1803_Mereau_070 Topic 1

Sophie Mereau

Amanda und Eduard

Ein Roman in Briefen

Erster Theil

Erster Brief

Amanda an Julien

Ich habe den geliebten, vaterlandischen Boden wieder betreten, und bin Dir nun wieder um vieles naher, meine Julie! Wer durch mehr als hundert Meilen getrennt war, dem scheint eine Entfernung von zwanzig nur ein unbedeutender Zwischenraum zu seyn, obgleich nicht selten sich hier grossere Schwierigkeiten in den Weg stellen, als selbst bei jenen. Du und Deine Liebe sind mir noch um vieles werther geworden, denn meine nahere Bekanntschaft mit den Menschen hat mich den Werth und die Seltenheit einer Neigung, die sich nicht auf aussere Verhaltnisse sondern auf unsere Personlichkeit grundet, sehr innig fuhlen lassen. Ich freue mich darauf, Dir, da ich hier sehr ruhig leben zu konnen hoffe, von Zeit zu Zeit manches aus der Geschichte dieser letzten, im Gerausch verlebten, Jahre nachholen zu konnen. Meine bisherigen fluchtigen Briefe mussen Dir nur einen sehr unvollkommenen Abriss meiner Lage gegeben haben. Alles war mir neu, Gegend, Menschen, Verhaltnisse, und ich gestehe Dir, dass ich mich oft mit geheimem Vergnugen, oft auch mit Bangigkeit, daran erinnerte: "ich stehe nun wirklich auf dem Schauplatze der Welt, die ich mir sonst in mancher stillen Jugendphantasie verworren getraumt hatte." Doch zuweilen schien das Gewuhl von Menschen und der glanzende Schein, der mich umgab, meine Eigenthumlichkeit ganz verschlungen zu haben, und es kostete mir beinah Muhe, mich zu uberzeugen, dass ich jenes stille, einfach erzogene Madchen sei, welches die Welt und die Menschen nur aus ihren Buchern kannte. Mein ganzes, voriges Leben wich immer mehr in einen neblichen Hintergrund zuruck, und selbst Dein Bild, meine Julie, schien an seiner Lebhaftigkeit verloren zu haben. Aber dann kam ein Brief von Dir, Du warst noch immer die Alte. Ganz und in Allem Deinen vorigen Ideen getreu, lebtest Du noch ungestort in jenem glucklichen Landchen, dessen Andenken mir immer mehr zu verschwinden drohte. Mit Dir erschienen die Geister aller vergangenen, freundlichen Jugendscenen, und so waren Deine Briefe das Band, das uber Berg und Thal zu mir reichte, und mich an sanften, seidenen Faden zu einem unversiegbaren Quell von Ruhe und milder Besonnenheit zuruckfuhrte. Ach! ich hatte oft nothig, aus diesem Quell zu schopfen, wenn ich nicht unter den wechselnden Eindrucken von Vergnugen und Sorge, Neigung und Wiederwillen, mich selbst und alle innre Uebereinstimmung auf ewig verlieren wollte! Der erste Eintritt in das Haus meines Mannes, als wir unsre Reise vollendet hatten, uberraschte mich auf das angenehmste. Der Glanz, den ich dort allenthalben herrschen sah, war mir neu, und berauschte mich mit Vergnugen. Ich wiegte mich mit Lust auf den seidnen, schwellenden Polstern, ich strich gern vor den Spiegelwanden voruber, ich horchte mit Aufmerksamkeit auf das melodische Spiel einer Flotenuhr, welches die Stunden angenehm bezeichnete. So geschwind auch die Lebhaftigkeit dieses Eindrucks verlosch denn das Auge gewohnt sich bald an die Reize einer prachtigen Umgebung, und Bewunderung ermudet leicht so wusste doch Albret durch Neuheit und Abwechselung ihn immer wieder anzufrischen. Er fuhrte mich in eine Welt voll glanzenden Scheins, und munterte mich unaufhorlich auf, hier alle andre zu verdunkeln. Die Art, wie ich mich, auf sein Verlangen, allenthalben zeigen musste, war mir oft lastig, so sehr sie auch der Eitelkeit schmeichelte. Ueberall, wo ich erschien, zog ich die Blicke der Neugierde auf mich, ofterer folgten selbst Frauen mir nach; besonders gab es Einige, die mich mit einer seltsamen, unangenehmen Theilnahme beobachteten. Einst, als wir aus einem glanzenden Zirkel zuruckgekommen waren, wo diese mir, oder meiner Umgebung, geweihte Aufmerksamkeit ihren hochsten Gipfel erreicht zu haben schien, fiel mir Albret mit Innigkeit um den Hals. "Holdes Weib, rief er entzuckt, wie sehr hast du mich zu deinem Schuldner gemacht! ich sehe es, ich bin durch dich gerachet!" Diese Aeusserung freute und betrubte mich. Ich fuhlte, dass ich sie nicht mir selbst, sondern einer fremden, mir unbekannten Ursache zuzuschreiben hatte, und doch ruhrte es mich, ihn endlich einmal herzlich mit mir sprechen zu horen. "Lieber Albret, sagte ich, und lehnte mich an seine Brust, wolltest du mich nur naher kennen lernen, so wurdest du, wie ich hoffe, ganz andere Ursachen finden mit mir zufrieden zu seyn, als diese, von denen ich mir nichts zueignen kann."

Er sah mich einige Augenblicke lang mit zweifelhaftem Ausdruck an, und schien bewegt. Aber bald war es, als schamte er sich seiner Empfindung, er verliess mich, und blieb so verschlossen, wie vorher. Ach! Julie, wenn ich diesen sonderbaren Mann zuweilen Satze aufstellen horte, die meiner heitern Ansicht von Welt und Menschen ganzlich Hohn sprachen, wenn ich sein peinliches Misstrauen in Alle und auch in mich vergebens zu mildern versuchte, und vor diesem verschlossnen Herzen ewig unerhort stand, dann wurden mir meine Tage oft unertraglich, und die Erinnerung an das Gute, das ich ihm verdankte, sank wie eine erdruckende Last auf mein Herz! Freilich habe ich dies alles auch oft genug vergessen. Meine Wunsche waren nicht eigensinnig an einen einzigen Gegenstand gebunden, meine Sinne standen jedem Eindruck offen, und so konnte es mir in meiner Lage nicht an Veranlassungen fehlen, meinen Kummer zu vergessen. Nur das Verlangen nach einer vertrauten Seele, nach dem Genuss einer gegenseitigen Mittheilung, eines arglosen, innigen Umgangs, liess sich nie ganz unterdrucken.

Und wo hatte ich dies Gluck eher suchen sollen, als bei Albret? Aber ach! meine Julie, an welches unerklarliche, furchtbare Wesen hat mich das Schicksal gebunden! Du scheinst hievon weniger uberzeugt zu seyn, und Deine schon oft geausserte Meinung, dass meine Klagen uber unsere wenige Uebereinstimmung wol uberspannt sein mochten, bewegt mich, Dir ein Geheimniss zu entdecken, das vielleicht bei mir auf ewig vergraben bleiben sollte. Du bist das einzige Wesen auf der Welt, dem ich es anvertraue, das einzige, in dessen Herzen ich alle meine Sorgen niederlege.

Wenn ich nicht irre, so habe ich Dir schon langst in einem meiner Briefe von dem Markese * geschrieben, der meine nahere Bekanntschaft sehr eifrig zu suchen schien. Bei dem zerstreuten, geselligen Leben, welches wir fuhrten, ward es ihm nicht schwer, Zutritt in unserm Hause zu finden; er sah mich fast taglich, und bald horte ich das Gestandniss seiner Liebe von ihm. Ich horte es ohne Entrustung und ohne Vergnugen an. Ich schatzte den Markese; seine Unterhaltung war mir von grossem Werth; doch Liebe fuhlte ich nicht. Naturlich dass ich ihm dies sagte, er aber schien es nur halb zu glauben. "O! Sie werden, Sie mussen mich lieben, rief er feurig aus, meine Beharrlichkeit soll sie dazu zwingen. Die Natur will mein Leben; ohne Liebe sterbe ich, und ich kann Niemand lieben, als Sie." Was ich auch gegen diese Behauptung einwandte, so konnte es ihn doch fur den Augenblick nicht uberzeugen, und nur die Folge bewies zu seinem Schmerz, mit welchem Recht ich widersprochen hatte. Doch gestehe ich Dir, dass ich mich selbst oft im Stillen uber die eigensinnige Unempfindlichkeit meines Herzens gegen diesen liebenswurdigen Mann wundern musste. Das allgemeine Urtheil nannte ihn schon, ich selbst erkannte gern so viele Vorzuge in ihm an, und gleichwol fehlte meiner Empfindung fur ihn jener geheimnissvolle, harmonische Zug, ohne welchen mir nun einmal jede Liebe gemein erschien. Unser Umgang, den Jedermann fur ein Liebesverstandniss hielt, dauerte auf diese Weise fort, ohne dass unser gegenseitiges Gluck sehr dabei gewonnen hatte. Die Offenherzigkeit, mit der ich meinem Freunde den Zustand meines Herzens mittheilte, schien ihn nur fester an mich zu binden. Er zerriss, zu seinem Nachtheil, manches andere Verhaltniss, und fuhr fort, mir mit einer hartnackigen Anhanglichkeit ergeben zu seyn. Albret schien auf alles dies nicht zu merken, er beschrankte unsern Umgang nicht, und legte durchaus keine Spur seines Missfallens an den Tag.

Einst an einem schonen Abend war ich mit dem Markese im Garten, der unser Haus umgab. Das laue, schmeichelnde Wehen der Lufte, und die balsamischen Geruche, die aus tausend Blumen und Pflanzen stiegen, bewegten mein Herz auf ungewohnte Weise. Was ich empfand, war nicht Erinnerung des Vergangenen; nicht Genuss des Gegenwartigen; es war eine Ahnung, ein Sehnen nach etwas Fernem, Unnennbarem. Es schien mir, als musste ich die ganze Welt mit Innigkeit, mit Liebe umfassen; nur das Nahe, Gegenwartige war mir fremd. Auch der Markese war ungewohnlich bewegt, jedoch von ganz andern Empfindungen, als ich. Wir gingen schweigend neben einander durch die duftenden, halberhellten Alleeen. "Wenn Sie nur liebten, rief er endlich, mit schmerzlichem Ausdruck, wenn auch nicht mich! Aber Sie lieben nicht, und werden ewig nicht glucklich seyn! O! der nagende Schmerz, diese Blume, die schonste, welche je die Natur hervorbrachte, traurig verblichen, an dem kalten Herzen eines Mannes vergehen zu sehen, der keinen Sinn fur ihre Vortrefflichkeit hat! und o! fuhr er fort, indem er mir schmerzlich die Hand druckte, dass eine Zeit kommen wird, wo Sie dies alles lebhafter, aber vergebens, mit ewiger Reue empfinden werden!" Mich schauderte, indem er dies sprach. Ich fuhlte, dass eine Wahrheit in seinen Worten lag, die ach! nur zu sehr mit meinen eignen Empfindungen zusammen traf. Meine Gedanken flogen weit hinweg; uberall fanden sie eine trostlose Leere, und kehrten qualender zuruck. So, ohne Gegenstand, verworren traumend, wusste ich es kaum, dass wir uns in einer Laube niedergesetzt hatten, und dass der Markese mir zu Fussen gesunken war, und mich mit einem Arm umschlungen hielt.

In diesem Augenblick trat Albret vor uns. Er fuhr betroffen zuruck, doch war er bald gefasst. "Gut, sagte er mit kaltem aber schneidendem Ton, ich habe es erwartet." Und hierauf, als ware nichts geschehen, verschwand er in einen Seitengang. Der Markese sprang auf, er druckte mich mit Heftigkeit an sich, dann trennten wir uns stumm und beangstigt. Ich suchte Albret auf seinem Zimmer; ich wunschte so sehnlich, ihm den wahren Zusammenhang dieser Scene entdekken zu konnen. Er war nicht da, und als ich ihn am andern Morgen wieder sah, blickte er mich so kalt und entfernend an, dass es unmoglich war, diese Scheidewand hinwegzuschieben. Er war noch bei mir, als man uns die Nachricht brachte, der Markese sei am vorigen Abend, nicht weit von unserm Garten, ermordet gefunden worden. Todesschauer uberfiel mich bei dieser Nachricht und ein grasslicher Argwohn zuckte mir wie ein Dolchstich durch die Seele. O! Albret! rief ich mit leichenblassem Gesicht, und bebender Stimme. Mein Mann heftete lange einen festen Blick auf mich, und schien den schrecklichen Gedanken ohne grosse Befremdung in meinem Auge zu lesen. Es lag etwas furchtbares in seinem Blick, aber zugleich eine gewisse Hoheit, der ich nicht widerstehen konnte. Unsre Abreise erfolgte bald darauf, und ich blieb in dieser schauderhaften Ungewissheit, deren Quaalen nur durch die Veranderung der Gegenstande, und durch den ganzlichen Mangel einer, jenen Verdacht bestarkenden, Bestatigung, gemildert worden sind.

Doch, frage Dich selbst, ob mir nicht, wenn ich daruber nachdenke, immer noch Grunde genug zu angstlichen, entfernenden Zweifeln gegen Albrets Carakter ubrig bleiben? Was soll, was kann ich von diesem geheimnissvollen Wesen denken? und ist nicht vielleicht diese erhabene, in allen Fallen sich gleichbleibende, Fassung selbst ein Beweis, dass gewisse schreckliche Grundsatze ihm ganz zur Natur geworden sind?

Ich verlasse Dich, um mich zu zerstreuen, und diese Gedanken so viel als moglich aus meiner Seele zu verbannen. Wollte ich ihnen nachhangen, so musste ja aller Frieden und aller Glauben an Menschlichkeit auf ewig daraus scheiden.

Zweiter Brief

Eduard an Barton

Seitdem Du mich verlassen, mein Barton, habe ich schon oft den waldigen Hugel erstiegen, wo ich zum letztenmal Deines vertrauten, freundschaftlichen Umgangs genoss. Du warst damals in einer ungewohnlich feierlichen Stimmung, und Dein Auge schaute voll tiefer Ruhrung herunter in die heitere, weit um uns verbreitete Welt. "Welches Leben, welche Wirksamkeit in der ganzen Natur! sagtest Du. Stete Umschaffung, Verarbeitung, Veranderung, und eine Kraft, die immer bleibt; denn nur das Bleibende kann sich verandern. Aber was sie ist, diese Kraft, welche die Rader des Ganzen zusammen halt, dass kein Theil sich aus seinen Fugen herausreissen darf, die den Geist mit Formen bekleidet, und das Aufgelosete, nach Ruhe strebende, zu neuem Leben, neuer Thatigkeit zwingt? Forsche nicht darnach; nur das, was sich verandert, konnen wir wahrnehmen, und das Bleibende erkennen wir, wie unser eignes Wesen, aus seinen Wirkungen. Ja, Eduard, fuhrst Du fort, wir lernen unser inneres Leben immer deutlicher und schoner kennen, je wirksamer wir in dem aussern sind. Lass uns dem grossen, guten All aufs innigste angehoren, und unser Selbst nur in dem Ganzen wiederfinden. Der Mensch fangt damit an, Alles von Andern zu erwarten, und soll damit enden, Andern so viel er kann zu gewahren. Es giebt eine Zeit, wo er sich unglucklich fuhlt, wenn Andere ihm nichts sein wollen, und wieder eine andere, wo es ihm Bedurfniss ist, der Welt etwas zu sein. Du hast den Weg bis dahin naturlich und gut vollendet; ich gebe Dich mit frohem Muth der Welt; und verlasse Dich, weil Du es werth bist, allein zu stehen." Dieses, und noch manches andere fallt mir ein, so oft ich den Hugel ersteige, und ich liebe diese Erinnerungen. O! ich begreife wohl Deine Absicht, Theurer! Du sahest meine Anhanglichkeit an Dich, meine feurige Bewundrung Deiner seltnen Eigenschaften, und Du furchtetest, meine Eigenthumlichkeit konnte bei diesen Empfindungen leiden, das Lebendige, Wahre in mir konnte zu einer kunstlichen, nachgeahmten Tugend herabsinken, die immer unfruchtbar bleibt, so vortrefflich auch ihr Vorbild sein mag. Deshalb hattest Du mich verlassen, auch wenn keine andre Geschafte Deine Gegenwart verlangt hatten. Aber Dein Bild wird nie aus meinen Gedanken weichen, und in den Stunden des Unmuths, wie in Stunden der Weihe, wird es, wie ein freundlicher Genius, trostend oder theilnehmend vor meiner Seele schweben. Ja, Du hast mich der Welt gegeben, ein heitres gutgebildetes Wesen, stehe ich vor ihr, und blicke mit Lust in die weite, lebensvolle Sphare hin, wo auch ich mit wirken soll und will. Eindrucke aller Art stromen mit Macht an mein Herz, und ich brenne vor Verlangen, dem Ganzen, durch Wort und That, das wieder zu geben, was es so wohlthuend in mir erweckte. Ich kann Dir nicht beschreiben, Barton, wie sehr mich ein frohes Selbstgefuhl zuweilen emporhebt, und glucklich macht. So war ich am gestrigen Abend in einer Gesellschaft junger Manner, die sich versammelt hatten, um frohlich zu seyn. Wir hatten Musik, tranken, und die herrschende Idee eines Jeden mahlte sich bald lebendiger und starker im freien Gesprach. Barton! hier fuhlte ich recht meinen Werth; ich fuhlte mich voll Kraft, reich an Erfindung eine ganze Welt zu beglucken, stark an Entschliessung, trotz allen Verhaltnissen, der Natur getreu zu leben. Ich sah um mich her die meisten schienen mir kraftlos, kunstlich, verstimmt nicht Einer, der sich zu meinen Gefuhlen hatte emporheben konnen. Mitleid und Stolz besturmten mich wechselsweise so sehr, dass ich es nicht aushalten konnte. Hinaus in die freundliche Abendwelt lief ich, und an den einsamen Ufern des Stroms, wo nur die Abendwinde mit geistigen Stimmen mich umsauselten, fand ich mich inniger, glucklicher wieder. Ich sank auf die Kniee und kusste die Blumen und die Erde, im Gefuhl einer namenlosen Liebe. O! was sind alle Genusse der Sinne gegen das Entzucken eines solchen Augenblicks! ein dumpfes, unterbrochenes Gerausch storte meine Begeisterung. Es kam aus dem Wasser, und ich entdeckte bald durch die Gestrauche etwas Lebendiges in dem Strom. Ein Knabe war es, der noch spat am Ufer geangelt hatte, und unvorsichtig in die Fluth hinabgegleitet war. Er kampfte noch matt gegen die Wellen. Ich sprang sogleich hinein, und brachte ihn, ohne Gefahr, leicht und glucklich ans Ufer. Seine Besinnung kehrte nach einiger Muhe bald zuruck, und ich fuhrte ihn zu seinen, um ihn besorgten, Aeltern, deren Wohnung er mir beschrieb. Das Kind hatte ein bedeutendes Gesicht, und selbst die Keckheit, womit er sich heimlich an den Fluss geschlichen hatte, gefiel mir; es freute mich doppelt, ihn gerettet zu haben. Hierauf gieng ich zuruck an den Strom, entkleidete mich, und tauchte von neuem in die lauen Fluthen. Der gewolbte Himmel mit Mond und allen leuchtenden Sternen stand in unermesslicher Tiefe unter mir im Wasser. Ich durchkreuzte die Fluren des Himmels und verwirrte der Sterne ewige Bahnen. Ueber mir, unter mir und in mir war Himmel.

Ein einziges thut mir weh, Barton! dass sich mein Vater so lange von mir trennt, dass ich in manchen Augenblicken nicht zu ihm eilen kann, zu ihm, dem ich mein ganzes Gluck verdanke, und dem mein Anblick gewiss belohnend sein musste. -Jetzt erst fange ich an zu begreifen, wie er auf mich gewirkt hat. In vielem, wo ich sonst nur das planlose Spiel des Zufalls fand, ahne ich jetzt die wohlthatige Einwirkung eines vernunftigen heitern Geistes, der die Umstande gerade so fur mich zusammenreihte. Mein Vater hielt mir nie langweilige Vorstellungen meiner Lebenspflichten, die nur den Verstand beruhren und das Herz unbewegt lassen; nur durch lebendige Eindrucke suchte er mich zu bilden, und so blieb die Eigenthumlichkeit und Freiheit meines Gemuths ungekrankt. Wenn ich in die Zeiten meiner Kindheit zuruckgehe, wie eine lachende Welt mich, von der Wiege an, umfing, und alles einen Quell von Lebenslust in meine Brust senkte, der wie ich hoffe, unversiegbar sein wird. Selbst das Zimmer, worin ich lebte, der erste Schauplatz meiner Erfahrungen und meiner Spiele, hat ein angenehmes Bild von Harmonie und Frohlichkeit in mir zuruckgelassen, und ich weiss noch ganz genau, welche Farben, welche Gemalde es zierten, welche Aussicht es gewahrte. Mein Auge gewohnte sich an heitre, liebliche Formen, und mein kindisches Herz war mit unsichtbarer Gewalt an das Schone gebunden; ich unterliess das Schlechte, nicht weil es bose, sondern weil es hasslich war. So ward die Sinnlichkeit zuerst in mir gebildet, und mir eine Freundin an ihr erzogen, bis ich alter ward, und mein Verstand erwachte. Von dem glucklichen Wahn erfullt, dass man Alles lernen, Alles begreifen konne, war ich unermudet in Fragen, und vielleicht ward meine Wissbegierde noch geflissentlich gereizt. So lernte ich Sprachen, Mathematik, Naturwissenschaft, Geschichte, mit immer neuer Lust und dankbarem Gefuhl, und der Baum der Erkenntniss trug mir nur susse Fruchte, bis ein reiferes Alter mir durch das Gefuhl meines beschrankten Wissens auch die bittern darreichte. Aber jetzt brach ein neues Leben fur mich an. Mein Vater, hiess es, musste eine Reise in verschiedene Gegenden Europa's thun, und ich sollte ihn begleiten. Das heitre Bild menschlicher Thatigkeit wuchs vor meinen Augen immer mehr, wie der Raum um mich her. Unter der Menge neuer, lebendiger Vorstellungen verlohr ich das Andenken an mich selbst; meine erwachende Phantasie umgab die Natur mit einem atherischen Schimmer; die Strahlen der Kunst beruhrten meine Seele mit heiliger Ahnung, und eine Welt von neuen Gestalten bildete sich in meinem Busen aus. Ich dachte nur so viel als gerade nothig war, um meine Genusse schoner und an ziehender zu machen, und so genoss ich Glucklicher! alle Freuden der Jugend, von Phantasie, Gefuhl und Geschmack zu Allem begleitet, und nur dann verlohren sie ihren Reiz fur mich, wenn die Grazien sich von ihnen weggewandt hatten. Freylich bin ich stolz geworden. Diesen Nacken hat noch kein Ungluck gebeugt, immer hat ein gunstiger Zufall mir, wenn ich sorgen wollte, die Hand geboten, und selten habe ich einen Wunsch verfehlt. Ja, ich traue mir Kraft genug zu, die Gewahrung meiner Wunsche, so hoch sie fliegen mogen, der Welt abzuzwingen, und von dem Schicksal die Erfullung meines Berufes zum Gluck zu fordern. Aber Barton, mein Gefuhl ist lebendig und gut; es giebt Menschen, die ich hasse, aber ich konnte sie dennoch beglucken, stande es in meiner Macht; und selbst die, welche ich verachten muss, bedaure ich zugleich. Meine Leidenschaften sind heftig, ich weiss es, aber sie brechen sich in sanfte Farben, wie Regentropfen im Sonnenstral, vor dem allmachtigen Schonheitssinn, der mein ganzes Wesen durchdringt und emporhebt. Und ist nicht dieser Sinn, wenn wir frei genug denken, ihn aufs Ganze zu verbreiten, das grosste, heiligste in uns? wie weit erhebt er uns uber eine engherzige Sinnlichkeit! Diese zieht nur einen kleinen Zirkel um uns, wahlt wankelmuthig bald dies, bald jenes, und selbst das hochste Interesse, das sie an Andere binden kann, wird durch den Tod zerrissen. Aber jenes Gefuhl, dessen heilige Ruhrung durch die ganze Gattung gefuhlt wird, durch welches eine wahrhaft schone Handlung, eine grosse Empfindung, die vor Jahrhunderten verubt oder gefuhlt ward, und auf unser personliches Wohl oder Weh keinen Einfluss hat, Thranen des reinsten Wohlgefallens in unser Auge lockt dies Gefuhl entstand mit der Menschheit, erhielt sich und dauert fort.

Du siehst, mein Lieber, dass ich Deine Auffoderung, Dir viel, und viel von mir selbst zu schreiben, treulich in Erfullung setze. Ich habe jetzt mehr als je uber mich nachgedacht, und ich hoffe, dies soll nicht ohne Nutzen gewesen seyn. Ja, Barton, ich erwarte viel von mir selbst. In dieser jugendlichen Freudigkeit gedeihen gute Entschlusse, und die Krafte, die ich in mir fuhle, sollen eine wohlthatige Erscheinung werden, und die Fackel der Thatigkeit auch in fremden Gemuthern anzunden. Das handelnde Leben, ohne welches die edelsten Gesinnungen unfruchtbar bleiben, und alle Kraft des Gedankens verschwindet, reizt mein Verlangen, und ich brenne vor Sehnsucht mein eignes Wesen, in Wort und That, wieder zu finden.

Leb wohl, mein Freund, und lass mich bald von Dir horen.

Dritter Brief

Eduard an Barton

Liegt es in meiner gegenwartigen Stimmung, oder ist es ein besondrer Reiz dieser Gegend, was mir diese Stadt so angenehm macht, dass ich sie ungern verlassen wurde, auch dann, wenn mir der nahere Umgang des vortrefflichen Mannes, dem ich empfohlen bin, nicht so viel wahren Vortheil gewahrte, als er wirklich thut? Ich denke mir oft, hier sollte ich eigentlich gebohren sein, und lebhaft sehnte ich mich schon sonst in diese Gegend, gleichsam als waren Theile in mir, die hier erst ihr wahres Vaterland finden wurden. Und so viel ist gewiss bin ich gleich nicht unter dem Einfluss dieses schoneren sudlichen Himmels gebohren, so wird doch vieles hier in mir erzeugt, was mir ein neues schoneres Daseyn gewahrt. Ein unbeschreibliches gluckliches Gefuhl steht mit mir auf, winkt mir ins Freie, belebt mir jede Ansicht. Bluhende Mandelbaume, schmeichelnde Lufte, muntre Vogel, die in den zarten Schatten des sprossenden Gestrauchs frolich umher hupfen, alles, alles erhebt mein Herz mit freudiger Ahnung. Viele Stunden, die nicht ernstere Beschaftigungen einnehmen, weihe ich der Musik. Die Mitternacht findet mich oft im Genuss dieser bezauberten Welt, und kaum bin ich des Morgens wach, so tragen mich die lockenden Tone bald wieder in ihr geheimnissvolles Vaterland hin.

Vor einigen Wochen ist Nanette Sensy hier angekommen. Sie hatte meine Wohnung bald erfahren, und kam, anstatt mich zu sich rufen zu lassen, selbst zu mir. Wir waren seit mehrern Jahren getrennt, und unser Wiedersehen war so frohlich, herzlich, so kindlich, als Du Dir nur denken magst. Erinnerungen an das vaterliche Haus, an unsere Jugendspiele, und ein lustiges Verwundern uber jede kleine Veranderung, die wir gegenseitig an uns bemerkten, erfullten die ersten Stunden, und seitdem vergeht kein Tag, wo wir nicht, allein oder in Gesellschaft, zusammen sind. Ich finde sie sehr liebenswurdig, und es ist mir herzlich wohl bei ihr. Sie ist jetzt Witwe und ist, wo moglich, noch heitrer, muthwilliger, unbefangner geworden, als sie vor ihrer Verheirathung war. Es leben hier in der Nahe mehrere ihrer Verwandten, und da ihr die Gegend gefallt, so gedenkt sie lange hier zu bleiben.

Gestern hatten wir ganz in der Fruhe, noch mit einigen Andern, eine Wallfahrt nach einem ziemlich fern gelegenen Dorfe gethan, dessen Lage uns sehr romantisch beschrieben wurde, und es auch wirklich war. Nanette war sehr ermudet, als wir zuruckkamen und wollte die noch ubrigen Stunden des Tages allein sein. Ich hingegen fuhlte mich noch sehr munter, und da der Abend schon war, liess ich mein Pferd satteln und suchte das Freie. Sehnsucht nach menschlichem Anblick lockte mich auf die Landstrasse, wo ich in jeden Wagen, der mir begegnete, neugierig hinein sah und mich damit belustigte, aus dem Aussehen der Reisenden auf ihren Stand, Gewerbe, Charakter und Vorhaben zu schliessen. In dem letzten, den ich sah denn fur die folgenden hatte ich kein Auge mehr schlummerte in einer Ecke des Wagens eine unbeschreiblich schone, weibliche Gestalt. Du weisst, wie mich Schonheit, wenn und wo ich sie auch finde, unwiderstehlich anzieht, wie musste sie in diesem Moment auf mich wirken, da sie mich so empfanglich gegen jeden Eindruck fand! Ich wandte um, der Wagen fuhr langsam, und ich hatte Zeit, sie ruhig zu betrachten. Der Schlaf goss eine liebliche Unbestimmtheit uber die schonen Zuge, in denen kein herrschender Ausdruck sichtbar war, und mich dunkt, ein wahrhaft schones Gesicht durfe auch nie einen andern Ausdruck haben, als den, einer reinen Harmonie, welchen es von der Natur empfangt. Die schone Schlaferin erwachte endlich, und nun fielen meine Blicke auch auf ihre Begleitung, auf die ich zuvor gar nicht geachtet hatte. Es war ein bejahrter Mann, mit einem sehr bedeutenden Gesicht, welches wunderbar anziehend und zuruckstossend war. Ein leichter Gram schien um die Augen zu schweben, und flosste Theilnahme ein, doch ein kaltes verachtliches Lacheln bewachte den Mund und zerstorte schnell jenen Eindruck wieder. Die Stirne zeigte Hoheit und das Auge schien geubt, in fremden Seelen zu lesen. Ich sah bald dass meine Blicke ihm lastig waren, und fuhlte selbst das Unschickliche derselben. Ich nahm nun einen andern Weg, und traumte noch viel uber die beiden. Nie schienen mir zwei Geschopfe sich so unahnlich zu sein, wie diese, und der Gedanke dass sie wol auf irgend eine Art zusammen gehoren mochten, machte mich beynah traurig. Aber der holde Eindruck des Schonen beherrschte mich bald wieder rein und ungetheilt. Schonheit gleicht dem Genie; sie ist freie Gabe der Gotter, und als solche hat der Wille der Menschen keinen Theil daran. Was selbst erworbner Reiz des Betragens langsam hervorbringt, ist bei ihr das Werk eines Augenblicks: die angenehme Ruhrung, welche mein Herz bewegte, goss einen hohern Reiz uber die ganze Natur um mich her. Der Glanz der Abendsonne schien mit uberirdischer Klarheit auf den Baumwipfeln zu ruhen der Rheinstrom und die romantische Ferne, die einsamen Hohen und der frische duftige Wiesengrund mit dem lebendigen Gewuhl von Menschen und Thieren das zarte Laub, das, kaum entfaltet, freudig im Abendwind flusterte.Alles schien verklart, harmonisch, ahnungsvoll. O! ich bin so glucklich, mein Freund! Mein einziger Wunsch ist, dass ich tausend Leben haben, tausend Formen beleben, alle Verhaltnisse durchirren, alle mogliche frohe Empfindungen fuhlen konnte, und meine einzige Sorge, dass irgend eine Fahigkeit ungeweckt in meiner Seele schlummern, irgend eine Freude ungefuhlt vor mir voruber rauschen mochte!

Vierter Brief

Amanda an Julien

Dein Brief hat mich angenehm geruhrt. Du schilderst mir Deine Lage so gefuhlvoll, Du bist so harmonisch mit Dir und Deiner Welt, Deine folgsame Phantasie fuhrt Dich nicht uber Deinen Kreis hinaus, und haucht nur ein bluhenderes Kolorit uber die Bilder des gewohnlichen Lebens. Wie glucklich bist Du, meine Julie! komm zu mir und lehre mich in meiner Lage zu sein, was Du in der Deinigen bist. Dein Anblick wird die stillen Bilder unserer fruhen Jugend an Blumenketten der Erinnerung vor meine Seele fuhren, und meine gespannte Stimmung wohlthatig mildern. Wenn wir uns allein fuhlen, mag sich dann der lieblichste Sonnenschein in goldnen Wellen uber die Gegend ergiessen; ein gleichgultiger Tag nach dem andern vergeht, und die Freude wird Wehmuth fur den, der sie nicht theilen kann. Und ich bin allein! allein in der lebendigsten Natur, uber deren frohlichste Bilder dies Gefuhl einen schwermuthigen Schleier zieht. Diese duftenden Lauben wollen ein liebendes Gesprach, diese reizenden Irrgange wollen eine Bedeutung. Ach! vielleicht trennt nur ein bluhendes Gebusch, ein leichter Pfad den Gegenstand von mir, der es wurdig ware, meine Gefuhle zu theilen! vielleicht wandelt auch er allein, mit dem schonen, unbefriedigten Herzen, erstaunt, die todte Natur so lebendig, und die lebendige Welt so todt zu finden! Er weiss es nicht, dass die, welche einzig ihn verstehen kann, so nahe bei ihm ist; er flieht das Gluck, das er sucht ein schadenfroher Damon fuhrt ihn ewig bei mir vorbei!

Du lachelst uber meine Schwarmereien, Julie, aber lass mir sie, die allein mir Burge sind, dass ich noch glucklich sein kann. Glucklich ist der Mensch nur in seinem Gefuhl. Er kann zufrieden sein, mit sich, mit der Welt, durch Vernunft, durch reine Wurdigung der Dinge aber jene gottlichen Momente, wo der schone Eindruck nur Bilder und keine Begriffe in uns erweckt, jene Augenblicke voll Unendlichkeit die wir undeutlich nennen, weil die Sprache fur sie zu arm ist diese liegen nur in unserm Gefuhl. Zu lange, o! zu lange hat mein Sinn an den Reizen einer zufalligen Umgebung gehangen, zu lange habe ich unter den Freuden des Lebens mit kalter Ueberlegung gewahlt, ich mochte nicht mehr wahlen, ich mochte hingerissen sein. Die Seligkeit, die in dem Tausch der Seelen, in dem Gedanken liegt, die Welt in einem fremden Herzen schoner zu geniessen, diese susse Trunkenheit der Gefuhle, warum versagt sie mir das Schicksal, nur mir allein? In fruher Jugend stand das Bild eines solchen Glucks lebhaft vor meiner Seele; Jahre lang schien es verschwunden zu sein, aber jetzt stellen Einsamkeit und Phantasie es mir mit neuen Reizen dar. Soll ich sterben, ohne je geliebt zu haben? und habe ich dies Gluck nicht durch eigene Schuld verscherzt? Wenn dies so ist, Julie, so werde ich ewig uber mein Geschick trauern mussen, ohne deshalb unzufrieden mit mir selbst sein zu konnen, denn die Grunde meiner Handlungen konnten irrig sein, aber unrecht waren sie nicht. Damals als ich mit Albret bekannt wurde, warst Du nicht bei mir, und ich glaube dass ich jene Tage mit Recht fur den Zeitpunkt halten kann, wo Du in Deinem ganzen Leben den wenigsten Antheil an mir genommen hast. Es war unsre erste Trennung. Du reis'test mit Deinem jungen, kaum zum Gatten gewordnen, Liebhaber nach Deinem neuen Wohnorte, und naturlich dass Dir da im ersten sussen Rausch einer ganz aus Liebe geschlossnen Verbindung, wohl wenig Zeit, an Deine Freundin zu denken, ubrig blieb. Es hat mir, die gerade in diesen Momenten fester an Dir hing, als je, manche Thrane gekostet; desto erfreulicher ist mir jetzt der Gedanke, dass eine Zuneigung, welche dieser Klippe, der gefahrlichsten, die weiblicher Freundschaft drohet, zu trotzen wusste, auf der ganzen Reise des Lebens keinen Schiffbruch mehr zu besorgen hat. Ich blieb allein, und bemerkte zum erstenmal, nicht ohne Befremdung, dass unsre Denkungsart nichts weniger als gleichformig sei. Ich dachte mir Dich als unaussprechlich glucklich, und gramte mich recht sehr, dass ich es auf Deinem Wege nicht sein und nie werden zu konnen glaubte. Ich hielt Dich fur besser, weil Du glucklicher warest, und glaubte fast, ich verdiene von Dir vergessen zu sein. Unser gemeinschaftlicher Freund, der redliche Brenda, besuchte mich oft, und suchte mir Deine Abwesenheit vergessen zu machen, aber es wollte ihm nie recht gelingen. Er schien sich immer fester an mich zu ketten, und auch ich glaubte Neigung fur ihn zu fuhlen, vielleicht nur, weil Du mir gesagt hattest, dass Du es wunschtest. Aber diese Neigung erfullte mein Herz nicht so sehr, dass darinnen nicht tausend Phantasieen noch Raum gefunden hatten. Es war mir suss, wenn ich an die Zukunft dachte, wie Kinder bei halbgeschlossnen Augen, eine Menge rosiger, goldner, verworrner Gestalten vor mir hinschweben zu sehen. Ich konnte mir das Leben unmoglich wie einen geraden, offnen Weg denken, wo man schon beim Eintritt das Ende ubersehen kann; vielmehr liebte ich mir einen, verschlungenen seltsamen Pfad voll romantischer Stellen und wechselnden Lichts zu traumen. Unser Freund, das wusste ich, war fur diese Ideen nicht gestimmt, sie betrubten ihn sogar und verursachten manches Missverstandniss zwischen uns; demohngeachtet blieb er der einzige Gegenstand meiner jugendlichen Anhanglichkeit. Jetzt kam Albret in unsre Stadt. Sein erster Anblick machte einen tiefen aber unangenehmen Eindruck auf mich. Zwar konnte er, obgleich nicht mehr jung, mit allem Recht auf den Namen eines schonen Mannes Anspruch machen, aber in seinen Zugen war etwas so zerstortes, gewaltsames, willkuhrliches, das allen den sanften frohlichen Bildern, die ich mir von Liebe und Lebensgenuss gezeichnet hatte, grausam Hohn zu sprechen schien. Mein Vater hatte viel Geschafte fur ihn zu besorgen, er sagte mir, dass er ihn schon ehedem, auf Reisen an verschiednen Orten kennen gelernt hatte, und hegte von seinem Charakter eine eben so hohe Meinung, wie von seinen Reichthumern. Ich sah ihn oft, und lernte ihn nie kennen; denn er hatte in seinem Wesen etwas so entfernendes, willkuhrliches und planmassiges, dass es mir nicht moglich war, etwas anders, als dass er unergrundlich sei, von ihm zu wissen. Indessen ubte die Reife seiner Urtheile, und die Sicherheit, der Gleichmuth seines Betragens uber meinen Verstand eine stille Gewalt aus, ohne dass die Kluft, welche die Verschiedenheit unserer Gefuhle zwischen uns legte, dadurch ausgefullt worden ware. In jener Zeit sah ich meinen Vater von einer, mir unbekannten Unruhe gequalt; sein Betragen gegen mich ward weicher und zartlicher als je, und wenn er mich betrachtete, traten ihm oft die Thranen in die Augen. Einst kam er zu mir ich sehe es noch, wie er vor mir stand die ganze ehrwurdige, alternde Gestalt, Ausdruck des Kummers, und der schone Zug reiner Gute in seinem Gesicht, mit Ruhrung und Unruhe vermischt. "Mein Kind, sagte er, Unglucksfalle haben unser kleines Gluck vernichtet; mein Vermogen ist verlohren, und auch selbst dies kleine Eigenthum, worinnen wir bis jetzt frei und zufrieden lebten, mussen wir verlassen. Ich zittre nicht fur die wenigen Tage, die ich noch zu durchleben habe, aber dein Schicksal bricht mir das Herz. Die Umstande vergonnten mir nicht, dir eine Erziehung zu geben, welche die, in dir vielleicht schlummernden Talente hatte gehorig entwickeln konnen, damit du jetzt in ihrer Ausbildung Mittel zu einem leichten und anstandigen Unterhalt finden mochtest. Aber du lebtest bis jetzt in freien, sorgenlosen Verhaltnissen, und dein eignes Wesen ist mehr fur Freiheit als Dienstschaft gemacht; du giebst lieber als du empfangst, und du kannst nur glucklich sein, wenn es in deiner Macht steht, glucklich zu machen. Was sollen dir diese Eigenschaften, die dein Schmuck sein wurden, wenn du reich warest, in deiner nunmehrigen Lage? wie wirst du, armes Kind, nun die Dienstbarkeit, das Eingeschrankte, Kummerliche ertragen konnen?" Ich war betroffen, denn ich hatte, leichtgesinnt wie eine freie, unverkummerte Jugend immer ist, nie an die Quellen meines sorgenfreien Lebens und also auch nie an ihre Versiechung gedacht, und fuhlte jetzt mit Errothen, dass ich wirklich sogleich kein Mittel wusste, die Sorge fur meine Erhaltung selbst zu ubernehmen. Indessen kam mir das alles nicht so grausend vor, wie meinem Vater, und trostend sagte ich ihm: Nein! bester Vater, wir werden nicht ganz unglucklich sein! es werden mir Mittel einfallen, ich werde Aussichten finden Es hat sich eine gefunden, sprach er wieder, und wenn es dir moglich ist, dieser zu folgen, so bittet dich dein Vater, thue es! Albret verlangt deine Hand; er wird dir ein heitres, genussvolles Leben, deinem Vater ein sichres, sorgenfreies Auskommen verschaffen. Du wirst von Einem Menschen abhangen, aber in ubrigen frei sein. Bedenke, wie selten Liebe allein eine ehliche Verbindung schliesst, wie selten vorzuglich ein Weib in ihrer abhangigen Lage darauf Anspruch machen kann! bedenke, dass du Bedurfnisse und Wunsche hast, welche ein freies, nicht von angstlichen Sorgen bekummertes Leben verlangen, und dass jene Freiheit, welche uns in den Stand setzt, den aussern Verhaltnissen, mehr und mehr eine selbstbeliebige Form zu geben, am leichtesten durch Reichthum erreicht wird. Ich verlasse dich jetzt; aber Albret verlangt schnelle und entscheidende Antwort; bedenke dass die Ruhe deines Vaters davon abhangt.

Und so, Julie denn mein Herz wiederstand dem bittenden Vater nicht, und ich hielt es fur verdienstlich das dunkle, traurige Gesicht zu uberwinden, welches mich von dieser Verbindung zuruckzuziehen schien ward ich in wenig Tagen Albrets Gattin, denn er verlangte die schnelle Vollziehung unsrer Verbindung mit einem Eifer, den ich fur wahre herzliche Liebe zu mir nahm. Ach! dies war es nicht! ganz andre Wunsche, andre Zwecke fesselten ihn an ferne, mir unbekannte Gegenstande und zogen ihn in andre Gegenden, und unsre Verheirathung ward nur darum so beschleunigt, damit er sogleich nach seinen, bei Florenz gelegnen Gutern reisen konnte, wohin ihn ein heftiges Verlangen trieb. Die allen meinen Wunschen zuvorkommende Artigkeit meines Gatten, trostete mich anfangs uber den Mangel an Vertrauen und Herzlichkeit, welchen ich nur allzubald fuhlte, und ich schmeichelte mir mit der Hoffnung, ihm durch mein Betragen sein Zutrauen abzugewinnen und selbst an seinem Wesen, vielleicht manches umandern zu konnen und erst dann, als ich wahrgenommen, dass er mich zu wenig achtete, um mir seine Geheimnisse mitzutheilen, ja, dass er mich oft als Mittel zu mir unbekannter Absichten brauchte, ist diese Hofnung ganzlich von mir gewichen. Bald nach unsrer Trauung ward mein Vater gefahrlich krank, und ich bemerkte mit tiefem Schmerz, dass Albrets Bekummerniss, mehr dem Verdruss, unsre Reise verzogert zu sehn, als dem Antheil an dem geliebten Alten zuzuschreiben war.

Er starb, der zartlichste der Vater, dem in der liebenden Brust seines Kindes, ein stilles aber unvergangliches Denkmal seiner Herzensgute und seiner Liebe zuruckgeblieben ist. Mit aller Muhe konnte ich Albrets Einwilligung zu einer Reise zu Dir nicht erlangen, und nur dass er selbst sich gezwungen sah, noch einige nothwendige Geschafte abzuthun, bestimmten ihn endlich dazu. Da kam ich zu Dir, meine Julie, mit allen meinen Leiden, meinen Sorgen, meinem Wahn und meinen Hoffnungen. Unsre Herzen fanden sich bald wieder; Deine heitre Stimmung theilte sich mir unvermerkt wieder mit, und Deine ruhige Vorstellungsweise half mir an meiner Lage manche neue, angenehme Seite entdecken. Doch gestehe ich Dir auch, Julie, dass ich Dich oft beneidete, wenn ich Dich traulich an der Seite eines Mannes sah, mit dem Dich nur Neigung verbunden hatte. Eure Thorheiten kamen mir zuweilen belachenswerth vor, ich schalt Dich damals oft, wegen Deiner ganzlichen Hingebung, der sorglosen Nachlassigkeit Deines Betragens, aber ich fand Dich glucklich. In euren kleinen Zankereien selbst, die oft entstanden, weil ihr euch einander ganz ohne allen Schein, alle Verstellung zeigtet, lag etwas, das mit gefiel. Die Erinnerung an eure Liebe vereinigte euch bald von neuem, und die stille Harmonie eurer Herzen hielt das Band fest, das Leichtsinn und Laune umsonst zu zerreissen drohten. Vielleicht verschonerte sich Dein Gluck in meiner Phantasie, aber ich gestehe dies, so oft ich daran dachte, ward ich traurig, und fuhlte es mit schmerzlicher Lebhaftigkeit, dass Harmonie sich nicht erkunsteln lasst.

Diese bei Dir verlebte Zeit hatte mir jedoch dazu verholfen, dass ich die Reise nach Florenz nun mit neuem Muth und neuer Lebenslust antreten konnte. Der Schmerz uber den Verlust meines Vaters war gemildert; vorige Traume und Wunsche kehrten zuruck, und die Phantasie stellte meinem neu auflebenden, ahnungsvollen Herzen in die Ferne manches reizende Gemalde hin. Mit Vergnugen erinnere ich mich noch jetzt der ersten Tage unsrer Reise. Der volle Farbenschimmer des Herbstes war uber die Gegend verbreitet, kleine Busche wallten goldnen Locken ahnlich, die Hugel hinab; weisse Gewebe flogen uber den Boden, und der Himmel war in zarte silberne Dunste gehullt. Nie bin ich heitrer gewesen, als da, habe nie freier, jugendlicher gefuhlt, nie der Tage, die mich erwarteten, mit froherer Zuversicht entgegen gesehn. An den Gedanken, die Welt zu sehen, knupfte sich alles, was Phantasie, Hang zum Vergnugen und Verlangen nach reiferen Begriffen sich nur wunderbares, liebliches und belehrendes zu denken vermogen.

Doch so blieb es nicht lange. Ich dachte oft an Dich, meine gute Julie, und nie hab' ich Dich schmerzlicher vermisst, nie hat mir ein theilnehmendes Herz so sehr gefehlt, als wenn wir durch neue bezaubernde Gegenden kamen Gegenden, bei denen ich, obgleich an die liebliche Hoheit meiner vaterlandischen Ansichten gewohnt, in ein tiefes, wonnevolles Staunen gerieth und Albret bei allem ganz kalt blieb, und meine Entzuckungen beinah verachtlich belachelte. Immer schien sein Sinn mit Ungeduld in die Zukunft zu streben; die meiste Zeit war er still und in sich gekehrt, und nie gieng ihm die Reise schnell genug. Ich suchte alles hervor, was mich uber sein Betragen trosten konnte, und gewiss habe ich viele frohe, sehr frohe Momente gehabt. Viel jugendliche Traume, viel Wunsche sind mir erfullt worden, ich war oft glucklich, nur mein Herz war nie hingerissen, nie befriedigt! Und Julie! sollte ich vielleicht diesen Traumen nicht einmal nachhangen? aber warum erinnert mich denn Alles daran, dass Liebe das hochste Gluck des Lebens ist, warum muss ich allenthalben sehn, wie sie die niedrigste Lage veredeln, und der Durftigkeit und Abgeschiedenheit selbst ein zauberisches, beneidenswerthes Ansehen leiht? Meine Fenster gehen auf der einen Seite in einen benachbarten Garten, den ein Gartner mit ein paar jungen Tochtern bewohnt. Die Welt wird wohl nie ihren Namen nennen, niemand als die nachsten Nachbarn kennen sie, ihr Anzug, ihre Beschaftigungen verrathen ihren Mangel an allen Gutern des Glucks, aber die Liebe hat sich ihrer angenommen. Bei fruhem Morgen, wenn noch alles schlaft, schleicht die eine von ihnen an die Planke, und ofnet leise die Thure. Unruhig erwartend geht sie auf und ab, und fahrt bei jedem Gerausch zusammen, das der Morgenwind an der halbofnen Thure macht. Bald erscheint ein junger wohlgebildeter Mann, sie hupft ihm entgegen sie sind so jugendlich, so froh, und sie geniesst in diesen Augenblicken die reichste Entschadigung fur alles, was ihr die Laune des Glucks versagte! ich gestehe Dir, dass ich ihre frohen Unterhaltungen schon ofter mit dem hochsten Interesse belauscht habe doch hinter der Jalousie, damit mein Anblick ihre Freude nicht storte.

Funfter Brief

Amanda an Julien

Dies kleine, niedliche Stadtchen gefallt mir mit jedem Tage mehr. Das ruhige Leben welches ich hier fuhre, lasst mich meinen Traumen ungestort nachhangen, und mildert manches traurige Bild, das sich mir, als ich im Gerausch lebte, sehr oft, mit schreienden Farben und bitterm Contrast unerwartet darstellte. Hier ist alles was mich umgiebt, Luft, Gegend, Fruhling, in ein weiches Colorit getaucht, und unvermerkt verschmelzen hier auch die Bilder meiner Gedanken, traurige und frohliche, in ein mildes, ubereinstimmendes Ganze. Konnte ich nur diese Sehnsucht nach einem verwandten Wesen, nach jener, vielleicht nur ertraumten Seelenharmonie, die mich jetzt oft lebhafter als je ergreift, konnte ich nur diese vergessen, so wurde ich ganz glucklich sein. Ich seh' es ein, dass mir so vieles ward von dem, was die Wunsche des Menschen reizt. In der Bluthe der Jahre, in der vollen Kraft der Gesundheit gewahrte mir ein gunstiges Schicksal so manche frohliche Genusse, schone Beziehungen des Lebens, die Andre unter ewigen Wunschen, unter Sorgen und Gram erst spat, viele nie erreichen. Frei und ohne mein Sorgen bieten sich mir alle Mittel dar, das Leben zu geniessen, warum fehlt mir doch oft der Sinn dafur? Warum fliegen alle meine Wunsche unaufhaltbar dem Einen nach, was mir fehlt, da mich das Mannigfaltige, was ich besitze, genug beschaftigen konnte? Ja, ich will allein sein, meine Julie! ist es denn so unmoglich, dass ein Weib sich selbst genug sein kann? sind unsre Herzen durchaus dazu geschaffen, in einem einzigen Gefuhl die ganze Welt zu geniessen, und warum sollten wir dies Gefuhl nicht uber die ganze Welt verbreiten konnen? Wenn ich die Liebe, die ich ungetheilt im Herzen verschliesse, auf viele Gegenstande ubertrage, wenn ich einzeln und zerstreut die schonen Blumen breche, die das Schicksal nun einmal nicht fur mich in einen Straus zusammenband, werde ich da nicht glucklich sein?

Ich habe, seitdem ich mich in dieser Stimmung zu erhalten suche, schon viele frohe Augenblicke gehabt. Kaum sind es einige Wochen, seit ich hier bin, und dennoch seh' ich mich bereits mit einer Innigkeit geliebt, die mir nichts mehr zu wunschen ubrig lasst. Mein Liebhaber ist ein wunderliches Geschopf, das jede Stimmung willig von mir annimmt und sich ganz davon beherrschen lasst, ohne sich im geringsten darum zu bekummern, ob er mich dagegen auch beherrscht, und ohne deshalb von seiner Originalitat zu verlieren, der, ob er gleich das sinnlichste Wesen von der Welt ist, bei stundenlangem Alleinsein, auch die Eifersucht selbst nicht zum leisesten Missvergnugen reizen wurde, der mich ungestort meinen Launen nachhangen lasst und mich nie um meine Geheimnisse fragt. Willst Du diesen seltnen Liebhaber, ohne Herrschsucht, voll Unschuld und Bescheidenheit naher kennen lernen, so sage ich Dir, dass es ein kleiner, sieben oder achtjahriger Knabe ist, der meiner Wirthin angehort. Das Kind hat etwas edles, bedeutendes in seinem Wesen, das ich unbeschreiblich anziehend finde. In den ersten Tagen meines Hierseins traf ich ihn meist auf der Hausflur, wo er mit einem zahmen Vogel spielte, den er immer mit sich herum trug, und ausserordentlich zu lieben schien. Lange konnte ich ihm keine Rede abgewinnen, und nur dadurch, dass ich seinem kleinen Liebling alle Tage eine Handvoll Korner brachte, und auf ihn gar nicht zu achten schien, erwarb ich mir sein Zutrauen. Seitdem bringt er den grossten Theil des Tages bei mir zu, und die Aussicht etwas zur Verschonerung seines innern und aussern Lebens beitragen zu konnen, ist mir unbeschreiblich angenehm. Ach! warum kann Albret dies Vergnugen nicht theilen! wie unglucklich ist das Herz, das sich so unschuldigen Gefuhlen nicht hin zu geben wagt! Albret traf den Kleinen auf meinem Zimmer, und sein liebenswurdiges Wesen schien auch seine Aufmerksamkeit zu erregen. Er betrachtete ihn beinah wohlwollend, spielte mit ihm ja er war, wie ich ihn noch nie gesehen. Aber unerwartet schien ein schneller Unwille gegen das Kind in ihm rege zu werden; er bat mich, ihn zu entfernen, wunderte sich uber meine Gedult mit dem unartigen Knaben, und sagte so viel Hartes und unfreundliches uber ihn, dass Wilhelm so heisst der Kleine scheu aus dem Zimmer sprang. Ist diese, so oft hervorbrechende Bitterkeit Werk der Natur, oder ist sie das Symptom eines vom Schicksal oder Menschen tief gekrankten Herzens?O! dass ich das letzte glauben durfte, wie gern wollte ich theilen, was auf diesem Herzen lastete! Aber umsonst suche ich mir sein Vertrauen zu erwerben; er verschmaht den Antheil, den ihm jetzt freilich nur mein Blick noch zu zeigen wagt!

Aber wie mild doch jede Naturscene die Seele zu stimmen, und uber das harte Gemalde des Menschenlebens ein weiches, geistiges Colorit zu hauchen vermag! ich stand am Fenster, und meine Blicke tauchten sich traumend in die nachtliche Gegend hin. Ueber den Bergen erhob sich ein wankender Schein, der sich immer weiter und weiter verbreitete. Das Schweigen der Lufte, die feierliche Erwartung der Natur, des Himmels wachsender Glanz, verkundete die nahende Erscheinung einer Gottheit. Und nun stieg sie herauf, im Glanz gehullt, die Beherrscherin der Nacht, und ein silbernes Licht stromte aus ihren Augen uber die dunkle Erde hin. In Traume aufgelosst, und von dem langen Wiegenlied der Grillen in tiefe Selbstvergessenheit gesungen, sah ich dem leichten Tanz der Wolken um unsern Erdkreis zu, und uberliess mich ganz dem Genuss einer unbestimmten, ahnungsvollen, freundlichen Schwarmerei, die eigentlich nur das Eigenthum der fruhen Jugend ist. O! wer sollte nicht wunschen, dass es moglich ware, in diesem Bluthenraum der Jugend, wo die Zukunft wie ein Feenland vor uns liegt, und ein ewiges Morgenroth der Hoffnung unsre Aussicht bekranzt, das ganze fluchtige Leben wegtraumen zu konnen? Warum treibt der scharfe Hauch der Zeit uns so schnell aus diesen Blumenthalern hinweg, wohin kein Weg zuruckfuhrt? Die Fahigkeit zu allen sussen, allen traurigen Empfindungen ruht in der Kindheit noch unentwickelt in dem kleinen Herzen, und es empfindet da bei der einfachsten Veranlassung noch ungetheilt, alles, was es jemals, vertheilt, bei den mannigfaltigsten Eindrucken zu fuhlen vermag. Jedes Bild tritt neu und ungetrubt vor die jugendliche Phantasie, und der lebendige Eindruck ergiesst sich mit sanfter Gewalt durch alle Saiten des erwachenden Gefuhls. Deshalb umfasst es die kleine Welt, die es umgibt, mit einer Innigkeit, die sich nicht durch Worte ausdrucken kann. Die liebliche Magie der Unerfahrenheit uberwebt Ursprung und Ende jeder schonen Empfindung wie mit einer Wolke, dass sie auf einmal in ihrer ganzen Fulle dasteht, unbegreiflich und machtig wie das Erscheinen einer Gottheit. Dies alles verschwindet, wenn der reifer gewordne Verstand, nun heller um sich schaut, und den leisen Gang der Eindrucke die das Saitenspiel des Herzens bewegen, zu verfolgen vermag. Aber, Julie, giebt es keine Zeit im Leben, wo diese jugendliche Begeisterung in ihrer ganzen Starke und Einheit, nur noch inniger, schoner, heiliger zuruckkehrt? und welche Zeit kann dies anders sein, als die, wo wir lieben? O! Julie, dies Bild wird ewig, wie ein verlornes Paradies, vor meiner Seele schweben!

Ich habe bis jetzt wenig gelesen; in fruhen Jahren lernte ich nur wenige, meist unterrichtende Bucher kennen, und Bucher zartlichen Inhalts blieben mir fast ganz fremd. Jetzt lese ich, unter andern, fur mich neue Schriften, auch zum erstenmal Rouseau' s Briefe zweier Liebenden. Was ich empfinde bei manchem von Juliens Briefen denn nur sie, sie nur liebt, nicht St. Preux vermag ich nicht, Dir zu beschreiben. So, denke ich, konnte ich auch lieben, und seufze uber das Geschick, das mir Alles gab, ausser dem Einen und in dem Einen mir alles versagte.

Sechster Brief

Eduard an Barton

Nicht immer, mein Freund, fuhle ich mich so glucklich als an dem Tage wo ich Dir zuletzt schrieb. Unruhe uberfallt mich zuweilen, und treibt mich rastlos umher. Vergebens rauschen die muntern Freuden des Lebens dann an mir voruber; ihr schmeichelnder Fittig weckt die Sehnsucht meines Herzes nicht. Und doch ist die jugendliche Glut des Geistes nicht im mindesten erloschen; vielmehr umfasse ich die Gegenstande starker, inniger, obgleich seltner. Oft dunkt es mich, als fehlte mir ein hellerer Aufblick in die eigentliche Oeconomie des Lebens, und das Gemalde menschlicher Wunsche und Handlungen wirkt in gewissen Augenblicken verworren und druckend auf meinen Geist. Es ist mir, als stunde ich noch unter den Uneingeweihten, als fehlte mir noch das Wort, der Aufschluss, die mir das Rathsel des Lebens und der Welt erklaren sollten. Sehe ich dann einen Mann, mit verstandigem, bestimmten Gesicht, wo Leidenschaften geherrscht, aber nicht verwustet haben, der das freie Spiel der Unterhaltung nicht mit seinen Ideen gewaltsam beherrschen will, sondern es geschickt, und wie wir gern es mogen, zu lenken weis; so fuhl' ich mich sanft zu ihm hingezogen, und mocht' ihn bitten: "o Du! der Du die geheimen Irrgange des Herzens beobachtetest und selbst durchwandeltest, ihre Erscheinungen auf dem grossen Schauplatz des thatigen Lebens zu erkennen und zu wurdigen weisst, o schliesse den Reichthum Deiner Erfahrungen vor mir auf, und befriedige meine ungeduldige Sehnsucht!" denn was kann wohl schoner sein, Barton, als in dem voruberrauschenden Strom des Lebens, wo so viele nur ein wildes Spiel der Wogen sehen, eine hohe Harmonie zu vernehmen, und mit gelauterten Sinnen die schonen Tone des Gefuhls zu unterscheiden, die aus dem todten Stoff der Umstande lebendig hervorquellen? Wer dies vermag, dem kann es dann auch gelingen, die bunten Gaukeleien des Zufalls nach seinem Gefallen zu ordnen, und dem verwornen Stoff eine bestimmte Form zu geben. Mit schopferrischer Hand druckt er selbst der todten Natur Spuren eines freien, denkenden Wesens ein, und in Stunden ernster Begeisterung gehen die ewigen Zwecke des Lebens fasslich und rein seiner Seele voruber.

Meine Hoffnung ist auf die Zeit gerichtet, wo mein Vater seine, mir zum Theil noch unbekannte Plane mit mir, ausfuhren will, auf die Zeit, wo mich vielleicht eine andere Hemisphare aufnehmen und mit ihren Wundern erfreuen wird. Diese Idee, die ich freilich nur ahne, ist meine Geliebte, die mich durch ihr zauberisches Halbdunkel unaufhorlich reizt, und anzieht; und ich bitte Dich, mein Freund, wenn Du etwas beitragen kannst, mich diesem Ziel naher zu bringen, so thue es, und mache Deinen Eduard sobald als moglich glucklich.

Ich komme eben von einem weiten Spaziergang zuruck, und weihe Dir noch die letzten Augenblicke dieses Tages. Neues Leben regt sich durch die Natur; ein frisches Grun breitet sich uber den Grund, die Baume schwellen von junger Lebenskraft. Mit welcher Lust sah ich, als ich die bekannten Hohen hinaufstieg, den Raum unter mir, immer mehr an Leben und Mannigfaltigkeit gewinnen! Ware es doch moglich, dachte ich, so immer hoher zu steigen, und dann, in heiliger Einsamkeit, die ganze Erde, ihren einfachen Gesetzen gemass, dahin wandeln zu sehen, dann immer weiter den unersattlichen Durst nach Wissen zu folgen, und den Sonnen und Sternen ihre ewigen Geheimnisse abzulauschen! Ach! dass es einen Punkt giebt, wo alles in Nebel verschwindet, wo der Blick des menschlichen Auges, des aussern und innern, traurig an der Granze haftet, welche eine unbegreifliche Macht seiner durstigen Wissbegier vorschob! Hier, wo sonst alles in der Natur den Zweck erreichen kann, zu dem seine innern Krafte es bestimmen, wo alles in friedlicher Nothwendigkeit die beschriebene Bahn durchlauft, wo fur jedes Bedurfniss des sichern Instinkts gesorgt ist; was soll hier des Menschen freier, unausloschlicher Durst, nach Wissen, der nie befriedigt wird, und ihn gleichwol zwingt, lieber, ewig unbefriedigt, vor der geheimnissvollen lezten Ursache alles Lebens, aller Wirkung stehen zu bleiben, ehe er, mit den Erscheinungen zufrieden, ruhig den kurzen Traum des Erdenlebens geniesst? Und doch, mein Barton, ware der Streit uber unser eignes Wesen entschieden, der geheimnissvolle Schleier der Natur zerrissen; so ware ein Stillstand aller Thatigkeit, alles Strebens in uns. Ewig mussen wir suchen, indess ein jeder das Geheimniss seines Wesens und seiner Hoffnungen, unerkannt und ahnungsvoll in seinem eigenen Busen tragt. Lebe wohl. Morgen reise ich nach dem Landgut des Herrn von W * *, wo er eine vorzugliche Sammlung phisikalischer Instrumente aufbewahrt, und wo ich mir fur meinen Geist reichlichen Genuss verschaffen darf.

Siebenter Brief

Amanda an Julien

Ein guter Genius hat mir seit einigen Wochen die angenehmste Gefahrtin zugefuhrt und dass ich Dir so lange nicht schrieb, ist wol der starkste Beweiss, wie anziehend sie mich beschaftigt. Sie ist ein leichtes zierliches Wesen, das gleich den Schmetterlingen nur auf Blumen verweilt, und ohne sich zu verletzen, den Dornen des Lebens voruber flattert; eine immer frohliche Laune, und das glucklichste Talent, allenthalben das Angenehme leicht und sicher herauszufinden, scheint sie in jede Lage zu begleiten. Ein solcher Umgang ist gewiss ein grosser Schatz fur Menschen, die, gleich mir, noch unruhig und strebend, oft das Gute verschmahen, weil sie nach dem Vollkommenen schmachten. Nanette Sensy dies ist der Name meiner neuen Freundin lebte nur wenige Tage in der Ehe, die bloss Convenienz geschlossen hatte, und ist jetzt Wittwe. Der Wunsch, einige vormalige Bekannte wieder zu sehen, fuhrte sie hieher ins Bad, wo es ihr nun sehr zu gefallen scheint. Ich sah sie zum erstenmal auf einem Ball. Wir waren beide fremd, hatten uns durch ein Spiel des Zufalls auf gleiche Art gekleidet, fanden, dass wir in der Gestalt viel Aehnliches hatten, und dies alles Du weist, dass solche kleine Umstande oft ein Band knupfen konnen beredete uns, dass wir einander mehr als den Uebrigen angehorten. Sie kam mir mit der angenehmsten Art von der Welt entgegen, und zeigte in Allem was sie sagte und that, etwas so unbefangenes und dabei so vollendetes, dass ich gleich sehr lebhaft fur sie eingenommen ward, und ihren Umgang eifrig zu suchen beschloss. Seitdem sehen wir uns taglich, und sie hat mich dazu vermogt, was ich bis jetzt nicht habe thun mogen, unter der, hier immer mehr anstromenden Menge von Fremden mehrere Bekanntschaften zu machen, und an ihrer Seite herum zu schwarmen. Aber die liebsten Stunden, sind mir die, welche ich mit Nanetten allein zubringe. Es giebt so vieles aus unserm vergangnen Leben, was wir uns gern mittheilen mogen, und Nanette hat eine so harmlose, leichte Art, die Dinge zu betrachten, dass ich, seit diese Silphide mich umgaukelt, meine jugendliche Heiterkeit ganz zuruckkehren fuhle. Wie sehr konnen zwei weibliche Wesen sich gegenseitig beglucken, bei ihrer zarten Empfindung, dem leisen Errathen, der schnellen, reizbaren Phantasie, die ihnen eigen ist, wenn sie nur standhaft alle Eifersucht von sich entfernt zu halten wissen! Da wir haufig das Freie suchen, so haben wir die Gegend umher schon ziemlich genau kennen lernen, und wir sind bei unsern kleinen Ausflugen stets ausserst froh. Ueberlass ich mich in manchen Augenblicken zu sehr den Lockungen einer schwermuthigen Traumerei, so weiss sie meine Blicke immer sehr glucklich auf die angenehmen Seiten meines Lebens zu lenken, oder sie neckt mich auch wol, und zerstreut mich, indem sie mit Laune und Feinheit, meine Empfindlichkeit rege macht. Eine Scene, die gestern vorfiel, muss ich Dir schildern, denn ich weiss, Du liebst das idyllenhafte und der ganze Tag ist wol einer Beschreibung werth. Es war ein liebliches Wetter; die Luft athmete so warm, so wohlthuend, dass Alles ihren Einfluss fuhlte. Meine Gartnermadchen sangen mit fruhem Morgen, Fruhlingslieder, und selbst ein paar wilde, junge Menschen, die nicht weit von mir wohnen, waren aus ihrer Fuhllosigkeit erwacht, und stimmtem ihre rauhen Tone zu sanften Gesangen um. Wir fuhlten uns ungewohnlich heiter, und Nanette schlug vor, die Familie eines Pachters zu besuchen, die sie auf ihrer Reise zufalligerweise hatte kennen lernen, und die in einer vorzuglich schonen, selten besuchten Gegend wohnen sollte. Bald war alles in Ordnung; wir nahmen Wilhelm mit uns, und es war uns dreien recht herzlich wohl. Wir fuhren seitwarts durch die Gebirge in ein freundliches Thal; die waldigen Hohen wichen immer mehr zuruck, und bekranzten zuletzt nur noch in weiter Entfernung die lieblichste Ebene, die je dem Auge gelacht. Eine Menge zierlicher Dorfer sahen munter und anmuthsvoll aus ihren bluhenden Garten hervor; weite Saatfelder sauselten in grunen Wogen voruber, trauliche Gruppen von Baumen bekranzten kleine spiegelhelle Seen, oder wolbten sich uber schnelle, lautmurmelnde Bache. Wir freuten uns der mahlerischen Krummungen, an denen uns unser Weg durch viele Dorfer und Busche fuhrte, und priesen die Reise durchs Leben, welche eben so sanft abweichend und abwechselnd zum Ziele fuhrt. Es war Mittag als wir ankamen; ich fand, ein schones, reinliches Landhaus, worinnen alles Ordnung, Betriebsamkeit und Frohlichkeit athmete, und eine schlanke, weibliche Gestalt, mit Vergissmeinnichtaugen uns zuerst bewillkommte. Sie sagte uns bald, unaufgefodert, dass sie die Braut eines von den Sohnen des Hauses sei, mit dem sie in wenig Tagen getraut werden wurde. Sie schien sich schon ganz als ein Mitglied der Familie zu betrachten, auf nichts bedacht zu sein, als alle Geschafte in dem Sinn derselben zu verrichten, und ihr ganzes Wesen zeigte den Ausdruck einer muntern, ruhigen Aufmerksamkeit. Bald kamen auch die Uebrigen herbei, die durch unsern Besuch uberrascht, aber nicht im mindesten verlegen waren. Es war eine sehr zahlreiche Familie von sehr verschiedenem Alter und Ansehen; alle schienen mit ihrer Lage zufrieden, und die Reden der Alten waren so vollwichtig und gediegen, wie die schweren, silbernen Loffel, die uns an der wohlbesetzten Tafel gereicht wurden. Nach Tische giengen wir in den Garten, der etwas erhoht, die Aussicht uber das ganze Dorf gewahrte. Eine warme, fuhlbare Luft trug uns auf ihren schmeichelnden Flugeln die wurzigen Dufte tausend bluhender Pflanzen und Baume entgegen. Mein Herz bebte in wunderbarer Ruhrung, von Vergnugen und Wunschen getheilt. Hier der trauliche Schatten, hoher, wehender Baume, der sichtbar Kuhlung verbreitete dort das bluhende, frohliche Weib, das sorgenlos spielend mit ihrem Kind auf dem Arm, in der kleinen Thur stand die hohe Linde am Kirchhof, die ihre Schatten und Blatter friedlich uber die Grabhugel streute mit ihrem Korbe voll Klee die muntre Dirne, die mit raschem Gang durch die sonnige Wiese schritt alles dies gab mir ein Bild von Unabhangigkeit und Ruhe, von heiterm, schuldlosen Lebensgenuss, und naturlicher, leichter Erfullung aller menschlichen Pflichten, das mich innig ruhrte. Sind nicht, dachte ich, diese ruhigen, phantasielosen Menschen, mit ihrer heitern Luft und ihrem heitern Herzen, ihrem eingeschrankten Wissen, und ihrem eingeschrankten Wunschen, glucklicher und naher der Natur, als wir, die sie verbessern, um uns im Gebiet der Einbildung unendliche Freuden aber auch unendliche Qualen zu holen, wir, die erst nach Schmerzen und Verirrungen zu ihrer heitern Beschranktheit zuruckkehren konnen?

Unser Wirth hatte mehrere erwachsene Sohne, die, obgleich wohl gebildet, doch blosse Landleute waren, und sich mit nichts anderm zu beschaftigen schienen, als die weitlauftige Wirthschaft ihres Vaters bestellen zu helfen. Der eine von ihnen hatte mich immer mit aufmerksamen, vergnugten Blicken angesehen; doch als beim Mahl, der Genuss des frohlichen Weins, den alten jovialischen Vater zu etwas rohem Scherz begeistert hatte, und ich eine kleine Verstimmung, nicht verbergen konnte, war er hinweggegangen. Jetzt gieng ich einige Augenblicke allein, in einen von den schattigen Gangen, und hier kam er mir nach. Mit wahrer Feinheit, sagte er mir: "mein Vater hat ihnen nicht gefallen, aber sein sie uns darum nicht bose, ich will ihn bitten, dass er nicht wieder so spricht." Dann trat er mir ehrerbietig aber zutraulich naher, legte seine Hand auf meinen Arm und sagte: "werden sie zurnen, wenn ich sie um einen Kuss bitte?" Sein Ton war weich und bescheiden, seine Miene ehrlich und gefuhlvoll; ich zurnte nicht. Julie ich kusste ihn, und ich kann Dir sagen, dass ich ihm im Herzen recht innig wohl wollte. Er verliess mich schnell, sein Auge glanzte von reiner Freude, und wer weis, ob mein Kuss irgend jemand einen glucklicheren Moment gewahren konnte, als diesen Jungling.

Als wir zuruckfuhren glanzten die Wiesen im Abendthau, ein rothliches Licht wankte um die Gipfel des Waldes, und als dies verschwand, blickte der Mond heller durch die Gebusche.

Ich erzahlte Nanetten mein kleines Abendtheuer, und sie lachte, wie ich vermuthen konnte, mich recht herzlich aus. Sie sah in dem Jungling nichts weiter, als einen hubschen jungen Landmann, der sich in mich verliebt habe, und alles andre, was ich in ihm fand, nannte sie eine meiner gewohnlichen Schwarmereien. Und doch liebe ich sie darum nicht minder, so wenig auch ihre Art, die Dinge anzusehen, mit der meinigen ubereinstimmt. Ihr gelingt es, keinen Eindruck so stark werden zu lassen, dass er das Gleichgewicht ihres Gemuths stort, und dadurch, dass sie von Allem spricht, und Alles aus dem gefahrlichen Halbdunkel der Gedanken ans Licht der Sprache hervorzieht, entwindet sie der Phantasie ihrem machtigsten Zauber, der Deiner Amanda oft so gefahrlich zu werden droht. Ja zuweilen fuhle ich es recht lebhaft, wie verschieden meine Art, die Dinge anzusehen, von der euren ist. Wie vieles angstigt und entzuckt mich, wobei ihr andern ganz gleichgultig und gelassen bleibt. Dafur aber bewahrt ihr in eurem Gemuth eine gewisse Klarheit, deren ich mich nicht zu erfreuen habe; denn was es ist, weis ich nicht aber vieles liegt noch dunkel und ahnungsvoll in meiner Seele.

So harmlos gehen mir jetzt mehrere Tage hin, und auch Nanette versichert, dass sie sich kein bessres Leben wunscht. Freilich muss ich furchten, dass vielleicht der Reiz der Neuheit die Fluchtige am starksten anzieht, und dass sie, wenn dieser verloschen ist, mich leicht fur eine neue Bekanntschaft hingeben konnte. Denn sagte sie nicht selbst: "mein Herz schmachtet ohne Aufhoren nach Neuheit; durch sie allein wiederholen wir uns den sussen, allzufluchtigen Traum der Jugend, wo uns alles neu ist?"

Albret sehe ich jetzt wenig; er scheint sehr beschaftigt; aber Wilhelm kommt fast nie von meiner Seite. Herzlich erfreut mich sein dankbares Lacheln, jede freundliche Aeusserung, womit er mir die angenehmen Empfindungen, die ich ihm verschaffe lohnt, und ich wurde seine Dankbarkeit ungern entbehren. Nenne dies nicht eigennutzig; es ist ein so susses, menschliches Gefuhl, sich als den Schopfer fremder Freuden betrachten zu durfen, und von einem unschuldigen, liebevollen Herzen dafur anerkannt zu sehen; so wie es in meinen Augen eine unnaturliche Grosse ist, die nahe an Bitterkeit und Harte granzt, allein und unerkannt Gutes schaffen, und das dankbare Gefuhl des Andern als uberflussig entbehren zu wollen!

Achter Brief

Amanda an Julien

Meine Julie, ich habe neue traurige Stunden verlebt, und fast trage ich Bedenken, Dir davon zu schreiben. Denn soll ich ewig klagen? Muss ich mich nicht schamen, dass ich zum Leben zu ungeschickt bin, und dass meine Verhaltnisse mir eher dunkler und schwerer werden, da sie mir leichter und klarer werden sollten? Doch was Du auch von meinem Verstand denken magst, ich kann, ich will mich nicht gegen Dich verstellen, und finde in der Wahrheit meiner Aeusserungen einen Genuss, der das Bewusstsein, von andern fur vorzuglich gehalten zu werden, mir zehnfach aufwiegt. Du kennst die weiche Stimmung worin ich jetzt bin alle meine Briefe sprechen sie nur all zu deutlich aus. Mein Herz, das in Liebe zerschmilzt, gleicht einer reifen Frucht, die uber einen Strom hangt. Bricht sie nicht irgend ein Kuhner, wenn auch mit Lebensgefahr, so sinkt sie und begrabt sich in die Fluth; denn brechen muss sie. Hore und sag selbst, wie ist es moglich, meine Wunsche mit meinen Verhaltnissen in Uebereinstimmung zu bringen?

Ich stand heute hinter meinen Jalousien, und bemerkte Albret in einer nahe stehenden Laube, neben ihm den kleinen Wilhelm. Er glaubte sich ungesehn, und ich sah, wie er mit einem ungewohnlichen Ausdruck seines Gesichts, den Knaben in seinen Armen empor hielt, und ihm bewegt ins Gesicht sah. Dass dieser Kleine in irgend einer Verbindung mit ihm stehen musse, war mir langst gewiss, und ich beschloss schnell, diesen kostlichen Moment, wo ich sein Herz bewegt, wo ich ihn menschlich, fuhlend und leidend zu sehen glaubte, nicht unergriffen voruber gehen zu lassen. Ich eilte zu ihm hinab und lehnte mich schmeichelnd an seine Brust. "Liebster," sagte ich, "was soll diese unselige Verschlossenheit? lass mich von diesem theuren Herzen die grausame Rinde ablosen, worunter es beinah erliegt. Vergonne mir Theil zu nehmen an Deiner Freude und an Deinem Schmerz, und verheele nicht langer die Empfindungen, die ein treues Weib mit Dir theilen will." "Eben weil es ein Weib ist, verheele ich sie," sagte er, und sah mich mit einem Blick an, als befremde es ihn, dass ich glauben konne, er leide. "Vertandle du dein Leben, Amanda, und kummere dich nicht um ernste Dinge. Wenn ihr nur spielt, seid ihr wenigstens nicht schadlich, wenn ihr ernsthaft sein wollt, seid ihr es immer. Handle du nach Laune und uberlass es dem Mann nach Vernunft zu handeln." Mein Gefuhl entbrannte bei diesen Worten. "Warum," rief ich schmerzhaft aus, "wahltest du ein fuhlendes Weib zur Gefahrtin deines Lebens, wenn du sie nicht zu wurdigen vermagst? warum bereitest du einem schuldlosen Herzen, das dich achtet, und dir Alles sein mochte, die krankende Ueberzeugung, dass es fur dich nichts sein kann? War es recht, ein dir gleiches Wesen bloss Mittel sein zu lassen, zu Zwecken, welche du ihm nie bekannt zu machen gedachtest?" "Wer nicht selbst Zwecke haben soll und kann, wird immer nur Mittel sein," sagte er nun schon ganz gefasst. "Ich hoffe nicht, dass du dich uber mich zu beklagen hast. Verschliesst dein Herz Wunsche, so sage sie, und wenn sie nicht unmoglich sind, sollen sie sicher befriedigt werden. Nur wenn du an meiner Denkungsart zu andern hofst, so " Er brach hier ab, und gab mir eine betrachtliche Summe Geld, wobei er mich mit vieler Artigkeit bat, bei Gelegenheit einiger bevorstehenden Lustbarkeiten meinen Anzug so glanzend einzurichten, als ich es mit vollem Recht thun konnte. Sein Gesicht hatte sich nun ganz wieder in die feinen, verschlossnen Falten gezogen, die es gewohnlich hat, und er verlies mich. Ich fuhlte, es war vorbei; er sah meine schwimmenden Augen und konnte mich verlassen. Ich fuhlte mich in diesem Augenblick ganz einsam; alle Gegenstande schienen weit von mir zuruckzuweichen, und ein unermesslicher Abgrund von Leere sich neben mir zu ofnen. Ich lies mein Madchen ausgehen, und meine Thur blieb vor der ganzen Welt, selbst vor dem Knaben, verschlossen. Ein bittrer, unmassiger Gram durchdrang das Innerste der Seele. Ach! auf der ganzen Welt kannte ich kein liebendes Herz, das mich in den truben Strom gereizter Empfindlichkeit erhalten, und durch freundliche Theilnahme wieder zum Licht der Hoffnung empor gehoben hatte! Selbst Du, meine Julie, entferntest Dich von mir! ich fuhlte nur allzuwohl, was ich Dir sei, obgleich ich Dir Alles bin, was ich Dir sein kann. Du hast Deinen Gatten, Deine Kinder, und Dein Herz zerschmilzt in Liebe fur die Gegenwartigen, wahrend es fur die Entfernte nur ein freundliches Andenken hat. Anders war es, als wir zusammen lebten, und unsre Freuden und Leiden, wie verschlungne Ranken zusammen aufwuchsen. Damals, umgab mich die wahre, herzliche Liebe meines Vaters, gleich einem wohlthatigen Schutzgeist, damals schien es mir, hingen so viele an mir, schlug mir so manches Herz entgegen, und jetzt Ich ging ans Fenster und kuhlte meine brennenden Augen in der milden Abendluft. Es war ein lieblicher Abend, und alles suchte das Freie. Mit welcher Sehnsucht sah ich auf die Vorubergehenden; ach! Alle schienen mir glucklicher als ich. Die Gartnertochter gingen in den schattigen Gangen mit einem jungen Mann. Sie waren durftig gekleidet, ohne Grazie, ohne Liebenswurdigkeit, aber sie gingen so traulich; ihre Herzen waren leicht wie die Lufte und ubereinstimmend wie die Farben des Abendhimmels mit welcher qualenden Wehmuth sah ich ihnen nach!

Sieh! so strebe ich, wahrend die hier immer mehr anwachsende Menschenmenge sich munter um mich her treibt, und alles dem Vergnugen sich ergiebt, mit grausamer Erfindsamkeit mich selbst zu qualen und wie ein eigensinniges Kind alles Gluck, das sich mir anbietet, zu verschmahen, weil mir das Einzige, nach dem ich mich sehne: geliebt zu werden, so wie ich mir es traume, versagt ist. Doch fuhle ich, dass mir wahrend dem Schreiben unvermerkt wieder leichter geworden ist, und dass der Quell der Hoffnung und Lebenslust, wie in jeder Menschenseele, unversiegbar auch in mir lebt. Aber was soll ich thun? ich fuhle was ich einem andern sein konnte, und darum ist es mir so schmerzlich, Nichts fur den zu sein, dem ich viel sein mochte. Warum kann ich den Weg zu seinem Vertrauen nicht finden, und stehe ewig fremd und unverstanden vor ihm? Als ich Albret kennen lernte, glaubte ich an ihm einen furchtbaren Gleichmuth, eine kalte Erhabenheit uber Leidenschaften und Wunsche wahrzunehmen, die ihn in meiner Phantasie zu einem hohern Wesen erhoben und meine Ehrfurcht erregten. Aber in der Folge bemerkte ich, dass diese Stille von aussen, nur destomehr innre Sturme verbarg, Sturme, deren Natur mir nur Wiederwillen erregte und da sah ich es gern, dass unsre Lebensart uns von einander entfernt hielt. Doch jetzt, da ich uberzeugt zu sein glaubte, dass er menschlich empfindet, dass er leidet, dass er vielleicht mehr unglucklich als hart ist, jetzt, meine Julie, fing ich an, ihn zu lieben! Noch einmal den Versuch zu machen, mich in seine Geheimnisse einzudringen, halte ich fur unwurdig, aber der Knabe ist mir nun noch lieber geworden. Es ist unverkennbar, dass hier ein, ihm nahe liegendes Geheimniss verborgen ist, und, wie es auch sei, dies Kind soll mir als das Pfand einer vergangenen, wahrscheinlich fur ihn glucklichen Zeit vorzuglich werth sein. Gute Nacht, meine Julie, mein Herz schlagt ruhiger nach diesem Brief.

Neunter Brief

Eduard an Barton

Ich schreibe Dir nur, um Dir Dein langes Schweigen vorzuwerfen, Du Saumseliger! Als wenn Du nicht wusstest, dass ich ohne Dich, ohne Zusammenhang mit Dir, noch nicht im Leben auskommen kann, nicht wusstest, dass ich nur durch Dich, von dem mir alles Gute kommt, auch Nachrichten von dem theuern Vater erhalte, nach denen ich mich immer sehne! Ich verlasse morgen diesen landlichen Aufenthalt wieder, von dem ich viel Nutzliche und angenehme Erinnerungen mit hinweg nehme. Einige Ideen uber Dinge, die ich hier erlernt und uberdacht, lege ich Dir noch besonders bei, und da ich weiss, wie sehr Du Eigenthumlichkeit zu schatzen weisst, in welcher Gestalt sie sich auch zeigen mag, so will ich Dir, da ich selbst heute nicht zum Schreiben tauge, einen Brief von Nanetten abschreiben, den ich vor ein paar Tagen erhielt.

"Eduard," schreibt sie, "wenn Du nicht im Augenblick Dein Altes verwunschtes Schloss, und Deine Kenntnisse und sogenannten Zwecke, mit denen Du Dir selbst und andern, doch nie eine einzige frohe Minute machen wirst, verlasst, und hieher eilst, wo alles frohes, warmes, erquickliches Leben athmet, so sterbe ich vor Ungeduld. Du musst sie sehen, und hast keinen Augenblick zu verlieren. Eine schone, junge, reiche Frau, deren Mann alter, in seinen eignen verwickelten Handeln ganz vergraben, und ohne alles Gefuhl zu sein scheint; kannst Du Dir fur junge Manner etwas anziehenderes denken? Ohne Gefahr konnen sie hier ihre zartlichen Lugen bis aufs ausserste treiben, was sich, wenn sie bloss jung und schon ware, doch nicht so unbedingt thun liess. Freilich hoffe ich, und sie wird von ihrer Seite, diese unschatzbare Situation nicht unbenutzt lassen; ihrer Eitelkeit mit ein paar Dutzend Mannerherzen ein angenehmes Opfer bringen, und so Betrug mit Betrug vergelten. Ich wenigstens thue alles, um sie dafur zu stimmen, denn ich liebe sie recht von Grund des Herzens, ob ich gleich eigentlich gar nicht begreifen kann, was mir so an ihr gefallt, da ich fast alles was sie denkt und thut, abgezogen, dass sie es thut, hochst lacherlich finde. Denn wie man bei einem lermenden, allerliebsten Ball voll eleganter Tanzer und Tanzerinnen, an die, im Menschen liegende, geheimnissvolle Neigung zur Harmonie, denken, und von einem Manne eine unerklarliche, susse Uebereinstimmung, kurz etwas anders verlangen kann, als Mittel gegen die lange Weile und das angenehme Gefuhl unsrer Verstandsuberlegenheit das ist mir ganz unbegreiflich! Ich hasse alles, was nur von fern einer Traumerei ahnlich sieht, und die listige Miene einer artigen Modehandlerin, die sich bestandig mit Geschmack zu kleiden versteht, und dadurch die Kauferinnen anlockt, ist mir viel interessanter als die tiefsinnigste Reflexion, die in nichts eingreift und nichts bewirkt. Frisch, munter hingelebt, sein Dasein nach allen Seiten hin, sorgenlos ausgebreitet, so viel Freude genossen, als moglich; gegen andre, nicht gut, sondern klug sich betragen; sich nur an die Aussenseite gehalten, um das Innere nicht bekummert, denn dies ergrundet doch keiner; uns als die Seele des Ganzen die Manner, als die grobern Werkzeuge betrachtet, die wir nach Gefallen regieren konnen mit dieser Weisheit, oder Thorheit hoffe ich auszukommen; ja ich hoffe noch so viel angenehme Kleinigkeiten zu thun, so viel Neid und Liebe zu erregen, so viel fremde Thorheiten zu belachen, dass ich gar keine Zeit habe, an meine eigenen zu denken."

"Ja! ich weis es doch, was mich eigentlich so an Amanden fesselt. Sie afektirt nicht; so wie sie ist, so ist es ihre Natur und dies ist unschatzbar! denn wenn irgend etwas der verstandigen Plumpheit der Manner beikommt, so ist es die unverstandige Ziererei der Weiber."

"So komm denn, ich erwarte Dich.

Deine Nanette."

Zehnter Brief

Amanda an Julien

Ich komme eben aus dem Garten. Ein heitres, schimmerndes Morgenlicht ergoss sich uber die Gegend; die Stauden und Blumen hauchten ihren Geist in den sussesten Geruchen aus. Alle Lauben dufteten, alle Vogel sangen Himmel und Erde umfassten mich mit freundlicher Liebe. Ich fuhlte mich an Korper und Geist unaussprechlich wohl, und empfanglich fur jeden Eindruck.

Nur Eins noch, ihr Gotter, rief ich in frohlicher Begeisterung, und ich bin selig wie ihr!

Was mein Gemuth in diese freie, empfangliche Stimmung versetzt hat, dass mir alles neu verklart, in einem schonern Licht erscheint, ist, ich fuhle es, wol etwas besseres als die fluchtige Anwandlung einer heitern Laune. Es ist der Nachklang einer hohern Harmonie, die gestern, mit gottlicher Hand alle Saiten meines Herzens beruhrte. Nanette liess in ihrem Gartensaal eine Musik auffuhren. Die geschmackvolle Einrichtung des Gartens, der freundliche Himmel, die muntre, liebenswurdige Wirthin, alles dies ofnete bald die Herzen fur jeden gefalligen Eindruck. Ein paar fremde Virtuosen, Bekannte von Nanetten, die ganz in ihrer Kunst lebten, fuhrten, von den ubrigen gut unterstutzt, verschiedene der besten Compositionen, meisterhaft aus. Bei einer der schonsten Stellen fiel mein Blick auf einen jungen Mann, der ganz in den Tonen zu leben schien. Denke Dir einen wahren Geniuskopf, und um diesen Kopf die Glorie inniger Entzuckung. Die Tone verklarten sich in dem schonen Auge und schwebten wie Geister auf den feinen Lippen. Er hatte fur nichts anders Sinn; seine ganze Seele war der Harmonie hingegeben; und dass ihn nichts storen konnte, war es eben, was mich ganz storte. Diese schone Ruhrung, der hochste Triumph der Kunst, die ich selbst in unharmonischen Zugen nie unbewegt wahrnehmen kann, wie mussten sie sich auf einem solchen Gesicht verherrlichen! Ich konnte und wollte meine Augen nicht von der holden Gestalt wegwenden, und fand ein unbeschreibliches Vergnugen darinnen, mir die reine entzuckte Stimmung dieser harmonischen Seele auf das lebhafteste zu denken. Welch eine Wonne ist es, Julie, das Beschrankte unserer Natur zu vergessen, und mit der Einbildungsgewalt in fremde Seelen einzudringen! So hatte ich, ganz in diese Betrachtungen vertieft, nicht eher wahrgenommen, dass das Spiel zu Ende war, bis ich den Jungling fortgehen und unter die Spielenden treten sah. Er nahm mit freimuthigem, gebildetem Wesen ein Notenblatt; die Musik begann von neuem; er sang. Nie habe ich eine reinere, lieblichere Stimme gehort; er sang mit einer Wahrheit, Biegsamkeit, mit einer Seele, die unwiderstehlich in alle Herzen drang; auch die Gleichgultigsten wurden bewegt. Sein Gesang bezauberte mich so sehr, dass ich ihn selbst daruber vergass; mein Herz zerschmolz in schmerzlich susser Wehmuth, und uberliess sich ganz einem Gefuhl, das ich nie zuvor empfunden, das eine wunderbare Mischung von Ahnung und Erinnerung, nicht blosses Wohlgefallen an der Kunst war.

Als die Musik geendigt hatte, fuhrte Nanette den Sanger zu mir, und stellte mir ihn als ihren sehr nahen Verwandten vor, der eben jetzt von einer kleinen Reise zuruck gekommen sei. Ich erinnerte mich nun, dass ich sie unter dem Namen Eduard schon mehrmals hatte von ihm sprechen und vieles von ihm erzahlen horen. Unser Gesprach lenkte sich naturlich auf den nachstliegenden Gegenstand, die Musik, und gewann gar bald Leben und Bedeutung, besonders da wir mit Vergnugen in unserm Geschmack viel Uebereinstimmendes bemerkten. Nanette horchte einige Zeit mit muthwilliger Miene zu, aber bald, des ernstern Gesprachs uberdrussig, unterbrach sie es mit einer Nekkerei, nahm Eduard am Arm, und hupfte mit ihm weg. Sie beschaftigte sich auch den ganzen Abend sehr angelegentlich mit ihm, und schien in seiner Unterhaltung unendlich viel Vergnugen zu finden. Ich fuhlte mich weniger theilnehmend wie sonst; doch freute ich mich im Stillen an dem anmuthsvollen Wesen, das in Allem, was Eduard sagte und that, sichtbar ward. Warum besitze ich nicht die Kunst, Dir sein Bild durch einige genievolle Zuge lebendig vor Augen zaubern zu konnen? Sicher wurdest Du mit Lust darauf verweilen, und Dich von diesem Auge, aus welchem Dir eine Welt von schonen Gefuhlen entgegen strahlt, dieser hellen, geistvollen Stirn, diesem ganzen ausdrucksvollen Gesicht nur mit Muhe wieder wegwenden konnen.

Auch Albret schien von dem ersten, allgemeinen gunstigen Eindruck, nicht ausgenommen. Doch als ich ihn scharfer beobachtete, bemerkte ich bald, dass er etwas, dem jungen Mann nachtheiliges, in seinem Gemuth verschloss, so sehr er es auch mit seiner gewohnlichen Feinheit zu verdecken wusste; denn er hat sich so sehr in seiner Gewalt, dass nur sein Auge denen, die ihn genau kennen, die wahre Stimmung seiner Seele ahnen lasst. Wie bewundrungswurdig ist doch dieser Ausdruck des Auges, und worinnen besteht er eigentlich? Hier ist alles unendlich zarter, feiner, geistiger als in den ubrigen Theilen des Gesichts, wo sich das, was in der Seele vorgeht, durch Rothe oder Blasse, oder Zusammenziehen der Haut entweder leicht verrath, oder bei festen Muskeln geschickt verheelen lasst. Aber das Auge ist unter allen das, was zunachst an Begeisterung, ans Unbeschreibliche granzt es ist hier, wo die Seele am unmittelbarsten zu wirken scheint.

Doch, ist es nicht seltsam, dass ich im engen Zimmer sitze und schreibe, indess mich im Freien alles zum frohlichsten Leben und Empfinden einladet? Lebe wohl, und freue Dich, Du theilnehmendes Wesen, dass Deiner Freundin heute ein sehr heit'rer Tag aufgegangen ist. Da der Brief noch nicht fort ist, muss ich Dir noch einmal schreiben. Ich habe diesen ganzen Tag allein zugebracht; selbst Nanetten habe ich nicht gesehen, und doch war mir so wohl, doch fuhle ich mich so glucklich, meine Julie! Eine leichte duftige Sommernacht schwebt' uber der Landschaft. Der Himmel mit allen seinen glanzenden Augen blickte heiter herab. Der Mond strahlt mit halbem Antlitz, und wirft ein leichtes Nebelmeer zwischen die Berge hin. Kleine Johanniskafer fliegen wie herabgefallene Sterne durch die dunkeln Busche. Eine neue, muntre Welt umgiebt mich; alle Verhaltnisse scheinen mir leicht, von freundlichen Genien gewoben. Die Gegenwart begranzt meine Wunsche, ich erwarte, ich verlange nichts. Und wenn ich mich frage, woher diese Stimmung, weiss ich es? woher doch ich kann dies nicht verschweigen ja! ich habe ihn heute gesehen.

Meinem Garten gegenuber liegt eine kleine, anmuthige Anhohe, da gieng er in der lieblichen Abendkuhlung. Er blieb stehen und betrachtete rings die Gegend, und zuletzt, da ihn das einsame Platzchen anzuziehen schien, warf er sich auf den frischen Rasen nieder; halb verbarg ihn ein bluhendes Gestrauch, und ich sah, dass er ein Buch hervorzog. Es ist nichts, ich weis es; leicht moglich, dass er nicht einmal bemerkte, wer ihm gegenuber stand, aber ich fuhle, dass meine heitre Stimmung durch dies Nichts gewonnen hat.

Elfter Brief

Eduard an Barton

Ich beklagte mich in meinem letzten Brief uber Dein Schweigen, und nun gebe ich Dir Ursache uber das Meinige zu klagen. Aber sind wir uns gleich? Du kannst meine Briefe entbehren, Du liesest sie vielleicht nur um meinetwillen; mir sind die Deinigen unentbehrlich, ja sie machen einen Theil meines Lebens aus.

Ich habe seit ich Dir zuletzt schrieb, Nanettens Freundin, die sie mir in ihrem Brief schilderte, kennen lernen, und in ihr jene Unbekannte wieder gefunden, die ich in den ersten Tagen meines Hierseins, neben dem altlichen Mann im Wagen schlummern sah, und deren unbefangene Schonheit ich Dir schilderte. Eine nahere Bekanntschaft hat mich nur noch mehr zu ihr hingezogen, und ich uberlasse mich willig den Eindrucken die sie auf mich macht, unbekummert, ob sie meine fluchtige Neigung wird fesseln konnen, oder nicht. Du selbst riethest mir oft, mich dem verfeinerten Theil der Weiber, der gleichsam ein andres Geschlecht ausmacht, zu nahern, und ich hatte es gern gethan, wenn mich nicht meine naturliche Ungeschicklichkeit immer davon zuruckgehalten hatte. Doch jetzt fuhle ich lebhafter als je den Wunsch, von diesem wunderbaren Wesen mehr zu erfahren, und ihre machtige Einwirkung auf unsere Bildung und Zufriedenheit an mir selbst zu empfinden. Glaube jedoch nicht, dass mich der weibliche Umgang ausschliessend beschaftigen und von allem andern, was mir bis jetzt wichtig war, abziehen werde, denn noch gedenke ich lebhaft der Stunde, wo Du mir einst sagtest: Nichts hindert die Bildung besserer Menschen mehr als Liebeleien. Leidenschaften konnen zerrutten und erheben; die Seele, die sich ganz der Liebe hingeben kann, ist zu jeder Grosse fahig, aber sie werden nur selten empfunden, und kleinlich ist es, ihren Schein zu erkunsteln.

Auch musste ich wol sehr eitel sein, wenn ich glauben wollte, auf Amandens Herz einen bedeutend tiefen Eindruck machen zu konnen; denn sie ist reizend, sehr reizend, ein jeder fuhlt das, der sie sieht, und ein wunderbarer Zauber, von tiefem, lebhaften Gefuhl, der sie umgiebt, zieht Manner und Weiber mit Liebe zu ihr hin. Und doch, Barton! ich mochte gegen Dich, um alles in der Welt nicht Heuchler sein wenn ich alles bedenke, so, wie mich auch ihre Phantasie ihr vielleicht darstellt wie ich auch auf sie gewirkt haben mag genug! ich muss es glauben, dieses Weib, dem Alles huldigt, das ich anbeten muss sie liebt mich!

Hore was ich Dir zu sagen habe, und urtheile selbst. Nanette hat sich in der Nahe ein Gut gekauft, weil ihr das hiesige Leben so sehr gefallt, dass sie jahrlich einige Zeit in dieser Gegend zubringen will. Sie lud uns ein, mit ihr dahin zu fahren, Amanda, mich und noch einige Bekannte, die ich Dir ein andermal schildern will. Ich sage Dir nichts von der Reise, obgleich Witz und Vergnugen sie zu der angenehmsten erheben, und obgleich schon da ein unsichtbares, unnennbares Band sich zwischen mir und Amanda webte. Als wir ankamen war es bereits Nacht. Nanette, von der Hitze des Tages und ihrer eigenen Lebhaftigkeit ermudet, sehnte sich nach Ruhe, und da Amanda, die, unveranderlich wie eine Gottin, noch wie am Morgen voll Geist und Leben war, sich gleichwol nicht von ihrer Freundin trennen wollte, so liessen wir ubrigen sie allein und gingen in der heitersten Laune und mit der angenehmen Aussicht auf ein paar gluckliche Tage in die uns angewiesene Zimmer. Ich erwachte fruh am andern Morgen; im Hause war noch alles still, und ich eilte hinaus in die Landschaft, auf welche eben die ersten Strahlen des Morgens fielen. Die Schonheit der Gegend uberraschte mich, denn die gluckliche Stellung der Gebirge, die sich um das schone Thal ziehen, bildete sehr romantische Parthien und einen reizenden Grund, wovon ich am Abend nicht das Mindeste geahnet hatte.

Ich verlor mich seitwarts in den Wald, der sich sanft den einen Berg hinaufzog; die frischen Waldgeruche durchdrangen und starkten mich, und die Vogel wirbelten mit ihrer wilden, frohen Musik, mich zu neuer, rascher Lebenslust empor. Unvermerkt hatte ich die Hohe erreicht, und trat nun aus dem Dunkel des Waldes heraus. Ein wildes Klippengemisch sank unter mir ins Thal herab. Ringsumher waren alle Berge mit Wald bedeckt, der bald scharfe, dunkle Umrisse zog, bald gefallig wie mit grunen Wellen herabsank. Die Morgensonne glanzte mit heiligen Strahlen uber die Berge, und meine Seele erklang wie Memnons Bildsaule, beim Wiedersehen der Mutter. Lange, lange stand ich da, das schone Bild mit Wollust in mich aufzunehmen, und meine Gedanken hiengen an dem freudigen Wehen der Baume, und an dem Leben, das aus ihren Zweigen in heiterer Ungebundenheit rauschte. Ueberall sah' ich eine unaussprechliche Freiheit und Liebe verbreitet. Wie in einem glucklichen, wohl organisirten Staat gedieh' hier alles, hinderte sich nichts, wuchs alles nach Kraften empor. Mitten in diesen Bildern fuhlte ich mein Herz von einer seltsamen Wehmuth durchschnitten. Hier, wo alles sich zu kennen, sich zu fassen schien, und frohlich in Eins zerschmolz, schien ich mir ganz unzusammenhangend, ganz allein, dazustehen, und erschrack fast vor meiner eigenen Gestalt. Ich breitete meine Arme aus, und fuhlte mich so innig mit der Natur verwandt, hatte ein Mitglied dieser Baumerepublik werden mogen! Ach, das angstliche Klopfen meines Herzens storte keinen in seiner Ruhe, und eine Thrane presste sich mir ins Auge, indem ich die unubersteigliche Scheidewand fuhlte, die mich von den Wesen, welche mich umgaben, trennte. In diesem Augenblick sah ich nicht weit von mir, unter Felsen und wildem Gestrauch, eine weibliche Figur sitzen, die ich im ersten Augenblick fur Amanda erkannte. Sie sah zu mir herauf, sie blickte mich seelenvoll an, und mir ward wohl, jugendlich wohl. O! Leben, rief ich und sprang uber die Felsen zu ihr hinab, welch ein liebes, freundliches Geschenk bist du! Mit innigen Vergnugen horte ich, wie sie mir zurief, nicht diesen Weg, der allzugefahrlich sei, zu kommen. Ich sah sie schoner, himmlischer als je, eine uberirdische Glut loderte in ihren Blicken, und jeder Zug ihres Gesichts, jede Bewegung, war Anmuth und Seele. Meine Amanda! dachte ich und merkte erst an ihrem uberraschten Blick, dass ich es auch gesagt hatte. Aber wer hatte bei dieser Umgebung, in solcher Stimmung, und bei ihr, wol an Verhaltnisse, oder nur an etwas Entferntes denken konnen? Die Gegenwart war so allbeseligend, und eine frohliche Begeisterung, gab allen Gegenstanden um uns her eine neue, schonre Bedeutung. Ich schlang meinen Arm dicht um den ihrigen; mein Blick durchirrte die Gegend nicht mehr, und so oft auch sie mich anblickte, mit ihrem Auge voll Geist und Liebe, flog ein heiliger, nie gefuhlter Schauer durch meine Seele.

Nach diesem Morgen war alles ganz anders, zwischen ihr und mir. Ueberall schienen wir uns zusammen zu gehoren, und ein geheimes Verstandniss leitete uns, ohne dass davon zwischen uns die Rede gewesen ware. Wir blieben einige Tage auf dem Lande. Am letzten war Amanda trube, aber diese Schwermuth war reizender als alle Freude der Welt. Wir alle hatten den schonen Abend in der Laube des Gartens zugebracht. Die andern giengen weg; sie verspatete sich einen Augenblick: O! dass ich sie zu erheitern vermochte! sagte ich, dass ich ihnen nur etwas sein konnte! Eduard, sagte sie, sie konnen mir Viel sein! Und in diesem Augenblick fuhlte ich einen leisen Druck ihrer Hand, der meine ganze Seele erschutterte.

Was wirst Du mir schreiben, Barton? ich erwarte Deinen Brief mit der hochsten Ungeduld. Wie? wenn ich vor Dir da stande, wie einer jener Gecken, die ich immer so bitter gehasst habe, die jedes freundliche Wort eines Weibes, jeden leichten, vorubergehenden Scherz fur Liebe halten! Tage sind vergangen, ich habe sie nicht gesehen, und jene seltsame, freudige Gewissheit, ist nicht mehr in meiner Brust; ja fast schame ich mich, dass einige Blicke, halbe Worte, und ein Handedruck, mir sie erregen konnten. Und doch! O! sag' Du mir Deine Meinung, aber bald! ich bin entschlossen, sie nicht wieder zu sehen; denn, wenn die Gewalt eines Weibes so gross ist, dass sie uns mit uns selbst entzweit, so ist sie mir furchtbar.

Zwolfter Brief

Amanda an Julien

Hab' ich bis jetzt getraumt? oder sendet eine hohere Sonne nur zuweilen einen fluchtigen, aber gottlichen Blick auf unser dustres Leben? Was fur Stunden sind mir geworden! Das erste goldne Alter der Menschheit ist zuruckgekehrt, alle Missverhaltnisse sind verschwunden, alle Fesseln zerbrochen, und ungehindert folgen die Herzen dem sussen Zug der Harmonie. Ich trage in meiner Seele ein hohes Bild; ich denke an nichts, kein Mensch hat Recht auf meine Theilnahme, ich lebe jetzt nur mir, nur meinem Himmel. Zu welcher Hohe von Gluck bin ich auf einmal emporgestiegen? Welch ein gottlicher Fruhlingshauch hat alle Bluthen meines Gefuhls entfaltet? Julie! wenn Du jetzt nicht mit mir fuhlst! Du sagtest mir es oft und ich bestritt es zuweilen wenn zwei gleichgestimmte Herzen sich fanden, das sei die lieblichste Bluthe des Lebens. O! freue Dich mit mir, holde Jugendgespielin! Lass Dich von keiner Sorge, keiner Bedenklichkeit zuruckhalten. Wahrheit des Gefuhls, wo und wenn sie auch erscheint, und wie sie sich auch aussert, ist immer ehrwurdig, immer heilig!

Ich begleitete Nanetten auf ihr neuerkauftes Gut, das in einer massigen Entfernung von hier liegt. Sie hatte noch einige ihrer Bekannten eingeladen, und in unserm Wagen fuhr ihr Vetter Eduard, und noch ein andrer junger Mann, der zu unserm nahern Umgang gehort. Nanette war ausgelassen lustig; aber diese Laune ist bei ihr stets von einer gewissen Kindlichkeit begleitet, wodurch sie fur mich erst reizend wird. Sie neckte und plagte die Manner auf mancherlei Weise. Eduard machte sie Vorwurfe uber seine Sentimentalitat, mit welcher er eigentlich nur seine granzenlose Eitelkeit zu verdecken strebe, und sein unliebenswurdiges Betragen gegen die Weiber. Sie schloss mit der Prophezeihung, dass es mit ihm noch ganz anders werden wurde. "Mein Herz, sagte Eduard lachelnd, ist gleich dem Diamant, den kein Feuer zerschmelzen kann, ausser die reinen Strahlen der Sonne." Er sah mich fluchtig, aber ausdrucksvoll an, und Nanette fuhr fort, ihm zu sagen, dass er ihr wol auf vier Wochen lang gefahrlich werden konnte; sie schlug ihm vor, den Verliebten zu spielen, und ermahnte ihn, seine Rolle aufs naturlichste vorzutragen. Dann fieng sie Handel mit unserm andern Begleiter an, der immer viel von Verhaltnissen und Uebereinstimmung sprach. Er nannte ihre Laune einen schonen Auswuchs, der eigentlich nur bewies, dass sie in ihrem Innern nicht ganz harmonisch sei. "Was das fur phantastische Grillen sind! rief sie aus. Wie, ich sollte die gute, freundliche Stimmung, die mir stets ungerufen und unerwartet vom Himmel kommt, gramlich von mir weisen, weil sie sich nicht zu allen meinen innern und aussern Verhaltnissen schickt! Ich bitte, verschonen sie mich mit ihrer Uebereinstimmung, und lassen sie mir meine Fragmente, die mir auch das Fremde, Unharmonische ertragen lehren.!"

Der Abend war unbeschreiblich schon, und ich schlug vor, den Rest des Weg's zu Fuss zu machen. Eduard stimmte mir sogleich bei; doch Nanettens Bequemlichkeit war starker als ihre vorgenommene Liebe zu ihm; sie lies ihn unter tausend scherzhaften Verhaltungsregeln, mit mir allein wandern und blieb im Wagen. Der Weg gieng durch ein verwachsenes, suss duftendes Geholz. Julie! was war es, was ich empfand? hast Du es je gefuhlt, was, ganz von dem gewohnten Gang der Gedanken getrennt, verschieden, mit zarten, leisen Schwingen, alle Saiten Deines Herzens ruhrt? was Deinen Sinn von der Weiblichkeit abschneidet, und mit geheimnissvollem Zug, Dich in ein fremdes, himmlisches Leben fuhrt, wo selbst die Flugel des Gedankens nicht hinreichen? welch' eine Wehmuth, eine Ahnung quoll mir aus den Abendgeruchen des Waldes, den bethauten Pflanzen, aus der zarten Dammerung, die schon durch die fernen Strauche hervordrang, entgegen! Ich hatte so manches Gesprach anknupfen, Eduard uber manches fragen wollen, aber ich war stumm, doch ohne missvergnugt daruber zu sein. Eduard schien meine Gefuhle zu theilen, doch, vielleicht mehr gewohnt mit Eindrucken zu spielen, suchte er sich und mich, auf eine angenehme Weise zu zerstreuen, und ich wusste es ihm Dank, denn ich kam gefasster zu den Uebrigen zuruck. Wir hatten von gleichgultigen Dingen gesprochen, und doch schien es, als hatte dieser Gang uns einander naher gebracht. Was ist das, Julie, was ohne Worte, die Seelen leise zusammen bindet? hast Du es je erklaren konnen?

Es ward Nacht, wir waren angekommen, und ohne Mudigkeit zu fuhlen, war ich froh, allein zu sein. Die Bilder des Tages giengen lachelnd vor meiner Seele voruber; aber bald that es mir unbeschreiblich weh, dass ich mit Eduard nicht mehr gesprochen hatte. Ich wusste noch so wenig von ihm; seine ganze Vergangenheit war todt fur mich, seine Zukunft konnte uns leicht auf immer trennen, und ich lies die kurzen Augenblicke der Gegenwart unbenutzt vorbei! Es schien mir in meiner Unruhe, als konnte diese schone Gelegenheit nie wieder kommen, und doch beschloss ich sie wieder zu suchen. Ich erwachte mit dem Tag, die Morgenrothe erschien mit ihrer Rosenstirn und ihren goldnen Fussen. Alles zog mich ins Freie; und ich folgte gern. Wie verandert war alles! Der Duft der Ahnung ruhte nicht mehr auf dem Thal, die Begeisterung hatte ihren Schleier aufgerollt, aber ein Glanz, ein Leben, eine Herrlichkeit schwebte uber der Gegend, die ich nicht zu beschreiben vermag.

Ich war wie von unsichtbaren Handen empor getragen, mein ganzes Wesen, war leichte, freie, susse Freude. Lange schwelgte ich auf der Hohe in reinem Luftstrohm, dann lies ich mich die Felsen herab, und stand nun da, in einsam lieblicher Wildniss. Vor mir wehte und wogte die Gegend in sichtbarem Aether; Himmelswarme spielte um meine Wangen, Begeisterung kusste meine Seele, und frohe Schauer durchbebten mich. Augenblicke voll unendlicher Seligkeit giengen mir voruber; dann kehrten meine Gedanken zur Erde zuruck, ich fuhlte mich angenehm beschrankt, meine Wunsche uberflogen diese Hohen nicht; ich hatte alles was ich wunschte denn ich liebte. Da sah ich auf, und die schone Gestalt die in meinem Herzen wohnte, stand lebendig vor mir. Nachdenkend, mit schonem Ausdruck, stand er auf der Hohe und bemerkte mich lange nicht. Endlich aber, wie von Zephirs getragen, kam er herab, leicht und glucklich uber die gefahrlichsten Stellen. Was soll ich Dir noch sagen, Julie? Dieser Morgen band meine Seele auf ewig an die seine. Alles um uns her bluhte schoner, ein zarter, heimlicher Sinn sauselte in jedem Luftchen, das uns kusste. Das Herz war des Herzens gewiss, jedes unsrer Worte war voll Geist und Leben, ein hoher Genius trug alles weit uber das Mittelmassige empor. Ich zwang mich nicht. Was mir ins Herz kam, das sagte, das that ich. Ach! wie lange, wie innig hatte ich mich nach einem verwandten Wesen gesehnt, wie bitter mir die gestrige, verlorne Stunden vorgeruckt jetzt von der ganzen Natur zur Freude eingeladen, von allem Zwange fern, an seinem Arm, der heiss ersehnte Augenblick denk' Dir, was ich empfand!

Wir kommen wieder unter Menschen. Etwas Unnennbares hatte ihn an mich gefesselt, hielt ihn ganz an mich gebannt. Die gleichgultigste Kleinigkeit, wie erhielt sie durch seine Gegenwart ein besonderes, unbeschreibliches Interesse! in Allem was wir sprachen, lag ein geheimer Sinn, den der Scharfsinn des Andern immer leicht und glucklich zu finden wusste; ein zufriedenes Lacheln war dann die Belohnung. Ohne Geist, welche traurige Liebe! Aber wenn das Auge von Begeisterung glanzt, und ein susses Staunen uber die Vorzuge des Geliebten die Seele erhebt, dann- Himmel! o Entzuckung!

O, Julie! die susse erfinderische Liebe! Eben kommt Wilhelm, dessen Anhanglichkeit an mich sich nicht mindert, und immer starker zu werden scheint, zu mir. Ich hore ihn hastig die Treppe herauf springen; die Mutter halt ihn auf; fragt, wo er die schonen Blumen her habe? Gefunden, ruft er dreist und schnell, macht sich los und schlupft zu mir herein. Er halt mir einen grossen, mahlerisch schonen Rosenzweig, mit voll entfalteten und noch halb geschlossnen Bluthen entgegen, und aus der kleinen festgeschlossnen Hand zieht er ein feines Blatt Papier hervor, das in leicht geschriebenen Zugen, folgendes enthalt: "Ein reizender Knabe spielt an meinem Garten. Sein Anblick erfreut mich; ich finde Mittel ihn gesprachig zu machen, und erfahre, dass er in Amanda's Nahe lebt, dass er sie liebt- wie konnt' er anders? Ich breche die schonsten Rosen meines Gartens; wie ihr Duft umschwebt mich das Andenken an die schonsten Tage, aber wie ihr Stachel, verwundet mich der Zweifel, ob sie auch je wiederkehren? Bote der Liebe! bringe sie der Gebieterin, und wenn ihr der Duft gefallt, wenn sie den Zweifel zu heben wurdigte, vielleicht durch Dich o! dann eile schneller als ein Gott und segnender, zu dem Sehnsuchtsvollen zuruck!" O! wie schmeichelt dieser Duft, dieses Geschenk der Liebe aus eines Amors Hand wie mich die Nahe des Gottes ergreift!

Der Kleine hat mir noch vieles von dem schonen, jungen Mann erzahlt, vieles, was mich entzuckte. Leb' wohl. Ich sende ja ich sende ihn zuruck. Der nachste Augenblick und mein Herz mag entscheiden, mit welcher Antwort.

Dreizehnter Brief

Amanda an Julien

Ich sitz' allein in meinem Zimmer, von den seligsten Traumen umgaukelt. Die Kleider, welche ich heute trug, liegen zerstreut umher. Ich kusse sie, ich drucke sie an mein Herz seine Blicke, sein Hauch haben sie umschwebt und geheiligt. Ach, Julie! wie liebe ich diese Erinnerungen! wie suss ist diese Traumerei! Endlich, endlich bin ich glucklich! Die Stunden hupfen wie silberklare Wellen um mein Dasein; aus dem verworrenen Spiel menschlicher Wunsche, tont eine leise Harmonie zu mir her die ganze Natur ist ein schoner, ewig ungetrubter Spiegel, der mir heiter nur mein eignes Gluck zuruckstrahlt!

Wenn ich Dir sagen werde, was heute geschehen ist, und was ich fuhle, so wirst Du vielleicht erstaunen, und wie in Deinem vorigen Briefe fragen, ob ich noch dieselbe Amanda bin, und ein so weises Misstrauen in sie setzte? Aber, Julie, so lange wir noch nicht geliebt haben, durfen wir nicht hoffen, uns selbst recht zu kennen. Eine fremde, hohere Macht bestimmt dann unsere Handlungen, ja sie reicht bis in das Heiligthum unserer Gedanken und wir freuen uns noch ihrer Allgewalt. Wahre Liebe ist nicht moglich ohne das vollkommenste Vertrauen; wir haben keine Grunde dazu, aber wir bedurfen auch keine. Unser Gefuhl reicht weiter, als unsre Ueberzeugung, und ein heiliger Glaube burgt uns fur das fremde Herz, wie fur unser eignes.

Ich schrieb Dir zuletzt, auf welche Art ich von Eduard Nachricht erhalten. Vom Schreibtisch gieng ich zu den Blumen, die einen kleinen Garten vor meinen Fenstern bilden, und suchte bei ihnen eine Antwort, denn diese Sprache hatte mir etwas so liebliches, dass auch ich sie wahlen wollte. Ich brach einen schonen, frischen Myrthenzweig, und umwand ihn dicht mit Stundenblumen, deren schone, vergangliche, aber sich schnell wieder erholende Bluthe Du wohl kennst. Dann schrieb ich auf ein Blattchen: "Liebe halt das Fluchtige fest und erneuert das Vergangene." Der Kleine sprang vergnugt und schnell mit seinem Auftrage fort. Eduard wiederholte auf diese Weise seine Erinnerungen ofterer; wir sahen uns zwar zuweilen, aber stets in Gesellschaft, wo, eben der geheime Wunsch, einander naher zu sein, uns mehr von einander entfernte. Ich antwortete einigemal, und der Knabe vollzog seine Auftrage mit einer Geschicklichkeit und Besonnenheit, die mich in Erstaunen setzte. Aber bald befremdeten sie mich nicht allein; sie erschreckten mich. Diese fruh geubte Verstellung musste ja eine Rinde um sein Herz legen, die vielleicht nie ein Strahl der Wahrheit zu durchdringen fahig war. Durfte diese zarte Seele mit einem Geheimniss belastet werden, diese Unbefangenheit etwas zu verheelen haben, und sind Verschwiegenheit und Tugenden fur Kinder? Nein! um diesen Preis konnte ich meine Freunde nicht erkaufen, und was ich auch dabei verlor, so schrieb ich dies doch Eduard, und verbot ihm, mir ferner auf diesem Wege Nachricht von sich zu geben.

So giengen mehrere Tage traurig hin, an denen ich nichts von ihm horte, und mein Herz war weit entfernt, in dem Gedanken: gut gehandelt zu haben, Beruhigung und Freude finden zu konnen; ja es warf mir vielmehr meine Bedenklichkeit und Unempfindlichkeit bitter vor.

Heute war es, wo ich, wie ich oft zu thun pflege, allein spazieren gieng. Ich gieng durch bluhende Alleen, zwischen Hecken und uber gemaheten Wiesen;

unachtsam auf das was um mich her vorgieng und ganz meinen Traumen hingegeben, war ich weit gegangen, als ich sahe, dass eine dunkle Wolke sich tief in die Thaler hereinneigte, und bereit schien, sie mit ihrem Seegen zu tranken. Die Linden hauchten starke, begeisternde Geruche aus, eine laue, zartliche Luft drang mir entgegen, und die ganze Natur erschien mir wie die Geliebte des Himmels, die ahnend den Thranen der Liebe entgegen harrt. Jetzt stand ich ganz nah vor einem Garten; die kleine Thur, von grunen Ranken und blauen Blumen beinah verdeckt, stand halb offen, und ich trat, vor den nahen Sturmen fluchtend, eilig hinein. Meine Blicke suchten nach einem Obdach, als ein junger Mann mir entgegen kam, den ich sogleich fur Eduard erkannte. Er selbst war der Bewohner dieses Gartens, und wir fuhlten uns durch dies wunderliche Spiel des Zufalls unbeschreiblich uberrascht und befangen. Es war das erstemal seit jenen schonen Tagen auf dem Lande, dass wir uns allein sahen, und es schien, als waren wir uns durch die Briefe selbst, nur fremder geworden. Und es ist gewiss Liebe vertragt keine fremde Mittheilung, so wie sie keine andre Nahrung als sich selbst bedarf. Was sollen Zeichen, die der Verstand erfand, wo keine Begriffe auszudrucken sind, wo nur ein Blick aus dem verklarten Auge des Geliebten, der Seele die Gewissheit, dass ihr unnennbares Gefuhl auch von dem verwandten Wesen verstanden und empfunden wird?

Wir giengen durch einige Gange, die nach dem Gartenhaus fuhrten, als eine Nische von Acazienbaumen und Rosen beinah' verschlossen, meine Aufmerksamkeit erregte. Ich bog die Zweige zuruck und gieng hinein. Die Bildsaule eines Amors, fein und richtig gearbeitet stand in reizender Gestalt da. Sein Bogen und seine Pfeile lagen zerbrochen vor ihm; keine Binde verdeckte seine Augen, Aber mit ernster Schalkheit legte er den Finger auf den Mund. Ein hoher Rosenstock, der noch in voller Bluthe stand, verbreitete ein rothliches, unbeschreibliches Licht. Hier, sagte Eduard, vor diesem Gott, der verschwiegen, aber nicht blind ist, und gern auf ewig seinen Waffen entsagte, bete ich taglich die Gottin an, die selbst ich nicht darzustellen wagte.

Laut rauschte es jezt durch die Blatter und grosse Regentropfen fielen herab. Wir mussten eilen, in das kleine Zimmer zu kommen, das uns in seine freundliche Einsamkeit aufnahm. Konnte ich Dir doch den Eindruck mittheilen, den dieser reizende Aufenthalt der Ruhe und des Vergnugens, auf Deine bewegte Amanda machte! Alles schien mir zu sagen, dass eine harmonische Seele hier ihre schonsten Stunden verlebe. Ueberall sah ich gefallige, zusammenstimmende Farben; wenige, aber mit Sinn gewahlte Gemahlde erhoben die Wande, uberall dufteten Blumen aus den zierlichsten Gefassen, kostliche Fruchte wie unter hesperischem Himmel gereift, schimmerten unter frischen Blattern hervor, eine Laute lag weichlich auf den Polstern, und nicht fern davon grunte noch der Myrthenzweig, wie durch Zauberei erhalten.

Hier, wo so viele Bilder erweckt, und das berauschte Herz sich angenehm aus seiner Traumerei gezogen fuhlte, fanden wir uns bald mit Gesprachen, wie mit Blumenketten, verschlungen. Ein jedes zeigte frei seinen Geschmack, seine Meinungen, die oft wie labyrintische Pfade durch Blumenthaler von einander abwichen, und doch am Ziel in schoner Harmonie sich immer wiederfinden. Was soll ich Dir noch sagen, Julie? Ach! Deine gluckliche Amanda, vergass ganz, dass es Verhaltnisse, Klugheit und Misstone in der Welt giebt, und das selige Gefuhl, ihren schonsten Traum erfullt zu sehen, und endlich das gleichgestimmte Herz gefunden zu haben, das sie ganz zu verstehen vermag, durchathmete ihr ganzes Wesen!

Der Regen hatte aufgehort. Die grunen, getrankten Baume schimmerten, frisch und lachend in die Fenster herein, und ein gluhendes Licht wankte durch die bebenden Zweige an den zierlichen Wanden. Wir traten ans Fenster und athmeten die gereinigte Lufte. Ach, Julie! welch ein Abend! Erst jetzt habe ich Worte fur die Bilder, die ich da nur mit stummem Entzucken in mich sog! Die Sonne sandte einen stillen, aber brennenden Blick uber die Gegend. Frohlich flatterten Schwalben, mit glanzender, silberner Brust, wie weisse Bluthen, durch den Sonnenblick, der golden und blendend durch die Berge hervorschoss, und alles, was er beruhrte, mit uberirdischem Reiz verklarte. Das ferne Bergschloss hullten dustre Schatten, aber weit hinter demselben gluhte der entlegendste Berg, wieder in rothlichem Gold. Der Sonnenblick zog weiter; das Thal versank schwermuthig in den Bergschatten, indess sich von dem Schloss, der Schleier wegzog. Ein heiliger Glanz lag nun auf dem grauen, verfallenen Gestein, den kleinen, aufbluhenden Gebuschen, die es umgaben, und dem ganzen dustern Bergprofiel. Graue Regenwolken, von der Abendsonne mit goldenen Flecken zerstreut, zogen wie flammende Wagen, fluchtig an den Hohen voruber; in Westen glanzte ein endloses Aethermeer, und ein dunkles Gewolk, mit vergoldetem Rand, schwamm wie ein gluckliches Eiland darinnen, und war immer goldner und strahlender, je weiter die Sonne hinabsank. Ach, Julie! was war es, was mich, verloren in diesen Anblick, ganz von der Erde hinwegzog, in ein unbekanntes Land, von fremden seligen Gefuhlen, und mein Auge mit unnennbaren Thranen erfullte? Nur dunkel, dachte ich: O! dort in dem strahlenden Wolkenland, von Menschen entfernt, und von der Unendlichkeit umgeben, mit dem Geliebten zu sein in ewiger Jugend und Liebe! Da blickte ich auf, und sah Eduard, der in einiger Entfernung von mir stand. Ich kehrte aus meiner wunderbaren Entzuckung zuruck, und fuhlte mich wieder freundlich an die Erde gefesselt. Wir waren frohlich und sprachen viel, nur von dem, woruber wir hatten sprechen sollen, nehmlich: auf welche Weise wir uns kunftig sehen oder schreiben wollten, kein Wort. Erst beim Abschied dachten wir daran, aber dieser Abend schien uns zu schon, zu heilig, als von dergleichen Dingen zu sprechen; wir uberliessen alles den Gottern und trennten uns wehmuthig, aber unendlich glucklich.

Ich gieng zuruck. Alles war still um mich. Ich bewunderte dies weite Schweigen in der Natur. So, dachte ich, war es im Anfang aller Dinge; aber die Liebe erschien, und alles war belebt. Ich kam nach Hause, und erstaunte, alle Gesichter noch eben so gleichgultig zu finden, als ich sie verlassen. War ich es denn allein, deren Augen von Vergnugen glanzten, deren Seele mit Wonne an den vergangenen Momenten hieng? Ist denn die Welt so arm an Freuden? Ich blieb allein; mein Madchen bat um die Erlaubniss einige Bekannte zu besuchen, und ich gab sie ihr gern. Vielleicht erwartet sie ein liebendes Gesprach, und ich wurde mich mit ihr freuen; sie ist ein gutes Geschopf. In der ganzen Welt sehe ich nur Liebe, allenthalben Liebe, und ich begreife nicht, wie ohne sie etwas der Rede werth sein konne? Ich habe mich ans offene Fenster gesetzt, und die zartliche, warme Luft, zu mir herein wallen lassen. Du weisst nun alles, und ich verlasse Dich, um von neuem zu traumen.

Vierzehnter Brief

Eduard an Barton

Dein Brief wurde mich sehr beruhigt haben, wenn es nicht schon zuvor die Liebe gethan hatte. Du schreibst es mir o! und ich habe es gefuhlt! mit meinem Entschluss sie nicht mehr zu sehen, sei es mir nicht Ernst. Thor, der ich war! Die schonsten Freuden meines Lebens frevelnd von mir weisen zu wollen, eines elenden Stolzes wegen! O, Freund! es ist geschehen! Alle Zweifel sind gelost; die Welt steht in schoner Klarheit vor mir, und das Leben liegt erwacht in meinen Armen!

Ich bin wieder auf einige Tage auf dem Gute des Herrn von V , und bin hieher gereist, um Dir zu schreiben, denn dort, ich gestehe Dir es aufrichtig in ihrer Nahe, ist an keinen Brief zu denken. Anfangs sahen wir uns nur selten und schuchtern; aber jetzt bin ich fast taglich in ihrem Hause; wir sehen uns bei Lustbarkeiten, und allein; Albret scheint keinen Widerwillen zu haben, und ich begleite sie fast allenthalben hin.O, Freund! wie ist das alles so anders geworden! Was war das kalte, leere Wohlgefallen an ihr, gegen das gluhende Gefuhl, das jetzt in mir lebt! Oft muss ich mich vor ihr niederwerfen und anbeten, wenn sie in ihrer Unbefangenheit so hohe Dinge sagte, die wie Gestalten aus einer andern Welt, mich mit sussem Schauer beruhrten. Mit Erstaunen hore ich sie oft, mit ungekunstelter Eigenthumlichkeit und Klarheit, Gedanken aufstellen, die den grossten Scharfsinn enthalten. Sie sind nicht das Resultat eines langen, muhsamen Nachdenkens, wie bei den Mannern, nein! sie sind vielmehr der leichte, gluckliche Fund eines reinen, unfehlbaren Sinns, der die Wahrheit nicht erst durch Dunkel suchen darf, sondern dem sie sich gleich im heitern, schimmernden Lichte zeigt. Und so, dunkt es mir, sollen uberhaupt die Weiber immer auf das merken, was ihnen schnell einfallt, ohne viel daruber nachzudenken, denn bei ihnen kommen die Resultate immer zuerst. Auch wenn sie schreiben, mussten sie dies beobachten, und stets die schnell herabfallenden Funken achten. Aber sie sollen uberhaupt nicht schreiben; sie sollen nichts als leben und lieben.

O, Freund! Du sagtest mir vieles, dessen Wahrheit ich schon erfuhr, aber das sagtest Du mir nie, dass das Leben so unaussprechlich reizend sein kann! oder solltest Du selbst es vielleicht nie empfunden haben? sind vielleicht nur wenige Sterbliche von den Gottern dazu ausersehen, und ergriff das Gluck, das stets nach Laune wahlt, gerade mich in meinem seligsten Moment? Erst hier, von ihr getrennt, werd' ich mir ganz meines Reichthums bewusst; denn es gehet mit unserm Gluck wie mit Gemahlden; erst in der gehorigen Entfernung konnen wir die Schonheit derselben kunstlerisch wahrnehmen und geniessen. Welche Genusse, welche Freuden, schmiegen sich bei diesen Ruckerinnerungen um mein Herz! Alle Verhaltnisse meines Lebens, legen sich lieb und schmeichelnd um mich, als waren es weichliche Gewander, von Fruhlingsduften gewoben. Jetzt erscheint sie mir erst in all ihrer Schonheit, in all ihrer Liebe, und ich kann es kaum begreifen, wie so schnell, wie so schon wir uns gefunden haben. O Tag! o Abend, den ich nie vergessen will und kann! Alles um mich her, war mir nicht mehr bedeutend, sondern ausgesprochen; alles war da, nicht fliehend und nicht kommend; alle Sehnsucht ruhte in der Gegenwart, die unendlich war. Als sie mich verlassen hatte, war ich nicht traurig nein! die lebendigste Freude hatte mein Herz geoffnet, ich fuhlte mich ganz fur die Welt gebildet, kindlich nahm ich an Allem Theil, und sah in Allem den heitersten Sinn. Die Knaben belustigten mich, die an meinem Garten, hinter der grunen Umbuschung eines Teichs, mit komischer, wirklich empfundener Angst, nach einem Bret warfen, und es, als ware es ein feindliches Schiff, durch Steine vom Ufer abzuhalten suchten, und in den rohen Gesangen einiger wilden Gesellen, vermochte ich durch alle Misslaute hindurch, mit Vergnugen die einzelnen Spuren einer wilden Geniealitat wahrzunehmen, und mich derselben zu erfreuen.

Und als nach einer kurzen Schattennacht, der schwarmerische Tag des Mondes aufgieng, und die Baume ihre Gipfel traumend in dem zartlichen Licht wiegten, da fuhlte ich mich ihr so nahe, war ihres Andenkens so gewiss, dass ich von neuem glucklich war.

Und so ist es nun noch immer mit mir. Sieh diesen Morgen! wie die Berge hoch an ihren Scheitel den goldnen Schimmer empor heben, der Wald begierig die sussen Stralen einsaugt! o schone, reizende Erde! Alles, in und ausser mir, ist Uebereinstimmung, Hoffnung und Liebe! In der ganzen Natur, sah ich keinen andern Zweck, als sie; sie ist der atherische Kranz, in dem alle Wesen verflochten sind. Den stillen Drang der Nothwendigkeit, und den freien Flug des Willens, ist kein anderes Ziel vorgesteckt; sie ist das Einzige, was uns glucklich macht, weil sie, bei aller Unendlichkeit der Empfindung, doch alle unsere Wunsche beschrankt.

Ich habe Dir nun alles gesagt; Du weisst nun, dass ich glucklich bin. Morgen reise ich wieder von hier ab. Langer von ihr getrennt sein, ware Tod; ich muss sie sehen, denn mein Leben hangt an ihren Blicken. O, ihr Horen! die ihr den Himmel der Gotter verschliesst und eroffnet, fliegt, fliegt und eroffnet auch mir meinen Himmel! Zieht die Wolke hinweg, die mir die Gottin verbirgt!

Funfzehnter Brief

Amanda an Julien

Monden sind vergangen, und zu sehr mit der glucklichen Gegenwart beschaftigt, hatte mein Herz fur die entfernte Freundin, nur Gedanken, aber keine Worte.

Deine Briefe allein, meine Julie, sie, die ich sonst immer mit freudiger Ruhrung las, haben jetzt zuweilen mein Gluck gestort. Wo ist der freie Blick, der milde, menschliche Sinn, der sonst Dein Urtheil uber die Menschen leitete, und Dich ihre Handlungen mit ihren Schicksalen gutmuthig und richtig vergleichen lehrte?

Kann ich dafur, dass mir die Liebe nicht auf Deinem Wege entgegen kam? und hast Du vergessen, dass, wie ich jetzt fuhle, Du ehmals gefuhlt hast? Julie, bedenke es, dass, wir mogen noch so redlich streben, Keinem Unrecht zu thun, wenn unser Gefuhl nicht zart genug ist, die feinen Nuancen des Herzens zu bemerken, und es uns an Phantasie fehlt, lebhaft die Tage eines andern zu empfinden; so werden wir dennoch oft andern weh thun, und keinen um uns her glucklich machen konnen. Nein! store den Frieden meines Herzens nicht mehr, und verlange nicht, dass ich mir Gewalt anthun soll. Wer sein naturlich reines Gefuhl bewahrt hat, kann sich die undankbare Muhe ersparen, seine Neigungen bekampfen zu wollen; sie fuhren ihn recht; er darf sich ihnen uberlassen.

Du verkennest meinen Freund, wenn Du glaubst, er werde mich leichtsinnig und ohne Bedenken tausend Unannehmlichkeiten aussetzen. Er selbst hat es durch sein geschicktes Benehmen so einzuleiten gewusst, dass wir uns nun mit grosster Leichtigkeit so oft sehen, als wir wollen. O! Du solltest es sehen, wie er auf Andere zu wirken versteht! Ueberall, so jung er auch ist, erregt er unwillkuhrliche Achtung. Seine Ueberlegenheit muss ein jeder, freiwillig oder nicht, anerkennen. Er bittet und man weiss es ihm Dank, denn man fuhlt, dass er befehlen konne. Und Albret? O! ich rechte nicht mehr mit ihm! sein Verhangniss fuhrte ihn, wie mich das Meinige. Dass ich mit einem Herzen voll Liebe vergebens nach seinem Vertrauen rang, dass ich in seinen Ideenkreis mich nicht zu stellen vermochte, was kann er, was kann ich dafur? Mein Schicksal fuhrte mich einen blumigen Pfad; es sandte mir die gleichgestimmte Seele, wo ich ihrer am bedurftigsten und am wurdigsten war. Denn meine Liebe ist nicht die betaubende, ungewisse Glut der ersten Neigung; sie ist der reinste Genuss des Herzens, mit den edelsten Bluthen des Lebens verwebt und verbunden. Gern sagte ich alles, was ich empfinde; denn kann es ihm weh thun, da er mich nicht liebt? Aber wurde ihm nicht mein Vertrauen vielleicht kindisch erscheinen, ihm lastig sein? Er verlangt ja nur Schein von mir, nur ach! ich weiss nicht, was er verlangt! Lass mich immer thorigt sein, Julie, diese Momente werden nie wiederkommen. Ich will jetzt alles vergessen, ich will! und ich fuhle mich dabei weise und gut.

Wir werden wegen den Unruhen des Kriegs, diesen ganzen Winter, und vielleicht noch langer, hier bleiben. Seit einiger Zeit ist auch der Graf von L hier, dessen Bekanntschaft ich schon in Italien machte.

Albret sieht es gern, wenn ich bei den Festen, die er veranstaltet, erscheine, und ich fuge mich leicht in seinen Sinn, denn mit Freuden ergreife ich die Gelegenheit, ihn zu verbinden, und allenthalben finde ich Eduard.

Du fragst mich nach Nanetten und ich fuhle ganz den Vorwurf, der in dieser Frage liegt; wie lange ist es, dass ich ihrer, die ich doch so herzlich zu lieben versicherte, gar nicht gegen Dich gedachte! Ach! wol lasst sie uns alles vergessen, diese gebieterische Leidenschaft! und so war es naturlich, dass ich Dir zu schreiben vergass, wie sie schon seit einem Monat zu einer Verwandtin gereist ist, die sie sehr angelegentlich zu sich einlud. Aber sie hat versprochen, bald wieder hieher zu kommen, und wir erwarten sie taglich.

Und wolltest Du, meine Freundin, Du allein, Deine Freundin betruben, wahrend Zufall, Liebe und Wahrheit sich zu ihrem Gluck vereint haben? O! gedenk' an unsre jugendlichen Traume, an unsere Hoffnungen, an unsere milden, unschuldig freien Grundsatze! Bedenk', dass die Sterblichen zwar oft das erreichen, was sie wunschen, aber selten oder nie, gerade zu dem Zeitpunkt, wo sie es wunschten. Julie, es kann schwach und unrecht sein, die Verhaltnisse, worinnen wir einmal sind, leichtsinnig zu verletzen, aber es ist stark und gerecht, sie zu seinem Gluck zu vergessen, ohne sie zu verletzen.

Sechzehnter Brief

Eduard an Amanda

Ich muss Sie verlassen, Amanda, wenn ich meine Abreise so nennen kann, da ich nie von Ihnen mehr zu trennen bin. Barton ist hier, und uberbringt mir die Bitte meines Vaters, unverzuglich zu ihm zu kommen. Mein Vater schreibt, dass er nicht versteckt vor mir handeln, nicht seine Grunde in den Schleier des Geheimnisses hullen, aber mir nur alles mundlich sagen wolle, dann soll ich urtheilen, und nur bis dahin seiner Versichrung trauen, dass er nicht willkuhrlich mit mir verfahrt. Meine Abreise soll fur Albret ein Geheimniss bleiben. Warum? das weiss ich noch nicht, doch diese geheimnissvollen Wesen, die jetzt uber mich gebieten, sollen mir von Allem Rechenschaft geben. Schon morgen reise ich; darum vergonne mir heute, Dich ungestort zu sehen. Freudig will ich die letzten kostlichen Tropfen der Gegenwart trinken. Ich bin glucklich; ich habe keinen Sinn fur Trennung und fur Schmerz. Wir werden uns bald, freudig und liebend wiedersehn.

Siebenzehnter Brief

Amanda an Eduard

Sie erschrecken mich. Ich hatte mich so sehr an mein Gluck gewohnt, dass ich, wie ein Kind glaubte, es konne nie anders werden. Und nun, schon jetzt? Ach! diese Trennung ist nicht gut! keine ist es. Kommen Sie bald, damit Ihre Gegenwart mir Alles klarer und heitrer mache.

Achtzehnter Brief

Amanda an Julien

Es ist vorbei! Zwei Wesen sind getrennt, die ohne einander nicht leben konnen. Abgerissen sind die Faden, die mein Herz an das gesellige Leben banden, und alle Freuden erscheinen mir ohne ihn, wie entseelte Korper. O! allmachtiges Gefuhl der Liebe, das im Innersten des Herzens wohnt, und mit unbekannter Kraft, Trauer oder Freude uber die ganze Welt ausgiesset, vergebens muht sich der bildende Verstand, Dir die Erscheinungen nach seinem Gefallen darzustellen, vergebens strebt die meisternde Vernunft, Dich in ihre Formen zu giessen in hoher Freiheit, waltest Du, unumschrankt nach Deinem Willen. Deine Wahl ist die ewige Harmonie der Natur, der geheime Zusammenklang lebendig fuhlender Wesen. Ewig suchst Du darnach, und, wo Du sie findest, aller Schranken und Hindernisse spottend, da ist einzige, ewige Wahrheit. Oft weisst Du in der Tiefe des Unglucks, Dir Deinen Triumpf zu bereiten, nach dem vergebens das glucklichste Leben sich sehnt. Und weh' dem, dem es gelingt, mit Dir den kalten Bund zu schliessen, dass Du folgsam Dich den niedern Bedingungen des Verstandes anschmiegst; denn bald schweigst Du ihm ganz, und er steht da, ein kaltes, trauriges Monument, des einst in ihm wohnenden Lebens!

O! Julie! ich war glucklich! glucklich, wie es wol nie eine Sterbliche war, und werden wird! Stunden hoher Begeisterung und ruhiger Einfalt, der geistigsten, schonsten Poesie, und bescheidner, nuchterner Lebensfreuden, schlossen sich reizend an einander. Ja! es gab Momente, wo uns das Herz so gross ward, wo uns Phantasie, Liebe und Naturgenuss, ganz uber alle gewohnliche Verhaltnisse hinweg, ins Gebiet der Ideale empor hob, wo wir alles andere verachteten, und zu sterben wunschten, weil nach solchen Augenblicken, kein irdisches Gluck mehr unsrer Sehnsucht werth schien. Aber es gab auch Stunden, Tage, wo wir friedlich auf dem sanften Strom des gewohnlichen Lebens hinabgleiteten, uns in den mannigfaltigen Beziehungen der Menschen, in geselligen Verhaltnissen glucklich fuhlten, und mit freundlicher Ruhe einander ins Auge blickten. Das war es eben, was uns so selig machte, dass wir uns allenthalben begegneten, auf den ewigen Hohen der Begeisterung, und in den fluchtigen Wellen des Augenblicks, allenthalben uns einander nahe fuhlten. Und dies alles ist vorbei! Julie, wenn Du dies je gefuhlt hast, wenn Du es nur ahnen kannst, so komm zu mir, und lehre mich, mich selbst ertragen! Eine sturmische Sehnsucht ruft mich weg in ferne Gegenden, wo ich ihm zu begegnen hoffe. Wilde Phantasien umschwarmen mich; es ist der sanfte Ton der Empfindung nicht mehr, der in nahem Bezug, auf die Gegenwart allein, meinen Traumen die frohlichste Bedeutung lieh. Die Welt ist tod fur mich, und in der ganzen Natur, bewegt kein erfreuender Ton mehr mein Herz mit leisem Widerklang. Dass Eduard von mir getrennt, weisst Du, aber warum so schnell, und so geheimnissvoll? Das wusste er selbst nicht, und wird es erst aus dem Munde seines Vaters erfahren. Sein Freund Barton, den er so oft verehrte, kam hieher, um Eduard's Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, und vielleicht auch, wie ich fast vermuthe mich naher zu beobachten. Es ist ein Mann, der die Welt sehr zu kennen scheint, und den eine gewisse Sicherheit und Schicklichkeit im Betragen, uberall willkommen sein lasst. In seinem Gesicht hat sich, um den Mund, noch ein leiser Zug von Gutmuthigkeit erhalten, aber die Augen sprechen viel Klugheit, beinah Schlauheit aus. Er ist in unserm Haus bekannt geworden, und ich sehe ihn ofters, aber noch kann ich kein Vertrauen zu ihm fassen. Und wie sollte ich? er scheint zu verstandig, um mich verstehen zu konnen.

Albret hat sich jetzt, wie immer, auf eine eigenthumliche Weise benommen. Nach unsrer Trennung, bei der auch Eduard trostloser war, als er selbst erwartet hatte, sagte ich ihm alles was ich fuhlte. Der Schmerz macht aufrichtig, und das besturmte Gemuth kannte keine Schranken, keine Rucksichten mehr. Er horte mich gelassen an, ohne ein Zeichen von Ueberraschung, mit einem Lacheln, wie man die Traume eines Kindes belachelt. "Amanda," sagte er, als ich schwieg, "Du kennst Dich selbst, Du kennst die Menschen nicht. Unbedachtsam halst Du die hinfallige Pflanze, die einen Fruhling lebt, fur den Sprossling eines Baumes, der allen Wettern trotzen, und mit den Zeiten wachsen wird. Zu spate Reue ist schrecklich; bedenke das! du bist mir werth." Diese Aeusserung reizte meine Empfindlichkeit. Ich fuhlte mich so gross, so unendlich in meiner Liebe, dass jeder Zweifel an ihrer Dauer, ihrer Starke, mir Lasterung zu sein schien. Indessen, was mir auch darinnen missfallig sein konnte, so fand ich doch, Albrets Benehmen, in diesem Fall untadelich, ja! edel. Seitdem

hat er nie wieder uber diesen Gegenstand, mit mir gesprochen, aber taglich verwickelt er mich absichtlich, immer mehr in einen Wirbel von Zerstreuung und Lustbarkeiten, wo ich ihm nicht glanzend genug erscheinen kann. Ich gestehe Dir, dass ich nicht weiss, was ich davon denken soll. Bin ich das Spielzeug seiner Eitelkeit, oder neuer, mir unbekannter Absichten? Ach! die Liebe macht mich fur alles andere ungeschickt, und raubt mir alles Urtheil! Eduard hat mir geschrieben. Seitdem weiss ich, dass die Welt noch Reiz fur mich hat; ich ahne wieder einen leisen Einklang im Spiel des Lebens, und bin mir selbst wieder gegeben. Seine Klagen haben mich geweckt, und die Sorge, ihn zu trosten, fuhrt meinem eignen Herze Beruhigung zu. Wie sehr wunschte ich, meine Julie, dass Deine Einrichtung, Dir jetzt verstattete, zu mir zu kommen. Deine Gegenwart ist mir nie so nothwendig gewesen, und sie wurde das begonnene Werk vollenden. Nanette ist seit einiger Zeit wieder hier, aber sie scheint sich von mir zu entfernen, wenigstens ist sie so unbefangen nicht mehr, wie vormals. Zuweilen blickt sie mich liebevoll an, und ein fremder Zwang scheint ihren Mund zu verschliessen; dann aber glaub' ich auch, Misstrauen und Zweifel in ihren Augen zu lesen. Und, soll ich Dirs gestehen? beinah' ist es mir jetzt gleichgultig. Ach! seit ich ihn verloren habe, welchen Verlust kann ich noch furchten?

Neunzehnter Brief

Eduard an Amanda

Wir halten hier in einem elenden Ort, weil mein Bedienter krank geworden ist. Nur mit Muhe konnte sich Barton, der mich einige Tagereisen mit begleitet, entschliessen, diese Nacht hier zuzubringen, denn rastlos lies er mit mir dahin jagen, und der Wagen flog ihm nie schnell genug. Ich lasse mir alles gefallen, ich habe keine Kraft, keinen Willen mehr. Amanda, Amanda, was ist aus mir geworden? O! wie wenig wusste ich, was Trennung war, wie frevelnd war der Muth, mit dem ich sie zu ertragen hofte! Ich furchte in eine ganzliche Melancholie zu verfallen, und wird es nicht besser mit mir, so kehre ich, trotz allen Grunden, allen Verhaltnissen zu Dir zuruck. Du bist das einzige Wesen auf der Welt, dem ich ausschliessend angehore. Andre bildeten mich zum Menschen, aber Du erhobst mich zum Gott; von Dir getrennt, sinke ich tiefer hinab, je hoher ich stand. Die ganze Natur scheint fuhllos gegen meine Qual. Der blaue Himmel und die lachenden Fluren, spotten meines Kummers, die Menschen konnen mein unendliches Leid nicht fassen, und ihre unselige Kunst, entfernt mich schnell, und immer schneller von dem Ort, der all' meine Liebe, mein Leben, meine Freiheit in sich schliesst. Vergolde nur immer, Abendsonne! die traumende Erde, du vergoldest die Traume meines Herzens nicht mehr! Ich bin tod, ohne gestorben zu sein. Der magische Ring. ist zerbrochen, womit mein Sinn alle Erscheinungen in lieblicher Einheit zusammen hielt, und die Harmonie des Weltalls, ist mit der Harmonie meiner Seele entwichen. Die Unendlichkeit hat Grenzen, und ein kaltes Schicksal ist in dem Kreis meiner Gedanken an die Stelle der gottlich freien Willkuhr getreten. Ich hasse die Welt, und in der Welt mich selbst am meisten. Amanda! schone Seele! Deine Wirkungen sind allgegenwartig, wie die Gottheit und begegnen mir da, wo ich es nicht im geringsten vermuthete. Eine arme Vertriebene, die tiefer als viele andere ihres Gleichen gebeuget zu sein schien, kam zu uns, und klagte uns ihr Leid. Als sie aus einer unscheinbaren Brieftasche eine kleine Schrift hervorzog, die als Beglaubigungsschein ihres Unglucks gelten sollte, entfaltete sich ein andres Papier, worauf ich Deine Hand zu erkennen glaubte. Kaum bemerkte sie meine Aufmerksamkeit, als sie mir es uberreichte, und mit ungewohnlicher Ruhrung Dein Lob anstimmte. Ich las Deine freundlichen Worte, deren feine Wendung ein grossrer Balsam auf die Wunde der Unglucklichen war, als selbst Dein ansehnliches Geschenk. Ich kusste die geliebte Schrift; es war das erste, was ich seit unsrer Trennung von Dir sahe; ich wunschte, sie zu besitzen, und bot der Frau eine betrachtliche Summe. Sie schlug sie aus, jedoch mit sichtbarer Resignation. Ach! es ist traurig, wenn das feinere Gefuhl gegen Mangel zu kampfen hat! Ich gab ihr das Geld, und liess ihr Deine Schrift, jedoch auch nicht ohne Resignation. Wir sind wieder weiter gereisst, da der Kranke sich bald gebessert hatte. Unsre Pferde laufen unertraglich schnell vorwarts, und der Raum schmilzt vor unsrer fliegenden Eil behende hinweg, indess er zwischen mir und Dir immer mehr anwachst. Ach! Amanda, ich kann die Trennung von Dir, immer weniger ertragen! Meine Gesundheit leidet, und nur die Hoffnung auf einen Brief von Dir, halt mein fliehendes Leben noch fest. Doch, sorge nicht, Geliebte, angstige Dich nicht! es wird besser werden, oder ich kehre, so bald ich meinen Vater ein einzigmal umarmt habe, unaufhaltsam zu Dir zuruck.

Ich bin so stolz geworden, und so demuthig, dass ich mich selbst nicht mehr kenne. Stolz denn ich habe Barton, ihn, der mir sonst alles war, noch nicht gewurdigt, mit ihm von Dir zu sprechen, so sicher er es wol erwartet hatte, und mit Recht erwarten konnte. Ach, er weiss es doch nicht, was Du bist, und kann es nicht fassen auch konnte ich es ihm nicht beschreiben. Ich mochte eine eigne Sprache haben, um von Dir sprechen zu konnen. So kranke ich meinen Freund, dem ich so vieles verdanke, vorsatzlich, durch die eigensinnigste Verschlossenheit, und gleichwol ist er mir unentbehrlich. Ich bitte ihn, bei mir zu bleiben, wenn er weggehen will; er darf mich keinen Augenblick verlassen. Es ist so unaussprechlich schauerlich, sich Allein zu fuhlen ich habe das nie gefuhlt, und musste ich es nur auch jetzt nicht! Ich war ein Uebermuthiger, der der ganzen Welt trotzen zu konnen glaubte jetzt scheint mir jeder Dank zu verdienen, der mich ertragt.

Heute hab' ich Dein Bild zum erstenmal angesehen, das war ein seliger Augenblick! bis jetzt erlaubte ich mir es nicht, weil ich mich selbst furchtete. Die Thranen sturzen mir aus den Augen, aber es waren wohlthatige, susse Thranen. Es ist so wenig von Dir, und mir doch so unendlich viel. Hier, im Wirthshaus ist ein kleines Madchen, das Deinen Namen fuhrt. Wie ich erschrack, als ich den Namen nennen horte, wie rasch ich mich wandte! Das Kind darf mich nun nicht mehr verlassen, es ist ein liebliches Geschopf, und hat einen Zug um den Mund, der ihm viel Aehnlichkeit mit Dir giebt. Ich betrachte es mit sussem Schmerz, und traume mir viel. Zuweilen wunsche ich verzeih'! es mochte Dein Kind sein, dessen Dasein vielleicht ein Geheimniss bleiben sollte, und das nun, durch Zufalle hieher gekommen sei. Dann wird mir das Madchen so heilig, ich drucke sie mit Wollust an mein Herz, und ihre Augen schienen mir verklarter als vorher. Mich dunkt, es wurde mir um vieles besser sein, wenn ich das Kind immer um mich haben konnte. Ich habe schon diese Idee gegen die Aeltern geaussert, und ernsthaft mit ihnen daruber gesprochen, aber sie wollen nichts davon horen.

Barton treibt schon wieder zum Aufbruch. Er schildert mir meinen harrenden Vater, wie er meiner Ankunft mit unruhiger Sehnsucht entgegen sieht. Amanda, ach! wie kann ich weiter, da mich alles, alles zuruckzieht? Diese Qualen kennst Du nicht.

Was macht Wilhelm? Denkt er noch an mich? Was gab' ich darum, ihn bei mir zu haben! Er hieng mit so treuer, warmer Liebe an Dir, und ich war oft eifersuchtig, wenn o Bilder, o Erinnerung!

Ganz Dein.

Zwanzigster Brief

Amanda an Eduard

Umwehe mich, Abendluft, und hauche mir Frieden in die beklommene Brust! Ich tauche mich in dem kuhlenden Luftstrom, ich athme die Dufte der Nacht, aber sie mildern die Sehnsucht des Herzens nicht. In der Dammerung, im Luftchen, im Blumenduft, uberall wohnen Erinnerungen; uberall bist Du und bist Du nicht! O! dass ich Dich verlieren musste!

Es ist unbegreiflich, wie Deine Gegenwart in mein ganzes Leben verschlungen war. Alles war durch sie geweiht, und allmachtig hauchte sie Leben und Begeisterung, auch in die gleichgultigsten Dinge. Jetzt tritt mir allenthalben eine unertragliche Leerheit entgegen. Gefuhllos seh' ich, wie sich die Menschen um mich her bewegen; gefuhllos thue ich, was Andre von mir begehren. Mein Herz ist tod; mit Dir hat mich mein bessres Selbst verlassen. Und dennoch regt sich in mir ein unendliches Verlangen nach Gluck. Ach! ich hatte es gefunden, und ich liess es entfliehen, das einzige Gluck, welches fur mich bluhte! Eduard! ich theile Deine jugendlichen Hoffnungen nicht, mir ahnet eine lange, grauenvolle Trennung. Jetzt erst denke ich: ach! warum reisete ich nicht mit ihm? O! kalte, unertragliche Rucksichten, die mich noch jetzt zuruckhalten! Der Mensch denkt sich oft in seinem Kreise so wichtig, so unentbehrlich, und kaum hat er ihn verlassen, so sieht er, wie ein andrer ihn leicht, und oft weit besser ausfullt. Aber da, wo ein hoheres Leben fur ihn bluht, wo sein heiligstes Dasein, an dem gottlichen Hauch harmonischer Freiheit und Liebe, sich mit den schonsten Bluthen entfaltet, die ganze Welt sich seinem Aug' verklart, und er gut sein muss, weil ihm alles andre gut erscheint, da ist er an seiner Stelle, da muss er sich, aller Hindernisse trotzend, ewig zu erhalten suchen.

Ich fuhr gestern spazieren, und wahlte den Weg, den Du gereist bist. Es war mir, als kame ich Dir naher; ja, einige Augenblicke lang, dauerte die susse Tauschung, als eilte ich in Deine Arme. Es ward Abend; die Natur lag in ruhigen Traumen, still und frei vor mir; das graue Bergschloss, das Deinem Gartchen gegenuber liegt, lachelte, wehmuthig zartlich in die Abendglut; die Fenster, der landlichen, umher zerstreuten Hutten, glanzten Ruhe und Einfalt. Komm, o! komm, rief ich laut, die Sehnsucht todtet Deine Amanda! Ach! da zerrann die Tauschung, und als ich wieder zuruck fuhr, lebten alle Qualen der Trennung, tausendfach in mir auf.

Und so war es denn ein Traum, das ganze wunderbare Gluck unsrer Liebe? Eine Erscheinung, die fluchtig wie alles andere, und bedeutungslos verschwindet? Ist es moglich, frage ich mich oft mit kindischem Zweifel, dass man so glucklich sein kann, wie wir es waren? so glucklich im Genuss der Gegenwart? Vergangenheit umzieht ihre Freuden mit atherischem Duft, und reizt die Sehnsucht, nach unmoglichen Genussen; die Zukunft kleidet ihre Bilder, in das blendende Gewand der Tauschung; die Phantasie zieht sich aus einer fremden Welt Paradiese herab, die nie sein werden aber Gegenwart, Wahrheit; wenn auch diese so beseligen, so begeistern, dann, ja! dann ist es nur das Werk der Liebe, der Allesvermogenden! Aber wie selten finden sich so gleichgestimmte Seelen, wie selten vereinigt sie ein so wunderbares Band! Ach! unendlich wie mein Gluck, soll auch mein Schmerz es sein! Wie gern gab' ich noch eine solche Zeit, wie diese war, zu leben, mein Dasein, mit allen ubrigen Genussen, dafur hin, und sturbe, mit dem letzten Kuss begluckt, in Deinen Armen! Ich habe Deinen Brief! Wie suss hab' ich geweint, als ich ihn las! O! Allgewalt der Liebe, auch getrennt umwindest du deine Lieblinge, mit atherischen Bluthen des Entzuckens! Ich hatte mich sehr auf diesen Tag gefreut, und wohl mir, dass die Hoffnung mich nicht betrog! Sie tauschet also doch nicht immer, diese Trosterin der Getrennten? Wie wachst mein Vertrauen nach dieser Ueberzeugung!

Beruhige Dich, Eduard, wir werden uns wiedersehen. Bekampfe diese Heftigkeit, die Deine Gesundheit untergrabt; ach! sie angstet mich unaussprechlich! Hoffe Alles die Zeit unser Wille ich bin ruhig Nein, Eduard! ich kann Dir nicht heucheln, der schone Bund der Aufrichtigkeit, den wir zusammen schlossen, soll unter keinem Vorwand, auch den gutmuthigsten nicht von mir verletzt werden. Ich bin nicht ruhig. Hoffnung und Zweifel belebt und todtet mich; mein Geist entflammt in Sehnsucht, und das Leben ist Qual ohne Dich. -Wie wird sich das geheimnissvolle Benehmen Deines Vaters losen? Welche Plane verschliesst sein Busen, die Dich vielleicht weit, weit von mir entfernen? und soll ich Dich vielleicht nie wiedersehn? Wilhelm, der einst unser kleine Vertraute war, spricht oft von Dir. Er kann die Stunden, die er bei Dir zugebracht hat, nicht genug ruhmen, und wird oft ungeduldig, wenn ich ihm auf seine Fragen, mit trubem Blick versichre, dass Du noch immer nicht wiederkommst. Der Knabe ist jetzt mein einziger Trost. In den ersten Tagen der Trennung, wo ich fur Alles tod war, war auch er mir gleichgultig geworden, aber sein susses Geschwatz, und der Gegenstand desselben, hat mir bald Theilnahme abzulocken gewusst. Seine Bildung beschaftigt mich nun wieder, das heisst, ich pflege die zarten Blumen, die die Natur in das kindliche Herz pflanzte, Wohlwollen, Frohsinn, Wahrheitsliebe. Du weisst, wie bittre Vorwurfe ich mir einst machte, dass ich ihm Verstellung abgedrungen hatte; ich suche es jetzt durch die einfachsten Erklarungen wieder gut zu machen, und jede Spur einer Handlung zu vertilgen, die nur die Liebe entschuldigen konnte.

Taglich, stundlich ruht mein Blick auf den Lauben, den Schattengangen, wo wir beide oft, in lieblicher Einsamkeit, die schonsten Stunden unsers Lebens vertraumten. Eduard! diese leise flusternde Baume, die stumm wankenden Schatten, haben eine Sprache, die bis in das Innerste meiner Seele dringt! Dann fuhle ich mich oft so frei, so hoffnungsvoll, wie in den Tagen der Liebe. Aber bald fehlt mir der Einzige, und es sturmt von neuem in der Seele.

Und keiner, keiner, der mein Leiden mit empfinden konnte! Nur Du leidest in der Ferne mit mir. Einsam trauren wir beide, und der susse Trost der Mittheilung ist uns versagt. Gute Nacht! ganz Dein.

Ein und zwanzigster Brief

Eduard an Amanda

Nun bin ich hier in dem gerauschvollen * *, und statt meines Vaters, dessen Anblick allein einen Strahl von Freude in mein Herz zu senken vermogt hatte, fand ich bloss einen Brief von ihm. Er ist nach England gereis't, weil, wie er schreibt, Geschafte, auf denen das Wohl von vielen beruht, dort seine Gegenwart verlangen. Nur den dringendsten Beweggrunden, fahrt er fort, vermochte er seinen liebsten Wunsch, noch langer aufzuopfern. Er bittet mich um meine Nachsicht, und rechnet ganz gewiss darauf, in wenig Wochen wieder hier zu sein. Und so muss ich nun ausharren, denn erwartete ich die Ankunft meines Vaters nicht: ich kehrte ohne Verzug zu Dir zuruck. Ach, Amanda! ich bin so fern davon, ruhiger zu sein, dass meine Sehnsucht nach Dir, vielmehr mit jedem Tage zunimmt! Taglich bin ich in Gesellschaft; die Menschen sind gefallig, zuvorkommend gegen mich; manches weibliche Auge glanzt mir entgegen, aber ich bin fur alles kalt und fuhllos. Wie anders, ach! wie ganz anders war es, wenn ich bei Dir war, welche Stunden der Weihe, der Begeisterung, der Liebe! Du weisst es nicht, was Du bist, Amanda, und dies macht Dich eben so schon! wie eine Heilige verehre, bet' ich Dich an!

Du glaubst nicht, wie schwer es mir oft wird, in Gesellschaft die nothige Fassung zu behalten. Meine Seele ist jetzt in einem so hohen Grad zur Wehmuth gestimmt, dass alles, was nur den leisesten Bezug auf Dich hat und wo fande ich ihn nicht? mich unbeschreiblich erschuttert. Gestern sagte einer bei Tische die Stelle aus Carlos:

"Gehort die susse Harmonie, die in

Dem Saitenspiele schlummert, seinem Kaufer,

Der es mit taubem Ohr bewacht? Er hat

Das Recht erkauft, in Trummern es zu schlagen,

Doch nicht die Kunst, den Silberton zu rufen,

Und in des Liedes Wonne zu zerschmelzen.

Die Wahrheit ist vorhanden fur den Weisen,

Die Schonheit fur ein fuhlend Herz.

Sie beide gehoren fur einander."

Dies ergrif mich so gewaltig, dass ich hinaus gehen musste. So geht es mir sehr oft, und das Schrecklichste dabei ist, dass ich dann noch Vorwande suchen muss, wenn ich nicht fur einen Thoren gehalten sein will. Dann bringe ich bald der Wirthin Blumen, oder werfe irgend eine sonderbare Frage auf, und muss so noch an kalte Gesellschaftsregeln denken, indess meine ganze Seele von Sehnsucht nach Dir gluht!

Endlich Nachricht von Dir das ist der erste, lichte Moment meines ganzen, fern von Dir vertraumten Daseins. Jeder Buchstabe von Dir, ist mir heilig. Was fur ein Himmel liegt in Deiner Liebe, einzige, geliebte Amanda! Ich bin eifersuchtig auf Dich, denn gewiss hat Dir mein Brief nicht das Entzucken gewahrt, wie mir der Deinige. In Allem mochtest Du mich ubertreffen, nur hierinnen solltest Du mich nicht zurucklassen. Und dennoch mochte ich um Alles in der Welt nicht, dass Dein Brief mir weniger Freude gemacht hatte. So ist kein Zustand im Leben so voll Widerspruche, wie der Zustand der Liebe; die Zeit der Liebe ist nicht die Zeit der Ruhe. Wie ist es doch moglich, dass wir bei diesen Widerspruchen, bei dieser Unruhe so glucklich sind?

Ich beneide Dich, Amanda, obwol ich Dir es gonne, obwol ich alle Freuden meines Daseins hingeben mochte, um Dich froher zu wissen. Ich beneide Dich, dass Du dort lebst, wo jede Aussicht, jedes Platzchen neue Schwarmereien weckt, und susse Qualen nahrt. Was gabe ich darum, wenn ich ungestort meinen Traumen nachhangen konnte! Du weisst, wie wenig ich uber die Aeusserungen meiner herrschenden Stimmung zu gebieten vermag, und hier, im Kreise meiner Verwandten und altern Bekannten, muss ich es fast immer. Mein einziger Trost ist oft, von Dir zu sprechen, so wie sich nur die entfernteste Gelegenheit darbietet. Alle kleine, von Dir gesammelten Zuge, alles Freie, Hohe, Interessante, Schone, wird erzahlt, und da ich nicht von einer Einzigen sprechen will, so vertheile ich Deine Vorzuge auf alle die Weiber, die in Deinem Kreise leben, und es ist fur alle genug, reicht vollkommen hin, um hier die weibliche Eitelkeit durch eure Unerreichbarkeit zu kranken. Sieh', meine Amanda so reich bist Du; und dass man Dir das erst sagen muss, das macht Dich eben noch reicher.

Aufrichtigkeit wie hat mich das Wort ergriffen, als ich es in Deinem Briefe fand! Jener Stunde, worinnen Du Dich so schon hieruber erklartest, gedenke ich noch oft und gern. Ich lag auf den Knieen vor Dir, das Herz voll Qualen der Eifersucht. Es war spat; ich hatte Dich aus einem glanzenden Zirkel nach Hause begleitet, wo Dein Reiz, Deine Anmuth, alle Weiber uberstrahlt, alle Manner geblendet hatte. Ich sah die trunknen Blicke nach Dir hintaumeln, und wie selbst kaltere Herzen, Dir unwiderstehlich zuflogen, als Du mit seelenvollem Ausdruck, zu den schmelzenden Tonen einer Laute sangst. Ich stand in einiger Entfernung, und athmete kaum. Meine Blicke irrten auf Deiner Gestalt umher, und liebten alles, bis auf die schimmernden Ketten, die Deine Arme umschlossen. Diese schongebildete Hand ist mein, sagte ich mir freudig, dieser Arm, dieser Nacken, diese Wange, dieser Mund und mir schwindelte vor Entzucken. Aber es wird, es kann nicht mein bleiben, dachte ich weiter. Die Anspruche, die ein jeder an sie thut, ihr jugendlicher Sinn, ihr vorzuglicher Geist genug, ich sagte Dir alles, was mich qualte, als wir allein waren, und Deine sussesten Versicherungen konnten mich nicht beruhigen. Da sprachst Du: Vertrauen ist das einzige Band, was die liebenden Seelen in fester, zarter Gemeinschaft erhalt. Aller Zauber der Phantasie, vermag nichts uber die Herzen, wenn nicht Wahrheit des Gefuhls zum Grunde liegt. Sollte ich je anders fur Dich fuhlen, als jetzt was mir unmoglich scheint, so sage ich Dir es frei, und auch Dich halte keine vermeinte Zartheit ab, die immer Falschheit bleibt, mir alles, was in Dir vorgeht, zu vertrauen. Da gelobten wir einander stete Aufrichtigkeit, und es trostete und labte mich dieser Bund uber Alles.

Barton hat mir geschrieben, doch was ich so sehnlich von seinem Briefe wunschte und erwartete, fand ich nicht. Er schreibt wenig und nichts Befriedigendes von Dir; aber wie sollte er anders? Habe ich nicht durch meine hartnackige Verschlossenheit seinen Unwillen verdient? Ist es nicht an mir, alles wieder gut zu machen? Dagegen schreibt er mir von Nanetten, mit einer feurigen Beredsamkeit, die mir an ihm fremd ist, und mir eine sonderbare Art von Freude macht. "Bei ihr," schreibt er, "finde ich noch die liebe alte Frohlichkeit, die, von uns entflohen, einst der Genius besserer Zeiten war, die nicht erst lange fragt, warum? und ob mit Grund? und ob alles in der ganzen Welt dazu passt? nein, frei aus dem Herzen herausquillt, und gleich einer erwarmenden Fruhlingssonne, auch in Andern, manche ferne, erstorbene Freude weckt. Nanette plagt sich nicht mit Vorbereitungen zum Leben sie lebt. Von andern wenig fodern, auf sich selbst rechnen, ubrigens so wenig als moglich, an sich denken, und lustig fortleben, dies ist ihre Weisheit, die einzigen Regeln, die sie befolgt."

Ich danke Dir, Amanda, dass Du mir nichts von Albret schreibst, denn ich verheele Dirs nicht, dass sein Name mir stets, wie ein gluhendes Eisen, durchs Herz fahrt. Ich verehre Deine Handlungsart, aber das vermindert meine Schmerzen nicht, ich werde kalt und warm, und taumle zwischen Wehmuth und Ungestum, wenn ich an ihn denke. O! warum warst Du so fremd, mit Deinem eignen Herzen? Und, warum mussten wir uns jetzt erst finden?

In wenig Tagen reise ich aufs Land, an den Ort, wo ich die ersten, goldnen Tage des Lebens zubrachte. Dort werde ich auch meinen Vater einen Tag fruher sehen konnen, der mit seiner Ankunft mir schon viel zu lang zogert. Aber ich habe nicht den Muth, mich darauf zu freuen, vielmehr furchte ich, irgend ein Hinderniss konnte mir dort die Nachrichten von Dir, langer vorenthalten, und diese sind jetzt das hochste Ziel meiner Sehnsucht. Schreibe mir Verbannten bald. Gute Nacht, mein Leben, meine Seligkeit, mein Alles ach! warum antwortest Du nicht?

Zwei und zwanzigster Brief

Amanda an Eduard

Eduard! ich bin allein die romantische Stille der Nacht, ruht auf allen Wesen. Vor gerissnen, dunklen Wolken, steht einsam der Stern der Liebe; Ein geistiger Schein verklart das ferne Gebirge, indess tiefe ambrosische Nacht, das vor mir liegende Thal bedeckt.

Ach! aus allen Wesen ist die Bedeutung gewichen; ein kaltes Licht stromt von dem Stern hernieder, und in den leisen, durch die Nacht verstreuten Tonen, liegt Trauer und Wehmuth. Eduard, ist dies die Welt, die einst so schon, so heiter war? Welch ein allmachtiger Zauber lag in Deiner Nahe! Du wusstest es nicht, nein! Du wusstest nicht, wie Du geliebt wurdest. Die Luft hauchte mir Deinen Athem, in dem Gefluster der Blatter horte ich Deine Stimme, der Mond beleuchtete nur Deinen Pfad. Ich wusste es, eine solche Nacht liess Dich nicht ruhen. Du eiltest hinaus, in die Natur, vor Deinen Augen entfaltete sich eine neue Welt, himmlische Freiheit und Liebe empfing Dich, und die heiligen Stimmen der Nacht, riefen wunderbare Bilder vor Dein Gemuth.

Dann, ach! das wusste ich auch zog Dich ein allmachtiger Zug zu mir hin. Du wandeltest durch bluhende Haine, bluhender und lebendiger als sie, und eine starkere Sehnsucht entflammte Dich. Wenn ich dann hinaus sah, in die nachtliche, liebeathmende Welt, und hinter jedem Gestrauch Dich ahnen durfte, wie ward mir dann die Gegend so lieb, so heilig! Wie stromte aus Deinen Blicken ein neuer, himmlischer Reiz uber sie hin! Deine Wunsche waren jugendlich wie die Fruhlingsblumen, Deine Phantasie himmlisch, wie das Licht der Sterne, Deine Gefuhle lebendig, wie der rauschende Bach. Jetzt uberfallt mich namenlose Wehmuth, wenn ich die bluhende Natur um mich erblicke, und mich von Dir getrennt, in dieser bluhenden Natur. Vergebens sage ich mir, dass jedes Gluck auch die Liebe, enden muss, besser gewaltsam durch Trennung als langsam durch die Zeit das Innerste des Herzens widerspricht, und meine Thranen strafen mich Lugen.

Seit einigen Tagen ist Julie hier, und wie wohl mir ihre Gegenwart thut, wirst Du fuhlen, da Du weisst, wie ich sie liebe; doch habe ich manches an ihr anders gefunden, als ich mir es dachte. Sie will um ihre, nicht ganz feste Gesundheit, zu starken, diesen Sommer das hiesige Bad brauchen, und hat sich gefreut, dies mit meinem Wunsch, sie bei mir zu seh'n, vereinigen zu konnen. Die Jahre, wahrend wir uns nicht sahen, haben den Duft der Jugend von ihrem Geist abgestreift, und sie hat manches in ihrem Wesen, was mir weh thut, was ich hart nennen mochte, wenn ich es nicht wegen der Uebereinstimmung des Ganzen gern ertruge. Sie ist ganz das, was sie sein wollte, eine Frau, die Vergangenheit und Zukunft, stets im Bezug auf die Gegenwart denkt, mit ihren Verhaltnissen in Eintracht lebt, den Lebensgenuss weise vertheilt, um damit bis ans Ende auszureichen, und die Befriedigung des, allen Menschen eignen Triebes nach Gluck, mehr von dem Verstand als dem Gefuhl erwartet. Freilich lasst sich von einem solchen Gemuth schwerlich Billigung und lebhafte Theilnahme an einer Leidenschaft erwarten, die wie die unsrige, alle Verhaltnisse des Lebens vergisst, den ganzen Himmel in Momente zusammen fasst, und aus dem geheimnissvollen Quell der Gefuhle, unendliche Freuden und unendliche Qualen schopft. Gleichwol liebe ich sie, weil sie mir giebt, was sie mir geben kann, weil Jugendgefuhle, Erinnerungen, mich an sie binden, und ich ehre sie, weil sie unbefangen das ist, was sie sein kann, und sich fur nichts anders gehalten wissen will. Verschieden werden die Menschen geboren, und mag doch immer jeder seine Eigenthumlichkeit, nur in einer schonen Form zu erhalten suchen! Wie thorigt begehren Manche die unendlich reiche Mannigfaltigkeit der Naturen mit der flachen Einformigkeit einer einzigen Form vertauscht zu sehen! Eduard! Deine Klagen dringen mir ans Herz. Verbanne diese wilde Traurigkeit, die mich angstigt; ich verlange, ich fodre es. Auch ich will ruhiger sein; und bin es schon. Ich habe Augenblicke, Stunden, wo ich mit gefasstem Gemuth, uber unsre Trennung nachzudenken vermag. Muhsam suche ich dann alle Grunde hervor, um Vortheile fur Dich darinnen zu finden. Der vorzugliche Mensch, sage ich mir, soll harmonisch ausgebildet werden; das Gefuhl darf nicht die Oberhand behaupten, nicht das schone Gleichgewicht verletzen, und dann in allen Verhaltnissen des Lebens, sich eine despotische Herrschaft uber die andern Geisteskrafte, anmaassen. Ach! aber dann fallt es mir schwer aufs Herz, dass wir das, was in der Zukunft vielleicht noch reifen wird, mit den geliebtesten Freuden der Gegenwart erkaufen; das Schone dem Nutzlichen, das Freie dem Gesetz aufopfern, und wie gefallne Engel den hohen Pfad verlassen mussten, der uns, vereinigt, zu mehr als irdischem Gluck und Hoheit fuhrte. Warum mussten wir so viel besitzen? Ach! dem, der einmal den Himmel besass, dunkt ein gleichgultiger Zustand schon Verdammung zu sein. Doch, Eduard! wo gerathe ich hin!

Ich beneide Dich um die Neuheit, das fremde Leben, welches Dich umgiebt, wie Du mich um meine stillen Traume. Jedes halt den Andern fur glucklicher, wunscht sich an seine Stelle, und gonnt ihm doch seine vermeinte, bessre Lage. Ach! in dem fremdesten Gewuhl, und in der einsamsten Hutte, wird das treue Herz von Sehnsucht gequalt!

Es beunruhigt mich oft, dass ich Dir nicht ofterer schreiben kann, und dass meine Briefe Dich erst so spat erreichen. Ich zittre fur jeden Aufschub, und mochte Dir gern jede Unruhe, jede Sorge ersparen. Zuweilen, Freund, durchfliegt mich eine himmlische Zuversicht. Weissagend, verheisst mir eine innre Stimme: wir sind nicht fur einander verloren! Der stille Gang der Schicksale fuhrt uns wieder zusammen, diese Sehnsucht bleibt nicht ungestillt, aber wenn und wie? noch weiss ichs nicht! O! ist nur erst der Schleier des Geheimnisses hinweg gerollt, der uber Deinen Verhaltnissen ruht! Dass er dann bald erscheine, jener selige Moment des Wiedersehens! bald, wenn noch die Glut der Gefuhle ihn unendlich macht, und die himmlischen Geister der Phantasie um die Wahrheit ihre Bluthenkranze flechten! Oft erfreut es uns, Julien und mich, auf die verschlungnen Pfade der Vergangenheit, wie von einer Hohe herabzusehen. Erst dann, wenn Jahre dazwischen liegen, wird erst bemerkt, was in der Gegenwart sich zu nahe vor die Augen drangte. Schon fruhe trennten sich unsre Wege, aber wir bemerkten es nicht. Wenn wir von der Zukunft traumten, und Julie bald ein Ruheplatzchen zu finden wunschte, wenn ihre Phantasie sich kaum einige Meilen weit wagte, und sie das reinliche Landhaus, und ein stilles, regelmassiges Leben bald festhielt, so reizte mich der Gedanke: mehr von der Erde zu sehen, ganz unaussprechlich; die unbestimmte Ferne zog mich an, und als das hochste Gluck, dachte ich mir stets, an der Seite eines geliebten Mannes, ein schones, vielseitiges Dasein zu geniessen, tausendfach zu leben. Ihr, der Gnugsamen, ward, was sie wunschte, und sie erfullte die Lage, die sie so oft sich dachte; mich trieb das Streben, das hohe, was ich kannte, in Einem vereinigt zu finden, rastlos im Gebiet des Lebens umher, und als es mir ward, als ich kaum das harmonische Dasein fuhlte, das alle Wunsche begranzte ach! da verschwand der Himmel, und einsam und verlassen fand ich mich auf der Erde wieder! Du schriebst mir lange nicht, Eduard! Dein Schweigen angstet mich. Schon einige Posttage sind vergangen, wo ich Seligkeit erwartete, und alle Bitterkeit getauschter Sehnsucht fand. Ach! Dein Bild webt sich in alle meine Traume, und meine sussesten Hoffnungen ruh'n in Deinem Herzen! Oft uberflieg' ich, was uns trennt, und lebe dann mit Dir, ein neues, schones Leben. Und theilst Du sie mit mir, diese Sehnsucht nach Wiedersehn? wie soll ich mir Dein Schweigen erklaren? wie, wenn Du Dich der Freude uberliessest, wahrend ich voll Trauer jede Freude verschmahe, und Dich stets allenthalben vermisse? Ich bat Dich ruhig zu sein, und musste verzweifeln, wenn Du es warest. Nur das kann mich beruhigen wenn Du mir nichts verheelst, Dich durch keine Spizfindigkeit des Verstandes, keinen Trugschluss der Vernunft verleiten lasst, das hohe Gesetz des Vertrauens zu brechen, das, wie durch Zauberei, Eins in des Andern Seele lesen lasst.

Drei und zwanzigster Brief

Eduard an Amanda

Ich bin nun hier auf dem Gute meines Vaters, und habe zum erstenmal einen Busen voll Sturm in diese friedlichen Fluren gebracht. Hier war ich als Knabe glucklich ohne es zu wissen, eine heitre Welt stand vor meinem Blick, mein Leben war Genuss und Thatigkeit. Hier war ich oft als Jungling, mit Wunsch und Gefuhl. Oefters weinte ich da an einem schonen Abend oder Morgen, Thranen, deren Quelle ich nicht kannte. Ach! es waren schon damals Thranen der Sehnsucht, die ich Dir weinte, obwol ich Dich nicht kannte, einzige Amanda! warum sah ich Dich damals nicht, warum verband uns nicht Ein Himmel, Eine Flur? Und als ich Dich endlich fand, als mich die Liebe mit Dir vereinigte, wie war es moglich, Dich wieder zu verlassen? Ich habe viel daruber nachgedacht, was mich ans Leben halt, und was uberhaupt den Menschen so ans Leben fesselt, und ich weiss es, ich habe es gefunden, es ist die Liebe, einzig sie allein. Wenn ich aufhore zu lieben, so hore ich auch gewiss auf zu leben. Nur Liebe oder Eigennutz sind die Bande, die alle menschliche Gesellschaft zusammen halten, und wenn ich mich in schwarzen Stunden der Selbstqual ungeliebt und ohne Liebe denke, so schaudert mir, und ich ergreife rasch Dein Bild oder Deine Briefe. Ich bin jung, und habe wenig Leiden erpruft, aber doch nicht selten schmerzlich die Nichtigkeit aller Freude gefuhlt. Meine lebhafte Phantasie zauberte mich in alle noch ungeprufte Lagen bis zur Wirklichkeit hinein. Ehe ich Dich kannte, fuhlte ich ofters unbeschreibliches Verlangen, banges Gefuhl von Alleinsein. Die Natur war damals meine Geliebte. Wie oft bin ich auf die Knie gesunken, den Busen voll Sturm, das Auge voll Thranen, und habe die Blumen gekusst und die Erde! Dann schwarmte ich rastlos umher, und ich brauche Dir nicht zu sagen, dass es kein gemeiner Taumel, kein gewohnlicher Durst nach Vergnugen war. Eine Art von Verzweiflung jagte mich, und bei allem Reichthum meiner Gefuhle, dunkte ich mich arm. Da fuhrte mein Genius Dich zu mir und alles, was ich je empfunden, wiederholte sich schoner bei Dir. Der Sehnsucht Thrane, der Wehmuth Seligkeit, die tiefe Ehrfurcht, das stumme Entzucken, das alles gab ich nun Dir, und Du warst reicher als die Natur, Du nahmst und gabst. O! Einklang der Seelen! Mittheilung ohne Worte! O! selige, selige, selige Zeit! Gleich einer glucklichen Insel ragt sie aus dem Strom des Lebens hervor. Die Liebe leitete uns auf geheimnissvollem Weg dahin; aber wir mussten sie verlassen, unser Weg hat weiter keinen Zusammenhang mit ihr, und einsam und getrennt treibt der Strom den oden Nachen hinab. Was soll ich nun allein auf den dunklen Wellen, wo Du, leuchtendes Gestirn! mir fehlst? Ach! ich bin so kleinmuthig! und das macht die Entfernung allein, die Entbehrung, die mich alles Sinnes und Muthes beraubt! Die Welt weicht von mir zuruck. Leiser, und immer leiser verhallen in dem weiten All die Tone der Liebe, der Freude, unvermerkt loset sich ein Band nach dem andern, und an dem grossen Accord menschlicher Wunsche und Freuden schliesst sich der Ton meines Herzens nicht mehr an. Dein Brief thaut Balsam auf mein wundes Herz, und grabt die Wunde doch tiefer. Ich denke mich bis zum Wahnsinn in alle verschiedenen Lagen hin, worinnen ich Dich so oft gesehn. Ach! dass ich die Traume, die die Sehnsucht Deinem Auge entlockt, wenn Du einsam in die nachtliche Gegend blickst, nicht von Deinen Wangen kussen kann! dass ich nicht mehr gegenwartig bin, um die Musik Deiner Rede zu vernehmen, wenn Deine Lippen sich so anmuthsvoll bewegen, dass ich oft selbst das Horen daruber vergass! Kann der todte Buchstabe mir ersetzen, was einst so lebensvoll, so gottlich vor mir stand? Nein! meine Empfindung gleicht der Empfindung eines Greises, der aus dem Schatten der Ruhe noch einmal auf den schimmernden Blumenpfad seiner Jugend zuruckblickt. Alles Gluck liegt hinter ihm, und vor ihm, eine stille, leere, dunkle Gegend.

Ein Platzchen habe ich hier gefunden, heimlich zwischen Bergen und Gestrauch, dem Garten ahnlich, wo einst Engel zu mir herabstiegen. Hier will ich mir eine kleine Kapelle bauen, einfach, prunklos und mit weichem Boden, dass man leise geht, wie der verstohlne Tritt der Liebe. Ueber dem Altar hangt Dein Bild; auf ihm liegt alles, was ich je in seligen Stunden von Bandern, Blumen und Briefen von Dir erhielt. Vier Saulen sind darinnen, der Phantasie, Erinnerung, Hoffnung und Liebe geweiht, und jede tragt das Gemalde einer Sonne aus der kurzen Bluthenzeit meines Glucks. Zuweilen muss ich auch einen Menschen mit mir dahin fuhren, um dort zu beten, denn welcher Genuss ist ungetheilt? Aber behutsam, sehr behutsam werde ich sein in meiner Wahl, und wol manches Jahr wird hingehen, dass keiner in den Tempel meiner Allgegenwartigen tritt. Und wenn auch einer der Erste seines Jahrhunderts ware, so musste er dennoch geliebt, glucklich geliebt haben, wenn er mich begleiten durfte. Aber grosse Menschen werden nicht ohne Liebe; sie allein bringt uns den Vollkommnen naher. Ware nur meine Kapelle schon fertig, dass ich mich in den heissen Augenblicken der Unruhe und der Sehnsucht, dahin verbergen konnte! Amanda! ich bin in Verzweiflung! In meiner Zerstreuung hab' ich vergessen, dem Boten, der Briefe in die Stadt tragt, diesen Brief an Dich mitzugeben. Das Aussenbleiben desselben wird Dich beunruhigen, und ich kann diesen Gedanken nicht ertragen. Ich lasse das schnellste Pferd satteln, und fliege in die Stadt, um die Post noch zu erreichen. O! dass es so unbandig ware und sich nicht halten liesse, und mich ohne Rast zu Dir hintruge! Ich bin wieder besser, meine Amanda, ich bin ganz gesund. Ach! was habe ich gelitten, dass ich Dich so lange in dieser Ungewissheit lassen musste, aber die Krankheit ubermannte mich mit unbeschreiblicher Starke und Schnelligkeit; ein heftiges Fieber raubte mir das Bewusstsein, und vergonnte mir nur selten einen leichten Augenblick; ich habe viel phantasirt, und bin sehr glucklich gewesen. Ganz deutlich erinnere ich jetzt mich dessen, was meiner Krankheit vorher gieng, und ich will es Dir erzahlen, weil ich Dir nichts verheelen darf. Ich ritt, nachdem ich Dir zuletzt geschrieben, mit fliegender Eil, um noch vor Abgang der Post in der Stadt zu sein. Auf meinem Weg lag eine Fahre, die ich passiren musste. Es war so fruh, dass man auf der andern Seite niemand vermuthete, und ich musste lange warten. Die Luft wehte kalt, der Himmel sah schwarz umzogen, und meine Ungedult war furchterlich. Schon wollte ich mich in die Wogen sturzen und hinuberschwimmen, als ein alter Schafer herbei kam, und mich gutmuthig festhielt. Er stellte mir die Gefahr bei dem herannahenden Sturm so lebhaft vor, dass ich einige Augenblicke lang schwankte, und ein kleines Gesprach mit ihm anknupfte. Und hier so bitter war meine Stimmung war ich recht bemuht, diesem Menschen, der mit seinem Dasein zufrieden schien, das Traurige desselben mit wilder Lebhaftigkeit aufzudecken. In dieser oden Gegend, wo Stunden weit keine menschliche Wohnung, nur Sand und dunner Graswuchs zu sehen ist, musste dieser Mensch zwei mal 24 Stunden lang allein mit seinem Hund die Schaafe huten, wo dann ein andrer ihn abloste. Bitter fragte ich den Mann: Wie magst du nur das Leben ertragen? Aber er begriff mich nicht, und erzahlte mir nur, wie er dann Einen Tag in seiner Hutte zubrachte, und mit seinem Weibe des kleinen Lohns sich freue, und sein Gartchen bestelle. Dies Gesprach machte mich noch ungeduldiger, und da die Fahre noch immer nicht gekommen war, so nahm ich keine Grunde mehr an. Ich verliess mich auf mein gutes Pferd und meine Krafte, und wunschte, dass ein verzweifelter Kampf mit den, Wogen, dem Leben, das in manchen Augenblicken keinen Reiz mehr fur mich hat, wiederum Werth geben mochte. Glucklich erreichte ich das Ufer, und nun weiter nach der Stadt. Ich kam zu spat, und das brachte mein Blut noch mehr in Wallung; eine unnaturliche Glut rann durch meine Adern; ich fuhlte die Krankheit, aber ich fasste die Idee, sie zu bekampfen, und ihr durchaus nicht unterliegen zu wollen. Unverzuglich ritt ich wieder fort, durch eine dunkle, sturmische Nacht. Aber mir war wohl, sehr wohl. Das Ungewisse der Schatten, erhohete meinen gespannten Zustand. Allmachtig, wie ein Gott, wandelte ich allein in einer unendlichen Welt. Die ganze Natur schien mir unterthan, ich furchtete, ich hofte nichts; Leben und Tod lag in meiner Hand. Auf einer unermesslichen Nebelbahn kam mir ein ferner, freundlicher Lichtstrahl entgegen. Du warst es; wie eine leuchtende Sonne nahtest Du mir, und wir stiegen hoher, immer hoher. Gegen Morgen kam ich an das Wasser und dachte mit Vergnugen der gestern uberstandnen Gefahr. Diesmal fand ich die Fahre und liess mich gleichgultig ubersetzen. Meine Verwandten erschracken, als ich nach Hause kam. Ich sprach unbeschreiblich viel in Prosa und Versen, mit der grossten Lebhaftigkeit. Nach einigen Stunden gelang es ihnen, mich ins Bett zu bringen, und von diesem Augenblick an weiss ich wenig mehr. Mehrere Wochen sind mir ohne helles Bewusstsein vergangen, doch war Dein Bild in allen meinen Traumen. Sie sagen: ich soll noch nicht ausser Gefahr sein, doch fuhle ich jetzt meine Krafte taglich mehr zuruckkehren, und meine einzige Sorge ist Deine Bekummerniss. Furchte nur nichts mehr, Geliebte! Du liebst mich und ich lebe.

Vier und zwanzigster Brief

Amanda an Eduard

O Du bist krank, Eduard! Du bist es noch immer! Dein Brief tragt unverkennbare Spuren Deines zerrutteten Zustandes. Weh mir, dass ich so Dich wissen und entfernt von Dir bleiben muss! Diese innre Nothwendigkeit bei aller aussern Freiheit ist das Schrecklichste, was sich fuhlen lasst, ist die grosste Qual meines Lebens! Ich mochte, wie Clarchen, als sie Egmont im Kerker weiss, und ihn nicht retten kann, ich mochte gebunden sein, an allen Gliedern gelahmt, lieber, als so frei herum gehn zu konnen, und doch fern von Dir bleiben zu mussen! O! jetzt bei dem heiligen Gefuhl der Liebe, beschwore ich Dich schone Dein! gedenke des liebenden Herzens, dessen Qualen Dein Werk sind. Verbanne alle Schwarmereien, bandige Deine Phantasie, bedenke, dass mit der Gesundheit auch die Freude, mit dem Leben die Hoffnung verfliegt. Wie heftig bist Du in Allem o! sei ruhig, vertraue dem Herzen der Geliebten, der Du Alles bist, lass uns der Zeit vertrauen, die das Verworrene still losen wird. Noch hab' ich selten an unsre Zukunft gedacht, und wohin das alles wol fuhren sollte. Fragst Du den Strom, wohin er seinen Lauf zu nehmen gedenkt? Allmachtig wogt er dahin, wie Naturgesetz und Kraft es ihm gebieten. Wie nahe, wie lebendig hat mich noch heute Dein Andenken umschwebt! einsam gieng ich in den dunklen Gangen des Gartens! sehnsuchtsvoll breitete ich meine Arme aus, und nannte leise Deinen geliebten Namen. Ach! da war es mir, als musste ich Dich aus Deiner Ferne zu mir heruberziehen, und mir ward wohl und weh bei dieser Tauschung. Und nun noch einmal, Eduard! einzig Geliebter! schone Dein Leben, Deine Gesundheit! Julie ist zuruckgereist; Albret ist krank; ich bin allein o! wenn Du meine Unruhe kenntest!

Funf und zwanzigster Brief

Amanda an Julien

Ich komme mit der alten Freundschaft und mit neuer Unruhe zu Dir, geliebte Freundin! Wohl uns, dass wir uns verstanden, uns aufs neue gefunden haben! Der Sonnenstrahl der Nahe, hat alle die verhullten Bluthenknospen der Jugendfreundschaft und Erinnerung, in unsern Herzen wieder aufgeschlossen; ein neuer Lenz hat sich unserm Gefuhl entfaltet, dessen heitern Himmel keine Missverstandnisse, keine Klugheit, keine kleinlichen Rucksichten getrubt haben, und unsre Herzen waren gegen einander noch rein und ohne Falsch, wie in den Tagen der Kindheit. Du hast mich weicher, fuhlender jugendlicher verlassen; mich hast Du klarer, menschlicher, hoffnungsvoller zuruckgelassen. Und nun vergonne mir den trostenden Genuss der Mittheilung, und lass mich Dir sagen, was seit Deiner Abreise mit mir vorgegangen ist.

Du weisst, dass Albret von einer heftigen Krankheit uberfallen ward; sein Zustand schien gefahrlich. Ich that fur ihn, was Dankbarkeit, was menschliches Gefuhl, was mir mein Herz gebot, und er schien weicher und vertrauungsvoller gegen mich zu sein als je. Einst liess er mich zu sich rufen. "Amanda," sagte er mit schwacher Stimme, "mein Leben, ich fuhle es, ist bald dahin. Willst du meine letzten Lebensstunden erheitern, und dir selbst die Ruhe deiner Zukunft sichern?" "O! rede frei," rief ich, schon ganz erweicht, "alles was ich kann, will ich gern, gern fur deine Zufriedenheit thun! " "Du liebst Eduard," fuhr er fort "diesen Jungling, der heftig, ehrgeizig, unzuverlassig, undankbar ist, kurz alle Fehler der Jugend in hohem Maass besitzt; dein Gluck, deine Ruhe, zertrummert der Wilde unausbleiblich. Entsage ihm jetzt, da es noch Zeit ist, brich allen Umgang mit ihm ab; versprich es mir, und du verbreitest Frieden uber mein gequaltes, hinsinkendes Leben! " Mein Herz zerfloss in tiefen Schmerz, und mein Auge in Thranen; ach! es gelang ihm nur zu gut, alle Saiten meines Gefuhls zu tiefer Trauer zu bewegen aber ich war entschlossen. Jene rauhe Tugend, die Alles seinen Grundsatzen aufzuopfern befiehlt, mogen auch alle andre daruber zu Grunde gehen, kenne ich zwar nicht; sie ist mir fremd; aber diesen Betrug, diese Herabwurdigung dessen, was mir das Liebste, das Heiligste ist O! wie hatte ich ein solches Versprechen uber meine Lippen bringen konnen? Nein! sagte ich fest, und nur dieses einzige kann ich Dir nicht gewahren! Albret gab seinen Plan so leicht nicht auf; er suchte alles hervor, was mich zu erschuttern vermochte, und nur spat uberzeugte er sich, dass es vergebens war. "Nun wohl," sagte er hierauf, "bist du seines Herzens, ist er des deinigen so gewiss, so kannst du nichts dabei wagen, wenn ich ihn auf eine, nicht allzu schwere Probe stelle; und dies Verlangen wirst du mir, ohne Ungerechtigkeit, nicht unbefriedigt lassen konnen. Versprich mir nur vier Monate lang, ihm keine Zeile, kein Wort von deiner Hand lesen zu lassen, und dann entscheide selbst uber ihn. Fuhlt er wirklich so, wie du glaubst, was vermag eine so kurze Zeit, was vermochte die grosste Wahrscheinlichkeit, gegen die freudige Gewissheit seiner Liebe? gegen sein Vertrauen zu dir?" Er fugte noch manches hinzu, und Julie ich versprach es. Ich versprach es und werde es halten, was es mir auch schon jetzt kostet. Denn diese Probe, was soll sie? Vertragt sich die Klugheit einer solchen Prufung mit der Einfalt, der heiligen Kindlichkeit der Liebe? Ach! schon bin ich sehr unruhig! Dem Sterblichen sollte Wahrheit uber alles heilig sein! Eine einzige Abweichung und Du kannst die Folgen nicht berechnen. Kaum ist die Handlung geschehen, so geht ihre Wirkung ins Unendliche; unaufhaltsam sturmen die raschen Machte des Schicksals mit deiner That dahin, und nie bekommst Du sie mehr in Deine Gewalt!

Sechs und zwanzigster Brief

Eduard an Barton

Barton! ich habe Dich beleidigt, schwer beleidigt ich weiss es, und allen Deinen Briefen fuhle ich meine Schuld und Deinen Kaltsinn an. Eigenmachtig, ohne Grund, entzog ich Dir mein Vertrauen. Du warst mir wenig mehr, weil mir Amanda Alles war. Vergiss es jetzt, ich selbst kann es Dir noch nicht erklaren und vielleicht kannst Du es besser als ich; beurtheile mich im Ganzen, als Erscheinung, wie Du sonst wol thatest, und Du wirst sehen, es wird sich alles ausgleichen.

Ich bin kaum genesen und es sturmt so vieles auf mich ein. Mein Vater ist hier, und hat mir Alles gesagt. Ich weiss es nun, dass er von Albret todlich gehasst wird, und aus welchen Grunden; weiss es, dass dieser stolze, rachedurstende Mann seinen Groll auch auf mich ubertrug, und dass mein Vater, der in seiner Nahe fur mich furchtete, sogar mein Leben in Gefahr glaubte, deshalb so schleunig, so unbiegsam auf meine Abreise drang. Seine Liebe erfreut mich, aber die Gefahr, worinnen er mich geglaubt, ruhrt mich weit weniger, als, wie ihr das furchtbare Gemuth dieses Mannes kennen, und es so gleichgultig zu ertragen vermochtet, dass Amanda bei ihm lebt. Wie? habt ihr Herzen? oder hat die Welt schon euren Sinn so eng zusammen gezogen, dass nur euer eignes Schicksal euch ruhren kann, und ihr das Wohl und Weh eines fremden Wesens o Gott! und des vollkommensten gelassen und unthatig, in seine eignen Hande gebt? Und ihr seid ja die bessern unter den Menschen! Doch davon hernach: jetzt das Wichtigste.

Amanda schreibt mir nicht was geht dort vor? das ist es, was ich von Dir wissen muss. Einer meiner dortigen Bekannten erzahlt mir in seinem Brief ganz unbefangen, dass man sie sehr oft mit dem Grafen * * zusammen sehe; dass seine heftige Leidenschaft fur sie kein Geheimniss sei, und Amanda ihr Gehor zu geben scheine. Ich gluhe, wenn ich mir das denke. Kanntest Du jemals diese Qualen der Eifersucht, die mir, wuthender Flammen gleich, verheerend durch die Seele zucken. Warum vernichten sie ohne zu todten? Und warum soll sie keine Freude mehr geniessen, ohne mich: ihre ganze Existenz gedultig in die meinige auflosen? Kann ich, will ich diesen Seelenmord verlangen? Ja! ich darf Alles von ihr fodern, weil ich ihr Alles zu geben bereit bin; mein Gefuhl ist naturlich, ist gerecht! Ein heiliges Gesetz, dass Liebe nur Liebe verlangt und giebt, liegt ihm zu Grunde. Ist sie mir nicht Alles? Mochte ich nicht, von ihr getrennt, jede Freude nur darum geniessen, um sie, treu aufbewahrt und verschonert, ihrer Phantasie wieder zu geben?

Vergleiche ich nun die stillen Aeusserungen Deiner Briefe damit, die auch ihrer oft in Verbindung mit dem Grafen erwahnen, so stossen sie mir den Dolch ins Herz, und doch kann ich nicht sagen, dass du mir weh thust. Du schreibst mir kein Urtheil, nur trockne Wahrheit; bloss die aussre Erscheinung, nichts von Vermuthung, selbst das nicht, wie es auf Dich wirkte. Das thust Du, eben weil Du weisst, wie tief es mich angeht. "Ich rathe niemand in Sachen des Gefuhls," sagtest Du einst, "denn ich kann so gut irren, wie der Andere. Aber ich stelle ihm die Sache hin, rein und naturlich, wie sie mir erscheint, um vielleicht durch eine neue Ansicht sein Urtheil unbefangen zu machen." Aber, Freund! mit dieser kalten Klarheit richtest Du jetzt nichts aus, jetzt nicht gegen mein leidenschaftliches, gequaltes Herz. Ich fodre Dein Urtheil, ganz bestimmt, Alles was Du von ihr, ihrem Wesen, ihren Verhaltnissen und ihrer Liebe zu mir, denkst. Ach! dass ich so kalt, so fremd, so gemein, von ihr, von dem sprechen muss, was mir das Nachste, das Heiligste, das Unaussprechlichste war! Wie anders, wie ganz anders gestalten sich diese gottlichen Bilder, durch diesen Zweifel, diese unwurdige Verhandlung! Wie! ich hatte vielleicht getraumt? und dies alles konnte enden, wie das Gemeinste endet? und es ware Wahn gewesen, Rausch des Vergnugens, kurz, irgend etwas, was man erklaren kann, was ich so einzig, so gottlich in mir fuhlte? O! vielleicht haben meine letzten Briefe, oder die ihrigen, ein ungluckliches Schicksal gehabt, und ein gemeiner Zufall verfuhrt mich zu den frevelhaftesten Aeusserungen! Genug, schreibe mir bald und deutlich. Ich warte zwei Posttage auf Deinen Brief, und warte ich vergebens, so siehst Du mich vor Dir!

Sieben und zwanzigster Brief

Eduard an Barton

Gut! ich habe nun Deinen Brief, und Du bist mit mir abgefunden. Du handelst rechtlich, und ob gleich ich Dich hier lieber fuhlend hatte handeln sehen, so darf ich doch nichts dagegen sagen. Du schreibst mir, dass Dich Albret einst aus einer der grossten Verlegenheiten Deines Lebens befreit hat, dass Du ihm grosse Verbindlichkeiten schuldig bist, und damals den unverbruchlichen Vorsatz gefasst hast, niemals auf keine Veranlassung, und in keinem Verhaltniss, gegen ihn zu handeln. Treue gegen Deinen Entschluss, und noch uberdies, die Ueberzeugung, dass man sich nie in fremde Herzensangelegenheiten mischen durfe, hielten Dich also ab, an meinem Verhaltniss mit Amanda, auch nur entfernt, Theil zu nehmen, und alles was Du jetzt fur mich thun konntest, war, dass Du Nanetten fragtest, ob ihr vielleicht der Grund von Amandas Schweigen bekannt sei? Und er war es! Amanda hat mir auf Albrets Bitte feierlich entsagt! Sei der Bewegungsgrund welcher er wolle, sie hat mir entsagen konnen, was lasst sich dagegen einwenden? Und nicht von ihr selbst sollte ich dies erfahren denn ich habe keinen Brief daruber von ihr, so unbegreiflich dies ist. Vielleicht, dass irgend ein Geheimniss hier verborgen ist, aber wie es auch sei Nanette hat es ja von Albret selbst gehort. Entsagt! nein! mein Stolz erwacht, und was es auch kosten mag, ich reisse Liebe und Hoffnung und Gluck, auf ewig aus meinem Herzen!

In einigen Tagen wird mein Vater mit Privatauftragen des * * schen Hofs nach * * gehen. Er will, dass ich ihn begleiten, mancherlei Geschafte ubernehmen, und mich nun selbst mit Welt und Menschen bekannt machen soll; und ich werde, so viel ich kann, mich in seine Wunsche fugen; aber mein Sinn, meine Stimmung, treibt mich jetzt fast unwiederstehlich dazu, Kriegsdienste zu nehmen, und ich werde alles thun, um ihn fur diesen Wunsch zu gewinnen. Sonderbar ist es mir zu Muthe, wenn ich jetzt an meine fruhern Wunsche zuruck denke, wo ich mir kein grosser Gluck denken konnte, als meines Vaters Freund zu sein, und viele Lander und Menschen kennen zu lernen. Und nun bin ich fast der Vertraute meines Vaters geworden; ich sehe ihn, der sonst vor meiner Phantasie immer in heiliges Dunkel gehullt war, ganz nahe und klar vor mir handeln; nun ist der Augenblick gekommen, der sonst eine Granze fur alle meine Hoffnungen zog. Und wenn ich mich nun doch so voll Unruhe und Sehnsucht fuhle, da erscheint mir der Mensch wie ein Wandrer, der einen Berg ersteigen will, und wenn er die eine Hohe, die er fur die letzte hielt, erstiegen hat, so wachst der Berg vor seinen Augen, und er steigt mit steter Sehnsucht, so weit er kann, ohne je den Gipfel erreichen zu konnen. Unsre Wunsche verlieren sich ins Unendliche, wie alle unsre Vorstellungen; denn wir konnen uns das Grosste und das Kleinste, das Unbeschrankte und Beschrankteste nicht denken. Nur Einen Zustand im Leben giebt es, welcher Ruhe gewahrt ohne Ersterbung, der das Unendliche umspannt, und alle Sehnsucht befriedigt. Es ist der kurze, gluhende Sonnenblick, den eine hohere Sonne, vorubergehend, auf das dunkle, fluchtige Leben des Sterblichen wirft. Aber er geht voruber, und alles sinkt ihm noch in tiefere Schatten! Ohne Hoffnung blicke ich in mein zukunftiges Leben hin; das Gluck liegt hinter mir, und ich lebe dafur nicht mehr. Und wofur denn sonst? zum Wohl des Ganzen soll ich wirken? und weiss ich denn, worinnen dies eigentlich besteht? zeige mir, wo ich das wahre Ziel zu suchen habe: und wenn ich es nicht weiss, nicht wissen darf, so treibt mich eine ewige Nothwendigkeit, auch ohne mein Zuthun dahin. Ach! das hat mich schon ofters gequalt! Rollt die Menschheit mit allen ihren aussern und innern Revolutionen, ewig wie ein ungeheures Rad, mit Nacht und Traum bedeckt, in dem Strom der Zeit dahin? Das Rad rollt unablassig durch die Feuersaule hindurch, und was beschienen wird, erwacht auf einen Augenblick zum Leben, zum Bewusstsein. Aber alles eilt hindurch und schwindet in Nacht; bis es einst vielleicht wiederum unter einer andern Gestalt eben so fluchtig den Feuerstrahl durchrollt. O! dann wunscht' ich trostlos, von diesem unendlichen, einformigen, zwecklosen Reif herabspringen zu konnen, ware es auch, um in das ewige Nichts zu versinken! Oder steigen wir auf der unermesslichen Linie der Zeit einem vorgesteckten Ziel entgegen? aber was es ist, und wo es endet? O! warum streben unsre Wunsche ewig dieser Granze zu, wo eine fremde Macht sie kalt zuruckreisst; warum konnen wir nicht, wie Muckenschwarme im Abendgold, uns des fluchtigen Sonnenblicks unbesorgt erfreuen, bis er verloschen ist? Ich habe * * verlassen; die Trennung von dieser Gegend, hat mich lebhaft an eine andre erinnert, und ein Augenblick hat mich belehrt, wie sehr mein Herz an seiner Liebe hangt. Beinah' dunkte es mir unmoglich, diese Gegend zu verlassen, und mich noch weiter von ihr zu entfernen. Nein! ich war zu rasch, und will nicht so von ihr getrennt sein! Ich will schreiben, und Nanette den Brief zuschicken, da Du es nicht ubernehmen kannst. Ich muss, ich muss sie wieder sehn, mit ihr leben! O! ewig wurde dies schone Bild, wie ein verlornes Paradies, meiner Seele vorschweben, und alle Freuden durch seine Erscheinung in Qualen verwandeln, wenn ich nicht alles thate, um es mit Wahrheit zu beleben! Wie? ich sollte nie mit ihr glucklich sein? unsre Bekanntschaft ware ohne Zusammenhang mit unserm ganzen ubrigen Leben, und die Harmonie unsrer Herzen nichts als der Traum einer erregten Phantasie? Und wie kann sie ohne mich glucklich sein? kein Andrer kann ihr das sein, keiner ihre Gefuhle so verstehen wie ich, keiner sie so erwiedern! ode und leer wird uns beiden das Leben, das uns so frisch, so verstandlich, so bluthenvoll sein konnte. Nein! sie soll alles wissen was in mir vorgeht; unser Gluck will ich ganz in ihre Hande, in ihren Willen legen. Und wissen soll sie, welch ein Herz der Mann, an welchen sie das Schicksal band, im Busen tragt. Denn mich banden ja die Bedenklichkeiten nicht, welche Euch zuruckhalten, und ich darf ihr frei sagen, dass Albret, als ein unversohnlicher Feind meines Vaters, seinen Hass auch auf mich Unschuldigen ubertrug, ja, dass mein Leben nicht sicher in seiner Nahe war, und mein, um mich besorgter Vater, deshalb auf meine Entfernung so eifrig, so ohne Aufschub drang. Ja ich muss ihr das alles sagen, und wie konnte ich nur so lange schweigen? welche Verblendung ist es, die den Menschen oft verfuhrt, gegen einen falschen Stolz, kleinliche Bedenklichkeit oder ein ubereilt gegebenes Wort, sein Liebstes, sein Heiligstes aufs Spiel zu setzen?

Zweiter Theil

Erster Brief

Amanda an Julien

Seit langer Zeit, Julie, ist dies der erste Augenblick, wo ich Dir wieder schreiben kann. Zu welchem Wechsel von Gefuhlen ist mein Leben bestimmt! ich wandle wie in einem dichten, dustern Hain, wo nur zuweilen die wankenden Zweige sich offnen, und mir die Aussicht auf ein fernes glanzendes Thal zeigen. Aber schnell schliessen sie sich wieder, und ungewiss, ob mich der Weg in eine Einode, oder in jene lichte Gegend fuhrt, gehe ich im Dunkel weiter, wie das Schicksal es mir gebietet.

Ich schrieb Dir, dass Albrets Krankheit gefahrlich gewesen sei, und sie ist es noch. Sein Gemuth scheint in gewissen Augenblicken, vielleicht zum erstenmal, von Vertrauen gegen ein fremdes Wesen durchdrungen, und eine wunderbare Weichheit nimmt dann die Stelle seiner gewohnten Fuhllosigkeit ein. In solchen Momenten hat er mir Vieles aus seinem fruhern Leben vertraut. Da war es, wo mir von ihm entdeckt ward, dass Wilhelm sein Kind sei; dass er einst eine heftige Leidenschaft fur dessen Mutter gefuhlt, sie aber bald darauf wieder ganz verlassen habe. Sie sei, fuhr er fort, wahrscheinlich aus Gram daruber, gestorben; er habe das Kind hier erziehen lassen, und der Wunsch es zu sehen, ware unter andern Grunden, mit eine Veranlassung gewesen, warum er an diesen Ort gereist sei. "Sorgfaltig, setzte er hinzu, war ich bisher bemuht, Dir aus diesem Verhaltniss ein Geheimniss zu machen, denn, Amanda, ob gleich ich in Dir das vorzuglichste Weib verehre, das ich je habe kennen lernen aber, sei so edel Du willst; frag Dich selbst, ob Du nach dieser Entdeckung nicht ein Recht uber mich zu haben glaubst? und wer kann mir burgen, dass Du diese Gewalt nie misbrauchen wirst? o! die Gewalt uber uns, ist fur ein Weib das schonste Ziel, nach dem sie ringt, und dem Vergnugen, dann nach Laune und Willkuhr verfahren zu konnen, opfert sie mit Freuden jede andere Rucksicht auf!"

Wie seltsam ich bei diesen Scenen bewegt war, kann ich Dir nicht beschreiben. Es war mir genugthuend, diesem verodeten HerzenEtwas sein zu konnen, es durch mich mit leisen Banden des Vertrauens, des Wohlwollens wieder an das Leben gebunden zu sehen. Aber dann war mir dieser Mann wieder so fremd; seine lange Verschlossenheit, sein Argwohn, seine kalten Berechnungen stiessen mein Gefuhl zuruck, und machten mir seine Nahe schauderhaft. Ja, Julie, diese Verschiedenheit unsrer Ansichten, unsrer Empfindungen, liegt wie ein tiefer Abgrund, den wir nicht uberschreiten konnen, zwischen uns beiden; vergebens sende ich die Bluthen der Innigkeit, der Mitempfindung, mit weichem Herzen zu ihm hinuber; kaum Eine derselben erreicht ihn; die meisten flattern in die Tiefe, und ich fuhle nur die dunkle Leere, die uns trennt. Und doch muss ich so innig das Herz bedauern, das seine schonsten Gefuhle zu verbergen strebt, weil es furchtet, in die Gewalt eines Andern zu gerathen, das unablassig, ferne, dunkle Zwecke verfolgt, die ihn doch nie glucklicher machen, und sein Auge fur das nahe, helle Leben um ihn her verschliessen; doch bleibt mir der Wunsch immer lebendig, ihn durch Wahrheit und Gefuhl mit dem Leben wieder auszusohnen, und das verschlossene Gemuth den Empfindungen der Menschlichkeit wieder zu eroffnen.

Und so bin ich denn jetzt ganz allein gelassen, mit diesen wechselnden Gefuhlen? Du bist fern, und ich kann und will Deine Gegenwart nicht fodern. Nanette ist zu ihren Verwandten gereist, und wer weiss wann sie zuruckkehrt.

Barton hat schleunig diesen Ort verlassen, wahrscheinlich um mit Eduards Vater, ich weiss nicht wo? zusammen zu treffen. Und Eduard ach! wie entfremdet ist mir dieser Name geworden! wie anders, wie so ganz anders sind die Bilder, die jetzt mein Gemuth erfullen! Schon sind beinahe drei Monate verflossen, ohne dass ich die geringste Nachricht von ihm erhalten hatte, und Alles was mir so nah, was so ganz Mein zu sein schien, droht wie ein wesenloser Traum zu verschwinden. O! warum musste der Liebe kindlicher Glaube, das heitre Vertrauen, so leicht dem beleidigten Stolz, dem unverstandlichen Schein, weichen? Warum vertraute er mir nicht? Schreibe mir bald, ich bedarf es. Alles ist mir fern und dunkel, und ich stehe allein in dem fremd gewordenen Gebiete des Lebens. Albret ist nicht mehr! Der stille Genius des Todes hat nun dies Herz beruhig't, und alles Widersprechende in sanftem Frieden aufgelost. Wie ein aufgerolltes Gemalde liegt das farbige Spiel seiner irdischen Freuden und Leiden vor meinem Blick, und auf der Ruckseite steht mit schwarzen Zugen das Grab.

Ich weiss es, Julie, dass er selten wahrhaft gegen mich war, dass ihm mein ganzes Dasein bloss fur ein Opfer seiner Absichten galt, dass bei ihm auf jede wahre Aeusserung seines Gefuhls nur Reue folgte, aber ich fuhle in diesen Augenblicken nichts, als dass er unglucklich war. Ach! ist dieser Kampf, diese Mischung von Wahrheit und Luge, von Holle und Himmel, nicht in jedem Menschen, wie in ihm, nur mit etwas mildern Farben? lass mein Urtheil uber ihn, immer so weich als moglich sein, es ist gewiss ein gutes menschliches Gefuhl, was uns so mild gegen die Todten macht, die sich nun nicht mehr vertheidigen, nicht mehr sagen konnen, wie oft sie misverstanden worden, und wie schmerzlich ihnen vielleicht oft eben dann zu Muthe war, wann sie Andern hart und gefuhllos erschienen!

Ich erwarte sehnlich einen Brief von Dir. Eine Menge Geschafte, die alle Geistesgegenwart erfordern, drangen sich in trauriger Verwirrung um mich her; so bald ich kann, schreibe ich Dir wieder.

Zweiter Brief

Amanda an Julien

Nur mit Muhe, meine Freundin, vermag ich mich aus dieser Verwirrung von prosaischen Dingen heraus zu reissen. Albrets Angelegenheiten sind zum Theil in grosser Unordnung; und doch mochte ich dem Vertrauen, mit welchem er mir die Berichtigung derselben ubertrug, gern auf das Vollstandigste entsprechen. Taglich kommen Briefe; taglich giebt es neue Geschafte abzuthun. Wie verandert, wie tief verandert ist alles um mich her! Wohin sind die lieblichen Bilder, die himmlischen Traume, geliebte Schmerzen? Oft dunkt es mir, ich sei mit kalten Blicken in die todte Sphare hinuber getreten, wo alles in das ode Gebiet des Irrdischen versinkt, wo die klingenden Spiele der Phantasien schweigen, kein Zauberduft die Wesen mehr umwallt, und die Nothwendigkeit nicht mehr durch den Schleier des Schonen verhullt, offen und vernehmlich ihre Anspruche geltend macht. O! warum ist das Leben denn ein immerwahrender Kampf! Frei tritt der Mensch in die Welt; noch wird seine Jugend von dem Wiederschein einer hohern Sonne beglanzt; aber uberall lauern die unterirdischen Geister, die Sorgen der Erde, ihn zu sich herab zu ziehen; wohin er flieht, verfolgen sie ihn, und rettet er sich auf die Hohen der Liebe und Phantasie; so dringen die Sturme des Himmels die Pfeile des Schicksals auf ihn ein, und beangstigen sein schlagendes Herz! Wilhelm soll mich nun nie verlassen; er war mir immer lieb, aber nun ist er mir heilig. Mit sonderbarem Gefuhl betrachte ich ihn, als ein Wesen, das mir so ganz hingegeben ist, und fuhle dann mit ruhigem Selbstbewusstsein, dass er sich dieses Looses wohl erfreuen darf. Ich werde fur seine kunftige Bildung sorgen, so gut ich kann, das heisst, ich werde ihm seine Eigenthumlichkeit zu erhalten suchen. Denn die Menschen werden verschieden gebohren. Wie die Pflanze, das Thier, jede Erscheinung, eine besondere Form hat; so auch sie. Keiner darf deshalb zurnen, wenn ihm die Natur vorzugliche Gaben versagte, denn jeder erscheint, wie er kann, und ist darum fur sich nicht schlechter, wenn er sich nur den Sinn erhalt, uber seine Verhaltnisse zu den Andern frei denken zu konnen. Der Mensch, so denke ich, Julie, soll immerhin Alles um sein selbst willen thun, aber man kann ihn lehren, sein eigenes Gluck darin zu finden, dass er fur Andre lebt. Diese einfache Idee spricht unmittelbar an das Herz, und ist dem Kinde, dem ungebildeten Menschen, verstandlich. Jede Aufopferung fur einen Andern, die nicht aus Neigung geschieht, ist unnaturlich; sie zerwuhlt das eigene Herz und steht fruchtlos im Aeussern da. Menschen sollen recht gegen einander handeln, aber nicht grossmuthig. Grossmuth ist anmaassend, weil sie nur hohern Wesen zukommt, und grausam, weil sie Andere erniedrigt.

Konnte nur, ich wiederhole es ein jeder seine Natur verstehen lernen! Und glucklich der, dessen Neigungen ein freies, angemessenes Gebiet im Leben finden, wo sie sich aussern konnen, denn die Neigungen sind immer gut!

Sehr oft sehe ich auch jetzt den Grafen * *, der sehr bekannt mit Albrets Angelegenheiten ist, und mir in meiner verwickelten Lage, viele Dienste leistet. Manches von dem, was er mir aus Albrets Leben erzahlt, giebt mir Aufschluss uber Vieles, was mir so lange dunkel geblieben ist, und neue Veranlassung uber die unselige Verschlossenheit dieses Mannes zu trauern. Denn ich weiss es wohl, Julie, dass Aufrichtigkeit nicht immer eine gesellige Tugend genannt werden kann; dass der Mensch, der fur Andere und mit Andern leben will, oft etwas von der Wahrheit seines eigenen Wesens aufopfern muss, um des Ganzen willen. Auch mochte ich nicht gern zu denen gehoren, die bitter auf die Klugheit schimpfen, weil sie zu ungeschickt sind, ihr eigenes Leben, so wie sie gern es wollten, durchzufuhren. Aber, ich fuhle es jetzt innig in der Seele, geoffenbart: nichts kann beruhigen als Wahrheit, nichts erfreuen, nichts beglucken, als sie. Und darum ist die Zeit der Liebe, auch die schonste, glucklichste Zeit des Lebens, weil da reine, ewige Wahrheit ist; denn niemals werde ich so thoricht sein, das Unendliche, Himmlische Wahn, und das Irrdische, Beschrankte, Wahrheit zu nennen.

Dritter Brief

Amanda an Julien

Die Natur lebt wieder auf; die letzten durren Blatter sauseln in den singenden Strom hernieder; ein frisches Grun breitet sich uber den Grund, und die Rebe weint schon dem Fruhling ihre sussen Thranen. Durch das Dunkel der Tannenwalder, schimmern die lichten, grunen Gruppen der jungen aufsprossenden Birken, wie freudige Erinnerungen die Schwermuth eines trauernden Gemuths unterbrechen. Mit dem Fruhling erwacht mein Herz aus seinem Schlummer, und die Zeit der Ruhe ist, wie ein leichtes Gewolk, weit uber mir dahin gezogen. Vergebens nehme ich ein Buch, um mich zu zerstreuen; ich kann nicht lesen. Mein Auge kann sich von den erfreulichen Bildern nicht losreissen. Die verklarten Baume, die rothlichen Wolken, die den Himmel durchfliegen; die bluhenden Busche, welche Felder und Wiesen, wie Perlen, umfassen in allen sieht mein treuloses Herz sein Bild! Vergebens rufe ich Stolz und Leichtsinn zu Hulfe; in meine einsamsten Stunden, drangen sich Bilder aus der Vergangenheit, und mit der ambrosischen Luft, athme ich neue Wunsche, neue Phantasien ein. O! ihr holden Genien des Lebens, rufe ich dann, Liebe, Hoffnung und Freude, solltet ihr mir auf immer entwichen sein? Sollte kein Tropfen eurer Gotterschaale jemals wieder das verodete Herz erquicken? Und doch, Julie, wenn ich seine Briefe lese ach! ich lese sie ofterer, als ich selbst will! und mich das Innige derselben bis zum Zerstohren ergreift dann wird mir der Gedanke kalte, todtende Pein, dass auch dies enden konnte, auch dies, wie Alles endet! Nein! wie es auch sei, ich kann ihm dieses Schweigen, dies Ersterben, ich kann es ihm nie verzeihen! Denn was steht in meiner Macht zu thun, da ich nicht einmal seinen Aufenthalt weiss? Und wenn ich auch handeln konnte, wurde ich es wollen? Nein! nur dem Mann, dem Machtvollen, kommt es zu, die Begebenheiten zu schaffen, alles Aeussre nach seinem Gefallen zu lenken. Doch was ich auch denken mag bald kehrt die Erinnerung, des hochsten, einzigen Glucks, wieder siegreich in meine Seele zuruck, und Er erscheint mir wieder ganz wie vormals. Dann klage ich; warum bist du mir fern, Geliebter! in dieser heiligen Abenddammerung, hier, wo alles die Sehnsucht nach dir erneut? Wie ein Dolchstich fahrt es mir durchs Herz, wenn ich dann bedenke, wie glucklich wir sein konnten, und jede Minute, die ich ohne ihn verleben muss, dunkt mich ein unersetzlicher Verlust. -Ja! alle bessre Seelen, haben Momente des hohern Lebens, der Begeisterung. Diese Momente verschwinden, und sie steigen zur Nuchternheit des Gewohnlichen wieder herab; aber wenn zwei Seelen sich in solchen Momenten finden, wenn sie sich da begegnen, dann ist der Himmel zwischen den beiden. O! da auch dies enden musste, wie Alles, was halt denn den fluchtigen Geist noch hier? Wo erwartet denn nun noch das Herz, Befriedigung seiner unendlichen Sehnsucht? Weh mir, dass ich unsterbliche Gefuhle in mir nahren, und nur sterbliche erwecken konnte, dass mein Leben in dem Herzen des Geliebten aufhorte, und doch die Liebe unsterblich in mir lebt!

Vierter Brief

Eduard an Barton

Wir leben nun hier in der Residenz, und ich bin ganz ruhig. Es ist vieles in mir anders geworden; ich komme mir kluger, aber auch schlechter vor, und ich kann meinen vorigen Gemuthszustand, nicht ohne eine gewisse Art von Ehrfurcht betrachten. Du weisst, dass ich an Amanda schreiben wollte, und ich that es mit aller Innigkeit meiner Liebe. Ich schickte diesen Brief an Nanetten, die ihn mit einem eignen begleitete. Aber keine Antwort von Amanda erfolgte, und nur von Fremden habe ich die Nachricht erhalten, dass Albret todt ist, dass sie noch immer in B * * lebt, und der Graf ihr einziger und steter Gesellschafter ist. Nun, Barton, was kann ich denn noch zu wissen begehren? Ist es nun nicht klar, dass ihre Liebe zu mir nur ein Sommertraum war, der Nachhall einer schonen Phantasie, die nun den Gegenstand gewechselt hat? Sie ist ruhig, und hat mich vergessen. Ich kann sie nicht tadeln, nur erscheint sie mir anders wie ehemals, doch auch jezt noch unaussprechlich liebenswurdig. Sie ist eine von jenen schonen, heitern Naturen, welche gleich den Blumen, mit jedem Fruhling neue Wunsche, wie Bluthen hervor treiben, wo sie dann den Sommer hindurch wachsen und grunen, bis sie bei dem leichtesten Sturme des Schicksals dahinwelken und sterben, so lange kein neuer Lenz, neue Bluthen und neue Wunsche erweckt. O! wenn sie die Geistesstarke gehabt hatte, mir das alles freimuthig selbst zu sagen, ich hatte sie ewig! gottlich in meinem Herzen verehren mussen! dann ware sie bei der liebenswurdigsten Natur, auch die edelste gewesen. Denn die Weiber, die durch ihre Neigung zur Gute, Aufopferung fur Andere gefuhrt werden, konnen nur dann edel sein, wann sie wahr und selbststandig sind, und ihre Weichheit besiegen, die sie leicht zur Verschlossenheit und Anhangigkeit geneigt macht.

Wie sonderbar fallt es mir jezt auf, dass die kurze Zeit von einigen Jahren, und ein paar Erfahrungen, so viel an unsern Ansichten verandern konnen! Ich hatte es nie geglaubt, denn die Bilder, die ich in mir trug, schienen mir alle ewig und unveranderlich. Freilich weiss ich, dass ich ohne den Umgang meines Vaters, lange mit schweren Zweifeln hatte kampfen mussen, und vielleicht auf immer, bitter und ungerecht gegen Welt und Menschen, oder ein krankelnder Phantast geblieben ware. Wie bewundre ich diesen Mann, der eine so reiche Imagination, mit einem so grossen praktischen Verstand verbindet, und dem es so oft im Leben gelungen ist, die geistigen Bluthen der Phantasie und Liebe, und die irrdischen Fruchte muhevoller Thatigkeit zu brechen, und in zwei Gebieten zu geniessen. Auch ich stehe nun erheitert im Leben da, und entschlossen, das Ruder meines Schicksals, so viel ich kann, selbst zu lenken, ohne mich, und uberhaupt den einzelnen Menschen, fur ausserordentlich wichtig, aber auch eben so wenig, fur vergessen zu halten. Ein grosser Verstand beherrscht das Ganze; und es ist klein und eitel, sich als Zweck desselben zu denken. Das ist die Freiheit des Menschen und sein Werth, dass er mit Weisheit in die Umstande eingreift, die ihn umgeben; und wohl ihm, wenn er es versteht, sie mit seinem eigentlichen Wesen in Harmonie zu bringen! Ich strebe darnach, mir feste Ideen zu bilden, nach denen ich handle; denn waren sie auch falsch, so machen sie doch das Leben zu einem Ganzen, da Erfahrung allein nicht zum Leitstern unserer Handlungen taugt, weil man fast bei allen Zweifeln, die uns im Leben aufstossen, Erfahrungen dafur und dagegen anfuhren kann. Andere werde ich immer nach mir selbst beurtheilen, denn ein jeder kann sich selbst der Reprasentant der Menschheit sein, wenn er Geistesjugend und Freiheit genug besitzt, um Menschen und Welt im Allgemeinen denken zu konnen, und nicht in dem engen Kreise einer angstlichen, kurzsichtigen Selbstsucht fest gebannt ist.

Funfter Brief

Eduard an Barton

Ich gieng vor einigen Monaten aufs Land. Mein Vater selbst rieth es mir, weil er meine Gesundheit nicht fur ganz befestigt hielt. Aber wahrend der ersten Tage, die ich in der freien Natur zubrachte, war mir sehr weh zu Muthe. Hier erst, fuhlte ich schmerzhaft den Unterschied zwischen jetzt und ehmals, fuhlte, dass die Musik in meiner Seele verstummt war. Ein Schleier schien zwischen mir und der Natur herunter gefallen zu sein; ich horte die sehnende Nachtigall nicht, sahe unbewegt die neubelebte Gegend. Oft lief ich weit, und strebte mit Ungeduld an einen Ort zu kommen, und wenn ich nun da war, so hatte ich keinen Zweck gehabt; alles war stumm, und ich musste rastlos weiter. Da drang das Andenken an Amanda, an ihre unnennbare Liebenswurdigkeit, mit voller, siegender Gewalt in mein Herz. O! susses, susses Gluck der Liebe! rief ich einsam, du einziges nicht zu vergleichendes Gut! O, konnten alle meine Seufzer, alle meine Thranen, Flugel werden, und ich so, Dich wieder erreichen! Aber, Freund, ich fuhlte bald das Gefahrliche dieser Stimmung, und ich hatte nun schon Kraft genug, mich heraus zu reissen. Ich beschloss in der Gegend Bekanntschaft zu suchen; vielleicht konnte ich hier finden, was ich so sehr bedurfte neues Leben, neue Liebe. Denn Barton, was ist denn das Leben, ohne weiblichen Umgang? Warum sollte ich es nicht sagen: das Weib ist die Seele von Allen. Sie sind die innersten, feinsten Triebfedern des grossen Kunstwerks, alles menschlichen Thuns und Beginnens; wir sind die ausseren Rader, und naturlich, dass unsre starkern Bewegungen immer sichtbar sind, wahrend jene, meist ungesehn, und nur dem gescharften Auge bemerkbar wirken.

Ich suchte mich also, mit der Gegend und ihren Bewohnerinnen, bekannt zu machen.

Bald fuhrte mich das Ungefahr in eine Gegend, die mich unbeschreiblich anzog. Mitten im Walde, lag die schonste Ruine, die ich je gesehen habe. Die ganze Stelle hatte eine wunderbare Mischung, von susser, weichlicher Landlichkeit, und reizender romantischer Wildheit; nie hab' ich etwas Lieblicheres gesehen. Ich stand vor den Ruinen, in der dunkelsten, angenehmsten Schwarmerei vertieft, und ward nur durch das Haus des Amtmanns, darinnen gestohrt, das recht unschicklich in die edlen Trummer hineingebaut war, als ich an einem Fenster desselben, ein frisches, weibliches Gesicht erblickte. Es ist nicht zu leugnen, dass der Anblick eines artigen Madchens, in einer einsamen, schonen Gegend, einen tiefen Eindruck auf die Einbildung macht, und ich empfand dies um so mehr, da mir unwillkuhrlich Werthers Amtmanns Tochter, dabei einfiel. Auch hatte ich schon vorher im Wirthshause, von der Schonheit dieses Madchens gehort, und, dass schon viele, sich, ihr zu gefallen, hier aufgehalten hatten. Da ich jetzt so ganz Herr meiner Zeit war; so entstand der Plan sehr leicht, einige Zeit in dem Orte zu leben, und es war nicht schwer, in dem Amthause selbst aufgenommen zu werden, um so mehr, da das ausserordentliche, schlechte Wirthshaus des Orts, meine Bitte vollkommen rechtfertigte.

Ich wohnte nun da, und konnte taglich, so viel ich wollte, den Anblick eines wirklich schonen Madchens geniessen, die, mit ein paar jungern Geschwistern, ihrem Vater, einem freundlichen, verbindlichen Mann, der fur vieles Sinn zu haben schien, und der Mutter, einer geschaftigen Hausfrau, das reizendste, liebenswurdigste Gemalde von der Welt darstellte. Ich fuhlte mich wirklich glucklich, weil ich unter Menschen lebte, die es zu sein, und es zu verdienen schienen, und war' ich bald wieder abgereist, so hatte ich eine reine, schone Erinnerung fur mein Leben gewonnen; so aber blieb ich, und zerstohrte meine angenehme Illusion.

Es entgieng mir nicht, als einige Wochen vorbei waren, dass ich von Agnes, dies war der Name des schonen Waldmadchens mit gunstigem Auge angesehen wurde. Sie horte meine Gesprache mit der ungetheiltesten Aufmerksamkeit an, und ihr schones Auge lachelte mir immer den sussesten Beifall zu. Sie selbst sprach nicht viel, aber alles was sie sagte, schien mir einfach, gefuhlvoll und zartlich genug, es gefiel mir, denn es lag fast immer etwas Schmeichelhaftes fur mich darinnen. Beinah' glaubte ich, sie im Ernst zu lieben. Schon malte mir in manchen Stunden, meine Phantasie, ein reizendes Bild der Zukunft. Hier in lieblicher Wildniss, begluckt durch die Liebe der schonen, unschuldigen Geliebten, in Einsamkeit, das Leben zu vertraumen konnte dies Gluck, das mir so freundlich entgegen kam, nicht das unruhige Herz befriedigen? Ach! nur qualte es mich, dass ich bei allem diesen, so leicht die Granze sah, dass ich hinter den Armen der Liebe, der jugendlichen Begeisterung, die um das ganze Landleben ein frisches, entzuckendes Colorit verbreiteten, gleich die dumpfe, leere Einformigkeit, das Druckende der Eingeschranktheit, musste hervorblicken sehen! Auch Agnes schien mir nicht ganz zufrieden, oft horte ich ihre stillen Seufzer, und ich dachte mir sogleich, dass Sehnsucht, nach einem geliebten Wesen, der Grund dieser kleinen Verstimmung sein musste, denn nur eine schone Trauer, war mir bei ihr denkbar. Und wenn ich dann diese Vermuthung leise ausserte, dann bestarkte mich ein susses Lacheln, das halb zufrieden, halb verlegen war, ganz fest in meinen Ideen. Soll ich Dir sagen, dass ich mir oft, dem Madchen gegenuber, die so sanft und tief zu fuhlen schien, bittere Vorwurfe daruber machte, dass ich, aller vorigen Sehnsucht, all' der schonen Bilder, die mich umgaben, zum Trotz, oft eine tiefe, unertragliche Leere in meinem Herzen empfand? Ach! dachte ich, und meine eigenen Gedanken stimmten mich zur Wehmuth, du kommst mir entgegen, liebende Seele, mit allen deinen Bluthentraumen von Lebensgluck, die vom schmeichelnden Hauch der Hoffnung verfuhrt, zum erstenmal lieblich erwachen und die Kalte, die oft wie ein schneller Nachtfrost aus meinem einst so tief gekrankten Herzen dringt, wird vielleicht die schonsten dieser Bluthen verderben!

Nach einiger Zeit, erhielt Agnes einen Besuch aus dem benachbarten Stadtchen; es war ein Madchen, die sie ihre vertrauteste Freundin nannte. Sie schien von einem neuen Geist belebt, nie war sie mir so schon, so lebhaft, so anziehend erschienen. Das halblaute Geschwatz, die Neckereien, das frohe Gelachter der beiden Madchen, nahm kein Ende, und kaum war das Mittagsmahl vorbei, so sprangen sie beide in den Wald. Wie suss, wie reizend dunkte mich der frohe Sinn dieser harmlosen Geschopfe! und wie freute ich mich, diese einzige, liebe Gabe des Himmels, auch bei dem geliebten, von der Natur so reich ausgestatteten, Madchen zu finden!

Ich gieng von einer andern Seite gleichfalls in den Wald, und suchte mir ein romantisches Platzchen zu meinem Ruheheert. Ich lag auf weichen Rasen, und ein dichter Busch, entzog mich allen Blicken. Der wohlbekannte, frische, geliebte Waldduft kam mir entgegen, und drang in mich mit allen den stillen, dunkeln Bildern von Einsamkeit, von landlichem Leben und einfachem Gluck, und mit der Gegenwart, schmolz die Vergangenheit in meinem Sinn wunderbar zusammen. Ich fuhlte auf Augenblicke ganz das susse, reine Leben, das nichts will, und alles in sich tragt. Da horte ich Stimmen, und erkannte bald Agnes und ihre Freundin. Es freute mich, etwas von ihrem schuldlosen, vertrauten Geschwatz zu erfahren. Sie sprachen sehr lebhaft, und blieben nicht weit von mir stehn. O! ja, sagte Agnes, ich bin Wilhelm gewiss sehr gut, aber sage mir selbst, was habe ich denn fur Aussichten mit ihm? wer weiss, ob er die Stelle bekommt, und wenn auch soll ich mich denn ewig auf dem Lande begraben? Warum soll ich denn nicht auch das Leben geniessen, wie die Madchens und Weiber in grossen Stadten, wovon mir so viele erzahlt haben? Nein! ich muss Dir sagen, ich sehne mich recht von hier weg; und ich glaube, was mir auch schon viele versichert haben, dass ich ganz fur die Stadt geschaffen bin. Ach! schweig nur, sagte die andere, Wilhelm gefallt dir nicht mehr, weil du den Fremden lieber hast. Nein, antwortete Agnes lebhaft, ich kann dir versichern, dass ich Wilhelm weit mehr liebe, als ihn. Aber die Mutter hat erfahren, dass der Fremde sehr reich, und der Sohn eines vornehmen Mannes ist, und wenn er mir nun wirklich gut ware; so konnte ich ja durch ihn, ein sehr grosses Gluck machen und Wilhelm, konnte ich deswegen doch immer noch sehen.

Wie schneidend dies Gesprach mit meinen Gefuhlen und mit dem einfachen Reiz der Waldgegend abstach, brauche ich Dir nicht zu beschreiben. Mit meiner Liebe war es aus. Dieses Madchen war Alles das, nur noch unausgebildet, was verdorbene Weiber in grossen Stadten vollendet sind. Die schaale Bewunderung, der Flittertand, die leeren, rauschenden Freuden, galten ihr fur das Hochste, wofur sie alles hingeben mochte. Ihre Seufzer, die mir so suss, so gefuhlvoll geschienen hatten, galten der Einsamkeit, welche sie hinderte, ihre Vorzuge zu zeigen, die, wie sie meinte, hier keinen wurdigen Schauplatz hatten, und fur die Reize ihrer Lage, fur die Freuden des Gefuhls, der Einfachheit, hatte sie keinen Sinn. Das kluge Madchen war mir nun ganz zuwider geworden; ich lachte uber meine Menschenkenntniss, meine Eitelkeit und reis'te bald geheilt hinweg. Aber, ist es denn gleichwohl nicht traurig, Barton, dass da, wo wir die schonste Wahrheit zu umfassen glauben, oft nur eine hassliche Luge, ihr Gaukelspiel mit uns treibt? Und durft' ich denn so streng mit ihr rechten, da mein eigenes Herz, nicht rein von Betrug gegen sie war? Denn, lass uns ehrlich sein, Barton, leider ist es wahr, dass die meisten Weiber alles aus Eitelkeit thun, dass die Reden der Geistreichen, wie das Schweigen der Geistlosen nur darauf berechnet ist, und dass all' ihr susses Wesen gegen uns, was wir fur Liebe nehmen, grosstentheils nur eitle, selbstsuchtige Zwecke zum Grund hat, aber, Freund! was thun wir?

Sechster Brief

Amanda an Julien

Ich habe eine angenehme Entdeckung gemacht, die ich Dir mittheilen will, und die gewiss ein freudiges Bild in Dir auffrischen wird, wie sie es bei mir gethan hat.

Seit einiger Zeit gieng ich fast taglich, an dem einen Ufer des Flusses spazieren, wo ich die Aussicht auf einen Garten vor Augen hatte, der mir nach und nach merkwurdig wurde. Taglich sah ich einen jungen Mann emsig darinnen beschaftigt; er grub, pflanzte, begoss, verrichtete alle Arbeiten eines Gartners, aber alles mit einem eigenthumlichen, leichten und anstandigen Wesen. Nur des Sonntags sah' ich einen kleinen Kreis von gutgebildeten Menschen in dem Garten, um welchen Kinder spielten, und der stets aus denselben Personen zu bestehen schien. Ich betrachtete nun den Garten aufmerksamer, und fand ihn, bei aller Hinsicht auf Nutzen, so artig eingerichtet, dass sein Anblick mir wohl that. Der grossere Theil desselben, der zierlich mit Blumen, die bis zu mir heruber dufteten, eingefasst, und mit schmalen, reinlichen Gangen durchschnitten war, diente zum Kuchengarten, und alle Gewachse darinnen, schienen wohlgepflegt und von edler Art. Vorn nach dem Flusse zu, stand dichtes Buschwerk mit Blumen-Ranken uberbluht, und eine Laube, die so schattig, duftend und behaglich dastand, dass sie mich oft, wenn es heiss war, fast unwiderstehlich zu sich hinuber zog. Weiter hinten, lag ein Baumgarten mit frischem, reinlichem Gras und schonen Fruchtbaumen, den ein einziger schmaler Weg durchlief, und der sich an das Haus anschloss, das eben so anspruchlos, geordnet und nett wie das ubrige, aus der Umarmung bluhender Obstbaume hervorsah. Du weisst, welchen Reiz eine gute Einrichtung fur jedes weibliche Auge hat, wie uns hier selten das Kleinste entgeht, und wir immer nach der Schopferin dieses Kunstwerks spahen, und Du wirst es also sehr naturlich finden, dass ich mich bald naher nach den Besitzern des Hauses erkundigte.

Und hore nun, die kleine ruhrende Geschichte, die Du eher wissen musst, als das, wie es gekommen ist, dass ich jetzt in der Laube sitze, zu der ich mich so oft hinuber sehnte, und aus ihrer Umschattung an Dich schreibe. Charlotte war die Tochter eines sehr reichen Beamten, der aber durch den Krieg, den grossten Theil seines Vermogens und seine Stelle verlor, und mit seiner Familie in einer Eingeschranktheit leben musste, die gegen die vorigen Zeiten, Durftigkeit war. Charlotte lebte eine Zeitlang, bei Verwandten in der Residenz. Sie war ausserst reizend, und alle die Annehmlichkeiten fur die Gesellschaft, welche ihre vormalige Lage zu fodern schien, waren ihr in einem ungewohnlichen, hohen Grade eigen. Sie erregte die allgemeine Aufmerksamkeit; jedermann warb um ihren Umgang, und ein sehr reicher, vornehmer Mann, um ihre Hand. Die Verwandten wunschten Gluck, die Eltern waren erfreut, aber der Mann war bei seinem unermesslichen Reichthum, unermesslich arm; er war roh, von dumpfen, eingeschranktem Geist, und von widrigem Aeussern. Lieben konnte ihn Charlotte nie, und ihn bloss als ein Mittel, sich eine glanzende Lage zu versichern, zu betrachten, widersprach ihrem Gefuhl; sie schlug also seine Antrage, ganz bestimmt, und unwiderruflich aus, was man ihr auch dagegen einwenden mochte. Nach einiger Zeit kehrte sie wieder zu ihren Eltern zuruck, in deren Hause sie einen jungen Offizier fand, der wegen einer sehr gefahrlichen Augenkrankheit, den Dienst hatte verlassen mussen, und sich jetzt durch die Hulfe eines geschickten Arztes, wieder herzustellen hoffte. Es war ein sehr vorzuglicher, junger Mann, voller Talente und Geschicklichkeiten, aber fast ohne Vermogen. Charlotte ubernahm die Pflege des Kranken; ihr Herz zerschmolz in Wehmuth, wenn sie sein Geschick bedachte, das ihn, in der schonsten Bluthe des Lebens und der Wirksamkeit, zur Unthatigkeit verdammte, und sie uberliess sich gern den schonen Regungen ihres Gefuhls. Aber vielleicht dachte sie, wenn sie die Augen ihres Freundes mit der heilenden Binde verhullte, und sich ungestohrt dem Anschauen, seiner schonen, sprechenden Zuge uberliess, so oft an die Binde des Liebesgottes, bis er ihr endlich selbst den magischen Schleier um die Augen schlang. Genug, aus der Wohlthaterin des schonen Kranken, ward sie seine Geliebte. Sie liebten sich zartlich, treu, uber alles, und nach einiger Zeit verheirathete sie sich mit ihm, was man ihr auch hier wiederum dagegen sagen mochte. Die Augen des jungen Mannes wurden besser, aber blieben schwach, und den Dienst konnte er nicht wieder antreten. Mit dem Ueberrest seines kleinen Vermogens, welches die Kur, beinah ganz aufgezehrt hatte, kauften sie sich in diesem Stadtchen ein kleines Eigenthum. Charlotte richtete alles in dem Sinn ein, wie es ihr fur ihre Lage zu passen schien; es fiel ihr nie ein, einen ihrer vorigen vornehmen Bekannten sehen, oder benutzen zu wollen. Sie vermied allen zwecklosen Umgang, erhielt sich und ihren Mann durch ihre Thatigkeit, sah' mit jedem Jahr ein neues Pfand ihrer Liebe und war glucklich. Und gerade deshalb, thut der Anblick ihrer kleinen Einrichtung so wohl, weil Wille und Kraft darinnen unverkennbar ist. Taglich sieht man Weiber unter der Last einer sorgenvollen Haushaltung beinah erliegen und sich aufopfern, und es thut einem weh, ist sogar widrig. Denn diese haben blos die Umstande dahin gebracht, sie sind, was sie sind mit Unmuth und Schwache, und traumen sich eine andre Lage, als ein hohes Gluck, das sie nur nicht erreichen konnen. Aber hier ist Leben, Geist, Bewusstsein und Klugheit, und dies erfrischt jeden, der es sieht; und ermuntert ihn, in seiner Lage und nach seiner Neigung eben so zu handeln. Ihr Mann fuhlt ganz den Werth ihrer Liebe und Vortreflichkeit, ohne jedoch sich selbst deshalb gering zu schatzen; denn er weiss, dass auch er sie liebt, wie keiner lieben wurde, und dass ihm, den Verlust seiner Liebe, nichts in der Welt ersetzen konnte. Er war der junge Mann, den ich taglich mit so viel Eifer und Anmuth der Pflege seines Gartens obliegen sah, weil ihm seine noch immer schwachen Augen wenig andere Beschaftigungen verstatteten, und dies nun ein wichtiger Erwerbszweig, fur sie geworden ist.

Gewiss hat Dir diese kleine Zeichnung gefallen, und ich hoffe, Du wirst Dir alles, Personen, Haus, Garten, recht lebendig denken konnen; aber ganz einheimisch wirst Du werden, wenn ich Dir sage, dass diese edelmuthige Frau, Charlotte M ..... ist, deren Vater, als er noch reich war, in unsrer Nachbarschaft wohnte, und die damals als ein liebenswurdiges Kind, mit ihren schonen Kleidern und lieblichem Wesen, oft das Ideal unsrer kindischen Nachahmungssucht war.

Ich suchte Gelegenheit Charlotten zu sehen, und sie fand sich. Wir erkannten uns beide sogleich wieder, und sie hatte Scharfsinn genug, um mich richtig zu beurtheilen, und sich nicht von mir zuruck zu ziehen, obgleich man mich reich nannte, und sie sonst die Reichen flieht. Und sie hat im Allgemeinen wohl Recht es zu thun! Denn der Reichthum, der nur die Neigungen befreien, nur dem Menschen dienen sollte, ihn uber kleine, enge Rucksichten wegzuheben, und ihm an Andern ein feineres, edleres Interesse nehmen zu lassen, eben weil er andere weniger braucht, wie ganz unertraglich ist er an denjenigen, die dennoch ganz in ihren Geistesbanden bleiben, sich nur mehr in Sorgen und Zwang vergraben, sich gegen andere ganz verharten, und es recht unableugbar zeigen, dass sie zu Sclaven gebohren sind!

Sie und der Graf sind jetzt mein einziger Umgang, wenn ich mich entschliessen kann, die Einsamkeit, die mir unendlich lieb geworden ist, zu verlassen. Ach! ich war einst zu berauscht, zu seelig, als dass ich das blos Angenehme des Lebens recht herzlich fuhlen konnte. Doch, wenn ich mich selbst, wenn ich alles einzeln vergesse, und blos das Ganze in meiner Seele fuhlen kann, dann habe ich den Muth, ohne Liebe hinauszugehen, in die lieberfullte Natur, wo Luft und Stauden, Bache und Vogel, alle noch wie ehemals Liebe hauchen und Liebe singen. Dann gebe ich mich ganz dahin, wo alles stille, grosse, harmonische Einfalt ist. Meine Sorgen klage ich den zartlichen Luften, mein Vertrauen weihe ich der ewigen Ordnung, mein Gluck suche ich in dem allmachtigen Liebeshauch, der die Stauden und die Sonnen durchdringt. Die Natur wirkt auf mich mit ihren grossen Beziehungen, sie hebt mich empor mit ihren Flugeln, und wenn es suss ist, Ein verwandtes Herz zu verstehen, und sich von ihm verstanden zu fuhlen; so ist es heilig, sich ganz den Empfindungen hinzugeben, wo aller Menschen Herzen, nah' oder fern in ihren reinsten Momenten zusammentreffen!

Siebenter Brief

Amanda an Julien

Ich habe mir seit Kurzem eine neue Wohnung gemiethet, welche mir durch ihre ausserst schone romantische Lage schon langst gefiel, und es beschaftigt mich immer mehr, meine ganze Umgebung nach den Bildern zu gestalten, die ich schon lange im Sinne trage, und bisher nie, ungestohrt ausfuhren konnte. Die Ungebundenheit meines Lebens; die Klarheit, mit der ich die Welt um mich erblicke; die stille Wirksamkeit die ich ube, macht mich zufrieden, und wenn ichs recht bedenke; so ist mein jetziger Zustand das Ideal einer Lage, welche ich mir oft jugendlich traumte. Mein stilles Leben fasst weit mehr in sich, und gewahrt mir ein mannigfaltigeres Dasein, als meine vormalige lebendigste Lage. Ein schoner, freier Kreis, das fuhle ich lebhaft in heitern Stunden, liegt vor mir da; und indess mir in meiner Sphare nichts entgeht, nichts zu gering ist, ergreift meine Phantasie alle ferne schonen Beziehungen des Lebens.

Und welch ein liebes Geschenk gaben mir die Gotter mit Wilhelm! Du glaubst nicht, wie innig er mir ergeben ist, und wie seine liebenswurdige Natur jede Muhe belohnt, die man sich zu ihrer Ausbildung geben kann! Er hatte manches von seiner kleinen Geschichte erfahren, und ich hielt es furs Beste, ihm das Ganze, der Wahrheit gemass, zu sagen. Er horte es still und nachdenklich an, dann schlang er sich mit Innigkeit um meinen Arm, und sagte freudig geruhrt:

"O! du warst mir schon langst Alles, warst mir, vom ersten Anblick an, da ich dich sah, mehr als Vater und Mutter!" Mit jedem Tag, wird er auch mir lieber, glaube ich, sein stilles und feuriges Gemuth besser zu verstehen, und wenn ich in sein schones, bedeutendes Auge blicke, finde ich mich mit den liebsten Erinnerungen und Traumen umgeben. Auch den Grafen sehe ich oft und seh' ihn gerne. Wir leben ein ruhiges Leben, und ich bin so weit davon entfernt, Zartlichkeit fur ihn zu fuhlen, dass ich auch diese Empfindung gar nicht bei ihm voraussetzen kann; denn er ist zu vernunftig und zu erfahren, als ohne Hoffnung auf Erwiedrung zu lieben, und so finde ich in seinem Bestreben mir gefallig zu sein, weiter keine Bedeutung, als dass ihm meine Umgebung gefallt, und er meinen Umgang sucht, weil er ihm Vergnugen macht.

So losen sich leise und naturlich alle Verwirrungen auf, wenn wir selbst ruhig sind, und nur der eigene gespannte und leidenschaftliche Zustand, macht alle unsere Verhaltnisse schwer und verworren. Weil er Albret so genau kannte, so weiss er viel von meinem vorigen Leben, vieles was ich selbst nicht wusste; und ich hore mit seltsamer Empfindung manches von meiner eigenen Geschichte, die nun hinter mir versunken ist, so tief versunken, dass ich mich oft selbst kaum uberzeugen kann, eine, der in seiner Erzahlung spielende Person zu sein.

Vieles hat er mir von Biondina di Monforte erzahlt, einer heissen, stolzen, grausamen Italienerin, die auf Albrets Gemuth den machtig traurigsten Einfluss gehabt hat, und die von Uebermuth, Herrschsucht und Rache zu Handlungen getrieben wurde, die uns sanften, weichmuthigen Deutschen beinah' unglaublich vorkamen. Sie galt in ihrer Bluthe fur die erste Schonheit in Florenz, und auch im reifern Alter, wusste sie durch Kunst, Lebhaftigkeit des Geistes und Klugheit in der Welt den Rang zu behaupten, welcher fur ihre Eitelkeit und Sinnlichkeit unentbehrlich geworden war, und ohne welchen sie sich hochst elend gefuhlt haben wurde. In ihrer Kindheit hatte sie unter sehr druckenden Verhaltnissen gelebt, und so hatte sich Harte und Klugheit in ihrem Charakter ausgebildet. Sie liebte heftig, aber sie hasste noch heftiger. Einen Plan durchzusetzen, galt ihr mehr als Alles; unerschutterlich verfolgte sie ihn, und wenn sie selbst dabei hatte zu Grunde gehen sollen. Wie viel weniger schonte sie das Leben, die Gluckseligkeit Anderer! Mehrere, die das Ungluck hatten, sie zu beleidigen, mussten es mit ihrem Leben bussen, denn durch Schonheit, Rang, Reichthum und Einfluss war ihr Vieles moglich. Fruhzeitig, unumschrankte Gebieterin eines grossen Vermogens, wurden ihr die Manner durch ihre ewigen Schmeicheleien gleichgultig geworden sein, wenn nicht Vergnugen und Stolz, mannlichen Umgang ihr zum Bedurfniss gemacht hatten. Was sie am meisten an einem Mann reizen konnte, war Verschwendung, Pracht, Leidenschaftlichkeit und blinde Ergebung in ihren Willen. Aber dabei verstand auch sie allen Leidenschaften der Manner, mit so viel Klugheit und Einsicht zu schmeicheln, dass selbst die, welche sich von ihr losgerissen hatten, ihr heimlich ergeben blieben, und sich von ihrer Meinung, ihren Willen noch lange abhangig fuhlten. Mit Albret hatte sie eine Zeitlang in den engsten Verstandnissen gelebt, um ihrentwillen hatte er den grossten Theil seines Vermogens verschwendet, und Verhaltnisse zerrissen, fur die er sonst viele Rucksichten gehabt hatte. Sie war die einzige, die er geliebt hatte, die ihm als eine seltene Ausnahme ihres Geschlechts gross erschien; alle andere Weiber hielt er fur kleinlich, kindisch, verachtlich, und diesen Gesinnungen gemass, hatte er sie immer behandelt. Und als seine Leidenschaft fur sie, weniger heftig brannte, da ward es das Ziel seines Stolzes, ihren Ranken mit noch grosserer List und Gewandheit zu begegnen, und sich, selbst wider ihren Willen, wenigstens den Schein eines engen Verstandnisses zu erhalten. Aber seine Bemuhungen waren vergebens, und er musste es geschehen lassen, dass sie einen Andern ihm vorzog, auf eine Art, die seinen Stolz eben so sehr, wie seine Leidenschaft krankte. Nunmehr trat Hass und Begierde nach Rache ganz an die Stelle der Liebe; bittre Verschlossenheit und verachtendes Misstrauen, wozu er immer Anlage gehabt hatte, erfullten nun ganz sein Gemuth. Doch auch gehasst, blieb sie ihm stets der Mittelpunkt der Welt, die geheime Beherrscherin seiner Handlungen, das einzige Wesen, bei dem er sein Andenken erhalten, und sein Dasein fur wichtig gehalten wissen wollte. Er wusste, wie sehr ihr Stolz durch den Anschein von Gleichgultigkeit zu verletzen war, nur musste dieser Schein ganz die Gestalt der Wahrheit haben, wenn er ihren Scharfsinn tauschen wollte. Er verheirathete sich mit mir, und es gelang ihm wirklich, ihre Empfindlichkeit rege zu machen. Das Aufsehen, welches er zu erregen, auf alle Weise bemuht war, reizte sie noch mehr, und es war die hochste Zeit, dass er sich entfernte, denn der Todesstreich, welcher den unglucklichen Marchese traf, war, wie es hernach klar geworden ist, Albret von ihrer Hand zugedacht. Wie gut war es, Julie, dass ich meinen Argwohn gegen Albret, der sich doch nur auf eine blosse Vermuthung grundete, und durch nichts bestatigte, in meinem Herzen nicht lange Raum gab, und meinen Glauben an seine Menschlichkeit, so sehr sie auch durch seine Grundsatze leiden mochte, deshalb nicht ganz zurucknahm! Doch lass mich von diesen Gegenstanden schweigen! Es ist ein peinliches Gefuhl, mit welchem ich auf jene Zeit der Verwirrung und der Missverhaltnisse zurucksehe. Die wunderbarste Beleuchtung, die seltsamste Mischung von Licht und tiefen Schatten, ruht auf jenen Tagen, und nur dann kann ich ruhig sein, wenn ich das alles vergesse, wenn ich mich uberzeuge, dass alles dies tief hinter mir versunken ist, und ich nun frei und einfach mein Leben fortfuhren kann.

Seit einiger Zeit ist unser kleiner Kreis durch die Gesellschaft eines jungen Mannes vermehrt worden, der fur mehrere Kunste ausgezeichnete Talente besitzt, und sich Antonio nennt. Seine seltne Kunst im Portraitmalen machte hier Aufsehen, und ich liess mich auf Wilhelms unablassiges Bitten, fur diesen von ihm malen; und da Wilhelm selbst fur die Malerei viel Anlage und Lust bezeigt; so beschloss ich, diese Gelegenheit nicht ungenutzt vorbei zu lassen. Auf diese Weise ist er uns naher bekannt geworden, und wir haben bald einstimmig entschieden, dass seine Manier im Umgang, fur uns eben so angenehm ist, wie in Gemalden, und dass er eben so viel Charakter, als Talente besitzt. Er hat in seinen fruhern Lebensjahren mit vielen Unannehmlichkeiten zu kampfen gehabt, sich aber unter allen unverruckt, zu dem gebildet, was er ist, und weil ihm seine Verhaltnisse bald in die Einsamkeit, bald unter viele Menschen gefuhrt haben; so hat er beides gebildet, Charakter und Talente; denn jener bildet sich in der Einsamkeit, diese mehr in der Gesellschaft. Endlich ist ihm der Genuss eines freieren Daseins geworden, und er, der still und verborgen unter dem Druck der Umstande fortgebluht hat, steht nun vollendet da, wie die Schneeblume, sobald der Schnee zerschmolzen ist. Er lebt jetzt im ganzen Sinn des Worts; die Welt gefallt ihm, und an allem kann er eine schone poetische Seite finden. Das Einzige was ihn bisweilen unzufrieden macht, so hoch es ihm wieder in andern Augenblicken beseeligt, ist seine Liebe zu den Kunsten. Vieles, und auch das qualt den Kunstler, dass er sein Werk, was er schaffen will, nicht mit Einemmal vollendet hinstellen kann, sondern erst das Mechanische uberwinden, tausend kleine Schritte thun, geduldig den immer wiederkehrenden Abschnitt von Tag und Nacht durchgehen muss, und so seine heissgefasste Idee, das schnell gebohrne Kind seines Geistes, langsam, wie eine irrdische Pflanze durch die Zeit wachsen sieht, da er sie schon vollendet, als ein himmlisches Kind der Unendlichkeit, in seinem Geiste trug.

Lebe nun wohl, ich weiss Du wirst Dich uber meine jetzige Stimmung freuen. Doch, Julie, wenn Du glauben wolltest, dass mein Gemuth immer so ruhig ware, wie es vielleicht der Ton dieses Briefes sein mag, so wurdest Du Dich sehr irren. Sehr oft uberfallt mich eine dunkle, qualende Unruhe; ich fuhle mich unzufrieden, fremd mit mir selbst, und es ist mir, als gab' es fur mich noch viele Rathsel im Leben, die der Auflosung bedurften, als musste ich ahndungsvoll noch irgend eine Begebenheit erwarten. Und ich weiss es wohl was es ist ich werde ihn wiedersehn, das ist mir fast gewiss aber wenn? und wo? und muss ich dies, obgleich es in manchen Momenten mir als das susseste Gluck, der hellste Punkt meines Lebens erscheint, muss ich es nicht furchten? Ach! die Seelen der Liebenden, finden sich nie wieder! Einmal getrennt, sind sie es auf immer. Ihr haltet noch das Bild des Geliebten fest, und erstaunt ein fremdes Wesen wieder zu finden, die Zeit verandert euch und ihn, und das eigensinnige Herz verblutet sich da, wo einst der Gegenwart himmlische Rosen bluthen, vergebens an den Dornen der Erinnerung.

Achter Brief

Eduard an Barton

Es ist tiefe Nacht. Der Mond malt die Umrisse der Fenster bloss auf den Boden hin. Ich tauchte mich in die nachtliche Luft, die lieblich kuhlend mir entgegen quoll, und eine dunkle Unruh uberfiel mich, als ich an dem nachtlichen Himmel die wechselnde Gestalt der bleichen Wolken, das sonderbar gebrochne Licht des Mondes betrachtete. Aber es war die zartliche Schwarmerei nicht mehr, die wohl einst in glucklicher Zeit mich in solchen Stunden, mit Sehnsucht und Wehmuth ergriff es war vielmehr das lastige Gefuhl eines beschrankten Wissens, das in gewissen Momenten den Menschen so machtig ergreift. Ich dachte mir, wie die fruhen Generationen der Sterblichen schon auf die Erscheinung der Himmelskorper geachtet hatten, wie sie in stillen Nachten ihren Gang beobachtet, und mit der sussen Hoffnung einst ganz mit ihnen bekannt zu werden erfullt, ihnen ihre geheimnissvolle stille Ordnung abgelauscht hatten bis dann die Menschen sich auf einmal vor der Granze fanden, wo jede Spur verschwindet. Keiner stieg in den Stern hinauf, keiner stieg herab. Sie durften nicht fragen: warum befolgt ihr diesen Gang, diese ewige, gesetzmassige Gleichformigkeit? Von ihrer eignen Schwere festgehalten, bleiben die Menschen an die Erde gefesselt, und nur auf den Schwingen der Phantasie konnen sie dieselbe verlassen. Die Wolken flogen auseinander, und mit siegreichem Glanz standen die Sterne in ihrer blauen, unermesslichen Klarheit da. Dort oben also, ewiges Licht, und abwarts nur Dunste und zweifelhafter Schein? Warum wirkt ihr auf mich, warum beunruhigt ihr mich, ihr geheimnissvollen Wesen, deren Natur ich vielleicht nie zu ergrunden vermag?

Wenn Du diese traurigen Gedanken gelesen hast, mein lieber Freund, so wirst Du mir es vielleicht kaum glauben, dass ich unmittelbar vorher, von der zartlichen Unterhaltung, einer schonen Geliebten, nach Hause gekommen war. Und doch ist es so; aber meine Liebe, ist wie sie selbst, nur der Gegenwart geheiligt, aber auch in dieser gleich ihr, unendlich begluckend.

Ich will Dir nicht leugnen, dass jenes Abentheuer, mit dem schonen Waldmadchen mich doch im Grunde gewaltig verstimmt hatte. Die Ueberzeugung, dass nur meine Umgebung allein, so vielen Reiz fur sie gehabt hatte, war mir sehr empfindlich, und ich kam mir in manchen Augenblicken recht gedemuthigt vor. Denn gewiss dunkt es doch einem jeden schon, und ist es auch um seiner Personlichkeit willen geliebt oder geehrt zu werden, und so gern auch Viele sich im Nothfall hinter die Schutzwehr ihres Ranges oder ihres Reichthums verstecken, so schmeichelt ihnen doch nichts mehr, als wenn sie glauben, man ubersehe dies alles, und achte nur ihr eigenthumliches Verdienst. Und wie unangenehm wurden Manche, die so zuversichtlich alle Huldigung auf Rechnung ihres personlichen Werths schreiben, uberrascht werden, wenn ihnen ihre artigen Umgebungen, denen eigentlich die andern schmeicheln, auf einmal genommen wurden, und sie nun mit einemmale alles um sich her verandert sahen! Ich war menschenscheu geworden und vergrub mich eine Zeitlang in Arbeiten, in denen mein Vater mir es nicht fehlen liess, bis ich mein Selbstgefuhl wieder so sehr gestarkt fand, dass ich wieder heiter und empfanglich in die muntre Welt, die mich hier umgiebt, treten konnte. Mitten im bunten Getummel begegnete ich bald darauf einem Madchen, deren Umgang im Kurzen das Ziel meines Bestrebens ward. Ich fand sie in den besten Gesellschaften, und uberall, wo Vergnugen, Geschmack und Lebhaftigkeit wohnte, und durfte sie bald, so oft sie nur selbst wollte, in dem geschmackvollsten Zimmer, und der niedlichsten Umgebung allein sehen. Dir zu schildern, was sie eigentlich ist, vermag ich nicht, obgleich ich sie in manchen Augenblicken ganz zu verstehen glaube, aber wie es auch sei, so viel ist gewiss, dass mich ihr Wesen, so oft ich sie sehe, ganz froh und glucklich macht. Ich mochte sagen, dass sie von allen Freuden des Lebens nur das feinste und fluchtigste, wie den bunten Staub auf den Schmetterlingsflugeln, abstreift, und uber alles Tiefe, Nachdenkliche, im Leben leicht und ahndungslos hinwegschlupft, wie ein Zephir nur die Spitzen der Blumen beruhrt. Fur mich ist sie sehr poetisch, obgleich sie selbst nichts davon wissen will, denn die Poesie, sagt sie, ist ein Traum aus einer andern Welt, und ich schlafe nicht; ich wache. Uebrigens mein Lieber, bemuhe ich mich auch eben nicht sonderlich, mein Urtheil uber sie recht ins volle Licht zu setzen, und sie unter irgend eine schulgerechte Regel bringen zu wollen. Denn schon oft sind mir die meisten Urtheile der Manner uber Weiber recht herzlich zuwider gewesen. Fast ein jeder hat sein System, und halt nun, wie an einer Silberprobe jedes weibliche Geschopf, das ihm im Leben begegnet; er kunstelt an dem unschuldigen Wesen, um es in sein System zu passen, und nennt es dann verschroben, wann es seiner Eigenthumlichkeit nach anders ist, als er sich es dachte. Ich bin zufrieden, dass es mir vergonnt ist, in den Spiegel dieses heitern, empfanglichen Gemuths zu schauen, welches alle Strahlen der Welt auffasst, und in den lieblichsten Farben zuruckstrahlt so, dass mir nun vieles, was mir sonst od' und todt war, mit frischen Reizen in die Seele herein scheint.

Wir hatten uns schon oft und viel gesehen, ohne sonderlich auf einander zu achten, als mir mit einemmale die Augen aufzugehen schienen. Ich war in der reinsten Stimmung, das Leben erschien mir unbedeutend und wichtig zugleich; ich nahm mir vor, nichts Bedeutendes zu erwarten, und die Freude frisch zu ergreifen, wo sie mir entgegen lacheln wurde. Und so hatte ich den entschiedensten Sinn fur ihre Liebenswurdigkeit. Wir wurden sehr schnell bekannt, und ich konnte ihr frei meine Neigung entdecken. Sie antwortete nicht darauf, blieb in ihrem Betragen unverandert, und schien es gar nicht zu achten. Aber einst, als ich allein bei ihr war, und sie mir mehr als gewohnlich reizend erschien, nahm sie eine frische Granatbluthe von ihrer Brust, und gab sie mir. Diese Bluthen sind der Gegenliebe geweiht, sagte sie, und blickte mich mit feuriger Schwarmerei an. In diesem Styl ist alles was sie thut, leicht, willkuhrlich und fein, nur dass es von Blick und Geberde begleitet sein muss, und, wie sie selbst sich schoner sehen, als beschreiben lasst.

Sonderbar ist es, dass mich ihr Gesang, denn sie ubt' diese Kunst wie manche andere mit glucklichem Erfolg stets in meiner Zufriedenheit stohrt. Auf seinen Flugeln tragt mich der Gesang dann in ein anderes, fernes Land, wo liebliche Gestalten verworren vor mir scherzen. Und gebe ich mich ihnen hin, so dunkt es mich, ich finde bekannte Wesen, die ich schon einst gesehen; es sind die Schatten meiner vorigen Freuden, meine Wunsche, meine Lieblingstraume. Dann vergesse ich auf Augenblicke alles um mich her, und mein Herz weiss von keinem grossern Gluck, als sich an diesen Wunden verbluten, in Wehmuth sterben zu konnen, Und so ist es wohl gewiss, Barton, dass es Eindrucke giebt, die unausloschlich sind; und die Tone sind die wunderbaren Faden, die von der Geisterwelt gesponnen, durch alle Zeiten reichen und mit geheimnissvoller Wahrheit uns mit unsern eigentlichen Wunschen bekannt machen, und unsichtbar daran festhalten.

Neunter Brief

Amanda an Julien

O! Julie, dieser Antonio ist mir sehr viel geworden! Sein heitrer, umfassender Geist zaubert eine schone Gegenwart um mich her, seine feurige Phantasie tragt mich auf ihren Schwingen in das himmlische Land der Dichtung, wo alles auf ewig in dem entzuckenden Duft jugendlicher Begeisterung getaucht ist! Und dahin will ich mich fluchten, aus dem oden verworrnen Gewebe irrdischer Plane und Verirrungen, dahin auf ewig mit reinem, liebenden Herzen! Ich fuhle es, ich muss ihm alle meine Zweifel, meine Schmerzen, mein ganzes Leben muss ich ihm anvertrauen. An den heitern Sinn dieses Mannes, schmiegt sich mein Herz vertrauungsvoll an, und die Welt lachelt mir neu in dem Wiederschein seines Geistes. Durch Antonio werde ich mit den schonsten Erzeugnissen der Poesie bekannt, die mir bis jetzt meist fremd geblieben sind, und indem ich mich ganz dieser himmlischen, ewig in Morgenroth schimmernden Welt hingebe, und gar nicht mehr nach Deutlichkeit in der irrdischen strebe, geht eine neue Wahrheit, ein neuer Glanz in meiner Seele auf. Selbst der Gedanke an Eduard, an die schone untergegangene Liebe, der so lange meine Seele mit dunkeln, niederschlagenden Erinnerungen beangstigte, fangt an, bei dieser Veranderung meiner Ansichten, eine lichtere Gestalt anzunehmen. Im Verganglichen lerne ich das Unvergangliche ahnden; und wenn ich uber die Irrungen des Verstandes trauere, erscheint mir die Wurde und die Unfehlbarkeit des Gefuhls desto herrlicher. Und auch dies dank' ich dem Freunde, der mit einem so weichen, fuhlenden Herzen, den hellsten, freiesten Geist vereinigt. Was fur Morgen, was fur Abende vergehen uns! Ahndungsvoll und heiter, wehmuthig und freundlich spricht die Natur in einer neuen Sprache zu meinem Gemuth:

Blumen duften

in den lauen Luften,

sieh! dort in den blauen Himmelsraum

lauschen Wolkchen, wie ein Fruhlingstraum.

Und die Hoffnung, uber Thal und Hugel

kommt die Holde mit smaragdnem Flugel,

und ich fuhl', in Lust verlohren,

mich, wie neu gebohren!

Beschreiben soll ich Dir diesen Antonio? Das verlangst Du schon in zwei Deiner Briefe. Aber verzeih mir, wenn ich gar keine Lust dazu habe, weil ich ihn fur unbeschreiblich halte, und begnuge Dich deshalb bloss mit einigen, leicht hingeworfenen Zugen. Er ist nicht schon, ob gleich ich glaube, dass er bis zur Anbetung gefallen kann; er ist jugendlich, ohne noch Jungling zu sein; heiter, ohne Flachheit; sinnig, ohne Trubsinn; witzig, ohne Bitterkeit; gefuhlvoll, ohne Affektation. Seine Fehler, denn Du wirst mir wohl zutrauen, dass ich ihn davon nicht frei spreche sind nicht gemein, nicht unertraglich, sondern sie tragen das Geprage eines genialischen Geistes, unverkennbar an sich.

Heute fand ich auf meinem Schreibtisch einige Strophen, welche ich Dir hier mittheile. Ich irre mich gewiss nicht, wenn ich glaube, dass Antonio der Verfasser derselben ist; ganz sicher sind sie von ihm, aber welche Glut des Gefuhls auch aus ihnen athmet, so glaube ich doch, Antonios Sinn zu gut zu verstehen, als dass ich nicht zugleich das leichte Spiel der Phantasie darinnen wahrnehmen sollte:

Eine Seele mocht' ich kennen

eine treue Seele nur!

wollte stets in Liebe brennen,

gluhender als Kuss und Schwur.

Eine Seele, treu ergeben

mir mit Wahrheit zugethan,

treu im Lieben, und im Leben

sonder falschen, eitlen Wahn.

O! wie wollt' ich mich ihr weihen,

froh mit innigem Gemuth!

Liebe sollte sie erfreuen

Liebe, wie sie nie gegluht!

Alles wollt' ich, Alles wagen,

immer freudig, gleich gesinnt,

wollte nie die Schmerzen klagen,

die der Liebe Nahrung sind.

Geh' ich durch das Fruhlingsbluhen,

athme Blumendufte schwer,

wahn' ich in der Lufte Gluhen,

wandle Liebe zu mir her.

Ist vergebens all' mein Wahnen?

Fallt die Bluthe fruchtlos ab,

zieht mein liebevolles Sehnen

nie die Treue, mir herab?

Soll ich nie die Seele kennen,

eine treue Seele nur?

soll ich nie in Lieb' entbrennen,

gluhender als Kuss und Schwur?

Zehnter Brief

Eduard an Barton

Ich weiss es selbst nicht, Barton, warum mich der Inhalt Deines letzten Briefs so ungewohnlich bewegt, ja befremdet hat. Du schreibst mir, dass Du Dich mit Nanetten verheirathen wirst; dass Ihr beschlossen habt, ihr bei** gelegenes Gut zu bewohnen, und dort abwechselnd dem Landlichen und der Geselligkeit zu leben. Du schreibst mir das, mich dunkt, mit einem gewissen Stolz; Du freust Dich Deines Looses mit so ruhiger Freude, als wenn das alles sich so hatte begeben mussen, weil Du es gewollt hast. Beinah' glaube ich, dass es eine Art von Neid ist, was sich dabei so seltsam in mir regt. Auch mein Schicksal ist jetzt auf gewisse Weise entschieden. Ich sehe mit Zufriedenheit fast alle meine jugendlichen Wunsche erfullt, meine Plane der Reife, und meinen Ehrgeiz seiner Befriedigung nah'n, und doch doch sehne ich mich oft ganz unaussprechlich in jene Zeiten der Wunsche, des Unvollendeten zuruck, wo mir, verhullt in das schone Geheimniss der Liebe, der Genuss der schonsten Poesie meines Lebens, die Gewissheit der in mir wohnenden Gottheit vergonnt ward. Und dann fuhle ich in tiefer Seele, dass eigentlich ein Loos den Deinen ahnlich, das Ideal meiner Wunsche war. Doch wie es auch sei, ich gonne Dir Dein Gluck. Schon mehrmals habe ich meine Ansicht von Dir geandert, aber der wahre Gehalt Deines Wesens, und das, was ich Dir verdanke, blieb mir zuletzt ganz unveranderlich. In fruhern Jahren sah' ich Dich nur mit einer gewissen Glorie umgeben, Du schienst mir unerreichbar, und ich verehrte Dich wie einen der Ueberirdischen.

Dann aber kam eine Zeit, die Zeit wo alles vor mir schwankte, ich an allem zweifelte, und da verschwand auch der Nimbus, der Dich verherrlichte, und Dein ganzes Wesen kam mir sogar zweideutig vor. Hat er sein Spiel mit mir getrieben? dachte ich oft. Was sollen mir diese hohen Ideen, diese Anspruche, die nie befriedigt werden, die mich mit der Welt unzufrieden und mich fur sie untauglich machen? Warum gab er, der die Menschen kannte, mir nicht lieber Wahrheit, wenn sie auch bitter war, fur dieses zauberhafte Licht, bei dessen Verschwinden mich nur ein tiefes Dunkel umfangt? Aber bald ward es mir heller; ich erkannte die hohere Wahrheit, in dem, was ich fur Tauschung hielt, ich erkannte Dich als einen Menschen, den das Leben gebildet hat, und der nun wiederum das Leben bildet, der die Welt versteht, und seine eignen Erfahrungen auch fur andre aufs beste zu benutzen strebt. So blieb Dein eigenthumlicher Werth nun klar vor mir stehen und auch Dein Verhaltniss gegen mich. Ich fuhle, dass Du mich erzogen hast, denn Erziehung, wie ich dies Wort nehme, heisst nicht den Menschen bestimmen, sondern ihm Gelegenheit geben, seine angebohrnen Fahigkeiten zu uben und zu entwickeln; ihm Gelegenheit geben sich selbst zu bestimmen. Jeder, der nicht seinen Anlagen gemass leben kann, fuhlt sich unglucklich und unbestimmt. Der weisere Mensch, merkt diese Anlagen fruhzeitig bei der Entwickelung des Kindes, und thut dann das Seine, es in eine ihm angemessene Lage zu bringen, denn erst dann, wann der Mensch seiner Eigenthumlichkeit gemass leben kann, vermag er auch fur andre viel zu sein. Das Leben ist nichtig und ein jeder hat Momente, wo er es fuhlt, wo er fragen muss: aller Zweck, alles Streben, wozu fuhrt es? Aber dann treibt die Lust zu wirken, zu schaffen, wieder in den Schauplatz, der uns allein zur Uebung unserer Krafte gegeben ist, und wir fragen nicht mehr, was soll es? sondern wir mischen uns mit Eifer unter die Menge, wo wir nicht die Ungeschicktesten sein wollen, und wenn wir auch heimlich das Ganze als Spiel betrachten, so dunkt es uns doch wurdig, das Spiel mit allem Ernst durch zu fuhren. Nur soll ein jeder seine Individualitat kennen lernen, hat er dann ein richtiges Bild von sich selbst gefasst; so kann er mit diesem Bilde in die Welt eintreten und ruhig und sicher handeln. Denn was man auch sagen mag; so ist es doch gewiss, dass sich die aussern Umstande ofterer nach dem Menschen formen, als er sich nach ihnen. Seine Art zu denken, zu empfinden, sein Geschmack, seine Irrthumer ziehn die Verhaltnisse um ihn herum, und der Wunsch sie verandert zu sehen, ist vergebens, wenn er sich nicht selbst andern will und kann. War bei allen bittern Klagen, die Rousseau uber die Menschen ausstiess, er es nicht immer selbst, der zu dieser Behandlung Veranlassung gab? Er, der sich gegen alle so sonderbar und ungewohnlich betrug, musste auch ein ungewohnliches Betragen von andern erfahren, und war' er aufrichtig gewesen, so hatte er doch wahrscheinlich gestehen mussen, dass er nirgends so glucklich hatte sein konnen, kein Zustand fur ihn so passend war, wie gerade seine Verbannung, wo er von allen Verhaltnissen frei, seinen Traumereien ganz ungestohrt leben konnte.

Aus dem, was ich Dir hier geschrieben habe, wirst Du vermuthen, dass gerade jetzt ein Zeitpunkt meines Lebens ist, wo ich uber meine Verhaltnisse zu der Welt, mehr als gewohnlich nachgedacht habe; und Du hast recht. Ein jeder, glaube ich, hat Momente, wo er das Bestreben fuhlt, aus seinem Leben, ein Ganzes, eine Geschichte zu bilden, und wenn er dies nicht kann, wenn er den Faden, der seine kleinen und grossen, innern und aussern Begebenheiten zusammenhalt, ganzlich verliert, oder wenn er ihm zerrissen wird, so ist er unglucklich und zerstuckt. Bisher habe ich dies Bedurfniss nie lebhaft gefuhlt; denn, weil ich so verschiedene Ansichten hatte, und mit ihnen wechselte; so fand ich scheinbar, oft wenig Zusammenhang mit den Vorhergehenden. Doch jetzt, da ich auf einer Art von Ruhepunkt stehe, und mein Leben wie einen bunt gewirkten Teppich vor mir liegen sehe, und ubersehe, merke ich einen leisen Zusammenhang, und einen Faden, der aus mir selbst herausgesponnen, das Einzelne verbindet. Ich bin nicht unzufrieden mit mir und der Welt, nur das Einzige schmerzt mich, und wird mich ewig schmerzen, dass das Hochste meines Lebens, die Zeit, wo sich die Bluthe meines Lebens entfaltete, wo alles auf etwas Einfaches, Grosses hinzudeuten schien, doch am Ende in Unverstandlichkeit vergieng. O Barton! ich wiederhole es, nur der kleinste Umstand meines Lebens durfte anders sein, und Vernunft und Gluck mussten unvermeidlich der Quaal dieses Gedankens erliegen!

Ich weiss nicht, ob ich Dir es schon geschrieben habe, dass ich ohngeachtet meiner Jugend nun als ** hier angestellt bin. Dies ist eine Stelle, die sich mein jugendlicher Ehrgeitz oft als das schonste Ziel dachte. Theils in Geschaften meines Vaters, theils um noch manche, mir nothige Kenntnisse und Geschicklichkeiten zu erwerben, werde ich, eh' ich die Stelle antrete, noch ein Jahr lang reisen. Komme ich dann zuruck, so wird es nur von mir abhangen, mich mit Colestinen, so heisst das reizende Geschopf, die Du aus meinem Briefe kennst, auf immer zu verbinden. Auf dieser Reise werde ich auch zu Dir kommen, verlass Dich darauf! Wahrscheinlich wirst Du dann schon Dein Landgut bewohnen. Ich muss Dich, ich muss Amanda wiedersehen! Wie sollte ich mir diesen wunderbaren Moment, der schon jetzt mein Herz erbeben lasst, nicht in mein Leben herein bannen? Wie wird sie mir, wie wird mir alles um sie her erscheinen?

Du wirst glucklich sein, Barton! Ich muss immer wieder hierauf zuruckkommen. Du wirst das heiterste, lebendigste Leben fuhren, und von Nanettens stets gegenwartigem Gemuth, Deinen weiter strebenden Sinn, stets freundlich an dem Augenblick gefesselt fuhlen! Eben weil ihr wenig Aehnlichkeit habt, werdet ihr so sehr fur einander passen, denn die Liebe wird oft durch das Verlangen genahrt, das, was uns fehlet, durch den geliebten Gegenstand ersetzt zu finden, und bei vollkommener Gleichheit des Gemuths mangelt ihr grosster Reiz. Der Morgen meiner Abreise ist gekommen, und in wenig Augenblicken sitze ich im Wagen. Ich habe lange keine Fruhstunden genossen, und uberhaupt alle Naturerscheinungen, unempfindlich vor mir voruber gehen lassen, weil ich mich nicht den Eindrucken hingab, sondern sie beherrschte. Nie dunkt es mich, habe der Hahn so melodisch sein Morgenlied gesungen; nie die Vogel so laut und kuhn dem Tag entgegen gejauchzt; die Landschaft habe nie so frisch aus den nachtlichen Regenschauer hervor geschaut; die Sonne nie so freudig uber die dunkeln Wolken gesiegt, als heute. Ich ahnde es, auch meinem Leben ist noch ein Morgen aufgegangen noch Ein Morgen, und wusste ich auch, dass mit diesem Tage ich selbst mich leise neigen wurde, so konnte es mich doch nicht stohren in meiner freudigen Hoffnung.

Elfter Brief

Amanda an Julien

Dein letzter Brief hat mir sehr viel Freudiges gesagt. In Deinen Urtheilen uber mich und mein Leben, finde ich eben so viel Klugheit als Zartheit, und Du versicherst mir es so ehrlich, dass ich es glauben muss, wie meine Briefe immer sehnlich von Dir erwartet wurden, wie sie fur Dich weit mehr Leben und Interesse, als das schonste Buch hatten, ja, wie sie das einzige Poetische in Deinem Leben waren. Dies alles ist mir nun sehr willkommen, denn mir ist es nun einmal Bedurfniss geworden, Dir meine Klagen, meine Erinnerungen und meine Freuden, ohne Zwang und Rucksicht zu vertrauen, und Du bist auch die Einzige, gegen die ich es kann. Ja, Julie, was auch die Zeit an den glanzenden Farben jener Vergangenheit verwischen mag, so glucklich ich mich jetzt durch Antonios Gegenwart fuhle, so viele schone Beziehungen ich um mich vereine; so kann sich mein Herz doch nie ganz von jenem Zauberlande losreissen, und selbst jedes frohlichere Gefuhl, das mein Herz bewegt, scheint mir nur ein Bote von dort zu sein, der mich wieder lebhaft in die alten Fesseln zieht. Oft fuhle ich es so unruhig und so gewiss, dass ich ihn wiedersehn werde aber bald spricht eine feindliche Stimme dazwischen: er hat Dich vergessen und alles ist verandert. Die sauselnden Lufte, die Berge mit ihren waldigen Scheiteln, der Fluss mit seinen rauschenden Wellen, alle sagen es nach: er hat Dich vergessen! die Sehnsucht seiner Liebe umschwebt uns nicht mehr! Oft wenn ich hinblicke unter die Schatten der Baume, und aus ihrer freundlichen Dammerung, viele halbvergessne Jugendbilder hervortreten, und von ihren flusternden Zweigen seelige Traume auf mein Herz einsinken; dann schwebt die entflohene Liebe, wie ein verlohrnes Paradies vor meiner Seele, und eine Thrane des Schmerzes verdunkelt mein Auge. Aber dann reisse ich meine Blicke gewaltsam von jenen Bildern los, und schaue mit verschlossnem Weh in die lichte, offne Ebene hin, und weite, frohliche Entwurfe, heiter wie die Ferne, dammern vor mir auf; dann umweht mich neue Lebenslust, und ich freue mich meines Muths, dass ich, nach dem Verlust desjenigen, was mir Alles war, noch zu leben wage. Und Julie, so schwankt mein Gemuth noch oft zwischen den Eindrucken, einer allzu schonen Vergangenheit, und einer heitern Gegenwart.

Du kennst aus meinen Briefen die Menschen, die ich taglich sehe, es ist Antonio, der Graf, Charlotte, ihr Mann und Wilhelm; mein Leben verfliesst jetzt gleichformig und anmuthsvoll, und nur kleine Begebenheiten, nichts Grosses, Erschutterndes, bezeichnet die Spur der fliehenden Tage. Unter diese gehort auch folgendes, was unserm Kreis, zu Bemerkungen und Gesprachen viel Veranlassung gab. Wilhelm hatte eine kleine Reise, in eine nahgelegene, wild-schone Gegend gethan, und als er zuruckgekommen war, spielte uns der Zufall ein Lied in die Hande, das er dort gedichtet hatte. Hier ist es:

Es seufzen bedeutend

die Winde und stumm,

die Wolken ziehn leidend,

am Himmel herum.

Sie quellen, sie fliehen

die Thaler entlang,

und Traume durchziehen

den Busen so bang.

Der Tag ist verschwunden

tief schweiget die Nacht,

im Dunkel dort unten

der Hammer nur wacht.

Da klagt eine Flote

ihr Leid durch die Nacht,

das stets mit der Rothe

des Abends erwacht.

Es sturzet der Reuter

den Waldsturz hinab,

und weiter und weiter

erreicht ihn sein Grab.

O! Mutter nun weine

die Thran' uber ihn,

dann glanzet im Scheine

dir froher das Grun.

Wenn Fruhling besaumet

den Hugel mit Flor,

in Blumen dann keimet

sein Geist dir empor.

Sie blicken wie Augen

sie suchen dich doch;

sie winken und hauchen

und lieben dich noch.

Was mich bei diesen Strophen am meisten ruhrte, war die Stimmung, die ich darinnen durchschimmern sah. Ich fand eine Schwermuth, die ich ungern in diesem jungen Gemuthe bemerkte. Aber auf der andern Seite musste ich auch das Talent anerkennen, das ohngeachtet der Verworrenheit und den Mangeln die in dem Liede herrschen, doch unleugbar sich zeigt, und deutlich das Bestreben wahrnehmen lasst, die Eindrucke, die Bilder, die um ihn sind zu einem Ganzen zu gestalten und einen Sinn in sie zu legen. Diese Strophen gaben zu einem Gesprach uber Poesie im Allgemeinen Anlass, welches ich aufgezeichnet habe, weil es meine Freunde sehr genau charakterisirt und reich an auffallenden Bemerkungen ist, aber da ich nicht weiss, ob Dir der Gegenstand wichtig genug ist, ein langes Gesprach daruber nicht ungelesen bei Seite zu legen: so will ich erst Deine Entscheidung daruber abwarten, bevor ich Dir es schicke.

Zwolfter Brief

Amanda an Julien

Ich weiss nicht, ob ich Dir schon in einem meiner Briefe geschrieben habe, dass ich einer baldigen Trennung von Antonio entgegen sahe. Seine Verhaltnisse machen ihm eine Reise nothwendig, und diese bevorstehende Entfernung lasst es mich erst fuhlen, wie nahe er mir ist. Ja, Julie, mein Leben, das so lange dunkel war, erhellt sich wieder, und ich fuhle meine Jugend schoner zuruckkehren. Oft schien es mir, als sei ich von aller Liebe frei, und nun liebe ich mehr als jemals. Und wie sollt' ich anders? Des Weibes Natur ist Liebe; die Liebe befreit sie von allen qualenden, unedlen Neigungen, und sie lernt das Gottliche verehren, weil sie in dem Geliebten das Bild der Gottheit anbetet. Die Stimmung, welche mein Gemuth durch Antonios Umgang, durch seine schonen, freien Ansichten vom Leben erhalten hat, dunkt mich reizender und freudiger, als die schonste, jugendliche Begeisterung. Mit jedem Tage erscheint mir Antonio schoner, liebenswurdiger, und ein milder Zauber schmilzt sein Bild mit Eduards Andenken zusammen. Es ist nicht Bewunderung, nicht Achtung, Freundschaft mehr, was mich zu ihm zieht; es ist die susse Gewalt der Neigung, die mich an ihn bindet. Und so, Julie, seh' ich freudig seiner Zuruckkunft entgegen. Zwar ist mir noch manches in seinen Verhaltnissen dunkel geblieben, aber ich habe ein so entschiedenes Vertrauen zu ihm, dass es mir durchaus keine Unruhe macht. Ich hingegen habe schon langst keine Geheimnisse mehr fur ihn, und Eduard war oft der Gegenstand unserer innigsten Gesprache. O! Julie! wie glucklich werde ich sein, wenn ich auf immer mit Antonio verbunden bin; denn die Ehe ist fur gebildete Menschen, die sich lieben, gewiss der freieste und glucklichste Zustand! Spottend wies ich lange alle Hoffnung auf Gluck von mir, und nun winkt es mir so nahe, so freundlich; nun sehe ich mich geliebt, wie ich stets geliebt zu sein mich sehnte! Ich kann Dir heute nichts mehr schreiben; meine Seele ist allzu verwirrt, betaubt von angenehmen, wunderbaren Bildern, aber ich lege Dir hier ein Liedchen bei, das Dir die Stimmung meiner Seele vielleicht deutlicher auszusprechen vermag.

Es flieht das susse Leben

vom himmlischen umgeben,

es hemmt kein trager Zwang

des Geistes frohen Drang,

und wehret den Gefuhlen

in Tonen sich zu kuhlen

in holder Verwirrung mich Stunden umspielen,

wie Weste, im Fruhling die Bluthen durchwuhlen.

Schon floh'n des Lebens Sterne,

die Heimath schien so ferne,

in banger Sorge Grab

zog's grausend mich hinab.

Nun ist die Welt erheitert,

des Lebens Bahn erweitert,

und frei wie die Bienen im Blumenthal schweben,

fliegt heiter mein Sinn durch das blumige Leben.

Nur du hast mich gerettet,

auf Rosen mich gebettet,

der Liebe heil'ge Glut!

du gabst der Seelle Muth,

die Hoffnung die nie altet,

die Freude schon gestaltet,

und alle die Himmlischen sangen mir wieder,

seit du mir erschienen, die goldenen Lieder.

Geweiht zu hohem Leben,

sie mich nun stets umgeben,

gescheucht von ihrem Licht,

nah't mir die Sorge nicht.

Nur du, mit leisem Schauer

der Sehnsucht heil'ge Trauer,

du nah'st, und entzundest, zu hoheren Leben

die liebende Seele mit himmlischen Streben.

Dreizehnter Brief

Eduard an Barton

Hier an den Ufern des Arno, nicht weit von dem bluhenden Florenz, schreibe ich Dir, nach langem Schweigen wieder. Welch' eine reizende Umgebung verbreitet sich um mich her! Unter dem sanften Himmelsstrich prangt hier die Erde in der Fulle der reichsten Vegetation; dicht belaubte Busche, schimmernd grune Rasenplatze, schlangelnde Pfade, wechseln in der anmuthigsten Mischung mit einander ab. Eine grosse Volksmenge versammelt sich jetzt im Freien, um die schonen Herbsttage zu geniessen, die in diesem Lande unaussprechlich schon sind. Gruppen einzelner Menschen und ganze Familien, umschwarmt von ihren Kleinen, lagern sich im Schatten, auf den glanzend grunen Rasen, und dieser Anblick gewahrt ein liebliches Bild von Ruhe und heiterm schonen Genuss der Gegenwart. O! wie beneide ich dies Volk, das unter dem Einfluss eines milden Himmels gebohren, sein Dasein in jedem Moment auf das lebendigste geniesst, und nichts als Lebenslust, Ruhe, und frohen Genuss der fliehenden Tage athmet, indess wir Armen, im nordischen Klima Erzeugten, ewig mit Kalte und Melancholie kampfen, und statt, den Genuss des Lebens zu fuhlen, den Genuss verstehen wollen! Alle die Schrecknisse der Phantasie, welche den ungebildeten Theil der Nordlander, und auch den Gebildeten, so haufig das Leben verbittern, sind diesen Bewohnern sudlicher Gegenden ganzlich unbekannt; nicht wie bei jenen durch die Ungemachlichkeiten des Klima, aus den Regionen des Lebens hinweg gedrangt, kann ihre Phantasie ruhig auf den Gegenstanden der wirklichen Welt verweilen, und findet hier den reichsten Stoff sich zu beschaftigen. Auch die Ideen des Aufhorens, der Verwesung suchten diese Glucklicheren stets so leise als moglich zu beruhren, und wenn es scheint als habe das rauhe, nordische Klima seine Bewohner schon im Leben mit ihren Gedanken zum Grabe hingedrangt, und sie mit den furchtbarsten Gegenstanden, die man sonst kaum zu denken wagte, ganz vertraut gemacht, so suchten jene die Gestalt des Todes, mit einem mildernden Schleier zu verdecken, oder diese Idee durch weiche, liebliche Bilder minder furchtbar zu machen. Ja, auch jetzt, so verschieden auch die neuen Gottergestalten, von den altern Gottern sein mogen; so sichtbar sind auch jetzt noch die Spuren des Geistes, der in jener poetischen, aus Griechenland hieher verpflanzten Religion athmete, welche wie die Dichtungen Homers, ihres Sangers, erhaben, schon und begluckend war. Nie vermag ich, ohne die innigste Ruhrung den Abendgesang der heiligen Jungfrau zu horen, welcher hier den muden Arbeiter zum ersehnten Feierabend ruft. In ihm ertont das Lob der Maria, "die mit den Sternen gekront ist und den Mond zu ihren Fussen hat; die ohne Mackel und ohne Flecken, mit der Klarheit der Sonne umkleidet ist; die grosse Ausspenderin von den Schatzen des Himmels; golden, heisst es, ist das Haar der Himmelskonigin, und Licht ist ihr Gewand! Maria, du schon Gebildete, ich wunsche im Paradiese zu deinem Anschauen zu kommen!" Und hort man in dieser Zusammensetzung, das sanfte Madre d'amore! so wahnt man auf Augenblicke, ganz in das schone Alterthum versetzt zu sein. Doch so sehr ich mich auch bestrebe, der Stimmung dieses Volks gemass, alle Erscheinungen vor mir ubergehn zu lassen, ohne Reflexionen daruber anzustellen; mich immer mehr auf den Moment zu beschranken, und mir nicht, mehr die vergebliche Muhe zu geben, die labyrinthischen Verwickelungen des Lebens entrathseln zu wollen, so will es mir doch nicht immer gelingen. Eine unbeschreibliche Sehnsucht ergreift mich hier, wo alles, Genuss und Befriedigung athmet. Der angenehme Mussiggang der Reise, die Entfernung von bindenden Geschaften, von der prosaischen Zerstreuung des gesellschaftlichen Lebens, diese haben mich ganz wieder in das Land der Jugend und der Wunsche zuruckgefuhrt. Alles Streben, alles Treiben der Menschen wie unnutz erscheint es mir und nur die Liebe allein dunkt mich der Sehnsucht werth! Ja, sie war es, sie allein, die einst einen sudlichen Himmel in meine Seele zauberte, die mich die Sprache der Natur verstehen lehrte, und mir das Gefuhl einer heiligen uberirrdischen Begeisterung gab, die mir das Unsterbliche ahnden liess und mein Gemuth mit frommen Glauben entzundete! O! wie verschwanden und entblatterten sich alle Resultate des Verstandes, alles Kalte, Gesuchte, was von vielen Moral genannt wird, wie verschwanden sie bei dieser warmen glaubigen Religion der Liebe, durch die ich mich unsterblich und gottlich fuhlte! Konnt' ich Amanda an meine Brust drucken, konnt' ich hier mit ihr leben, wo mir nun oft ein schneller Gedanke an sie, die Freude selbst verbittert, weil sie Amanda nicht mit mir theilt, und weil ich nun einmal glaube, dass sie ohne mich nicht glucklich sein kann! Dass Amanda in dieser Gegend, wo ich jetzt lebe, auch eine geraume Zeit zugebracht hat, vergegenwartigt mir ihr Andenken noch mehr. Ich habe schon Mehrere gesprochen, die sie gekannt haben, die sich ihrer noch sehr lebhaft erinnerten, und ihrer Schonheit, ihrem Edelsinn und ihrer Anmuth einige Lobreden hielten. O! Barton, Du wirst sie sehen! Schreibe mir von ihr, so bald Du sie gesehen hast. Auch ich will sie sehen; ich bin es Colestinen, ich bin es meinem kunftigen Leben schuldig. Ich muss es wissen, ob das, was ich jetzt fur sie fuhle, nur ein leichter, wesenloser Traum ist, vom Zauber der Entfernung, vom Einfluss dieses Himmels und trugerischem Spiel der Phantasie erzeugt, oder ob ein wahres, tief in mein ganzes Wesen eingewebtes Gefuhl zum Grunde liegt. Bald eile ich uber die Alpen, dann in jene Gegend, wo auch milde Lufte schmeicheln, auch Mandelbaume bluhen, und Rebenhugel winken, und wo mehr ist als italianischer Himmel, weil Amanda dort lebt! Dem ausdrucklichen Verlangen meines Vaters Genuge zu leisten, musste ich hier auch Biondina di Monforte sehen, eine Bekanntschaft, die ich sonst gern vermieden haben wurde. Ich wurde von ihr mit ausgezeichneter Gute aufgenommen, und ohngeachtet meines Widerwillens gegen sie, konnte ich mich nicht enthalten, die Reize zu bewundern, die, trotz des herangenahten Alters, noch jetzt an ihr sichtbar sind, und die, was auch die Kunst fur Theil daran haben mag, von einer seltnen Begunstigung der Natur zeugen. Jedoch fand ich auch dagegen, einen Ausdruck in ihrem Gesicht und in ihrem ganzen Wesen, der mich unwiderstehlich von ihr zuruckzog, und der, wie ich fest uberzeugt bin, auch bei der schonsten Bluthe feuriger Jugend eben dasselbe Gefuhl in mir hervorgebracht haben wurde. Mit inniger Befremdung, erinnerte ich mich daher in diesen Augenblicken so mancher Scene, wo mein Vater, nach einer mehr als zehnjahrigen Entfernung seines Umgangs mit ihr, als der schonsten Zeit seines Daseins mit einem Enthusiasmus, einer Ruhrung gedacht hatte, der an diesem sonst so sanften und gleichgestimmten Manne doppelt auffallend war. Bedenke ich aber, wie er hier, in diesem Paradiese, noch vom Abendroth der Jugend beglanzt, von Liebe und Stolz zu sussem Genuss eingeladen, sich einem seeligen Rausche hingab, der ihm die magische Binde so fest um die Augen legte, dass er die unweibliche Anmaassung und Herrschsucht dieser Frau nicht sah, und alle ihre Fehler den Umstanden und der Umgebung aufburdete; so wird es mir wiederum sehr begreiflich, dass ihm die hier verlebte Zeit stets fur die Bluthe seines Lebens galt. Diese Frau war es, welche meinem Vater vor Albret den entschiedensten Vorzug gab, und durch diese Krankung in das stolze und heftige Gemuth dieses Mannes einen unausloschlichen Hass gegen den Begunstigten pflanzte. Dieser Hass ward durch mich, in dessen Anblick er die Zuge seines Feindes wieder fand, aufs neue belebt, und die Begierde, sich durch den Sohn, an dem Vater geracht zu sehen, liess ihn mancherlei Plane entwerfen, deren Ausfuhrung ihm um so mehr am Herzen lag, da Amanda, deren seltnen Werth er unwillkuhrlich anerkennen musste, ihn durch ihr Betragen gegen mich, immer mehr mit Hass und Rache entflammte. O! wie willkommen, wird ihm in mancher Rucksicht der Befehl meines Vaters gewesen sein, wodurch er auf meine schnelle Abreise drang, ohne damals mir selbst die Grunde dieses Verlangens anzugeben! Und dem Hass dieses Mannes konnte Amanda ihre Liebe aufopfern? Auf seine Bitten, welche die Furcht, sie fruh oder spat mit dem Sohn seines Todfeindes verbunden zu sehen, ihm eingab, konnte sie durch ein feierlich gegebenes Wort mir auf immer entsagen? Sieh' Barton, wenn ich mir denke, wie Albret selbst das Gelingen seines Plans triumphirend verbreitete, wie Amanda es Nanetten bestatigte, wie ich auf meinem letzten, dringend an sie geschriebenen Brief, voll feuriger Liebe, keine Antwort erhielt, dann gluh' ich von neuem, wie in den ersten Zeiten jener unseeligen Auflosung; selbst der Anblick des sudlichen Himmels, und der milden, lachenden Natur, die mich hier umgiebt, vermehrt nur die Bitterkeit, womit ich jener nordischen Kalte und Unnatur gedenke, die mich, ach! all zu fruh! aus dem schonsten Wahn meines Lebens weckte, und ich eile, mich zwischen engen, dustern Wanden einzuschliessen, weil ich den Contrast der heitern, mich umgebenden Welt, mit der zerstohrten, die ich im Busen trage, da minder lebhaft zu fuhlen glaube!

Vierzehnter Brief

Amanda an Julien

Ich schreibe Dir in der seltsamsten Mischung von Wehmuth, Ueberraschung, Schmerzen und Freuden. Ein Augenblick, ein Zufall hat mir so viel Aufschluss uber Zweifel gegeben, die lange mein Leben verbitterten; hat so viele Bilder der Vergangenheit lebhaft vor meinem Geist gefuhrt, dass ich vor Unruhe und Traumen kaum zu mir selbst kommen kann. Und warum jetzt diese Entwickelung, diese oft mit heisser Sehnsucht gewunschte Befriedigung? Warum jetzt erst? Warum sehen wir das, was wir so sehnlich wunschten, meist erst dann geschehen, wann unsre Freude daruber nicht mehr ganz rein sein kann? Doch durfen Klagen nur das herrliche Gefuhl, den sussesten Genuss des Herzens verbittern, der in dem Gedanken der Ueberzeugung liegt, uns von einem Wesen geliebt zu sehen, welches uns selbst das Geliebteste war? Nein! ohne Rucksicht auf Vergangenheit und Gegenwart, ohne angstliches Untersuchen, dessen was ist, und was hatte sein konnen, will ich mich, dankbar und frei, jetzt ganz diesem schonen Gefuhl hingeben, eines der seeligsten, welches das Menschenherz zu empfinden vermag!

Vor einigen Tagen, erhielt ich von Nanetten, die mehrere Jahre lang fur mich so gut, wie aus der Welt verschwunden war, einen Brief, in welchem sie mir,ohne sich uber ihr langes Schweigen zu rechtfertigen, oder unsre vorigen Verhaltnisse zu beruhren, eine leichte Skitze ihres bisherigen Lebens gab, und mir dann auf eine lustige Art ankundigte, wie sie in kurzer Zeit, von ihrem Mann begleitet, den sie mir aber nicht nannte, auf ihr so lang verlassenes Gut reisen wollte, wo sie mich ganz gewiss zu sehen hoffe.

Meine Freude, diese frohliche, liebe Gestalt aus einer schonen, langst entflohenen Zeit mir auf einmal wieder erscheinen zu sehen, war ausserst lebhaft, und ich entwarf sogleich einen Plan, wie ich sie auf eine ihr angenehme Art empfangen und uberraschen wollte. Um meine Ideen auszufuhren, musste ich auf das Gut reisen, um dort vor ihrer Ankunft die nothigen Anstalten zu treffen. Die Zubereitungen zur Reise, gaben mir Veranlassung, noch einige von Albrets Papieren zu ordnen, welche ich noch undurchgesehen, aufbewahrt hatte. Ich that es, und ein Brief von Eduards Hand fiel mir in die Augen. Mit lautpochendem Herzen, las ich die an mich gerichtete Ueberschrift ein schlimmes Verhaltniss hatte ihn in Albrets Hande gegeben. O! Julie, was fand ich! Wahrheit, Irrthum, Sehnsucht, Liebe, o! unendliche Liebe! Ich kann Dir nichts weiter sagen, ich bin verwirrt, beklommen! -Wie Unrecht habe ich ihm, habe ich mir gethan! Lies hier einige Strophen, die ich in Eduards Briefe gefunden habe. Diese Bluthen seiner lieberfullten Phantasie, werden Dir am lebhaftesten schildern konnen, was ich jetzt empfinde:

An Amanda

1.

Oefters wunscht' ich mir schon in seeligen Stunden

der Liebe,

an ihr bebendes Herz, leise das Haupt hingesenkt, ofters wunscht' ich mir dann des Todes freundliche

Nahe,

rathselhaft fuhlet das Herz welches die Liebe erfullt! wunscht' ich feig, und voll Furcht, an ihrer Seite zu

sterben,

dass ich der Schmerzen vergess', uber den Himmel um

mich?

Oder erzeugten den Wunsch des Dankes zarte

Gefuhle,

gern zu vergehen auch da, wo ich zu leben begann? oder erlieget der Geist dem sussen Taumel der Liebe wahnet im seeligsten Wahn, langer ertrage ichs nicht?

2.

Immer sind wir vereinigt, so fern das Schicksal uns

trennte,

Liebste! ich komme zu dir, oder ich rufe dich her. Ist mir's im Herzen so weh, und fullen mir Thranen

das Auge

eil' ich geistig zu dir lieblicher Trostung gewiss. Schlagt mir voll Freude das Herz, und lieb' ich das

freundliche Dasein,

ruf' ich, Amanda! dich her, hoherer Freude gewiss!

3.

Einst, o! zurntest du mir, dass einer Andern ich kos'te, aber es waren doch stets, Auge und Seele bei dir. Mit verstohlenem Blick, hieng ich am zurnenden

Auge,

schuf mir durch liebende Qual, grausam der Liebe

Genuss.

4.

Oft erscheinest du mir, ein uberirrdisches Wesen, das nur Seegnungen hier, spendet in Menschengestalt. Aber gedenk ich des Bundes, der uns're Herzen

verbindet,

wahn' ich, stolzer, dass hier, dich nur die Liebe

verweilt.

5.

"Wende, so bat ich dich einst, nie wieder dein Auge

voll Seele

nach dem Himmel hinauf, ach! ich erliege dem Blick! Leben und Liebe, und Hoffnung, ach! Alles wohnt dir

im Auge,

was nur belebet und starkt, alles was freut und

erquickt.

Ungenugliche! willst du die Geister, die Engel, den

Himmel,

was kein Auge noch sah', auch noch vermahlen dem

Aug?

Wend', ich bitte nicht wieder, zur Heimath dein

himmlisches Auge,

ich ertrage das nicht, willst du denn sterben mich

seh'n?"

6.

Herzlich hass ich der Menschen Gewuhl, seit ich,

Liebste dich kenne,

meinem Herzen so nah, bist du dort immer so fremd. Einsam war es um uns, da lernt' ich dich, Einzige

kennen,

Einsamkeit! mache aufs neu, uns mit einander

bekannt!

Funfzehnter Brief

Amanda an Julien

Heute erhielt ich diesen Brief von Eduard selbst. Wie sonderbar, ist in meinem Leben, das Licht vertheilt! Welche lange, tiefe Schatten, und welche zauberisch glanzende Beleuchtung! Und so ist es; wir harren Jahre lang auf einem einzigen Moment, und dann uberrascht er uns doch unerwartet, und im Gedrange von Andern nicht minder wichtigen. Ich bin in Verwirrung, und doch bin ich ganz frei von jeder Schuld. Ich liebe Antonio; mein Herz, von seiner Liebenswurdigkeit, seinem Werth durchdrungen, hat sich der sussen Neigung hingegeben. Fur ihn belebt mich wahres inniges, gegenwartiges Gefuhl, fur Eduard vielleicht nur der Nachklang eines ehemaligen, ein Spiel der Phantasie. Und doch, wie schlug mein Herz, als ich die Zuge seiner Hand erkannte, wie ergriff, durchgluhte mich, der Inhalt seines Briefs! O! warum bist du selbst mir jetzt fremd, mein einziger besster Freund! Komm, eile zu mir, du, dem ich mehr, als mir selbst vertraue, der mir Jugend und Liebe wiedergab, komm, Antonio, lose alle Zweifel, mit deinem reinen, umfassenden, menschlich fuhlenden Gemuth!

Lass mich ruhig sein, Julie, lass mich hoffen, dass die Stille meiner Seele zuruckkehrt, und glauben, dass sich alles losen wird.

Was ich so tief empfand und als richtig erkannte:dass Wahrheit jedes Verhaltniss rein erhalt, und auch das Verworrenste leicht und naturlich loset, das will ich nun auch uben und durch die That beweisen. Alle meine Verhaltnisse sind rein, und sie sollen es bleiben.

Bald schreibe ich Dir wieder.

Sechszehnter Brief

Eduard an Amanda

Die Auferstehung der Todten ist mir seit diesen Tagen gewiss geworden! Oder, ist das nicht eine Auferstehung zu nennen, wenn der Geist und die Liebe, welche eh'mals den Gegenstand unsrer zartlichsten Neigung zu beseelen schienen, nach einer langen Verborgenheit, wo sie sich in undurchdringliche Schleier hullten, wieder lebendig werden in der lieblichsten Verklarung, der vollen Glorie des Wahren und Schonen? O! es liegt eine Seeligkeit darinnen, sich getauscht zu haben, wenn uns die Wahrheit in solchen reinen Formen erscheint!

Sie erstaunen, Amanda! und wissen nicht, ob ich in frommer Begeisterung oder in verworrenen Traumen spreche, aber ich bin noch nicht am Ende.

Denken Sie sich das Bild der Geliebten, in der Seele eines innigen, unverdorbenen Junglings; denken Sie es sich in aller Bezauberung einer ungetrubten Phantasie, in der Unschuld und Liebe des ersten, aufkeimenden Seelengefuhls denken Sie sich dann dies Bild durch Missverstandnisse, durch den Nebel unglucklicher Verhaltnisse, getrubt und entstellt; lassen Sie es so, als eine Schreckensgestalt, eine Zeitlang die edelsten Ahndungen und Krafte des Junglings zerstohren und auch, durch Zeit und Anstrengung von diesem Zustande geheilt, ihm immerfort wie eine dunkle Wolke, seine heitersten Plane und Empfindungen truben und nun zerreissen Sie auf einmal den Nebel, durchblitzen Sie die Finsterniss, dass er die holde Gestalt in ihrer vorigen Klarheit und Schone wieder erkennt; so haben Sie mein Gefuhl der Auferstehung, meine Seeligkeit im Wiederfinden der Wahrheit, Sie haben den Schlussel zu diesem Allen, in meiner Bekanntschaft mit Antonio!

Ja! Amanda! er ist es, der Dich mir wieder gegeben hat, und mit Dir, Jugend, Glauben und Liebe! Ja, als er mir alles, was er von Dir wusste, einfach und ehrlich gesagt hatte, und nun Dein Bild, rein wie die Gestalt der Madonna vor Raphals Geist, wieder vor mir stand, da ward es mir so heilig in der Seele, und das leise Ahnden einer unsichtbaren Macht erfullte mich mit Schauer. Wieder, wie eh'mals belebt mich jenes Vertrauen, jene Liebe, die uns uber die Erde erheben. So folgte ich mechanisch einer Menge Menschen, die sich in einer Kirche versammelten, wo das Fest eines Heiligen gefeiert ward. Des Tempels majestatischer Bau, die Musik, das grosse Schauspiel eines zahlreichen, in Andacht versunknen Volks, alles dies musste mich nur noch mehr beflugeln; mein Herz vereinigte sich mit der Ruhrung der Andern, ich fuhlte die Gegenwart himmlischer Machte, und die Liebe machte mich zum innigsten, glaubensvollsten Beter, unter der ganzen hier versammelten Menge.

O! Amanda! ich eile, ich fliege zu Dir! Fuhlst Du noch Liebe fur mich, so lass uns vereint in dies Land zuruckkehren, hier wollen wir leben, und eine gluhende Gegenwart soll das Andenken einer kalten Vergangenheit auf ewig aus unsrer Seele vertilgen!

Siebzehnter Brief

Eduard an Barton

Nein! sie ist mit Nichts zu vergleichen, die Gewalt der Liebe! Wohl ist das eine Gottheit zu nennen, was alles um und in uns in einem Augenblick verandern, dem wusten, kalten Leben einen heitern, gluhenden Sinn geben kann! Und nun will ich ihr auch ewig ergeben bleiben, ewig ihr ehrfurchtsvoll huldigen, der Gottlichen, der Herzerhebenden!

Was geschehen ist, fragst Du erstaunt? Nichts! Nichts und doch Alles; denn fuhl' ich nicht, wie Alles um mich her verandert ist, wie die Baume und die Blumen wieder, wie ehedem vor meinem Blick in freudigen Tanzen sich bewegen, wie ich in dem Leben der Menschen, Geschichte und Zusammenhang sehe, und uberall mir wieder Licht und Ordnung erscheint!

Ach! diese schone Begeisterung war so fern, so fern von mir versunken, und es schien mir ganz unmoglich, jemahls wieder diese Hohe des Gefuhls zu erreichen! So vieles Irrdische, Todte, hielt mich lange, dicht umfangen; ich war oft ganz darinnen vergraben, und sahe nun uberall keinen Ausweg, keinen Zweck, keinen Geist! Schon hatte ich alles aufgegeben, und nun! steh' ich nicht mit einemmal wieder auf jenen heitern Hohen der Begeisterung, und betrachte von da die Welt, die mir nun lauter liebliche oder ruhrende Bilder zeigt, und woraus alles Harte, Verworrene, Gemeine verschwunden ist? Fuhl' ich mich nicht empor gehoben wie eh'mals, uber die Menge, die sich da unten um taube Nusse zerqualt; und hasst, und liebt nicht mein frommer gewordnes Herz die Menschen inniger, je mehr ich sie ubersehe? Und wenn ich Dir alles erzahle, so wirst Du vielleicht lacheln, und wohl viele wurden es. Auch kann ich mich recht gut in Deine Ansicht versetzen, aber dann bitte ich Dich, das einzige zu bedenken, was Dir alles ehrwurdig machen wird, nehmlich, dass alles, was ich empfinde, unwillkuhrliche, tief aus dem Herzen hervorquellende Wahrheit ist. Seit einiger Zeit, hatte ich die Bekanntschaft eines Fremden gemacht, der, gleich mir, auch erst seit Kurzem aus Deutschland, ob gleich aus einer ganz andern Gegend hier angekommen war. Wir waren bei Betrachtung der Kunstwerke in den Pallasten des Grossherzogs ofterer zusammengetroffen, und hier, wo unser Sinn von den Eindrucken des Schonen eroffnet war, hatte sich eine schnelle Bekanntschaft zwischen uns entsponnen, die mit jedem Tage inniger wird. Wenigstens fuhlte ich mich, durch den Geist und die Anmuth meines neuen Bekannten, so sehr angezogen und gefesselt, dass ich es kaum wahrnahm, wie ich ihm unvermerkt das Merkwurdigste meines vergangenen Lebens mitgetheilt hatte, ohne dafur von seinen Verhaltnissen etwas mehr erfahren zu haben, als dass ich ihn oft mit feuriger Beredsamkeit, aber im-mer nur im Allgemeinen von seinem Aufenthalt in Deutschland hatte sprechen horen. Er hatte meine Klagen und meine Unzufriedenheit, mit dem Leben und den Menschen oft angehort, ohne viel darauf zu erwidern, aber als ich gestern von einem solchen Moment ergriffen, wiederum ausrief: "O! schoner Himmel und lachende Erde! O Leben und Liebe! warum seid ihr mir so fremd geworden? Mein Herz ist todt und vernimmt eure schone Sprache nicht mehr!" da sagte er mit einer seltsamen Zuversicht: ich will Sie dem Leben zuruckgeben; Morgen sollen Sie geheilt sein.

Heute kam er zu mir und sagte, dass er mich in eine sehr angenehme Gegend fuhren wolle. Wir kamen an eine Stelle, die romantisch schon war. Eine Grotte, aus deren Tiefe ein Quell mit kuhlendem, klaren Wasser hervor sprudelte. Der grune, unbeschreiblich frische Rand des Ufers, und die rothliche Felswand der Grotte, welche mit uberhangendem, grunen Gestrauch bewachsen war, spiegelten sich in der klaren Fluth, und bildeten einen reizenden malerischen Anblick. Hohe Pinien, die mit ihren schlanken, koniglichen Wuchs und dunkelgrunen, schon gerundeten Kronen, jedem Ort, wo sie stehen, ein romantisches, feierliches Ansehen geben, verschlossen die Aussicht, bis auf eine kleine Oeffnung, durch welche der Blick auf weite, helle Gegenden fiel, wo dichte Walder von Fruchtbaumen, mit Saatfeldern vermischt, sich zeigten, wo das hohe Korn im Schatten der Baume schwankte, und die Weinranken wie Kranze, von einem Baum zum andern voll Trauben hiengen, und eine immer fortgehende Laube bildeten. Hier verweilten wir, und nach einem kurzen Schweigen sagte Antonio: "Ich habe ihnen ein Gemalde mitgebracht, und wenn es diesem nicht gelingt, ihr Gemuth zu erheitern, und sie wieder mit sich selbst zu vereinigen, so giebt es keinen Rath mehr fur sie." Hier zog er eine Rolle hervor, die er sorgfaltig auseinander wikkelte, und dann an eine lichte Stelle der Grotte hielt, wo das Licht von oben herab, darauf fiel, und es mit einer unbeschreiblichen Glorie umgab. Ich sah, und erwarte nicht, Barton, dass ich Dir schildern soll, was in mir vorgieng! es war Amanda! es war ihr Bild! ihr Auge, in dessen wunderbare, susse Nacht ich mich einst so gern verlohren hatte, blickte mich mit heiliger Liebe und Sehnsucht an, und wiederum ganz wie vormals, hatte ich alles andre vergessen, sah' und fuhlte in der ganzen Welt nichts mehr, als diesen Blick, der mich zu ihren Fussen warf. Als ich nach einiger Zeit wieder zu mir selbst gekommen war, erhielt ich von Antonio alle Aufschlusse, die ich nur wunschen konnte. Er erzahlte mir, wie er Amanda's Bekanntschaft gemacht, wie er ihr Freund geworden sei, dem sie mit schoner Offenherzigkeit, die Geschichte ihres Lebens und ihrer Empfindung vertraut habe. Er wusste mir ihre Handlungsweise, wodurch ich mich fur so tief und bitter gekrankt hielt, in ein so helles, richtiges Licht zu stellen, dass alle Wolken, die mir ihr Bild so lange verdunkelt hatten, auf einmal zerrissen, und mir ihr Wesen, wieder so rein, so wahr, so menschlich erschien, wie in den glucklichsten Stunden meines Lebens. Mein letzter Brief an sie, worinnen ich sie so herzlich um Aufschluss gebeten, muss durch Zufall, Gott weiss, in welche Hande gerathen sein, denn sie hat nie einen solchen Brief erhalten, und so fanden wir uns beide durch ein unwurdiges, wesenloses Missverstandniss gekrankt und getrennt, das nur durch die Entfernung, Wesen und Gestalt erhalten konnte. Doch warum noch langer an dieser qualenden Vergangenheit denken, da nun alles so neu, so schon und glucklich ist?

Herrlich erscheint mir nun das Leben, jede Freude, jeder Eindruck findet mein Herz offen und fuhlbar, seitdem ich es weiss, dass die alte Liebe in ihrem Herzen immer neu geblieben ist! Antonio ist mein Nebenbuhler und ich wurde ihn furchten, wenn ich mich jetzt nicht allzu glucklich fuhlte; aber dem Glucklichen, wohnt Stolz und Kuhnheit in der Brust. Vor einigen Tagen sagte er mir mit einem scherzhaften Ernst, der ihm sehr wohl stand: "Mit der Vergangenheit sind sie nun abgefunden, aber nicht mit der Gegenwart. Denn sie wissen, oder konnten es doch leicht gemerkt haben, dass mir selbst das Herz fur Amanda gegluht. Es dulden, dass Amanda in einem schiefen, ungunstigen und unwahren Licht vor Ihnen erschiene, dies konnte und wollte ich nicht. Auch wunschte ich sie von einem Irrthum zu heilen, der noch immer wie eine dunkle Wolke uber Ihrem Leben hieng, aber weiter wollte ich nichts. Von diesem Augenblick an, wollen wir nichts mehr von einander wissen, denn zwei Nebenbuhler konnen nie Freunde bleiben. Ein jeder versuche nun, sich der Neigung der Geliebten zu versichern, und wir sind einander wieder eben so fremd wie vorher." Mit diesen Worten verliess er mich, und ich habe ihn seitdem nicht wieder gesehn.

Achtzehnter Brief

Amanda an Julien

Mein ganzes Wesen wird jetzt von einer unbeschreiblichen, nie gefuhlten Reizbarkeit beherrscht, die, wenn sie Krankheit ist, wie Manche behaupten, mich glucklicher, als die vollkommenste Gesundheit macht. Ich denke fast gar nicht an meine Verhaltnisse und an die Zukunft; meine ganze Seele fuhlt nur das schone Bild von Antonios Werth und seiner Liebe, fuhlt nur das Gluck zu wissen, dass Eduard lebt, und dass er nicht der Liebe unwerth war. Empfanglich giebt mein Gemuth sich jedem Eindruck, jeder Erinnerung hin, wie das leichte Gestrauch der Birke, zartlich bei jedem Luftchen flustert. Ich bin hier auf Nanettens Gut; in wenig Tagen wird sie mit ihrem Gemahl hier ankommen; und ich will sie hier mit einem landlichen Fest empfangen. Wie wird sie meine Gegenwart, meine Erklarung uberraschen! Wie ist nun alles zwischen uns wieder so neu, so jugendlich geworden! Eine Menge Freuden sind wie junge Blumen, um mich aufgesprosst! Gonne mir das Vergnugen, Dir mit froher Umstandlichkeit, meine kleine Reise zu schildern.

Ich reis'te gestern Morgen von *** ab; der muntre Ton des Posthorns bewegte wieder mein Herz wie sonst; ich sah das Leben wieder in dem schonen Gewand der Jugend, der Ahndung, der Liebe, und meine Sinne konnten die Sprache der Natur verstehen. Nach einer langen, verheerenden Trockenheit, war jetzt gerade der erste Regen gefallen, und ein unnennbar frisches Grun labte mein Auge. Die klaren Regentropfen hiengen an den Baumen, wie Freudenthranen. Wir kamen durch Buchenwalder, die mich in grosser, schauerlicher Majestat umwolbten. In den Thalern zogen Wolken, weiss und dicht, wie Schnee; oft sahen hoch oben, noch Baume hindurch, und der Himmel schien herabgefallen, die Erde hinangestiegen zu sein.

Aber von dem sehr heftigen Regen war der Fluss schnell angeschwollen, und wir waren genothigt, einen weiten Umweg zu machen, der uns sehr verspatete, und wo wir uns von einer ganz andern Seite dem Ziel meiner Reise naherten. Schauerlich krummte sich der Weg durch einen unendlichen Wald. Hoch stiegen dustre Tannen an der einen Seite gen Himmel; unabsehbar auf der andern in die Tiefe. Endlich ward es lichter; die Strasse senkte sich, und wir hielten vor einem kleinen Wirthshause still. Ich sah mich um, und es war als rauschten Schleier hinweg. Auf der einen Seite kuhne, grosse Bergmassen; auf der andern ein seeliges Thal, von Bachen umarmt, aus dessen Mitte ein Eichenwald wurdevoll empor stieg. O, Julie! was fuhlte ich, als ich es nun gewiss wusste, dass ich in *** war, dem Ort, wo ich mich einst so seelig fuhlte! Ein wunderbarer Wahnsinn befiel mich; alle Busche, alle Felsen verklarten sich; aus den Wolken, aus den Blumen sah' die Liebe mich mit trunknen Augen an, in mir tonten freundliche Melodien, und ich konnte nicht mehr anders als in Rhythmus denken. Die Wirthin erinnerte sich, mich gesehen zu haben; ich erkannte sie wohl, sie war mir sehr lieb! Ich setzte mich in dem dunkeln Buchengang, nicht weit vom Hause, der zu zartlichen Gesprachen einzuladen schien. Der Mond warf aus seiner Wolke einen Silberblick auf den Berg, dass der weisse Fels am Gipfel desselben, wo ich einst Eduard gesehen, mir wie ein weisses Bluthenblatt der Vergangenheit in die Seele schien; Alles erhohete meine Stimmung. Und als nun spater der Wirthin Mann zuruckkam, und ein liebliches Kind ihm entgegen lief, er es liebevoll im Arm nahm, und die beiden in schoner Freundlichkeit vor der kleinen Thur des Hauses sassen, da schien es mir, als blickten selbst die Sterne zartlich uber diese Geburge, und es war wohl kein Wunder, dass ich die ganze Nacht von Wiedersehn und Freude traumte? Welch ein seeliger Morgen war der folgende! Ich setzte mich unter eine hohe Linde, in deren weiten, grunen Welt ein frohliches Summen lebte. Die heitre Herbstluft strich durch die Thaler, und strahlte in der Ferne, wie Silber. Es war Sonntag; die ruhrende Stimme der landlichen Glocke tonte durch die stillen Ebnen und rief die Bewohner der niedern Dorfer herauf. Der Wald lockte mich unwiderstehlich mit seiner Kuhlung, und ich gieng hinein. Ueber mir blickte die Sonne nur verstohlen, wie durch grune Wolken hindurch, aber mein Herz war mit so freudigen Bildern erfullt, dass ich die tiefe Einsamkeit und das wunderliche Rufen der Waldvogel nicht achtete, und ohne Furcht den Weg verfolgte. Und bald, bald stand ich wieder da, unter den Klippen wie einst, und unter mir der herrliche Grund in einem Meer von Sonnenstrahlen schwimmend. Dicht neben den Klippen, plauderte ein Maienwaldchen, mit dessen kindischen Zweigen und Blattern ein leichter Morgenwind sein Spiel trieb. Ich blickte auf sie hinuber, wie in das Land der Kindheit; die Klippen, die undeutlich und wild sich um mich drangten, wurden mir zur Allegorie der spateren Zeit, und ich fluchtete mich schnell in die leichten Schatten des Waldchens, wo ich mit dem lebendigsten Bewusstsein, alle holden Traume des Kinderlebens mir zuruckrief.

Ich gieng weiter. Am Fluss stand ich lange still, von dem Gerausch der Wellen angenehm betaubt. Traumend sah ich an den hohen Baumen des Ufers hinab, und ihr kraftiges Ansehen, das Leichte, Gefallige ihrer Blatter, bewegte mich mit freudiger Ruhrung. Die festen, starken Stamme, standen ruhig in der sichern Erde, indess die hohen, leicht bewegten Gipfel in reinerm Aether und Sonnenschein sich wiegten. So, dachte ich, ist der vollendetere Mensch; mit seinem Willen fest auf sich selbst gestutzt, steht er im Leben da, indess die feinsten Getriebe der Seele, die holden Kinder der Phantasie und des Geschmacks, leicht, wie die Blatter und Bluthen in hohern Regionen sauseln und leben durfen!

Ich kam nach Hause, und mein freundliches Stubchen umfieng mich. Mir war sehr wohl! Es war in mir das Gefuhl des freudigsten Wiedersehens. Ich hatte meine liebsten Wunsche, meine glucklichsten Traume, meine schonsten Bilder, ich hatte mich selbst wieder gefunden.

"Wieder mich wahnend,

droben in Jugend,

in der vertaumelten lieblichen Zeit,

in den umduftenden

himmlischen Bluthen,

in den Geruchen, seeliger Wonne

die der Entzuckten, der Schmachtenden ward!"

Diese Worte kamen mir so lebhaft und unwillkuhrlich in den Sinn, dass ich sie laut sagen musste. Sie begeisterten mich; es war, als flogen die Wande des Stubchens auf, und es ward zum Tempel. Zauberische Irrgange, Myrthenhaine und ein griechischer Himmel umgaben mich von allen Seiten; in der Mitte des Tempels erschien der Genius der Liebe mit flammen der Fackel; schon bekranzte Junglinge und Madchen tanzten im frohen Gewuhl durch einander. Und sieh'! das ist die Gewalt des Dichters, dass er durch Eine wahre Empfindung, die er in das Zauberkleid der Dichtung hullt, und an ein fremdes Schicksal knupft, in dem ahnlich empfindenden Gemuthe, eine schone Kette von Bildern, ein magisches Gemisch von Wahn und Wirklichkeit hervorrufen kann!

Ich dachte nun mit Ernst an die Anordnung der Feierlichkeiten. Die Erfindung einiger Inschriften, die Vertheilung einzelner Gruppen, die Wahl der Platze und der Vergnugungen kostete mir wirklich des Nachdenkens genug, denn ich wollte nicht allein Nanettens Geschmack huldigen, sondern sie sollte auch meinen eigenen, in diesen Anstalten finden; und beides war nicht eben leicht zu vereinigen. Indessen hoff' ich doch, dass es mir ziemlich gegluckt ist. Die reizende Gegend hat mir herrliche Dienste gethan; manche Stellen scheinen ganz eigen fur meine Ideen geschaffen zu sein, und auf der andern Seite lebt hier so ein muntres, lustiges Volk, das sich mit ganzem Herzen, einem frohen Tage hingeben kann, so dass Nanette ohne Zweifel nach Wunsch an die Wirklichkeit erinnert werden soll. Bis sie kommen, will ich mich noch ganz an den Reizen dieser Gegend sattigen; denn nach meinem Sinn, kann ich eine schone Natur weniger geniessen, wenn ich sie in geliebter Begleitung sehe. Der reine Genuss der Natur, ist fur Einsamkeit, fur Erinnerung und Hoffnung, und da wird selbst die Sehnsucht zur Wollust. Sie sind nun da, und uns vergehen die schonsten Tage. Ich genoss die Genugthuung, Nanetten sogar einige Augenblicke lang geruhrt zu sehen. Aber bald erlangte sie ihre alte Dreistigkeit wieder, mit der sie uber Alles scherzen kann. Ihre Ansichten sind, wie ihr Ansehen, unverandert geblieben, alles Lebendige, Geschmackvolle, Scherzhafte reizt sie, gefallt ihr, ja sie behauptet sich in ihren Ideen fast mit grosserer Heftigkeit, aber mit noch eben so viel Anmuth, wie vor dem. Sie liebt Umgang, und kann nicht ohne ihn leben; doch treibt sie ihre Laune oft an, uber Andre zu spotten; aber sie thut dies mit so viel Witz und Gutmuthigkeit, dass diese Neigung an ihr ein neuer Reiz wird, so sehr auch andre oft durch sie verunstaltet werden. Denn ofters habe ich Menschen, die stets von fremden Fehlern sprachen, geistreich nennen horen, die mir immer ausserst geistarm vorkamen. Denn wie viel leichter ist es, die Unterhaltung mit dem Tadel andrer, zu wurzen, da dadurch der geheimen Schadenfreude andrer, und dem sussen Wahn der Ueberlegenheit geschmeichelt wird als Gesprache zu fuhren wissen, die ohne diesen Kunstgriff reizen und unterhalten. Nein, nur wer mit so viel Laune, Geist und Virtuositat wie Nanette zu spotten weiss, nur der sollte es sich erlauben!

Recht sehr uberrascht fand ich mich, als ich in Nanettens mir noch unbekannten Gatten, eine wohlbekannte Gestalt wiederfand. Barton war es, er, den ich von allen Mannern am wenigsten an Nanettens Seite zu sehen erwartet hatte! Wie sehr sich Nanette an meiner Befremdung ergotzte, kannst Du Dir denken. Sie scheinen sehr glucklich zu sein; Barton ist ein feiner Mann, der mir jetzt weit besser gefallt, sei's, weil unsre Verhaltnisse oder meine Forderungen an die Menschen sich geandert haben. Es ist nun alles zwischen uns zur Sprache gekommen. Und Eduard! O Julie! wie wahr, wie innig hat er mich geliebt! Auch alles, wie er sich nachher benommen hat, da er von meiner Unzuverlassigkeit uberzeugt war, ist ganz so wie es mir gefallt. Er ist ganz, das geworden, wie ich mir ihn stets gewunscht, stets gedacht habe. O! beschutzt ihn, gute Geister der Ferne! beschutzt meinen Freund! dass ich ihn nur einmal sehen, einmal noch in seiner Nahe athmen kann!

Und nun Julie! siehst Du, wie alles aus jener Zeit der Verwirrung so licht, so geordnet geworden ist? O! lass immer das Gefuhl walten, es erwahlt stets das Wahre, das Sichre! Lass uns diese Sphare lieben, und lacheln, wenn ein Theil der Manner mit stolzem Mitleid, uns darauf beschrankt glauben. Mann und Weib erscheint mir oft, wie Musik und Mahlerei. Der Mann muss alles aufzuhellen streben, und sein Wesen deutlich und schon darstellen, indess das Weib ihr Gefuhl in heiliges Dunkel hullt, und mit kindlichem Vertrauen, ihrem Schicksal entgegen geht! Heute erhielt ich diesen sonderbaren Brief von Wilhelm, der, wie ich Dir vielleicht schon geschrieben habe, seit einiger Zeit mich verlassen hat, um sich in einer andern Stadt auf eine zweckmassigere Weise, auszubilden:

Liebe Mutter!

"Ich bin nun von Dir getrennt, weil Du es wolltest, und wenn dies nicht ware, und ich mir nicht so oft sagte, dass es Dein Wille ist, so ware ich schon langst zuruckgekehrt. Ich fuhle es taglich, dass ich in der Welt keinen Menschen, als Dich habe, fur den ich lebe, dass ich nichts, gar nichts in der Welt habe, als meine Liebe zu Dir, in der ich aber so reich bin. O! ich hoffe, ich darf Dir alles schreiben, was ich fuhle, denn ich habe ja Niemanden, dem ich mich mittheilen mochte; nicht aus Demuth, sondern aus Stolz. Es ist mir oft, wenn ich Andern meine Empfindungen sagen will, als wollt' ich Bettlern oder Unwissenden, Banknoten hingeben, und sie mussten mich auslachen, weil sie glaubten, ich wollte ihrer, mit dem Papier, wofur sie sich kein Brod kaufen konnen, spotten. Sieh' so steh't es mit mir; Du, liebe Mutter, bist das einzige Wesen, dem ich angehoren kann. Lass mich Dir ewig dienen in dem schonen Gewande, das Du mir um die Schultern gelegt hast, und das mit vollen malerischen Falten uber ein Herz herunter wallt, worein Dein Bild so lieblich und treu gezeichnet ist, und das so gut ist, als Du Dir nur denken magst. -Ja mein Herz, ist mein einziger Stolz, mein einziger Trost, es musste dann Deine Liebe verlieren, dann ja, dann ware ohnedies alles verloren. Aber Du wirst Dein Geschopf nie aufgeben, und ich darf also sagen, dass mein Herz, in welchem Du lebst, mein einziger Trost, so wie mein Kopf, meine einzige Stutze werden soll. Mutter! ich werde Dir dann ahnlicher sein welch' eine Wollust ist mir der Gedanke, Dir ahnlicher! Auch Dir ist Dein Herz, einziger Trost gewesen, und Dein Kopf mit der freundlichen Stirn, mit der hohen, feinen Miene, und der Schwermuth in den schwarzen Augen, und der Liebe, der sussen und ernsten Liebe auf den Lippen. Zwar habe ich Deine Leiden nie einsehen konnen, denn Du wurdest ja immer von allen geliebt, was Dich umgab, und durftest wahlen, und konntest doch alle entbehren, weil Du in Dir selbst so reich warst, aber doch habe ich gefuhlt, dass Du littest, und wie gross muss Dein Herz sein, dass Du bei Deinen eignen, vielleicht sehr verwickelten Verhaltnissen, allen Deinen Freunden mit Deinem Rath und Deiner Liebe dienen konntest, als war'st Du selbst von allen Sorgen ganzlich frei! Auch ich hatte an dieser Vorsorge Antheil, und o! ich bitte Dich nochmals dringend! lass sie nie enden, lass mich nie frei sein! Diese Freiheit ist mir schrecklich, frei wie ein Einsiedler! O! Mutter! Es wird Dir gewiss einst wohlthun, einen Menschen, dem Du so viel gegeben hast, durch Dich und um Dich gross und gut werden zu sehen! O konnte ich die Seeligkeit des Gefuhls mit Dir theilen, das sich jetzt in meinem Herzen voll und wohlthatig ausbreitet! In diesem Moment fuhl' ich innig, wie viel besser, wie sehr gut ich schon durch Dich geworden bin. Dank, ewigen Dank! Das Band, welches mich an Dich bindet, kann nicht mehr zertrummern, denn Du hast so unendlich viel in mir erschaffen, was nicht aufhoren, sondern immer wachsen muss. Du hast durch Deine Vortrefflichkeit, jede Art von Liebe in mir erregt. Ich ehre und liebe die Natur, die ein Geschopf, wie Dich hervorbringen, die eine solche Schopferin schaffen konnte. O! dass Du einst mit Freuden auf mich, als Dein Werk sehen mogtest! Schreibe mir nur wenige Worte, ob es Dir wohlgeht, denn sonst muss ich gleich zu Dir hin, weil mich die Angst der Ungewissheit todten wurde! Und, dann schreib mir auch, ob Dir mein Brief gefallt, und was Du nicht gerne von mir horst, damit ich Dir mit freiem und un gedrucktem Herzen wieder schreiben kann, denn ich wurde gewiss ewig jede Zeile beweinen, mit der ich Dir Verdruss gemacht hatte!"

Wilhelm.

Ich gestehe Dir Julie, dass ich diesen Brief nicht ohne Thranen habe lesen konnen. Es ist eine Innigkeit darinnen, die unverkennbar aus dem Herzen kommt, aber, was mich so unendlich schmerzt, aus einem beklommenen Herzen. So werth mir Wilhelm immer war; so wenig hab' ich doch, wie mir nun klar wird, auf das, was in ihm vorgieng, geachtet. Seine innige Anhanglichkeit, nahm ich fur die naturliche Ergebenheit eines dankbaren Kindes, sein Schweigen, seine stille Trauer in der spatern Zeit, fur Ruhe oder Ge fuhllosigkeit. So enthullt doch meist erst die Entfernung, was in der Gegenwart verborgen blieb, und der Buchstabe kann oft leichter verkunden, was der Mund sich zu bekennen weigert! Indessen seh' ich keine nachtheiligen Folgen fur den Jungling voraus Ich stand ja vor ihm in allen den Beziehungen da, die nur die schonsten Gefuhle des Herzens erwecken konnen, so dass das seinige wohl naturlich sich so an mich gebunden fuhlen musste; und diese fruhe Neigung, glucklich geleitet, vermag uber sein ganzes Leben den schonsten zauberischen Duft zu hauchen, der alle Bluthen desselben mit hohern Reizen beleben, und vieles Schadliche von ihm entfernt halten wird. Und zuletzt wird irgend ein aussrer oder innrer Umstand diese Ewigkeit zertrummern, wohl ihm, wenn ihm dann die Innigkeit der Empfindung bleibt, ob gleich er mit dem Gegenstand wechselt!

Ich scheide mit heiterm Herzen von Dir! alle unangenehmen Eindrucke sind weit von mir entruckt, die Natur umfasst mich, enthullt, und verhullt die Welt vor meinem Blick! Ich fuhle es innig, das ist die susse, reine Gegenwart, das wahre Leben, das nichts will, und alles in sich fasst, und das ich nicht beschreiben mag, denn wer es je besass, der kennt es, und wurde es vielleicht nicht wieder erkennen, wenn er es beschrieben fande.

Neunzehnter Brief

Amanda an Julien

Ich bin, seit ich Dir nicht geschrieben habe, sehr ernstlich krank gewesen, und der Arzt hat mir als Mittel zur Wiederherstellung meiner Gesundheit, eine Reise verordnet, die ich in wenig Tagen, anzutreten gedenke. Es war wohl kein Wunder, dass die Erschutterungen meines Gemuths, auch auf den Korper Einfluss hatten, aber was man mir auch von dem Bedenklichen meines Zustandes sagen mag, so fuhle ich doch meinen Geist unbeschreiblich heiter und frei, und meine ganze Stimmung ungewohnlich erhoht und freudig. Ich werde nach Lausanne reisen, weil ich mir von den Reizen des dortigen Klimas und der Gegend den angenehmsten Genuss versprechen darf, und eine geheime Sehnsucht mich wieder nach diesem Ort, den ich schon kenne, hinzieht. Ich endige diesen angefangenen Brief an Dich, erst auf der Reise. Ich bin in * * * und habe heute gewiss einen der merkwurdigsten Tage meines Lebens verlebt. Meine Reise bis hieher war glucklich, zwar hatte die Trennung von jener Gegend und meinen Freunden mich tief geruhrt; auch die andern uberliessen sich der heftigsten Trauer, und Nanette war in einer Bewegung, wie ich sie nie gesehen habe. Doch hat mir der wohlthatige Einfluss der Reise, meine vorige Heiterkeit zuruckgegeben, und ich hoffe, dass auch meine Freunde nun wieder freudig an mich denken werden. Doch nun zur Schilderung des heutigen Tages, dessen Eindrucke noch meine ganze Seele beschaftigen.

Ich wollte diesen Ort nicht verlassen, ohne die Einsiedelei besucht zu haben, die vor mehr als hundert Jahren von einem Eremiten in einer kleinen Entfernung von der Stadt angelegt worden ist, und noch jetzt von einem Kapuciner bewohnt und unterhalten wird. Romantischer als die Gegend, worin diese Einsiedelei liegt, vermag die fruchtbarste Einbildungskraft sich nichts zu denken. Hohe, steile Felsenwande, die von der Allmacht eines Gottes aus einander zerrissen zu sein scheinen, umschliessen ein enges, tiefes Thal, das aber nichts Furchtbares, nichts Beangstigendes hat, weil es, nach beiden Seiten hin, freundlich geoffnet, sich in einem fernen, lachenden Grund zu endigen scheint. Ueber das tiefe Bett eines reissenden Bachs, fuhrte von einem Felsen zum andern, eine Brucke zu der Wohnung des frommen Einsiedlers. In der kleinen niedlichen Hutte athmete alles Ruhe, Andacht und Genugsamkeit; nutzbare Pflanzen und Krauter bluhten in dem Gartchen vor der Wohnung, und einige sorgfaltig gepflanzte Blumen, besonders Rosen, gaben dieser Wildniss einen unbeschreiblich ruhrenden Reiz. Ich fuhlte meine Seele von dem heiligen Einfluss dieser Stelle durchdrungen, der noch machtiger wurde, als ich die ehrwurdige Gestalt des Einsiedlers erblickte, der mich mit stiller Freundlichkeit begrusste. Die Ruhe in seinen Zugen, die hohe Freudigkeit in seinem reinen, himmelblauen Auge, war nicht Stumpfheit oder Zerstohrung aller menschlichen Gefuhle und Wunsche, nicht wesenlose, kranke Schwarmerei nein! es war die gluckliche Auflosung aller Zweifel des Lebens, die Sicherheit vor jedem innern Kampf, die freudige Entscheidung der den Menschen wichtigsten Fragen, die Ahndung einer schonen Zukunft. Meine Begleiter waren am Fuss des Felsens zuruckgeblieben, und ich setzte mich mit dem Einsiedler auf die Rasenbank vor der kleinen Hutte, wo unschuldige Blumen uns umrankten, und die heiterste Bergluft uns umsauselte. Hier fanden wir uns bald in Gesprachen vertieft, wie sie nur von Menschen gefuhrt werden konnen, deren Inneres ohne Falsch ist, und die sich durchaus in keinen Verhaltnissen des Lebens beruhren, als in solchen, welche den Menschen allgemein und heilig sind. Ich konnte ihm alle meine Ideen, meine Zweifel und Hoffnungen uber Leben und Tod, alle meine Wunsche und Neigungen frei entdecken, und fand in seinen einfachen Gegenreden, Beruhigung, Sicherheit und Freude. Dir alle unsre Gesprache, der Folge nach, mitzutheilen, ist mir unmoglich, obgleich meine ganze Seele, noch mit ihnen erfullt ist, aber ich will hier einige Fragmente seiner Gesprache hinschreiben, in welchen Du seinen Sinn aufs getreueste ubergetragen findest, wenn es auch seine Worte nicht immer sein sollten. Es giebt Eine Religion, sagte der fromme Einsiedler, welche allen andern Religionen vorhergieng und zum Grunde liegt, und wer sie erkennt, dem geht eine Klarheit auf, in welcher er den Zusammenhang Aller einsieht, und welche Licht uber alle Verhaltnisse sterblicher Wesen verbreitet. Die Gottheit hat ihren Dienst selbst geoffenbaret; es war eine Zeit, wo Gotter mit den Menschen umgiengen, wo wirkliche Gottergestalten lebten. Daher die Heiligkeit des fernen Alterthums; je hoher hinauf, je mehr Grosse, Einfachheit, Gottlichkeit; alles deutet darauf hin. Das, was wir Mythe nennen, ist nur der ferne vielmal gebrochne Widerhall einer ehemaligen Wahrheit, nicht die Menschen erfanden es, sondern es war, und ich hoffe, dies wird einst bewiesen werden; diese Wahrheit, welche die fromme Vorwelt glaubte, und die Mitwelt vergisst, wird einst das sichre, klare Resultat der Nachforschung, der Wissenschaft, der Weisheit sein! Erstaunt werden die Menschen dann mit Ueberzeugung anerkennen mussen, dass das Morgenland die Wiege der Menschen, der Aufenthalt der Gotter war, welche die Menschen einst ihre unmittelbaren Offenbarungen wurdigten, und dass alle Religionen dieses Ursprungs des einzig Wahren, sind!

Und warum sollten Offenbarungen nicht moglich, nicht wirklich sein? Ich selbst habe die Stimme Gottes, ofters laut in meiner Seele vernommen, ein unwiderstehlicher, seeliger Drang, hat mich hinaufgezogen in den blauen, endlosen Aether, wo eine Stimme mir zurief: "Hier bin ich! hier ist Wahrheit!" Ich weiss es gewiss, dass ich ein Theil seines Wesens bin. So wie der Aether durch die Feinheit seiner Theile uberall eindringt, ohne verletzt zu werden; so bleibt der allenthalben gegenwartige Geist in Allen, ohne verandert zu werden; und wie eine einzige Sonne die ganze Welt erleuchtet, so erhellt der Weltgeist alle Korper. Diejenigen, welche mit den Augen ruhiger Weisheit wahrnehmen, dass Korper und Geist also unterschieden sind, und dass es fur den Menschen eine endliche Trennung von der animalischen Natur giebt, die gehen in das hochste Wesen uber. Auch die werden mit ihm vereinigt, deren Werke nur ihn zum Gegenstand haben, die ihn als das hochste Wesen betrachten, ihm einzig dienen, allem personlichen Vortheil entsagen, und ohne Hass unter den Menschen leben.

Doch soll der Mensch nicht unthatig, ohne Antheil, und als ware er ohne Sinne, seine Tage auf der Erde verleben. Der Mensch soll handeln; er darf seinen naturlichen Neigungen folgen, seine Wunsche zu erfullen streben, und die Freuden der Erde unschuldig geniessen. Und nur dann wird er schuldig, wann er sein Gemuth ganz dem Irrdischen und Verganglichen hingiebt, das ihn immer mehr mit Unruhe und niedrigen, dunkeln Leidenschaften erfullt, und ihn, des in ihm wohnenden Gottes, und seiner eigentlichen Heimath ganz vergessen lasst. Der Mensch hingegen, welcher bei Erfullung seiner Lebenspflichten, fern von eigennutzigen Bewegungsgrunden, ohne angstliche Unruhe wegen des Erfolgs seiner Handlungen, nur das hochste Wesen vor Augen hat, der bleibt, mitten im Gerausch der Welt, rein, wie die Alpenrose von Klippen und Verheerung umgeben, unberuhrt ihre reinen und sussen Dufte aushauchet. Ein solcher praktischer Mensch, welcher die Pflichten seines Lebens, blos durch seinen Verstand, sein Gemuth und seine Sinne vollzieht, ohne dass dadurch die Ruhe seiner Seele gestohrt wird, der, um seiner innern Reinheit willen, allen personlichen Vortheil entsagt, und den Erfolg der Handlung nicht achtet, der gelangt zu einer unendlichen Gluckseeligkeit, wahrend der Unbeschaftigte, welcher dabei irdische Wunsche in seinem Herzen tragt, in den Banden der Sklaverei bleibt.

O! es wird eine Zeit kommen, wo alle Menschen wiederum niederfallen, vor dem ewigen Wesen, das alle Religionen versteht! und ich ahnde, hoffend, dass sie nicht fern ist! Geniesse die kurze Zeit, die dir noch vergonnt ist, sagte er, indem er mir mit einem wunderbaren Ausdruck von Ruhrung und Mitleid ins Auge sah, der Erde und der Gegenwart. Folge deinen Neigungen, wenn sie wahr und naturlich sind, aber verehre in deiner Seele, unermudet, das Gottliche, was du in dir fuhlst, und lass dein Gemuth, nicht von den irrdischen Sorgen und Freuden mit Unruh erfullt, und herniedergezogen werden. Es war spat geworden, als ich den heiligen Bewohner der Einsiedelei verliess. Die Sonne gieng mit namenloser Herrlichkeit unter, und strahlte einen uberirdischen, goldnen Schimmer an die Haupter der fernen Schneegeburge! "Sonne! sagte der fromme Bruder, mit sanft erhohter Stimme, aber immer gleicher, ruhiger Miene, Du bist mir das Bild der Gottheit! und du reiner Aether, der, allgegenwartig Alles durchdringt! und wie der Liebende das Bild seiner Geliebten verehrt, also ich euch!"

Ich bat meine Begleiter unter dem Vorwand einer kleinen Unpasslichkeit und wirklich fuhlte ich mich korperlich nicht ganz wohl mir meinen Beitrag zur Unterhaltung fur heute zu erlassen, und kam schweigend, aber voll ernster, wunderbarer Eindrucke nach Hause.

Zwanzigster Brief

Amanda an Julien

Ich bin nun in Lausanne am Ziel meiner Reise angelangt, wo ich mehrere Monate zubringen werde. Der Himmel ist mir so freundlich, dass er die schonsten Herbsttage herabsendet, die nur je die Erde mit ihren bluhenden Kindern, fur den nahen Abschied der geliebten Sonnenwarme, schadlos gehalten haben. Ich fuhle mich unbeschreiblich wohl, ob gleich ich es, der Behauptung meiner Begleiterin nach, nicht sein soll. Gestern fuhr ich auf dem Spiegel des Sees, und genoss eines wunderbar schonen Abends. Das leuchtende Auge des Tages blickte, nach einem, fur diese Jahrszeit ganz ungewohnlich heissen Tage, noch einmal durch dunkle Wolken uber die gluhende Erde, und verbarg sich hinter die Gebirge; nur an den hohen Berghauptern schimmerte der feurige Schein. Drohende Gewitterwolken zogen wie ein furchtbares Kriegsheer voruber, und schauten ubermuthig herab, auf die reifen, schwellenden Fruchte, und die bunten, lachelnden Blumen, die sie in einem Augenblick zertrummern konnten. Schwer athmeten die Geister der Lufte, die Vogel waren verstummt. Da nahte der freundliche Abend, und schlang um die gluhende Erde seine leichten Schattenarme. Die Natur schopfte wieder Athem und verhullte sich in den zarten Schleier der Dammerung. Der See schien zu verweilen; Phobe blickte im Glanz ihrer Gottheit in die Wellen und nur leise Schatten und ein dreimal susseres Duften der Pflanzen und Baume, bezeichneten den ambrosischen Hauch der Nacht. Ganz den Eindrucken der Natur hingegeben, erfullte sich mein Herz mit heiliger Sehnsucht. Ihr goldnen Stralen, dachte ich, ihr Stimmen der Lufte, ihr aus den Waldern hervorquellenden Ahndungen, ihr seid Bilder einer andern Welt! ihr lockt das Gemuth von der Erde hinweg und du, schone Liebe! was bist du anders, als ein Wiederschein aus jener schonern Welt! O! zu sterben im seeligen Gefuhl der glucklichen Liebe, welcher Tod konnte schoner sein? Dann schwange sich die Seele auf feurigen Wolken gen Himmel, wie einst Auserwahlte, Lieblinge der Gottheit, und empfande den Tod nicht! Ich habe seit Kurzem mehrere Briefe von Antonio erhalten, die so schon sind, dass ich sie Dir gern mittheilen wurde, wenn ich mich von ihnen trennen konnte, und zum Abschreiben jetzt nicht zu trage ware. Alles, was er mir schreibt, athmet die innigste Liebe, hohe Geistesfreiheit, reine naturliche Ansicht unsers Verhaltnisses. Ich fuhle, dass ich diesen Mann anbeten und lieben muss, und warum sollte ich nicht? Die Behauptung, dass wir nur Einmal, nur Einen einzigen Gegenstand lieben konnen, ist ein phantastischer, ja schadlicher Irrthum. Wir begegnen im Leben mehrern Wesen, zu denen uns die Neigung hinzieht, und die wir lieben konnten, wenn die Machte des Schicksals die zarte Blume zur Reife brachten, denn diese Neigung allein ist nicht Liebe zu nennen. Freilich wird derjenige seltner geruhrt, dessen eignes Wesen seltner ist, freilich ruhrt uns ein Gegenstand schneller, ein andrer langsamer, und wir werden desto starker angezogen, je mehr wir in dem fremden Wesen, Eigenschaften finden, die uns die liebsten sind, und dann ist die Liebe am schonsten und vollkommensten, wo das Schonste, Edelste im Menschen bewegt und befriedigt wird. Aber Fehler selbst konnen Liebe erregen, und fester verbinden. O Julie! wie soll ich Dir sagen, was geschehen ist! Er ist hier, Eduard ist hier! Er athmet wieder in meiner Nahe! Er war auf der Reise nach ***; unterweges erfahrt er, dass ich hier in Lausanne bin; er eilt hierher; unvermuthet treffen wir uns o! wie sollte ich es wagen, Dir diesen Augenblick schildern zu wollen? Alles, Alles ist vergessen, und ich sehe ihn liebenswurdiger, liebender und geliebter als je! Wir leben wieder, und glucklicher, in jener glucklichen Zeit; die Jahre, die dazwischen liegen, sind eingesunken, uber ihre Trummer drangen sich die Blumenranken jener Zeit frisch und unversehrt hervor, und alle Knospen entfalten sich, zu den vollsten, herrlichsten Blumen. Welch eine Gegenwart! Lass mich schweigen; denn die Sprache kann zwar das Gluck der Vergangenheit und Zukunft schildern, aber die Seeligkeit des Augenblicks entzieht sich ihrem Ausdruck, gleich einem heiligen Geheimniss, das nicht ausgesprochen werden darf. Ich muss Dir schreiben, Julie, die Tage entfliehen aber erwarte nur Fragmente von mir. Ich bin verwirrt, seelig berauscht! Oft fuhl' ich mich den Himmlischen nahe, und vernehme die Sprache freundlicher, unsichtbarer Machte, leise, aber zuversichtlich in meiner Seele! Ganz in Liebe und Harmonie aufgelos't, tonet die erhabene Musik der Sterne und Welten, in mein Gemuth, die leichte Scheidewand verweht, und entkorpert tauche ich mich in das unendliche Meer der Liebe, worinnen die Wesen unsterblich sind! Gestern Dir das zu erzahlen ist heute der Zweck meines Schreibens gestern fuhren wir nach Hindelbank, um das beruhmte Grabmal von Nahl zu sehen. Auf der Reise machte Eduard unsre Verbindung zum Gegenstand aller unsrer Gesprache. Stolz, feurig und leidenschaftlich, wie er ist, war ich schon die ganze vorhergehende Zeit mit Bitten, bald, ohne Verzug darein zu willigen, von ihm besturmt worden; aber, immer stellte sich Antonios Bild, seinen Wunschen entgegen; ich musste diesem schreiben; wollte einen Brief von ihm erwarten, und so hatte ich muthig widerstanden. Wir kamen an das Grabmal, und da man die Vorsicht gebraucht hatte, schon vorher die nothigen Laden zu offnen was sonst oft den vollen Eindruck stohrt so sahen wir es gleich bei'm Eintritt gehorig beleuchtet, und empfanden den ganzen Eindruck dieses Kunstwerks. Ich hatte es vorher noch nie gesehen, und wurde Dir es zu schildern versuchen, wenn es nicht schon so oft beschrieben worden ware. Wehmuthig geruhrt stand ich vor dieser himmlischen Gestalt, die im Leben fur eine der schonsten ihres Landes galt. Die Nahe des geliebten Mannes, der im bluhenden Leben vor mir stand, erfullte mich in diesen Augenblicken, mit schmerzlicher Freude; ich fuhlte mich gluhender, als je zu ihm hingezogen, und wunderbare Bilder und Ahndungen von Leben, Tod und Unsterblichkeit, zogen mich in eine tiefe, namenlose Betaubung hin, in der ich lange schweigend dastand. Die geliebte Stimme weckte mich endlich wie der Ruf der Engel die Todten. "Theure Amanda," sagte diese Stimme, die mir in's Herz drang, sieh' das Leben ist fluchtig, und das Schonste verganglich, kannst du noch zogern wollen? Ich konnte nichts antworten, die Welt verschwand mir, und ich sank an seine Brust. Wir sind verbunden. Hier, ganz so wie es Eduard wunschte, war unsre Trauung; hier ward auch fur Andre der Bund bestatigt, den Neigung, Vertrauen, Phantasie und Wahrheit, nur selten so schon schlingen, der Bund, der ich glaube es fest nur selten in seiner wahren Bedeutung und Reinheit, zwei so gluckliche Seelen verband. O! Julie, so war es keine Tauschung? kein verganglicher Wahn der Jugend? Nein! es giebt Ahndungen, die durch das Leben gehen! Sie sind die Stimmen eines hohern Geistes, der in uns wohnt, und das ergebne Gemuth vernimmt sie, und folgt ihnen! -- Ich muss weinen, Julie, denn ich bin zu glucklich. Welche Tage hab' ich verlebt, welche erschutternde Scenen! Ich will Dir es schildern, so lange es mir die heftige Bewegung, in der ich noch bin, verstattet.

Ich halte mich fur krank, so lang ich allein bin, aber kaum seh ich Eduard, so fuhl' ich keine Schmerzen mehr.

Wir hatten beschlossen, in Gesellschaft einiger Freunde, eines der merkwurdigsten Geburge dieser Gegend zu besteigen. Zwar fuhlte ich vorher, einige Anwandlung von Krankheit, doch verbarg ich sie vor den andern und vergass sie uber den Freuden und der wohlthatigen Anspannung der Reise bald selbst. Wir hatten uns mit allem versehen, was uns die Beschwerlichkeiten des Wegs versussen konnte; unsre Begleitung war munter und jovialisch und die mannichfaltigen Genusse und Freuden unsrer Unternehmung liessen uns die Muhseligkeiten derselben, ganzlich vergessen, obgleich diese, ich gestehe Dir's gern, nicht unbedeutend waren. Oft musste ich mich sorgfaltig huten, irgend einen neugierigen oder angstlichen Blick in die schaudervolle Tiefe an meiner Seite hinunter zu thun, weil ich dann schwindelnd, leicht dem Blick selbst, hatte folgen konnen, und beinah schien es mir unmoglich, die letzten steilen Pfade, die zum Gipfel fuhrten, hinauf zu klimmen. Doch that ich es mit Anstrengung aller Krafte. Und als ich nun oben stand, und alle Berge entschleiert, alle Thaler entnebelt, und die zahllos um mich verbreiteten Wunder sah, da fand ich mehr, als die reichste Entschadigung. Keine Sprache vermag die Empfindungen des Erstaunens, des Entzuckens und des Entsetzens auszusprechen, die durch diese Aussicht erregt wurden, und keine Kunst das unermessliche Naturgemalde zu fassen, das hier nach allen Seiten hin, sich ausbreitet. Eduard und ich erinnerten uns jetzt lebhafter als je, aller Scenen unsers ehemaligen Umgangs, jedes gemeinschaftlichen Genusses der Natur, jeder einsamen und geselligen Freude, und sahen nun mit inniger Begeisterung, wie das Schicksal uns jede vormalige Freude, nun freier, romantischer, feuriger und begeisternder wiedergab.

Als wir zuruckgiengen o Julie! wie werde ich Dir das schildern konnen, da ich schon bei der Erinnerung, mein Blut in den Adern erstarren fuhle? Wir hatten einen andern Weg zuruck genommen, der aber bald zu unserm Entsetzen, grausenvolle Abgrunde zur Seite hatte, und bei jedem Schritt uns mit Lebensgefahr drohte. Auf einmal sah' ich Eduard, der vor mir hergieng, ausgleiten, und in die furchterliche Tiefe verschwinden. Besinnung und Leben entwich mir in diesem grasslichen Augenblick, und ich kam nicht eher wieder zu mir selbst, als am Fuss des Berges, wo ich mich auf dem Rasen sitzend, und den Geliebten lebend an meiner Seite wieder fand. Er hatte im Fallen, noch glucklicher Weise ein Felsstuck ergriffen, das fest genug lag, um nicht mit ihm hinabzusturzen, und war so mit einigen, nicht gefahrlichen Verletzungen, der schrecklichen Lebensgefahr entkommen. Mich hatte mein Fuhrer bei'm Hinsinken noch schnell genug ergriffen, und mich so bewusstlos, mit vieler Muhe den Berg hinunter getragen. Doch ich fuhle, wie ich bei dieser Erinnerung von neuem, in eine kranke, heftige Erschutterung gerathen bin, und ich muss eilen durch die Gegenwart des Freundes wieder zu genesen. Dies waren die letzten Briefe, welche Amanda an ihre Freundin schrieb. Das heftige Schrecken bei der Gefahr ihres Freundes, zog ihr ein Fieber zu, das bei ihrer schon vorher wankenden Gesundheit, gefahrlich, und in wenig Tagen todtlich ward. Sie starb in den Armen ihres Geliebten, in dem seeligen Gefuhl des hochsten Glucks, der vollsten Bluthe ihres Lebens, und fuhlte den Tod nicht. Wenige Stunden vorher schrieb sie an Eduard noch diese Strophen nieder:

Ich lasse Dich doch bald siehst Du mich wieder,

Die trennt kein Tod, die wahres Leben band,

im Irisbogen, steig ich zu Dir nieder

in Fruhlingssprossen biet' ich Dir die Hand,

und ruhren Dich der Saiten goldne Lieder,

es ist mein Geist, der Dir dies Spiel erfand.

So wird Dein Schutzgeist nie von Dir sich trennen,

und wenn Du stirbst, wirst Du mich froh erkennen.

Diese Briefe kamen in meine Hande, und ich hielt sie fur interessant genug, sie, nach einigen vorhergegangenen, nothigen Abanderungen, der lesenden Welt mitzutheilen; sie mag verzeihen, wenn ich in meinem Urtheile zu voreilig gewesen bin. Eduards Gemuth, war tief zerruttet; denn er hatte, mit der ganzen Innigkeit seines Wesens geliebt; doch vom Untergang rettete ihn die Gesundheit seiner Seele. Allgemeine, grosse Ansichten des Lebens breiteten um ihn die machtigen Schwingen, und linderten seinen brennenden Schmerz; aber das Gluck war fur ihn verlohren; er begehrte es auch nicht mehr, und eine tiefe Sehnsucht, eine schone Trauer, wohnte von dieser Zeit an, in seiner sonst so heitern Seele.

Von Antonios Leben, ist mir nichts weiter bekannt geworden; aber Wilhelm ist zu einem sehr vorzuglichen Menschen herangewachsen. Der Tod seiner von ihm angebeteten Mutter, brachte ihn am Rand des Wahnsinns; aber ihr Andenken, ist der Genius seines Lebens geblieben.

Conrad Ferdinand Meyer

(18251898)