1806_Fouqu_018 Topic 1

Caroline de la Motte Fouque

Rodrich

Ein Roman in zwei Theilen

Erster Theil

Erstes Buch

Es war Abend, als Rodrich in die Thore der Hauptstadt einfuhr. Die erleuchteten Strassen zeigten ihm das Getummel vieler Tausende, die des Lebens Spiel kreisend hin und her trieb. Glanzende Wagen, ferne Citherklange, verworrenes Rufen und Flistern, alles rauschte durch seine Sinne, und trieb ihn unruhig uber die neue Welt hinweg, bis er endlich bei den hohen Pallasten verweilte, in deren Inneres er wie in einen magischen Spiegel fluchtig hinein schauete. Der Zierrath der Gemacher wie die reichen Diener entzuckten ihn. Oft horte er lustige Musik, sah schwebende Gestalten langs den hellen Fenstern hingleiten, und hatte die Welt darum gegeben, mitten unter ihnen zu seyn. Da gedachte er plotzlich seines unscheinbaren Daseyns, und das widrige Gefuhl in dem Strom gemeinen Wirkens ungekannt, unbeachtet mit fortzuschwimmen, stellte sich recht feindselig zwischen die aufgedeckte Herrlichkeit der Welt und ihn. Wie erhaben er sich auch den Mittelpunkt eines Staates, den Hof und seine Umgebungen gedacht, so stand er selbst, ohne es zu wissen, unter den Hauptfiguren der bunten Gemalde. Was dort im Glanz einer lebendigen Phantasie in einander verschmolz, stand jetzt einzeln und abgerissen vor ihm da. Die ubersprungenen Stufen geselliger Verhaltnisse erschienen ihm plotzlich wie die unersteigliche Himmelsleiter, und er blickte zum erstenmal geringschatzig auf sich und die armlichen Mittel, die seine Anspruche geltend machen sollten. Voll Unmuth schloss er die Augen, und fluchtete zu den Erinnerungen der Vorwelt, in die er sich so oft versenkte, um die eigne Beschrankung in den weiten Kreisen menschlicher Thatigkeit zu vergessen. Die Heroen der Profan- und Heiligengeschichte stiegen vor ihm auf. Er hatte die Letzteren immer geliebt, um der Kraft willen, mit der sie das einmal Unternommene vollfuhrten. Ja, rief er, nach kurzem Sinnen, die Welt bleibt ewig dieselbe, und wem die rechte Feuerkraft im Busen gluht, der muss vom Schicksal erzwingen, was es ihm karglich versagte.

In dieser Stimmung betrat er den ziemlich ansehnlichen Gasthof, vor welchem sein Wagen hielt. Der Trotz der noch in seinen Mienen lag, und die etwas gebieterische Stimme, mit welcher er eingelassen zu werden forderte, liessen auf einen vornehmen Gast schliessen. Er bekam ein gutes Zimmer und anstandige Bedienung. Indess war er viel zu bewegt, um hier lange in mussiger Beschauung zu verweilen. Was ihm allein zu thun ubrig blieb, das sollte gleich geschehen. Uberdem brannte er vor Begier, irgend einen Menschen zu finden, dem er einigermassen angehore, mit dem er reden und ihm seine Wunsche und Hoffnungen mittheilen konne. Er beschloss also noch diesen Abend zu dem Kunstler zu gehen, an welchen sein Meister ihn gewiesen hatte, und eilte, bei dem Wirth die nothigen Erkundigungen deshalb einzuziehen. Ein Maler also? fragte dieser, und blickte nachlassig zu ihm auf. Nie hatte ihm dies Wort so seltsam und fremd geklungen, als in diesem Augenblick. Er erschrack selbst daruber, und wandte sich mit dem verdriesslichen Ja von dem Neugierigen, der ihm statt einer Antwort eine Frage zuruckgab. O, sagte dieser einlenkend, wollten Sie nicht einige Augenblicke verweilen; Sie werden hier an der Abendtafel mehrere Kunstfreunde finden, die Ihnen vielleicht nahere Auskunft geben konnen. Sie nannten gewiss einen unserer beruhmtesten Meister, allein ich kann Ihnen seine Wohnung nicht sogleich bezeichnen.

Rodrich ging still im Zimmer auf und nieder. Einer der Beruhmtesten, dachte er, und sie kennen seine Wohnung nicht einmal! Ach, wer kommt denn auch zu der einsamen Werkstatt des Kunstlers, der in abgeschlossner Welt sich selbst und der innern Gottheit lebt! Er fuhlte jetzt, wie muhselig der Weg sey, den er eingeschlagen hatte, und wie wenig er zu der unstaten Beweglichkeit seines Gemuthes passe. Er gedachte der Worte seines Lehrers, der ihm oftmals sagte: dass er die Kunst nicht um ihrer selbst willen liebe, und sie alles Fleisses ohnerachtet nur als Mittel betrachte. Er hatte das immer bestritten und gemeint: der Wunsch, durch die Kunst beruhmt zu seyn, liesse sich von der Liebe zu ihr nicht trennen. Auch jetzt wollte er es sich nicht ganz gestehen, und suchte den schwankenden Willen mit aller Kraft zu befestigen. So gelang es ihm denn, wahrend er die innere Stimme durch tausend grosse Worte ubertaubte, und die gesunkne Achtung fur sein Gewerbe auf alle Weise anregte, die alte Begeisterung aufs neue zu entflammen. Und um sich selbst zu entfliehen, zogerte er nicht langer, den Maler, aller Gegenrede des Wirthes ohnerachtet, aufzusuchen.

Er war lange Zeit gegangen, ohne irgend jemand angeredet und um Auskunft gebeten zu haben, weil er uberall nicht gern bat, am wenigsten den gaffenden Pobel. So kam er zu einer langen prachtvollen Brukke, von deren jenseitigem Ende sich ein breiter Kastaniengang langs dem Ufer hinwand. Unzahlige bunte Schiffchen glitten noch uber das stille Wasser hin, wahrend viele andere unfern der Brucke landeten und dem dunklen Gange manch' frohliches Paar zufuhrten. Rodrich gesellte sich zu diesen, indem er sich hier, wo ihn nichts so druckend auf die eigne Nichtigkeit zuruckfuhrte zum erstenmal wieder wohl und leicht fuhlte. Das dumpfe Gerausch der Wagen, wie das ganze Gewirr der Menge, ward in der einsameren Gegend von den lustigen Liedern der Schiffer ubertaubt, die langs dem Ufer das durftige Mahl an kleinen Feuern verzehrten. Das seltsame Spiel des Lichtes zwischen den dunklen Baumen ergotzte ihn unendlich. Er glaubte den Zauber der Beleuchtung noch nie so gekannt zu haben, und entwarf tausend Plane, die vor ihm schwebenden Gruppen darzustellen, als er bei einer Beugung des Ganges plotzlich vor einem geoffneten Gitterthor stand, das die Vorubergehenden recht gastlich zum Eintreten einlud. Die bluhenden Ufer waren hier zum kunstreichen Garten umgewandelt. Zwischen duftigen Blumengewinden glanzten helle Springbrunnen, deren silberne Stralen sich in Marmorbecken ergossen. Dunkle Pinien und Cypressen beschatteten Kunstwerke der besten Meister. Rodrich stand wie in einem Zauberkreise vor den steinernen Gebilden, die in der stillen Nacht seltsam auf ihn herabblickten. Mit innerm Grausen betrachtete er einen Lakoon, der auf einem hervorspringenden Hugel einsam am Ufer stand. Ihm war, als neige sich jetzt erst das schmerzenvolle Haupt gegen den sterbenden Knaben. Er glaubte das Angstgeschrei zu horen, und unwillkuhrlich schloss er den starren Marmor an die bewegte Brust. Da horte er von fern leise Musik. Die Tone zogen ihn fort zu einem kleinen Pavillon, der, wie von Wellen getragen, dicht am Wasser stand. Aus dem Innern erschollen die Worte:

Blumen, susses Angedenken,

Blumen, meiner Liebsten Gabe,

Seyd ein Bild der kurzen Freuden,

Die mit euch verbluhend schwanden.

Seh euch todt nun vor mir liegen,

Muss mit Wehmuth die betrachten,

Deren reiches frisches Leben

Freudig meinen Sinn erlabte.

Zaid nimmt die welken Blumen,

Druckt sie gegen Mund und Wange,

Will mit Thranen sie benetzen,

Will mit Kussen sie erwarmen.

Und der Thranen helle Perlen

Glanzen in des Mondes Stralen,

Bebend so in Lichtes Wonne

Spielen sie viel tausend Farben.

Blumen, wollt auch ihr mich tauschen,

Neu erbluh'nd im nacht'gen Glanze?

Wollt euch dem Gestirn verbunden.

Das im Dunklen trug'risch waltet?

Leben habt ihr mir gelogen,

Will euch langer nicht bewahren;

Denn fur solch' ein falsches Leben

Wahl' ich's einsam zu verschmachten.

Und er wirft die Liebespfander

Von dem steilen Meeresstrande

Tief hinunter in die Fluthen,

Sie auf ewig zu begraben.

Wie die Blumen dort verschwimmen,

Gar vergessend aller Farben,

Hat die Thran' auf ihren Blattern

Bald zur Perle sich gestaltet.

Hier fiel Rodrich, ohne zu wissen, was er thue, ein und sang:

Perlen sind ja Liebesthranen;

Denn von Wehmuth suss umfangen

Ruht des Feuers ew'ger Funke

Mild verklart im stillen Wasser.

Plotzlich rauschten die seidnen Vorhange auf, und ein weiblicher Kopf beugte sich aus dem geoffneten Fenster. Rodrich war vergebens bemuhet, die zarten Umrisse aufzufassen. In der Dunkelheit schwankte alles verwirrt in einander. Tausend Erinnerungen flogen wie Schatten voruber; je fester er die Blicke heften wollte, desto beweglicher wogten die wechselnden Bilder auf dem dunklen Grunde. Zuletzt glaubte er die Zuge des Lakoon wieder zu erkennen; da sank der Vorhang leise nieder, und er wandte sich gedankenvoll zur Stadt.

Als er sich dem Gasthofe nahete, horte er in den untern Zimmern sehr lebhaft sprechen, und im Hineintreten fand er eine zahlreiche Tischgesellschaft in allgemeinem Streite begriffen, der indess bald durch seine Ankunft unterbrochen ward. Das Fremde und Stolze in seinen edlen Zugen, die dunkel gluhenden Augen, der hohe Wuchs, alles erregte die Aufmerksamkeit der Anwesenden, die ihn mit neugierigen Blicken massen, wahrend er ganz unbefangen einen leer gebliebenen Platz einnahm, und sich des gunstigen Eindruckes freuete, der sichtlich bei seiner Erscheinung aus jedem Auge sprach. Diese stille Bewunderung, in welcher er sich zum erstenmal klarer als in einem Spiegel erkannte, gab seinem Wesen Haltung und Sicherheit, und sohnte ihn mit der ungekannten Welt aus, die ihm Anfangs so fremd und abstossend erschien. Indess ward, nach einigen lebhaften Erkundigungen bei dem Wirthe, der eben mit Rodrich gesprochen hatte, das vorige Gesprach nach und nach wieder angeknupft. Je mehr ich nachdenke, sagte ein Mann, der mit verschrankten Armen und niederhangendem Kopfe da sass, je wahrer finde ich, was Sie vorher sagten: es giebt in der That Worte, deren Bedeutung wir auf Treu und Glauben annehmen, die uns eben deswegen niemals klar wird, und dennoch mit uns aufwachst, sich uns anschmiegt und glauben lasst, sie gehore zu unserm Wesen, wahrend es nur eines kraftigen Stosses bedarf, um sie als etwas ganz Fremdes uns Aufgedrungenes zu erkennen. Zu diesen gehort die aussere Ehre in dem Sinne, wie sie allgemeingultig angenommen wird. Welchen Unterschied, ich bitte Sie, rief ein lebendiger Jungling ihm zur Seite aus, machen Sie denn zwischen ausserer und innerer Ehre? und was ist Ehre uberhaupt, nach ihren Begriffen? Ehre, erwiederte ein Offizier, der bis jetzt von seinem Nachbar verdeckt, Rodrich unbemerkt geblieben war, Ehre ist freie Selbststandigkeit, innere Consequenz des Willens, die sich durch ein folgerechtes Leben behauptet. Der Zweck, wie der Ausgangspunkt, sind als freie Erzeugungen ganz individuel, und es ist nichts seltsamer, als allgemeine Prinzipien uber etwas aufstellen zu wollen, was seiner Natur nach auf der Eigenthumlichkeit der Ansicht beruhet. Dass die Ihrige Ihnen allein angehort, sehe ich, fiel der junge Mann rasch ein; denn sie ist mir in der That fremd. Nur thun Sie doch nicht gut, die Individualitaten so scharf von einander abzuschneiden, wir konnten bei consequenter Folgerung auf den Punkt kommen, wo alle Ihre Worte verschwendet waren, wo wir wirklich nichts, gar nichts von einander wussten, und Menschen so kalt gegenuber standen, wie abgeschlossne Welten. Indess konnte ich Sie fragen, um mich auf einen Erfahrungssatz zu berufen, wie es kam, dass Jahrhunderte hindurch eine Religion und eine Ehre alle Gemuther beseelte, und das Grosste erzeugte, was die Welt sah, wenn sich nicht das ewige Licht uber Alle ergoss und die Gluth einer Liebe jede Brust entflammte? Zeitalter, antwortete der Offizier, haben wie Menschen ihren eigenthumlichen Charakter. Ich tadle diese nicht, dass sie den ihrigen durchfuhrten, nur finde ich es etwas lacherlich, dass wir unaufhorlich auf morschem, verfallenem Grunde fortbauen, ohne zu fragen, was wir wollen und konnen? Hat Graf Alvarez, dessen fruher Tod unserm Gesprache neues Leben gab, so durchaus in der Gluckseligkeit seiner Schwester gelebt, dass sie ihm das Hochste war, und er die Treulosigkeit ihres Geliebten fur eine Beschrankung seines hochsten heiligsten Willens ansah, so that er recht, mit einem verfehlten Leben auch den frechen Storer desselben zu vernichten. Hat ihn aber das blos Formelle der Ehre, der verblichne Schein jener alten Ehrfurcht fur die Reinheit und Unverletzbarkeit des Familien-Namens hingerissen, so opferte er einem kranklichen Wahne ein sehr lebendiges Streben auf. Kranklicher Wahn! rief der kecke junge Streiter, was Sie so nennen, ist im Grunde ganz Eins mit dem, was Sie selbst zuvor als Idee der Ehre aufstellten. Die freie Selbststandigkeit des Mannes ist von der Unbeflecktheit seines Namens unzertrennlich. Andre Zeiten andre Sitten, erwiederte der Offizier. Die unsrigen, fiel jener ein, mussen doch von der fur Sie verrufenen Zeit nicht so absolut losgerissen seyn, weil sich in eines jeden Brust der heiligste Zorn regt, so bald sein Vaterland, sein Staat angegriffen wird, um wie viel mehr denn der Name, den er tragt. Eine Ausnahme, sagte der Offizier lachend, wirft Ihre ganze Regel uber den Haufen. Ich gebe Ihnen meinen Namen fur eine Hand voll tauber Nusse hin, mich selbst aber verkaufe ich theuer, das versichre ich Ihnen. Es beruhet nur darauf, hub der langsame Denker nach einem kurzen Schweigen wieder an, den Wendepunkt zu finden, in welchem die individuelle wie die allgemeine Ehre Eins waren. Hier fiel Ursprung und Zweck der That zusammen, und es konnte nicht mehr von einer augenblicklichen Erzeugung des Willens, sondern einzig von einem innern bleibenden Moralgesetz die Rede seyn, das, wie fur alle Zeiten, auch fur alle Individuen gelten musste. Was fur Alle gilt, Herr Doktor, sagte der Offizier, schliesst alles Charakteristische, alles, was einem Dinge Gestalt und Physiognomie giebt, aus, und so hatten wir unrecht, uber einen einzelnen Fall zu streiten. Das Einzelne, erwiederte der Doktor, ist auch uberall nur wirklich etwas, in so fern es sich zur allgemeinen Idee erhebt. Von diesem Standpunkt mussen wir das Ganze betrachten, dann lernen wir die Geschichte des Menschen als unendliche Entwickelung eines Gedankens erkennen. Dies zugegeben, sagte der Offizier, so mussen Sie mir eingestehen, dass keine Ruckschritte zum Ziele fuhren, und dass jener Massstab einer langst entwachsenen Zeit seltsame Carikaturen erzeugt. Warum Autoritaten aufrufen, die alles produktive Vermogen ersticken! Tragheit ist es, die den Menschen auf dem fruher geebneten Wege fortzieht, und ihm weis macht, es passe kein andrer fur ihn.

Rodrich hatte bis dahin schwankend zwischen den verschiednen Meinungen da gesessen. Jetzt erregte der Offizier seine ungetheilte Aufmerksamkeit. Die letzten Worte trafen sein Inneres. So hatte er immer gefuhlt, etwas Grosses und Neues sollte geschehen, was gigantisch uber den Trummern der Vorzeit hinschreitend, eine nie gesehene Herrlichkeit offenbarte. Er betrachtete noch das seltsame Gesicht, auf welchem die hellsten Blitze des Verstandes mit der hingebendsten, tragsten Ruhe wechselten, und uber dessen scharfe Zuge sich wiederum eine Milde ergoss, die es unendlich anziehend machte, als der junge Mann, der von den Anwesenden Ritter genannt wurde, aufs neue mit verhaltnem Unmuth begann: Wenn ich nur nicht horen musste, wie man die alten ehrenwerthen Formen antastet, ohne zu erwagen, dass unsre ganze aussere Existenz ein stillschweigendes Anerkennen derselben ist, indem wir durch Sprache, Religion, Gesetze, und gesellige Verhaltnisse hinlanglich darthun, dass sie uns wirklich ungetheilt angehoren. Wenn Sie mich darauf zuruckfuhren, erwiederte der Offizier, dass der jetzige Zeitmoment in allen vorhergehenden bedingt ist, so vergessen Sie auch nicht, das Charakteristische der Gegenwart zu betrachten. Das ist ohnmachtiges Wollen, fiel jener ein, krankliches Zukken entschwindender Kraft. Seit der Blick verloren ging, mit dem wir einst das Alte betrachteten, und der Muth, es wurdig zu behaupten, uberreden wir uns, etwas Neues, Unerhortes erzeugen zu mussen. Kein Mensch weiss aber eigentlich was? Es ist erstaunlich bequem, so ins Blaue hinein zu produciren, und das unbekannte Ziel immer nur ahnen zu lassen, wahrend man bei aller produktiven Kraft einschlaft bis uns das Alte uber dem Kopf zusammensturzt, unterbrach ihn der Offizier, da haben Sie ganz recht. Aber das liegt nicht daran, dass wir es nicht wieder herstellen; denn das ware am Ende doch nur Flickwerk, und zerbrockelte wohl leicht in einer kraftigen Hand, die es derb anfasste, eher indess, weil es an Kraft und Genialitat fehlte, aus dem Alten etwas Frisches und Lebendiges hervorgehen zu lassen. Doch seyn Sie ganz ruhig, es geschieht dennoch vieles, was wir ubersehen. Was in der Vergangenheit wie aus einem Guss geformt da steht, ist in der Gegenwart ein langsames Werden. Der Wein gahrt still im verschlossnen Dunkel, ehe der Geist sich frei macht und die Gemuther entzundet. Er hob bei diesen Worten ein schaumendes Champagnerglas in die Hohe und rief mit freudigen Blicken: gute Zeiten und lebendiger Muth! Alle stiessen an, und der Ritter sagte bewegt: wir verstehen einander dennoch. Solche, die das Schwerdt und die hohere Vaterlandsliebe verbindet, sollten eigentlich nie uber Ehre streiten. Sie sind in der Hauptsache gewiss einig. Dies fiel wie ein Blitz in Rodrichs Seele, das war der ungekannte Magnet, der ihn in die Welt zog. Darum hatte er im Kloster nur Augen und Sinn fur den Erzengel Michael; darum sass er Stunden lang vor dem Bilde und zeichnete mit unsichrer Hand die kraftigen Zuge, bis es ihm gelang und Alle uber die Geschicklichkeit des Knaben staunten. Jetzt war es, als trate er vor ihn hin, gewapnet, mit fliegendem Haar und eingelegter Lanze, das breite Schwerdt an der Hufte, wie die alten Gotter uber die Erde hinschreitend. Seiner nicht mehr machtig, rief er: Alle gute Geister verbinde das Schwerdt! Bravo! sagte der Offizier, und flog auf ihn zu. In Ihren Augen gluht etwas, das mit fruher verkundete, wie Sie Pinsel und Palette wohl am langsten wurden gefuhrt haben. Kommen Sie nur, der Wein erschliesst die Herzen, und der Mann darf dem Manne ein freies Wort sagen.

Sie waren bei diesen Worten in ein abgelegnes Zimmer getreten. Der Ritter hatte sich zu ihnen gesellt, und alle drei setzten sich in eine kleine Nische. Den perlenden Wein zwischen hellen Kerzen vor sich auf einem Tischchen, hub der Ritter an: Solche Momente sind die heiligsten, wo der innere Lebensblitz, plotzlich angefacht, einen fluchtigen Schein auf die dunkle Zukunft wirft, und ein prophetischer Laut uns die ganze Welt offenbart! Sie wissen, erwiederte der Offizier, ich halte in der Regel wenig von jenen mystischen Anklangen und Offenbarungen. Dass uns das Regen einer lichthellen Vernunft so oft nur dunkle Ahnung bleibt, liegt darin, dass der Mensch uberall wenig auf sein Inneres achtet, die verworrenen Strebungen selten scharf und bestimmt auffasst und mit Besonnenheit vor sich hinstellt. Ach, sagte Rodrich, der beleuchtende Verstand tritt das Lebendigste im Menschen nieder. Ich habe das wohl in der Kunst erfahren, und weiss, wie das Gelungenste aus dem augenblicklichen Zusammenfallen von Gedanken und That entsteht. Auch im Leben will sich mir das so bewahren. Jene, fast bewusstlos herausgestossenen, Worte, haben mir zwei Freunde gewonnen, zu denen ich endlich einmal aus voller Seele reden darf. Wenn Ihr Gefuhl Sie nie auf schlimmere Wege fuhrt, sagte der Offizier, so folgen Sie ihm nur getrost. Ja wohl, setzte der Ritter hinzu. Es ist nicht das Schlechteste im Menschen, dass er sich so ohne weitere Beglaubigung rucksichtslos hingeben und das uberfliessende Herz eroffnen kann. So nehmen Sie mich denn hin, sagte Rodrich in hochster Bewegung, ich gehore ja ohnehin Niemand an! Er hielt einen Augenblick ein, und kampfte, ob er seine dunkle Abkunft hier beruhren und sich selbst als ein Kind des Zufalls hinstellen sollte. Doch bald fuhr er fort: Es wehet etwas Geheimnissvolles durch mein ganzes Leben, das mich oft selbst mit Bangigkeit erfullte, und schon da mit der Welt entzweite, als sie mir noch fremd war. Meine fruhesten Erinnerungen fuhren mich in ein Kloster an die Seite eines Greises zuruck, der mit der zartlichsten Sorge uber mich wachte. Ich kann nicht sagen, ob ich je andre Umgebungen gekannt; allein oft vor dem Einschlafen, und wenn Eusebio die Laute spielte, uberfiel mich eine Sehnsucht, dass ich weinend nach einem hellen, bunten Hause verlangte, wo ich mit schonen Kindern spielen konne. Einst war ich mehrere Tage hindurch nicht zu beruhigen, weil mir im Traum eine Frau, in weisse Tucher gehullt, auf einem Ruhebette liegend, erschienen war, nach der ich vergebens die Arme ausgebreitet und sie zu erfassen gestrebt hatte. Eusebio weinte mit mir, und schien mich mehr durch Liebkosungen als durch Bestreitung meiner Wunsche zu beruhigen. Nach und mach ward ich indess stiller. In der steten Einformigkeit schwieg indess jedes unruhige Verlangen. Meine bescheidnen Wunsche drangten sich nicht uber die kleine Zelle hinaus, in deren Innerem alle durftigen Freuden meines Lebens bluheten. Denn selbst der fruchtreiche Klostergarten ward mir durch die Aengstlichkeit, mit welcher ich in die Steigen gebannt war, zuwider. So verlebte ich meine Tage unter Gesang und Gebet, lernte Heiligenbilder zeichnen und fromme Thiere in Holz schnizzen. Die erloschende Kraft, die nur in der Liebe zu Eusebio und beim Anblick des Erzengels Michael, der recht gross und hehr uber dem Altar in unserer Kirche hing, aufblitzte, gab dem Prior die besten Hoffnungen fur die Zukunft. Auch hatte Eusebio strenge Befehle, jede weltliche Anregung gewissenhaft zu vermeiden. Ich erfuhr das in einem Augenblick, der mir jetzt noch wehmuthige Erinnerungen giebt. Er hatte mir einst ein Pferd in Holz geschnitten, und, ich weiss nicht, war es Instinkt, oder hatte ich sonst schon etwas ahnliches gesehen, genug, ich besass einen zierlichen heiligen Georg, den ich auf das Pferd befestigte und mit lautem Freudengeschrei auf und nieder hupfen liess. Eusebio blickte lachelnd auf mich hin, wahrend ein finsterer Monch hereintrat, mir mein liebes kleines Spiel entriss und es unter Fluchen und Verwunschungen gegen die gottlose Entweihung eines Heiligen in die Flammen warf. Eusebio bekam einen harten Verweis und wir trauerten beide uber die gestorte Lust.

So mochten wohl zehn Jahre verflossen seyn, als ich einst in der Nacht von einem leisen Gerausch erwachte. Ich blickte um mich, und sah beim schwachen Schein einer Lampe, wie Eusebio sorgsam ein Kastchen unter seinem Lager hervorzog, es eroffnete, und einen reichgestickten Mantel mit goldenem Ordenskreutz daraus hervorzog. Er breitete ihn vor sich hin, blieb gedankenvoll stehen, und kusste dann ehrerbietig den Saum des Gewandes. Ich hatte mich wahrend dem genahet, und rief voll Entzucken: Vater, was hast du da fur herrliche Sachen! Der Alte liess erschrocken die Arme sinken und sagte mit wehmuthigem Tone: Kind, das sollte Dir ewig ein Geheimniss bleiben! Musst Du so voreilig in das bunte Gewebe deines Schicksals eingreifen! Begierig nahm ich indess den Mantel von der Erde, hullte mich hinein, und trat so in hochster Lust vor Eusebio hin, der von dem Anblick uberwaltigt, mich in seine Arme schloss, und weinend ausrief: Ist mir doch, als sehe ich deinen unglucklichen Vater, als er das letzte mal vor der Welt und seinem Konig erschien. Ihn deckt die kalte Erde, wahrend Du mit den Trummern seiner Herrlichkeit spielst. War es doch immer mein Wunsch, Dich so geschmuckt zu sehen! und, fuhr er fort, indem er mir die Hand auf die Stirn legte, ich ahnde es, diese Flammen werden ihrer weltklugen Weisheit spotten, was vermag der allmachtige Geist des Menschen nicht! Er sank bei diesen Worten erschopft auf sein Lager. Ich kniete neben ihn, und um ihn zu erheitern, wie ich es sonst wohl that, nahm ich die Laute, die vor ihm auf einem Tischchen lag, und griff leise in die Saiten. Von dem Klange wie begeistert richtete er sich in die Hohe, nahm mir das Instrument aus der Hand, spielte und sang folgendes Lied, das mir wie mit Flammenzugen eingegraben blieb.

Vergebens hab ich hier gerungen,

Vergebens war der eitle Wahn,

Es konne Leib und Geist durchdrungen

Auf Erden gleiche Lust empfah'n.

Ich fuhlte Herz von Herz sich reissen,

Und Angst und Schmerz in wunder Brust

Wollt' ich dem Tod zu leben heissen,

Und kampft' und rang in truber Lust.

Ich seh' dich, farb'ge Pracht, erblassen,

Es naht sich bleich und kalt der Tod.

Ach susses Kind, dich muss ich lassen,

Mich ruft ein gottlich ernst Gebot.

So rauscht denn einmal noch ihr Saiten,

Ihr dringt aus einer frischen Welt;

Der leise Hauch soll euch begleiten,

Der mich noch hier gefangen halt.

Die letzten Worte zerrannen fast auf seinen Lippen, und flossen so mit dem Klange zusammen, der immer leiser verhallte, bis die Laute den starren Handen entsank.

Auf mein Angstgeschrei eilten die erschrockenen Monche herzu. Es wahrte lange, ehe sie mir begreiflich machen konnten, dass Eusebio todt und fur mich verloren sey. Von dem Augenblick ward ich so kalt und verschlossen, wie die geliebte Leiche, die man mit Gewalt aus meinen Armen riss. Jener furchtbare Wechsel von Lust und Schmerz schien alle Lebenskraft in mir aufgezehrt zu haben. Der naturliche Trotz in meinem Gemuth lehnte sich gegen die ganze mir bekannte Welt auf, ich hasste alles, was sich mir nahete, da ich unter den erloschenen abgezehrten Gesichtern nicht eins fand, das meinem Eusebio glich, und Niemand als er mich je geliebt hatte. Jede andre Erinnerung ward in das Grab meiner hochsten Freude versenkt, und erst sehr lange nachher unter freudigern Umgebungen gedachte ich des Mantels und jener bedeutenden Worte, die mich zuerst uber die Klostermauern hinaushoben.

Als ich von Eusebio's Begrabniss zuruckkam, ward ich in eine fremde Zelle unter die Aufsicht eines jungen Monches gebracht, der in eigenen Schmerz versenkt, wenig auf mich achtete. Ich fuhle noch heute die entsetzliche Angst, die mich in dem Augenblick uberfiel, da man mich vor meinem alten, geliebten Zimmer vorbei in dies neue fuhrte. Mit innerer Wuth schloss ich die Augen, um nichts zu sehen, was mich so kalt und fremd abstiess. Auch lernte ich nie meinen neuen Aufseher lieben, vor dessen achtlosen Blicken ich dennoch thun konnte was ich wollte. Uberall bekummerte sich Niemand sonderlich um mich, man schien hinreichende Sicherheit in meinem dumpfen tragen Sinn gefunden zu haben. So kam es denn, dass man mich, als einst Feuer im Kloster ausbrach, mit anderem Gerath in den Garten schleppte, und dort allein liess. Ich war weder erschrocken noch erfreut. Nur fuhr es einmal wie ein Blitz in mir auf: wenn die Flammen das hassliche Gebaude verzehrten, so musse man mich wohl frei lassen, und ich konne dann hingehen, wohin ich wolle. Doch war das auch kein bleibender Wunsch, ich kannte ja nichts, wonach ich mich hatte sehnen konnen. So ging ich gleichgultig auf und ab, bis ich eine kleine Pforte, die nach einem See hinaus fuhrte, und durch welche man wohl in der allgemeinen Noth Wasser herbeigeschafft hatte, offen fand. Ich trat hinaus, ohne etwas Bestimmtes zu wollen, und ging Anfangs den schmalen Fusssteig, der den See hinauf fuhrte, ganz langsam fort. Doch je weiter ich ging, desto freier hob sich meine Brust. Das Wasser rauschte und quoll so lebendig neben mir hin, ich athmete zum erstenmal frisches Leben, und der Gedanke zu entfliehen ward mir nun erst deutlich. Die erwachte Kraft beflugelte meine Schritte. Ich hatte bald die hohe Mauer im Rucken, und kam auf eine Wiese, die sich wie ein bunter Teppich neben dem klaren Wasserspiegel ausbreitete. Jenseit sahe ich hohe Baume, alles keimte und bluhete nach einem kurzen Winterschlaf. Es ist unbeschreiblich, wie mich das erste Wehen des Fruhlings in der reinen freien Natur ergriff. Wie berauscht brach ich Wasserlilien und lange zitternde Grashalme, und sie in der Luft schwenkend, lief ich unter Jauchzen und Schreien den bunten Vogeln nach, die sich auf den Blumenkelchen wiegten, und mich durch Feld und Wald nach sich zogen. Alle Lieder, die ich kannte, alle Gebete, die ich je von Eusebio horte, alles rief ich den Luften, den Baumen, den Blumen entgegen. Ich wunschte, ich wollte nichts, als ewig so leben.

Mehrere Stunden mochte mich mein Entzucken so fortgetrieben haben, und ich weiss nicht, welchen Raum ich durchlief, als ich endlich bemerkte, dass mein Weg mich an einem steilen Gebirge hinauffuhrte. Ich ging dennoch lustig weiter, und ergotzte mich an den farbigen Steinchen und hellen Krystallen, die auf den hervorragenden Spitzen glanzten. So erreichte ich den Gipfel des Berges, der mir alle Pracht einer lange verschlossnen Welt aufdeckte. In einem weiten unermesslichen Thal sah ich Walder, Triften, hohe Thurme, Hauser. Alles leuchtete und wogte im hellen Abendglanz. Die untergehende Sonne vergoldete die rothen Dacher, am Himmel gluheten Purpurwolken, um und uber mir war ein Flimmern und Glanzen. Da gedachte ich Eusebio's, und sank betend nieder. Ich hatte keine Worte, aber in einen Laut hatte ich alle Seligkeit der klopfenden Brust aushauchen mogen. Nie ist mir wieder so zu Sinne gewesen!

Nach einer Weile, als die trunknen Blicke sich wieder auf einzelne Gegenstande richteten, bemerkte ich am jenseitigen Abhange des Berges kleine zerstreut liegende Hutten. Ich lenkte meine Schritte dorthin, und stand bald vor einer derselben, aus deren Innerm die anmuthigsten Flotentone erschollen. Ich trat in die geoffnete Thur und begrusste eine schone junge Frau, die mich erstaunt ansah, und nicht zu wissen schien, was sie aus mir machen solle. Die gute Sara hat mir nachdem oft gesagt: wie mein Anblick sie erschreckt, und sie mich fur ein gespenstisch unnaturliches Wesen gehalten habe. Ich hatte nehmlich gleich Anfangs, um schneller laufen zu konnen, meine Kleider abgeworfen, und trat nun so halb nackt, mit langen Bluthenzweigen um Haupt und Arme, vor die verwunderte Frau, die in meinen seltsam gluhenden Augen ein uberirdisches Feuer zu sehen meinte. Ganz scheu fragte sie mich, woher ich kam? Die Frage erschreckte mich, ich hatte das Kloster bis dahin ganz vergessen, jetzt furchtete ich mehr als jemals dahin zuruckgebracht zu werden. In der Angst sagte ich halb Wahrheit, halb Luge: wie mich die Flammen weit jenseit des Berges vertrieben, und ich schon langst als ein hulfloses Kind, unter Fremden lebend, hier einen Zufluchtsort suchen wolle. Die Frau sah mich noch immer misstrauisch an, und hiess mich in der Laube vor der Hutte ruhen, wahrend sie gutmuthig einige Erfrischungen herbei holte. Indem kam ein lieblicher Knabe, mit der Flote in der Hand, zu mir heraus. Wie ich ihn erblickte, fiel ich ihm, ausser mir vor Entzucken, in die Arme, und rief unter lautem Schluchzen: ein Kind, ein susses Kind, so lieb und schon, wie der heilige Johannes zu der Mutter Gottes Fussen. Sara, die sich wahrend dem genahet hatte, sagte mit erheitertem Gesicht: siehst Du, Florio, sagte ich Dir's nicht immer, dass Du dem Heiligen auf ein Haar gleichest, jetzt bekraftigt's der Knabe dort auch. Sie strich ihm die blonden Locken von der Stirn und kusste ihn mit innerm Wohlbehagen. Mir ward bei dem Anblick unbeschreiblich wehmuthig, ich ergriff ihre Hand und blickte flehend zu ihr auf. Armer Junge, sagte sie geruhrt, willst gern bei uns bleiben? Nun, es trifft just dass wir einen Treiber bei der Heerde brauchen; warte nur bis der Vater zuruck kommt, er wird dich wohl behalten, wenn du fein ordentlich bist.

Der Vater kam und gestattete mein Dortbleiben. Ich lernte mich bald in alles fugen, und trieb die Schafchen sorgsam im Thale. Florio begleitete mich uberall. Wir saugen und spielten. Ich schien mir selbst oft wie neu geboren, so verdrangte die lustige Gegenwart jede Erinnerung des Vergangenen, und wenn ich zuweilen des Klosters gedachte, so schloss dennoch die innere Angst meine Lippen, dass ich nie mein voriges Leben verrieth.

Des Abends, wenn wir zuruckkehrten und die Mutter am hellen Kamin trafen, erzahlte sie uns wohl manche seltsame Geschichte. Am liebsten sprach sie von einer wunderschonen Dame, die im Thale in einem grossen glanzenden Hause gewohnt habe, und von den Hirten wie eine Heilige verehrt worden sey. Wie ein Engelsbild ware sie oft plotzlich dem Hulfsbedurftigen erschienen, und hatte jedem Trost und reiche Gaben gespendet. Zu ihr durfte indess Niemand, und man glaubte, der Garten, dessen Gitter stets verschlossen blieb, sey bezaubert. Doch sey sie wie allgegenwartig im Thale gewesen, und Niemand habe je vergebens ihren Beistand gewunscht. Nach und nach ware sie indess selbst wie ein Schatten vergangen, und endlich mit ihrem Gemahle, von dem man wunderliche Dinge erzahlte, verschwunden. Zwar wollten die Hirten diesen noch lange nachher, des Nachts, die Harfe im Arme, wie einen Geist zwischen den Bergen herumstreifend gesehen haben, und, setzte sie leiser hinzu, oft ist mir auch im Schlafe, als hore ich die Harfentone von fern heruber schallen. Das grosse Haus, sagte sie dann klagend, steht nun verodet und leer. Einst hat man viel Fahrens und Reitens dort in der Nacht vernommen, nachdem ward aber alles still, und Niemand geht hinein.

Ich hatte ein grosses Verlangen nach dem Hause und lag der Mutter bestandig an, mir den Weg dahin zu zeigen; allein sie kannte ihn selbst nicht, und der alte Martin, der bei diesen Erzahlungen immer nachdenkend vor sich hin sah, verwies mir meine Neugier sehr ernst. Wir blieben dann Alle einige Augenblicke still und betrubt, bis Florio ein Lied von einer lustigen Schifffahrt anstimmte, das die Herzen mit einem eignen Zauber belebte.

Ich trug indess das Bild der schonen Dame immer mit mir herum, und hoffte um so eher, sie solle mir einmal erscheinen, da Florio behauptete: sie komme oft im Traume zu ihm, und bringe ihm dann eine goldne Harfe und so wundervolle Blumen, wie er nie wachend gesehen habe.

Voll von diesen Vorstellungen hatte ich mich einst im Gebirge verspatet und trieb meine Heerde angstlich die Klippen hinunter, als ich ein Klingen aus dem Innern des Berges vernahm. Der Laut drang recht sehnsuchtig zu mir herauf; allein was ich zuvor ungeduldig wunschte, erfullte mich jetzt mit Bangigkeit. Mir grauete vor dem eignen Schatten, und die abgestorbnen hohlen Baume schienen mir, wie gewaltige Riesen, lange durre Arme entgegen zu breiten. So sturzte ich athemlos in die Hutte, und erzahlte: dass der Berggeist mich gerufen, und wie ein Nebel uber mich hingegangen sey, als ich einen stattlichen Fremden am Kamin erblickte, der mir neugierig zuhorte, und Martin nach der Bewandniss jener Erscheinungen fragte. Weiber- und Kindergeschwatz, sagte dieser gleichgultig, was wird's sonst seyn! Er zog Florio an sich, und fragte halb lachend, halb besorgt: hast du nicht auch was gesehen? Doch ohne seine Antwort abzuwarten, wandte er sich von ihm, und ging geschaftig in der Hutte umher. Der Fremde blickte gedankenvoll in die Flamme, wahrend ich mit Kohle allerlei Gestalten an die Wand zeichnete und eben einen stattlichen Ritter vollendet hatte, als das Feuer einen so seltsamen Schein auf das Bild warf, dass des Ritters fliegender Mantel von lauter Gold zu seyn schien. Ich gedachte jener Nacht, und rief plotzlich: da steht er leibhaftig vor mir! Sara dachte an den Berggeist und verhullte schreiend das Gesicht; allein Martin rief mit fester Stimme: wer? Mein Vater, sagte ich ganz betaubt. Er trat hinzu, betrachtete mich einige Augenblicke, und sagte dann, sich still abwendend: heiliger Gott, was ist es mit dem Kinde!

Der Fremde, der dies wohl alles uberhort oder anders ausgelegt hatte, war ganz im Anschauen der Zeichnungen verloren, und wollte durchaus nicht glauben, dass Niemand dies Talent in mir geweckt und ausgebildet habe. Er liess sich bald in ein Gesprach mit mir ein, und ich erfuhr, dass er ein Mahler und auf einer weiten Reise nach seiner Heimat begriffen sey, hier im Gebirge sein Fahrzeug zerbrochen habe und fur diese Nacht ein Obdach in unserer Hutte suche.

Ich war damals, nach Sara's Schatzung, ohngefahr funfzehn Jahre alt, voll der lebendigsten Sehnsucht nach der weiten, regsamen Welt; und wenn ich die Erscheinung jener wundervollen Frau mit jedem Tage inniger wunschte, so geschah es nur durch ihre Macht dahin zu gelangen. Ich ergriff daher des Mahlers Anerbieten, ihn nach seiner Vaterstadt zu begleiten, und dort unter seiner Leitung ein angesehener Kunstler zu werden, mit der lebhaftesten Freude. Meine Pflegeeltern gaben ihre Einwilligung, und Sara, in der sich wohl die alten Zweifel wieder regen mochten, sah mich gern von ihrem Herde weichen. Nur Florio hing weinend an meinem Halse, und bat und flehete, ich mochte nur noch einige Jahre warten, bis er gross genug sey, mir uberall folgen zu konnen. Ich habe lange das susse Stimmchen und das liebe bittende Auge nicht vergessen konnen! Ach, und niemals wird die Seligkeit jener Fruhlingstage wiederkehren, die wir mit einander verlebten! Sein frommer Sinn stromte so mild uber mich hin, wie der stille Abendglanz uber die wilden Gluthen des Tages! Wohl hattest du recht, mein Florio, wir durften nicht getrennt leben; du bist der feste Stern, der meine unruhige Fahrt lenken sollte!

Rodrich schwieg hier einige Augenblicke. Der Ritter fasste geruhrt seine Hand, indem er sagte: wie liebe ich Sie dieser wehmuthigen zartlichen Aufwallung wegen! Vielleicht haben Sie in der ganzen Zeit Florio's Andenken nicht so lebendig gefuhlt, als eben jetzt, da Ihnen sein Verlust unersetzlich erscheint. Das ist das Eigenthumliche jener fruheren kindlichen Verbindungen, dass sie mit tausend andern Erinnerungen verschwinden, und dann plotzlich, ungeahnet, in dem frischen Glanz der Jugend vor uns hintreten, und das erschopfte Herz mit truber Sehnsucht erfullen. Doch dahin sind Sie noch nicht. Der Himmelsfunke in ihrer Brust wird Florio's Bild noch lange beleben, und Sie werden ihn unter wechselnden Erscheinungen aufsuchen und finden. Finden? wiederholte der Offizier, man findet in der Regel nie, was man sucht. Darum rathe ich Ihnen, nicht zu angstlich an einem Wunsche zu hangen. Der Mensch busst nicht selten seine Freiheit daruber ein, indem der klare Blick verloren geht, mit dem man die Welt um sich her betrachten soll. Wen nicht irgend ein lebendiger Wunsch durch's Leben begleitet, fiel der Ritter schnell ein, ihn drangt, fortreisst, bis er das hohe Ziel errungen hat, dessen Kraft wird sich in tausend zwecklosen Anstrengungen zersplittern, und er wird nichts vollbringen, weil er alles umfassen wollte. Eine Idee soll den Menschen erleuchten, erwiederte der Offizier, ein Wunsch darf ihn nicht fortreissen. Oft glauben wir durch die Erfullung des Ersteren die Letztere realisirt zu sehen; aber wer hintergeht sich nicht in Augenblicken, wo das Gefuhl allein herrscht, und wer darf sagen, der menschlichen Thatigkeit sey ein Ziel gesteckt? Was sich absolut widersetzt, das lasse man fahren, und ergreife das Nachste mit neuer Kraft. Darin besteht eben die Consequenz der Allseitigkeit, dass man das Eine in Vielem reflektirt. Doch wir gerathen in unsern alten Streit, und gleichwohl, sagte er, sich zu Rodrich wendend, erwartet uns das Ende einer interessanten Geschichte. Was mir noch zu sagen ubrig bleibt, erwiederte jener, lasst sich in wenig Worten zusammen fassen. Ich reiste viele Tage und Nachte mit meinem freundlichen Meister durch das fortgehende Gebirge, bis wir am Fusse desselben in einem kleinen Stadtchen anlangten, das mir damals von grossem Umfang, doch weniger glanzend, als ich mir uberall eine Stadt dachte, erschien. Hier lebten wir in dem Hause einer sehr bejahrten Frau, der Mutter des Mahlers, die den letzten Sonnenblick des Lebens von der Liebe und dem Ruhme eines angebeteten Sohnes empfing. Funf Jahre verflossen mir unter dem eifrigsten Bemuhn und einer Anstrengung, die durch die Liebe meines Lehrers und die Aussicht auf ein ruhmvolles Leben immer wach erhalten ward. Ich lernte alte Sprachen, und durch sie die Geschichte der Vorzeit kennen. Welch eine Welt sich mir nun eroffnete, wie mein Gemuth bewegt, wie die innere Gluth in mir angefacht wurde, das ist unmoglich zu beschreiben. Der Wunsch etwas Grosses, ja Unerhortes zu vollbringen, liess mir nun keine Ruhe mehr, er trieb mich hieher, wo alle Plane, alle Erwartungen, alles vor einer ganz fremden Wirklichkeit verschwindet, und ich im Strudel widerstrebender Gefuhle nur durch Sie Haltung und Sicherheit gewinne. Vor allem mussen Sie die Welt in ihrer mannichfachen Gestaltung kennen lernen, sagte der Offizier. Was Sie bis jetzt davon sahen, war gerade hinreichend, Ihre Erwartungen auf eine Weise zu spannen, dass Ihnen Vieles schaal und nuchtern erscheinen wird, was dennoch eine innere Bedeutung hat, die Niemand ubersehen darf. Die Kunst, die eigentlich nichts anders ist, als was das Leben uberall seyn sollte, Wiederschein einer innern erleuchteten Welt, Schopfung eines freien, kraftigen Geistes, wurde fur Sie immer nur die e i n e Seite des Lebens ausmachen, und zwar die ideale. Sie mussten daher sehr bald in Widerstreit mit der wirklichen Welt gerathen, und in der qualenden Verwirrung sich selbst und ihr hohes Ziel verlieren. Wir finden nur zu oft den Kunstler vom Menschen getrennt, ein Widerspruch, der sich, wenn die erste Frische des Gemuthes verloren ging, sicher auch in der Kunst selbst offenbart. Statt dass ein wahrhaft kunstlerisches Gemuth sich entweder freiwillig beschrankend in der eignen abgeschlossnen Welt still fortwirkt, oder mit einem Gotterblick die ganze Natur durchdringt, uberall denselben Geist ein- und aushaucht, das Einzelne und Getrennte in dem Brennpunkt einer gotterfullten Seele auffasst, und wie die Kunst zum Leben, so das Leben zur Kunst erhebt. Es ist sonst nicht Ihre Art, unterbrach ihn der Ritter, zu hohe Anfoderung an die Menschen zu machen, und das Vollendete als Norm Ihres Urtheils anzunehmen. Indess, wenn ich auch im Ganzen Ihrer Meinung bin, so sind Sie doch sicher im Einzelnen hier unbillig, eine vollig durchgefuhrte Einheit als einzige Beglaubigung eines achten Kunstlergenies aufzustellen. Sie mussen mir zugeben, dass e i n Blitz oft das vortreffliche erzeugte, und wenn sich mehrere solche Momente an einander reihen, sie einen schonen Kreis bilden, aus welchem jede Lucke verschwindet.

Wenn von dem Streben eines ganzen Lebens die Rede ist, erwiederte der Offizier, so kann das Ziel wohl nicht hoch genug stehen. Und wenn ich Ihnen auch eingestehe, dass oft das Vortreffliche aus einem gestorten Leben hervorging, so ist dieser Weg dennoch sicher nicht der wunschenswerthe, am wenigsten wird ihn jemand mit Besonnenheit wahlen. Es ist dafur gesorgt, dass keiner dem andern etwas absolut nehmen oder geben konne, und wenn Sie wirklich einen regen Kunsttrieb in sich fuhlen, so werden meine Worte ihn nicht erloschen, allein Sie ahneten es bei weitem fruher, wie Sie auf eine Sphare der Thatigkeit angewiesen sind, die unmittelbar in die aussern Verhaltnisse des Lebens eingreift, darum fassen Sie nur getrost das Schwerdt, und ziehen Sie nach allen Himmelsstrichen Radien, die ihr kuhner Geist durchfliegen moge! Was Sie vergebens in der Kunstlerund Gelehrtenwelt suchen, Gemeingeist, Verbruderung, das finden Sie hier allein. Der Flachste unter uns ahnet ein inneres Band, das Alle zusammenhalt, und Niemand wagt es zu zerreissen, ohne selbst unterzugehen. Er war bei diesen Worten aufgesprungen, und die Hand an den Degen gelegt, stand er mit flammenden Blicken wie ein Heros vor Rodrich, der im Begriff war, vor ihm niederzusinken, und sich ihm wie einem Gottgesandten hinzugeben, als er ruhig seinen Platz wieder einnahm, und gelassen sagte: doch mussen Sie selbst sehen und urtheilen. Es ist nur gut, setzte er lachelnd hinzu, dass hier der Egoismus einen ganzen Stand umfasst, sonst konnten Ihnen meine Worte leicht verdachtig erscheinen. Was braucht es da viel langsamen Erwagens, fiel Rodrich ungeduldig ein, ich bin entschlossen, sagen Sie nur, wie es anzufangen sey, da mir jedes Mittel, wie uberall jede aussere Bedingung fremd ist. Das wird sich alles ganz leicht fugen, erwiederte der Ritter, wenn Sie mir erlauben, meinen Oheim, bei dessen Regiment hier unser Freund Stephano dient, einigermassen mit ihrer Geschichte bekannt zu machen, und Sie bei ihm einzufuhren. Sie trauen mir zu, dass das Erstere auf eine Weise geschehen wird, die Sie vor jedem unbescheidenen Eindringen sichert, und dass ich uberall den Mann als gepruft und erkannt ehre, dem ich Ihr Geheimniss ubergebe. Ob ich gleich den Degen scheinbar zu einem anderen Zwecke trage, so gehore ich dennoch zu dem edlen Stande, dem ich Sie mit recht bruderlichen Gesinnungen zufuhre. Rodrich umarmte den liebenswurdigen Jungling, und nahm dankbar einen Vorschlag an, der ihm so unerwartet die Kreise eines freien beweglichen Lebens eroffnete.

Nach kurzen Verabredungen und dem Versprechen, den folgenden Mittag hier wieder zusammenzutreffen, trennten sich die neuen Freunde. Rodrich verweilte noch einige Augenblicke, wahrend er die seltsamen Bilder seines Lebens uberflog, als ihn der Wirth hoflich erinnerte, einige Stunden dem Schlafe zu geben. Er blickte um sich, und sah wie die niedergebrannte Kerze dem hereinbrechenden Tage wich. Die geleerten Flaschen, der Wein in den halbgefullten Glasern, alle Gegenstande im Zimmer erschienen in dem Doppellichte so bleich und verstort, ihn selbst uberfiel ein leichter Frost, der ihn unangenehm aus seinem Traume weckte. Mein Gott, sagte er verdriesslich, muss mich denn der junge Morgen so kalt, so widrig anfassen, da ihm doch so warme Herzen entgegenschlagen! Er ging verstimmt auf sein Zimmer, und eroffnete sein Gepack, um Florio's Bild, dass ihm in einer Stunde wehmuthiger Erinnerungen wohl gelungen war, unter andern Zeichnungen hervorzusuchen, als ihm die wenigen Goldstucke entgegenleuchteten, die er als Fruchte seines Fleisses mit hieher brachte. Er ubersah den kleinen Reichthum, und fuhlte schmerzlich, dass er nicht zureichen werde, die ersten nothwendigsten Bedurfnisse seiner neuen Lage zu befriedigen. Daran hatte er bis jetzt nicht einen Augenblick gedacht, und nun zog es ihn plotzlich wie mit tausend Armen in die Dunkelheit zuruck. Sollte er wie ein Bettler vor seinen Freunden erscheinen, oder alle freudige Erwartungen hingebend aus dem eroffneten Paradiese fliehen? Er sass, die starren Blicke auf das Geld gerichtet, da, und liess es nachlassig durch die Finger gleiten, als musse es sich unter seinen Handen vermehren. Plotzlich rief er aus: die Schlacken gehoren der niedern Erde an, dein Feuer leuchtendes Metall erhebt mich zum Himmel! ich will nicht betteln, ich will fordern, was ich einst mit Wucher zuruck zugeben denke. Er beschloss, sich Stephano ohne Ruckhalt zu entdecken und warf sich getrostet und von neuen Hoffnungen belebt auf sein Lager. Die innere Bewegung liess ihn indess hier keine Ruhe finden. Zukunft und Vergangenheit verwirrte sich in seltsamen Erscheinungen, die ihn halb wachend halb schlafend peinlich fortrissen. Zuweilen glaubte er wieder als Hirtenknabe unter einem grossen schattigen Baume zu ruhen, und mit einem langen Stabe die kleine Heerde zu uberzahlen, dann waren es wieder die Goldstucke, die er zahlte, und in kleine Saulen vor sich hinstellte, wahrend der Berggeist zwischen den Klippen voruberging; Florio wollte ihn zu ihm fuhren, und wie sie gingen, offnete sich der Berg zu einem langen, dunkeln Gange. Rodrich hatte das Gold noch immer in Handen, und zahlte sehr angstlich, doch unversehens fiel ein Stuck auf den Boden, und in demselben Augenblick ergoss sich ein heller Glanz an den Wanden. Er warf nun alles Gold von sich, und die Hallen wurden immer weiter und strahlender, bis er in einen reich verzierten Saal trat, in dessen Mitte ihm Eusebio den glanzenden Mantel umhing, wahrend der Ritter und Stephano ein goldenes Schwerdt zu seinen Fussen legten. Er wollte sie umarmen, da fuhlte er sich angstlich gehalten, und als er um sich sah, lag er mit Florio in einem engen Sarge; der Mantel bedeckte beide, das Schwerdt war ein friedlicher Hirtenstab geworden, von welchem eine schone bleiche Frau mit heissen Thranen einen Blutstropfen abzuwaschen bemuhet war. Rodrich strebte vergebens sich frei zu machen. Florio's kalte Wange lag an seinem Herzen, und er konnte sich mit aller Gewalt nicht von ihm losreissen. In der entsetzlichsten Anstrengung fuhr er aus dem krankhaften Schlafe empor, und erkannte Stephano, der sich theilnehmend uber ihn hinbeugte, und seine Hand auf die fliegende Brust legte, um ihn zu erwekken. Ums Himmels willen ermuntern Sie sich, rief er besorgt, solch ein Schlaf ist verzehrend, streifen Sie nur schnell die schweren Wolken ab, es ist schon hoch am Tage, Ihrer erwartet heut noch mancherlei, wozu Sie Besonnenheit und Klarheit bedurfen, ihre Angelegenheiten sind eingeleitet, und alles wird gut gehen. Ins Grab, sagte Rodrich ganz verstort, dahin also Mein Gott, was haben Sie denn, rief Stephano ungeduldig! Kann ein Traum Sie so erschuttern? wie werden des Lebens Wogen Sie dann hin und herwerfen. Des Lebens Wogen? wiederholte Rodrich, ach ich lebte ja auch, wer kann hier eine Granzlinie zwischen Traum und Wahrheit ziehen! Nun, nun, sagte Stephano lachelnd, kommen Sie nur, ein Sonnenblick, denk ich, soll die freudige Wirklichkeit aufdecken, und die matten Sinne aufs neue erfrischen. Junger Freund, fuhr er ernsthaft fort, als Rodrich noch immer im stummen Nachdenken verharrte, huten Sie sich vor jener schlaffen Beweglichkeit, die dem Manne alle Kraft zu ernstern Kampfen raubt. Es giebt weiche, kindliche Gemuther, die in Freud und Schmerz gleich hingebend sich selbst verlieren. Die Natur formt nicht Alle auf gleiche Weise. Aber der Mensch kann viel gegen die Schwache eigener Natur; und wer sich nach der ersten Erschutterung nicht wiederzufinden, nicht in der eigenen Freiheit wieder herzustellen vermag, fur den werde ich nie sonderliche Achtung hegen. Er reichte ihm hierbei die Hand, um die Strenge seiner Worte zu mildern, Rodrich ging beschamt neben ihm her, bis sie ins Freie kamen, und die Schonheit und Regelmassigkeit der Gebaude, die am vorigen Abend in dem gemeinsamen Eindruck des Ganzen fur ihn verloren ging, jetzt seine Aufmerksamkeit erregte. Sie sprachen viel uber alte Architektur. Rodrich stimmte fur die Klarheit und in sich bedingte Grosse griechischer Formen. Hier ist uberall Harmonie, fuhr er fort, weil der Zweck nicht ausserhalb zu suchen ist. Dem Griechen erschliesst sich der Himmel unmittelbar in der Anschauung, fur ihn ist alles an sich ganz und ungetheilt da. Bei den Romern war das schon anders. Die Kunst ward ihm Mittel, er wollte das Ungeheure und stellte sich selbst auf die Spitze. Wie gut Sie die Romernaturen verstehen! sagte Stephano lachelnd, fast glaube ich, Sie haben ihr eignes Bild in dem Romischen Kunstler aufgestellt. Gewiss ist es, dass Corinthus Bluthen sehr bald in den Riesenmassen versteinten, doch auch so sind sie schon in ihrer Eigenthumlichkeit. Nur dass sie sich in dieser Hinsicht mehr der Gothischen als der Griechischen Kunst nahern, erwiederte Rodrich. Legen Sie doch nicht den Maassstab des Einen an, um das Andere zu wurdigen, entgegnete jener. Durch solche Vergleiche verruckt man nur zu oft den Standpunkt, von dem jedes Einzelne betrachtet seyn will. In ihrer Erscheinung sind alle drei hochst ehrenwerth, weil sie einen bestimmten Charakter aussprechen, wodurch sie sich allein schon von den heutigen Kunstwerken unterscheiden, die uns nicht selten zeigen, wie man drei in einem vereinigt. Glucklich genug, wenn wir ein gothisches Hauschen neben einem griechischen Tempel eng und zierlich nach dem Gesichtskreis des Beschauers zugeschnitten erblicken, oft ist es noch schlimmer, modische Pracht und antike Verzierung schmucken eine neu erbaute Rinne, und so umgekehrt. Doch auch dies ist nicht charakterlos, es spricht die allgemeine Verwirrung des Zeitmoments aus, und wer will behaupten, dass nicht das Herrlichste daraus hervorgehen konne. Sie standen bei diesen Worten vor demselben Gitter, das Rodrich gestern offen fand. Er fragte begierig nach dem Besitzer des Gartens, und erfuhr, dass er zu dem Schlosse der Prinzessin Therese, Schwester des Herzogs gehore, die seit dem Tode ihres Gemahls den kalten Norden verlassend, mit ihren beiden Tochtern zu dem kinderlosen Bruder zuruckgekehret sey, und neues Leben uber das verwaisete Land verbreite. Stephano sprach noch viel von der hohen Natur dieser Frau, die aus einem freudeleeren Bund eine seltene Heiterkeit gerettet habe, und sie auch den verschlossensten Gemuthern mittheile. Rodrich fuhlte bald den Einfluss jenes stillen Geistes, der uberall in den freudigen Umgebungen athmete. Die beruhigten Sinne verweilten gern auf den hellen Wasserspiegeln, dem frischen Rasen, der reichen Fulle der schattigen Baume. Alles stand so anspruchslos da, dass der dumpfe Mensch leicht daran vorubergehen konnte, ohne die ordnende Hand zu ahnden, die so unscheinbar alle einzelne Bluthen zu einem vollen Kranze sammelte. Nirgend war etwas Hervorstechendes, allein nirgend sah man auch der widerstrebenden Natur fremde Stoffe aufgedrungen. Umgebungen Erde und Himmel, alles beruhrte sich in ungestortem Einklang. Was ihm gestern im nachtlichen Schein so feierlich begegnete, trat jetzt leicht und erfreulich hervor. Den Laokoon sah er nicht, wohl aber den Pavillon mit seinen hohen Fenstern, deren lichtblaue Vorhange glauben liessen, der Himmel spiegle sich in dem chrystallenen Pallast der Nereiden. Hier, sagte Stephano, verlebt Prinzessin Miranda die schonsten Stunden in der Erinnerung fruherer Kindheit, die ihr die Lage des Platzes, das ferne Gebirge, die Beugung des Stromes, alles wie sie sagt, auf eine eigene Weise zuruckruft. Miranda? wiederholte Rodrich der Name dringt seltsam aus der Ferne herauf, mir ist, als habe ich ihn einst wo gehort. Wie sollten Sie nicht, fiel Stephano schnell ein. Seit dieser Himmel unsre Erde erleuchtet, ist jedes Herz davon erfullt. Schon als Kunstler, setzte er hinzu, kann Ihnen der Name nicht fremd seyn. Die herrliche Gestalt ist von tausend alten Mahlern und Bildhauern vergebens nach geformt; indess Niemand das eigentliche Wesen, das, was ihrem Gesicht den unwiderstehlichen Zauber giebt, darzustellen weiss. Die Heftigkeit, mit welcher Stephano dies alles sagte, war Rodrich nicht entgangen. Er gedachte seiner gestrigen Erscheinung, des Liedes, das ihn so unwillkuhrlich fortriss, und beide gingen eine Zeitlang schweigend neben einander hin, als der Ritter schnell auf sie zukam und Rodrich bat, ihn sogleich zu seinem Oheim zu begleiten, der von allem unterrichtet, ihn ungeduldig erwarte. Er selbst, fuhr er fort, war fruher durch Familienverhaltnisse gezwungen, fast auf ahnliche Weise in fremde Dienste zu gehen. Alle Widerwartigkeiten seines reichen Lebens haben die jugendliche Warme nicht in ihm erloschen konnen, und ob ich ihm gleich nur im Allgemeinen von Ihrer Flucht aus dem Kloster sprach, so hat ihn dies allein schon fur Sie eingenommen. Dieser Mann, sagte Stephano, als sie auf dem Ruckwege begriffen waren, ist eine ganz eigne fast in sich widersprechende Erscheinung. Entschiedner Feind alles geregelten Formellen, ist er dennoch bis zur Uebertreibung streng im Dienste. Hier allein gilt ihm die feststehende Ordnung uber alles. Es ist als trenne er den Soldaten durchaus vom Menschen, und in dieser Abgeschlossenheit erscheint er selbst vollig ein Andrer. Es entspringt dies nicht etwa aus einer bestimmten Ansicht des Lebens und seiner Verhaltnisse, in deren innere Tiefe einzudringen er als hochst trubselig und jedem achten Genusse zuwider, verwirft. Es ist ihm wie sein ubriges rucksichtsloses Wesen ganz naturlich, und er tragt es so wenig zur Schau, als dass er es verbirgt. Bei aller dieser scheinbaren Unbestimmtheit, sagte der Ritter, ist er der festeste, zuverlassigste Mann, der wohl eher fahig war, aussere Wohlfahrt, Freiheit und Vaterland fur den geliebten Freund hinzugeben, weshalb er auch dem dustern Herzog ewig fremd bleiben wird, der ihn nur auf das dringende Gesuch der Prinzessin Therese in seine Dienste nahm. Sehr seltsam ist es, dass dieser leichtgesinnte Mann so ernsten tragischen Gemuthern das Daseyn gab. Jener Fernando Alvarez, dessen Namen Sie gestern horten, war sein Sohn, und die schone Rosalie, das einzige ihm gebliebene Kind, vertrauert ein bluhendes Leben auf einem nahe gelegenen Landgute, wo sie seit dem Tode des Bruders fast Niemand als die Miranda sieht, deren Gespielin sie ehedem im Auslande war.

Hat auch der Tod des Sohnes keinen tiefern Eindruck bei dem Grafen zuruckgelassen? fragte Rodrich. Nichts beschaftigt ihn dauernd, was seine aussere Thatigkeit hemmt, erwiederte der Ritter. Der erste Augenblick bewegte ihn gewaltsam, nur war der Schmerz, der sonst die Sinne lahmt, ihm ein neuer Sporn zu den kraftigsten Massregeln, die erschutterte Familienruhe wiederherzustellen, und sich selbst Genugthuung zu verschaffen. Er bestand mit Nachdruck auf der Verbannung des Unglucklichen, der mit Rosaliens Liebe auch ihres Lebens Freude todtete, und obgleich Ludovico des Herzogs Gunstling war, so musste sich dieser dennoch dem Willen eines Mannes fugen, der ihm in der misslichen Lage seiner aussern Angelegenheiten unentbehrlich ist. Jetzt hat er seine ehemalige Heiterkeit unverandert wieder erlangt, und das Gluck einer fruher geschlossenen zweiten Verbindung mit einer uberaus reizenden, ihm ganz gleich gesinnten Gattin, lasst ihn die Thranen der einsamen Tochter weniger empfinden, deren Schmerz er wie den Wahn einer frommen Traumerin schweigend ehrt. Doch hat er mehrmals versucht sie der Welt wiederzugeben, und er sagte mir heute, dass er Hoffnung habe, sie in kurzem hier in der Stadt zu sehen. Dies verdankt er wohl Miranda's zartlichem Bemuhen, sagte Stephano, die mit ihrer eignen Klarheit dies zerstorte Gemuth aufzuhellen strebt.

Sie waren wahrend dem zu des Grafen Wohnung gekommen. Stephano verliess sie hier, um den Mittag Rodrich mehrere Freunde zuzufuhren, mit denen er in der Folge durch ein gleiches Verhaltniss in nahere Verbindung treten sollte. Ein breiter Vorhof, den eine Reihe schattiger Platanen und hohe Vasen mit bluhenden Strauchern zu einem lustigen Garten bildeten, fuhrte sie in einen offenen hauslich verzierten Saal. Die Arbeit der Grafin, mehrere aufgeschlagene Bucher, eine Laute, alles lag hier zerstreut auf einem Ruhebette von indischem Zitz. Ein kleiner Tisch mit mehrern angefangnen Zeichnungen stand zunachst der Thur. Rodrich entdeckte sogleich einen schonen weiblichen Kopf, in welchem der Ritter Rosaliens Bild mit sichtlicher Bewegung erkannte. Die Grafin, sagte er, seine Verlegenheit verbergend, hat viel Talent, sie zeichnet vortrefflich, spielt und singt auf die anmuthigste Weise, uberall ist sie nie unbeschaftigt, nur schweift sie, wie eine Biene, von einer Bluthe zur andern. Sie ist sogleich ubersattigt und der geliebte Gegenstand muss nicht selten das augenblickliche Entzucken, das er erregte, durch einen dauernden Widerwillen bussen. Diese Beweglichkeit, die sie im Ganzen ausserst anziehend macht, bezieht sich indess nicht auf ihren Gemahl, dem sie mit unverletzter Treue zugethan bleibt. Auch Rosalien liebt sie zartlich. Nur sind sie freilich durch die ganz entgegengesetzte Sinnesart von einander getrennt, und finden wenig Beruhrungspunkte im Leben. Wahrend dem trat ein phantastisch gekleideter Knabe herein, und fragte mit vieler Zierlichkeit, ob sie bei der Grafin vorgelassen zu werden wunschten. Rodrich blickte ihn befremdet an, allein der Ritter, nachdem er das Kind zuruckgesandt, sagte lachend, es ist einer von Seraphinens launigen Einfallen, nur Kinder in ihrem Dienste zu dulden, die sie dann nach ihrem wechselnden Geschmack bald in dieser, bald in jener fremden Tracht auftreten lasst. Der Graf weidet sich an dieser schuldlosen Spielerei, und es ist in der That ein reizender Anblick, sie von den bunten Figurchen, wie fliegende Blumen, umschwirrt zu sehen, die sie mit wahrhafter Feengewalt belebt und ihnen eine ganz eigne Lieblichkeit mittheilt. Aber was wird aus den Unglucklichen, fragte Rodrich, wenn Ueberdruss und Langeweile sie aus ihrer Nahe verbannen? Bis dahin lasst sie es nicht kommen, erwiederte der Ritter. Sie ist zu gut, um irgend jemand zu kranken, und da sie die Kleinen unaufhorlich unter der Anfuhrung eines alten erfahrnen Aufsehers beschaftigt, so erwerben sie tausend Geschicklichkeiten, die sie zu ernstern Beschaftigungen fahig machen, wofur sie denn auch mutterlich sorgt, wenn sie heranwachsen und sie, wie sie sagt, mit ihren nuchternen Augen und schlafrigem Wesen zum Unwillen reizen.

Rodrich blickte verlangend nach Seraphinens Zimmern. Er ware lieber dem Knaben als dem Ritter gefolgt, der ihn ernstlich antrieb, zu dem wartenden Grafen zu eilen. Sie fanden ihn vor einer langen mit aufgerollten Karten bedeckten Tafel. Er durchflog die weiten Raume der Erde und entwarf manchen Plan, seinen Namen mit gewichtigem Arme auf die Nachwelt zu bringen, als Rodrich bescheiden vor ihn hintrat. Aller Stolz, alle Anmassung verschwand beim Anblick des heitern benarbten Angesichts. Sobald ihn der Graf bemerkte, eilte er schnell auf ihn zu. Einen Augenblick betrachtete er ihn mit festem durchdringenden Blick, dann reichte er ihm vertraulich die Hand, indem er sagte: Seyn Sie willkommen, wenn der rechte Ernst und die rechte Lust Sie zu mir fuhren, und Sie das Soldatenleben von ganzer Seele lieben. Ich kenne wenig vom Leben, sagte Rodrich, allein mein Herz bewegt sich freudig beim Gedanken eines muthigen Streites, und ich kenne nichts herrlicheres, als dem Tode mit lebendigem, frischem Sinne zu trotzen. Ich gabe allen ruhigen Genuss kommender Tage fur einen herzhaften Kampf, der den ganzen Menschen durchgluht, so dass auch der Nuchterne seine gottliche Natur nicht verleugnet. Auf Rodrichs Stirn flammte die heilige Wahrheit dieser Worte. Der Ritter druckte ihn freudig an die Brust, und der Graf reichte ihm statt aller Antwort einen Degen, den Rodrich mit Stolz und Wehmuth empfing, und, die hervorbrechenden Thranen nicht verbergend, im Uebermaass des Gefuhls ausrief: heller Stahl, lass die Welt in deinem Glanze leuchten, oder trinke nie ruflos verspritztes Blut. Das ist der rechte Kriegersinn, sagte der Graf. Ich liebe Gemuther wie das, darum verehre ich Ihnen das erste Zeichen meiner Achtung. Solch ein Fuhrer lasst Niemand sinken, und musste er sich auch zuletzt gegen die eigne Brust wenden; und glauben Sie mir, wer nur recht kraftig durch die Welt hingeht, mit Gefahr und Tod spielt, dem kann das Schicksal nicht viel anhaben, es ermudet endlich vor der unerschutterlichen Heiterkeit, und lasst den Menschen sein stilles Gluck geniessen!

Rodrich war uber den unschuldigen Sinn geruhrt, der sicher nur das Rechte gewollt, und so von aller Bitterkeit und feindlichen Gesinnungen rein geblieben war.

Sie sprachen bald weitlauftiger uber das Nahere seiner kunftigen Bestimmung, und der Graf sagte ihm: dass der Herzog, wenig Theil an der innern Oekonomie der Armee nehmend, ihm ziemlich freie Hand lasse, und er daher im Stande sey das Moglichste fur ihn zu thun. Indessen musse er ihn schon noch vorstellen, weil seine Vertraulichkeit mit Stephano und dem Ritter Aufsehen erregt und die leeren Kopfe hin und her bewegt habe, die in seiner Erscheinung etwas Geheimnissvolles und Wichtiges aufzufinden meinten. Vorlaufig, fuhr er fort, werde ich Sie als Volontair bei meinem Regimente vorschlagen, wogegen der Herzog wohl nichts einwenden wird, wenn ich mich fur Sie verburge. Bis dies geschehen, und alles eingerichtet ist, mussen Sie sich moglichst zuruckziehen. Sie durfen nicht eher in die Welt treten, bis es mit allem Anstande und dem ihrer neuen Lage gebuhrenden Glanze geschehen kann. Noch Eins, fuhr er fort, als er in Rodrichs Miene eine angstigende Verlegenheit wahrnahm: Sie sind wohl fremd mit den Bedurfnissen des Lebens? wollen Sie sich mir anvertrauen, mich vor der Hand als Ihren Sachwalter annehmen, so tritt wohl einmal ein bequemer Zeitpunkt ein, wo wir mit einander Rechnung halten und Sie sehen werden, dass ich auch meinen Vortheil nicht dabei vergass. Rodrich war unbeschreiblich geruhrt. So vaterlich hatte Niemand seit Eusebio's Tode mit ihm geredet. Er glaubte die geliebte Stimme wieder zu horen, und beugte sich voll heiliger Ehrfurcht uber des Grafen Hand, der ihn umarmte und mit innerem Wohlbehagen in sein nasses Auge blickte. Wenn ich Sie nur erst in der Uniform auf einem raschen gewandten Pferde sehe! hub er nach einer Weile an; ja zu Pferde, da geht dem Krieger erst das rechte Leben auf, wenn er so uber der Erde hinfliegt und Berge, Hauser und Baume, alles ihm zu weichen scheint, und das wilde Thier sich unter ihm baumt, und er es dennoch mit einem Fingerdruck regiert; dann sieht er in Noth und Tod mit Stolz auf die Menschen nieder, die dem kuhnen Reiter scheu ausweichen. Ich hatte einen Sohn, fuhr er mit bebender Stimme fort, nicht wahr Alexis, der verstand zu reiten? Der Ritter bejahete es, wehmuthig lachelnd. Ja, ja, sagte der Graf, es lost sich manches schone Band, darum muss man recht fest zusammen halten und die wenigen Tage heiter mit allem, was man liebt, verleben. Indem offnete sich die Thure schnell; Seraphine trat mit einem aufgeschlagenen Brief herein. Nach einem fluchtigen Gruss, rief sie ihrem Manne freudig entgegen: Rosalie kommt, Morgen ist sie hier und verspricht einige Zeit bei uns zu bleiben. Ich bin so voll von dieser Nachricht, dass ich schon das ganze Haus in Bewegung gesetzt habe; die Zimmer nach der Wasserseite werden fur sie eingerichtet, alles soll ein recht festliches, heiteres Ansehen bekommen; ich denke, sie wird sich bald mit dem Leben versohnen. Rodrich betrachtete, wahrend sie sprach, die zierliche Gestalt, das feine blonde Haar, das sich um einen blendend weissen Nacken ringelte und zu der lieblichen Unordnung ihres ganzen Wesens im Einklange stand. Auch sie hatte mehrere male auf ihn hingeblickt, und die schonen Augen wendeten sich immer wieder, den Fremdling zu betrachten, der ihr wie alles Neue eine willkommne Erscheinung war. Der Graf, der Rosaliens Brief noch nicht gelesen hatte, gab ihn dem Ritter, indem er sagte: lies mir doch diese Zeilen, es wird dir ja auch wohl lieb seyn, zu wissen, was sie eigentlich zu uns fuhrt; und Sie, fuhr er fort, sich zu Rodrich wendend, nehmen auch unbekannt Theil an meinem Kinde. Rodrich neigte sich, und der Ritter las mit grosser Bewegung folgendes:

"Ich habe lange geglaubt, die Einsamkeit solle die wunde Brust heilen, aber ich fuhl' es wohl, seit mich die Liebe verliess und die Erde das treueste Herz verbirgt, musste ich hier in Sehnsucht vergehen, wo sich alles so kalt und todt von mir abwendet. Wie manches habe ich versucht, die ewige Leere eines erschopften Lebens auszufullen. Ich wollte Blumen ziehen, Vogel abrichten, ach! ich vergass, dass keine Blume unter kranken Handen gedeihet, und keine Macht das Widerstrebende fesselt. Dann glaubte ich wieder, die zerstreueten Sinne sammeln und auf ernste Gegenstande lenken zu konnen. Ich fluchtete zu den Wissenschaften, aber die strengen Gottinnen verschliessen sich dem Unheiligen, der sich ihnen nicht ungetheilt hingiebt. Und welche Kleinigkeiten zogen mich ab! ein Wort, eine Aehnlichkeit des Lautes, ein gross gezeichneter Bubstab. Liebe, gutige Freundin, ich darf Ihnen diese Schwache gestehen, Sie fanden wohl eher in Ihrem wohlwollenden Herzen Nachsicht fur eine Ungluckliche, die zu Ihnen zuruckkehrt, um in dem rosigen Schein Ihres Himmels das eigne qualende Daseyn zu vergessen. Ja, Liebe, ich verlasse aufs neue den selbstgewahlten Zufluchtsort. Plotzlich treibt mich alles von hier weg. Mir ist nun, als konne ich auch nicht eine Stunde langer hier verweilen. Schon Morgen bin ich bei dem besten Vater, der das einzige Kind gern mit der alten Liebe aufnehmen und in seiner Nahe dulden wird."

Der Graf wandte sich geruhrt ab, und Seraphine sagte mit ihrer gewohnten Heiterkeit: Ihr seht, wie sie selbst des lastigen Schmerzes mude, sich nach freudigem Genusse sehnt, und wie wenig es der langweiligen Verstellungen bedarf, um eines Menschen gesunde Natur hervorzurufen. Rosalie ist durch sich selbst geheilt, und es ist jetzt die Aufgabe, sie durch etwas Neues, Ungewohntes an die Gegenwart zu fesseln, um nach und nach alle trube Erinnerungen in ihr zu verwischen. Es kommt darauf an, erwiederte der Ritter, wie nah' oder fern ihr diese Gegenwart steht. Was sie jetzt zu uns fuhrt, ist das unendliche Bedurfniss einer liebenden beweglichen Seele, die in Allem das entschwundene Gluck aufsucht, und sich dann mit Schauder von dem abwendet, was sie am gluhendsten umfasste, weil sie nirgend das Alte wiederfindet. Wie sehr die scheinbare Veranderlichkeit auf der Oberflache ihres Wesens spielt, sehen wir aus dem steten Zuruckkehren zu dem einen herrschenden Gefuhle. Was kann denn auch die Leere einer verodeten Brust erfullen! Ihr Leben wird unter einseitigen Versuchen und traurigen Behelfen verschwinden! Nun wahrhaftig, sagte die Grafin lachend, Ihre eigene Muthlosigkeit schreibt der armen Rosalie das Todesurtheil. Ich hege ganz andre Hoffnungen fur sie. Freilich, wenn alle ihre Freunde so lassig und trocken da stehen, und Niemand recht herzhaft angreift, so kann ich sie nicht allein retten. Ihren Beistand, Alexis, darf ich nun schon gar nicht in Anspruch nehmen. Sie wurden das Lustigste mit so feierlichen Sonntagsmienen und so trubseligem Ernst begleiten, dass ich wohl selbst davon angesteckt werden konnte. Ihr Spott, sagte der Ritter beleidigt, trifft mich mehr, als Sie es vielleicht wollen. Allein trauen Sie mir zu, dass ich ein verletztes Gemuth nicht zur Schau tragen, am wenigsten Ihre heitre Feste, schone Grafin, damit truben werde. Der Graf fasste hier gutmuthig seine Hand, indem er sagte: Nimm nicht alles so ernst, was dort uber die schonen Lippen fliegt, und mische keine Bitterkeit in die allgemeine Freude. Lass ihn nur, sagte Seraphine, er muss alle Tage einigemal so in sich selbst zuruckgeschreckt werden, um dann wieder aus voller Seele lachen zu konnen. Der Zorn ist ihm eine heilsame Erschutterung, er ist nie witziger, als wenn der Arger und die wiederkehrende Frohlichkeit noch in ihm streiten. Und am Ende, fuhr sie fort, indem sie die kleinen Hande auf seine Schultern legte, mussen Sie mir es noch danken, dass ich Ihnen zeige, wie Sie sich selbst alles verderben, oft plotzlich den geebneten Weg durch einen muthwillig hingeworfenen Stein versperren, und alle kluge Massregeln zu Schanden machen. Massregeln kenne ich so wenig, als angstliche Rucksichten, wenn es die Wahrheit meines Gefuhls gilt, erwiederte der Ritter. Es ist die Frage, sagte die Grafin, ob diese Wahrheit die rechte ist, und ob Sie durch sie zum Ziele gelangen. Das Erstre wohl ganz gewiss, entgegnete der Ritter, denn ich empfinde wirklich so, und nicht anders; es mochte Ihnen bei allem Zauber weiblicher Beredsamkeit dennoch schwer fallen, mich vom Gegentheil zu uberzeugen, und wenn das Zweite nicht die Folge des Vorhergehenden ist, so konnte es nur beweisen, dass ich uberall ein falsches Ziel habe. Ich weiss, erwiederte Seraphine, Sie folgen den unmittelbaren Eingebungen. Fur Sie ist das Licht des Verstandes eine uberflussige Zugabe, denn ein Gott hat Ihnen gegeben in die verborgene Tiefe zu schauen. Lassen Sie mich ausreden, fuhr sie schnell fort, als der Ritter im Begriff war zu antworten; die Uberlegung ist uns beiden gleich fremd, nur dass ich einzulenken verstehe, wenn ich den Bluthen des Augenblicks voruberging, die Sie, nach der Frucht greifend, trotzig verschmahen. Die Frucht, erwiederte der Ritter, muss sich mir in der Bluthe offenbaren, sonst werfe ich den tauben Glanz hin. Und doch, entgegnete die Grafin, wird Niemand gerade von diesem so sehr angezogen als Sie, der im einzelnen Moment hochst vornehm auf den Wahn befangener Gemuther blickt. Wie lange zahlt Sie die kleine Prinzessin Elwira schon unter Ihre Verehrer, und Sie haben recht, wer wird auch den Bluthenstaub weghauchen, um zu sehen, was darunter liegt, nur seyn Sie uberall derselbe, und fordern Sie heute nicht mehr von dem fluchtigen Lebensgenuss, als gestern. Ihr Muthwille, sagte der Ritter halb lachend halb erbittert, wird mich noch zur Verzweifelung bringen! Waren Sie nicht so schon, oder ich keine Dame, fiel Seraphine ein, der blutigste Kampf konnte nur zwischen uns entscheiden. Gewiss lieber Alexis, fuhr sie fort, so herzlich gut ich Ihnen bin, so kann ich doch nie das Lachen lassen, wenn ich Sie so ernst und bedeutend uber das Leben hinblicken, und gleichwohl in der nachsten Stunde durch hochst gewohnliche Regungen gefesselt sehe. Nicht eine vorherrschende Stimmung ist bleibend bei Ihnen, so willig geben Sie sich dem bunten Spiele hin. Dass Sie recht haben, schone Seraphine, unterbrach sie der Ritter, beweise ich jetzt. Allein wer beugt sich nicht vor solcher Gewalt. Und gewiss, ich muss es Ihnen danken, dass Sie mich eines so heitern Spieles wurdigten.

Der Graf, der Seraphinens kleinen Neckereien immer wohlgefallig zuhorte, erinnerte sich jetzt, dass es Zeit sey, mit Ernst fur Rodrichs Zukunft zu denken, weshalb er auch sogleich zum Fursten gehen, und ihn von dem Erfolg der Unterredung benachrichtigen wolle. Rodrich schied voll dankbarer Ruhrung und hingerissen von Seraphinens Lieblichkeit, deren Bild in Gestalt der fluchtigen Horen vor ihm hinschwebte.

Sie waren noch nicht weit gegangen, als Stephano mit mehrern Offizieren zu ihnen stiess. Der Ritter schlug vor, den Tag bei ihm zuzubringen, was von Allen gern angenommen ward, da seine lebhafte Unterhaltung die kleine Gesellschaft schon jetzt beschaftigte, und eine freudige Bewirthung verhiess.

Des Ritters Wohnung war mit mehrern Kunstwerken verziert, die er auf seinen Reisen sammelte. Rodrich bemerkte unter diesen ein Bild von der Hand seines Meisters, das er mehrere male nachgezeichnet hatte. Es war ein Einsiedler von uberaus schonem Ansehen, der in einer dunkeln Hole vor einem Cruzifix kniete, von dessen Mitte ein Lichtstrahl ausging, und des Einsiedlers Gesicht wundervoll beleuchtete. Er hatte das Bild immer sehr lieb gehabt, und begriff nun, warum ihn der Anblick des Laokoon so bewegte; es waren dieselben Zuge, die hier nur weicher und verklarter erschienen. Wahrend er nachdenkend da stand, trat Stephano zu ihm, und ergoss sich im Lobe des Kunstlers, der die individuellste Wahrheit hochst poetisch aufgefasst und lebendig dargestellt habe. Das Ganze, fuhr er fort, hat etwas sehr ruhrendes, um so mehr, da eine geschichtliche Wahrheit zum Grunde liegt, die uns sehr nahe angeht. Man sagt, es sey des Herzogs Vater, der ein fruher gebrochenes Gelubde eines Lieblingssohnes nur durch die Entsagung der Welt zu losen glaubte, und vor kurzem als Einsiedler starb. Dann freilich, sagte der Ritter lachend, geht er Ihnen nahe genug an. Rodrich fragte nach der Bedeutung dieser Worte, und erfuhr, dass Stephano ein naturlicher Sohn des Herzogs sey, der ausser ihm keine Kinder habe. Mehrere der Anwesenden neckten ihn mit der vornehmen Geburt, und verhiessen ihm hohe Wurden, sogar die mogliche Nachfolge der Regierung. Er blickte indess finster auf das Bild und beantwortete die Spottereien mit einem erzwungenen Lacheln, das Rodrich unangenehm auffiel, den uberall die ganze Unterhaltung angstete, ohne dass er sich einen Grund anzugeben wusste. Der Ritter suchte indess auf alle Weise wieder einzulenken, indem er die Unterhaltung auf die verschiedenartigsten Gegenstande fuhrte, und sich selbst mit unerschopflicher Fulle in Anekdoten und Geschichtchen ergoss. Stephano blieb dennoch verschlossen, und wenn Rodrich des Ritters Beweglichkeit anstaunte, so suchte er sie vergebens in dem Gleichmuth und der ruhigen Klarheit wieder, die er gestern bewunderte. Auch in seinen Freunden erkannte er ihn nicht, die allesammt willige Horer aber schlechte Redner zu seyn schienen, und deren Verdienst wohl allein darauf beruhete, dass sie sich an ihn anzuschliessen verstanden. Ein rustiger Jungling schien zwar mehr absichtlich als aus Beschranktheit zu schweigen, denn zuweilen drang ein ganz lustiger Einfall uber den Ritter hervor, dessen lacherliche Seite er, wie die eines jeden Menschen, immer bereit war aufzufassen, ohne sich weiter um den Zusammenhang des Ganzen oder die innere Bedeutung zu bekummern. Fur ihn war die Sache, wie sie erschien, und so fand er uberall Stoff zu unendlicher Belustigung. Er selbst war, wie Stephano sagte, ganz ohne Bildung, allein voll naturlicher Anlagen, die er sehr geschickt anwandte, die Schwachen Andrer herauszuheben, ohne dass sie es merkten. So wusste er dem Ritter eine Lieblingsgeschichte nach der andern abzulocken, wahrend er die listigen Augen voll Begier auf seine Lippen heftete, und jedes Wort mit steigender Ungeduld zu erwarten schien, was diesen nur noch mehr anfeuerte und fast immer unaufhaltsam fortriss. Selbst Stephano, der ihn ganz genau kannte, ging nicht selten in die Falle, indem er durch ihn, der nicht ein Wort davon verstand, verleitet, alle seine spekulative Betrachtungen und scharfsinnige Definitionen zu Tage fordern musste, wobei er mit grosser Ruhe ganz fremde Dinge trieb und wenig auf ihn achtete. Die schuldlose, ja kindische Freude, mit welcher er dies versteckte Spiel immer auf's neue begann, reizten jeden zur Theilnahme, und liess selbst den Angefuhrten ohne Bitterkeit. Rodrich gewann ihn bald lieb, und als der Wein die Gemuther freudiger stimmte, trat auch Stephano aus seiner truben Laune hervor, und riss alles durch die Kraft und den Reichthum seiner ausstromenden Frohlichkeit hin. Ja es war, als hatte er den Schmerz mit Gewalt niedergetreten und wollte jetzt allen Machten des Schicksals zum Trotz den Himmel ersturmen. In dem allgemeinen Taumel zeigte er kuhn die Gewandheit und Sicherheit seines Korpers. Mit einer Art von Wuth trug er ungeheure Lasten, mass im Sprunge einen Raum, vor dem jeder sich entsetzte, balanzirte Leichtes und Schweres gleich geschickt, kurz, er zwang seinen bewundernden Freunden neues Erstaunen und neue Achtung ab. Bald fuhrte man auch muthige, schon verzierte Pferde auf den geraumigen Hof, und mancher, der nun erst an seinem Platze war, zeigte, wie selbst die flache Unbedeutenheit in der edlen Uebung freier Krafte liebenswerth erscheine. Rodrichs Brust schwoll beim Anblick der herrlichen Thiere. Er konnte der Lust nicht widerstehen, und schwang sich auf einen nahstehenden Rappen, der hoch mit ihm in die Lust stieg und in weiten Satzen fortsprengte. Rodrichs Muth wuchs mit jedem Augenblick, er fasste kuhn die Zugel und flog im Kreise an seinen Freunden voruber, deren lautes Bravo ihm wie Spharenmusik erscholl. Schaumend stand das wilde Thier endlich auf seinen Wink, und Rodrich sah erstaunt den Grafen, dessen Ankunft er nicht bemerkt hatte, mit den freudigsten Mienen vor ihn hintreten und ihm ein versiegeltes Papier uberreichen, indem er sagte: so gebe ich Ihnen mit doppelter Lust meines Fursten Befehl und die Erfullung meines herzlichsten Wunsches. Rodrich erbrach schnell das Siegel und das Offizierpatent sah ihm recht feierlich mit des Fursten Unterschrift entgegen. Ganz ausser sich vor Freude fiel er dem Grafen in die Arme, eilte dann zu Stephano, dem Ritter, den ubrigen Offizieren; alle umfasste er in dem Augenblick mit gleicher Liebe, alle sollten gleich sehr empfinden, wie glucklich er war. Der Graf nahm ihn darauf sehr ernst bei der Hand und stellte ihn den Uebrigen in seiner neuen Wurde vor; allein er war viel zu bewegt, um ruhig unter Menschen auszuhalten. Er fuhlte das, und erbat sich die Freiheit, diesen Abend allein zubringen zu durfen. Der Graf gestattete ihm dies gern, nur, setzte er hinzu, mussen Sie mich morgen fruh um 10 Uhr zum Herzoge begleiten, der Sie durchaus sehen will.

Die wechselnden Bilder seines wunderbaren Lebens, Ahnungen einer hohen Geburt, einer glanzenden Zukunft, der er wie mit Zaubergewalt entgegen eilte, wachsender Stolz und sehnsuchtige Regungen, alles drangte Rodrich auf sein stilles Zimmer. Kaum war er indess hier angelangt, so fand er es ganz seltsam, dass ihn die Freude von den Urhebern seines Gluckes entfernt, hieher in die Einsamkeit trieb.

Er begriff sich selbst nicht, da er bei allem dem den innigsten Drang nach Mittheilung und Liebe fuhlte. Da gedachte er des zartlichen Florio, und zog sein Bild aus den zusammengerollten Papieren hervor Ach, und wie ihn die weichen kindlichen Zuge so unschuldig anblickten, hatte er in Thranen zerfliessen mogen; so, das fuhlte er, hatte nie eines Menschen Auge sein Herz beruhrt. Was war des verstandigen Stephano und des phantastischen Ritters augenblickliche Theilnahme gegen einen solchen Blick voll Liebe und unaussprechlicher Hingebung! Er druckte das Bild an seine Brust und entschlief bald in der stillen Erinnerung seliger Kindheit.

Als er am folgenden Morgen erwachte, glaubte er zu traumen oder in die Feenwelt versetzt zu seyn, als ein stattlicher Diener mit einem Kastchen voll reicher Kleider an seinem Lager stand, und ihn ehrerbietig fragte: ob er sich anzukleiden, und dann in die neue Wohnung einzuziehen befehle? Rodrich fuhlte nach einigem Besinnen die zarte Schonung des Grafen, und fasste sehr bald den Ton, der solchen Verhaltnissen geziemt.

Nach einigen Augenblicken stand er geschmuckt, sich selbst unkenntlich, unaussprechlich schon da. Er wollte nun zum Wirthe gehen, um alles zu berichtigen, als dieser hereintrat, und ihm ein Packet mit Geld uberreichte, das schon am vorigen Tage fur ihn eingelaufen sey. Rodrich war nie so reich gewesen. Die Welt war in dem Augenblicke sein, und er verliess den Gasthof mit ganz andern Erwartungen, als er ihn vor einigen Tagen betrat. Zwar fiel es ihm wohl ein: ob das Gluck nicht ermuden werde, ihn so ausgezeichnet zu begunstigen? und ob er diese ungeahnete Lust nicht einst werde theuer bussen mussen? Der Traum flog wieder an ihm voruber und die bedeutsamen Bilder angsteten ihn mehrere Augenblicke hindurch, doch siegte die frisch erbluhete Hoffnung, und et eilte leicht und froh zu dem herzoglichen Schlosse, wohin ihn der Graf beschieden hatte. Wie er die breite Treppe hinauf stieg und ihn die weiten Sale mit ihrer alten gediegnen Pracht empfingen, uberfiel ihn eine Angst, die er vergebens niederzukampfen und den Stolz edler Naturen hervorzurufen bemuhet war.

Er ging unsicher durch die hohen Bogengange, und blickte halb scheu, halb verlangend, nach der Erscheinung des gewaltigen Geistes, der hier thronte. Ein seiner Mann trat auf ihn zu, und bezeichnete ihm, durch eine offen stehende Gallerie, das Zimmer, wo ihn der Graf bereits erwarte. Er folgte der Weisung, und kam an einer Reihe ernster Gemalde voruber, die allesammt in veralteter Tracht die Stammvater des furstlichen Hauses zu seyn schienen. Der Einsiedler war darunter, und er wollte ihn eben genauer in der weltlichen Kleidung betrachten, als sich eine Seitenthur offnete und der Herzog mit dem Grafen erschien. Die lang bekampfte Scheu machte plotzlich einem Widerwillen Platz, dessen erster Anflug so unwillkuhrlich wie das Entstehen der Liebe ist. Zwar rechtfertigte ihn des Herzogs Anblick auf keine Weise. Die zerstorten Bluthen schimmerten noch aus den Trummern hervor, und er galt uberall fur einen schonen Mann. Er begrusste Rodrich mit Wurde, und hatte eben einige furstliche Worte unverstandlich hingeworfen, als er plotzlich schnell auf ihn zutrat, die unsichern Blicke uber ihn hingleiten liess und ihn dann scharfer und immer scharfer anstarrend todtenbleich in des Grafen Arme sank. Rodrich schauderte bei dem furchtbaren Ereigniss, und ohnerachtet ihm der Graf und mehrere herzueilende Diener versicherten, dass er ofters diesem Zufalle ausgesetzt sey, so wollte er doch nicht langer in dem Schlosse verweilen, wo ihn alles so peinlich druckte.

Auf dem Ruckwege traf er den Ritter, der bei seinem Anblicke erschrack, und als er die Veranlassung erfuhr, ihn beruhigend, manch' ahnlichen Fall erzahlte, und wie dieser krankhafte Zustand den Herzog in den liebsten Umgebungen an Miranda's Seite, die er anbete, uberfalle, ohne dass er von aussen die geringste Anregung erhalte. Das geschwatzige Volk, fuhr er fort, das ihn ohnehin nicht liebt, hat tausend Ursachen dieses Uebels ersonnen. Vor allem glaubt man ihn nicht unschuldig an dem plotzlichen Tode seiner Gemahlinn, durch deren Hand ihm, als einem fremden Prinzen, dies Land erst zugefallen ist. Indessen halt ihn mein Oheim, der ihn seit langen Jahren kennt, und auf dessen Schicksal er fruher einen bedeutenden Einfluss hatte, solcher That nicht fahig. Auch ist es gewiss, dass der schwankende Mensch zum Morde nicht reif ist, wenn ihn der Augenblick nicht fortreisst. Diesen, fiel Rodrich ein, weiss nur der Starke herbeizufuhren, der in der lebendigen Anschauung der That, das Verbrechen zur Tugend adelt. Er dachte hier an Brutus, und was diesen selbst vom Cassius unterschied. Allein der Ritter betrachtete ihn verwundert und er selbst erschrack uber die Heftigkeit, mit welcher er eben gesprochen hatte. Sie schwiegen beide einige Augenblicke. Er war verstimmt und wusste das Gesprach auf keine Weise wieder anzuknupfen. Doch bald lud ihn sein Freund in Seraphinens Namen zu einem Conzert fur diesen Abend ein, wo er Rosalien und viel schone Frauen der Stadt sehen werde. Seraphinens Bild verscheuchte jeden angstigenden Gedanken. Er nahm die Einladung gern an, und trennte sich mit erheitertem Gemuth vom Ritter.

Ungeduldig hatte er den Augenblick erwartet, wo es ihm vergonnet war, vor der Grafinn zu erscheinen. Endlich betrat er ihre freudige Wohnung, und kam durch eine Reihe ungewohnlich bunt verzierter Gemacher zu einem Saale, dessen eine Halfte ein halber Kreis glanzender Schonen, auf grunen Polstern ruhend, einnahm, die in dem wechselnden Farbenschmuck wie ein fortlaufendes Blumengewinde auf dunklem Grunde prangten. In dem andern Theile des Zimmers waren die Herren mit verschiedenartigen Unterhaltungen beschaftigt, als sich oberhalb der Kuppel plotzlich eine Gallerie, von einer beweglichen chrystallnen Sonne beleuchtet, eroffnete, und Chore von Knaben und Madchen, hinter blaulichem Flor geisterartig schwebend, Rosaliens Ankunft in weichen gleitenden Tonen feierten. Indem trat diese an der Grafinn Hand in die Versammlung. Alle Blicke waren auf sie gerichtet. Sie erschien mit den bleichen Mienen des Kummers, in der einfachen Kleidung, unendlich ruhrend. Ihr dunkles Haar lag ganz schlicht auf der Stirn, und ward nur von einer Perlenschnur zusammen gehalten. Ein schwarz sammetnes Kleid von ungewohnlichem Schnitt bildete den schonsten Faltenwurf, und wahrend es sich der schlanken Gestalt anschmiegte, erhob es den seltnen Glanz ihrer Haut. Sie neigte sich mit einiger Verlegenheit gegen die Gesellschaft, zu deren neugierigen Blicken sie ungern hinaufsah. Indessen wehrete Seraphine jedes unzarte Wort von ihr ab, und als sie bemerkte, wie sehr die Musik sie bewege, winkte sie mit der Hand; die Sonne verschwand; ein frisches Laubdach uberzog die Kuppel und breitete sich langs den Wanden herunter. Bald erschienen die kleinen Sanger in vielfacher Hirtentracht, und tanzten zu dem Klange der Floten und Schalmeyen, wie Rodrich nur im Gebirge hatte tanzen sehen. Er ward lebhaft an seine Kindheit erinnert, und theilte vielleicht unter Allen Rosaliens Ruhrung am meisten.

Die Gesellschaft hatte sich indessen immer bunter in einander gemischt. Man ging und kam aus anstossenden geschmackvoll erleuchteten Cabinetten, wo man Erfrischungen, Bucher, Musikalien, tausend klone Spiele, kurz die mannichfachste Unterhaltung fand. Seraphine war uberall, und uberall von ihrem kleinen Gefolge umringt, in dessen Mitte sie wie eine Feenkoniginn erschien. Der Ritter hatte sich jetzt Rosalien genahet, die ihn mit hoflicher Kalte entfernte. Sie schien das zu fuhlen, und suchte es durch einige freundliche Worte wieder gut zu machen, die den armen Alexis, auf's neue bethorend, unablassig an ihre Seite fesselten. Rodrich bemerkte mit innerer Angst wie sie sich in dem Maasse von ihm abwandte, als er sie ungetheilt fesseln wollte. Ihre Ungeduld wuchs, in den gespannten Zugen lag Widerwille und Aerger. Er nahete sich, um durch ein verandertes Gesprach seinem Freunde diese Entdeckung zu ersparen. Einige allgemeine Hoflichkeiten veranlassten bald die Frage: ob er schon mit den Umgebungen der Stadt bekannt sey? und als er es verneinte, erzahlte sie ihm von schonen Wasserfallen, Thalern und uberaus anziehenden Spaziergangen in den nahen Gebirgswaldern. Stephano, der herzugekommen war, sagte: was indessen von allem das Interessanteste und dennoch hier ganz ungekannt seyn mochte, ist ein altes Bergschloss, in dessen Trummern eine Kohlerfamilie lebt. Es ist unmoglich, eine prachtvollere Lage zu erdenken. Von einer steilen Anhohe sieht man auf der einen Seite in einen dunklen dicht verwachsnen Wald, den ein reissender Bach durchschneidet, wahrend er mit dumpfem Rauschen eine ferne Muhle treibt. Von der andern Seite eroffnet sich eine ganz entgegengesetzte Welt. Bebaute, bluhende Felder, Garten, Triften, ruhig weidende Heerden, kleine Landhauser, alles still, friedlich, wenn Sie wollen gewohnlich, allein durch den Contrast gehoben, und gleichsam da, um die aufgeregten Sinne zu beruhigen. Im Innern des Gebaudes finden sich noch einige wohl erhaltene Zimmer, vorzuglich eine Gallerie, die zu einem hervorspringenden Altane nach der Feldseite fuhrt, von wo sich erst die rechte Herrlichkeit offenbart. Rosalie bezeigte ein grosses Verlangen, das Schloss zu sehen, und die Grafinn, die sich ein neues Fest davon versprach, sah mit Ungeduld einer Wanderung nach dem Walde entgegen. Stephano's Beschreibung hatte mehrere herbeigezogen, und alle stimmten fur den Plan, nachstens dort ein landliches Mahl einzunehmen. Wenn Sie die verwohnten Sinne einmal mit einfacher Kost reizen wollen, sagte Stephano, so will ich schon dafur sorgen, dass die Kohlerfrau mindestens Ihren Hunger stille. Die jungen Leute sprachen viel von dem Poetischen solcher Feste, und verhiessen einander grossen Genuss von den lustigen Waldscenen. Ich, sagte eine junge Dame mit vielem Nachdruck, ich liebe nichts so sehr, als das unmittelbare Leben in der Natur. Da streifen die Menschen alles Conventionelle ab, und zeigen sich in ihrer ganzen Eigenthumlichkeit. Ach meine Liebe, sagte die Grafinn, das thun Sie in jedem unbewachten Augenblick. Es braucht dazu keiner Walder und Ruinen, um die Gebrechlichkeit zu ahnen. Verdammen Sie das Formelle nicht so absolut, es bedeckt manche Blosse, und viele gehen in dem Festgewande noch ganz ertraglich einher, die in den gewohnten Kleidern widerwartig erscheinen wurden. Uberdem, sagte ein Gelehrter, der zu Seraphinens taglicher Gesellschaft gehorte, ist es noch die Frage, ob sich die Menschen auch so wahr in der freien Natur zeigen, als Sie mein Fraulein es glauben, oder ob nicht vielmehr die ungewohnten Umgebungen dem Gemuthe nur etwas neues aufdringen, das gerade der Neuheit wegen fur das Rechte gehalten wird. Die Unschuld des Sinnes, das geheime Band zwischen Mensch und Natur, der eigentliche Schlussel ihrer Hieroglyphen-Sprache, kann sich wohl auch in conventionellen Verhaltnissen erhalten, und wo der einmal verloren ging, da wird ihn kein voruberrauschendes Luftchen wieder erzeugen. Sehr wahr, sagte Alexis, und ich sehe es nicht wohl ein, warum man sich unaufhorlich in Luft und Duft ertranken musse, um die Herrlichkeit der Welt zu erkennen! Im Gegentheil, dunkt mich, zeuge es von einer Beschranktheit, alles nur von aussen zu erwarten. Nun, sagte die Dame empfindlich, so fliehen Sie nur gleich in eine Zelle, und trennen Sie sich von einer Welt, die Ihnen so entbehrlich dunkt. Wer den Muth hat, erwiederte der Ritter, freiwillig, aus einer angebornen Lust, eine Scheidewand zwischen sich und der Welt zu ziehen, der muss gewiss einen grossen Reichthum in sich tragen. Die Baren, sagte Stephano, zehren auch von dem eignen Fette, daher verschlafen sie auch die halbe Lebenszeit. Wer weiss, fiel Alexis ein, zeigt sich Ihnen im Traume nicht etwas Besseres, als wachend an ihnen vorubergeht. Rodrich hatte einst die ganze Fulle ausstromender Seeligkeit in der erwachten Natur empfunden, unwiderstehlich zog ihn alles zu ihr hin. Er war nie besser, nie gotterfullter, als wenn er in dem reinen Luftmeere schwamm, und die ewig bewegte Fluth alle Bilder des Lebens an ihm voruberfuhrte. Jetzt horte er das Klosterleben preisen, das, seine Jugend verdunkelnd, eine widrige Storung zuruckgelassen hatte. Er blickte unwillig auf den Ritter, indem er sagte: ich zweifle nicht, dass Sie in strenger Abgezogenheit eine Welt in sich hervorrufen konnten, die als ideale Anschauung fur Sie keine Spur der Mangelhaftigkeit an sich truge; ob indessen die lebendige Frische, die Beweglichkeit in ihr zu finden ware, die uns die stete Reibung gemeinsamer Krafte taglich offenbart; ob der gesunde Sinn nicht dennoch einen kranklichen Schimmer in ihr wahrnehme, bleibt unentschieden, bis Sie ihr Inneres in irgend einem bleibenden Kunstwerke ausser sich hinstellen. Ihr seyd seltsame Menschen, sagte die Grafinn, Euch uber den mannigfaltigen Lebensgenuss zu streiten, und so eigenmachtige Abtheilungen darin vorzunehmen, wahrend ihr mit vollen Sinnen in der Gegenwart lebt, und Euch, wie mich dunkt, ganz wohl darin gefallt. Und Sie, Alexis, kommen trotz alle dem, von der kleinen Wallfahrt nicht los, so bitter Sie sich auch uber die milden Einflusse der Natur auslassen. Der Ritter kusste ihr lachend die Hand, indem er sagte, womit verstanden Sie nicht die hartnackigsten Gemuther auszusohnen, liebenswurdige Seraphine! Ich werde den dunklen Wald mit allen Schlangen und Kroten fur ein Elysium halten, und Mucken und Kafer als eine Wurze der Speisen tapfer mit hinunter schlucken. Sie sind ein feindseliges Gemuth, sagte die Grafinn unwillig, und wenig geschickt zu kleinen Aufopferungen. Weil ich, erwiederte er ernst, in den grossern zu streng geubt werde. Rosalie begann schnell ein anderes Gesprach, und bald darauf ging man unter frohen Erwartungen des lustigen Festes aus einander.

Mehrere Tage waren Rodrich unter Beschaftigungen verflossen, die seine neue Lage herbei fuhrte, und deren edle Bedeutung ihn mit den freudigsten Aussichten erfullte, als er eines Morgens zu der Grafinn beschieden ward, um nach eingenommenem Fruhstuck die verabredete Wanderung anzutreten. Er folgte sogleich ihrem Befehle, und fand im Vorhofe schon Wagen und Pferde zur Abreise bereit. Seraphine trat ihm in einem dunkelgrunen Reitkleide freudig entgegen. Der kleine Hut mit weissen Federn gab ihrem zarten Gesichtchen etwas keckes, wie uberall der halb mannliche Anzug der zierlichen Gestalt sehr wohl stand. Rodrich fand sie jeden Augenblick reitzender, ihre Bewegungen schienen ihm wie lustige Musik jedes ihrer Worte zu begleiten, er konnte die Augen nicht von ihr abwenden, und als er ihr nachher auf's Pferd half und sie sich vertraulich an ihn lehnte, fuhlte er eine Unruhe, die ihn fur den ganzen Tag weich und reitzbar stimmte. Die ubrige Gesellschaft machte sich nun auf den Weg, der sie mehrere Stunden leicht und angenehm uber Wiesen und Felder fuhrte. Doch beim Eintritt in dem Wald ward er uneben, und manche Stosse und Schlage weckten die Reisenden aus ihren Traumereien. Stephano hatte dafur gesorgt, dass ein Platz vor dem Schlosse geebnet, und des Kohlers Reichthum an Stuhlen, Tischen, Milch und Brodt herbeigeschafft wurde. Der Ritter und der Gelehrte sahen mit nuchternen Mienen auf die armliche Kost. Ueberdem war es druckend heiss. Kein Luftchen durchstrich den dichten Wald, und der gutmuthig dargebrachte Honig der Kohlerinn, der den Durst nur noch mehr reitzte, war fur die Feinde des Wassers und der Milch kein erfreuliches Labsal. Seraphine weidete sich einige Augenblicke an der innern Unzufriedenheit der meisten, die sich jedoch bei vielen hinter emphatischen Ausbruchen erzwungenen Entzuckens verbarg; dann winkte sie ihren Knaben, und Saumthiere mit Wein und Speisen wurden herbeigefuhrt. Sie ordnete alles geschaftig an, und indem sie das Kostlichste vor Alexis und seinen Freund hinstellte, sagte sie: Euch gebuhren vor Allen die starkenden Speisen; denn sonst lauft ihr Gefahr, der Erde ohne Widerstand in den Schooss zu sinken.

Alles erheiterte sich jetzt, und viele gestanden, dass es mit den gewohnten Bequemlichkeiten doch eine schone Sache sey, und man sich ungern davon losmache. Wie ware es aber, Alexis, sagte die Grafinn, wenn Sie sich hier eine Einsiedelei anlegten? Der Wald, die Trummer der Vorzeit, die Abgeschiedenheit der Welt, hier eine Quelle, dort das Echo, das Ihre frommen Seufzer nachhallt, Wurzeln, Krauter, kurz alles, was der genugsame Mensch bedarf. Nur Ihr Anblick nicht, schone Grafinn, sagte Alexis; wie konnte ich mich trosten, Ihnen nicht mehr als Gegenstand des heitersten Spottes zur Seite zu stehen! Gewiss, erwiederte Seraphine herzlich, Niemand lasst sich so willig auslachen und erwiedert meinen Spott mit dieser wohlwollenden Gute. Sie reichte ihm hier die Hand, und die Gesellschaft folgte ihnen und Stephano uber zerbrochne Stiegen und halb verfallne Gewolbe in die oberen Zimmer des Schlosses. Sie hatten lange Zeit vom Altane die herrliche Aussicht genossen, als ein dumpfes Rauschen im Walde sie erschreckte. Stephano trat hinaus, und sah wie die Baume ihre Wipfel bewegten, und das fliegende Gewolk sausend uber ihnen hinzog. Indem kam der Ritter lachend heraus, und sagte, dass der Kohler ein entsetzliches Unwetter prophezeye, und er daher der Gesellschaft, die vielleicht nie solche Gelegenheit zur Contemplation ahnlicher Naturscenen finden werde, rathe, hier versammelt zu bleiben, da des Kohlers Stubchen ohnehin die Menschenzahl nicht fassen konne. Wahrend er sprach, blitzte es entsetzlich; die Frauen liefen mit verhulltem Gesichte davon, und einige versicherten, lieber in das unterste Gewolbe zwischen Molche und Kroten zu fluchten, als hier die Angst zu ertragen. Seraphine trat beherzt unter sie und stellte ihnen vor, dass sie nirgend sichrer als gerade hier in der gewolbten Gallerie seyn konnten. Lasst uns daher, fuhr sie fort, ruhig dort bleiben, und das gestorte Fest trotz allem drohenden Ungemach auf irgend eine erfreuliche Weise enden. Die geangsteten Schonen fugten sich widerstrebend der Nothwendigkeit. Morsche Banke wurden zusammen geschoben und alles drangte sich in einen engen Kreis, wahrend das Gewitter immer schwerer heraufzog. Der Wind heulte furchtbar durch die zerbrochnen Thuren. Steine rollten krachend von den Mauern herunter; wie ein Feuerregen schossen die haufigen Blitze ihre Strahlen durch die fensterreiche Gallerie. Seraphine war keinesweges gleichgultig. Sie zitterte heftig, und hielt sich in der innern Angst an Rodrich und Stephano, die ihr zur Seite sassen. Plotzlich sprang sie auf; lasst Musik kommen! rief sie. Wir wollten ohnehin im Freien tanzen, warum nicht hier? Freudige Klange verscheuchen bose Geister.

Die Knaben kamen mit ihren kleinen Instrumenten. Seraphine nahm Rodrich bei der Hand, alles folgte unwillkuhrlich, jeder ubertaubte sich selbst in der Todesangst. Rosalie schweifte geisterbleich an des Ritters Arm durch die Reihen. In dem Augenblick fuhr ein Blitz schlangelnd durch das Gemach. Das zitternde Licht brach sich zischend an den Wanden, und verschwand durch die Fenster. Die erschrocknen Tanzer blickten sich erstaunt an. Alle glaubten Rosaliens Gestalt doppelt gesehen, und ein leises Wimmern vernommen zu haben; sie selbst lag ohnmachtig in Seraphinens Armen. Rodrich trug sie schnell in ein Nebenzimmer, wahrend der zerruttete Alexis in einen Wald floh, und seine Ahnungen und Schmerzen in bittere Klagen ausstromte. In der allgemeinen Verwirrung schwieg die Musik, der Tanz war aufgehoben, man trat zusammen, ohne dass jemand das Herz hatte zu reden. Endlich sagte Stephano mit leiser Stimme: warum erschrecken wir vor einer ganz naturlichen Begebenheit? Der Hang zum Wunderbaren verblendet die klarsten Menschen und reisst alle gesunde Uberlegung mit sich fort. Was ist es denn, das diese Besturzung erregte? Ein Blitz, Rosaliens Ohnmacht und der jammervolle Ton, der wahrend dem aus ihrer Brust drang? Was wir sonst sahen oder zu sehen glaubten, ist nur eine Folge des Vorhergehenden. Schon fruher als der Blitz uns verwirrte, hatte Rosaliens sterbendes Auge Alle erschuttert. Der Schreck uber sie und diese unerwartete Erscheinung treffen zusammen, wir sahen mit kranken Sinnen. Ihrer Erklarung, sagte der Gelehrte, geht es, wie allen Erklarungen dieser Art; sie sind unbefriedigend. Dass nichts allein, losgerissen von mitwirkenden Ursachen, deren jede wieder die Wirkung einer andern ist, und so ins Unendliche fort, scheinen Sie auch beweisen zu wollen. Diese mogen wir indessen wohl nicht in einer Folgereihe aufstellen konnen. Sichtbare und unsichtbare Krafte beruhren sich, wir sehen die Sternenwelt durch ihr Licht mit der unsrigen verbunden; ist der Schein anders und leichter zu erklaren, als der Ton? Und lassen Sie es einen Wahn seyn, der mindestens sehr ausfallend Alle zugleich bethorte, was ist denn Wahn? Ist es ein absoluter Gegensatz der Wahrheit: so sage ich, dass er gar nicht statt finden, und dem Menschen einwohnen konne; ist er nur das Zufallige der Wahrheit: so lassen Sie uns das Bleibende darin aufsuchen und dies ist Glaube an die Verwandtschaft aller Krafte, Liebe zu jener innern Mystik, Sehnsucht nach einer Offenbarung derselben. Wenn Missgriffe daraus hervorgehen, so steigen Sie bis zum Grunde, und Sie werden eine innre Wahrheit empfinden. Vieles hat sich dem menschlichen Geist aufgehellt, und wir werden die verborgenen Tiefen verstehen lernen. Wenn Sie es so meinen, sagte Stephano, sind wir einig; ich bestritt auch nur die Missgriffe.

Das tobende Unwetter hatte sich indessen mit dem letzten Ausbruch erschopft. Es ward nach und nach stiller. Der heraufkommende Abend wiegte die beruhigte Natur in den seeligen Schlaf der Frommen. Rosalie erholte sich, und trat mit ergebenem Sinn auf den Altan. Rodrich, den ihr Bild seit dem Augenblick, da er sie wie einen sterbenden Engel an seinem Herzen fuhlte, nicht mehr verliess, war ihr gefolgt, und horte sie mit leiser Stimme singen:

Ich ging im bittern Schmerze,

Tief in der Berge Grund

Verklungen Lust und Scherze

Im Innern todeswund.

Was Jugend mir gelogen,

Was Liebe mir verhiess,

Wie ich mich selbst betrogen,

Vom Schein bethoren liess,

Und fort, in schnellen Flugen

Das Rechte ubersah,

Das stand in Flammenzugen

Vor meiner Seele da.

Mir war die Welt verschlossen,

Gebleicht der frische Glanz,

Aus Liebe Leid entsprossen,

Zerrissen Bluth' und Kranz.

Da zog es mich zur Tiefe

Durch oder Felsen Spur

Der grausen Hieroglyphe

Umwandelnder Natur.

Und uber mir im Bogen

Sprang hell ein Wasserstrahl,

Des Perlen niederflogen,

Benetzend Fels und Thal.

Da grunten frisch die Moose,

Und aus dem kalten Stein

Wand eine weisse Rose

Sich einsam und allein.

Ich weiss nicht welch ein Sehnen

Mich plotzlich uberfiel,

Es flossen meine Thranen,

Als stand' ich hier am Ziel.

Ach Rose, susse Blume,

Du nah'st dich mir auf's neu;

Im dunkeln Heiligthume

Bewahrt dich stille Treu'.

Du wirst mich neu beglucken,

Dich farbt der Liebe Hauch!

So rief ich voll Entzucken,

Und nahte mich dem Strauch.

Und wie ich sie beruhre,

So theilt sich schnell das Laub;

Ich sah des Grabes Thure,

Und alles sank in Staub.

Ich kann den Fluch nicht losen,

So rauscht es fern herauf;

Dich traf die Macht des Bosen

Im herben Lebenslauf.

So walle nun von dannen,

Im Leiden wirst Du gross.

Was Lieb' und Lust gewannen,

Birgt nun der Erde Schooss.

Rodrich weinte heftig zu ihren Fussen. O um Gottes willen nicht diese stille Verzweifelung, rief er, ich mochte meines Herzens Blut geben, um Ihnen einen freudigen Augenblick zu gewinnen. Sie wollen mein Elend, sagte der Ritter, der plotzlich hinter ihnen stand. Muthwillig geben Sie sich der Erkaltung, dem Tode hin, oder fachen die Geister dieses Zauberschlosses neue Flammen in ihrem Busen an? Rodrich verstand ihn anfangs nicht, doch als er den Sinn seiner Worte ahnete, sagte er bewegt: Du zerreisst das edelste Herz, das ohnehin in Kummer vergeht. Die welkende Blume, sagte Rosalie, bluhet ihm noch zu frisch, er muss sie vollig in den Staub treten. Sie ging stolz und emport an Alexis voruber, der ihr schweigend nachsah, dann sank er an Rodrichs Brust und rief schluchzend: ach! hute diesen Himmelsfunken, wenn du ihn anzufachen verstandest; ich werde ungesehen mein Leid tragen. Seraphine rief sie hier zur Ruckreise ab. Alles war bereit, und die muntre Gesellschaft kehrte erschopft und verstimmt von dem gehofften Feste zuruck.

Zweites Buch

Rodrich hatte die Nacht kein Auge geschlossen. Des Ritters Worte erregten Wunsche in ihm, die seinem Herzen bis dahin sehr fremd waren. Jetzt fiel es ihm ein, ob er nicht wirklich Rosaliens Liebe gesucht und den grossmuthigen Freund beleidigt habe? Er ward ungewiss uber sich selbst, und die innere Angst wuchs in der einsamen Nacht. Bald verscheuchte indessen Rosaliens Schmerz jedes andre Gefuhl. Er sah sie wieder auf dem Altan wie eine schwankende Lilie in Liebeshauch zerrinnen, und begriff nicht, wie der Ritter sie mit rauhen Worten beruhren, wie er es wagen konne, dies gequalte Herz durch Vorwurfe zu verletzen. Welche Rechte, sagte er mit steigender Bitterkeit, darf er sich uber sie anmassen? und giebt es etwas widersinnigeres, als eine erzwungene Liebe? Kann der Verein zweier Seelen aus dem matten Hingeben erschopfter Natur erbluhen? und sollte nicht ein edles Gemuth diesen Sieg verschmahen? Je mehr er nachdachte, je schuldiger fand er Alexis. Zuletzt hielt er den Gedanken seines Unrechts so fest, dass er nichts als eigensuchtige ungestume Thorheit in ihm erblickte. In dieser Stimmung fanden ihn folgende Zeilen der Grafinn.

"Rosalie ist krank. Die unerwarteten Erschutterungen drohen sie umzuwerfen. Ich selbst bin matt, unfahig zu erheiternder Unterhaltung. Ueberdiess verschwimmt jede freudige Aufwallung in diesem unversiegbaren Quell innerer Trauer, und was ich ihr reiche, wird mir unter den Handen zu Gift. Alle Freunde schweigen, auch Alexis. Rosalie scheint deshalb beunruhigt. Ist etwas zwischen ihnen vorgefallen? Eilen Sie doch, dies liebe bewegliche Herz zu beruhigen, und fuhren Sie uns so bald als moglich den Ritter wieder zu, mit dem ich gern zanken und so die gute Laune wiedergewinnen mochte."

Rosaliens Krankheit weckte neue Schmerzen in Rodrichs Brust, und versohnte ihn mit dem bekummerten Freunde, zu dem er ungesaumt hingehen wollte, als Stephano in sein Zimmer trat und ihm zurief: was ist es denn mit dem Ritter? Ich komme aus seinem Hause, wo ich bis auf einen alten Diener alles leer fand, der mir zwar versichern wollte, sein Herr kehre in wenigen Tagen zuruck, allein ich glaube daran nicht; zu einer Lustreise sind die Anstalten zu ernsthaft, uberdiess kann ihn nichts Geringes zu diesem Entschluss gebracht haben. Ist denn irgend etwas Wichtiges geschehen? Sie waren zuletzt mit ihm und Rosalien, konnen Sie mir keine nahere Auskunft geben? Denn von dort her kann es nur kommen, was ihn so plotzlich forttreibt. Rodrich war so erschrokken, dass er lange keine Worte finden konnte; endlich erzahlte er Stephano den Vorgang auf dem Altan, und wie Alexis hart und feindselig erschienen sey. Seltsam, sagte dieser, wie er Rosalien nur so wenig verstehen und die Tiefen ihres Gefuhls hier ganz ubersehen konnte! Ueberall kenne ich Niemand, dessen Urtheil sich augenblicklich so verwirrt, wenn er selbst in die Handlung eingreift, und eine individuelle Beziehung statt findet! Wie, sagte Rodrich, ist es aber bei dem Reichthum seiner Phantasie, bei der innern Schwungkraft moglich, sich der Gegenwart so hinzugeben? Weil, erwiederte Stephano, es ihm an Elastizitat, an Freiheit fehlt, die Wechselwirkung zwischen Innerem und Aeusserem lebendig zu erhalten. Er gehort entweder dem Einen oder dem Andern an. Daher die Ungleichheit in seinem Betragen, die ungebundene Frohlichkeit in einem und der feierliche Ernst im andern Momente. Die Sinnenwelt blendet ihn, entrukken sie ihm diese, so ist er klar, besonnen, in sich fest. Es ist gewiss, fuhr er nach einigem Nachdenken fort, er kehrt entweder bald, oder bei Rosaliens Leben nie wieder. Nie? wiederholte Rodrich, und wir sollten also Einen von Beiden aufgeben und fur immer von ihnen scheiden mussen! Alle Liebe und Theilnahme des wohlwollenden Alexis stellte sich plotzlich vor ihn hin. Er fuhlte es schmerzlich, dass er die Brust verwundet, die sich ihm so vertrauend geoffnet hatte! Lassen Sie uns eilen, rief er, vielleicht ist er noch zu retten; ich will mein Leben daran setzen, ihm seinen Argwohn zu benehmen? Werden Sie ihn uberzeugen? fragte Stephano, und gesetzt, es gelange ihnen, fuhr er fort, was gewinnen wir? Kann in dieser Stimmung die nachste Stunde nicht dasselbe erzeugen? Wo das Uebel nicht aus der Wurzel zu heilen ist, da kann man die Wirkungen niemals berechnen. Lassen Sie uns nicht so eigenmachtig in den Willen eines Menschen eingreifen, man bewirkt wohl etwas andres, selten aber das Bessere. Ach, sagte Rodrich, mich dunkt, wir schlafern unsre Theilnahme mit allgemeinen Klugheitsregeln ein, wahrend der Freund vor unsern Augen versinkt! Stephano suchte ihn von ahnlichen Vorstellungen abzulenken, indem er ihn auf die Nothwendigkeit aufmerksam machte, Rosalien diese Nachricht mitzutheilen, ehe das allgemeine Gerucht sie erreiche. Woran erinnern Sie mich, sagte Rodrich, dies fehlte noch, um sie ganz elend zu machen! Wie wird sie sich trosten konnen, die dargereichte Hand so kalt und fremd zuruckgestossen zu haben? Musste Reue noch den innern Unfrieden mehren! Vielleicht, erwiederte Stephano, nimmt sie es auch weniger trube auf, vielleicht glaubt sie, dass im Laufe fortschreitender Ereignisse die Unabanderlichkeit des Erfolgs auf dem Ursprung fruherer That beruhet, der selten dem Einzelnen allein angehort. Man sagt sich das so gern zum Trost, wenn Neigungen uns fortreissen, und Zorn und Liebe mit unsrer Freiheit spielen. Sie waren unter diesem Gesprach zu des Grafen Wohnung gegangen, und betraten Rosaliens Vorzimmer, als ihnen die Grafinn entgegen eilte, und im bittersten Unmuth zurief: sie weiss alles! Meine Ungeduld hat die Entdeckung beschleunigt! Ich bin ausser mir uber die krankliche Weichlichkeit der Manner. Eine Thrane zieht Euch aus Eurem Gleichgewicht und wiegt das Bischen Besonnenheit auf, das Euch zu Theil ward. Geht nur, fuhr sie fort, und helft bereuen, was ihr verdarbt, denn weiter versteht Ihr doch nichts. Ich bin recht unglucklich, von lauter Mannern umgeben zu seyn! Miranda ist leider seit wenigen Tagen mit ihrer Mutter im Bade, und ich traue mir selbst nicht mehr, seit alles solche Wendung nimmt! Der Graf war indessen von Rosalien gekommen, und versicherte: sie sey um vieles ruhiger, seit sie Alexis Brief gelesen, den er ihr ohne Ruckhalt mitgetheilt habe. Sie gingen insgesammt zu ihr hinein, und fanden sie auf einem Ruhebette, den Brief in der Hand, den sie Rodrich sogleich mit den Worten gab: Sehen Sie, das ist der Fluch, der mich traf, dass mich alles wie eine giftige Blume flieht und ich das Liebste ins Grab sturze! Rodrich beugte sich in stummen Schmerze uber ihre Hand, wahrend sie ihn drangte, folgende Zeilen zu lesen.

"Tadlen Sie es nicht, mein gutiger Beschutzer, wenn ich so plotzlich aus Ihrem Kreise verschwinde, und mich aufs neue dem ungewissen Spiele des Lebens uberlasse. Sie fuhlten es wohl eher, wie schwer es dem Menschen wird, von allem was er liebt zu scheiden, und in fremden Herzen die Theilnahme zu suchen, die er in der geliebten Heimath zurucklasst. Aber gewiss, es muss so seyn! Ich habe lange mit wachen Sinnen die Traume der Kindheit fortgespielt, und meine Arme sehnend nach einem Schattenbilde ausgebreitet. Ein heftiger Sturm zerriss die Nebel. In der Erschutterung findet der Mann sich am ersten wieder. Ich thue endlich, was ich langst gesollt. Nicht jeder darf erwarten, hier seine Wunsche gekront zu sehen, und im fruchtlosen Kampfe gegen einen hohern Willen ermatten die besten Krafte. Vielleicht war ich uberall zu schweren Opfern bestimmt, vielleicht sollte ich das irdische Daseyn hinwerfen, um mich selbst zu behaupten! Ich folge der innern Stimme, und eile, meines Heilandes Ruhm auf fernen Kusten zu verbreiten oder unterzugehen. Tragen meine Wunsche mich einst zu Rosaliens Fussen, so wird sie den Helden im Martyrer ehren, und ihm die Achtung wiederschenken, die sie dem schwankenden Junglinge versagte. Ach, mein geliebter Vater, konnte ich an ihrem Herzen alle Liebe und alle Sehnsucht ausweinen, und Ihren Seegen mit in die dunkle Zukunft nehmen! Aber ich soll Sie nicht mehr sehen! Ich muss, ich muss fort! Ewig der Ihrige.

Alexis."

Ich hatte es wissen sollen, sagte Rosalie, wie das zuruckgeschreckte Gefuhl immer das Ausserste ergreift und sich selbst in der verlornen Hoffnung vernichtet. Aber ich kannte nur den eignen Schmerz und sah uberall nichts als den Spott eines hohnenden Schicksals! Warum musste ich auch gerade da mit dieser angstigenden Bestandigkeit geliebt werden, wo mein Herz unverandert schwieg! Die Grafinn die nur froh war, dass Rosalie wieder sprach, und im eignen Ungluck Trost und Entschuldigung fur Alexis Schmerzen suchte, fragte begierig, wie es zugegangen sey, dass der Ritter bei so viel Liebenswurdigkeit und einem fast demuthigen Hingeben auch in fruhern Kinderjahren nie einen gunstigen Eindruck auf sie habe machen konnen? Ich weiss nicht, erwiederte Rosalie, warum mir die Wunsche meiner Mutter, die Alexis sehr liebte, und die kleinen Neckereien meiner Gespielinnen, ehe ich sie noch ganz verstand, Widerwillen erregten, und ich ein Gluck verschmahete, das mir von allen Seiten gezeigt ward. Das frei ausstromende Gefuhl hatte sich vielleicht dahin gerichtet, wohin man es absichtlich zu lenken suchte; allein jeder Schein von Zwang emport ein jugendliches Herz, und ich betrubte oft die gutige Mutter durch einen Widerstand, in welchem sie mehr Eigensinn als Abneigung erblickte. Ach, und sahe sie mich jetzt! Verstossen, zernichtet den Unglucklichen, den sie beschutzte, elend durch mich, die ihn beglucken sollte! War es doch von jeher mein Loos, die Erwartungen derer zu tauschen, die mit voller Seele an mir hingen! Welche Mutter, sagte Stephano, darf auch hoffen ihre frommen Wunsche gekront zu sehen? Darum blicken wir so wehmuthig auf unsre Kindheit zuruck, weil der einsame Mensch die goldnen Traume wieder erkennt, die seine Wiege umflatterten, und das Paradies, das ihm in der mutterlichen Liebe erbluhete, so unschuldig aus den Trummern eines zerbrochnen Lebens hervorsieht! Rosalie, die aufgestanden war, trat zum Clavier und sang folgendes Lied:

Hier im Walde, susses Leben,

Hier im Walde ruhe sanft;

Sieh, es neigen sich die Zweige,

Flechten dir ein Bluthendach.

Und es rauschen durch die Blatter,

Von den Luften angefacht,

Linde Tone, dich zu wiegen

In den lang ersehnten Schlaf.

Will dich auf den Rasen betten,

An der frischen Quelle Rand;

Wachter sind dir meine Sorgen

Schutz und Wehr, der Mutter Arm.

Blumen spriessen aus der Erde,

Hullen dich in farb'ge Pracht,

Und die zarten Dufte weben

Luft'ge Schleier um dein Haar.

Wie sich schon die Augen schliessen,

Und der Wimpern dunkles Schwarz,

Auf dem ros'gen Hauch der Wangen,

Athmend auf und nieder wallt.

Reitzend schmiegen sich die Glieder

Wie Crystalle licht und klar

Auf dem frischen Bluthenteppich,

Schimmernd in der Sterne Glanz.

Losst sich doch mein ganzes Innre,

Seh ich dich so reich begabt;

Und die Freudenthranen fliessen

Auf dich Engelsbild herab.

Jesus, schreit das Kind im Traume,

Jesus, sieh das Schlangenpaar,

Wie es sich durch Blumen windend,

Drohend aus dem Dickicht nah't.

Mutter, nun hat's mich ergriffen,

Sieh die Ringel um den Hals;

Blut'ge Thranen muss ich weinen,

Wie es mich am Herzen fasst.

Schlangen, Kind, sind goldne Reisen,

Sagt sie lachelnd, kusst es wach,

Und die Thranen deuten Perlen,

Dich zu schmucken am Altar.

Sinnend ging das Kind von dannen,

Bis es Traum und Wald vergass.

Ach ihm zeigte bald das Leben,

Was die flucht'ge Ahnung war.

Alle fuhlten sich auf eine eigene Weise durch das Lied bewegt. Selbst die Grafinn gedachte mit Ruhrung einzelner voruberrauschender Anklange ihrer Kindheit, und fuhlte zum erstenmal schmerzlich, niemand zu haben, in dessen aufbluhendem Daseyn sie jene entschwundene Hoffnungen und Freuden wiederfande. Ganz anders blickte Rodrich auf sein verlassenes Leben! Hatte je eine Mutter Freudenthranen auf sein kummerliches Lager vergossen? oder waren die matten Wunsche eines sterbenden Greises die einzigen Segnungen, die fur ihn zum Himmel stiegen? Warum musste er unter Tausenden so lossgerissen und verlassen da stehn! Was war alle Theilnahme fremder Menschen gegen das innige Zusammenhalten, das Ineinanderstromen aller Gefuhle einer Familie! Ach, und wie durfte der Gluckliche klagen, der in der bedrangten Gegenwart noch die Erinnerungen seeliger Vergangenheit rettete. War er nicht uberall, auch an Florio's Seite, ein Fremdling gewesen? und sah ihn die sorgsame Mutter aus ihrem Kreise treten? Drangt mich, fragte er sich bitter, das Schicksal etwa darum so gewaltsam in mich selbst zuruck, dass die riesenhaften Wunsche ubermassig emporschiessen und ich die Welt wie ein Atlas auf meinen Schultern tragen soll? Die innern Schatten gingen uber sein dusteres Gesicht, und Seraphine, die ihn eine Zeit lang angeblickt, sagte lachelnd: mir wird fast bange in dieser truben Gesellschaft. Kinder, ich bitte Euch, lasst uns nur einmal wieder aus voller Seele lachen und aller storenden Erinnerungen vergessen! Was hulfe das, sagte Rosalie, der Schmerz lebt immer wieder auf, man wird ihn trotz allem Widerstande niemals los. Sagen Sie das nicht, erwiederte Stephano, es ist entweder uberall, oder nirgend Gluckseligkeit zu finden. Wie verstehen Sie das? fragte Rosalie. Ich meine, erwiederte er, wer es dahin gebracht hat, die Bedeutung jeder Storung zu ahnen, musse die innere Harmonie sogleich wiederherstellen und uber jeder momentanen Unterbrechung schweben konnen. Das kann nur die Unschuld, oder die gottliche Weisheit, erwiederte Rosalie, was dazwischen liegt, wird gleich einem Ball hin und her getrieben, und erliegt endlich der steten Anstrengung. Ach, und sagte nicht der Heiland am Kreutze: Herr, wenn es seyn kann, so lass diesen Kelch an mir vorubergehen! Warum sollten wir uns mit einer storrigen Tugend brusten, die jeder irgend einmal verleugnet. Es ist doch eigen, sagte der Graf, der wahrend dem nachdenkend auf und ab gegangen war, wie Familienahnlichkeiten so wiederkehren. Ich hatte einen altern Bruder, den mir Alexis lebhaft zuruckruft. Er verschwand einem Freunde zu Liebe aus der Welt, und sein verschollnes Andenken lebt nur noch in meiner Brust. Wir beide, setzte er hinzu, erregten den Zorn der Geistlichkeit, weil wir der Kirche einen Diener entzogen, weshalb ich auch mein Vaterland niemals wiedersah! Auch Alexis Mutter traf das Schicksal ihrer Bruder. Eine schnell vollzogene Heirath rettete sie nur vor krankenden Verfolgungen. So gewiss ist es, sagte er halb vor sich, dass der Einzelne, wie er sich selbst ungetreu wird, alle Andre mit ins Verderben zieht. Die Zeit, fuhr er nach einer Weile fort, hatte nach und nach einen Theil unsrer zerstreuten Familie hier wieder versammelt, und wer weiss, wo wir noch einst den theuren Jungling antreffen! In der geliebten Heimath, mein Vater, sagte Rosalie, wo die beruhigten Herzen still an einander schlagen und alle Wunsche sich in einer seligen Umarmung auflosen. Der Graf blickte wehmuthig auf ihr bleiches Gesicht und druckte sie schweigend an die Brust. Vergebens hatte Seraphine wiederholt gesucht das Gesprach auf freudigere Gegenstande zu lenken; sie stand endlich ermudet auf, und begann hunderterlei kleine Geschafte, wobei sie unruhig nach der Uhr sah und jedem voruberrollenden Wagen verlangende Blicke nachsandte. Rosalie, die es bemerkte, sagte endlich: Geliebte Seraphine, Ihre Wunsche tragen Sie nach dem Schauspiel. Lassen Sie doch, um alles, durch mich die gewohnte Lebensweise nicht unterbrechen; ich ware sehr unglucklich, wenn meine Gegenwart auch Ihre schuldlosen Freuden trubte. Und glauben Sie nur, setzte sie hinzu, als die Grafinn im Begriff war, den Vorschlag abzulehnen, ich bedarf der einsamen Stunden, um mich zu sammeln, und Ihnen Allen ein heitres Gesicht zu zeigen. Der Graf war Rosaliens Meinung, und fand es um so nothwendiger, gerade heute offentlich zu erscheinen, um des Ritters schneller Abreise den Anschein des Gewohnlichen und Vorhergesehenen zu geben. Du weisst, sagte er, wie sehr die allgemeine Aufmerksamkeit auf unser Haus, als Fremdlinge und Anhanger der neuen herzoglichen Familie, gerichtet ist, und wie oft man sich schon der innern Storungen gefreut hat. Seraphine sah ihre Wunsche gern durch so triftige Grunde gerechtfertigt und lud Rodrich und Stephano ein, sie zu ihrer Loge zu begleiten. Rosalie reichte ihnen beim Abschiede die Hand, und sagte geruhrt: geht nur, Ihr Glucklichen, die noch alles freut und jede neue Lust eine frohe Zukunft voraussagt; was Euch bewegt, gluhete auch einmal in diesem verodeten Herzen!

Als ihr Wagen an den Fenstern voruberrollte, wo die einsame Rosalie wie ein Marmorbild an einer Saule lehnte, hub der Graf an: Wenn ich nur begreifen konnte, wie das tiefe Gefuhl der Frauen so oft der kalten herzlosen Eitelkeit der Manner erliegt, und ihre leidenschaftliche Ausdauer allein das matte Spiel erhalt. Dieser Ludovico war ein feiner, anmuthiger Jungling, voll kleiner Talente fur die Gesellschaft, geschmeidig, hingebend, ohne Liebe und ohne Hass, leidenschaftlich, so viel es braucht um ein Weiberherz zu berucken, doch ohne Zartlichkeit und Mitgefuhl. Er wahlte Rosalien, wie er jede Andre gewahlt haben wurde, und verliess sie eben so. Er folgte auch hier nur den willenlosen Regungen verzartelter Herzen, und wollte ihr eigentlich nicht wehe thun. Er meinte, es solle sich alles so fugen, und es ist wohl nicht unbedeutend, wie das Schicksal so kurzsichtiger Plane spottet. Der lachelnde, schwankende Ludovico, der nichts als gefallen und der herrschenden Meinung jedes Opfer bringen wollte, musste die unsichre Hand in das edelste Blut tauchen und scheu das Vaterland fliehen. Es ist unbegreiflich, sagte Rodrich, wie Rosaliens hohe Natur sich bis zu ihm neigen konnte! Die ganzliche Charakterlosigkeit, erwiederte Stephano, hat dies mit der reichsten Fulle gemein, dass sich in beiden die ganze Welt spiegelt. Frauen wollen in der Regel im Einzelnen das Ganze umfassen. In der granzenlosesten Hingebung vergessen sie, dass sich der leere Grund flacher Seelen wie eine Schraube nach allen Seiten dreht, und nur den Schein des Bildes aufnimmt. Erwagen Sie noch, sagte die Grafinn, dass der erste Blick, der ein unbewachtes Herz beruhrt, fur das ganze Leben entscheidet, und die spatere Uberlegung jenes Zusammenfallen keimender Gefuhle nicht wieder aufhebt. Tiefen Gemuthern bleibt dann der Schmerz, indessen Leichtgesinntere mit der Liebe spielen, oder sie, wie ein verzehrendes Gift scheuen. Eine fluchtige Rothe uberzog bei diesen Worten ihr Gesicht. O, sagte sie schnell, als der Graf ihr lachelnd die Hand reichte: gedankenlose Tandeleien gehoren nicht hieher. Ich bin leicht uber das Leben hingegangen, ohne je meine Eigenthumlichkeit einzubussen, und was mir Eitelkeit als wahr aufdringen wollte, habe ich bald gegen etwas edleres vertauscht, setzte sie schmeichelnd hinzu, und hupfte, als der Wagen eben hielt, zu dem breiten schonen Portal hinein, an dessen Eingang der Gelehrte stand, und ihnen sagte, dass der Herzog oben und das Spiel bereits angefangen sei. Was wird denn gegeben, fragte Seraphine gleichgultig? Alle lachten, dass Niemand bisher daran gedacht hatte, und als der Gelehrte Macbeth nannte, sagte die Grafinn, ich hatte so etwas erwarten konnen, da der Herzog zugegen ist. Liebt er das Tragische so ausschliessend, fragte Rodrich? Ich weiss nicht, erwiederte Seraphine, allein es ist, als wolle er sich an den Riesengestalten aufrichten, und als bedurfe er es, alle Schauer der Holle ausser sich zu sehen, um innerlich ruhiger zu werden. Wieder das alte Misstrauen, rief der Graf unwillig; ich dachte, vorherrschende Neigungen sollten in Dir eine billige Richterinn finden. Nun mindestens, erwiederte sie, wollen die schlaffen Sinne durch eine derbe Erschutterung gehoben seyn, denn so ausser allem Zusammenhange mit dem ubrigen Menschen stehen seine Neigungen doch wohl nicht. Ich weiss nicht, sagte der Gelehrte, ob die Sehnsucht nach dem Gediegenen, in sich Feststehenden, gerade von einer kraftlosen Seele zeugt, oder ob nicht vielmehr dies Bedurfniss selbst schon erweckte Kraft ist, die sich nach einem Wiederschein von aussen sehnt. Auch fur Sie, sagte die Grafinn lachend, ist es genug, dass man den nordischen Dichter liebt, um etwas Edles in dieser Vorliebe zu finden! Gewiss, erwiederte er, sind es nur befangene Menschen, die sich in ihm so wenig als in der reichen Gestaltung der Natur finden konnen. Das Nationale der Farbenmischung, so wie alles dasjenige, was dem Zeitmoment angehort, sollte billig fur Niemand eine Storung seyn, der die mannichfache Bedeutung der Natur aufsucht. Und wie Shakespear auch in der blos aussern Darstellung fruhere Zeitalter verstand, wie sudliche Gluth in ihrer hochsten Fulle, in der zartesten Lieblichkeit ihn durchdrangen, das sehen wir in den historischen Stucken und in Romeo und Julie.

Sie traten jetzt in die Loge, und Rodrich ward durch den Anblick der wogenden schimmernden Menge, die das weite Haus umfasste, wie durch den Glanz der herzoglichen Umgebungen angenehm uberrascht. Er kannte bis jetzt nur einzelne herumziehende Truppen, und der hohe Maassstab romischer Amphitheater war zu dem beschrankten Raum elender Breterbuden zusammen geschrumpft. Jetzt eroffnete sich ihm ein neuer ungeahneter Genuss. Vergangenheit und Gegenwart traten lebendig vor ihn hin und rissen ihn unaufhaltsam fort. Die Schauspielerinn, welche Lady Macbeth darstellte, spielte mit einer erschutternden Wahrheit. Rodrich fuhlte die Gewalt, mit welcher sie den in seiner Grausamkeit schwankenden Gemahl zum Ziele riss. Und als nun die That geschehen war, und die freche Sunde noch einmal mit der Reue stritt, bis diese sie gespenstisch anfasste und der bleiche Tod auf den starren Zugen lag, da uberfiel ihn eine Angst, dass er kaum aufzublicken wagte. Um sie los zu werden, theilte er Macbeths Trotz, und focht in Gedanken fur ihn um den Thron, bis sein blutiges Haupt die furchtbare Prophezeyung loste und das Verderben der Rache die Hand bot.

Rodrich sass mit klopfendem Herzen da, auf allen Gesichtern lag Entsetzen. Zufallig blickte er nach der herzoglichen Loge. Die tief gebrannten Lichter warfen unsichere Schatten, ihm war als schwankte der Herzog und wolle niederfallen, unwillkuhrlich sprang er auf, als ihn Seraphine bei der Hand fasste, und unruhig sagte: Lassen Sie uns fortgehen, die blutigen Gestalten angsten mich. Fuhlen Sie wohl, sagte der Gelehrte, wie achte Poesie durch alle Zeiten fortschreitet und nach Jahrhunderten die innere Wahrheit sich in aller Herzen behauptet. Ich wunschte, sagte die Grafinn, sie nahete sich in freundlichern Gebilden; diese Verzerrungen bemachtigen sich wohl des Gefuhls, lassen aber eine widrige Storung zuruck. Es kommt darauf an, erwiederte er, ob man bei dieser stehen bleibt, oder bis zur Idee des Gedichts hindurchdringt. Das Laster in dem verblichnen Schein mattherziger Tugend auftreten zu lassen, so wie das Verbrechen auf den halben Weg zu fuhren, um ein verpfuschtes Leben durch ohnmachtiges Wollen und thorichtes Vollbringen zu verwirren, das war jenen fruhern Dichtern fremd, die alles scharf und bestimmt ausser sich hinstellten, und wie die Urkrafte der Natur das Chaos gewaltsam durchbrachen. Das mag seyn, sagte die Grafinn, aber wir sind langst uber den Zeitpunkt hinaus, wo das rohe Walten jener Krafte dem Menschen so nahe lag, dass er sein eignes Daseyn darin wiederfand, und wie Sie es auch stellen mogen, die Erscheinungen heutiger Zeit sind dennoch milder, beruhigender, kurz unserm Herzen verwandter. Je beschrankter der Kreis, erwiederte der Gelehrte, je naher beruhren sich die Gegenstande, und dem ohngeachtet, konnten Sie plotzlich das allgemeine Band einengender Rucksichten von den Herzen der Menschen losen, und mit ihm den Schein des Gleichartigen weghauchen, Sie wurden jetzt, wie damals, das Hohe vom Niedern getrennt im scharfsten Gegensatze erblicken. Dass so oft das einzelne Grosse in der allgemeinen Nichtigkeit verschwimmt, dass liegt nicht sowohl daran, dass die Menschen nicht konnen, was sie wollen, sondern dass sie nicht wollen, was sie konnen. Nun, erwiederte Seraphine, ich kann und will Ihnen gute Nacht sagen und dem langweiligen Streite ein Ende machen, wo jeder Recht behalt; denn ich will nun einmal nicht die lustige Gegenwart fur jene halb verwischte, unkenntlich gewordene Bilder der Vergangenheit hingeben. Wer so frisch und lebendig in ihr erscheint und alles um sich her verschont, sagte der Gelehrte, der hatte auch Unrecht, eine so reitzende Einheit zu unterbrechen. Gottlob! sagte sie lachend, Sie ersetzen mir den Ritter; nun, wir wollen bald mehr streiten, jetzt schlafen Sie wohl. Sie eilte an des Grafen Arm zum Wagen, und liess Rodrich mit den beiden Andern zuruck, die das Gesprach noch weiter fortsetzten. Sie verkennen in der That das Streben heutiger Welt, sagte Stephano, das sich gerade in der allgemeinen Verwirrung darthut. Sehen Sie denn nicht den Wunsch alles zu umfassen, sowohl aus dunklen als erkannten Regungen hervorleuchten. Und ist es nicht naturlich, dass, seit die Richtungen mannichfacher wurden, der Einzelne den aufgeschlossnen Weg nicht mehr so streng verfolgt, sondern sich nach allen Seiten neigt und die Krafte auf tausend Weisen ubt. Mich dunkt aber, sagte Rodrich, der erweiterte Kreis werde den innern Reichthum nicht schmalern, so bald ein fester Punkt da ist, wohin man zuruckkehrt, und es ist ja nach fruher geausserten Grundsatzen auch wohl Ihre Meinung, dass darin die Consequenz der Allseitigkeit bestehe, in Vielem das Eine aufzusuchen und zu reflektiren. Ganz richtig, erwiederte Stephano, aber dies Eine ist jetzt nicht sowohl der Mensch, als die Menschheit uberhaupt. Dasselbe, sagte der Gelehrte, war weit fruher und auf eine weit wurdigere Weise die Tendenz des Christenthums, und ist die Aufopferung des Individuums im Staale bei den Romern etwas anderes? Ganz gewiss, erwiederte Stephano, denn Christenthum und Romischer Staat sind zwei abstrakte Begriffe, die sich in der Idee der Menschheit erst auffinden. Daher die Einseitigkeit, zu der beide ausarteten. Und was ist denn die jetzige Universalitat? fragte der Gelehrte. Ich sage nicht, dass sie uberall schon etwas ist, erwiederte Stephano, allein man darf ahnen, wohin alles fuhrt. Manches Licht gluht im Verborgnen, und ein zerlumpter Knabe nahete sich hier mit einer Laterne, und fragte, ob er ihnen zu Hause leuchten sollte. Sie sahen mit Erstaunen, wie das alles leer und dunkel um sie war. Der wieder aufgezogene Vorhang zeigte ihnen die erloschnen Lampen, und schmutziges Gesindel, das den Weihkessel der Prophetinnen, Birnams Wald und Maebeths blutiges Schwerdt hin und her zerrte. Das nackte Gerust blickte sie frostig nach dem lebendigen Spiele an, der Zugwind strich durch die geoffneten Thuren und bewegte die halb sichtbare Thalia auf dem Vorhange schauerlich hin und her, das letzte Licht erlosch und sie mussten des Knaben Anerbieten benutzen, um die langen Gange hindurch zu finden. Schweigend begrussten sie einander im Vorhofe, und jeder ging den eignen Weg.

In Rodrichs Seele stiegen dunkle Ahnungen auf, und kampften mit dem unbezwinglichen Drange nach Grosse und Herrlichkeit. Was ist es denn mit den Wunschen der Menschen, sagte er muthlos, wenn ihn am Ziele die vergeudete Kraft und die hingeworfene Bluthen unter Trummern eines gescheiterten Gluckes begraben, und alles was ihn hier bewegte, in einen erstarrten Blutstropfen zusammendringt! Und wird nicht einem jeden, wenn die Jugend zerronnen und der frische Glanz verblichen ist, die Wirklichkeit wie ein Gerippe erscheinen? Thate man denn nicht besser, sich langsam vom Strom dahin treiben zu lassen, wohin man doch einmal gelangt, als mit angstlicher Hast die wohlthatige Tragheit der Zeit zu beflugeln? Hier ging ein Madchen mit einer Cyther vorbei, von deren voruberrauschendem Gesange er nur folgende Worte erhaschte:

Lass die Schatten zieh'n und wandeln,

Fluchtig Spiel fand nimmer Stillstand,

Wunsche wechseln wie Gedanken,

Bleibend Licht erfreut hier Niemand.

Leben ist ein streitend Lieben,

Lieb' im Streit des Lebens Anfang,

Wie sich Muth und Kraft entbinden,

Stromt erst siegend kuhler Balsam.

Die schlanke Gestalt hupfte so leicht uber die Strasse hinweg, wahrend sie mit den zierlichsten Bewegungen den Takt der Musik angab, dass ihr Rodrich noch lange nachsah, als die Tone schon in der Ferne verhallten, und er nur noch ganz schwach "Leben ist ein streitend Lieben" zu horen glaubte, Worte die sein Herz mit der wehmuthigsten Sehnsucht erfullten. Er konnte sich viele Tage hindurch nicht wiederfinden, und die Geschafte seines neuen Berufs ermudeten ihn zum erstenmale, statt ihn aufzurichten, selbst der Ernst des Grafen schien ihm erkunstelt, wie das ganze Treiben zwecklos. Die weite Aussicht einer thatenreichen Zukunft beschrankte sich immer mehr auf einzelne wiederholte Uebungen, die mit dem Reitz der Neuheit auch jede anregende Kraft verloren. Rucksichten, die er fruher nicht geachtet, dunkten ihn jetzt lastig. Ja ihm war, als schlange sich die Kette des Alltaglichen immer fester um ihn herum, und werde ihm zuletzt jede freie Bewegung rauben. Die behagliche Wohlhabenheit seiner Lage achtete er nicht mehr, seit er sie besass. Der uppige Erguss des Gluckes hatte ihn uberfullt, und er betrachtete die Welt wie jemand, der in der aufbluhenden Jungfrau die erstorbenen Zuge der Matrone erblickt. Die innere Unzufriedenheit wuchs, da er immer auf demselben Punkt blieb, und nirgends einen Fortgang sah. So lange er der Kunst gelebt, erkannte er einen grossen Zweck, dem er kraftig entgegenarbeitete. Was er damals suchte, war ihm plotzlich nahe getreten, er hatte es erfasst, und glaubte mit einem raschen Anlauf das hochste Ziel zu erschwingen. Jetzt ging alles den gewohnlichen Gang, und was er wunschte und hasste, was er fruher getraumt, schwebte in verworrenen Bildern vor Ihm her, und verfinsterte seinen Weg. Oft wollte er sich Stephand entdecken, allein ihn schreckte sein kalter Blick und die Verstandesruhe, mit welcher er uber menschliche Verhaltnisse hinaussah. Rosalie war krank, und liess Niemand vor sich. Seraphine hatte einigemal sein langweiliges Gesicht belacht, er verlor die Lust an ihrer Gesellschaft, seit er aufgehort hatte, ihr neu und interessant zu seyn. So verflossen ihm mehrere Wochen. Die wechselnden Gegenstande erregten seine Aufmerksamkeit nur schwach, und er selbst ging unbeachtet als eine gewohnte Erscheinung an den Menschen hin.

Einst als ihn ein langer Spatziergang vor dem alten Schlosse voruberfuhrte, gedachte er jenes Abends mit neuer Ruhrung. Rosaliens Bild schwebte auf dem Altane, er begriff nicht, wie er es je verkannt hatte, dass sie in seinem Herzen lebe und ihn von der Welt entfernt habe, wo er sie langst nicht mehr fand. Alexis plotzliches Verschwinden hatte auch jene fruhere Eindrucke betaubt, und die Worte der kleinen Sangerinn verwirrten seine Gefuhle, statt sie zu entfalten. Jetzt war ihm alles so klar, er fuhlte es bestimmt, dass sie es war, die ihm fehlte. Voll heitrer Erwartungen wandte er sich zur Stadt. Er wollte sogleich zu ihr gehen, sie sollte in dem milden Schein der zartesten Liebe genesen; nie, das gelobte er sich, durfe ein kuhnes Wort ihr Gefuhl verletzen. Im Verborgnen solle die Bluthe reifen und einst die innigste Treue lohnen. Alles schien ihm leicht und sicher. Sein Inneres wogte wie die reichen Kornfelder, die er froh durchstrich. Er blickte heiter um sich her. Ueberall ruhete ein seliges Schweigen, man horte nur das Flistern der vollen Aehren, die sich leise zu einander neigten; die ganze Flur schwamm im klaren Sonnenlichte und die hochrothen Dacher der Stadt gluheten wie eine Purpurwolke. Ihm war fast wie an jenem Morgen, da er das Kloster verliess, nur fuhlte er sich stiller, die Welt hatte andre Erwartungen in ihm erregt, und er lauschte sehnend auf jeden Athemzug der Freude. In dieser weichen, zartlichen Stimmung, trat er unter die Platanen, wo er Seraphinen bei ihren Blumen antraf. Kommen Sie Rosalien Gluck zu wunschen? fragte sie heiter, ihr die den ersten Tag ausser dem Bette zubrachte, und wieder Zerstreuung sucht und findet. Gehen Sie nur hinein, sie wird Sie gern empfangen. Es war ihm nicht eingefallen, dass Rosalie fur ihn nicht sichtbar und fortwahrend krank seyn konnte, und dennoch ward er durch die Nachricht ihres Wohlseyns uberrascht, und sah sie als eine gunstige Vorbedeutung seiner Wunsche an. Er fand Rosalien schoner als jemals. Das zarteste Weiss umfloss wie ein Hauch die edle Gestalt. Sie sass an einem offnen Fenster und freuete sich der milden Luft, die mit ihrem Haar spielte. Die untergehende Sonne spiegelte sich in dem Strom und farbte mit den letzten Strahlen die bleiche Wange der Kranken. Vor ihr stand ein offnes Kastchen, in welchem sie beschaftigt war Briefe zu ordnen. Helfen Sie mir, sagte sie lachelnd, meine Liebe zu Grabe tragen. Diesen Schatz will ich in die Erde versenken, damit kommende Geschlechter sehen, wie geschickt man einst heimlich zu morden wusste. Nein, fuhr sie nach einer Weile fort, Niemand ward je so unerhort betrogen! Lesen Sie, ich bitte Sie, lesen Sie diese beiden Briefe, sie sind um wenige Tage aus einander. Ach Gott, ich musste Ihnen wohl mehr sagen! nun ja Sie wissen, ich liebte ein Strom von Thranen benetzte ihr Gesicht; ach, ich habe ihn unbeschreiblich geliebt, sagte sie wehmuthig; unbeschreiblich! Wenn ich der ersten sussen Regungen gedenke, wie alles so friedlich war und die bescheidnen Wunsche mich in selige Traume wiegten, und wie dann plotzlich alles die Granzen uberschritt und die gewichtige Leidenschaft die heiligsten Bande zerriss! Rodrich war in der peinlichsten Lage. Diesen Beweis ihres Vertrauens hatte er gerade heute gern entbehrt, und sein Herz ward durch die Ausbruche ihres Schmerzes tausendfach zerrissen. Mein Bruder, fuhr sie fort, missbilligte meine Wahl, Alexis verspottete sie, wahrend der Herzog, der damals um Seraphinens Liebe warb, die Flamme auf alle Weise anschurte. Mein Vater blieb allein ruhig, und meinte, ich wurde wohl selbst von dieser Thorheit, wie er es nannte, genesen. Nach und nach erhielt indessen unser Verhaltniss eine Art von Gultigkeit vor der Welt, nur ward Ludoviko fortgesetzt kalt, ja feindselig von meiner Familie behandelt, was mich den bittersten Kampfen hingab, und oft dahin trieb, meine Wunsche und Hoffnungen hinzugeben, um ihm ahnliche Krankungen zu ersparen. In einem solchen Augenblick schrieb ich ihm, als er den Herzog auf einer Reise begleitete, diese Worte, die ich der merkwurdigen Auslegung wegen spaterhin wieder aufzeichnete und hier bewahre.

"Wie lieb' ich Dich, mein Ludoviko, der schonenden Ruhe wegen, mit der Du jede Unannehmlichkeit ertragst, die Dich meinetwegen trifft. Aber glaube nur, gerade was mich unaufloslich an Dich kettet, das flosst mir oft den Gedanken ein, mich selbst aufzuopfern, um Dich unter wurdigern Umgebungen ein schoneres Gluck geniessen zu lassen, als Dir meine Liebe giebt. Ach! fuhle es nur, wie ich ganz in Dir lebe, um so etwas denken zu konnen, und bist Du stark genug, Dich meinetwegen zu verleugnen, so todte die Schwache nicht, mit der ich dennoch meinen Wunschen schmeichle."

Bald darauf erhielt ich folgende Antwort.

"Dahin hat es also die kurze Trennung gebracht! Rosalie, so schnell konntest Du den Gedanken fassen, mich aufzugeben? so gelaufig ist er Dir geworden, dass Du mir ihn ohne Ruckhalt mittheilst? Will sich denn alles von mir wenden, und soll ich jede freudige Erscheinung meines Lebens schwinden sehen! Aber Du hast Recht. Der Kampf, der Dich zwischen Deinem Bruder und mir hin und her treibt, fallt Deiner sanften Seele zu schwer. Einen von beiden musstest Du fahren lassen. Ich weiche, Rosalie. Du hast mich die Nothwendigkeit einsehen gelehrt, und ich muss die zarte Hand segnen, die mir so schonend diese Wunde schlug."

Ich war weit entfernt das Gift zu ahnen, das hier verborgen lag, und sah in allem nur ein Uebermaass leicht zu verletzender Zartlichkeit. In diesem Sinne und in einem Gemisch von Unruhe und dankbarer Ruhrung schrieb ich ihm eines Morgens, als mein Bruder mit so verstortem Gesicht zu mir hereintrat, dass ich erschrocken aufsprang, ohne den Muth zu haben, nach der Ursach seines Kummers zu fragen. Er ging schweigend auf und ab, dann nahete er sich mir mit einem Blick, in welchem Tod und Verderben lag. Rosalie, sagte er mit zitternder Stimme, wir sind beschimpft, Ludoviko hat dich verlassen, und mich und uns Alle dem Gelachter preisgegeben. Ich weiss nicht deutlich, was ich damals empfand, allein ich erinnere mich, dass ich freier athmete, seit ich wusste, was ihn so gewaltsam bewegte. Ich hatte etwas Aergeres gefurchtet, und sagte nur: also ist er doch nicht todt? Wollte Gott, er war' es, erwiederte Fernando; aber zweifle nicht an seinem Untergang, so lange ein Athemzug in mir ist, soll er die Schmach bussen. Oder trauest du meinen Worten nicht? Glaubst du, man kennet mich nicht genug, um mir ein leicht ersonnenes Mahrchen aufzuheften. Sieh, ich schwore dir, er ist fur dich verloren. Gestern war seine Verlobung mit einem schonen, unschuldigen Madchen, das sich ihm so vertrauend hingab, wie du. Aber ich will diese Taube retten. Der Weg zum Altar geht nur uber meine Leiche. Ich hatte alles in dumpfer Verwirrung angehort, und wusste nicht, was ich glauben und furchten sollte. Mein Bruder schloss mich ungestum in die Arme, und nachdem er mich auf die Stirn gekusst, sagte er: so stahle ich dich gegen alle glattzungige Verfuhrung, und konntest du diesen Kuss vergessen, so moge er dich brennend an meine Worte mahnen. Er sturzte ausser sich zum Zimmer hinaus, ach! und niemals fuhlte ich das treue Herz wieder an dem meinigen schlagen! Sie hielt einen Augenblick ein, dann sagte sie: wenn ich einen Augenblick nachdenke, wie alles plotzlich so da stand, wie es mir oft in Fiebertraumen vorschwebte, so ist mir's unbegreiflich, wie der Mensch die warnende Stimme uberhort, die oft so furchtbar aus seinem Innern heraufdringt, und wie die anschwellenden Wogen ungezugelten Verlangens ihn von Klippe zu Klippe reissen, bis das lang Gefurchtete, Ungekannte ihn aus tausend Augen ansieht und er in dumpfer Verwirrung dem Verderben in die Arme sinkt! Ich fasste auch damals mein Ungluck nur halb. Fernando hatte mich erschuttert, ohne mich zu uberzeugen. Welch schuldloses Herz ahnet auch diese Verratherei! Ludoviko's Brief loste endlich jeden Zweifel, und meines Bruders blutige Gestalt drangte mich aus einer Welt, wo mir nie eine Freude bluhet!

Sie nahm hier ein Blatt aus dem Kastchen, und gab es Rodrich, der in der heftigsten Bewegung folgendes las:

"Du hast es gewollt, meine Rosalie! Ich folgte Deinem Wink, und fasste die Hand eines frommen Kindes, das auf der Welt Niemand hat, als mich, und dessen freies Gefuhl dem Manne unbedingt angehort, der es zu beschutzen und durchs Leben zu fuhren verhiess. Warum sollte ich es Dir verhehlen, dass ich mich in meiner jetzigen Lage ruhiger fuhle, wo ich auch dich frei von angstlichen Kampfen und unsre Gefuhle zu einer schonen Freundschaft veredelt sehe, die, sich nach den Umstanden modifizirend, einen ganz eigenthumlichen, Dir angemessenen Charakter behaupten wird. Wie konntest Du auch ein Band losen wollen, das Du selbst so fest knupftest! Wie konnte ich je die hohe edle Natur weniger in Dir lieben! Wir sagten es uns wohl fruher mit Wahrheit, dass solch ein Bund unzerstorbar sey, und so bleibst Du mir die treue Freundinn und der schutzende Engel meiner Serena. Sage Deinem Bruder, dass ich ihm jetzt, wie immer, die Hand zum Frieden reiche, und wie ich hoffe, dass er sie nicht verschmahen werde, da uns nichts Aeusseres mehr trennt."

Wie ist es moglich, sagte Rodrich, dass Sie dieser feigen Halbheit nur eine Thrane schenken konnten! Tadeln Sie nicht so streng, erwiederte Rosalie verletzt, was Sie unter ahnlichen Umstanden vielleicht nicht anders gemacht hatten. Es ist unglaublich, wie sich der Mensch hintergeht, und oft das ganz Gemeine fur eine grosse That erklart. Nein, beim ewigen Gott, rief Rodrich aus, ich wurde den Muth haben zu sagen, wie ich fuhle, ohne dem rucksichtslosen Vertrauen eine Falle zu stellen, und dem edelsten Gemuth die Schmach aufzulegen, einen Nichtswurdigen geliebt zu haben! Sie sind wie Alexis! sagte Rosalie schmerzlich. Ach, dass doch Niemand ein krankes Herz zu schonen weiss! Rodrich gedachte seiner Vorsatze, und fuhlte sich fremd und befangen in der Nothwendigkeit, so leise auftreten zu mussen. So schwiegen beide einige Augenblicke hindurch, als Rosalie sich aufrichtete und erschopft in Rodrichs Arme sank. Unwillkuhrlich druckte er sie an die Brust; ach, susser Engel, sagte er im Uebermaass des Gefuhls, lass mich dich so durch's Leben tragen; lehne nur dein schones Haupt an diess Herz, das so stolz und so selig ist, seit es dein Bild im Innern verschliesst! Rosalie blickte uberrascht zu ihm auf, dann sagte sie wehmuthig: lassen Sie sich nicht durch fluchtige Regungen tauschen, bewahren Sie die frischen Bluthen vor nachtigem Reif. Rodrich, meine Hand ist kalt und starr wie der Tod, sie hat den Druck der Liebe verlernt, und was mich noch zuweilen in die Welt zuruckzieht, das sind Aufwallungen einer sterbenden Jugend. Glauben Sie nur, es giebt Menschen, die so innig von ihrem Ungluck uberzeugt sind, dass sie auch in den Sonnenblicken ihres Lebens nur dies Geschenk einer liebenden Mutter erkennen, dem todtkranken Kinde die entsetzlichen Schmerzen zu lindern. Er hatte sie sanft auf das Ruhebette gelehnt, und sass, das Gesicht in die Kussen verbergend, weinend neben ihr, als die Thur ausflog und eine unendlich schone Gestalt, von Seraphinen und den phantastischen Knaben mit brennenden Kerzen begleitet, vor Rosalien hintrat. Miranda, rief diese, so sehe ich Sie noch einmal wieder! Die Prinzessinn neigte sich mit unbeschreiblicher Lieblichkeit zu der kranken Freundinn, und die klaren Blicke schwammen in Wohlwollen und Liebe, als sie nach den ersten gegenseitigen Begrussungen und den allgemeinen Hoflichkeiten, zu denen Rodrichs Vorstellung sie zwang, beruhigend sagte: ich finde Sie bei weitem besser, als ich es nach den ublen Nachrichten erwarten durfte. Jetzt sehe ich, dass alles gut gehen wird, wenn sie nur den Freunden vertrauen wollen. Daher komme ich auch, Sie zu meinem Pavillon zu entfuhren, wo es mir so oft gelang, eine freudige Vergangenheit zuruckzurufen und bessere Erinnerungen mit Ihnen zu feiern. Sie glauben gar nicht, fuhr sie fort, wie oft ich jetzt an der Kuste unsrer nordischen Winterabende gedachte, wenn die scharfe Meeresluft uns zwang das Zimmer zu huten, und wir Alle nach Sonnenuntergang in Shawls und Tucher gehullt um den Kamin sassen! Es ist seltsam, wie man die bessere Gegenwart zuweilen gern fur entschwundene Freuden hingabe! Sie wissen, wie oft wir mit truben Blicken auf der erstarrten Natur ruheten, und uns nach der sudlichen Herrlichkeit sehnten, die uns Persische und Arabische Mahrchen und der Mutter lachende Schilderungen kennen gelehrt; wie wir dann bei den ersten Fruhlingsluftchen auflebend, uns so gern uberredeten, wenn sich mein Papagey auf den kunstlich gezognen Orangen wiegte, wir wandeln in Asiens bluhenden Haynen, und gleichwohl streift jetzt ein kalter Ostwind wie ein sehnender Ruf aus der Ferne an mir voruber, und mitten in der Bluthenpracht freue ich mich der leichten Schauer und der wogenden Nebel, die mich im Fluge zu der alten Heimath tragen. Rodrich dachte hier an Florio, wie er der Einzige sey, mit dem er in die einsame Kindheit zuruckgehen konne, und dass ihm dieser Eine nun so fremd geworden, und er nicht einmal wisse, wo er ihn aufsuchen solle. Er war noch so bewegt von dem vorigen Gesprach, er fuhlte es jetzt so lebendig, dass ihm Rosalie nie etwas werden konne, und dass er vergeblich suche dieser herbstlichen Rose den FruhlingsGlanz seiner Liebe zu leihen, so dass er geruhrt ausrief: Wie glucklich sind Sie Rosalie, sich so schoner Stunden mit einer geliebten Gespielinn zu freuen! Und wie ganz anders muss der Mensch die Welt ansehen, dem theilnehmende Freundschaft zur Seite steht. Miranda betrachtete ihn aufmerksam, wahrend er sprach. In seinem Auge glanzte noch eine Thrane, und Schmerz und Sehnsucht umwolkten das bluhende Gesicht. Es ist nur gut, sagte sie lachelnd, dass es Niemand giebt, zu dem nicht irgend ein verwandter Laut drange, und die ode Brust mit Freude erfullte! Was sind voruberrauschende Klange, erwiederte Rodrich, gegen die innere begleitende Musik des Lebens! Die vollen Accorde dunken uns nur schoner, sagte Miranda, je leiser sie verhallen, und dem unbefriedigten Herzen neue Genusse verheissen. Lassen Sie uns nicht so angstlich mit dem Schicksal uber jede einzelne Unterbrechung rechten, da es nur von uns abhangt, den Ton da wieder aufzunehmen, wo wir ihn sinken liessen. Das hinge von uns ab? fragte Rosalie. Ach man sieht wohl, wie der Himmel seinen Liebling jedes dauernden Schmerzes uberhob, und aus der augenblicklichen Storung neue Bluthen erwachsen liess. Das ist wohl uberall dasselbe, sagte die Prinzessinn, nur glaubt man oft ein trockenes Reis in den Handen zu halten, wenn uns die sprossenden Keime schon mit verhullten Augen anlacheln. Doch lassen Sie uns nicht uber Lust und Schmerz streiten, Niemand glaubt dem Andern, bis er selbst sieht. Darum mochte ich Sie so gern der Einsamkeit entreissen, und in mein kleines Paradies hinuberziehn, wo die Blumen so lustig im Sonnenglanze spielen und alle Sorgen vor der heitern Stille weichen. Ihre Freunde suchen Sie dort auf und Sie genesen in unsrer Aller Liebe. Miranda umarmte sie hier und versprach den folgenden Morgen wiederzukommen, da sie jetzt zuruckkehren musse, weil der Herzog sie bei ihrer Mutter erwarte. Im Weggehen sagte sie zu Rodrich und der Grafinn, die sie begleiteten: es ist wohl eigentlich wenig fur Rosalien zu hoffen, sie betrachtet alles in einem ganz eignen truben Licht, und so bald man ihr ein andres aufdringen wollte, wurde sie in dem Streite untergehen. Einzelne Blicke durfen nur an ihr voruberfliegen, die sie noch mehr reitzen und dem Schmerze Nahrung geben. Denn fur Gemuther, wie das ihrige, ware es ganz eigentlich der Tod, wenn sie je aufhoren konnten zu trauren. Daher muss man nur auf seiner Hut seyn, sich in ihrer Nahe selbst zu behaupten, und weder etwas erzwingen zu wollen, noch sie durch zu grosse Nachgiebigkeit zu erschopfen. Haben diese Wunden einmal ausgeblutet, so wird sich das innere Gift zerstorend gegen sie selbst wenden. Es ist sehr leicht, setzte sie hinzu, einen Unglucklichen zu verletzen, und nicht selten weckt das eifrigste Bemuhen gehassige bittere Gefuhle. Sie sagte das so anspruchslos, so frei aus der innersten Seele heraus, die zartlichste Ruhrung leuchtete dabei in ihren Augen, so dass man deutlich sah, wie angeborne Klarheit sie uber jede Verwirrung hinaus hob. Rodrich fuhlte sich stiller seit er sie gesehen, und tadelte selbst die Ungenugsamkeit, die ihn zu thorichten Wunschen verleite. Beschamt gestand er, dass er, sich selbst ungetreu, die lang genahrte Storung offentlich zur Schau getragen, und das freundlichste Wohlwollen dadurch von sich entfernt habe. Seine anmassende Foderungen gemahnten ihn selbst lacherlich, und er konnte nicht begreifen, wie ihm jener klare Blick uber die verschiedne Gestaltung des Gluckes so lange fremd geblieben war. So erschien ihm nun alles weit anders, und wie den truben Sinn die eigne Dunkelheit gefangen halt, so erbluhet dem heitern ein Licht nach dem andern, bis er auf glanzenden Schwingen die Welt uberfliegt und uberall nur Lust und Freude sieht. Er gefiel sich so wohl in dieser erhebenden Stimmung, dass er sich recht angestrengt bemuhete, jeden angstigenden Ruf aus dem Innern zu uberschreien, und vor den eignen Gespenstern zu fliehen. Stephano fand ihn in diesem Lichtmeere schwimmend, und als er die Veranlassung erfuhr, beredete er ihn, sich bei der Prinzessinn Therese vorstellen zu lassen, wodurch es ihm allein moglich sey, Rosalien ofter zu sehen, und jene interessante Bekanntschaft fortzusetzen. Er willigte ein, und betrat schon am folgenden Tage das leichte, fast feenartige Sommerhaus. Eine Reihe weisser Marmorsaulen, die es umgab, trug ein reich vergoldetes Dach. Alle Zimmer stiessen auf diese aussere Halle und zeigten durch die geoffneten mit bunten Vorhangen gezierten Thuren die Pracht der innern Einrichtung. Durch sie gelangte man zu einem Saale, der den Mittelpunkt des Gebaudes ausmachte, und durch eine vielfarbige Glaskuppel die Beleuchtung erhielt. Nischen mit hohen Spiegeln versehen, fingen die bunten Lichtstrahlen auf und verbreiteten sie auf rosige Marmorwande und silberstoffne Polster. Alles wogte hier im blendendsten Glanz. Er glaubte von verklarten Gestalten umgeben zu seyn, als ihm die Prinzessinn mit ihren Tochtern entgegen trat. Doch bald zeigte ihm Elwire, die sich mit einer ihrer Damen verstohlne Zeichen bei seinem Eintritte gab, dass er wirkliche Gebilde vor sich habe. Therese hatte von ihm gehort, und es war auf ihr Geheiss, dass ihn Stephano hier einfuhrte. Sie redete ihn sehr verbindlich an, in ihrem Ton und Wesen lag eine unendliche Milde, und oft ruheten ihre Blicke wehmuthig auf den seinen. Indessen suchte sie beunruhigende Gedanken durch allgemein herbeigefuhrte Gesprache zu entfernen. Miranda sagte ihm, dass sie Rosalien vergebens erwartet habe, deren wechselndes Befinden sie unendlich beunruhige, je weniger sie selbst davon ergriffen scheine. Elwire, die wahrend dessen unter vielem Lachen Stephano's Anzug gemustert, und oft ziemlich laut nach Alexis und dem Vorgange auf dem Waldschlosse gefragt hatte, sagte jetzt unverholen, wie sie es nicht begreife, dass gerade Rosalie die treue Liebe des zierlichen Ritters so hartnackig von sich weise, da sie in ihrer Lage wohl schwerlich auf einen ergebenern Anbeter rechnen durfe. Man sieht aber, setzte sie hinzu, dass Kranklichkeit sie verstimmt, und das hat der gute Ritter auch wohl eingesehen und sich geschickt zuruckgezogen. Stephano liess sie gern reden, und freuete sich jedesmal uber die Sicherheit, mit der sie ein falsches Urtheil hinstellte, ohne zu ahnen, dass sie gleich von irrigen Meinungen ausginge, und dass sie selbst diesen Meinungen keine sonderliche Aufmerksamkeit leihe. Allein Rodrich, den die gemeine Ansicht verletzte, wagte es, ohnerachtet der geringen Bekanntschaft, die Freunde in Schutz zu nehmen, und sprach mit Warme uber die Heiligkeit einer unerschutterlichen Liebe, die man wohl nie wahrer, als in einer weiblichen Brust antreffe. Ach, sagte er, und was ist dem Menschen naturlicher, als das wegzudrangen, was ihm das einzige Gluck des Lebens eine seelige Erinnerung trubt! Ja, erwiederte Elwire den Kopf schuttelnd, da hat nun ein Jeder seine Art zu sehen. Ich fur mein Theil, fuhr sie ohne weitern Zusammenhang mit dem Vorhergehenden fort, ich habe den Ritter freilich oft sehr ermudend gefunden, wenn er so in der grauen Vorwelt schwebte, und die farblosen Gestalten an mir voruberziehen liess, wahrend alles im frischesten Glanze um und neben mir lebte und athmete. Einmal wollte er mir auf einem Ball ein Mahrchen erzahlen, aber ich versicherte ihm, dass Mahrchen seit meiner Kindheit eine narkotische Kraft fur mich hatten, und ich Gefahr liefe, den Ball und alle ihm versprochene Tanze zu verschlafen. Alexis, sagte Miranda, setzt wie alle sehr lebendige Gemuther voraus, dass man nichts verschmahe, was den eigentlichen Gesichtskreis erweitern konne. In dieser Voraussetzung spricht er ganz unbesorgt, ob sich auch jedem die Bedeutung seiner Worte aufschliessen werde. Und er hat im Allgemeinen nicht ganz Unrecht, wenn er auch im Einzelnen oft fehl greift. Es kommt doch wohl einmal eine Stunde, wo sich die harte Schaale lost, und der eigentliche Kern sichtbar wird. Wie schon dir der Schleier steht, sagte Elwire, und ordnete die langlichen Perlen, die zwischen braune Locken auf Miranda's Stirn fielen. Therese blickte lachelnd auf sie hin, und schien sich der zierlichen Ungezogenheit zu freuen. Rodrich verstand nicht, wie sie nur die leeren Worte ertragen konne! Uberall fuhlte er bald, dass die Prinzessinn aus Furcht, die gesellige Freiheit einzuengen, oder irgend eine Storung zu veranlassen, dem Gesprach keine eigentliche Haltung wie dem herrschenden Tone keine Einheit gab, und man sich in dieser Schrankenlosigkeit sehr beschrankt gefuhlt haben wurde, wenn Miranda nicht alles an sich gezogen, und den schwankenden Strebungen eine gemeinsame Richtung gegeben hatte. Sie schwebte wirklich wie ein Genius uber dem Ganzen, und wusste auch den leersten Kopfen irgend ein gutes Wort abzulokken, wie sie uberall einen seltenen Blick fur das Bessere im Menschen hatte, und dem Lichte gleich, das verborgene Gold heraufbeschwor, weshalb ihr alle Herzen entgegenflogen, und der Gedruckte, Tiefgebeugte, in ihrer Nahe freier athmete. Stephano hing mit Entzucken an der edlen Gestalt, und Rodrich sah recht, wie diese Liebe ihn uber sich selbst erheben, mit Verleugnung seiner widerstrebenden Natur dahin zog, wo Miranda frei, in sich fest, unbefangen da stand. Sie begegnete ihm wie einem lieben lang geehrten Freunde, der uberall als ein Glied der Familie angesehen, durch eine ehrende Vertraulichkeit ausgezeichnet ward, und als spaterhin der Herzog kam, und der Kreis immer grosser ward, sah Rodrich mit steigender Bangigkeit, mit welchen verheissenden Blicken sein Freund von den meisten betrachtet ward, ja wie selbst Miranda ein fluchtiges Errothen nicht bergend, den vielsagenden Gruss des Herzogs empfing, und unruhig auf Stephano blickte.

Unter den vielfachen Gestalten; die Theresens Ruckkehr aus dem Bade fur diesen Abend herbeifuhrte, zeichnete sich eine der hervorleuchtendsten Physiognomien aus, die Rodrich jemals sah. Viormona, Nichte der verstorbenen Herzoginn, hatte sich nach dem Tode ihrer Verwandten in den dunklen Privatstand verloren, und nur mit Muhe die Hand eines edlen Fremden angenommen, um durch den Glanz ausserer Umgebungen die Hoheit der Geburt zu behaupten. Aller Stolz und alle Bitterkeit zuruckgedrangter Herrschsucht lag in den hohen Mienen und den gluhenden Augen, die wie Feuerkreise uber die Erde schweiften und alles zu entzunden droheten. Das seltsam geringelte Haar, der reiche Faltenwurf langer weisser Gewander, der blendende Glanz ihrer Haut, alles gab ihr ein ganz eignes plastisches Ansehen, so dass sich Rodrich wie vor einer Juno neigte, und die Flammenblicke kaum zu ertragen vermochte. Miranda war ihr mit der feinen Hoflichkeit entgegen getreten, wodurch eine edle Natur sich der andern gleichstellt, ohne Herablassung oder angstliches Zuvorkommen zu verrathen. Und sie schien in diesen heitren Sonnenblicken sich selbst und ihr beschranktes Daseyn zu vergessen, als Elwire mit gutmuthiger Redseligkeit von den Badefreuden erzahlte, und ein Hirtenfest beschrieb, bei welchem Miranda auf einen Rosenthron erhoben von einer jubelnden Menge als Herrscherinn begrusst worden sey. Viormona's Herz bebte bei dieser Hindeutung auf die Zukunft. Die gewaltsamen Regungen pressten ihr eine Thrane aus, die brennend in Rodrichs Seele fiel, der nach einigen fluchtigen Erkundigungen, von ihren fruhern Verhaltnissen unterrichtet, die Schmerzen so bittrer Demuthigung theilte. Ein Thron schien ihm das hochste Ziel menschlicher Strebungen. Hier allein konne sich die innere Unabhangigkeit darthun, und im Glanze eigner Klarheit die enge Sorge des Lebens losen und die bedrangte Menschenbrust zu hohern Genussen erschliessen. Wie konnte nur ein edler Sinn die Schmach dulden, scheu in den Vorhallen zu weilen, indessen eine fremde Hand im innern Heiligthume wuhlte. Sein Widerwille gegen den Herzog wuchs in jedem Augenblick, er vermied es angstlich seinen forschenden Blicken zu begegnen, die sich unwillkuhrlich auf ihn zu richten schienen. Alles bis auf den Ton seiner Stimme, jedes unbedeutende Wort war ihm an dem verhassten Gegenstand zuwider. Selbst als er sich der Schwester nahete, und ihr die Ankunft des Cardinals ankundigte, zu dessen Empfang er recht glanzende Feste ersinne, um dem entfernten Verwandten die weite Reise vergessen zu machen, fuhlte sich Rodrich unangenehm von dem ergriffen, was alle Andre mit frohen Hoffnungen erfullte. Sein Auge traf Viormona, und es war, als sey ihr Inneres in dem fluchtigen Blick zusammengefallen. Auch sie erfreueten die versprochnen Feste nicht, weil ihr die Veranlassung zuwider war, und der Unmuth in Rodrichs Mienen schien ein stilles Einverstandniss ihrer Gedanken zu seyn. Als sich daher die Gesellschaft in die verschiedenen Gemacher und den Garten vertheilte, nahete sie sich dem ungekannten Freunde, und wusste geschickt die Vergangenheit herbeizufuhren, wo man Feste andrer Art hier gekannt, und ein freier harmonischer Geist alle Herzen zu gleicher Freude gestimmt habe. Die Schonheit, sagte Rodrich, fuhrte das goldene Zeitalter herauf, aber das eiserne behauptet seine Rechte in der verwirrten Menschenwelt, und nur der Donner des Geschutzes theilt die Nebel des verfinsterten Horizontes. Er hatte diese Worte, ohne sonderlich auf sie zu achten, herausgestossen, allein Viormona fasste sie begierig auf, und druckte nur noch mehr vergiftete Pfeile in sein offenes Herz. Wussten Sie, konnten Sie wissen, sagte sie lebhaft, wie alles zusammenfiel, seit die Sonne diesem Lande unterging, wie sich die lockern Verhaltnisse losten, und ein Band nach dem Andern zerriss, wie taglich tausend Dolche in den todtenden Blicken seiner Unterthanen auf den Herzog gerichtet sind, wie man die rucksichtslose Heiterkeit des Grafen, Miranda's versteckten Stolz und des Bastards Anmassungen verachtet, Sie hatten Ihre Dienste dem Volke, und nicht dem Fursten angetragen. Rodrich war im Begriff ihre Hand zu fassen und einen verratherischen Bund zu schliessen, als Stephano nahete und ihn eilends fortzog. Um alles in der Welt, sagte er, als sie sich in einen Seitengang verloren, was haben Sie mit dieser Frau? Sie ist die unversohnlichste Feindin der herzoglichen Familie und ihre Nahe jedem Anhanger derselben gefahrlich. So ? erwiederte Rodrich gespannt, dem Einen dunkt oft gefahrlich, was fur tausend Andre heilbringend ware! Sie waren bei diesen Worten zu einem freien Platz gelangt, wo Miranda neben einem Springbrunnen stand, und dem Spiel der zerrinnenden Tropfen gedankenvoll zusah. Als sie beide wahrnahm, heftete sie einen wehmuthigen Blick auf Rodrich und verschwand in's Gebusch. Als wenn plotzlich alle Fesseln der gepressten Brust zersprangen, so loste sich hier Rodrichs Schmerz in Thranenstrome auf. Er fiel dem betroffnen Stephano in die Arme, und sagte weich und ermattet: ach! leite mich auf dem unsicheren Wege, ich furchte, ich werde der Gewalt des Schicksals erliegen, oder die wunderbar verschlungnen Knoten eigenmachtig zerreissen. Komm nur, sagte dieser geruhrt, wir wollen mit einander reden. Freie Mittheilung soll die Verwirrung losen. Das wild ausstromende Gefuhl erhalt im Gesprach wie im Leben Maass und Ordnung. Es ist wohl thoricht, dass man die vertrauenden Ergiessungen so lange zuruckdrangt, bis sie der Augenblick herbeifuhrt. Aber komm nur, es ist noch nicht zu spat. Sie gingen schweigend zur Stadt, und als sie an die Brucke kamen, wo jetzt, wie an jenem ersten Abend, viel lustige Wandrer mit Rodrich den gleichen Weg gingen, wahrend die Lebenswege wohl scharf von einander geschieden waren, fiel es diesem auf, wie die vorgezeichnete Richtung unzahlige gedankenlos zu dem gleichen Ziele triebe, ohne dass Einer den Muth habe, die Granze zu uberspringen und die wogende Fluth zu durchziehen. Man thut den Menschen Unrecht, sagte er, wenn man ihnen freche Willkuhr und Liebe zu dem Ungebundnen, Schrankenlosen vorwirft. Sie sind in der Regel nur zu fugsam, und die hergebrachte Weise oder eine gefurchtete Rucksicht umstricken nicht selten die lebendigsten Regungen. Wie kommst du darauf? fragte Stephano. Ich weiss nicht die Brucke erwiederte jener zerstreut. Wolltest du sie hinter dir abbrechen? fiel Stephano ein. Glaube nur, dir entstande bei jedem Schritt eine neue. Und es ist wohl gut, dass man so gar nicht von der Welt loskommt, und der holde Leib uns mit Liebesarmen umfangt, bis wir uns in den weichen Schlingen gefallen und leicht und lustig darin bewegen. Dann sinkt die Hulle und die befreieten Schwingen tragen uns zu unendlichen Fernen. Aber bis dahin? fragte Rodrich. Bis dahin, sagte der muthige Krieger, ringen und kampfen wir getrost, und die zusammengesturzten Wunsche und Hoffnungen werden uns ein Fels, auf dem wir mitten im Sturme feststehen und die unverletzte Brust neuen Kampfen hingeben. Ach, ich sehe wohl, fuhr er fort, die Worte dieser Eris sind tiefer in dein Herz gedrungen, als ich glaubte. Und was konnte sie dir gleichwohl entdecken, was dir nicht fruher bekannt war? Die innern Spaltungen konnten dir nicht fremd seyn. Was ist es denn, das dich plotzlich so erschuttert und zwischen fruher gefassten Neigungen und abgedrungenem Mitleid hin und her wirft? Rodrich fuhlte, dass er, um dem Freunde verstandlich zu seyn, dunklen, halbverkannten Ahnungen Worte leihen, die eigne Schwache offenbaren, und selbst dann noch eine Saite beruhren musse, deren Missklang ihn vielleicht auf immer von Stephano entfernen konnte. Noch hatte er nie des Herzogs in seiner Gegenwart gedacht, und es schien ihm unzart, den unbezwinglichen Widerwillen gegen ihn laut werden zu lassen, der ihn vom ersten Augenblick angstete. Alle diese Rucksichten traten kalt und fremd zwischen die hervorbrechenden Flammen herzlichen Vertrauens, und verschlossen ihn fur alles, wodurch ihn Stephano zu gewinnen meinte. Du schweigst? sagte dieser; vielleicht hat dich die hohe Schonheit deiner neuen Gonnerinn bestochen, und ein unbewahrtes Herz widersteht solchem Zauber wohl nicht leicht. Zwar begreife ich kaum, wie sie neben Miranda gefahrlich seyn konne. Rodrich glaubte hier eine Schlinge zu sehen, um sein verborgnes Gefuhl aufzudecken, und sagte gleichgultig: warum wollen wir Vergleiche anstellen? Ich horte ja eher von dir, dass jedes in sich schon sey, und man das Urtheil nicht durch Verruckung des Standpunktes verwirren musse. Du hast Recht, erwiederte Stephano, eine Vergleichung ist hier so unmoglich, wie ein Verein dieser Gemuther. Ich glaubte dich nur fur das ganz Entgegengesetzte nicht so empfanglich. Das andert freilich viel. Unser Interesse ist getheilt, und du wirst mich so wenig verstehen wollen, als ich dir verstandlich seyn kann. Nimm es nicht so ernstlich, sagte Rodrich einlenkend, aber gestehe mir, dass ihr Schicksal hart ist, und nichts den menschlichen Stolz so emport, als die Verletzung angeborner Rechte. Wer kann, erwiederte Rodrich, im steten Wechsel des Lebens das Fliehende aufhalten wollen. Und wie darf der Einzelne mit dem Schicksal rechten, da seit Jahrtausenden das ewige Spiel wiederkehrt und der verschollne Name ganzer Geschlechter, deren ehemalige Grosse mit dem Staub ihrer Graber verwehete, in die spurlose Vergangenheit sinkt. Fluchte nicht so zu dem Allgemeinen, sagte Rodrich, wenn das Leiden beschrankter Gegenwart uns nahe tritt. Dieser Blick darf den Menschen wohl uber sich selbst erheben, aber die lebendige Theilnahme soll er nicht ersticken. Was nennst du so? fragte Stephano. Wo das scheinbare Uebel Segen bereitet, da kann ich die augenblicklichen Schmerzen lindern, die fortlaufende Kette der Begebenheiten aber niemals eines einzelnen Vortheils wegen zerreissen wollen. Jedes Uebel, entgegnete Rodrich, ist von deinem Standpunkt aus scheinbar, und darf das kurzsichtige Menschenauge bestimmen, wie nahe oder fern das erwartete Ziel sey? Ist es nicht frech, so zermalmend hinzutreten und der weinenden Menge neue Bluthen aus den zusammengesturzten Trummern zu verheissen? Wie warm du die Rechte der Menschheit vertrittst, sagte Stephano, seit ein schones Auge beredt in das deine sahe. Aber vergiss nicht, dass du kurz zuvor uber dumpfes Hingeben, Beschranktheit des Willens und Armuth kraftiger Gedanken klagtest, dass dir die hergebrachte Weise erdruckend schien, und dass dein Urtheil, durch individuelle Beziehungen bestochen, einseitig ausfallt. Und kannst du die alte Ordnung herstellen, ohne die neue zu zertreten? Und welches blutige Zeichen musstest du uber ein Land aushangen, das dich gastlich aufnahm, das Miranda's milder Sinn beherrschen wird? Ist Miranda gewisse Erbin des Reichs? fragte Rodrich schnell. Nicht ohne Widerstand, sagte Stephano, aber ich habe auf dich, wie auf die Bessern, gerechnet, und ich gelobe es fest, diesem hohen Ziele mein lebendigstes Streben, ohne irgend eine anderweitige Rucksicht, zu weihen. Rodrich bewunderte, wie Stephano, sich selbst tauschend, die Herzensschwache hinter Vaterlandsliebe verberge. Indessen konnte er nicht leugnen, dass er sich ihm wahr zeigen wolle, und er schwankte, ob er diese Offenheit nicht durch die freieste Hingebung vergelten, und jedes Missverstandniss losen musse, als eine Botschaft des Grafen ihn eilends dahin abrief.

Er hatte dem edlen Beschutzer lange nur die gewohnte Achtung gezeigt, zu welcher sein ausseres Verhaltniss ihn zwang, ohne ihm die dankbare Liebe zu beweisen, die in den ersten Augenblicken sein Herz erfullte. Er schamte sich jetzt, vor ihm zu erscheinen, und trat mit einiger Verlegenheit in dasselbe Zimmer, wo er das Schwerd und die heilige Weihe seines Standes empfing. Der Graf trat ihm, wie damals, heiter entgegen, und sagte nach den ersten Begrussungen: junger Freund, Sie wissen, ich lasse jeden seinen Weg gehen, ohne dass es mir, selbst bei denen die mir naher sind, einfiele, das Schicksal spielen, und ihnen eine eigenmachtige Richtung geben zu wollen, indessen glaube ich ohne Anmassung sagen zu konnen, dass mir der Ihrige nicht gefallt. Der innere Missmuth leitet sie abwarts, mit halbem Herzen thut man auch nur das Halbe, und der Soldat braucht mehr als ein Anderer frischen Lebensmuth, um sich selbst anzugehoren. Das Gewohnliche darf ihn nicht ermuden, weil es zu dem Ausserordentlichen fuhrt; und wo die rechte Lust und Heiterkeit nicht obenauf schwimmen, da wird der Bodensatz des Gemeinen die schwerfallige Kraft bald erdrucken. Auch im Kriege ist es nicht viel anders. Das Seltene und Grosse lauft einem auch hier nicht bei jedem Schritt entgegen, und muss man sich oft durch langweiliges, muhseliges Harren hinschleppen, ehe der erste Augenblick eintritt. Freilich, setzte er beruhigend hinzu, als Rodrich beschamt zur Erde sah, freilich bedarf der Eine einen grossern Wirkungskreis als der Andere, und so wird Sie die nahe Aussicht des Krieges freuen! Des Krieges? fragte Rodrich, aus allen druckenden Gefuhlen plotzlich emporgerissen. O mein edler Wohlthater, Sie sollen mich noch freudig in Ihre Arme schliessen, und es nicht bereuen, den Jungling grossmuthig beschutzt zu haben, der alle Gluth eines lebendigen Lebens der Ehre und der Dankbarkeit weihete. Wann und wohin ziehen wir? fragte er mit verlangenden Blicken. So weit sind wir noch nicht, erwiederte der Graf lachelnd. Es ist nur von der Aussicht, nicht von der Gewissheit des Krieges die Rede; eine grossere Macht bedroht die Selbststandigkeit des Staats, der Herzog kennt die Wurde seines Namens und ehrt sein Volk. Er ist zu jedem Widerstande bereit. Wir erwarten nur das Ende einer Unterhandlung, deren Zweck abzusehen ist, um dem Feinde entgegen zu gehen. Die Grenzregimenter haben bereits geheime Ordre sich marschfertig zu halten, und ich werde Sie mit Auftragen zu einem unsrer Generale schicken, der bei der jetzigen Lage der Dinge einen bedeutenden Posten hat. Er ist mein Freund, und seine Bekanntschaft mag Ihnen einmal erspriesslich seyn, wenn im Laufe der Dinge sich manches andert, und meine Hand Sie nicht mehr schutzen kann. Rodrich ergriff die theure Hand und druckte sie geruhrt an die Brust. Mein Sohn, sagte der Graf, ich hoffe, du bist meines Vertrauens werth, und meine zartliche Vorliebe soll mich nicht getauscht haben. Zugle dein strebend Gemuth und bewache dich in dunklen Augenblicken. Das Grosseste bist du fahig zu leisten, aber das Kleine geht unbeachtet an dir voruber, und darum hute dich vor der steilen Hohe, der du so kuhn, ja ich mochte sagen, so frech entgegen fliegst. Die mitgetheilte Nachricht sollte dich aus deiner dumpfen Gleichgultigkeit aufschrecken, du bist aber so gespannt, dass ich vor meinem Geheimnisse furchte. Darum sammle dich, und reise morgen in aller Fruhe. Heute Abend erhaltst du die nothigen Instruktionen. Die Reise soll dir, denke ich, in jeder Art gut seyn. Ach, mein Vater, sagte Rodrich, wie demuthigt mich diese Gute, und wie zerrinnen meine hochfliegenden Plane vor dieser ruhigen Klarheit, und der Sicherheit eines so schuldlosen Gemuthes! Ich bin wohl recht unglucklich, dass mein Gefuhl so oft in mich zuruckgedrangt ward, und der starre Trotz die mildesten Regungen gefangen nahm. Mir ist davon in manchen Stunden eine Kalte geblieben, die mich oft selbst geschreckt, und die nur solcher Liebe weicht. Der Graf umarmte ihn, und bat ihn zu Rosalien zu gehen, die gern von Miranda und der Gesellschaft diesen Abend horen wollte.

Er fand sie ausserst matt, durch Erschopfung entstellt, neben der Grafinn sitzen, die bemuhet war, aus verschiednen vor ihr liegenden Buchern, eine leichte fast spielende Unterhaltung aufzufinden. Mit grosser Geduld nahm sie ein Heft nach dem andern zur Hand, wenn Rosaliens unruhige Blicke die innere Langeweile verkundigten, und lachelnd, wie der Genius des Lebens, verhiess sie ihr von jedem Neuen Genuss. Das ist noch mein grosstes Elend, sagte die Kranke bei Rodrichs Eintritt, dass ich zu dem Geist- und Herzertodtendsten meine Zuflucht nehmen muss, um die innere Angst los zu werden. So lange ich den Schmerz liebte, war ich eine seelige Martyrerinn. Jetzt ist das weit anders. Eine rechte Sehnsucht nach dem freudigen Leben der Jugend drangt und qualt mich. Ich mochte die Fesseln eignen Unvermogens zersprengen, und mich der Lust der Welt hingeben. Die Briefe, ach die ungluckseeligen Briefe, haben mich so verwirrt. Seitdem fuhren mich alle Traume in jenen Zauberkreis zuruck, und mir ist, als musse ich das Fliehende erjagen. Seraphine glaubte wirklich in diesem unstaten Verlangen die ersten Regungen ruckkehrender Lebenslust zu entdecken, und freuete sich Rodrichs Ankunft, dessen fruhere Neigung ihr wie dem Grafen frohe Hoffnung einflosste. Aber in Rodrichs Innerem wogten die aufgefassten Bilder unruhig durcheinander, und die verworrenen Anklange hemmten jedes stille Ineinanderfliessen der Gefuhle. Jetzt insbesondere, da sich die helleste Ferne vor ihm aufthat, und alle angstigenden Rucksichten vor einem freien, beweglichen Leben schwanden, jetzt fuhlte er sich in der Nahe dieser gestorten Natur gedruckt, und die Zuckungen ohnmachtigen Schmerzes legten sich erkaltend an sein Herz. So kam es denn, dass er, ohne sonderlich auf Rosaliens Worte zu achten, einzig um qualende Gedanken zu verscheuchen, von Theresens Bekanntschaft, ihren Umgebungen und dem Eindruck des Ganzen sprach. Seraphine stimmte seinem Lobe bei, und setzte hinzu, dass ihr nichts so auffallend gewesen sey, als wie die Prinzessinn bei der fast verschwindenden Weichheit ihres Charakters, ihrer kleinen Zauberwelt diese Haltung und Einheit gegeben habe. Freilich, sagte sie, spricht alles die zarteste Milde aus, aber auch diese hat ihren bestimmten Charakter, und man vermisst in ihrem ruhigen Schein den Mangel an grossen Gegenstanden nicht, da das Ganze weder farblos noch peinlich ist, und in sich einen grossen Reichthum hat. Es ist kaum zu begreifen, wie sie hier so sicher geht, da sie oft im Leben durch zu zartliches Nachgeben ein Ansehen von Willenlosigkeit erhalt, das Mancher missbraucht. Vor allen, sagte Rodrich, ist mir diese Nachsicht bei Elwiren auffallend gewesen, deren flache Unterhaltung sie nicht einmal zu ermuden schien. Nun Elwiren nehme ich in Schutz, sagte die Grafinn, das ist ein zierliches Wiesenblumchen, das an seinem Platz unendlich reitzend seyn wurde. Sie hat nur das Schicksal anzuklagen, welches sie in diese Kreise versetzte. Ein Anflug halber Bildung, wie der Wunsch neben Miranda nicht ganz zu verschwinden, heben sie zuweilen uber sich selbst hinaus. Sonst ist sie die Gute, die Sanftmuth selbst, und die ganz eigne Liebenswurdigkeit ihres wohlwollenden Gemuthes bricht frei hervor, sobald der Wunsch zu glanzen nicht mit der innern Unzulanglichkeit kampft. Es ist uberall schwer, den Punkt anzugeben, wo man eigentlich steht, vorzuglich denen, die nicht zu den hohern Stufen gehoren. Und was ist denn am Ende hoch und niedrig? wir sind mit dieser Rangordnung sehr schnell bei der Hand, indem wir uns selbst unbedingt auf die Spitze stellen. Rodrich war viel zu sehr mit sich selbst beschaftigt, um irgend einen Gedanken fest ins Auge zu fassen, am wenigsten, um ihn ruhig zu bestreiten, nur schien ihm Seraphine mehr wohlwollend als zartlich, und ihr Urtheil eher durch friedliche Gesinnungen, als durch klare Einsicht bestimmt zu seyn. Schon in fruhern Streiten mit Alexis, erkannte er diese behagliche Ruhe, die sich so gern mit allen befreunden, und die scharfe Ecke aus dem Leben verbannen mogte. Es fehlte ihr keineswegs an Besonnenheit, aber sie drangte das Storende hinweg, und hasste nichts so sehr, als die schwerfalligen Gemuther, welche bei jeder Mangelhaftigkeit stehen bleiben, und fur welche die Sonne nur scheint, wenn sich kein Wolkchen am Himmel blicken lasst. Es fiel ihr sehr selten oder nie ein, sich in den innern Zusammenhang der Dinge zu versenken, und die Bedeutung eines Ubels aufzusuchen; sondern sie eilte leicht daruber hinweg, und Wenige standen vielleicht so fest in der Gefahr. Er hatte dies wohl eher im nahern Umgange erkannt, und sich willig dem reitzenden Leichtsinn hingegeben. So liess er es denn auch jetzt geschehen, dass sie seine Meinung bestritt, wahrend er selbst ungewiss war, ob er nicht vielleicht wirklich zu hohe Anforderungen im Leben mache, und zu wenig auf die verschiedene Natur und das seltsame Gemisch menschlicher Gefuhle achte. Erwagen Sie noch, fuhr die Grafinn fort, dass die Augenblicke so ungleich sind, und dass es Zeiten giebt, in welchen der Erhabenste recht jammerlich dasteht, so wird im Ganzen Ihre Bewunderung weniger gespannt, und Ihr Tadel milder seyn. Rodrich ergriff diesen Gedanken begierig. Er hatte sich dem Grafen gegenuber beschamt gefuhlt, und es vermieden, tiefer in sich selbst zuruckzugehen. Die wechselnden Eindrucke dieser Tage hatten ihn zu den leidenschaftlichsten Ausbruchen hingerissen. Er erkannte sich selbst nicht mehr in der unstaten Sehnsucht, dem Abstossen und Hinneigen seines Herzens, und fluchtete gern zu der allgemeinen Gebrechlichkeit, um die eigne Schwache zu entschuldigen. So blickte er beruhigt in Seraphinens Augen, die ganz unbefangen alle Vorgefuhle hohern Strebens, das kindliche Anstaunen wie die erhebende Bewunderung einzelner grosser Erscheinungen in Anspruch nahm, um das Gleichgewicht Leben im herzustellen.

Rosalie, die wahrend dessen ermattet eingeschlafen war, lachelte jetzt im Traume, und sagte halblaut, sieh Ludoviko, wie uns Fernando winkt; ach er ist wieder ein Kind geworden, und spielt wie ehemals mit bunten Steinchen, die in seinen Handen Blumen werden, um die Braut zu kranzen. Siehst du den Stern in seiner Brust, wie er sich hin und her bewegt, und die Strahlen sein schones Gesicht verklaren? Sie hatte die Augen geoffnet, als sie die letzten Worte sprach, und beide uberfiel ein Schauer, und sie gedachten der Erscheinung im Waldschlosse, wie sie sich langsam aufrichtend, eine Bewegung machte, als flechte sie Blumen durch das Haar. Seraphine reichte ihr eilend starkende Essenzen, und fuhrte sie an ein geoffnetes Fenster, wo sie kaum die frische Luft anwehete, als sie tief athmete und sich von einem angstigenden Traume loszumachen schien. Bald verlangte sie aus dem Zimmer, und zu Miranda gebracht zu werden. Die Grafinn machte sogleich die nothigen Anstalten, und Rodrich verliess sie in einem Zustand, der ihn aufs neue aus seiner kaum gewonnenen Ruhe aufschreckte.

Am folgenden Morgen trat er, mit den Auftragen des Grafen versehen, seine Reise in aller Fruhe an. Als er durch die einsamen Strassen ritt, wo schon langst kein Wagen mehr rollte, und die laute Freude zu stilleren Genussen fluchtete, blickte er wehmuthig auf die armen Menschen, die das drangende Bedurfniss schon wieder zu dem muhseligen Tagewerk jagte und deren armliches Ansehen wunderlich gegen die Pracht der Gebaude abstach. Er fuhlte sich leichter, als ihn sein Weg endlich an den Garten voruberfuhrte, und die wohlhabenden Besitzer den Reichthum uberschauend, seinen Morgengruss im behaglichen Wohlseyn erwiederten. Je weiter er kam und die bluhende Ebene sich vor ihm aufthat, je freier ward ihm um's Herz, und wie sein Pferd lustig forttrabte, und die Morgenluft ihn so erfrischend anwehete, fuhlte er sich zu jedem Geschafte freudig gestimmt. Er sah recht, wie er thatig in's Leben eingreifen und die trage Ruhe von sich verscheuchen musse.

Alles, was ihn in dieser Zeit gedruckt, alle Fieberschauer, die seine krankliche Heftigkeit entzundet hatten, alles schwand vor dem hellen heitern Leben der Natur. Im freiesten Spiel seiner Krafte sagte er froh: unter steter Anstrengung, muss der Mensch den Genuss des Augenblicks erringen! Was sich ihm so ungesucht aufdringt, und wahrend es den Sinnen schmeichelt, die lebendigste Kraft gefangen nimmt, das widersteht dem Uebersattigten, und die innere Lust erkrankt in truben Bildern. Sich so recht in die wogende Fluth zu tauchen, zu wagen und zu wirken, die verschlossenen Quellen des Lebens zu eroffnen und im Fluge das Gluck zu erhaschen, das zog ihn unwiderstehlich in die Welt, das reitzte ihn zum freudigen Kriegerleben. Und jetzt erweiterte sich so ungehofft der beschrankte Kreis seines Wirkens. Die ersten Schritte waren gethan, und er sah in Gedanken die reiche, gehaltvolle Zukunft. Was konnte nicht alles geschehen, wenn der rechte Ernst die Herzen entflammte, die oft bei einer fluchtigen Anregung kraftig schlugen. Jede bessere Aufwallung seiner Cameraden kam ihm jetzt ins Gedachtniss. Er liebte sie alle, seit er hoffen konnte, an ihrer Seite zu fechten und die gleiche Lust und Gefahr mit ihnen zu theilen. Selbst an Stephano konnte er ohne Bangigkeit denken, und es reuete ihn fast, ihn diesen Morgen nicht aufgesucht und durch einen freundlichen Abschied den storenden Eindruck des gestrigen Gesprachs ausgeloscht zu haben. So wohlwollend hatte er noch nie auf die Menschen geblickt, die ihm alle in dem erheiterten Sinn gut und liebreich erschienen.

So ritt er, durch freudige Bilder fortgezogen, immer schneller und schneller, als ihm sein Diener eine schon gebauete Capelle zeigte, die sich hinter dunklem Gebusch auf einem Hugel erhob. Die Sonne stand in voller Pracht uber der glanzenden Kuppel und die nahe stehenden Silberpappeln zitterten wie tausend lichte Flammchen in ihrem Schein. Er betrachtete sie noch aufmerksam, als die Messe eingelautet ward, und der helle Klang durch Berge und Klufte wiederhallte. In dem Augenblick vernahm er auch einen volltonigen Gesang und ein Trupp geschmuckter Landleute ging aus einem nahen Dorfchen den Weg zur Kirche hinan. Vier Knaben mit langen Bluthenzweigen und blendend weissen Tuchern, die sie hoch in der Lust flattern liessen, eroffneten den Zug, in ihrer Mitte ging eine Jungfrau mit einem neugebohrnen Kinde, dessen bunte Deckchen mit Blumen und Bandern geziert, den lustigsten Anblick gewahrten. Hinter ihnen kamen Manner und Frauen im schonsten Festtagsputz, Crucifixe und Heiligenbilder tragend, die sie in frommer Andacht zum Himmel erhoben und bei jedem Schlusse des Chors ein freudiges Halleluja aus voller Brust anstimmten. Rodrich hatte seit der Flucht aus dem Kloster nie eine Kirche besucht. Jene dustre Erinnerungen verschlossen sein Herz fur die Seligkeit heiliger, hingebender Andacht. Nur einmal hatte er die Entzuckungen des Gebets erkannt. Wie ein himmlisch Licht hatte es seine Seele durchdrungen, hingerissen, aufgelost in Wonne hauchte er sein ganzes Wesen in einem unaussprechlichen Ton der Liebe aus. Was konnte ihm jenen Augenblick zuruckfuhren, der das Ende seines Lebens hatte seyn sollen! Wie konnten schaale Gebrauche ihn erheben, deren tagliche Wiederholung seine Kindheit so unbarmherzig trubten! Mit wahrer Bitterkeit hatte er sich davon abgewandt, und es sorgfaltig vermieden, sein Inneres durch so gehassige Gefuhle zu zerreissen. Hier in der Einsamkeit ruhrte ihn der einfache Gesang zum erstenmal, und als die frommen Knaben sich naheten, wiederholte er unwillkuhrlich die Worte des Liedes, bis ihn der Ton immer mehr fortriss, und er sich plotzlich am Eingange der Capelle befand. Er stieg vom Pferde und trat in das weite herrliche Gebaude. Ein schoner Greis mit glanzenden Silberlocken stand vor dem Hochaltar, vor welchem drei weisse Grabsteine eingesenkt waren. Auf einem derselben kniete die Mutter mit dem Kinde, das von ihren Lilienarmen umringt, hell und verheissend uber die Graber hinaus sah! Rodrich hatte sich dem Altar gegenuber an ein Monument gelehnt, hinter welchem herbeigelaufene Kinder leise Versteck spielten. Er betrachtete jetzt das steinerne Bild naher, das ihn halb verdeckte und erkannte bald den Tod in der Gestalt eines schonen Junglings, dessen umgewandter Fackel, Blumen wie einem Fullhorne entstromten, wahrend sich auf den Mohnstengeln Genien in einem Schlangenreise wiegten. Rodrich glaubte, dies Denkmal musse Beziehung auf die Grabsteine haben, und als er dorthin sah, war es gerade, dass der Geistliche das Kind aus des Madchens Arm nahm und es schwebend uber den Weihkessel hielt. Die vielfachen Bilder verwirrten sein Inneres. Er glaubte, die Graber hatten sich aufgethan, und die Jungfrau trate mit dem Jesuskinde hervor, und reiche der harrenden Zeit noch einmal die ewigen Bluthen des Lebens. Und als die Einsetzungsworte gesprochen, und Alles andachtig zur Erde sank, da kniete er weinend nieder, denn er sah die unaussprechlichen Martern, und den Erloser am Kreutz; ihm war, als stehe das Elend und der Hohn und die Schmach schon bereit, ihn zu empfangen; ach, und die verkannte Liebe brach nun so plotzlich hervor, dass er sich lange nicht fassen konnte, als die Knaben schon ihr Lied angestimmt und die muntre Schaar an ihm voruberzog. Sein Diener, den indessen weniger heilige Dinge beschaftigten, ging unruhig mit den Pferden unter den Baumen auf und ab, und da er die Kirche leer sah und merkte und sein Herr nicht kam, so wagte er es, sich zu nahen und den Kopf durch eine Seitenthur zu stecken, als die Pferde plotzlich ungewohnlich stampften und wieherten, worauf Rodrich erschrocken aus seinen Traumen aufsprang, und durch ein Versehen den losgehakten Degen mit grossem Gerausch die Stufen des Monuments herunter fallen liess. Der Capellan, der eben sein stilles Gebet geendet, sahe verwundert umher, und als sich Rodrich entschuldigend nahete, sagte er heiter: es geht den Kriegern nicht anders, die einmal fromm seyn wollen, die Welt ruft sie auf tausend Weisen zuruck, und racht ihr augenblickliches Vergessen durch irgend einen Hohn der Kirche.

Rodrich liess sich bald in ein weitlauftigeres Gesprach mit ihm ein, und eilte, ihn nach der Bedeutung des Denkmals und der Graber zu fragen. Hier, sagte der Geistliche ernst, ruhen drei Herzen neben einander, die sich im Leben durch Hass und Liebe verfolgten. Es waltet oft ein furchtbares Verhangniss uber den Sterblichen, der es erkennt und geangstet in die Arme der Tugend fluchtet, aber die losgelassenen Wunsche ziehen ihn fort und fort ins Verderben. Die Erbauerinn dieser Capelle, fuhr er fort, war aus furstlichem Stamme. Ihr leidenschaftlicher Sinn umfasste alles mit einer Heftigkeit, die sich bald in der Neigung zu einem schonen Knaben offenbarte, den ihr Vater im Pallast erziehen liess. Sie war nicht fest genug, diese Liebe auf Kosten des vaterlichen Zornes geltend zu machen; daher beugte sie sich in die Nothwendigkeit, und das lockende Dunkel des Geheimnisses barg und nahrte ihre Flammen. Wie denn aber Sicherheit und Gefahr oft Hand in Hand gehen, so nahete sich ihr die letzte, ehe sie es ahnete. Die Entdeckung ihrer Liebe liess ihr die Wahl zwischen dem Kloster oder der Hand eines vornehmen Verwandten. Der heitre Strom ihres Lebens war getrubt, ihr Gluck zertrummert, und dennoch schauderte ihr vor der Einsamkeit. Sie willigte also, nach den ersten Ausbruchen des Schmerzes, in die vorgeschlagne Verbindung. Ihr Geliebter wandte sich still von dem Schauplatz der seligsten Erinnerungen und opferte ohne Klage ihrer Ruhe alle gehofften Freuden. So verstrichen mehrere Jahre, wahrend denen ihr verwohntes Herz zwischen Pflicht und unbefriedigter Sehnsucht schwankte. Ein einziges Kind, das in der verzehrenden Gluth ihrer Liebe aufwuchs, erregte unaufhorlich ihre Sorgen, und wenn sie sich einen Augenblick den seligen Genuss seines Anschauens gewahrte, so erschrack sie uber die sorglose Ruhe und ahnete irgend ein Ungluck, das sie zu beschleichen drohe. Ihren Gemahl betrachtete sie wie das gewaltige Schicksal, das mit eisernen Schritten auf ihrem Wege hin und her gehe. Daher erschreckte sie sein Anblick jedesmal, und sie erkrankte endlich bei der wachsenden Reitzbarkeit ihrer Sinne. Ihre Familie, die das Uebel von korperlicher Schwache herleitete, bot jedes Mittel zu ihrer Herstellung vergeblich auf. Aerzte und Heilige scheiterten an der innern Unzuganglichkeit dieser zerrutteten Natur.

Sie ward nach und nach immer stiller und man sah sie nur zuweilen mit ihrem Kinde im Arme zu einem nahen Kloster wallen, wo sie unter eifrigem Gebet oft mehrere Stunden zubrachte. Einst als sie dort in der heftigsten Anstrengung vor einem Heiligenbilde kniete, sank sie ohnmachtig nieder, und wie sie die Augen aufschlug, stand ihr Geliebter an ihrer Seite. Sie breitete sehnend die Arme aus, allein ihre Frauen, durch dies plotzliche Uebel erschreckt, trugen sie ins Freie, wo sie in der sussesten Verwirrung alles um sich her anstaunte, und selbst nicht zu unterscheiden wusste, ob ihr jenes Gesicht im Traume, oder wirklich erschienen sey. Von diesem Augenblick an genass sie. Die wiederkehrenden Bluthen ihrer Schonheit, die Milde und die Weichheit in ihrem Betragen, alles tauschte ihre Freunde uber den wahren Zustand ihres Herzens, das durch neue Hoffnungen belebt, eine verderbliche Liebe hegte. Das Kloster betrat sie nie mehr, wohl aber umfingen sie die dunklen Schatten dieser Baume jeden Abend, in deren Geflister sie die Vergangenheit hervorrief. Einst sass sie hier bis spat in der Nacht, da trat der schone Jungling reich geschmuckt vor sie hin. Schweigend sanken sie einander in die Arme, und keins wagte die entzuckende Stille zu unterbrechen. Da sturzte ihr Gemahl aus dem Dikkicht, und nach einem kurzen lautlosen Kampfe sanken beide zu Boden. Starr und todt lagen sie auf derselben Stelle, die nun ihr Grab geworden. Ich fand die Ungluckliche ohne Zeichen des Lebens wie eingewurzelt an einen Baum gelehnt, wahrend die kleine Viormona ruhig zu ihren Fussen schlief. Viormona! rief Rodrich aus, und seine Augen trafen die Inschrift des Leichensteins, die ihm bald sagte, dass jene wundervolle Gestalt, die ihn so unwiderstehlich fortriss, aus dem bittern Streit der qualendsten Gefuhle hervorging.

Diese lebt in Glanz und Herrlichkeit, sagte der Greis, und weiss wohl wenig von den Leiden ihrer Mutter, die nur noch ein Jahr lebte, in welchem sie die prachtige Villa niederreissen und diese Capelle erbauen liess, die nun alle drei in ihrem Schoosse birgt. Rodrich konnte sich von dem Anblick der Graber und der seltsamen Gedanken nicht losreissen, ob ihn gleich der Geistliche, durch Berufsgeschafte abgehalten, bald verliess, und die Winke und das halblaute Flistern seines Dieners ihn zur Fortsetzung der Reise mahnten. Alle Schmerzen, alle Kampfe eines ganzen Lebens, sagte er betrubt, sinken so schnell in die Vergessenheit, dass sie nur noch bei ausseren Anregungen in dem Gedachtniss eines verlebten Greises wieder erwachen. Was die Ungluckliche liebte und litt, das ruhet mit dem armen herzen in der Erde. Ach, und Niemand, selbst die verwaiste Tochter ahnet ihre Qualen! Es konnte ihn nicht trosten, das nun alles voruber, und das Leben wohl nur ein langer Traum sey. Dies spurlose Voruberziehen einer grossen Gegenwart war ihm schmerzlich, und er konnte lange seine vorige Stimmung nicht wiederfinden.

Als er endlich wieder zu Pferde und auf dem Wege war, fragte ihn Felix, ob er nicht lieber bei der grossen Hitze in das Dorf einkehren wolle, um etwas zu geniessen, was ihnen dort nicht fehlen konne, weil der Gastwirth, wie er von den Voruberziehenden erfahren, heute das Kindtaufsfest feiere, und die allgemeine Lust sicher gross seyn werde.

Rodrich sehnte sich wirklich nach Erholung, und nahm den Vorschlag an. Da sie nun den schmalen Fusssteig zwischen den Weinbergen hinritten, die vollen Trauben lockend aus dem Laube winkten und die Wirklichkeit sich in tausend uppigen Gestalten wieder vor seinen Augen verdichtete, dachte er daran, dass er fast hier wieder, wie so oft im Leben, den Genuss des Augenblicks fur eine ungewisse Zukunft hingegeben hatte, ohne zu erwagen, dass sich die verschmahete Freude dann gern in der getauschten Erwartung rache.

Er war jetzt in das Dorf eingeritten, wo ihm fast aus jedem Hause Gesang und Musik entgegen schallte. Vor einem derselben war das Madchen aus der Kirche beschaftigt, in einer weit vorgebaueten geraumigen Epheulaube Tische und Stuhle zu ordnen, wahrend ein kleiner Mann ihr zur Seite alles verbessernd musterte, und sie zur Eile antrieb. Felix sagte mit grosser Zuversicht, dies sey ohnfehlbar der Gasthof, und er mochte nur getrost hier absteigen. Rodrich trat unter das grune Dach, und bat das Madchen, welches ihm in der Erinnerung noch so heilig vorschwebte, bescheiden um Milch und Fruchte. Allein der eilfertige Wirth liess ihr nicht Zeit zu antworten, er flog den vornehmen Gast zu bedienen. Rodrich setzte sich indessen zwischen den bluhenden Ranken und freuete sich der lustigen Geschaftigkeit, die Gross und Klein in Bewegung setzte. Ueberall sahe man Vorkehrungen zu dem morgenden Tage, wahrend die heutige Feier Geladne und Ungeladne herbeizog und Alle auf irgend eine Weise daran Theil nahmen. Vor einem gegenuber stehenden Hause wiegten sich zwei zierliche Madchen mit geschmuckten glanzenden Strohhutchen, auf einem schmalen Bret, das uber einem abgehauenen Baumstamm lag, wahrend sie mit grosser Geschicklichkeit Korbe flochten, die sie ofters in die Hohe warfen, und indem Eine die Andre hob, auf einem Stabchen wieder auffingen. Ein jedesmal trat dann eine keiffende Alte zur Thure heraus und verhiess ihnen nicht die freundlichste Hulfe; sie aber wiesen die fast vollendete Arbeit, und trieben das Spiel immer aufs neue, bis plotzlich ein feiner Knabe mitten auf das Bret sprang und ihnen die Korbe wegfing. Auf ihr Geschrei kam die Alte gelaufen, und Rodrich klopfte wirklich das Herz bei ihrem Anblick, denn er sah alles Unheil, was nun entstehen musste. Der betretne Knabe liess die Korbe sogleich fahren, und die Madchen folgten willig in das Haus, wo sie Rodrichs Blicke lange vergebens suchte, bis sie endlich aus einem Dachfensterchen hervorguckten, und den bunten Gasthof verlangend und neugierig betrachteten. Alle ihre Bewegungen druckten die hochste Lebhaftigkeit aus, die keine Unfalle beugen konnte, im Gegentheil schien ihre Zuversicht nur zu wachsen, denn sie zeigten einander ihre Arbeit, und klopften in die kleinen Hande voll froher Erwartungen. Bald kam auch der Knabe geschlichen und flisterte ihnen etwas zu, was Rodrich indessen nicht verstehen konnte. Sie bogen sich aber heraus, und lachten heimlich, indem sie ihm die Korbe hinhielten und ihn unaufhorlich neckten, als hochst unerwartet das Gesicht der Alten zwischen den Cherubskopfchen hervorsahe; doch die Korbe waren fertig, und sie kussten die durren Wangen, bis sie ein Strahl ihrer Freude belebte und Alle bald wieder vor der Thure erschienen. Rodrich war durch den kleinen Vorgang so gefesselt worden, dass er es nicht bemerkte, wie es nach und nach immer lebendiger um ihn her ward, und Gaste und Reisende um die besetzten Tische Platz nahmen. Die Emsigkeit des Wirthes, sein unaufhorliches Rufen: "Marie, hierher! Marie, Glaser! o eilig, eilig, ich ware schon zehnmal wieder da!" machte ihn endlich auf die Anwesenden aufmerksam, und schon zog die Mutter des neugebohrnen Kindes seine Blicke auf sich. Ein langer rothlicher Mantel, in welchen sie das Kind eingeschlagen hatte, und der die eine Schulter deckte, wahrend er sich in den reichsten Falten um die Huften schlang, gab ihrer ubrigens landlichen Kleidung etwas vornehmes und phantastisches, wie der leichte Anflug von Kranklichkeit und Erschopfung uber ihre funkelnden Augen eine zauberische Milde ausgoss. So oft sie das geliebte Kind an die Brust druckte, oder sich uber dasselbe hin bog, flog die schonste Rothe uber ihr klares durchsichtiges Antlitz, und sie blickte dann freudig auf Marien, die ihr Entzucken theilte, wahrend der unruhige Vater mit einem fluchtigen Kuss und einer ungeschickten Liebkosung an dem zarten Kinde voruberflog. Rodrich hatte sie lange Zeit mit Bewundrung angestaunt. Alle Madonnen, die er je gezeichnet kamen ihm wieder ins Gedachtniss, und er sah recht, wie diese Weichheit, diese Demuth und Zuversicht mutterlicher Liebe, dies reiche Spiel wechselnder Gefuhle in den strahlenden Zugen unerreichbar sey, als er zufallig einen Mann erblickte, dessen Augen von den aufgestutzten Handen beschattet, unverwandt auf die Frau gerichtet waren, als wolle er das schone Bild, rein von allen storenden Umgebungen, auffassen. Wie einen das Bekannteste, bei unerwarteter Erscheinung, oft fremd dunkt, so konnte er sich im ersten Augenblick nicht besinnen, wen er vor sich habe; doch plotzlich sturzte er voll Freude in die Arme des betroffnen Mahlers, der ihn zweifelhaft ansahe, und halb froh halb betrubt sagte: so schnell bist du der Kunst untreu geworden? Rodrich war wirklich verlegen, was er antworten sollte, denn er fuhlte wohl, dass seine Grunde wenig Eingang bei dem eifrigen Kunstler finden wurden, als dieser heftig fortfuhr: sieh' hieher, was kannst du herrlicheres vollbringen, als diesen ewigen Gedanken der Schopfung, diese Mensch gewordne Liebe, in dem verklarten Bilde, was hier vor meinen trunknen Sinnen schwebt, immer und immer wieder ausser dir hinzustellen und die Kunst in ihm zu verewigen? Was kannst du noch anders wollen? und darfst du hoffen, bei dem unruhigen Gewerbe, das du ergreifst, je das Bleibende zu erfassen? Was ist bleibend, sagte Rodrich, als der Gedanke des Lebens? und spiegelt sich der nicht in dem steten Wechsel, wie in der ruhigen Wirksamkeit des Menschen? Mich reisst der Augenblick fort, und ich muss mich dem beweglichen Spiele hingeben oder in der innern Unzufriedenheit vergehen. Und zu was, fragte der Mahler, soll dies zwecklose Spiel fuhren? Zwecklos? wiederholte Rodrich. Nennen Sie so das freieste Ringen und Entfalten der Krafte, das wie Himmelsklang das Innere durchrauscht und jede trube Sorge von dem reinen Spiegel einer muthigen Seele weghaucht? Und was, als dieses Entzucken, wird fortleben, wenn die Zeit auch Ihre bluhenden Traume verwischt und die Fruchte einer muhevollen Laufbahn verschwinden?

Sie hatten sich gleich beim ersten Erkennen aus der Laube entfernt. Rodrich sprach mit vieler Heftigkeit, denn es erbitterte ihn, dass seine Freude so ungetheilt blieb, und der Freund nur auf die Verschiedenheit ihrer Wege achtete. Und wiederum konnte sich dieser gar nicht zufrieden geben, so die besten Erwartungen getauscht und alle Sorge und Fleiss verschwendet zu sehen. Er betrachtete Rodrich mit unwilligen Blicken, ohnerachtet dessen freier Anstand und die edle Haltung dem kunstlerischen Auge nicht zuwider seyn konnte. Tausend Versuche ihn der Kunst wieder zu gewinnen, glitten an der verschlossnen Seele des gereitzten Junglings ab, der endlich unwillig ausrief: Ich kann nun einmal weder die Ruhe, noch die Freiheit erringen, in den abgeschlossnen Bahnen eine Welt aus mir hervorzurufen, die reich und gehaltvoll genug ware, um mein Verlangen zu stillen, und ich will der Natur den Schimpf nicht anthun, zu glauben, als fuhre nur ein Weg zur Seligkeit. Ich habe es immer gefuhlt, sagte der Mahler, dass dir die rechte Liebe fehle, aber ich glaubte dich nun schon zu vertraut mit der Kunst, um je wieder von ihr lassen zu konnen. Jetzt sehe ich wohl, es war der Ritter und das Schwerdt, was dich an jenem Abend in der Hutte bewegte, und nicht die Freude am Bilde selbst, wie ich thoricht glaubte. Und doch, sagte Rodrich, durch jene Erinnerungen erweicht, ich kann da nichts trennen, und ich wollte, ich hatte diese Einheit, dies Zusammenfallen oder Zusammenhalten der Gefuhle in allen Verzweigungen des Lebens bewahren konnen, aber da spaltet und fachert sich alles so seltsam von einander, dass die rechte Lust in tausend Stuckchen zerbrockelt, und nichts ubrig bleibt, als die durre Ueberlegung, die in besonnenen Augenblicken das Gerippe zusammenhalt.

Der Mahler wandte sich verdriesslich von ihm ab, und er blieb in dem Andenken des hervorgerufnen Bildes und der Stunde versenkt, die ihn zuerst der Welt zufuhrte. Alles was er dem gutigen Beschutzer verdankte, die edlere Bildung, ausseres Wohlseyn, die jetzigen Verhaltnisse, alles dies reihete sich unmittelbar an jene Erinnerungen, und es that ihm leid, sich so schroff und stolz gezeigt zu haben, da auch sein jetziger Tadel eine Theilnahme verrathe, welche die Liebe fur ihn und die Kunst so umfasse, dass er sie vielleicht selbst nicht zu trennen wusste. Indessen war es ihm trostlich, dass ihm dieser Streit wieder neue Anregungen gegeben, und ihn klar einsehen lehrte, wie nur das bewegliche, flussige Licht des Geistes durch alle Zeiten fortstrome, und sich von Geschlecht zu Geschlecht in den Herzen verjunge, wahrend die kleinen Werke der Menschen zerfallen und ihr unscheinbares Daseyn von der Erde verschwindet. Und so, rief er, ist auch die stille Liebe und Seligkeit der Unglucklichen, deren Grab ich heut betrat, nicht gestorben, denn alles, was nur recht tief im Innern empfunden wird, das ist so gewiss ewig, wie das Leben selbst. Er sehnte sich mehr als jemals nach dem Kriege, wo die Gegensatze recht scharf hervorspringen, und der Mensch so gross uber die Erde hinsieht und sich freudig vergisst in der Ehre und dem Ruhm, der ihn weit uberleben soll. Unter diesen Gedanken ging er mit raschen Schritten auf und ab, als ganz unerwartet, die beiden Madchen vor ihm standen, die ihn vor wenigen Augenblicken so ergotzten. Es waren zwei zarte Roschen, deren nahes Erschliessen sich in den halb jungfraulichen halb kindischen Blicken und Geberden offenbarte. Die Alteste sah schon recht listig aus dem Strohhutchen hervor, und als sie Rodrich umschlang, wehrte sie den Kuss nur leicht ab, der den frischen Mund fluchtig beruhrte. Die kleine Laura erzahlte nun alles, was sie auf dem Herzen hatte, und wunschte sehnlich, die Aufmerksamkeit des schonen Herrn auf sich zu ziehn. Rodrich horte auch willig zu, und liess sich gern von dem Syrenenstimmchen in den sussesten Taumel hineinschwatzen. Cyane trieb indess zur Eile, da die Musi klangst angefangen hatte, und in der Laube schon getanzt wurde. Als sie unter das Laubdach traten, kam ihnen Marie mit einem Korbe der schonsten Kranze entgegen, die sie uberall an den Ranken befestigte, und das bunte Gewinde in der Luft spielen liess, was den lustigsten Anblick gewahrte, indess die bewegten Blumen erfrischenden Duft verbreiteten und die zarten Wangen der Madchen mit ihrem Glanze farbten. Alles war wie berauscht, und der Wirth, der es wirklich war, lief mit lacherlichen Geberden umher, und indem er den vollsten Kranz herunterriss, und ihn auf die rothe Stirn druckte, glich er einem Faun, der mit seinen Bocksprungen die Gesellschaft zum unversiegbaren Gelachter reizte. Rodrich hatte Cyanen, die beim Tanzen den Strohhut ablegte, des Gegenstucks wegen die schonsten Blumen zwischen die braunen Locken geflochten, und fuhlte, als er die Reihen mit ihr hinunterflog, nicht ohne Bewegung die kleine Brust an der seinigen schlagen. Die andern Madchen hatten sich indessen vertraulich genahert, und sahen mit Wohlgefallen in die hellen Blikke des vornehmen Fremden. Der leichte Ton, den er sich hier erlauben durfte, die ungezwungene Art des Tanzes, die leichtfertigen freien Blicke seiner Tanzerinnen, alles riss ihn fort, und er wiegte sich an der Hand einer schlanken Blondine in lusterne Traume, als seine Augen denen der einsamen Mutter begegneten, die in dem Anschauen ihres Kindes versenkt, in einer eignen Welt lebte, und nur zuweilen und fluchtig auf die wogende Fluth blickte. Er wusste selbst nicht, wie es geschah, dass er an Miranda dachte, und sich jeder unheiligen Regung in tiefster Seele schamte. Marie, die dem Kinde auch ein Blumenkettchen gewunden hatte, kniete vor diesem nieder, und schlang den Kranz um die weissen Kussen. Die schone Frau kusste sie auf die Stirn, und Rodrich, der sich genahet hatte, horte dass sie ihr leise zuflisterte, bringe doch den Bruder zur Ruhe, die Thorheiten angstigen mich. Grosser Gott! dachte er, muss dieser Himmel gerade von der gemeinsten Rohheit getrubt werden, und ist denn nichts rein in der Welt, dass man sich an keinem Gebilde ohne wehmuthige Storungen erfreuen darf. Ach es ist wahr, das Gluck und die Freude spielen nur auf der Oberflache des Lebens, und wenn man sie fassen will, so winken sie uns weit aus der unerreichbaren Tiefe, wo der Mensch schaudert, hinabzusteigen. Der Mahler trat jetzt auf ihn zu, und fragte spottisch, bist du so schnell mit der Wirklichkeit zerfallen, dass Du mit diesen trubseligen Mienen in die allgemeine Freude hineinschauest? Und dankt Dirs der fliehende Augenblick nicht besser, dem Du dich so gern hingiebst? Wer hat ihn, fesseln wollen, fragte Rodrich, durch die Frage schnell zu sich selbst gebracht. Dies Ziehen und Wandeln, dieser ewige Wechsel von Lust und Schmerz ist ja das rechte Leben, dessen hochstes Ziel wohl jedem gleich abwarts steht. Dem Kunstler nicht, erwiederte jener, der weiss den Streit zu losen, und den Augenblick zu verewigen. In den reinen Himmel seiner Phantasie tritt nur das Urbildliche der Welt, und die niedre Mangelhaftigkeit schwindet vor dem ewigen Schonen, das seinen Blick verklart. Wenn ihn dieser Blick nicht durch das ganze Leben begleitet, sagte Rodrich, so sind dies auch nur Erhebungen, die er uberall mit den hohern Menschen gemein hat, und was ist denn der Kunstler anders als ein rustiger Streiter, dem die Siegespalme aus der Ferne winkt. Oder ist es nicht ein Streit zu nennen, wenn Gedanke und That mit einander ringen, und die Schopfung langsam ans Licht tritt und oft ganz anders, dem schaffenden Geiste fremd da steht, und er das eigne Kind widerstrebend anerkennt? Ist es etwa keine Mangelhaftigkeit, wenn der zuruckgezogne Blick aus der innern Welt hervortritt und die kleinen Sorgen des Lebens ihm begegnen, den frischen Muth anfallen, an ihm nagen und zerren, bis er geangstet in seinen Himmel fluchtet, und ihm das nur ein Zufluchtsort bleibt, was eigentlich gar nicht von dem Leben losgerissen, sondern Eins mit ihm in der innern und aussern Verklarung gedacht werden soll? Wohl dem, erwiederte der Kunstler, der sich diesen Zufluchtsort nicht versperrte, er ist ihm ein sichrer Anker auf der tosenden Fluth, wo die meisten ohne Halt herumirren und rettungslos untergehen. Wer sich so frech dem Kampfe blosstellt, und mit Riesenarmen die ganze Fulle der Natur im bunten Wiederschein ihres wandelnden Lebens umfassen will, dem widersteht alles, bis die Hand, in der jede Lust zerbrach, dem thorichten Herzen Fesseln schmiedet, und ihm in der ganzlichen Hoffnungslosigkeit erst die rechte Hoffnung erbluhet. So ging es manchem frommen Einsiedler, den ein muhevoller Weg doch nur zum verfehlten Ziele drangte. Haben Sie, sagte Rodrich ihn schnell unterbrechend, den Heiligen gekannt, dessen Bild Sie mit der hinreissenden Wahrheit auffassten, so dass ihn Niemand ohne Ruhrung sieht. Ja, sagte der Mahler ernst. Mein keimendes Talent entfaltete sich unter seinem Schutz. Er stand zu hoch, als dass ich in sein Inneres hatte dringen sollen, allein ich weiss, wie das Opfer eines geliebten Kindes die schuldbeladne Seele befreien sollte, und darum ward er zum Martyrer an des Sohnes That. Rodrich, den diese Worte ausserordentlich bewegten, wollte weiter in ihn dringen, und sagte ihm, was er selbst Naheres von dem Zusammenhange des Ganzen wusste; allein der Mahler bat ihn, diese Erinnerungen nicht wieder aufzuwekken. Hat doch, setzte er hinzu, die Hand des Himmels jede Spur getilgt, und es soll ja vergessen seyn.

Ein allgemeiner Larm zog sie hier zu der Menge hin. Der Wirth hatte in der Trunkenheit das Kind von dem Schoosse der Mutter gerissen, und sprang in den gefahrlichsten Stellungen mit ihm umher. Niemand wagte sich zu nahen, aus Furcht, ihn zu wildern Ausbruchen zu reitzen. Vergebens flehete Marie, vergebens streckte die weinende Mutter die Arme aus, er schrie und jauchzte vor innerer Lust und trieb sein tolles Spiel ungestort. Rodrich kannte sich nicht vor Wuth, er theilte schnell die gaffende Einfalt und rief mit furchterlicher Stimme: steh' Kobold, und gieb mir das Kind! Wie gebannt liess der Erschrockne die Arme sinken, und Rodrich fasste leicht und behend den zarten Liebling, den er in der heiligsten Ruhrung an das geangstete Mutterherz legte, indem er sagte: die Engel der Unschuld mogen dich hier bewachen und jede Gefahr von dir abwenden; und als umfinge ihn diese Unschuldswelt, neigte er sich vor der segnenden Hand der bewegten Frau, die ihm nur weinend dankte. Der Mahler druckte ihn an das Herz und konnte lange nicht sprechen, dann sagte er: lebe wohl, mein liebes Kind, ich muss dich jetzt verlassen, aber ich scheide ruhiger von dir, als ich dich begrusste, und wer weiss wie alles kommt, du kehrst wohl noch einmal zu deiner fruhern Beschutzerin zuruck. Rodrich dachte jetzt nicht an die Kunst, und freuete sich nur der wiederkehrenden Liebe seines Wohlthaters, der sich seinen Umarmungen entriss und forteilte. Er wollte nun auch seinen Weg verfolgen, da ihm ohnehin die vorige Storung das kleine Fest verleidet hatte, und als er hierzu Anstalten machte, sah er mit grosser Beschamung den reich gekleideten Felix von der schonen Blondine mehr als sich begunstigt. Er liess schnell die Pferde kommen und ritt eiligst davon.

Wie er nun endlich das Ziel seiner kleinen Reise erreichte und die alte stark befestigte Stadt betrat, fuhlte er eine innere Scheu, die sich beim Anblick des etwas feierlichen Generals nur noch mehrte. Er konnte Anfangs nicht begreifen, wie dieser fur den heitern offnen Grafen passe, und was sie eigentlich verbinde. Allein es offenbarte sich ihm bald eine ganz neue Seite seines Standes, die er bis jetzt noch nicht so beachtete, und die der erfahrne Graf wohl zu ehren verstand. Es war nicht sowohl das freie muthige Soldatenleben, was er hier traf, sondern der tiefere Kriegersinn, das Wissenschaftliche der edlen Kunst, was sich im Laufe der ernsten Gesprache verkundete, und als Rodrich seine Unwissenheit hierin nicht bergen konnte, mahnte ihn der gebildete Feldherr zum Fleiss und strengen Studium an, und gab ihm mit vieler Gute selbst einige Anleitungen, indem er ihm die reichen Hulfsquellen seiner Buchersammlung eroffnete. Ich sehe wohl, sagte er, es fehlt Ihnen nicht an dem schnellen Blick, der Gewandtheit und Kraft, die das eigentliche Geniale des Kriegers verkunden, und was keine Kunst der verschlossnen Natur aufdringt; allein verschmahen Sie nichts, was Sie tiefer in das Wesen der Sache einfuhrt, und Ihren Gesichtskreis in jedem Augenblick erweitert. Es ist nicht selten, dass die jugendliche Fulle sich ohne innern Halt fruh erschopft, und das schnell verstromte Feuer eine leere, schlaffe Unthatigkeit zurucklasst. Ich habe Junglinge gekannt, die wohl fruher die Welt ersturmt hatten, und sich dann in den engen Kreis mechanischer Fertigkeiten zuruckzogen, um ein trages Leben hinter einer gemeinen Wirksamkeit zu verbergen. Und wer weiss, ist die fruh geendigte Laufbahn vieler Helden nicht oft die Rettung ihres Ruhms gewesen. Manchem wollte das Schicksal nicht so wohl, der dann eine glorreiche Jugend durch kleine Rucksichten befleckte. Es ist nothwendig, eine grosse innere Thatigkeit in sich zu erhalten, um den gewaltsamen Drang nach aussen zu beschranken, der nicht immer das Rechte erzielt. Nur da, wo die Einsicht Vorsicht wird, und den eigentlichen prophetischen Blick erzeugt, ohne welchen der Feldherr nicht einen Schritt thun kann, da soll sich die innere Kraft ungemessen ergiessen, bei der wachsenden Gefahr immer starker anschwellen und wie ein gewaltiger Strom alles zu dem hohen, erkannten Ziele fortreissen.

Rodrich sah wohl dass ihm noch vieles mangele, um mit Sicherheit den leicht betretnen Weg fortzugehen, und dass er, wie es wohl mehrere thun, die umfassende Wirksamkeit zu fluchtig uberschaute, um sie gehorig zu wurdigen. Es beruhigte ihn daher, als der General fortfuhr: Sie haben durch die Kenntniss alter Sprachen vielfache Mittel in Handen, alle Stufen der Kriegskunst zu durchlaufen. Je tiefer Sie sich in die grossen Begebenheiten der Welt verlieren, je herrlichere Ideen stromen Ihnen von allen Seiten entgegen. Dies weite Feld eigener Nachforschungen und spekulativer Folgerungen, kann nur der rohe Haufe zu betreten verschmahen. Ich dachte, auch ein wenig entzundbares Gemuth musse es bewegen, die grossen Worte des Casar zu lesen, und wer nimmt ohne Ehrfurcht die Anabasis in die Hand und bleibt kalt bei den Beschreibungen der selbst erlebten, oft mitgefochtnen Schlachten grosser Geschichtschreiber! Es gehort glucklicherweise zu den nicht mehr geltenden Gemeinplatzen, dass dem Soldaten Gelehrsamkeit unnutz sey, und ich freue mich Ihretwegen, dass Sie die grossten Schwierigkeiten uberwunden haben.

Mehrere Tage waren ihm auf die angenehmste Weise in dieser unterrichtenden Gesellschaft verflossen, als ein Brief des Grafen seine Ruckreise beschleunigte. Er schied von seinem neuen Gonner und den leicht gewonnenen Cameraden in der besten Hoffnung, Sie Alle nachstens im Felde zu begrussen und eilte der Hauptstadt entgegen, wo er Alles in Bewegung und zum Aufbruch bereit zu finden meinte, statt dessen aber Strassen und Hauser festlich geschmuckt, und viel Volk vor den Fenstern des Schlosses stehen, aus welchem laute freudige Klange erschallten. Auf sein Nachfragen erfuhr er, dass der Cardinal den Abend zuvor eingezogen und heut seine Ankunft bei Hofe gefeiert werde. Er blickte nicht ohne Widerwillen zu dem Schlosse auf, wo die ersten unangenehmen Eindrucke seine Freude trubten, und ging dem Grafen seinen Bericht abzustatten. Allein hier war alles leer. Die grosse Feierlichkeit hatte die schone Seraphine und ihren Gemahl nothwendig herbeigezogen, kaum erfuhr er noch, was sie alle beschaftige, da die ansehnliche Dienerschaft sie fast insgesammt, den Glanz zu vergrossern, begleitet hatte. Er ging verdriesslich durch die leeren Zimmer, und da der Auftrag des Grafen einen Aufschub von wenigen Stunden litt, und er ihn noch nicht zuruck erwarten konnte, so beschloss er, zu Stephano zu gehen, wenn er nicht auch etwa zu dem verhassten Feste geladen sey. Im Hinausgehen bemerkte er indessen durch eine Seitenthur Rosalien, die emsig schrieb, wahrend ihre Cammerfrau mit Einpakken beschaftigt, Anstalten zu einer Reise machte. Er trat hinein, um die Veranlassung dieses unerwarteten Entschlusses zu erfahren. Doch als er sich nahete, und sie die seltsam glanzenden Augen aufschlug, ohne ihn eigentlich zu sehen, ohnerachtet ihre Blicke auf ihm ruheten, fuhlte er sich so befangen, dass er sie kaum anzureden wagte. Nach einigem Besinnen schob sie indessen das Geschriebene fort, und sagte: Sie sehen, ich muss wieder fort! Es geht hier auch nicht. Ich finde uberall keine Ruhe, und alles widersteht mir so leicht, so gar die Musik, ich kann keinen Ton mehr finden, der mir nicht die heftigsten Schmerzen erregte. Wenn ich nur so recht aus voller Seele reden konnte, bis sich alles loste und der Druck, der furchtbare Druck verginge! Aber die Worte versagen mir, und meine Freunde verstehen mich nicht mehr, und sehen mich so befremdet an, dass mir gleich die Lust am Gesprache vergeht. Darum will ich auch in die Einsamkeit zuruck, und immer fort schreiben, bis ich selbst nichts mehr weiss. Das Papier nimmt alle meine Gedanken so willig auf, und ein leerer Bogen sieht mich so lange lockend an, bis ich ihm mein heiligstes Geheimniss vertraue. Ich konnte gar nicht mehr leben, wenn ich die weisse Flache nicht vor mir sehe. Nur fuhle ich zuweilen hier, auf der Stirn einen unertraglichen Schmerz, dann wird mir so seltsam, alle meine Traume verschwinden, ich kann dann gar nichts denken. Die Cammerfrau sagte jetzt, dass alles bereit sey und der Wagen sie erwarte. Rodrich bat um die Erlaubniss, sie in ihrem Schlosse aufsuchen zu durfen, und versicherte sie seiner zartlichsten Theilnahme, die jeden Augenblick fur ihr schones Vertrauen dankbar seyn werde; allein sie schien auf nichts anders zu achten, als nur schnell fortzukommen, und so entkraftet sie war, eilte sie mit angstlicher Hast dem Wagen entgegen.

Rodrich sah ihr wehmuthig nach. Die schone Gestalt, uber die der Schmerz so hinziehend alle Bluthen eines edlen Geistes grausam abstreifte, ruhrte ihn unbeschreiblich. Er sah mit Schmerzen, wie das freie Spiel ihrer Gedanken sich verwirrte, und ihre Phantasie wie ein drehend Rad herumtrieb. Die hellen Flammen des Verstandes entzundeten wohl auch ihr Licht, aber der Brennpunkt war verschoben, und es kreisete alles wild durcheinander. Er hatte sich unter wehmuthigen Erinnerungen auf ihren Platz gesetzt, als ihm jene Blatter in die Augen fielen, die sie ohnlangst beschrieb, und ohne weiter einen Werth auf sie zu legen, hier vergass. Er konnte sich nicht erwehren, hineinzusehn, und fand gleich zu Anfang folgende Worte.

"Ich sehe die alte Liebe wieder in Deinen Augen glanzen, Du verschmahst nicht langer, was Dir ewig angehort. Wie konntest Du auch den schmeichelnden Regungen widerstehen, die Dich, wie mich gefangen halten. Ende darum nur bald das angstende Spiel, und lose die Ketten, die Dich halten."

Gleich darunter stand:

"Niemand darf unsre Verbindung ahnen. Die Todten sollen unser Gluck beschutzen. Ich fliehe aus der Stadt, am Grabe meiner Mutter erwarte ich Dich. Da ist es still und heimlich."

Rodrich wusste kaum, was er las, die Sicherheit und der Zusammenhang dieser Worte machte ihn zweifelhaft, ob sie nicht mehr als einen glucklichen Traum enthielten. Doch bald riss ihn Folgendes aus allen Zweifeln.

"Fernando weiss um unsre Liebe. Er wird mich begleiten. Furchte Dich nur nicht. Der Stern in seiner Brust dreht sich zwar kreisend umher, und beruhrt mich oft mit seinen Strahlen, dass es wie Flammen auf meiner Stirn brennt; aber er hat mir versprochen, ihn zu verdecken, und darum sey nur ruhig."

Rodrich hatte noch nie die Qualen seiner unglucklichen Freundinn so lebendig als heut empfunden. Alle Kampfe dieser geangsteten Brust, das fruchtlose Ringen und der arme Trost einer getraumten Liebe, pressten ihm heisse Thranen aus. Er lag noch weinend vor ihrem Bilde in Seraphinens Cabinet, als ein nahes Gerausch ihm die Ankunft des Grafen verkundete. Er sammelte sich so gut es gehen wollte, um mit Anstand vor ihm zu erscheinen. Doch kaum gedachte er mit rechtem Ernste seines Geschafts und dessen Beziehung auf eine freudige Zukunft, so blitzte die alte Lust wieder in ihm auf, und er ging rustig und frei zu dem Grafen und richtete seine Auftrage aus. Nach einer kurzen Unterredung, in welcher er mit Freuden horte, dass die Entscheidung nahe und der Krieg mehr als wahrscheinlich sey, der Herzog aber die jetzige frohliche Stimmung durch keine voreilige Nachricht truben wolle, trat die Grafinn herein, und beruhrte Rosaliens schnelle Abreise, die ihrem Gemahl noch unbekannt war, mit aller ihr eignen Schonung, indem sie hinzusetzte, dass der Arzt mit dieser Veranderung ihres Aufenthaltes zufrieden sey, und von der Stille und Ruhe landlicher Einsamkeit wenigstens korperliche Erholung erwarte. Allein der Graf war diesmal nicht so leicht zu beruhigen, und verlor sich in vergeblichen Muthmassungen uber diesen unerwarteten Entschluss. Rodrich, der wohl die tiefsten Blicke in ihr zerruttetes Gemuth gethan, wusste ihm nichts trostliches zu sagen, und so schwiegen sie alle betrubt, denn selbst Seraphine hatte nicht mehr das Herz ihre ewig bluhenden Hoffnungen laut werden zu lassen. und blickte selbst muthlos in die Zukunft. Doch riss sie der Graf, der sich nie dem Kummer ergab, und den Schmerz als seinen bittersten Feind hasste, gegen den er schnell und immer ankampfte, aus der augenblicklichen Verstimmung, indem er selbst andre Gesprache herbeifuhrte, und sich mit vieler Laune uber den Hof und seine ganz eigne Demuth gegen den Cardinal ausliess. Ich weiss nicht, sagte Seraphine, welche seltsame Scheu er auch mir einflosst, es ist nicht Ehrfurcht, nicht Andacht, die ich bei seinem Anblick empfinde; aber mir ist als wenn die gottliche Verdammniss uber der Erde hinschritte, und ich sinke ordentlich zerknirscht in mich zusammen, jeder lustige Gedanke erstirbt mir auf der Zunge, wenn die scharfen Blicke so gerade auf mich hinzielen, und auf der glatten Flache des kalten Gesichts keine Spur von Theilnahme und Wohlwollen zu finden ist. Ich begreife nur nicht, wie man noch seinetwegen Feste anstellen und freudige Menschen versammeln kann. Er sieht so gleichgultig daruber hinweg und steht da, wie der rachende Engel, dem das Verderben von selbst in die Arme laufen musse. Miranda ist die Einzige, die sich in seiner Nahe gleich bleibt, und welche die Achtung fur seinen Stand, mit der eignen Wurde zu behaupten weiss. Alle Andern sind verandert. und ich selbst schame mich meiner Furcht. Mich hat er nicht gestort, sagte der Graf, ich kenne ihn lange und sehe gern uber ihn weg. Diese Ruhe und lauernde Kalte ist ja nichts Neues bei den Heiligen der Welt, und mich befremdet nichts, was von dieser Seite kommt. Nun, sagte die Grafinn, morgen werden Sie ihn ja sehen. Es ist eine Abendversammlung in Theresens Lustschloss. Jedermann hat Zutritt im Garten, und es werden viel lustige Masken und Aufzuge dort erscheinen, indessen Sie und wir Alle, die zum engern Ausschuss gehoren, seine Heiligkeit umgeben mussen.

Rodrich war unaussprechlich erfreut Miranda wiederzusehen, und hoffte, ihre ruhige Heiterkeit werde ihn vor jedem feindseligen Einflusse bewahren. So trennte er sich heiter vom Grafen und erwartete in stiller geheimnissvollen Ruhrung den folgenden Abend.

Der erleuchtete Garten glanzte ihm schon von fern entgegen. Hohe duftende Blumenranken verbanden die Gebusche und trugen in vielfachen Bogen farbige Lampen. Statuen und Springbrunnen traten in dem spielenden Glanze recht freudig hervor. Ueberall horte man unsichtbare Musik. Auf dem Strome wiegten sich die beleuchteten Schiffe wie bunte Flammen, unzahlige Masken drangten sich durch einander, Gesang, Spiel und Tanz wechselten in den verschiednen Gegenden des Gartens ab, und mitten aus der allgemeinen Verwirrung strahlte das Schloss auf den hohen Terrassen wie ein fester Stern. Von dort aus ubersah man das Ganze mit einem Blick, die seltsamsten Erscheinungen drangten sich daran voruber, wahrend im Innern alles die Ruhe einer abgeschlossnen Welt athmete. Rodrich trat in die glanzende Versammlung, deren leises Flistern und stilles Wesen seltsam gegen den aussern Larm abstach, Wie er dem Cardinal vorgestellt ward, fuhlte er sich keinesweges durch dessen Anblick uberrascht. Er war fest uberzeugt ihn wo gesehen zu haben. Dies Bild hatte ihm immer vorgeschwebt, und jedem Geistlichen lieh er in der Erinnerung diese Zuge und diese schreckende Kalte. Er zog sich indessen sogleich zuruck und fand sich bald zwischen Miranda und Elwiren an einem geoffneten Fenster, das nach der Wasserseite sah. Das lustige Spiel der Menge nahm sie hier gefangen. Sie weideten sich an dem Reichthum und der geschmackvollen Anordnung prachtiger Masken. Ein Triumph des Aurelian mit der strahlenden Zenobia und dem gedemuthigten Tetrikus zog mit allem ersinnlichen Pomp voruber. Auf dem Strom schwamm dagegen ein kunstliches Fahrzeug, das einen Neptun zwischen Tritonen und Nereiden zeigte. Ein neckender Proteus stand am Ufer und verwandelte Harlekin und Colombinen in Meerkalber und Ungeheuer, die er dann unter lautem Jubel den Strand entlang trieb. Alles drangte sich ihnen nach, wahrend ein einsamer Sanger in wunderlicher alter Tracht aus dem Gebusch trat und folgende Worte sang:

Blumen susses Angedenken,

Blumen, meiner Liebsten Gabe,

Seyd ein Bild der kurzen Freuden,

Die mit euch verbluhend schwanden.

Seh' euch todt nun vor mir liegen,

Muss mit Wehmuth die betrachten,

Deren reiches, frisches Leben

Freudig meinen Sinn erlabte.

Zaid nimmt die welken Blumen,

Druckt sie gegen Mund und Wange,

Will mit Thranen sie benetzen,

Will mit Kussen sie erwarmen.

Und der Thranen helle Perlen

Glanzen in des Mondes Strahlen.

Bebend so in Lichtes Wonne,

Spielen sie viel tausend Farben.

Blumen, wollt auch ihr mich tauschen

Neu erbluh'nd im macht'gen Glanze?

Wollt euch dem Gestirn verbunden,

Das im Dunkel trug'risch waltet.

Leben habt ihr mir gelogen;

Will nicht langer euch bewahren,

Denn fur solch ein falsches Leben

Wahl' ich's einsam zu verschmachten.

Und er wirft die Liebespfander

Von dem steilen Meeresstrande

Tief hinunter in die Fluten,

Sie auf ewig zu begraben.

Wie die Blumen dort verschwimmen,

Gar vergessend aller Farben,

Hat die Thran auf ihren Blattern

Bald zur Perle sich gestaltet.

Perlen sind ja Liebesthranen,

Denn, von Wehmuth suss umfangen,

Ruht des Feuers ew'ger Funke

Mild verklart im stillen Wasser.

Ruhig athmeten die Wasser,

Sonne glanzt' im Liebeslichte,

Und auf sanft bewegten Wellen

Floss daher ein leichtes Schiffchen.

Schon gebaut aus seltnem Holze,

Reich geziert mit bunten Wimpeln,

Deren roth und weisse Streifen

Lieblich in der Sonne spielten.

Auf den sammtnen Polstern ruhend,

Unter seidnem Baldachine,

Lacht in Jugend, Pracht und Schonheit

Fatme, des Alhambras Zierde.

Muntre Fischer ihr zu Fussen,

Ihres Hofes edle Diener,

Die, auf Fatmes Winken lauschend,

Leicht geschurzte Netzchen hielten.

Hell ertonten zu den Floten

Viele mannlich schone Stimmen,

Und die Zauberkraft der Tone

Drang hinunter in die Tiefe;

Und es folgten gern dem Rufe

Grun und goldgesprengte Fische,

Aus der Tiefe sich erhebend

Zu des Meeres obern Spiegel.

Doch der Ton war ihr Verderben,

Denn auf Schiffesrand sich schwingend,

Warf das Netz ein feiner Knabe,

Leicht erspah'nd der Herrin Willen;

Nahm sie allzumahl gefangen,

Die im frohen Liebesspiele

Sich erlabend an den Klangen,

In den seidnen Kerker liefen.

Er, ihr Schrecken nicht beachtend,

Offnete behend die Schlinge,

Und was sich zuerst ihm zeigte,

War der schonsten Perle Schimmer.

Lachelnd wandt' er sich zur Herrin,

Sprach mit hofisch feiner Sitte:

Dir allein gebuhrt dies Kleinod,

Sieh' in ihm dein gottlich Bildniss.

Fatme nahm entzuckt die Perle,

Druckte sie an gluh'nde Lippen:

Perle, mir vor allem theuer,

Die so unverseh'ns ich finde.

Will in feines Gold dich fassen,

Sollst das Haar mir glanzend zieren,

Und du, holder Knabe, lese

Meinen Dank in meinen Blicken.

Schone Perle, schone Perle,

Sieh mich weinend stehn am Ufer,

Lass dich meine Klagen ruhren,

Folge meinem bangen Rufe.

Du, des reichen Schmuckes Zierde,

Bist nun meinem Blick entschwunden,

Und ich Arme muss vergebens

Dich am oden Strande suchen.

Susses Kleinod, kehre wieder,

Zier' aufs neu' mir Haupt und Busen,

Lass in deinem Glanz mich leuchten,

Leben nur in deinem Ruhme!

Nein, du bist in Nacht geboren,

Bist ein Kind der schlimmsten Mutter;

Trug'risch war dein sanftes Leuchten,

Zu verlocken meine Jugend.

Grausend steh' ich hier alleine

Schaumend naht ihr, wilde Fluthen,

Wollt auch mich hinunterreissen,

Wie die Perl' ihr habt verschlungen!

Ihr entgegen klingen Stimmen,

Wie aus tiefem Meeresgrunde:

"Holder Perle susses Leben

Bluht im stillen Heiligthume.

Was der Tiefe ward entrissen,

Kuhn aus Tageslicht gerufen,

Sinkt zuruck in Liebesarme

Scheu vor euren wilden Gluten.

Steig hinunter in die Wasser,

Kuhle deines Herzens Wunden,

Und im feuchten Schoosse finde

Neu erbluht die Wunderblume."

Alle drei blickten ihm schweigend nach, als Elwire wie aus einem Traum aufschreckte. Mein Gott! meine Lieblingsromanze, wie kommt die hieher? Sie sprang vom Fenster und Miranda sagte nach einigem Besinnen: Es ist sonderbar, vor kurzem ging es mir fast eben so. Diese Lieder haben einen innern Zusammenhang, ich kannte sie sehr fruhe schon und habe sie sonst niemals gehort! Rodrich wusste nicht, was er denken sollte. Er war Miranda gefolgt, die in die Halle trat, und ging neben ihr, ohne dass beide redeten, so heilig und still war es in ihrer Seele, und keiner bemerkte, dass der Weg immer einsamer ward, und sie plotzlich vor dem matt erleuchteten Pavllion der Prinzessinn standen. Sie traten hinein, und eine unbeschreibliche Wehmuth ergriff sie, als die vorigen Tone aufs neue voruber rauschten. Sie mussten beide weinen, und in der seeligsten Ruhrung sanken sie einander in die Arme. Als sie aufblickten, stand der Sanger hinter ihnen, er hatte die Larve abgenommen und Rodrich rief voll Entzucken: Florio, mein Florio; so musste ich Dich wiederfinden! Miranda hatte ihm die Hand gereicht, und sagte mit bewegter Stimme: Bist Du der Engel, der uns zusammenfuhrte, so bewahre das Geheimniss, dass es ewig in unsrer Brust verschlossen bleibe! Sie eilte hinaus, und Rodrich zog den Wiedergefundenen eilig an sein Herz, das alle Seeligkeit der Welt auf einmal erfullte. Komm nur, sagte er, jetzt kann ich noch alles nicht fassen, aber ich werde mich wiederfinden, und mein unaussprechliches Gluck begreifen lernen. Sie stiessen hier auf Stephano, der einsam an einem Baum lehnte und weit uber den Strom hinaus sah. Rodrich eilte auf ihn zu, schloss ihn stumm an die Brust, und ging unter Freudenthranen an Florio's Hand zuruck in die Stadt.

Zweiter Theil

Erstes Buch

Die Nacht fand beide Freunde in den seligsten Betrachtungen versenkt. Florio konnte sein Auge nicht von dem koniglichen Junglinge abwenden, der nun so anders, und doch nicht fremd, in seinen Armen lag. Ihm war, als traume er aufs neue, wie in so mancher wehmuthigen Stunde, den lang' ersehnten, durch Klang und Worte heraufbeschwornen Augenblick des Wiederseh'ns. Wie tausendmal hatte ihm die herrliche Gestalt so, grade so in alten Ritterliedern vorgeschwebt! Ach und wie tausendmal kehrte er dann mit truben Blicken in sich selbst zuruck, und floh die trugerischen Bilder, die ihn von Land zu Land fortrissen, und das unbefriedigte Herz erschopften! Mit innrer Bangigkeit bog er sich jetzt uber ihn hin, und druckte einen leisen Kuss auf seine Wange. Da war ihm, als flossen die reinen, kraftigen Zuge milder in einander, und als blicke ihn aus den weichen Umrissen das kindische Gesichtchen seines Rodrichs wieder an. Wie mit Liebesarmen umfing ihn die Vergangenheit, und fuhrte ihn zu der kleinen Hutte zuruck, die so lange seine stillen Freuden umfasste. Er musste jener Nacht gedenken, wo er zuerst den Wunsch in sich aufkommen liess, den geliebten Gespielen jenseit der Berge aufzusuchen, und wie dann das Verlangen so riesenmassig aufschoss, dass es ihn, alle andere Gefuhle erdruckend, vom Lager fort, zu den steinigen Klippen zog, die ihm den Weg in die weite unbekannte Welt eroffneten. Hier, den unersteiglichen Bergen gegenuber, erschrak er uber sein Vorhaben. Er blickte fragend zu ihnen auf. Der Mond glanzte wie Gottes Auge uber ihren verhullten Gipfeln, hinter denen sich eine dunkle Wolke in Gestalt eines gewapneten Mannes mit doppeltem Antlitz erhob. Florio's Herz schlug angstlich, er betrachtete die Wolke, die sich, immer mehr dehnend, zwei lange Arme uber der Erde ausbreitete, und, wie mit langsam ernstem Tritt, aus der Tiefe heraufstieg. Das gewaltige Haupt bog sich uber den Mond hin, so dass das Gesicht gen Osten bleich und zitternd uber dem erschrockenen Jungling schwebte. Er wollte zur Hutte zuruck, allein in der Dunkelheit hatte er den Weg dahin verloren, und er irrte bang und traurig zwischen odem Gestein umher. Endlich erfreuete ihn ein Licht ganz weit aus der Ferne. Er beflugelte seine Schritte, und kam bald auf ebnere Weg. Er fuhlte wieder weichen Rasen unter seinen Fussen, und zuweilen wehete ihm der herrlichste Blumenduft entgegen. Indess musste er sich noch lange zwischen dichten Gebuschen hindurchwinden, ehe er dem Lichte naher kam. Da erblickte er plotzlich ein schones Haus, von dessen untern Fenstern sich der Schimmer ergoss. Ein offnes halb verfallnes Gitterthor fuhrte ihn zwischen hohen Blumenwanden zu einem Altan, uber welchem die rankenden Stauden, wild durch einander gebogen, einen farbigen Schleier vor den Lichtschein zogen. Florio blieb betroffen stehn. Die Sage des verzauberten Gartens kam mit allen Schauern jener fruhern Eindrucke wieder in sein Gedachtniss. Er blickte in einem seltsamen Gemisch von Furcht und kuhnem Verlangen um sich her. Alles, was er in der Dammerung unterscheiden konnte, sah wust und traurig aus einer bessern Vergangenheit herauf. Sarois Klagen legten sich aufs neue wehmuthig an sein Herz, da setzte er sich auf einen umgesturzten Baum, und sah bekummert zu den zerbrochenen Fenstern hinauf, hinter welchen herabgerollte Vorhange ungehindert hin und her flatterten. Keines Menschen Hand hatte hier seit Jahren gewaltet, und dennoch brannte das Licht, und zeugte von nachtigen, unheimlichen Bewohnern. In der Todtenstille horte Florio nichts, als das Flustern der Blumen, die ihre Blatter in seinen Schooss schutteten. Eine unbeschreibliche Sehnsucht drangte ihn, den niedern Altan zu betreten; aber, als wollten ihm die Zweige den Eingang verwehren, so bogen sie sich in einander, und er schwankte schon, ob er dem Winke folgen und umkehren solle, als ein langer Schatten hinter dem grunen Gewebe voruber zog, und ein leises Rauschen, als striche der Wind uber volle Saiten, hindurch drang. Ohne langer zu weilen, theilte er nun schnell die Ranken, und stand vor einer hohen Glasthure, deren verblindete trube Scheiben das schwach erhellte Zimmer wie in einen Nebel hullten. Die wachsende Begier, irgend etwas zu entdecken, trieb seine Blicke unstat umher. Alles wogte und flimmerte ihm vor den Augen. Das Herz klopfte horbar in seiner Brust, sonst war es still wie im Grabe. Plotzlich horte er eine Uhr zwolf schlagen, und leise Floten ein Sterbelied spielen. Unwillkuhrlich sank er auf die Knie nieder, und betete fur die Erlosung der Seele. Als er sich wieder ausrichtete, bemerkte er unterhalb der Thur eine ausgehobene Scheibe; er sah hindurch, in ein hellgraues Gemach, den Berggeist auf die Harfe gelehnt, unbeweglich vor einem verhangenen Ruhebette stehen, dessen Decke sich zu bewegen schien, als athmete jemand schwer und langsam unter ihr. Auf einem schwarzen Altar brannte die Lampe, und erhellte ein Cruzifix von weissem Marmor, uber welchem das Bild der schonen Dame aus dem Traume hing, nur trug sie weder goldene Harfe noch Blumen, sondern einen feurigen Reif, in dessen Mitte eine rothliche Perle, wie eine blutige Thrane schwamm. Sie hatte ihn mit bittern Leidensmienen vom Finger gezogen, und schien bereit, ihn in das offne vor ihr liegende Meer zu werfen. Florio betrachtete das Bild mit steigender Wehmuth. Es waren die holden Zuge, die ihn traumend so oft entzuckten. Der schone Mund lachelte ihn so vertraut und lebendig an, die ganze Gestalt schien immer dichter und gerundeter aus dem Bilde hervor zu treten, da horte er tief aus gepresster Brust seufzen, seine Blicke flogen zu dem Ruhebette, er breitete die Arme aus, er wollte die Scheidewand zersprengen, indem erlosch die Lampe, und er sturzte, halb sinnlos vor Schreck, aus dem Garten. Noch in diesem Augenblick fasste ihn derselbe Schauer, da jene Erinnerungen wieder erwachten, und dennoch wollte er sich nicht davon losmachen, sondern versenkte sich immer tiefer, mit geheimer ahndungsvoller Lust hinein, als Rodrich halb traumend zu ihm aufblickte, und leise wie im Schlafe fragte, warum ist er nicht bei dir geblieben, da ich euch doch bei einander sahe, und er es war, der dich zu mir fuhrte? Florio fuhlte bebend, dass derselbe Gedanke sie beide erfullte. Er wandte sich von dem schlaftrunkenen Freunde, und sang still zur Harfe:

Wenn die Nacht, heraufbeschworen

Von der Erde stillem Ruf,

Nieder ihre Schleier senkend

Zu verhullen keusche Glut:

Sterne bald als Liebesboten,

Spielend auf der Tiefe Grund,

Sich in duft'ge Perlen tauchen

Die entquellen innrer Lust:

Alle Farben dann verschwimmen,

Tragend auf bewegter Fluth

Erd' und Himmel im Vereine,

Aufgelost in sel'gem Kuss:

Dann zerspringen alle Bande,

Freiheit athmet die Natur,

Aus den Wolken, aus den Gruften

Dringt ein geistig leiser Gruss.

Was der Sonne kreisend Walten

Frech getodtet, was der Sturm

Truber Zeiten langst verwehte,

Paradieses Bluthenschmuck,

Keimt aus wonnevollen Thranen

Zieht heran in Wolkenduft.

Frei gegeben sind die Spiele,

Frei, im innern Heiligthum.

Traum und Schatten zieh'n im Fluge

Durch die offne Menschenbrust,

Grussen froh die alte Heimath,

Wecken ahndend heissen Wunsch.

Wunsche sind geheime Seufzer

Nach entfloh'ner Gotterlust;

Sehnsucht ist die heil'ge Stimme

Die zum Paradiese ruft.

Der Morgen war indess heraufgezogen, und trieb nach und nach Theresens muntre Gaste zur Stadt zuruck. Auf den Strassen wimmelte es bald von bunten Masken, die schwirrend durch einander hinzogen, und ihr muthwilliges Spiel erst in den stillen Wohnsitzen durftiger Genugsamkeit endeten. Rodrich war auf den wachsenden Larm herbeigekommen, und lehnte an Florio's Seite im offnen Fenster. Er konnte sich weder des augenblicklichen Rausches noch der phantastischen Gestalten recht erfreuen. Der Tag war zu nahe, er wehete kuhl heruber, die ganze Lust schien ihm ein mattes Spiel, die armen Sinne zu betrugen, die beim hellen Licht den engen Kreis bald wieder erkennen, und befangener als je darin athmen wurden. Gedankenvoll lauschte er voruberziehenden Klangen, die endlich vor dem eintonigen Treiben der nahen Werkstatte schwiegen, und mit ihrem Verschwinden fast jeden Zauber der Phantasie losten. Rodrich blickte auf sich und seinen Freund, der ihm in gewohnter herkommlicher Tracht nichts als den wohlgebildeten Jungling dieser Welt zeigte. Der lange Sangermantel hing mit dem weissen Barte und der bleichen Larve neben ihm auf einem Sessel; er spielte nachlassig mit dem reichen Faltenwurf des altvaterischen Gewandes, als es unversehens herunterfiel, und wie ein Vorhang zusammenrollte. In dem Augenblick war es Rodrich, als waren alle Traume dieser Nacht versunken. Vergebens suchte er die erwachten Bilder der Kindheit, vergebens die Geliebte in seiner Brust. Miranda war wieder die grosse herrliche Furstin, zu der er kaum aufzublicken wagte. Jener einzige unbegreifliche Moment des Entzuckens lag weit, weit hinter ihm. Wie ein Blitz hatte ihn diese Seligkeit beruhrt. Jetzt war alles anders. Die gewohnte Ordnung behauptete ihr Recht. Der gemessne Gang des Lebens schritt langsam fort, und er stand wie gestern und alle vorhergehende Tage, in den beschrankten, durch fremde Gute erschaffnen Umgebungen, Mirandas Pallast gegenuber. Kaum wagte er es, die schone Erinnerung festzuhalten, die so unschuldig zu ihm herubersah. Er hatte sich dem Zauber hingeben, er hatte die Welt einen Augenblick vergessen konnen, ach, und er wurde gern gestorben seyn, um noch einmal so selig zu leben, aber der Wahn zerrann, wie leise er ihn auch anfasste. Was war er, und was konnte er wollen? Das susse Geheimniss seines Gluckes war ihm ein krankender Vorwurf. Frei und festgestaltet sollte es in vollem Glanze des Tages leuchten, in jedem Auge wollte er den Wiederschein desselben lesen. Miranda's Name sollte nicht blos wie ein geistiger Hauch durch sein Innres ziehen, er wollte ihn laut aussprechen, allen Luften zurufen konnen! O, er fuhlte sich gedruckter als je, seit ihn die heiligste Liebe einen Augenblick uber sich selbst erhob.

Wie er sich nun immer fester und fester an jede Widerwartigkeit seines Lebens hing, und sie so lange betrachtete, bis er, aufs hochste gereizt, die Augen vor den Erscheinungen des wiederkehrenden Tages schloss, rauschte noch der letzte Trupp herumschwarmender Masken die Gasse herauf. Unter tollen Gaukeleien schwirrten sie an den Hausern voruber, und ehe es Rodrich bemerken konnte, hatte ihm eine derselben ein zusammengerolltes Blattchen in die Hand gesteckt. Er offnete es schnell, und Florio, der wie ein gutes Kind in des Freundes Hoffnungen und Wunschen lebte, und schon langst die getrubten Augen mit Wehmuth betrachtete, sah zutraulich uber seine Schulter, und beide lasen folgende Worte:

"Ich wunsche Ihnen Gluck. Der Krieg ist entschieden. In wenigen Tagen ist alles aufgebrochen. Ein neues Licht geht uber Ihnen auf, denn eine reiche Natur fodert gewaltsam grosse und mannigfache Gegenstande, um die immer brennende Frage zu beantworten, sonst erschopft sich der gereizte Wille in zwecklosen Ausbruchen, die oft den werdenden Helden in ihren engen Schranken begraben. Losen Sie die Fesseln. Das Schicksal gab Ihnen viel, machen Sie sich alles zu eigen. Es ist Weisheit, das Hochste aufs Spiel zu setzen, um das Hochste zu gewinnen. Das Schwerdt werde eine Flamme in Ihrer Hand, vor der sich Freund und Feind beuge. Schwanken Sie nie, denn es giebt auf Erden nichts Herrlicheres, als einen Thron frei zu machen und das erkannte Recht behaupten."

Rodrich faltete das Blatt, ohne etwas Bestimmtes zu denken. Der ernste Zuruf erschutterte ihn! Es war, als drange ihn das Schicksal mit Gewalt zu einem unbekannten Ziele. Tausend verworrene Ahnungen trieben ihn unsicher umher. Endlich losten sich die innern Nebel. Er glaubte Miranda's Stimme in jenen Worten, ohnerachtet ihrer strengen Heftigkeit, nicht zu verkennen. Durch sie ward ihm des Himmels Wille kund, und seine fruheren stolzen Hoffnungen gerechtfertigt. Zu sich hinauf wollte sie ihn heben, durch die innere Kraft seines Willens! Was lag darin auch Unerhortes? Sagt nicht die Geschichte aller Volker, dass von jeher ein kuhner Flug die armselige Stufenleiter zwerghafter Wunsche hinter sich liess? Das Ausserordentliche tritt die gemeine Ordnung nieder, und eine neue Folgereihe beginnt von dem lichten Punkt, den ein kraftiger Geist uber der Erde herauffuhrt. Der Krieg bahnt dahin den Weg. Hier verschwinden hergebrachte Verhaltnisse vor der uberwiegenden Gewalt einer grossen Seele, die sich in Feuerstromen ergiessend, alles wie Gottes Zorn mit sich fortreisst. Darauf deuteten auch die Worte des Briefes, und doppelt war der Sinn zu nehmen, in welchem der Thron befreit werden sollte. Musste die konigliche Natur nicht fuhlen, dass sie zum Herrschen geboren, dass sie bestimmt sey, das Wohl der Menschen, wenigstens uber die zu verbreiten, die ihr so nahe geruckt waren? Und sagte ihm jene Umarmung nicht, dass er es sey, den sie wurdig hielt, ihr zur Seite zu stehen? Er schlug das Blatt noch einmal auseinander, und las immer und immer wieder, was ein leidenschaftliches Verlangen schon bei weitem fruher in sein Inneres grub.

Wahrend dieser Betrachtungen hatte er Miranda oftmals laut genannt. Wie, sagte endlich Florio, jene Heilige, zu deren Fussen ich dich gestern fand, hatte diese Worte zu dir geredet? Warum nicht, fiel Rodrich schnell ein, glaubst du, sie sey nicht reich genug, alle Herrlichkeiten der Welt zu umfassen? Ein Auge, das in die Himmel dringt, will ihren Glanz auf Erden erblicken, und soll sie den heiligen Zorn weniger als die Liebe verstehen? Kann sie den Frieden ohne den Krieg wunschen? oder glaubst du, sie gehore zu den engherzigen Gemuthern, die meinen, mit einem frommen Wunsche die ewige Seligkeit herbei zu rufen? Das nicht, unterbrach ihn Florio, sie hatte, dasselbe fuhlend, doch anders gesprochen. Ich weiss es nicht, warum der Klang dieser Worte ein Misslaut in Miranda's Munde ware! Aber in dieser Beziehung fallt er widrig in mein Ohr, und zieht mir das Herz angstlich zusammen, ach und sie kann es ja nur zu den herrlichsten Gefuhlen eroffnen. Hat sie dich so schnell entzundet? fragte Rodrich lachelnd. Ich begreife es wohl, fuhr er fort, dass du sie nur auf deine Weise verstehen, und jedes strenge Wort in ihrem Munde fur einen Frevel halten musst. Die kuhnen, mannlich gesinnten Frauen, passen in deinen Himmel nicht, du frommer Sanger! O, sagte Florio, des Himmels Braut trug der Welt den Sohn mit dem Schwerdte entgegen, aber die Palme bluhete in ihrer Hand, und der Friede strahlte aus ihren Augen! Sie ist mir nicht fremd geblieben, was rechter Art ist, offenbart sich dem Sanger von selbst.

Hier sturzte Stephano wie ein freigelassener Lowe herein. Es ist Krieg, rief er mit gepresster Stimme. Die Marsch-Ordre ist da, wir beide sind des Grafen Adjutanten. Ich bitte dich, komm, den Jubel der Regimenter zu sehen! Die ganze Stadt ist schon in Bewegung, jedes Herz zittert vor Freude. In der Nacht ist der Courier gekommen. Man sagt laut, der Furst sey emport, uber die frechen Anforderungen des Feindes. Alles theilt sein Gefuhl. Jung und Alt stromt herbei. Niemand will zuruckbleiben, von allen Seiten erschallen Kriegslieder. Herr Gott im Himmel, rief er mit zusammengeschlagenen Handen, so habe ich es doch endlich erlebt! Es wird ein grosser Tag uber diesem Lande aufgehen. Es ist, als blitzte Eine Flamme aus aller Augen, sogar die Weiber, fuhr er fort, fuhlen was ein Vaterland sey! Sogar die Weiber, wiederholte Rodrich, den Stephano's Glut unwillkuhrlich erkaltete, ich verstehe dich nicht wohl, es gab eine Zeit, wo du mit Alexis uber den Wahn so einseitiger Anhanglichkeit strittest, und diese Missgeburt veralteter Zeiten, als langst abgefallen und verwittert ansahest. Ich erinnere mich genau, von dir gehort zu haben, dass jetzt weder von dem Menschen noch dem Staate, als Individuen, die Rede sey. sondern dass die allgemeinen Strebungen das Ganze umfassten, und das Leben daher weniger in hervorleuchtenden Momenten, als in einem gleichmassigen Fortschreiten still in einander greifender Krafte bestehe. Diese weltburgerliche Gesinnungen halten dennoch wohl die Probe bei ahnlichen Veranlassungen nicht aus, das gleichgefuhlte Recht des Eigenthums drangt jeden zu Vertheidigung und Rache. Ich bin zu befangen, erwiederte Stephano, um mich jetzt vor dir behaupten zu konnen, und ich gestehe dir auch, dass mir alles, was ich sonst dachte und sprach, in diesem Augenblick sehr schaal und leer erscheint. Ich mag gar nicht untersuchen, was mich jetzt so uber allen Ausdruck bewegt, was, wie tausend zuckende Blitze meine Brust durchfahrt, und mich in freudiger Wuth fortreisst, so dass ich nirgend Ruhe finde, und selbst Hand an mich legen mochte, um die innern Vulkane auszustromen. Wer kann jetzt motiviren und klugeln? Es mag seyn, dass die blosse Kampflust mich und Alle treibt, dass die grosse Reibung gesammter Krafte die innern Schwingen hebt, und Vaterlandsliebe und Eigenthumsrecht weit uberflugelt, es mag auch anders seyn, ich weiss nichts, gar nichts, als dass ich endlich einmal messen und prufen will, was ich vermag. Der Schneckengang nuchterner Thatigkeit trennte ja alle freie Bewegung, Niemand weiss was er soll und kann, so lange die ungeubte Kraft wie ein blodes Kind in die Welt hineinsieht, und jede kuhne Regung gefangen halt. Jene erschopfenden Definitionen fallen von selbst, sobald das rechte Leben anhebt. Die alten Helden, sagte Florio mit bescheidener Stimme, die noch einen Glauben und eine Liebe kannten, wussten, meine ich, trotz aller wilden Streitlust, dennoch warum sie fochten, und ich dachte, wer das Recht und die Wahrheit nicht von Angesicht zu Angesicht schauete, der konne nie auf Sieg hoffen. Stephano, der in seiner Freude den Jungling bis dahin nicht bemerkt hatte, ward seltsam durch die Milde seiner Stimme getroffen; er betrachtete ihn aufmerksam, dann sagte er, den Kopf in beide Hande stutzend, ich mag jetzt uber nichts streiten, Gott weiss es, wie verworren und wild es in meiner Brust tobt. Sie sollten mit uns gehen, fuhr er nach einer Weile, Florio die Hand reichend, fort; ihr Anblick musste jedem wohlthun, und die unruhigen Begierden sanftigen. Ich folge meinem Rodrich uberall, erwiederte dieser, wohin sein Schicksal ihn fuhrt. Rodrich, den die letzten Worte wieder in seine gewohnte bessere Stimmung hinuberzogen, druckte ihn geruhrt an sein Herz, indem er sagte, jetzt, mein guter Junge, darfst du mich nicht begleiten, das verbietet die hergebrachte Ordnung. Manches rohe Wort konnte dich treffen, was mich und dich kranken wurde. Aber nahe wollen wir einander dennoch bleiben, und ich will zu dir wie zu meinem guten Engel fluchten, wenn das Leben mich wieder so kalt anfasst und die innere Lust erstarrt. Ein Himmelsbote sollst du mir in truben Augenblicken erscheinen. Mein Florio, sieh mich nicht so wehmuthig an. Gewiss, du folgst mir bald, recht bald. Wie konnte ich mich denn auch aufs neue von dir losreissen wollen, dein frommer Blick soll sich schirmend zwischen jeden wilden Gedanken legen, und ihn auf ewig von mir abhalten. Jetzt erlaube mir indess, dass ich dich zu einer Freundin fuhre, der du ein lieber Trost seyn wirst, und die dich wohl selbst, wenn es sich anders fugen will, zu uns begleitet. Bis dahin sey ruhig Lieber, Seraphine wird dich gern aufnehmen, und du wirst bei diesem leichten, tandelnden Gemuth, deine Kinderwelt am ersten wiederfinden. Ach, du fuhlst es nicht, sagte Florio, mit abgewandtem Gesicht, wo meine Welt bluhet, du und wenige wissen, wie ein Gedanke das ganze Leben umfassen, und jede andere Rucksicht vernichten kann, darum begreifst du auch nicht, was mir es kostet, ohne dich zuruck zu bleiben. Du sprichst so ruhig davon, als galte es irgend einer andern Vorkehrung deiner Reise. Es muss ja wohl so seyn. Ich bleibe, weil du es willst, und wo du willst. Mir gilt jeder Ort gleich, seit du mich aufs neue von dir verbannst. O seht doch, seht, rief Stephano, auf eine nahe gelegene Hauptwache zeigend, da wird der Ausmarsch recht anmuthig gefeiert. Das Cithermadchen sass in den Zweigen einer schattigen Linde, und sang und spielte, wahrend die Krieger im Kreise um den Baum standen, und still auf folgende Worte lauschten:

Auf jener Wiese gluhen

Die Blumen purpurroth,

Die allesammt erbluhen

Aus vieler Helden Tod.

Es sind die blut'gen Wunden,

Die auf zum Himmel seh'n,

Im Sonnenlicht gesunden,

Verkunden, was gescheh'n.

O, sagt nun, heil'ge Zungen,

Wes Thaten feiert ihr?

Wer hat den Tod bezwungen?

Wer ruht verklart allhier?

Da weht es in den Halmen,

Da rauscht es in der Luft,

Die Erde will's zermalmen,

Es sprengen aus der Gruft.

Die kuhnen Reiter alle,

Auf weiss und goldnem Ross,

Die einst im herben Falle

Besiegt der Feinde Tross.

Wir, tont es aus der Ferne,

Der Lander Wehr und Zier,

Gluh'n nun als Himmelssterne,

Erbluh'n als Blumen hier.

Der Zauber ist verschwunden,

Die alte Schuld gelost.

Die haben Ruh' gefunden,

Die kampfend sich erlost.

Als sie geendigt, schallte es wie aus einem Munde:

Die kuhnen Reiter alle,

Auf weiss und goldnem Ross,

Die einst im herben Falle

Besiegt der Feinde Tross.

Das Madchen wiegte sich indess in den Zweigen, und weigerte sich herunter zu kommen. Da schwang sich ein schlanker Curassier zu ihr auf, und sie umfassend: sang er:

Der Krieg lost alle Bande,

Der Krieg trennt Seel' und Leib,

Er zieht in ferne Lande

Den Mann vom Eheweib.

Nun ist die Lust gestorben,

Gewelkt der Myrtenkranz,

Um sie hat Tod geworben

Im frischen Minneglanz.

Da sitzt sie in der Kammer

Und weint in Todesnoth,

Ach, und im herben Jammer

Gluht ihr das Morgenroth.

Des Hauses Thur verschlossen

Seit jener truben Zeit,

Wo Thranen nur geflossen,

Geschwiegen Gastlichkeit.

Die hort sie jetzt erklingen,

Die thut sich plotzlich auf.

Wer mag ihr Freude bringen?

Wer hemmt der Thranen Lauf?

Ein Pilger thut sich neigen

Und spricht: Euch grusse Gott;

Wollt mir den Ring wohl zeigen,

Den ihr jetzt tragt zum Spott.

Und auch das Tuch von Seide

Gebleicht im Mondenschein,

Das ihr im tiefen Leide

Bewahrt im goldnen Schrein.

Es fodert diese Gaben

Der Eheherr zuruck;

Ich muss sie wieder haben,

Spricht er mit zorn'gem Blick.

Zu losen das Verbrechen,

Zu loschen wilde Glut,

Die stummen Zeugen rachen

Zu laut den Wankelmut.

Sie giebt den Ring ihm willig,

Sie offnet still den Schrein,

Was er verlangt ist billig,

Ich will'ge in Demuth ein.

Und wie sie dies gesprochen,

Sinkt sie erbleichend hin;

Das Herz ist ihr gebrochen,

Entschwunden Welt und Sinn.

O Jesus, meine Wonne!

Ruft laut der Pilgersmann,

Blick auf, du reine Sonne,

Sieh, Angst und Weh zerrann.

Wirf ab, wirf ab die Sorgen,

Dein ist das treu'ste Herz;

Auf Abend folgt der Morgen,

Lust keimt aus Liebesschmerz.

Die kleine Sangerin hatte sich vertraulich an ihn gelehnt, und sah ihm zufrieden in die freundlichen Augen; aber die Alten lachten, und meinten, sie solle sich darauf nur verlassen, dann sei sie gut berathen; das Herz habe im Kriege nicht Platz fur derlei Erinnerungen. Solche weisse Taubchen, wie sie, flogen hinein und heraus. Das mache den rechten Soldaten, dass er zu jeder Zeit mit frischem Herzen liebe und hasse, wie das veranderliche Leben es von ihm fodre. Nun, nun, fuhr der Eine fort, und reichte ihr gutmuthig die Hand, werde nicht bose, Kleine, es ist nicht so ernstlich gemeint, und als sie ihm dennoch die Hand verweigerte, sang er im tiefen Bass:

Hab' ich dir was zu Leide gethan,

Rufe Dich um Vergebung an,

Reiche mir deine Hande,

Weil es geht zum Ende.

Sie sprang behend auf seine Schulter, und er trug sie unter lustigem Zuruf der Andern davon. Wenn marschiren wir, fragte Rodrich, dessen Herz immer unruhiger klopfte. Ubermorgen, erwiederte Stephano. Deine Frage, setzte er hinzu, erinnert mich an alle die tausend Kleinigkeiten, die uns in dieser Zwischenzeit genugsam beschaftigen werden. Nun, es gehort ja auch dazu, darum lass uns nur immer frisch Hand anlegen. Sie sprachen hier weitlauftig uber die nothigen Einrichtungen, und trennten sich endlich, damit jeder das Seinige besorge. Vor allem musste Rodrich zum Grafen. Er eilte zu ihm, und erhielt dort Auftrage, die ihn eine Zeitlang von sich und seinen schwankenden Vorstellungen der Zukunft abzogen. Florio sah ihn kommen und gehen, ohne gleichwohl sein geschaftiges Treiben durch irgend eine Beziehung auf sich zu unterbrechen. Nur am Abend, als Rodrich einen Augenblick neben ihm ruhete, und schweigend seine Hand druckte, brach der innre Schmerz hervor. Wie seltsam, sagte er, spielt das Schicksal mit mir! Nachdem ich leichtgesinnt alle Hindernisse uberflogen, alles verlassen habe, was mich von dir zuruckhielt, unbekannte Gegenden durchstreifend, die Welt wie eine liebe Heimath begrusste, weil ich dich uberall ahnete und sahe, muss ich dich endlich finden, um dich gleich darauf zu verlieren! Soll denn das Leben wie ein buntes Spiel an mir voruberziehen, und darf ich nie bei einer Freude verweilen? Rodrich eroffnete ihm beruhigend eine bessere Zukunft, ohnerachtet er selbst den eignen Wunschen keine bestimmte Richtung zu geben wusste. Er bat ihn darauf um nahere Auskunft seines vergangenen Lebens. Daruber, erwiederte jener, weiss ich wenig Deutliches anzugeben. Das Meiste liegt wie ein Traum hinter mir, wo sich die Erscheinungen in einander verlieren, und das dunkle Gefuhl der Wehmuth oder Freude uns allein ubrig bleibt. Auch habe ich weniger mit Menschen als mit der Natur gelebt. Nicht dass ich jene nicht unaussprechlich liebte, oder dass ich kalt von ihnen zuruckgewiesen ware, allein Vieles in ihren Verhaltnissen ist mir fremd geblieben, oder erschien mir doch schwer und druckend. Spaterhin zogen mich die Kloster, ihres herrlichen Gesanges und der wundervollen Gemalde wegen, zu sich hin. Die alten frommen Sagen, die Gebilde der Vorzeit, das heimliche, innerliche Leben, das sich nur dann und wann in Klangen verkundet, alles dies fesselte mich oft viele Tage hindurch, und ich verstand die Natur nie besser, als wenn ich so aus dieser abgeschlossenen Welt zu ihren wechselnden Spielen zuruckkehrte. Ich erkannte hier den heiligen Ernst, wie er in bunten Kleidern an den Menschen vorubergeht, die ihn lieben, ohne ihn zu kennen, und oft dachte ich des Abends, wenn der lustige Farbenschmuck zerrann, und Hain und Walder schwiegen, die frommen Bruder traten zu mir hin, und sagten mir dasselbe, was jene zuvor in tausend Weisen verkundeten. Mir ward es in solchen Augenblicken klar, dass wir, so wie die Nacht, auch das innere Walten des Geistes, vertraumen, und dass es recht schwer ist, sich selbst in den einzelnen Lauten zu verstehen, die, gerade wie der Traum, zu uns heraufdringen, und dann wieder lange Zeit hindurch schweigen. Ich habe in ahnlichen Stimmungen viel gedichtet, aber es war so lose und unzusammenhangend, dass es dem Gedachtniss entfiel, und ich daruber die schonsten Erinnerungen einbusste. Ich verlor mich dann auch wieder in grosse Stadte, bei festlichen Aufzugen, Versammlungen, uberall, wo ich dich zu finden hoffte. Gesang und Musik verschaffte mir leicht Zutritt. Dies sind Bande, die uberall die Menschen vereinen. Es ist wohl sicher Gottes Stimme, die Niemand uberhort. Viele reden freilich mehr davon, als sie empfinden; aber es geht ihnen damit, wie mit der Tugend. Sie ahnen ihre Gottlichkeit, und mochten sie doch zum Scheine lieben, und ohne dass sie es glauben, werden sie, wenigstens fur Augenblikke, durch sie bezwungen. Wie viel kalte Herzen sah ich durch die Gewalt der Tone erweicht und belebt, die sich dann wohl wieder verschlossen, aber doch eine Sehnsucht nach jenem seligen Vergessen ihrer einengenden Rucksichten behielten. So habe ich den Cardinal, und durch ihn dich gefunden. Wie, unterbrach ihn Rodrich, diese Hand hatte dir den Weg zu mir gebahnt? Ich weiss nicht, erwiederte jener, wie es kam, dass mich sein kalter Blick nicht schreckte, und ich darein willigte, ihn hieher zu begleiten. Mich bestimmte weder ein lebhafter Gedanke an dich, noch irgend eine andre Hoffnung. Ich gab mich dem Schicksale ganz rucksichtslos hin, da mir uberdies alles gleich unwichtig schien, so lange du mir fehltest. Ach und sieh, die Menschen denken und sinnen, erwagen und messen, und am Ende thun sie doch auch nichts anders, als sich glaubig in Gottes Arme werfen. Es giebt immer einen Punkt, wo die menschliche Klugheit nicht zureicht. Zuweilen ahnen wir ganz dunkel, dass diese uns uberall missleiten konne, und werfen uns getrost in das offne Meer des Lebens. Wie thoricht das auch von fern aussieht, so ist es dennoch schon, dass man sich uberall gehalten fuhlt. Mein Cardinal war wohl ein trocknes Reis, aber es hielt mich dennoch, und ich kam bis zu dir. Wer mochte auch uber die Mittel rechten, die uns die Vorsehung sendet! Furchte ubrigens nicht, fuhr er fort, als Rodrich gedankenvoll vor sich hin sahe, dass mich irgend ein Band an ihn kettet. Ich habe immer die Freiheit uber alles geschatzt. Beschwerden achtete ich nie, Bedurfnisse kenne ich nicht, was sollte mich daher fesseln, wenn es nicht die unendliche Liebe ist, die ich von jeher zu dir im Herzen trug. Wie kam es aber, sagte Rodrich, noch immer das Bild des Cardinals festhaltend, dass ihr euch traft? Sud und Nord durfen die je einander beruhren? Es war um Mitternacht, hub Florio erzahlend an, als er eben die Messe gehalten, und sein Herz vielleicht in Demuth zu Gott gewendet hatte, dass er nicht eben weit von der Kirche, vor einem kleinen Hause voruber ging, an welchem ich singend lehnte. Es war ein heilig Lied, das in frommer Andacht aus meinem Innern drang. Er blieb einen Augenblick, mich betrachtend, stehen. Da schwieg ich ehrerbietig, und er ging still voruber, wandte indess mehreremale den Kopf, und sah immer wieder zu mir hin. Ich hatte ihn schon vergessen, als wir bald darauf einander in der Kirche trafen. Ich weiss nicht, was er sich bei meinem Anblick denken mochte, allein er stutzte anfangs, und doch konnte er seine Augen nicht von mir wenden. Mir kam er seltsam vor. Ich hatte kein rechtes Herz zu ihm, indess folgte ich wenige Tage darauf seiner Einladung, die mich zu ihm fuhrte. Er empfing mich mit mehr Gute, als sein stolzes Ansehen erwarten liess, doch sahe er vornehmer als in der Kirche auf mich hin. Nach einigen Worten uber mein Talent, das, wie er versicherte, ihn uberrascht habe, fragte er nach meinem Vaterlande, meiner Herkunft, den Ursachen, die mich zu dieser Stadt gefuhrt hatten, in welcher ich augenscheinlich als Fremder ohne sonderlichen Anhang lebe? Ich hatte viel Muth, allein ich empfand eine innere Scheu in seiner Gegenwart, unsrer fruhern Verbindung, meiner kindischen Wunsche und unsichern Hoffnungen zu gedenken. Es ware mir unmoglich gewesen, deinen Namen auszusprechen, und doch hing er mit allen geheimnissvollen Regungen, mit dem verwischten Glanz meiner Jugend, ach, mit jedem Gedanken, der mich von da an begleitete, zusammen. Ich sagte daher, mein einfaches Leben sey nicht werth von ihm beachtet zu werden. Ein Hirtenknabe wandre ich unstat durch die Welt, die mir von meinen Thalern aus so lockend erschienen sey. Ich freue mich Sprache und Sitten der Volker in ihren Gesangen zu erkennen, und finde meine Heimath uberall in der Zauberwelt der Klange. Er schien unbefriedigt, und ich fuhlte mich unsicher und angstlich. Nach einem augenblicklichen Schweigen trat er auf mich zu, und fragte mit gespannten zweideutigen Mienen, ob ich meine fruheren Jahre nicht in einem Kloster verlebt habe? Es war sichtlich, dass ihn irgend eine falsche Vermuthung missleite; indess war mir aller Irrthum von jeher zuwider, mich befiel eine peinliche Angst, und ich mochte wohl betroffen aussehen, als er mich gutig bei der Hand nahm und sagte, er wolle nicht in mich dringen, wenn diese Erinnerungen mich schmerzten; er wisse uberdem jetzt genug, es wurde sich alles aufklaren. Dies gab mir die nothige Zuversicht wieder, und ich versicherte ihm sehr unbefangen und ehrlich, dass ich wohl in Klostern gelebt, sie aber erst in spatern Jahren aufgesucht und in ihnen gelernt habe, dass die Wahrheit uberall siegen musse. Er liess meine Hand fahren, und ging schweigend im Zimmer aus und nieder. In mir war alles wieder ruhig und still, und ich ergotzte mich an den reichen Verzierungen, die uns umgaben, als er mit vieler Heftigkeit ein Seitenzimmer offnete, mir einen reich gestickten Mantel mit goldnem Ordenskreuz zeigte, und mich ernsthaft fragte: ob ich dies Gewand nie als Kind gesehen und im Spiele getragen habe? Mein Gott, was erwiedertest du? sagte Rodrich in der heftigsten Bewegung. Ich musste wirklich lachen, entgegnete Florio, seine Unruhe nicht beachtend, da unsre Hutte solchen Reichthum wohl nie umfasste. Der Cardinal konnte auch meine Aufrichtigkeit nicht langer bezweifeln, denn er sagte geruhrt: nein, so lugt man nicht in der Jugend! Als wir bald darauf von einander schieden, horte ich im Weggehen, dass er laut ausrief: es ist unbegreiflich, dass diese Zuge mich tauschen konnten! Wir sahen einander oftmals wieder. Das Geheimnissvolle in seinem Betragen hatte etwas Anziehendes fur mich, und da er sich immer bei meinem Anblick zu erweichen und zufriedner zu seyn schien, so willigte ich ein, ihn hieher zu begleiten. Es ist klar, sagte Rodrich nach einem kurzen Schweigen, mich, mich will er haben! O jetzt treten die allerfruhesten Erinnerungen hervor. So konnte ich denn mein dunkles Schicksal aufdecken! Gott weiss es, welche peinliche Angst mich zuruckhalt! aber ich kann nur mit Schrecken daran denken, den Schleier zu heben. Wer weiss, was darunter liegt! Ich zittere wie ein Kind, etwas Ausserordentliches zu sehen, und am Ende ist es wohl nichts, als das Allergemeinste, was mich spottend ansieht, und die stolzen Hoffnungen in den truben Strom bedurftiger Wunsche zuruckwirft. Jetzt, nur jetzt, muss ich den glanzenden Wahn noch festhalten! mogen dann die Zeiten alles zerstorend beruhren, wer kann wissen, wie es uber kurz oder lang endet! Was redest du fur seltsame Dinge? unterbrach ihn Florio. Dich suchte der Cardinal? warst du denn jemals im Kloster? und mich soll er fur dich angesehen haben? Ach du weisst es nur nicht, erwiederte jener, ich schwieg ja in eurer Gegenwart von allem, was mir das Herz zusammenzog. Ja, ich war im Kloster lange Jahre hindurch, und wie auch der Cardinal mit meinem Leben zusammenhangt, ich glaube ihn dort gesehen zu haben, doch so fruh, dass mir nur das Schreckende seines Anblickes geblieben ist, und er, die kindischen Zuge leicht vergessend, sie uberall in jedem fremden Gesicht zu finden glaubt.

Rodrich schuttete nun sein ganzes Herz vor ihm aus, und wie er der Vergangenheit gedachte, konnte er nicht umhin, prophetische Blicke in die Zukunft zu werfen. Florio bat ihn, Gott zu vertrauen, der sich niemals widerspreche, und der Natur eines Jeden gewahre, was sie durch ihr lebendiges Wollen verlange. Ich werde es niemals glauben, setzte er hinzu, dass Mensch und Welt in so argem Widerstreite gegen einander stehen, und die Nothwendigkeit sich gegen den innern Ruf so aufthurmen konne, dass dieser unbeantwortet bliebe, oder der Geist, in eigner Erniedrigung verschmachtend, dahin getrieben wurde, sich durch freche That zu befreien. Das hat noch Niemand gross gemacht, dass er mehr gewollt als er gedurft. Wenn man recht zusieht, bietet sich doch alles einander die Hande, und wer zu Gott will, mit dem ist Gott auch sicherlich. Rodrich horte nicht recht auf das, was er sprach. Sein Denken war uberall unstat, oder in Einem Gegenstande befangen. Beides traf hier zu. Mirandas Besitz beschaftigte ihn ausschliessend, und doch war es als wenn auf diesem hochsten Gipfel seines Gluckes noch tausend andre Wunsche, wie Cristallspitzen, anschossen, die, alle Farben spielend, seine Sinne unruhig umhertrieben. Lass uns noch einmal nach Theresens Garten gehen, rief er aus! ach, es war so unbeschreiblich schon dort! Florio folgte ihm willig. Allein da sie hinaustraten, wehete ihnen ein feuchter frischer Wind entgegen, der Himmel war trube, hin und wieder fielen einzelne Regentropfen, die sich, je weiter sie gingen, verdoppelten, und zuletzt in Stromen ergossen. Rodrich wollte sein Vorhaben nicht aufgeben, bis er zu der Gartenthur kam, die gerade jetzt wohl durch einen Zufall verschlossen war. Er blieb ganz erschrocken stehen. Soll ich sie denn nicht wieder sehen, sagte er so leise, als ware selbst der Klang dieser Worte von ubler Vorbedeutung. Denn das ist kein Sehen zu nennen, fuhr er unwillig fort, wenn ich morgen mit hundert Andern dahin gelange, einen kalten formlichen Abschied in des Fursten Gegenwart von ihr zu nehmen; dieses Menschen, der mir doppelt widrig ist, seit er sich hinter alten Gebrauchen verschanzt, um sein Heer nicht auf dem einzigen Wege zu begleiten, der ihn wenigstens zu einem wurdigen Tode fuhren konnte. Mussen die verhassten Umgebungen so schneidend zwischen uns treten, und soll ich mit Hass und Widerwillen zu kampfen haben, wenn ich sie sehe? Der Himmel sollte mir doch wenigstens dies Eine Gefuhl rein erhalten! Schilt den Himmel nicht, sagte Florio sanft. Konnte e i n Gefuhl deine Brust erfullen, glaube mir, die Umgebungen hinderten es nicht. Manchem erscheint das Leben wohl nur so storend, weil alles leicht zerstorbar in ihm ist. Komm nur, fuhr er fort, wir wollen die Stadt noch ein wenig durchstreifen, vielleicht zerstreuen dich die lustigen Kameraden, die alle Sorgen hinter sich lassen, und im frohlichen Rausch nur vorwarts Gluck und Wohlleben sehen.

Sie waren noch nicht weit gegangen, als sie Stephano trafen, der in unglaublicher Bewegung uberall war, und sich mit Entzucken in das neue Leben verlor. Es giebt, sagte er, als er sie erblickte, in der Welt keinen kuhnern Idealisten, als den Soldaten. Auch der Erfahrenste tritt die oft empfundenen Widerwartigkeiten lachend nieder, und sieht unverwandt in die Sonne des Ruhmes. Es ist, als waren Muhe und Noth, Gefahr und Wunden gar nicht da, so freudig sieht er daruber hinaus. Ich kann nicht beschreiben, wie ich mich an allem ergotze, was mich umgiebt. Jeder Krieger ist sicher ein Martyrer seines unerkannten Gefuhls, und eben diese Bewusstlosigkeit giebt ihm das unbefangne Kindliche, die frische Heiterkeit, die ein unversiegbarer Quell wohl ersonnener Spasschen bleibt. Ja wohl, sagte ein Mann in Grau gekleidet, den Stephano ganz dreist fur einen Schulmann erklarte, ja wohl gleicht der Soldat dem Kinde, das hundertmal uber einen Stein gefallen ist, und ihn doch nicht sieht, wenn die lockende Frucht aus der Ferne winkt. Das ist ja eben das herrliche in ihm, fiel Stephano schnell ein, dass ihn keine niedertrachtige Uberlegung von einem dreisten Schritt zuruckhalt. Der Engel mit dem Schwerte leihet dem Krieger seine Schwingen, um ihn uber die Erbarmlichkeiten des Lebens hinaus zu tragen. Konnte der Tollkuhne, fuhr der graue Mann fort, das glanzende Elend durchschauen, er wurde gedankenvoll und mit Weisheit die Bahn betreten, oder mindestens durften seine Fuhrer den Stein zu umgehen suchen. Nun ich sehe zum Glucke, sagte Stephano, dass ein letztes Funkchen dieser Tollkuhnheit jedem und auch ihnen beiwohnet, da sie so rucksichtslos mit und von den Soldaten reden. Huten sie sich aber doch vor d i e s e m Stein, ihr kuhner Geist mogte sie nicht bei allen auf gleiche Weise empfehlen. Sie wandten sich von dem friedliebenden Lehrer, den ein paar kecke Bursche spottend nothigten, mit ins Feld zu ziehen. Er werde, meinten sie, in der Schlacht gut thun, da er mit den kurzen Beinen nicht weit laufen konne.

Rodrich's Ahnungen hatten ihn indess nicht betrogen. Er sahe Miranda erst am folgenden Abend in der grossen Hofversammlung. Die Stunden rollten dort quaalvoll in kalter Formlichkeit hin, ohne dass sich der Augenblick fand, in welchem ein herzliches Wort zu ihm gedrungen ware. Miranda sprach wenig, sie schien sehr bewegt, ihre Blicke senkten sich oft zur Erde, und einmal glaubte Rodrich eine Thrane in den dunkeln Wimpern zu sehen. Er wusste selbst nicht was ihn zuruckhielt, sich ihr wie viele Andre zu nahern. Er zogerte und kampfte, als plotzlich alles aufbrach, und er in einer kalten Verbeugung sein Blut erstarren fuhlte. Die zuruckgedrangte Leidenschaft drohete ihn zu ersticken. Er hatte nicht die Kraft den Fuss zu heben, und verweilte in angstlicher Betaubung einen Augenblick, als die Prinzessin schnell auf ihn zutrat. Ihre Brust hob sich unruhig, als kampfe sie mit zuruckgehaltnen Thranen; stockend sagte sie endlich: Ich habe vergessen, sie von Rosalie zu grussen, bei der ich diesen Nachmittag war. Die Arme hoffte sie jeden Augenblick zu sehen, um ihnen Lebewohl zu sagen. Ich habe recht mit ihr getrauert, sie hatten sie nicht um diese letzte Freude betruben sollen. Es war eine von den wenigen klaren Stunden, in denen sie ihr Leben mit Ruhe umfasst, und still in sich selbst zuruckgehet. Vergessen sie es nicht, dass eine bekummerte Freundin fur sie betet, die ihnen dies Andenken, als eine liebe Erinnerung schoner Augenblicke, giebt. Er empfing mit Entzucken einen kleinen Ring aus ihrer Hand, den er noch betrachtete, als sich alles um ihn her verloren und Miranda langst entfernt hatte. So liebreiche Worte durfte er kaum erwarten. Er druckte das Zeichen stiller, heiliger Zuneigung an seine Lippen. Ja, meine fromme Geliebte, sagte er leise, bete nur, dass ich immer so demuthig und rein, wie in diesem Augenblick, zu dir aufsehe! Ist es doch, wenn ich den Ton ihrer Stimme hore, als gebote sie den innern Wogen Stille. Ich gebe mich dann auch so willig hin, und lasse sie walten, als hatten ihr von Ewigkeit alle meine Gedanken angehort. Es war ihm fast lieb, nicht bei Rosalien gewesen zu seyn, so gewiss er auch glauben durfte, dass Miranda ihn dort aufgesucht habe. Dieser plotzliche Wechsel, der geheimnissvoll wehende Liebeshauch, der ihn anruhrte, als wolle er die Flammen aus dem Eismeere locken, die unnennbare Freude, die plotzlich durch sein ganzes Wesen zitterte, welche andre Wonnen konnten diese aufwiegen?

Er eilte zu Florio, um in dies treue Herz sein Gluck zu ergiessen. Als er ihn sah, schloss er, ihn freudig in die Arme, und zeigte ihm den Ring, der ihm sein stummes Entzucken erklaren sollte. Florio betrachtete geruhrt das Kleinod. Es war eine grosse Perle, die in einem Blumenkranz von feinstem Golde lag. Je langer er darauf verweilte, je lebhafter ward er an den feurigen Reif auf dem Bilde der Dame erinnert. Er konnte sich kaum der Thranen erwehren, und gab ihm den Ring schweigend zuruck. Verzeihe, sagte er, als ihn Rodrich verwundert ansahe, wenn ich dir kalt erscheine, ich bin von allem, was ich heute sehe, auf eine angstliche Weise ergriffen. Die ganze Welt scheint mir in einer peinlichen Beklemmung zu liegen. Es ist als wenn alle zuruckgehaltene Thranen des nahen Abschiedes auf meine Seele fielen. Ich war bei der Grafin, wie du es wolltest. Sie empfing mich gutig, und meinte: wir mussen beide die Undankbaren vergessen, die uns jetzt mit freudiger Ungeduld verliessen; aber sie lachelte dabei so wehmuthig und sah so kummervoll auf den geschaftigen Grafen, dass man wohl fuhlte, was ihr jeder Scherz kostet. Sie bittet dich, die letzten Stunden dieses Abends bei ihr zuzubringen. Alle Freunde sind dort. Sie versichert im voraus, dass sie eure Freude auf keine Weise storen, sondern den Augenblick so fest halten wolle, als konne der morgende Tag niemals hereinbrechen. Florio, sagte Rodrich sanft, du entkommst mir nicht, trotz dem ungewohnten Strom deiner Worte, und den neuen Bildern, die du angstlich voruberfuhrst. Beschaftigt auch dich der Ring allein? Sage doch, mein guter Junge, was bewegt dich dabei so seltsam? Hast du nicht in meine offne Seele gesehen? war ich je bemuhet, dir selbst die truben Flecken darin zu verbergen? und darfst du dich gleichwohl vor mir verschliessen? Florio widerstand dem sanften Eindringen nicht. Er fasste seine Hand, und vertraute ihm, was er seit jenem Augenblick sorgfaltig in seiner Brust verschloss. Sie betrachteten beide den Ring; in dem rothlichen Schein der Perle strahlte Florio jene nachtliche Erscheinung zuruck, er senkte den Kopf in beide Hande, und weinte still vor sich hin. Lass nur, sagte Rodrich, die Zeit wird das Rathsel losen, und mag auch eine blutige Thrane auf die flammende Glut fallen, wer weiss was daraus hervorgeht!

Bald darauf trafen sie bei Seraphinen ein, die sie bleich und mit verweinten Augen empfing. Rodrich fasste geruhrt ihre Hand. O, sagte sie halb lachend halb weinend, thun sie sich keine Gewalt an, die Freude glanzt so unverschamt aus ihren Augen, dass jede Bemuhung, traurig zu scheinen, vergeblich ist. Nein, nein, fuhr sie fort, als Rodrich im Begrif war zu antworten, lasst uns durch nichts erweichen, der Ton ist der rechte, den ich eben angestimmt habe, die dreiste Frohlichkeit soll den Schmerz wenigstens fur heute verscheuchen. Sie versuchte bald dem Gesprach eine leichtere Wendung zu geben; allein was sie auch that, die Anstrengung war uberall sichtbar, und verbreitete eine angstliche Unruhe, jede Lucke auszufullen, die das unterdruckte Gefuhl nur noch stechender hervorrief. Ihr Kinder, sagte endlich der Graf, so geht es nicht. Das Herz widersteht in ernsten Augenblicken kunstlichen Spielereien, darum lasst uns das Ubel recht scharf ansehen, man gewohnt sich ja an den hasslichsten Anblick. Seraphine lehnte sich an ihn, und weinte sanft, wahrend er fortfuhr mit Ernst uber den Krieg zu reden, und die Herrlichkeit eines ehrenvollen Todes herauszuheben. Die muthige Seele meiner Seraphine, sagte er, sollte nicht vor dem schonsten Lohne zuruckbeben, der einen tapfern Krieger erwartet. Ich habe das Leben immer heiter angesehen, der letzte Augenblick wird mich ja auch nicht tauschen. Gott weiss es, ich denke nicht leichtsinnig daran, ich werde ihn auch nicht vermessen herbeifuhren; allein uberraschen sollte er wohl Niemand unter uns! Darum lasst uns recht still und innerlich froh seyn, wie Menschen, die am Ziele einer langen Fahrt noch einmal einander die Hande reichen, und wehmuthig und getrost auf die getrennten Lebenswege blicken. Ach, setzte er hinzu, es giebt Leiden ganz andrer Art! Ich habe gestern mein armes Kind gesehen, das in dumpfem Jammer hinwelkt, und den Todeskampf wohl tausendmal besteht. Jugend und Lebenslust ringen wie Gewapnete mit den kalten Sturmen, die uber ihre Bluthen hinfahren, und zuweilen dringt ein lauter Schrei aus der Tiefe ihres Elendes, dass man wohl fuhlt, wie die Seele noch nicht vom Leibe scheiden will. Ich habe den Anblick nicht ertragen konnen, am wenigsten aber, wenn in andern Stunden die erschopfte Natur so in sich abgeschlossen, so kalt und gleichgultig in die dunkle Nacht hinstarrte, und alles, alles in ihr schwieg. Gott! sagte er bewegt, gieb uns einen klaren, besonnenen Tod. Alle Blicke richteten sich auf ihn, wie er mit gefaltnen Handen recht verklart zum Himmel sah, und eine grosse Thrane uber sein glanzendes Angesicht rollte.

Gewiss, sagte die Grafin nach einer Weile, ich scheue die Schmerzen nicht, die mich jetzt fast auflosen. Man fuhlt in ihnen Gottes Hand, und das Herz wendet sich liebreich und ergeben zu Allem, was einem auf Erden theuer ist; allein mich angstet im voraus die Unlust, das Einerlei, die rechte innere Mudigkeit, die bei manchen Gemuthern auf solche Erschutterung folgt, und die ich ganz von fern kommen sehe. Denkt euch, wie farbelos alles, in dem grauen Winter vor mich hintreten wird! Kein lebendiger Odem kann die ermudenden Frauengesellschaften beleben, in denen die Langeweile sich so gern als Kummer und Trubsinn bewahren mochte, wenn die schlaffen Zuge nicht unverkennbar ihre Spuren trugen. Manche stille Seele weint dann wohl im Verborgenen, und gedenkt seliger Stunden, aber das entzweiet vollends mit der Gegenwart, die Blicke auf das zu lenken, was nicht mehr ist. Oft, sagte Stephano, der wahrend dem mit dem Gelehrten gekommen war, sohnt man sich aber auch mit ihr aus, wenn man sich lange in andre Zeiten verlor, und nun plotzlich zu ihr, wie zu der alten Heimath, zuruckkehrt, in der zwar wenig von der verlassenen Herrlichkeit zu finden ist, die indess zu uns gehort, und der Leib unsrer Zeiten ist. Nun, dieser Leib, sagte der Gelehrte, sieht freilich ziemlich zerbrechlich aus; ich wollte das durre Gerippe zerfiele, und der jugendliche, lebendige Gott schritte wieder wie ein starker und glaubiger Held durch die neuen Zeiten. Das wird er, das wird er, riefen die jungen Krieger! Ja das wird er, sagte der Graf, glauben sie nur, das Alte wird wieder neu, freilich anders, aber was jetzt hier gluht, ist doch auch schon und Gott wohlgefallig. Es regt sich in der Asche, fuhr der Gelehrte fort, vieles kann wieder kommen, was man oft thoricht verloren giebt; ob jetzt? das weiss Gott! Allein gewiss ist es, der Phonix hebt die Schwingen, durch einen kuhnen Flug kann er sich frei machen! Es ist Schade, fiel Stephano ein, dass der Herzog nicht mitgeht! Warum? unterbrach ihn Rodrich schnell, das Volk liebt ihn nicht, das Heer kennt ihn kaum, was soll er nutzen? Nun, erwiederte der Graf, sein Name deutet darauf, in solcher Zeit ziehen sich alle Bande fester, das Vertrauen wachst mit der Gefahr, und: Herren Auge, Gottes Auge! Sonst war es so, erwiederte der Gelehrte, und mich dunkt, der giebt sein Land verloren, der die Armee verlassen kann. Wirklich? sagte Rodrich lachelnd. Der Cardinal, habe ich gehort, hat den Bruder auch heldenmuthig zum Aufbruche ermuntert, und sich edel genug zur Verwaltung des Reiches erboten. Wer weiss, erwiederte Stephano beleidigt, stande es dann nicht gut. Sein fester Blick wurde die Frechen und Kindischgesinnten zugeln, die des Herzogs Gleichgultigkeit unbeachtet lasst. Es sind grosse Opfer fur den Glanz dieses Hauses gefallen, sagte der Graf, dem Cardinal ist nichts zu werth, was er dieser Idee nicht gern unterwurfe. Gewiss ist es, er bleibt den Winter uber hier. Ohne Absicht geschieht das nicht. Nun Gott moge alles nach seinem Willen lenken! Der Herzog kann nicht mitgehen, die Stande wollen es nicht, und er darf hoffen, dass er auch unsichtbar bei jedem unter uns ist.

Seraphine hatte unterdess mit Florio geredet, und konnte nicht genugsam ihr Gefallen uber ihn ausdrukken. Nein, sagte sie zu Rodrich, es ist etwas so Eigenthumliches, Fremdes, ja Veraltetes in ihm, dass ich bald ein Kind, bald einen Heiligen zu horen glaube, so unschuldig und doch so besonnen, so klar und tief sieht er die Welt an. Ich mochte zuweilen uber ihn lachen, und doch muss ich ihn unwillkuhrlich verehren. Er sagte nur wenige Worte, aber das liegt so rucksichtslos auf gesellschaftliche Formen, so offen da, dass es uberall anerkannt werden muss. Ich glaube, sie sollten alles von sich werfen, und mit ihm in ihre Berge fluchten. Aber das Paradies ist nun wohl fur sie verschlossen, sie konnen nicht mehr von der Welt lassen, und doch sind sie weder heiter genug, um unbefangen, noch fest genug, um ruhig in ihr zu leben. Sie wissen, es ist nicht meine Art, Gemuther zu sichten und zu zerlegen, um einen Beitrag meiner Seelenkunde herauszuheben, wobei die Eitelkeit gewohnlich alle Liebe und Theilnahme niedertritt, und die naturlichsten Gefuhle in Kunstworte zwangt; aber sie geben sich dem blodesten Auge preis. Ich kann sagen, es stort mich oft recht wehmuthig, wie bei einem leisen Ruf von aussen, ihr wilder Sinn so flammend losbricht, und auch, wenn sie nichts sagen, so schwer und trube in ihnen arbeitet, dass sie mir wie ein feuriger Berg erscheinen, dessen frische grune Decke die Menschen vertrauend lockt, sich an ihn zu lehnen, bis er dann unversehens alles in Asche und Glut verschuttet. Ach, und der Augenblick wird kommen, und sie werden mit verloren gehen! Wenn ich denke, fuhr sie nach einer Weile fort, in welcher beide schwiegen, wie es sie und mich treffen kann, wenn ich den geliebten Mann niemals, niemals wiedersehe! Mein Gott, was wurde dann auch aus ihnen werden! Sie standen ganz allein, ach und ich konnte nicht mehr in einer Welt leben, die ohnehin immer truber wird, und die nur die sanfte Heiterkeit des reinsten Gemuthes erhellt. Sie bog sich zuruck, und liess ihre Thranen still fliessen, wahrend Rodrich halb erweicht, halb erbittert, uber die eigne feindselige Natur schweigend vor sich hinsah.

Die Stunden waren indess unbemerkt entflohen. Der letzte Augenblick nahete, ohne dass es Jemand unter ihnen einfiel, den vertraulichen Kreis zu eroffnen. Stephano horte zuerst das langsame Rollen der schwer bepackten Wagen, die immer haufiger durch die Strassen fuhren. Bald ward nun alles lebendiger. Niemand konnte das verworrene Rufen, das Klirren der Waffen langer uberhoren. Die Artillerie zog mit klingendem Spiele voruber, das Geschutz drohnte dumpf auf dem Steinpflaster. Alle fuhlten mit Angst und Freude, dass auch ihre Zeit bald kommen musste, indess wagte Niemand die augenblickliche Stille zu unterbrechen, die recht angstigend fast jede Bewegung gefangen hielt. Endlich stellten sich die Regimenter auf den Strassen. Marketenderinnen und anderes Gesindel larmte frech voruber, ihre derben Spasse fuhren schneidend durch Seraphinens heilige Wehmuth. Sie verhullte das Gesicht, und kampfte sichtlich, die schickliche Haltung zu gewinnen; auch gelang es ihr bald, sich ruhig zu erheben und mit erheiterten Mienen an das Fenster zu treten. Der dammernde Morgen stritt noch mit dem Mondenlichte. Die Gestalten traten wunderbar aus dem magischen Scheine hervor. Seraphine ward von dem Anblick der rustigen Schaaren uberrascht, die mit ihren glanzenden Waffen so kampflustig da standen, und jeder Trauer zu spotten schienen. Handwerker und Burger, Manner und Frauen hatten sich herzugedrangt, jeder brachte das Seinige sogleich herbei; manche stille Thrane, mancher laute Zuruf ward gefuhlt und erwiedert. Die Offiziere flogen die Reihen herauf, wahrend Blick und Gruss der glaubigen Geliebten Trost verhiess. Alles sah schon aus in dem Augenblick, wo Thorheiten und Fehler vor der beginnenden kraftigen That verschwinden. Solchen Reiz giebt der edle Wille, und so tief lebt Freiheit und Recht in der Menschen Brust. Und als nun die Trommeln geruhrt wurden, und ein langes: lebt wohl, lebt tausendmal wohl, nebst dem lauten Hurrah der jubelnden Knaben nachhallte, als die betagten Mutter betend zu dem klaren Himmel aufsahen, und behagliche Kramer und Meister schon in Gedanken den ersten Bericht von der Armee lasen, sagte der Graf fest: Lasst uns thun was seyn muss, die Reihe ist nun an uns. Seraphine wollte den letzten Moment durch keine Schwache truben, der Anblick so vieler Tapfern, die heiter und vertrauend dem dunklen Ausgang entgegen sahen, hatte ihr Muth gegeben. Sie wandte sich beherzt zu dem Gemahl, der sie still bewegt an sein Herz druckte; ihre Thranen stockten, sie hatte keine Worte, Alle schwiegen geruhrt; da schmetterten die Trompeten, die Pferde stampften wiehernd vor dem Hause, Weiber und Kinder schrien in unvernehmlichen, herzzerreissenden Tonen. Der Graf druckte noch einen Kuss auf Seraphinens bleiche Wange, und eilte, ohne sich umzusehen, aus dem Zimmer. Stephano und der Gelehrte reichten einander die Hande, indem der erstere sagte: es hat Punkte gegeben, wo wir von einander abwichen, allein was mich jetzt durchdringt und fortreisst, das fuhlen sie, und das wollen wir in der Erinnerung festhalten und Freunde bleiben. Florio ging schweigend neben Rodrich; nur einmal sagte er mit gefaltnen Handen: Ach! nun fuhle ich auf's neue, wie sich Herz vom Herzen reisst, und die Wunde so still ausbluten muss, bis sie in sich selbst heilt. Lebe wohl! sagte Rodrich stockend, schwang sich auf's Pferd, und war bald mit Stephano den Zuruckbleibenden aus den Augen.

Der lustige Gruss der Reiter, verwehete schnell die leichten Wolken auf ihrer Stirn. Ihre Herzen waren weich und offen, die klaren Luftstrome zogen erfrischend durch sie hin. Alles blickte sie in dem herbstlichen Morgenglanz so reif und kraftig, und doch so scheidend an. Die Erde dampfte und thauete in unzahligen Tropfen nieder, als weine sie ihren Kindern nach. Da hoben die Reiter folgendes Lied an, das, wie ein Gesprach, von dem Einzelnen angefangen, und von der ganzen Schaar beantwortet wurde. Was zieht dich so lustig zum Thore hinaus, Was locket dich uber die Brucke? Was reisst dich von Weib und Kind und Haus, Zu jagen nach schonerem Glucke? Der Krieg, der Krieg, der lustige Krieg, Der locket den Reiter, der ruft ihn zum Sieg. Ach wende die Augen, sieh jenseit dem Fluss, Sieh Wellen in Wellen sich kreisen, Es schaumet die Brandung, es sprudelt der Guss, Lass schweigen die lustigen Weisen, Und schlangen die Wellen auch Habe und Gut Der Reiter blickt vorwarts, lacht spottend der Flut. Die Brucke sieh fallen, zerbrechen den Steg, Kannst nimmer zur Heimath nun wandern. Die Kindlein, sie jammern auf schlupfrigem Weg, Die Mutter verhohnt dich mit Andern. Lass brechen, lass brechen, was halten nicht kann, Verloren hat niemals, der wieder gewann. Halt an die Zugel, halt an, um Gott! Sieh vor dir die Todten-Gebeine, Es offnen die Thuren, dem Frevler zum Spott, Die Graber, im stummen Vereine. Wen kummern die Graber, wer achtet den Tod? Es treibet den Krieger ein gottlich Gebot! Der Graf trabte indess munter vor seinem Regimente her, welches, ohne achtet er das Haupt-Corps fuhrte, so selten und so spat als moglich, von ihm entfernt seyn durfte. Stephano und Rodrich ritten an seiner Seite. Alle drei horten dem Liede zu, als der Wind rauschend durch die trocknen Blatter fuhr, und sie kreisend des Grafen Wange streiften. Das ist wohl gar der Tod, sagte er lachend, indem er ein welkes Blatt zerdruckte; nun, setzte er hinzu, das Lied hat Recht, wer achtet den Tod! Die beiden konnten nicht lachen. Seine Worte waren ihnen schwer auf's Herz gefallen. Rodrich dachte an Seraphinens prophetische Klagen; seine Blicke richteten sich wehmuthig auf den heitern Greis. Das mogliche Ungluck schien ihm gewiss, schien ihm so nahe, dass er kaum dem innern Drange widerstand, ihn an sein Herz zu drucken. Lieber Sohn, sagte der Graf, der seine Bewegung wahrnahm, lass dich das nicht irre machen, in der Jugend halt man viel auf solche Zeichen, im Alter weiss man, dass sich der menschliche Verstand uberall anhangt, wo er nicht hindurch kann, und in den engen Schranken alles zu sehen meint, was ihm Gottes Hand verbarg. Das Geheimniss deuten zu wollen, fuhrt auf bose Trugschlusse oder kindische Spielereien. Wer nicht alles weiss, darf niemals glauben die dunklen Worte zu verstehen, die wohl zuweilen in und um uns erschallen, und die nur an die unsichtbare Weisheit erinnern, und zur Demuth und Standhaftigkeit ermuntern sollen. Lass jetzt deine Gedanken sich lieber auf die thatenreiche Gegenwart lenken! Viel Sinnen in das Blaue hinein, macht den Blick unsicher und die Tritte schwankend. Kinder, ich kann euch nicht sagen, fuhr er nach einer Weile fort, mit welchem Blick ich die Gegend umher betrachte! Keine fruhern Erinnerungen knupfen mich an sie, ich bin nicht alt geworden mit diesen Baumen, ihr Schatten und ihre Fruchte haben erst spat den Fremdling erquickt, und dennoch halt sie mein ganzes Herz gefangen. Ich konnte die Erde kussen, die mich so gastlich aufnahm, wo mir so viel, so viel Freuden erbluheten! Ja ich will sie schutzen als mein kostlichstes Gut! Wir wollen ihr eine Vormauer seyn, an der die rauberischen Hande zerbrechen sollen! Wachend und schlafend habe ich nur den einen Gedanken. Wohl tausendmal schlage ich den Feind im Traume. Nun es wird geschehen, bei Gott, es wird! Jetzt dringen wir in Eilmarschen vor. Rechts deckt uns das Meer, links die feste Geburgskette, so sind wir uber den Granzen, in Feindes Land, ehe es die weisen Staatsrathe noch ahnen. Die Armee ist frisch, kraftig, zu Anstrengungen gewohnt, von den Einwohnern geliebt. In solchen Zeiten wird es dem Landmanne erst anschaulich, was der Soldat im Frieden bedeutet. Sie haben einen Respekt vor ihm, der zugleich Liebe ist und Dankbarkeit. Das fuhlt der Reiter besonders, der uberall einen gewissen Stolz hat, der ihm wohl ansteht, und nur in einzelnen seltenen Fallen Ubermuth wird. Rodrich glaubte nichts Herrlicheres gesehen zu haben, als dies wachsende Feuer, das in den schonen, beweglichen Zugen des Grafen spielte. Er selbst ward wie neugeboren, heiter, in sich gewiss. So ging es mehrere Tage. Das thatige Leben, der Wechsel der Gegenstande, die Neuheit der ungewohnten Verhaltnisse, alles that ihm wohl, trieb ihn aus sich selbst heraus, und gab seinen Gedanken einen aussern, festen Halt, an dem sie wuchsen und reiften, und eben deshalb beruhigter in sich selbst zuruck gingen. Er stiess auf nichts, was ihn zuruck drangte, oder feindlich erbitterte. Stephano war ein gefalliger Freund, ihre beiderseitige Wunsche fur den Augenblick erfullt, des Grafen Achtung und Freundschaft zwischen ihnen getheilt, die Unterhaltung durch ihn bestimmt, leicht und unterrichtend. Alles traf zu um das Verhaltniss rein zu erhalten, und Rodrich eine thatige Ruhe kennen zu lehren, die seiner Natur eigentlich fremd, und nur durch die Umstande erzeugt war.

Nach mehreren Marschen mussten sie indess das Regiment verlassen, um die wechselnden Hauptquartiere schicklich und passend wahlen zu konnen. Es ward nun immer reicher, vollwichtiger um sie her. Im buntesten Gewuhl fremder und doch innig verbundener Gemuther, in der wilden Lustigkeit und dem Ernste anstrengender Berathschlagungen, in dem Zusammenklang alles dessen, was den Soldaten ausmacht, dehnte sich Rodrichs Seele, die Schranken traten immer weiter und weiter zuruck, er umfasste die Weltgeschichte, in dem lauten, ans Herz dringenden Ruf der Gegenwart. Was langst gewesen, ward ihm wieder neu. Die nie verschollnen Nahmen ewiger Helden erklangen in seiner Brust, der allmachtige Geist hob sich, und trat die nichtigen Wunsche nieder. Was seine Blicke bis jetzt wie Irrlichter verlockt, die schwankenden Vorstellungen unsichrer Grosse, drangten sich hier in einen gewichtigen Gedanken zusammen. Das Leben fasste ihn recht herzhaft an, und er begegnete der wohlthuenden Erschutterung mit wachsender Kraft. Uberall fuhlte er sich wohl, uberall blitzten ihm die verspruheten Funken gottlicher Herrlichkeit entgegen, die hier in einer Flamme aufloderten. Er lernte die Welt wieder lieben, die er nie recht kannte, am wenigsten, wenn er sie aus dem Gesichte verlierend, sich selbst uberflog. Es sah ihn alles so gross, so neu, wie aus langem Schlaf erwacht, mit frischen, lebendigen Augen an. Alle Klagen uber gesunkene Weltherrlichkeit erkannte er als erste Regung des Erwachens. Er glaubte einzusehen, wie das tiefe, bis zum Schmerz beschamender Erniedrigung empfundene Bedurfniss grosser Wirksamkeit, die That nothwendig herbei fuhren musse, und wie der Geist nie lange in der Hulle schmachte, ohne sie zu sprengen und gewaltsam zu fodern, was ihm werden muss, sobald er es will.

Noch war er nie so bleibend ruhig in sich selbst, so versohnlich mit der Welt, so zuversichtlich und heiter gewesen, als in den stillen Abenden, die er mit Stephano allein bei dem Grafen zubrachte. Alles, bis auf die unbedeutenden Beschrankungen ausserer Bequemlichkeit, erinnerte sie an das erwunschte Ziel, dem sie mit jedem Tage naher ruckten. Der Graf schurte die Flamme noch mehr an, indem er sich selbst wohlthatig erwarmte, und seine Plane an dem stillen, inneren Lichte reisen liess.

So waren sie uber die Grenzen, dem uberraschten Feinde entgegen, in sein eignes Gebiet geruckt. Kaum hatte dieser so viel Zeit gewonnen, sich vor die Festungen zu werfen, und das Innere des Landes mit allen Kraften uberwiegender Macht, und allen Vortheilen wohlgelegener, stark befestigter Platze zu sichern. Der Graf sah mit Freuden, wie sein Gegner, immer starker und starker gegen seinen rechten Flugel anruckend, einen Hauptangriff von dieser Seite zu erwarten schien, indess er sich links nur schwach gegen das Gebirge lehnte, das sich hier stark erhebend, weiteres Vordringen unwahrscheinlich machte. Auch rechtfertigten des Grafen Bewegungen diese Maassregeln eine Zeit lang, und die Armee selbst glaubte, dass hier der Schlag fallen musse, bis er durch eine geschickte Stellung den Kern der Truppen plotzlich links wandte, wahrend leichte Corps den Feind von der andern Seite ungewiss hinhielten. Die Regimenter zogen sich, immer vorruckend, dichter und dichter zusammen. Alles ging den festen Gang auf Leben und Tod mit Zuversicht. Endlich kam der grosse Tag, des Grafen Plane waren reif, alle Befehle in der Stille gegeben, Maassregeln und Vorkehrungen getroffen. Das tiefste Geheimniss deckte die Zukunft, Niemand wusste, aber Jeder glaubte und wollte das Beste, darum blieben die Gemuther frei und sicher, und die Herzen voll Kampfeslust. So stand es in und um den edlen Grafen, als er am Abend vor der Schlacht seinen jungen Freunden entdeckte, dass noch in dieser Nacht ein Scheinangriff die feindlichen Anfuhrer tauschen werde, indess sie wenige Stunden darauf mit zusammengedrangter Kraft von der Gebirgsseite einbrechen, und wahrscheinlich alles aufreiben und sprengen wurden, ehe noch ein Mann zu Hulfe eilen konne. Stephano ward deshalb sogleich zur Avantgarde verschickt, um jede Bewegung zu beobachten und dem Grafen nothigen Bericht abzustatten. Er hatte mit gespannter Aufmerksamkeit jedes Wort in sich gesogen, sein Herz zitterte vor innerm Entzucken, er konnte keine Sylbe hervorbringen, so wogte und brauste es in seiner Brust; unwillkuhrlich fasste er Rodrich's Hand, um doch etwas in der gewaltsamen Anspannung zu ergreifen, er schuttelte und druckte sie wahrend grosse Thranen uber das gluhende, fast verschamte Antlitz des Junglings rollten. Nun gehen sie mit Gott, sagte der Graf bewegt, und als ware die Erde unter ihm verschwunden, so pfeilschnell war er ihnen aus dem Gesicht.

Rodrich war heut still und innerlich, wie Jemand, dem das Grosste im Leben plotzlich ganz nahe tritt. Der erwunschte Augenblick war anders, als er sich ihn gedacht hatte, unendlich schon, aber ernst und heilig. Er spurte nichts von der leidenschaftlichen Erschutterung, die ihn uber sich hinaus zu nie gesehenen Thaten treiben sollte. Weit Geringeres hatte ihn sonst wohl heftiger fortgerissen. Jetzt war er ruhig und sicher, seit sich die grossen Bahnen vor ihm erschlossen. Er erschien sich selbst ungewohnt, und was er that und sah, erfullte ihn mit unbekannter feierlicher Ehrfurcht.

So war ihm ein Theil der Nacht verflossen, als des Grafen Regiment einruckte, das im entscheidenden Augenblick den gewohnten Fuhrer nicht entbehren sollte. Es ward nun alles lebendiger, als der Graf sich auf sein Pferd schwingend den Leuten zurief: nun Kinder in Gottes Nahmen vorwarts! Wie ein freudiger Blitz fuhr es uber alle Gesichter, die Alten sahen so vertrauend drein, tausend Grusse flogen ihm zu, sogar die an einander gewohnten Pferde wieherten sich lustig entgegen. Doch bald ging es still und eilig vorwarts. Rodrichs Herz klopfte jetzt zum erstenmal heftiger. Man horte stark feuern, des Grafen Blicke flogen nach dem Geburge hin. Dampf und Rauch hullten sie in dichte Nebel. Vor und hinter ihnen wimmelte es von heranruckenden Regimentern. Rodrich verlor sich immer mehr in die grossen Erscheinungen. Indem ward das Feuer schwacher, als zoge es sich weiter hin, und sie sahen Stephano heransprengen, der ihnen zurief: die Passe sind frei, die Hohen genommen, der Feind ist geworfen, aufgerieben, doch rechts walzt es sich wie ein Gewitter heran. Vorwarts, vorwarts, rief der Graf, und alles drang in schneller Ordnung vor. Bald zogen sie zwischen den Geburgen an Leichen und Verwundeten voruber. Des Grafen Pferd stutzte und baumte sich bei dem blutigen Anblick, auf Rodrichs Lippen schwebten jene Worte:

Halt an die Zugel, halt an, um Gott,

Sieh vor dir die Todten-Gebeine.

Der alte, unerschrockne Held gab indess dem Pferde unwillig die Spornen, und sie gelangten schnell in die weite unabsehbare Ebne, die sich nun vor ihnen hindehnte. Die Sonne drang am dunkeln Saum des Horizontes herauf, uber der Erde schwebte und flimmerte es, wie tausend Luftgestalten, die ein klarer Morgen verjagte, die Trommeln schallten dumpf durch die tiefe Stille, die Infanterie marschirte auf, hell glanzten die polirten Bajonette. Die weissen Federbusche der Cavallerie wogten wie ein bewegtes Meer im frischen Morgenwinde, alles stand in fester, geschlossener Ordnung zum Kampfe bereit, wahrend ein feindliches Corps wild und verzweifelnd heransturmte. Da schmetterten die Trompeten, wie Ein Leib bewegte sich die dichte Schaar. Sie sturzten auf einander ein; der Sieg war leicht, der Widerstand schwach, doch bald drangten sich die Haufen immer dichter und dichter heran. Rodrich sah alle Krafte in einem furchtbaren Momente gegen einander aufsteigen. Der alte heilige Schooss der Erde bebte, und nahm die kreisenden Kugeln mit dumpfem Gestohne auf, um und neben ihm sank ein bluhendes Leben nach dem andern, schwarze Rauchsaulen drangten sich zum Himmel und hullten die blutigen Gestalten in schattige Wolken, das lichte Gewolbe uber ihm war umzogen, die Erde mit Blut und Leichen bedeckt. Unheimlich und beengend trat die grause Wirklichkeit vor Rodrich hin. Wie gebannt musste er neben dem Grafen halten, der von einer Anhohe das Ganze scharf und ernst betrachtete. Der Sieg blieb eine Zeitlang ungewiss, Noth und Verzweiflung gaben dem Feinde ungewohnliche Krafte. Rodrich sah das, und kampfte mit der stechenden innern Ungeduld und dem aussern Unvermogen, etwas Entscheidendes zu unternehmen. Jetzt, sagte der Graf, ist es Zeit. Die brennende Mittagssonne strahlt dem ermatteten Feinde entgegen, indess wir, frisch und stark, ihr den Rucken zuwenden. Er eilte voran und sandte Rodrich, seinem fast umringten Regimente Unterstutzung herbei zu fuhren. Wie eine Flamme riss dieser die Schaaren mit sich fort, durchdrang die Reihen, entwand einem gefallnen, sterbenden Jungling die Standarte, und sturzte mit den jubelnden Reitern in die dichtesten Haufen. Bald darauf sah man den Feind wanken, die Reihen waren durchbrochen, die Ordnung nicht wieder herzustellen, die wilde Fluth, Gesetz und Maass uberspringend, rann unaufhaltsam aus einander. Mehrere Stunden wurden sie verfolgt, viele gefangen und getodtet, die Meisten retteten sich durch ungezugelte Flucht. Endlich ward alles still, die wachsende Schlachtwuth tobte nur noch im Innern der aufgeregten Gemuther. Bald lagerten sich die siegreichen Truppen auf einem frischen Anger, den Dorfer und klare Bache durchschnitten. Rodrich hatte indess mit steigender Angst den Grafen vergeblich aufgesucht. Auch Stephano fehlte. Er eilte unzahligen Todten und Verwundeten voruber, zitternd, in jedem einen dieser Geliebten zu erkennen. Seine Unruhe ward bald allgemein gefuhlt, tausend kreuzende Geruchte, wo man den Grafen zuletzt gesehen und gesprochen haben wollte, verwirrten nur die Meinungen und erhoheten die laut geausserten Sorgen. Der Abend brach unter angstlichen Nachforschungen herein, da sah Rodrich aus der Ferne drei Gestalten langsam zu Pferde herannahen. Er eilte ihnen entgegen, und erkannte, im truben Dammerlichte, den schwer verwundeten Grafen, von Stephano und einem Diener unterstutzt. Zusammengesunken, mit schlaffen herabhangenden Armen, liess er sich fast bewusstlos von demselben Pferde schleichend forttragen, das sonst nur in raschen Sprungen mit ihm uber die bluhende Erde hinflog. Rodrich weinte laut, als ihn der Tod aus den edlen Zugen so bleich und zerstorend anblickte. Er umfasste den geliebten Kranken und wollte ihn still und behutsam in eine nahe gelegene Hutte tragen, allein der Graf verlangte in gebrochnen Tonen nach einem Zelte bei seinen Reitern gebracht zu werden. Stephano eilte voran, die nothigen Anstalten zu treffen, und die Andern zogen schweigend an den besturzten Regimentern voruber, die den geliebten Feldherrn mit stummer Ehrfurcht begrussten. Als sie nun aber vor dem Zelte anlangten, und der Graf in einem ruckkehrenden Lebensblitz seine wackeren Kampfgenossen anredete, und sich und ihnen Gluck zu dem wohlerfochtenen Siege wunschte, da hielt sich keiner langer; tausend Thranen flossen, Aller Herzen ergossen sich in Klagen uber das theure Opfer, das nun so blutend vor ihnen lag. Die alten Krieger drangten sich um ihn her, sie wollten noch einmal in das sterbende Auge blicken, das ihnen so oft Ehre und Sieg verhiess. Er grusste Alle mit erschopfender Anstrengung, und wurde dann eilig von herzueilenden Arzten auf ein bequemes Lager gebracht. Rodrich harrte am Eingange des Zeltes in dumpfer Erstarrung auf den entscheidenden Ausspruch des Arztes. Er kannte sein Ungluck, er hatte die tiefe Wunde in der Brust gesehen, er durfte nicht hoffen, und dennoch zitterte er heftig, als Stephano heraussturzte, und die zuruckgehaltenen Thranen an seinem Busen ausweinte. Er wagte es nicht, ihn zu fragen, die Gewissheit war ihm schrecklicher, als jene betaubende, hinhaltende Furcht. Beide schwiegen, der Arzt ging wehmuthig an ihnen voruber. Niemand sagte ihm ein Wort, so traten sie wieder an das Bett des Kranken, der nach dem schmerzlichen Verbande einen Augenblick schlief.

Die Nacht war indess herauf gezogen. Eine laue, heitre Luft sauselte durch die halb geoffneten ZeltVorhange. Auf der weiten Ebne brannten Wacht- und Lagerfeuer, still und erschopft ruheten die muden Krieger, uber ihnen glanzte der Himmel im heiligen, verklarten Lichte ewigen Friedens. Rodrich und Stephano lauschten auf die stockenden ungleichen Athemzuge des Grafen, der sich ofter regte, und im Schlafe unzusammenhangende Worte und einzelne Nahmen laut werden liess. Rodrich ward sehr erschuttert, als er ihn mehreremale mit vieler Anstrengung, Eusebio, Eusebio, rufen horte. Die Vorstellungen verwirrten sich, er glaubte wieder ein Kind, an des sterbenden Freundes Lager zu sitzen, dunkle Ahnungen durchflogen ihn, er beugte sich uber das bleiche Angesicht und ihm war, als lagen zwei Gestalten in dem engen Bette. In dem Augenblick erwachte der Graf. Er schien gestarkt, blickte klar und sicher um sich her, verlangte, dass man das Zelt noch mehr offnen solle, und freuete sich der Ruhe und Ordnung im Lager. Sein heiteres Gesprach goss einen Strahl von Hoffnung in die Herzen beider Freunde, doch bald ward er ganz still, seufzte mehreremale tief, und schien auf's neue zu schlafen. Rodrich hatte seine Hand gefasst, und als er sah, dass er unverwandt nach dem Lager blickte, wagte er es, ihm einige leise Fragen zu thun. Mein Sohn, erwiederte er, der Tod ist viel mehr, als man glaubt, es sollten sich die Faden langsam losen, die uns an die Welt fesseln, oft reissen sie aber gewaltsam, und die Sehnsucht und der Schmerz halten uns hier noch lange gefangen. Vieles bleibt so unvollendet und zerstuckt hinter uns liegen, und scheint uns mit tausend Stimmen zuruck zu rufen, wenn gleich eine hohere Hand es anders und besser beendigen kann. Auch du liegst mir schwer auf dem Herzen. Ich kann nun wenig mehr fur dich thun. Nimm die Schreibtafel, die dort in dem Kastchen liegt. Sie enthalt Papiere, die du meinem Freunde, dem General uberbringen sollst, er wird weiter fur dich sorgen. Rodrich, sagte er nach einer Weile, als Alle um ihn her weinten, den Krieger mussen heitre Blicke zum Grabe geleiten, lass dich nicht so gewaltsam beugen, dir bleibt viel zu thun ubrig. Dein Schicksal wird dich noch wunderbar fuhren. Ich erkannte dich fruher. Eusebio war mein Bruder. Zerreisse das bunte Gewebe nicht, lass die Zeiten an dir voruber gehen, es waltet und wechselt die ewige Gottheit in wunderbarer Gestalt, neige dich vor ihrem unerforschlichen Willen, und trachte nicht vermessen, das Dunkel aufzuhellen. Ich habe in dieser Nacht viel erfahren. Es ist wenig mit diesem Leben, und doch wieder so viel, so unendlich viel! Er schwieg, Rodrich glaubte nichts Neues zu erfahren, ihm war, als habe er immer Eusebio's Bruder in dem geliebten Wohlthater geehrt, es kam ihm auch alles ganz gewohnt und naturlich vor. Er forschte nicht weiter nach, alle Neugier ward durch den heiligen, verklarten Blick des Sterbenden zuruck gedrangt. Er wusste selbst nicht deutlich, was er fuhlte und dachte, er sah nichts, als das Eine, was diesen bangen, angstigenden Augenblick ausfullte.

So hatten sie mehrere Stunden schweigend neben einander verweilt. Da drang die Trompete, die im Lager zum Satteln rief, schneidend durch die heilige tiefe Stille. Der Graf fuhr gewaltsam empor, er winkte mit der Hand, und blieb einen Augenblick aufgerichtet in einer angestrengten Stellung, als wolle er dem Rufe folgen; wie der schmetternde Ton verhallte, sank er zuruck, und lag starr und todt an Rodrichs blutendem Herzen.

Zweites Buch

Viele Tage waren seit dem Tode des Grafen verflossen. Der alte Held ruhete langst in starrer, winterlicher Erde. Alle Klagen und Thranen waren in die stille Gruft versenkt. Wie ausgestorben lag die verodete Gegend. Kein lebendiger Hauch drang hindurch. Stumm ging der Tod und das Elend hinter dem verscheuchten Bewohner, der unsichern Trittes die Trummer seiner Heimath aufsuchte. Weit hin vor trotzigen Festen lag das siegreiche Heer, und erkrankte im ermudenden Belagerungskriege. Rodrich sah mit erschopftem Geiste auf die unerschutterliche Ausdauer seines neuen Gonners. In und um ihn war alles verwandelt. Die getraumte Lust reichte nicht uber einzelne Momente der Erwartung hinaus. Der Gedanke hatte ihn erschuttert, gehoben, die That verblich in den schaalen Gebilden des Lebens! Wie er etwas anfasste, so schwand der Zauber, und das nackte Gerust trat schauerlich vor seine begehrlichen Sinne. Spottend blickte er auf sich und die Menschen, die immer auf's neue die abgerissenen Faden wieder anknupfen, um das trugerische Labyrinth zu durchirren, und dennoch war nirgend ein Stillstand, und alle Ruhe, Ohnmacht uberreizter Begier. Er suchte das ewig Bleibende, und entsetzte sich vor dem abgeschlossenen Einerlei erfullter Wunsche. Unwiderstehlich zog ihn der Wechsel an sich, um ihn dann unsanft zuruck zu stossen, weil er niemals fand, was uberall ist, oder nirgend. Dieselbe wiederkehrende Unzufriedenheit sagte ihm, dass dies die eigentlich bleibende Stimmung seines Geistes und eine Folge erkannter Tauschungen sey. Er glaubte tiefere Blicke als jemals uber die Nichtigkeit menschlicher Strebungen gethan zu haben, da nichts die innre Sehnsucht stille, sondern den glaubigen Muth zerreisse und erdrucke. Was haben nun, fragte er sich oft im bittern Unmuth, die unzahligen Opfer, der grosse Aufwand von Kraften, alle die aussern und innern Erschutterungen bewirkt? In kurzem ist es vergessen, die neue Gestaltung wird eben so spurlos von einer neuern verdrangt, und wahrend das kreisende Rad sich unaufhaltsam dreht, glauben wir thoricht den Augenblick zu fesseln. Tausende haben dasselbe vor mir gewusst und empfunden, und doch arbeitet sich jeder auf seine Weise ab, und wenn er die muhselige Bahn durchlaufen ist, so wundert er sich, auf demselben Punkte zu stehen, von wo er ausging. Rodrich konnte aus den Widerspruchen nicht heraus, in denen er sich und die Welt gefangen sah. Das innere Drangen und Treiben und jene Verachtung menschlicher Thatigkeit, zerrissen ihn auf eine Weise, dass er in jedem Augenblick in Ungewissheit uber sich selbst gerieth. Seraphinens Worte: er sey weder unbefangen genug, um heiter, noch fest genug, um ruhig in der Welt zu leben, fielen ihm wohl zuweilen ein, indess glaubte er auch in der Grafin etwas Gezwungenes, Systemartiges zu erkennen. Es kam ihm vor, als wolle sie mit Gewalt die anraisonnirte Heiterkeit, auf Kosten eigner, unangenehmer Gefuhle oben auf spielen lassen, wahrend Missmuth und Widerwille sie im Innern folterten. Die kleinen Spielereien, die ihrem Leben den frischen Glanz liehen, schienen ihm kunstliche Behelfe, eine Unbefangenheit geltend zu machen, die langst dem Lichte reflektirender Betrachtungen weichen musste. Uberhaupt kam es ihm vor, als habe der Verstand alle eigentliche Originalitat verwischt, und jedem nur ein Kleidchen aufgehangt, wie es sich gerade fur Lage und Verhaltnisse passen wolle. Die Menschen, meinte er, dachten im Grunde ziemlich einerlei, das heisst, an sich selbst. Uber diese Sphare gehe selten etwas hinaus, wie sich die Eitelkeit auch hinter bescheidner Selbstverlaugnung verstecke. Er musste lachen, wenn er seines fruhern Enthusiasmus, der gluhenden Bewundrung einzelner, grosser Erscheinungen, und all' der tausend Irrlichter gedachte, die den kindlich glaubigen Sinn blenden. Am wenigsten begriff er, wie Stephano, dessen Ansehen langst bei ihm gesunken war, diesen entscheidenden Eindruck auf ihn machen konnte. Er glaubte ihn jetzt ganz zu verstehen, um so mehr, da ihre gegenseitigen Neigungen, Ansichten und Gefuhle, unaufhorlich einander begegneten, und Stephano nur da zu seyn schien, um durch state Reibung, alle Saiten in Rodrichs Seele zu beruhren, und die verstecktesten Tone hervor zu rufen. Dies unwillkuhrliche Ergreisen, diese Ahnlichkeit, die keinesweges Gleichheit war, und dennoch jenes schauerliche Erkennen in fremder Gestalt, drangte beide Freunde aus einander. Rodrich wandte sich ohne Schmerz von ihm ab. Er hatte etwas Ausserordentliches erwartet, lange die auffallenden Widerspruche wie geheimnissvolle Rathsel, mystische Anklange einer unbegreiflich hohen Natur angestaunt, jetzt entdeckte er kleinliche Regungen, die auch seine Brust anfullten, und verzieh es ihm um so weniger, sich vor einer Uberlegenheit gedemuthigt zu haben, die nur die Beschranktheit eines kleinen Kreises dafur erkannte. Stephano liess es geschehen, ohne sonderliche Empfindlichkeit zu aussern. Rodrichs Freundschaft war ihm nie Zweck gewesen. Er empfand leicht ein bestechliches Wohlwollen fur Menschen, die sich ihm anneigten, und versuchte dann ungesaumt, sie in seine Plane hinuber zu ziehen. Wenige verstanden ihn, und auch diese Wenigen liess er durch inkonsequente Maassregeln erkalten. Rodrichs Abfall kam ihm nicht unerwartet. Er beschwichtigte das verletzte Gefuhl mit einer Verstandesformel, und hing dem grossen Hauptgedanken seines Lebens mit gereizter Leidenschaftlichkeit nach. Es galt nichts weniger, als dem launenhaften Schicksal zum Trotz, sein abgerissenes, zweideutiges Daseyn zu begrunden, und die dunkle Halfte desselben, durch einen gewichtigen Schlag zu uberstrahlen. Es war nie klar in ihm geworden, was er eigentlich wollte und vermochte. Einzelne grosse Begebenheiten fuhren wie Blitze durch sein Inneres, und drangten ihn verworren nach allen Richtungen. Mit einer unglaublichen Leichtigkeit jede aussere Anregung aufzufassen, arbeitete er sich innerlich bis zur Erschopfung ab, ohne etwas Grosses zu leisten. Muth und Wille zerbrachen leicht an den gewohnlichen Widerspruchen des Lebens, indess erschien er in solchen Krisen originell, kraftig, und oft sogar mit einer gewissen Verstandes-Konsequenz, die leicht imponirt, und der Welt die demuthigende Klage auspresste: dass es eine Schmach sei, diesen gewaltigen Geist in den gemeinen Umgebungen verschmachten zu lassen. Stephano sagte dasselbe, freilich etwas bescheidner, allein die einmal gefasste Verachtung aller hergebrachten, gesetzlichen Verhaltnisse, die unwillkuhrlich ein Fussschemel eigner Erhohung wird, rechtfertigte genugsam das Misslingen seiner haufig geanderten Plane. Was in Rodrich wie ein ungestumes Meer brauste, und ihn mit zerschmetternder Gewalt an die Brandung emporter Wunsche trieb, das hatte in ihm eine durftige Phantasie und ein uberlegner Verstand zu einem systemartigen Bau aufgethurmt, uber den die altere Erfahrung einen Schein von Weisheit ausgoss. Dieser Schein indess war es, der Rodrich mehr als alles verletzte. Er vermengte ganz naturliche Folgen mit absichtlicher Heuchelei, und wahrend er das Unrecht zu bestrafen meinte, wandte er sich von einer Ruhe, die ihm seine eigne Heftigkeit vorwarf.

So war ihm ein Theil des Winters unter feindseligen Kampfen verflossen, die das Langweilige und Freudenlose seiner Lage nur noch mehr erhoheten. Vergebens hatte er, so wie die Armee, auf eine Entscheidung gehofft. Unbedeutende Platze waren in ihrer Gewalt, wahrend die Hauptfestung, der eigentliche Schlussel des Landes, den kuhnsten Widerstand leistete, und alles weitere Vordringen unmoglich machte. Rodrich konnte die ruhigen Maassregeln des Generals nicht begreifen, und tadelte sie um so strenger, je weniger Beruhrungspunkte zwischen ihrer beider Ansichten statt fanden, und je sorgsamer der erfahrne Krieger sich in sich selbst zuruck zog. In dieser finstern Stimmung erhielt er einen Brief von Florio, der ihn, wie ein milder Fruhlingshauch anwehend, einen Augenblick mit der Welt versohnte. Sein Herz offnete sich recht eigentlich, wahrend er folgende Worte las.

"Mein Rodrich, warum kann ich nicht bei dir seyn? warum halten mich Bande, die ich gern anerkennen und selbst um den Preis deiner Umarmung nicht losen mochte? Sage mir, wie kann der Mensch so widersprechend und doch wieder so einig und beruhigend fuhlen? In manchen Augenblicken uberfallt mich eine Sehnsucht nach dir, die oft zur peinlichsten Unruhe anschwillt, allein ich mochte dich eher in unserer Mitte wissen, als dort in dem verworrenen Getummel aufsuchen. Es ist viel anders in mir geworden. Die Welt lockt und reizt mich nicht mehr wie sonst. Ich habe es nie geglaubt, dass man den Schmerz so lieben, und sich mit den schauerlichsten Erscheinungen befreunden konnte. Es soll nicht gut seyn, sich der Wehmuth und allen sussern Regungen des Herzens so ohne Widerstand hinzugeben, als wolle man sich in dem wonnigen Meere auflosen. Es ist wohl moglich, und ich glaube sogar, dass man aus diesen Traumen mit matten Widerstreben zu den kreisenden Bewegungen des Lebens erwacht, aber ich kann dir nicht beschreiben, wie heilig und still alles in dieser Einsamkeit athmet, und mit welcher seltsamen Bangigkeit ich jeden Ruf naher Weltereignisse vernehme! Wie ein feiges Kind mochte ich mir die Ohren verstopfen, um nichts von allem, was draussen vorgeht, zu horen. Ja, ich kann sagen, mir schlagt das Herz vor Angst, wenn ich denke, dass man deinen Nahmen ausserhalb dieses abgeschlossenen Kreises nennt. Warst du nur hier! Ich kann meine kindischen Sorgen durch nichts rechtfertigen, und doch, konnte ich dich mit mir in diese Dunkelheit vergraben, uns ware wohl allen besser. Wusstest du indess, wie wir hier leben, wie Schmerz und Wahnsinn mit allen winterlichen Schauern, unsre oden Tage erfullen, wie nur taube Bluthen kranker Phantasie unsre einformigen Gesprache dann und wann anregen, und selten ein Sonnenblick uber uns hinzieht, du wurdest nicht begreifen, wie man solche Umgebungen lieben, wie man in ihnen frei athmen konne. Und doch ist es so. Seit dem Tode des Grafen sind wir zu Rosalien gegangen, die uns ungern und mit sichtbarer Scheu aufnahm. Ihr Anblick uberraschte mich schmerzlich. Die hagre, erloschne Gestalt umhullte ein langer schwarzer Schleier, der ihr Stirn und Augen bedeckte, unter demselben sah ein frischer Myrtenkranz wie zum Spott auf ihr bleiches Gesicht herab. So lag sie unter einem grossen Bilde ihrer Mutter, zu deren Fussen sie und Fernando als Kinder spielen. Der Knabe steht in einer nachdenklichen Stellung, uber einen sprudelnden Quell gebeugt, in welchem er, wie im Anschauen verloren, einzelne Rosen fallen lasst; Rosalie hat sich halb gewandt, und indem sie das volle Lockenkopfchen zu ihm neigt, deutet sie auf die verstreuten Rosen. Die Mutter sieht mit unendlicher Liebe auf beide herab, und als konnte ihr Blick nicht ohne den ihrigen leben, so spiegelt sich das himmlische Gesicht auf den Fluthen, und dringt aus der Tiefe zu ihnen herauf. Dies volle, beginnende Daseyn im Bilde, alle die frohen Hoffnungen, die dazu berechtigten, und vor mir die welken Bluthen! Mein Herz zerriss in dem schneidenden Widerspruch. Ich fuhlte mich beklommen, und konnte kein Wort hervorbringen, um mein Erscheinen mit der Grafin zu rechtfertigen. Sie sah uns lange mit unsichern Blicken an, dann winkte sie, und sagte: man solle ihre stille Freuden nicht auf's neue truben. Seraphine, deren Wunden heftiger als je bluteten, warf sich vor ihr nieder, und beschwor sie, ihrem heiligen Schmerz hier eine Freistatt zu gonnen. Sie schien geruhrt, und liess es geschehen, dass wir blieben. Doch sprach sie weiter nicht, und wir sahen sie nachdem nur selten. Mich angstete diese Abgeschlossenheit, allein die Grafin schien wenig empfindlich dagegen, und die Tage verflossen, ohne dass einer den andern erfreuete, oder storte. Eines Abends, als ich in einem Cabinet, das Seraphine bewohnte, mit ihr vor dem Kamine sass, der das kleine Gemach halb dammernd erhellte, offnete sich die Thur, und ehe wir noch Zeit hatten, uns zu besinnen, trat Rosalie mit zuruck geworfnem Schleier, im brautlichen Schmuck vor uns hin. Ihre Augen rollten wild umher; das Haar von Regen und Sturm aufgelost, ringelte sich um Hals und Brust, sie deutete auf die Stirn, und sagte mit furchtbarer Stimme: seht ihr die Flamme, die nun hell brennt? Sie schlug die Hande heftig zusammen, und fiel unter wiederholten Zuckungen ohnmachtig in meine Arme. Seraphine rief mit ihrem gewohnten Muth ohne Weiteres um Hulfe. Auf ihr wiederholtes Nachfragen erfuhren wir, dass die Kranke jeden Abend, um dieselbe Stunde, in dem namlichen Aufzuge, nach dem Grabe ihrer Mutter gehe, und jedesmal still und betrubt wiederkehre. Der Arzt, den man davon benachrichtigte, befahl, ihr kein Hinderniss in den Weg zu legen, und man sey auch so sehr an diese nachtliche Wallfahrt gewohnt, dass niemand weiter darauf geachtet habe. Nur heute musse etwas Ausserordentliches vorgefallen seyn, was sie so heftig bewege. Sie lag noch immer starr und bewusstlos vor uns da, der Ausdruck gewaltsamer innerer Erschutterung in den gespannten Zugen, die Todtenblasse, das feuchte anschmiegende Gewand, der reiche Schmuck, alles gab ihr ein so angstlich widersprechendes Ansehen, dass ich nur mit heimlichem Grausen meine Blicke auf sie richtete. Seraphine glaubte indess, der rauhen Witterung diesen Unfall allein zuschreiben zu mussen, und hoffte getrost von den angewandten Mitteln die sicherste Wirkung. Ihr Muth belebte uns alle, wir waren noch um sie beschaftigt, als ein Fremder die Grafin allein zu sprechen verlangte. Wie eine dunkle Ahnung flog es hier uber Seraphinens Gesicht, sie wandte sich verlegen zu mir, und bat mich, sie zu begleiten. Wir gingen schweigend in ein abgelegenes Zimmer. Ich setzte das Licht, das diese unerwartete Erscheinung beleuchten sollte, mit einem Gemisch von Angst und Neugier in den Hintergrund, und sah unverwandt nach der gegenuber stehenden Thur. Die Grafin warf sich unruhig in einen Sessel, und schien neuen Schrecken mit erschopfter Kraft entgegen zu sehen. So blieben wir mehrere Augenblicke, als sich endlich die Thur offnete, und ein schlanker, schoner Mann zu Seraphinens Fussen sturzte. Ludowiko! schrie diese, und verhullte mit Entsetzen das Gesicht. Haben Sie mir auch geflucht? fragte er mit einer uberaus einschmeichelnden biegsamen Stimme. Konnen Sie ein Herz verdammen, fuhr er fort, das so unwillkuhrlich erkaltete, als es einst entbrannte? und fuhlen Sie nicht, dass dieser einzige Missgriff mein ganzes Leben verwirrt? Was fuhrt Sie hieher? unterbrach ihn Seraphine unwillig. Sind Sie Bosewicht genug, hier einen Triumph zu suchen? Wollten Sie noch mit den abgerissenen Bluthen spielen? oder gelustete es Sie, zu sehen, wie ein treues Herz unter Ihren weltklugen Kunsteleien zerbrach? Ich bin kein Bosewicht, sagte Ludowiko sanft. Sie zerreissen mein Herz in einem Augenblick, wo ich Trost bei Ihnen suche. Trost? wiederholte die Grafin. O mein Gott, fiel er schnell ein, es ist jetzt nicht Zeit zu untersuchen, ob ich ein Recht darauf habe, sagen Sie mir nur, ob sie lebt? und ob ihr Zustand immer so ist, wie ich sie heute fand? Sie haben sie also gesehn? fragte Seraphine, der nun alles klar ward. Ewiger Gott, erwiederte Ludowiko, der Tod hat mich in ihren Armen gefasst, und alle gespenstische Schauer rissen mich aus meinem Traumen ihrem Wahnsinne nach! Seraphinens Blicke lagen noch immer forschend auf den seinigen, und er fuhr fort: ich kam auf Rosaliens dringenden Ruf hieher. Ein Brief, den ich auf eine seltsam geheime Weise in meinem Zimmer fand, zog mich unwiderstehlich zu ihr hin. Ich war so weit entfernt, ihre Zerruttung zu ahnen, dass ich in dem Unzusammenhangenden und Phantastischen ihrer Einladung, nur die Stimme lange bekampfter Leidenschaft erkannte. Ich trotzte den Gefahren der Verbannung und kam unerkannt zu dem stillen Grabe, das sie zum Ort unseres Wiedersehens festgesetzt hatte. Sie trat mir entgegen, ihr Anblick griff wie gluhende Zangen in mein Inneres. Unwillkuhrlich schloss ich sie in meine Arme. Sie liess es still geschehen, plotzlich wand sie sich los, und mit einem Schrei des Entsetzens rief sie: Fernando, dein Kuss brennt wie eine dreizackige Flamme auf der Stirn der Sunderin. Ich bemuhete mich vergebens, sie zu beruhigen, sie stiess mich von sich, ihr wilder Blick flog unstat umher, und als jagten sie alle Furien der Holle, so lief sie plotzlich vor mir her. Ich hatte sie bald aus dem Gesichte verloren, und irrte in todtlicher Angst um das Haus, ohne mich gleichwohl hinein zu wagen, als ich endlich Ihre Stimme, liebste Seraphine, vernahm, und nun beschwore ich Sie, wenn noch eine menschliche Regung fur einen Unglucklichen sprechen kann, sagen Sie mir, was ist aus ihr geworden? Die Grafin war tief erschuttert. Lieber Himmel, sagte sie, wer darf mit dem Andern rechten! Ich beklage Sie von ganzer Seele. Wenn Sie noch irgend eine Anhanglichkeit fur die Ungluckliche erhielten, so werden Sie viel leiden. Rosaliens Wahnsinn hat durch Ihre Erscheinung nur eine andre Richtung genommen, sie gehorte sich langst nicht mehr an. Die Drohung ihres Bruders, und die unbezwingliche Leidenschaft fur Sie, wogten ringend in ihr auf und ab, und entzundeten allmahlig ihr Gehirn. Sie kann nur der Tod retten. Ludowiko weinte still, seine Liebe schien gewaltsam erweckt zu seyn. Die Grafin versprach ihm Nachricht zu bringen, und liess uns allein. Ich hatte nicht den Muth, seinen stummen Schmerz durch eine unzeitige Anrede zu unterbrechen. Diese schwachen, beweglichen Gemuther haben bei allen dem einen eignen Reiz. Ihr willenloses Hingeben ist selten ohne Liebenswurdigkeit, und wie viel Unheil sie auch anrichten, man kann ihnen nicht feind seyn. Ich empfand wirklich eine zartliche Theilnahme fur den schonen bekummerten Mann, und schloss ihn ohne ein Wort zu sagen an mein Herz. Er verstand mein Gefuhl, und schmiegte sich so vertrauend an mich, als wolle er sein ganzes Innres in meinen Busen ausschutten. Ach Gott, sagte er nach einer Weile, ich erscheine wohl als ein grosser Sunder, und doch bin ich gewiss nicht ganz schlimm. Das kommt und geht so mit unsern Gefuhlen, ohne dass man es wehren kann, und die Folgen ziehen uns dann unvermeidlich mit sich fort. Ich druckte ihm schweigend die Hand. Seine Philosophie war freilich ziemlich leicht, indess mochte sie ihm fur den Augenblick wohlthun, und ich konnte ihm das gonnen. Die Grafin war indess zuruck gekommen; sie versicherte, Rosalie sey besonnen und ruhig erwacht, spreche zusammenhangend und scheine geruhrt bei jeder ihr bezeigten Aufmerksamkeit, nur leide sie nicht, dass man sie zu Bett bringe, aus Furcht etwas anzuzunden, so sitze sie auch ganz frei, mitten im Zimmer, mit unbedecktem Haupt und offner Stirn. Seraphine drang jetzt auf Ludowikos Abreise, da der Zustand der Kranken mehr bleibend als gefahrlich zu seyn schiene; allein er war durch nichts dahin zu bringen. Allen unsern Grunden setzte er die schmeichelndsten Bitten entgegen, und wirklich hat er es durchgesetzt, bis zu dieser Stunde verborgen im Schlosse zu bleiben. So leben wir denn alle Vier, ein ganz eignes von der ubrigen Welt losgerissenes Leben, indem sich jeder mehr oder weniger in die schwankenden Vorstellungen des Andern verliert, oder die Bilder eignen Wahnsinns ausser sich zu sehen glaubt. Rosalie spricht mit vieler Ruhe von dem letzten Ereigniss. Sie sagt, nun angste sie nichts mehr, da alles eingetroffen sey, wie sie es unter tausend Quaalen geahnet habe. Dies sey der letzte Schlag des Schicksals, den sie hatte herbei fuhren mussen. Nun sey es wahr geworden, und sie busse gern und willig. Diese Flamme reinige auch die Seele ihres Bruders von Hass und Rache, und Ludowiko sey in dem Augenblick ein Engel geworden, der immer um sie bleiben und sie trosten durfe. Es ist unbeschreiblich, welche Gewalt ihre Worte uber uns ausuben. Ludowiko, der die meiste Zeit von ihr ungesehen, verborgen im Zimmer weilt, lebt und athmet nur in dem Zauber ihrer Stimme. Oft sitzen wir die dunkeln Abende so neben einander, und begleiten ihr Lieblingslied mit tiefer Ruhrung. Es klingt recht wehmuthig, wenn sie mit der matten, kranken Stimme singt:

Die bangen Stunden winden

Sich langsam auf und ab.

Tod, soll ich nie dich finden?

Bleibst mir verschlossen, Grab?

Ich seh' des Tages Neigen,

Ich seh' der Nachte Lauf,

Verworrne Bilder steigen

Aus mattem Streit herauf.

Der Kindheit fromme Spiele,

Der Jugend banges Fleh'n,

Ach! und der Leiden viele

Muss ich nun kommen seh'n.

Zieh still an mir voruber,

Du susse Kinderwelt!

Mein Blick reicht nicht hinuber,

In jenes bunte Feld.

Verhull' in dunkle Schleier

Dein Hoffen, armes Herz,

Der Jugend Liebesfeuer

Erblich in dumpfem Schmerz.

Doch ihr nahmt mich gefangen

Ihr droh'nde Schatten dort,

Nach euch trag' ich Verlangen,

Reisst mich umschlingend fort.

Nun steht das Grab mir offen,

Nun winkt der Tod herbei,

Und all mein susses Hoffen,

Giebst du mir sterbend frei.

Neulich unterbrach sie sich selbst, und meinte, Ludowikos Stimme deutlich gehort zu haben. Es ist mir oft schauerlich, wie Wahrheit und Tauschung hier so in einander spielen, dass wir selbst nicht wissen, was das Rechte sey. Ubrigens ist ihr Lied prophetisch, denn sie neigt sichtlich dem Grabe entgegen, und erblickte sie Ludowiko ein zweites mal, so wurde das sicher ihr letzter Augenblick seyn. Er fuhlt das auch, und giebt sich mit einer Art phantastischem Wohlbehagen ihren Traumen hin, in denen er sich selbst gereinigt und verklart erscheint.

Ich kann nicht sagen, mit welcher Sehnsucht mich diese geheimnissvolle, dunkle Liebe erfullt! Ich beneide Ludowikos Loos, und muss oft stundenlang zu Seraphinens Fussen weinen. Zuweilen ist mir, als waren wir Alle Schatten einer andern Welt, und ich betrachte mich und die Andern mit Bangigkeit. Wollte Gott, es ware so! allein Elwire, die jetzt ofter zu uns heruber schweift, reisst unsre ideale, kleine Welt mit Gewalt in die wirkliche hinein. Es ist sichtlich, dass die Begier, etwas Naheres uber die letzten Vorfalle zu erfahren, sie hieher lockt; indess kehrt sie jedesmal unbefriedigt zuruck. Sie ist wie ein Kind, und neckt und schwatzt und qualt uns oft bis zur Ermudung. Besonders drangt sie mich, sie nach der Hauptstadt zu begleiten, von der sie, nach Kinder Art, alles in einander vermengend, erzahlt. Miranda schweigt ganz. Elwire lacht zweideutig, so oft man nach ihr fragt, und meint, es wurden bald grosse Dinge geschehen. Niemand wird aus ihr klug.

Ach, mein Rodrich, konntest du hier seyn! Ich darf das vielleicht deinetwegen nicht wunschen, du bist wohl auf deine Weise glucklich. O sage mir bald, wie dir's ergeht, und ob du meiner noch mit Liebe gedenkst. Ewig der Deine. F l o r i o ."

Rodrich ward, wie mit einem Zauberschlage, zu jenen verworrnen Auftritten hingezogen. Die fruhesten Regungen seines erwachenden Daseys, sein dunkler Eintritt in die Welt, der trotzige Unmuth, das wechselnde Gluck, der Graf, Seraphine, Rosalie, all jene Lichtblicke, die in sein Inneres fielen, flossen jetzt in dem Schmerz uber die fruh getrubte Herrlichkeit zusammen. Er konnte es sich nicht ableugnen, er dankte jenen beiden weiblichen Wesen die sussesten Ahnungen. Was er jetzt fur Miranda fuhlte, war anders, in manchen Augenblicken heiliger, und doch wieder mit einer angstigenden Unbestimmtheit vermischt. Uberall war sein Denken und Fuhlen so schwankend und zerstuckt, dass er eine Scheu hatte, in sich selbst zuruck zu gehen.

Um dieselbe Zeit erhielt Stephano ebenfalls Briefe vom Hofe. Rodrich wusste das, und bemerkte nicht ohne Unruhe, wie er immer zuruckhaltender und gezwungener ward. Er fragte ihn einmal nachlassig: ob er nichts Lustiges von der geistlichen Regierung zu erzahlen wisse? O ja, erwiederte jener, Viormona vertheilt die Rollen, du hast ja fruher ihr Talent erprobt, und kannst denken, welch reiches Leben nun beginnt. Viormona? fragte Rodrich. Nun ja, sagte Stephano, ihr gewaltiger Geist begegnete dem Cardinal, oder umgekehrt, wie du willst, genug es ist jetzt alles einig und friedlich, und Therese und ihre Tochter, der Hof, die Stadt, alles giebt sich den neuen Fuhrern hin. Rodrichs Herz zog sich unwillkuhrlich bei diesen Worten zusammen. Es lag dahinter etwas, das ihn angstete, und er hatte gleichwohl weder den Muth, noch das Recht, in den vernachlassigten Freund zu dringen, der auch weiter nicht auf ihn zu achten und nur mit eignen Sorgen zu kampfen schien.

Beide hatten indess nicht lange Zeit, ihren Traumen nachzuhangen. Der General beschloss, die Festung durch einen Uberfall einzunehmen, und bestimmte dazu die folgende Nacht. Das tiefe Geheimniss, die Erwartung, der unbestimmte Ausgang, alles lockte sie aus dem langen Winterschlafe hervor, und stromte erfrischend durch den heitern Soldatensinn. Stephano konnte kaum den entscheidenden Augenblick erwarten. Er maass mit klopfendem Herzen Mauern und Walle. Ihm war, als schwebe er unaufhorlich auf der letzten Sprosse der Leiter. Endlich ruckte die Stunde heran. Alles war vorbereitet, die Nacht dunkel wie das Grab. Der Wind fuhr heulend durch die Wolken, und trieb Schnee und Regen vor den anruckenden Truppen her. Kein andrer Laut drang durch das dumpfe Gerausch hindurch. Niemand wagte zu athmen. So erstiegen sie muhsam den Hauptwall, den der herabstromende Regen schlupfrig und ungleich gemacht hatte. Rodrich ruckte indess mit der Cavallerie nach dem Thore zu. Noch war alles still. Die Bataillons drangen schweigend herauf, einzelne Posten wurden gerauschlos niedergemacht. Plotzlich fiel ein Schuss, dann noch einer, man horte wild durch einander rufen, der Larm nahm zu. Rodrich trabte muthig heran, indem wurde das Thor gesprengt, die Cavallerie fuhr wie ein Blitz hinein, durch die Strassen hin, und hieb nieder, was sich widersetzte, indess die schwache Besatzung am Thore geworfen, und der Posten von der Infanterie genommen wurde. Bald darauf folgte die zweite und dritte Division. Der Tumult in den Strassen war furchtbar, alles drangte nach der Hauptwache. Hier begann ein neuer, verzweifelter Kampf. Viele mussten bluten, ehe der Platz gewonnen war; Stephano traf ein Schuss durch die rechte Schulter, er sank ohnmachtig nieder, und sahe nicht, wie die Seinen endlich siegten und alles in ihre Gewalt kam. Eine augenblickliche, zweifelhafte Stille folgte auf den schauderhaften Larm. Die geangsteten Bewohner lauschten furchtsam in den dunkelsten Winkeln ihrer Hauser, die Ordnung schien indess hergestellt, man wagte hin und her ein Licht anzuzunden, und sah beruhigt auf die uberstandne Gefahr, da flog mit einemmal der losgelassne Schwarm uber Todte und Verwundete an die verschlossenen Thuren. Riegel und Bollwerk mussten der Gewalt weichen, und wo dies nicht gluckte, da sprangen die Fenster klirrend auseinander, und offneten den Eindringenden so den Zugang. Alle Schranken zerfielen, die freigegebene Plunderung trieb Laster und freche Begier uber sich selbst hinaus. Das Geheul der Misshandelten rang schneidend mit dem wilden Geschrei des Uebermuthes. Jedes Band der Menschheit schien sich in dem Augenblicke zu losen. Der zitternde Burger musste den Widerstand der Festung bussen. Frohlockend schwelgten Alt und Jung in dem muhsam errungenen, wohlgeordneten Hausrath, auch das Liebste zerbrach in den rohen Handen; Ehre, Gluck, frohe Zukunft, alles, alles, befleckte, zertrummerte die wilde Wuth. Rodrich ging mit emportem Herzen an dem Larme voruber. Er war durch und durch erschuttert, zerrissen, so nahe war ihm die ruchlose Willkuhr nie getreten, Sitte und Gesetz hatten bis dahin das Gemeinste von ihm abgehalten. Er erschrack vor dem Thierischen im Menschen, und als habe er sich selbst in jener unverhullten Niedrigkeit erkannt, so angstlich suchte er sich in einem edlern, hohern Sinne wiederzufinden. Er bemuhte sich vergebens, Stephano zu entdecken, den er unter den Verwundeten wusste. Man sagte ihm endlich, viele derselben seyen gleich in die nachste Kirche getragen, um sie vor den Gefahren des ausbrechenden Tumultes zu sichern. Er eilte sogleich dahin. Die hohen, dunkeln Pforten standen weit offen, auf der Schwelle lagen Gewehre, blutige Kleider, Stroh, uberall Spuren allgemeiner Zerstorung. Aus dem Hintergrunde dammerte ein mattes Licht. Rodrich schritt nachdenkend durch die gewolbten Gange; allein das Gestohn der Kranken riss ihn bald aus seinen Traumen. Er nahm die Laterne, die das Bild der Auferstehung Christi flackernd erhellte, vom Hochaltar, und ging suchend umher. Stephano lag in einer Ecke, den Kopf auf einen reich beschlagenen Sarg gestutzt. Die kalten Steine, der schneidende Zugwind, und sein starker Blutverlust hatten sein Ubel schlimmer gemacht. Rodrich bedeckte ihn sogleich mit seinem Mantel, und eilte, alles Stroh herbeizuschaffen, um ihn weicher zu betten, bis anderweitige Hulfe moglich war. Beim hin und her gehen bemerkte er ein seltsames Rauschen, als spiele der Wind mit einem seidnen Gewande. Er blieb einen Augenblick stehen, das anmuthige Flustern schien ihm ganz nahe, er bog sich hinter einen Pfeiler, und entdeckte den Eingang zu einer kleinen Kapelle. Ohne weiter viel zu erwagen, trat er hinein, und erblickte eine weibliche Gestalt, die starr und leblos auf einem Grabsteine kniete. Die kleinen Handchen lagen verschlungen auf dem Marmor, und schienen den Obertheil des zarten Leibes, wie den gesenkten Kopf, zu tragen. Schauerliche Grabesluft zog uber ihr hin, und wogte spielend in den reichen Locken und dem flatternden Kleide. Dies fremde Leben, was sie so bewusstlos beruhrte, gab der lieblichen Erscheinung etwas Ruhrendes, das Rodrich noch schneller zu ihr hinzog. Er glaubte ein schlafendes Kind in Todesarmen zu sehen. Kaum wagte er es, sie zu erwecken, doch umfasste er sie leise, und fuhlte mit Entzucken uppiges, jugendliches Leben in ihren Adern gluhen. Bald regte sie sich in seinen Armen, er hob sie vollends empor, und konnte die Augen nicht mehr von dem holden Gesichtchen wenden, sie flusterte, wie im Schlafe, unvernehmliche Worte, endlich sagte sie deutlich, sich fester an ihn schmiegend: rette mich, mein Bruder, rette mich vor den wilden Kriegern! Rodrich zitterte vor ihrem volligen Erwachen, er theilte im voraus ihre Angst, und dennoch konnte er sie unmoglich so hulflos verlassen. Bei einer leichten Bewegung mit der Hand, liess er das Licht hell in ihre Augen fallen; sie schlug sie plotzlich auf, Unschuld, Furcht, Sehnsucht, Vertrauen, alles spiegelte sich in den himmlischen Blicken. Sie fuhlte sich sanft gehalten, und wahrend sie noch immer von unsichtbaren Banden umschlungen zu seyn glaubte, wagte sie in einem Gemisch von Scheu und Ergebung nicht, den Kopf zu wenden. Rodrich hutete sich wohl, das Schweigen zu brechen, doch indem rief ihn Stephano, den sein plotzliches Verschwinden befremdete. Sie fuhr erschrocken auf; als sie Rodrich erblickte, blieb sie wie betaubt stehen, und schien mit banger, angstigender Ungewissheit zu ringen. Furchten sie nichts, sagte er, ehrerbietig vor sie hintretend, wahrend ihn Stephano noch immer wiederholt rief, ich hange von ihren Winken ab, gebieten sie uber mich, wohin soll ich sie fuhren? Ach, um der Tauschung willen, sagte sie weinend, die mich so lange bei ihnen fesselte, um der sussen Erinnerung eines geliebten Bruders willen, retten Sie mich vor jedem fremden Auge, das ich jetzt mehr als den Tod scheue. Erwartet sie vielleicht eine Mutter, fiel Rodrich schnell ein, oder sonst eine geliebte Verwandte? Ach Gott, meine Mutter, rief sie bewegt, meine arme Mutter, wie wird sie ihre Aline suchen! Was hast du denn hier? sagte Stephano, der sich muhsam bis zum Eingang der Kapelle geschleppt hatte; aha! rief er lachelnd, und wandte sich von beiden ab. Dies Lacheln ging Rodrich durch die Seele; er sah auf Alinen, die sich zitternd an ihn hielt, und kein Wort hervorbringen konnte. Sie sagen mir wohl, hob er ernsthaft an, wohin ich sie so schnell als moglich fuhren darf, um sie vor Beleidigung zu sichern. Aline weinte still, ohne aufzusehen. Mein Gott, sagte sie nach einer Weile, ich bin wohl recht kindisch gewesen, aber ich konnte wirklich nicht anders, es zog mich unwiderstehlich hieher zu meinem Bruder, bei dem ich durch mein ganzes Leben gewohnt war, Trost und Rath zu suchen. Wir wohnen ganz nahe bei der Kirche, an welcher mein Oheim Geistlicher ist. Meine Mutter und ich leben seit vielen Jahren bei ihm; lieber Himmel, er ist wohl ein recht braver Mann, aber wie der Bruder, ist er doch nicht, der ein Schwerdt trug, wie Sie, und uns wohl alle beschutzt hatte! Die Mutter sagte das auch, als wir in der Todesangst so hin und her liefen, und niemand wusste, wohin er sich verbergen sollte. Die Heiligen, dachte ich, haben ja wohl ofter ihre Lieblinge beschirmt, und Benedikt war sicher ein Heiliger! Ich eilte hieher, und weinte und betete auf seinem Grabe, da ward es plotzlich so laut um und neben mir, ich wollte fliehen, aber es hielt mich fest, und ich sank bewusstlos nieder. Ihr Vertrauen hat sie nicht getauscht, sagte Stephano, dem ein Blick auf Alinen jeden Schein von Verdacht nahm Wollen sie den Schutz eines Todtkranken annehmen, so geleiten wir beide sie zu den Ihrigen, und sie gonnen mir wohl fur diese eine unruhige Nacht ein Platzchen in ihrem Hause? Aline betrachtete ihn mit theilnehmenden Blicken. Ihre eignen Sorgen hatte sie uber dem bleichen, erschopften Gesicht, und dem blutenden, schlecht verbundenen Arm vergessen. Was saumen wir denn, sagte sie schnell, kommen sie doch, ich werde ihnen den Weg zeigen. Sie nahm die Laterne, und sorgte, dass Rodrich den Kranken unterstutzte. Eine Seitenthur fuhrte sie in wenigen Schritten durch einen kleinen Garten, zu einem stillen, abgelegenen Hauschen. Aline sprang wie ein Reh hinein. Bald darauf kam man ihnen mit Licht entgegen, und fuhrte sie in ein bequemes, gastliches Zimmer. Die Mutter, eine feine, sittige Frau, war entzuckt uber Alinens Ankunft, die sie indess, mit ruhigem Vertrauen, bei einer reichen, ihr wohlwollenden Verwandten in Sicherheit glaubte. Wenige Worte machten sie mit dem Vorgange bekannt, sie bezeigte den Eintretenden ihre herzliche Dankbarkeit, und war doppelt bemuht, Stephano's Zustand zu erleichtern. Rodrich verlor sich in Alinens anmuthigen Geschaftigkeit, die sie wie im Spiele an ihm voruber trieb, ohne irgend eine schwerfallige Sorge ahnen zu lassen. Diese leichte Beweglichkeit in den beschrankten Kreisen, hob sie bewusstlos daruber hinaus, und gab dem ganz Gewohnlichen einen eignen Zauber. Uberall fuhlte er sich unendlich wohl. Die harmloseste Ruhe wehte ihm hier in den einfachen, in Lieb' und Eintracht geordneten Umgebungen entgegen. Seine aufgeregten Sinne schlossen sich behaglich an die Einformigkeit des Ganzen. Er vermisste keine Pracht, und weidete sich an jedem Gegenstand, der vom innern, hauslichen Frieden zeugte. Bald trat auch der nunmehr beruhigte Geistliche herein. Er erschien beiden Freunden mild und angenehm, so sichtlich man auch wahrnahm, dass er kein Streiter dieser Welt sey. Sein stiller Wohnsitz war von den Plundernden ubersehen, und er hatte nichts, als die Ruhe dieser Nacht bei dem allgemeinen Schrecken eingebusst.

Wahrend dessen hatte sich der Aufruhr in den Strassen ganzlich verloren. Stephano bedurfte der Ruhe, und Rodrich fuhlte, dass er sich von seinen neuen Bekannten losreissen musse, um nicht lastig zu werden. So schied er denn, von der herzlichen Bitte, recht bald wieder zu kommen, begleitet.

Er fand sein Quartier bei einem reichen Rathsherrn, der mit angstigender Formlichkeit seinen Wunschen zuvorkam. Auch Stephano erwartete ein ahnliches Loos, allein Rodrich sah voraus, dass er es vorziehen werde, bei seinem liebreichen Wirthe zu bleiben, wenn er ihn anders behalten wolle.

Am folgenden Tage erhielt er von allen Seiten Gluckwunsche uber sein ausgezeichnetes, besonnenes Betragen bei der Einnahme der Stadt, und wie man ihm vorzuglich die Besetzung der wichtigsten Posten verdanke. Auch der General sagte ihm etwas Verbindliches. Rodrich sah sich geehrt, ohne sonderlich daruber erfreut zu seyn. Angenehmer war es ihm, zu erfahren, dass der Feind um Frieden bitte, und dass die Unterhandlungen schon im Gange seien, was indess Zeit und langern Aufenthalt in dieser Stadt erfodre. Ohne irgend eine Ursach anzugeben, oder sein Gefuhl naher zu betrachten, strebte er, sich der Freude, langer in Alinens Nahe zu bleiben, ganz ungestort zu uberlassen, und ergotzte sich im Voraus an dem heitern Umgang, der ihn aller anderweitigen Sorgen auf kurze Zeit entrucken sollte. Er glaubte langst daruber mit sich einig zu seyn, dass man vergebens nach Gluckseligkeit verlange, und die einzelnen voruberfliegenden Momente sorgsam auffassen und an einander reihen musse, um ein ertragliches Ganzes heraus zu bringen. Der Genuss, meinte er, wie jeder gewunschte Erfolg, fliehe der Absichtlichkeit, nur was sich so ungesucht nahe, das solle man getrost auf sich zu kommen lassen. Es werde sich bald zeigen, in wie weit es zu einem gehore, oder nicht. Alles Streben und Widerstreben lasse die Dinge ziemlich beim Alten, man werde auch gewohnlich sein eigner Narr bei einer getraumten Konsequenz, die ein unbewachter Augenblick zu Schanden mache. So im Kampfe mit Sinn und Verstand, aller klugelnden Reflexion entfliehend, und doch in ihr verstrickt, Hoheres verachtend und kindlicher Sorglosigkeit entwachsen, ging er in schmeichelnden Traumen zu Stephano. Es war ein heller, anmuthiger Wintertag. Die Sonne schien warm in Alinens Fenster, an welchem sie unter Blumen und bunten Vogeln, auf einem niedern Sessel bei ihrer Arbeit sass. Auf das Gerausch bei seinem Eintritt, legte sie schnell den Finger auf den Mund, und zeigte auf den schlafenden Stephano, der am andern Ende des Zimmers in einem Lehnstuhl lag. Rodrich trat leise zu ihr hin. Sie gluhete wie ein frisches Roschen in dem blendenden Schnee des weissen Gewandes. Freudige, schuldlose Uberraschung, sprach aus Blick und Mienen. Er beugte sich uber ihren Sessel, und beide begannen kaum horbar mit einander zu reden. Aline ward bald unbefangener, und als Rodrich nach den ersten Erkundigungen, Stephano's Wohlseyn betreffend, das Gesprach auf den geliebten Benedikt lenkte, erzahlte sie mit susser Vertraulichkeit ihren ganzen kleinen Lebenslauf. Rodrich horte kaum was sie sprach, das sanfte Wehen ihres Odems, das berauschende Flustern und all die Unschuld und Lieblichkeit nahm seine ganze Seele hin. Er fuhlte nur, wie wahr und anspruchslos sie ihr Inneres aufdecke, und wie nichts, nichts in dem reinen Herzen lebe, was den Blick eines Menschen scheue. Die feste, heilige Liebe fur den Bruder, brach oft recht ernst aus dem spielenden Wesen hervor, und zeigte, wie die kindischen Schwingen den Himmel wohl zu erreichen wussten. Er hatte gern ewig so bei ihr gesessen, und sich in ihre Welt hinuber ziehen lassen, allein Stephano erwachte, und bei seiner ersten Bewegung flog Aline an sein Lager. Sie fand ihn bei weitem kranker als zuvor. Brennende Fieberhitze und stechende Schmerzen im Arm, machten ihn auf's hochste ungeduldig und verdrusslich. Rodrich nahete sich ihm theilnehmend. Sein Herz war offen und warm. Die alten, halb zerrissenen Bande schienen sich auf's neue fester zu schurzen, es reuete ihn jede Harte gegen den kranken Freund, der ihm so gar nicht im Wege war, dessen Schwachen ihm sehr verzeihlich, ja von tausend herrlichen Eigenschaften uberstralt dunkten. Er hatte ihm in diesem Augenblikke gern seine Schuld und seine Reue bezeigt, und so die fruhere Vertraulichkeit wieder hergestellt, allein Stephano begnugte sich, die hervorbrechenden, herzlichen Worte, mit einem stummen Handedruck zu beantworten, und sich lachelnd von ihm abzuwenden.

Aline kam und ging, und war sorglich um den Kranken bemuht. Bald erschien auch die Mutter, welche hausliche Geschafte bis dahin entfernt hielten. Rodrich entdeckte heute eine auffallende Ahnlichkeit zwischen ihr und ihrem Kinde. Alter und Erfahrung hatten den rosigen Hauch jugendlicher Sorglosigkeit nicht in ihr verwischen konnen. Wie bei Alinen Ernst und Leichtsinn in den bluhenden Zugen spielte, so leuchtete beides aus dem Wesen der alternden Matrone hervor. Dasselbe Vertrauen, derselbe einfaltig fromme Blick uber alle ausgedehnteren Verhaltnisse des Menschen, die gleiche, gefallige Redseligkeit, und das ganzliche Verlieren in den einzigen, merkwurdigen Hauptmoment ihres Lebens, den Tod des bluhenden, geliebten Junglings, alles fand man in Beiden auf gleiche Weise. Wenn Worte und Gedanken auch nicht uber die abgeschlossenen Kreise ihrer einfachen, frohlichen Wirksamkeit hinaus reichten, so lag dennoch hierin eine Welt von Gefuhl. Alles Thun und Treiben erschien wie das bewusstlose Walten der Natur. Man gab sich willig hin, und liess sich, wie beim Erwachen des Fruhlings, allmahlig in die harmlosen Erinnerungen der Kindheit hinuber spielen. Gleichwohl fuhlte Rodrich einen gewissen Zwang, seit er nicht mehr mit Alinen ohne Zeugen war. Ihre Aufmerksamkeit wurde unwillkuhrlich getheilt, sie durfte nicht einzig bei ihm verweilen; sie fuhlte das, und sehnte sich, wie Rodrich, nach der stillen vertraulichen Stunde zuruck. Indess blieb mehrere Tage hindurch alles, auch Stephano's Befinden, unverandert. Rodrich hatte daheim bei seinem Rathsherrn eine ganz stattliche Familie, der er taglich einige Stunden geben musste. Der Mann fuhrte einen guten Tisch, alten Wein, und besass die vortreffliche Gewohnheit, beides, um eines hoflichen Lobes willen, Freund und feindlichen Gasten preis zu geben. Uberdem hatte er zwei Tochter, von denen die eine verheirathet, die gute Mutter, und die andere unverheirathet, die Gebildete, nicht ohne Gewandtheit, und mit tiefer innerer Uberzeugung spielten. Beide verstanden es, einen Kreis von Bewunderern um sich her zu ziehen, unter denen sich Erwin, ein genialer, ganz frisch auf Universitaten erbluheter Philosoph am meisten hervorthat. Er war ganz ausgebildet, so dass wirklich kein einziges festes Bild in ihm Bestand hatte. Die grosse Ansicht des Universums dehnte, wogend und flimmernd, die inneren Schwingen, und hob ihn auf einen Standpunkt, vor welchem Hohes und Niederes gleich verschwanden. Die bunte Gestaltung der Welt war ihm nichts, als die Unterbrechung absoluter Einheit, deren wechselndes Spiel er, wie der Arzt das Zucken der Nerven, mit Antheilnehmendem Lacheln durchdrang. Uberhaupt sah man ihn immer lacheln, nichts durfte das ruhige Gleichgewicht unterbrechen, er fand sich u b e r a l l wieder, weil er sich g a n z verlor, und kannte weder einen bestimmten Freund, noch eine Geliebte, indem er einzig der Unendlichkeit angehorte. Ihm zunachst stand ein Kunstler, der mit hagerer Gestalt und matten Blicken, die Fulle gottlicher Sinnlichkeit in jedem Theetropfen in sich sog, und mit frechen, oft unkeuschen Worten laut werden liess, wie er sein ganzes Daseyn dem wahnsinnigen Rausche hingebe, und die Muse erst in den uppigen, gluhenden Umarmungen der frischen Sinnenwelt erzeuge. Die vollige, rothwangige Laura neigte sich bei ahnlichen Worten zu ihrem jungsten Kinde, und druckte es mit viel Empfindung an den unverhullten Busen. Ihre Schwester Beate hasste den unsittigen Schwatzer, und verfehlte nie, ihn mit giftigen Pfeilen ihres Witzes zu verwunden. Uberall war sie das anregende Prinzip dieses kleinen Zirkels, und ohnerachtet man sie mehr hasste, als sie es wohl verdienen mochte, so trieb und drangte jeder so lange, bis sie die Rolle der anerkannt Geistreichen, in tausend gesuchten Wendungen durch einen ganzen Abend behauptete. Die Familie nickte dann einander beifallig zu, und jedes sonnte sich behaglich in dem truben Schein. Ziemlich abgesondert von den Ubrigen, und gewohnlich mit einem grossen Windhunde beschaftigt, sass ein altlicher Offizier, der den biedern Hausfreund machte, und mit einigen polternden Spassen die Wahrheit ziemlich hart traf. Da er indess gern Wein trank, die Pferde liebte, den Damen huldigte, und einige veraltete, nach Romanzenart in sich unzusammenhangende Kriegslieder sang, so gesellte sich der Neffe des Hauses zu ihm, ein Jungling, der sich mit der Welt nicht mehr vertragen konnte, und die altvaterlichen Sitten hier zu finden meinte. Beide sprachen ganz entgegengesetzte Dinge, und glaubten einander doch zu verstehen. Der junge Mensch sah dabei auf ein schones unbedeutendes Madchen, das ihn fur etwas toll hielt, und seine verschollene Galanterie mit sichtlicher Scheu ablehnte. Rodrich glaubte zuweilen mitten unter einer Sammlung Karikaturen zu stehen, in denen er, bei genauer Betrachtung, bekannte Zuge entdeckte, die verworren und schwankend an ihm voruber fuhren, und ihm irgend einen befreundeten Nahmen, oft seinen eignen, zuriefen. Er war zu stolz und vornehm, um sich hier mitzutheilen, oder das Ganze fur etwas anders, als ein flaches Spiel anzusehen. Wenn er indess uber die grotesken Theaterkunste lachte, mit welchen einer den andern zu tauschen suchte, so fuhlte er ganz dunkel, dass auch er dabei eine Rolle spiele, und zwar die des untheilnehmenden, kalten Zuschauers, der gleichwohl alle Augenblicke einmal auf die Buhne trat, und Eitelkeit durch Eitelkeit parodirte. Uberhaupt begegnete es ihm so oft, gerade das, was ihm bei Andern aus voller Seele zuwider war, in sich selbst wieder zu finden. Er stritt und kampfte wohl dagegen, aber die nichtswurdigen Regungen waren dennoch da, kamen immer wieder, und behaupteten ihr Recht in tausend verkappten Gestalten, in denen er sie nicht selten hegte und pflegte, bis die Hulle unversehens herabfiel, und die Fratze ihn hohnisch ansah. Oft glaubte er, das musse alles so seyn, um ihm die Schlechtigkeit menschlicher Natur recht anschaulich zu machen, und ihn mit Kraft und Verachtung dagegen auszurusten. Er hielt sich wirklich berufen, das goldne Netz zu zerreissen, womit Thorheit und Eitelkeit die Welt umspinnen. Er griff in jedem Augenblick danach, und verwirrte sich unwillkuhrlich in das glanzende Gewebe. Er fuhlte das mit feindlichem Unwillen gegen sich und Andere, und konnte dennoch die fruchtlose Arbeit nicht aufgeben. Umsonst, meinte er, habe ihn der rachende Erzengel nicht so in seiner Kindheit angezogen. Die mahnende Stimme kehre immer wieder, und er musse das Recht zu Tage fordern. Nur bei Alinen spuhrte er nichts von ahnlichen Auffoderungen. Hier war ihm von selbst alles ergeben. Warmer, susser Liebeshauch wehete ihm uberall entgegen. Das Anneigen und Erschliessen einer schuldlosen Seele, stromte berauschend in die seinige uber. Stolz und Ehrgeiz schwiegen zum erstenmal. Alles gefiel ihm, wie es sich eben zeigte, in einfacher Herzlichkeit. Wenn er aus dem uberbildeten Kreise in die stille, behagliche Wohnstube trat, wo Mutter und Tochter ihn mit unverstellter Freude empfingen, und ihn alles anlachte, bis auf die zierliche Magd, die dann gern und eilig den Tisch zu Vieren deckte, dann ging sein ganzes Herz auf, er fuhlte die Nahe reiner Menschlichkeit, und nichts konnte ihn storen, selbst der einsylbige Geistliche nicht, den doch hin und wieder ein wohlwollender Blick auf Alinen verschonte. Nur Stephano blieb krank und mit sich selbst beschaftigt. Nach mehrern Tagen fand er bei seiner Ankunft das ganze Haus in grosser Bewegung. Der Kranke war plotzlich schlimmer geworden, selbst die Arzte furchteten fur sein Leben. Er lag in heftigen Krampfen, die er sich durch eine Erkaltung zugezogen hatte. Aline weinte aus voller Seele. Sie kannte nichts Schrecklicheres als den Tod, der ihr einst das Liebste auf Erden entriss, jede Hindeutung auf diesen einzigen Schmerz ihres Lebens, bewegte sie auf's gewaltsamste. Rodrich ward sehr erschuttert, als Stephano's heftige Natur in die furchtbarsten Zuckungen ausbrach. Bis nach Mitternacht blieb jeder in banger Ungewissheit. Endlich stromte ihm das Blut aus den Adern, ohne dass man sie geoffnet hatte, und wenig Minuten darauf ward er ruhig und besonnen. Die Arzte erklarten dies fur eine wohlthatige Crisis, und nachdem sie noch einige Mittel verordnet hatten, empfahlen sie den Kranken der Obhut seiner Pfleger, und verliessen ihn mit der Versicherung baldiger Genesung. Alles um ihn her athmete jetzt freier, die Mutter konnte ihre Theilnahme nicht ruhrend genug ausdrucken, Niemand sollte ihn die Nacht uber verlassen, sie selbst wollte ihn genau beobachten, und schickte sich an, in einem gemachlichen Sessel an seinem Lager zu wachen. Aline sass mude und erschopft auf einer kleinen Bank zu ihren Fussen; die Arme uber einander geschlagen, senkte sich das zierliche Kopfchen auf die Brust, und schwankte, ohne weiteren Gegenhalt, im Schlafe hin und her. Rodrich betrachtete sie mit unnennbarem Entzucken, und als Stephano und die Mutter endlich auch schliefen, neigte er sich uber sie hin, und fragte leise, ob er sie zu einem bequemeren Sitze tragen durfe. Sie lehnte den Kopf an seine Brust, und sich nach Kinder-Art dehnend, umschlang sie ihn fest mit beiden Armen, indem sie schlaftrunken versicherte, sie sey gar nicht mude. Rodrich fuhlte sie an seinem Herzen, ihr erstes unerwartetes Erscheinen trat wieder vor ihn hin. Unbewusst, wie damals, lag sie jetzt in seinen Armen, so ward sie ihm auf's neue wieder gegeben, er zog sie fester an sich, sie war sein, kein lebendes Wesen machte sie ihm streitig, die unsichtbaren Machte fuhrten sie ihm selbst zu, er hielt sich langer nicht, und hauchte alle Liebe und Sehnsucht auf ihre gluhende Lippen. Liebe, liebe Aline, rauschte es an ihr voruber, sie blickte wie im Traume zu ihm auf, und als er sie noch feuriger kusste, fullten sich ihre Augen mit heiligen, wonnevollen Thranen. Liebst du mich? fragte er schmeichelnd. O, Gott moge es mir verzeihen, sagte sie fromm und wahr, wie du schon lange mein einziger Gedanke bist, und wie ich den guten Benedikt oft daruber vergass. Sie waren beide an ein Fenster getreten. Die Sterne leuchteten und funkelten in der hellen Nacht, wie tausend geheimnissvolle Blicke. Aline hob betend ihre Hande zu ihnen auf, ihre ganze Seele loste sich in einem wehmuthigen Blicke, mit dem sie, wie bewusstlos uber die Erde hinsah, und sich dann schweigend an Rodrichs Busen verbarg. Wie ist dir? fragte dieser, uber den Ernst des lieblichen Kindes erstaunt. Ich fuhle, sagte sie bewegt, wie ich jetzt von der ganzen Welt scheide, wie alles, alles mit einemmal ganz anders ist. Ich kann dir das nicht so sagen, aber meine liebsten Hoffnungen und Freuden sehen mich jetzt so todt an, wie ehemals das alte zerbrochene Spielzeug am hellen Weihnachtsabend. Ich komme mir ganz seltsam vor, ich mochte immer weinen, mir ist so wohl, und doch so wehmuthig, fast wie am Tage da Benedikt seine segnende Hand auf mich legte, und unter stillem Gebet verschied. Sieh nur, fuhr sie fort, wie die Mutter und alles um uns schlaft, wir sind wohl ganz allein auf der weiten Erde! Sie schmiegte sich vertrauend an ihn. Rodrich fuhlte mit Entzucken ihr Herz an dem seinigen schlagen. Die schuldlose Liebe brach wie ein Maienglockchen durch die dunkeln Schatten seiner Seele. Susser, susser Engel, rief er, fast eben so weich und geruhrt, als Aline, lass nur deine kleine Welt zusammensturzen, meine Liebe soll dich in den Himmel tragen. Er wusste nicht was er sprach. Sein ganzes voriges Leben stand ausser aller Verbindung mit diesem Augenblick. Er glaubte wenigstens sich selbst nicht wieder zu erkennen, und begrusste diesen neuen heranbrechenden Morgen in Alinens frommen Blicke.

So innig begluckt, in die heitre Stille eines ruhigen, fur den Augenblick befriedigten Herzens versenkt, eilte er heut nach seiner Wohnung zuruck. Von tausend lieblichen Bildern begleitet, offnete er eine Seitenthur derselben, die durch eine schmale Gallerie zunachst nach seinem Zimmer fuhrte. Es war noch dunkel, er trat leise und behutsam auf, um niemand im Hause zu storen, und hielt sich von Zeit zu Zeit an die Wand, dem Korper bei den unsichern Tritten das Gleichgewicht zu geben, als plotzlich eine schattenartige Gestalt unter seinen Armen hinschlupfte. Ohne sonderlichen Schreck fasste er ganz mechanisch nach dem fremden Korper, und trug ihn sicher und gerauschlos zu der brennenden Ampel am Haupteingange. Er musste laut auflachen, als er in dem kleinen zappelnden, sich straubenden Wesen, Erwin erkannte, der in einen braunlichen Mantel gewickelt, vor Angst und Frost zitternd, auf Liebesabentheuer ausging. Ein schwacher Lichtstrahl, der aus Laura's halb geoffneter Thur drang, zeigte Rodrich, in welcher verborgnen Blume der geheimnissreiche Forscher heut das Universum gefunden hatte. Doch konnte er sich eines innern Unwillens nicht enthalten, indem er bemerkte, dass sie beide hier als begluckte Liebende einander gegenuber standen, und dass sein lieblichstes Entzucken, so grob und gemein in dem verzerrten Bilde ausgesprochen sey. Fast war ihm, als treffe er hier im Hause, unaufhorlich auf ein gespenstisches Hohnen seiner innersten Natur. Er liess den frierenden Nachtwandler gleichgultig fahren, und ging verdriesslich nach seinem Zimmer.

Die folgenden Tage waren indess reich an Freuden, die nur Liebe erzeugt und versteht. Das geheimnissreiche Anneigen und Beruhren, die flammende Ungeduld, wie das stille Beieinanderseyn, all die Wonne und das innerliche Leben zweier liebeathmender Herzen, wogte in Rodrich auf und ab. Er schmiegte sich hingebend in susse Bande, und schloss die Augen vor dem Gewebe, dass sich immer dichter uber ihm zusammenzog. Aline ging ruhig an seiner Hand auf dem bluhenden Teppich, der vor ihr ausgebreitet lag. Sie sann und forschte nicht, was die bunte Hulle verbarg. Wie sollte sie die Zukunft bedachtig herauf fuhren, da die Gegenwart sie wie ein lachelndes Kind aus hellen Augen ansah! Beide begnugten sich lange mit dem fluchtigen, verstohlnen Genuss, den eine beschrankte Lage und wachsende Aufmerksamkeit fur die erweiterten Umgebungen ihnen gonnte. Indess hatte Stephano's wiederkehrende Genesung nach und nach so viele seiner Kameraden zu ihm gefuhrt, und diese wieder so manche von Alinens Verwandten angezogen, dass endlich alles Eigenthumliche des ehemaligen hauslichen Zirkels bis auf die gerauschlose, milde Heiterkeit daraus verbannt war. Fade Scherze und kleinstadtische Pratensionen, rangen hier nicht immer zum zierlichsten mit einander. Manches fiel Rodrich unangenehm auf, was gegen einen naturlichen Takt feiner Sitte stritt. Er war vergebens bemuht, in den allgemeinen Ton einzugehen. Der kleine Vorrath flacher Spasse erschopfte sich um so eher, je sichtlicher das Verlangen darnach bei den Andern hervorleuchtete. Es war ihm unmoglich, sich, wie seine Freunde, in das grob geschurzte Netz roher Koketterie hineinziehen zu lassen. Jeder Aufflug von Gemeinheit, jede Hindeutung durftigen Herkommens, war ihm eine argerliche Storung, und trieb seine Ungeduld oft so weit, dass er im Begriff war, Alinen in seine Arme zu schliessen, und mit ihr ausserhalb jeder lastigen Schranke zu fliehen. Sie gehorte wirklich keinem bestimmten Kreise an. Ihr eigenthumliches, kindliches Wesen, trieb sie leicht zwischen den holzernen, durr ausgesprochnen Gestalten hindurch, zu Rodrichs innerer Flammenwelt, in der sich ihr ganzes Daseyn liebend ausloste. Sie theilte seinen Unmuth, weil er unmittelbar aus den truben Blicken in ihre offne Seele uberging, und bemuhete sich, durch zarte Aufmerksamkeit jede aufsteigende uble Laune zu sanftigen. Indess gelang ihr dies nur halb, und als er einst mehrere Stunden gegen alle aussere Unannehmlichkeiten ankampfend, vergebens einen fluchtigen Moment zu erhaschen hoffte, in welchem die leidenschaftlichen Gluthen sich auf Alinens rosigen Lippen kuhlen sollten, da hielt er sich nicht langer, er entfernte sich einen Augenblick, und schrieb mit klopfendem Herzen folgende Worte, welche er geschickt in Alinens Hande spielte.

"Tadle es nicht, meine Aline, wenn dein sanfter, flehender Blick die inneren Sturme nur noch mehr anregt, wenn ich vergebens ringe, mich in die stillen Fluthen deiner frommen Seele zu tauchen, wenn alles, alles, mein Verlangen gluhend hinauf treibt! Ich bebe, wenn du an mir voruber streifst, meine Arme zucken unwillkuhrlich, ich widerstehe dem inneren Zuge nicht langer, lass mich, ich bitte dich, lass mich nur einmal wieder, deine susse Nahe berauschend fuhlen, lass mich deinen Athem trinken, der wie Himmelsduft um die innern Flammen spielt. Bei Gott, Aline, ich muss dich an meine Brust drucken, oder ich zertrete alle Schranken, die dich und mich fesseln!"

Sie flog mit dem geheimnissreichen Blattchen in ihre Kammer, und kam bald darauf mit verweinten Augen und in sichtlicher Bewegung zuruck, indem sie Rodrich ein ahnliches Papier folgenden Inhalts zusteckte.

"Fodre nur, Ungestumer, du wusstest ja wohl, dass ich keinen andern Willen als den deinigen kenne. Gott weiss indess, ob es so recht ist! Ich habe gebetet, und Benedikt recht aus voller Seele gefragt, aber es blieb alles wie es war. Meine Augen fielen dabei auf die brennenden Zeilen, die mein ganzes Inneres anfachten, dein Nahme tonte laut aus jedem Worte, und ich thue was du willst.

Komm denn diesen Abend gegen 12 Uhr nach der Kapelle, wo wir uns zuerst trafen. Rodrich, ich ahnete es wohl, dass sich alle andere Bande von meiner Seele losen, und ich allein in deiner Liebe athmen wurde. Es ist so gekommen! Mir ist doch recht wehmuthig dabei zu Sinne. Zum erstenmal in meinem Leben thue ich widerstrebend, was ich dennoch so gern thue! Wenn es nur erst Morgen ware! Angst und Sehnsucht treiben mich wie ein Kind hin und her. Lieber, lieber Rodrich, fuhle doch nur, wie unendlich ich dich liebe, und wie alle Unruhe und alles wankende Wollen sich sogleich in deinen Armen trostend auflosen muss."

Rodrich ubersah den kleinen Streit, der Alinens Gefuhle noch hoher hinauf trieb, und sie mit unaufloslichen Banden an ihn kettete. Er wusste noch nicht, wie ein weibliches Gemuth die uberwundene Scheu, mit der sie gegen ein ganzliches Hingeben ringt, in der festesten, unendlichsten Liebe abzubussen strebt, und wie viel ein Mann gewinnt, der es bei der Geliebten bis zur Uneinigkeit mit sich selbst gebracht hat. Er dachte und empfand uberall nichts als sein nahes Gluck. Jede uberlegende Absichtlichkeit, war weit von seiner Seele. Im frohlichsten Taumel rauschte ihm die Zeit bis zur zwolften Stunde hin. Fast zugleich stand er mit Alinen am Eingange der Kapelle. Sie schlupften beide hinein. Zitternd, ohne ein Wort zu sagen, kniete sie neben ihm auf die Stufen eines kleinen Altars. Die kalten Steine schienen zu ihrem Herzen zu dringen, und es peinlich zusammen zu ziehen. Rodrich kusste sie sanft. Sie weinte an seiner Brust, halb aus Schaam, halb aus Freude. Furchte nichts, Aline, sagte er beruhigend, die Graber sind stumme Zeugen, und wir im Schutze frommer Geister. Jesus, rief sie, was war das! Aline, erwiederte er halb unwillig, mein Herz klopft dem deinigen ungestum entgegen, sonst horst du nichts, glaube mir. Nein, nein, sagte sie, es ist gewiss etwas anderes, hore nur. Der Wind rauschte hohl und tief zwischen einigen veralteten Baumen, die sich vor den Fenstern hin und her neigten, die Zweige warfen bei dem hereinbrechenden Mondenlicht lange Schatten in die Kapelle. Aline sah mit halben Blicken ihr flimmerndes Spiel an den dunkeln Wanden. Ihr war, als bewege sich der frische Epheukranz uber dem Grabe ihres Bruders, indem horten sie jemand husten, und ein schallendes Gelachter flog an ihnen voruber. Rodrich sprang zur Thur. Ertappt, ertappt, riefen mehrere rohe Stimmen, du willst wohl Geister beschworen, oder giebt es sonst etwas Geheimes hier abzumachen? Nur heraus damit, jetzt gilt kein Heucheln mehr. Lasst mich, sagte ein Anderer, ich will's ja sagen, plagt mich nur nicht mit eurem Geschrei. Ich habe in dieser Kirche ein Bundelchen Zeug, etwas Geld und eine Uhr in der Nacht versteckt, als wir Verwundete hier hinein gebracht wurden, und konnte immer nicht dazu kommen, es abzuholen, ich wollte jetzt versuchen, ohne viel Gerausch zu der kleinen Thur hinein zu kommen. Das ist gestohlen Gut, riefen auf's neue alle insgesammt, das muss kameradschaftlich getheilt und zusammen verzehrt werden. Der Larm ward immer grosser, zog indess bald die Wache herbei, die sie schnell aus einander trieb. Lieber sterben, sagte Aline bebend, als hier einen Augenblick langer verweilen. Umsonst versicherte Rodrich, dass nun alles ruhig, und sie vollkommen sicher waren, sie entwand sich seinen Umarmungen, und eilte angstvoll vor ihm her. Er folgte schweigend bis vor des Hauses Thur. Liebe Aline, sagte er jetzt bittend, fodre nicht, dass ich dich in dieser Stimmung verlasse. Du zitterst und weinst, wie konnte ich ohne dich ruhig seyn, lieber Engel, lass mich mit hinein gehen! Aline war so verwirrt, so durch und durch erschuttert, dass sie es still geschehen liess. Sie traten in die warme, duftende Wohnstube, Rodrich fuhrte sie zu dem kleinen Sitz unter ihren Blumen; nein, rief sie, sich besinnend, hier darfst du nicht bleiben, Stephano schlaft ganz nahe. Nun, erwiederte Rodrich, so lass uns hinauf zu deinem Zimmerchen gehen. Da ist wieder die Mutter nicht weit, fiel sie ein. Ach, die schlaft wohl, sagte Rodrich, und zog sie sanft zur Thur. Sie blieb einen Augenblick unschlussig stehen. Rodrich, rief sie weich und hingebend, er schloss sie fest an sich, und trug sie leicht die wenigen Stufen hinauf.

Der Morgen dammerte schon, als sich Rodrich endlich von Alinens gluhendem Herzen riss, und durch die kalten, feuchten Nebel zu seinem einsamen Lager eilen wollte. Ein Blick auf jene uppige, in Liebe und Sehnsucht hinsterbende Gestalt, fesselte ihn noch mehrere Augenblicke. Die grossen, blauen Augen, senkten sich keusch und verschamt unter dunkle Wimpern, indess Mund und Wangen von seinen Kussen gluheten. Einzelne Lockchen quollen aus dem purpurnen Netz hervor, das den reichen Schmuck gefesselt hielt, und schienen mit den zarten Gliedern zu kosen, die durchsichtig und klar im rosigen Hauche der Liebe wogten. Als wage sie nicht, sich zu regen, so lag sie in sich selbst zuruck gezogen, unbeweglich, und doch voll innern, unendlichen Lebens vor ihm da. Doch plotzlich sank sie unter einem Strom von Thranen zu seinen Fussen, sich fest an ihn schmiegend, rief sie: nicht wahr, nun verstosst du mich nicht, nun kannst du dich nie wieder von mir losreissen! Aline, Aline, sagte Rodrich bewegt, wenn du nicht willst, dass ich sterben soll, so sieh mich so nicht an! Du fuhlst ja wohl, wie ich ewig dein bin! Ihre kleinen Handchen lagen gefaltet in den seinigen; Engel, rief er, sie noch einmal kussend, und flog zur Thur hinaus.

Er konnte sich den ganzen Tag uber von dem lieblichen Bilde nicht losmachen, alle seine Sinne nahm es gefangen, und trieb ihn im Zauber der Erinnerung halb traumend umher. Zufallig traf er auf einem einsamen Spazierritt Stephano, der zum erstenmal die frische Luft, mit wieder auflebenden, gesunden Sinnen begrusste. Sie trabten eine Zeitlang schweigend neben einander her, Rodrich fuhlte sich verlegen, gestort, sie waren lange nicht so allein gewesen, wovon sollte er uberdies jetzt reden, wenn es nicht das Eine betraf, was seine ganze Seele erfullte, und wer konnte und durfte hier sein Entzucken theilen! Dass wir in kurzem Frieden haben, und in Gottes Nahmen zu Hause gehen, weisst du wohl schon, hob endlich Stephano an. Rodrich erinnerte sich davon gehort zu haben. Ja, ja, sagte jener auf's neue, das ist nun auch wieder vorbei! Vorbei? fragte Rodrich, der in diesem Augenblick nicht recht wusste, wohin dies ziele. Nun ja, erwiederte Stephano, wie uberhaupt mit aller getraumten Herrlichkeit der Welt! Hm! sagte Rodrich nachlassig, und schmiegte sich in Gedanken in Alinens Lilienarme, oft ist in den abgefallenen Bluthen ein Saamenkorn verborgen, aus welchem unerwartet ein neues Reis emporschiesst. Man muss das kommen lassen, wie es eben will und kann. Stephano betrachtete ihn einen Augenblick, dann sagte er lachelnd, wir haben wohl heute die Rollen vertauscht, du gehst ja recht ergeben und ausgesohnt, mit dem Schicksale Hand in Hand, ohne dass es, so viel ich weiss, sonderlich viel fur dich gethan hatte, denn das Spielchen mit Alinen halt doch wohl nicht uber einige Stunden vor? Rodrichs Blut kochte, er hatte den lastigen Spotter zerreissen konnen, und dennoch verschmahete er es, die innere Wahrheit zur Schau zu tragen. Er starrte unentschlossen in die ode Gegend und konnte kein Wort hervorbringen. Zwar, sagte Stephano, jenen Unwillen wenig beachtend, hat dich das gute, unbedeutende Kind ganz artig unterhalten, und in dieser Zeit ist jede durftige Freude willkommen, doch verstehe ich deine Ruhe, ja, dein gleichgultiges, abgeschlossenes Wesen immer noch nicht. Du wirst mich nicht uberreden wollen, dass ein paar frische Lippen so grosse Weltansichten, so vollwichtige Plane weghauchen konnten. Vollwichtige Plane? wiederholte Rodrich, der in Stephano's Annaherung irgend eine Absichtlichkeit vermuthete, ich mochte wissen, wie mein unzusammenhangendes Dasein solche gestattete! Schlage doch, ich bitte dich, einige elektrische Blitze, die ein unerwarteter Stoss von aussen hin und her erzeugt, so hoch nicht an. Wer nicht wenigstens die Richtung des Hafens kennt, der treibt Zeitlebens auf offener See umher. Mir ist der grosse Anlauf der mehrsten Junglinge schon tausendmal sehr lacherlich vorgekommen. Meine eignen hohen Weltansichten haben mich lasterlich gefoppt. Manches trat freilich im grossen Stil, auf dem Cothurn zu mir hin, allein ich sah die Maske immer noch fallen, und das Pygmaengeschlecht blieb was es war. So, sagte Stephano, und klopfte seinem Pferde gleichgultig den Hals. Ja, sage mir, fiel Rodrich immer heftiger ein, fandest du nicht in allem, was sich so gross ankundigte, Verworrenheit der Begriffe, geschraubtes, vornehmes Wesen, hochstens gutmuthige Selbsttauschung, und nirgend herzliches, ehrliches Wollen, wie es ein gesunder Sinn fodert? Dies bewusstlose, tiefe Gefuhl, was vor sich selber so gar nichts seyn will, und uberall den Ton anschlagt, den es treffen muss; wo, ich bitte dich, wo fandest du dies, wo den kindlichen Menschen, den nicht irgend ein Schulsystem, oder flache VerstandesKonsequenz zu seinem eignen Narren machte. Warum, sagte Stephano kalt, bliebst du nicht in der Kinderstube, wenn du mit Kindern leben wolltest? O, tausche dich nicht, unterbrach ihn Rodrich schnell, als wenn du uberall bei Kindern den kindlichen Sinn fandest. Das, was ich so nenne, das rein Menschliche, die Empfindung, die mit unnachahmlicher Anmuth, Wort, That und Geberde wird, kurz, dies freie, kunstlose Bewegen von Innen nach Aussen, dies offenbart sich in sehr wenigen Gemuthern, und wo es ist, da behauptet es sich auch durch ein ganzes Leben, es widersteht den Formen, und gehort eben darum keinem Zeitmomente an. Der stille Bach, sagte Stephano, der flach und spielend uber weissen Sand rinnt, ergotzt freilich dann und wann unser Auge. Du stehst davor, und vergisst das tiefe, gewaltige Meer, mit seinen Brandungen und schaumenden Wogen. Nun, es wird auch wieder anders werden, wie so vieles im Laufe deiner Gefuhle und Ansichten. Rodrich unterdruckte unwillig die beschamende Wahrheit dieser Worte, in der inneren Verlegenheit riss er heftig an einem uberhangenden Ulmenzweig, unter welchem er eben hinritt. Bei der schnellen Bewegung streifte sich Miranda's Ring vom Finger, und rollte weit hin auf den trocknen Boden. Ehe ihn seine Blicke noch trafen, hatte ihn Stephano mit vieler Gewandheit auf die Spitze des Degens aufgefangen, indem er lachend sagte: ist das auch so ein verschollnes Andenken, das sich fliehend noch einmal meldet? Rodrich war, als fuhre eine eiskalte Hand uber sein Herz, er hatte nicht den Muth, irgend einen Gedanken festzuhalten. Mit sichtlicher Verwirrung nahm er den Ring, und liess ihn gedankenlos zwischen seinen Fingern spielen. Du siehst ja heute gewaltig schwerfallig in den unbedeutendsten Scherz, sagte Stephano nach einer Weile. Ich merke wohl, wo das hinaus will. Die Welt ging an dir, wie die Bilder eines optischen Kastens voruber, du stehst am Ende, wie zu Anfang, in der engen, dunkeln Stube, und lassest die ubersattigten Blicke auf alltaglichen Umgebungen ausruhen; nun Gott befohlen, uber kurz oder lang, fahrst du wohl einmal wieder wie die Flamme durch das niedre Dach, und kampfst mit den Elementen. Fur jetzt lass dir wohl seyn. Mit diesen Worten wandte er sein Pferd, und ritt einen andern Weg. Lacherlich, sagte Rodrich, halb trotzig halb verlegen, steckte den Ring an den Finger und eilte bei Alinen jede lastige Storung zu vergessen. Das holde Kind empfing ihn mit einer wehmuthigen Innigkeit, die sein ganzes Wesen durchdrang. Er hatte nie etwas Reizenderes gesehen, als jenen Streit zarter Schaam und wachsender Zartlichkeit, in welchem sie sichtlich gefangen war. In heiliger, hingebender Selbstverlaugnung, ruheten ihre Blicke auf den seinen, einzelne Thranen rannen ihr selbst unbewusst, uber die frischen Wangen, ihre Stimme zerrann fast in leisen Bebungen, die wie abgerissne Tone einer Harfe die innern Akkorde bewegter Natur offenbaren.

Der Geistliche war indess bei seinem Eintritt zum erstenmale murrisch an ihm voruber gegangen, und hatte die Mutter in einer ahnlichen Stimmung zuruck gelassen. Es ist Friede, sagte diese endlich, ihr augenblickliches Schweigen mit losbrechender Redseligkeit ersetzend; nun, lieber Gott! ich freue mich gewiss von ganzer Seele daruber, aber sagen werde ich doch wohl durfen, dass es nun recht todt und weitlauftig in unserem Hauschen seyn wird, und dass wir uns alle ungern von so lieben Gasten trennen. Was liegt denn darin Gottloses und Sundliches? Meine Klagen werden uberdies nichts andern, und was man einmal recht aus Herzensgrunde fuhlt, das kann man auch ohne Schaam vor aller Welt bekennen. Und, lieber Gott, jeder hat seine Weise, muss man denn gleich in so anzuglichen Worten die Meinung Andrer bestreiten. Ich will wahrhaftig nicht Hader und Zwietracht unter die Menschen saen, und wie der Bruder meint, thorichte Wunsche durch das allgemeine Verderben befriedigen. Ich bin nicht hoffartig und stolz, ich wirthschafte in De- und Wehmuth, und halte das bischen Armuth zusammen, aber ich will andre Gesichter sehen, und andre Begebenheiten erleben, als die ich nun seit drei Jahren, Tag ein, Tag aus in den trubseligen Legenden und Martyrergeschichten zu Gesicht bekomme. So manchmal ist die Selbstverlaugnung und Ergebung der heiligen Manner wohl recht trostlich, und man sieht und fuhlt, wie alles Irdische weicht, aber die Welt ist doch kein offnes Grab, und das bluhende Kind da, soll mir doch nicht immer wie in ein Leichentuch gehullt erscheinen. Er hat gut reden, er steht allein, von ihm geht kein neues Leben aus, wie er altert und welkt, so erbleicht auch alles um ihn her, ihn zieht nichts in die frische Jugend zuruck. Im Grunde ist er zu bedauern, solch ein Mann, der niemals liebte, wird am Ende so schroff, allen Weltfreuden abgestorben, dass man sich nicht mehr eines gesunden Appetits und Schlafs von ihm erfreuen darf. Hier trat der Bruder unvermuthet herein, und der breite Strom der Rede stockte plotzlich. Aline, hob er nach einer Weile an, stelle nur die nachtlichen Wanderungen zur Kapelle ein, Menschen oder Geister duldeten es so wohl nicht, du musstest wahrscheinlich entfliehen, denn ich fand am Eingange dies Kettchen mit Benedikts Locke, und die Perlenschnur aus deinem Haar, so etwas giebt argerliche Geruchte. Aline nahm zitternd die zerbrochene Kristal-Kapsel aus seiner Hand, wahrend die Mutter mit unsichrer Stimme sagte: nun, Beten ist doch keine Sunde? Wenn es aus reinem Herzen zu Gott und seinen Heiligen dringt, erwiederte der Geistliche, sicher nicht, wenn aber irdische Wunsche die Gott geweihete Statte beflecken, dann ist es dem Herrn ein Grauel. Ich bitte dich, Aline, flusterte Rodrich dem weinenden Madchen zu, fasse dich doch jetzt nur, und suche den keimenden Argwohn durch ein ruhiges Betragen zu ersticken. Warum? sagte sie matt und ergeben, Gott und Benedikt kennen mein Unrecht, mogen es die Menschen denn auch wissen. Ach, Mutter, Mutter! rief sie aus gepresster Brust, ich bin sehr unglucklich! Der Geistliche trat geruhrt zu ihr hin, legte die Hand auf ihre Stirn, und sagte, Gott giebt uns allen Frieden. In dem reinen Herzen der Mutter stieg eine trube Ahnung aus, sie blickte fragend umher, aller Augen senkten sich, Rodrich strebte vergebens untheilnehmend und ruhig zu erscheinen, er fiel auf's neue aus allen seinen Himmeln, in die fest gestaltete, nothwendige Ordnung der Dinge, die ihn mit allen Quaalen peinigender Gegenwart gefangen hielt. Zagend stand er neben Alinen, deren trubes Auge schmerzlich aus den alten geliebten Umgebungen ruhete, als sagten sie ihr, nun werden unzahlige Thranen hier fliessen, und wir alle werden unbeachtet vergehen. Er fuhlte, dass ein Wort die inneren Zweifel losen, und Gluck und Ruhe verbreiten konne, aber dies eine Wort drang nicht uber die widerstrebenden Lippen. Indem trat Stephano herein, mehrere Briefe in der Hand haltend, von welchen er Rodrich zwei gab, und sich dann, die ubrigen zu lesen, in eine Ecke des Zimmers niederliess. Rodrich erkannte sogleich Florio's Hand, er offnete schnell das Siegel, und las, um sich selbst allen zweifelhaften Regungen zu entziehen, begierig folgende Worte:

"Der Tod, lieber Rodrich, ist nun wirklich an uns voruber gegangen, und hat Rosalien entfuhrt. Seitdem ist mir unaufhorlich, als schritte er auf mich zu, und spottete meiner Wunsche und Hoffnungen. Alles um mich her erscheint mir so schattenartig und verganglich, und was ich sage und thue, es gemahnt mich wie ein Spiel. Der rechte Ernst lauert doch nur im Hinterhalte, und macht zuletzt allen Traumen ein Ende. Dies ist gewiss nicht die rechte Ansicht des Lebens. Der gesunde Sinn greift frisch in die Kette ein, und fuhlt, dass sie sich ewig ununterbrochen fortschlingt. Ich muss auch wohl krank seyn, denn niemand ausser mir ist so ergriffen, selbst Ludowiko kehrte vor einigen Tagen ruhig, ja erleichtert zu den Seinigen zuruck. Es war, als habe er dem Schmerz, wie allen innigern Gefuhlen einen gewissen Tribut zollen mussen, dessen letzter Rest mit Rosaliens Leib in die kalte Erde verschuttet ward. Ach, Rodrich! Rodrich! ich wurde glauben, die meisten Menschen seien leblose Instrumente, uber welche die Hand des Schicksals hinfahrt, und ihnen von Zeit zu Zeit einen Ton entlockt, der eine Weile fortrauscht, und dann in das innere Nichts verhallt, aber sind wir denn anders? und wuhlt die Welt nicht mit tausend Handen in den Saiten unsers Herzens, und schlagt eine nach der andern an, ohne dass wir es selbst ahnen? Sonderbar war es, dass Rosalie ganz verstandig unter hochst einfachen, ja ich mochte sagen, kalten Betrachtungen verschied. Ludowiko's Bild schien immer mehr von ihr zu weichen, sie nannte ihn wenig, und gab sich mit sichtlichem Behagen der wiederkehrenden Stille ihres Gemuthes hin. Der Gelehrte, der vor einigen Tagen bei Seraphinen war, meinte: Rosalie sey ihm unendlich heftig, aber nicht gefuhlvoll erschienen. Dieser Mangel an Tiefe, und eine grosse Phantasielosigkeit habe so lange mit dem Streben, sich einen hohern, ungewohnlichen Schwung zu geben, gerungen, bis sie dies uber sich selbst hinaus, zwischen frostigen Verzerrungen, zum Wahnsinne hingetrieben habe. Nichts, setzte er hinzu, ist so gefahrlich, als wenn der blos reizbare, wenig schopferische Sinn, aussere Bilder fur die seinigen aufnimmt, und sich aus die Art in eine ganz fremde Welt verirrt. Ludowiko, sagte er, sey vollends ein kalter Geck, der sich in jeder Kappe gefalle. Dies letzte that mir wehe. Ich hatte ihn doch so wahr und innig gesehen, seine Thranen waren in mein Herz gefallen, so bemachtigt sich der blosse Schein nicht der Seele eines Andern. Es mag wohl seyn, dass man Erscheinungen und Motife richtig aufstellen, und Eines durch das Andere entwickeln konne, allein im Menschen ist noch vieles, was sich so nicht auffassen lasst, und was gleichwohl alles verandert. Man sage immer, die Liebe sey blind, ich glaube es nicht. Sie bindet nur das Einzelne zum Ganzen, und fullt die Lucken, die der Verstand muhsam grabt. Daher spreche ich auch lieber mit Seraphinen uber die letzten Vorfalle. Die Frauen sind milder, bei ihnen herrscht das Gefuhl, und wenn sie auch oft ohne Grund lieben und hassen, so wird ihnen doch der Mensch nie zu einem blossen Rechenexempel, das sich nach gewissen Regeln auflosen lasst. Ich dachte jetzt recht ungestort in dieser Einsamkeit deine Ruckkehr zu erwarten, allein es hat sich auf's neue alles geandert. Vor einigen Tagen trat der Ritter ganz unerwartet mit einer hubschen jungen Frau bei uns ein. Rosaliens Tod war ihm noch fremd, er glaubte, sie durch die gluckliche Wendung seines Schicksals freudig zu uberraschen, und eine milde Freundin in ihr zu gewinnen. Es war uns unendlich peinlich, ihn in diesem Irrthum zu wissen. Der Grafin gebrach es fast an Muth, ihm die Wahrheit zu gestehen. Das Lacheln eines Menschen, dem der ungekannte Schmerz so nahe steht, hat etwas uberaus Ruhrendes. Indess entging ihm unsere Verlegenheit nicht, und er drang uns bald das Gestandniss seines Unglucks ab. Du kannst denken, wie sehr es ihn erschutterte. Doch gelang es der schonen, bluhenden Gattin, ihn nach und nach zu beruhigen. Jetzt weint er wohl noch an Rosaliens Grabe, und bringt manche Stunde dort zu, allein er willigt dennoch ein, in wenigen Tagen nach der Stadt zu gehen, wohin Seraphine ihm folgt. Diese findet Geschmack an ihrer jungen Nichte, und freut sich, durch irgend ein Familienband auf's neue an die Welt geknupft zu seyn. Ich sollte sie begleiten, Alexis drang deshalb in mich, er ist liebenswerth und offen, und erwiederte meine Theilnahme mit der kindlichsten Innigkeit, allein ich fuhle mich doch losgerissen in diesem geschlossnen Kreise. Halte mich nicht fur eitel und anmassend, wenn ich dir gestehe, dass mir dies freundliche Dulden, die ehrenwerthe Anhanglichkeit gutmuthiger Menschen, nicht genugt, dass ich es schmerzlich fuhle, fur niemand eigentlicher Zweck des Lebens zu seyn, dass alles ohne mich gerade eben so ist und fortgeht, ich nur neben, nicht mit meinen Freunden lebe, ach, und dass keiner ahnet, oder ahnen will, welche eine Welt voll Liebe ich in meinem Herzen trage. Ich bleibe allen fremd, auch dir, Rodrich, glaube nicht, ich wolle dir einen Vorwurf machen, du kannst nicht anders, daher kehre ich auch in meine Berge zuruck, da leben die frommen Eltern und alle freudigen Erinnerungen der Kindheit. Vielleicht suchst du mich dort auf, wenn dir alles einmal misslingt, und die Welt dir keinen Ersatz bietet."

Rodrich mochte nicht lange bei den wehmuthigen Klagen seines Freundes verweilen. Er scheuete in diesem Augenblick jede tiefere Ruhrung, und eilte daher zu dem andern Briefe, dessen Ausschrift ihn lebhaft an das geheimnissvolle Billet nach dem Maskenballe erinnerte. Allein, wie erstaunte er, als er Viormona's Unterschrift entdeckte, und Blick und Mienen ihm sogleich aus den ersten Worten entgegen blitzten. Der Karnaval, schrieb sie, ist voruber, eine Larve nach der andern fallt, so mogen Sie mich denn in diesen Zugen immerhin erkennen. Es war ein Augenblick, in welchem wir uns verstanden. Sie fuhlten meine Schmach, und der Flug unserer Gedanken beruhrte sich. Damals erkannte ich in dem grossherzigen Jungling nur das Mittel, meine Plane durchzusetzen, ich musste Ihnen noch unbekannt bleiben. Jetzt ist es bei weitem anders. Ihr beschimpftes, bis auf den Schein vernichtetes Daseyn wird Zweck meines Lebens. Konnte ich doch in ein Wort alles zusammendrangen, was mich seit zwolf Stunden unaufhorlich mit Abscheu, Lust, Rache, ja, mit allen gewaltigen Leidenschaften erfullt, aber ich darf nicht. Fliegen Sie zu mir, die Brieftasche des Kardinals ist in meinen Handen, ohne dass er sie vermisst. Rodrich, ich kann so nicht schliessen, was sind alle abgemessene Regeln der Klugheit, gegen die tosende Flut eines uberwallenden Herzens. Nun denn, mein Unglucksgefahrte, ich grusse in Ihnen den Neffen des Herzogs. Um Gotteswillen, bezahmen Sie die losbrechenden Flammen, Sie brauchen Besonnenheit, die Gewalt ist in den Handen Ihrer Feinde, List und Gewandheit konnen es allein rachen, dass man Sie uber zwanzig Jahr um den stolzen Genuss hoher Geburt betrog, und den Zweig koniglichen Stammes in die Gemeinheit niederer Naturen verstiess.

Rodrich schlug hier zahneknirschend den Brief zusammen. Aline fuhr in die Hohe, er bemerkte erst jetzt, dass sie weinend zu seinen Fussen lag, und niemand als sie im Zimmer war. Armes, armes Kind, rief er bewegt. Ja wohl, sagte sie, die Mutter wird nun alles erfahren, sie ist bei dem Onkel, der uns zuverlassig in der Nacht gesehen hat. Lass nur, erwiederte Rodrich gedankenlos, es kann ja noch alles gut werden! Ja? fragte sie halb getrostet, und druckte seine Hand an ihr Herz, ach, mein lieber, lieber Rodrich, konntest du die Angst fuhlen, die mich ich fuhle sie, Aline, unterbrach er sie heftig, ich fuhle sie, daher lass mich fort, ich konnte mich sonst in Gegenwart deiner Familie verrathen. Er reichte ihr fluchtig die Hand, und eilte, ohne ihre Antwort abzuwarten, zur Thur. So willst du gehen? fragte Aline betroffen. Lebe wohl, Engel, rief er schnell, ich hore draussen Jemand. Ach Gott! sagte sie, und wandte sich langsam von ihm ab. Er sturzte fort, ohne noch zu wissen, was er eigentlich wollte und durfte. Es kochte und wuthete in seiner Brust. Alles was er je erlebte, traumte und fuhlte, ging verwirrend an ihm voruber. Nur vorwarts, vorwarts, sagte er halb laut, es muss jetzt alles klar werden. Er beschloss, noch in dieser Nacht zu reisen, und da der Friede unterzeichnet war, so hielt es weiter nicht schwer, Urlaub nach der Hauptstadt zu bekommen. Als er deshalb von dem General zuruckkehrte, fand er Stephano auf einem freien Platz der Stadt gedankenvoll auf und niedergehen. Er wollte ihn Anfangs nicht bemerken, indess sein Blick, in welchem eine Thrane glanzte, traf ihn, und er rief unwillkuhrlich, ist dir etwas begegnet? Nein, es ist alles schon und gut, sagte Stephano, halb bitter halb ergeben, uns erwarten Friedensfeste und Hochzeitfeiern. Hochzeitfeiern? wiederholte Rodrich. Ja, ja, was denkst du denn, erwiederte jener, soll der Herzog etwa den Staat noch langer ohne Erben lassen? Miranda's schone Hand wird ihn beglucken. Der Kardinal betreibt es recht angelegentlich, und es kann ja auch nicht fehlen, wer wird ein Herzogthum ausschlagen? Du traumst, sagte Rodrich halb sinnlos, druckte den Hut in die Stirn, und eilte in seine Wohnung. Mehrere Stunden sass er hier ohne einen zusammenhangenden Gedanken zu fassen. Die innere Angst stieg fast in jedem Augenblick. Die Zeit ist gekommen, rief er endlich voll Grimm, bei Gott und allen Heiligen, er soll mir Rechenschaft geben.

Er rief seine Leute, sie mussten schnell das Gepack ordnen, und er ging, seinem Wirthe einen fluchtigen Besuch zu machen, um bei den Alltagsgesichtern Gleichmuth fur die letzten Augenblicke zu gewinnen. Mitternacht kam indess heran. In einer Stunde wollte er reisen. Sein Herz klopfte bang, er offnete das Fenster, uberall war es still. Ob Aline wohl schlaft! dachte er mit wehmuthiger Ruhrung. Die Kirche neben ihrer Wohnung ragte so fest und ernst uber die ubrigen Gebaude hervor, ihm war, als bewegten sich die langen Fenster der Kapelle, und Aline breite ihm flehend die weissen Arme entgegen. Ungluckseliger, rief er, ist denn nun alles, alles vorbei! soll die unschuldige, hingebende Liebe nie wieder dies Herz beruhren, und ist nicht vielleicht hier und dort alles verloren? Rodrich, sagte eine weiche Stimme, du entgehst mir nicht, glaube mir, ich weiss, du willst dich von mir losreissen, er blickte erschrocken auf, Aline stand bleich wie ein Geist hinter ihm. Du hier? sagte er sich fassend. Ich bitte dich, fuhr sie fort, lass uns jetzt nicht untersuchen, ob ich zu viel wage, jede ruhige Uberlegung gehorte einer fruhern Zeit an, ich komme blos, dich zu fragen, wie du es uber dich gewinnen konntest, mich heimlich zu verlassen? Rodrich, wolltest du mich schonen oder ubersahest du mich ganz? Liebe Aline! sagte er ausweichend. O, um alles, unterbrach sie ihn, nur jetzt keine Ausfluchte, schame dich nicht zu sagen was du fuhltest, ich bin dir nichts, Rodrich, gar nichts, ich empfand das diesen Nachmittag, du sahst meine Todesangst, ein einziges Wort hatte mich in den Himmel gehoben, du hast es nicht ausgesprochen. Ich glaube es gern, dass ich nur eine unbedeutende Erscheinung deines Lebens seyn konnte, aber warum stehst du an, mich ganz zu vernichten? Glaubst du, es sey besser, mir ein dumpfes, odes Daseyn zu lassen, das Niemand beglucken kann? Friede und Vertrauen sind aus unserm Hauschen geflohen, die Mutter hat zum erstenmal in die Welt gesehen, ihr frommer Blick kehrt scheu und getrubt in sich zuruck, ich bin alt geworden, lieber Rodrich, die Jugend, ja, die Welt sturzte mir in einem Augenblicke zusammen, habe Erbarmen, rief sie mit einem zerreissenden Ton, indem sie vor ihm niedersank, nimm mir dies quaalvolle Leben. Hier klopfte es leise an die Thur. Verzeihen Sie, sagte Beate im Hereintreten, fuhr aber, als sie Alinen bemerkte, laut schreiend zuruck. Bleiben Sie, sagte Rodrich, mit Blick und Stimme, die ihr fast jede weitere Bewegung unmoglich machte; was fuhrt Sie hierher? fuhr er fort. Diese Bucher, sagte sie gefasster, ihm mehrere uberreichend, die ich unter den meinigen fand, und die ich uber ihre plotzliche Abreise beinahe vergessen hatte. Nun, erwiederte Rodrich, dasselbe Geschaft fuhrte die gutige Aline hierher. Ich zweifle doch, fiel Beate vornehm und beleidigt ein, dass wir einander auf gleichen Wegen treffen konnen. Sie neigte sich spottisch und ging. Ich danke dir, Lieber, sagte Aline, du wolltest mich vor den Menschen retten, aber das ist nun doch alles vorbei. Meine liebe, liebe Aline! rief er auf's hochste geruhrt, sieh nicht so verzweifelnd in die Zukunft, glaube nur, ich kann nicht anders, mein verworrenes Schicksal umstrickt mich mit tausend Schlingen, und ich darf sie nicht so zerreissen, wie ich wohl mochte, ohne alles mit mir in den Abgrund zu ziehen. Ich tadle dich auch nicht, sagte sie ruhiger, es war wohl unrecht, so klagend und wimmernd vor dir zu erscheinen, gewiss, ich will dich nicht qualen, aber konntest du sie stand einen Augenblick schweigend vor ihm da. Was foderst du, meine Aline? fragte Rodrich; nichts, rief sie unter heissen Thranen, ach, du kannst mir nichts, selbst den Tod nicht geben! Lebe wohl, sieh, ich kam ach mein unaussprechlich geliebter Rodrich, stammelte sie und sank ohnmachtig in seine Arme. Er trug sie leise in Laura's Zimmer. Sorgen sie fur die Ungluckliche, rief er der erschrockenen Frau entgegen. Sie sind Mutter, in Ihrer Brust lebt ein menschliches Gefuhl, dulden Sie nicht, dass man den Engel beleidige, ich warne sie, sie und Erwin sind in meinen Handen. Er druckte einen Kuss auf Alinens Stirn, und flog zum Hause hinaus.

Ohne Aufenthalt und Ruhe eilte er nun der Hauptstadt entgegen. Alle Herrlichkeiten des erwachenden Fruhlings, die lachendsten Gegenden, nichts konnte ihn aus sich selbst herausziehen. Seine Gedanken kreisten unaufhorlich um einen Punkt, ohne ihn gleichwohl zu erfassen. So in sich versenkt, dumpf und befangen kam er an das Thor. Hier spannten sich alle seine Gefuhle zur hochsten Erwartung. Er glaubte, sein Anblick musse die Menschen ungewohnlich erschuttern, und jedes Auge an dem seinen entzunden. Statt dessen ging alles den gewohnten Gang. Niemand, ausser der Schildwache am Thore bemerkte ihn. In thatenloser Geschaftigkeit eilte Jung und Alt an ihm voruber. Ein Jeder hatte sein kurzes Ziel vor Augen, und kummerte sich wenig um die ausgedehntern Plane Anderer.

Ich werde euch nicht lange fremd bleiben, dachte er, und eilte zu Viormona. Schon hier? rief diese, nun, ich konnte es denken. Ihr guter Engel fuhrte sie im rechten Augenblicke hieher. Das Schicksal hat vorgearbeitet. Der Herzog ist weich und erschuttert wie ein Kind. Sie wissen vielleicht, dass er Miranda mit seiner Hand beglucken wollte. Vor einigen Tagen ist diese mit ihrer Mutter und Elwire in ein fernes Kloster geflohen, und droht den Schleier zu nehmen. Den Schleier? unterbrach sie Rodrich. Nun, lassen wir sie, fiel sie ungeduldig ein, sie passte ohnehin nicht hieher. Wichtiger ist, dass der Herzog in seinen gescheiterten Hoffnungen eine Strafe des Himmels sieht, und sie um so leichter Eingang finden werden. Wollen sie sich mit langsamen Gifte nahren, fuhr sie fort, einige Papiere aus einem Kastchen langend, oder soll ich doch besser, sie lesen selbst. Nehmen sie zuerst diesen angefangenen Brief des Kardinals, dem er wohl noch mehreres hinzufugen wollte.

Rodrich las mit flammenden Blicken.

"Ihre fruheren Vermuthungen sind eingetroffen. Der Knabe lebt, und tritt jetzt sehr unberufen als Mann in meinen Weg. Der dumpfe Trotz, mit dem er sich einst Ihren Handen entwand, hat sich zur frechen Verachtung aller gesetzlichen Ordnung und hergebrachten Weise entwickelt. Er ist zu klug, um genugsam zu seyn, und wird eben deshalb furchtbar. Zum Gluck besitzt er noch etwas von jener schwankenden Reizbarkeit, die man Herz und Gemuth nennt, und die uns kaltern Naturen die Welt unterwirft. Sonst ist er stolz, es regt sich so etwas von Herrschersinn in ihm, er konnte vielleicht an der Hand eines Gewaltigen hohern Stufen entgegen reifen, allein er muss in die Dunkelheit zuruck. Sie wissen, wie ich bemuht war, jede Spur eines beschamenden Ereignisses zu verwischen, und den Hohn der Kirche im eignen Blute zu rachen. Das Daseyn des Knaben wandte sich indess wie ein Dolch gegen die eigne Brust. Ich war nicht ruhig, seit er ihnen entwich. Sie erinnern sich des Fehlgriffes mit dem Sanger, ich forschte vergebens. Ganz unerwartet fand ich endlich hier, was ich suchte. Die abentheuerliche Erscheinung eines jungen Mannes, der unter dem Schutze des alten Alwarez, plotzlich Offizier wird, bei dessen Anblick der Herzog ohnmachtig niedersinkt, der durch ein gebieterisches, vornehmes Wesen jede Nachfrage zuruck drangt, und so alles, bis auf die Neugier der Menschen unterjocht, musste nothwendig tausend Muthmassungen erregen, mit denen man mich sogleich bei meiner Ankunft bekannt machte. Ich ward begierig, mehr zu erfahren. In einer Abendversammlung trat er vor mich hin. Ich glaubte, funf und zwanzig Jahr junger zu seyn, und den Bruder des Herzogs zu sehen. Nur in Vater und Sohn kann sich die Natur so wiederholen. Derselbe Blick, Mienen und Gebehrden. Ich konnte nicht langer zweifeln. Dazu kam die enge Verbindung mit dem Grafen, der augenscheinlich mehr von seinem Schicksale weiss. Ich setzte alles in Bewegung, um der Sache auf den Grund zu kommen, und erfuhr, dass er in einem Gasthofe, mehreren jungen Leuten seine Geschichte nach Jugend-Art laut genug mitgetheilt hatte, um den Wirth mit einigen Zugen derselben bekannt zu machen, die mir weiter keinen Zweifel ubrig lassen. Die Erinnerung des Mantels lebt noch frisch in seiner Seele, und er wurde sicher nicht anstehen, ihn von den Schultern seines herzoglichen Oheims zu reissen, wenn er eine Ahnung der Wahrheit hatte. Dies ist hinreichend, um ihn bald wieder in Ihre Hande zu liefern. Vorerst habe ich ihn ruhig in den Krieg ziehen lassen, vielleicht gebietet das Schicksal ohne meine Hulfe uber ihn. Seine Entfernung thut dem Herzoge wohl. Dieser schwache Mensch sitzt ohnehin unsicher auf dem fremden Thron. Ich kam, um ihm eine schickliche Haltung zu geben. Es wird mir gelingen. Seine Feinde sind nicht gefahrlich, Tragheit und Furcht augenblicklicher Storung halten die meisten Menschen in der misslichsten Lage gefangen. Ein rachsuchtiges, eitles Weib steht an ihrer Spitze. Sie ist in meinen Schlingen, indem ich ihr glauben liess, sie konne mich als Mittel ihrer Plane gebrauchen. Der Herzog soll sich vermahlen. Der Bastard darf ihm nicht in der Regierung folgen, aus diesem konnte etwas werden, wenn er nicht alles seyn wollte. Leben sie wohl. Vielleicht sende ich ihnen bald ihren Fluchtling zuruck. Entgehen wird er uns schwerlich. Sind sie gewiss, dass der andere Knabe in Martins Hutte starb?"

Rodrich wollte hier losbrechen. Halten sie sich noch einige Augenblicke, sagte Viormona, ihm das Blatt entwindend, lesen sie erst diesen zweiten Brief des Herzogs an den Kardinal, der hebt die Decke, und lasst in ein weites Feld menschlicher Verirrungen sehen.

Er gehorchte, ohne sich irgend einer deutlichen Vorstellung bewusst zu seyn, und las Folgendes:

"Sie haben von jeher meinen Willen gelenkt, und in unsichern Augenblicken meinem Gefuhl die Richtung gegeben, die Sie nothwendig hielten. Ich kenne ihre Gewalt, und fluchte zu ihr, jetzt, da alle Wunden auf's neue aufspringen, und die alten Quaalen mich foltern. Reue, sagt man, sey ohnmachtiges Wollen. Es kann wahr seyn, allein die Menschen haben das so auf Treu und Glauben angenommen, weil jeder Ruckblick Anstrengung kostet, und der Wille lieber erzeugt als herstellt. Ich mochte gern nicht bereuen, aber wenn nun die Wahrheit so vor mich hintritt, und mich mit ihrer zermalmenden Gewalt anfasst, dass ich schreien mochte, wie kann ich ihr, wie kann ich mir selber entfliehen? In solchen Augenblicken verliere ich auch den Glauben an Ihre Unfehlbarkeit, und das ist von allem das Schrecklichste. Warum liessen sie mich, meiner fruhern Bestimmung gemass, nicht in einem Kloster still und unbeachtet verbluhen? Ich brauchte es, so ein scharf ausgesprochenes, durres Ziel vor mir zu sehen. Die Mauer ware meinen schwankenden Vorstellungen eine selige Granze geblieben. Hatten sie sich wirklich in mir geirrt? Ich glaube es nicht. Rache war es gegen meinen Vater, der einst im tollen Ubermuthe einige Klosterfrauen entfuhrte, die Sakramente verspottete, und das Hochamt entweihen half. Darum uberredeten sie ihn, ein zweiter Abraham, seinen Liebling zu opfern, darum schurten sie die durftige Flamme in mir an, damit ich den ernsten Bruder uberstrahlen und die Welt glauben machen sollte, ich gehore ihr an. Musste das ganze Erdengluck eines Menschen in meinen Handen zerbrechen, damit ich ungeniessend darbe? Mich knupfte kein Band an die Menschen, nuchtern und leer blickte ich auf ihr buntes Treiben. Ja meiner Brust lag die Welt unberuhrt und todt, und dennoch, dennoch konnte ich den Bruder opfern. Nehmen sie mir die Erinnerung jenes Augenblikkes, in welchem er mir zuerst sein grosses Herz eroffnete. Mit gluhenden Blicken bekannte er mir seine Liebe zu Mathilden, beschwor mich, alles zu nehmen, und ihm nur so viel zu lassen, dass er still an ihrer Seite leben konne, seine Brust schlug zum erstenmal an der meinigen, ja, er sank zu meinen Fussen, und ich verrieth ihn, zwang beide, schimpflich zu fliehen, und ihr Gluck und ihre Schande in der Dunkelheit zu verbergen. Und als nun ihr spahender Blick sie auch hier entdeckte, die schone Mathilde starb, mein Bruder auf's neue verschwand, und seine unglucklichen Kinder in niedrer Vergessenheit verschmachteten, da schwieg ich, da bewahrte ich das tiefe Geheimniss, da vermochten feige Rucksichten mehr als die heiligste Liebe. Sagen sie mir, ich beschwore sie, dass ich ein kindischer Thor sey, schleudern sie alle Blitze ihres Zornes auf mich nieder, zertreten, zermalmen sie mich, damit ich wieder in der alten Demuth an sie glauben lerne, und ruhig werde. So kann ich es nicht seyn, meine kurzsichtigen Blicke verwirren sich in dem Erfolge jener Thaten. Es ist nirgend ein Punkt, wo sie freudig ruhen konnten, nichts, was die erwachenden Zweifel beschwichtigte. Mein Vater starb in herbem Leide, sein finstrer Sohn herrscht in seinen bluhenden Staaten, indess ich allein, ungeliebt und verlassen, unter fremden Gesichtern, vergebens ein Auge suche, das dem meinigen begegne. Verstossen sie mich nicht, lehren sie mich, tiefere Blicke in die verworrnen Ereignisse des Lebens werfen, und die Bedeutung der Dinge erkennen. Ich stehe auf halbem Wege der Erkenntniss, und weiss nicht, wohin ich mich wenden soll!"

Rodrich liess das Blatt fallen, und eilte, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Zimmer, indess ihm Viormona in hochster Unruhe nachsahe, und sich vergebens bemuhete, ihn zuruck zu rufen. In wenigen Augenblicken war er im Schlosse. Er flog die Treppen hinauf, niemand redete ihn an, der Anblick eines Offiziers liess in dieser Zeit auf irgend eine wichtige Sendung schliessen. So kam er durch die Vorzimmer zum Eingang der Gallerie. Der Tag neigte sich schon, alle Gegenstande verschwammen in ein schauerliches Halbdunkel. Gedankenvoll blieb er stehen, seine Blikke hefteten sich geruhrt auf die alten Bilder, in denen er zuerst seine Ahnherrn begrusste, er suchte den Einsiedler, und bemerkte den Kardinal, der ihm gegenuber nachdenklich an einem Pfeiler lehnte. In dem Augenblicke offnete sich dieselbe Tapetenthur, aus welcher ihm der Herzog zuerst entgegen trat. Er erschien auf's neue, indem er dem Kardinal sehr heiter zurief: sie wird mein, Therese schreibt, sie sey bei weitem ruhiger, und fuge sich immer mehr ihren Bitten, sie hatten Recht, ich kann dennoch glucklich werden! Nein, das sollst du nicht, feiger Bosewicht, schrie Rodrich, und stiess ihn wuthend nieder. Ewiger Gott, stammelte der Kardinal, ist das deine Rache? Rodrich wandte sich langsam, und ging wie im Traume, durch die weiten Hallen zu Viormona's Wohnung. Haben sie sich anders besonnen? fragte diese, uber seine schnelle Ruckkehr erfreut. Besonnen? wiederholte er vor sich hin. Ich glaubte wirklich, fuhr sie fort, sie waren in dieser Stimmung zum Herzoge gegangen. Der ist ja todt, sagte Rodrich. Todt? schrie sie, todt? um Gotteswillen, wer hat jetzt ich, erwiederte er dumpf und gedankenlos. Viormona betrachtete ihn einen Augenblick zweifelhaft. Wahnsinniges Kind, rief sie endlich, musste ich meine Rache ihren Handen anvertrauen? so plump und zwecklos konnte sie nur durch einen Mann vollfuhrt werden! Nun ist alles verloren, der gemeine Morder bleibt verachtet, wie sehr die That auch den meisten willkommen seyn moge. Mussten sie sich so freventlich bloss stellen, glaubten sie wirklich, mit blutigen Handen das Zepter zu ergreifen? War denn ihre Phantasie so arm, dass sie diesen letzten Triumph nicht fest halten, dass sie ihn wegen einer schwachlichen Aufwallung hingeben konnten? Jetzt gehen sie nur, ich will nicht das Ansehen haben, als theile ich ihre Schuld. Recht gern, erwiederte Rodrich, und schwankte zur Thur. Ach, Rodrich! Rodrich! sagte sie, ahnet ihnen nicht, was sie verloren? war denn keine andere Regung in ihrer Brust, als die Rache? Glauben sie nur, so zum blossen Werkzeuge wollte ich sie nicht herabwurdigen, das konnte i c h entbehren. Er stand noch immer untheilnehmend und kalt vor ihr da. Fuhlst du nicht, rief sie, sich an seine Brust sturzend, dass ich hier mein hochstes Gluck suchte? dass ich hier allen Schmerz und alle Wuth der Liebe kuhlen, und meinen Stolz in deiner Glorie erhohen wollte? Du solltest siegen, durch die Gewalt hoher Natur, den Mord musstest du Andern uberlassen. Sie haben sich geirrt, sagte Rodrich kalt, meine Hand war zu grob zu dem feinen Gewebe, ich habe sie nicht verstanden, oder besser, sie gar nicht gehort ich fuhlte nichts, als mich, mich selbst, sie waren mir gar nichts. Es ist nun auch mit mir vorbei, darum lassen sie mich. Er ging, in seinen Mantel gehullt, weit hin zur Stadt hinaus. Sein Herz schlug matt und krank, er wusste nicht, wohin ihn die unsichern Schritte fuhrten, und dennoch lief er, dass ihm der kalte Schweiss uber die Stirn rann. Die Nacht brach endlich herein, er sank erschopft auf einer Anhohe nieder. Seine Augen richteten sich unwillkuhrlich gen Himmel, kein Stern leuchtete, die Wolken zogen schwer und langsam uber ihn hin, alles um ihn war stumm und unbeweglich, die Natur schwieg, als habe sie ihm nichts mehr zu sagen. In der dustern Stille erwachte sein Inneres, wie aus einem bangen Traume. Es stand alles einzeln und zerrissen vor ihm da, er konnte kein Ganzes zusammen finden. Warum gerade ihn ? fragte er sich laut, warum nicht den Kardinal? Dahin also, dahin sollte es kommen! ach, du armes, thorichtes Herz, wie hast du dich betrogen! rief er wehmuthig, das Gesicht unter heissen Thranen am Boden verbergend. Er weinte so heftig, als wolle sich die wunde Seele in Thranen auflosen. Endlich schlossen sich seine Augen, er schlief ein, und begrusste im Traume fast alle freudigen Momente seines Lebens. Seraphinens lustige Umgebungen nahmen ihn wie in den ersten Tagen gefangen. Er ging hier an den lieblichsten Gestalten voruber. Aline war unter ihnen. Der Graf fuhrte sie durch die Reihen, sie reichte ihm zutraulich die Hand, und er steckte ihr Miranda's Ring an den Finger. Als er erwachte, stand der Mond hell am Himmel, und beleuchtete die Thurme der Stadt, dass sie glanzend vor ihm da lagen. Er konnte sich lange nicht besinnen, ihm war, als wenn er dahin zuruck musse, er angstete sich, dass man ihn vermissen konne, und stand eilig auf, um sich auf den Weg zu machen. Plotzlich fiel ihm die Wahrheit wie ein Stein auf's Herz. Ach Gott, sagte er, es ist ja alles vorbei. Sie hatte Recht, der gemeine Morder bleibt ewig verachtet. Wer wird mir es jetzt glauben, dass ich der Neffe des Herzogs sey? Viormona verlaugnet mich, und ich muss wie ein Wahnsinniger erscheinen. Er wusste lange nicht, wohin er sich wenden sollte. Endlich dachte er an Florio. Ja, ja, du frommes Kind, ich suche dich wieder, rief er, es ist alles misslungen, mit einem Schlage alles zertrummert, die Welt bietet mir keinen Ersatz ich fluchte zu dir. Er wandte sich noch einmal mit nassem Blicke zur Stadt. Alle Wunsche und Hoffnungen, sagte er, liegen in dir zertrummert, so trage ich mich denn selbst mit diesem erschopften Herzen zu Grabe. Er ging langsam die Anhohe hinunter, die nun mit einemmale, wie eine Scheidewand, zwischen ihm und seiner Welt da stand. Schweigend breitete er ihr zum letztenmale die Arme entgegen, und wanderte so verlassen weiter.

Nach vielen Tagen und Nachten kam er in das Geburge. Er hatte gehofft, die Erinnerung jener schuldlosen, frommen Zeit sollte sein Herz wohlthuend beruhren, allein, was er sah, schien ihm so klein und armlich, die durftigen Umgebungen so druckend, dass er vor dem Gedanken zuruck schreckte, hier seine Tage zu beschliessen. Er nahete sich indess Martins Hutte, die er an einem Ziehbrunnen erkannte, an dessen Rande er wohl mit Florio zu spielen pflegte. Eine hagere, zusammengefallene Gestalt, trat ihm entgegen. Es war Sara. Sie blickte ihn starr und fremd an, und hiess ihn leise hineintreten, da eine Kranke in ihrem Kammerchen schlummere. Ihr Anblick drangte ihn vollends in sich zuruck. Er folgte ihr schweigend in das enge Stubchen. Alles war hier wie ehemals, aber es konnte ihn nichts erfreuen, er fuhlte schmerzlich, dass ihn nur der Fluch seines Schicksals dahin zuruck triebe, von wo er einst mit so stolzen Hoffnungen schied. Ist euer Sohn nicht bei euch? fragte er nach einer Weile. Nein, erwiederte Sara murrisch, er ist verreist, und es ist auch uns gut, denn ich habe so Wunder genug im Hause. Die Kranke dort musste auch gerade hierher kommen! Wer ist sie denn? fragte Rodrich, weiss ich es? erwiederte sie. Ein geistlicher Herr kam in voriger Nacht mit ihr an, um sie in ein nahes Kloster zu einer Verwandten zu fuhren. Plotzlich erkrankte sie, und er musste nur eilen, einen Arzt herbei zu schaffen. Aber es ist mehrere Stunden Weges bis zur Stadt, sie werden nicht vor Nacht ankommen, und derweil habe ich nun die Sorge allein! Es ist sonst ein liebes, feines Kind, und es geht einem durch's Herz, sie so leiden zu sehen. Mich dunkt indess, da wird wohl kein Arzt helfen, denn sie weint gar zu viel und wunscht sich den Tod in den herzbrechendsten Worten. Hort ihr, wie sie betet, die fromme Seele! Rodrich beugte sich zur halb geoffneten Kammerthur. Jesus, schrie er, meine Aline! und sturzte an ihr Bett. Rodrich, ach, mein Rodrich, rief sie, ihn erkennend, Gott hat mein Gebet erhort, er thut ein Wunder, und lasst mich in deinen Armen sterben. Rodrich druckte sie freudig an sein Herz; nein, susser Engel, sagte er, du sollst leben, sieh, es ist nun alles gut, alle andere Bande sind gelost, ich gehore einzig dir an. Gewiss? fragte sie unter wonnigen Thranen. Gewiss, meine Aline, sagte er, und eroffnete ihr die trostlichsten Aussichten fur die Zukunft. Er glaubte einen Augenblick selbst daran, und meinte einen Wink des Himmels in dem unerwarteten Zusammentreffen mit dem geliebten Kinde zu sehen, vielleicht sollte sie ihn mit dem Leben aussohnen, und ihm in glucklicher Verborgenheit alle getraumte Lust schenken. In dem freudigen Taumel umschlang er auch die herzu eilende Sara. Kennt ihr mich denn nicht? fragte er sie, ich bin ja euer Pflegekind Rodrich! Hatte ich es doch an dem Ungestum merken sollen, mit dem ihr alles anfasst, erwiederte sie, nun, ihr seht ja recht stattlich aus, ihr seyd wohl ein vornehmer Mann geworden, wie ihr es sonst schon in euren Spielen waret. Diese Worte schleuderten ihn auf's neue in seine ganze Nichtigkeit zuruck, er unterdruckte muhsam den aufsteigenden Unwillen, und sagte, sich angstlich zu Alinen wendend: lasst das, gute Mutter, seht nur hier auf die schonste Gabe, die mir der Himmel verlieh. Ja wohl, ja wohl, erwiederte die Alte, wenn es nur alles ist, wie es seyn soll! Aline schmiegte sich zartlich an seine Brust, und zog ihn fur Augenblicke in ein gluckliches Vergessen seines schmerzlichen Daseyns hinuber. Sie genas recht eigentlich an seinem Blicke, und konnte schon am Abend, gestarkt und erheitert, neben ihm am Kamine sitzen, dessen spielende Flammen Rodrichs Blicke, wie ehemals fesselten. Sara spann an ihrer Seite, und erzahlte mancherlei, was beide uberhorten; als sie indess Martin erwahnte, bezeigte Rodrich seine Verwunderung, ihn nicht hier zu finden. Gott weiss, was der treibt, sagte sie nachdenklich, er hatte schon immer solch heimliches Wesen, aus dem niemand klug ward. Seit Florio's Ruckkehr ist es arger, als je. Sie gehen ihre Wege, und niemand thut, als ob ich in der Welt ware! Ei nun, mogen sie doch, der Florio ist mir auch fremd geworden. Es ist wahr, dass ich nicht seine Mutter bin, aber ich habe ihn doch auferzogen, und gepflegt, und es oft daruber vergessen, dass es nicht so ist. Freilich, freilich, sagte Rodrich, dem das ganz bekannt vorkam, ohnerachtet er es zum erstenmale horte. Wie seyd ihr denn zu ihm gekommen? Daruber liesse sich manches sagen, erwiederte sie. Martin brachte ihn mir eines Abends, als er wohl noch wenige Stunden das Licht der Welt erblickt hatte. Frau, sagte er, nimm dich des Kindes an, es hat keine Mutter mehr, glaube und lass die paar Menschen um uns her glauben, was sie wollen. Thue du nur deine Pflicht, und bekummere dich sonst um nichts. Schwatze nicht viel, die Leute fragen nicht, wenn sie nicht merken, dass man gern reden mochte. Ich that, wie er sagte, und hatte nur im Stillen meine Gedanken. Das Kind ward mir lieb, und dann hoffte ich immer, es solle einmal ein reicher Mann in unsere Hutte treten, und es zuruckfodern, wie man es sonst wohl gehort hat. Ich sah mich und Martin zu Ehren kommen, und meinte, uns so das Gluck zuzufuhren. Von dem allen ist nun freilich nichts geschehen. Zum Lohne lassen sie mich hier in der Unwissenheit sitzen und abqualen, dass ich Blut weinen mochte. Aber sie mogen sich stellen wie sie wollen, ich weiss doch was ich weiss. Nun, was wisst ihr denn? fragte Rodrich begierig. Das ode Haus im Thale, sagte sie leise, denkt an mich, der Florio gehort hinein. Aline war indess an Rodrichs Brust eingeschlafen. Er lehnte sie sanft zuruck. Es ist wohl Zeit, sagte er, dass wir alle ruhen. Sara schob gedankenvoll ihr Rad bei Seite, und wies ihm seine alte Schlafstelle in einem Seitenkammerchen an. Kaum sah er sich hier allein, so stiegen Wunsche und Gedanken in ihrer gewohnten Gestalt in ihm auf. Er warf sich angstlich auf dem Lager hin und her. Alle Ruhe war von ihm gewichen. Sara's letzte Worte rauschten unaufhorlich in seinem Ohre. Wie oft, dachte er, haben mich meine stolzen Traume von hier fort, in die Welt gefuhrt, was glaubte ich nicht alles zu erleben, und so nahe, so nahe lag die Entwickelung meines Schicksals. Seine Augen fielen auf das offne Fensterchen, durch welches man die nahen Berge sah. Ich will hinuber zu dir, mein Florio, rief er, und lehnte sich weit hinaus, die laue Nacht begrussend. Da horte er, wie ehemals, Sara den Abendsegen beten. Unwillkuhrlich wiederholte er ihre Worte, und trat mit ergebenem Sinn aus der Hutte. Ohne lange zu erwagen, welchen Weg er wahlen solle, drang er die steinigen Klippen hinan. Langs unermesslichen Abgrunden wand sich ein schmaler Pfad, den herabgerollte Steine fast durchgehends verschuttet. Rodrich schritt behutsam daruber hin, und kam endlich uber einen schmalen Abhang zu einer Wiese, aus deren Hintergrunde ihm ein Licht entgegen leuchtete. Er beflugelte seine Schritte, und stand endlich mit klopfendem Herzen vor dem ersehnten Hause. Hier also, ach hier, rief er, und sank weinend auf die Schwelle nieder. Bald darauf drangen leise Harfentone aus dem Innern, die folgende Worte begleiteten:

Schone Perle, schone Perle,

Sieh mich weinend steh'n am Ufer,

Lass dich meine Klagen ruhren,

Folge meinem bangen Rufe.

Du, des reichen Schmuckes Zierde,

Bist nun meinem Blick entschwunden,

Und ich Arme muss vergebens

Dich am oden Strande suchen.

Susses Kleinod, kehre wieder,

Zier' auf's neu mir Haupt und Busen,

Lass in deinem Glanz mich leuchten,

Leben nur in deinem Ruhme.

Nein, du bist in Nacht geboren,

Bist ein Kind der schlimmsten Mutter,

Trug'risch war dein sanftes Leuchten,

Zu verlocken meine Jugend.

Grausend steh' ich hier alleine,

Schaumend naht ihr wilde Fluthen,

Wollt auch mich hinunter reissen,

Wie die Perl' ihr habt verschlungen!

Ihr entgegen klingen Stimmen,

Wie aus tiefem Meeresgrunde.

Holder Perle susses Leben

Bluht im stillen Heiligthume.

Was der Tiefe ward entrissen,

Kuhn an's Tageslicht gerufen,

Sinkt zuruck in Liebesarme,

Scheu vor euren wilden Gluthen.

Steig' hinunter in die Wasser,

Kuhle deines Herzens Wunden,

Und im feuchten Schoosse finde

Neu erbluht die Wunderblume.

Rodrich war indess immer weiter gegangen, und lehnte an einer verfallnen Thure, aus welcher ihm der Ton entgegen drang. Die Erinnerung der Perle nahm ihm alle Sinne gefangen; er stand noch in sich versunken da, als Martin mit einer kleinen Laterne an ihm voruber zur Thure hineinging, indem er sagte: Miranda ist wohl, sie wird kommen, wie ihr es wunscht. Miranda? wiederholte Rodrich laut, und folgte ihm schnell in das anstossende Gemach. O, ewiger Gott! da ist er! schrie Florio, in seine Arme sturzend. Mein Bruder, mein geliebter Bruder! Rodrich war so erschuttert, dass er stumm an sein Herz sank, und heftig weinte. Als er aufblickte, kniete ein schoner Mann, in Einsiedler-Tracht vor dem Bilde der wundervollen Dame, in der Rodrich seine sterbende Mutter erkannte. Das lang Vergessne ward wieder neu, die dunkelsten Vorstellungen klarten sich plotzlich auf. Hier hatte er einst gestanden, das wusste er gewiss, und der geliebten Leiche vergebens die Arme entgegen gebreitet. Das war das helle Haus, nach dem er sich so bang im Kloster sehnte. Du weisst nicht, sagte Florio, ach, du weisst nicht, dass wir Geschwister sind, und dass jene Sehnsucht nach dem Berggeist, die tiefe, unerkannte Liebe zu unserm Vater war. Ich weiss alles, erwiederte Rodrich, hatte ich es doch hier zuerst erfahren! Der Einsiedler hob sich langsam zu ihnen auf. Meine Kinder, sagte er geruhrt. Rodrich bebte bei dem Ton seiner Stimme, er glaubte den Herzog zu horen, und dennoch lag eine so susse Gewalt in ihr, dass sich alle Bande seiner Seele losten, und er, wie neu geboren, vor dem Heiligen kniete. Ich wollte, sagte dieser, alles zerreissen, was mich an die Welt fesselt; aber was die Liebe knupft, lost sich niemals. So legt euch nur Alle an mein Herz, ich kann es nicht langer wehren! Warum sind die Schwestern nicht hier? rief Florio aus! Die Schwestern? fragte Rodrich. Ja du Armer, Lieber, erwiederte jener, Miranda, Elwire! ahnete dir es nicht? Die ferne Therese durfte ihre Mutter seyn, sie waren nicht gefahrlich, ihnen gonnte man es, frei in der Welt zu leben. Ich verstehe, sagte Rodrich, aber wo sind sie? Im nachsten Kloster, erwiederte Florio, morgen sollst du sie sehen. Rodrich war, als sey er gestorben, so plotzlich zerfielen alle trugerische Verhaltnisse der Welt vor seinen erwachten Sinnen, sein Herz erweiterte sich, und er fuhlte, dass ihn nichts als die reinste Liebe erfulle. Er dachte an Aline, und dass er noch glucklich seyn konne. Da trat Martin herzu, und mahnte sie zur Ruckkehr an. Nun dann, zu Morgen, sagte der Einsiedler, lasst uns gehen. Sie traten alle schweigend den Ruckweg an. Am Abhange des Berges trennten sie sich. Der fromme Vater ging in seine Klause, indess die Ubrigen den Berg hinanstiegen. Auf dem Gipfel desselben, setzte sich Rodrich ermudet nieder. Der Tag zog herauf, und wie er die Gegenstande erhellte, sah Rodrich, dass er auf derselben Stelle sass, wo er als Knabe, aus dem Kloster entfliehend, zuerst sein Gefuhl zu Gott erhob. Es ruhrte ihn unbeschreiblich, dass er so nahe an dem Vaterherzen das reinste Gluck empfunden habe. Jetzt war es doch weit anders. In der hochsten Freude mischte sich das Gefuhl seiner Schuld, und trubte jede Erinnerung. Martin nahm ihn bei der Hand: so lebtet ihr denn in meiner Hutte, sagte er, ohne dass ich euch kannte. Jetzt besinne ich mich auf alles. Ihr habt euch wenig geandert. Zuweilen kamt ihr mir damals freilich wunderbar genug vor, allein wer konnte das denken? Ja wohl, guter Martin, sagte Rodrich, und ich spielte hier in bunten Traumen, wahrend mir die Wirklichkeit so nahe lag. Sie sollte euch nicht nahe liegen, sagte Martin, darum musstet ihr sie suchen. Euer Vater hatte euch alle aus seinem Herzen gerissen. Er wollte einzig in Gott leben, und glaubte, jedes andere Band auflosen zu mussen. Gott wollte das nicht. Ich dachte es immer! Nun fuhrt er ihm die Kinder unversehens wieder zu, und lohnt die strenge Busse reichlich. Florio erzahlte darauf, wie ihn die Sehnsucht nach dem geheimnissvollen Garten, dorthin zuruck gezogen, und wie sich alles so ganz von selbst aufgeklart habe. Die stillen Nachte verlebe der Vater immer dort im Anschauen truber Verganglichkeit, und dieser Blick sey es, der ihn immer mehr in der ganzlichen Abgeschiedenheit von der Welt bestarkt habe. Dies Gefuhl sey ihm schon sehr fruh gegenwartig geblieben; mit einer Art von Schmerz habe er sich von allem abgewandt, was Andere reize, und selbst die zartlichsten Regungen seien mit einem Gemisch von Wehmuth und Unzulanglichkeit menschlicher Empfindungen verbunden gewesen. Daher, fiel Martin ein, erschien er kalt. Eusebio und ich wussten es besser. Ich wartete ihn seit seiner zartesten Kindheit, und hatte ihn oft im Gebet belauscht, wie sich da Herz und Seele hingab, und er durch und durch gluhete. In der Liebe zu Mathilde brach es denn auch endlich hervor. Er hatte diese Leidenschaft oft eine Verirrung genannt. Der Himmel mag es wissen. Glucklich war er nie. Mathilde hing an der Welt und der hergebrachten Weise. Wie sie sich auch bekampfte, Reue und Missmuth qualten sie unaufhorlich. Sie starb so allmalig hin, bis der rechte Friede bei Florio's Geburt uber sie kam, und ihre Augen schloss. Euer Vater ward auch ganz still und innerlich klar. Er kusste euch Alle, und ging mit der Harfe im Arme davon. Niemand wusste, wo er geblieben sey. Des Cardinals Spione waren schon fruher bis hieher gedrungen. Jetzt trat er hervor, und bemachtigte sich eurer, ohne dass es jemand wehren konnte; Eusebio hatte euern Vater nie verlassen, er begleitete auch seinen Rodrich ins Kloster. Florio blieb in meinen Handen. Seine Schwachlichkeit liess seinen Tod erwarten, uberdies versprach ich, ihn fur meinen Sohn auszugeben, und als solchen zu erziehen. Spaterhin verbreitete sich der Ruf eines heiligen Mannes hier in der Gegend. Ich ahnete die Wahrheit, ging zu ihm, und erkannte meinen geliebten Herrn. Miranda, sagte Florio, ist ihrerseits vom Kloster aus, ebenfalls zur stillen Klause gewallt, um dort, in der innern Bedrangniss, Rath und Hulfe zu suchen. Der Anblick erschutterte den Vater uber alles. Sie enthullte ihm ihr reines Leben in seinen seltsamsten Verhaltnissen, und er erkannte sein Kind. Rodrich sass wahrend dessen nachdenklich zwischen den Erzahlenden, als ein Wagen voruber rollte, aus welchem sich Aline weit herausbog, und ihm mit schmerzlicher Gebehrde die Arme entgegen breitete. Er gerieth ganz ausser sich, und wollte ihr sogleich folgen, allein Florio stellte ihm vor, dass es besser sey, erst zu Sara zuruck zu kehren, um dort das Nahere zu erfragen. Er gab endlich nach, und sie machten sich eilends auf den Weg. Sara erzahlte bei ihrer Ankunft, dass der Geistliche durch nichts zu bereden gewesen sey, Alinen in der Hutte zu lassen, und dass ihre wiederkehrende Gesundheit ihn bestimmt habe, sogleich mit ihr zum Kloster zu eilen. War das auch ein Traum? sagte Rodrich betrubt, und alles was ich sah und fuhlte, das ganze Leben, ach, und mein trugerisches Daseyn auch? Florio schloss ihn theilnehmend an sein herz, allein Rodrich blieb den ganzen Tag uber still und in sich gekehrt. Die Nacht fuhrte alle wieder zu dem verwaisten Hause zuruck. Sie fanden Miranda und Elwire an des Einsiedlers Seite. Es war ein stiller, heiliger Moment, in welchem sie einander in die Arme sanken. Miranda zog leise den Ring von Rodrichs Finger: das ist die wiedergefundne Perle, mein Vater, sagte sie sanft lachelnd. Der Einsiedler betrachtete sie aufmerksam, als sich die Thur ungestum offnete, und Stephano und der Kardinal hereintraten. Morder, schrie der erstere, auf Rodrich eindringend, vertheidige dich. Stoss nur zu, erwiederte jener, ich habe keine Waffen. Was zaudern sie, sagte der Kardinal, es ist gottliche Rache! Wie ein Blitz durchbohrte Stephano's Schwerdt beide Bruder, die sich fest umschlingend zu des Vaters Fussen sturzten. Mein Traum, der Laokoon, stammelte Rodrich. Miranda sah mit einem zerreissenden Blick auf Stephano, der das Schwerdt fallen liess, und wild hinaussturmte. Das ist die wiedergefundne Perle, sagte der Einsiedler, sich uber beide Kinder neigend. Der Kardinal wandte sich langsam zur Thur, und trat schweigend hinaus. Ach, mein edler Herr, rief Martin, seinen zerrissenen Mantel uber die Todten breitend, so armlich sollten eure Kinder zur Erde bestattet werden. Lasst nur, sagte Miranda, wir gehen nun alle zu Grabe. Der Schleier soll mich auf ewig vor der Welt verbergen. Der Einsiedler hatte sich matt auf das Ruhebett gelehnt, und sang wie in innrer Verzuckung:

Was der Tiefe ward entrissen,

Kuhn ans Tageslicht gerufen,

Sinkt zuruck in Liebesarme,

Scheu vor euren wilden Gluthen.

Steig' hinunter in die Wasser,

Kuhle deines Herzens Wunden,

Und im feuchten Schoosse finde

Neu erbluht die Wunderblume.