Caroline Auguste Fischer
Die Honigmonathe
Von dem Verfasser von
Gustavs Verirrungen
Erster Theil
An die Leser
Wie viel Boses man den Leidenschaften auch nachsagen mag; ohne sie scheint es gleichwohl dem Menschen unmoglich, sich seiner ganzen moralischen Kraft bewusst zu werden. Wer uns demnach irgend eine dieser wohlthatigen Feindinnen treu darzustellen versucht; darf sich schmeicheln, nichts Uberflussiges unternommen zu haben. Den Versuch habe ich gewagt; ob er gelungen ist mogen die Leser entscheiden.
Erster Brief
Wilhelmine an Julie
Nimm Dich in Acht! Ich sehe die Eitelkeit im Hinterhalte lauschen. Hat sich freylich auf das Beste herausgeputzt, nennt sich Grossmuth, Dankbarkeit, Selbstuberwindung, und was der schonklingenden Titel mehr sind. Aber noch einmal sage ich: nimm Dich in Acht! Gewisse Baume sind nur zum Abhauen gut; und gewisse Schaden konnen nicht mit Honig, sondern nur mit Schierling geheilt werden. Von mir heute kein Wort. Ich weiss mich zu bescheiden.
Zweiter Brief
Julie an Wilhelmine
So ernst, meine Wilhelmine? Du konntest mich bange machen. Grosser Gott! sollte ich mich tauschen? Sollte alles vergeblich seyn? Aber Geliebte! jeder Mensch hat ja das Bedurfniss, mit sich selbst einig zu werden. Dieser ungluckliche Mann allein sollte es nicht haben? Ach glaube mir, meine Einzige! viele Menschen wurden gut seyn, wenn es ihnen das Schicksal erlaubte. Lass uns gestehen, dies war bis jetzt Oliviers Fall. Mit dem franzosischen Leichtsinne gebohren, von seinen Altern verzartelt, von den Weibern wechselweise gemissbraucht und vergottert, durch seine unersattliche Begierde nach Genuss ins tiefste Elend gesturzt, nun bey dem ganzlichen Mangel an Ergebung gezwungen alle Mittel zum Emporkommen wieder zu gebrauchen. Sage, wie konnte es anders seyn?
Dritter Brief
Wilhelmine an Julie
Ey! liebes Kind, davon ist ja gar nicht die Rede! Wer sagt Dir denn, dass sich das alles nicht ganz vortreflich erklaren lasse? Es fragt sich nur, ob es der Muhe lohne einen Mohren zu waschen? und ob man nachher, schwarz oder weiss, mit ihm vorlieb nehmen wolle? Das bedenke, mein Taubchen, und lass Dich nicht blenden.
Ich weiss recht gut, die Frau Mutter wird alles dazu beytragen. Aus welchen Grunden? ist nicht schwer zu errathen. Mit einem Worte! man will Dich verhandeln, und zwar so bald und so theuer wie moglich. Ach dass Dein Vater nicht mehr lebt! es ware nie dahin gekommen!
Vierter Brief
Julie an Wilhelmine
O mein unvergesslicher Vater! Wilhelmine! es war hart, mich daran zu erinnern. Ach wohl war es damals ganz anders! Meine Mutter war milder und ich war glucklicher. Ich weiss nicht es ist seit einiger Zeit so viel Bitteres in ihrem Wesen und doch verdopple ich meine Aufmerksamkeit, suche ihre leisesten Wunsche zu errathen. Ach ist es denn meine Schuld, dass wir nicht mehr reich sind? Gott weiss es! ich gebrauche ja so wenig, und arbeite vom Morgen bis in die sinkende Nacht.
Funfter Brief
Wilhelmine an Julie
Ob es Deine Schuld ist? Du reines unschuldiges Herz! Siehst Du denn nicht, was ihr fehlt? Alle ihre ausgeworfenen Netze zieht sie leer wieder zuruck; wahrend Du kostliche Lilie, ohne es zu wissen und zu wollen, alles um Dich her versammlest. Und dieser verderbten Frau wolltest Du Dich aufopfern? Dich einem Mann hingeben, der Dich nicht einmal begreift! Dich nimmt, weil Du ein Weib bist, und Deinen heiligen Kindersinn, den er jetzt nur duldet, einst auf das schandlichste verspotten und missbrauchen wird.
Julie! lass Dir rathen! sorge doch nicht fur die Zukunft! Was mein ist ja Dein! und wie oft soll ich Dir es wiederholen? ich heurathe nicht, und wenn mein Herr Vater das ganze Haus umkehrt.
Sechster Brief
Julie an Wilhelmine
Was denkt meine Wilhelmine von mir? Ich sollte Schuld seyn, dass eins der reizendsten Madchen einsam verbluhte? dass es einen glucklichen Mann weniger in der Welt gabe? Nimmermehr! Auch ist das alles Schwarmerey. Weisst Du noch, wie wir einmal beyde ins Kloster wollten? Ach sage was Du willst! sind wir mit einem Mann nicht glucklich, ohne ihn sind wir es noch weniger.
Bedarfst Du keiner Stutze, keines Schutzes? Bedarfst Du nicht der Mutterfreuden, und gewiss auch der Mutterleiden, um ganz gebildet zu werden? Bedarfst Du nicht der Harte, der Ungerechtigkeit eines grober gebildeten Wesens, um Deine ganze Weiblichkeit kennen zu lernen, und in ihrem Heiligthume Deinen Himmel zu bilden? Ist es nicht deswegen nothwendig, dass es an Deiner Seite stehe, um die Blicke der Menge anzuziehen? Wie konntest Du sonst, von allen Welthandeln befreit, in der Stille nur Deiner hohern Bildung leben.
Ach sage! merkst Du denn nicht den Willen der Natur? Sie hasst alle plotzlichen Ubergange, darum stellte sie das Weib zwischen den Mann und die glucklicheren Wesen der kunftigen Welt. Gewiss! dahin deuten alle unsere Leiden und Freuden! Ja sogar das Bedurfniss der Manner. Sie verlangen offenbar etwas mehr als blos menschliches von den Weibern. Das grundet sich nicht auf Ungerechtigkeit, sondern auf reinen Instinkt. Wenn wir mit Demuth und kindlichem Sinne dies glauben, werden es die Manner wohl dulden.
Siebenter Brief
Wilhelmine an Julie
Dulden! Herzchen, daruber habe ich bis zum Weinen gelacht. Allerdings werden sie es dulden! Duldeten es doch die amerikanischen Pflanzer, wenn man ihren Sclaven die Freuden der kunftigen Welt recht anschaulich machte, und ihren elenden Zustand als ein Mittel zur hohern Bildung darstellte. Fahre nur so fort! und Du wirst bald eine zweite Elise werden.
Gott! ist es nicht himmelschreiend? dass selbst Weiber unsre Ketten erschweren! Kann man sich etwas abgeschmackteres und inkonsequenteres denken, als eben diese Elise wie sie seyn sollte?
Tragt ihr Vermogen was offenbar ihren unmundigen Kindern gehorte, und um so mehr fur sie erhalten werden musste, da ihr Herr Papa ein ausgemachter Taugenichts war tragt es hin zu der Buhlerin eben dieses lieblichen Herrn.
Zwar bringt dieser Heroismus Fussfalle, Anbetungen und Versohnungen hervor, und ist, in sofern diese Herrlichkeiten nicht anders zu bekommen waren, in dem Romane recht nutzlich. Im wirklichen Leben aber mogte er wohl etwas ganz anderes, und hochst wahrscheinlich, eine ganzliche Trennung hervorgebracht haben.
Freilich die gute Elise war nun einmal gewohnt, auf ihrem Kothurne im hochstmoglichen Pathos einherzuschreiten, und hatte das Gluck von ihrer gutmuthigen Schopferin bis an ihr pompeuses Ende darauf erhalten zu werden. Meinetwegen mag auch wer da will, ihre Stelzenschuhe erben! Nur meine Julie soll sie nicht tragen.
Soll nicht? habe ich ihr denn zu befehlen? O ja! ich habe ihr zu befehlen, dass sie sich nicht unglucklich machen soll und wenn ich ihr das nicht mehr befehlen darf; so mag ich nicht mehr leben.
Achter Brief
Julie an Wilhelmine
Du meine treue Einzige! ich drucke Dich in Gedanken an mein Herz, und bedecke Dein liebes zorniges Gesicht mit tausend Kussen. O mitten unter Deinem Schelten fuhle ich wie sehr Du mich liebst. Mein lieber Schutzengel! sey doch nur ruhig! Ja, ja! ich will vorsichtig, behutsam seyn, nicht schwarmen, und Deinem Rathe folgen. Aber sage mir auch, dass Du wieder ruhig bist! nicht angstlich fur mein Schicksal sorgest. Nein, meine Wilhelmine! ich werde nicht unglucklich! gewiss, ich kann es nicht werden. Gieb doch dem Boten ein paar Zeilen, damit ich weiss, dass Du nicht bose bist.
Neunter Brief
Wilhelmine an Julie
Ein paar Zeilen? Sieh, das ist es ja eben was Dich unglucklich machen wird! dieses Herz voll unzerstorbarer Liebe! Was? ich? ich soll nicht bose seyn? Hast Du denn gepredigt, gescholten, die Hofmeisterin gespielt? Sieh! so verwechselt Dein Kinderherz! Statt empfindlich und zuruckhaltend zu werden, wie ich es wohl verdient hatte, kommst Du und bittest, ich moge nicht bose seyn.
Ach wenn nun ein solcher eingefleischter Teufel seine Krallen in dieses Engelherz schlagt; wie wird es bluten! Nein! ich dulde es nicht! ich kann es nicht dulden!
Zehnter Brief
Der Obriste Olivier an Reinhold
Was ich treibe? Nicht viel Gescheutes! Belagern schon seit Jahr und Tag, muss endlich die Belagerung in eine Blokade verwandeln, und werde meinen Zweck wohl nur mit Hulfe einer sehr genanten Kapitulation erreichen konnen.
Ja! Ja! exclamire nur! Die Zeiten andern sich, man ist nicht immer jung, und die Siege werden schwerer. Am Ende muss man doch auch fur einen Heerd sorgen, und die Damchen, womit man sich am meisten amusirt, taugen gerade am wenigsten dabey.
Meine jetzige Prima Donna ist freilich in gewisser Rucksicht verzweifelt eigen; aber sie wird eine gute Hausfrau. Dafur stehe ich Dir. Etwas ahnliches von Sanftmuth und Geduld! Nein, ich versichre Dir, es ubersteigt allen Glauben.
Ob ich ihr denn schon Gelegenheit gegeben habe diese an mir zu uben? Nein! nein! so arg ist es nicht. Aber die Mutter! das Weib ist offenbar von sieben Teufeln besessen. Ich bedarf alle Augenblicke meines ganzen Savoirfaire, um meine Wuth gegen diesen Beelzebub zu bekampfen.
Freilich arbeitet sie doch am Ende zu meinem Nutz und Frommen. Wer weiss ob ich nicht aufs Alter noch ein bischen wunderlicher werde, und wie viel Geduld ich dann verbrauche.
Uberhaupt wage ich nicht viel bey der Sache. Das gute Schafchen besorgt mein Hauswesen und ein paar Buben, die meinen Nahmen fortpflanzen. Wartet mich, wenn ich krank, und zerstreut mich, wenn ich hypochondrisch bin. Ubrigens versteht es sich von selbst, dass wenn es mir fruh oder spat einfallt, einen kleinen Seitengang zu machen, keine Achs und Ohs vorfallen. Das wurde mich wahrhaftig am wenigsten zuruckbringen.
Aber dafur ist auch gesorgt; der Mund dieses sonderbaren Madchens scheint nur zum Lacheln geformt. Wahrhaftig! ich schame mich es zu gestehen aber wenn ich dieses Lacheln sehe nein, ich kann es Dir nicht sagen, wie mir da wird und Du glaubst es mir auch nicht. Schreibe doch bald.
Eilfter Brief
Olivier an Reinhold
Eine Entdeckung! tausend Element, da musst Du mir dienen! Hore nur! in Br..., und noch dazu in Deiner Nachbarschaft, wohnt eine Amazone, die mit Julien correspondirt. Revolutionare Grundsatze! Eine formliche Emporung gegen das ganze Mannergeschlecht! Wie? soll man das dulden? Es geht nicht! Es bringt Unheil! Habe ich auch nichts zu befurchten; so argerts mich doch.
Mit einem Worte: Du musst die Juno bekehren; oder bey Gott! mit der Correspondenz hat es ein Ende! Konnte mir dem Madchen Dinge in den Kopf setzen, die ich in meinem Leben nicht wieder herausbrachte
Wollen da raisonniren! wollen untersuchen, ob wir Recht haben die Herren zu spielen. Eine schone Geschichte! Recht oder Unrecht! genug, was wir sind, das sind wir, und werden wir, so Gott will, schon bleiben.
So etwas ist unerhort und noch dazu in unsern Zeiten! wo das Elisiren ordentlich Mode wird. Das kommt von dem vermaledeiten Aufklaren. Konntet ihr dann nur zur rechten Zeit Einhalt thun. Ja! bandigt einmal den Strom; wenn ihr die Damme eingerissen habt.
Aus Grundsatzen sollten die Weiber gut seyn? Zum Henker mit euren Grundsatzen! Der Spinnrocken und die Nahnadel, allenfalls die Bibel und das Gesangbuch, und statt aller Grundsatze ein mannliches Du sollst! So hiess es in alten Zeiten, und unsere Vater befanden sich wohl dabey.
Wahrhaftig! dafur mogte ich noch lieber in Italien geblieben seyn. Man gewinnt doch an Sinnlichkeit, was man an Herrschaft verliert. Die kleinen spirituellen Satans halten doch in gewissen Augenblicken schadlos und zwingen einen nicht, wie die deutschen Jungfrauen, die Katze im Sacke zu kaufen und ihre ekelhafte Treue Jahre lang mit herumzuschleppen.
Nun, vergiss nicht meinen Auftrag!
Zwolfter Brief
Reinhold an Olivier
Sollte mein Olivier wohl jemals recht gewusst haben was er wollte? Also noch immer der Lobredner voriger Zeiten, und alles dessen was er nicht hat? In Italien sehnt er sich nach den deutschen Weibern, in Deutschland nach den Italienerinnen. Dort wurde die Treue, die Reinheit der deutschen Madchen, das hohe Jungfrauliche in ihrem Wesen gepriesen; hier scheinen diese belobten Eigenschaften eben so viele Fehler zu seyn.
Arme Weiber! wann werdet ihr den mannlichen Egoismus befriedigen? Seyd ihr eingeschrankt an Verstande; so glauben wir uns berechtigt euch als blosse Mittel zur Befriedigung unserer Sinnlichkeit zu gebrauchen. Untersteht ihr euch zu denken; so beschuldigen wir euch der Unweiblichkeit und betrachten euch als Emporer. Behandeln konnt ihr uns mit der hochsten Vernunft, nur wissen durft ihr nicht, dass ihr sie habt. Alles Grosse und Erhabene an euch dulden wir nur als Instinkt, nie als Raisonnement.
Aber Olivier, liegt dieser schreckliche Despotismus in der Natur? und lage er darin, mussten wir ihn dann nicht eben so wie die Erbsunde bekampfen? Wahrlich ich glaube es ist einmal Zeit, wenn wir anders auf wahre Bildung Anspruch machen wollen. Achtung der Weiber war immer der richtigste Maasstab fur die Cultur einer Nation.
Von Deinem Auftrage ein anderes Mal. Nur so viel zur Nachricht: ich kenne Deine Amazone. Sie ist ein hochst interessantes Madchen. Eben deswegen habe ich mich aber sehr vor ihr gehutet. Unsere Angelegenheiten mit dem F...schen Hofe werden alle Tage ernsthafter, der Gesandte wirft alles auf mich, und da muss ich schlechterdings jede Zerstreuung vermeiden. Doch so bald ich wieder Othem hole, besuche ich den Vater. Er ist ein alter ehrlicher Brausekopf, der seine Tochter und ihr ungeheures Vermogen gern in guten Handen wissen mogte. Aber das Madchen hat ihm bis diesen Augenblick widerstanden, und scheint sich wirklich uber alle Manner lustig zu machen. Auch Deinem gehorsamen Diener wird es schwerlich besser ergehen.
Dreizehnter Brief
Olivier an Reinhold
Welch ein verzweifelter Moderomtismus! Lenke ein; wenn Dir an unsrer Freundschaft gelegen ist. Wahrlich! das kame mir recht! auch Du auf der Weiber Seite? Gott verdamme mich! es scheint eine ordentliche Modekrankheit zu werden. Wo will das hinaus? Und nun sogar Du! bist wohl in alten Zeiten ein solcher Frauenlob gewesen. Aber jetzt! Ein Mann, der sich acht Jahr in der grossen Welt herumgetrieben hat! Was? Stehe Rede! beichte! Du bist verliebt; aber in Wen? In die Amazone! Pfuy! ein solcher Jungfernknecht! Ein Weib das alle Manner verachtet, sollte ich lieben? Ich komme! ich komme! verlass Dich darauf! Mit meinen Augen will ich es sehen und ... Doch davon nachher.
Vierzehnter Brief
Reinhold an Olivier
Hat es noch immer nicht ausgebraust? Noch immer mit der ganzen Welt, und vieleicht mit sich selbst am meisten im Kriege! Komme nur! Dann wirst Du sehen und horen was Du sicher nicht erwartest. Bis diesen Augenblick war ich noch immer einige hundert Schritte von Wilhelminen K... entfernt. Aber das willst Du ja nicht, und so moge Dein Wille geschehen. Fur den Ausgang kann ich nicht burgen.
Funfzehnter Brief
Olivier an Reinhold
Mit der ganzen Welt im Kriege? Ja! so bald sie sich meinem Genusse widersetzt. Blick um Dich her! ist es anders in der grossen, ewigen Natur? Die abgeschmackten Friedensgedanken! Nur in Schafskopfen konnen sie entstehen. Pestartig wurde er wirken! euer belobter Friede. Nur Sturme reinigen die Luft. Dafur geben wir euch zu, dass es sich bey Zephyren sanfter einschlummern lasse.
Mit mir selbst im Kriege? O nein! vormals wohl, jetzt nicht mehr. Euer inkonsequentes Moralsystem verruckte mir den Kopf. Jeden Augenblick war es mit meinen Leidenschaften im Gedrange, und ich wusste mir nicht zu helfen. Jetzt weiss ich was ich will, oder vielmehr, was die Natur durch mich will. Ich Thor wollte kluger seyn als sie, die mich zu ihren Zwecken bildete!
Gestern Abend war die moralische Drathpuppe, der Xavier bey mir, und demonstrirte zum rasend werden die Allmacht des Menschen. Ich langweilte mich am Fenster, und sah endlich zu meinem Vergnugen, am aussersten Horizonte, ein Donnerwetter sich bilden. Wahrend er noch im besten Declamiren war, trieb es ein Sturm heruber. Die Menschen flohen, Angst und Schrecken in ihren Gebehrden. Der Blitz splitterte die grosse Eiche auf meinem Hofe, und ein Bauer, der Vater von zehn Kindern, wurde erschlagen.
Der arme Schelm dauerte mich, und ich will auch die Kinder versorgen; aber ich konnte mich doch nicht enthalten dem Schwatzer Xavier zuzurufen: "siehe da den Commentar zu Deiner Abhandlung! Ihr ohnmachtigen Wurmer! was vermoget Ihr gegen diese grosse Bildnerin und Zerstorerin?
Von Eurem Willen, von Eurer Freiheit schwatzt Ihr? Ein Blitzstrahl, ein Erdstoss! und Ihr seyd alle zertrummert. Dann findet Eure Freyheit, Euren Willen in den Millionen Staubchen wieder, die Ihr vormals Euer Ich nanntet. Versucht, ob Ihr sie zusammen bringen und Euch dieses Ichs bewusst werden konnt. Wahnsinnige! hort einmal auf zu grubeln! lebt, geniesst; weil ihr da seyd! Das Ubrige moge die Unergrundliche leiten."
Und darum Krieg! Krieg gegen alles, was irgend einen Genuss mir verkummert! Zum Wohlseyn bestimmte mich die Natur. Dafur seh' ich die Ameise streiten; dafur streite auch ich. Will ein starkeres Wesen mir dieses Wohlseyn rauben; so fliehe ich. Ein schwacheres; so unterdrucke ich. Hat es Kraft sich zu wehren; gut, so mogen wir streiten. Dem Sieger ist wohl, darum strebe ich es zu werden. Wer kann es mir verdenken? Wohlseyn ist meine Bestimmung.
Und, sagt was ihr wollt! all' euer Realismus, und Idealismus lauft doch am Ende darauf hinaus. Ihr erzeigt euerm geruhmten Popanz, eurem Knecht Ruprecht, Pflicht genannt, doch nur so viel Ehre; weil ihr hoft, die Christbescheerung werde darauf folgen.
Sechszehnter Brief
Olivier an Reinhold
Du schweigst? glaubst Du ich werde meine Drohung erfullen? Ach nein! diesesmal kommst Du mit dem Schrecken davon. Ich kann nicht. Das wunderbare Madchen halt mich zu fest und so unbefangen, als wusste sie nichts davon. Auch weiss sie es nicht; sie kennt nicht ihre Gewalt. Noch vor wenigen Monden ware es mir selbst unglaublich gewesen.
Sieh, ich denke nicht mehr an die Nutzlichkeit ihrer Sanftmuth und Gute. Ich sitze still und bewundere. Die Mutter ist seit einigen Wochen krank. Ach nein, es lasst sich nicht beschreiben! Sehen musstest Du ihn diesen trostenden Engel. Selbst das bitter bose Weib Gott mag wissen, wie sie zu der Ehre kommt diese Tochter zu haben! scheint von der himmlischen Gute ergriffen. Auch in ihren starren, wilden Furienaugen lese ich Bewundrung.
Sieh, es ist wahr, ich bin stolz, ich kann es nicht leiden, dass mich jemand meistert, und ich habe immer gesagt: was ich bin will ich bleiben. Aber, ja! ja! ich will es nicht bergen, vor diesem Madchen konnt' ich mich demuthigen, konnte ihr alle meine Fehler bekennen. Ach, uber ihren Mund kam ja niemals ein Vorwurf, und in ihrem Herzen wohnt die ewige Liebe. Auch wenn ich sie nicht sehe, versinke ich glucklich und selig in das Anschauen ihrer erhabenen Liebenswurdigkeit. Ihr grosser Verstand, ihre mannichfaltigen Talente, das alles verschwindet, und man ist sich nur ihrer Gute bewusst.
Spotte nicht! das sage ich Dir, und antworte bald.
Siebzehnter Brief
Reinhold an Olivier
Spotten? woruber sollte ich spotten? Meinst Du ich heisse Olivier? Ich freue mich, dass ich Recht habe. "Er ist besser als sein System." Das sagte ich schon vor mehreren Jahren, und das wiederhole ich noch jetzt.
Wie abgeschmackt! mich da hin zu setzen, und Dir vorzudemonstriren, dass Deine Teufelslarve eine Teufelslarve ist. Genug, sie verschiebt sich alle Augenblicke, und jetzt in Gegenwart dieses Engels, den Du mir schilderst, ist sie ja ganz abgefallen. Sonderbar genug, weisst Du nicht einmal etwas davon, und ich habe nun vollkommen Zeit, mir die wohlbekannten Zuge wieder einzupragen.
Gehe nur! nimm sie wieder vor, und spiele die Komodie so lange es Dir beliebt. Ich lasse mich nicht tauschen.
Was? der Mann der da schreibt: "ich denke nicht mehr an die Nutzlichkeit ihrer Sanftmuth und Gute, ich sitze still und bewundere," das ware der schandliche Egoist, der wie ein gieriges Raubthier nach Beute hascht, und alles zerfleischt was sich ihm widersetzt?
Glaube mir! Du verstehst, Du kennst Dich selbst nicht. O dass ein edler Mensch in Deiner Nahe, Dich wieder an Grosse und Gute glauben lehrte! Aber was sage ich! Da hast ja alles was Du bedarfst. Uberglucklicher Mensch! beynahe hast Du zu viel.
Achtzehnter Brief
Julie an Wilhelmine
Beste Wilhelmine! meine Mutter ist krank, und Olivier ... ach, Olivier liebt mich nicht mehr. Stundenlang kann er in sich selbst vertieft sitzen, dann springt er mit einem male auf, tritt vor mich hin, starrt mich an und versinkt dann wieder in seine vorige Traumerey. Es ist als ware ich ihm fremd geworden. Sonst war er doch freundlich, jetzt ist er so ernst, misst mich so sonderbar mit den Augen. Sollte er denn wirklich glauben, ich mache alles so schlecht, wie meine Mutter es sagt? Aber er bedenkt nicht, dass sie krank ist, und dass man ja selten einem Kranken etwas recht machen kann. Wenigstens sollte er doch meinem Bestreben Gerechtigkeit wiederfahren lassen.
Andere loben mich dann wieder so ubermassig. Aber wie kann mir das Freude machen! Es sticht gar zu sehr ab, gegen den immerwahrenden Tadel meiner Mutter, und ihn, das sehe ich ja, macht es immer tiefsinniger. O meine Wilhelmine! schreibe mir doch einmal; damit ich weiss, dass ein menschliches Wesen mich noch liebt.
Ich lese den Brief wieder durch freylich, meine Mutter hat Recht, ich schreibe jetzt sehr schlecht. Aber Liebste! wie ist es anders moglich? Kaum alle vier Wochen bekomme ich einmal eine Feder in die Hand, und erholt sich meine Mutter nicht bald; so werde ich das Sprechen eben so verlernen. Selten kann ich etwas sagen, woruber sie sich nicht argert.
Ach liebe Wilhelmine! ich sollte es wohl verschweigen, aber wirklich, ich leide jetzt sehr viel, und sehne mich unbeschreiblich Dich einmal zu umarmen.
Neunzehnter Brief
Wilhelmine an Julie
Er sollte Dich nicht mehr lieben? Nimmermehr! Aber Du, Du liebst ihn! das ist leider bewiesen. So muss ich Dich verlieren? Dich um dieses Mannes willen verlieren! Wie war es moglich! Wie konntest Du den schrecklichen Abstand ubersehen! Aber da liegt das Ungluck! eigentlich liebst Du nicht ihn; denn das was Du so nennst ist nicht er. Dein eigenes Geschopf, das Gebilde Deiner Phantasie ist es; ausgestattet mit allen Eigenschaften, die Dein liebendes Herz bedurfte. Aber wenn nun der Traum verschwindet, wenn Du nun diesen Menschen, mit dem ausgebrannten Herzen, als Deinen Herrn ehren, seinen Launen huldigen, und seinen lasterhaften Wahnsinn den hochsten Verstand nennen sollst? Wenn Dein Kindersinn fur Dummheit, Deine Sanftmuth fur sclavische Furcht, und Dein edles Dahingeben fur schwachliche, weibische Anhanglichkeit gelten muss. Wer wird mich dann trosten!
Und was schwazte ich vorhin! Er liebe Dich noch? Hat er Dich denn jemals geliebt? woher kame ihm der Sinn, woher die Kraft dazu! Er kann nur zweierley; Dich sinnlich begehren, oder Dich wie eine fremde Erscheinung anstaunen. Irre ich nicht; so hast Du ihn gezwungen, sich zu dem letzten zu erheben, und weiter bringst Du es nicht, verlass Dich darauf.
Zwanzigster Brief
Reinhold an Olivier
Ich habe sie gesehen, Olivier! habe mich eine Stunde mit ihr unterhalten, und bekenne, dass sie eine durchaus neue Empfindung in mir hervorgebracht hat.
Denke Dir den Korper der Mediceerin nur etwas grosser. Wirf ein weisses langes Gewand um diesen reitzenden Korper, den Kopf doch das mogte Deiner Phantasie schwerlich gelingen, Dir diesen sonderbaren Kopf zu zeichnen. Ein dunkelbraunes, lockiges Haar auf einer blendenden gebietenden Stirne. Zwey lange geistvolle Braunen uber ein paar schwarzen durchdringenden Augen, voll Unschuld und jungfraulicher Wurde, voll Muth und anziehender Redlichkeit.
Sonderbar! eben diese Redlichkeit macht den bleibenden herrschenden Eindruck. Nur einen Augenblick ist man sich seiner Sinnlichkeit bewusst. Dann aber geht diese Sinnlichkeit nicht, wie bey Andern, in Bewunderung oder in anspruchlose Zartlichkeit uber. Nein, man vergisst ihr Geschlecht, man vergisst, dass diese schone, kraftvolle Seele in einem weiblichen Korper wohnt. Es ist einem wohl, man wunscht, dass es immer so bleibe. Ohne Leidenschaft, ohne susse peinigende Unruhe. Ist man unglucklich; so fluchtet man gewiss zu ihr. Man weiss es, sie wird einen nicht verlassen, in Noth und Tod wird sie treu bleiben.
So charakterisirt sie sich durch ein paar gehaltvolle Worte, ohne Anspruch dahingeworfen. Ach, da ist an keine Koketterie, weder feine noch grobe, weder erlaubte noch unerlaubte zu denken. So wie sie ist, giebt sie sich, gleichviel was sie dadurch wirkt. An Liebe denkt sie nicht. Das sieht man. Auch ich gestehe es bringt sie sie nicht hervor. Schone genussvolle Ruhe, kindliches herzliches Dahingeben, das fuhlt man, und damit scheint sie zufrieden. Ohnedem ware sie es. Wahrlich ich glaube sie genuget sich selbst.
Ein und zwanzigster Brief
Reinhold an Olivier
Ich habe geirrt, Olivier! Nein, sie genuget sich nicht. Eine grosse Leidenschaft herrscht dennoch in dieser grossen Seele. Es ist die Liebe zu ihrer Freundin.
Gestern war ich bey ihren Altern. Von ohngefahr kam die Rede auf Julie von S. Plotzlich uberzog ein hohes Roth das schone Gesicht, und eine Thrane verdunkelte das herrliche Auge.
"Sie sind mit einander aufgewachsen" sagte die Mutter, eine herzensgute Frau "und meine Wilhelmine treibt eigentlich ein wenig Abgotterey mit ihr" "Vor ihr, willst Du sagen" unterbrach sie der Vater "deutsch heraus! sie ist ein wenig vernarrt. Ich glaube, der Weg konnte uber Vater und Mutter gehen, wenn er nur zu der angebeteten Julie fuhrte."
Wahrend dieser vaterlichen Grobheit beobachtete ich Wilhelmine. Aber da war keine Spur von Arger, von Empfindlichkeit zu bemerken. Es schien als sey gar nicht die Rede von ihr gewesen. Mit ihrem koniglichen Anstande in der That, ich kann ihn nicht anders nennen naherte sie sich dem Fenster, bereitete der Mutter ein Glas Selterwasser, und reichte es ihr weder mit Demuth noch mit Stolz; nein, mit einem gutmuthigen, beschutzenden Lacheln, als wollte sie sagen: sey ruhig, du weisst, dass ich dich liebe. Habe ich auch gehort was er sagte; es bleibt darum alles wie es war.
Die Mutter blickte dankbar zu ihr auf, und der Vater ruckte ihr mit einer wahren Kammerdienerphysionomie, in komischer Verwirrung den Stuhl zurecht. Wollte sich dann ermannen, und bekam nun, da er vor sie hintrat, das Ansehn eines gezuchtigten Schulknabens. Gewiss wider ihren Willen; denn sie litt unter seiner Verwirrung, und schlug ganz sicher nur deswegen einen Spaziergang in den Garten vor.
Hier leitete ich unvermerkt das Gesprach auf Julie, und nun ofnete sie ohne Ruckhalt ihr liebendes Herz.
"Ja ich gestehe es sagte sie im schonen Enthusiasmus alle meine Wunsche beziehen sich nur auf sie, sie ist die Hofnung meines Lebens. Ich weiss es wohl, man glaubt nicht an Weiberfreundschaften. Aber wussten Sie, wie wir von Kindheit auf mit einander gelebt haben Sie wurden es begreifen. Sehen Sie! ich hatte einen wilden eigensuchtigen Charakter. Kein Wunder! Ich war das einzige Kind. Man hatte alles, und leider nichts umsonst gethan, mich zu verderben. Gewiss, es wurde ein sehr boses Geschopf aus mir geworden seyn; hatte dieser Engel mir nicht zur Seite gestanden.
Konnte meine sogenannte Erzieherin mich nicht mehr bandigen; so schickte sie zu Julien. Bey ihr vergass ich meinen Eigensinn und alle meine Launen. Wie ein Friedensengel wurde sie vom ganzen Hause empfangen.
Alles was ich gelernt habe, weiss ich durch sie. Kein Lehrer konnte bey mir aushalten. Da gerieth man auf den Einfall, Julie mit mir unterrichten zu lassen, und dieser Einfall that Wunder; eine Thrane, ein Lacheln von ihr beherrschte mich, mich, die alles um sich her unterdruckte.
Aber auch das veranderte sich gar bald. Zu ihrer himmlischen Liebe, womit sie Gute und Bose umfasste, konnte sie mich freilich nicht erheben; aber Gerechtigkeit hat sie mich wenigstens gelehrt. Gelehrt, sage ich? Ach in ihrer stillen Demuth wusste sie nichts davon. Tausende wurden es nicht geahnet haben. Nur allein meine heftige, ungestume Liebe zu ihr wurde sichtbar.
Fur Julie! sagte ich bey der ersten Blume, bey dem schonsten Apfel, bey der geschmackvollsten Kleidung. Stosst sie nicht an! das rathe ich Euch rief ich, wenn man im Gedrange ihr zu nahe kam. Ein Bedienter der das Ungluck hatte ein wenig heisse Bruhe auf ihre Hand zu schutten, musste seinen Abschied fodern; weil ich jedesmal laut aufschrie, wenn ich ihn erblickte. Mit einem Worte! sie ist mein Alles und wenn ich sie verliere, wenn sie unglucklich wird, mag ich das ekelhafte Leben nicht mehr tragen."
Jetzt hielt sie plotzlich inne. Ich sah es, sie bereuete die letzten Worte. "Theuerstes Fraulein! sagte ich mich dunkt, Sie furchten zu sehr fur ihre Julie." "Nein! nein! rief sie ach, Sie wissen nicht!" "Ich weiss alles" fiel ich ein, und ward erst durch ihr Erstaunen meine Unbedachtsamkeit gewahr. Sie hatte aber dieser Brief wird ja ein Buch. Ein andermal davon.
Zwey und zwanzigster Brief
Olivier an Reinhold
Es ware doch sonderbar, wenn Du mich besser kenntest als ich selbst. Verandert bin ich, das ist gewiss. Solltest Du es glauben? Alle meine kleinen Liebschaften sind aufgegeben, ohne alle sinnliche Schadloshaltung aufgegeben.
Was ist das nun? Ist es Schwarmerey oder Natur? Denn sage was Du willst! Ein Weib ist doch ein Weib, und wenn sie schon ist und ich gesund bin; so muss ich als Mann ihrer begehren. Gleichwohl Dank meiner Enthaltsamkeit bin ich gesunder als jemals, und doch scheint mir jede Beruhrung Entheiligung.
Vormals liess es sich erklaren, aber jetzt, da ich keinem andern Weibe mich nahere. Wirklich! ich bin mir ein Rathsel. Wenn die Engelgestalt mich umschwebt, beugen sich unwillkuhrlich meine Knie, und hatte ich den verdammten Hofmeister-Ton nicht angenommen, wer wusste was ich thate.
Sonderbar! schon seit ihrem zwolften Jahre hat die Mutter sie gewohnt, mich als ihren kunftigen Mann zu betrachten. Gleichwohl habe ich sie noch immer wie ein Kind behandelt! und weiss mich der Zeit zu erinnern, wo ich fest entschlossen war, sie trotz der Mutter Heyrathsprojecten als ein blosses Amusement zu gebrauchen.
Wodurch ist dieser stillsiegende Geist in das Madchen gekommen? Von ihrer Mutter hat sie ihn nicht, von ihrer Freundin Wilhelmine eben so wenig. Sollte es denn wirklich hohere Naturen geben, die unabhangig von Beispiel und Erziehung, sich schwebend uber allem Irdischen erhielten? Ach nimm es nur hin das Bekenntniss, ich bin uneins mit mir selbst ich weiss nicht mehr was ich glaube.
Drey und zwanzigster Brief
Reinhold an Olivier
Ob es Schwarmerey oder Natur ist? Warum soll Schwarmerey der Natur entgegengesetzt werden; da sie in der Natur gegrundet ist? Man denkt sich darunter ein Losreissen von allem Sinnlichen, ein Umherschweifen in hohern Regionen, wo keine Erfahrung uns folgt. Aber diesem Losreissen verdanken wir das Edelste was wir haben. Ohne Schwarmerey hatten wir keine Philosophen und keine Dichter, keine Religion, keine Kunst und keine Wissenschaft. Vor der Entdekkung Amerika's war Kolumbus ein Schwarmer, und den ersten Schiffer hat man vielleicht einen Wahnwitzigen genannt. Gewiss kann man uber einen Menschen keinen schrecklichern Fluch aussprechen als den: erhebe dich nie uber die Erfahrung.
Ich weiss nicht mehr was ich glaube sagst Du aber Du fuhlst es; und das ist genug, Gott, das Schicksal, die Natur, oder wie Du es nach Deiner Vorstellungsart nennen willst liebt Dich und fuhrt Dich weise. Dieses himmlische Madchen allein konnte Dein Herz retten. Mogte es auf lange Zeit, mogte es fur immer seyn!
Freilich, ich gestehe es, kann man sich bey aller Freundschaft einer Art Unwillens nicht erwehren, dass dieses herrliche Geschopf Dir aufgeopfert werden soll. Aber ich bin nun einmal Dein Freund; wie kann ich aufhoren es zu seyn? Mag es das Schicksal verantworten! Ich darf nichts als Dir treu bleiben.
Vier und zwanzigster Brief
Olivier an Reinhold
Was war das? Du darfst nichts als mir treu bleiben Darfst nicht? Also wenn Du nun durftest? Mein Herr! das gilt einen Gang! Von hier bis ... sind nur dreissig Meilen.
Funf und zwanzigster Brief
Reinhold an Olivier
Gange so viel Du willst. Ich habe zwar mit dem beruhmten Sieger bey M... zu thun; aber mein Fechtmeister war doch auch mit mir zufrieden, und fur eine solche Sache kampft es sich vortreflich.
Sechs und zwanzigster Brief
Olivier an Reinhold
So trotzig? Du weisst, dass ich Dich liebe; aber baue nicht zu viel darauf. Mogtest Dich irren. Nun Du hast sie nicht gesehen! das ist mein Trost. Am Ende kommt auch wohl alles von der Amazone. Sie mag schone Gemahlde von mir entwerfen. So gar arg ist es nicht, Mademoiselle! Machen Sie immer den Pferdefuss etwas kleiner! Mit aller Weisheit haben Sie doch wohl auch Ihre bosen Augenblicke! so wie unser Einer seine guten, und hatten Sie meine Julie nicht gehabt, wer wusste.
Wahrlich! wenn ich es recht bedenke, bin ich nicht ein Thor, diese Korrespondenz noch zu dulden? Als Juliens Vormund, wie leicht konnte ich sie verbieten.
Darum warne die Donna. Ich fasse mir sonst ein Herz. Mag es mich dann auch schmerzen.
Sieben und zwanzigster Brief
Reinhold an Olivier
Sey ruhig! Du wirst nichts thun, was Dich schmerzt. Im Nothfalle verhindere ich Dich daran; so wie ich es vormals gethan habe. Du bist Juliens Vormund; nicht ihr Tyrann. Massige Dich! es giebt Mittel sie Deiner Gewalt zu entziehen,
Acht und zwanzigster Brief
Olivier an Reinhold
Tod und Teufel! was untersteht Ihr Euch! Mich zwingen! das ware das erste Mal in meinem Leben! Und wenn sie nun meine Verlobte, wenn sie nun meine Frau ist? Was wollt Ihr dann? Ah ha! daran habt Ihr nicht gedacht! Wartet! ich werde Euch lehren, mir Regeln vorzuschreiben. Noch in dieser Woche ist die Verlobung, und dann kommt einmal und mischt Euch in meine Angelegenheiten.
Neun und zwanzigster Brief
Wilhelmine an ihre Mutter
Es war die hochste Zeit, beste Mutter! Einen Tag spater, und meine Julie war verloren. Ich fand die Alte noch im Bette, und Julie schoner und duldender als jemals. Man sah es, sie hatte geweint, gewacht, unbeschreiblich gelitten; aber es ist und bleibt das Gesicht eines Seraphs. Noch etwas grosser ist sie geworden, und ihre blonden Haare schattiren jetzt in das Braune. Ihre Haut ist blendender, und der Blick ihres grossen Himmelauges dringt bis in das Innerste der Seele.
Der schreckliche Mensch war auch da, und zitterte vor Wuth, da ich mich Julien naherte. "Die Mutter konne sie nicht entbehren, es sey vor dem Winter unmoglich," und was dergleichen Ausfluchte mehr waren. Aber jetzt ubergab ich Ihren Brief. Herr Olivier fand nun fur gut die Maske abzuziehen, erklarte gerade heraus, er werde es nicht dulden, und erhitzte sich wahrend seiner Protestation so sehr, dass er wirklich schaumte, als der Arzt Juliens zweiter Vormund herein trat.
Ich wandte mich sogleich an ihn, und bat um seine Entscheidung. Er war ganz fur die Reise und behauptete, Julie werde ohne diese Zerstreuung einer ernsthaften Krankheit nicht entgehen. Um den Herrn Obristen vollig zu schlagen, bot er seine Schwester zur Wartung der Mutter an, und so konnte man denn vernunftiger Weise nichts mehr einwenden.
Noch ehe der Obriste sich von seiner Betaubung erholte, war der Reiseplan fertig, und Julie fiel mir, wie eine erloste Gefangne, mit einem Thranenstrome um den Hals.
Der Obriste, und sogar die Mutter wurden heftig dadurch erschuttert. Juliens Lacheln hatte die Peiniger getauscht, und jetzt erst schien das ganze Bewusstseyn ihrer Schuld zu erwachen.
Die Mutter sah starr auf den Boden, und der Obriste, nachdem er wie ein Rasender umhergelaufen war, sturzte mit einem Male vor Julien nieder, und rief mit seiner furchterlichen Stimme, halb bittend, halb drohend: "Julie! Sie wollen mich verlassen!"
Das unterdruckte Madchen schloss sich jetzt noch angstlicher an meine Brust. Auch bekenne ich, wie ich da den Mann, durch dessen Hand so viele Menschen starben, wie ich den Koloss da vor uns liegen sah, fuhlte ich selbst eine Art Schauder.
Doch ermannte ich mich wieder. "Lieben Sie Julie, Herr Obrister sagte ich, indem ich das zitternde Madchen zu einem Stuhle fuhrte so konnen Sie sich dieser Reise nicht widersetzen." Er antwortete mir nur mit einem wuthenden Blicke, rafte sich auf, und verfinsterte, indem er mit seinen klirrenden Sporen an das Fenster trat, das ganze unter seinem Fusstritte bebende Zimmer.
"Wann werden Sie reisen?" fragte die Mutter. "Morgen antwortete ich die Wege mochten sich verschlimmern." "Morgen! rief der Obriste das geht nicht! Morgen ist die Verlobung." "Und davon sagtest Du mir nichts?" redete ich Julien an.- "Weil ich es nicht wusste" antwortete sie mit ihrer Flotenstimme. "Du wusstest es nicht! rief ich und so wird es Dir angekundigt! Julie! fuhr ich fort, indem ich ihre beiden Hande ergriff und sie fest gegen meine Brust druckte Julie? wirst Du Dich morgen verloben?"
Ich glaube sie sah die Verzweiflung auf meinem Gesichte. "Nein antwortete sie ich werde reisen." In diesem Augenblicke schrie die Mutter laut auf: "dem Obristen wird nicht wohl!" Wir sahen uns um und er hieng bleich wie eine Leiche uber der Lehne des Sopha's. Julie wollte sich zu ihm hinneigen; aber noch ehe sie sich losmachen konnte, rief ich unsern Bedienten: "Friedrich! dem Herrn Obristen ist nicht wohl! geschwinde seine Leute!"
"Er wird krank werden" sagte Julie wehmuthig, als wir in ihre Kammer traten. "Und Du antwortete ich wurdest auf Dein ganzes Leben elend werden. Was ist schlimmer?"
"O meine Wilhelmine rief sie, indem sie das Engelgesicht an meine Brust legte Gott weiss es wie sehr ich Dich liebe, und wie gern ich Dir folge! aber hatten wir ihn nicht etwas mehr schonen konnen? Sein Kummer ist mir furchterlich. Ich bin nicht daran gewohnt."
"Liebst Du ihn" sagte ich, indem ich sie von meiner Brust zuruckdrangte und ihr starr in die Augen sah. "Wilhelmine! antwortete sie Ach Gott! ich kenne die Liebe nicht! Aber wenn ich ihn liebe; so ist die Liebe kein susses Gefuhl."
"O es ist gut! es ist alles gut! rief ich, und druckte sie wieder fest an mein Herz Du furchtest ihn nur, bist an ihn gewohnt, kannst ihn nicht leiden sehen das ist es, und weiter nichts. Fort! fort von hier! damit Du begreifst, wer Du bist, und von wem Du Dich trennest."
"Aber morgen schon?" sagte sie "Heute, wenn es moglich ist" wollte ich antworten; aber ich besann mich geschwinde, und als hatte ich nichts gehort, fing mit ihr an, Kleider und Wasche zum Einpacken hervorzusuchen.
"Spute Dich rief ich Du hast so lange keine Bewegung in freyer Luft gehabt. Wir mussen bey dem herrlichen Wetter schlechterdings noch eine Spazierfahrt machen. Meine Leute holen Vormittags den Koffer, und so ist auf morgen alles besorgt."
Die Schlussel fielen ihr aus den zitternden Handen; aber ich hob sie wieder auf, schloss zu, und steckte sie zu mir. Nun giengen wir zur Mutter, die wir glucklicher Weise allein fanden. Der Herr Obriste war nach langem Warten endlich davon gegangen; freilich aber mit der Drohung, gleich nach Tische wiederzukommen. Die sogenannte Spazierfahrt musste also beschleunigt werden.
Friedrich wusste Bescheid und noch vor drey Uhr trabte er neben unserm Wagen auf dem Wege nach P...
"Hier wird uns der Obriste nicht suchen," sagte ich, als wir in das Waldchen kamen "Aber fahren wir auch zu weit?" fragte Julie. "Nicht weiter als nothig ist antwortete ich diesen Abend sind wir in P..."
"O mein Gott! rief sie ohne Abschied von meiner Mutter!"
"Mit dem Abschiede warest Du nie davon gekommen."
"Was wird der Obriste sagen?"
"Alles was ihm beliebt, die Hauptsache ist, dass er uns nicht findet."
"Wilhelmine! Du bist zu rasch gewesen. Man wird es tadeln."
"Immerhin! bist Du doch frey. Auch habe ich einen Brief an Deine Mutter hinterlassen. Der Doctor will das Ubrige auf sich nehmen."
Und so gieng es nun rasch nach P.... Gestern kamen wir an, und heute sind wir schon eingerichtet. Die Zahl der Brunnengaste ist ansehnlicher als jemals, und die mannichfaltigen Zerstreuungen werden auf Julien vortheilhaft wirken.
Lassen Sie bald etwas von sich horen, beste Mutter, und schonen Sie Ihre Augen, aber nicht Ihren Secretair. In der That, ich glaube Reinhold hat das Amt gerne ubernommen, und Sie konnen sich ganz auf ihn verlassen.
Julie umarmt Sie tausendmal und Ihre Wilhelmine kusst die liebe mutterliche Hand.
Dreissigster Brief
Reinhold an Wilhelmine
Ihre Frau Mutter ist wohl, und hat seit gestern merkliche Besserung an ihren Augen verspurt. Demohngeachtet wird meine theure Freundin ich habe ja die Erlaubniss, Ihnen diesen Nahmen geben zu durfen mit einer Secretairsnachricht vorlieb nehmen mussen.
Der Herr Vater kann sich, wie gewohnlich, zu keinem Briefe entschliessen, und ist tiefer als jemals in seinen Acten vergraben. Kaum war es ihm moglich, mir einen Gruss fur seine Julie zurufen zu konnen.
Olivier ist seit drey Tagen bey mir. Fast mogte ich sagen, er dauert mich. Ich finde ihn nicht sowohl ausserlich als innerlich bis zum Unkenntlichen verandert, und gestehe, unter allen Zaubereyen der Liebe ist mir diese eine der merkwurdigsten.
Gleichwohl droht sein oft mit Wurde verhaltener, oft wie ein reissender Strom hervorbrechender Schmerz alle Vernunft zu uberwinden. Anfangs wollte er mich zwingen, ihm Juliens Aufenthalt zu entdekken, und nur lange nach einer sehr ernsthaften Scene, war er im Stande meine Verbindlichkeit zu begreifen. Nun will er fort, Sie aufzusuchen. Ich werde ihn reisen lassen, und hoffe auf diese Weise seine Genesung am sichersten zu bewirken.
Empfehlen Sie mich Ihrer theuern Freundin, und bitten Sie ihre Frau Mutter, mich meines Amtes nicht zu entsetzen.
Ein und dreissigster Brief
Olivier an Reinhold
Warum bin ich abgereist? warum habe ich Dich nicht gezwungen, mir ihren Aufenthalt zu entdecken? Und hatte ich Dir den Degen auf die Brust setzen sollen nicht wahr? endlich musstest Du nachgeben? Gestehe es! Du wanktest schon? O ich knirsche vor Wuth, dass ich Dich so entwischen liess!
Wie ich hier ankam, wie ich das alles uberlegte, wollte ich gleich wieder umkehren. Aber da verwirrten mich die dummen Nachrichten meiner Bedienten. Der Eine wollte dies, der Andere das gehort haben. Am Ende bist Du auch wohl so tuckisch, Julien eine Veranderung des Aufenthalts vorzuschlagen, um Dich nachher mit Deiner Unwissenheit brusten, und mich dann vollig rasend machen zu konnen.
Siehe! ich schwore es! Wo ich es Dir, wo ich es Euch allen vergebe; so moge Gott mir keine meiner Sunden vergeben. Mich diesem entsetzlichen Schmerze, diesen Hollenquaalen Preis zu geben! Und was wird nun die Frucht Eurer Weisheit seyn? Ungluck! schreckliches Ungluck! denn wenn ich sie nicht finde o ich mag es nicht ausdenken, was ich dann thue.
Dummkopfe! Ihr grausamen Dummkopfe! Wolltet Ihr mich in Euer moralisches Joch spannen; nur mit Ihrer Hulfe war es moglich. Ach! ich fuhlte wie es Tag ward in meiner Seele, wie mein bessres Selbst anfieng zu erwachen, wie Glaube und Hofnung zu lebendigen Gestalten sich entwickelten. Das habt Ihr nun alles zerstort. Es ist wieder Nacht, tiefe Nacht um mich her, und ein lebenzerstohrender Schmerz nagt in meinem Innern. Was soll ich nun thun? Thun? Hier ist nicht von einem Thun, von einem Leiden ist die Rede. Olivier leiden? Nimmermehr! Ehe zerfleischt er sein eigenes Herz.
Muth! Muth! ich werde sie finden! und dann sollt Ihr alle dafur bussen.
Zwey und dreissigster Brief
Wilhelmine an ihre Mutter
Ich werde also meine theure Mutter mit ein paar recht klaren gesunden Augen wieder finden? und diese lieben Augen werden segnend auf mir ruhn. Ach wie hat sie mich geliebt und getragen! das begreife ich erst jetzt an der Seite meiner Julie, wo alle gute Empfindungen die herrschenden werden.
Sie streitet nicht, sie widerspricht mir nicht; und doch habe ich schon wer weiss wie viele Male meine Meinung aufgegeben. Machte ich irgend eine kleine boshafte Anmerkung, konnte ich mich eines bittern Urtheils uber die Manner und was dahin gehort, nicht enthalten; so erwartete ich wenigstens eine missbilligende Miene von Julien; aber ich sah nichts als das Lacheln, was unser Zeichenmeister schon in ihrer Kindheit das unnachahmliche nannte.
Zartliches Mitleiden, holde Schaam, dass ihr reines Herz sie uber den Andern erhebt, Angst, Vorgefuhl der Reue, die es sich bereitet das alles liegt in diesem wunderbaren Lacheln. Wahrscheinlich halt sie jeden Fehler, jedes Laster fur eine Krankheit. Wenigstens kann man ihr Betragen nicht anders erklaren. Gerade zu den boshaftesten Menschen fuhlt sie sich am meisten hingezogen. So wie die Arzte sich bey den gefahrlichsten Kranken am langsten verweilen.
Seit acht Tagen ist hier ein Weib, dessen Zunge nur aus Gift und Galle zusammengesetzt scheint. Nur, sobald ich Julie vermisse, finde ich sie gewiss an der Seite dieses Weibes. Jeden Ausbruch der Bosheit scheint sie fur einen Ausbruch des Schmerzes und sich fur berufen zu halten, ihn zu lindern. Ein Kind, eine schone Blume, eine heitere Aussicht, mussen ihr wechselsweise dienen, die scheussliche Phantasie des Weibes zu beschaftigen. Oft wenn die blauen Lippen sich zu einer neuen Lasterung ofnen, schliessen sie sich wieder bey Juliens Lacheln und das Gift bleibt in dem Drachen zuruck.
Donnerstags Abends. Ich hatte Recht, beste Mutter! Wahrhaftig! sie halt das scheussliche Weib fur krank. Heute war mein Sinn darauf gesetzt, sie zu einem ordentlichen Widerspruche zu zwingen.
Aber, sage mir redete ich sie an wie kannst Du es nur zwey Minuten bey dem Weibe aushalten?
"Ach sie leidet sehr viel!"
Woruber klagt sie denn?
"Sie klagt nicht; aber ihr Betragen klagt fur sie."
Gegen sie! willst Du sagen. Das Weib ist ja aus lauter Gift und Galle zusammengesetzt.
"Beste Wilhelmine! wenn das ist, was kann sie denn fur ihr Betragen?"
Nun! was jeder dafur kann, der einen freien Willen hat.
"Ach Gott! Kannst Du einem Wahnsinnigen freien Willen zuschreiben?"
Wie? Du haltst sie fur wahnsinnig?
"Nicht in dem gewohnlichen Sinne. Aber glaube mir, jeder lasterhafte Mensch ist es minder oder mehr. Nanntest Du nicht selbst einmal Oliviers Denkungsart lasterhaften Wahnsinn?"
Ja, wenn ich ihn nicht sehe, wenn ich nicht unmittelbar unter seiner Bosheit leide. Aber in dem Augenblicke, wo ich beleidigt werde, muss ich die Beleidigung instinktartig zuruckwerfen, muss voraussetzen, der Beleidiger sey ein freier Mensch, fahig, sich nach vernunftigen Grunden zu bestimmen. Hat er es bis dahin nicht gekonnt; so verhelfen ihm sehr oft meine Vorwurfe dazu. Er begreift, dass er anders handeln muss, um mir nicht hassenswurdig zu werden.
"Liebste Wilhelmine! dies glauben viele Menschen, und doch was bringt dieser Glaube hervor? Nach meiner kleinen Erfahrung gerade das Gegentheil von dem, was man hoft: dass ich in dem Beleidiger schuldiger oder unschuldiger Weise eine unangenehme Empfindung erregt habe, ist ja schon durch die Beleidigung erwiesen. Sie selbst, obgleich sie ihm eine tauschende Erleichterung verschaft, bringt wieder eine unangenehme Empfindung hervor. Nun fuge ich um das Ungluck vollkommen zu machen eine drey doppelt so unangenehme hinzu. Wie naturlich, dass er durch eine gerechte oder ungerechte Kraftausserung diese Menge unangenehmer Empfindungen auf mich, den widrigen Gegenstand zuruckwirft. Und so ist denn der Anfang zu einer, wer weiss wie viele Jahre dauernden Feindschaft gemacht."
Also muss man alles dulden, alles uber sich ergehen lassen?
"Was die Manner sollen, das weiss ich ich nicht. Sie haben ihren Degen und mit dem lasst sich vielerley ausmachen. Aber Gute und Sanftmuth sind ja unsere einzigen Waffen? Mir wenigstens, kommt eine Frau die sich auf irgend eine Weise zu rachen sucht, wie eine ekelhafte Missgeburt vor."
Aber Madame R.... ist nicht ekelhaft
"Liebste! viele Kranke sind ekelhaft; muss man sie darum verlassen?"
Wenigstens folgt Jedermann, der Madame R.... kennt, dieser sehr naturlichen Empfindung.
"Gerade dadurch wird sie noch mehr erbittert."
So? mich dunkt sie konnte sich aber auch dadurch bewogen fuhlen etwas weniger giftig zu werden. Denn, sage was Du willst, man muss sich doch, wegen ihrer Bosheit, an sie selbst halten.
"O ja! wenn man abgerechnet hat, was Erziehung, Umstande und Temperament dazu beigetragen haben. Wenn man versucht hat, was die ausserste Liebe uber sie vermag."
Und dazu bist nun gerade Du berufen? Musst Dich um dieses Weibes willen von einer Freundin trennen? Ich will es noch erleben! in das Polterkammerchen wird man mich stecken.
"Meine Wilhelmine!" rief sie schloss mich in ihre Arme, und erstickte alle ubrige Vorwurfe mit ihren Kussen.
Da kommt sie! Ich muss schliessen und habe Ihnen noch gar nicht geschrieben, was ich eigentlich schreiben wollte. Nun, das nachste mal. Viele Grusse an meinen lieben Vater und an Reinhold.
Drey und dreissigster Brief
Olivier an Reinhold
Noch habe ich keine Zeile von Dir gesehen. Freilich! wohin kannst Du mir schreiben! Ich irre herum wie ein Verbannter, suche Ruhe und finde sie nicht.
Reinhold! sey menschlich! entdecke mir ihren Aufenthalt. Sieh! ich gebe Dir mein Ehrenwort: ich will sie nicht zwingen. Nein! sie soll frey bleiben. Mag sie dann auch ihre Freiheit zu meinem Nachtheil gebrauchen.
Wenn ich sie nur sehe, wenn ich nur in ihrer Nahe wieder athme.
O Reinhold! gieb mir sie wieder! damit ich diesen entsetzlichen Schmerz in meiner Brust nicht mehr fuhle. Ach wie ist alles so wuste seitdem ich sie nicht mehr habe! Nur die Hofnung sie zu finden, konnte mir das Leben erhalten.
In G.... haben sie das Ausserste versucht mich zu erheitern. Vergebens! Weiber, Wein, Vergnugungen, alles ist mir zum Ekel. Sprechen sie nun gar von meinen stachlichten Lorbeeren; so mochte ich davon laufen. Ach was sind meine Metzeleyen gegen ihre stille, himmlische Grosse? Was sind die gepriesensten Weiber gegen diese Unvergleichliche! Wahre Zieraffen! die nicht einmal die Halfte von dem, was sie ist, scheinen konnen.
Sieh! ich bin unglucklich! auf mein ganzes Leben bin ich unglucklich, wenn ich sie nicht finde. Ich liess mir aus Verzweiflung den Zugel wieder schiessen, wollte mich betauben. Aber es geht nicht! es geht nicht! Ach ich fuhle mich dann noch trostloser, noch weiter von ihr entfernt.
Aber kann ich ihr nicht schreiben? Reinhold! ich will ihr schreiben. Dir selbst schicke ich den Brief. Du musst, ja Du wirst ihn besorgen! Nein, das kannst Du nicht! nein, Du behaltst ihn nicht zuruck. Du liebst mich noch, Du willst nicht, dass ich verzweifle. O Reinhold! Du schickst ihr den Brief. Ich schreibe! ich schreibe.
Vier und dreissigster Brief
Olivier an Julie
Julie! haben Sie mich vergessen? O Julie! hassen Sie mich? Ich bin unglucklich, unbeschreiblich unglucklich. Ich sehe, ich hore Sie nicht mehr. Nein, aus Sich selbst haben Sie das nicht gethan. Man hat Sie gezwungen, Sie gewaltsam mir entrissen.
Aber dieser Brief wird in Ihre Hande kommen. Sie werden ihn lesen. Julie! wollen Sie nicht wiederkehren? wollen Sie mich nicht der Verzweiflung entreissen? Es ist alles verandert. Gewiss Sie sollen frey bleiben. Aber lassen Sie mich Ihre Stimme wieder horen! nehmen Sie diese schreckliche Nacht von meiner Seele! O Julie! sagen Sie mir, dass Sie mich nicht hassen. Julie! meine einzige Julie! kehren Sie wieder! Ich nenne, ich schreibe Ihren Namen so oft. Ach es liegt etwas trostendes in diesem Namen.
Aber Sie konnen diesen Brief nicht lesen. Meine Hand zitterte so heftig. Ich muss ihn abschreiben. Wird meine Julie mir antworten? Gewiss! woher nahme sie die Harte zu schweigen.
Ich habe den Brief wieder abgeschrieben, und kann mich noch immer nicht von dem Blatte trennen. So lange es in meinen Handen ist, fuhle ich nicht den entsetzlichen Schmerz in meiner Brust. Mich dunkt, Sie hatten es schon beruhrt, hatten es gelesen. Ihre Antwort stunde darauf. O meine Julie! werden Sie mir antworten?
Funf und dreissigster Brief
Olivier an Reinhold
Ein Brief an Dich, darin einer an Julie, ist gestern abgegangen, und nun erst fallt mir ein, dass ich Dir abermals keine Addresse gegeben habe. Ach, seitdem sie mich verlassen hat, verwirren sich meine Gedanken. Das Nothwendigste vergesse ich, Kleinigkeiten betreibe ich mit einer lacherlichen Wichtigkeit, schwatze oft Stundenlang, und weiss am Ende kein Wort davon.
Nun, wegen der Addresse. Du schickst Deinen Brief nach P.... Der Konig kommt dorthin, und will mich sprechen. Ich zittre, dass vom nachsten Feldzuge, dass von einem Auftrage die Rede seyn wird.
Zwar habe ich meine Ruhe theuer genug erkauft; aber werde ich nein sagen konnen? Werde ich es durfen? Auf keinen Fall reise ich, ohne sie gesehen, ohne ihr Wort zu haben.
Alles hat sich wider mich verschworen! Treibe mich nun nicht aufs Ausserste.
Sechs und dreissigster Brief
Reinhold an Wilhelmine
In diesem Augenblicke empfange ich einen Brief von Olivier, nebst dem Einschlusse an Ihre Julie. Ich schicke Ihnen beides mit einem reitenden Bothen, der mir versprochen hat, sich und sein Pferd nicht zu schonen. Noch hoffe ich, er werde fruher kommen, als der Obriste, und ihnen Zeit verschaffen, Ihre Maassregeln zu nehmen.
Dem Himmel sey Dank! dass es meines Rathes nicht bedarf. Ich gestehe Ihnen, bey Oliviers Zustande ist mir die Unpartheilichkeit nicht moglich. Unvorbereitet konnte ich Sie gleichwohl nicht lassen. Ach unter diesen heftigen Erschutterungen verwirren sich meine Geschafte. Oliviers Leidenschaft ist unmerklich in mich ubergegangen. Oft verwechsele ich mich mit ihm, und mich dunkt, ich sey es, der Julie verliere. Dann reisst meine Phantasie mich wieder zu Ihnen hin, und ich zittre Olivier mochte Julie entdecken. Wie wird das enden? Sagen Sie mir, beste Freundin! haben Sie keine Ahnung davon?
Sieben und dreissigster Brief
Wilhelmine an Reinhold
Alle Ahnungen sind uberflussig. Ihr Bothe kam nur zwey Stunden spater als er sollte; aber wir sind entdeckt. Der Konig war schon seit geraumer Zeit hier und suchte Julie eben so geflissentlich auf, als sie ihn vermied. Welch Wunder! dass er bey seiner ausserordentlichen Reitzbarkeit, sich angezogen fuhlt, wo die kaltesten Manner geruhrt werden. Julie in ihrer Kinderunschuld meinte, es sey Wohlgefallen an unserm Geschwatz und furchtete nur das Aufsehen. Aber seine Augen haben ihn verrathen, und jetzt, nach der Ankunft des Obristen ist kein Zweifel mehr ubrig.
Schon seit mehreren Tagen hatten wir unter dem Vorwande einer Unpasslichkeit allen Spaziergangen entsagt. Endlich lockte uns das schone Wetter aus unserm Zimmer hervor. Wir glaubten uberdem, der Konig sey ausgeritten, und athmeten sorgenlos die reine erquickende Luft, als wir plotzlich seine Stimme dicht neben uns horten. "Lasst ihn hierher kommen," sagte er zu seinen Leuten, und stand vor uns, ehe wir nur versuchen konnten, ihm auszuweichen.
Ein paar Minuten, und wir sind, trotz unserer Einsylbigkeit, wieder meisterhaft ins Gesprach verwikkelt. Aber mit einem Male ruft der Konig: "Ah da ist er! Nicht wahr? Sie verzeihen mir, wenn ich einen alten Freund in Ihrer Gegenwart bewillkomme?"
Wir verneigten uns und schwiegen. Was konnten wir auf diese ubertriebene Hoflichkeit antworten?
Jetzt erscheint ein grosser entsetzlicher Mann in p... Uniform am Ende der Allee. Der Konig verdoppelt die Schritte. Wir mussen folgen. Auch der Mann nahert sich schneller. "Julie! rufe ich mit einem Male wer ist das?" "Der Obriste Olivier!" sagt der Konig, starrt mich an, und wendet sich dann zu Julie mit der Frage: "kennen Sie ihn?" "Es ist mein Vormund" antwortet sie gefasst; aber bleich wie eine Leiche. Der Konig steht still, und seine Augen ruhen unverwandt auf Julien. So findet uns der Obriste.
Es war unmoglich den gewaltsamen Kampf zwischen Anstand und uberwaltigender Empfindung bey ihm zu verkennen. "Wahrscheinlich eine ganz unvermuthete Zusammenkunft?" sagt der Konig in einem empfindlich hoflichen Tone. "Meine Braut antwortet der Obriste, und seine Augen spruhen Flammen musste sich ohne Abschied von mir trennen." Mit einer tiefen Verbeugung setzt er nach einem allgemeinen Stillschweigen hinzu: "ich habe nicht saumen wollen Ew. Majestat Befehlen zu gehorchen."
"Verbunden! sehr verbunden!" ruft der Konig im lustig seyn sollenden Tone "Aber jetzt ware es grausam Ihnen mit meinen Angelegenheiten beschwerlich zu fallen. Kommen Sie Fraulein! indem er sich zu mir wendet Sie mussen Ihr Versprechen erfullen, und mir die neue Anlage zeigen."
Ich wusste von keinem Versprechen und von keiner Anlage. Aber in ein dummes Hinbruten versunken, lasse ich mich halb bewusstlos mit fortreissen.
"Mein Fraulein sagt der Konig losen Sie mir das Rathsel! Eine Braut, die vor ihrem Geliebten erblasst?"
"Ihro Majestat! Fraulein S... ist nicht Braut."
"Sie ist es nicht?" ruft er, und weckt mich erst jetzt aus meiner Betaubung. Ich will mir helfen Vergebens! er lasst nicht nach mit Fragen, treibt mich von einer Unbesonnenheit zur andern, und verwickelt mich endlich so sehr in meine Antworten, dass mir bald nichts mehr zu gestehen ubrig bleibt.
Mit todtlichem Schrecken sehe ich ihn jetzt meine Hande in unbandiger Freude ergreifen und sie mit Kussen bedecken. Hore ihn mich beschworen, seine Freundin zu seyn, Julie zu bewegen, seinen Schutz anzunehmen, zu glauben, dass er mein Vertrauen auf keine Weise missbrauchen werde. O Gott! ich weiss nicht mehr, was er mir alles sagte. Mir war, es habe der Donner vor mir eingeschlagen. Stumm, zitternd und taumelnd liess ich mich von ihm bis zu meinem Zimmer begleiten.
Julie fand mich im Fieber. Noch jetzt bin ich nicht davon befreit. Das Reisen hat uns der Arzt verboten. Haben sie die Gute meine Mutter zu benachrichtigen. Fort mussen wir, das ist gewiss. Aber wann? wohin? kann ich noch nicht entscheiden.
Juliens Gesundheit scheint unverwustbar. Sie spricht mir Muth ein, und versichert, es werde noch alles gut gehen. Ach woher nehme ich die Kraft, ihr meine Unbesonnenheit zu gestehen? Ich suche die Gelegenheit und zittre davor. Auf jeden Fall melde ich Ihnen unsre Abreise.
Acht und dreissigster Brief
Olivier an Reinhold
Ware ich nur in dem Gewuhle des Krieges geblieben. Hatte irgend ein feindlicher Sabel, eine wohlthatige Kugel sich meiner erbarmt; dann ware ich jetzt im Frieden. Doch wer weiss Wahrhaftig! man konnte versucht werden schon hier an eine Vergeltung zu glauben. Wie oft hat mich die Eifersucht der Weiber amusirt und jetzt! Der Konig hat sie gesehen und in meinem Herzen ist die Holle mit allen ihren Quaalen.
Ob ich fur sie furchte? O denke es nicht! Es ist Lasterung. Nein sie ist und wird ewig bleiben was sie war. Aber er sieht sie, er untersteht sich ihre Hand zu beruhren. Begreifst Du, was ich leide? Ob ich ihrer denn wurdiger bin? Das sage ich nicht! Keiner ist ihrer wurdig. Aber er er mag es wagen einen seiner Gedanken laut werden zu lassen.
Sonderbar mussen wir uns neben einander ausnehmen. Er schmeichelt mir, und ich, naturlicher Weise, bin gezwungen ihn zu schonen. Aber unsre Blicke mogen einen schonen Kommentar abgeben. Weswegen er mit seinem Auftrage noch nicht hervorruckt? ist mir unbegreiflich. Ich warte darauf, um das Entscheidende zu wagen.
Sieh! was hat nun all Eure Vorsicht geholfen? Das Schicksal fuhrt uns trotz Euch wieder zusammen. Ohnfehlbar habt Ihr statt zu verbessern verschlimmert. Wahrlich! Ihr mogtet was darum geben, dass alles im vorigen Gleise noch fortschlenderte. Dann wusste ich noch nicht, was es heisst, ohne sie zu leben. Dann ware vielleicht eine sanfte allmahlige Trennung noch moglich. Jetzt ist es Raserey daran zu denken. Sie oder den Tod. Darauf konnt Ihr Euch verlassen.
Neun und dreissigster Brief
Reinhold an Wilhelmine
Bestes Fraulein! ich beschwore Sie, nichts zu ubereilen. Oft wirkt das, was wir Zufall nennen, mehr, als wir bey dem besten Willen vermocht hatten.
Versuchen Sie einmal, sich eine kurze Zeit leidend zu verhalten. Besonders handeln Sie nicht gegen den Obristen. Es ist gefahrlich. Meine theure Freundin! Lassen Sie uns auch gegen ihn gerecht seyn. Wahrlich! er leidet sehr viel; gewiss mehr, als wir begreifen.
"Aber Julie?" Julie, bestes Fraulein! ist sicher. Und ware sie es nicht in der That, dann zweifle ich, dass wir ihr Sicherheit verschaffen konnen. Nur Zeit gewonnen! dann ist alles gewonnen. Wenigstens, alles was uns zu gewinnen ubrig bleibt.
Vierzigster Brief
Olivier an Reinhold
Ganz richtig! ich soll wieder Tausende zur Schlachtbank fuhren; weil es dem Herrn, weil es seiner allmachtigen Dame so beliebt. Meine braven Kerle lassen sich in Stucken hauen, ich sturze ihnen nach, wie ein Verruckter, und das alles wird, gegen eine Nation die fur Eigenthum und Freiheit kampft, zu nichts dienen, als ein paar Lucken in den Zeitungen auszufullen.
Sollte nicht eine Zeit kommen, wo die armen hungrigen 4 Groschen Helden, ihren an der Verdauung laborirenden Gebiethern die Waffen zu Fussen legen, und in Demuth anhalten wurden: Hochstdieselben mogten, wenn irgend etwas zwischen Ihnen und Dero Herren Vettern auszumachen seyn sollte, die Gnade haben, solches mit eignen hohen Handen zu bestreiten. Besagte Helden waren indessen gesonnen das Feld zu bauen und auf diese Weise zu den Thronverzierungen das Ihrige beizutragen; wofern nur die Hasen und Hirsche der Herren Gebiether nichts dawider einzuwenden hatten. Ja ich glaube, sie wird kommen diese Zeit. Die Herren Gebiether werden sie selbst herbeifuhren und auf diese Weise fur die Unverdaulichkeiten am besten Sorge tragen.
Welche Antwort ich aber gegeben habe? Dass ich bereit sey den Augenblick zu gehen; sobald Fraulein S... mir ihre Hand zur Belohnung reichen wolle.
"Sonderbarer Einfall!" riefen Ihro Majestat und beliebten dabey mit entsetzlichen Schritten das Zimmer zu messen. "Ich glaube wahrhaftig, Sie haben mich zum Brautwerber ausersehen."
"Ich gestehe, dass unter allen Belohnungen"
"Mit welchen Sie mich bis jetzt immer zuruckwiesen."
"Ich wunschte Ew. Majestat von meiner uneigennutzigen Anhanglichkeit zu uberzeugen"
"Und jetzt?"
"Hat das Leben durch Julie von S... einen Werth fur mich bekommen."
"So! so! nun ich habe nichts dawider."
"Was konnten Ew. Majestat dawider haben?"
"Wahrhaftig, Herr Obrister! Sie spielen heute eine sehr komische Rolle."
"Ew. Majestat sind heute vielleicht sehr komisch gestimmt; und daher mag ich Ihnen wohl so erscheinen. Sonst war das Komische eben nicht meine Sache."
"Nun! so haben Sie Sich erst seit Kurzem darauf gelegt. Denn, gestehen Sie! es war doch sehr komisch, schon bey unsrer ersten Zusammenkunft Fraulein S... Ihre Braut zu nennen; und jetzt noch einer Vorsprache zu bedurfen."
"Dieser Vorsprache wurde ich nie bedurft haben, wenn Fraulein S... ihrem Herzen hatte folgen konnen."
"Ach mein lieber Obrister! es ist eine gar eigene Sache um ein Frauenzimmerherz. In unsern Jahren thut man sehr wohl, keine zu grossen Anspruche daran zu machen."
Ich hatte etwas sehr Bitteres auf der Zunge; aber glucklicher oder unglucklicher Weise trat der Gunstling herein.
"Adieu, lieber Olivier! rief der Konig In vier Wochen hoffe ich den Herrn General zu empfangen."
Was ich nun thun will? Zu Julie will ich gehen, und sie soll entscheiden.
Ein und vierzigster Brief
Reinhold an Olivier
Bester Olivier! wenn Du noch nicht gegangen bist; so hore mich. Ach dass es Dir moglich ware Dich zu fassen! die Folgen einer Ubereilung zu begreifen. Hast Du alles vergessen? Sie sollte frey bleiben, Du wolltest sie nicht zwingen. Nun soll sie sich aufopfern, soll ihr ganzes Leben hindurch weinen. Was hat die Reine, Unschuldige gethan, so in ein entsetzliches Schicksal verwickelt zu werden? Warum soll sie den Mann ihres Herzens nicht wahlen durfen? Deine Liebe selbst musste sie schutzen. Welch eine Gestalt hat diese Liebe angenommen! Konnte ihr argster Feind schlimmer gegen sie handeln?
Olivier reiss Dich einmal los von Dir selbst! Du kannst es, wenn Du es willst. Schreite muthig aus dem Zauberkreis der Leidenschaft. Jetzt bist Du ein Dritter, bist nicht mehr der von schrecklicher Eigenliebe bis zum Wahnsinn verblendete Olivier. Olivier! was fuhlt nun Dein menschliches Herz? Ach sieh! es kehret nie wieder das Blutenalter der Liebe. Soll sie es niemals durchleben? Wenn sie nun einst, wie Du es glaubst, mit uns zerstort wird, wenn kein Bewusstseyn ihres vorigen Zustandes moglich ist, wenn vielleicht kein besserer ihrer wartet; dann willst Du es seyn, der ihr die einzigen Augenblicke raubt, die den Menschen fur sein Daseyn trosten konnen!
Nicht wahr? Dein innigstes Mitleiden erwacht. Nein, Du willst nicht zum strafbarsten Morder an ihr werden!
Zwey und vierzigster Brief
Olivier an Reinhold
Du hast sie nicht gesehen; das macht Dein Philosophiren begreiflich. Auch bewahre Dich Gott dafur! Du warest noch unglucklicher als ich, Du wurdest leiden, wo ich handle.
Wer zweifelt, dass ich mein Verfahren an einem Dritten missbilligen wurde? Aber ich, ich kann nicht anders. "Schreite muhig aus dem Zauberkreis der Leidenschaft." Aber in diesen Kreis hat das Schicksal meine ganze Gluckseligkeit gebannt. Ausser ihm ist eine scheussliche, grausenvolle Ode. Ich kenne sie schon diese Holle. Nein, nein! dass ich mich vor den Quaalen der Verdammten schutze, das will ich verantworten.
Ach wenn das Treiben und Drangen der unglucklichen Erdenwurmer mich anekelte, wenn Wollust und Ruhmsucht mir schienen was sie sind, wenn ich mich nach allen Seiten wendete und trostlos fragte; warum? warum wozu? Dann erschien sie mir wie ein hoheres Wesen, die grubelnde Vernunft war gefangen, und ich glaubte.
Nein, Du irrst! nein sie kann nie aufhoren zu seyn, und sollten wir alle verschwinden. Sie ist mit sich einig, ist ein unzerstorbares Ganze. In ihr lebt wahrhaft ein unsterblicher Geist. Darum will ich mich an sie schliessen, will fest an ihr halten, dass sie mich hinuber ziehe in das unbegreifliche Leben.
Noch habe ich sie nicht gefragt. Ein sonderbares, linkisches, muthloses Wesen befallt mich in ihrer Gegenwart. Aber sie sieht was ich leide, sie begreift, wie unmoglich es ist, dass ich sie einem andern Manne uberlasse. Auch vermeidet sie jede mannliche Gesellschaft. Es ist gut, ich weiss ihr Dank dafur; aber es kann, es darf auch nicht anders seyn ich wurde rasen.
Freilich! manchmal erschrecke ich wohl vor dem Gedanken, sie konne ganz die Meinige werden. Aber dann habe ich sie ja, dann wird die Gewohnheit, sie zu sehen und zu besitzen, diese quaalvolle Empfindung mildern. Dann werde ich nicht mehr die Gewander, die sie umschliessen, die Lufte, die sie umwehen, beneiden.
Letzt kamen wir von einem Spaziergange. Sie klagte uber Durst, und foderte ein Glas Wasser. Wie sie es so mit Begierde ergriff, es an den Mund brachte, und nun in hastigen Zugen es leerte ja, da hatte ich mit mir zu kampfen. Zweimal streckte ich die Hand aus nach dem Glase, und liess sie dann beschamt wieder sinken. Wer hatte mich begriffen? wer hatte geahnet was ich litt, sie etwas so mit Begierde verlangen, es korperlich mit sich vereinigen zu sehen. Endlich bekam ich das Glas und freilich stieg mir das Blut dabey ins Gesicht ja ich konnte es nicht lassen, heimlich zerschmetterte ich es gegen einen Stein.
Ach bedaure mich! Ich weiss wohl, es ist weit mit mir gekommen.
Drey und vierzigster Brief
Wilhelmine an Reinhold
Ich soll mich leidend verhalten? Nun Sie werden sehen, wohin das fuhrt. Sicher ware sie? Mein guter Freund! was nennen Sie sicher? Dass fur ihre Unschuld nichts zu furchten ist; wer kann davon mehr uberzeugt seyn als ich? Aber ihre Ruhe! Sie sollten nur hier seyn!
Wahrlich! Herr Olivier scheint all Ihr Mitleiden verbraucht, und Ihre Gerechtigkeit nur fur sich in Beschlag genommen zu haben. Er kommt mir vor wie jener Wolf, der sich beklagte, dass er ein schones Lamm in der Nachbarschaft, wozu er doch so grossen Appetit habe, nicht zerreissen konne. Darnach mogen Sie ohngefahr schliessen, welchen Eindruck seine Leiden auf mich machen, und wie sehr ich gesonnen bin, mich duldend dabey zu verhalten.
Die ungluckliche verblendete Julie sieht freilich mit andern Augen. Jeden Tag peinigt sie sich, irgend eine neue gute Eigenschaft an dem Herrn Obristen zu entdecken.
"Es ist doch ein schoner, grosser Charakter! voll Kraft und ausdauernden Muth. So weich kann er nun freilich nicht seyn, wie ein Weiberherz ihn verlangt. Aber gewiss! er ist empfanglich fur alles Gute und Schone. Dass er unser Geschlecht vormals nicht schatzte? ach das mogte vielleicht seine Schuld nicht seyn. Dass er ein wenig viel gelebt hat? Es ist eine Schimare, Reinigkeit der Sitten von einem Manne zu verlangen. Seine Hande triefen zwar von Blut; aber er stritt ja fur sein Vaterland" Wenn ich das Wort hore, beiss ich mir in die Lippen "und die Welt nennt ihn einen Helden."
Fur den Herrn Obristen ist demnach in aller Herzen gesorgt; nur in dem meinigen wollen seine Vollkommenheiten nicht haften. Trotz des Schafpelzes, steht mir leider der Wolf immer vor Augen, und ich kann die Zeit nicht vergessen, wo er glaubte die jetzige Verkleidung entbehren zu konnen. Fruh oder spat wird er den alten bequemen Glauben wieder annehmen, und wehe dann einem Jeden, der nicht auf seiner Hut ist!
Immerhin wollte ich alles gelten lassen; wenn sie ihn nur liebte. Es ware doch eine befriedigte Leidenschaft, die in dem genussleeren Menschenleben wohl einige Rucksicht verdient. Aber, sie fuhlt nichts als Mitleiden. Davon bin ich jetzt lebhafter als jemals uberzeugt.
Dass der Konig, bey aller sogenannten Liebenswurdigkeit sie nicht geruhrt hat, bedarf wohl keiner Versicherung. Aber seit einiger Zeit ist hier ein junger Sicilianer, der, wenn der Obriste fur einen Herkules gelten kann, sich dreist fur einen Apoll ausgeben darf. Er spricht das Deutsche nur gebrochen; aber es klingt wie Musik in seinem Munde. Er kann nur halb dadurch andeuten, was er wunscht; aber seine Bewegungen voll sudlichen Feuers und sudlicher Anmuth sagen mehr als die vollkommenste Sprache. Der Obriste ist sein Held und Julie sein Abgott. Wohl bemerkt! dass dieser Abgott sehr menschlich fur ihn empfindet.
Aber glauben Sie, man uberliesse sich dieser sehr naturlichen Empfindung? behute! So wie der junge Mann erscheint, lauft man davon und mogte lieber die Fenster zumauern, um nicht den vierten Theil eines sichtbaren Ermels auf seinem Gewissen zu haben. Nichts desto weniger gerathen der Herr Obriste sehr haufig in grosse Verlegenheit. Jetzt muss ich abbrechen; aber nachstens sage ich Ihnen vielleicht ein Wortchen daruber.
Unsere Abreise? Nun, sie gehort in das Kapitel der guten Vorsatze, und ist demnach vor jeder Ubereilung gesichert.
Vier und vierzigster Brief
Olivier an Reinhold
Heute stehe ich mit dem uberlegten Vorsatze auf, sie um eine entscheidende Antwort zu bitten. Ich trete in die Allee, und halte noch einmal jedes Wider und Fur in meinem Kopfe zusammen; als ein wunderschoner junger Mann mich anredet. Ich sehe ihn an, und schreye laut auf: "Antonelli!" "Sein Sohn," antwortet er, und liegt in meinen Armen.
Als ich ihn so an meine Brust drucke, und mich nicht satt an ihm sehen und kussen kann; zieht er ein Schreiben hervor. Es war von der Mutter. Wie weich ich jetzt bin! ich konnt' es nicht auslesen. Du weisst, der Vater fiel an meiner Seite. Das Mutterherz hatte gesprochen, und wie gesagt ich konnt' es nicht auslesen.
Ich gab ihm die Hand, und nannte ihn meinen Sohn. Das Wort war heraus. Einige Minuten darauf hatte ich es nicht sagen konnen. Julie trat in die Allee und ein Gewuhl von schmerzhaften Ahnungen umpfieng meine Seele.
Der junge Mensch blieb staunend und sprachlos vor ihr stehen. Ich musste ihn an seinen Hut erinnern. Ach es wird mir zu viel, ich unterliege.
Funf und vierzigster Brief
Reinhold an Olivier
Heldenseele erwache! Auf mein Olivier! es gilt! Zum Kampfe gegen das tuckische, grausame Schicksal! Sieh! es will Dich unterjochen! Meinen Olivier unterjochen! O der Schande! Nein, nein! Noch kann er die entehrende Leidenschaft uberwinden. Triumphiret nicht! plotzlich wird er erwachen, und sich bewusst werden was er ist, Trieb nach einer unendlichen Thatigkeit hat ihn in dieses Labyrinth gefuhrt; aber eine hohere Liebe als die, welche er darin suchte, wird ihn aus der Finsterniss leiten.
Nein, er soll nicht Verzicht thun auf Gluckseligkeit. Im hohern Maasse, als er es jemals geahnet hat, wird sie ihm zu Theil werden. Nur Muth! nur einige Schritte! wie viel Anstrengung sie auch kosten! Sie fuhren zum Lichte, zum hoheren, genussvolleren Leben.
Mein Olivier, ich umarme Dich, und bitte Deinen Schutzgeist Dich nicht zu verlassen.
Sechs und vierzigster Brief
Olivier an Reinhold
Guter Mensch! was rufst Du mir zu? Es ist vergebens. Olivier ist an keine Aufopferung gewohnt. Mag es das Schicksal verantworten.
Ich bedurfte Ruhm; mein Kopf und mein Arm mussten ihn erwerben. Mein Korper foderte sinnlichen Genuss; fur und ohne Geld hatte ich mehr als ich brauchte. Mein Geist durstete nach Wahrheit; und ich war glucklich genug, das was ich gefunden hatte, dafur zu halten.
Jetzt war mein Lebensplan fertig. Ich wollte geniessen; und es fehlte mir nicht an den Mitteln. Wer hatte mich nicht glucklich gepriesen? Aber mein Herz war vergessen, und rachte sich schrecklich an mir.
Was bleibt nun ubrig? Aufgeben? Verzicht thun? Da steht die Unmoglichkeit! uberwinde sie wenn Du kannst. Ja, ware die Rede nur von sinnlichem Wohlgefallen; ich wurde den Gegenstand wechseln, mich betauben, und vergessen. Aber Sie! O Gott!
Wie konnte ich diese Vortreflichkeit ahnen, in der grasslichen ewig verschlingenden Natur? In ihr, die ihre Kinder nur zum Tode gebiert, und was sie schaffen, morderisch im ewigen Kreislaufe zerstort. Konnte ich glauben, sie wollte etwas anderes; als voruberfliegenden sinnlichen Genuss fur ihre Geschopfe? Sah ich nicht die Unglucklichen nur darum sich zerfleischen? Fand ich nicht Dummheit oder Heucheley, wenn sie vorgaben fur etwas Edleres zu kampfen? Hatte ich selbst jemals fur etwas Erhabeners gestritten? Oft wollten die Andern mich es glauben machen und wurden mich vielleicht zu diesem Glauben bekehrt haben, ware er zu meiner Ruhe nothwendig gewesen. Aber bey meinem System konnte ich gar wohl seiner entbehren.
Uns aufgerichteten Thieren schien mir ganz recht zu geschehen, wenn wir beym Fluge nach den Sternen durch die mutterliche Erde, etwas unsanft an unsere Abkunft erinnert wurden. Diese Luftschifferey, nach so vielen misslungenen Versuchen, ferner noch zu treiben, schien mir ganz eigentlicher Wahnsinn, und der damit Behafteten glaubte ich keinen bessern Weg als zum Arzte vorschlagen zu konnen.
Jedesmal, wenn mir nun das Leben nicht genugte, mir ekelhaft vorkam, suchte ich den Grund in einem krankhaften Zustande meines Korpers, und war glucklich oder unglucklich genug, mir durch eine Reise, durch irgend eine andere Zerstreuung wieder aufzuhelfen.
Aber da sich dieses Engelherz mir ofnete, war es um mein System, und mit ihm um meine Ruhe geschehen. Dieser himmlische Sinn, kein Werk des Beispiels, der Erziehung, war rein und vollendet aus den Handen der Natur hervorgegangen; hatte alles was ihn entheiligen konnte, mit eigner Kraft zuruckgestossen.
So war es denn gewiss! die Unergrundliche wollte mehr als das thierische Wohlseyn bildete Wesen zu hoheren als irdischen Freuden.
Denke, wie diese nicht nachgebetete, oder einsam ergrubelte, sondern durch lebendige Erfahrung abgedrungene Bemerkung auf mich wirken musste! Mir war, als trate ich aus einer dumpfigen Gruft an das erquickende Tageslicht, als ofne sich mir eine Unendlichkeit voll Wunsche und Hofnungen. Begreifst Du nun, dass ich nicht bloss sie, dass ich mich, mein bessres Selbst in ihr liebe?
"Sie kann trotz allem wirst Du sagen meine Freundin bleiben." Nein, nein! das ist ein leerer Schall! Muss ich sie, die mein eigentliches Leben in sich schliesst, Stunden, Tage lang, ohne die Hofnung, dass sie mir einst ganz angehoren wird, entbehren, kann ich diesen himmlischen Korper nicht innig mit mir vereinen, ein Wesen mit ihm ausmachen; so ist es um mich geschehen. Ein Anderer sollte das alles besitzen? O dann halte nur die Kette fur mich bereit!
"Muth?" Nun man sagt, ich habe ihn gezeigt. Von einem andern Muthe sprichst Du? Wohlan! auch gegen das Bose habe ich jetzt Muth. Aber sich von dem ewig Guten zu trennen, das thut nur ein Wahnwitziger.
Sieben und vierzigster Brief
Wilhelmine an Reinhold
Die Verlegenheiten des Herrn Obristen wollte ich Ihnen zum Besten geben und war freilich damals gestimmt in einen ziemlich komischen Ton zu verfallen; aber leider hat es jetzt mit diesen Verlegenheiten eine sehr ernsthafte Bewandniss, und das Komische giebt sich von selbst.
Geschlagene Leute sind wir! Ein schreckliches, unerhortes Verbrechen lastet auf unserer Seele. Mit einem Worte! fassen Sie sich wir haben ... getanzt. Ob die Erde nicht bebte? ob sich die Sonne nicht verfinsterte? Ach nein! Aber der Obriste hat, vor Schrecken und Arger, einen Schwindel davon getragen.
Gott weiss es! Dies hat auch mich furchterlich erschreckt; aber .... Doch sie mogen selbst urtheilen.
Nach, wer weiss wie vielen abschlagigen Antworten, bittet uns der Konig heute zu dem letzten Balle. Wie gewohnlich sucht man Entschuldigungen hervor. Aber er lasst sich nicht irre machen, und besteht darauf, uns wenigstens als Zuschauerinnen daran Theil nehmen zu sehen. Julie fragt mich unentschlossen mit den Augen. Ich gebe ihr durch Zeichen zu verstehen, dass ja nichts dabey zu wagen ist, und ... wir versprechen zu kommen.
Hoch erfreut eilt der Konig davon; aber Angst, Reue und Schrecken ziehen nun augenblicklich bey uns ein. "Was wird der Obriste denken! Man hatte ihn um Rath fragen, man hatte schlechterdings nicht zusagen sollen."
Ich gestehe, diese ubertriebene Bedenklichkeiten erbitterten mich. Um so mehr, da der Konig, trotz meiner kindischen Furcht, sich bis diesen Augenblick mit musterhafter Anstandigkeit betragen hat. Wie gesagt, die Bedenklichkeiten erbitterten mich und ich hielt eine Strafpredigt uber Freiheit, Selbstschatzung u.s.w. die sich vor Meister und Gesellen konnte horen lassen.
Julie schwieg. Es scheint ihr unmoglich, einem heftigen Menschen zu widersprechen. Freilich, wer durch die stille Trauer auf diesem Engelgesichte nicht zur Besinnung kommt, mogte wohl schwerlich dazu gelangen. Ich aber suchte mich jetzt absichtlich dagegen zu verharten, verliebte mich immer mehr in meine Tiraden, und wurde ohne Zweifel noch eine gute Stunde damit fortgefahren haben, hatte mich der Durst nicht in einer der schonsten uberfallen.
Hastig ergrif ich ein Glas Wasser; aber eben so schnell fiel mir Julie in den Arm: "Trink nicht sagte sie mit einer Stimme, die sich zu der meinigen wie eine Flote zu einem kleinen Brummbass verhielt das Wasser ist eiskalt, und Du bist schrecklich erhitzt."
Noch wollte ich trotzen; aber da sah ich in das Himmelauge, aus dem die Liebe nicht weicht, alle meine Tiraden waren vergessen und ich musste froh seyn mich an ihrer Schulter verbergen zu konnen.
Das Andenken dieses Augenblicks hat etwas so feierlich ruhrendes fur mich, dass ich meine Erzahlung schlechterdings auf ein andres Mal verschieben muss. Ich will Sie durchaus weder feierlich, weder ruhrend noch geruhrt machen. Denn, wahrhaftig! wurde hier die ganze Welt geruhrt; so mogte es schlimm um uns aussehen.
Nur so viel zur Nachricht: Der Obriste ist ausser Gefahr, und wie gewohnlich von funf Uhr an gestiefelt, gespornt und vollkommen marschfertig. Zum Niederlegen bey Tage haben ihn weder die Bitten des Konigs noch des Arztes vermogen konnen. Sein Kammerdiener der ihn, wohlbemerkt, niemals anruhren darf versichert, er habe ihn bis diese Stunde noch nicht in Nachtkleidern gesehen. Dagegen aber mussen eine wohlgereinigte Uniform mit Wasche und allem Zubehor auf den andern Tag bereit liegen, um dem Obristen beim Erwachen sogleich in die Hande zu fallen
Sonderbar! Ihnen das wie eine Neuigkeit zu erzahlen! Was will ich damit? Nun es macht eine dumme Empfindung in mir rege. Meine Feinde wurden sagen; es verdrusst mich.
Acht und vierzigster Brief
Olivier an Reinhold
Sie ist mein! Ach das war zu viel gesagt! Nein! noch ist sie nicht ganz mein; aber sie wird nie eines Andern. Das hat sie mir versprochen und das gilt mehr, als wenn Andre schworen.
Hore wie es kam! Geschafte halber war ich den ganzen Tag ihres Anblicks beraubt gewesen. Nur erst gegen Abend konnte ich auf ein paar Minuten zu ihr fliegen. Sie war nicht zu Hause. Mir unbegreiflich; denn ich hatte sie ja immer gefunden. Ich fuhlte die Unbescheidenheit; konnte mich aber nicht enthalten zu fragen: "wo ist sie denn?" "Auf dem Balle." Ich muss sehr blass geworden seyn; denn ich sah das Madchen erschrecken. Aber ohne mich weiter einzulassen, eilte ich davon.
Wie ich in den Saal trete, finde ich alles in einer Ecke zusammengedrangt. "Was giebts?" frage ich den Lieutenant D... "Der Konig tanzt mit Fraulein S...." antwortet er "Aber mein Gott! was fehlt Ihnen, Herr Obrister?" "Nichts! nichts!" sage ich, und drange mich vor.
Sie! sie selbst! mit ihm, an seiner Hand, tanzte Nein! nein! das ist nicht wahr! schwebte leise, unhorbar. Nur von fern beruhrte er sie, buckte sich jedesmal, wenn sie sich naherte. Jetzt sollte gewalzt werden, und ich grif krampfhaft an den Degen. Ob ich es gleich wusste, nicht zweifelte. O ich hatte Recht! Er wagte es nicht, und sie konnte es nicht dulden, oder sie ware nicht sie selbst gewesen. Mit schuchterner Achtung ja wahrhaftig mit Schuchternheit fuhrte er sie hinauf, wahrend die Andern ras'ten. O, er ist noch nicht ganz verwahrlost! Er fuhlt noch ihren Werth. Ich war wieder zu mir selbst gekommen, ich hatte mich gefasst. Aber jetzt trat Antonelli hervor, und ehe er noch um ihre Hand bitten konnte, war ich aus dem Saale, riss meinen Braunen in den Garten, und sturmte mit ihm durch die Felder.
Mit einem Male so viel weiss ich noch ward alles schwarz um mich her, mein Pferd sturzte und ich verlor das Bewusstseyn.
So hatte man mich gefunden. Mein treuer Brauner war unbeweglich bey mir stehen geblieben. Ich erwachte in meinem Bette und fand Antonelli an meiner Seite.
"Julie! Julie!" rief er und sturzte zur Thur hinaus. Noch ehe ich recht zur Besinnung kam, war er wieder da, umarmte mich, kusste meine Kleider und alles was ihm vorkam.
Ach es ist ein unbeschreiblich liebenswurdiger Junge! Mit tiefem Schmerz muss ich es mir gestehen. Ich glaubte er wurde vor Freuden die Decke zersprengen; als endlich der Arzt erschien, und ihm Ruhe gebot.
Aber daran war nicht zu denken. Mit tausend narrischen Vorschlagen plagte er nun den armen Mann. Ich musse in die freie Luft. Konne ich nicht gehen; so wolle er und der Kammerdiener mich tragen. Der grosse Lehnstuhl musse dazu eingerichtet werden u.s.w.
Alles Kopfschutteln des Arztes half nichts. Er tobte hinaus zu den Leuten. Stricke, Betten, allerley Gerathschaften mussten herbeygeholt werden, und ehe wir es uns versahen, stand er mit seinem Tragsessel vor uns.
Nun erklarte freilich der Doctor, fur diesmal konne nichts daraus werden, und nothigte ihn, unverrichteter Sache wieder abzuziehen. Aber nach einer kleinen Weile erschien er abermals und hatte sich wieder ein Anderes ersonnen.
Der Doctor sollte mit ihm zu Julien gehen und sie bitten, zu mir zu kommen. Dann sollte sie an meiner Seite sitzen, wahrend er auf der Flote spielen und dazu tanzen wollte.
Der ernsthafte Mann konnte sich doch jetzt des Lachelns nicht enthalten und fragte nun, wer denn diese Julie ware? Antonelli hochst erstaunt, hier jemand zu finden, der noch nichts von Julie gehort hatte, zog ihn nun, ohne weiter auf Einwendungen zu horen, mit Gewalt aus der Thure.
Was konnte ich von dem grossen Kinde anders erwarten, als dass er das theure Madchen mit oder wider ihren Willen herschleppen wurde. Darum sprang ich, ohne meine Schmerzen zu achten, schnell aus dem Bette, warf mich in meine Uniform, und eilte in das andere Zimmer, um sie zu empfangen
Ich hatte richtig geahnet. Nach wenigen Minuten horte ich schon den Lebendigsten aller Lebendigen so nennt ihn Wilhelmine jauchzend und tobend die Treppe sturmen. Aufgerissen ward die Thur, und wie ein Pfeil schoss er, ohne mich zu bemerken, in die Kammer.
In meinem Leben werde ich das Gesicht nicht vergessen, mit dem er wieder heraus kam. Aber jetzt blickte er nach dem Sopha und wurde mich ohnfehlbar erstickt haben, ware ihm nicht zu rechter Zeit eingefallen, er musse sogleich die frohliche Bothschaft verkundigen.
Kaum hatte ich mich also von seinen kraftigen Umarmungen erholt, so sah ich das himmlische Madchen, von dem Arzte gefuhrt, zu mir eintreten. Mein Zimmer verwandelte sich von nun an, und hat auch seitdem immer etwas Magisches behalten.
Ich wollte ihr entgegen, der Arzt befahl mir zu bleiben. Antonelli ruhte nicht; sie musste sich zu mir setzen. Ich sah ihre unbeschreibliche Verlegenheit; aber ach Gott! ihre Nahe that mir so wohl. Doch Antonelli war es noch alles nicht recht. "Ansehen! rief er die Hand geben! Sprechen! viel Gutes sprechen! Ich die Flote holen!" Jetzt war er wie ein Sturmwind hinaus, und hatte den Arzt mit sich fortgerissen.
Wir blieben allein. Ich fuhlte es, und sie fuhlte es noch tiefer. Dass sie zuerst sprechen wurde, konnte ich nicht hoffen. Ihre Augen waren an den Boden geheftet, und ein hohes Roth hatte das Engelgesicht uberzogen.
"Julie! sagte ich endlich wollen Sie mir auch nicht die Hand geben; ansehen konnen Sie mich wenigstens. Ich habe sehr viel gelitten."
Ich glaubte, sie konne nicht schoner werden. Ich hatte geirrt. Mit tiefem Schmerze ward ich es jetzt inne und mit dem Muthe der Verzweiflung ergriff ich nun ihre Hand, druckte sie fest an mein Herz, und rief: "Julie! Wenn Sie einen Andern lieben, wenn Sie mich nicht lieben konnen; so sagen Sie es! Machen Sie mich mit einem Male so unglucklich, als ich werden kann."
Sie schwieg. Mein Urtheil war gesprochen. Ich dachte, empfand nichts mehr. Mein Herz horte auf zu schlagen; aber mein Auge wandte sich noch einmal zu ihr hin. Da sah ich, dass sie die Lippen ofnete, und mein Blut begann wieder den Lauf.
"Julie! rief ich was wollten sie sagen? Sagen Sie es! sagen Sie es! was es auch sey! Lieben Sie einen Andern? konnen Sie mich nicht lieben?"
"Ich achte Sie, und werde nie einem Andern gehoren."
Ja! ja! das sagte sie; und ich sturzte vor ihr nieder und rief: nun will ich gehen! will gehen in den Tod! Wann auch das Schicksal gebietet!
Neun und vierzigster Brief
Wilhelmine an Reinhold
Julie sagte mir, der Obriste hatte gestern ein grosses Paquet an Sie abgehen lassen. Was kann ich nun weiter erzahlen? Sie wissen ja alles. Sie ist gebunden; und ich werde mich losmachen. Was soll ich hier? Sie hat meines Rathes nicht bedurft, und wird dessen kunftig eben so wenig bedurfen. Ich mag diese Unnaturlichkeiten nicht langer mit ansehen. Ich bin ihrer mude. Meinetwegen mag bewundern wer da will; ich kann mir nicht helfen! Mein gesunder Menschenverstand sagt mir: es taugt nichts, und wird nie etwas taugen. Wenn ich mir die Folgen dieser schrecklichen Uberspannung denke, so weine ich vor Gram und Verdruss.
Es ist Selbstmord! ja, sagen Sie was Sie wollen! es ist der grausamste, furchterlichste Selbstmord. Musste sie sich nicht einem Manne erhalten, der sie liebte, den sie lieben konnte? Darf sie sich muthwillig elend machen?
Sie ist gut, ja sie ist besser als Alles was wir kennen und kennen werden; aber einen Fehler hat sie doch: sie ist zu weich, und ohne Harte giebt es keine Tugend. Was wird nun diese ubermenschliche Aufopferung hervorbringen? O Gott, ich darf nicht daran denken! Leben Sie wohl.
Funfzigster Brief
Reinhold an Wilhelmine
Bestes Fraulein! Das war nicht Ihr Ernst. Wie konnten Sie sich von Ihrer Julie trennen; jetzt da sie Ihrer am meisten bedarf? Ich will sie nicht rechtfertigen; aber das Mitleiden, die innigste Theilnahme ihrer Freundin darf ich fur sie auffodern. Wie viel mag sie leiden! sich selbst hat sie verloren, nun soll sie auch noch ihre Wilhelmine verlieren.
Doch welch ein Geschwatz! In der That ich verdiene eine Strafe, dass ich von einer kleinen Aufwallung so viel Wesens mache. Wilhelminen kennen und glauben, sie werde sich jemals von Julien lossagen! Diese Lacherlichkeit springt in die Augen. Kein Wort mehr davon! Es ware das was die Franzosen nennen: die Heiligen bekehren.
Noch einmal! ich wollte Julie nicht rechtfertigen; aber mir selbst das alles begreiflich machen, der Versuchung konnte ich nicht widerstehen. Wenn sie nun dachte ich ihre Freiheit bewahrt hatte? was wurde die wahrscheinliche Folge gewesen seyn?
Sie hatte einem Andern ihre Hand gegeben und ... ware glucklicher geworden? Schwerlich! gewiss nicht. Welcher Mann konnte dieser reinen Seele das seyn, was sie ihm seyn wird? In jeder menschlichen Verbindung wird sie aufopfern mussen. Nie wird sie an ein menschliches Wesen hinauf sehen und sich in seinem Anschauen mit Wohlgefallen vertiefen konnen. Nicht einmal ein ahnliches wird sie finden. Mit einem Worte! hienieden ist kein eigentliches Gluck fur sie zu erwarten. Sicher hat sie auch langst Verzicht darauf gethan. Findet sie nur einen Mann, der sie begreift; mehr darf sie nicht hoffen. Und, mein Fraulein, mogen wir es gestehen wollen oder nicht, diesen Mann hat sie gefunden.
Hier, lesen Sie diese Briefe, und wenn Sie dann nicht uberzeugt werden; so gebe ich mich gefangen.
Ein und funfzigster Brief
Wilhelmine an Reinhold
Das habe ich nicht gewusst und aufrichtig gesagt das wurde ich auf keinen Fall geglaubt haben. Sie selbst fodre ich auf; wenn Sie diese Briefe nicht empfangen hatten; wurden sie geglaubt haben, der Obriste konne sie schreiben?
Aber was beweisen sie denn nun, diese Briefe? Dass er Julie begreift? Immerhin! aber denken Sie an mich! dieses Begreifen wird Julie doppelt elend machen.
Sich ganz zu ihr erheben; das vermag er nicht. Die Fieberhitze giebt ihm jetzt Kraft; aber diese Kraft wird mit dem Fieber verschwinden.
Konnte Julie immer so unabhangig, so entfernt von ihm bleiben; ich wurde mich selbst zur Tauschung geneigt fuhlen. Aber, geben sie Acht! Sie ist in seiner Gewalt, und bey dem besten Willen wird jede Tauschung unmoglich. Der Obriste muss in seinen eigentlichen Charakter zuruckfallen. Dann wird er seine Frau fur eine Schwarmerin erklaren, und diese Schwarmerey entweder verspotten, oder zu seiner Bequemlichkeit nutzen.
Auf diese Weise endigt denn noch alles so ziemlich ertraglich. Aber wie? wenn er sich racht fur die Uberlegenheit seiner Frau? Haben sie auch daran gedacht?
Zwey und funfzigster Brief
Reinhold an Wilhelmine
Wahrlich, mein Fraulein! Sie sehen weit in die Zukunft; aber wer kann Sie darum beneiden? In der That! ich halte Sie jetzt fur die Unglucklichste von uns Allen.
Warum nun der Hofnung so ganzlich entsagen? warum nun das Schlimmste ergreifen? Der Obriste soll sich rachen fur die Uberlegenheit seiner Frau? Nein, mein Fraulein! das liegt nicht in der mannlichen Natur; oder diese Uberlegenheit muss sich auf eine sehr unliebenswurdige Weise ankundigen.
Nur ein Pfaffe konnte mit einem Weibe um Reinheit des Herzens sich streiten. Konnte sich rachen, wenn sie mehr ware, als er sich vorgenommen hatte zu scheinen. Der wahre Mann ist gewohnlich zu sinnlich, zu sehr durch die Gegenwart gefesselt, zu sehr von ihr begunstigt, um mit dem Weibe hierinnen wetteifern zu wollen. Sein Reich ist ganz eigentlich von dieser Welt, und wenn es ihm in diesem Reiche nicht gar zu ubel ergehet; so denkt er nur spat an das Andre.
Uberdem bietet ihm ja diese Reinheit so manches Ruhekissen fur seine irdischen Wunsche. Wo er hervortreten will, da zieht sie sich zuruck, wo er erndten will, da hat sie niemals gesaet. Mit einem Worte! hier ist kein Wetteifer moglich. Weswegen soll er sich rachen.
Aber Oliviers Eifersucht kann erwachen. Und freilich, hier gestehe ich Ihnen, wird mir bange. Doch was kann diese Bangigkeit helfen! Julie hat entschieden, und wir vermogen nichts, als ihr Schicksal zu mildern.
Drey und funfzigster Brief
Olivier an Reinhold
Morgen reiset der Konig, und in acht Tagen muss ich ihm folgen. Um mich vollig zu bestimmen, hat er mir meine alten Kamaraden zugeschickt. Sie bestehen darauf, ich soll sie anfuhren und schieben mir ihre Ehre ins Gewissen. Was konnte ich thun? ich habe Ja gesagt, und so geht es denn wieder in die feindlichen Sabel.
Wenn einer mich trafe! Wenn ich die Einzige nicht wiedersahe! Wenn ich nach dem Tode fortdauern musste, ohne sie zu besitzen! Nein! nein! das ist nicht moglich! Allenthalben durchbreche ich die Schranken und eile wieder zu ihr hin.
Der Konig weiss, dass sie nicht reich ist, und hat ihr eine Pension angeboten, mit der Erlaubniss sie verzehren zu konnen, wo es ihr gut dunkt. Naturlich hat sie sie ausgeschlagen. Man muss ihm verzeihen. Er ist an seine bettelnden Schranzen gewohnt. Auch hat er nicht den Muth gehabt, selbst von der Sache zu sprechen.
Die Mutter ist wieder hergestellt, und Julie geht mit Wilhelminen nach W... Antonelli wird unter mir dienen. Es ist ein Trost fur mich, den herrlichen Jungen an meiner Seite zu haben. Ware er bey Julien geblieben der Gram hatte mich getodtet.
Er liebt sie und mich bis zur aussersten Schwarmerey. Mit seiner kindlichen Unschuld schlagt er die Eifersucht in dem Augenblicke nieder, wo er sie reizt, und zwingt sie sich in Liebe zu verwandeln.
Er hat sich bey mir angesiedelt und weicht nicht mehr von meiner Seite. Oft erschuttern mich seine kindischen Spiele bis in das Innerste der Seele.
Eins seiner liebsten ist, wenn er durch die ganze Reihe von Zimmern bis in das ausserste laufen kann. Dann muss ich rufen: wo bist Du mein Sohn? und nun sturzt er in meine Arme, und weint und lacht, und bedeckt mein Gesicht mit unzahligen Kussen.
Letzt war Julie dabey, und da ruhte er nicht, sie musste die Worte in ein Rezitativ bringen. Nun hat er eine Antwort komponirt, die er nach den Umstanden verandert.
Bald hat der Sohn den Vater verloren, und kann ihn, trostlos, nicht finden. Dann schildert er die Sicherheit des vaterlichen Hauses, und die Liebe des Vaters. Dieser ist immer ein Krieger und hat tausend Gefahren uberwunden. Bis ans Ende der Welt will der Sohn ihm nun folgen. In den Tod will er gehen, um den Vater zu retten u.s.w.
Aber der Sohn hat auch eine himmlische Freundin. Von Lichtglanz umflossen, schwebt sie nur uber der Erde und trostet die leidenden Menschen. Wenn er gut ist, wird sie ihn lieben ... Ach! und was weiss ich, was die kindische, liebliche Phantasie sonst noch erdichtet.
So bin ich den ganzen Tag von seinen Zauberbildern umgaukelt und hore ich dann einmal wieder von andern Leuten ein vernunftiges prosaisches Wort, ohne Musik, so wird mir ganz unheimlich zu Muthe.
In dieser Zauberwelt verstarken sich alle meine Gefuhle. An den Abschied mag ich nicht denken.
Vier und funfzigster Brief
Wilhelmine an Reinhold
Diesen Morgen ist der Obriste abgereist. Von ihm und Julien horte ich kein Wort; aber Antonelli druckte wechselweise ihre Gefuhle aus. Dieser wunderbare Mensch scheint durch eine Art von Inspiration die geheimsten Empfindungen zu kennen. Mit bewundernswurdiger Leichtigkeit weiss er sich in jeden Zustand zu versetzen und spricht andere Gefuhle mit einer Kraft und Wahrheit aus, die zur Bewunderung hinreisst. Wo er sich naht, da werden alle Gegenstande verwandelt. Man befindet sich nicht mehr auf der kleinen alltaglichen Erde. Alles ist gross, alles verkundigt ein reicheres, hoheres Leben. Selbst der Schmerz wird in seiner Nahe zum Genuss; denn er muss sich veredlen und verschonern.
Wahrlich! der Obriste ist und bleibt doch ein verzogenes Kind des Schicksals. Welcher Mensch kann sich zweyer Wesen wie Julie und Antonelli ruhmen? Wenn jetzt etwas aus ihm wird, so kann er sich nicht damit brusten.
Sonnabend gehe ich mit Julien nach ***. Ich habe einen zweyten Bedienten angenommen, damit Friedrich unser ordentlicher Fuhrer werden kann. Sein Alter, seine Welt- und Menschenkenntniss und sein ausserst gebildeter Ton macht ihn mir in dieser Rucksicht unschatzbar.
In *** kommt er nun recht in seine Sphare. Er freut sich wie ein Kind auf die Gemahlde-Sammlung und hat mir schon wer weiss was fur Wunder davon erzahlt.
Meine Mutter ist wohl und schreibt mir sehr fleissig. Da aber diese Briefe nur Versicherungen ihrer Liebe und Beschreibungen kleiner hauslicher Scenen enthalten; so habe ich Ihnen bis jetzt nichts davon mittheilen wollen.
Julie lasst Sie grussen. Leben Sie wohl, aus *** ein Mehreres.
Funf und funfzigster Brief
Olivier an Reinhold
Welch ein furchterliches Wetter. Ist es nicht, als ob der ganze Himmel in Regen herabsturzen wollte. Meine armen Leute sinken ein bis an die Knie und die Kanonen sind kaum mehr fortzubringen. Schon den vierten Theil der Mannschaft haben wir durch Krankheit eingebusst. Es ist schrecklich! Jeder leidet fur sich, aber ich leide fur sie alle. Ich lasse Wein, Brandwein und alles was starken und erquicken kann, unter sie austheilen; aber wenn ich des Morgens den bleichen Gesichtern das Marsch! zurufen soll; so muss ich mich wohl zehnmal rauspern.
Waren wir nur wo wir seyn sollen! Gienge es nur gegen den Feind; dann musste alles schon werden. Aber dieses Kampfen mit den Elementen zerstort die Kraft der Seele und des Korpers.
Antonelli freilich scheint von dem allen nichts zu empfinden. Er ist der Barde unsers kleinen Heeres, und mitten im Sturm und Regen dichtet er seine Gesange. Ware er nur allenthalben. Da, wo die Leute ihn sehen, lacheln sie mitten unter den Schmerzen und lassen sich willig tauschen durch sein liebliches, trostendes Geschwatz. Allmahlig kommen sie dann auch ins Erzahlen. Besonders den Alten ist er ausserst willkommen. Er fragt, erganzt und eh' sie es sich versehen, ist er der Beschreiber. Jetzt erstaunen sie selbst uber das was sie thaten, und schworen mit funkelnden Augen: sie wollen alles wahr machen, was er von ihnen prophezeiht. Unser erstes Augenmerk ist nun auf B... gerichtet. Es wird Menschen kosten; aber wir mussen es haben. Was macht die Einzige. Ich will ihr nicht schreiben, um in diesem allgemeinen Elende meiner eignen Schmerzen nicht zu gedenken. Lebe wohl! Bald hoffe ich etwas Entscheidendes melden zu konnen.
Sechs und funfzigster Brief
Wilhelmine an Reinhold
Ein Kind von funf Jahren machte Julien vor einigen Tagen ein Kompliment, das der feinste und gewandteste Dichter kaum schmeichelhafter und passender hatte ersinnen konnen.
Nachdem wir die Gemahlde in der aussern Gallerie besehen hatten, wollten wir eben in die innere treten; als ein kleiner goldlockiger Knabe mit grossem Angstgeschrey zu seiner Mutter lief, und sich so tief er nur konnte, in ihre Kleider zu verhullen suchte.
"Was fehlt Dir, mein Kind?" sagte die Mutter "Ach Mama! die grosse Frau! Sie ist herunter gestiegen, sie kann gehen!" und so suchte er sich immer tiefer zu verbergen. Die Mutter, ein sanftes, vernunftiges Weibchen, liess den kleinen Krauskopf ohne ihm vorzudemonstriren, in ihren Kleidern, und fragte erst, nachdem er schon mehrere Male aus seinem Hinterhalte hervorgeschielt hatte: "Wo ist denn die grosse Frau?" "Da! da!" rief der Knabe und zeigte auf Julie "Sie hat ein hubsches Kleid angezogen. Aber Mama: wo ist der kleine Junge? " "Ach!" sagte die Mutter "er meint die grosse Madonna!"
Nun ward Julie wie mit Blut ubergossen, und peinigte mich, sogleich mit ihr fortzugehen. Naturlich ward ich ein wenig bose. In der That, sie hat mir durch diese ubertriebene Schuchternheit schon so manches Vergnugen geraubt. Uberdem ehrte Jedermann ihre Verlegenheit. Nur ein junger Kunstler umarmte den Knaben und lobte ihn gegen die Mutter.
Demohngeachtet musste ich mich entschliessen, wollte ich sie nicht allein gehen lassen, fur diesen Morgen alles aufzugeben, und mit den anhaltendsten Bitten habe ich sie noch nicht wieder hinauf bringen konnen.
Nun ist sie bestandig zu Hause und lasst sich kaum zu einem Spaziergange bereden. "Der Knabe sagte sie letzt mit Thranen in den Augen hat eine Lacherlichkeit auf mich geworfen. Man wird mich die herumwandelnde Madonna nennen."
"Nun, und wenn man Dich so nennt? Ein gewaltiges Ungluck!!"
"Ein Frauenzimmer mit einem Beynamen!" sagte sie und eilte nun, ohne weiter auf meine Ausrufungen zu horen, mit sehr betrubtem Gesicht in ihr Zimmer.
Der kleine vorlaute Bube wird mich also wohl zwingen *** weit fruher als ich gewollt hatte zu verlassen. Doch werde ich Ihnen vor meiner Abreise sicher noch einmal schreiben.
Sieben und funfzigster Brief
Reinhold an Olivier
Hier schicke ich Dir einen Brief von Wilhelminen. Es ist viel von Julien darin und dies wird Dir angenehmer seyn als vielerley, was ich Dir schreiben konnte.
Eure Lage ist schrecklich; aber Du hast ja wohl schrecklichere uberwunden. Ich sage mit Dir: mogte es nur gegen den Feind gehen! Doch bitte ich Dich, suche die Gefahr nicht so absichtlich wie vormals. Du selbst hast mir gestanden, es sey oft ganz ohne Nutzen, und blos um des Ruhms willen geschehen. Ich liebe Dich und kann den Gedanken nicht ertragen, Dich fern von mir sterben zu lassen.
Lebe wohl! lebe wohl! mache, dass ich Dich wiedersehe.
Acht und funfzigster Brief
Olivier an Reinhold
Wuth, Reue und Verzweiflung zerreissen wechselweise mein Herz. Nichts, nichts kann ich thun. Ich muss die unglucklichen Menschen vor Hunger und Ermudung zu meinen Fussen hinsturzen sehen und kann, kann ihnen nicht helfen.
O, dass ich mein Wort gegeben! dass ich mich an das schreckliche Leben gebunden habe! Liebe und Freundschaft, die Erinnerung alles Sanften und Schonen ist rein aus meinem Herzen verschwunden. Nur Wuth uber die Buben, die uns in dieses Elend gefuhrt haben, beweist mir, dass ich empfinde, Spott und Schande werden sie erndten, die heillosen Betruger! Aber ich, ich schwore es! und sollte ich nur zehn Mann gegen den Feind bringen, ich werde mich retten vor dieser Schande.
Leb wohl, und rechne nicht auf die Zukunft.
Neun und funfzigster Brief
Wilhelmine an Reinhold
Wir giengen heute in die Oper, und waren durch das was wir von dem ersten Sanger gehort hatten, berechtigt, unsre Erwartung aufs hochste zu spannen.
Er sollte uns Casar auf Farmakusa darstellen. Ehe wir hinkamen, hatte ich meinen Casar schon fertig. Es war ein langer stattlicher Mann, mit grossem brennendem Auge und milder Hoheit auf der Stirne. Sein Gang war fest, seine Bewegungen waren kraftvoll und edel. Er sprach einen schonen Tenor und, wenn er es nicht andern konnte, musste er ihn freilich auch singen. Der singende Casar! Ey nun ich war ja in der Oper, und war ja nur um des singenden Casars willen hingegangen.
Der Vorhang flog auf, und nach einer Weile erschien ein kleiner dicker Mann, der sich alle Muhe gab, sich noch ein wenig dicker zu machen. Recht gern wurde ich ihn fur einen mit Macaroni wohl ausgestopften Schafer gehalten haben; ware ich nicht durch eine weiss taffetne mit ponceau Bande eingefasste Toga belehrt worden, dass ich es mit dem unuberwindlichen Casar selbst zu thun habe.
Welch ein langer Periode! Meinen Helden wurde er in Verlegenheit gesetzt haben. Offenbar fehlte es ihm in der ersten Viertelstunde an Athem. Wir waren ziemlich weit vom Theater entfernt, und konnten ihn sehr deutlich schnaufen horen.
Ich schloss die Augen, um nicht an meinen verlornen Casar erinnert zu werden. Aber jetzt wurde ich durch ein wirklich meisterhaft vorgetragenes Adagio so lieblich getauscht, dass ich sie plotzlich wieder ofnete.
Da stand nun freilich der kleine Schafer; aber er war jetzt zu Athem gekommen, hatte seine Toga in einige recht grosse Falten geworfen, und stimmte eine Bravourarie an, mit deren Eingang er sich vor Meister und Gesellen konnte horen lassen.
Ich horchte. Wie viel Kraft, wie viel Rundung und Biegsamkeit! aber o mein Gott! wie viel Schnirkel und Verzierungen. Der Komponist hatte schon allenthalben verbramt; aber unserm Casar war es noch viel zu simpel. Triller, Vorschlage u. s w. nichts ward gespart; aber nichts gieng auch verloren. Das dankbare Publikum nahm alles auf, und ausserte seine Zufriedenheit durch den lautesten Beifall.
Wirklich! es heisst bey uns Deutschen noch immer: je mehr, je lieber. Unsre beruhmtesten Sanger mogen in Italien ausgepfiffen werden, glaubwurdige Leute mogen uns versichern, dass wir nur bekommen was man dort nicht brauchen kann, und dass unsre hochgepriesenen Schnirkeleien von dem guten Geschmacke langst nicht mehr anerkannt werden. Es hilft nichts. Wir mussen bewundern. Dies ist uns eben so sehr Bedurfniss, wie andern Nationen das Tadeln.
Julie nach ihrer loblichen Methode, nahm wieder alles von der besten Seite. Wahrend ich mich argerte, sah ich sie ruhig geniessen. Hin und wieder ein kleines beinah unmerkliches Lacheln abgerechnet, sonst war nichts Tadelndes an ihr zu bemerken.
"Liebste Wilhelmine!" sagte sie, als ich mich daruber ausliess "der Freuden sind so wenige! will man sich nur an dem Vollkommnen ergotzen; so wird es bald gar keine mehr geben."
Was macht der Obriste? Hat er noch nicht geschrieben?
Sechszigster Brief
Olivier an Reinhold
Das ist sie, das ist sie! An diesem Bilde erkenne ich die Unvergleichliche. Ja wohl hatte der Knabe Recht; sollte ein Erloser der Menschen von einer Sterblichen gebohren werden; so musste sie diese himmlischen Zuge haben.
O dieses Zuruckziehen vor allem Glanzenden wird sie mir ewig verehrungswurdig und unvergesslich machen. Wie mit dieser Erinnerung meine ganze unzerstorbare Liebe wieder erwachte! Wie mir alles Elend jetzt so nichtig erscheint. Nein! nein! das Leben hat noch einen Werth; denn sie athmet darin.
Leb wohl! Morgen geht es nach G... Trage diesen Ring zu meinem Andenken. Wie ich auch endige; mit Schande wird es nicht seyn.
Ein und sechszigster Brief
Olivier an Julie
Meine Julie! ich muss Ihnen schreiben. Ich gehe morgen gegen den Feind. Ich weiss nicht, ob ich Sie wieder sehe.
O meine Julie! nur seitdem ich Sie kenne habe ich mich selbst, habe ich den Adel der Menschheit begreifen lernen. Haben Sie Dank! Einzige! Geliebte! Unvergessliche! Welch ein herrliches, unaussprechliches Gefuhl durchstromt meine Seele bey Ihrem Andenken! Wie sind alle meine Krafte verdoppelt! ja, ja! ich bin etwas werth! denn ich kann Sie lieben und begreifen.
Nichts mehr! keine Klagen! Uberlebe ich den morgenden Tag; so schliesse ich selbst diesen Brief. Wo nicht; so besorgt ihn Antonelli oder mein Adjutant.
Kein Lebewohl meine Julie!
Zwey und sechszigster Brief
Harrison, Adjutant des General Olivier
an Julie von S..
Gnadiges Fraulein!
Ich habe die Ehre: Ihnen die Einnahme von G.... durch die p.... Truppen zu melden.
}Unser tapfrer und allgemein verehrter General ist uns erhalten. Gleichwohl hat er zwey schwere Wunden davon getragen, uber deren Folgen sich die Arzte bis jetzt noch zweifelhaft erklaren.
Vielleicht ware es moglich diesen grossen und seinem Vaterlande unschatzbaren Mann zu erhalten; wenn Sie, mein Fraulein, sich entschliessen konnten, durch Ihre Gegenwart seine Leiden zu mildern.
Muss ich Ihnen beschreiben, wie innig er es wunscht, und wie sehr er dennoch furchtet, Sie durch eine Bitte zu beleidigen?
Aber meine Kamaraden und ich, wir, mein Fraulein, konnen und durfen nicht furchten, das Leben unsers Generals im Namen des Vaterlands von Ihnen zu fodern.
Verzeihen Sie der Freimuthigkeit eines Soldaten, und genehmigen Sie die Versicherung seiner hochsten Achtung, und seiner unwandelbaren Ergebenheit.
Drey und sechszigster Brief
Der Adjutant Harrison an Reinhold
Auf Befehl meines Generals habe ich die Ehre Ihnen folgendes von der Einnahme der Vestung G.... zu melden:
Sie liegt auf einem schroffen Felsen und bestreicht acht Hauptstrassen. Hatte sehr gute Werke und etwa zwolftausend Mann Besatzung.
Ein Officier der Garnison war zu uns ubergegangen. Auch kannten mehrere der Unsrigen das Innere des Platzes ziemlich genau. Hierauf grundete sich unsre Hofnung. Die ubrigen, freilich ansehnlichen Schwierigkeiten, machten uns weiter nicht bange.
In aller Stille wurde am Neunzehnten Abends ein Detaschement von sechszehnhundert Mann ausgehoben und erhielt Befehl, sich bey N... zu versammlen.
Alles gieng so gut, dass die Bestimmung dieses Korps der Armee ganzlich unbekannt blieb. Nur aus den mitgenommenen Beilen, Axten und Brecheisen konnte man vielleicht, doch nur unvollkommen, etwas ahnen.
Gegen sieben Uhr setzte sich die kleine auserwahlte Schaar in Bewegung. Jeder hatte eine weisse Binde um den Arm, und war ubrigens mit allem Nothigen versehen.
So gieng es schweigend durch die kalte Herbstnacht. Nur einige Wolken schwebten am Himmel. Oft brach der Mond hinter ihnen hervor und das stille Haufchen drangte sich dichter an einander.
Jetzt waren wir bey N... Man nahm Abschied von den Kamaraden, das kleine Heer ward in zwey Kolonnen, diese in zehn Attacken vertheilt, und nun gieng es rasch gegen die Vestung.
Wahrend der General den Hauptangriff dirigirte, sollte Graf Antonelli sich der L.... Strasse bemeistern, durch den gewolbten Gang bey des Commandanten Wohnung hervorbrechen, und sich wieder, nachdem die Thore gesprengt seyn wurden, zur Einnahme des ganzen Platzes mit uns vereinigen.
Jetzt schlug es Zwey, noch einige hundert Schritte, wir hatten die Vestung umgangen und waren glucklich bey dem Fusse des Glacis angekommen.
Die erste Schildwache pfiff sich ein Stuckchen um munter zu bleiben, dann und wann schallte ein Zuruf der feindlichen Posten, sonst war kein Laut zu vernehmen.
Jetzt horten wir das dumpfe Hinan! und ehe wir selbst es nur glaubten, war der Berg schon erstiegen. Aber in dem Augenblicke waren wir auch von der Schildwache entdeckt. Kein andrer Rath! unsre Bajonette mussten sie zum Schweigen bringen. Ihren Kamaraden gieng es nicht besser, und so waren wir nach kurzem uber die Palisaden hinweg.
Aber hier anderte sich plotzlich die Scene. Zwey feindliche Posten gaben Feuer, man horte den Angrif auf die Stadt und alles kam in Bewegung.
"Zu den Waffen! zu den Waffen! die Feinde! Hier Kamaraden!" So erscholl es von allen Seiten. Jetzt schmetterte die Larmtrommel dazwischen, und das Getose stieg bis zur schrecklichsten Betaubung.
Indessen war der Angrif auf die Stadt glucklich ausgefuhrt, und wir erstiegen nun muthig die Walle. Balken, Steine, Handgranaten sturzten uns entgegen und zerschmetterten die Bruder vor unsern Augen.
Der General sahe es, horte das Rocheln dicht um sich her, und sein Schmerz schien sich in Wuth zu verwandeln.
"Hinan Bruder! hinan! rief er dass Menschenblut nicht umsonst vergossen werde!"
Es half; noch einige Minuten, und wir waren oben.
Aber in dem Augenblicke wurden Graf Antonelli und seine Gefahrten entdeckt. Mit furchterlichem Getose drang er jetzt durch den unterirdischen Gang, und nun begann ein wuthendes Gemetzel. Zwey Thore hatten wir inne; aber er und der Platz waren verlohren hatte die Verzweiflung unsre Krafte nicht verdoppelt.
Wie ein junger Lowe brach er aus seinem Hinterhalte hervor, und befand sich beinah immer allein unter den Feinden. Unbegreiflich ist es, dass sie ihn nicht zum Gefangnen machten. Der Gang war so enge, dass nur drey Mann neben einander stehen konnten. Naturlich wurden diese sogleich getodtet, oder verwundet, versperrten denen die an ihre Stelle treten wollten den Weg, und machten so die Grundlage von einem Haufen Leichen. Dichte davor fanden wir Antonelli allein, unverwundet, aber durch Blut und Staub beynahe unkenntlich.
Jetzt horte er die Stimme unsers Generals, und ein sechsfaches Leben schien ihn zu begeistern. Mehrere der Unsrigen sahen ihn kommen und horten vor Erstaunen nicht ihre Fuhrer. Rechts links schlug er die Feinde. Er stand bey uns, und wir starrten ihn an.
Aber jetzt wurden wir schrecklich aus unsrer Betaubung geweckt.
"Der General ist verwundet!" durchlief es die Reihen. "Nicht wahr! nicht wahr!" rief Antonelli und so gieng es wieder in den dichtesten Haufen der Feinde.
Nun keine Rast! wir mussten hindurch, und kamen nur bey dem Worte Sieg zur Besinnung.
Die Vestung war unser, der Commandant getodtet, die Garnison gefangen; aber unser Haufchen zu neunhundert eingeschmolzen und unser allgemein verehrter General an zwey Stellen verwundet.
Ich habe Fraulein S... geschrieben und ubersende Ihnen hierbey eine Abschrift dieses Briefes. Ohne meine Bitte werden Sie alles beytragen, unsern Wunsch zu erfullen. Ist es moglich, Fraulein Julie zu uberreden, so haben wir Hofnung.
Vier und Sechzigster Brief
Reinhold an Wilhelmine
Fraulein Julie wird in diesen Tagen einen Brief von dem Adjutanten des Obersten erhalten, oder schon erhalten haben. Sie verstehen mich ja bestes Fraulein! ich wage es fur ihn zu bitten. Konnen Sie mich tadeln? seit meinem achtzehnten Jahre ist es mein Freund. Gewiss Sie fuhlen, was das heisst fuhlen es um so mehr; wenn Sie bedenken, dass es mir meine Geschafte unmoglich machen, zu ihm zu eilen, und seine Pflege zu ubernehmen.
Es sind doch nur Fremde, die ihn umgeben. Wie konnten sie, bey dem besten Willen, die Theilnahme eines Freundes ersetzen! Dies kann nur ein Wesen seine Julie. O mein Fraulein, rauben Sie ihm, rauben Sie mir nicht diesen Trost.
Gewiss Sie begreifen eine Mannerfreundschaft. Wenn Sie Ihre Empfindung zum Maasstabe nehmen; so habe ich sicher keine Fehlbitte gethan.
Funf und sechzigster Brief
Wilhelmine an Reinhold
Wie fein Sie mich zu bestechen suchen. Nein! nein! ich darf meine Empfindung nicht mehr zum Maasstabe nehmen. Sie ist verandert, durchaus verandert! Sonst wurde ich ja Himmel und Erde bewegen diese Reise zu verhindern.
Wer kann gegen das Schicksal! Mag nun kommen was da will! Es musste sonderbar zugehen; wenn es schlimmer ware als ich es mir vorstelle.
Leben Sie wohl. Wir packen ein. Der Oberste nicht doch! Der General, wollte ich sagen, ist nach dem Schlosse R... gebracht, und fur uns eine prachtigere Wohnung, als wir bedurfen, eingerichtet.
Ich habe einige Soubertten- und Marketenderkleider mitgenommen. So etwas Ahnliches werde ich ja wohl vorstellen mussen. Schade nur, dass es mir an der dazu gehorigen guten Laune zu fehlen scheint.
Von unserm Residenzschlosse R... ein Mehreres.
Sechs und sechszigster Brief
Wilhelmine an Reinhold
Wir haben den Obersten sehr schlecht gefunden. Aber ich sehe es: alles hat sich verschworen. Man will sie aufopfern. Mit welcher sonderbaren Gewalt lenkt dieser Mann aller Herzen nach seinem Willen? Antonelli, der Adjutant, mehrere angesehene junge Manner verrathen alle Augenblicke: wie tief sie von Juliens Schonheit geruhrt werden; und dennoch scheinen sie sich das Wort gegeben zu haben, alles zu thun, um sie ihm naher zu bringen.
Das ist ein Lobpreisen! ein Wehklagen! Sogar den Arzt haben sie bestochen. "Fraulein Julie soll ihm die Medizin reichen. Fraulein Julie soll dies, soll jenes thun." Und dabey treibt Antonelli ein Wesen, dass ich nicht weiss wie sie es aushalten kann.
So wie er naht steigt ihre Verlegenheit bis zur peinlichsten Unruhe. Glucklicher Weise ist er zu sehr mit seiner eignen Empfindung beschaftigt, um es zu bemerken. Aber ich sehe bestatigt, was ich schon vor langrer Zeit ahnete. Sie liebt ihn, konnen Sie es begreifen das Mitleiden wird sie hinreissen, sie wird sich aufopfern.
Das alles muss ich nun so mit ansehen Soll ich sie aufklaren uber ihre Empfindung? soll ich es nicht? Gott mag es wissen! ich weiss nicht mehr was hier gut ist.
Sieben und sechzigster Brief
Wilhelmine an Reinhold
Alle Zweifel sind gehoben. Was ich vorher sah ist geschehen. Er hat ihr sein ganzes Vermogen hinterlassen wollen; sie hat es ausgeschlagen. Er hat es gewagt der Grausame um ihre Hand zu bitten; und sie hat sie gegeben.
Was helfen Klagen? Das Leben wird darum nicht kurzer.
Ich will Abschied von meiner Mutter nehmen und mir ein kleines Thal in der Schweitz aussuchen.
Zweyter Theil
Erster Brief
Olivier an Reinhold
Wilhelmine hat Dir geschrieben, Du weisst alles. Ach! ich halte nicht mehr die Menschen, welche Gotter zu seyn glaubten, fur wahnsinnig. Ja! lache nur! ich, ich selbst, dunke mich ein Gott. Meine Wunden? o die sind geheilt! vergessen! Ich lebe, lebe ein Leben, was nur ein Gott leben und begreifen kann.
Siehe! ich darf sie halten, halten in meinen Armen! darf mich berauschen in den himmlischen Zugen darf sie mein nennen! O Gott! wer hatte geglaubt, des Menschen Herz konne so viel Seeligkeit fassen! und darum sage ich Dir: ich bin ein Gott; ich kann alles was ich will.
Nein, es sind mehr als menschliche Krafte, die mich beleben. Du hast es gehort, wir haben gesiegt; allenthalben gesiegt. Die Einnahme von B... war nur ein Vorspiel. Ich hatte ihr Wort, wusste, dass Sieg mich wieder zu ihr fuhrte. Wer konnte mich nun uberwinden?
Ach! bevor die Himmlische uns ergreift, taumeln wir mit gefesselten Sinnen auf der herrlichen Erde; verstehen kein Rauschen des Waldes, kein Floten der Nachtigall, sehen die Sonne steigen und sinken, und begreifen uns selbst nicht. Aber sie naht, und der Gotterfunke hat gezundet. Lichtglanz ergiesst sich uber alles was uns umgiebt. Kein Stillstand, kein Tod mehr fur uns. Wir konnen nur Leben begreifen, geben, und empfangen.
Gott sey gelobt! der Feldzug ist geendigt. Wir haben keine Feinde mehr; aber mogte die ganze Welt sie auch haben, ich kenne nur Freunde.
Verlange nicht, dass ich Dir beschreibe, aus einander setze. Konnte ich es; so ware ich minder seelig. Wer kann das Unbeschreibliche beschreiben!
Errathst Du es nicht, nun, so lies es denn: Sie tragt schon meinen Nahmen. Er klingt anders seitdem; das behaupte ich, und Du selbst wurdest es finden. Ich verfuhre die Leute, ihn so oft als moglich auszusprechen, und dann horche ich, und habe mein innigstes Wohlgefallen daran.
Ach sag was Du willst! lache wie Du willst! ich kehre mich nicht daran. Ich bin glucklich und seelig, und wenn Du mich sahest, wurdest Du es auch seyn.
Zweyter Brief
Wilhelmine an Julie
Wie geht es Dir? Ich sollte wohl nicht darnach fragen; aber rechne es unter meine Gewohnheitssunden. Ich? Nun, abermalige Kampfe. Mein Herr Vater hielt nicht weniger als drey Heyrathsprojecte fur mich bereit, und wusste sich vor lauter Bewunderung nicht zu lassen.
Was er denn so sehr bewundert? Dich! Dich! Deine Klugheit, Weisheit, Nachgiebigkeit. Meine Mutter wollte einige Zweifel dagegen erheben; aber er fuhr sie so wahrhaft ehemannisch an, dass ich zu seinen Ermahnungen weiter keines Kommentars bedurfte.
Gottlob! ich bin mundig. Das Vermogen meines Oheims muss mir ausgezahlt werden, und dann saume ich keinen Augenblick. Das Guth ist verpachtet. Mogen sie zerstoren, was ich angelegt habe. Was kummert's mich! Meine Hoffnungen sind auch zerstort.
Hin will ich noch einmal, Deine Zimmer will ich noch sehen. Das eine ist recht hubsch. Es ist gerade so, wie Du mir auf unserer Reise ein Zimmer beschriebest. Sie sollen es zuschliessen. Niemand soll es bewohnen bis .... Nein! nein! nichts mehr! es ist alles vergeblich! Schreib mir noch einmal, dann will ich reisen.
Dritter Brief
Julie an Wilhelmine
Vormals schien mir meines Oliviers Schmerz der tiefste, jetzt scheint mir der Deinige noch tiefer. O meine Wilhelmine! was sprichst Du von zerstorten Hoffnungen? Glaubst Du, diese Hoffnungen wurden jemals erfullt worden seyn? Glaubst Du, die Natur wurde sich nicht rachen? Hat sie zwey Weiber geschaffen sich alles zu werden, und ihre unwandelbaren Gesetze zu verspotten?
Gewiss! Du wurdest noch fruher als ich, Dich elend gefuhlt haben. Denn siehe, Dir kann ich es wohl vertrauen; ich habe niemals etwas von dem Erdenleben gehofft. Wie soll ich es Dir beschreiben? Mir ist, als schweben nur Schattengestalten mir voruber, als sey nichts wirklich von dem was mich umgiebt.
Tone, Farben, ja die groberen Sinne des Geschmacks, des Geruchs, scheinen mir auf etwas Vollkommneres zu deuten. Wenn ich eine Rose, eine Hyacinthe rieche, erwachen Ahnungen in mir, fur die ich keinen Nahmen habe. Sehe ich schone Gestalten, hore ich harmonisch verbundene Tone; dann verklaren sich diese Ahnungen zur Gewissheit, und mir ist, als sollte ich plotzlich der Erde entfliehn.
Was mich dann noch halt, was mir dann hier noch wirklich erscheint, ist: ein stiller, heiliger Sinn, der sich stets zu dem Vollkommnen neiget; aber darum die Schattenfreude nicht storet.
O mogte ich ihn haben diesen Sinn! mogte ich ihn erhalten, wenn er mir einst zu Theil wird! leider! jetzt bin ich noch weit davon entfernt. Wie konnte sonst Andrer Schmerz so schrecklich auf mich wirken? Ist mir die Freude ein Schatten, warum ist er es nicht auch? warum reisst er mich hin zu Irrthumern? warum will ich dem Schicksale vorgreifen?
Doch was schwatze ich! beste Wilhelmine! versuche keinen Sinn da hinein zu bringen. Es ist keiner darin. Gewiss keiner.
Vierter Brief
Wilhelmine an Julie
Wer bedarf des Lichts, wo es Tag ist? Ich habe mir keine Muhe gegeben, Sinn in Deine Worte zu bringen. Fur mich sind sie nicht dunkel. Auch begreife ich sehr wohl, dass Dir die Freude wie ein Schatten; aber nicht der Schmerz so erscheint.
Wollte der Himmel! ich begriffe eben so leicht, wie man sich berufen glauben kann, der ganzen Welt Schmerzen zu lindern, und gegen seine eigenen die unmenschlichste Gleichgultigkeit zu behaupten.
Mag die Natur es verantworten, wenn sie ein Geschopf dem Andern zum Opfer bestimmt. Aber das Opferthier darf sich wehren, es darf dem Verderben entfliehn. Auch in ihm regt sich der Trieb des Lebens, mahnet es zum Genuss und zur Erhaltung des Wohlseyns. Wer verspottet nun die Gesetze der Natur? wer wird dafur bussen?
Zwey Weiber konnen sich nicht alles seyn? Schlimm genug? schlimm genug, dass die Geschopfe welche den Weibern dieses sogenannte Alles seyn sollen, dieses Alles so elend reprasentiren.
Im ausschliessenden Besitze dessen, was den Geist erheben, ihn zur Selbstuberwindung, zur Tugend entflammen kann, glauben sie sich zu den ausschweifendsten Leidenschaften berechtigt. Nenne mir ein Laster, was sie nicht an uns abscheulich, und an sich ertraglich fanden? Nenne mir eine Tugend, die sie nicht von uns foderten, um sie nach Wohlgefallen zu zerstoren.
Und die Natur sollte mich strafen; wenn ich mich nicht vor einem dieser Sultane niederwurfe, uberglucklich, dass er mir die Gnade erzeigte, seinen Fuss auf meinen Nacken zu setzen?
Nein! nein! noch haben wir unsre funf Sinne! und was die Natur auch versuchen mag sie zu emporen, sie sind der Fesseln gewohnt, und ohnehin, unter allen Umstanden, zu einer ewigen Sclaverey verdammt.
Ich habe nichts zu gewinnen; aber ein unschatzbares Guth zu verlieren. Meine Freyheit. Welch ein grosses, seelenerhebendes Wort! Wo gabe es ein Gluck ohne sie! wo gabe es einen Schmerz, den sie nicht linderte. Wenn mich alles verlasst, dann wird mein Herz mir die Welt.
Funfter Brief
Reinhold an Olivier
Warum verwechseltest Du mich immer mit Dir selbst? Lachen sollte ich? Was gabe es da zu lachen? Es sey denn, dass Du etwas lacherliches ahnetest. Ware das; so musste ich Dich bedauern, musste glauben: Du sahest schon jetzt die Zeit im Geiste, wo Dir das Hochste, was dem Menschen gegeben ist, wie ein Kinderspiel erscheinen wird.
Moge der Himmel Dich vor dieser thorichten Weisheit bewahren. Einen Freund hattest Du dann weniger.
Sechster Brief
Olivier an Reinhold
Warum nun gleich so kurz und so bitter? Wahrlich Du irrst! Ach wenn ich ein Spiel ahne; so ist es ein sehr ernsthaftes Spiel, und wobey ich leider der verlierende Theil seyn werde.
Mein Gluck hat mich berauscht, die Vergangenheit und die Zukunft habe ich vergessen. Nur so ist es moglich glucklich zu seyn. Aber der Rausch ist verschwunden, und dafur die Zweifelsucht mit allen Quaalen erwacht.
Wie? ist das Liebe, was sie mir zeigt? Ist es Mitleid? Ist es Ergebung? Zwar verzeihen wir den Weibern keine Ausbruche der Sinnlichkeit; aber sollte sie sich darum niemals verrathen? Ist es bey wahrer Liebe moglich, jede Aufwallung zu unterdrucken? Und wenn auch eine ganze Reihe menschlicher Empfindungen diesem schwarmerischen Herzen vormals unbekannt war; mussten sie nun nicht erwachen? Ach was soll ich glauben? Ihre Auffuhrung ist untadelhaft. Selbst Antonelli wird mit einer Art Kalte empfangen. Aber ... ich weiss nichts hinzuzusetzen. Ich fuhle es, ich bin ungerecht, und doch ruft eine Stimme in meinem Innern: es ist nicht so wie es seyn sollte.
Auch Antonelli ist verandert. Alle seine Munterkeit ist verschwunden. Was fehlt ihm? Ich vermeide die Antwort auf diese Frage.
Siebenter Brief
Reinhold an Olivier
Und, setze ich hinzu, Du wirst wohl thun, sie zu vermeiden. Doch nein! lieber gleich das Messer an den Schaden! er konnte unheilbar werden.
Also denn warum soll ich nicht schreiben, was Du denkst? Antonelli hat seine Munterkeit verlohren, heisst mit andern Worten; er ist sich seiner Empfindung bewusst, seine Unschuld ist dahin, er wunscht Julie zu besitzen, das ist nicht moglich, und er fuhlt sich elend.
Julie? ob sie Dich liebt? Aber hat sie Dir Liebe versprochen? Ich achte Sie, und werde nie einem Andern gehoren. Das waren ihre Worte. Hast Du sie vergessen? Woher kommen nun mit einemmale die Traume von Liebe?
Fasse Dich! was hilft der Zorn? was hilft die Reue? Ich kenne Dich, und will Dich vor Dir selbst zu retten suchen.
Siehe, was vermagst Du uber die Vergangenheit? nicht einen Gedanken, viel weniger eine Handlung kannst Du zurucknehmen. Aber die ganze Zukunft, in so fern Dein Wille auf sie wirken kann, hangt von Dir ab. Darum nun fasse sie unerschrocken ins Auge! Was lasst sich von ihr erwarten?
Entweder Du erhebst Dich zur Gerechtigkeit, Du foderst nicht mehr, als sie versprach, und suchst zu verdienen, was Du wunschest. Mag immerhin ihre Sinnlichkeit fur einen Andern sprechen, mag es ihr unmoglich seyn, lebhafter fur Dich zu empfinden; ihre Pflicht wird die Oberhand behalten. Es ist nicht gedenkbar, es ist schlechterdings unmoglich, dass sie sich jemals zu etwas Unedlem herablasse. Worauf soll nun ein anderer Mann seine Hoffnung grunden? Und was wird aus einer mannlichen Liebe ohne Hoffnung? Sie erstirbt, sie muss ersterben, und alles kehrt wieder in die ruhige Ordnung zuruck.
Vielleicht bist Du so glucklich Vater zu werden. Dann ist sie mit tausend Banden an Dich gefesselt. Die ganze Kraft ihres Herzens wird sich in der Mutterliebe erschopfen. Ihre Welt ist in Deiner Nahe, Du bist der Gott in dieser Welt, und was ausserhalb ist wird ihr fremd.
So empfindet eine Julie; oder alles musste mich tauschen.
Aber wie wird sie bey aller Reinheit und Vortrefflichkeit empfinden, wenn Du der Leidenschaft folgst?
Du ahnest Mangel an Liebe, und fuhlst Dich unglucklich. Aber wird Misstrauen, Harte und murrische Kalte, das gewohnliche Gefolge der Eifersucht, diesen Mangel ersetzen? Wirst Du glucklicher seyn, wenn Du Furcht, dann Missfallen und zuletzt Abscheu erregst? O fort, fort mit den Greueln die ich jetzt ahne! Nein! nein! Du wirst, Du musst das Beste erwahlen.
Achter Brief
Olivier an Reinhold
Es ist alles gut was Du sagst; aber es passt nicht. Sie ist nicht so rein, wie Du glaubst. Grade diese Kalte verrath sie. Wenn sie mich, wenn sie ihr eignes Herz nicht furchtete, warum blieb sie nicht wie vormals? Nur seit dieser abschreckenden Kalte ist Antonelli traurig, leidenschaftlich geworden.
Ach! ihre Sinnlichkeit ist erwacht! sie hat sich auf ihn gewendet, und seine Unschuld ist ihr lastig. Er soll wunschen, kampfen, ein Roman soll es werden! und das unter meinen Augen! Tod und Teufel! Ich musste nicht ich selbst seyn, wenn ich es duldete!
Empfindungen kann ich nicht gebieten, das weiss ich; aber die Ehre kann ich retten, und bey meinem Leben! das werde ich nicht unterlassen.
Neunter Brief
Olivier an Reinhold
Du antwortest nicht? ich verstehe Dein Schweigen. Aber hore! hore und erstaune.
Ich wollte mit ihr auf meine Guther. Alles war zur Abreise bereit. Ich hatte sie gebeten, sich wegen der lastigen Besuche, fur krank auszugeben.
Gestern wunscht sie in den Garten zu gehen. Auf meinen Befehl war er verschlossen. Aber der Gartner glaubt, weil sie es ist, den Augenblick offnen zu mussen, und, der Dummkopf schliesst nicht wieder zu.
Antonelli kommt, fragt nach mir, der Bediente sieht den Garten offen, glaubt, ich sey darin, und lasst ihn hinein gehen.
Jetzt kehre ich von einem Besuche zuruck, und hore das Alles. Seit einer Stunde war Antonelli in dem Garten. Seit einer Stunde! Ich fasse mich, ich gehe hinein.
Es war seine Stimme. Laut rief er ihren Nahmen. Mein Blut wollte erstarren. Ich nahere mich der Laube, worinnen sie waren. Ja! ja! sie beide! allein
Er halt sie bey ihren Kleidern. Sie will entfliehn, sieht mich, und sturzt, laut schreyend, mir in die Arme.
Ich dachte, die gegen einander kampfenden Empfindungen wurden mich todten. Sie bittet, fleht, ich moge sie auf ihr Zimmer bringen. Sie konnte nicht gehen, ich musste sie tragen. Der unbesonnene Bube hat die Frechheit mir zu folgen, klagt sich laut an, spricht von einer unuberwindlichen Leidenschaft, sagt: er konne nicht leben, ohne sie zu sehen.
Die Wuth verschliesst mir den Mund; aber ich winke dem Kammerdiener. Er versteht mich. Der Wagen fahrt vor, ich bringe sie hinein und wir rollen davon.
Also, keine Palliative! Ich bin bey meiner empfindlichsten Seite angegriffen, und thue was ich muss.
Zehnter Brief
Wilhelmine an Reinhold
Helfen Sie! helfen Sie schnell! Er hat sie auf seinen Guthern, sie ist eingesperrt, kein Mensch darf zu ihr. Alles, alles ist gekommen wie ich dachte! schlimmer als ich dachte. Antonelli, der Ungluckliche! ist bey mir. Er liebt sie mit einer furchterlichen Leidenschaft. Wahrscheinlich hat sie sich durch Kalte zu retten geglaubt und ihn dadurch aufs Ausserste gebracht.
Mit aller Unbesonnenheit, und Heftigkeit eines kunstlosen Herzens, hat er ihr seine Liebe gestanden, und Olivier, der ihn in dem Augenblick entdeckte, bis zur schrecklichsten Wuth aufgebracht.
Wenden Sie alles an, dass sie nicht leide, dass sie nicht hart behandelt werde. Oder ich kenne mich selbst nicht mehr, ich weiss nicht, zu welchen Mitteln ich greife.
Eilfter Brief
Reinhold an Olivier
Ist es wahr? ist es moglich! was ich lese, was ich hore? So plotzlich ist es dahin gekommen? Du hast nicht einmal den Willen, Dich zu beherrschen! klagst sie selbst an! Sie in der Du vormals die hochste Reinheit und Gute erkanntest. Eine Buhlerin, eine gemeine Buhlerin, der die Unschuld eines junger Mannes lastig ist, soll sie geworden seyn?
Wer hatte es wagen durfen, Dir vor wenigen Monaten auch nur etwas ahnliches zu sagen? wer durfte es jetzt noch wagen, ohne mit seinem Leben dafur zu bussen?
Wie krank musst Du seyn! dass Dir das Scheusslichste, das Unsinnigste als wahr erscheint.
Ich habe um Urlaub angesucht. Erhalte ich ihn; so eile ich zu Dir.
Zwolfter Brief
Olivier an Reinhold
Komm' nicht! das Ubel wurde nur arger. Ich dulde keinen Mann in ihrer Nahe. Kein Klugeln mehr! Ist die Ehre verlohren, dann kann ich vom Morgen bis zum Abend philosophiren, ich bekomme sie darum nicht wieder.
Ja, ich will es glauben, sie war rein, bis ich ihre Sinnlichkeit weckte. Aber jetzt das verstehst Du nicht! Ein Weib ist ein Weib, und Natur ist starker, als Vernunft.
Warum sturzte sie mir mit dieser Heftigkeit in die Arme? Woher diese Thranen, diese Todesblasse, und jetzt, dieser unuberwindliche Trubsinn. Ich sehe es, sie will sich daruber erheben; aber sie vermag es nicht.
Ist ihr Wille noch so rein wie vormals, was kann ihr dann fehlen? Sie muss mir danken, dass ich sie gerettet habe, und scheinbar thut sie das auch. Aber im Innersten ihres Herzens wuthet das Gift und in dem meinigen? O es war Schicksal! wer konnte entrinnen?
Dreyzehnter Brief
Wilhelmine an Reinhold
Antonelli ist fort. Gestern horte er, Olivier habe R.... zu seinem Aufenthalte gewahlt. An Zuruckhalten, Uberlegen, war gar nicht zu denken.
Ich habe ihm Friedrich nachgeschickt. Wo er seinen Bedienten gelassen hat? mag Gott wissen. Ich habe vergessen darnach zu fragen. Aber ihn nun wieder allein gehen zu lassen war mir unmoglich. Nicht wahr? ich habe Recht gethan?
Man sagt, sie durfe nicht einmal schreiben. Es ist abscheulich. Meine Mutter weint, und mein Vater scheint alle Heyrathsantrage vergessen zu haben.
Ich kann nicht aus der Stelle. Alle meine Koffer sind gepackt. Aber was wurde bey einer noch grossern Entfernung aus mir werden. Sahe ich nur eine einzige Zeile von ihrer Hand, wusste ich nur, was sie jetzt denkt und empfindet ich wollte mich fassen. Aber diese schreckliche Ungewissheit! O! lange darf sie nicht dauern.
Vierzehnter Brief
Reinhold an Olivier
Ob Deine Drohung mich abgehalten haben wurde? weiss ich nicht; aber leider ist mir der Urlaub versagt.
Ich hoffe, es war nur Ubereilung. Du wirst Dich nicht ganz der Leidenschaft hingegeben, Du wirst Dir gestanden haben, dass alles, was Du von Ehre vorbrachtest, nur aus dem Bedurfniss entstand, Dich wenigstens scheinbar zu rechtfertigen.
Aber gut, ich nehme an: Du habest das Alles wirklich geglaubt; aber jetzt? Ich bitte Dich! erspare die Reue und kehre zuruck, weil es noch Zeit ist.
Gewiss ich kann von meinem Leben nicht uberzeugter, als Du von der Nichtigkeit Deiner Besorgnisse seyn. Doch gesetzt, sie hatten irgend einen Grund; offenbarst Du dann Deine Schande nicht selbst, zeigst Du nicht, dass Du nur der Gewalt Deine sogenannte Ehre verdankst?
Welch eine geringe Meinung Deines Werthes! welch eine uberwaltigende Furcht: Du mogtest das Schlimmste verdient haben! In der That, ich zweifle, ob Dich irgend jemand wegen eines auf diese Weise erhaltenen Gutes beneiden, und den Mann ohne Furcht in Dir erkennen wird. Ich bitte Dich! nichts Kleinliches! nichts mehr was Deiner unwurdig ist.
Nachschrift
Ich kann mich der Frage nicht erwehren: wie mochte es wohl gegangen seyn, wenn Du Julien nicht befohlen hattest krank zu werden? Vielleicht ware das Bekenntniss der Liebe noch jetzt, noch in vielen Jahren, wahrscheinlich niemals uber Antonelli's Lippen gekommen.
Willst Du; so wird es, trotz allem was geschehen ist, auch jetzt noch unwirksam. Ich bitte Dich! wolle es! Du mogtest sonst mehr zu bereuen haben, als Du glaubst.
Funfzehnter Brief
Olivier an Reinhold
Du hast immer Deinen Willen gehabt; wenn es Dir gelungen ist, mich im Voraus mit mir selbst zu versohnen. Aber jetzt zweifle ich daran.
Du kennst sie nicht; sonst wurdest Du manches nicht geschrieben haben.
Ja, ich gebe zu, die Leidenschaft hat mich verblendet. Es ist wohl manches von dem was ich glaubte, nicht moglich. Aber ich, ich selbst weiss ja, wie man sie liebt, wie man kein Verbrechen scheut, wenn es auf ihren Besitz ankommt.
Sieh, bey andern Weibern bleibt noch immer die Hoffnung, man konne etwas Ahnliches, vielleicht gar etwas Besseres wieder finden. Aber bey ihr ist das schlechterdings unmoglich.
Diese Engelgestalt kehrt nicht zum zweytenmale wieder. Dieser stillsiegende Geist kann nur diesen Korper bewohnen.
Du solltest sie erwachen, Du solltest sie einschlummern sehen. Es ist einzig. Letzt habe ich sie eine halbe Nacht beobachtet. Der Mond schien ihr gerade in das Engelgesicht und nun ja, ich nannte mich einen Verruckten, dass ich je etwas Unedles von ihr geglaubt hatte.
Aber hoffe darum nicht, dass ich sie fremden Augen wieder Preis gebe. Mein Gluck ist zu gross, und das Schicksal um so tuckischer.
Den groben Tagelohnern fallt, wenn sie in ihre Nahe kommt, das Arbeitszeug aus den Handen. Den Sohn meines Gartners habe ich wegschaffen mussen. Er stahl Schuhe, Bander, und alles was er von ihrer Kleidung habhaft werden konnte, um das alles nachher wie Heiligthumer zu verehren. Brachte ganze Nachte im Garten, vor unserm Schlafzimmer, auf der feuchten Erde zu.
Wir wussten nichts davon. Der Bube hatte sich, seitdem ihn der Vater aus der Fremde kommen liess, immer vor mir verborgen. Kaum sah ich ihn ein paar Mal im Voruberlaufen.
Gestern Morgen offnet Julie die Thur, und fliegt heftig erschrocken wieder zuruck. "Was ist?" frag ich nicht minder erschrocken, da ich die Todesblasse auf ihrem Gesicht bemerke. "Es lag ein Mann antwortet sie, und taumelt mir zitternd entgegen es lag ein Mann auf der Erde. Beynah ware ich uber ihn gefallen." "Wer untersteht sich!" ruf ich, und reisse die Thur auf da sehe ich den Buben in die Wohnung seines Vaters fliehen.
Nun erzahlt mir der Alte, wie oft er ihn gewarnt habe, wie aber alles fruchtlos gewesen sey. Er irre jetzt ganze Tage in dem benachbarten Walde umher, und kehre nur des Abends wieder zuruck.
Es versteht sich, dass ich nun auf die Abreise drang. Seitdem habe ich den Tollkopf nicht wieder gesehen.
Jetzt laugne, dass ich zu strengen Maassregeln gezwungen bin.
Sechzehnter Brief
Olivier an Reinhold
Wer war der Gartnerbursche? O mein weiser Freund! das mogtest Du bey Deinem Sicherheits-System wohl schwerlich errathen. Der Herr Graf Antonelli.
Nun, was sagst Du dazu? Auch ich, von Dir eingeschlafert, war dumm genug, nicht sogleich darauf zu verfallen. War dumm genug, nicht einzusehen, dass nur in einem sudlichen, brennenden Gehirn der Gedanke entstehen konnte, der Geliebten auf diese Weise zu nahen.
Ich weiss, wie das in diesem Kopfe lodert, kenne die Wunsche dieses kindischen, brennenden Herzens. Uber ihn wegschreiten sollte sie. Von ihren Fussen wollte er beruhrt werden. Acht italienisch! Ein deutscher Mann hat von dieser Selbstvernichtung, von diesem mit Leib und Seele zu eigen geben, keinen Begriff. Aber die deutschen Weiber konnen das alles gar treflich begreifen.
Wie ich es entdeckt habe? Wie man das meiste entdeckt; durch Zufall.
Gestern da ich an der Bleiche voruber gehe, treibt mir ein feines gesticktes Tuch entgegen. Ich halte es fest, und bemerke ein A. darinne. Noch denke ich nichts bestimmtes; aber in dem Augenblicke sehe ich des Gartners Frau sich angstlich zwischen der ubrigen Wasche umhertreiben, und dem Winde ein Stuck nach dem andern abjagen.
"Wem gehort denn das alles?" frage ich "Meinem Sohne" antwortet sie bluthroth, stotternd, und zitternd.
"Ist er noch nicht abgereist?" "Ach Gott, nein! Er hat ein hitziges Fieber, und da war es doch nicht moglich."
"Versteht sich! Aber was fur einen Arzt habt Ihr denn?"
"Einen Arzt? Du lieber Gott!"
"Nun! Ihr werdet doch nicht wahnsinnig genug seyn den Menschen so liegen zu lassen? Euer einziges Kind so aufzugeben!"
"Lasst mir den Alten kommen! oder setze ich hinzu, indem ich rasch, ohne weiter auf sie zu horen, fortschreite besser, ist besser!" Mit diesen Worten stehe ich an der Thur des Huttchens; aber da fallt mir das A. wieder in die Augen, und ich trete einige Schritte zuruck.
Indem kommt mir der Alte entgegen, und ich sturze nun mit einer Art von Wuth hinein zu dem Bette.
Da lag er, von Fieberhitze gluhend. Nannte laut ihren Namen, klagte sich an, klagte mich an, und wusste nicht, dass ich vor ihm stand.
"Das, das ist Euer Sohn!" sage ich zu dem Alten, um mir durch einen Vorwurf Luft zu verschaffen.
"Ach gnadiger Herr! machen Sie mich armen Mann nicht unglucklich! Ich hatte kein Mensch seyn mussen"
"Schweig! sage ich ich will nichts mehr horen. Geh' zum Haushofmeister. Er soll Leute herschicken und im rechten Flugel ein Zimmer bereit halten."
Der Anblick hatte mich erschuttert. Das Herz hatte den Kopf uberwaltigt. Jetzt wollte ich den Alten zuruckrufen; aber gewaltsam fuhlte ich mich wieder zum Bette hingezogen, und als ich abermals zur Thur gieng, war es zu spat.
Da stand ich nun, und mein boser Geist hielt mir den ganzen Brief der Mutter wieder vor Augen. Mit Todesangst ubergebe ich Ihnen mein Alles. Ich strich und strich an meiner Stirne, und die Zeile wollte nicht fort.
Die Leute waren schon gekommen, er war schon in meinem, meinem eigenen Hause, eh ich das schreckliche Gewuhl meiner Empfindungen entwickeln konnte.
Lass mich Athem schopfen! Ein ander Mal.
Siebenzehnter Brief
Reinhold an Wilhelmine
Wissen Sie es schon? Antonelli ist krank, ist entdeckt. Der General selbst hat ihn in sein Haus genommen. O er ist mein Freund! und wird es ewiglich bleiben.
Sagen Sie! wie ist es moglich, einen Mann zu hassen, bey dem das Herz immer die Oberhand behalt?
Allerdings! auch wir hatten unter ahnlichen Umstanden dasselbe gethan. Aber er! mit seiner furchterlichen Heftigkeit! mit seiner gluhenden Eifersucht! Nein! nein! es war schon! es war wirklich sehr edel.
Aber, welche Folgen wird es haben? Ich zittre fur Antonelli, fur Julie, am meisten fur ihn selbst. Wahrlich! das Schicksal nimmt ihn in eine harte Schule. Er, der seines Herzens so oft spottete, wie furchterlich muss er dadurch bussen. Welch ein Labyrinth! Ich wurde nicht hineingekommen seyn, dass darf ich wohl behaupten; aber ob, und wie ich mich wieder heraus finden wurde? In der That darauf weiss ich keine Antwort.
Achtzehnter Brief
Wilhelmine an Reinhold
Wenn Sie, mein theurer Freund! am Rande eines Abgrundes lustwandeln, sich noch dazu auf dem Wege berauschen, und alle Warnungen Ihrer Freunde nicht achten, so bedarf es keiner Inspiration, um zu wissen, wie es Ihnen gehen wird. Wenn Ihnen aber die Abgrunde, wie die starken Getranke von Natur zuwider sind, so braucht niemand zu antworten, denn niemand wird fragen. Der Herr General muss erndten, was er gesaet hat. Unser allgemeines Schicksal. Wer sich daruber wundert, gehort in das Land der gebratenen Tauben. Geben Sie mich auf! Sie sehen, das Bewundern wird mir eben so unmoglich, wie das Beklagen. Zu dem Ersten gehort immer eine angemessne Entfernung von dem Gegenstande, zu dem Zweyten ein gewisser Grad von Hoffnung. Leider fehlt es mir an beyden, und ich bin daher selbst im hohen Grade zu beklagen. Ihr Freund hat alle heitere Aussichten meines Lebens zerstort. Mich nun unter seine Bewundrer aufnehmen zu lassen, wurde in der That zu den Ubermenschlichkeiten gehoren, die ich, grade um sie recht bewundern zu konnen, so viel als moglich von mir entfernt halte.
Hatte das Jedermann gethan; so stunden die Sachen vielleicht etwas besser. Wie sie nach einigen Jahren, vielleicht schon nach einigen Monaten stehen werden, ist bey mir keinem Zweifel unterworfen.
Neunzehnter Brief
Olivier an Reinhold
Ob sie es weiss? Ob sie ihn erkannt hat? Das frage ich mich des Abends, wenn ich die Augen schliesse, und des Morgens, wenn ich sie wieder offne.
Meine Leute haben den strengsten Befehl, seinen Namen nicht zu nennen. Auch wissen nur drey um die Sache. Doch ware es moglich.
Sie verrath eine Angst, eine Beklommenheit. Ihr offner, heiterer Sinn ist ganzlich verschwunden. Oft, wenn ich unvermuthet hereintrete, finde ich sie tief in Gedanken versunken, und nur meine Stimme weckt sie aus ihren Traumereyen.
Diese Schwermuth hat sie unbeschreiblich verschonert. Kein Band, keine Blume kommt in ihr Haar. Ach wer sie so sahe, um dessen Verstand ware es geschehen.
Auf meinen Befehl tragt sie bestandig einen Schleyer. Oft, wenn endlich die mannlichen Bedienten entfernt sind, ich mir stundenlang den Genuss versagt habe, sie unverhullt zu sehen, treibt mich mein Wahnsinn den Schleyer wegzureissen. Wie vom Blitze getroffen, stehe ich dann vor ihr.
Es ist eine neue Erscheinung. Ohne es zu wissen, habe ich diesen Engelzugen andre, gemeine Zuge untergeschoben, habe zur Lindrung meiner Schmerzen, mir ein andres, minder schones Bild zusammengesetzt. Jetzt werden sie durch diesen einzigen Blick zur furchtbarsten Quaal wieder erhoht.
Mit Wuth, mit Todesangst fasse ich sie dann in meine Arme, sturze mit ihr fort in das entlegenste Zimmer, starre sie an, laufe auf und ab wie ein Rasender, presse ihre Hande gegen meine Brust, frage sie: ob sie mich liebt? ob sie mein ist? ob sie mein seyn will auf ewig?
Schwere Thranen rollen dann uber das Engelgesicht. Ihr grosses, zartes Herz fuhlt dann alle meine Leiden. Sie sagt mir: dass sie fur mich leben und sterben, dass sie zur Erhaltung meiner Ruhe jeden menschlichen Anblick vermeiden will.
O! wie wird mir dann! Abermals fasse ich sie in meine Arme, hebe sie hoch gen Himmel, falle vor ihr nieder, verstumme, versinke mit namenloser Wonne in ihrem Anblick.
Aber plotzlich, dunkt mich, ich hore ein Gerausch. "Den Schleyer!" ruf ich mit gepresster Stimme. Reisse die Vorhange zusammen, sturze durch drey, vier Thuren, schliesse sie alle hinter mir zu, komme endlich hinaus Niemand ist da, und ich erwache zu neuen Zweifeln und zu neuen Quaalen.
Zwanzigster Brief
Olivier an Reinhold
Er fangt an sich zu bessern, und der Arzt giebt Hoffnung. Was habe ich bey seinen Phantasien gelitten! Er glaubte mit ihr vereinigt zu seyn, und schilderte seine Liebe unter gluhenden Bildern. Aber dann war es, als ob er mich plotzlich erkannte, und eine grassliche Vorstellung jagte die andre.
Gestern lag er wieder in einem halbwachen Traume, erkannte mich; aber nicht wie vormals, mit Schrecken. Er hielt meine Hand, nannte mich wieder seinen Vater, erzahlte mir von seiner unglucklichen Liebe, beschwor mich, Mitleiden mit ihm zu haben, ihm ihren Anblick nur ein einziges Mal zu vergonnen. Er wolle dann alles, alles thun, was ich von ihm verlange.
Und ich? O frag mich nicht? ich bin ein unglucklicher Mann.
Ein und zwanzigster Brief
Olivier an Reinhold
Was? bin ich ein Weib geworden? Soll dieser Knabe mich beherrschen? Er darf sie nicht sehen, er muss fort. Zwey konnen sie nicht besitzen. Meine Rechte sind die altern, und ich habe mehr Nachsicht gehabt, als ich sollte.
Was irre ich herum bey Nacht und bey Tage? Was zweifle ich? was frage ich? Nur Eins thut hier Noth, und diess Eine muss geschehen.
Will ich Verzicht thun? Will ich es? Rasender Gedanke! Will ich leben, ohne zu athmen? und, liebt er sie wie ich? Wie viel Weiber kennt er, um die Einzige zu wurdigen.
Aber sie? Wenn sie ihn erkannt hatte, wenn sie sich hingerissen fuhlte von Jugend, von Schonheit, uberwunden von diesem ganzlichen Dahingeben? O! fort! fort! Zum Wahnsinn ist es noch Zeit genug.
Zwey und zwanzigster Brief
Olivier an Reinhold
Jetzt wollte ich Du warest hier, Du konntest mir rathen. Begreife meine Angst! ihr ist nicht wohl. Ich habe mir den Fall niemals gedacht. Ihre bluhende Gesundheit machte mich sicher.
Sie klagt nicht, laugnet wenn ich frage; aber der Augenschein straft sie Lugen.
Ach ist es ein Wunder! Seit vier Wochen hat sie keinen Athemzug frische Luft geschopft. O, ich Grausamer! Wie war es moglich! Wenn es zu spat ware, wenn sie krank wurde. Nein! nein! dahin kommt es nicht. Aber schnell muss man helfen. Helfen? Wie, o mein Gott! Soll ich sie ihm in die Arme fuhren? Nichts! nichts! Keine weibische Schwache! Er muss fort. Jetzt gleich, jetzt augenblicklich soll Anstalt gemacht werden.
Drey und zwanzigster Brief
Julie an Wilhelmine
Wie lange habe ich Dir nicht geschrieben. Vergieb mir beste Wilhelmine! Ich war es meinem theuern Manne schuldig. Ach Du hast keinen Begrif wie er mich liebt, und wie viel er leidet durch diese Liebe. Wie sehr ware ich ihrer unwurdig, suchte ich nicht alles zu vermeiden was irgend seiner Ruhe nachtheilig werden konnte.
Um jeden Zweifel zu entfernen bin ich sogar eine geraume Zeit nicht aus meinem Zimmer gekommen, und ware bald krank daruber geworden. Da hattest Du ihn sehen sollen! O gewiss! ich muss um vieles besser werden, diese Liebe ganz zu verdienen.
Solltest Du glauben, ich wurde noch von der gemeinsten Eitelkeit beherrscht? Vor einigen Wochen offne ich des Morgens die Thur unsers Schlafzimmers, und sehe einen Mann ausgestreckt auf der Erde liegen. Er hatte das Gesicht unter dem Arme verborgen; aber seine Gestalt blieb mir unvergesslich.
Was ist das nun anders als Eitelkeit! kann es nicht ein wahnsinniger Mensch gewesen seyn? konnen ihn nicht tausend mir unbekannte Ursachen, zu dem sonderbaren Entschlusse gebracht haben, sein Nachtlager vor unsrer Thur zu wahlen? Aber nein! die Eitelkeit oder sollte es wirklich mein Herz seyn? besteht darauf, um meinetwillen war er da, um meinetwillen ist er wohl oft schon da gewesen.
Sonderbar genug verwechsle ich ihn immer, durch eine gewisse Ahnlichkeit getauscht, mit Antonelli. Mit Antonelli, der mich lange vergessen hat.
Ach wie sehr tauscht sich ein junger Mann in diesem Alter. Antonelli glaubte eine unuberwindliche Leidenschaft fur mich zu fuhlen, und nach einigen Wochen bin ich rein aus seinem Gedachtniss verschwunden.
Wenn ich nun meinem thorichten Herzen gefolgt, und jetzt allen Quaalen der Selbstverachtung Preis gegeben ware! Aber Gott sey gelobet! ich bin gerettet.
Seit ich die milde herrliche Luft unter den Bluthenbaumen wieder athme, ist himmlischer Friede in mein Herz zuruck gekehrt und alle meine Gefuhle sind wieder dem Manne geweiht, der mich so einzig, der mich mehr liebt, als ich bis jetzt noch verdiene.
Wie sein herrlicher, grosser Charakter sich mir alle Tage mehr entwickelt! So wie ein Mensch leidet, hort er auf sein Feind zu seyn und ware er es auch Jahre lang gewesen. Wer hatte dieses tiefe Erbarmen unter dieser rauhen Hulle gesucht! Wahrscheinlich hat ihn sein Stand gezwungen, so viel als moglich davon zu verbergen und sogar zu vertilgen.
Gewiss erscheint er auch seinen Leuten noch immer wie ein harter Mann. Aber ich, der er sich so ganz hingiebt, ich blicke in sein schones Herz und bewundre ihn im Stillen.
O wie freue ich mich, dass dieses Herz mit allen seinen lieblichen Schwachen, in meine Hande gefallen ist. Ich will es schonen und ehren. Seine Leidenschaft soll mir heilig seyn, und wenn sie mir auch jemals als Hass erscheint; immer will ich denken: es war doch nur Liebe.
Jetzt eben gieng er von mir. "An wen schreibest Du?" fragte er, und sah mich forschend dabey an. "An Wilhelminen" sagte ich lachelnd. "Klagst Du auch?" fragte er weiter und eine ruhrende Trauer verbreitete sich uber sein Gesicht. "Weswegen sollte ich klagen?" antwortete ich heiter "Etwa deswegen setzte ich hinzu, indem ich seine Hand kusste dass ich unbeschreiblich geliebt, weit mehr geliebt werde; als ich verdiene?"
Ach die Worte kamen grade aus meinem Herzen. Sie schienen mir so einfach, und so wahr. Gleichwohl erschutterten sie ihn auf eine sonderbare Weise.
Der theure liebe Mann! wann wird er einmal zur Ruhe kommen?
Vier und zwanzigster Brief
Wilhelmine an Julie
Gieb Dir keine Muhe! Ich bin zu gut unterrichtet um mich tauschen zu lassen. Aus freyen Willen warest Du auf Deinem Zimmer geblieben? Ja, ja! eine ganz gute Erfindung fur Deine Bedienten. Aber bey mir wie gesagt, Du kannst die Muhe ersparen.
Liesse mich auch jemand Jahr aus Jahr ein so viel freye Luft schopfen, und so viele Briefe schreiben als mir beliebte; ich wurde dumm genug seyn mir einzubilden: dergleichen verstunde sich von selbst.
Eben so klaglich schicke ich mich zum Bewundern. Freund Reinhold kann Dir ein Lied davon singen.
Welche Disharmonie! In der That, nehme sich Dein Herz nicht manchmal die Freyheit, Dir ein Wortchen zuzuflustern, unsre Freundschaft wurde zum Rathsel. Aber bey diesen Einschiebseln, die Dir wahrscheinlich als Unregelmassigkeiten erscheinen, fliegt Dir das Meinige wieder zu. Ich triumphire, dass Dir die hochbelobte Kunst unsrer franzosischen Gouvernante de corriger la nature noch nicht gelungen ist.
Doch wer weiss! mit der Zeit kann alles noch werden. Hast Du doch schon mit Hulfe dieser Kunst herausgebracht: Antonelli habe Dich vergessen, habe Dich vielleicht niemals geliebt.
Ja! ja! die Vielleichts machen einem viel zu schaffen. Wollte der Himmel, ich ware mit denen, die mir noch auf dieser kleinen schwerfalligen Erde ubrig bleiben, schon fertig, dann konnte ich Dir bey den Deinigen helfen.
Ob ich jetzt immer so lustig bin? O ganz erschrecklich! Du siehst die Spuren der Freude hier auf dem Papiere.
Funf und zwanzigster Brief
Julie an Wilhelmine
Die Spuren waren von Thranen. O meine Wilhelmine! noch immer gramst Du Dich; bestehst darauf: ich sey unglucklich. Warum haltst Du diese Vorstellung so fest? Das Gegentheil ist ja doch moglich, und wird sogar immer wahrscheinlicher.
Auch ich, Geliebte, habe manches uber mein kunftiges Leben nachgedacht. Hatte ich hoffen konnen, mit einem Manne, den ich leidenschaftlich liebte, glucklich zu werden; wer wusste was ich gethan haben wurde.
Aber welchen Grund konnte ich dieser Hoffnung geben. Alles belehrte mich, dass es auch dem besten Manne unmoglich wird, leidenschaftliche Liebe an einem Weibe zu ertragen, dass Leidenschaft und Weib, ihm eben so widrig klingt, wie Hasslichkeit und Weib, und dass, wo diese traurige Disharmonie sich findet, an kein Gluck zu denken ist.
Wie ware es auch moglich? Haben wir uns einmal dem mannlichen fur uns wahnsinnigen Gedanken uberlassen: geniessen zu wollen; so achten wir keine Schranken. Von einer feinern Organisation, weit mehr als die Manner, zum Streben nach dem Unendlichen getrieben, wollen wir nun eine Verbindung, die unter zwey unvollkommnen Wesen, nicht einmal in der Idee bestehen kann.
Alle Tauschungen des Wissens, der Ruhmsucht und der thierischen Sinnlichkeit, mit welchen sich die Manner, oft bis an ihr Ende, so glucklich betauben, sind bey uns nicht wohl moglich.
Wir fuhlen nun mit allen Kraften unsers Wesens: dass die Verbindung Zweyer, oder Aller zu Eins, der Zweck aller Schopfung seyn muss. Die Zeit, wo wir den truben Dunstkreis unsrer Erde zu einem vollkommnern Leben durchbrechen werden, ist fur uns schon verflossen.
Eins! eins wollen wir seyn mit dem Geliebten. Kein Gedanke, keine Ahnung soll uns entgehen. Ein ewiger seeliger Tausch, Zusammenklang alles Wissens und Begehrens. Ach! schon mitten in diesem hochsten Wunsche werden wir plotzlich durch die schreckliche Wirklichkeit unterbrochen, und sinken zuruck unter die Herrschaft eines Mannes.
Wahrend wir uns so in, ja uber den Wolken umhertrieben, wie furchterlich hat sich diese Herrschaft ausgedehnt! Gleichwohl macht sie den, der sie ausubt, nicht glucklich.
Mit ganz andern Wunschen und Hoffnungen war er zu uns gekommen. Selbst von den Leidenschaften irre gefuhrt, suchte er ein Wesen, das uber alle Leidenschaft erhaben, ihm himmlischen Frieden entgegen brachte. In dieser seeligen Stille wird sein Wille sich lautern, sein Verstand von nun an das Beste erwahlen.
Schon der Anblick dieses Wesens, das rein und vollendet aus den Handen der Natur hervorgieng, hebt ihn uber sich selbst. Alles was er muhsam erlernte, ward diesem Wesen angebohren. An Verstand und Willen weit uber ihn erhaben, ist es dennoch mit dem beseeligenden Irrthume begabt: es werde in beyden von ihm ubertroffen. Was hat er zu furchten? Es ist die liebende Einfalt, der er sich ubergiebt.
Aber wie schrecklich wird er selbst nun aus diesem Traume erweckt. Statt heiterer, seeliger Stille, findet er leidenschaftliche Unruhe. Hort Foderungen, Klagen. Ach! Rechenschaft soll er geben von seinen Empfindungen. Man will sie wagen und prufen. O Gott! statt ertragen zu werden, soll er tragen. Er kann es nicht, sein ganzes Gefuhl emport sich dagegen.
Um seine Leiden aufs hochste zu bringen sieht er nun noch die Schonheit entfliehen. Die Schonheit, ohne die er die Weiblichkeit nicht denken kann, mit der er die ganze Weiblichkeit ausspricht.
Es ist zu viel! er muss sich rachen! Ach, er hat sich schon geracht, er ist schon ein Tyrann, eh er es selbst nur ahnet. Die unglucklichen Weiber! Hatten sie gestrebt liebenswurdig der Liebe wurdig zu seyn, statt Liebe zu fodern; sie hatten das, was sie wunschten, und vielleicht weit mehr noch erhalten.
Sechs und zwanzigster Brief
Wilhelmine an Julie
Liebenswurdig? Hm! nicht ubel. Nun ja, mit dieser Kleinigkeit sind die Manner so ganz leidlich zufrieden. Freilich gehort dazu eine andre Kleinigkeit: die unverwelkliche Schonheit und Jugend. Unglucklicher Weise, hat es meiner theuern Freundin nicht beliebt, anzuzeigen, wie man sich diese Kleinigkeit erhalten, oder, wenn man sie nicht hat, die Gotter zwingen kann, sie zu verleihen. Ja! ja! wer kann an alles denken? Ihr unglucklichen Geschopfe, die ihr weder das Eine noch das Andre habt, verzweifelt nur. Mag eure Zahl Legion heissen, ihr seyd zum Elende gebohren. Vormals standet ihr noch in dem trostlichen Wahne, ihr konntet den Mannern durch Tugend ersetzen, was die Natur euch an Schonheit versagt hatte; aber jetzt! euer Urtheil ist gesprochen! So wie eure Schonheit verwelkt, hort ihr auf Weiber zu seyn. Dann sterben die Blumen; aber euch zwingt die Natur zum martervollen Leben. Leitet nur den herabfahrenden Blitz zu euren Herzen. Oder, wenn er mit der Natur im tuckischen Bunde, euch nicht treffen will, suchet nur in den Fluthen euer Grab. Die beste Welt bleibt dennoch die beste.
Leb wohl! Du hast mich erbittert. Ich glaube gar, ich kann aufhoren Dich zu lieben. Du bist zu unsern Feinden, zu den Mannern ubergegangen, und fangst an, eben so methodisch zu .... pfuy! das war hasslich.
Ach! da kommt mir ein glucklicher Gedanke! Kunftig werde ich statt hasslich, immer mannlich setzen. Nicht wahr? es ist eben so gleichbedeutend, wie schon und weiblich. Komisch ware es, wenn das Hasslichste immer das Mannlichste ware.
Was meinst Du dazu?
Sieben und zwanzigster Brief
Julie an Wilhelmine
Ich meine, Wilhelmine, die da glaubt erbittert zu seyn, und die nie aufhoren wird mich zu lieben, konne wohl, ein wenig ab- und zugerechnet, nicht so ganz Unrecht haben. Unter dieses Wenige gehort vorzuglich, alles was man den Windeln, Schnurbrusten und Ausschweifungen zuschreiben muss. In der That, es ware ungerecht, dieses sowohl, als mehreres, was Verzartlung und Verwahrlosung der weiblichen Schonheit geraubt haben, auf die Natur zu werfen.
Nimm diess weg, Geliebte, und so ubertrieben es auch klingen mag ich wage es, zu behaupten: dass es Dir schwer, ja vielleicht unmoglich werden soll, ein wirklich hassliches Madchen zu finden.
Reise nach H...., gehe in das Haus der liebenswurdigen R...., siehe hier zwanzig Madchen, die unter ihrer Aufsicht doch nur seit ihrem siebenten, achten Jahre erzogen werden, und widersprich mir, wenn Du kannst.
Wie schnell die Natur ersetzt und verbessert, wenn man ihr nur nicht zu anhaltend widerstrebt, geht beynahe in das Unglaubliche.
Aber das alles rechtfertigt mich nicht in Deinen Augen. Dein liebevolles Herz emport sich gegen die Grausamkeit eines doppelten Todes. Du vergiebst mir nicht, dass ich die Weiblichkeit mit der Schonheit verschwinden lasse. Gleichwohl bestatigst Du, kurz darauf, diess, und weit mehr.
Ja es ist schrecklich; aber es ist wahr: die Sinnlichkeit kann uns auch nicht einmal Augenblicke befriedigen. In dem gegenwartigen mussen wir vor dem kunftigen zittern. Welcher Gott wird uns helfen? In uns ist der Gott. "Erfulle deine Bestimmung" spricht er aber suche dich uber alles Sinnliche zu erheben. Dann bist du frey und seelig.
Acht und zwanzigster Brief
Wilhelmine an Julie
Ach Du bist besser als ich! das weiss ich wohl und habe es immer gewusst, so wie ich alles, was Du mir sagst, lange gefuhlt habe. Darum wollte ich mich an Dich schliessen, in Dir alles wiederfinden, hatte es gefunden. Geh! geh! Du hast doch nicht recht an mir gehandelt. Mein Verstand mag Dich rechtfertigen, mein Herz wird Dich ewig verklagen. Morgen will ich reisen.
Neun und zwanzigster Brief
Olivier an Reinhold
Dieser Mensch bringt mich noch um, mit seiner gluhenden Phantasie. Meinst Du, er verberge irgend eine Empfindung vor mir? Mit einer Heftigkeit, mit einem verzehrenden Feuer spricht er sie aus, reisst mich hin, uberwaltigt mich. Oft habe ich, zu meinem eignen Schrecken, mich selbst, und alles, was ich zu furchten hatte, vergessen.
Wenn endlich meine innere Quaal aufs hochste steigt, meine Wuth uber seine gluhenden Schilderungen hervorbrechen will, ergreift er mich plotzlich mit seiner gewaltigen Liebe.
Ich, ich selbst bin es nun, den er schildert. Mit allen meinen Leiden, mit allen meinen schrecklichen Fragen und Zweifeln.
Im hochsten Erstaunen sehe ich ihn in das Innerste meines Herzens dringen, Gefuhle entwickeln, fur die ich bis jetzt keinen Namen hatte, Begebenheiten hervorrufen, die ich verworren nur ahnete.
In dem Augenblicke, wo ich ihn dann mit meinen Handen zerreissen mogte; weil er sie alle nennt, meine Marter, in dem Augenblicke fallt er ein mit seiner seelenerschutternden Klage. Mein Grimm lost sich in Wehmuth auf, er sturzt in meine Arme, und, ohne es zu wollen, drucke ich ihn fest an mein Herz.
Aber ihn hier zu behalten, war mir unmoglich. Alle seine Bitten vermogten nichts, er musste sich ergeben. Gleichwohl bestand er mit einem unerhorten Trotze darauf, sich nicht weiter als eine halbe Stunde von hier zu entfernen.
Nun drohte ich mit meiner eignen Abreise. "Thue es sagte er und wenn Du bis an das Ende der Welt gehst; ich folge Dir nach."
"Mir?" wiederholte ich mit Bitterkeit.
"Ja Dir! Meinst Du, ich konne ohne Dich, Du ohne mich leben? Wer versteht Dich, wer trostet, wer liebt Dich wie ich?"
"Bestechungen!"
"Wehe Dir, wenn Du es glaubst!"
"Ich werde schon Mittel finden."
"Sie helfen Dir nichts."
"Was unterstehst Du dich?
"Ich unterstehe mich, das Unmogliche unmoglich zu nennen. Mache was Du willst! uns scheidest Du nicht."
"Uns?"
"Ja! uns."
"Sie meinst du."
"Wenn ich sie meinte; wurde ich es sagen."
"Du liebst sie."
"Nein, Dich liebe ich, sie bete ich an."
"Und das soll ich dulden?"
"Kannst Du es andern?"
"Nicht in mein Haus!"
"Das verspreche ich Dir."
"Nicht in meinen Garten!"
"Auch das."
"Noch auf die Anhohe!"
"Sie gehort Dir nicht."
"Ich werde sie kaufen."
"Ich habe sie schon gekauft."
"Das hast Du gethan, um sie zu sehen, um von ihr gesehen zu werden."
"Das Letzte ist nicht wahr, auch ist es unmoglich."
"Aber Du willst sie sehen."
"Ja, weil es Dir nicht schadet."
"Es beunruhigt mich."
"Und mich todtet es, wenn ich sie nicht sehe. Was willst Du lieber?"
"Du trotzest!"
"Nein. Das sagst Du nur, Du, glaubst es nicht. Sieh mich an! ist es wahr, dass ich ohne sie nicht leben kann? ist es wahr, dass es mir unmoglich ist, jemals etwas Schlechtes zu wollen? ist es wahr, dass ich Dich liebe, dass ich mein Leben fur Dich lassen wurde?"
Ach! dann sehe ich in sein grosses, schwarzes Auge, und verstumme.
Dreyssigster Brief
Julie an Wilhelmine
Wo bist Du jetzt, meine Geliebte? Zurnst Du noch mit Deiner Julie? Nein! nein! Du irrst Dich in Dir selbst. Weder Dein Verstand, noch Dein Herz klagt mich an. Wir lieben uns, und werden uns ewiglich lieben.
Noch immer kann ich mich nicht von Deiner Abreise uberzeugen. Mich dunkt sogar, Du warest in meiner Nahe. Besonders wenn ich in den Garten trete, uberfallt mich ein wunderbar sehnsuchtiges Wonnegefuhl.
Ach es ist der Duft von den vielen, kostlichen Pflanzen, der geheimnissvolle Schatten dieser hohen unnachahmlich schonen Baume. Wirklich, unser Garten ist ein Paradies. Ob er gleich beynahe drey Viertelstunden im Umfange hat, wollte ihn mein lieber Mann doch noch durch eine benachbarte Anhohe vergrossern. Aber sie ist leider schon verkauft, und so werden wir wohl Verzicht darauf thun mussen.
Wie sonderbar! sonst war ich mit so Wenigem zufrieden, hatte mich bey einem einzigen kleinen Blumenbeete uberglucklich gefunden. Jetzt, seitdem von der Anhohe gesprochen ist, denke ich nur immer: wie viel schoner unser Garten seyn musste, wenn er sie mit umschlosse.
Diese wunderliche Grille beherrscht mich sogar im Schlafe. Letzt dunkte mich, ich werde von einer unsichtbaren Kraft weit uber die Mauer unsers Gartens gehoben, und plotzlich auf der Anhohe niedergelassen.
Es war eine andre Welt. Himmlische Kinder wandelten darauf. Ihr Gesicht bluhte wie Rosen im Morgenlichte. Ein glanzendes Flugelpaar erhob sich uber ihre Schultern. Schnell, wie Gedanken, eilten sie hin und her und streiften an meiner Wange voruber wie Fruhlingshauche.
Jedesmal, wenn sie mich so beruhrten durchdrang mich ein unaussprechliches Wonnegefuhl.
Endlich flogen sie alle auf mich zu, schlossen mich in einen dichten Kreis, und tanzten mit unglaublicher Schnelligkeit um mich her.
"Wir wechseln das Leben! wir wechseln das Leben!" so sangen sie.
Aber mit einem Male ward ich von einem kalten Hauche angeweht. Kein Tanz mehr, kein Gesang. Die Kinder standen unbeweglich. Ich eile auf sie zu, da sind sie plotzlich in Blumen verwandelt und ich erwache mit einer Art wehmuthig sussem Schauder.
Unser Fenster stand offen, und der Duft eines grossen Rosenstrauchs ward vom Winde in das Zimmer getrieben. Der kalte Schauder, die Blumen, das alles war also mehr als begreiflich. Gleichwohl finde ich noch immer wer weiss wie viel Wunderbares in diesem Traume, und eile, sobald ich in den Garten komme, zuerst nach dem Orte, wo ich die Anhohe sehen kann.
Hier sitze ich oft ganze Stunden, und denke nichts als den Traum. Dann ergreift mich eine Bangigkeit, eine Sehnsucht. Letzt kannst Du Dir etwas kindischeres denken! glaubte ich meinen Nahmen von dort her zu horen. Schnell springe ich auf, eile mit ausgebreiteten Armen durch das Gebusch, und denke nicht eher an die Mauer, bis ich dichte davor stehe.
Mit gefalteten Handen, als geschehe mir Wunder welch Ungluck, kehre ich nun wieder um, und ein Strom unaufhaltbarer Thranen sturzt uber meine Brust.
Nicht wahr? das sieht dem Wahnsinne sehr ahnlich. Gewiss, ich bin krank. Ich muss mit einem Arzte sprechen.
Ein und dreyssigster Brief
Reinhold an Olivier
Gestern war T... bey mir. Ich wollte meinen Augen kaum trauen. Seit er zum Gunstlinge erhoben ist, habe ich ihn nicht gesehen. Seine hamischen Anmerkungen uber Dich fuhrten oft Streit herbey, und so war ich recht wohl damit zufrieden.
Nun aber gestern uberfallt er mich plotzlich mit einem ganzen Heere Schmeicheleyen und Freundschaftsversicherungen. Ich lachle, mache einen stummen Buckling uber den andern und vertiefe mich so hartnackig in die Zeremonien, dass ich ihn nach einer Viertelstunde ziemlich in die gehorige Entfernung bringe.
Gleichwohl erfolgen nun eine Menge Hof-Stadtneuigkeiten, Erkundigungen nach Dir. "Wie sich der Konig sehne Dich einmal bey sich zu haben. Wie es gar nicht artig sey, so sprode zu thun. Das alles wurde Dir nichts helfen. Man konne Dich aufsuchen."
Ich erschrack, und fieng an zu sondiren. "Ja, ich selbst wisse am besten, wie viel an dem eigentlichen Frieden noch fehle. So still werde es nicht abgehen. Ein paar Feldzuge musse man noch in den Kauf geben. Der Konig werde Dir das alles schon begreiflich machen und hoffe, Du werdest nicht aufhoren, Dein Vaterland zu lieben."
"Daruber ist kein Zweifel; antwortete ich aber mich dunkt, man konnte ihn in Ruhe lassen. Fur ein Menschenleben hat er genug gethan, und die andern Herren sind ja auch keine Feinde vom Hinaufrucken."
"Ach ja! wenn es nur auf das Rucken ankame."
"Nun das Andre wird sich auch finden!"
"Man hat's gesehen!"
"Olivier ist kein Freund vom Kriege."
"Daruber erstaunt man."
"Mich dunkt ohne Grund. Er suchte Lorbeeren; jetzt hat er mehr als er bedarf."
"Aber das Vaterland!"
"Eben das Vaterland sagt er braucht Ruhe."
"Das Wort klingt komisch in seinem Munde! Manner, Frauen und Madchen nannten ihn vormals den Unruhigen."
"Die Zeiten andern sich; warum sollten sich die Menschen immer gleich bleiben?"
Er antwortete mit seinem gewohnlichen Faunenlacheln, umarmte mich, zu meinem grossen Leiden, einmal uber das andere, und empfahl sich mit einem Epigramm.
Ich setze nichts weiter hinzu. Du selbst musst am besten wissen was dabey zu thun ist. Rathen kann ich Dir nicht mehr; aber nie werde ich aufhoren, Dich zu lieben.
Zwey und dreyssigster Brief
Olivier an Reinhold
Entweder sie wollen mich los seyn und da sie wissen, dass ich die Kugeln nicht furchte, mich wieder darunter schicken, in der Hoffnung, eine werde doch treffen. Oder der Konig hat gerade Langeweile, erinnert sich der P...schen Scenen mit Julien, und will die Komodie auf eine andere Art durchspielen. Wahrscheinlich trifft beydes zusammen, und da bin ich denn freylich vor einem Besuche nicht sicher. Hier lassen kann ich sie nicht; aber wem soll ich sie anvertrauen?
Reinhold Du liebst mich, Du hast es, auch wenn ich nicht daran glaubte, redlich mit mir gemeint. Reinhold! willst Du sie in Schutz nehmen? Dann lasse ich schnell mein Guthgen bey G... in Stand setzen. Ich weiss wohl: Du darfst Dich nicht entfernen. Aber es liegt nur eine Viertelstunde von der Stadt. Da konntest Du doch taglich einen Gang hinaus machen. Ganz allein kann ich sie nicht lassen, noch weniger sie der Mutter ubergeben. Begreife wie ich Dich achte! da ich Dich allen Andern vorziehe.
Antworte mir bald. Ich kenne ihn. Bey seinen Grillen ist keine Zeit zu verlieren.
Drey und dreyssigster Brief
Reinhold an Olivier
Alles! nur das nicht. Frage nicht weiter. Es geht nicht. Und wenn Du mich auf die Folter spanntest; ich wurde Dir immer dasselbe antworten. Wie? Warum? kann ich Dir wahrhaftig nicht auseinander setzen. Genug ich weiss, es geht nicht. Achte mich nun weniger, entziehe mir ganz Deine Freundschaft. Ich muss es geschehen lassen. Aber ich wiederhole Dir noch einmal: es ist schlechterdings unmoglich.
Nachschrift
Du hast zwey Falle angenommen; aber wie, wenn es einen dritten gabe?
Wenn sie Dich nicht entbehren konnten? Dich wirklich haben mussten?
Vier und dreyssigster Brief
Reinhold an Olivier
Hatte ich doch meinen Brief nicht abgeschickt! Schnell muss ich Dir noch melden: dass die Konigin ihrem Bruder entgegen reist und auf diese Weise den Konig begleitet.
Sollte es nicht das Sicherste seyn, Julie nun bleiben zu lassen? Ich bin geneigt es zu glauben. Uberlege es, und melde mir Deinen Entschluss.
Funf und dreyssigster Brief
Olivier an Reinhold
Das Sicherste! Eine Falle ist es. Einladungen, Lockspeisen! Ich kenne das. Und sollte ich sie Antonelli ubergeben, ich wollte es lieber; als sie auf dem glatten Hofpflaster wissen.
O wie viel leide ich! Ich bin mude es zu denken. Oft will ich die ganze schreckliche Leidenschaft von mir werfen, die Freyheit, den Tod suchen; aber dann sehe ich sie wieder und mein zerrissenes Herz kann nicht von ihr lassen.
In Dich mag ich nun nicht weiter dringen. Gleichwohl muss Rath geschaft werden. Zwolf Meilen von hier ist ein Frauleinstift. Ich will mit ihr davon sprechen.
Aber gern muss sie es thun; sonst ist es doppelt so schrecklich. Ach den ganzen Tag werde ich sie nicht sehen! Aber die Nacht will ich hin zu ihr fliegen. Zwolf Meilen! O Gott es geht nicht! es ist zu weit!
Da kommt sie. Ich will sie fragen. Sie selbst soll wahlen.
Sechs und dreyssigster Brief
Olivier an Reinhold
Jetzt habe ich den Muth der Verzweiflung. Ich sehe es, fur mich ist kein Gluck mehr zu hoffen.
Was wahlte sie? Rathe es! Du errathst es nimmermehr.
"Liebste! sagte ich wenn wir uns auf eine kurze Zeit trennen mussten, wenn Du hier nicht bleiben konntest; welchen Aufenthalt wurdest Du vorziehen?"
Sie behauptete fur keinen entfernten Ort eine besondere Vorliebe zu haben. Es sey ihr hier so wohl.
"Aber wenn du nun schlechterdings wahlen musstest und Dich ganz nach Deinem Geschmacke bestimmen konntest."
"Nun antwortete sie durfte es in der Nahe seyn; dann wurde ich das Hauschen auf der Anhohe allen Andern vorziehn."
"Auf welcher Anhohe?" fragte ich, denn ich wollte nicht glauben was ich gehort hatte.
"Dort sagte sie, und zeigte auf Antonelli's Wohnung diese Gegend hat etwas unbeschreiblich anziehendes fur mich."
Ich liess sie nicht ausreden, sturzte fort, warf alles nieder, was mir in den Weg kam. Mir war als solle ich mir selbst entfliehn. Zum erstenmal in meinem Leben fuhlte ich eine Art Unwillen gegen sie, der allmahlig in Wuth ubergieng. So stand ich vor Antonelli's Thur ohne zu wissen wie ich dahin gekommen war.
"Wo ist er" fragte ich "Wo er immer ist" antworteten die Leute, und zeigten nach dem Walde.
Schon lange hatte ich vor ihm gestanden, hatte schon eine Menge Fluche zwischen den Zahnen gemurmelt, noch immer hatte er mich nicht bemerkt. Endlich wurden meine Fluche lauter, und ich riss ihm das Fernglas aus der Hand. Da schien er plotzlich aus einem Traume zu erwachen und umarmte mich trotz meiner Fluche.
"Ein schones Leben sagte ich den ganzen Tag so mit Gaffen hinzubringen. Der Konig kommt. Wo ist das, was ich Dir aufgetragen habe?"
Statt zu antworten, nahm er mich lachelnd bey der Hand, und fuhrte mich zu einem Zelte, das er sich mitten im Walde hat aufschlagen lassen. Hier sah ich Karten, Risse, alles in der grossten Ordnung, und weit mehr vorgearbeitet als ich gewollt hatte.
"Wann ist denn das alles gemacht?" fragte ich nachdem ich es mit Erstaunen untersucht hatte.
"Wenn sie nicht da war."
"Woher weisst Du denn, wann sie kommt?"
"Ich fuhle es."
"Du faselst!"
"Ich sage die Wahrheit."
"Du hast ihr Zeichen gegeben, die Flote gespielt."
"Niemals!"
"Nun, woher soll sie denn wissen, dass Du hier bist?"
"Sie weiss dass ich hier bin?" fragte er, und sein Gesicht verrieth wirklich das hochste Erstaunen.
"O sage mir! fuhr er fort, und druckte mir die Hande, und schmeichelte wie ein Kind sage mir! woher weiss sie es? Hast Du es, hat es irgend jemand anders verrathen?"
"Gleichviel antwortete ich verdrusslich genug sie scheint es zu wissen."
"Ach! siehst Du! rief er sie fuhlt es wie ich."
Nun schrie ich laut auf vor Wuth, riss meine Hand aus der seinigen, sturzte den Berg wieder hinunter, und fand sie in Thranen.
Ach, ich wollte ich ware bey Dir. Du bist doch mein Einziges. Hier steh ich allein, verwaist. Sie haben mich ausgestossen aus ihrem Bunde. Von einer hohern Macht hingerissen, vergessen sie mich und die Welt.
O ich leide zu viel! Ein Ende! Ein Ende!
Sieben und dreyssigster Brief
Reinhold an Olivier
Dein Leiden zerreisst mir das Herz. Armer, unglucklicher Mann! Mit allen Deinen Schatzen, mit allen Deinen Lorbeeren unglucklich. Ach warum musst Du gerade jetzt diese Sehnsucht nach Liebe empfinden, jetzt, wo sich das Schicksal so grausam gegen Dich verschworet.
Solltest Du denn gar nicht zu retten seyn? Hast Du niemals versucht, sie als Deine Kinder zu denken? in ihnen, durch ihre Liebe glucklich zu seyn? Du musst es mehr als einmal in Deinem thatenreichen Leben gefuhlt haben: wie schon, wie uberschwanglich die Selbstuberwindung lohnet.
Wenn ein hartnackiger, listiger Feind Dich erbitterte, tausend Schwierigkeiten sich Deiner brennenden Ruhmsucht entgegen stellten, Du endlich nahe warst das Ziel zu erreichen, hat Dich da nicht oft Erbarmen mitten im Laufe zuruckgehalten, und sind es nicht gerade diese Augenblicke, bey denen Du, wenn Dich alles Ubrige anekelte, mit Wohlgefallen verweiltest?
Gewiss! Dein Schicksal liegt mir schwer am Herzen. Ich habe nur einen Wunsch: Dich mit Dir selbst einig zu sehen. Ich kenne nur eine Moglichkeit doch, ich schweige. Aber das lass Dir sagen denn wer wollte Dich um des augenblicklichen Schmerzens willen dem tuckischen Irrthume preis geben aufopfern wirst Du mussen, auf welche Seite Du dich wendest. Auch dann, wenn Du den Tod wahlst, opferst Du auf. Wie viel? wer kann es bestimmen!
Die grosse unergrundliche Natur handelt nach unwandelbaren Gesetzen. Erbarmen ist ihr fremd. Hebst Du gewaltsam ihren Schleyer; welche Macht kann Dich retten? So weit das Gedenkbare reicht, findest Du die schreckliche wieder. Darum gieb Dich duldend in ihre Hand. Dann wird sie sanft Dich erlosen.
Du sagst: ich bin Dein Einziges. So entschliesse Dich dann muthig, und schnell! Komm an mein Herz! Wir wollen meinen Olivier suchen. Vielleicht finden wir ihn wieder.
Acht und dreyssigster Brief
Olivier an Reinhold
Er ist gefunden! Wohl! ganz Recht! eben weil ich im Tode noch aufopfere, will ich mir, was das Leben gewahrt, noch erhalten. Ist kein Erbarmen zu hoffen; warum soll ich mich erbarmen? Mag ich nun Schmerz hervorbringen; ich selbst leide den hochsten. Ja ich habe mich schnell und muthig entschlossen. Ich selbst will sie nicht sehen; aber dann soll auch kein mannliches Auge sie erblicken.
Anfangs wollte ich mich einem deutschen Klotze vertrauen; aber ich sah bald, dass nur ein Sudlander meine Leidenschaft begreifen konnte.
Ich habe Einen gefunden, der mehr noch begreift als ich empfinde. Er soll sie bewachen.
Ein menschenleeres Gutchen ist gekauft, das Haus mit einem Graben umgeben, und durch eine Zugbrukke geschutzt. Drey fremde Madchen habe ich zur Aufwartung kommen lassen, und hoffe der braune Wachter wird sie gehorchen lehren.
Keine Anmerkungen! ich bitte Dich! Es war das Einzige was mir ubrig blieb.
Neun und dreyssigster Brief
Reinhold an Olivier
Nein! keine Anmerkungen! aber hier einen Brief von Wilhelminen. Sie glaubt, er wurde durch mich am richtigsten besorgt werden. Das gute Madchen weiss so vieles noch nicht. Mein Schutzgeist verhute nur, dass sie nicht nach Juliens Aufenthalt fragt. Ihre ganze Verachtung wurde mich treffen; wenn ich nicht mit Feuer und Schwerdt drein schluge. Ware sie hier, ich stunde Dir vor keiner zweyten Entfuhrung.
Das arme Madchen hat sich nur immer an den Schein gehalten. Sie glaubte Dich frey, und Julie gefangen. Dich Du Unglucklicher! Einen Sclaven der wuthendsten Leidenschaft frey!
Vierzigster Brief
Wilhelmine an Julie
Ich bin in der Schweitz; aber meine Erwartung ist nicht befriedigt. Blendender Schnee auf den Bergen, schneidende Luft in den Thalern, die Menschen eben so kalt und duster wie sie. O das alles ist mir furchterlich zuwider!
Ewiger Zank unter den Hohen, ewige Klage unter den Niedern. Mangel bey allem Uberfluss. Sclaverey bey allem Freyheitstrotz. Ach kein Feuer, keine Lebendigkeit! Einsylbig, langweilig, das prosaischste Volk auf der Erde. (So weit meine Wenigkeit sie gesehen hat.)
Ja! donnernde Wasserfalle und schaurige Klufte. Uberhangende Klippen und sturzende Lavinen. Wer Lust hat erschlagen zu werden, der kommt hier schon recht.
Ob ich das alles in einer andern Laune nicht anders gesehen haben wurde? Kann seyn! aber ganz unwahr ist es nicht; darauf kannst Du Dich verlassen.
Nein! nein! mit dieser grausenden, zugellosen Natur kann ich mich nicht vertragen, mit diesen Menschen nicht sympathisiren. Was helfen mir die feisten Kuhe und die uppigen Wiesen? Was mir fehlt konnen sie mir nicht geben.
Aber was fehlt mir denn? Nun, furs erste will ich glauben: ein milderer Himmel, ein geistvolleres, lebendigeres Volk, Werke der unsterblichen Kunst, an denen sich mein Geist laben und erheben kann.
Italien! Italien! da will ich hin. Antonellis Mutter ist da. Auch die will ich sehen. O was gabe ich darum, dass sie arm ware, oder sonst meiner Hulfe bedurfte! Gewiss! sie wird mich lieben; denn ich werde ihr von dem Lieblinge erzahlen.
Ware ich die Mutter dieses Sohnes; Konige und Kaiser mussten mir weichen. Ach! hatte ich nur ein Kind! nur ein einziges Kind! Ein solches Wesen, das ich mit Todesquaal mir erkauft, mit Lebensgefahr mir erhalten hatte! Ich wollte alles! ja Dich selbst wollte ich daruber vergessen.
Nur Geduld! nur Geduld! nur nicht gelachelt! es wird sich alles finden! In Italien giebt es noch Menschen, die Liebe verstehen. Bauer, oder Burger, einerley! "Mein Freund sage ich dann gefalle ich dir; so mogte ich wohl auf ein Jahr der funf deine Frau werden. Sind wir glucklich; so geben wir noch vier Jahre zu. Dann drey, dann zwey, und zuletzt hast du die Freyheit, dich alle Jahr von mir zu trennen.
Aber in der Zeit wo du mir gehorst, gehorst du mir ganz. Kein Laufen, kein Gaffen! das sage ich dir! Ich binde mich; aber auch du bist gebunden. Haltst du nicht Wort; so ziehst du weiter. Aber die Kinder bleiben mir, oder aus der ganzen Sache wird nichts."
Du merkst wohl, dass ich die wichtigste Klausel zuletzt bringe. Ist er damit zufrieden, dann mag er nach den ersten funf Jahren schon weiter ziehen, und den grossten Theil meiner Reichthumer mitnehmen. Ich bleibe doch reicher als er.
Ob er aber dabey glucklich seyn wird? O ja! wenn er vernunftig ist, warum nicht? Ich wurde fur ihn braten und kochen, ihn warten und pflegen und alles, was mir an Freuden bekannt ware in unserm Hause versammlen. Aber, die Kinder gehoren mir! damit wecke ich ihn des Morgens, und die Kinder gehoren mir! wiederhole ich ihm des Abends, und wenn er das nicht vertragen kann; so zieht er weiter; oder zieht gar nicht, weil er nicht kommt.
Nichts von Inconsequenz! die gewohnlichen Ehen widerstehen mir noch eben so sehr wie vormals. Es ist mir unbegreiflich, warum sich die Leute schlechterdings auf das ganze Leben zusammen schmieden lassen.
Was ware denn nun dabey verlohren? wenn sie alle vier, oder funf Jahre gesetzmassig erinnert wurden; wie viel grosse Ranke des Brautigams und viel kleine der Braut erfoderlich waren, um des heiligen Joches wurdig erachtet zu werden.
Nein! nein! auf kurze Zeit wenigstens mussten sie getrennt, und ohne feyerliche Erklarung nicht wieder verbunden werden.
Denke Dir! alle funf Jahre eine neue Hochzeit! Welch ein Familienfest! Vater, Mutter, Kinder, Gesinde, alles wurde jauchzen, und jede eheliche Frau wurde in ihrem Leben ein paar Dutzend Flitterwochen mehr zahlen.
Sage nur, warum sind die Menschen nicht langst auf diesen Einfall gekommen? Warum wollen sie schlechterdings vor Langeweile sterben? Bewillkommen sich mit Gahnen Morgens und Abends, und denken auf kein Mittel zur Rettung.
Leb wohl! Auf alles was Du mir schreibst antworte ich Dir nichts; die Zeit wird schon antworten.
Ein und vierzigster Brief
Olivier an Reinhold
Sie ist in Sicherheit, und ich fange an ruhiger zu athmen. Ach wie ist hier alles verwandelt! Nachtigallen sind erwacht, Blumen entfaltet, kostliche Fruchte zu tausenden gereift! Wohin sie kommt, da bluht ein Paradies ihr entgegen.
Lachelnd schwebte sie uber die Zugbrucke und die Ketten bewegten sich nicht. Nur unter mir fiengen sie an zu rasseln. Sie wandte sich um; aber das himmlische Lacheln blieb auf dem Engelgesichte.
Nein! nein! ich habe sie nicht unglucklich gemacht! Ach Du hast Recht! unter Ketten ist sie frey, und ich bin der Gefangene. Aber Geduld! sagt Wilhelmine. Ich fange an mich mit ihr auszusohnen. Sie hat mich auf etwas sehr Wichtiges geleitet. Geduld! aber kein Predigen! kein Vorschreiben! Was ich thue, muss aus eigner freyer Entschliessung geschehen; nicht, weil es Andern so beliebt, weil es Andre fur das Beste erkennen.
Euer Einreden, Euer Tadeln, Euer Zurechtweisen hat mich in dieses Labyrinth gefuhrt. Hattet Ihr mich meinen eignen Weg gehen lassen; es ware jetzt leichter um mich her. Ich hatte fruher gewusst, was ich sollte.
Habe ich kein menschliches Herz? Bin ich ein Tyrann, ein Barbar? Ich fuhle tiefer, lebhafter wie Ihr, mein Vater war einige hundert Meilen sudlicher gebohren; daher kommt alles.
Gebt mir Euer nordisches Blut, und ich werde sie nicht einschliessen, ich werde nicht wissen, was ein Blick, ein Handedruck bedeutet, woher er kommt, und wohin er fuhrt. Ihr Eismassen wisst ja nur von Horensagen, was Leidenschaft ist! Thauet erst auf an einem sudlichen Strahle, und dann richtet uber sudliche Naturen.
Ich gehe, ich verlasse sie. Sie, sie! Nennt Ihr das nichts? Opfre ich nicht jetzt schon mein Wohlseyn einem hohern Zwecke? Wer darf mir ein Ziel stekken? Wer darf sagen: "bis hieher und nicht weiter?" Darum zahmet Euch, und redet mir nicht ein. Der Sclave ist frey, sobald er es seyn will.
Zwey und vierzigster Brief
Reinhold an Wilhelmine
Ihr Brief, meine theure Freundin, ist so richtig besorgt, als er besorgt werden konnte. Das heisst: er ist durch des Generals Hande gegangen. Ein anderes Mittel giebt es jetzt nicht. Heimliche Wege, Bestechungen, das mag fur andre Leute gut seyn; fur uns ist dergleichen nicht gemacht.
Ihr Brief war offen, und so ist er geblieben. Der General hat ihn gelesen, und das kann Ihnen sehr gleichgultig seyn. Doch nein! nicht so ganz gleichgultig. Sie haben ihn dies sind seine Worte auf etwas sehr Wichtiges geleitet. Auf was? Die Zeit wird es ja lehren.
Mehr als jemals kampft er mit sich selbst. Das ist gewiss. Aber wie dieser Kampf endigen wird? wer kann es bestimmen! Auf mich ich gestehe es wirkt das alles ganz sonderbar. Schon seit geraumer Zeit bin ich aufgefodert etwas Entscheidendes fur mich zu wagen. "Ein sorgenloseres, bequemeres Amt sagen meine Freunde Spaterhin brauchst Du mehr Ruhe."
Aber mir ist wie einem Landmanne, uber dessen Saaten ein schweres Gewitter aufsteigt. Man spricht von der nahen, gesegneten Arndte. "Verbessre dein Haus! Erweitre die Scheuren!" ruft man ihm zu. Aber sein Ohr ist verschlossen, sein Auge starrt unverwandt nach der Wetterwolke. Trifft sie die Saaten; was bedarf er der Scheuren?
Drey und vierzigster Brief
Julie an Wilhelmine
Du hast noch immer nicht gefunden was Du suchst, meine theure geliebte Freundin; aber mich dunkt Du bist auf dem Wege dazu. Wohl mir! meine Wilhelmine wird glucklich seyn! was habe ich dann noch zu wunschen?
Wie sehr hast Du Recht, mir nichts auf mein Geschwatz zu antworten. Es war ein Fiebergeschwatz. Gott Lob! jetzt bin ich genesen. Der Konig kommt nach R.... Mein Mann furchtete mit Recht, mich seinen Zudringlichkeiten auszusetzen, und brachte mich hieher.
Julianens Ruh, nennt er diese liebliche Einsiedeley. Macht es der Nahme; oder was ist es sonst? aber in der That, ich bin hier ruhiger. Dort war mir als fehlte ich mir selbst; hier habe ich mich wieder.
Zwar ist alles fremd was mich umgiebt. Anna ist fortgeschickt, und ein andres, sehr junges, aber, wie mich dunkt, unschuldiges Madchen, hat ihre Stelle bekommen. Ein offenbarer Gewinnst fur mich. Anna schien mit ein ausserst verderbtes Geschopf, und nur weil ich sie einmal in meines Mannes Diensten fand, konnte ich sie dulden.
Gleichwohl macht es mir die arme kleine Marie, durch ihre schreckliche Demuth, beynahe unmoglich, in einen zutraulichern Ton mit ihr zu kommen. Meine Bitten scheinen ihr immer Befehle. Zitternd und zagend, als ob das Richtschwerdt sie verfolgte, lauscht sie auf meine Worte, und hat vor Angst immer die Halfte vergessen.
Auch den andern Madchen geht es nicht besser. Nur Meister Ubaldo, der Oberaufseher scheint von diesem Schrecken nichts zu wissen. Im Gegentheil bedarf er aller seiner Feinheit, und wirklich angenehmen Gesprachigkeit, um selbst nicht ein wenig schrecklich zu werden.
Mir schien er es nur ein paar Stunden. Jetzt sind wir die besten Freunde von der Welt. Ich muss mich noch gar in Acht nehmen; sonst werde ich in der That sein verzogenes Kind.
Nichts ist ihm gut genug, wenn es fur Donna Julia seyn soll, und darum macht er freywillig Koch, Kellermeister und Gartner. Schonere Blumen und Fruchte erinnere ich mich nicht gesehen zu haben. Zu meiner kleinen Tafel konnte ich Fursten einladen. Nur Schade, dass ich sie nicht so benutze wie Meister Ubaldo es wunscht.
Den Teller in der Hand steht er mir gegenuber und lauscht mit Angstlichkeit: ob ich von diesem oder von jenem versuchen werde. Lobe ich dann die gute Auswahl, die treffliche Zubereitung; so werden meine Hande, meine Kleider mit Kussen bedeckt, und der gute Mann scheint wirklich einen Anfall von Wahnsinn zu bekommen.
Noch arger treibt er es, wenn er meinen Flugel, oder meine Stimme hort. Aber leider versteht er keine Note; sonst wurde er bey seinem zum Erstaunen richtigen Gefuhle, ein sehr angenehmer Begleiter fur mich werden.
Sonst lasst er sich freylich das Begleiten sehr angelegen seyn. Nur seitdem ich ihn gebeten habe, kann ich allein in den Garten gehen. Es scheint ihm trotz seines Misstrauens; oder, wie ich es jetzt lieber nennen mogte trotz seiner Anhanglichkeit, unmoglich, mir eine unangenehme Empfindung zu verursachen.
Und so fuhre ich dann hier ein sonderbares, beynahe atherisches Leben. Ich habe angefangen Krauter und Blumen zu sammlen, Ein unaussprechlich belohnendes Geschaft. Ich glaube es konnte Gotter und Menschenfeinde zahmen.
Wenn ich so mitten im hohen duftenden Grase die kostlichen Blumen, nur so weit ich sie erreichen kann, sammle, die ganze Pracht dann uber mein weisses Kleid verbreite, sitze ich oft trunken vom Anschauen der unendlichen Mannigfaltigkeit und Schonheit.
O nein! ich bin nicht allein, bin nicht verlassen! Allenthalben finde ich die grosse, gutige Mutter. Im Hauche des Fruhlings, im Gesange der Nachtigall, im Rauschen des Wasserfalles spricht sie zu mir. Mit Empfindungen, mit Gedanken, mit Tonen, die sie mir gab, darf ich ihr antworten.
O ich unaussprechlich Gluckliche! in meinem Herzen ist Friede. Wohl habe ich gefehlt, vielleicht meine Wilhelmine betrubt. Aber wenn es nicht Selbstsucht, nicht Leidenschaft, wenn es nur Schwache und Irrthum war, hatte ich dann Strafe verdient? Nein! nein! auch meine Wilhelmine wird mir vergeben, und dann bedarf ich keinen andern Himmel, als den ich schon habe.
Welche reine kostliche Luft ich hier athme! R.... ist schon; aber es liegt zu tief. Oft wiederholte ich es mir, meine Schwermuth hatte keinen andern Grund. Aber das Herz uberwand die Vernunft. Immer sollte noch etwas anderes, wunderbares, ubersinnliches auf mich wirken.
Mein Vater erzahlte von einem Manne, der ein ausserst angenehmer Gesellschafter war, aber oft durch sich selbst, mitten im frohlichsten Scherze unterbrochen wurde. Bleich, verstort, beynahe ohnmachtig sank er dann zuruck, verschuttete den kostlichen Wein und horte nicht mehr das Rufen der frohlichen Bruder.
"Er dachte an mich!" war dann seine ganze Entschuldigung.
Ein Freund von ihm war namlich in turkische Gefangenschaft gerathen, und erzahlte wirklich mehrere Jahre nachher: dass er durch mannigfaltige Arbeiten am Tage zerstreut, nur des Abends, aber dann mit unbeschreiblicher Sehnsucht, seiner gedacht habe.
So liebste Wilhelmine war mir in R... "Lass ab! lass ab!" rief manchmal der Freund des turkischen Gefangenen. Lass ab! Lass ab! meine Wilhelmine! hatte auch ich manchmal rufen mogen. Aber, nicht wahr? jetzt denkst Du ruhiger an mich? ziehst mich nicht mehr so schmerzhaft zu Dir hinuber? Ja! ich fuhle es an meinem erleichterten Herzen, wir sehen uns wieder meine Wilhelmine! wir sehen uns wieder!
Vier und vierzigster Brief
Wilhelmine an Reinhold
Ob der General meinen Brief gelesen hat ja wohl! mir einerley! Nur Schade, dass er nicht ein wenig mehr fur ihn eingerichtet war. Will es mir merken. Ist er so sehr fur diese heimlichen Naschereyen; wie viel heilsame Pulverchen lassen sich da beybringen.
Ob er aber auch Juliens Antworten liest? Das ware nun freilich eine ganz eigne Sache. Hier zum Beyspiel, sehen Sie einmal diese Briefe. Wie mogen ihm wohl die Traume, wie mag ihm wohl das Lass ab! lass ab! gefallen? Ob er es auch, wie Julie, auf mich; oder was ein wenig naturlicher ware, auf gewisse Bergbewohner1 deutet? Seit der plotzlichen Abreise mogen ihm diese Leute wohl ziemlich zu schaffen machen. In der Angst scheint er sie ganz vergessen zu haben.
Ja! ja! da herum stehn die Saaten verzweifelt schlecht. Noch ein wenig schlechter als ich es vor geraumer Zeit verkundigte. Bey andern Orakeln dankt man dem Himmel, wenn sie nur so halb und halb erfullet werden. Bey den meinigen giebt es immer ein gerutteltes und geschutteltes Maass.
Finde ich nur erst einen bequemen Ort; der Dreyfuss und die Pythia ist fertig. Dann konnen Sie sich wegen der Hauser und Scheuren gerade an mich wenden. Mit, und ohne Wetterwolken; ich prophezeihe frisch aus dem Stegreife.
Funf und vierzigster Brief
Reinhold an Wilhelmine
Die Prophetin scheint, wie alle ubermenschliche Wesen, schwachliche Empfindungen und besonders das Mitleid zu verachten. Aber ubermenschlich oder nicht; man ist nicht immer sicher vor dem was man verachtet. Unsrer Prophetin geht es vielleicht trotz aller Schadenfreude wie Uneingeweihte es nennen mogten nicht besser. Die Wetterwolken sind ihr sehr wahrscheinlich noch furchterlicher als mir.
Ohne Bilder! Meine Freundin scheint sie nicht zu lieben. Hier sind die Briefe zuruck. Wenn ich Ihnen dafur danke; so danke ich fur Schmerz und Freude zugleich. Beydes habe ich im hohen Grade empfunden. Ich begreife, ich entschuldige jetzt alles. Ja fur dieses himmlische Herz giebt es freylich keinen Ersatz. Der Erste, der Einzige darin seyn wollen; ach es ist ein schoner, es ist ein sehr menschlicher Wunsch! Ware ich an Oliviers Stelle, wer wusste wozu er mich bringen konnte. Wahrscheinlich zu Vielem, was ich tadeln und doch nicht unterlassen wurde.
Meister Ubaldo hat mir ein Lacheln abgezwungen. Armer Olivier; wofern Deine Oberaufseher nicht blind und taub sind; so steht es sehr schlimm mit der Aufsicht.
Sechs und vierzigster Brief
Olivier an Reinhold
Der Konig mag bald kommen; sonst muss er sich andre Wirthe suchen. Ob er glaubt, ich konne mich nicht losreissen? Mehr als einmal habe ich ihm den Dienst aufgekundigt. Immer hat er mich durch allerley Ranke wieder hineingezogen.
Hatte ich nur meine Guther verkauft, noch morgen gienge ich aus dem verwunschten Lande. Das allein halt mich zuruck. Nicht die abgeschmackte Puppe, der Ruhm, womit er mich vormals gelockt hat.
Von ihr verlassen, bin ich nun dem Wahnsinn des unbandigen jungen Menschen ausgesetzt. An ihm sehe ich, was aus mir werden wurde, wenn ich sie nicht mehr hatte.
Erklaren soll ich ihm: wie diese Trennung moglich war? entdecken soll ich: wo sie ist? Er will sie nicht sehen; aber bewachen, beschutzen will er sie. "Von uns entfernt, droht ihr Gefahr. Der Konig, tausend Andre konnen sie rauben. Sie ist schon geraubt, und ich, ich habe es zu verantworten."
"Was kummert mich der Dienst und der Konig! rief er Mogt Ihr doch Standrecht uber mich halten! Ich gehe davon und suche sie auf!"
Kein andrer Rath; ich musste ihn arretiren lassen. Es hat mich Uberwindung gekostet; aber bis der Konig da ist, muss es so bleiben.
Bin ich etwa glucklicher? Um den leisesten Verdacht zu entfernen, habe ich seit acht Tagen jeder Nachricht von ihr entsagt. Meine Vertrautesten ahnen nicht wo sie ist, und sollen es nicht ahnen.
So wie ich sie nicht sehe, bekomme ich meine Festigkeit wieder, bin hart wo ich es seyn muss, und gefasst mit dem Schicksale in die Schranken zu treten; falle auf dem Wege Freund, oder Feind.
Und so muss es auch seyn. Auf welche Weise ich sie erworben haben mogte; sie ist mein Eigenthum. Wer sich daran wagt, mag es mit mir versuchen.
Sieben und vierzigster Brief
Wilhelmine an Julie
Ich habe sie gesehen. Das war eine Freude! Ich dachte sie mir warum weiss ich selbst nicht wie ein altes kraftloses Mutterchen, und fand eine angenehme, lebhafte aber freylich, trotz den Spuren grosser Schonheit, nicht auf nordische Art, roth und weiss bluhende Frau.
Im vierzehnten Jahre wurde sie verheyrathet, Antonelli ist drey und zwanzig; jetzt kannst Du zusammen rechnen.
Sie hat Dein Gemahlde, und betet alle Tage fur Dich. Eine Deutsche kannst Du nicht seyn; das ist ihr nicht auszureden. Schon mehr als ein paar Dutzend Heiligenbilder hat sie mit Dir verglichen. Von der Einen hast Du die Stirn, von der Andern die Augen, von der Dritten, Vierten, Funften, die Nase, den Mund, das Kinn u.s.w. Wohl bemerkt! unter diesen Allen keine Einzige Deutsche. Ohne Zweifel aber sammtlich Deine Frau Muhmen, Basen, Urgrossmutter im hundert und funfzigsten, sechzigsten Gliede. Ach Gott! wer sich doch auch einer solchen Familie ruhmen konnte!
Ja, hat es mich jemals geschmerzt, aus keinem heiligen Blute entsprossen zu seyn; so ist es gerade jetzt. In allem konnte ich mit dieser liebenswurdigen Frau sympathisiren; nur die fatale Heiligenfamilie kommt immer dazwischen.
Gott weiss wie es zugeht! Sie selbst hat doch so gar nichts Heiliges. Nennt alle Dinge bey ihren Nahmen, liebt und hasst so sudlich, so unheilig wie moglich. Allen Rosenkranzen und Heiligenbildern unbeschadet.
Indessen ist doch die Gluckseeligkeit dieser Auserwahlten nicht ohne Wechsel. Auch sie haben ihre Sonnen- und Regentage. Ja manchmal konnten sie den ersten, besten Unheiligen beneiden.
Signora Antonelli's Schutzpatron, hat es zwar, im Ganzen genommen, recht gut. Aber ich weiss mich gleichwohl der Zeiten zu erinnern, wo er, statt vier Wachskerzen nur zwey, ja wenn er sich um Briefe von dem geliebten Sohne zu lange bitten liess, wohl gar keine erhielt.
Die Schutzpatrone der Koche, Schiffer und Fuhrleute haben es viel schlimmer. Stosse, Schlage, die argsten Schimpfnahmen mussen sie sich gefallen lassen, wenn sie die Bitten ihrer Glaubigen vergessen, oder zu saumseelig erfullen.
Bey dem allen hat aber ein solcher Schutzgott fur den Besitzer sehr viel Angenehmes. Ich wenigstens lasse mir einen machen, und zwar nach dem Modelle eines jungen Bauers hier in der Nahe.
Jeden Abend tragt er seine alte Mutter in die Kuhle, unter ein Laubdach, was er gerade meinem Fenster gegenuber aufgeschlagen hat. Die Art, wie er ihr Lager bereitet, die Zweige an einander fugt, Blumen und Fruchte herbeyholt, giebt ihm wirklich etwas Heiliges.
Letzt, als er sie wieder hinaus trug, hatte er zu gleicher Zeit die Fruchte mitgenommen; aber plotzlich stiess er an einen Stein und da lag der Korb und die Fruchte.
Geschwinde lief ich hinunter, sammelte sie wieder in den Korb und brachte sie ihm entgegen. Er nahm sie, sah mich an, konnte mir nichts sagen, ich ihm auch nicht, und so giengen wir langsam von einander.
Als er nun den folgenden Tag wiederkam, fand er schon ein recht hubsches Sopha in der Laube und noch schonere Fruchte als die seinigen. Er blickte nach meinem Fenster, legte die Hand aufs Herz und grusste mich auf eine Art ja, die sich recht gut sehen, aber nicht beschreiben lasst.
Seitdem haben wir nun unsre ganz eigne Zeichensprache. Mir gefallt sie so wohl, dass ich den Augenblick furchte, wo sie sich in Worte verwandeln wird. Auch suche ich ihn so viel als moglich zu entfernen.
Aber unterdessen der junge Heilige draussen mit seiner Mutter beschaftigt war, bin ich in ihrer Wohnung gewesen, und habe mir da verschiedenes gemerkt, was die arme, kranke Frau entbehrte.
Jedesmal nun, wenn er ins Haus tritt, findet er irgend etwas neues. Da kommt er dann gelaufen und peinigt meine Leute: "Sie sollen ihn vorlassen! Es wird zu viel Er kann es nicht tragen" u.s.w. Aber da bin ich nun hart, meine Leute durfen nicht wanken, und er muss mit seiner ganzen Schuldenlast wieder zuruck.
Nun, wie gefallt Dir mein Heiliger? Soll ich Dir eine Kopey machen lassen? oder willst Du lieber den von Signora Antonelli haben? Er gleicht ihrem Sohne, wie ein Tropfen Wasser dem andern.
Acht und vierzigster Brief
Olivier an Reinhold
Der Konig ist hier, und Antonelli ist fort. Kaum war er des Arrests entlassen und dem Konige vorgestellt; so bat er um seinen Abschied. Bat? sage ich trotzte, und zwar so arg; dass ihn der Konig in volligem Unwillen entliess.
Er findet sie nicht, das ist gewiss; und doch bin ich auf der Folter. Durch einige absichtliche Nachlassigkeiten habe ich ihn auf ganz andere Wege zu leiten gesucht. Er findet sie nicht, er kann sie nicht finden. Auch ist Ubaldo eben so behutsam, ja noch behutsamer, als ich.
Volle acht, ja vielleicht zwolf, vierzehn Tage soll ich nun diese Marter so dulden. Muss taglich auf neue Feste und andere Spielereyen denken. Die herrliche Frau, die Konigin, ist noch das Einzige was mich trostet. Scheinbar glaubt sie alles, was ich ihr von Juliens Reise zu der Freundin erzahle; aber fuhlt sie, dass es meinem gepressten Herzen Noth thut, verstanden zu werden, o so versteht, so theilt sie alles, was ich ihr nimmermehr sagen mogte.
Die Gewalt dieser Frau uber sich selbst, geht in das Unbegreifliche. Nach allen Schrecklichkeiten die sie erleben musste, mit welcher Schonung sie ihn behandelt! Nein! ich war ein roher, verwahrloster Mensch; aber so vieler Liebe, so vieler Geistesgrosse konnte ich nicht widerstehn.
Freylich, es ist wahr, diese ausserordentliche Klugheit ich konnte sie doch nicht an der Einzigen ertragen. Ach die hohe gottliche Einfalt ihres Herzens! beynahe glaube ich: sie ist mir noch reizender, als ihre Schonheit. Sich selbst kann sie tauschen; Andre nimmermehr. Nein! nein! wenn ich ihr jemals untreu wurde; mogte sie mich dann verabscheuen, mich verstossen: ich wollte es lieber, als diese Schonung.
Auch kann es der Konig nicht bergen, wie klein er sich fuhlt, in der Nahe dieser wahrhaft grossen Frau. Denn gross ist sie; mangelt ihr auch die unendliche Liebenswurdigkeit der Einzigen. Ach meiner Einzigen Ich Uberglucklicher! ist es moglich dass ich sie besitze? dass sie mein bleiben wird? Ich darf dem Gedanken nicht nachhangen! Todesangst uberfallt mich. Nein! nein! er wird, er kann sie nicht finden!
Neun und vierzigster Brief
Reinhold an Wilhelmine
Diesen Brief, bestes Fraulein! ich kann ihn wahrlich nicht abschicken. Wozu die Anspielung auf Antonelli? Glauben Sie, mein unglucklicher Freund leide ohnehin nicht genug? Er wurde den Brief zuruckbehalten, und wahrscheinlich thate ich an seiner Stelle dasselbe.
Wir konnen ja nicht bessern, warum sollen wir verschlimmern? Wenn die Erbitterung des Generals aufs hochste steigt; wird Ihre Freundin dann glucklicher? Ich bitte Sie das zu bedenken, und Juliens Ruhe nicht Ihrem Unwillen zu opfern. Gerecht, oder ungerecht; darauf kommt es ja nicht mehr an. Noch einmal! wir konnen nicht bessern, warum wollen wir verschlimmern?
Nein, mag Fraulein Wilhelmine den langweiligen Prediger auch schelten wahrlich sie ist ein wenig zu muthwillig. Die Heiligenbilder gebe ich ihr preis; aber meine Freunde sollte sie schonen. Ich glaube sogar, es bedurfe dazu keiner andern Ursach, als dass sie meine Freunde sind. Sie versicherte mich einst ihrer Achtung muss ich nun glauben, sie habe meiner gespottet.
Funfzigster Brief
Wilhelmine an Reinhold
Sie schicken meinen Brief zuruck? Gut! ich werde mir schon helfen. Sie klagen uber Muthwillen? Der Ernst gefallt Ihnen besser. O wie Sie wollen! ich kann auch ernsthaft seyn.
Und so sage ich Ihnen denn: dass ich Sie sehr ernsthaft schatze, dass ich aber die Gefangenschaft meiner Freundin nennen sie es anders, wenn sie konnen mit allem Unwillen, dessen ich fahig bin, verabscheue.
Sind es Ihre Freunde, die mein Liebstes auf der Welt so schandlich misshandeln; da bedauere ich Sie um dieser Freunde willen. Aber billiger Weise konnte ich nun auch einmal fragen: warum es Ihnen denn gar nicht einfallt mich zu bedauern? Weil ich muthwillig bin? Also haben Sie noch nicht gehort, dass oft der tiefste Schmerz sich hinter Muthwillen versteckt?
Doch mein Muthwille und meine Geduld ist zu Ende. Ich werde andre Maassregeln ergreifen, und glaube Niemandem mehr Rechenschaft geben zu mussen.
Ein und funfzigster Brief
Olivier an Reinhold
Er ist krank, oder will es scheinen, um mich aufs Ausserste zu bringen.
Die Konigin zwingt sich wieder daran zu glauben und erschopft alles, was der sorgsamsten Liebe nur moglich ist.
Ich aber kann mich des Gedankens nicht erwehren: es sind Tucke, er will nur meine Geduld ermuden, ich soll Julie wiederkommen lassen, und dann glaubt er, werden seine und seiner Hofschranzen Ranke das Ubrige thun.
Wie mich seine susslichen Schmeicheleyen anekeln! Welche Quaal! das Geschmeiss den ganzen langen Tag so dulden zu mussen. Er hatte nichts Besseres ersinnen konnen, um mein bischen Ruhe ganz zu zerstoren, um mich dem Wahnsinne so nahe als moglich zu bringen.
Was macht sie die Einzige, unaussprechlich Geliebte! Ein Blick aus ihrem Himmelauge wurde das unbandige Klopfen dieses zerrissenen Herzens mildern. Kann ich sie denn nicht einmal, nicht ein einzigesmal sehen! Ach! da uberfallt mich die Todesangst: sie mogte entdeckt werden.
Meinen Verstand erhalte mir, o Gott! dass ich der Leidenschaft nicht erliege, dass ich dieses kostbare Kleinod, fur das die Welt keinen Ersatz hat, dass ich es nicht preis gebe den tuckischen Mordern, die nach meinem Herzen zielen.
Nein, ich will entsagen, fur eine kurze Zeit entsagen, und dann will ich kommen mit aller, aller meiner Liebe, die sie nicht kennt, die ich selbst noch nicht kannte. Um dieser unendlichen Leidenschaft willen muss sie mich lieben, kann sie nie einem Andern gehoren.
Zwey und funfzigster Brief
Julie an Wilhelmine
So bin ich denn schon von allem was ich liebte geschieden! Ubaldo redet nur durch Blicke, die ich nicht verstehen mag. Die Madchen zittern und schweigen, mein Mann schweigt, Du, von der ich Verzeihung, Versicherung Deiner wiederkehrenden Liebe hoffte, Du schweigst auch. So schweigt denn alles! ist alles fur mich todt. Ach Gott! so schauderhaft muss die Meeresstille seyn vor einem Sturme.
Wird man mich diesem Menschen uberlassen? Ist er es allein, den ich furchte; oder was ist es sonst? Der susse Friede ist von mir gewichen. Eine leidenschaftliche Unruhe, eine Bangigkeit verfolgt mich. O Gott! was habe ich gethan? was steht mir bevor?
Habe Dank, Unglucklicher! du hast meinen Schmerz in Wehmuth aufgelost. Ich kann weinen. Ach lange habe ich nichts seelenerschutterndes gehort.
Da war ein Mensch an der Pforte und verlangte durch Zeichen, eingelassen zu werden. Ubaldo fuhr hart gegen ihn heraus. Aber nun stimmte er auf seiner Klarinette ein Adagio an, das alles, was auf dem Hofe war, herbeylockte und endlich den harten Oberaufseher uberwaltigte. Ich selbst stand unbeweglich am Fenster und horchte auf die schon verbundenen Tone.
Die Gestalt des fremden Mannes zeugte von dem aussersten Elende. Er war mit Lumpen bedeckt, und hatte ein grosses Pflaster uber dem einen Auge. Seine Sprache war so unverstandlich, dass Ubaldo erst mit vielem Hin- und Herreden, die Bitte um ein Nachtlager, begreifen konnte. Nach mancherley Schwierigkeiten ward es ihm endlich zugestanden. Die Musik hatte aller Herzen fur ihn gewonnen.
(Am folgenden Tage.)
Der Fremde ist noch hier. Ubaldo, bis zur Narrheit in sein Instrument verliebt, hat sich bey ihm in die Lehre gegeben. Es ist wahr, der sonderbare Mensch spielt zum Entzucken. Mir ist es unbegreiflich, wie er bey so ausserordentlicher Geschicklichkeit, in dieses Elend gerathen konnte. Ubaldo hat mir verschiedenes von seinen uberstandenen Abentheuern mitgetheilt. Aber das alles ist so romanhaft und zum Theil so unzusammenhangend, dass man, wie Ubaldo, schon ganz und gar eingenommen seyn muss, um es zu glauben. Sollte er von meinem Manne abgeschickt sollte Ubaldo verdachtig geworden seyn? Gott gebe es! dann wurde ich von diesem, mir jetzt so widrigen Menschen befreyt werden.
Wenn er meine Briefe unterschluge! Wenn diess die Ursache Deines, meines Mannes Stillschweigens ware. O warum bin ich denn so ganz ohne Rath und ohne Schutz! Warum kommt mein Mann nicht? Schon nach acht Tagen wollte er mich abholen.
Sollte er krank seyn? Sollte Ubaldo es verheelen? O Gott! O Gott! in der Gewalt dieses Menschen! Keiner von Euch weiss wo ich bin. Ich selbst kenne nicht einmal den eigentlichen Nahmen dieses Guthes. Welche Angst uberfallt mich! Ach Niemand kann mir helfen! ich selbst muss mich retten.
Wenn ich dem Fremden diesen Brief ubergabe Wenn ich ihn flehentlich bate Er hat ein menschliches Herz; das verrath sein Instrument.
Ach ich Ungluckliche! einem Landstreicher mich anvertrauen! der vielleicht mit Ubaldo im genauesten Verstandnisse, auf nichts als niedrige Ranke bedacht ist.
Es wird dunkel um mich her! Wer rettet mich aus dieser Finsterniss!
Drey und funfzigster Brief
Julie an Wilhelmine
Da liegt der Brief! Ich habe ihn gesiegelt; aber noch weiss ich nicht, wie er in Deine Hande kommen soll.
Wenn ich nun gerade an meinen Mann schriebe sollte sich der tuckische Mensch wirklich unterstehn, den Brief zuruckzubehalten? Aber, wenn er, seiner Schuld sich bewusst, ihn erbricht sieht, dass ich ihn anklage, ihn anklagen muss O Gott! was soll ich thun?
Der ungluckliche Fremde scheint mich sprechen zu wollen. Sollte es eine Warnung, ein Wink zu meiner Rettung seyn? Nein, er ist kein boser Mensch! das sagt mir mein Herz. Er will mir wohl, darauf konnte ich sterben. Ich kann mich ihm anvertrauen. Ja gewiss! ich kann es thun. Voll Unruhe trat ich an mein Klavier. Alceste lag auf dem Pulte. Ohne an die Musik zu denken, spielte ich einige Blatter nach einander weg, und kam endlich an die herrliche Stelle: "noch lebt Admet in deinem Herzen." Wahrscheinlich wurde ich sie eben so sinnlos abgespielt haben; ware der Fremde nicht in dem Augenblicke mit seiner Klarinette eingefallen.
Wie spielte er! Mit einem Thranenstrome eilte ich zum Fenster. Er muss gesehen haben, dass ich weinte. Ich war ausser mir. Nein, es ist unmoglich diesem Instrumente mehr Seele einzuhauchen. Gewiss er hat unglucklich geliebt. O da ist mehr als Kunst! man fuhlt es an seinem eignen Herzen.
Ich bin entschlossen! ich entdecke mich ihm. Nein! ein Mann der liebt, der unglucklich liebt, ist wenigstens in dieser Zeit kein boser Mensch.
Vier und funfzigster Brief
Julie an Wilhelmine
O was habe ich gethan, dass ich so unglucklich bin! Ich glaubte mich zu retten; und bin trostloser als jemals. Ware ich bey Dir meine Wilhelmine! ware ich bey Dir! Ich furchte meinen Mann. Wer rettet mich! Er ist es! er selbst! Antonelli! Ach das habe ich nicht gewusst! Daran habe ich nicht gedacht. Es hat mich todtlich erschuttert.
Sehr, sehr hat er mich geliebt! und ich? o ich entfliehe! Entdeckt ihn mein Mann; er ist verlohren! Ich kann Dir nicht erzahlen. Dieser Brief er kommt doch nicht in Deine Hande. Ich musste ihn selbst bringen. Ich schreibe nur um mich zu fassen, um mir selbst deutlich zu machen, was ich denke.
Lange war ich so todtlich betaubt, dass mir alles nur wie ein dunkler Traum erschien. Wie er da vor mich hinsturzte, die Kleider von sich riss, schwur: es solle ihn kein Wesen mehr von mir trennen, er kenne die Furcht nicht mehr, Allem sey er bereit zu widerstehen. O Gott! in seinen Armen war ich! an sein Herz hat er mich gedruckt! mein Mund brennt noch von seinen Kussen! Ich bin verlohren! ich bin verlohren!
Funf und funfzigster Brief
Olivier an Reinhold
Nein, Mutter-Thranen, die trage ich nicht! Er ist dahin! Ja! Antonelli! Ich habe ihn getodtet. Warum wollte er tuckisch mein Eigenthum rauben? Ein Herz, fur das ich tausend Leben gegeben haben wurde. O dieses Herz! nun ist es auch dahin! Ich kann das Leben nicht tragen.
Komm schnell. Schreibe Wilhelminen. Ich gehe mit dem Konige. Ich will Dich noch sehen. Komm ohne Verzug. Ich reise.
***
Er gieng in die Schlacht, und eine Kugel brachte sein ungluckliches Herz zur Ruhe. Julie ward von Wilhelminen und Reinholden schnell aus dem Trauerhause weggefuhrt. Nach einigen Jahren sah sie ihre Freundin mit dem edlen jungen Landmann verbunden, der schon lange Wilhelminens Herz besessen hatte. Sie selbst konnte sich zu keiner zweyten Verbindung entschliessen. Jedesmal, wenn ihre Freunde davon sprachen, suchte Reinhold die Einsamkeit; sie aber blickte lachelnd gen Himmel.
Fussnoten
1 Antonelli