1802_Novails_082 Topic 1

Novalis

Heinrich von Ofterdingen

Erster Theil: Die Erwartung

Erstes Kapitel

Die Eltern lagen schon und schliefen, die Wanduhr schlug ihren einformigen Takt, vor den klappernden Fenstern sauste der Wind; abwechselnd wurde die Stube hell von dem Schimmer des Mondes. Der Jungling lag unruhig auf seinem Lager, und gedachte des Fremden und seiner Erzahlungen. Nicht die Schatze sind es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben, sagte er zu sich selbst; fern ab liegt mir alle Habsucht: aber die blaue Blume sehn' ich mich zu erblicken. Sie liegt mir unaufhorlich im Sinn, und ich kann nichts anders dichten und denken. So ist mir noch nie zu Muthe gewesen: es ist, als hatt' ich vorhin getraumt, oder ich ware in eine andere Welt hinubergeschlummert; denn in der Welt, in der ich sonst lebte, wer hatte da sich um Blumen bekummert, und gar von einer so seltsamen Leidenschaft fur eine Blume hab' ich damals nie gehort. Wo eigentlich nur der Fremde herkam? Keiner von uns hat je einen ahnlichen Menschen gesehn; doch weiss ich nicht, warum nur ich von seinen Reden so ergriffen worden bin; die Andern haben ja das Namliche gehort, und Keinem ist so etwas begegnet. Dass ich auch nicht einmal von meinem wunderlichen Zustande reden kann! Es ist mir oft so entzuckend wohl, und nur dann, wenn ich die Blume nicht recht gegenwartig habe, befallt mich so ein tiefes, inniges Treiben: das kann und wird Keiner verstehn. Ich glaubte, ich ware wahnsinnig, wenn ich nicht so klar und hell sahe und dachte, mir ist seitdem alles viel bekannter. Ich horte einst von alten Zeiten reden; wie da die Thiere und Baume und Felsen mit den Menschen gesprochen hatten. Mir ist grade so, als wollten sie allaugenblicklich anfangen, und als konnte ich es ihnen ansehen, was sie mir sagen wollten. Es muss noch viel Worte geben, die ich nicht weiss: wusste ich mehr, so konnte ich viel besser alles begreifen.

Sonst tanzte ich gern; jezt denke ich lieber nach der Musik. Der Jungling verlohr sich allmahlich in sussen Fantasien und entschlummerte. Da traumte ihm erst von unabsehlichen Fernen, und wilden, unbekannten Gegenden. Er wanderte uber Meere mit unbegreiflicher Leichtigkeit; wunderliche Thiere sah er; er lebte mit mannichfaltigen Menschen, bald im Kriege, in wildem Getummel, in stillen Hutten. Er gerieth in Gefangenschaft und die schmahlichste Noth. Alle Empfindungen stiegen bis zu einer niegekannten Hohe in ihm. Er durchlebte ein unendlich buntes Leben; starb und kam wieder, liebte bis zur hochsten Leidenschaft, und war dann wieder auf ewig von seiner Geliebten getrennt. Endlich gegen Morgen, wie draussen die Dammerung anbrach, wurde es stiller in seiner Seele, klarer und bleibender wurden die Bilder. Es kam ihm vor, als ginge er in einem dunkeln Walde allein. Nur selten schimmerte der Tag durch das grune Netz. Bald kam er vor eine Felsenschlucht, die bergan stieg. Er musste uber bemooste Steine klettern, die ein ehemaliger Strom herunter gerissen hatte. Je hoher er kam, desto lichter wurde der Wald. Endlich gelangte er zu einer kleinen Wiese, die am Hange des Berges lag. Hinter der Wiese erhob sich eine hohe Klippe, an deren Fuss er eine Oefnung erblickte, die der Anfang eines in den Felsen gehauenen Ganges zu seyn schien. Der Gang fuhrte ihn gemachlich eine Zeitlang eben fort, bis zu einer grossen Weitung, aus der ihm schon von fern ein helles Licht entgegen glanzte. Wie er hineintrat, ward er einen machtigen Strahl gewahr, der wie aus einem Springquell bis an die Decke des Gewolbes stieg, und oben in unzahlige Funken zerstaubte, die sich unten in einem grossen Becken sammelten; der Strahl glanzte wie entzundetes Gold; nicht das mindeste Gerausch war zu horen, eine heilige Stille umgab das herrliche Schauspiel. Er naherte sich dem Becken, das mit unendlichen Farben wogte und zitterte. Die Wande der Hohle waren mit dieser Flussigkeit uberzogen, die nicht heiss, sondern kuhl war, und an den Wanden nur ein mattes, blauliches Licht von sich warf. Er tauchte seine Hand in das Becken und benetzte seine Lippen. Es war, als durchdrange ihn ein geistiger Hauch, und er fuhlte sich innigst gestarkt und erfrischt. Ein unwiderstehliches Verlangen ergriff ihn sich zu baden, er entkleidete sich und stieg in das Becken. Es dunkte ihn, als umflosse ihn eine Wolke des Abendroths; eine himmlische Empfindung uberstromte sein Inneres; mit inniger Wollust strebten unzahlbare Gedanken in ihm sich zu vermischen; neue, niegesehene Bilder entstanden, die auch in einander flossen und zu sichtbaren Wesen um ihn wurden, und jede Welle des lieblichen Elements schmiegte sich wie ein zarter Busen an ihn. Die Flut schien eine Auflosung reizender Madchen, die an dem Junglinge sich augenblicklich verkorperten.

Berauscht von Entzucken und doch jedes Eindrucks bewusst, schwamm er gemach dem leuchtenden Strome nach, der aus dem Becken in den Felsen hineinfloss. Eine Art von sussem Schlummer befiel ihn, in welchem er unbeschreibliche Begebenheiten traumte, und woraus ihn eine andere Erleuchtung weckte. Er fand sich auf einem weichen Rasen am Rande einer Quelle, die in die Luft hinausquoll und sich darin zu verzehren schien. Dunkelblaue Felsen mit bunten Adern erhoben sich in einiger Entfernung; das Tageslicht [,] das ihn umgab, war heller und milder als das gewohnliche, der Himmel war schwarzblau und vollig rein. Was ihn aber mit voller Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, die zunachst an der Quelle stand, und ihn mit ihren breiten, glanzenden Blattern beruhrte. Rund um sie her standen unzahlige Blumen von allen Farben, und der kostlichste Geruch erfullte die Luft. Er sah nichts als die blaue Blume, und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zartlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nahern, als sie auf einmal sich zu bewegen und zu verandern anfing; die Blatter wurden glanzender und schmiegten sich an den wachsenden Stengel, die Blume neigte sich nach ihm zu, und die Bluthenblatter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte. Sein susses Staunen wuchs mit der sonderbaren Verwandlung, als ihn plotzlich die Stimme seiner Mutter weckte, und er sich in der elterlichen Stube fand, die schon die Morgensonne vergoldete. Er war zu entzuckt, um unwillig uber diese Storung zu seyn; vielmehr bot er seiner Mutter freundlich guten Morgen und erwiederte ihre herzliche Umarmung.

Du Langschlafer, sagte der Vater, wie lange sitze ich schon hier, und feile. Ich habe deinetwegen nichts hammern durfen; die Mutter wollte den lieben Sohn schlafen lassen. Aufs Fruhstuck habe ich auch warten mussen. Kluglich hast du den Lehrstand erwahlt, fur den wir wachen und arbeiten. Indess ein tuchtiger Gelehrter, wie ich mir habe sagen lassen, muss auch Nachte zu Hulfe nehmen, um die grossen Werke der weisen Vorfahren zu studiren. Lieber Vater, antwortete Heinrich, werdet nicht unwillig uber meinen langen Schlaf, den ihr sonst nicht an mir gewohnt seid. Ich schlief erst spat ein, und habe viele unruhige Traume gehabt, bis zuletzt ein anmuthiger Traum mir erschien, den ich lange nicht vergessen werde, und von dem mich dunkt, als sey es mehr als blosser Traum gewesen. Lieber Heinrich, sprach die Mutter, du hast dich gewiss auf den Rucken gelegt, oder beim Abendsegen fremde Gedanken gehabt. Du siehst auch noch ganz wunderlich aus. Iss und trink, dass du munter wirst.

Die Mutter ging hinaus, der Vater arbeitete emsig fort und sagte: Traume sind Schaume, mogen auch die hochgelahrten Herren davon denken, was sie wollen, und du thust wohl, wenn du dein Gemuth von dergleichen unnutzen und schadlichen Betrachtungen abwendest. Die Zeiten sind nicht mehr, wo zu den Traumen gottliche Gesichte sich gesellten, und wir konnen und werden es nicht begreifen, wie es jenen auserwahlten Mannern, von denen die Bibel erzahlt, zu Muthe gewesen ist. Damals muss es eine andere Beschaffenheit mit den Traumen gehabt haben, so wie mit den menschlichen Dingen.

In dem Alter der Welt, wo wir leben, findet der unmittelbare Verkehr mit dem Himmel nicht mehr Statt. Die alten Geschichten und Schriften sind jetzt die einzigen Quellen, durch die uns eine Kenntniss von der uberirdischen Welt, so weit wir sie nothig haben, zu Theil wird; und statt jener ausdrucklichen Offenbarungen redet jetzt der heilige Geist mittelbar durch den Verstand kluger und wohlgesinnter Manner und durch die Lebensweise und die Schicksale frommer Menschen zu uns. Unsre heutigen Wunderbilder haben mich nie sonderlich erbaut, und ich habe nie jene grossen Thaten geglaubt, die unsre Geistlichen davon erzahlen. Indess mag sich daran erbauen, wer will, und ich hute mich wohl jemanden in seinem Vertrauen irre zu machen. Aber, lieber Vater, aus welchem Grunde seyd Ihr so den Traumen entgegen, deren seltsame Verwandlungen und leichte zarte Natur doch unser Nachdenken gewisslich rege machen mussen? Ist nicht jeder, auch der verworrenste Traum, eine sonderliche Erscheinung, die auch ohne noch an gottliche Schickung dabey zu denken, ein bedeutsamer Riss in den geheimnissvollen Vorhang ist, der mit tausend Falten in unser Inneres hereinfallt? In den weisesten Buchern findet man unzahlige Traumgeschichten von glaubhaften Menschen, und erinnert Euch nur noch des Traums, den uns neulich der ehrwurdige Hofkaplan erzahlte, und der Euch selbst so merkwurdig vorkam.

Aber, auch ohne diese Geschichten, wenn Ihr zuerst in Eurem Leben einen Traum hattet, wie wurdet Ihr nicht erstaunen, und Euch die Wunderbarkeit dieser uns nur alltaglich gewordenen Begebenheit gewiss nicht abstreiten lassen! Mich dunkt der Traum eine Schutzwehr gegen die Regelmassigkeit und Gewohnlichkeit des Lebens, eine freye Erholung der gebundenen Fantasie, wo sie alle Bilder des Lebens durcheinanderwirft, und die bestandige Ernsthaftigkeit des erwachsenen Menschen durch ein frohliches Kinderspiel unterbricht. Ohne die Traume wurden wir gewiss fruher alt, und so kann man den Traum, wenn auch nicht als unmittelbar von oben gegeben, doch als eine gottliche Mitgabe, einen freundlichen Begleiter auf der Wallfahrt zum heiligen Grabe betrachten. Gewiss ist der Traum, den ich heute Nacht traumte, kein unwirksamer Zufall in meinem Leben gewesen, denn ich fuhle es, dass er in meine Seele wie ein weites Rad hineingreift, und sie in machtigem Schwunge forttreibt.

Der Vater lachelte freundlich und sagte, indem er die Mutter, die eben hereintrat, ansah: Mutter, Heinrich kann die Stunde nicht verlaugnen, durch die er in der Welt ist. In seinen Reden kocht der feurige walsche Wein, den ich damals von Rom mitgebracht hatte, und der unsern Hochzeitsabend verherrlichte. Damals war ich auch noch ein andrer Kerl. Die sudliche Luft hatte mich aufgethaut, von Muth und Lust floss ich uber, und du warst auch ein heisses kostliches Madchen. Bey Deinem Vater gings damals herrlich zu; Spielleute und Sanger waren weit und breit herzugekommen, und lange war in Augsburg keine lustigere Hochzeit gefeyert worden.

Ihr spracht vorhin von Traumen, sagte die Mutter, weisst du wohl, dass du mir damals auch von einem Traume erzahltest, den du in Rom gehabt hattest, und der dich zuerst auf den Gedanken gebracht, zu uns nach Augsburg zu kommen, und um mich zu werben? Du erinnerst mich eben zur rechten Zeit, sagte der Alte; ich habe diesen seltsamen Traum ganz vergessen, der mich damals lange genug beschaftigte; aber eben er ist mir ein Beweis dessen, was ich von den Traumen gesagt habe. Es ist unmoglich einen geordneteren und helleren zu haben; noch jetzt entsinne ich mich jedes Umstandes ganz genau; und doch, was hat er bedeutet? Dass ich von dir traumte, und mich bald darauf von Sehnsucht ergriffen fuhlte, dich zu besitzen, war ganz naturlich: denn ich kannte dich schon. Dein freundliches holdes Wesen hatte mich gleich anfangs lebhaft geruhrt, und nur die Lust nach der Fremde hielt damals meinen Wunsch nach deinem Besitz noch zuruck. Um die Zeit des Traums war meine Neugierde schon ziemlich gestillt, und nun konnte die Neigung leichter durchdringen.

Erzahlt uns doch jenen seltsamen Traum, sagte der Sohn. Ich war eines Abends, fing der Vater an, umhergestreift. Der Himmel war rein, und der Mond bekleidete die alten Saulen und Mauern mit seinem bleichen schauerlichen Lichte. Meine Gesellen gingen den Madchen nach, und mich trieb das Heimweh und die Liebe ins Freye. Endlich ward ich durstig und ging ins erste beste Landhaus hinein, um einen Trunk Wein oder Milch zu fordern. Ein alter Mann kam heraus, der mich wohl fur einen verdachtigen Besuch halten mochte. Ich trug ihm mein Anliegen vor; und als er erfuhr, dass ich ein Auslander und ein Deutscher sey, lud er mich freundlich in die Stube und brachte eine Flasche Wein. Er hiess mich niedersetzen, und fragte mich nach meinem Gewerbe. Die Stube war voll Bucher und Alterthumer. Wir geriethen in ein weitlaufiges Gesprach; er erzahlte mir viel von alten Zeiten, von Mahlern, Bildhauern und Dichtern. Noch nie hatte ich so davon reden horen. Es war mir, als sey ich in einer neuen Welt ans Land gestiegen. Er wies mir Siegelsteine und andre alte Kunstarbeiten; dann las er mir mit lebendigem Feuer herrliche Gedichte vor, und so vergieng die Zeit, wie ein Augenblick. Noch jetzt heitert mein Herz sich auf, wenn ich mich des bunten Gewuhls der wunderlichen Gedanken und Empfindungen erinnere, die mich in dieser Nacht erfullten. In den heidnischen Zeiten war er wie zu Hause, und sehnte sich mit unglaublicher Inbrunst in dies graue Alterthum zuruck. Endlich wies er mir eine Kammer an, wo ich den Rest der Nacht zubringen konnte, weil es schon zu spat sey, um noch zuruckzukehren. Ich schlief bald, und da dunkte michs ich sey in meiner Vaterstadt und wanderte aus dem Thore. Es war, als musste ich irgend wohin gehn, um etwas zu bestellen, doch wusste ich nicht wohin, und was ich verrichten solle. Ich ging nach dem Harze mit uberaus schnellen Schritten, und wohl war mir, als sey es zur Hochzeit. Ich hielt mich nicht auf dem Wege, sondern immer feldein durch Thal und Wald, und bald kam ich an einen hohen Berg. Als ich oben war, sah ich die goldne Aue vor mir, und uberschaute Thuringen weit und breit, also dass kein Berg in der Nahe umher mir die Aussicht wehrte. Gegenuber lag der Harz mit seinen dunklen Bergen, und ich sah unzahlige Schlosser, Kloster und Ortschaften. Wie mir nun da recht wohl innerlich ward, fiel mir der alte Mann ein, bei dem ich schlief, und es gedauchte mir, als sey das vor geraumer Zeit geschehn, dass ich bey ihm gewesen sey. Bald gewahrte ich eine Stiege, die in den Berg hinein ging, und ich machte mich hinunter. Nach langer Zeit kam ich in eine grosse Hohle, da sass ein Greis in einem langen Kleide vor einem eisernen Tische, und schaute unverwandt nach einem wunderschonen Madchen, die in Marmor gehauen vor ihm stand. Sein Bart war durch den eisernen Tisch gewachsen und bedeckte seine Fusse. Er sah ernst und freundlich aus, und gemahnte mich wie ein alter Kopf, den ich den Abend bey dem Manne gesehn hatte. Ein glanzendes Licht war in der Hohle verbreitet. Wie ich so stand und den Greis ansah, klopfte mir plotzlich mein Wirth auf die Schulter, nahm mich bei der Hand und fuhrte mich durch lange Gange mit sich fort. Nach einer Weile sah ich von weitem eine Dammerung, als wollte das Tageslicht einbrechen. Ich eilte darauf zu, und befand mich bald auf einem grunen Plane; aber es schien mir alles ganz anders, als in Thuringen. Ungeheure Baume mit grossen glanzenden Blattern verbreiteten weit umher Schatten. Die Luft war sehr heiss und doch nicht druckend. Uberall Quellen und Blumen, und unter allen Blumen gefiel mir Eine ganz besonders, und es kam mir vor, als neigten sich die Andern gegen sie.

Ach! liebster Vater, sagt mir doch, welche Farbe sie hatte, rief der Sohn mit heftiger Bewegung.

Das entsinne ich mich nicht mehr, so genau ich mir auch sonst alles eingepragt habe.

War sie nicht blau?

Es kann seyn, fuhr der Alte fort, ohne auf Heinrichs seltsame Heftigkeit Achtung zu geben. Soviel weiss ich nur noch, dass mir ganz unaussprechlich zu Muthe war, und ich mich lange nicht nach meinem Begleiter umsah. Wie ich mich endlich zu ihm wandte, bemerkte ich, dass er mich aufmerksam betrachtete und mir mit inniger Freude zulachelte. Auf welche Art ich von diesem Orte wegkam, erinnere ich mir nicht mehr. Ich war wieder oben auf dem Berge. Mein Begleiter stand bey mir, und sagte: du hast das Wunder der Welt gesehn. Es steht bey dir, das glucklichste Wesen auf der Welt und noch uber das ein beruhmter Mann zu werden. Nimm wohl in Acht, was ich dir sage: wenn du am Tage Johannis gegen Abend wieder hieher kommst, und Gott herzlich um das Verstandniss dieses Traumes bittest, so wird dir das hochste irdische Loos zu Theil werden; dann gieb nur acht, auf ein blaues Blumchen, was du hier oben finden wirst, brich es ab, und uberlass dich dann demuthig der himmlischen Fuhrung. Ich war darauf im Traume unter den herrlichsten Gestalten und Menschen, und unendliche Zeiten gaukelten mit mannichfaltigen Veranderungen vor meinen Augen voruber. Wie gelost war meine Zunge, und was ich sprach, klang wie Musik. Darauf ward alles wieder dunkel und eng und gewohnlich; ich sah deine Mutter mit freundlichem, verschamten Blick vor mir; sie hielt ein glanzendes Kind in den Armen, und reichte mir es hin, als auf einmal das Kind zusehends wuchs, immer heller und glanzender ward, und sich endlich mit blendendweissen Flugeln uber uns erhob, uns beyde in seinen Arm nahm, und so hoch mit uns flog, dass die Erde nur wie eine goldene Schussel mit dem saubersten Schnitzwerk aussah. Dann erinnere ich mir nur, dass wieder jene Blume und der Berg und der Greis vorkamen; aber ich erwachte bald darauf und fuhlte mich von heftiger Liebe bewegt. Ich nahm Abschied von meinem gastfreyen Wirth, der mich bat, ihn oft wieder zu besuchen, was ich ihm zusagte, und auch Wort gehalten haben wurde, wenn ich nicht bald darauf Rom verlassen hatte, und ungestum nach Augsburg gereist ware.

Zweytes Kapitel

Johannis war vorbey, die Mutter hatte langst einmal nach Augsburg ins vaterliche Haus kommen und dem Grossvater den noch unbekannten lieben Enkel mitbringen sollen. Einige gute Freunde des alten Ofterdingen, ein paar Kaufleute, mussten in Handelsgeschaften dahin reisen. Da fasste die Mutter den Entschluss, bey dieser Gelegenheit jenen Wunsch auszufuhren, und es lag ihr diess um so mehr am Herzen, weil sie seit einiger Zeit merkte, dass Heinrich weit stiller und in sich gekehrter war, als sonst. Sie glaubte, er sey missmuthig oder krank, und eine weite Reise, der Anblick neuer Menschen und Lander, und wie sie verstohlen ahndete, die Reize einer jungen Landsmannin wurden die trube Laune ihres Sohnes vertreiben, und wieder einen so theilnehmenden und lebensfrohen Menschen aus ihm machen, wie er sonst gewesen. Der Alte willigte in den Plan der Mutter, und Heinrich war uber die Massen erfreut, in ein Land zu kommen, was er schon lange, nach den Erzahlungen seiner Mutter und mancher Reisenden, wie ein irdisches Paradies sich gedacht, und wohin er oft vergeblich sich gewunscht hatte.

Heinrich war eben zwanzig Jahr alt geworden. Er war nie uber die umliegenden Gegenden seiner Vaterstadt hinausgekommen; die Welt war ihm nur aus Erzahlungen bekannt. Wenig Bucher waren ihm zu Gesichte gekommen. Bey der Hofhaltung des Landgrafen ging es nach der Sitte der damaligen Zeiten einfach und still zu; und die Pracht und Bequemlichkeit des furstlichen Lebens durfte sich schwerlich mit den Annehmlichkeiten messen, die in spatern Zeiten ein bemittelter Privatmann sich und den Seinigen ohne Verschwendung verschaffen konnte. Dafur war aber der Sinn fur die Gerathschaften und Habseeligkeiten, die der Mensch zum mannichfachen Dienst seines Lebens um sich her versammelt, desto zarter und tiefer. Sie waren den Menschen werther und merkwurdiger. Zog schon das Geheimniss der Natur und die Entstehung ihrer Korper den ahndenden Geist an: so erhohte die seltnere Kunst ihrer Bearbeitung die romantische Ferne, aus der man sie erhielt, und die Heiligkeit ihres Alterthums, da sie sorgfaltiger bewahrt, oft das Besitzthum mehrerer Nachkommenschaften wurden, die Neigung zu diesen stummen Gefahrten des Lebens. Oft wurden sie zu dem Rang von geweihten Pfandern eines besondern Segens und Schicksals erhoben, und das Wohl ganzer Reiche und weitverbreiteter Familien hing an ihrer Erhaltung. Eine liebliche Armuth schmuckte diese Zeiten mit einer eigenthumlichen ernsten und unschuldigen Einfalt; und die sparsam vertheilten Kleinodien glanzten desto bedeutender in dieser Dammerung, und erfullten ein sinniges Gemuth mit wunderbaren Erwartungen. Wenn es wahr ist, dass erst eine geschickte Vertheilung von Licht, Farbe und Schatten die verborgene Herrlichkeit der sichtbaren Welt offenbart, und sich hier ein neues hoheres Auge aufzuthun scheint: so war damals uberall eine ahnliche Vertheilung und Wirthschaftlichkeit wahrzunehmen; da hingegen die neuere wohlhabendere Zeit das einformige und unbedeutendere Bild eines allgemeinen Tages darbietet. In allen Ubergangen scheint, wie in einem Zwischenreiche, eine hohere, geistliche Macht durchbrechen zu wollen; und wie auf der Oberflache unseres Wohnplatzes, die an unterirdischen und uberirdischen Schatzen reichsten Gegenden in der Mitte zwischen den wilden, unwirthlichen Urgebirgen und den unermesslichen Ebenen liegen, so hat sich auch zwischen den rohen Zeiten der Barbarey, und dem kunstreichen, vielwissenden und beguterten Weltalter eine tiefsinnige und romantische Zeit niedergelassen, die unter schlichtem Kleide eine hohere Gestalt verbirgt. Wer wandelt nicht gern im Zwielichte, wenn die Nacht am Lichte und das Licht an der Nacht in hohere Schatten und Farben zerbricht; und also vertiefen wir uns willig in die Jahre, wo Heinrich lebte und jetzt neuen Begebenheiten mit vollem Herzen entgegenging. Er nahm Abschied von seinen Gespielen und seinem Lehrer, dem alten weisen Hofkaplan, der Heinrichs fruchtbare Anlagen kannte, und ihn mit geruhrtem Herzen und einem stillen Gebete entliess. Die Landgrafin war seine Pathin; er war oft auf der Wartburg bey ihr gewesen. Auch jetzt beurlaubte er sich bey seiner Beschutzerin, die ihm gute Lehren und eine goldene Halskette verehrte, und mit freundlichen Ausserungen von ihm schied.

In wehmuthiger Stimmung verliess Heinrich seinen Vater und seine Geburtsstadt. Es ward ihm jetzt erst deutlich, was Trennung sey; die Vorstellungen von der Reise waren nicht von dem sonderbaren Gefuhle begleitet gewesen, was er jetzt empfand, als zuerst seine bisherige Welt von ihm gerissen und er wie auf ein fremdes Ufer gespult ward. Unendlich ist die jugendliche Trauer bey dieser ersten Erfahrung der Verganglichkeit der irdischen Dinge, die dem unerfahrnen Gemuth so nothwendig, und unentbehrlich, so fest verwachsen mit dem eigenthumlichsten Daseyn und so unveranderlich, wie dieses, vorkommen mussen. Eine erste Ankundigung des Todes, bleibt die erste Trennung unvergesslich, und wird, nachdem sie lange wie ein nachtliches Gesicht den Menschen beangstigt hat, endlich bey abnehmender Freude an den Erscheinungen des Tages, und zunehmender Sehnsucht nach einer bleibenden sichern Welt, zu einem freundlichen Wegweiser und einer trostenden Bekanntschaft. Die Nahe seiner Mutter trostete den Jungling sehr. Die alte Welt schien noch nicht ganz verlohren, und er umfasste sie mit verdoppelter Innigkeit. Es war fruh am Tage, als die Reisenden aus den Thoren von Eisenach fortritten, und die Dammerung begunstigte Heinrichs geruhrte Stimmung. Je heller es ward, desto bemerklicher wurden ihm die neuen unbekannten Gegenden; und als auf einer Anhohe die verlassene Landschaft von der aufgehenden Sonne auf einmal erleuchtet wurde, so fielen dem uberraschten Jungling alte Melodien seines Innern in den truben Wechsel seiner Gedanken ein. Er sah sich an der Schwelle der Ferne, in die er oft vergebens von den nahen Bergen geschaut, und die er sich mit sonderbaren Farben ausgemahlt hatte. Er war im Begriff, sich in ihre blaue Flut zu tauchen. Die Wunderblume stand vor ihm, und er sah nach Thuringen, welches er jetzt hinter sich liess mit der seltsamen Ahndung hinuber, als werde er nach langen Wanderungen von der Weltgegend her, nach welcher sie jetzt reisten, in sein Vaterland zuruckkommen, und als reise er daher diesem eigentlich zu. Die Gesellschaft, die anfanglich aus ahnlichen Ursachen still gewesen war, fing nach gerade an aufzuwachen, und sich mit allerhand Gesprachen und Erzahlungen die Zeit zu verkurzen. Heinrichs Mutter glaubte ihren Sohn aus den Traumereien reissen zu mussen, in denen sie ihn versunken sah, und fing an ihm von ihrem Vaterlande zu erzahlen, von dem Hause ihres Vaters und dem frolichen Leben in Schwaben. Die Kaufleute stimmten mit ein, und bekraftigten die mutterlichen Erzahlungen, ruhmten die Gastfreyheit des alten Schwaning, und konnten nicht aufhoren, die schonen Landsmanninnen ihrer Reisegefahrtin zu preisen. Ihr thut wohl, sagten sie, dass ihr euren Sohn dorthin fuhrt. Die Sitten eures Vaterlandes sind milder und gefalliger. Die Menschen wissen das Nutzliche zu befordern, ohne das Angenehme zu verachten. Jedermann sucht seine Bedurfnisse auf eine gesellige und reitzende Art zu befriedigen. Der Kaufmann befindet sich wohl dabey, und wird geehrt. Die Kunste und Handwerke vermehren und veredeln sich, den Fleissigen dunkt die Arbeit leichter, weil sie ihm zu mannichfachen Annehmlichkeiten verhilft, und er, indem er eine einformige Muhe ubernimmt, sicher ist, die bunten Fruchte mannichfacher und belohnender Beschaftigungen dafur mitzugeniessen. Geld, Thatigkeit und Waren erzeugen sich gegenseitig, und treiben sich in raschen Kreisen, und das Land und die Stadte bluhen auf. Je eifriger der Erwerbfleiss die Tage benutzt, desto ausschliesslicher ist der Abend, den reitzenden Vergnugungen der schonen Kunste und des geselligen Umgangs gewidmet. Das Gemuth sehnt sich nach Erholung und Abwechselung, und wo sollte es diese auf eine anstandigere und reitzendere Art finden, als in der Beschaftigung mit den freyen Spielen und Erzeugnissen seiner edelsten Kraft, des bildenden Tiefsinns. Nirgends hort man so anmuthige Sanger, findet so herrliche Mahler, und nirgends sieht man auf den Tanzsalen leichtere Bewegungen und lieblichere Gestalten. Die Nachbarschaft von Walschland zeigt sich in dem ungezwungenen Betragen und den einnehmenden Gesprachen. Euer Geschlecht darf die Gesellschaften schmucken, und ohne Furcht vor Nachrede mit holdseligem Bezeigen einen lebhaften Wetteifer, seine Aufmerksamkeit zu fesseln, erregen. Die rauhe Ernsthaftigkeit und die wilde Ausgelassenheit der Manner macht einer milden Lebendigkeit und sanfter bescheidner Freude Platz, und die Liebe wird in tausendfachen Gestalten der leitende Geist der glucklichen Gesellschaften. Weit entfernt, dass Ausschweifungen und unziemende Grundsatze dadurch sollten herbeygelockt werden, scheint es, als flohen die bosen Geister die Nahe der Anmuth, und gewiss sind in ganz Deutschland keine unbescholtenere Madchen und keine treuere Frauen, als in Schwaben.

Ja junger Freund, in der klaren warmen Luft des sudlichen Deutschlands werdet ihr eure ernste Schuchternheit wohl ablegen; die frolichen Madchen werden euch wohl geschmeidig und gesprachig machen. Schon euer Name, als Fremder, und eure nahe Verwandtschaft mit dem alten Schwaning, der die Freude jeder frolichen Gesellschaft ist, werden die reitzenden Augen der Madchen auf sich ziehn; und wenn ihr eurem Grossvater folgt, so werdet ihr gewiss unsrer Vaterstadt eine ahnliche Zierde in einer holdseligen Frau mitbringen, wie euer Vater. Mit freundlichem Errothen dankte Heinrichs Mutter fur das schone Lob ihres Vaterlandes, und die gute Meynung von ihren Landsmanninnen, und der gedankenvolle Heinrich hatte nicht umhin gekonnt, aufmerksam und mit innigem Wohlgefallen der Schilderung des Landes, dessen Anblick ihm bevorstand, zuzuhoren. Wenn ihr auch, fuhren die Kaufleute fort, die Kunst eures Vaters nicht ergreifen, und lieber, wie wir gehort haben, euch mit gelehrten Dingen befassen wollt: so braucht ihr nicht Geistlicher zu werden, und Verzicht auf die schonsten Genusse dieses Lebens zu leisten. Es ist eben schlimm genug, dass die Wissenschaften in den Handen eines so von dem weltlichen Leben abgesonderten Standes, und die Fursten von so ungeselligen und wahrhaft unerfahrenen Mannern berathen sind. In der Einsamkeit in welcher sie nicht selbst Theil an den Weltgeschaften nehmen, mussen ihre Gedanken eine unnutze Wendung erhalten, und konnen nicht auf die wirklichen Vorfalle passen. In Schwaben trefft ihr auch wahrhaft kluge und erfahrne Manner unter den Layen; und ihr mogt nun wahlen, welchen Zweig menschlicher Kenntnisse ihr wollt: so wird es euch nicht an den besten Lehrern und Ratgebern fehlen. Nach einer Weile sagte Heinrich, dem bey dieser Rede sein Freund der Hofkaplan in den Sinn gekommen war: Wenn ich bey meiner Unkunde von der Beschaffenheit der Welt euch auch eben nicht abfallig seyn kann, in dem was ihr von der Unfahigkeit der Geistlichen zu Fuhrung und Beurtheilung weltlicher Angelegenheiten behauptet: so ist mirs doch wohl erlaubt, euch an unsern trefflichen Hofkaplan zu erinnern, der gewiss ein Muster eines weisen Mannes ist, und dessen Lehren und Rathschlage mir unvergessen seyn werden.

Wir ehren, erwiederten die Kaufleute, diesen treffli

chen Mann von ganzem Herzen; aber dennoch konnen wir nur in sofern eurer Meinung Beyfall geben, dass er ein weiser Mann sey, wenn ihr von jener Weisheit sprecht, die einen Gott wohlgefalligen Lebenswandel angeht. Haltet ihr ihn fur eben so weltklug, als er in den Sachen des Heils geubt und unterrichtet ist: so erlaubt uns, dass wir euch nicht beystimmen. Doch glauben wir, dass dadurch der heilige Mann nichts von seinem verdienten Lobe verliert; da er viel zu vertieft in der Kunde der uberirdischen Welt ist, als dass er nach Einsicht und Ansehn in irdischen Dingen streben sollte.

Aber, sagte Heinrich, sollte nicht jene hohere

Kunde ebenfalls geschickt machen, recht unpartheiisch den Zugel menschlicher Angelegenheiten zu fuhren? sollte nicht jene kindliche unbefangene Einfalt sicherer den richtigen Weg durch das Labyrinth der hiesigen Begebenheiten treffen, als die durch Rucksicht auf eigenen Vortheil irregeleitete und gehemmte, von der unerschopflichen Zahl neuer Zufalle und Verwickelungen geblendete Klugheit? Ich weiss nicht, aber mich dunkt, ich sahe zwey Wege um zur Wissenschaft der menschlichen Geschichte zu gelangen. Der eine, muhsam und unabsehlich, mit unzahligen Krummungen, der Weg der Erfahrung; der andere, fast Ein Sprung nur, der Weg der innern Betrachtung. Der Wanderer des ersten muss eins aus dem andern in einer langwierigen Rechnung finden, wenn der andere die Natur jeder Begebenheit und jeder Sache gleich unmittelbar anschaut, und sie in ihrem lebendigen, mannichfaltigen Zusammenhange betrachten, und leicht mit allen ubrigen, wie Figuren auf einer Tafel, vergleichen kann. Ihr musst verzeihen, wenn ich wie aus kindischen Traumen vor euch rede: nur das Zutrauen zu eurer Gute und das Andenken meines Lehrers, der den zweyten Weg mir als seinen eignen von weitem gezeigt hat, machte mich so dreist.

Wir gestehen Euch gern, sagten die gutmuthigen Kaufleute, dass wir eurem Gedankengange nicht zu folgen vermogen: doch freut es uns, dass ihr so warm euch des trefflichen Lehrers erinnert, und seinen Unterricht wohl gefasst zu haben scheint.

Es dunkt uns, ihr habt Anlage zum Dichter. Ihr sprecht so gelaufig von den Erscheinungen eures Gemuths, und es fehlt Euch nicht an gewahlten Ausdrukken und passenden Vergleichungen. Auch neigt Ihr Euch zum Wunderbaren, als dem Elemente der Dichter.

Ich weiss nicht, sagte Heinrich, wie es kommt. Schon oft habe ich von Dichtern und Sangern sprechen gehort, und habe noch nie einen gesehn. Ja, ich kann mir nicht einmal einen Begriff von ihrer sonderbaren Kunst machen, und doch habe ich eine grosse Sehnsucht davon zu horen. Es ist mir, als wurde ich manches besser verstehen, was jetzt nur dunkle Ahndung in mir ist. Von Gedichten ist oft erzahlt worden, aber nie habe ich eins zu sehen bekommen, und mein Lehrer hat nie Gelegenheit gehabt Kenntnisse von dieser Kunst einzuziehn. Alles, was er mir davon gesagt, habe ich nicht deutlich begreifen konnen. Doch meynte er immer, es sey eine edle Kunst, der ich mich ganz ergeben wurde, wenn ich sie einmal kennen lernte. In alten Zeiten sey sie weit gemeiner gewesen, und habe jedermann einige Wissenschaft davon gehabt, jedoch Einer vor dem Andern. Sie sey noch mit andern verlohrengegangenen herrlichen Kunsten verschwistert gewesen. Die Sanger hatte gottliche Gunst hoch geehrt, so dass sie begeistert durch unsichtbaren Umgang, himmlische Weisheit auf Erden in lieblichen Tonen verkundigen konnen.

Die Kaufleute sagten darauf: Wir haben uns freylich nie um die Geheimnisse der Dichter bekummert, wenn wir gleich mit Vergnugen ihrem Gesange zugehort. Es mag wohl wahr seyn, dass eine besondere Gestirnung dazu gehort, wenn ein Dichter zur Welt kommen soll; denn es ist gewiss eine recht wunderbare Sache mit dieser Kunst. Auch sind die andern Kunste gar sehr davon unterschieden, und lassen sich weit eher begreifen. Bey den Mahlern und Tonkunstlern kann man leicht einsehn, wie es zugeht, und mit Fleiss und Geduld lasst sich beydes lernen. Die Tone liegen schon in den Saiten, und es gehort nur eine Fertigkeit dazu, diese zu bewegen um jene in einer reitzenden Folge aufzuwecken. Bey den Bildern ist die Natur die herrlichste Lehrmeisterin. Sie erzeugt unzahlige schone und wunderliche Figuren, giebt die Farben, das Licht und den Schatten, und so kann eine geubte Hand, ein richtiges Auge, und die Kenntniss von der Bereitung und Vermischung der Farben, die Natur auf das vollkommenste nachahmen. Wie naturlich ist daher auch die Wirkung dieser Kunste, das Wohlgefallen an ihren Werken, zu begreifen. Der Gesang der Nachtigall, das Sausen des Windes, und die herrlichen Lichter, Farben und Gestalten gefallen uns, weil sie unsere Sinne angenehm beschaftigen; und da unsere Sinne dazu von der Natur, die auch jenes hervorbringt, so eingerichtet sind, so muss uns auch die kunstliche Nachahmung der Natur gefallen. Die Natur will selbst auch einen Genuss von ihrer grossen Kunstlichkeit haben, und darum hat sie sich in Menschen verwandelt, wo sie nun selber sich uber ihre Herrlichkeit freut, das Angenehme und Liebliche von den Dingen absondert, und es auf solche Art allein hervorbringt, dass sie es auf mannichfaltigere Weise, und zu allen Zeiten und allen Orten haben und geniessen kann. Dagegen ist von der Dichtkunst sonst nirgends ausserlich etwas anzutreffen. Auch schafft sie nichts mit Werkzeugen und Handen; das Auge und das Ohr vernehmen nichts davon: denn das blosse Horen der Worte ist nicht die eigentliche Wirkung dieser geheimen Kunst. Es ist alles innerlich, und wie jene Kunstler die aussern Sinne mit angenehmen Empfindungen erfullen, so erfullt der Dichter das inwendige Heiligthum des Gemuths mit neuen, wunderbaren und gefalligen Gedanken. Er weiss jene geheimen Krafte in uns nach Belieben zu erregen, und giebt uns durch Worte eine unbekannte herrliche Welt zu vernehmen. Wie aus tiefen Hohlen steigen alte und kunftige Zeiten, unzahlige Menschen, wunderbare Gegenden, und die seltsamsten Begebenheiten in uns herauf, und entreissen uns der bekannten Gegenwart. Man hort fremde Worte und weiss doch, was sie bedeuten sollen. Eine magische Gewalt uben die Spruche des Dichters aus; auch die gewohnlichen Worte kommen in reizenden Klangen vor, und berauschten die festgebannten Zuhorer.

Ihr verwandelt meine Neugierde in heisse Ungeduld, sagte Heinrich. Ich bitte euch, erzahlt mir von allen Sangern, die ihr gehort habt. Ich kann nicht genug von diesen besondern Menschen horen. Mir ist auf einmal, als hatte ich irgendwo schon davon in meiner tiefsten Jugend reden horen, doch kann ich mich schlechterdings nichts mehr davon entsinnen. Aber mir ist das, was ihr sagt, so klar, so bekannt, und ihr macht mir ein ausserordentliches Vergnugen mit euren schonen Beschreibungen.

Wir erinnern uns selbst gern, fuhren die Kaufleute fort, mancher frohen Stunden, die wir in Welschland, Frankreich und Schwaben in der Gesellschaft von Sangern zugebracht haben, und freuen uns, dass ihr so lebhaften Antheil an unsern Reden nehmet. Wenn man so in Gebirgen reist, spricht es sich mit doppelter Annehmlichkeit, und die Zeit vergeht spielend. Vielleicht ergotzt es euch einige artige Geschichten von Dichtern zu horen, die wir auf unsern Reisen erfuhren. Von den Gesangen selbst, die wir gehort haben, konnen wir wenig sagen, da die Freude und der Rausch des Augenblicks das Gedachtniss hindert viel zu behalten, und die unaufhorlichen Handelsgeschafte manches Andenken auch wieder verwischt haben.

In alten Zeiten muss die ganze Natur lebendiger und sinnvoller gewesen seyn, als heut zu Tage. Wirkungen, die jetzt kaum noch die Thiere zu bemerken scheinen, und die Menschen eigentlich allein noch empfinden und geniessen, bewegten damals leblose Korper; und so war es moglich, dass kunstreiche Menschen allein Dinge moglich machten und Erscheinungen hervorbrachten, die uns jetzt vollig unglaublich und fabelhaft dunken. So sollen vor uralten Zeiten in den Landern des jetzigen Griechischen Kaiserthums, wie uns Reisende berichtet, die diese Sagen noch dort unter dem gemeinen Volke angetroffen haben, Dichter gewesen seyn, die durch den seltsamen Klang wunderbarer Werkzeuge das geheime Leben der Walder, die in den Stammen verborgenen Geister aufgeweckt, in wusten, verodeten Gegenden den todten Pflanzensaamen erregt, und bluhende Garten hervorgerufen, grausame Thiere gezahmt und verwilderte Menschen zu Ordnung und Sitte gewohnt, sanfte Neigungen und Kunste des Friedens in ihnen rege gemacht, reissende Flusse in milde Gewasser verwandelt, und selbst die todtesten Steine in regelmassige tanzende Bewegungen hingerissen haben. Sie sollen zugleich Wahrsager und Priester, Gesetzgeber und Arzte gewesen seyn, indem selbst die hohern Wesen durch ihre zauberische Kunst herabgezogen worden sind, und sie in den Geheimnissen der Zukunft unterrichtet, das Ebenmass und die naturliche Einrichtung aller Dinge, auch die innern Tugenden und Heilkrafte der Zahlen, Gewachse und aller Kreaturen, ihnen offenbart. Seitdem sollen, wie die Sage lautet, erst die mannichfaltigen Tone und die sonderbaren Sympathien und Ordnungen in die Natur gekommen seyn, indem vorher alles wild, unordentlich und feindselig gewesen ist. Seltsam ist nur hiebey, dass zwar diese schonen Spuren, zum Andenken der Gegenwart jener wohlthatigen Menschen, geblieben sind, aber entweder ihre Kunst, oder jene zarte Gefuhligkeit der Natur verlohren gegangen ist. In diesen Zeiten hat es sich unter andern einmal zugetragen, dass einer jener sonderbaren Dichter oder mehr Tonkunstler wiewohl die Musik und Poesie wohl ziemlich eins seyn mogen und vielleicht eben so zusammen gehoren, wie Mund und Ohr, da der erste nur ein bewegliches und antwortendes Ohr ist dass also dieser Tonkunstler ubers Meer in ein fremdes Land reisen wollte. Er war reich an schonen Kleinodien und kostlichen Dingen, die ihm aus Dankbarkeit verehrt worden waren. Er fand ein Schiff am Ufer, und die Leute darinn schienen bereitwillig, ihn fur den verheissenen Lohn nach der verlangten Gegend zu fahren. Der Glanz und die Zierlichkeit seiner Schatze reizten aber bald ihre Habsucht so sehr, dass sie unter einander verabredeten, sich seiner zu bemachtigen, ihn ins Meer zu werfen, und nachher seine Habe unter einander zu vertheilen. Wie sie also mitten im Meere waren, fielen sie uber ihn her, und sagten ihm, dass er sterben musse, weil sie beschlossen hatten, ihn ins Meer zu werfen. Er bat sie auf die ruhrendste Weise um sein Leben, bot ihnen seine Schatze zum Losegeld an, und prophezeyte ihnen grosses Ungluck, wenn sie ihren Vorsatz ausfuhren wurden. Aber weder das eine, noch das andere konnte sie bewegen: denn sie furchteten sich, dass er ihre bosliche That einmal verrathen mochte. Da er sie nun einmal so fest entschlossen sah, bat er sie ihm wenigstens zu erlauben, dass er noch vor seinem Ende seinen Schwanengesang spielen durfe, dann wolle er mit seinem schlichten holzernen Instrumente, vor ihren Augen freywillig ins Meer springen. Sie wussten recht wohl, dass wenn sie seinen Zaubergesang horten, ihre Herzen erweicht, und sie von Reue ergriffen werden wurden; daher nahmen sie sich vor, ihm zwar diese letzte Bitte zu gewahren, wahrend des Gesanges aber sich die Ohren fest zu verstopfen, dass sie nichts davon vernahmen, und so bey ihrem Vorhaben bleiben konnten. Dies geschah. Der Sanger stimmte einen herrlichen, unendlich ruhrenden Gesang an. Das ganze Schiff tonte mit, die Wellen klangen, die Sonne und die Gestirne erschienen zugleich am Himmel, und aus den grunen Fluten tauchten tanzende Schaaren von Fischen und Meerungeheuern hervor. Die Schiffer standen feindselig allein mit festverstopften Ohren, und warteten voll Ungeduld auf das Ende des Liedes. Bald war es voruber. Da sprang der Sanger mit heitrer Stirn in den dunkeln Abgrund hin, sein wunderthatiges Werkzeug im Arm. Er hatte kaum die glanzenden Wogen beruhrt, so hob sich der breite Rucken eines dankbaren Unthiers unter ihm hervor, und es schwamm schnell mit dem erstaunten Sanger davon. Nach kurzer Zeit hatte es mit ihm die Kuste erreicht, nach der er hingewollt hatte, und setzte ihn sanft im Schilfe nieder. Der Dichter sang seinem Retter ein frohes Lied, und ging dankbar von dannen. Nach einiger Zeit ging er einmal am Ufer des Meers allein, und klagte in sussen Tonen uber seine verlohrenen Kleinode, die ihm, als Erinnerungen glucklicher Stunden und als Zeichen der Liebe und Dankbarkeit so werth gewesen waren. Indem er so sang, kam plozlich sein alter Freund im Meere frohlich daher gerauscht, und liess aus seinem Rachen die geraubten Schatze auf den Sand fallen. Die Schiffer hatten, nach des Sangers Sprunge, sich sogleich in seine Hinterlassenschaft zu theilen angefangen. Bey dieser Theilung war Streit unter ihnen entstanden, und hatte sich in einen morderischen Kampf geendigt, der den Meisten das Leben gekostet; die wenigen, die ubrig geblieben, hatten allein das Schiff nicht regieren konnen, und es war bald auf den Strand gerathen, wo es scheiterte und unterging. Sie brachten mit genauer Noth das Leben davon, und kamen mit leeren Handen und zerrissenen Kleidern ans Land, und so kehrten durch die Hulfe des dankbaren Meerthiers, das die Schatze im Meere aufsuchte, dieselben in die Hande ihres alten Besitzers zuruck.

Drittes Kapitel

Eine andere Geschichte, fuhren die Kaufleute nach einer Pause fort, die freylich nicht so wunderbar und auch aus spateren Zeiten ist, wird euch vielleicht doch gefallen, und euch mit den Wirkungen jener wunderbaren Kunst noch bekannter machen. Ein alter Konig hielt einen glanzenden Hof. Weit und breit stromten Menschen herzu, um Theil an der Herrlichkeit seines Lebens zu haben, und es gebrach weder den taglichen Festen an Uberfluss kostlicher Waaren des Gaume[n]s, noch an Musik, prachtigen Verzierungen und Trachten, und tausend abwechselnden Schauspielen und Zeitvertreiben, noch endlich an sinnreicher Anordnung, an klugen, gefalligen, und unterrichteten Mannern zur Unterhaltung und Beseelung der Gesprache, und an schoner, anmuthiger Jugend von beyden Geschlechtern, die die eigentliche Seele reitzender Feste ausmachen. Der alte Konig, der sonst ein strenger und ernster Mann war, hatte zwey Neigungen, die der wahre Anlass dieser prachtigen Hofhaltung waren, und denen sie ihre schone Einrichtung zu danken hatte. Eine war die Zartlichkeit fur seine Tochter, die ihm als Andenken seiner fruh verstorbenen Gemahlin und als ein unaussprechlich liebenswurdiges Madchen unendlich theuer war, und fur die er gern alle Schatze der Natur und alle Macht des menschlichen Geistes aufgeboten hatte, um ihr einen Himmel auf Erden zu verschaffen. Die Andere war eine wahre Leidenschaft fur die Dichtkunst und ihre Meister. Er hatte von Jugend auf die Werke der Dichter mit innigem Vergnugen gelesen; an ihre Sammlung aus allen Sprachen grossen Fleiss und grosse Summen gewendet, und von jeher den Umgang der Sanger uber alles geschatzt. Von allen Enden zog er sie an seinen Hof und uberhaufte sie mit Ehren. Er ward nicht mude ihren Gesangen zuzuhoren, und vergass oft die wichtigsten Angelegenheiten, ja die Bedurfnisse des Lebens uber einem neuen, hinreissenden Gesange. Seine Tochter war unter Gesangen aufgewachsen, und ihre ganze Seele war ein zartes Lied geworden, ein einfacher Ausdruck der Wehmuth und Sehnsucht. Der wohlthatige Einfluss der beschutzten und geehrten Dichter zeigte sich im ganzen Lande, besonders aber am Hofe. Man genoss das Leben mit langsamen, kleinen Zugen wie einen kostlichen Trank, und mit desto reinerem Wohlbehagen, da alle widrige gehassige Leidenschaften, wie Misstone von der sanften harmonischen Stimmung verscheucht wurden, die in allen Gemuthern herrschend war. Frieden der Seele und innres seeliges Anschauen einer selbst geschaffenen, glucklichen Welt war das Eigenthum dieser wunderbaren Zeit geworden, und die Zwietracht erschien nur in den alten Sagen der Dichter, als eine ehemalige Feindinn der Menschen. Es schien, als hatten die Geister des Gesanges ihrem Beschutzer kein lieblicheres Zeichen der Dankbarkeit geben konnen, als seine Tochter, die alles besass, was die susseste Einbildungskraft nur in der zarten Gestalt eines Madchens vereinigen konnte. Wenn man sie an den schonen Festen unter einer Schaar reitzender Gespielen, im weissen glanzenden Gewande erblickte, wie sie den Wettgesangen der begeisterten Sanger mit tiefem Lauschen zuhorte, und errothend einen duftenden Kranz auf die Locken des Glucklichen druckte, dessen Lied den Preis gewonnen hatte: so hielt man sie fur die sichtbare Seele jener herrlichen Kunst, die jene Zauberspruche beschworen hatten, und horte auf sich uber die Entzuckungen und Melodien der Dichter zu wundern.

Mitten in diesem irdischen Paradiese schien jedoch ein geheimnissvolles Schicksal zu schweben. Die einzige Sorge der Bewohner dieser Gegenden betraf die Vermahlung der aufbluhenden Prinzessin, von der die Fortdauer dieser seligen Zeiten und das Verhangniss des ganzen Landes abhing. Der Konig ward immer alter. Ihm selbst schien diese Sorge lebhaft am Herzen zu liegen, und doch zeigte sich keine Aussicht zu einer Vermahlung fur sie, die allen Wunschen angemessen gewesen ware. Die heilige Ehrfurcht fur das konigliche Haus erlaubte keinem Unterthan, an die Moglichkeit zu denken, die Prinzessin zu besitzen. Man betrachtete sie wie ein uberirdisches Wesen, und alle Prinzen aus andern Landern, die sich mit Anspruchen auf sie am Hofe gezeigt hatten, schienen so tief unter ihr zu seyn, dass kein Mensch auf den Einfall kam, die Prinzessin oder der Konig werde die Augen auf einen unter ihnen richten. Das Gefuhl des Abstandes hatte sie auch allmahlich alle verscheucht, und das ausgesprengte Gerucht des ausschweifenden Stolzes dieser koniglichen Familie schien Andern alle Lust zu benehmen, sich ebenfalls gedemuthigt zu sehn. Ganz ungegrundet war auch dieses Gerucht nicht. Der Konig war bey aller Milde beynah unwillkuhrlich in ein Gefuhl der Erhabenheit gerathen, was ihm jeden Gedanken an die Verbindung seiner Tochter mit einem Manne von niedrigerem Stande und dunklerer Herkunft unmoglich oder unertraglich machte. Ihr hoher, einziger Werth hatte jenes Gefuhl in ihm immer mehr bestatigt. Er war aus einer uralten Morgenlandischen Konigsfamilie entsprossen. Seine Gemahlin war der letzte Zweig der Nachkommenschaft des beruhmten Helden Rustan gewesen. Seine Dichter hatten ihm unaufhorlich von seiner Verwand[t]schaft mit den ehemaligen ubermenschlichen Beherrschern der Welt vorgesungen, und in dem Zauberspiegel ihrer Kunst war ihm der Abstand seiner Herkunft von dem Ursprunge der andern Menschen, die Herrlichkeit seines Stammes noch heller erschienen, so dass es ihn dunkte, nur durch die edlere Klasse der Dichter mit dem ubrigen Menschengeschlechte zusammenzuhangen. Vergebens sah er sich mit voller Sehnsucht nach einem zweyten Rustan um, indem er fuhlte, dass das Herz seiner aufbluhenden Tochter, der Zustand seines Reichs, und sein zunehmendes Alter ihre Vermahlung in aller Absicht sehr wunschenswerth machten.

Nicht weit von der Hauptstadt lebte auf einem abgelegenen Landgute ein alter Mann, der sich ausschliesslich mit der Erziehung seines einzigen Sohnes beschaftigte, und nebenher den Landleuten in wichtigen Krankheiten Rath erteilte. Der junge Mensch war ernst und ergab sich einzig der Wissenschaft der Natur, in welcher ihn sein Vater von Kindheit auf unterrichtete. Aus fernen Gegenden war der Alte vor mehreren Jahren in dies friedliche und bluhende Land gezogen, und begnugte sich den wohlthatigen Frieden, den der Konig um sich verbreitete, in der Stille zu geniessen. Er benutzte sie, die Krafte der Natur zu erforschen, und diese hinreissenden Kenntnisse seinem Sohne mitzutheilen, der viel Sinn dafur verrieth und dessen tiefem Gemuth die Natur bereitwillig ihre Geheimnisse anvertraute. Die Gestalt des jungen Menschen schien gewohnlich und unbedeutend, wenn man nicht einen hohern Sinn fur die geheimere Bildung seines edlen Gesichts und die ungewohnliche Klarheit seiner Augen mitbrachte. Je langer man ihn ansah, desto anziehender ward er, und man konnte sich kaum wieder von ihm trennen, wenn man seine sanfte, eindringende Stimme und seine anmuthige Gabe zu sprechen horte. Eines Tages hatte die Prinzessin, deren Lustgarten an den Wald stiessen, der das Landgut des Alten in einem kleinen Thale verbarg, sich allein zu Pferde in den Wald begeben, um desto ungestorter ihren Fantasien nachhangen und einige schone Gesange sich wiederhohlen zu konnen. Die Frische des hohen Waldes lockte sie immer tiefer in seine Schatten, und so kam sie endlich an das Landgut, wo der Alte mit seinem Sohne lebte. Es kam ihr die Lust an, Milch zu trinken, sie stieg ab, band ihr Pferd an einen Baum, und trat in das Haus, um sich einen Trunk Milch auszubitten. Der Sohn war gegenwartig, und erschrak beynah uber diese zauberhafte Erscheinung eines majestatischen weiblichen Wesens, das mit allen Reizen der Jugend und Schonheit geschmuckt, und von einer unbeschreiblich anziehenden Durchsichtigkeit der zartesten, unschuldigsten und edelsten Seele beynah vergottlicht wurde. Wahrend er eilte ihre wie Geistergesang tonende Bitte zu erfullen, trat ihr der Alte mit bescheidner Ehrfurcht entgegen, und lud sie ein, an dem einfachen Herde, der mitten im Hause stand, und auf welchem eine leichte blaue Flamme ohne Gerausch emporspielte, Platz zu nehmen. Es fiel ihr, gleich beym Eintritt, der mit tausend seltenen Sachen gezierte Hausraum, die Ordnung und Reinlichkeit des Ganzen, und eine seltsame Heiligkeit des Ortes auf, deren Eindruck noch durch den schlicht gekleideten ehrwurdigen Greis und den bescheidenen Anstand des Sohnes erhohet wurde. Der Alte hielt sie gleich fur eine zum Hof gehorige Person, wozu ihre kostbare Tracht, und ihr edles Betragen ihm Anlass genug gab. Wahrend der Abwesenheit des Sohnes befragte sie ihn um einige Merkwurdigkeiten, die ihr vorzuglich in die Augen fielen, worunter besonders einige alte, sonderbare Bilder waren, die neben ihrem Sitze auf dem Heerde standen, und er war bereitwillig sie auf eine anmuthige Art damit bekannt zu machen. Der Sohn kam bald mit einem Kruge voll frischer Milch zuruck, und reichte ihr denselben mit ungekunsteltem und ehrfurchtsvollem Wesen. Nach einigen anziehenden Gesprachen mit beyden, dankte sie auf die lieblichste Weise fur die freundliche Bewirthung, bat errothend den Alten um die Erlaubniss wieder kommen, und seine lehrreichen Gesprache uber die vielen wunderbaren Sachen geniessen zu durfen, und ritt zuruck, ohne ihren Stand verrathen zu haben, da sie merkte, dass Vater und Sohn sie nicht kannten. Ohnerachtet die Hauptstadt so nahe lag, hatten beyde, in ihre Forschungen vertieft, das Gewuhl der Menschen zu vermeiden gesucht, und es war dem Jungling nie eine Lust angekommen, den Festen des Hofes beyzuwohnen; besonders da er seinen Vater hochstens auf eine Stunde zu verlassen pflegte, um zuweilen im Walde nach Schmetterlingen, Kafern und Pflanzen umher zu gehn, und die Eingebungen des stillen Naturgeistes durch den Einfluss seiner mannichfaltigen ausseren Lieblichkeiten zu vernehmen. Dem Alten, der Prinzessin und dem Jungling war die einfache Begebenheit des Tages gleich wichtig. Der Alte hatte leicht den neuen tiefen Eindruck bemerkt, den die Unbekannte auf seinen Sohn machte. Er kannte diesen genug, um zu wissen, dass jeder tiefe Eindruck bey ihm ein lebenslanglicher seyn wurde. Seine Jugend und die Natur seines Herzens mussten die erste Empfindung dieser Art zur unuberwindlichen Neigung machen. Der Alte hatte lange eine solche Begebenheit herannahen sehen. Die hohe Liebenswurdigkeit der Erscheinung flosste ihm unwillkuhrlich eine innige Theilnahme ein, und sein zuversichtliches Gemuth entfernte alle Besorgnisse uber die Entwickelung dieses sonderbaren Zufalls. Die Prinzessin hatte sich nie in einem ahnlichen Zustande befunden, wie der war, in welchem sie langsam nach Hause ritt. Es konnte vor der einzigen, helldunklen wunderbar beweglichen Empfindung einer neuen Welt, kein eigentlicher Gedanke in ihr entstehen. Ein magischer Schleyer dehnte sich in weiten Falten um ihr klares Bewusstseyn. Es war ihr, als wurde sie sich, wenn er aufgeschlagen wurde, in einer uberirdischen Welt befinden. Die Erinnerung an die Dichtkunst, die bisher ihre ganze Seele beschaftigt hatte, war zu einem fernen Gesange geworden, der ihren seltsam lieblichen Traum mit den ehemaligen Zeiten verband. Wie sie zuruck in den Pallast kam, erschrak sie beynah uber seine Pracht und sein buntes Leben, noch mehr aber bey der Bewillkommung ihres Vaters, dessen Gesicht zum erstenmale in ihrem Leben eine scheue Ehrfurcht in ihr erregte. Es schien ihr eine unabanderliche Nothwendigkeit, nichts von ihrem Abentheuer zu erwahnen. Man war ihre schwarmerische Ernsthaftigkeit, ihren in Fantasieen und tiefes Sinnen verlornen Blick schon zu gewohnt, um etwas Ausserordentliches darin zu bemerken. Es war ihr jetzt nicht mehr so lieblich zu Muthe; sie schien sich unter lauter Fremden, und eine sonderbare Banglichkeit begleitete sie bis an den Abend, wo das frohe Lied eines Dichters, der die Hoffnung pries, und von den Wundern des Glaubens an die Erfullung unsrer Wunsche mit hinreissender Begeisterung sang, sie mit sussem Trost erfullte und in die angenehmsten Traume wiegte. Der Jungling hatte sich gleich nach ihrem Abschiede in den Wald verlohren. An der Seite des Weges war er in Gebuschen bis an die Pforten des Gartens ihr gefolgt, und dann auf dem Wege zuruckgegangen. Wie er so ging, sah er vor seinen Fussen einen hellen Glanz. Er buckte sich danach und hob einen dunkelrothen Stein auf, der auf einer Seite ausserordentlich funkelte, und auf der Andern eingegrabene unverstandliche Chiffern zeigte. Er erkannte ihn fur einen kostbaren Karfunkel, und glaubte ihn in der Mitte des Halsbandes an der Unbekannten bemerkt zu haben. Er eilte mit beflugelten Schritten nach Hause, als ware sie noch dort, und brachte den Stein seinem Vater. Sie wurden einig, dass der Sohn den andern Morgen auf den Weg zuruckgehn und warten sollte, ob der Stein gesucht wurde, wo er ihn dann zuruckgeben konnte; sonst wollten sie ihn bis zu einem zweyten Besuche der Unbekannten aufheben, um ihr selbst ihn zu uberreichen. Der Jungling betrachtete fast die ganze Nacht den Karfunkel und fuhlte gegen Morgen ein unwiderstehliches Verlangen einige Worte auf den Zettel zu schreiben, in welchen er den Stein einwickelte. Er wusste selbst nicht genau, was er sich bey den Worten dachte, die er hinschrieb:

Es ist dem Stein ein rathselhaftes Zeichen

Tief eingegraben in sein gluhend Blut,

Er ist mit einem Herzen zu vergleichen,

In dem das Bild der Unbekannten ruht.

Man sieht um jenen tausend Funken streichen,

Um dieses woget eine lichte Flut.

In jenem liegt des Glanzes Licht begraben,

Wird dieses auch das Herz des Herzens haben?

Kaum dass der Morgen anbrach, so begab er sich schon auf den Weg, und eilte der Pforte des Gartens zu.

Unterdessen hatte die Prinzessin Abends beym Auskleiden den theuren Stein in ihrem Halsbande vermisst, der ein Andenken ihrer Mutter und noch dazu ein Talisman war, dessen Besitz ihr die Freyheit ihrer Person sicherte, indem sie damit nie in fremde Gewalt ohne ihren Willen gerathen konnte.

Dieser Verlust befremdete sie mehr, als dass er sie erschreckt hatte. Sie erinnerte sich, ihn gestern bey dem Spazierritt noch gehabt zu haben, und glaubte fest, dass er entweder im Hause des Alten, oder auf dem Ruckwege im Walde verloren gegangen seyn musse; der Weg war ihr noch in frischem Andenken, und so beschloss sie gleich fruh den Stein aufzusuchen, und ward bey diesem Gedanken so heiter, dass es fast das Ansehn gewann, als sey sie gar nicht unzufrieden mit dem Verluste, weil er Anlass gabe jenen Weg sogleich noch einmal zu machen. Mit dem Tage ging sie durch den Garten nach dem Walde, und weil sie eilfertiger ging als gewohnlich, so fand sie es ganz naturlich, dass ihr das Herz lebhaft schlug, und ihr die Brust beklomm. Die Sonne fing eben an, die Wipfel der alten Baume zu vergolden, die sich mit sanftem Flustern bewegten, als wollten sie sich gegenseitig aus nachtlichen Gesichtern erwecken, um die Sonne gemeinschaftlich zu begrussen, als die Prinzessin durch ein fernes Gerausch veranlasst, den Weg hinunter und den Jungling auf sich zueilen sah, der in demselben Augenblick ebenfalls sie bemerkte.

Wie angefesselt blieb er eine Weile stehn, und blickte unverwandt sie an, gleichsam um sich zu uberzeugen, dass ihre Erscheinung wirklich und keine Tauschung sey. Sie begrussten sich mit einem zuruckgehaltenen Ausdruck von Freude, als hatten sie sich schon lange gekannt und geliebt. Noch ehe die Prinzessin die Ursache ihres fruhen Spazierganges ihm entdecken konnte, uberreichte er ihr mit Errothen und Herzklopfen den Stein in dem beschriebenen Zettel. Es war, als ahndete die Prinzessin den Inhalt der Zeilen. Sie nahm ihn stillschweigend mit zitternder Hand und hing ihm zur Belohnung fur seinen glucklichen Fund beynah unwillkuhrlich eine goldne Kette um, die sie um den Hals trug. Beschamt kniete er vor ihr und konnte, da sie sich nach seinem Vater erkundigte, einige Zeit keine Worte finden. Sie sagte ihm halbleise, und mit niedergeschlagenen Augen, dass sie bald wieder zu ihnen kommen, und die Zusage des Vaters sie mit seinen Seltenheiten bekannt zu machen, mit vieler Freude benutzen wurde. Sie dankte dem Junglinge noch einmal mit ungewohnlicher Innigkeit, und ging hierauf langsam, ohne sich umzusehen, zuruck. Der Jungling konnte kein Wort vorbringen. Er neigte sich ehrfurchtsvoll und sah ihr lange nach, bis sie hinter den Baumen verschwand. Nach dieser Zeit vergingen wenig Tage bis zu ihrem zweyten Besuche, dem bald mehrere folgten. Der Jungling ward unvermerkt ihr Begleiter bey diesen Spaziergangen. Er holte sie zu bestimmten Stunden am Garten ab, und brachte sie dahin zuruck. Sie beobachtete ein unverbruchliches Stillschweigen uber ihren Stand, so zutraulich sie auch sonst gegen ihren Begleiter wurde, dem bald kein Gedanke in ihrer himmlischen Seele verborgen blieb. Es war, als flosste ihr die Erhabenheit ihrer Herkunft eine geheime Furcht ein. Der Jungling gab ihr ebenfalls seine ganze Seele. Vater und Sohn hielten sie fur ein vornehmes Madchen vom Hofe. Sie hing an dem Alten mit der Zartlichkeit einer Tochter. Ihre Liebkosungen gegen ihn waren die entzuckenden Vorboten ihrer Zartlichkeit gegen den Jungling. Sie ward bald einheimisch in dem wunderbaren Hause; und wenn sie dem Alten und dem Sohne, der zu ihren Fussen sass, auf ihrer Laute reitzende Lieder mit einer uberirdischen Stimme vorsang, und letzteren in dieser lieblichen Kunst unterrichtete: so erfuhr sie dagegen von seinen begeisterten Lippen die Entrathselung der uberall verbreiteten Naturgeheimnisse. Er lehrte ihr, wie durch wundervolle Sympathie die Welt entstanden sey, und die Gestirne sich zu melodischen Reigen vereinigt hatten. Die Geschichte der Vorwelt ging durch seine heiligen Erzahlungen in ihrem Gemuth auf; und wie entzuckt war sie, wenn ihr Schuler, in der Fulle seiner Eingebungen, die Laute ergriff und mit unglaublicher Gelehrigkeit in die wundervollsten Gesange ausbrach. Eines Tages, wo ein besonders kuhner Schwung sich seiner Seele in ihrer Gesellschaft bemachtigt hatte, und die machtige Liebe auf dem Ruckwege ihre jungfrauliche Zuruckhaltung mehr als gewohnlich uberwand, so dass sie beyde ohne selbst zu wissen wie einander in die Arme sanken, und der erste gluhende Kuss sie auf ewig zusammenschmelzte, fing mit einbrechender Dammerung ein gewaltiger Sturm in den Gipfeln der Baume plotzlich zu toben an. Drohende Wetterwolken zogen mit tiefem nachtlichen Dunkel uber sie her. Er eilte sie in Sicherheit vor dem furchterlichen Ungewitter und den brechenden Baumen zu bringen: aber er verfehlte in der Nacht und voll Angst wegen seiner Geliebten den Weg, und gerieth immer tiefer in den Wald hinein. Seine Angst wuchs, wie er seinen Irrthum bemerkte. Die Prinzessin dachte an das Schrecken des Konigs und des Hofes; eine unnennbare Angstlichkeit fuhr zuweilen, wie ein zerstorender Strahl, durch ihre Seele, und nur die Stimme ihres Geliebten, der ihr unaufhorlich Trost zusprach, gab ihr Muth und Zutrauen zuruck, und erleichterte ihre beklommne Brust. Der Sturm wuthete fort; alle Bemuhungen den Weg zu finden waren vergeblich, und sie priesen sich beyde glucklich, bey der Erleuchtung eines Blitzes eine nahe Hohle an dem steilen Abhang eines waldigen Hugels zu entdecken, wo sie eine sichere Zuflucht gegen die Gefahren des Ungewitters zu finden hoften, und eine Ruhestatte fur ihre erschopften Krafte. Das Gluck begunstigte ihre Wunsche. Die Hohle war trocken und mit reinlichem Moose bewachsen. Der Jungling zundete schnell ein Feuer von Reisern und Moos an, woran sie sich trocknen konnten, und die beyden Liebenden sahen sich nun auf eine wunderbare Weise von der Welt entfernt, aus einem gefahrvollen Zustande gerettet, und auf einem bequemen, warmen Lager allein nebeneinander.

Ein wilder Mandelstrauch hing mit Fruchten beladen in die Hohle hinein, und ein nahes Rieseln liess sie frisches Wasser zur Stillung ihres Durstes finden. Die Laute hatte der Jungling mitgenommen, und sie gewahrte ihnen jetzt eine aufheiternde und beruhigende Unterhaltung bey dem knisternden Feuer. Eine hohere Macht schien den Knoten schneller losen zu wollen, und brachte sie unter sonderbaren Umstanden in diese romantische Lage. Die Unschuld ihrer Herzen, die zauberhafte Stimmung ihrer Gemuther, und die verbundene unwiderstehliche Macht ihrer sussen Leidenschaft und ihrer Jugend liess sie bald die Welt und ihre Verhaltnisse vergessen, und wiegte sie unter dem Brautgesange des Sturms und den Hochzeitfackeln der Blitze in den sussesten Rausch ein, der je ein sterbliches Paar beseligt haben mag. Der Anbruch des lichten blauen Morgens war fur sie das Erwachen in einer neuen seligen Welt. Ein Strom heisser Thranen, der jedoch bald aus den Augen der Prinzessin hervorbrach, verrieth ihrem Geliebten die erwachenden tausendfachen Bekummernisse ihres Herzens. Er war in dieser Nacht um mehrere Jahre alter, aus einem Junglinge zum Manne geworden. Mit uberschwenglicher Begeisterung trostete er seine Geliebte, erinnerte sie an die Heiligkeit der wahrhaften Liebe, und an den hohen Glauben, den sie einflosse, und bat sie, die heiterste Zukunft von dem Schutzgeist ihres Herzens mit Zuversicht zu erwarten. Die Prinzessin fuhlte die Wahrheit seines Trostes, und entdeckte ihm, sie sey die Tochter des Konigs, und nur bange wegen des Stolzes und der Bekummernisse ihres Vaters. Nach langen reiflichen Uberlegungen wurden sie uber die zu fassende Entschliessung einig, und der Jungling machte sich sofort auf den Weg, um seinen Vater aufzusuchen, und diesen mit ihrem Plane bekannt zu machen. Er versprach in kurzen wieder bey ihr zu seyn, und verliess sie beruhigt und in sussen Vorstellungen der kunftigen Entwicklung dieser Begebenheiten. Der Jungling hatte bald seines Vaters Wohnung erreicht, und der Alte war sehr erfreut, ihn unverletzt ankommen zu sehen. Er erfuhr nun die Geschichte und den Plan der Liebenden, und bezeigte sich nach einigem Nachdenken bereitwillig ihn zu unterstutzen. Sein Haus lag ziemlich versteckt, und hatte einige unterirdische Zimmer, die nicht leicht aufzufinden waren. Hier sollte die Wohnung der Prinzessin seyn. Sie ward also in der Dammerung abgeholt, und mit tiefer Ruhrung von dem Alten empfangen. Sie weinte nachher oft in der Einsamkeit, wenn sie ihres traurigen Vaters gedachte: doch verbarg sie ihren Kummer vor ihrem Geliebten, und sagte es nur dem Alten, der sie freundlich trostete, und ihr die nahe Ruckkehr zu ihrem Vater vorstellte.

Unterdess war man am Hofe in grosse Besturzung gerathen, als Abends die Prinzessin vermisst wurde. Der Konig war ganz ausser sich, und schickte uberall Leute aus, sie zu suchen. Kein Mensch wusste sich ihr Verschwinden zu erklaren. Keinem kam ein heimliches Liebesverstandniss in die Gedanken, und so ahndete man keine Entfuhrung, da ohnedies kein Mensch weiter fehlte. Auch nicht zu der entferntesten Vermuthung war Grund da. Die ausgeschickten Boten kamen unverrichteter Sache zuruck, und der Konig fiel in tiefe Traurigkeit. Nur wenn Abends seine Sanger vor ihn kamen und schone Lieder mitbrachten, war es, als liesse sich die alte Freude wieder vor ihm blicken; seine Tochter dunkte ihm nah, und er schopfte Hofnung, sie bald wieder zu sehen. War er aber wieder allein, so zerriss es ihm von neuem das Herz und er weinte laut. Dann gedachte er bey sich selbst: Was hilft mir nun alle die Herrlichkeit, und meine hohe Geburt. Nun bin ich doch elender als die andern Menschen. Meine Tochter kann mir nichts ersetzen. Ohne sie sind auch die Gesange nichts, als leere Worte und Blendwerk. Sie war der Zauber, der ihnen Leben und Freude, Macht und Gestalt gab. Wollt' ich doch lieber, ich ware der geringste meiner Diener. Dann hatte ich meine Tochter noch; auch wohl einen Eydam dazu und Enkel, die mir auf den Knieen sassen: dann ware ich ein anderer Konig, als jetzt. Es ist nicht die Krone und das Reich, was einen Konig macht. Es ist jenes volle, uberfliessende Gefuhl der Gluckseligkeit, der Sattigung mit irdischen Gutern, jenes Gefuhl der uberschwanglichen Gnuge. So werd' ich nun fur meinen Ubermuth bestraft. Der Verlust meiner Gattin hat mich noch nicht genug erschuttert. Nun hab' ich auch ein grenzenloses Elend. So klagte der Konig in den Stunden der heissesten Sehnsucht. Zuweilen brach auch seine alte Strenge und sein Stolz wieder hervor. Er zurnte uber seine Klagen; wie ein Konig wollte er dulden und schweigen. Er meinte dann, er leide mehr, als alle Anderen, und gehore ein grosser Schmerz zum Konigthum; aber wenn es dann dammerte, und er in die Zimmer seiner Tochter trat, und sah ihre Kleider hangen, und ihre kleineren Habseligkeiten stehn, als habe sie eben das Zimmer verlassen: so vergass er seine Vorsatze, gebehrdete sich wie ein trubseliger Mensch, und rief seine geringsten Diener um Mitleid an. Die ganze Stadt und das ganze Land weinten und klagten von ganzem Herzen mit ihm. Sonderlich war es, dass eine Sage umherging, die Prinzessin lebe noch, und werde bald mit einem Gemahl wiederkommen. Kein Mensch wusste, woher die Sage kam: aber alles hing sich mit frohem Glauben daran, und sah mit ungeduldiger Erwartung ihrer baldigen Wiederkunft entgegen. So vergingen mehrere Monden, bis das Fruhjahr wieder herankam. Was gilts, sagten einige in wunderlichem Muthe, nun kommt auch die Prinzessin wieder. Selbst der Konig ward heitrer und hoffnungsvoller. Die Sage dunkte ihm wie die Verheissung einer gutigen Macht. Die ehemaligen Feste fingen wieder an, und es schien zum volligen Aufbluhen der alten Herrlichkeit nur noch die Prinzessin zu fehlen. Eines Abends, da es gerade jahrig wurde, dass sie verschwand, war der ganze Hof im Garten versammelt. Die Luft war warm und heiter; ein leiser Wind tonte nur oben in den alten Wipfeln, wie die Ankundigung eines fernen frohlichen Zuges. Ein machtiger Springquell stieg zwischen den vielen Fackeln mit zahllosen Lichtern hinauf in die Dunkelheit der tonenden Wipfel, und begleitete mit melodischem Platschern die mannichfaltigen Gesange, die unter den Baumen hervorklangen. Der Konig sass auf einem kostlichen Teppich, und um ihn her war der Hof in festlichen Kleidern versammelt. Eine zahlreiche Menge erfullte den Garten, und umgab das prachtvolle Schauspiel. Der Konig sass eben in tiefen Gedanken. Das Bild seiner verlornen Tochter stand mit ungewohnlicher Klarheit vor ihm; er gedachte der glucklichen Tage, die um diese Zeit im vergangenen Jahre ein plotzliches Ende nahmen. Eine heisse Sehnsucht ubermannte ihn, und es flossen haufige Thranen von seinen ehrwurdigen Wangen; doch empfand er eine ungewohnliche Heiterkeit. Es dunkte ihm das traurige Jahr nur ein schwerer Traum zu seyn, und er hob die Augen auf, gleichsam um ihre hohe, heilige, entzuckende Gestalt unter den Menschen und den Baumen aufzusuchen. Eben hatten die Dichter geendigt, und eine tiefe Stille schien das Zeichen der allgemeinen Ruhrung zu seyn, denn die Dichter hatten die Freuden des Wiedersehns, den Fruhling und die Zukunft besungen, wie sie die Hoffnung zu schmucken pflegt.

Plotzlich wurde die Stille durch leise Laute einer unbekannten schonen Stimme unterbrochen, die von einer uralten Eiche herzukommen schienen. Alle Blikke richteten sich dahin, und man sah einen Jungling in einfacher, aber fremder Tracht stehen, der eine Laute im Arm hielt, und ruhig in seinem Gesange fortfuhr, indem er jedoch, wie der Konig seinen Blick nach ihm wandte, eine tiefe Verbeugung machte. Die Stimme war ausserordentlich schon, und der Gesang trug ein fremdes, wunderbares Geprage. Er handelte von dem Ursprunge der Welt, von der Entstehung der Gestirne, der Pflanzen, Thiere und Menschen, von der allmachtigen Sympathie der Natur, von der uralten goldenen Zeit und ihren Beherrscherinnen, der Liebe und Poesie, von der Erscheinung des Hasses und der Barbarey und ihren Kampfen mit jenen wohlthatigen Gottinnen, und endlich von dem zukunftigen Triumph der letztern, dem Ende der Trubsale, der Verjungung der Natur und der Wiederkehr eines ewigen goldenen Zeitalters. Die alten Dichter traten selbst von Begeisterung hingerissen, wahrend des Gesanges naher um den seltsamen Fremdling her. Ein niegefuhltes Entzucken ergriff die Zuschauer, und der Konig selbst fuhlte sich wie auf einem Strom des Himmels weggetragen. Ein solcher Gesang war nie vernommen worden, und Alle glaubten, ein himmlisches Wesen sey unter ihnen erschienen, besonders da der Jungling unterm Singen immer schoner, immer herrlicher, und seine Stimme immer gewaltiger zu werden schien. Die Luft spielte mit seinen goldenen Locken. Die Laute schien sich unter seinen Handen zu beseelen, und sein Blick schien trunken in eine geheimere Welt hinuber zu schauen. Auch die Kinderunschuld und Einfalt seines Gesichts schien allen ubernaturlich. Nun war der herrliche Gesang geendigt. Die bejahrten Dichter druckten den Jungling mit Freudenthranen an ihre Brust. Ein stilles inniges Jauchzen ging durch die Versammlung. Der Konig kam geruhrt auf ihn zu. Der Jungling warf sich ihm bescheiden zu Fussen. Der Konig hob ihn auf, umarmte ihn herzlich, und hiess ihn sich eine Gabe ausbitten. Da bat er mit gluhenden Wangen den Konig, noch ein Lied gnadig anzuhoren, und dann uber seine Bitte zu entscheiden. Der Konig trat einige Schritte zuruck und der Fremdling fing an:

Der Sanger geht auf rauhen Pfaden,

Zerreisst in Dornen sein Gewand;

Er muss durch Fluss und Sumpfe baden,

Und keins reicht hulfreich ihm die Hand.

Einsam und pfadlos fliesst in Klagen

Jetzt uber sein ermattet Herz;

Er kann die Laute kaum noch tragen,

Ihn ubermannt ein tiefer Schmerz.

*

Ein traurig Loos ward mir beschieden,

Ich irre ganz verlassen hier,

Ich brachte Allen Lust und Frieden,

Doch keiner theilte sie mit mir.

Es wird ein jeder seiner Habe

Und seines Lebens froh durch mich;

Doch weisen sie mit karger Gabe

Des Herzens Forderung von sich.

*

Man lasst mich ruhig Abschied nehmen,

Wie man den Fruhling wandern sieht;

Es wird sich keiner um ihn gramen,

Wenn er betrubt von dannen zieht.

Verlangend sehn sie nach den Fruchten,

Und wissen nicht, dass er sie sat;

Ich kann den Himmel fur sie dichten,

Doch meiner denkt nicht Ein Gebet.

*

Ich fuhle dankbar Zaubermachte

An diese Lippen festgebannt.

O! knupfte nur an meine Rechte

Sich auch der Liebe Zauberband.

Es kummert keine sich des Armen,

Der durftig aus der Ferne kam;

Welch Herz wird Sein sich noch erbarmen

Und losen seinen tiefen Gram?

*

Er sinkt im hohen Grase nieder,

Und schlaft mit nassen Wangen ein;

Da schwebt der hohe Geist der Lieder

In die beklemmte Brust hinein:

Vergiss anjetzt, was du gelitten,

In Kurzem schwindet deine Last,

Was du umsonst gesucht in Hutten,

Das wirst du finden im Palast.

*

Du nahst dem hochsten Erdenlohne,

Bald endigt der verschlungne Lauf;

Der Myrthenkranz wird eine Krone,

Dir setzt die treuste Hand sie auf.

Ein Herz voll Einklang ist berufen

Zur Glorie um einen Thron;

Der Dichter steigt auf rauhen Stufen

Hinan, und wird des Konigs Sohn.

*

So weit war er in seinem Gesange gekommen, und ein sonderbares Erstaunen hatte sich der Versammlung bemachtigt, als wahrend dieser Strophen ein alter Mann mit einer verschleyerten weiblichen Gestalt von edlem Wuchse, die ein wunderschones Kind auf dem Arme trug, das freundlich in der fremden Versammlung umhersah, und lachelnd nach dem blitzenden Diadem des Konigs die kleinen Handchen streckte, zum Vorschein kamen, und sich hinter den Sanger stellten; aber das Staunen wuchs, als plotzlich aus den Gipfeln der alten Baume, der Lieblingsadler des Konigs, den er immer um sich hatte, mit einer goldenen Stirnbinde, die er aus seinen Zimmern entwandt haben musste, herabflog, und sich auf das Haupt des Junglings niederliess, so dass die Binde sich um seine Locken schlug. Der Fremdling erschrak einen Augenblick; der Adler flog an die Seite des Konigs, und liess die Binde zuruck. Der Jungling reichte sie dem Kinde, das darnach verlangte, liess sich auf ein Knie gegen den Konig nieder, und fuhr in seinem Gesange mit bewegter Stimme fort:

*

Der Sanger fahrt aus schonen Traumen

Mit froher Ungeduld empor;

Er wandelt unter hohen Baumen

Zu des Pallastes ehrnem Thor.

Die Mauern sind wie Stahl geschliffen,

Doch sie erklimmt sein Lied geschwind,

Es steigt von Lieb' und Weh ergriffen

Zu ihm hinab des Konigs Kind.

*

Die Liebe druckt sie fest zusammen

Der Klang der Panzer treibt sie fort;

Sie lodern auf in sussen Flammen,

Im nachtlich stillen Zufluchtsort.

Sie halten furchtsam sich verborgen,

Weil sie der Zorn des Konigs schreckt;

Und werden nun von jedem Morgen

Zu Schmerz und Lust zugleich erweckt.

*

Der Sanger spricht mit sanften Klangen

Der neuen Mutter Hoffnung ein;

Da tritt, gelockt von den Gesangen

Der Konig in die Kluft hinein.

Die Tochter reicht in goldnen Locken

Den Enkel von der Brust ihm hin;

Sie sinken reuig und erschrocken,

Und mild zergeht sein strenger Sinn.

*

Der Liebe weicht und dem Gesange

Auch auf dem Thron ein Vaterherz,

Und wandelt bald in sussem Drange

Zu ewger Lust den tiefen Schmerz.

Die Liebe giebt, was sie entrissen,

Mit reichem Wucher bald zuruck,

Und unter den Versohnungskussen

Entfaltet sich ein himmlisch Gluck.

*

Geist des Gesangs, komm du hernieder,

Und steh auch jetzt der Liebe bey;

Bring die verlorne Tochter wieder,

Dass ihr der Konig Vater sey!

Dass er mit Freuden sie umschliesset,

Und seines Enkels sich erbarmt,

Und wenn das Herz ihm uberfliesset,

Den Sanger auch als Sohn umarmt.

Der Jungling hob mit bebender Hand bey diesen Worten, die sanft in den dunklen Gangen verhallten, den Schleyer. Die Prinzessin fiel mit einem Strom von Thranen zu den Fussen des Konigs, und hielt ihm das schone Kind hin. Der Sanger kniete mit gebeugtem Haupte an ihrer Seite. Eine angstliche Stille schien jeden Athem festzuhalten. Der Konig war einige Augenblicke sprachlos und ernst; dann zog er die Prinzessin an seine Brust, druckte sie lange fest an sich und weinte laut. Er hob nun auch den Jungling zu sich auf, und umschloss ihn mit herzlicher Zartlichkeit. Ein helles Jauchzen flog durch die Versammlung, die sich dicht zudrangte. Der Konig nahm das Kind und reichte es mit ruhrender Andacht gen Himmel; dann begrusste er freundlich den Alten. Unendliche Freudenthranen flossen. In Gesange brachen die Dichter aus, und der Abend ward ein heiliger Vorabend dem ganzen Lande, dessen Leben fortan nur Ein schones Fest war. Kein Mensch weiss, wo das Land hingekommen ist. Nur in Sagen heisst es, dass Atlantis von machtigen Fluten den Augen entzogen worden sey.

Viertes Kapitel

Einige Tagereisen waren ohne die mindeste Unterbrechung geendigt. Der Weg war fest und trocken, die Witterung erquickend und heiter, und die Gegenden, durch die sie kamen, fruchtbar, bewohnt und mannichfaltig. Der furchtbare Thuringer Wald lag im Rucken; die Kaufleute hatten den Weg ofter gemacht, waren uberall mit den Leuten bekannt, und erfuhren die gastfreyste Aufnahme. Sie vermieden die abgelegenen und durch Raubereien bekannten Gegenden, und nahmen, wenn sie ja gezwungen waren, solche zu durchreisen, ein hinlangliches Geleite mit. Einige Besitzer benachbarter Bergschlosser standen mit den Kaufleuten in gutem Vernehmen. Sie wurden besucht und bey ihnen nachgefragt, ob sie Bestellungen nach Augsburg zu machen hatten. Eine freundliche Bewirthung ward ihnen zu Theil, und die Frauen und Tochter drangten sich mit herzlicher Neugier um die Fremdlinge. Heinrichs Mutter gewann sie bald durch ihre guthmuthige Bereitwilligkeit und Theilnahme. Man war erfreut eine Frau aus der Residenzstadt zu sehn, die eben so willig die Neuigkeiten der Mode, als die Zubereitung einiger schmackhafter Schusseln mittheilte. Der junge Ofterdingen ward von Rittern und Frauen wegen seiner Bescheidenheit und seines ungezwungenen milden Betragens gepriesen, und die letztern verweilten gern auf seiner einnehmenden Gestalt, die wie das einfache Wort eines Unbekannten war, das man fast uberhort, bis langst nach seinem Abschiede es seine tiefe unscheinbare Knospe immer mehr aufthut, und endlich eine herrliche Blume in allem Farbenglanze dichtverschlungener Blatter zeigt, so dass man es nie vergisst, nicht mude wird es zu wiederholen, und einen unversieglichen immer gegenwartigen Schatz daran hat. Man besinnt sich nun genauer auf den Unbekannten, und ahndet und ahndet, bis es auf einmal klar wird, dass es ein Bewohner der hohern Welt gewesen sey. Die Kaufleute erhielten eine grosse Menge Bestellungen, und man trennte sich gegenseitig mit herzlichen Wunschen, einander bald wieder zu sehn. Auf einem dieser Schlosser, wo sie gegen Abend hinkamen, ging es frolich zu. Der Herr des Schlosses war ein alter Kriegsmann, der die Musse des Friedens, und die Einsamkeit seines Aufenthalt mit oftern Gelagen feyerte und unterbrach, und ausser dem Kriegsgetummel und der Jagd keinen andern Zeitvertreib kannte, als den gefullten Becher.

Er empfing die Ankommenden mit bruderlicher Herzlichkeit, mitten unter larmenden Genossen. Die Mutter ward zur Hausfrau gefuhrt. Die Kaufleute und Heinrich mussten sich an die lustige Tafel setzen, wo der Becher tapfer umherging. Heinrichen ward auf vieles Bitten in Rucksicht seiner Jugend das jedesmalige Bescheidthun erlassen, dagegen die Kaufleute sich nicht faul finden, sondern sich den alten Frankenwein tapfer schmecken liessen. Das Gesprach lief uber ehmalige Kriegsabentheuer hin. Heinrich horte mit grosser Aufmerksamkeit den neuen Erzahlungen zu. Die Ritter sprachen vom heiligen Lande, von den Wundern des heiligen Grabes, von den Abentheuern ihres Zuges, und ihrer Seefahrt, von den Sarazenen, in deren Gewalt einige gerathen gewesen waren, und dem frolichen und wunderbaren Leben im Felde und im Lager. Sie ausserten mit grosser Lebhaftigkeit ihren Unwillen jene himmlische Geburtsstatte der Christenheit noch im frevelhaften Besitz der Unglaubigkeit zu wissen. Sie erhoben die grossen Helden, die sich eine ewige Krone durch ihr tapfres, unermudliches Bezeigen gegen dieses ruchlose Volk erworben hatten. Der Schlossherr zeigte das kostbare Schwerdt, was er einem Anfuhrer derselben mit eigner Hand abgenommen, nachdem er sein Castell erobert, ihn getodtet, und seine Frau und Kinder zu Gefangenen gemacht, welches ihm der Kayser in seinem Wappen zu fuhren vergonnet hatte. Alle besahen das prachtige Schwerdt, auch Heinrich nahm es in seine Hand, und fuhlte sich von einer kriegerischen Begeisterung ergriffen. Er kusste es mit inbrunstiger Andacht. Die Ritter freuten sich uber seinen Antheil. Der Alte umarmte ihn, und munterte ihn auf, auch seine Hand auf ewig der Befreyung des heiligen Grabes zu widmen, und das wunderthatige Kreuz auf seine Schultern befestigen zu lassen. Er war uberrascht, und seine Hand schien sich nicht von dem Schwerdte losmachen zu konnen. Besinne dich, mein Sohn, rief der alte Ritter. Ein neuer Kreuzzug ist vor der Thur. Der Kayser selbst wird unsere Schaaren in das Morgenland fuhren. Durch ganz Europa schallt von neuem der Ruf des Kreuzes, und heldenmuthige Andacht regt sich aller Orten. Wer weiss, ob wir nicht ubers Jahr in der grossen weltherrlichen Stadt Jerusalem als frohe Sieger bey einander sitzen, und uns bey vaterlandischem Wein an unsere Heymath erinnern. Du kannst auch bey mir ein morgenlandisches Madgen sehn. Sie dunken uns Abendlandern gar anmuthig, und wenn du das Schwerdt gut zu fuhren verstehst, so kann es dir an schonen Gefangenen nicht fehlen. Die Ritter sangen mit lauter Stimme den Kreuzgesang, der damals in ganz Europa gesungen wurde:

Das Grab steht unter wilden Heyden;

Das Grab, worinn der Heyland lag,

Muss Frevel und Verspottung leiden

Und wird entheiligt jeden Tag.

Es klagt heraus mit dumpfer Stimme:

Wer rettet mich von diesem Grimme!

*

Wo bleiben seine Heldenjunger?

Verschwunden ist die Christenheit!

Wer ist des Glaubens Wiederbringer?

Wer nimmt das Kreuz in dieser Zeit?

Wer bricht die schimpflichsten der Ketten,

Und wird das heil'ge Grab erretten?

*

Gewaltig geht auf Land und Meeren

In tiefer Nacht ein heil'ger Sturm;

Die tragen Schlafen aufzustoren,

Umbraust er Lager, Stadt und Thurm,

Ein Klaggeschrey um alle Zinnen:

Auf, trage Christen, zieht von hinnen.

*

Es lassen Engel aller Orten

Mit ernstem Antlitz stumm sich sehn,

Und Pilger sieht man vor den Pforten

Mit kummervollen Wangen stehn;

Sie klagen mit den bangsten Tonen

Die Grausamkeit der Sarazenen.

*

Es bricht ein Morgen, roth und trube,

Im weiten Land der Christen an.

Der Schmerz der Wehmuth und der Liebe

Verkundet sich bey Jedermann.

Ein jedes greift nach Kreuz und Schwerdte

Und zieht entflammt von seinem Heerde.

*

Ein Feuereifer tobt im Heere,

Das Grab des Heylands zu befreyn.

Sie eilen frolich nach dem Meere,

Um bald auf heil'gem Grund zu seyn.

Auch Kinder kommen noch gelaufen

Und mehren den geweihten Haufen.

*

Hoch weht das Kreuz im Siegspaniere,

Und alte Helden stehn voran.

Des Paradieses sel'ge Thure

Wird frommen Kriegern aufgethan;

Ein jeder will das Gluck geniessen

Sein Blut fur Christus zu vergiessen.

*

Zum Kampf ihr Christen! Gottes Schaaren

Ziehn mit in das gelobte Land.

Bald wird der Heyden Grimm erfahren

Des Christengottes Schreckenshand.

Wir waschen bald in frohem Muthe

Das heilige Grab mit Heydenblute.

*

Die heil'ge Jungfrau schwebt, getragen

Von Engeln, ob der wilden Schlacht,

Wo jeder, den das Schwerdt geschlagen,

In ihrem Mutterarm erwacht.

Sie neigt sich mit verklarter Wange

Herunter zu dem Waffenklange.

*

Hinuber zu der heilgen Statte!

Des Grabes dumpfe Stimme tont!

Bald wird mit Sieg und mit Gebete

Die Schuld der Christenheit versohnt!

Das Reich der Heyden wird sich enden,

Ist erst das Grab in unsern Handen.

*

Heinrichs ganze Seele war in Aufruhr, das Grab kam ihm wie eine bleiche, edle, jugendliche Gestalt vor, die auf einem grossen Stein mitten unter wildem Pobel sasse, und auf eine entsetzliche Weise gemisshandelt wurde, als wenn sie mit kummervollen Gesichte nach einem Kreuze blicke, was im Hintergrunde mit lichten Zugen schimmerte, und sich in den bewegten Wellen eines Meeres unendlich vervielfaltigte.

Seine Mutter schickt eben heruber, um ihn zu holen, und der Hausfrau des Ritters vorzustellen. Die Ritter waren in ihr Gelag und ihre Vorstellungen des bevorstehenden Zuges vertieft, und bemerkten nicht, dass Heinrich sich entfernte. Er fand seine Mutter in traulichem Gesprach mit der alten, gutmuthigen Frau des Schlosses, die ihn freundlich bewillkommte. Der Abend war heiter; die Sonne begann sich zu neigen, und Heinrich, der sich nach Einsamkeit sehnte, und von der goldenen Ferne gelockt wurde, die durch die engen, tiefen Bogenfenster in das dustre Gemach hineintrat, erhielt leicht die Erlaubniss, sich ausserhalb des Schlosses besehen zu durfen. Er eilte ins Freye, sein ganzes Gemuth war rege, er sah von der Hohe des alten Felsen zunachst in das waldige Thal, durch das ein Bach heruntersturzte und einige Muhlen trieb, deren Gerausch man kaum aus der gewaltigen Tiefe vernehmen konnte, und dann in eine unabsehliche Ferne von Bergen, Waldern und Niederungen, und seine innere Unruhe wurde besanftigt. Das kriegerische Getummel verlor sich, und es blieb nur eine klare bilderreiche Sehnsucht zuruck. Er fuhlte, dass ihm eine Laute mangelte, so wenig er auch wusste, wie sie eigentlich gebaut sey, und welche Wirkung sie hervorbringe. Das heitere Schauspiel des herrlichen Abends wiegte ihn in sanfte Fantasieen: die Blume seines Herzens liess sich zuweilen, wie ein Wetterleuchten in ihm sehn. Er schweifte durch das wilde Gebusch und kletterte uber bemooste Felsenstucke, als auf einmal aus einer nahen Tiefe ein zarter eindringender Gesang einer weiblichen Stimme von wunderbaren Tonen begleitet, erwachte. Es war ihm gewiss, dass es eine Laute sey; er blieb verwunderungsvoll stehen, und horte in gebrochner deutscher Aussprache folgendes Lied:

Bricht das matte Herz noch immer

Unter fremdem Himmel nicht?

Kommt der Hoffnung bleicher Schimmer

Immer mir noch zu Gesicht?

Kann ich wohl noch Ruckkehr wahnen?

Stromweis sturzen meine Thranen,

Bis mein Herz in Kummer bricht.

*

Konnt ich dir die Myrthen zeigen

Und der Zeder dunkles Haar!

Fuhren dich zum frohen Reigen

Der geschwisterlichen Schaar!

Sahst du im gestickten Kleide,

Stolz im kostlichen Geschmeide

Deine Freundinn, wie sie war.

*

Edle Junglinge verneigen

Sich mit heissem Blick vor ihr;

Zartliche Gesange steigen

Mit dem Abendstern zu mir.

Dem Geliebten darf man trauen;

Ewge Lieb' und Treu den Frauen,

Ist der Manner Losung hier.

*

Hier, wo um krystallne Quellen

Liebend sich der Himmel legt,

Und mit heissen Balsamwellen

Um den Hayn zusammenschlagt,

Der in seinen Lustgebieten,

Unter Fruchten, unter Bluthen

Tausend bunte Sanger hegt.

*

Fern sind jene Jugendtraume!

Abwarts liegt das Vaterland!

Langst gefallt sind jene Baume,

Und das alte Schloss verbrannt.

Furchterlich, wie Meereswogen

Kam ein rauhes Heer gezogen,

Und das Paradies verschwand.

*

Furchterliche Gluten flossen

In die blaue Luft empor,

Und es drang auf stolzen Rossen

Eine wilde Schaar ins Thor.

Sabel klirrten, unsre Bruder,

Unser Vater kam nicht wieder,

Und man riss uns wild hervor.

*

Meine Augen wurden trube;

Fernes, mutterliches Land,

Ach! sie bleiben dir voll Liebe

Und voll Sehnsucht zugewandt!

Ware nicht dies Kind vorhanden,

Langst hatt' ich des Lebens Banden

Aufgelost mit kuhner Hand.

Heinrich horte das Schluchzen eines Kindes und eine trostende Stimme. Er stieg tiefer durch das Gebusch hinab, und fand ein bleiches, abgeharmtes Madchen unter einer alten Eiche sitzen. Ein schones Kind hing weinend an ihrem Halse, auch ihre Thranen flossen, und eine Laute lag neben ihr auf dem Rasen. Sie erschrack ein wenig, als sie den fremden Jungling erblickte, der mit wehmuthigem Gesicht sich ihr naherte.

Ihr habt wohl meinen Gesang gehort, sagte sie

freundlich. Euer Gesicht dunkt mir bekannt, lasst mich besinnen Mein Gedachtniss ist schwach geworden, aber euer Anblick erweckt in mir eine sonderbare Erinnerung aus frohen Zeiten. O! mir ist, als glicht ihr einem meiner Bruder, der noch vor unserm Ungluck von uns schied, und nach Persien zu einem beruhmten Dichter zog. Vielleicht lebt er noch, und besingt traurig das Ungluck seiner Geschwister. Wusst ich nur noch einige seiner herrlichen Lieder, die er uns hinterliess! Er war edel und zartlich, und kannte kein grosseres Gluck als seine Laute. Das Kind war ein Madchen von zehn bis zwolf Jahren, das den fremden Jungling aufmerksam betrachtete und sich fest an den Busen der unglucklichen Zulima schmiegte. Heinrichs Herz war von Mitleid durchdrungen; er trostete die Sangerin mit freundlichen Worten, und bat sie, ihm umstandlicher ihre Geschichte zu erzahlen. Sie schien es nicht ungern zu thun. Heinrich setzte sich ihr gegenuber und vernahm ihre von haufigen Thranen unterbrochne Erzahlung. Vorzuglich hielt sie sich bei dem Lobe ihrer Landsleute und ihres Vaterlandes auf. Sie schilderte den Edelmuth derselben, und ihre reine starke Empfanglichkeit fur die Poesie des Lebens und die wunderbare, geheimnissvolle Anmuth der Natur. Sie beschrieb die romantischen Schonheiten der fruchtbaren Arabischen Gegenden, die wie gluckliche Inseln in unwegsamen Sandwusteneien lagen, wie Zufluchtsstatte der Bedrangten und Ruhebedurftigen, wie Kolonien des Paradieses, voll frischer Quellen, die uber dichten Rasen und funkelnde Steine durch alte, ehrwurdige Haine rieselten, voll bunter Vogel mit melodischen Kehlen und anziehend durch mannichfaltige Uberbleibsel ehemaliger denkwurdiger Zeiten. Ihr wurdet mit Verwunderung, sagte sie, die buntfarbigen, hellen, seltsamen Zuge und Bilder auf den alten Steinplatten sehn. Sie scheinen so bekannt und nicht ohne Ursach so wohl erhalten zu seyn. Man sinnt und sinnt, einzelne Bedeutungen ahnet man, und wird um so begieriger den tiefsinnigen Zusammenhang dieser uralten Schrift zu errathen. Der unbekannte Geist derselben erregt ein ungewohnliches Nachdenken, und wenn man auch ohne den gewunschten Fund von dannen geht, so hat man doch tausend merkwurdige Entdeckungen in sich selbst gemacht, die dem Leben einen neuen Glanz und dem Gemuth eine lange, belohnende Beschaftigung geben. Das Leben auf einem langst bewohnten und ehemals schon durch Fleiss, Thatigkeit und Neigung verherrlichten Boden hat einen besondern Reiz. Die Natur scheint dort menschlicher und verstandlicher geworden, eine dunkle Erinnerung unter der durchsichtigen Gegenwart wirft die Bilder der Welt mit scharfen Umrissen zuruck, und so geniesst man eine doppelte Welt, die eben dadurch das Schwere und Gewaltsame verliert und die zauberische Dichtung und Fabel unserer Sinne wird. Wer weiss, ob nicht auch ein unbegreiflicher Einfluss der ehemaligen, jetzt unsichtbaren Bewohner mit ins Spiel kommt, und vielleicht ist es dieser dunkle Zug, der die Menschen aus neuen Gegenden, sobald eine gewisse Zeit ihres Erwachens kommt, mit so zerstorender Ungeduld nach der alten Heymath ihres Geschlechts treibt, und sie Gut und Blut an den Besitz dieser Lander zu wagen anregt. Nach einer Pause fuhr sie fort: Glaubt ja nicht, was man euch von den Grausamkeiten meiner Landsleute erzahlt hat. Nirgends wurden Gefangene grossmuthiger behandelt, und auch eure Pilger nach Jerusalem wurden mit Gastfreundschaft aufgenommen, nur dass sie selten derselben werth waren. Die Meisten waren nichtsnutzige, bose Menschen, die ihre Wallfahrten mit Bubenstucken bezeichneten, und dadurch freylich oft gerechter Rache in die Hande fielen. Wie ruhig hatten die Christen das heilige Grab besuchen konnen, ohne nothig zu haben, einen furchterlichen, unnutzen Krieg anzufangen, der alles erbittert, unendliches Elend verbreitet, und auf immer das Morgenland von Europa getrennt hat. Was lag an dem Namen des Besitzers? Unsere Fursten ehrten andachtsvoll das Grab eures Heiligen, den auch wir fur einen gottlichen Profeten halten; und wie schon hatte sein heiliges Grab die Wiege eines glucklichen Einverstandnisses, der Anlass ewiger wohlthatiger Bundnisse werden konnen!

Der Abend war unter ihren Gesprachen herbeygekommen. Es fing an Nacht zu werden, und der Mond hob sich aus dem feuchten Walde mit beruhigendem Glanze herauf. Sie stiegen langsam nach dem Schlosse; Heinrich war voll Gedanken, die kriegerische Begeisterung war ganzlich verschwunden. Er merkte eine wunderliche Verwirrung in der Welt; der Mond zeigte ihm das Bild eines trostenden Zuschauers und erhob ihn uber die Unebenheiten der Erdoberflache, die in der Hohe so unbetrachtlich erschienen, so wild und unersteiglich sie auch dem Wanderer vorkamen. Zulima ging still neben ihm her, und fuhrte das Kind. Heinrich trug die Laute. Er suchte die sinkende Hoffnung seiner Begleiterinn, ihr Vaterland dereinst wieder zu sehn, zu beleben, indem er innerlich einen heftigen Beruf fuhlte, ihr Retter zu seyn, ohne zu wissen, auf welche Art es geschehen konne. Eine besondere Kraft schien in seinen einfachen Worten zu liegen, denn Zulima empfand eine ungewohnte Beruhigung und dankte ihm fur seine Zusprache auf die ruhrendste Weise. Die Ritter waren noch bey ihren Bechern und die Mutter in hauslichen Gesprachen. Heinrich hatte keine Lust in den larmenden Saal zuruckzugehn. Er fuhlte sich mude, und begab sich bald mit seiner Mutter in das angewiesene Schlafgemach. Er erzahlte ihr vor dem Schlafengehn, was ihm begegnet sey, und schlief bald zu unterhaltenden Traumen ein. Die Kaufleute hatten sich auch zeitig fortbegeben, und waren fruh wieder munter. Die Ritter lagen in tiefer Ruhe, als sie abreisten; die Hausfrau aber nahm zartlichen Abschied. Zulima hatte wenig geschlafen, eine innere Freude hatte sie wach erhalten; sie erschien beym Abschiede, und bediente die Reisenden demuthig und emsig. Als sie Abschied nahmen brachte sie mit vielen Thranen ihre Laute zu Heinrich, und bat mit ruhrender Stimme, sie zu Zulimas Andenken mitzunehmen. Es war meines Bruders Laute, sagte sie, der sie mir beym Abschied schenkte; es ist das einzige Besitzthum, was ich gerettet habe. Sie schien euch gestern zu gefallen, und ihr lasst mir ein unschatzbares Geschenk zuruck, susse Hoffnung. Nehmt dieses geringe Zeichen meiner Dankbarkeit, und lasst es ein Pfand eures Andenkens an die arme Zulima seyn. Wir werden uns gewiss wiedersehn, und dann bin ich vielleicht glucklicher. Heinrich weinte; er weigerte sich, diese ihr so unentbehrliche Laute anzunehmen: gebt mir, sagte er, das goldene Band mit den unbekannten Buchstaben aus euren Haaren, wenn es nicht ein Andenken eurer Eltern oder Geschwister ist, und nehmt dagegen einen Schleyer an, den mir meine Mutter gern abtreten wird. Sie wich endlich seinem Zureden und gab ihm das Band, indem sie sagte, Es ist mein Name in den Buchstaben meiner Muttersprache, den ich in bessern Zeiten selbst in dieses Band gestickt habe. Betrachtet es gern, und denkt, dass es eine lange, kummervolle Zeit meine Haare festgehalten hat, und mit seiner Besitzerin verbleicht ist. Heinrichs Mutter zog den Schleyer heraus, und reichte ihr ihn hin, indem sie sie an sich zog und weinend umarmte.

Funftes Kapitel

Nach einigen Tagereisen kamen sie an ein Dorf, am Fusse einiger spitzen Hugel, die von tiefen Schluchten unterbrochen waren. Die Gegend war ubrigens fruchtbar und angenehm, ohngeachtet die Rucken der Hugel ein todtes, abschreckendes Ansehn hatten. Das Wirthshaus war reinlich, die Leute bereitwillig, und eine Menge Menschen, theils Reisende, theils blosse Trinkgaste, sassen in der Stube, und unterhielten sich von allerhand Dingen.

Unsre Reisenden gesellten sich zu ihnen, und mischten sich in die Gesprache. Die Aufmerksamkeit der Gesellschaft war vorzuglich auf einen alten Mann gerichtet, der in fremder Tracht an einem Tische sass, und freundlich die neugierigen Fragen beantwortete, die an ihn geschahen. Er kam aus fremden Landen, hatte sich heute fruh die Gegend umher genau betrachtet, und erzahlte nun von seinem Gewerbe und seinen heutigen Entdeckungen. Die Leute nannten ihn einen Schatzgraber. Er sprach aber sehr bescheiden von seinen Kenntnissen und seiner Macht, doch trugen seine Erzahlungen das Geprage der Seltsamkeit und Neuheit. Er erzahlte, dass er aus Bohmen geburtig sey. Von Jugend auf habe er eine heftige Neugierde gehabt zu wissen, was in den Bergen verborgen seyn musse, wo das Wasser in den Quellen herkomme, und wo das Gold und Silber und die kostlichen Steine gefunden wurden, die den Menschen so unwiderstehlich an sich zogen. Er habe in der nahen Klosterkirche oft diese festen Lichter an den Bildern und Reliquien betrachtet, und nur gewunscht, dass sie zu ihm reden konnten, um ihm von ihrer geheimnissvollen Herkunft zu erzahlen. Er habe wohl zuweilen gehort, dass sie aus weit entlegenen Landern kamen; doch habe er immer gedacht, warum es nicht auch in diesen Gegenden solche Schatze und Kleinodien geben konne. Die Berge seyen doch nicht umsonst so weit im Umfange und erhaben und so fest verwahrt; auch habe es ihm verdunkt, wie wenn er zuweilen auf den Gebirgen glanzende und flimmernde Steine gefunden hatte. Er sey fleissig in den Felsenritzen und Hohlen umhergeklettert, und habe sich mit unaussprechlichem Vergnugen in diesen uralten Hallen und Gewolben umgesehn. Endlich sey ihm einmal ein Reisender begegnet, der zu ihm gesagt, er musse ein Bergmann werden, da konne er die Befriedigung seiner Neugier finden. In Bohmen gabe es Bergwerke. Er solle nur immer an dem Flusse hinuntergehn, nach zehn bis zwolf Tagen werde er in Eula seyn, und dort durfe er nur sprechen, dass er gern ein Bergmann werden wolle. Er habe sich dies nicht zweymal sagen lassen, und sich gleich den andern Tag auf den Weg gemacht. Nach einem beschwerlichen Gange von mehreren Tagen, fuhr er fort, kam ich nach Eula. Ich kann euch nicht sagen, wie herrlich mir zu Muthe ward, als ich von einem Hugel die Haufen von Steinen erblickte, die mit grunen Gebuschen durchwachsen waren, auf denen breterne Hutten standen, und als ich aus dem Thal unten die Rauchwolken uber den Wald heraufziehn sah. Ein fernes Getose vermehrte meine Erwartungen, und mit unglaublicher Neugierde und voll stiller Andacht stand ich bald auf einem solchen Haufen, den man Halde nennt, vor den dunklen Tiefen, die im Innern der Hutten steil in den Berg hineinfuhrten. Ich eilte nach dem Thale und begegnete bald einigen schwarzgekleideten Mannern mit Lampen, die ich nicht mit Unecht fur Bergleute hielt, und mit schuchterner Angstlichkeit ihnen mein Anliegen vortrug. Sie horten mich freundlich an, und sagten mir, dass ich nur hinunter nach den Schmelzhutten gehn und nach dem Steiger fragen sollte, welcher den Anfuhrer und Meister unter ihnen vorstellt; dieser werde mir Bescheid geben, ob ich angenommen werden moge. Sie meynten, dass ich meinen Wunsch wohl erreichen wurde, und lehrten mich den ublichen Gruss "Gluck auf" womit ich den Steiger anreden sollte. Voll frohlicher Erwartungen setzte ich meinen Weg fort, und konnte nicht aufhoren, den neuen bedeutungsvollen Gruss mir bestandig zu wiederholen. Ich fand einen alten, ehrwurdigen Mann, der mich mit vieler Freundlichkeit empfing, und nachdem ich ihm meine Geschichte erzahlt, und ihm meine grosse Lust, seine seltne, geheimnissvolle Kunst zu erlernen, bezeugt hatte, bereitwillig versprach, mir meinen Wunsch zu gewahren. Ich schien ihm zu gefallen, und er behielt mich in seinem Hause. Den Augenblick konnte ich kaum erwarten, wo ich in die Grube fahren und mich in der reitzenden Tracht sehn wurde. Noch denselben Abend brachte er mir ein Grubenkleid, und erklarte mir den Gebrauch einiger Werkzeuge, die in einer Kammer aufbewahrt waren.

Abends kamen Bergleute zu ihm, und ich verfehlte kein Wort von ihren Gesprachen, so unverstandlich und fremd mir sowohl die Sprache, als der grosste Theil des Inhalts ihrer Erzahlungen vorkam. Das Wenige jedoch, was ich zu begreifen glaubte, erhohte die Lebhaftigkeit meiner Neugierde, und beschaftigte mich des Nachts in seltsamen Traumen. Ich erwachte bey Zeiten und fand mich bey meinem neuen Wirthe ein, bey dem sich allmahlich die Bergleute versammelten, um seine Verordnungen zu vernehmen. Eine Nebenstube war zu einer kleinen Kapelle vorgerichtet. Ein Monch erschien und las eine Messe, nachher sprach er ein feyerliches Gebet, worinn er den Himmel anrief, die Bergleute in seine heilige Obhut zu nehmen, sie bey ihren gefahrlichen Arbeiten zu unterstutzen, vor Anfechtungen und Tucken boser Geister sie zu schutzen, und ihnen reiche Anbruche zu bescheeren. Ich hatte nie mit mehr Inbrunst gebetet, und nie die hohe Bedeutung der Messe lebhafter empfunden. Meine kunftigen Genossen kamen mir wie unterirdische Helden vor, die tausend Gefahren zu uberwinden hatten, aber auch ein beneidenswerthes Gluck an ihren wunderbaren Kenntnissen besassen, und in dem ernsten, stillen Umgange mit den uralten Felsensohnen der Natur, in ihren dunkeln, wunderbaren Kammern, zum Empfangniss himmlischer Gaben und zur freudigen Erhebung uber die Welt und ihre Bedrangnisse ausgerustet wurden. Der Steiger gab mir nach geendigtem Gottesdienst eine Lampe und ein kleines holzernes Krucifix, und ging mit mir nach dem Schachte, wie wir die schroffen Eingange in die unterirdischen Gebaude zu nennen pflegen. Er lehrte mich die Art des Hinabsteigens, machte mich mit den nothwendigen Vorsichtigkeitsregeln, so wie mit den Namen der mannichfaltigen Gegenstande und Theile bekannt. Er fuhr voraus, und schurrte auf dem runden Balken hinunter, indem er sich mit der einen Hand an einem Seil anhielt, das in einem Knoten an einer Seitenstange fortglitschte, und mit der andern die brennende Lampe trug; ich folgte seinem Beispiel, und wir gelangten so mit ziemlicher Schnelle bald in eine betrachtliche Tiefe. Mir war seltsam feyerlich zu Muthe, und das vordere Licht funkelte wie ein glucklicher Stern, der mir den Weg zu den verborgenen Schatzkammern der Natur zeigte. Wir kamen unten in einen Irrgarten von Gangen, und mein freundlicher Meister ward nicht mude meine neugierigen Fragen zu beantworten, und mich uber seine Kunst zu unterrichten. Das Rauschen des Wassers, die Entfernung von der bewohnten Oberflache, die Dunkelheit und Verschlungenheit der Gange, und das entfernte Gerausch der arbeitenden Bergleute ergotzte mich ungemein, und ich fuhlte nun mit Freuden mich im vollen Besitz dessen, was von jeher mein sehnlichster Wunsch gewesen war. Es lasst sich auch diese volle Befriedigung eines angebornen Wunsches, diese wundersame Freude an Dingen, die ein naheres Verhaltniss zu unserm geheimen Daseyn haben mogen, zu Beschaftigungen, fur die man von der Wiege an bestimmt und ausgerustet ist, nicht erklaren und beschreiben. Vielleicht dass sie jedem Andern gemein, unbedeutend und abschrekkend vorgekommen waren; aber mir scheinen sie so unentbehrlich zu seyn, wie die Luft der Brust und die Speise dem Magen. Mein alter Meister freute sich uber meine innige Lust, und verhiess mir, dass ich bey diesem Fleisse und dieser Aufmerksamkeit es weit bringen, und ein tuchtiger Bergmann werden wurde. Mit welcher Andacht sah ich zum erstenmal in meinem Leben am sechzehnten Marz, vor nunmehr funf und vierzig Jahren, den Konig der Metalle in zarten Blattchen zwischen den Spalten des Gesteins. Es kam mir vor, als sey er hier wie in festen Gefangnissen eingesperrt und glanze freundlich dem Bergmann entgegen, der mit soviel Gefahren und Muhseligkeiten sich den Weg zu ihm durch die starken Mauern gebrochen, um ihn an das Licht des Tages zu fordern, damit er an koniglichen Kronen und Gefassen und an heiligen Reliquien zu Ehren gelangen, und in geachteten und wohlverwahrten Munzen, mit Bildnissen geziert, die Welt beherrschen und leiten moge. Von der Zeit an blieb ich in Eula, und stieg allmahlich bis zum Hauer, welches der eigentliche Bergmann ist, der die Arbeiten auf dem Gestein betreibt, nachdem ich anfanglich bey der Ausforderung der losgehauenen Stufen in Korben angestellt gewesen war.

Der alte Bergmann ruhte ein wenig von seiner Erzahlung aus, und trank, indem ihm seine aufmerksamen Zuhorer ein froliches Gluckauf zubrachten. Heinrichen erfreuten die Reden des alten Mannes ungemein, und er war sehr geneigt noch mehr von ihm zu horen.

Die Zuhorer unterhielten sich von den Gefahren und Seltsamkeiten des Bergbaus, und erzahlten wunderbare Sagen, uber die der Alte oft lachelte, und freundlich ihre sonderbaren Vorstellungen zu berichtigen bemuht war.

Nach einer Weile sagte Heinrich: Ihr mogt seitdem viel seltsame Dinge gesehn und erfahren haben; hoffentlich hat euch nie eure gewahlte Lebensart gereut? Wart ihr nicht so gefallig und erzahltet uns wie es euch seit dem ergangen, und auf welcher Reise ihr jetzt begriffen seyd? Es scheint, als hattet ihr euch weiter in der Welt umgesehn, und gewiss darf ich vermuthen, dass ihr jetzt mehr als einen gemeinen Bergmann vorstellt. Es ist mir selber lieb, sagte der Alte, mich der verflossenen Zeiten zu erinnern, in denen ich Anlasse finde, mich der gottlichen Barmherzigkeit und Gute zu erfreun. Das Geschick hat mich durch ein frohes und heitres Leben gefuhrt, und es ist kein Tag vorubergegangen, an welchem ich mich nicht mit dankbarem Herzen zur Ruhe gelegt hatte. Ich bin immer glucklich in meinen Verrichtungen gewesen, und unser aller Vater im Himmel hat mich vor dem Bosen behutet, und in Ehren grau werden lassen. Nachst ihm habe ich alles meinem alten Meister zu verdanken, der nun lange zu seinen Vatern versammelt ist, und an den ich nie ohne Thranen denken kann. Er war ein Mann aus der alten Zeit nach dem Herzen Gottes. Mit tiefen Einsichten war er begabt, und doch kindlich und demuthig in seinem Thun. Durch ihn ist das Bergwerk in grossen Flor gekommen, und hat dem Herzoge von Bohmen zu ungeheuren Schatzen verholfen. Die ganze Gegend ist dadurch bevolkert und wohlhabend, und ein bluhendes Land geworden. Alle Bergleute verehrten ihren Vater in ihm, und so lange Eula steht, wird auch sein Name mit Ruhrung und Dankbarkeit genannt werden. Er war seiner Geburt nach ein Lausitzer und hiess Werner. Seine einzige Tochter war noch ein Kind, wie ich zu ihm ins Haus kam. Meine Amsigkeit, meine Treue, und meine leidenschaftliche Anhanglichkeit an ihn, gewannen mir seine Liebe mit jedem Tage mehr. Er gab mir seinen Namen und machte mich zu seinem Sohne. Das kleine Madchen ward nach gerade ein wackres, muntres Geschopf, deren Gesicht so freundlich glatt und weiss war, wie ihr Gemuth. Der Alte sagte mir oft, wenn er sah, dass sie mir zugethan war, dass ich gern mit ihr schakerte, und kein Auge von den ihrigen verwandte, die so blau und offen, wie der Himmel waren, und wie die Krystalle glanzten: wenn ich ein rechtlicher Bergmann werden wurde, wolle er sie mir nicht versagen; und er hielt Wort. Den Tag, wie ich Hauer wurde, legte er seine Hande auf uns und segnete uns als Braut und Brautigam ein, und wenige Wochen darauf fuhrte ich sie als meine Frau auf meine Kammer. Denselben Tag hieb ich in der Fruhschicht noch als Lehrhauer, eben wie die Sonne oben aufging, eine reiche Ader an. Der Herzog schickte mir eine goldene Kette mit seinem Bildniss auf einer grossen Munze, und versprach mir den Dienst meines Schwiegervaters. Wie glucklich war ich, als ich sie am Hochzeittage meiner Braut um den Hals hangen konnte, und Aller Augen auf sie gerichtet waren. Unser alte[r] Vater erlebte noch einige muntre Enkel, und die Anbruche seines Herbstes waren reicher, als er gedacht hatte. Er konnte mit Freudigkeit seine Schicht beschliessen, und aus der dunkeln Grube dieser Welt fahren, um in Frieden auszuruhen, und den grossen Lohntag zu erwarten. Herr, sagte der Alte, indem er sich zu Heinrichen wandte, und einige Thranen aus den Augen trocknete, der Bergbau muss von Gott gesegnet werden! denn es giebt keine Kunst, die ihre Theilhaber glucklicher und edler machte, die mehr den Glauben an eine himmlische Weisheit und Fugung erweckte, und die Unschuld und Kindlichkeit des Herzens reiner erhielte, als der Bergbau. Arm wird der Bergmann geboren, und arm gehet er wieder dahin. Er begnugt sich zu wissen, wo die metallischen Machte gefunden werden, und sie zu Tage zu fordern; aber ihr blendender Glanz vermag nichts uber sein lautres Herz. Unentzundet von gefahrlichem Wahnsinn, freut er sich mehr uber ihre wunderlichen Bildungen, und die Seltsamkeiten ihrer Herkunft und ihrer Wohnungen, als uber ihren alles verheissenden Besitz. Sie haben fur ihn keinen Reiz mehr, wenn sie Waaren geworden sind, und er sucht sie lieber unter tausend Gefahren und Muhseligkeiten in den Vesten der Erde, als dass er ihrem Rufe in die Welt folgen, und auf der Oberflache des Bodens durch tauschende, hinterlistige Kunste nach ihnen trachten sollte. Jene Muhseeligkeiten erhalten sein Herz frisch und seinen Sinn wacker; er geniesst seinen karglichen Lohn mit inniglichem Danke, und steigt jeden Tag mit verjungter Lebensfreude aus den dunkeln Gruften seines Berufs. Nur Er kennt die Reize des Lichts und der Ruhe, die Wohlthatigkeit der freyen Luft und Aussicht um sich her; nur ihm schmeckt Trank und Speise recht erquicklich und andachtig, wie der Leib des Herrn; und mit welchem liebevollen und empfanglichen Gemuth tritt er nicht unter seines Gleichen, oder herzt seine Frau und Kinder, und ergotzt sich dankbar an der schonen Gabe des traulichen Gesprachs!

Sein einsames Geschaft sondert ihn vom Tage und dem Umgange mit Menschen einen grossen Theil seines Lebens ab. Er gewohnt sich nicht zu einer stumpfen Gleichgultigkeit gegen diese uberirdischen tiefsinnigen Dinge und behalt die kindliche Stimmung, in der ihm alles mit seinem eigenthumlichsten Geiste und in seiner ursprunglichen bunten Wunderbarkeit erscheint. Die Natur will nicht der ausschliessliche Besitz eines Einzigen seyn. Als Eigenthum verwandelt sie sich in ein boses Gift, was die Ruhe verscheucht, und die verderbliche Lust, alles in diesen Kreis des Besitzers zu ziehn, mit einem Gefolge von unendlichen Sorgen und wilden Leidenschaften herbeylockt. So untergrabt sie heimlich den Grund des Eigenthumers, und begrabt ihn bald in den einbrechenden Abgrund, um aus Hand in Hand zu gehen, und so ihre Neigung, Allen anzugehoren, allmahlich zu befriedigen.

Wie ruhig arbeitet dagegen der arme genugsame Bergmann in seinen tiefen Einoden, entfernt von dem unruhigen Tumult des Tages, und einzig von Wissbegier und Liebe zur Eintracht beseelt. Er gedenkt in seiner Einsamkeit mit inniger Herzlichkeit seiner Genossen und seiner Familie, und fuhlt immer erneuert die gegenseitige Unentbehrlichkeit und Blutsverwandtschaft der Menschen. Sein Beruf lehrt ihn unermudliche Geduld, und lasst nicht zu, dass sich seine Aufmerksamkeit in unnutze Gedanken zerstreue. Er hat mit einer wunderlichen harten und unbiegsamen Macht zu thun, die nur durch hartnackigen Fleiss und bestandige Wachsamkeit zu uberwinden ist. Aber welches kostliche Gewachs bluht ihm auch in diesen schauerlichen Tiefen, das wahrhafte Vertrauen zu seinem himmlischen Vater, dessen Hand und Vorsorge ihm alle Tage in unverkennbaren Zeichen sichtbar wird. Wie unzahliche mal habe ich nicht vor Ort gesessen, und bey dem Schein meiner Lampe das schichte Krucifix mit der innigsten Andacht betrachtet! da habe ich erst den heiligen Sinn dieses rathselhaften Bildnisses recht gefasst, und den edelsten Gang meines Herzens erschurft, der mir eine ewige Ausbeute gewahrt hat.

Der Alte fuhr nach einer Weile fort und sagte: Wahrhaftig, das muss ein gottlicher Mann gewesen seyn, der den Menschen zuerst die edle Kunst des Bergbaus gelehrt, und in dem Schoosse der Felsen dieses ernste Sinnbild des menschlichen Lebens verborgen hat. Hier ist der Gang machtig und gebrach, aber arm, dort druckt ihn der Felsen in eine armselige, unbedeutende Kluft zusammen, und gerade hier brechen die edelsten Geschicke ein. Andre Gange verunedlen ihn, bis sich ein verwandter Gang freundlich mit ihm schaart, und seinen Werth unendlich erhoht. Oft zerschlagt er sich vor dem Bergmann in tausend Trummern: aber der Geduldige lasst sich nicht schrecken, er verfolgt ruhig seinen Weg, und sieht seinen Eifer belohnt, indem er ihn bald wieder in neuer Machtigkeit und Hoflichkeit ausrichtet. Oft lockt ihn ein betrugliches Trum aus der wahren Richtung; aber bald erkennt er den falschen Weg, und bricht mit Gewalt querfeldein, bis er den wahren erzfuhrenden Gang wiedergefunden hat. Wie bekannt wird hier nicht der Bergmann mit allen Launen des Zufalls, wie sicher aber auch, dass Eifer und Bestandigkeit die einzigen untruglichen Mittel sind, sie zu bemeistern, und die von ihnen hartnackig vertheidigten Schatze zu heben.

Es fehlt euch gewiss nicht, sagte Heinrich, an ermunternden Liedern. Ich sollte meinen, dass euch euer Beruf unwillkuhrlich zu Gesangen begeistern und die Musik eine willkommne Begleiterin der Bergleute seyn musste.

Da habt ihr wahr gesprochen, erwiederte der Alte; Gesang und Zitherspiel gehort zum Leben des Bergmanns, und kein Stand kann mit mehr Vergnugen die Reize derselben geniessen, als der unsrige. Musik und Tanz sind eigentliche Freuden des Bergmanns; sie sind wie ein froliches Gebet, und die Erinnerungen und Hofnungen desselben helfen die muhsame Arbeit erleichtern und die lange Einsamkeit kurzen.

Wenn es euch gefallt, so will ich euch gleich einen Gesang zum Besten geben, der fleissig in meiner Jugend gesungen wurde.

Der ist der Herr der Erde,

Wer ihre Tiefen misst,

Und jeglicher Beschwerde

In ihrem Schooss vergisst.

*

Wer ihrer Felsenglieder

Geheimen Bau versteht,

Und unverdrossen nieder

Zu ihrer Werkstatt gellt.

*

Er ist mit ihr verbundet,

Und inniglich vertraut,

Und wird von ihr entzundet,

Als war' sie seine Braut.

*

Er sieht ihr alle Tage

Mit neuer Liebe zu

Und scheut nicht Fleiss und Plage,

Sie lasst ihm keine Ruh.

*

Die machtigen Geschichten

Der langst verflossnen Zeit,

Ist sie ihm zu berichten

Mit Freundlichkeit bereit.

*

Der Vorwelt heilge Lufte

Umwehn sein Angesicht,

Und in die Nacht der Klufte

Strahlt ihm ein ewges Licht.

*

Er trift auf allen Wegen

Ein wohlbekanntes Land,

Und gern kommt sie entgegen

Den Werken seiner Hand.

*

Ihm folgen die Gewasser

Hulfreich den Berg hinauf;

Und alle Felsenschlosser,

Thun ihre Schatz' ihm auf.

*

Er fuhrt des Goldes Strome

In seines Konigs Haus,

Und schmuckt die Diademe

Mit edlen Steinen aus.

*

Zwar reicht er treu dem Konig

Den gluckbegabten Arm,

Doch fragt er nach ihm wenig

Und bleibt mit Freuden arm.

*

Sie mogen sich erwurgen

Am Fuss um Gut und Geld;

Er bleibt auf den Gebirgen

Der frohe Herr der Welt.

*

Heinrichen gefiel das Lied ungemein, und er bat den Alten, ihm noch eins mitzutheilen. Der Alte war auch gleich bereit und sagte: Ich weiss noch ein wunderliches Lied, was wir selbst nicht wissen, wo es her ist.

Es brachte es ein reisender Bergmann mit, der weit herkam, und ein sonderlicher Ruthenganger war. Das Lied fand grossen Beyfall, weil es so seltsamlich klang, beynah so dunkel und unverstandlich, wie die Musik selbst, aber eben darum auch so unbegreiflich anzog, und im wachenden Zustande wie ein Traum unterhielt.

Ich kenne wo ein festes Schloss

Ein stiller Konig wohnt darinnen,

Mit einem wunderlichen Tross;

Doch steigt er nie auf seine Zinnen.

Verborgen ist sein Lustgemach

Und unsichtbare Wachter lauschen;

Nur wohlbekannte Quellen rauschen

Zu ihm herab vom bunten Dach.

*

Was ihre hellen Augen sahn

In der Gestirne weiten Salen,

Das sagen sie ihm treulich an

Und konnen sich nicht satt erzahlen.

Er badet sich in ihrer Flut,

Wascht sauber seine zarten Glieder

Und seine Stralen blinken wieder

Aus seiner Mutter weissem Blut.

*

Sein Schloss ist alt und wunderbar,

Es sank herab aus tiefen Meeren

Stand fest, und steht noch immerdar,

Die Flucht zum Himmel zu verwehren.

Von innen schlingt ein heimlich Band

Sich um des Reiches Unterthanen,

Und Wolken wehn wie Siegesfahnen

Herunter von der Felsenwand.

*

Ein unermessliches Geschlecht

Umgiebt die festverschlossenen Pforten,

Ein jeder spielt den treuen Knecht

Und ruft den Herrn mit sussen Worten.

Sie fuhlen sich durch ihn begluckt,

Und ahnden nicht, dass sie gefangen;

Berauscht von truglichem Verlangen

Weiss keiner, wo der Schuh ihn druckt.

*

Nur Wenige sind schlau und wach,

Und dursten nicht nach seinen Gaben;

Sie trachten unablassig nach,

Das alte Schloss zu untergraben.

Der Heimlichkeit urmachtgen Bann,

Kann nur die Hand der Einsicht losen;

Gelingt's das Innere zu entblossen

So bricht der Tag der Freyheit an.

*

Dem Fleiss ist keine Wand zu fest,

Dem Muth kein Abgrund unzuganglich;

Wer sich auf Herz und Hand verlasst

Spurt nach dem Konig unbedenklich.

Aus seinen Kammern holt er ihn,

Vertreibt die Geister durch die Geister,

Macht sich der wilden Fluten Meister,

Und heisst sie selbst heraus sich ziehn.

*

Je mehr er nun zum Vorschein kommt

Und wild umher sich treibt auf Erden:

Je mehr wird seine Macht gedammt,

Je mehr die Zahl der Freyen werden.

Am Ende wird von Banden los

Das Meer die leere Burg durchdringen

Und tragt auf weichen grunen Schwingen

Zuruck uns in der Heymath Schooss.

*

Es dunkte Heinrichen, wie der Alte geendigt hatte, als habe er das Lied schon irgend wo gehort. Er liess es sich wiederholen und schrieb es sich auf. Der Alte ging nachher hinaus und die Kaufleute sprachen unterdessen mit den andern Gasten uber die Vortheile des Bergbaues und seine Muhseligkeiten. Einer sagte: der Alte ist gewiss nicht umsonst hier. Er ist heute zwischen den Hugeln umhergeklettert und hat gewiss gute Anzeichen gefunden. Wir wollen ihn doch fragen, wenn er wieder herein kommt. Wisst ihr wohl, sagte ein Andrer, dass wir ihn bitten konnten, eine Quelle fur unser Dorf zu suchen? Das Wasser ist weit, und ein guter Brunnen ware uns sehr willkommen. Mir fallt ein, sagte ein dritter, dass ich ihn fragen mochte, oder er einen von meinen Sohnen mit sich nehmen will, der mir schon das ganze Haus voll Steine getragen hat. Der Junge wird gewiss ein tuchtiger Bergmann, und der Alte scheint ein guter Mann zu seyn, der wird schon was Rechtes aus ihm ziehn. Die Kaufleute redeten, ob sie vielleicht durch den Bergmann ein vortheilhaftes Verkehr mit Bohmen anspinnen und Metalle daher zu guten Preisen erhalten mochten. Der Alte trat wieder in die Stube, und alle wunschten seine Bekanntschaft zu benutzen. Er fing an und sagte: Wie dumpf und angstlich ist es doch hier in der engen Stube. Der Mond steht draussen in voller Herrlichkeit, und ich hatte grosse Lust noch einen Spaziergang zu machen. Ich habe heute bey Tage einige merkwurdige Hohlen hier in der Nahe gesehn. Vielleicht entschliessen sich Einige mitzugehn; und wenn wir nur Licht mitnehmen, so werden wir ohne Schwierigkeiten uns darinn umsehn konnen.

Den Leuten aus dem Dorfe waren diese Hohlen schon bekannt: aber bis jetzt hatte keiner gewagt hineinzusteigen; vielmehr trugen sie sich mit furchterlichen Sagen von Drachen und andern Unthieren, die darinn hausen sollten. Einige wollten sie selbst gesehn haben, und behaupteten, dass man Knochen an ihrem Eingange von geraubten und verzehrten Menschen und Thieren fande. Einige andre vermeinten, dass ein Geist dieselben bewohne, wie sie denn einigemal aus der Ferne eine seltsame menschliche Gestalt gesehn, auch zur Nachtzeit Gesange da heruber gehort haben wollten.

Der Alte schien ihnen keinen grossen Glauben beyzumessen, und versicherte lachend, dass sie unter dem Schutze eines Bergmanns getrost mitgehn konnten, indem die Ungeheuer sich vor ihm scheuen mussten, ein singender Geist aber gewiss ein wohlthatiges Wesen sey. Die Neugier machte viele beherzt genug, seinen Vorschlag einzugehn; auch Heinrich wunschte ihn zu begleiten, und seine Mutter gab endlich auf das Zureden und Versprechen des Alten, genaue Acht auf Heinrichs Sicherheit zu haben, seinen Bitten nach. Die Kaufleute waren eben so entschlossen. Es wurden lange Kienspane zu Fackeln zusammengeholt; ein Theil der Gesellschaft versah sich noch zum Uberfluss mit Leitern, Stangen, Stricken und allerhand Vertheidigungswerkzeugen, und so begann endlich die Wallfahrt nach den nahen Hugeln. Der Alte ging mit Heinrich und den Kaufleuten voran. Jener Bauer hatte seinen wissbegierigen Sohn herbeygeholt, der voller Freude sich einer Fackel bemachtigte, und den Weg zu den Hohlen zeigte. Der Abend war heiter und warm. Der Mond stand in mildem Glanze uber den Hugeln, und liess wunderliche Traume in allen Kreaturen aufsteigen. Selbst wie ein Traum der Sonne, lag er uber der in sich gekehrten Traumwelt, und fuhrte die in unzahlige Grenzen getheilte Natur in jene fabelhafte Urzeit zuruck, wo jeder Keim noch fur sich schlummerte, und einsam und unberuhrt sich vergeblich sehnte, die dunkle Fulle seines unermesslichen Daseyns zu entfalten. In Heinrichs Gemuth spiegelte sich das Mahrchen des Abends. Es war ihm, als ruhte die Welt aufgeschlossen in ihm, und zeigte ihm, wie einem Gastfreunde, alle ihre Schatze und verborgenen Lieblichkeiten. Ihm dunkte die grosse einfache Erscheinung um ihn so verstandlich. Die Natur schien ihm nur deswegen so unbegreiflich, weil sie das Nachste und Traulichste mit einer solchen Verschwendung von mannichfachen Ausdrucken um den Menschen her thurmte. Die Worte des Alten hatten eine versteckte Tapetenthur in ihm geoffnet. Er sah sein kleines Wohnzimmer dicht an einen erhabenen Munster gebaut, aus dessen steinernem Boden die ernste Vorwelt emporstieg, wahrend von der Kuppel die klare froliche Zukunft in goldnen Engelskindern ihr singend entgegenschwebte. Gewaltige Klange bebten in den silbernen Gesang, und zu den weiten Thoren traten alle Creaturen herein, von denen jede ihre innere Natur in einer einfachen Bitte und in einer eigenthumlichen Mundart vernehmlich aussprach. Wie wunderte er sich, dass ihm diese klare, seinem Daseyn schon unentbehrliche Ansicht so lange fremd geblieben war. Nun ubersah er auf einmal alle seine Verhaltnisse mit der weiten Welt um ihn her; fuhlte was er durch sie geworden und was sie ihm werden wurde, und begrif alle die seltsamen Vorstellungen und Anregungen, die er schon oft in ihrem Anschauen gespurt hatte. Die Erzahlung der Kaufleute von dem Junglinge, der die Natur so emsig betrachtete, und der Eydam des Konigs wurde, kam ihm wieder zu Gedanken, und tausend andere Erinnerungen seines Lebens knupften sich von selbst an einen zauberischen Faden. Wahrend der Zeit, dass Heinrich seinen Betrachtungen nachhing, hatte sich die Gesellschaft der Hohle genahert. Der Eingang war niedrig, und der Alte nahm eine Fackel und kletterte uber einige Steine zuerst hinein. Ein ziemlich fuhlbarer Luftstrom kam ihm entgegen, und der Alte versicherte, dass sie getrost folgen konnten. Die Furchtsamsten gingen zuletzt, und hielten ihre Waffen in Bereitschaft. Heinrich und die Kaufleute waren hinter dem Alten und der Knabe wanderte munter an seiner Seite. Der Weg lief anfanglich in einem ziemlich schmalen Gange, welcher sich aber bald in eine sehr weite und hohe Hohle endigte, die der Fackelglanz nicht vollig zu erleuchten vermocht; doch sah man im Hintergrunde einige Offnungen sich in die Felsenwand verlieren. Der Boden war weich und ziemlich eben; die Wande so wie die Decke waren ebenfalls nicht rauh und unregelmassig; aber was die Aufmerksamkeit Aller vorzuglich beschaftigte, war die unzahlige Menge von Knochen und Zahnen, die den Boden bedeckten. Viele waren vollig erhalten, an andern sah man Spuren der Verwesung, und die, welche aus den Wanden hin und wieder hervorragten, schienen steinartig geworden zu seyn. Die Meisten waren von ungewohnlicher Grosse und Starke. Der Alte freute sich uber diese Uberbleibsel einer uralten Zeit; nur den Bauern war nicht wohl dabey zu Muthe, denn sie hielten sie fur deutliche Spuren naher Raubthiere, so uberzeugend ihnen auch der Alte die Zeichen eines undenklichen Alterthums daran aufwies, und sie fragte, ob sie je etwas von Verwustungen unter ihren Heerden und vom Raube benachbarter Menschen gespurt hatten, und ob sie jene Knochen fur Knochen bekannter Thiere oder Menschen halten konnten? Der Alte wollte nun weiter in den Berg, aber die Bauern fanden fur rathsam sich vor die Hohle zuruckzuziehn, und dort seine Ruckkunft abzuwarten. Heinrich, die Kaufleute und der Knabe blieben bey dem Alten, und versahen sich mit Strikken und Fackeln. Sie gelangten bald in eine zweyte Hohle, wobey der Alte nicht vergass, den Gang aus dem sie hereingekommen waren, durch eine Figur von Knochen, die er davor hinlegte, zu bezeichnen. Die Hohle glich der vorigen und war eben so reich an thierischen Resten. Heinrichen war schauerlich und wunderbar zu Muthe; es gemahnte ihn, als wandle er durch die Vorhofe des innern Erdenpalastes. Himmel und Leben lag ihm auf einmal weit entfernt, und diese dunkeln weiten Hallen schienen zu einem unterirdischen seltsamen Reiche zu gehoren. Wie, dachte er bey sich selbst, ware es moglich, dass unter unsern Fussen eine eigene Welt in einem ungeheuern Leben sich bewegte? dass unerhorte Geburten in den Vesten der Erde ihr Wesen trieben, die das innere Feuer des dunkeln Schoosses zu riesenmassigen und geistesgewaltigen Gestalten auftriebe? Konnten dereinst diese schauerlichen Fremden, von der eindringenden Kalte hervorgetrieben, unter uns erscheinen, wahrend vielleicht zu gleicher Zeit himmlische Gaste, lebendige, redende Krafte der Gestirne uber unsern Hauptern sichtbar wurden? Sind diese Knochen Uberreste ihrer Wanderungen nach der Oberflache, oder Zeichen einer Flucht in die Tiefe?

Auf einmal rief der Alte die Andern herbey, und zeigte ihnen eine ziemlich frische Menschenspur auf dem Boden. Mehrere konnten sie nicht finden, und so glaubte der Alte, ohne furchten zu mussen, auf Rauber zu stossen, der Spur nachgehen zu konnen. Sie waren eben im Begriff dies auszufuhren, als auf einmal, wie unter ihren Fussen, aus einer fernen Tiefe ein ziemlich vernehmlicher Gesang anfing. Sie erstaunten nicht wenig, doch horchten sie genau auf:

Gern verweil' ich noch im Thale

Lachelnd in der tiefen Nacht,

Denn der Liebe volle Schaale

Wird mir taglich dargebracht.

*

Ihre heilgen Tropfen heben

Meine Seele hoch empor,

Und ich steh in diesem Leben

Trunken an des Himmels Thor.

*

Eingewiegt in seelges Schauen

Angstigt mein Gemuth kein Schmerz.

O! die Koniginn der Frauen

Giebt mir ihr getreues Herz.

*

Bangverweinte Jahre haben

Diesen schlechten Thon verklart,

Und ein Bild ihm eingegraben,

Das ihm Ewigkeit gewahrt.

*

Jene lange Zahl von Tagen

Dunkt mir nur ein Augenblick;

Werd ich einst von hier getragen

Schau ich dankbar noch zuruck.

*

Alle waren auf das angenehmste uberrascht, und wunschten sehnlichst den Sanger zu entdecken.

Nach einigem Suchen trafen sie in einem Winkel der rechten Seitenwand, einen abwarts gesenkten Gang, in welchen die Fuss[s]tapfen zu fuhren schienen. Bald dunkte es ihnen, eine Hellung zu bemerken, die starker wurde, je naher sie kamen. Es that sich ein neues Gewolbe von noch grosserem Umfange, als die vorherigen, auf, in dessen Hintergrunde sie bey einer Lampe eine menschliche Gestalt sitzen sahen, die vor sich auf einer steinernen Platte ein grosses Buch liegen hatte, in welchem sie zu lesen schien.

Sie drehte sich nach ihnen zu, stand auf und ging ihnen entgegen. Es war ein Mann, dessen Alter man nicht errathen konnte. Er sah weder alt noch jung aus, keine Spuren der Zeit bemerkte man an ihm, als schlichte silberne Haare, die auf der Stirn gescheitelt waren. In seinen Augen lag eine unaussprechliche Heiterkeit, als sahe er von einem hellen Berge in einen unendlichen Fruhling hinein. Er hatte Sohlen an die Fusse gebunden, und schien keine andere Kleidung zu haben, als einen weiten Mantel, der um ihn hergeschlungen war, und seine edle grosse Gestalt noch mehr heraus hob. Uber ihre unvermuthete Ankunft schien er nicht im mindesten verwundert; wie ein Bekannter begrusste er sie. Es war, als empfing er erwartete Gaste in seinem Wohnhause. Es ist doch schon, dass ihr mich besucht, sagte er; Ihr seyd die ersten Freunde, die ich hier sehe, so lange ich auch schon hier wohne. Scheint es doch, als finge man an, unser grosses wunderbares Haus genauer zu betrachten. Der Alte erwiederte: Wir haben nicht vermuthet, einen so freundlichen Wirth hier zu finden. Von wilden Thieren und Geistern war uns erzahlt, und nun sehen wir uns auf das anmuthigste getauscht. Wenn wir euch in eurer Andacht und in euren tiefsinnigen Betrachtungen gestort haben, so verzeiht es unserer Neugierde. Konnte eine Betrachtung erfreulicher seyn, sagte der Unbekannte, als die froher uns zusagender Menschengesichter? Haltet mich nicht fur einen Menschenfeind, weil ihr mich in dieser Einode trefft. Ich habe die Welt nicht geflohen, sondern ich habe nur eine Ruhestatte gesucht, wo ich ungestort meinen Betrachtungen nachhangen konnte. Hat euch euer Entschluss nie gereut, und kommen nicht zuweilen Stunden, wo euch bange wird und euer Herz nach einer Menschenstimme verlangt? Jetzt nicht mehr. Es war eine Zeit in meiner Jugend, wo eine heisse Schwarmerey mich veranlasste, Einsiedler zu werden. Dunkle Ahndungen beschaftigten meine jugendliche Fantasie. Ich hoffte volle Nahrung meines Herzens in der Einsamkeit zu finden. Unerschopflich dunkte mir die Quelle meines innern Lebens. Aber ich merkte bald, dass man eine Fulle von Erfahrungen dahin mitbringen muss, dass ein junges Herz nicht allein seyn kann, ja dass der Mensch erst durch vielfachen Umgang mit seinem Geschlecht eine gewisse Selbststandigkeit erlangt.

Ich glaube selbst, erwiederte der Alte, dass es einen gewissen naturlichen Beruf zu jeder Lebensart giebt, und vielleicht, dass die Erfahrungen eines zunehmenden Alters von selbst auf eine Zuruckziehung aus der menschlichen Gesellschaft fuhren. Scheint es doch, als sey dieselbe der Thatigkeit, sowohl zum Gewinnst als zur Erhaltung gewidmet. Eine grosse Hoffnung, ein gemeinschaftlicher Zweck treibt sie mit Macht; und Kinder und Alte scheinen nicht dazu zu gehoren. Unbehulflichkeit und Unwissenheit schliessen die Ersten davon aus, wahrend die letztern jene Hoffnung erfullt, jenen Zweck erreicht sehen, und nun nicht mehr von ihnen in den Kreise jener Gesellschaft verflochten, in sich selbst zuruckkehren, und genug zu thun finden, sich auf eine hohere Gemeinschaft wurdig vorzubereiten. Indess scheinen bey euch noch besondere Ursachen statt gefunden zu haben, euch so ganzlich von den Menschen abzusondern und Verzicht auf alle Bequemlichkeiten der Gesellschaft zu leisten. Mich dunkt, dass die Spannung eures Gemuths doch oft nachlassen und euch dann unbehaglich zu Muthe werden musste.

Ich fuhlte das wohl, indess habe ich es glucklich durch eine strenge Regelmassigkeit meines Lebens zu vermeiden gewusst. Dabey suche ich mich durch Bewegung gesund zu erhalten, und dann hat es keine Noth. Jeden Tag gehe ich mehrere Stunden herum, und geniesse den Tag und die Luft soviel ich kann. Sonst halte ich mich in diesen Hallen auf, und beschaftige mich zu gewissen Stunden mit Korbflechten und Schnitzen. Fur meine Waaren tausche ich mir in entlegenen Ortschaften Lebensmittel ein, Bucher hab ich mir mitgebracht, und so vergeht die Zeit, wie ein Augenblick. In jenen Gegenden habe ich einige Bekannte, die um meinen Aufenthalt wissen, und von denen ich erfahre, was in der Welt geschieht. Diese werden mich begraben, wenn ich todt bin und meine Bucher zu sich nehmen.

Er fuhrte sie naher an seinen Sitz, der nahe an der Hohlenwand war. Sie sahen mehrere Bucher auf der Erde liegen, auch eine Zither, und an der Wand hing eine vollige Rustung, die ziemlich kostbar zu seyn schien. Der Tisch bestand aus funf grossen steinernen Platten, die wie ein Kasten zusammengesetzt waren. Auf der obersten lagen eine mannliche und weibliche Figur in Lebensgrosse eingehauen, die einen Kranz von Lilien und Rosen angefasst hatten; an den Seiten stand:

Friedrich und Marie von Hohenzollern

kehrten auf dieser Stelle in ihr Vaterland zuruck.

Der Einsiedler fragte seine Gaste nach ihrem Vaterlande, und wie sie in diese Gegenden gekommen waren. Er war sehr freundlich und offen, und verrieth eine grosse Bekanntschaft mit der Welt. Der Alte sagte: Ich sehe, ihr seyd ein Kriegsmann gewesen, die Rustung verrath euch. Die Gefahren und Wechsel des Krieges, der hohe poetische Geist, der ein Kriegsheer begleitet, rissen mich aus meiner jugendlichen Einsamkeit und bestimmten die Schicksale meines Lebens. Vielleicht, dass das lange Getummel, die unzahligen Begebenheiten, denen ich beywohnte, mir den Sinn fur die Einsamkeit noch mehr geoffnet haben: die zahllosen Erinnerungen sind eine unterhaltende Gesellschaft, und dies um so mehr, je veranderter der Blick ist, mit dem wir sie uberschauen, und der nun erst ihren wahren Zusammenhang, den Tiefsinn ihrer Folge, und die Bedeutung ihrer Erscheinungen entdeckt. Der eigentliche Sinn fur die Geschichten der Menschen entwickelt sich erst spat, und mehr unter den stillen Einflussen der Erinnerung, als unter den gewaltsameren Eindrucken der Gegenwart. Die nachsten Ereignisse scheinen nur locker verknupft, aber sie sympathisiren desto wunderbarer mit entfernteren; und nur dann, wenn man im Stande ist, eine lange Reihe zu ubersehn und weder alles buchstablich zu nehmen, noch auch mit muthwilligen Traumen die eigenliche Ordnung zu verwirren, bemerkt man die geheime Verkettung des Ehemaligen und Kunftigen, und lernt die Geschichte aus Hoffnung und Erinnerung zusammensetzen. Indess nur dem, welchem die ganze Vorzeit gegenwartig ist, mag es gelingen, die einfache Regel der Geschichte zu entdecken. Wir kommen nur zu unvollstandigen und beschwerlichen Formeln, und konnen froh seyn, nur fur uns selbst eine brauchbare Vorschrift zu finden, die uns hinlangliche Aufschlusse uber unser eigenes kurzes Leben verschafft. Ich darf aber wohl sagen, dass jede sorgfaltige Betrachtung der Schicksale des Lebens einen tiefen, unerschopflichen Genuss gewahrt, und unter allen Gedanken uns am meisten uber die irdischen Ubel erhebt. Die Jugend liest die Geschichte nur aus Neugier, wie ein unterhaltendes Mahrchen; dem reiferen Alter wird sie eine himmlische trostende und erbauende Freundinn, die ihn durch ihre weisen Gesprache sanft zu einer hoheren, umfassenderen Laufbahn vorbereitet, und mit der unbekannten Welt ihn in fasslichen Bildern bekannt macht. Die Kirche ist das Wohnhaus der Geschichte, und der stille Hof ihr sinnbildlicher Blumengarten. Von der Geschichte sollten nur alte, gottesfurchtige Leute schreiben, deren Geschichte selbst zu Ende ist, und die nichts mehr zu hoffen haben, als die Verpflanzung in den Garten. Nicht finster und trube wird ihre Beschreibung seyn; vielmehr wird ein Strahl aus der Kuppel alles in der richtigsten und schonsten Erleuchtung zeigen, und heiliger Geist wird uber diesen seltsam bewegten Gewassern schweben.

Wie wahr und einleuchtend ist eure Rede, setzte der Alte hinzu. Man sollte gewiss mehr Fleiss darauf wenden, das Wissenswurdige seiner Zeit treulich aufzuzeichnen, und es als ein andachtiges Vermachtniss den kunftigen Menschen zu hinterlassen. Es giebt tausend entferntere Dinge, denen Sorgfalt und Muhe gewidmet wird, und gerade um das Nachste und Wichtigste, um die Schicksale unsers eigenen Lebens, unserer Angehorigen, unsers Geschlechts, deren leise Planmassigkeit wir in den Gedanken einer Vorsehung aufgefasst haben, bekummern wir uns so wenig, und lassen sorglos alle Spuren in unserm Gedachtnisse verwischen. Wie Heiligthumer wird eine weisere Nachkommenschaft jede Nachricht, die von den Begebenheiten der Vergangenheit handelt, aufsuchen, und selbst das Leben eines Einzelnen unbedeutenden Mannes wird ihr nicht gleichgultig seyn, da gewiss sich das grosse Leben seiner Zeitgenossenschaft darinn mehr oder weniger spiegelt.

Es ist nur so schlimm, sagte der Graf von Hohenzollern, dass selbst die Wenigen, die sich der Aufzeichnungen der Thaten und Vorfalle ihrer Zeit unterzogen, nicht uber ihr Geschaft nachdachten, und ihren Beobachtungen keine Vollstandigkeit und Ordnung zu geben suchten, sondern nur aufs Gerathewohl bey der Auswahl und Sammlung ihrer Nachrichten verfuhren. Ein jeder wird leicht an sich bemerken, dass er nur dasjenige deutlich und vollkommen beschreiben kann, was er genau kennt, dessen Theile, dessen Entstehung und Folge, dessen Zweck und Gebrauch ihm gegenwartig sind: denn sonst wird keine Beschreibung, sondern ein verwirrtes Gemisch von unvollstandigen Bemerkungen entstehn. Man lasse ein Kind eine Maschine, einen Landmann ein Schiff beschreiben, und gewiss wird kein Mensch aus ihren Worten einigen Nutzen und Unterricht schopfen konnen, und so ist es mit den meisten Geschichtschreibern, die vielleicht fertig genug im Erzahlen und bis zum Uberdruss weitschweifig sind, aber doch gerade das Wissenswurdigste vergessen, dasjenige, was erst die Geschichte zur Geschichte macht, und die mancherley Zufalle zu einem angenehmen und lehrreichen Ganzen verbindet. Wenn ich das alles recht bedenke, so scheint es mir, als wenn ein Geschichtschreiber nothwendig auch ein Dichter seyn musste, denn nur die Dichter mogen sich auf jene Kunst, Begebenheiten schicklich zu verknupfen, verstehn. In ihren Erzahlungen und Fabeln habe ich mit stillem Vergnugen ihr zartes Gefuhl fur den geheimnissvollen Geist des Lebens bemerkt. Es ist mehr Wahrheit in ihren Mahrchen, als in gelehrten Chroniken. Sind auch ihre Personen und deren Schicksale erfunden: so ist doch der Sinn, in dem sie erfunden sind, wahrhaft und naturlich. Es ist fur unsern Genuss und unsere Belehrung gewissermassen einerley, ob die Personen, in deren Schicksalen wir den unsrigen nachspuren, wirklich einmal lebten, oder nicht. Wir verlangen nach der Anschauung der grossen einfachen Seele der Zeiterscheinungen, und finden wir diesen Wunsch gewahrt, so kummern wir uns nicht um die zufallige Existenz ihrer aussern Figuren.

Auch ich bin den Dichtern, sagte der Alte, von jeher deshalb zugethan gewesen. Das Leben und die Welt ist mir klarer und anschaulicher durch sie geworden. Es dunkte mich, sie mussten befreundet mit den scharfen Geistern des Lichtes seyn, die alle Naturen durchdringen und sondern, und einen eigenthumlichen, zartgefarbten Schleyer uber jede verbreiten. Meine eigene Natur fuhlte ich bey ihren Liedern leicht entfaltet, und es war, als konnte sie sich nun freyer bewegen, ihrer Geselligkeit und ihres Verlangens froh werden, mit stiller Lust ihre Glieder gegen einander schwingen, und tausenderley anmuthige Wirkungen hervorrufen.

Wart ihr so glucklich, in eurer Gegend einige Dichter zu haben? fragte der Einsiedler.

Es haben sich wohl zuweilen einige bey uns eingefunden: aber sie schienen Gefallen am Reisen zu finden, und so hielten sie sich meist nicht lange auf. Indess habe ich auf meinen Wanderungen nach Illyrien, nach Sachsen und Schwedenland nicht selten welche gefunden, deren Andenken mich immer erfreuen wird.

So seid ihr ja weit umhergekommen, und musst viele denkwurdige Dinge erlebt haben.

Unsere Kunst macht es fast nothig, dass man sich weit auf dem Erdboden umsieht, und es ist als triebe den Bergmann ein unterirdisches Feuer umher. Ein Berg schickt ihn dem andern. Er wird nie mit Sehen fertig, und hat seine ganze Lebenszeit an jener wunderlichen Baukunst zu lernen, die unsern Fussboden so seltsam gegrundet und ausgetafelt hat. Unsere Kunst ist uralt und weit verbreitet. Sie mag wohl aus Morgen, mit der Sonne, wie unser Geschlecht, nach Abend gewandert seyn, und von der Mitte nach den Enden zu. Sie hat uberall mit andern Schwierigkeiten zu kampfen gehabt, und da immer das Bedurfniss den menschlichen Geist zu klugen Erfindungen gereitzt, so kann der Bergmann uberall seine Einsichten und seine Geschicklichkeit vermehren und mit nutzlichen Erfahrungen seine Heymath bereichern.

Ihr seyd beynah verkehrte Astrologen, sagte der Einsiedler. Wenn diese den Himmel unverwandt betrachten und seine unermesslichen Raume durchirren: so wendet ihr euren Blick auf den Erdboden, und erforscht seinen Bau. Jene studieren die Krafte und Einflusse der Gestirne, und ihr untersucht die Krafte der Felsen und Berge, und die mannichfaltigen Wirkungen der Erd- und Steinschichten. Jenen ist der Himmel das Buch der Zukunft, wahrend euch die Erde Denkmale der Urwelt zeigt.

Es ist dieser Zusammenhang nicht ohne Bedeutung, sagte der Alte lachelnd. Die leuchtenden Profeten spielen vielleicht eine Hauptrolle in jener alten Geschichte des wunderlichen Erdbaus. Man wird vielleicht sie aus ihren Werken, und ihre Werke aus ihnen mit der Zeit besser kennen und erklaren lernen. Vielleicht zeigen die grossen Gebirgsketten die Spuren ihrer ehemaligen Strassen und hatten selbst Lust, sich auf ihre eigene Hand zu nahren und ihren eigenen Gang am Himmel zu gehn. Manche hoben sich kuhn genug, um auch Sterne zu werden, und mussen nun dafur die schone grune Bekleidung der niedrigern Gegenden entbehren. Sie haben dafur nichts erhalten, als dass sie ihren Vatern das Wetter machen helfen, und Profeten fur das tiefere Land sind, das sie bald schutzen bald mit Ungewittern uberschwemmen.

Seitdem ich in dieser Hohle wohne, fuhr der Einsiedler fort, habe ich mehr uber die alte Zeit nachdenken gelernt. Es ist unbeschreiblich, was diese Betrachtung anzieht, und ich kann mir die Liebe vorstellen, die ein Bergmann fur sein Handwerk hegen muss. Wenn ich die seltsamen alten Knochen ansehe, die hier in so gewaltiger Menge versammelt sind; wenn ich mir die wilde Zeit denke, wo diese fremdartigen, ungeheuren Thiere in dichten Schaaren sich in diese Hohlen hereindrangten, von Furcht und Angst vielleicht getrieben, und hier ihren Tod fanden; wenn ich dann wieder bis zu den Zeiten hinaufsteige, wo diese Hohlen zusammenwuchsen und ungeheure Fluten das Land bedeckten: so komme ich mir selbst wie ein Traum der Zukunft, wie ein Kind des ewigen Friedens vor. Wie ruhig und friedfertig, wie mild und klar ist gegen diese gewaltsamen, riesenmassigen Zeiten, die heutige Natur! und das furchtbarste Gewitter, das entsetzlichste Erdbeben in unsern Tagen ist nur ein schwacher Nachhall jener grausenvollen Geburtswehen. Vielleicht dass auch die Pflanzen- und Thierwelt, ja die damaligen Menschen selbst [,] wenn es auf einzelnen Eylanden in diesem Ozean welche gab, eine andere festere und rauhere Bauart hatten, wenigstens durfte man die alten Sagen von einem Riesenvolke dann keiner Erdichtungen zeihen.

Es ist erfreulich, sagte der Alte, jene allmahlige Beruhigung der Natur zu bemerken. Ein immer innigeres Einverstandniss, eine friedlichere Gemeinschaft, eine gegenseitige Unterstutzung und Belebung, scheint sich allmahlich gebildet zu haben, und wir konnen immer besseren Zeiten entgegensehn. Es ware vielleicht moglich, dass hin und wieder noch alter Sauerteig gahrte, und noch einige heftige Erschutterungen erfolgten; indess sieht man doch das allmachtige Streben nach freyer, eintrachtiger Verfassung, und in diesem Geiste wird jede Erschutterung vorubergehen und dem grossen Ziele naher fuhren. Mag es seyn, dass die Natur nicht mehr so fruchtbar ist, dass heut zu Tage keine Metalle und Edelsteine, keine Felsen und Berge mehr entstehn, dass Pflanzen und Thiere nicht mehr zu so erstaunlichen Grossen und Kraften aufquellen; je mehr sich ihre erzeugende Kraft erschopft hat, desto mehr haben ihre bildenden, veredelnden und geselligen Krafte zugenommen, ihr Gemuth ist empfanglicher und zarter, ihre Fantasie mannichfaltiger und sinnbildlicher, ihre Hand leichter und kunstreicher geworden. Sie nahert sich dem Menschen, und wenn sie ehmals ein wildgebahrender Fels war, so ist sie jetzt eine stille, treibende Pflanze, eine stumme menschliche Kunstlerinn. Wozu ware auch eine Vermehrung jener Schatze nothig, deren Uberfluss auf undenkliche Zeiten ausreicht. Wie klein ist der Raum, den ich durchwandert bin, und welche machtige Vorrathe habe ich nicht gleich auf den ersten Blick gefunden, deren Benutzung der Nachwelt uberlassen bleibt. Welche Reichthumer verschliessen nicht die Gebirge nach Norden, welche gunstige Anzeigen fand ich nicht in meinem Vaterlande uberall, in Ungarn, am Fusse der Carpathischen Gebirge, und in den Felsenthalern von Tyrol, Ostreich und Bayern. Ich konnte ein reicher Mann seyn, wenn ich das hatte mit mir nehmen konnen, was ich nur aufzuheben, nur abzuschlagen brauchte. An manchen Orten sah ich mich, wie in einem Zaubergarten. Was ich ansah, war von kostlichen Metallen und auf das kunstreichste gebildet. In den zierlichen Locken und Asten des Silbers hingen glanzende, rubinrothe, durchsichtige Fruchte, und die schweren Baumchen standen auf krystallenem Grunde, der ganz unnachahmlich ausgearbeitet war. Man traute kaum seinen Sinnen an diesen wunderbaren Orten, und ward nicht mude diese reizenden Wildnisse zu durchstreifen und sich an ihren Kleinodien zu ergotzen. Auch auf meiner jetzigen Reise habe ich viele Merkwurdigkeiten gesehn, und gewiss ist in andern Landern die Erde eben so ergiebig und verschwenderisch.

Wenn man, sagte der Unbekannte, die Schatze bedenkt, die im Orient zu Hause sind, so ist daran kein Zweifel, und ist das ferne Indien, Afrika und Spanien nicht schon im Alterthum durch Reichthumer seines Bodens bekannt gewesen? Als Kriegsmann giebt man freylich nicht so genau auf die Adern und Klufte der Berge acht, indess habe ich doch zuweilen meine Betrachtungen uber diese glanzenden Streifen gehabt, die wie seltsame Knospen auf eine unerwartete Bluthe und Frucht deuten. Wie hatte ich damals denken konnen, wenn ich froh uber das Licht des Tages an diesen dunkeln Behausungen vorbeyzog, dass ich noch im Schoosse eines Berges mein Leben beschliessen wurde. Meine Liebe trug mich stolz uber den Erdboden, und in ihrer Umarmung hoffte ich in spaten Jahren zu entschlafen. Der Krieg endigte, und ich zog nach Hause, voll froher Erwartungen eines erquicklichen Herbstes. Aber der Geist des Krieges schien der Geist meines Glucks zu seyn. Meine Marie hatte mir zwey Kinder im Orient geboren. Sie waren die Freude unsers Lebens. Die Seefahrt und die rauhere Abend landische Luft [zer]storte ihre Bluthe. Ich begrub sie wenig Tage nach meiner Ankunft in Europa. Kummervoll fuhrte ich meine trostlose Gattin nach meiner Heymath. Ein stiller Gram mochte den Faden ihres Lebens murbe gemacht haben. Auf einer Reise, die ich bald darauf unternehmen musste, auf der sie mich wie immer begleitete, verschied sie sanft und plotzlich in meinen Armen. Es war hier nahe bey, wo unsere irdische Wallfahrt zu Ende ging. Mein Entschluss war im Augenblicke reif. Ich fand, was ich nie erwartet hatte; eine gottliche Erleuchtung kam uber mich, und seit dem Tage, da ich sie hier selbst begrub, nahm eine himmlische Hand allen Kummer von meinem Herzen. Das Grabmal habe ich nachher errichten lassen. Oft scheint eine Begebenheit sich zu endigen, wenn sie erst eigentlich beginnt, und dies hat bey meinem Leben statt gefunden. Gott verleihe euch allen ein seliges Alter, und ein so ruhiges Gemuth wie mir.

Heinrich und die Kaufleute hatten aufmerksam dem Gesprache zugehort, und der Erstere fuhlte besonders neue Entwickelungen seines ahndungsvollen Innern. Manche Worte, manche Gedanken fielen wie belebender Fruchtstaub, in seinen Schooss, und ruckten ihn schnell aus dem engen Kreise seiner Jugend auf die Hohe der Welt. Wie lange Jahre lagen die eben vergangenen Stunden hinter ihm, und er glaubte nie anders gedacht und empfunden zu haben.

Der Einsiedler zeigte ihnen seine Bucher. Es waren alte Historien und Gedichte. Heinrich blatterte in den grossen schongemahlten Schriften; die kurzen Zeilen der Verse, die Uberschriften, einzelne Stellen, und die saubern Bilder, die hier und da, wie verkorperte Worte, zum Vorschein kamen, um die Einbildungskraft des Lesers zu unterstutzen, reizten machtig seine Neugierde. Der Einsiedler bemerkte seine innere Lust, und erklarte ihm die sonderbaren Vorstellungen. Die mannichfaltigsten Lebensscenen waren abgebildet. Kampfe, Leichenbegangnisse, Hochzeitfeyerlichkeiten. Schiffbruche, Hohlen und Palaste; Konige, Helden, Priester, alte und junge Leute, Menschen in fremden Trachten, und seltsame Thiere, kamen in verschiedenen Abwechselungen und Verbindungen vor. Heinrich konnte sich nicht satt sehen, und hatte nichts mehr gewunscht, als bey dem Einsiedler, der ihn unwiderstehlich anzog, zu bleiben, und von ihm uber diese Bucher unterrichtet zu werden. Der Alte fragte unterdess, ob es noch mehr Hohlen gabe, und der Einsiedler sagte ihm, dass noch einige sehr grosse in der Nahe lagen, wohin er ihn begleiten wollte. Der Alte war dazu bereit, und der Einsiedler, der die Freude merkte, die Heinrich an seinen Buchern hatte, veranlasste ihn, zuruckzubleiben, und sich wahrend dieser Zeit weiter unter denselben umzusehn. Heinrich blieb mit Freuden bey den Buchern, und dankte ihm innig fur seine Erlaubniss. Er blatterte mit unendlicher Lust umher. Endlich fiel ihm ein Buch in die Hande, das in einer fremden Sprache geschrieben war, die ihm einige Ahnlichkeit mit der Lateinischen und Italienischen zu haben schien. Er hatte sehnlichst gewunscht, die Sprache zu kennen, denn das Buch gefiel ihm vorzuglich ohne dass er eine Sylbe davon verstand. Es hatte keinen Titel, doch fand er noch beym Suchen einige Bilder. Sie dunkten ihm ganz wunderbar bekannt, und wie er recht zusah entdeckte er seine eigene Gestalt ziemlich kenntlich unter den Figuren. Er erschrack und glaubte zu traumen, aber beym wiederhohlten Ansehn konnte er nicht mehr an der vollkommenen Ahnlichkeit zweifeln. Er traute kaum seinen Sinnen, als er bald auf einem Bilde die Hohle, den Einsiedler und den Alten neben sich entdeckte. Allmahlich fand er auf den andern Bildern die Morgenlanderinn, seine Eltern, den Landgrafen und die Landgrafinn von Thuringen, seinen Freund den Hofkaplan, und manche Andere seiner Bekannten; doch waren ihre Kleidungen verandert und schienen aus einer andern Zeit zu seyn. Eine grosse Menge Figuren wusste er nicht zu nennen, doch dauchten sie ihm bekannt. Er sah sein Ebenbild in verschiedenen Lagen. Gegen das Ende kam er sich grosser und edler vor. Die Guitarre ruhte in seinen Armen, und die Landgrafinn reichte ihm einen Kranz. Er sah sich am kayserlichen Hofe, zu Schiffe, in tauter Umarmung mit einem schlanken lieblichen Madchen, in einem Kampfe mit wildaussehenden Mannern, und in freundlichen Gesprachen mit Sarazenen und Mohren. Ein Mann von ernstem Ansehn kam haufig in seiner Gesellschaft vor. Er fuhlte tiefe Ehrfurcht vor dieser hohen Gestalt, und war froh sich Arm in Arm mit ihm zu sehn. Die letzten Bilder waren dunkel und unverstandlich; doch uberraschten ihn einige Gestalten seines Traumes mit dem innigsten Entzucken; der Schluss des Buches schien zu fehlen. Heinrich war sehr bekummert, und wunschte nichts sehnlicher, als das Buch lesen zu konnen, und vollstandig zu besitzen. Er betrachtete die Bilder zu wiederholten Malen und war besturzt, wie er die Gesellschaft zuruckkommen horte. Eine wunderliche Schaam befiel ihn. Er getraute sich nicht, seine Entdeckung merken zu lassen, machte das Buch zu, und fragte den Einsiedler nur obenhin nach dem Titel und der Sprache desselben, wo er denn erfuhr, dass es in provenzalischer Sprache geschrieben sey. Es ist lange, dass ich es gelesen habe, sagte der Einsiedler. Ich kann mich nicht genau mehr des Inhalts entsinnen. Soviel ich weiss, ist es ein Roman von den wunderbaren Schicksalen eines Dichters, worinn die Dichtkunst in ihren mannichfachen Verhaltnissen dargestellt und gepriesen wird. Der Schuss fehlt an dieser Handschrift, die ich aus Jerusalem mitgebracht habe, wo ich sie in der Verlassenschaft eines Freundes fand, und zu seinem Andenken aufhob.

Sie nahmen nun von einander Abschied, und Heinrich war bis zu Thranen geruhrt. Die Hohle war ihm so merkwurdig, der Einsiedler so lieb geworden.

Alle umarmten diesen herzlich, und er selbst schien sie lieb gewonnen zu haben. Heinrich glaubte zu bemerken, dass er ihn mit einem freundlichen durchdringenden Blick ansehe. Seine Abschiedsworte gegen ihn waren sonderbar bedeutend. Er schien von seiner Entdeckung zu wissen und darauf anzuspielen. Bis zum Eingang der Hohlen begleitete er sie, nachdem er sie und besonders den Knaben gebeten hatte, nichts von ihm gegen die Bauern zu erwahnen, weil er sonst ihren Zudringlichkeiten ausgesetzt seyn wurde.

Sie versprachen es alle. Wie sie von ihm schieden und sich seinem Gebet empfahlen, sagte er: Wie lange wird es wahren, so sehn wir uns wieder, und werden uber unsere heutigen Reden lacheln. Ein himmlischer Tag wird uns umgeben, und wir werden uns freuen, dass wir einander in diesen Thalern der Prufung freundlich begrussten, und von gleichen Gesinnungen und Ahndungen beseelt waren. Sie sind die Engel, die uns hier sicher geleiten. Wenn euer Auge fest am Himmel haftet, so werdet ihr nie den Weg zu eurer Heymath verlieren. Sie trennten sich mit stiller Andacht, fanden bald ihre zaghaften Gefahrten, und erreichten unter allerlei Erzahlungen in Kurzem das Dorf, wo Heinrichs Mutter, die in Sorgen gewesen war, sie mit tausend Freuden empfing.

Sechstes Kapitel

Menschen, die zum Handeln, zur Geschaftigkeit geboren sind, konnen nicht fruh genug alles selbst betrachten und beleben. Sie mussen uberall selbst Hand anlegen und viele Verhaltnisse durchlaufen, ihr Gemuth gegen die Eindrucke einer neuen Lage, gegen die Zerstreuungen vieler und mannichfaltiger Gegenstande gewissermassen abharten, und sich gewohnen, selbst im Drange grosser Begebenheiten den Faden ihres Zwecks festzuhalten, und ihn gewandt hindurchzufuhren. Sie durfen nicht den Einladungen einer stillen Betrachtung nachgeben. Ihre Seele darf keine in sich gekehrte Zuschauerin, sie muss unablassig nach aussen gerichtet, und eine emsige, schnell entscheidende Dienerinn des Verstandes seyn. Sie sind Helden, und um sie her drangen sich die Begebenheiten, die geleitet und gelost seyn wollen. Alle Zufalle werden zu Geschichten unter ihrem Einfluss, und ihr Leben ist eine ununterbrochene Kette merkwurdiger und glanzender, verwickelter und seltsamer Ereignisse. Anders ist es mit jenen ruhigen, unbekannten Menschen, deren Welt ihr Gemuth, deren Thatigkeit die Betrachtung, deren Leben ein leises Bilden ihrer innern Krafte ist. Keine Unruhe treibt sie nach aussen. Ein stiller Besitz genugt ihnen und das unermessliche Schauspiel ausser ihnen reitzt sie nicht, selbst darinn aufzutreten, sondern kommt ihnen bedeutend und wunderbar genug vor, um seiner Betrachtung ihre Musse zu widmen. Verlangen nach dem Geiste desselben halt sie in der Ferne, und er ist es, der sie zu der geheimnissvollen Rolle des Gemuths in dieser menschlichen Welt bestimmte, wahrend jene die aussere[n] Gliedmassen und Sinne und die ausgehenden Krafte derselben vorstellen.

Grosse und vielfache Begebenheiten wurden sie storen. Ein einfaches Leben ist ihr Loos, und nur aus Erzahlungen und Schriften mussen sie mit dem reichen Inhalt, und den zahllosen Erscheinungen der Welt bekannt werden. Nur selten darf im Verlauf ihres Lebens ein Vorfall sie auf einige Zeit in seine raschen Wirbel mit hereinziehn, um durch einige Erfahrungen sie von der Lage und dem Character der handelnden Menschen genauer zu unterrichten. Dagegen wird ihr empfindlicher Sinn schon genug von nahen unbedeutenden Erscheinungen beschaftigt, die ihm jene grosse Welt verjungt darstellen, und sie werden keinen Schritt thun, ohne die uberraschendsten Entdeckungen in sich selbst uber das Wesen und die Bedeutung derselben zu machen. Es sind die Dichter, diese seltenen Zugmenschen, die zuweilen durch unsere Wohnsitze wandeln, und uberall den alten ehrwurdigen Dienst der Menschheit und ihrer ersten Gotter, der Gestirne, des Fruhlings, der Liebe, des Glucks, der Fruchtbarkeit, der Gesundheit, und des Frohsinns erneuern; sie, die schon hier im Besitz der himmlischen Ruhe sind, und von keinen thorichten Begierden umhergetrieben, nur den Duft der irdischen Fruchte einathmen, ohne sie zu verzehren und dann unwiderruflich an die Unterwelt gekettet zu seyn. Freye Gaste sind sie, deren goldener Fuss nur leise auftritt, und deren Gegenwart in Allen unwillkuhrlich die Flugel ausbreitet. Ein Dichter lasst sich wie ein guter Konig; frohen und klaren Gesichtern nach aufsuchen, und er ist es, der allein den Namen eines Weisen mit Recht fuhrt. Wenn man ihn mit dem Helden vergleicht, so findet man, dass die Gesange der Dichter nicht selten den Heldenmuth in jugendlichen Herzen erweckt, Heldenthaten aber wohl nie den Geist der Poesie in ein neues Gemuth gerufen haben.

Heinrich war von Natur zum Dichter geboren. Mannichfaltige Zufalle schienen sich zu seiner Bildung zu vereinigen, und noch hatte nichts seine innere Regsamkeit gestort. Alles was er sah und horte schien nur neue Riegel in ihm wegzuschieben, und neue Fenster ihm zu offnen. Er sah die Welt in ihren grossen und abwechselnden Verhaltnissen vor sich liegen. Noch war sie aber stumm, und ihre Seele, das Gesprach, noch nicht erwacht. Schon nahte sich ein Dichter, ein liebliches Madchen an der Hand, um durch Laute der Muttersprache und durch Beruhrung eines sussen zartlichen Mundes, die bloden Lippen aufzuschliessen, und den einfachen Accord in unendliche Melodien zu entfalten.

Diese Reise war nun geendigt. Es war gegen Abend, als unsere Reisenden wohlbehalten und frolich in der weltberuhmten Stadt Augsburg anlangten, und voller Erwartung durch die hohen Gassen nach dem ansehnlichen Hause des alten Schwaning ritten.

Heinrichen war schon die Gegend sehr reitzend vorgekommen. Das lebhafte Getummel der Stadt und die grossen, steinernen Hauser befremdeten ihn angenehm. Er freute sich inniglich uber seinen kunftigen Aufenthalt. Seine Mutter war sehr vergnugt nach der langen, muhseligen Reise sich hier in ihrer geliebten Vaterstadt zu sehen, bald ihren Vater und ihre alten Bekannten wieder zu umarmen, ihren Heinrich ihnen vorstellen, und einmal alle Sorgen des Hauswesens bey den traulichen Erinnerungen ihrer Jugend, ruhig vergessen zu konnen. Die Kaufleute hofften sich bey den dortigen Lustbarkeiten fur die Unbequemlichkeiten des Weges zu entschadigen, und eintragliche Geschafte zu machen.

Das Haus des alten Schwaning fanden sie erleuchtet, und eine lustige Musik tonte ihnen entgegen. Was gilt's, sagten die Kaufleute, euer Grossvater giebt ein frohliches Fest. Wir kommen wie gerufen. Wie wird er uber die ungeladenen Gaste erstaunen. Er lasst es sich wohl nicht traumen, dass das wahre Fest nun erst angehn wird. Heinrich fuhlte sich verlegen, und seine Mutter war nur wegen ihres Anzugs in Sorgen. Sie stiegen ab, die Kaufleute blieben bey den Pferden, und Heinrich und seine Mutter traten in das prachtige Haus. Unten war kein Hausgenosse zu sehen. Sie mussten die breite Wendeltreppe hinauf. Einige Diener liefen voruber, die sie baten, dem alten Schwaning die Ankunft einiger Fremden anzusagen, die ihn zu sprechen wunschten. Die Diener machten anfangs einige Schwierigkeiten; die Reisenden sahen nicht zum Besten aus; doch meldeten sie es dem Herrn des Hauses. Der alte Schwaning kam heraus. Er kannte sie nicht gleich, und fragte nach ihrem Namen und Anliegen. Heinrichs Mutter weinte, und fiel ihm um den Hals. Kennt Ihr Eure Tochter nicht mehr? rief sie weinend. Ich bringe euch meinen Sohn. Der alte Vater war ausserst geruhrt. Er druckte sie lange an seine Brust; Heinrich sank auf ein Knie, und kusste ihm zartlich die Hand. Er hob ihn zu sich, und hielt Mutter und Sohn umarmt. Geschwind herein, sagte Schwaning, ich habe lauter Freunde und Bekannte bey mir, die sich herzlich mit mir freuen werden. Heinrichs Mutter schien einige Zweifel zu haben. Sie hatte keine Zeit sich zu besinnen. Der Vater fuhrte beyde in den hohen, erleuchteten Saal. Da bringe ich meine Tochter und meinen Enkel aus Eisenach, rief Schwaning in das frohe Getummel glanzend gekleideter Menschen. Alle Augen kehrten sich nach der Thur; alles lief herzu, die Musik schwieg, und die beyden Reisenden standen verwirrt und geblendet in ihren staubigen Kleidern, mitten in der bunten Schaar. Tausend freudige Ausrufungen gingen von Mund zu Mund. Alte Bekannte drangten sich um die Mutter. Es gab unzahlige Fragen. Jedes wollte zuerst gekannt und bewillkommet seyn. Wahrend der altere Theil der Gesellschaft sich mit der Mutter beschaftigte, heftete sich die Aufmerksamkeit des jungeren Theils auf den fremden Jungling, der mit gesenktem Blick da stand, und nicht das Herz hatte, die unbekannten Gesichter wieder zu betrachten. Sein Grossvater machte ihn mit der Gesellschaft bekannt, und erkundigte sich nach seinem Vater und den Vorfallen ihrer Reise.

Die Mutter gedachte der Kaufleute, die unten aus Gefalligkeit bey den Pferden geblieben waren. Sie sagte es ihrem Vater, welcher sogleich hinunter schickte, und sie einladen liess heraufzukommen. Die Pferde wurden in die Stalle gebracht, und die Kaufleute erschienen.

Schwaning dankte ihnen herzlich fur die freundschaftliche Geleitung seiner Tochter. Sie waren mit vielen Anwesenden bekannt, und begrussten sich freundlich mit ihnen. Die Mutter wunschte sich reinlich ankleiden zu durfen. Schwaning nahm sie auf sein Zimmer, und Heinrich folgte ihnen in gleicher Absicht.

Unter der Gesellschaft war Heinrichen ein Mann aufgefallen, den er in jenem Buche oft an seiner Seite gesehn zu haben glaubte. Sein edles Ansehn zeichnete ihn vor allen aus. Ein heitrer Ernst war der Geist seines Gesichts; eine offene schon gewolbte Stirn, grosse, schwarze, durchdringende und feste Augen, ein schalkhafter Zug um den frolichen Mund und durchaus klare, mannliche Verhaltnisse machten es bedeutend und anziehend. Er war stark gebaut, seine Bewegungen waren ruhig und ausdrucksvoll, und wo er stand, schien er ewig stehen zu wollen. Heinrich fragte seinen Grossvater nach ihm. Es ist mir lieb, sagte der Alte, dass du ihn gleich bemerkt hast. Es ist mein trefflicher Freund Klingsohr, der Dichter. Auf seine Bekanntschaft und Freundschaft kannst du stolzer seyn, als auf die des Kaysers. Aber wie stehts mit deinem Herzen? Er hat eine schone Tochter; vielleicht dass sie den Vater bey dir aussticht. Es sollte mich wundern, wenn du sie nicht gesehn hattest. Heinrich errothete. Ich war zerstreut, lieber Grossvater. Die Gesellschaft war zahlreich, und ich betrachtete nur euren Freund. Man merkt es, dass du aus Norden kommst, erwiederte Schwaning. Wir wollen dich hier schon aufthauen. Du sollst schon lernen nach hubschen Augen sehn.

Sie waren nun fertig und begaben sich zuruck in den Saal, wo indess die Zurustungen zum Abendessen gemacht worden waren. Der alte Schwaning fuhrte Heinrichen und Klingsohr zu, und erzahlte ihm, dass Heinrich ihn gleich bemerkt und den lebhaftesten Wunsch habe mit ihm bekannt zu seyn.

Heinrich war beschamt. Klingsohr redete freundlich zu ihm von seinem Vaterlande und seiner Reise. Es lag soviel Zutrauliches in seiner Stimme, dass Heinrich bald ein Herz fasste und sich freymuthig mit ihm unterhielt. Nach einiger Zeit kam Schwaning wieder zu ihnen und brachte die schone Mathilde. Nehmt euch meines schuchternen Enkels freundlich an, und verzeiht es ihm, dass er eher euren Vater als euch gesehn hat. Eure glanzenden Augen werden schon die schlummernde Jugend in ihm wecken. In seinem Vaterland kommt der Fruhling spat.

Heinrich und Mathilde wurden roth. Sie sahen sich einander mit Verwunderung an. Sie fragte ihn mit kaum horbaren leisen Worten: Ob er gern tanze. Eben als er die Frage bejahte, fing eine froliche Tanzmusik an. Er bot ihr schweigend seine Hand; sie gab ihm die ihrige, und sie mischten sich in die Reihe der walzenden Paare. Schwaning und Klingsohr sahen zu. Die Mutter und die Kaufleute freuten sich uber Heinrichs Behendigkeit und seine liebliche Tanzerinn. Die Mutter hatte genug mit ihren Jugendfreundinnen zu sprechen, die ihr zu einem so wohlgebildeten und so hoffnungsvollen Sohn Gluck wunschten. Klingsohr sagte zu Schwaning: Euer Enkel hat ein anziehendes Gesicht. Es zeigt ein klares und umfassendes Gemuth, und seine Stimme kommt tief aus dem Herzen. Ich hoffe, erwiederte Schwaning, dass er euer gelehriger Schuler seyn wird. Mich daucht er ist zum Dichter geboren. Euer Geist komme uber ihn. Er sieht seinem Vater ahnlich; nur scheint er weniger heftig und eigensinnig. Jener war in seiner Jugend voll glucklicher Anlagen. Eine gewisse Freysinnigkeit fehlte ihm. Es hatte mehr aus ihm werden konnen, als ein fleissiger und fertiger Kunstler. Heinrich wunschte den Tanz nie zu endigen. Mit innigem Wohlgefallen ruhte sein Auge auf den Rosen seiner Tanzerinn. Ihr unschuldiges Auge vermied ihn nicht. Sie schien der Geist ihres Vaters in der lieblichsten Verkleidung. Aus ihren grossen ruhigen Augen sprach ewige Jugend. Auf einem lichthimmelblauen Grunde lag der milde Glanz der braunen Sterne. Stirn und Nase senkten sich zierlich um sie her. Eine nach der aufgehenden Sonne geneigte Lilie war ihr Gesicht, und von dem schlanken, weissen Halse schlangelten sich blaue Adern in reizenden Windungen um die zarten Wangen. Ihre Stimme war wie ein fernes Echo, und das braune lockige Kopfchen schien uber der leichten Gestalt nur zu schweben.

Die Schusseln kamen herein, und der Tanz war aus. Die alteren Leute setzten sich auf die Eine Seite, und die jungern nahmen die Andere ein.

Heinrich blieb bey Mathilden. Eine junge Verwandte setzte sich zu seiner Linken, und Klingsohr sass ihm gerade gegenuber. So wenig Mathilde sprach, so gesprachig war Veronika, seine andere Nachbarin. Sie that gleich mit ihm vertraut und machte ihn in kurzem mit allen Anwesenden bekannt. Heinrich verhorte manches. Er war noch bey seiner Tanzerin, und hatte sich gern ofters rechts gewandt. Klingsohr machte ihrem Plaudern ein Ende. Er fragte ihn nach dem Bande mit sonderbaren Figuren, was Heinrich an seinem Leibrock befestigt hatte. Heinrich erzahlte von der Morgenlanderin mit vieler Ruhrung. Mathilde weinte, und Heinrich konnte nun seine Thranen kaum verbergen. Er gerieth daruber mit ihr ins Gesprach. Alle unterhielten sich; Veronika lachte und scherzte mit ihren Bekannten. Mathilde erzahlte ihm von Ungarn, wo ihr Vater sich oft aufhielt, und von dem Leben in Augsburg. Alle waren vergnugt. Die Musik verscheuchte die Zuruckhaltung und reizte alle Neigungen zu einem muntern Spiel. Blumenkorbe dufteten in voller Pracht auf dem Tische, und der Wein schlich zwischen den Schusseln und Blumen umher, schuttelte seine goldnen Flugel und stellte bunte Tapeten zwischen die Welt und die Gaste. Heinrich begriff erst jetzt, was ein Fest sey. Tausend frohe Geister schienen ihm um den Tisch zu gaukeln, und in stiller Sympathie mit den frolichen Menschen von ihren Freuden zu leben und mit ihren Genussen sich zu berauschen. Der Lebensgenuss stand wie ein klingender Baum voll goldener Fruchte vor ihm. Das Ubel liess sich nicht sehen, und es dunkte ihm unmoglich, dass je die menschliche Neigung von diesem Baume zu der gefahrlichen Frucht des Erkenntnisses, zu dem Baume des Krieges sich gewendet haben sollte. Er verstand nun den Wein und die Speisen. Sie schmeckten ihm uberaus kostlich. Ein himmlisches Ol wurzte sie ihm, und aus dem Becher funkelte die Herrlichkeit des irdischen Lebens. Einige Madchen brachten dem alten Schwaning einen frischen Kranz. Er setzte ihn auf, kusste sie, und sagte: Auch unserm Freund Klingsohr musst ihr einen bringen, wir wollen beyde zum Dank euch ein paar neue Lieder lehren. Das meinige sollt ihr gleich haben. Er gab der Musik ein Zeichen, und sang mit lauter Stimme:

Sind wir nicht geplagte Wesen?

Ist nicht unser Loos betrubt?

Nur zu Zwang und Noth erlesen

In Verstellung nur geubt,

Durfen selbst nicht unsre Klagen

Sich aus unserm Busen wagen.

*

Allem was die Eltern sprechen,

Widerspricht das volle Herz.

Die verbotne Frucht zu brechen

Fuhlen wir der Sehnsucht Schmerz;

Mochten gern die sussen Knaben

Fest an unserm Herzen haben.

*

Ware dies zu denken Sunde?

Zollfrey sind Gedanken doch.

Was bleibt einem armen Kinde

Ausser sussen Traumen noch?

Will man sie auch gern verbannen,

Nimmer ziehen sie von dannen.

*

Wenn wir auch des Abends beten,

Schreckt uns doch die Einsamkeit,

Und zu unsern Kussen treten

Sehnsucht und Gefalligkeit.

Konnten wir wohl widerstreben

Alles, Alles hinzugeben?

*

Unsere Reize zu verhullen,

Schreibt die strenge Mutter vor.

Ach! was hilft der gute Willen,

Quellen sie nicht selbst empor?

Bey der Sehnsucht innrem Beben

Muss das beste Band sich geben.

*

Jede Neigung zu verschliessen,

Hart und kalt zu seyn, wie Stein,

Schone Augen nicht zu grussen,

Fleissig und allein zu seyn,

Keiner Bitte nachzugeben:

Heisst das wohl ein Jugendleben?

*

Gross sind eines Madchens Plagen,

Ihre Brust ist krank und wund,

Und zum Lohn fur stille Klagen

Kusst sie noch ein welker Mund.

Wird denn nie das Blatt sich wenden,

Und das Reich der Alten enden?

Die alten Leute und die Junglinge lachten. Die Madchen errotheten und lachelten abwarts. Unter tausend Neckereyen wurde ein zweiter Kranz geholt, und Klingsohren aufgesetzt. Sie baten aber instandigst um keinen so leichtfertigen Gesang. Nein, sagte Klingsohr, ich werde mich wohl huten so frevelhaft von euren Geheimnissen zu reden. Sagt selbst, was ihr fur ein Lied haben wollt. Nur nichts von Liebe, riefen die Madchen ein Weinlied, wenn es euch ansteht. Klingsohr sang:

Auf grunen Bergen wird geboren,

Der Gott, der uns den Himmel bringt.

Die Sonne hat ihn sich erkohren,

Dass sie mit Flammen ihn durchdringt.

*

Er wird im Lenz mit Lust empfangen,

Der zarte Schoss quillt still empor,

Und wenn des Herbstes Fruchte prangen

Springt auch das goldne Kind hervor.

*

Sie legen ihn in enge Wiegen

In's unterirdische Geschoss.

Er traumt von Festen und von Siegen

Und baut sich manches luft'ge Schloss.

*

Es nahe keiner seiner Kammer,

Wenn er sich ungeduldig drangt,

Und jedes Band und jede Klammer

Mit jugendlichen Kraften sprengt.

*

Denn unsichtbare Wachter stellen

So lang er traumt sich um ihn her;

Und wer betritt die heil'gen Schwellen,

Den trift ihr luftumwundner Speer.

So wie die Schwingen sich entfalten,

Lasst er die lichten Augen sehn,

Lasst ruhig seine Priester schalten

Und kommt heraus wenn sie ihm flehn.

*

Aus seiner Wiege dunklem Schoosse,

Erscheint er in Krystallgewand;

Verschwiegener Eintracht volle Rose

Tragt er bedeutend in der Hand.

*

Und uberall um ihn versammeln

Sich seine Junger hocherfreut;

Und tausend frohe Zungen stammeln,

Ihm ihre Lieb' und Dankbarkeit.

*

Er sprutzt in ungezahlten Strahlen

Sein innres Leben in die Welt,

Die Liebe nippt aus seinen Schalen

Und bleibt ihm ewig zugesellt.

*

Er nahm als Geist der goldnen Zeiten

Von jeher sich des Dichters an,

Der immer seine Lieblichkeiten

In trunknen Liedern aufgethan.

*

Er gab ihm, seine Treu zu ehren,

Ein Recht auf jeden hubschen Mund,

Und dass es keine darf ihm wehren,

Macht Gott durch ihn es allen kund.

*

Ein schoner Profet! riefen die Madchen. Schwaning freute sich herzlich. Sie machten noch einige Einwendungen, aber es half nichts. Sie mussten ihm die sussen Lippen hinreichen. Heinrich schamte sich nur vor seiner ernsten Nachbarin, sonst hatte er sich laut uber das Vorrecht der Dichter gefreut. Veronika war unter den Kranztragerinnen. Sie kam frolich zuruck und sagte zu Heinrich: Nicht wahr, es ist hubsch, wenn man ein Dichter ist? Heinrich getraute sich nicht, diese Frage zu benutzen. Der Ubermuth der Freude und der Ernst der ersten Liebe kampften in seinem Gemuth. Die reizende Veronika scherzte mit den Andern, und so gewann er Zeit, den ersten etwas zu dampfen. Mathilde erzahlte ihm, dass sie die Guitarre spiele. Ach! sagte Heinrich, von euch mochte ich sie lernen. Ich habe mich lange darnach gesehnt. Mein Vater hat mich unterrichtet, Er spielt sie unvergleichlich, sagte sie errothend. Ich glaube doch, erwiederte Heinrich, dass ich sie schneller bey euch lerne. Wie freue ich mich euren Gesang zu horen. Stellt euch nur nicht zu viel vor. O! sagte Heinrich, was sollte ich nicht erwarten konnen, da eure blosse Rede schon Gesang ist, und eure Gestalt eine himmlische Musik verkundigt.

Mathilde schwieg. Ihr Vater fing ein Gesprach mit ihm an, in welchem Heinrich mit der lebhaftesten Begeisterung sprach. Die Nachsten wunderten sich uber des Junglings Beredsamkeit, uber die Fulle seiner bildlichen Gedanken. Mathilde sah ihn mit stiller Aufmerksamkeit an. Sie schien sich uber seine Reden zu freuen, die sein Gesicht mit den sprechendsten Mienen noch mehr erklarte. Seine Augen glanzten ungewohnlich. Er sah sich zuweilen nach Mathilden um, die uber den Ausdruck seines Gesichts erstaunte. Im Feuer des Gesprachs ergriff er unvermerkt ihre Hand, und sie konnte nicht umhin, manches was er sagte, mit einem leisen Druck zu bestatigen. Klingsohr wusste seinen Enthusiasmus zu unterhalten, und lockte allmahlich seine ganze Seele auf die Lippen. Endlich stand alles auf. Alles schwarmte durch einander. Heinrich war an Mathildens Seite geblieben. Sie standen unbemerkt abwarts. Er hielt ihre Hand und kusste sie zartlich. Sie liess sie ihm, und blickte ihn mit unbeschreiblicher Freundlichkeit an. Er konnte sich nicht halten, neigte sich zu ihr und kusste ihre Lippen. Sie war uberrascht, und erwiederte unwillkuhrlich seinen heissen Kuss. Gute Mathilde, lieber Heinrich, das war alles, was sie einander sagen konnten. Sie druckte seine Hand, und ging unter die Andern. Heinrich stand, wie im Himmel. Seine Mutter kam auf ihn zu. Er liess seine ganze Zartlichkeit an ihr aus. Sie sagte: Ist es nicht gut, dass wir nach Augsburg gereist sind? Nicht wahr, es gefallt dir? Liebe Mutter, sagte Heinrich, so habe ich mir es doch nicht vorgestellt. Es ist ganz herrlich.

Der Rest des Abends verging in unendlicher Frohlichkeit. Die Alten spielten, plauderten, und sahen den Tanzen zu. Die Musik wogte wie ein Lustmeer im Saale, und hob die berauschte Jugend.

Heinrich fuhlte die entzuckenden Weissagungen der ersten Lust und Liebe zugleich. Auch Mathilde liess sich willig von den schmeichelnden Wellen tragen, und verbarg ihr zartliches Zutrauen, ihre aufkeimende Neigung zu ihm nur hinter einem leichten Flor. Der alte Schwaning bemerkte das kommende Verstandniss, und neckte beyde.

Klingsohr hatte Heinrichen lieb gewonnen, und freute sich seiner Zartlichkeit. Die andern Junglinge und Madchen hatten es bald bemerkt. Sie zogen die ernste Mathilde mit dem jungen Thuringer auf, und verhehlten nicht, dass es ihnen lieb sey, Mathildens Aufmerksamkeit nicht mehr bey ihren Herzensgeschaften scheuen zu durfen.

Es war tief in der Nacht, als die Gesellschaft auseinanderging. Das erste und einzige Fest meines Lebens, sagte Heinrich zu sich selbst, als er allein war, und seine Mutter sich ermudet zur Ruhe gelegt hatte. Ist mir nicht zu Muthe wie in jenem Traume, beym Anblick der blauen Blume? Welcher sonderbare Zusammenhang ist zwischen Mathilden und dieser Blume? Jenes Gesicht, das aus dem Kelche sich mir entgegenneigte, es war Mathildens himmlisches Gesicht, und nun erinnere ich mich auch, es in jenem Buche gesehn zu haben. Aber warum hat es dort mein Herz nicht so bewegt? O! sie ist der sichtbare Geist des Gesanges, eine wurdige Tochter ihres Vaters. Sie wird mich in Musik auflosen. Sie wird meine innerste Seele, die Huterin meines heiligen Feuers seyn. Welche Ewigkeit von Treue fuhle ich in mir! Ich ward nur geboren, um sie zu verehren, um ihr ewig zu dienen, um sie zu denken und zu empfinden. Gehort nicht ein eigenes ungetheiltes Daseyn zu ihrer Anschauung und Anbetung? und bin ich der Gluckliche, dessen Wesen das Echo, der Spiegel des ihrigen seyn darf? Es war kein Zufall, dass ich sie am Ende meiner Reise sah, dass ein seliges Fest den hochsten Augenblick meines Lebens umgab. Es konnte nicht anders seyn; macht ihre Gegenwart nicht alles festlich?

Er trat ans Fenster. Das Chor der Gestirne stand am dunkeln Himmel, und im Morgen kundigte ein weisser Schein den kommenden Tag an.

Mit vollem Entzucken rief Heinrich aus: Euch, ihr ewigen Gestirne, ihr stillen Wandrer, euch rufe ich zu Zeugen meines heiligen Schwurs an. Fur Mathilden will ich leben, und ewige Treue soll mein Herz an das ihrige knupfen. Auch mir bricht der Morgen eines ewigen Tages an. Die Nacht ist voruber. Ich zunde der aufgehenden Sonne mich selbst zum nievergluhenden Opfer an.

Heinrich war erhitzt, und nur spat gegen Morgen schlief er ein. In wunderliche Traume flossen die Gedanken seiner Seele zusammen. Ein tiefer blauer Strom schimmerte aus der grunen Ebene herauf. Auf der glatten Flache schwamm ein Kahn. Mathilde sass und ruderte. Sie war mit Kranzen geschmuckt, sang ein einfaches Lied, und sah nach ihm mit susser Wehmuth heruber. Seine Brust war beklommen. Er wusste nicht warum. Der Himmel war heiter, die Flut ruhig. Ihr himmlisches Gesicht spiegelte sich in den Wellen. Auf einmal fing der Kahn an sich umzudrehen. Er rief ihr angstlich zu. Sie lachelte und legte das Ruder in den Kahn, der sich immerwahrend drehte. Eine ungeheure Bangigkeit ergriff ihn. Er sturzte sich in den Strom; aber er konnte nicht fort, das Wasser trug ihn. Sie winkte, sie schien ihm etwas sagen zu wollen, der Kahn schopfte schon Wasser; doch lachelte sie mit einer unsaglichen Innigkeit, und sah heiter in den Wirbel hinein. Auf einmal zog es sie hinunter. Eine leise Luft strich uber den Strom, der eben so ruhig und glanzend floss, wie vorher. Die entsetzliche Angst raubte ihm das Bewusstseyn. Das Herz schlug nicht mehr. Er kam erst zu sich, als er sich auf trocknem Boden fuhlte. Er mochte weit geschwommen seyn. Es war eine fremde Gegend. Er wusste nicht wie ihm geschehen war. Sein Gemuth war verschwunden. Gedankenlos ging er tiefer ins Land. Entsetzlich matt fuhlte er sich. Eine kleine Quelle kam aus einem Hugel, sie tonte wie lauter Glocken. Mit der Hand schopfte er einige Tropfen und netzte seine durren Lippen. Wie ein banger Traum lag die schreckliche Begebenheit hinter ihm. Immer weiter und weiter ging er, Blumen und Baume redeten ihn an. Ihm wurde so wohl und heymathlich zu Sinne. Da horte er jenes einfache Lied wieder. Er lief den Tonen nach. Auf einmal hielt ihn jemand am Gewande zuruck. Lieber Heinrich, rief eine bekannte Stimme. Er sah sich um, und Mathilde schloss ihn in ihre Arme. Warum liefst du vor mir, liebes Herz? sagte sie tiefathmend. Kaum konnte ich dich einholen. Heinrich weinte. Er druckte sie an sich. Wo ist der Strom? rief er mit Thranen. Siehst du nicht seine blauen Wellen uber uns? Er sah hinauf, und der blaue Strom floss leise uber ihrem Haupte. Wo sind wir, liebe Mathilde? Bey unsern Eltern. Bleiben wir zusammen? Ewig, versetzte sie, indem sie ihre Lippen an die seinigen druckte, und ihn so umschloss, dass sie nicht wieder von ihm konnte. Sie sagte ihm ein wunderbares geheimes Wort in den Mund, was sein ganzes Wesen durchklang. Er wollte es wiederholen, als sein Grossvater rief, und er aufwachte. Er hatte sein Leben darum geben mogen, das Wort noch zu wissen.

Siebentes Kapitel

Klingsohr stand vor seinem Bette, und bot ihm freundlich guten Morgen. Er ward munter und fiel Klingsohr um den Hals. Das gilt euch nicht, sagte Schwaning. Heinrich lachelte und verbarg sein Errothen an den Wangen seiner Mutter.

Habt ihr Lust mit mir vor der Stadt auf einer schonen Anhohe zu fruhstucken? sagte Klingsohr. Der herrliche Morgen wird euch erfrischen. Kleidet euch an. Mathilde wartet schon auf uns.

Heinrich dankte mit tausend Freuden fur diese willkommene Einladung. In einem Augenblick war er fertig, und kusste Klingsohr mit vieler Inbrunst die Hand.

Sie gingen zu Mathilden, die in ihrem einfachen Morgenkleide wunderlieblich aussah und ihn freundlich grusste. Sie hatte schon das Fruhstuck in ein Korbchen gepackt, das sie an den Einen Arm hing, und die andere Hand unbefangen Heinrichen reichte. Klingsohr folgte ihnen, und so wandelten sie durch die Stadt, die schon voller Lebendigkeit war, nach einem kleinen Hugel am Flusse, wo sich unter einigen hohen Baumen eine weite und volle Aussicht offnete.

Habe ich doch schon oft, rief Heinrich aus, mich an dem Aufgang der bunten Natur, an der friedlichen Nachbarschaft ihres mannichfaltigen Eigenthums ergotzt; aber eine so schopferische und gediegene Heiterkeit hat mich noch nie erfullt wie heute. Jene Fernen sind mir so nah, und die reiche Landschaft ist mir wie eine innere Fantasie. Wie veranderlich ist die Natur, so unwandelbar auch ihre Oberflache zu seyn scheint. Wie anders ist sie, wenn ein Engel, wenn ein kraftigerer Geist neben uns ist, als wenn ein Nothleidender vor uns klagt, oder ein Bauer uns erzahlt, wie ungunstig die Witterung ihm sey, und wie nothig er dustre Regentage fur seine Saat brauche. Euch, theuerster Meister, bin ich dieses Vergnugen schuldig; ja dieses Vergnugen, denn es giebt kein anderes Wort, was wahrhafter den Zustand meines Herzens ausdruckte. Freude, Lust und Entzucken sind nur die Glieder des Vergnugens, das sie zu einem hohern Leben verknupft. Er druckte Mathildens Hand an sein Herz, und versank mit einem feurigen Blick in ihr mildes, empfangliches Auge.

Die Natur, versetzte Klingsohr, ist fur unser Gemuth, was ein Korper fur das Licht ist. Er halt es zuruck; er bricht es in eigenthumliche Farben; er zundet auf seiner Oberflache oder in seinem Innern ein Licht an, das, wenn es seiner Dunkelheit gleich kommt, ihn klar und durchsichtig macht, wenn es sie uberwiegt, von ihm ausgeht, um andere Korper zu erleuchten. Aber selbst der dunkelste Korper kann durch Wasser, Feuer und Luft dahin gebracht werden, dass er hell und glanzend wird.

Ich verstehe euch, lieber Meister. Die Menschen sind Krystalle fur unser Gemuth. Sie sind die durchsichtige Natur. Liebe Mathilde, ich mochte euch einen kostlichen lautern Sapphir nennen. Ihr seyd klar und durchsichtig wie der Himmel, ihr erleuchtet mit dem mildesten Lichte. Aber sagt mir, lieber Meister, ob ich recht habe: mich dunkt, dass man gerade wenn man am innigsten mit der Natur vertraut ist am wenigsten von ihr sagen konnte und mochte.

Wie man das nimmt, versetzte Klingsohr; ein anderes ist es mit der Natur fur unsern Genuss und unser Gemuth, ein anderes mit der Natur fur unsern Verstand, fur das leitende Vermogen unserer Weltkrafte. Man muss sich wohl huten, nicht eins uber das andere zu vergessen. Es giebt viele, die nur die Eine Seite kennen und die andere geringschatzen. Aber beyde kann man vereinigen, und man wird sich wohl dabei befinden. Schade, dass so wenige darauf denken, sich in ihrem Innern frey und geschickt bewegen zu konnen, und durch eine gehorige Trennung sich den zweckmassigsten und naturlichsten Gebrauch ihrer Gemuthskrafte zu sichern. Gewohnlich hindert eine die andere, und so entsteht allmalich eine unbehulfliche Tragheit, dass wenn nun solche Menschen einmal mit gesammten Kraften aufstehen wollen, eine gewaltige Verwirrung und Streit beginnt, und alles uber einander ungeschickt herstolpert. Ich kann euch nicht genug anruhmen, euren Verstand, euren naturlichen Trieb zu wissen, wie alles sich begiebt und untereinander nach Gesetzen der Folge zusammenhangt, mit Fleiss und Muhe zu unterstutzen. Nichts ist dem Dichter unentbehrlicher, als Einsicht in die Natur jedes Geschafts, Bekanntschaft mit den Mitteln jeden Zweck zu erreichen, und Gegenwart des Geistes, nach Zeit und Umstanden, die schicklichsten zu wahlen. Begeisterung ohne Verstand ist unnutz und gefahrlich, und der Dichter wird wenig Wunder thun konnen, wenn er selbst uber Wunder erstaunt.

Ist aber dem Dichter nicht ein inniger Glaube an die menschliche Regierung des Schicksals unentbehrlich?

Unentbehrlich allerdings, weil er sich das Schicksal nicht anders vorstellen kann, wenn er reiflich daruber nachdenkt; aber wie entfernt ist diese heitere Gewissheit, von jener angstlichen Ungewissheit, von jener blinden Furcht des Aberglaubens. Und so ist auch die kuhle, belebende Warme eines dichterischen Gemuths gerade das Widerspiel von jener wilden Hitze eines kranklichen Herzens. Diese ist arm, betaubend und vorubergehend; jene sondert alle Gestalten rein ab, begunstigt die Ausbildung der mannichfaltigsten Verhaltnisse, und ist ewig durch sich selbst. Der junge Dichter kann nicht kuhl, nicht besonnen genug seyn. Zur wahren, melodischen Gesprachigkeit gehort ein weiter, aufmerksamer und ruhiger Sinn. Es wird ein verworrnes Geschwatz, wenn ein reissender Sturm in der Brust tobt, und die Aufmerksamkeit in eine zitternde Gedankenlosigkeit auflost. Nochmals wiederhole ich, das achte Gemuth ist wie das Licht, eben so ruhig und empfindlich, eben so elastisch und durchdringlich, eben so machtig und eben so unmerklich wirksam als dieses kostliche Element, das auf alle Gegenstande sich mit feiner Abgemessenheit vertheilt, und sie alle in reizender Mannichfaltigkeit erscheinen lasst. Der Dichter ist reiner Stahl, eben so empfindlich, wie ein zerbrechlicher Glasfaden, und eben so hart, wie ein ungeschmeidiger Kiesel.

Ich habe das schon zuweilen gefuhlt, sagte Heinrich, dass ich in den innigsten Minuten weniger lebendig war, als zu andern Zeiten, wo ich frey umhergehn und alle Beschaftigungen mit Lust treiben konnte. Ein geistiges scharfes Wesen durchdrang mich dann, und ich durfte jeden Sinn nach Gefallen brauchen, jeden Gedanken, wie einen wirklichen Korper, umwenden und von allen Seiten betrachten. Ich stand mit stillem Antheil an der Werkstatt meines Vaters, und freute mich, wenn ich ihm helfen und etwas geschickt zu Stande bringen konnte. Geschicklichkeit hat einen ganz besondern starkenden Reiz, und es ist wahr, ihr Bewusstseyn verschafft einen dauerhafteren und deutlicheren Genuss, als jenes uberfliessende Gefuhl einer unbegreiflichen, uberschwenglichen Herrlichkeit.

Glaubt nicht, sagte Klingsohr, dass ich das letztere tadle; aber es muss von selbst kommen, und nicht gesucht werden. Seine sparsame Erscheinung ist wohlthatig; ofterer wird sie ermudend und schwachend. Man kann nicht schnell genug sich aus der sussen Betaubung reissen, die es hinterlasst, und zu einer regelmassigen und muhsamen Beschaftigung zuruckkehren. Es ist wie mit den anmuthigen Morgentraumen, aus deren einschlaferndem Wirbel man nur mit Gewalt sich herausziehen kann, wenn man nicht in immer druckendere Mudigkeit gerathen, und so in krankhafter Erschopfung nachher den ganzen Tag hinschleppen will.

Die Poesie will vorzuglich, fuhr Klingsohr fort, als strenge Kunst getrieben werden. Als blosser Genuss hort sie auf Poesie zu seyn. Ein Dichter muss nicht den ganzen Tag mussig umherlaufen, und auf Bilder und Gefuhle Jagd machen. Das ist ganz der verkehrte Weg. Ein reines offenes Gemuth, Gewand[t]heit im Nachdenken und Betrachten, und Geschicklichkeit alle seine Fahigkeiten in eine gegenseitig belebende Thatigkeit zu versetzen und darin zu erhalten, das sind die Erfordernisse unserer Kunst. Wenn ihr euch mir uberlassen wollt, so soll kein Tag euch vergehn, wo ihr nicht eure Kenntnisse bereichert, und einige nutzliche Einsichten erlangt habt. Die Stadt ist reich an Kunstlern aller Art. Es giebt einige erfahrne Staatsmanner, einige gebildete Kaufleute hier. Man kann ohne grosse Umstande mit allen Standen, mit allen Gewerben, mit allen Verhaltnissen und Erfordernissen der menschlichen Gesellschaft sich bekannt machen. Ich will euch mit Freuden in dem Handwerksmassigen unserer Kunst unterrichten, und die merkwurdigsten Schriften mit euch lesen. Ihr konnt Mathildens Lehrstunden theilen, und sie wird euch gern die Guitarre spielen lehren. Jede Beschaftigung wird die ubrigen vorbereiten, und wenn ihr so euren Tag gut angelegt habt, so werden euch das Gesprach und die Freuden des gesellschaftlichen Abends, und die Ansichten der schonen Landschaft umher mit den heitersten Genussen immer wieder uberraschen.

Welches herrliche Leben schliesst ihr mir auf, liebster Meister. Unter eurer Leitung werde ich erst merken, welches edle Ziel vor mir steht, und wie ich es nur durch euren Rath zu erreichen hoffen darf.

Klingsohr umarmte ihn zartlich. Mathilde brachte ihnen das Fruhstuck, und Heinrich fragte sie mit zartlicher Stimme, ob sie ihn gern zum Begleiter ihres Unterrichts und zum Schuler annehmen wollte. Ich werde wohl ewig euer Schuler bleiben, sagte er, indem sich Klingsohr nach einer anderen Seite wandte. Sie neigte sich unmerklich zu ihm hin. Er umschlang sie und kusste den weichen Mund des errothenden Madchens. Nur sanft bog sie sich von ihm weg, doch reichte sie ihm mit der kindlichsten Anmuth eine Rose, die sie am Busen trug. Sie machte sich mit ihrem Korbchen zu thun. Heinrich sah ihr mit stillem Entzucken nach, kusste die Rose, heftete sie an seine Brust, und ging an Klingsohrs Seite, der nach der Stadt hinuber sah.

Wo seyd ihr hergekommen? fragte Klingsohr. Uber jenen Hugel herunter, erwiederte Heinrich. In jene Ferne verliert sich unser Weg. Ihr musst schone Gegenden gesehn haben. Fast ununterbrochen sind wir durch reizende Landschaften gereiset. Auch Eure Vaterstadt hat wohl eine anmuthige Lage? Die Gegend ist abwechselnd genug; doch ist sie noch wild, und ein grosser Fluss fehlt ihr. Die Strome sind die Augen einer Landschaft. Die Erzahlung eurer Reise, sagte Klingsohr, hat mir gestern Abend eine angenehme Unterhaltung gewahrt. Ich habe wohl gemerkt, dass der Geist der Dichtkunst euer freundlicher Begleiter ist. Eure Gefahrten sind unbemerkt seine Stimmen geworden. In der Nahe des Dichters bricht die Poesie uberall aus. Das Land der Poesie, das romantische Morgenland, hat euch mit seiner sussen Wehmuth begrusst; der Krieg hat euch in seiner wilden Herrlichkeit angeredet, und die Natur und Geschichte sind euch unter der Gestalt eines Bergmanns und eines Einsiedlers begegnet.

Ihr vergesst das Beste, lieber Meister, die himmlische Erscheinung der Liebe. Es hangt nur von euch ab, diese Erscheinung mir auf ewig festzuhalten. Was meynst du, rief Klingsohr, indem er sich zu Mathilden wandte, die eben auf ihn zukam. Hast du Lust Heinrichs unzertrennliche Gefahrtinn zu seyn? Wo du bleibst, bleibe ich auch. Mathilde erschrak, sie flog in die Arme ihres Vaters. Heinrich zitterte in unendlicher Freude. Wird er mich denn ewig geleiten wollen, lieber Vater? Frage ihn selbst, sagte Klingsohr geruhrt. Sie sah Heinrichen mit der innigsten Zartlichkeit an. Meine Ewigkeit ist ja dein Werk, rief Heinrich, indem ihm die Thranen uber die bluhenden Wangen sturzten. Sie umschlangen sich zugleich. Klingsohr fasste sie in seine Arme. Meine Kinder, rief er, seyd einander treu bis in den Tod! Liebe und Treue werden euer Leben zur ewigen Poesie machen.

Achtes Kapitel

Nachmittags fuhrte Klingsohr seinen neuen Sohn, an dessen Gluck seine Mutter und Grossvater den zartlichsten Antheil nahmen, und Mathilden wie seinen Schutzgeist verehrten, in seine Stube, und machte ihn mit den Buchern bekannt. Sie sprachen nachher von Poesie. Ich weiss nicht, sagte Klingsohr, warum man es fur Poesie nach gemeiner Weise halt, wenn man die Natur fur einen Poeten ausgiebt. Sie ist es nicht zu allen Zeiten. Es ist in ihr, wie in dem Menschen, ein entgegengesetztes Wesen, die dumpfe Begierde und die stumpfe Gefuhllosigkeit und Tragheit, die einen rastlosen Streit mit der Poesie fuhren. Er ware ein schoner Stoff zu einem Gedicht, dieser gewaltige Kampf. Manche Lander und Zeiten scheinen, wie die meisten Menschen, ganz unter der Botmassigkeit dieser Feindinn der Poesie zu stehen, dagegen in andern die Poesie einheimisch und uberall sichtbar ist. Fur den Geschichtschreiber sind die Zeiten dieses Kampfes ausserst merkwurdig, ihre Darstellung ein reizendes und belohnendes Geschaft. Es sind gewohnlich die Geburtszeiten der Dichter. Der Widersacherinn ist nichts unangenehmer, als dass sie der Poesie gegenuber selbst zu einer poetischen Person wird, und nicht selten in der Hitze die Waffen mit ihr tauscht, und von ihrem eigenen heimtuckischen Geschosse heftig getroffen wird, dahingegen die Wunden der Poesie, die sie von ihren eigenen Waffen erhalt, leicht heilen und sie nur noch reitzender und gewaltiger machen.

Der Krieg uberhaupt, sagte Heinrich, scheint mir eine poetische Wirkung. Die Leute glauben sich fur irgend einen armseligen Besitz schlagen zu mussen, und merken nicht, dass sie der romantische Geist aufregt, um die unnutzen Schlechtigkeiten durch sich selbst zu vernichten. Sie fuhren die Waffen fur die Sache der Poesie, und beyde Heere folgen Einer unsichtbaren Fahne.

Im Kriege, versetzte Klingsohr, regt sich das Urgewasser. Neue Welttheile sollen entstehen, neue Geschlechter sollen aus der grossen Auflosung anschiessen. Der wahre Krieg ist der Religionskrieg; der geht gerade zu auf Untergang, und der Wahnsinn der Menschen erscheint in seiner volligen Gestalt. Viele Kriege, besonders die vom Nationalhass entspringen, gehoren in diese Klasse mit, und sie sind achte Dichtungen. Hier sind die wahren Helden zu Hause, die das edelste Gegenbild der Dichter, nichts anders, als unwillkuhrlich von Poesie durchdrungene Weltkrafte sind. Ein Dichter, der zugleich Held ware, ist schon ein gottlicher Gesandter, aber seiner Darstellung ist unsere Poesie nicht gewachsen.

Wie versteht ihr das, lieber Vater? sagte Heinrich. Kann ein Gegenstand zu uberschwanglich fur die Poesie sein?

Allerdings. Nur kann man im Grunde nicht sagen, fur die Poesie, sondern nur fur unsere irdischen Mittel und Werkzeuge. Wenn es schon fur einen einzelnen Dichter nur ein eigenthumliches Gebiet giebt, innerhalb dessen er bleiben muss, um nicht alle Haltung und den Athem zu verlieren: so giebt es auch fur die ganze Summe menschlicher Krafte eine bestimmte Grenze der Darstellbarkeit, uber welche hinaus die Darstellung die nothige Dichtigkeit und Gestaltung nicht behalten kann, und in ein leeres tauschendes Unding sich verliert. Besonders als Lehrling kann man nicht genug sich vor diesen Ausschweifungen huten, da eine lebhafte Fantasie nur gar zu gern nach den Grenzen sich begiebt, und ubermuthig das Unsinnliche, Ubermassige zu ergreifen und auszusprechen sucht. Reifere Erfahrung lehrt erst, jene Unverhaltnissmassigkeit der Gegenstande zu vermeiden, und die Aufspurung des Einfachsten und Hochsten der Weltweisheit zu uberlassen. Der altere Dichter steigt nicht hoher, als er es gerade nothig hat, um seinen mannichfaltigen Vorrath in eine leichtfassliche Ordnung zu stellen, und hutet sich wohl, die Mannichfaltigkeit zu verlassen, die ihm Stoff genug und auch die nothigen Vergleichspunkte darbietet. Ich mochte fast sagen, das Chaos muss in jeder Dichtung durch den regelmassigen Flor der Ordnung schimmern. Den Reichthum der Erfindung macht nur eine leichte Zusammenstellung fasslich und anmuthig, dagegen auch das blosse Ebenmaass die unangenehme Durre einer Zahlenfigur hat. Die beste Poesie liegt uns ganz nahe, und ein gewohnlicher Gegenstand ist nicht selten ihr liebster Stoff. Fur den Dichter ist die Poesie an beschrankte Werkzeuge gebunden, und eben dadurch wird sie zur Kunst. Die Sprache uberhaupt hat ihren bestimmten Kreis. Noch enger ist der Umfang einer besondern Volkssprache. Durch Ubung und Nachdenken lernt der Dichter seine Sprache kennen. Er weiss, was er mit ihr leisten kann, genau, und wird keinen thorichten Versuch machen, sie uber ihre Krafte anzuspannen. Nur selten wird er alle ihre Krafte in Einen Punkt zusammen drangen, denn sonst wird er ermudend, und vernichtet selbst die kostbare Wirkung einer gutangebrachten Kraftausserung. Auf seltsame Sprunge richtet sie nur ein Gaukler, kein Dichter ab. Uberhaupt konnen die Dichter nicht genug von den Musikern und Mahlern lernen. In diesen Kunsten wird es recht auffallend, wie nothig es ist, wirthschaftlich mit den Hulfsmitteln der Kunst umzugehn, und wie viel auf geschickte Verhaltnisse ankommt. Dagegen konnten freylich jene Kunstler auch von uns die poetische Unabhangigkeit und den innern Geist jeder Dichtung und Erfindung, jedes achten Kunstwerks uberhaupt, dankbar annehmen. Sie sollten poetischer und wir musikalischer und mahlerischer seyn beydes nach der Art und Weise unserer Kunst. Der Stoff ist nicht der Zweck der Kunst, aber die Ausfuhrung ist es. Du wirst selbst sehen, welche Gesange dir am besten gerathen, gewiss die, deren Gegenstande dir am gelaufigsten und gegenwartigsten sind. Daher kann man sagen, dass die Poesie ganz auf Erfahrung beruht. Ich weiss selbst, dass mir in jungen Jahren ein Gegenstand nicht leicht zu entfernt und zu unbekannt seyn konnte, den ich nicht am liebsten besungen hatte. Was wurde es? ein leeres, armseliges Wortgerausch, ohne einen Funken wahrer Poesie. Daher ist auch ein Mahrchen eine sehr schwierige Aufgabe, und selten wird ein junger Dichter sie gut losen.

Ich mochte gern eins von dir horen, sagte Heinrich. Die wenigen, die ich gehort habe, haben mich unbeschreiblich ergotzt, so unbedeutend sie auch seyn mochten.

Ich will heute Abend deinen Wunsch befriedigen. Es ist mir Eins erinnerlich, was ich noch in ziemlich jungen Jahren machte, wovon es auch noch deutliche Spuren an sich tragt, indess wird es dich vielleicht desto lehrreicher unterhalten, und dich an manches erinnern, was ich dir gesagt habe.

Die Sprache, sagte Heinrich, ist wirklich eine kleine Welt in Zeichen und Tonen. Wie der Mensch sie beherrscht, so mochte er gern die grosse Welt beherrschen, und sich frey darinn ausdrucken konnen. Und eben in dieser Freude, das, was ausser der Welt ist, in ihr zu offenbaren, das thun zu konnen, was eigentlich der ursprungliche Trieb unsers Daseyns ist, liegt der Ursprung der Poesie.

Es ist recht ubel, sagte Klingsohr, dass die Poesie einen besondern Namen hat, und die Dichter eine besondere Zunft ausmachen. Es ist gar nichts besonderes. Es ist die eigenthumliche Handlungsweise des menschlichen Geistes. Dichtet und trachtet nicht jeder Mensch in jeder Minute? Eben trat Mathilde in's Zimmer, als Klingsohr noch sagte: Man betrachte nur die Liebe. Nirgends wird wohl die Nothwendigkeit der Poesie zum Bestand der Menschheit so klar, als in ihr. Die Liebe ist stumm, nur die Poesie kann fur sie sprechen. Oder die Liebe ist selbst nichts, als die hochste Naturpoesie. Doch ich will dir nicht Dinge sagen, die du besser weisst, als ich.

Du bist ja der Vater der Liebe, sagte Heinrich, indem er Mathilden umschlang, und beyde seine Hand kussten.

Klingsohr umarmte sie und ging hinaus. Liebe Mathilde, sagte Heinrich nach einem langen Kusse, es ist mir wie ein Traum, dass du mein bist, aber noch wunderbarer ist mir es, dass du es nicht immer gewesen bist. Mich dunkt, sagte Mathilde, ich kennte dich seit undenklichen Zeiten. Kannst du mich denn lieben? Ich weiss nicht, was Liebe ist, aber das kann ich dir sagen, dass mir ist, als finge ich erst jetzt zu leben an, und dass ich dir so gut bin, dass ich gleich fur dich sterben wollte. Meine Mathilde, erst jetzt fuhle ich, was es heisst unsterblich zu seyn. Lieber Heinrich, wie unendlich gut bist du, welcher herrliche Geist spricht aus dir. Ich bin ein armes, unbedeutendes Madchen. Wie du mich tief beschamst! bin ich doch nur durch dich, was ich bin. Ohne dich ware ich nichts. Was ist ein Geist ohne Himmel, und du bist der Himmel, der mich tragt und erhalt. Welches selige Geschopf ware ich, wenn du so treu warst, wie mein Vater. Meine Mutter starb kurz nach meiner Geburt; Mein Vater weint fast alle Tage noch um sie. Ich verdiene es nicht, aber mochte ich glucklicher seyn, als er. Ich lebte gern recht lange an deiner Seite, lieber Heinrich. Ich werde durch dich gewiss viel besser. Ach! Mathilde, auch der Tod wird uns nicht trennen. Nein, Heinrich, wo ich bin, wirst du seyn. Ja wo du bist, Mathilde, werd' ich ewig seyn. Ich begreife nichts von der Ewigkeit, aber ich dachte, das musste die Ewigkeit seyn, was ich empfinde, wenn ich an dich denke. Ja Mathilde, wir sind ewig weil wir uns lieben. Du glaubst nicht Lieber, wie inbrunstig ich heute fruh, wie wir nach Hause kamen, vor dem Bilde der himmlischen Mutter niederkniete, wie unsaglich ich zu ihr gebetet habe. Ich glaubte in Thranen zu zerfliessen. Es kam mir vor, als lachelte sie mir zu. Nun weiss ich erst was Dankbarkeit ist. O Geliebte, der Himmel hat dich mir zur Verehrung gegeben. Ich bete dich an. Du bist die Heilige, die meine Wunsche zu Gott bringt, durch die er sich mir offenbart, durch die er mir die Fulle seiner Liebe kund thut. Was ist die Religion, als ein unendliches Einverstandniss, eine ewige Vereinigung liebender Herzen? Wo zwey versammelt sind, ist er ja unter ihnen. Ich habe ewig an dir zu athmen; meine Brust wird nie aufhoren dich in sich zu ziehn. Du bist die gottliche Herrlichkeit, das ewige Leben in der lieblichsten Hulle. Ach! Heinrich, du weisst das Schicksal der Rosen; wirst du auch die welken Lippen, die bleichen Wangen mit Zartlichkeit an deine Lippen drucken? Werden die Spuren des Alters nicht die Spuren der vorubergegangenen Liebe seyn? O! konntest du durch meine Augen in mein Gemuth sehn! aber du liebst mich und so glaubst du mir auch. Ich begreife das nicht, was man von der Verganglichkeit der Reitze sagt. O! sie sind unverwelklich. Was mich so unzertrennlich zu dir zieht, was ein ewiges Verlangen in mir geweckt hat, das ist nicht aus dieser Zeit. Konntest du nur sehn, wie du mir erscheinst, welches wunderbare Bild deine Gestalt durchdringt und mir uberall entgegen leuchtet, du wurdest kein Alter furchten. Deine irdische Gestalt ist nur ein Schatten dieses Bildes. Die irdischen Krafte ringen und quellen um es festzuhalten, aber die Natur ist noch unreif; das Bild ist ein ewiges Urbild, ein Theil der unbekannten heiligen Welt. Ich verstehe dich, lieber Heinrich, denn ich sehe etwas Ahnliches, wenn ich dich anschaue. Ja Mathilde, die hohere Welt ist uns naher, als wir gewohnlich denken. Schon hier leben wir in ihr, und wir erblicken sie auf das Innigste mit der irdischen Natur verwebt. Du wirst mir noch viel herrliche Sachen offenbaren, Geliebtester. O! Mathilde, von dir allein kommt mir die Gabe der Weissagung. Alles ist ja dein, was ich habe; deine Liebe wird mich in die Heiligthumer des Lebens, in das Allerheiligste des Gemuths fuhren; du wirst mich zu den hochsten Anschauungen begeistern. Wer weiss, ob unsre Liebe nicht dereinst noch zu Flammenfittichen wird, die uns aufheben, und uns in unsre himmlische Heimath tragen, ehe das Alter und der Tod uns erreichen. Ist es nicht schon ein Wunder, dass du mein bist, dass ich dich in meinen Armen halte, dass du mich liebst und ewig mein seyn willst? Auch mir ist jetzt alles glaublich, und ich fuhle ja so deutlich eine stille Flamme in mir lodern; wer weiss, ob sie uns nicht verklart, und die irdischen Banden allmahlich auflost. Sage mir nur, Heinrich, ob du auch schon das grenzenlose Vertrauen zu mir hast, was ich zu dir habe. Noch nie hab' ich so etwas gefuhlt, selbst nicht gegen meinen Vater, den ich doch so unendlich liebe. Liebe Mathilde, es peinigt mich ordentlich, dass ich dir nicht alles auf einmal sagen, dass ich dir nicht gleich mein ganzes Herz auf einmal hingeben kann. Es ist auch zum erstenmal in meinem Leben, dass ich ganz offen bin. Keinen Gedanken, keine Empfindung kann ich vor dir mehr geheim haben; du musst alles wissen. Mein ganzes Wesen soll sich mit dem deinigen vermischen. Nur die grenzenloseste Hingebung kann meiner Liebe genugen. In ihr besteht sie ja. Sie ist ja ein geheimnissvolles Zusammenfliessen unsers geheimsten und eigenthumlichsten Daseyns. Heinrich, so konnen sich noch nie zwey Menschen geliebt haben. Ich kanns nicht glauben. Es gab ja noch keine Mathilde. Auch keinen Heinrich. Ach! schwor es mir noch einmal, dass du ewig mein bist; die Liebe ist eine endlose Wiederholung. Ja, Heinrich, ich schwore ewig dein zu seyn, bey der unsichtbaren Gegenwart meiner guten Mutter. Ich schwore ewig dein zu seyn, Mathilde, so wahr die Liebe die Gegenwart Gottes bey uns ist. Eine lange Umarmung, unzahlige Kusse besiegelten den ewigen Bund des seligen Paars.

Neuntes Kapitel

Abends waren einige Gaste da; der Grossvater trank die Gesundheit des jungen Brautpaars, und versprach bald ein schones Hochzeitfest auszurichten. Was hilft das lange Zaudern, sagte der Alte. Fruhe Hochzeiten, lange Liebe. Ich habe immer gesehn, dass Ehen, die fruh geschlossen wurden, am glucklichsten waren. In spatern Jahren ist gar keine solche Andacht mehr im Ehestande, als in der Jugend. Eine gemeinschaftlich genossne Jugend ist ein unzerreissliches Band. Die Erinnerung ist der sicherste Grund der Liebe. Nach Tische kamen mehrere. Heinrich bat seinen neuen Vater um die Erfullung seines Versprechens. Klingsohr sagte zu der Gesellschaft: Ich habe heute Heinrichen versprochen ein Mahrchen zu erzahlen. Wenn ihr es zufrieden seyd, so bin ich bereit. Das ist ein kluger Einfall von Heinrich, sagte Schwaning. Ihr habt lange nichts von euch horen lassen. Alle setzten sich um das lodernde Feuer im Kamin. Heinrich sass dicht bey Mathilden, und schlang seinen Arm um sie. Klingsohr begann:

Die lange Nacht war eben angegangen. Der alte Held schlug an seinen Schild, dass es weit umher in den oden Gassen der Stadt erklang. Er wiederholte das Zeichen dreymal. Da fingen die hohen bunten Fenster des Pallastes an von innen heraus helle zu werden, und ihre Figuren bewegten sich. Sie bewegten sich lebhafter, je starker das rothliche Licht ward, das die Gassen zu erleuchten begann. Auch sah man allmahlich die gewaltigen Saulen und Mauern selbst sich erhellen; Endlich standen sie im reinsten, milchblauen Schimmer, und spielten mit den sanftesten Farben. Die ganze Gegend ward nun sichtbar, und der Wiederschein der Figuren, das Getummel der Spiesse, der Schwerdter, der Schilder, und der Helme, die sich nach hier und da erscheinenden Kronen, von allen Seiten neigten, und endlich wie diese verschwanden, und einem schlichten, grunen Kranze Plaz machten, um diesen her einen weiten Kreis schlossen: alles dies spiegelte sich in dem starren Meere, das den Berg umgab, auf dem die Stadt lag, und auch der ferne hohe Berggurtel, der sich rund um das Meer herzog, ward bis in die Mitte mit einem milden Abglanz uberzogen. Man konnte nichts deutlich unterscheiden; doch horte man ein wunderliches Getose heruber, wie aus einer fernen ungeheuren Werkstatt. Die Stadt erschien dagegen hell und klar. Ihre glatten, durchsichtigen Mauern warfen die schonen Strahlen zuruck, und das vortreffliche Ebenmaass, der edle Styl aller Gebaude, und ihre schone Zusammenordnung kam zum Vorschein. Vor allen Fenstern standen zierliche Gefasse von Thon, voll der mannichfaltigsten Eis- und Schneeblumen, die auf das anmuthigste funkelten.

Am herrlichsten nahm sich auf dem grossen Platze vor dem Pallaste der Garten aus, der aus Metallbaumen und Krystallpflanzen bestand, und mit bunten Edelsteinbluthen und Fruchten ubersaet war. Die Mannichfaltigkeit und Zierlichkeit der Gestalten, und die Lebhaftigkeit der Lichter und Farben gewahrten das herrlichste Schauspiel, dessen Pracht durch einen hohen Springquell in der Mitte des Gartens, der zu Eis erstarrt war, vollendet wurde. Der alte Held ging vor den Thoren des Pallastes langsam voruber. Eine Stimme rief seinen Namen im Innern. Er lehnte sich an das Thor, das mit einem sanften Klange sich offnete, und trat in den Saal. Seinen Schild hielt er vor die Augen. Hast du noch nichts entdeckt? sagte die schone Tochter Arcturs, mit klagender Stimme. Sie lag an seidnen Polstern auf einem Throne, der von einem grossen Schwefelkrystall kunstlich erbaut war, und einige Madchen rieben amsig ihre zarten Glieder, die wie aus Milch und Purpur zusammengeflossen schienen. Nach allen Seiten stromte unter den Handen der Madchen das reizende Licht von ihr aus, was den Pallast so wundersam erleuchtete. Ein duftender Wind wehte im Saale. Der Held schwieg. Lass mich deinen Schild beruhren, sagte sie sanft. Er naherte sich dem Throne und betrat den kostlichen Teppich. Sie ergriff seine Hand, druckte sie mit Zartlichkeit an ihren himmlischen Busen und ruhrte seinen Schild an. Seine Rustung klang, und eine durchdringende Kraft beseelte seinen Korper. Seine Augen blitzten und das Herz pochte horbar an den Panzer. Die schone Freya schien heiterer, und das Licht ward brennender, das von ihr ausstromte. Der Konig kommt, rief ein prachtiger Vogel, der im Hintergrunde des Thrones sass. Die Dienerinnen legten eine himmelblaue Decke uber die Prinzessin, die sie bis uber den Busen bedeckte. Der Held senkte seinen Schild und sah nach der Kuppel hinauf, zu welcher zwey breite Treppen von beyden Seiten des Saals sich hinauf schlangen. Eine leise Musik ging dem Konige voran, der bald mit einem zahlreichen Gefolge in der Kuppel erschien und herunter kam.

Der schone Vogel entfaltete seine glanzenden Schwingen, bewegte sie sanft und sang, wie mit tausend Stimmen, dem Konige entgegen:

Nicht lange wird der schone Fremde saumen.

Die Warme naht, die Ewigkeit beginnt.

Die Konigin erwacht aus langen Traumen,

Wenn Meer und Land in Liebesglut zerrinnt.

Die kalte Nacht wird diese Statte raumen,

Wenn Fabel erst das alte Recht gewinnt.

In Freyas Schooss wird sich die Welt entzunden

Und jede Sehnsucht ihre Sehnsucht finden.

Der Konig umarmte seine Tochter mit Zartlichkeit. Die Geister der Gestirne stellten sich um den Thron, und der Held nahm in der Reihe seinen Platz ein. Eine unzahlige Menge Sterne fullten den Saal in zierlichen Gruppen. Die Dienerinnen brachten einen Tisch und ein Kastchen, worin eine Menge Blatter lagen, auf denen heilige tiefsinnige Zeichen standen, die aus lauter Sternbildern zusammengesetzt waren. Der Konig kusste ehrfurchtsvoll diese Blatter, mischte sie sorgfaltig untereinander, und reichte seiner Tochter einige zu. Die andern behielt er fur sich. Die Prinzessin zog sie nach der Reihe heraus und legte sie auf den Tisch, dann betrachtete der Konig die seinigen genau, und wahlte mit vielem Nachdenken, ehe er eins dazu hinlegte. Zuweilen schien er gezwungen zu seyn, dies oder jenes Blatt zu wahlen. Oft aber sah man ihm die Freude an, wenn er durch ein gutgetroffenes Blatt eine schone Harmonie der Zeichen und Figuren legen konnte.

Wie das Spiel anfing, sah man an allen Umstehenden Zeichen der lebhaftesten Theilnahme, und die sonderbarsten Mienen und Gebehrden, gleichsam als hatte jeder ein unsichtbares Werkzeug in Handen, womit er eifrig arbeite. Zugleich liess sich eine sanfte, aber tief bewegende Musik in der Luft horen, die von den im Saale sich wunderlich durcheinander schlingenden Sternen, und den ubrigen sonderbaren Bewegungen zu entstehen schien. Die Sterne schwangen sich, bald langsam bald schnell, in bestandig veranderten Linien umher, und bildeten, nach dem Gange der Musik, die Figuren der Blatter auf das kunstreichste nach. Die Musik wechselte, wie die Bilder auf dem Tische, unaufhorlich, und so wunderlich und hart auch die Ubergange nicht selten waren, so schien doch nur Ein einfaches Thema das Ganze zu verbinden. Mit einer unglaublichen Leichtigkeit flogen die Sterne den Bildern nach. Sie waren bald alle in Einer grossen Verschlingung, bald wieder in einzelne Haufen schon geordnet, bald zerstaubte der lange Zug, wie ein Strahl, in unzahlige Funken, bald kam durch immer wachsende kleinere Kreise und Muster wieder Eine grosse, uberraschende Figur zum Vorschein. Die bunten Gestalten in den Fenstern blieben wahrend dieser Zeit ruhig stehen. Der Vogel bewegte unaufhorlich die Hulle seiner kostbaren Federn auf die mannichfaltigste Weise. Der alte Held hatte bisher auch sein unsichtbares Geschaft amsig betrieben, als auf einmal der Konig voll Freuden ausrief: Es wird alles gut. Eisen, wirf du dein Schwerdt in die Welt, dass sie erfahren, wo der Friede ruht. Der Held riss das Schwerdt von der Hufte, stellte es mit der Spitze gen Himmel, dann ergriff er es und warf es aus dem geoffneten Fenster uber die Stadt und das Eismeer. Wie ein Komet flog es durch die Luft, und schien an dem Berggurtel mit hellem Klange zu zersplittern, denn es fiel in lauter Funken herunter.

Zu der Zeit lag der schone Knabe Eros in seiner Wiege und schlummerte sanft, wahrend Ginnistan seine Amme die Wiege schaukelte und seiner Milchschwester Fabel die Brust reichte. Ihr buntes Halstuch hatte sie uber die Wiege ausgebreitet, dass die hellbrennende Lampe, die der Schreiber vor sich stehen hatte, das Kind mit ihrem Scheine nicht beunruhigen mochte. Der Schreiber schrieb unverdrossen, sah sich nur zuweilen murrisch nach den Kindern um, und schnitt der Amme finstere Gesichter, die ihn gutmuthig anlachelte und schwieg.

Der Vater der Kinder ging immer ein und aus, indem er jedesmal die Kinder betrachtete und Ginnistan freundlich begrusste. Er hatte unaufhorlich dem Schreiber etwas zu sagen. Dieser vernahm ihn genau, und wenn er es aufgezeichnet hatte, reichte er die Blatter einer edlen, gottergleichen Frau hin, die sich an einen Altar lehnte, auf welchem eine dunkle Schaale mit klarem Wasser stand, in welches sie mit heiterm Lacheln blickte. Sie tauchte die Blatter jedesmal hinein, und wenn sie bey'm Herausziehn gewahr wurde, dass einige Schriften stehen geblieben und glanzend geworden war, so gab sie das Blatt dem Schreiber zuruck, der es in ein grosses Buch heftete, und oft verdriesslich zu seyn schien, wenn seine Muhe vergeblich gewesen und alles ausgeloscht war. Die Frau wandte sich zu Zeiten gegen Ginnistan und die Kinder, tauchte den Finger in die Schaale, und sprutzte einige Tropfen auf sie hin, die, sobald sie die Amme, das Kind, oder die Wiege beruhrten, in einen blauen Dunst zerrannen, der tausend seltsame Bilder zeigte, und bestandig um sie herzog und sich veranderte. Traf einer davon zufallig auf den Schreiber, so fielen eine Menge Zahlen und geometrische Figuren nieder, die er mit vieler Amsigkeit auf einen Faden zog, und sich zum Zierrath um den magern Hals hing. Die Mutter des Knaben, die wie die Anmuth und Lieblichkeit selbst aussah, kam oft herein. Sie schien bestandig beschaftigt, und trug immer irgend ein Stuck Hausgerathe mit sich hinaus: bemerkte es der argwohnische und mit spahenden Blicken sie verfolgende Schreiber, so begann er eine lange Strafrede, auf die aber kein Mensch achtete. Alle schienen seiner unnutzen Widerreden gewohnt. Die Mutter gab auf einige Augenblicke der kleinen Fabel die Brust; aber bald ward sie wieder abgerufen, und dann nahm Ginnistan das Kind zuruck, das an ihr lieber zu trinken schien. Auf einmal brachte der Vater ein zartes eisernes Stabchen herein, das er im Hofe gefunden hatte. Der Schreiber besah es und drehte es mit vieler Lebhaftigkeit herum, und brachte bald heraus, dass es sich von selbst, in der Mitte an einem Faden aufgehangt, nach Norden drehe. Ginnistan nahm es auch in die Hand, bog es, druckte es, hauchte es an, und hatte ihm bald die Gestalt einer Schlange gegeben, die sich nun plotzlich in den Schwanz biss. Der Schreiber ward bald des Betrachtens uberdrussig. Er schrieb alles genau auf, und war sehr weitlauftig uber den Nutzen, den dieser Fund gewahren konne. Wie argerlich war er aber, als sein ganzes Schreibwerk die Probe nicht bestand, und das Papier weiss aus der Schaale hervorkam. Die Amme spielte fort. Zuweilen beruhrte sie die Wiege damit, da fing der Knabe an wach zu werden, schlug die Decke zuruck, hielt die eine Hand gegen das Licht, und langte mit der Andern nach der Schlange. Wie er sie erhielt, sprang er rustig, dass Ginnistan erschrak, und der Schreiber beynah vor Entsetzen vom Stuhle fiel, aus der Wiege, stand, nur von seinen langen goldernen Haaren bedeckt, im Zimmer, und betrachtete mit unaussprechlicher Freude das Kleinod, das sich in seinen Handen nach Norden ausstreckte, und ihn heftig im Innern zu bewegen schien. Zusehends wuchs er.

Sophie, sagte er mit ruhrender Stimme zu der Frau, lass mich aus der Schaale trinken. Sie reichte sie ihm ohne Anstand, und er konnte nicht aufhoren zu trinken, indem die Schaale sich immer voll zu erhalten schien. Endlich gab er sie zuruck, indem er die edle Frau innig umarmte. Er herzte Ginnistan, und bat sie um das bunte Tuch, das er sich anstandig um die Huften band. Die kleine Fabel nahm er auf den Arm. Sie schien unendliches Wohlgefallen an ihm zu haben, und fing zu plaudern an. Ginnistan machte sich viel um ihn zu schaffen. Sie sah ausserst reizend und leichtfertig aus, und druckte ihn mit der Innigkeit einer Braut an sich. Sie zog ihn mit heimlichen Worten nach der Kammerthur, aber Sophie winkte ernsthaft und deutete nach der Schlange; da kam die Mutter herein, auf die er sogleich zuflog und sie mit heissen Thranen bewillkommte. Der Schreiber war ingrimmig fortgegangen. Der Vater trat herein, und wie er Mutter und Sohn in stiller Umarmung sah, trat er hinter ihren Rucken zur reitzenden Ginnistan, und liebkoste ihr. Sophie stieg die Treppe hinauf. Die kleine Fabel nahm die Feder des Schreibers und fing zu schreiben an. Mutter und Sohn vertieften sich in ein leises Gesprach, und der Vater schlich sich mit Ginnistan in die Kammer, um sich von den Geschaften des Tags in ihren Armen zu erholen. Nach geraumer Zeit kam Sophie zuruck. Der Schreiber trat herein. Der Vater kam aus der Kammer und ging an seine Geschafte. Ginnistan kam mit gluhenden Wangen zuruck. Der Schreiber jagte die kleine Fabel mit vielen Schmahungen von seinem Sitze, und hatte einige Zeit nothig seine Sachen in Ordnung zu bringen. Er reichte Sophien die von Fabel vollgeschriebenen Blatter, um sie rein zuruck zu erhalten, gerieth aber bald in den aussersten Unwillen, wie Sophie die Schrift vollig glanzend und unversehrt aus der Schaale zog und sie ihm hinlegte. Fabel schmiegte sich an ihre Mutter, die sie an die Brust nahm, und das Zimmer aufputzte, die Fenster offnete, frische Luft hereinliess und Zubereitungen zu einem kostlichen Mahle machte. Man sah durch die Fenster die herrlichsten Aussichten und einen heitern Himmel uber die Erde gespannt. Auf dem Hofe war der Vater in voller Thatigkeit. Wenn er mude war, sah er hinauf ans Fenster, wo Ginnistan stand, und ihm allerhand Naschereien herunterwarf. Die Mutter und der Sohn gingen hinaus, um uberall zu helfen und den gefassten Entschluss vorzubereiten. Der Schreiber ruhrte die Feder, und machte immer eine Fratze, wenn er genothigt war, Ginnistan um etwas zu fragen, die ein sehr gutes Gedachtniss hatte, und alles behielt, was sich zutrug. Eros kam bald in schoner Rustung, um die das bunte Tuch wie eine Scharpe gebunden war, zuruck, und bat Sophie um Rath, wann und wie er seine Reise antreten solle. Der Schreiber war vorlaut, und wollte gleich mit einem ausfuhrlichen Reiseplan dienen, aber seine Vorschlage wurden uberhort. Du kannst sogleich reisen; Ginnistan mag dich begleiten, sagte Sophie; sie weiss mit den Wegen Bescheid, und ist uberall gut bekannt. Sie wird die Gestalt deiner Mutter annehmen, um dich nicht in Versuchung zu fuhren. Findest du den Konig, so denke an mich; dann komme ich um dir zu helfen.

Ginnistan tauschte ihre Gestalt mit der Mutter, woruber der Vater sehr vergnugt zu seyn schien; der Schreiber freute sich, dass die beiden fortgingen; besonders da ihm Ginnistan ihr Taschenbuch zum Abschiede schenkte, worin die Chronik des Hauses umstandlich aufgezeichnet war; nur blieb ihm die kleine Fabel ein Dorn im Auge, und er hatte, um seiner Ruhe und Zufriedenheit willen, nichts mehr gewunscht, als dass auch sie unter der Zahl der Abreisenden seyn mochte. Sophie segnete die Niederknieenden ein, und gab ihnen ein Gefass voll Wasser aus der Schaale mit; die Mutter war sehr bekummert. Die kleine Fabel ware gern mitgegangen, und der Vater war zu sehr ausser dem Hause beschaftigt, als dass er lebhaften Antheil hatte nehmen sollen. Es war Nacht, wie sie abreisten, und der Mond stand hoch am Himmel. Lieber Eros, sagte Ginnistan, wir mussen eilen, dass wir zu meinem Vater kommen, der mich lange nicht gesehn und so sehnsuchtsvoll mich uberall auf der Erde gesucht hat. Siehst du wohl sein bleiches abgeharmtes Gesicht? Dein Zeugniss wird mich ihm in der fremden Gestalt kenntlich machen.

Die Liebe ging auf dunkler Bahn

Vom Monde nur erblickt,

Das Schattenreich war aufgethan

Und seltsam aufgeschmuckt.

*

Ein blauer Dunst umschwebte sie

Mit einem goldnen Rand,

Und eilig zog die Fantasie

Sie uber Strom und Land.

*

Es hob sich ihre volle Brust

In wunderbarem Muth;

Ein Vorgefuhl der kunft'gen Lust

Besprach die wilde Glut.

*

Die Sehnsucht klagt' und wusst' es nicht,

Dass Liebe naher kam,

Und tiefer grub in ihr Gesicht

Sich hoffnungsloser Gram.

*

Die kleine Schlange blieb getreu:

Sie wies nach Norden hin,

Und beyde folgten sorgenfrey

Der schonen Fuhrerin.

*

Die Liebe ging durch Wusteneyn

Und durch der Wolken Land,

Trat in den Hof des Mondes ein

Die Tochter an der Hand.

Er sass auf seinem Silberthron,

Allein mit seinem Harm;

Da hort' er seines Kindes Ton,

Und sank in ihren Arm.

*

Eros stand geruhrt bey den zartlichen Umarmungen. Endlich sammelte sich der alte erschutterte Mann, und bewillkommte seinen Gast. Er ergriff sein grosses Horn und stiess mit voller Macht hinein. Ein gewaltiger Ruf drohnte durch die uralte Burg. Die spitzen Thurme mit ihren glanzenden Knopfen und die tiefen schwarzen Dacher schwankten. Die Burg stand still, denn sie war auf das Gebirge jenseits des Meers gekommen. Von allen Seiten stromten seine Diener herzu, deren seltsame Gestalten und Trachten Ginnistan unendlich ergotzten, und den tapfern Eros nicht erschreckten. Erstere grusste ihre alten Bekannten, und alle erschienen vor ihr mit neuer Starke und in der ganzen Herrlichkeit ihrer Naturen. Der ungestume Geist der Flut folgte der sanften Ebbe. Die alten Orkane legten sich an die klopfende Brust der heissen leidenschaftlichen Erdbeben. Die zartlichen Regenschauer sahen sich nach dem bunten Bogen um, der von der Sonne, die ihn mehr anzieht, entfernt, bleich da stand. Der rauhe Donner schalt uber die Thorheiten der Blitze, hinter den unzahligen Wolken hervor, die mit tausend Reizen dastanden und die feurigen Junglinge lockten. Die beyden lieblichen Schwestern, Morgen und Abend, freuten sich vorzuglich uber die beyden Ankommlinge. Sie weinten sanfte Thranen in ihren Umarmungen. Unbeschreiblich war der Anblick dieses wunderlichen Hofstaats. Der alte Konig konnte sich an seiner Tochter nicht satt sehen. Sie fuhlte sich zehnfach glucklich in ihrer vaterlichen Burg, und ward nicht mude die bekannten Wunder und Seltenheiten zu beschauen. Ihre Freude war ganz unbeschreiblich, als ihr der Konig den Schlussel zur Schatzkammer und die Erlaubniss gab, ein Schauspiel fur Eros darin zu veranstalten, das ihn so lange unterhalten konnte, bis das Zeichen des Aufbruchs gegeben wurde. Die Schatzkammer war ein grosser Garten, dessen Mannichfaltigkeit und Reichthum alle Beschreibung ubertraf. Zwischen den ungeheuren Wetterbaumen lagen unzahlige Luftschlosser von uberraschender Bauart, eins immer kostlicher, als das Andere. Grosse Heerden von Schafchen, mit silberweisser, goldner und rosenfarbner Wolle irrten umher, und die sonderbarsten Thiere belebten den Hayn. Merkwurdige Bilder standen hie und da, und die festlichen Aufzuge, die seltsamen Wagen, die uberall zum Vorschein kamen, beschaftigten die Aufmerksamkeit unaufhorlich. Die Beete standen voll der buntesten Blumen. Die Gebaude waren gehauft voll von Waffen aller Art, voll der schonsten Teppiche, Tapeten, Vorhange, Trinkgeschirre und aller Arten von Gerathen und Werkzeugen, in unubersehlichen Reihen. Auf einer Anhohe erblickten sie ein romantisches Land, das mit Stadten und Burgen, mit Tempeln und Begrabnissen ubersaet war, und alle Anmuth bewohnter Ebenen mit den furchtbaren Reizen der Einode und schroffer Felsengegenden vereinigte. Die schonsten Farben waren in den glucklichsten Mischungen. Die Bergspitzen glanzten wie Lustfeuer in ihren Eis- und Schneehullen. Die Ebene lachte im frischesten Grun. Die Ferne schmuckte sich mit allen Veranderungen von Blau, und aus der Dunkelheit des Meeres wehten unzahlige bunte Wimpel von zahlreichen Flotten. Hier sah man einen Schiffbruch im Hintergrunde, und vorne ein landliches froliches Mahl von Landleuten; dort den schrecklich schonen Ausbruch eines Vulkans, die Verwustungen des Erdbebens, und im Vordergrunde ein liebendes Paar unter schattenden Baumen in den sussesten Liebkosungen. Abwarts eine furchterliche Schlacht, und unter ihr ein Theater voll der lacherlichsten Masken. Nach einer andern Seite im Vordergrunde einen jugendlichen Leichnam auf der Baare, die ein trostloser Geliebter festhielt, und die weinenden Eltern daneben; im Hintergrunde eine liebliche Mutter mit dem Kinde an der Brust und Engel sitzend zu ihren Fussen, und aus den Zweigen uber ihrem Haupte herunterblickend. Die Szenen verwandelten sich unaufhorlich, und flossen endlich in eine grosse geheimnissvolle Vorstellung zusammen. Himmel und Erde waren in vollem Aufruhr. Alle Schrecken waren losgebrochen. Eine gewaltige Stimme rief zu den Waffen. Ein entsetzliches Heer von Todtengerippen, mit schwarzen Fahnen, kam wie ein Sturm von dunkeln Bergen herunter, und griff das Leben an, das mit seinen jugendlichen Schaaren in der hellen Ebene in muntern Festen begriffen war, und sich keines Angriffs versah. Es entstand ein entsetzliches Getummel, die Erde zitterte; der Sturm brauste, und die Nacht ward von furchterlichen Meteoren erleuchtet. Mit unerhorten Grausamkeiten zerriss das Heer der Gespenster die zarten Glieder der Lebendigen. Ein Scheiterhaufen thurmte sich empor, und unter dem grausenvollsten Geheul wurden die Kinder des Lebens von den Flammen verzehrt. Plotzlich brach aus dem dunklen Aschenhaufen ein milchblauer Strom nach allen Seiten aus. Die Gespenster wollten die Flucht ergreifen, aber die Flut wuchs zusehends, und verschlang die scheusliche Brut. Bald waren alle Schrecken vertilgt. Himmel und Erde flossen in susse Musik zusammen. Eine wunderschone Blume schwamm glanzend auf den sanften Wogen. Ein glanzender Bogen schloss sich uber die Flut auf welchem gottliche Gestalten auf prachtigen Thronen, nach beyden Seiten herunter, sassen. Sophie sass zu oberst, die Schaale in der Hand, neben einem herrlichen Manne, mit einem Eichenkranze um die Locken, und einer Friedenspalme statt des Szepters in der Rechten. Ein Lilienblatt bog sich uber den Kelch der schwimmenden Blume; die kleine Fabel sass auf demselben, und sang zur Harfe die sussesten Lieder. In dem Kelche lag Eros selbst, uber ein schones schlummerndes Madchen hergebeugt, die ihn fest umschlungen hielt. Eine kleinere Bluthe schloss sich um beyde her, so dass sie von den Huften an in Eine Blume verwandelt zu seyn schienen.

Eros dankte Ginnistan mit tausend Entzucken. Er umarmte sie zartlich, und sie erwiederte seine Liebkosungen. Ermudet von der Beschwerde des Weges und den mannichfaltigen Gegenstanden, die er gesehen hatte, sehnte er sich nach Bequemlichkeit und Ruhe. Ginnistan, die sich von dem schonen Jungling lebhaft angezogen fuhlte, hutete sich wohl des Trankes zu erwahnen, den Sophie ihm mitgegeben hatte. Sie fuhrte ihn zu einem abgelegenen Bade, zog ihm die Rustung aus, und zog selbst ein Nachtkleid an, in welchem sie fremd und verfuhrerisch aussah. Eros tauchte sich in die gefahrlichen Wellen, und stieg berauscht wieder heraus. Ginnistan trocknete ihn, und rieb seine starken, von Jugendkraft gespannten Glieder. Er gedachte mit gluhender Sehnsucht seiner Geliebten, und umfasste in sussem Wahne die reitzende Ginnistan. Unbesorgt uberliess er sich seiner ungestumen Zartlichkeit, und schlummerte endlich nach den wollustigsten Genussen an dem reizenden Busen seiner Begleiterin ein.

Unterdessen war zu Hause eine traurige Veranderung vorgegangen. Der Schreiber hatte das Gesinde in eine gefahrliche Verschworung verwickelt. Sein feindseliges Gemuth hatte langst Gelegenheit gesucht, sich des Hausregiments zu bemachtigen, und sein Joch abzuschutteln. Er hatte sie gefunden. Zuerst bemachtigte sich sein Anhang der Mutter, die in eiserne Bande gelegt wurde. Der Vater ward bey Wasser und Brod ebenfalls hingesetzt. Die kleine Fabel horte den Larm im Zimmer. Sie verkroch sich hinter dem Altare, und wie sie bemerkte, dass eine Thur an seiner Ruckseite verborgen war, so offnete sie dieselbe mit vieler Behendigkeit, und fand, dass eine Treppe in ihm hinunterging. Sie zog die Tur nach sich, und stieg im Dunkeln die Treppe hinunter. Der Schreiber sturzte mit Ungestum herein, um sich an der kleinen Fabel zu rachen, und Sophien gefangen zu nehmen. Beyde waren nicht zu finden. Die Schaale fehlte auch, und in seinem Grimme zerschlug er den Altar in tausend Stukke, ohne jedoch die heimliche Treppe zu entdecken.

Die kleine Fabel stieg geraume Zeit. Endlich kam sie auf einen freyen Platz hinaus, der rund herum mit einer prachtigen Colonnade geziert, und durch ein grosses Thor geschlossen war. Alle Figuren waren hier dunkel. Die Luft war wie ein ungeheurer Schatten; am Himmel stand ein schwarzer strahlender Korper. Man konnte alles auf das deutlichste unterscheiden, weil jede Figur einen andern Anstrich von Schwarz zeigte, und einen lichten Schein hinter sich, warf; Licht und Schatten schienen hier ihre Rollen vertauscht zu haben. Fabel freute sich in einer neuen Welt zu seyn. Sie besah alles mit kindlicher Neugierde. Endlich kam sie an das Thor, vor welchem auf einem massiven Postument eine schone Sphinx lag.

Was suchst du? sagte die Sphinx; mein Eigenthum, erwiederte Fabel. Wo kommst du her? Aus alten Zeiten; Du bist noch ein Kind Und werde ewig ein Kind seyn. Wer wird dir beystehn? Ich stehe fur mich. Wo sind die Schwestern, fragte Fabel? Uberall und nirgends, gab die Sphinx zur Antwort. Kennst du mich? noch nicht. Wo ist die Liebe? In der Einbildung. Und Sophie? Die Sphinx murmelte unvernehmlich vor sich hin, und rauschte mit den Flugeln. Sophie und Liebe, rief triumphirend Fabel, und ging durch das Thor. Sie trat in die ungeheure Hohle, und ging frolich auf die alten Schwestern zu, die bey der karglichen Nacht einer schwarzbrennenden Lampe ihr wunderliches Geschaft trieben. Sie thaten nicht, als ob sie den kleinen Gast bemerkten, der mit artigen Liebkosungen sich geschaftig um sie erzeigte. Endlich krachzte die eine mit rauhen Worten und scheelem Gesicht: Was willst du hier, Mussiggangerin? wer hat dich eingelassen? Dein kindisches Hupfen bewegt die stille Flamme. Das Ol verbrennt unnutzer Weise. Kannst du dich nicht hinsetzen und etwas vornehmen? Schone Base, sagte Fabel, am Mussiggehn ist mir nichts gelegen. Ich musste recht uber eure Thurhuterin lachen. Sie hatte mich gern an die Brust genommen, aber sie musste zu viel gegessen haben, sie konnte nicht aufstehn. Lasst mich vor der Thur sitzen, und gebt mir etwas zu spinnen; denn hier kann ich nicht gut sehen, und wenn ich spinne, muss ich singen und plaudern durfen, und das konnte euch in euren ernsthaften Gedanken storen. Hinaus sollst du nicht, aber in der Nebenkammer bricht ein Strahl der Oberwelt durch die Felsritzen, da magst du spinnen, wenn du so geschickt bist; hier liegen ungeheure Haufen von alten Enden, die drehe zusammen; aber hute dich: wenn du saumselig spinnst, oder der Faden reisst, so schlingen sich die Faden um dich her und ersticken dich. Die Alte lachte hamisch, und spann. Fabel raffte einen Arm voll Faden zusammen, nahm Wocken und Spindel, und hupfte singend in die Kammer. Sie sah durch die Offnung hinaus, und erblickte das Sternbild des Phonixes. Froh uber das gluckliche Zeichen fing sie an lustig zu spinnen, liess die Kammerthur ein wenig offen, und sang halbleise:

Erwacht in euren Zellen,

Ihr Kinder alter Zeit;

Lasst eure Ruhestellen,

Der Morgen ist nicht weit.

*

Ich spinne eure Faden

In Einen Faden ein;

Aus ist die Zeit der Fehden.

Ein Leben sollt' ihr seyn.

*

Ein jeder lebt in Allen,

Und All' in Jedem auch.

Ein Herz wird in euch wallen,

Von Einem Lebenshauch.

*

Noch seyd ihr nichts als Seele,

Nur Traum und Zauberey.

Geht furchtbar in die Hohle

Und neckt die heil'ge Drey.

*

Die Spindel schwang sich mit unglaublicher Behendigkeit zwischen den kleinen Fussen; wahrend sie mit beyden Handen den zarten Faden drehte. Unter dem Liede wurden unzahlige Lichterchen sichtbar, die aus der Thurspalte schlupften und durch die Hohle in scheuslichen Larven sich verbreiteten. Die Alten hatten wahrend der Zeit immer murrisch fortgesponnen, und auf das Jammergeschrey der kleinen Fabel gewartet, aber wie entsetzten sie sich, als auf einmal eine erschreckliche Nase uber ihre Schultern guckte, und wie sie sich umsahen, die ganze Hohle voll der grasslichsten Figuren war, die tausenderley Unfug trieben. Sie fuhren in einander, heulten mit furchterlicher Stimme, und waren vor Schrecken zu Stein geworden, wenn nicht in diesem Augenblicke der Schreiber in die Hohle getreten ware, und eine Alraunwurzel bey sich gehabt hatte. Die Lichterchen verkrochen sich in die Felsklufte und die Hohle wurde ganz hell, weil die schwarze Lampe in der Verwirrung umgefallen und ausgeloscht war. Die Alten waren froh, wie sie den Schreiber kommen horten, aber voll Ingrimms gegen die kleine Fabel. Sie riefen sie heraus, schnarchten sie furchterlich an und verboten ihr fortzuspinnen. Der Schreiber schmunzelte hohnisch, weil er die kleine Fabel nun in seiner Gewalt zu haben glaubte und sagte: Es ist gut, dass du hier bist und zur Arbeit angehalten werden kannst. Ich hoffe, dass es an Zuchtigungen nicht fehlen soll. Dein guter Geist hat dich hergefuhrt. Ich wunsche dir langes Leben und viel Vergnugen. Ich danke dir fur deinen guten Willen, sagte Fabel; man sieht dir jetzt die gute Zeit an; dir fehlt nur noch das Stundenglas und die Hippe, so siehst du ganz wie der Bruder meiner schonen Basen aus. Wenn du Gansespulen brauchst, so zupfe ihnen nur eine Handvoll zarten Pflaum aus den Wangen. Der Schreiber schien Miene zu machen, uber sie herzufallen. Sie lachelte und sagte: Wenn dir dein schoner Haarwuchs und dein geistreiches Auge lieb sind, so nimm dich in Acht; bedenke meine Nagel, du hast nicht viel mehr zu verlieren. Er wandte sich mit verbissner Wuth zu den Alten, die sich die Augen wischten, und nach ihren Wocken umhertappten. Sie konnten nichts finden, da die Lampe ausgeloscht war, und ergossen sich in Schimpfreden gegen Fabel. Lasst sie doch gehn, sprach er tuckisch, dass sie euch Taranteln fange, zur Bereitung eures Ols. Ich wollte euch zu euerm Troste sagen, dass Eros ohne Rast umherfliegt, und eure Scheere fleissig beschaftigen wird. Seine Mutter, die euch so oft zwang, die Faden langer zu spinnen, wird morgen ein Raub der Flammen. Er kitzelte sich, um zu lachen. Wie er sah, dass Fabel einige Thranen bey dieser Nachricht vergoss, gab ein Stuck von der Wurzel der Alten, und ging naserumpfend von dannen. Die Schwestern hiessen der Fabel mit zorniger Stimme Taranteln suchen, ohngeachtet sie noch Ol vorrathig hatten, und Fabel eilte fort. Sie that, als offne sie das Thor, warf es ungestum wieder zu, und schlich sich leise nach dem Hintergrunde der Hohle, wo eine Leiter herunter hing. Sie kletterte schnell hinauf, und kam bald vor eine Fallthur, die sich in Arkturs Gemach offnete. Der Konig sass umringt von seinen Rathen, als Fabel erschien. Die nordliche Krone zierte sein Haupt. Die Lilie hielt er mit der Linken, die Wage in der Rechten. Der Adler und Lowe sassen zu seinen Fussen. Monarch, sagte die Fabel, indem sie sich ehrfurchtsvoll vor ihm neigte; Heil deinem festgegrundeten Throne! frohe Bothschaft deinem verwundeten Herzen! baldige Ruckkehr der Weisheit! Ewiges Erwachen dem Frieden! Ruhe der rastlosen Liebe! Verklarung des Herzens! Leben dem Alterthum und Gestalt der Zukunft! Der Konig beruhrte ihre offene Stirn mit der Lilie: Was du bittest, sey dir gewahrt. Dreymal werde ich bitten, wenn ich zum viertenmale komme, so ist die Liebe vor der Thur. Jetzt gieb mir die Leyer. Eridanus! bringe sie her, rief der Konig. Rauschend stromte Eridanus von der Decke, und Fabel zog die Leyer aus seinen blinkenden Fluten. Fabel that einige weissagende Griffe; der Konig liess ihr den Becher reichen, aus dem sie nippte und mit vielen Danksagungen hinweg eilte. Sie glitt in reizenden Bogenschwungen uber das Eismeer, indem sie froliche Musik aus den Saiten lockte.

Das Eis gab unter ihren Tritten die herrlichsten Tone von sich. Der Felsen der Trauer hielt sie fur Stimmen seiner suchenden ruckkehrenden Kinder, und antwortete in einem tausendfachen Echo.

Fabel hatte bald das Gestade erreicht. Sie begegnete ihrer Mutter, die abgezehrt und bleich aussah, schlank und ernst geworden war, und in edlen Zugen die Spuren eines hoffnungslosen Grams, und ruhrender Treue verrieth.

Was ist aus dir geworden, liebe Mutter? sagte Fabel, du scheinst mir ganzlich verandert; ohne inneres Anzeichen hatt' ich dich nicht erkannt. Ich hoffte mich an deiner Brust einmal wieder zu erquicken; ich habe lange nach dir geschmachtet. Ginnistan liebkoste sie zartlich, und sah heiter und freundlich aus. Ich dachte es gleich, sagte sie, dass dich der Schreiber nicht wurde gefangen haben. Dein Anblick erfrischt mich. Es geht mir schlimm und knapp genug, aber ich troste mich bald. Vielleicht habe ich einen Augenblick Ruhe. Eros ist in der Nahe, und wenn er dich sieht, und du ihm vorplauderst, verweilt er vielleicht einige Zeit. Indess kannst du dich an meine Brust legen; ich will dir geben, was ich habe. Sie nahm die Kleine auf den Schooss, reichte ihr die Brust, und fuhr fort, indem sie lachelnd auf die Kleine hinunter sah, die es sich gut schmecken liess. Ich bin selbst Ursach, dass Eros so wild und unbestandig geworden ist. Aber mich reut es dennoch nicht, denn jene Stunden, die ich in seinen Armen zubrachte, haben mich zur Unsterblichen gemacht. Ich glaubte unter seinen feurigen Liebkosungen zu zerschmelzen. Wie ein himmlischer Rauber schien er mich grausam vernichten und stolz uber sein bebendes Opfer triumphiren zu wollen. Wir erwachten spat aus dem verbotenen Rausche, in einem sonderbar vertauschten Zustande. Lange silberweisse Flugel bedeckten seine weissen Schultern, und die reitzende Fulle und Biegung seiner Gestalt. Die Kraft, die ihn so plotzlich aus einem Knaben zum Junglinge quellend getrieben, schien sich ganz in die glanzenden Schwingen gezogen zu haben, und er war wieder zum Knaben geworden. Die stille Glut seines Gesichts war in das tandelnde Feuer eines Irrlichts, der heilige Ernst in verstellte Schalkheit, die bedeutende Ruhe in kindische Unstatigkeit, der edle Anstand in drollige Beweglichkeit verwandelt. Ich fuhlte mich von einer ernsthaften Leidenschaft unwiderstehlich zu dem muthwilligen Knaben gezogen, und empfand schmerzlich seinen lachelnden Hohn, und seine Gleichgultigkeit gegen meine ruhrendsten Bitten. Ich sah meine Gestalt verandert. Meine sorglose Heiterkeit war verschwunden, und hatte einer traurigen Bekummerniss, einer zartlichen Schuchternheit Platz gemacht. Ich hat[tte] mich mit Eros vor allen Augen verbergen mogen. Ich hatte nicht das Herz in seine beleidigenden Augen zu sehn, und fuhlte mich entsetzlich beschamt und erniedrigt. Ich hatte keinen andern Gedanken, als ihn, und hatte mein Leben hingegeben, um ihn von seinen Unarten zu befreyen. Ich musste ihn anbeten, so tief er auch alle meine Empfindungen krankte.

Seit der Zeit, wo er sich aufmachte und mir entfloh, so ruhrend ich auch mit den heissesten Thranen ihn beschwor, bey mir zu bleiben, bin ich ihm uberall gefolgt. Er scheint es ordentlich darauf anzulegen, mich zu necken. Kaum habe ich ihn erreicht, so fliegt er tuckisch weiter. Sein Bogen richtet uberall Verwustungen an. Ich habe nichts zu thun, als die Unglucklichen zu trosten, und habe doch selbst Trost nothig. Ihre Stimmen, die mich rufen, zeigen mir seinen Weg, und ihre wehmuthigen Klagen, wenn ich sie wieder verlassen muss, gehen mir tief zu Herzen. Der Schreiber verfolgt uns mit entsetzlicher Wuth, und racht sich an den armen Getroffenen. Die Frucht jener geheimnissvollen Nacht, waren eine zahlreiche Menge wunderlicher Kinder, die ihrem Grossvater ahnlich sehn, und nach ihm genannt sind. Geflugelt wie ihr Vater begleiten sie ihn bestandig, und plagen die Armen, die sein Pfeil trifft. Doch da kommt der froliche Zug. Ich muss fort; lebe wohl, susses Kind. Sei[ne] Nahe erregt meine Leidenschaft. Sey glucklich in deinem Vorhaben. Eros zog weiter, ohne Ginnistan, die auf ihn zueilte, einen zartlichen Blick zu gonnen. Aber zu Fabel wandte er sich freundlich, und seine kleinen Begleiter tanzten frohlich um sie her. Fabel freute sich, ihren Milchbruder wieder zu sehn, und sang zu ihrer Leyer ein munteres Lied. Eros schien sich besinnen zu wollen und liess den Bogen fallen. Die Kleinen entschliefen auf dem Rasen. Ginnistan konnte ihn fassen, und er litt ihre zartlichen Liebkosungen. Endlich fing Eros auch an zu nicken, schmiegte sich an Ginnistans Schooss, und schlummerte ein, indem er seine Flugel uber sie ausbreitete. Unendlich froh war die mude Ginnistan, und verwandte kein Auge von dem holden Schlafer. Wahrend des Gesanges waren von allen Seiten Taranteln zum Vorschein gekommen, die uber die Grashalme ein glanzendes Netz zogen, und lebhaft nach dem Takte sich an ihren Faden bewegten. Fabel trostete nun ihre Mutter, und versprach ihr baldige Hulfe. Vom Felsen tonte der sanfte Wiederhall der Musik, und wiegte die Schlafer ein. Ginnistan sprengte aus dem wohlverwahrten Gefass einige Tropfen in die Luft, und die anmuthigsten Traume fielen auf sie nieder. Fabel nahm das Gefass mit und setzte ihre Reise fort. Ihre Saiten ruhten nicht, und die Taranteln folgten auf schnellgesponnenen Faden den bezaubernden Tonen.

Sie sah bald von weitem die hohe Flamme des Scheiterhaufens, die uber den grunen Wald emporstieg. Traurig sah sie gen Himmel, und freute sich, wie sie Sophieens blauen Schleyer erblickte, der wallend uber der Erde schwebte, und auf ewig die ungeheure Gruft bedeckte. Die Sonne stand feuerroth vor Zorn am Himmel, die gewaltige Flamme sog an ihrem geraubten Lichte, und so heftig sie es auch an sich zu halten schien, so ward sie doch immer bleicher und fleckiger. Die Flamme ward weisser und machtiger, je fahler die Sonne ward. Sie sog das Licht immer starker in sich und bald war die Glorie um das Gestirn des Tages verzehrt und nur als eine matte, glanzende Scheibe stand es noch da, indem jede neue Regung des Neides und der Wuth den Ausbruch der entfliehenden Lichtwellen vermehrte. Endlich war nichts von der Sonne mehr ubrig, als eine schwarze ausgebrannte Schlacke, die herunter ins Meer fiel. Die Flamme war uber allen Ausdruck glanzend geworden. Der Scheiterhaufen war verzehrt. Sie hob sich langsam in die Hohe und zog nach Norden. Fabel trat in den Hof, der verodet aussah; das Haus war unterdess verfallen. Dornstrauche wuchsen in den Ritzen der Fenstergesimse und Ungeziefer aller Art kribbelte auf den zerbrochenen Stiegen. Sie horte im Zimmer einen entsetzlichen Larm; der Schreiber und seine Gesellen hatten sich an dem Flammentode der. Mutter geweidet, waren aber gewaltig erschrocken, wie sie den Untergang der Sonne wahrgenommen hatten.

Sie hatten sich vergeblich angestrengt, die Flamme zu loschen, und waren bey dieser Gelegenheit nicht ohne Beschadigungen geblieben. Der Schmerz und die Angst presste ihnen entsetzliche Verwunschungen und Klagen aus. Sie erschraken noch mehr, als Fabel ins Zimmer trat, und sturmten mit wuthendem Geschrey auf sie ein, um an ihr den Grimm auszulassen. Fabel schlupfte hinter die Wiege, und ihre Verfolger traten ungestum in das Gewebe der Taranteln, die sich durch unzahlige Bisse an ihnen rachten. Der ganze Haufen fing nun toll an zu tanzen, wozu Fabel ein lustiges Lied spielte. Mit vielem Lachen uber ihre possierlichen Fratzen ging sie auf die Trummer des Altars zu, und raumte sie weg, um die verborgene Treppe zu finden, auf der sie mit ihrem Tarantelgefolge hinunter stieg. Die Sphinx fragte: Was kommt plotzlicher, als der Blitz? Die Rache, sagte Fabel. Was ist am verganglichsten? Unrechter Besitz. Wer kennt die Welt? Wer sich selbst kennt. Was ist das ewige Geheimniss? Die Liebe. Bey wem ruht es? Bey Sophieen. Die Sphinx krummte sich klaglich, und Fabel trat in die Hohle.

Hier bringe ich euch Taranteln, sagte sie zu den Alten, die ihre Lampe wieder angezundet hatten und sehr amsig arbeiteten. Sie erschraken, und die eine lief mit der Scheere auf sie zu, um sie zu erstechen. Unversehens trat sie auf eine Tarantel, und diese stach sie in den Fuss. Sie schrie erbarmlich. Die andern wollten ihr zu Hulfe kommen und wurden ebenfalls von den erzurnten Taranteln gestochen. Sie konnten sich nun nicht an Fabel vergreifen, und sprangen wild umher. Spinn' uns gleich, riefen sie grimmig der Kleinen zu, leichte Tanzkleider. Wir konnen uns in den steifen Rocken nicht ruhren, und vergehn fast vor Hitze, aber mit Spinnensaft musst du den Faden einweichen, dass er nicht reisst, und wirke Blumen hinein, die im Feuer gewachsen sind, sonst bist du des Todes. Recht gern, sagte Fabel und ging in die Nebenkammer.

Ich will euch drey tuchtige Fliegen verschaffen, sagte sie zu den Kreuzspinnen, die ihre luftigen Gewebe rund um an der Decke und den Wanden angeheftet hatten, aber ihr musst mir gleich drey hubsche, leichte Kleider spinnen. Die Blumen, die hinein gewirkt werden sollen, will ich auch gleich bringen. Die Kreuzspinnen waren bereit und fingen rasch zu weben an. Fabel schlich sich zur Leiter und begab sich zu Arktur. Monarch sagte sie, die Bosen tanzen, die Guten ruhn. Ist die Flamme angekommen? Sie ist angekommen, sagte der Konig. Die Nacht ist vorbey und das Eis schmilzt. Meine Gattin zeigt sich von weitem. Meine Feindinn ist versenkt. Alles fangt zu leben an. Noch darf ich mich nicht sehn lassen, denn allein bin ich nicht Konig. Bitte was du willst. Ich brauche, sagte Fabel, Blumen, die im Feuer gewachsen sind. Ich weiss, du hast einen geschickten Gartner, der sie zu ziehen versteht. Zink, rief der Konig, gieb uns Blumen. Der Blumengartner trat aus der Reihe, holte einen Topf voll Feuer, und saete glanzenden Samenstaub hinein. Es wahrte nicht lange, so flogen die Blumen empor. Fabel sammelte sie in ihre Schurze, und machte sich auf den Ruckweg. Die Spinnen waren fleissig gewesen, und es fehlte nichts mehr, als das Anheften der Blumen, welches sie sogleich mit vielem Geschmack und Behendigkeit begannen. Fabel hutete sich wohl die Enden abzureissen, die noch an den Weberinnen hingen.

Sie trug die Kleider den ermudeten Tanzerinnen hin, die triefend von Schweiss umgesunken waren, und sich einige Augenblicke von der ungewohnten Anstrengung erholten. Mit vieler Geschicklichkeit entkleidete sie die hagern Schonheiten, die es an Schmahungen der kleinen Dienerin nicht fehlen liessen, und zog ihnen die neuen Kleider an, die sehr niedlich gemacht waren und vortrefflich passten. Sie pries wahrend dieses Geschaftes die Reize und den liebenswurdigen Charakter ihrer Gebieterinnen, und die Alten schienen ordentlich erfreut uber die Schmeicheleyen und die Zierlichkeit des Anzuges. Sie hatten sich unterdess erholt, und fingen von neuer Tanzlust beseelt wieder an, sich munter umherzudrehen, indem sie heimtuckisch der Kleinen langes Leben und grosse Belohnungen versprachen. Fabel ging in die Kammer zuruck, und sagte zu den Kreuzspinnen: Ihr konnt nun die Fliegen getrost verzehren, die ich in eure Weben gebracht habe. Die Spinnen waren so schon ungeduldig uber das hin- und herreissen, da die Enden noch in ihnen waren und die Alten so toll umhersprangen; sie rannten also hinaus, und fielen uber die Tanzerinnen her; diese wollten sich mit der Scheere vertheidigen, aber Fabel hatte sie in aller Stille mitgenommen. Sie unterlagen also ihren hungrigen Handwerksgenossen, die lange keine so kostlichen Bissen geschmeckt hatten, und sie bis auf das Mark aussaugten. Fabel sah durch die Felsenkluft hinaus, und erblickte den Perseus mit dem grossen eisernen Schilde. Die Scheere flog von selbst dem Schilde zu, und Fabel bat ihn, Eros Flugel damit zu verschneiden, und dann mit seinem Schilde die Schwestern zu verewigen, und das grosse Werk zu vollenden.

Sie verliess nun das unterirdische Reich, und stieg frolich zu Arkturs Pallaste.

Der Flachs ist versponnen. Das Leblose ist wieder entseelt. Das Lebendige wird regieren, und das Leblose bilden und gebrauchen. Das Innere wird offenbart, und das Aussre verborgen. Der Vorhang wird sich bald heben, und das Schauspiel seinen Anfang nehmen. Noch einmal bitte ich, dann spinne ich Tage der Ewigkeit. Gluckliches Kind, sagte der geruhrte Monarch, du bist unsre Befreyerin. Ich bin nichts als Sophiens Pathe, sagte die Kleine. Erlaube dass Turmalin, der Blumengartner, und Gold mich begleiten. Die Asche meiner Pflegemutter muss ich sammeln, und der alte Trager muss wieder aufstehn, dass die Erde wieder schwebe und nicht auf dem Chaos liege.

Der Konig rief allen Dreyen, und befahl ihnen, die Kleine zu begleiten. Die Stadt war hell, und auf den Strassen war ein lebhaftes Verkehr. Das Meer brach sich brausend an der hohlen Klippe, und Fabel fuhr auf des Konigs Wagen mit ihren Begleitern hinuber. Turmalin sammelte sorgfaltig die auffliegende Asche. Sie gingen rund um die Erde, bis sie an den alten Riesen kamen, an dessen Schultern sie hinunter klimmten. Er schien vom Schlage gelahmt, und konnte kein Glied ruhren. Gold legte ihm eine Munze in den Mund, und der Blumengartner schob eine Schussel unter seine Lenden. Fabel beruhrte ihm die Augen, und goss das Gefass auf seiner Stirn aus. So wie das Wasser uber das Auge in den Mund und herunter uber ihn in die Schussel floss, zuckte ein Blitz des Lebens ihm in allen Muskeln. Er schlug die Augen auf und hob sich rustig empor. Fabel sprang zu ihren Begleitern auf die steigende Erde, und bot ihm freundlich guten Morgen. Bist du wieder da, liebliches Kind? sagte der Alte; habe ich doch immer von dir getraumt. Ich dachte immer, du wurdest erscheinen, ehe mir die Erde und die Augen zu schwer wurden. Ich habe wohl lange geschlafen. Die Erde ist wieder leicht, wie sie es immer den Guten war, sagte Fabel. Die alten Zeiten kehren zuruck. In Kurzem bist du wieder unter alten Bekannten. Ich will dir froliche Tage spinnen, und an einem Gehulfen soll es auch nicht fehlen, damit du zuweilen an unsern Freuden Theil nehmen, und im Arm einer Freundinn Jugend und Starke einathmen kannst. Wo sind unsere alten Gastfreundinnen, die Hesperiden? An Sophiens Seite. Bald wird ihr Garten wieder bluhen, und die goldne Frucht duften. Sie gehen umher und sammeln die schmachtenden Pflanzen.

Fabel entfernte sich, und eilte dem Hause zu. Es war zu volligen Ruinen geworden. Epheu umzog die Mauern. Hohe Busche beschatteten den ehmaligen Hof, und weiches Moos polsterte die alten Stiegen. Sie trat ins Zimmer. Sophie stand am Altar, der wieder aufgebaut war. Eros lag zu ihren Fussen in voller Rustung, ernster und edler als jemals. Ein prachtiger Kronleuchter hing von der Decke. Mit bunten Steinen war der Fussboden ausgelegt, und zeigte einen grossen Kreis um den Altar her, der aus lauter edlen bedeutungsvollen Figuren bestand. Ginnistan bog sich uber ein Ruhebett, worauf der Vater in tiefem Schlummer zu liegen schien, und weinte. Ihre bluhende Anmuth war durch einen Zug von Andacht und Liebe unendlich erhoht. Fabel reichte die Urne, worin die Asche gesammelt war, der heiligen Sophie, die sie zartlich umarmte.

Liebliches Kind, sagte sie, dein Eifer und deine Treue haben dir einen Platz unter den ewigen Sternen erworben. Du hast das Unsterbliche in dir gewahlt. Der Phonix gehort dir. Du wirst die Seele unsers Lebens seyn. Jetzt wecke den Brautigam auf. Der Herold ruft, und Eros soll Freya suchen und aufwecken.

Fabel freute sich unbeschreiblich bey diesen Worten. Sie rief ihren Begleitern Gold und Zink, und nahte sich dem Ruhebette. Ginnistan sah erwartungsvoll ihrem Beginnen zu. Gold schmolz die Munze und fullte das Behaltniss, worin der Vater lag, mit einer glanzenden Flut. Zink schlang um Ginnistans Busen eine Kette. Der Korper schwamm auf den zitternden Wellen. Bucke dich, liebe Mutter, sagte Fabel, und lege die Hand auf das Herz des Geliebten.

Ginnistan buckte sich. Sie sah ihr vielfaches Bild. Die Kette beruhrte die Flut, ihre Hand sein Herz; er erwachte und zog die entzuckte Braut an seine Brust. Das Metall gerann, und ward ein heller Spiegel. Der Vater erhob sich, seine Augen blitzten, und so schon und bedeutend auch seine Gestalt war, so schien doch sein ganzer Korper eine feine unendlich bewegliche Flussigkeit zu seyn, die jeden Eindruck in den mannigfaltigsten und reitzendsten Bewegungen verrieth.

Das gluckliche Paar naherte sich Sophien, die Worte der Weihe uber sie aussprach, und sie ermahnte, den Spiegel fleissig zu Rathe zu ziehn, der alles in seiner wahren Gestalt zuruckwerfe, jedes Blendwerk vernichte, und ewig das ursprungliche Bild festhalte. Sie ergriff nun die Urne und schuttete die Asche in die Schaale auf dem Altar. Ein sanftes Brausen verkundigte die Auflosung, und ein leiser Wind wehte in den Gewandern und Locken der Umstehenden.

Sophie reichte die Schaale dem Eros und dieser den Andern. Alle kosteten den gottlichen Trank, und vernahmen die freundliche Begrussung der Mutter in ihrem Innern, mit unsaglicher Freude. Sie war jedem gegenwartig, und ihre geheimnissvolle Anwesenheit schien alle zu verklaren.

Die Erwartung war erfullt und ubertroffen. Alle merkten, was ihnen gefehlt habe, und das Zimmer war ein Aufenthalt der Seligen geworden. Sophie sagte: das grosse Geheimniss ist allen offenbart, und bleibt ewig unergrundlich. Aus Schmerzen wird die neue Welt geboren, und in Thranen wird die Asche zum Trank des ewigen Lebens aufgelost. In jedem wohnt die himmlische Mutter, um jedes Kind ewig zu gebaren. Fuhlt ihr die susse Geburt im Klopfen eurer Brust?

Sie goss in den Altar den Rest aus der Schaale hinunter. Die Erde bebte in ihren Tiefen. Sophie sagte: Eros, eile mit deiner Schwester zu deiner Geliebten. Bald seht ihr mich wieder.

Fabel und Eros gingen mit ihrer Begleitung schnell hinweg. Es war ein machtiger Fruhling uber die Erde verbreitet. Alles hob und regte sich. Die Erde schwebte naher unter dem Schleyer. Der Mond und die Wolken zogen mit frolichem Getummel nach Norden. Die Konigsburg strahlte mit herrlichem Glanze uber das Meer, und auf ihren Zinnen stand der Konig in voller Pracht mit seinem Gefolge. Uberall erblickten sie Staubwirbel, in denen sich bekannte Gestalten zu bilden schienen. Sie begegneten zahlreichen Schaaren von Junglingen und Madchen, die nach der Burg stromten, und sie mit Jauchzen bewillkommten. Auf manchen Hugeln sass ein gluckliches eben erwachtes Paar in lang' entbehrter Umarmung, hielt die neue Welt fur einen Traum, und konnte nicht aufhoren, sich von der schonen Wahrheit zu uberzeugen.

Die Blumen und Baume wuchsen und grunten mit Macht. Alles schien beseelt. Alles sprach und sang. Fabel grusste uberall alte Bekannte. Die Thiere nahten sich mit freundlichen Grussen den erwachten Menschen. Die Pflanzen bewirtheten sie mit Fruchten und Duften, und schmuckten sie auf das Zierlichste. Kein Stein lag mehr auf einer Menschenbrust, und alle Lasten waren in sich selbst zu einem festen Fussboden zusammengesunken. Sie kamen an das Meer. Ein Fahrzeug von geschliffenem Stahl lag am Ufer festgebunden. Sie traten hinein und losten das Tau. Die Spitze richtete sich nach Norden, und das Fahrzeug durchschnitt, wie im Fluge, die buhlenden Wellen. Lispelndes Schilf hielt seinen Ungestum auf, und es stiess leise an das Ufer. Sie eilten die breiten Treppen hinan. Die Liebe wunderte sich uber die konigliche Stadt und ihre Reichthumer. Im Hofe sprang der lebendiggewordne Quell, der Hain bewegte sich mit den sussesten Tonen, und ein wunderbares Leben schien in seinen heissen Stammen und Blattern, in seinen funkelnden Blumen und Fruchten zu quellen und zu treiben. Der alte Held empfing sie an den Thoren des Pallastes. Ehrwurdiger Alter, sagte Fabel, Eros bedarf dein Schwerdt. Gold hat ihm eine Kette gegeben, die mit einem Ende in das Meer hinunter reicht, und mit dem andern um seine Brust geschlungen ist. Fasse sie mit mir an, und fuhre uns in den Saal, wo die Prinzessin ruht. Eros nahm aus der Hand des Alten das Schwerdt, setzte den Knopf auf seine Brust, und neigte die Spitze vorwarts. Die Flugelthuren des Saals flogen auf, und Eros nahte sich entzuckt der schlummernden Freya. Plotzlich geschah ein gewaltiger Schlag. Ein heller Funken fuhr von der Prinzessin nach dem Schwerdte; das Schwerdt und die Kette leuchteten, der Held hielt die kleine Fabel, die beynah umgesunken ware. Eros Helmbusch wallte empor, Wirf das Schwerdt weg, rief Fabel, und erwecke deine Geliebte. Eros liess das Schwerdt fallen, flog auf die Prinzessin zu, und kusste feurig ihre sussen Lippen. Sie schlug ihre grossen dunkeln Augen auf, und erkannte den Geliebten. Ein langer Kuss versiegelte den ewigen Bund.

Von der Kuppel herunter kam der Konig mit Sophien an der Hand. Die Gestirne und die Geister der Natur folgten in glanzenden Reihen. Ein unaussprechlich heitrer Tag erfullte den Saal, den Pallast, die Stadt, und den Himmel. Eine zahllose Menge ergoss sich in den weiten koniglichen Saal, und sah mit stiller Andacht die Liebenden vor dem Konige und der Koniginn knieen, die sie feyerlich segneten. Der Konig nahm sein Diadem vom Haupte, und band es um Eros goldene Locken. Der alte Held zog ihm die Rustung ab, und der Konig warf seinen Mantel um ihn her. Dann gab er ihm die Lilie in die linke Hand, und Sophie knupfte ein kostliches Armband um die verschlungenen Hande der Liebenden, indem sie zugleich ihre Krone auf Freyas braune Haare setzte.

Heil unsern alten Beherrschern, rief das Volk. Sie haben immer unter uns gewohnt, und wir haben sie nicht erkannt! Heil uns! Sie werden uns ewig beherrschen! Segnet uns auch! Sophie sagte zu der neuen Koniginn: Wirf du das Armband eures Bundes in die Luft, dass das Volk und die Welt euch verbunden bleiben. Das Armband zerfloss in der Luft, und bald sah man lichte Ringe um jedes Haupt, und ein glanzendes Band zog sich uber die Stadt und das Meer und die Erde, die ein ewiges Fest des Fruhlings feyerte. Perseus trat herein, und trug eine Spindel und ein Korbchen. Er brachte dem neuen Konige das Korbchen. Hier, sagte er, sind die Reste deiner Feinde. Eine steinerne Platte mit schwarzen und weissen Feldern lag darin, und daneben eine Menge Figuren von Alabaster und schwarzem Marmor. Es ist ein Schachspiel, sagte Sophie; aller Krieg ist auf diese Platte und in diese Figuren gebannt. Es ist ein Denkmal der alten truben Zeit. Perseus wandte sich zu Fabeln, und gab ihr die Spindel. In deinen Handen wird diese Spindel uns ewig erfreuen, und aus dir selbst wirst du uns einen goldnen unzerreisslichen Faden spinnen. Der Phonix flog mit melodischem Gerausch zu ihren Fussen, spreizte seine Fittiche vor ihr aus, auf die sie sich setzte, und schwebte mit ihr uber den Thron, ohne sich wieder niederzulassen. Sie sang ein himmlisches Lied, und fing zu spinnen an, indem der Faden aus ihrer Brust sich hervorzuwinden schien. Das Volk gerieth in neues Entzucken, und aller Augen hingen an dem lieblichen Kinde. Ein neues Jauchzen kam von der Thur her. Der alte Mond kam mit seinem wunderlichen Hofstaat herein, und hinter ihm trug das Volk Ginnistan und ihren Brautigam, wie im Triumph, einher.

Sie waren mit Blumenkranzen umwunden; die konigliche Familie empfing sie mit der herzlichsten Zartlichkeit, und das neue Konigspaar rief sie zu seinen Statthaltern auf Erden aus.

Gonnet mir, sagte der Mond, das Reich der Parzen, dessen seltsame Gebaude eben auf dem Hofe des Pallastes aus der Erde gestiegen sind. Ich will euch mit Schauspielen darin ergotzen, wozu die kleine Fabel mir behulflich seyn wird.

Der Konig willigte in die Bitte, die kleine Fabel nickte freundlich, und das Volk freute sich auf den seltsamen unterhaltenden Zeitvertreib. Die Hesperiden liessen zur Thronbesteigung Gluck wunschen, und um Schutz in ihren Garten bitten. Der Konig liess sie bewillkommen, und so folgten sich unzahlige froliche Bothschaften. Unterdessen hatte sich unmerklich der Thron verwandelt, und war ein prachtiges Hochzeitbett geworden, uber dessen Himmel der Phonix mit der kleinen Fabel schwebte. Drey Karyatiden aus dunkelm Porphyr trugen es hinten, und vorn ruhte dasselbe auf einer Sphinx aus Basalt. Der Konig umarmte seine errothende Geliebte, und das Volk folgte dem Beyspiel des Konigs, und liebkoste sich unter einander. Man horte nichts, als zartliche Namen und ein Kussgefluster. Endlich sagte Sophie: Die Mutter ist unter uns, ihre Gegenwart wird uns ewig beglucken. Folgt uns in unsere Wohnung, in dem Tempel dort werden wir ewig wohnen, und das Geheimniss der Welt bewahren. Die Fabel spann amsig, und sang mit lauter Stimme:

Gegrundet ist das Reich der Ewigkeit,

In Lieb' und Frieden endigt sich der Streit,

Voruber ging der lange Traum der Schmerzen,

Sophie ist ewig Priesterin der Herzen.

Zweiter Theil: Die Erfullung

Das Kloster, oder der Vorhof

Astralis

An einen Sommermorgen ward ich jung

Da fuhlt ich meines eignen Lebens Puls

Zum erstenmal und wie die Liebe sich

In tiefere Entzuckungen verlohr,

Erwacht' ich immer mehr und das Verlangen

Nach innigerer ganzlicher Vermischung

Ward dringender mit jedem Augenblick.

Wollust ist meines Daseyns Zeugungskraft.

Ich bin der Mittelpunkt, der heilge Quell,

Aus welchem jede Sehnsucht sturmisch fliesst

Wohin sich jede Sehnsucht, mannichfach

Gebrochen wieder still zusammen zieht.

Ihr kennt mich nicht und saht mich werden

Wart ihr nicht Zeugen, wie ich noch

Nachtwandler mich zum ersten Male traf

An jenem frohen Abend? Flog euch nicht

Ein susser Schauer der Entzundung an?

Versunken lag ich ganz in Honigkelchen.

Ich duftete, die Blume schwankte still

In goldner Morgenluft. Ein innres Quellen

War ich, ein sanftes Ringen, alles floss

Durch mich und uber mich und hob mich leise.

Da sank das erste Staubchen in die Narbe,

Denkt an den Kuss nach aufgehobnen Tisch.

Ich quoll in meine eigne Fluth zuruck

Es war ein Blitz nun konnt ich schon mich regen,

Die zarten Faden und den Kelch bewegen,

Schnell schossen, wie ich selber mich begann,

Zu irrdischen Sinnen die Gedanken an.

Noch war ich blind, doch schwankten lichte Sterne

Durch meines Wesens wunderbare Ferne,

Nichts war noch nah, ich fand mich nur von weiten,

Ein Anklang alter, so wie kunftger Zeiten.

Aus Wehmuth, Lieb' und Ahndungen entsprungen

War der Besinnung Wachsthum nur ein Flug,

Und wie die Wollust Flammen in mir schlug,

Ward ich zugleich vom hochsten Weh

durchdrungen.

Die Welt lag bluhend um den hellen Hugel,

Die Worte des Profeten wurden Flugel,

Nicht einzeln mehr nur Heinrich und Mathilde

Vereinten Beide sich zu Einem Bilde.

Ich hob mich nun gen Himmel neugebohren,

Vollendet war das irrdische Geschick

Im seligen Verklarungsaugenblick,

Es hatte nun die Zeit ihr Recht verlohren

Und forderte, was sie geliehn, zuruck.

Es bricht die neue Welt herein

Und verdunkelt den hellsten Sonnenschein[,]

Man sieht nun aus bemoossten Trummern

Eine wunderseltsame Zukunft schimmern

Und was vordem alltaglich war

Scheint jetzo fremd und wunderbar.

'Eins in allem und alles im Einen

Gottes Bild auf Krautern und Steinen

Gottes Geist in Menschen und Thieren,

Dies muss man sich zu Gemuthe fuhren.

Keine Ordnung mehr nach Raum und Zeit

Hier Zukunft in der Vergangenheit[.]'

Der Liebe Reich ist aufgethan

Die Fabel fangt zu spinnen an.

Das Urspiel jeder Natur beginnt

Auf kraftige Worte jedes sinnt

Und so das grosse Weltgemuth

Uberall sich regt und unendlich bluht.

Alles muss in einander greifen

Eins durch das Andre gedeihn und reifen;

Jedes in Allen dar sich stellt

Indem es sich mit ihnen vermischet

Und gierig in ihre Tiefen fallt

Sein eigenthumliches Wesen erfrischet

Und tausend neue Gedanken erhalt.

Die Welt wird Traum, der Traum wird Welt

Und was man geglaubt, es sey geschehn

Kann man von weiten erst kommen sehn.

Frey soll die Fantasie erst schalten,

Nach ihrem Gefallen die Faden verweben

Hier manches verschleyern, dort manches entfalten,

Und endlich in magischen Dunst verschweben.

Wehmuth und Wollust, Tod und Leben

Sind hier in innigster Sympathie

Wer sich der hochsten Lieb' ergeben,

Genest von ihren Wunden nie.

Schmerzhaft muss jenes Band zerreissen

Was sich ums innre Auge zieht,

Einmal das treuste Herz verwaisen,

Eh es der truben Welt entflieht.

Der Leib wird aufgelost in Thranen,

Zum weiten Grabe wird die Welt,

In das, verzehrt von bangen Sehnen,

Das Herz, als Asche, niederfallt.

Auf dem schmalen Fusssteige, der ins Geburg hinauflief, gieng ein Pilgrimm in tiefen Gedanken. Mittag war vorbey. Ein starker Wind sauste durch die blaue Luft. Seine dumpfen mannichfaltigen Stimmen verlohren sich, wie sie kamen. War er vielleicht durch die Gegenden der Kindheit geflogen? Oder durch andre redende Lander? Es waren Stimmen, deren Echo nach im Innersten klang und dennoch schien sie der Pilgrimm nicht zu kennen. Er hatte nun das Geburg erreicht, wo er das Ziel seiner Reise zu finden hoffte hoffte? Er hoffte gar nichts mehr. Die entsetzliche Angst und dann die trockne Kalte der gleichgultigsten Verzweiflung trieben ihn die wilden Schrecknisse des Geburgs aufzusuchen. Der muhselige Gang beruhigte das zerstorende Spiel der innern Gewalten. Er war matt aber still. Noch sah er nichts was um ihn her sich allmalich gehauft hatte, als er sich auf einen Stein setzte, und den Blick ruckwarts wandte. Es dunkte ihm, als traume er jezt oder habe er getraumt. Eine unubersehliche Herrlichkeit schien sich vor ihm aufzuthun. Bald flossen seine Thranen, indem sein Innres plotzlich brach. Er wollte sich in die Ferne verweinen, dass auch keine Spur seines Daseyns ubrig bliebe. Unter dem heftigen Schluchzen schien er zu sich selbst zu kommen; die weiche, heitre Luft durchdrang ihn, seinen Sinnen ward die Welt wieder gegenwartig und alte Gedanken fiengen trostlich zu reden an. Dort lag Augsburg mit seinen Thurmen. Fern am Gesichtskreis blinkte der Spiegel des furchtbaren, geheimnissvollen Stroms. Der ungeheure Wald bog sich mit trostlichen Ernst zu dem Wanderer das gezackte Geburg ruhte so bedeutend uber der Ebene und beyde schienen zu sagen: Eile nur Strom, du entfliehst uns nicht Ich will dir folgen mit geflugelten Schiffen. Ich will dich brechen und halten und dich verschlukken in meinen Schoos. Vertraue du uns Pilgrimm, es ist auch unser Feind, den wir selbst erzeugten Lass ihn eilen mit seinem Raub, er entflieht uns nicht. Der arme Pilgrimm gedachte der alten Zeiten, und ihrer unsaglichen Entzuckungen Aber wie matt gingen diese kostlichen Errinnerungen voruber. Der breite Hut verdeckte ein jugendliches Gesicht. Es war bleich, wie eine Nachtblume. In Thranen hatte sich der Balsamsaft des jungen Lebens, in tiefe Seufzer sein schwellender Hauch verwandelt. In ein fahles Aschgrau waren alle seine Farben verschossen. Seitwarts am Gehange schien ihm ein Monch unter einem alten Eichbaum zu knieen. Sollte das der alte Hofkaplan seyn? so dachte er bey sich ohne grosse Verwunderung. Der Monch kam ihm grosser und ungestalter vor, je naher er zu ihm trat. Er bemerkte nun seinen Irrthum, denn es war ein einzelner Felsen, uber den sich der Baum herbog. Stillgeruhrt fasste er den Stein in seine Arme, und druckte ihn lautweinend an seine Brust: Ach, dass doch jezt deine Reden sich bewahrten und die heilge Mutter ein Zeichen an mir thate. Bin ich doch so ganz elend und verlassen. Wohnt in meiner Wuste kein Heiliger, der mir sein Gebet liehe? Bete du, theurer Vater, jezt in diesem Augenblick fur mich.

Wie er so bey sich dachte fieng der Baum an zu zittern. Dumpf drohnte der Felsen und wie aus tiefer, unterirrdischer Ferne erhoben sich einige klare Stimmchen und sangen:

Ihr Herz war voller Freuden

Von Freuden sie nur wusst

Sie wusst von keinem Leiden

Druckts Kindelein an ihr' Brust.

Sie kusst ihm seine Wangen

Sie kusst es mannichfalt,

Mit Liebe ward sie umfangen

Durch Kindleins schone Gestalt.

Die Stimmchen schienen mit unendlicher Lust zu singen. Sie wiederholten den Vers einigemal. Es ward alles wieder ruhig und nun horte der erstaunte Pilger, dass jemand aus dem Baume sagte:

Wenn du ein Lied zu meinen Ehren auf deiner Laute spielen wirst, so wird ein armes Madchen herfurkommen. Nimm sie mit und lass sie nicht von dir. Gedenke meiner, wenn du zum Kayser kommst. Ich habe mir diese Statte ausersehn um mit meinem Kindlein hier zu wohnen. Lass mir ein starkes, warmes Haus hier bauen. Mein Kindlein hat den Tod uberwunden. Harme dich nicht Ich bin bey dir. Du wirst noch eine Weile auf Erden bleiben, aber das Madchen wird dich trosten, bis du auch stirbst und zu unsern Freuden eingehst. Es ist Mathildens Stimme, rief der Pilger, und fiel auf seine Kniee, um zu beten. Da drang durch die Aeste ein langer Strahl zu seinen Augen und er sah durch den Strahl in eine ferne, kleine, wundersame Herrlichkeit hinein, welche nicht zu beschreiben, noch kunstreich mit Farben nachzubilden moglich gewesen ware. Es waren uberaus feine Figuren und die innigste Lust und Freude, ja eine himmlische Gluckseligkeit war darinn uberall zu schauen, sogar dass die leblosen Gefasse, das Saulwerk, die Teppiche, Zierrathen, kurzum alles was zu sehn war nicht gemacht, sondern, wie ein vollsaftiges Kraut, aus eigner Lustbegierde also gewachsen und zusammengekommen zu seyn schien. Es waren die schonsten menschlichen Gestalten, die dazwischen umhergiengen und sich uber die Maassen freundlich und holdselig gegen einander erzeigten. Ganz vorn stand die Geliebte des Pilgers und hatt' es das Ansehn, als wolle sie mit ihm sprechen. Doch war nichts zu horen und betrachtete der Pilger nur mit tiefer Sehnsucht ihre anmuthigen Zuge und wie sie so freundlich und lachelnd ihm zuwinkte, und die Hand auf ihre linke Brust legte. Der Anblick war unendlich trostend und erquickend und der Pilger lag noch lang in seliger Entzuckung, als die Erscheinung wieder hinweggenommen war. Der heilige Strahl hatte alle Schmerzen und Bekummernisse aus seinem Herzen gesogen, so dass sein Gemuth wieder rein und leicht und sein Geist wieder frey und frohlich war, wie vordem. Nichts war ubriggeblieben, als ein stilles inniges Sehnen und ein wehmuthiger Klang im Aller Innersten. Aber die wilden Qualen der Einsamkeit, die herbe Pein eines unsaglichen Verlustes, die trube, entsezliche Leere, die irrdische Ohnmacht war gewichen, und der Pigrimm sah sich wieder in einer vollen, bedeutsamen Welt. Stimme und Sprache waren wieder lebendig bey ihm geworden und es dunkte ihm nunmehr alles viel bekannter und weissagender, als ehemals, so dass ihm der Tod, wie eine hohere Offenbarung des Lebens, erschien, und er sein eignes, schnellvorubergehendes Daseyn mit kindlicher, heitrer Ruhrung betrachtete. Zukunft und Vergangenheit hatten sich in ihm beruhrt und einen innigen Verein geschlossen. Er stand weit ausser der Gegenwart und die Welt ward ihm erst theuer, wie er sie verlohren hatte, und sich nur als Fremdling in ihr fand, der ihre weiten, bunten Sale noch eine kurze Weile durchwandern sollte. Es war Abend geworden, und die Erde lag vor ihm, wie ein altes, liebes Wohnhaus, was er nach langer Entfernung verlassen wiederfande. Tausend Errinnerungen wurden ihm gegenwartig. Jeder Stein, jeder Baum, jede Anhohe wollte wiedergekannt seyn. Jedes war das Merkmal einer alten Geschichte. Der Pilger ergriff seine Laute und sang:

1

Liebeszahren, Liebesflammen

Fliesst zusammen;

Heiligt diese Wunderstatten,

Wo der Himmel mir erschienen,

Schwarmt um diesen Baum wie Bienen

In unzahligen Gebeten.

2

Er hat froh sie aufgenommen

Als sie kommen,

Sie geschuzt vor Ungewittern;

Sie wird einst in ihrem Garten

Ihn begiessen und ihn warten,

Wunder thun mit seinen Splittern.

3

Auch der Felsen ist gesunken

Freudentrunken

Zu der selgen Mutter Fussen.

Ist die Andacht auch in Steinen

Sollte da der Mensch nicht weinen

Und sein Blut fur sie vergiessen?

4

Die Bedrangten mussen ziehen

Und hier knieen,

Alle werden hier genesen.

Keiner wird fortan noch klagen

Alle werden frohlich sagen:

Einst sind wir betrubt gewesen.

5

Ernste Mauern werden stehen

Auf den Hohen.

In den Thalern wird man rufen

Wenn die schwersten Zeiten kommen,

Keinem sey das Herz beklommen,

Nur hinan zu jenen Stufen.

6

Gottes Mutter und Geliebte

Der Betrubte

Wandelt nun verklart von hinnen.

Ewge Gute, ewge Milde,

O! ich weiss du bist Mathilde

Und das Ziel von meinen Sinnen.

7

Ohne mein verwegnes Fragen

Wirst mir sagen,

Wenn ich zu dir soll gelangen.

Gern will ich in tausend Weisen

Noch der Erde Wunder preisen,

Bis du kommst mich zu umfangen.

8

Alte Wunder, kunftige Zeiten

Seltsamkeiten,

Weichet nie aus meinem Herzen.

Unvergesslich sey die Stelle,

Wo des Lichtes heilge Quelle

Weggespult den Traum der Schmerzen.

Unter seinem Gesang war er nichts gewahr worden. Wie er aber aufsah, stand ein junges Madchen nah bey ihm am Felsen, die ihn freundlich, wie einen alten Bekannten, grusste und ihn einlud mit zu ihrer Wohnung zu gehn, wo sie ihm schon ein Abendessen zubereitet habe. Er schloss sie zartlich in seinen Arm. Ihr ganzes Wesen und Thun war ihm befreundet. Sie bat ihn noch einige Augenblicke zu verziehn, trat unter den Baum, sah mit einem unaussprechlichen Lacheln hinauf und schuttete aus ihrer Schurze viele Rosen auf das Gras. Sie kniete still daneben, stand aber bald wieder auf und fuhrte den Pilger fort. Wer hat dir von mir gesagt, frug der Pilgrimm. Unsre Mutter. Wer ist deine Mutter? Die Mutter Gottes. Seit wann bist du hier? Seitdem ich aus dem Grabe gekommen bin? Warst du schon einmal gestorben? Wie konnt' ich denn leben? Lebst du hier ganz allein? Ein alter Mann ist zu Hause, doch kenn ich noch viele die gelebt haben. Hast du Lust, bey mir zu bleiben? Ich habe dich ja lieb. Woher kennst du mich? O! von alten Zeiten; auch erzahlte mir meine ehmalige Mutter zeither immer von dir? Hast du noch eine Mutter? Ja, aber es ist eigentlich dieselbe. Wie hiess sie? Maria. Wer war dein Vater? Der Graf von Hohenzollern. Den kenn' ich auch. Wohl musst du ihn kennen, denn er ist auch dein Vater. Ich habe ja meinen Vater in Eysenach? Du hast mehr Eltern. Wo gehn wir denn hin? Immer nach Hause.

Sie waren jezt auf einen geraumigen Platz im Holze gekommen, auf welchen einige verfallne Thurme hinter tiefen Graben standen. Junges Gebusch schlang sich um die alten Mauern, wie ein jugendlicher Kranz um das Silberhaupt eines Greises. Man sah in die Unermesslichkeit der Zeiten, und erblickte die weitesten Geschichten in kleine glanzende Minuten zusammengezogen, wenn man die grauen Steine, die blitzahnlichen Risse, und die hohen, schaurigen Gestalten betrachtete. So zeigt uns der Himmel unendliche Raume in dunkles Blau gekleidet und wie milchfarbne Schimmer, so unschuldig, wie die Wangen eines Kindes, die fernsten Heere seiner schweren ungeheuren Welten. Sie giengen durch ein altes Thorweg und der Pilger war nicht wenig erstaunt, als er sich nun von lauter seltenen Gewachsen umringt und die Reitze des anmuthigsten Gartens unter diesen Trummern versteckt sah. Ein kleines steinernes Hauschen von neuer Bauart mit grossen hellen Fenstern lag dahinter. Dort stand ein alter Mann hinter den breitblattrigen Stauden und band die schwanken Zweige an Stabchen. Den Pilgrimm fuhrte seine Begleiterinn zu ihm und sagte: Hier ist Heinrich nach den du mich oft gefragt hast.

Wie sich der Alte zu ihm wandte, glaubte Heinrich den Bergmann vor sich zu sehn. Du siehst den Arzt Sylvester, sagte das Madchen. Sylvester freute sich ihn zu sehn, und sprach: Es ist eine geraume Zeit her, dass ich deinen Vater eben so jung bey mir sah. Ich liess es mir damals angelegen seyn, ihn mit den Schatzen der Vorwelt, mit der kostbaren Hinterlassenschaft einer zu fruh abgeschiedenen Welt bekannt zu machen. Ich bemerkte in ihm die Anzeichen eines grossen Bildkunstlers. Sein Auge regte sich voll Lust ein wahres Auge, ein schaffendes Werckzeug zu werden. Sein Gesicht zeugte von innrer Festigkeit und ausdauernden Fleis. Aber die gegenwartige Welt hatte zu tiefe Wurzeln schon bey ihm geschlagen. Er wollte nicht Achtung geben auf den Ruf seiner eigensten Natur. Die trube Strenge seines vaterlandischen Himmels hatte die zarten Spitzen der edelsten Pflanze in ihn verdorben. Er ward ein geschickter Handwerker und die Begeisterung ist ihm zur Thorheit geworden. Wohl, versezte Heinrich, hab ich in ihm oft mit Schmerzen einen stillen Missmuth bemerkt. Er arbeitet unaufhorlich aus Gewohnheit und nicht aus innrer Lust. Es scheint ihm etwas zu fehlen, was die friedliche Stille seines Lebens, die Bequemlichkeiten seines Auskommens, die Freude sich geehrt und geliebt von seinen Mitburgern zu sehn und in allen Stadtangelegenheiten zu Rathe gezogen zu werden, ihm nicht ersetzen kann. Seine Bekannten halten ihn fur sehr glucklich, aber sie wissen nicht, wie lebenssatt er ist, wie leer ihm oft die Welt vorkommt, wie sehnlich er sich hinwegwunscht, und wie er nicht aus Erwerblust, sondern um diese Stimmung zu verscheuchen, so fleissig arbeitet.

Was mich am Meisten wundert, versezte Sylvester, dass er eure Erziehung ganz in den Handen eurer Mutter gelassen hat und sorgfaltig sich gehutet in eure Entwicklung sich zu mischen oder euch zu irgend einem bestimmten Stande anzuhalten. Ihr habt von Gluck zu sagen, dass ihr habt aufwachsen durfen, ohne von euren Eltern die mindeste Beschrankung zu leiden, denn die Meisten Menschen sind nur Uberbleibsel eine[s] vollen Gastmahls, das Menschen von verschiednen Appetit und Geschmack geplundert haben.

Ich weis selbst nicht, erwiederte Heinrich, was Erziehung heisst, wenn es nicht das Leben und die Sinnesweise meiner Eltern ist, oder der Unterricht meines Lehrers des Hofkaplans. Mein Vater scheint mir, bey aller seiner kuhlen und durchaus festen Denkungsart, die ihn alle Verhaltnisse, wie ein Stuck Metall und eine kunstliche Arbeit ansehn lasst, doch unwillkuhrlich und ohne es daher selbst zu wissen, eine stille Ehrfurcht und Gottesfurcht vor allen unbegreiflichen und hohern Erscheinungen zu haben, und daher das Aufbluhen eines Kindes mit demuthiger Selbstverleugnung zu betrachten. Ein Geist ist hier geschaftig, der frisch aus der unendlichen Quelle kommt und dieses Gefuhl der Uberlegenheit eines Kindes in den allerhochsten Dingen[,] der unwiderstehliche Gedanke einer nahern Fuhrung dieses unschuldigen Wesens, das jezt im Begriff steht eine so bedenkliche Laufbahn anzutreten, bey seinen nahern Schritten, das Geprage einer wunderbaren Welt, was noch keine irrdische Flut unkenntlich gemacht hat, und endlich die Sympathie der Selbst Errinnerung jener fabelhaften Zeiten, wo die Welt uns heller, freundlicher und seltsamer dunkte und der Geist der Weissagung fast sichtbar uns begleitete, alles dies hat meinem Vater gewiss zu der andachtigsten und bescheidensten Behandlung vermocht.

Lass uns hieher auf die Rasenbank unter die Blumen setzen, unterbrach ihn der Alte. Zyane wird uns rufen, wenn unser Abendessen bereit ist, und wenn ich euch bitten darf, so fahrt fort mir von eurem fruhern Leben etwas zu erzahlen. Wir Alten horen am liebsten von den Kinderjahren reden, und es dunkt mich, als liesst ihr mich den Duft einer Blume einziehn, den ich seit meiner Kindheit nicht wieder eingeathmet hatte. Nur sagt mir noch vorher, wie euch meine Einsiedeley und mein Garten gefallt, denn diese Blumen sind meine Freundinnen. Mein Herz ist in diesen Garten. Ihr seht nichts, was mich nicht liebt, und von mir nicht zartlich geliebt wird. Ich bin hier mitten unter meinen Kindern und komme mir vor, wie ein alter Baum, aus dessen Wurzeln diese muntre Jugend ausgeschlagen sey.

Glucklicher Vater, sagte Heinrich, euer Garten ist die Welt. Ruinen sind die Mutter dieser bluhenden Kinder. Die bunte, lebendige Schopfung zieht ihre Nahrung aus den Trummern vergangner Zeiten. Aber musste die Mutter sterben, dass die Kinder gedeihen konnen, und bleibt der Vater zu ewigen Thranen allein an ihrem Grabe sitzen?

Sylvester reichte dem schluchzenden Junglinge die Hand, und stand auf, um ihm ein eben aufgebluhtes Vergissmeinnicht zu holen, das er an einem Zypressenzweig band und ihm brachte. Wunderlich ruhrte der Abendwind die Wipfel der Kiefern, die jenseits den Ruinen standen. Ihr dumpfes Brausen tonte heruber. Heinrich verbarg sein Gesicht in Thranen an dem Halse des guten Sylvester, und wie er sich wieder erhob, trat eben der Abendstern in voller Glorie uber den Wald heruber.

Nach einiger Stille fieng Sylvester an: Ich mocht euch wohl in Eysenach unter euren Gespielen gesehn haben. Eure Eltern, die vortreffliche Landgrafin, die biedern Nachbarn eures Vaters, und der alte Hofkaplan machen eine schone Gesellschaft aus. Ihre Gesprache mussen fruhzeitig auf euch gewurkt haben, besonders da ihr das einzige Kind wart. Auch stell ich mir die Gegend ausserst anmuthig und bedeutsam vor.

Ich lerne, versezte Heinrich, meine Gegend erst recht kennen, seit ich weg bin und viele andre Gegenden gesehn habe. Jede Pflanze, jeder Baum, jeder Hugel und Berg hat seinen besondern Gesichtskreis, seine eigenthumliche Gegend. Sie gehort zu ihm und sein Bau, seine ganze Beschaffenheit wird durch sie erklart. Nur das Thier und der Mensch konnen zu allen Gegenden kommen; Alle Gegenden sind die Ihrigen. So machen alle zusammen eine grosse Weltgegend, einen unendlichen Gesichtskreis aus, dessen Einfluss auf den Menschen und das Thier eben so sichtbar ist, wie der Einfluss der engern Umgebung auf die Pflanze. Daher Menschen, die viel gereisst sind, Zugvogel und Raubthiere, unter den Ubrigen sich durch besondern Verstand und andre wunderbare Gaben und Arten auszeichnen. Doch giebt es auch gewiss mehr oder weniger Fahigkeit unter ihnen, von diesen Weltkreisen und ihrem mannichfaltigen Inhalt und Ordnung geruhrt, und gebildet zu werden. Auch fehlt bey den Menschen wohl manchen die nothige Aufmerksamkeit und Gelassenheit, um den Wechsel der Gegenstande und ihre Zusammenstellung erst gehorig zu betrachten, und dann daruber nachzudenken und die nothigen Vergleichungen anzustellen. Oft fuhl ich jezt, wie mein Vaterland meine fruhsten Gedanken mit unverganglichen Farben angehaucht hat, und sein Bild eine seltsame Andeutung meines Gemuths geworden ist, die ich immer mehr errathe, je tiefer ich einsehe, dass Schicksal und Gemuth Namen Eines Begriffs sind. Auf mich, sagte Sylvester, hat freylich die lebendige Natur, die regsame Uberkleidung der Gegend immer am meisten gewirkt. Ich bin nicht mude geworden besonders die verschiedene Pflanzennatur auf das sorgfaltigste zu betrachten. Die Gewachse sind so die unmittelbarste Sprache des Bodens; Jedes neue Blatt, jede sonderbare Blume ist irgend ein Geheimniss, was sich hervordrangt und das, weil es sich vor Liebe und Lust nicht bewegen und nicht zu Worten kommen kann, eine stumme, ruhige Pflanze wird. Findet man in der Einsamkeit eine solche Blume, ist es da nicht, als ware alles umher verklart und hielten sich die kleinen befiederten Tone am liebsten in ihrer Nahe auf. Man mochte fur Freuden weinen, und abgesondert von der Welt nur seine Hande und Fusse in die Erde stecken, um Wurzeln zu treiben und nie diese gluckliche Nachbarschaft zu verlassen. Uber die ganze trockne Welt ist dieser grune, geheimnissvolle Teppich der Liebe gezogen. Mit jedem Fruhjahr wird er erneuert und seine seltsame Schrift ist nur dem Geliebten lesbar wie der Blumenstraus des Orients. Ewig wird er lesen und ich nicht satt lesen und taglich neue Bedeutungen, neue entzuckendere Offenbarungen der liebenden Natur gewahr werden. Dieser unendliche Genuss ist der geheime Reitz, den die Begehung der Erdflache fur mich hat, indem mir jede Gegend andre Rathsel lost, und mich immer mehr errathen lasst, woher der Weg komme und wohin er gehe.

Ja, sagte Heinrich, wir haben von Kinderjahren angefangen zu reden, und von der Erziehung, weil wir in euren Garten waren und die eigentliche Offenbarung der Kindheit, die unschuldige Blumenwelt, unmercklich in unser Gedachtniss und auf unsre Lippen die Errinnerung der alten Blumenschaft brachte. Mein Vater ist auch ein grosser Freund des Gartenlebens und die glucklichsten Stunden seines Lebens bringt er unter den Blumen zu. Dies hat auch gewiss seinen Sinn fur die Kinder so offen erhalten, da Blumen die Ebenbilder der Kinder sind. Den vollen Reichthum des unendlichen Lebens, die gewaltigen Machte der spatern Zeit, die Herrlichkeit des Weltendes und die goldne Zukunft aller Dinge sehn wir hier noch innig in einander geschlungen, aber doch auf das deutlichste und klarste in zarter Verjungung. Schon treibt die allmachtige Liebe, aber sie zundet noch nicht. Es ist keine verzehrende Flamme; es ist ein zerrinnender Duft und so innig die Vereinigung der zartlichen Seelen auch ist, so ist sie doch von keiner Heftigen Bewegung und [k]einer fressenden Wuth begleitet, wie bey den Thieren. So ist die Kindheit in der Tiefe zunachst an der Erde, da hingegen die Wolken vielleicht die Erscheinungen der zweyten, hohern Kindheit, des wiedergefundnen Paradieses sind, und darum so wolthatig auf die Erstere herunterthauen.

Es ist gewiss etwas sehr geheimnissvolles in den Wolken, sagte Sylvester und eine gewisse Bewolkung hat oft einen ganz wunderbaren Einfluss auf uns. Sie ziehn und wollen uns mit ihrem kuhlen Schatten auf und davon nehmen und wenn ihre Bildung lieblich und bunt, wie ein ausgehauchter Wunsch unsers Innern ist, so ist auch ihre Klarheit, das herrliche Licht, was dann auf Erden herrscht, wie die Vorbedeutung einer unbekannten, unsaglichen Herrlichkeit. Aber es giebt auch dustre und ernste und entsezliche Umwolkungen, in denen alle Schreken der alten Nacht zu drohen scheinen. Nie scheint sich der Himmel wieder aufheitern zu wollen, das heitre Blau ist vertilgt und ein fahles Kupferroth auf schwarzgrauen Grunde weckt Grauen und Angst in jeder Brust. Wenn dann die verderblichen Strahlen herunterzucken und mit hohnischen Gelachter die schmetternden Donnerschlage hinterdrein fallen, so werden wir bis ins Innerste beangstigt, und wenn in uns dann nicht das erhabene Gefuhl unsrer sittlichen Obermacht entsteht, so glauben wir den Schrecknissen der Holle, der Gewalt boser Geister uberliefert zu seyn.

Es sind Nachhalle der alten unmenschlichen Natur, aber auch weckende Stimmen der hohern Natur, des himmlischen Gewissens in uns. Das Sterbliche drohnt in seinen Grundvesten, aber das Unsterbliche fangt heller zu leuchten an und erkennt sich selbst.

Wann wird es doch, sagte Heinrich, gar keiner Schrecken, keiner Schmerzen, keiner Noth und keines Ubels mehr im Weltall bedurfen?

Wenn es nur Eine Kraft giebt die Kraft des Gewissens Wenn die Natur zuchtig und sittlich geworden ist. Es giebt nur Eine Ursache des Ubels die allgemeine Schwache, und diese Schwache ist nichts, als geringe sittliche Empfanglichkeit, und Mangel an Reitz der Freyheit.

Macht mir doch die Natur des Gewissens begreiflich.

Wenn ich das konnte, so war ich Gott, denn indem man das Gewissen begreift, entsteht es. Konnt ihr mir das Wesen der Dichtkunst begreiflich machen?

Etwas Personliches lasst sich nicht bestimmt abfragen.

Wie viel weniger also das Geheimniss der hochsten Untheilbarkeit. Lasst sich Musik dem Tauben erklaren?

Also ware der Sinn ein Antheil an der neuen durch ihn eroffneten Welt selbst? Man verstunde die Sache nur, wenn man sie hatte?

Das Weltall zerfallt in unendliche, immer von grossern Welten wieder befasste Welten. Alle Sinne sind am Ende Ein Sinn. Ein Sinn fuhrt wie Eine Welt allmalich zu allen Welten. Aber alles hat seine Zeit, und seine Weise. Nur die Person des Weltalls vermag das Verhaltniss unsrer Welt einzusehn. Es ist schwer zu sagen, ob wir innerhalb der sinnlichen Schranken unsers Korpers wircklich unsre Welt mit neuen Welten, unsre Sinne mit neuen Sinnen vermehren konnen, oder ob jeder Zuwachs unsrer Erkenntniss, jede neu erworbene Fahigkeit nur zur Ausbildung unsers gegenwartigen Weltsinns zu rechnen ist.

Vielleicht ist beydes Eins, sagte Heinrich. Ich weiss nur so viel, dass fur mich die Fabel Gesamtwerckzeug meiner gegenwartigen Welt ist. Selbst das Gewissen, diese Sinn und Weltenerzeugende Macht, dieser Keim aller Personlichkeit, erscheint mir, wie der Geist des Weltgedichts, wie der Zufall der ewigen romantischen Zusammenkunft, des unendlich veranderlichen Gesamtlebens.

Werther Pilger, versezte Sylvester, das Gewissen erscheint in jeder ernsten Vollendung, in jeder gebildeten Wahrheit. Jede durch Nachdenken zu einem Weltbild ausgearbeitete Neigung und Fertigkeit wird zu einer Erscheinung, zu einer Verwandlung des Gewissens. Alle Bildung fuhrt zu dem, was man nicht anders, wie Freyheit nennen kann, ohnerachtet damit nicht ein blosser Begrif, sondern der schaffende Grund alles Daseyns bezeichnet werden soll. Diese Freyheit ist Meisterschaft. Der Meister ubt freye Gewalt nach Absicht und in bestimmter und uberdachter Folge aus. Die Gegenstande seiner Kunst sind sein, und stehn in seinem Belieben und er wird von ihnen nicht gefesselt oder gehemmt. Und gerade diese allumfassende Freyheit, Meisterschaft oder Herrschaft ist das Wesen, der Trieb des Gewissens. In ihm offenbart sich die heilige Eigenthumlichkeit, das unmittelbare Schaffen der Personlichkeit, und jede Handlung des Meisters ist zugleich Kundwerdung der hohen, einfachen, unverwikkelten Welt Gottes Wort.

Also ist auch das was ehemals, wie mich daucht, Tugendlehre genannt wurde, nur die Religion, als Wissenschaft, die sogenannte Theologie im eigentlichsten Sinn? Nur eine Gesetzordnung, die sich zur Gottesverehrung verhalt, wie die Natur zu Gott? Ein Wortbau, eine Gedankenfolge, die die Oberwelt bezeichnet, vorstellt und sie auf einer gewissen Stufe der Bildung vertritt? Die Religion fur das Vermogen der Einsicht und des Urtheils, der Richtspruch, das Gesetz der Auflosung und Bestimmung aller moglichen Verhaltnisse eines personlichen Wesens?

Allerdings ist das Gewissen, sagte Sylvester, der eingeborne Mittler jedes Menschen. Es vertritt die Stelle Gottes auf Erden, und ist daher so Vielen das hochste und lezte. Aber wie entfernt war die bisherige Wissenschaft, die man Tugend oder Sittenlehre nannte, von der reinen Gestalt dieses erhabenen, weitumfassenden personlichen Gedankens. Das Gewissen ist der Menschen eigenstes Wesen in voller Verklarung, der himmlische Urmensch. Es ist nicht dies und jenes, es gebietet nicht in allgemeinen Spruchen, es besteht nicht aus einzelnen Tugenden. Es giebt nur Eine Tugend den reinen, ernsten Willen, der im Augenblick der Entscheidung unmittelbar sich entschliesst und wahlt. In lebendiger, eigenthumlicher Untheilbarkeit bewohnt es und beseelt es das zartliche Sinnbild des menschlichen Korpers, und vermag alle geistigen Gliedmaassen in die wahrhafteste Thatigkeit zu versetzen.

O! trefflicher Vater, unterbrach ihn Heinrich, mit welcher Freude erfullt mich das Licht, was aus euren Worten ausgeht. Also ist der wahre Geist der Fabel eine freundliche Verkleidung des Geistes der Tugend, und der eigentliche Zweck der untergeordneten Dichtkunst die Regsamkeit des hochsten, eigenthumlichsten Daseyns. Eine uberraschende Selbstheit ist zwischen einem wahrhaften Liede und einer edeln Handlung. Das mussige Gewissen in einer glatten nicht widerstehenden Welt wird zum fesselnden Gesprach[,] zur alleserzahlenden Fabel. In den Fluren und Hallen dieser Urwelt lebt der Dichter, und die Tugend ist der Geist seiner irrdischen Bewegungen und Einflusse. Sowie diese die unmittelbar wirkende Gottheit unter den Menschen und das wunderbare Widerlicht der hohern Welt ist, so ist es auch die Fabel. Wie sicher kann nun der Dichter den Eingebungen seiner Begeisterung oder wenn auch er einen hohern uberirrdischen Sinn hat, hoheren Wesen folgen und sich seinem Berufe mit kindlicher Demuth uberlassen. Auch in ihm redet die hohere Stimme des Weltalls und ruft mit bezaubernden Spruchen in erfreulichere, bekanntere Welten. Wie sich die Religion zur Tugend verhalt, so die Begeisterung zur Fabellehre, und wenn in heiligen Schriften die Geschichten der Offenbarung aufbehalten sind, so bildet in den Fabellehren das Leben einer hohern Welt sich in wunderbarentstandnen Dichtungen auf mannichfache Weise ab. Fabel und Geschichte begleiten sich in den innigsten Beziehungen auf den verschlungensten Pfaden und in den seltsamsten Verkleidungen, und die Bibel und die Fabellehre sind SternBilder Eines Umlaufs.

Ihr redet vollig wahr, sagte Sylvester, und nun wird es euch wohl begreiflich seyn, dass die ganze Natur nur durch den Geist der Tugend besteht und immer bestandiger werden soll. Er ist das allzundende, allbelebende Licht innerhalb der irrdischen Umfassung. Vom Sternhimmel, diesem erhabenen Dom des Steinreichs, bis zu dem krausen Teppich einer bunten Wiese wird alles durch ihn erhalten, durch ihn mit uns verknupft, und uns verstandlich gemacht, und durch ihn die unbekannte Bahn der unendlichen Naturgeschichte bis zur Verklarung fortgeleitet.

Ja und ihr habt vorher so schon fur mich die Tugend an die Religion angeschlossen. Alles was die Erfahrung und die irrdische Wircksamkeit begreift macht den Bezirk des Gewissens aus, welches diese Welt mit hohern Welten verbindet. Bey hohern Sinnen entsteht Religion und was vorher unbegreifliche Nothwendigkeit unserer innersten Natur schien, ein Allgesetz ohne bestimmten Inhalt, wird nun zu einer wunderbaren, einheimischen unendlich mannichfaltigen und durchaus befriedigenden Welt, zu einer unbegreiflich innigen Gemeinschaft aller Seligen in Gott, und zur vernehmlichen, vergotternden Gegenwart des allerpersonlichsten Wesens, oder seines Willens, seiner Liebe in unserm tiefsten Selbst.

Die Unschuld eures Herzens macht euch zum Profeten, erwiederte Sylvester. Euch wird alles verstandlich werden, und die Welt und ihre Geschichte verwandelt sich euch in die heilige Schrift, sowie ihr an der heiligen Schrift das grosse Beyspiel habt, wie in einfachen Worten und Geschichten das Weltall offenbart werden kann; wenn auch nicht gerade zu, doch mittelbar durch Anregung und Erweckung hoherer Sinne.

Mich hat die Beschaftigung mit der Natur dahin gefuhrt, wohin euch die Lust und Begeisterung der Sprache gebracht hat. Kunst und Geschichte hat mich die Natur kennen gelehrt. Meine Eltern wohnten in Sizilien unweit dem weltberuhmten Berge Aetna. Ein bequemes Haus von vormaliger Bauart, welches verdeckt von uralten Kastanienbaumen dicht an den felsigen Ufern des Meers, die Zierde eines mit mannichfaltigen Gewachsen besezten Gartens ausmachte, war ihre Wohnung. In der Nahe lagen viele Hutten, in denen sich Fischer[,] Hirten und Winzer aufhielten. Unsre Kammern und Keller waren mit allem, was das Leben erhalt und erhoht, reichlich versehn und unser Hausgerathe ward durch wohlerdachte Arbeit auch den verborgenen Sinnen angenehm. Es fehlte auch sonst nicht an mannichfaltigen Gegenstanden, deren Betrachtung und Gebrauch das Gemuth uber das gewohnliche Leben und seine Bedurfnisse erhoben und es zu einem angemessenern Zustande vorzubereiten, ihm den lautern Genuss seiner vollen eigenthumlichen Natur zu versprechen und zu gewahren schienen. Man sah steinerne Menschen Bilder, mit Geschichten bemahlte Gefasse, kleinere Steine mit den deutlichsten Figuren, und andre Gerathschaften mehr, die aus andern und erfreulicheren Zeiten zuruckgeblieben seyn mochten. Auch lagen in Fachern ubereinander viele Pergamentrollen, auf denen in langen Reihen Buchstaben die Kenntnisse und Gesinnungen, die Geschichten und Gedichte jener Vergangenheit in anmuthigen und kunstlichen Ausdrucken bewahrt standen. Der Ruf meines Vaters, den er sich als ein geschickter Sterndeuter zuwege brachte, zog ihm zahlreiche Anfragen, und Besuche, selbst aus entlegenern Landern, zu, und da das Vorwissen der Zukunft den Menschen eine sehr seltne und kostliche Gabe dunkt, so glaubten sie ihre Mittheilungen gut belohnen zu mussen, so dass mein Vater durch die erhaltnen Geschenke in den Stand gesezt wurde, die Kosten seiner bequemen und genussreichen Lebensart hinreichend bestreiten zu konnen.

Tiecks Bericht uber die Fortsetzung

Weiter ist der Verfasser nicht in Ausarbeitung dieses zweiten Theils gekommen. Diesen nannte er die Erfullung, so wie den ersten Erwartung, weil hier alles aufgelost, und erfullt werden sollte, was jener hatte ahnden lassen. Es war die Absicht des Dichters, nach Vollendung des Ofterdingen noch sechs Romane zu schreiben, in denen er seine Ansichten der Physik, des burgerlichen Lebens, der Handlung, der Geschichte, der Politik und der Liebe, so wie im Ofterdingen der Poesie niederlegen wollte. Ohne mein Erinnern wird der unterrichtete Leser sehn, dass der Verfasser sich in diesem Gedichte nicht genau an die Zeit, oder an die Person jenes bekannten Minnesangers gebunden hat, obgleich alles an ihn und sein Zeitalter erinnern soll. Nicht nur fur die Freunde des Verfassers, sondern fur die Kunst selbst, ist es ein unersetzlicher Verlust, dass er diesen Roman nicht hat beendigen konnen, dessen Originalitat und grosse Absicht sich im zweiten Theile noch mehr als im ersten wurde gezeigt haben. Denn es war ihm nicht darum zu thun, diese oder jene Begebenheit darzustellen, eine Seite der Poesie aufzufassen, und sie durch Figuren und Geschichten zu erklaren, sondern er wollte, wie auch schon im letzten Kapitel des ersten Theils bestimmt angedeutet ist, das eigentliche Wesen der Poesie aussprechen und ihre innerste Absicht erklaren. Darum verwandelt sich Natur, Historie, der Krieg und das burgerliche Leben mit seinen gewohnlichsten Vorfallen in Poesie, weil diese der Geist ist, der alle Dinge belebt.

Ich will den Versuch machen, so viel es mir aus Gesprachen mit meinem Freunde erinnerlich ist, und so viel ich aus seinen hinterlassenen Papieren ersehen kann, dem Leser einen Begriff von dem Plan und dem Inhalte des zweiten Theiles dieses Werkes zu verschaffen.

Dem Dichter, welcher das Wesen seiner Kunst im Mittelpunkt ergriffen hat, erscheint nichts wiedersprechend und fremd, ihm sind die Ratsel gelost, durch die Magie der Fantasie kann er alle Zeitalter und Welten verknupfen, die Wunder verschwinden und alles verwandelt sich in Wunder: so ist dieses Buch gedichtet, und besonders findet der Leser in dem Mahrchen, welches den ersten Theil beschliesst, die kuhnsten Verknupfungen; hier sind alle Unterschiede aufgehoben, durch welche Zeitalter von ein ander getrennt erscheinen, und eine Welt der andern als feindselig begegnet. Durch dieses Mahrchen wollte sich der Dichter hauptsachlich den Ubergang zum zweiten Theile machen, in welchem die Geschichte unaufhorlich aus dem Gewohnlichsten in das Wundervollste uberschweift, und sich beides gegenseitig erklart und erganzt; der Geist, welcher den Prolog in Versen halt, sollte nach jedem Kapitel wiederkehren, und diese Stimmung, diese wunderbare Ansicht der Dinge fortsetzen. Durch dieses Mittel blieb die unsichtbare Welt mit dieser sichtbaren in ewiger Verknupfung. Dieser sprechende Geist ist die Poesie selber, aber zugleich der siderische Mensch, der mit der Umarmung Heinrichs und Mathildens gebohren ist. In folgendem Gedichte, welches seine Stelle im Ofterdingen finden sollte, hat der Verfasser auf die leichteste Weise den innern Geist seiner Bucher ausgedruckt:

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Sind Schlussel aller Kreaturen,

Wenn die, so singen oder kussen,

Mehr als die Tiefgelehrten wissen,

Wenn sich die Welt in's freie Leben,

Und in die Welt wird zuruck begeben,

Wenn dann sich wieder Licht und Schatten

Zu achter Klarheit werden gatten,

Und man in Mahrchen und Gedichten

Erkennt die ewgen Weltgeschichten,

Dann fliegt vor Einem geheimen Wort

Das ganze verkehrte Wesen fort.

Der Gartner, welchen Heinrich spricht, ist derselbe alte Mann, der schon einmal Ofterdingens Vater aufgenommen hatte, das junge Madchen, welche Cyane heisst, ist nicht sein Kind, sondern die Tochter des Grafen von Hohenzollern, sie ist aus dem Morgenlande gekommen, zwar fruh, aber doch kann sie sich ihrer Heimath erinnern, sie hat lange in Gebirgen, in welchen sie von ihrer verstorbenen Mutter erzogen ist, ein wunderliches Leben gefuhrt: einen Bruder hat sie fruh verlohren, einmal ist sie selbst in einem Grabgewolbe dem Tode sehr nahe gewesen, aber hier hat sie ein alter Arzt auf eine seltsame Weise vom Tode errettet. Sie ist heiter und freundlich und mit dem Wunderbaren sehr vertraut. Sie erzahlt dem Dichter seine eigene Geschichte, als wenn sie dieselbe einst von ihrer Mutter so gehort hatte. Sie schickt ihn nach einem entlegenen Kloster, dessen Monche als eine Art von Geisterkolonie erscheinen, alles ist hier wie eine mystische, magische Loge. Sie sind die Priester des heiligen Feuers in jungen Gemuthern. Er hort den fernen Gesang der Bruder; in der Kirche selbst hat er eine Vision. Mit einem alten Monch spricht Heinrich uber Tod und Magie, er hat Ahndungen vom Tode und dem Stein der Weisen; er besucht den Klostergarten und den Kirchhof; uber den leztern findet sich folgendes Gedicht:

Lobt doch unsre stillen Feste,

Unsre Garten, unsre Zimmer,

Das bequeme Hausgerathe,

Unser Hab' und Gut.

Taglich kommen neue Gaste,

Diese fruh, die andern spate,

Auf den weiten Heerden immer

Lodert neue Lebens-Glut.

Tausend zierliche Gefasse

Einst bethaut mit tausend Thranen,

Goldne Ringe, Sporen, Schwerdter,

Sind in unserm Schatz:

Viel Kleinodien und Juwelen

Wissen wir in dunkeln Holen,

Keiner kann den Reichthum zahlen,

Zahlt' er auch ohn' Unterlass.

Kinder der Vergangenheiten,

Helden aus den grauen Zeiten,

Der Gestirne Riesengeister,

Wunderlich gesellt,

Holde Frauen, ernste Meister,

Kinder und verlebte Greise

Sitzen hier in Einem Kreise,

Wohnen in der alten Welt.

Keiner wird sich je beschweren,

Keiner wunschen fort zu gehen,

Wer an unsern vollen Tischen

Einmal frohlich sass.

Klagen sind nicht mehr zu horen,

Keine Wunder mehr zu sehen,

Keine Thranen abzuwischen;

Ewig lauft das Stundenglas.

Tiefgeruhrt von heilger Gute

Und versenkt in selges Schauen

Steht der Himmel im Gemuthe,

Wolkenloses Blau;

Lange fliegende Gewande

Tragen uns durch Fruhlingsauen,

Und es weht in diesem Lande

Nie ein Luftchen kalt und rauh.

Susser Reitz der Mitternachte,

Stiller Kreis geheimer Machte,

Wollust rathselhafter Spiele,

Wir nur kennen euch.

Wir nur sind am hohen Ziele,

Bald in Strom uns zu ergiessen

Dann in Tropfen zu zerfliessen

Und zu nippen auch zugleich.

Uns ward erst die Liebe, Leben;

Innig wie die Elemente

Mischen wir des Daseyns Fluten,

Brausend Herz mit Herz.

Lustern scheiden sich die Fluten,

Denn der Kampf der Elemente

Ist der Liebe hochstes Leben,

Und des Herzens eignes Herz.

Leiser Wunsche susses Plaudern

Horen wir allein, und schauen

Immerdar in selge Augen,

Schmecken nichts als Mund und Kuss.

Alles was wir nur beruhren

Wird zu heissen Balsamfruchten,

Wird zu weichen zarten Brusten,

Opfern kuhner Lust.

Immer wachst und bluht Verlangen

Am Geliebten festzuhangen,

Ihn im Innern zu empfangen,

Einst mit ihm zu seyn,

Seinem Durste nicht zu wehren,

Sich im Wechsel zu verzehren,

Von einander sich zu nahren,

Von einander nur allein.

So in Lieb' und hoher Wollust

Sind wir immerdar versunken,

Seit der wilde trube Funken

Jener Welt erlosch;

Seit der Hugel sich geschlossen,

Und der Scheiterhaufen spruhte,

Und dem schauernden Gemuthe

Nun das Erdgesicht zerfloss.

Zauber der Erinnerungen,

Heilger Wehmuth susse Schauer

Haben innig uns durchklungen,

Kuhlen unsre Gluth.

Wunden giebt's, die ewig schmerzen,

Eine gottlich tiefe Trauer

Wohnt in unser aller Herzen,

Lost uns auf in Eine Flut.

Und in dieser Flut ergiessen

Wir uns auf geheime Weise

In den Ozean des Lebens

Tief in Gott hinein;

Und aus seinem Herzen fliessen

Wir zuruck zu unserm Kreise,

Und der Geist des hochsten Strebens

Taucht in unsre Wirbel ein.

Schuttelt eure goldnen Ketten

Mit Smaragden und Rubinen,

Und die blanken saubern Spangen,

Blitz und Klang zugleich.

Aus des feuchten Abgrunds Betten,

Aus den Grabern und Ruinen,

Himmelsrosen auf den Wangen

Schwebt in's bunte Fabelreich.

Konnten doch die Menschen wissen,

Unsre kunftigen Genossen,

Dass bei allen ihren Freuden

Wir geschaftig sind:

Jauchzend wurden sie verscheiden,

Gern das bleiche Daseyn missen,

O! die Zeit ist bald verflossen,

Kommt Geliebte doch geschwind!

Helft uns nur den Erdgeist binden,

Lernt den Sinn des Todes fassen

Und das Wort des Lebens finden;

Einmal kehrt euch um.

Die Macht muss bald verschwinden,

Dein erborgtes Licht verlassen,

Werden dich in kurzem binden,

Erdgeist, deine Zeit ist um.

Dieses Gedicht war vielleicht wiederum ein Prolog zu einem zweiten Kapitel. Jetzt sollte sich eine ganz neue Periode des Werkes eroffnen, aus dem stillsten Tode sollte sich das hochste Leben hervorthun; er hat unter Todten gelebt und selbst mit ihnen gesprochen, das Buch sollte fast dramatisch werden, und der epische Ton gleichsam nur die einzelnen Szenen verknupfen und leicht erklaren. Heinrich befindet sich plotzlich in dem unruhigen Italien, das von Kriegen zerruttet wird, er sieht sich als Feldherr an der Spitze eines Heeres. Alle Elemente des Krieges spielen in poetischen Farben; er uberfallt mit einem fluchtigen Haufen eine feindliche Stadt, hier erscheint als Episode die Liebe eines vornehmen Pisaners zu einem Florentinischen Madchen. Kriegslieder. "Ein grosser Krieg, wie ein Zweykampf, durchaus edel, philosophisch, human. Geist der alten Chevalerie. Ritterspiel. Geist der bacchischen Wehmuth. Die Menschen mussen sich selbst untereinander todten, das ist edler als durch das Schicksal fallen. Sie suchen den Tod. Ehre, Ruhm ist des Kriegers Lust und Leben. Im Tode und als Schatten lebt der Krieger. Todeslust ist Kriegergeist. Auf Erden ist der Krieg zu Hause. Krieg muss auf Erden seyn." In Pisa findet Heinrich den Sohn des Kaisers Friedrich des Zweiten, der sein vertrauter Freund wird. Auch nach Loretto kommt er. Mehrere Lieder sollten hier folgen.

Von einem Sturm wird der Dichter nach Griechenland verschlagen. Die alte Welt mit ihren Helden und Kunstschatzen erfullt sein Gemuth. Er spricht mit einem Griechen uber die Moral. Alles wird ihm aus jener Zeit gegenwartig, er lernt die alten Bilder und die alte Geschichte verstehn. Gesprache uber die griechischen Staatsverfassungen; uber Mythologie.

Nachdem Heinrich die Heldenzeit und das Alterthum hat verstehen lernen, kommt er nach dem Morgenlande, nach welchem sich von Kindheit auf seine Sehnsucht gerichtet hatte. Er besucht Jerusalem; er lernt orientalische Gedichte kennen. Seltsame Begebenheiten mit den Unglaubigen halten ihn in einsamen Gegenden zuruck, er findet die Familie des morgenlandischen Madchens; (s. den I.Th.); die dortige Lebensweise einiger nomadischen Stamme. Persische Mahrchen. Erinnerungen aus der altesten Welt. Immer sollte das Buch unter den verschiedensten Begebenheiten denselben Farben-Charakter behalten, und an die blaue Blume erinnern: durchaus sollten zugleich die entferntesten und verschiedenartigsten Sagen verknupft werden, Griechische, orientalische, biblische und christliche, mit Erinnerungen und Andeutungen der Indischen wie der nordischen Mythologie. Die Kreuzzuge. Das Seeleben. Heinrich geht nach Rom. Die Zeit der Romischen Geschichte.

Mit Erfahrungen gesattigt kehrt Heinrich nach Deutschland zuruck. Er findet seinen Grossvater, einen tiefsinnigen Charakter, Klingsohr ist in seiner Gesellschaft. Abendgesprache mit den beiden.

Heinrich begiebt sich an den Hof Friedrichs, er lernt den Kaiser personlich kennen. Der Hof sollte eine sehr wurdige Erscheinung machen, die Darstellung der besten, grossten und wunderbarsten Menschen aus der ganzen Welt versammelt, deren Mittelpunkt der Kaiser selbst ist. Hier erscheint die grosste Pracht, und die wahre grosse Welt. Deutscher Charakter und Deutsche Geschichte werden deutlich gemacht. Heinrich spricht mit dem Kaiser uber Regierung, uber Kaiserthum, dunkle Reden von Amerika und Ost-Indien. Die Gesinnungen eines Fursten. Mystischer Kaiser. Das Buch de tribus impostoribus.

Nachdem nun Heinrich auf eine neue und grossere Weise als im ersten Theile, in der Erwartung, wiederum die Natur, Leben und Tod, Krieg, Morgenland, Geschichte und Poesie erlebt und erfahren hat, kehrt er wie in eine alte Heimath in sein Gemuth zuruck. Aus dem Verstandniss der Welt und seiner selbst entsteht der Trieb zur Verklarung: die wunderbarste Mahrchenwelt tritt nun ganz nahe, weil das Herz ihrem Verstandniss vollig geoffnet ist.

In der Manessischen Sammlung der Minnesinger finden wir einen ziemlich unverstandlichen Wettgesang des Heinrich von Ofterdingen und Klingsohr mit andern Dichtern: statt dieses Kampfspieles wollte der Verfasser einen andern seltsamen poetischen Streit darstellen, den Kampf des guten und bosen Prinzips in Gesangen der Religion und Irreligion, die unsichtbare Welt der sichtbaren entgegen gestellt. "In bacchischer Trunkenheit wetten die Dichter aus Enthusiasmus um den Tod." Wissenschaften werden poetisirt, auch die Mathematik streitet mit. Indianische Pflanzen werden besungen: Indische Mythologie in neuer Verklarung.

Dieses ist der lezte Akt Heinrichs auf Erden, der Ubergang zu seiner eignen Verklarung. Dieses ist die Auflosung des ganzen Werks, die Erfullung des Mahrchens, welches den ersten Theil beschliesst. Auf die ubernaturlichste und zugleich naturlichste Weise wird alles erklart und vollendet, die Scheidewand zwischen Fabel und Wahrheit, zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist eingefallen: Glauben, Fantasie, Poesie schliessen die innerste Welt auf.

Heinrich kommt in Sophieens Land, in eine Natur, wie sie seyn konnte, in eine allegorische, nachdem er mit Klingsohr uber einige sonderbare Zeichen und Ahndungen gesprochen hat. Diese erwachen hauptsachlich bei einem alten Liede, welches er zufallig singen hort, in welchem ein tiefes Wasser an einer verborgenen Stelle beschrieben wird. Durch diesen Gesang erwachen langstvergessene Erinnerungen, er geht nach dem Wasser und findet einen kleinen goldenen Schlussel, welchen ihm vor Zeiten ein Rabe geraubt hatte, und den er niemals hatte wiederfinden konnen. Diesen Schlussel hatte ihm bald nach Mathildens Tode ein alter Mann gegeben, mit dem Bedeuten, er solle ihn zum Kaiser bringen, der wurde ihm sagen, was damit zu thun sei. Heinrich geht zum Kaiser, welcher hocherfreut ist, und ihm eine alte Urkunde giebt, in welcher geschrieben steht, dass der Kaiser sie einem Manne zum lesen geben sollte, welcher ihm einst einen goldenen Schlussel zufallig bringen wurde, dieser Mann wurde an einem verborgenen Orte ein altes talismanisches Kleinod, einen Karfunkel zur Krone finden, zu welchem die Stelle noch leer gelassen sei. Der Ort selbst ist auch im Pergament beschrieben. Nach dieser Beschreibung macht sich Heinrich auf den Weg nach einem Berge, er trifft unterwegs den Fremden, der ihm und seinen Eltern zuerst von der blauen Blume erzahlt hatte, er spricht mit ihm uber die Offenbarung. Er geht in den Berg hinein und Cyane folgt ihm treulich nach.

Bald kommt er in jenes wunderbare Land, in welchem Luft und Wasser, Blumen und Thiere von ganz verschiedener Art sind, als in unsrer irdischen Natur. Zugleich verwandelt sich das Gedicht stellenweise in ein Schauspiel. "Menschen, Thiere, Pflanzen, Steine und Gestirne, Elemente, Tone, Farben, kommen zusammen wie Eine Familie, handeln und sprechen wie Ein Geschlecht." "Blumen und Thiere sprechen uber den Menschen." "Die Mahrchenwelt wird ganz sichtbar, die wirkliche Welt selbst wird wie ein Mahrchen angesehn." Er findet die blaue Blume, es ist Mathilde, die schlaft und den Karfunkel hat, ein kleines Madchen, sein und Mathildens Kind, sitzt bei einem Sarge, und verjungt ihn. "Dieses Kind ist die Urwelt, die goldne Zeit am Ende." "Hier ist die christliche Religion mit der heidnischen ausgesohnt, die Geschichte des Orpheus, der Psyche, und andere werden besungen."

Heinrich pfluckt die blaue Blume, und erlost Mathilden von ihrem Zauber, aber sie geht ihm wieder verlohren, er erstarrt im Schmerz und wird ein Stein. "Edda (die blaue Blume, die Morgenlanderinn, Mathilde) opfert sich an dem Steine, er verwandelt sich in einen klingenden Baum. Cyane haut den Baum um, und verbrennt sich mit ihm, er wird ein goldner Widder. Edda, Mathilde muss ihn opfern, er wird wieder ein Mensch. Wahrend dieser Verwandlungen hat er allerlei wunderliche Gesprache."

Er ist glucklich mit Mathilden, die zugleich die Morgenlanderinn und Cyane ist. Das froheste Fest des Gemuths wird gefeyert. Alles vorhergehende war Tod. Letzter Traum und Erwachen. "Klingsohr kommt wieder als Konig von Atlantis. Heinrichs Mutter ist Fantasie, der Vater ist der Sinn, Schwaning ist der Mond, der Bergmann ist der Antiquar, auch zugleich das Eisen. Kaiser Friedrich ist Arktur. Auch der Graf von Hohenzollern und die Kaufleute kommen wieder." Alles fliesst in eine Allegorie zusammen. Cyane bringt dem Kaiser den Stein, aber Heinrich ist nun selbst der Dichter aus jenem Mahrchen, welches ihm vordem die Kaufleute erzahlten.

Das selige Land leidet nur noch von einer Bezauberung, indem es dem Wechsel der Jahreszeiten unterworfen ist, Heinrich zerstort das Sonnenreich. Mit einem grossen Gedicht, wovon nur der Anfang aufgeschrieben ist, sollte das ganze Werk beschlossen werden.

Die Vermahlung der Jahrszeiten

Tief in Gedanken stand der neue Monarch. Er

gedachte

Jezt des nachtlichen Traums, und der Erzahlungen

auch,

Als er zu erst von der himmlischen Blume gehort

und getroffen

Still von der Weissagung, machtige Liebe gefuhlt.

Noch dunkt ihm, er hore die tiefeindringende

Stimme,

Eben verliesse der Gast erst den geselligen Kreis

Fluchtige Schimmer des Mondes erhellten die

klappernden Fenster

Und in des Junglings Brust tobe verzehrende Glut.

Edda, sagte der Konig, was ist des liebenden

Herzens

Innigster Wunsch? was ist ihm der unsaglichste

Schmerz?

Sag es, wir wollen ihm helfen, die Macht ist unser,

und herrlich

Werde die Zeit, nun du wieder den Himmel

begluckst.

Waren die Zeiten nicht so ungesellig, verbande

Zukunft mit Gegenwart und mit Vergangenheit

sich,

Schlosse Fruhling sich an den Herbst, und Sommer

an Winter,

Ware zu spielenden Ernst Jugend mit Alter

gepaart:

Dann mein susser Gemahl versiegte die Quelle der

Schmerzen,

Aller Empfindungen Wunsch ware dem Herzen

gewahrt.

Also die Koniginn; freudig umschlang sie der

schone Geliebte:

Ausgesprochen hast du warlich ein himmlisches

Wort,

Was schon langst auf den Lippen der tiefer

fuhlenden schwebte

Aber den deinigen erst rein und gedeyhlich

entklang.

Fuhre man schnell den Wagen herbey, wir holen

sie selber

Erstlich die Zeiten des Jahrs, dann auch des

Menschengeschlechts.

Sie fahren zur Sonne, und hohlen zuerst den Tag, dann zur Nacht, dann nach Norden, um den Winter, alsdann nach Suden, um den Sommer zu finden, von Osten bringen sie den Fruhling, von Westen den Herbst. Dann eilen sie zur Jugend, dann zum Alter, zur Vergangenheit, wie zur Zukunft.

Dieses ist, was ich dem Leser aus meinen Erinnerungen, und aus einzelnen Worten und Winken in den Papieren meines Freundes habe geben konnen. Die Ausarbeitung dieser grossen Aufgabe wurde ein bleibendes Denkmal einer neuen Poesie gewesen seyn. Ich habe in dieser Anzeige lieber trocken und kurz seyn wollen, als in die Gefahr geraten, von meiner Fantasie etwas hinzuzusetzen. Vielleicht ruhrt manchen Leser das Fragmentarische dieser Verse und Worte so wie mich, der nicht mit einer andachtigern Wehmuth ein Stuckchen von einem zertrummerten Bilde des Raphael oder Correggio betrachten wurde.

L. T.