Karoline Pichler
Agathokles
1. Calpurnia an Sulpicien.
Rom, im December 300.
Welcher Einfall von Sulpicien, in diesen Tagen auf's Land zu gehen, und den Zeitpunkt, worin die Hauptstadt der Welt in ihrem glanzendsten Lichte erscheint, auf einer einsamen Villa am Ufer der See zuzubringen, die in dieser Jahreszeit von Sturmen gepeitscht und mit Nebeln bedeckt ist! Was, um aller Gotter willen, kann sie dort halten? Wie ist es moglich, allen Freuden und Herrlichkeiten der Saturnalien1 zu entsagen, um in der abgeschiedensten Einsamkeit sich selbst zu leben?
Sich selbst! nicht doch. Wer das nicht besser wusste! Lass immerhin die Welt ist jene Ausrufungen ausbrechen, und vergebens rathen, was dich jetzt in jene Stille lockt: sie soll und darf die heimlichen Reize nicht kennen, die deine Verborgenheit verschonern. Das ist recht und in der Ordnung. Aber dass du auch mir ein Geheimniss daraus machen willst, das kann ich dir nicht verzeihen. Ich darf ja nur E i n e n N a m e n nennen, um dein Gesicht mit dem schonsten Purpur zu uberziehen, und dich, falls du den Brief in Gegenwart einer gewissen Person liefest, noch reizender zu machen! Aber da wurde dir ja ein Augenblicke nicht. Es sey dir genug, zu wissen, dass ich von Allem unterrichtet bin, und deine Zuruckhaltung dir nichts nutzt. Wahrlich, du machst deine Sachen schlau und gut! Unter dem Verwande der Sorgfalt fur deine Landwirthschaft erhaltst du von deinem Manne die Erlaubniss, und einen grossen Dank obendrein, jetzt auf deine Villa zu gehen, um den nachlassigen Verwalter zu uberraschen, und wahrend der gute Ehemann in Rom die Emsigkeit seiner Frau nicht genug ruhmen kann, hat sie sich nur Gelegenheit verschafft, ihren Liebling ganz ungestort und nach Gefallen zu sehen.
Doch Scherz bei Seite, liebe Freundin! Die Sache hat eine viel zu ernste Seite, als dass ich langer in jenem Tone fortfahren konnte. Wie war es dir moglich, diesen Schritt zu wagen, und die Augen ganz vor den Folgen, die er wahrscheinlich haben wird, zu verschliessen? Tiridates ist liebenswurdig, tapfer, edel, seine konigliche Abkunft, sein und seiner Familie Ungluck macht ihn anziehend, und ich begreife wohl, dass er einem feinfuhlenden gebildeten Weibe, besonders einem, das leider in seinem Hause nichts solches aufzuweisen hat, gefahrlich werden kann; ich begreife, dass du ihn liebst: und dass er dich, die schone geistreiche Frau, dafur anbetet, ist nicht mehr als seine Schuldigkeit. Aber muss man darum so halsbrechende Dinge wagen? Du konntest ja den armenischen Prinzen taglich in deinem Hause sehen. Dein Mann, ich weiss es, schatzt sich's zur Ehre, den Liebling des Casar Galerius2 seinen Freund nennen zu konnen. Er prahlt damit, er gibt sich das Ansehen, die Absichten des Prinzen durch sich und seine Freunde an den Hofen von Mailand und Nikomedien zu unterstutzen, und wenn einst Tiridates den Thron seiner Vater besteigt gib Acht dein Serranus lasst dann nicht undeutlich merken, dass ohne ihn das Alles wohl nicht geschehen ware. Was trieb dich denn also fort? Was bewog dich, jetzt nach Baja zu gehen, wo dein Umgang mit Tiridates weit mehr auffallen muss, als in Rom, und deine hausliche Ruhe, deinen Ruf vor der Welt auf's Spiel zu setzen? Wenn dein Mann, der, wie alle eitle Menschen, eifersuchtig ist, erfahrt, was auf seiner Villa vorgeht, (und wie leicht ist das nicht, da deine Leute darum wissen mussen?) wird er nicht toben, rasen und ein Aufsehen machen, das dich dem boshaftesten Gelachter der Stadt Preis geben, dir die Herrschaft uber ihn, die allein deine hausliche Ruhe sichert, entreissen, und dir den Aufenthalt bei ihm vollends unertraglich machen wird? Willst du dich dann von ihm trennen? Wird das dein Vater zugeben, der in die Verbindung mit der Anicischen Familie seinen Stolz setzt? Und was steht dir dann fur ein Leben bevor?
Es ist wahr, du kannst in Nom deinen Tiridates weder so oft noch so ungestort sehen, als dein Herz wunschen mag. Dein Mann, die Freunde deines Mannes, deine Verwandten, die dich besuchen, sind ofters zugegen. Das ist aber auch das Einzige, was du zu ertragen hast, und aufrichtig gesprochen liegt nicht selbst in dieser Storung, in diesen Entbehrungen ganz eigentlich die Wurze der Liebe, die wohl ohne sie gewiss nicht halb so warm und reizend seyn wurde?
Du nennst mich immer die Leichtsinnige, die Epikuraerin; aber du kennst entweder die Lehren dieses Weisen nicht in ihrem ganzen Umfange, oder du schliessest die Augen absichtlich vor ihrem Werth. Kluges Maass, sparsamer Genuss der Freude, Kraft zur Entbehrung des Liebsten, wenn es die Vernunft fordert, das ist es, was man in seiner Schule lernt, die bei weitem nicht so leicht, so locker ist, als du glaubst. Ich an deinem Platze, zum Beispiel, wurde nicht nach Baja3 gegangen seyn, ich wurde mir den Genuss der Freuden, die mich dort erwarteten, aus Grundsatzen versagt haben, und meinen Geliebten lieber seltner, und mit minderer Freiheit sehen, um ihn i m m e r sehen zu konnen; den grossen Vortheil abgerechnet, dass unsre gegenseitige Liebe dann viel langer neu und anziehend geblieben, und mit dem grossen Reize der Heimlichkeit gewurzt gewesen ware.
Du siehst, meine Sulpicia, dass ich besonnener und kluger bin, als du glaubst, und jener Leichtsinn, jene Kalte, die du mir so oft vorwirfst, ist nichts als Ausubung wohl uberdachter Grundsatze. Sogar die Lehren der strengen Stoa, die du einst so warm behauptet, und jetzt so arg verlassen hast, verwerfe ich nicht. Ich erkenne z.B. ganz die tiefe Wahrheit des Satzes, dass man alle Guter der Erde an einen solchen Ort stellen soll, woher sie das Schicksal nehmen kann, ohne das Gebaude unserer Ruhe zu erschuttern4. An diesen Platz nun wurde ich, wenn ich je liebte (und das konnte sich denn wohl ereignen), auch meinen Geliebten stellen; denn der gehort ja, wie dein Beispiel mich lehrt, ganz vorzuglich zu den edelsten Gutern des Lebens.
Doch was helfen alle diese Vorstellungen! Was halfe die Beredtsamkeit eines Cicero, gegen die Macht einer Leidenschaft, deren zerstorende Wirkungen ich mit Bedauern an meinen Freunden erfahre, und vor denen mich die gutigen Gotter bewahren mogen! Ohne also nur im Geringsten zu hoffen, dass mein Brief dich bekehren werde, will ich blos hiemit die Pflicht der Freundschaft erfullt und dich gewarnt haben, zugleich aber dich versichern, dass, was auch der Ausgang der Begebenheiten seyn moge, mein Herz, meine Liebe zu dir unverandert bleiben wird, und dass ich meinen Stolz darein setzen werde, wenn was die Gotter verhuten die Sache schlimm ablauft, dich nie zu verlassen, und aus allen meinen Kraften dein boses Schicksal entweder abzuwehren, oder redlich mit dir zu tragen. Leb' wohl.
Fussnoten
1 Die Saturnalien waren eines der glanzendsten und allgemeinsten Feste in Rom, beinahe das, was jetzt der Carneval ist, und wurden im December gefeiert. Zum Andenken des goldenen Zeitalters, unter Saturns Herrschaft, schien Alles wahrend jener Tage in den Zustand ursprunglicher Gleichheit zuruckzutreten; die Sclaven assen mit ihren Gebietern, und aller Unterschied der Stande horte auf. 2 Zu der Zeit, in welcher dieser Roman spielt, hatte Rom bereits aufgehort, der Sitz der romischen Kaiser zu seyn. Diocletian, der sich aus dem Sclavenstande zur Wurde eines der vornehmst n Offiziers, zum Befehlshaber der k. Leibwache, und nach dem Tode des Kaisers Numerius auf den Thron desselben geschwungen hatte, hatte sich in seinem ehemaligen Waffengenossen und Landsmann Maximian einen Gefahrten der Regierung erwahlt, und das romische Reich so zwischen ihm und sich getheilt, dass Maximian die Abendlander von Mailand aus, wo er residirte, Diocletian hingegen den ostlichen Theil des Reichs in Nikomedien, wohin er seinen Sitz verlegte, beherrschte. Bald darauf fand er nothig, noch zwei Mitregenten zu erwahlen. Maximian gesellte sich den nahm den Galerius in dieser Wurde zu sich. Beide Casaren standen zu ihren Augusten in dem Verhaltniss von Sohnen zu ihren Vatern, auch mussten beide sich von ihren vorigen Gemahlinnen trennen. Maximian gab dem Constantius seine Tochter zur Ehe, und Diocletian vermahlte dem Galerius die seinige, Valeria.
Diese vier Beherrscher theilten sich in den weiten Umfang des romischen Reichs. Constantius besass Gallien, Spanien, Brittannien; Galerius die Ufer der Donau und die illyrischen Provinzen; Maximian Italien und einen Theil von Afrika; Diocletian selbst, Aegypten, Thrazien, und die asiatischen Provinzen. Jeder dieser vier Monarchen war unumschrankt in seinem Bezirke, aber ihr vereinigtes Ansehen erstreckte sich uber die ganze Monarchie.
Man sehe Gibbons Geschichte des Verfalls des romischen Reichs, 2ter Theil, woraus uberhaupt fast alle geschichtlichen Notizen und Zuge in diesem Buche genommen sind. 3 In Baja, einer der reizendsten Gegenden von Italien, auf dem Wege zwischen Rom und Neapel, hatten die meisten romischen Grossen ihre Landhauser, die sie Villa nannten. 4 Seneca de consolatione.
2. Sulpicia an Calpurnien.
Baja, im December 300.
Du liebst nicht, Calpurnia, du wirst nie lieben. In diesen Worten liegt der Aufschluss zu deinem ganzen Betragen, und zugleich die Antwort auf Alles, was mir deine Freundschaft, die ich mit innigstem Danke erkenne, so wohlmeinend, so vernunftig vorstellt. Glaube nicht, meine geliebte Jugendgespielin, meine warme treue Freundin, dass ich den Werth deiner Grundsatze misskenne, oder deinem schonen Gemuth auch nur um einen Grad weniger Warme und Eifer fur's Gute zutraue. Du hast Recht vollkommen unbestreitbar; aber ich, meine Freundin, obwohl ich das Widerspiel von dir scheine, ich habe auch nicht Unrecht. Und warum? Wir sehen Beide uns selbst, die Welt um uns, und unsere Verhaltnisse zu ihr aus einem andern Gesichtspunkte an; wir handeln nach den Regeln, die dieser uns an die Hand gibt; kurz wir thun Beide, nicht was wir wollen, sondern was wir eben nicht lassen konnen. Last uns doch, liebe Calpurnia, den eiteln Stolz auf Grundsatze und Systeme aufgeben, in welchen wir ohne Verdienst, blos dem Antriebe der Natur folgen! Wir sind nichts, als was die Umstande aus uns machen wollen. Dich stande, und einer so glucklichen Proportion deiner Leibes- und Seelenkrafte ausgestattet, dass das Gleichgewicht unter ihnen selten gestort, und gestort, leicht wieder hergestellt wird. Zudem hat dich das Gluck in einer grossen reichen Familie geboren werden lassen. Die Pisonen bedurfen keiner fremden Unterstutzung. Dein Vater hat ausser zwei hoffnungsvollen Sohnen dem Stolz, und den Stutzen seines edeln Hauses nur dich, das Ebenbild einer geliebten langst entschlafenen Gattin. In dir lebt ihm seine Sempronia wieder auf, in dir liebt er Tochter und Weib zugleich, dich wird er nie zu einem Eheband zwingen, das dein Herz verwirft, und ob er gleich wunscht, durch dich einen dritten Sohn zu erhalten, drangt er dich doch nie zu diesem Schritt, und wendet nicht einmal die Waffen der Ueberredung gegen dich an. Du bist also von Natur und Gluck zur Epikuraerin bestimmt, ja du bist die geborne Schulerin dieses Weisen.
Mich leitete ein dusteres Temperament, das Ungluck eines herabgekommenen Hauses, der Kummer einer geliebten Mutter, die ihr hausliches Leiden standhaft trug, der harte Zwang, unter welchem mein Vater nach alt romischer Sitte das ganze Haus hielt, zu einer ernsteren Schule. Ich glaubte in den Lehren der Stoa die Kraft zu finden, die mich mein Loos ertragen machen sollte. Ich suchte meinen Stolz darin, den Gottern das Schauspiel eines starken, mit seinem feindlichen Schicksal ringenden Gemuthes zu geben1, und so folgte ich mit keinem besondern Widerwillen dem Befehle meines Vaters, als er, ohne mich zu fragen, laus Rucksichten fur seine ubrigen Kinder, meine Hand einem Sohne des Anicischen Hauses verhiess. Serranus Anicius wurde mein Gemahl, und ich glaube, ich hatte ihn vorher kaum dreimal, und nie anders als in Gegenwart unserer Verwandten gesehen. Ich fuhlte keine besondere Abneigung gegen ihn, aber eine grosse Neigung, meine Pflichten auf's strengste zu erfullen. Die Matronen des alten Roms, jene wurdigen grossen Gestalten der Vorwelt, waren meine Vorbilder: ihnen suchte ich zu gleichen. Wie sie, lebte ich nun in meinem Gynecaum2, versammelte meine Sclavinnen um mich, arbeitete mit ihnen, und ich kann mit Wahrheit behaupten, dass in den drei Jahren unserer Ehe mein Mann und ich kein anderes Gewand trugen, als was durch meine Hande, oder unter meiner Aufsicht gesponnen, gewoben, genaht oder gestickt wurde. Die volle Zufriedenheit meines Vaters, die unbegranzte Achtung des Serranus war der Lohn meiner Anstrengungen. Die Eitelkeit, seine einzige Leidenschaft, war durch den Gedanken geschmeichelt, eine Frau von acht romischer Sitte zu besitzen, die sich vor den Meisten ihrer Zeitgenossinnen auszeichnete. Ich war zufrieden aber bei weitem nicht glucklich.
Da kam Tiridates in unser Haus. Lass mich von dem Eindrucke schweigen, den seine Gestalt, sein Schicksal auf mich gemacht haben. Du weisst es ohne dies, du warst grosstentheils Zeugin jener Begebenheiten. Nur das lass mich sagen, dass seit jenem Augenblicke mein ganzes Wesen verandert und umgestaltet war. Lass mich das Gleichniss brauchen, das meine Empfindungen am besten erklart. In mir war es, wie in einer dustern Nachtgegend, wenn auf einmal Aurora die Pforten des Tages offnet, und Licht und Warme durch die kalte Dunkelheit sich ergiesst. In mir ward es Licht. Ich wusste, was ich wollte, was mir so lange gefehlt hatte, wozu ich eigentlich auf der Welt war. Diese Leidenschaft hat das Rathsel meines bis dahin zwecklosen Daseyns geloset und was hindert mich, mit frommem Glauben der Meinung des gottlichen Plato beizupflichten, und uberzeugt zu seyn, dass ich jetzt die zweite Halfte meines Ichs gefunden habe? Was thut's zur Sache, dass Tiridates an den Ufern des Arares und ich in Rom geboren wurde? Die Seelen, die sich vor ihrer Herabkunft auf die Erde kannten und liebten, haben sich wieder gefunden, und nichts als der Tod kann sie scheiden.
In diesem festen Glauben? nein, in dieser unumstosslichen Ueberzeugung wird und kann mich nichts irre machen, und nichts bewegen, auch nur um einen Grad kalter, oder besonnener, wie du es nennst, zu handeln. Tiridates oder den Tod! Es gibt kein Gluck, kein Leben, keine Tugend ohne ihn. Mag die Welt sagen, was sie will mag Serranus durch Argwohn oder Verrath mein Geheimniss entdecken, mag er und mein Vater dann uber mich verhangen, was sie wollen es gilt mir gleich. Achtet der Taucher, der sich in's Meer sturzt, um eine kostliche Perle zu holen, achtet er der Wogen, die uber ihn zusammenschlagen? Muss er sie nicht uber sich ergehen lassen, wenn er seinen Zweck erreichen will?
Und dann endlich was kann Serranus von mir fordern, das ich nicht bereit ware, ihm immer fort so zu leisten, wie bisher? Sein Hauswesen will ich fortan mit punktlicher Treue besorgen, seine Sclaven und Sclavinnen zur Arbeit anhalten, auf die Wirthschaft, auf seinen Nutzen sehen, wo und wie ich's vermag. Mehr fordert er nicht mehr bedarf er nicht. Liebe hat er nie verlangt ich nie gegeben ihm nie geben konnen. Sein Herz hat keine Bedurfnisse. Worin ware er also verkurzt? Ich verletze keine Pflicht gegen ihn, und bin sicher, nie eine zu verletzen; denn dafur, dass mein Umgang mit Tiridates in den Schranken der Tugend bleiben soll burgt mir meine Denkart. Uebrigens glaube nicht, dass ich so tief herabsinken wurde, ihn zu betrugen. Die Reise nach Baja war weder mein Vorwand, noch mein Plan. Sie war sein Wunsch er ersuchte mich darum, weil die Anwesenheit eines von uns jetzt schlechterdings auf der Villa nothwendig war, und er sich nicht entschliessen konnte, Rom wahrend der Saturnalien zu verlassen. Er schickt mich ich gehe gern denn Tiridates halt sich seiner Geschafte wegen in Puteoli auf. Ich mache mir kein Verdienst aus dieser Reise, ich will nicht, dass Serranus sie dafur ansehe es bleibt Alles klar und wurdig zwischen ihm und mir.
Doch genug von mir. Jetzt auch ein Weilchen von dir, meine Freundin. Wir haben noch eine kleine Rechnung mit einander abzuthun. Ist es wohl recht von dir, wahrend ich, die Aeltere von uns Beiden, die Matrone, dir, dem Madchen, meine Geheimnisse aufdecke, so verschlossen gegen mich zu seyn? Woher weisst du meine Zusammenkunfte mit Tiridates? Woher kommt dir diese Allwissenheit? Soll ich glauben, du konntest wie eine thessalische Zauberin das Verborgene errathen? O halte mich nicht fur leichtglaubig, weil ich so offenherzig bin. Soll auch ich dir einen Namen nennen, um dein Gesicht mit Purpur zu uberziehen? A g a t h o k l e s ? Nicht? Er, der Freund des armenischen Prinzen, der Sohn des Hegesippus, der Gastfreund deines Hauses, ist jetzt in Rom, taglich in eurem Hause, ja ich glaube, er wohnt bei euch. Er ist edel, verstandig, und ein duster gluhender Schwarmer fur Alles, was ihm Grosse und Tugend scheint. Wie konnte es anders seyn, als dass die schone bluhende Romerin, mit allen Vorzugen, die Natur und Fleiss einem weiblichen Wesen geben konnen, geschmuckt, den Beifall des feinen Kenners alles Schonen und Guten erhalten musste, dass der liebenswurdige Sonderling zuerst Achtung, und dann vielleicht auch eine warmere Empfindung fur diese seltne Erscheinung fuhlte. Errothe nicht, Calpurnia! Agathokles ist deiner wurdig. Wenn ich wieder in Rom seyn werde, werde ich dir viel Schones und Schatzbares von ihm erzahlen, das ich durch Tiridates von ihm erfuhr, das aber fur einen Brief viel zu lang ware. Leb' wohl, liebe Calpurnia, und zurne mir nicht, dass ich nicht w o l l e n k a n n , weise und besonnen seyn. Bald hoffe ich bei dir in Rom zu seyn, denn ich denke mit meinen Geschaften hier nicht sehr lange zu thun zu haben. Ich habe die Villa in einem sehr zerrutteten Zustande angetroffen wie es denn bei der ganzlichen Abwesenheit der Gebieter, wo Alles dem Gesinde uberlassen wurde, nicht anders zu vermuthen war. Indessen habe ich mancherlei Anstalten und Einrichtungen getroffen, mit denen Serranus, wie ich glaube, zufrieden seyn wird, und die kunftigen Unordnungen vorbeugen sollen. Sobald Alles in gehorigem Gange ist, eile ich in deine Arme.
Fussnoten
1 Seneca de Providentia. 2 So hiess der Ort des Hauses, in welchem die Frauen abgesondert wohnten.
3. Calpurnia an Sulpicien.
Rom, im Janner 301.
Nun also von mir und unserm Gastfreunde. Wie w u r d i g e n ? O da fehlt noch viel! Erstlich ist seine Gestalt, obwohl edel und bedeutend, doch nichts weniger als schon. Zweitens ist seine Art, sich zu kleiden, viel zu einfach, ja beinahe nachlassig, und er wird nie zwischen allen den schongelockten, geschmuckten, von Salben duftenden Junglingen, die uns umschwarmen, einen vortheilhaften Eindruck machen. Drittens ist mir seine Tugend und Philosophie zu rauh, zu duster. Er kommt auch mit Niemand besser aus, als mit deinem Vater. Ich wunschte, du warst einmal gegenwartig, wenn diese zwei gluhenden Republikaner, diese geschwornen Feinde der Tyrannei, mit einander eifrig reden. Der Contrast der Wirklichkeit mit ihren Ideen erhitzt ihre Einbildungskraft noch mehr, sie ergiessen sich in bittern Tadel der jetzigen Zeit und Sitte, und erheben die Vergangenheits mit den ungemessensten Lobspruchen. Dann bekommt die Haltung unsers Gastfreundes etwas so hohes, edeltrotztges, sein dunkles Aug' spruht Funken, sein sonst bleiches Gesicht uberzieht eine so feine Rothe, und um seinen Mund, der uberhaupt nicht unangenehm ist, bildet sich ein so lieblicher Zug, dass man in solchen Augenblicken versucht ware, den begeisterten Redner fur hubsch, und das, was er sagt, fur nicht ganz so abenteuerlich und uberspannt zu halten, als sonst. Aber das sind nur Augenblicke, und so, wie er schweigt, und man Zeit hat, uber seine Behauptungen nachzudenken, sieht man ihre Unstatthaftigkeit ein. Ich weiss ubrigens wenig beinahe nichts von ihm; denn mit mir spricht er nicht viel. Ich stehe viel zu tief unter den hohen Idealen der Lucretien, Portien u.s.w., die seinem Geiste vorschweben. Schon der erste Eindruck, den ich auf ihn machte, muss hochst ungunstig fur mich gewesen seyn. Mein Vater fuhrte ihn zu mir, als ich eben ich muss gestehen ziemlich nachlassig gekleidet, und ein milesisches Mahrchen1 in der Hand, auf meinem Ruhebette lag. Welch ein Abstand von jenen Matronen! Welche Versundigung an seinen Grundsatzen! Wie konnte ein so leichtfertiges Ding vor so strengen Augen Gnade finden! Du wirst dein Gluck bei ihm machen und ich werde dich sicher nicht beneiden.
Eins habe ich an ihm bemerkt, und es sollte mir leid thun, wenn ich richtig gesehen hatte; denn bei allen seinen Sonderbarkeiten halte ich ihn fur einen achtungswurdigen Mann. Er scheint einen geheimen Kummer zu haben. Diese trube Ansicht des Lebens, diese strenge Abneigung von allen Freuden der Welt und der Jugend ist bei einem geistvollen, im Schoosse des Gluckes gebornen jungen Manne sonst nicht zu erklaren. Auch bestatigen manche seiner Aeusserungen diese Vermuthung. Wenn sie gegrundet ware wie gesagt es wurde mir sehr leid thun. Erkundige dich doch daruber bei Tiridates, und schreibe mir noch, ehe du Baja verlassest. Leb' wohl.
Fussnoten
1 Milesische Mahrchen hiessen die kleineren Erzahlungen und Romane jener Zeiten, deren Gegenstand die Liebe, und nicht immer die platonische war.
4. Agathokles an Phocion.
Rom, im Janner 301.
Ich bin in Rom. Dass ich dir seit meinem Aufenthalte von vierzehn Tagen noch nicht geschrieben, mag die Neuheit der Dinge, die mich umgibt, und ihre Einwirkung auf mich entschuldigen. Dass ich aber hier jene Heiterkeit und Frohlichkeit nicht gefunden habe, und nicht finden werde, die man sich in Nikomedien fur mich versprach das fuhle ich. Auch ist Rom vielleicht unter allen Orten der Welt gerade derjenige, wo ich am wenigsten genesen werde. Bin ich denn aber krank? Man bildet es sich ein, weil ich nicht leben kann, wie die Uebrigen um mich herum. Ihre Verkehrtheit macht mich seltsam ihre Thorheiten mich streng und unvertraglich erscheinen. Nicht, dass ich das Ungeheure, das Unmogliche fordere; aber dass Wahrheit und Tugend, Zucht und Sitte ihnen unmoglich scheint, das ist der eigentliche Grund unseres Streites. Das Jahrhundert ist krank, nicht der, der kuhn genug ist, mit voller Kenntniss der bessern Vergangenheit es so zu nennen. Wie soll ich es unter diesen Menschen aushalten!
Mit der Beschreibung meiner Reise zu Wasser und zu Land will ich dich, aus Achtung fur deine Zeit, und mit recht heitern offenen Sinnen in der Hauptstadt der Welt ankam. Der Genuss der unbeschrankten Natur, die Unendlichkeit des Meeres, die Freiheit meiner Musse hatte mich froh und fur jeden guten Eindruck empfanglich gestimmt. Dir, dem Lehrer meiner Jugend, dem keine meiner Empfindungen fremd ist, darf ich gestehen, dass ein seltsames Gefuhl mich ergriff, als unser Schiff in die Mundung der Tiber einlief, und nun bald der Schauplatz jener grossen wurdigen Scenen, die mein Gemuth von Kindheit an ergriffen hatten, vor mir erscheinen sollte. Es gluhte in mir, meine Brust schlug starker. So kam ich in Rom an. Von der Hohe des Kapitols schienen die Manen der grossen Vorfahren herabzuschweben. Rund umher war heiliger Boden. Ueberall Erinnerung, Wurde, Hoheit. Durch die menschenvollen Strassen fuhrte mich mein Wegweiser in das Haus unsers Gastfreundes Lucius Piso. An manchem Denkmal ehrwurdiger Vergangenheit, an manchem Weiser auf einen hellen Punkt der Geschichte, ging ich mit hochschlagendem Herzen voruber, mit dem festen Vorsatz, sie alle nachstens zu besuchen. Am Vorhofe empfing uns eine Schaar reich gekleideter Sclaven. Man fuhrte mich in's Atrium1. Die Bildsaulen des Pisonischen Hauses, viel merkwurdige Gestalten, dem Geschichtskundigen wohlbekannt, standen hier. Ihre erhebende Gegenwart hatte die Lange der Zeit getauscht. Ich sah erst am Sonnenzeiger im Hofraume, dass man mich eine ziemliche Weile hatte warten lassen. Jetzt erschien ein zierlicher Sclave, der vorzuglich schon griechisch sprach und fuhrte mich durch viele kostbar geschmuckte Gemacher, voll Vasen, Gemalden, Bildsaulen zum Lucius Piso. Er ist ein wurdiger Mann an der Granze des Greisenalters, kraftig, verstandig, edel weit edler aber ohne den Prunk, der ihn umgibt, und seinen innern Werth verhullend mindert. Der Vater gefiel mir minder die Sohne. Es sind Junglinge, nicht ganz so von allen Vorzugen entblosst, wie die ubrigen, die ich hier und zu Hause kennen gelernt habe; aber die Farbe des Zeitalters hat sich ihnen zu stark mitgetheilt, um sie wahrhaft achtungswerth zu lassen. Vor dem Abendessen stellte mich Piso seiner Tochter vor. Bei den Gottern, ein reizendes Geschopf! Das Gerucht hatte mich bereits auf sie aufmerksam gemacht ich fand dennoch in jedem Sinne mehr, als ich erwartet hatte. So viel Schonheit, so viel unaussprechliche Anmuth des Korpers und Umgangs, und so viel Leichtsinn und Verkehrtheit der Gesinnungen! Die Tochter eines der ersten romischen Hauser die Abkommlingin so edler Matronen, im Anzug und den Umgebungen einer griechischen Hetare2, und dennoch in Reden und Handlungen vollkommener Anstand und edle Weiblichkeit!
Besser als alle ubrigen Menschen, die ich in Rom kennen gelernt habe, wurde mir Sectus Sulpicius, ein Romer aus einem altadeligen Geschlechte, gefallen, wenn nicht ein Zug von Harte, und ich furchte zu sagen, Eigennutz, diesen Charakter befleckte. Eine liebenswurdige Tochter hat er, ohne auf ihr Gluck Rucksicht zu nehmen, seinen Planen geopfert. Sulpicia soll schon, tugendhaft, und in der Verbindung mit einem armseligen Weichling aus dem Anicischen Hause sehr unglucklich seyn. Ich freue mich, sie bald kennen zu lernen. Unser Freund Tiridates ist auch der ihrige. Ob er ihr noch mehr ist, mag ich nicht erforschen, weil ich mir die Achtung fur sie gern rein erhalten mochte.
Meinem Vater habe ich bereits zweimal einmal aus Corinth mit einem zuruckgehenden Schiffe, und vor mehreren Tagen aus Rom geschrieben. Die Ehrfurcht, die ich ihm als Sohn schuldig bin, will ich wissentlich nie verletzen. Uebrigens kann ich leider von dem, was er wunscht, nichts thun. Ich kann nicht leben und handeln wie er; denn ich kann nicht denken und fuhlen wie er, und eines festen Gemuthes ganzliche Umstimmung ist nicht das Werk der Ueberredung oder des Zwanges. Umstande, Zeit, Verlockung konnten etwas thun; aber wo die Ueberzeugung des Rechts so unerschutterlich gegrundet ist, wie in mir, ist auch von dieser nichts fur mich zu furchten, fur ihn nichts zu hoffen. Er hat mich aus Nikomedien fortgeschickt, um in andern Landern durch Erfahrung zu lernen, dass meine Denkart abenteuerlich, meine Forderungen an die Menschheit uberspannt, meine Begriffe von offentlichem Wohl thoricht seyen. Ich habe ihm gehorcht. Lass mich gestehn, dass mich dieser Gehorsam nichts kostete; denn in meinem Innern war eine Stimme, die mir sagte, dass Vater und Sohn nicht so von einander denken, und wenn sie so denken, nicht beisammen leben sollten. Meine Ansicht aber wird ewig dieselbe bleiben. Rom wenigstens wird nichts daran andern. Wie widerlich mir diese Stadt mit ihren Einwohnern ist, kann ich dir nicht sagen. Auch glaube ich gern, was schon Tiridates (mit dem ich allein hier in diesem Sammelplatze von Lastern und Thorheiten leben und reden mag) gegen mich behauptete, dass gerade der scharfe Gegensatz des Einst und Jetzt, der in diesen verachtlichen Nachkommen wurdiger Vater so grell in die Augen springt, meine Abneigung gegen sie noch vergrossert. Nein, wahrlich, Phocion! mein Vater hatte mich nicht nach Rom schicken sollen!
Indess bin ich, im Ganzen genommen, doch nicht ungern hier. Ich lerne viel, sammle Erfahrungen, sehe manches Denkmal der Kunst und bessern Zeit, und gehe mit vielen unterrichteten Mannern um. Meine Stunden sind regelmassig unter Geistes- und Korperubungen, Genuss und Anstrengung getheilt. Du weisst, ich brauche nur Musse, und Freiheit, um zufrieden zu seyn. Zufrieden! Mehr kann und soll ja der Mensch nicht verlangen. Und ist nicht jeder nur so glucklich, als er sich selbst dafur halt? Wenn auch manchmal trube Gedanken in meiner Seele aufsteigen, so ist es Uebung der innern Kraft, sie zu bekampfen. Der Mensch ist nicht zum Gluck geboren, seine Bestimmung ist, gut zu seyn. Zur Gute fuhrt die Weisheit, zur Weisheit Freiheit von Bedurfnissen. Das lass uns nie vergessen, daran lass uns festhalten, und was dann uber uns ergehen mag, mit muthigem Sinn und heiterer Stirn erwarten.
Fussnoten
1 Atrium war eine Art Vorhaus oder Vorsaal, in welchem bei den adeligen Familien die Bildnisse der Vorfahren aufgestellt waren. 2 Hetare, ein griechisches Wort, das so viel als Freundin oder Gefahrtin bedeutet, und eine anstandige Benennung fur eine unanstandige Lebensart war.
5. Derselbe an Denselben.
Rom, im Februar 301.
Mein Vater war krank, schreibst du mir, aber er ist wieder auf dem Wege der Besserung. Dank den himmlischen Machten, die unser Schicksal leiten! Es wurde Mich sehr geschmerzt haben, ihn in den letzten Augenblicken nicht gesehen, und seinen Segen, seine volle Verzeihung nicht erhalten zu haben. Er ist doch mein Vater, und was auch zwischen uns obwaltet, so behauptet die Natur in ernsten Momenten ihre vollen Rechte, und ich fuhle an der Freude, welche mir seine Genesung verursacht, was fur Bitterkeit sein entfernter einsamer Tod durch mein Leben gegossen haben wurde.
Sein Betragen wahrend der Krankheit ist dir so sehr aufgefallen? Mir nicht. Seine Philosophie ist, wie bei vielen Menschen unsrer Zeit, nie Wirkung von Grundsatzen, sondern Folge der Bequemlichkeit gewesen. Er hat dem Tempel zu Delphi einen Dreifuss gelobt, und dem Aesculap einen Hahn geopfert1, er, der sonst Gotter und Gotterdienst als leere Schattenbilder verachtete, hingestellt, um einen blinden Pobel in Hoffnung und Furcht zu erhalten? Was er gethan hat, werden Tausende thun. Das ist das Verderben der war, und nichts hat, den ungeheuren Verlust zu ersetzen. Was auch die Meinung des Pobels von seinen Gottern ist lass sie ihm, wenn du ihm nichts Besseres zu geben hast. Und wer hat das? Das Licht, das uns in den eleusinischen Geheimnissen leuchtete, ist Etwas; aber immer wenig fur den durstenden Geist, der hier an der Quelle zu trinken sich sehnt und angstet. Es ist kein kleiner Theil des Kummers, der oft meine einsamen Stunden verdunkelt, hier so ganz in Nacht zu tappen. Ich sinne und strebe und kampfe meinen Geist mude; und versinke ich in eine Art von Betaubung, dann ist der Gedanke, dass so viele grosse Manner der Vorzeit nicht mehr wussten, dem ermatteten Sinn Beruhigung, bis eine neue Anregung meine Zweifel auf's Neue sturmisch emportreibt, und die Stille meiner Seele stort.
Wenn nur irgend eine Leidenschaft, ein wurdiger Gegenstand des Ehrgeizes, der Liebe oder Freundschaft meinem unstaten Willen eine bestimmte Richtung, meinen Kraften einen angemessenen Zweck darbote! Du bist entfernt, du, der allein mich versteht. Hier bin ich ganz einsam. Tiridates ist unstreitig liebenswurdig, und ich glaube hatten wir uns junger gekannt wir waren v i e l l e i c h t Freunde geworden. Das, was uns jetzt trennt, und unsre vollkommene Vereinigung hindert, liegt nicht sowohl in unserm Innern, als es von Aussen angebildet worden ist. Denn uber Alles, was dem Menschen, als solchem werth, unschatzbar, heilig ist, denken wir ganz gleich. Aber der frohmuthige Konigssohn, am orientalischprachtigen Hof Diocletians, in der Gunst des Casar Galerius, in Hoffnungen auf den Thron seiner Vater erzogen, kann niemals mit dem unberuhmten Sohn des Privatmannes, den Erziehung und Umstande auf einen ganz andern Standpunkt gestellt haben, die Dinge der Welt in einem gleichen Lichte sehen. Wir lieben uns, das ist viel, aber nicht genug fur mein Herz, nicht genug fur seines, das ausser mir noch Manches bedarf, und auch gesucht und gefunden hat. Er liebt Sulpicien, das ungluckliche aber bis dahin tugendhafte Weib eines Andern.
Calpurnien lerne ich taglich naher kennen, und taglich entfaltet sich ihr Charakter mehr der ersten Ansicht gemass, unter der er mir sogleich erschienen war. Sie ist nicht ohne Verdienst, aber sie ist unbeschreiblich leichtsinnig, und das Grosste und Wurdigste muss, wenn sie die Laune anwandelt, ihrem Witze eben sowohl zum Spielwerk dienen, als das Gemeine und Lacherliche. Wir sind in ewigem Streite mit einander, wir scheinen uns zu hassen, doch weiss ich wohl, dass wir uns im Grunde Beide achten, aber nie nie nahern werden.
Ehrenstellen zu suchen, bei dieser Entartung des Gemeinwesens, bei dieser Auflosung aller heiligen Bande, kann nur Eigennutz oder Ruhmsucht anreizen. Vaterlandsliebe ist ein leerer Schall, und Wirken zum Besten des Ganzen, ein kindischer Traum geworden, seit ein Einziger mit unausweichbarer Gewalt alle Macht in Handen hat, und Senat, Patricier und Volk eine folgsame Heerde Sclaven ist, dieser Senat, der mit derselben Bereitwilligkeit die Morder des Caligula belohnt, und die Vergotterung eines Caracalla2 unterzeichnet! O Tiber hat ihn wohl gekannt und verachtet! Und wie tief unter jenem steht noch der jetzige, dieses willenlose Spielwerk der Laune eines Einzigen, oder des rohen Uebermuths der Pratorianer!
Ich hasse die Tyrannei, ich fuhle mit Schmerz, dass mich das Schicksal um vier oder funf Jahrhunderte zu spat geboren werden liess. Dennoch muss ich Diocletian bewundern, dessen Riesengeist und vorzugliche Herrschergaben nicht allein den ganzen Erdkreis, so weit ihn gebildete Nationen bewohnen, sondern, was noch mehr ist, die Leidenschaften derjenigen im Zaum halt, denen Nahe des Throns und oft wiederholtes Beispiel eine ewige Anreizung zu kuhnen Versuchen seyn konnte. Doch scheint mir, die Wurde der romischen Macht, die der ausserordentliche Geist dieses Mannes aus zerfallenden Trummern herrschend hervorrief, wird wohl mit diesem Geiste stehen und sinken. Nicht Maximians rohe Kraft, nicht Galerius dusteres Gemuth, nicht der weiche Constantius sind der ungeheuren Last gewachsen. Jetzt behauptet Jeder, von des Herrschers Klugheit wohl gewahlt, den angewiesenen Platz mit Ehre, und benagt sich leicht und kraftig in seinem Kreis. Doch das ist Tauschung. Es sind nicht sowohl zwei Auguste und zwei Casaren, die die romische Welt theilend regieren: es ist ein gewaltiges Genie, das durch die Andern, wie die Seele durch Organe, wirkt. Was entstehen wird, wenn einst diese Seele entweicht, liegt im Dunkel der Zukunft verborgen. Erfreulich kann es auf keinen Fall seyn.
Sieh, das ist unser Ungluck, dass wir Bewohner eines Freistaates so weit gekommen sind, den Tod eines Alleinherrschers furchten zu mussen; dass an Einem Geiste das Schicksal der Welt hangt, und in dem von Grund aus verderbten Volke, das einst den ganzen Erdkreis durch seine Helden eroberte, durch seine Staatsmanner regierte, ein solcher Verlust unersetzlich ist. Sein Tod wird das kunstliche Band zerreissen, womit er die zerfallenden Glieder des Riesenkorpers wider den Geist der Zeit und der Umstande gewaltsam zusammenhielt, und den Barbaren, die neidisch und gierig unsere Grenzen umlauern, scheue Ehrfurcht gebot. Trub und duster liegt die Zukunft vor mir, die Gegenwart ist schaal, die Vergangenheit ohne Freuden; denn meine Kindheit und erste Jugend schwand unter feindlichen Umgebungen hin. Wo soll mein Geist sich hinwenden?
Phocion! Ich bin nicht glucklich, und mit unendlichem Schmerze fuhle ich, dass die Quelle meines Unglucks nicht sowohl in der Welt um mich, sondern in nur selbst liegt. Tausende an meinem Platze wurden vergnugt seyn, sind es wirklich. Ich trage Begriffe, Forderungen, Gestalten in meiner Brust, die nimmermehr zu dem passen, was um mich vorgeht. Ich bin in ewigem Kampfe mit der Wirklichkeit, und sie racht sich nur zu bitter an dem, der ihre Freuden verschmaht. Und wie soll ich's andern? Kann ich mich umgestalten? O warum ward mir nicht ein kleiner Theil des holden Leichtsinns zum Loose, der die reizende Calpurnia so sanft uber alle Unannehmlichkeiten des Lebens hinwegfuhrt?
Dem truben Geist, in qualenden Gedanken versunken, erscheint nur zuweilen ein einziges Bild aus der Nacht der Vergangenheit, das ihn sanft und freundlich anlachelt, dann schnell verschwindet, und den brennenden Schmerz in susse Wehmuth loset.
Als ich ein Kind war lange ehe mein Vater mich deiner Leitung ubergab wohnte dicht an unserm Hause Timantias, ein edler Nikomedier, der eine der ersten Wurden im Staate bekleidete. Mein Vater und er waren Freunde, wenigstens was man gewohnlich so nennt, seine Kinder unsre Spielgefahrten. Mich hielt ein schwachlicher Korperbau, das Erbtheil einer fruh verblichenen Mutter, und meine Gemuthsstimmung von wildern Spielen ab, in denen meine fruh verstorbenen Bruder mit Timantias Sohnen die Jugendkrafte freudig ubten. Larissa, Timantias Tochter, blieb dann bei mir, ihr sanftes Gemuth fand Vergnugen darin, mich nicht zu verlassen. Wir spielten zusammen, oder sie beredete mit der unwiderstehlichen Macht der Gute die Uebrigen, ein Spiel ruhigerer Art zu wahlen. So sorgte sie fur mich, liebte mich, und erfullte mein Herz mit sussen Empfindungen. Wir wuchsen heran, unsere Neigungen wuchsen mit uns. Da trat das Schicksal kalt und feindlich zwischen uns. Timantias wurde eines Verbrechens wegen angeklagt. Ob wirkliches Vergehen, oder feine grossen Reichthumer (eine machtige Versuchung fur den habsuchtigen Proconsul Sisenna Statilius) daran Ursache waren, ist nie bekannt worden. Er wurde in's Gefangniss geworfen. Mein Vater brach allen Umgang mit der geachteten Familie ab. Ich und Larissa sahen uns nur verstohlen, und mit desto grosserer Sehnsucht an den Hecken, die unsre Garten schieden. Endlich nach vierzehn Monden gefanglicher Haft wurde Timantias aus Schonung, wie es hiess, indem er des Todes schuldig befunden worden mit seiner Familie verbannt, seine grossen Guter eingezogen. Sisenna Statilius brachte sein Haus, das neben dem unsern lag, um einen geringen Preis an sich, und mein Vater unterhielt dieselbe Freundlichen mit ihm, die er mit Timantias gepflogen hatte. Ich war nicht zu bereden, das Haus wieder zu betreten, wo mir die Geister der Vertriebenen Rache fordernd zu schweben schienen. Dieser Eigensinn des achtzehnjahrigen Junglings war eine von den Hauptquellen des ewigen Zwistes zwischen meinem Vater und mir. Acht Jahre sind verstrichen, keine Spur von Timantias Schicksal ist mehr zu erforschen gewesen. Ob Larissa glucklich, ob sie vermahlt, ob sie uberhaupt noch am Leben sey so wichtig mir diese Fragen oft erscheinen, Niemand weiss sie zu beantworten. Alle Nachforschungen, die ich anstellte, waren fruchtlos. Doch lebt ihr Andenken in meiner Brust, als der einzige helle Punkt in meinem Schicksale. Und auch d e r musste verschwinden? Leb' wohl.
Fussnoten
1 In Delphi war der beruhmteste Tempel des Apoll, und ein Orakel. Die Dreifusse waren eine Art von Gefass oder Schaale, welche auf drei Fussen stand, und dazu diente, um Rauchwerk darin anzuzunden. Es war eines der gewohnlichsten Opfer, das die Frommigkeit, die Furcht oder die Prachtliebe den Gottern brachte. Dem Aesculap, dem Gott der Aerzte, pflegte man bei der Genesung einen Hahn zu opfern. 2 Valerius Asiaticus, dessen Werk vorzuglich der Tod des Caligula war, ruhmte sich seiner That im Senat, und forderte eine Belohnung dafur Caracalla wurde von Macrin getodtet, und die Soldaten, welche unter seiner grausamen Regierung sich alle Ausschweifungen erlauben durften, und seinen Verlust betrauerten, trotzten dem Senat seine Vergotterung ab Ueberhaupt war die Macht des Reiches in jenen Zeiten in der Hand der Armee, oder vielmehr der Pratorianer, der k. Leibwache, welche von dem Zelte des Imperators, Pratorium genannt, das sie zu bewachen bestimmt waren, ihren Namen hatten. Wer ihre ungeheuren Forderungen an Ausgelassenheit und Geld zu stillen versprach, oder ihnen geneigt schien, wurde von ihnen auf den romischen Thron gesetzt, und durch sie erchungen nicht erfullen konnte oder wollte. Der Senat, diese einst so ehrwurdige und machtige Versammlung, war zu einem blossen Schattenbild und Werkzeug der Tyrannei und Anmassung herabgesunken. Der Prafekt Pratorianer, ihr Anfuhrer oder Kapitan, war die wichtigste Person im Staate, und sehr oft der Cand dar zur Kaiserwurde, wie denn auch Diocletian von diesem Posten auf den Thron stieg.
6. Calpurnia an Sulpicien.
Rom, im Februar 301.
Nach gerade wird mir dein Aufenthalt in Baja und deine lange Abwesenheit unertraglich. Ich hatte dir so viel zu sagen, so viel zu erzahlen, und muss mich mit Schreiben, diesem armseligen Behelf fur ein volles Herz, begnugen. Auch Serranus fangt an, uber dein Aussenbleiben unmuthig zu werden. Zwar weiss er wohl, dass du weit mehr Geschafte gefunden hast, und der Zustand eurer Villa weit zerrutteter ist, als ihr anfanglich glaubtet: dennoch, meint er, konntest du jetzt fertig seyn, oder was allenfalls noch zu thun ubrig ist, auf ein andermal lassen. Es ist doch ein gutes Wesen, dieser Serranus, und dir von Herzen zugethan. Er weiss, dass du den Prinzen oft in Baja gesehen hast, und es scheint, er freuet sich daruber, dass du doch in deiner Einsamkeit nicht ohne Umgang warst. Auch schatzt er dich viel zu sehr, um nicht den Gedanken, dein Verhaltniss zu Tiridates konnte etwas mehr als Freundschaft seyn, fur Hochverrath an dir zu halten. Wir haben gestern, als er zu mir kam um sich mit mir uber deine Abwesenheit zu berathen und zu beklagen, recht viel mit einander von dir gesprochen. Er wird dir nachstens schreiben, und dich recht dringend bitwie er dich nennt, mangelt ihm uberall.
Auch mir mangelst du recht sehr. In mir ist eine Art von Veranderung vorgegangen, uber die ich gern mit dir sprechen mochte. Es ist nicht mehr Alles, wie es war. Ich argere mich daruber, und kann doch nicht wunschen, dass es nicht geschehen seyn mochte. Ich bin jetzt manchmal sehr ernst, ich kann stundenlang uber tiefsinnige Dinge recht tiefsinnig sprechen. Ich lache seltener, und finde sogar Vergnugen an manchen Ideen, die ich sonst, als ich noch ganz Calpurnia war, als excentrisch und uberspannt verspottete. Das macht blos der Umgang. Man achte ja diese leise und langsame Gewalt, eben weil sie unbemerkt wirkt, nicht fur gering; man glaube nur ja nicht, sich vor ihrem stillen Einflusse bewahren zu konnen. Wie der Bewohner der einen Provinz, in eine andere verpflanzt, nach und nach, ohne es selbst zu wissen, seine Sitte, seine Tracht, sogar seine Sprache nach dem Gebrauche und Dialect dieses Landes modelt, und so unvermerkt mit den Eingebornen sich verschmelzt, so nehmen wir auch leicht und unmerklich die Gedankenreihe, die Ansichten, ja bis auf die Redensarten unserer Freunde an, und sehen erst nach einiger Zeit mit Erstaunen die Aenderung, die mit uns vorgegangen ist.
Agathokles wie komme ich eben jetzt auf ihn? ist recht viel bei mir. Wir plaudern recht oft recht lange recht anziehend mit einander, und meine Eitelkeit musste mich ganz schrecklich irre fuhren, wenn ich nicht glauben sollte, er finde wenigstens eben so viel Vergnugen an meinem Umgang, als ich an dem seinen. Vielleicht eben des grellen Abstandes wegen, der im Anfange zwischen unsern Charakteren zu seyn s c h i e n ? S c h i e n ! sage ich mit Vorbedacht; denn es zeigt sich immer deutlicher, dass wir im Grunde uber die meisten und wichtigsten Dinge, ziemlich gleich denken. Zuweilen entsteht wohl ein kleiner Streit, aber das dient nur, den Umtausch der Gedanken zu befordern, und die Unterhaltung zu beleben. Uebrigens schadet es unserer Einigkeit nicht. Agathokles ist, wenn er bei genauerer Bekanntschaft die sprode Aussenseite ablegt, ein sehr angenehmer Gesellschafter. Unter andern lieset und declamirt er vortrefflich, und es ist einer meiner kostlichsten Genusse, mir von ihm die besten Stellen, aus unsern Dichtern, die er fast alle auswendig weiss, vorsagen zu lassen. Zuweilen lose ich ihn auch wohl ab. Du weisst, es war von jeher eine Lieblingsubung von mir. Und dann, liebe Sulpicia, unter uns gesagt, geht meine Eitelkeit nicht leer aus. Ich sehe, oder eigentlich, ich fuhle wohl, dass die Leserin ihn weit mehr anzieht, als der Dichter selbst: und je strenger der Mann gewohnlich ist, je susser, schmeichelt es, dieses. Eis am Strahle der F r e u n d s c h a f t schmelzen zu sehen. F r e u n d s c h a f t ! Merke das Wort wohl, liebe Sulpicia! keine Liebe; denn ich bin seine Vertraute, und weiss, dass sein Herz, wie es einem achten Schwarmer geziemt, theils der ganzen Menschheit angehort, theils mit seinen, feineren Neigungen einem schonen Schattenbilds zugewandt ist, das noch aus den rosigen Tagen der Kindheit in himmlischem Lichte vor seiner Seele schwebt, und ihn fur alle irdischen Reize unempfindlich macht. Du siehst, ich weiss schon Manches, und habe damit nicht auf deine Ankunft warten durfen. Nein, ich habe ihm einen Theil seiner Geheimnisse mit freundlicher Herzlichkeit abgefragt, ich habe den Kummer bemerkt, der dies edle Herz druckt, und ihn zu erforschen gesucht, und er hat sich der ungeheuchelten Theilnahme wahrer F r e u n d s c h a f t nicht verschlossen. Seine Unzufriedenheit mit dem Zeitalter, seine Besorgnisse fur die Zukunft, seine Trauer um die bessere Vergangenheit ist jetzt nicht mehr Gegenstand unsers Streites, und die Zielscheibe meines Scherzes. Seit ich weiss, wie tiefen Antheil mein Freund an ihnen nimmt, wird uber diese Materien ernst und wurdig gesprochen, und mit Vergnugen sehe ich denn am Ende eines solchen Gesprachs die Gewitterwolken, die im Anfange seine Stirn umzogen, verschwunden, und seinen Blick mir freundlich und dankbar strahlen. Sogar sein gespanntes Verhaltniss zu seinem Vater hat er freilich nur leise beruhrt, und ich achte seine Zuruckhaltung in diesem Punkte, und dringe nicht weiter in ihn. Scheint es doch, er hatte willig Alles, woruber er Herr war, der Freundin mitgetheilt, und halte nur mit dem zuruck, was er nicht ganz sein nennen kann!
Gekannt mochte ich das Madchen wohl haben, das seine Kindheit und erste Jugend verschonerte. Schon ist sie nicht gewesen, das sagt er selbst, aber gut und hochst liebenswurdig. Nun das versteht sich von selbst, wenn ein Liebhaber, sie schildert. Bis in sein achtzehntes Jahr ist er mit ihr umgegangen, seitdem hat er sie nicht wieder gesehen. Ob nun gleich die folgenden acht Jahre fur seine Entwickelung sicher die bedeutendsten waren, so ist doch ein Jungling, wie Agathokles, mit achtzehn Jahren reif genug, um einen solchen Eindruck auf Zeitlebens fest zu halten. Das kann ihm bei der Wahl seiner kunftigen Gattin immer schaden, oder auch nutzen wie du willst; denn es wird ihn behutsam und ekel machen. Ich finde es nicht ubel, wenn ein Jungling ein idealisches Bild von Wurde, Grosse, Tugend in seiner Brust tragt, und die Welt um ihn her an diesem grossen Maassstabe misst. Er und sie gewinnen dabei, denn er wird nichts Gemeines und nichts gemein thun. Mag das Ideal nun die Gestalt irgend eines beruhmten Mannes, eines grossen Helden, wie Miltiades dem Themistokles1 war, oder eines holden Weibes tragen; das ist in Rucksicht der Wirkung einerlei.
Du siehst, Liebe, wie gelassen, wie wahrhaft philosophisch ich die Sache betrachte. Horst du wohl? Philosophisch! Du musst mir das Wort gelten lassen. Es bezeichnet ganz eigentlich das, was ich andeuten will. Philosophie ist Liebe zur Weisheit. Und ist der nicht weise zu nennen, der sich bemuht, mit klarer ruhiger Ueberlegung alle Dinge auf der Welt in den gehorigen Beziehungen und A b s t a n d e n von sich zu stellen und zu erhalten? Das allein fuhrt zur Gemuthsruhe, und nur bei Gemuthsruhe kann Weisheit wohnen. Nach dieser Definition, die mir ziemlich richtig scheint, kame es nun darauf an, zu bestimmen, wer eher Anspruch auf den Titel eines Philosophen machen kann Ihr leidenschaftlichen Seelen, die ihr Alles mit dusterem Ernst betrachtet, die Welt als einen ewigen Kampfplatz der Tugend mit dem Ungluck oder Laster anseht, und Alles schwer ertraget, weil ihr eben Alles recht schwer nehmt oder wir andern frohmuthigen Geschopfe, die wir uns von keiner Sache tiefer bewegen lassen, als sie es verdient, vor allen Dingen den Erscheinungen in dieser Welt die trugerische Maske abziehn, die ihnen Vorurtheil, Leidenschaft, Phantasie anlegen, und dann, wenn wir den schrecklichen Riesen auf seine wahre Zwerggestalt herabgebracht haben, zusehen, wie wir mit ihm fertig werden wollen. Jetzt will ich dir auch eine Stelle aus deinem ersten Briefe, die mich damals fast ein wenig verdross, parodirend zuruckgeben. "Lass uns den eiteln Stolz auf Systeme aufgeben," schreibst du. "Wir sind nicht, was wir wollen, sondern was wir k o n n e n ." Lass uns, sage ich dir, nicht hinter Entschuldigungen des Unvermogens fluchten, wo wir thatig seyn, und handeln sollen! Wie oft ich gebrauche mich der Waffen deines grossen stoischen Lehrers wie oft ist N i c h t w o l l e n die Ursache, N i c h t k o n n e n der Vorwand!2
Sieh, Sulpicia, ich fuhle, dass Agathokles mehr Bedeutung fur mich bekommen konnte, als nach der Kenntniss, die ich von seinem Herzen und unsern gegenseitigen Verhaltnissen habe, mit meiner Ruhe bestehen kann. Ich sage es aufrichtig; denn warum sollte ich mich der Neigung zu einem der edelsten Sterblichen schamen? Aber eben darum werde ich mich und ihn strenge bewachen und nie soll Leidenschaft und ausschliessende Liebe die schone Stille storen, in der allein mir so wohl ist. Freundschaft, Achtung, zwangloser gebildeter Umgang, das ist Alles, wessen ich bedarf, um glucklich zu. bleiben. Das wollte ich suchen, das habe ich gefunden, und will es mir erhalten. Leb' wohl!
Fussnoten
1 Themistokles hat bei der Statue des Miltiades, der die Perser uberwand, als Jungling Thranen des Ehrgeizes geweint, und dann spater die Perser, wie jener, geschlagen. 2 S e n e c a in seinen Episteln: Nolle in causa est, non posse praetenditur.
7. Sulpicia an Calpurnien.
Baja, im Februar 301.
Was soll ich sagen, Calpurnia? Soll ich mehr das Gluck deines frohen Sinnes bewundern, oder deine ungeheure Anmassung bedauernd anstaunen? Du fangst an zu lieben, ja du liebst bereits, du bleibst in der Gegenwart des geliebten Gegenstandes, und darfst es wagen, deinen Gefuhlen so nahe, oder uberhaupt nur einige Grenzen setzen wollen? Entweder du irrest schrecklich, und wirst nur zu fruh aus deinem sorglosen Schlummer erwachen, oder du bist die glucklichste Sterbliche, die jemals gelebt hat, und leben wird. Aber du, die du unsre Tragiker auswendig weisst, kennst du die Stelle nicht: Ich furchte die Gotter, wenn sie allzugunstig sind?1
Dass du und Agathokles einander naher kommen, dass ihr euch, trotz des Contrastes, oder eben um des Contrastes eurer Gemuther wegen, wechselseitig anziehen wurdet, das habe ich vorgesehen, als Tiridates mir nebst der Schilderung seines Freundes, die Nachricht brachte, dass er als Gastfreund in eurem Hause lebe. Dass du aber auch mit dieser Empfindung, mit der Neigung zu einem Agathokles, wie bisher mit allen ubrigen, nach Gefallen zu spielen, sie zu' lenken wartet. Was denkst du denn von der Liebe? Welche Begriffe machst du dir von ihr? O dass die Stimme einer unglucklichen Freundin die Kraft hatte, dich zu warnen, da es noch Zeit ist! Ja, die Liebe ist die schonste, die seligste Empfindung, deren das menschliche Herz fahig ist; sie ist es, die den armen Sterblichen auf Augenblicke seiner durftigen Existenz vergessen lasst, und ihn in den Aufenthalt der seligen Gotter zu ihren Freuden entzuckt. Aber diese Freuden sind nicht fur den Sohn der harten Erde, fur das zu Muhe und Sorgen bestimmte Geschlecht des Deucalion2 gemacht! Die Gotter strafen den Eingriff in ihre Rechte, und stossen den Frevler, der in dieser sterblichen Hulle sich an ihren Tisch drangen wollte, in den Tartarus hinab. Sieh hier den wahren Sinn der Fabel des Tantalus, oder Prometheus, der den himmlischen Funken stahl, um die Gebilde seiner Hand damit zu beleben! Nicht das stolze, kalte Vorrecht der Vernunft, die Seligkeit der Liebe, die ganz eigentlich das Gluck des denkenden Wesens ausmacht, war es, womit er seine Geschopfe weit glucklicher zu machen dachte; aber die Himmlischen straften den Raub, und Prometheus busste durch unendliche Martern, was er in einem schonen Augenblick verbrach.
Ja, unendliche Martern liegen unter den reizenden Blumen der Liebe verborgen! Das fuhle ich, das wirst auch du fuhlen, und darum mochte ich warnen, rufen, flehen: Ziehe dich zuruck, so lange es noch Zeit ist, wenn du nicht die grosste, Wahrscheinlichkeit eines glucklichen. Erfolges hast; siehst du aber den, liebt dich Agathokles, wie du ihn, stellt sich eurer Verbindung kein anderes Hinderniss in den Weg o dann gehe hin, du Liebling der Gotter, geniesse deines Gluckes, unbeneidet von der trauernden Freundin, der kein so schones Loos fiel, die aber an deiner Freude sich mit freuen wird! Geniesse es, aber gedenke der Nemesis3, und lass die heilige Scheue, die Furcht, es zu verlieren, dir seine Dauer versohnend sichern!
O meine Calpurnia! Wie will ich mich freuen, wenn ich dich glucklich weiss! Du bist edel, gut, schon, liebenswurdig: vielleicht haben die Gotter dich zu dem hochsten Gluck bestimmt, das ihre Huld dem Menschen geben kann. Sein Abglanz soll meine Nacht erhellen. Tiridates ist seit vorgestern von hier fort, um nach Rom zu gehen, und sich auf eine lange Reise zu bereiten. Casar Galerius hat ihn nach Nikomedien beschieden. Es sollen neue Versuche gemacht werden, vom Kaiser und Senat seine Einsetzung auf den Thron seiner Vater zu bewirken4. Es soll ein Heer gerustet werden, den Persern ist der Krieg angekundigt, in Armenien sind wichtige Dinge vorgefallen, Verschworungen fur und wider das Geschlecht der Arsaciden. Welche Blitze aus den Wolken brechen werden, die sich von allen Seiten an unserm Horizont herauf ziehen, wissen nur die Gotter. Wir mussen in geduldiger Ergebung zitternd erwarten, wen und wie der Schlag treffen soll. O welches traurige Loos, wenn die Liebe eines unglucklichen Paares, in das Schicksal der Reiche und Nationen verwebt, von ihm sturmisch fortgerissen wird, und nichts thun kann, als sich blind dem unwiderstehlichen Zuge hingeben! Calpurnia! Wie bist du auch in diesem Stucke glucklich! Eure Liebe wird kein Monarch storen, euer Bundniss wird nicht auf der beweglichen Welle der Volksgunst getragen! Kein ernster Wille einer Nation entscheidet uber euer Loos! Ihr durft euch im stillen Schatten des Privatlebens lieben, und mit einander leben, bis der Tod diese Bande sanft loset, und eines nach dem andern in das dunkle Reich der Nacht fuhret. O wie gern wurde ich der schimmernden Aussicht auf den Thron der Arsaciden entsagen, wie gern wenn nur einmal die welken Bande, die mich an Serranus binden, durch das Machtwort des Augustus geloset waren mich mit Tiridates in irgend einem stillen Winkel der Wett verbergen! Aber darf ich wohl diese Wunsche laut werden lassen? Darf ich den zum Thron gebornen, den der heisse Wunsch der bessern Mehrheit seines Volkes, den die Stimme der Weisen unter den Romern, den endlich sein hohes Gemuth mehr als Alles das zum Herrschen ruft, von seiner erhabenen Bestimmung ablenken, und ihn um meinetwillen in niedriges Dunkel begraben? Konnte ich diesen Verrath an der Welt, an seinem Volke verantworten, und endlich, konnte ich hoffen, dass ein Herz, wie Tiridates, in dieser stillen Beschranktheit, dieser ruhmlosen Abgeschiedenheit, glucklich seyn wurde?
Und so muss ich schweigen, dulden, tragen, das, was das Aergste fur liebende Herzen ist, Trennung, und Ungewissheit der Zukunft. Seit gestern wie stille, wie unendlich einsam ist es um mich her! Nirgends hore ich mehr die Stimme des Geliebten, nirgends begegnet mir mehr die hohe theure Gestalt in der kalten, beziehungslosen Umgebung. Von Allem, was uns bevorsteht, kenne ich nur die Gefahren, die Hindernisse, die Schrecken mit Gewissheit. O meine Liebe! Das sind Schmerzen, von denen du keinen Begriff hast. Mogen die Gotter dich vor ihrer Kenntniss bewahren! Was ist der Tod im Arm des Geliebten gegen diese Qual? Mit jedem Augenblicke sterbe ich einmal, denn jeder Augenblick ruckt die lange, gefahrvolle Trennung naher, und so habe ich tausendmal den Tod gefuhlt, ehe er kommen wird, sich meiner wirklich zu erbarmen.
Calpurnia! Ich bin sehr gebeugt, und zu den Leiden eines zerrissenen Gemuthes gesellt sich seit einigen Tagen ein korperliches Uebelbefinden, ob blos Zuwachs des erstern, ob Folge desselben und der vielen Verdrusslichkeiten, die ich hier mit unsern Leuten und besonders mit Novius, unserm Verwalter, einem durchaus bosen Menschen hatte, weiss ich nicht. Genug, jetzt, da ich nach mehr als zwei Monaten wieder in deine Arme zuruckkehren, und den Geliebten vor der unendlichen Trennung vielleicht noch einmal in Rom sehen konnte, scheint meine zerruttete Gesundheit mir auch diesen letzten Trost verweigern zu wollen. Ich habe an Serranus geschrieben, und eine wohlgeschlossene Sanfte bestellt. Vielleicht kommt er selbst, oder sendet einen seiner Vertrauten, mich abzuholen. Das ware mir sehr angenehm, denn ich furchte mich, krank und allein zu reisen. Von den hiesigen Leuten mag ich Niemand mitnehmen, ich habe sie auf einer viel zu schlechten Seite kennen gelernt. Ware jene Hoffnung nicht, ich wurde ohne weiteres die Ruckkehr meiner Gesundheit und der bessern Jahreszeit hier erwarten. Aber diese Aussicht ist auch auf ein blosses V i e l l e i c h t nicht aufzugeben, und zwei Tage, mit dem Geliebten vor einer langen ach wer burgt dafur? vielleicht ewigen Trennung zugebracht, sind mit keiner Krankheit, mit keinen Schmerzen, ja selbst mit dem Tode nicht zu theuer erkauft.
Fussnoten
1 Aus Seneca's Tragodie: Die Trojanerinnen. 2 Deucalion und Pyrrha waren die einzigen Menschen, die nach einer Wasserfluth, in der die ubrigen Sterblichen zu Grunde gingen, ubrig blieben. Auf Befehl der Gotter warfen sie mit verhulltem Angesichte Steine hinter sich, aus welchen Menschen entstanden, und die Erde auf's Neue bevolkerten. 3 Nemesis war die Gottin des rechten Maasses, die Richterin des Uebermuthes. Man sehe hieruber des verklarten Herders unubertrefflich schonen Aufsatz: Nemesis, im zweiten Bande seiner z e r s t r e u t e n Blatter 4 Armenien war lange Zeit ein unabhangiges Reich, in welchem Konige aus dem Geschlechte der Arfaciden regierten. Endlich wurde es von den Persern uberwaltigt, ihr letzter Konig Chosroes getodtet, und sein einziger Sohn Tiridates, als Kind, nur mit Muhe und durch die Treue der Diener seines Vaters an den romischen Hof gerettet. Hier wurde der Prinz in Hoffnungen auf das Reich seiner Ahnen erzogen, und zeichnete sich bei jeder Gelegenheit durch personliche Tapferkeit und Edelmuth aus Nachdem Armenien sechshatte, erschien Tiridates, der rechtmassige Erbe, von den Romern unterstutzt, in seinem Vaterlande. Alles eilte zu seinen Fahnen, und er war bereits wieder Herr seines Reichs, als die Zwistigkeiten in Persien, die seine Fortschritte bisher begunstigt hatten, sich zu seinem Schaden in einen Frieden auflosten, und er nun nicht mehr im Stande war, das Erbe seiner Vater gegen die ungerechte Uebermacht der Perser zu vertheidigen. Er floh zum zweitenmale aus seinem Vaterlande aber die Romer, welche wohl einsahen, wie wichtig und nutzlich es ihnen seyn wurde, Armenien von Persien zu trennen, und ihm einen eigenen, ihnen ergebenen Bundesgenossen zum Konig zu geben, nahmen sich seiner gerechten Anspruche auf's Neue an, und der Krieg wurde an Narses, Konig von Persien, erklart.
8. Calpurnia an Sulpicien.
Rom, im Februar 301.
Ich habe deiner Ueberkunst wegen gestern mit Serranus sprechen wollen. Ich sandte zu ihm, aber er ist krank, und wirklich sehr bekummert, dass er, wie sein erster Vorsatz beim Empfange deines Briefes war, dich nicht selbst abholen kann. Es waren wirklich schon alle Anstalten zu seiner Reise getroffen, als er krank wurde. Jetzt also komme ich, dich abzuholen, mein Vater hat es mir erlaubt, unser alter treuer Phodo, der Freigelassene meines Vaters, begleitet mich. Leb' wohl! in vier Tagen bin ich bei dir.
9. Agathokles an Phocion.
Rom, im Februar 301.
Tiridates geht nach Mailand zum Casar Maximian, von da nach Nikomedien. Zum persischen Kriege werden eifrige Zurustungen gemacht, in ihnen sieht Tiridates den Keim seiner kunftigen Grosse, die Hoffnung unumschrankter Herrschaft uber das Reich seiner Vater. Galerius scheint ihn zu lieben, wenn Menschen, wie er, oder Casarn uberhaupt, lieben konnen. Auch Diocletian ist ihm nicht abgeneigt. Sein schlauer Geist sieht in des Tiridates gegrundeten Anspruchen einen schonen Vorwand, den Uebermuth der Perser, die ihm sein Reich vorenthalten, zu demuthigen. Narses trotzt auf ungeheure Heere, auf seines Ahnherrn Saphor allzugunstiges Gluck, und die Casarn, eingedenk Valerians1 schimpflicher Gefangenschaft, und seines entehrenden Todes, brennen, die alte Schmach in Perserblut abzuspuhlen. So stehen beide Volker einander gegenuber; und nach der vorigen Niederlage des Galerius ist das Auge der Welt auf diesen entscheidenden Kampf gleicher Krafte angstlich geheftet. Auch meines, Phocion! und hoher schlagt mein Herz bei dem Bilde kunftiger Schlachten, grosser Ereignisse, verhangnissvoller Thaten, die
Aber nicht allein des Vaterlandes Schicksal, auch das Schicksal des Freundes ist's, was mich diesmal lebhafter als je fur diesen Krieg bewegt. Tiridates Gluck hangt davon ab. Ich liebe ihn, seine Anspruche sind gerecht, der Ausgang kann mir nicht gleichgultig seyn. Er grundet noch manche andre Hoffnung auf den Fortgang seiner Waffen, die ihm wohl sehr theuer, nach meiner Meinung aber nicht eben so gerecht ist. Sulpicien, die er mit unaussprechlicher Heftigkeit liebt, denkt er durch eine Scheidung, die er durch die Einwirkung des Galerius zu erhalten hofft, ihrem Manne zu entziehen, und dann auf den armenischen Thron zu erheben. Es ist Alles unter ihnen verabredet und sicher bestimmt, nur Zeit und Gelegenheit wird erwartet. Mir ist diese Sache widerlich, und ich wurde einen vorzuglicheren Ruhm darin finden, gar nicht im Geheimnisse zu seyn, wo abrathen vergebens, und zustimmen wider meine Denkart ist. Nicht viel besser, als der Plan zu einem Raube, scheint mir diese Verabredung, durch uberdachte Maassregeln einem Manne dass zu nehmen, was rechtmassig sein ist. Mag immer Serranus Sulpiciens schatzbaren Eigenschaften kein gleiches Verdienst entgegen zu setzen haben, und mit eben so viel Leichtsinn als Schwache uber Gebuhr an armseligen Vergnugungen hangen sie ist nach den Rechten der Vater, nach ihres Vaters Willen, mit ihrer eigenen Zustimmung sein Weib geworden, und soll es bleiben, bis gegenseitige Uebereinkunft beider Gatten ein Band, zu losen fur gut findet, das nicht langer mit ihrem Wohl bestehen kann. Tritt einst dieser Fall ein, dann mag sie aus seinem Hause in das eines Andern ubergehn.
Was noch mehr als diese heimliche Falschheit mich innerlich verdriesst, ist der Leichtsinn, mit welchem Calpurnia in diesen Plan eingeht, und ihn, so viel sie kann, unterstutzt. Was konnte dieses Madchen seyn, wenn nicht allzugrosse Leichtigkeit der Denkart, und ihr Hauptgrundsatz, dass Behaglichkeit und Vergnugen der einzige und letzte Zweck unsers Daseyns sind, sie uber manches Erhabne und Ernste so spielend wegfuhrte. Sie hat viele achtungswerthe Vorzuge, sie ist eines hohen Grades vom Menschenliebe, von Freundschaft fahig, manches Opfer sogar bringt sie mit festem Willen und heiterm Sinn, und mitten in dieser wurdigen Stimmung geht sie mit unbegreiflichem Leichtsinn zu Thorheiten und Aeusserungen uber, die mein Gefuhl tief verwunden. Aber sie ist schon, Phocion! Sie ist das schonste Weib, das ich je gesehen habe. Das fuhle ich, und zurne mir selbst, dass ich es so tief fuhle. Wenn sie, hingegossen auf ihr Ruhebett, die goldne Leier im Arm, durch Ton und Gesang meiner Sinne bezaubert, oder in begeisterter Stellung, noch unendlich reizender durch den seltenen Ernst, der ihre Zuge erhebt, schone Stellen aus unsern Dichtern declamirt, oder endlich, was ich zwar nur ein einziges Mal sah, im pantomimischen Tanz, wie eine Luftgestalt, daherschwebt, und in jeder Bewegung tausend namenlose Grazien entfaltet; o Phocion! wie schon ist sie dann! Nur einmal, wie ich dir sagte, sah ich sie so; denn trotz ihrer epikuraischen Grundsatze hat sie ein sehr seines Gefuhl fur Schicklichkeit und weibliche Wurde. Es war ein stiller traulicher Abend, kein fremder Zeuge ausser mir gegenwartig, als sie auf vieles Bitten ihres altern Bruders Lucius, der ihr Liebling zu seyn scheint, ihrem Vater, den Brudern und mir bei verschlossenen Thuren dies unendlich reizende Schauspiel gab. Sie tanzt vortrefflich, noch anziehender aber sind die Bewegungen ihrer Arme, ihr Mienenspiel, ihre Geberden, womit sie sprechend und unverkennbar dem Zuseher die Fabel des Stuckes vergegenwartigt. Ja, Phocion! dieser Eindruck, wird nie aus meiner Seele schwinden.
Ist das aber recht? Soll ein Spiel unsrer Sinne, eine angenehme Einwirkung auf aussere Organe, denen kein deutlicher Begriff zum Grunde liegt, vermogend seyn nicht allein machtig auf den edlern Theil unseres Selbst zu wirken, sondern sogar diesen Theil wider seine Ueberzeugung mit sich fortzureissen, und zu Handlungen zu bestimmen, die vor der prufenden Vernunft nicht bestehen konnen? Was ist der Mensch fur ein armes, schwaches Geschopf! Ein Spiel, nicht allein des Schicksals, der allgewaltigen Natur, der Leidenschaften auch ein weit verachtlicheres seiner Sinne, die selbst bei besseren Menschen sich gegen die Vernunft emporen.
Unbegreiflicher Zauber der Schonheit! Was bist du! Ein Phantom, ein conventioneller Begriff, abgeandert nach Clima und Zeit, weder aus der Natur der Menschen bestimmbar, noch uberhaupt unter Regeln zu bringen! An den schonsten Gestalten Griechenlands geht der Bewohner der beissen Zone ungeruhrt voruber, und was uns widrig erscheinet, entzundet seine Einbildungskraft, und bezwingt sein Herz. Und was ist endlich Schonheit oder Reiz? Diese oder jene unwillkuhrliche Gestaltung des Korpers, die Lage irgend einiger Muskeln, das zartere oder grobere Gewebe der Haut, eben so eine blosse Wirkung physischer Krafte, jedem Einfluss der Vernunft entzogen, als die Bildung eines Grases, einer Blume, und eben so ohne Folge fur den inneren Werth, der doch allein den Menschen zum Menschen macht! Tausendmal, Phocion, habe ich mir dies gesagt, tausendmal, wenn Calpurnia in ihren Reizen vor mir schwebte, mich bemuht, die Natur und Quelle des machtigen Eindrucks zu zergliedern, und so die Wirkung des Ganzen aufzuheben. Es gelang auf einen Augenblick, im nachsten verschwand alle Speculation vor der allgewaltigen Macht der Schonheit.
Phocion! ich fange an, mit mir selbst sehr unzufrieden zu werden. Ich weiss bestimmt, dass Calpurnia ihres Charakters wegen mich nie wahrhaft glucklich machen kann, und trotz dieser festen Ueberzeugung Wie kann ich Tiridates tadeln, der auch nichts anders thut, als dem Eindrucke nachgeben, dem zu widerstehn, ihm Kraft und Wille fehlt?
Wille? Fehlt mir dieser? Nein, Phocion! diese Gerechtigkeit darf ich mir widerfahren lassen. Ich w i l l widerstehn, und ich hoffe, ich werde es. Ist kein Schild wider diese Reize in Vernunft und Grundsatzen zu finden: so ubrigt die Flucht, die keinem, der ernstlich will, entstehen kann.
Calpurnia hat in diesen Tagen einen Beweis gegeben, dass sie nicht allein liebenswurdig sey, dass sie auch mit Kraft einen edlen Vorsatz auszufuhren vermoge. Sulpicia lag krank in Baja. Hausliche Verdrusslichkeiten, Einfluss der Witterung, mehr als dies, verzehrende ungluckliche Leidenschaften hatten ihre Gesundheit erschuttert. Sie furchtete, allein in blosser Begleitung ihrer Sclaven nach Rom zuruckzukehren. Serranus war selbst krank und konnte sie nicht abholen. Da entschloss sich Calpurnia, die Freundin nicht zu verlassen. Des Vaters abgeneigter Wille ward durch Bitten und Flehen besturmt, und unter dem Schutze eines treuen Freigelassenen reisete sie im ungunstigsten Wetter, Tag und Nacht, nach Baja, und brachte der kranken Freundin Hulfe und Trost. Am folgenden Morgen kehrte sie in kleinen Tagereisen mit ihr nach Rom zuruck. Ich war zugegen, als sie anlangten. Tiridates, der kurz vorher wenig Hoffnung gehabt hatte, seine Geliebte noch vor seiner Abreise zu sehen, harrte ihrer mit Sehnsucht und Angst. Sie traten ein. Phocion! Welche Gewalt auf der Erde kann sich mit der Allmacht der Liebe messen? Fordre nicht, dass ich dir das Wiedersehen dieser seligen Unglucklichen beschreibe, dieses Entzucken, diesen Schmerz diese Gotterwonne, diese Verzweiflung! Sie mussen sich trennen, und ihre Zukunft liegt in tiefem Dunkel. Entzundet und tief erregt von dem Auftritte, dessen Zeuge ich war, geruhrt von Calpurniens Edelmuth, wiederholte ich es doch noch einmal: ich w i l l ihrem Zauber widerstehen, und ich hoffe, ich werde es.
Ein hohes Bild schwebt in atherischer Klarheit vor meiner Seele. Larissa erscheint mir oft, hier in Rom, seit ich um Calpurnien lebe, ofter als sonst, im Wachen, in Traumen und nicht vergebens! An dieser reinen Flamme verzehrt sich jede unlautere Begierde, lautert sich der Wille, stahlt sich die Kraft. Ich habe alle Hoffnung verloren, sie wieder zu sehen; dennoch kann ich in manchen Augenblicken einem heissen Wunsch, einer Ahnung kunftiger Vereinigung nicht widerstehen. Auch das ist einer der Widerspruche in meinem Innern, die mich beschamen und qualen. Soll ich denn zu keiner Ruhe des Gemuths gelangen? Soll meine Brust ewig streitenden Neigungen zum Kampfplatze dienen? Oft vertrostet mich die Hoffnung, die doch keinen Menschen, wie elend er sey, verlasst, auf meine spatern Jahre; Manneskraft und kalteres Blut wurden bewirken, was jetzt. Vernunft und Ueberlegung fruchtlos versuchen. Vielleicht hat diese Stimme recht! Manchmal ist mir aber auch, als ware, dies Alter zu erreichen, mir nicht bestimmt, als sollte ein fruhzeitiger Tod gewaltsam den Kampf endigen. Ich wurde nicht daruber trauern. Auch hierin kann ich ohne Anmassung und Stolz mit dem Weisen sagen: Ich gehorche den Gottern nicht, ich stimme ihnen bei2.
Denn, was ist das Leben, Phocion? Die Bedingung unserer Bestimmung auf Erden. Wir sind hier, weil wir etwas zu thun, zu schaffen, zu hindern haben, das in den Plan des grossen Ganzen gehort. Haben wir das verrichtet, so konnen wir abtreten. Hierzu ist kein Maass der Jahre bestimmt. Die Vorsicht setzt das Werkzeug ihrer Absicht in der gehorigen Zeit und den erforderlichen Umstanden in Bewegung. Ist die Wirkung vollbracht, dann zerbricht sie das unnutze Gerathe, und wo wir dann hinkommen? Phocion, das ist das schauerliche Rathsel, das kein Sterblicher losen kann. Tartarus, Elysium sind artige Mahrchen. Doch hangen Viele daran, die nichts Hoheres zu denken wagen. Darum sollen sie uns offentlich heilig seyn! Und auch! es ware ein schoner Gedanke, die vorangegangenen Geliebten in stillen Auen des Friedens wieder zu findend! Dort wurde ich auch meine Larissa sehen! Ach wer daran glauben konnte!
Wie unglucklich ist es, diesen seligen Wahn aufgegeben zu haben, und in allen Schulen der Philosophen, in allen ihren Buchern nichts zu finden, das diesen Verlust ersetzt! Ach wer an Elysium glauben konnte! sage ich noch einmal.
Es ist gar zu traurig, welche dustre entnervende Vorstellungen von unserm Fortwahren im Hades3 sich die meisten, selbst vernunftigen Menschen machen. Wenn Hadrian sein Seel'chen bleich und nackt in unbekannte Orte hinwankend denkt, wo kein Scherz, keine Freude, mehr ist: wenn Achill im Homer lieber Tagelohner auf der Oberwelt, als Konig im Reiche, der Schatten seyn mochte; wenn Macenas es wunschenswerth findet, unter allen erdenklichen Schmerzen, selbst am Kreuze zu leben, nur um zu leben wie mussen die Begriffe der Menschen von ihrem Zustande nach dem Tode gewesen seyn!
Wer aber gibt uns bessere, die einen Grad von Wahrscheinlichkeit hatten? Schlafen? Nichts von sich wissen? Was sind das anders, als schonende Namen fur die grauenvolle Idee der Vernichtung, vor der das denkende Wesen zuruckschaudert? Plato hat schone Ideen, aber sie befriedigen nicht, sein Phadon vermag keinen Zweifler zu beruhigen. Die Stoiker und alle ubrigen Philosophen geben Vermuthungen. Wer gibt dem durstenden Geiste Gewissheit? Und vor Allem, wer gibt dem rohen sinnlichen Volke, das durch losen Spott und unberufene Lehrer auf die Nichtigkeit seiner Gotter aufmerksam geworden ist, und Ehrfurcht und Scheu als lastige Bande abzuwerfen strebt, einen neuen Zaum? Es ist schrecklich, sage ich dir, wie weit die Verachtung alles Heiligen und Ehrwurdigen in Rom nicht blos in den hohern Standen, sondern auch unter dem niedrigsten Pobel geht. Diese alte Religion sinnlicher, leidenschaftvoller, diebischer, ehebrecherischer Gotter kann nicht mehr den Zauber ausuben, den sie, unbegreiflich genug, so manches Jahrhundert ausgeubt hat. Die Welt in ihrer jetzigen Verfeinerung, Ueberverfeinerung und Verderbtheit, braucht einen starkeren Zaum und wurdigere Begriffe von ihrer Bestimmung und von der Gottheit selbst.
Es ist unmoglich, bei den Folgen dieses Missverhaltnisses der Religion zum Zeitalter, gleichgultig zu bleiben. Die Zukunft scheint mir schrecklich, ich furchte traurige Ereignisse fur die Mit- und Nachwelt. Ich kann mich dieser Gedanken nicht entschlagen, wenn sie mich oft recht peinlich fassen. So leide ich doppelt. Das ist das unselige Loos von Gemuthern, wie das meine, dass das kunftige Uebel sie schon qualt, ehe noch das gegenwartige seine Macht uber sie verloren hat. Beklage mich, Phocion, nur entzieh dem dustern Traumer, den du schon oft vergebens ermahnt hast, deine Nachsicht und Liebe nicht. Leb' wohl!
Fussnoten
1 Der Kaiser Valerianus wurde bei Edessa von den Persern geschlagen, und zum Gefangenen gemacht. Saphor, ihr machtiger Konig, hielt ihn bis an seinen Tod in schimpflicher Gefangenschaft, und setzte, wenn er sein Pferd bestieg, immer den Fuss auf den Nacken des unglucklichen Monarchen. 2 Seneca de Tranquillitate. 3 Hades, Tartarus, Namen fur die Unterwelt. Die Stellen auf welche weiterhin angespielt wird, sind folgende:
Animula vagula, blandula,
Hospes, comesque corporis
Quae nunc abibis in loca
Pallidula, rigida, nudula,
Nec ut soles dahis jocos.
Debilem facito manu
Debilem pede, coxa:
Vita dum superest, bene est,
Hanc mihi, vel acuta
Si sedeam cruce, sustine.
10. Sulpicia an Calpurnien.
Rom, im Marz 301.
Dass du, statt meines Besuchs, einen Brief von mir erhaltst, dass es mir, drei Strassen weit von dir, nicht moglich ist, dich zu besuchen; ist das Werk niedriger harter Menschen, an deren Spitze Serranus, und ich schaudre es zu sagen mein Vater steht. Novius, der Nichtswurdige, der unsre Villa so unverantwortlich vernachlassigt hat, racht die Entdeckung seiner Schandthaten durch niedertrachtige Verlaumdung an mir, indem er Serranus und meinen Vater von meinem Verhaltnisse zu Tiridates unter dem Gesichtspunkte unterrichtet, aus welchem ein feiles Gemuth, wie das seinige, eine solche Verbindung zu betrachten im Stande ist! Um die Gunst seiner alten Gebieter zu gewinnen, hat er nichts unterlassen, was den Prinzen und mich in ein verhasstes Licht setzen kann, und aus dem eignen schandlichen Gemuth noch recht viel Abscheuliches und Entehrendes hinzugesetzt. Was mir aber unbegreiflich bleibt, ist, dass er, die Gotter wissen woher? von Allem weiss, was fur die Zukunft zwischen Tiridates, mir und dir verabredet ist. Mein Vater wuthet. Der Gedanke einer Scheidung, einer Verbindung mit einem b a r b a r i s c h e n T y r a n macht ihn aller Schonung, aller vaterlichen Liebe vergessen. Calpurnia! Ich wurde trotz des Kummers und der Krankungen, die ich ausstehen muss, dennoch diese Ausbruche seines Zorns mit kindlicher Ergebung tragen, wenn ich sie als Folgen wirklicher Schwachheiten und eingewurzelter Vorurtheile, die nicht mehr in die Zeiten passen, ansehen konnte; aber ich furchte, es liegt dieser unverhaltnissmassigen Wuth etwas anders zum Grunde, das vielleicht nicht so edel, so verzeihlich, o lass mich daruber hingleiten! Das Geschlecht der Anicier ist machtig, ihr Einfluss am Hofe bedeutend. Mein Vater ist ehrgeizig, er hat drei Sohne zu versorgen, die zum Theil schon in Hofamtern (wie wenig stimmt das mit achtem Republikanismus uberein!) dienen, die er gern weiter bringen mochte! Das emport mich, das macht mir meine hulflose Lage unter diesen Handen unertraglich!
Serranus wurde sich nicht unterstehen, mich mit bittern Vorwurfen, mit niederm Verdacht, so wie er thut, zu verfolgen, wenn nicht die Aufreizungen meines Vaters und sein Ansehn dies schwache unselbststandige Gemuth zu einer ihm selbst unerreichbaren Harte und Kraft aufregten. So aber stutzt sich seine Armseligkeit auf jenen festen Grund, und er peinigt mich um so mehr, je weher es thut, sich von Jemand misshandelt zu sehen, den man nicht achten kann, der alle Augenblicke die gelernte Rolle vergisst, und die Inconsequenz seines Innern durch unzusammenhangendes Betragen aussert, jetzt schilt, jetzt trauert, in dieser Stunde mich durch niedrigen Verdacht herabsetzt, in der nachsten die alte Liebe wieder hervorbrechen lasst, und mich mit Klagen, Bitten und Vorwurfen arger als mit Scheltworten martert. Seit acht Tagen wahrt diese Qual, die im Anfange noch ertraglich, jetzt jeden Tag peinlicher wird, seitdem Serranus, gewiss auf Anstiften oder Befehl meines Vaters, so weit geht, mich durch meine Sclavinnen beobachten zu lassen, seitdem ich o ich errothe, indem ich es schreibe wie ein Kind behandelt, nicht einmal allein ausgehen darf, wenigstens nicht zu dir. Dich halt man fur meine Mitverschworne. Man weiss, dass du des Tiridates und meine Vertraute bist, und man traut dir und mir und dem Prinzen Dinge zu, die zu wiederholen, mir Stolz und Achtung verbieten. Genug, ich soll dich nicht sehen, wenigstens nicht allein. Lucia2, die Amme meines Gemahls, oder er selbst begleiten mich bei jedem Ausgang. Seit ich das fuhle, verlasse ich den Umkreis meiner Wohnung nicht mehr. Ich erkenne meines Vaters unbeugsamen Sinn in diesen Anstalten, der vor der Verbindung mit dem Prinzen zu errothen vorgibt, aber nicht errothet, seine Tochter vor ihren Sclaven zu erniedrigen! Calpurnia! Fuhlst du ganz, wie tief ich gesunken, wie elend ich bin? und Tiridates ist fern, und dein Umgang mir versagt! Ich bin einsam und hulflos, den Handen meiner Peiniger uberlassen! O welcher Gott gibt mir Kraft, dies zu ertragen, oder Muth und List, meine Ketten zu zerbrechen.
Fussnoten
1 Die Romer nannten voll Nationalstolz alle fremden Volker Barbaren, und Tyrann war im Alterthume der Name eines jeden Monarchen, ohne dass man eben den gehassigen Begriff damit verband, den wir bei diesem Worte denken. 2 Die Ammen der Vornehmen jener Zeit blieben meistens bis an ihren Tod in den Hausern ihrer Pfleglinge, und spielten manchmal die Rollen der Vertrauten und Gehulfinnen bei heimlichen Verhaltnissen, wie man in den Theaterstucken der Alten findet.
11. Agathokles an Phocion.
Rom, im Marz 301.
Dieser Brief ist der letzte, den du aus Rom erhaltst. Ich verlasse es in wenig Tagen, um Kriegsdienste zu nehmen, und jetzt, wo das Auge der Welt auf die grosse Entscheidung geheftet ist, mit und fur Tiridates zu streiten. Zeihe mich keiner Unbestandigkeit, wenn du mich, nach dem, was ich dir unlangst geschrieben habe, doch diesen Stand, der so viel von seiner ursprunglichen Wurde und Zweckmassigkeit verloren hat, ergreifen siehst! Ich brauche Beschaftigung, bestimmte, unnachlassige Thatigkeit; denn ich fuhle, dass in meiner jetzigen Lage jene Musse, in der sich sonst meine Seele so wohl befand, Gift fur mich ware. Calpurnia ist zu reizend und zu leichtsinnig. Um sie zu seyn, und sie nicht zu lieben, ist unmoglich; sie zu besitzen und glucklich zu seyn, noch unmoglicher. So sehr sie mich anzieht, so tief fuhle ich, dass wir nicht fur einander geboren sind. Darum ist es Pflicht gegen mich, gegen sie, dass dieser Zauber zerstort werde, und das kann und wird er sicher durch Entfernung. Weniger als je widert mir diesmal der Zweck und die Art des angefangenen Krieges. Es gilt keine neue Eroberung, kein prunkendes Hinzufugen neuer Provinzu vernachlassigen und auszusaugen, wie die vorigen. Dem rechtmassigen Beherrscher soll der Thron seiner Vater erstritten, und die Schmach vergangener Jahre an ubermuthigen Barbaren gerochen werden. So ehrt der Zweck die Mittel, und ich errothe nicht, ich freue mich vielmehr, in diesem Kriege auch meine Krafte zu versuchen, und eine edle Absicht mit Aufopferungen befordern zu helfen. Tiridates ist nach Mailand zum Augustus Maximian. Ich folge ihm bald, wir schiffen uns in Ravenna ein, und in ein paar Wochen denke ich in Nikomedien zu seyn. Dass ich dich nicht mehr dort treffen soll, war eine schmerzliche, eine niederschlagende Nachricht fur mich, die ich aus dem Briefe meines Vaters vernahm. Du bist als Lehrer in der Akademie nach Athen berufen, du verlassest deine Vaterstadt, vielleicht in dem Augenblicke, wo ich mich anschicke, sie wieder zu sehen. Wie hatte ich mich gefreut, dich noch dort zu finden! Es sollte nicht seyn. So will ich denn auch diese fehlgeschlagene Hoffnung, wie so viele andere, woran mich mein Geschick von Jugend an gewohnte, gelassen ertragen. Mein Vater hat mir geschrieben, so vaterlich, so gutig, wie seit langer Zeit nicht. Ich weiss wohl, und fuhle es dankbar, dass diese Milderung seiner Gesinnungen gegen mich dein Werk, dass es das schone Vermachtniss ist, das du scheidend mir im vaterlichen Hause zurucklassest. Habe Dank dafur, jenen innigen aber wortarmen Dank, den du weder verkennst, noch verschmahst! Ich hoffe endlich meinen Vater, auch in dieser Hinsicht, mit mir zufrieden zu sehen. Ich habe ihm meinen Entschluss, Kriegsdienste zu nehmen, geschrieben, und ihn um seine Verwendung gebeten. Er wunschte langst, mich in irgend einer Laufbahn thatig zu sehen; und so fallt sein Wunsch mit meinen Absichten zusammen. Trifft dich dieser Brief noch in seinem Hause, so schildere ihm meine kindliche Dankbarkeit fur seine Gute, und sage ihm, dass ich es nachstens selbst thun werde. Leb' wohl, theurer, vaterlicher Freund!
12. Calpurnia an Sulpicien.
Rom, im Marz 301.
Zum erstenmal in meinem Leben setze ich mich mit rothgeweinten Augen, erschopft von einer halbdurchwachten Nacht, nieder, um deinen Brief zu beantworten, den mir deine treue Chromis gestern in der Dammerung verstohlen brachte, dein Schicksal mit dir zu beklagen, und, was mich selbst schmerzt, in deinen mittheilenden Busen auszugiessen. Arme, ungluckliche Freundin! Und durch wen unglucklich, als durch das boshafte Geschlecht, das, zu unserer Qual geschaffen, uns durch seine Fehler und Tugenden gleich empfindlich martert! O glaube mir, Sulpicia, ich fuhle mit dir. Die Aussicht, einen Freund zu verlieren, dessen Vorzuge mich eine Weile verblendeten, zeiget mir, was es seyn muss, einen G e l i e b t e n zu vermissen. Agathokles ist im Begriffe fortzureisen. Du staunst? So plotzlich, so unerwartet, so wie soll ich sagen? ohne alle hinlangliche Veranlassung! Sein Eifer fur die gute Sache deines Tiridates wurde auf einmal so brennend, und seine Pflicht, dem Wunsche seines Vaters entgegen zu kommen, so dringend, dass er sich auf der Stelle entschloss, Kriegsdienste zu nehmen, und den Feldzug wider, die Perser mitzumachen. Beruf gunstig oder gemass war, er, der in so Manchem, fast in allen Stucken von seinem Vater verschieden denkt; er hat nun nichts Angelegeneres zu thun, als sich zur Reise anzuschicken, und einen Ort bald zu verlassen, wo ihn nichts auf der Welt zuruckhalt. O! Er hat vollkommen Recht; aber diejenigen, die sich uber seine Entfernung gramen wollten, hatten eben so vollkommen Unrecht.
Das weiss ich, das fuhle ich, und doch, Sulpicia
wie muss ich mich meiner Schwachheit schamen doch, gestern, als er es mir ankundigte! Ich war nicht vermogend, ihm sogleich zu antworten. Meine Kniee wankten, mein Blut schien auf einen Augenblick stille zu stehen, und ich empfand, dass auch meine Gesichtsfarbe, wenigstens zum Theil, die Bewegung verrathen musste, die in meinem Innern vorging. Indessen er war ja so gefasst, so ruhig, so aus freiem Willen entschlossen! Was hatte ich fur ein verworfenes Geschopf seyn mussen, wenn ich mich nicht an d i e s e r Kalte abgekuhlt, an dieser b e w u n d e r u n g s w u r d i g e n Kraft gestarkt hatte! Ich wurde auch stark! Ich fand in ein paar Secunden, ja indess er noch, ich weiss nicht mehr was, sagte denn zum V e r s t e h e n war ich zu sehr, o gegen dich darf ich ja den Ausdruck brauchen! zu sehr b e t a u b t ich fand die Kraft wieder, ihm mit Gelassenheit, ja sogar scherzhaft zu antworten. Schnell, mit einer leichten Wendung drehte ich das Gesprach auf Nebensachen, auf die Anstalten zu seiner Reise, die gunstige Witterung u.s.w. Mein Vater und meine Bruder waren gegenwartig. Es ward mir leicht, unter einem Vorwande das Zimmer zu verlassen, und in der Einsamkeit die muhsam zuruckgehaltne Erschutterung meines ganzen Wesens austoben zu lassen. Gern hatte ich auch den Thranen, die Schmerz und Zorn unaufgehalten hervorriefen, freien Lauf gegeben; aber das durfte ich nicht wagen, denn die Stunde des Abendessens war nahe, und Agathokles, wie immer, bei uns. Ich wendete also blos die einsame Viertelstunde an, um eine leidentliche Haltung anzunehmen; dann kam ich in's Speisezimmer zuruck. Die Abreise, welche mein Vater und die Bruder recht aufrichtig bedauerten, war, wie du denken kannst, der Gegenstand aller Gesprache. Ich that mir Gewalt an, so viel Gewalt, dass mein Herz heimlich aus allen Tiefen zu bluten anfing; aber ich erstaunte selbst uber meine Kraft, und schien von Allen die Ruhigste, die Kalteste, sogar kalter als er, und das wollte Viel sagen! Da bemerkte ich denn o was sind diese Manner fur schwache Geschopfe! Wie reizt sie so gar nichts, als was ihnen verwehrt ist! Wie wird die unbedeutendste Sache ihnen, wie den kleinen Kindern, nur dann lieb, wenn sie sich ihnen entzieht! ich bemerkte deutlich, dass Agathokles in eben dem Maasse stiller, nachdenkender, missmuthiger schien, je heiterer und frohlicher ich wurde. Das verdoppelte meine Kraft; denn es flosste mir ein Gefuhl von Spott ein, und so gelang es mir, bis zu Ende der Mahlzeit die Rollen ganz umzutauschen. Wir schieden scherzend auseinander. Ich ging auf mein Zimmer ich hoffte ruhig bleiben zu konnen. Da trat deine Chromis ein, und ich las deinen Brief. Auf einmal fiel die Erinnerung an meine Lage, vermischt mit dem, was ich fur dich empfand, wie eine Centnerlast auf mein Herz. An deinen Schmerzen erneuerten sich die meinigen, und meine Thranen fingen an so heftig zu fliessen, dass der Morgen bereits zu dammern begann, als endlich ein mitleidiger Schlaf meine Augen schloss. So sind es denn Manner, und immer Manner, die die hochsten Qualen uber unser Leben ausgiessen, sie mogen uns lieben oder hassen! Serranus liebt dich, dein Vater, so hart er scheint, nimmt doch gewiss innigen Theil an dir, und Agathokles? O wie oft las ich das Gestandniss seiner Liebe in seinen Augen, seinen entschlupften Worten! Und doch, doch konnen sie uns so grausam peinigen, so aller Rucksichten vergessen, und in der rohen wilden Kraft ihres Wesens auch nicht von fern ahnen, wie ein Weib fuhlt, und was unsre Herzen bei diesen rauhen Beruhrungen leiden mussen!
Was ist es bei Agathokles? Philosophischer Stolz, keiner Leidenschaft zu unterliegen? Spiel mit einer wachsenden Empfindung, oder lacherliche Treue gegen ein Schattenbild? Was es immer sey er befolgt seinen Plan, weil er ihn einmal entworfen hat, ohne Rucksicht auf die, die Antheil an seinem Schicksal nehmen, die ihn in jedem Zimmer, bei jedem einsamen Mahle, bei jeder reizlosen Freude schmerzlich vermissen werden. Er denkt nicht daran. Er will reisen, und so thut er es. Und ich sollte ihm nachweinen? Nein, Sulpicia, diesen Triumph soll der kalte ernste Censor1 nicht erleben. O! ich will frohlich und heiter seyn, und lacheln, wenn er sein Pferd besteigt, und zum letztenmal aus dem Thore unsers Hauses sprengt. Ich will denn er verdient es nicht anders!
Sieh doch, Sulpicia, was Stolz und Unmuth fur eine Gewalt uber den Menschen haben! Ich habe mit Thranen zu schreiben angefangen, sie sind wahrend des Briefes noch haufig geflossen; jetzt sind sie getrocknet. Ich weine nicht mehr, denn ich zurne, und finde in meinem Zorn eine Stutze gegen die unzeitige Weichheit meines Herzens. O man tadle mir den Zorn nicht! er ist eine erhebende, eine heldenmuthige Empfindung, er halt der lahmenden Wehmuth das Gleichgewicht, und starkt uns, wenn mir zu unterliegen befurchten mussen.
Mit deinen zwei Peinigern wollen wir schon auch noch fertig werden. Sie sollen uns nicht uber die Kopfe wachsen. Sind sie hart, wir wollen es noch harter; sind sie schlau, wachsam, wir wollen es noch mehr seyn. Es soll ihnen nicht gelingen, uns zu trennen. Wir sehen uns bald und ungestort wieder. Leb' wohl!
Fussnoten
1 Censor war eine obrigkeitliche Person in Rom, unter deren Aufsicht die Sitten und das Vermogen der romischen Unterthanen standen.
13. Sulpicia an Tiridates.
Rom, im Marz 301.
Aus einer dustern Einsamkeit, von keinem Trost, von keinem heitern Gedanken erhellt, nur von den Manen meines ehemaligen Gluckes umschwebt, dessen Erinnerung die Stacheln meiner Leiden scharft, schreibe ich an dich, Tiridates! Bald vielleicht ist mir auch dieses letzte Gut geraubt. Harte und niedere Selbstsucht umgibt mich mit hundert feilen Argusaugen. Unser Verhaltniss ist auf eine unwurdige Art vom Unwurdigen entheiligt dem Serranus und meinem Vater verrathen worden. Alles, was strenge, von truben Ansichten geleitete Harte, was engherzige Kleinlichkeit und niedrige Eifersucht von Qual und Lasten auf ein zerrissenes Herz walzen konnen, erdulde ich. Man hat gesucht, mich von Calpurnien zu trennen. Ihre treue Liebe und schlaue Kuhnheit hat dies gedrohte Ungluck von mir abgewandt. Sie hat Serranus rufen lassen. Ihr Verstand, ihre wohlangewandte Freundlichkeit hat ihn gewonnen. Das Geschlecht, aus dem sie stammt, und ihres Vaters Einfluss hat dem meinigen, Ehrfurcht geboten, und man wehrt ihr jetzt nicht, mit mir umzugehen. Nur fuhle ich wohl, dass mich selbst in ihren Armen Verdacht und Argwohn umlauert. veranstalten, dass noch ein Besuch zu gelegener Zeit kommt, oder ein Mitglied der Familie sich etwas in unserm oder den anstossenden Gemachern zu schaffen macht. Wie klein, wie armselig, wie verachtlich mir das erscheint, brauche ich dir das wohl zu schildern? O wenn ich hier je hatte lieben konnen, die leiseste Empfindung ware mit der letzten Wurzel durch ein solches Betragen vertilgt! Und vollends nun da ich nie liebte, nicht einmal achtete! Man lauert auf meine Briefe. Diese besorgt Calpurnia selbst, und auch ihre Briefe mussen durch Umwege an mich gelangen. Wenn nichts mich zum Hass, zur Rache berechtigte, ware es nicht schon die furchterliche Nothwendigkeit, in die man mich setzt, mich zu solchen Schritten herablassen zu mussen?
Ich bin unaussprechlich unglucklich. Mein Leben ist eine grauenvolle Nacht, in der bewusstlos hinzuschlummern, jetzt der hochste Wunsch meines gepeinigten Wesens ware! Tiridates! Warum musste ich dich kennen lernen? Warum musste dein Anblick die stille Fassung, worein Gleichgultigkeit und Ueberlegung mein Herz gebracht hatten, so gewaltsam storen? Warum musste mir das mogliche Ideal mannlicher Vollkommenheit, das bisweilen in einsamen Stunden meine Seele, wie ein schoner Traum, beschaftigte, in dir auf einmal wirklich erscheinen, in dir, den Geburt, Vaterland und Verhaltnisse mir ewig fremd halten mussten? Welches grausame Vergnugen findet das Schicksal darin, in den Gebirgen Armeniens und im glanzenden Rom zwei Seelen ganz fur einander zu bilden, sie sich finden zu lassen, und sich gewaltsam zu trennen? Doch nein, ich klage nicht. Ich habe dich gefunden, ich habe dich geliebt, das kann mir keine Macht der Erde rauben: und wenn auch das Gluck, dass ich dich kennen gelernt habe, mich von diesem Augenblicke an ewig elend machen musste, ich konnte es nicht bedauern, nicht bereuen; denn ich war selig selig wie die Gotter!
Und ist denn jede Hoffnung verschwunden? Liegt hinter der grauenvollen Gegenwart keine bessere Zukunft? Tiridates! ich bin sehr schwach. Es gibt Augenblicke, wo mein Herz in seinen unendlichen Schmerzen versunken, ihn heftig ergreift, und von keiner Hoffnung etwas wissen will; wo es sich jeder Aussicht moglicher Verbesserung verschliesst, und eine Art von dumpfer Beruhigung darin findet, dass es nie aufhoren wird, zu leiden. Dann ist mir, als ware meine Rechnung mit dem Schicksal abgeschlossen. Mein Leben, auch das noch kommende, liegt hinter mir, wie ein vollbrachter Tag. Die Zukunft ist voruber, ich furchte nichts, ich hoffe nichts, nicht einmal den Tod. Ich fuhle nur, dass ich elend, dass ich von dir getrennt bin.
Und was wird, indessen ich hier leide, dein Schicksal seyn? Vielleicht kampft dein Schiff mit Sturm und Wogen ein Blitz trifft es es sinkt du bist im Abgrunde des Meeres begraben! Oder ich sehe dich spaterhin im Schlachtgewuhl ein Pfeil durchbohrt dein Herz, fur das zu leben meine einzige Bestimmung ist! Was soll ich denn auf der Welt? O lass mich dir nacheilen! Lass mich mit dir in's ode Reich der Nacht hinabsteigen, oder an deiner Seite liegen und schlafen! Beneidenswerthes Loos, wenn uns im Reiche des Lichtes und frohlichen Wirkens kein Gluck mehr beschieden ist! O schreibe mir bald, Tiridates! Reiss mich aus dieser Angst, die oft bis zur Verzweiflung steigt! Nur dies, dass du lebst, dass ich hoffen kann, dich noch einmal zu sehen, macht es mir moglich zu leben.
Auch Agathokles hat uns verlassen. Er eilte dir bald nach, um sich mit dir einzuschiffen. Ich vermisse seinen Umgang, seine thatige warme Freundschaft recht sehr, obwohl wir uber viele und wichtige Punkte nicht gleich dachten. Aber ich war die Geliebte seines Freundes, und das war genug, ihn fur mich zu gewinnen. Er hat Manches fur mich gethan, das ihm mein Herz nie vergessen wird. Er ist sehr edel, aber ich furchte, er wird nie glucklich werden; denn seine Begriffe passen nicht in sein Zeitalter Calpurnia hat sicher einen starken Eindruck auf ihn gemacht; dennoch erlaubte er sich die Gotter mogen wissen warum nicht, diesem sanften Zuge zu folgen. Man sah die Gewalt, mit der er dieser Einwirkung widerstand. Er ist ein sonderbarer Mensch! Bei ihm gilt nicht, was in ahnlichen Fallen Calpurnien vor heftigen Eindrucken bewahrt Leichtigkeit des Sinnes, und ein frohliches Temperament. Seine Kalte ist Gewalt uber sein Gemuth, seine Gelassenheit die Frucht eines schmerzlichen Kampfes. Die gluckliche Calpurnia! Agathokles war ihr sehr werth. Sie war wohl zu stolz, es ihm zu zeigen, da sie die strenge Entfernung bemerkte, in der er sich geflissentlich von ihr hielt. Ich weiss aber, dass sie ihn sehr geliebt hat. Viele und bittere Thranen sind uber seine Abreise in meinen Schooss vergossen worden. Ich hatte sie noch nie gesehen, als am Tage nach seinem Abschiede. Dennoch nach drei Tagen kam sie zu mir, ihre Thranen flossen noch bei jeder Erwahnung des theuren Namens, und sie hoffte schon auf die Linderung, die ihr die wohlthatige Zeit bringen wurde, auf die allmahlige Schwachung jedes heftigen Eindrucks, auf die Kraft der Zerstreuung, der sie sich zu uberlassen recht ernstlich vornahm! O wie glucklich ist sie!
Soll ich darf ich sie beneiden? Nein, Tiridates! Ich kann nicht, wenn ich auch durfte. Nein, dass ich dich liebe, und so innig, so unaustilgbar, so mit aller Kraft meines Wesens, ist mein Gluck, und wenn es mich auch verzehrt. Du aber, der du weisst, dass deine Briefe jetzt mein einziger Trost, der einzige helle Strahl in der Nacht meines Kummers sind: schreibe mir bald, oft, Alles, was dich betrifft, jede Kleinigkeit, jeden Gedanken, jeden Wunsch. Bedenke, was mir diese Briefe zu ersetzen haben, fur was sie mich entschadigen sollen und lass mich nicht verzweifeln.
14. Agathokles an Phocion.
Nikomedien, im Mai 301.
Nach einer ziemlich beschwerlichen Seereise, wo unstate Winde, und ein emportes Meer uns beinahe auf immer von dem Ziele unserer Reise, dem holden Vaterlande, getrennt hatten, langten Tiridates und ich vor acht Tagen in Nikomedien an. Susser Zauber der heimathlichen Gefilde! Wie sanft bewegst du unser Herz! Wie lieblich erscheint die Kuste des Vaterlandes nach langer Abwesenheit! Zwar wirst du mir sagen, nach einer gefahrvollen Seereise ware uns jedes Ufer erwunscht erschienen? Doch es ist nicht ganz so. Bei Erblickung dieser Hugel, die ich als Knabe bestieg, dieses Gestades, an dem ich so oft lag, um Aug' und Gemuth an der Unermesslichkeit des Meeres zu starken, und endlich des vaterlichen Hauses, seiner nachsten Umgebungen, wo so Manches vorgefallen war, das noch jetzt suss und schmerzlich meine verodete Brust bewegt ich fuhle mich ergriffen, und ich schame mich nicht, zu gestehen, dass ich die theuren Gegenstande mit einigen Thranen grusste, die unwillkuhrlich uber meine Wangen flossen. Auch Tiridates, obwohl noch fern von seinem Vaterlande, war durch den Anblick des asiatischen Ufers des nicht weniger bewegt, als ich. Wir umfassten uns, und schwuren ernst und heiter, uns selbst und dem treu zu bleiben, was wir fur gut und recht erkannten. So sprangen wir an's Land, so eilten wir in die Stadt, in meines Vaters Haus. Er kam uns sehr freundlich entgegen. Die Gesellschaft des Prinzen, des Lieblings zweier Casaren, schielt ihm angenehm fur sich, und ehrenvoll fur mich. Ich gab mich, ohne weiter zu grubeln, dem Gefuhl des Augenblicks hin, und genoss die Freude, meinen Vater so zuvorkommend und gutig zu sehen, mit vollen Zugen. Ich durchlebte einen frohen Tag. Am zweiten ging es schon anders. Wir sollten zum Diocletian. Mein Vater wollte mich ihm vorstellen. Auch Tiridates billigte diesen Schritt, und schien ihn nothwendig zu finden. Mir widerte das Ansehen von Aufwartung und Unterthanigkeit, das er durch die Umwege und feierlichen Anstalten bekam, die jetzt nothig sind, um sich dem Imperator zu nahern. Ich dachte an das alte Rom, an die Hof- oder Haushaltung der ersten Casarn, wie selbst der schlaue Octavian, der edle Marc-Aurel, der tugendhafte Pertinar, aus Biedersinn oder List des Volkes Meinung schonend, nichts anders als Roms erste Burger schienen und mein Inneres emporte sich. Was musste da herumgeschickt, angefragt, gebeten, zubereitet werden! Selbst an unserer Kleidung wurde gemustert. Endlich schien meinem Vater Alles wurdig und gehorig bestellt, und wir traten in sehr kostbaren Gewandern, von vielen Sclaven gefolgt, unsern Weg nach dem Palast an. Ich gluhte vor Schaam und Unwillen. Ich glaubte in den Mienen jedes Vorubergehenden den verachtlichen Spott uber unsere eigennutzige Erniedrigung zu lesen. Mir war's, als schwebten in dem Augenblicke die Schatten der Ahnen um uns, und sehen verachtend auf die entarteten Enkel nieder, die sich knechtisch vor dem zu bucken gingen, den sie in ihren Zeiten als einen ihres Gleichen behandelt hatten. Tiridates nahm es viel gelassener auf. An orientalische Sitte gewohnt, bewegte ihn unsere Lage nur zu seinem Spott, mit dem er sich selbst nicht schonte. So kamen wir in den Palast. Durch eine Reihe Gemacher gefuhrt, in denen asiatische Wollust und Pracht um den Vorrang stritten, liess man uns endlich in einem der Innersten unter einer Menge schimmernder Sclaven und Clienten warten warten drei todtlich lange Stunden, und schickte uns in der vierten unverrichteter Dinge nach Hause, weil der Augustus nicht fur gut fand, uns vorzulassen. Nur der ausdruckliche Befehl meines Vaters, und mein fester Vorsatz, unser scheinbar gutes Einverstandniss, so lange ich in Nikomedien bleiben musste, nicht zu storen, brachte mich dazu, am andern Morgen den erniedrigenden Versuch zu erneuern. Diesmal dankte ich's dem Einfluss des Tiridates, dass wir ziemlich bald vorkamen. Aber, o mein Phocion! Welche Wunden schlug meinem Herzen der blendende Schimmer, die emporende Eitelkeit, das lacherlichsteife Ceremoniel1 am Hofe dieser gekronten Sclaven! Aus dem Staube der Dienstbarkeit durch eignen Genius, noch mehr durch Umstande und eine Denkart, der kein Mittel zu schlecht war, auf den Thron erhoben und befestigt, herrscht er mit einem Trotz und Uebermuth uber die zitternde Welt, der mit nichts als dem ungeheuren Glucke zu vergleichen ist, das ihn in seiner Laune erhob, und mit bisher beispielloser Treue hegt und pflegt. Nicht dass ich seine wahrhaft grossen Geistesanlagen, verkennte, nicht dass ich ihm die Stille nicht dankte, die wahrend seiner Regierung das erschopfte Menschengeschlecht geniesst: aber sehen sehen muss man so etwas nicht in der Nahe, wenn man unparteiisch bleiben soll!
Er empfing uns ziemlich anstandig; aber die Thiara, die von seinem Haupte strahlte, der Thron, auf dem er hoch erhoben, sass, verengten meine Brust, und schlossen meine Lippen. Mein Vater fuhrte das Wort. Er stellte mich ihm vor, er bat ihn um einen Platz unter den Truppen fur mich. Ich liess Alles geschehen, ohne eine Sylbe zu sprechen. Mag mich der Tyrann fur einfaltig oder storrisch halten, mir gilt es gleich. Doch hat er mich zum Centurio ernannt, und ubermorgen gehe ich mit Tiridates zum Heere ab. Hier brennt der Boden unter meinen Fussen. So ungewohnt meiner Denkart das wilde Leben im Lager seyn wird, so wird mir doch dort im Freien, im Getummel, besser seyn, als hier.
Sisenna Statilius hat das Haus neben dem unsrigen wieder verkauft, es gehort einem unbedeutenden Burger. Unter einem Vorwande war ich gestern dort. Es ist noch Vieles unverruckt, wie es vor acht Jahren war. Mir war sehr weh und sehr wohl zu Muthe. Ich erkundigte mich nach seinen ehemaligen Bewohnern. Die Meisten in Nikomedien erinnerten sich ihrer kaum mehr doch wollen einige gehort haben, dass Timantius in Syrien, unbekannt, unter einem fremdem Namen gelebt habe, und vor ein paar Jahren gestorben sey. Die Sohne sind zerstreut, die Tochter o Phocion! wie schlug mein Herz soll geheirathet haben! Geheirathet!! Also bin ich vergessen! Kann ich es ihr verdenken? Und doch schmerzt es mich! Vielleicht ist sie auch schon todt! Ich weiss nicht, in welchem Gedanken mehr Qual liegt.
Sie zu finden ist wohl jede Hoffnung verloren, und nichts ist, was mir Ersatz gewahren konnte! Calpurnia nun gewiss nicht! Ich habe mich in Rom seltsam von ihr getrennt. Als ich ihr meine Abreise ankundigte, schien sie nicht bewegt, nicht wie eine Freundin betrubt; sie schien beleidigt, gereizt. Ihre Eitelkeit war gekrankt. Der Sclave, den sie sicher an ihrem Triumphwagen gekettet glaubte, war noch stark genug, sich loszureissen. Das war ihr unerhort, unverzeihlich. Sie behandelte mich nun bestandig so, bis zum Tage meiner Abreise, und ich ward sehr ernst durch die Entdeckung dieser Falte in ihrem Gemuthe. So ist auch sie, die so weit uber den meisten Weibern steht, von dieser allgemeinen Schwache nicht frei, und keiner Freundschaft fahig, wenn Eitelkeit sich in's Spiel mischt! Nur Ein Weib habe ich gekannt, in deren reinem mildem Gemuth nichts als Liebe, holde Demuth und Selbstvergessenheit war! Nur Eine! Und wo ist sie? Beim wirklichen Abschiede schien indess Calpurniens besseres Selbst die Oberhand zu gewinnen. Sie entliess mich, wie die Freundin den werthen Freund, theilnehmend, gutig, geruhrt. Wir haben uns zu schreiben versprochen. Die Erinnerung an ihren Liebreiz, an ihre hohen Vorzuge wird mich, wie die Erinnerung an einen froh durchlebten Tag, freundlich begleiten: aber ich glaube versprechen zu konnen, dass sie meine Freiheit nie storen wird. Dazu sind wir zu unahnlich. Mogen gute Gotter sie beschutzen, und bald ein wurdiger Gatte ihre Vorzuge erkennen und mit Liebe vergelten!
Ich schreibe dir heute nicht mehr. Die Anstalten zu meiner Reise, die ich mit grosser Eile betreibe, rauben alle meine Musse. Leb' wohl!
Fussnoten
1 Diocletian war der erste romische Kaiser, der, vielleicht aus sehr guten Ursachen, in diesem verderbten Zeitalter jene Popularitat ablegte, die langst aufgehort hatte, mehr als Maske und eine kluge Schonung alter Volksbegriffe von Republikanismus zu seyn. Er fuhrte persisches Ceremoniel ein, trug eine Thiare, eine mit Perlen besetzte Binde im Haar, und umgab sich mit einer blendenden Hulle von Pracht, Gefolge und Unzuganglichkeit.
15. Calpurnia an Sulpicien.
Rom, im Mai 301.
Mein treuer Phado bringt dir diesen Brief sammt dem Einschlusse, der dir freilich lieber seyn wird, als Alles, was der meinige enthalt. Ich will dir's auch nicht ubel nehmen; denn ich wurde im umgekehrten Falle eben die Nachsicht, von dir fordern, wenn ich ihrer bedurfte. Ich bin aber so glucklich, oder so unglucklich, wenn du willst, dass die Briefe, die ich bekommen soll, ganz frei und ungehindert zu mir gelangen konnen, ohne des Einschlusses einer dienstfertigen Freundin zu bedurfen, die die mir unbemerkt in die Hande spielt. Vielleicht sind sie aber auch aus dieser Ursache so beschaffen, dass die ganze Welt sie unbedenklich lesen durfte. Es ist nun einmal eine Eigenheit des mannlichen Herzens, dass es nur durch das heftig gereizt wird, was ihm verwehrt ist, und einen Gegenstand nur nach dem Maasse des Kraftaufwandes schatzt, den ihm sein Besitz kostete. Sie konnen nicht dafur, die armen Herren der Schopfung; die Natur hat diese Triebe in ihr Herz gelegt. Wir wollen sie auch darum nicht verdammen, aber in Acht sollen und werden wir uns vor ihnen nehmen.
Wende mir nicht ein, Sulpicia, dass das uberhaupt eine Anstalt des Schicksals sey, um unsre Fahigkeiten zu wecken und zu entwickeln. Ich weiss wohl, dass die Mutter manchmal auch das schwachliche Kind, das ihr viel Sorgen und Muhe gemacht hat, mehr liebt, als die ubrigen; und wie manche Frau sehen wir nicht in seltsamer Verirrung mit unausloschlicher Zartlichkeit an einem Mann hangen, der ihr durch Leichtsinn und Untreue nichts als Kummer macht? Doch nie gewiss nie wendet ihr Gemuth sich launisch von einem Gegenstande ab, blos darum, weil es ihr leicht war, ihn zu erhalten, oder erkaltet in der Dauer und Sicherheit des Genusses. Nein, vielmehr starken Gewohnheit und Zeit unsre Neigungen. Was wir lange haben, wird uns darum werther, und in der Rechtmassigkeit und Wurde seiner Gefuhle findet das Weib seinen Stolz und sein starkstes Band.
Der Brief von Tiridates an dich war in einem eingeschlossen, den mir Agathokles bei seiner Ruckkunft nach Nikomedien geschrieben hat ein sehr verbindliches Danksagungsschreiben fur alle Gefalligkeiten, die er in unserm Hause empfangen, eine kurze Beschreibung seiner Reise, Nachrichten von Tiridates, Grusse an dich, an seine ubrigen romischen Bekannten u.s.w., ein Brief, den ich im Forum hatte konnen anschlagen lassen!
Und das schreibt Agathokles mir? Es ist also vollkommene Ruhe in seinem Herzen, und von Allem, was ihn hier so tief zu bewegen schien, jede Spur auf der glatten Oberflache seiner Seele verschwunden? Ich muss dir gestehen, dass es mich uberrascht hat, auch mitunter ein Bischen verdrossen. Aber das ist schon voruber. Solche Sturme verwehen schnell bei mir, und es bleibt nichts davon zuruck, als die weise Lehre, kunftig vorsichtiger zu seyn, und vor allen Dingen kein Wesen auf der Welt in einem andern als dem klaren Tageslichte der Wirklichkeit anzusehen. Traue nur Niemand den Gestalten, die die Phantasie uns statt der Dinge an sich unterschiebt. Sie haben meistens nichts von ihren Originalien, als die aussere Form, und wir wurden oft sehr erstaunen, wenn wir auf einmal statt des idealisirten Phonix den gemeinen Haushahn sehen konnten, der wirklich vor uns steht: wir wurden kluger und demuthiger werden. Denn, lass es uns aufrichtig gestehen, unsere Eitelkeit hat an dergleichen Apotheosen wohl eben so viel Theil, als unser Herz und unsere Phantasie. Wir mochten gar zu gern von einem Heros geliebt seyn, mit Gottergestalten umgehen, und so nach und nach selbst zur Gottin werden. Aber es kommt die liebe Zeit in ihrem Alltagsschritte, und die gemeine Wirklichkeit. Sie nahern sich dem schonen Phantom, das vor uns steht. Vor ihrer kraftigen Beruhrung verschwindet der Nimbus, der es umgab, die Gottergestalt selbt sinkt zur gewohnlichen Erdengrosse herab, und die arme Sterbliche, die sich schon eine Heroin glaubte, ist wieder auf die platte Menschheit reducirt. Das thut nun freilich weh im ersten Augenblick im zweiten verschmerzt man's um den Gewinn an Menschenkenntniss und Erfahrung, und kusst, wie ein wohlgezogenes Kind, die Ruthe, die uns fur den verwegenem Versuch auf die Finger klopft.
Sieh, Liebe, aus diesem gemeinen, aber sehr wahren Lichte sehe ich die Geschichte zwischen Agathokles und mir an. Auch er ist ein gewohnlicher Mann, jedem ersten Eindruck offen, schwach gegen die Macht der Schonheit, achtlos fur weiblichen Werth, leichtsinnig und flatterhaft. Das erkenne ich nun deutlich, und bin auch seit dieser Erkenntniss wieder ganz in den Besitz der seligen Ruhe gelangt, die seine Anwesenheit, sein Scheiden gestort haben, und in der doch allein mir eigentlich wohl ist.
Konnte ich nur in deine Brust einen Tropfen dieser friedlichen Stille, dieser behaglichen Gleichgultigkeit ubertragen! Konnte ich dich nur ein einzigesmal die Welt und die Menschen so betrachten machen, wie ich sie ansehe! Glaube mir, es wurden noch Schonheiten genug an der ersten, und Tugenden an den letztern ubrig bleiben, um ihnen recht gut zu seyn, und seines Lebens froh zu geniessen; aber was unsre Leidenschaften in so sturmische Bewegung bringt was uns das kurze Daseyn so oft verbittert, wurde wegfallen. Wir wurden von Umstanden und Menschen nicht mehr erwarten, als sie leisten konnen, kein Wesen mehr schatzen, als es verdient, und jedes nach seiner Art benutzen, ohne uber die Uebel, die wir ja zu berechnen wussten, zu klagen.
Ich meine, mit dieser Art zu denken, hatte ich auch mit deinem Serranus nichts unglucklich seyn wollen! Er kommt zuweilen zu mir, und ich glaube beinahe, er hat Lust, mich zur Vertrauten seines beklemmten Herzens zu machen! Ich kann eben nicht sagen, dass mich das sehr freuen wurde, aber die Achtung, die er mir zeigt, freut mich. Er ist im Grunde ein guter Mensch, nur leichtsinnig und schwach, durch Erziehung und Beispiel verdorben, und hatte wohl vielleicht, unter vernunftiger Leitung, ein ganz annehmliches Wesen werden konnen. Er liebt dich aufrichtig. Der Verlust deiner Neigung der arme Mann wiegt sich in den sussen Traum, sie vor Tiridates Ankunft besessen zu haben thut ihm sehr weh. Im Ernst, Sulpicia! glaube mir, so ein Mann ist trotz seiner prosaischen Denkart weit brauchbarer fur's alltagliche Leben, als jene idealisirten Geschopfe. In Verbindung mir einem vernunftigen Weibe ubernimmt sich so ein Mensch nicht leicht, uberlasst der klugeren Frau die Leitung ihres gemeinschaftlichen Besten, stort ihre Ruhe durch keine wilden Fluge der Einbildungskraft, reisst sie nicht, ihrer besseren Vernunft zum Trotz, in uberirdische Welten fort, liebt sie aufrichtig und dankbar und bleibt ihr treu! O ich lobe mir die Prosa des Lebens!
Darum, liebe Sulpicia, um dieser neuen Erfahrungen willen, uberhore die Stimme der Freundschaft, die schon so oft vergeblich an dein Herz drang, nicht langer, suche jetzt, da Entfernung und andere Umstande diesen Entschluss begunstigen, eine Neigung zu besiegen, die dich gewiss unglucklich machen muss: nicht, weil du mit Anicius vermahlt bist Ehen konnen getrennt werden, nicht, weil deiner Verbindung mit Tiridates Hindernisse im Wege stehen Muth und Standhaftigkeit werden sie besiegen nein, darum, weil kein Mann der Liebe eines Weibes wurdig ist, darum, weil sie Alle, mehr oder minder flatterhaft, sinnlich, selbstsuchtig sind. Was sie an uns lockt, ist Sinnenreiz, was sie eine Weile festhalt, Phantasie, Eitelkeit, Eigensinn. Horen diese Triebfedern auf zu spielen, so erschlafft die Begierde, mit ihr die Liebe, und wir sind ihnen nichts mehr.
Nenne mich nicht grausam, wenn ich dir jetzt etwas sage, das dich hart dunken wird. Schilt den Arzt nicht, der in Ueberzeugung des Bessern dir bittere Arznei reicht. Glaubst du wohl, dass ohne deine Schonheit und die ungeheuren Hindernisse Tiridates Liebe so feurig und treu seyn wurde? Lass nur den Krieg glucklich enden, deine Verbindung mit Anicius durch die Macht des Casars getrennt werden, den Prinzen im ruhigen Besitz seines vaterlichen Throns und deiner Hand seyn, und dann sieh, wie lange die Flamme noch matt fortglimmen wird, die jetzt so ungestum lodert!
So denken sie Alle Alle und diejenige, die einen Einzigen ausnehmen will, ist betrogen. Was sie aber betrugt, ist nicht der Mann denn der Bosewichter, die aus Absichten Liebe heucheln, sind wenige sondern ihr eigenes Herz, ihre aufgereizte Einbildungskraft, die es ihr unmoglich macht, den allgemeinen Geschlechtsbegriff auf den Einzelnen anzuwenden, die Eitelkeit, die ihr zuflistert, dass sie eine Ausnahme wurde gefunden haben, weil sie eine zu finden verdiente u.s.w.
Verzeih, Sulpicia! wenn dich mein Brief schmerzt; verzeih es der 'Freundschaft, die dich so gern vom Abgrund zuruckreissen mochte; verzeih es den Erfahrungen, die ich gemacht habe, und liebe mich darum nicht weniger. Leb' wohl, theure Freundin! Wir sehen uns nachstens.
16. Tiridates an Sulpicien.
(I m v o r i g e n e i n g e s c h l o s s e n .)
Nikomedien, im Mai 301.
Meere und Lander trennen uns! Zwei unendliche Monate dehnen sich zwischen dem letzten glucklichen Augenblicke meines Lebens, und den unertraglichen Stunden, die ich hier Pflanzen gleich vertraume! Was ist das Daseyn ohne dich? Was ist das bedeutungslose Athmen einer Luft, in der dein Hauch nicht schwimmt, der langweilige Verkehr mit Menschen, von denen Keiner dich kennt, Keiner deine Gottergestalt gesehen, Keiner je das Gluck gefuhlt hat, den Ton deiner Stimme zu horen? Sulpicia! Nur die Aussicht auf das Ziel, das meine angestrengtesten Krafte jetzt zu erreichen streben, die Hoffnung auf die Befriedigung der edelsten Leidenschaften, deren die menschliche Brust fahig ist, gibt mir Starke, hier auszuhalten. Was sonst als dies kann mich hindern, zuruckzueilen, und in deinen Armen, an deiner Brust die Wonne der Gotter zu fuhlen? O der Anblick deiner Reize, der Wohllaut deiner Stimme wird mit dem Leben nicht zu theuer bezahlt!
Und all' diese Fulle von Seligkeit wird mein seyn! Bestreben niederer Eifersucht wird mir deinen Besitz streitig machen. Mein Arm wird den Thron meiner Vater erkampfen, und ich werde ihn nur besitzen, um ihn mit dem schonsten Weibe der Erde zu theilen. Dann, Sulpicia! dann wird dein Geist seinen angebornen Platz behaupten, und dein koniglicher Sinn in koniglichem Wirken sich begluckt und begluckend fuhlen. O eilt, eilt ihr Stunden! Steige fruher, Titan, aus dem Flammenmeere, sturze dich fruher in Thetis Arme, und beflugle den tragen Gang der Zeit, bis der helle Augenblick naht, der allein den Namen des Lebens verdient!
Ich schwarme, Sulpicia! meine Pulse fliegen, mein Blut kocht, mein ganzes Wesen entzundet sich bei dem Gedanken dieses Glucks. Dann bist du mein! und all' der unendliche Liebreiz deiner Gestalt, diese zauberischen Formen, diese anmuthigen Bewegungen, dieser Ton der Stimme, der in den innersten Tiefen meines Herzens wiederhallt, sind mein mein ausschliessliches, unbestreitbares Eigenthum! Lass mich abbrechen, lass mich ruhiger werden, sonst kann ich unmoglich den Brief endigen, und dir sagen, was du zu wissen brauchst!
Ich habe deinen Brief erhalten. Welche dusteren Bilder, welche qualenden Vorstellungen beunruhigen dich, meine Geliebte! Furchte nichts, nichts fur unsere Liebe, nichts fur mein Leben! Den Gefahren der Seereise bin ich glucklich entgangen. Mehr als einmal drohte der Sturm unser Schiff an Felsen zu zerschellen, er durfte nicht. Der Gluckliche, der zur Wonne der Gotter in deinen Armen bestimmt ist, durfte sein Grab nicht in den dunkeln Fluthen finden, und kein Pfeil wird diese Brust treffen, in der dein Bildniss lebt. Diese Zuversicht steht fest in mir; mir ist, als konnte ich den Zufall kuhn herausfordern, und versichert seyn, dass seine ganze Tucke nichts gegen mein Gluck vermogen wird. Du liebst mich, Sulpicia! du hast mich gewahlt. Aus fernen Weltgegenden hat uns das Schicksal zusammengefuhrt, unsre Wege, die so verschieden lagen, vereinigt, mir in Casar Galerius einen Freund geschenkt, der das einzige Hinderniss unserer Vereinigung, deine Verbindung mit dem schwachen Serranus, zu heben vermag. Diocletians Politik macht ihn meinen Absichten geneigt, die Armee ist voll des besten Willens, in Armenien sind meine Freunde thatig gewesen, mein Volk liebt mich, es liebt nicht mich allein um meiner selbst willen, es segnet und ehrt noch die Wohlthaten und weise Regierung einer langen Reihe von Vatern in dem letzten Sprossling des edlen Stammes. Das persische Joch hat auch den Nakken der einst Missvergnugten nun wund gedruckt, sie werden sich mit meinen Freunden vereinigen, sie werden viel Alles wagen. Sage mir, Sulpicia! wo ist nun ein Grund zur Furcht fur uns? Muthig, meine Geliebte! O lass mich die freudige Zuversicht, die meine Brust erfullt, auch in deinen zarten Busen giessen, und dir Kraft ertheilen, das Einzige, was wir zu furchten und zu tragen haben, die Qualen einer langen Trennung, standhaft zu erdulden.
A g a t h o k l e s ist nun auch mit mir in den Strudel des geschaftigen Lebens hineingezogen. Ich glaube, es ist sehr gut fur ihn; denn die Musse liess seinem kraftigen Geiste zu viele Freiheit, in sich hinein mit verderblicher Gewalt zu wirken. Er hat Calpurnien mehr geliebt, als sie vielleicht glaubt; dennoch hat er in der Ueberzeugung, dass er nie glucklich mit ihr werden konnte, die Kraft gehabt, sich von ihr loszureissen. Ich weiss nicht, was ich mehr bewundern soll, diese Standhaftigkeit oder jene Grille. Genug, es hat ihn einen schweren Kampf gekostet, aus dem sein besseres Ich, wie er es nennt als Sieger hervorging. Das hat er mir auf der Reise gestanden, so wie auch das, dass die Erinnerung an seine erste Geliebte in den gewohnten alten Umgebungen wieder lebhafter geworden ist. Er hat von Neuem Nachforschungen nach ihr angestellt, und der Eifer, mit dem er diesem Phantom nachstrebt, und die schone Wirklichkeit von sich stosst, scheint mir ein neuer Beweis, wie nothig ihm Zerstreuung und thatige Geschaftigkeit ist, die ihn aus den Regionen der Phantasie in die Gegenwart einfuhrt. Dennoch liebe ich ihn herzlich, und furchte mich auf unsre nahe Trennung; denn ich gehe zum Casar Galerius, der das Centrum kommandirt, und Agathokles als Centurio zu Demetrius, auf unsern linken Flugel.
Du aber, meine Geliebte, meine unaussprechlich theure Freundin! beruhige dich, entferne die dustern Bilder, die dein schones Gemuth qualen! Die Gotter werden, sie konnen uns nicht trennen. Was auch niedrige Menschen beginnen mogen, was sie ersinnen, um unsre Verbindung zu hindern, lass es dir keinen truben Augenblick machen. Ich werde den Casar in wenig Tagen sprechen. Sein Machtwort beschwort jeden Sturm, der sich gegen uns erhebt, und mein Arm wird den Zufluchtsort, von dem aus unsere Liebe der ganzen Welt sicher Trotz bieten kann, erkampfen. Diese schone Hoffnung steht lebhaft vor mir, befeuert meinen Muth, und macht es mir moglich, ohne dich zu leben. Leb' wohl!
17. Agathokles an Phocion.
Edessa, im Junius 301.
Wenn du dir einen Begriff von der verzweiflungsvollen Lage des Verbannten machen kannst, der nach langem Irren endlich die Kusten des Vaterlandes erblickt, und im Begriff, das Ende seiner Leiden zu finden, sich auf einmal von einem furchtbaren Sturm zuruckgeworfen, und an das unwirthbare Gestade eines Felsen getrieben sieht, wo er die heiss ersehnte Gegend, das Ziel seiner Wunsche bestandig im Auge, vor Hunger und Elend umkommen muss, so kannst du dir ein Bild von meinem Zustande machen. Phocion! Welches unerbittliche Spiel treibt das Schicksal mit meinen Wunschen? Was hat es mit mir vor, dass es mich durch solche Prufungen fuhrt? Ich habe sie gefunden ich habe Larissen gesehen! Ich lebe mit ihr unter einem Dache und habe sie auf ewig verloren! Fassest du den Jammer, der in diesen Worten liegt? Ich bin zu bewegt, um ordentlich zu schreiben. Lass mir Zeit, mich zu fassen.
Ich habe gekampft, ich habe auf Minuten den Sturm besanftigt, der in meinem Innern wuthet, um dir erzahlen zu konnen. Diese Uebung meiner Seelenkrafte steht mir jetzt noch oft bevor, ich kann nicht Vor acht Tagen kam ich nach dem Befehl des Diocletian zu Edessa bei dem Demetrius1 an. Das Hauptquartier unsers Flugels ist bei dieser Stadt auf der Villa eines reichen Burgers. Zu diesem Feldherrn hatte mich der Wunsch meines Vaters, die Genehmigung des Augustus bestimmt.
Alter Kriegsruhm, strenge Zucht und unbescholtene Redlichkeit haben ihn Beiden empfohlen, damit ich von ihm in Allem unterwiesen, wurdig unter eines wurdigen Mannes Anleitung meine erste Schlacht kampfen sollte. Demetrius empfing mich, wie ich es erwartet hatte, rauh, trocken, aber mit Anstand. Die Zerstreuungen und Geschafte meines neuen Berufs halfen mir in den ersten Pagen vergessen, was mir ofters schmerzlich einfiel, dass ich allein, von jedem theuern Wesen losgerissen unter fremden Menschen, in einer ganz ungewohnten Lage lebte. Die Gemahlin des Feldherrn, die ihren Gemahl aus Gefalligkeit und Achtung fur seinen Willen begleiten sollte, wurde erwartet. Nach drei Tagen langte sie an. Ihre Gegenwart im Hause wurde durch nichts anders bemerkbar, als eine ehrerbietige Stille auf dem Flugel, den sie bewohnte, und den oftern Anblick weiblicher Sclaven die hin und her gingen. Sonst blieb sie im Gynecaum verschlossen. An der Tafel, wo sie mit ihrem bejahrten Gatten speiste, waren nur wenige Vertraute zugelassen, und selbst in den Garten, die weitlaufig um die Villa herumliegen, schien sie eigne Platze zu wahlen, die Dusternheit, Einsamkeit und ihre Gegenwart die Uebrigen vermeiden machte.
Vorgestern fuhrten mich meine Traume in eine der wildesten Partien des Gartens, wo hohe Tannen, mit Epheu umwebt, eine finstre Laube bildeten. Die Stille, die Dusternheit des Orts lud mich ein. Ich trat in die Laube, in der ich Niemand sah, und war im Begriff, mich auf die Rasenbank zu werfen, als ein Korb mit vielen Knaueln von Goldfaden, und einigen Spindeln von Purpurwolle, der auf dem Tische stand, mir in die Augen fiel. Dieser Anblick, die Einsamkeit der Scene liess mich vermuthen, dass die Gebieterin des Hauses diesen Platz gewahlt habe, und schon wollte ich mich entfernen, als ein zweiter Blick auf den Korb mich festhielt. Eine dunkle wehmuthige Erinnerung, susse halbverwischte Bilder, die immer lebhafter wurden, wachten in meiner Seele auf. Ich konnte die Augen nicht von dem Korbe wenden, es war mir, ich hatte ihn schon irgendwo gesehen, er war mir nicht fremd, und an sein Bild kettete sich eine Reihe von seltsamen Gedanken und Empfindungen, bis auf einmal die Gewissheit es war derselbe Korb, den ich vor mehr als zwolf Jahren selbst geflochten, und Larissen am Geburtstage voll Blumen gebracht hatte hell und erschutternd vor mir stand. In der heftigsten Bewegung ergriff ich den Korb, besah ihn einmal, gefunden?" Ich sah, dass sie einer Ohnmacht nahe war, ich strebte ihr zu helfen, ich wollte ihre Frauen rufen; "Lass," rief sie, mit kaum horbarer Stimme! "Lass uns allein." Hier brach ihr Blick und Stimme, und sie sank ganz bewusstlos an meine Brust. O ihr Gotter, welch ein Augenblick! Nach so vielen Leiden, so langer Entbehrung schien sie im Augenblicke des Wiedersehens an meiner Brust zu vergehen! Was ich gethan, um sie wieder zu erwecken, weiss ich selbst nicht mehr, kaum dass ich es damals wusste. Endlich schlug sie die Augen auf, sie sah mich an. O Phocion! Was ist die Liebe, wenn sie nicht aus diesen Blicken sprach! Und doch
Ich schloss sie fest an meine Brust, ich sagte ihr Alles, was mir mein Herz eingab. Sie horte mich stumm aber ohne Widerstreben an, ihr Auge hing unverwandt an den meinigen. Endlich brach sie in Thranen aus. "Du hast mich nicht vergessen, meine Larissa! du liebst mich noch," rief ich entzuckt. Ihr Blick wurde auf einmal finster, sie hob ihren Kopf von meiner Schulter auf, sie zog sich zuruck, druckte mich mit dem Arm weg, und sagte mit dumpfer Stimme: "Nein, ich darf nicht ich bin verheirathet." Das Gewicht dieser Worte fiel auf mein Herz! Ich sah unser Ungluck, den Abgrund, an dem wir standen. Aber Tiridates Hoffnungen strahlten durch die dunkle Nacht meiner Seele, ich naherte mich ihr wieder: Sollte denn keine Hoffnung zur Vereinigung seyn, keine Moglichkeit? sagte ich mit neuem Muthe. "Keine, keine," rief sie gewaltsam, und ihre Thranen verdoppelten sich. Ich drang heftig in sie, sich zu erklaren. Sie schluchzte, dass ihre Brust bebte. Nach einer Weile erhob sie sich. "Agathokles," sagte sie mit himmlischer Gute, "verlass mich, dringe jetzt nicht in mich, ich bin unfahig, mit dir zu sprechen. Wenn du mich liebst, Freund meiner Jugend! so gonne mir Ruhe. Geh', ich werde mich zu fassen suchen. Sende mir in einer Weile meine Sclavinnen, dass sie mich zuruckbegleiten. Ich fuhle es, ich bin nicht im Stande, das Haus zu erreichen." Ich wollte sprechen, ich wollte sie unterstutzen. Mit gerungenen Handen und einem Blicke, der mehr sagte, als ihr bang geschlossener Mund, drang sie auf meine Entfernung. Ich verliess sie, und fand mich nach einiger Zeit in meinem Zimmer wieder. Erst lange darnach vermochte ich den Begebenheiten, die mir wie ein Traum vorkamen, nachzudenken. Wenig trostlich war, was Vernunft und Ueberlegung mir sagten; dennoch schien es mir weder moglich noch nothig, jede Hoffnung aufzugeben. Wie viele Ehen sind mit Einwilligung beider Theile getrennt worden! Es ist nicht der Fall Sulpiciens, die jung und schon den jungen Gatten, dem sie freiwillig die Hand gab, der sein Gluck in ihr findet, verlassen will, um dem spater Geliebten zu folgen. Es ist die Jugendfreundin des Wiedergefundenen, der heilige Rechte an sie hatte, ehe Demetrius sie kennen lernte: es ist die junge Gemahlin des kalten Greisen, der unempfindlich fur ihre Vorzuge und Tugenden, vielleicht nur seine Haushalterin in ihr schatzt. Mehr scheint ihm Larissa ja nicht zu seyn, und wie bald ist so ein Platz in einem Hause ersetzt, wo die Frau keinen Platz im Herzen des Mannes behauptet! So dachte ich, so denke ich noch, und gluhte vor Verlangen, mit ihr zu sprechen, ihr diese Grunde an's Herz zu legen, uber unser Schicksal mich mit ihr zu berathen. Phocion! Welch unbegreifliches Betragen! Welche erstarrende Kalte! Seit vorgestern habe ich sie, die mit mir in Einem Hause lebt, die mich einst so sehr liebte, die mich noch zu lieben schien, die wissen m u ss , welchen Qualen sie mein Herz preisgibt, mit keinem Auge mehr gesehen! Ich weiss, dass sie sogar die Garten, sonst ihren Lieblingsaufenthalt, seitdem nicht mehr betreten hat, um mir nicht zu begegnen! Wie ist dies Benehmen zu erklaren, wie zu vertheidigen? Verdiene ich nicht einmal, dass man mit mir spricht, dass man sich die Muhe nimmt, die dunkeln Rathsel unsers Verhaltnisses zu losen, und nur wenigstens zu sagen: Lieber Freund! meine Liebe ist erstorben; das, was mich im ersten Augenblick erschutterte, war Ueberraschung, ubrigens haben wir nichts mit einander zu besprechen, du nichts zu hoffen. Wie ist sie dazu gekommen, einem Greise, den sie nicht lieben kann, die Hand zu reichen? Was ist aus ihrer Familie geworden? Man gibt doch dem gleichgultigsten Bekannten aus der Vaterstadt, den man in der Fremde trifft, freundlichen Bescheid um alte Verhaltnisse und Freunde. Ich will ja nichts mehr, ich will ja nichts mehr von Larissen, der Frau des Demetrius; nur die Tochter des Timantius, die Nachbarin soll mir erzahlen, was aus der Gespielin meiner Kindheit, aus ihren Eltern, ihren Brudern geworden ist. Das kann doch ihre Pflicht gegen Demetrius nicht verletzen. Sie thut es nicht: also will sie nicht also bin ich ihr nichts, gar nichts mehr! O Phocion! Das ist denn nun die ersehnte Entwicklung lange verwirrter Schicksale! Leb' wohl!
Fussnoten
1 Edessa, eine Stadt in Mesopotamien.
18. Larissa an Junia Marcella.
Edessa, im Junius 301.
Mit schwacher, unsichrer Hand, kaum fahig meine Gedanken zu ordnen, schreibe ich dir, geliebte Freundin! Vielleicht wirst du Muhe haben, die Zuge meiner Schrift zu lesen; aber ich finde eine Art von Beruhigung darin, dir zu sagen, was in mir vorgeht, und dich in diesen truben Stunden um Rath und Trost zu bitten. Dies, und heisse Gebete, unbedingte Unterwerfung unter die Hand desjenigen, der zuchtigt, weil er liebt, ist fur jetzt Alles, was mir ubrigt, um nicht zu unterliegen.
Funf traurige Jahre der Trennung und mannigfacher Leiden, unter Mangel, hauslichem Zwist und Harte fremder Menschen waren vergangen, ohne dass es meinen gluhenden Wunschen, meinem heissen Gebete gelungen ware, das vom Himmel zu erlangen, was allein mein hochstes Gut ausmachte. Warum es nicht geschah, welche Leidenschaften, welche Zufalle sich in's Spiel mischten, um das stille Gluck eines armen Herzens zu zerstoren, weisst du. Lass mich schweigen! Das Grab bedeckt unsre Tugenden und unsre Fehler mit gleich dichter Hulle. Genug, es war nicht Gottes Wille! Da reichte ich am Sterbebette eines ungluckliund Liebe hatte ich alle Anspruche aufgegeben. Warum sollte ich nicht, mit dem Opfer meines verodeten Herzens, meiner verlassenen Familie eine Stutze, dem sterbenden Vater den letzten Trost, mir selbst einen anstandigen Wirkungskreis fur meine Bestimmung als Weib erkaufen? Drei Jahre lebe ich an der Seite dieses Mannes, drei Jahre erdulde ich schweigend, was ein herrisches Gemuth und kriegerische Sitten einer Frau von so verschiedener Denkart Schweres auflegen konnen. Ich hatte errungen, was ich suchte die Achtung meines Gemahls. Ich opferte Gott meine Leiden auf, ich erhielt von ihm Kraft und Geduld zu meinem Berufe, ich war ruhig; denn in mir war Friede.
Vier Tage sind es nun, als ich eines Nachmittags einsam in einer dunkeln Laube des Gartens sass, der die Villa umgibt, in welcher das Hauptquartier unsers Heeres, und fur jetzt mein Aufenthalt ist. Ich war mit Zurechtmachung der Wolle1 zu einem Waffenmantel fur Demetrius beschaftigt. Jenes Korbchen, das du kennst, das einzige Ueberbleibsel einer bessern Zeit, stand neben mir auf dem Tische, und meine Gedanken irrten in weiten Fernen, als man mich eines Geschaftes wegen in's Haus zuruck rief. Nach einer Weile kam ich wieder, und ging auf die Laube zu. Der Anblick eines fremden Mannes, der am Tische stand, und meinen Arbeitskorb betrachtete, machte mich stutzen. Ich liess den Schleier nieder, und trat naher. O meine Freundin! Wie soll ich dir meine Ueberraschung, meinen Schrecken, und mein Entzucken schildern, als jeder Blick, jedes nahere Betrachten mich uberzeugte, dass ich Agathokles vor mir sahe! Seine Aufmerksamkeit auf das Korbchen, das er erkannt haben mochte, hinderte ihn, mich sogleich zu bemerken. Im ersten Taumel der Freude war ich unfahig, Ueberlegungen anzustellen. Ich folgte dem Zuge, der mich gewaltsam zu ihm riss, ich rief ihn beim Namen, er erkannte mich, und ich fuhlte in seinen Armen, an seinem sprachlosen Entzucken, dass mich meine Hoffnungen nicht getauscht hatten, dass ich noch eben so sehr in seinem Herzen lebte, wie zu jener Zeit, da wir, als schuldlose Kinder, ungestort, ungetrennt von ernsten Verhaltnissen, mit einander spielten. Ich weiss nicht, wie lange der gluckliche Rausch wahrte, in welchem ich, Alles um mich her vergessend, an seiner Brust lag, und kein anderes Gefuhl, als des namenlosen Gluckes kannte, den Gegenstand meiner unaussprechlichen Liebe wieder gefunden zu haben. Warum konnte ich nicht in diesem Augenblicke sterben? Warum musste ich zum Bewusstseyn meines Unglucks erwachen? Demetrius Bild, das Bild meiner Pflicht stieg schreckend vor mir empor. Dieser plotzliche Uebergang, und vielleicht die heftige Erschutterung einer so fremden Empfindung, als mir die Freude ist, schlug meine Kraft nieder, ich fuhlte mich einer Ohnmacht nahe. Von ihm unterstutzt, von ihm bedauert, an seiner Brust sank ich bewusstlos hin, und ware so glucklich, so gern in seinen Armen vergangen! Seine Stimme, dieser susse wohlbekannte Klang, rief mich in's Leben zuruck. O meine Junia! in welches Leben! Die erste Regung des wiederkehrenden Bewusstseyns musste ich anwenden, um ihm zu sagen, dass wir auf ewig getrennt sind. Er verstand mich nicht, ich glaube es wohl, seine Begriffe sind wahrscheinlich hierin von den meinigen sehr verschieden. Ich bat ihn, mich zu verlassen, er konnte sich nicht entschliessen. Ich zitterte vor seinem langern Bleiben, vor der Schwache meines Herzens, vor dem Verloschen des Ueberrestes von Kraft, den ich in mir fuhlte. Doch gelang es mir. Sein schones Gefuhl verstand mich. Er verliess mich. Als er fort war, als ich das Ende seines Mantels hinter den Hecken verschwinden sah: da da fuhlte ich erst die ganze Grosse meines Verlustes, mein ganzes Ungluck und seines! Meine Thranen flossen von Neuem so unausshaltsam, dass, als meine Frauen kamen, sie mich beinahe zurucktragen mussten. Aber, o meine Junia! wie gern wollte ich leiden, Alles, was Gott uber mich zu verhangen fur gut fande, wenn ich sein edles Herz von dieser Last befreien konnte! Der Gedanke, noch so treu, so warm von dem Besten aller Menschen geliebt zu seyn, war in dem ersten Augenblicke mir eine Quelle unaussprechlicher Freuden ist's noch manchmal in einer schwachen Stunde: aber ich kann es vor Gott bezeugen, dass den grossten Theil der Zeit, die seitdem verflossen ist, mein zerrissenes Gemuth mit inniger Ueberzeugung wunscht, dass er mich vergessen, dass er seine Ruhe wieder finden, und so glucklich werden mochte, als sein Herz verdient!
Was kann was soll ich jetzt thun? Mein Gewissen ruft mir oft genug zu, dass jeder leidenschaftliche Gedanke an ihn eine Verletzung meiner Pflichten gegen Demetrius ist, dem ich vor Gottes Angesicht Treue und Liebe bis an den Tod geschworen habe. Nun Liebe konnte ich nicht geben, und Demetrius in seinen Jahren verlangte sie auch nicht; aber die Treue bin ich verpflichtet zu halten, und diese bricht nicht blos das ausserste Vergehen, zu dem ein Weib herabsinken kann, es bricht sie auch die allzuzartliche Neigung fur einen Andern. Diese Ueberzeugung und die Achtung fur meine Pflicht war bis jetzt lebendig genug, um mir Kraft zur Befolgung des Weges zu geben, den ich mir als den einzig richtigen vorgezeichnet habe. Ich habe Agathokles seitdem nicht mehr gesehen. Die Erschopfung, in welcher ich mich seit jener Scene befinde, und die wahrscheinlich an Krankheit grenzt, hat mir bis jetzt zum schicklichen Vorwand gedient, nirgends zu erscheinen, wo ich ihn treffen konnte. Was das mich kostet, weiss nur Gott, vor dessen Vaterblicke ich mein wundes Herz enthulle, der allein Zeuge meiner einsamen Thranen ist. Aber wie werde ich es in der Lange behaupten konnen? Agathokles dient unter den Truppen, die dem Befehl meines Mannes gehorchen; er ist seit einigen Tagen zu seinem Legaten ernannt worden, er wohnt in unserm Hause, ich kann es in die Lange nicht vermeiden, ihn zu sehen, und mit ihm umzugehen. Demetrius Gemuthsart, die sich langsam und schwer an neue Gegenstande gewohnt, machte ihn im Anfange auch gegen Agathokles rauh. Du kannst aus meiner Unwissenheit uber seine Gegenwart in unserm Hause schliessen, wie wenig Aufmerksamkeit ihm Demetrius schenkte. Das fangt an sich zu verlieren. Ich hore meinen Mann oft, und immer mit grosserer Achtung von den Fahigkeiten, den vorzuglichen Sitten, der Entschlossenheit u.s.w. seines neuen Legaten sprechen. So wohl mir dieses Zeugniss fur Agathokles Tugenden aus dem Munde eines so strengen Richters thut, so sehe ich doch den Augenblick herannahen, wo er ihn in den Kreis der Wenigen ziehen wird, die er mit seinem Vertrauen beehrt, und gern und oft um sich hat. Was bleibt mir dann fur eine Zuflucht ubrig! Welche Kampfe stehen mir, welche Leiden dem Unglucklichen bevor, dem ich so gern jedes unangenehme Gefuhl ersparen mochte! Es wird nicht dabei stehen bleiben, es wird zu Fragen, zu Erklarungen kommen, die ich nicht vermeiden, und eben so wenig ganz nach der Wahrheit geben kann. Das ist's, wovor ich zittere, wovor mein Innerstes sich entsetzt.
Ich habe eine Weile angestanden, ob ich Demetrius sagen sollte, dass Agathokles und ich uns schon als Kinder gekannt hatten. Ich wog die Grunde dafur und dawider, endlich siegte der Wunsch, kein Geheimniss vor dem Manne zu haben, dem das erste Recht auf Alles, was mich betrifft, zukommt, und die Besorgniss, dass eben die Verheimlichung, wenn ein Zufall uns verriethe, ihm Verdacht einflossen konnte. Ich erzahlte ihm Alles offenherzig, und verschwieg nur den Grad der Empfindung, der uns damals belebte. Das war, glaube ich, eben so sehr meine Pflicht, besonders bei dem festen Vorsatz des muthigsten Kampfes wider diese Empfindung. Er nahm diese Entdeckung nach seiner Art recht freundlich auf, und ich furchte nur, dass eben diese Kenntniss ihm den Jugendgespielen seiner Frau noch naher bringen, und den Augenblick des Wiedersehens beschleunigen wird. Dies ist nun aber nach der Lage der Umstande nicht zu vermeiden, und Gott wird mir die Kraft geben, eine Last zu tragen, die er mir selbst aufgelegt hat. Er fordert ja nicht mehr von uns, als wir leisten konnen. Meine Junia! Nun habe ich dir Alles treulich erzahlt, und es ist mir, als ob ich meinen Kummer leichter truge, seit ich ihn dir vertraut habe, seit ich weiss, dass du ihn, wenn du den Brief wirst gelesen haben, mir tragen helfen wirst. Bete fur mich, dass Gott mich nicht verlasst. Auf ihm allein steht meine Hoffnung, meine Zuversicht. Leb' wohl!
Fussnoten
1 Die ehrbaren und wirthlichen Frauen jener Zeit folgten noch dem Beispiele der vergangenen Jahrhunderte, wo die vornehmsten Matronen, ja selbst Furstinnen und Kaiserinnen die Wolle zu den Kleidern und Manteln ihrer Gatten und Sohne selbst zum Weben zubereiteten, auch wohl selbst webten. So verfertigte Livia die Gewander des Octavianus Augustus als er bereits Herr der Well war. Jeder kennt aus dem Homer den listigen Fleiss der frommen Penelope, und das Korbchen mit Spindeln von Purpurwolle, das Helena bei sich stehen hatte, wie Telemachos ihren Hofbesuchte, um Kunde von seinem entfernten Vater einzuziehen. So ein Korbchen hiess Calathos oder Calathiskos und war oft ein Gegenstand des Luxus bei vornehmen Frauen.
19. Agathokles an Phocion.
Edessa, im Junius 301.
Das Rathsel ist geloset. Ich sehe deutlich in die Tiefe des Abgrunds der vor mir liegt. Ich weiss, dass ich nichts mehr zu furchten habe, denn ich habe nichts mehr zu hoffen. Larissa ist unwiederbringlich fur mich verloren. Die heiligsten Gefuhle, die zu bestreiten Vermessenheit und Verbrechen ware, stehen scheidend zwischen uns. Mein Urtheil ist gesprochen.
Als ich dir das letzte Mal schrieb, regte sich noch mancher Funke von Hoffnung in meiner Brust. Selbst der Unmuth uber ihr wunderbar kaltes Betragen flosste mir Kraft und Willen ein, einen kuhnen Schritt zu wagen. Ich kannte Larissens Lage ich kannte die Grosse ihrer Gesinnungen, die heiligen Triebfedern nicht, die sie handeln machen. Ich entwarf einen Plan, der uns langsam, aber sicher, an's Ziel gefuhrt hatte; meine Phantasie entzundete sich an den schimmernden Bildern des Glucks, das ich in der Zukunft erblickte. Ich brannte vor Begierde, mit Larissen zu sprechen, ihr meine Entwurfe mitzutheilen, und mit ihr Alles zu uberlegen, was uns zu thun erlaubt und moglich sey. Unfahig zu allen ubrigen Geschaften und Gedanken, nur auf diesen Punkt, auf diese einzige che Tage zu. Ich durchstrich hundertmal die Garten, ich lauschte in den langen Gangen des Hauses auf ihre Tritte, ich fuhr auf bei dem Anblicke jeder weiblichen Gestalt; denn jedesmal hoffte ich, sie zu erblikken. Sie kam nicht, sie liess sich nirgends sehen. Endlich erfuhr ich, dass sie die ganze Zeit uber krank gewesen war, und ihr Zimmer nicht verlassen habe. O Phocion! Ich sage dir nicht, wie mir damals zu Muthe war! War es Wahrheit, Folge der Erschutterung, Zufall, Vorwand? Tausend Gedanken besturmten und zerrissen meine Brust. Ich konnte mich nicht langer halten. Meine Seele war von Kummer gebeugt, mein Herz drohte zu zerspringen. Ich schrieb ihr; du findest den Brief in der Abschrift beigelegt. Ein alter Diener des Hauses, der mich liebgewonnen hatte, ubernahm die Bestellung. Wahnsinniger! Ich dachte in dem Augenblick nicht an die Gefahr, der ich sie und mich blosstellte. Ich dachte, ich fuhlte nichts, als dass ich ihr sagen musste, was in mir vorging, was ich gehofft hatte, fur mich, fur sie wenn ihr Herz noch dasselbe war.
Abschrift des Briefes von
Agathokles an Larissen.
Sechs Tage sind nun verflossen, seit ein unglaublicher unsers Wiedersehens liess mich auf einen Augenblick die Tauschung nahren, Entfernung und Zeit hatten die Gesinnungen der Freundin der Geliebten meiner Jugend nicht verandert. Es war nur ein Augenblick! Sechs lange Tage haben mich vom Gegentheil uberzeugt. Larissa vermag diese ganze Zeit uber mich in ihrer Nahe, in demselben Hause zu wissen zu ahnen, welche Unruhe meine Brust erfullt und sich mir ganzlich zu entziehen. Kein Gedanke an meine Qual, kein Wunsch, sie zu lindern, kommt in ihre streng verschlossene Seele, und in der tiefen Ruhe, deren sie geniesst, wird des Freundes zerstorender Schmerz nicht geachtet. Nicht einmal das Verlangen der Neugier, was in acht Jahren mit dem Allbekannten geschehen, oder das leichte Gefuhl der Freude, das des Landsmannes Anblick in der Fremde erweckt, regt sich in ihrem Busen. Sie ist nichts als die Frau des Demetrius. Nikomedien, ihre Jugend Agathokles sind todt fur sie. Ist's moglich, Gotter! ist's moglich? O warum habe ich so ein unseliges Gedachtniss! Warum ist nur diese Brust schwach genug, einen schmerzlichen Eindruck durch acht lange Jahre so unausloschlich zu bewahren! Larissa hat mich vergessen, der Zeiten vergessen, wo sie mir Alles wo auch ich (die Frau des Demetrius zurne dem kuhneren Ausdruck nicht) ihrem Herzen viel war. Das ist vorbei so ganz vorbei, wie die Welle des Stroms, die vor acht Jahren vorubergleitete, nun und nimmer wiederkehrt, und spurlos verschwunden ist.
In den ersten Stunden, als die tauschende Hoffnung auf Larissens treueres Gedachtniss mich belebte, war ich thoricht genug, Wunsche zu hegen, und Plane zu entwerfen, die sie horen, theilen, genehmigen, von denen sie und ich unser Gluck erwarten sollten. Demetrius Jahre, seine Gemuthsart, seine wenige Empfanglichkeit fur zartere Gefuhle, gaben mir Hoffnung und Muth. Ich wollte ihm unser Verhaltniss gestehen, ich wollte o ich rechnete damals auf Larissens Liebe! Kann ich, darf ich denn, ohne mich einer Raserei schuldig zu machen, jetzt noch auf eine solche Moglichkeit rechnen? Lass mich aufhoren du liebst mich nicht mehr! Wozu alles Weitere?
Leb' wohl! Dein kunftiges Betragen, deine Antwort auf meinen Brief, wenn du den Vergessenen einer wurdigest, wird mein Schicksal bestimmen. Dein Gatte zeigt mir Zutrauen genug, dass ich es wagen kann, ihn um eine Anstellung auf einem fernen Posten zu bitten. Ich werde dich wenig, vielleicht nicht mehr sehen nicht, um dich von meinem Anblick zu befreien, der dir wohl keine Unruhe verursacht, sondern um mir, bei dem Bewusstseyn deiner Denkart, den Schmerz des Wiedersehens zu ersparen. Leb' wohl! Dies hatte ich ihr geschrieben. Einen martervollen Tag, zwei schlaflose Nachte brachte ich zu, in gespannter Erwartung des Ausganges meines unuberlegten Schrittes, dessen ganze Thorheit ich erst einsah, als es zu spat war. Heute endlich, am Morgen des dritten Tages erschien der alte Sclave, und brachte mir ihre Antwort: sie folgt hier. Lies sie, Phocion, und dann fuhle mit mir das rettungslose Ungluck meiner Lage, den unendlichen Verlust eines solchen Herzens!
Larissa an Agathokles.
(Im vorigen eingeschlossen.)
Wenn ich dem Zuge meines Herzens hatte folgen wollen, das mich durch die naturlichen Triebe der Selbstachtung, der Eitelkeit, wenn du willst, anreizte, mich in den Augen eines schatzbaren Freundes zu rechtfertigen, und meine Vertheidigung so warm und eifrig zu unternehmen, als seine Vorwurfe waren: so hattest du bereits gestern Antwort von mir bekommen. Da es mir aber nicht blos darum zu thun ist, fur den gegenwartigen Angenblick, sondern auch fur die Zukunft Alles zwischen uns so klar und bestimmt auszumachen, dass auf keiner Seite ein Zweifel oder eine Furcht vor Ruckfallen moglich ware: so musste ich zuerst in die Tiefe meiner, nicht erfreulichen Vergangenheit hinabsteigen, und Begebenheiten hervorrufen, deren Andenken meiner Seele zu unangenehm ist, als dass ich sie ohne inneren Kampf betrachten, und dir, mein Freund, ordentlich erzahlen konnte. Es ist nothwendig, dass du meine Geschichte kennst, um mein Betragen zu beurtheilen, und das deinige darnach einzurichten.
Als vor acht Jahren mein Vater, an dessen etwas starken Hang zu Pracht und Wohlleben du dich noch erinnern wirst, durch einen ungerechten Richterspruch seine burgerliche Ehre, sein Vermogen, sein Vaterland verlor, und sich arm, hulflos, verachtet, mit drei unerzogenen Kindern in die weite Welt hinausgestossen sah; da goss dieses Ungluck eine solche Bitterkeit in sein Herz, und veranderte seine Sinnesart so ganzlich, dass er fast in allen Dingen das Widerspiel von dem zu seyn schien, was er ehemals war. Finster, unfreundlich, oft sogar hart, fluchtete er mit uns in die Gebirge von Armenien, wo ihm ein alter Verwandter lebte, der ihm eine Zuflucht im Unglucke versprochen hatte. Man nahm uns auf, wie unempfindliche Reiche die Armuth aufzunehmen pflegen, die bei ihnen Hulfe sucht nicht in das Haus meines Gross-Oheims, nicht an seinen Tisch, viel weniger in sein Herz. Gnadenbrod zu essen, dazu war mein Vater zu stolz, er wurde also auf ein Landgut des Vetters, als Aufseher, Verwalter, mit vieler Arbeit und kargem Lohne gesetzt. Hier in einer rauhen Gebirgsgegend, in einer schlechten Hutte, mit kaum mehr als Sclavenkost genahrt, in Sclaventracht gehullt, musste der Mann leben, der einst unter dem schonsten Himmelsstrich von Kleinassen, in einer glanzenden Stadt, ein Leben, durch alle Reize der Kunst und Pracht verschonert, gefuhrt hatte. Der Abstand war zu grausam. Die letzte Spur von Gleichmuth entfloh aus der Brust meines unglucklichen Vaters. Missverstandniss, Unvertraglichkeit, Ungeduld, Mutlosigkeit zogen in unsere Hutte ein, und es begann ein Leben fur uns, das nicht viel von dem Zustande derjenigen verschieden war, die, wie unsere Voraltern glaubten, die Strafen ihrer Sunden im Tartarus abbussen. Lass mich schnell uber den trubsten Zeitpunkt meines Lebens hingleiten! Mein Aufenthalt in den Gebirgen von Armenien ist ein grauenvoller nachtlicher Abgrund, in den zu blicken mir noch jetzt schauderhaft ist.
Endlich nach drei Jahren schien der Himmel, von welchem wir uns ganzlich vergessen glaubten, sich unser zu erbarmen. Obwohl in der Einsamkeit seiner Berge, hatte meines Vaters Geist doch Mittel gefunden, allerlei Bande zwischen sich und der Welt, die ihn ausgestossen hatte, wieder anzuknupfen. Er fuhrte lange Zeit einen geheimen Briefwechsel mit einem Freunde, der in Syrien lebte. Eines Tages trat er mit einer Miene, die wir lange nicht so freundlich gesehen hatten, in unsre Hutte. Packt eure Sachen zusammen, rief er, morgen reisen wir aus diesem Orte des Elends ab. Wohin? wie? warum? das waren Fragen, die, so sehr sie uns auch drangten, Keines sich zu wachen traute. Es wurde gepackt die Armuth ist bald fertig und den andern Tag machten wir uns, mein Vater und die Bruder abwechselnd auf dem einzigen Maulthier, das wir besassen, meine Mutter und ich in einem schlechten Fuhrwerke auf den Weg. Die Beschwerlichkeiten der Reise, die Leiden meiner Mutter lass mich ebenfalls ubergehen. Genug, wir langten in Apamaa1 an. Hier miethete mein Vater ein kleines, aber nicht unbequemes Haus, und aus Quellen, die mir damals unbekannt waren, die ich aber spaterhin nicht ohne Grund der Thatigkeit seiner Freunde in Nikomedien, die die Ueberbleibsel seines Vermogens gerettet hatten, zuschrieb, flossen uns nach und nach immer mehr Bequemlichkeiten, und endlich einiger Wohlstand zu. Mein Vater fuhrte einen fremden Namen, galt fur einen Kaufmann aus Armenien, und Tracht und Sprache, die er sich wahrend jener drei Jahre ganz eigen gemacht hatte, liessen keinen Verdacht entstehen. Er trieb Handelsgeschafte, wie es schien; denn wissen durften wir nichts von seinen Verhaltnissen. Uebrigens ware unsere hausliche Lage, besonders fur mich, deren Wunsche nie gross waren, recht ertraglich gewesen; hatten nur mit der Erweiterung unsers Haushalts sich auch unsere Gemuther gegen einander aufgeschlossen, Liebe und Eintracht zugleich mit dem Wohlstand unter uns gewohnt.
An dich hatte ich im ersten Jahre unserer Verbannung oft, sehr oft geschrieben, mit banger Ungeduld auf Antwort geharrt und immer vergebens. Endlich horte ich auf zu schreiben, und in der Tiefe meines Kummers blieb mir nur die leise Hoffnung ubrig, dass Briefe aus einem so abgelegenen Winkel der Erde wohl leicht den Weg verfehlen, und den nicht erreichen konnten, fur welchen sie bestimmt waren. Sobald wir in Apamaa angekommen waren, erneuerte ich meine Versuche, Nachricht von dir zu erhalten. Ich schrieb wieder, theils gerade an dich, theils unter verschiedenen Aufschriften an alle alten Bekannten in Nikomedien, auf deren Wohlwollen und Verschwiegenheit ich zahlen konnte. Es war fruchtlos. Ein ganzes Jahr verging unter steter Abwechslung von Hoffnung und Niedergeschlagenheit. Ich bekam keine Antwort. Dein Tod oder eine ganzliche Vergessenheit, das waren die zwei einzigen Moglichkeiten, zwischen denen meinem bangen Geiste die Wahl blieb, und in beiden lag keine Aufmunterung fur ein tiefgebeugtes Herz. Mit stiller Ergebung, deren ich schon gewohnt war, gab ich auch diese letzte Aussicht auf, und lebte, in mich gekehrt und geduldig, mein freudenloses Daseyn hin.
Es kamen immer mehr Fremde in unser Haus, die theils meines Vaters Geschafte, theils sein wieder erwachender Hang zum geselligen Leben an uns zog. Fur mich waren die Meisten gar nichts unbedeutende Gestalten, die hochstens durch Handelsverhaltnisse irgend einen Werth bekamen. Nur zwei Manner unterschied ich allmahlig unter der ziemlich grossen Anzahl Bekannten. Der Eine war ein ehrwurdiger Greis, der Andere ein Mann von mittleren Jahren, aber in allem Feuer, aller Kraft der Jugend. Ein angenehmer Umgang, ein vielseitig gebildeter Verstand und Menschenkenntniss mussten sie Jedem, der mit ihnen umging, werth machen; fur mich hatten sie noch etwas Anziehenderes. Es lag eine sanfte Heiterkeit, eine schone Gelassenheit m ihrem Wesen, die bei dem Greise Theophron die Bitterkeit des Alters milderte, und bei Apelles, dem jungern, die feurig aufstrebende Kraft in strengen Schranken hielt. Beide waren mir unendlich schatzbar, und wenn Apelles Erzahlungen von Allem, was er auf weiten Reisen gesehen und erlebt hatte, die Lebhaftigkeit seines Geistes mich belehrte und unterhielt, so flosste Theophrons ruhige Weisheit, sein himmelwarts gewendeter Sinn mir susse Ruhe und Trost ein. Bald hatte ich auch Gelegenheit zu bemerken, dass ihre Tugend nicht blos in schonen Gesinnungen bestand, sondern sich wirksam durch Menschenliebe, Wohlthatigkeit und rastlosen Eifer fur die Unglucklichen, die bei ihnen Hulfe oder Trost suchten, zeigte. Ich war bemuht, mir den Umgang dieser beiden Manner so viel als moglich zu Nutze zu machen; und nach vier freudenlosen Jahren, wo, ich kann es mit Wahrheit bezeugen, der Tag mir glucklich schien, an dem keine neue Ursache meine Thranen fliessen gemacht hatte, empfand ich zum erstenmal die Regungen eines erheiternden Gefuhls, und wagte es, den wurdigen Greis zum Vertrauten, nicht meiner Schicksale, denn die mussten aus Familienabsichten verschwiegen bleiben, sondern meiner muthlosen gedruckten Seele zu machen. Agathokles! O dass ich jedem leidenden Herzen die himmlische Wohlthat der Trostungen verschaffen konnte, die von den Lippen dieses Mannes in meine wunde Brust stromten! Solche Beruhigungen, solche Aussichten, solche Starkungen kann nur der ertheilen, der in den erhabenen Geheimnissen unterrichtet ist, woraus Theophron die seinigen schopfte. Er leitete meinen Geist vom Irdischen weg, und eroffnete mir eine Aussicht in die Zukunft jenseits des Grabes, von einer Art, wie man sie weder in den Begriffen der herrschenden Volksreligion, noch in den Systemen der Philosophen findet. Er liess die unglucklich Verbannte, die auf dieser Erde nichts mehr zu hoffen hatte, in eine schonere Welt des Lichts und unverganglicher Freuden schauen, die dem milden Dulder offen stand. Dort sollte ich die hier verlorenen Lieben wieder finden, dort von keinem feindlichen Geschicke mehr getrennt, sollte im Angesichte des Allmachtigen in verklarten Leibern, in Betrachtung seiner unendlichen Eigenschaften, seiner bewundernswurdigen Werke ein Leben beginnen, dessen Granze nur die Ewigkeit war. O Freund meiner Jugend! Welche Bilder, welche Hoffnungen! Wie ware es moglich, dass ein zerrissenes Herz, das seine Freude nur jenseits des Grabes finden konnte, sich solchen Lehren hatte verschliessen konnen? Ich nahm sie freudig, glaubig an. Bald ging ich weiter. Jetzt von Theophrons sanfter Weisheit geleitet, und von Apelles feuriger Beredtsamkeit hingerissen, machte ich grosse Fortschritte in Erkenntniss der neuen Wahrheit, der trostlichen Lehren und erhabenen Geheimnisse, worin sie mich unterrichteten. Ich lernte, wie sie, die Menschen als meine Bruder, als Kinder eines gemeinschaftlichen Vaters ansehen, ich lernte sogar meine Feinde lieben, und fur die beten, die mich unglucklich gemacht hatten. Mein Herz erweiterte sich, meine Ansichten der Menschheit und ihrer Schicksale erhoben sich, die Truggestalten niedriggesinnter Gottheiten, denen ich langst nicht mehr aus Ueberzeugung, nur aus Gehorsam geopfert hatte, verschwanden vor meinem aufgehellten Blicke. Ein einziger, allweiser, allmachtiger, allgutiger Geist erschuf, erhielt, und beherrschte die Welt. Tartarus und Elysium waren nicht mehr aber dieser grosse Geist lohnte und strafte als vergeltender Richter nach dem Tode. Diese und noch viele andere Lehren, die dir mitzutheilen nicht erlaubt ist, enthullten mir Theophron und Apelles, und ich ward eine Christin! Du wirst ohnedies schon langst errathen haben, dass die beiden Manner zu jener Secte gehorten, welche seit ein Paar hundert Jahren von Palastina und Syrien aus, wo ihr gottlicher Stifter, unbekannt und verfolgt, gelebt und gelehrt hatte, und endlich als Opfer seiner Feinde fiel, sich uber die Welt zu verbreiten angefangen hat. Ja, Agathokles! Ich ward eine Christin! Die Lehren, die, ehe ich sie kannte, mich mit Schauer erfullten, machten jetzt mein Entzucken aus! Ich ergriff sie mit heisser Begierde. O mein Freund! Das Christenthum ist die Religion der Unglucklichen! In ihren Schooss soll jeder Leidende sich fluchten; sie hat Balsam fur alle Wunden, die keine Menschenhand zu heilen vermag; und wenn sie uns gleich schwere Pflichten auferlegt, so gibt sie uns doch selbst durch die Grosse ihrer Forderungen ein erhebendes Gefuhl unserer Wurde, ein Vertrauen auf unsere Kraft, und bietet uns durch den Gebrauch mancher ihrer geheimnisvollen Ceremonien so sanfte Trostungen, so uberirdische Starkungen an, dass der wahre Christ gewiss auch immer im Stande seyn wird, die Lasten zu tragen, die seine Religion ihm auferlegt.
Doch genug von den Beweggrunden, die mich zur Annahme meiner Religion bestimmten, und den Veranderungen, die sie in meiner Denkart machte. Ich wollte ja nicht dich zum Proselyten machen, ich wollte blos dir Alles treu und deutlich vortragen, woraus du dir meine Handlungsweise erklaren sollst. Meine Mutter ward meine Vertraute. Die Ursachen, die mich in den Schooss der Christenheit riefen, ausserten bald dieselbe Gewalt uber sie; auch sie suchte Trost und Starkung, und fand sie, wie ich. Wir empfingen Beide von Theophron, der einer von den Aeltesten der Gemeinde war, die heilige Traufe, und wurden in den Bund der Kinder Gottes aufgenommen. Dem Vater, der zwar nicht eigentlich am Gotterdienst hing denn dazu war er zu aufgeklart der aber, nach dem Beispiel des Hofs und der Welt, die christliche Religion als eine Religion der Armen und Unglucklichen verachtete, musste der Schritt verborgen bleiben. Er konnte es um so leichter, da mein Vater meist nicht zu Hause war, und sich im Ganzen, wenn nur seine Befehle vollzogen wurden, wenig um uns bekummerte. Wir besuchten heimlich die Versammlungen unserer Kirche, und wohnten den Agapen bei, einer schonen Sitte, die deinem Herzen gewiss theuer werden wird, wenn ich dir sage, dass die ganze Gemeinde ohne Unterschied der Stande hier mit einander offentlich speiset, die Reichen die Speisen bringen, die Armen Theil daran nehmen lassen, und bei solchen Gelegenheiten uberhaupt Collecten gemacht, und Einrichtungen und Veranstaltungen zum Besten der Armen und Leidenden aus derselben oder einer andern Gemeinde, getroffen werden.
Bei diesen Versammlungen lernte ich zuerst eine andere Christin, Junia Marcella, eine angesehene Frau in Apamaa, kennen. Mit achtundzwanzig Jahren Wittwe eines angebeteten Gemahls und Mutter von sechs unerzogenen Kindern, widmete sie im Bewusstseyn ihrer Kraft sich und ihr grosses Vermogen der Erziehung ihrer Waisen und den Bedurfnissen und Sorgen ihrer Gemeinde. An diesem reichen Herzen, das Raum genug fur die Leiden und Freuden aller seiner Mitmenschen hatte, an diesem milden und richtigen Verstande erhob sich mein gebeugtes Wesen, und ich fand endlich, was mir so lange gefehlt hatte, eine weibliche Seele, die mich ganz verstand, der ich auch jene Gefuhle enthullen konnte, die Verschiedenheit der Jahre und des Geschlechts mich vor Theophron, vor Apelles, selbst vor meiner Mutter verbergen hiess. O wie wohl ward mir in Juniens Umgange! Wie erweiterte sich meine gepresste Brust! Wie erschien die erhabene Religion, zu der auch sie sich bekannte, in ihrem Wesen und Handeln auf eine ganz eigene und verehrungswurdige Weise! In ihrem Hause sah ich Demetrius zuerst, der ebenfalls ein Christ war, und zu jener Zeit mit seinen Truppen in Syrien stand. Junia, obwohl nicht mehr in der Bluthe der Jugend, besass Reize genug, um den bejahrten Helden zu fesseln. Er warb um ihre Hand. Fest entschlossen nur ihrer Pflicht zu leben, schlug sie diesen Antrag aus. Jetzt richtete Demetrius sein Auge auf mich, mein Aeusserliches schien ihm die Eigenschaften zu versprechen, die er von seiner Gattin verlangte. Er fing an unser Haus zu besuchen. Mein Vater ward um diese Zeit kranklich. Langes Ungluck und heftige Leidenschaften hatten seine Krafte aufgerieben, er erholte sich nicht, und welkte vor der Zeit dahin. Die Sorgfalt, mit der mein Vater gepflegt wurde, liess den Demetrius vielleicht fur sein herannahendes Alter gleiche Treue erwarten; er entschloss sich, und liess durch Apelles um mich werben. Meinem unglucklichen Vater, der seinen Zustand und die Verlassenheit seiner Familie nach seinem Tode kannte, erschien dies Anerbieten als das hochste Gluck, das er hiernieden noch zu erwarten hatte. Er willigte sogleich ein, und nur, nachdem Alles zwischen ihm und Demetrius richtig geworden war, liess er mich rufen, und verkundigte mir mein Schicksal. Ich erschrak, ich beschwor meinen Vater, sein Wort zuruckzunehmen. Nie gewohnt, unsern Bitten zu weichen, war es auch diesmal vergebens, und nur die Heiligkeit und Unaufloslichkeit des Ehebandes unter den Christen konnte mich bestimmen, diesen letzten Versuch zu machen, von dem ich mir im Voraus wenig versprach. Ich wurde krank. Junia und Theophron besuchten mich treulich, ihnen vertraute ich meine Leiden. Junia, eingedenk der Seligkeit ihrer Ehe, und fest uberzeugt, dass sie mir in einer so ungleichen Verbindung nicht werden konnte, bot sich an, mit meinem Vater zu sprechen; auch Theophron und Apelles verhiessen mir ihren Beistand. Sie thaten, was sie konnten nie wird es ihnen mein Herz vergessen. Es war fruchtlos. Nun, da jedes Mittel, meinen Vater umzustimmen, versucht, und vergeblich befunden war, unternahm es Junia, mein Herz auf den wichtigen Schritt, den ich zu thun hatte, mit Kraft und Entschlossenheit vorzubereiten; und der wurdige Theophron goss so viel Beruhigung in meine zagende Seele, dass ich nach einigen Tagen gefasst genug war, den Willen meines sterbenden Vaters zu vollziehen, und mich fur die Meinigen zu opfern. So wurde ich Demetrius Frau, und habe noch bis jetzt keine Ursache gehabt, einen Schritt zu bereuen, den mir die vergeltende Vorsicht durch das emporsteigende Gluck meiner beiden Bruder, und die Beruhigung meiner Eltern, die mit frohen Aussichten fur ihre Kinder ruhig starben, belohnt hat. Nach meines Vaters Ableben, als man seine Schriften durchsuchte, fanden sich alle meine Briefe an dich, die er durch den Freigelassenen, der mein Vertrauter war, aber den Zorn meines Vaters furchtete, in die Hande bekommen, und nie abgesandt hatte. So wie nun dieser Mann mir mit Thranen gestand, war ein tiefer Hass Schuld an diesem Verfahren, den der Entschlafene gegen deinen Vater trug, indem er ihm, wo nicht e i n e n Theil an seinem Ungluck selbst, doch eine unverzeihliche Lassigkeit im Abwenden desselben, beimass. Nun wusste ich auch, warum ich durch funf Jahre nichts mehr von dir gehort hatte!
Zwar beruhigte mich der Gedanke, dass du keinen von den Vorwurfen verdientest, die ich dir oft in bittern Stunden gemacht hatte: aber desto deutlicher sah ich ein, dass eine so lange Trennung und ganzliche Unwissenheit uber mein Schicksal auch das kleinste Band geloset haben musste, das dich vielleicht noch an mich band. Ueberdies war ich die Gattin eines Andern, und eine Christin. Bei uns sind die Ehen keine burgerlichen Vertrage, es sind heilige Bundnisse, durch hohe Eide vor dem Altar des Ewigen versiegelt, durch Priestershand geschlossene Verbindungen fur's ganze Leben, ein heiliges Versprechen, sich nie zu verlassen, Gluck und Ungluck mit einander zu theilen, und keine Scheidung findet Statt, als nur durch den Tod. Hier ist nicht blos formliche Untreue, hier ist auch jede zartliche Empfindung fur einen andern Gegenstand Verbrechen, und in der Brust einer christlichen Gattin darf kein anderes Bild leben, als das des Gatten, den ihr der Himmel gegeben hat. Das Alles musste ich dir sagen, Agathokles! damit du mein Betragen seit dem ersten Augenblicke unsers Wiedersehens verstehen, und richtig beurtheilen konnest. Dein Brief hat mich geruhrt und erschuttert. Glaube nicht, Freund meiner Jugend! dass es mir gleichgultig ist, ob der edelste Sterbliche, den ich je kannte, mich noch seiner Liebe werth halt oder nicht: aber eben so sehr muss es mir am Herzen liegen, mich sowohl in seinen Augen zu rechtfertigen, als jeden Versuch zu machen, den Schmerz, der ein so edles Gemuth ergriffen, zu mindern, und die Krafte, die in ihm liegen, hervorzurufen, damit es ein unabanderliches Schicksal gelassen ertrage. Denke, mein Freund! an die Lehren der weisen Heiden, die wir einst mit einander bewunderten; erinnere dich der Vorsatze, die du damals oft mit gluhender Seele fasstest, alle ausserlichen Zufalligkeiten, aber zuerst dich selbst zu besiegen. O, dass ich dir noch dringendere Aufforderungen, die meine Religion mir bietet, sagen durfte!
Wenn es einen Theil deiner Beruhigung ausmachen kann, uber meine Lage unbesorgt zu seyn, so wisse, dass du dir von meinem Loose, als Frau des Demetrius, falsche Begriffe machest. Ich bin nicht unglucklich verheirathet, mein Gemahl achtet und ehrt mich; das wird dir die Art bezeugen, wie man mir im Hause begegnet. Liebe kann ich nicht fordern; glaube aber meiner Erfahrung, sie ist zu unserem Glucke nicht nothwendig, und ich bin mit meinem Schicksale zufrieden. Nur Ein Wunsch bleibt mir jetzt ubrig, der auch dich ruhig zu wissen. Glaubst du dies durch deine Entfernung bewirken zu konnen, so thue die nothigen Schritte. Geh, mein Freund! Verlass einen Ort, der zu vielen Anlass zur Unruhe, zu qualenden Erinnerungen fur dich enthalt! Lass mich dann, wenn es dir gelungen ist, deine Ruhe herzustellen, aus der Ferne diese trostliche Nachricht vernehmen, und sey versichert, dass sie nicht wenig zu meiner Zufriedenheit beitragen wird. Leb' wohl! Antworte mir nicht auf diesen Brief. Es ist weder nothig, noch gut, dass wir oft von unsern Gefuhlen mit einander reden. Gott, der unser Schicksal auf so unbegreifliche Weise gefuhret, und unser Wiedersehen gewiss aus weisen Absichten veranstaltet hat, wenn wir es gleich jetzt nicht einsehen, wird dich auf deinen Wegen leiten und schutzen. Auch mein heisses Gebet wird dir uberall folgen, und wenn einst der hochste, der einzige Wunsch, dessen mein Herz noch fahig ist, erfullt werden sollte, wenn die Lehren der Kirche, in denen ich Beruhigung gefunden habe, auch in deiner Seele Eingang finden konnten: o Agathokles! wie wollte ich den schmerzlichen Augenblick unsers Wiedersehens preisen, und die Leiden segnen, die er mich kostete! Leb' wohl! Das ist Larissens Brief. Es war mir eine susse, eine traurige Beschaftigung, ihn fur dich abzuschreiben; es war mir ein Trost, aus so manchen Stellen zu ahnen, zu errathen, dass sie mich nicht vergessen hat; dass sie mich vielleicht eben so heiss liebt, als ich sie! aber antworten darf und kann ich nicht. Was sollte ich ihr auch sagen? Ich kann nichts, als meinen unendlichen Verlust fuhlen, der in jeder Zeile, in der sich dieser reine Sinn, diese himmlische Gute abmalt, mir schrecklicher erscheint. Aber welche Religion muss das seyn, die dem Menschen solche Begriffe von Pflicht, und einer zarten weiblichen Seele so viel Kraft, ihr treu zu bleiben, ertheilt? Ich verabscheue sie in diesem Augenblicke; denn sie raubt mir jede Hoffnung und ich muss sie im nachsten bewundern. Leb' wohl, Phocion! Wenn ich mich gesammelt habe, wenn ich wieder klar zu denken vermag und erst eine weite Strecke zwischen mir und der Ewigverlornen sich ausdehnt, schreibe ich dir wieder.
Fussnoten
1 Apamaa, eine Stadt in Syrien.
20. Larissa an Junia Marcella.
Edessa, im Junius 301.
Es hat dem Himmel gefallen, meine Junia! mich auf eine schwere Prufung zu setzen. Ich darf nicht klagen; denn die Begebenheiten sind zu ausserordentlich, als dass ich nicht deutlich die Spuren seiner Fuhrung darin erkennen sollte. Es ist sein Wille, diese Leiden uber mich zu verhangen, diese strengen Pflichten von mir zu fordern. Ich darf nicht fragen, warum? Ich muss nur still tragen, kampfen, und leisten, was ich kann. Soll ich in dem Streit bestehen, so wird Gott mir Krafte dazu geben. Soll ich untergehen: o dann willkommen, du letzte susse Stunde! die so vielen Schmerzen ein Ende machen, und mir eine schonere Welt eroffnen wird, wo es kein Verbrechen ist, die reine Tugend zu lieben, und ein schwaches Herz nicht aus alt gewohnten sussen Banden reissen zu konnen!
Als ich dir das letzte Mal geschrieben hatte, nahm ich mir vor, die Gegenwart desjenigen, den ich weder lieben durfte, noch vergessen konnte, so viel moglich zu vermeiden. Ich hielt den schweren Vorsatz treu durch funf Tage. Am Morgen des sechsten brachte mir der treue Anicetas, der mir noch aus meines Vaters Haus gefolgt ist, sehr geheimnissvoll einen Brief. Endlich erkannte ich, wie aus dunkler Erinnerung, die Zuge der theuern Schrift. Er war von ihm! Ich bebte noch einmal drang der Zweifel, ob ich auch von ihm einen Brief annehmen durfte, in mein Herz. Aber der Gedanke an die tiefe Krankung, der ich ihn aussetzte, und, lass es mich dir gestehen, Junia, das heisse Verlangen, zu wissen, was er mir sagen wurde, uberwog jede Bedenklichkeit. Ich nahm den Brief, ich verschloss mich in mein geheimstes Zimmer, und las, und fand, was sich mit Flammenzugen in mein Herz grub, was weder Thranen, noch Kampfe, noch Zeit je verloschen werden, die feste Ueberzeugung, von dem edelsten aller Menschen mit eben der Treue und Warme, wie vor acht Jahren, geliebt zu seyn, aber auch die Gewissheit, dass er durch diese Liebe und unser Schicksal unaussprechlich unglucklich sey. Er schmeichelte sich mit Hoffnungen, er suchte sie auch meiner Brust einzuflossen, er zurnte uber meine Kalte, er wollte fliehen. O meine Junia! Welch ein Brief! Wenn die Gewissheit, geliebt zu seyn, mich mit sussen Gefuhlen uberstromte, so beugte der Gedanke an seine Leiden meine Seele bis zur Verzagtheit nieder. Agathokles unglucklich! Was kann die Tugend fur Lohn hienieden hoffen, wenn er leidet? Aber soll sie denn uberhaupt ihren Lohn hier finden, oder auch nur erwarten? Nirgends auf der ganzen Erde sehen wir eine Veranstaltung, die dem Tugendhaften den Lohn seiner edlen Thaten zusicherte. Nur das Christenthum lehrt uns, an eine Einrichtung glauben, die die Vorsehung ganz rechtfertiget. Sie offnet uns eine andere Welt, einen wurdigen Schauplatz, wo die verschlungenen Knoten unsers Schicksals entwirret, und die anscheinenden Missverhaltnisse zwischen Tugend und Gluck in die schonste Harmonie aufgelost werden. Dorthin, o du Freund meiner Jugend; dorthin muss ich dich verweisen, dort werden wir uns finden, dort durfen wir Was bin ich im Begriffe zu sagen? O Junia! Darf ich denn auch nur diesen Gedanken und Wunschen Raum geben? Darf ich, die Frau eines Andern, fremde Flammen in meiner Brust nahren? O Junia, Junia! Ich bin tief gesunken, ich sundige immer fort, ich erkenne meine Strafbarkeit, und habe doch nicht Kraft, mich zu besiegen!
Aber ich wollte dir ja erzahlen. Sieh, meine Geliebte! so zerruttet ist mein Gemuth, dass es mir Muhe macht, meine Gedanken in Ordnung zu halten, und bei dem zu bleiben, was ich mir vorgesetzt hatte. Als ich den Brief gelesen hatte, fuhlte ich die Nothwendigkeit zu antworten; aber was? und in welchem Ton? Ich durfte auf keine Weise ihn in mein Herz blicken lassen, und doch konnte ich unmoglich mit der Kalte antworten, die die Vernunft von mir gefordert hatte. Ach! konnte ich denn so gleichgultig und vorsetzlich ein Herz verletzen, das so warm und treu fur mich schlug, das so edel war, und ohnedies so tief verwundet?
Lies die Abschrift des langen Briefes, den ich nach zehn misslungenen Versuchen endlich in der zweiten Nacht nach Empfang des seinigen muhsam und unter tausend Thranen zu Stande gebracht habe. Ich glaube, er ist zweckmassig, er soll ihm die ganze Rettungslosigkeit unserer Lage, aber auch meine und seine Pflicht vorstellen, und ihn auffordern, stark ach Junia! starker zu seyn, als seine ungluckliche Larissa.
Ich habe mir vorsetzlich keine Klage uber meine hauslichen Verhaltnisse erlaubt, vielmehr habe ich gesucht, den Gedanken in ihm zu nahren, dass ich zufrieden sey. Ich glaube, das ist uberhaupt meine Schuldigkeit. Demetrius kann diese Schonung von mir fordern, und dann denke ich auch, es wird den Freund meiner Jugend beruhigen, es wird ihn trosten, wenn er mich, nicht unglucklich weiss. Aber, was ist es, Junia! dass diese Rucksicht mich weit mehr antreibt als jene? Dass der Gedanke, pflichtmassig zu handeln, mir weniger suss ist, als der, ihm Freude zu machen? Ist das auch recht? Soll mir meine Pflicht nicht das Heiligste und Erste seyn?
Ach, es ist leider nicht! Rebellisch emport sich mein Herz gegen die vereinten Stimmen der Vernunft und der Religion. Ich liebe, ich liebe mit gluhender Seele; ich habe, so lange ich lebe, nie ein anderes Bild in meiner Brust getragen, nie fur einen andern Mann eine zartliche Regung empfunden, als nur allein fur ihn, fur ihn, dem mein ganzes Wesen gehort und ich bin die Frau eines Andern. O schrecklich, schrecklich! Was soll ich thun, Junia? Wer, hilft mir, mich vor mir selbst zu retten?
Am Abend desselben Tages.
Als ich heut Morgens so weit gekommen war, musste ich abbrechen, weil mein Gemuth zu zerruttet war, als dass ich weiter hatte schreiben konnen. Seitdem hat anhaltende Arbeit und Gebet meinen Geist ein wenig beruhigt, und ich setze meine Erzahlung fort. Den Tag darauf, als ich die Antwort an Agathokles abgesandt hatte, und mit schwerem Herzen h o f f t e ach, dass ich das h o f f e n muss! er wurde Gelegenheit finden, seinen Vorsatz auszufuhren, und sich zu entfernen, kundigte mir Demetrius meinen Landsmann, als Gast, zur Tafel an. Die wenige Achtsamkeit, die er auf seine hauslichen Umgebungen, und auch auf mich zu richten gewohnt ist, war diesmal mein Gluck; sie entzog seinen Augen den Schrecken, den mir seine Nachricht verursachte, und ich hatte Zeit, mich zu fassen, und hielt mich fur ziemlich vorbereitet, als er ein paar Stunden darauf, mit Agathokles an der Hand, in den Speisesaal trat. Ach, es war ein Wahn! Der Anden, raubte mir beinahe die Besinnung wenigstens im ersten Augenblicke, das Vermogen, zu sprechen. Agathokles feste Stimmung beschamte mich. Er nahte sich mir mit aller Ruhe und Freundlichkeit eines alten geschatzten Bekannten, und sprach heiter und gesetzt mit mir. Mein Mann schien nach seiner Art vergnugt uber unser Zusammentreffen, er war gesprachiger als gewohnlich, man brachte die Speisen, und wir legten uns zu Tische1. Agathokles zeigte eine Selbstbeherrschung, eine Kraft, die nach dem, was vorgefallen war, nach den Briefen, die wir gewechselt hatten, meine hochste Verwunderung erregte, an der meine Schwache sich starkte. Ich erhob mich endlich so weit, dass ich im Stande war, an den leichten Gesprachen der Geselligkeit Theil zu nehmen. O Junia! Was ist das fur eine Heldenseele! Sie war mein und ich habe sie auf ewig verloren!
Von nun an werde ich Agathokles vielleicht noch ofters sehen mussen. Ob er sich entfernen kann, oder wird, ist mir jetzt unmoglich zu erfahren; denn ich kann und wollte auch um Alles in der Welt nicht, mit ihm daruber sprechen. Und Demetrius, der, trotz seiner rauhen Aussenseite, fur wahres Verdienst nicht unempfindlich ist, zeichnet ihn vor allen seinen Offizieren aus, er gibt seiner Entschlossenheit, seinem Eifer offentlich das schonste Zeugniss, und zieht ihn in den engen Kreis seiner Vertrauten, der so beschaffen ist, dass jeder seine Berufung dazu wohl als eine Ehre betrachten kann. Das ist nun der schwerste Theil meiner Prufung, das ist's, woruber ich dir im Anfange meines Briefs so bitter klagte. Ach, ich wollte ja gern Alles anwenden, was in meiner Macht steht, um mein Herz zu beruhigen, und es nach und nach in das verlassene Geleise seiner Pflichten zuruckzufuhren; aber sehen sehen muss ich ihn dann nicht immer, nicht aus jedem Munde sein Lob horen, nicht den Ton seiner Stimme, die Schonheit seiner Seele, die sich in jedem Worte, jedem Zuge malt, taglich im Innersten meines Herzens fuhlen. Er ist stark, unbegreiflich stark; das kann ich nicht! Ach wir Weiber sind in dieser Rucksicht gar ungluckliche Geschopfe. Wenn der Mann im Waffengetummel, im Geschwirre des Gerichtssaals, im Drange der Geschafte Augenblicke genug findet, wo seine Leidenschaft schweigt, weil sie schweigen muss; wenn eben diese anstrengenden Geschafte, alle seine Geisteskrafte auffordernd, seiner Phantasie keinen Spielraum lassen, und alle auf ein wurdig grosses Ziel gerichtet, durch diese Thatigkeit ihn ergotzen, und zerstreuen, was bleibt uns ubrig? In der Einsamkeit des Gemachs, nur von dienenden Geschopfen umringt, schweift am Webstuhl und Spindel, der Geist ungehindert umher, und jedes schmerzliche Gefuhl hat recht lange und ungehindert Zeit, sich in unsere Brust einzugraben. Selbst Gebet und Lesen beschaftigt, nur halb, und mitten im wurdigen Fluge der Andacht, oder auf dem Fittige eines schonen Gedankens entflieht der verwirrte Sinn zu dem Gegenstand, auf den alles Wurdige und Schone eben erst recht hinweiset.
Einige Tage spater.
Wenn ich nur eine Freundin, einen Rathgeber hier um mich hatte, der meinem Herzen das ware, was du und Theophron mir in Apamaa waren! An deiner Starke wurde ich mich halten; sein himmlischer Sinn wurde den meinigen von der Erde und den irdischen Gegenstanden, an denen er strafbar hangt, abziehen, ich wurde Kraft zu meiner Pflicht, und in der Ausubung derselben die Beruhigung finden, die meine jetzige Stimmung unmoglich gewahren kann. O sollte denn der Ewige ein Wohlgefallens daran haben, mich Arme ganz sinken zu lassen, und mir in einer Lage, wo ich so gar nichts zu meiner Rettung thun kann, auch alle fremde Hulfe entziehen?
Meine erste Hoffnung auf Agathokles Entfernung ist ganz verschwunden. Demetrius Zuneigung zu ihm, und mehrere militarische Verhaltnisse haben sie unmoglich gemacht. Dann hoffte ich auf die Zufalle des Kriegs, auf die Nothwendigkeit, dass mich Demetrius vom Schauplatz der Waffen werde entfernen mussen. kleine Gefechte vorgefallen, zweimal, sind die Unsrigen vorgeruckt, aber im Ganzen bleibt die Lage der Dinge immer dieselbe, und jeder Vorfall tragt auf's Neue nach seiner Art bei, meine Kampfe zu erschweren. So war die Scene, die gestern vorfiel. Agathokles kam mit Demetrius aus einem kleinen Gefechte zuruck; beide waren leicht verwundet, und mir wurde die Sorge auferlegt, sie zu verbinden und zu pflegen. Wie mir da zu Muthe war, das verlange nicht von mir zu horen. Hier versagte auch seine Starke, und sein dunkel gluhender Blick, der, wahrend ich vor ihm stand, mein thranenvolles Aug' entdeckte, und erschutternd in mein Innerstes drang, enthullte auch mir die ganze Tiefe seines Herzens. Ich fing an zu zittern, ich war so ausser mir, dass ich mich setzen musste. Mein Mann schalt mich; der Anblick des Blutes, glaubte er, habe diese Erschutterung hervorgebracht. "Du musst, dich uberwinden lernen," rief er; "eine Soldatenfrau muss Blut sehen konnen: komm, verbinde meine Wunde." Ich stand auf, ich entschuldigte mich, und knieete gefasster hin, um seinen Fuss zu verbinden. Ich mochte meine Sachen ziemlich geschickt gemacht haben: denn er lobte mich zuletzt. Wie es aber war, das wusste ich in jenem Augenblicke der Verwirrung selbst nicht.
Als ich aufstand, und mich nach Agathokles umsah, sah ich ihn am Fenster stehen, die Stirn fest daran gedruckt. Er horte meine Annaherung nicht, ich hatte den Verband um seinen Finger noch nicht vollendet, und das musste ich doch. Ich redete ihn an. Wie erschrocken fuhr er empor, und, ach Junia! ich glaubte eine Thrane in seinem Auge zittern zu sehen. Die meinigen fingen sogleich an hervorzuquellen. "Komm, Agathokles! sagte ich so gefasst als moglich, ich muss deine Hand ganz verbinden." Er folgte mir zu dem Tische, auf dem das Gerathe lag, er setzte sich wieder vor mir hin, ich ergriff seine Hand, sie zitterte wie die meinige. Jetzt schlug er seine Augen auf mich, ich hatte nicht die Kraft, diesem Blicke zum zweitenmale auszuweichen. Ich wandte mein Auge nicht ab, ich liess es ihm in Thranen schwimmend sagen, was in meinem Herzen vorging. Er fasste meine Hand, und druckte sie an seine Brust. Jetzt brachen meine Thranen so ungestum hervor, dass ich nicht mehr sehen konnte, was ich machte! Er schlug den Arm um mich, und sagte leise: O meine Larissa! wie ist es moglich, dir zu entsagen? Ich zitterte, dass mir die Sprache versagte. Der Gedanke an Demetrius Gegenwart, an die Moglichkeit, dass er uns gesehen haben konnte, fiel schreckend auf mich. Ich sah mich um, er stand zum Glucke abgewendet, aber Agathokles verstand meine Bewegung. Er zog seinen Arm schnell zuruck, sein Blick sank nieder, er hielt mir still die wunden Finger hin, und ich endigte mein Geschaft. Schmerzt es dich noch sehr? fragte ich ihn, als ich fertig war, und hielt seine Hand in meinen Beiden. Jetzt nicht, antwortete er, und sein Blick erklarte mir den Sinn dieser Worte. Er druckte meine Hand noch einmal, und ging schnell aus dem Zimmer. Auch ich raffte mein Gerathe zusammen, und eilte durch die andere Thure fort in mein Gemach, wo heisse Thranen dem schmerzlichen und seligen Andenken dieser Scene flossen.
Und solche Auftritte stehen mir noch unzahlige bevor! Ich sehe keine Rettung; denn Demetrius, der sehr strenge Begriffe von den Pflichten einer Gattin hat, und an tausend kleine hausliche Bequemlichkeiten gewohnt ist, fordert durchaus, dass ich ihn begleite, so lange als es mit meiner personlichen Sicherheit bestehen kann. Ich habe von Weitem versucht, ihn von diesem Vorsatze abzubringen; aber die Heftigkeit, mit der er sich ausserte, zeigte, wie sehr ein offenbarer Widerspruch ihn aufbringen wurde. Das darf ich denn nicht wagen; denn ich kenne aus Erfahrung die Wirkungen seines Zornes, und auch, dies abgerechnet, ist es meine Pflicht, ihn zu begleiten, so lange er es fordert; denn ich habe es ihm vor Gott geschworen. Indessen fallen ofters auch schreckende Ereignisse vor. Schon zweimal wurde ich und zwar das eine Mal mitten in der Nacht von einem grasslichen Larmen geweckt. Ein Offizier trat unangemeldet in mein Zimmer, und kundigte mir auf Demetrius Befehl an, dass ich mich fertig machen sollte, in einer Stunde mit allen meinen Leuten aufzubrechen; denn der Feind nahere sich, Demetrius sey ihm schon mit den Truppen entgegengegangen, da man aber den Ausschlag des Gefechtes nicht wissen konne, so fordere es meine Sicherheit, mich zu entfernen. Ich war so erschrocken, dass ich mich kaum fahig fuhlte, die nothigen Befehle zu geben. Ach, waren nicht Demetrius und Agathokles in Todesgefahr? Und konnte nicht jeder Augenblick mir einen von ihnen entreissen? Nachdem aber Alles in Bereitschaft war, und ich nur auf den letzten Befehl harrte, verkundigte mir ein frohlicher Tumult, und der Schall unserer Tuben2, die Ruckkehr der Sieger. So ging diesmal die drohende Gefahr an mir voruber. Aber wird es immer so seyn? O Junia! Es ist kein kleiner Zusatz zu meinem Leiden, bestandig fur das zittern zu mussen, was mir das Liebste auf der Welt ist.
Fussnoten
1 Die Alten sassen nicht, sondern lagen auf Ruhebetten um ihre Tische herum, und meistens drei und drei auf einem Lager, so, dass drei Seiten des Tisches besetzt, die vierte fur den Vorschneider offen blieb. 2 Tuba war eine Art von Blasinstrument, wie unsere Posaunen oder Trompeten, deren sich die Romer im Felde bedienten.
21. Agathokles an Phocion.
Lager vor Nisibis, im Aug. 301.
Es ist eine lange Zeit verflossen, seit mein letzter Brief dich von der wunderbaren und traurigen Wendung meines Schicksals unterrichtet hat. Seitdem sind viele schmerzhafte Stunden vergangen, und in durchwachten Nachten ist mancher fruchtlose Versuch zur Bekampfung einer Leidenschaft gemacht worden, die mit jedem Tage neu genahrt, und allzu reizend unterhalten, endlich jedes ohnmachtigen Widerstandes spottet. Feindselig hat das Geschick sich wider mich verschworen; von allen Seiten umstellt es mich mit unausweichbaren Netzen, in denen ich mich verwirren, in denen ich fallen muss. Habe ich denn irgend eine verborgene Schuld meines eigenen Herzens, oder eine alte meines Geschlechtes abzubussen, dass, wie in den Dichtungen der Tragiker, die Eumeniden mich rachend verfolgen, und das Fatum sein Opfer zurnend fordert? Nur zwei Auswege sehe ich offen, wie mein verworrenes Schicksal sich losen kann nur zwei und Einer ist finsterer, als der Andere. Aber, wenn hier das Bewusstseyn verlorner Unschuld, zertretener Pflicht den Gefallenen fur kurze Seligkeit endlos foltert: so offnet dort nach wenig durchkampften Stunreiche Aussicht in eine lohnende Welt. S c h u l d oder T o d ! Wie kann das denkende Wesen zweifelnd anstehen?
Von allen Seiten umgeben mich hier Menschen und Grundsatze aus einer Sekte, die ich bisher, angesteckt von den Vorurtheilen unserer Schulen, und unsers offentlichen Lebens, als angstlich, die Kraft des Menschen lahmend und lacherlich schwarmend verachtete. Ich lebe unter Christen, ich lerne ihr System, ihre Lehrsatze genauer kennen, und es liegen Begriffe, Ansichten, Hoffnungen darin, die nicht blos dem blinden Glauben, die selbst der vorurtheilfreien Vernunft gross, edel, und hochst Wahrscheinlich erscheinen mussen. Tief aus der Natur des Menschen geschopft, auf seine machtigsten Triebe gebaut, und mit seinen edelsten Kraften wirkend, steht ihr System da, und scheint, so weit ich es kenne, nichts als das deutlich ausgesprochene Resultat dessen, was unsere Weisen seit Jahrhunderten, zweifelnd und ahnend, in unzusammenhangenden Satzen vortrugen. Wo diese in Dammerung irrten, zeigt jene ihren Anhangern volles Licht; lehrt jene sie mit kindlicher Zuversicht glauben, und wer auch nicht von den Ihrigen ist, fuhlt sich hingerissen und versucht, den Trost zu ergreifen, den sie anbietet. Es ist eine Zukunft, eine Vergeltung nach dem Tode, und unser Schicksalsgewebe wird erst dort entwirret. Was zaudre ich, der Auflosung schneller zu nahen? Im Schlachtgetummel ist der Tod in tausend Gestalten vorhanden, und auf dem Bette der Ehre, indem ich die Pflicht gegen mein Vaterland erfullte, zerreisst ein mitleidiges Feindesschwert die Netze, die mich gefangen halten, und gibt meinem Geiste die Freiheit, ohne Widerstand glucklich zu seyn! Dann hort der Zwiespalt in meinem Innern auf, das Gefuhl des unheilbaren Schmerzens entstromt mit dem Leben der durchstossenen Brust, das stille Herz schlagt nicht mehr widerspenstig gegen seine Schranken, aller Streit ist geendet, aller Kampf Friede geworden! Und ich soll zaudern?
Wir haben Edessa verlassen. Ein paar Vortheile, die wir uber den Feind errangen, offneten uns den Weg bis hierher. Wir stehen vor Nisibis, das die Perser noch besetzt halten. Demetrius belagert es, und denkt es bald einzunehmen, besonders da er auf eine Verstarkung rechnet, die ihm Galerius sicher versprochen hat. Auch hierher musste ihm Larissa folgen, muss alle Gefahren und Beschwerlichkeiten mit ihm theilen, und nicht immer, o nur selten ersetzt ihr Schonung und Liebe die Ungemachlichkeiten, die wahrlich nur Liebe um der Liebe willen freudig auf sich nehmen, die die kalte Pflicht stets doppelt lastend fuhlen muss. Das muss ich mit ansehen, fuhlen, was sie leidet, mir bewusst seyn, welches Loos sie an meiner Seite erwartet hatte, und schweigen und oft noch aus ihrem Munde die Versicherung horen, dass sie nicht unglucklich sey! Phocion! Ich erkenne die Schonheit ihrer Gesinnungen, die zarte Schonung, die in dieser Verleugnung liegt, ich weiss, was sie damit erreichen will; aber es dient nicht, meine Leidenschaft zu massigen.
Ich habe es schon in Edessa versucht, von meinem Platze loszukommen, und eine Bestimmung zu erhalten, die mich aus dem gefahrlichen Kreise entfernte, in den ich mich, wie durch Zauber, gebannt sehe. Demetrius liess mich nicht von sich, ja er zog mich, unterrichtet von meiner Bekanntschaft mit seiner Frau, freundlich in den kleinen Zirkel, der ihn stets umgibt. Da sehe ich sie nun taglich, bin Zeuge ihrer Tugenden, ihres himmlisch schonen Kampfes, oft ihres Sieges, aber auch o Phocion! hier liegt die Quelle meines unheilbaren Unglucks! aber auch zuweilen ihrer Schwache. Sie liebt mich, ich weiss es, ich fuhle es. Manchmal bricht die muhsam verhaltene Flamme hell und leuchtend aus ihrer reinen Brust. Als sie mir neulich meine wunde Hand verband, als sie, mit dem Ausdrucke der zartesten Sorge um mich beschaftigt, mit ihren zitternden Handen die meinige hielt, ihre Thranen auf meine Wunden flossen, und sie in diesem Augenblick, aller Verhaltnisse vergessend, nur das besorgte liebende Weib war o Freund! ich errothe nicht, es zu sagen, dass meine Kraft mich hier verliess, dass auch mein Herz sich ihr unverhullt offenbarte. Ich fordere den Mann heraus, der hier standhaft geblieben ware. Ich wage es zu behaupten, dass den seine Tugend nichts kosten kann, denn er kann nicht fuhlen.
Acht Tage spater.
Ich habe lange keine Nachricht von dir! Im Getummel, im Gewirre des Krieges mogen sich die Briefe wohl leicht verlieren. Noch sind wir vor Nisibis, aber wir werden es nicht mehr lange seyn. Demetrius, der die Stadt schon seit ein paar Wochen eng eingeschlossen, und vergebens auf eine Verstarkung vom Casar Galerius gewartet hat, will der Ungeduld der Truppen, ihrem lauten Murren, ihrem Wunsch, die Stadt durch Sturm zu nehmen, nicht langer widerstehen. Auch ist es dringend, dass ihr Schicksal sich entscheide. Hitze, Durst und Krankheit fangen an unser Lager zu verheeren. Kommt nicht bald Hulfe, misslingt der Sturm auf Nisibis: so mussen wir fort, und schimpflich ein Unternehmen aufgeben, das mit grossem Muth, nicht ohne reife Ueberlegung begonnen, und wahrlich fur das Schicksal des ganzen Krieges entscheidend ist. Fallt Nisibis nicht, so hoffe ich wenig Gutes, wenigstens fur diesen Feldzug mehr. Es ist aber bereits mehr als Vermuthung, dass die alte Feindschaft zwischen Galerius und unserem Feldherrn fur Jenen zu zerstoren, wenn auch mehr als die Ehre des Mannes, den er hasst, daruber verloren gehen sollte. Was auch immer die erste Quelle des Zwiespalts ist, so weiss ich jetzt bestimmt, dass Galerius Hass gegen die Christen die Kluft zwischen ihm und dem Feldherrn, der dieser Sekte so treu ergeben ist, immer mehr erweitert. Jener mochte sie verderben, er verfolgt sie, wo er kann; und liesse Diocletians politische Weisheit, oder seine gemuthslose Gleichgultigkeit gegen Alles, was den Menschen uber sich selbst erheben kann, sich von ihm, wie er's wunscht, erhitzen, so zweifle ich nicht, dass wir bald eine allgemeine Verfolgung erleben wurden.
Zwei Tage darauf.
Was wir langst furchteten, und uns selbst nicht zu gestehen wagten, die Wahrscheinlichkeit, dass keine Verstarkung zu hoffen ist, ist nun zur Gewissheit geworden. Galerius denkt niedrig genug, das Heer, das Schicksal des Krieges, seinen Leidenschaften aufzuopfern. Wir sind verlassen, aber Demetrius findet in seinem festen Willen und in dem Muthe der Truppen Kraft genug, das allein zu thun, wovon ihn Scheelsucht und Rache abzuschrecken vergebens versucht. Morgen wird gesturmt. Mauerbrecher, Sturmleitern, Wurfmaschinen, Alles ist in Bereitschaft, das Heer den ich absende, bringt dir diesen Brief und die beigefugte Rolle, die meinen letzten Willen, und die kleinen Verfugungen uber mein mutterliches Vermogen enthalt. Wer weiss, ob wir uns hier je wieder sehen. Mir steht eine ernste Stunde bevor. Meiner Treue, meinem anhaltenden Bitten, vertraut Demetrius den Posten an einer der gefahrlichsten Stellen, und wenn dies Zutrauen mich ehrenvoll auszeichnet, so sichert mir die Gefahr des Auftrags entweder kunftigen Ruhm oder Heilung aller meiner Schmerzen. So erwarte ich den kommenden Morgen. Es ist Mitternacht. Alles ist stille. Vielleicht wacht ausser mir nur noch Ein Auge, das in diesen ernsten Stunden fur mich betend und angstvoll zum Himmel blickt. Auch deiner, gutes, edles Wesen! harret vielleicht ein besseres Schicksal, wenn morgen der Tod den unwillig geliebten Freund deinem kampfenden Herzen entreisst, und uber seiner Asche dein angstlicher Streit sich in ruhige Wehmuth verliert. Meinen Vater troste du. Verlass Athen, kehre nach Nikomedien zuruck; mein Testament enthalt die Verfugungen, die dich fur jenen Schritt entschadigen sollen. Ihm, dem von drei hoffnungsvollen Sohnen nur der ungeliebteste ubrig blieb, wird deine sanfte Gemuthsart, dein heiterer Sinn leicht Ersatz fur den ernsten, allzudustern Sohn werden. So sehe ich wohl Einige, die durch meinen Tod gewinnen, Niemand, der darunter leiden wird! Und welche Thranen hatte nicht die Zeit getrocknet? Leb' wohl, Phocion! Dass wir uns wiedersehen, weiss ich gewiss! Wie, wo, wann das sind Fragen, die vielleicht morgen ein Pfeil, ein Schwert befriedigend loset.
22. Larissa an Junia Marcella.
Lager vor Nisibis, im Sept. 301.
Morgen mit anbrechendem Tage wird Nisibis gesturmt. Alles ist bereit. Demetrius fuhrt sein Heer an, Agathokles hat er auf sein dringendes Bitten einen der gefahrlichsten Posten ubergeben. Ich verstehe Agathokles Wunsch. Ruhm oder Tod! Die mannliche Seele findet in Beiden Beruhigung. Aber was aus mir werden wird? daran geht die rauhere Kraft achtlos voruber. Ich kann nicht zusammenhangend denken, viel weniger schreiben. Von dir habe ich nun auch seit fast zwei Monaten keine Nachricht. Meine Brust ist fest, fest zusammengedruckt. Bald steht mein Blut, bald jagt es sturmend durch die Adern. Ich habe viel in meinem Leben gelitten; solche Angst habe ich nie empfunden. Ich vermag nicht zu beten nur hingeworfen auf meine Kniee kann ich jammern. Selbst das Labsal der Thranen versagt dem geangsteten Herzen! Bete fur mich, Junia! Was will ich? Wozu? Bis der Brief dich erreicht, ist mein Schicksal langst entschieden.
23. Larissa an Junia Marcella.
Nisibis, im Sept. 301.
Der Kelch des bittersten Leidens ist diesmal vorubergegangen. Nisibis ist erobert, Demetrius und Agathokles leben! Dieser ist gar nicht, mein Gemahl wohl bedeutend, aber nicht gefahrlich verwundet, und in dem begluckten Gefuhle, so grossem Unglucke entgangen zu seyn, ubersieht das getauschte Herz die dunkeln Stellen, deren noch so viel ubrig sind. Jetzt will ich sie alle vergessen, ich will nur Gott danken, der mir diese zwei theuersten Wesen erhielt, und mich vor Verzweiflung bewahrte. Auch hat es der Vorsicht, deren Fugungen in dem Gange meines Schicksals immer sichtbarer erscheinen, gefallen, ein neues schones Band zwischen dem Freunde meiner Jugend und mir anzuknupfen, ein Band, das viele Empfindungen, die ich bisher verdammen musste, rechtfertigt, und mir erlaubt, dem Zuge meines Herzens ohne so grosse Aengstlichkeit zu folgen. Demetrius dankt der Treue, dem Muth, der Anhanglichkeit seines Legaten das Leben. O meine Junia! Welche Seligkeit liegt in diesem Gedanken? Nicht allein die Schonheit der Handlung selbst, sondern auch die Sicherheit, die sie meinem Geiste gewahrt, die Freiheit, d e n mit reiner meinschaftlichen Vater erhalten hat! Ich darf ihn jetzt nicht mehr so scheu betrachten, ich darf einen Theil meines Gefuhls ihm ungehindert zeigen. Die reine Dankbarkeit, die unschuldige Neigung, die in meinem Herzen liegt, ist kein Verbrechen. O Junia! Ich bin befriedigt, ich verlange fur meine Wunsche kein hoheres Gluck. Und wenn es auch nicht lange wahren sollte, denn schon sehe ich Wolken an unserm Horizont heraufsteigen, so war ich doch fur kurze Zeit recht glucklich! Diese Zeit ist mein, diese Erinnerungen kann mir keine Zukunft rauben, und der helle Zwischenraum in meinem nachtlichen Leben soll mich starken, kunftige Widerwartigkeiten mit freudigem Muthe zu ertragen.
Agathokles hatte zuerst auf seinem Posten, welcher der gefahrlichste von allen war, die Mauer ersturmt. Wie es da erging, diese schrecklichen Auftritte, diese furchterlichen Gestalten des Todes, die ich erzahlen horte, wirst du mir zu wiederholen erlassen. Genug, nach einem zweistundigen Gefechte drangen die Unsrigen, ihren muthigen Fuhrer an der Spitze, in die Stadt ein. Nicht lange darnach erreichte Demetrius von der andern Seite denselben Zweck. Aber da man auf dieser schwachern Seite der Stadt den Sturm vermuthet hatte, fand er viel grossern Widerstand, und das Gefecht wurde von beiden Seiten mit der heftigsten Erbitterung fortgesetzt. So gelangten sie bis auf den Marktplatz, die Besatzung wich nur Schritt vor Schritt, die Unserigen mussten jeden Fussbreit Boden theuer erkaufen. Plotzlich sturzte, als Demetrius mit den Seinen schon auf dem Platze stand, aus einer Nebenstrasse ein weit uberlegener Haufe von feindlichen Soldaten hervor. Demetrius sah die Seinen um sich her fallen, er stritt fast allein gegen den wuthenden Schwarm. Einer von den Seinigen hatte die Besonnenheit, zu Agathokles zu eilen, und ihm die Gefahr seines Feldherrn zu melden. Dieser vergass sogleich jede Rucksicht auf eigenen Ruhm, auf Behauptung seines errungenen Sieges, und schlug sich mit Wenigen, die ihm muthig folgten, bis zu seinem Feldherrn durch. Er fing den todtlichen Hieb, der das Leben meines Gatten hatte enden konnen, mit seinem Schwerte auf, er deckte ihn, als er verwundet niedergesunken war, mit seinem Schilde, und schutzte sein Leben auf Gefahr des eigenen, bis eine Verstarkung der Unserigen ankam, und dem treuen Agathokles erlaubte, nun auch fur die Pflege seines Geretteten zu sorgen. Mit kindlicher Sorgfalt wachte er uber ihn, liess ihn in ein nahes Haus bringen, und alle Anstalten zu seiner Erhaltung treffen. Sobald die Feinde die Stadt ganzlich geraumt hatten, sandte er zu mir. Mit der grossten Schonung, in der ich sein Herz erkannte, wurde mir der Vorfall berichtet, und ich eilte zu Demetrius, den ich zwar verwundet und erschopft, aber bei so heiterm Geist, so froh uber den gelungenen Sieg, und so dankbar gegen seinen edlen Retter fand, dass die Pflicht, seiner zu pflegen, mir doppelt suss wird.
Den Tag, nachdem ich in Nisibis angekommen war, erhielt ich einen Brief von dir, den die Veranderungen unsers Aufenthalts, oder andere Zufalle verspatet haben. Er ist mehrere Wochen alt. Du schreibst mir darin mit aller Liebe einer Freundin, mit aller Strenge einer tugendhaften Christin uber mein Verhaltniss zu Agathokles. Du rathst mir nicht blos, du befiehlst mir die Gefahr zu fliehen, in der ich sicher untergehen wurde. Du findest die einzige Moglichkeit der Rettung in schneller ganzlicher Trennung, und verlangst, dass ich meine Sicherheit, sogar mit dem Scheine des Ungehorsams gegen Demetrius, mit der Gefahr, seinen Zorn, den Vorwurf pflichtwidriger Kalte auf mich zu laden, erkaufen sollte. Ach Junia! Was du forderst! Es mag moglich seyn, dass dies Mittel mich fruher hatte retten konnen! Es mag moglich seyn, so strengen Forderungen der Pflicht zu gehorchen. Ich glaube auch, dass in deiner Brust die Kraft dazu lage! Aber ich? Zurne nicht, Junia! Ich kann, ich darf, ich brauche dies einzige grausame Mittel nicht anzuwenden. Demetrius ist schwer krank, nicht sowohl durch die Art seiner Verwundung, als durch ein heftiges Fieber, das sich zu seiner Erschopfung gesellte. Jetzt ist der Wille des Himmels deutlich ausgesprochen. Ich soll und werde den kranken Gemahl nicht verlassen. Aber ich bedarf es auch nicht; denn mein Verhaltniss zu Agathokles ist verandert, und der strenge Zwang aufgehoben, in dem, wie du selbst einsiehest, ein grosser Theil unserer Gefahr, unserer gespannten Verhaltnisse lag, seit ein neues schones Band sich zwischen uns angeknupft hat, und pflichtmassige Dankbarkeit meine Gefuhle veredelt und heiligt.
Demetrius behandelt ihn, seit dem letzten Vorfalle, mit vaterlicher Zartlichkeit. Agathokles ist fast immer um ihn, er wunscht es, er verlangt es sogar deutlich, wir theilen uns in seine Pflege und Unterhaltung, und mein Gemahl scheint die Hulfleistungen seines treuen Legaten beinahe mit mehr Freude zu erkennen, als die meinigen. Ach Junia! Das sind dann selige Stunden! Wenn Demetrius schlummert, dann wallet ein leises herzliches Gesprach zwischen uns, von alten guten Zeiten; die Geister unserer kindlichen Freuden umschweben uns rein und unschuldig, vielleicht der Geist seiner vortrefflichen Mutter, der er und ich so viel zu danken haben, von der der edle Sohn nie ohne Ruhrung spricht. Ihre heilige Gegenwart weiht unsere Empfindungen, verbannt alles Leidenschaftliche daraus, und lasst uns nur die Sussigkeit einer freien schuldlosen Neigung geniessen. Wacht Demetrius, so erheitert ihn entweder abwechselndes Vorlesen, oder ein anziehendes Gesprach, dessen Gegenstand oft die Lehren unserer heiligen Religion sind. Du weisst, welch ein eifriger Christ Demetrius ist, und wie manchen Verdruss ihm dieser Eifer schon zugezogen hat. Seit dem letzten Vorfall ist das Bestreben, seinen Freund von einer Lehre zu uberzeugen, die ihm allein in dieser und jener Welt dauerhaftes Gluck sichern kann, eben so naturlich als sichtlich. Und Agathokles! O meine Freundin! Wie glucklich macht mich oft diese Bemerkung! Agathokles scheint von der Erhabenheit unserer Lehrsatze weit mehr durchdrungen, als sich mir zu hoffen erlaubt hatte.
Neulich, als Demetrius, der seinen Zustand als Weiser und Christ mit Ernst bedenkt, und keinen Tauschungen Raum gibt, das heilige Abendmahl zu geniessen wunschte: hiess er uns alle gegenwartig seyn, und auch Agathokles durfte nicht fehlen. Obgleich es ihm nun unmoglich war, den Theil daran zu nehmen, der Christen erlaubt ist: so sah ich ihn doch von dem erhabenen Zwecke und der ganzen Ansicht dieser Einrichtung, von unsern Gebrauchen, von unserer stillen Andacht geruhrt. Ex sank mit uns zugleich auf die Kniee, und brachte, wie er mir hernach gestand, dem unbekannten Gotte den Tribut der Ehrfurcht und Liebe. Ich sah ihn an. So edel, so unaussprechlich liebenswurdig, als in dieser feierlichen Stunde, hatte er mir noch nie geschienen. Ich fuhlte mich unwiderstehlich zu ihm hingezogen. O ich hatte ihm, wenn es die Umstande gefordert hatten, in Gegenwart aller Zeugen eine Liebe gestehen konnen, die so rein, so fromm war! Als ich ihm sagte, dass ich fur ihn, fur sein Gluck gebetet hatte, dass ich taglich fur ihn betete: da sah ich Thranen aus seinen Augen dringen. Er ergriff meine Hand in einer heftigen Bewegung; er wollte sprechen aber er vermochte es nicht. Er riss sich los, und eilte hinaus. Hatte er mich verstanden? Fuhlte er, was ich sagen wollte?
Lass mich nun, Junia! meine Hoffnungen, meine Aussichten, alle meine Freude und Beruhigung in deine theilnehmende Brust giessen, und zurne mir nicht zu strenge! Ach, ich war lange genug unglucklich. Missgonne mir den Sonnenstrahl nicht, an dem mein verdustertes Wesen sich zutrauensvoll entfaltet, und zu bessern Tagen auflebt!
Nichts ist Zufall in der Welt, meine Geliebte! Alles ist Fugung und Anordnung einer weisen Vorsicht, die der belebten und unbelebten Natur ihre ewig unverbruchlichen Gesetze mitgetheilt hat, von denen abzuweichen eben so unmoglich ist, als den gestrigen Tag zuruckzurufen. Alles Zufallige, alles Ungefahr hort auf, und dass uns etwas so erscheint, ist nur Schuld unserer beschrankten mangelhaften Ansicht, welche nicht mehr als einen kleinen Theil des grossen Ganzen zu ubersehen im Stande ist. Da wir aber vom Schopfer mit Vernunft und Gewissen begabt, und verpflichtet sind, unter Leitung der erstern auf Antrieb des letztern zu handeln, zu wahlen, zu verwerfen; so hort unsere Zurechnung, und unser freier Wille nicht zugleich auf. Nun aber, weil es unmoglich ist, etwas zugleich zu thun und zu lassen, weil unter tausend moglichen Fallen nur Einer in die Wirklichkeit eintreten, und in die Kette der Begebenheiten eingreifend, selbst zur Ursache unabsehlicher Folgen werden kann: so ist unsere Entschliessung und ihre Wirkungen vorausgesehen von dem Auge, dem Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart Ein Tag ist, und wir handeln nach dem grossen Plan, wie zwanglos, wie vernunftmassig oder sinnlich, wie tugendhaft oder leidenschaftlich unsere Entschliessung gewesen seyn mag, und alles leitet zu einem schonen Ziel, das weit hinter diesem nachtlichen Erdenleben in lichter Ferne zuweilen dem redlichen Forscher, oder dem kindlichen Sinne erscheint. Wenn du mir nun das zugibst, und ich sehe nicht wohl, wie du als Christin und selbstdenkendes Wesen es bestreiten kannst, so darf ich mich ja wohl dem sussen Gedanken uberlassen, dass die Begebenheiten der letzten Tage eben so von Gott geordnet, und eben so, wie alles Uebrige in der Welt, Leitung zu einem hohen edeln Zwecke seyen. Warum, meine Liebe! musste Agathokles gerade zu dem Feldherrn kommen, in dessen Frau er seine Jugendgeliebte findet? Warum zu einer Familie, die aus lauter Bekennern des Christenthums besteht? Warum musste bei'm Sturm auf Nisibis unter so augenscheinlichen Gefahren sein Leben verschont bleiben, und er Gelegenheit finden, sich seinem Vorgesetzten so hoch zu verpflichten, ihn zu seinem Freunde zu machen? Warum kam dein Brief, der mich in Edessa v i e l l e i c h t zur Trennung von ihm vermocht hatte, erst jetzt, wo es viel zu spat war? Wie ware es, Junia! wenn alle diese scheinbaren Zufalligkeiten sich zu dem Zwecke vereinigten, Agathokles in den Schooss unserer heiligen Kirche zu fuhren, und ihm den einzigen Vorzug zu ertheilen, der ihm noch fehlt, um ganz vollkommen zu seyn? Agathokles ein Christ! Junia! Diese strenge Tugend, dieser erhabene Sinn, durch den Geist des Christenthums erhoht, veredelt, verfeinert! O wie gern will ich dann meine Leiden getragen, und durch acht freudenlose Jahre diesen Augenblick hochster Seligkeit erkauft haben!
Dein Brief hat mir die Ankunft meines geehrten Lehrers Apelles hoffen lassen. Noch ist sie nicht erfolgt, aber ich begreife wohl, dass die Storungen, die der Krieg in diesen Gegenden verursacht, und die oftere Veranderung unsers Standorts seine Reise verzogert haben mogen. Wie sehr wunschte ich ihn zu sehen! Ich wurde mir sehr viel von der Gewalt seiner Ueberzeugung, und seiner feurigen Beredtsamkeit fur Agathokles Sinnesanderung versprechen. Ach, es ist schon ein so schoner Anfang gemacht! Gelingt es Apelles, das Ganze zu vollenden, so ware das eine neue Wohlthat, die ich deiner Liebe und Theophrons vaterlicher Sorge um mich zu danken hatte. Sage ihm, dem ehrwurdigen Lehrer und Troster meiner Jugend, dass ich ihm mit kindlicher, und dir mit schwesterlicher Zartlichkeit dafur danke. Mein Gemuth ist jetzt viel stiller und ruhiger, ein heiterer Friede wohnt in mir, wie er einst die Jahre meiner Kindheit beseligte, und zum erstenmal nach mehr als acht Jahren blicke ich mit Ruhe auf die Gegenwart, und ohne Furcht in die Zukunft. Vielleicht hat die gutige Vorsicht mir in spatern Jahren Ersatz fur die verlorene Jugend bestimmt. Was sie auch senden mag, wie viel, wie wenig es sey, ich will es kindlich hinnehmen, und dem, was sie verweigert Junia! es ist etwas Grosses! es hatte mich zum glucklichsten Weibe auf Erden gemacht! mit stiller Unterwerfung entsagen.
24. Agathokles an Phocion.
Nisibis, im Sept. 301.
Noch lebe ich! Die Ahnung eines nahen Endes aller meiner Kampfe und Leiden hat mich getauscht, und es beginnt ein Daseyn fur mich, das zwischen der Seligkeit der Gotter und den Qualen des Tartarus oft und plotzlich wechselnd mich entweder zum Wahnsinn bringen wird, oder die erschopfte Natur erliegt den unaushaltbaren Sturmen.
Es war eine Zeit, wo der Gedanke, Larissen zu sehen, mich zu jedem Wagestuck getrieben, mich jedes Hinderniss zu uberwaltigen gelehrt hatte, wo ich fur die Seligkeit, diese Zuge zu erblicken, die so tief in mein Herz gegraben sind, den Ton dieser Stimme zu horen, die seit den Kinderjahren nicht in meiner Brust verhallt ist, mein Leben gegeben haben wurde. Noch denke, noch fuhle ich eben so noch ist Larissa mir das Theuerste auf Erden, noch konnte ich fur ihren pflichtmassigen Besitz Alles hingeben, was andere Menschen Gluck nennen und jetzt Ich habe das heiss ersehnte Ziel errungen, ich bin bei ihr, ich leb' um sie, ich sehe sie taglich, ich spreche zwanglos mit ihr, sie flieht mich nicht mehr, sie hort mich gutig an, sie zeigt mir Zuneigung, Freundschaft, Liebe in diesem Verhaltnisse, und dass sie es nicht ahnet, dass sie, in susser Tauschung verloren, den Schmerz ganz allein auf meine Brust hauft, das ist's, was mich zur Verzweiflung bringt.
Mein letzter Brief sagte dir, dass wir bereit waren, Nisibis mit Sturm zu nehmen. Es war ein gewagtes Unternehmen, bei dem viel auf der Spitze stand, und das nur durch den grossen Vortheil, den sein Gelingen gewahren konnte, und die traurige Lage des Heeres zu rechtfertigen war. Mit sonderbaren Gefuhlen nahm ich, am Abend vorher, von Larissen Abschied. Es war vielleicht der Letzte auf dieser Erde. Ich darf dir wohl gestehen, dass ich es h o f f t e ; dass sie es zu f u r c h t e n schien, sprach ihr ganzes Wesen deutlich aus, und eine wehmuthige Beruhigung drang bei dem Gedanken, von einem so edlen Herzen so geliebt zu werden, in meine wunde Brust. Am andern Morgen riefen uns die Tuben zum Sturm. Du weisst, Phocion! ich bin nicht weich, und habe dem Tode mehr als einmal auf dem Schlachtfeld in's Antlitz gesehen, mehr wie einem Freund, der uns von druckenden Lasten befreit, als wie einem Gespenst, das uns vom Schauplatz unserer Freuden abruft. Aber diese Schrecken, diese grasslichen Gestalten, unter denen er hier erschien, dies ganzliche Ausziehen aller Menschlichkeit, das ein eisernes Gebot hier zur Pflicht machte, emporte die Natur, und jedes bessere Gefuhl in mir. Noch ziemlich glucklich erstieg ich auf den Leichen meiner Freunde, meiner Untergebenen, die neben mir, unter mir, bluteten, rochelten, starben, mit verwirrtem Geist, mich selbst betaubend, die schwer zu erobernde Schanze. Was ist die geruhmte Tapferkeit des Helden? O Phocion! Betaubung, Fuhllosigkeit, Gluck. Warum traf mich kein Pfeil, verwundete mich kein Wurf, indess rings um mich hundert sanken, die vielleicht mehr als ich zu leben gewunscht, verdient, und ihren Platz, als Fuhrer einer kuhnen Schaar, wohl eben so gut behauptet hatten, als ich? Was war's, das mich fortriss, mir Kraft, Hartherzigkeit, Besonnenheit und Schutz verliehen? und warum eben m i r ? Und zu w e l c h e r Zukunft? O Phocion! dass ich nicht vor Nisibis gefallen bin!
Als ich in die Stadt drang, den kleinen Haufen, der ubrig geblieben war, hinter mir, ereilte uns in hochster Angst ein Verwundeter, um mir zu sagen, Demetrius sey auf dem Marktplatz von den Seinen verlassen, von Feinden umringt, in Todesgefahr. Ich verliess ohne weitere Besinnung den Posten, den ich nach dem Plane hatte behaupten sollen, und eilte, den Gemahl Larissens zu retten. Die Vorsicht erhorte meinen Wunsch, der Feind ward zerstreut. Demetrius, der mit einer Tapferkeit, weit uber seine Jahre, fast allein sich gegen eine ziemliche Anzahl Feinde gewehrt hatte, sank, als ich ihn erreichte, durch Anstrengung und Wunden erschopft nieder. Ich hielt die eindringenden Feinde ab, bis eine Verstarkung der Unserigen kam, und das ungleiche Gefecht, und unsere Gefahr endigte. Demetrius ward in ein nahes Haus gebracht, und ein Offizier, auf dessen feines Gefuhl ich mich verlassen konnte, abgesandt, um Larissen von dem Unfall zu unterrichten, und sie nach der Stadt zu geleiten. Sie kam sogleich. Demetrius empfing sie freundlicher, als ich ihn je gesehen hatte, und stellte mich ihr als seinen Retter vor. Phocion So sehr ich Larissen liebe, so war ich doch nie verblendet genug, um ihre Gestalt, die edel und anziehend ist, fur schon zu halten. Aber in diesem Augenblicke, als sie mit offenen Armen, mit gluhenden Wangen auf mich zuging, und im Angesichte ihres Gemahls ihre Arme um mich schlug, mir zu danken strebte, und statt der Worte nur Thranen hatte, die heftig aus ihren Augen sturzten, da, Phocion! fand ich sie schon, unwiderstehlich reizend. Ich zitterte wie ein Verbrecher. Ein verzehrendes Feuer lief durch meine Adern, ich brannte, sie zu umfassen, sie fest an meine Brust zu drucken, ihr zu gestehen, was ich fuhle. Ich durfte es nicht wagen! Ohne Laut und Bewegung stand ich in ihren umschlingenden Armen, froh genug, dass ich den Sturm, der mein Innerstes durchtobte, zu verhehlen, und ihr und Demetrius die wilde Gluth verbergen konnte, die mich durchdrang. Sie begriff mein Verstummen nicht, oder sie deutete es anders sie hat keine Ahnung von den Qualen, die seit diesem Augenblick mein Herz zerreissen.
Sicher im Bewusstseyn der himmlischen Reinheit ihrer Gefuhle, getauscht durch die Schonheit derselben, nennt sie ihre jetzige Stimmung Dankbarkeit, schwesterliche Zuneigung, und uberlasst sich ihr ohne Zwang und Ruckhalt vor den Augen ihres Gemahls, der in vaterlichem Wohlwollen gegen mich es gerne sieht, dass seine Frau dem Netter, ihres Gatten mit vorzuglicher Achtung begegnet, und es naturlich findet, dass alte Bekannte, Jugendgespielen in tausend Kleinigkeiten einander weniger fremd sind. O Phocion! Welcher Frieden, welche Unschuld liegt in diesem Gemuthe, das in der Freude, sich seinen Gefuhlen uberlassen zu durfen, sich uber alle Folgen derselben kindlich tauschend, auch nicht von fern vermuthet, welche Leiden sie uber mich haufet! Wenn sie, am Lager ihres Gemahls beschaftigt, mit der Sorgfalt einer Tochter ihm jeden Dienst leistet, jedem Wunsche zuvorkommt, und nach mancher unruhigen Stunde sich dann ermudet mir gegenuber setzt, ihr Blick mit unaussprechlicher Milde auf mir ruht, und ich an der stillen Zufriedenheit, die aus ihren Zugen strahlt, fuhle, wie vergnugt sie meine Gegenwart macht, wie sie den Lohn ihrer Tugend, die Entschadigung fur alle ihre Sorgen in einem freundlichen Gesprache mit mir findet; wenn ich diese schone Mischung von erhabenen Gesinnungen und kindlicher Einfalt, von stillem Muthe und zarter Weiblichkeit sehe, die sich in allen ihren Reden und Handlungen aussert; wenn ich denke, was sie mir hatte werden konnen, und was sie nun ist und dann im Gefuhle, von ihr geliebt zu seyn, gelassen ausharren, und die Flammen unterdrucken soll, die alle Augenblicke aus meiner emporten Brust hervorzubrechen scheinen: das, Phocion! geht uber meine Krafte. Ich fuhle, ich kann es nicht langer mehr tragen, ich muss sie fliehen, wenn ich bei Sinnen, wenn ich mir selbst treu bleiben will.
Demetrius scheint noch eine Absicht damit zu verbinden, dass er mich bestandig um sich halt. Ich musste mich sehr tauschen, wenn er nicht den Plan hat, mich zum Christenthum nicht zu uberreden aber wohl, mir es durch eine genauere Kenntniss seiner Lehren und Gebrauche angenehmer und werther zu machen. Ich habe keine Vorurtheile mehr dagegen, seit ich Larissens Denkart und die Lebensweise der Christen naher kennen gelernt habe. Ich achte sogar einige ihrer Satze recht sehr aber, einer der Ihrigen zu werden so lange diese Sekte noch so vielen, nicht ganz gehobenen Vorwurfen ausgesetzt ist, so lange mein Vater lebt, der sie hasst, wurde ich mich schwerlich entschliessen. Es fehlt noch viel, bis ich volle Ueberzeugung habe: und wer kann einen solchen Schritt ohne diese thun? Indessen habe ich einigen ihrer Ceremonien beigewohnt, manchmal mit Ehrfurcht, einige Male mit wahrer Ruhrung; und Demetrius, wenn das sein Zweck ist, hat ihn in so weit erreicht. Aber auch hierin liegt eine neue, unvermeidliche Gefahr fur mich. Larissen beten zu sehen, Zeuge der Erhebung ihres Gemuthes, der Verklarung ihres Wesens zu seyn, zu wissen, dass sie fur mich betet, und kalt und gelassen bleiben, das ist schlechterdings unmoglich. Spater oder fruher muss die Maske fallen, die ich, widerstrebend und kampfend, nicht langer zu tragen vermag. Und was kann, was wird fur Larissen, fur Demetrius, fur mich daraus entstehen? Ich muss fliehen, ich muss! Sobald Demetrius so weit genesen ist, dass er dieser Unterredung fahig ist, bitte ich ihn ernst und dringend um meine Entlassung. Weigert er sie mir schlechterdings, dann ende ein Machtwort des Casars, das ich durch Tiridates schnell zu erhalten hoffe, den Kampf, der meine besten Krafte verzehrt.
25. Calpurnia an Agathokles.
Rom, im Sept. 301.
Es ist schon so lange, mein verehrter Freund! seit du nichts von mir, und ich nichts von dir gehort habe, dass ich kaum bestimmt sagen kann, ob du mich noch im Lande der Lebendigen vermuthest, oder schon im Elisium glaubst. Auch mir wurde es so ergangen seyn, wenn nicht der offentliche Ruf ersetzte, was unserer losen Freundschaftsverbindung fehlt, und ich nicht durch ihn erfahren hatte, dass du lebst, und dich im Kriege mit Ruhm auszeichnest. Der Ruf spricht mit Achtung von dir, und ich gestehe dir freimuthig, dass ich ihm mit Wohlgefallen horche, wenn er mir von dem Gastfreunde unseres Hauses angenehme und ehrenvolle Dinge erzahlt. Doch hatte ich weder Lust noch Muth, deinen Geist, der, so gewissenhaft zwischen h a u s l i c h e r und kriegerischer Pflicht getheilt, den Lohn fur diese in jener suchte, und f a n d , auch nur einen Augenblick von so anziehenden Beschaftigungen abzurufen. Dieser wahrlich gewissenhaften Rucksicht musst du es zuschreiben, wenn ich dich mit keiner Antwort auf deinen ersten und letzten Brief aus Nikomedien bemuhen wollte. Du gingst, wie du mir schriebst, gleich zum Heere ab, und was man es auch. Jetzt aber fordert eine dringende Pflicht, die Pflicht der Freundschaft gegen eine edle ungluckliche Frau, mich auf, alle anderen Betrachtungen aus den Augen zu setzen, und deinen Edelmuth, deine Redlichkeit anzusprechen, um von dir Hulfe, oder wenigstens Rath fur deine Freundin zu erhalten.
Es ist mir sehr unangenehm, dass die Art meines Anliegens mir nicht erlaubt, weder dein Geschlecht uberhaupt, noch deine Liebe fur einen sonst schatzbaren Mann zu schonen, gegen den ich eben klagen muss. Schliesse aber daraus, welches Vertrauen ich auf dein strenges Pflichtgefuhl, und deine vorurtheilslosen Ansichten setze, indem ich mich ohne weitere Umschweife in dieser Sache an dich wende.
Du weisst, in welchem Verhaltniss Sulpicia und Tiridates standen, als dieser im Fruhlinge Rom verliess. Ihre Anspruche an seine T r e u e waren vollgultig, durch ihre grenzenlose Liebe und tausend Aufopferungen wohlverdient, ihre Hoffnungen auf seine Hand rechtmassig und gegrundet, und durch heilige Eide versichert. So schied er von ihr, und liess sie in hauslichen Verhaltnissen zuruck, uber deren Schwierigkeit und Unannehmlichkeit er sich unmoglich tauschen konnte, und an denen doch eigentlich seine Verbindung mit ihr Schuld war. Ein alltagliches Geschopf von Ehemann erniedrigt sie durch Verdacht und Auflauren, wahrend ein harter Vater sie mit Vorwurfen qualt, welche nur wirkliche Vergehungen rechtfertigen konnten, die aber in Sulpiciens Falle, wo blos das Herz doch wozu brauche ich dir ein Verhaltniss zu schildern, das du wohl kennst, und einst mit zu grosser Strenge gerichtet hast? Vielleicht denkst du jetzt auch uber diesen Punkt milder, und spatere E r f a h r u n g e n mogen deine Ansichten verandert haben. Wie aber immer deine Denkart seyn mag, so glaube ich, wirst du doch darin vollkommen mit mir ubereinstimmen, dass Treue, ausschliessende Anhanglichkeit, und festes Verfolgen des abgeredeten Planes, Bedingungen sind, die, wenn sie gehalten werden, nicht grosses Aufhebens, und wenn sie gebrochen werden, den allerstrengsten Tadel, ja gar keine Entschuldigung verdienen. Was soll also die ungluckliche Sulpicia denken und fuhlen, wenn sie von allen Seiten bestatigen hort, dass der leichtsinnige Tiridates, versunken in Asiens Wolluste, bestrickt von verfuhrerischen Weibern, von Einer zur Andern gedankenlos flattert, und, von den Freuden des Hofes trunken, nicht Zeit hat, sich um so geringfugige Sachen zu bekummern, als der Thron seiner Vater, und die Ruhe eines Herzens ist, das sich ihm ganz und willenlos geopfert hat?
Wie zerrissen dies schone, edle Herz ist, wird dir der beigeschlossene Brief zeigen, den ich aus Baja von ihr erhielt, wo ihre niedrigen Peiniger sie eingeschlossen halten, um ihr den letzten Trost, den Umgang mit mir, zu entziehen. Serran's kleiner Geist furchtet meinen Einfluss, darum hat er seine Frau aus Rom entfernt; und Sextus Sulpicius sieht in mir nichts, als eine schlaue Mittlerin eines verbotenen Verhaltnisses. Wie konnte auch seine grobgeschnitzte Seele, die an keine weibliche, ja an keine menschliche Tugend, als allenfalls den Patriotismus glaubt, sich zu dem Gedanken erheben, dass man einander wirklich lieben, und durch diese Liebe sich recht viel seyn kann? Diese Lage allein ware schon hinreichend fur Sulpicien, das Mitleid und die Schonung der ganzen Welt aufzufordern, um wie viel mehr die allerzarteste Aufmerksamkeit desjenigen, fur den, um dessentwillen sie so sehr leidet. Aber dieser leichtsinnige Konigssohn vergisst ihrer im Arm asiatischer Hetaren, und vermehrt ihre Qualen noch durch den scharfen Stachel, den seine Untreue, der Gedanke, so gewissenlos vergessen zu seyn, in ihr zerrissenes Herz druckt.
Zwar will ich gern glauben, dass der immer vergrossernde Ruf auch hier Manches hinzugesetzt hat, was nicht so ganz wahr ist; indessen, wenn ich auch die Halfte abrechne, bleibt noch immer genug ubrig, um Tiridates sehr strafbar erscheinen zu machen. Noch schreibt er z i e m l i c h oft und z i e m l i c h warm an Sulpicien; aber was ist dies fur ein Herz, das von Zweifel und Angst gefoltert wird, und in der sehr naturlichen Voraussetzung, dass der Prinz wohl so klug seyn wird, sich nicht selbst anzuklagen, seine Briefe schon mit ungunstigem Vorurtheil empfangt? Da wird jedes kuhlere Wort, jeder unvorsichtige Ausdruck eine neue Quelle des Argwohns. Bei einem Brief kommt so viel auf die Stimmung des Lesenden an, sie gibt die Musik zu den Worten. Was kann der todte Buchstabe, was kann ein treuer Freund zur Beruhigung sagen, wenn ein krankes Gemuth mit jener geflissentlichen Grausamkeit, die eben den bessern Seelen eigen ist, in jedem Worte einen Pfeil f i n d e n w i l l , um ihn tiefer in seine Wunden zu drucken? O wahrlich! solche Gemuther sind sehr zu beklagen, sie sind ewig das Spiel und der Raub der rauhern starkern Seelen.
Bei dieser Lage der Sachen, bei der halben Ungewissheit, in der wir uber Tiridates wahre Gesinnungen schweben, und bei der Unmoglichkeit, im Geringsten auf ihn wirken zu konnen, wende ich mich nun an dich, und hoffe von deiner Denkart, von deiner Achtung fur Sulpicien, und hauptsachlich von deiner genauen Verbindung mit dem Prinzen, noch allein das Wenige, oder Viele, was sich in dieser Sache thun lasst. Zuerst ersuche ich dich um eine genaue Nachricht von Tiridates Lebensart und Gesinnungen, so weit du sie zu kennen vermagst. Fur's Zweite uberlasse ich deinem Gefuhle, deiner Beurtheilung, die weitern Schritte zu bestimmen, die allenfalls noch hierin zu thun waren. Deine Denkart ist mir Burge, dass ich meine Freundin hier nicht aussetze, dass nichts geschehen wird, woruber sie zu errothen, ja, was sie nur von fern ungethan zu wunschen haben wurde. Leite, fuhre du die Sache, wie du es fur gut findest; ich lege mit Zufriedenheit Sulpiciens Geschick und meine treue Sorge fur sie in deine Hand, und erwarte, wo nicht Hulfe, denn wer weiss, ob du die gewahren k a n n s t ? doch wenigstens Trost und Beruhigung fur sie von deinem Herzen.
Mein Vater und meine Bruder, die alle recht wohl und vergnugt sind, grussen dich herzlich durch mich. Solltest du zu antworten nothig finden, so sey auch so gutig, mir den Ort deines Aufenthalts zu bemerken. Nicht immer wissen wir in Rom genau die Standorter unserer Armeen, und nicht immer ist ein Legat so glucklich, im Hause seines Feldherrn zu leben, und alle seine Leiden und Freuden mit ihm zu theilen. Leb' wohl.
26. Sulpicia an Calpurnien.
(Im vorigen eingeschlossen.)
Baja, im Sept. 301.
Mit unsaglicher Muhe und Aufopferungen, die mich mehr kosten, als ich zu sagen im Stande bin denn es gilt hier nicht Geld, oder Geldeswerth, sondern Grundsatze und Gefuhle, deren Unterdruckung mein innerstes Leben angreift habe ich einen Sclaven auf unserm Landgute, gewonnen, der sich endlich erboten hat, dir diesen Brief zu bringen. Allmachtige Gotter! Zu welchen Erniedrigungen zwingt mich die verachtliche Gesinnung Anderer, und die Nothwehr, die ja auch dem schwachsten Wurm gegen seinen Peiniger erlaubt ist! Bestechung, Verlockung von der dem Gebieter geschworenen Treue muss ich mir zu Schulden kommen lassen. Ich, die ich jeden Winkelzug, jede Unredlichkeit, als meiner Natur widernd, hasse, ich muss die Betruger uberlisten, weil ich sonst o Gotter, Gotter! welche Lage! weil ich sonst verzweifeln musste. Sterben? Kleinigkeit! Tag und Nacht sind die Pforten des Todes geoffnet, und wer zu sterben weiss, braucht nicht zu dienen. Aber sterben wollen, und keines Augenblicks, keiner Bewegung Herr seyn, sich fuhlen, zu wissen, dass alle Schranke und Kisten durchsucht, und alle Mittel zur Flucht nicht allein aus diesem Aufenthalte, sondern auch aus dem Leben genommen sind; das zu wissen, und mit der Wuth der Ohnmacht seine Ketten zu schutteln, ohne sie zerreissen zu konnen: das ist die schrecklichste Lage, in der ein Sterblicher sich befinden kann! Man hat in Rom erkundschaftet, dass ich durch dich Briefe aus Asien bekam, dass jene unselige Verbindung durch die vorigen Massregeln noch nicht abgebrochen war, und man schritt nun zum Aeussersten. Man schleppte mich in diese Einsamkeit, man halt mich wie eine Verbrecherin, und man macht sich ein Geschaft daraus, mir das Leben zu verbittern. Ja, was der Mensch dem Menschen thun kann, ist das Hochste und Niedrigste. Die grosste Erdenseligkeit und die schrecklichste Verzweiflung hauft er auf seines Gleichen. Ja, die hochste Erdenseligkeit und die tiefste Verzweiflung! Vom Schicksal verfolgt, gemisshandelt, fluchtet das zerrissene Herz an den Busen der Liebe, und dort, in ihren weichen Armen, von ihren Thranen benetzt, von ihrem Hauche neu belebt, weiss es nichts mehr von den Tucken des Schicksals, und ist selig in dem Gedanken, treu und wahrhaft geliebt zu seyn. Nein, der Sterbliche ist nicht zu beklagen, der ein geliebtes Herz ganz besitzt, und in dem seligen Bewusstseyn ruht, was auch sein Loos sey, wie weit Zeit und Raum ihn von diesem Herzen scheiden, es fuhlt fur ihn, es schlagt nur fur ihn, es achtet kein Opfer, keine Gefahr, um den Geliebten glucklich zu machen. Lass dann die ganze Natur, lass die Gotter sich wider ihn verschworen, er achtet ihrer Wuth nicht, er liebt und wird geliebt. O, ich Rasende! dass ich damals klagte, da nichts als eine Verkettung von Umstanden ein geliebtes Wesen schuldlos aus meinen Armen riss! Damals wahnte ich unglucklich zu seyn, und was hin ich jetzt? Sie war Frevel, diese unzeitige, unmassige Klage; Kleinigkeit, Spiel waren die Leiden, die ich damals fuhlte, gegen die Martern, die mich jetzt verzehren. Damals war ich geliebt, damals schlug ein Herz treu und ausschliessend fur mich. O ihr Gotter! Nehmt, nehmt mir Alles, was noch an meinem Loose wunschenswerth seyn mag, und gebt mir jene Schmerzen wieder! Gebt mir sie wieder, die Zeit, wo ich euch durch voreilige Bitten besturmte, ich fordere euch heraus, mich unglucklich zu machen, so lange ich geliebt bin. Aber ich bin nicht geliebt, i c h b i n n i c h t g e l i e b t ! O mit brennendem Schmerz reisst dieser Gedanke an meinem Herzen: i c h b i n n i c h t g e l i e b t ! Was in diesen Worten liegt, druckt keine Sprache aus, nur die Verzweiflung in ihrer dumpfen kalten Nacht fuhlt die Qualen, die sie enthalten. Zwei Tage trug sich dies Herz mit tauschenden Hoffnungen, jene Nachrichten konnten Verleumdung seyn, eine wohlausgesonnene List meiner Peiniger. Die bitterste Erfahrung, ganz unzweifelhafte Beweise haben mir gezeigt, dass Alles, was man mir sagte, Wahrheit, und mein Ungluck entschieden sey. Ein gewisser Marcius Alpinus aus Nikomedien, eines von jenen kaltvernunftigen Wesen, die nichts tiefer verachten und bespotteln als Gefuhl, hat an einen seiner Freunde geschrieben, und von diesem erhielt mein Bruder Septimius den Brief. Asiatische Hetaren, zwar verheirathete Matronen und vom ersten Range, nichts desto weniger aber an Gesinnung und Betragen den Verworfensten ihres Geschlechtes gleich, theilen sich in ein Herz, das ich einst in einem dunkeln verworrenen Traume mein zu nennen wahnte. Treue, Schwur, Ehre, Ruhm und Thron verschwinden aus den verblendeten Augen, die nur mit wollustiger Trunkenheit an schonen Formen hangen; und gleichgultig opfert man das Gluck eines langst vergessenen Herzens am Altare einer frechen Schonheit.
O wer gibt mir Dumpfheit, Wahnsinn, Vernichtung! Ich will ja nicht leben, ich will ja ein zweckloses Daseyn nicht langer hinschleppen. Liebst du mich, Calpurnia! hast du in der grossen Welt nicht auch jede bessere Empfindung verlernt, so besorge mir nur einen einzigen wohlthatigen Tropfen, nur Einen, der genug ist, mein Leben auszuloschen!
27. Agathokles an Calpurnien.
Nisibis, im Oct. 301.
Dein Brief, meine edle Freundin! hat mir ein wahrhaft grosses und ein dreifaches Vergnugen gemacht. Er hat mich wieder in die schone Zeit zuruckgezaubert, wo ich in Rom in deines Vaters Hause mit dir und den Deinigen so angenehme Tage verlebte, deren grosster Reiz in deinem heitern geistvollen Umgang bestand. Er hat mir Nachricht von lieben Entfernten gegeben, deren Andenken mir unvergesslich bleiben wird; und endlich hat er mir das erhebende Gefuhl gewahrt, mich von einer edlen Seele mit Achtung und Zutrauen behandelt zu sehen. Innig danke ich dir fur jede dieser angenehmen Empfindungen, vorzuglich aber fur die letzte, die zu verdienen und zu rechtfertigen mein thatigstes Bestreben seyn soll.
Du weisst, meine Freundin! du wiederholst es sogar in deinem Briefe, dass die Verbindung zwischen Sulpicien und dem Prinzen mir nie, weder vernunftig, noch rechtmassig schien. Indessen, so dachte ich mir den Ausgang nicht, obwohl ich Tiridates ziemlich genau zu kennen glaubte. Seit wir in Asien sind, haben wir uns beinahe nicht mehr gesehen, die Reise und ein paar Tage nach unserer Ankunft in Nikomemeistens nur uber Angelegenheiten des Kriegs, oder andere Geschafte. Ich weiss also nichts Bestimmtes uber seine Lebensweise und seinen Umgang. Geruchte, Sagen laufen freilich hin und her, uber auf sie kann ich kein Urtheil bauen. Auch wurdest du, meine Freundin! nicht mit dem zufrieden seyn, was ich dir vom Horensagen berichten konnte. Sey aber versichert, dass ich Alles thun werde, was in meiner Macht steht, um hieruber Gewissheit zu erlangen, und dass ich dann so handeln werde, wie es mein bester Wille, die Umstande, dein edles Zutrauen und Sulpiciens Lage nur immer von mir fordern konnen.
Uebrigens bitte ich dich zu bedenken, dass Tiridates sich durch Geburt, Schicksal und personliche Annehmlichkeiten genug auszeichnet, um von der mussigen Menge bemerkt, besprochen, beneidet, getadelt zu werden; wie auch, dass ein liebenswurdiger Prinz an einem uppigen Hofe manchen Versuchungen und Fallstricken ausgesetzt seyn muss. Vieles, was geschehen konnte, wird dann als gethan vorausgesetzt, und erzahlt; Vieles, was verworfenen Menschen wahrscheinlich ist, von ihnen als wahr verkundet, und die Welt urtheilt schnell, leichtsinnig und lieblos. Schon, dass er immer in Nikomedien seyn soll, ist Verlaumdung. Er befindet sich grosstentheils bei dem Heere des Casar Galerius, wo er sich durch personliche Tapferkeit und Feldherrn-Talente gleich ruhmlich auszeichnet.
Glaube nicht, dass ich Tiridates hierdurch entschuldigen will. Ich weiss nichts, und kann also nichts, weder fur noch wider ihn, behaupten; bis ich aber etwas mit Gewissheit erfahre, konnten diese Betrachtungen vielleicht beitragen, Sulpicien zu beruhigen, und zu verhuten, dass diese ungluckliche Frau sich nicht vergeblich in Gram verzehre. Wenn sie wissen darf, dass du mir geschrieben hast, so sage ihr, dass mein Herz innig mit ihr fuhlt, sie tief betrauert, und, selbst unglucklich, ihr Leiden wohl zu begreifen, und zu theilen versteht. Marcus Alpinus ist mir ubrigens aus fruheren Zeiten als ein Mann bekannt, der mit einem durchdringenden Verstande, durch den Umgang der grossen verderbten Welt, durch Wolluste aller Art und eine herzlose Kalte endlich dahin gekommen ist, an keine Tugend mehr zu glauben, und nichts fur wurdig und schatzbar zu halten, als was unsere Sinne auf irgend eine Art in angenehme Bewegung zu setzen vermag. Sein Urtheil wird immer richtig seyn, denn er ist sehr verstandig; seine Ansichten aber sind es gewiss selten.
Noch habe ich einen Punkt zu beruhren, den ich, so ungerne ich uber dergleichen Dinge spreche, unmoglich ubergehen kann. Du scheinst, meine edle Freundin! von meinem Schicksale unterrichtet zu seyn; aber ich furchte, es war nieder nur der Ruf, oder etwas dem ahnliches, der dir nicht ganz getreu berichtet hat. Ja, ich habe Larissen, die Freundin, die Geliebte meiner Jugend gefunden. Ein seltsames Verhangniss hat sie als die Gemahlin meines Feldherrn mir wieder gezeigt. Es wurde thoricht seyn, und deines Verstandes spotten heissen, wenn ich behaupten wollte, sie sey mir gleichgultig. Nein, Calpurnia ich liebe sie noch, wie ich sie in meiner ersten Jugend liebte. Aber diese Neigung ist nicht, wie bei Sulpicien und Tiridates, hoffnungsvoll und gegenseitig. Larissa behandelt den Freund ihrer Jugend, der ihr Zutrauen nicht verwirkt hat, mit Achtung und Freundschaft; aber Larissa und Demetrius sind Christen, ihre Religion weiht die Ehe zu einem unaufloslichen Bande, das nichts als der Tod trennen kann. Du siehst also, dass ich keine Hoffnung nahren darf. Bedaure mich, meine Freundin! aber spotte meiner nicht. Nur der Gluckliche kann dies ertragen.
Deinen nachsten Brief, wenn du mir die Freude gonnen willst, mich etwas von dir, den Deinigen und unserer unglucklichen Freundin wissen zu lassen, sende nach Nikomedien an meinen Vater. Er weiss immer am ersten und zuverlassigsten, wo ich mich befinde. Vielleicht bin ich sogar bis dahin selbst dort. Der heisse Wunsch, einem Verhaltnisse zu entfliehen, das sich weder mit meiner Ruhe, noch meiner Ueberzeugung vertragt, und die Nothwendigkeit, selbst mit Tiridates zu sprechen, wird mich ohne Zweifel bald dahin rufen. Nimm noch einmal den warmsten Dank fur dein Vertrauen, und die Versicherung, und die Versicherung, dass an jedem Orte, und in allen Verhaltnissen Nachrichten von dir und den Deinigen meinem Herzen eine hochst willkommene Erscheinung seyn werden.
28. Larissa an Junia Marcella.
Nisibis, im Oct. 301.
So ist denn keine irdische Freude von Bestand, und der Himmel, der sie uns, kaum empfunden, wieder entzieht, scheint uns immerfort zu ermahnen, dass wir hier nicht in unserer Heimath sind. Freundliche Gestalten begegnen dem Pilger, die schnell an ihm vorubergleiten, liebliche Gegenden eroffnen sich ihm, in denen er so gern verweilen mochte umsonst! das Schicksal treibt ihn fort, sein Bleiben ist hienieden nicht, und fern, fern von den reizenden Umgebungen, muss er durch ein dunkles grauenvolles Thal, um jenseits die sonnige Hohe zu erklimmen, von deren Gipfel der Kranz der Vollendung strahlt.
Ja, meine Junia! der kurze Fruhlingsschimmer meines Gluckes ist verschwunden. Trube Wolken steigen herauf, und verfinstern den freundlichen Tag, in dessen holdem Lichte mein wundes Herz sich zu erholen anfing. Was noch aus mir werden soll, weiss nur Gott: aber, dass er es weiss, dass ich seiner Vaterhuld mein Schicksal getrost uberlassen darf, das ist fur jetzt, und wird wohl fur immer meine einzige Beruhigung seyn.
Demetrius fing an, sich nach und nach zu erholen. Er konnte das Bett wieder verlassen, und entwarf bedieses, und den Anfang des nachsten Feldzuges. Ich uberliess mich sanften Hoffnungen von der Dauer meines Gluckes, als auf einmal ein Befehl des Diocletian erschien, der meinem Gemahl in unsanften Ausdrukken die allzugewagte Sturmung von Nisibis vorwarf, und es ihm zum Fehler anrechnete, diese That, bei so weniger Hoffnung auf glucklichen Erfolg gewagt, und so viele Leute geopfert zu haben. Wenn du indessen wusstest, wie es mit uns stand, wie das Heer von Unmuth, Krankheit und Mangel aufgerieben, weit mehr dadurch verlor, als durch den blutigsten Sturm, wie geflissentlich man es ohne Hulfe liess, wie doch wozu dies Alles wiederholen, was ich dir doch nicht so umstandlich beschreiben kann, und was jetzt nichts mehr nutzt? Genug, mein Mann wurde des Befehls uber seine Armee enthoben. Seine hohen Jahre, seine Krankheit dienten zum bessern Vorwand, und Marcius Alpinus, der ein Liebling des Galerius, und vorher Tribun bei seiner Leibwache gewesen war, ist schon auf dem Wege, seine Stelle einzunehmen. Wie das meinen Mann schmerzt, wie es ihn, den kaum Genesenen, von Neuem niederwirft, sein Gemuth bitter, seine Stimmung reizbar macht, kannst du dir vorstellen; und dass Alles, was ihn umgibt, und ich zuerst darunter sehr leiden muss, ist wohl eben so naturlich. Er hat auch sogleich seinen volligen Abschied begehrt, er will einem Staate nicht langer dienen, der ihn so misskennt. Der Vorwand, unter dem ihm das Commando genommen worden, dient ihm eben so, seine Entlassung zu fordern, und wir werden uns in wenig Tagen auf den Weg nach unserer Villa am Ufer des Bosphorus begeben.
So wird es mir denn also von den Umstanden selbst sehr leicht gemacht, deinen Rath zu befolgen, und mich von Agathokles zu trennen. Es ist auch in Rucksicht dieses Verhaltnisses schon eine Zeit her nicht mehr Alles, wie es war, wie es seyn sollte. Ich sah schon vorher mit Schmerz, dass Agathokles meine schone friedliche Stimmung nicht theilte. Eine unruhige Heftigkeit lag in seinem Wesen. Sein Blick, den er selten offen auf mich richtete, hing oft verstohlen mit wilder Gluth an mir, und sank scheu nieder, wenn ihn mein Auge traf. Ich sah ihn bei meiner unverhehlten Herzlichkeit bald feurig auflodern, bald sie mit starrer Kalte aufnehmen. Jetzt schien er mich mit heisser Liebe zu suchen, jetzt geflissentlich zu vermeiden; kurz, er war ungleich, launisch, mochte ich sagen, und der stille Frieden entfloh durch dies Betragen auch endlich aus meiner Brust. Ich glaubte indessen nichts darin zu sehen, als die langst gemachte Bemerkung, dass es den Mannern so gar nicht moglich ist, eine ruhige sanfte Neigung zu nahren, und sich mit den Rechten und Empfindungen der Freundschaft zu begnugen, wenn ihnen der volle ausschliessende Besitz versagt ist, und es that mir weh, sogar einen Agathokles nicht frei von den Schwachen seines Geschlechtes zu finden.
Aber seit einigen Tagen bemerkte ich, dass er mehrere Briefe aus Rom und Nikomedien erhielt, und sie sehr angelegentlich beantwortete; auch schien er mir noch dusterer und tiefsinniger als vorher. Einer dieser Briefe nach Rom war an eine gewisse Calpurnia. Das erfuhr ich zufallig. Calpurnia heisst die schone Tochter des Lucius Piso, bei welchem Agathokles in Rom gewohnt hat, von deren unwiderstehlichen Reizen ich schon ofters von unverdachtigen Zeugen sprechen gehort habe. Gestern kundigte er uns an, dass ihn Tiridates nach Nikomedien beschieden habe, und er Nisibis noch vor uns verlassen musse. Wie das zusammenhangt, sehe ich wohl nicht ein, aber dass es zusammenhangt, das fuhle ich, und erkenne es bestimmt aus tausend Kleinigkeiten, die ich wohl zu vereinbaren wusste. Ich laugne dir nicht, dass es mich tief schmerzt, nicht allein, dass Agathokles sich, wie es scheint, freiwillig von uns entfernt, und die kurze Zeit unsers Beisammenseyns noch abkurzt, sondern dass er mir, mir, deren Herz so offen vor ihm lag, mir, der Jugendgespielin, der innigsten Freundin ein Geheimniss aus den Schritten macht, die er thut.
Zwei Tage werde ich noch mit ihm zubringen, vielleicht die letzten in meinem Leben! Es ist sehr ungewiss, ob ich ihn je wieder sehen werde, und die kurze Zeit meines Glucks wird mir wie ein Traum vorkommen, aus dem ein unfreundlicher Morgen mich weckte. Und doch soll ich wunschen, von ihm getrennt zu seyn! Doch soll ich die Stunde segnen, die uns fur immer scheidet? Ach Junia, ich vermag es nicht! Jetzt, in dem Augenblicke wo der Himmel das Gebet erhort, das ich in der Angst meines Herzens oft zu ihm sandte, wo der Zweifel an meines Freundes Offenheit, an seiner ausschliessenden Liebe mir die Trennung erleichtern sollte, jetzt fuhle ich alle Krafte schwinden, und ich zittere vor dem Gedanken, ihn nicht mehr zusehen, vor dem Gedanken, dass er mich nicht so ausschliessend liebt, als ich glaubte. Was wirst du von mir denken, wenn du dich der vielen Stellen erinnerst, wo ich in plotzlicher Aufwallung von Selbstverlaugnung betheuerte, dass ich es gelassen ansehen wollte, wenn er mich vergasse, um ruhig und glucklich zu seyn? Wie so schwach ist das menschliche Herz, wie so ganz aus Widerspruchen zusammengesetzt! Wie so gar nichts ist unsere Tugend, wenn die Vorsicht sie auf eine ernste Probe setzt! Das Schicksal scheint mich bei dem raschgesprochenen Wort zu nehmen. Es ist moglich, dass er eine Andere liebt und ich schaudere vor der Erfullung rechtmassiger Wunsche, die ich einst so herzlich wunschte.
Ach, warum hat ein unvorgesehener Zufall, wie du mir neulich schriebst, Apelles Ankunft verzogert? Gewiss, Junia! ich ware nicht so schwach, so elend, wenn der Geist dieses Mannes meine sinkende Seele aufrecht hielte. Er wird kommen, schreibst du, ach wann und nach welchen Auftritten! In funf Tagen gehe ich mit meinem Gemahl nach unserm einsamen Landgute Trachene ab. In der traurigsten Jahrszeit, in ununterbrochener Einsamkeit wird dort mein Leben an der Seite eines kranklichen, und durch sein Schicksal gebeugten Greises verfliessen. Konnte mich Apelles dort besuchen, so wurden meine Wunden sich stiller verbluten, und vielleicht eine Spur des Friedens wieder in mein Herz einkehren, der jetzt vor so viel Sturmen entflohen ist, und den ich einst unter allen Leiden so sorglich bewahrt habe.
Sage ihm das, meine Junia! sage ihm, wie es mit mir ist, und wie sehr ich den Abgang eines weisen, festgesinnten Freundes fuhle, dessen richtiger Sinn mein schwankendes Gemuth in den gehorigen Schranken halte. Deinen nachsten Brief sende nach Trachene. Leb' wohl.
29. Agathokles an Phocion.
Nikomedien, im Nov. 301.
Ich bin von Larissen getrennt! Der Wunsch, den meine Vernunft seit jenem Zufall, der uns vereinigte, meinem Herzen aufgedrungen hat, ist erfullt, meine Fesseln sind zerbrochen, ich bin frei. Keine verfuhrerische Gegenwart macht die stolzen Vorsatze, die ich in einsamen Stunden fasste, zu nichte, kein mildes, herzliches Betragen fordert meine Seelenkrafte zum Kampfe auf, es ist nicht mehr die schreckliche Wahl zwischen Tod und Verrath, die vor mir liegt. Der Weg der Pflicht steht offen, ich habe ihn mir zum Theile selbst gebahnt, ich habe ihn muthig betreten, und dennoch dennoch fuhle ich mich sehr unglucklich. Dass ich nicht mehr beim Heere bin, wird dir der Anfang meines Briefs gezeigt haben. Die Kabale hat gesiegt, Demetrius ist vom Commando entfernt; das, was auf Schleichwegen nicht zu erhalten war, ist nun durch einen Machtspruch ertrotzt worden. Die Feinde des redlichen, vielleicht nur allzu gewissenhaften Demetrius haben selbst den hellsehenden Diocletian diesmal zu uberlisten verstanden. Man hat ihm die Sache aus dem falschesten Gesichtspunkt gezeigt, und er hat gethan, was sie ihn thun lassen wollten, er hat dem folger ist auf dem Wege. Demetrius gereiztes Ehrgefuhl erlaubte ihm nicht, eine Wurde langer zu behalten, die nichts mehr als ein hohler Name ohne Einfluss und Wirksamkeit war. Er hat seine Entlassung auf der Stelle gefordert, erhalten, und sich mit seiner Gemahlin in die Ruhe des Privatlebens zuruckgezogen. Aber noch ehe sie Nisibis verliessen, war der Plan, den ich, ohne zu ahnen, was das allzugefallige Schicksal fur mich thun wurde, entworfen hatte, zur Reise gekommen. Tiridates hatte auf mein Verlangen vom Galerius die Erlaubniss bewirkt, mich zu sich zu rufen. Ich erhielt den Brief nur um acht Tage spater, als Demetrius den seinigen. Er war nun vergeblich, denn die Trennung von Larissen stand wir ohnedies bevor. Indessen, so weh es mir that, die letzten schonen Tage meines Lebens verkurzen zu mussen, so rief doch eine heilige Pflicht, die Pflicht der Menschlichkeit gegen eine Ungluckliche, und die Gefahr eines Freundes, der am Rande des Abgrunds stand, mich eilig nach Nikomedien. Zwei Tage war es mir noch vergonnt, bei Larissen zuzubringen. Ich genoss sie mit eifersuchtigem Geize, ich war den ganzen Tag um sie, ich labte mich in den letzten Strahlen der scheidenden Sonne meines Gluckes, ich wich nicht von Larissens Seite, ich verbannte den schmerzlichen Zwang, der mich so lange Zeit von ihr entfernt gehalten hatte, ich wollte noch einmal ganz glucklich seyn und sie verstand die heissen Wunsche meines Herzens. Mit dem Zutrauen einer Schwester, mit der Innigkeit einer Freundin behandelte sie mich, so offen, so gutige so schonend! O Phocion! Was ist sie fur ein Wesen! Hingegeben mit aller Warme einer ersten unglucklichen Leidenschaft, und doch so rein, so streng! Die Engel, die sie glaubt, konnen nicht sanfter, nicht unschuldiger lieben. Was bin ich gegen sie! Auf welcher Hohe erscheint der stille Frieden dieser Seele, die ergebene Geduld, mit der sie ihr schweres Schicksal tragt, der Reichthum ihres Herzens, das, von eigenen Leiden zerrissen, doch noch Trost und Schonung fur den Freund, noch zartliche Achtung und kindliche Sorgfalt fur einen murrischen, kummervollen Greis hat!
Ich werde sie vielleicht nie wieder sehen. In diesem Bewusstseyn haben wir uns getrennt. Demetrius entliess mich mit vaterlicher Liebe, mit Thranen; ich empfing knieend seinen Segen. Er gab ihn mir als Vater, als Christ, und ich konnte mich nicht enthalten, die Hand, die das Zeichen des Kreuzes (dies Symbol der Christen) uber mein Haupt machte, mit kindlicher, dankbarer Ruhrung zu kussen. Es ist keine Tauschung. Das Christenthum erhebt den Menschen zu einer bisher unbekannten Wurde, und in diesem selbstsuchtigen Zeitalter, wo alle hoheren Gefuhle abgestorben, und die einzige Tugend, die einst die Menschen uber den Staub erhob, die Vaterlandsliebe, ein nichtiges Gespenst geworden ist, scheint alle SeelenGrosse, alle Fahigkeit sich uber das Sinnliche emporzuschwingen, in den kleinen Kreis der Christen sich zuruckgezogen zu haben. Sie verzeihen ihren Feinden, sie beten fur ihre Verfolger, indessen der grosste Theil der Menschen Wiedervergeltung fur erlaubt halt, und einige philosophische Secten Zorn und Rachgier als erhabene Aeusserungen unserer Seelenkrafte preisen und empfehlen.
Ich habe hier in Nikomedien sogleich Geschafte gefunden, die mich auf eine unangenehme Art von der wehmuthig sussen Beschaftigung mit Larissens Andenken abriefen. Tiridates allzuweicher Sinn hat nicht vermocht, den Lockungen der Wollust zu widerstehen. Er war tief, tief gefallen. Es hat mich geschmerzt, ihn so zu finden. Doch sah ich auch mit Vergnugen, wie viel Kraft in diesem Geiste ist. Die Stimme der Tugend hat noch Macht uber ihn; er hat sich ermannt, er hat entehrende Fesseln gesprengt, und wird zu seiner Pflicht zuruckkehren. Es ist seltsam, wie in manchen Seelen die widersprechendsten Eigenschaften, die sich einander aufzuheben scheinen, Platz finden konnen. Tiridates ist eine von diesen schwankenden, oder reichen Naturen. Noch eben mit dem Plan zu einem Feldzug, mit wurdigen Unternehmungen fur seine kunftige Herrschergrosse beschaftigt, achtet er es nicht zu gering, mit eben so viel Ernst und Eifer den Plan zu einem uppigen Feste zu entwerfen, liegt jetzt von Salben duftend, bekranzt, auf Persischen Teppichen ein verachtlicher Weichling, und springt beim Schalle der Tuba auf, sich zu waffnen, sturzt in die Schlacht, und fordert den gemeinsten Krieger heraus, Mangel, Ungemach und Gefahren mit grosserer Standhaftigkeit und gelassenerem Muthe zu ertragen. Es ist, als ob zwei Seelen ihn belebten. Die Ueppigkeit des Hofes, die Buhlerei verworfener Geschopfe, und der Umgang mit herzlosen Wollustlingen hatten die bessere Seele in ihm auf eine Weile unterdruckt; jetzt hat sie sich wieder machtig erhoben, er ist sogleich zum Heere abgegangen, und ich hoffe, es soll mir gelingen, ihn in dieser bessern Stimmung zu erhalten.
Mein freundschaftliches Verhaltniss zu Calpurnien hat sich wieder angeknupft, sie hat mir in einer Angelegenheit geschrieben. Wahrlich, Phocion! sie ist auch so ein Doppelwesen, ein weiblicher Tiridates in den Beschrankungen und Verhaltnissen, die ihr Geschlecht nothig macht. Ich kann ihr meine Achtung in gewisser Rucksicht nicht versagen; aber ich kann ihre Art zu denken nicht billigen. Wie man hier erzahlt, soll der Kaiser ihren Vater als Proconsul nach Nikomedien bestimmt haben, und die ganze Familie im Fruhling hierher kommen. Ich weiss noch nicht, ob ich mich uber die Erneuerung dieser Verbindung freuen, oder sie furchten soll. Leb' wohl!
30. Calpurnia an Agathokles.
Rom, im Nov. 301.
Die seltsamste Begebenheit von der Welt, eine Erscheinung, die schnell wie ein Blitz kam, und verschwand, und der ich noch staunend nachsehe, ohne recht zu wissen, ob ich nicht vielleicht getraumt habe, zwingt mich, schon wieder deine Gute und Freundschaft fur meine Sulpicia in Anspruch zu nehmen.
Sie ist fort fort aus Baja, aus Italien und ich muss eilen, diesen Brief nachzusenden, und die Gotter um gunstige Winde anflehen, damit das Schiff, das ihn bringt, die eilige Flucht eines verliebten Paares uberhole, und dich auf seine Erscheinung vorbereite.
Vor drei Tagen sass ich gegen Abend in der Dammerung in meinem Zimmer, als plotzlich meine Thur hastig aufgerissen wurde, und eine mannliche Gestalt, die ich nicht sogleich erkannte, ungestum auf mich zueilte. Ich gestehe dir, dass ich im ersten Augenblick erschrak; denn ich vermuthete nichts anders, als einen Anschlag auf mein Geld, meine Habseligkeiten. Ich sprang daher auf, und lief an die entgegengesetzte Thur, um meine Sclavinnen zu rufen, als der Fremde mich erreicht hatte, und mein Name, von einer bekannten Stimme ausgesprochen, meine Schritte Unbekannte lag zu meinen Fussen es war Tiridates. Was bei dem schnellen Wechsel von Erstaunen, Schrecken und Freude in mir vorging, kann ich dir nicht beschreiben. Um aller Gotter willen, wie kommst du hierher? rief ich. "Lebt Sie lebt meine ungluckliche Sulpicia noch? Kann sie mir verzeihen? Darf ich sie sehen? O ich bin hier, um Alles gut zu machen. Ich muss sie befreien, ihr Leiden enden. Sie muss mit mir fort. Mein Schiff liegt in Ostia. O fuhre mich zu ihr, versaume keinen Augenblick!" Dieser ganze Redestrom floss ununterbrochen von seinen Lippen, ohne dass es mir moglich gewesen ware, eine Sylbe einzuschalten. Als er fertig war, sagte ich endlich: Steh doch auf, fasse dich, und erzahle mir ordentlich und ruhig, wie das Alles! zusammenhangt. Er folgte mir zu einem Sitze; aber dass er sitzen geblieben ware! Zehnmal in einer Viertelstunde sprang er auf, zehnmal setzte er sich wieder hin, und unter Ausrufungen, Verwunschungen seiner selbst, des Schicksals und der Verwandten Sulpiciens erfuhr ich endlich, dass du ihm zuerst die Augen uber seine Schuld geoffnet, dass deine Freundesstimme ihn von dem Abgrunde zuruckgerufen, an dem er sorglos taumelte, dass du ihn dann mit Wurde und Schonung Sulpiciens Lage errathen lassen, und erst, nachdem sein Herz von Selbsterkenntniss und Neue uber Sulpiciens Leiden durchdrungen war, ihm ihren Brief gegeben hattest, mit Einem Wort, dass mein Freund so gehandelt hatte, wie ich es von ihm erwartete, und innigst und geruhrt danke. Sehnsucht, Sulpicien zu sehen, deren Bild, durch deine Schilderungen lebhafter als je in seiner Brust erwacht war, sturmisches Verlangen, sie aus ihrer druckenden Lage zu befreien, und sein Unrecht wieder gut zu machen, hatten ihn hierauf zu dem rasenden Entschluss bestimmt, sogleich nach Italien zu segeln, und sie mit oder wider ihren Willen zu entfuhren. Dir hatte er nichts von diesem Vorhaben gesagt, weil er furchtete, du mochtest es missbilligen. Das Ungeheure dieses Plans machte mich ganz stumm; es brauchte eine Weile, bis ich ihn begreifen, und ihm die Einwurfe machen konnte, die Vernunft und Kenntniss der Umstande mir eingaben. Umsonst! Wie konnte ich es auch nur versuchen, einem solchen Feuerkopfe Etwas ausreden zu wollen, oder ihn von einem Vorsatze abzuhalten, der in diesem Gehirn entsprungen, von diesem Gemuth leidenschaftlich ergriffen worden war? Alles, was ich erhalten konnte, war das Versprechen, Sulpiciens erschutterte Gesundheit zu schonen. Noch dieselbe Nacht reiste er ab. Zwei halbtodt gerittene Pferde bezeugten die unglaubliche Schnelligkeit, mit der er Baja erreichte. Er wusste, dass sein Schiff nicht lange warten konnte, und weder in Rom noch Nikomedien sollte Jemand seine Anwesenheit, oder den Zweck seiner Reise erfahren. Heute Morgen brachte, ein alter Sclave Sulpiciens mir diesen Brief.
Sulpicia an Calpurnien.
Er ist hier. Ich bin geliebt! Er kommt, mich zu befreien, ich folge ihm. Den Plan ist gewagt, aber gottlich. Wenn du dies liesest, schwimme ich weit von Italien mit ihm uber die Fluten. Du wirst meinen Schritt fassen und nicht tadeln. Was die Welt sagen mag, kummert mich nicht. Leb' wohl! Sie war also fort. Sie hatte eingewilligt. Ich wusste nicht, ob ich mich freuen oder betruben sollte. Wenn ich auf der einen Seite den Trost hatte, ihre Lage geandert, und ihr Herz beruhigt zu wissen, so erschreckte mich auf der andern die Sorge fur ihre Gesundheit auf einer solchen Reise, in einer solchen Jahreszeit, und die Furcht vor ihrer Zukunft, da sie nun in der weiten Welt keinen andern Schutz, keine Stutze hatte, als die Liebe und Treue eines so leidenschaftlichen, leichtsinnigen Menschen, von dessen Wankelmuth wir schon Proben genug haben. O was ist die Liebe, wenn sie einen solchen Grad erreicht, fur ein schreckliches Feuer, das Ueberlegung, Ruhe, Leben, Alles verzehrt, was dem Menschen sonst lieb und theuer ist.
Ohne Zweifel wird sie Tiridates nach Nikomedien fuhren; du wirst sie vielleicht selbst sehen, oder doch leicht Nachricht erhalten. Lass dies ist der eigentliche Zweck meines Briefs, die dringende Bitte der Freundschaft lass dir meine Sulpicia empfohlen seyn. Wache uber sie, wo ihre eigene Leidenschaft oder fremder Leichtsinn sie schutz- und wehrlos lasst. Sey ihr Freund, ihr Beschutzer, ihr Rathgeber. Ja, wenn es dein Verhaltniss zu Larissen gestattet, dessen wahre Beschaffenheit mir freilich der Ruf nicht ganz getreu mag berichtet haben, so versuche es, Sulpicien die Bekanntschaft und vielleicht den Schutz dieser Frau zu verschaffen. Konntest du dies, so ware mein Herz eines grossen Theils seiner Sorgen fur diese missleitete und bedauernswurdige Freundin los. Ich weiss, du wirst meine Bitte nicht ubel deuten, und der Gedanke, einem hulflosen Wesen so viel zu seyn, als du Sulpicien jetzt in Asien werden kannst, ist reizend genug fur dein Herz, um deine ganze Thatigkeit aufzufordern.
Es ware moglich, dass ich selbst bis nachsten Fruhling nach Nikomedien kame. Man spricht davon, dass mein Vater das Proconsulat erhalten soll. Doppelt wichtig ist mir diese Aussicht jetzt, und ich werde mich sehr freuen, sie erfullt, und mich mit so werthen Freunden, als du und meine Sulpicia sind, wieder vereinigt zu sehen. Leb' wohl.
31. Sulpicia an Calpurnien.
Corinth, im Nov. 301.
Zum ersten Mal nach einer pfeilschnellen Reise von acht Tagen geniesse ich einige Stunden Erholung, und sie seyen dir geweiht, dir, du treue Freundin, du meine Wohlthaterin, meine Retterin! Ja, das bist du, Calpurnia! und mein Herz erkennt es mit dankbarer Ruhrung, und wird nie aufhoren, dich zu lieben, und seine Verpflichtungen zu fuhlen, selbst wenn Zufall und Umstande uns jede Hoffnung auf kunftiges Wiedersehen rauben sollten.
Meine Abreise von Baja, welche die Stimme der Welt nicht unterlassen wird, Entfuhrung, Flucht zu nennen, war so schnell beschlossen und ausgefuhrt, dass mir keine Zeit ubrig blieb, dich weitlauftiger zu unterrichten, und dir die Unruhe der Ungewissheit zu ersparen. Alles, was ich dir senden konnte, waren ein Paar fluchtige Zeilen. Jetzt, da ich dies schreibe, wirst du bereits mehr wissen; denn ich zweifle nicht, dass Serranus und mein Vater nicht gesaumt haben werden, bei meiner Mitverschwornen, wie sie dich nennen, genauere Erkundigungen uber eine Begebenheit einzuziehen, von der sie dich gewiss vollkommen unterrichtet glauben. Es wird nicht auf die schonendste hung anflehen, obwohl ich dir nicht ungern eine kleine Busse fur den warmen Schutz gonnte, den du vor einiger Zeit dem Serranus angedeihen liessest, als du sogar fandest, dass er ein recht ertraglicher Mann sey, mit dem du ganz gut hattest leben konnen.
Doch lassen wir Serranus, und Alle, die ihm beistanden. Meine Ketten sind zerbrochen. Ich bin frei; und es ist nicht die Hand des ernsten Genius, der, seine Fackel senkend, mitleidig meinem Leiden ein Ende macht ein schonerer frohlicherer Gott hat die Fesseln geloset, und seine hellleuchtende Fackel fuhrte, wie das Gestirn der Dioscuren, unser Schiff dem sichern Zufluchtsorte zu. Und diese namenlose Seligkeit danke ich den drei Wesen, die mir auf der Welt am theuersten sind, dir, dem edlen Agathokles, und ihm ihm, der aus der dustern Nacht der Zweifel und des Misstrauens, schon und glanzend wie das Gestirn des Tages, hervortrat, alle Schatten verscheuchte, alle Thranen trocknete, und mich zur hochsten Wonne erhob. O wer nicht unglucklich war, wie ich, weiss einen solchen Uebergang nicht zu schatzen. Nur der befreite Sclave kennt das Gluck, fessellos zu seyn, und ich war Sclavin, Sclavin im engsten, druckendsten Sinne des Wortes denn auch mein Geist war gebunden. Jetzt bin ich frei, frei, meine Calpurnia, und im Arme der Liebe fuhle ich die Seligkeit meines Daseins!
Doch ich soll dir ja erzahlen und berichten, was mit mir vorging. Zehn Tage sind es jetzt, als ich am Morgen nach einer halbdurchweinten Nacht, matt und krank, auf meinem Bette lag. Da trat meine Chromis ein. Ein frohlicheres Gesicht, als ich seit langer Zeit nicht an dieser treuen Seele sah, erweckte mich zuerst aus meinen dustern Gedanken. Eine Botschaft von dir, vielleicht Hoffnung auf deine Ankunft war das erste, das mir einfiel. Was hast du? gute Nachrichten aus Rom, von Calpurnien? "Mitunter, aber auch von Weitem her, auch aus Asien." Aus Asien rief ich heftig, was weisst du aus Asien? "Der Prinz ist auf dem Wege nach Italien." Nicht moglich! Warum? Weswegen? Ich war aufgesprungen, und stand zitternd vor Chromis. "Fasse dich, meine Gebieterin!" sagte das gute Madchen, und leitete mich zuruck zu Meinem Bette. "Wie willst du den Verlauf meiner langen, langen Botschaft anhoren, wenn die ersten Worte dich so erschuttern?" O sprich, sprich! Du todtest mich durch dein Zaudern. Wo ist Tiridates? "Nicht weit von hier!" Was will er? Was soll ich? Er wird doch nicht nach dem, was vorgefallen ist "Er kommt wahrscheinlich, um sich zu vertheidigen, und die bosen Geruchte zu widerlegen, die man sich uber ihn erzahlt." Er kommt hierher? Ich soll ihn sehen? O ich kann nicht, ich kann nicht! "Doch, meine Gebieterin! Du sollst ihn sehen, anhoren, ihm verzeihen! O du verzeihst ihm gewiss. Wer kann ihm denn zurnen, wenn man ihn sieht?" Du hast ihn gesehen? rief ich in der grossten Erschutterung. Wo ist er wo? Und ich sprang auf's Neue auf, und wollte hinaus eilen, als Chromis mich zuruck hielt: "Erlaube mir, meine Gebieterin! dich an die Tageszeit, an deine Gesundheit zu erinnern. Die Sonne ist kaum aufgegangen, du bist leicht gekleidet, und wir sind allenthalben beobachtet." Ich blieb stehen, aber Alles brannte und pochte in mir. Was soll ich denn thun? rief ich endlich halbweinend aus: Was hast du mit mir vor? "Wenn du dich beruhigen, wenn du mich gelassen anhoren willst, so will ich dir Alles erzahlen." Was war zu thun? Diesmal musste die Frau der Sclavin folgen. Ich liess mich wie ein Kind von ihr leiten, und nun erzahlte sie mir, dass man sie gestern Abends, als ich schon schlief, unter dem Vorwand, einer ihrer Verwandten warte im Gasthof des Dorfes auf sie, dahin gerufen habe. Sie ging, und war sehr erschrocken, statt ihres Vetters, einen vermummten Unbekannten zu finden, der sie auf eine geheimnissvolle Weise in einen Winkel des Hauses fuhrte, und sich ihr dort zu erkennen gab. Er war es mein Tiridates! mein Befreier, meine rettende Gottheit!
Er war gekommen, mich zu befreien, er hatte dem sturmischen Meer in dieser Jahreszeit Trotz geboten, und einen gefahrlichen Plan entworfen, um mich zu retten. O fuhle, fuhle, Calpurnia! den Himmel, der in dem Gedanken liegt, so geliebt zu seyn! und von einem Wesen, wie mein Tiridates! M e i n Tiridates! Ich sage es mit Stolz und Gotterlust er ist m e i n ! Du, Calpurnia! weisst nicht, was ich an ihm besitze; du warst nur seine Freundin, nicht seine Geliebte, seine Braut. Ich weiss, du achtest und liebst ihn; aber es ist nicht moglich, alle Tiefen dieses reichen, wunderbar ausgestatteten Herzens zu ergrunden, wenn uns nicht die Hand der Liebe leitet. Wie er liebt, mit dieser Starke und dieser Zartheit, dieser Kraft und dieser Hingebung, so liebt nur ein Mann und ein Madchen zugleich. Er vereinigt beide Empfindungen in seiner Brust, er denkt wie ein Mann, und fuhlt wie ein Weib. Er ist mir Alles Alles auf der Welt! Und ohne ihn? O weg mit diesem schrecklichen Gedanken! Ich habe genug gelitten! Doch nein, nein! Ich habe nicht genug gelitten. So elend ich war, als Verdacht und Eifersucht meine Brust zerrissen, und sein Gotter-Bild in dunkle Schatten hullten, als der Leitstern meines Lebens verschwunden schien ich war doch nicht unglucklich genug, um diese Seligkeit erkauft zu haben!
Und doch hat ihm mein Verdacht nicht ganz Unrecht gethan. Er hat mir Alles bekannt, vor mir auf den Knieen liegend, das schone Gesicht in meine Hande verborgen, uber die seine glanzenden Locken fielen, unendlich liebenswurdig in seiner Zartlichkeit, unwiderstehlich in seiner Reue, hat er mir Alles erzahlt. Ja, er war mir ungetreu; aber sein Herz wusste nichts davon, nur seine Sinnen waren bestrickt. O dies Herz, das reich genug ist, zehn alltagliche Geschopfe aus seiner Fulle uberglucklich zu machen, behielt Raum genug fur seine bessere Liebe, wahrend einige gemeine Seelen im Sonnenblicke seines Wohlgefallens nach ihrer Art selig herumgaukelten. Und doch klagte er sich an, doch hat er sich mit einer Strenge beurtheilt, deren nur das zartfuhlendste Weib fahig ist. O Calpurnia! Was war das fur eine Scene? Nur um sie erlebt zu haben, lohnt es der Muhe, geboren zu seyn! Wer s i e erfahren hat, kann nie ganz unglucklich werden, denn er war im Olymp, er hat seinen Lohn voraus, das Schicksal mag spater mit ihm beginnen, was es wolle.
Vergib, Calpurnia, theure Geliebte, dass ich dir statt einer ordentlichen Erzahlung Ausrufungen und Schilderungen meines Gluckes schreibe! Du hast so treu und thatig meine Leiden getheilt, du hast das erste heiligste Recht auf jede meiner Freuden.
Mit Chromis, und nach ihrem Rathe, hatte er nun den Plan entworfen, mich noch denselben Tag zu befreien, wenn ich einwilligen wollte. Und wie hatte ich nicht sollen, wie nicht k o n n e n ? Ich ging um die Mittagsstunde mit Chromis unter dem Vorwande, zu versuchen, ob ich nicht im Meere baden konnte, an's Gestade hinaus. Ein paar Sclavinnen begleiteten uns, weil man Chromis langst misstrauete, und sie nirgends allein mit mir hingehen liess. An der schattigen Bucht, die uns in warmern Tagen oft zu einem angenehmen Badeplatze gedient hatte, liess ich, wie gewohnlich, die Madchen warten, und ging mit Chromis tiefer hinein. Man ahnete nichts, und liess uns gehen. Aber am Ufer des Meeres lag ein Kahn, und in dem Kahn war ein Schiffer Ach, Calpurnia! Welcher Schiffer! Vermummt, und jedem Auge unkenntlich konnte er doch das Auge der Liebe nicht tauschen. Ich sprang in's Schiff ich lag in seinen Armen. Mit unbegreiflicher Starke ruderte er allein den Kahn mit mir und Chromis durch die strudelnde Brandung, und brachte uns an das grossere Schiff, das nicht weit davon hinter einem Felsen lag. Hier erst wagte ich es, mich meiner Rettung zu freuen. Hier erst fuhlte ich, was ich ihm dankte, und wie mein ganzes Wesen, meine Freiheit, mein Leben, mein Gluck sein Werk, das Geschenk seiner Hand war. Schon und lieblich war bisher, der Jahreszeit ungeachtet, unsere Fahrt. Wir haben Corinth ohne das mindeste Ungemach erreicht, und dieser gluckliche Anfang soll meinem Herzen ein Zeichen von der dauernden Gunst der Gotter seyn. Morgen gehen wir schon von hier weg. Ein Schiff, das nach Nikomedien bestimmt ist, liegt segelfertig im Hafen, wir werden es besteigen, und bald hoffe ich dir aus dieser Stadt zu schreiben, wie glucklich ich bin, und wie ich Agathokles gefunden habe, der jetzt dort seyn soll.
Fordere nicht, meine theure Freundin! dass ich dir eine Beschreibung der merkwurdigen Stadt und des heiligen Isthmus gebe, auf dem ich mich jetzt befinde. Fur tausend Reisende mag das sehr wichtig seyn, mir ist es nichts. Ob ich auf einer wusten Insel, oder in Corinth lebe, ist mir gleichgultig. Genug, ich lebe mit Tiridates; er ist meine Welt, und in dieser versunken, verloren, was kummert mich das Treiben der Menschen um mich? Was vollends die Geschichten verflossener Jahrhunderte? Aus Nikomedien hoffe ich dir etwas Bestimmteres uber mein Schicksal sagen zu konnen. Leb' wohl!
32. Junia Marcella an Larissa.
Apamaa, im Nov. 301.
Dieser Brief, meine geliebte Freundin! wird kaum ein paar Tage vor unserm Lehrer und Freunde Apelles bei dir eintreffen. Endlich haben es seine Geschafte erlaubt, den langst versprochenen Besuch bei dir abzulegen. In einer Rucksicht kommt er nun freilich zu spat; er wird dich in deiner Einsamkeit zu Trachene, und nicht in der gefahrlichen Nahe eines allzugeliebten Freundes finden. D a s ist Fugung der Vorsicht, meine Theure! Hierin erkenne ich ihren Finger, nicht in den kleinen Zufallen, die sich vereinigten, oder fur dich zu vereinigen s c h i e n e n , um ein Verhaltniss fortdauern zu machen, das zu gefahrlich war, als dass du dich lange hattest daruber tauschen konnen. Auch hier sah Agathokles scharfer und weiter, als du. Seine Ungleichheit, sein Trubsinn, uber den du klagtest, war nichts anders, als klare Einsicht in eure Lage, und zarte Schonung fur dich, die er zu warnen nicht kalt genug war. Nun, ihr seyd getrennt, die Vorsicht hat sich eurer erbarmt, und wie ein gutiger Vater die hulflosen Kinder gerettet, die ohne seine Einwirkung verloren waren. Lass uns ihr dafur innig und herzlich danken. Ich habe es mit Theophron und Apelles gethan, macht, um deinem wunden Gemuthe Beruhigung und Trost zu bringen. Er wird dir manches erzahlen, was hier vorgefallen ist. Es steht bei weitem nicht mehr so, wie es vor vier Jahren stand! Galerius Hass gegen die Christen hat viele Leiden uber unsere Bruder verhangt. Es ist beinahe jetzt ein Verbrechen, ein Christ zu seyn, oder wenigstens ein Grund zu tausend Nekkereien. Daher sind Einige ausgewandert, die Meisten halten sich verborgen. Es gibt nun mehr, wie sonst, Ungluckliche zu trosten, Arme zu unterstutzen, und viele Gelegenheiten, wodurch Einfluss, Geld und Verbindungen den Bedrangten zu Hulfe geeilt werden muss. Ich thue, was ich kann, und was die Pflichten gegen meine Kinder erlauben; aber wie wenig ist, was ein Weib, eine Wittwe vermag, wo es darauf ankommt, ausser dem Umfang ihres Hauses, in den Verhaltnissen der Welt zu wirken! Wie schmerzhaft, fuhle ich dann den Verlust eines geliebten Gatten, den Gottes Rathschluss mir und seinen Kindern, so fruh entriss!
Apelles wird Euch von Allem naher unterrichten, und Demetrius kann, wenn ihm das Beruhigung gibt, sich mit dem Gedanken aufrichten, dass er tausend Leidensgefahrten hat, die des Casars wilder Hass, um ihres Glaubens willen, wie ihn, verfolgt, neckt, sturzt. Er wird euch auch noch mehr erzahlen, und einen erhabenen Plan mittheilen, den der ehrwurdige strenge Heliodor du wirst dich seiner wohl erinnern entworfen hat. Die barbarischen Nationen umlagern von allen Seiten das romische Gebiet. Ihre ungezahmte Rohheit, ihre einfachen Sitten, gleichweit von unserer Cultur und unsern Lastern entfernt, erregtem langst in Heliodors eifrigem, menschenliebendem Gemuthe den Wunsch, diese wilden Naturen durch das Christenthum auf einem edleren Wege zur Bildung zu fuhren. Nicht unsere Kunste, unsere Bedurfnisse, unsere Ueppigkeit sollen sie zuerst kennen lernen; die christliche Religion soll vorher in ihren noch unverdorbenen Herzen Wurzel fassen, ihre rohen Tugenden veredeln, ihre Wildheit zahmen, damit, wenn sie, wie er vorher zu sehen, vorher zu w i s s e n glaubt, einst uber die gebildete Welt hereinbrechen werden, die Menschheit nicht so viel zu leiden habe, und das Christenthum, von reineren einfacheren Gemuthern aufgefasst, siegend mit den Siegern sich uber die Welt verbreite.
Noch kann ich nichts als den erhabenen Entschluss bewundern, der ihn alle Beschwerlichkeiten, alle Gefahren, ja den Tod verachten lehrt, um in unbekannten Wildnissen den Barbaren die heiligen Lehren des Christenthums zu bringen; aber ich sehe weder seine Nothwendigkeit ein, noch einen guten Erfolg bevor. Indessen ist Heliodor ganz durchdrungen von seinem Vorhaben, und sein gluhender Eifer kann kaum den Augenblick erwarten, wo die Anstalten zu seiner Reise getroffen seyn werden. Er geht jetzt nach Nikomedien, wo er sich einzuschiffen, und uber den Euxin zu seiner kunftigen Bestimmung zu eilen denkt. Vielleicht siehst du ihn in Trachene.
Noch eins habe ich dir mitzutheilen, das ich dir lieber schreiben, als Apelles anvertrauen wollte. Es gehort nicht unmittelbar zu dem, was er zu wissen braucht, um dich zu trosten, und in deinem Gemuth den Frieden herzustellen, und betrifft zu unbekannte Personen, um ohne Prufung Mehreren mitgetheilt zu werden. Man sagt aber ich bitte dich, wohl zu bedenken, liebe Larissa! dass ich dir nur Geruchte schreibe man sagt, dass Agathokles nicht nur in Rom im Hause jener Calpurnia gelebt habe, dass sie ein sehr schones, sehr geistreiches, aber ziemlich leichtsinniges Madchen sey, sondern auch, dass sie sich beide nicht gleichgultig geblieben waren, und dass Agathokles nur auf Befehl seines Vaters, und sehr wider seinen Willen, ihre reizende Gesellschaft verlassen habe. Dass sie sich schreiben, weisst du, vielleicht aber nicht, dass ihr Vater das Proconsulat von Bythynien erhalten hat, und nachsten Fruhling mit seiner ganzen Familie dahin kommen wird. Konnen diese Nachrichten beitragen, dein Gemuth in eine ruhigere, Verfassung zu bringen, indem sie einen Verlust, den du fur unersetzlich hieltest, in deinen Augen etwas mindern: so bin ich froh, und der Eifer, mit dem ich jeder Spur seines Verhaltnisses nachforschte, ist belohnt. Sollte es sich fugen, dass ich Gewissheit erhielte, so werde ich nicht saumen, sie dir mitzutheilen. Wenn sie dich auch im Anfange schmerzet, so denke, dass es unsere Pflicht ist, uberall Wahrheit zu suchen, Alles zu prufen, und nur nach richtiger Erkenntniss zu handeln, wenn auch daruber ein schoner Traum zerstort werden sollte; bedenke ferner, dass es der Anfang deiner volligen Genesung seyn kann, und wenigstens ein sicherer Weg, um auf eine schnellere und ruhigere Art aus dem Labyrinthe zu kommen, in welches dein Herz und die Umstande dich verflochten haben. Leb' wohl!
33. Larissa an Junia Marcella.
Trachene, im Nov. 301.
Da bin ich nun, geliebte Freundin! auf unserm stillen Landgutchen. Die Natur verliert nach und nach ihre Reize, die Baume streuen ihr welkes Laub auf den unbeblumten Boden nieder, kaltere Winde regen die stillen Fluthen des Bosphorus auf, und in truben Tagen, wo der Nebel die gegenuber liegenden Ufer verbirgt, unterbricht nichts die dustere Stille, als der Schall der starkeren Brandung, die lautseufzend an das Gestade schlagt. Stundenlang sitze ich da oft am Meeresufer, sehe dem Spiel der Wellen zu, betrachte ihr heftiges Treiben, ihr unruhiges Emporstreben, und wie zuletzt jede wieder zurucksinkt in den dunkeln Schooss des Meers, wo keine Spur von ihrem Daseyn bleibt, das mit allen seinen Anstrengungen auf ewig versunken ist. Kann man nicht das Menschengeschlecht mit diesen Wogen vergleichen? Ach so unruhig, so bewegt, so rastlos streben sie nach einem fernen Glucke, das Jeder anders nennt, und im Grunde Keiner kennt; sie bemuhen sich, sie matten sich ab, und versinken zuletzt alle im Schooss der Erde; keine Spur bleibt zuruck, sie sind dahin, wie ein Schatten wie Gras auf dem Felde, das am Morgen grunt, und am Abend ver
Meines Mannes Laufbahn ist nun aus. Vierzig Jahre sind unter Waffen, Gefahren, und mancherlei Sorgen und Verfolgungen hingearbeitet worden, wenige Tage der Erholung, selten ein Augenblick von Freude! Und was ist sein Lohn? Und was ist mein Loos? Obgleich meine Jahre lange nicht an die Halfte der seinigen reichen, was habe ich nicht ertragen, gekampft, verloren! Einsam, freudenlos, selten so geliebt, wie mein heisses Herz es wunschte, floss, seit ich denken kann, mein Leben hin. Der, fur den mein Wesen gebildet schien, ward durch das Schicksal von mir gerissen; der, dem ich angehore, hat keinen Sinn fur das, was ich bin, und ihm seyn mochte. So schwindet mein Daseyn zwecklos hin. Still, vergessen, unbedauert wird es endlich verloschen, und Niemand darnach fragen, Niemand darum wissen, dass einst eine ungluckliche Larissa lebte.
Ach wenn ich nur sagen konnte: Dazu war ich auf der Welt! Aber ich weiss ganz und gar keinen Zweck, warum ich geboren ward, als einst die Warterin eines kranklichen, gebeugten Greises zu werden, der meine Dienste noch meist verkennt, und fast immer ungutig aufnimmt. Dazu ward mir dies heisse Herz? Dazu fuhrten alle meine verworrenen Schicksale? Ach Junia! Wie viel Ergebung und Geduld brauchte ich nicht jetzt, um mich vom Murren zu enthalten!
Agathokles ist fern. Ich werde ihn nie wieder sehen. Das wusste ich, als ich mich von ihm in Nisibis trennte. Nie wieder sehen! Nie! Demetrius und Agathokles! Trachene und Nisibis! Lass mich einen Vorhang uber meine Geschichte ziehen, die Asche nicht aufruhren, die uber der schlecht gedampften Gluth meines Herzens liegt! Ich soll, ich muss ja vergessen! O wenn es einen Lethe gabe, und mir ein mitleidiger Engel eine Schaale davon bringen mochte! Ich will ja leiden, tragen, und alle Geduld mit Unglucklichen haben, die in ihrem Kummer Andere nicht schonen. Aber an das, was war, muss ich nicht immer erinnert werden, nicht immer fuhlen, wie es ist, und wie es seyn konnte.
Mein Mann hat einen Briefwechsel mit Agathokles verabredet. Er ist zu bequem zum Schreiben, so hat er mir diesen Auftrag gegeben. Ich soll an Agathokles schreiben! Ich! Und wie? So wie Demetrius schreiben wurde? Das ist unmoglich. So wie mein Herz es eingibt? Das darf ich nicht! Ich zittre vor dem neuen Sturm, den meine Weigerung erregen wird. Ja, du hast recht, Junia! Ich war zu schwach, als ich meine Hand in diese Ketten fugte, aber jetzt ist nichts mehr zu thun.
Agathokles hat mir in den letzten Tagen Einiges von Calpurnien erzahlt vielleicht nicht ganz ohne Veranlassung von meiner Seite. Ach, wie er mir das erzahlte, und wie er uberhaupt die letzten zwei Tage sich betrug, das hatte jeden Funken von Verdacht, ausloschen, und das argwohnischeste Gemuth entwaffnen mussen! Ja, ich bin geliebt! Aber still, still, nichts mehr von jenen Tagen des Himmels, hier in dem Aufenthalte der bussenden Geister! Wenn die schone Calpurnia nach Nikomedien kommen soll so so will ich mich bemuhen, mich daruber zu freuen. O mochte sie meinen Freund glucklich machen! Mich betrachte ich als eine schon Verstorbene, und im Grabe hort Eigenthum und Eifersucht auf. Ich will seyn, wie der Geist seiner Geliebten, und mich in den Auen des Friedens freuen, dass mein Agathokles auf der Erde noch glucklich geworden ist. Nein, was ich fur ihn fuhle, ist keine strafliche Leidenschaft. Ich bin ja todt, todt fur ihn, fur die Welt, fur mich selbst, nur nicht fur meine Pflicht!
Die offentlichen Nachrichten tragen auch nicht bei, ein dusteres Gemuth aufzuheitern. Heimlich und verborgen glimmen die Funken der Zwietracht unter denen, in deren Hande die Vorsicht das Wohl des Menschengeschlechts gelegt hat. Alle Briefe, die mein Mann von seinen Freunden am Hofe und bei der Armee erhalt, bestatigen die traurige Vermuthung, dass es zum Ausbruche burgerlicher Kriege, und der Erneuerung jener blutigen Auftritte, die so lange Zeit das Ungluck und die Schande des Romischen Reichs machten, nur an einer bequemen Gelegenheit fehlt. Zwischen Galerius und Diocletian sollen bedeutende Missverstandnisse walten. Dann sey uns der Himmel gnadig! Bis jetzt erhielt Diocletian wenigstens Ruhe und Frieden im Innern. Von Aussen drohet uns ohnedies ein anderes Ungluck. Die Gotherr, eine von jenen wilden Volkerschaften, zu welchen der fromme Heliodor zu reisen, und die rohen Gemuther durch die christliche Religion zu zahmen gedenkt, fangen an, unsere Kusten durch Streifzuge zu beunruhigen1. Sie kommen auf schlecht gezimmerten Kahnen in kleinerer oder grosserer Anzahl langs dem Ufer des Euxin herabgefahren, landen an einsamen Platzen, uberfallen kleine Dorfer, einzelne Hauser, Reisende, rauben, was sie finden, ermorden, was sich widersetzt, und schleppen dann ihre Beute, auch oft Ungluckliche, die lebend in ihre Hande fallen, mit sich an ihre unwirthbaren Ufer. Ihre Besuche werden immer haufiger, die Anzahl ihrer Streiter immer grosser, der gluckliche Erfolg gibt ihnen Muth; denn nirgends ist eine militarische Macht in der Nahe, die ihrem rauberischen Beginnen Einhalt thun konnte. Wir sind ihnen ganz preisgegeben. Ich habe meinen Mann bereden wollen, unser einsames Landhaus zu verlassen, das so nahe am Ufer des Meeres, und so entfernt von aller Hulfe liegt; aber er verwarf diesen Vorschlag mit Verachtung, er halt Alles, was man erzahlt, fur Uebertreibungen der Furcht, er kennt die Nordischen Barbaren nicht, und hofft sie selbst, wenn sie einen Angriff in unserer Gegend machen sollten, leicht zu uberwinden. Zu dem Ende hat er seine Sclaven bewaffnet, und ubt sie regelmassig alle Tage. Welche Auftritte stehen mir bevor!
Der einzige freundliche Punkt in dieser dustern Zukunft ist die Ankunft unseres verehrten Freundes Apelles, den ich nach deinem Briefe jeden Tag erwarte. Immer ware mir seine Gegenwart erfreulich gewesen. Jetzt werde ich ihn als einen Boten des Himmels betrachten, der Licht, Ruhe und Trost in meine traurige Einsamkeit bringen soll. Du sandtest ihn mir. Habe Dank dafur, Junia! Du wirst oft der Gegenstand unserer Gesprache seyn, mein Herz wird sich wieder dem sanften Einfluss der Freundschaft offnen, und ich werde wenigstens auf einige Zeit minder unglucklich seyn. Leb' wohl!
Fussnoten
1 Die ersten Raubzuge der Gothen, in welchen sie die Europaischen und Asiatischen Ufer des Euxin plunderten, fielen beinahe ein halbes Jahrhundert fruher vor; aber diese so wie noch einige kleine Abweichungen von der Geschichte, die man weiterhin finden wird, ist wohl jeder Leser geneigt, einem Buche zu verzeihen, das gar keinen Anspruch auf gelehrte Genauigkeit macht, und in welchem die Begebenheiten derselben, oder der nachsten Zeit, nur in der Rucksicht gewahlt wurden, in welcher sie in den Plan des Ganzen passten.
34. Agathokles an Phocion.
Nikomedien, im Nov. 301.
Wenn du diesen Brief erhaltst, ist mein Schicksal unwiderruflich entschieden, und Tod oder Leben uber mich ausgesprochen. Larissa ist ermordet oder geraubt. Die Gothen haben einen Einfall auf die Ufer des Bosphorus gemacht, wo ihre Villa liegt. Im ersten Schrecken des Ueberfalls hat sich Demetrius mit seinen Sclaven zur Wehre gesetzt. Er soll erschlagen, das Haus geplundert, und Alles, was darin athmete, getodtet, oder in die Knechtschaft geschleppt worden seyn. Was an dieser furchterlichen Nachricht wahr, was Erdichtung, Uebertreibung ist, eile ich mit bebendem Herzen zu untersuchen. Die Pferde sind gesattelt. Morgen bin ich an dem Orte der schaudervollen Entscheidung. Leb' wohl!
35. Apelles an Junia Marcella.
Trachene, im Nov. 301.
Ein kleines Geschaft, welches ich auf dem Wege hierher bei einem Freunde abzuthun hatte, verzogerte meine Ankunft um zwei Tage, und setzt mich dadurch in den Stand, dir, meine verehrte Freundin, Nachricht von mir, von dem Schicksale der Gegend umher, und den Personen geben zu konnen, an denen dein Herz gewiss Antheil nehmen wird. Sehr glucklich wurde ich mich schatzen, wenn es dem Himmel gefallen hatte, diese Schicksale so zu leiten, dass ich dir recht erfreuliche Nachrichten geben konnte. Leider aber ist hier Manches vorgefallen, das zu erzahlen und mit der gehorigen Schonung und Treue vorzubringen, eine wahrhaft traurige Freundschaftspflicht ist. Bereite dich, hochst unangenehme, ja gewissermassen schreckliche Neuigkeiten zu horen; und vergiss nie den grossen Gedanken, dass ohne Gottes Willen kein Sperling vom Dache, kein Haar von unserm Haupte fallt, dass unsere Tage gezahlt sind, und dass ja nicht diese Erde allein der Schauplatz der Regierung, der Liebe, der Barmherzigkeit Gottes ist. Lege jetzt dies Blatt auf einen Augenblick aus der Hand, fasse dich in Ergebung und Geduld, und dann lies den traurigen Be
Du weisst vielleicht, so wie ich es bei meiner Annaherung in diesen Gegenden erfuhr, dass die Gothen seit einiger Zeit wiederholte Ueberfalle auf den Kusten des Bosphorus, auf unserer als der Europaischen Seite gewagt haben. Hie und da erzahlte man mir von ihrer Grausamkeit, von ihrer Kuhnheit, ihrer Raubsucht sehr furchterliche Beispiele, und ich kann dir nicht bergen, dass der Gedanke, an einen Ort zu reisen, der so nahe an der Meereskuste und ihren Raubzugen so ausgesetzt ist, mir nicht sehr erfreulich war. Indessen hoffte ich durch meinen Besuch, ausser dem Troste, den ich Larissen uberhaupt in ihrem Leiden zu bringen hatte, auch noch vielleicht in der Rucksicht etwas Gutes fur sie zu bewirken, dass ich Demetrius zu uberreden dachte, diese gefahrliche Nachbarschaft zu verlassen, und den Winter an einem sicherern Orte zuzubringen. Ach, meine verehrte Freundin! Was sind die Rathschlusse und Vorsatze der Menschen vor dem Rathschluss Gottes, der sie wie Spreu vor dem Winde zerstreut! Meine Hoffnungen, mein Vorhaben, meine Ankunft, Alles, Alles war zu spat. Zwei Tage, ehe ich in Trachene anlangte, hatten die Barbaren eine Landung gewagt, waren in der Nacht ausgestiegen und mit wildem Geschrei und Larmen gerade auf Demetrius Villa zugeeilt.
Demetrius, statt sich und die Seinigen durch eine eilige Flucht zu retten, die vielleicht noch moglich gewesen ware, ging ihnen mit seinen bewaffneten Sclaven entgegen. Der Kampf begann, aber die Uebermacht war so sehr auf der Seite der Feinde, dass die im Hause Zuruckgebliebenen keine Zeit hatten, sich vor den Siegern zu fluchten, oder zu verbergen. Demetrius ward ermordet, seine Sclaven starben neben ihm, die Gothen drangen in's Haus, die zitternden Sclavinnen, und aller Wahrscheinlichkeit nach auch ihre ungluckliche Gebieterin fielen unter den Streichen der durch den heftigen Widerstand bis zur Raserei erhitzten Barbaren. Das Haus wurde geplundert, ein Theil davon in Brand gesteckt, und die Horde entfernte sich am Morgen mit wildem Siegsgeschrei wieder von dem verheerten Ufer. Erst lange nach ihrem Abzuge wagten es die nachsten Anwohner, zu denen sich ein paar Ungluckliche aus der Villa gerettet hatten, den Schauplatz der Grauel zu betreten, und zu sehen, ob vielleicht noch einige Hulfe zu bringen ware. Sie fanden Alles leer, still ausgestorben. Demetrius und seine Sclaven lagen todt auf dem Wahlplatze, aber unter so vielen Leichen von Barbaren, dass man sah, sie mussten heldenmuthig gefochten, und ihr Leben theuer verkauft haben. In dem Hause fand man noch einige ermordete Sclaven und Sclavinnen, und in Larissens Gemach eine weibliche Leiche, die durch Wunden zwar sehr entstellt, aber durch die Kleidung und einen goldreichen Schleier kenntlich war, der mit Blut bespritzt neben ihr lag. Einige Madchen und ein paar Sclaven werden vermisst. Wahrscheinlich haben die Barbaren sie mit sich fortgefuhrt, oder sie sind in dem verbrannten Theil des Hauses ein Raub der Flammen geworden. Wie dem immer sey, es ist mehr als wahrscheinlich, ja, meine verehrte Freundin! es ist gewiss, dass Gott sich des langen Leidens unserer unglucklichen Schwester erbarmt, und sie auf eine freilich fur die Ubriggebliebenen schreckliche Art zu sich genommen hat. Sie hat wahrscheinlicher Weise weniger dabei gelitten, als wenn sie ihr Leben auf einem schmerzlichen Krankenlager geendigt hatte, eine schreckliche Stunde vielleicht wahrend des Kampfes, von der sie vorher keine Ahnung hatte, und ein paar schmerzhafte Augenblicke, bis Wunden und Blutverlust ihrem Leben ein Ende gemacht hatten. Nach den Aussagen der Sclaven, die die Todten gesehen, und bestattet haben, waren ihrer Wunden so viel, und von solcher Art, dass sie unmoglich langer, als ein paar Minuten, kann gelebt haben. Dies muss bei dieser schrecklichen Catastrophe ihren Uebriggebliebenen zum Troste dienen. Ueberhaupt sind ja selten die zu beklagen, die hingehen, ein schwankendes Gluck mit ewigen Freuden zu vertauschen; am wenigsten dann, wenn ihr Daseyn ohnedies in steten Kampfen, und ohne Aussicht auf eine Verbesserung ihres Schicksals dahin floss. Ich will aber nicht unternehmen, dich zu trosten. Ich sehe die Grosse deines Verlustes zu wohl ein; denn ich habe unsere Entrissene gekannt, und die Art, wie wir sie verloren, muss durch ihre Neuheit und Grausamkeit unsere Gemuther erschrecken und tief verwunden. Doch erwarte ich von deiner Standhaftigkeit, deiner Gottesfurcht und Theophrons freundschaftlichem Umgang das Beste fur deine Beruhigung.
Ich ware auf der Stelle wieder umgekehrt, und diesem Briefe gefolgt, den ich blos in der Absicht anfing, um den Alles vergrossernden und oft so falschen Geruchten, wo moglich, zuvorzukommen, und dich, meine verehrte Freundin! auf eine schicklichere und bessere Art von dem Schicksale unterrichten; aber den Morgen nach meiner Ankunft fand sich ein Geschaft, eine Bestimmung fur mich, in deren Wurde und Gehalt ich einen Fingerzeig der Vorsicht zu finden glaubte, warum sie mich gerade jetzt auf diesen Schauplatz der Zerstorung und Trauer gefuhrt hatte. Abends war ich in Trachene angekommen, und hatte von den zitternden Nachbarn die Schrecken der vorletzten Nacht erfahren. Man hatte meinen Antheil an den unglucklichen Bewohnern der Villa gesehen, mir auf mein Bitten den Schleier Larissens ausgehandigt, den ich dir als das einzige Vermachtniss dieser theuren Verklarten zu bringen dachte, und versprochen, mich am Morgen auf die Brandstatte zu fuhren. Dies geschah auch. Indess wir in dem verodeten Hause herumgingen, horten wir auf einmal ein lautes Getose, wie von mehreren Pferden. Ich trat an ein Fenster, und sah einen jungen Mann von edler Gestalt, von mehreren Sclaven zu Pferde begleitet, in den Hof sprengen. Die Fremden stiegen ab, es sammelten sich Leute um sie, ich sah den jungen Mann in heftiger Bewegung mit ihnen sprechen, sie befragen. Eine geheime Ahnung sagte mir, wer es seyn konnte. Ich eilte hinaus, um ihn selbst zu berichten. Leider kam ich zu spat. Agathokles denn du wirst, wie ich, errathen haben, wer der Fremde war lag ohne Besinnung in den Armen seiner Begleiter. Die Leute hatten ihm die traurige Geschichte ohne Vorsicht und mit allen Vergrosserungen und Verschlimmerungen erzahlt, die solche Menschen dazu zu dichten pflegen. Ich liess ihn in's Haus bringen. Nach einer Weile erholte er sich, aber sein Blick war wild, seine Reden unzusammenhangend. Als ich mich genannt hatte, schien ein Strahl von Ruhe in seine Seele zu fallen; er sah mich an, sank an meine Brust, und seine Thranen, die zu fliessen anfingen, erleichterten sein gepresstes Herz. Ich trug ihm nun die Begebenheit so vor, wie ich sie ansah, wie sie eigentlich war, und wie ich sie dir berichtet habe. Das schien ihn etwas zu beruhigen, er fasste die Vorstellung begierig auf, dass seine Larissa nicht so viel gelitten hatte, dass ihr nun besser sey, als ihm. Dennoch blieb eine wilde Schwermuth, die an Verzweiflung grenzte, in seinem Wesen. Endlich stand er auf. "Verzeih, dass ich dich verlasse, mein Zustand bedarf der Einsamkeit, der Ruhe in ein paar Stunden sehen wir uns wieder." Ich sah ihn zweifelnd an: Furchte nichts, antwortete er, indem er mit einem wehmuthigen Lacheln meine Hand ergriff: was dir deine Religion verbietet, erlauben mir meine Grundsatze auch nicht. Ich schamte mich meines Verdachts, und verliess ihn. Nach einer langen Zeit suchte er mich wieder auf: Er war gelassener als vorhaben und im Stande, zusammenhangend uber die schreckliche Geschichte und seinen Verlust zu sprechen. Dann ordnete er an, dass Larissens Schlafgemach mir und ihm zur Wohnung eingerichtet werde. Ich wollte mich anfanglich diesem Vorhaben, aus Schonung fur ihn, widersetzen; aber ich sah bald, dass sein Herz nicht wie die gewohnlichen Herzen war. Die Umgebungen, in denen sie gelebt hatte, die Erinnerung an ihre Tugenden, an ihre Geduld, an ehre Liebe zu ihm, schienen sein Gemuth zu erheben, statt seinem Schmerz zu vergrossern. Er fing am andern Morgen an, mit mir in der Gegend herumzugehen, sich nach Allem was vorgefallen war, zu erkundigen, und thatige, und sehr zweckmassige Anstalten zur Verhutung eines neuen solchen Unglucks zu treffen. Die Einwohner wurden angewiesen, ihre besten Sachen in die nachste Stadt zu bringen. Er liess den Mannern Waffen austheilen, ordnete an, wie sie sich uben, und zur Vertheidigung vorbereiten sollen. Er veranstaltete Larmsignale auf den Hugeln, wodurch in wenig Augenblicken die ganze Gegend aufgeschreckt, und unter den Waffen seyn kann. Kurz, es schien, als ob sein eigener Verlust vor der allgemeinen Gefahr verschwunden ware, und er nur fur Andere denken, fur Andere sorgen konnte. Wenn wir dann allein waren, kehrte die schmerzliche Empfindung freilich mit doppelter Starke zuruck; aber ich bin versichert, dass sie seine Tugend nie uberwaltigen, nie seine Kraft zum Guten lahmen wird. Er hat mich gebeten, ihn nach Nikomedien zu begleiten, wohin er morgen abreiset, um noch kraftigere Anstalten zur Abtreibung der feindlichen Einfalle zu machen. Ich konnte ihm diese Bitte nicht versagen, denn ich gestehe dir, dass ich ihn liebe und verehre. Auch Larissens Schleier habe ich ihm gegeben. Er war dieses Vermachtnisses so wurdig als du, und seiner vielleicht noch mehr bedurftig. Zwar schauderte er bei Erblickung desselben und der Spuren von Blut, die daran hafteten; seitdem aber, glaube ich, ist er nie wieder von seiner Brust, auf der er ihn verwahrte gekommen. Ich weiss, meine Freundin! dass du mir diesen Raub und mein langeres Aussenbleiben verzeihst. Sage dasselbe auch unserm verehrten Vater Theophron, und erwirke mir von ihm Verlangerung meines Urlaubs.
36. Sulpicia an Calpurnien.
Synthium bei Nikomedien, im Febr. 302.
Ich bin in Synthium, meine Geliebte! auf dem Landhause unsers, deines Freundes Agathokles. Eine angenehme Stille umgibt mich, und wiegt nach einer langen Zeit voll Zerstreuungen und Erschutterungen meine ermudeten Sinne in eine wohlthatige Ruhe. Agathokles besucht uns, so oft es seine Geschafte erlauben, und mein Tiridates bringt alle Zeit, die er dem Hofe abmussigen kann, bei mir zu. Ich bin frei, Galerius hat meine Scheidung bewilligt, und den Befehl daruber an den Senat von Rom und den Serranus Anicius gesandt. So sind denn alle Plane ausgefuhrt, alle Wunsche erfullt, und ich kann ruhig dem Zeitpunkt entgegen sehen, wo keine Macht der Welt mich mehr den Armen meines Tiridates wird entreissen konnen.
Nichts stort den vollkommenen Genuss meines Glucks, als die noch fortdauernde Schwache meiner Gesundheit, eine Folge den langen Leiden und Krankungen. Sie sind verschwunden, aber ihre Wirkungen fuhle ich noch. Auch die Jahreszeit hatte wahrend der Seereise nachtheilig auf mich gewirkte. Ich kam krank in Nikomedien an. Aber, meine Calpurnia! um keinen Preis mochte ich die Erfahrung dieser Krankheit nicht glanzenderem Lichte gezeigt. Ich bin ganz glucklich. En liess mich ohne weitere Vorbereitung, fest auf Agathokles Freundschaft rechnend, gerade in sein Haus fuhren, er trug mich auf seinen Armen aus der Sanfte in das Zimmer, das uns der freundliche Wirth selbst anwies. Agathokles bewahrt sich auch jetzt, wie immer, als einen der besten Menschen, er empfing uns mit ruhrender Freude, und behandelt uns wie geliebte, Geschwister. Ich finde ihn sehr verandert doch davon nachher. Jetzt lass mich dir nur erzahlen, dass ich seinen Bemuhungen fur Alles, was er zur Erleichterung meiner Lage dienlich fand, und Tiridates zartlicher Sorgfalt grosstentheils meine Wiederherstellung verdanke.
Das Gerausch, die Unruhe in der glanzenden Hauptstadt des Orients wurde mir bald zur Last. Agathokles errieth meinen Wunsch, und bot mir seine Villa Synthium, die einige Meilen von Nikomedien liegt, ein Erbtheil seiner Mutter, zum Aufenthalt an. Ich nahm es mit Vergnugen an. Das Einzige, was meine Freude storte, war die Bemerkung, dass Tiridates sich nicht eben so leicht, wie ich, aus der Hauptstadt entfernte; indessen brachte mir seine Liebe auch dieses Opfer, und ich lebe hier ganz nach meinem Herzen. Die Villa liegt einsam und verborgen zwischen waldigen Hugeln, die der Anfang des Gebirges sind, das weiterhin sich zum Berg Olymp aufthurmt. Obgleich die Landstrasse nicht weit vor dem Garten vorbeigeht, so fallt doch das Haus, das halb zwischen Pinien versteckt und nicht gross ist, nicht sogleich in die Augen. Die Garten sind weitlaufig, und zeigen in manchen Anlagen Spuren eines dustern Geistes, der hier in der Einsamkeit seinen Gefuhlen nachhing. Dieser Ausdruck des Ganzen gefallt mir ungemein, und ich belausche in ungestorter Einsamkeit hier das Erwachen des Fruhlings, von dessen Einfluss ich viel fur meine Gesundheit hoffe. Tiridates hat mich den Kaiserinnen Prisca und Valeria1 vorgestellt, auch mit dem Casar Galerius habe ich gesprochen, und alle haben mich mit Anstand und Guts empfangen. Bei Diocletian allein war es mir noch nicht moglich, Zutritt zu erhalten; er umgibt sich mit so viel persischem Pomp und Ceremoniel, dass der Zugang zu ihm uberaus schwer ist. Der Casar hat mir seinen Schutz versprochen, und Wort gehalten, wie du weisst; und so ist meine Zukunft freundlich erheitert, und jede Sorge verschwunden.
Ich habe dir gesagt, dass ich Agathokles sehr verandert gefunden habe. Der Verlust, den er erlitten, und die Art desselben werden dir bekannt seyn, so wie sie es mir waren, noch ehe ich in Nikomedien ankam. Ich war folglich vorbereitet, die Spuren dieser Begebenheit in seinem Aussehen zu finden; dennoch fand ich mit Trauer weit mehr, als ich erwartet hatte. Seine Zuge, die nie den Ausdruck der Jugendbluthe trugen, sind jetzt tief verfallen, sein Blick ist erloschen, und Alles kundigt ein ganz niedergebeugtes Gemuth an. Ich vermeide von seinem Unglucke zu sprechen, und er hat Larissens Namen noch nicht genannt, seit ich hier bin; doch sehe ich vor, dass der Zufall vielleicht einst ein solches Gesprach herbeifuhren wird, und zittere dafur.
Auch in dieser Rucksicht ware mir die Beschleunigung deiner Ankunft, nachdem nun einmal die Bestimmung deines Vaters als Proconsul entschieden ist, sehr erwunscht, nicht als ob ich eine so geringe Meinung von Agathokles Festigkeit hatte, um zu glauben, dass dein blosser Anblick hinreichen wurde, diese tiefen Wunden schnell zu heilen, aber ich hoffe viel, und mit der Zeit Alles von deinem heitern Sinn, von deiner freundlichen Gute, von deinem Verstande, und von deiner Schonheit. Wie empfindlich das starke Geschlecht gegen ausserliche Reize ist, lerne ich immer mehr und mehr einsehen; es wirkt nichts so schnell, so stark, so bleibend auf sie, und auch die Besten sind hierin bis zum Erstaunen schwach.
Nikomedien wird dir gefallen. Es herrscht hier ein geselliger Ton, man liebt Pracht und Zerstreuung, aber man liebt es mit Geschmack und ziemlichen Anstand. Dies scheint eine Wirkung des ceremoniosen Hofes und der Denkart der beiden Kaiserinnen zu seyn, die in ihren Grundsatzen sehr streng, und, wie Manche glauben, heimliche Christinnen seyn sollen. Genug, der Schein wird gerettet, aber im Innern der Hauser hat eine ubermassige Ueppigkeit nicht allein auf den Genuss des Lebens, sondern auch auf die Sitten unsers Geschlechts einen nachtheiligen Einfluss. Die Weiber des Hofes und der Stadt sind fast alle lokker in ihren Grundsatzen und von zweideutigem Rufe; aber sie sind schon! Ich habe bei einem Feste eine Versammlung von Gestalten gesehen, uber deren Reize, durch den sinnreichsten Putz, und die geschmackvollste Pracht erhoht, ich wirklich erstaunte, deren Anblick mir nicht Neid, dessen halt dein Herz mich nicht fahig aber ein Gefuhl von Trauer uber meine so schnell verwelkte Jugend einflosste. Ich bin nicht mehr, was ich war, und hier ist Alles so bezaubernd, so verfuhrerisch, so zudringlich!
Schreibe mir doch noch, meine Geliebte! ehe du Rom verlassest, und suche deine Reise zu beschleunigen! Mein Herz schlagt dir mit Sehnsucht und Ungeduld entgegen. Leb' wohl!
Fussnoten
1 Die Hauser der Alten, sowohl in Italien, als vorzuglich im Morgenlande, hatten selten Fenster auf die Strasse. Man trat durch den Thorweg in den Hof, um welchen herum die Zimmer gebaut waren, deren Fenster und Thuren gleichfalls auf den Hof gingen.
37. Agathokles an Phocion.
Nikomedien, im Februar 302.
Es ist lange, mein Freund! dass du meinen letzten Brief1 erhieltest, worin ich dir meinen unersetzlichen Verlust gemeldet habe. Ich erinnere mich jetzt nicht mehr bestimmt, was ich dir geschrieben habe. In jener Zeit war es dumpf und duster in meiner Seele. Indessen weisst du, was ich verlor und wie? Dies genugt, um dir eine Vorstellung meiner jetzigen Lage zu machen. Keine Betaubung wahrt ewig, und so hat sich mein Geist auch aus der emporgerissen, die einige Zeit nach jenem Ereignisse schwer und entnervend auf mir lag. In Trachene unter Gefahren und fremden Sorgen blieb mein Geist und Korper aufrecht; erst in Nikomedien, in der Stille des gewohnlichen Lebens, im vaterlichen Hause, erlagen beide, und ich ward im eigentlichen Sinne an beiden krank. Wie ich gewesen bin, und wozu? warum? weiss ich nicht. Aber ich kann wieder schlafen, ich kann Speise zu mir nehmen, und so kann und wird mein Daseyn wohl noch lange wahren.
So zwecklos, so klein, so nichtsbedeutend, wie dies Daseyn mir damals erschien, und noch jetzt zuweilen in seiner ganzen Schaalheit unabsehlich vor mir liegt, nachsten Schlacht verschleudert; aber das sollen, das durfen wir nicht. Ein Strahl uberirdischen Lichtes senkt sich in meine Nacht, und das Leben bekommt wieder Gehalt, obwohl nicht fur meine Hoffnungen, und nicht fur diese Welt.
Ein Pfad offnet sich mir, um zur Wahrheit zu gelangen. Es ist des Forschers Pflicht, darauf fortzuschreiten, und wenigstens zu sehen, wohin er fuhrt, selbst dann, wenn sicherer Verlust die Folge seiner Forschungen ware. Konnte er auch anders? Wurde sich nicht die schreckliche Wahrheit selbst Bahn zu ihm machen, wenn er auch seine Augen vor ihr verschliessen wollte? O es hat schon so manche traurige Gewissheit den Weg gefunden, um dies Herz unfehlbar zu zerreissen! Jetzt erscheint sie in mildem Lichte, und ich folge dem leitenden Strahl, der mich in eine trostende Helle zu fuhren verspricht.
Ein Christ, jener Apelles, den du als den Lehrer und Freund der vorausgegangenen Jugendgespielin aus ihren Briefen kennst, war das erste Wesen, das mir in schrecklichen Augenblicken theilnehmend erschien. Menschenfreundlich und weise behandelte er den Kranken, ihm danke ich zuerst die wiederkehrende Besinnung, ihm spater die Kraft, da nicht zu erliegen, wo menschliche Starke allein bei einem sehr reizbaren Gefuhl, wie meines, vielleicht nicht zu stehen vermocht hatte. Seine Trostungen waren von mehr als gewohnlicher Art. Er nahm sie aus den innersten Tiefen des verarmten zerrissenen Herzens, er eroffnete ihm den Himmel, liess uberirdische Strahlen in dasselbe fallen, fullte es mit Hoffnungen auf Jenseits, und richtete alle Krafte und Neigungen, denen hier kein wurdiger Gegenstand mehr entsprechen konnte, auf grosse Aussichten und Wirkungen in die Zukunft. Meine Seelenkrafte kamen nach und nach zuruck, und an ihnen richtete sich der irdische Gefahrte auf. Ich genas, und bin wieder fahig zu denken, zu wirken, wenn auch nicht fur mich, doch fur Andre.
Phocion! Ein weiser Christ ist ein erhabenes Wesen, ist vielleicht das Hochste, was die menschliche Natur erreichen kann, die hochste Vollendung, deren sie fahig ist. Sie ganz zu erstreben, ist nicht das Loos des Sterblichen, aber das erhabenste Ziel hat ihnen ihr mehr als m e n s c h l i c h weiser Lehrer gesteckt: S e y d v o l l k o m m e n , w i e e u e r Vater im Himmel vollkommen ist! Kein geringeres Urbild, als die Gottheit, gab er ihnen nachzuahmen, und welcher Gott ist der Gott der Christen! Kein leidenschaftliches, sinnliches, allen menschlichen Schwachen unterworfenes Phantom, wie die Bewohner des alten Olymp, kein mussiger Zuseher, der in vollkommener Apathie die Welt gehen lasst, wie sie kann, wie die Gotter Epikurs. Es ist ein allmachtiger, durch sich selbst von Ewigkeit bestehender, allwissender, allgegenwartiger Geist, der Alles, was da ist, aus dem Nichts hervorgebracht, und nur darum geschaffte hat, um seine Macht und Liebe zu verklaren. Die Geogonie der Christen ist einfach erhaben, und wenigstens eben so fasslich und wahrscheinlich, als die Systeme unsrer Philosophen, ja ich getraue mir zu behaupten, dass, in dem gehorigen Lichte betrachtet, und von dem poetischen Schmucke entkleidet, der diese Erzahlung aus der Kindheit des Menschengeschlechts umgeben muss, du keine den Naturgesetzen gemasser und vernunftiger finden wirst. Unbeschreiblich schon ist die Geschichte des sittlichen Verfalls der Menschheit unter einem bald idyllisch-lieblichen, bald furchtbar-ernsten Bilde dargestellt. Ja, die Erkenntniss des Guten und Bosen war es, das erwachende Gewissen, das Gefuhl des Rechts und Unrechts, das den schonen Traum ewiger Unschuld und Jugend zerstorte! Du siehst hier ein goldenes Zeitalter, und die Ursache seines Verschwindens tief und weise in den innersten Trieben des Menschen aufgesucht und dargestellt. Was in der Fabel von Amor und Psyche mehr bildliche Darstellung eines platonischen Traumes ist, ist hier die Geschichte des Menschen, der Menschheit, ihrer individuellen und allgemeinen Entwickelung zur Cultur.
Diesen Gott nun, aus dessen Hand die Sonne, die Sterne, alle uns bekannten Wesen hervorgingen, der ihr Schicksal nach ewigen Gesetzen lenkt, diesen Gott nennen die Christen ihren Vater. In diesem KindesVerhaltniss denken sie sich zu ihm, und nichts ist, womit sie sich ihm gefallig machen konnen, kein Opfer, keine Bussung, nichts als ein reiner Sinn, und ein menschlichgutes Herz. Alle Sterbliche sind ihnen Bruder; sie zu lieben, wie sich selbst, K e i n e m z u thun, was man nicht sebst leiden m o c h t e , ist ihr Hauptgesetz. Je mehr man diesem einfachen Gedanken nachforscht, je mehr muss man den Lehrer bewundern, der in wenig Worten alle Gesetze der Moral zusammenzufassen wusste, dass in allen Schulen und Sekten unsrer Philosophen nicht mehr, und nichts Besseres gelehrt wurde. L i e b e Gott uber Alles und deinen Nachs t e n w i e d i c h s e l b s t ! Wer kann mehr fordern als dies? Und was wurde die Welt seyn, wenn alle Menschen diese einfache Vorschrift beobachteten? Aber die Christen gehen noch weiter, sie dringen nicht blos auf Liebe gegen diejenigen, die wir zu hassen keine Ursache haben, sie fordern Ueberwindung unsrer Selbst, und Bezahmung der heftigsten Leidenschaften, Zorn und Rachgier. S e g n e t , d i e euch verfolgen, betet fur die, die e u c h h a s s e n . In welcher Schule, Phocion! ward je reinere Tugend gelehrt?
Noch einmal, die christliche Moral ist mehr als
menschlich! Aber indem sie eine Hohe fordert, die wir nicht zu erreichen fahig sind, spornt sie uns wenigstens an, das Aeusserste zu thun. Und was kann nicht der Mensch, wenn er alle seine Krafte braucht? Das Hochste muss der Mensch sich vorsetzen, wenn er das Hohe erreichen, und nicht im Gemeinen versinken will; nach dem Unendlichen muss er streben: dann bewahrt er sich als einen unsterblichen Geist, dem diese Hulle zu eng, dem diese Erde nur eine Herberge ist. Das haben unsre Philosophen schon gesagt; auch der Christ sagt es, nur unendlich einfacher.
Aber bei der Schwache unseres halb sinnlich halb geistigen Wesens, das, zwei Welten angehorig, ewig zwischen beiden schwankt, was bliebe uns fur Hoffnung ubrig, den hohen Befehlen gehorchen, und das Ideal erreichen zu konnen, das jene Lehren von uns fordern? Mussten wir nicht daran verzweifeln, den strengen Gesetzen genug zu thun? Hier konnte das Gewissen uns nicht beruhigen, dort wurde ein unendlich heiliges Wesen den schwachen Sohn der Sinnlichkeit strafend von sich weisen. Aber liebend und erbarmend tritt die geheimnissvolle Lehre von der Versohnung, von einem unbefleckten, heiligen, der ganzen Strenge jener Forderungen genugthuenden Opfer dazwischen, von einem Opfer, das, die Schuld des ganzen Menschengeschlechts auf sich nehmend, freiwillig sich der gottlichen Gerechtigkeit darbot, und fur Alle litt, blutete, starb. In seinen Verdiensten findet der schwache Mensch vollendenden Ersatz fur seine unvollkommenen Bestrebungen, sie eignet er sich zu, und durch ihre Vermittelung darf er dem Throne des allerreinsten Wesens mit minderer Schuchternheit nahen.
Du siehst aus diesen leichten Umrissen, die ich dir mitzutheilen im Stande bin, wie erhaben und den Bedurfnissen des Herzens angemessen diese Lehre ist. Noch kenne ich sie nicht vollstandig; was ich aber kenne, uberzeugt meinen Verstand, und befriedigt mein Gefuhl. Und wenn diese Ueberzeugung einst vollendet seyn wird, wer kann mich tadeln, ja, wer kann mich der entgegengesetzten Handlungsweise fahig halten, wenn ich sie annehme, und ganz werde, was ich ohnehin schon zum Theile bin? Uebereilen aber will ich nichts. Der Schritt ist wichtig, er fordert vollkommene Geistesfreiheit, und gewissenhafte Prufung. Die erste fehlt mir noch ganz, mein Gemuth ist nicht ruhig. Die Erschutterungen der vergangenen Schrecken haben noch nicht aufgehort, in mir nachzubeben, noch druckt ein zu lastendes Gewicht meinen Geist.
O mein Freund! Was habe ich verloren? Larissa! Gespielin meiner Kindheit! Geliebte meiner Jugend! Holdes, sanftes, liebevolles Wesen! Wo bist du jetzt? Wo schwebt dein reiner Geist? Hast du noch Erinnerung vom Vergangenen? Weisst du, dass dein unglucklicher Freund hier verlassen trauert? Oder hort mit dem Leben oder mit der Personlichkeit, wenn auch der Geist nicht vernichtet wird, alle Erinnerung, alle Liebe auf? Trostloses System, das das menschliche Herz verabscheuen, uber dem der Ungluckliche verzweifeln musste, wenn es seinen Anhangern gelingen konnte, es zu beweisen! Was ware die Unsterblichkeit dann fur ein Vorrecht fur das denkende Wesen? Wurde sie es nicht mit dem Thiere, der Pflanze theilen, deren aufgeloseter Korper auch nicht vernichtet, sondern nach dem Gange der Natur in ursprungliche Elemente zersetzt werden, bis sie endlich nach langerer oder kurzerer Zeit wieder in organische Theile einer Pflanze oder eines Thieres ubergehen? Es ist unmoglich! so kann der Kreislauf des gottlichen Funkens in uns nicht seyn.
Auch hieruber hat das Christenthum einen erhebenden schonen Glauben, der alle Spitzfindigkeiten und Sophismen beschamt! Doch hieruber sollst du ein andermal wehr horen. Genug, sie liebt, sie weiss um mich, sie liebt mich, wenn gleich hienieden ihre sanfte Stimme verklungen ist, und nie wieder in den kalten leeren Raumen mir die holde Gestalt begegnet, nie wieder ihr seelenvolles Auge mir freundlich strahlen, und kein Herz auf dieser Erde mir das ihrige ersetzen wird. O Phocion! Ich werde sie niemals, niemals hier wiedersehen! In diesem Gedanken liegt ein unendlicher Schmerz aber bevor er wieder die innerste Tiefe meines Wesens aufregt, lass mich abbrechen. Leb' wohl!
Fussnoten
1 Er kommt nicht vor, so wie alle, die nichts zum Gang der Geschichte beitragen, und deren dennoch wegen des Zusammenhangs erwahnt werden muss.
38. Calpurnia an Sulpicien.
Nikomedien, im Marz 302.
Hier bin ich, in der grossen, gerauschvollen Stadt, unter dem schonsten Himmel von Kleinasien, und, was noch besser ist, in deiner Nahe, meine theure, geliebte Freundin! Ich ware wahrlich gern, statt meines Briefes, selbst zu dir in deine Einsamkeit geeilt; aber mein Vater bedarf meiner zu seiner hauslichen Einrichtung, die hier an einem fremden Ort, unter ganz neuen Verhaltnissen, nicht ohne grosse Beschwerlichkeit vollendet werden kann. Es ist mir daher unmoglich, dich fur's erste zu besuchen. Konntest denn du nicht auf ein paar Tage in die Stadt kommen? Du bist doch hoffentlich so wohl, dass die kleine Reise von einigen Meilen keinen ublen Einfluss auf deine Gesundheit haben wird. O wie freue ich mich, dich nach so langer Trennung wieder zu sehen, und mit dir uber tausend Dinge der Vergangenheit und Zukunft zu sprechen, die trotz aller Ueberlegung mir nie ganz gleichgultig waren, und unter diesen Umgebungen hier erst wieder recht lebendig werden!
Am zweiten Tage nach unsrer Ankunft besuchte uns Agathokles. Dir darf ich es ja gestehen, dass mir sonderbar zu Muthe ward, als ich im Nebenzimmer kam. Er begrusste meinen Vater mit herzlicher Ehrfurcht, und erkundigte sich nach mir und meinen Brudern. Ich benutzte meine Verborgenheit, um mich in die gehorige Fassung zu setzen, und trat dann, als mein Vater mich rief, ganz gelassen hinein. Ach, es war wieder nichts mit dieser Kunstelei! Dieses dustere trube Auge, aus dem die tiefste Schwermuth sprach, die wehmuthige Herzlichkeit, mit der er auf mich zuging, und meine Hand fasste, die weiche Stimme, mit der er mich in seinem Vaterlande willkommen hiess, und dann der Gedanke, um wessentwillen diese traurige Veranderung mit ihm vorgegangen war, das Alles bewegte mich so seltsam, dass ich wohl fuhlte, wie meine Fassung mich verliess. Er hatte so viel gelitten; wie hatte ich ihn durch abgemessene Kalte kranken konnen! Und doch war mein Stolz durch eben diese Schwermuth, die ich zu zerstreuen wunschte, beleidigt.
Die Feinheit seines Betragens brachte indess bald
wieder einige Ruhe in unsere Haltung. Mein Vater bemachtigte sich seiner mit einem politischen Gesprache, in das Agathokles sogleich mit voller Seele einging; und jetzt im Feuer der Unterhaltung, als er auf Augenblicke seiner Lage vergass, schien er wieder derselbe zu seyn, der er in Rom war. Dies Bild trat vor meine Seele; ich rief, wahrend die Manner angelegentlich sprachen, die frohen Stunden zuruck, die ich damals genossen hatte, und auf einmal war es mir, als mussten zwei Agathokles seyn; als konnte jener anziehende Schwarmer, dessen Ernst vor meinem Lacheln so oft gewichen war, dessen Blick hundertmal mit Entzucken an mir hing und dies finstere Bild des Kummers, das mir so fremd geworden war, der eine Andre so heiss geliebt hatte, dass ihr Tod ihn an den Rand des Grabes brachte, unmoglich Eine und dieselbe Person seyn. Ich schauderte, die Vorstellung war mir hochst peinlich, ich strebte aus allen Kraften, die wunderbare Tauschung zu zernichten. Es gelang nicht. Auf einmal fuhlte ich, dass meine Thranen im Begriff waren, hervorzubrechen. Ich stand schnell auf und verliess das Zimmer. Sie stromten heftig, warum? wusste ich selbst nicht, aber ich fand eine Erleichterung darin, sie fliessen zu lassen. Es kam mir vor, jener Agathokles sey todt, und der, den ich jetzt gesehen hatte, nur ein Bild, ein Schatten von ihm. Mir ward so weich um's Herz, wie wenn man nach dem Verlust einer geliebten Person an einem Orte, wo man sie sonst oft gesehen hatte, nun ihre kalte Bildsaule fande. Diese Aehnlichkeit im Aeussern, und diese Verschiedenheit von Innen, jener warme Antheil und diese Kalte! Es ergriff mich schmerzlich. Ich fuhlte, dass ich mich in dieser Stimmung nicht vor ihm sehen lassen konnte. Als ich nach einer Weile wieder hinein ging, war er bereits fort, und hatte versprochen, bald wieder zu kommen. So hatte ihn also mein Weggehen nicht gekrankt, wie ich im ersten Augenblick furchtete, als ich meinen Vater allein fand! So hatte er gar nichts an mir bemerkt, nichts zu deuten gefunden? Naturlich, ich bin ihm nichts mehr, als eine alte Bekannte, und einer solchen nimmt man es ja nicht ubel, wenn sie sich entfernt, und den guten Freund in einer Gesellschaft zurucklasst, die ihm wenigstens eben so lieb ist, als die ihrige!
Seit dem Augenblick ist ein wunderbarer, aber wahrlich nicht angenehmer Kampf in meinem Innern. Mitleid mit Agathokles Ungluck, Wunsch, seinen Kummer zu erleichtern, und ein bitteres Gefuhl des gewaltigen Abstandes zwischen jener Zeit in Rom, und diesem kalten Wiedersehen wechselt unaufhorlich in mir. Was wird hieraus entstehen? Welche Haltung wird mir das gegen ihn geben? Du, meine theure Freundin! konntest hierin mir den wesentlichsten Dienst leisten. Du siehst Agathokles so oft, er vertraut dir, das weiss ich, du wirst ungefahr wissen, wie er von mir denkt. Schreibe mir doch, was er von mir spricht, und besonders in welchem Ton. Daraus lasst sich viel schliessen, und ein sein fuhlendes Weib ist im Stande, aus der Art, wie ein Mann von einer Andern spricht, zu errathen, was er fur diese empfindet. Hierauf verlasse ich mich vollkommen, und erwarte deine Nachricht mit Ungeduld. Leb' wohl!
39. Sulpicia an Calpurnien.
Synthium, im Marz 302.
Warum kann ich nicht zu dir fliegen, an deine Brust sinken, und dich mit Thranen der Freude willkommen heissen? Ach Entbehren und Entsagen war von jeher der Wahlspruch meines Lebens, und seine Macht bewahrt sich fort und fort. Ich bin krank, meine Geliebte! nicht so krank, dass ich nicht allenfalls im Hause, und an einem warmen Fruhlingstage in dem reizenden Garten unseres Freundes herumschleichen, und ohne zu grosse Anstrengung meines Kopfes, dir, meine Theure! schreiben konnte; aber viel, viel zu schwach, um eine Reise von sechs Stunden zu dir in die Stadt zu unternehmen. Ich habe viel von der Ruhe meiner gegenwartigen Lage, von Asiens mildem Himmel und am allermeisten von der Erfullung meines hochsten Wunsches gehofft. Es will sich nicht andern, ich krankle immerfort, und so soll ich denn vielleicht im Hafen Schiffbruch leiden, und die Welt zu einer Zeit verlassen, wo mein Leben erst eigentlich beginnen, und ich nach so vielen Sturmen an's Ziel gelangen soll. Es war eine Zeit, wo ich den Tod wunschte, wo er mir als das Ende meiner Qualen erschienen ware aber jetzt? Jetzt ist der Gedanke, aus Tiridates den Liebe hinabzusteigen in das Reich wesenloser Schatten oder des wesenloseren Nichts schauderhaft, entsetzlich! Unerfreulich und duster steht die dunkle Welt jenseits vor dem forschenden Blicke, und nach tausend Zweifeln, eiteln Spekulationen und nichtigen Erwartungen bleibt dem grubelnden Verstande hochstens der Trost der Ungewissheit. Weiter kann er es nicht bringen, weiter hat es nie ein Weiser gebracht. Was sich wider diese Ueberzeugung in uns emport, ist der Trieb der Selbsterhaltung, dem der Gedanke der Vernichtung unmoglich zu fassen ist. Ich sollte von Tiridates scheiden, ihn der dustern Verzweiflung, oder schreckliche Wahl den Trostungen einer neuen Liebe uberlassen, und hingehen, woher nie Jemand zuruckkommt, wo keine Hoffnung des Wiedersehens ist! O nein, nein! nur jetzt nicht sterben! Die Aerzte geben mir Hoffnung, und ich ergreife sie begierig; sie sagen, und es ist auch mehr als wahrscheinlich, dass jene traurigen Erschutterungen, die Beschwerden der Reise, die Veranderung des Clima's auf meinen geschwachten Korper nachtheilig wirken mussten; sie versprechen mir viel von der Wirkung der Zeit, und der inneren Zufriedenheit; und so will ich denn geduldig seyn, und alle Gedanken und Zweifel verbannen, die noch zuweilen in mir aufsteigen wollen; ich will recht gelassen, recht ergeben seyn, sogar b l i n d und g e f u h l l o s , wenn es die Erhaltung meiner Gesundheit fordert.
Du fragst mich, was und wie Agathokles von dir spricht? Du willst dein Betragen nach meinen Beobachtungen einrichten? So muss ich ja wohl ganz aufrichtig seyn, und nichts als strenge Wahrheit sprechen. Er achtet dich ohne Zweifel, er will dir herzlich wohl, und wenn ich seinen Kummer zu zerstreuen wunsche, kann ich es am besten dadurch, dass ich einige Bilder und Scenen aus seinem romischen Aufenthalte vor seine Seele fuhre. Er erheitert sich dann und spricht mit Vergnugen von jener Zeit aber das Alles sehr ruhig, und ohne dass die geringste Verlegenheit oder hohere Warme auf eine lebhaftere Empfindung schliessen liesse. Vergiss aber nicht fur meine und deine Erwartungen, und fur das kunftige Gluck unsers Freundes, dass die Wunde seines Herzens noch frisch und durch die Art des Verlusts seiner Geliebten wirklich schrecklich ist. Zudem ist er einer von jenen beneidenswerthen Schwarmern, die sich mit einem seligen Wiedersehen nach dem Tode schmeicheln konnen. Fur ihn ist seine Larissa nicht todt, sie ist nur vorangegangen, und so muss er ihr wohl die Treue bewahren. Doch ungeachtet dieser und mancher andern Schwarmereien, die er mir aus den Lehrsatzen der Christen genommen zu haben scheint: lass nur einige Zeit verfliessen, bis die Neuheit des Eindrucks sich verliert; lass die Reize deines angenehmen Umganges seinen Verstand beschaftigen, sein Gemuth erheitern, lass ihn den Zauber deiner Schonheit empfinden und die Liebe zu einem leeren Schattenbilde wird der Gewalt der Gegenwart weichen.
Tiridates bringt dir diesen Brief. Er freut sich sehr, dich wieder zu sehen, so sehr, dass, warest du weniger, was du bist, ich beinahe besorgt seyn musste. Er hat mir versprochen, dich und deinen Vater zu bereden, dass ihr mit ihm zu mir herauskommen sollt, und so erwarte ich denn in wenigen Tagen das allein ungetrubte Gluck der Freundschaft in deinen Armen zu geniessen. Leb' wohl!
40. Agathokles an Phocion.
Nikomedien, im Marz 302.
Die Friedenshoffnungen haben sich zerstreut, und der Kampf beginnt auf's Neue. Das Heer hat Befehl aufzubrechen, und ich gehe mit Tiridates, unter Galerius Fahnen zu dienen. Die Zurustungen sind mit eben so viel Klugheit als Anstrengung gemacht. Galerius hat unumschrankte Macht, und es ist zu hoffen, dass dieses Jahr etwas Entscheidenderes vorgehen werde. Immer ist es Gewinn fur den Gang her Angelegenheiten, wenn der hochste Wille, die Macht und die Ausubung sich in Einem Punkte vereinigen. Wir ziehen an das Ufer des Euphrats, dort wird wahrscheinlich der erste Schlag geschehen. Ich folge diesmal dem Heere nicht blos aus Pflicht, sondern auch in der Hoffnung, strenge Beschaftigung, und in derselben Aufheiterung zu finden. Einsamkeit und Musse sind nicht fur ein Gemuth, das in dieser Stille nur an Trauer und Verlust zu denken hat.
Eine viel versprechende, sehr anziehende Bekanntschaft habe ich noch in diesen Tagen gemacht. Apelles, den ein Befehl seiner Vorgesetzten nach Apamaa zuruckrief, fuhrte mich vorher zu dem Bischofe von Nikomedien, Eutychius. Ich fand an ihm einen Mann, che Wurde wohl zu vereinigen weiss. Ich errieth Apelles Wunsch, Eutychius sollte vollenden, was er begonnen hatte. Noch kann ich nicht urtheilen, ob diese Wahl gut getroffen ist; aber das offentliche Zeugniss und Apelles Meinung sprechen fur Eutychius. Als ich zum zweitenmal bei ihm war, trat ein junger Mann, ungefahr von meinem Alter, ein. Eine hohe mannlich schone Gestalt, Kraft, fester Wille, beinahe Harte, sprach aus den bedeutenden Zugen, den schmalen festgeschlossenen Lippen; nur in manchem Blick, in manchem Aufschlag der grossen blauen Augen lag ein zarter edler Ausdruck, der hochst anziehend den festen Ernst des Ganzen milderte. Der Sohn des abendlandischen Casars Constantin sagte der Bischof, als er mich ihm vorstellte, und auch ihm meinen Namen, nebst einigen Umstanden von mir, sagte. Ein forschender Blick, doch nicht ohne freundliche Gute, schien mein Innerstes durchschauen zu wollen, ubrigens nahm er mich sehr anstandig auf. Der Bischof wurde abgerufen, Constantin blieb mit mir allein. Er sprach wenig, aber gut. Du weisst, ich bin nie sehr gesprachig, am wenigsten mit Hoheren: doch selbst das Wenige, was zwischen uns geredet wurde, reichte hin, uns einander achtungswerth und bekannter zu machen, als man es sonst gewohnlich in der ersten Unterredung wird. Als der Bischof zuruck kam, fand er uns in einem Gesprach uber Gegenstande, die in der jetzigen Zeit Jedem wichtig seyn mussen, der nicht blos fur den Augenblick lebt. Constantins Unterhaltung straft den ersten Eindruck, den seine Gestalt macht, nicht Lugen, sie halt mehr, als jener verspricht.
Wir haben uns seitdem ofters gesehen, und werden es kunftig noch mehr; denn er ist von seinem Vater dem Schutze und Befehl des Casar Galerius ubergeben, und wir werden den Feldzug zusammen machen. Diese Aussicht ist ein Reiz mehr fur mich, Nikomedien, seine Musse, und seine Verhaltnisse bald zu verlassen. Ich stehe mit einem tief verwundeten Herzen seltsam unter Menschen, die eine solche ganzliche Umstaltung des Innern fur Schwarmerei halten, und nicht begreifen konnen, dass unmoglich mehr Alles so seyn kann, wie vor anderthalb Jahren. Diese Forderungen, so leise sie angedeutet werden, fuhle ich doch, und sie drucken mich, besonders dort, wo ich uberall kein Recht zu Forderungen sehe, sie entleiden mir den Umgang, den ich sonst gesucht haben wurde, und verschliessen mir die kleine Aussicht, die ich fur Erheiterung und Zerstreuung vor mir sah. O dass die glucklichen, leichtherzigen Menschen so schwer die Bedurfnisse eines trauernden Gemuthes ahnen konnen! Ihnen ist nur dort wohl, wo Alles so leicht, so schwebend ist, als in ihrem Innern! Was diesem behaglichen Zustand widerspricht, was ihn zu storen droht, fliehen sie aus einer Art von naturlicher Antipathie, und glauben an kein tieferes Gefuhl, als das, was sie begreifen konnen. Es wird mir sehr wohl seyn, wenn ich einmal die Stadt im Rucken haben, und mit Constantin und Tiridates dem kraftig wechselnden Spiel des Lebens im Lager zueilen werde. Du lebe recht wohl, und sieh mir freundlich nach, wenn in den gerauschvollen Stunden, die meiner jetzt warten, meine Briefe seltener und kurzer seyn werden.
41. Eneus Florianus, Centurio der Leibwache des
Casars Constantius, an Constantin.
Eboracum1, im Marz 302.
Wenn ich dein Herz nicht kennte, und von der Billigkeit sowohl, als dem Ernste deiner Denkungsart uberzeugt ware: so wurde ich gewiss Bedenken tragen, ich, der Mann, den Jungling, der Lehrer den Zogling, zum Vertrauten einer Angelegenheit zu machen, die sonst nur der junge Mann mit seines Gleichen auszumachen haben sollte.
Noch mehr sollte mich die Rucksicht abhalten, dass du selbst, obgleich in der Bluthe der Jugend, und mit allen Anspruchen auf ein Gluck begabt, dem, in deinen Jahren, so Manches aufgeopfert wird, dies nie dafur erkannt, und den Neigungen von einer weicheren zartlicheren Art nie Eingang in deine. Seele gestattet hast. Doch, mit aller dieser Kalte gegen die Liebe weiss ich doch dein Herz der Freundschaft fahig, und so lege ich meine Sorgen und mein Bekenntniss offen in deine Hand.
Du wirst dich des Asinius Ponticus erinnern, den seine Geschafte oft mit uns in Verbindung brachten. Als du Britannien verlassen, und mein Herz und meine Zeit ode gemacht hattest, besuchte ich zuerst und seine Frau waren Heiden, aber rechtliche und einfache Menschen; sie erzogen eine Pflegetochter, Valeria, ein liebliches Geschopf auf der Grenze zwischen Kind und Jungfrau, mit grosser Sorgfalt und Liebe. Des Schulmeisterns gewohnt, zog ich bald dies Kind an mich, und es war mir eine angenehme Beschaftigung, dieses empfangliche Gemuth zum Guten zu bilden. So vergingen drei. Jahre in ungestorter Ruhe; aber unbemerkt war wahrend meinen Anweisungen das Kind ganz verschwunden, und die Jungfrau stand bluhend, verschamt und bedeutend vor mir. Es waren andere Regungen, die nun mein Herz gegen sie bewegten, und ich fuhlte die Nothwendigkeit, hier mit Ernst und Festigkeit abzubrechen. Aber bei dem ersten Versuche entdeckte ich, dass auch das ihrige sich seiner bewusst zu werden anfing, und dass Dankbarkeit, taglicher Umgang, und das uberstromende Bedurfniss, sich innig an ein theures Wesen anzuschliessen, alle edleren Neigungen desselben auf den nachsten Gegenstand, den uberraschten Lehrer, geheftet hatten. Mich hatte in Rucksicht ihrer der grosse Unterschied der Jahre und der Gedanke sicher gemacht, dass ein Mann von meiner Denkart und meinem Betragen keine Anspruche an die zartliche Empfindung eines Madchens von sechzehn Jahren machen konnte. Desto heftiger und tiefer war der Eindruck, den diese Entdeckung in mir hervorbrachte, und ich errothenicht, zu gestehen, dass ich, im achten Lustrum2 des Lebens, Valeriens Gefuhle mit gleichem Feuer erwiederte. Ich erwog ihre Umstande, die ich genau zu kennen glaubte, ich stellte ihr Herz auf mehr als Eine Probe, ich durchspahte jede Falte des meinigen, und nach einer besonnenen Ueberlegung, wie sie dem Manne wohl ziemt, gab ich mich endlich dem reizenden Zuge hin, der mit jedem Tage mich fester an das holde Madchen, sie inniger an mich band.
Ich dachte nun darauf, sie ganz fur mich zu bilden, das heisst, ich versuchte in dem heiligen und wichtigen Punkte meine Ueberzeugung zu der ihrigen zu machen. Ihr kindlich frommer Sinn kam mir auf halbem Wege entgegen, und machte mir das Vorhaben, sie in die Geheimnisse unserer Religion einzuweihen, zum anziehendsten, aber auch zum bindendsten Geschafte. Nun erst, als unsre Seelen zu Einem erhabenen Wesen emporstrebten, und sie Theil an allen Segnungen nahm, die das schone Vorrecht der Christen sind, nun erst fuhlte ich mich innig und untrennbar mit ihr vereinigt, und jetzt entdeckte ich den Eltern meine Wunsche. Der Schrecken, mit dem Asinius meine Bewerbung aufnahm, zeigte mir schnell mein Ungluck. Valeria war nicht die Tochter eines seiner Verwandten, wie ich und die Welt bisher geglaubt hatten, und ihre Geburt, der Stand ihres Vaters, der noch lebte, von solcher Art, dass es eben so unmoglich war, ohne sein Wissen uber sie zu bestimmen, als vergeblich, seine Einwilligung zu dieser Verbindung zu hoffen. Diocletian, als er vor achtzehn Jahren auf einem Zuge nach Britannien gekommen war, hatte ihre Mutter, die Tochter eines eingebornen Fursten, kennen gelernt, und g e l i e b t kann man wohl von solchen Empfindungen nicht sagen aber dem Prafekten der Pratorianer, in dem man mit Recht den kunftigen Kaiser ahnete, widerstand vielleicht selten ein Herz oder eine Tugend. Die Furstin starb bei der Geburt des Kindes, und Valeria wurde der gepruften Treue einer Kammerfrau ubergeben. Diese reichte darauf dem Asinius Ponticus ihre Hand, und theilte sich mit ihm in die Liebe und Pflege dieser Verlassenen, die sie den Mangel der Eltern so wenig empfinden liessen. Als Diocletian den Thron bestieg, und ihm Asinius Nachricht von dem Daseyn seiner Tochter, und unbezweifelte Beweise fur die Wahrheit dieser Behauptung sandte, gab ihr der Kaiser den Namen, den er selbst bei der Thronbesteigung angenommen hatte, und befahl, sie in der Stille und unbekannt zu erziehen, bis es ihm gefallen wurde, sie anzuerkennen.
Ich wusste nun mein Schicksal, und beschloss es mannlich zu tragen. Ich entsagte Valerien, und entdeckte ihr die Ursache. Ihre Liebe war starker, als ihre Besinnung. Sie wollte nichts von Trennung wissen, sie war entschlossen, mit mir zu fliehen, und allen schimmernden Aussichten, die ihre Geburt ihr offnete, ohne die geringste Reue zu entsagen. Du wirst nicht fordern, dass ich dir die Kampfe und schmerzlichen Siege dieser Zeit, die so tiefe Spuren in meinem Gemuthe hinterlassen haben, genau schildern soll. Der schwerste aus allen war der gegen Valeriens Liebe und rucksichtslose Aufopferung. Ihre Pflegeeltern sahen die Gefahr, sie furchteten von Valeriens allzuheftiger Leidenschaft vielleicht kuhne Schritte, oder zitterten vor denn Zorn des Augustus Gott weiss, was die Ursache war genug, vor funf Monaten verschwanden sie sammt Valerien plotzlich aus Eboracum, und sehr wahrscheinlich auch aus der ganzen Insel. Wenigstens waren alle meine Nachforschungen, durch deines Vaters Ansehen unterstutzt, vergeblich, und ich habe mehr als Einen Grund zu glauben, dass sie Britannien verlassen haben. Ich wende mich nun an dich. Ich habe alle Hoffnung aufgegeben, aber ich wunschte Valeriens Schicksal zu kennen. Du bist am Hofe des Augustus: o so suche nur zu erfahren, ob blos Besorgniss der Eltern, oder ein unmittelbarer Befehl des Kaisers die Ursache dieser eiligen Flucht war.
Ich bin versichert, dass ich Nachrichten erhalten werde, wenn du selbst dir welche verschaffen kannst. Ich weiss, dass sie zu nichts fuhren werden, denn ich habe entsagt: aber es stort meine Ruhe, nichts von einem Wesen zu wissen, das so innig mit mir verbunden war, das ich als einen Theil meiner selbst betrachte, und an dessen Ungluck ich vielleicht die grossere Halfte der Schuld trage. Das ist es, was mich qualt. Leb' wohl, Constantin, und erfreue mich bald mit einem Brief! Wenn er auch nichts von Valerien enthalt, so finde ich doch dein Herz darin.
Fussnoten
1 In Eboracum, dem heutigen York, war der kaiserliche Palast. 2 Lustrum, ein Zeitraum von funf Jahren.
42. Constantin an Eneus Florianus.
Nikomedien, im April 302.
Es gibt Verhaltnisse im menschlichen Leben, besonders in den hoheren Regionen desselben, die, wie die Flugel des Schmetterlings, von weitem mit schonen Farben prangen, die man aber nicht kraftig anfuhlen und untersuchen muss, wenn nicht der Glanz verschwinden, und ein trubes unscheinbares Gewebe ubrig bleiben soll. Von dieser Art, mein vaterlicher verehrter Freund! ist mein Verhaltniss an dem hiesigen Hofe zu den Menschen, die den nachsten und unmittelbarsten Einfluss auf mein Schicksal haben. Schon lange fuhle ich das, und dass ich es weder dir, noch meinem geliebten Vater entdeckte, war vielleicht Stolz, vielleicht die Erkenntniss, dass diese Entdeckung zu nichts fuhren konnte, als Euch am fernen Ufer der Thamisis uber Umstande zu beunruhigen, die nur der Gegenwartige mit Bestimmtheit durchschauen, und mit Kraft zu seinem Vortheil lenken kann. Dein Brief, in welchem du so Manches von meinem Einflusse zu hoffen scheinst, blast die Asche vom der verborgenen Gluth, und ich zeige dir nun mich selbst, und meine Verhaltnisse, wie sie sind. Mein Vater hat mich dem Schutze, der Sorge des Casar Galerius ubergeben, und leidliche Jahre verstrichen, in welchen er so ziemlich die Rolle eines zwar strenge, aber besorgten Vaters gegen mich behauptete. Auf die Lange wurde ihm entweder die Rolle zu lastig, oder er fand den Pflegesohn nicht ganz so geschmeidig, als er sich im Anfang den unerfahrnen, im Schatten des Privatlebens aufgewachsenen, brittannischen Jungling gedacht haben mochte. Die Sorge verschwand, die Strenge blieb, und aus dem Vater wurde nach und nach ein despotischer Herr geworden seyn, wenn nicht zu diesem Verhaltniss zwei Wesen erforderlich waren: ein Gebietendes, und Eines, das sich gebieten lasst. Der Sohn des abendlandischen Casars fuhlte sich durch Geburt, Natur und Gluck nicht so tief unter dem morgenlandischen; er sah eine ruhmwurdigere Aussicht vor sich aufgethan, als sein Leben im Sonnenschein fremder Hoheit zu verflattern, und sich mit dem hohlen Ansehen, und kindischen Schimmer zu begnugen, mit dem ihn Galerius so schlau als verschwenderisch umgab. Das erzeugte Furcht, und Furcht gebiert den Hass. Galerius hasst mich, aber er furchtet mich auch. Er umgibt mich mit Spionen, es kostet manchmal Nachsinnen und gespannte Aufmerksamkeit, einen Brief von hier aus durch die weiten romischen Provinzen, die seinem Scepter gehorchen, bis nach Eboracum unentdeckt, unerbrochen zu bringen. Dieser ist einer von den glucklichen, der seinen Spahern entgehen wird, und darum enthalte er, was viele seiner Vorganger nicht enthalten konnten.
Du hast in dieser treuen Schilderung meiner Lage zugleich die Ursache, warum es mir nicht moglich war, in deiner Angelegenheit thatig zu seyn. Diocletians vorzuglichste Tugend ist Verschlosseuheit; indess soll die Kaiserin Prisca mit der ehemaligen Konigin des Olymps nicht blos die Eigenschaft gemein haben, die Gattin des Weltgebieters zu seyn, und der Augustus soll sich ofters gezwungen gesehen haben, manche seiner Freuden vor dem Blicke seiner Juno geheim zu halten. Unter diesen Verhaltnissen ist es schwer, Erkundigungen uber eine so verborgene Geschichte einzuziehen, besonders dort, wo jeder Schritt belauscht, und jeder entdeckte zu den unangenehmsten Verwickelungen fuhren wurde. Ich kann nur mit der grossten Vorsicht zu Werke gehen, und Alles, was ich bisher erfahren konnte, ist, dass Asinius Ponticus mit zwei Frauen, die man nicht kannte, bei den letzten Saturnalien in Colonia Agrippina gesehen wurde. Von dort soll er sich nach Mantua gewendet haben. Sobald ich mehr erfahre, wird es mir das theuerste Geschaft seyn, dich zu benachrichtigen, wo ich mich auch immer befinden moge; denn wir brechen in drei Tagen auf, um uns zu dem Heere zu begeben. Dein Vertrauen hat mich sehr geehrt, ich werde desselben wurdig zu bleiben streben, und jede Gelegenheit ergreifen, um dir zu beweisen, wie unausloschlich das Gefuhl ist, das in meiner Brust gegen dich gluht, dem ich die zwei kostlichsten Gaben danke, die der Mensch dem Menschen geben kann freie Liebe, und Anleitung zum Guten. Leb' wohl!
43. Calpurnia an ihren Bruder Lucius Piso in Rom.
Nikomedien, im April 302.
Wenn der Mensch nur nichts erwartete! Wenn man sich nur abgewohnen konnte, der Zukunft mehr zuzutrauen, als der Gegenwart! Aber so sind wir nun. Immer blicken wir in die Ferne, vorwarts, und kein Besitz wirklicher Guter dunkt uns so reizend, als die schimmernden Freuden, die uns von Weitem im magischen Lichte der Einbildungskraft entgegenglanzen. Was ich mir mit recht kindischem Sinne fur Vorstellungen von diesem Nikomedien und den Freuden machte, die ich hier finden wurde! Was ich mir fur Geschichten erzahlte, fur Scenen traumte! Es ist nichts, eitel Nichts. Ich bin hier keinen Augenblick besser daran, als in Rom, schlimmer vielmehr, denn ich bin hier fremd und allein. O wer mir das gesagt hatte, als ich mit frohlichem Muthe in das Schiff stieg, als nur der Abschied von dir mich Thranen kostete, und ich mit hoffnungsreicher Seele die schonen Ufer Hesperiens1 nach und nach verschwinden sah! Ja, das ist's eben, der Mensch ist zur Tauschung geboren. Das wahre Gluck ist nirgends als in seiner Einbildungskraft; in dieser geniesst er es voraus, so darf er es denn von her lauen unbedeutenden Gegenwart sten zu sagen pflegen.
Hier gibt es erstaunlich Viele von dieser Secte; selbst die Gemahlin des Casar Galerius, Valeria, soll dazu gehoren. Das ist auch eine Ursache mehr, die mir den hiesigen Aufenthalt verleidet. Es sind kopfhangerische traurige Menschen, die in den unschuldigsten Vergnugungen Gift finden, und sich aus den unbedeutendsten Handlungen ein Gewissen machen. Auch nur ein Kornchen Weihrauch auf den Altar einer unsrer Gottheiten zu streuen, auch nur einen Bissen Opferfleisch zu essen, ist ihnen ein todeswurdiges Verbrechen. Auch leiden ihn Manche lieber, als sie das thun. Ihr Gott muss ein strenges, eifersuchtiges Wesen seyn. Da lobe ich mir unsre Gotter und Gottinnen. Eine unzahlbare Menge dieser harmlosen Wesen bevolkert Himmel, Erde und Meer. Sie streiten nicht unter einander, sie beneiden einander ihre Opfer nicht, sie nehmen gastfrei jeden Fremdling ihrer Art aus den entferntesten Gegenden unter den abenteuerlichsten Gestalten auf, sey es Zwiebel, Sperber, Affe2, ein Ungeheuer mit hundert Brusten, oder ein Ideal menschlicher Schonheit. Alles dulden sie, jedem gonnen sie ein Platzchen; dafur duldet man auch sie. Glauben kann sie kein vernunftiger Mensch; aber der Pobel bedarf dieses Spielwerks. So lasst es ihm, und thut, was euch euer Herz zu thun erlaubt.
Doch was ereifere ich mich um Dinge, die mich nichts angehen, die ich mir eben aus dem Sinne schlagen will? Ach lieber Bruder! das ist die Wirkung der nikomedischen Luft. Wenn man von nichts als Religionsstreitigkeiten hort, wenn diese Ideen alle andern verschlingen, jedes Gesprach verderben: so wird man zuletzt selbst mit hineingezogen, und nimmt, so ungern man es auch thut, doch endlich Partei, dafur oder dawider.
Auch Agathokles ist von diesem Schwindel ergriffen, und ich furchte fast, er ist weit mehr Christ, als er selbst gesteht. Du solltest ihn jetzt fur die Reinheit und Erhabenheit dieser Lehre, fur die beseligenden Wirkungen sprechen horen, die er sich von ihr fur die Menschheit verspricht! Oft muss ich lacheln, noch ofter argere ich mich, zuweilen gelingt es aber dem Schwarmer, mich fur einen Augenblick hinzureissen. Meinen Vater hat er schon ziemlich auf seiner Seite. Uebrigens hat er nur den Gegenstand gewechselt, und was ihm sonst das alte Rom und die Republik war, ist ihm jetzt das Christenthum, von dessen Verbreitung er sich Ersatz fur jene verlornen Tugenden, und die Anregung aller bessern Krafte im Menschen verspricht.
Uebrigens habe ich ihn sehr verandert gefunden, so verfallen, so bleich, dass ich uber seinen ersten Anblick erschrak. Das hat die Liebe aus diesem Manne gemacht; und sie sollte eine begluckende Empfindung seyn? Nimmermehr! Ich habe nur erst kurzlich noch ein trauriges Beispiel von ihren Verheerungen gesehen, und hatte ich sie je fur etwas Gutes halten konnen, so wurden Sulpicia und Agathokles meinen Wahn heilen. Es sind nun zehn Tage, als Tiridates zu uns kam. Er sieht bluhend und schon aus, schoner als ich ihn je sah, und aus den jugendlichen Zugen strahlt Kraft, Muth und Lebensfreude. Er brachte mir einen Brief von Sulpicien. Ein seltsames Gemisch von anscheinendem Glucke, und geheimer Wehmuth sprach aus ihm. Sie bat mich, sie das einzig u n g e t r u b t e Gluck der Freundschaft geniessen zu machen, und sie zu besuchen. Sie schrieb mir, dass sie zu krank sey, um zu mir zu kommen. Mein Entschluss war schnell gefasst. Mein Vater hatte nicht Zeit, mich zu begleiten. Ich sagte dem Prinzen von Armenien, dass ich am folgenden Tage nach Synthium zuruckkehren wurde; um aber doch nicht ganz allein mit ihm zu seyn, bat ich Agathokles, mich zu begleiten. Der seltsame Mensch! Statt sich durch das Vertrauen geehrt zu finden, das ich auf ihn, und die Achtung, in der er uberall steht, zu setzen schien, wagte er es, einige Bedenklichkeiten gegen die Reise eines jungen Madchens mit zwei unverheiratheten Junglingen vorzubringen, und ergab sich nur, als er mich unerschutterlich und unempfindlich gegen Alles fand, was die Stadt uber mich zu klatschen belieben wurde. Dennoch gefiel mir diese Sorge fur meinen Ruf, die Freimuthigkeit, mit der er sich ausserte, und mehr noch als vorhin fuhlte ich mich, von diesem Augenblicke an, durch seine Begleitung geehrt, und vor jedem ungerechten Tadel geschutzt. O wie liebenswurdig konnte er seyn, wenn er minder vollkommen, minder uberspannt seyn mochte!
Wir reisten nach Synthium. Mich trugen meine Cappadocier3 in einer offenen Sanfte, meine Gefahrten ritten langsam neben mir. Es war ein lieblicher Fruhlingsmorgen, die Gegend um uns freundlich, die Luft lau, der Himmel heiter, Alles zu Lust und Frohlichkeit gestimmt. Scherz und Lachen verkurzte die lange Zeit der Reise, sogar der ernste Freund widerstand nicht dem Zauber, der durch alle Sinne in sein Herz drang; er gab sich dem frohlichen Zuge hin, der ihn mit fortriss; und so kamen wir Alle vergnugt und heiter in Synthium an. Ach, die schone Stimmung verschwand bald! Sulpicia kam uns entgegen, ein Bild des geheimen Grams, in der kurzen Zeit um zehn Jahre gealtert. Nun ward mir auf einmal Vieles klar. Ich war kaum einige Tage in Nikomedien gewesen, als das Stadtgeschwatz mich von einigen neuen Liebesgeschichten des leichtsinnigen Tiridates unterrichtete, und zugleich mit lieblosem Spotte seines a b e n t e u e r l i c h e n Verhaltnisses mit einer e n t l a u f e n e n romischen M a t r o n e erwahnte. Man wusste nicht, wie nahe mich das Verhaltniss anging, sonst wurde man wohl vor mir geschwiegen haben. Hier fand ich die Bestatigung von dem, was ich fruher nicht glauben wollte. Doch muss ich Tiridates die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass er wenigstens in Sulpiciens Gegenwart keinem Tadel unterliegt. Er begegnet ihr mit der zartesten Achtung, und der liebevollsten Aufmerksamkeit. Sie scheint auch vollkommen zufrieden, es entwischt ihr keine Klage, kein Blick, der auf den wahren Zustand ihres Herzens schliessen liesse. Selbst als wir allein waren, und ich sie dringend befragte, gestand ihr Mund nichts, aber eine heftige Bewegung, ein leises Zittern, das ihren ganzen Korper ergriff, zeigte nur zu deutlich, wie sehr sie ihre Lage kennt und fuhlt. Aber gestehen wird sie es nie, so kenne ich sie, und sich lieber in stillem Gram verzehren, als zugeben, dass ihr Schritt, mit Tiridates zu entfliehen, unuberlegt war.
Ich beklage sie herzlich, aber ich kann sie nicht ganz entschuldigen, eben so wenig, als ich ihn ganz verdammen kann. Sieh, lieber Lucius! ich bin billig, ich erkenne alle Eure Untugenden, Schwachen und Laster, aber die Wahrheitsliebe erlaubt mir nicht, alle Schuld auf die mannlichen Schultern (die zwar von der Natur eigentlich darum so stark gebaut scheinen) zu walzen. Sulpiciens Liebe ist nicht die leichte heitere Flamme, die uberall Leben und Freude verbreitet, jedes Verhaltniss verschonert, den gemeinsten Dingen Bedeutung, den entferntesten eine angenehme Beziehung gibt, in deren mildem Schein der Mann sein Leben froh verflattert, und sich selbst in sei- nen Entbehrungen glucklich fuhlt. Ihre Liebe ist ein dunkel loderndes verzehrendes Feuer, das mit eifersuchtigem Stolz jedes Wort, jeden Blick bewacht, aus Allem Gift saugt, und ohne Rucksicht dieselbe grenzenlose Hingebung, dieselbe gespannte Aufmerksamkeit fordert, die sie selbst leistet, und uber die sie sich ein hochmuthiges Zeugniss gibt. Ach, Sulpicia kennt Euer Geschlecht nicht, und hort den Rath derjenigen nicht, deren Erfahrungen sie belehren konnten! Das Weib, das dem Geliebten die ganze Fulle ihrer Liebe zeigt, handelt hochst unklug; diejenige aber, die von ihm eine gleiche Starke und innige Erwiederung fordert, zeigt, dass sie nicht die geringste Menschenkenntniss hat.
Tiridates ist jung, schon, beliebt und gesucht, tausend lockende Abenteuer, tausend uppige Gestalten winken ihm auf allen Seiten, und er soll die herkulische Kraft besitzen, dem Allem zu widerstehen, und aus diesen schimmernden Freudenkreisen freudig und ohne Ruckblick in die Arme seiner krankelnden, verbluhten, verstimmten Geliebten zu fliegen? Wahrlich, das ist zu viel von einem so gebrechlichen Wesen gefordert!
In wenig Tagen wird er zum Heere abgehen; denn der Feldzug ist schon eroffnet. Nun wird Sulpiciens Qual verdoppelt beginnen. Ich furchte mich darauf, sie nach seinem Abschiede wieder zu sehen, wenn Entfernung, Ungewissheit und Furcht ihr ohnehin bewegtes Gemuth in noch heftigere Spannung bringen werden.
Auch Agathokles wird mit ihm Nikomedien verlassen dann bin ich ganz einsam in der grossen menschenvollen Hauptstadt. Er eilt diesmal sehr fortzukommen, es ist, als brennte hier der Boden unter seinen Fussen. Nun wahrlich, von dem Fehler der Eitelkeit, wenn ich ihn je gehabt hatte, wurde ich hier ganz geheilt werden mussen.
Schreibe mir bald und oft, lieber Bruder! Deine Briefe werden eine Liebe, eine hochst nothwendige Abwechslung in das todtende Einerlei bringen, in welchem mein Leben hier dumpf verschleicht. Wahrlich, wenn sich das nicht bald andert, so werde ich meine ganze Munterkeit verlieren, und ein Gegenstuck zu Sulpicien werden. Leb' wohl!
Fussnoten
1 Hesperien, ein Name von Italien. 2 In den agyptischen Tempeln standen Symbole, die unter Thier- und Pflanzengestalten allerlei Andeutungen, und geheimnissvolle Lehren fur die Eingeweihten enthielten. Der Pobel betete sie als Gotter an. Die Diana von Ephesus, als Sinnbild der allernahrenden Natur, wurde als eine hohe Frau mit vielen Brusten vorgestellt. 3 Cappadocische Sclaven wurden zum Tragen der Sanften gebraucht.
44. Agathokles an Phocion.
Hierapolis1, im Mai 302.
Eine morderische Schlacht ist voruber, in der Tausende ihr Leben verloren haben, in der auch mir der Tod furchtbar nahe war, und ohne Constantins heldenmuthige Liebe mich unter die Myriaden seiner Opfer gerissen hatte. Wir sind geschlagen, und stehen am rechten Ufer des Euphrats. Das Lager ist bei Hierapolis aufgeschlagen, ich aber bin meinem Feldherrn, meinem Retter in die Stadt gefolgt, wohin ihn seine Wunde sich bringen zu lassen nothigte, seine Wunde, die er fur mich empfangen hatte. Er schlaft im anstossenden Zimmer, und ich eile dir Bericht von unserem Schicksal und meinem Leben zu geben, damit kein vergrosserndes Gerucht dich beunruhigen, und bei der Gewissheit unsrer Niederlage mein Schweigen dich mit Sorge um mich erfullen moge.
Galerius, der schon das vorige Jahr vergebens auf eine Gelegenheit geharrt hatte, Valerians schimpfliches Ende und die Schmach des romischen Namens durch einen entscheidenden Sieg an den Persern zu rachen, suchte jetzt, vielleicht mit mehr Hast als Klugheit, eine Schlacht zu liefern. Ein ungluckliches Verhangniss hiess ihn die unabsehlichen Sandgefilde von Crassus mit seinen Legionen in dem verratherischen Boden und der gluhenden Hitze seinen Untergang gefunden hatte. War er falsch berichtet, oder traute er sich allzuviel zu, genug, er griff wider den Rath aller seiner Kriegsobersten die weit uberlegenen Perser wuthend an. Das Gefecht wurde heiss, die Romer erkannten die Ueberzahl der Feinde, ihre Gefahr, aber auch die Ehre ihres Namens, und die Schmach, die sie zu rachen hatten. Es wurde mit unerhorter Tapferkeit gestritten, allein der sandige Boden wich treulos unter unsern Fussen, und der Sonne senkrechter Strahl entgluhte unsre Rustungen zur unertraglichen Last. Die Perser, stets durch frische Schaaren ersetzt, erneuten sich unaufhorlich, wie das Haupt der Hydra, und boten unsern muden Armen immer frische Gegner dar. Ihre ganze Macht warf sich auf den Mittelpunkt unseres Heeres, wo Galerius befahl, er wurde durchbrochen, und nun war Verwirrung und Unordnung allgemein. Nur Constantin hatte Besonnenheit und Massigung genug, um seine Schaaren, unverwirrt von dem allgemeinen Larmen, in festgeschlossenen Gliedern gegen die Brucke zu ziehen, die uber den Euphrat fuhrt, und in ihr die Hoffnung unsres Ruckzugs zu erhalten. Die zerstreuten Haufen flohen jetzt in wilder Hast dem Strome zu, und Viele fanden in den Fluthen ihr Grab. Tiridates, auf den, als die Hauptursache des Krieges, jeder Perser seine Aufmerksamkeit gerichtet hielt, und der, zu stolz eine unruhmliche Sicherheit durch Verkleidung zu erkaufen, an Waffen, Helmbusch und der Heroengestalt vor Allen kenntlich, auch jetzt noch durch die Reihen sprengte, und erhielt, was noch zu erhalten war, sah sich auf einmal allein von einem grossen Trupp Perser umringe. Widerstand war nicht moglich. Er gab dem Pferd die Sporen, und sprengte an den Euphrat3. Die Feinde hatten ihn ereilt, keine Rettung blieb als in den Wogen. Er sturzte mit der ganzen Rustung in die schaumende Fluth, ich hielt ihn fur verloren, aber mit Riesenkraft kampfte er gegen das Element, und erreichte das ziemlich ferne Ufer, wo ihn die Unsrigen mit lautem Freudengeschrei empfingen. Jetzt suchten die Perser unserm kleinen Haufen den Uebergang zu erschweren, aber Constantin vertheidigte die Brucke mit eben so viel Besonnenheit als Muth. Da sprengte der Anfuhrer der Feinde heran, Constantins schlichte Rustung mochte ihn getauscht haben, er hielt mich fur seinen Gegner, und in der Hoffnung, die Spoliae optimae4 zu erbeuten, zuckte er sein Schwert uber mich. Ich stand abgewendet, der gewaltige Streich hatte mich todten mussen, wenn nicht Constantin mit Schild und Arm ihn aufgefangen hatte. Im Augenblick der Rettung erst erkannte ich meine Gefahr, ich wandte mich, und mein Schwert rachte die Drohung, und Constantins Wunde. Der Perser fiel, die Seinigen zerstreuten sich, wir sprengten ungehindert uber die Brucke, die sogleich hinter uns abgeworfen wurde, und erst hier, als wir von unsern Pferden sprangen, fand ich den Augenblick, meinem Retter zu danken. Auch er fuhlte erst jetzt seine Wunde, und sank halb ohnmachtig in meine Arme. Wir hielten uns fest umschlungen. Du bist mein, rief er, ich habe dich mit meinem Blute erkauft. Ich druckte ihn an mein Herz; unsre Seelen, nicht unsere Lippen, schwuren sich ewige Treue. Ich trug ihn aus dem Gewuhle, seine Leute eilten herbei, und was Liebe und Ergebenheit ersinnen konnte, wurde aufgeboten, um seinen Zustand zu erleichtern. Seine Wunde ist tief, aber nicht gefahrlich. Ich lebe um ihn, ich schlafe an seiner Seite, tausend kleine Bande knupfen uns jeden Tag fester, und mein Herz offnet sich willig und freudig erhebenden Gefuhlen, Aussichten und Planen, die Constantins Verhaltnisse, seine Denkart, seine Freundschaft fur mich mir in schonerer Zukunft zeigen. In weit umfassenden Entwurfen fur die Menschheit verliert sich die Rucksicht auf einzelnen Schmerz, und vor dem lauten Rufe der Pflicht fur's Ganze verstummt die Stimme bitterer Erinnerungen, wenigstens in so langen Zwischenraumen, dass der Geist Zeit und Kraft gewinnt, um den Satz deutlich zu erkennen, den man in guten Stunden so leicht ausspricht, und in truben so schmerzlich zugibt, den Satz dass Gluckseligkeit nicht der Zweck des Einzelnen sey, und seine vielen Entsagungen und geringen Anspruche darnach einzurichten.
Fussnoten
1 Hierapolis, eine Stadt am rechten Ufer des Euphrats. Die Schlacht, welche hier beschrieben wird, findet sich beinahe mit allen Umstanden der wirklich geschichtlichen Personen (Constantin ausgenommen) in dem 13. Kap. von Gibbons Geschichte. Dass ich sie von dem Jahre 296 auf 302 verlegt habe, wird man in einem Romane wohl verzeihen. 2 Geschichtlich. 3 Geschichtlich. 4 Spoilae optimae, wurde die Rustung des feindlichen Heerfuhrers genannt.
45. Constantin an Eneus Florianus.
Hierapolis, im Junius 302.
Vielleicht hat das tausendzungige Gerucht meinen geehrten Vater, und dich, meinen vaterlichen Freund, mit dem Unglucke und der Niederlage unseres Heeres bekannt gemacht, ehe dieser Brief den weiten Raum zwischen den Ufern des Euphrats und der Tamasis zurucklegt. Auf jeden Fall werden die amtlichen Berichte des Diocletian und Galerius meinen Vater schon weitlaufig von allen Umstanden dieser unseligen Begebenheit unterrichtet haben; ich enthalte mich also aller naheren Beschreibungen. Und die Ursache unseres Unglucks? Die Unzufriedenheit der Offiziere und Soldaten flistert sie sich leise in's Ohr. Ich werde sie Niemand nennen, als meinem Vater und dir, denn nur Ihr kennt mich so, dass naturlicher Widerwille gegen einen heimlichen Feind die Stimme der Billigkeit nicht in mir ubertaubt. Ich war Zeuge, Teilnehmer der Schlacht. Nur ein sturmisch heftiges Gemuth, wie Galerius, konnte durch das Andenken an alte Schmach so erhitzt werden, um mit einem ungleich schwacheren Heere und in ungunstiger Stellung anzugreifen. Jetzt bereitet der stolze Perser die schimmernden Gezelte weit diesseits der Gegend aus, wo vor einem rechten Ufer des Euphrats.
Diocletian, der sich zu Anfang des Feldzugs in Antiochien aufhielt, ist jetzt nach Nikomedien zuruckgegangen. Er hat den Casar die ganze Schwere seines Zornes fuhlen lassen1. Zu Fuss im Purpur, der in diesem Augenblick den Stachel des Schimpfes scharfte, musste der stolze Galerius eine Stunde weit dem Wagen des Kaisers folgen. Es ware thoricht und anmassend von einem Junglinge, das Verfahren verstandiger Greise, deren gemeinnutzige Klugheit achtzehn gluckliche Jahre bewahrt haben, laut tadeln zu wollen. Doch kann ich nicht bergen, dass mir diese ausserordentliche Bestrafung, die mehr von einem Durst nach Rache, als einer weisen Absicht zu bessern zeigt, nicht in Diocletians gewohnlichem Charakter zu liegen scheint. Entweder hat ihn seine Kranklichkeit reizbarer gemacht, oder es hat der List und den Ranken gelungen, die langgenahrten Funken der Zwietracht endlich in eine helle Flamme ausbrechen zu machen. Galerius ist schlau und stolz genug, um seine Demuthigung mit Gelassenheit zu ertragen, und vor der Welt durch Unterwerfung unter den Willen seines Augustus sie als eine vaterliche Zuchtigung minder entehrend scheinend zu machen. In ihm kocht Rache und Wuth. Er hasst den Augustus, er hasst auch mich, und ich kann Diocletian eben so wenig lieben, wie er. So stehen wir einander entgegen, Jeder gerustet, Jeder misstrauisch, Jeder im Andern seinen Untergang befurchtend.
In solchen Verhaltnissen ist der Gewinn eines offenen treuen Freundes grosser und bedeutender als je. Ich habe mir einen erworben. Es ist ein junger Nikomedier, den ich im Hause des Bischofs kennen lernte. Sein Aeusseres, der Geist, der sich in seinen Reden zeigte, gewann ihm meine Achtung; jetzt hat im genauern Umgange seine Denkart meine Liebe erworben. Er ist auf dem Wege, ein Christ zu werden, in seinem Kopfe ist Raum fur viel umfassende Plane, in seiner Brust Liebe und Muth genug, sie auszufuhren. Ich suche ihn an mich zu ketten. Doch wozu dies absichtsvolle Wort? Unsre Herzen finden und verstehen sich von selbst. In der letzten Schlacht hat gleiche Gefahr im Sturm des Gefechts unsern Freundschaftsbund, wie ich hoffe, unaufloslich geknupft. Er ist mein, ich sage es mit Stolz und Liebe, ich habe ihn mir erworben, und ich glaube in jedem Fall auf ihn zahlen zu konnen.
Noch muss ich meinen Vater und dich um Nachsicht bitten, dass dieser Brief so spat, so lange nach den Geruchten der Schlacht vor Euch kommen wird. Ich war verwundet, nicht betrachtlich, doch so, dass es mich einige Zeit im Schreiben hinderte. Dieser lange Brief und meine Versicherung sollen Burge fur meine vollkommene Herstellung seyn.
Fussnoten
1 Die Hauptzuge dieser Begebenheit sind ganz nach Gibbon.
46. Agathokles an Phocion.
Nikomedien, im August 302.
Du wirst erstaunen, mitten im Laufe des Kriegs, wo du mich beim Heere vermuthest, einen Brief von mir aus Nikomedien zu erhalten. Ich bin seit gestern hier, und erwarte alle Augenblicke abgesandt zu werden. Eine seltsame, eine glanzende Reihe von Begebenheiten hat sich in den letzten Tagen zusammengedrangt, und mich aus dem Dunkel meiner Lage hervorgerissen. Dir zu erzahlen, wie rasch, wie erschutternd, wie erhebend Alles auf einander folgte, soll die Beschaftigung meiner Musse seyn, wahrend ich in einem Gemache des kaiserlichen Palastes auf meine Abfertigung warte.
Eingedenk der erlittenen doppelten Schmach sann Galerius im finstern Gemuth darauf, durch einen entscheidenden Schlag dem ubermuthigen Perser die verspottete Macht der romischen Heere, und dem ungerechten Augustus den Werth desjenigen, den er straflos beleidigen zu konnen geglaubt hatte, mit nie empfundenem Nachdruck zu zeigen. Er entwarf einen kuhnen, aber grossen Plan. Menschenleben und Forderungen der Natur kamen nicht in Anschlag: sein Weg ging uber sie hin. Durch Sandwusten und unwirthbare schen und erstaunenswurdiger Eile bis in die Gebirge Armeniens, und stand auf einmal weit uber und hinter den nichts ahnenden Persern jenseits des Euphrats. Die Erfahrungen dieses Marsches werden mir ewig im Gedachtnisse bleiben. Sie waren hart, aber gross und erhebend. Constantin, kaum von seiner Wunde so weit hergestellt, dass er die Bewegung des Reitens vertragen konnte, Tiridates zu Pracht und Wollust erzogen, selbst Galerius, den Alter und Wurde von den grossern Beschwerden des Kriegesdienstes freisprach, trugen, duldeten und entbehrten, wie die gemeinsten Krieger. Ihr Beispiel ermunterte das Heer, und willig und muthig folgte der Soldat dem Fuhrer, der nichts vor ihm voraus hatte, als die grossere Sorge fur die ihm untergebene Schaar. Es war ein romisches Heer, es war eines Imperators, wurdig der vergangenen bessern Zeiten, und freudig erhob sich der Geist im Anblick dieser kraftigen Gemuther, dieser Anstrengungen zu einem grossen Zweck, dieses Verschwindens kleiner Absichten vor dem gemeinen Wohl. Mit Achtung und Freude sah ich Tiridates handeln, mit Ehrfurcht und Liebe meinen Constantin, mit Bewunderung den betagten Casar.
Ein empfangliches Gemuth wird durch solche Beispiele unwiderstehlich hingerissen, und oft erwachen Krafte in ihm, die er vorher selbst nicht kannte. So gross ist die Macht des Guten und der Tugend! Kundschafter hatten das persische Heer von unsrer Annaherung unterrichtet, es wandte sich uns eilig entgegen, aber es vermuthete uns nicht so nahe. Unbesorgt um eine Gefahr, die sie entfernt glaubten, schlugen sie in der Nacht ihre Gezelte auf, und ruhten von den Beschwerden zweier Tagemarsche aus. Dies hatte Galerius erwartet. Ein Angriff in, der Nacht ist fur die Perser eine halbe Niederlage1. Ihre Pferde stehen abgesattelt, angebunden, sie selbst, mit dem Tross und Geschleppe der Bequemlichkeit und Wollust im Lager uberhauft, konnen sich nicht frei bewegen. Constantin erhielt den schwersten Posten. Ihm den grossten Theil des Ruhms zu lassen, war der schone Vorwand, unter welchem der Casar ihm wenige Stunden vor der Schlacht seine Instruction ubergab; vielleicht mochte eine gehassigere Absicht zum Grunde liegen. Beim Einbruche der Nacht nahte sich Constantin schweigend und ernst, wie sie, von einer kleinen treuen Schaar, die er sich selbst erlas, begleitet, dem Lager der Perser. Wir erstiegen den leichten Wall, der es umgab. Niemand horte uns. Die aussern Wachen fielen lautlos unter unsern Streichen; mit Besonnenheit und Vorsicht drangen wir vorwarts, als jetzt auf zwei Seiten, der Verabredung gemass, Tiridates und Galerius mit wildem Getose von Aussen das Lager sturmten. Auf einmal war Verwirrung und Larmen allgemein, und die Perser, die sich nur gegen einen aussern Feind vertheidigen zu mussen glaubten, sahen ihn auf einmal in ihrer Mitte. Die Niederlage war vollkommen. Das ganze Lager, alle seine Schatze, eine Menge Gefangener, und unter diesen die Frauen des Narses wurden unsre Beute. Narses selbst entkam verwundet und nur muhsam den Handen des kuhnen Tiridates, der ihn wuthend verfolgte. Erst der anbrechende Tag zeigte unsern ganzen Sieg, die ganze Niederlage der Perser. Aber auch von den Unsrigen waren viele gefallen. Der Tribun der Cohorte, unter der meine Centurie stand, sank an meiner Seite; ich ubernahm seine Stelle in der entscheidenden Nacht. Am Morgen gefiel es meinen Gefahrten, mich auf dem Wahlplatze zum Tribun zu erwahlen. Ihr Zeugniss war ehrenvoll. Constantin erhielt vom Casar, den Siegeslust und gestillte Rache milder machten, die Bestatigung dieser Wahl, und den Vorzug fur mich, als Siegesbote nach Nikomedien gesandt zu werden.
So bin ich mitten in der vorigen Nacht, wenige Tage nach dem Gefecht, in ununterbrochenem Jagen hier angekommen. Der Kaiser liess mir befehlen, offentlich einzuziehen, und schickte eine Abtheilung der Jovianer2, Offiziere und Soldaten in schimmerndem Schmucke, um mich abzuholen, und zu begleiten. Ich bin kein Freund von offentlichen Schaustellungen; diesmal indess benahm die allgemeine Wichtigkeit der Botschaft diesem Auftrag einen Theil seiner Unannehmlichkeit. Ganz Nikomedien hatte sich vor die Thore und in die Strassen ergossen, um den Siegesboten zu sehen; mancher Jugendgespiele, mancher alte Bekannte, den Freude und Neugier herbeigelockt hatte, bewillkommte mich freundlich unter dem frohlockenden Haufen, der dem Augustus und dem siegreichen Casar laut zujauchzte. Mein Herz war erweitert und angenehmen Eindrucken geoffnet. Von der Terrasse3 ihres Hauses begrussten mich Calpurnia und ihr Bruder. Eine seine Rothe uberzog ihr Gesicht, als ich ihren freundlichen Gruss mit Achtung und Freude beantwortete. Mir war wohl, ich gab mich dem schonen Zauber hin, der mich umfing, bis im Palast des Kaisers die orientalische Despotenpracht mein Herz beklemmend einengte. Ich kam von einem romischen Heere, gesandt von einem Imperator, der, wurdig der bessern Vergangenheit, nichts als der erste Krieger seines Heeres war ich war Zeuge, Genosse jener Anstrengungen und Entbehrungen gewesen und wie eine Last druckte das goldne Getafel, die schimmernden Wande, die Pracht, die sich um einen Einzigen hier aufthurmte, auf meinen Geist. Die Gegenwart des Proconsuls im Gemache des Kaisers verschaffte mir eine Art von Erquickung. Der Augustus horte mich g n a d i g an, und ich muss mir gestehen, dass der durchdringende Verstand, das scharfe Urtheil, die vollkommenen Kenntnisse, die er in diesem Gesprache ausserte, mir unwillkuhrlich Achtung abzwangen, und mich zum Theil meinen Widerwillen gegen seinen Hochmuth vergessen machten.
Sehr verbindlich erkannte er meine Beforderung zum Tribun an, und fugte noch ein kostbares Geschenk hinzu. Warum musste er das thun? Warum mussen die Grossen jeden Dienst, der dem Vaterland geschah, a b z a h l e n , und mit einem Geschenk, das, wie gross es auch fur den Beschenkten seyn mag, dem Geber nichts mehr gilt, als ein Sandkorn, das ihm unbewusst von dem aufgethurmten Haufen seiner Guter herabrollt!
Lucius Piso behandelte mich mit Liebe und Achtung, er lud mich zu sich, ich nahm es gern an, denn ausser meinem Vater habe ich ja sonst Niemand mehr in Nikomedien, der an meinem Schicksal Theil nimmt, dem ich Etwas bin als sein Haus. Mein Vater empfing mich mit grosser aber prunkvoller Freude, und bedauerte nur, dass die kurze Zeit meines Aufenthalts ihm nicht gestattete, die glanzendste Begebenheit seines Hauses durch ein Fest zu feiern; doch nahm er sich vor, das Versaumte nachstens nachzuholen. Ich widersprach nicht, und bemuhte mich in Allem, was er that und sagte, nichts als die vaterliche Liebe zu sehen, die seinen Aeusserungen zum Grunde lag, die nur die Farbe seines Charakters trug. Er war so vergnugt; wie hatte ich ihm widersprechen konnen? Er liebt mich, und ist das nicht das Beste, das Schonste, was der Mensch dem Menschen geben kann?
Der Proconsul kam mir schon im Atrium mit Calpurnien und seinem Sohne entgegen. In die herzliche Freundschaft ihres Betragens mischte sich eine zarte Achtung, die, statt uns einander fremd zu machen, den Aeusserungen gegenseitiger Zuneigung einen hohern Reiz gab. Die Scheidewand, die Mann und Jungling trennt, schien heute zwischen dem Vater und mir gesunken, Calpurniens Bruder behandelte mich mit achtungsvoller Freundschaft, und sie hochst sittsam, beinahe matronenmassig gekleidet, und in heiterer Gesprachigkeit gleich weit von Anspruchen entfernt, schien mir ganz liebenswurdig. Ich war vergnugt, und kein Misston storte die stille Harmonie meiner Seele. Nach Tische entschlupfte uns Calpurnia unbemerkt. In einer halben Stunde liess sie uns rufen. Eine junge Sclavin in Nymphentracht fuhrte uns durch mehrere Gemacher und Gallerien bis in einen Saal des Hintergebaudes. Wir traten hinein, eine liebliche Dammerung und susse Dufte umfingen uns. Am Ende des Saales war eine Art Buhne, blos durch bluhende Orangenbaume und Blumengewinde gebildet, und auf eine wunderbare Weise durch Lampen erleuchtet, die selbst verborgen nur durch ihre zauberische Wirkung bemerkbar wurden. Eine angenehme Musik ertonte, und Calpurnia in einem Anzuge, der die ganze Schonheit ihrer Gestalt zeigte, ohne dem strengsten Sittenrichter Anlass zum Tadel zu geben, schwebte, von Nymphen begleitet, als Venus Urania herein. In einem sinnreichen Tanz druckte sie die Gesinnungen aus, die ihr als dieser Gottin zukamen. Die Nymphen brachten ihr Lilien und Orangenbluthen, sie wand weisse Kranze als Sinnbilder der Unschuld daraus. Mitten in diesen Beschaftigungen ertonte von fern und immer naher und naher dieselbe kriegerische Musik, die mich heute bei meinem Einzuge in die Stadt begleitet hatte, und in dem gleichen Augenblicke gaukelte eine Schaar Liebesgotter aus den Gebuschen hervor. Kranze von Rosen, die sie trugen, Kocher und Pfeile, Schalkheit und Muthwille charakterisirten sie als die Kinder der gewohnlichen Cythere. Unwillig empfing sie Urania. Sie bedeuteten ihr, was diese Musik anzeige, wer komme, und dass sie dem Zuge entgegen eilen wollten. Urania schien ihr Vorhaben zu missbilligen, sie zu warnen. Die Knaben eilten achtlos fort, aber nicht lange, so kamen sie die Kranze zerrissen, Pfeil und Bogen zerbrochen zuruck, schienen Uranien zu klagen, wie ubel sie empfangen worden waren, und entflohen endlich auf ihr strenges Geheiss. Jetzt sandte sie ihre Nymphen mit den weissen Blumenketten ab, sie entschwebten in einer lieblichen Gruppe, und Venus Urania druckte in einem pantomimischen Tanze ihre Erwartung und Ungeduld, wie diese Sendung aufgenommen werden wurde, aus. Auch diese Madchen kamen traurig zuruck, sie hatten ihre Kranze noch unversehrt, aber sie druckten in ernsten mitleidigen Stellungen aus, dass auch ihre Geschenke keinen Eingang in ein traurendes Herz gefunden hatten. Geruhrt und mitleidsvoll setzte nun die Gottin sich auf einen Rasensitz und schien nachzusinnen. Plotzlich sprang sie wie begeistert auf, winkte den Nymphen, enteilte mit ihnen, und indess die Musik des Marsches fortwahrte, kam sie, jedes Zeichen der Venus Urania abgeworfen, geharnischt und behelmt, als Gottin Roma4 zuruck. Die Victoria in der Rechten, einen Lorbeerkranz in der Linken haltend, und von ihren Nymphen begleitet, eilte sie gerade auf mich zu, und erhub die Hand, um mir den Kranz aufzusetzen. Ich war betroffen, geruhrt, erschuttert, und indess eine wehmuthige Erinnerung, durch die Pantomime der zuruckkehrenden Nymphen erregt, mein Innerstes durchzuckte, schlang so viel schmeichelnde Gute, so viel herzliche Achtung sich trostend und milde um mein Herz. Aber ihren Kranz konnte nur die Eitelkeit annehmen. Ich wich zuruck, ich wollte ihre Hand ergreifen da umringten mich die Begleiterinnen, und indem ein Chorgesang anfing, der mir sagte, dass nicht die Liebe, nicht die Freundschaft, nur das Vaterland mich lohnen konnen, und ich starr und wie bezaubert dastand, wand sie mit beiden schonen Armen mir das Lorbeerreis um's Haupt. Nun eilten Vater und Bruder auf mich zu der Chorgesang erhub sich lauter im Einklange mit der kriegerischen Musik, ich fuhlte Thranen in meinen Augen, ein theures verklartes Bild schwebte freundlich vor mir, und im Gedrange so viel gemischter Empfindungen gab ich mich willenlos dem schonen Eindruck hin, den das Ganze auf mich machte, und der mein Herz nicht verfehlen konnte. Calpurnia ergriff meine Hand, und fuhrte mich an die Thure, sie offnete sich, wir standen im Garten, der im Abendschimmer duftend und glanzend vor uns lag. Jetzt erst beim Tageslichte sah ich, wie schon sie im Helm und Harnisch ein zauberisches Mittelwesen zwischen Venus und Pallas war. Sie behielt ihren Anzug, sie mochte wohl, wissen, warum ubrigens blieb sie sich gleich, heiter, freundlich, anspruchslos, und schien den Sinn ihres bedeutungsvollen Schauspiels ganz vergessen zu haben. Ich konnte das nicht, und so war es mir lange nicht moglich, den Ton zu finden, in welchem ich mit diesem seltnen, gefahrlichen und doch achtungswurdigen Wesen sprechen sollte. Eben fing ihre Unbefangenheit an, mir die meine wiederzugeben, als der Befehl des Augustus mich abrief vielleicht sehr zur Zeit.
Noch diese Nacht reise ich ab, und werde Nikomedien so bald nicht wieder sehen. Ich denke, das muss ich denn es ist nicht gut, in gewissen Umgebungen viel zu seyn, wenn man bestandig weder darin seyn kann, noch will. Was in mir vorgeht, und welchen Eindruck die heutigen Scenen in mir hinterliessen, sollst du aus dem Lager horen.
Fussnoten
1 Ebenfalls geschichtlich, so wie die Folgen dieser Schlacht, Narses Verwundung, und der durch den Apharban geschlossene Frieden. 2 Jovianer und Herkulianer waren die Benennungen zweier illyrischen Legionen von geprufter Treue, welchen Diocletian, um den Uebermuth der Pratorianer zu massigen, den Dienst der Leibwachen ubertrug. 3 Die Hauser im Orient hatten, und haben noch grosstentheils platte Dacher, die in den kuhlen Stunden zum Luftschopfen und Spazierengehen dienen. 4 Rom hatte seine eigene Gottin, der unter diesem Namen Tempel erbaut wurden. Sie wurde verschieden abgebildet, unter andern aber auch mit einer Victoria in der Hand.
47. Calpurnia an Sulpicien.
Nikomedien, im August 302.
Ich habe einen hochst genussreichen schonen Tag durchlebt, meine liebe Sulpicia! und mein volles Herz drangt mich, meine Freude in den Busen meiner Freundin zu ergiessen. So herrlich der Tag war, so lieblich ist sein Abend und ich habe, um ihn recht mit allen Sinnen zu geniessen, mir das Schreibgerathe auf das platte Dach unsers Hauses bringen lassen, das nach orientalischer Sitte mit Blumen und Orangenbaumen besetzt, einen Garten und recht angenehmen Spazierort fur die kuhleren Stunden anbietet. Hier sitze ich unter Duften und Bluthen, weiche Lufte umspielen mich, vor mir liegt die heilige Meeresfluth unermesslich ausgebreitet, uber die der letzte Sonnenstrahl feurig brennende Brucken zieht. Sie selbst gluhend, wie vor Freude in den Erinnerungen des schonen Tages, dem sie leuchtete, sinkt hinter den Bergen von Europa hinab, deren dunkelblaue Riesengestalten sonderbar mit den hellen Massen in Luft und Meer kontrastiren.
Um mich her ist ein freudiges Weben und Schwelgen in ruhigem Genusse. Kafer und Mucken tanzen im letzten Sonnenstrahl, oder wiegen sich in Blumensitzen die Nachbarn, und wiederholen in traulichem Geschwatz die Freuden des Tages; hier und dort tont eine Leier, oder ein ferner Gesang durch die Stille. O meine Sulpicia! Warum bist du nicht hier, um das Alles mit zu geniessen! Ja es war ein schoner Tag fur mich fur ganz Nikomedien, und du sollst Alles horen, um dich im Widerschein unsers Vergnugens zu freuen.
Schon gestern Abends verbreitete sich ein Gerucht von einem Siege, den Galerius uber die Perser erfochten habe. In der Niedergeschlagenheit, die sich seit der letzten unglucklichen Schlacht der Gemuther bemachtigt hatte, war diese Neuigkeit sehr erwunscht, und wurde begierig, obwohl nicht ganz ohne Misstrauen ergriffen, weil wir leider schon ofters durch falsche Siegeshoffnungen waren getauscht worden. Desto grosser war die Freude, als heute mit anbrechendem Tage, vom kaiserlichen Palaste aus, wohin der Tribun, der die Nachricht gebracht, vorlaufige Botschaft gesandt hatte, sich die frohe Bestatigung durch die ganze Stadt verbreitete. Der Tribun bekam Befehl, offentlich in die Stadt einzuziehen. Die Strassen waren mit einer unzahlbaren Menschenmenge bedeckt, deren dumpfes Gerausch, wie des fernen Meeres, und ihr Hin- und Herfluthen mich ergotzte. Ich war auf die Terrasse uber unserm Hause gegangen, wo ich jetzt schreibe, und sah dem Schauspiel vergnugt, aber ohne besondre Theilnahme zu. Auf einmal verkundigte ein lebhaftes Geschrei und Jauchzen, der Schall kriegerischer Instrumente und die heftigere Bewegung der Menschenmasse die Annaherung des Siegesboten. Alles schrie: Es lebe Diocletian! Es lebe Galerius! Es war ein Freudentumult, der auch mich unwillkuhrlich ergriff, mein Herz schneller schlagen, und Thranen der Freude in meinen Augen schwellen machte es war mir, als sollte ich mitrufen: Es lebe der Kaiser! So ansteckend ist das Entzucken. Jetzt kam der Zug. Voraus ritt eine Schaar ganz gewaffneter und prachtig geschmuckter Krieger, hinter ihnen, von Offizieren umgeben, der Tribun im Schmucke seines Ranges. Ich hatte schon vorher von meinen Sclavinnen gehort, dass er sich bei der Schlacht sehr ausgezeichnet, und von seiner Cohorte auf dem Schlachtfelde zum Tribun erwahlt worden war; dies machte mich aufmerksamer auf ihn. Es war eine schlanke Gestalt, die sich mit Anstand gegen die grussende Menge verneigte, aber je naher er kam, je sonderbarer ward mir zu Muthe ich glaubte bekannte Zuge zu entdecken, und stelle dir meine Ueberraschung, meine Freude vor es war wirklich Agathokles. Als er an unser Haus kam, sah er sogleich empor. So einnehmend, so froh hatte ich ihn nie gesehen. Sein Gesicht gluhte, seine Augen leuchteten vom freudigen Stolze, und doch war eine bescheidne Haltung in seinem Wesen, die den schimmernden Eindruck lieblich massigte. Er grusste mich sehr freundlich, ich beantwortete seinen Gruss mit so viel Achtung und theilnehmender Freude, als sich nur in einen Gruss legen lasst, und ergotzte mich an dem Umsehen, Emporblicken und Flistern der Menge, die dieses Zeichen meiner genauern Bekanntschaft mit dem Helden des Tages aufmerksam gemacht hatte. Nach einer Stunde kam mein Vater vom Augustus zuruck, auch er war erfreut uber die Auszeichnung, die seinen Gastfreund ehrte. Er ruhmte den gutigen Empfang des Augustus, Agathokles bescheidnes kluges Betragen, und kundigte ihn mir als Gast zur Tafel an.
Wie ein Blitzstrahl fuhr mir der Gedanke durch den Kopf, den heutigen Tag und Agathokles wohlverdienten Ruhm durch ein kleines Fest zu feiern. Gedacht gethan! Ich liess meine Madchen, und die jungsten Sclaven meines Vaters rufen, ich unterrichtete sie, so gut sich in der Eile thun liess; unser grosser Gartensaal ward zum Schauplatze eingerichtet, und Alles recht hubsch geordnet. Noch vor der Essenszeit zog mich ein Gerausch an's Fenster er war es. Ohne den Prunk, der ihn zuvor umgeben hatte, zu Fuss, nur von einem Sclaven begleitet, kam er auf unser Haus zu; aber das Volk lief ihm nach, und begleitete ihn mit Freudensbezeigungen bis beinahe in's Atrium. Hier empfingen ihn mein Vater, mein Bruder und ich mit einer herzlichen Freude, in die sich unwillkuhrlich etwas Feierliches mischte. Er gab sich, in dem frohen Gefuhle, unserer Freundschaft hin; er war heiter, gesprachig, sogar munter. O wie liebenswurdig, wie g e f a h r l i c h konnte d e r Mann seyn, wenn er immer so heiter ware! Nun, zum Glucke fur uns arme leichtsinnige Geschopfe, die nicht so glucklich sind, Larissen zu seyn, kommt er nicht alle Tage als Siegesbote, und so ist auch keine Gefahr, dass er alle Tage so liebenswurdig seyn wird.
Nach dem Essen entschlupfte ich unbemerkt, und nachdem Alles veranstaltet war, liess ich meinen Vater und ihn in den Gartensaal rufen. Auch fur meinen Vater war mein kleines Fest eine Ueberraschung, um desto besser gelang es, und ich glaube, dass alle Parteien gleich vergnugt auseinander gingen. Als ich zu Agathokles trat, ihm den Kranz aufzusetzen, sah ich ihn unwillkuhrlich zurucktreten, und eine brennende Rothe uberflog sein Gesicht. Er hielt meine Hand zuruck, aber ich liess mich nicht storen, und wahrend meine Madchen sich in lieblichen Stellungen schwebend und tanzend um ihn gruppirten, wand ich ihm das Siegeszeichen in die Locken. So stand er bekranzt und betroffen vor mir, und dankte mir mit einem Blikke und Ton, der mir meine kleine Muhe so vergalt, wie ich sie vergolten zu haben wunschte, und zeihe mich immer heimlicher Listen und Absichten durch mein Fest vergolten haben w o l l t e .
Wir gingen in den Garten, mein Vater wurde abge
rufen, ich blieb allein mit Agathokles. Er war nicht ohne Verlegenheit, das sah ich es freute mich, und erhielt mir meine ganze Unbefangenheit. Das muss seyn, wenn ich nicht auf der Stelle den erhaltenen Gewinn verlieren, und wieder auf dem Platze mit ihm stehen will, auf dem ich vor seiner Ankunft stand. Er muss zu denken, auszulegen, zu entrathseln haben, wenn ich meine Absicht erreichen will, nicht ich wir mussen Rollen tauschen. Unsere Unterhaltung war eine Weile einsylbig, dann aber desto lebhafter, und obwohl sie bestandig in den Schranken zwangloser Freundschaft blieb, war ich doch ganz wohl mit dem Erfolge des Tages zufrieden, und sah ihn ruhig Abschied nehmen, als er, zum Augustus berufen, dem unwillkommenen Befehl ziemlich unmuthig gehorchte.
So stehen nun die Sachen. Die nahere Beschrei
bung des Festes, und eine Zeichnung, die ich bis jetzt nur entworfen, und nachstens auszufuhren im Sinne habe, bringe ich dir selbst mit, sobald meines Bruders Geschafte ihm erlauben, mich zu dir zu begleiten. Der Entwurf ist gelungen, ich hoffe, die Vollendung soll es auch werden. Aber nun auch kein Wort weiter. Die Sonne ist langst hinab, und die Dammerung macht alle Buchstaben vor meinen muden Augen verschwinden. Schlaf wohl!
48. Theophania an Junia Marcella.
Nicaa, im September 302.
Mit welchen Empfindungen, geliebte Freundin! wirst du dieses Blatt in die Hand nehmen, das dir Nachricht von dem Leben, von dem Schicksale eines Wesens gibt, dessen Tod deine Freundschaft seit acht Monaten als gewiss beweint hat? Ja, ich lebe noch! Es hat der Vorsicht gefallen, mein Daseyn auf eine unverhoffte, wunderbare Weise zu erhalten; aber ich wurde mich dieser wunderbaren Fugung durch eine Falschheit unwurdig machen, wenn ich sagen wollte, dass ich sie fur ein Gluck erkenne, und jetzt in dieser Lage, in der ich mich befinde, mein verlangertes Leben fur ein wunschenswerthes Gut halte. Ich kann mir die tausenderlei Empfindungen und Fragen vorstellen, die sich aus deinem liebevollen Herzen nach meinen Schicksalen, meiner Erhaltung, meinem jetzigen Zustande hervordrangen; aber da ich sie nicht alle zugleich beantworten kann, so genuge dir indess zu wissen, dass ich gesund und ruhig bin, dass ich zu Nicaa im Schoosse einer sehr rechtschaffenen Familie bei Heliodors Bruder, dem achtungswurdigen Lysias, lebe, und lass mich nun langsam und ordentlich die sonderbaren Zufalle erzahlen, die mein Leben erhielten, und bis jetzt
In jener Schreckensnacht, als plotzlich ein grasslicher verwirrter Larmen die Bewohner unserer Villa aus dem Schlafe aufschreckte, und Demetrius durch kein Flehen von seinem Vorhaben, sich den Barbaren zu widersetzen, abzubringen, und zur Flucht zu bereden war, sah ich mich, nachdem er alle waffenfahigen Manner mit sich genommen hatte, mit ein paar alten Sclaven und meinen Weibern ganz allein. Mir war diese Lage nicht unerwartet, ich hatte sie vorher sehen konnen, und war darauf vorbereitet. Ich kann nicht sagen, dass ich sehr erschrocken oder verwirrt gewesen ware; denn mein Vorsatz war gefasst. Ich liess meine Leute zu mir kommen, stellte ihnen die Lage der Dinge vor, und uberliess es ihrer Wahl, was sie thun, ob sie den Ausgang des Gefechtes abwarten, oder sich noch in Zeiten retten wollten. Ich selbst erklarte fur mich, dass ich bis zum entscheidenden Augenblicke meinen Gemahl und die Villa nicht verlassen, und mich nur in der hochsten Noth durch die Flucht retten wurde. Nachdem ich ihnen dieses verkundet hatte, ergriffen Einige die Flucht auf der Stelle, Einige verbargen sich in dem Garten, Einige blieben im Hause, unter ihnen Melyte, die schonste und jungste meiner Sclavinnen, indem sie, verfuhrt durch allerlei Geruchte, dass die Gothen nichts weniger als unempfindlich gegen die Schonheit waren, und manches gefangene Madchen ein glanzendes Gluck bei ihnen gemacht habe, nichts befurchtete. Ich versuchte vergebens, ihr die Thorheit dieser Hoffnung begreiflich zu machen; sie beharrte auf ihrem Entschluss, und von allen meinen Leuten blieb nur eine Einzige, die treue Evadne, bei mir. Mit dieser begab ich mich in eines der Gartenhauser, von wo aus uns im schlimmsten Falle die Rettung auf das Feld, und dann durch Auen und Gebusche, die ich wohl kannte, bis zu einem eine Stunde weit entlegenen Dorfe offen stand. Wir zogen mannliche Sclavenkleider an, steckten einige Kostbarkeiten, und jede ein kurzes Schwert und einen Dolch zu uns, und so harrten wir, betend in banger Erwartung, der Entscheidung unsers Schicksals. Ein alter Sclave gab uns von Zeit zu Zeit Kunde von dem Gefecht, das langer zweifelhaft blieb, als ich Anfangs gedacht hatte. Endlich uberzeugte uns die schreckliche Nachricht, dass mein Gemahl mit den meisten seiner Leute erschlagen sey, und nur einige Wenige sich durch die Flucht zu retten suchten, von unsrer drohenden Gefahr. Trotz aller Leiden, die meine Verbindung mit Demetrius uber mich gebracht hatte, erschutterte mich sein Tod doch auf's Aeusserste, ich brach in Thranen aus, und wollte auf's Schlachtfeld, zu sehen, oh noch Rettung, noch Hoffnung fur ihn ubrig war. Meine Leute hielten mich ab, sie stellten mir die Gefahr, ja die Unmoglichkeit des Schrittes vor, sie drangen in mich, zu entfliehen. Ich folgte ihnen zuletzt. Wir entflohen, und kamen glucklich beinahe eine Viertelstunde weit durch das Dickicht fort. Wie mir damals war, kann ich nicht sagen. Tausend schmerzliche Gefuhle strebten in meiner Seele empor, aber das machtigere der gegenwartigen Gefahr hielt sie alle nieder, und richtete alle meine Gedanken nur auf den einzigen Punkt meiner Rettung. Schon singen wir an einige Hoffnung zu nahren, als plotzlich einige Barbaren, die sich wahrend des Gefechts in der Gegend zerstreut hatten, uns von der Seite uberfielen. Flucht war unmoglich; wir suchten uns also zu wehren, so lange wir konnten. Noch begreife ich nicht, woher mir diese Entschlossenheit kam. Es war nicht der Muth der Verzweiflung, denn ich behielt eine ziemlich klare Ansicht meiner Lage; aber ich schreibe sie zuerst der Gute Gottes zu, der ja jedes Wesen mit den zu seiner Erhaltung nothigen Gaben ausgerustet hat, und dann, meiner geringen Furcht vor dem Tode. Ich fuhlte wohl, dass uns die Barbaren schonten, dass sie uns lebend zu fangen trachteten; das gab mir Zuversicht. Aber was sind weibliche Krafte, und ein Arm, ungeubt, das Schwert zu fuhren? Ungeduldig und erzurnt uber meinen fruchtlosen Widerstand zuckte der Gothe seinen Sabel, und haute nach mir. Ich glaubte den Todesstreich zu empfangen, aber er wollte mich vermuthlich nur wehrlos machen. Sein Streich traf meine Wange, die sogleich heftig zu bluten anfing, und wie ich erschrocken mit der Hand darnach fuhr, entriss er mir leicht das Schwert, an das ich in der Besturzung nicht gleich dachte. Evadne schrie laut auf, da sie mich bluten sah, und warf ihr Schwert weg, um mir zu helfen. Ich winkte ihr, uns nicht durch ubertriebene Sorgfalt zu verrathen; sie schwieg, aber ich sah Thranen in ihren Augen, und dieser Anblick gab mir mitten in meiner traurigen Lage ein angenehmes Gefuhl. Jetzt fielen die Gothen uber uns her, und banden uns die Hande; aber indess sie noch damit beschaftigt waren, nahte sich ein zweiter Haufe zu Pferd, an dessen Spitze ein Mann von edlem Ansehen ritt.
Sie sprengten auf uns zu, sie sprachen unter einander, sie sahen uns ofters an, wir konnten sehen, dass wir der Gegenstand ihres Gespraches waren. Endlich naherte sich uns der Anfuhrer, er liess unsere Bande auflosen, und sagte uns in gebrochenem Griechisch, indem er uns als Knaben anredete, unser Muth hatte ihm gefallen, er wolle uns nicht binden lassen, er traue unsrer Ehrlichkeit, wir sollten ihm zu den Schiffen folgen. Jetzt war Alles verloren, und unser Loos das schlimmste, das uns treffen konnte Gefangenschaft. Meine einzige Hoffnung, meine einzige Rettung bestand noch in dem Dolche, den ich auf's sorgfaltigste zu verbergen mich bestrebte. Man fuhrte uns zu den Schiffen. Der ziemlich weite Gang, die kalte Luft hatten die Schmerzen meiner Wunde sehr vermehrt. Der edle Fritiger, so hiess der Anfuhrer, sah mir meine Leiden an. Er liess den Zug bei einer Quelle halten, ein bejahrter Gothe trat auf seinen Befehl hinzu, wusch meine Wunde, legte Krauter, die er bei sich trug, darauf, und verband sie, so gut es Eile und Ort erlaubte. Ich fuhlte bald einige Linderung, und musste die Gute der Vorsicht bewundern, die diese Wilden in den rohen Erzeugnissen der Natur einfache Heilmittel finden lasst. Wir bestiegen die Schiffe ach, und wie die Morgenrothe anbrach, sah ich die geliebten Ufer der Heimath schon ziemlich fern in Nebeln sich verlieren. Bei diesem Anblick brachen meine Thranen heftig hervor, und das ganze Gefuhl meines Unglucks, die ganze Uebersicht Alles dessen, was ich verlor, und die Schrecken, die meiner warteten, fielen auf einmal auf mich. Ich glaubte zu vergehen. Zweimal zuckte meine Hand nach dem Dolch zweimal hielt mich blos der Gedanke an die Unrechtmassigkeit des Selbstmordes ab. Doch blieb der Entschluss fest, ihn zu brauchen, sobald mein Geschlecht entdeckt und meine Ehre in Gefahr seyn wurde. Dann hielt ich das letzte Rettungsmittel fur erlaubt. Zwei Tage vergingen in diesem trostlosen Zustande auf dem elenden Kahn, der uns, unbegreiflich genug, dennoch uber den unsichern Euxin trug. Am dritten Abend erschien uns die westliche Kuste. Jetzt erwachten alle meine Schmerzen, welche Ergebung in den Willen der Vorsicht, und das Mitleid unsers edelmuthigen Gebieters etwas besanftigt hatten, wieder. Ich war so erschuttert, dass ich schwankte. Fritiger sah meine Schwache, er nahm mich wie ein Kind auf den Arm, und trug mich an's Land. Hier sprach er mir von Neuem Trost ein. Er sagte mir, dass ich ihm angehorte, dass ich sein Sclave sey, dass er mich aber recht gut halten wollte, wenn ich es verdiente. Aus seinen mannlichen Zugen sprach nichts Grausames, aus den grossen blauen Augen sogar Gute. Er war nun das einzige Wesen auf der Welt, dem ich angehorte, das an mir Theil nahm, das mich schutzen konnte. Ein Grauen uberlief mich, aber ich sah die Nothwendigkeit ein, mich in mein Geschick zu ergeben; ich gelobte ihm Gehorsam und Treue, und bat ihn um Geduld. Er versprach mir, vaterlich fur mich zu sorgen. Der Zug ging dem Walde zu, aus dem uns bald mit lautem Freudengeschrei ein grosser Haufe von Weibern und Kindern entgegeneilte, die Zuruckkehrenden zu empfangen. Eine Art von Freude strahlte in meine Seele, als ich eine schone grosse Frau von mittleren Jahren, und drei sehr wohlgebildete Madchen, deren altestes etwa funfzehn Jahr alt seyn mochte, auf meinen Gebieter zueilen, und ihn als Gemahl und Vater bewillkommen sah. Er stellte ihnen seine beiden Sclaven vor, und ich sah wohl, dass Evadne, die einem ganz hubschen Jungling glich, die Aufmerksamkeit und Theilnahme Gisella's, des altesten Madchens, auf sich gezogen hatte. Dort nahm man uns Beide gutig auf, und wir kamen bald zu den Wohnungen des Stammes und in Fritigers Hutte.
Wie diese Hutte aussah, wie hier jede Bequemlichkeit fehlte, an die der Bewohner des gebildeten Landes gewohnt ist, und welche Leiden und Entbehrungen uns daraus entsprangen, ware uberflussig zu schildern, du kannst es dir vorstellen. Doch die stille unwiderstehliche Gewalt der Gewohnheit machte uns zuletzt auch diese Beschwerlichkeiten ertraglich. Ich lernte hier unter diesen einfachen Menschen einsehen, wie wenig die Natur bedarf, wie viele Lasten uns unsre Bedurfnisse auferlegt haben, und in der Denkungsart und Behandlung unsrer Gebieter fanden wir Trost und Erleichterung. Ach, meine Liebe! wir schelten diese Menschen Barbaren, und ich habe Tugenden und Gefuhle unter ihnen angetroffen, die wir in der gebildeten Welt bald nur dem Namen nach kennen werden. Ihre Sitten sind rauh, aber einfach, ihre Gefuhle heftig, aber wahr, und in diesen starken unverdorbenen Gemuthern ist Grossmuth, Treue, Aufopferung und Liebe bis zum Tod keine bewundernswurdige Seltenheit. Ihre meisten Fehler sind Folgen ihres einsamen Zustandes, ihres Mangels an Beschaftigung. Die Frauen besorgen den Haushalt, der Manner einziger Beruf ist Jagd und Krieg, und in den vielen mussigen Stunden, die diese Lebensart mit sich bringt, verfallt der Geist, der doch immer thatig seyn will, auf gefahrlichen niedrigen Zeitvertreib. Spiel und Trunk fullen diese Stunden aus, und da in diesen grossen kraftigen Gemuthern jede Neigung bald zur Leidenschaft wird, so fallen hierdurch oft schreckliche emporende Auftritte vor. Das sind aber auch die einzigen Laster, die wir ihnen mit Recht vorwerfen konnen. Sonst beschamen sie uns in den meisten Tugenden, und wahrlich, die Frauen hatten vor Allem Ursache, die Sitten dieser sogenannten Wilden zu preisen. Ihre Weiber sind nicht, wie beinahe im ganzen Orient, Sclavinnen der Manner, oder hochstens ein Spielwerk, mit dem sie tandeln, so lange es ihren Augen gefallt. Die Frau des gothischen Kriegers ist seine Freundin, seine erste Vertraute, die Theilnehmerin aller seiner Entschlusse, oft seine Begleiterin in der Schlacht. Dort darf sie hinter dem Treffen seiner harren, sie verbindet seine Wunden, sie trocknet den Schweiss von seiner Heldenstirn, sie theilt seinen Ruhm, oder stirbt mit ihm, wenn er fallt, um seinen Verlust und ihre Freiheit nicht zu uberleben. Ach wie oft habe ich mir in jenen angstlich schonen Zeiten, als das Heer bei Edessa und Nisibis stand, ein solches Verhaltniss getraumet, ohne zu ahnen, dass es schon wirklich irgendwo vorhanden sey! Wenn ich damals mit gedurft hatte wenn ich i h n hatte begleiten, s e i n e Lanze tragen, meine Brust zu s e i n e m Schilde machen, s e i n Blut mit meinem Schleier stillen durfen ich wurde nicht gezittert haben, alle weibliche Furchtsamkeit ware vor dem Gedanken entwichen, bei ihm zu seyn, und ihn zu schutzen. Eitle Wunsche! Damals gebot die Pflicht und jetzt Doch ich will meiner Erzahlung nicht vorgreifen.
Die Gute, womit wir behandelt wurden, die Strenge und Reinheit der Sitten, in Absicht auf den Umgang der beiden Geschlechter, die ich unter diesem Volke herrschend sah, und vor Allem Gisella's Empfindungen gegen Evadne, die durch die fortgesetzte Tauschung immer lebhafter wurden, bewogen mich, der Mutter unser Geheimniss zu offenbaren, und ihr zu sagen, dass wir Frauen waren. Man nahm diese Entdeckung mit Erstaunen, aber ohne Widerwillen auf, und die Sorgfalt, die man von dem Augenblicke an fur unsere strenge Absonderung von d e n mannlichen Bewohnern des Hauses, und fur angemessne Kleidung trug, zeigte mir, wie zweckmassig dieser Schritt war, und wie wenig wir in dieser Hinsicht zu furchten hatten. Ich lebte nun ziemlich ruhig, aber in tiefer Schwermuth fort. Die Trennung von allen meinen Lieben, die mannigfaltigen Beschwerden meiner Lage, und die wenige Hoffnung auf eine Aenderung beugten mich tief.
So verging der Winter, dessen Macht ich hier erst mit Schrecken und mit korperlichem Schmerz kennen lernte, als ich den tiefen Schnee die ganze Gegend unwegsam machen, und die grossen breiten Strome, von Eis gefesselt, starr und still stehen sah. Indessen fand mein Gemuth auch in diesen rauhen Tagen eine Beschaftigung, an der es mit Liebe und Zufriedenheit hing. Ich lehrte meine Hausgenossinnen allerlei Arbeiten, Vortheile und Annehmlichkeiten des Lebens und Haushalts kennen, ich und Evadne wurden ihre Meisterinnen, und bald sah ich die unwiderstehliche Macht der hoheren Bildung uber rohe aber unverdorbene Gemuther. Wir bekamen immer mehr Schulerinnen aus den benachbarten Hutten. Sie, die befehlen konnten, horchten begierig auf unsern Unterricht, sie ehrten uns wie bessere Wesen, und hatten sich unsere Befehle gefallen lassen, wenn der Wunsch zu gebieten in meiner oder Evadnens Brust gelegen hatte. Aber wenn ich auch ihren Gehorsam nicht verlangte, so war es mir doch ein susses Gefuhl, Gutes unter ihnen verbreitet, und schonen Saamen ausgestreut zu haben, der noch in spater Zukunft Fruchte tragen konnte. Du wirst es mir fur keine Eitelkeit auslegen, wenn ich dir sage, dass uns mehr als ein Antrag von gothischen Junglingen, ja von einigen ihrer ersten Heerfuhrer gemacht wurde. Eben so leicht wirst du mir auch glauben, dass es mich weder Ueberwindung noch Ueberlegung kostete, sie auszuschlagen. Bei Evadnen, deren freies Herz sie nicht nach dem Vaterland zuruckzog, deren Stand ihr manche Harte ihrer jetzigen Lage ertraglicher machte als mir, gelang es dem edlen tapfern Kattwald besser. Er ist Fritigers Neffe, und wahrlich, ich habe wenig schonere Manner gesehen, als diesen hohen, beinahe riesenmassig gebauten Jungling, mit seinen dunkelblauen Augen und seinem goldnen Gelocke. Er warb um sie, und sie gab ihm nach der Neigung ihres Herzens, nach dem Rath der Familie, und nach meinem eignen ihre Hand.
Jetzt war der Fruhling gekommen, der tiefe Schnee und das Eis der Flusse schmolz zu einem unendlichen Gewasser, das furchterliche Verheerungen in der Gegend anrichtete, und in mir die Sehnsucht nach dem schonen Himmel meines Vaterlandes, nach Allem, was dort lebte, mit solchem Schmerz erregte, dass ich manchmal wirklich vor Sehnsucht zu sterben furchtete. O meine Liebe! Wie schwach, wie thoricht war ich! Ich f u r c h t e t e mich zu sterben; denn trotz aller Hindernisse nahrte ich die Hoffnung der Ruckkehr, der jetzt schuldlosen ewigen Vereinigung mit dem Freunde meiner Jugend. Das Leben war mir lieb geworden um s e i n e t w i l l e n ! Ich zitterte vor dem Gedanken, es jetzt zu verlieren, und in diesem wilden Lande, einsam, von ihm geschieden, zu sterben.
Die Wasser verliefen, die Gegend stand im Fruhlingsschmuck, die Wege wurden wieder gangbar, und mit ihnen kam uns Kunde, dass Fremde Christen, Griechen in der Nachbarschaft waren. Den Eindruck, den mir diese Nachricht machte, kann ich dir nicht beschreiben. Ich ward krank vor Freude, denn die entzuckende Hoffnung, dass sie um meinetwillen, mich zu suchen, da waren, dass E r unter ihnen sey, brachte mich fast ausser mir. Immer hatte ich diesen heimlichen Wunsch gehegt, und ihn, was auch meine Vernunft dagegen einwenden mochte, nie aus dem Sinne verlieren konnen. Dass es noch nicht geschehen war, schrieb ich der Jahreszeit, und den Sturmen des Meeres zu. Diese schone Tauschung verschwand bald, aber es blieb noch Stoff genug zur Freude fur mich. Es waren Griechen, Landsleute, dieselben, von denen du mir nach Trachene geschrieben, die aus dem frommen Endzwecke, das Christenthum zu verbreiten, sich in diese rauhen Gegenden, unter dieses barbarische Volk gewagt hatten. Die Muhseligkeiten und Gefahren, die sie auf ihren Pilgerfahrten ausgestanden, die Standhaftigkeit, mit der sie Alles ertrugen, der Eifer, mit dem sie ihre Bequemlichkeit, ihr Leben wagten, ruhrte mich tief, und flosste mir heilige Ehrfurcht vor ihnen ein. Auch waren sie schon so glucklich gewesen, schone Fruchte ihrer Bemuhungen zu sehen. Die einfachen Lehren des Christenthums hatten Eingang in die unverdorbenen Herzen gefunden, und die Milde, womit diese frommen Manner ihre neuen Schuler in den Lehren der Religion sowohl, als manchen nutzlichen Arbeiten und Kunsten unterrichteten, gewann ihnen die Liebe derselben. Sie hatten Ackergerathe, Handwerkszeug, Samereien mitgebracht. Sie machten ihnen den Nutzen dieser Dinge, den grossen Vortheil des Ackerbaues, und einer steten Lebensart einsehen, und schon waren hie und da kleine Gemeinden errichtet, die dichten Walder, die dieses Land in feuchte kalte Schatten hullen, stellenweise niedergehauen, und das frische Erdreich mit nutzlichem Saamen gebaut, den die Hand der neuen Christen unter feierlichem Gebete und Segnungen ihrer ehrwurdigen Lehrer in frommem Vertrauen ausgestreut hatte. Man kundigte auch uns ihren Besuch an, und eine entzukkende Hoffnung auf Rettung durch sie, und Ruckkehr in mein Vaterland durchdrang mein gebeugtes Gemuth, und machte mich unaussprechlich froh. Sie kamen an, es war Heliodor mit noch zwei Gefahrten. Nie werde ich den Eindruck vergessen, den der Anblick der Landsleute, der Ton der Muttersprache aus ihrem Munde auf mich machte. Fritiger nahm sie mit Achtung und Liebe auf. Ihr Geschaft gelang auch hier zum Verwundern gut. Ich hatte das himmlische Vergnugen, die Familie meines Wohlthaters in den Bund der Christen angenommen, und so den Keim zu tausend kunftigem Guten in diesen Gegenden empor wachsen zu sehen.
Heliodor war seinerseits nicht wenig erstaunt, mich hier zu finden. Ich entdeckte ihm mein Schicksal, und bat ihn, mich zu retten, und zu den Meinigen zu bringen. Er versprach zu thun, was er vermochte; denn er war ohnedies entschlossen, bald nach Bythynien zuruck zu kehren, dem Bischof Nachricht von dem Fortgang seiner Unternehmungen zu geben, und ihn um Unterstutzung in seinem Geschafte, und um mehrere Gefahrten zu bitten. Er trug Fritigern meine Bitte vor. Ich hatte nicht den Muth dazu, denn ich wusste wohl, dass man mich nicht gern ziehen lassen wurde. Was ich gefurchtet hatte, geschah. Des Gothen ganze Wildheit brach ungestum hervor, als man ihm von dem Verluste einer Person sprach, an die er sich mit Liebe gewohnt hatte. Heliodors unwiderstehlicher Beredtsamkeit, seinem ehrwurdigen Ansehen gelang es endlich, das sturmische Gemuth zu besanftigen; er horte ihn gelassener an aber mich fort zu lassen, dazu war er auf keine Weise zu bewegen. Er liess mich rufen, er schalt, er drohte, endlich bat er mich mit Thranen, ihn nicht zu verlassen. Ach, das war ein harter Kampf! Es gehorte alle Macht treuer Liebe dazu, um hier zu widerstehen. Ich weinte heftig, ich sank vor ihm nieder, kusste seine Hand, wie die eines Vaters, und wahrlich mit denselben Empfindungen; ich schilderte ihm Alles, was ich in meinem Vaterlande zuruckgelassen hatte, was meiner wartete, ich sprach endlich seine eigne Vaterlandsliebe an, ich bat ihn, sich an meine Stelle zu setzen, und fur mich zu entscheiden.
Er stand eine Weile stumm dann sagte er mit heftigem, aber nicht rauhem Tone: "Geh hin; ich weiss, du kannst hier nicht glucklich seyn, aber wir konnen dich auch nicht vergessen." Ich ergriff seine Hand, druckte sie an mein Herz, und wollte ihm danken. In dein Augenblicke sagte Heliodor etwas von dem Losegelde, das er fur mich bestimmen sollte. Ich hatte vorher mit Heliodor daruber gesprochen, und dabei auf die kleinen Schatze, die ich und Evadne gerettet und bisher verborgen hatten, und falls diese nicht zureichen sollten, auf deine und meines Jugendfreundes Reichthumer und Liebe gerechnet; aber ein geheimes Gefuhl erlaubte mir nicht, dieses Anerbietens in diesem Augenblicke zu erwahnen. Heliodor that es doch, und Fritiger fuhr wild empor. Zorn spruhte aus seinem Blick, er entriss mir seine Hand, und stiess mich unsanft weg: "Was denkst du," rief er entrustet, "was wagst du mir anzubieten? Ich kann dich frei lassen, ich kann dich verschenken verkaufen werde ich dich nie. Geh in dein Vaterland zuruck, weil du nicht mehr bei uns bleiben willst, und sage deinen Landsleuten, dass uns Barbaren das, was wir lieben, nicht um Gold feil ist." Er wandte sich rasch weg, und wollte sich entfernen. Ich eilte ihm nach, ich ergriff seine Hand, ich kusste sie, ich beschwor ihn, mich nicht im Zorn zu entlassen, mir zu sagen, dass er mir vergebe, und mir eine Schuld nicht anzurechnen, die ich nicht begangen hatte. Er blieb stehen, sah mich ernst, aber ohne Zorn an, druckte mir endlich die Hand und sagte: "Du bleibst doch meine Tochter, wenn du auch jenseits des Meeres wohnen wirst." Ich gelobte es ihm, ja ich gelobte ihm sogar, wenn ein widriges Schicksal meine Hoffnungen zerstoren, wenn ich in meinem Vaterlande nicht glucklich werden sollte, zu ihm und seiner Familie zuruckzukehren. Und bei Gott, Innia! es scheint, ich werde dieses Versprechen halten!
In den wenigen wehmuthig frohen Tagen, die wir noch mit einander zubrachten, wurden alle Anstalten zu unserer Abreise gemacht. Fritiger und sein Neffe Kattwald besorgten uns ein Schiff, und die geschicktesten Ruderer, die sie unter ihrem Stamme fanden. Evadnens Herz wurde in seltsamen Widerspruch aufgeregt, als sie horte, dass ich mit Heliodor nach unserm gemeinschaftlichen Vaterlande zuruckkehren wurde; aber der Gedanke an ihren Gatten besiegte jeden Zweifel, machte jeden Wunsch verstummen. O was kann ein Weib nicht dem geliebten, dem l i e b e n d e n Manne aufopfern! Er wird ihr Vater und Mutter, Heimath und Vaterland, und wo er ist, findet sie ihr Gluck. Welche Hoffnungen, welche Auftritte schwebten nicht vor meinem Blicke? Was habe ich nicht fur Scenen getraumt? Ach, ja wohl getraumt!
Unter sehr gemischten, aber doch meist frohen Empfindungen sah ich den Tag der Abreise sich nahern. Er kam; ich schied mit heissen Thranen von meinem gutigen Gebieter, von seiner Familie, von meiner treuen Evadne. Nicht allein Fritigers Haus, alle Nachbarn, sogar manche fern wohnende Familien kamen, uns noch einmal zu sehen, mich, die sie gekannt und geliebt, und den wurdigen Priester, den sie als einen Gottgesendeten Lehrer verehrt hatten. Er versprach ihnen, bald wieder zu kommen, und Fritigern und Evadnen Nachricht von mir zu bringen. Am Ufer knieete ich vor Fritiger und seiner Gemahlin nieder, und bat sie um ihren Segen. Sie gaben ihn mir im Namen des Gottes, den sie durch Heliodor hatten kennen gelernt. Nun stiegen wir in's Schiff, und nach einer ziemlich angstlichen Fahrt an den Kusten des Euxin herab in einem schlecht gebauten Kahn, und mit gothischen Ruderern, langten wir in Byzanz an.
Hier sandten wir unsre Schiffer zuruck, so reich beschenkt, als ich es vermochte, und mit tausend dankbaren Grussen an unsre Freunde. In der Stadt bat ich Heliodor, mir sogleich Alles zu verschaffen, was nothig war, um wieder anstandig unter gebildeten Menschen zu erscheinen. O meine Liebe, welchen zauberischen Reiz gibt lange Entbehrung den gemeinsten Dingen! Wie wenig erkennen wir den Werth unserer Bequemlichkeiten beim alltaglichen Gebrauche! Mit wahrer Wollust hullte ich mich in die gewohnten Gewander, ordnete mein Haar, und genoss in dem einfachen Anzug eine Befriedigung, die mir nie der kostbarste Putz verschafft hatte. Aber dennoch sah ich in dem ersten Spiegel, der seit acht Monaten mein Gesicht zuruck strahlte, mit einigem Schrecken die Veranderung, die das rauhe Klima und eine ziemlich tiefe Narbe auf meiner Wange hervorbrachte. Ich war nie schon ich hatte diesen Vorzug an Andern wohl erkannt, aber nie bei mir vermisst ich war ja auch ohne ihn von dem Freund meiner Jugend geliebt, von einem wurdigen Gemahl geachtet worden. Jetzt flosste mir doch die grosse Veranderung eine Art von Aengstlichkeit ein, und mit zitternder Zuversicht, die dieser Empfindung einen neuen innigen Reiz gab, hoffte ich auf die unwandelbare Treue, auf die edle Denkart meines Freundes. Wir fanden ein segelfertiges Schiff im Hafen, das nach Chalcedon bestimmt war, und landeten glucklich an der vaterlandischen Kuste.
Doch mein Brief ist unmassig lang ich verspare die Erzahlung der ferneren Begebenheiten, und meiner jetzigen Lage auf einen zweiten. Leb' wohl!
49. Theophania an Junia Marcella.
Nicaa, im September 302.
Bis zu meiner Ankunft an der Kuste von Bythynien war ich im ersten Briefe gekommen. Mit Wonneschauer, mit einem Entzucken, das mir bisher unbekannt gewesen war, betrat ich den geliebten Strand, wo ich Alles zu finden hoffte, was mein Leben zur Himmelsseligkeit erhohen, mir voller Ersatz fur so viel freudenlose Jahre seyn sollte. Ich war frei, keine Pflicht hinderte mich mehr, schuldlos dem sussen Zuge zu folgen, der, seit der Kindheit in mein Wesen verwebt, mir zur theuern Gewohnheit, zur zweiten Natur geworden war. Heliodors Jahre und seine strengen Grundsatze, die jede heftigere Neigung fur ein Geschopf als sundlich, als unserer hohern Bestimmung zuwider verdammten, hielten mich ab, ihm meine Empfindungen zu entdecken. Ich ehrte seine Grundsatze, weil ich ihren Ursprung in einem vom Irdischen abgezogenen Gemuth erkannte, weil ich einsah, dass nur solche Gesinnungen ihm die heilige Achtung fur Alles einflossen konnten, was er fur Pflicht hielt, dass er nur durch sie fahig war, das Apostelamt bei barbarischen Volkern zu ubernehmen, jede Bequemlichkeit des Lebens, und das Leben selbst fur susses Geheimniss in meiner Brust, und genoss sie vielleicht um desto inniger. Mein Vorsatz war, sogleich nach Nikomedien zu gehen, wo ich Agathokles selbst, oder doch Nachricht von ihm zu finden hoffte. Wir nahmen Pferde, und auf mein dringendes Bitten einen Sclaven zur Begleitung. Heliodor war mein Vater, ich seine Tochter, die Wittwe eines Kaufmanns aus Byzanz. So machten wir uns auf den Weg. O welche glanzenden, entzuckenden Bilder malte mir nicht meine Phantasie? Welche frohen Geschichten erzahlte ich mir nicht in den vielen stillen Stunden unserer Reise? Ich wusste, dass Synthium, Agathokles Landgut, an der Strasse von Chalcedon nach Nikomedien liegt. Der Gedanke, dahin zu gehen, ihn vielleicht dort zu treffen, wenn er im dusteren Schatten seiner Garten schwermuthig ging, und manches Bild einer bessern Vergangenheit vor seinen Blicken schwebte, ihm dann zu begegnen, und wenn er erstaunt zuruckbebte, an seine Brust zu sinken, und ihm zu sagen, dass wir glucklich, dass wir vereinigt waren dieser Gedanke, diese Aussichten machten mein Herz vor Freude zittern, und so naherten wir uns den waldigen Hugeln, hinter denen es verborgen liegt. Heliodor'n wagte ich nicht, meinen geheimen Wunsch zu entdecken, ich gab eine grosse Ermudung vor, und bat ihn, weil der Abend einbrach, in dem Dorf, das vor uns lag, zu ubernachten. Wir ritten langsam die Strasse hin, und schon sah ich das Dach des Hauses freundlich zwischen dunkeln Pinien hervorblicken. Ein Theil des Gartens erstreckt sich bis an den Weg, gegen welchen er sich in ein grosses Gegitter endigt, das die Aussicht auf die Strasse und die Gegend umher gewahrt. Das wusste ich noch recht wohl, und freute mich, Alles so zu finden, wie es in den guten Tagen meiner ersten Jugend gewesen war. Wie wir uns dem Garten naherten, sah ich zwei Frauenzimmer in hauslicher Tracht, die aber trotz ihrer Einfachheit Reichthum und hohen Stand verrieth, Arm in Arm den Platanengang herabwandeln. Das Gitterthor war offen, unser Anblick hatte sie herbeigezogen, sie traten heraus. Es waren zwei vollkommen schone Gestalten; die Eine schlank und majestatisch gebaut, mit dunkeln Augen und Haaren, schien alter, und ein Zug von Kummer in dem blassen Gesichte machte sie mir lieber, als ihre jungere Gefahrtin, die in der Fulle der Jugend und Schonheit neben ihr stand. Die Erscheinung befremdete mich. Eine unangenehme Empfindung bemachtigte sich meiner. Hatte Agathokles das Landgut verkauft? Wohnte er n e b s t diesen schonen Frauen hier? Mein Herz schlug angstlich. Jetzt hatten auch sie uns erblickt, und grussten uns freundlich. Ich sandte den Sclaven ab, um mich bei ihnen zu erkundigen, wem die Villa gehore, und ob wir im Dorf eine Nachtherberge finden konnten. Der Sclave kam bald zuruck, und brachte die Antwort, die Villa gehore einem kaiserlichen Tribun, im Dorfe wurden wir keine anstandige Unterkunft finden; wenn wir ihnen aber das Vergnugen machen wollten, bei ihnen zu bleiben, so wurden sie sich bemuhen, uns einen ertraglichen Aufenthalt fur diese Nacht zu verschaffen. Das Zuvorkommende dieser Einladung, noch mehr aber die Begierde hier klar zu seyen, trieb mich an, das Anerbieten anzunehmen, trotz manches Widerspruchs meines Begleiters, der gegen die schonen geschmuckten Frauen, gegen den hohen Wohlstand, den hier Alles verrieth, Manches einzuwenden hatte. Mein unseliger Vorwitz siegte. Ach was sollte ich erfahren! Wie bitter wurde meine Falschheit gegen Heliodor, die Absichtlichkeit meines ganzen Betragens gestraft!
Wir stiegen ab. Die Frauen empfingen uns sehr freundlich, man erkundigte sich nach unsrer Reise, und mit vieler Feinheit nach unsern Umstanden. Wir erzahlten, was wir bereits verabredet hatten. Mein Mann war in Byzanz gestorben, ich ging nach seinem Tode mit meinem Vater nach Nikomedien zuruck. Unsere wahre Geschichte hatte viel unglaublicher geklungen, als diese gewohnliche Erdichtung. So kamen wir in den Garten. Ach, tausend Erinnerungen wehten mich aus den Wipfeln dieser Baume an, bei jedem Schritte dachte ich den Eigenthumer des Gartens aus einem Gebusche hervortreten zu sehen die theure Gestalt zu erblicken, die stets vor meinen Augen schwebte! Wir setzten uns, das Gesprach fiel bald auf die Neuigkeiten des Tages; es wurde vom Kriege, von des Casars letztem Siege, von den Hoffnungen des armenischen Prinzen Tiridates, dessen Anspruche der Hof von Nikomedien so thatig unterstutzte, gesprochen. Heliodor nahm eifrig Theil an diesen Nachrichten, das Gesprach wurde lebhaft. Die schone junge Person lachelte ihre altere Freundin schalkhaft an, und ein angenehmes Lacheln, das den truben Blick dieser zweiten erhellte, zeigte mir, dass des Prinzen Schicksal sie nahe anging. Bald horte ich auch ihren Namen. Es war Sulpicia, jene Romerin, von deren unglucklichen Leidenschaft mir Agathokles ofters erzahlt hatte. Wie sie aber nach Bythynien und auf diese Villa kam, war mir unerklarlich. Heliodor, der noch einige Anstalten fur unsre Reise zu machen hatte, entfernte sich jetzt. Sulpicia bat ihre Freundin, ihn zu begleiten, und Alles zu besorgen. Komm dann bald wieder, liebe Calpurnia, rief sie ihr freundlich nach Calpurnia! Wie ein Blitzstrahl wirkte dieser Name auf mich, mein Blut stand still ich war unvermogend, mich zu regen oder ein Wort zu sprechen. Erst, als der gefurchtete Gegenstand schon weit von uns war, erwachte ich aus meiner Betaubung. Also Calpurnia hier auf dieser Villa! Schwankend wie die Erinnerung eines Traumes, kam mir nach und nach die Besinnung, dass ich von dir erfahren hatte, Calpurnia sollte mit ihrem Vater nach Bythynien kommen. Und sie war hier sie lebte auf dieser Villa als was? als was anders als die Braut vielleicht die Gattin des Besitzers! Was in mir vorging, als diese Entdeckungen langsam, aber deutlich sich aus meinen verworrenen Gedanken entwickelten o der Tod kann nicht bitterer seyn, als diese Gefuhle! Darum war also bei der Ungewissheit meines Schicksals auch nicht E i n e Nachforschung nach mir, nicht E i n Versuch zu meiner Rettung gemacht worden!
Sulpicia war bei mir zuruckgeblieben. Die Sonne sank hinter den Bergen hinab, ihr letzter Strahl brach durch das Gebusch, und malte Alles um uns mit glanzendem Gold. Ich sass verloren in schmerzlichen Gefuhlen, und horte nur halb, was Sulpicia von der Stille und Schonheit des Abends sprach. Ich muss ihr nichts geantwortet haben, denn sie legte endlich die Hand auf meinen Arm, und sagte mit unbeschreiblich gutigem Tone: Du scheinst auch nicht glucklich zu seyn, liebe Fremde! Ich fuhr empor ich sah sie starr an, ihr Auge wurde feucht, und meine Thranen brachen hervor. O, ich habe viel viel verloren rief ich erschuttert. "Das glaube ich. Verlust von dieser Art sie deutete auf mein Trauerkleid wird selten oder nie verschmerzt." Ich war froh, so missverstanden zu werden, ich liess meinen Thranen freien Lauf, Sulpicia verstand mich, ohne mich zu ergrunden; ich fand eine Art von Beruhigung in ihrer zarten Theilnahme. Ach sie weiss auch, was ein zerrissenes Herz ist!
Die Sonne war jetzt hinunter, Calpurnia kam hupfend zuruck, und ermahnte ihre Freundin, bei der sinkenden Dammerung ihre Gesundheit zu schonen und in's Haus zu gehen. Wir standen auf. Im Hineingehen betrachtete ich diese reizende Gestalt recht aufmerksam. O sie schien mir jetzt, da ich wusste, wer sie war, noch schoner, noch verfuhrerischer! Jede Bewegung war Anmuth Wohllaut mochte ich sagen, jedes Wort bedeutend, jeder Blick siegreich. Als wir in einen Saal zu ebener Erde traten, nahm sie mich auf eine muntere Art bei der Hand, und zog mich fort, um mir mein Schlafgemach zu zeigen. Es war ein niedliches kleines Zimmer, mit allen Bequemlichkeiteen des Wohlstandes, ohne Pracht versehen, und mit der Aussicht in den wildesten Theil der Garten. Ein Spiegel an der Wand zeigte mir plotzlich, ich kann sagen, mit Schrecken, unsre beiden Gestalten, Calpurnia bluhend, jugendlich, mit den siegreichen Blicken, den glanzend braunen Locken, die kunstlich geringelt um die weisse Stirn, die rosigen Wangen, den blendenden Nacken flatterten, in der uppigsten Fulle einer glucklichen Schonheit und ich neben ihr, verbluht, von Kummer verzehrt, von Sonne und Luft verbrannt, mit truben Blicken und der tiefen Narbe auf den farblosen Wangen. O Junia! Nur die ungemessenste Eitelkeit oder die lacherlichste Verblendung hatte es wagen konnen, hier sich in einen Wettstreit einzulassen. Ich erkannte deutlich die Grosse des Abstandes und meinen entschiedenen Verlust. Sie entfernte sich hierauf, "um mir Ruhe zu lassen," sagte sie. Ach ja wohl! Sie lasst mir Ruhe die Ruhe des Grabes, nachdem ich durch sie Alles verloren habe, was dem Leben Werth gibt. Ich weinte recht heftig, und weinte mich aus, ich warf mich auf meine Kniee und demuthigte mich unter der Hand des Gottes, der zuchtigt, weil er liebt. Ich bat ihn um Starke, und fuhlte mich wirklich gefasster, als nach einer Weile eine Sclavin kam, nm sich zu erkundigen, ob ich nichts bedurfe. Ich verlangte zu ihrer Gebieterin gefuhrt zu werden. Das Madchen brachte mich in einen Saal, der angenehm durch einige in schonen Urnen brennende Lampen erhellt war. Sulpicia lag auf einem Ruhebette, Calpurnia ihr gegenuber hatte die elfenbeinerne Leyer im Arm, auf der sie eben gespielt und dazu gesungen hatte. Ich bat sie fortzufahren, da griff sie mit den Lilienarmen in die goldenen Saiten, und sang mit wollustig schmelzender Stimme ein ziemlich loses Lied darein. Ich dachte der Zeit, wo ich auch gespielt und gesungen hatte, damals, als die ersten Gefuhle in unsern jungen Herzen erwacht waren, und spater in Edessa und Nisibis, wo mein Gesang oft die muden Wassengenoffen erheiterte, Demetrius Beifall mich lohnend ermunterte, und ein Auge voll Ruhrung und heiliger Liebe an meinen Blicken hing. Aber freilich, so verstehe ich nicht zu singen mit so sprechenden Geberden, mit so wollustathmenden Lauten und keine so weichen runden Arme bezauberten das trunkne Auge, indess das Ohr dem Sirenensang lauschte.
So ward jeder Blick auf sie ein Stachel in meine Seele. Aber ich war noch zu etwas Harterem bestimmt, ich sollte den Kelch bis auf die Hefen leeren, und in keinem unaufgehellten Dunkel meines Geschickes den Trost der Ungewissheit, der moglichen Hoffnung erhalten. Es lagen Zeichnungen auf dem Tische; ich sah sie durch, es waren verschiedene Gegenstande sehr geschickt ausgefuhrt. Jetzt ergriff ich die grosste und letzte o Gott im Himmel, was erblickte ich? Agathokles Bild, zu Pferde, in einer mir bekannten Strasse von Nikomedien, in vollem kriegerischen Schmucke, und von einer Menge Menschen umgeben. Ich zitterte, lange hielt ich wie bewusstlos das ungluckliche Blatt in der Hand und mein Auge sah nur ihn. Es waren seine Zuge, seine Haltung so genau, so lebendig! Meine Seele verlor sich im Anschauen. Calpurniens Stimme weckte mich aus meinem Traume. Sie fragte mich, wie mir das Blatt gefiele? Vortrefflich antwortete ich, und setzte in der schrecklichen Verwirrung hinzu er ist zum Sprechen getroffen. "Wie, du kennst den Tribun?" rief sie rasch und sprang auf mich zu, gleich als hatte meine Bekanntschaft mit ihm mir ein hoheres Interesse in ihren Augen gegeben. O wie lebhaft muss das seyn, das sie an ihm, das er an ihr nimmt! Es war zu spat, meine Unbesonnenheit wieder gut zu machen, ich musste sie nun schicklich bemanteln. Ist es nicht Agathokles, der Sohn des Hegesippus? sagte ich. "Ja er ist's," rief sie frohlich, "du kennst ihn?" Ich erinnere mich, ihn vor mehreren Jahren in Nikomedien gesehen zu haben. "Und du findest das Bild getroffen?" Vollkommen, nur wunschte ich die Bedeutung zu wissen. Nun erfuhr ich, dass Agathokles sich in der letzten Schlacht ausserordentlich ausgezeichnet hatte, dass er auf dem Wahlplatze zum Tribun erwahlt, und vom Casar als Siegesbote zum Diocletian gesendet worden war. In diesem Augenblicke des schmeichelnden Volkszurufes hatte sie ihn gezeichnet sie selbst. Sulpicia lachelte sein, als Calpurnia mir das erzahlte. "Es ist kein Wunder," sagte sie endlich, "dass sie ihn so gut getroffen hat; die Phantasie entwirft und Eros1 fuhrt die Hand." Ein kleiner scherzhafter Streit begann nun unter den beiden Romerinnen, ein Streit, dessen Gegenstand Er und seine Liebe zu Calpurnien war, und i c h war Zeugin, und i c h wurde zuweilen von der freundlichen Sulpicia aufgefordert, Theil daran zu nehmen! O das war eine der bittersten Stunden meines Lebens!
Ich erfuhr durch diese kleine Neckerei endlich so viel, dass zwar Calpurnia noch nicht seine Gattin, aber seine Geliebte, und nicht viel weniger als seine Braut war, da ihr Verhaltniss schon in Rom angefangen, und in Nikomedien fortgesetzt wurde, dass er aber jetzt wieder zum Heere abgegangen war, wo die Friedensunterhandlungen mit den Persern beginnen sollten.
Ich wusste genug, und entfloh, so bald ich konnte, in die Einsamkeit meines Zimmers. Kein Schlaf besuchte meine Augen. Ich hatte erlangt, was ich gewunscht hatte, ich war aus der Gefangenschaft befreit, ich war in meinem Vaterlande, auf seiner Villa und wie war ich es, unter welchen Verhaltnissen! Wild und verworren durchkreuzten sich Gedanken, Gefuhle und Entwurfe in meiner Seele. Das allein fuhlte ich klar, dass nun mein Lebensplau zerrissen, und ein neuer nothwendig war. Aus dem Kampfe streitender Krafte, aus dem Chaos schmerzlicher Empfindungen ging er endlich hervor, wie ein einzigubriger Lebender sich bleich und schaudernd von dem, Schlachtfelde aufrichten mag, auf dem alle seine Bruder gefallen sind. Ich entwarf ihn mit klarer Besinnung, und du sollst ihn horen und billigen.
An eine Vereinigung mit dem, den ich nicht mehr nennen will, ist nicht zu denken. Er ist todt fur mich, so will ich es auch fur ihn seyn. Das Schicksal hat mein Daseyn zerstort, es hat mir Stand, Gemahl, Vermogen, Alles geraubt, alle Lebenshoffnungen zernichtet so hore denn auch mein Wesen, mein Name auf. Larissa ist todt sie ist unter den Ruinen von Trachene begraben. Diese Theophania (du weisst, dass dies mein Christenname ist), die jetzt arm, verlassen, einsam zuruckkehrt, ist ein anderes Wesen, fremd fur die Welt, fremd fur jene, die sie so schnell vergessen konnten. Sie ist nicht in Nikomedien geboren. Synthium ist der Ort ihrer Entstehung. Sie hat auch nichts mehr in der glanzenden Hauptstadt zu suchen. Einige Kostbarkeiten, die jene verstorbene Larissa rettete, und die immer einige Talente2 werth seyn mogen, werden ihr ein beschranktes, aber sorgenfreies Leben sichern. Sie kann entbehren das Schicksal hat sie in seine Schule gefuhrt. Sie wird mit Heliodor nach Nicaa gehen, und dort, entweder in dem Hause seiner Verwandten, oder einer andern unbescholtenen Christenfamilie Aufnahme und Schutz suchen. Dort wird sie unbemerkt leben, sterben, oder vielleicht nachstens zu ihren wilden Freunden zuruckkehren, deren unverfeinerte Gemuther nicht fahig sind, jeden Eindruck so schnell fahren zu lassen.
Sobald der Tag anbrach, verliess ich mein Zimmer, und stieg in die thauigen Garten hinab. Ungestort durchirrte ich die wohlbekannten Gange, und rief mit schmerzlicher Lust die Bilder der Vergangenheit zuruck. Hier hatte ich als Kind mit den Gespielen der Kindheit schuldlos und glucklich gespielt, dort in jener dunkeln Pinienlaube hatten die Gefuhle der Jungfrau zuerst Worte bekommen, dort hatten wir uns ewige Treue geschworen, und von dem Gipfel jenes Hugels wehten die Palmen im Morgenwind, unter denen seine Mutter uns oft um sich gesammelt, Lehren der Tugend und Weisheit in unsre Seelen gesenkt, und uns mit einander und fur einander gebildet hatte. Mit schmerzlich susser Wehmuth, mit zerreissenden Gefuhlen durchstreifte ich diese Denkmale einer bessern Vergangenheit. Als ich mich dem Hause naherte, kam mir Heliodor entgegen. Er hatte mich gesucht, um mich zur schnellen Abreise zu bestimmen. Ihm war es nicht wohl in diesem glanzenden Hause, in der Nahe der leichtfertigen Calpurnia. Sein Antrag kam mir erwunscht, ich ersuchte ihn zugleich den Reiseplan zu andern, indem ich nicht mehr wie Anfangs gesonnen sey, nach Nikomedien zu gehen, wohin er mich ohnedies nur aus Gefalligkeit begleitet hatte. Und wohin willst du? sagte er. Wohin du gehst, erwiederte ich, nach Nicaa, oder an die Ufer des Borysthenes. Er sah mich sehr erstaunt und forschend an; aber er fragte nicht weiter. "Und was willst du in Nicaa machen, du bist ganz fremd dort?" "Ich bin es uberall," erwiederte ich, "du weisst, dass ich nirgends Freunde oder Verwandte habe. Willst du so gutig seyn, mir in deines edlen Bruders Hause eine Freistatt zu verschaffen, so wirst du dir ein ungluckliches heimathloses Geschopf ewig verpflichten." Er schien nicht unzufrieden mit dieser Bitte, er versprach mir, gut und eifrig fur mich zu sorgen; allein ich sah wohl, dass er nur fur diesen Augenblick nicht weiter forschen wollte, dass ihm aber mein geanderter Entschluss sehr auffiel. Ich fuhlte, dass ich seinem strengen Forscherblick nicht entgehen, und fruher oder spater mich ihm wurde entdecken mussen. Doch gern unterwarf ich mich Allem, um nur aus dieser Villa, aus der Nahe von Nikomedien zu kommen. Wir nahmen Abschied. Man schien unzufrieden uber unsern schnellen Aufbruch; Sulpicia zeigte eine wahre Theilnahme, ich sah, dass ich ihr werth geworden war, und dies Gefuhl that mir, von aller Welt Verlassenen, unendlich wohl. Wir verabredeten, einander zu schreiben. So schieden wir, und langten in zwei Tagen in Nicaa an. Heliodors Verwandte nahmen mich auf seine Empfehlung ungemein gutig auf; ich lebe mit ihnen, ich bin ruhig und verborgen in einem stillen Hause, unter guten Menschen, unter Christen und so sind die kleinen Wunsche, die ich noch auf dieser Welt habe, erfullt.
Fussnoten
1 Eros, ein Name des Amors. 2 Ein Talent galt ungefahr gegen tausend Gulden.
50. Agathokles an Phocion.
Samosata, im September 302.
Das Gerausch ist voruber, es ist wieder still in mir, und so wie die Seele, sich selbst uberlassen, nach und nach in ihre vorige Stimmung zuruckkehrt, kehren auch ihre gewohnten Empfindungen zuruck. Der Aufenthalt in Nikomedien mit all' seinem Glanz, seinem prunkenden Gerausch liegt wie der Traum einer kurzen Sommernacht hinter mir. Die Eindrucke, die er hervorbrachte, verklingen allmahlig, die Bezauberung entflieht, der Geist sieht wieder hell und richtig. Nein, das ist nicht die Liebe, die mich glucklich machen kann. Ach diejenige, welche diese Empfindung fur mich in dem treuen wahren Herzen trug, schlaft unter dem Hugel von Trachene! Sie hatte mir kein Fest gegeben, sie hatte die kurze Zeit unsers Beisammenseyns nicht durch ein Schauspiel noch mehr verkurzt, in dem nur ihre Talente und ihre Schonheit staunenden Beifall einernten sollten. Larissa ware an meine Brust gesunken, sie hatte nach meinen Gefahren, meinen Leiden gefragt, sie hatte mich g e l i e b t , und Calpurnia wollte mich blenden und fesseln.
Wie war es moglich, diese Deutung in das Fest zu legen, sich als meine Freundin zu erklaren, deren terlandes weicht, und in einer Stunde darauf Alles das rein zu vergessen, oder wenigstens den Anschein haben zu wollen, als hatte man es mit allen Eindrukken, die es hervorbringen musste, vergessen? O wenn es Liebe gewesen ware, was sie hinriss, sich selbst zu vergessen, und ihr Herz unverhullt zu zeigen wie hatte sie's vermocht, meinem wirklich bewegten Gemuthe so kalt und ruhig gegenuber zu stehen, und wenige Minuten nach dem bedeutungsvollen Fest nichts als eine leichte frohliche Gesellschafterin zu seyn? Es war Eitelkeit, nichts als Eitelkeit, sie wollte einen gewaltsamen Eindruck auf mich machen, aber die Regungen nicht theilen, die er in mir hervorbrachte. Wie klein, wie kalt erscheint mir ihr Bild! Lass mich davon abbrechen! Ich schame mich, auch nur fur einen Augenblick dem Zauber unterlegen zu seyn.
Du scheinst, mein vaterlicher Freund! nicht ganz zufrieden mit meinen Ansichten des Christenthums, und noch weniger mit meiner Neigung, ein Bekenner desselben zu werden. Es ist schwer, in Briefen Alles zu erschopfen, was sich fur oder wider eine Sache von so vieler Wichtigkeit sagen lasst; ich will also nur einige deiner Einwurfe zu beantworten suchen. Du wirfst diesem System vor, dass es auf blosse Tradition gebaut, durch Wunder unterstutzt, und in undurchdringliche Geheimnisse gehullt sey, die des menschlichen Verstandes zu spotten scheinen. Was die Tradition betrifft, so erging es dem Urheber dieses Systems nicht anders, als dem weisen Sokrates, Pythagoras und den meisten Stiftern beruhmter Secten und Glaubensformen. Von ihrer Hand besitzen wir wenig oder nichts. Alles, was aus der Ferne der Zeiten zu uns herubertont, sind einzelne Laute, aus ihrem oder ihrer ersten Schuler Mund, aufgezeichnet von Entfernteren, selten von Zeitgenossen, oder Augenzeugen. Die Christen besitzen doch wenigstens in den sogenannten Evangelien viele Spruche, Lehren, Thaten und Meinungen ihres Meisters, seine Biographie von seiner Geburt bis an seinen Tod. Wenn wir dem Zeugnisse der Geschichte uberhaupt Glauben beimessen, so mussen wir es auch diesen einfachen Erzahlungen anspruchloser Menschen, denen es an Geschicklichkeit sowohl zum bessern Vortrag, als zur listigern Einkleidung gebrach. Hatten sie zu tauschen vermocht, oder es gewollt, wahrlich, die Gegner wurden weniger einzuwenden haben, und das geflissentlich kunstliche Gebaude weniger Blossen geben. Dass sie es nicht thaten, dass der grubelnde Verstand Manches an diesen nicht ganz gleichlautenden Zeugnissen aufzufinden weiss, was er haarscharf sichten, und zergliedern will das burgt mir fur ihre Wahrheit. Die Junger sahen ihren gottlichen Lehrer handeln, leiden, sterben, und wie sich diese Erscheinung in den Augen vier verschiedener einfacher Menschen spiegelte, wie die Erzahlungen jener Begebenheiten, wovon sie nicht selbst Zeugen waren, mit den gewohnlichen kleinen Veranderungen Jedem erzahlt, und von ihm aufgefasst wurden: so zeichnete sie Jeder, unbekummert um das Urtheil der Nachwelt und die scharfe Kritik spaterer Gelehrten, zur Erbauung der Gemeinde auf, der er vorstand.
Ueber die Wunder kann ich dir nichts sagen. Manche lassen sich naturlich erklaren, bei andern, so wie bei dem Geheimnisse der Geburt und Natur des Stifters, steht unser Verstand still. Wir konnen es nicht begreifen aber mussen wir es denn begreifen? Wie viele tausend Erscheinungen gehen in der physischen und moralischen Welt vor, wir fuhlen ihre Wirkung, aber wir begreifen ihre Entstehung nicht. Mit fruchtloser Muhe zerarbeitet sich der menschliche Witz, diese Beobachtung unter Regeln und in Hypothesen zu bringen und wie spottet die Grosse und Erhabenheit der Natur dieser armen Abtheilungen, Unterabtheilungen und spitzfindigen Erklarungen durch die geheimnissvolle Art, wie sie ihre Gesetze befolgt, dass alle Augenblicke Lucken und Blossen in den kunstlich errichteten Systemen entstehen? Werden wir weniger an das Daseyn des Windes, des Donners, der Erderschutterungen glauben, weil wir nicht wissen, woher sie kommen? Werden wir weniger Maassregeln dagegen ergreifen, weil uns ihre Natur unbekannt ist? Gewiss nicht. Auf unser Verhalten wird der Zweifel, in dem sie uns lassen, keinen Einfluss haben. Eben so verfahrt der redliche Christ. Das, was fur unser Leben anwendbar ist, was uns besser, edler macht, was den Frieden in uns erzeugt, das ist's, was wir annehmen und befolgen mussen. Das sind die segensreichen Wirkungen dieser Lehre das Uebrige ergreift der kindliche Glaube, ohne sich um seine Ergrundung zu bekummern.
Ich habe dir bereits in manchen meiner Briefe uber die christliche Moral geschrieben. Ich bin uberzeugt, dass sie die reinste ist, die bisher auf der Erde gelehrt wurde, dass sie so ganz fur das jetzige Zeitalter, fur den Stand unsrer Cultur, die gegenwartige Lage des Menschengeschlechts passt, dass schon hieraus ihr gottlicher Ursprung sich beweisen liesse, wenn ihn auch keine fruheren Zeugnisse bestatigten. Die Gottheit, die das Schicksal der Menschheit lenkt, die weiss, zu welcher Zeit, und auf welche Art ihre Schwache unterstutzt, ihrem Verderben gesteuert werden soll, hat in dieser Epoche diese Religion entstehen lassen. Sie sandte einen Gottersohn, sie zu lehren. Was finden wir hierin Sonderbares, wir, die wir unter Mythen von Heroen und Gottersohnen aufgewachsen sind, die die Menschen zur Zeit der Noth retteten, die Erde von Ungeheuern befreiten, den Zorn der Gotter versohnten? Ist der Begriff eines einzigen Gottes anstossiger, als der von unzahligen Sohnen unzahliger Gotter? Und welche Religion hatte nicht solche Verkorperungen uberirdischer Wesen, die zum Besten der leidenden Sterblichen den Sitz der Seligen verliessen? O der Gedanke liegt so tief in dem Herzen des Unglucklichen. Und welcher Sterbliche ist glucklich? Die Gesetze der Natur, die physischen Revolutionen gehen achtlos uber den Ruin seiner Habe, seines Lebens hin sie vermag kein Flehen zu beugen, ihrem Gange setzt keine Klugheit Schranken. Die Laster, die Verderbtheit seiner Mitmenschen zuchtigt ihn mit noch scharferen Ruthen, er muss bussen, was Andere verschuldet haben; er wird hingeopfert, weil ein Uebermuthiger schwelgen will weil ein Rasender das Unmogliche fordert, bluten Myriaden auf dem Schlachtfelde. O wohin soll der verfolgte geangstete Mensch sich wenden, als zu der unsichtbaren Macht, die starker ist, als die Natur und die bosen Menschen? Er flieht dahin, er ringt im Gebete mit ihr und sie sendet ihm einen Retter.
Strome von Menschenblut haben die Gefilde Hesperiens, die Felder von Pharsalus, von Gallien, Syrien, von allen Provinzen des romischen Reichs getrankt. Tausend einzelne Schlachtopfer sind dem Neid und Verdacht der Triumvirn, der Wuth der Pratorianer, der wollustigen Grausamkeit eines Tiberius oder Caligula gefallen und wenn Zehntausende ihr Leben einbussten, so verjammerten es Dreissigtausende im Elend oder Schmach, weil sie ihre Stutzen, ihr Gluck in Jenen verloren hatten. Der Koloss des unermesslichen Reiches naht seinem Umsturz. Auf allen Enden kracht das morsche Gebaude, alle Saulen schwanken, alle Grundvesten sind erschuttert, und mit ungeheurer Kraft dringen ungeschwachte Horden von Barbaren in Nord und Ost auf die untergrabenen Mauern los; bald werden sie sie eingesturzt haben, und die schonen Provinzen mit Mord und Raub erfullen. Was bleibt dem Menschengeschlecht dann ubrig? Werden jene Truggestalten einer uppigen Phantasie, jene armseligen Erfindungen des kindischen Weltalters gegen die Schrecken aushalten? Wird der rohe Aberglaube, der, unbegreiflich genug, neben dem leichtsinnigsten Unglauben besteht, dem Menschen Trost und Muth gewahren? Kann er, wenn sein Gluck zertrummert ist, mit Zuversicht Hulfe von den Bildsaulen hoffen, die er mit schwelgerischen Mahlzeiten, oder lacherlichen Ceremonien ehrt? Werden ihn die Zauberformeln beruhigen, die thessalischen Weiber fur ihn sprechen? Und wenn kein Mahl, kein Opfer mehr der Gotter Zorn stillt, wird er gelassen und freudig in die oden Wohnungen der Nacht, des Nichts hinabsteigen? Die tagliche Erfahrung zeigt uns, dass die Volksreligion nicht mehr gegen die eindringenden Uebel Stand halten kann. Die Menschheit muss wiedergeboren werden durch eine Religion, die dem Verderbniss der Sitten durch strenge Moral, dem Egoismus durch Einscharfung der Nachstenliebe, der Verzweiflung durch festen Glauben an eine bessere Welt wehre. Diese Religion ist das Christenthum und sie leistet Alles, was der Menschenfreund fur das Zeitalter wunschen kann.
Doch, mein Brief ist eine Abhandlung geworden. Zurne der Weitlauftigkeit nicht, mit der ich dir gern von jedem Beweggrunde meiner Handlungen und meiner Ueberzeugung Rechenschaft geben mochte, und lebe wohl, bis ich Zeit finde, dir noch mehr zu sagen.
51. Valeria an Eneus Florianus.
Mantua, im September 302.
Florianus! Florianus! Deine Valeria lebt noch! Sie ruft dir zu es ist ihr moglich geworden, dir ein Zeichen ihres Lebens zu geben. O die Verzweiflung war ihr mehr als einmal nahe, wahrend ein endloses Jahr vorschlich, ohne dass ihre Liebe und List ein Mittel gefunden hatte, die engen Schranken zu zerbrechen, die sie fest umschliessen, und so unendlich fern von dir halten. Wund haben sie mein Herz langst gedruckt. Wenn ich in verzweiflungsvollen Tagen keine Hoffnung sah, eine Spur meines Daseyns bis zu dir zu bringen wunschte ich sie noch fester, noch enger, dass sie mich ganz erdruckt hatten! Wirst du mir zurnen, Florianus? Ich hatte mehr als einen Versuch gemacht, dem Leben, das als eine unertragliche Last auf mir lag, zu entfliehen. Es war nicht recht d e r Gedanke schreckte mich zuruck. Du hast mich in einer Lehre unterwiesen, die den Selbstmord verdammt. Du hast es mir in Britannien, als man uns zuerst trennte, als ich dir diese letzte Rettung so manches edlen Menschen der Vorwelt auch zu unserer vorschlug, streng verwiesen. Mit einander sterben! Susses Loos! Es schmerzt nicht, wurde ich wie Arria1 gesagt nicht und ich brachte dir das grossere Opfer ich bin von dir getrennt, und lebe noch.
Durch wie viel Stadte man mich geschleppt hat, seit in jener furchterlichen Nacht mein Vater an mein Bette trat, mir befahl aufzustehen, mich anzukleiden, als die Mutter weinend hereintrat, ich Alles zur Abreise fertig sah, der Vater mir den Mantel uberwarf, als keine Frage, keine verzweifelnde Bitte Antwort erhielt, keine offenbare Widersetzlichkeit der hohern Gewalt zu entfliehen vermochte, das weiss ich nicht. Als ich aus einer tiefen Ohnmacht erwachte, war ich auf dem Schiff sah ich die Kusten der theuren Insel weit hinter mir. Dann wurde ich krank, sehr schmerzlich, sehr gefahrlich, so, dass ich hoffte, sterben zu konnen. Von dir sprach mir kein Mensch, so liebevoll sie mich sonst behandelten, und fur alle Fragen, die ich mit verzagender Seele an sie that, waren sie taub. Das erste Mal, als ich mit schwankenden Tritten in's Freie geleitet wurde, sah ich mich in ganz unbekannten Gegenden; man sagte mir, wir waren am Rheinstrom, und die grosse Stadt, die ich nicht weit davon ihre Zinnen in seinen Wellen spiegeln sah, ware Colonia Agrippina2. Ach, guter Gott! Wie fern, wie abgeschnitten durch den weiten Ocean!
Griffel und Papier, Feder und Tafel3 waren mir entzogen; einige Versuche, auf ein Stuckchen Leinen oder Stoff mit Farbe mit meinem Blute zu schreiben, wurden mit unseliger Schlauheit entdeckt, und strenge zernichtet. O warum hatte ich nicht sterben sollen? Warum musste ich dies elende Leben ertragen! Jetzt sind wir in einer Stadt von Italien, Mantua nennen sie die Leute. Ich kann mich nicht in diese Menschen, in ihre Lebensart, in ihr Clima finden. Die unertragliche Hitze thut mir weh; mein Korper, den die schwere Krankheit erschopft hat, leidet durch die gluhende Sonne und die bosen Ausdunstungen der Sumpfe, die die Gegend umher verpesten. Ich bin der frischen Luft, der kuhlen Schatten meiner Insel, ich bin der Gegenwart des geliebten Gegenstandes gewohnt; hier muss ich verschmachten. Du wurdest mich kaum erkennen.
Ach, Florianus! ist es dir nicht moglich, mich zu befreien? O rette, rette ein ungluckliches Wesen, das ohne dich nicht leben, nicht tugendhaft, und dort nicht selig seyn kann! Du hast mich deinen Glauben, den Glauben der Liebe gelehrt, und jetzt stossest du mich kalt und streng in die vorige Nacht. O ware es nicht besser gewesen, mich dort zu lassen? Jupiter hatte nicht gezurnt, wenn ein freundlicher Strahl mir den Weg aus diesem Leben gebahnt hatte. Minos wurde mein Ungluck geehrt, und ein mildes Urtheil gesprochen haben. Im Elysium hatten wir uns wiedergesehen: dort, wo Dido's Schatten zurnend dem Aeneas4 auswich, ware ich in deine Arme geeilt! Wie trub und duster auch diese Reiche sind, ich ware mit dir vereinigt gewesen und sie hatten uns gelachelt! Ich hatte sterben durfen! O gluckliche Freiheit!
Florianus, was habe ich gesagt? O, wirst du mir
verzeihen konnen? Nein, ich kann es nicht bereuen, eine Christin geworden zu seyn! Es ist dein Glaube, es ist der Glaube der Liebe, und Liebe ist sein Symbol, die hochste, die reinste, die Mutterliebe. Das Kind auf den liebenden Armen, schwebt sie vom Himmel zu uns herab. Zu ihr wende ich mich auch am oftersten, am liebsten. Ueber Alles erhaben, gross und furchtbar, steht die Gottheit vor meinem schuchternen Blick. Aber sie war Weib, war Mutter, sie lebte, sie litt, sie liebte wie ich, sie versteht meinen Kummer. O, sie hat mich getrostet, wenn ich recht heiss und zitternd vor ihr geweint hatte, wenn ich sie um Linderung, um Furbitte bei ihrem Sohne gestehet hatte; und gewiss ist es ihr Werk, dass ich jetzt ein Mittel gefunden habe, dir zu schreiben, und den Brief durch den treuen Menschen, den du wohl kennst, und der morgen von hier nach Eboracum abgeht, abzusenden.
Man erzahlt hier, Constantin, dein Zogling, sey in
grossem Ansehen am Hofe des morgenlandischen Augustus, und vermoge sehr viel. Konnte er uns denn nicht helfen? O wende dich an ihn, schreib ihm die ungluckliche Tochter des Augustus hat ja einige Anspruche auf menschliche Hulfe. Oder bin ich nur darum aus der glucklichen Unwissenheit meines Privatstandes gerissen worden, um zu erfahren, dass auf dieser Hohe Freundschaft, Theilnahme und Mitleid aufhort?
O Florianus! Schreibe mir bald, aber nicht so streng, so kalt, wie du in den letzten Tagen in Eboracum mit mir sprachst. Ich ehre die Grundsatze, die dich so handeln heissen; aber ich erliege unter der ersten Last, die sie auf mein allzuweiches Herz legen. Ich kann nicht so heldenmuthig seyn. Ach ich liebe dich mit allen Kraften, mit allen Empfindungen meiner Seele! O schreibe mir gutig, lass mich nur Einmal einen Strahl jener Liebe erblicken, die in jenen goldnen Tagen mein Leben zum Himmel erhellte! Nur Ein Wort, wie du mir in unsrer Insel Tausende sagtest! Wenn du schnell antwortest, und deine Antwort dem Boten gibst, der sie auf einem sichern Weg hierher bringen kann: so trifft sie mich noch hier, denn wir bleiben bis zu Ende des nachsten Monats in dieser Stadt. Das habe ich halb durch List, halb durch Zufall erfahren. Asinius Ponticus hat an Augustus geschrieben, der mein Vater seyn soll, und wird die Antwort hier erwarten. Diese Frist ist vielleicht die einzige, die uns in langen Monaten vielleicht in Jahren offen steht. O lass sie nicht fruchtlos verstreichen, und lass mich die Versicherung horen, dass du mich noch liebst, dass du noch hoffest, und an Rettung glaubst. Leb' wohl!
Fussnoten
1 Als Arria und ihr Gemahl Patus mit einander zu sterben beschlossen hatten, senkte sie zuerst den Dolch in ihr Herz, und gab ihn dann ihrem Manne mit den beruhmten Worten: Er schmerzt nicht. 2 Coloniae Agrippinae, das heutige Coln. 3 Die Romer schrieben bald mir Griffeln auf Tafeln, welche mit Wachs uberzogen waren, bald mit Federn von Rohr auf Pergament und eine Art Papier, das aus einer agyptischen Staude bereitet wurde. 4 Als Aeneas bei seiner Hollenfahrt im Elysium dem Schatten der Dido begegnete, die sich um seiner Untreue willen ermordet hatte, wandte sie sich zurnend von ihm ab.
52. Agathokles an Phocion.
Nisibis, im October 302.
Hier bin ich in Nisibis. Das Haus, das ich bewohne, liegt in derselben Strasse, in der ich vor zwolf Monaten mit Demetrius lebte. Es hat den Casarn gefallen, diese Stadt auf der aussersten Grenze des Reichs gegen Persien zum Schauplatz der Friedensunterhandlungen zu wahlen, die Narses nach der erlittenen Niederlage eroffnet hat, und sehr eifrig zu verlangen scheint. Constantin, als der Sohn des abendlandischen Casars, durfte nicht dabei fehlen, und ich folgte meinem Fursten, meinem Freunde, weil er es wunschte. So ist es gekommen, dass ich diese Stadt wieder gesehen, die mir ewig unvergesslich, und ewig zu schmerzlicher Erinnerung seyn wird. Als Constantin zuerst den Wunsch ausserte, dass ich ihn begleiten mochte, warnte mich eine innere Stimme, dieser Bitte nicht zu willfahren. Aber ich trotzte auf die Macht der Zeit, die jeden Eindruck schwacht, auf die Zerstreuung durch die Geschafte, die meiner hier warteten, endlich auf die Starke meines Herzens. Es war thoricht, es war vermessen, dies zu hoffen. Als ich von Weitem diese Mauern erblickte, wo ich so schone, so selige, so schmerzliche Stunden verlebt hatte erwachte die stes mit unwiderstehlicher Kraft in mir, und keine Zerstreuung, keine Beschaftigung hat diesen Eindruck bis jetzt schwachen, kein Kampf ihn besiegen konnen. Constantin weiss nicht, was er von mir gefordert hat; es ware unedel, es ihm jetzt zu sagen, und seinem Herzen die druckende Last einer solchen Verbindlichkeit aufzuwalzen. Ueberhaupt ist es wohl eben so vergeblich als unbillig, Andere, die nichts dazu beitragen konnen, es wieder herzustellen, mit dem steten Anblick unsrer truben Mienen, mit der Anhorung unsrer alten Klagen zu qualen. So suche ich mich zu beherrschen, und glaube wenigstens durch diese Uebung meiner Willenskraft einigen Nutzen fur mein besseres Selbst zu finden.
Es ist seltsam, wie unausloschlich tief manche Eindrucke bleiben, indessen andre kaum die Zeit ihrer gegenwartigen Dauer uberleben, und noch seltsamer und ubler fur uns Sterbliche, dass jene meistens unter die traurigen gehoren, und die frohen schnell verschwinden. Warum halt des Menschen Sinn den Schmerz so fest, und vergisst so schnell, was ihm wohlgethan hat? Das ist nicht gut, es fuhrt zur Undankbarkeit gegen Gott und Menschen, und eben darum ist vielleicht auch die Begierde nach Rache bei rohen Menschen der machtigste und unausloschlichste Trieb. Fur mein Gefuhl ist keine Zeit zwischen jenen selig dustern Tagen und dem gegenwartigen Augenblick. Alles steht hell vor mir, Alles lebt um mich wie damals, nur E i n s , E i n s fehlt, und dies E i n e ! Es ist kein Wahn, kein Werk der erhitzten Einbildungskraft ich werde dies E i n e nie vergessen!
Warum sind die freundlichen Erinnerungen an meinen letzten Aufenthalt in Nikomedien, an Alles, was sich dort vereinigte, um ihn mir zu einem schonen hellen Punkte in meinem Leben zu machen, so ganz verschwunden? Warum drangt sich, wenn ich sie ja zuweilen geflissentlich zuruck rufe, um mich zu zerstreuen, nur der einzige Schatten, der darauf liegt die Eitelkeit und Absichtlichkeit des Wesens, das sonst so liebenswurdig ist, machtig hervor, und wirft seinen dustern Schein auf das ganze Gemalde, und macht seine frohlichen Farben erblassen, und kehrt, indem er mich auf den scharfen Gegensatz zwischen Calpurnien und meiner verkarten Jugendfreundin hinweiset, den Stachel grausam gegen mein Herz?
Doch, wo gerathe ich hin? Was ich noch kurz zuvor als loblich und nothig anpries, unterlasse ich sogleich selbst, und breche gegen dich, mein vaterlicher Freund, was ich gegen Andere zu beobachten mir streng vornehme. Verzeih, wenn zuweilen ein schnelles Gefuhl mich hinreisst! Ich sehe die Zwecklosigkeit und Lastigkeit ewiger Klagen ein, und es ist mein fester Vorsatz, sie nicht laut werden zu lassen. Du aber, der du weisst, wie vieler Nachsicht, Geduld und Liebe mein Herz von jeher bedurfte, um zufrieden zu seyn; du, der du sie so oft mit mir hattest, und mich Verwaisten mitleidsvoll an das deine schlossest, trage sie noch ferner, und sieh mir gutig nach, was eine schnelle Empfindung, der Vernunft zum Trotze, verbricht.
Constantins Freundschaft ersetzt mir viel und ein stilles Band, das sich mit jedem Tag mehr und mehr um meine Seele schlingt, kann nicht anders, als uns noch naher vereinigen. Er ist ein Christ, wie du weisst, und daher stets mit vielen seiner Glaubensgenossen umgeben, welche sich um ihn als einen festen und erhabenen Mittelpunkt sammeln. Mit ihm besuche ich ihre Versammlungen, und finde ich weiss, dass trotz ihrer Verschiedenheit unsrer Denkart mein Vertrauen dich nicht beleidigt immer mehr Grund, die gute Meinung und die schonen Hoffnungen, die ich von den Wirkungen dieser Lehre auf die Menschheit hege, zu nahren und zu vergossern.
Ihr Gottesdienst, so weit ich als Ungeweihter demselben beiwohnen darf denn bei der Feier ihrer Mysterien muss nicht allein der Nicht-Christ, sondern auch der noch auf niedrigen Stufen stehende Glaubensgenosse sich entfernen also ihr Gottesdienst, so weit ich Zeuge davon war, besteht in gemeinschaftlichen Gebeten und Gesangen, Vorlesungen aus ihren heiligen Buchern, der Lebensgeschichte ihres Meisters, und in zweckmassigen Reden daruber. Wie oft hat, wenn du mit mir die Reden des Cicero, des Hortendus, des Demosthenes lasest, ein stilles Feuer meine Brust ergriffen, und in schmerzlicher Erinnerung das Bild jener schonen Zeit vor meine Seele gefuhrt!. Da sah ich die versammelten Quiriten, ich sah den Redner vor den Rostris1 stehen, und voll gluhender Vaterlandsliebe, mit begeistertem Tone die wurdigen Gegenstande, die das Wohl oder Wehe des ganzen Volkes betrafen, wurdig und hinreissend vortragen; ich sah die Menge an seinen Lippen hangen, jetzt von edlem Unwillen, jetzt von grossen Entschlussen bewegt, der Gemuthsstimmung des Redners willig folgen, und in sympathetischer Ruhrung seine Gefuhle theilen. Erhaben und uber Alles gross erschien mir dann dieser Beruf, und gottlich die Macht, ein ganzes Volk nach eignen Einsichten durch die sanfte aber unwiderstehliche Gewalt der Sprache zu leiten, der Sprache, dieses Himmelsgeschenks, das ganz eigentlich und allein den Menschen uber das Thier erhebt, worin seine Perfectibilitat, seine schonsten Vorrechte liegen. Das sind die goldnen Ketten, die vom Munde des Hermes fliessen. Aber verstummt ist der Mund der Suada, verschwunden das kraftige selbststandige Volk der alten Comitien, die Ketten des Hermes sind verrostet. Nur Sophisten und Rechtsgelehrte missbrauchen noch zuweilen ihre entweihten Geheimnisse, um vor Unwurdigen einen unwurdigen Zweck zu erreichen.
Aber in den Tempeln der Christen erhebt sich diese so gesunkene Kunst wieder in ihrer alten Reinheit und Starke, und wenn auch die Gegenstande, an denen sie sich ubt, nicht von so allgemein bemerkbarem Einfluss, die Menge, vor der sie sich zeigt, nicht ein ganzes selbststandiges Volk ist, so sind jene, die sie wahlt, nicht minder wurdig und gemeinnutzig, und ihre Wirkung auf die versammelte Gemeinde nicht minder gross und wichtig. Mit erhebendem Gefuhl, mit Ruhrung habe ich manche dieser Redner gehort, und mich durch Erfahrung uberzeugt, dass jene schimmernden Bilder von der Macht der Beredtsamkeit und Declamation, die mir damals vorschwebten, kein jugendlicher Traum, keine Tauschung waren. Es liegt eine sympathetische Kraft in der lebhaften Rede. Noch ehe uns die vorgebrachten Grunde uberzeugt haben, hat das sprechende Auge, die ausdrucksvolle Miene, der bewegte Ton uns uberredet. Es ist ein Mensch, ein Wesen wie wir, das wir sich freuen, leiden, zurnen sehen; und wir leiden, zurnen und jubeln mit ihm. Der Mensch spricht zum Menschen, die Natur ergreift uns mit unsichtbarer Gewalt, und reisst uns fort, wohin zu folgen wir nicht widerstehen konnen.
Ich bin uberzeugt, dass, wenn es mir moglich ware, dich zum Zeugen einer solchen Feier zu machen, ein grosser Theil deiner Abneigung gegen die Christen verschwinden wurde. Da es nun unsre Pflicht ist, uberall Wahrheit zu suchen, und die Moglichkeit, dich von dieser zu uberzeugen, uberall in deiner Nahe ist, wo sich ein Christentempel und ein geschickter Redner befindet, so bitte ich dich um deiner Liebe zu mir, um der Beruhigung willen, dich meiner Ueberzeugung naher kommen zu sehen besuche eine solche Versammlung, hore ihre Redner, und schreibe mir dann, welche Wirkung dies auf dich hatte. Leb' wohl!
Fussnoten
1 Rostra war ein Gebaude auf dem Hauptplatze von Rom, das aus den Schiffschnabeln einer besiegten Flotte errichtet worden war, und vor welchem die offentlichen Reden gehalten wurden. Hermes oder Merkur ist auch der Gott der Beredtsamkeit, und wird als solcher mit goldnen Kettchen gebildet, die von seinem Munde an die Ohren der Zuhorer gehen.
53. Theophania an Sulpicien.
Nicaa, im October 302.
Deiner gutigen Aufforderung und dem Wunsche meines Herzens gemass, schreibe ich dir, meine liebenswurdige Freundin, aus dem stillen Aufenthalte, in welchem ich endlich nach so manchen Sturmen Ruhe zu geniessen hoffe. Ich bin nicht in Nikomedien geblieben, wie du aus dem Anfange meines Briefs sehen wirst. Meines Vaters Geschafte fordern seine Anwesenheit hier, und ich begleite ihn gern. Der Heimathlose findet uberall sein Vaterland, wo die wenigen guten Menschen wohnen, die noch einigen Theil an ihm nehmen. Ich habe auf der weiten Welt nun ausser der kleinen Familie, bei der ich lebe, und einer einzigen Freundin, die aber gebietende Umstande fern von mir halten, keine Seele mehr, um derentwillen ich irgend einen Ort zum Aufenthalt vorziehen, die um meinetwillen auch nur die geringste Veranderung in ihrer Lebensweise machen mochte. Ich bin allein. Es ist ein eignes Gefuhl, so ganz einsam in der Welt zu seyn, zu wissen, dass unser Gluck kein fremdes Auge erheitert, unser Schmerz keine fremde Thrane hervorlockt. Es ist traurig aber es liegt dennoch etwas Beruhigendes darin. Es macht uns die Gegenstande und hungslos, dass wir dadurch in jene stille Fassung kommen, die so viele Weise des Heidenthums als das hochste Gut, das Ziel aller menschlichen Bestrebungen anpriesen, und die die christliche Religion (ich bin eine Christin, du wirst das schon lange geahnet haben,) als diejenige Stimmung empfiehlt, die uns am geschicktesten macht, die Welt, ihre Freuden, und uns selbst zu vergessen, und an unsrer Veredlung, unserer Heiligung zu arbeiten.
Doch, so still mein Gemuth auch ist, so sehr ich mich bestrebe, Alles, was mir diese Erde an Freuden versprach, und an Schmerzen zumass, zu vergessen, so wird doch der Abend in Synthium nie aus meiner Seele scheiden.
Ich habe dich kennen gelernt, und wenn mich kein Vorurtheil, keine Eitelkeit verfuhrt, so habe ich an dir eine Frau gefunden, die, selbst mit dem Unglucke bekannt, Leidende zu verstehen, zu schonen weiss, so ist die unbekannte Reisende, die sie gastfrei in ihrem Hause aufnahm, nicht ganz aus ihrem Andenken verschwunden. Diese Hoffnung ist es auch, welche mir Zuversicht gibt, deine gutige Aufforderung zu einem Briefwechsel fur mehr als Artigkeit zu nehmen, und dir zuweilen Nachricht von dem einsamen vergessenen Wesen zu geben, das einige Stunden in deiner Nahe verlebte.
Wenn deine schone Freundin im Wirbel ihrer brautlichen Geschafte und Freuden, in der Fulle ihres Gluckes, mit dem Manne vereinigt zu werden, den ihr Beide als so edel und liebenswurdig schildert, noch einige Erinnerung an eine gleichgultige Erscheinung behalten hat, so rufe mein Andenken in ihre Seele zuruck, und vergiss nicht, wenn du mich, wie ich hoffe, mit einer Antwort erfreuen willst, mir zu sagen, ob sie bereits vermahlt ist, oder wann sie es seyn wird. Schreibe mir auch den Tag und die Stunde, wenn du recht gutig seyn willst. Calpurniens Reiz und unwiderstehliche Liebenswurdigkeit, der Umstand, dass sie deine Freundin ist, macht sie meinem Herzen werth, und es ware mir sehr wichtig, die grosse Stunde, die ihr Geschick auf eine s o l c h e Art entscheiden wird, in meiner Einsamkeit nach meiner Stimmung zu feiern.
Noch hatte ich eine Bitte, aber sie grenzt an Unbescheidenheit, und so fehlt mir der Muth, sie vorzutragen. Auch betrifft sie nicht dich, sondern die reizende gluckliche Braut. Wusste ich, dass sie sich meiner mit einiger Theilnahme erinnerte, und mir nicht zurnte, wenn ich sie um eine grosse Gefalligkeit bate: so wurde ich in meinem nachsten Brief meinen Wunsch entdecken, und freundliche Gewahrung hoffen. Leb' wohl!
54. Sulpicia an Theophania.
Synthium, im November 302.
Was dem ermudeten Wanderer in der oden Gleichformigkeit einer weiten wusten Ebene der Anblick eines waldigen Hugels ist, der ihm Kuhlung, Ruhe und Erholung verspricht, das war mir dein Brief, meine geliebte Theophania! Mein Leben schleppt sich so freudenlos, so eintonig hin, mein Herz darbt so sehr an seinen bessern Freuden, dass die blosse Aussicht, ein Wesen gefunden zu haben, das mich verstehen, und Geduld und Treue fur mich haben konnte, seit dem Tage, als ich dich kennen lernte, wie ein freundlicher Stern durch die trube Dammerung meines Daseyns strahlte. Gern hatte ich schon damals mehr Schritte gegen dich gethan, aber eine zarte Furcht, nicht zudringlich zu scheinen, und meiner Freundschaft selbst ihren Werth dadurch in deinen Augen zu benehmen, hielt mich ab. Um desto erfreulicher war mir dein Brief, denn er gab mir Gewissheit uber das, was ich im ersten Augenblick geahnet hatte, uber die gleiche Stimmung unserer Seelen, und einen geheimen Zug, der uns wechselsweise zu einander fuhrt.
Ja, es bleibt ewig wahr nur gleiche Denkart macht die Freundschaft fest, und nur unser Geschick Wesen, das im Sonnenschein des Gluckes sein Freudenleben verflattert, mit dem Unglucklichen gleich fuhlen, den ein ernstes Schicksal von der Wiege an zu Entbehrungen und Leiden erzogen hat? Ihnen beiden muss notwendiger Weise die Welt, und Alles um sie her in einem so verschiedenen Lichte erscheinen, dass an einen festen Zusammenhalt, der gegen Zeit und Sturme ausdauert, nicht zu denken ist. So lange kein entscheidender Fall eintritt, wo Eines fur das Andre auf die Probe einer schweren Wahl, oder eines grossmuthigen Opfers gestellt wird, mag das Bundniss dauern. Kommt einmal jener Zeitpunkt, so muss die verschiedene Stimmung, der entgegengesetzte Geschmack, der ihnen ihr Gluck in ganz verschiedenen Gegenstanden zeigt, die losen Bande leicht zerreissen. Darum wohl den gleichgestimmten Seelen, bei denen ahnliche Schicksale ahnliche Gesinnungen und ahnliche Wunsche erzeugt haben, die keiner Opfer bedurfen, um auf dem selbst gut geheissnen Pfade einig mit einander zu wallen!
Uns dunkeln Gemuthern, denen das Schicksal selten lachelt, hat es doch auch wieder einige Freuden geschenkt. Wir geniessen das Gluck der Freundschaft. Keine Zerstreuung wendet unsere Gedanken so leicht von der Freundin ab, keine Eitelkeit verleitet uns, auf fremde Kosten zu glanzen, keine Eroberungssucht bringt uns in Collisionen mit unsern Gespielinnen, uns, die wir nach nichts Anderem streben, als mit allen Kraften einen Gegenstand auf ewig fest zu halten, und keinen grossern Schmerz kennen, als ihn zu verlieren, sey es durch den Tod oder durch Wankelmuth. Doch nein nicht gleichviel! O, meine Theophania, ich kenne dein Schicksal nicht ganz, aber fast mochte ich dich beneiden! Der Tod entriss dir den Gemahl, den liebenden, den treuen, in der Zeit, als, nach deinen Jahren und deiner Trauer zu urtheilen, eure Liebe noch in schoner Bluthe stand, und der Quell der Empfindung voll und rein durch eure beiden Herzen floss. Du liebst ihn noch, obgleich die Urne seine Asche birgt, und du hoffst nach deinem Glauben, in einer Region des Lichts und unzerstorbaren Freude ihn wieder zu sehen. Ihr Glucklichen! Eure Liebe hat eure Verbindung, sie hat Euer Daseyn uberlebt. O! weh denen, deren Daseyn, deren Verbindung ihre Liebe uberlebt! Wenn Eines kalt und abgestorben an des Andern Seite kaum noch den Schatten jener Entzuckungen nachzubilden fahig ist, die es einst hinrissen, wenn jenes Feuer, in dem sich die trunkenen Seelen zur Gotterwonne emporschwangen, zu matten Aeusserungen achtungsvoller Freundschaft herabgekommen ist, wenn die gluhende Brust des langer Getreuen vergebens ihr Feuer in die kalte Asche zu stromen sucht, und ein ungeheurer Schmerz um das, was war, und nicht mehr werden kann, die tief erregte Brust zerreisst, die mit allen ihren Wunden, sich nur in abgemessener Formlichkeit an einen Marmorbusen gedruckt fuhlt das ist Schmerz, Theophania! wuthender, verzehrender Schmerz, und dass er der letzte ist, ist das einzig Trostliche daran!
Du hast, wie es scheint, meine geliebte Freundin! einen fluchtigen Scherz, den wir uns in deiner Gegenwart erlaubten, etwas zu ernst genommen. Calpurnia ist noch nicht Braut, sie ist nur die geachtete vertraute Freundin jenes Mannes, dessen Bild du gesehen hast. Dass er fur sie empfindet, ist wohl nicht zweifelhaft aber wer kann auf Mannerliebe bauen? Es ist nicht lange, dass er einen sehr theuern Gegenstand, eine Freundin verloren hat, die er von Jugend auf mit heftiger und unglucklicher Zartlichkeit geliebt hat. Dennoch fangt er an, bei der reizenden Calpurnia seines Verlustes zu vergessen, und der unbeschreiblichen Gewalt zu weichen, mit der dies gefahrliche Madchen bisher auf alle Manner wirkte, indess sie selbst unbefangen blieb. Nur bei Agathokles scheint ihre Stunde auch gekommen zu seyn, und wenn keine neuen Hindernisse eintreten, wenn die Zeit uber das Vergangene den mildernden Schleier gezogen haben wird, so sehe ich diesem Bundniss mit Hoffnung und Freude entgegen. Dir aber den Zeitpunkt zu bestimmen, ist, wie du selbst einsiehst, nicht moglich. Agathokles ist mit den Casarn in Nisibis, wo der Friede geschlossen wird; wir hoffen ihn erst in einem Monate zu sehen. Vielleicht kann ich dir dann mehr sagen. Calpurnien will ich den Antheil, den du an ihrem Schicksal nimmst, melden; ich weiss, es wird sie freuen, von einer Frau geachtet zu seyn, deren Anblick nichts Gewohnliches verkundigte, und deren naherer Umgang das Versprechen des ersten Augenblicks wahr gemacht hat. Was die Bitte betrifft, so glaube ich sie im Voraus in meiner Freundin Namen zusagen zu konnen, und so ersuche ich dich, sie mir mitzutheilen, von was immer fur einer Art sie seyn mag. Theophania kann um nichts bitten, dessen Gewahrung nicht ihren Freundinnen zur angenehmen Pflicht wurde. Leb' wohl!
55. Junia Marcella an Theophania.
Apamaa, im November 302.
O meine Theophania! meine theure unvergessliche Freundin! Du hast Recht, wenn du im Anfange deines Briefes sagst, dass seltsame Empfindungen und tausenderlei Gedanken meine Seele durchkreuzen werden, wenn ich deinen Brief eroffnet haben wurde. Schrecken, Freude, und dann Zweifel waren die ersten Regungen meines Herzens, als ich die Schriftzuge der geliebten Freundin erblickte, die ich langst unter dem Hugel von Trachene begraben glaubte. Aber als der Inhalt der ersten Zeilen jede Ungewissheit zerstreut hatte da, meine Geliebte, war inniger heisser Dank und ein kindliches Gebet zu dem gutigen Vater, der die Herzen der Menschen wie Wasserbache lenkt, und ohne dessen Willen kein Haar von unserm Haupte fallt, mein dringendstes Gefuhl. Dann las ich weiter, und mein Herz begleitete dein Schicksal mit sympathetischen Gefuhlen bis gegen das Ende. Ja, meine Geliebte! wunderbar und unbegreiflich sind die Fugungen Gottes, der dich mitten unter Barbaren erhielt, und dir ihre Gemuther geneigt machte, dass sie nicht allein deines Lebens und deiner Ehre schonten, sondern dich auch in Frieden ziehen liessen, als die Retreine Freude mit unserm ehrwurdigen Vater Theophron zu theilen! Aber sein verklarter Geist schwebt bereits in hohern Raumen, und er sah wohl langst mit hellem Blicke das Schicksal seiner Schulerinnen sich hienieden aus verschlungenen Knoten schon und friedlich auflosen, als du noch in der Hutte deines edelmuthigen Gebieters duster sinnend deiner Zukunft entgegen sahst. Er starb den vergangenen Fruhling, mit der neugebornen Natur wurde auch er neugeboren, und erwachte aus dem dustern Erdenwinter in Edens Fruhlingshainen. So hatte ich, wie das immer beim Verluste geliebter Menschen geht, nur mich zu beklagen. Unsre Trauer um Entschlafne ist immer nur Trauer uber uns selbst. Ihnen ist ja besser geworden, als es uns ist.
So war es auch, als ich dich zehn Monate fur todt hielt. Ach, ich konnte dein Loos nicht beweinen! Wie wenig Freuden hattest du genossen! Aber ich beweinte mich selbst, ich betrauerte das Schicksal deines Freundes, und hier komme ich auf jenen Punkt deines Briefs, mit dem ich unmoglich zufrieden seyn, oder dir beistimmen kann. Agathokles lass mich immerhin diesen Namen nennen, den du so geflissentlich in deinem Briefe zu vermeiden scheinst ist, so wie ich es war, von deinem Tode vollkommen uberzeugt. Die Grunde dieser Ueberzeugung und uberhaupt die Wirkung, die diese Catastrophe auf ihn gemacht hat, kannst du am besten aus dem Briefe unseres Freundes Apelles kennen lernen, den ich dir hiermit in einer getreuen Abschrift beilege. Er ist aus Trachene, dem Schauplatz jener unglucklichen Begebenheiten, geschrieben. Wenn du ihn gelesen hast, wirst du selbst bekennen mussen, dass Agathokles keine Ahnung deines Lebens haben konnte. Die weibliche, von Wunden entstellte Leiche in prachtigen Kleidern, die man in deinen Zimmern gefunden, fur dich gehalten, und begraben hatte, und die wahrscheinlich jene Melyte war, deren Eitelkeit sie zu diesem Schritte verleitet hatte, musste ihm und Apelles jeden Zweifel, jede noch so schwache Hoffnung benehmen, besonders da die Todten schon begraben, und keine Spur deiner Rettung zu finden war. Es ist also sehr naturlich, dass Agathokles keine weiteren Nachforschungen anstellte, und keinen Gedanken mehr nahrte, die, die er unter dem Hugel von Trachene begraben hielt, an den Ufern des Borysthenes zu suchen. So viel zur Beantwortung deiner ersten ungerechten Klagen uber diese vermeintliche Gleichgultigkeit. Dass es eine kleine Falschheit war, mit der du Heliodor nach Synthium locktest, fuhlst du selbst, und ich sage dir nichts daruber; aber wie magst du so erfinderisch seyn, dich selbst zu qualen, und aus einem freundschaftlichen Scherze, aus dem zufalligen Zusammentreffen einiger Umstande dir ein ganzes Gewebe von Untreue, Verrath und gewissem Unglucke zu bilden? Ich weiss von sehr guter Hand, dass nicht Calpurnia, sondern Sulpicia in Synthium wohnt, dass Agathokles ihr diese Villa aus Freundschaft eingeraumt, und ihre Freundin sie dort besucht hat, wie sie an jedem andern Ort gethan haben wurde. So bedeutete ihre Anwesenheit gar nichts in Rucksicht auf den Besitzer der Villa; denn ihr Besuch galt nicht ihm, sondern Sulpicien, und es ware dir leicht gewesen, durch einige geschickte Fragen die Wahrheit herauszubringen, wenn dein emportes Herz dir Unbefangenheit genug hierzu gelassen hatte.
Ich will hierdurch nicht sagen, dass du keinen Grund hattest, unruhig zu seyn; ich bin vielmehr nach allen Nachrichten, die ich aus Nikomedien erhalte, beinahe uberzeugt, dass Calpurnia einen bedeutenden Eindruck auf ihn gemacht hat, dass jene Verhaltnisse, die schon in Rom anfingen, hier fortgesetzt worden sind, und durch die Gewissheit, dass jedes fruhere Band zerrissen sey, an Starke und Rechtmassigkeit gewonnen haben. Sie hat ihm, als er mit der Siegesbotschaft ankam, ein sinnreiches Fest gegeben, an dessen Schlusse sie ihm einen Lorbeerkranz um's Haupt wand, und dessen Inhalt ihm ihre Empfindungen fur ihn auf eine eben so feine als schmeichelhafte Weise zu erkennen gab. Das Alles ist wahr, und deine Besorgnisse nicht zu tadeln; aber ihn ihn sollst und kannst du nicht so hart beschuldigen. Er ist ein Mann. Manner haben andre Gefuhle, andre Pflichten als wir. Ihr Wirkungskreis ist der Staat, die Welt; der unsrige sind unsere Kinder, unser Haus; jenem gehoren ihre besten Krafte. Wir wurden die Ordnung der Natur verkehren, wenn wir einen ausschliessenden Anspruch an alle ihre Thatigkeit, alle ihre Empfindungen machen wollten. Wenn nun bei dem grossen Treiben und Regen aller edleren Krafte des Menschen, im Feld oder in wichtigen Staatsgeschaften, worin ihn Constantin braucht, bei der Gewissheit deines Todes, die ihn fast an den Rand des Grabes brachte, bei den unausgesetzten Bestrebungen der schonen und schlauen Calpurnia, einen Eindruck auf sein wundes Herz zu machen, wenn, sage ich, bei allen diesen Umstanden dein Bild nach und nach in Schatten zuruck weicht, kannst du ihn so hart anklagen, so unnachsichtlich tadeln? Kannst du dir ein grosses Verdienst aus deiner festern Treue machen, du, die ihn am Leben weiss, und die durch keine Zerstreuung, keine Verfuhrung von ihm abgelockt wird?
Aus allen diesen Grunden kann ich deinen Plan, dich ihm ganz zu entziehen, und die Rolle der Verstorbenen fortzuspielen, unmoglich billigen. Wie leicht kann ein Zufall dein Geheimniss enthullen? Wie tief musste es deinen Freund, wenn seine Hand noch frei ist, schmerzen, diese Entdeckung nicht dir selbst verdankt zu haben? Und wenn es zu spat ware was wurde deine und seine Lage seyn! Mich schaudert vor dem Gedanken. Das uberlege wohl, meine Geliebte! ehe du auf dem begonnenen Wege weiter schreitest. Auf mich kannst du jedoch in jedem Fall sicher zahlen, ich werde dein Geheimniss treu bewahren, obwohl ich nicht mit deiner Ansicht verstanden bin, und sehr wunsche, dich von der Unthunlichkeit und Gefahr dieser G r i l l e verzeih meiner Freimuthigkeit den Ausdruck zu uberzeugen. Theophania! Du gehst auf einem schlupfrig steilen Wege. Er kann dich an den Rand des Abgrundes, er kann dich in den Abgrund selbst fuhren, und du sturzest nicht allein hinein, du reissest auch deinen Freund mit dir.
Wenn du denn aber wirklich fur ihn unsichtbar bleiben willst, so entziehe dich mir nicht, jetzt, wo keine Pflicht dich mehr abhalt, dem Rufe der Freundschaft zu folgen. Komm zu mir! In meinem Hause sollst du so einsam und verborgen leben, als in der Zelle eines Eremiten. Komm zu mir, und lass mich das Gluck der Freundschaft geniessen, das ich so lange entbehrt habe. Du weisst, wie ich dich liebe, und wie glucklich mich deine Zusage machen wurde. Leb' wohl!
56. Florianus an Valerien.
Eboracum, im November 302.
Du hast verlangt, dass ich dir antworten soll, Valeria! Es scheint, dass du zu deiner Beruhigung und zur kunftigen Leitung deines Betragens dieser Antwort bedarfst. Ich erfulle den Wunsch meiner Freundin. Denke aber nicht, Valeria, dass es rathlich, dass es moglich sey, diesen Briefwechsel fortzusetzen. Die innere Stimme in meiner Brust, der streng geprufte Ausspruch meiner Vernunft verwirft jedes Mittel, das nur dazu dienen konnte, ein Verhaltniss fortzusetzen, welches wir Beide, als vom Himmel selbst getrennt, betrachten mussen. Es war eine Zeit, wo ein verzeihlicher Irrthum uns verleitete, kuhne Wunsche und Hoffnungen zu nahren. Dieser Irthum ist verschwunden, und mit ihm jede Hoffnung, jede Entschuldigung fur einen spatern Versuch. Der Himmel hat nur zu deutlich gesprochen. Dieser Brief ist mein Erster an dich seit jenem Tage, der mir die volle Kenntniss unsers Schicksals gab er wird auch mein Letzter seyn.
Du kennst mich, Valeria! Es ist unmoglich, dass du in dieser Erklarung die Sprache des verlarvten Wankelmuths, des flatternden Leichtsinns furchten solltest, der heilige Pflichten zum Vorwand straflicher wahlte, hat fur den traurigen Rest seines Lebens gewahlt. Doch von mir soll die Rede nicht mehr seyn. Ich weiss, du hast Glauben an mich, aber ich mochte dies schone Gefuhl zum Werkzeug deiner Ruhe, deines kunftigen Gluckes gebrauchen.
Besinne dich, Valeria! Du bist eine Kaisertochter, du bist eine Christin! Es ziemt dir nicht, so kleinlaut zu verzagen, wenn das Ungluck mit kalter Hand in den Bluthengarten deines Gluckes greift, und seine lachende Schopfung zerstort. Du fluchtest im Gebete zu jener Erhabenen, die so viele Schmerzen, so viele trube Erfahrungen gelassen ertrug, und aus jedem Sturme in neuer Wurde und stiller Hoheit hervorging. Fluchte zu ihr, dies Gefuhl ist richtig und tadellos; aber wende dich nicht blos mit zitterndem Herzen und stromenden Thranen an ihre Furbitte. Lerne von ihr dulden und tragen; sie litt weit m e h r als du, und weit s t a n d h a f t e r . Halte dir ihr Vorbild gegenwartig, sie ist nicht blos das Symbol unendlicher Liebe, sie ist auch das Urbild weiblicher Geduld und Sanftmuth, und der ergebensten Gottesfurcht. Unterwirf dich mit ruhiger Hoffnung dem vereinten Willen deines Vaters, deines Kaisers, und der Vorsicht. Nicht umsonst hat sie dich ihn gerade in diesem Zeitpunkt finden lassen. Nicht ohne ihre Leitung war dein Geschick bis hierher. Vielleicht und sehr wahrscheinlich bist du zu etwas Grosserem bestimmt, und es ware Frevel, diese hohern Zwecke, wenn wir sie gleich nicht kennen, auf dem hauslichen Altar unserer Liebe eigenmachtig zu opfern. Wir haben die innere Stimme vom Himmel erhalten, um zu wissen, was Recht ist, die Vernunft, um uns in schwerer Wahl zu leiten, endlich seine gottliche Lehre, um das einmal gewahlte Recht mit Kraft zu ergreifen, und muthig auszufuhren sollte auch unser Gluck daruber zu Grunde gehen. Viel deutlicher ist noch in diesem Fall sein Wille ausgesprochen. Kein Dunkel kann unsre Wahl erschweren, kein Zweifel uber das Recht bleibt ubrig. Durfen wir anstehen, uns seinen Fugungen zu unterwerfen? Konnten wir's, wenn wir auch wollten?
Darum, Valeria, fasse dich, fordre die Kraft auf, die in deinem Busen wohnt, die ich nur zu wohl kenne. Sey stark, sey geduldig, vor Allem, sey f r o m m ! Lass mich nie wieder von einem straflichen Wunsche horen, der meine Seele verwundet hat. Lass mich nicht furchten mussen, dass du dich einst so weit verlieren konntest, Hand an dich selbst zu legen! Weisst du wohl, Valeria, dass wir dann e w i g getrennt waren? Nur im Elysium begegnet die Selbstmorderin dem einst geliebten Schatten. Aber ein heiliger Gott verwirft den Rasenden, der uber sein Leben gebieten zu konnen glaubt, und den Feigen, der die auferlegte Last ungeduldig abwirft, und der Prufung entflieht. Valeria! wenn ich dich einst dort mit Wonne empfangen, wenn du mich in einer Welt des Friedens und der Gleichheit wieder antreffen willst: so trage, was dir die Vorsicht auferlegt, und harre standhaft aus.
Valeria! Leb' wohl! Was du auch zu dulden hast, wie viel Schwerter durch deine Seele gehen mogen, denke, dass dein Freund mit dir leidet, und dein Herz keine Wunde empfangt, die nicht das meine eben so schmerzlich zerreisst. Schreibe mir nicht mehr ich darf dir nicht antworten. Mache keinen Versuch, dich an Constantin zu wenden. Ich kenne seine Lage er kann uns nicht helfen, uns ist nicht zu helfen. Das bedenke vergiss mich und lebe wohl!
57. Theophania an Junia Marcella.
Nicaa, im November 302.
Wenn du nicht lacheln willst, meine geliebte Freundin, so mochte ich mein Herz einem klaren Wasserspiegel vergleichen, der zwischen Buschen verborgen das Bild des schonen Himmels treu in seiner Tiefe bewahrt. Wenn auch Sturme auf eine Weile seine Oberflache truben und emporen, dass die Bilder entfliehen oder verworren auf den unstaten Wellen schwanken, so bringt es doch seine Natur mit sich, dass er mit allen seinen Kraften wieder in seine vorige Lage zu kommen strebt, und sich nach und nach selbst beruhigt. Dann sieht der Wanderer, der ihn in seiner stillen Verborgenheit aufsucht, nicht die Fluth selbst, er sieht nur die Bilder des Ufers und den schonen blauen Himmel, der ihm aus der klaren Tiefe entgegen strahlt. So ist es mir ergangen, meine Geliebte! Von selbst, ohne ausseres Zuthun, hat sich mein Herz wieder gefunden; der stille Friede und mit ihm ein theures Bild sind in dasselbe zuruckgekehrt. O es war eine traurige Zeit, als ich ihn nicht mehr lieben zu durfen glaubte, als ich i h n fur leichtsinnig und flatterhaft halten musste! Es war ein Aufruhr in meiner Natur, eine gewaltsame Verwirrung derselben. Ich muss ihn mir selbst seyn soll. Ich bin es wieder, und das ist das Kleinod meiner Brust. Jetzt strahlt der stille Spiegel wieder nur sein theures Bild zuruck, und ich darf wohl sagen, es ist mir wie der Fluth, die selbst verschwindet, und nur den Himmel zeigt. Ich will mich gern selbst vergessen, wenn nur Er glucklich ist.
Du wirst vielleicht glauben, dass ich ihn gesehen, oder sonst etwas von ihm gehort hatte. Nein, meine Liebe! Aus meinem Innern, aus den Erinnerungen an meine Jugend, aus der Zusammenhaltung mehrerer Umstande, aus der Ueberzeugung von seinem Werthe ging die kraftige Beruhigung hervor. Selbst deinen Brief habe ich erst erhalten, als es bereits stille in mir war. Was er enthielt, gab mir noch hohere Kraft und das angenehme Gefuhl der Uebereinstimmung mit der edelsten Freundin. Ja, meine Liebe, er ist ganz entschuldigt! Er steht rein und tadellos vor mir, und das macht mich glucklich, so wenig beneidenswerth sonst meine Lage ist. Nur der Gedanke, an ihm zweifeln zu mussen, kann mich wahrhaft unglucklich machen, denn er stort meinen Frieden. Ihn lieben, und die Tugend lieben, ist Eins bei mir! Aber wenn auch diese Ueberzeugung die unerlassliche Bedingung meiner Seelenruhe ist, so ist sein Besitz kein Recht, das ich von der Vorsicht als ein Eigenthum ansprechen darf. Jenes hat sie mir gewahrt, weil Seelenfrieden zu unserm Seelenheile nothwendig ist. Unsre Gluckseligkeit ist es aber nicht, und so darf ich diese nicht ansprechen, und thue es auch nicht. O meine Junta! wie glucklich ich geworden ware, wenn es Gott gefallen hatte, uns zu vereinigen, wage ich nicht zu denken. Mir schwindelt vor dieser Hohe von Seligkeit, die vielleicht fur dies Leben zu gross gewesen ware! In dieser Furcht beruhigt sich mein Herz, und bescheidet sich, die Wonne des Himmels nicht schon hienieden zu geniessen.
Mein Vorsatz, unbekannt zu bleiben, steht daher noch immer fest. Es tragen manche Nachrichten, manche Ueberlegungen dazu bei, es ruhrt auch wohl manche Ansicht aus Heliodors Umgange her. Ich will mich bemuhen, dir Alles klar und deutlich zu machen, so deutlich, als ich es f u h l e ; aber es ist schwer, Gefuhlen Sprache zu geben, und was wir als entschieden wahr empfinden, dem Andern eben so klar einsehen zu machen.
Es lebt hier ein gewisser Marcius Alpinus, derselbe, der zum Nachfolger meines verstorbenen Gemahls bei dem Heere bestimmt war, und dessen Ankunft der gekrankte wurdige Held nicht erwarten wollte. Er kennt mich also nicht personlich, so wenig, als ich ihn je gesehen habe; aber er kennt Alles, was in Nikomedien und am Hofe von einiger Bedeutung ist, und so denn auch das Haus des Proconsuls, seine schone Tochter und ihre Verhaltnisse. Irre ich nicht, so haben ihre Reize selbst einigen Eindruck auf ihn gemacht; aber wie das bei solchen Weltmenschen geht, es gleitet Alles leicht uber ihre abgeschliffenen Seelen hin, und so auch die Liebe. Von ihm habe ich nun durch schickliche Fragen und Erkundigungen so viel erfahren, dass Calpurniens Verhaltniss zu Agathokles kein Geheimniss ist, und dass man in der grossen Welt ihrer Verbindung als einem sehr wahrscheinlichen Ereignisse entgegen sieht. Wie soll ich bei diesen Verhaltnissen den Muth haben, hervorzutreten? Wie leicht konnte es geschehen, dass Agathokles durch mein Daseyn mehr erschreckt als erfreut wurde, dass er dann aus Rechtschaffenheit ein Band zerreissen wurde, das ihn glucklich machen konnte, um sich in ein Verhaltniss zu schmiegen, das ihm fremd geworden ist, und nicht anders als druckend seyn wurde? Und wurde ich dann glucklich seyn? Nein, meine Liebe! Viel besser ist's, er erfahrt nie, dass ich lebe; so erspare ich ihm Beschamung, Rene, eine schwere Wahl, oder eine noch muhsamere Treue, die mich unglucklicher machen wurde, als seine Sinnesanderung.
So bin ich still und fest entschlossen, meinem Plane treu zu bleiben, und aus eben der Ursache kann ich dein Anerbieten, nach Apamaa zu fliehen, nicht annehmen. Dort bin ich bekannt, dort konnte es mir nicht gelingen, unter meinem Christennamen unerkannt zu bleiben, und ich muss diesem Glucke, wie so manchem andern, entsagen. Ich muss hier, wie so oft in meinem Leben, sagen: Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sey gebenedeiet. Ach, wenn ich d e n Trost nicht hatte, wie konnte ich mein Schicksal ertragen! So viel zu verlieren, so Vielem zu entsagen, und doch nicht zu verzweifeln dazu gehort unmittelbare Unterstutzung von oben, Wirkung der gottlichen Gnade, um die ich in unablassigem Gebete ringe. "Betet, so wird euch gegeben werden!" Ja es wird mir gegeben werden nicht das, was mein Herz, vielleicht irrig, fur mein Gluck hielt aber das, was ich bedurfte, um seinem Verluste nicht zu erliegen, Geduld, Kraft und Frieden.
Glaube aber nicht, meine Theure, dass mein Gemuth immer so ruhig ist! Nein, deine arme Freundin ist nicht in jeder Stunde so unbegreiflich stark, um den Verlust von Agathokles Liebe, und den Entschluss, dein Anerbieten auszuschlagen, mit stillem Gleichmuth zu ertragen. O es ist mir oft, als wollte es mir die Brust zerreissen, wenn ich bedenke, was ich gehofft habe, und wie es nun geworden ist! Zuweilen schweben mir Bilder aus der Vergangenheit vor, zuweilen, wenn ich das stille Gluck betrachte, das Fulvia, die Gemahlin des Lysias, geniesst, wenn ich die Liebe und Achtung bedenke, mit der diese Gatten sich behandeln, die tausend kleinen Geschafte des Lebens, die durch Liebe, Zartlichkeit, Treue und Aufmerksamkeit so namenlosen Reiz erhalten, und sich mir dann der Gedanke aufdringt, was ich als Agathokles Gattin hatte werden konnen o dann, Junia! gehort mehr als menschliche Kraft dazu, um nicht zu verzweifeln. Dann bleibt mir keine Rettung als im Gebete, das oft die Halfte meiner Nachte einnimmt, und in Heliodors duster erhabnen Ansichten der Welt und Zukunft. Er reisst mich machtig empor, er, der die leidenschaftliche Liebe zu einem Geschopfe verdammt, wahrend er sein Leben der Menschheit widmet, er, dem der Landsmann, der Verwandte nicht naher steht, als der Wilde, fur den er eben so willig sein Blut vergiesst, er zeigt mir meine Pflicht in einem wunderbaren, erhabnen kalten Lichte, und so weh seine Vorstellungen meinem Gefuhle thun, so machtig starken sie meinen Willen, und erhohen meine Kraft.
Ich habe an Sulpicien geschrieben, mit verstellter Hand, um jeder Entdeckung vorzubeugen. Ich will mir diesen Weg offen erhalten, um etwas Zuverlassiges von Calpurniens Verhaltnissen zu erfahren. Sie hat mir geantwortet, ganz so, wie ich es erwartet hatte; ihre Antwort hat nichts an meinem Entschlusse geandert. Nachstens werde ich ihr wieder schreiben, ich will es wagen, Calpurnien unter einem schicklichen Vorwande um jene Zeichnung bitten lassen, die mir die volle Gewissheit meines Unglucks gab. Es ist s e i n Bild. Ach, ich habe sonst nichts von ihm, und muss das Einzige von meiner Nebenbuhlerin erbetteln! Ach Junia!
Ist einst dieses Band, wie es Sulpicia selbst zu erwarten scheint, wirklich geknupft, verlassen vielleicht die glucklichen Gatten Asien, was doch moglich ware, oder hat die Zeit auch die letzte Spur meines Andenkens in seiner Brust verloscht dann komme ich zu dir, dann birgst du mich im Schatten deines Hauses, und gonnst mir einen Antheil an der Besorgung deines Hauswesens, an der Erziehung deiner Kinder, deiner Enkel, die bis dahin deine spatern Jahre verschonern werden, damit mein Daseyn nicht ganz nutzlos verschwinde, und ich, wenn der milde Befreier der gefangenen Seele erscheint, mit dem Bewusstseyn aus der Welt scheide, doch Einem Menschen Etwas gewesen zu seyn. Leb' wohl!
58. Constantin an Eneus Florianus.
Nikomedien, im December 302.
Die Zeit wird immer fruchtbarer an Begebenheiten und Saamen fur die Zukunft. Der Krieg mit den Persern ist durch einen glorreichen Frieden geendigt, wir haben unsern triumphahnlichen Einzug in Nikomedien gehalten, und Diocletian begegnet dem Galerius mit einer Achtung, die vermuthlich die ehemalige schimpfliche Strafe gut machen soll. Galerius musste nicht seyn, wie er ist, wenn er dies Gefuhl des Unrechts nicht mit gewaltiger Hand ergreifen und zu seinem Besten nutzen sollte. Ich weiss zuverlassig, dass er die Ueberlegenheit, die ihm dies Gefuhl und die sinkenden Krafte des alternden Augustus geben, missbraucht, um diesen zu manchem Schritte zu zwingen, oder zu u b e r r e d e n wer entscheidet das? der eine langerprobte Klugheit Lugen zu strafen droht. Man spricht sogar hier und da, aber nur hochst geheim davon, dass Diocletian freiwillig die Regierung niederlegen, den mailandischen Augustus zu demselben Schritte bereden, und sich dann in die Einsamkeit nach Salona, wo er sich in Geheim und lange schon einen lieblichen Aufenthalt zubereiten lasst, begeben wird. Dann wurden Galerius und mein Vater Augunehmen? Mir hier keinen Nebenbuhler, keine Creatur des dustern Galerius vorkommen zu lassen, soll meine Sorge seyn. Ich habe furstliches Blut und furstlichen Sinn von meinem Vater geerbt, und deine Unterweisungen haben mich gelehrt, das, wozu mich Natur und Geschick beriefen, mit festem Gemuth zu erkennen, und zu ergreifen.
Marcius Alpinus ist von Galerius entfernt, und Prafect in Nicaa geworden, er, dieser gewandte Hofling, der Gunstling des Casars, ein kriechender Schmeichler, ein erklarter Feind der Christen, und darum seinem Gebieter bis jetzt scheinbar unentbehrlich. Aber wer ware dem Galerius unentbehrlich! Genug, er ist entfernt, und spielt in Nicaa die Rolle des Philosophen, der, des Hofes und der Welt satt, nur sich allein leben will. Ich habe ihn von jeher verachtet. Seit er aber bei jeder Gelegenheit, und erst neulich bei Agathokles Beforderung zum Tribun, diesem mit heimlicher Bosheit entgegen war ob aus eignem Widerwillen, oder weil der Sclave auch die Neigungen seines Herrn kriechend theilt, und mich in meinem Freunde hasst, weiss ich nicht seitdem habe ich ihn die Gesinnung, die mir sein Betragen einflosste, deutlich merken lassen, und seinen Einfluss verachtet. Jetzt in seiner Verbannung hat er, uneingedenk alles Vorgefallenen, mir seine guten Dienste anbieten lassen. Die verachtliche Seele! Er weiss viel, sein Einfluss war bedeutend was ich zu thun habe, werde ich sehen. Es ist nichts so gering, so verwerflich, das nicht, an seinen rechten Platz gestellt, zweckmassig gebraucht werden konnte, und meine Zukunft, folglich auch meine Maassregeln liegen noch in tiefem Dunkel. Dass ich nichts Unwurdiges thun werde, weisst du. Aber was Nothwehr und drangende Verhaltnisse fordern, kann nicht mit dem Maassstabe ruhiger Fassung gemessen werden, und die Moral des Menschen und des Staats nicht dieselbe seyn. Gegen den, der sich Alles erlaubt, muss die Vernunft selbst alle Mittel ohne Unterschied ergreifen heissen, sonst sind unsre Waffen nicht gleich, und die gute Sache unterliegt angstlichen Rucksichten. Doch, bei Gott! Eneus, bei dem, der fur's Wohl der Menschheit sein Leben gab, nur die Nothwehr wird mich solche Mittel ergreifen machen! Auf den Hohen der Politik kehren wir wieder in den Stand der Natur zuruck, wo nur das Recht des Listigern oder Starkern gilt. Galerius hasst mich, er hasst die Christen, er will sie verfolgen. Es wird ein harter, ein gewaltiger Kampf entstehen; aber ich hoffe, der Himmel und Cato werden dann auf e i n e r Seite stehen1.
An meinen theuren Vater habe ich vor zwei Tagen geschrieben, und mich umstandlicher uber meine Lage erklart. Er ist wohl so gut, dir zu erzahlen, was zweimal zu schreiben mir weder meine Neigung, noch meine Zeit erlaubt. Leb' wohl!
Fussnoten
1 Die Stelle, auf welche sich diese Anspielung bezieht, ist aus dem Lucan:
Magno se judice quisque tuetur.
Victrix causa Diis placuit, sed victa Catoni.
59. Agathokles an Phocion.
Nikomedien, im December 302.
Es werden beinahe zwei Monate vergangen seyn, seit du keinen Brief mehr von mir erhalten hast, und da jetzt meine Zeit wieder freier ist, hast du wohl gegrundetes Recht, Nachricht von mir zu fordern. Ich bin mit dem Casar, Constantin und Tiridates seit einigen Tagen hier. Der Kaiser hat mich zum Tribun unter den Jovianern ernannt. Bis in dem Quartiere der Leibwache Platz fur mich gemacht wird, wohne ich bei meinem Vater, der Mich mit besonderer Gute behandelt, seit mein Verhaltniss zu Constantin, und gluckliche Umstande mir eine bedeutendere Existenz verschafft haben. Uebrigens ist mein Leben wie vorhin. Ein truber Gedanke verlasst mich nie, und vergebens suche ich ernstlich, mich in dem Umgange einer liebenswurdigen Freundin zu zerstreuen, deren Vorzuge vermogend waren, vielleicht in jedem andern Herzen fruhere Eindrucke zu verloschen. Bei mir ist ihr Zauber verloren. Ich achte ihre Verdienste, ich erkenne die seltne Macht ihrer Reize, ich fuhle mich erheitert, so lange ich um sie bin; aber die Leere meiner Brust auszufullen, vermag sie nicht.
So von der Wirklichkeit abgestossen, und unfahig, ergreift der Geist desto heftiger die Ideen, die sich ihm darbieten. Und so hore nun, Phocion, was eigentlich mich abhielt, dir schon langst zu schreiben. Glaube nicht, dass es Mangel an Erinnerung oder minderes Verlangen war, dir alle meine Gedanken mitzutheilen; es war Unschlussigkeit, Furcht, mochte ich beinahe sagen. Es ist eine peinliche Lage, wenn verschiedene Schicksale zwei Freunde zu sehr verschiedenen Arten der Ausbildung und Ueberzeugung fuhren, so, dass dem Einen zuletzt nichts ubrig bleibt, als dem sussen Trost zu entsagen, mit dem geliebten Freunde uber den wichtigsten Punkt der Erkenntniss gleichstimmig zu denken. Dann zogert der Mund, das auszusprechen, was schon langst in Beider Herzen bereit lag, und die Hand weigert sich, der Tafel die inhaltschweren Worte einzugraben.
Doch muss es geschehen. Hore denn, mein Freund mein Gestandniss, und lass mich hoffen, dass der Zwiespalt in unsrer Erkenntniss keinen Zwiespalt in unsern Empfindungen hervorbringen werde.
Ich bin ein Christ. Vor vier Wochen habe ich vor einer kleinen Anzahl meiner Glaubensgenossen feierlich das Bekenntniss jener Wahrheiten und Lehren abgelegt, die langst schon mein ganzes Wesen mit inniger Ueberzeugung ergriffen hatten. Dass es so kommen wurde, war mir langst gewiss, und auch dir wird diese Nachricht nicht unerwartet seyn; aber meines Vaters wegen bleibe dieser Schritt noch so lange verborgen, bis nicht dringende Umstande mein offentliches Bekenntniss fordern. Das bin ich ihm schuldig.
Nun habe ich errreicht, was ich so lange als das Ziel dunkler heftiger Wunsche suchte, das Hochste, Beste, was der Mensch erreichen kann. Ich bin einig mit mir selbst, gewiss uber meine Bestimmung in diesem, mein Loos im andern Leben; jeder Zweifel ist geloset, und jede Pflicht liegt klar und deutlich vor mir.
Um meine Ueberzeugung so viel als moglich in deinen Augen zu rechtfertigen, wende ich mich zur Beantwortung der neuen Anklagen und Vorwurfe, die deine letzten Briefe, welche ich in Nisibis empfing, gegen meinen Glauben enthalten.
Du schilderst mir in dem ersten derselben mit wahrhaft dichterischem Feuer die Lieblichkeit der griechischen Mythologie, und die schonen Bilder, die sie den Sinnen in jeder Art der Wahrnehmung darbietet. Nicht fahig, ihren Werth fur die Ueberzeugung und Moralitat der Menschen auf der jetzigen Stufe ihrer Bildung zu beweisen, bemuhst du dich, ihnen einen hohern, bessern Sinn unterzulegen und deutest in diesen Fabeln, was nie darin lag, und was nur Geister, wie der deinige, die denn ohnedies dieses Behelfes nicht bedurfen, hineinlegen konnen. Warum das, mein Freund? Die Mythen unserer Voreltern waren in ihrem Ursprung ganz lobliche und nutzliche Erfindungen fur die Menschheit in ihrer damaligen Lage. Sie enthielten naturgeschichtliche Wahrheiten, in liebliche Bilder verhullt, die Geschichte der Erde, ihre Revolutionen, den Einfluss der Gestirne, der Jahreszeiten auf ihre Bewohner. So waren sie dem eingeweiheten Priester ehrwurdige Symbole der Alles erzeugenden Natur, dem Laien aber bald nichts anders, als widersinnige Reprasentanten eben so vieler uber- oder untergeordneter Gottheiten, die bald einig, bald kampfend, sich in die Herrschaft der Welt theilten, und so den erhabnen Begriff eines einzigen Schopfers verdrangten. Das heranreifende Menschengeschlecht entwuchs diesen kindischen Begriffen. Der Weise fing an zu grubeln, die Menge zu spotten; und nun sind wir dahin gekommen, dass kein verstandiger Mensch einen erhebenden Sinn mit diesen Mahrchen verbinden, kein Herz durch ihren Anblick zu hoherm Schwunge geweckt werden konnte, wenn auch alle schonen Kunste sich um die Wette beeiferten, Gotterbilder und Tempel mit Allem auszustatten, was die Sinne reizen, die Einbildungskraft vergnugen kann.
In wessen Herz stromt jetzt noch ein Tempel, wo die verspottete Gottheit wohnt, heilige Schauer? Wer fuhlt noch etwas Anderes bei dem Anblick eines schonen Gotterbildes, als dass es ein treffliches Werk der Kunst sey? Und selbst diese Kunste! Die Zeiten des Perikles sind dahin, die Jugendbluthe der Menschheit ist voruber, und mit ihr die Bluthe der Kunst. Kein frisches lebendiges Geschlecht tragt Gottergestalten in seiner Brust, und stellt in Marmor oder Erz dar, was seine Seele begeisternd erfullt. An den zugellosen Hofhaltungen verachtlicher Wollustlinge oder blutdurstiger Tyrannen verstummen die Gesange der heiligen Dichter; und wie konnte ein Imperator, der im wilden Lager ausgearteter Legionen erzogen wurde, mit Lust und Geschmack den Liedern horchen, die einst einen August entzuckten? Jene Zeiten sind vorbei, und mit ihnen die Fahigkeit, jene Fabeln und Bilder fur etwas zu halten, und sie zu verehren. Wurdest du wohl die Leidenschaft des erwachsenen Junglings durch den Aesop oder Phadrus zu zahmen wahnen? Oder konntest du dich mit der Hoffnung tauschen, die Wuth der emporten Pratorianer mit einer Fabel zu beschworen, wie Minenius Agrippa?1 Andere Zeiten erzeugen andere Sitten, andere Menschen, und diese haben andere Bedurfnisse. Eins der ersten des aus Geist und Korper zusammengesetzten Geschopfes ist Religion. Der Hang dazu liegt in ihm, und aussert sich bei den rohesten Volkern im kindischesten Weltalter. Ihnen genugt die todte Natur nicht, sie beseelen sie, und beten den Geist an, den sie ahnend entdecken. Tiefer als mancher Philosoph, mancher herzlose Spotter wahnt, liegen diese Gefuhle in unsrer Brust, und verkunden sich bald als erhabene Gottesfurcht, bald als Neigung zum Wunderbaren, Gespensterfurcht, Glauben und Ahnungen, Traume u.s.w. Der Mensch, seines unsterblichen Gefahrtens sich bewusst, sucht diese wunderbare Vereinigung von Geist und Materie uberall, ahnet in jeder ausserordentlichen Begebenheit viel lieber die Einwirkung eines hohern Wesens, als die Folge todter kalter Gesetze, und fuhlt sich nirgends allein, wenn Alles um ihn her von einer unsichtbaren denkenden Kraft geleitet wird. Aber die Dryaden und Hamadryaden, die Nymphen der Quellen, die Satyren und Faunen sind aus den Waldern entflohen, zum Theil vor der Stimme der Vernunft, zum Theil vor dem Hohngelachter, womit der unuberlegte Spott die fromme Einfalt schreckt. Statt ihnen wohnt in dem einsamen Dunkel der Walder und in der erhabnen Stille der Natur das Gefuhl der allgegenwartigen Gottheit, die das Moos am Baume mit eben der Weisheit schuf, als das Auge des Beobachters, und den denkenden Geist, der fahig ist, diese Betrachtungen anzustellen. Der einige, allwissende, allmachtige Schopfer erfullet das Ganze, sein Hauch schwebt in den sauselnden Luften um uns, seine vaterliche Fursorge offenbaret sich in dem Instinkte jedes Thiers, dem Bau jedes Nestes. Scheint dir dieser Ersatz zu gering fur jene fabelhaften Wesen? Und warum bemuhest du dich, dem Glauben an sie einen neuen Sinn unterzuschieben? Lass sie entfliehen mit dem Strom der Zeit, der sie der Vergangenheit zutragt sie gehoren nicht mehr in unser Zeitalter. Ein neues besseres System steht da, die Menschheit soll es ergreifen, oder es ergreift sie mit machtigem Arm; denn es ist ein Kind des Geistes der Zeit, und unwiderstehlich wie er.
Noch habe ich einen Einwurf zu beantworten. Das Christenthum, sagst du, ist den Kunsten nicht gunstig. Ein Theil der Antwort liegt schon im Vorhergehenden. Das Zeitalter ist ihnen ungunstig. Es ist wahr, das Christenthum duldet nicht Bilder und Zeichen desjenigen, der weit uber alle Vorstellung, uber jeden Begriff erhaben ist. Schliessen doch selbst die wilden Germanier ihre Gottheit nicht in Tempel, als in eine unwurdige Beschrankung ein: so darf und muss der Christ auch seinen Gott auf die hochste, reinste Weise verehren. Aber das Rad der Veranderung walzt sich unablassig fort, und der menschliche Geist steht nie stille. Es werden Zeiten kommen, wo in sicherer Ruhe der thatige Trieb sich erfindend, bildend entfalten wird. Wenn einst nach Jahrhunderten die Sturme vertobt haben, deren Beginn wir nun erleben, wenn alle wilden Nationen, die jetzt uber die gesittete Welt hereinzubrechen, und Cultur, Kunste, Wissenschaft und Ordnung zu sturzen drohen, sich unter einander bekampft, verjagt, und blutig aufgerieben haben werden: dann wird in dem allgemeinen Schrecken nur die Religion allein aufrecht stehen, sie wird das Heiligste und Hochste des Menschen bewahren, sie wird dem Uebermuth roher Barbaren Ehrfurcht gebieten, ihre sanfte Macht der wilden Gewalt das Gleichgewicht halten, in die Hallen ihrer Tempel werden sich Kunste und Wissenschaften vor dem Sturm retten, und wenn es auf dem muden Erdkreis stille geworden, wird ein schonerer Tag aus ihnen uber die neugeborne Welt hervorgehen. Leb' wohl!
Fussnoten
1 Als das Volk in den ersten Zeiten der Republik einst gegen den Senat und die Reichen aufgebracht war, und sich ausser Rom auf einem Berge gelagert hatte, brachte es der Consul Menenius Agrippa durch die bekannte Fabel von dem Magen und den Gliedern des Leibes wieder zur Ordnung, und in die Stadt zuruck.
60. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus.
Nicaa, im December 302.
Du willst Nachrichten, Neuigkeiten von mir horen. Was, bei allen Gottern, soll ich dir aus diesem Neste von Stadt schreiben? Es geht Alles seinen langsamen regelmassigen Gang fort, und da eine grosse Anzahl der hiesigen Einwohner Christen sind, so ist dieser Gang so stille und erbaulich, dass Jemand, der aus einem raschern abwechselndern Leben kommt, hier Gefahr lauft, vor langer Weile zu sterben. Zwei Monate bin ich hier sie dunken mich zwei Jahre und bin entschlossen, nicht mehr lange hier zu seyn. Es bereiten sich wichtige Vorfalle im Stillen vor, es sind viele Hande geschaftig. Dass meine Freunde unter der Zahl sind, ist naturlich. Aber nicht allein, was f u r mich gethan wird, soll mir zum Nutzen gereichen, auch was meine Feinde wider mich zu thun meinen, soll sich unter ihren Handen in Waffen gegen sie verkehren. Man hat mich vom Hofe entfernt, und glaubt mich auch von jeder Einwirkung entfernt zu haben. Ich lasse sie bei dem Glauben, der sie vergnugt und sicher macht, und spiele hier die Rolle des gesturzten Gunstlings mit Anstand und Demuth. Galerius kann meiner nicht entbehren, das weiss ich. Constantin hasst tian ist ein untergehendes Gestirn. Die Christen arbeiten in Geheim fur sich, Galerius offenbar gegen sie, der Augustus schwankt, ein boses Anzeichen bei einem Manne, der sonst den Zweifel nicht kannte. Eine Partei muss siegen. Es kommt nur darauf an, sich die Hande so frei zu erhalten, dass man sie zur rechten Zeit ohne Schande ergreifen kann, und dafur wollen wir sorgen.
Du willst wissen, was ich von Galerius Maassregeln gegen die Christen denke? Sie scheinen mir, wo nicht ganz zwecklos, doch zweckwidrig. Sollte es moglich seyn, die christliche Religion auszurotten, woran ich je mehr und mehr zweifle, nicht aus Achtung fur sie eine solche Abgeschmacktheit wirst du mir nicht zutrauen sondern weil ich sie zu fest begrundet glaube: so musste es nicht mit offenbarer Gewalt geschehen. Verfolgung, Strafen, Gefahren exaltiren solche Menschen noch mehr, sie machen sie eigensinnig, unuberwindlich. Von innen, in ihren edelsten Theilen musste diese Secte angegriffen, in sie der Keim des Verderbens gelegt werden, der dann den ganzen Korper langsam vergiften, und zur Auflosung bereit machen konnte. Aber ein solches Mittel wird ein Mensch, wie Galerius, nie ergreifen.
Constantin wird eine bedeutende Rolle spielen, die Natur hat ihn dazu bestimmt, er kann nicht untergeordnet bleiben, und es ist ein sicheres Zeichen seines Scharfblickes, dass er es mit den Christen halt, und also den Geist der Zeit fur sich hat. Das ist auch wohl bei einem so klugen Mann, wie er, der wahre Beruf zu diesem Glauben. Er sammelt jetzt schon Menschen und Hulfsquellen um sich, die er zu seiner Zeit in Bewegung setzen wird. Ihm konnen auch Schwarmer nutzen, und so hat er einen der entschiedensten, jenen Agathokles um sich, den neulich der Schwindelgeist seiner Kameraden zum Tribun machte. Ich hasse den Menschen aus mehr als Einem Grunde, und nehme mir vor, ihm nachstens einen empfindlichen Streich zu spielen. Es ist eine lacherliche Geschichte, die ich vielleicht in Nikomedien keiner Aufmerksamkeit gewurdigt hatte, die aber dazu dienen soll, mir die lange Weile zu vertreiben. Ich war kaum acht Tage hier, als mir eines Morgens in der Nahe eines Christentempels ein Frauenzimmer begegnet, dessen guter Anstand und tiefe Wittwentrauer meine Blicke fluchtig auf sich ziehen. Sie kommt naher, ich betrachte sie genauer, und obwohl der schwarze Schleier ihr Gesicht halb verbirgt, erkenne ich mit Erstaunen Larissa, die Wittwe des Demetrius, die man schon lange fur todt gehalten hatte. Als ich nach Nisibis kam, um den Heerbefehl zu ubernehmen, war sie schon abgereiset; aber ich kannte sie von fruhern Zeiten, und war ofters auf Reisen mit ihr zusammengetroffen. Wie sie den Handen der Gothen entgangen, wie sie hierher gekommen, weiss ich nicht; im Grunde liegt auch nichts daran. Genuss sie ist hier, und lebt im Hause eines gewissen Lysias, eines der angesehensten Burger dieser Stadt, unter dem Namen Theophania, als Wittwe eines byzantinischen Kaufmanns. Diese geheimnissvolle Verborgenheit fiel mir auf, denn ich weiss, dass sie die heissgeliebte Jugendfreundin jenes Agathokles war, der Alles, was er auf Erden besitzt, darum geben wurde, wenn er erfahren konnte, dass sie lebt, und ihn noch liebt. Ich musste der Sache auf die Spur kommen, und fuhrte mich unter einem leichten Vorwande bei Lysias ein; da sehe und spreche ich sie nun taglich, ich stelle mich, als kennte ich sie nicht, begegne ihr mit grosser Achtung, schone ihre Vorurtheile, und habe nun schon so viel herausgebracht, dass sie ihren Agathokles fur untreu halt, und desswegen ihre Verborgenheit nicht verlassen will. Das hat sie mir nun freilich nicht so geradezu erzahlt, aber ihre Fragen und Erkundigungen sagten mir Alles, was ich wissen wollte. Sie ist leicht zu bethoren, wie alle die frommen und arglosen Menschen ihrer Art, aber sie gefallt mir, und ich hatte Lust, sie in mich verliebt zu machen. Schon ist sie nicht, aber, beim Jupiter, kein gemeines Geschopf. Eine kleine Narbe auf der einen Wange entstellt sie ein wenig, aber ihr Wuchs ist edel, ihr dunkles Auge, das sich langsam unter seidenen Wimpern wendet, hat einen sehnsuchtigen anziehenden Ausdruck, ihre Arme sind vorzuglich schon, uberdies ist sie eine Christin, und eine hochst andachtige. Es ware doch lustig zu sehen, welchen Contrast die irdische Venus mit allen diesen Erhabenheiten machen wurde, und zu versuchen, ob es nicht moglich ware, den phantastischen Jugendgeliebten aus ihrem Herzen zu verdrangen. Der Spass lohnt wohl die Muhe einer kleinen Vorstellung, und belustigt mich im Voraus. Leb' wohl!
61. Calpurnia an ihren Bruder Lucius Piso.
Nikomedien, im December 302.
Stehlen muss ich die Zeit, liebster Bruder, um dir zu schreiben, und meine alte Schuld abzutragen. Aber du kennst meine Unart. Es kostet mich Muhe, zum Schreiben zu kommen, wenn ich aber einmal anfange, kostet es mich eben so viele, wieder aufzuhoren. So wirst du zwar wenige, aber desto langere Briefe von mir bekommen. Wir leben jetzt in einer unruhigen frohlichen Zeit. Wie Schade ist's, dass du nicht Theil daran nehmen kannst! Feierlichkeiten und Unterhaltungen jeder Art wechseln mit einander ab, Hoffeste, Volksfeste, Hochzeitfeste, Friedensfeste, und deine Schwester spielt bei allen diesen Herrlichkeiten, als Tochter des Proconsuls, und Freundin der a r m e n i s c h e n K o n i g i n , eine gar nicht unbedeutende Rolle. Ich erscheine fast jeden Tag offentlich bei irgend einem feierlichen Aufzuge, und ich musste doch wahrlich kein Madchen, ich musste so etwas von einem Stoiker oder Cyniker seyn, wenn es mir nicht eine wahre Angelegenheit seyn sollte, jedesmal in einem so viel wie moglich neuen und passenden Anzug zu erscheinen. Das kostet Zeit, Nachdenken, Arbeit. Rechne dazu die vielen Stunden, welche Gastwirst leicht begreifen, dass deiner geschaftigen Calpurnia in ihrem weitlaufigen Hauswesen wenig Zeit ubrig bleibt. Zuweilen konnte ich wohl ein Stundchen finden, aber bald ist ein Freund, bald Braut und Brautigam da; es wird geschwatzt, gescherzt wer kann dem Reiz der geselligen Freuden widerstehen? und so verfliegt der Tag, wie eine Minute. Wenn ich dann Abends mude auf mein Lager sinke, wiederholt Morpheus gefallig die Freuden des Tages in noch schonern Bildern. Ich bin so vergnugt, wie ich seit Langem nicht mehr war, und fuhle, dass sich in diesen Freuden, als in meinem eigentlichen Elemente, mein ganzes Wesen auf's leichteste und angenehmste entfaltet.
Doch ich plaudre in einem fort, ohne zu bedenken, dass du unmoglich wissen kannst, was ich meine. Nun so will ich denn einmal die flatternde Phantasie beim Flugel haschen, und sie zwingen, recht sittsam und ordentlich zu erzahlen, wie sich Alles begeben hatte. Vor zwanzig Tagen ungefahr hielten der Augustus, Galerius und Tiridates ihren feierlichen Einzug in Nikomedien. Es war eins der glanzendsten Feste, das ich je, selbst in Rom, gesehen hatte. Die angesehensten Einwohner, alle offentlichen Autoritaten zogen ihnen im prachtigsten Anzuge und mit feierlichem Geprange entgegen; aber Alles verschwand vor der Pracht des ankommenden Hofes. Der Kaiser zwar und Casar Galerius machten trotz des ausserordentlichen Schimmers, der sie umgab, nicht viel Effekt, wenigstens nicht auf mich, und ich glaube, halb Nikomedien (so hoch wird sich wohl das weibliche Geschlecht hier belaufen) war einerlei Meinung mit mir, was auch die sogenannten Verstandigen oder die Schmeichler von ihren bedeutenden Physiognomien, dem Herrscherblick, den Heldenstirnen sagten. Fur mich waren es ein paar alte Herren ohne alles Interesse. Desto prachtiger nahmen sich dicht hinter ihnen die Prinzen Constantin und Tiridates aus. So herrlich, so blendend, wie diesmal, hatte ich sie nie gesehen. Sie ritten auf stolzen Pferden mit allem Anstande geschickter Reiter, die Sonne zog blendende Funken aus ihren Rustungen, und die Helmbusche wogten auf und nieder, wie sich ihre Pferde tanzend unter ihnen bewegten. Ihre schonen Gestalten waren durch die schimmernden Umgebungen sehr erhoben, und die Stimmen zwischen dem edlen Ernst des blonden Britten, und dem freundlichen Feuer des dunkeln Armeniers getheilt. Nicht weit davon im Gefolge ihrer ersten Offiziere befand sich Agathokles. Auch sein Anzug war prachtig, wie es die Feier und sein Stand forderte, aber ich muss dir aufrichtig bekennen, so wohl er mir damals gefiel, als die Blicke des ganzen Volkes an ihm als Siegesboten hingen, so verschwand er heute ganzlich vor der Schonheit und dem Glanz der beiden Fursten. Was auch die Philosophen sagen mogen, Schonheit und hohe Geburt sind keine so ganz gleichgultigen Eigenschaften, und wenn sie auch keine Verdienste verleihen, so dienen sie doch dazu, die, welche schon vorhanden sind, in ein blendendes Licht zu stellen.
Tiridates mit allen seinen guten Eigenschaften als der Sohn eines Burgers, der etwa durch Ungluck sein Vermogen verloren hatte, wurde unser Mitleid erregen, und wir wurden uns freuen, wenn ihm der Zufall wieder sein vaterliches Gut zuruckgabe. Aber hier ist ein Furst, der letzte Sprossling eines erlauchten Hauses, an dessen Willen einst das Schicksal von Millionen hing, durch einen Usurpator seines Throns, seiner Rechte beraubt, und verfolgt, nur durch die Treue eines alten Dieners gerettet. Dieser Furst hat nun sein Reich mit Hulfe seiner Freunde erobert. Er ist wieder Konig, sein Wille lenkt wieder das Geschick von Tausenden. Wie ganz anders ist dieser Eindruck! Und wenn das Gemuth durch jene Erzahlung vorbereitet ist, den merkwurdigen Mann mit gunstiger Stimmung zu betrachten, dann vollendet noch eine schone Gestalt den Zauber des ganzen Bildes. Wer kann sich dessen ganz erwehren? Wer wird laugnen, dass der schone Tiridates als Privatmann, oder der Furst in alltaglicher Bildung nicht halb so interessant seyn wurde? Das wissen auch die Dichter, und darum stellen sie uns so gern Fursten, Helden, Gotter der Erde dar, lassen sie von grossen Schicksalen gebeugt, oder erhoben werden, und schildern sie uns obendrein als vollendete Schonheiten.
Gegen Abend kam er mit Agathokles zu mir. Jetzt war der Zauber verschwunden, und in der einfachen friedlichen Toga, im freundschaftlichen Gesprach gewann dieser bald wieder seinen alten Platz neben, oder selbst vor Tiridates in meinem Geiste. Ich fand ihn etwas heiterer als sonst. Die tiefe Schwermuth, die ihn vorher beinahe zu jeder geselligen Freude unfahig machte, hatte sich in einen sanften Ernst verwandelt; er war freundlich, aber still, und wortarm. Tiridates hatte beschlossen, schon den folgenden Tag nach Synthium zu gehen. Ich erhielt einen Tag Aufschub von ihm, weil ich es nothwendig fand, Sulpicien erst auf diesen Besuch, und das ersehnte Ziel aller ihrer Leiden und Wunsche vorzubereiten. Am dritten Tag reiste er endlich im Gefolge eines Heeres von Sclaven, Pferden und Kameelen, die konigliche Brautgeschenke trugen, ab, um seine Braut zu holen. Der Empfang soll ganz so gewesen seyn, wie ich dachte, voll Zartlichkeit und Achtung auf der einen, voll Entzucken auf der andern Seite. Sobald Sulpicia sich von dem Freudensturm erholt hatte, wurde sie in einer prachtigen Sanfte von acht reich gekleideten Cappadociern, die in kleinen Absatzen von Andern abgelost wurden, so schonend und so feierlich als moglich nach Nikomedien gelbracht, und ich empfing sie am Thore des prachtigen Hauses, das Tiridates schon lange gekauft, und mit koniglicher Pracht hat einrichten lassen.
Hier blieb sie acht Tage bis zu ihrer Vermahlung, und diese wurden grosstentheils mit Zubereitungen, mit Wahl der kostbarsten Stoffe, Juwelen, Gerathschaften u.s.w. hochst angenehm zugebracht. Am Tage des Friedensfestes, das der Augustus sehr feierlich beging, wurde auch die Vermahlung des armenischen Konigs vollzogen, und Sulpicia erschien mit einer Pracht, die fast die Augusta und ihre Tochter, des Casars Gemahlin, verdunkelte. So will es Tiridates, der nichts unterlasst, wodurch er der Welt die Achtung zeigen kann, mit der er seine Frau behandelt. Seit diesem Tag dauert nun das frohliche Leben, von dem ich dir im Anfange schrieb, und nichts stort meinen Genuss, als der trube Gedanke, dass es nicht mehr lange wahren, und dann eine todtliche Leere an seine Stelle treten wird. Tiridates fuhrt seine Frau, so bald die Feste voruber sind, nach Ecbatana. Sulpicia hat sich ziemlich erholt, und wird im Stande seyn, die Reise ohne Schaden fur ihre Gesundheit zu unternehmen. Ihr Gemuth ist beruhigt, und so die erste Quelle ihres Uebels gehoben. Ich hoffe jetzt auf ihre ganzliche Herstellung, aber ich werde ihre Abwesenheit sehr schwer empfinden; ich werde sie, ich werde Tiridates uberall vermissen. Jetzt, wo alle Zweifel verschwunden, alle angstlichen Spannungen aufgeloset sind, und sein Geist sich ungehindert und frei entfalten kann, kannst du dir keinen Begriff machen, welch' ein angenehmer Gesellschafter er ist, hochst liebend wurdig als Furst und Mensch. Seine Heiterkeit belebt auch Sulpicien, und unser Umgang ist angenehm und frohlich. Freilich wird Agathokles hier bleiben; wird aber sein Ernst, seine wortarme Unterhaltung im Stande seyn, mich fur jenen Verlust zu entschadigen? Ich zweifle sehr. Er ist ein Feind aller lauten Freuden, alles Schimmers, aller offentlichen Belustigungen; er war sogar entschlossen, wahrend der Festlichkeiten nach Synthium zu gehen, und dort ganz allein seinen Gedanken und Schwarmereien zu leben. Du musst gestehen, dass das doch zu arg war; auch liessen wir ihn diesen trubsinnigen Vorsatz nicht ausfuhren, und er ergab sich zuletzt unsern vereinigten Bitten und Nekkereien. Wie er sich dann betragen wird, wenn unsre Freunde ferne sind, und wieder Alles stille um mich geworden ist, das wissen die Gotter; ich sehe dieser Zeit mit einer Art von Schauer entgegen. Doch weg mit den truben Gedanken! Sie sollen mir die gegenwartige Lust nicht verderben. Und so leb' wohl, lieber Bruder! Ich eile zu Sulpicien, um im Umgange meiner Freunde jede dustre Regung zu verscheuchen.
62. Theophania an Sulpicien.
Nicaa, im December 302.
Es mag vielleicht unbescheiden von mir scheinen, zu einer Zeit, wo die grosse Welt mit Allem, was sie Glanzendes verleihen kann, Anspruch auf dich macht, und du den erhabenen Schauplatz betreten hast, auf dem nicht mehr gesellschaftliche Verhaltnisse, sondern die Schicksale von Tausenden an dein Herz sprechen, dich an ein unbedeutendes Wesen zu erinnern, das du einmal freundlich aufgenommen hast. Aber wenn ich mich schon gern bescheide, und wohl weiss, dass die Beherrscherin von Armenien, und die romische Matrone nicht mehr eine und dieselben Angelegenheiten haben konnen, so wurde ich doch selbst der Achtung, die du mir eingeflosst hast, zu nahe treten, wenn ich dich eines unzeitigen Stolzes, und eines ubermuthigen Vergessens jener Empfindungen fahig hielte, die dir noch vor einigen Monaten wichtig waren. In dieser schonen Zuversicht wage ich es, noch einmal an dich zu schreiben, und vor deiner Abreise von Nikomedien mein Andenken bei dir zu erneuern.
Du stehst nun am Ziele deiner Wunsche. Heil dir, meine geschatzte Freundin! Und moge die Gegenwart und Zukunft deinem Herzen mit Wucher die Leiden Gluckes erfreut, dass ich warme Gebete fur dein Wohl zum Himmel gesandt, wirst du mir glauben; denn du konntest es voraussetzen. Wenn diese auch vor einem andern Altar, zu einer andern Gottheit emporstiegen, so wird doch, was auch deine Meinung von ihrem Erfolg seyn mag, deine Meinung uber die Absicht derselben gewiss richtig seyn. Ja, dauerndes Gluck, wie es dein Herz verdient, hat deine Freundin fur dich erflehen wollen; und wenn mein Gebet nicht ganz verworfen wird, so muss es dir wohl ergehen.
In meiner Lage hat sich, seit ich Synthium verliess, wenig geandert. Ich lebe still und verborgen. Meine Anspruche auf Gluck in jedem Sinne des Wortes sind langst aufgegeben, ich verlange nichts als Ruhe und Vergessenheit, und das hoffe ich noch zu erreichen. Meine Freuden bestehen darin, dass ich Zeugin der hauslichen Zufriedenheit einer schatzbaren Familie bin, die mich als eines ihrer Glieder betrachtet, und mich mein Alleinseyn in der Welt, so wenig als moglich, fuhlen lasst. Ihnen wieder Freude zu machen, ist mir eine susse Pflicht, und so wage ich es, dir eine Bitte vorzutragen, deren ich schon in meinem ersten Brief erwahnte, und deren Erfullung du mir so gutig zugesichert hast.
Es war bald nach meiner Ankunft in Nicaa einmal die Rede von dem feierlichen Tag in Nikomedien, als der Tribun die Siegesbotschaft brachte. Ich erzahlte, dass ich eine wohlgelungene Zeichnung dieser Scene gesehen, und mit Vergnugen die Richtigkeit der Umgebungen sowohl als den Ausdruck der Leidenschaft auf den Gesichtern der versammelten Menge bewundert hatte. Mein gutiger Hauswirth, der selbst Kenner und Kunstler ist, ausserte den lebhaften Wunsch, dies Blatt zu sehen. Ich schwieg, weil ich die Schwierigkeiten wohl einsah, die seiner Erfullung im Wege standen; indessen hielt ich es fur meine Pflicht, wenigstens Meldung davon zu machen, und ersuche dich nun, dich fur mich, oder vielmehr fur den achtungswerthen Lysias bei der schonen Calpurnia zu verwenden, und uns die Zeichnung fur einige Tage zu senden. So bald sie gesehen und bewundert seyn wird, soll es mein angelegentlichstes Geschaft seyn, sie so wohlbehalten und schnell als moglich wieder zuruckzustellen. Ich fuhle wohl, dass meine Bitte etwas unbescheiden ist; aber ich hoffe, der Zweck derselben wird sie bei Calpurnien entschuldigen, und den Unmuth mildern, der vielleicht in die Seele deiner reizenden Freundin gegen mich entstehen konnte. Leb' wohl!
63. Sulpicia an Theophania.
Nikomedien, im December 302.
Wenn schon der blosse Anblick deiner Briefe hinreicht, mir ein angenehmes Gefuhl zu geben, so ist ihr Inhalt immer von der Art, um mein Gemuth auf's anziehendste zu beschaftigen. Der letzte traf mich in einer der seltenen einsamen Stunden, wo ich, mude von Pracht und gehaltlosem Geprange, mich mit Lust in mich selbst versenkte, und die Bilder der Vergangenheit vor mir voruber gehen liess. Dein Brief versetzte mich um so lebhafter in jene Zeit. Der schone Abend in Synthium, deine freundliche Erscheinung, dein Trubsinn, der meiner Schwermuth so schmeichelnd antwortete. Alles stand wieder hell vor mir, und ich flog zu meinem Tische, um dir zu sagen, dass keine Zeit, keine Veranderung meines Schicksals dein Bild aus meiner Brust vertilgen wird, und wie sehr es mich freut, dass du mir Achtung genug fur's Schone und Gute zutrauest, um mich keiner solchen Vergesslichkeit fahig zu halten. Das Alles wollte ich dir schreiben, als mir deine Bitte einfiel, und ich mich nun bescheiden musste, erst Calpurniens Ankunft zu erwarten. Sie kam in wenig Stunden zu mir herein gehupft. Ich trug ihr deinen Wunsch vor, sie gewahrte freuen, dass ihre Arbeit Beifall gefunden hatte, dass man sie zu sehen wunschte, und in diesem angenehmen Gefuhl beschloss sie, die Zeichnung dem Kenner Lysias, oder vielmehr dir, zum Geschenke zu machen, indem sie noch eine wohlgelungene Copie davon besitzt, und das Original der Hauptfigur ohnedies jetzt immer um sie lebt, und ihr ein Portrat uberflussig macht. Sie bittet dich, es als ein Zeichen ihrer Achtung, und ein Andenken an jenen Abend anzunehmen. Das Alles war in der ersten Viertelstunde ausgemacht; aber wie hatte, sie in dem abwechselnden Gerausch von Unterhaltungen und offentlichem Geprange Zeit finden sollen, an ihr Versprechen zu denken? Die Friedensfeier, die Saturnalien, und meine Vermahlung haben Nikomedien in einen Schauplatz der lebhaftesten Bewegung und der lautesten Frohlichkeit verwandelt, und in diesen Zerstreuungen, die einem ernsten Gemuthe eher Anlass zum Missvergnugen und zu Betrachtungen geben, lebt und webt dies leichte liebliche Wesen, wie in seinem naturlichen Elemente. So vergingen acht volle Tage, ehe ich die Zeichnung von ihr erhalten konnte. Heute endlich gab sie sie mir, und sogleich geht ein Sclave ab, um sie dir zu uberbringen. Wie schon, wie begluckend ware es fur mich, wenn du dich entschliessen konntest wozu der Sclave, der den Brief bringt, Befehl hat, alle Anstalten zu treffen wenn du dich entschliessen konntest, mit ihm hierher zu kommen, und mir noch einmal, wahrscheinlich das letzte Mal in meinem Leben, das Vergnugen deines Umganges zu gewahren! Ich gehe sehr bald mit meinem Konig und Gemahl nach Armenien. Meine Gesundheit ist zwar etwas besser, als sie in Synthium war, aber doch so gebrechlich, dass ich wenig Hoffnung habe, eine so weite Reise noch einmal zuruck zu machen. Die Aerzte und auch Tiridates versprechen mir viel von der Veranderung des Klima, von der reinen Luft in den armenischen Gebirgen. Es ist moglich, dass sie Recht haben, aber es liegt ein Gefuhl in mir, das allen diesen Hoffnungen widerspricht. Der todtlich verwundete Baum prangt noch mit Blattern und Fruchten, der achtlose Wanderer freut sich des Schattens, und hofft auf kunftigen Genuss; aber von der Sonnenschwule der Leidenschaft versengt, vom Gewittersturm im innersten Lebenskeime verletzt, welkt er langsam seinem Untergange zu. Wie kann er vom lauen Herbst mit seinen kurzen Tagen, seinen frostigen Luften sich Heilung versprechen? Nur der milde Einfluss des Fruhlings vermochte es vielleicht, aber der Fruhling des Lebens, der Fruhling der Liebe ist dahin!
Du hast um dauerndes Wohl fur mich zu deinen Gottern gebetet. Mit Ruhrung habe ich deiner Liebe gedankt, und dich beneidet, du Gluckliche, die in tiefen Bedrangnissen, wo keine menschliche Kraft mehr ausreicht, ihre Zuflucht glaubig zu hohern Machten nehmen kann. Ich kann nicht hoffen, ich kann nicht beten; denn ich kann nicht glauben. Unsre Gottheiten sind leere Schattenbilder, und an taube Machte, die des Sterblichen Loos nach eisernen Gesetzen lenken, kann ich kein Gebet verschwenden. O komm, Theophania! komm, und bringe mir deine sanften Trostungen mit, flosse meinem Herzen deinen begluckenden Glauben ein! Wie gern will ich mich dir ganz hingeben! Und da dein Herz durch kein susses Band hienieden gehalten ist, so ergreife das Einzige, was dir ubrig ist, schlinge es noch fester, und folge mir nach Ecbatana. Dort soll die treueste Freundschaft sich bemuhen, deine Wunden zu heilen, und dir deinen Verlust ertraglich zu machen. Tiridates, dem ich von meinem Wunsch gesagt habe, lasst dich durch mich seiner Achtung versichern, und vereinigt seine Bitte mit der meinigen. Wie schon wurden die letzten Tage in Nikomedien seyn, wie manche Beschwerlichkeiten der Reise wurden verschwinden, wenn du sie mit mir theilen wolltest! Bedenke das, meine theure Freundin! und lass mich einer gunstigen Antwort entgegen sehen.
64. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus.
Nicaa, im Janner 303.
Die todten Massen fangen an sich zu regen, und es kommt wieder Leben und Bewegung in mein einformiges Daseyn. Begierde und Widerstand, Vorurtheil und Uebermacht erregen Kampf und Gahrung auf dem grossen Schauplatz der Welt, und in dem Mikrokosmus, der mich hier umgibt. Die Krafte, die bisher ungebraucht schliefen, erwachen, da sich ihnen wurdige Gegenstande der Thatigkeit darbieten, und ich werde bald wieder ganz das seyn konnen, wozu mich Natur und Umstande bildeten. Der lange glimmende Funke ist in Flammen ausgebrochen, der Krieg des Polytheismus gegen den Christianismus erklart. Galerius hat die kluge Gleichmuthigkeit des alternden Augustus zum Wanken gebracht, und ihn bewogen, lange gepruften Grundsatzen zu entsagen. An allen Orten ist den Christen befohlen worden, ihre Tempel zu schliessen, ihre Opfer einzustellen, keine Predigten zu halten, und jeder Versuch, Proselyten zu machen, wird mit dem Tode bestraft1. So neigt sich also wenigstens fur den Augenblick das Zunglein der Wage auf die Seite der alten Ordnung; auf wie lange wird die Zeit lehren. Indessen sind meine Freunde thatig gewesen, warte nun nachstens einen angemessenen Wirkungskreis zu erhalten. Ich werde ihn mit Vorsicht benutzen, und uber der Gegenwart nicht die Zukunft ausser Acht lassen. Constantin ist ein zu glanzendes Gestirn, um sogleich nach seinem Aufgange zu verschwinden, und der Plan, das Christenthum zu unterdrucken, oder gar zu vertilgen, wird wohl ein fruchtloser Versuch bleiben. Indessen, so lange man sein Gluck mit Verfolgen machen kann, verfolge man, doch immer mit gehoriger Klugheit und Feinheit, um den Uebergang zum Gegentheil nicht unmoglich zu machen. Nie wird ohnedies ein verstandiger Mann das rechte Maass uberschreiten nur Rasende oder Schwarmer sturzen sich uber Hals und Kopf in eine Partei.
So viel vom Oeffentlichen, worin du nun bald wieder den Namen deines Marcius wirst nennen horen. Etwas weniger gunstig, aber nicht weniger lebhaft, bewegt es sich in meiner kleinen Welt. Die fromme Theophania ist eigensinnig, und ihre beschrankte Denkart setzt meinen Wunschen Hindernisse entgegen, die mich nur heftiger reizen. Sie muss mein werden, auf welche Art es sey. Nicht, dass ich so sehr verliebt in sie ware aber die Erscheinung ist neu, und mich unterhalt das Sonderbare. Die Art der gewohnlichen Weiber kenne ich auswendig, da ist nichts mehr, was mir unerwartet ware, nichts mehr, das meine Phantasie spannen konnte. Bei Theophanien offnet sich mir eine neue Welt, und ich fuhle seit langer Zeit zum ersten Mal wieder mit wahrem Behagen alle Triebfedern meines Wesens in eine angenehme Spannung versetzt. Ich habe allerlei Plane entworfen, und du wirst nachstens den glucklichen Erfolg meiner Bemuhungen horen; denn ich muss eilen, an's Ziel zu gelangen, ehe meine kunftige Bestimmung mich aus ihrer Nahe wegruft. Leb' wohl!
Fussnoten
1 Alles dies, so wie die Sturmung der Kirchen an Einem Tage im ganzen Reiche ist geschichtlich.
65. Agathokles an Phocion.
Nikomedien, im Janner 303.
Eine heftige Unruhe bewegt mein Innerstes, Furcht und Hoffnung wechseln jede Secunde, und bringen mich bald der Verzweiflung, bald der Seligkeit nahe. Es ist moglich fasse das Entzucken, das in diesem Gedanken liegt! es ist moglich, dass Larissa noch lebt; aber es ist auch moglich, dass sie meiner vergessen hat, dass ein Andrer nein, das ist nicht moglich! Es ist Lasterung, dies auch nur zu denken. Wenn sie noch lebt, so liebt sie mich, wie nachtlich auch ihr Geschick, wie gebietend die Umstande seyn mogen, die sie hindern, mich ihr Daseyn wissen zu lassen. Aber ob sie noch lebt, ob die Luftgestalt, die vor mir schwebt, mehr als d a s ist das liegt noch verhullt im Schoosse der Zukunft. Und was wird sie mir bringen?
Vor ungefahr acht Tagen komme ich zu Sulpicien. Calpurnia ist bei ihr, es ist die Rede von einer Zeichnung, die diese entworfen hat. Ich wunschte sie zu sehen. Man weigert sich eine Weile, endlich reicht Sulpicia mir ein Blatt, das neben ihr liegt. Stelle dir meine Ueberraschung, meine Verwirrung vor, als ich in der Zeichnung jene Scene meines Einzugs als Sievon Calpurniens unverdienter Gute. Auch sie errothete und war verlegen, aber mit einer unbeschreiblichen Leichtigkeit fand sie sich bald wieder, und fing so unbefangen an, von der Zeichnung als Kunstwerk, als schwierige Aufgabe, zu sprechen, die sie sich selbst, um ihre Krafte zu versuchen, gegeben habe, dass meine eigene Betroffenheit, aber auch mein freudiges Gefuhl entwich, und nichts ubrig blieb, als die Bewunderung ihrer Kunst und ihrer Kalte. Endlich rief Sulpicia eine Sclavin, und befahl ihr, das Blatt einzupacken und abzusenden. Wohin? fragte ich mit sehr naturlicher Neugierde, und erfuhr nun, dass im vorigen Herbst eine Fremde, die sich Theophania nannte, die eine Christin, Wittwe eines byzantinischen Kaufmanns war, und mit ihrem Vater nach Nikomedien reisen wollte, von den beiden Romerinnen im Vorbeireisen eingeladen worden war, die Nacht auf der Villa zuzubringen. Die Schwermuth der Fremden gewann ihr Sulpiciens Zuneigung. Im vertraulichen Abendgesprach kam die Rede auf jenes Bild. Die Fremde besah es, schien erschuttert, und verrieth dadurch, dass sie mich kenne. Am andern Morgen, wo Sulpicia sie sehr blass und verstort fand, erklarte sie, dass ein plotzlicher Zufall sie zwinge, ihren Reiseplan zu verandern, und nach Nicaa zu gehen. Kein Bitten der beiden Frauen vermochte sie, nur e i n e Stunde langer zu verweilen. Sie reisete alsogleich mit ihrem Vater ab, und lebt nun in Nicaa, im Hause eines angesehenen Mannes, der sich Lysias nennt. Von hieraus hat sie ein Paarmal an Sulpicien geschrieben, und sich die Zeichnung ausgebeten. Die Erzahlung machte mich aufmerksam, und erregte seltsame Vermuthungen in meiner Seele. Calpurnia schilderte mir die Gestalt der Fremden. Ach jeder Zug rief ein theures Bild zuruck! Alles traf ein, bis auf eine Narbe auf der Wange, die ich nie an Larissen bemerkt hatte. Mein Herz schlug heftig, man zeigte mir ihren Brief. Da zerfloss die schone Hoffnung wieder. Die Zuge glichen nicht ihrer Schrift; dennoch glaubte mein einmal erregtes Gemuth zu entdecken, dass die Buchstaben nicht frei gebildet, sondern wie mit Absicht verstellt seyen. Ich ausserte meine Vermuthungen nicht, aber ich eilte zum Prafect der Leibwache, und bat ihn um Urlaub auf acht Tage. Ich wollte nach Nicaa, in's Haus des Lysias; ich wollte mich selbst uberzeugen, wer diese Theophania sey. Der Prafect schlug meine Bitte geradezu ab, und gleich als ob er furchtete, ich mochte ohne seine Erlaubniss dennoch fortreisen, trug er mir die Wache im kaiserlichen Palaste auf. Ich knirschte vor Zorn, aber ich musste gehorchen. Mein vertrautester Sclave wurde nach Nicaa an einen alten Bekannten unsers Hauses gesandt, um sich nach der Fremden zu erkundigen. Nach sechs langen Tagen kam er, gestern zuruck, seine Nachrichten loseten keinen meiner Zweifel, sie dienten nur, sie noch mehr zu verwirren. Theophania galt auch hier fur die Wittwe eines byzantinischen Kaufmanns; aber der Greis, der sie begleitet hatte, war nicht ihr Vater, es war ein christlicher Priester, ein Bruder des Senators Lysias, derselbe, der vor mehr als einem Jahre als Glaubenslehrer zu den Gothen gereiset war. Zu den G o t h e n ! Und von daher war er jetzt mit dieser Fremden gekommen! Hat er sie dort gefunden? War sie aus Byzanz? Warum nannte sie ihn auf der Reise ihren Vater? Wie kam er dazu, sie zu begleiten? Wie kam sie in das Haus des Lysias? Der feile Marcius kommt taglich hin, er spielt offentlich ihren Verehrer, er will sie heirathen, und sie sie begegnet ihm freundlich. Ist das auch wahr? Kann man Geruchten trauen? Marcius Alpinus muss Larissen personlich kennen, und sie ihn. Gegen diesen Mann konnte sie ihr Daseyn nicht verschweigen, wenn sie mit Theophanien Eine Person ware. Oder verbirgt sie sich blos vor mir, und ist Marcius ihr Vertrauter, der Einzige, der um ihr Schicksal wissen darf? O Phocion! Wie gluhende Dolche kreuzen sich diese Gedanken in meiner Seele. So viel ist gewiss, entweder Theophania ist nicht Larissa, oder wenn sie es ist, so trennt ein boses Schicksal, oder noch bosere Menschen sie auf ewig von mir so ist sie nicht viel besser, als fur mich verloren, fur mich, dem sie sich so angstlich verbirgt. O kann sie denn das Entzucken nicht denken, in das mich ihre Erscheinung versetzen wurde? Glaubt sie nicht mehr an meine Treue, weil die ihrige erloschen ist? O beim Himmel! Wenn das ware dann musste ich den fur meinen Todfeind halten, der mir die Gewissheit gabe, dass sie den Handen der Gothen entgangen ist, um das Weib jenes Marcius zu werden!
Und wenn sie nicht Larissa ist? Wenn diese wirklich unter dem Hugel von Trachene begraben liegt? O die Wahrscheinlichkeit dieses Gedankens drangt sich mir, wenn meine Phantasie in kuhnen Bildern schwelgt, am oftersten, am lahmendsten auf! Wer weiss, wer diese Theophania ist! Sie ist aus Nikomedien geburtig, sie hat mich vor zehn Jahren ofter gesehen, ich sie auch vielleicht, ohne ihren Namen zu wissen. Wie leicht ist eine gleichgultige Gestalt in zehn Jahren vergessen! Heliodor hat sie zufallig in Byzanz kennen gelernt, die junge verlassene Wittwe begibt sich unter den Schutz des ehrwurdigen Priesters, dessen Alter und Denkart ihr eine anstandige Begleitung zusichert. So kommen sie nach Synthium, so nach Nicaa, wo er sie zu seinen Verwandten bringt. Dort lebt sie verborgen, bis der verachtliche Wollustling Marcius die grosse Zahl seiner Schlachtopfer mit ihr vermehren will. Wie alltaglich, wie allzunaturlich ist diese Geschichte! Ihre Erschutterung beim Anblick meines Bildes, ihre folgende Blasse, Verstortheit, der geanderte Reiseplan sind wohl eben so unbedeutende Umstande, die nur in Sulpiciens Phantasie, welche gern die gewohnlichsten Dinge in einem seltsamen pathetischen Lichte sehen will, ihren Ursprung haben. So fallen meine Hoffnungen in ein leeres Nichts zusammen.
Hundert Mal in einem Tage durchlauft mein bewegtes Gemuth den ganzen Kreis von Vermuthungen, Zweifeln, Absprechungen, die dieser Brief enthalt. Hundert Mal entsagt die prufende Vernunft den leeren Schattenbildern, und eben so oft fasst sie das Herz mit wehmuthiger Freude wieder auf. O wer kann einer solchen Aussicht entsagen, ehe er bestimmt weiss, dass sie blos Tauschung ist! Auch steht mein Entschluss fest, so bald ich kann, nach Nicaa zu eilen, und mir Ueberzeugung zu verschaffen, falle sie nun aus, wie sie wolle. Ich denke bald Erlaubniss zu erhalten bis dahin brennt der Boden unter meinen Fussen.
Der Staatskunst und dem alten Hass ist sein feindliches Werk gelungen. Die Christenverfolgung ist ausgebrochen. Aber unsre Feinde werden doch nicht triumphiren. Es werden tausend Opfer fallen, und das Gebaude der Kirche, benetzt mit dem Blute unzahliger Bekenner, wird sich schoner und fester aus seinem Schutt erheben. Auf einer neuen Seite wird mein Gemuth in diesem Zeitpunkt innerlicher Unruhe von jenen Fallen erschuttert. Ich sehe meine Bruder leiden, ich sehe die Ungerechtigkeiten, die man sich gegen sie erlaubt, und Schonung gegen einen dem Grabe nahen Vater verbietet mir, offentlich aufzutreten, und mich als ihren Glaubensgenossen zu bekennen, jetzt, wo sie der Vertheidiger und Helfer nicht genug haben konnten.
Verborgen und heimlich versammeln sich die Gemeinden in Katakomben und Grabern, die ihnen schon in fruheren Verfolgungen zu Zufluchtsortern dienten. Dort halten sie ihren Gottesdienst, berathen sich uber ihre Gefahren, und mir ist der Zutritt vermehrt, weil man mich fur einen Heiden, einen Anhanger des Hofes halt. Wie sehr diese Verstellung das Gewicht meines Kummers vermehrt, begreifst du leicht, Phocion! Auch werde ich sie bestimmt nur so lange fortsetzen, bis eine heilige Pflicht gegen meine Bruder und meine Ueberzeugung jene schonenden Rucksichten aufhebt. Vielleicht horst du bald mehr von mir mein Schicksal muss sich nun schnell entscheiden. Leb' wohl!
66. Theophania an Junia Marcella.
Nicaa, im Janner 303.
Auch in den trubsten Stunden meines Lebens war es mein eifrigstes Bestreben, mein Herz mit den Fugungen der Vorsicht zufrieden zu sprechen, und mich ihnen unbedingt in Allem zu unterwerfen. So erhielt ich mir mitten unter Trubsalen den heiligen Frieden, den unser gottlicher Lehrer seinen Jungern als das schonste Geschenk hinterliess. Bisher hatte ich es immer vermocht; denn bisher hatte ich meine Leiden als unmittelbare Schickungen Gottes betrachten konnen ich hatte noch nicht durch die Bosheit und Verderbtheit der Menschen gelitten. Jetzt, wo diese neue Art von Bedrangniss uber mich kommt, und mir das letzte Gut, was ich auf Erden besitze, meine Verborgenheit und meinen unbescholtenen Ruf zu rauben droht, jetzt emport sich mein Herz in wilden Schlagen, zum ersten Mal mischt sich der Zorn in meinen gerechten Schmerz, und die stille Ergebung entflieht aus meiner Brust. Solltest du es fur moglich halten, dass ich den Nachstellungen eines Bosewichts ausgesetzt bin, dass meine Gestalt die wilde Sinnlichkeit des verachtlichen Marcius Alpinus gereizt hat, der zuerst sich mir unter der Hulle der Achtung und Freundscheinen liess, und als er entschlossenen Widerstand fand, seine Zuflucht zur List und Nachstellungen nahm?
Schon lange merkte ich, dass er mich auszuforschen suchte; seit einigen Tagen fuhle ich mich auf jedem Schritt von seinen Spahern belauscht, beobachtet. Ich furchte, er ahnet, wer ich bin. So viel ist gewiss, dass man sich genau nach meinen Schicksalen, nach meiner Hierherkunft, meinem Verhaltniss zur Familie des Lysias, sogar nach meinem Aufenthalt in Synthium erkundigt. Von wem anders, als von ihm, konnen diese Verfolgungen herruhren? Er mochte gern Meister meines Geheimnisses, und mit ihm Meister meines Willens seyn. Schlechtdenkend, wie er ist, kann er, wenn er vermuthet, wer ich bin, mir keine andre, als eine niedrige Ursache oder Absicht meiner Verborgenheit zutrauen, er muss nothwendiger Weise glauben, mich in seine Gewalt zu bekommen, wenn er mein Geheimniss weiss. Das soll er nicht hoffen, der Bosewicht. Er ist machtig sein Einfluss ist wieder gross, und das Laster findet uberall Gehulfen. Dennoch, wer sterben kann, ist unuberwindlich. Ich werde nie zugeben, dass die Welt und Agathokles mein Daseyn erfahre. Drangt er mich aber, und bleibt mir kein Ausweg ubrig, mein Leben oder mein Geheimniss zu retten; so wird ja wohl der Schopfer nicht zurnen, wenn das geangstete Geschopf zu ihm flieht, und das letzte Mittel, das mich bei den Gothen in gleicher Gefahr hatte retten sollen, mich auch jetzt von den Tukken dieses Ungeheuers befreit. Bin ich todt, dann mag Agathokles wissen, dass die vergessene Larissa noch lange genug lebte, um zu erfahren, dass ein Band, das sie fur mehr als Eine Welt geknupft glaubte, durch die Gewalt einer leichtsinnigen Schonheit zerrissen werden konnte.
Sie lieben sich, das ist gewiss, daruber kann auch die kuhnste Hoffnung keinen Zweifel nahren. Ich weiss das aus sichern Quellen, und was ihnen mangelte, ersetzte Sulpiciens Brief. Sie hat mir die Zeichnung geschickt. Calpurnia macht mir ein Geschenk damit. O allmachtiger Gott! S e i n Bild aus i h r e r Hand! Sie bedarf dessen nicht mehr, schreibt die Konigin, da das Original bestandig um sie lebt! Und Calpurnia schwebt, wie eben der Brief sagt, mitten im Gerausch und Schimmer glanzender Feste, und dorthin folgt er ihr! Er, dessen Wesen sonst dieser Art von Freuden zu widerstreben schien, er verlaugnet seine bessere Ueberzeugung, er ist nicht mehr Agathokles, er ist der gefallige, tandelnde Liebhaber der reizenden Calpurnia, die er, wie ihr Schatten, uberall hin begleitet!
Sulpicia hat mir sehr freundschaftlich, aber in einem hochst schwermuthigen Tone geantwortet. So hat denn auch sie der Besitz des Geliebten, der Thron, die Erfullung aller ihrer Wunsche nicht glucklich gemacht! Sie lud mich ein, mit ihr nach Ecbatana zu gehen. Ich erkenne ihre Gute mit dankbarem Gemuth, ich habe ihr Alles geschrieben, was mein wahrhaft geruhrtes Herz mir daruber eingab, aber ich habe ihr Anerbieten standhaft abgelehnt. Ach, wenn ich meinen Zufluchtsort verlassen durfte, wohin auf der weiten Welt wurde ich am liebsten fliehen, als in deine Arme!
Zwei Tage spater.
Und doch muss ich fort. Das erzurnte Schicksal gonnt mir keine Ruhe. O womit habe ich diese Harte verschuldet! Das Gewitter ist ausgebrochen auch du wirst seine Wirkungen empfinden unsre Kirchen sind geschlossen, viele unsrer vornehmsten Mitbruder sind in Verhaft genommen. Auch dem wurdigen Lysias, der einer der Aeltesten der Gemeinde, und ein thatiges, eifriges Mitglied derselben ist, droht dasselbe Schicksal. Indessen ist er entschlossen zu bleiben, und Alles standhaft abzuwarten, was Bosheit oder Rachsucht uber ihn zu verhangen beschlossen hat. Er hat Feinde, und weiss nur zu wohl, dass Religionshass nicht zum ersten Male zum Deckmantel kleinlicher Rache dienen musste. Heliodor geht von hier nach Nikomedien, wo unter den Augen des Augustus der VerUmstanden bleibt dies Haus keine sichere Zuflucht mehr fur mich. Allein zu reisen wage ich nicht, da ich mich so wenig personlicher Sicherheit erfreuen kann. Es bleibt mir also kein Ausweg ubrig, als mit Heliodor zu gehen. Marcius Alpinus ist in diesem Augenblick nach Casarea zum Galerius berufen, vielleicht ist dies der einzige Zeitpunkt, der mir zur Flucht ubrig ist. Auch haben Heliodor und Lysias mich uberzeugt, dass man in einer grossen gerauschvollen Stadt viel eher hoffen kann, unbemerkt zu bleiben, als an einem kleinen Orte, wo jeder Nachbar um jeden Schritt des andern weiss. Ueberdies werde ich nicht in der Stadt selbst wohnen. Eine Viertelstunde davon, am Eingang eines kleinen Geholzes, liegt ein Dorfchen, dessen ich mich noch wohl aus meiner Kindheit erinnere. Hier von Larmen und Zerstreuung geschieden, bewohnen einige christliche Wittwen ein einsames kleines Haus, und widmen, da sie in der Welt nichts mehr zu wirken und zu hoffen haben, den Rest ihrer Tage den Uebungen der Frommigkeit und Menschenliebe. Sie verfertigen die Gerathe und Kleidungsstucke fur die Kirchen, und dienen in denselben als Diaconissinnen1; aber ihr schonster Wirkungskreis ist die Unterstutzung der Armen, der Unterricht der Madchen, die ihrer Aufsicht ubergeben sind, und die Pflege der Kranken, die theils in's Haus gebracht, theils in ihren Wohnungen von den wohlthatigen Frauen besucht werden. Zu ihnen wird mich Heliodor bringen. In den Mauern dieses Hauses, das ich nicht verlassen muss, wenn ich nicht will, kann ich ganz unbemerkt und verborgen leben, und der Beruf dieser Wittwen gibt meinem gehaltlosen Daseyn Zweck und Werth. Morgen reise ich ab. Wir werden, um alle Nachforschungen zu tauschen, die Strasse nach Apamaa einschlagen, und von dort erst auf einem Umwege nach Nikomedien gehen. Sobald ich in meiner stillen Freistatte angelangt bin, werde ich dir schreiben. Leb' wohl!
Fussnoten
1 Diaconissinnen waren christliche Wittwen, welche in den Kirchen, besonders bei der Taufe weiblicher Katechumenen dienten.
67. Agathokles an Phocion.
Nikomedien, im Februar 303.
Das Gewitter zieht sich von allen Seiten zusammen. Bald ist es nicht mehr moglich, seinen Schlagen auszuweichen; so werde ich ihnen denn mit mannlichem Muthe begegnen. Gestern liess der Prafect der Leibwache mich rufen. Vielfache Neckereien, in denen der Sinn des kaiserlichen Edicts uberschritten wurde, haben die lange Geduld der unglucklichen Christen ermudet. Es sind hie und da unruhige Auftritte vorgefallen, und diese wahrlich naturlichen Regungen der Selbsterhaltung brandmarkt die Tyrannei mit dem Namen Rebellion. Man bot die bewaffnete Macht gegen sie auf mit ungleichem Erfolge. An einigen Orten wurden die Verfolgten das Opfer der Uebermacht, an andern musste der kleine Haufe der Soldaten der Ueberzahl der Unglucklichen weichen, die ihr Theuerstes und Hochstes mit der Wuth der Verzweiflung vertheidigten. Man hat nun beschlossen, wirksamere Maassregeln zu ergreifen, und ich sollte mit ein paar Centurien, die ich mir aus den gepruftesten Kriegern selbst auswahlen durfte, nach Casarea, wo die Misshandlungen des Stadtprafecten dem Bischof, einem ehrwurdigen Greis, bereits das Leben gekostet, zwungen hatten.
Hier zu schweigen war unmoglich. Aber die Pflicht des Sohnes gebot, das nicht mehr zu verhehlende Geheimniss dem Vater wenigstens zuerst zu entdecken. Ich bat mir Bedenkzeit aus, und kundigte meinem Vater meinen Entschluss, den Auftrag nicht zu ubernehmen, und die Ursache desselben an. Er wuthete das hatte ich vorhergesehen er drohte mit Enterbung und Fluch ich war darauf vorbereitet, es schreckte mich nicht er verbannte mich zuletzt aus seinen Blicken, und verbot mir, sein Haus je wieder zu betreten. Ich wurde unwahr seyn, wenn ich behaupten wollte, dass mich dies Betragen nicht geschmerzt habe; aber es schmerzte mich mehr um seinetwillen, denn ich furchtete die schadliche Wirkung des Zorns fur den abgelebten Greis. Von ihm ging ich zum Prafecten der Leibwache, und erklarte ihm, warum ich unmoglich gegen die Christen streiten konnte. Er schien eben so erstaunt als aufgebracht, und nachdem er sich in Drohungen mit der Ungnade des Kaisers, mit Verlust meiner Stelle, und in leerer Wiederholung aller der seichten Beschuldigungen gegen das Christenthum, die man gewohnlich vorbringen hort, erschopft hatte, machte er zuletzt einen Versuch, mich zu bekehren. Ich hatte meines Vaters Zorn und Fluch ertragen, kaum konnte das Beginnen des Prafects mir mehr als ein Lacheln abnothigen. Ich bat ihn zu thun, was seine Pflicht in diesem Falle von ihm fordern wurde, und das Uebrige meiner Ueberzeugung zu uberlassen. So verliess ich ihn.
Als ich in dem Quartier meiner Kameraden angelangt war, brachten die Sclaven meines Vaters alle meine Geratschaften, Bucher, Waffen, Kleider. Mein Vater wolle nichts mehr von mir wissen, er habe keinen Sohn mehr; diese Botschaft gab er den Sclaven mit, und dachte mich dadurch sehr tief zu kranken. Mich ruhrte die Trauer und Liebe, die diese guten Menschen mir zeigten, und mein Herz offnete sich mildern Empfindungen. Am Abend langte ein Brief aus Nicaa an. Theophania war verschwunden, Niemand wusste wohin. In Lysias Hause wird ein tiefes Schweigen daruber beobachtet. Heliodor hat sie begleitet. Marcius Alpinus ist einige Tage vorher nach Casarea abgereist. Sollte sie ihm dahin gefolgt seyn? Unmoglich! Heliodor kann die Frau, die sich seinem Schutze ubergab, die er in's Haus seiner Verwandten brachte, nicht einem Marcius Alpinus in die Arme fuhren; sey sie ubrigens, wer sie wolle! Ihr Geschick beunruhigt mich. Ich kann den Gedanken, den ich einmal von ihr gefasst habe, nicht aufgeben, und jetzt, da sie auf's Neue fur mich verloren scheint, wird er mir wahrscheinlicher als jemals.
Wahrlich, es hatte dieses Zusatzes nicht bedurft, um meine Lage hochst unangenehm zu machen. Indessen soll nichts mein Bewusstseyn erschuttern. Ich weiss, was ich zu thun habe ob es schwer oder leicht sey, darf ich nicht fragen es m u ss geschehen! Jeder, der in dieser Zeit sich als Christen bekennt, hat einen viel harteren Stand, als die langstbekannten Glaubensgenossen. Man sieht ihn gleichsam als einen trotzigen Rebellen, als einen offenbaren Verachter des kaiserlichen Gebotes an. So geht es mir so wurde es Constantin gehen, der auch in diesen entscheidenden Augenblicken dem Augustus seine wahre Gesinnung entdecken musste, ware er nicht der Sohn des Casars. Misstrauen und Hass umlauert uns von allen Seiten, selbst die Briefe sind nicht sicher. Solltest du lange keinen erhalten, so denke, dass es mir unmoglich war zu schreiben, oder das Geschriebene sicher abzusenden. Leb' wohl!
68. Theophania an Junia Marcella.
Nikomedien, im Februar 303.
Seit zwei Wochen bin ich hier, eine Viertelstunde von Nikomedien entfernt. Von dem flachen Hausdache sieht mein Auge die nahe Stadt, die Giebel ihrer prachtigen Tempel, die ehrwurdigen Thurme unsrer Kirchen, von denen leider jetzt kein Laut zu uns heruber tonen darf. Linker Hand gegen das Stadtthor zu, das an's Meeres-Ufer fuhrt, liegt das Quartier der kaiserlichen Leibwache. Dort wohnt Agathokles. Ich sehe den Rauch aus den Essen steigen, ich hore an stillen Abenden die kriegerische Musik heruberschallen, ich entdecke zuweilen schimmernde Schaaren, die durch die Thore ein- und ausziehen. Wie manches Mal mag Er an ihrer Spitze gewesen seyn! Das scharfste Auge konnte in dieser Entfernung keine Gestalt unterscheiden, aber der Gedanke daran erschuttert mein Innerstes, und macht jede Nerve beben.
Unter den Frauen, mit denen ich lebe, ist die Wittwe eines Freigelassenen aus dem Pisonischen Hause. Verschiedene Schicksale haben sie von Rom hierher gefuhrt, aber ihre Tochter Drusilla blieb aus Anhanglichkeit freiwillig in Calpurniens Diensten. Das junge Madchen, auch eine Christin, besucht ihre Mutter zuofters von der Gute und Freundlichkeit ihrer Gebieterin, von dem wenigen Credit, in dem das mannliche Geschlecht bei ihr steht, und dass sie nur hochstens Einen, einen Offizier der Leibwache, den sie schon in Rom gekannt, und nicht ungern gesehen habe, von der allgemeinen Verdammung ausnehme. Dann beschreibt sie uns manche kleine Unterhaltung, manches trauliche Symposion1, wobei der geschatzte Freund nicht fehlen darf. So bekamen wir die Schilderung eines Festes, das Calpurnia ihrem ruhmbekleideten Geliebten zu Ehren gab. Das Fest muss unausbleiblich einen gewaltsamen Eindruck auf sein Herz gemacht haben, oder er musste unempfindlich gegen so machtige Reize, und mehr als demuthig, er musste blind gegen seinen Werth seyn. Drusilla hatte selbst eine Rolle dabei, und sie mag sie ganz geschickt ausgefuhrt haben, denn es ist ein artiges wohlgebildetes Geschopf, dem man die bessere Erziehung ansieht. Das ist Calpurniens Werk, sagt die Mutter, sie hat sich des Madchens wie eine altere Schwester angenommen, und Drusilla ist ihr auch dafur mit ganzer Seele ergeben.
Und so ist denn der letzte Strahl von Hoffnung verschwunden! Calpurnia ist nicht allein hochst reizend und liebenswurdig, sie ist auch edel und schatzbar. Agathokles wird sich nicht bei naherer Kenntniss ihres Charakters kalt von ihr wenden, er wird sie immer mehr lieben, je mehr er sie kennen wird, und geistige Vorzuge werden das Band unaufloslich machen, das korperlicher Reiz und schmeichelndes Betragen um sein Herz warf. Und daruber traure ich? Es schmerzt mich, dass Calpurnia g u t ist? Ich hatte mich freuen konnen, dass eine Person, die mich nie mit Willen beleidigt hatte, unedler Gesinnungen fahig gewesen ware? Mich beeintrachtigt das Gute, was ein dankbares Gemuth von ihr erzahlt? O Neid und Eifersucht, ihr Geburten der Eitelkeit und Selbstsucht! So muss auch ich euren giftigen Einfluss fuhlen! So ist denn die Tugend, auf die ich stolz seyn zu durfen glaubte, nichts als Heuchelei, oder Schein gewesen, der vor einer ernsten Probe entflieht! O Junia! Wie gebrechlich ist das menschliche Herz! Welche Hoffnung bliebe ihm auf Verzeihung und Gnade, wenn es nicht mit zitterndem Vertrauen zu dem vaterlichen Erbarmen Gottes fluchten konnte!
Diese Stimmung darf nicht bleiben, sie ist nicht menschlich gut, viel weniger einer Christin wurdig. Wo meine Kraft nicht ausreicht, halte mich ein starkerer Arm. Heliodor kommt morgen von einer kleinen Reise zuruck. So viel Ueberwindung es mich kosten mag, so wenig Schonung ich von diesem strengen Richter hoffen darf, so enthulle ihm doch ein offenherziges Gestandniss den Zustand meiner Seele, und seine ernste Tugend zeige mir den Weg, auf dem ich mich wieder erheben, und Selbstachtung gewinnen kann.
Einige Tage spater.
Ich bin viel ruhiger in meinem Innern. Leicht war diese Stille nicht erworben, doch ich hoffe, sie soll dauerhaft seyn. Heliodors Strenge hat mich gebeugt, vernichtet. Aber wie die Pflanze nach dem schweren Gewitterregen sich am Strahl der Abendsonne aufrichtet, so richtet sich auch mein Geist durch versohnende Reue, und feste Vorsatze gestarkt empor. Ich habe mich selbst uberwunden, ich habe mein innerstes Wesen zum Opfer auf den Altar der Pflicht gebracht, und der himmlische Lohn folgt auf den Kampf. Ich kann nun zwar nicht mich uber Calpurniens Edelmuth und ihre Verbindung mit Agathokles f r e u e n ach das ist noch nicht moglich! aber ich kann bei der Gewissheit, dass ich ihn verloren habe, einige Beruhigung in dem Gedanken finden, dass er mit ihr glucklich seyn wird.
Heliodor hat mir zur Suhnung meines Vergehens
eine Pflichtubung auferlegt, die mir wahrlich sehr schwer fallt, die nur die Erkenntniss ihrer Verdienstlichkeit mich anfangs ertragen machen konnte. Ich war bisher von der Krankenpflege befreit, meine Erziehung, meine Erfahrung in weiblichen Arbeiten beich widmete mich gern dieser Beschaftigung. Jetzt muss ich aus Heliodors B e f e h l denn seine Ueberzeugung spricht sich nicht, wie bei unserm ehrwurdigen Vater Theophron, als Rath oder Ermahnung aus ich muss auf seinen Befehl mich der Pflege der Kranken widmen, und da er mir, meiner vorigen Verhaltnisse wegen, Kenntniss in aussern Verletzungen zutraute o welche Scenen rief dies Gesprach hervor! so muss ich unter seiner und einer betagten Matrone Anleitung die Verwundeten besorgen. O meine Junia! das war eine schreckliche Aufgabe! Das erste Mal trug man mich ohnmachtig weg. Aber Heliodor war unerbittlich. In einer unvergesslichen Stunde fuhrte er mir die Heiligkeit der Pflicht, das Beispiel unsers Erlosers, die schimmernden Thaten so vieler Christen mit einer Beredtsamkeit zu Gemuthe, dass ich endlich, in Thranen zerfliessend, in seine Hand den Schwur niederlegte, meinem Berufe treu zu bleiben, und sollte es mir Gesundheit und Leben kosten.
Seit dem geht es merklich besser. Ich habe ziemlich viel Uebung; denn die Grausamkeit der Heiden lasst es nicht an Unglucklichen fehlen, die der Hulfe unseres Hauses bedurfen. Mein Widerwille verliert sich, meine Geschicklichkeit nimmt zu, und ich sehe wohl ein, dass, das Grauen des ersten Anblicks abgerechnet, bei dieser Art von Kranken viel weniger Gefahr und Beschwerde ist. So will ich denn mein Loos mit Geduld tragen; aber, so bald mein Schicksal entschieden Agathokles vermahlt, und das Daseyn eines vergessenen Geschopfes ganz gleichgultig ist eile ich in deine Schwesterarme und ach! ich denke ich komme bald sehr bald!
Fussnoten
1 Symposion, ein kleines Gastmahl.
69. Constantin an Eneus Florianus.
Nikomedien, im Februar 303.
In einer sehr unruhigen Stimmung sende ich dir, mein vaterlicher Freund, diesen Brief. Noch diese Nacht geht ein verlasslicher Bote damit heimlich auf einem Fischerkahne aus dem Hafen ab, und bringt ihn nach Byzanz zu unserm Vertrauten, der ihn dann auf bekannten Wegen weiter befordert. Die Stadt ist gesperrt, und Alles in dumpfgahrender Bewegung. Heute Morgens ist gah und unerwartet der Schlag gefallen, den Rache und Parteiwuth langst geheim bereitet hatte. Mit Anbruch des Tages zogen starke Abtheilungen von der Leibwache still und geheimnissvoll durch die Strassen der Stadt, nach allen christlichen Kirchen. Die gesperrten Thuren wurden mit Gewalt aufgesprengt, das Heiligste erbrochen, hervorgerissen, Gerathe, Schriften, Bucher, Alles auf einen Haufen geworfen und verbrannt, und endlich die Kirchen selbst mit wilder Wuth zerstort, und der Erde gleich gemacht. Schrecken und Betaubung waren die ersten Wirkungen dieses unerwarteten Vorfalls aus die ohnedies gebeugten Christen. Nach und nach ermannten sich Einige, die in unuberlegtem Eifer fur ihr Heiligstes sich der Uebermacht zu widersetzen, oder auf den solcher Auftritt zog mehrere ahnliche nach sich, in wenig Stunden war die ganze Stadt in aufruhrerischer Bewegung, auf allen Strassen, bei allen Tempeln stellte sich im Kleinen das Bild des grossen Kampfs des Polytheismus mit dem Christenthume dar, uberall sah man Misshandlungen, Verwundete, Todte. Die Vernunftigern hielten sich in ihren Hausern verschlossen, selbst die Bessern unter den Heiden sah man keinen Theil an den wilden Ausbruchen ihrer Partei nehmen nur Pobel wuthete gegen Pobel, aber um so emporender und frecher.
Die Ersten von uns erwarteten jeden Augenblick den Befehl, sich vor Gericht zu stellen. Ich war und bin noch auf jeden Fall bereitet. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass Galerius nicht blos die Ausrottung einer verhassten Glaubensform, dass er den Sturz mehrerer Gefurchteten zur Absicht bei diesen Maassregeln hatte, deren Gewaltsamkeit das deutliche Geprage seines wilden Gemuthes tragt.
Agathokles theilte meine Vermuthungen und meine Besorgnisse. Gebietende Umstande hatten ihn schon vor mehreren Tagen bestimmt, seinen Glauben offentlich zu bekennen. Seine Weigerung, sich wider die Christen gebrauchen zu lassen, diente dem dustern Galerius zum willkommenen Vorwande. Im Namen des Augustus ward ihm befohlen, seine Stelle als Tribun niederzulegen. Er gehorchte schnell und willig. Als die Nachricht in dem Quartier der Soldaten erscholl, entstand Unruhe und Larmen unter den Treuen, die den geliebten Anfuhrer nicht missen wollten. Mit einem Ungestum, in dem sich noch der Geist der alten Pratorianer zeigte, drangen sie in den kaiserlichen Palast, und forderten ihren Obersten zuruck. Die Schwache bewilligte unzeitig, was Uebereilung und Rache eben so unzeitig verhangt hatte. Auf ihren Schildern, unter lautem Jauchzen, trugen sie ihren Anfuhrer in seine Wohnung zuruck. Hier blieb er eine Weile unangefochten, man wagte nicht, ihm einen Auftrag von Wichtigkeit zu geben, man furchtete kleinherzig, dass er die anvertraute Macht missbrauchen wurde. Aber man umgab ihn, so wie mich, auf allen Seiten mit Lauschern und Spahern. Wir trugen unser gemeinschaftliches Schicksal gelassen, und hielten uns stille, besonders den heutigen Tag, an dem jedem klugen Manne Vorsicht ziemte. Gegen Abend verliess mich Agathokles, um noch vor Einbruch der Nacht in sein ziemlich fernes Quartier zu gelangen.
Ein einziger Sclave begleitete ihn, Mantel und Kappe verbargen seine Kleidung und seinen Stand, und ein kurzes Schwert war seine ganze Sicherheit. Auf dem Weg trifft ein verwirrter Larmen und klagende Stimmen sein Ohr. Bekannt mit den Auftritten des heutigen Tages eilt er dem Getose zu, und findet einen Haufen Soldaten und Pobel schreiend, tobend um den Altar einer heidnischen Gottheit vor einem kleinen Tempel versammelt, die im Begriffe sind, ein armes Weib mit einem Kind zum Genuss des Opferfleisches, das ihnen ein fanatischer Gotzendiener aufdringt, zu zwingen. Die Ungluckliche weigert sich standhaft. Jetzt entreisst einer der Barbaren ihr das Kind, und droht, es in die Opferflamme zu werfen. Die Verzweiflung der Mutter, das Angstgeschrei des Kindes durchdringen Agathokles Brust, und rissen ihn hin, zu thun, was die Klugheit nimmer billigen konnte. Er drangt sich in den Kreis, er ruft ihnen im Namen des Kaisers Friede zu, er stellt ihnen vordass das Edict nur Unterlassung der christlichen Gebrauche, aber nicht die Annahme der heidnischen befehle. Wann hort der Pobel die Stimme der Vernunft? Sie ubertauben seine Rede, und schleppen das Weib bei den Haaren zum Altar. Da ubermannt ihn der Zorn, er entreisst dem Soldaten das Kind, gibt es der Mutter, und vertheidigt sie und den Kleinen gegen das Andringen der Wuthenden. Aber die Menge wachst jeden Augenblick. Von der Frau und dem Kinde weg, wendet sich ihre Raserei auf den neuen Gegenstand. Mit Spiessen, Schwertern und allerlei Gerathe, womit Zufall und blinder Zorn den Unverstand bewaffnet, dringen sie auf ihn ein. Er ubergibt die Ungluckliche, deren Rettung ihn vielleicht sein Leben kosten wird, dem Sclaven, der ihn begleitet. Dieser will seinen Herrn nicht verlassen; ein strenger Befehl gebeut Gehorsam, und man lasst ihn mit seinen Geretteten ungehindert fliehen. Aber Agathokles wird das Opfer ihrer Wuth. Schwer und vielfach verwundet sinkt er nieder, und wie sein Mantel sich auseinander schlagt erkennen die Nachsten mit Schrecken, dass sie einen Offizier der Leibwache getodtet haben. Sie entfliehen, der erschrockene Haufe zerstreut sich. Agathokles bleibt allein im Blute schwimmend liegen. Der Sclave war sogleich in das Quartier seines Herrn geeilt, und verkundete den treuen Soldaten die Gefahr ihres Anfuhrers. Sie sturmen hinaus aber wie sie auf den Platz kommen, ist Alles einsam, und mit Schrecken und Schmerz finden sie seine Leiche. Sie nahern sich er athmet noch, mit roher Kunst sucht ihre Liebe das Blut seiner vielen Wunden zu stillen, und einige von den Soldaten, geheime Christen, beschliessen, ihn an den besten Ort, den sie fur diesen Fall kennen, zu bringen, in das Wittwenhaus der Christen, die sich in der Nahe der Stadt mit Werken der Wohlthatigkeit beschaftigen, und bei denen in diesen Tagen schon mancher Ungluckliche Schutz gefunden hat. Die Wachen am Thor lassen sie ziehen, da sie ihr Vorhaben horen, und nun eilt der Sclave zuruck, mir die Unglucksbotschaft zu bringen. Mir offnet mein Name die geschlossenen Stadtthore, ich fliege zu meinem Freund. Bleich, ohne Bewegung, ohne Bewusstseyn finde ich ihn unter den Handen zweier Frauen, von denen die jungere, in Thranen zerfliessend, kaum so viel Besonnenheit ubrig hatte, um den Verwundeten zu behandeln. Nie sah ich eine solche Ruhrung bei einer Unbekannten. Ich trat zu Agathokles, ich fasste seine Hand, ich nannte seinen Namen, endlich schlug er das mude Auge auf, blickte starr um sich her, ohne etwas zu erkennen, und schloss es sogleich wieder. Jetzt schien die Bewegung der Fremden sich noch zu vermehren, sie zitterte so stark, dass ich ihr rieth, sich lieber zu entfernen, wenn ihr der Anblick vielleicht zu schauderhaft ware. Sie sah mich starr und wild an. "Um keinen Preis der Welt nicht um meine Seligkeit!" antwortete sie heftig mit bebender Stimme, und fuhr emsiger in ihrem traurigen Geschaft fort. Der Arzt kam, ein bejahrter Priester, er untersuchte die Wunden, mit Angst sah ich seinem Urtheil entgegen. Blasser als der Verwundete, mit einem Zittern, das ihren ganzen Korper fieberhaft erschutterte, harrte die Frau auf seinen Ausspruch. Er erklarte endlich, dass die Wunden zwar bedenklich, aber nicht todtlich seyen. Hier sank die Unbekannte mit einem Freudengeschrei ohnmachtig nieder, und man musste sie wegbringen. Ich blieb noch eine Weile, ich erkundigte mich nach der Fremden, deren Betragen mir so seltsam aufgefallen war. Nichts, was ich horte, vermochte mir eine Aufklarung zu geben, oder eine Vermuthung zu begrunden. Agathokles erholte sich nicht so weit, dass er eines vollen Bewusstseyns fahig gewesen ware, und so entfernte ich mich endlich, um nicht meine eigne Sicherheit in Gefahr zu setzen, und schreibe dir also gleich die Ereignisse dieses merkwurdigen Tages. Was in meiner Seele vorgeht, kannst du denken; du weisst, was mir die Sache meiner Glaubensgenossen, meine kunftigen Aussichten und Agathokles sind.
Die Nacht ist vorgeruckt der Bote wartet. Leb' wohl!
70. Theophania an Junia Marcella.
Nikomedien, den 24. Februar 303.
Zitternd, angstvoll, jetzt mit freudigen Schauern, jetzt voll banger Besorgnisse setze ich mich nieder, dir von dem wunderbarsten, dem theuersten, dem bangsten Augenblicke meines Lebens Nachricht zu geben. Eine Wand scheidet mich von Agathokles, ich hore sein leises Athmen, jeden Laut des Schmerzes, den sein Zustand ihm entreisst. Ich fahre freudig empor, wenn ich glaube, dass er ruft, dass er meiner bedarf, und ich zittre jedes Mal, dass er trotz der sorgfaltigsten Verhullung mich erkennen, und diese Erschutterung ihm todtlich seyn konnte. Du begreifst nicht, wie das zusammenhangt. Ach, wenn es mir moglich ist, mein tiefbewegtes Gemuth zu sammeln, so will ich mich bemuhen, Alles, was seit gestern geschehen ist, ordentlich zu erzahlen. Was noch fehlt, was unzusammenhangend ist, wird deine Liebe nachsehen.
Die traurigen Auftritte des gestrigen Tages wirst du mit mir und allen unsern Glaubensgenossen getheilt haben, indem das Gerucht allgemein verbreitet ist, dass derselbe Schlag an Einem Tage in allen Stadten des Reichs bestimmt war, die christliche Religion zu zerstoren. Ich sage dir also nichts von unsern Gedanten uns stille in unsern Mauern, brachten die Zeit mit Gebeten und Verpflegung der Unglucklichen zu, die die blutigen Vorfalle des Tages nur zu haufig zwangen, bei uns Hulfe zu suchen, und erwarteten jeden Augenblick, dass der Sturm sich bis zu uns verbreiten, und wir gezwungen seyn wurden, unsern stillen Aufenthalt zu verlassen.
Mude von den Sorgen und Pflichten des bangen Tages sass ich am Abend, als es schon ganz finster geworden war, in meinem Zimmer, dessen Fenster gerade auf das gegenuber stehende Thor1 gehen. Ein heftiges Pochen an demselben erschreckte mich, ich sah die Pforte sich offnen, und viele Manner, die ich beim Schein der Fackeln an ihren Rustungen fur Soldaten erkannte, drangen herein. Ich glaubte nichts anders, als dass es jetzt um uns geschehen sey, ich eilte an's Fenster, die Stille, die Ruhe, mit der die Krieger standen, befremdete mich, ich sah scharfer hin, und entdeckte nun, dass sie eine Bahre niederliessen, auf der ein Verwundeter lag. Meine erste Angst war verschwunden, aber ein anderes namenloses Gefuhl, eine bange Ahnung ergriff mich. In demselben Augenblikke kam Tabitha, meine Gefahrtin bei der Pflege der Verwundeten, um mich zu holen. Ich raffte meine Gerathe mit zitternder Eile zusammen, und folgte ihr beklommen und hastig; es war, als ob mein Herz mir mein Schicksal verkundete. Ach, es betrog mich nicht! Als ich an den Thorweg kam, als die Soldaten stumm und trauernd zuruckwichen, und ich nun beim Fackelschein Alles erkannte o Gott da lag Agathokles bleich, leblos, mit geschlossenen Augen in allem seinem Blute vor mir. Ich sank mit einem lauten Schrei an ihm nieder, ich nannte seinen Namen, ich versuchte es, ihn in's Leben zuruckzurufen. Vergebens. Er schien todt, und ich weiss nicht, welche Kraft mich in diesem entsetzlichen Augenblick vor der Ohnmacht bewahrte. Ich raffte mich auf, ich vermochte zu fragen. O Junia! Wenn es moglich ist, so fuhle die Wonne nach, die mitten in der Todesangst mich durchschauerte. Agathokles war ein Christ! Der Eifer fur unsere Religion, und heldenmuthige Menschenliebe hatten ihn in diesen Zustand versetzt. Ich bebte vor Freude und Angst, aber Gott erhielt mir meine Besinnung so, dass ich fur seine Pflege sorgen konnte. Ich folgte den Kriegern, die ihn schweigend und besturzt trugen. O wie that die Treue, mit der diese rauhen Manner ihren geliebten Fuhrer ehrten, meinem Herzen so wohl! Nun begann ich mit zitternden Handen seine Wunden zu waschen, und, so gut es die Eile verstattete, zu verbinden. Ein geheimer Hoffnungsstrahl drang in meine Seele; so viel ich verstand, konnten diese Wunden nicht todtlich seyn, und nur der Blutverlust hatte diese Erschopfung hervorgebracht. Er lag ohne Laut, ohne Zeichen des Lebens, die Augen wie im Todesschlummer geschlossen. Aber, o meine Junia! wie schon, wie unaussprechlich liebenswurdig schien er mir in dieser Blasse, in diesen Wunden! Wie erhaben stand seine Tugend vor mir!
Jetzt erwarteten wir alle mit angstlicher Sorge Heliodors Ankunft, den man von einem andern Kranken gerufen hatte; denn er versieht mit beispielloser Anstrengung und Treue das dreifache Amt des Lehrers, Arztes und Priesters bei der Gemeinde. Auf ein Mal offnete sich die Thure, und ein schoner junger Mann trat mit koniglichem Anstand ein. Er eilte sogleich auf Agathokles zu. Die Hastigkeit, mit der er sich nach Allem, was vorgefallen, erkundigte, die Liebe, mit der er sich um ihn beschaftigte, sein sinkendes Haupt erhob, seine starren Hande fasste, und druckte, gewannen ihm mein innigstes Wohlwollen. Jetzt kam Heliodor, er untersuchte die Wunden, er prufte lange, vorsichtig mein Innerstes bebte, ich fuhlte, wie ich zitterte, und der Stuhl mit mir schwankte, an dem ich mich wahrend dieser schweren Minute hielt. Endlich verkundete Heliodors Ausspruch Leben und mein Herz, das den ganzen Umfang des Schmerzens zu fassen im Stande gewesen war, erlag der Freude. Ich sank ohne Bewusstseyn zu Boden. Man brachte mich in's Nebenzimmer. Hier, als ich erwachte, als ich fahig war zu begreifen, dass die Vorgange dieses Abends kein Traum gewesen waren, ergoss sich meine Seele in heissen Gebeten des Danks und der Liebe. Ich fragte nach Agathokles. Er hatte sich wieder ein paar Mal so weit erholt, dass er die Augen aufgeschlagen, und einige Worte gesprochen hatte. Man gab mir die beruhigendsten Hoffnungen, Heliodor hatte meine Ahnung bestatigt; nicht die Wunden, nur der Blutverlust hatten ihm diese todtahnliche Betaubung zugezogen sie wird aufhoren, wie seine Krafte sich erholen.
Sobald ich einigermassen mein Herz beruhigt fuhlte, setzte ich mich hin, dir zu schreiben, und dir zu sagen, dass es mir nicht moglich ist, meine Blicke vor den schonen Aussichten, die sich mir eroffnen, mit gehoriger Standhaftigkeit zu schliessen. Soll es denn blosses bedeutungsloses Zusammentreffen seyn, was mich von den Ufern der Gothen bis hierher brachte, was mich gerade jetzt zur Pflege der Verwundeten bestimmte, und mir den theuren Freund in diesem Augenblick schenkte? Er ist ein Christ. Wie kann er Calpurnien seine Hand reichen? Wie kann er, der so hohe Begriffe vom Zusammenklang der Seelen hat, ein Madchen lieben, das uber den wichtigsten Gegenstand des Menschen ganz verschieden von ihm denkt? O Junia! Welche begluckenden Folgen liegen in diesen Fragen verborgen! Aber noch muss ich mein Herz halten, noch darf ich mich ihnen nicht uberlassen, und vor Allem darf Agathokles jetzt noch nicht wissen, wer ich bin. Wie er auch immer fur mich fuhle, was sein Verhaltniss zu Calpurnien seyn mag eine gahe Entdeckung konnte sein Leben in Gefahr setzen. Noch muss ich verborgen bleiben, aber ich hoffe, die Zeit, das Leben in seiner Gegenwart wird bald meine Zweifel losen, und dann soll er nach und nach errathen, wer an seinem Lager weinte, und wachte, oder ich fliehe mit meinem unausloschlichen Gram ihn, mein Vaterland, die Welt, und begrabe mich in einer tiefen Einsamkeit, in die nur deine Freundschaft zuweilen einen Strahl des Trostes bringen soll.
Am 24sten Abends.
Die Zweifel sind gelost mein Schicksal ist entschieden! O es war thoricht, vermessen, so ungegrundeten Hoffnungen auch nur einen Augenblick Raum zu geben! In welchen Betracht kann die Verschiedenheit der Denkart, der Religion selbst, von der verzehrenden Flamme einer Leidenschaft kommen, die mit wuthender Gewalt das ergriffene Herz uber alle Schranken des Wohlstandes und der Weiblichkeit hinreisst? Von dieser Macht der Gefuhle habe ich keinen Begriff; aber wer so liebt, muss auch versichert seyn, eben so heiss wieder geliebt zu werden. Und was bleibt dann fur die Vergessne, Verstorbne ubrig!
Heute Morgens, als ein luftiger susser Schlummer Kraft wieder gegeben hatte, horte ich Agathokles leise rufen. Ich zog den schwarzen dichten Schleier fest um mein Gesicht, meine ganze Gestalt zusammen, und trat mit klopfendem Herzen an sein Lager. Er offnete die Augen kaum, und forderte nur mit leiser Stimme zu trinken. Ich reichte ihm den Becher, meine Hand zitterte. Wo bin ich? sing er nach einer Weile wieder an: Wo hat man mich hingebracht? Ich legte die Hand auf den Mund, und schwieg. Ich furchtete zu reden, da ich in diesem Augenblick gewiss nicht uber meine Stimme gebieten konnte. Ich weiss nicht, ob er mich fur stumm, der eigensinnig hielt er schloss die Augen wieder, und sank auf die Kissen zuruck. Jetzt kam Heliodor, nach den Wunden zu sehen. Agathokles erwachte wieder, und wiederholte seine Frage. Heliodor gab ihm Bescheid, er schien sehr zufrieden, und ein freundlicher Blick, eine Bewegung seiner Hand dankte mir fur den Theil, den ich an seiner Pflege hatte. Seine Wunden waren, so gut sie seyn konnten; der ehrwurdige Arzt empfahl ihm nichts als Ruhe, und starkende Arzneien. Ich weinte ungesehen Thranen der reinsten Freude, aber ich wagte es nicht, langer bei ihm zu bleiben, aus Furcht mich zu verrathen. Die Schwache, die noch von den Erschutterungen des vorigen Tags an mir sichtbar war, diente mir bei der Vorsteherin des Hauses zur Entschuldigung, dass ich Tabitha mehr fur Agathokles zu thun uberliess, als ich selbst zu verrichten wagte. Ach, diese Versagung kam mich schwer genug an. Aber die Freude konnte ich mir nicht abschlagen, so viel wie moglich im Nebenzimmer zu seyn, und wenigstens seine Stimme zu horen.
Gegen Abend, als es bereits zu dammern anfing, wagte ich es hinein zu gehen. Er sah mich freundlich an, und grusste mich als seine s t u m m e W o h l t h a t e r i n . Ich neigte mich, ohne zu antworten, und beschaftigte mich an einem Tische mit Zurechtlegen seiner Binden. Jetzt kam eine Aufwarterin des Hauses, und meldete Agathokles, einer seiner Sclaven sey da, der ihn zu sprechen wunsche. Er liess ihn kommen. Gerechter Gott! Wer kam? Ein bildschoner Knabe in niedlicher Sclavenkleidung trat ein. Das hellbraune Haar flatterte in reichen Locken um seine weisse Stirn und die bluhenden Wangen. So schwebte die reizende Gestalt naher an's Betts ich erkannte sie jetzt es war Calpurnia! Auch Agathokles, der sie vorher verwundert angesehen hatte, errieth die Wahrheit. Er erschrak sichtbar. C a l rief er aber mit unbegreiflicher Fassung fiel ihm die Leichtfertige in's Wort: Callias, ja, dein treuer Callias ist's, der unmoglich von der Gefahr seines Gebieters horen konnte, ohne sich selbst davon zu uberzeugen. Bei diesen Worten stand sie an seinem Bette. Er fasste ihre Hand, ich sah ihn errothen, und wieder erbleichen, ich sah die gluhenden Blicke, die sie auf ihn warf, die selige Trunkenheit, mit der sein leuchtendes Auge uber die reizende Gestalt hingleitete, und die schonen Formen mit Entzucken betrachtete. Ich horte ihn jetzt ihr mit geruhrter Stimme fur ihre Gute danken, und das Entsetzen, das mich vorher an einer Stelle gefesselt hielt, losete sich in wilden Schmerz auf. Ein heftiges Schluchzen ubermannte mich, dass die Glucklichen sich erstaunt nach mir umsahen. Ich entfloh. Ach Gott! So enden sich meine Hoffnungen!
Zwei Stunden spater.
Ich hatte mir vorgesetzt, ihn nicht wieder zu sehen, sein Zimmer nicht wieder zu betreten. Ich hatte es auch gehalten; aber Tabitha war bei einem andern Kranken beschaftigt, als Heliodor den Abend kam, um Agathokles zu besuchen, und so musste ich mit ihm, ihm kleine Handreichungen zu leisten. Mit scheuem Widerwillen betrat ich das Zimmer sah ich ihn wieder, den ich einst nie anders, als mit Entzukken wieder zu sehen dachte, den ich gestern in der traurigsten Lage leblos und in seinem Blute doch freudig wiedersah! Und warum? Bin ich denn die Flatterhafte, die Leichtsinnige? Bin ich's, die ihn so tief gekrankt? O Junia! Warum scheute ich seinen Anblick? In welche seltsame Gestalten verhullt sich oft Puls ging fieberhaft. O ich wusste wohl warum und zitterte vor Zorn und Schmerz, dass der unbesonnene, unweibliche Schritt des leichtfertigen Geschopfes sein Leben in Gefahr setzen konnte. Noch war unser Geschaft nicht geendet, und meine Angst, in diesem Augenblick vielleicht durch einen Zufall verrathen zu werden, nicht vorbei, als der schone Mann eintrat, der den vorigen Abend so viel Antheil an Agathokles gezeigt hatte. Die Augen des Kranken strahlten vor Freude. Constantin! rief er, und der Fremde sturzte an seine Brust. Sie hielten sich lange umarmt. Das war also Constantin, der Sohn des abendlandischen Casars, der Agathokles einst das Leben rettete! Nun war mir seine Theilnahme am vorigen Abend erklarbar. Wie theuer ward er mir durch diese Liebe! Wie gern ware ich ihm zu Fussen gesunken, um ihm fur das Leben seines Freundes zu danken! So liebe ich ihn denn noch? So wird denn diese Flamme nie erloschen? So ist kein Leichtsinn, keine Krankung fahig, mich zu heilen? O ich bin schwach bis zur Verachtlichkeit ich verdamme mich selbst darum aber ich kann ich kann nicht anders. Tief in mein Wesen, in die feinsten Faden meines Lebens ist diese Liebe verweht sie wird nur mit ihnen zerrissen. O zurne mir nicht, Junia! Ich fliehe bald bald zu dir!
Fussnoten
1 Die Hauser der Alten, sowohl in Italien, als vorzuglich im Morgenlande, hatten selten Fenster auf die Strasse. Man trat durch den Thorweg in den Hof, um welchen herum die Zimmer gebaut waren, deren Fenster und Thuren gleichfalls auf den Hof gingen.
71. Calpurnia an Sulpicien.
Nikomedien, den 25. Februar 303.
Bald sind es zwei Monate, seit du Nikomedien verlassen hast. Du musst langst in Ecbatana ganz eingewohnt seyn, und noch habe ich ausser einem kleinen Briefchen, das du mir unterwegs schriebst, und das eben nicht Gemacht war, mich uber deinen Zustand zu beruhigen, keine Nachricht von dir und Tiridates erhalten. Ich bin sehr um dich bekummert, und beschwore dich, wenn meine angstigenden Gedanken wahr seyn sollten, wenn du zu krank zum Schreiben warest, mir durch Tiridates, durch eine Sclavin, durch wen du willst, nur ein paar Zeilen zu senden, die meine Zweifel endigen. Ich selbst bin jetzt in einer sonderbaren Stimmung. Sehen mochte ich die Miene doch, mit der du diesen Brief lesen wirst, und die Bemerkungen horen, die du daruber machst. Abenteuer, tragische und zartliche Scenen, Schrecken, Verwundungen, Verkleidungen kurz Alles, was ein milesisches Mahrchen anziehend machen kann, habe ich dir heute zu berichten, und ich hoffe, es wird dir im Lesen wenigstens die Halfte von dem Schrecken und dem Vergnugen machen, das es mir in der Wirklichkeit verursachte. Schon lange hatte Abenteuer zu erfahren, mein Leben floss in gar zu gewohnlicher Alltaglichkeit hin. Nun haben die Gotter und meine Laune mir eins beschert, und du sollst Alles getreulich horen.
Vorgestern war ein truber unruhiger Tag fur Nikomedien. Es galt eigentlich nur den Christen, deren Tempel auf kaiserlichen Befehl zerstort wurden, um ein Mal ihrem Unwesen ein Ende zu machen, aber die ganze Stadt fuhlte die Wirkungen dieses Schlags. Allenthalben fielen bald tolle, bald blutige Auftritte vor, und es verging keine Stunde, wo man nicht meinem Vater irgend ein Verbrechen oder einen Unglucksfall zu berichten kam. Mir war recht unheimlich zu Muth. Ware ich eine Schwarmerin, so wurde ich dies Gefuhl fur Ahnung ausgelegt haben; so aber sehe ich sehr deutlich ein, dass es nichts als eine naturliche Folge der Begebenheiten dieses Tages war. Ich legte mich spat nieder, und schlief nicht viel, denn auch die Nacht war nicht stille. Da weckte mich am Morgen das Gerausch meiner Thure, die leise geoffnet wurde, ich fuhr auf, Drusilla trat herein mit einem Gesichte, das schon von Weitem Uebels prophezeite. Was ist's, rief ich, was ist geschehen? "Erschrick nicht, Gebieterin," sagte sie nach der Art dieser Menschen, und goss dadurch kalte Schauer uber mich "es ist ein grosses Ungluck " ich sprang zitternd am ganzen Leibe aus dem Bette. Mein Vater rief ich; denn nichts Geringeres als ein Unfall, der ihn oder uns Alle betroffen hatte, stand vor mir. "Nein," sagte Drusilla, "dein Vater ist recht wohl; bleib nur und hore mich." Ich war im Begriff fortzueilen. "Agathokles " fuhr sie fort, und sah mich angstlich an. Auf ein Mal fuhlte ich, wie sich die ganze Natur meiner Empfindungen anderte; ich fuhlte noch Bangigkeit, aber nicht mehr jene furchterliche Beklemmung, die mir vorher den Hals zugeschnurt hatte. Agathokles? wiederholte ich. Was ist's mit ihm? "Er ist schwer verwundet, vielleicht todt." Jetzt erschrak ich von Neuem ich zitterte, und musste mich setzen, ohne sprechen, ohne Drusilla fragen zu konnen. Sie ersparte mir's, und berichtete mir mit unertraglicher Weitlauftigkeit, dass er gestern Abends in der langen Strasse beim Tempel der Ceres sich einer armen Frau angenommen, welche die Priester der Gotter zwingen wollten, ihr zu opfern, dass der wuthende Haufe ihn umringt, ubermannt, und mit vielen Wunden fur todt auf dem Platze liegen gelassen. Seine Soldaten hatten ihn gesucht, und brachten ihn endlich in das Wittwenhaus der Christen. Dort ist er jetzt, ob todt, ob sterbend, wusste Drusilla nicht zu sagen. Der Sclave, der ihr die Botschaft brachte, wusste selbst nicht mehr, ein seltsames Gemisch von Empfindungen wogte nun in meiner Brust auf und ab, Mitleid, Sorge, Aerger uber seine Schwarmerei, und Bewunderung seines Heldenmuths. Endlich siegte das Mitleid, und mit ihm wurde der Wunsch, ihn zu sehen, ihm den Antheil zu zeigen, den ich an ihm nahm, herrschend. Mein Vater hatte alsobald hingesandt, um sich nach ihm zu erkundigen. Die Antwort war beruhigend, er lebe seine Wunden waren nicht todtlich. Von Augenblick zu Augenblick wurde jenes Verlangen starker in mir, und ein seltsamer aber interessanter Plan entwickelte sich in meinem Kopfe. Ich wollte Mannerkleider anziehen, und so unerkannt ihn besuchen. Je mehr ich dem Gedanken nachhing, je reizender schien er mir, und so wurden denn niedliche Sclavenkleider bestellt, und Alles geheilt und verschwiegen bereitet; denn Niemand, auch mein Vater, sollte um diesen Schritt wissen, den ich mir, falls er ihn missbilligte, weder von ihm verwehren lassen, noch geradezu wider seinen Willen thun wollte. Die Kleider kamen, ich zog sie an, sie sassen vortrefflich. Drusilla ordnete mein Haar, so gut es gehen wollte, damit mein Kopf dem eines Knaben ahnlich ware, und ich musste gestehen, dass der Knabe, der mir da aus dem Spiegel entgegen sah, sein Lobliedchen wohl eben so gut verdiente, als Bathyll oder Antinous1. Nun, als die Dammerung kam, warf ich einen grossen Mantel meines Bruders uber mich, zog die Kappe2 tief in's Gesicht, und machte mich mit dem treuen Phado, der den Kopf gewaltig uber die Mummerei schuttelte, auf den Weg. Das Herz pochte mir wohl ein wenig, ob vor Angst oder vor Erwartung, weiss ich nicht. Wir kamen glucklich vor die Stadt, und in das Haus. Hier liess ich mich als einen Sclaven, der seinen Gebieter zu sprechen wunschte, bei Agathokles melden. Man fuhrte mich in ein einfaches aber durchaus anstandiges Zimmer ich trat beklommen ein. Sehr bleich, erschopft, aber mit ruhiger Miene und heiterm Auge lag Agathokles auf dem Bette, sein rechter Arm war mit schneeweissen Binden umwickelt, sonst konnte ich kein Zeichen von Krankheit oder Verwundung an ihm entdecken. Mir ward seltsam zu Muth. Jetzt erst, da er nicht mehr zuruckzunehmen war, sah ich lebendig die Sonderbarkeit meines Schrittes und der Rolle ein, die ich spielte. Doch es war zu spat. Agathokles hatte mich bereits erkannt, ich sah, dass er im Begriff war, mich zu nennen. Ich erschrak, denn nun erst ward ich eines schwarzen ganz verschleierten Frauenzimmers gewahr, das an einem Nebentische mit Leinenzeug beschaftigt war. Ich fasste mich schnell, fiel ihm in die Rede, und nannte mich Callias seinen Sclaven. Ich sah, dass er erstaunt und geruhrt war; er fasste meine Hande mit seiner Linken, druckte sie heftig, und sah mich mit einem Blicke an, der mir tief in die Seele drang. Gerade in diesem Augenblicke sturzte das schwarze Frauenzimmer mit einem sonderbaren Laut, der wie Schluchzen klang, zur Thur hinaus. Agathokles wandte sich schnell nach ihr um. "Was war das?" sagte er; "mich dunkt, sie weinte?" So schien es mir auch, erwiederte ich. "Es ist eine seltsame Frau," fuhr er nach einer Weile fort. "Seit gestern pflegt sie meiner mit der grossten Geduld und Sorgfalt, aber ich habe ihr Gesicht noch nicht gesehen, und ihre Stimme nicht gehort; ich weiss nicht, kann oder will sie nicht sprechen." Ich fing ein anderes Gesprach an, ich fragte ihn um die Vorfalle des gestrigen Abends, aber er antwortete mir sehr zerstreut, indem er ofters nach der Thure sah, und es gelang mir nur mit Muhe, ihn von dem Gegenstand, der seine Aufmerksamkeit so sehr beschaftigte, abzubringen. Er fragte mich jetzt, welcher sonderbare Zufall mich in dieser Kleidung hierher fuhrte? "Kein Zufall, mein Freund!" antwortete ich, "sondern der Wunsch, dich zu sehen, mich selbst zu uberzeugen, wie es dir geht, und ob es in meines Vaters, oder meiner Macht stehe, deine Lage zu erleichtern, etwas fur dich zu thun." Er schien bewegt, sein Auge glanzte, er fasste meine Hand, aber schnell senkte er den Blick wieder, druckte meine Hand an seine Brust, und sagte mit unterdruckter Stimme: "Ich verdiene diese Gute nicht gewiss, schone Calpurnia! ich verdiene sie nicht." Ich war ein wenig verlegen uber diese Antwort, in die sich so mancher Sinn hineindeuten liess. Mir fiel die Geschichte mit jener Theophania und meiner Zeichnung ein. Aber ich hatte nun einmal die Rotte der heldenmuthigen Freundschaft ubernommen, ich musste sie mit Ehren ausspielen. Ich sagte ihm also, was sich in einer solchen Lage sagen lasst, wo man weder sich, noch der Freundschaft etwas vergeben, weder seine Gute an einen Undankbaren verschwenden, noch den geschatzten Freund, den vielleicht nur Bescheidenheit so reden hiess, kranken will. Ich zog mich zum Verwundern gut aus der Sache, so, dass ich uberzeugt bin, Agathokles weiss bis diese Stunde nicht recht, woran er mit mir ist, und die Unterredung nahm nach und nach einen ruhigen Gang. Er erzahlte mir nun ganz kurz, und mit manchen Unterbrechungen denn seine Schwache erlaubte ihm nicht viel zu sprechen die Geschichte des gestrigen Abends. Ich konnte seinem Edelmuth meine volle Achtung nicht versagen; aber der gefahrliche Eindruck, den der interessante Zustand des Erzahlers, und der Inhalt der Geschichte auf mein Herz hatte machen konnen, wurde machtig durch die Schilderung gedampft, die Agathokles von seinem Zustande machte, als er zu sich kam, sich bereits fur todt, und die Umstehenden fur Bewohner einer andern Welt hielt. Die sonderbare Beleuchtung, fugte er mit sichtlicher Ruhrung hinzu, der fremde Ort, die schwarzen Frauen in langen Schleiern, die blassen Gesichter trugen bei, die Tauschung zu vermehren. Ich glaubte unter den Frauen meine verstorbene Jugendfreundin zu sehen; mir war, als erkennte ich deutlich ihre Zuge, als horte ich den Ton ihrer Stimme. Es war ein Traum, setzte er tiefsinnig und mit einem schlechtverborgenen Seufzer hinzu aber es was ein lieblicher Traum!
Ich sah, dass ihn das Reden erschopfte, und kurzte meinen Besuch ab. Er dankte mir sehr innig fur meine unaussprechliche Gute, wie er es nannte; ich versprach, ihn den folgenden Tag wieder zu sehen, wenn es mir moglich ware. Er druckte mir die Hand, schon wollte ich mich entfernen, als sein Arzt, ein christlicher Priester, hereintrat. Mir waren die Zuge dieses Mannes bekannt, ich sah ihn genauer an. Stelle dir mein Erstaunen vor es war der Alte von Synthium, der Vater jener byzantinischen Wittwe, der geheimnissvollen Theophania. Mir ward ganz sonderbar zu Muth bei dieser Entdeckung. Ist er hier so ist auch wohl seine Tochter nicht weit vielleicht als Wittwe eines Christen hier im Hause und, erfahrt es Agathokles? Ich war besonnen genug, nichts von meiner Verwunderung zu aussern, und froh, dass der Alte mich nicht erkannte, eilte ich eben nicht sehr, dem Kranken, meine Entdeckung mitzutheilen. Wer weiss, wie viel oder wenig Besuche ich noch in dem Wittwenhause machen werde! Indessen beschaftigt das Verhaltniss eben, weil es verwickelt und seltsam ist, meinen Geist und meine Einbildungskraft sehr angenehm, und dass es mein Herz ja nicht mehr, als meine Ruhe erlaubt, besonders bei der Nahe dieser Theophania, beschaftigte, daruber soll meine Vernunft und meine richtige Schatzung des mannlichen Geschlechts wachen. Leb' wohl! Ich sehe mit Neugier, mit Ungeduld, aber wahrlich ohne Sehnsucht der Stunde der Dammerung entgegen ich will die Freude geniessen, so lange sie vernunftiger Weise wahren kann, und sie, wenn es die Vernunft befiehlt, ohne Verdruss oder Reue aufgeben. Leb' wohl!
Fussnoten
1 Bathyll war Anacreons, Antinous Kaiser Hadrians Liebling; beide sind ihrer Schonheit wegen beruhmt, und die Bildsaulen des letzteren haben zu manchem gelehrten Streite Anlass gegeben. 2 Die Romer trugen Mantel wider die Kalte und den Regen, welche von dichtem Wollenzeuge, und mit einer Kappe versehen waren.
72. Theophania an Junia Marcella.
Nikomedien, den 26. Februar 303.
Was steht mir bevor! Zu welchem entsetzlichen Schritte will mich der harte Heliodor zwingen! Ich soll mich Agathokles entdecken, jetzt in diesen Verhaltnissen, und ohne Verzug. Weigere ich mich, es selbst auf eine schickliche Art zu thun, so hat er mir gedroht hinzugehen, und ohne alle Schonung denn was gilt Liebe und Zartgefuhl einer so rauben Tugend? es ihm geradezu zu sagen. Was bleibt mir ubrig?
Wiedersehen! O Ton, der sonst meine ganze Seele mit Entzuckungen durchbebte! Wiedersehen! Wie schrecklich, wie schauerlich klingt er jetzt in meinem Ohr! Ach, als wir uns im Garten zu Edessa trafen wir waren durch heilige Pflichten getrennt aber er liebte mich! Das sagte mir sein Blick, seine ausgebreiteten Arme, seine sprachlose Freude. Ich sank an seine Brust. Acht Jahre der Trennung hatten unsre Empfindungen nicht geandert; meine Hand war eines Andern, mein Herz war sein. O das waren gluckliche Tage die schonsten meines Lebens! Jetzt mit Scheu und Zittern sehe ich dem furchterlichen Augenblicke entgegen, dieser Verwirrung, diesem bangen SchrekBeschamung mir qualvoller seyn, als ewige Trennung!
Ich soll mich ihm zeigen, in dieser blassen abgeharmten Gestalt, mit diesen verweinten Augen, mit der Narbe auf den Wangen, ihm, der taglich das reizendste Geschopf der Erde in seine Arme schliesst? Nein, nein, tausendmal lieber sterben! Und was bleibt mir ubrig? Ich will fliehen! er soll horen, dass ich lebe, aber er soll mich nicht wieder sehen! Er wurde sich Muhe geben, mich artig zu empfangen, die Veranderung meiner Gestalt nicht zu bemerken, er wurde mir recht viel Verbindliches sagen, wie es ihn freue, mich wieder zu sehen, wie besturzt er uber die Nachricht meines Todes gewesen u.s.w. Und ich ich wurde verzweifeln!
O was hat Heliodor uber mich gebracht! In welchen Jammer hat er mich gesturzt! Und er glaubt noch ein Recht zu haben, mit mir zu zurnen, er sieht mich fur strafbar an! Dahin kommt ein Herz, das sich jedem sanften Gefuhl aus Anlage oder Grundsatz verschlossen hat!
Diesen Morgen kam er plotzlich und in sehr lebhafter Bewegung zu mir. Er hatte erst gestern spat den Namen und die Umstande seines Kranken erfahren. Mein ehemaliges Gestandniss fiel ihm ein, er eilte rasch zu mir, um mich um die Ursache meiner vorsatzlichen Verborgenheit zu fragen, da der Freund meiner Jugend unter einem Dache mit mir lebte. Seine strenge Tugend hatte sich eine wohlgefallige Vorstellung dieser Ursache entworfen. Er hatte mir Kalte und schwarmerische Andacht genug zugetraut, dass ich freiwillig meinen liebsten Wunschen entsagen, mich den Pflichten des Hauses fur immer widmen, und mein Leben in der ihm so erhaben dunkenden beschaulichen Abgezogenheit zubringen wurde. Er war ganz geruhrt von dieser Vorstellung, er fing an, mich zu loben, sein Auge ruhte mit vaterlichem Wohlgefallen auf mir. O wie peinlich war mir dies Lob! Nicht der ungerechteste Verdacht hatte mich halb so sehr geschmerzt! Eine Weile schwieg ich, endlich konnte ich's nicht langer ertragend. Ich gestand ihm unter Thranen Alles, was ich sagen konnte, ohne Calpurniens Besuche und ihre Verkleidung zu verrathen; denn leicht hatte er bei seinen strengen Begriffen ein Aergerniss daran nehmen, und dem schonen Sclaven den Zutritt verwehren konnen, und ich ach, ich will das Gluck der Liebenden nicht storen!
Er fand es sehr unrecht, dass eine so verzeihliche Untreue, als die des Agathokles, der mich seit mehr als einem Jahre fur todt hielt, mich so aufbrachte, dass ich ihn gar nicht wieder sehen wollte. Man konnte ja, meinte er, wenn die Liebe aufgehort habe, noch Freundschaft fur einander fuhlen, und sich herzlich gut seyn. Es war vergeblich, ihm die Unmoglichkeit dieser Freundlichkeit begreifen zu machen; er sah es ein, dass das beschamende Gefuhl des Flattersinns und Unrechts, wie verzeihlich es auch sey, das reine Verhaltniss ewig storen, und die verstimmten Saiten nie wieder harmonisch klingen wurden. Als er endlich meinem E i g e n s i n n d i e s e G r i l l e zugestand, fand er doch, dass, wenn ich auch Agathokles Freundin nicht seyn wollte, so wurde er doch erfahren durfen, dass ich lebe, ja, er wurde es, der Natur der Sachen nach, uber kurz oder lang erfahren mussen. Das musste ich zugeben aber ich sagte zuletzt, als er mit unaussprechlicher Harte in mich drang, es wurde mir nicht so viel daran liegen, dass Agathokles mein Daseyn erfahre, wenn ich nur erst entfernt, und bei dir in Apamaa ware. Nun wollte er die Ursache dieser S e l t s a m k e i t wissen. Er forschte, er fragte, und ach, auf allen Seiten gedrangt, und mit einer grausamen Consequenz von Schlussen, Voraussetzungen und Folgen auf's Aeusserste getrieben, bekannte ich endlich, dass mir der Gedanke, mich, so entstellt wie ich bin, neben der schonen Calpurnia zu zeigen, unertraglich, und schlechterdings unmoglich sey.
Das ist's! fuhr er auf ein Mal mit einer Heftigkeit auf, dass ich zusammenschrak. Das ist's, die Eitelkeit ist's, die euer Geschlecht von jeher zum Bosen verfuhrt, die den Tod, die Erbsunde, die alle Uebel der Welt uber uns gebracht hat. Aus Eitelkeit sundigte Eva, aus Eitelkeit fallen ihre Tochter. Und nun ergoss sich ein furchterlicher Strom von Beredtsamkeit, den ich vergebens zu unterbrechen suchte. Er hielt mir alle meine Vergehungen vor, seit dem ersten Augenblick, als er mich bei den Gothen gefunden, Falschheit, ubermassige Leidenschaft, Verkehrtheit, Bosheit, Eitelkeit ach Gott weiss, was Alles! Ich fing an zu weinen und zu zittern. Ich erkannte, dass er in vielen Stukken Recht hatte; aber so schlimm, als sein Zorn mich machte, bin ich doch nicht. O Gott! Meine Absicht war ja schuldlos! Kann es ein Verbrechen seyn, nur nicht so ganz verschmaht und vergessen neben der glucklichen Nebenbuhlerin stehen zu wollen? Ich will ihnen ja kein Uebels ach, ich habe es ja sogar schon uber mein Herz vermocht, fur Calpurnien zu beten! Kann ich denn gar so strafbar seyn? Und doch legt es mir Heliodor als Busse auf, als unerlassliche Bedingung, unter der allein mir meine Sunden vergeben werden konnen, mich Agathokles zu entdecken? Was kann ich thun?
Er ging im hochsten Zorn von mir weg. Alles, was ich erhalten konnte, war, dass er nicht auf der Stelle zu Agathokles eilte, aber ich musste ihm geloben, es morgen selbst zu thun. O Junia! Das wird ein schrecklicher Tag werden!
Einige Stunden spater.
Wie ein Engel, von Gott gesandt, ist mir auf einmal der Gedanke gekommen, mich an den edlen Constantin zu wenden. Er ist Agathokles Freund, es kann ihm an dem Zartgefuhl nicht fehlen, das die Behandlung dieses Verhaltnisses fordert. Ich werde ihm schreiben, mein Brief wird meine Rettung in Trachene, meine Befreiung durch Heliodor, meinen Aufenthalt in Synthium, in Nicaa, und die Beweggrunde enthalten, die mich bisher so handeln machten. Constantin musste nicht so edel seyn, als ihn der Ruf und seine Gestalt verkundet, wenn er nicht Sinn fur meine Lage, und den festen Willen haben sollte, das peinliche Verhaltniss auf die Art zu losen, wie es fur seinen Freund und mich am besten ist. Er kennt sein Herz, er wird die Wirkung beurtheilen konnen, die diese Entdekkung auf ihn machen muss. O wenn er ich werde ihn dringend darum bitten wenn er es so einzuleiten wusste, dass Agathokles selbst damit zufrieden ware, mich nie wieder zu sehen! Nie wiedersehen! Junia! Niemals niemals, in meinem ganzen Leben nicht wieder sehen! Es ist ein schrecklicher Gedanke! Ich sehe seine Nothwendigkeit ein, aber ich zittere noch davor ich kann ihn noch nicht ganz fassen. Niemals.
Spater.
Der Brief ist geschrieben. Ich erwarte Constantins Ankunft. Mit welchen Gefuhlen! kannst du mir leichter nachempfinden, als ich sagen. O in dem Augenblicke, da das Loos fallen muss, da wir in die schikksalvolle Urne greifen, entsetzt sich das Herz, die festesten Entschlusse wanken noch ein Mal, zum letzten Mal; und so druckend uns die Ungewissheit dunkte, so heftig ergreifen wir jeden Augenblick, der sie zu verlangern im Stande ist. Die Nacht ist da. Calpurnia, die jeden Tag mit der Dammerung kommt, ist bereits wieder fort. Constantin kann jeden Augenblick kommen dann ist Alles unwiderruflich geschehen! dann ist mein Stab gebrochen!
Bei der Gewissheit, dass ich ihn in meinem Leben nicht mehr sehen werde, habe ich gestern und heute das einzige Gluck, das mir ubrigt, mit Geiz genossen. Sein Zimmer zu betreten wagte ich seit acht Tagen nicht mehr, seitdem Calpurniens erster Besuch mich daraus vertrieb. Tabitha hat seine Pflege ubernommen, ich besorge dafur ihre Kranken; aber im Nebenzimmer halte ich mich auf, so viel ich kann. Da hore ich ihn athmen, reden, seufzen ach fur wen? Es ist eine schmerzliche Freude, aber es ist meine einzige meine letzte! Bald werde ich auch ihr entsagen mussen! Dann wird seine Stimme nie wieder tausend susse dann werde ich nichts mehr fur ihn zu sorgen haben dann ist Alles Alles verloren! O Junia! Vielleicht folge ich diesem Briefe bald bis morgen ist mein Schicksal entschieden ich komme schnell schnell!
73. Calpurnia an Sulpicien.
Nikomedien, den 26. Februar 303.
Es ist seltsam, wie ein Abenteuer, eine Beschwerlichkeit, die wir um eines Freundes willen ubernehmen, plotzlich diesem Freunde einen viel hohern Werth in unsern Augen gibt wie Gartnern die Pflanzen am liebsten werden, mit denen sie die meiste Muhe hatten. Ich habe oft daruber nachgedacht und dir einst in Rucksicht auf den Flattersinn der Manner daruber geschrieben; jetzt finde ich diese Beobachtung an mir bestatigt. Zweimal bin ich nun in meiner Sclavenhulle bei ihm gewesen. Wahrlich ein Mann, der sonst nicht schon ist, wird nicht reizend dadurch, wenn er bleich und verwundet auf seinem Bette liegt! Dennoch dunkt mich, er sey mir noch nie so anziehend vorgekommen, als eben jetzt. Gerade, dass er mir nur die Linke reichen kann, weil sein rechter Arm verwundet ist, dass ich ihm manchmal bei etwas helfen muss, wozu er zwei Hande brauchte, dass ihn das so ungeschickt, so hulflos macht, bewegt mich seltsam, und die Blasse seines Gesichts, der weichere Ton seiner Stimme, die mindere Lebhaftigkeit seiner Bewegungen ruhrt mich, ich weiss nicht warum, weit mehr, als wenn er auf einmal durch die Spruche einer thessalischen Zauberin in sam, aber mich dunkt, es ist vollkommen gut, dass es so ist. Nicht um meinetwillen lachle nicht spottisch, wenn du dies liesest; mein Verhaltniss zu Agathokles ist gar nicht von der Art; wie du denkst, und unsre Gesprache sind von so ernstem Inhalt, dass die sanftern Gefuhle scheu davor zuruckbeben mussen aber ich finde diese Einrichtung fur's Ganze gut. Das Schicksal, die Natur, die Vorsicht, die Gotter, oder wie man das Wesen nennt, das die Sorge fur die Anordnung und Erhaltung der Welt uber sich genommen hat, hat diesen Zug mit vieler Weisheit in die Tiefe unsers Herzens gelegt. Die Welt ist nun einmal so eingerichtet, dass im Physischen wie im Moralischen nichts ohne Muhe, Anstrengung, Kampf erlangt werden kann. Dem Muthigen hilft das Gluck, der Anstrengung gewahren die Gotter Alles. Das sind uralte Spruche, die jede Generation von den Vatern ubernimmt, und durch ihr Beispiel bestatigt den Enkeln hinterlasst. Wie weise ist es nun, dass diese warme Anhanglichkeit und Vorliebe fur das Kind unsers Fleisses, unserer Aufopferungen, uns fur die vergangene Muhe entschadigt, zu kunftiger spornt, und oft, recht oft unsern einzigen und doch genugenden Lohn ausmacht.
Agathokles ist mir sehr werth geworden durch die schone Handlung, die ihm diese Wunden zuzog, und beinahe das Leben gekostet hatte, durch seinen jetzigen Zustand, und durch die Thorheit, die ich um seinetwillen begangen habe. Noch mehr, ich laufe vielleicht einige Gefahr, wenn ich meine Besuche fortsetze; denn ich merke seit gestern, dass mir Jemand nachschleicht, und mich beobachtet. Phado hat es ebenfalls bemerkt. Wer es ist, kann ich nicht errathen. Von meinem Vater kommt es nicht; denn der wurde offen mit mir zu Werke gehen. Ich kann Verdruss bekommen; auf jeden Fall wird die Geschichte, wenn sie bekannt wurde, mich den Nachreden und Verlaumdungen der Stadt aussetzen. Hieran liegt mir wenig, ich verachte das Geklatsch in Nikomedien, wie ich es in Rom verachtet habe, und gehe meinen Gang nach meiner Ueberzeugung, ohne mich darum zu kummern, was einfaltige Weiber, denen, dasselbe zu thun, was sie verlastern, nur Geist und Muth gebricht, daruber schwatzen mogen. Aber die Sache selbst wird mir dadurch werther, und die unbekannte Gefahr, die mir drohen mag, bestimmt mich um so sicherer, heute wieder zu gehen. Zu furchten habe ich personlich nichts, denn Phado und sein Sohn werden mich bewaffnet begleiten, und in unsern Tagen hort man von keinen Helenen und Proserpinen1. So dient das Abenteuer nur, mich zu unterhalten. Uebrigens bin ich ganz ruhig, und es kommt mir zuweilen vor, als sahe mein inneres Ich mit Vergnugen einer Comodie zu, in der mein ausseres Ich, Agathokles, und der unbekannte Spaher die Hauptrollen spielen.
Ein Verdacht ist mir schon gekommen, aber er ist
fast zu weit gesucht, zu ungegrundet. Marcius Alpinus ist seit einigen Tagen hier. Du weisst, dass meines Vaters Einfluss und Vermogen ihm in der ersten Zeit meiner Abwesenheit meine Person sehr liebenswurdig machte. Er plagte mich damals, ich begegnete ihm, wie es seine Denkart verdiente. Er hasst Agathokles, das weiss ich, und spielt wieder eine bedeutende Rolle am Hofe, wo das kriechende listige Insekt recht in seinem Elemente lebt. Es ware moglich, aber wie gesagt, nicht wahrscheinlich.
Agathokles ist sehr strenge geworden. Ich habe ge
stern einen lebhaften Streit mit ihm gehabt. Von ungefahr entschlupfte mir eine leichte Bemerkung, von der Art wie die vorige, uber Gott, Vorsicht, Schicksal. Er nahm das sehr ernst auf, und verwies mir den s t r a f l i c h e n L e i c h t s i n n (so wagte er es, meine Denkart zu nennen), mit dem ich die wichtigste Sache des Menschen behandelte. Ich fragte ihn lachend, ob er etwas davon w i s s e , ob irgend ein Mensch seit Deucalions Zeiten etwas Gewisses daruber erfahren, ergrubeln, schliessen habe konnen? Das musste er verneinend beantworten. Aber er verwies mich an den G l a u b e n , als das Theuerste, was der Mensch besitze, das Einzige, was ihn uber den Staub erhebe, und ihm Kraft gebe, Alles, was ihm als einem sinnlichen Wesen werth ist, sein irdisches Wohlseyn, und endlich selbst die letzte Bedingung dieses Wohlseyns, sein Leben aufzugeben, um das Hochste, Grosste zu erringen. Und was ist denn dies so gepriesene Hochste, Grosste? fragte ich lachelnd in einem wohl zu leichten Ton; denn ich wollte unserm Gesprach eine frohlichere Wendung geben.
Er sah mich streng und forschend an, dann legte er seine Hand auf mein Herz. "Und sollte dies gute Herz durch den Umgang mit der Welt so erkaltet worden seyn, dass es die Antwort auf diese Frage nicht in allen seinen Tiefen wiederhallen horen sollte?" Ich muss dir gestehen, ich war ein wenig verlegen und beschamt, und doch lag etwas Angenehmes in diesem Vorwurf. Ich schwieg eine Weile. Ein Blick auf Agathokles verwundeten Arm, ein Gedanke an die Ursache desselben machte mich fuhlen, dass ich mit meiner Weltphilosophie etwas klein vor dem Manne stand, der noch vor drei Tagen eben diese letzte Bedingung seines Wohlseyns kaltblutig auf's Spiel gesetzt hatte, um jenes unnennbare Hochste zu erhalten. Wie nennst du es Gluck Bewusstseyn Tugend? Er nennt es das G u t e , und seinen ersten, hiernieden vielleicht einzigen Lohn, S e e l e n f r i e d e n . Ich vertheidigte mich noch ziemlich gut, trotz meiner Verlegenheit, und er fing nun, um mich ganz zu uberzeugen, mit seiner gluhenden Beredtsamkeit an, mir die Erhabenheit der christlichen Moral zu schildern, deren Hauptgesetz hochste Reinheit des Willens und unablassiges Streben nach dem Guten ist, die ihren Jungern auferlegt, so zu leben, dass ihre Handlungsweise zur Richtschnur fur die ganze Welt dienen konnte u.s.w. Ich muss dir gestehen, was er sagte, und wie er's sagte, war schon und wurdig, es ruhrte, es erhob mich. Aber so denkt auch nur Agathokles, und auch er vielleicht nur in wenigen Augenblicken. Wer von den ubrigen Christen denkt aber wie er?
Diese Bemerkung drangte sich mir leider bald darnach auf, als ich ihn verlassen hatte, und in der Stille meines dunkeln Zuruckweges, mir selbst uberlassen, und nicht mehr von einem gewaltigen Geist aus meiner Bahn in einen fremden Gesichtspunkt gerissen, die Sache wieder in dem gewohnlichen Lichte betrachtete. Ach, unsre Voreltern waren ja auch nicht lauter Thoren oder Betruger, und wenn der Polytheismus so gar verachtlich und untauglich gewesen ware, das Menschengeschlecht im Zaum zu erhalten, die Welt hatte nicht so lange bestanden, das eiserne Zeitalter, das Ovid, als schon ein Mal da gewesen, besingt, ware wieder gekommen, der Krieg Aller gegen Alle ware ausgebrochen, und das vertilgte Geschlecht hatte eines zweiten Deucalions bedurft. So sank ich denn allmahlig aus den Wolken, oder vielmehr aus Agathokles erhabnem Christenhimmel langsam wieder auf die Erde herab, und nichts blieb mir ubrig, als reine Hochachtung fur den Mann, der nicht allein so zu schwarmen, sondern auch dieser Schwarmerei gemass zu handeln fahig ist.
Als ich kaum ein Paar hundert Schritte von dem Wittwenhause an einem Gebusche vorbei war, bemerkte ich dieselbe verhullte Gestalt, die mich schon auf dem Hinweg begleitet hatte, und die sich in der Entfernung von ein Paar Schritten immer an unserer Seite hielt; ich sah, dass sie mir unablassig folgte, schneller und langsamer, links und rechts ging, wie ich es oft, um sie zu necken, that. Ich fand es nicht rathsam, gerade in unser Haus zu gehen; als wir daher innerhalb der Thore waren, flisterte ich Phado zu, er mochte mich zu seinem Bruder fuhren, der hier ein kleines Kaufmannsgewolbe hat. Er that es, ich kann auf die Verschwiegenheit dieser Leute rechnen, und blieb hier so lange, bis ich mit Wahrscheinlichkeit vermuthen konnte, dass mein unbekannter Begleiter, des Wartens mude, fortgegangen seyn mochte. Das war auch wirklich geschehen, und ich langte endlich ohne weiteres Abenteuer, aber nicht ohne einige Bangigkeit zu Hause an.
Ich bin neugierig, wie es heute Abends seyn wird. Meine Maassregeln sind getroffen, ich furchte nichts, und wenn ich auch ein wenig Furcht empfinde, so wurde das Interessante des Abenteuers, und dieser heimlichen Zusammenkunfte sie weit uberwiegen. Leb' wohl, Sulpina! ich bin mude vom Schreiben. Nachstens mehr.
Fussnoten
1 Helene wurde zwei Mal, einmal von Theseus, das zweite Mal von Paris entfuhrt. Proserpinens Entfuhrung durch Pluto ist bekannt.
74. Theophania an Junia Marcella.
Nikomedien, den 18. Febr. 303.
Junia, Junia! Ich bin glucklich, ich bin unaussprechlich glucklich! Warum kann ich diesem Brief nicht Flugel geben, um dich den Augenblick Theil an meiner Freude nehmen zu lassen! Ich bin glucklich, ich bin es so sehr, so ganz, dass ich nichts als das Uebermass furchte; denn unmoglich kann meine Seligkeit sich lange in dieser Starke und Reinheit erhalten. Hore denn die frohe Erzahlung, und freue dich so herzlich mit mir, als du bis jetzt herzlich mit mir getrauert hast!
Vorgestern, an dem bangen Tage, wo ich dir das letzte Mal geschrieben hatte, entwarf ich den Brief an Constantin, und harrte seiner mit hochklopfendem Herzen im Porticus des Hauses, als er von Agathokles wegging. Calpurnia war vor ihm da gewesen, sie hatte sich heute nicht so lange aufgehalten, und ihre Unterredung war nicht so laut und lebhaft als sonst. Jetzt offnete sich die Thure und Constantin trat heraus. Ich ging auf ihn zu, ich zitterte, als ich ihm den Brief uberreichte, und ihn bat, ihn zu lesen. Er sah mich verwundert an, und fragte mich, wer ich ware? Ich schwieg verlegen. "Mir ist, ich habe dich schon gesedurchdringen, "ja ganz gewiss, in jener traurigen Nacht, als Agathokles hierher gebracht wurde." Ich war zugegen, antwortete ich. "Du hast damal eine besondere Teilnahme an dem Verwundeten gezeigt. Er ist dir mehr als ein blosser Bekannter. Darf ich deinen Namen nicht wissen?" Sein Auge blieb fest auf mich geheftet, es war ein Blick, den ich nicht auszuhalten vermochte, ein Blick, der des Menschen Innerstes zu erforschen vermag. Ich sammelte mich mit Muhe. "Erlaube," stotterte ich endlich "dass ich heute noch schweige, und mache auch du fur diesen Abend keinen Gebrauch mehr von dem, was der Brief enthalt. Das bitte ich dich um deines Freundes, um einer Unbekannten willen, die als Mensch wenigstens Anspruch auf deine Schonung hat." Er hatte den Brief geoffnet. Ein Blick, den er darauf warf, mochte ihm Namen gezeigt haben, die ihm Licht gaben. "Du bist " rief er auf einmal heftig, und ergriff meine Hand. "Lass mich," rief ich gewaltsam, und riss mich los. "Heute darf nichts mehr geschehen." Ich entfloh. Er blieb noch eine Weile, vermuthlich um den Brief zu lesen; nach einer Viertelstunde horte ich seinen stolzen schnellen Tritt durch den Porticus bis an's Thor. Dies wurde geoffnet, und schnell geschlossen, und ich sah nun, dass ich fur heute nichts mehr zu furchten hatte. O ich hatte so davor gezittert, dass er noch diesen Abend zu Agathokles eilen, und so kurz vor der Nacht seine Ruhe durch eine solche Erschutterung storen wurde.
Ich schlief wenig, mein Gemuth war zu bewegt. Am fruhen Morgen, als kaum der Tag angebrochen war, kam Tabitha eilig in mein Zimmer, um eine starkende Arznei fur Agathokles zu holen. Ich erschrak, ich fragte. "Der Prinz ist bei ihm, er ist sehr zeitlich gekommen, ich horte sie lange eifrig reden und lesen. Plotzlich rief der Prinz nach Hulfe ich eilte in's Zimmer. Agathokles lag ohne Bewusstseyn in seinen Armen wir brachten ihn mit Muhe zu sich selbst. Heliodor hat mich um den Balsam geschickt." Sie eilte fort, ohne mich zu horen, ohne sich um meinen Zustand zu bekummern; er grenzte an Bewusstlosigkeit.
Ich erwachte nur durch Heliodor's Stimme, die mir rauh zurief: Theophania, folge mir! Agathokles verlangt dich zu sehen. Ich schwankte kaum vermochte ich ihm zu gehorchen. O welcher Entscheidung ging ich entgegen!
An der geoffneten Thure blieb ich zogernd stehen. Heliodor zog mich in's Zimmer. Ich wusste nicht, wie mir geschah Himmel und Erde waren mir vergangen da weckte mich die Stimme der innigsten Liebe. Larissa, meine Larissa! rief Agathokles. Ich sah empor, ich sah ihn weit vorgebeugt den Arm nach mir ausstrecken, als wollte er mir entgegen sturzen. Larissa! rief er noch einmal. Jetzt war Alles vergessen. Ich flog an seine Brust, ich wusste nichts mehr von der Welt, ich wusste nichts, als dass ich geliebt war! Meine Freude wechselte schnell mit Schrecken. Agathokles lag bleich, mit geschlossenen Augen in meinem Arm. Ich schrie um Hulfe, da schlug er das Auge auf, und heftete einen Blick auf mich. Ach Junia! der ganze Himmel war in diesem Blicke! "Du lebst," begann er nun nach einer Weile: "Du lebst du bist frei, du bist mein!" Er legte seine Hand auf meine Stirn, auf meine Schultern, er fasste meine Hande: "Es ist kein Traum?" sagte er endlich langsam "Nicht wahr, Constantin! es ist kein Traum?" Jetzt erst sah ich mit Errothen, dass wir einen Zeugen gehabt hatten; ich trat zuruck. Constantin naherte sich, in seinem edeln Gesichte strahlte der Wiederschein von der Freude seines Freundes. "Nein, mein Agathokles!" sagte er lachelnd, "sie lebt wirklich, du hast sie wieder, und ich freue mich herzlich daruber." Er fasste meine Hand: "Ich habe dich schon gestern erkannt du fuhltest es wohl, ob du es schon nicht gestehen wolltest." Ich lachelte, und bat ihn, der Sorge fur seinen Freund diese Zuruckhaltung zu verzeihen. Agathokles nahm jetzt unsere beiden Hande in seine Linke, und druckte sie herzlich. "O mein Constantin! meine Larissa! Meine Theophania! denn so will ich dich fortan nennen, mit diesem Namen wurdest du fur mich wiedergeboren. So war es auch kein Traum, als ich deine Gestalt in der ersten Nacht zu sehen, deine Stimme zu horen glaubte? O wie konntest du so hart seyn, mir dies Gluck durch vier lange Tage zu entziehen, und so kalt in meiner Nahe leben, ohne dich zu verrathen?" Ich errothete. "Wenn Constantin dir den Brief ganz gelesen hat sagte ich endlich so weisst du" Das war nicht geschehen. Agathokles Ungeduld hatte nicht so lange gewartet. Jetzt las Constantin ich fuhlte, dass heisser Purpur mein Gesicht bedeckte, meine Thranen flossen, und doch war ich selig. Mit den letzten Worten des Briefs entfernte sich Constantin schnell. Nun waren wir allein, allein mit unsern vollen Herzen, mit unserm Gluck. Agathokles sagte nichts, er reichte mir schweigend die Hand, und sah mich mit einem unbeschreiblichen Blicke an. Sein Auge schimmerte feucht, ich sah Thranen darin. Ach Junia! zurne der irdisch-gesinnten Freundin nicht, ich fuhlte mein Inneres gewaltsam zu ihm gezogen, ich sank an seine Brust, unsere Lippen beruhrten sich innig und fest, unsere Seelen flossen in einander. Ach es war der erste Kuss seit jenem letzten Abschied an den Hecken in meines Vaters Garten! Aus seinem Arm glitt ich am Bette auf meine Kniee nieder, ich betete. O, Gott kann diese schuldlose Aeusserung inniger Liebe nicht verdammen, was auch Heliodor sagen mag; denn ich konnte beten. Agathokles gab der heftigen Spannung, in der sich meine Seele befand, eine sanfte Richtung. Er zog die goldene Nadel aus meinen Haaren, und begann ein susses Spiel damit, wie in den stillen Tagen unserer ersten Liebe, er schlang seine Hand in meine Locken, er ordnete sie, und zerstorte tandelnd wieder, was er erst gemacht hatte. Ich liess ihn gewahren, und war so glucklich! Ich erzahlte ihm von meinem Aufenthalt bei dem guten Fritiger, von Synthium, von meiner Angst meiner Eifersucht. Er lachelte, er gab mir unter tausend Liebkosungen die heiligsten Versicherungen seiner Treue. O es war schon seit seinem ersten Worte kein Zweifel mehr in meiner Brust! So schwatzten, so tandelten wir fort, glucklich wie die Kinder, und sorglos wie sie, bis Heliodor's Ankunft uns in die Wirklichkeit zuruckrief. Agathokles sagte mir nun, dass sein Uebergang zum Christenthum ihn den Segen und die Reichthumer seines Vaters gekostet habe. Sein Sold als Tribun und sein mutterliches Erbtheil war Alles, was er besass. Stockend trug er es mir vor, ich schauderte bei dem Fluche seines Vaters aber wie konnte das Zweite mich ruhren? "Wir werden miteinander leben!" rief er muthig, "wir werden Alles theilen, Gluck und Ungluck, viel oder wenig, was Gott sendet! Bist du's zufrieden, Theophania! so gib mir deine Hand am Altar, so bald ich im Stande bin, dir meine Rechte zu reichen, sobald ich genese." Ich druckte seine Hand an meine Brust, mein Auge antwortete ihm. Heliodor wird uns vereinigen, hub Agathokles an, und sah dem strengen Greis freundlich in's Gesicht. So eisern ist seine Brust doch nicht, dass ihn eine so rein menschliche Freude nicht geruhrt hatte. Ihr verdient euer Gluck! sagte er, indem er nach einigem Bedenken naher trat, denn ihr seyd gut und fromm; und wenn ihr's denn in der Ehe zu finden glaubt der Herr hat den Ehestand auch eingesetzt, und Christus ihn geheiligt so werdet denn Mann und Frau, ich will euch trauen. Agathokles schuttelte ihm die Hand, ich kusste sie ihm mit kindlicher Ruhrung. So strenge er es mit mir gemeint hatte, so war er doch der Schopfer meines Glucks geworden. Er musste selbst lacheln, als ich es ihm vorerzahlte; aber dies Lacheln verschwand bald vor dem gewohnten Ernst. Er fasste Agathokles Hand: "Dein Blut wallt fieberisch, du bedarfst der Ruhe, Theophania geht mit mir." Er ergriff mich bei'm Arm. Nimmermehr! rief Agathokles mit einer Heftigkeit, die ich ihm kaum zugetraut hatte. Sie ist mein, meine Braut, sie bleibt bei mir. Er richtete sich schnell auf, und zog mich mit Gewalt zuruck; denn gewohnt, Heliodor'n zu gehorchen, hatte ich mich bereits ein Paar Schritte entfernt. Heliodor sah uns finster an, dann schleuderte er meine Hand hin: Nun so treibt eure Abgotterei fort! rief er entrustet, und ging aus dem Zimmer. Ich stand verlegen. Furcht vor Heliodor's Zorn, Sorge fur die Gesundheit meines Freundes, und das heisse Verlangen, ihn keinen Augenblick zu verlassen, stritten in mir. Agathokles sah mich ernst an: "Du wankst?" sagte er, "willst mich verlassen? So hat dieser finstere Priester mehr Gewalt uber dich als dein Freund?" So hatte Agathokles noch nie mit mir gesprochen. Ich erschrak, ich sank an seine Brust: "O mache mit mir, was du willst! ich bin dein Geschopf." Er druckte mich fest an sich, er beruhigte mein Herz durch tausend susse Worte und theure Namen. O welche himmlischen Augenblicke waren das! dann liess er mich an sein Bette niedersitzen, und entwickelte mit feuriger Beredtsamkeit und jener klaren Weisheit, mit welcher einst Apelles meinen jugendlichen Geist uberzeugt hatte, die wahre Ansicht unserer heiligen Lehren. Weit erhabener, weit mehr eines allweisen, allgutigen Geistes wurdig, erschienen sie mir in seiner Darstellung, als wie Heliodor und viele, mit denen ich in Nicaa und hier lebte, sie schilderten. Agathokles lehrte mich Menschensatzungen und Ansichten einer beschrankten Eigenthumlichkeit von dem ursprunglichen Sinn derselben unterscheiden; er zeigte mir, was eigentlich Christenthum sey, und welchen Einfluss es in seiner Reinheit auf das Menschengeschlecht haben musse. Ich hing begeistert an seinem Munde. O wenn die Liebe zu Allem, selbst zu falschen Schritten uberreden kann, welche unwiderstehliche Macht muss die erhabenste Wahrheit in dem Munde des Geliebten haben! Seine Warme riss mich hin, ich sank vor seinem Bette auf die Kniee und rief: O sey du mein Lehrer, mein Fuhrer, Agathokles! Verlass mich nie wieder, ich will dir mit kindlichem Gehorsam folgen, und lass dann deine Liebe meinen Lohn seyn! Er umfasste mich, er hub mich zartlich auf, aber ich sah, dass die Erschutterung der Freude und des heftigen Redens ihn angegriffen hatte er sank in meinen Arm auf die Kissen zuruck. Ich bat ihn nun, nicht mehr zu sprechen, und sich Ruhe zu gonnen; er folgte mir, druckte meine Hand, wir schwiegen Beide, nur unsere Augen unterredeten sich, und still und selig genossen wir das Gluck der Wiedervereinigung. Mit dem Anfang der Dammerung fiel mir Calpurniens bevorstehender Besuch schwer auf's Herz. Das war die Zeit, wo sie zu kommen pflegte. Ich sah, dass auch Agathokles etwas unruhig und in Gedanken schien, obwohl er sich Muhe gab, es zu verbergen, und mein Herz, dessen Schwache er kannte, auch nicht durch die leiseste Beruhrung zu verletzen. O wie dankte ich ihm fur diese Schonung! Nach und nach verschwand meine Furcht, es ward immer spater und der schone Callias erschien nicht. Mit dem Einbruch der Nacht trat Constantin ein. In seinen Armen, in inhaltvollen Gesprachen verliess ich nun meinen Freund, um in der Einsamkeit mich zu sammeln, und Gott fur mein Gluck zu danken. Die folgende Nacht liess ich mich die theure Pflicht, meinen Kranken selbst zu besorgen, ihm jede Arznei, jede Labung zu reichen, und bei ihm zu wachen, von Niemand rauben, und widerstand Heliodor'n mit Festigkeit, der als ein Suhnopfer fur meine ubermassige Freude das Opfer einer freiwilligen Entfernung von Agathokles forderte. Ich blieb im Nebenzimmer, und bewachte seinen Schlummer; er war ruhig und erquickend, wie der Schlummer der Unschuld und Tugend. Am Morgen erwachte er heiter und gestarkt, sein erster Laut war mein Name. Seitdem bin ich wieder bestandig um ihn. Wir haben uns so viel zu erzahlen, zu fragen! Auch heute kam Calpurnia nicht! Sollte sie vermuthen oder wissen, was vorgefallen ist? Agathokles nennt ihren Namen nicht, und Constantin zu fragen, habe ich nicht den Muth. Er ist jetzt bei ihm, ich habe diese Zeit benutzt, um dir mein Gluck zu melden, an dem du, theure treue Freundin, gewiss den lebhaftesten Antheil nehmen wirst. Leb' wohl!
75. Sulpicia an Calpurnien.
Ecbatana, im Febr. 303.
Wie vom dustern Strande des Cocyt und den Reichen der Schatten, kommt dieser Brief zu dir. Muhsam bin ich noch diesmal dem Nachen des Charon entronnen, und zu dem Reste von Leben erwacht, der der zerstorten Maschine noch ubrigt. Die Reise, die Luftveranderung, statt wohlthatig auf mich zu wirken, hatte mich ganz erschopft. Mit Todesgedanken betrat ich den koniglichen Palast, den ich wohl nicht lebend mehr verlassen werde. Nach einigen Tagen fuhlte ich mich so weit erholt, dass ich, dem Wunsche meines Gemahls zufolge, die Ceremonien der Kronung mitmachen konnte. Aber sie waren kaum voruber, so sanken meine Krafte vollig, und ich schwebte mehr als einen Monat zwischen Leben und Tod. Ich genas endlich wieder, das heisst, ich kann in dem sonnigen Porticus meines Palastes und in den Garten langsam herumschleichen, die eben jetzt unter dem Hauche des Fruhlings zu erwachen beginnen. Bald wird auch das wieder aufhoren, ich fuhle das morderische Eisen, das die Parze an den morschen Faden meines Lebens legt, und bald wird von deiner Freundin nichts mehr ubrig seyn, als was eine Urne fullt. so streng, so unwiderruflich gesprochen! Warum hat mich seit meiner Kindheit das Ungluck unabtrennbar begleitet? Wie wenig frohe Stunden wurden mir zum Theil? Und jetzt, wo endlich alle Kampfe aufgehort haben, alle Hindernisse besiegt sind jetzt soll ich sterben? wie hart, wie ungerecht ist dieses Loos! Haben denn nicht alle Geschopfe Anspruche auf Gluck? Auch das geringste Insekt ist mit den Fahigkeiten dazu ausgerustet, und erfullt diesen Zweck und ist in sich vollendet. Nur der Mensch allein darf sich des Vorrechts ruhmen, vernunftig und elend zu seyn. So beschamt uns der Wurm, der zu unsern Fussen kriecht, und wir waren tausendmal glucklicher, wenn wir nichts als den blinden Instinkt von der Natur erhalten hatten, wenn unsere Wunsche mit unserm Vermogen gleichen Schritt hielten, und keine Voraussehung uns die Freuden der Gegenwart vergiftete.
Sage mir, Calpurnia ich flehe dich darum an sage mir aus Mitleid, wenn du es aus Ueberzeugung nicht kannst, dass es jenseits der Urnen noch Etwas gibt dass wir nicht ganz vergehen. Ich habe mir den P h a d o n 1 des grossen Plato bringen lassen. Tiridates selbst las ihn mir vor. Ach so lange die Worte des Weisen mir durch seine Stimme die Seele beruhrten, schwiegen die Zweifel, ich horte ihn, mein Herz ward aufgeregt, aber mein Verstand blieb mussig. Als ich allein war, und die Rolle in die Hand nahm, da suchte ich mit Muhe, mit einer Art von Angst, und fand Vermuthungen, Wahrscheinlichkeiten, individuelle Beruhigungen, die gerade den Sokrates in seiner Lage und Gemuthsstimmung ansprachen, aber nichts, das meine Zweifel loste. Alt, lebenssatt, von seiner Xantippe geplagt, und von seinen undankbaren Mitburgern verkannt, welche Reize konnte die Erde fur ihn haben? Wie leicht konnte er sich uber den Abschied von ihr trosten, wie bald mit einem Zustande zufrieden seyn, der so leicht besser seyn konnte, als sein gegenwartiger? Er hatte keine Jugend, keinen Thron, keinen geliebten Gemahl zu verlassen!
Auch du, Calpurnia, bist nicht glucklich! Das sagen mir deine Briefe. Es ist ein seltsamer Streit in deinem Herzen. Du liebst deinen Freund mehr, als du ihm zeigen darfst, mehr, als du selbst glaubst, und dennoch hindert dich theils dein altes System von Unabhangigkeit und Gleichgultigkeit, theils sein unbestimmtes Betragen, dich dem machtigen Zuge deines Herzens zu uberlassen, der dich trotz aller jener Hindernisse zu ihm fuhrt. Was bleibt da fur Hoffnung ubrig, diesen Streit geschlichtet, und eure Herzen vereinigt zu sehen? Es ist etwas, das sich stets zwischen Euch legt, und eure Annaherung nie bis uber einen gewissen Punkt gehen lasst. Keines hat den Muth, diese Schranken zu durchbrechen, und so qualt ihr einander wechselseitig. Aber das ist Menschenloos, und ihr tragt die Schuld eures Geschlechts. Es soll nicht glucklich seyn, das steingeborne Wesen, es soll sein Leben in Kampfen, Leiden und Entbehren zubringen, und wenn einst das Geschick, mude seine Launen an ihm zu versuchen, von ihm ablasst, dann nimmt es der Tod zur letzten Ruhe in seine kalten Arme, und auf dem Scheiterhaufen verlodert endlich das Herz, das hier stets vergebens gluhte. So wird es auch dir ergehen, wenn einst ein glucklicher Zufall dich ganz mit deinem Freund vereinigen sollte. Hoffe nichts Besseres, du bist ein Kind der harten Erde! Die schwarze Gestalt, die schluchzend aus dem Zimmer sturzte, ist euer boser Genius. Als ich die Stelle las, uberlief mich ein unwillkuhrliches Grauen. Das ist das Gekrachz der Raben, rief eine Stimme in mir. Ich kann nur wunschen, dass die Vorbedeutung trugen moge!
Ueberhaupt ist dein Schritt sehr gewagt, und ich bin weder mit deiner Kuhnheit, noch mit Agathokles Betragen zufrieden. So muss der Mann, um dessentwillen ein schones, gesuchtes, edles Madchen so weit geht, nicht mit ihr sprechen! Er soll sein Gluck fuhlen, er soll davon hingerissen seyn aber diese stolzen Mannerseelen erkalten schnell, sobald sie fuhlen, dass ihr Ungluck, ihre Vorzuge oder sonst ein Zufall unser Herz fur sie erwarmt hat. O Calpurnia! Denke der Warnungen, die ich dir noch in Rom schrieb; denke der Fabel des Tantalus: Wir sind zum Leiden geboren!
Mein Kopf ist mude, meine Kraft erschopft. Leb' wohl. Sobald ich kann, schreibe ich dir wieder, denn ich finde deine Briefe nicht geeignet, sie von irgend jemand Anderm lesen und beantworten zu lassen, und ich habe dir noch viel zu sagen.
Fussnoten
1 Phadon, ein Gesprach des Photo uber die Unsterblichkeit der Seele genug bekannt durch die Uebersetzung und Erlauterung des verewigten Mendelssohn.
76. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus.
Nikomedien, im Marz 303.
Du siehst aus der Aufschrift, dass ich in Nikomedien bin. Galerius hat einsehen gelernt, dass man in der jetzigen Epoche nicht genug thatige Menschen um sich haben kann, dass besonders ein unwissender Krieger, wie er, uberall des verstandigen Weltmannes bedurfe. So bin ich nun wieder fur ihn geschaftig. Alles geht gut und fur's erste durften wohl Constantins hochfliegende Gedanken etwas gemassigt werden. Diocletian, der sich seiner aus Politik gegen den ubermachtigen Galerius bisher annahm, wird durch Kranklichkeit und seines Mitregenten Bestrebungen endlich dahin kommen, den Gedanken einer freiwilligen Abdankung als sehr naturlich und rathlich, vielleicht sogar als den einzigen Weg anzusehen, der ihm aus einem Labyrinth ubrig bleibt, in welches ihn Galerius sehr zweckmassige Massregeln eingeschlossen haben. Der occidentalische Augustus muss seinem Beispiel folgen, und die Welt wird die erhabene Komodie mit Lachen oder Grauen anstaunen. Nach Maximians Entsagung tritt Constantins in seine Wurde ein wenig furchtbarer Gegner fur einen Galerius. Seine schwachliche Gesundheit wird ihn an jedem kuhnen Entschluss us auch fur solche Hindernisse Rath. Dem Golde und der Macht ist kein Weg unzuganglich. Dann ubrigt nur Constantin, und wie unternehmend und ehrsuchtig er auch seyn mag, der Kampf mit dem alleinigen Herrn der gebildeten Welt wird zu ungleich seyn, als dass er nicht erliegen musste. Doch bis sich dies Alles entscheidet, kann mancher Zufall tuckisch dazwischen treten. Ein Jahr, vielleicht noch langer, kann daruber hingehen; denn Diocletian, der Rom noch nicht als Kaiser gesehen hat, will seinen Triumph noch vorher dort feiern und ubereilt darf nichts werden.
Du siehst, dass mir das Gluck zu lacheln anfangt, und es bleibt sich im Kleinen wie im Grossen treu. Die andachtige Larissa war mir, wie du weisst, entflohen, gerade in einem Zeitpunkte, wo ich sie als Christin und Hausgenossin vielleicht als Mitverschworne des verdachtigen Lysias in meine richterliche Gewalt zu bekommen, und naturlicher Weise nur um einen hohen Preis zu entlassen dachte. Wie leicht ware es gewesen, ein unbekanntes Geschopf wie sie, in den Augen der Welt, und zuletzt in ihren eigenen, als schuldig erscheinen zu machen! Aber, wie gesagt, sie war entflohen, und keine Spur von dem Wege zu finden, den sie genommen hatte.
Endlich erfuhr ich, dass der alte Priester, mit dem sie nach Nicaa gekommen war, sich hier aufhalte, und dass ihn auf der Reise ein junges Frauenzimmer begleitet habe. Es ward mir je mehr und mehr unzweifelhaft, dass es Theophania war, dass sie in Nikomedien sey; aber alle Nachforschungen konnten nichts entdecken, wo und in welchen Verhaltnissen sie hier lebe. Indessen kam der unruhige Tag, wo die christlichen Kirchen zerstort wurden. Agathokles, der sich schon einige Zeit vorher als ein Mitglied dieser Secte bekannt und geweigert hatte, sich gegen sie gebrauchen zu lassen, trat auch jetzt als ihr Vertheidiger auf, und ward ein Opfer seiner Tollheit, und seine andachtigen Mitbruder brachten ihn in ein Haus vor der Stadt, in welchem einige alte christliche Weiber in frommem Mussiggang beisammen leben. Bei dieser Gelegenheit zahlte ich nun sicher daraus, die verborgene Theophania zu entdecken, die, wenn auch sonst nichts in der Welt, doch wenigstens die Gefahr ihres Freundes bewegen wurde, ihren Schlupfwinkel zu verlassen. Ich hielt mich daher viel in der Gegend dieses Hauses auf, und sieh da, am Abend des folgenden Tages, als es schon ganz dunkel geworden war, sah ich eine schlanke Knabengestalt, sorglich in Mantel und Kappe verhullt, mit einem etwas angstlich trippelnden Schritt, von einem alten Mann begleitet, aus dem Hause treten. Die ganze Haltung des vermeinten Knaben, eine zarte weibliche Stimme, die dem Begleiter etwas leise zuflusterte, Alles erregte Verdacht in mir, und die Muthmassung, dass es Theophania sey, die in dieser Verkleidung den geliebten Freund besuchte, ward mir beinahe zur Gewissheit. Ich folgte ihr auf dem Fusse nach, aber unter dem Stadtthor verlor ich sie unter einem grossen Haufen von Menschen, der sich hin und her drangte, und mich lange Zeit von ihr entfernt hielt. Als ich aus dem Gewuhle war, sah ich keine Spur mehr von ihr, es war Nacht geworden, und ihr Entkommen eben so begreiflich, als argerlich fur mich.
Ich war nun noch begieriger geworden, etwas Bestimmtes zu erfahren. Am nachsten Tage Abends stellte ich mich wieder auf die Lauer, und richtig kam mein verkleidetes Burschchen desselben Weges. Ich vernahm wieder die weibliche Stimme, obwohl ich nicht verstehen konnte, was sie sagte, und ging ihr voll Neugierde nach.
Innerhalb des Thores sahe ich sie durch einige kleine Strassen bis in ein unscheinbares Haus gehen, ich ziehe mich zuruck, um nicht gesehen zu werden, und wie ich vermuthen kann, dass sie in dem Zimmer ist, erkundige ich mich um die Bewohner. Das Haus gehort einem kleinen Kaufmann, der ein Christ ist, und bei dem sich seit der Zerstorung der Kirchen einige dieser Fanatiker versammeln, um ihre Ceremonien und Opfer zu halten. Ich wartete eine Weile vor dem Thore, es kamen nach und nach Menschen von allerlei Alter und Stand, die alle geheimnissvoll eingelassen wurden, und ich schloss daraus, dass eben jetzt eine solche Versammlung gehalten wurde, bei welcher die andachtige Theophania zu erscheinen nicht versaumen konnte. Alles schien sich naturlich und hochst wahrscheinlich an einander zu reihen, und ich beschaftigte mich in meinem Hinterhalte bereits mit Entwerfung verschiedener Plane, wie ich die gesetzwidrige Versammlung auseinander stauben, und Theophanien zugleich in meine Gewalt bekommen konnte. Unterdessen war es spat geworden, es kam Niemand mehr, ich horte das Thor von innen verschliessen, und da ich nicht so lange warten wollte, bis die andachtige Gemeinde auseinander gehen wurde, verliess ich meinen Posten mit einem sussen Gefuhl naher Rache, und mit einem Kopf voll Anschlage und Plane. Meine Ungeduld liess mich kaum den folgenden Abend erwarten. Ich war entschlossen, Theophanien geradezu anzureden, und mich ihrer ersten Besturzung zu bedienen, um zu erfahren, was ich vermuthete. Nicht weit vom Hause begegnete sie mir, von zwei Sclaven begleitet, vermuthlich weil sie bemerkt hatte, dass man ihr auflauerte. Sie ging sehr schnell. Ich betrachtete ihre Gestalt aufmerksam, und je mehr ich sie betrachtete, je mehr uberzeugte ich mich, dass dieser vermeinte Jungling ein verkleidetes Weib sey. Dass sie etwas kleiner als Theophania schien, irrte mich nicht, denn ich mass es der mannlichen Kleidung bei, und so trat ich bei einem Gebusche, weit von den Hausern, wo es ganz einsam war, plotzlich auf sie zu, fasste sie bei der Hand, und redete sie als Larissa an; denn ich glaubte meiner Sache ganz gewiss zu seyn. Ich weiss nicht mehr, was ich gesagt habe, aber bei dem Namen Larissa fuhr mein schoner Knabe plotzlich empor, vergass seine Verkleidung, sah mir starr in's Gesicht, und stelle dir meine Verwunderung, mein Erstaunen vor es war die reizende Calpurnia!
Sie schien eben so betroffen uber meinen Anblick und ihre Entdeckung, als ich. Sie wollte stolz und verachtlich thun, aber es gelang ihr nicht gegen einen Mann, der sie in dieser Kleidung, und auf diesem Wege getroffen hatte. Sie fuhlte die Blosse, die sie mir gegeben hatte, und wurde artiger. Dass Larissa lebte, und hier in Nikomedien, und wahrscheinlich in der Nahe ihres Jugendfreundes ware, war ihr sehr unerwartet. Es erschreckte sie, das sah ich deutlich, und ich benutzte diesen Schrecken. Ich erzahlte ihr Manches, das wenigstens so hatte seyn konnen von Agathokles Treue zu Larissen, von manchem Schritt, den er gethan haben konnte, und vielleicht auch gethan hat. Sie wurde zusehens stiller, nachdenklicher. An ihrem Hause beurlaubte ich mich von ihr, und erhielt mit vieler Artigkeit die Erlaubniss, unsere langst abgebrochene Bekanntschaft wieder zu erneuern, und sie zu besuchen. Was wollte sie auch Anders? Sie ist in meiner Macht, ich weiss ein Geheimniss von ihr, das sie nicht gern laut werden lassen wird, sie muss mich scheuen. So knupfen sich leise Faden an, und wir wollen sehen, wohin sie fuhren.
Zwei Tage spater erfuhr ich denn auch, dass meine Vermuthungen nicht ganz ungegrundet gewesen waren, und Theophania in dem Wittwenhause lebte, wohin man Agathokles nach seiner Verwundung gebracht hatte. Naturlich hatten sie sich erkannt, und alle alten Verhaltnisse waren wieder hergestellt. Ich hatte nicht geglaubt, dass die Bestatigung einer Sache, die ich als langst geschehen oder wenigstens als nachstens geschehend, betrachten musste, mich so tief reizen konnte. Ich wurde argerlich, ich fuhlte, dass Theophania, vielleicht ihrer Sonderbarkeit wegen, mir mehr war, als die schone Calpurnia, und ich entwarf meinen Plan. Er darf sie nicht besitzen dies zu verhindern soll meine Sorge seyn.
Indessen auch Calpurnia ist schon, ihr Vater Proconsul, und von machtigem Einfluss, und ich werde vorsichtig genug seyn, um uber Theophaniens ungewissen Besitz ein so nahes reizendes Gluck nicht zu verscherzen. Ich denke immer, es sollen sich Beide vereinigen lassen. Nachstens horst du mehr und bedeutenderes von mir. Leb' wohl!
77. Calpurnia an Sulpicien.
Nikomedien, im Marz 303.
Hat ein Gott dir mein Geschick geoffenbaret? Ist dir, als du nahe an der Pforte der Unterwelt warst, die Gabe der Weissagung verliehen worden? Ja, meine Hoffnungen sind zernichtet, und die schwarze Gestalt ist mein boser Damon sie ist das Aergste, was fur mich auf Erden lebte!
Dein Brief hat mich sehr traurig gemacht. So waren auch meine truben Ahnungen uber dein Schicksal wahr! Du standest am Rande des Grabes, und ich bin getrennt von dir, und viele Tage vergehen, bis ich Nachricht von dir erhalten kann! Langst kann ein unglucklicher Zufall die gunstige Kunde Lugen gestraft haben, die ich vielleicht in diesem Augenblicke mit Freuden lese, und indem ich mit Vergnugen an deine Besserung glaube, hat ein neuer Anfall dich in Gefahr gesetzt.
Du sprichst von meinem Verhaltniss zu Agathokles mit dusterm, aber nur allzu wahrem Tone. Ja, es ist entschieden fur immer, und unwiderruflich! Wenn ich hier noch zweifeln oder hoffen konnte, wurde ich dem Wahnsinnigen gleichen, der sich einbilden konnte, das Schiff, das er in diesem Augenblick vom wenig Tagen wohlbehalten mit gunstigem Winde in dem Hafen einlaufen. Jetzt erst, Sulpicia jetzt, wo Alles klar und entschieden ist, fuhle ich, dass der Eindruck tiefer war, als ich glaubte!
Larissa ist gefunden, sie und Theophania sind eine Person. Nun ist mir ihr ganzes Betragen in Synthium, seine Bewegung, als er ihre Briefe sah, seine Nachforschungen nach der rathselhaften! Fremden begreiflich, in der sein ahnendes Herz die fruhe Geliebte errieth. Sie lebt jetzt mit ihm in einem Hause, sie pflegt seine Wunden, sie ist den ganzen Tag um ihn, er wird sich unaufloslich mit ihr verbinden, er wird sein ganzes Gluck in ihren Armen finden, und die ubrige Welt wird aus seinen Blicken verschwinden.
Beim Jupiter! Eine seltsame Geschichte! Und warum muss die Laune des Schicksals mich, gerade mich in das wunderbare Geschick dieser schwarmerischen Menschen verwickeln? Warum musste ich ihn kennen lernen? Ich war so glucklich vor diesem Zeitpunkt. Habe ich ihn nach Rom beschieden, ihn angezogen, dass ich nun so bitter gestraft worden?
Du wirst dich erinnern, dass ich mich belauert glaubte, aus Vorsicht nahm ich das nachste Mal Phado und seinen Sohn mit mir. Ich fand Agathokles wirklich gebessert, seine Stimme war starker, sein Blick heiterer, aber mit der Kraft des Korpers schien auch die ganze Strenge seiner Gesinnungen wiederzukehren. Er hatte des Gespraches vom vorigen Abend nicht vergessen, er fing davon an, er drang mit hohem Ernst in mich, dem Hochsten und Heiligsten, wie er die Vorstellungen von unserer Bestimmung, der Zukunft, dem Schicksale nennt, meine ganze Aufmerksamkeit zu widmen. Die Harte in seinen Aeusserungen uberhaupt, sein Tadel meines L e i c h t s i n n e s , wie er es nannte, hatte mich aufbringen konnen. Aber die schone Warme, der innige Antheil an meinem Wohl, der wie ein milder Sonnenstrahl aus dieser Strenge hervorbrach, sein Blick, der bald strafend, bald freundlich auf mir ruhte, bewegte mich wunderbar. Es erhob sich ein unruhiger Kampf in mir, ich wusste nicht, ob ich ihm zurnen, ob ich von seiner Freundschaft geruhrt werden sollte. Das allein fuhlte ich dunkel, was dein Brief so deutlich ausspricht so hatte ich nicht von ihm empfangen werden, d i e s e Gesprache hatten in unserer Lage nicht gefuhrt werden sollen, wenn Alles gewesen ware, wie es sollte! Der letzte Grund aller meiner Empfindungen war Schaam und gekrankter Stolz, dem es an schicklichem Anlass zum Ausbruch mangelte. Er deutete das Unentschiedene meines Benehmens falsch, er glaubte, mein Verstand schwanke zwischen meinen und seinen Vorstellungen, indessen Stolz und Zuneigung in meinem Herzen stritten. Er zog mich naher an sich, er beschwor mich um meiner selbst willen, um des Antheils willen, den er, so lange er mich kannte, an meinem w a h r e n Glucke genommen habe, meine Ansichten zu berichtigen, und ernsthaft uber so wichtige Gegenstande nachzudenken. Ich wurde geruhrt, ich druckte seine Hand ich weiss nicht, Sulpicia, wozu der Mann mich in diesem Augenblicke hatte bereden konnen! Es war ein seltsames Verhaltniss von mir zu ihm. Nicht Er wie ich es sonst gewohnt war zu sehen Ich war der untergeordnete, der zurechtgewiesene, der nachgebende Theil, und eine Stimme in der innersten Tiefe meines Herzens erhob sich immer lauter und lauter, um mir zuzurufen, dass ich noch nie so glucklich gewesen war, als in diesem Augenblicke. Was war das, Sulpicia? Welche wunderbare, welche unerhorte Erscheinung! Ich setzte mich neben ihn, meine Hand ruhte in der seinigen, sein gluhendes Auge, die seine Rothe, die beim lebhaften Gesprache sein blasses Gesicht uberflog, sein rundlachelnder Mund, unser ganzes Verhaltniss ach, Alles war so anziehend, so gefahrlich! Zur guten Stunde rettete mich Urania! Man meldete den Prinzen. Ich warf Mantel und Kappe uber. "Du kommst doch Morgen wieder?" rief er mit einem Tone, der mehr als freundlich war. "Gewiss, gewiss, mein theurer Freund!" Ich druckte seine Hand, und entfloh schnell neben Constantin vorbei, der bereits durch den Porticus herauf kam.
Kaum war ich, verloren in tausend susse Vorstellungen, ein Paar hundert Schritte gegangen, als die verhullte Gestalt, die mir schon zweimal gefolgt war, schnell auf mich zutrat, mich bei der Hand fasste, und mit einer bekannten Stimme sagte: So trifft man die sprode Larissa, in dieser Kleidung, und um diese Zeit? Der Name wirkte in diesem Augenblicke schrecklich auf mich ich vergass, dass ich verborgen bleiben wollte. Larissa! rief ich, fuhr empor, und sah den Fremden erstaunt an. Er warf in eben dem Augenblicke seine Kappe ab und so gerechte Gotter! Marcius Alpinus stand vor mir, der Mensch, von dem ich unter allen Sterblichen am letzten und unliebsten entdeckt werden wollte! Auch er schien betroffen, mich zu erblicken, es war deutlich, dass er Jemand andern zu sehen gehofft hatte! Also Larissen. Also lebte sie also war sie in der Nahe! Ich fuhlte, dass mir eine Ohnmacht nahe war. Marcius Betroffenheit gab mir Zeit, mich zu sammeln. Ob er die wahre Ursache meiner Verkleidung errieth, weiss ich nicht, aber ich habe Grund es zu glauben, obwohl der schlaue Hofling sein genug war, mir eine vollendete Beschamung zu ersparen. O er war sich nur zu gut bewusst, dass er die Faden des Gewebes, das ihm ein unseliger Zufall in die Hand spielte, dadurch nur fester um mich zog! Er bot mir seine Begleitung an wie konnte ich sie ausschlagen? Es lag mir auch zuviel daran, durch ihn etwas Bestimmteres von dieser Larissa zu erfahren. Er hatte sie in Nicaa, unter dem Namen Theophania kennen gelernt, und ich musste mich sehr irren, wenn sie nicht einigen Eindruck auf ihn gemacht hat. Wie sie den Handen der Gothen und dem Tode entgangen ist, wusste er nicht zu sagen, oder wollte es nicht. Genug sie lebte, und trieb mit seiner Kunst ihr Spiel so lange und so geschickt, bis sie endlich, ohne sich blos zu geben, in Agathokles Nahe, und zu der Moglichkeit gekommen war, ihre alten Anspruche geltend zu machen. Er hat ihr in Nicaa nachforschen lassen sie spielte die Sprode, entfloh ihm, um ihn mehr zu reizen und liess sich endlich hier von ihm finden. Die Heuchlerin!
Ich schlief die Nacht wenig. Entgegengesetzte, qualende Empfindungen durchkreuzten mein Innerstes. Ich beschloss, meinem Vater die ganze Sache zu entdecken. Er nahm sie so auf, wie ich besorgt hatte nicht hart, aber streng. Was mich am tiefsten verwundete, war die Wahrnehmung, dass nicht meine Neigung fur Agathokles, nur mein gewagter Schritt seinen Tadel erregte. Eine unverhehlte Achtung, eine vaterliche Zuneigung sprach sich unwillkuhrlich in seinen Aeusserungen aus, und ich fuhlte mit tiefem Schmerz, dass ihm dieser Schwiegersohn vor allen Andern lieb gewesen ware.
Spat am Abend dieses Tages du kannst denken, dass ich nicht mehr zu Agathokles ging liess sich Constantin melden. Sein Besuch ist eine solche Seltenheit in unserm Hause, dass mich unter den jetzigen Umstanden eine schaurige Ahnung boser Neuigkeiten uberlief. Sie hatte mich nicht getauscht. Nach einer artigen Einladung kam er auf die Ursache seines Besuches. Die Gastfreundschaft, die so lange zwischen unserm und Agathokles Hause bestanden habe, lasse ihn vermuthen, dass wir Alle merke wohl, Sulpicia, er war zartfuhlend genug, um mich nicht allein zu nennen wahren Antheil an dem Schicksal u n s e r s Freundes nehmen wurden, und er habe uns eine sehr gunstige Wendung desselben zu berichten. Agathokles habe seine Larissa wieder gefunden, sie sey durch wunderbare Ereignisse, die er uns ganz vollstandig erzahlte, dem Tode und der Gefangenschaft entgangen, habe sich vor den Nachstellungen eines bosen Menschen hieher in das Wittwenhaus gefluchtet, ihrer Sorgfalt sey Agathokles, der keine Ahnung von ihrer Gegenwart, und kaum eine von ihrem Leben hatte, ubergeben worden, sie habe drei Tage noch unerkannt mit ihm in demselben Hause zugebracht, und erst heute sich ihm entdeckt.
Wer hatte nun die Unwahrheit erzahlt, Marcius oder Constantin? Und war nicht vielleicht Marcius selbst der Bosewicht, dessen Nachstellungen sie entgehen wollte? Zu gut ist er nicht fur diesen Verdacht. Wie dem immer seyn mag genug, sie lebt, er hat sie wieder. Das Ende der Geschichte lasst sich an den Fingern abzahlen. Einer der interessantesten Menschen seiner Zeit wird sich in dem alltaglichen Ehemann eines alltaglichen unbedeutenden Geschopfes verlieren!
Ich hasse diese Theophania, oder Larissa, die wohl so viel Aussenheiten als Namen haben mag. Ich halte sie fur eine Heuchlerin. Was soll diese Komodie der Verborgenheit? Wenn sie wahrhaft liebte wie war es ihr moglich, sich ihm zu entziehen? Aber sie will verwirren, reizen, anziehen, und da sie wohl fuhlt, dass ihre hochst mittelmassige Gestalt keinen bedeutenden Eindruck machen wird, nimmt sie ihre Zuflucht zu Kunsten. Man muss sich in dichte Schleier hullen, etwas Sonderbares, Geheimnissvolles um sich ziehen, man muss die Rolle der selbstverlaugnenden, verkannten Zartlichkeit spielen, bescheiden entfliehen, wenn die gefurchtete Nebenbuhlerin eintritt, aber durch ein wohlangebrachtes Schluchzen die Aufmerksamkeit auf die Entfliehende heften man muss lange auf sich warten lassen, um dem Wenigen, was man zu geben hat, mehr Werth zu verleihen! O ich kenne diese Ranke, diese Miene der duldenden Sanftmuth sie verbirgt meist ein listiges tuckisches Gemuth, das jene Zwecke heimlich zu erschleichen strebt, die es offenbar nie erreichen wurde; ich kenne die verfeinerte Buhlerei dieser Geschopfe, die bei der Ohnmacht der Natur ihre Zuflucht zur Kunst nehmen! Ich habe sie von jeher gehasst, und diese Theophania am meisten! Sie war mir widerlich, als ich sie zuerst in Synthium sah. Ich bin offen, froh und heiter, wie mich die Natur gebildet hat; ich liebe und hasse, wie es mein Herz befiehlt, und verlange nicht eine Neigung zu verbergen, deren ich mich nicht zu schamen habe. Ich bin zu Agathokles geeilt, als ich ihn in Gefahr glaubte, ich habe ihm meine Freundschaft unverholen gezeigt, in allem meinem Werth oder Unwerth stand ich vor ihm, von seinem Herzen allein erwartete ich meine Wurdigung, nicht von Schauspielkunsten, die ich verachte und verschmahe. Aber das wollen die Manner nicht sie wollen getauscht, gereizt, hingehalten seyn, und darum, wenn so ein von der Natur vernachlassigtes Geschopf einmal sich die Herrschaft uber ein Mannerherz zu erobern gewusst hat, dann ist ihre Macht auch unzerstorbar, denn weder Zeit noch Alter, noch Krankheit kann den Zauber enden, der nicht auf den Einfluss der Sinne gestutzt, der blos in der Einbildungskraft und dem Gemuthe gegrundet ist.
Das ist also das Ende aller jener Aussichten, Hoffnungen Erwartungen! Sulpicia! Wer mir das gesagt hatte, als ich ihm bei dem kleinen Feste den Kranz aufsetzte, als er errothend, geruhrt, betroffen, und in dieser Verlegenheit so liebenswurdig vor mir stand! O es ist zu arg, zu arg!
78. Agathokles an Phocion.
Nikomedien, im Marz 303.
Constantins Brief, den ich in meinem Namen an dich zu schreiben bat, wird dich von Allem unterrichtet haben, was seit einigen Wochen mit mir vorgegangen ist. Jetzt ist meine Wunde am Arm, die unbetrachtlichste von allen, ganz geheilt, und der erste Gebrauch, den ich von dieser Genesung mache, ist, dir zu sagen, dass ein wunderbares Verhangniss mich plotzlich an das Ziel gefuhrt hat, das beinahe, seit ich lebe, der Gegenstand meiner heissesten Wunsche, meines Entzuckens, und oft meiner Verzweiflung war. Larissa ist mein. Sie lebt, sie ist frei, und in wenig Tagen wird eine heilige Ceremonie die Gefuhle weihen und rechtfertigen, die unsere Herzen seit unserer Kindheit zu Einem Wesen gemacht haben! Wie sie dem Tod und der Gefangenschaft entgangen ist, warum ihr feines Gefuhl sie bewog, sich durch sechs Monate meiner heissen Sehnsucht zu entziehen, wird dich die Abschrift ihrer Erzahlung belehren, die ich hier beischliesse. O Phocion! Welch ein Gemuth! Welche himmlische Sanftmuth im Handeln, welche stille Kraft im Dulden der schwersten Schicksale! Nun ist sie mein, und nun sey es meine heiligste kann, geweiht war, zu leiten, zu verschonern, und vor jedem Ungemach treu zu bewahren.
Es ware vergeblich, wenn ich dir meine Gefuhle schildern wollte, als Constantin, dem sie sich entdeckt hatte, mir die erste Ahnung ihres Daseyns gab, als er mich nach und nach errathen liess, dass sie Wittwe, dass sie mir unverbruchlich treu, in meiner Nahe, unter Einem Dache mit mir sey. Die Schwache meines damaligen Zustandes, und dies langst aufgegebene Entzucken beraubten mich des Bewusstseyns. Mit heissem Ungestume verlangte ich sie zu sehen, sobald ich meiner Sinne machtig war. Man wollte das nicht, man furchtete, eine solche Scene wurde nachtheilig auf meine Gesundheit wirken.
O der schwachen Furcht! wie konnte die Vereinigung der zwei Halften eines Wesens, die getrennt ohnmachtig traurend dahin schmachteten, etwas Anderes als ihr hochstes Gluck seyn! Sie kam. Errothend, zitternd, weinend blieb sie von ferne stehen. Ach, sie hatte es vermocht, an meiner Treue zu zweifeln! Sie hatte es vermocht, vier Tage mit mir in Einem Hause zu seyn und sich zu verbergen! Ich rief sie. Mit dem Tone erwachte das Vergangenheit in ihrer Seele. Alles, was Missverstandniss und Bosheit zwischen uns gelegt hatte, verschwand. Sie sank an mein Herz, unsere Blicke sprachen, jeder Zweifel entwich. Rein, wie entkorperte Geister ungehindert von irdischen Beschrankungen, senkte mit einem Blick sich Seele in Seele, verstanden sich die unsterblichen Bewohner unserer Hullen bedurfte es keiner Worte, um sich anschauend zu erkennen, und im eigenen Gemuthe Alles zu finden und zu fuhlen, was in dem andern vorging! Sie ist mein im hochsten ausschliessendsten Sinne des Worts mein mein Geschopf, wie sie sich selbst nannte!
Als ich das erste Mal mein Zimmer verlassen durfte, leitete sie meine Schritte. Sie hatte ein Fest veranstaltet, wie nur die innigste Liebe es ersinnen kann. Mit allen Blumen, die der Fruhling jetzt in's Leben ruft, war das freundlich helle Gemach geschmuckt, in das sie mich fuhrte. Ihre zarten Gestalten, ihre Dufte umfingen mich ebenfalls in's Leben Zuruckgekehrten und in welches Leben der Seligkeit! Laue Lufte, milde Strahlen der Fruhlingssonne drangen aus dem Garten durch die offene Thure in das duftende Zimmer. Hier hatte sie mir ein Ruhebett bereiten lassen hier athmete ich an ihrer Brust zum ersten Mal die freie Luft, traf mich zum ersten Mal der Strahl der Fruhlingssonne.
Sie hangt an mir mit allen Kraften ihres Wesens, mit allen ihren Gefuhlen und Gedanken. Ich weiss, dass es nur eines Wortes, einer leisen Anregung bedurfte, um sie zu jedem Opfer zu vermogen; aber eben in dem Bewusstseyn dieser unumschrankten Gewalt uber ihr Gemuth liegt fur mich die heiligste Verbindlichkeit, ihrer nie zu missbrauchen, und jeden Schein von Uebergewicht zu vermeiden. Diese heilige Scheu von einer Seite, und die innigste Hingebung von der andern erzeugt ein Verhaltniss, dessen Reinheit und zartes Leben unserer Verbindung einen Reiz gibt, den Witz, Schonheit und Leidenschaft vergeblich nachzuahmen streben wurden. Was ist aller Zauber ausserlicher Reize, was die Lebhaftigkeit eines leichtbeweglichen Sinnes, und die Abwechslung, die nur von Absicht oder Laune zeugt, gegen die unwiderstehliche Gewalt der Sanftmuth, und des innigsten Zutrauens? Und sie ist auch schon, sie ist es nicht blos in meinen Augen! Mir zu Liebe putzt sie sich wieder. Ich ausserte neulich den fluchtigen Wunsch, sie einmal anders, als in dem gar zu schlichten Anzuge der Bewohnerin dieses Hauses zu sehen. Am andern Morgen trat sie zwar einfach, aber hochst edel gekleidet in den Garten, wo ich ihrer Ankunft langer als gewohnlich geharrt hatte. Ein goldner Gurtel fasste das blendendweisse Gewand unter dem keusch verhullten Busen, goldne Spangen umzirkelten die schonen Arme, und uber den hellbraunen Locken floss ein nebelartiger Schleier bis zu ihren Fussen nieder, und folgte ihr bei jedem Schritte in langsamen Bewegungen, Freude und Liebe hatten ein feines Roth uber ihre Wangen gehaucht, das grosse dunkle Auge strahlte Seligkeit und Ruhe. So stand sie vor mir, und erweckte zartes Verlangen, und stille Hoffnung, aber keine Begierde.
Mein Vater ist noch nicht versohnt, er hat den Fluch noch nicht von meinem Haupte genommen, und Theophaniens reine Seele zittert vor einer Verbindung, die unter solchen Vorbedeutungen geschlossen werden soll. Es ist mir heilige Pflicht, sie zu beruhigen, und so will ich zu meinem Vater gehen, und wenn noch ein Funken vaterlicher Liebe in seiner Brust lebt, ich will ihn finden, und wieder erwecken. Was ich vielleicht um meiner selbst willen nicht thun wurde, muss um Theophaniens willen geschehen. Ich habe geschaudert, als mein Vater seinen Zorn so furchterlich aussprach, aber mein Herz gab mir das Zeugniss, dass ich ihn nicht verdiente, dass es eine hohere Pflicht gabe, als selbst die kindliche, die, der einmal gefassten Ueberzeugung von Recht und Wahrheit treu zu bleiben.
Dann bleibt noch ein seltsames Verhaltniss zu losen ubrig das von Calpurnia zu mir. Am ersten Tage, nach jener Nacht, wo ich verwundet in das Haus der gutigen Pflegerinnen gebracht wurde trat sie unvermuthet in Knabenkleidern, ich kann wohl sagen, zu meinem Schrecken in's Zimmer. Im ersten Augenblikke furchtete ich, zu grosse Gute gegen mich, Mitleid, Ueberraschung, habe sie hingerissen, diesen gewagten Schritt zu thun. Ihr leichter Ton, ihr munteres Betragen zeigte mir bald, dass nur eine unverzeihliche Eitelkeit von meiner Seite diesen Gedanken hatte festhalten konnen. Liebe solche Liebe, die ein Wagniss dieser Art rechtfertigen konnte, wohnt nicht in dieser luftigen Brust, in der jede Laune, jeder augenblickliche Eindruck offenen Eingang und willige Aufnahme finden! Calpurnia liebt nur sich selbst, und Andere nur, in so weit sie ihr angenehme Empfindungen, Zerstreuung u.s.w. gewahren. Kein ernsterer Gedanke, keine bessere Ansicht vermag etwas uber ihr leicht flatterndes Wesen. So habe ich sie hundertmal, so jetzt wieder erkannt, und alle Macht ihrer Reize gleitet von meinem Herzen ab. In jenen Augenblicken des ruhrenden Wiedersehens, wie hatte ein liebendes Weib sich betragen! Sie that den ungeheuern Schritt, um etwas Seltsames zu thun. Die einzige Triebfeder, die ihn entschuldigen konnte, fehlte, so bleibt er nichts als eine Wirkung der Laune und Absicht. Ihr Leichtsinn ist unbegreiflich, es gibt durchaus nichts, das ihren flatternden Geist festhalten konnte. Constantin hat auf mein Bitten mit ihr gesprochen, und ihr erzahlt, dass ich meine Theophania wieder gefunden habe; seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen, und erwarte jetzt nicht ohne unangenehmes Gefuhl die Entscheidung dieses Verhaltnisses.
Meine Hand ist mude, ich habe zwei Tage an diesem Briefe zugebracht, denn ich kann weder oft noch anhaltend den Griffel fuhren. So bald ich, mehr schreiben darf, sollst du wieder von deinem glucklichen Freunde horen.
79. Agathokles an Phocion.
Nikomedien, im April 303.
Seit acht Tagen bin ich mit meiner Theophania vermahlt. Der hochste Wunsch, der meine Brust bewegte, ist erfullt, und wenn Sterbliche sagen konnen, dass sie glucklich sind, so konnen wir es, wenigstens sind wir es ganz in uns. Kein leises Verlangen, keine Ahnung nach hoherer Seligkeit lasst irgend eine Saite unserer Herzen leer und unberuhrt. Alle beben in vollen Schwingungen, alle vereinigen sich zur reinsten Harmonie, und unser Leben konnte ein Bild jenes goldenen Zeitalters werden, an dessen Daseyn der Mensch, von den Greueln der Wirklichkeit ermudet, und voll Sehnsucht nach einem vollkommenern Zustand, so gern glaubt.
Aber dazu ist der Pilger dieser Erde nicht bestimmt, und damit er nie sich ubernehme, fehlt es auch in seinen glucklichsten Lagen nicht an dunkeln Schatten, die den allzuhellen Glanz massigen. Unser Loos ist Arbeit und Kampf mit uns, mit der Welt, damit es uns und den Brudern besser werde. Wohl dem, der das erste bestanden, der Friede mit sich selbst hat, und in seinen Wunschen, Ansichten und Grundsatzen ein beschlossenes Ganzes findet! Ich haben. Es ist stille in mir. Larissens Besitz war eine wesentliche Bedingung dieses Friedens, ohne sie war mein Daseyn halb und unvollendet. Sie allein versteht mich ganz, ihr kindlicher Sinn fasst, was der Verstand sonst wurdiger Manner, in Weltansichten verstrickt, nicht immer zu begreifen fahig ist. Auch Constantin, der nachst dir mein Innerstes am tiefsten erkannte, und in den wichtigsten Dingen mit mir gleich denkt, empfindet nicht gleich mit mir.
Du weisst, dass ich gesonnen war, Alles anzuwenden, um meinen Vater zu versohnen. Es ist keiner der unbedeutendsten Vorzuge des Christenthums, dass es unter seinen gottlichen Gesetzen eines ausspricht, das sonst nie eine Religion gab, ein Gebot, das, wenn wir die menschliche Natur und den Gang der Empfindungen betrachten, hochst weise und nutzlich ist; auch ist es das Einzige, das Verheissung hat. E h r e V a t e r und Mutter, auf dass es dir wohlgehe, und du lange lebest auf E r d e n . So spricht das Gesetz, das Gott auf Sinai unter den Schrecken des Gewitters und seiner Herrlichkeit dem sinnlichen Volke der Wuste verkundigen liess. Vater- und Mutterliebe hat die Natur in unsere Herzen gepflanzt, sie braucht kein Gesetz einzuscharfen. Aber der erwachsene Zweig sondert sich vom Mutterstamm, wurzelt fur sich allein, und wird zum Baume. Das junge Thier entlauft der alterlichen Pflege, so bald es fahig ist, sich selbst zu erhalten; denn der Trieb der Natur wirkt vorwarts, nicht zuruck. Nur der Mensch steht hoher, von ihm fordert die Welt und sein Schopfer mehr, er soll, wenn er selbststandig ist, die Urheber seines Lebens nicht vergessen, er soll die Pflege seiner Jugend ihrem Alter vergelten, und da kein eingepflanzter Trieb ihn hierzu fuhrt, so mussen Dankbarkeit, Ehrfurcht, Gewohnheit, Alles bewirken. Darum erweiterten die Gesetzgeber das Ansehen der Eltern bis zum Rechte uber Leben und Tod; aber Furcht gebiert keine Neigung, und nur in edeln Gemuthern treibt Dankbarkeit zur Wiedervergeltung. Da gab die hochste Weisheit dem Menschen das Gesetz der Liebe und Achtung fur die Eltern, knupfte den Lohn daran, der fur die Stufe der Entwickelung, auf welcher damals das Menschengeschlecht stand, der hochste war, und ordnete das Gesetz, das Ehrfurcht fur die sichtbaren Urheber des Lebens gebot, unmittelbar nach den Gesetzen, die die Verehrung fur den unsichtbaren Urheber desselben enthalten.
So trieb nebst Theophaniens Wunsch auch das Gefuhl der Pflicht mich zu diesem Schritt, aber ich wollte es nicht wagen, mich unvorbereitet dem erzurnten Vater zu zeigen, den selbst der drohende Tod nicht an das Daseyn seines Sohnes erinnert hatte. Constantin ging zu ihm. Er fand ihn seltsam, nicht erzurnt, zuweilen sogar geruhrt, aber unschlussig, wankend so dass er seine Antwort erst am folgenden Tage zu schicken versprach. Sie lautete also: Wenn ich mich entschliessen konnte, gesetzmassig und feierlich allen Anspruchen auf sein Vermogen zu entsagen, weil er nicht gesonnen sey, seine Reichthumer zum Besten einer Christengemeinde verwenden zu lassen: so wollte er mich wieder als seinen Sohn erkennen, und seine Einwilligung zu meiner Vermahlung geben. Meine Wahl blieb keinen Augenblick zweifelhaft. Ich unterschrieb das Instrument, das mir Constantin unwillig gab, und noch denselben Abend eilte ich, meine vollkommene Verzeihung selbst von meinem Vater zu erhalten. Ich liess mich in einer Sanfte hintragen; ich trat in's Atrium, und befahl dem Sclaven, mich zu melden. Der Anblick unserer Ahnenbilder, die in langen Reihen die Halle zierten, das Andenken an meine Jugend, an meine theure Mutter, an so manche Scenen, die hier vorgefallen waren, das Sonderbare meiner jetzigen Lage, vielleicht auch die hohere Reizbarkeit meines Wesens, eine Folge meiner uberstandenen Gefahr, stimmten mich zu ungewohnlicher Ruhrung, und als endlich, statt des Sclaven, den ich erwartete, um mich zu meinem Vater zu fuhren, dieser selbst mit sichtbarer Eile in's Atrium trat, auf mich zuging, und mit Muhe die tiefe Bewegung verbarg, die dennoch jede seiner Mienen verrieth da uberwaltigte mich mein Gefuhl, ich zog meines Vaters Hand an meine Lippen, eine Thrane fiel darauf, ich war nicht fahig, meinen Dank auszusprechen; aber er verstand meine wortlose Ruhrung. Als er selbst sich gesammelt hatte, erkundigte er sich hochst gutig nach meiner Gesundheit, meinem Zustande, er fand mich noch sehr bleich und entkraftet, und fasste meinen Arm, um mich zu unterstutzen, und in die inneren Gemacher zu fuhren. Er that dies mit so sichtbarer Schonung meiner Wunden, dass ich wohl fuhlte, er sey von meiner Lage viel besser unterrichtet, als er scheinen wollte. Ich war unaussprechlich geruhrt, ich kusste seine Hand von Neuem, ich druckte sie an meine Brust. Er schien mit Gewalt seine eigene Bewegung zu unterdrucken, dennoch nannte er mich sein Kind eine Benennung, die lange nicht zwischen uns gehort worden war er liess mich an seiner Seite niedersitzen, er uberhaufte mich mit allen Bequemlichkeiten und Erfrischungen, die er mir in diesem Augenblick verschaffen konnte, und entliess mich erst nach zwei Stunden mit dem Auftrag, ihm des andern Tages meine Braut vorzustellen. Des Instruments wurde nicht gedacht, es schien, als scheute sich mein Vater, seiner zu erwahnen. Irre ich nicht ganz, so waren hier Rathgeber und Freunde thatig, die ihn zu einem Schritte beredet haben, den er selbst vor seinem Gfuhl nicht rechtfertigen kann.
So glucklich, so kindlich froh, als Theophania durch die Nachricht von meiner Aufnahme bei meinem Vater wurde, hatte ich sie niemals gesehen. Eine druckende Last schien von ihrer Seele genommen, sie scherzte, sie tandelte, und diese Aeusserungen einer schuldlos reinen Freude, je seltener sie bei ihr sind, gaben ihrem ganzen Wesen einen neuen eigenthumlichen Reiz. Der Abend, den ich mit ihr zubrachte, war einer der schonsten meines Lebens. Sein Andenken wird, wie ein strahlender Stern, kunftig durch meine Vergangenheit glanzen, und das Bild seines Gluckes vielleicht manche trube Stunde der Zukunft erhellen.
Am andern Morgen schickte mein Vater Larissen sehr kostbare Geschenke. Mehrere Sclaven brachten sie. Die vaterliche Liebe wusste das selbstgegebene Gesetz zu umgehen; was dem Sohne nicht werden durfte, sollte die kunftige Tochter erhalten. Es waren reiche Gewande, Geschmeide aller Art, kostliche Schleier u.s.w. Auf mein Bitten schmuckte sich Theophania sogleich damit, und wir traten in Umgebungen, wie ich sie den Wunschen und Ansichten meines Vaters am entsprechendsten fand, unsern Weg zu ihm an. Er schien angenehm durch Theophaniens Gestalt und Betragen uberrascht, das man ihm vermuthlich ganz anders geschildert haben mochte. Er empfing sie als die Wittwe des Demetrius mit unverstellter Achtung, und als seine kunftige Tochter mit eben so unverkennbarem Wohlwollen. Mir trug er an, so bald ich ganz hergestellt, und der sorgsamen Pflege nicht mehr bedurftig seyn wurde, in seinem Hause zu wohnen. Das war ich beinahe, und so nahm ich mit Dankbarkeit seine Gute an, so wenig mich die Entfernung von Theophanien freuen konnte, die vor der Hand bis zu ihrer Vermahlung in dem Wittwenhause blieb. Ich begleitete sie also blos zuruck, und kehrte zu meinem Vater wieder, wo ich bereits meine gewohnten Gemacher mit allen meinen Sachen, die er schnell aus dem Quartier der Leibwache hatte abholen lassen, und noch uberdies mit allen Bequemlichkeiten versehen fand, die meine Lage jetzt vielleicht nothwendig machen konnte.
Mein Vater machte glanzende Anstalten zu unserer Vermahlung. Theophania und ich hatten uns mit dem zehnten Theil aller dieser Pracht begnugt, aber wir hatten uns vorgenommen, in allen solchen ausserlichen Dingen ihm, der hierin einen so grossen Theil seines Gluckes setzt, gar nicht zu widersprechen. Sobald Alles gehorig bereitet war, fuhrte ich Theophanien, als meine Gattin, in das vaterliche Haus. Heliodor hatte uns getraut; aber mein Vater ausserte sehr bestimmt, dass er die Braut seines Sohnes auf alt Romische Art in sein Haus aufzunehmen wunschte. Wir fugten uns auch diesem Wunsche, und so wurden Theophanien die Schlussel des Hauses ubergeben1, Feuer und Wasser uberreicht, die Sclaven vorgestellt u.s.w.; und bis auf das Opfer am Altar der Laren, das ihre Religion verbot, verrichtete sie Alles mit einem Anstand und einer Liebenswurdigkeit, die, das sah ich wohl, ihr das Herz meines Vaters gewann. Seit der schwere Druck des Unglucks nicht mehr auf diesem zarten Gemuthe liegt, erhebt sie sich in stiller Heiterkeit, und einem reizenden Frohsinn, der sie zu einem von der ehemaligen Larissa ganz verschiedenen Wesen macht. Sie fuhrt das grosse Hauswesen meines Vaters mit Leichtigkeit und Ordnung, und der frohe Greis scheint sich in dem Umgange seiner Kinder, deren Gluck er als sein Werk betrachtet, zu verjungen. So bin ich unaussprechlich glucklich.
Nur Constantin ist mit mir unzufrieden. Mein schnelles Verzichtleisten auf die Reichthumer meines Vaters erregte einen Streit zwischen uns. Constantin's Geist, der grosse Absichten durch kraftige Mittel zu erreichen strebt, glaubt diese zum Theil in betrachtlichen Reichthumern zu finden. Er hat nicht Unrecht, aber mein Ziel liegt nicht ganz bei dem seinigen; und der geliebte Sohn eines sehr gutigen Vaters, den nie ein Missverstandniss von seinem Herzen riss, hat keine Vorstellung von dem Preise, um welchen ein vernachlassigtes Kind die vaterliche Zuneigung gern wieder erkauft. So bleiben unsere schuldlosesten, unsere heiligsten Freuden nicht rein. Ich habe Constantin seit jenem Streite nicht wieder gesehen.
In einigen Tagen denke ich nach Synthium zu gehen, und dort in einsamer Stille und reiner Luft meine Krafte ganz zu erholen. Mein Vater hat versprochen, mich oft zu besuchen. Dort, wo meine treffliche Mutter lebte, wo ihr schones Daseyn so fruh zerriss, wo wir als Kinder um sie spielten, werde ich mit Larissen leben aber selbst im Arm der Liebe werde ich nie vergessen, dass du von mir getrennt bist, und Constantin mir zurnt.
Fussnoten
1 Bei den Hochzeitfeierlichkeiten der Romer wurden der Braut beim Eintritt in das Haus ihres Gemahls die Schlussel des Hauses, und Feuer und Wasser, als Symbole ihrer kunftigen Herrschaft im Hause, dargereicht.
80. Calpurnia an ihren Bruder Lucius.
Nikomedien, im April 303.
Einst war eine Zeit, wo ich Thranen und Kummer nur aus fremder Erfahrung kannte, oder ein seltner truber Augenblick, eine leichte Sorge, ein bald zerstreuter Schmerz nur die hellen Farben in dem Gemalde meines Lebens durch seinen Schatten desto blendender erhob. O goldene Zeit, wo bist du hin? Mir ist, als hatte ich bis jetzt in dem schonen Traume der Kindheit gelebt, und ware erst hier in Asien zur Wirklichkeit, zur reisen Besinnung erwacht. Hesperien! Schones mutterliches Land! Wie so ganz anders war es dort! Wie glucklich, wie begluckend war dort mein Leben! Und wie reizlos, wie duster ist es hier!
Meine arme Sulpicia werde ich schwerlich wieder sehen. Ihren letzten Brief erhielt ich vor einem Monate in eben der Zeit, wo ein frisch zerrissenes Band anderer Art mein Herz in trube Stimmung versetzt hatte. Er enthielt Ahnungen ihres nahen Todes. Ich hatte das beinahe gefurchtet, als ich sie im vorigen Fruhling in dem unseligen Synthium wieder sah. Ihr Zustand verschlimmert sich jetzt taglich, sie ist nicht mehr im Stande, zu schreiben. Vielleicht wahrend ich dir dies sage, lebt sie nicht mehr. O meine Sulpicia! Ungluckkeit! Vorgestern habe ich einen Brief von Tiridates erhalten, er war im Tone der dustersten Verzweiflung geschrieben. Jetzt, da er auf dem Punkte steht, sie auf ewig zu verlieren, ist seine Leidenschaft in ihrer ganzen Starke erwacht. Ach, war es nicht ihr Verloschen, was sie an den Rand des Grabes gebracht hat? Welcher Widerspruch im mannlichen Herzen!
Die Aerzte, sagt er mir, geben b e i n a h e alle Hoffnung auf. B e i n a h e ! An diesem schwachen Faden halt sich seine verzweifelte Liebe doch noch fest, und manchmal schimmert ein Hoffnungsstrahl durch das Dunkel seiner Seele. Armer Tiridates! Er ist sehr unglucklich, und trotz aller seiner Schuld und seines Leichtsinnes kann ich ihn jetzt nur beklagen; denn er leidet unaussprechlich, um so mehr, da sein Herz ihm heimlich Vorwurfe machen muss.
So leiden denn alle guten Menschen, alle sind gequakt. Und warum sind wir denn gut? Warum thut nicht jeder fur sich, was ihm die Klugheit rath, ohne sich um die Andern zu bekummern? O die Selbstsuchtigen sind die Glucklichsten, und je langer ich in der Welt lebe, je mehr sehe ich die Rechtmassigkeit und Klugheit ihres Verfahrens ein. Krieg gegen Krieg, List gegen List, Kalte gegen Kalte! Wer am langsten aushalt, ist der Glucklichere, und dann auch in seinen und der Welt Augen der Bessere, der Verstandigere. Ist nicht in der ganzen Natur das Recht des Starkern gultig? So denn auch in der gesitteten Welt, nur mit dem Unterschied, dass hier Verstand und Geschicklichkeit statt der korperlichen Kraft eintritt. Hier ist der Klugere der Starkere. So lass uns denn klug seyn, und nichts als klug, so lange das Flammchen des Lebens brennt. Dann fasst uns die Urne, und wir sind Staub, wir mogen fur uns allein gesorgt, oder uns um Anderer willen hingeopfert haben.
Als ich dich verliess, als ich mit frohem Muthe das Schiff bestieg o warum hat kein Gott mir damals mein Geschick verkundet, kein ungluckliches Wahrzeichen mich zuruckgehalten an dem vaterlandischen Ufer! Zu welchen Erfahrungen bin ich nach Bythinien gekommen? Die ich liebe, muss ich entbehren und verlieren, die ich hasse, verfolgen mich, die ich vergessen mochte, ruft mir das Schicksal mit immer neuer Lebhaftigkeit zuruck. Agathokles ist verheirathet, und lebt in Synthium. O wie viele Erinnerungen drangen sich in das einige Wort! Um seines Vaters Einwilligung zu seiner Heirath zu erhalten, hat er seinem Erbtheil entsagt. Du weisst, ich bin nicht habsuchtig, aber es ist keine Kleinigkeit, wenn man im Ueberfluss erzogen worden ist, alle die tausend Bequemlichkeiten und Genusse zu entbehren, die der Reichthum sichtbar und unsichtbar um seine Gunstlinge verbreitet. Sein Vater hat dies Opfer nicht um ihn verdient, schon darum nicht, weil er diese Forderung machen konnte: dennoch bringt es Agathokles. Ich konnte seinen Schritt nicht billigen, als ich es horte, aber ich musste ihn achten. Noch war die Bewegung, die jene Nachricht in meinem Innern erregt hat, nicht ganz gestillt, als neue Krankungen und neue Erinnerungen mir sein Bild in einem noch glanzendern, noch gefahrlichern Lichte vor die Seele riefen. Ich bin ihm sehr verpflichtet geworden, und dass diese Schuld, die ich einst so gern ubernommen haben wurde, mich nun druckt, kannst du wohl denken. Der verachtliche Marcius Alpinus, von dem ich nun bestimmt weiss, dass er in Nicaa niedrige Absichten auf Theophanien gehabt hat, hat vermuthlich berechnet, dass es nicht so ubel ware, den Proconsul Lucius Piso zum Schwiegervater zu haben, und ist seit jenem unseligen Abend, wo er mich auf dem Wege nach Nikomedien fand, mein erklarter Verehrer und Freier. Er peinigte mich mit seiner Zudringlichkeit, er wandte sich an meinen Vater, an den Bruder, an einige Freunde, ich wurde von allen Seiten mit thorichten Erzahlungen von seiner Leidenschaft, von den Qualen, die er um meinetwillen, und durch meine Harte leide, geplagt. Als mir diese Art von Peinigung zu viel wurde o ich war in dieser Zeit so wenig gestimmt, mit Anderer Bosheit oder Thorheit Geduld zu haben! erklarte ich ihm ein Mal geradezu, dass ich nun und nimmer die Seinige werden konnte.
Ich war im Anfange ganz artig, aber der niedrige Mensch glaubte in dieser Schonung eine geheime Neigung, oder Furcht zu sehen die Gotter mogen wissen, was genug, er wurde zudringlich, ungestum; er trotzte auf Rechte, er wollte Anspruche geltend machen. Da ubermannte mich der Unwille, und ich zeigte ihm meine ganze tiefe Abneigung und Verachtung. Glaubst du, dass der Bosewicht dadurch beleidigt oder entrustet worden ware? Nicht im Geringsten! Lachelnd, mit einer Miene, die mein ganzes Wesen emporte, neigte er sich, und sagte: "Die schone Calpurnia kleidet auch der Zorn, aber ich bitte sie nicht zu vergessen, dass diejenige, die in Mannerkleidern einem grausamen Geliebten nachlauft, kein Recht hat, in diesem Tone mit einem Manne zu sprechen, der ehrliche Absichten auf sie hat. Bisher habe ich aus Schonung geschwiegen, aber die Geschichte dieser Verkleidung ist zu lustig, um sie der schonen Welt in Nikomedien langer zu entziehen." Er neigte sich und ging. Mich hatte Schaam, Zorn, und Erstaunen stumm gemacht. Erst als er entfernt war, vermochte ich den ganzen Umfang seiner Bosheit, und meine Gefahr einzusehen. Ich war ausser mir. Ich wagte nicht mit meinem Vater zu sprechen, ich zitterte vor seiner gerechten Ahndung, und furchtete zugleich, dass vielleicht irgend eine gewaltsame Maassregel, die ihn die Sorge fur die Ehre seiner Tochter ergreifen machen wurde, das Uebel arger machen konnte. Am Abend des folgenden Tages kam Quintus mit gluhendem Gesicht und funkenspruhenden Augen zu mir. Der Bosewicht Marcius hatte seine Drohung bereits ausgefuhrt, und in einer lustigen Gesellschaft seiner Zechbruder meine Geschichte, meinen und Agathokles Namen preisgegeben. Einer von den Gasten hatte es unter dem Scheine des Zweifels, und als ein unglaubliches Mahrchen meinem Bruder erzahlt. Ich brachte die Nacht in einem qualvollen Zustande zu, nicht besser war der folgende Tag. Ich zitterte, so oft Jemand eintrat, so oft man meinem Vater einen Besuch meldete, dass jetzt wieder die unselige Geschichte erwahnt werden wurde.
Plotzlich am dritten Tage war Marcius aus Nikomedien verschwunden, doch nicht ohne vorher seine vorige Erzahlung als einen Scherz, dessen Veranlassung eigentlich eine tolle Wette unter ihm und einem seiner Freunde gewesen ware, ernstlich und feierlich widerrufen zu haben. So war das Gewitter diesmal vorubergegangen, und ich konnte nicht begreifen, wie? bis ein Paar Tage darauf Quintus durch denselben Centurio, der ihm die Geschichte zuerst erzahlt hatte, erfuhr, dass Agathokles in grosster Eile von Synthium gekommen, und bei Marcius abgestiegen war, dass man sie sehr lebhaft streiten gehort habe, dass Marcius sogleich seine Pferde zu satteln, und den Sclaven, sich reisefertig zu machen, befohlen habe, und noch denselben Abend, wenige Stunden nach Agathokles, der sogleich wieder auf seine Villa zuruckgekehrt war, die Stadt verlassen habe.
So war denn die Rettung meines guten Namens Agathokles Werk, so bin ich ihm dafur verpflichtet! Und er aussert nichts gegen mich, er entzieht sich meinem Dank, er weiss vielleicht gar nicht, dass mir die ganze Sache bekannt ist. O mein Lucius! Ist es moglich, dies zu denken, ein fuhlendes Herz, und einst so lachende Hoffnungen gehabt zu haben, und jetzt ruhig oder kalt zu seyn? Was wird noch aus mir werden?
Ein Entschluss steht fest in meiner Seele. Wenn mein Schicksal fortfahrt, Qual auf Qual, Beschamung auf Beschamung uber mich zu haufen, so will ich seinen Launen weichen, ich will den Ort verlassen, an den ich unter so unglucklichen Vorbedeutungen gekommen bin, und meinen Vater bitten, dass er mich nach Rom zu dir und meiner Tante Sempronia zuruckschicke. Hier kann ich es nicht langer aushalten.
81. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus.
Casarea, im Mai 303.
Haben die Eumeniden mir diesen Agathokles zur Strafe meiner Vergehungen gesandt? Lebt der Mensch nur, um mir uberall, wo ich ihn am wenigsten vermuthe, in den Weg zu treten? Sein Fanatismus, die Eitelkeit des Einen, die Schwache des Andern, Alles muss sich vereinigen, um Plane zu zerstoren, die weit kluger angelegt waren, als diese schwachen Seelen es je auch nur traumen konnten.
Sein Vater hat ihm verziehen, und Alles, was ich seit Monaten mit Verstand und Vorsicht bereitete, wird nun an dem langsamen Feuer hauslicher, kindlicher Zartlichkeit schmelzen. Wer hatte auch an die ungeheuere Thorheit glauben sollen, dass ein Mensch, der funf gesunde Sinne hat, um die Einwilligung seines Vaters zum Besitz eines Weibes, das ihm jederzeit gewiss war, zu erhalten, ein Vermogen von mehr als hundert Talenten ausschlagen wurde!
Als ich sicher war, dass Theophania nicht blos in Nikomedien, dass sie unter einem Dache mit ihm lebte, und mir den Schluss der Tragicomodie an den Fingern abzahlen konnte, war es naturlicher Weise nothwendig, Alles vorzukehren, was diese Verbinlange Zeit verschieben konnte, dass mir Musse und Gelegenheit ubrigte, allerlei andere Hindernisse herbeizufuhren.
Hegesippus ist schwach, eitel und darum sehr lenkbar. Er hatte im ersten Anfall des Zorns seinem Sohne den Fluch gegeben, als er von ihm horte, dass er ein Christ sey; ich durfte also nur auf diesem Grund fortbauen, und that es mit Klugheit und gutem Erfolg. Bei der Nachricht von der Gefahr seines Sohnes bekam zwar der schwache Alte eine Art Ruckfall, aber ich machte ihm begreiflich, wie sehr er sein Ansehen vor der Welt und bei Hofe auf's Spiel setzen wurde, wenn er jetzt nachgabe, und den Sohn anerkannte, der sich geradezu als Rebell gegen den kaiserlichen Befehl gezeigt hatte, und ich brachte es dahin, dass er wenigstens offentlich sich gar nicht um ihn zu bekummern schien. Aber freilich, wie das bei Menschen dieser Art geht, ich konnte nicht hindern, dass nicht taglich ein Sclave heimlich in das Wittwenhaus abgefertigt wurde, der sich unter fremdem Namen nach allen Umstanden des Sohnes erkundigen musste. Ich liess die Thorheit hingehen, weil ich sie fur unschadlich hielt; aber man soll keinen, auch nicht den unbedeutendsten Umstand ausser Acht lassen, besonders wenn man mit unzusammenhangenden Gemuthern zu thun hat.
Ein Paar Wochen waren still vergangen, da erschien plotzlich Constantin, und wandte sich im Namen seines Freundes an Hegesippus, und bat ihn um seine Einwilligung, und seinen Segen zur Heirath. Der Alte war besturzt, geschmeichelt, geruhrt. Er hatte auf dies Zeichen von Liebe und Unterwerfung gar nicht mehr gerechnet, und Agathokles hatte den Botschafter nicht besser wahlen konnen. Der Sohn des Abendlandischen Casars, der als Client im Namen seines Sohnes, seines innigsten Freundes vor ihm stand! Zum Gluck besann sich der schwachsinnige Greis noch so viel, dass er nicht auf der Stelle Ja sagte, sondern die Antwort den folgenden Tag zu geben versprach. Er liess mich rufen, ich war selbst uberrascht. Wer hatte diese neue Thorheit von Agathokles vermuthen sollen? Da er mir aber so gutmuthig die Waffen gegen ihn in die Hand gab, ware es Wahnsinn gewesen, sie nicht zu brauchen. Ich stimmte dem Alten, was uberhaupt nicht schwer ist, und liess ihn in der Ferne eine Aussicht sehen, vor der ihm graute, sein Vermogen zum Nutzen und zur Emporbringung einen Secte angewendet, die er hasste und verachtete, die ihm schon so viel Herzeleid gemacht hatte. Der Entschluss war bald gefasst, Hegesippus gab seine Einwilligung, aber nur bedingungsweise nur dann namlich, wenn Agathokles allen Anspruchen auf sein Vermogen entsagte. Ich konnte mir nicht denken, dass er diese Bedingungen eingehen wurde, und eben so wenig, dass die andachtige Theophania, deren Einwirkung ich in jenem Schritte deutlich erkannte, sich entschliessen wurde, ihm wider oder ohne des Vaters Einwilligung ihre Hand zu geben. Es war also vorerst ein Hinderniss zwischen ihnen und dem Ziele ihrer Wunsche aufgethurmt, und ich fing an gute Hoffnung zu nahren.
Da zerstorte der rasende Schritt des fanatischen Menschen den ganzen Plan. Er unterzeichnete die Entscheidung. Der Alte wurde geruhrt, weichherzig. Er nahm den zuruckgekehrten Sohn mit grosster Zartlichkeit auf, und uberschuttete die fromme Schwiegertochter mit prachtigen Geschenken. So sucht seine Erbarmlichkeit den Sinn der Bedingung, die er selbst gegeben hat, thoricht zu umgehen. Wie verachtlich sind diese Geschopfe!
Recht beim Lichte besehen, ist Agathokles vielleicht feiner als ich dachte; wenigstens hatte er sich, wenn er mich zu uberlisten gesonnen war, nicht anders betragen konnen. Er hofft vielleicht, nachdem er nun einmal jetzt die Einwilligung des Vaters erschlichen hat, durch Unterwerfung und kindlichen Gehorsam eines Tages dem weichherzigen Alten auch noch die Erbschaft abzuschwatzen. Doch dafur soll Sorge getragen werden. Leucippus, ein Neffe des Alten, der, wenn er ohne Kinder sturbe, sein naturlicher Erbe ware, ist durch mich bereits von dem Fall unterrichtet, und hundert Talente Goldes, die ihm zufallen, verlohnen schon der Muhe, dass man dem Oheim mit Fleiss und Klugheit den Hof mache.
Doch nicht diese einzige Sache ist's, die meine Galle gegen ihn rege gemacht hat. Er hat mich vor einigen Tagen auf eine Art beleidigt und gereizt, die ich ihm zu vergelten mir fest und sicher vorgenommen habe. Die Zeit wird die Gelegenheit herbeifuhren, bis dahin bleibt Alles still und ruhig. Du weisst, dass ich mich seit jenem seltsamen Zusammentreffen Calpurnien von Neuem genahert habe. Sie ist schon, sie ist reich, ihr Vater hat bedeutenden Einfluss. Aber mein Gesicht schien ihr nicht zu behagen, ihr Herz war noch zu voll von dem Bilde des christlichen Schwarmers. Genug, sie begegnete mir zuerst kalt, dann ubermuthig, dann verachtlich. Ich hatte mich daruber hinausgesetzt, wenn ich hatte hoffen konnen, auf diese Art zum Ziele zu gelangen. Aber Calpurnia ist eigensinnig, sie reizte mich immer mehr und mehr, da ubernahm mich endlich der Zorn, und in einer schwachen Stunde liess ich mich hinreissen, nicht allein ihr zu drohen, dass ihr guter Ruf seit jener Zusammenkunft in meiner Gewalt sey, sondern auch noch denselben Abend, von Mein und Zorn erhitzt, unter einer frohen Gesellschaft die Geschichte zu erzahlen.
Zwei Tage darauf meldet man mir Agathokles. Ich glaubte, der Sclave habe den Namen nicht recht verstanden. Er war es wirklich. In seinen dunkelgluhenden Blicken, in seiner ganzen Haltung lag der kalte Uebermuth, den diese Menschen Tugendstolz nennen. Mit emporendem Ton stellte er mich uber mein Betragen gegen Calpurnien zur Rede, das er, die Gotter mogen wissen wie? erfahren hatte. Mein Blut kochte, ich bezwang mich mit Muhe so weit, dass ich ihn gelassen fragte, was ihn das anginge, und woher ihm das Recht zu dieser Frage kame? Nun brachen die Schleussen seiner Beredtsamkeit los, er sprach von Niedertrachtigkeit, von hamischer Rache, von der Pflicht jedes ehrlichen Mannes, sich der beleidigten Ehre seines Nebenmenschen anzunehmen u.s.w., wie die Gemeinplatze der schonen Seelen alle heissen. Meine Geduld riss endlich, und ich erklarte ihm geradezu, dass ich seine Beleidigungen und sein Geschwatz nicht langer dulden wollte. Da trat er zuruck, sah mich mit einem Blicke an, den ich mir noch jetzt nicht vergegenwartigen kann, ohne jeden Tropfen Bluts in Aufruhr zu fuhlen, und sagte mit emporender Kalte: "Marcius! Wie kannst du es wagen, diese Sprache zu fuhren? Weisst du nicht, dass es in meiner Macht steht, dich zu verderben?" und nun fing er an von Dingen zu sprechen, die ihm die Furien eingegeben haben mussten. Er war von Vorfallen unterrichtet, die ich in tiefes Dunkel vergraben glaubte, er wusste Dinge, die aus einem andern Mund als dem meinen zu horen mir die Haare empor straubte. Hatte Constantin sie erfahren? Hatte mein boser Damon mich verrathen? Die Gotter mogen es wissen. Genug, ich muss ihn furchten, und schonen. Knirschend vor Wuth, leistete ich ihm das versprechen, die Erzahlung als eine Posse zu widerrufen, und mich Calpurnien nie wieder zu nahern. Er ging, und ich verliess Nikomedien noch denselben Tag.
Aber er soll nicht umsonst das Alles wissen, und mir gedroht haben. Ich werde mich rachen. Wie und wann? wird der Zufall, die Klugheit bestimmen; aber sein Haupt ist den Unterirdischen geweiht. Leb' wohl!
82. Theophania an Junia Marcella.
Synthium, im Jun. 303
Du sollst dich nicht mehr zu beklagen haben, meine geliebte Freundin, dass ich dir, seit ich glucklich bin, so selten schreibe. Wir sind jetzt seit einigen Tagen auf unserem stillen Landhause, und meine Zeit ist freier. So lange ich in Nikomedien im Hause meines Schwiegervaters lebte, war ein grosser Theil meiner Stunden der Besorgung seines sehr weitlaufigen Hauswesens, und der Unterhaltung dieses gutigen Greises geweiht, der aber leider wie die meisten Menschen, die in der Zeit ihrer Jugend und vollen Kraft nur immer ausser sich und in steter Zerstreuung gelebt haben, nun, da Alter und Schwachlichkeit ihm dies einzige Element, in dem sein Wesen sich fuhlte, unzuganglich macht, sehr schwer zu unterhalten, und fast nie zu befriedigen ist.
Hier bin ich sehr vergnugt. Hier im Schatten bluhender Haine, im Geduft von tausend Blumen, im Genusse der frohlichsten Einsamkeit leben wir uns selbst und unserer Liebe. An Agathokles Hand durchstreife ich die Scenen meiner Jugendfreuden, die Vergangenheit schmilzt in wunderbarem Zauber mit der Gegenwart zusammen, alles Trube, Nachtliche, was zwilag, ist verschwunden, wir sind wieder, was wir damals waren, frohliche, gluckliche Kinder, und in seinem engelreinen Geiste ist nichts, was diesen schonen Traum storte, nichts, als die Erhabenheit seiner Ansichten, und die Fulle seiner Empfindungen, mit der er das Wohl seiner Glaubensgenossen, der ganzen Welt heiss umfasst, und die zuweilen, wie ein leuchtender Blitz des Himmels, uber die Blumengefilde unserer Liebe erhaltend, erhebend fahrt.
In einsamen Stunden, wenn der Hain um mich rauscht, wenn ein reges Fruhlingsleben durch alle Wesen webt und schauert, und ich im Gefuhl meines Gluckes selig zerfliesse, dann fuhle ich den Hauch der allgegenwartigen Gottheit, und mein inniges Entzukken loset sich in stillen Dank auf gegen den, der das Dunkel meines Schicksals so vaterlich erhellte, und durch finstere Pfade mich zu diesem Lichte gefuhret hat. Ist es moglich, dass Menschen so selig seyn und b l e i b e n konnen, als ich es bin? Ist diese Stille alles Verlangens, dieses Bewusstseyn ganz erfullter Wunsche nicht zusehr Vorgeschmack unsers Zustandes in bessern Welten, um auf dieser einheimisch zu seyn? Ach so frage ich mich oft, und mein erschuttertes Herz zittert vor der Wahrscheinlichkeit einer nahen Veranderung. Aber ich weise diese Gedanken nicht zuruck, ich segne diese heilsamen Warner vor Uebermuth, die gewiss mein Schutzgeist mir sendet. Sie lehren mich meines Gluckes in Demuth freuen, und seinen ungetrubten Genuss durch kindliche Ergebung heiligen.
Unsere Lebensweise ist bequem, aber von dem Ueberflusse entfernt, unserer Sclaven sind wenig, unsere Speisen sind einfach; aber wir fuhlen bestimmt, dass die Reichthumer unseres Vaters unser Gluck nicht erhohen, dass sie es vielleicht durch die tausend kleinen und grossen Verbindlichkeiten und Sorgen, die der Reichthum auferlegt, nur storen wurden. Jetzt wurzt kurze Entsagung den erkauften Genuss, jetzt freut das Selbsterworbene, das Erubrigte mehr, als was das Gluck mit vollen Handen achtlos ausstreut. O wusste das Constantin, er wurde seine Begriffe von Gluck, wenigstens fur unsere Lage, verandern, und meinem Agathokles nicht mehr zurnen! Dieser Zwiespalt ist es, der den einzigen Tropfen Bitterkeit in unsern Freudenkelch giesst. Ich sehe, dass Agathokles mehr darunter leidet, als er aus Schonung mir gesteht. O dass ich einen Weg vor mir sahe, Constantin zu versohnen! Aber er ist machtig, der Sohn des Casars, ein kunftiger Augustus, und jetzt ist die Kluft zwischen dem Herrscher und Beherrschten nicht mehr so unbedeutend, als in den Zeiten eines Octavians oder Mark Aurels. Das ist das Bose an unserm Verhaltniss wir sind nicht g l e i c h .
Und diese Gleichheit in allen Empfindungen, in allen Richtungen des Geistes ist es, welche allein und dauerhaft das Gluck einer Verbindung sichert. Agathokles und ich wurden schon als Kinder mit und fur einander gebildet, jeder Eindruck gemeinschaftlich aufgefasst, jede Empfindung von einem Herzen dem andern beantwortet. Wir lebten, wir lasen, wir lernten gemeinschaftlich. Selbst in Edessa unter dem Gerausch der Waffen wusste er Stunden zu gewinnen, um mit mir zu lesen, uber das Gelesene, uber die Ereignisse des Tages zu sprechen, unsere Gefuhle und Gedanken umzutauschen, und so nicht blos mein Herz, sondern auch meinen Verstand mit dem seinigen in Einklang zu bringen. Wie segenreich, wie begluckend ist jetzt diese Uebereinstimmung fur mich! Nicht weil Verfassung und Religion den Mann zum Haupt des Weibes erheben und ihm eine Gewalt einraumen, die manches rohe Gemuth missbraucht, sondern, weil zwei Menschen ein schones Ganzes ausmachen, und als Einheit dastehen und wirken sollen, sollen auch ihre Geister gleichformig gebildet seyn, und nur die Verschiedenheit des Geschlechtscharakters und der daraus folgenden Bestimmung und Pflichten darf eine reizende Abwechslung in den schonen Einklang bringen. Aber wenn die verschiedenen Charaktere sich selbststandig zu unterscheiden, und jeder als ein vollendetes Ganzes dazustehen streben, wer soll entscheiden, welcher von Beiden im Fall eines Streites nachgeben, und seine Individualitat aufopfern soll? die hergebrachte Sitte? dann muss das Weib ewig der unterdruckte Theil seyn die Vernunft? Und wer bestimmt, auf wessen Seite sie steht, wenn jedes die Sache aus seinem Gesichtspunkt ansieht und mit Grunden unterstutzt? O nur die Liebe, die Liebe kann das bewirken, und sie bewirkt es sicher. Sie fuhrt auf tausend stillen Wegen die Gemuther zu einander, sie zeigt uns den Gesichtspunkt, aus dem der geliebte Gegenstand die Welt betrachtet, als den richtigsten, sie macht uns theurer, was ihm lieb ist, und ohne Opfer, ohne Nachgeben verschmelzen zwei Willen in Einen. So ist mein Verhaltniss zu Agathokles und wenn du wir oft in fruhern Zeiten meinen Mangel an Festigkeit und mein Bedurfniss, mich an ein liebendes Herz anzuschmiegen, als Schwache vorwarfst, so versichere ich dich, dass gerade jetzt aus dieser Schwache, wie du es nennst, mein schonstes Gluck entspringt.
Leb' wohl, Junia! Ich weiss, du freust dich meiner Seligkeit, und meine Briefe, wenn sie auch arm an Vorfallen sind, werden sie dir doch manchen vergnugten Augenblick machen, wenn du in ihnen die Schilderung meines Gluckes findest.
83. Calpurnia an ihren Bruder Lucius.
Nikomedien, im Jul. 303
Ich komme von Synthium. Von Synthium? hore ich dich rufen. Wie kamst du dahin? aus eigenem Willen, lieber Bruder! aus festem Vorsatz, den ersten Schritt zu thun, und ein Zusammentreffen selbst schicklich einzuleiten, dem fur bestandig auszuweichen, nun einmal vernunftiger Weise fur Bewohner einer Stadt nicht moglich war. Wenn ich Agathokles, seit er verheirathet ist, nicht mehr sehen wollte, wenn ich von dem Augenblick, als er Theophanien gefunden hatte, seinen Anblick floh, berechtigte ich ihn nicht zu dem stolzen Gedanken, sein Verlust schmerze mich tief, und ich konne die Gegenwart einer glucklicheren Nebenbuhlerin nicht vertragen? O diese blosse Moglichkeit emporte mein Herz. Was habe ich denn zu scheuen? Den Gottern sey Dank! die Rucksicht, die Theophania zur Verborgenheit bewegen konnte, brauche ich nicht zu nehmen; und so war es Pflicht, die ich mir selbst, meinem Ruf und der Achtung, die er fur mich haben soll, schuldig war, diese Gedanken nie in ihm aufkommen zu lassen, und ihm zu beweisen, dass ich nur seine Freundin war, weil ich es auch jetzt blieb. So musste es zwischen uns stehen, mir nicht einst druckend werden sollte.
Und uberdies, war ich ihm nicht innigen Dank schuldig? Er hatte, auf welche Art konnte ich nicht erfahren, mich von der Bosheit und Zudringlichkeit des Marcius befreit, ich musste diese Schuld abtragen. Ich fuhlte das, und that es gern; aber nicht blos mit Worten, mit Thaten wollte ich es thun.
Die Bedingung seines Vaters, unter der er ihm seine Einwilligung zusagte, schien mir immer sehr hart, sehr unvaterlich, ich glaubte Agathokles keinen grossern Dienst leisten zu konnen, als wenn ich es dahin brachte, seinen Vater zum Widerruf zu vermogen. Ich sprach mit unserm davon, er fand einige Bedenklichkeiten er kann alten Hegesippus nicht wohl leiden. Aber fur mich bekam mein Plan, je langer ich ihm nachsann, je mehr Reize, und so erhielt ich denn endlich halb durch Ueberredung, halb durch die Vorstellung, dass ein solcher Schritt nothwendig sey, um Agathokles von der Ruhe meines Herzens zu uberzeugen, die Erlaubniss, mein Vorhaben auszufuhren.
Ich kenne die alten Herren. Wenn sie fur keine Frau oder Tochter mehr zu furchten haben, finden sie eben keine so strenge Sitte, und angstliche Verhullung nothig, wie sie mancher junge Mann, wahrlich auch nur aus Eifersucht, von seinem Madchen fordert und ich kleidete mich daher etwas weniger matronenmassig, als ich wohl ehedem zu thun pflegte, wenn ich seinen Sohn zu sehen hoffte. Es klingt lacherlich, dies zu sagen, aber konnen wir Weiber dafur, dass die Manner in der Jugend aus Selbstsucht eifersuchtig, und im Alter aus Selbstsucht verliebte Gecken sind? So sandte ich hin, und liess ihn um eine Stunde bitten, wo ich ihn sprechen konnte. Ich wusste, dass er das nicht annehmen, und selbst kommen wurde. Er kam auch nur etwas spat; aber als er eintrat, sah ich die Ursache dieser Verspatung wohl ein. Der alte Herr hatte sich in grosse Unkosten von Pracht und Niedlichkeit gesetzt, er duftete wie alle Wurzen Arabiens, und sein Bart (wenn es moglich ist, so war es ein falscher) hatte einer Buste des Plato Ehre gemacht. Verwunderung und Neugier malten sich auf seinem Gesicht, und ich sah, welche Muhe es ihn kostete, sie unter den Schranken der guten Lebensart zu halten. Aus Mitleid liess ich ihn nicht lange warten, sondern ruckte so eilig, als es die etwas sonderbare Art meines Geschafts erlaubte, mit meiner Bitte heraus. Sein Erstaunen wurde nun noch grosser, obwohl er sich bestrebte, es zu verbergen, und in diesem Erstaunen und einigen entschlupften Worten las ich deutlich seine Meinung uber mein Verhaltniss zu seinem Sohne, das wohl so ziemlich die Meinung der ganzen Stadt seyn mag. Um so lieber war es mir, durch diesen Schritt ihn und die Welt vom Gegentheil zu uberzeugen.
Ich sprach mit Warme von den vorzuglichsten Eigenschaften seines Sohnes, seiner Schwiegertochter. (Ich vermochte das, Lucius, in einer Aufwallung von Grossmuth, uber die ich selbst erstaunte.) Ich suchte ihm darzuthun, dass alle Schritte, die Agathokles bisher gethan, nur Wirkungen derselben Tugenden und jenes allzustrengen Pflichtgefuhls waren, das wir, auf andere Gegenstande angewendet, an einem Curtius, Cocles, Cato bewundert hatten. Ich liess ihn die Freundschaft des Armenischen Konigs und Constantins Liebe fur seinen Sohn, die Achtung, in der er allgemein steht, im schimmernden Lichte sehen, und hinter diesem Schimmer sein eigenes Bild, auf das der Ruhm seines Sohnes keinen unbedeutenden Ganz warf. Im Eifer des Gesprachs waren die Locken Um meinen Nacken losgegangen, sie sanken auf die Brust herab, ich musste sie zuruckstreichen, und verschob dadurch den Schleier, so, dass auf einen Augenblick ein Theil des Busens sichtbar wurde. Ich strebte das Ungluck zu verbessern, aber indem ich den Arm uber die Schulter legte, fiel auch das faltenreiche Gewand zuruck, und der Arm erschien beinahe ganz unverhullt. Hegesipps Auge folgte leuchtend meinen Bewegungen, und er war auf einige Augenblicke so mit Schauen beschaftigt, dass er mir ganz verkehrt antwortete. Ich nutzte diese Stimmung, ich drang nun mit Bitten in ihn, und was fruher Vernunftgrunde nicht erschuttert hatten, fiel nun durch die vereinte Wirkung eines ruhrenden Tons, einer flehenden Miene und eines Paars unverhullter Arme, die bittend gefaltet vor seinen Augen spielten. Ganz verklart und mit jugendlicher Munterkeit sagte er mir, es sey unmoglich mir zu widerstehen er musste bekennen, dass ich etwas Grosses fordere, er habe sein Wort heilig verpflichtet, und hasse ubrigens seinen Sohn nicht doch einer solchen Vorbitterin sey nichts abzuschlagen, und Agathokles habe sein Gluck nur mir allein zu verdanken. So ging er fort, um die Schrift zu holen, und war in einer halben Stunde wieder damit bei mir, Und nun in der Freude meines Herzens gab ich dem guten Alten einen recht kindlich dankbaren Auss, den er nun freilich nicht mit vaterlicher Wurde aufnahm, sondern mit aller Geckenhaftigkeit eines grauen Liebhabers. So lacherlich mir das war, so gab ich mir doch Muhe, ernsthaft zu scheinen, und wir schieden als die besten Freunde.
Ich zeigte meinem Vater im Triumph die Schrift. Er schuttelte abermals den Kopf, und schien nicht zufrieden mit der ganzen Geschichte. Indessen, das Grosste war geschehen, und ich wollte nicht auf halbem Wege stehen bleiben; so bat ich denn den Bruder, mich zu begleiten, und fuhr nach Synthium. Es sind uber sechzig Stadien1. Wir fuhren mit anbrechendem Tage ab, um die Hitze zu vermeiden. Du kennst die Lage der Villa nicht, sie ist ausserst angenehm, nur etwas duster zwischen waldigen Hugeln versteckt. Wie wir naher kamen, wie ich die obere Saulenhalle zwischen den Cedern und Pinien hindurch schimmern sah, wie ich die Platanenallee erblickte, in der ich so oft mit Sulpicien gewandelt hatte, mit ihr, deren Rest vielleicht nun schon die Urne fullt, das Gitterthor, an welchem ich vor einem Jahre die gegenwartige Gebieterin der Villa tiefgebeugt gesehen und empfangen hatte da ward mir sonderbar zu Muth, und Thranen drangen in meine Augen. Sulpiciens Andenken, tausend andere Erinnerungen sturmten auf mich ein, und ich hatte grosse Lust gehabt, umzukehren, wenn man nicht schon von der Villa aus den Wagen gesehen, und erkannt hatte haben konnen. Wahrend dieser Ueberlegungen lenkte unser Wagenfuhrer in den Platanengang ein. Sogleich sah ich Leute aus der Villa kommen ein Paar Sclaven, wie es schien, und kaum waren wir noch einige Schritte gefahren, als Agathokles selbst uns eilig entgegen kam.
Er bewillkommte uns mit einer Freude, die zusehr das Geprage der Herzlichkeit trug, um auch nur einen Augenblick fur Kunstelei gehalten zu werden. Als er uns an einen schattigen Platz gefuhrt hatte, ging er, seine Frau zu holen. Sie kam, ich war begierig gewesen, sie zu sehen, aber ich hatte Muhe, in dieser jugendlich bluhenden Frau mit den grossen heitern Augen, der zarten Rothe auf den Wangen, in dem geschmackvollen hauslichen Anzug jene abgeharmte Trauergestalt, in die dichten faltenreichen Schleier gewickelt, zu erkennen. Die Arglistige wusste auch, trotz ihrer Heiligkeit, das geltend zu machen, was die Natur ihr Schones gegeben hatte. Ein durchsichtiges indisches Gewebe zeigte den Obertheil des Armes mehr, als es ihn verhullte, und wo dies endigte, erhohten zierliche Armbander seine naturliche Weisse und Rundung. Auch erschien ihr schlanker Wuchs vortheilhaft in dem seinem fliessenden Gewande; kurz, man sah, dass sie ihren Anzug mit Geschmack wahlte. Aber uber allen Putz machte sie und ihren Gemahl das Vergnugen liebenswurdig, das aus allen ihren Reden, Blicken, Handlungen sprach. Besonders scheint sie nur fur ihn zu leben. Die Gluckliche! Auch er war verandert, sein Auge strahlte von jugendlichem Feuer und Lebenslust, und das freundliche Lacheln, das seinen feingespaltenen Lippen einen so eigenthumlichen Reiz gibt, verlasst ihn jetzt eben so selten, als es ihn sonst erheiterte.
Unsere Unterredung fiel bald auf meine ungluckliche Sulpicia. Theophaniens unverstellte Theilnahme, die zarte Achtung, mit der sie von ihr sprach, nahmen einen Stachel nach dem andern aus meiner Brust, ich fing an, sie nach und nach ohne geheimen Widerwillen, und endlich mit Wohlwollen zu betrachten. Ich benutzte eine Zeit, wo sie nicht zugegen war, und erklarte mich gegen ihn uber die Absicht meines Besuchs, indem ich ihm zugleich mit Warme fur meine Rettung von Marcius Alpinus dankte, und ihm die Schrift uberreichte. Er wollte erst eine Weile nichts von dieser Rettung wissen, und als ich ihm endlich die zuverlassige Quelle nannte, von der meine Nachricht gekommen war, lehnte er meinen Dank mit Wurde und Feinheit ab. Lebhafter bewegt und erstaunt war er uber die Schrift und die Art, wie sie in weine Hande gekommen war; aber Alles, was ihn daran zu freuen schien, war mein guter Wille und die neue Bestatigung von der Vergebung seines Vaters. Er bat mich, und zwang mich zuletzt, der wunderbare Mensch, die Schrift wieder mitzunehmen, sie seinem Vater wieder zuruckzustellen, und ihm zu sagen, ihm genuge sein Wort, und seine Liebe, und zwischen ihnen sollte es nie eines solchen Instrumentes bedurfen. Ich that es ungern, denn ich furchte die Gewalt, welche bose Menschen in einer ublen Stunde uber den schwachen Hegesippus erhalten konnten. Doch musste ich Agathokles Grunden weichen, und seine Versicherung, dass ihn die Aussicht auf so glanzende Reichthumer nicht glucklicher machen konnte, als er es jetzt schon sey, war so sehr von Allem, was ihn umgibt, was er thut, bestatigt, dass ich zuletzt die Rolle beschamt in den Busen stecken, und gestehen musste, Agathokles sey in seinen einfachen Verhaltnissen weit glucklicher, als wir in allem Schimmer, der uns umgibt. Seitdem gefallt mir unser Haus in Nikomedien nicht wehr so ganz; mich dunkt, es waren da zu viel Glanz, zu viel Menschen, Gerathe, Gebrauche, zu wenig Genuss, zu wenig Moglichkeit, wahrhaft zu geniessen. Sollte die Ansicht wahr seyn, die in Synthium so lebhaft vor meine Seele trat, dass nur Frieden und Liebe wahrhaft glucklich machen? Sollte dies das Element seyn, in dem unser Wesen sich am leichtesten, am vollstandigsten entwickelte? O ich versichere dich, lieber Lucius, seit gestern gehen mir diese Zweifel nicht aus dem Kopfe, und das Bild eines stillen hauslichen Lebens an der Seite eines Mannes, wie Ich weiss nicht, was mir fehlt; eine Thrane tritt in meine Augen. Leb' wohl fur heute, Lucius! Ich mag nicht weiter schreiben ich war in meinem Leben nicht so wehmuthig gestimmt, und doch so still und ruhig.
Am folgenden Tage.
Wie ich uberlese, was ich geschrieben habe, sehe ich eben, dass ich noch ganz am Anfange meiner Erzahlung stehen geblieben bin; aber gestern war ich durchaus zu nichts mehr aufgelegt. Theophania kam zuruck, eben als ich die Schrift von Agathokles empfangen hatte, und lud mich ein, in sen. Alles im ganzen Hause, der Badesaal, die Sclavinnen, das Gerathe, das Wollenzeug2 trug das Geprage der Einfachheit, aber der hochsten Reinlichkeit und Bequemlichkeit. Recht erquickt kehrte ich aus dem schonen Saale zuruck, dessen hohe Fenster auf den Wald hinaus gehen, und vor welchen die rauschenden Zweige, vom Winde bewegt, Sonnenblicke und tanzende Schatten uber das Marmorbecken und die spiegelreine Fluth hinstreuten. Jetzt fuhrten mich die glucklichen Gatten in ihrem kleinen Eigenthum umher. Ich hatte ofters ganze Tage in Synthium zugebracht, aber bei Sulpiciens dusterer Lebensweise nichts als ein Paar Gemacher und einen Theil der Garten gesehen. Alles, was zur anhaltenden Beschaftigung gehort, Alles, was das Hauswesen betraf, war ihr, seit dem die ungluckliche Leidenschaft ihr Herz eingenommen hatte, fremd und lastig geworden. Ich fand Alles niedlich und in schonster Ordnung; ein liebenswurdiger Geist, Agathokles Mutter, von der er stets mit hochster Verehrung spricht, hatte Alles angelegt, und sein stilles, klares, zweckmassiges Walten kundigte sich uberall an.
In den warmen Stunden des Mittags ruhten wir in der lieblichen Kuhlung eines Marmorsaals. Eine Oeffnung in der Kuppel liess nur angenehmes Licht, aber keinen Sonnenstrahl hereindringen3, ein Springbrunnen in der Ecke erfrischte unablassig die Luft, und keine Ahnung der gluhenden Hitze, die jetzt die Gefilde draussen versengte, drang in diesen stillen halbdammerigen Zufluchtsort. Hier wurde das Mahl aufgetragen, einfache Speisen, meist Erzeugnisse der Villa selbst, Wer so einladend bereitet, und auf dem mit duftenden Krautern und Blumen bestreuten Tische geordnet, dass ich nie ein lieblicheres Mahl genossen zu haben glaubte. Du kennst den guten eifrigen Quintus, er vergass, in welchem Hause er war, und ergriff beim Anfange der Mahlzeit den Becher, um dem Jupiter eine Libation4 auszugiessen. Ich winkte ihm, Agathokles bemerkte meinen Blick. Lass dich nicht storen, Quintus! sagte er: thue, was du fur Pflicht haltst, und glaube nicht, dass wir uns daran argern. Dein, grosster, bester Jupiter5 ist auch eine der dichteren oder leichteren Hullen, unter welchen das Gemuth des Menschen den Weltenschopfer erkennt, und du ehrst diesen, wenn du jenem mit k i n d l i c h e m Sinn opferst. Aber du wirst auch unser nicht spotten, wenn wir dem, der uns erhalt und nahrt, auf unsere Weise danken. Und nun stand er mit Theophanien auf, seine Sclaven lauter Christen, stellten sich in einiger Entfernung um ihn her, Alle machten das Zeichen des Kreuzes ihr Symbol uber Stirn und Brust, alle beteten leise, mit gefalteten Handen in ehrfurchtsvollen Stellungen. Ich gestehe dir, ich war weit entfernt, das lacherlich zu finden. Es war mir ein zu schoner Anblick, wie hier Quintus dem Jupiter die Libation verrichtete, und dort Agathokles mit seinen Christen zu ihrem Gott, und sie Alle im Grunde zu dem Einen unbekannten Wesen beteten, dessen Daseyn Niemand b e w e i s e n kann, das glauben zu konnen gewiss eine Art von Gluck seyn muss. Es war mir sogar schmerzlich, dass ich dies Gluck nicht theilen konnte, und mein Herz da kalt bleiben musste, wo, jene in sussen Empfindungen des Dankes schlugen.
Es entspann sich nun sogleich zwischen Quintus und Agathokles ein lebhaftes Gesprach uber ihre Religionen.
Agathokles hiess die Sclaven hinausgehen, und fing an des Bruders Behauptungen mit Waffen zu widerlegen, denen dieser nicht gewachsen schien. Er schilderte, ohne sich einen spottenden Ausdruck zu erlauben, die Nichtigkeit unserer Gottheiten, wie sie jeder denkende Mensch fuhlen muss, die schadliche Wirkung des Mangels an allgemein verehrlichen wurdigen Gegenstanden auf ein Volk, das grosstentheils nicht durch langsame Fortschritte zu einer seinen Geisteskraften angemessenen Cultur gekommen, sondern uber das die Wolluste, die Ueppigkeit und die Kenntnisse unterjochter weichlicher Nationen, als Beute der Sieger, wie ein Strom unvorbereitet hereingebrochen waren, auf ein Volk, bei dem sich schnell die alte rauhe Tugend mit den verfeinerten Wollusten Asiens und Griechenlands vermischte, und das nun durch die eben so schnell erreichte Ueberreifheit des Geistes Alles, was einer bessern Vorwelt heilig war, muthwillig und lustern in den Staub tritt. Er suchte uns endlich zu beweisen, dass nur die Einfuhrung einer Religion, die statt der erloschenen Tugenden, statt Vaterlandsliebe, strenger Sitte u.s.w., uberirdische Beweggrunde zum Handeln angibt, und die reinste Sittlichkeit fordert, dem allgemeinen Verderbniss und der Auflosung des Ungeheuern Staatskorpers wirksam entgegen arbeiten konne.
Wahrend dieses Gesprachs, das mich, obwohl ich bei Weitem nicht mit Allem verstanden war, doch sehr anzog und beschaftigte, war die Sonne gesunken, wir traten aus dem Speisesaal in's Freie, der Mond ging hinter dem Cedernwald auf, und wir wollten Abschied nehmen. Aber unsere gutigen Wirthe liessen uns nicht so schnell von sich. Besonders drang Theophania mit einer Herzlichkeit in mich, der ich unmoglich widerstehen konnte. Wir blieben mit dem angenehmen Gefuhl, mit dem man sich unter guten liebenden Menschen befindet, und mein Widerwille gegen Theophania hatte sich, ich weiss nicht wie, ganz aus meinem Herzen verloren. Wir durchwandelten die Garten in der Kuhlung des Abends und der kommenden Nacht, Gesprache, Saitenspiel und Gesang verkurzten die Stunden, auch Theophania singt und spielt, und ich kann dich versichern, mit bedeutender Fertigkeit und Anmuth. Zwei freundliche Zimmer, vor deren Fenstern Orangenbaume im Nachtwind sauselten, nahmen uns endlich auf, und ein leichter luftiger Schlummer schloss meine Augen, und hinderte jeden ernsten Ruckblick auf den in so vieler Hinsicht merkwurdigen Tag. Als Aeos mit Rosenfingern erwachte, erweckte ihr rothlicher Glanz zwischen Blatterschatten um mich spielend, meine Sinne aus dem erquikkenden Schlafe. Ich wagte es um meines Vaters willen nicht langer zu bleiben, so wohl es mir hier in dieser Wohnung des Friedens und der Liebe gefiel. Wir nahmen herzlichen Abschied von den edlen Bewohnern des Hauses, mussten ihnen versprechen, bald wieder zu kommen, und so langte ich denn gestern in seltsamen Gefuhlen und Gedanken hier an, die mich noch nicht verlassen haben, deren Eindruck, wie ich glaube, so bald nicht aus meiner Brust verschwinden wird. Leb' wohl!
Fussnoten
1 Stadium war ein Langenmaass der Alten. 2 Die Alten kannten den Gebrauch der Leinwand nicht so wie wir, sie bedienten sich meistens wollener Stoffe, wozu die Wolle oft auf ihren eigenen Gutern, von ihren Heerden gezogen, dann von ihren Sclavinnen gesponnen, gewebt, und zu dem verschiedenen Gebrauch, den man davon machen wollte, bearbeitet wurde. 3 Das warme Klima in den Landern, welche die Griechen und Romer bewohnten, machte es ihnen nothwendig, auf Schutz vor Hitze und Sonnenbrand in ihren Hausern zu sehen. Es waren also manche Gemacher, wie auch heut zu Tage in den Hausern der Morgenlander, die ihr Licht blos von oben empfingen, und in welchen ein springendes Wasser die Kuhlung erhielt. 4 Die Alten gossen am Anfange der Mahlzeit ihren Gottern etwas Wein zum Opfer auf die Erde. Dies hiess die Libation. 5 Optimus Maximus, war ein gewohnlicher Beiname des Jupiters.
84. Agathokles an Constantin.
Synthium, im Aug. 303
Nicht an den Fursten der Genugsame bedarf dessen nicht nicht an den Retter meines Lebens, das dem Sohne des Abendlandischen Casars, wie dem unberuhmten Sohne des Hegesipps nie Zweck, nur Mittel zu hoheren Zwecken seyn kann aber an den geliebten, ewig theuern Freund, der mich im Unwillen verlassen, und nun seit Monden mich vergessen zu haben scheint, wendet sich mein Herz noch einmal. Gegen keinen andern Sterblichen wurde ich diesen Schritt thun. Bei dir bin ich sicher, dass du, wenn auch deine Liebe gestorben ist, doch Achtung fur mich bewahrst, und mich nicht verkennst.
Ich kann nichts von dem bereuen, was ich gethan habe, ich wurde es noch einmal thun, wenn die Gelegenheit wieder eintrate: aber ich fuhle, dass mein Leben selbst in Theophaniens Armen ohne dich nicht vollendet ist. Das schone Urbild vollkommenen Seeleneinklangs, das mir in den Gefilden von Carrha erhaben und stolz vor die Seele trat, ist entflohen, wie die meisten seiner Bruder. Ein verklartes himmlisches Gebild, ist es zum Himmel zuruckgekehrt, aus dem es stammte, nachdem es meine Brust eine Weile entkelt hatte. So musste es seyn, und in der Verkettung der Dinge war auch diese Lauterung nothwendig. Aber die Liebe ist zuruckgeblieben, rein und warm, wie sie in meinem Herzen entsprang, als ich dich das erstemal sah. Ich schame mich nicht, es dir zu gestehen, ich schame mich nicht, als der erste die Hand zur Versohnung zu bieten. Das, was bei gewohnlichen Freundschaften das Zartgefuhl von diesem Schritte abhalten konnte, deine und meine burgerlichen Verhaltnisse, kann bei uns nicht in Anschlag kommen. Fur mich bist du nur Constantin, nur der, in dessen Brust ich die himmlische Flamme hell auflodern sah, an der auch mein Leben sich gern verzehrt.
Ich lebe in Synthium. Wo du dich jetzt befindest, weiss ich nicht bestimmt. Ich sende diesen Brief nach Nikomedien in den kaiserlichen Palast. In acht Tagen, wo immer du dich auf einer der deinigen, oder der kaiserlichen Villa aufhaltst, kann ich Nachricht haben. Kommt mir keine, so werde ich mich bescheiden, und mit der Kraft, mit der ich schon so Manches in diesem Leben ertrug, auch dies ertragen lernen; dich aber soll kein Wort, weder bittend noch vorwerfend, an alte Bande erinnern, die in demselben Augenblicke gegenseitig abgeworfen werden mussen, wo sie den Einen Theil zu drucken anfangen. Leb' wohl.
85. Theophania an Junia Marcella.
Synthium, im Sept. 303.
Mein Leben ist still und einfach, und mag in den Augen der Welt wohl einformig erscheinen, aber in seinem verborgenen Schoosse liegt ein Reichthum von kleinen Begebenheiten, von reger Abwechselung fur das Herz, die uns die Geschichte manches Tages merkwurdig und unvergesslich macht.
Einen solchen Tag verschaffte uns neulich ein Besuch, den ich wahrlich nicht vermuthet, von dem ich mir das Angenehme nicht versprochen hatte, das er mir gewahrte. Calpurnia war bei uns. Ich kann dir nicht beschreiben, wie seltsam mir zu Muthe war, als Agathokles in mein Zimmer trat, um sie mir anzukundigen. Ich fuhlte, dass meine innere Bewegung sich in meinen Zugen malte; Agathokles bemerkte es wohl, und eine innige Umarmung sollte mich beruhigen. "Empfange sie gutig, meine Geliebte! Sie ist, trotz ihrer von uns verschiedenen Denkart, ein edles Madchen." Ich fasste mich schnell. Dass Agathokles es wunschte, war mir genug, und dass sie ihn geliebt, verloren, und an mich verloren hatte, stimmte mein Herz zu ihrem Vortheil. Ich fuhlte, dass ich in einer Schuld gegen sie war, und dass ich ihr durch die grossnen Theil derselben abtragen konnte. So empfing ich sie, und was ich um meiner selbst willen gewunscht hatte, gelang mir vollkommen. Sie ward mir gut. O gewiss, zwei Herzen, die sich so genau, so innig in ihrer Liebe fur ein Drittes begegnen, denen ein gleiches Urbild von Liebenswurdigkeit vorschwebt, konnen unmoglich anders, als ahnlich fuhlen.
Wie ganz anders erschien sie mir nun damals, wie sie mich zum erstenmale sah! Noch war sie reizend im hochsten Grade, aber dieser Reiz hatte nicht mehr den Anstrich von Leichtsinn und Flatterhaftigkeit, der mich einst so emporte. Es war ein leichter Schleier von Ernst daruber gebreitet, und manchmal glaubte ich sogar ein Wolkchen der Wehmuth in ihren schonen Augen schwimmen zu sehen. Ach wenn ich dachte, diese sanfte Trauer konnte einem verlorenen Gute gelten, das ich ihr entrissen hatte, dann schwoll mein Herz von Mitleid, und ich hatte ihr um den Hals fallen, und das anmuthige Wesen um Vergebung bitten konnen.
Noch zwei Tage klangen die sussen Gefuhle in uns nach, die Calpurniens und ihres Bruders, eines sehr edlen Junglings, Umgang in uns geweckt hatte. Ich sah, dass Agathokles froher athmete, seit dem seinem Herzen die Versicherung ward, ein liebenswurdiges Wesen, das sich vielleicht von ihm gekrankt glauben konnte, habe diesen Wahn aufgegeben, und ihre Achtung sey ihm unverloren. Auch sein Vater fahrt fort, ihn mit grosser Gute und Liebe zu behandeln, er war schon zweimal bei uns, und es scheint, als ob die Natur mit ihren einfachen Freuden ihr unverjahrbares Recht selbst uber die allzuverfeinerten, von ihr entfremdeten Menschen ausubte. Er scheint, so wie Calpurnia, sich auf dem Lande zu gefallen; vielleicht ist es eben um der Neuheit der Gegenstande und des scharfen Contrastes willen.
Die grosste, die reinste Freude war uns noch vorbehalten. Am schwersten unter allen ertrug Agathokles seine Trennung von Constantin. Ich sah deutlich, wie dieser Gedanke an seinem Herzen nagte, und seine stillsten, sussesten Freuden storte. Seine Liebe hielt diese Spannung nicht mehr langer aus, er suchte einen Anlass, den ersten Schritt zur Versohnung thun zu konnen, so sehr auch das Recht auf seiner Seite war. Es fand sich keiner, und so that er ihn denn endlich unveranlasst, weil er liebte. Er schrieb an den Fursten, und ich konnte wohl bemerken, wie gespannt sein ganzes Wesen auf den Erfolg dieses Briefes war. Er hatte acht Tage festgesetzt, binnen welchen er die Antwort erwarten wollte. Am Abend des Zweiten gingen wir durch thauende Gefilde von einem Spaziergange in unser Haus zuruck, als plotzlich aus dem nahen Gebusch Constantin hervorsturzte, und heftig an Agathokles Brust sank. Fest, innig, als wollten sie sich fur die Ewigkeit halten, umschlangen sich die beiden Freunde, kein Laut entweihte die stille Feier dieser Scene. Endlich richtete sich Constantin auf, er wollte Etwas von Verzeihung, von Entschuldigung sagen Agathokles legte ihm den Finger auf den Mund. "Still davon, mein Getreuer! Lass uns das Vergangene vollig vergessen. Du liebst mich noch, du hast mich nicht aus deinem Herzen geschlossen das ist Alles, was ich zu wissen brauche, um ganz glucklich zu seyn." Sie umarmten sich von Neuem. Ich sah Thranen in Agathokles Augen, die untergehende Sonne hatte nie aus schoneren Tropfen wiedergestrahlt. Ich war tief bewegt, meine Hande falteten sich unwillkuhrlich, und ich bemerkte erst, dass ich in betender Stellung dagestanden hatte, als Agathokles zu mir trat, den Arm um mich schlang, und Constantin meine Hand mit herzlichem Drucke ergriff. In ihrer Mitte kehrte ich in die Villa zuruck. Constantin blieb drei Tage bei uns, und nie habe ich meinen Agathokles so glucklich gesehen, als in diesen drei Tagen. So wachst meine Zufriedenheit mit jedem Tage, und in frohen Ahnungen sieht mein Herz noch schonern Zeiten entgegen. Dich noch einmal zu sehen, ist jetzt der einzige heftige Wunsch meiner sonst stillen begluckten Brust, und wer weiss, ob es mir nicht moglich wird, in Gesellschaft meines Agathokles den nachsten Fruhling in deine Arme zu eilen? Dann bin ich vollkommen glucklich.
86. Calpurnia an Lucius Piso.
Nikomedien, im Sept. 303.
Was wird sich noch mit mir zutragen? Wohin wird das launenhafte Schicksal mich noch fuhren? Sulpicia ist todt! Ihr trauriges freudenloses Daseyn ist geendigt. Was ich langst als gewiss voraus sah, war nun geschehen, es uberraschte mich nicht aber es schmerzte mich tief. Du weisst, wie ich sie geliebt habe, und wie sehr ich strebte, ihr Herz vor Eindrukken zu bewahren, deren zerstorende Folgen ich dunkel im Voraus ahnete. Tiridates selbst brachte die Trauerbotschaft, er ist hier. Dieser Verlust, seine Anwesenheit, sein Schmerz, die Pflicht der Freundschaft, ihn zu trosten und aufzuheitern Alles vereinigt sich, um mich mir selbst zu entreissen, und mein Leben aus jenem behaglichen Gleichmuth zu bringen, in dem mir durch neunzehn Jahre so wohl war, den ich mir aus allen Kraften zu erhalten strebte.
Agathokles war vermahlt. Alle Empfindungen, die um seinetwillen mein Gemuth in irgend eine angenehme oder widrige Spannung brachten, mussten auf Befehl der Vernunft schweigen, jede lebhafte Regung zur stillen Neigung, jede schmerzliche Erinnerung zum stachellosen Andenken an einen entschwundenen sinn nenne es wie du willst; was liegt am Namen, wenn nur die Wirkung bleibt? war in diesen Bestrebungen schon ziemlich weit gekommen. Der Gedanke, dass ich ihn ohne Ruckkehr durch seine eigene Wahl verloren, hob die Unruhe der Ungewissheit auf, kein Rathsel blieb zu losen, kein Wort, keine Begegnung zu deuten. So horte sein Bild auf, die Beschaftigung meiner einsamen Stunden zu seyn. Ich verglich mich mit Theophanien, ganz unparteiisch, Bruder, ich versichere dich, und ich fand bei aller Gerechtigkeit, die ihr mein Herz willig widerfahren liess, dass der Mann, der mit ihr zufrieden seyn konnte, es unmoglich mit mir seyn, unmoglich auf die Dauer mich hatte glucklich machen konnen.
So hatte ich nach und nach mein Herz, das die Vorfalle der letzten Zeit gewaltsam aufgeregt hatten, zu beschwichtigen angefangen. Es ward wieder stille in mir, und ich sass eben vor mehreren Tagen am Rahmen, um einen Schleier fur Theophanien zu sticken, und ihr so alle die zarten Aufmerksamkeiten und Gefalligkeiten zu vergelten, womit sie mich uberhauft, mir die schonsten Blumen, die schonsten Fruchte ihrer Villa schickt, als plotzlich die Vorhange meines Gemachs sich rauschend theilten, und ein Mann in schimmernder orientalischer Kleidung, von einer grossen Anzahl eben so glanzender Sclaven gefolgt, die im Vorsaale standen, in mein Zimmer trat. Ich sprang auf, ich erkannte den Fremden nicht sogleich. Da eilte er auf mich zu: Sie ist todt! rief eine schmerzliche bekannte Stimme, und ich sah mich in Tiridates Armen. Sie ist todt! wiederholte er noch einmal, riss sich schnell los, warf sich auf das Ruhebett, verbarg das Gesicht in die Kissen, und schluchzte laut auf. Ich begriff nun, was diese plotzliche Erscheinung bedeutete. Sulpicia hatte geendet, und ihr unglucklicher Gemahl hatte nicht vermocht, an dem Orte zu bleiben, wo ihn Alles an seinen Verlust erinnerte. Mein Herz war von einer Menge schmerzlicher Empfindungen auf einmal ergriffen. Sulpiciens Tod, Tiridates Erschutterung, die Erinnerung an so manche vergangene Tage, wo ich den, der nun tief gebeugt, schluchzend, unglucklich vor mir lag, in allem Schimmer seines Standes, in koniglichem Wirken, in frohem Lebensmuthe gesehen hatte, presste meine Brust gewaltsam, und nur ein Thranenstrom machte meiner Beklemmung Luft. Als er mich weinen horte, richtete er sich auf, und o mein lieber Bruder, wie unwiderstehlich war er in seinem Schmerze! Das spruhende Feuer seiner Augen brach schon gemassigt durch einen Schleier von Thranen, die uppige Jugendfulle seiner Zuge war verschwunden, seine Farbe war blasser geworden, und der Ausdruck des tiefsten Kummers erhohte auf eine wunderbare Art die Bedeutenheit dieser edlen Formen. Denke dir noch dazu die prachtige orientalische Kleidung, die Gehange von den kostbarsten Steinen uber die Brust, den breiten majestatischen Kopfputz von blendendweissem Stoffe mit schimmernden Edelsteinen aufgebunden, diese Tracht, die so sehr gemacht scheint, eine edle Gestalt noch edler zu zeigen ich war so uberrascht, so seltsam bewegt, dass ich eine Weile stumm und weinend vor ihm stand. Er nahm meine Hand. Ach, wer hatte das gedacht, fing er endlich aus tiefer Brust an, als ich vor einem Jahre mit ihr aus Italien entfloh! So hatte endlich sein Schmerz Worte gefunden. Ich war froh daruber, ich setzte mich an seine Seite, er erzahlte mir von unserer Verlornen, den Gang ihrer Krankheit, die letzten Stunden, die letzten Worte meiner theuren Sulpicia.
Meine Thranen begleiteten oft seine Erzahlung, aber die seinigen hatten aufgehort zu fliessen, und ich sah mit Freuden, dass diese ungestorte Ergiessung sein Herz erleichtert hatte.
Seit dem bringt er fast alle Stunden, die ihm seine Verhaltnisse, sein Aufenthalt am Hofe ubrig lassen, wo ihn Diocletian mit ausgezeichneter Pracht und Freundschaft empfangen hat, bei uns, oder eigentlich bei mir zu. Wir waren gestern, von meinem Vater begleitet, in Synthium.
Der erste Anblick seines Freundes, den er seit seinem Verlust nicht gesehen hatte, erweckte seinen Schmerz wieder, und das Gluck der beiden Gatten, Theophaniens Gestalt, die ihren Gemahl zu Hoffnungen berechtigt, welche dem kindlosen letzten Fursten seines Stammes so unendlich wichtig waren, erinnerten ihn schmerzlich an sein zerstortes Gluck. Doch richtete sich sein Geist auch diesmal machtig auf. Die Freude, Agathokles so glucklich zu wissen, und anziehende Gesprache zerstreuten ihn angenehm. Ich finde, dass seitdem seine Heiterkeit mit jedem Tage zunimmt, und das Bild der truben Vergangenheit je mehr und mehr in Schatten zurucktritt.
Das ist's auch eigentlich, was ein vernunftiger Mann thun soll. Nur Schwarmer oder unselbststandige Gemuther halten einen schmerzlichen Eindruck mit stolzem Eigensinn fest, und finden eine Art Wollust oder Ruhm darin, unglucklich zu seyn, oder es wenigstens zu scheinen. Tiridates hat seiner Frau sowohl wahrend ihrer Krankheit, als nach ihrem Tode die befriedigendsten Zeichen seiner Treue und Liebe gegeben. Er hatte sie in den letzten Tagen keinen Augenblick mehr verlassen. In seinem Arm war sie gestorben, sein Mund empfing ihren letzten Hauch, und es kostete seinen Freunden, so wie seine Begleiter erzahlen, Muhe, ihn von der Leiche zu entfernen, und wieder an seine vorige Lebensweise, an den Anblick der Menschen zu gewohnen, die er in Schmerz versenkt unwillig floh. Das ist Alles, was die Vernunft, die Liebe, was selbst Sulpicia, wenn bei den Schatten noch Erinnerung ist, von ihm fordern kann. Das Andenken an ihre Liebe, an die schonen Stunden, die sie ihm gab, wird nie aus seiner Seele schwinden. Aber sein Reich, seine Verhaltnisse zu den Hofen von Nikomedien und Persien fordern seine Aufmerksamkeit mit gebietender Strenge, sein Volk sieht einer zweiten Verbindung, die ihm einen Thronerben, und dem Reiche seine kunftige Ruhe zusichert, mit Verlangen entgegen. Er kann nicht handeln, wie ein Einzelner, und so darf er auch nicht trauern, wie ein Einzelner. Der Maassstab, mit dem man gewohnliche Menschen misst, darf nicht fur Herrscher gebraucht werden, die nicht fur sich allein stehen, an deren Entschliessungen das Wohl von Myriaden hangt. So mussen seine Freunde froh seyn, wenn sein erster wilder Schmerz sich in sanfte Wehmuth, und diese in stillen Ernst aufloset.
Hier in Nikomedien hat mit seiner Ankunft wieder ein regeres Leben angefangen. Der Augustus gibt seinem koniglichen Gaste zu Ehren glanzende Feste, Schauspiele u.s.w. Viele, schone, viele bedeutende Frauen und Madchen erscheinen dabei, einige benachbarte Fursten sind mit ihren Familien hier, man kann wohl denken, in welcher Absicht. Ein Thron, eine Gestalt und ein Herz wie Tiridates, der auch als Privatmann so achtungs- und liebenswerth seyn wurde, verdienen wohl die Anstrengungen, die freilich etwas zu sichtlich dafur gemacht werden. Meine Zeit ist jetzt wieder sehr beschrankt. Tiridates zeigt uns deutlich, dass meines Vaters und meine Gegenwart ihm die Freuden jener Feste erhohen, und ihn fur manchen Zwang, dem er sich unterwerfen muss, entschadigen. Ich lebe daher ziemlich zerstreut, und habe vier volle Tage an diesem Briefe zugebracht, dem du es wohl abmerken wirst, dass er nicht in derselben Stimmung geschrieben worden ist. Leb' wohl.
87. Agathokles an Phocion.
Nikomedien, im Oct. 303.
Es ist moglich, mein theurer Freund! dass wir uns bald sehen. Ich werde Nikomedien, wo mich wenig mehr zuruckhalt, wahrscheinlich mit den Meinigen auf lange Zeit verlassen. Meinen gutigen geliebten Vater hat vor wenigen Tagen ein gaher Tod uns entrissen. Hohes Alter und zunehmende Schwache hatten uns zwar langst auf diesen Fall vorbereitet, dennoch erfullte er uns mit eben so viel Trauer und Schrecken, als ware er in der Bluthe der Jahre gewesen. Denn wie sehr der Mensch sich auch auf einen bosen Zufall gewaffnet glaubt, so ist doch ein unendlicher Abstand zwischen der festbestimmten Wirklichkeit, die nichts mehr erschuttert, und jenem zitternden Zustand, in den noch stets und unbewusst sich leise Hoffnung mischt. Er hat mir verziehen, er hat mich mit schwacher sterbender Hand gesegnet, und sein liebes Kind genannt. Das ist der einzige Punkt, auf dem meine Seele mit Beruhigung verweilt. Er hat sogar sein Testament zuruckgenommen, und seine grossen Reichthumer auf eine fur sich sehr parteiische Weise zwischen mir und seinem Neffen Leucippus, dem sie vorher ganz bestimmt waren, getheilt. Leucippus ist ein len seines Vaters, meines Oheims, traf, hatte ihm die Liebe und das Vermogen seines Vaters entzogen. Diese Rucksicht, eine zahlreiche Familie und mancherlei Unglucksfalle machten, dass ich mit Freuden das Schicksal eines wurdigen gekrankten Verwandten durch diese Verfugung erleichtert sah. Er war edel genug, sogleich zu mir zu kommen, und freiwillig auf ein Geschenk Verzicht leisten zu wollen, wodurch er mir mein Eigenthum zu entziehen furchtete. Mir ware der blosse Wille meines Vaters hinreichend gewesen, wenn er mich auch hart getroffen hatte, um nie den geringsten Anspruch auf einen Besitz zu machen, dessen Wertheilung ganz von ihm abhing, auf den ich kein Recht zu haben erkenne. Leucippus ist sehr glucklich, ich habe einen treuen dankbaren Freund gewonnen, und so muss ich doppelt meines Vaters Verfugung segnen. Wenn ich nach Europa komme, so werde ich unmoglich die Kusten eines Landes, wo du schon lange von mir getrennt bist, betreten konnen, ohne dich zu sehen. Wie gross auch der Umweg seyn mag, ich eile sicher von Byzanz in deine Arme, und bringe dir meine Theophania. Mich fuhren die Angelegenheiten meiner Glaubensgenossen durch Dacien und Noricum, vielleicht sogar bis nach Britannien zu dem abendlandischen Casar. Galerius Untergebene wuthen in den Provinzen, die seiner Macht anvertraut sind, ganz im Sinne ihres Gebieters gegen die Christen. Constantin hat vom Diocletian, der ihn seit einiger Zeit mit grosserer Auszeichnung behandelt, ein Edict erhalten, worin das Verfahren bei den Untersuchungen, die Zwangsmittel und Strafen genauer bestimmt, und der Willkuhr nicht mehr so viel Raum gelassen wird. Dies ist hauptsachlich fur jene Provinzen bestimmt, in denen Galerius befiehlt. Nicht viel besser geht es jenen, die unter dem Zepter des rohen Maximian stehen. Nur in Spanien, Gallien und Britannien schutzt Constantins milder Geist die unglucklichen Verfolgten. Viele hart bedrangte Familien fluchten daher aus jenen Provinzen in diese stillen Freistatten, und da man sie, besonders die Reichen, nicht gern ziehen lasst, so entstehen hieraus tausend Misshelligkeiten und Zwiste, die nur eines Anlasses bedurften, um in volle Flammen auszubrechen.
Alles gahrt in wildem Missmuthe, Alles ist bereit, offenen Krieg zu erklaren, die Zeiten der Ruhe sind vorbei, die dumpfe Stille, die noch jetzt herrscht, ist Tauschung und Schein. Sobald Diocletian, dessen Gesundheit und Geisteskraft sichtbar abnehmen, die Augen schliesst, treten die schrecklichen Scenen ein, die vor seiner Regierung das Reich, die Welt verwusteten. Das sind die Ahnungen, die bereits vor zwei Jahren meinen Geist duster umwolkten, wenn ich dem Gange der Begebenheiten nachsann, und seit jener Zeit hat nicht das geringste Ereigniss meine Furcht Lugen gestraft, vielmehr jedes dazu beigetragen, sie zu bestatigen. Aber nicht mehr rettungslos erscheint mir jetzt, wie damals, die Lage des Menschengeschlechts, es gibt eine Hoffnung, es lebt ein Retter. Das Christenthum muss herrschende Volksreligion werden, die Romische Welt Ein Oberhaupt haben, die alten Formen mussen zerbrochen, der Sitz der Regierung wo anders hin verlegt, die Macht der Pratorianer, dieser nie zu loschende Vulkan, aus dessen Schoosse alle die unseligen Sturme hervorbrechen, zerstort werden. Und wer, wer unter allen Menschen, die jetzt auf dem Schauplatz der grossen Begebenheiten leben und wirken, konnte diese schone, begluckende Idee in Wirklichkeit einfuhren, wer anders als Constantin, er, den die Vorsicht ganz dazu bestimmt, und mit allen Gaben, die dieser hohe Beruf erfordert, ausgerustet zu haben scheint? Ost in stillen unvergesslichen Stunden war der Entwurf und die mogliche Ausfuhrung dieses Plans unser feuriges Gesprach, unser gluhender Wunsch. Vieles ist abgeredet, angelegt, vorbereitet worden, und ich gehe jetzt mit freudigem Muthe hinuber auf den Schauplatz kunftiger grosser Ereignisse. Jene Angelegenheiten, von denen ich dir schrieb, die Verfolgungen meiner Bruder, sind, so wichtig sie meinem Herzen bleiben, doch fur jetzt nur Nebenzweck und Vorwand, der die eigentliche Ursache meiner Sendung und meiner Geschafte verbergen muss. Ein grosserer wichtigerer Zweck fordert alle meine Aufmerksamkeit. Tausend geheime Faden mussen angeknupft, tausend Anstalten im Verborgenen getroffen werden, damit, wenn die Catastrophe, die aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr fern ist, eintritt, Constantin alle Mittel zur Hand, Heere geworben. Schatzel, Freunde gesammelt, nichts dem Zufall uberlassen, und so alle Krafte bereit finde, um den grossen Plan zu begrunden, und zu befestigen.
88. Theophania an Junia Marcella.
Nikomedien, im Oct. 303.
Funf Monate sind nun im stillen Genusse der reinsten Seligkeit verflossen, ich war glucklich glucklich, wie vielleicht Menschen es sonst nie oder nur auf kurze Augenblicke sind. Ich habe dieses Gluck durch funf Monate genossen, ich darf nicht klagen, wenn es jetzt zum Theil aufhort, und dustere Wolken hier und da emporsteigen, und die Zukunft meiner Vergangenheit gleich zu machen drohen. Mein Schwiegervater ist gestorben, das war die erste Storung unseres stillen Glucks. Er hat meinem Gemahl vollig verziehen, er hat ihn in den letzten Augenblicken mit ruhrender Zartlichkeit behandelt, er hat sein erstes Testament zuruckgenommen, und nur einen Theil seines Vermogens einem edlen aber unglucklichen Verwandten zugewendet, den die Familie vorher tief gekrankt, und im Elende beinahe hatte untergehen lassen, wenn ihn nicht Agathokles nach allen seinen Kraften unterstutzt hatte, ohne dass Leucippus jemals erfahren konnte, wer sein unbekannter Wohlthater sey. Nun hat Hegesippus letzter Wille sie auch offentlich vereinigt, und Agathokles behandelt den neuen Freund wie einen geliebten Bruder. wurde es immer mehr. Constantin kam oft zu uns, sie unterredeten sich lange und angelegentlich, sie liessen mich oft Theil an ihrem Gesprache nehmen. Ich musste die Wichtigkeit ihrer Entschlusse, und ihren ernsten Willen zum Guten bewundern, aber mein Herz zitterte in Geheim vor den mancherlei Verhaltnissen, Verwirrungen, Anstrengungen, die sie nach sich zogen, vor dem gewaltigen Treiben der Welt, das meinen Gemahl jetzt wieder ergreifen und mitten in seine Wirbel reissen wurde. Ich konnte alle diese schonen grossen Entwurfe fur nichts anders, als den Schwanengesang meines stillen Gluckes halten. Aber unsere Seelen verstehen sich zu gut, um auch nur Einen Gedanken, eine Regung ungetheilt zu bewahren. Er errieth mich, er verwies mir liebreich diese Anwandlung vom Egoismus, dem herrschenden Geiste der Zeit, er stellte mir vor, dass ich eine Romische Burgerin, eine Christin sey. Ach, ich erkannte die Wahrheit aller seiner Grunde, aber dennoch schauderte ich bei jedem Gedanken an die unruhige, ungewisse Zukunft!
Nun wurde endlich beschlossen, dass Agathokles nach Europa, und vielleicht bis nach Britannien gehen sollte. Er kundigte es mir an, und trostete mich zartlich und liebevoll. Ich betheuerte ihm, dass ich den Gedanken der Trennung nicht ertragen konne. Ich erklarte ihm, ich wurde ihn begleiten, wohin er ginge, bis an die Saulen des Herkules, bis an's ausserste Thule1; keine Entbehrung, keine Beschwerlichkeit der Reise wurde mir so hart, so schmerzlich werden, als ein Leben im Schoosse der Bequemlichkeit und des Ueberflusses ohne ihn. Er gab endlich meinen Bitten nach, nachdem er mir vorher Alles, was ich zu dulden, zu furchten haben konnte, mit den lebendigsten Farben gemalt hatte; und als ich endlich weinend an seine Brust sank, und ihm sagte, ich konnte nicht leben ohne ihn, da schloss er mich heftig und mit nassen Augen an sein Herz, und gestand mir, dass es sein heisser Wunsch gewesen sey, sich nicht von mir trennen zu durfen, dass er vor meinem Ausspruch gezittert, und nur aus angstlicher Sorge fur meine Gesundheit und seine Vaterhoffnungen sich verpflichtet gefuhlt habe, mir Alles vorzustellen, was ich wagte, und unternahm. O Junia! Welche Leiden, welche Beschwerlichkeiten mussten das seyn, die ich nicht mit Freuden ertruge, um seine Gegenwart, das Gluck, mit ihm zu leben, damit zu erkaufen!
So war denn unsere Abreise fest bestimmt, als plotzlich, ich kann eben nicht sagen, ein unerwartetes, aber doch ein uberraschendes Ereigniss sie noch eine Weile verschob. Die Konigin von Armenien endigte vor einigen Monaten ihr schwermuthvolles Leben, und wenn ich mir denke, wie wenig glucklich sie sich selbst bei der Erfullung aller ihrer Wunsche fand, so kann ich bei diesem Verlust, wie du mir einst sagtest, wieder nur die Zuruckgelassenen bedauern, und auch diese in dem gegenwartigen Falle nicht tief. Der Konig kam vor zwei Monaten hieher, um seinem Schmerz zu entfliehen, um sich zu zerstreuen, und wirklich sah ich noch nie einen Menschen, dem dies Bestreben so bald und vollstandig gelungen ware, als ihm. Die schone Calpurnia, die Freundin seiner verstorbenen Frau, war naturlicher Weise die erste Person, bei welcher er Trost und Beruhigung suchte. Sie weinte mit ihm, sie horte seine Klagen an, in der Liebe fur die Entrissene begegneten sich ihre Seelen, und was konnen die Seelen dafur, wenn ein solches Zusammentreffen langer wahrt, als gerade der Schmerz erforderte, wenn man sich einander wieder, und abermals wieder zu begegnen wunscht, und wenn endlich die Seelen in so reizende Hullen eingeschlossen sind, dass sie vor Vergnugen, einander in diesen Hullen zu bewundern, gar nicht mehr von einander scheiden wollen? Ich muss gestehen, Tiridates ist vielleicht die schonste mannliche Gestalt, die ich je gesehen habe; die Art und die ausnehmende Pracht seiner Kleidung tragt noch mehr bei, sie im vortheilhaftesten, im wahren koniglichen Glanz und Anstand zu zeigen. Dennoch glaube ich, wenn ich noch in der Bluthe meiner Jugendgefuhle ware, diese kolossalen Formen, diese lebhaft und munter blitzenden Augen, dieser Ausdruck von Lebenslust und Frohlichkeit wurde mich nie angezogen haben. Calpurnia denkt anders. Nur kann ich nicht recht fassen, wie der Ausdruck so entgegengesetzter Gemuther, so ganz verschiedene Erscheinungen, als Agathokles und der Konig sind, so schnell hintereinander dieselbe Person in derselben Starke ruhren konnten. Doch wer ergrundet das menschliche Herz in seinen Widerspruchen und Inconsequenzen! Es ist hieruber nichts zu sagen, und Niemand zu tadeln, weil er auf eine Weise fuhlt, die wir nicht begreifen konnen.
Schon bei dem ersten Besuch, den sie uns einige Tage nach Tiridates Ankunft auf der Villa machten, war es mir sehr wahrscheinlich, der Konig werde sich bei Calpurnien uber seinen Verlust trosten, und sie den ihrigen gern und leicht uber einen so schimmernden Ersatz vergessen. Er hatte nichts beobachtet. Du weisst, Manneraugen sehen in dergleichen Dingen nie scharf, nur in unsere Seelen hat die Natur uber solche Dinge ein gar zu feines, sicheres Gefuhl gelegt. Wir ahnen, wir erkennen diese Erscheinungen bei uns und Andern leicht, wenn wir auch von den Grunden oder Merkmalen keine deutliche Rechenschaft zu geben wissen. Bei der zweiten, dritten Zusammenkunft blieb mir kein Zweifel ubrig. Tiridates redete mit meinem Gemahl von unserm Gluck, von unsern Hoffnungen, mit feuriger, nicht wehmuthiger Begeisterung, er sprach von der Nothwendigkeit, seines Volkes Gluck durch eine unbestreitbare ruhige Thronfolge zu sichern; von dem traurigen Loose der Regenten, die so selten den Neigungen ihres Herzens folgen durften, von der Nothwendigkeit, seine liebsten Gefuhle, den gerechtesten Schmerz zu besiegen, wenn es hohere Rucksichten fordern u.s.w., und Calpurnia ward von dieser Zeit an von der Augusta und des Casars Gemahlin mit vorzuglicher Aufmerksamkeit behandelt. Indessen verbreitete sich das Gerucht, und wurde bald zur Gewissheit, Diocletian wolle das zwanzigste Jahr seiner glucklichen Regierung, und den Sieg uber die Perser durch einen feierlichen Triumph in Rom, das er, wie ich glaube, als Augustus gar noch nicht gesehen hat, feiern. Es wurden glanzende Anstalten dazu gemacht, der Abendlandische Augustus ebenfalls dazu aufgefordert, und Tiridates fand es nun nothig, einen Entschluss, der langst schon fest in seiner Seele lag, offentlich zu erklaren, bevor der Kaiser Nikomedien verliesse. Er warb feierlich um Calpurnia bei ihrem Vater, und dem Kaiser, der den Proconsul ausserordentlich schatzt, und seine Einwilligung so schnell und freudig gab, dass es wohl scheint, diese Anwerbung sey nichts als eine Formlichkeit, und die Sache selbst schon vorher unter den Hauptpersonen verabredet gewesen. Als er mit freundlicher Warme in Algathokles drang, seine Abreise zu verschieben, um Zeuge eines Zeitpunkts zu seyn, der fur das Gluck seines Freundes so wichtig ware, mochte er wohl fuhlen, dass diese schnelle Wahl, diese noch schnellere Vollziehung Agathokles befremdete. Mit leichtem Ton, und noch leichterem Sinn entschuldigte er diese Uebereilung durch seine Verhaltnisse, die Forderungen der Pflicht, die gahe Abreise des Kaisers, und sagte, dass, da er nun einmal hatte wahlen mussen, alte Freundschaft, Achtung fur Sulpiciens Andenken, und des Proconsuls bedeutender Einfluss seine Wahl auf Calpurnien gelenket hatte. Agathokles widersprach nicht, er nahm mit unverstellter Freude Theil an dem Glucke seiner Freunde, und so bleiben wir noch eine Weile hier, und ich sehe nicht ohne Widerwillen einer unruhigen Zeit voll Schimmer, Gerausch und Zerstreuung entgegen, welche die VermahlungsFeierlichkeiten mit sich bringen werden. Mein stilles Gluck ist gestort, wie ich dir sagte, und es beginnt eine neue Epoche meines Lebens, auf deren ungewissere Schicksale ich mein Herz in stiller Ergebung vorbereite. Leb' wohl!
Fussnoten
1 Die Saulen des Herkules, das jetzige Gibraltar und Thule, der ausserste Ort, den man damals gegen Norden kannte, wurden insgemein fur die Grenzen der damals bekannten Erde, oder der Erde uberhaupt genommen.
89. Calpurnia an ihren Bruder Lucius in Rom.
Nikomedien, im Oct. 303.
Lieber Bruder! Was wirst du sagen, wenn du diesen Brief erhaltst? Ich bin B r a u t und bald, sehr bald vermahlt. Und mit wem? O du errathst es wohl. Es ware mir auch nicht moglich, dir Alles so genau und regelmassig zu erzahlen, wie es sich machte. Wie konnte ich es auch? Ich weiss selbst kaum, wie es kam so schnell, so unvermuthet, dass ich jetzt noch manchmal Alles fur einen Traum halte.
Genug, ich bin Tiridates Braut, und werde in Kurzem Konigin von Armenien seyn. Es wird mich im Anfange Muhe kosten, mich in alle die Formen und Steifheiten des Orientalischen Ceremoniels zu fugen; aber ich weiss eben so bestimmt, dass es mir gelingen wird, und ich mit eben so viel Anstand Konigin seyn werde, als ich bis jetzt mit Anmuth ein Romisches Madchen war, und mit Wurde eine Nikomedische Matrone geworden ware, wenn es die Gotter so gefugt hatten.
Das thaten sie nun aber nicht, und so wurde ich zuerst aus der Vertrauten die Freundin, aus der Freundin die Geliebte, aus der Geliebten die Braut des edelsten, liebenswurdigsten Fursten! Denn ich muss dir sagen, chen, als die Vertraute und Trosterin eines schonen Unglucklichen zu seyn. Das Mitleid ist eine gar zu verratherische Empfindung. Wir wurden einander mit jedem Tage lieber, nothwendiger, ich fand Zerstreuung und Freude in seinem lebhaften Umgange; er beweinte mit mir seinen Verlust, erzahlte mir von den ersten Tagen seiner Liebe, seines Gluckes, und fand es zuletzt unmoglich, ohne dieses Gluck zu leben. Aeussere Umstande trafen nun auch zusammen. Des Augustus schnelle Abreise machte eine ubereilte Erklarung nothig, wenn wir nicht mit unserer Verbindung bis zu Diocletians Wiederkunft, die vielleicht in einem Jahre Statt haben konnte, warten wollten. Du kennst die Verhaltnisse der verbundeten Fursten zu dem romischen Hof, du kennst Armeniens Lage in Rucksicht der Perser. Es liegt Alles daran, die Thronfolge bestimmt und unbestreitbar festzusetzen. Diocletian selbst schien dies zu wunschen. Die Zeit war kurz, Tiridates entschloss sich, er fragte mich, und konnte ich wohl Nein sagen? Was, um aller Gotter willen, hatte ich gegen ihn einwenden konnen? Dass unsere Verbindung ubereilt sey? Ach, ich kannte ihn seit zwei Jahren genauer, als wenn er diese ganze Zeit uber sich um mich beworben hatte; denn ich sah ihn ohne Vorurtheil, und er hatte keine Ursache, sich vor mir zu verstellen. Dass ich ihn nicht mit der Leidenschaft liebte, die manche Menschen zum Glucke einer Verbindung fur nothig halten? Das ist Grille. Ich achte ihn, weil er es durch tausend Vorzuge wohl verdienet, und seine Gestalt gefallt mir. Das ist Alles, was ich zu meinem Glucke bedarf. Meine Forderungen an Euer Geschlecht waren immer massig. Milesische Mahrchen kann man traumen, in der wirklichen Welt geht Alles anders zu.
Es ist uberdies auch kein unbedeutender Vorzug, Konigin, wenn auch nur Konigin eines verbundeten Staates zu werden. Augustus gibt es hochstens zwei, und zwei Casarn; da ist nur Raum fur vier Romische Jungfrauen oder Matronen. Auch ist der Augustus gewohnlich nicht mehr in der Bluthe der Jahre. Wie unbandig musste der Ehrgeiz einer Romerin seyn, die, wenn selbst Diocletian sich zugleich mit Tiridates um ihre Hand bewurbe, den alternden, rauhen Illyrier vor dem jugendlich bluhenden Fursten wahlen konnte, den alle Grazien schmucken?
So ist denn mein Schicksal bestimmt, unwiderruflich, wenn nicht ausserordentliche Ereignisse dazwischen treten! Seltsam! Wenn ich mir das recht lebhaft denke, so wandelt mich eine Art von Grauen an. Heirathen mein Loos in die Hand eines Mannes legen, ihm in ein fernes Land folgen, wo er unumschrankt gebeut, wo Niemand ist, der ihm Widerstand leisten darf wahrlich, der Schritt ist ernst, so ernst, dass, hatte ich Alles das fruher so bedacht, ich ihn vielleicht nicht gethan hatte!
Nun ist nichts mehr zu andern. Meine Verbindung ist offentlich erklart, der Augustus selbst hat uber meine Hand entschieden. Tiridates ist trunken vor Freuden. Er liebt mich leidenschaftlich, und er ist keiner Verstellung fahig. Aber wie lange wird das wahren? Und wie kann ich mich vor dem Loose meiner Freundin schutzen, oder wie kann ich erwarten, ihm zu entgehen? Und auf diesen Punkt wird einst so Vieles ankommen. Hier ist es nothig, alle Kraft des Verstandes, alle Macht uber sich und Andere, alle Erfahrung zu Hulfe zu nehmen. Mein Schicksal wird in seiner Hand liegen, Niemand wird, Niemand kann sich meiner annehmen, ich muss mir selbst Alles seyn, ich muss mich schutzen, ich muss fest stehen, und das kann ich nur, wenn ich mich nie vergesse. Nie wisse, nie fuhle er sich meines Herzens ganz sicher, und im uneingeschrankten Besitze desselben, nie verliere mein Geist die Herrschaft uber sein Herz. Zwar so lange er noch etwas zu wunschen, zu hoffen, zu furchten hat, so lange er liebt, wird es leicht seyn, auf ihn zu wirken; aber wie klug ich mich auch betragen mag, so wird die Zeit noch kommen, wo fremde frischere Reize, oder allmahlige Gewohnung diese Art von Zauber zerstoren. Bis also die gefahrliche Epoche eintritt, muss seine Achtung fur meinen Charakter, fur meinen Verstand so fest gegrundet seyn, dass die Freundin keines von den Rechten verliert, die die Geliebte hatte, und seine Untreue nichts weiter fur mich seyn kann, als ein flatterndes Spiel, das ich ihm gern zu seiner Unterhaltung gonne.
Nie werde ich mich in die Angelegenheiten seines Reiches mischen, wenigstens nie unmittelbar. Sucht er in manchen Fallen den Rath der Freundin, kann es sein Herz erleichtern, wenn er seine Sorgen zuweilen in meine Brust niederlegt, so will ich ihm redlich tragen, und sorgen, und denken helfen. Nie werde ich meine engbegrenzte Sphare verlassen; aber auch nie soll er vergessen, dass ich meinem schonen Vaterlande, dem Leben im Schoosse einer edlen ruhmvollen Familie, die mich zartlich liebt, entsagt habe, um ihm in seine Gebirge zu folgen, und die Gattin eines barbarischen Tyrannen zu werden, wie sich Sulpiciens Vater ausdruckte. Ueber einige dieser Punkte habe ich mit dem meinen mehrere ernste feierliche Unterredungen gehabt, und nie werde ich der weisen Lehren vergessen, die er mir mit Ruhrung, mit vaterlichen Thranen gab. Ach, er freut sich wohl, mich so glanzend, und an einen so wurdigen Gatten verheirathet zu wissen; dennoch fuhle ich, dass der Gedanke, ein Kind zu verlieren, an dessen staten Umgang er so gewohnt war, ihn manchmal wehmuthig macht. Dann ergreift diese Stimmung auch mich, aber ich bemuhe mich, sie wie jede weiche ihrer Art, zu verscheuchen. Wenn ich nicht als Vestale leben und sterben will, steht mir diese Trennung immer bevor, und ich konnte mir doch unter allen Mannern keinen denken, um dessentwillen ich sie lieber ertruge, als Tiridates.
Keinen? Man muss nie falsch seyn. Das, was ich fur Tiridates empfinde, ist viel anders, als was ehedem meine Brust so unruhig, so unablassig bewegte. Doch kommt dieser Unterschied vielleicht wohl nur von der Art des Verhaltnisses, und nicht von dem Gegenstand desselben her. Ehemals war ich ungewiss, zweifelhaft, meine Phantasie aufgeregt, alle Seelenkrafte in Spannung; jetzt ist Alles stille und sicher, und so ist mein Gefuhl nur ruhiger, aber vielleicht nicht kalter.
Sey dem, wie ihm wolle. Ich mag nicht daruber grubeln, es nutzt zu nichts, und kann nur schaden. Agathokles wird Zeuge unserer Verbindung seyn; ich habe den Gedanken, ihn darum zu bitten, in Tiridates erregt, ohne dass er meinen Wunsch errieth. Ich weiss nicht, welche Art von stolzer Befriedigung ich darin suche; genug, ich wunsche es, und sehe es als einen Theil der Freuden jenes wichtigen Tages an, dass E r gegenwartig sey.
Leb' wohl, lieber Bruder! Meine Lebensart ist jetzt sehr beschaftigt, sehr zerstreut; du wirst es diesem Briefe abgemerkt haben. Bevor ich Nikomedien verlasse, und mich noch um viele, viele Meilen weiter von dir entferne, schreibe ich dir sicher noch einmal.
90. Constantin an Agathokles.
Salona1, im Janner 304.
Als wir uns in Byzanz trennten, du mit deiner liebenswurdigen Frau nach Athen gingst, und ich dem Augustus auf seinen Befehl nach Rom folgte, um Zeuge seines Triumphs zu seyn, da dachte ich nicht, dass jene Ereignisse, von denen wir, als in ferner Zukunft moglich, sprachen, schon so bald ihre dunkeln verhangnissvollen Schatten uber unsere Gegenwart werfen, und uns nothigen wurden, Plane und Entschlusse, deren grosseres Verdienst doch wohl Reifheit und besonnene Vorbereitung ist, vielleicht mehr als gut ist, zu beschleunigen. Wie Galerius die Zurucksetzung ertrug, dass nur die beiden Auguste den Triumph feiern, er und mein Vater hingegen von diesem Ruhme ganz ausgeschlossen seyn sollten, hast du schon in Nikomedien gesehen, als nach den Hochzeitsfeierlichkeiten des Konigs von Armenien sich alles zum Aufbruche anschickte, und auch er bereit schien, den Augustus nach Rom zu begleiten, und an dem Triumph Antheil zu nehmen, den er durch seine Tapferkeit wohl verdient hatte. Die alte Sitte, welche die Verdienste der Casaren ihren Vatern zuschrieb2, obwohl sie dem Diocletian zum gunstigen Vorwande diente, befriebewusst war, dass diesmal nicht sein kleineres kriegerisches Verdienst vor dem grossern des Augustus zu verschwinden hatte, der es tief fuhlte, dass durch seinen Arm allein die Lorbeeren errungen worden waren, mit denen sich der langgehasste, lebensvolle Augustus nun in Rom schmucken sollte. Dass er nicht wuthete, dass er diese Krankung so gelassen, mit so schmeichelnder Ergebung ertrug, diese stumpfe ahnungsvolle Stille liess mich eben mit grosserm Rechte ein heranziehendes Gewitter furchten. Wie sicher musste Galerius seines Erfolges seyn, da er den rauhen Krieger unter dem geschmeidigen Hofmanne zu verbergen wusste!
Ich theilte dir damals meine Besorgnisse mit, du schienst es nicht so anzusehen, und ich verwies dich auf die Zukunft. So langte ich mit dem Augustus in der Halfte des Novembers nach einer sehr glucklichen Fahrt in Ostia an. Die Feierlichkeiten des Triumphs, die Spiele, Schauspiele u.s.w. wirst du mir zu beschreiben erlassen. Mancher Griffel setzte sich desswegen ohnedies in Bewegung, und du wirst sie entweder schon gelesen haben, oder noch zu lesen bekommen. Bald nach ihrer Beendigung verliess Diocletian schnell und unvermuthet die alte Hauptstadt der Welt, die er nur erst betreten hatte, emport durch die Zudringlichkeit und Ausgelassenheit des Romischen Pobels3. Wir reiseten am Ende des Decembers mitten in den Saturnalien ab; aber schon in Aquileja wurde Diocletian von einer plotzlichen Schwache, die mit mehreren seltsamen Symptomen begleitet war, uberfallen. Er musste einige Tage dort stille liegen, und konnte seitdem die Reise in dieser ungunstigen Jahreszeit nur in sehr kleinen Tagemarschen fortsetzen. Gerade nach Nikomedien zu gehen war ganz unmoglich; um also einen milden und zugleich ruhigen Aufenthalt zu finden, wahlte er Salona, wo ohnedies schon seit einiger Zeit an einem Palast, an Badern und Garten, mit einem Wort, an einem sehr prachtigen Wohnort fur ihn gebaut wird, und zwar mit einer Emsigkeit und Vorliebe, die mich in manchen meiner Vermuthungen bestarkt. So sind wir nun hier, und da Diocletian vielleicht aus besondern Ursachen, mir jetzt seine Gunst immer deutlicher und offenbarer beweiset, und uberhaupt mich sehr gern um sich zu haben scheint, so wird es mir nicht moglich, ihn zu verlassen, und ich werde nur mit ihm nach Nikomedien zuruckkehren.
Hier horten wir denn auch, dass Galerius in Syrmium4 die Feier der Vieennalien mit so viel Pracht, lauter Freude und schmeichlerischer Huldigung gegen den Augustus verherrlicht habe, dass mir seine bosen Absichten, und der stille Triumph seiner Rache beinahe unzweifelhaft werden. Rechne noch dazu, dass Diocletians jetziger Leibarzt vorher im Dienste des Galerius stand, dass dieser ihm denselben vor einiger Zeit gleichsam aus kindlicher Ergebung und Sorge fur des Augustus Gesundheit aufdrang, und dass dieser Arzt noch jetzt, wie ich sicher weiss, einen ansehnlichen Jahrgehalt von seinem vorigen Herrn geniesst, und du wirst uber manches anders und richtiger urtheilen konnen, als die Welt.
Du denkst wohl leicht, dass ich keinen dieser Umstande ausser Acht lasse. Mein ruhiger Sinn, mein leidenschaftloses Gemuth, das so oft in traulichen Gesprachen deinen und deiner Theophania leichten Spott erfahren musste, kommt mir in diesen Umgebungen trefflich zu Statten. Es darf nichts gering geachtet, nichts ubereilt nichts unter, nichts uber seinen Werth und Einfluss geschatzt werden, und wie mehr uns die Ereignisse zu drangen, und in Gahrung zu bringen scheinen, je nothiger ist es, seine ruhige Fassung und den einzigen Punkt, auf den Alles ankommt, nie aus den Augen zu verlieren.
Mein Vater war sehr gekrankt durch jene auffallende Hintansetzung. Es mag seyn, dass er mit dulden musste, was eigentlich nur seinem Gefahrten galt. Indessen trug er es wie ein grossgesinnter Furst, wie ein edler Mann. In Eboracum sind die Vicennalien mit anstandiger Pracht, wie in allen Hauptstadten des Reichs begangen worden. Keine heuchelnde Geschmeidigkeit, keine uberlaute Freude entwurdigte das Verhaltniss und das Betragen meines Vaters. Er hat mir geschrieben, sein Brief ist voll zartlicher Besorgniss um mich, er kennt des Galerius Gesinnungen, er weiss von der Krankheit des Augustus, und furchtet, wenn eine entscheidende Catastrophe eintreten sollte, Alles fur mich in diesen Provinzen, die ganz dem Scepter des dustern Casars unterworfen, und eben darum mit seinen Centurien angefullt sind. Ich bin ziemlich unbesorgt, weil ich die Umstande, meine Gefahr, und die moglichen Rettungsmittel sehr genau kenne; aber ich begreife, dass in einer so grossen Entfernung bei den unsichern Geruchten seine Liebe leicht besorgt werden kann.
Er will mir den treuen Lehrer meiner Kindheit, den edlen Florianus, senden, der mir theils schriftlich, theils mundlich verschiedene Nachrichten und Warnungen bringen soll, die zu meinen Absichten unentbehrlich, und bei der jetzigen Lage der Umstande keinem Briefe anzuvertrauen sind. Ich freue mich sehr, ihn nach so langer Zeit wieder zu sehen, und furchtete nur, ihn viel veranderter zu finden. Du weisst die Geschichte, die sein sonst so stilles schones Leben vergiftet hat. Sieh' hier eine neue Veranlassung, mich der Kalte meines Herzens, wie ihr es nennt, zu ruhmen und zu freuen. Was konnte Florianus seyn, und was ist er? So viel Macht hat die Leidenschaft! So gefahrlich ist's, von ihrem sussen Gifte nur zu kosten, selbst im reifen mannlichen Alter! Solltest du ihn in Laureacum5 sehen, wie ich nicht zweifle, so freue dich im Voraus, eines der edelsten Gemuther, der reinsten Herzen, deinen Freund nennen zu konnen. Das wird er seyn, das ist er schon, denn er kennt dich durch mich. Grusse deine liebenswurdige edle Theophania herzlich von mir, und leb' wohl.
Fussnoten
1 Ein unberuhmtes Dorf in Dalmatien tragt noch heut zu Tage den Namen, welchen einst ein prachtiger Palast und Garten, Tempel, Bader, kurz Alles, womit Diocletian seine Einsamkeit verschonerte, trug. 2 Dass die Verdienste der Casaren den Augusten, als ihren Vatern, zugeschrieben worden sind, ist geschichtlich. 3 Geschichtlich. 4 Syrmium war die Residenz des Galerius in dem Theile des Reichs, der damals Illyrien hiess. Vicennalien, das Fest wegen der zwanzigjahrigen Regierung des Diocletian. 5 Laureacum, das heutige Enns in Oberosterreich.
91. Theophania an Junia Marcella.
Laureacum, im Mai 304.
Sechs Monate bin ich nun in einem andern Welttheile, weit, weit von dir, weit von meinem Vaterlande entfernt. Hier ist kein mildes Clima, wie in den schonen Gefilden Kleinasiens, hier weht keine laue Luft durch immergrunende Gebusche, und bringt den tausendfachen Balsamduft aus bunten Blumenkelchen gehaucht, kein ungetrubter Himmel lachelt uber Pinien und Cederhainen. Eine dustere, wilde, aber selbst in ihrer Dusterheit erhabene Natur umgibt mich hier, und sie ist mir nicht so fremd, als meinem Agathokles, denn ich habe manche ihrer Scenen in noch ungestorterer Furchtbarkeit an den Ufern des Borysthenes kennen gelernt. Auch diesen Gegenden fehlt es nicht an eigenthumlichen Reizen, und ein Gemuth, das Sinn fur stille Grosse, und den ernstern Ausdruck der Naturscenen hat, kann leicht in den Umgebungen, in denen ich jetzt lebe, Etwas finden, das sie ihm lieber und anziehender machte, als jene lachende Gefilde, auf die der Himmel ohne Zuthun oder Anstrengung des menschlichen Fleisses aus immer reichem Fullhorn seine milden Gaben giesst.
Diese Provinzen, die nicht seit sehr lange unter rokuhner fesselloser Natur, die der Hand des Fleisses nur einem kleinen Theil zur Befriedigung ihrer ersten Bedurfnisse abgekampft hat. Das ganze Land ist mit Gebirgen bedeckt, nur jenseits des breiten Stroms, der in einiger Entfernung von uns gegen Osten hinabstromt, ist der Boden flacher, und auch Laureacum liegt in einer Ebene, wo der Anasus1, nach einem langen muhevollen Laufe durch Schluchten und Walder, uber Felsentrummer und Bergsturze sich endlich ruhig in der sonnigen Ebene ausbreitet. Ein wehmuthiges Bild! Dort unten fliesst schon der grosse Strom, in dessen Fluthen er sich bald verliert. Nur kurze Zeit war ihm vergonnt, der Ruhe zu geniessen, und die muden Wellen, kaum vom heitern Sonnenstrahl erwarmt, sturzen dort schon in die Gewasser, in denen sie Namen und Daseyn verlieren. Wie manchem Sterblichen sah ich ein gleiches Loos fallen! Wenn sein hartes Schicksal endlich abliess, ihn zu verfolgen, wenn seine stillen, gerechten Wunsche erhort schienen, dann rief ihn der Tod aus dem Kreise seiner Freuden ab, gleich als ware hienieden nicht Raum fur solch' ein Gluck, das nur in bessern Wellen zu bluhen bestimmt ist.
Agathokles hat mit mir manche kleine Reise in diese dustern Wildnisse gemacht, aus denen der Anasus, und alle die Strome herkommen, die sich in den Danubius verlieren. An ihren Ufern winden sich die Strassen aufwarts, ihren Quellen entgegen, sie zeigen dem Wanderer den Pfad in die geheimen Thaler, aus denen sie herabkommen, und der Weg, den die lebendige Fluth bei der ersten Gestaltung dieser Erde nahm, die Tiefen, durch welche sie sich Bahn machte, um heraus in die Ebene zu gelangen, sind meist auch der einzige Weg, auf dem man hineingelangen kann. Dicht verwachsene Wildnisse empfangen den Wanderer, in denen vielleicht noch nie eine Art erschollen ist, nie ein Fusstritt gewandelt hat; himmelanstrebende Felsen tragen selbst jetzt im Fruhling noch Schnee auf ihren kahlen Hauptern, wilde Bergstrome sturzen sich brausend von jahen Hohen; dann offnet sich ein geheimes Thal, und im Schooss waldiger Berge und schroffer Felsen liegt ein stiller Wasserspiegel weit ausgebreitet, dessen einsames Ufer nur Vogel oder verirrte Gemsen besuchen. Keine Menschenspur ist Zu finden, nur die Laute der Natur tonen hier, wir sind allein mit ihr, die in ungebrochener Kraft um uns waltet, allein mit ihr, und unserm gemeinschaftlichen Schorfer. Seine erhabene Gegenwart wird doppelt fuhlbar in dieser einsamen Wildniss, sein Hauch erhalt und tragt sie und uns, hier ergreift seine Nahe uns mit Schauer, Ehrfurcht und Liebe. Die tausendjahrigen Eichen verschlingen die kuhngeformten Aeste zum lustigen hohen Dach, und bilden einen wurdigen Tempel; uberall ist Hoheit, Einfalt, Stille und Grosse.
Unwillkuhrlich wirkt diese Umgebung auf unser Innerstes. Ich fuhle es, dass ich hier ernster geworden bin, als ich in Synthium war. Der Himmel ist hier sehr oft trube, in seltsamen Gestalten ziehen sich die Nebel, die aus dem Strom und den dichten Waldern aufsteigen, um die dunkeln Berge herum, die nordlichere Sonne vermag sie nicht immer zu zerstreuen; dann sammeln sie sich, verdecken das freundliche Blau, oder ergiessen sich in unaufhorlichen Regengussen uber die winterlich dustere Landschaft. Solche truben Tage machen unsere Ansichten ebenfalls trube, ohne dass wir uns dessen bewusst sind, und uberdies tragen die taglichen Begebenheiten auch nicht dazu bei, ein ernster gestimmtes Gemuth zu erheitern. Es sind zu traurige, zu grauelvolle Scenen in diesen Gegenden vorgefallen, man hort von allen Seiten zu viel von dem Missbrauch des gewaltigen Uebermuths, von der Grausamkeit des Parteigeistes, und den tausendfachen Neckereien, Leiden, Qualen und Todesarten, die hier die verfolgte Unschuld von ihren Drangern erdulden muss, als dass man seines Lebens recht froh werden konnte, selbst wenn ein Paradies um uns her lachte. Es sind doch im Grunde nur die Menschen, die uns die Erde lieb oder leid machen konnen, und ein gluckliches Paar, wie Agathokles und ich, wurde auch in noch dusterern Gegenden, als diese sind, selig leben, wenn es moglich, wenn es billig ware, Aug' und Herz vor den Leiden seiner Bruder zu verschliessen.
Ich habe hier unter manchen seltsamen und anziehenden Gegenstanden, die mir diese Gegenden schon zeigten, auch die Bekanntschaft eines Madchens gemacht, die ganz zu diesen Umgebungen passt, die in sich das treuste Bild der Natur um sich her darstellt. Es ist jene Valeria, die Frucht einer geheimen Liebe Diocletians, welche in Britannien geboren und erzogen worden war. Ich erinnere mich, dir einen Theil ihrer Geschichte geschrieben zu haben, wie ich sie von Constantin erzahlen horte. Ein stiller tiefer Kummer liegt auf diesem schonen Gesicht, dessen blendende Weisse kaum durch einen leichten Anflug des zartesten Roths belebt wird. Grosse dunkelblaue Augen bewegen sich langsam unter langen seidenen Wimpern, und die Farbe der Augen wiederholt sich lieblich in dem feinen Geader, das die blendende Haut durchschimmert. Ihre lange schlanke Gestalt ist nicht stolz, kaum aufrecht, das schone Kopfchen, von goldnem Gelocke umflossen, sinkt bestandig auf die Brust, ihre ganze Haltung zeugt von tiefem Kummer. So erschien sie mir, als ich sie das erste Mal sah, das anziehendste Bild der Schwermuth und stillen Ergebung. Seit zwei Jahren hat sie keine Nachricht mehr von ihrem Lehrer und Freund. Er wollte nicht, dass sie ihm noch schreiben sollte, und sein Wunsch ist ihr Gesetz, sie verehrt seinen Willen, seine Entschlusse mit jener Heiligkeit, mit der vielleicht nur die ersten Junger die Gebote ihres Meisters ehrten und hielten. Treu und unausloschlich bewahrt sie sein Bild in ihrer Brust, Religion, Tugend und die Gluth der ersten Liebe verklaren es in himmlischem Glanz, und nicht inniger hangt sie an den Lehren unsers gottlichen Stifters, als an den Ausspruchen ihres Freundes.
Ihre Pflegeeltern haben sie auf Befehl ihres Vaters hierher gefuhrt; denn seit man sie aus ihrer heimathlichen Insel, von der sie nie ohne wehmuthige Begeisterung, ohne Thranen spricht, entfernt hat, ist ihr Leben sehr unstat, und ihr Aufenthalt uberall nur kurz. Sie ergibt sich in dies schwere Schicksal, nachdem mancher vergebliche Kampf, mancher vereitelte Versuch zur Flucht sie belehrt hat, dass eine hohere Macht uber sie waltet, der zu entfliehen sie zu schwach ist. Uebrigens liebt sie ihre Pflegeeltern, die mit schwerem Herzen die Befehle des Augustus an ihrem geliebten Schutzbefohlenen uben, und dies einzige Gefuhl, sagte sie mir neulich, schutzt sie vor Verzweiflung.
Ich sehe wichtigen und erschutternden Auftritten entgegen. Agathokles weiss, dass Florianus auf dem Wege hierher ist, um nach Salona zu gehen, und dort mit Constantin zu sprechen. Noch ahnet Valeria nichts davon, und ich weiss nicht, ob ich es ihr sagen oder verbergen, und ihre Pflegeeltern bitten soll, sich mit ihr zu entfernen. Ich wurde sie sehr schmerzlich vermissen, wenn ich sie verlieren sollte; denn ich bin ihres Umgangs schon sehr gewohnt, und ich fuhle wohl, dass auch sie mit Liebe und innigem Vertrauen an Agathokles und mir hangt.
Von meinem hauslichen Glucke sage ich dir nichts; du kennst es, es ist grosser, als ich es je dachte, je hoffen konnte. Ein gesunder bluhender Knabe knupft seit etlichen Monaten ein neues inniges Band zwischen uns. Agathokles, meine theure Junia! ist der beste Vater, wie er der zartlichste Gemahl, der treueste Freund ist, und mir bleibt keine Sorge fur diese Welt, als Gott zu bitten, dass er mir mein Gluck, und die stille Scheu erhalte, mit der ich es zitternd, aber selig geniesse.
Fussnoten
1 Anasus, der alte Name des Ennsflusses.
92. Agathokles an Constantin.
Laureacum, im Junius 304.
Grosse Gemuther hat, wie ich glaube, und wie die Geschichte lehrt, die Vorsicht darum von Zeit zu Zeit erweckt, und mit vorzuglichen Gaben ausgerustet, dass sie gleich himmelanstrebenden Felsen die Gewitter, welche das Menschengeschlecht treffen, mit hoherm Haupt tragen, und so den Uebrigen zum Schutz und zum Beispiel dienen sollen, woran ihre Schwache sich erhebe und starke. Noch erhebender wird solch ein Muster, wenn jenes starke Gemuth zugleich ein zum Herrscher berufenes ist, und sich sein gottlicher Beruf, Andre zu leiten und zu zugeln, zuerst an der Macht offenbart, die es uber sich selbst und seine edelsten Triebe ausubt. So, o mein Constantin! kenne ich dich seit dem ersten Augenblicke, wo wir uns sahen, so hast du dich stets bewahrt, und so wirst du es bei der Nachricht thun, die ich dir zu geben habe. Wir erwarteten seit einiger Zeit die Ankunft deines verehrten Lehrers und Freundes, des Centurio Eneus Florianus, hier in Laureacum. Ein Zufall wollte, dass gerade jetzt auch Valeria mit ihren Pflegeeltern sich hier befand. Von dir unterrichtet theilte ich dem Asinius Ponticus meine Nachricht mit, und uberliess es machte auch wirklich in aller Stille Anstalten zur Abreise, aber unvermuthet traf Florianus um mehrere Tage fruher ein, und Aquilinus, der Prafect der Stadt, ein Geschopf und treues Werkzeug des grausamen Galerius, liess ihn auf der Stelle als einen Ausspaher, als einen verdachtigen Abgesandten des Constantins verhaften, und ihm abnehmen, was er an Briefen und Schriften fur dich und Diocletian nach Salona bei sich hatte. Vergebens wandte ich Alles an, was in meiner Macht stand, um dem Prafecten die Ungerechtigkeit, die Gefahr seines widerrechtlichen Unternehmens einsehen zu machen, und Florianus zu befreien, mit dem mir sogar nicht erlaubt wurde zu sprechen. Sie Ruhe, mit der der Prafect auf seinem Beginnen bestand, die Sicherheit, mit der er verfuhr, liess mich bald furchten, dass er nicht ohne hohern Befehl handle, dass das, was mir Anfangs ein Ausbruch unverstandiger Harte schien, lange bereitete, geheissene Maassregel war, wodurch sich Galerius Einsicht in alle unsere Plane, und Rache an dir verschaffen wollte. Sein widriges Vorhaben misslang doch zum Theil. Florianus war besonnen genug gewesen, die geheimsten Briefe auf seiner Brust zu verwahren. Er verlangte mit mir zu sprechen, man verweigerte es ihm durchaus. Asinius Ponticus, der, so lange Florianus verhaftet war, keine Gefahr fur Valerien sah, blieb in Laureacum, und wandte Alles an, um seinen alten Freund zu befreien, oder ihn wenigstens zu sehen; auch seine Bemuhungen waren fruchtlos. Valeria schwebte zwischen Furcht und Hoffnung, Freude und Verzweiflung. Da fasste, als er keine Moglichkeit sah, seine Briefe, seine Nachrichten, den ganzen Zweck seiner wichtigen Sendung an dich und den Augustus in treue Hande niederzulegen, Florianus endlich muthig den Entschluss, sie zu vertilgen. Unbemerkt, wie er hoffte, und langsam war er dahin gekommen, an der Flamme der Lampe, die sein Gefangniss erhellte, und zu der er, damals noch ungefesselt, mit einiger Muhe zu gelangen gewusst hatte, die Briefe zu verbrennen. Sein Beginnen ward entdeckt. Die Gewissheit, dass er noch geheimere Briefe besessen, und der Verdruss daruber, dass er sie den Augen seiner Feinde zu entziehen gewusst hatte, entfesselte nun den ganzen Grimm des Aquilinus, und liess ihn ohne Schonung gegen seinen Gefangenen wuthen. Unter nichtigen Vorwanden, denen man eine Art von rechtlicher Form zu geben suchte, ward er vor das Tribunal gezogen, dessen Beisitzer, wurdige Gehulfen des Prafects, das Urtheil schon gefallt hatten, ehe noch der Angeklagte erschienen war. Er ward zum Tode verurtheilt.
Ich eilte zum Aquilinus, ich versuchte Alles, was in meiner Macht stand, um, wo nicht das Leben deines Freundes, doch wenigstens unter allerlei scheinbaren Vorwanden einen Aufschub von ihm zu erhalten, bis der Eilbote, den ich gleich bei Florianus Gefangennehmung an dich abgefertigt hatte, zuruck seyn wurde. Sey es nun, dass Aquilinus meine Absicht merkte, sey es, dass er gemessene Befehle von seinem Gebieter hatte mit der grossten Urbanitat und unter steten Versicherungen seiner Achtung und seines Bedauerns, dass er meinen Wunschen nicht willfahren konnte, schlug er mir meine Bitten ab. Ich ging tief bekummert weg. Am zweiten Tage liess er mich rufen. Mit glatten Worten und Schmeicheleien, die mich emporten, da ich sie fur nichts anders halten konnte, als fur die Hulle niedriger Bosheit und Tucke, sagte er mir, aus Rucksicht gegen mich, und aus wahrer Achtung gegen seinen Gefangenen, dessen edles Betragen ihn innigst bewege, wolle er das letzte, das einzige Mittel versuchen, das ihm zu seiner Rettung bliebe, obwohl er gestehen musse, dass er nichts Geringes wage, und diese Nachgiebigkeit ihm vielleicht bedeutenden Verdruss zuziehen konnte. Florianus sollte, wie schon Viele vor ihm in diesen Gegenden gethan, seinen Glauben abschworen, der dem Galerius so verhasst sey, und er hoffe dann, dass der Casar dieses Opfer nicht mit Unwillen ansehen, und es ihm, dem Aquilinus, verzeihen werde, dass er ihn dafur frei gelassen, und das Leben geschenkt habe.
Was ich geantwortet habe, was ich antworten konnte, weisst du im Voraus, und auch Florianus thut, was ich und du nicht anders erwarten konnten. Aber der Wunsch, ein Leben, das er nicht mehr erhalten konnte, das er auch ohne diesen schimpflichen Preis langst nicht mehr zu erhalten wunschte, wenigstens nicht nutzlos hinzuopfern, bewog ihn zum Schein, sich jener entehrenden Bedingung zu fugen. Er tauschte mit schlauer Klugheit seine Verfolger, und erbot sich, an dem von ihnen bestimmten Tag offentlich auf dem Forum der Stadt ihr Verlangen zu erfullen. Das Gerucht von seiner Willfahrigkeit, von dem Schauspiel, das man zu erwarten hatte, lief in Laureacum und der Gegend schnell umher. Es gelangte auch zu uns, und zu der unglucklichen Valeria. Wir glaubten es nicht, wir ahneten Etwas von dem Vorhaben des unglucklichen, edlen Mannes, ohne jedoch Alles errathen zu konnen. Valeria war am gewissesten, am hoffnungslosesten von seinem sichern Tode uberzeugt. Sie hatte durch List und Gold sich ohne unser Wissen schon ein Mal den Weg in seinen Kerker gebahnt, sie hatte verkleidet mit ihm gesprochen, ihr hatte er, so viel sie es fassen konnte, die Auftrage an dich mitgetheilt, und du wirst von mir erhalten, was ich durch dieses treue, bedauernswurdige Wesen, als ein heiliges Vermachtniss ihres uber Alles verehrenden Freundes fur dich erhielt.
Der Tag des grossen angstlichen Schauspiels brach an. Noch muss ich dir vorher sagen, dass die Grausamkeit des Galerius und seiner Werkzeuge in diesen Gegenden bereits bedenkliche Folgen fur das Christenthum hatte. Viele haben lieber ihr Leben, als ihren Glauben geopfert, aber auch Viele und wer kann dem grossen, meist ungebildeten Haufen dies wohl streng verargen? Viele haben, mude der Neckereien, die ihr ganzes irdisches Gluck zerstorten, geschreckt durch die unerhorten Martern, unter denen die Muthigern ihr Leben lassen mussten, das einzige Rettungsmittel ergriffen, das die List ihrer Verfolger ihnen liess sie haben den Gottern geopfert, und solch Abschworungen, wie man sie deinem verehrten Freunde zumuthete, waren nichts Neues in dieser Zeit.
Desto nothiger, desto wirksamer war jetzt ein Beispiel, und zwar ein grosses, in die Augen fallendes, ein Beispiel an einem Manne, den Rang, Verhaltnisse und personliches Verdienst ohne dies auf einen erhabenen Standpunkt gestellt hatten. Das mochte dein edler Freund wohl erkannt, und seinen Plan darauf gegrundet haben. Eine unzahlige Menge Volkes, und darunter sehr viele Christen, waren versammelt. Florianus erschien, im ganzen feierlichen Schmucke seines Standes, eine edle, ehrfurchtgebietende Gestalt, in der vollen Reise des mannlichen Alters. Alle Augen waren auf ihn geheftet, Mitleid, Liebe, Neugier, Bewunderung und Missbilligung malte sich auf den Gesichtern, je nachdem sein Vorhaben oder die Vorstellung, die man sich von ihm machte, die Gemuther verschieden bewegte. Das Opferfeuer vor einem Gotterbilde wurde angezundet, der Priester reichte dem Centurio das Rauchfass, und mit Anstand stieg er die Stufen hinauf, von denen er die Versammlung leicht ubersehen konnte. Jetzt, statt zu opfern, wandte er sich gegen das Volk, und mit hinreissender Beredtsamkeit, und einem Ton der Stimme, der tief in die Herzen drang, mit flammendem Blick, die Gluth des edelsten Zornes auf der dunkeln Wange, Hub er an, seinen Abscheu vor der ihm zugemutheten Handlung, die Niedrigkeit des Gotterdienstes, die Wurde seiner Religion, und die hohe Belohnung der muthigen Bekenner zu schildern. Der Prafect gebot ihm Stillschweigen, aber das Volk, das den kuhnen Redner zu horen wunschte, uberstimmte den Befehl. Florianus fuhr fort, er ermahnte seine Bruder zur Standhaftigkeit, er verwies sie auf ein besseres Leben. Da drangen die Pratorianer ungestum von allen Seiten herbei, ein wilder Tumult erhob sich, der Prafect, von Zorn ausser sich, gab schnell Befehl zu seinem Tode, die Wache bemachtigte sich des Gefangenen, der ihrer Wuth uberlassen wurde, das Volk suchte ihn zu befreien, aber seine Bemuhungen waren vergeblich. Um keine Zeit zu verlieren, um keine Moglichkeit zur Rettung ubrig zu lassen, schleppten die wuthenden Soldaten ihn auf die Brucke, und sturzten ihn von dort in die Fluthen des Anasus, der eben von heftigen Regengussen im Gebirge geschwellt, strudelnd und schaumend daher brauste, und sein Opfer gierig verschlang1.
So endete dein trefflicher Freund ein Leben, das, stets der Tugend geweiht, auch noch in den letzten Augenblicken nur diesen Zweck hatte, und schied mit dem Bewusstseyn aus dieser Welt, ein hohes Beispiel gegeben, und einen Eindruck in den Gemuthern hinterlassen zu haben, der bald segensvolle Fruchte der Treue, des Muths tragen wurde.
Ich setze nichts weiter hinzu. Alles, was ich sagen konnte, wurde den Eindruck, den die einfache Erzahlung bei dir sicher hervorbringen muss, nur schwachen oder storen. Ihm ist wohl, und selig derjenige, der einst mit solchem Bewusstseyn, zu solchem Zwecke, wie Florianus, sein Leben hingeben kann! Leb' wohl.
Fussnoten
1 Der heilige Florian ist einer der bekanntesten und am meisten verehrten Volksheiligen in Oesterreich. Die Legende erzahlt von ihm, dass er ein romischer Offizier von bedeutendem Range nach Laureacum, dem heutigen Enns, gekommen, um dort entweder die Christen zur Standhaftigkeit zu ermahnen, oder selbst zum Muster zu dienen, und fur seinen Glauben zu sterben. Der Prafect Aquilinus ermahnte ihn, den Gotzen zu opfern, er weigerte sich, und wurde in die Enns gesturzt. Hier soll nun eine christliche Matrone, mit Namen Valeria, seinen Korper aus dem Strom ziehen, und auf einem mit Ochsen bespannten Wagen bis an jenen Platz haben fuhren lassen, wo jetzt das bekannte schone Stift Florian steht. Ich habe diese Geschichte so zu benutzen gesucht, wie sie in meinen Plan zu taugen schien, und die wunderbare Erzahlung von der Entstehung einer Quelle am Fusse des Berges, um die muden Thiere zu laben, die den Wagen nicht mehr weiter ziehen wollten, auf etwas andere Art eingeflochten.
93. Theophania an Junia Marcella.
Laureacum, im Julius 304.
Ich habe sehr trube Tage durchlebt, meine Junia! Schon seit ich Noricum betrat, verging vielleicht keine Woche, wo nicht irgend ein Beispiel unerhorter Grausamkeit von Seiten unserer Verfolger, oder schimpflicher Weichheit und niedrigen Eigennutzes von Seiten so mancher Abtrunnigen mein Herz mit Trauer, meine Einbildungskraft mit dustern Bildern erfullte. Das traurigste von Allen erlebte ich hier in Laureacum. Florianus ist todt. Er fiel, ein Opfer des Hasses, ein strahlendes Beispiel fur so Manche seiner Bruder, schmerzlich und ewig von dem zartlichsten Herzen betrauert, das vielleicht je in einer weiblichen Brust schlug.
Sie erfuhr seine Nahe, seine Anwesenheit an dem Orte, wo sie sich zufalliger Weise befand, nur durch die Nachricht von seiner Gefangennehmung, von seiner dringenden Gefahr. Er war nicht fern, er athmete e i n e Luft mit ihr, nach drei hoffnungslosen Jahren hatte ihn ein gunstiges Geschick in ihre Nahe gebracht, und er war gefangen und die Moglichkeit, ihn noch ein Mal zu sehen, zu sprechen, fur die sie noch vor wenig Monaten den Rest ihres Lebens hindurchdringliche Mauern, durch den strengen Befehl des Prafects, keinen Menschen mit dem Gefangenen sprechen zu lassen, verwehrt. Es ist schlechterdings unmoglich, den Zustand zu beschreiben, in welchem sich Valeria in dieser Zeit befand. Ich furchtete, dass er ihr Leben aufreiben werde. Diese gespannte Thatigkeit, diese gluhende Liebe, diese schwarmerische Verehrung, und diese Ueberzeugung ewiger Trennung! All' ihr Gold, alle Versuche, die sie auf jedem nur ersinnlichen Wege machte, um den Prafect mit Recht und Unrecht fur ihren heissen Wunsch zu gewinnen, bewirkten ihres Freundes Freiheit nicht. Sie erhielt nicht ein Mal die Erlaubniss, ihn in Gegenwart von Zeugen zu sprechen. Eine finstere Stille trat nun auf ein Mal an die Stelle ihrer vorigen Lebhaftigkeit. Man sah, dass sie uber einem Entschluss brutete. Gott weiss, woher diesem sonst so sanften, so schuchternen Madchen die List, die Kuhnheit kam, Alles das in's Werk zu setzen, was sie that. Genug, an einem Abend trat sie bleich, verstort, mit verweinten Augen, und einer unruhigen Heftigkeit in ihrem ganzen Wesen in mein Zimmer, sie sah sich uberall angstlich, scheu herum. Sind wir allein? fragte sie mit dumpfer hastiger Stimme, dann warf sie sich an meine Brust, und mit einem schmerzlichen Schrei rief sie: Ich habe ihn gesehen! nun will ich sterben er stirbt auch!
Es war ihr auf Wegen, uber die ich erstaunte, als sie spaterhin uns Alles zu erzahlen vermochte, gelungen, die Wachen zu bestechen, und verkleidet in sein Gefangniss zu dringen. O welch' ein Wiedersehen nach drei Jahren! Sie war der Verzweiflung nahe. Aber Florianus Geist erhub und starkte sie. Noch ein Mal vor dem gewissen Tode erlaubte er sich, den Regungen seines Herzens ganz zu folgen, noch ein Mal schwelgten ihre Seelen in den leidenschaftlichen Ergiessungen unglucklicher Zartlichkeit, noch ein Mal wiederholte er ihr, was durch drei Jahre sein Mund streng verschwiegen hatte, das Gestandniss seiner grenzenlosen Liebe, seiner Trauer um sie, seiner heissen Sehnsucht nach diesem Augenblick, den er, ach! nicht so bald, und nicht auf diese Art zu erleben glaubte. In ihre treue Brust legte er seine Geheimnisse nieder. Sie presste in dem kurzen Raum von ein paar Stunden, der ihnen vergonnt war, alle Leiden, alle Hoffnungen, alle bitteren Erfahrungen von drei traurigen Jahren, und alle wehmuthige Seligkeit eines solchen Wiedersehens zusammen. Sie genoss dies traurige Gluck mit vollen Zugen. Sie riss sich endlich halb ohnmachtig aus seinen Armen, und mit dem festen Bewusstseyn, ihn nie wieder auf dieser Erde zu sehen, und kam in diesem Zustande zu mir.
Nie werde ich den Eindruck dieser Stunde vergessen. Eine Art von Schauer uberfiel mich, der Gedanke, wie mir zu Muthe ware, wenn ich an Valeriens Stelle ware, und eben so von Agathokles scheiden musste, drangte sich mir mit einer marternden Lebhaftigkeit auf, und ich weiss nicht, was es ist, Junia! aber ich kann ihn seit dem nicht wieder los werden. Bei jeder Veranlassung, oft sogar ohne dieselbe steigt er in meinem Gemuthe empor, umzieht meine Seele mit dustern Schatten, und erscheint nicht selten in angstenden Traumen unter tausenderlei Gestalten und Zusammenstellungen wieder. So bleibt, wenn an einem truben Herbstmorgen die Sonne endlich das schwere Gewolk zertheilt, noch hier und dort auf den Bergen der dustre Nebelflor, die Ueberbleibsel der Nacht, gelagert, und ach! oft noch, ehe die Sonne sinkt, steigt er herauf, und begrabt den kurzen Tag in schnelle Schatten! O meine Junia! Wenn das nur keine Ahnungen sind! Ich darf meinem Agathokles nichts davon sagen, er verweiset sie in das Reich der Traume, aber ich habe mehr als eine Ursache, fur meine Zukunft besorgt zu seyn. Florianus heldenmuthiger Tod, seine letzte Ermahnung an die Christen, die gesegneten Folgen, die man wirklich schon in dem Betragen unsrer Bruder fuhlt, ihre grossere Standhaftigkeit, ihre muthige Verachtung irdischer Vortheile haben, wie ich furchte, einen gefahrlichen Funken in Agathokles Seele geworfen!
Den Tag, wo Florianus starb, sah ich ihn zum ersten und letzten Male. Der Zug ging in hochster Feierlichkeit, denn das Volk vermuthete nichts weniger als seinen Tod, vor unserm Hause voruber. Er kam im vollen Schmucke seines Ranges, ungefesselt an der Seite des Prafects, ein schoner Mann in der vollen Reife der Jahre, gross, edel, kraftig. Sein dunkles Auge war mit einem Ausdruck von Wohlwollen und innerer Hoheit bald auf das Volk, das ihn umgab, bald auf seinen Begleiter gerichtet, mit dem er ruhig und, wie es schien, von gleichgultigen Dingen sprach. Nur ein paar Mal sah ich ihn den Blick zum Himmel richten; dann aber war auch eine Verklarung darinnen, die mehr als Alles, was ich wusste, den nahen Burger einer bessern Welt verkundigte, der im Begriff war, sein Leben fur seine Ueberzeugung aufzuopfern. Alles, was ich vorhin von ihm gehort hatte, und jetzt sah, machte es mir sehr wahrscheinlich, dass er eine solche Leidenschaft in Valeriens Herzen hatte entzunden konnen.
Er hatte den Gotzen nicht geopfert, seine Religion nicht abgeschworen, wie es das getauschte Volk erwartete in dem beigeschlossenen Blatt findest du die weitlaufige Erzahlung des ganzen Vorfalls und endigte nun in den Fluthen des Anasus sein Leben. Valeria war auf Alles vorbereitet. Sobald die schauerliche Scene voruber, und der unwurdige Prafekt in seinem Palast angelangt war, eilte sie zu ihm, und ihr Gold erhielt, was ihren ruhrendsten Bitten nicht gewahrt wurde, die traurige Gunst, den Leichnam ihres geliebten Freundes im Anasus suchen, und auf eine anstandige Art bestatten zu lassen.
Der Strom war von einem Gewitterregen in den Gebirgen zu einer ausserordentlichen Hohe angeschwollen, und tobte in seinen Ufern strudelnd und reissend dahin. Kein Schiffer wollte es wagen, einen Kahn durch die wilden Fluthen zu drangen aber was ware der Liebe und dem Golde unmoglich! Valeria bestieg selbst einen Fischernachen, eine ubermassige Belohnung verschaffte ihr ein Paar kuhne Ruderer, sie zwangen den Kahn mitten durch die schaumende Fluth, und fanden bald unweit der Brucke unter den Gestrauchen des Ufers den theuern Rest, den sie suchten. Valeria weinte nicht, als ihn die Schiffer vor sie hin in den Kahn legten, kein Seufzer, keine Thrane erleichterte ihren dumpfen Schmerz. So blieb sie diesen und den folgenden Tag, bis die fromme Sorge einiger Christen der verehrten Leiche alle Dienste, der Treue erwiesen hatte. In der Gegend umher, die ziemlich flach ist, hatte Valeriens Liebe schon seit dem letzten Gesprach mit ihrem Freund zu diesem Vorhaben eine schickliche geheime Stelle gesucht und gefunden. Unfern von Laureacum erheben sich in Sudwesten einige kleine Hugel mit Laubwaldern bedeckt. Hinter einem derselben in einem stillen Thale, an einer frischen Quelle, der einzigen, die diese wasserarmen Gefilde netzt und erquickt, wollte sie sein verborgenes Grab machen lassen. Ihre Liebe hatte sinnreich gewahlt. An dem Ort, der allein Leben ausspendete, sollte das Kostbarste verwahrt werden, das sie besass, von seiner Ruhestatte aus sollte sich Segen verbreiten, und die fromme Dankbarkeit vielleicht einst in fernen Jahrhunderten, wo so gern alle Geschichten die Gestalt der Fabel und des Wunderbaren annehmen, diese einzige Quelle als ein Geschenk des verehrten Mannes betrachten, der hier nach seinem heldenmuthigen Tod Ruhe gefunden hatte.1
Sie selbst begleitete die geliebte Hulle an den einsamen Ort. Hier begruben ihn ihre Begleiter, trauernde Christen, unter frommen Gebeten und heiligen Gefuhlen. Als der Hugel erhoht, und ein einfaches Kreuz darauf gepflanzt, und nun jede Spur der theuren Gestalt von der Erde verschwunden war, da brach Valeriens gewaltsame Spannung, und ihre Kraft verliess sie. Mit einem lauten Schrei sank sie ohnmachtig auf das Grab, keine Bemuhung vermochte sie wieder zu erwecken man brachte sie bewusstlos nach Laureacum zuruck. Eine todtliche Krankheit, die sie bald mit ihrem Freunde zu vereinigen versprach, sturzte ihre Pflegeeltern und alle ihre Freunde in die tiefste Bekummerniss. Ihre Jugend uberwand endlich den Sturm, und sie genas langsam dem Korper nach. Ihr Herz wird nie genesen.
Sie ist viel bei uns, wir thun, was wir konnen aber was vermag die treuste Freundschaft gegen einen Schmerz, wie Valeriens? Ich bin uberzeugt, Junia, dass dies der grosste ist, den je ein menschliches Herz fuhlen kann, ich war nahe daran ihn zu empfinden, und ich glaube, oder eigentlich ich hoffe, ich wurde ihn nicht uberleben. Lass mich abbrechen, es ist nicht gut, in einer Zeit, wo fremdes Leiden unsre Thatigkeit, unsre Geisteskrafte auffordert, diese durch getraumte Schmerzen und mogliche Schreckbilder zu lahmen. Leb' wohl.
Fussnoten
1 Nicht weit von der Stelle, wo der Sage nach der Korper des h. Florianus begraben worden, steht jetzt das Stift der regulirten Chorherren zu St. Florian auf einem Hugel. An seinem Fusse entspringt jene Quelle, wirklich die einzige mit frischem guten Wasser, in dieser sonst so fruchtbaren, aber wasserarmen Gegend. Das Stift zeichnet sich durch aussere Schonheit der Bauart, durch eine treffliche Verfassung, noch mehr aber durch sein wurdiges Oberhaupt, den gegenwartigen Herrn Probst, einen eben so kenntnissreichen als edlen Mann, und durch viele gelehrte schatzbare Mitglieder vor den meisten Stiftern in Oesterreich und Deutschland sehr vortheilhaft aus.
94. Agathokles an Phocion.
Laureacum, im August 304.
Seit wir uns zu Athen auf meiner Hieherreise sahen, ist mein Leben eine ununterbrochene Kette von eben so wichtigen als unangenehmen Geschaften gewesen. Die wenigen Briefe, die ich dir senden konnte, werden dir schon ziemlich eine Vorstellung von meinen Verhaltnissen gegeben haben; so brauche ich dir nur zu sagen, dass sie noch immer fortwahren, und dass ich nicht absehe, wann und wie sie aufhoren werden. Ich habe in diesen Gegenden fur Constantin und meine Glaubensgenossen viel zu sorgen, zu wirken und zu bereiten. Es kommt die Zeit, sie ist vielleicht naher, als wir denken, wo grosse Entschlusse reifen, Alles umfassende Veranderungen eintreten, und die neue Form der Dinge ganz neue Maassregeln erfordern wird. Diocletian liegt noch krank in Salona, wo Constantin seiner mit Achtung und kindlicher Sorge pflegt. Galerius verstarkt seine Macht taglich auf geheimen und offenen Wegen. Es ist Constantin in seiner Lage nicht moglich, das Gleiche zu thun, ohne Verdacht zu erregen, da er nur des Casars Sohn, nicht wirklich Casar ist. Was geschehen kann, und unabanderlich geschehen muss, wenn nicht alle Plane scheitheils durch seinen Vater geschehen. Es ist schon Vieles gethan, aber noch weit mehr zu thun ubrig, und ich hoffe mit Zuversicht viel Gutes und Grosses fur die Menschheit von dem, was jetzt bereitet wird.
Du zwar, mein geliebter Freund! wirst nicht ganz in unsere Plane einstimmen. Deine Ansichten sind verschieden. Ich werde es nicht unternehmen, sie zu bekampfen, noch weniger sie unrichtig zu nennen, aber ich fuhle mein Herz erleichtert, wenn ich dir die Beweggrunde, die mich handeln machen, genau auseinanderlegen, und so mein Inneres dir, dem Lehrer und Leiter meiner Jugend, unverhullt zeigen kann.
Du hast mir in deinem letzten Briefe zugegeben, dass Religion fur die Menschen uberhaupt nothwendig, und dass sie, weil der Mensch auch im rohesten Zustand Spuren von ubersinnlichen Begriffen zeigt, gewissermassen in seiner Natur gegrundet sey. Aber du liessest ihn, den unsichtbaren Urheber des Ganzen, den Schleuderer des Blitzes, den Spender der Ernten nur mit dem Verstande aufsuchen und finden, und bist uberzeugt, dass jene Vermuthungen, auf welche die freiwirkende Vernunft des Menschen durch blosse Betrachtung der Natur fuhrt, folglich die blosse Idee eines hochsten Wesens und einer Fortdauer nach dem Tode, hinreichend zur Sittlichkeit und Gluckseligkeit des Menschen auf jeder Stufe der Cultur sey.
Ich will nichts davon sagen, dass bis jetzt weder die altere noch neuere Geschichte uns ein Beispiel eines, wenn auch noch so kleinen, Volkes aufstellt, das sich mit dieser blossen Vernunft-Religion begnugt hatte! Ich bitte dich blos umherzusehen, und unter den Menschen, welche sich gesittet, gebildet, gelehrt nennen, mit scharfer Prufung diejenigen auszusondern, deren Seelen erhaben und reich genug waren, um zum Guten und Schonen keines andern Antriebes, als der heiligen Stimme in ihrer reinen Brust zu bedurfen. Wie klein wird diese Anzahl seyn! Und kann es wohl mehr als ein schoner Traum genannt werden, wenn wir hoffen wollten, die ganze Menschheit einst auf einer hohen Stufe der Cultur zu sehen? Wurden nicht selbst in dieser mehr als platonischen Republik die Menschen noch immer dem Irrthum der Sinne, den Grubeleien, den Tauschungen der Vernunft unterworfen, dem Einfluss und der Gewalt der Elemente, der Naturwirkungen hulflos blos gestellt seyn? Was konnen spitzfindige Systeme gegen die Macht des Unglucks? Was vermag die so oft irrende Vernunft, die uber die wichtigsten Punkte nichts als Vermuthungen hat, gegen die furchtbare Gewalt des nagenden Zweifels, wenn er einmal angefangen hat, die Grundfesten unserer Ruhe zu untergraben? O Phocion! Denke deinem Schicksale nach meine Hand wurde zittern, wenn ich jene alten, vielleicht jetzt nicht ganz geheilten Wunden beruhren sollte denke deinem Schicksale nach, und wenn du wunschest, dass das Menschengeschlecht nur durch Vernunft zu fester Ruhe und Sittlichkeit gelange, so erinnere dich jener Stunden, in welchen die Hand des Geschicks schwer auf deinem Herzen lag, dies Herz durch keine Vernunftgrunde sich vor stechenden Zweifeln schutzen konnte, und alle Systeme der Philosophen, die dein vielgebildeter Geist sich gegenwartig hielt, nicht hinreichen, dir Beruhigung zu verschaffen, weil eben dein hoher Geist ihre Lucken und Blossen schmerzlich in diesem Augenblick erkannte.
Nein, Phocion, es ist nicht moglich! Diesem vielgestaltigen, jeder Tauschung unterworfenen, jeder Form sich anschmiegenden Wesen kann die Vorsicht unsere Ruhe, unser Gluck nicht a l l e i n anvertraut haben. Denke an die erst genannten Secten, deren jede nachfolgende die vorhergehenden aufzuheben, und Alles, was vergangne Alter mit Muhe ersannen und fur wahr hielten, Lugen zu strafen scheint; denke an die Versammlungen des Senats, an jede noch so kleine Verbindung mehrerer Menschen, wo jeder mit gleich starken Grunden den Satz vertheidigt, der ihm wahr und ausgemacht ist, und jeder sich ruhmt, die Vernunft auf seiner Seite zu haben! Sollte es wirklich diese vielgetauschte und vieltauschende Erkenntniss seyn, in der wir Alles suchen und finden mussen, was wir zu unserer Beruhigung so nothwendig bedurfen?
O nein, Phocion, es muss etwas Anderes sein, Etwas, das in allen Menschen gleich ist, das in dem wilden Gothen, wie in dem weichlichen Bewohner Asiens, in einem Caligula, wie in einem Sokrates liegt, und nur durch Clima, Erziehung und Gewohnheit gestimmt, sich starker oder schwacher aussert das Gemuth, das, was wir mit einem metaphorischen Ausdrucke das Herz, den Sitz aller Empfindung, alles Willens, des innersten Lebens nennen! Hierin sind alle Sterblichen gleich. Alle fliehen sie den Schmerz, Alle suchen sie die Lust, sie mogen sie nun setzen, in was sie wollen; Alle streben glucklich, ruhig zu seyn, wie das Wasser aus jeder Storung durch jedes Hinderniss nach seiner horizontalen Lage strebt Alle hassen, Alle lieben auf gleiche Art, nur verborgener oder offenbarer, starker oder schwacher, je nachdem Sitte oder Wildheit, Unschuld oder Verstellung ihrem Gefuhl Schranken auferlegt, und in das Herz, in das Gemuth des Menschen hat der Schopfer die Religion gelegt. Mit dem Gemuthe sollen wir ihn suchen, und mit festem Glauben ergreifen, wenn er sich uns durch sinnliche und ubersinnliche Wege offenbart. Die Vernunft soll nur dazu dienen, das, was jene geheimen Stimmen sagten, durch ihre kalten Erfahrungen zu bestatigen. So ist unser Glaube an Unsterblichkeit, an einen allweisen Schopfer des Ganzen, an seine nie schlummernde Vatersorge, an eine kunftige Vergeltung, an eine allgemeine Bruderschaft des ganzen Menschengeschlechts nicht blos Resultat grubelnder Untersuchungen und kalter Schlusse; es ist ein lebendiger Glaube, eine feste Ueberzeugung, die keine neuerfundene Theorie wankend machen kann, denn sie ist aus mehr als menschlichen Quellen geflossen, und in dem Ewigen und Heiligen unserer Brust niedergelegt.
Wenn jetzt der Fruhling dem Christen in der rings erwachenden Natur das wiederkehrende Leben zeigt, wie Alles neu entsteht, und vom Winterschlafe sich frohlich losringt, dann lockt ihn nicht gereizte Sinnlichkeit, nur uberall den Trieb der Liebe zu suchen und zu erkennen, er feiert keine Nachtfeier der Venus1 mit uppigen Gesangen und Tanzen. Ihm ersteht die todte Natur in neues Leben, ihm keimt Unsterblichkeit aus dem Grabe, ihm erhebt sie sich in der Person seines gottlichen Meisters und Lehrers mit dem Strahl der Morgensonne siegreich aus der umschliessenden Felsengruft. So belebt jeder kommende Fruhling mit neuer Kraft die hohe Zuversicht in seiner Brust, und durch sinnliche Wahrnehmungen und vernunftige Schlusse wird der Glaube in ihm fest und unerschutterlich.
Ich konnte dir in unsern ubrigen Glaubenssatzen, in unsern Offenbarungen noch mehr Beispiele dieser Art liefern, wenn eine solche Auseinandersetzung nicht fur einen Brief zu weitlaufig wurde. Kann es mir auch nicht gelingen, dich ganz zu uberzeugen, so wunsche ich doch, dir meine Handlungsweise und die Grunde, die mich dazu bewegen, in einem solchen Lichte zu zeigen, dass du bekennen musstest, mein Ziel sey wurdig des Strebens, und dass deine Freundschaft, wenn ich vielleicht unter diesen Bestrebungen erliegen sollte, mir einst das Zeugniss gebe: sein Wille war gut. Leb' wohl.
Fussnoten
1 Die Nachtfeier der Venus des Catull wird nach Burgers Uebersetzung wohl den Meisten bekannt seyn.
95. Valeria an Theophanien.
Byzanz, im October 304.
Man hat mich von deiner Seite gerissen, von dem einzigen Herzen, das auf dieser Welt noch fur mich empfindet, um mich in die Arme meines Vaters zu fuhren, den ich nie gesehen, und seit ich denken kann, nur aus den Wirkungen seiner Macht, und den Eingriffen in meine Wunsche kennen gelernt habe.
Ich schreibe dir in einem Augenblick der hochsten Bewegung. Der Kaiser ist von seinem langen Aufenthalte in Salona, wo sich seine Krafte nur wenig erholt haben, endlich gestern nach einer langsamen Reise hier angekommen. Mich hat man, um ihn hier zu erwarten, von dem Orte weggeschleppt, wo sich Alles befindet, was uber und unter der Erde noch Werth fur mich hat.
Morgen soll ich ihm vorgestellt werden. Ein angstliches Gemisch streitender Empfindungen wuhlt in meiner Brust. Ach, darf ich es dir gestehen, dass Abneigung und Furcht am hellsten aus dem verworrenen Haufen hervortreten?
Warum hat man mich nicht in der glucklichen Dunkelheit gelassen, in der ich lebte! Heimathliche Insel! Ihr frischgrunenden Fluren, ihr hallenden Bache, ihr Euch getrennt? Ach dort, wo es so trub war, war ich so glucklich! Was soll mir die Pracht der Kaisertochter, was der blendende Glanz des Mittags? Dorthin will ich, dorthin, wo der dustre Himmel uber unermesslichen Waldungen schwebt, wo eine lichte Gestalt einst diese trube Natur zum Paradies um mich her verklarte, in das einfache Haus, das seine Gegenwart zum Tempel weihte, dorthin, wo ich geliebt ward, und wieder unendlich liebte, wo meine Seele an seinen Lippen hing, mein Geist, dem Korper entflohen, nur in s e i n e n Gedanken und Gefuhlen sich empfand! Oder lasst mich an dem waldigen Hugel bleiben, wo er unter grunem Nasen schlaft! Da ist jetzt mein Vaterland, und sonst auf der weiten Erde keine Heimath mehr fur mich.
Ach, Theophania, ich war einst sehr glucklich! Kein Mensch kann sich einen Begriff von jener stillen Seligkeit machen. Alles in mir war Harmonie, Friede, Genuss. Du verstehst mich, im Arm deines Agathokles fuhlst du mir nach, was ich nicht zu erklaren vermag fuhlst es mir doch nicht nach denn Agathokles war nicht dein Lehrer. Alles, was du bist, ist nicht sein Werk nicht sein Mund enthullte dir die Geheimnisse der Seligkeit, nicht sein Geist schloss die Welt und den Himmel vor dir auf! Und nun!
Leb' wohl, Theophania! Ich habe nach diesem N u n nichts mehr hinzuzusetzen, denn ich habe nichts mehr zu denken, zu hoffen. Mein Leben, mein ganzes Wesen hat mit ihm aufgehort.
Zwei Tage spater.
Die gefurchtete Stunde ist voruber, und ich athme freier. O Natur und Religion! Welche Macht der Erde gleicht eurer siegenden Gewalt! V a t e r ! V e r zeih ihnen, denn sie wissen nicht, w a s s i e t h u n ! Einst, als ich an Florianus Seite sitzend aus seinem Munde die Erzahlung des Versohnungstodes vernahm, als sein strahlendes Auge Flammen in meiner Seele entzundete, seine stolze Haltung mich unwillkuhrlich emporzog, er nun mit einer Stimme der edelsten Begeisterung diese Worte des sterbenden Gottmenschen aussprach, und sein ganzes Wesen so deutlich sagte: Auch ich kann so verzeihen ach, da sprang ich bebend vor Liebe und Andacht auf, und wollte an seine Brust sinken; aber ein scheues Gefuhl hielt mich zuruck, ich ergriff seine Hand und druckte sie an meine Lippen, an mein Herz. Er verstand mich o welch' ein Augenblick war dies!
Vorgestern Abends rang ich im heissen Gebet um Kraft zu der bevorstehenden Prufung, um Geduld und ein kindliches Herz. Mude und weinend schlief ich endlich sehr spat gegen den Morgen ein. Ein lieblicher Traum kam, meine nassen Augen zu trocknen. s i e t h u n . Auf ein Mal fiel es mir wie ein Schleier von den Augen, auf ein Mal war ich wie verwandelt. Ich konnte verzeihen, ich konnte entschuldigen, ich fuhlte, dass ich sogar wurde lieben konnen, wo ich bis jetzt nur gezittert hatte. Der Kaiser kannte ja mein stilles Verhaltniss nicht, als er mich aus Britannien wegfuhren liess, er hat es gut mit mir gemeint, mich nach seinem Begriffe glucklich machen wollen. Ach, es gibt so wenig Menschen, die glucklich zu machen verstehen, so wenig, die es uber sich gewinnen konnen, jene, die sie lieben, nach ihrer Weise froh werden zu lassen! Der Mensch nimmt so gern seine Wunsche zum Maassstab fur die ubrige Welt und wie klein, wie unbedeutend musste dem Augustus, selbst, wenn er sie gekannt hatte, die Liebesangelegenheit eines jungen Madchens vorkommen, ihm, der das Wohl und Weh der ganzen Welt in seinem Herzen tragt! So dachte ich, oder vielmehr, so entwickelte der Engel, der mir auf Erden in einer theuern Gestalt erschienen war, der jetzt im Traum vor mir gestanden, und die bedeutenden Worte gesprochen hatte, die Gedankenreihe in meiner Seele. Ja, Theophania! Es war mein Schutzgeist! Um mich den Weg des Heils zu leiten, nahm er einst die schone Bildung meines Freundes an, und ist jetzt wieder in den Himmel zuruckgekehrt, wo ich ihn finden werde, wenn ich seiner wurdig bleibe. O Theophania! Lass mir den sussen Glauben er halt mich aufrecht!
Mir ward leichter um's Herz, nachdem jene Ideen und Empfindungen in mir klar geworden waren. Mit ergebener Fassung, ja sogar mit einer Art von angenehmer Erwartung, den zu sehen, an den mich so heilige Bande knupften, liess ich mich mit all' dem Geschmeide belasten, das mein Vater mir gesandt hatte, und folgte meinem Fuhrer in den Palast.
In der Einsamkeit und Einfachheit meiner Kindheit, fern von Allem, was mir richtige Begriffe von dem Leben und Wesen der Grossen dieser Erde hatte geben konnen, standen ihre Bilder, wenn ich sie mir dachte, in beinahe ubermenschlicher Hoheit und Glanz vor mir. Als spaterhin mein Schicksal von dem Ersten unter ihnen so unsanft beruhrt, und in den wilden Wirbel der Welt gezogen worden war, da gesellte sich ein Schein von Furchtbarkeit zu jenen riesenhaften Gestalten, und die Herren der Erde erschienen mir mit den Zugen unerbittlicher, strenger Richter. O meine Liebe! Wie so ganz verschieden fand ich die Wahrheit von diesen Bildern meiner Phantasie! In einem Lehnstuhl sass oder lag vielmehr ein kranker abgezehrter Greis, dessen Blick und Haltung eher Alles, als den Gebieter von Myriaden verkundigte. Freilich umhullte ein Purpurgewand diese zitternden Glieder, aber es schien mit seiner Pracht und jugendlichen Farbe nur dieses Alters, dieser Hinfalligkeit zu spotten. Ist das der Herr der Erde? dachte ich. O Vorsicht! Was sind die Konige vor deinem Thron! Mich bewegte eine seltsame Empfindung, sie war nicht mehr Furcht, sie war dem Mitleid verwandt, und so trat ich ein paar Schritte naher. Da streckte er mir die Hand entgegen, und richtete sich, von Zweien seines Gefolges unterstutzt, muhsam auf. Komm, mein Kind! sagte er: komm naher, dass ich dich recht ansehe. Der leise gutige Ton der vaterlichen Stimme, die ich jetzt zum ersten Mal horte, uberwaltigte jeden Rest von Scheu, ich eilte hinzu, sank vor ihm nieder, und druckte die zitternde Vaterhand fest an meine Lippen, an mein Herz. Ich war zu bewegt, um zu sprechen, und auch mein Vater schien erschuttert. Bald aber fasste er sich wieder, hiess mich aufstehen, und betrachtete mich genau, indem er meine Zuge mit einem Bilde verglich, das ihm ein sehr schoner junger Mann, dessen Gesicht ganz allein unter allen, die ich hier sah, einen freundlichen Eindruck auf mich machte, von einem Tische heruber gelangt hatte. Ach, es war wahrscheinlich das Bild meiner nie gekannten Mutter! Der Gedanke ergriff mich sehr, und ich fing an zu weinen. Da winkte mir einer der glanzenden Herren, und ich verstand, dass ich mich bezwingen sollte, weil allzugrosse Ruhrung dem Kranken schadlich seyn konnte. Ich musste also im ersten Augenblick der Ergiessung mein volles Herz verschliessen, und meine Thranen verschlingen. Ach, da offenbarte sich der Fluch, der auf Macht und Hoheit liegt, an mir. Ich begann, in meine alten Gedanken zuruckzusinken, als mein Vater das Bild bei Seite legte, und mich sehr liebreich uber allerlei Umstande meines fruheren Lebens befragte, auch mit einer Schonung, fur die ich ihm ewig danken werde, Alles vermied, was mich an mein grosstes Ungluck erinnern konnte. Endlich stellte er mir mit einem bedeutenden aber nicht strengen Blick, den schonen jungen Mann, als meinen Landsmann Constantin vor. Ach, ich hatte es dunkel geahnet, als ich ihn sah, ich hatte wenigstens gewunscht, ihn so zu finden. Nun ward mir viel leichter. Ich hatte nebst meinem theuern Vater noch ein Herz in dieser freudenlosen Welt gefunden, das Theil an mir nahm, mich verstand, und uber das, was mir allein wichtig ist, gleich mit mir dachte.
So endigte der erste Besuch viel besser, als ich gehofft hatte; ich soll nun, so gebeut es mein Vater, ihn taglich besuchen, so lange er in Byzanz bleibt, dann mit ihm nach Nikomedien gehen, und ihn nie wieder verlassen.
Leb' wohl, Theophania! Ich muss mich bereiten, am Hofe zu erscheinen. Einer Kaisertochter wird es nicht so gut, wie der Tochter des gemeinsten Handwerkers, dass sie ihrem Vater unvorbereitet, und mit ihrem alltaglichen Anzuge, an die Brust fliegen konnte.
96. Constantin an Agathokles.
Nikomedien, im Marz 305.
Nach einer sehr langsamen, und sehr unangenehmen Reise bin ich endlich vor einigen Wochen mit dem Augustus hier eingetroffen. Sein Zustand ist bedenklich, obwohl fur den jetzigen Augenblick ohne Gefahr. Die Aerzte oder vielmehr sein Leibarzt, der durch sie spricht, derselbe, den ihm Galerius uberlassen hat, erklaren, dass nur Entfernung von allen Geschaften, w e n i g s t e n s a u f e i n i g e Z e i t , nur vollkommene Ruhe seine ganz zerruttete Gesundheit wieder herstellen kann. Ob sie in der Tiefe ihrer Kunst, oder in der Politik des Galerius diese Kunde geschopft haben, entscheide ich nicht. Dieser, der uns von Syrmium auf dem Fusse hierher gefolgt ist, um keinen Augenblick zu versaumen, und uberall selbst gegenwartig zu seyn, steigert seinen Ton und sein Betragen an Bestimmtheit und Hoheit mit jeder schlimmen Nachricht von des Augustus Befinden, und zwischen den Hofen von Nikomedien und Mailand waltet ein ununterbrochener Briefwechsel.
Nicht umsonst wird Salona, wie ich mich selbst uberzeugt habe, mit kaiserlicher Pracht erbaut und eingerichtet. Es ist ein ausserst lieblicher Aufenthalt, der schonsten Gegend von Dalmatien gelegen. Diocletian schien mit auffallender Vorliebe und allem Eifer, den ihm seine Schwachheit ubrig liess, die Vollendung dieses Baues zu betreiben, der so ganz das Geprage einer stillen Freistatt nach den Sturmen und Muhseligkeiten eines thatenvollen Lebens tragt. Ich sehe im Geiste Alles vor, es ist, als ob eine geheime Stimme mir es zuflisterte. Freiwillig oder halbgezwungen, aus Philosophie, oder um das untergehende Gestirn dem bosen Einfluss des gewaltsam empordringenden zu entziehen, wird Diocletian die Zugel der Regierung niederlegen, Galerius Augustus heissen, und wie Diocletian, Herr der Welt seyn wollen. Auch spricht man am Hofe und in der Stadt zu viel, zu allgemein, zu laut von dieser wahrscheinlichen Zukunft, als dass dies Gerucht blos der aufgetriebene Schaum des Mussigganges und der Langeweile seyn sollte, die schon so manches Gerede erzeugt haben. Heimliche Boten sind ausgesendet, um im Gesprach gleichsam zufallig die Nachricht zu verbreiten, und die Welt auf das seltsam wichtige Schauspiel vorzubereiten. Man erwartet das jungst kaum Geglaubte, das halb Unmogliche, fast schon als gewiss. Der Ehrgeiz, die Ruhmsucht, der Eigennutz in seinen innersten Tiefen durch neue Hoffnungen, Besorgnisse und Aussichten geweckt, kommt in gahrende Bewegung, die Neugierde zermartert sich in Vermuthungen und Erwartungen, und der mussige Pobel des Hofes und der Stadt sieht mit gespannter Aufmerksamkeit dem grossen Ereigniss, wie einem interessanten Schauspiel, entgegen, von dem er sich Zerstreuung und Zeitkurzung erwartet. So stehen die Sachen hier. Seit dem diese Geruchte anfangen laut zu werden, und vom Hofe aus ihnen Niemand widerspricht, handelt und befiehlt Galerius als Einer, der bald allein zu handeln und zu befehlen haben wird. Er mochte sich doch verrechnet haben. Der Titel eines morgenlandischen Augustus enthalt noch nicht den Titel des Herrschers der Welt, nicht jeder Augustus ist ein Diocletian, und gerechte Anspruche zu sichern, und von ihnen geleitet und geschutzt so weit zu gehen, als Sterblichen moglich ist, ist der hohe Beruf, den die Natur in manche Seelen legte, und den zu uberhoren, sie eben so unwurdig als unmoglich dunken wurde.
Was mein Vater fur mich im Stillen bereitet hat, was mir aus jenen Gegenden droht, und was ich dort durch seine und deine rastlose Sorge und Anstrengungen zu hoffen habe, habe ich theils durch deine geheimen Briefe, die mir der treue Vipsanius aus Laureacum brachte, theils durch die mundlichen Nachrichten erfahren, die mir die edle Valeria, als das letzte Vermachtniss ihres und meines sterbenden Freundes, mitgetheilt hat. Ich habe sie in Byzanz gesehen, und auf den ersten Blick die Landsmannin in ihr erkannt. Solche schlanke weisse Gestalten, so gelbes Haar, so dunkelblaue Augen erzeugt nur Britanniens lieblich dusterer Himmel. Sie ist sehr unglucklich. Eine ihrer ersten Bitten an mich, dem sie als einem Bruder sich mit schoner Zuversicht offen nahte, war, wenn sie sturbe, ihre Ueberreste nach Laureacum zu senden, und sie an unsers verehrten Lehrers Seite begraben zu lassen. Sie scheint nur Raum fur diesen Gedanken zu haben, und in ihm allen Trost zu finden, dessen ihre Lage fahig ist. Schmerzlich hatte ihr Anblick, ihr Gesprach jene alten Wunden wieder in mir erneuert, ihr Umgang mich weich und wehmuthig gestimmt, und ich fand es bald nothig, meine Einbildungskraft mit Gewalt von diesen Bildern abzuziehen, deren lahmende Wirkung ich mit Verdruss in meiner Empfindungsund Handlungsweise empfand. Die hiesigen Angelegenheiten boten mir bald wurdige Gegenstande, und Valeria, die ich ubrigens so sehr achte, als es ihre Vorzuge und ihr Ungluck verdienen, wird mich, wie ich hoffe, nicht verkennen, und nicht glauben, dass das Andenken unsers verklarten Freundes darum in meiner Seele schwacher fortlebt, weil ich selten und mit mehr Ruhe, als sie vermag, von ihm spreche.
So wie es scheint, haben ihr wirklich grosser Reiz und ihre sanften Tugenden das Herz ihres Vaters ganz gewonnen; man sagt, er denke sie in seine Einsamkeit mit zu nehmen, und habe sie desswegen schon vor einem halben Jahre zu sich kommen lassen, und als seine Tochter anerkannt. Ein neuer Beweis, dass der Plan, dem Throne zu entsagen, schon lange in seiner Seele gelegen, und er Alles geheim und langsam dazu vorbereitet hat. So handelt der kluge, der vorsichtige Mann, und gibt uns ein nachahmungswurdiges Beispiel. Auch wir sollen langsam und geheim bereiten, was der entscheidende Augenblick plotzlich in seiner ganzen Grosse und Vollendung der erstaunten Welt enthullen muss. Hindernisse spornen den Eifer, und wichtige Gegner lehren uns unsre Blicke scharfen, und alle Krafte anstrengen, in deren lebendiger Thatigkeit dem rustigen starken Mann erst recht wohl wird. Galerius ist auch thatig, ich weiss es wohl, aber jeder Augenblick wird zeigen, wer sichere, und bessere Maassregeln genommen hat.
Sende mir das nachste Mal Nachricht, wie es mit den Legionen steht, die mein Vater in Britannien bei sich hat. In Gallien sind mehrere Legionen, theils Romer, theils Eingeborne zerstreut, auf deren Treue ziemlich sicher zu zahlen ist, und die sich, wenn es nothig ist, leicht versammeln lassen. Es muss auf Alles gedacht, nichts dem Zufalle uberlassen, und auf den schlimmsten Fall uns ein wurdiger Ruckzug gedeckt seyn, der keiner Flucht gleiche, und uns nur die Musse verschaffe, mit erneuerter Kraft einst wieder hervorzutreten. Auch in Italien habe ich meine Zeit nicht vergebens zugebracht. Unter Maximians Augen in seinen Provinzen wird, ohne dass er es ahnet, an dem Plane gearbeitet, dessen Vollendung den Erdkreis neu gestalten soll. Der romische Senat hat langst aufgehort zu seyn, in dem Sinne, in welchem ihn einst die versammelten Vater und der staunende Erdkreis kannten. Warum sollen wir aus altem Wahn, oder unzeitiger Schonung eine Form behalten, die langst nichts mehr als eine leere Hulle ist, aus der der Geist entfloh? Der romische Staat ist reif zur Wiedergeburt; so werde er wiedergeboren, und eine neue Aera1 beginne fur die erneuerte Welt.
Vor allen Dingen ist es nothig, um jede Wurzel des Alten zu vertilgen, dass der Sitz des Reichs an eine neue Stelle komme. Dein Vorschlag wegen Byzanz scheint mir sehr klug und ausfuhrbar. Ich habe an Ort und Stelle Alles uberlegt und bedacht, was du mir fruher schriebst. Wie gar kein anderer Punkt in der Welt eignet sich dieser zur Hauptstadt des Ganzen, hier, wo zwei Erdtheile einander beruhren, und das freie Meer ein unmittelbares Verkehr mit dem Dritten eroffnet. Aber Eine Hauptstadt Ein Reich Ein Herrscher Ein Gott!
Ganz neu muss Alles werden, und von dem Alten auch keine Spur mehr ubrig bleiben, die zur Vergleichung mit Ehemals oder zum Schlupfwinkel fur Widerspenstige dienen konne. Erstaunt und betaubt sollen sie sich zuerst in der neuen Schopfung umsehen, und dann, bis sie sich erholt haben, wird die neue Ordnung ihnen nicht mehr fremd seyn. Nur so kann man hoffen, den Keim alles alten Unglucks, das Schwankende der Verfassung, und die tausend Missverhaltnisse einer getheilten Gewalt zu heben.
Wenn dann die alte Regierungsform mit kuhner Hand zerschlagen ist, folgen ihr die zertrummerten Gotzenbilder und Altare, und ein neuer wurdiger Cultus erhebe sich uber der gereinigten Erde.
So steht das Bild vor mir, gross, erhaben, und alle Krafte aufzubieten, die mir zu Gebote stehen, ist mir nicht allein Freude, ist, wie ich glaube, Pflicht, vom Schopfer mir auferlegt, der mit diesen Kraften mir auch den Beruf zu diesem Werke gab. Leb' wohl!
Fussnoten
1 Zeitrechnung.
97. Tiridates an Constantin.
Amida, im Marz 305.
Die wichtigen Ereignisse, die sich bei Euch in Nikomedien zubereiten, und die noch wichtigeren Folgen, die daraus entspringen konnen, haben mich bestimmt, nach Bithynien zu gehen, wo ich in ungefahr acht Tagen einzutreffen hoffe. Die Gunst und die Macht des Casar Galerius hat bisher meine Rechte unterstutzt und aufrecht erhalten; es kann seyn, dass der kunftige A u g u s t u s dieselben Gesinnungen beibehalt, aber es kann auch seyn, dass Politik oder Laune ihn umstimmen, und so glaube ich, dass es auf jeden Fall gut ist, bei der wichtigen Catastrophe gegenwartig zu seyn. Dir, mein Constantin, brauche ich die unbestreitbaren Anspruche eines eingebornen Fursten auf den Thron seiner Voreltern nicht an's Herz zu legen. Nicht blos deine Gesinnungen gegen mich, auch deine Denkart im Allgemeinen burgt mir dafur, dass du sie jederzeit ehren und anerkennen wirst; und so kann ich auch, ohne den Vorwurf der Heuchelei zu verdienen, dich versichern, dass ich es fur eine sehr gunstige Wendung des Schicksals ansehen wurde, wenn es dich bei den bevorstehenden Veranderungen an einen Platz stellen mochte, auf dem dein gerechter schen Staates aufrecht erhalten, und die Ruhe der letzten zwanzig Jahre fortsetzen kann.
Meine Calpurnia war sehr vergnugt, als ich ihr meinen Entschluss mittheilte. Die Aussicht, ihren Vater, ihren Bruder, so viel werthe Freunde wieder zu sehen, erfullte sie mit so reger Munterkeit und Thatigkeit, dass sie selbst unter ihren Augen alle Anstalten zur Abreise treffen liess. Wir sind in Amida, wie du aus der Ueberschrift des Briefs gesehen hast, und folglich an der Grenze des Reichs. Sobald Calpurnia und mein Sohn, den ich mitbringe, sich in etwas von den Beschwerden einer schnellen Reise erholt haben werden, setzen wir sie ununterbrochen fort, und denken in wenig Tagen dir mundlich zu sagen, wie sehr wir Beide dich lieben und schatzen. Leb' wohl!
98. Agathokles an Constantin.
Laureacum, im Marz 305.
Ein sehr verlasslicher Bote bringt dir diesen Brief, er enthalt die naheren Angaben von Allem dem, was du zu wissen verlangst, und was dein Vater dir melden lasst. Alles ist bereit, der Legionen in Gallien, Spanien und Britannien bist du durch deinen Vater sicher, hier in Noricum, durch Pannonien und ganz Dacien ist so viel geschehen, als moglich war, und du wirst mit mir zufrieden seyn. Die Christen, die sich unter ihnen befinden, bindet Religion und gerechter Hass gegen ihren Verfolger Galerius an dich, die ubrigen zieht das Beispiel der grossern Anzahl und mehr noch die Zuversicht auf den jungen muthigen Fuhrer dir nach, dessen Heldenthaten die Fama von Carrhas Gefilden, und aus den Gebirgen von Armenien bis hierher geschaftig trug. Sobald Diocletian den Purpur ablegt, und Maximian, wie es allgemein heisst, zu einem gleichen Schritte bewegt oder zwingt, sind dein Vater und Galerius Augustus, und du der Sohn des abendlandischen, sein geborner, berufener, wurdiger Casar. Mag Galerius sich in den Morgenlandern, oder unter den illyrischen Bauern1 einen Nachfolger wahlen, du hast ihn nicht zu furchten. Der Geist der Zeit, der sich allgion hinuber neigt, ist auf deiner Seite, er kampft mit deinen Schaaren, er zieht die Menschheit in dein Interesse, und vergebens stemmt die alte morsche Form sich das letzte Mal gegen die siegende Gewalt des bessern Neuen. Ja, er wird ausgefuhrt werden der schone grosse Plan, den wir in stillen Stunden der Begeisterung entworfen; stolz blickt mein Geist auf den Antheil hin, den meine Anstrengung, meine Thatigkeit daran hatte, und nichts gar nichts auf der Welt wurde mir zu kostbar seyn, um es nicht mit Freuden fur die Sicherung desselben hinzugeben.
Seit ich den edlen Florianus sterben sah, schwebt das Bild nicht der Marterkrone im gewohnlichen Sinn, wie es oft ubelverstandner Eifer und falscher Religionsbegriff sich ausmalt nein, eines freiwilligen Todes zum Besten der Menschheit, zur Sicherstellung und Ausfuhrung eines grossen, begluckenden Werkes mit schimmerndem Glanz vor meiner Seele.
Wie ich meine Theophania liebe, was sie mir ist, weisst du, und was ein Sohn, vom ihr geboren, meinem Herzen seyn kann, welche Begriffe ich von meinen Vaterpflichten habe, kannst du dir denken, ohne dass ich nutzlose Worte verschwende. Mein ganzes Erdengluck ruht auf ihnen; so lange ich sie besitze, bin ich sicher, in jeder Lage glucklich zu seyn, ohne sie ist keine Macht der Welt, keine Hoheit, keine Gewalt vermogend, mein Herz auch nur einen Augenblick zu ruhren. Dennoch ich habe mich gepruft, strenge, oft in der Einsamkeit, und wenn ich sie in meinen Armen hielt es gibt ein hoheres, ein grosseres Gut, um dessentwillen ich auch ihnen entsagen konnte! Vielleicht traue ich mir zu viel zu, und fern sey der Frevel von mir, das Schicksal auf diesen blutigen Kampf herauszufordern; aber ich glaube, ich wurde Kraft haben, sie zu opfern, wenn ich mit Ueberzeugung die Nothwendigkeit davon einsahe. Ich glaube aber ich bete, Constantin! dass mich die Vorsicht nicht auf diese schreckliche Probe setze mein Herz wurde durch ihren Verlust eher brechen, als durch den Todesstreich.
Ich darf keinen dieser Gedanken laut werden lassen, Theophaniens zarte Seele hat in jener Zeit, wo Florianus Tod uns Alle weich und finster stimmte, nur zu viel in der meinigen gelesen. Sie versteht mich so ganz, dass es keines Wortes, keiner noch so leisen Aeusserung bedarf, um Alles zu wissen, was in mir vorgeht. Ja, aus Einem Stoffe, aus denselben Faden sind unsre Herzen gewoben, und keiner kann in dem Einen erschuttert werden, ohne dass sie alle in dem Andern mit beben. Das macht jetzt unser hochstes Gluck, und macht vielleicht einst das Ungluck desjenigen, dem die Vorsicht ein langeres Leben bestimmt.
Du, mein Constantin, bist glucklich oder weise genug, nichts von diesen Gefuhlen zu wissen. Zu einem andern Zwecke bestimmt, hat dich der Schopfer mit andern Gaben ausgerustet, auf einen andern Platz gestellt, den du wurdig und allgemein begluckend behaupten wirst. Das ist mir entschieden gewiss, und so darf ich dir nichts empfehlen, als was eben grosseren Gemuthern oft so nothig ist, Vorsicht, und kluge Schatzung moglicher Gefahren. Sollte der Augustus den entscheidenden Schritt wirklich thun, dann bedenke, dass dein alter Feind unumschrankter Herr in jenen Gegenden wird, dass du sein erster, aber immer sein Unterthan bist, und was dem freisteht, der mit der hochsten Gewalt zugellose Rachbegierde und offene Verachtung alles desjenigen verbindet, was dem Menschen theuer und heilig ist. Sichre dir eine schnelle Flucht, und bestimme uber mich und Alles, was mein ist, zur Ausfuhrung jedes deiner Plane. Leb' wohl.
Fussnoten
1 Diocletian und Maximian waren ihrer Herkunft nach Illyrische Bauern, wie denn uberhaupt sehr viele Kaiser jener Zeit aus den untersten Standen waren.
99. Constantin an Agathokles.
Nikomedien, im Marz 305.
Es ist entschieden. Diocletian legt den Purpur ab. Was hier noch vorgefallen ist, um ihm diesen Entschluss, der vielleicht bei zunehmender Krankheit seit langerer Zeit in seiner Seele lag, so schnell, so plotzlich zu entreissen, vermag Niemand mit Gewissheit zu bestimmen. Galerius hat viele lange, und ofters heftige Unterredungen mit ihm gehabt. Genug, der erste Mai ist zu dem feierlich ernsten verhangnissvollen Schauspiel bestimmt. Von allen Seiten zieht Neugier, Erwartung, Furcht und Hoffnung, Fremde und Einheimische in die Stadt. Auch der edle Konig von Armenien ist mit seiner Gemahlin von zwei Tagen hier angelangt. Sie ist, das sage ich dir im Vertrauen, und um dich zur nothigen Starke aufzufordern, falls noch ein Ueberrest alter Neigung in dir wohnt schoner als je, besonders in der uppigen reichen Kleidung ihres neuen Vaterlandes. Er sieht mit Grund den Folgen des wichtigen Ereignisses nicht ohne Besorgniss entgegen. Was ist sich von der alten Zuneigung eines Mannes, wie Galerius, zu versprechen, der mehr als das Interesse eines Bundesgenossen, der das Wohl des eigenen Staats seinen wilden Begierden zu opfern im Stande als hochst nothig erkannt, das hat deine treue Bruderliebe mir neuerdings an's Herz gelegt. Auch sind schon alle Anstalten getroffen. So wie Diocletian vom Throne steigt, und dem Galerius die Zugel ubergibt ist Nikomedien kein sicherer Aufenthalt mehr fur mich. Du aber komm, komm schnell, du musst Zeuge jenes Tags seyn, du musst hier zuruckbleiben, um fur mich zu wirken, wenn meine personliche Sicherheit mich des Galerius gefahrliche Nahe fliehen heisst. Die beigeschlossene geheime Schrift enthalt alle Maassregeln, die du auf dem Wege hierher fur mich zu treffen hast, damit ich denselben Pfad zuruck bis nach Britannien sicher und schnell machen konne, wo ein geliebter Vater mir wichtige und wurdige Geschafte bereitet hat. Ich erwarte und bitte dich, in so kurzer Zeit, als moglich ist, mit Theophania und deinem Sohne den Weg von Laureacum bis hierher zu machen. Leb' wohl.
100. Theophania an Junia Marcella.
Byzanz, im April 305.
Da bin ich wieder, im Angesichte des theuern Vaterlandes. Gegen mir uber liegt die Kuste von Bithynien. Bald, in wenig Stunden werde ich sie betreten, und ein geheimer Schauder ergreift mich bei dem Gedanken an Alles das, was ich dort schon erfahren habe, was ich vielleicht noch zu erfahren haben werde. Warum kann ich mich nicht freuen? Warum erfullt, was ich von der nachsten Zukunft weiss, die Abdankung des Diocletians, Constantins Maassregeln, seine hochfliegenden kuhnen Plane mein Herz mit geheimer Angst? Ach, Agathokles und sein Wohl, und so auch das meine sind zu tief, zu innig mit Allem diesem verwebt, um mir einen freien, frohen Blick in die wildverworrene Ferne zu gestatten. Dunkle Gestalten regen sich im Hintergrunde, wilde Leidenschaften gahren sich in grauenvoller Stille, und nur das Auge, vor dem die Nachte sonnenhell, und tausend Jahre wie einer unserer Tage sind, weiss, wie sich diese dustere Zukunft entwickeln wird.
Ach wie glucklich war ich in Synthium! Warum konnte ich es nicht lange, nicht immer bleiben? Ich erkenne die Wurdigkeit des Zweckes, den Constantin gungen loben, ihre Maassregeln billigen, aber ich furchte, mein stilles Gluck geht in dem grossen Kampf gewaltiger Massen unter.
So werde ich Nikomedien nicht mit frohlichem Herzen wiedersehen, und unter truben Vorbedeutungen naht sich mir zum zweiten Mal der Zeitpunkt, der jedem Weibe so wichtig ist, der jedes Mal uber Leben und Tod entscheiden kann. Sollte ich dies Mal minder glucklich seyn, als das erste Mal? Sollte das neugeborne, und das noch kaum lallende Kind mutterlose Waisen werden? O die Trennung von ihnen und Agathokles ist das Einzige, was mir jenen dustern Uebergang schrecklich machen konnte. Ich kann hier nicht glucklich seyn ohne sie wie konnte ich dort der Seligkeit geniessen?
Und wenn Gott uber mich gebeut mit schaudernder Ergebung unterwerfe ich mich dann sey du meinen Verlassenen Mutter, bis ihre reifern Jahre sie zu keiner unertraglichen Last mehr fur ihren theuren, unglucklichen Vater machen.
Ich werde ruhiger sterben, wenn diese Aussicht mir die Trennung von meinen Lieben versusst, ich werde mit dem Gefuhl erfullter Pflicht sterben, mit dem der Krieger im Schlachtfeld fallt. Ich sterbe in und wegen meiner Pflicht. So wenigstens erscheint mir der Tod eines Weibes uber der Geburt eines neuen Menschen, eines Weltburgers, eines kunftigen Christen.
Leb' recht wohl, meine Geliebte! Aus Nikomedien schreibe ich dir nachstens, und ausfuhrlicher. Unsere Reise gleicht diesmal einem Fluge, und schon kommt man, mich zu ermahnen, weil das Schiff, das uns an's bithynische Ufer bringen soll, die Segel losen will. Leb' wohl!
101. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus.
Nikomedien, im April 305.
Die Wurfel liegen, die Hand des Zufalls greift nach der Scheere, um das letzte Haar abzuschneiden, welche das blosse Schwert uber den wichtigsten von Galerius Feinden aufgehoben halt. Doch ohne Bilder, mein Freund! denn ich liebe sie nicht, weil sie mich unbequem dunken, meine Gedanken, die nichts als klare Wahrnehmungen enthalten, auszudrucken. Im vergangnen Monat hat sich der kaum hergestellte Kaiser dem Volke zum ersten Mal wieder gezeigt, und wer ihn lange nicht sah, hatte Muhe, ihn wieder zu erkennen. Seine Gesundheit ist ganz zerruttet, seine Kraft gebrochen, dieser Schatten des ehemaligen Diocletians taugt nicht mehr zu dem Geschafte, das einen starken Arm und ungeschwachten Muth fordert. Er fuhlt es, oder ist klug genug zu thun, als fuhle er's, und legt die Regierung nieder. Die Welt wird das lacherlich ernste Schauspiel als eine Wirkung hoher Philosophie, einer ruhmwurdigen Gleichgultigkeit gegen die hochsten Guter der Erde anstaunen, die Klugen werden insgeheim lachen oder furchten, je nachdem sie zu einer Partei gehoren, und Galerius allein gewinnt, denn seine Plane sind ausgefuhrt, und Maximian wird mit Diocletian zugleich den Purpur ablegen, Constantius ist nicht zu furchten, so bleibt Galerius die Herrschaft uber die Welt so ziemlich sicher und allein, wenn E i n e r , nur E i n e r noch aus dem Wege geraumt ist, den seine Geburt, und mehr noch als diese, ein unternehmender Ehrgeiz zu einem furchterlichen Nebenbuhler machen, obwohl er bis jetzt seine Plane und Anspruche unter dem Schein vollkommener Ruhe und Gleichgultigkeit verbirgt. Er ist sein, doch gibt es Menschen, die ihn durchschauen, denn was hatte nicht schon Gold und Bestechung geoffenbart und bewirkt! Er muss fallen, wenn Galerius sicher seyn soll er wird fallen, denn er ist in der Hand seines Feindes, und dieser Feind ist in wenig Tagen unumschrankter Herr der Erde.
Das ist er klug genug, selber zu berechnen, und darum hat er seine Anstalten sehr zweckmassig gemacht. Jetzt, mein Freund! ist es fur dich Zeit zu wirken, und deinen bescheidnen Theil an dem grossen Plane zu nehmen. Wir wissen, dass in Chalcedon Anstalten zur heimlichem Abreise, oder vielmehr zur Flucht einer bedeutenden Person gemacht werden; es ist ein Schiff bereit, und in dem Hause eines gewissen Clemens, bei welchem sich seit jenem Edicte die Christen zuweilen versammeln, sind Vorkehrungen zu ihrem Empfange getroffen. Ueberdies wissen wir, dass in Constantius Stallen bestandig gezaumte Pferde stehen. Wenn es Zeit seyn wird, soll ein fliegender Bote dich benachrichtigen. Du als Prafect von Chalcedon umringst mit deiner Wache das Haus, in welchem gesetzwidrige Versammlungen gehalten werden, und was sich darin befindet, ist dein Gefangener. Du erstaunst uber die Bedeutenheit der Person, von deren Anwesenheit du keine Ahnung gehabt hast, und wenn er entlassen zu werden fordert, so entschuldigst du dich mit der Strenge deines Befehls, und der Sonderbarkeit des Falles. Du versprichst in aller Demuth, sogleich nach Nikomedien zu schreiben, thust es auch, und fur das Uebrige lass uns hier sorgen. Er soll Britannien, ja die Kuste von Europa nie wieder sehen. Nun leb' wohl, mache deine Sachen geschickt, und rechne auf die Dankbarkeit des kunftigen Augustus.
102. Calpurnia an ihren Bruder Lucius.
Nikomedien, im Mai 305.
Das grosse Schauspiel ist voruber, auf welches die Welt seit ein paar Monaten mit der gespanntesten Aufmerksamkeit wartete. Heute Morgens waren die Einwohner von Nikomedien, viele Fremde, die die Neugier oder Privatabsichten hierher gezogen haben, der ganze Hof, die Priester, die offentlichen Autoritaten, Alles in grosstem Schmucke auf einer weiten Ebene vor der Stadt versammelt. Fur die Augusta, des Casars Gemahlin, ihre Tochter, mich und einige angesehene Matronen war ein eigner Ort bestimmt, wo wir unbelastigt von dem Gedrange zusehen konnten. Das Erste, was mir hier in die Augen fiel, war Theophania, und an ihrer Seite ein sehr schones, aber blasses Madchen, Diocletians neue Tochter Valeria. Wir begrussten uns als alte Bekannte, sie war erst vor ein paar Tagen aus den Abendlandern hier angekommen, und eben so wie ich mit dem, was heute geschehen sollte, angelegentlich beschaftigt. Nur nahm sie nach ihrer Weise die Sache sehr ernsthaft, und schien eine bose Zukunft zu furchten. Uebrigens ist sie, das sieht man in jedem ihrer Blicke, in jedem Worte, noch unaussprechlich glucklich, sie hat einen Sohn von ungezweiten Kindes entgegen. Indessen wir schwatzten, kam der Wagen des Augustus langsam von der Stadt herab gefahren, von einer Menge Manner zu Pferde begleitet. Galerius, Tiridates, Constantin und Agathokles waren unter ihnen. Ich hatte diesen seit anderthalb Jahren nicht mehr gesehen, ich bin verheirathet nach meinem Wunsche, mit einem wurdigen Gemahl warum klopfte mein Herz dennoch, als ich ihn von seinem muthigen Rosse, das sich unter ihm baumte, abspringen, und in der schimmernden Rustung stolz und ernst seinen angewiesenen Platz einnehmen sah? Seltsame Bewegung, wunderbarer Zug des Herzens, dessen ich nie ganz machtig werden kann.
Jetzt war der Wagen des Augustus an der Tribune angekommen, die fur ihn bereitet war. Von zwei Personen unterstutzt, stieg er muhsam die wenigen Stufen hinan, und hielt eine wohl ausgesonnene, und wie mir schien, kunstlich geordnete Rede an's Volk; er erinnerte es an die mancherlei Wohlthaten, die es in der langen Zeit seiner Regierung genossen hatte, an die gewonnenen Schlachten, den Triumph uber die Perser u.s.w. Er hielt ofters inne, ob aus Schwache, oder um zu sehen, welche Wirkung seine Rede machen wurde, weiss ich nicht. Sie machte keine, oder wenigstens nicht die, die er vielleicht erwartet hatte. Keine Stimme erhob sich, ihm zu danken, kein Mensch schien an dem Vorgange ein anderes Interesse als das der Neugier zu haben. Endlich kam er auf seinen jetzigen Zustand, und die Unmoglichkeit, mit so geschwachten Kraften langer die grosse Last der Staatsverwaltung zu tragen, er kundigte seinen Entschluss an, sich dieser Burde zu entziehen, und das Ruder des Staates jungeren, starkeren Handen anzuvertrauen. Er hielt von Neuem inne es regte sich Niemand. Da rief er den Casar Galerius zu sich, stellte ihn dem Volke als den kunftigen Augustus vor, zog den Purpur aus, mit dem er sogleich seinen Nachfolger bekleidete, und verliess die Tribune. Nun erhob sich ein lautes Beifallrufen, von dem man nicht recht wusste, ob es der Abdankung des alten, oder der Wahl des neuen Augustus gelte. Galerius nahm auf der Stelle den Platz seines Vorfahrers ein, dieser stieg mit seiner Tochter in den Wagen, und fuhr schnell in die Stadt zuruck, wo bereits Alles zu seiner schleunigen Abreise nach Salona bereitet ist.
So endigte die grosse Komodie, und ich muss dir bekennen, dass sie meine Achtung fur das Menschengeschlecht nicht vermehrt hat. Ueberhaupt habe ich, seit der Zufall mich zur Gattin eines Konigs machte, in dieser Rucksicht widerliche Erfahrungen gemacht, und meine kalte, nuchterne Ansicht der Welt ist noch viel kalter geworden. Wie armselig sind die meisten Menschen! An was fur elenden Faden werden sie gezogen!
Ware ich vielleicht nicht glucklicher gewesen, wenn ich das nie erkannt hatte? Es gibt doch menschliche Verhaltnisse, wo die Verachtlichkeit des Geschlechts sich nicht so unverhullt zeigt, wie an Hofen, wo vielleicht bei wenigeren Anlockungen auch weniger Boses geschieht, und unversucht sich stille Tugenden entwickeln. Ein solches Loos hatte einst mein werden konnen, wenn nicht ein neidisches Schicksal mich tuckisch verfolgt hatte. Ich bin nicht unglucklich, aber ich kann der Erinnerung nicht verbieten, zuweilen ihren welken Blumenkranz neben meine schimmernde Thiare zu legen, und verborgner Schmerz im Innersten meiner Seele lost sich dann in einen Seufzer auf.
103. Agathokles an Phocion.
Nikomedien, im Mai 305.
Nun ist der wichtige Schritt geschehen. Gestern Morgens hat Diocletian auf eine sehr feierliche Art der Regierung entsagt, und den Purpur an Galerius ubergeben, und diese Nacht ist Constantin von hier fort. Eher war es nicht moglich, ohne auffallend Verdacht zu erregen, und morgen mochte es vielleicht nicht mehr moglich seyn, weil Galerius bereits Schritte gethan hat, um sich seiner Person zu versichern. Um die Rechtmassigkeit selbst, um den Vorwand zu dieser emporenden Greuelthat kummert sich ein Augustus, wie der, nicht, und die Geschichte liefert genug Beispiele solcher Thaten, wenn Beispiele ein Verbrechen entschuldigen konnen. Die Anstalten zu Constantins Entweichung sind zweckmassig getroffen, und ich erwarte mit Ungeduld einen Boten aus Chalcedon, der mir die Nachricht bringen soll, dass er das Schiff bestiegen hat. Von Byzanz aus ist sodann Alles geheim bereitet. Nichts wird seine Reise aufhalten, er kann ungehindert bis nach Lutetien1, oder nach Eboracum gelangen, wo immer er seinen Vater zu treffen hofft, und dieser wird als Augustus den Sohn zum Casar ernennen. So ist dann die nothwendige erste Stufe ersichern.
Am andern Tage.
Der Bote von Chalcedon ist noch nicht zuruck. Dreissig todtlich lange Stunden sind voruber, er konnte langst da seyn. Meine Brust ist voll banger Unruhe, und trube Ahnungen sinken, wie Mitternachte, uber meinen Geist herab. Was ist geschehen? Was haben wir zu furchten? Ich sende den Brief nicht ab, bis ich dir etwas Bestimmtes sagen kann. Gott gebe, dass es nichts Schlimmes ist.
Fussnoten
1 Lutetia, das heutige Paris.
104. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus.
Nikomedien, im Mai 305.
Der Vogel geht in die Schlinge. Nun ist es an dir, sie geschickt zuzuziehen. Der Bote, der dir diesen Brief bringt, ist um einige Stunden vor Constantin voraus. Er bildet sich ein, den Augustus uberlistet zu haben, und wir lassen ihm die Freude, sich eine Weile an dem stolzen Gedanken zu ergotzen. Einige Drohungen, und ein ziemlich merklicher Versuch des Galerius, ihn mit Gewalt hier zu behalten, haben seinen Entschluss bestimmt. Du ergreifst ihn, und schickest ihn unter starker Bedeckung, und unter dem strengsten Geheimniss zuruck; denn das Volk liebt ihn, und die Armee hangt an ihm. Leb' wohl.
105. Theophania an Phocion.
Nikomedien, im Mai 305.
Einschluss in dem hundert und dritten Briefe.
Alles ist verloren, Phocion! Was wird aus uns, was wird aus meinem Gemahl, meinen Kindern werden? Constantin ist in Chalcedon ergriffen, und vor einer Stunde gefesselt, und stark bewacht in den kaiserlichen Palast zuruck gebracht worden. Ein vertrauter Sclave brachte Agathokles diese Nachricht. Ich sah ihn erbleichen, zittern, ohne Laut, ohne Antwort auf alle meine Fragen riss er sich von mir los, und ging auf sein Zimmer. In einer halben Stunde ungefahr kam er verstort und todtenbleich zuruck, druckte mich und sein Kind heftig, fast schreiend an seine Brust, und trug mir auf, den Brief zu schliessen, und dir zu melden, was vorgefallen ist. Kein Bitten, kein Fragen hielt ihn auf. O mein Gott, was soll das bedeuten! Ich thue, was er mir befahl; aber meine Hand zittert, indem ich den Brief schliesse.
106. Calpurnia an ihren Bruder Lucius.
Nikomedien, im Mai 305.
Welche unerhorte Sachen geschehen hier! Es ist, als ob man sich den Mauern dieser unseligen Stadt nur nahern durfte, um sogleich in den Strudel der Verwirrung, der Angst und Qual gezogen zu werden, der den grossten Theil der Einwoher immerwahrend mit sich fortreisst. Ach, Bruder, mein Herz hat richtig geahnet, und richtig empfunden, als es beim ersten Anblick des unvergesslichen Freundes starker als je bei eines andern Mannes Anblick schlug! Was habe ich um seinetwillen schon gelitten! Was werde ich noch zu leiden haben! Der Streit zwischen Constantin und Galerius ist offenbar ausgebrochen dieser hat Jenem, wie man sagt, nach dem Leben gestrebt. Constantin ist hierauf entflohen, aber in Chalcedon ergriffen, und wieder nach Nikomedien gebracht worden, und Galerius hat einen lauten Schwur gethan, ihn offentlich hinrichten zu lassen. So standen die Sachen gestern. Agathokles hort diese Nachricht er erkennt die Gefahr seines Freundes, und reisst sich aus den Armen eines geliebten Weibes, aus dem Schoosse des hauslichen Gluckes, besticht die Wachen, die den Constantin lieben, und ohnedies den verehrten Feldherrn unTode bestimmt sahen, und beredet diesen, an seiner Statt und in seinen Kleidern den Kerker zu verlassen, indem er sich fur ihn dem Tode weiht. Constantin nimmt das ungeheure Opfer an, entflieht, und ist jetzt schon vielleicht in Byzanz. Galerius wuthet uber den Betrug, der ihm gespielt wurde, und hat offentlich erklart, dass kein Mensch bei Lebensstrafe sich erkuhnen durfe, auch nur e i n Wort fur Agathokles Leben zu sprechen, den er jetzt noch arger als Constantin hasst, und zu verderben geschworen hat; und der schandliche Marcius Alpinus unterlasst nichts, was in seiner Macht steht, um die alte Nache am Agathokles zu kuhlen. So wird der edelste Sterbliche, den ich je gekannt, ein Opfer seiner uberspannten Begriffe, und der Bosheit niedriger Menschen, und es ubrigt kein Strahl von Hoffnung, um ihn zu retten.
Vorgestern noch war er bei mir, so frohlich, so heiter, dass unwillkuhrlich die schonen Stunden in Rom vor meine Seele zuruckkehrten und heute? Tiridates war der erste, der die Schreckensbotschaft horte. Agathokles fand die Moglichkeit, einen Soldaten von der abgehenden Wache zu ihm zu senden, und ihm sein Weib, seine Kinder zu empfehlen. Ich habe Tiridates nie liebenswurder gesehen, als in dem Augenblick, wo er tief erschuttert und mit Thranen mir die Gefahr seines Freundes ankundigte, und mich bat, die ungluckliche Frau auf die schreckliche Nachricht vorzubereiten, und sie in ihrem Schmerz nicht zu verlassen. Ich fiel ihm weinend um den Hals, und wir gelobten uns mit Thranen, Alles zu thun, was zur Rettung oder zur Erleichterung des edlen unglucklichen Paares in unserer Macht stand.
Ich liess mich sogleich zu Theophanien fuhren. Ich fand sie in unbeschreiblicher Angst; denn Agathokles war vor mehreren Stunden fortgegangen, ohne dass sie wusste, wohin aber in einer Fassung, die sie Alles furchten liess. Langsam und nach und nach liess ich sie mehr errathen als horen, was geschehen war, und nun fing sie heftig an zu zittern, eine Todtenblasse uberzog ihr Gesicht, und sie sank leblos von dem Stuhle herab. Es brauchte mehr als eine Stunde Zeit, bis sie wieder ein Zeichen des Lebens gab, dann aber wechselten Ohnmacht und halber Wahnsinn mit einander ab, und in diesem bedauernswurdigen Zustande ist sie noch. Die Aerzte furchten sehr fur ihr Leben, besonders wenn die erschutterte Natur den Zeitpunkt, der ihr nahe bevorsteht, beschleunigen sollte. Ich habe mir vorgenommen, sie nicht zu verlassen, und werde es halten; es ist vielleicht der letzte Beweis wahrer, treuer Freundschaft, den ich meinem verlornen Freunde geben kann. Leb' wohl.
107. Agathokles an Phocion.
Nikomedien, im Mai 305.
Kerkermauern umschliessen mich, ein matter Lichtstrahl fallt von oben herab durch das Gegitter, und beleuchtet sparsam den Brief vielleicht den letzten, den ich an den treuesten altesten Freund auf dieser Erde schreibe. An mein Weib, habe ich gestern geschrieben. Sie und mein Kind bald vielleicht m e i n e K i n d e r ! sind die einzigen Gegenstande, die ich mit Schmerz verlasse, aber o mit welchem Schmerz! Das weiss nur der, der dies Herz so weich, so empfindlich fur das unaussprechliche Gluck der Liebe gebildet hat, der es ihm in vollem Maasse zu geniessen gab, und es jetzt mit strengem Ernst von demselben abruft! Sein Wille geschehe!
Ich habe gethan, was meine Pflicht gebot. Kein Zweifel, keine Unruhe kommt in meine Seele. Da war nicht zu wahlen, nicht anzustehen. Jede Stimme, selbst die der Liebe musste verstummen. Es blieb kein Ausweg. E r oder i c h ! Fiel Constantin, so war alle Aussicht fur die Verbesserung, die Rettung der Menschheit verloren, jede Hoffnung im Keim zerstort. Der wuthende Galerius behielt den Erdkreis in seinen blutigen Handen, das Christenthum wurde, wo nicht Jahrhunderte hinaus vernichtet seyn. Und was verlor die Welt an mir? Zwar weiss ich, dass Theophaniens Herz brechen wird aber es wird mit meinem brechen, wir werden uns wiedersehen! Zwei gebrochene Herzen, zwei Sterbende fur einen geretteten Erdkreis!
Ich verliess mein Weib, ohne ihr zu sagen, was ich vorhatte. Ganz wusste ich's in diesem Augenblicke selbst nicht, aber ich ahnete, dass mir ein grosser Schritt bevorstand, und Alles auf einen schnellen Entschluss ankam. Ich traf alle Anstalten, um eine zweite Flucht Constantins zu sichern, dann offnete mir mein Gold den Weg zu ihm. Ich fand ihn vernichtet kann ich wohl sagen, und doch in manchen Augenblicken ganz muthvoll, Alles zu wagen, wenn nur die Riegel seines Gefangnisses gesprengt wurden. Ich entdeckte ihm den Plan, den ich entworfen hatte. Er schauderte, es brauchte lange, bis die Ansicht, die Grosse, die Gemeinnutzigkeit jener Entwurfe, die seit zwei Jahren das leuchtende Ziel aller unserer Bestrebungen und Anstrengungen waren, aber seine Liebe zu mir und die Freundschaft siegte. Er ergriff meinen Mantel, hullte sich ein, schloss mich mit dumpfen Seufzern an seine Brust, und entfloh. Die Thure schmetterte krachend hinter ihm zu, und ich fuhlte mich lebend begraben. Alles, Alles war fur mich verloren. Theophaniens Bild trat in allen Reizen vor mich hin, ich weinte, ich schame mich nicht, es zu bekennen, mein Zustand grenzte an Verzweiflung.
Da fiel ein Strahl himmlischen Lichts in die umnachtete Brust. Himmlisch! Keine Vernunft, keine menschliche Ueberzeugung bewirkt diesen Frieden, diese Klarheit. Seitdem ist es stille in mir geworden. Ich weiss, was meiner wartet, ich weiss aber auch, welche helle Zukunft hinter diesen dunkeln Stunden liegt. Ich sterbe nicht um meines Glaubens willen, wie so Viele, die mit blindem Eifer sich zur Marterkrone drangen, und in ihr vollen Ersatz fur ein sonst unverdienstliches Leben und jede versaumte Pflicht finden. Ich sterbe fur meinen Glauben, weil er das hochste Gluck der Menschheit ist, weil nur durch seine Verbreitung das Gluck allgemein werden kann, und weil wenigstens so weit meine und vieler Erfahrnen Einsicht reicht, nur in Constantin sich alle Eigenschaften vereinigen, um diesen Zweck siegreich auszufuhren.
So muss auch jener Zweifel, der sich mir im Anfange zuweilen aufdrang, verstummen, als hatte blinde Freundschaft fur Constantin mich hingerissen, die hohern Pflichten gegen Weib und Kind zu verletzen. Nein, ich liebe Constantin, ich liebe ihn mit aller Starke, die Dankbarkeit, gleiche Gesinnung, und hohe Ueberzeugung von seinem Werth gibt; aber wie unendlich tiefer ist die Liebe zu dem engelgleichen Geschopfe, das ich liebe, seit ich lebe, in das Innerste meines Wesens verwebt! O Theophania! Reines, liebevolles, ewig theures Weib! Von dir zu scheiden ist schwerer als zu sterben; dich zu verlieren, ist schon Tod fur mich! Dennoch verlasse ich dich denn meine Ueberzeugung befiehlt, und du selbst kannst mir nicht zurnen, wenn auch dein Herz darunter bricht.
Ich habe an Tiridates geschrieben, und ihn gebeten, sich ihrer anzunehmen. Er soll meinen Verlassenen Gatte und Vater seyn, bis eine gluckliche Wendung der Umstande Constantin erlaubt, diese heilige Pflicht, die er mir im letzten Augenblicke vor Gott gelobt hat, zu erfullen. Ich hoffe, Galerius wird sich mit meinem Leben begnugen, und die Schuldlosen nicht mit mir in's Verderben ziehen. Ist aber keine Moglichkeit, den Wutherich zu erweichen, so fuhre eine schone Stunde uns zusammen in ein besseres Leben, und der Tod wird keine Schrecken mehr fur mich haben!
Phocion! Eine grosse Schwache bleibt in meiner Brust zuruck, und ich vermag nicht, sie ganz zu bekampfen. Ist dem Sterbenden keine erlaubt? In manchen Augenblicken wunsche ich, dass der Tyrann mir die Schuldlosen nachsende, oder Theophaniens Zustand, der aller Wahrscheinlichkeit nach jetzt bedenklich seyn muss, sie sammt dem ungebornen Pfand ihrer Liebe mit mir vereinige. O Theophania! Ich weiss ja, wie ungluckselig dich mein Tod machen, wie freudenlos dein Leben ohne mich seyn wird! Darf ich dir die Wohlthat nicht wunschen, mit mir zu sterben? So flisterte mir die Stimme der Selbstsucht zu, und ich habe nicht immer Kraft genug, sie schweigen zu heissen.
Ich habe auch an mein Weib geschrieben. Du kannst denken, dass ich keinen dieser selbstsuchtigen Wunsche laut werden liess. Nur in deine Brust giesst sich mein volles blutendes Herz aus; aber diese Ergiessung ist ihm unentbehrlich, in ihr allein liegt die Moglichkeit, dieses schreckliche Daseyn geduldig zu tragen, bis der letzte Streich gefallen ist. Vor diesem Augenblicke schreibe ich dir noch, wenn anders es mir vergonnt ist; denn wer weiss, wie lange mich meine Henker leben lassen werden.
108. Agathokles an Theophanien.
Nikomedien, im Mai 305.
Tiridates treue Freundschaft hat mir Nachricht von deinem Zustande gegeben, und durch ihn erhaltst du diesen Brief. Mein Weib! Mutter meiner Kinder! Heilige, verehrte Namen, aber noch mehr Christin und Burgerin einer Welt, die auch an deine Krafte Anspruch macht! Du leidest, du leidest unaussprechlich, und mein ist die Schuld dieser Schmerzen, mein Werk ist dein schrecklicher Zustand! Ich hatte dir ihn ersparen konnen, es war mein Entschluss, mein Wille, mich fur Constantin zu opfern, und den Dolch in deine Brust zu stossen, von dessen todtlicher Scharfe ich uberzeugt war!
Warest du nicht die, die du bist, nimmermehr wurde ich so mit dir sprechen, nimmermehr die unverhullte Wahrheit vor einem bloden Auge erscheinen lassen, das ihre Strahlen nicht zu ertragen vermag. Ich hatte entweder den langen Klagen, den unerschopflichen Thranen eines schwachen Weibes, oder den Vorwurfen eines heftig gereizten Gemuthes entfliehen, und sie in wohlthuender Tauschung lassen mussen. Das Alles habe ich von dir nicht zu furchten. Du, meine Theophania! wirst weder das Schicksal, noch Muth genug, Alles zu ertragen, was die Tugend dir zu ertragen gebeut!
Unsere Entwurfe sind dir bekannt. Vor dir hatte ich kein Geheimniss, auch das Wichtigste, das deiner weiblichen Bestimmung Fremdeste besprach ich mit dir, meinem ersten Freunde! Constantin, mit deinem Werthe bekannt, vertraute dir unbedingt, und du warst mehr als ein Mal Zeugin unserer Verabredungen, oft unsere kluge, sanfte Rathgeberin. Aus das Alles fuhre ich dich geflissentlich zuruck, um dir die Wichtigkeit, die unabanderliche Nothwendigkeit jener Maassregeln anschaulich darzustellen, an denen du so lebhaften Theil nahmst. Jetzt galt es, entweder ihre segenreiche Erscheinung in der Welt, oder ihre ganzliche Vernichtung. Constantin war gefangen, Galerius hatte seinen Tod geschworen, er konnte ihn nicht leben lassen. Das wusste ich, du, er selbst und eben so gut wussten wir, dass kein Mittel, als eine gluckliche List, ihn befreien konnte. Ein Opfer musste fur das andre untergeschoben, und die Grausamkeit, der Huter getauscht werden. Das Alles stand klar vor mir, bei jedem Verzug war Gefahr. Dir entdeckte ich meine Absicht nicht, weil ich theils noch nicht recht uber die Ausfuhrung einig war, theils weil ich mein Herz vor dem grossen Augenblicke der That nicht zu sehr erweichen wollte. Was hierauf geschah, weisst du. Ich sage dir nichts uber meine Empfindungen, als Constantin entfernt, und mein Schicksal unwiderruflich beschlossen war.
Ein heisses Gebet, kindliche Unterwerfung, und kindlicher Glaube an Den, der auch freiwillig fur seine Bruder starb, bewahrte mich vor Verzweiflung, und ich warf Mich gestarkt und ruhiger auf Constantins Lager, zog seinen Mantel uber mich, und schien zu schlafen, als der Wachter kam, das Abendessen zu bringen. Vor dem folgenden Morgen durfte die Tauschung nicht bekannt werden, wenn nicht das Opfer vergeblich, und Constantin mit mir zugleich verloren seyn sollte. Am andern Tage, als ich Gewissheit hoffen konnte, dass Constantin in Sicherheit seyn wurde, und keine Moglichkeit war, mich langer zu verbergen, gab ich mich dem Kerkermeister zu erkennen. Er erstarrte. Ein seltsames Gemisch von Schrecken, Bedauern, Zorn und Achtung zeigte sich in seinen finstern Zugen. Er musste es dem Augustus melden. Ich trieb ihn selbst an, seine Pflicht zu thun. Du bist verloren, sagte er. Ich wusste es ohne dies. Er ging, seitdem habe ich eine Art von F r e u n d oder wenigstens einen innigen Theilnehmer an meinem Schicksal in ihm erworben. Es ist auch Trost Trost, den der Himmel sendet!
Nun weisst du Alles, und in deine Brust, die ich zerrissen habe, lege ich meine Rechtfertigung. Kannst du wunschen, dass ich anders gehandelt hatte? Findest du Constantins und des Christenthums Alleinherrschaft zu theuer mit dem Opfer unsers ganzen Erdenglucks erkauft? Regt sich in deiner Brust ein Unwille, ein Vorwurf gegen mich, der es freiwillig zerstorte? Was hattest du mir gerathen, wenn es mir moglich gewesen ware, dich vorher zu befragen?
Ich weiss deine Antwort, und so bin ich ganz ruhig; ich bitte dich nicht, mir zu vergeben, was du selbst mich thun geheissen hattest, was du in dem Augenblick, wo du dieses liesest, billigest und segnest. Du bist unaussprechlich unglucklich, ich weiss es, dein Leben ist vergiftet, nie wird eine heitre Stunde dich mehr beglucken, die Vergangenheit hat nichts als Qualen fur dich, und die Zukunft starrt dich finster an, wie ein Grab. Dir ware es besser, mit mir zu sterben; du wunschest es, das weiss ich, und wenn auf dieser Erde mir noch eine Freude erscheinen kann, so ware es die, in deinen Armen zu vergehen. Dennoch fordere ich dich auf, zu leben. Ich fordere dich auf im Namen unserer Liebe, unserer Kinder, unserer Pflicht, im Namen Gottes, der diese Pflichten von uns heischt. Nicht, weil ich das Leben fur ein Gut halte fur dich ist es keines nicht, weil ich an die Moglichkeit einer Heilung durch die Zeit fur dich glaube ich kenne dich, und weiss, dass deine Liebe und dein Schmerz mit deinem Wesen Eins geworden ist aber weil es Pflicht ist, weil Gott dir Kinder gegeben hat, und in einem ernsten Augenblick ihr Gluck von deiner Hand fordern wird, weil die Religion uns verbeut, den Platz zu verlassen, auf dem wir Gutes wirken konnen, weil endlich der leidende Christ in diesen Zeiten der Entnervung seinen Brudern das Beispiel hoher Geduld und standhaften Muthes schuldig ist.
Du wirst leben, Theophania! du wirst Alles anwenden, dein Leben so lange zu fristen, als es moglich ist, um unsern Kindern ihre Mutter zu erhalten, bis sie erzogen sind, und deiner nicht mehr bedurfen. Dann folgst du mir gewiss, ein sanfter Tod loset die morschen Bande der langst erschutterten Hulle, die dein Geist ungern trug, und dein Freund, der dich unsichtbar umschwebte, der dein und unsrer Kinder Schutzgeist war, empfangt dich in den Auen des Friedens. O Augenblick der Wonne, wenn jede Pflicht erfullt, jedes Opfer, auch das des langen Lebens gebracht ist, und du, zitternd vor Lust, in meine Arme eilst. Er kommt, er kommt gewiss, und bis dahin wollen wir ihn nicht beschleunigen, sondern verdienen.
Nun lehe wohl, Geliebte! diese Blatter werden nicht das letzte seyn, was du von mir erhaltst. Ich hoffe dir noch einmal schreiben, vielleicht dich noch einmal umarmen zu konnen. O mitten in den ernsten Gedanken welche die Nahe des Todes in mir weckt, schauert mein Herz vor Freude bei der Hoffnung ich werde dich hier noch ein Mal, und bald wieder sehen, ich werde dir meinen letzten Abschied, unserm Sohne den letzten Segen bringen!
109. Calpurnia an ihren Bruder Lucius.
Nikomedien, im Mai 305.
Trube und langsam schleicht die gelahmte Zeit hin, ein Tag reiht sich an den andern, keiner bringt Rettung, keiner Hoffnung, so thoricht auch oft das Herz auf eine Moglichkeit hofft, wo nicht die geringste Wahrscheinlichkeit einer Aenderung vorhanden ist. Galerius ist wuthend uber den Ungeheuern Betrug, der ihm gespielt worden. Er hatte dem Constantin nachsetzen lassen, aber dieser hatte durch die kluge Standhaftigkeit seines Freundes bereits einen zu starken Vorsprung, und wir wissen sicher, dass er weit uber Byzanz hinaus sich den Grenzen Illyriens nahert. Bis ihm dort die Diener, des Tyrannen nachfolgen konnen, hat er wohl schon Gallien, oder das Meer erreicht, und ist in Sicherheit. Nun fallt der ganze Zorn des Augustus auf seinen unglucklichen grossmuthigen Freund. Er war im eigentlichen Sinne ausser sich vor Wuth, er schaumte, brullte, und misshandelte Alle, die sich ihm naherten. Er befahl, Agathokles auf der Stelle das Urtheil zu sprechen, und ihn mich schaudert, es zu schreiben im Circus den wilden Thieren vorzuwerfen. Alle Freunde des Unglucklichen, alle bessern Menschen in Nikomedien fanden sich durch dies dem Tyrannen Vorstellungen zu machen. Das wurde indessen wenig gefruchtet haben, wenn nicht die Jovianer, deren Tribun der edle Verurtheilte war, sich laute Klagen, und ganz unzweideutige Zeichen der Unzufriedenheit erlaubt hatten. Tiridates wagte, was seit Constantins Flucht Niemand gewagt hatte, er ging zu dem wuthenden Galerius nach Casarea, wo dieser sich gewohnlich aufhalt, und wusste ihm die uble Stimmung des Volks, den gahrenden Unmuth der Leibwache, und die Gefahren, die das Alles fur eine neue Regierung haben konnte, so geschickt vorzustellen, dass Galerius von seinem rachedurstenden Ausspruch abstand. Das Leben des theuern Freundes zu erbitten, war unmoglich. Alles, was Tiridates noch erhielt, war eine Frist von einigen Tagen, die Erlaubniss, Agathokles zu besuchen, und die Hoffnung, dass auch diesem vergonnt werden wurde, sein ungluckliches Weib und seine ubrigen Freunde noch ein Mal zu sehen.
O wie lernt der Mensch genugsam seyn, wenn ihn das Ungluck in seiner harten Schule erzieht! Wie schienen diese geringen Vergunstigungen uns so bedeutend! Wie freudig eilte ich zu der bedauernswurdigen Frau, um ihr diese Hoffnungen anzukunden, und ihr den Trost zu geben, dass Agathokles nicht ganz einsam und verlassen sey, dass mein Mann ihn taglich besuchen wurde. Seit dem Augenblicke, wo sie durch mich die Schreckensnachricht horte, war ich fast bestandig bei ihr, und fand eine Art von Beruhigung und Erleichterung darin, Alles fur die Gattin des edeln Unglucklichen zu thun, was in meiner Macht stand. Aber was vermag die treueste Freundschaft uber einen so gerechten, so unendlichen Schmerz! Ich furchtete wirklich fur ihr Leben, und manchmal fur ihren Verstand, bis endlich gestern ein Brief von ihrem Manne eine Veranderung bei ihr bewirkte, von deren Moglichkeit ich keinen Begriff gehabt hatte. Eine Purpurrrothe ubergoss die todtblassen Wangen, ein heftiges Zittern ergriff ihre Glieder, sie druckte den Brief mit stummem Entzucken an ihre Lippen, an ihre Brust, und ihr zum Himmel emporgeschlagenes Auge zeigte mir, dass sie ihrem Gott ein inniges Dankgebet brachte. Dann las sie, aber sie brauchte so lange, dass ich glaube, sie muss den Brief dreimal durchgelesen haben. Jetzt sturzten wohlthatige Thranen, die ersten, die sie seit der Zeit ihres Unglucks vergossen hatte, aus ihren Augen, und man sah deutlich, wie dieser Ausbruch ihr gepresstes Herz erleichterte. Ich storte sie nicht, ich weinte still mit ihr. Als sie sich Luft gemacht hatte, stand sie auf, und sagte mit einer Wurde und Festigkeit in Haltung und Ton, die ich lange nicht an ihr gesehen hatte: "Er hat mir geboten zu leben, so will ich ihm und der Tugend gehorchen, ich will das Leben ertragen." Ich sah, dass sie aus dem Zimmer gehen wollte, ich unterstutzte sie, und fragte, wohin sie wollte? "Zu meinem Sohne!" antwortete sie. "Der Vater befiehlt, mich fur das Kind zu erhalten." Ich bat sie ruhig zu seyn, und schickte um das Kind. Der Kleine kam. Die Scene, die nun vorfiel, wird nie aus meinem Gedachtnisse schwinden, sie war in demselben Grade erhebend und schmerzlich. Wahrlich, es muss ein grosses Gefuhl seyn, was diese Menschen Glauben nennen, denn es gibt ihnen mehr als menschliche Krafte. Seit dem fasst sie sich mit einer Starke und Geduld, die Alles ubersteigt, was ich je gesehen habe. Sie pflegt ihr Kind, so viel es ihre Schwache erlaubt, sie folgt allen Vorschriften des Arztes, sie spricht mehr, sie strengt sich sogar an, zu thun, als konnte sie an etwas Anderm Theil nehmen. So hat sie gestern von Sulpicien zu sprechen angefangen, ich ergriff dies Gesprach gern, weil ich dachte, es ware ihr nutzlich, sich zu zerstreuen, aber mitten im Reden, wo vielleicht irgend ein Wort, eine Nebenidee sie an ihr Ungluck erinnerte, verstummte sie plotzlich, brach in Thranen aus und schwieg.
Und das Alles ist Wirkung ihrer Liebe, ihrer Liebe zu einem Manne, der sie seinem Freunde so auffallend nachsetzt, und ihr Gluck, ihr Leben fur die Freiheit des Andern aufopfert! O welche unselige Macht der Leidenschaft! Und welcher ungeheure Missbrauch, den Euer Geschlecht von der Gewalt macht, die hergebrachte Sitte und unsere zu grosse Nachgiebigkeit euch uber uns einraumen! Eher wird kein Weib zum Besitz ihrer naturlichen Rechte kommen, bis sie es uber sich vermag, den tiefgewurzelten, durch tausend Vorurtheile genahrten Wahn auszurotten, dass wir nur in der Liebe, und also nur durch Euch glucklich werden konnen. Und wann wird diese goldne Zeit erscheinen, wo diese kuhne Wahrheit allgemeine Ueberzeugung werden wird?
110. Theophania an Junia Marcella.
Nikomedien, im Mai 305.
Agathokles stirbt. In wenig Tagen bin ich Wittwe. Ich setze nichts hinzu, du kannst meinen Schmerz ermessen, du weisst, wie ich liebte, obwohl du nicht weisst, wie ich geliebt wurde. Die um mich sind, furchten fur meinen Verstand, ich merke es wohl. O diese grosse Wohlthat wird mir nicht zu Theil, so wenig als der Tod!
Der Tod? Ich soll ja leben. Er will es. Ach sterben fur den Geliebten, wer konnte es wagen, dies etwas Schweres, Grosses zu nennen? Es ist nichts ein truber Augenblick zum Preise unendlicher Freuden! Aber leben, leben ohne ihn, und auf sein Geheiss, das ist das Schwerste, was die Liebe fordern kann!
Wie ein weiter, dustrer, uferloser Ocean umgibt mich das Leben, in dem ich versinke ohne Hoffnung der Rettung, ohne Hoffnung des Todes. Es sind gute Menschen um mich, Calpurnia und ihr Gemahl; sie haben mir, und dem, den ich bald verlieren werde, viel Liebes, Herzliches erwiesen. Ihnen danke ich die einzigen Trostungen, deren ich fahig bin, aber Calpurnia mochte mir gern noch andre geben. Ich kann sie nicht annehmen, denn ich kann sie nicht fassen. kalter.
Mein ganzes Wesen, jeder Gedanke, jede Regung ist ein unendliches Weh. So muss dem Menschen zu Muthe seyn in der Todesstunde, wenn sich die innigsten Bande des Lebens losen, und der bessere Theil sich gewaltsam von der morschen Hulle losreisst. Auch meines Lebens innigste Bande losen sich jetzt, mein besserer Theil schwebt verklart und selig der Heimath zu, und lasst die todte Hulle im Grabe. Das ist die Welt fur mich. Dort, dort ist Leben, wo er hingeht, und mich streng und unerbittlich zuruckstosst!
Warum Agathokles stirbt, um welches Zweckes willen er mich, sich, unser Lebensgluck opfert, kann ich dir jetzt nicht sagen; auch wage ich es nicht, in dieser Zeit so etwas einem Briefe anzuvertrauen. Calpurnia und der Konig glauben, er habe sich fur Constantin geopfert, und die Welt urtheilt eben so. Es ist viel hoher, viel schoner, und mitten unter schmerzlichen Schauern muss ich seinen Entschluss billigen und verehren.
Er hat mir geschrieben. Dieser Brief kommt nie wieder von meinem Herzen. Ich habe mich bestrebt, ihm eine Antwort zu senden, die seine unendliche Liebe fur mich, seinen Edelmuth vergelte. Ich habe mich beherrscht, kein Wort der Klage ist mir entschlupft, nur gegen dich offnet sich das Herz, und mein Blut stromt gewaltsam aus den verhaltnen Wunden. O wenn nur er zufrieden mit mir ist, wenn nur der Gedanke, dass er mich ruhig gesprochen hat, auch Ruhe in seiner Seele verbreitet! Das zu bewirken, ist jetzt der Punkt, auf den alle Krafte meines erschutterten Wesens gerichtet seyn mussen seine letzten Augenblicke zu erheitern! O allmachtiger Gott! Agathokles letzte Augenblicke!
Er ist so jung, es lag ein so langes, so schones Leben vor uns! Er entreisst sich ihm, und ich darf nicht klagen!
Leb' wohl, meine Junia! Leb' wohl. O warum bist du nicht bei mir! Wie wohlthatig ware es mir in diesen Augenblicken, eine treue Freundin von ganz gleicher Sinnesart um mich zu haben! Calpurnia ist sehr gut, ich verkenne gewiss weder ihre Vorzuge, noch was ich ihr jetzt schuldig bin, aber sie ist keine Christin, und sie ist Konigin. Auf dem Thron verlernt sich so Manches, dessen das Herz in den Beziehungen des gewohnlichen Lebens so sehr bedarf.
Ein Gerucht hat mir gestern verkundigt, Apelles sey in der Nahe, und halte sich in Nicaa auf. Tiridates, der, um des theuern Verlornen willen, mir innig wohl will, hat kaum meinen Wunsch errathen, als er schon einen Eilboten nach Nicaa abfertigte. O wenn Apelles kame, mich in den Stunden, die mir bevorstehen, zu starken, und zu erhalten, ich wurde Tiridates treuer Freundschaft eine der grossten Wohlthaten danken!
111. Theophania an Agathokles.
Nikomedien, im Mai 305.
Ja, mein einzig geliebter Freund, ich werde leben. Du sollst dich nicht an mir getauscht haben. Du befiehlst es, die Tugend befiehlt es durch dich. Glaube nicht, dass je der frevelhafte Gedanke in meine Brust gekommen sey, mein Daseyn gewaltsam abzukurzen; aber dass ich gewunscht habe zu sterben, das kannst du, das kann Gott selbst nicht dem schwachen zerrissenen Herzen zur Schuld anrechnen.
Jetzt werde ich aber auch diesen Wunsch unterdrucken; er konnte zu lebhaft werden, und Unterlassungen erzeugen, die mittelbar auf jenen Zweck hinwirkten. Ich werde nicht zu sterben wunschen, bis unser Sohn erzogen, bis des Vaters vielgeliebtes hohes Bild in seiner Seele noch ein Mal dargestellt ist. Ich werde Muth haben zu leben, und den Entschluss, den du gefasst hast, zu billigen. Du sollst mich nicht umsonst deinen einzigen Freund nennen. Ich werde dein Zutrauen rechtfertigen, es erhebt mich uber meinen Schmerz, uber mich selbst, uber mein Geschlecht. Ja, Agathokles! du hast recht gethan ich klage nicht.
Was ich fuhlen muss, wie ode mein Leben ist, weisst Seele offen, ich konnte dir diese Gewissheit nicht entziehen, selbst wenn ich es aus falscher Grossmuth wollte; aber ich gelobe dir bei unserer Liebe, bei unserm Kinde, bei Gott, der unsere Herzen fur einander gebildet hat, und dessen heiligen Willen ich selbst in dieser Trennung erkenne, dass ich dies ode Leben ertragen werde.
Mit fester Zuversicht erwarte ich von Gott die Kraft, welche mir hierzu nothig seyn wird. Er hat sie dem redlichen Willen, der kindlichen Unterwerfung noch nie versagt, und ich werde viel brauchen!
Noch ein heisser Wunsch liegt in den Tiefen meines bekummerten Herzens. Ich mochte dich noch ein Mal sehen, nur e i n Mal, e i n M a l noch auf dieser Erde! Ich habe etwas Wichtiges, sehr Ernstes mit dir zu sprechen Etwas, was schlechterdings keinem Briefe, keinem, auch noch so treuen fremden Munde anzuvertrauen ist. Gern wurde ich zu dir kommen, es liesse sich leicht thun, in Mannerkleidern, als Tiridates Sclave, dem ja deines Kerkers Thore sich stets offnen; aber ich weiss, ich erschrecke dich nicht, und sage dir auch nichts Unerwartetes meine Gesundheit hat etwas gelitten, und ich sehe nicht ohne Besorgniss der Erscheinung eines Wesens entgegen, das unter solchen Umstanden geboren, entweder das Licht gar nicht sehen, oder ein trauriges Daseyn nicht lange geniessen wird. So sagen es mir die Aerzte vor, und ich gehorche ihnen, denn ich gehorche dir, deinem Wunsch nach meiner Erhaltung. Es ist aber gewiss nicht unmoglich, selbst von dem grausamen Galerius die Erlaubniss zu erhalten, unter allen moglichen Vorsichtsmaassregeln, die deine Henker nach Gefallen nehmen mogen, dein Weib, dein Kind, vielleicht deine K i n d e r , von denen du keinen Abschied nahmst, nur e i n M a l noch zu sehen. Ich habe Tiridates gebeten, sich fur diesen heissen Wunsch zu verwenden, ich habe an meine Valeria geschrieben, diese Bitte ihrem Vater vorzutragen; vielleicht erhalten wir sein Furwort. Dem Vater, dem Wohlthater so vieler Casarn, wird doch der begunstigte Sohn, dem er erst das ungeheure Geschenk der unumschrankten Herrschaft machte, diese Nachgiebigkeit nicht verweigern. Furchte diese Zusammenkunft nicht, auf meine Gesundheit wird sie gewiss keine nachtheilige, auf mein Gemuth die beste Wirkung haben; auch sollst du keine z a g h a f t e n Klagen, keine u n e r s c h o p f l i c h e n Thranen sehen. Nur sehen, nur sehen muss ich dich noch e i n Mal, noch e i n Mal die theuern Zuge mit heissen Blicken betrachten, in mich aufnehmen, noch e i n Mal den Ton deiner Stimme in meinem Innern wiederhallen horen, noch e i n Mal Starke, Freudigkeit, Ruhe und Kraft, ach! fur eine lange, einsame Zukunft aus deinem Umgange schopfen! Schlage mir diese letzte Bitte nicht ab, sie ist heilig, wie die Bitte einer Sterbenden. Ist es denn nicht Tod, nicht mehr als Tod, wenn unser besseres Selbst von uns scheidet? Und uber dies, es hangt davon eine Erfullung ab, die mir unendlich theuer, so theuer wie meine Seligkeit ist.
Du kommst gewiss, ich weiss es, du kommst. Aber noch Eins, geliebter Freund! Ich habe besondere Ursachen, um zu wunschen, dass du nicht ohne heilige Vorbereitung kommest, ich wunschte, dass du deine reine Seele auch von dem kleinsten irdischen Flecken vorher reinigen, und dich in die Verfassung setzen mochtest, um das Abendmahl wurdig zu empfangen. Forsche nicht um die Ursache dieser Bitte; du wirst Alles erfahren, und du trauest mir zu, dass ich nichts Unbilliges fordern werde, nichts, was deiner und derjenigen unwurdig ware, die den Stolz geniesst, dein Weib zu seyn. Leb' wohl Leb' wohl!
112. Valeria an Theophanien.
Byzanz, im Mai 305.
Unglucksgefahrtin! Empfange den einzigen Trost, den ich dir geben kann, diesen Brief meines Vaters an den Galerius! Mein unendliches Mitleid, meine Thranen hattest du seit dem Augenblick, als Constantin auf seiner Flucht durch diese Gegenden heimlich und unerkannt zu meinem Vater kam. O gutiger Gott! Was ist das fur eine Welt, was sind das fur Menschen! Ist es denn der Muhe werth zu leben, um unter Larven zu wandeln, die die hohlen Gesichter nach Gefallen auf diese oder jene Seite wenden, wie es die Rolle fordert? Ich war so glucklich, ehe ich diese Welt kannte, die mich nun auf ein Mal mit ihren kalten feindlichen Armen ergreift und druckt, und peinigt.
Constantin sprach mit aller Macht der Beredtsamkeit fur seinen unglucklichen Freund bei meinem Vater. Er hat, er beschwor ihn, sein Ansehen dahin zu verwenden, dass ihm Galerius Freiheit und Leben schenke. Er stirbt fur mich! rief er ein Paar Mal in einem Ton, der mir durch die Seele drang. Sein Schmerz war unverstellt, und der Schmerz eines Mannes, eines Feldherrn wie Constantin, erschuttert tiefer, als das Leiden gewohnlicher schwacherer Menschen. Warum hast du ihn sterben lassen, warum hast du es zugegeben? Fur dich hatte der Thron hohern Werth als die Liebe!
Das ist das Ungluck der Welt, dass ihr die Liebe so wenig gilt. O liebten die Menschen, wie sie sollten, wie Jesus Christus geliebt hat, wie er uns zu lieben befahl! Mit dieser Liebe, die Alles tragt, Alles duldet, nie das Ihrige sucht, und nie zu ermuden ist, was konnte die Erde seyn! Aber Constantin sucht auch das Seinige, und uber dem Suchen verliert der edelste Freund das Leben, und das beste Weib auf Erden ihr ganzes Gluck. So dachte ich mit Bitterkeit, und wandte mich von Constantin ab.
Mein Vater du glaubst nicht Theophania! wie viel schone Gelassenheit in diesem Charakter liegt, den vielleicht nur der hohe Platz, auf dem er stand, der Menge unkenntlich machte schien wirklich geruhrt von Constantins Bitten. Aber o mein Gott! was ist das fur eine Welt? muss ich wieder ausrufen. Er erklarte ihm gerade zu, er konne wenig oder nichts thun. Ich bin nicht mehr Kaiser, sagte er, und der blosse Name ohne Gewalt vermag nichts uber die Menschen, in deren Herzen die Dankbarkeit keine Stimme hat. Constantin reiste ab, wie er gekommen war, tief gebeugt, verkleidet, und in grosster Eile. Nun ubernahm ich sein Geschaft, aber mein Vater hiess mich schweigen mit jenem Ernst, den ich nur zu wohl kenne, und ich sah, dass nichts zu hoffen war. Indessen kam ein Brief des Konigs von Armenien an ihn, und deiner an mich. Nicht Rettung, das erkanntet ihr unglucklichen Freunde des edlen Gefangenen wohl selbst fur unmoglich, aber Aufschub, und die Erlaubniss, dass Agathokles dich und sein Kind noch ein Mal sehen durfte, verlangtet ihr mit tiefer Wehmuth. Dies Mal war Diocletian tief geruhrt, besonders durch deinen Brief, den ich ihm gab. Er schrieb an Galerius, und ich schliesse den Brief bei, den er mir freundlich und mit dem Wunsche gab, dass er etwas bewirken mochte. Nun eile ich, ihn dir zu senden. Der Eilbote wartet, und zu unsrer Abreise nach Salona sind alle Anstalten getroffen. Ich setze nichts hinzu, um theils jenen nicht aufzuhalten, theils weil ich nichts zu sagen weiss, was deinen tiefen Schmerz nicht noch tiefer machen musste. Leb' wohl.
113. Apelles an Junia Marcella.
Nikomedien, im Mai 305.
Ein Brief des Konigs von Armenien hat mich schnell hieher beschieden, um deiner unglucklichen Freundin den kleinen Trost zu bringen, dessen sie fahig ist, den Trost des Umgangs mit einem Glaubensgenossen. Ich habe sie sehr gebeugt, aber ganz in den Willen der Vorsicht ergeben gefunden. Vorgestern gab sie wider alles Vermuthen denn Jedermann furchtete fur sie und ihr Kind einem gesunden, schonen Madchen das Leben, und befindet sich so wohl, als es in ihrer Lage moglich ist. Sie folgt mit kindlichem Zutrauen jeder Vorschrift des Arztes, jedem Wunsch, den ihre Freunde fur ihre Gesundheit aussern. Du kennst die Quelle dieser Sorgfalt, und wirst die Gewalt, die sie uber sich selbst hat, in diesem sonst so zarten Wesen mit mir bewundern.
Gestern war der merkwurdige Tag, wo endlich, nachdem der abgegangene Augustus, Tiridates, der Prafekt der Jovianer, und viele andere Menschen von Bedeutung sich bei dem Galerius verwendet hatten, dem Gefangenen die Erlaubniss zu bewirken, dass er seine Frau noch ein Mal sehen durfte dieser traurige Besuch Statt hatte. Theophania begehrte am Morgen ihr korperliches Befinden nicht die mindeste Veranlassung dazu gab; doch wollte ich ihr die Beruhigung nicht versagen. Sie verrichtete die heilige Handlung mit Heiterkeit und Starke. Als die Stunde nahte, wo sie ihren Gemahl erwartete, sah ich sie unruhig werden, sie erblasste bei jedem Gerausch, wurde zerstreut und immer angstlicher und angstlicher. Da trat die Konigin ein. Ein kleines Zittern, das ich trotz ihrer gehaltenen Fassung an ihr bemerkte, eine ungewohnliche Blasse in ihrem bluhenden Gesichte kundigte mir den gefurchteten Augenblick an. Sie naherte sich Theophanien, und sagte mit muhsam erzwungener Gelassenheit, dass Agathokles wahrscheinlich bald kommen wurde. Er kommt! rief Theophania jetzt mit einer furchterlichen Heftigkeit, die ich nie von ihr gesehen hatte er kommt! O mein Gott! Calpurniens Zittern nahm immer mehr zu. Du kennst, meine Freundin, fuhr sie langsam fort, die armselige Furcht des Tyrannen, er glaubt sich seines Opfers nicht sicher genug. Es sind zwei Offiziere vorausgekommen, die Befehl haben, zu untersuchen, ob hier keine Moglichkeit, kein Anschlag zur Befreiung vorhanden sey. O lass sie kommen, rief Theophania sie sollen thun, was sie wollen, was sie mussen, aber mich lass nur nicht lange auf ihn warten! Calpurnia ging, und kam sogleich mit zwei Centurionen wieder, die mit grosster Achtung die Kranke um Entschuldigung ihrer schweren Pflicht baten, und dann das Zimmer und die Umgebungen schonend, aber aufmerksam untersuchten. Hierauf stellte sich der Eine ausserhalb der zweiten Thure, die in ein andres Gemach fuhrte, der Zweite ging zuruck, um Agathokles herein zu fuhren. Jetzt richtete sich Theophania auf, sie zitterte, dass ihre Hande zusammenschlugen, eine Leichenblasse bedeckte ihr Gesicht, wahrend ihr Auge vor Freude strahlte. Beinahe eben so zitternd hielt die Konigin sie umfasst. Nun horten wir ausser der Thure eine Kette fallen, dann noch eine, die beiden Frauen schrieen laut auf und Agathokles trat ein. Theophania nannte seinen Namen mit einem heftigen Schrei, und beugte sich mit ausgebreiteten Armen gegen ihn; er sturzte auf sie zu, und schloss sie fest an seine Brust. Nun riss sich die Konigin laut schluchzend von der Gruppe los, und eilte in's andere Zimmer. Ich folgte ihr, sie warf sich auf das Ruhebette, und weinte heftig, ohne zu sprechen, ohne etwas anzuhoren, was ich ihr zu sagen versuchte.
Im Zimmer der Gatten war Alles still und ruhig. Nach einer Stunde ungefahr rief mich ein Sclave, ich ging hinein. Welche Veranderung in der kurzen Zeit! Still, gefasst sass Theophania an die Brust ihres Mannes gelehnt, eine himmlische Freude war uber ihre Zuge ausgegossen, das jungere Kind lag in ihrem Arm, das altere hing an des Vaters Hand, und spielte mit seinem Gewande. Agathokles Gesicht trug neben den Spuren eines muhsamen Kampfes alle Zeichen erstrittener Ruhe, und mannlicher Kraft. Nur wenn sein Blick auf die Kinder fiel, durchzuckte ein wehmuthiger Zug sein Gesicht, und er sah mitleidig auf seine Frau. Er reichte mir die Hand entgegen. Wir sehen uns zum zweiten Mal in einer wichtigen Minute, sagte er, und ich werde dir dies Mal, wie das erste, hoch verpflichtet seyn. Theophania ersuchte mich, ihr und ihrem Gemahl das heilige Abendmahl zu reichen, das sie noch nicht empfangen hatten. Er ist vorbereitet, fugte sie hinzu, als ich sie etwas befremdet ansah. Die Kinder wurden entfernt, und die beiden Gatten empfingen mit Ruhrung und allgemeiner Fassung die heilige Speise. Agathokles stand vom Boden auf, wo er gekniet hatte, und jetzt sah ich, dass er zitterte, und sich an dem nebenstehenden Tisch anhalten musste, sein Gesicht wurde zusehens blasser, sein Auge war starr auf die Wasseruhr1 geheftet, die ihm gegenuber an der Wand stand. Der Offizier trat ein, und erinnerte ihn, dass die Zeit, die ihm vergonnt war, voruber sey. Voruber! rief Theophania, und alle Unruhe und Heftigkeit der vorigen Stunden kam wieder in ihr Gesicht. Voruber! wiederholte er mit dumpfer Stimme: "Ich komme den Augenblick!" Er verneigte sich gegen den Centurio, der das Zimmer alsogleich verliess, und ich ging aus der andern Thure, um es der Konigin zu melden, wie sie mir befohlen hatte. Ich sah sie erstarren, sie stand auf, aber sie bedurfte meiner Unterstutzung, um den Porticus hinab bis in's Atrium zu gehen, wo wir Agathokles bereits wieder gefesselt an einer Saule gelehnt fanden. Dumpfe Laute, halb Seufzer, halb Schluchzen, tonten einzeln und heftig aus seiner Brust. Calpurnia winkte uns, sie einen Augenblick mit ihm allein zu lassen ich ging mit den Centurionen, die ihr ehrfurchtsvoll gehorchten, hinaus. Bald darauf kam Agathokles mit bleichem verstorten Gesicht aus dem Atrium, er trat zu mir, bot mir die Hand, und empfahl mir seine Frau, seine Kinder. Die Offiziere naheten sich ihm, er eilte rasch in ihrer Mitte fort.
Theophania fand ich ohne Bewusstseyn, und sie hat seitdem nur wenig helle Augenblicke gehabt. Wenn es erlaubt ware, so etwas zu wunschen, so wurde ich ihr vom Himmel zu erbitten suchen, dass dieser Zustand der Bewusstlosigkeit bis uber jenen furchterlich-ernsten Augenblick dauern moge, dem Agathokles in der kunftigen Nacht entgegen geht; denn langern Aufschub von Galerius zu erhalten, war unmoglich. So bald ich dir etwas Besseres oder Bestimmteres zu schreiben habe, sollst du Nachricht erhalten.
Fussnoten
1 Die Alten hatten, um die Zeit zu messen, keine Uhren wie die unsrigen, sondern bedienten sich der Sonnen-, Wasser- und ahnlichen Uhren, in welchen eine bestimmte Quantitat Materie in einer bestimmten Zeit ablief, wie z.B. in unsern Sanduhren.
114. Agathokles an Phocion.
Nikomedien, im Mai 305.
Die letzte Stunde naht, und mit vollem Bewusstseyn, in der Fulle der Jugend und Gesundheit, gehe ich ihr entgegen. Es ist seltsam, es ist ganz anders, wenn in des Greisen verwelktem Korper sich langst Alles zur Auflosung neigt, und die letzte Stunde nur der letzte Tod ist;1 anders, wenn eine Krankheit die kunstliche Maschine zerstort, oder gewaltsam zerruttet, und in peinlichen Gefuhlen, oder dumpfer Betaubung der letzte Augenblick ein Leben endet, das diesen Namen nicht mehr verdient. Morgen um diese Zeit bin ich todt! Das konnte ich mir, das mussen sich viele tausend Menschen sehr oft denken, denn wer weiss, wie lange ihm zu leben bestimmt ist; aber im gewohnlichen Leben mischt sich die Vorstellung der Ungewissheit und die tagliche Erfahrung des Gegentheils machtig zu diesem Gedanken, und er verliert sich in ein dunkles Vielleicht, das nur bei dem Ernsteren eine lebhaftere Betrachtung des Todes, und den Entschluss erzeugt, stets wachsam und vorbereitet zu seyn.
Ich weiss aber bestimmt, dass morgen um diese Zeit meine letzte Stunde bereits voruber, und der dunkle Vorhang aufgezogen seyn wird, der die Geheimnisse um diese Zeit ist dieser Korper, in dem ich jetzt noch denke, handle, als eine starre, kalte Masse zu nichts gut, als in dem Schooss der Erde in seine Elemente zuruckzukehren. Agathokles ist nicht mehr. Sein Wirken hat aufgehort, kein Freundesauge erblickt ihn mehr, kein Ohr vernimmt den Ton seiner Stimme.
Und der Geist? Mit Entsetzen wendet sich in diesen ernsten Augenblicken die schaudernde Seele von dem Gedanken der Vernichtung hinweg, hinweg von allen spitzfindigen Systemen der Philosophie, und umfasst mit Innigkeit und kindlichem Glauben die trostvollen Verkundigungen der Religion. Ja, ich werde leben! Noch sehe ich die Bedingungen meines kunftigen Seyns nicht ein. Wir stehen aber vor der geschlossenen Pforte, und qualen und muhen uns ab, Moglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten zu ersinnen; wie es aber seyn wird, ob der Blindgeborne sich eine richtige Vorstellung von den Farben hat machen konnen, die, wenn sein Auge geoffnet wird, mit der Wahrheit ubereinstimmt? Das ist eine Frage, die der menschliche Verstand beinahe mit Gewissheit verneinen kann. Alles, was wir mit grossem Rechte erwarten konnen, ist, dass es dem, dessen Wille redlich war, besser gehen muss, als hier.
Und war mein Wille redlich? Ja, er war es. Dies Zeugniss gibt dem Sterbenden sein Gewissen, und in diesen furchtbaren Augenblicken fallt jede Maske, auch die der Selbsttauschung. Ich habe eine grosse Idee im Herzen getragen, ich habe ihrer Verwirklichung Alles aufgeopfert, was Menschen theuer ist. Habe ich geirrt, so trage ich die Schuld der Menschheit. Aber ich habe nicht blos mein, ich habe noch eines andern uber Alles edeln Wesens Gluck auf jenem ernsten Altar geschtachtet das Gluck meines Weibes! Durfte ich das? O barmherziger Gott! Wenn ich das nicht durfte! Wenn jene Idee dieses Opfers nicht werth war! Wenn mein Geist verliert sich in Zweifel und Unruhe, und ist in solchen Augenblicken der Verzweiflung nahe aber leuchtend und siegreich erhebt sich der Gedanke wieder: Mein Wille war gut, und wie der Leitstern den Schiffer in sturmischen Nachten, fuhrt er mich aus Angst und Dunkel heraus in lichte Klarheit und stillen Frieden.
Mein Zeitliches ist besorgt. Ich habe an Constantin geschrieben, und ihm noch ein Mal mein Weib und meine Kinder empfohlen, wenn er einst das Ziel erreicht, zu dem er rasch hinstrebt. Mein Grab ist die erste Stufe, von der er sich machtig aufwarts schwingt so habe ich wohl ein Riecht, seinen Schutz anzusprechen.
Tiridates und Calpurnia, die edlen Freunde, deren Liebe ich so viel verdanke, haben mir thatige Hulfe versprochen, sie haben sich angeboten, meine Wittwe, meine Waisen mit sich in ihr Reich zu nehmen, wenn ich es wunschte, wenn ich sie dort vielleicht sicherer glaubte. Aber Theophania sehnet sich, den Rest ihrer Tage unter Christen, an der Seite einer langgepruften Freundin, die sie vor Jahren hat kennen lernen, zuzubringen? Welchen Schutz kann ihr auch ein bundesverwandter Konig gewahren, wenn es dem blutigen Galerius einfiele, seine Wuth und Rache auch auf sie auszudehnen? Ist wohl B u n d e s g e n o s s e mehr, als ein tonender Name fur U n t e r t h a n ? So wird sie in Apamaa nicht weniger sicher seyn, als in Ecbatana; sie ist seinen Augen entruckt, das ist alle Sicherheit, die sie hoffen kann.
Ich habe sie noch ein Mal gesprochen, und meine Kinder noch ein Mal gesegnet. Nachtlich und furchtbar, und dennoch, so unaussprechlich theuer kehrt die Erinnerung an diese heilige Stunde nur zu oft in meine Seele zuruck. Zu oft! denn ich soll ruhig seyn, ich soll, durch keine irdische Bande mehr gefesselt, nur der Vorbereitung auf die grosse Zukunft leben. Aber das Herz behauptet mit unwiderstehlicher Kraft sein Recht. Ich liebe, Phocion! jetzt an der Schwelle der Ewigkeit liebe ich starker als je, denn hoher als je steht das Bild meines Weibes vor mir!
Gestern ward es mir vergonnt, sie zu sehen. Mit hochschlagendem Herzen trat ich den Weg an. Im Atrium erblickte ich von Weitem die Konigin, aber sie floh bei meinem Anblicke in's Innere des Hauses. Ich folgte langsam mit heimlichem Beben, da offnete sich die Thure, und Theophania, bleich, zitternd, in furchterlicher Bewegung, sank schreiend an meine Brust. Calpurnia entfloh zum zweiten Mal schluchzend, und liess mich mit der Ohnmachtigen allein. Meine Liebe, meine Stimme brachte sie zu sich selbst, und nun begann eine Scene, deren Erinnerung noch in jener Welt mein Herz zerreissen wird, wenn anders dort unsre Empfindungen den irdischen gleichen.
Selbst tiefgebeugt, selbst von dem Anblicke Alles dessen, was ich so heiss liebte, und so bald verlassen sollte, verwundet, musste ich Starke fur sie und mich haben, ich musste ihr Trost zusprechen, ich musste sie zur Ergebung bereiten. Es gelang doch. O der ernste Wille ist allmachtig, er ist der Gott in unserer Brust! Und, Phocion! bei dieser reinen Seele, bei diesem kindlichen Glauben an Gottes weise Fugung, bei diesem heiligen Streben nach dem Guten, um des Guten willen, war es nicht so schwer, als ich furchtete. Sie begriff mich, sie fasste sich, sie war fahig, ihre Gedanken von sich selbst hinweg auf etwas Andres zu richten, und wieder jene schone Gluth zu empfinden, die oft in unvergesslichen Stunden, wenn Constantin und ich mit ihr von unsern Planen sprachen, ihre Seele begeistert hatte. Sie war nicht blos Gattin und liebendes Weib, sie war Christin im erhabensten Sinn des Worts. Ach, sterben fur ein Ideal fur einen grossen, Menschen begluckenden, Plan es ist schwer, es ist gross, wenn man Geliebte zurucklasst! Aber leben, leben ohne dich rief sie, indem sie mich heftig umschlang das ist weit schwerer, es ist unaufhorlicher Tod! Ich fuhlte die Wahrheit dieser Klage, und dieser Ausdruck der Liebe und des Schmerzens uberwaltigte mich, ich hielt meine Thranen nicht zuruck. Sie sah sie fliessen. Jetzt umfasste sie mich noch inniger, und bei dem herben Schmerz der Trennung, bei dem Bewusstseyn, wie elend wir Beide ohne einander seyn wurden, beschwor sie mich, ihr eine Bitte zu gewahren, die sie schon lange im Herzen truge, die allein es ihr moglich gemacht habe, ihr Leid zu ertragen. Ich versprach es ihr unbedingt; denn was konnte dies reine Gemuth wohl verlangen, was nicht mit der Tugend ubereinstimmte? Schuchtern und behutsam, in leisen aber kuhnen Muthmassungen uber die Moglichkeit des Zusammenhangs im Geisterreiche uber den Zustand nach dem Tode, uber die Macht der Sympathie, entwickelte sie zu meinem Erstaunen ein schones seltsames System, das aus christlichen und platonischen Ideen zusammengesetzt, mich durch seine Consequenz uberraschte, und in mir zugleich die sussesten Hoffnungen erregte, deren Wahrscheinlichkeit ich nichts entgegen zu setzen wusste, als den Mangel an solchen Erfahrungen. Nun drang sie mit heisser Liebe in mich, ich sollte ihr versprechen, wenn es moglich ware, ihr sichtbar zu erscheinen, oder falls dies ausser den Grenzen meiner Macht ware, sie doch nie zu verlassen, und um sie und unsre Kinder zu schweben, damit sie den sussen Trost geniesse, meine Gegenwart zu ahnen, und vielleicht in jenen leisen Einwirkungen, wie aufmerksame Fromme sie wohl kennen, gewahr zu werden. Ihre Schwarmerei riss mich hin, es war mir in diesem Augenblicke mehr als moglich, es war mir beinahe gewiss, dass wir uns einander so nahe bleiben konnten und noch ist der hohe Zauber dieser Hoffnungen nicht entkraftet, und weder Philosophie noch Religion erheben sich s i e g r e i c h gegen sie. So lass sie mich halten und pflegen. Morgen um diese Zeit ist Alles klar.
Ich hatte meinem Weibe den heiligen Schwur gethan; aber ich sollte auch das Abendmahl mit ihr zugleich zur Besieglung dieses Bundes empfangen. Dies, hoffte sie, wurde mein Versprechen unwiderruflich, und fur die Geisterwelt bindend machen. Ich versprach ihr auch dies o was hatte ich diesem so liebenden, durch mich so tief verwundeten Herzen versagen konnen! Nun ganz zufrieden, ganz gefasst liess sie unsre Kinder bringen. Sie legte mir das jungste, das ich noch nicht gesehen hatte, in die Arme, ich sollte es segnen. Welch' ein Augenblick fur das Vaterherz! Dies Kind, das in der Geburt schon verwaiset war, jener hoffnungsvolle Knabe, dessen Erziehung der susseste Wunsch meines Herzens gewesen war, dieses Weib, an deren Seite zu leben, seit meiner Kindheit mir die hochste Stufe irdischer Seligkeit geschienen hatte und nun Alles Alles das verlassen und aufgeben zu mussen!
Es erhob sich ein Sturm in meiner Seele; aber Ein Blick auf mein Weib, das still und ergeben das Kind am Mutterbusen hielt, auf dies Gesicht, im das ich den Frieden zuruckgefuhrt hatte, gab mir Kraft, ihn nicht wieder zu zerstoren. Jetzt trat Apelles ein, er reichte uns das Abendmahl. Vielleicht war es seit seiner Einsetzung nicht mit mehr Wehmuth und Ruhrung empfangen worden! Auch hier schied der Liebende von Geliebten in Erwartung eines nahen gewissen Todes.
Als ich aufstand, fiel mein Blick auf die Wasseruhr. Die letzte gluckliche Stunde auf Erden war voruber. Der Offizier trat ein, und jetzt war meine und Theophaniens Standhaftigkeit dahin. Mit einer krampfhaften Heftigkeit umschlangen wir uns und wunschten und dachten Eins an des Andern Brust zu vergehen. Ich druckte die Kinder an mein Herz, es schien mir unmoglich, mich loszureissen, das Verhangniss gebot der Centurio kam zum zweiten Mal Theophania sank mit einem lauten Schrei in Ohnmacht, ich legte sie in die Arme ihrer herbei geeilten Sclavinnen, und floh.
Im Atrium fand ich mich wieder schluchzend an eine Saule gelehnt, als eine bekannte Stimme mich beim Namen rief. Es war die Konigin, auf dem ernsten Wege zum Tode erschien sie mir noch ein Mal. Sie winkte den Zeugen, sich zu entfernen, sie trat auf mich zu, schlug ihre Arme um mich, und gestand mir, dass sie mich von dem ersten Augenblicke unserer Bekanntschaft an geliebt, dass sie mich jedem andern Manne vorgezogen habe, und dass ich ihr noch jetzt uber Alles in der Welt theuer sey. Welcher Moment, zu welchem Gestandniss! So war ich bestimmt, zwei der edelsten Herzen zu brechen! Und warum sagte sie mir das? Warum goss sie diesen bittern Tropfen noch in die Schale, die ohnedies so voll war? Das hatte Theophania nicht vermocht. Sie hatte ihr Geheimniss mit in's Grab genommen, wenn seine Enthullung dem Freunde so schmerzlich seyn musste.
Aber ich habe ihr verziehen, ich ehre ihre Vorzuge, und danke ihr die Liebe und Sorge fur mein theures ungluckliches Weib, gleichviel aus welcher Quelle sie fliessen mag.
Und so ist mein Tagwerk vollendet. Mit Scheu, aber dennoch mit Zuversicht nahe ich mich dem Throne des allsehenden Richters. Unendlich ist unsre Schwache, aber auch seine Gute ist unendlich, und wenn auf der richtenden Wage die schimmerndsten Tugenden in nichtigen Staub zerflattern, und so mancher geheime Gedanke in schrecklicher Blosse vor uns stehen, und wider mich zeugen wird dann fluchtet der zagende Sohn des Staubes zu dem erbarmenden Vaterherzen; denn von dem Blut, das auf Golgatha stromte, floss auch ein Tropfen der Entsuhnung fur mich. Das ist unser Erbtheil wir sind Erloste!
Nun lebe wohl, theurer Phocion! Wenn du diese Tafel in deiner Hand halten wirst, ruht meine Hulle langst im Schoosse der Erde, und die Verwesung verzehrt die Gestalt, unter welcher dein Freund, dein Schuler, dir erschien. Aber, er stirbt dir nicht! Auch jenseits wird ihn dein Andenken begleiten, und der Dank fur so manche mir geweihte Stunde, so manche Lehre, und so manches wirksamere Beispiel wird in jener Welt vielleicht noch reiner und starker gegen dich entgluhen. Am offenen Grabe lass ihn mich dir noch ein Mal wiederholen, mein Lehrer, mein zweiter Vater! und sey versichert, wenn es die Vorsicht erlaubt, und die furchtbaren Gesetze der Geisterwelt, so wird nicht Theophania allein ein Zeichen meines Daseyns erhalten.
Es ist Mitternacht. Die kleine Lampe, die mir leuchtete, erlischt so erlischt bald mein Leben. Ich gehe zur Ruhe, der Schlaf behauptet seine Rechte auf den erschopften Korper morgen schlaft er einen unweckbaren. Leb' wohl.
Fussnoten
Seneca.
115. Calpurnia an ihren Bruder Lucius.
Nikomedien, im Mai 305.
Es ist voruber er ist todt! In der Nacht dem Auge des Volkes verborgen, weil man kleinherzig die Rache der Jovianer furchtete, floss das edelste Blut, das je vielleicht auf der Erde ein menschliches Herz bewegt hatte. Ich habe mich seines Betragens nicht zu ruhmen. Manche meines Geschlechts wurde nie verziehen haben, was er an mir that; dennoch sage ich mit Stolz, ich habe ihn geliebt, wie ich noch nie einen andern Mann geliebt habe, wie ich nie einen lieben werde.
Zwei Tage vorher sah ich ihn zum letzten Mal. Er kam, Abschied von seiner Frau zu nehmen. Und wenn ich Titons1 Jahre erreichte, so wurde keine Zeit die Erinnerung dieses Anblicks aus meiner Brust vertilgen, wie er bleich, gefesselt, aber in diesen Fesseln stolz und frei zwischen den Centurionen in's Atrium trat. So mogen einst die gefangenen Konige vor den Wagen der Triumphatoren gegangen seyn. Das Herz wendete sich mir in der Brust, ein ungeheurer Schmerz zerriss mein Innerstes. Ich eilte zu Theophanien ich wollte Zeugin des Wiedersehens seyn. Er folgte mir auf dem Fusse, in meiner Seele wiederhallte dem Ton des wildesten Schmerzens in die Arme seines Weibes. Ich wurde gar nicht bemerkt, und entfloh, denn es war mir nicht moglich, hier auszuhalten.
Eine todtlich lange Stunde verschlich die schwerste in meinem Leben, bis man endlich kam, mir zu melden, dass sich Agathokles entferne. Ich hatte es verlangt, denn ich wollte ihn noch ein Mal sprechen. Ich eilte in's Atrium. Da stand er an einer Saule gelehnt, ich rief ihn, er horte mich nicht, nur einzelne Tone des Schmerzens drangen aus seiner Brust hervor. Meine Liebe erwachte in ihrer alten Macht; ich eilte auf ihn zu, und schlang die Arme um ihn. Was hatte ich zu furchten! Er stand am offenen Grabe, und nahm mein Geheimniss mit sich. Er sah sich nach mir um, und eine Mischung von Erstaunen und sanfter Ruhrung malte sich in den zerstorten wilden Zugen. Er wollte seinen Arm um mich schlagen, seine Ketten verhinderten es, ich schlang sie um mich, und so von klirrenden Fesseln umgeben, und selbst durch die Seltenheit dieser Lage noch mehr gespannt, warf ich mich von Neuem an seine Brust. Lange vermochte er nicht zu sprechen endlich fand er Worte, und dankte mir fur die Liebe und Sorgfalt, die ich seiner Frau, fur die Freundschaft, die ich ihm bis an seinen Tod bewiesen. Nicht Freundschaft, hub ich mit ernster fester Stimme an, nicht Freundschaft! Agathokles! Der Tod hebt alle Verstellung auf, und ich kenne deinen Edelmuth. Lass mich dir ein Gestandniss thun, das ich unter keinen andern Umstanden gewagt haben wurde, lerne mich ganz kennen, und dann beurtheile den Werth dessen, was ich fur dich that. Ich habe dich geliebt, Agathokles! von dem ersten Augenblicke unserer Bekanntschaft an mit leidenschaftlicher Warme geliebt! Ich schwieg, und sah ihm ernst in's Gesicht.
Er schlug die Augen nieder, und liess die Arme sinken, die Ketten klirrten wieder, und ihr Schall klirrte in meiner Brust nach. Ein schmerzhaftes Lacheln zuckte um seinen Mund. So habe ich denn auch deinen Kummer mir vorzuwerfen! fing er nach einer Pause an. Vergib, Calpurnia! Er reichte mir die Hand. Vergib, wenn ich manche Stunde deines schonen heitern Lebens getrubt habe, wenn ich dich missverstand, wenn vielleicht mein Betragen selbst dich berechtigte, mich falsch zu deuten! Vergib!
Diese Antwort war mir unerwartet. Ich schwieg verlegen. Es ward klar und kuhl in meiner Seele, der Rausch des Enthusiasmus war verschwunden aber ich musste ihn achten. Ich reichte ihm die Hand, und sagte mit Herzlichkeit: "Glaube nicht, Agathokles, dass diese Erklarung so gemeint war. Ich mache dir keine Vorwurfe ich habe nichts zu vergeben." Er druckte meine Hand an sein Herz: "Du bist immer gutig, immer freundlich! Habe Dank fur jede schone Stunde, die ich in deinem Umgange genoss, fur jeden Beweis der Freundschaft, den du mir und meinem Weibe gegeben hast! Entziehe sie der Unglucklichen nicht, nimm sie als deine Freundin, als mein einziges theuerstes Vermachtniss auf!" Mit Thranen der innigsten Ruhrung, aber gewiss ohne Leidenschaft, gelobte ich ihm, Theophanien als meine Schwester zu betrachten. Ich war jetzt wirklich seine Freundin geworden. O was hatte der Mann aus mir machen konnen, wenn keine fruhere Verbindung eine unubersteigliche Kluft zwischen uns eroffnet hatte! Und er ist todt!
Tiridates und Apelles, ein christlicher Priester, waren den letzten Tag viel bei ihm. Er war gefasst, und sogar heiter, wenn die Rede nicht auf seine Frau fiel. Den Abend wendete er an, um Briefe zu schreiben, legte sich dann schlafen, und schlief noch sehr ruhig, als Tiridates gegen den Morgen in sein Gefangniss trat. Die Lictoren kamen bald darauf. Eine leichte Bewegung ward in Agathokles Zugen sichtbar, dann stand er ruhig auf, umarmte seine Freunde, gab Tiridates ein letztes Lebewohl an seine Hinterlassenen auf, und folgte den Lictoren. Seine vertrauten Sclaven empfingen ihn an der Thur des Gefangnisses, die Treuen wollten ihren geliebten Herrn noch ein Mal sehen. Er redete gutig mit ihnen, gab den Meisten die Freiheit, und verwies sie auf sein Testament, das er im Kerker geschrieben hatte, und jetzt Tiridates ubergab. Dann bestieg er das Todesgeruste, betete mit stiller Ruhrung und so verliess der Schatten des edelsten Mannes die Erde, die seiner nicht werth war! O mein Bruder! Nie, nie wird dieser ungeheure Verlust seinen Verlassenen, seinen Freunden ersetzt werden!
Theophania war, seit dem Abschied ihres Mannes, wenig bei sich gewesen, wir wunschten sehr, dass dieser Zustand noch eine Weile dauern, und die traurige Catastrophe ihr unbewusst vorubergehen mochte. Aber es ist seltsam, obwohl es nichts als Zufall seyn kann; in der Nacht seines Todes, gegen den Morgen fuhr sie auf ein Mal aus dem Schlummer empor, nannte seinen Namen, sah uns Alle starr an, und sagte: Jetzt ist er todt. Wir suchten ihr diese Vorstellung zu benehmen, sie blieb ruhig auf ihrer Behauptung, fragte, welche Zeit es ware, und schwieg zuletzt mit einem sonderbaren Lacheln. Als Apelles eintrat, sagte sie ihm die Stunde, in der ihrer Meinung nach ihr Mann geendet hatte. Er war erstaunt, denn sie traf ziemlich mit der Wahrheit zusammen. Apelles musste ihr alle Umstande, jeden Blick, jedes Wort, jede Bewegung ihres Gemahls wiederholen. In dieser traurigen Beschaftigung, die mir so ganz zweckwidrig vorkam, schien sie Trost zu suchen, und fand ihn wirklich. Seitdem ist sie sich immer gegenwartig, sie fasst sich mit unglaublicher Kraft, sie ist still, beinahe wortlos, aber sie ist bei Weitem nicht so gebeugt, und zernichtet, als ich es bei ihrem Charakter furchtete. Woher kommt diesem sonst so zagenden Wesen dieser Muth, woher die Kraft, ohne den zu leben, der ihr einst so ganz unentbehrlich zu ihrem Daseyn schien? Sollte ich glauben, dass dies die Wirkung der Schwarmerei, der Religion sey? Wie kann sie das? Wie kann der Glaube an die Gotter, oder an einen Gott solche Umwandlungen, solche Wunder hervorbringen? Wenn es aber wirklich so ist, so muss die Religion der Christen von ganz anderm Einfluss auf die Gemuther seyn, als die unsrige.
Tiridates und ich haben ihr angeboten, sie mit nach Ecbatana zu fuhren; denn ich liebe und verehre sie wirklich, und ihre Gesellschaft ware mir ausserst erwunscht. Sie zieht aber vor, nach Syrien zu einer Freundin zu gehen, die sie lange kennt und liebt, und mit der viele alte Bande, auch der Religion, sie verknupfen. Hiergegen konnte ich nichts einwenden, und so sehe ich mit Wehmuth dem Augenblicke der Trennung entgegen. Es wird mich schmerzen, von Allem zu scheiden, was einst dem theuren Freund noch angehorte, und nichts gar nichts mehr fur ihn an seinen Verlassenen thun zu konnen. Ach ich fand bei dem unendlichen Verlust einen kleinen Ersatz darin, das, was ich ihm nicht seyn konnte, den Seinigen zu werden! O Lucius! Er war mir so viel, so viel! Noch kann ich mich nicht an den Gedanken gewohnen, dass er todt ist, noch kann ich es nicht fassen, dass ich ihn nie nie wieder sehen soll!
Leb' wohl, lieber Bruder! Sobald Theophania im Stande ist, ihre Reise anzutreten, brechen auch wir auf. Mein Vater geht nach Rom zuruck, und ich habe es geschworen, die Umgebungen dieser Stadt, in der das edelste Blut vergossen ward, deren Annaherung mir nichts als Unheil gebracht hat, nie wieder zu betreten.
Fussnoten
1 Titon, Aurorens Gemahl der von den Gottern zwar das Geschenk der Unsterblichkeit, aber nicht der ewigen Jugend erhielt, und daher endlich aus Mitleid in eine Heuschrecke verwandelt wurde.
116. Apelles an Junia Marcella.
Nikomedien, im Junius 305.
In drei Tagen, meine theuerste Freundin, wird unsre arme Theophania sich mit ihren Waisen auf den Weg zu dir machen, und ich werde sie begleiten. Seit dem Tode ihres Mannes habe ich sie wenig verlassen, und vielfach Gelegenheit gehabt, die geheime Kraft ihrer Seele, und ihre Ergebung in den Willen des Schopfers, und ihres Gemahls zu bewundern. Er hat sie gebeten, zu leben er hat gewunscht, dass sie sich fur ihre Kinder erhalte. Das war genug fur sie. Das Daseyn ist ihr unzweifelbar eine druckende Last, alle ihre Gedanken wohnen im Grabe, und dennoch hat sie sich aufgerafft, und ihre liebsten Neigungen bekampft, und ihre Gesundheit gepflegt, wie wenn das Leben das wunschenswertheste Gut fur sie ware. Sie spricht oft und am liebsten und fast nur von ihm und diese Gesprache dienen nicht, wie in ahnlichen Fallen, ihren Zustand zu verschlimmern, sie scheinen vielmehr ihre gepresste Brust zu erleichtern. Ach, ihre Wunden konnen nicht aufgerissen werden, denn sie haben noch keinen Augenblick aufgehort zu bluten!
Darum kann ich auch kein langes Leben fur sie hoffen, und ich musste wahrlich die Selbstsucht bis konnte. Wir und ihre Kinder werden unendlich durch ihren Tod verlieren, denn wie ein guter Geist waltet sie sanft, beruhigend und erheiternd, selbst jetzt in allen ihren Schmerzen unter uns, und die fremdartigsten Gemuther bezwingt und fesselt ihre unwiderstehliche Gute, ihr tiefer innerlicher Werth. Aber sie ist nur mehr halb auf dieser Erde. Ihre bessere Halfte, so sagt sie selbst, ist hinubergegangen, und der traurige Rest muss verwelken, wie der Baum abstirbt, dem ein Sturmwind oder die Art des Landmanns alle seine Aeste geraubt, und den grossten Theil des Stammes zersplittert hat. So lange die matten Safte noch aufund absteigen, grunt die Rinde noch, und sprossen noch einzelne Blatter hervor; aber jeden Fruhling weniger, und immer weniger, bis, wenn einst der Wanderer kommt, und ihn sucht, er ihn durr und abgestorben findet, und mitleidig die morschen Ueberbleibsel zu den langst gefallten Theilen gesellt.
Nur ein Punkt ist ausser ihren Kindern auf der Welt, der ihr lebhafte Theilnahme einflosst Constantins Schicksal. Sie hat vor zwei Tagen durch den Konig einen Brief von ihm erhalten. Er ist Augustus. Als er an der gallischen Kuste ankam, fand er seinen Vater schwer krank, und im Begriff, sich nach Britannien bringen zu lassen. Kaum in Eboracum angelangt, starb er in den Armen seines Sohns. Die Legionen standen keinen Augenblick an, zwischen dem wurdigen Sohne ihres geliebten Kaisers, und irgend einem Fremden, den ihnen Galerius aufdringen wurde, zu wahlen, und riefen ihn einmuthig zum Augustus und Imperator aus.1 Dies Alles meldete ihr Constantin mit der Genauigkeit und dem edlen Zutrauen eines Freundes, und in dem Ton eines Mannes, dem ein doppelter Verlust fur diesen Augenblick den Glanz des Purpurs verdustert, und ihn fur nichts als den Schmerz fur Vater und Freund empfanglich gemacht hat. Theophania ergriff diese Nachrichten mit Warme, ja ich kann sagen mit Heftigkeit. Sie brach in Thranen aus, faltete die Hande und schlug den leuchtenden Blick zum Himmel. O mein Agathokles! rief sie dann mit lebhafter Zartlichkeit: Du hast es gewusst! Du weisst es auch jetzt und das ist dein Lohn!
Sie entfernte sich bald darauf, und schloss sich in ihr Zimmer ein. Lange darauf kam sie sehr bleich, und wie es schien, erschopft, aber mit einer unaussprechlich milden Heiterkeit wieder zu uns. Ihre Thranen flossen beinahe den ganzen Abend, aber es schienen keine Thranen des Unglucks zu seyn. Ueberhaupt ist es zuweilen, als hatte sie Trostungen, die weit uber unsre Begriffe und alle Macht der menschlichen Natur erhaben waren. Ihr scheint Agathokles nicht ganz todt zu seyn, sie fuhlt sich manchmal nicht vollig von ihm getrennt; es ist, als beglucke sie noch ein unsichtbares Band, als walte ein geheimnissvoller Zusammenhang zwischen ihnen. Ich kann nicht bestimmen, wie vielen Antheil an diesen Vorstellungen, Religion, Schwarmerei, Wirklichkeit, oder ein durch so lange heftige Leiden geschwachter Geist hat. Sey es immer Wahn er ist wohlthatig fur sie, und ich werde mich sehr huten, ihn durch Zergliederung und Vernunftschlusse zu zerstoren. Und wer von uns kennt denn die Gesetze der Geisterwelt, und die unerforschten. Krafte der Natur? Wer wagt es auszusprechen, dass eine seltsame, unerhorte Sache, darum nicht moglich sey, weil sie bisher noch nicht in dem Kreis unserer Erfahrungen lag? Die hochste Weisheit ist, zu bekennen, dass wir hieruber, wie uber so viele andere Dinge, Nichts wissen, und so mussen wir wunschen und hoffen, dass unsere ungluckliche Freundin diese beruhigenden Vorstellungen so lange hege und nahre, bis es dem Schopfer gefallt, die schwachen Bande zu losen, die ihren Geist an die welkende Hulle binden, und sie ganz und auf ewig mit dem zu vereinigen, mit dem ihr Wesen, seit ihrer Kindheit, nur Eins ausgemacht hat, und von dem sie, wie es beinahe scheint, selbst der Tod nicht vollig zu trennen vermochte. So weit die Geschichte des unglucklichen Paares, die der Inhalt dieser Blatter war. Sechs Jahre darauf starb Galerius; aber nur erst nach einem langen Zwischenraume von Kampf und Elend, nachdem mehr als sechs auf einander folgende Auguste und Casarn um die Herrschaft der Welt gestritten und geblutet hatten, ging aus Krieg und Zerruttung uber den stillen Grabern der ersten Opfer fur Constantins Rettung jener Zeitpunkt von Ruhe und stille hervor, um dessentwillen so Vieles geschehen, und so manches edle Herz gebrochen worden war.
Constantin wurde Herr der ganzen romischen Welt. Er verlegte den Sitz der Regierung nach Byzanz, das er mit vieler Pracht zur Hauptstadt erhob, und nach seinem Namen Constantinopel nannte. Das Christenthum, als die laut bekannte Religion des Kaisers, ward bald herrschend im ganzen Staate, alle spatern Versuche, sie zu sturzen, waren vergeblich, und die Nachwelt kennet die Folgen dieser wichtigen Veranderung aus der Geschichte.
Fussnoten
1 Geschichtlich nach Gibbon.