kommt die Mitternacht herbei, die Totenstille wird immer tiefer. Charlotte verbirgt sichs nicht mehr, dass das Kind nie wieder ins Leben zuruckkehre; sie verlangt es zu sehen. Man hat es in warme wollne Tucher reinlich eingehullt, in einen Korb gelegt, den man neben sie auf den Sofa setzt; nur das Gesichtchen ist frei; ruhig und schon liegt es da.

Von dem Unfall war das Dorf bald erregt worden und die Kunde sogleich bis nach dem Gasthof erschollen. Der Major hatte sich die bekannten Wege hinaufbegeben; er ging um das Haus herum, und indem er einen Bedienten anhielt, der in dem Angebaude etwas zu holen lief, verschaffte er sich nahere Nachricht und liess den Chirurgen herausrufen. Dieser kam, erstaunt uber die Erscheinung seines alten Gonners, berichtete ihm die gegenwartige Lage und ubernahm es, Charlotten auf seinen Anblick vorzubereiten. Er ging hinein, fing ein ableitendes Gesprach an und fuhrte die Einbildungskraft von einem Gegenstand auf den andern, bis er endlich den Freund Charlotten vergegenwartigte, dessen gewisse Teilnahme, dessen Nahe dem Geiste, der Gesinnung nach, die er denn bald in eine wirkliche ubergehen liess. Genug, sie erfuhr, der Freund stehe vor der Tur, er wisse alles und wunsche eingelassen zu werden.

Der Major trat herein; ihn begrusste Charlotte mit einem schmerzlichen Lacheln. Er stand vor ihr. Sie hub die grunseidne Decke auf, die den Leichnam verbarg, und bei dem dunklen Schein einer Kerze erblickte er nicht ohne geheimes Grausen sein erstarrtes Ebenbild. Charlotte deutete auf einen Stuhl, und so sassen sie gegeneinander uber, schweigend, die Nacht hindurch. Ottilie lag noch ruhig auf den Knieen Charlottens; sie atmete sanft; sie schlief, oder sie schien zu schlafen.

Der Morgen dammerte, das Licht verlosch, beide Freunde schienen aus einem dumpfen Traum zu erwachen. Charlotte blickte den Major an und sagte gefasst: "Erklaren Sie mir, mein Freund, durch welche Schickung kommen Sie hieher, um teil an dieser Trauerszene zu nehmen?"

"Es ist hier," antwortete der Major ganz leise, wie sie gefragt hatte als wenn sie Ottilien nicht aufwekken wollten , "es ist hier nicht Zeit und Ort, zuruckzuhalten, Einleitungen zu machen und sachte heranzutreten. Der Fall, in dem ich Sie finde, ist so ungeheuer, dass das Bedeutende selbst, weshalb ich komme, dagegen seinen Wert verliert."

Er gestand ihr darauf ganz ruhig und einfach den Zweck seiner Sendung, insofern Eduard ihn abgeschickt hatte, den Zweck seines Kommens, insofern sein freier Wille, sein eigenes Interesse dabei war. Er trug beides sehr zart, doch aufrichtig vor; Charlotte horte gelassen zu und schien weder daruber zu staunen noch unwillig zu sein.

Als der Major geendigt hatte, antwortete Charlotte mit ganz leiser Stimme, so dass er genotigt war, seinen Stuhl heranzurucken: "In einem Falle, wie dieser ist, habe ich mich noch nie befunden, aber in ahnlichen habe ich mir immer gesagt: 'Wie wird es morgen sein?' Ich fuhle recht wohl, dass das Los von mehreren jetzt in meinen Handen liegt; und was ich zu tun habe, ist bei mir ausser Zweifel und bald ausgesprochen. Ich willige in die Scheidung. Ich hatte mich fruher dazu entschliessen sollen; durch mein Zaudern mein Widerstreben habe ich das Kind getotet. Es sind gewisse Dinge, die sich das Schicksal hartnackig vornimmt. Vergebens, dass Vernunft und Tugend, Pflicht und alles Heilige sich ihm in den Weg stellen: es soll etwas geschehen, was ihm recht ist, was uns nicht recht scheint; und so greift es zuletzt durch, wir mogen uns gebarden, wie wir wollen.

Doch was sag ich! Eigentlich will das Schicksal meinen eigenen Wunsch, meinen eigenen Vorsatz, gegen die ich unbedachtsam gehandelt, wieder in den Weg bringen. Habe ich nicht selbst schon Ottilien und Eduarden mir als das schicklichste Paar zusammengedacht? Habe ich nicht selbst beide einander zu nahern gesucht? Waren Sie nicht selbst, mein Freund, Mitwisser dieses Plans? Und warum konnte ich den Eigensinn eines Mannes nicht von wahrer Liebe unterscheiden? Warum nahm ich seine Hand an, da ich als Freundin ihn und eine andre Gattin glucklich gemacht hatte?

Und betrachten Sie nur diese ungluckliche Schlummernde! Ich zittere vor dem Augenblicke, wenn sie aus ihrem halben Totenschlafe zum Bewusstsein erwacht. Wie soll sie leben, wie soll sie sich trosten, wenn sie nicht hoffen kann, durch ihre Liebe Eduarden das zu ersetzen, was sie ihm als Werkzeug des wunderbarsten Zufalls geraubt hat? Und sie kann ihm alles wiedergeben nach der Neigung, nach der Leidenschaft, mit der sie ihn liebt. Vermag die Liebe, alles zu dulden, so vermag sie noch viel mehr, alles zu ersetzen. An mich darf in diesem Augenblick nicht gedacht werden.

Entfernen Sie sich in der Stille, lieber Major. Sagen Sie Eduarden, dass ich in die Scheidung willige, dass ich ihm, Ihnen, Mittlern die ganze Sache einzuleiten uberlasse, dass ich um meine kunftige Lage unbekummert bin und es in jedem Sinne sein kann. Ich will jedes Papier unterschreiben, das man mir bringt; aber man verlange nur nicht von mir, dass ich mitwirke, dass ich bedenke, dass ich berate."

Der Major stand auf. Sie reichte ihm ihre Hand uber Ottilien weg. Er druckte seine Lippen auf diese liebe Hand. "Und fur mich, was darf ich hoffen?" lispelte er leise.

"Lassen Sie mich Ihnen die Antwort schuldig bleiben," versetzte Charlotte. "Wir haben nicht verschuldet, unglucklich zu werden, aber auch nicht verdient, zusammen glucklich zu sein."

Der Major entfernte sich, Charlotten tief im Herzen beklagend, ohne jedoch das arme abgeschiedene Kind bedauern zu konnen. Ein solches Opfer schien ihm notig zu ihrem allseitigen Gluck. Er dachte sich Ottilien mit einem eignen Kind auf dem Arm, als den vollkommensten Ersatz fur das, was sie Eduarden geraubt; er dachte sich einen Sohn auf dem Schosse, der mit mehrerem Recht sein Ebenbild truge als der abgeschiedene.

So schmeichelnde Hoffnungen und Bilder gingen ihm durch die Seele, als er auf dem Ruckwege nach dem Gasthofe Eduarden fand, der die ganze Nacht im Freien den Major erwartet hatte, da ihm kein Feuerzeichen, kein Donnerlaut ein gluckliches Gelingen verkunden wollte. Er wusste bereits von dem Ungluck, und auch er, anstatt das arme Geschopf zu bedauern, sah diesen Fall, ohne sichs ganz gestehen zu wollen, als eine Fugung an, wodurch jedes Hindernis an seinem Gluck auf einmal beseitigt ware. Gar leicht liess er sich daher durch den Major bewegen, der ihm schnell den Entschluss seiner Gattin verkundigte, wieder nach jenem Dorfe und sodann nach der kleinen Stadt zuruckzukehren, wo sie das Nachste uberlegen und einleiten wollten.

Charlotte sass, nachdem der Major sie verlassen hatte, nur wenige Minuten in ihre Betrachtungen versenkt; denn sogleich richtete Ottilie sich auf, ihre Freundin mit grossen Augen anblickend. Erst erhob sie sich von dem Schosse, dann von der Erde und stand vor Charlotten.

"Zum zweitenmal" so begann das herrliche Kind mit einem unuberwindlichen, anmutigen Ernst "zum zweitenmal widerfahrt mir dasselbige. Du sagtest mir einst, es begegne den Menschen in ihrem Leben oft Ahnliches auf ahnliche Weise und immer in bedeutenden Augenblicken. Ich finde nun die Bemerkung wahr und bin gedrungen, dir ein Bekenntnis zu machen. Kurz nach meiner Mutter Tode, als ein kleines Kind, hatte ich meinen Schemel an dich geruckt; du sassest auf dem Sofa wie jetzt; mein Haupt lag auf deinen Knieen, ich schlief nicht, ich wachte nicht; ich schlummerte. Ich vernahm alles, was um mich vorging, besonders alle Reden sehr deutlich; und doch konnte ich mich nicht regen, mich nicht aussern und, wenn ich auch gewollt hatte, nicht andeuten, dass ich meiner selbst mich bewusst fuhlte. Damals sprachst du mit einer Freundin uber mich; du bedauertest mein Schicksal, als eine arme Waise in der Welt geblieben zu sein; du schildertest meine abhangige Lage und wie misslich es um mich stehen konne, wenn nicht ein besondrer Glucksstern uber mich walte. Ich fasste alles wohl und genau, vielleicht zu streng, was du fur mich zu wunschen, was du von mir zu fordern schienst. Ich machte mir nach meinen beschrankten Einsichten hieruber Gesetze; nach diesen habe ich lange gelebt, nach ihnen war mein Tun und Lassen eingerichtet zu der Zeit, da du mich liebtest, fur mich sorgtest, da du mich in dein Haus aufnahmst, und auch noch eine Zeit hernach.

Aber ich bin aus meiner Bahn geschritten, ich habe meine Gesetze gebrochen, ich habe sogar das Gefuhl derselben verloren, und nach einem schrecklichen Ereignis klarst du mich wieder uber meinen Zustand auf, der jammervoller ist als der erste. Auf deinem Schosse ruhend, halb erstarrt, wie aus einer fremden Welt vernehm ich abermals deine leise Stimme uber meinem Ohr; ich vernehme, wie es mit mir selbst aussieht; ich schaudere uber mich selbst; aber wie damals habe ich auch diesmal in meinem halben Totenschlaf mir meine neue Bahn vorgezeichnet.

Ich bin entschlossen, wie ichs war, und wozu ich entschlossen bin, musst du gleich erfahren. Eduards werd ich nie! Auf eine schreckliche Weise hat Gott mir die Augen geoffnet, in welchem Verbrechen ich befangen bin. Ich will es bussen; und niemand gedenke mich von meinem Vorsatz abzubringen! Darnach, Liebe, Beste, nimm deine Massregeln. Lass den Major zuruckkommen; schreibe ihm, dass keine Schritte geschehen. Wie angstlich war mir, dass ich mich nicht ruhren und regen konnte, als er ging. Ich wollte auffahren, aufschreien: du solltest ihn nicht mit so frevelhaften Hoffnungen entlassen."

Charlotte sah Ottiliens Zustand, sie empfand ihn; aber sie hoffte durch Zeit und Vorstellungen etwas uber sie zu gewinnen. Doch als sie einige Worte aussprach, die auf eine Zukunft, auf eine Milderung des Schmerzes, auf Hoffnung deuteten: "Nein!" rief Ottilie mit Erhebung; "sucht mich nicht zu bewegen, nicht zu hintergehen! In dem Augenblick, in dem ich erfahre, du habest in die Scheidung gewilligt, busse ich in demselbigen See mein Vergehen, mein Verbrechen."

Funfzehntes Kapitel

Wenn sich in einem glucklichen, friedlichen Zusammenleben Verwandte, Freunde, Hausgenossen, mehr als notig und billig ist, von dem unterhalten, was geschieht oder geschehen soll, wenn sie sich einander ihre Vorsatze, Unternehmungen, Beschaftigungen wiederholt mitteilen und, ohne gerade wechselseitigen Rat anzunehmen, doch immer das ganze Leben gleichsam ratschlagend behandeln, so findet man dagegen in wichtigen Momenten, eben da, wo es scheinen sollte, der Mensch bedurfe fremden Beistandes, fremder Bestatigung am allermeisten, dass sich die einzelnen auf sich selbst zuruckziehen, jedes fur sich zu handeln, jedes auf seine Weise zu wirken strebt und, indem man sich einander die einzelnen Mittel verbirgt, nur erst der Ausgang, die Zwecke, das Erreichte wieder zum Gemeingut werden.

Nach so viel wundervollen und unglucklichen Ereignissen war denn auch ein gewisser stiller Ernst uber die Freundinnen gekommen, der sich in einer liebenswurdigen Schonung ausserte. Ganz in der Stille hatte Charlotte das Kind nach der Kapelle gesendet. Es ruhte dort als das erste Opfer eines ahnungsvollen Verhangnisses.

Charlotte kehrte sich, soviel es ihr moglich war, gegen das Leben zuruck, und hier fand sie Ottilien zuerst, die ihres Beistandes bedurfte. Sie beschaftigte sich vorzuglich mit ihr, ohne es jedoch merken zu lassen. Sie wusste, wie sehr das himmlische Kind Eduarden liebte; sie hatte nach und nach die Szene, die dem Ungluck vorhergegangen war, herausgeforscht und jeden Umstand teils von Ottilien selbst, teils durch Briefe des Majors erfahren.

Ottilie von ihrer Seite erleichterte Charlotten sehr das augenblickliche Leben. Sie war offen, ja gesprachig, aber niemals war von dem Gegenwartigen oder kurz Vergangenen die Rede. Sie hatte stets aufgemerkt, stets beobachtet, sie wusste viel; das kam jetzt alles zum Vorschein. Sie unterhielt, sie zerstreute Charlotten, die noch immer die stille Hoffnung nahrte, ein ihr so wertes Paar verbunden zu sehen.

Allein bei Ottilien hing es anders zusammen. Sie hatte das Geheimnis ihres Lebensganges der Freundin entdeckt; sie war von ihrer fruhen Einschrankung, von ihrer Dienstbarkeit entbunden. Durch ihre Reue, durch ihren Entschluss fuhlte sie sich auch befreit von der Last jenes Vergehens, jenes Missgeschicks. Sie bedurfte keiner Gewalt mehr uber sich selbst; sie hatte sich in der Tiefe ihres Herzens nur unter der Bedingung des volligen Entsagens verziehen, und diese Bedingung war fur alle Zukunft unerlasslich.

So verfloss einige Zeit, und Charlotte fuhlte, wie sehr Haus und Park, Seen, Felsen- und Baumgruppen nur traurige Empfindungen taglich in ihnen beiden erneuerten. Dass man den Ort verandern musse, war allzu deutlich, wie es geschehen solle, nicht so leicht zu entscheiden.

Sollten die beiden Frauen zusammenbleiben? Eduards fruherer Wille schien es zu gebieten, seine Erklarung, seine Drohung es notig zu machen; allein wie war es zu verkennen, dass beide Frauen mit allem guten Willen, mit aller Vernunft, mit aller Anstrengung sich in einer peinlichen Lage nebeneinander befanden? Ihre Unterhaltungen waren vermeidend. Manchmal mochte man gern etwas nur halb verstehen, ofters wurde aber doch ein Ausdruck, wo nicht durch den Verstand, wenigstens durch die Empfindung missdeutet. Man furchtete sich zu verletzen, und gerade die Furcht war am ersten verletzbar und verletzte am ersten.

Wollte man den Ort verandern und sich zugleich, wenigstens auf einige Zeit, voneinander trennen, so trat die alte Frage wieder hervor, wo sich Ottilie hinbegeben solle. Jenes grosse, reiche Haus hatte vergebliche Versuche gemacht, einer hoffnungsvollen Erbtochter unterhaltende und wetteifernde Gespielinnen zu verschaffen. Schon bei der letzten Anwesenheit der Baronesse und neuerlich durch Briefe war Charlotte aufgefordert worden, Ottilien dorthin zu senden; jetzt brachte sie es abermals zur Sprache. Ottilie verweigerte aber ausdrucklich, dahin zu gehen, wo sie dasjenige finden wurde, was man grosse Welt zu nennen pflegt.

"Lassen Sie mich, liebe Tante," sagte sie, "damit ich nicht eingeschrankt und eigensinnig erscheine, dasjenige aussprechen, was zu verschweigen, zu verbergen in einem andern Falle Pflicht ware. Ein seltsam unglucklicher Mensch, und wenn er auch schuldlos ware, ist auf eine furchterliche Weise gezeichnet. Seine Gegenwart erregt in allen, die ihn sehen, die ihn gewahr werden, eine Art von Entsetzen. Jeder will das Ungeheure ihm ansehen, was ihm auferlegt ward; jeder ist neugierig und angstlich zugleich. So bleibt ein Haus, eine Stadt, worin eine ungeheure Tat geschehen, jedem furchtbar, der sie betritt. Dort leuchtet das Licht des Tages nicht so hell, und die Sterne scheinen ihren Glanz zu verlieren.

Wie gross und doch vielleicht zu entschuldigen ist gegen solche Ungluckliche die Indiskretion der Menschen, ihre alberne Zudringlichkeit und ungeschickte Gutmutigkeit! Verzeihen Sie mir, dass ich so rede; aber ich habe unglaublich mit jenem armen Madchen gelitten, als es Luciane aus den verborgenen Zimmern des Hauses hervorzog, sich freundlich mit ihm beschaftigte, es in der besten Absicht zu Spiel und Tanz notigen wollte. Als das arme Kind bange und immer banger zuletzt floh und in Ohnmacht sank, ich es in meine Arme fasste, die Gesellschaft erschreckt, aufgeregt und jeder erst recht neugierig auf die Ungluckselige ward, da dachte ich nicht, dass mir ein gleiches Schicksal bevorstehe; aber mein Mitgefuhl, so wahr und lebhaft, ist noch lebendig. Jetzt kann ich mein Mitleiden gegen mich selbst wenden und mich huten, dass ich nicht zu ahnlichen Auftritten Anlass gebe."

"Du wirst aber, liebes Kind," versetzte Charlotte, "dem Anblick der Menschen dich nirgends entziehen konnen. Kloster haben wir nicht, in denen sonst eine Freistatt fur solche Gefuhle zu finden war."

"Die Einsamkeit macht nicht die Freistatt, liebe Tante," versetzte Ottilie. "Die schatzenswerteste Freistatt ist da zu suchen, wo wir tatig sein konnen. Alle Bussungen, alle Entbehrungen sind keineswegs geeignet, uns einem ahnungsvollen Geschick zu entziehen, wenn es uns zu verfolgen entschieden ist. Nur wenn ich im mussigen Zustande der Welt zur Schau dienen soll, dann ist sie mir widerwartig und angstigt mich. Findet man mich aber freudig bei der Arbeit, unermudet in meiner Pflicht, dann kann ich die Blicke eines jeden aushalten, weil ich die gottlichen nicht zu scheuen brauche."

"Ich musste mich sehr irren," versetzte Charlotte, "wenn deine Neigung dich nicht zur Pension zuruckzoge."

"Ja," versetzte Ottilie, "ich leugne es nicht; ich denke es mir als eine gluckliche Bestimmung, andre auf dem gewohnlichen Wege zu erziehen, wenn wir auf dem sonderbarsten erzogen worden. Und sehen wir nicht in der Geschichte, dass Menschen, die wegen grosser sittlicher Unfalle sich in die Wusten zuruckzogen, dort keineswegs, wie sie hofften, verborgen und gedeckt waren? Sie wurden zuruckgerufen in die Welt, um die Verirrten auf den rechten Weg zu fuhren; und wer konnte es besser als die in den Irrgangen des Lebens schon Eingeweihten! Sie wurden berufen, den Unglucklichen beizustehen; und wer vermochte das eher als sie, denen kein irdisches Unheil mehr begegnen konnte!"

"Du wahlst eine sonderbare Bestimmung," versetzte Charlotte. "Ich will dir nicht widerstreben; es mag sein, wenn auch nur, wie ich hoffe, auf kurze Zeit."

"Wie sehr danke ich Ihnen," sagte Ottilie, "dass Sie mir diesen Versuch, diese Erfahrung gonnen wollen. Schmeichle ich mir nicht zu sehr, so soll es mir glukken. An jenem Orte will ich mich erinnern, wie manche Prufungen ich ausgestanden und wie klein, wie nichtig sie waren gegen die, die ich nachher erfahren musste. Wie heiter werde ich die Verlegenheiten der jungen Aufschosslinge betrachten, bei ihren kindlichen Schmerzen lacheln und sie mit leiser Hand aus allen kleinen Verirrungen herausfuhren. Der Gluckliche ist nicht geeignet, Glucklichen vorzustehen; es liegt in der menschlichen Natur, immer mehr von sich und von andern zu fordern, je mehr man empfangen hat. Nur der Ungluckliche, der sich erholt, weiss fur sich und andere das Gefuhl zu nahren, dass auch ein massiges Gute mit Entzucken genossen werden soll."

"Lass mich gegen deinen Vorsatz", sagte Charlotte zuletzt nach einigem Bedenken, "noch einen Einwurf anfuhren, der mir der wichtigste scheint. Es ist nicht von dir, es ist von einem Dritten die Rede. Die Gesinnungen des guten, vernunftigen, frommen Gehulfen sind dir bekannt; auf dem Wege, den du gehst, wirst du ihm jeden Tag werter und unentbehrlicher sein. Da er schon jetzt seinem Gefuhl nach nicht gern ohne dich leben mag, so wird er auch kunftig, wenn er einmal deine Mitwirkung gewohnt ist, ohne dich sein Geschaft nicht mehr verwalten konnen. Du wirst ihm anfangs darin beistehen, um es ihm hernach zu verleiden."

"Das Geschick ist nicht sanft mit mir verfahren," versetzte Ottilie, "und wer mich liebt, hat vielleicht nicht viel Besseres zu erwarten. So gut und verstandig als der Freund ist, ebenso, hoffe ich, wird sich in ihm auch die Empfindung eines reinen Verhaltnisses zu mir entwickeln; er wird in mir eine geweihte Person erblicken, die nur dadurch ein ungeheures Ubel fur sich und andre vielleicht aufzuwiegen vermag, wenn sie sich dem Heiligen widmet, das, uns unsichtbar umgebend, allein gegen die ungeheuren zudringenden Machte beschirmen kann."

Charlotte nahm alles, was das liebe Kind so herzlich geaussert, zur stillen Uberlegung. Sie hatte verschiedentlich, obgleich auf das leiseste, angeforscht, ob nicht eine Annaherung Ottiliens zu Eduard denkbar sei; aber auch nur die leiseste Erwahnung, die mindeste Hoffnung, der kleinste Verdacht schien Ottilien aufs tiefste zu ruhren, ja sie sprach sich einst, da sie es nicht umgehen konnte, hieruber ganz deutlich aus.

"Wenn dein Entschluss," entgegnete ihr Charlotte, "Eduarden zu entsagen, so fest und unveranderlich ist, so hute dich nur vor der Gefahr des Wiedersehens. In der Entfernung von dem geliebten Gegenstande scheinen wir, je lebhafter unsere Neigung ist, desto mehr Herr von uns selbst zu werden, indem wir die ganze Gewalt der Leidenschaft, wie sie sich nach aussen erstreckte, nach innen wenden; aber wie bald, wie geschwind sind wir aus diesem Irrtum gerissen, wenn dasjenige, was wir entbehren zu konnen glaubten, auf einmal wieder als unentbehrlich vor unsern Augen steht. Tue jetzt, was du deinen Zustanden am gemassesten haltst; prufe dich, ja verandre lieber deinen gegenwartigen Entschluss: aber aus dir selbst, aus freiem, wollendem Herzen. Lass dich nicht zufallig, nicht durch Uberraschung in die vorigen Verhaltnisse wieder hineinziehen; dann gibt es erst einen Zwiespalt im Gemut, der unertraglich ist. Wie gesagt, ehe du diesen Schritt tust, ehe du dich von mir entfernst und ein neues Leben anfangst, das dich wer weiss auf welche Wege leitet, so bedenke noch einmal, ob du denn wirklich fur alle Zukunft Eduarden entsagen kannst. Hast du dich aber hierzu bestimmt, so schliessen wir einen Bund, dass du dich mit ihm nicht einlassen willst, selbst nicht in eine Unterredung, wenn er dich aufsuchen, wenn er sich zu dir drangen sollte." Ottilie besann sich nicht einen Augenblick, sie gab Charlotten das Wort, das sie sich schon selbst gegeben hatte.

Nun aber schwebte Charlotten immer noch jene Drohung Eduards vor der Seele, dass er Ottilien nur so lange entsagen konne, als sie sich von Charlotten nicht trennte. Es hatten sich zwar seit der Zeit die Umstande so verandert, es war so mancherlei vorgefallen, dass jenes vom Augenblick ihm abgedrungene Wort gegen die folgenden Ereignisse fur aufgehoben zu achten war; dennoch wollte sie auch im entferntesten Sinne weder etwas wagen noch etwas vornehmen, das ihn verletzen konnte, und so sollte Mittler in diesem Falle Eduards Gesinnungen erforschen.

Mittler hatte seit dem Tode des Kindes Charlotten ofters, obgleich nur auf Augenblicke, besucht. Dieser Unfall, der ihm die Wiedervereinigung beider Gatten hochst unwahrscheinlich machte, wirkte gewaltsam auf ihn; aber immer nach seiner Sinnesweise hoffend und strebend, freute er sich nun im stillen uber den Entschluss Ottiliens. Er vertraute der lindernden, voruberziehenden Zeit, dachte noch immer die beiden Gatten zusammenzuhalten und sah diese leidenschaftlichen Bewegungen nur als Prufungen ehelicher Liebe und Treue an.

Charlotte hatte gleich anfangs den Major von Ottiliens erster Erklarung schriftlich unterrichtet, ihn auf das instandigste gebeten, Eduarden dahin zu vermogen, dass keine weiteren Schritte geschahen, dass man sich ruhig verhalte, dass man abwarte, ob das Gemut des schonen Kindes sich wieder herstelle. Auch von den spatern Ereignissen und Gesinnungen hatte sie das Notige mitgeteilt, und nun war freilich Mittlern die schwierige Aufgabe ubertragen, auf eine Veranderung des Zustandes Eduarden vorzubereiten. Mittler aber, wohl wissend, dass man das Geschehene sich eher gefallen lasst, als dass man in ein noch zu Geschehendes einwilligt, uberredete Charlotten, es sei das beste, Ottilien gleich nach der Pension zu schicken.

Deshalb wurden, sobald er weg war, Anstalten zur Reise gemacht. Ottilie packte zusammen, aber Charlotte sah wohl, dass sie weder das schone Kofferchen noch irgend etwas daraus mitzunehmen sich anschickte. Die Freundin schwieg und liess das schweigende Kind gewahren. Der Tag der Abreise kam herbei; Charlottens Wagen sollte Ottilien den ersten Tag bis in ein bekanntes Nachtquartier, den zweiten bis in die Pension bringen; Nanny sollte sie begleiten und ihre Dienerin bleiben. Das leidenschaftliche Madchen hatte sich gleich nach dem Tode des Kindes wieder an Ottilien zuruckgefunden und hing nun an ihr wie sonst durch Natur und Neigung, ja sie schien durch unterhaltende Redseligkeit das bisher Versaumte wieder nachbringen und sich ihrer geliebten Herrin vollig widmen zu wollen. Ganz ausser sich war sie nun uber das Gluck, mitzureisen, fremde Gegenden zu sehen, da sie noch niemals ausser ihrem Geburtsort gewesen, und rannte vom Schlosse ins Dorf, zu ihren Eltern, Verwandten, um ihr Gluck zu verkundigen und Abschied zu nehmen. Unglucklicherweise traf sie dabei in die Zimmer der Maserkranken und empfand sogleich die Folgen der Ansteckung. Man wollte die Reise nicht aufschieben; Ottilie drang selbst darauf; sie hatte den Weg schon gemacht, sie kannte die Wirtsleute, bei denen sie einkehren sollte; der Kutscher vom Schlosse fuhrte sie; es war nichts zu besorgen.

Charlotte widersetzte sich nicht; auch sie eilte schon in Gedanken aus diesen Umgebungen weg, nur wollte sie noch die Zimmer, die Ottilie im Schloss bewohnt hatte, wieder fur Eduarden einrichten, gerade so wie sie vor der Ankunft des Hauptmanns gewesen. Die Hoffnung, ein altes Gluck wiederherzustellen, flammt immer einmal wieder in dem Menschen auf, und Charlotte war zu solchen Hoffnungen abermals berechtigt, ja genotigt.

Sechzehntes Kapitel

Als Mittler gekommen war, sich mit Eduarden uber die Sache zu unterhalten, fand er ihn allein, den Kopf in die rechte Hand gelehnt, den Arm auf den Tisch gestemmt. Er schien sehr zu leiden. "Plagt Ihr Kopfweh Sie wieder?" fragte Mittler. "Es plagt mich," versetzte jener; "und doch kann ich es nicht hassen, denn es erinnert mich an Ottilien. Vielleicht leidet auch sie jetzt, denk ich, auf ihren linken Arm gestutzt, und leidet wohl mehr als ich. Und warum soll ich es nicht tragen wie sie? Diese Schmerzen sind mir heilsam, sind mir, ich kann beinah sagen, wunschenswert; denn nur machtiger, deutlicher, lebhafter schwebt mir das Bild ihrer Geduld, von allen ihren ubrigen Vorzugen begleitet, vor der Seele, nur im Leiden empfinden wir recht vollkommen alle die grossen Eigenschaften, die notig sind, um es zu ertragen."

Als Mittler den Freund in diesem Grade resigniert fand, hielt er mit seinem Anbringen nicht zuruck, das er jedoch stufenweise, wie der Gedanke bei den Frauen entsprungen, wie er nach und nach zum Vorsatz gereift war, historisch vortrug. Eduard ausserte sich kaum dagegen. Aus dem wenigen, was er sagte, schien hervorzugehen, dass er jenen alles uberlasse; sein gegenwartiger Schmerz schien ihn gegen alles gleichgultig gemacht zu haben.

Kaum war er allein, so stand er auf und ging in dem Zimmer hin und wider. Er fuhlte seinen Schmerz nicht mehr, er war ganz ausser sich beschaftigt. Schon unter Mittlers Erzahlung hatte die Einbildungskraft des Liebenden sich lebhaft ergangen. Er sah Ottilien allein oder so gut als allein auf wohlbekanntem Wege, in einem gewohnten Wirtshause, dessen Zimmer er so oft betreten; er dachte, er uberlegte, oder vielmehr er dachte, er uberlegte nicht; er wunschte, er wollte nur. Er musste sie sehn, sie sprechen. Wozu, warum, was daraus entstehen sollte, davon konnte die Rede nicht sein. Er widerstand nicht, er musste.

Der Kammerdiener ward ins Vertrauen gezogen und erforschte sogleich Tag und Stunde, wann Ottilie reisen wurde. Der Morgen brach an; Eduard saumte nicht, unbegleitet sich zu Pferde dahin zu begeben, wo Ottilie ubernachten sollte. Er kam nur allzuzeitig dort an; die uberraschte Wirtin empfing ihn mit Freuden; sie war ihm ein grosses Familiengluck schuldig geworden. Er hatte ihrem Sohn, der als Soldat sich sehr brav gehalten, ein Ehrenzeichen verschafft, indem er dessen Tat, wobei er allein gegenwartig gewesen, heraushob, mit Eifer bis vor den Feldherrn brachte und die Hindernisse einiger Misswollenden uberwand. Sie wusste nicht, was sie ihm alles zuliebe tun sollte. Sie raumte schnell in ihrer Putzstube, die freilich auch zugleich Garderobe und Vorratskammer war, moglichst zusammen; allein er kundigte ihr die Ankunft eines Frauenzimmers an, die hier hereinziehen sollte, und liess fur sich eine Kammer hinten auf dem Gange notdurftig einrichten. Der Wirtin erschien die Sache geheimnisvoll, und es war ihr angenehm, ihrem Gonner, der sich dabei sehr interessiert und tatig zeigte, etwas Gefalliges zu erweisen. Und er, mit welcher Empfindung brachte er die lange, lange Zeit bis zum Abend hin! Er betrachtete das Zimmer ringsumher, in dem er sie sehen sollte; es schien ihm in seiner ganzen hauslichen Seltsamkeit ein himmlischer Aufenthalt. Was dachte er sich nicht alles aus, ob er Ottilien uberraschen, ob er sie vorbereiten sollte! Endlich gewann die letztere Meinung Oberhand; er setzte sich hin und schrieb. Dies Blatt sollte sie empfangen.

Eduard an Ottilien

"Indem du diesen Brief liesest, Geliebteste, bin ich in deiner Nahe. Du musst nicht erschrecken, dich nicht entsetzen; du hast von mir nichts zu befurchten. Ich werde mich nicht zu dir drangen. Du siehst mich nicht eher, als du es erlaubst. Bedenke vorher deine Lage, die meinige. Wie sehr danke ich dir, dass du keinen entscheidenden Schritt zu tun vorhast; aber bedeutend genug ist er. Tu ihn nicht! Hier, auf einer Art von Scheideweg, uberlege nochmals: Kannst du mein sein, willst du mein sein? O du erzeigst uns allen eine grosse Wohltat und mir eine uberschwengliche.

Lass mich dich wiedersehen, dich mit Freuden wiedersehen. Lass mich die schone Frage mundlich tun und beantworte sie mir mit deinem schonen Selbst. An meine Brust, Ottilie! hieher, wo du manchmal geruht hast und wo du immer hingehorst!" Indem er schrieb, ergriff ihn das Gefuhl, sein Hochstersehntes nahe sich, es werde nun gleich gegenwartig sein. Zu dieser Ture wird sie hereintreten, diesen Brief wird sie lesen, wirklich wird sie wie sonst vor mir dastehen, deren Erscheinung ich mir so oft herbeisehnte. Wird sie noch dieselbe sein? Hat sich ihre Gestalt, haben sich ihre Gesinnungen verandert? Er hielt die Feder noch in der Hand, er wollte schreiben, wie er dachte; aber der Wagen rollte in den Hof. Mit fluchtiger Feder setzte er noch hinzu: "Ich hore dich kommen. Auf einen Augenblick leb wohl!"

Er faltete den Brief, uberschrieb ihn; zum Siegeln war es zu spat. Er sprang in die Kammer, durch die er nachher auf den Gang zu gelangen wusste, und augenblicks fiel ihm ein, dass er die Uhr mit dem Petschaft noch auf dem Tisch gelassen. Sie sollte diese nicht zuerst sehen; er sprang zuruck und holte sie glucklich weg. Vom Vorsaal her vernahm er schon die Wirtin, die auf das Zimmer losging, um es dem Gast anzuweisen. Er eilte gegen die Kammertur, aber sie war zugefahren. Den Schlussel hatte er beim Hineinspringen heruntergeworfen, der lag inwendig; das Schloss war zugeschnappt, und er stund gebannt. Heftig drangte er an der Ture; sie gab nicht nach. O wie hatte er gewunscht, als ein Geist durch die Spalten zu schlupfen! Vergebens! Er verbarg sein Gesicht an den Turpfosten. Ottilie trat herein, die Wirtin, als sie ihn erblickte, zuruck. Auch Ottilien konnte er nicht einen Augenblick verborgen bleiben. Er wendete sich gegen sie, und so standen die Liebenden abermals auf die seltsamste Weise gegeneinander. Sie sah ihn ruhig und ernsthaft an, ohne vor oder zuruckzugehen, und als er eine Bewegung machte, sich ihr zu nahern, trat sie einige Schritte zuruck bis an den Tisch. Auch er trat wieder zuruck. "Ottilie," rief er aus, "lass mich das furchtbare Schweigen brechen! Sind wir nur Schatten, die einander gegenuberstehen? Aber vor allen Dingen hore! es ist ein Zufall, dass du mich gleich jetzt hier findest. Neben dir liegt ein Brief, der dich vorbereiten sollte. Lies, ich bitte dich, lies ihn! und dann beschliesse, was du kannst."

Sie blickte herab auf den Brief, und nach einigem Besinnen nahm sie ihn auf, erbrach und las ihn. Ohne die Miene zu verandern, hatte sie ihn gelesen, und so legte sie ihn leise weg; dann druckte sie die flachen, in die Hohe gehobenen Hande zusammen, fuhrte sie gegen die Brust, indem sie sich nur wenig vorwarts neigte, und sah den dringend Fordernden mit einem solchen Blick an, dass er von allem abzustehen genotigt war, was er verlangen oder wunschen mochte. Diese Bewegung zerriss ihm das Herz. Er konnte den Anblick, er konnte die Stellung Ottiliens nicht ertragen. Es sah vollig aus, als wurde sie in die Kniee sinken, wenn er beharrte. Er eilte verzweifelnd zur Tur hinaus und schickte die Wirtin zu der Einsamen.

Er ging auf dem Vorsaal auf und ab. Es war Nacht geworden, im Zimmer blieb es stille. Endlich trat die Wirtin heraus und zog den Schlussel ab. Die gute Frau war geruhrt, war verlegen, sie wusste nicht, was sie tun sollte. Zuletzt im Weggehen bot sie den Schlussel Eduarden an, der ihn ablehnte. Sie liess das Licht stehen und entfernte sich.

Eduard im tiefsten Kummer warf sich auf Ottiliens Schwelle, die er mit seinen Tranen benetzte. Jammervoller brachten kaum jemals in solcher Nahe Liebende eine Nacht zu.

Der Tag brach an; der Kutscher trieb, die Wirtin schloss auf und trat in das Zimmer. Sie fand Ottilien angekleidet eingeschlafen, sie ging zuruck und winkte Eduarden mit einem teilnehmenden Lacheln. Beide traten vor die Schlafende; aber auch diesen Anblick vermochte Eduard nicht auszuhalten. Die Wirtin wagte nicht, das ruhende Kind zu wecken, sie setzte sich gegenuber. Endlich schlug Ottilie die schonen Augen auf und richtete sich auf ihre Fusse. Sie lehnt das Fruhstuck ab, und nun tritt Eduard vor sie. Er bittet sie instandig, nur ein Wort zu reden, ihren Willen zu erklaren. Er wolle allen ihren Willen, schwort er; aber sie schweigt. Nochmals fragt er sie liebevoll und dringend, ob sie ihm angehoren wolle. Wie lieblich bewegt sie mit niedergeschlagenen Augen ihr Haupt zu einem sanften Nein! Er fragt, ob sie nach der Pension wolle. Gleichgultig verneint sie das. Aber als er fragt, ob er sie zu Charlotten zuruckfuhren durfe, bejaht sies mit einem getrosten Neigen des Hauptes. Er eilt ans Fenster, dem Kutscher Befehle zu geben; aber hinter ihm weg ist sie wie der Blitz zur Stube hinaus, die Treppe hinab in dem Wagen. Der Kutscher nimmt den Weg nach dem Schlosse zuruck; Eduard folgt zu Pferde in einiger Entfernung.

Siebzehntes Kapitel

Wie hochst uberrascht war Charlotte, als sie Ottilien vorfahren und Eduarden zu Pferde sogleich in den Schlosshof hereinsprengen sah! Sie eilte bis zur Turschwelle. Ottilie steigt aus und nahert sich mit Eduarden. Mit Eifer und Gewalt fasst sie die Hande beider Ehegatten, druckt sie zusammen und eilt auf ihr Zimmer. Eduard wirft sich Charlotten um den Hals und zerfliesst in Tranen; er kann sich nicht erklaren, bittet, Geduld mit ihm zu haben, Ottilien beizustehen, ihr zu helfen. Charlotte eilt auf Ottiliens Zimmer, und ihr schaudert, da sie hineintritt; es war schon ganz ausgeraumt, nur die leeren Wande standen da. Es erschien so weitlaufig als unerfreulich. Man hatte alles weggetragen, nur das Kofferchen, unschlussig, wo man es hinstellen sollte, in der Mitte des Zimmers stehengelassen. Ottilie lag auf dem Boden, Arm und Haupt uber den Koffer gestreckt. Charlotte bemuht sich um sie, fragt, was vorgegangen, und erhalt keine Antwort.

Sie lasst ihr Madchen, das mit Erquickungen kommt, bei Ottilien und eilt zu Eduarden. Sie findet ihn im Saal; auch er belehrt sie nicht. Er wirft sich vor ihr nieder, er badet ihre Hande in Tranen, er flieht auf sein Zimmer, und als sie ihm nachfolgen will, begegnet ihr der Kammerdiener, der sie aufklart, soweit er vermag. Das ubrige denkt sie sich zusammen und dann sogleich mit Entschlossenheit an das, was der Augenblick fordert. Ottiliens Zimmer ist aufs baldigste wieder eingerichtet. Eduard hat die seinigen angetroffen, bis auf das letzte Papier, wie er sie verlassen.

Die dreie scheinen sich wieder gegeneinander zu finden, aber Ottilie fahrt fort zu schweigen, und Eduard vermag nichts, als seine Gattin um Geduld zu bitten, die ihm selbst zu fehlen scheint. Charlotte sendet Boten an Mittlern und an den Major. Jener war nicht anzutreffen, dieser kommt. Gegen ihn schuttet Eduard sein Herz aus, ihm gesteht er jeden kleinsten Umstand, und so erfahrt Charlotte, was begegnet, was die Lage so sonderbar verandert, was die Gemuter aufgeregt.

Sie spricht aufs liebevollste mit ihrem Gemahl. Sie weiss keine andere Bitte zu tun als nur, dass man das Kind gegenwartig nicht besturmen moge. Eduard fuhlt den Wert, die Liebe, die Vernunft seiner Gattin; aber seine Neigung beherrscht ihn ausschliesslich. Charlotte macht ihm Hoffnung, verspricht ihm, in die Scheidung zu willigen. Er traut nicht; er ist so krank, dass ihn Hoffnung und Glaube abwechselnd verlassen; er dringt in Charlotten, sie soll dem Major ihre Hand zusagen; eine Art von wahnsinnigem Unmut hat ihn ergriffen. Charlotte, ihn zu besanftigen, ihn zu erhalten, tut, was er fordert. Sie sagt dem Major ihre Hand zu auf den Fall, dass Ottilie sich mit Eduarden verbinden wolle, jedoch unter ausdrucklicher Bedingung, dass die beiden Manner fur den Augenblick zusammen eine Reise machen. Der Major hat fur seinen Hof ein auswartiges Geschaft, und Eduard verspricht, ihn zu begleiten. Man macht Anstalten, und man beruhigt sich einigermassen, indem wenigstens etwas geschieht.

Unterdessen kann man bemerken, dass Ottilie kaum Speise noch Trank zu sich nimmt, indem sie immerfort bei ihrem Schweigen verharrt. Man redet ihr zu, sie wird angstlich; man unterlasst es. Denn haben wir nicht meistenteils die Schwache, dass wir jemanden auch zu seinem Besten nicht gern qualen mogen? Charlotte sann alle Mittel durch, endlich geriet sie auf den Gedanken, jenen Gehulfen aus der Pension kommen zu lassen, der uber Ottilien viel vermochte, der wegen ihres unvermuteten Aussenbleibens sich sehr freundlich geaussert, aber keine Antwort erhalten hatte.

Man spricht, um Ottilien nicht zu uberraschen, von diesem Vorsatz in ihrer Gegenwart. Sie scheint nicht einzustimmen; sie bedenkt sich; endlich scheint ein Entschluss in ihr zu reifen, sie eilt nach ihrem Zimmer und sendet noch vor Abend an die Versammelten folgendes Schreiben.

Ottilie den Freunden

"Warum soll ich ausdrucklich sagen, meine Geliebten, was sich von selbst versteht? Ich bin aus meiner Bahn geschritten, und ich soll nicht wieder hinein. Ein feindseliger Damon, der Macht uber mich gewonnen, scheint mich von aussen zu hindern, hatte ich mich auch mit mir selbst wieder zur Einigkeit gefunden.

Ganz rein war mein Vorsatz, Eduarden zu entsagen, mich von ihm zu entfernen. Ihm hofft ich nicht wieder zu begegnen. Es ist anders geworden; er stand selbst gegen seinen eigenen Willen vor mir. Mein Versprechen, mich mit ihm in keine Unterredung einzulassen, habe ich vielleicht zu buchstablich genommen und gedeutet. Nach Gefuhl und Gewissen des Augenblicks schwieg ich, verstummt ich vor dem Freunde, und nun habe ich nichts mehr zu sagen. Ein strenges Ordensgelubde, welches den, der es mit Uberlegung eingeht, vielleicht unbequem angstiget, habe ich zufallig, vom Gefuhl gedrungen, uber mich genommen. Lasst mich darin beharren, solange mir das Herz gebietet. Beruft keine Mittelsperson! Dringt nicht in mich, dass ich reden, dass ich mehr Speise und Trank geniessen soll, als ich hochstens bedarf. Helft mir durch Nachsicht und Geduld uber diese Zeit hinweg. Ich bin jung, die Jugend stellt sich unversehens wieder her. Duldet mich in eurer Gegenwart, erfreut mich durch eure Liebe, belehrt mich durch eure Unterhaltung; aber mein Innres uberlasst mir selbst!" Die langst vorbereitete Abreise der Manner unterblieb, weil jenes auswartige Geschaft des Majors sich verzogerte. Wie erwunscht fur Eduard! Nun durch Ottiliens Blatt aufs neue angeregt, durch ihre trostvollen, hoffnunggebenden Worte wieder ermutigt und zu standhaftem Ausharren berechtigt, erklarte er auf einmal, er werde sich nicht entfernen. "Wie toricht," rief er aus, "das Unentbehrlichste, Notwendigste vorsatzlich, voreilig wegzuwerfen, das, wenn uns auch der Verlust bedroht, vielleicht noch zu erhalten ware! Und was soll es heissen? Doch nur, dass der Mensch ja scheine, wollen, wahlen zu konnen. So habe ich oft, beherrscht von solchem albernen Dunkel, Stunden, ja Tage zu fruh mich von Freunden losgerissen, um nur nicht von dem letzten, unausweichlichen Termin entschieden gezwungen zu werden. Diesmal aber will ich bleiben. Warum soll ich mich entfernen? Ist sie nicht schon von mir entfernt? Es fallt mir nicht ein, ihre Hand zu fassen, sie an mein Herz zu drucken; sogar darf ich es nicht denken, es schaudert mir. Sie hat sich nicht von mir weg, sie hat sich uber mich weg gehoben."

Und so blieb er, wie er wollte, wie er musste. Aber auch dem Behagen glich nichts, wenn er sich mit ihr zusammenfand. Und so war auch ihr dieselbe Empfindung geblieben; auch sie konnte sich dieser seligen Notwendigkeit nicht entziehen. Nach wie vor ubten sie eine unbeschreibliche, fast magische Anziehungskraft gegeneinander aus. Sie wohnten unter Einem Dache; aber selbst ohne gerade aneinander zu denken, mit andern Dingen beschaftigt, von der Gesellschaft hin und her gezogen, naherten sie sich einander. Fanden sie sich in Einem Saale, so dauerte es nicht lange, und sie standen, sie sassen nebeneinander. Nur die nachste Nahe konnte sie beruhigen, aber auch vollig beruhigen, und diese Nahe war genug; nicht eines Blickes, nicht eines Wortes, keiner Gebarde, keiner Beruhrung bedurfte es, nur des reinen Zusammenseins. Dann waren es nicht zwei Menschen, es war nur Ein Mensch im bewusstlosen, vollkommnen Behagen, mit sich selbst zufrieden und mit der Welt. Ja, hatte man eins von beiden am letzten Ende der Wohnung festgehalten, das andere hatte sich nach und nach von selbst, ohne Vorsatz, zu ihm hinbewegt. Das Leben war ihnen ein Ratsel, dessen Auflosung sie nur miteinander fanden.

Ottilie war durchaus heiter und gelassen, so dass man sich uber sie vollig beruhigen konnte. Sie entfernte sich wenig aus der Gesellschaft, nur hatte sie es erlangt, allein zu speisen. Niemand als Nanny bediente sie.

Was einem jeden Menschen gewohnlich begegnet, wiederholt sich mehr, als man glaubt, weil seine Natur hiezu die nachste Bestimmung gibt. Charakter, Individualitat, Neigung, Richtung, Ortlichkeit, Umgebungen und Gewohnheiten bilden zusammen ein Ganzes, in welchem jeder Mensch wie in einem Elemente, in einer Atmosphare schwimmt, worin es ihm allein bequem und behaglich ist. Und so finden wir die Menschen, uber deren Veranderlichkeit so viele Klage gefuhrt wird, nach vielen Jahren zu unserm Erstaunen unverandert und nach aussern und innern unendlichen Anregungen unveranderlich.

So bewegte sich auch in dem taglichen Zusammenleben unserer Freunde fast alles wieder in dem alten Gleise. Noch immer ausserte Ottilie stillschweigend durch manche Gefalligkeit ihr zuvorkommendes Wesen, und so jedes nach seiner Art. Auf diese Weise zeigte sich der hausliche Zirkel als ein Scheinbild des vorigen Lebens, und der Wahn, als ob noch alles beim alten sei, war verzeihlich.

Die herbstlichen Tage, an Lange jenen Fruhlingstagen gleich, riefen die Gesellschaft um eben die Stunde aus dem Freien ins Haus zuruck. Der Schmuck an Fruchten und Blumen, der dieser Zeit eigen ist, liess glauben, als wenn es der Herbst jenes ersten Fruhlings ware; die Zwischenzeit war ins Vergessen gefallen. Denn nun bluhten die Blumen, dergleichen man in jenen ersten Tagen auch gesaet hatte; nun reiften Fruchte an den Baumen, die man damals bluhen gesehen.

Der Major ging ab und zu; auch Mittler liess sich ofter sehen. Die Abendsitzungen waren meistens regelmassig. Eduard las gewohnlich, lebhafter, gefuhlvoller, besser, ja sogar heiterer, wenn man will, als jemals. Es war, als wenn er, so gut durch Frohlichkeit als durch Gefuhl, Ottiliens Erstarren wieder beleben, ihr Schweigen wieder auflosen wollte. Er setzte sich wie vormals, dass sie ihm ins Buch sehen konnte, ja er ward unruhig, zerstreut, wenn sie nicht hineinsah, wenn er nicht gewiss war, dass sie seinen Worten mit ihren Augen folgte.

Jedes unerfreuliche, unbequeme Gefuhl der mittleren Zeit war ausgeloscht. Keines trug mehr dem andern etwas nach; jede Art von Bitterkeit war verschwunden. Der Major begleitete mit der Violine das Klavierspiel Charlottens, so wie Eduards Flote mit Ottiliens Behandlung des Saiteninstruments wieder wie vormals zusammentraf. So ruckte man dem Geburtstage Eduards naher, dessen Feier man vor einem Jahre nicht erreicht hatte. Er sollte ohne Festlichkeit in stillem, freundlichem Behagen diesmal gefeiert werden. So war man, halb stillschweigend halb ausdrucklich, miteinander ubereingekommen. Doch je naher diese Epoche heranruckte, vermehrte sich das Feierliche in Ottiliens Wesen, das man bisher mehr empfunden als bemerkt hatte. Sie schien im Garten oft die Blumen zu mustern; sie hatte dem Gartner angedeutet, die Sommergewachse aller Art zu schonen, und sich besonders bei den Astern aufgehalten, die gerade dieses Jahr in unmassiger Menge bluhten.

Achtzehntes Kapitel

Das Bedeutendste jedoch, was die Freunde mit stiller Aufmerksamkeit beobachteten, war, dass Ottilie den Koffer zum erstenmal ausgepackt und daraus verschiedenes gewahlt und abgeschnitten hatte, was zu einem einzigen, aber ganzen und vollen Anzug hinreichte. Als sie das ubrige mit Beihulfe Nannys wieder einpacken wollte, konnte sie kaum damit zustande kommen; der Raum war ubervoll, obgleich schon ein Teil herausgenommen war. Das junge habgierige Madchen konnte sich nicht satt sehen, besonders da sie auch fur alle kleineren Stucke des Anzugs gesorgt fand. Schuhe, Strumpfe, Strumpfbander mit Devisen, Handschuhe und so manches andere war noch ubrig. Sie bat Ottilien, ihr nur etwas davon zu schenken. Diese verweigerte es, zog aber sogleich die Schublade einer Kommode heraus und liess das Kind wahlen, das hastig und ungeschickt zugriff und mit der Beute gleich davonlief, um den ubrigen Hausgenossen ihr Gluck zu verkunden und vorzuzeigen.

Zuletzt gelang es Ottilien, alles sorgfaltig wieder einzuschichten; sie offnete hierauf ein verborgenes Fach, das im Deckel angebracht war. Dort hatte sie kleine Zettelchen und Briefe Eduards, mancherlei aufgetrocknete Blumenerinnerungen fruherer Spaziergange, eine Locke ihres Geliebten und was sonst noch verborgen. Noch eins fugte sie hinzu es war das Portrat ihres Vaters- und verschloss das Ganze, worauf sie den zarten Schlussel an dem goldnen Kettchen wieder um den Hals an ihre Brust hing.

Mancherlei Hoffnungen waren indes in dem Herzen der Freunde rege geworden. Charlotte war uberzeugt, Ottilie werde auf jenen Tag wieder zu sprechen anfangen; denn sie hatte bisher eine heimliche Geschaftigkeit bewiesen, eine Art von heiterer Selbstzufriedenheit, ein Lacheln, wie es demjenigen auf dem Gesichte schwebt, der Geliebten etwas Gutes und Erfreuliches verbirgt. Niemand wusste, dass Ottilie gar manche Stunde in grosser Schwachheit hinbrachte, aus der sie sich nur fur die Zeiten, wo sie erschien, durch Geisteskraft emporhielt.

Mittler hatte sich diese Zeit ofters sehen lassen und war langer geblieben als sonst gewohnlich. Der hartnackige Mann wusste nur zu wohl, dass es einen gewissen Moment gibt, wo allein das Eisen zu schmieden ist. Ottiliens Schweigen sowie ihre Weigerung legte er zu seinen Gunsten aus. Es war bisher kein Schritt zu Scheidung der Gatten geschehen; er hoffte das Schicksal des guten Madchens auf irgendeine andere gunstige Weise zu bestimmen; er horchte, er gab nach, er gab zu verstehen und fuhrte sich nach seiner Weise klug genug auf.

Allein uberwaltigt war er stets, sobald er Anlass fand, sein Rasonnement uber Materien zu aussern, denen er eine grosse Wichtigkeit beilegte. Er lebte viel in sich, und wenn er mit andern war, so verhielt er sich gewohnlich nur handelnd gegen sie. Brach nun einmal unter Freunden seine Rede los, wie wir schon ofter gesehen haben, so rollte sie ohne Rucksicht fort, verletzte oder heilte, nutzte oder schadete, wie es sich gerade fugen mochte.

Den Abend vor Eduards Geburtstage sassen Charlotte und der Major Eduarden, der ausgeritten war, erwartend beisammen; Mittler ging im Zimmer auf und ab; Ottilie war auf dem ihrigen geblieben, den morgenden Schmuck auseinanderlegend und ihrem Madchen manches andeutend, welches sie vollkommen verstand und die stummen Anordnungen geschickt befolgte.

Mittler war gerade auf eine seiner Lieblingsmaterien gekommen. Er pflegte gern zu behaupten, dass sowohl bei der Erziehung der Kinder als bei der Leitung der Volker nichts ungeschickter und barbarischer sei als Verbote, als verbietende Gesetze und Anordnungen. "Der Mensch ist von Hause aus tatig," sagte er; "und wenn man ihm zu gebieten versteht, so fahrt er gleich dahinter her, handelt und richtet aus. Ich fur meine Person mag lieber in meinem Kreise Fehler und Gebrechen so lange dulden, bis ich die entgegengesetzte Tugend gebieten kann, als dass ich den Fehler los wurde und nichts Rechtes an seiner Stelle sahe. Der Mensch tut recht gern das Gute, das Zweckmassige, wenn er nur dazu kommen kann; er tut es, damit er was zu tun hat, und sinnt daruber nicht weiter nach als uber alberne Streiche, die er aus Mussiggang und langer Weile vornimmt.

Wie verdriesslich ist mirs oft, mit anzuhoren, wie man die Zehn Gebote in der Kinderlehre wiederholen lasst. Das vierte ist noch ein ganz hubsches, vernunftiges, gebietendes Gebot. 'Du sollst Vater und Mutter ehren.' Wenn sich das die Kinder recht in den Sinn schreiben, so haben sie den ganzen Tag daran auszuuben. Nun aber das funfte, was soll man dazu sagen? 'Du sollst nicht toten.' Als wenn irgendein Mensch im mindesten Lust hatte, den andern totzuschlagen! Man hasst einen, man erzurnt sich, man ubereilt sich, und in Gefolg von dem und manchem andern kann es wohl kommen, dass man gelegentlich einen totschlagt. Aber ist es nicht eine barbarische Anstalt, den Kindern Mord und Totschlag zu verbieten? Wenn es hiesse: 'Sorge fur des andern Leben, entferne, was ihm schadlich sein kann, rette ihn mit deiner eigenen Gefahr; wenn du ihn beschadigst, denke, dass du dich selbst beschadigst': das sind Gebote, wie sie unter gebildeten, vernunftigen Volkern statthaben und die man bei der Katechismuslehre nur kummerlich in dem 'Was ist das?' nachschleppt.

Und nun gar das sechste, das finde ich ganz abscheulich! Was? Die Neugierde vorahnender Kinder auf gefahrliche Mysterien reizen, ihre Einbildungskraft zu wunderlichen Bildern und Vorstellungen aufregen, die gerade das, was man entfernen will, mit Gewalt heranbringen! Weit besser ware es, dass dergleichen von einem heimlichen Gericht willkurlich bestraft wurde, als dass man vor Kirch und Gemeinde davon plappern lasst."

In dem Augenblick trat Ottilie herein. "'Du sollst nicht ehebrechen'," fuhr Mittler fort. "Wie grob, wie unanstandig! Klange es nicht ganz anders, wenn es hiesse: 'Du sollst Ehrfurcht haben vor der ehelichen Verbindung; wo du Gatten siehst, die sich lieben, sollst du dich daruber freuen und teil daran nehmen wie an dem Gluck eines heitern Tages. Sollte sich irgend in ihrem Verhaltnis etwas truben, so sollst du suchen, es aufzuklaren; du sollst suchen, sie zu begutigen, sie zu besanftigen, ihnen ihre wechselseitigen Vorteile deutlich zu machen, und mit schoner Uneigennutzigkeit das Wohl der andern fordern, indem du ihnen fuhlbar machst, was fur ein Gluck aus jeder Pflicht und besonders aus dieser entspringt, welche Mann und Weib unaufloslich verbindet'?"

Charlotte sass wie auf Kohlen, und der Zustand war ihr um so angstlicher, als sie uberzeugt war, dass Mittler nicht wusste, was und wo ers sagte, und ehe sie ihn noch unterbrechen konnte, sah sie schon Ottilien, deren Gestalt sich verwandelt hatte, aus dem Zimmer gehen.

"Sie erlassen uns wohl das siebente Gebot," sagte Charlotte mit erzwungenem Lacheln. "Alle die ubrigen," versetzte Mittler, "wenn ich nur das rette, worauf die andern beruhen."

Mit entsetzlichem Schrei hereinsturzend rief Nanny: " Sie stirbt! Das Fraulein stirbt! Kommen Sie! Kommen Sie!"

Als Ottilie nach ihrem Zimmer schwankend zuruckgekommen war, lag der morgende Schmuck auf mehreren Stuhlen vollig ausgebreitet, und das Madchen, das betrachtend und bewundernd daran hin und her ging, rief jubelnd aus: "Sehen Sie nur, liebstes Fraulein, das ist ein Brautschmuck, ganz Ihrer wert!"

Ottilie vernahm diese Worte und sank auf den Sofa. Nanny sieht ihre Herrin erblassen, erstarren; sie lauft zu Charlotten; man kommt. Der arztliche Hausfreund eilt herbei; es scheint ihm nur eine Erschopfung. Er lasst etwas Kraftbruhe bringen; Ottilie weist sie mit Abscheu weg, ja sie fallt fast in Zuckungen, als man die Tasse dem Munde nahert. Er fragt mit Ernst und Hast, wie es ihm der Umstand eingab, was Ottilie heute genossen habe. Das Madchen stockt; er wiederholt seine Frage; das Madchen bekennt, Ottilie habe nichts genossen.

Nanny scheint ihm angstlicher als billig. Er reisst sie in ein Nebenzimmer, Charlotte folgt, das Madchen wirft sich auf die Kniee, sie gesteht, dass Ottilie schon lange so gut wie nichts geniesse. Auf Andringen Ottiliens habe sie die Speisen an ihrer Statt genossen; verschwiegen habe sie es wegen bittender und drohender Gebarden ihrer Gebieterin, und auch, setzte sie unschuldig hinzu, weil es ihr gar so gut geschmeckt.

Der Major und Mittler kamen heran; sie fanden Charlotten tatig in Gesellschaft des Arztes. Das bleiche himmlische Kind sass, sich selbst bewusst, wie es schien, in der Ecke des Sofas. Man bittet sie, sich niederzulegen; sie verweigerts, winkt aber, dass man das Kofferchen herbeibringe. Sie setzt ihre Fusse darauf und findet sich in einer halb liegenden, bequemen Stellung. Sie scheint Abschied nehmen zu wollen, ihre Gebarden drucken den Umstehenden die zarteste Anhanglichkeit aus, Liebe, Dankbarkeit, Abbitte und das herzlichste Lebewohl.

Eduard, der vom Pferde steigt, vernimmt den Zustand, er sturzt in das Zimmer, er wirft sich an ihre Seite nieder, fasst ihre Hand und uberschwemmt sie mit stummen Tranen. So bleibt er lange. Endlich ruft er aus: " Soll ich deine Stimme nicht wieder horen? Wirst du nicht mit einem Wort fur mich ins Leben zuruckkehren? Gut, gut! ich folge dir hinuber; da werden wir mit andern Sprachen reden!"

Sie druckt ihm kraftig die Hand, sie blickt ihn lebevoll und liebevoll an, und nach einem tiefen Atemzug, nach einer himmlischen, stummen Bewegung der Lippen: "Versprich mir zu leben!" ruft sie aus, mit holder, zartlicher Anstrengung; doch gleich sinkt sie zuruck. "Ich versprech es!" rief er ihr entgegen, doch rief er es ihr nur nach; sie war schon abgeschieden.

Nach einer tranenvollen Nacht fiel die Sorge, die geliebten Reste zu bestatten, Charlotten anheim. Der Major und Mittler standen ihr bei. Eduards Zustand war zu bejammern. Wie er sich aus seiner Verzweiflung nur hervorheben und einigermassen besinnen konnte, bestand er darauf, Ottilie sollte nicht aus dem Schlosse gebracht, sie sollte gewartet, gepflegt, als eine Lebende behandelt werden; denn sie sei nicht tot, sie konne nicht tot sein. Man tat ihm seinen Willen, insofern man wenigstens das unterliess, was er verboten hatte. Er verlangte nicht, sie zu sehen.

Noch ein anderer Schreck ergriff, noch eine andere Sorge beschaftigte die Freunde. Nanny, von dem Arzt heftig gescholten, durch Drohungen zum Bekenntnis genotigt und nach dem Bekenntnis mit Vorwurfen uberhauft, war entflohen. Nach langem Suchen fand man sie wieder, sie schien ausser sich zu sein. Ihre Eltern nahmen sie zu sich. Die beste Begegnung schien nicht anzuschlagen, man musste sie einsperren, weil sie wieder zu entfliehen drohte.

Stufenweise gelang es, Eduarden der heftigsten Verzweiflung zu entreissen, aber nur zu seinem Ungluck; denn es ward ihm deutlich, es ward ihm gewiss, dass er das Gluck seines Lebens fur immer verloren habe. Man wagte es ihm vorzustellen, dass Ottilie, in jener Kapelle beigesetzt, noch immer unter den Lebendigen bleiben und einer freundlichen, stillen Wohnung nicht entbehren wurde. Es fiel schwer, seine Einwilligung zu erhalten, und nur unter der Bedingung, dass sie im offenen Sarge hinausgetragen und in dem Gewolbe allenfalls nur mit einem Glasdeckel zugedeckt und eine immerbrennende Lampe gestiftet werden sollte, liess er sichs zuletzt gefallen und schien sich in alles ergeben zu haben.

Man kleidete den holden Korper in jenen Schmuck, den sie sich selbst vorbereitet hatte; man setzte ihr einen Kranz von Asterblumen auf das Haupt, die wie traurige Gestirne ahnungsvoll glanzten. Die Bahre, die Kirche, die Kapelle zu schmucken, wurden alle Garten ihres Schmucks beraubt. Sie lagen verodet, als wenn bereits der Winter alle Freude aus den Beeten weggetilgt hatte. Beim fruhsten Morgen wurde sie im offnen Sarge aus dem Schloss getragen, und die aufgehende Sonne rotete nochmals das himmlische Gesicht. Die Begleitenden drangten sich um die Trager, niemand wollte vorausgehn, niemand folgen, jedermann sie umgeben, jedermann noch zum letztenmale ihre Gegenwart geniessen. Knaben, Manner und Frauen, keins blieb ungeruhrt. Untrostlich waren die Madchen, die ihren Verlust am unmittelbarsten empfanden.

Nanny fehlte. Man hatte sie zuruckgehalten, oder vielmehr man hatte ihr den Tag und die Stunde des Begrabnisses verheimlicht. Man bewachte sie bei ihren Eltern in einer Kammer, die nach dem Garten ging. Als sie aber die Glocken lauten horte, ward sie nur allzubald inne, was vorging, und da ihre Wachterin aus Neugierde, den Zug zu sehen, sie verliess, entkam sie zum Fenster hinaus auf einen Gang und von da, weil sie alle Turen verschlossen fand, auf den Oberboden.

Eben schwankte der Zug den reinlichen, mit Blattern bestreuten Weg durchs Dorf hin. Nanny sah ihre Gebieterin deutlich unter sich, deutlicher, vollstandiger, schoner als alle, die dem Zuge folgten. Uberirdisch, wie auf Wolken oder Wogen getragen, schien sie ihrer Dienerin zu winken, und diese, verworren, schwankend, taumelnd, sturzte hinab.

Auseinander fahr die Menge mit einem entsetzlichen Schrei nach allen Seiten. Vom Drangen und Getummel waren die Trager genotigt, die Bahre niederzusetzen. Das Kind lag ganz nahe daran; es schien an allen Gliedern zerschmettert. Man hob es auf, und zufallig oder aus besonderer Fugung lehnte man es uber die Leiche, ja es schien selbst noch mit dem letzten Lebensrest seine geliebte Herrin erreichen zu wollen. Kaum aber hatten ihre schlotternden Glieder Ottiliens Gewand, ihre kraftlosen Finger Ottiliens gefaltete Hande beruhrt, als das Madchen aufsprang, Arme und Augen zuerst gen Himmel erhob, dann auf die Kniee vor dem Sarge niedersturzte und andachtig entzuckt zu der Herrin hinaufstaunte.

Endlich sprang sie wie begeistert auf und rief mit heiliger Freude: "Ja, sie hat mir vergeben! Was mir kein Mensch, was ich mir selbst nicht vergeben konnte, vergibt mir Gott durch ihren Blick, ihre Gebarde, ihren Mund. Nun ruht sie wieder so still und sanft; aber ihr habt gesehen, wie sie sich aufrichtete und mit entfalteten Handen mich segnete, wie sie mich freundlich anblickte! Ihr habt es alle gehort, ihr seid Zeugen, dass sie zu mir sagte: 'Dir ist vergeben!' Ich bin nun keine Morderin mehr unter euch, sie hat mir verziehen, Gott hat mir verziehen, und niemand kann mir mehr etwas anhaben."

Umhergedrangt stand die Menge; sie waren erstaunt, sie horchten und sahen hin und wider, und kaum wusste jemand, was er beginnen sollte. "Tragt sie nun zur Ruhe!" sagte das Madchen; "sie hat das Ihrige getan und gelitten und kann nicht mehr unter uns wohnen." Die Bahre bewegte sich weiter, Nanny folgte zuerst, und man gelangte zur Kirche, zur Kapelle.

So stand nun der Sarg Ottiliens, zu ihren Haupten der Sarg des Kindes, zu ihren Fussen das Kofferchen, in ein starkes eichenes Behaltnis eingeschlossen. Man hatte fur eine Wachterin gesorgt, welche in der ersten Zeit des Leichnams wahrnehmen sollte, der unter seiner Glasdecke gar liebenswurdig dalag. Aber Nanny wollte sich dieses Amt nicht nehmen lassen; sie wollte allein, ohne Gesellin bleiben und der zum erstenmal angezundeten Lampe fleissig warten. Sie verlangte dies so eifrig und hartnackig, dass man ihr nachgab, um ein grosseres Gemutsubel, das sich befurchten liess, zu verhuten.

Aber sie blieb nicht lange allein; denn gleich mit sinkender Nacht, als das schwebende Licht, sein volles Recht ausubend, einen helleren Schein verbreitete, offnete sich die Ture, und es trat der Architekt in die Kapelle, deren fromm verzierte Wande bei so mildem Schimmer altertumlicher und ahnungsvoller, als er je hatte glauben konnen, ihm entgegendrangen.

Nanny sass an der einen Seite des Sarges. Sie erkannte ihn gleich; aber schweigend deutete sie auf die verblichene Herrin. Und so stand er auf der andern Seite, in jugendlicher Kraft und Anmut, auf sich selbst zuruckgewiesen, starr, in sich gekehrt, mit niedergesenkten Armen, gefalteten, mitleidig gerungenen Handen, Haupt und Blick nach der Entseelten hingeneigt.

Schon einmal hatte er so vor Belisar gestanden. Unwillkurlich geriet er jetzt in die gleiche Stellung; und wie naturlich war sie auch diesmal! Auch hier war etwas unschatzbar Wurdiges von seiner Hohe herabgesturzt; und wenn dort Tapferkeit, Klugheit, Macht, Rang und Vermogen in einem Manne als unwiederbringlich verloren bedauert wurden, wenn Eigenschaften, die der Nation, dem Fursten in entscheidenden Momenten unentbehrlich sind, nicht geschatzt, vielmehr verworfen und ausgestossen worden, so waren hier soviel andere stille Tugenden, von der Natur erst kurz aus ihren gehaltreichen Tiefen hervorgerufen, durch ihre gleichgultige Hand schnell wieder ausgetilgt, seltene, schone, liebenswurdige Tugenden, deren friedliche Einwirkung die bedurftige Welt zu jeder Zeit mit wonnevollem Genugen umfangt und mit sehnsuchtiger Trauer vermisst.

Der Jungling schwieg, auch das Madchen eine Zeitlang; als sie ihm aber die Tranen haufig aus dem Auge quellen sah, als er sich im Schmerz ganz aufzulosen schien, sprach sie mit so viel Wahrheit und Kraft, mit so viel Wohlwollen und Sicherheit ihm zu, dass er, uber den Fluss ihrer Rede erstaunt, sich zu fassen vermochte und seine schone Freundin ihm in einer hohern Region lebend und wirkend vorschwebte. Seine Tranen trockneten, seine Schmerzen linderten sich, knieend nahm er von Ottilien, mit einem herzlichen Handedruck von Nanny Abschied, und noch in der Nacht ritt er vom Orte weg, ohne jemand weiter gesehen zu haben.

Der Wundarzt war die Nacht uber ohne des Madchens Wissen in der Kirche geblieben und fand, als er sie des Morgens besuchte, sie heiter und getrosten Mutes. Er war auf mancherlei Verirrungen gefasst; er dachte schon, sie werde ihm von nachtlichen Unterredungen mit Ottilien und von andern solchen Erscheinungen sprechen, aber sie war naturlich, ruhig und sich vollig selbstbewusst. Sie erinnerte sich vollkommen aller fruheren Zeiten, aller Zustande mit grosser Genauigkeit, und nichts in ihren Reden schritt aus dem gewohnlichen Gange des Wahren und Wirklichen heraus als nur die Begebenheit beim Leichenbegangnis, die sie mit Freudigkeit oft wiederholte: wie Ottilie sich aufgerichtet, sie gesegnet, ihr verziehen und sie dadurch fur immer beruhigt habe.

Der fortdauernd schone, mehr schlaf- als todahnliche Zustand Ottiliens zog mehrere Menschen herbei. Die Bewohner und Anwohner wollten sie noch sehen, und jeder mochte gern aus Nannys Munde das Unglaubliche horen; manche, um daruber zu spotten, die meisten, um daran zu zweifeln, und wenige, um sich glaubend dagegen zu verhalten.

Jedes Bedurfnis, dessen wirkliche Befriedigung versagt ist, notigt zum Glauben. Die vor den Augen aller Welt zerschmetterte Nanny war durch Beruhrung des frommen Korpers wieder gesund geworden; warum sollte nicht auch ein ahnliches Gluck hier andern bereitet sein? Zartliche Mutter brachten zuerst heimlich ihre Kinder, die von irgendeinem Ubel behaftet waren, und sie glaubten eine plotzliche Besserung zu spuren. Das Zutrauen vermehrte sich, und zuletzt war niemand so alt und so schwach, der sich nicht an dieser Stelle eine Erquickung und Erleichterung gesucht hatte. Der Zudrang wuchs, und man sah sich genotigt, die Kapelle, ja ausser den Stunden des Gottesdienstes die Kirche zu verschliessen.

Eduard wagte sich nicht wieder zu der Abgeschiedenen. Er lebte nur vor sich hin, er schien keine Trane mehr zu haben, keines Schmerzes weiter fahig zu sein. Seine Teilnahme an der Unterhaltung, sein Genuss von Speis und Trank vermindert sich mit jedem Tage. Nur noch einige Erquickung scheint er aus dem Glase zu schlurfen, das ihm freilich kein wahrhafter Prophet gewesen. Er betrachtet noch immer gern die verschlungenen Namenszuge, und sein ernstheiterer Blick dabei scheint anzudeuten, dass er auch jetzt noch auf eine Vereinigung hoffe. Und wie den Glucklichen jeder Nebenumstand zu begunstigen, jedes Ungefahr mit emporzuheben scheint, so mogen sich auch gern die kleinsten Vorfalle zur Krankung, zum Verderben des Unglucklichen vereinigen. Denn eines Tages, als Eduard das geliebte Glas zum Munde brachte, entfernte er es mit Entsetzen wieder; es war dasselbe und nicht dasselbe; er vermisst ein kleines Kennzeichen. Man dringt in den Kammerdiener, und dieser muss gestehen, das echte Glas sei unlangst zerbrochen und ein gleiches, auch aus Eduards Jugendzeit, untergeschoben worden. Eduard kann nicht zurnen, sein Schicksal ist ausgesprochen durch die Tat; wie soll ihn das Gleichnis ruhren? Aber doch druckt es ihn tief. Der Trank scheint ihm von nun an zu widerstehen; er scheint sich mit Vorsatz der Speise, des Gesprachs zu enthalten.

Aber von Zeit zu Zeit uberfallt ihn eine Unruhe. Er verlangt wieder etwas zu geniessen, er fangt wieder an zu sprechen. "Ach!" sagte er einmal zu dem Major, der ihm wenig von der Seite kam, "was bin ich unglucklich, dass mein ganzes Bestreben nur immer eine Nachahmung, ein falsches Bemuhen bleibt! Was ihr Seligkeit gewesen, wird mir Pein; und doch, um dieser Seligkeit willen bin ich genotigt, diese Pein zu ubernehmen. Ich muss ihr nach, auf diesem Wege nach; aber meine Natur halt mich zuruck und mein Versprechen. Es ist eine schreckliche Aufgabe, das Unnachahmliche nachzuahmen. Ich fuhle wohl, Bester, es gehort Genie zu allem, auch zum Martyrertum."

Was sollen wir bei diesem hoffnungslosen Zustande der ehegattlichen, freundschaftlichen, arztlichen Bemuhungen gedenken, in welchen sich Eduards Angehorige eine Zeitlang hin und her wogten? Endlich fand man ihn tot. Mittler machte zuerst diese traurige Entdeckung. Er berief den Arzt und beobachtete, nach seiner gewohnlichen Fassung, genau die Umstande, in denen man den Verblichenen angetroffen hatte. Charlotte sturzte herbei; ein Verdacht des Selbstmordes regte sich in ihr; sie wollte sich, sie wollte die andern einer unverzeihlichen Unvorsichtigkeit anklagen. Doch der Arzt aus naturlichen und Mittler aus sittlichen Grunden wussten sie bald vom Gegenteil zu uberzeugen. Ganz deutlich war Eduard von seinem Ende uberrascht worden. Er hatte, was er bisher sorgfaltig zu verbergen pflegte, das ihm von Ottilien Ubriggebliebene in einem stillen Augenblick vor sich aus einem Kastchen, aus einer Brieftasche ausgebreitet: eine Locke, Blumen, in glucklicher Stunde gepfluckt, alle Blattchen, die sie ihm geschrieben, von jenem ersten an, das ihm seine Gattin so zufallig ahnungsreich ubergeben hatte. Das alles konnte er nicht einer ungefahren Entdeckung mit Willen preisgeben. Und so lag denn auch dieses vor kurzem zu unendlicher Bewegung aufgeregte Herz in unstorbarer Ruhe; und wie er in Gedanken an die Heilige eingeschlafen war, so konnte man wohl ihn selig nennen. Charlotte gab ihm seinen Platz neben Ottilien und verordnete, dass niemand weiter in diesem Gewolbe beigesetzt werde. Unter dieser Bedingung machte sie fur Kirche und Schule, fur den Geistlichen und den Schullehrer ansehnliche Stiftungen.

So ruhen die Liebenden nebeneinander. Friede schwebt uber ihrer Statte, heitere, verwandte Engelsbilder schauen vom Gewolbe auf sie herab, und welch ein freundlicher Augenblick wird es sein, wenn sie dereinst wieder zusammen erwachen.