1801_Schlegel_086 Topic 1

Dorothea Schlegel

Florentin

Vom Herausgeber

Gern flieht der Geist vom kleinlichen Gewuhle

Der Welt, wo Albernheiten ernsthaft thronen,

Auf zu des Scherzes heitern Regionen,

Verhullt in sich die heiligsten Gefuhle:

Umweht ihn einmal Ather leicht und kuhle,

So kann er nimmer wieder unten wohnen;

Und schnell wird jenen Scherz der Ernst belohnen,

Dass er sich neu im eignen Bilde fuhle.

Die Wunsche die dich hin zur Dichtung ziehen,

Der frohe Ernst in den du da versankest,

Das sei dein eigen still verborgnes Leben;

Was du gedichtet, um ihr zu entfliehen,

Das musst du, weil du ihr allein es dankest,

Der Welt zum Scheine scherzend wiedergeben.

Lass edlen Mut den weissen Altar grunden,

Hoch Phantasie in Purpurflammen wehen,

Und Liebe wirst du bald im Zentrum sehen,

Wo grun die Feuersaulen sich entzunden;

Durch braune Locken wird sich Myrte winden,

Der Freund mit goldnen Fruchten vor dir stehen,

Die Kinder dann in Blumen zu dir gehen,

Mit Ros' und Lorbeer dich die Schwester binden.

Es war der alten Maler gute Sitte,

Des Bildes Sinn mit einem Strich zu sagen,

Der den Akkord der Farben drunter schriebe;

So mag auch dieses Bild es kuhnlich wagen,

Zu deuten auf der Dichtung innre Mitte,

In Farben spielend um die susse Liebe.

Erstes Kapitel

Es war an einem der ersten schonen Fruhlingsmorgen. Allenthalben, auf Feldern, auf Wiesen und im Wald, waren noch Spuren des vergangnen Winters sichtbar, und der Harte, womit er lange gewutet; noch einmal hatte er machtig im Sturm seine Schwingen geschuttelt, aber es war zum letztenmal. Die Wolken waren vertrieben vom Sturm, die Sonne durchgebrochen, und eine laue milde Warme durchstromte die Luft. Junge Grasspitzen drangten sich hervor, Veilchen und susse Schlusselblumen erhoben furchtsam ihre Kopfchen, die Erde war der Fesseln entledigt, und feierte ihren Vermahlungstag.

Mutig trabte ein Reisender den Hugel herauf. Vertieft im Genuss der ihn umgebenden Herrlichkeit und in Phantasien, die ihn bald vorbald ruckwarts rissen, hatte er den rechten Weg verfehlt, und nun sah er sich auf einmal vor einem Walde, den er durchreiten musste, wenn er nicht gerade wieder umkehren und zuruckreiten wollte; ein andrer Weg war nicht zu finden. Er war lange zweifelhaft.

"Jetzt wieder umkehren ware ein unnutzes Stuck Arbeit. Ware ich etwa umsonst hierher geraten? In diesen Wald kam ich ungefahr auf eben die Weise wie ins Leben... wahrscheinlich habe ich im ganzen auch des Weges verfehlt. Und wie? wenn mir auch hier wie dort die Ruckkehr unmoglich ware?... Sei meine Reise wie mein Leben und wie die ganze Natur, unaufhaltsam vorwarts!... Was mir nur begegnen wird auf dieser Lebensreise, oder diesem Reiseleben?... Ich ruhme mich, ein freier Mensch zu sein, und dieser Sonnenschein, dieses laue Umfangen, die jungen Knospen, das Erwarten der Dinge, die mich umgeben, ist schuld, dass auch ich erwarte... und was?... War ich doch mit allem bunten Spielzeug schon langst Hoffnung und Erwartung entflohen!... Narrisch genug ware es, wenn mich dieser Weg auch endlich an den rechten Ort fuhrte, wie alles Leben zum unvermeidlichen Ziel."

Unter diesen Betrachtungen, und Spott uber sich selbst, ritt er rasch weiter, fuhlte aber endlich sein Pferd ermuden, auch war er selbst durchnasst vom nachtlichen Regen. Er wunschte jetzt, bald irgendein Obdach zu finden, um einige Zeit ausruhen zu konnen. "Hab guten Mut, Schimmel! wir mussen beide weiter; billig ist es aber, dass du es jetzt nicht schlimmer habest als ich." Hiermit sprang er ab, machte Riemen und Schnallen am Sattelzeuge weiter und fuhrte das Pferd hinter sich am Zaum. Der Schimmel wieherte und stampfte, als wollte er Zeichen seiner Zufriedenheit geben. Sein Fuhrer drehte sich zu ihm herum, stand still, legte seine beiden Hande an den Kopf des Pferdes und blickte es ernsthaft an. "Lass dich umarmen, Schimmel", sagte er, "du bist ein konigliches Tier! ein Tier fur Konige! Was fehlt uns beiden, um in der Geschichte verewigt zu werden, du als ein Muster der Treue und Unterwurfigkeit, ich als ein Beispiel von menschenfreundlicher Herablassung, als dass ich einen Thron besasse, und du warest mein Untertan? Gewiss bist du ganz verwundert und froh, und ohne Zweifel fuhlst du dich uberaus glucklich, gerade von mir und von niemand anders bis ans Ende deines treuen Lebens geritten zu werden! Ahndest du etwa, dass ich deine Last bloss deswegen etwas leichter machte, damit du mir nicht vollig unterlagst, und daruber zugrunde gingest, ehe ich dich missen kann? Ich weiss es freilich, aber du sollst es nie erfahren, denn du sollst glucklich sein; du sollst, verlass dich auf meine Wachsamkeit, gewiss nie in dem klugen Glauben gestort werden, dass du in deiner Unvernunft und demutigen Genugsamkeit ein gluckliches Tier bist."

Er liess den Kopf des Schimmels, und stand gedankenvoll eine Weile an ihn gelehnt. Sein Auge schweifte umher, bald beschaute es die ihn noch umgebenden Gegenstande mit dem innigsten Vergnugen, bald drang es mit Sehnsucht in die Ferne. Es gab fur ihn Momente, wo er sich keines druckenden und keines vergangnen Verhaltnisses bewusst war. Ihm war, besonders in der Einsamkeit und im Freien, als hatte er alles, was ihm jemals weh getan, zuruckgelassen, und ginge nun einer heitern Aussicht entgegen. Er konnte sich einbilden, vor einem Augenblicke gestorben und mit dieser bessern Empfindung in ein schoneres Dasein ubergegangen zu sein.

"Welche sehnende, ahndende Hoffnung treibt mich wieder zu euch Menschen? Warum ergebe ich mich denn aufs neue euren unsinnigen Anstalten? Ist es mir denn nicht bekannt, dass ich dessen, was ich bei euch suche, schon langst uberdrussig bin?... Schon ist's hier im Wald! hier mochte ich bleiben,... O hier, hier sollte ich bleiben!... allein?... ach, nicht allein!... mit ihr!... noch hat mein Auge sie nicht gesehn, aber ich kenne sie,... o sie wird alles verlassen, was sie halten will, und hat sie mich gefunden, mir hierher folgen, und hier mit mir der Liebe leben. Lass dich in meine Arme fassen! komm, ruhe hier aus an diesem Herzen, das harte Schlage des Schicksals erlitten hat wie deines; lass mich deine Tranen trocknen, blick um dich. Was du verliessest, war nicht die Welt: Fesseln, enge Mauern, nanntest du das die freie schone Welt?... Schwer hast du getraumt, o erwache, erkenne hier, was du suchtest!..."

Nicht weit von ihm fiel ein Schuss, und bald darauf horte man ein Rufen nach Hulfe. Im Augenblicke hatte er Sattel und Bugel wieder in Ordnung gebracht, seine Traume, des Schimmels Mudigkeit, so wie seine eigne vergessen, sich aufs Pferd geschwungen und nach der Gegend hingespornt, von wo er die Stimme vernahm; er kam auf einen kleinen runden dicht umschlossnen Platz im dicksten Teil des Waldes; hier sprengte ihm hastig ein reichgekleideter Jockei entgegen, der ein gesatteltes Handpferd fuhrte. "Retten Sie meinen gnadigen Herrn!" rief der Knabe. Unser Reisender sah nach der Gegend hin, wo der Knabe mit angstlicher Gebarde hinzeigte, und erblickte einen altlichen Mann, der eben im Begriff war, ein wildes Schwein abzufangen; er sah eben, wie der Mann noch einen Schritt zurucktrat, um sich mit dem Rucken an einen Baum lehnen zu konnen, sah ihn an eine Baumwurzel stossen, rucklings niederfallen, und in der grossten Gefahr, von der gereizten Sau zerfleischt zu werden. Im Moment sprang er vom Pferde und feuerte sein Pistol auf das Tier, wodurch er, ohne es zu treffen, seine ganze Wut auf sich zog: das war seine Absicht. Das erboste Tier kehrte um und rannte auf ihn los, er zog sein Jagdmesser und fing es mit Besonnenheit und Geistesgegenwart auf. Wahrenddessen war der alte Herr aufgestanden, naherte sich dem Reisenden und ergoss sich in Danksagungen und Lob wegen seines Mutes und seiner Geschicklichkeit. Dieser lehnte mit Anstand beides von sich ab, erkundigte sich freundlich, ob der Gefallne keinen Schaden genommen, und da dieser mit Nein antwortete, wandte er sich nach seinem Schimmel, der noch ruhig da stand, wo er ihn gelassen. Der Mann wunderte sich uber die Demut eines sonst so mutig aussehenden Pferdes. "So eifersuchtig ich sonst auch bin, nichts von meinem Gefahrten sagen zu lassen, als was zu seinem Lobe gereicht", erwiderte der Reisende, "so muss ich dennoch gestehen, dass er dieses Mal gezwungen ist, tugendhaft zu sein; das gute Tier ist erschopft von Mudigkeit. Fuhrt der Weg, auf dem ich hier vorbeikam, ganz durch den Wald, und wo fuhrt er hin?" Er hatte sich wahrenddem wieder aufgesetzt, begrusste den alten Herrn und wollte zuruckreiten.

"Ich hoffte, Sie wurden mich nicht so schnell wieder verlassen", sagte der alte Herr. "Sie haben sich das grosste Recht auf meine Dankbarkeit erworben, es wurde mich schmerzen, wenn Sie mir alle Gelegenheit rauben wollten, sie Ihnen zu bezeigen. Fugen Sie zu dem grossen Dienst, den Sie mir leisteten, auch noch den hinzu, sich meiner Familie vorstellen zu lassen. Meine Gemahlin, meine Kinder wurden untrostlich sein, dem Retter meines Lebens nicht ihre Freude bezeigen zu konnen. Komm, mein Sohn!" rief er einem jungen Manne zu, der auf einem Seitenwege zu ihnen heransprengte, vom Pferde sprang und mit besorglicher Freude auf ihn zueilte; "hilf mir diesen Herrn erbitten, dass er sich nicht in so grosser Eile von uns trennt, du verdankst ihm nichts weniger als das Leben deines Vaters." "O mein Vater", rief der junge Mann, "dass ich mich gerade in diesem Moment entfernen musste, mein Gott, Sie waren so nahe... mein Herr", indem er sich zu dem Reisenden wandte, "Sie haben ein kostbares Leben gerettet, verschmahen Sie nicht den Dank einer liebenden Familie anzunehmen, die durch Ihre Hulfe einem schrecklichen Unfall entging." "Es wurde unbescheiden von mir sein", antwortete er, "wenn ich mich langer widersetzte." Der alte Herr bezeigte seine Freude uber diesen Entschluss in vielen hoflichen und verbindlichen Worten, der junge Mann reichte ihm die Hand heruber und sprach einiges, das den Ausdruck der hochsten Empfindung bezeichnete. Der Reisende brachte vollends alles an seinem Zeuge in Ordnung.

Jetzt eilten alle auf demselben Wege fort, auf dem er zuerst gekommen war. "Aber wie ging es eigentlich zu?" fragte der junge Mann, "wie kommen Sie zu dem gefahrlichen Abenteuer, mein Vater?" "Ganz zufallig!" antwortete dieser. "Du weisst, dass der Jager schon seit einigen Tagen angewiesen war, das Lager aufzusuchen, weil die Klagen uber Verwustungen sich taglich mehren; es war aber bis jetzt noch immer nicht geschehen. Zufallig entdeckte ich es, da ich eben einen Vogel aufnehmen wollte, den ich heruntergeschossen. Ich bezeichnete den Ort, um ihn dem Jager anzuzeigen, und ging etwas naher hin zum Lager, weil die Alte nicht dabei war; in dem Augenblick kam sie aber aus dem Dickicht, wo der Schuss sie aufgeschreckt hatte, und gerade auf mich los." Und nun erzahlte er ferner in prachtigen Ausdrucken den ganzen Hergang und was der Fremde so glucklich ausgefuhrt hatte. Der junge Mann suchte sich zu entschuldigen, dass er sich so weit von ihm entfernt; und nun erzahlte auch der Jockei seinen Schrecken, als er Ihre Gnaden hatte fehlschiessen sehen; wie er gleich nach Hulfe gerufen habe, und dem fremden Herrn begegnet sei, und wie auch dieser fehlgeschossen; wie er dann in grosser Angst umhergeritten, um den jungen gnadigen Herrn zu suchen, den er endlich auf dem Berge am Ende des Waldes gefunden, wo die Aussicht nach dem Schlossgarten frei sei.

Wahrend dieser weitlaufigen Erzahlungen, die alle nacheinander gehort wurden, die niemanden etwas Neues lehrten, und wovon doch keiner ein Wort verlieren wollte, und die alle mit den grossten Lobeserhebungen fur den Fremden anfingen und endigten, war dieser still und nahm auf keine Weise Anteil daran.

Man kann doch, dachte er, in der Welt nicht einmal mehr zu seiner Lust, oder weil es einem gerade in den Weg kommt, ein Tier erlegen, oder man muss dann viel Langeweile dafur erleben! Zu seinem Glucke ist der gute Mann gerettet worden: ist es meine Schuld, dass sein Leben an meinem Spiele hing? Den weitlaufigen Dank konnten sie einem grosseren Verdienst aufsparen... Ich hatte die grosste Lust von der Welt, ihnen das mit eben dem Pathos vorzutragen, wie sie einander die wundervolle Begebenheit. Bei Gott! mich machen diese Leute sehr ungeduldig. Der feierliche, umstandliche, hofliche Alte! der empfindsame exaltierte Knabe! Reprasentanten ihrer Zeit und ihres Standes,... wenn ich ihre Portrate zu einer Ahnengallerie zu machen hatte, so malte ich den ersten, wie er mit grosser Devotion ein von Pfeilen durchbohrtes Herz darbringt, und den andern in erhabenen und ruhrenden Betrachtungen vertieft uber ein Buschel Vergissmeinnicht. Es ist das Lacherlichste von der Welt, ausser ich selbst, der ich mich verleiten lasse, ihnen zu folgen, und mich in Prozession aufzufuhren... Was will ich dort? Was ich nun schon hier bis zum Uberdruss anhoren musste, etwa mir von der ganzen Familie wiederholen lassen? Oder bilde ich mir nicht schon wieder ein, ein geheimer Zug im Innern meines Herzens ziehe mich hin?... Ich war mein eigner Narr von jeher.

Der alte Herr unterbrach sein Selbstgesprach. "Der Name eines Mannes", fing er an, "kann uns zwar wenig mehr lehren, als wovon uns der erste Anblick und sein ganzes Benehmen unterrichtet: indessen haben Sie keine Grunde den Ihrigen verschwiegen zu halten, so mochte ich Sie ersuchen, uns damit bekannt zu machen. Mir sind die besten Familien unsers Landes auf eine oder die andre Weise bekannt... so wie ich selbst den meisten nicht unbekannt sein werde"; setzte er mit einer Art von Selbstbewusstsein hinzu. "Mein Name ist Graf Schwarzenberg, ich bin General in Diensten des Kaisers. Dieser junge Mann Eduard von Usingen, ein Sohn meines verstorbenen Freundes, und bald mein geliebter Sohn, Gemahl meiner Tochter." "Ich heisse Florentin." "Der Name war mir bis jetzt nicht bekannt." "Ich bin ein Fremder." "Ihre Bekanntschaft ist mir uberaus wert, ich darf voraussetzen, dass Sie mein Haus als das Ihrige ansehen werden; als Auslander durften Sie einmal sich in dem Fall befinden, Gebrauch davon zu machen." "Ihr Anerbieten", erwiderte Florentin verbindlich, "fordert meine ganze Dankbarkeit; ich wunschte nur dieses Mal schon Gebrauch davon machen zu konnen." "Wieso?" "Ich will meine Reise durch Deutschland abkurzen, und auf dem kurzesten Wege zum nachsten Hafen, wo ich mich nach Amerika einschiffen will, um den englischen Kolonien dort meine Dienste anzubieten." "Nach Amerika?" rief Eduard. "Ihr Vaterland halt Sie nicht?" fragte der Graf. "Wo ist mein Vaterland?" rief jener in wehmutig bitterm Ton; gleich darauf halb scherzhaft: "So weit mich mein Gedachtnis zurucktragt, war ich eine Waise und ein Fremdling auf Erden, und so denke ich das Land mein Vaterland zu benennen, wo ich zuerst mich werde Vater nennen horen." Er schwieg, und sein Blick senkte sich trube und ernst.

Bescheiden drang der andre nicht weiter in ihn, und unter Gesprachen verschiednen Inhalts, die bedeutend genug waren, gegenseitig ihre Begierde zu naherer Bekanntschaft zu reizen, langten sie im Park an, der durch eine blosse Weissdornhecke vom Walde getrennt war; sie uberliessen hier ihre Pferde dem Knaben. "Meine Gemahlin", sagte der Graf, "hat durch diese Hecke einen Teil des Waldes als Park erklart, oder zur Freistatt fur die Hirsche und Rehe, die, vom Jager verfolgt, sich hierher retten; denn hier darf weder der Huf eines Pferdes, noch das Anschlagen der Hunde oder ein Schuss gehort werden. Allenfalls lasst sie sich ein frohliches Jagerstuckchen gefallen, damit sie mich bei meiner Zuruckkunft von fern hore."

Sie gingen den Weg gerade durch den Park auf das grosse hohe Schloss zu, das in den Zeiten der alten Ritter erbaut zu sein schien, uber eine Zugbrucke durch einen grossen Vorhof, wo ihnen am Gitter zwei Frauen entgegen kamen: ein Madchen von ausserordentlicher Schonheit zwischen funfzehn und sechzehn Jahren, und die andre eine ebenfalls sehr schone Frau, die ihre Mutter zu sein schien. Florentin gewann Frohlichkeit und Zutrauen beim Anblick der beiden Schonheiten, die ihm der Graf als seine Gemahlin und seine alteste Tochter vorstellte.

"Du lassest uns lange warten heute!" rief die Grafin ihnen entgegen. "Dafur meine Liebe, wird dir ein werter Gast zugefuhrt. Heisse Herrn Florentin bei dir willkommen. Und unsre Kleinen? sie werden ja wohl nicht weit sein?" "Sie erwarten noch immer im Garten des Vaters Ankunft. Therese war mit einer langen Kette von Blumenstengeln beschaftigt, mit der sie dich festmachen will, damit du nicht immer von ihr gehest." "Du siehst mich nun wieder, meine Liebe, unverletzt und am Leben, (es hatte leicht anders sein konnen,) und du ahndest nicht, wem du es verdankest?" "Nachst der Gute Gottes, meinem Gebete und deiner Tapferkeit wusste ich nicht" "Verdankst du es dem jungen Helden hier; komm, ich erzahle dir hernach alles umstandlich." "Sein Sie mir noch einmal und herzlich willkommen!" sagte die Grafin, und reichte dem Fremden freudig die Hand, die er kusste. Wahrenddem war auch Juliane wieder naher gekommen, die sich nach der ersten Begrussung einige Schritte mit Eduard entfernt hatte, der ihr lebhaft etwas erzahlte, und dem sie, soviel Florentin wahrnehmen konnte, mit Teilnahme zuhorte. Jetzt ging sie auf ihn zu: "Unser guter Engel fuhrte Sie auf diesen Weg!" flusterte sie leise und schuchtern errotend.

Eben kamen die Kinder aus dem Garten herzugesprungen, zwei Knaben und ein Madchen; der Larm, das Getummel und Schakern ward allgemein. Die Kleinen umwanden den Vater mit ihren Ketten und zogen ihn mit ihren Handchen zur Treppe. Der Alte gab sich dem Mutwillen der Kinder ganz hin, und die andern folgten. Es kamen noch einige Hausgenossen hinzu, und man ging zur Tafel.

Florentin fuhlte sich leicht und wohl bei der allgemeinen Heiterkeit und der gutmutigen Laune, die durch nichts unterbrochen ward. Man begegnete ihm wie einem langst Bekannten, wie einem Hausgenossen. Die Unbefangenheit der Frauen bei seinem Empfang, die wenigen bedeutenden Worte, der herzliche Ton, der Blick von dem sie begleitet waren, hatten ihn leichter zu bleiben bewogen, als die dankbaren Einladungen der Manner. Auch musste das offne, zutrauliche, arglose Benehmen der Eltern, Kinder, Geschwister, Hausgenossen, Domestiken gegeneinander wohl jeden Zwang und jedes Misstrauen verscheuchen. Nicht leicht konnte man eine Familie finden, in der so wie in dieser jedes Verhaltnis zugleich so rein und so gebildet sich erhielt, die ganz durch einen gemeinschaftlichen Geist belebt zu sein schien, indem jeder einzelne zugleich seinem eignen Werte treu blieb. Hier zum erstenmal bemerkte Florentin die wahre innige Liebe der Kinder zu den Eltern, und die Achtung der Eltern fur die Rechte ihrer Kinder. Keiner verleugnete sich selbst, um dem andern zu gefallen, es bestand alles vollkommen gut nebeneinander. Ebenso stimmte alles Aussere zusammen. Allenthalben blickte durch die glanzende etwas antike Pracht die Bequemlichkeit und Eleganz anmutig durch: gleichsam der ernste Wille des Herrn, durch die gefalligere Neigung der Hausfrau gemildert. Ein allgemeines Wohlsein war ringsum verbreitet, eine gewisse Reichlichkeit und unbesorgte Ordnung. Nichts von dem Sparlichen neben der sinnlosen Verschwendung, was man so oft wahrnimmt, wo einseitiges Bestreben nach einem erzwungenen Glanze das ubrige armselig erscheinen macht.

Jetzt betrachtete Florentin auch die Schonheit der beiden Frauen mit grosser Bewunderung. Julianens Gesicht gehorte nicht zu den regelmassigen Schonheiten, die man anstaunt, aber deren Mangel an Lebhaftigkeit kalt lasst: das feine Spiel der sprechenden Zuge, die so sichtbar alles abspiegelten, was in ihrer Seele vorging, war unwiderstehlich anziehend und liebenswurdig. Sie war im vollkommensten Ebenmass gebaut, obgleich nicht sehr gross; ein wahrer Reichtum an lichtbraunen Haaren umfloss in vielen Locken und Flechten das schongeformte Kopfchen und den weissen Nacken; an den aufbluhenden Busen schloss sich in weichen Umrissen der schlanke Hals, der oft mit anmutiger Schalkhaftigkeit sich seitwarts neigte, und dann sich wieder frei und stolz erhob. Eine bluhende Farbe, ein schongeformter Arm, eine langlichte Hand, durch deren Weisse die Adern blaulich hindurch spielten, zarte Finger, die sich in ein fein getuschtes Rot endigten; der helle und doch biegsame Ton ihrer Stimme; der kleine Eigensinn in den nah zusammenstehenden Augenbrauen und in dem etwas aufgeworfnen Munde; die Anmut im Spiel der leicht entstehenden und verschwindenden Grubchen in Wange und Kinn; grosse dunkelblaue Augen, die bald voll Seele und frohem Leben blitzten, bald tranenschwer, wie taubenetzte Veilchen sich unter die langen seidnen Wimpern senkten, bald mit kindlicher Unbefangenheit vertrauend in ein andres Auge schauten, bald mit grosser, beinah zuruckschreckender Hoheit um sich her schauen konnten; besonders das Feine, Zarte und doch Entschiedne und Mutwillige, gleichsam Durchsichtige, woraus ihr ganzes Wesen geformt zu sein schien: alles das waren ebenso viele Bezauberungen, von deren vereinigter Macht Florentin nicht ungeruhrt bleiben konnte. Auffallend war es ihm, wie ihr Bau und ihre Reize bei der beinah noch kindlichen Jugend doch schon so vollkommen aufgebluht prangten; dieses Wunder glich einem Werk der Liebe, an deren Hauch sich diese junge Knospe eben zu entfalten schien.

Auch Eleonore war eine sehr schone Frau. Ihn dunkte, wie er ihre hohe, etwas reichliche Gestalt erblickte, uber die der Ausdruck der Milde, der innern frohlichen Ruhe, der mutterlichen Liebe und des Segens verbreitet war, als sahe er ein Bild der wohltatigen Ceres: alles an ihr, sogar die runden Hande trugen das Geprage dieses Charakters. In ihre schonen blauen Augen sah man wie in einen wolkenlosen Himmel, die blendend weisse Stirn umgaben freundlich blonde Haare in kleinen Ringeln; man konnte sie nicht ansehen, ohne vergnugt zu werden, und jedes Leiden lachelte sie trostend aus der Menschen Brust.

Wer sich nach dieser vielleicht etwas zu ausfuhrlichen Beschreibung ein deutliches Bild der beiden schonen Frauen machen kann, wird es nicht unnaturlich von Florentin finden, dass er seine Reise und seinen Plan etwas weiter hinausschob, und recht gern die Einladung des Grafen annahm, noch einige Zeit bis nach dem Hochzeitfeste bei ihnen zu verweilen. Es war ihm jetzt schauderhaft, an seine Einsamkeit zu denken, die ihm vor wenig Stunden noch so lieb war. Hatte er auch seinem ersten Vorsatz treubleiben wollen, der Einladung der wohlwollenden Eleonore, und dem schmeichelnden Blick Julianens war nicht zu widerstehen, und so versprach er zu bleiben.

Nach der Tafel wurden einige schone Pferde vorgeritten, Florentin lobte sie, und der Graf freute sich, einen Kenner in ihm zu finden. Die Grafin fuhrte sie nun nach dem Park, wo sie ihnen einige neue Anlagen zeigte, die unter ihrer Aufsicht gemacht wurden. Man ging auf dem Ruckwege durch das grosse schone Dorf am Fusse des Hugels, worauf das Schloss lag. Auch hier verbreitete Wohlhabenheit und Reichtum sich wie Segen vom Himmel herab. Voll Ehrerbietung, ohne Furcht und ohne knechtische Erniedrigung wurden sie von den Landleuten, die ihnen begegneten, begrusst. Gesundheit und Vergnuglichkeit leuchtete auf jedem Gesicht, Ordnung und Reinlichkeit glanzte ihnen aus jedem Hause entgegen. Schone frohliche Kinder tanzten auf dem Rasenplatze im Schein der untergehenden Sonne; dem Fremdlinge ward das Herz gross, ihm war, als fande er hier die goldne Zeit, die er auf ewig entflohen geglaubt.

Man kam aufs Schloss zuruck, nachdem sie im Vorbeigehen die schonen weitlauftigen Wirtschaftsgebaude und einige innere Einrichtungen besehen hatten. Florentin freute sich kindisch an allem, was er sah, und besonders an der freundlichen und leichten Ordnung, mit der alles geleitet wurde. Er hatte, was dahin gehort, immer in so trauriger und widerwartiger Gestalt gesehen, dass er es fur erdruckend und Geist ertotend halten musste: aber wie ganz anders fand er es hier! Jetzt erkundigte er sich mit Teilnahme beim Grafen nach mancherlei, was ihm fremd war. "Wollen Sie sich nicht gleich", sagte dieser, "an den grossen Meister selbst wenden, dessen Schuler auch ich bin? Alles was Sie gesehen haben, was Sie hier freut, ist das Werk meiner Eleonore, mich hat sie erst zu dem Geschaft einigermassen gebildet. Eigentlich leben wir wie unsre deutschen Vater: den Mann beschaftigt der Krieg, und in Friedenszeiten die Jagd, der Frau gehort das Haus und die innere Okonomie." "Glauben Sie nur", sagte Eleonore, "der Mann, der jetzt eben so kriegerisch und wild spricht, muss manche hausliche Sorge ubernehmen." "Es geziemt dem Manne allerdings", erwiderte der Graf, "der Gehulfe einer Frau zu sein, die im Felde die Gefahrtin ihres Mannes zu sein wagt." "Wie das? darf ich erfahren?" fragte Florentin. "Nichts, nichts", rief die Grafin, "horen Sie nicht auf ihn! Er wird Ihnen bald eine prachtige Beschreibung meiner Taten und Werke zu machen wissen, die darauf hinaus laufen, dass ich ihn zu sehr liebte, um mich von ihm zu trennen. Wollen Sie mein Schuler in der Okonomie werden, Florentin? dann setze ich mich zur Ruhe und ubergebe Ihnen das Hauswesen." "Es soll ja den Frauen angehoren." "Nun gut, so wahlen Sie unter den Tochtern des Landes und leben hier in Frieden." "Das Recht zu beidem werde ich erst muhevoll erringen mussen, Grafin Eleonore, jetzt suche ich die Ferne und den Krieg." "Bravo", rief der Graf; "auch bekommt die Ruhe nicht eher, bis man ihrer bedarf." Eduard schien hier in einiger Verlegenheit, Juliane blickte liebevoll zu ihm hin. Das Gesprach nahm eine andere Wendung, und man ging in einen Gartensaal, wo sich bald alles wieder versammelte, was sich von der Gesellschaft nach der Tafel zerstreut hatte.

Juliane setzte sich zum Fortepiano, Eduard und einige andre griffen nach andern Instrumenten: ein recht gut besetztes Konzert war bald zustande gebracht. Juliane spielte vortrefflich, und Eduard war Meister auf dem Violoncell. Eleonore fragte Florentin, ob er nicht musikalisch sei? "Ich liebe die Musik als die grosste Wohltaterin meines Lebens", erwiderte er; "wie oft hat die Himmlische die bosen Geister zur Ruhe gesungen, die mich drohend umgaben! Und so bin ich, wenn Sie es so nennen wollen, musikalisch, soviel die Natur mich lehrte, bis zur Kunst habe ich es noch nicht gebracht."

Mit diesen Worten nahm er eine Gitarre, stimmte sie, machte einige Gange, und sang Verse, die er aus dem Stegereif dazu erfand. Er besang den Strom, der dicht unter den Fenstern des Gartensaals vorbeifloss, das Tal, den Wald, das hohe, entfernte Gebirge, von dem die Gipfel noch von den Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtet waren, da sie selbst schon lange aufgehort hatte, sichtbar zu sein. Dann sang er von seiner Sehnsucht, die ihn in die Ferne zog, von dem Unmut, der ihn rastlos umhertrieb, und endigte sein Lied mit dem Lobe der Schonheit, unter deren Schutz ihm die Morgenrote des Glucks schimmere, und bei deren Anblick jedes Leiden in seiner Brust in die Nacht der Vergessenheit zurucksinke.

Hier horte er auf und legte die Gitarre nieder. Seine Worte, die frei und ungebunden und doch sinnvoll und auserwahlt, bald gross und ruhig wie der Strom, den sie besangen, dahin flossen, bald kuhn mit dem Gebirge sich uber die Wolken erhoben, bald wie Abendschein lieblich flimmerten, dann die Schmerzen und Freuden seiner Seele so wundersuss darstellten; seine schone, reine akzentvolle Tenorstimme, deren Tone bald von ihm gelenkt zu werden, bald ihn zu ubermeistern schienen; die ganz kunstlose Begleitung die immer mit seinen Worten genau ubereinstimmte, und seine tiefsten Gefuhle, das, was keine Worte auszusprechen vermogen, in die Brust der Zuhorer hinuberstromte mit seinem kuhnen, halb nachlassigen Anstande, mit der Begeisterung auf dem edlen Gesicht , es war so wunderbar und ergriff die Zuhorer so seltsam, dass sie ganz hingerissen von der Erscheinung, noch immer in Staunen und Horchen verloren waren, wie er schon eine Weile die Gitarre niedergelegt hatte.

Juliane unterbrach die augenblickliche Stille. "Jetzt ist es an uns, Eduard", rief sie; "Sie haben es vortrefflich gemacht, Florentin, aber nun sollen Sie auch uns loben mussen." Sie suchte unter den Musikalien. die Grafin setzte sich zum Fortepiano, und begleitete Julianen und Eduard. Sie sangen ein komisches Duett mit vieler Laune und in echt italienischer Manier. Julianens Stimme war uberaus suss und schmeichelnd, und sie wusste sie wie eine geubte Kunstlerin zu gebrauchen; auch Eduard hatte eine schone sonore Bassstimme und sang sehr angenehm. Bei der Wiederholung des Duetts begleitete Florentin den Gesang, abwechselnd bald wie eine Flote bald wie ein Waldhorn singend, es gefiel allen, und die Frohlichkeit und das Lachen nahm kein Ende. Es wurden nun Erfrischungen gereicht, man scherzte und vergnugte sich bis tief in die Nacht.

"Gute Nacht", sagte die Grafin; "ich hoffe, Ihr Entschluss, einige Zeit bei uns zu verweilen, wird Sie nicht gereuen, wenn Sie erfahren, dass Sie es alle Tage ungefahr wie heute bei uns finden. Lassen Sie sich Ihr Schlafzimmer anweisen, und sein Sie morgen fruh nicht der Spateste."

Zweites Kapitel

Florentin war allein; er lehnte sich in ein Fenster seines Schlafzimmers, aus dem er die Aussicht uber das Dorf nach dem weit sich hindehnenden fruchtbaren Tale hatte, wodurch der Strom sich majestatisch und ruhig in grossen Schwingungen hinwand. In grauer Ferne beschloss das hohe Gebirge den Horizont; das Tal war vom Monde hell erleuchtet. Er sah nach den Schatten, die das Mondlicht bildete, und die in wunderlichen Gestalten bald hervortraten, dann verschwanden.

So stand er lange wie gedankenvoll, und dachte doch nichts. Er hatte an diesem Tage so viel neue Eindrucke empfangen, dass er, wie berauscht, sich selbst aus den Augen verloren hatte. Allmahlich verhallte es in seiner Seele, wie Tone in den Wellen der Luft immer in weiteren Kreisen verklingen, bis die Bebungen schwacher werden, und endlich alles ruhig ist. So ward es auch still in ihm, und das bekannte Bild seiner selbst trat wieder deutlich vor ihn. Doch konnte er lange keinen frohlichen Gedanken fassen. Er war schwermutig, es war ihm traurig, dass er allein hier ein Fremdling sei, wo es ein Gesetz schien, einander anzugehoren, dass er allein stehe, dass in der weiten Welt kein Wesen mit ihm verwandt, keines Menschen Existenz an die seinige geknupft sei. Seine Traurigkeit fuhrte ihn auf jede unangenehme Situation seines Lebens zuruck; der Gesang einer Nachtigall, der aus der Ferne zu ihm heruberklang, loste vollends seine Seele in Wehmut auf, er gab sich ihr hin und bald fuhlte er seine Tranen fliessen.

"Es ist sonderbar! hochst sonderbar!" sagte er, als er ruhiger ward; "wie ich noch die Gesellschaft suchte, lernte ich sie verachten, und nun ich sie floh, nun ich sie hasste, nun muss sie mir wieder liebenswurdig erscheinen! Und hier in einem vornehmen Hause, wo ich sonst immer den Mittelpunkt aller Albernheit der menschlichen Einrichtungen sah: gerade hier muss ich mich wieder mit der Gesellschaft aussohnen!... Es ist doch gut, dass mir noch diese schone Erinnerung ward auf meine lange Wallfahrt! So liegt doch die Zukunft nicht mehr so bodenlos vor mir, so zeigt sich mir doch in weiter Entfernung ein Punkt, an dem die Hoffnung sich erhalt! Und damit sei zufrieden, Florentin! Suche nicht festzuhalten, was bestimmt ist, dir voruberzugehen. In der Entfernung, als Hintergrund, als endliches Ziel alles menschlichen Sehnens und Strebens, lachelt mir die Ruhe suss entgegen: so will ich dich fest im Auge behalten, wenn der Strudel des Lebens mich wild ergreift, und ich in Not zu versinken drohe. Recht, guter Alter! jetzt wurde sie mir schlecht bekommen; sie ist das Goldne Vliess, das mit Gefahren erkampft werden muss."

Er dachte nun an alle insbesondre, die er an dem Tage so zufallig gefunden, und suchte ins klare zu kommen, welchen Eindruck sie auf ihn gemacht hatten. Eduard war ihm in den wenigen Worten, die er ihn hatte sprechen horen, doch lieber geworden; das erkannte er besonders daran, weil er nicht mit dem Leichtsinn an Julianen denken konnte, der ihm sonst beim Anblick einer Schonen gewohnlich war. Die Verhaltnisse, in denen eine Frau stand, hielten ihn sonst nicht leicht von Entwurfen ab, wenn er nicht einen Freund dabei zu schonen hatte. "Wie ein Fruhlingsmorgen erschienst du mir, reizendes Geschopf, und dein Anblick erfullte meine Brust mit Ahndung und Freude. Nur Barbaren konnen gefuhllos bleiben bei solcher Schonheit! Eure Verabredungen sollten mich nicht hindern,... auch nicht der unschuldige Brautigam,... und am Ende?... Betruge dich nicht Florentin!"

Wunsche und Erinnerungen an den schonen Leichtsinn von ehemals erwachten ihn ihm, und dann erschien ihm wieder die Geliebte seines kunftigen Freundes, und alle ihre Verhaltnisse in einer Wurde, die ihn zuruckschreckte. Er hatte die Gitarre mit auf sein Zimmer genommen, und wahrend seiner Betrachtungen und kleinen Monologen einige Griffe darauf getan; jetzt sang er folgende Worte dazu:

"Unter Myrtenzweigen

Beim Rieseln der Quelle,

Und der Nachtigall Lied,

Auf sanftem Rasen

Durchwirkt mit Blumen,

Im duftenden Hain,

Gebogen die Aste

Von goldener Frucht

Und silberner Blute,

Wo ewig blau der Himmel,

Ewig lau die Lufte

Dich umwehen

Das Madchen im leichten Gewand

Tanzet den bunten Reihen,

Bricht die labende Frucht,

Schopfet vom Quell.

Am Felsen ein Huttchen

Mit weniger Habe,

Dort ruht es die Glieder

Auf reinlichem Lager.

Du blickst dein Verlangen

Ihr tief in das Herz,

Sie hat dich verstanden,

Und teilet die Glut.

Nichts wehrt dir die Kusse

Auf Lippen und Wangen;

Lilien und Rosen,

Bluten und Knospen,

Alles ist dein.

Leicht wie der Westwind,

Scherzend wie er,

Beruhrst du die Blumen,

Und fliehest voruber,

Schonend der zarten.

Wer furchtet da Neid?

Wen lockt der Ruhm?

Zurnet die Mutter?

Das Lacheln kann sie

Doch nicht verbergen;

Denn eigne susse Schuld

Ruft die Tochter

Zuruck ihr ins Herz.

Sei still, mein Sinn! ein andres Land empfangt

dich;

Es hebt sich das Gebirge zwischen dir

Und jenen Spielen.

Ernst umgeben diese Mauern dich,

Gesetze ernst und ernste Sitten;

Gelubde, Priester, Zeugen,

Verein der Wappen,

Zahllose Dinge,

Auf ewig fremd dem Scherz;

Fremd auf ewig dir,

Gehn der Liebe voran,

Legen die Freie

In ernste Bande.

So gefesselt geht sie dir voruber.

Trostend reicht sie dir die Hand,

Blickt mit Sehnsucht in die Ferne.

'Hier kann ich niemals dein Gefahrte sein',

Ruft sie dir zu:

'Unter jenen Blumen

Hast du gespielt mit mir,

Auf und ab

Wandert' ich im Scherz mit dir.

Du sollst auch ernst

Mich wieder finden,

Ernst und treu;

Und wieder mein sein:

Nur lass mich frei!'"

Drittes Kapitel

Die Sonne schien hell und warm herein, als Florentin erwachte. Er schickte sich sogleich an, zur Gesellschaft zu gehen, die er im Garten vermutete. Vorher ging er durch einige Prachtzimmer des alten Schlosses, das ihn mit seinen Turmen, Gangen und hohen gewolbten Salen lebhaft in die Zeiten des Rittertums versetzte, von denen er schon als Kind am liebsten erzahlen horte, und die noch jetzt seine Phantasie hinreissen konnten. Hier in diesen Salen malte er sich nun die mannigfachen Szenen aus, die darin gespielt wurden; wie sich alle die Mitspielenden fur ihre Rolle interessierten, als sollte sie niemals endigen. "Und nun", sagte er, "wo sind sie hin? Hier beweinte vielleicht eine Schone ihren Geliebten, oder seine Untreue, oder ein hartes Schicksal, das sich ihrem Gluck entgegenstellte; tranenvoll schlug sie das fromme Auge aufwarts, und die Engelchen, die Heiligen, die so kunstlich in der Stukkatur an der Decke geformt sind, waren Zeugen ihrer Leiden. Hier, an dieses hohe Fenster gelehnt, druckte der Jungling, zartlich und schuchtern, die errotende Jungfrau an sein Herz, und vernahm mit Entzucken das Gestandnis ihrer Gegenliebe. Um diesen geraumigen Lehnstuhl hingen Kinder und Enkel, und horchten auf die schauerlichen Gespenstergeschichten, die der Grossvater erzahlte, und auf die weise Lehre. Mit dem begunstigten Jagdhund an dem Boden wurde dann die Belohnung fur ihre Aufmerksamkeit friedfertig geteilt. An diesem kunstlich verzierten Tisch sassen Eltern, gedachten mit freudiger Ruhrung der ersten Tage ihrer Liebe und der nie verletzten Treue; hatten auch wohl manchen Kummer, manche sorgenvolle Stunden um den entfernten Sohn, der ausgezogen war, voll Kraft und mutiger Ehrbegierde sich zu versuchen, und die Fehde fur seinen Vater zu fechten. 'Ob er sich gut halten wird? ob die Knechte wacker sind? ob kein feindliches Geschoss ihn getroffen? Er wahlte sich das grosste Schwert; war es seinem Arm nur nicht zu schwer? Zwar ist er stark und rustig, und Gott wird den Edlen schutzen!' Und eh' sie es ausdenken, offnet sich jene Tur, der Jungling tritt ein! Er war allein vorangeeilt, um den Eltern diese Uberraschung zu bereiten; segnend empfangen sie ihn, er hat gesiegt, vertilgt ist der Feind, und neuer Ruhm und Glanz kommt von ihm uber das Haus!... Sonne, Sterne, Luft und Erde, alles was sie umgab, schien ihnen mit ihrem Leben so innig verwebt; aber Sonne und Sterne gehen auf, gehen unter, die Jahreszeiten wechseln; doch ihr Gluck und ihre Leiden, Schmerz und Frohlichkeit sind vorbeigezogen, wie Schatten der Wolken, die vor der Sonne voruberfliehen, keine Spur mehr auf der Erde davon. Was ihnen im Leben heilig war, hat mit dem Leben geendet; der Ehre allein, unter allem dieser allein, verdanken die Helden das Andenken ihrer Nachkommen; sie leben in den kunftigen Zeitaltern fort, da Millionen neben ihnen untergehen... Nun so ist es auch billig, dass sie dem selbstgeschaffenen Gotzen vor allen Gottern Opfer bringen; dieser macht sie unsterblich, da alles, was die Natur in ihre Brust gepflanzt, mit ihnen untergeht!"

Eduard trat zu ihm. "Sie sind schon auf, Florentin! ich wollte Sie eben abholen, die andern sind wahrscheinlich schon im Gartensaal." "Ich habe mich etwas zu lange in den Zimmern und Gangen verweilt, um sie zu betrachten. Dieses Schloss ist ein vortreffliches Monument seines Jahrhunderts; mich freut es, dass es so wohl erhalten ist, und so ganz ohne modernen Zusatz. Es wundert mich um so mehr, da die ubrige Einrichtung im ganzen nach dem jetzigen Geschmack mehr elegant und zierlich, als nach jenem reich und kostbar ist!" "Weil diese mehr der Grafin uberlassen bleibt; und da sie die Eigenheit des Grafen schont, der gerne, was das Altertum seiner Familie bezeugt, in der ursprunglichen Gestalt zu erhalten wunscht, auch nichts von der Stelle geruckt, und keiner Sache eine andere Gestalt gibt, die noch als Uberrest der alten Zeit sich erhalten hat, so lasst sich der Graf mit eben der Gefalligkeit ihre ubrigen Einrichtungen gefallen. Sie sehen selbst, wie klug und gewandt sie beides zu vereinigen weiss. Sie erhalt das Alte mit Achtung, und fugt hinzu, was die neuern Erfindungen Angenehmes verschaffen.

Die das Innere hier nicht zu kennen Gelegenheit haben, finden es sonderbar, und erlauben sich manchen Spott uber das Gemisch von veraltetem und modernem Geschmack. Auch sieht es befremdend genug aus, wenn an den alten gewirkten Tapeten eine neue Floten-Uhr, grosse Spiegel mit schweren kunstlichen Verzierungen und neue kristallne Kronleuchter, schwerfallige Sessel und einladende Sofas friedlich nebeneinander bestehen; ebenso werden Sie es im Garten, im Park, kurz uberall finden. Wer aber die Menschen kennt, die hier wohnen, der wird bald das Ubereinstimmende in diesen anscheinenden Ungleichheiten finden. Die Grafin ist eine vortreffliche Frau; mit wahrer Religiositat ehrt sie das Gemut ihres Gemahls und alles, was ihm heilig ist. Darf man ihr wohl keinen Sinn fur das Schone zutrauen, weil sie nicht wie die Kinder alles gewohnte Spielzeug zerstort, immer nach Neuem greift, und das letzte jedesmal fur das Schonste halt?" "Was ich sie uber Werke der Kunst habe sprechen horen, verriet gewiss keinen gemeinen Sinn", sagte Florentin. "Sie hat grosse Reisen gemacht und viele der vorzuglichsten Kunstwerke selbst zu sehen Gelegenheit gehabt. Doch kommen Sie jetzt, man wird uns erwarten; ich will vorher zusehen, ob der Graf nicht in seiner Bibliothek ist, ich habe ihn heute noch nicht gesehen, vielleicht geht er dann mit uns hinunter." "Ich begleite Sie."

Sie traten in das Kabinett des Grafen, er war nicht mehr darin. Ein grosses Gemalde zog Florentins Aufmerksamkeit auf sich. "Einen Augenblick noch, Eduard! Die heilige Anna, die das Kind Maria unterrichtet." "Wie finden Sie das Gemalde?" "Es scheinen Portrate zu sein; in dem Kinde erkenne ich Julianen wieder." "Sie ist es auch in der Tat." "Es ist nicht ubel gemalt; ganz vorzuglich ist aber das Charakteristische in den Kopfen sowohl, wie in der ganzen Anordnung des Gemaldes. Die horchende Aufmerksamkeit, die Begierde nach dem Unterricht, und der Glaube in dem Kinde, wie der Hals, der Kopf, mit dem Blick zugleich, sich vorwarts und in die Hohe richtet, der halbgeoffnete Mund, als furchtete sie etwas zu verhoren, und als wollte sie die Lehren durch alle Sinne in sich auffassen. Dabei die Hingebung, das Vergessen ihrer selbst in der kleinen Figur, die halb liegend sich dem Schoss der Anna anschmiegt; es ist schon, und zart gefuhlt. Und diese Anna, gewiss eine Heilige! Diese Hoheit, dieser milde Ernst in den verklarten Augen! mit welcher Liebe sich ihr Haupt zu dem Liebling hinneigt, sich ihre Tugend lehrenden Lippen offnen! Ruhe und Wurde in der ganzen Gestalt, und wie erhaben diese Hand, die gegen den Himmel zeigt! Ist auch diese Anna ein Portrat?" "Es ist eine Schwester des Grafen, die er vorzuglich liebt; Grafin Clementina; Sie haben uns schon von ihr sprechen horen, sie wird von uns gewohnlich die Tante genannt. Juliane hat ihre erste Erziehung bei dieser Tante erhalten; die Mutter hatte sie ihr, da sie ihre Jugendfreundin ist, und ihres ganzen Zutrauens geniesst, bald nach ihrer Geburt uberlassen, weil sie damals ihrem Gemahl nachreisen musste, der gefahrlich verwundet war, und den sie keiner fremden Pflege uberlassen wollte. Sie verliess ihn nun nicht wieder, begleitete ihn sowohl auf seinen Feldzugen, als auf seinen Reisen, da er an verschiedenen Hofen als Gesandter stand. Unterdessen erreichte Juliane beinahe ihr vierzehntes Jahr bei der Tante, und verehrt sie als Mutter." "Doch muss die Grafin Clementina dem Bilde nach noch sehr jung sein, obgleich der Idee und dem Kostum zufolge, sie alter sein musste." "Sie haben recht, doch ist sie in der Tat nicht mehr jung, sie ist alter als die Grafin Eleonora, dieses Bild aber ist eigentlich die Kopie eines Gemaldes, das in ihrer Jugend ist gemacht worden. Sie ward damals als heilige Cacilia gemalt; sowohl dieses Bild, das sie dem Grafen auf sein Bitten malen zu lassen erlaubte, um ein Denkmal der Zeit zu stiften, in der sie Julianens Lehrerin war, als das, welches unter den andern Familiengemalden in der Galerie hangt, und auch das Miniaturbild, das Juliane an ihrer Brust tragt, sind Kopien nach dieser Cacilia, welche von einem schon verstorbenen fremden Kunstler gemalt ward; seinen Namen weiss ich nicht. Die Tante war nie dazu zu bewegen noch einmal einem Maler zu sitzen. Merkwurdig ist es, wie diese Bilder alle noch der Grafin Clementina ahnlich sind, obgleich es schon vielleicht dreissig Jahre her sein mag, dass sie gemalt ward, und ein tiefer Gram in ihren Gesichtszugen gewutet hat." "Gut, dass mich Ihre gutige Ausfuhrlichkeit warnte", rief Florentin lachend; "war ich doch in Gefahr mich in diese heilige Anna, und das in meinem Leben zum ersten Male ernstlich zu verlieben. Bald ware ich ausgezogen, nach echter Rittersitte, das Original zu meinem Gemalde zu finden, und hatte es dann auch wirklich gefunden... in einer ehrwurdigen Matrone." "Haben Sie wirklich noch nie ernstlich geliebt, so verdienen Sie ein solches Schicksal. Ich werde Sie bei den Frauen fur diesen Frevel hart anklagen." "Wagen Sie es nicht. Sie konnten sich selbst eine Strafe fur Ihre Verraterei zuziehen." "Ich wage nichts, man wird es Ihnen nie verzeihen, sich von einem Gemalde haben hinreissen zu lassen, da Sie die Gegenwart der schonen Frauen selbst so ruhig lasst." "Nun auch dafur mussen Sie nicht gut sagen; doch im Ernst, das Gemalde hat mich bewegt, und ich stehe mit wahrer Andacht davor. Guter Eduard! ich hoffe Sie fuhlen es, wie glucklich Sie sind, und wie wenigen es vergonnt wird, eine solche Jugend zu haben!" Eduard schien bewegt, und sie gingen beide schweigend hinunter zur Gesellschaft.

Viertes Kapitel

So verstrich ein Tag nach dem andern. Man kann sich keine angenehmere Lebensweise denken, als die auf dem Schlosse gefuhrt ward. Ein Vergnugen reihte sich an das andere; Tanz, Musik, Jagd und Spiel wechselte lustig ab, und in der Einsamkeit suchte jeder nur die Ruhe, um sich zu neuen Ergotzlichkeiten zu bereiten.

Die Liebenden erwarteten beide den Tag ihrer Vermahlung sorglos und frohlich, es stellte sich ja nichts ihren Wunschen entgegen; doch mit ganz verschiedenen Empfindungen. Eduard hatte eine peinigende Ungeduld Julianen ganz die Seinige zu nennen; er liebte sie mit der ungestumen Heftigkeit des Junglings; er dachte, er traumte nichts als den Augenblick, sich im ungeteilten ungestorten Besitz der schonen Geliebten zu sehen; seine Phantasie lebte nur in jenem so heiss ersehnten Moment, alles Leben bis dahin wurdigte er nur als Annaherung zu jener Zeit, wie der Gefangne, der der bestimmten Befreiung entgegensieht. Von dieser Ungeduld begriff Juliane nichts. Mit aller Innigkeit ihres reinen Herzens liebte sie ihn; niemand war ihr jemals liebenswurdiger erschienen; sie gab sich ihm gern, sie war von jeher schon mit der Idee vertraut, und hatte es als ihr Schicksal ansehen gelernt ihm anzugehoren. Aber den Tag erwartete sie mit grosser Ruhe; klopfte auch ihr Herz starker bei dem Gedanken, so war es mehr eine bangliche Ahndung, die furchtsame Scheu des sittsamen Madchens, als die Erwartung eines grossern Glucks; sie ahndete kein grosseres Gluck, als dass es immer so bliebe, wie es war, es fehlte ihr so gar nichts. Sie nahm an allem den gewohnlichen Anteil, hatte die immer gleiche, besonnene Aufmerksamkeit auf die Gesellschaft, Eduard mochte zugegen sein, oder nicht.

Sie war also nicht so beschaftigt, dass sie nicht hatte wahrnehmen sollen, welchen Eindruck ihre Schonheit auf Florentin gemacht hatte. Er hatte die allgemeine Aufmerksamkeit erregt. Es schmeichelte der Eitelkeit des Madchens, die seinige auf sich zu ziehen; es interessierte sie kindisch, den stolzen Mann zu beherrschen. Ohne es sich bewusst zu sein, und sich ganz der frohlichen Stimmung hingebend, zog sie ihn mit einer feinen, ihr naturlichen Koketterie an.

Florentin fand sie immer schon, reizend, liebenswurdig, es ergotzte ihn, sie so eifrig bemuht und beschaftigt um ihn zu sehen, und die kleinen Schelmereien des jungen Herzens zu belauschen! Dass er aber gleich am ersten Abend so mit sich zu Rate gegangen war, schutzte ihn gegen jeden tiefern Eindruck. Auch war es ihm nicht entgangen, dass sie willens war, ihn zum Spiel ihrer Eitelkeit zu machen, und nichts konnte so seine Phantasie zugeln, als wenn er irgendeine Absicht merkte. Er war leicht kindlich vertrauend: dann konnte er aber auch bis zur Ungerechtigkeit argwohnend sein. Doch interessierte ihn Juliane sehr, die Tiefe ihres Gemuts war ihm nicht entgangen, trotz der Anlage zur Koketterie, und dem etwas kunstlichen Wesen, welches ihre Erziehung und ihr Stand ihr gegeben hatte, und das ihn immer etwas entfernte, obgleich er es hier in so schoner Gestalt erblickte. Lange konnte er es doch nicht aushalten, sie unzufrieden zu sehen; so oft er sie durch ein zu kuhnes Wort, oder eine Anspielung, die ihre Eitelkeit strafte, erzurnt hatte, so wusste er sie gleich wieder durch irgendeine Uberraschung oder eine kleine schmeichelhafte Aufmerksamkeit zu versohnen. Er stimmte nie mit ein, wenn sie in Gesellschaft von den um sie her flatternden Herrn wegen ihres Gesangs oder Tanzes, oder ihrer Schonheit erhoben ward; vielmehr suchte er sie dann durch einen kleinen Trotz, eine Art von Vernachlassigung zu demutigen. Wenn sie sich aber irgendeiner Regung ihres guten empfindlichen Herzens uberliess, oder in ihrer naturlichen Anmut, kunstlos, ohne Anmassung und ohne Absicht sich gar nicht bemerkt glaubte; dann wusste er ihr etwas Angenehmes zu sagen, oder sie durch einen Blick seiner Teilnahme zu versichern. Dann liess er sich auch gern ihre kleine Siegermiene gefallen, und ertrug gutmutig ihre mutwilligen Neckereien. Nach und nach war die Zufriedenheit ihres launenhaften Lehrers allein bedeutend fur Julianen; der laute Beifall der Menge ward ihr gleichgultiger, zuletzt beinah verhasst.

Eduard bemerkte mit Freude diese Veranderung. Er scherzte eines Tages daruber, dass Florentin mehr Einfluss auf ihre Bildung habe als er. "Sie haben mir es niemals merken lassen", sagte Juliane, "dass ich zu eitel sei." "Ich liebte Sie Juliane, so wie Sie sind." "Und jetzt merken Sie erst, dass ich besser sein konnte! ich kann mich wenig auf Ihre Erziehungskunst verlassen." "Die Liebe weiss nur zu lieben; wie sollte sie erziehen?" "Sie erzieht freilich", sagte Florentin, "aber nicht den andern." "Machen Sie meiner Liebe einen Vorwurf, unartiger Florentin?" erwiderte Juliane. "Nein, vielmehr spreche ich sie dadurch rein von einem Vorwurf, den man ihr allerdings machen konnte." "Nun?" "Nun, dass Sie Eduard nicht besser erzogen haben. Denn er wird es doch nicht leugnen, dass er die Huldigungen Ihrer Eitelkeit mit noch weit grosserer und straflicherer Eitelkeit sich hat gefallen lassen. Es ist in der Tat eine schwierige Untersuchung, wer von Ihnen beiden mehr Erziehung oder weniger Liebe hat." "Trauen Sie sich zu, uns in beiden zu ubertreffen?"

"Ich, ihr Guten, kann weder mein Leben, noch meine Liebe mit dem Kunstwerk der Erziehung vergleichen!"

"Man kann nicht anders als sich fur ihn interessieren", sagte Juliane, "aber er ist doch zu sehr verschlossen gegen seine Freunde, es ist ihm auf keine Weise beizukommen." "Doch hat vielleicht niemand mehr als er die Fahigkeit, Freund zu sein", sagte Eduard. "Wissen wir doch nicht, wie oft er schon ist hintergangen worden; reizbar wie er ist, muss jede uble Behandlung ihn wohl auf lange verstimmen."

Florentin vermied anfangs Eduards Annaherung mit eigensinnigem Stolz, ob er ihn gleich im Herzen wohl leiden mochte. Eduard liess sich aber nicht dadurch abschrecken, er gewann immer mehr Anhanglichkeit fur ihn, naherte sich ihm mit freundlicher, bescheidener Aufmerksamkeit, und suchte seinem etwas wilden, nach Freiheit strebenden Sinn mit dem feinen, gebildeten Geist, der ihm eigen war, zu begegnen; es musste ihm gelingen. Florentin fuhlte endlich, dass er am unrechten Ort misstrauend gewesen war. Mit der Uberzeugung seines Unrechts erweichte sich auch sein absichtlich verhartetes Gemut gegen Eduard, er wurde bald offner und geselliger gegen ihn. Auf einem Morgenspaziergang offneten sich ihre Seelen gegeneinander; sie nannten sich seitdem Freunde. Florentin gewann Eduard so lieb, dass er ohne Wehmut bald nicht daran denken konnte ihn zu verlassen; doch musste und sollte es geschehen!

So waren Wochen verflossen; mit einer jeden nahm er sich's fest vor, in der nachsten zu reisen; immer hielt ihn aber das Bitten seiner neuen Freunde und seine eigne Neigung fest. Zum erstenmal empfand er die Bitterkeit der Trennung; bis dahin hatte er alles, was er jemals verliess, gleichgultig verlassen.

Funftes Kapitel

Grafin Clementina hatte eine junge Anverwandte bei sich. Diese kam, und machte Julianen einen Besuch, indem sie zugleich einen mundlichen Auftrag der Grafin Clementina an Julianens Eltern ausrichtete mit der Bitte, die Vermahlung noch einige Wochen aufzuschieben, weil sie in diesen nachsten Tagen abgehalten wurde, zugegen zu sein, wie sie es doch sehr wunschte. Sollte der Tag aber schon unwiderruflich festgesetzt sein, und es bei der ersten Verabredung bleiben mussen, so ware sie genotigt diesen Wunsch aufzugeben. Doch ersuchte sie ihren Bruder und Eleonoren, wenigstens noch einen Brief von ihr abzuwarten; sie hatte ihnen noch einiges zu sagen, ware aber durchaus in diesem Augenblicke nicht imstande zu schreiben; doch sollte es in den nachsten Tagen geschehen.

Eduard war nicht leicht zum Aufschub zu bewegen, seine Ungeduld, die schone Juliane ganz die Seinige zu nennen, wuchs mit jedem Tage, und seitdem er Florentin kannte, schien sie den hochsten Punkt erreicht zu haben. Doch musste er es sich aus Achtung fur die Grafin Clementina gefallen lassen. Betty eilte zuruck, sobald sie sich ihres Auftrags entledigt hatte.

Ein Brief, den Juliane folgenden Tag an ihre Tante schrieb, ist ein Beweis, wie interessant Florentin der ganzen Familie schon geworden war.

Juliane an Clementina

Jetzt verdient Betty nicht mehr von Ihnen bestraft zu werden, wegen ihrer zu grossen Leidenschaft fur das Tanzen; sie ist vielmehr zu unser aller Verwunderung bis zum Kaltsinn massig darin geworden. Alles unsers Bittens und Zuredens ungeachtet, wollte sie durchaus nicht langer bei uns verweilen, als sie es Ihnen zugesagt hatte, ob wir gleich noch denselben Abend einen recht brillanten Ball hatten. Der Vater erbot sich, Ihnen einen Boten zu Pferde zu schicken, um Sie nicht in Unruhe ihrentwegen zu lassen; aber sie war nicht zuruckzuhalten. Alle Ihre Auftrage waren ausgerichtet, sie sah mit grosser Gemutsruhe die glanzende Gesellschaft sich versammeln, ja, sie wagte es sogar den Anfang des Balls abzuwarten; und indem sie mit Eduard den Saal einmal auf und nieder walzt, winkt sie uns allen im Vorbeifliegen zu, und sofort aus der Tur in den Wagen, so hastig, dass Eduard mit noch einigen Herrn ihr kaum folgen konnten. Kaum dass wir ihr noch einen Gruss fur die Tante nachriefen.

So geht es uns allen, teure Clementina! wenn wir zu Ihnen sollen, was konnte uns zuruckhalten? Keiner fuhlt das wohl mehr als Ihre Juliane, ich habe Betty mehr beneidet als bewundert. Das war nun alles recht hubsch von dem Madchen; aber die Arge, was hat sie Ihnen fur loses Zeug erzahlt! was meinte sie mit ihren Eroberungen? und dem sonderbaren Fremden, der den Meister uber uns macht, dem wir alle auf eine so lacherliche Weise ergeben sind, weil wir uns einbilden ihm Dankbarkeit schuldig zu sein! Und ich, die ich diesen Vorwand so gern nehmen soll, um ihm ganz unbefangen mit Auszeichnung begegnen zu durfen! Alles dieses hat sie Ihnen wirklich erzahlt? Gut, dass Sie ihren boshaften Erzahlungen nicht so unbedingt Glauben beimessen, dass Sie sich selbst an Ihr Kind wenden, um die Wahrheit zu erfahren. Liebe Tante, sehen Sie doch einmal dem bosen leichtfertigen Madchen scharf in die Augen, wenn sie wieder dergleichen vorbringt. Allerdings sind wir dem Fremden Dank schuldig! Ist meine Clementina nicht auch der Meinung? Wenn es ihm selbst wohl geziemt, den wichtigen Dienst, den er uns geleistet, dem Zufall zuzuschreiben, so wurde es sich von uns nicht ziemen, es ebenso anzusehen, und seinen Mut, mit dem er das Leben unsers Vaters gerettet hat, zu vergessen.

Und warum gesteht Ihnen denn Betty nicht, dass der Fremde sich recht geschaftig um sie gezeigt, und dass sie seine Aufmerksamkeiten recht wohlgefallig und artig annahm? Ich hielt sogar die Festigkeit, mit der sie sich losriss und forteilte fur ein Opfer, das sie ihrem eifersuchtigen brausekopfigen Walter brachte, und habe ihr im Herzen deswegen wohlgewollt. Belohnt sie so meine gute Meinung? bose Betty! Wenn sie Ihnen nicht abbittet, liebe Tante, und Ihnen gesteht, dass sie ihre Freude daran hat, Unfug zu treiben, so werde ich sie bei Herrn von Walter verklagen; er traut mir!

Von dem Fremden, von diesem Florentin sollte ich Ihnen also erzahlen? Es ist wahr, liebe Tante, dass er uns allen wert geworden ist. Er macht jetzt das Leben und die Seele der Gesellschaft aus. Mit dem sonderbarsten, oft zuruckstossenden Wesen weiss er es doch jedem recht zu machen, und zieht jedes Herz an sich, ohne sich viel darum zu bekummern. Es hilft nichts, wenn man auch seinen ganzen Stolz dagegen setzt, man wird auf irgendeine Weise doch sein eigen. Oft ist es recht argerlich, dass man nicht widerstehen kann, da er selber nicht festzuhalten ist. Einmal scheint es, als verbande er mit den Worten noch einen andern Sinn, als den sie haben sollen; ein andermal macht er zu den schmeichelhaftesten Dingen, die ihm gesagt werden, ein gleichgultiges Gesicht, als musste es eben nicht anders sein; dann freut ihn ganz wider Vermuten einmal ein absichtsloses Wort, das von ungefahr gesprochen wird; da weiss er immer einen ganz eignen Sinn, ich weiss nicht, ob hineinzulegen, oder herauszubringen. Uns ist dieses sonderbare Spiel sehr erfreulich, da wir ihn naher kennen, und besser verstehen. Sie konnen aber denken, wie er oft in Gesellschaft Anstoss damit gibt; doch versteht er sich recht gut darauf, ein solches Argernis nicht zu gross werden zu lassen; er macht bald alles wieder gut. Wir begreifen eigentlich nicht, wie es ihm moglich ist, diese Frohlichkeit und gute Laune immer um uns zu erhalten, da er selbst doch nicht froh ist. Ich und Eduard, wir sind oft allein mit ihm, und da haben wir es deutlich genug merken konnen, dass ihn irgendein Kummer druckt. Der Vater machte ihm neulich den Vorwurf, er ware zu wenig ernst, und nahme oft die Dinge zu scherzhaft. Florentin liess es uber sich hingehn. Eduard meinte aber, und sagte es mir allein: der Ernst in ihm ware vielmehr zu ernst und zu tief, als dass er ihn in der Gesellschaft anwenden konnte; und da er nie sich so gegen den Scherz versundigte, dass er ihn ernsthaft nahme, so kame es ihm zu, auch wohl einmal den Ernst scherzhaft zu finden. Am besten findet sich Eduard in ihn, sie sind Freunde geworden, und man sieht jetzt einen nicht ohne den andern. So interessant er auch ist, so glauben Sie mir nur, liebe Tante, Eduard verliert gar nicht gegen ihn, er kommt mir vielmehr neben seinem Freunde noch liebenswurdiger vor. Ich weiss gewiss, ich konnte diesen nicht so lieben, wie ich Eduard liebe. Er gefallt auch dem Vater sehr wohl, der ihn soviel als moglich um sich zu haben sucht. Er mag seine Einfalle und seine seltsamen Wendungen gern, so sehr er auch sonst gegen jedes Auffallende, Neue oder Sonderbare spricht. An Florentin liebt er es, und verteidigt ihn gegen jede Anklage. Sogar das Geheimnisvolle, das uber seinem Namen und seiner Herkunft schwebt, achtet er, zu unserm Erstaunen. Noch heute war die Rede davon, ihn einem Manne vorzustellen, den er zu sprechen wunschte. "Von Florentin?" fragte der Vater. Wir erwarteten alle seine Antwort. "Wenn es durchaus mit meinem Namen allein nicht genug ist", sagte er, "so setzen Sie Baron hinzu, das bezeichnet wenigstens ursprunglich, was ich zu sein wunschte, namlich ein Mann." Der Vater liess es sich wirklich so gefallen.

Sogar Thereschen hat er ganz fur sich gewonnen. Sie weiss nichts Bessers, als sich von Florentin etwas vorsingen zu lassen, oder ihn zeichnen zu sehen, sie vergisst Spiel und alles, wenn sie nur bei ihm sein darf. Sie kennen ihre heftige Art sich an etwas zu hangen. Mit den Knaben reitet er viel, und kann sich mit ihnen balgen und larmen und Festungen erobern, die sie zusammen bauen, bis sie ganz ausser sich geraten, und er mit ihnen. Dem Mutterchen bleibt aber der Kopf ruhig, wenn er uns auch allen verdreht wird; nicht ein einziges Mal ist es ihm doch gelungen sie irrezumachen, wiewohl er es oft darauf anlegte; sie lachelt, und ist freundlich und liebreich gegen ihn, aber Gewalt hat er gar nicht uber sie, er fuhlt es: Mutter ist auch die einzige, vor der er gehorigen Respekt hat. Mit uns andern schaltet er nach Belieben; wenn ich recht aufgebracht bin, und ihm stolz begegne, so ist er imstande, gar nicht einmal darauf zu merken.

So schon hat ihn Betty gefunden? So schon als Eduard ist er auf keinen Fall, das meint auch die Mutter, er ist auch nicht so gross und herrlich als Eduard; aber sein Bau ist fein, schlank, und dennoch kraftig. Er hat eine edle Physiognomie, und uberhaupt etwas Interessantes; sein Anstand ist frei und kunstlos, manchmal sogar trotzig. Was ihn auszeichnet, ist ein gewisses, beinah verachtendes Lacheln, das ihm um den Mund schwebt; aber der Mund ist doch hubsch, sowie auch sein Auge, das gewohnlich fast ganz ohne Bedeutung, still und farblos, vor sich hinschaut, das aber helle Funken spruht bei einem Gesprach, das ihn interessiert, es wird dann sichtbar grosser und dunkler. Er hat eine schone helle Stirn, und es kleidet ihn gut, wenn er, wie er oft tut, sich die dunkelbraunen Lokken, die tief daruberher fallen, mit der Hand zuruckstreicht, oder wenn sie vom Wind gehoben werden. Die Mutter findet, er hatte etwas Altritterliches, besonders wenn er ernsthaft aussieht, oder unvermutet in ein Zimmer tritt, sie musste sich ihn immer mit einer blanken Rustung und einem Helm denken. Therese hat viel mit Auffinden von entfernten Ahnlichkeiten und mit den alten Bildern zu schaffen, und behauptet, er sahe dem Gemalde vom Pilgrim ahnlich, das in der Mutter Zimmer hangt. Sie ruhte nicht eher, bis ich es mir von ihr zeigen liess, und sie hat wirklich recht: es ist eine entfernte Ahnlichkeit.

Ich furchte, Sie werden, trotz meiner umstandlichen Beschreibung, doch kein richtiges Bild von ihm haben.

Sie sehen aber, liebe Tante, wie gern ich Ihnen alles lieber mit der grossten Umstandlichkeit berichte, damit Sie nur nicht verleumderischen Nachrichten Glauben beimessen durfen, und dann mit vorgefassten Meinungen, die uns nachteilig sind, herkommen. Sie haben noch keinen Tag festgesetzt, an dem wir Sie sehen sollen. Mit welcher Ungeduld erwarte ich Sie, meine verehrte, liebe Freundin!

Ich hatte Ihnen gern erzahlt, welches frohliche Leben wir leben, und welche Dinge wir unter Florentins Anleitung ausfuhren. Aber heute, und in den nachsten Tagen kann ich nicht daran denken. Es wird mir wenig Zeit zum Schreiben gelassen. Kommen Sie bald, und nehmen Sie Teil, und erhohen Sie unsre Frohlichkeit durch Ihre Gegenwart. Ich hoffe heute noch, oder doch morgen einen Brief von meiner gutigen Freundin zu erhalten, mit der bestimmten Nachricht Ihrer Abreise. Leben Sie wohl, lieben Sie Ihre Juliane.

Sechstes Kapitel

Eduard und Florentin hatten einigemal kleine Reisen im Gebirg und in der umliegenden Gegend gemacht. In abwechselnden Verkleidungen hatten sie die benachbarten Stadtchen und Dorfer durchzogen, auf Kirmsen, Hochzeiten, Jahrmarkten, bald als Kramer oder als Spielleute. Manches lustige Abenteuer kam ihnen entgegen, sie wiesen keines von sich. Wenn sie dann von ihren Wanderungen zuruckkamen, hatten sie viel zu erzahlen und von den Eroberungen zu sprechen, die sie wollten gemacht haben. Juliane bekam den Einfall sie einmal zu begleiten; und das nachste Mal, dass sich die beiden jungen Manner wieder zu einer solchen abenteuerlichen Reise anschickten, teilte sie Eduard ihren Wunsch sie zu begleiten mit. Er war voller Freude uber diesen Entschluss, der ihm die Hoffnung gab, Julianen auf ein paar Stunden der Formlichkeit zu entziehen, die jetzt bei der vergrosserten Gesellschaft immer mehr uberhand nahm, und ihrer in der Einsamkeit froh zu werden; auch seinem Freunde war es lieb, er hatte einen solchen Wunsch bei Julianen gar nicht vermutet. Der Graf und seine Gemahlin hatten aber viel dawider, und wollten es anfangs unter keiner Bedingung zugeben. Der Wohlstand ward beleidigt, Julianens Gesundheit ausgesetzt, der ubrigen Gefahren und ihrer eignen Angstlichkeit nicht zu gedenken. Florentin, der seinen Kopf auf diesen Plan gesetzt hatte, und Eduard, der ein Recht zu haben glaubte, eine solche Erlaubnis zu fordern, horten mit Bitten und Vorstellungen nicht eher auf, bis sie ihnen zugeteilt ward, nur unter der Bedingung, dass sie nicht zu Pferde sondern zu Fuss gingen, und dass sie nicht die Nacht ausbleiben wollten. Und nun wurden noch so viele Anstalten gemacht, so viel Regeln und Warnungen gegeben, dass Juliane, ganz angstlich gemacht, sich im Herzen vornahm, gewiss nichts zu ubertreten, und gewiss zum letztenmal eine solche Erlaubnis zu begehren. Eduard aber ward der ganze Einfall beinah zuwider wegen der grossen Umstandlichkeit, und er war eben nicht gesonnen, sich gar zu streng an die Vorschriften zu halten.

Nachdem sie endlich alles zustande gebracht, und Juliane den Abend mit schwerem Herzen von ihren Eltern Abschied genommen hatte, machten sie sich morgens fruh auf den Weg, nur von ein paar Jagdhunden begleitet. Sie waren alle drei als Jager gekleidet. Eduard und Florentin trugen Buchsen, Juliane hatte nur ein Jagdmesser und Tasche, statt der Buchse trug sie die Gitarre, von der sich Florentin selten trennte. Da Juliane gut zu Pferde sass, und oft in Mannertracht ausritt, so war sie ihrer nicht ungewohnt, sie ging so leicht und ungezwungen daher, als hatte sie nie eine andere Kleidung getragen, und auch so als Knabe sah sie wunderschon aus; auch die beiden Freunde nahmen sich gut aus, als altere Bruder des lieblichen Kindes. Sie gingen dem Morgen entgegen, der in voller Pracht heraufstieg, der Fruhling in seiner ganzen Herrlichkeit umfing sie, die Vogel sangen munter, Bluten dufteten und die Baume glanzten im Schein der Sonne.

Sie gingen durch den Wald nach dem Gebirge zu, frohlich und unbekummert wie die Kinder. Sie genossen sich selbst in reiner Unbefangenheit; Vergangenheit und Zukunft war ihren Gedanken fern, der Wille des Augenblicks war ihnen Gesetz.

"Ach", rief Eduard auf einmal aus; "so leben, wenn auch nur eine kurze Zeit, und sterben, eh wir den Tod zu wunschen haben! Schlafen gehen und nicht wieder aufstehen!" "Ihr denkt an den Tod", sagte Florentin, "um zu bedenken wie Ihr so gern nicht an ihn denken wollt!" "Torheit!" rief Juliane, "wer will jetzt vom Tode sprechen?" Florentin nahm ihr die Gitarre ab, und spielte einen raschen Tanz, sie drehte sich mit Eduard in schnellen Kreisen. Er hatte sich unter einem Baume niedergesetzt. Nachdem sie zu tanzen aufgehort hatten, setzten sich beide neben ihn. "Es tanzt sich gut auf dem kurzen Grase." "Besser und erfreulicher als auf dem getafelten Fussboden eurer Sale, das ist gewiss." "Wenn man nun hier im Walde an eine Assemblee denkt!" "Davon kein Wort, Juliane, ich mag ebensowenig von Assembleen horen als Sie vom Tode." Hiemit nahm er die Gitarre wieder auf, und sang:

"Sie ist mir fern, wie soll ich Freude finden!

Ich kann dem Kummer nur mein Leben weihn.

Wie um den Baum sich uppig Ranken winden,

Die Nahrung raubend seiner Krone draun,

So, fern von dir, mich Sorg' und Unmut binden,

Dass keine Erdenlust mich kann erfreun.

Fragt nicht, warum mein Sinn so rastlos eilt;

Fur mich ist nirgends Ruh', als wo sie weilt."

Juliane, erhitzt vom raschen Tanz, lehnte sich an Eduard, ein sanfter Wind, der hoch in den Wipfeln der jungen Birken rauschte, kuhlte ihr das gluhende Gesicht, und wehte die Locken zuruck, die in der Bewegung durch ihre eigne Schwere sich von der Nadel losgemacht hatten, und nun bis tief auf die Huften herabfielen. Eduard verlor sich ganz im Anschaun ihrer Schonheit, und die Tone der Gitarre, die dazu gesungenen Worte drangen in sein Innerstes. Er druckte Julianen mit Heftigkeit an seine Brust; die Gegenwart des Freundes vergessend hielt er sich nicht langer, seine Lippen waren fest auf die ihrigen gepresst, seine Umarmung wurde kuhner, er war ausser sich. Juliane erschrak, wand sich geschickt aus seinen Armen, und stand auf, ihm einen zurnenden Blick zuwerfend. Eduard war betroffen, sie reichte ihm beruhigend die Hand, die er mit Kussen bedeckte. Nunmehr sang Florentin, mit raschen Griffen sich begleitend, gleichsam als beruhigendes Echo jener ersten sehnsuchtsvollen Anklange:

"Ich bin dir nah, wie soll die Wonn' ich fassen,

Die mir aus deinen lieben Augen winkt!

Als sollt' ich nimmermehr dich wieder lassen.

Wann voll Verlangen Herz an Herz nun sinkt,

So soll mein Arm den holden Leib umfassen,

Indes mein Mund der Liebe Tranen trinkt.

O Gluck der Liebe, seliges Entzucken!

Geschenk der Gotter, Menschen zu beglucken!"

"Wie schon", rief Juliane, als das Lied geendigt war, "wie schon weiss er die Seligkeit und die Schmerzen eines liebenden Herzens auszusprechen! Florentin, Sie lieben! gewiss Sie lieben! Sie sollten uns die Geschichte Ihres Glucks mitteilen! oder, wenn Sie nicht glucklich lieben... armer Florentin!" Sie nahm seine Hand in ihre beiden Hande. Er seufzte und lehnte seine Stirn auf ihre Hand.

"So offnen Sie uns Ihr Herz", fuhr sie mit bewegter Stimme fort, "wir sind es beide wert." Florentin richtete sich auf. "Wie mich eure Teilnahme ruhrt, ihr Guten. Es ist das erste Von-Herzen-zu-HerzenGehende, dem ich begegnet bin! Wohl trage ich Liebe in meiner Brust, Juliane, aber ein Weib, dem sie eigen gehorte, die sie mit mir teilte... die fand ich noch nie!" "O das ist unglaublich. Sie entziehen sich uns." "Nein, bei Gott, nein!"

"Sie werden es weder gluckliche noch ungluckliche Liebe nennen wollen, wenn Sie horen, dass ich von meinem sechzehnten Jahre an der Erziehung der beruhmtesten schonen Frauen in Venedig uberlassen war. Ich lernte jeden Sinnenrausch kennen, fruher als ich das geheime Feuer im innersten meines Herzens kannte und verstand, und keine Verderbnis der verderbtesten Welt hat es daraus vertilgen konnen. Die Schonheit betete ich an, wo sie sich mir darbot, ein gluckliches Naturell unterstutzte mich... kurz, ich ward nirgend grausam behandelt. Nachher lebte ich eine Zeitlang von aller schonen feinen Welt entfernt bei armen Hirten in den Gebirgen; dieser schonen Tage werde ich immer mit Freude gedenken. Ich lebte mit lieben holden Kindern zusammen, wahren Kindern der Natur, und der ersten Unschuld; bei ihnen heilte meine Phantasie wenigstens wieder... Einen Gegenstand der Liebe aber, die bis jetzt mir nur unbelohnt, aber tief im Herzen lebt, wo wurde ich den wohl finden? Er existiert irgendwo, das weiss ich, von dieser frohen Ahndung werde ich im Leben festgehalten; aber wo er existiert? wo ich ihn finde?" "Aber welche Forderungen werden Sie auch machen?" sagte Juliane. "Was wird der Herr verlangen von einer Frau, die ihm die rechte sei!" "Unwiderstehlich reizend sind Sie, Juliane, wenn Sie die kleine Lippe so trotzig aufwerfen, und das Naschen hohnisch rumpfen!" "Welche Anmassung!" "O keinen Zorn, wenn ich meinen Kopf behalten soll, er kleidet Sie viel zu schon! Was hilft es denn, dass ich in einer alles vereinigt fand, was meine Wunsche fassen? Sie ist ja die liebende Braut des Glucklichen dort!" "Sie sind ausgelassen, Florentin!"

"Nun seht, ihr Lieben, ich fordre wenig, ihr werdet es vielleicht nicht glauben, recht sehr wenig; doch scheint es eine grosse Forderung zu sein, denn ich fand sie nie erfullt. Nichts als ein liebenswurdiges Weib, die mich liebt, liebt wie ich sie, die an mich glaubt, die ohne alle Absicht, bloss um der Liebe willen, die meinige sei, die meinem Gluck und meinen Wunschen kein Vorurteil und keine bose Gewohnheit entgegensetzt, die mich tragt wie ich bin, und nicht erliegt unter der Last; die mutig mit mir durch das Leben, und, wenn es sein musste, mit mir in den Tod schreiten konnte... Sehen Sie Juliane, das ist alles!... und ich habe es nicht gefunden, obgleich schone Frauen jedes Standes mir uberall und ohne Bedenken, die unzweideutigsten Beweise ihrer Liebe, wie sie es nannten, gaben." "Mit welchen Frauen haben Sie gelebt, Florentin!" "In der besten, der feinsten Gesellschaft mitunter, sein Sie versichert, gute Juliane." "Sie sollten uns doch bald mit Ihren Schicksalen und Abenteuern bekannt machen", sagte Eduard. "O tun Sie es", sagte Juliane, "Ihr Lebenslauf muss sehr interessant sein!" "Interessant!" rief er aus; "ich bitte euch, was nennt ihr denn interessant? Ich weiss wahrhaftig nicht, ob er das sein wird. Ich wollte, mein Lebenslauf gehorte irgendeinem andern zu, vielleicht wurde ich ihn dann auch ergotzlich finden: als mein eigner Lebenslauf aber gefallt er mir eben nicht. Euch will ich auch einmal die Lust verschaffen, nur jetzt nicht, denn mich dunkt, es ist Zeit, dass wir uns nach einer Mahlzeit umsehen." "Wenn Sie es zufrieden sind", sagte Juliane, "so gehen wir, wahrend die Mittagssonne brennt, nicht von diesem Platz; er ist schattig und kuhl. Geben Sie her, was von kalter Kuche da ist, unser grunes Lager mag zugleich unsre Tafel sein." "Sehen Sie, auch fur ein sauberes Tuch hat man gesorgt, um es aufzudecken." "Sogar Wein findet sich hier", sagte Florentin, indem er die Flasche hervorzog. "Stellen Sie ihn dort an den Bach hin, damit er abkuhle." "So reichlich fanden wir uns noch nie auf unsern Zugen versorgt." "So hat die Umstandlichkeit, die meine Begleitung verursachte, doch wieder etwas Angenehmes erzeugt." "Wie oft musste ich nicht schon die Annehmlichkeiten eines bequemen Lebens entbehren! konnte ich mir aber nur eine grossere Unabhangigkeit damit erkaufen, so geschah es mit tausend Freuden." "Doch wohl auch oft dem Liebchen zu gefallen?" sagte Eduard. "Auch das genug", sagte Florentin, "ich hatte dann auch sussen Lohn."

Sie lagerten sich um das Tuch und verzehrten ihren Vorrat unter frohlichen Scherzen, Gesangen und Lachen. Florentin pflegte durch den Wein lebhafter und noch heiterer zu werden als gewohnlich, Eduard aber fuhlte seine Lebensgeister leicht durch ihn erhitzt, reizbarer und zugleich schwerer; Juliane ward von ihnen mit Bitten besturmt, diesesmal doch ihren Wein ohne die gewohnliche Mischung von Wasser zu trinken, sie war aber nicht dazu zu bewegen. Die Ausgelassenheit und der steigende Mutwille der beiden fing an sie zu angstigen, sie fand jetzt ihr Unternehmen unbesonnen und riesenhaft kuhn; die beiden Manner kamen ihr in ihrer Angst ganz fremd vor, sie erschrak davor, so ganz ihnen uberlassen zu sein; sie konnte sich einen Augenblick lang gar nicht des Verhaltnisses erinnern, in dem sie mit ihnen stand, sie bebte, ward blass. Eduard bemerkte ihre Angst. "Was furchtest du holder Engel! Du bist bei mir, bist mein", er umarmte sie mit einigem Ungestum. "Lassen Sie mich, Eduard!" rief sie, sich aus seinen Armen windend; "nicht diese Sprache... Sprechen Sie jetzt gar nicht zu mir, Ihre Worte vergrossern meine Furcht... ich bin so erschreckt... ich weiss nicht warum?" Sie verbarg ihr Gesicht in ihre beiden Hande. "Beruhigen Sie sich Juliane!" "Stille, ich beschwore Sie, nicht ein Wort weiter, wenn Sie mich lieben!" Florentin hatte sich, als er ihre Unruhe bemerkte, zuruckgezogen, die Gitarre genommen, und allerlei Melodien phantasiert; die beiden Hunde hatten sich zu ihm gelagert, und druckten aufwarts ihre Kopfe an seine Knie. Gesammelt fing Juliane endlich an: "Die Sonne steht noch zu hoch, wir konnen in der druckenden Hitze diese Schatten nicht verlassen. Sie, Florentin, konnten jetzt Ihr Versprechen erfullen, und uns einiges aus Ihrem Leben erzahlen!"

Er schwieg ein Weilchen, dann sang er folgende Worte:

"'Draussen so heller Sonnenschein,

Alter Mann, lass mich hinaus!

Ich kann jetzt nicht geduldig sein,

Lernen und bleiben zu Haus.

Mit lustigem Trompetenklang

Ziehet die Reuterschar dort,

Mir ist im Zimmer hier so bang,

Alter Mann, lass mich doch fort!'

Er bleibt ungeruhrt,

Er hort mich nicht:

'Erlaubt wird, was dir gebuhrt,

Tust du erst deine Pflicht!'

Pflicht ist des Alten streng Gebot;

Ach, armes Kind! du kennst sie nicht,

Du fuhlst nur ungerechte Not,

Und Tranen netzen dein Gesicht.

Wenn es dann langst voruber ist,

Wonach du trugst Verlangen,

Dann gonnt man dir zu spat die Frist,

Wenn Klang und Schein vergangen!

Was du gewahnt,

Wonach dich gesehnt,

Das findest du nicht:

Doch bleibt betrant

Noch lang dein Gesicht."

"Was soll uns jetzt das Lied, Florentin?" fiel Juliane ungeduldig ein; "ich dringe auf die Erfullung Ihres Versprechens!" "Sie konnten auch mein Lied als Einleitung nehmen zu dem, was ich Ihnen zu erzahlen habe. Aus meiner Kindheit weiss ich mir nichts so bestimmt zu erinnern, als den Zwang und das Unrecht, das mir geschehen ist, und das ich schon damals sehr klar fuhlte. Gewiss ist jedem Kinde so zumute, dem man nach einer vorher bestimmten eigenmachtigen Absicht eine streng eingerichtete Erziehung gibt."

Siebentes Kapitel

Die Gesellschaft lagerte sich bequem, und Florentin erzahlte:

"Wie ein Traum schwebt mir die fruhe Erinnerung vor, dass ich in meiner ersten Kindheit in einem einsamen Hause auf einer kleinen Insel lebte. In dem Hause wohnte niemand, als eine gute freundliche Frau, die Sorge fur mich trug und mich keinen Augenblick verliess, und ein etwas altlicher Mann, der die schweren Haus- und Gartenarbeiten verrichtete, und jeden Tag mit einer kleinen Barke fortruderte, und die notigen Vorrate einholte. Es befanden sich gewiss noch mehrere Hauser auf der Insel; von diesen erinnere ich mich aber nichts, so wenig als von ihren Bewohnern. Ein paarmal kam eine schone sehr prachtig gekleidete Dame, von zwei Herren begleitet, mit der zuruckkehrenden Barke. Diese Dame liebkoste mich zartlich, gab mir Spielzeug und Konfekt, und ich musste sie Mutter nennen. Einer von den Herren, der auch schon und glanzend gekleidet war, bezeigte meiner Mutter viel Aufmerksamkeit, und war sehr freundlich gegen sie, so wie sie auch gegen ihn. Dem andern Herrn, der, wie ich nachmals erfahren habe, ein Geistlicher war, begegneten beide mit Ehrfurcht. Gegen mich waren beide unfreundlich; sie schalten mich, wenn ich mich zu nah an meine Mutter drangte oder nicht von ihrem Schoss fort wollte. Sie waren mir beide verhasst, besonders der geistliche Herr, dessen Recht mich zu schelten ich immer im Herzen bezweifelte. Der Stolz und die Unfreundlichkeit der beiden Manner hatte einen so verhassten Eindruck auf mein kindliches Gemut gemacht, dass ich sie furchtete, und sie niemals begrussen und anreden mochte, so sehr meine Mutter darauf bestand. Empfindlichen Kindern ist Harte und Unfreundlichkeit unertraglicher als jede Entbehrung, die man ihnen mit Gute und Sanftmut auferlegt.

Eines Tages kam unser alter Mann mit der Barke zuruck. Er war ganz besturzt und sprach heftig mit der Frau; diese weinte, kusste mich und stieg mit mir in die Barke. Der Mann fuhr uns an ein fremdes Ufer, wo der Anblick der vielen Menschen und Hauser mich in Erstaunen setzte. Ich ward durch viele Strassen in ein sehr grosses Haus gefuhrt, dann durch eine Menge Zimmer, in denen sich viele Menschen hinund herdrangten. Die meisten waren schwarz und wunderlich gekleidet, und obgleich es so viele waren, und alle besorgt und beschaftigt schienen, so ging es doch still und feierlich zu. Mein Herz ward kalt bei dem geistermassigen Anblick, den ich mir so gar nicht erklaren konnte. Endlich gelangte ich in ein sehr grosses Zimmer, dessen Wande und Fussboden schwarz behangt waren; kein Tageslicht drang herein, ein paar Wachskerzen mit schwarz umwundenen hohen Leuchtern brannten duster. Ganz am entgegensetzten Ende stand ein schwarzbehangenes Ruhebett, auf dem eine gleichfalls ganz schwarz gekleidete Dame sass, die einen langen schwarzen Schleier uber das Gesicht hatte.

Indem ich hineintrat, stand die Dame auf, und ich erkannte die Stimme meiner Mutter; der geistliche Herr bat sie ruhig zu sein, und ging mir entgegen, um mich zu ihr zu fuhren, ich war vor Angst und Schrekken wie im Fieber, und ich verbarg mich zitternd im Gewand meiner Warterin. Meine Mutter mochte die Ursache meines Schreckens erraten, sie kam auf mich zu, und legte ihren Schleier zuruck, so dass ich ihr Gesicht erkannte; aber ich vermisste schmerzlich den glanzenden Schmuck, den ich sonst mit solchem Ergotzen in ihren Haaren, an Hals und Ohren hatte schimmern sehen. Ich blieb lange furchtsam und angstlich; man gab mir glanzendes Spielzeug, ich konnte mich aber nicht beruhigen. Endlich ward mir ein kleines Madchen zugefuhrt, die mir freundlich zuredete, und den Gebrauch des schonen Spielzeugs kannte; man sagte mir, sie sei meine Schwester; ich spielte mit ihr, und meine Furcht verschwand beinah ganz. Dies war das erstemal, dass ich ein anderes Kind sah, und meine Freude war sehr gross uber diese neue Bekanntschaft. Nun war ich glucklich genug, nur konnte ich mich durchaus nicht an die finstern Zimmer gewohnen, ich sehnte mich nach der frischen Luft, nach dem Himmel und den Baumen; meine Mutter begegnete mir mit der grossten Zartlichkeit, ich liebte sie, aber ich ging doch noch lieber mit meiner Warterin ins Freie. Meine Mutter blieb immer in diesen mir verhassten Zimmern, sie weinte fast immer, wenn ich sie sah, und ich horte sie oft wiederholen: mein Vater sei gestorben; aber ich konnte es nicht fassen, ich wusste nicht, wer mein Vater gewesen sei, ich hatte diese Benennung gar nicht zu brauchen gelernt. Meine Mutter sagte mir mit Tranen: der schone Herr, der mich in ihrer Gesellschaft auf der Insel besucht hatte, ware mein Vater gewesen. Ich weinte nun auch, und war nicht wieder zu beruhigen; die Warterin fragte mich: warum ich denn so sehr weinte? Ich wollte es nicht sagen, man drang in mich. 'O dass der Prior nicht mein Vater war', schrie ich, 'so ware der tot, und der andre Herr lebte noch!' Ich erinnere mich jetzt nicht mehr, was auf diesen Ausruf erfolgte, auch nicht, ob der Prior zugegen war.

Von den Hausleuten horte ich manchmal mit Bedauern sagen: es ware doch sonst viel anders im Hause gewesen! Ich erkundigte mich dann bei ihnen und bei meiner Schwester, wie es eigentlich gewesen ware? Ihre Erzahlungen gaben mir ein wunderliches buntes Bild von den weltlichen Freuden, die jetzt ganz aus dem Hause verbannt, und an deren Stelle feierliche Unterredungen und Andachtsubungen getreten waren. Meine Schwester wusste nicht viel zu erzahlen, ausser dass die Mutter damals sehr reiche glanzende Kleider angehabt hatte.

Einigemal horte ich den Prior meine Mutter erinnern, dass es jetzt die hochste Zeit sei, mir die Erziehung meiner kunftigen Bestimmung zu geben, und mich in die notwendige Lebensart einzufuhren. Meine Mutter bat ihn aber, ihr die Gesellschaft der Kinder noch nicht zu nehmen, sie wurde alles Versaumte wieder nachholen. Ohne dass ich den Sinn dieser Worte verstand, angstigten sie mich mit trauriger Ahndung, die auch sehr bald erfullt ward. Meine Mutter ward immer ernster und truber, und bald auch strenger gegen uns. Anstatt unsrer gewohnlichen zierlichen leichten Kleidung gab man uns hassliche Kleider von grobem Zeuge, mit klosterlichem Schnitt, und das wahrend derselben Tage, da ich die Freude hatte, dass man die schwarzen Vorhange aus dem Zimmer meiner Mutter nahm. Die hellen Teppiche kamen nun zum Vorschein, die prachtig vergoldeten Zieraten glanzten mir entgegen, ich war voller Freude uber diese Herrlichkeiten; und nun musste ich diese Kleidung anlegen, die mir schon an den Monchen, die ich gesehen hatte, so widerlich war. Ich war ausser mir, ich wollte es durchaus nicht leiden, keine Drohung konnte mich bewegen. Endlich zog meine Schwester mit stillen sanften Tranen an, was man von ihr verlangte, da liess ich mir's auch gefallen. Noch mehre Schrecken erwarteten mich an diesem unglucklichen Tage.

Wir wurden zur Mutter hereingerufen; sie war im Gesprach mit dem Prior und noch einem Mann in geistlicher Kleidung, den ich nicht kannte, der mir aber einen so fatalen Eindruck machte, dass ich gewiss den Augenblick, wo ich ihn zuerst gesehen, nie vergessen werde. Er hatte ein finstres kaltes Gesicht wie der Prior, nur dass dieser, ein vollkommen schoner Mann, mit feierlichem stolzen Anstand sich sehr gut zu prasentieren wusste, auch uber meine Mutter eine Superioritat hatte, die allen Ehrfurcht einflossen musste. Der neue Ankommling war lang und mager, von gelber Gesichtsfarbe, und hatte so durchaus etwas Jammerliches und Demutiges. Er buckte sich bei jedem Wort, das meine Mutter mit einer Protektionsmiene zu ihm sprach, so furchtsam und ungeschickt. Mir entging nichts von dem allen, meinen Widerwillen wusste ich aber erst spater zu erklaren. Er ward mir als mein Hofmeister bekannt gemacht, und zu gleicher Zeit sagte meine Mutter zu meiner guten Warterin, sie ware von nun an die Hofmeisterin meiner Schwester, die unter ihrer unmittelbaren Aufsicht stehen sollte. Ich beneidete meine Schwester, ich ware so gern bei meiner Warterin geblieben. Es erfolgte jetzt ein formliches Abschiednehmen; meine Mutter kusste mich, und fuhrte mich zum Prior, der mir seinen Segen gab, meine Schwester ward weinend von mir getrennt, der Hofmeister empfing mich aus den Handen des Priors, der ihm Wachsamkeit und Fleiss empfahl. Er fuhrte mich fort, ich folgte ihm halb tot vor Entsetzen und bangem Erwarten. Es war der Anfang einer unglucklichen Reihe von Jahren, der ich entgegenging.

Er fuhrte mich in das fur uns bestimmte Zimmer, es war ganz entlegen, und vom gerauschvollen Teile des Hauses entfernt. Eine grosse schwere Ture, am Ende eines finstern Ganges ward aufgetan. Wir traten hinein, eine kalte Luft umfing mich, ich schauderte, und derselbe Schauder uberfiel mich jedesmal, wenn ich hineinkam. Das Zimmer war gross und hoch, gotisch gewolbt, die Fenster ganz oben, und zum Uberfluss noch vergittert, die nackten grauen Wande nur von finstern Heiligenbildern verziert. Am einen Ende bedeckte ein grosses Kruzifix einen Teil der Wand; drunter ein Tisch, worauf eine Decke und zwei grosse Kerzen sich befanden, gegenuber unsre Betten, zwei Tische mit Schreibzubehor, ein Repositorium mit Buchern und einige Stuhle: das war alles, was diese Gruft enthielt, in der ich vier lange, bange Jahre mit meinem gespensterhaften Aufseher, unter unaufhorlichem Zwang verleben musste. Ich mochte ungefahr zehn Jahre alt gewesen sein, als ich hineingelassen ward. Seltne sparliche Sonnenstrahlen fielen durch die kleinen Gitter, und diese vermehrten nur immer mehr meine Traurigkeit und meine Sehnsucht nach dem freien Himmel, wenn sie die gegenuberstehende Wand erhellten. Jeden Morgen beim Erwachen fiel mir das Kruzifix in die Augen, auf das oft ein solcher blasser Strahl schrag hinfiel und es so schauderhaft erleuchtete, dass ich davor zuruckbebte. Ich habe mich in diesen ganzen vier Jahren an den Anblick nicht gewohnen konnen; ich war froh, wenn der Himmel umwolkt war, damit ich die Strahlen nicht mehr sahe, die sonst meine grosste Freude gemacht hatten. Seitdem war ich noch oft sehr unglucklich, ich habe Momente der schrecklichsten Verzweiflung erlebt; aber gegen die Bitterkeit jenes Zustandes, in dem ich die lieblichsten Jahre meiner Kindheit vertrauren musste... daran reichte seitdem nichts wieder! Wie grenzenlos unglucklich ein Kind sein kann, dem die Hoffnung noch nicht bekannt ist, das nichts hat, nichts kennt als den gegenwartigen Moment, an dem es mit allen Sinnen, mit aller Kraft und Begierde seiner empfangenden Seele hangt; wenn es abhangig von fremder Laune, fremder Absicht, seine frohen Wunsche, die naturlichen Gefahrten seines Alters unterdrucken muss, so dass selbst diese ihm fremd werden... gewiss hat ein jeder dies irgendeinmal erfahren: aber die meisten vergessen diesen peinvollen Zustand wieder, sobald sie daruber hinaus sind. Ja oft rachen sie sich fur das ausgestandne Ubel wiederum an ihren Kindern, so wie diejenigen gegen ihre Untergebenen am hartesten verfahren, die selbst aus dem Stand der Dienstbarkeit sind. Kinder werden von einer Generation auf die andre als angebornes Eigentum angesehen, das man zu seinem eigenen Vorteil, oder nach Laune, bearbeitet und benutzt. Nun, wenn es unabanderlich so bleiben muss, so ist es nur eine Inkonsequenz, dass die Eltern nicht auch uber Leben und Tod ihrer Kinder zu richten haben!

Es hielt schwer, eh ich mich bewegen liess, bei meinem Hofmeister zu bleiben, der im Hause allgemein der Pater genannt ward. Ich straubte mich aus allen Kraften dagegen. Endlich ward mir im Namen meiner Mutter notifiziert, dass ich mich durchaus fugen musste, sonst sollte ich sogleich ins Kloster der Benediktiner, wohin ich durch besondere Vergunstigung des Priors nun erst in vier Jahren zu gehen brauchte. Er hatte aus Gewogenheit fur mich und meine Mutter es erlaubt, dass der grosste Teil meines strengen Noviziats in ihrem Hause unter der Aufsicht des Paters vergehen durfte, und fur diese Gunst sollte ich doppelt gehorsam und dankbar sein.

Mein Schrecken war ubermassig, als ich erfuhr, dass ich zu den Benediktinern sollte. Der Prior hatte mich einmal im Kloster herumgefuhrt, mir die Ordnung, Einrichtung und Gesetze erklart, und trotz dem, dass er mir alles auf schonste und unter vielen Schmeicheleien vortrug, konnte doch nichts den Abscheu uberwinden, den ich mit der grossten Heftigkeit gegen Kloster und Monche fasste.

Er war sonderbar, dieser Hass, denn ich kannte ja die Welt noch nicht, und wusste nichts von ihren Freuden. Aber es war mir immer, als sprache etwas in meinem Innern zu mir: es gibt noch viel schone Dinge, aber weit von hier! Doch alles, was ich einwenden mochte, half nichts, wollte ich diese vier Jahre noch im Hause meiner Mutter bleiben durfen, so musste ich mir alles gefallen lassen; und nun war es beschlossen, dass sowohl ich, als meine Schwester zum Kloster bestimmt waren, und dass wir, dieser Absicht gemass, schon jetzt unsre Lebensart daran gewohnen sollten.

Anfangs wurde ich und meine Schwester taglich zu meiner Mutter gefuhrt, nach und nach wurden aber diese Besuche immer seltner, meine Schwester blieb meiner alten Warterin ganz uberlassen, und ich war allein mit dem Pater. Nur an seltnen Festtagen durften wir zur Mutter kommen; auch fanden wir immer weniger Trost bei ihr, sie bezeigte uns zwar viel Liebe, besonders mir; aber sie selbst ward taglich truber, und den Andachtsubungen immer mehr hingegeben. Mein einziger Trost war meine Schwester, die ich aber nie sprechen konnte als im Garten, wohin mich der Pater regelmassig jeden Abend fuhrte, wo sie sich dann auch mit ihrer Hofmeisterin einfand; dies war die einzige frohe Stunde, die ich den ganzen Tag hatte; und auch diese war beschrankt, denn der Pater verliess mich keinen Augenblick, und gelang es uns auch, uns allein zu unterhalten, so verging sie unter gegenseitigen Klagen. Das arme kleine Madchen jammerte besonders sehr uber die hassliche Kleidung, die ihr nicht stehen wollte, ich trostete sie oft, wenn ich weniger ubelgelaunt war, und einigemal versicherte ich ihr sogar als eine Prophezeiung, ich wurde es, wenn ich erst alter ware, gewiss andern, und ich wollte sie freimachen, sobald ich frei ware. Darauf wusste sie aber niemals etwas zu sagen, sie sah mich mit grossen Augen an, und es schien als glaubte sie mir nicht, was mich denn nicht wenig verdross.

Meine Tage fullten trostlose Studien, die alle darauf abzweckten, mich zu meinem kunftigen Stande geschickt zu machen; das kanonische Recht, geistliche Gebrauche, Kirchengeschichte, kurz alles was in dieses Fach gehort: mein armes Gedachtnis ward mit diesen toten Dingen bis zur Zerstorung gemartert. Das Beste, was ich davontrug, war die Kenntnis einiger alten, und der deutschen Sprache; der Pater war ein Deutscher von Geburt, und liebte seine Sprache. Der Prior, der als ein gelehrter Mann bekannt war, hatte es uber sich genommen, meine Studien zu dirigieren. Er kam jede Woche einmal und untersuchte meine Fortschritte, es war daher leicht zu begreifen, dass der Pater sein Bestes an mir versuchte. Mit der grossten Strenge hielt er mich an, mir Sachen einzupragen, die ich, Gott sei Dank, in kurzerer Zeit vergass, als ich zu ihrer Erlernung gebraucht hatte; zur Erholung wurde mir verstattet in den Legenden die Geschichte der Heiligen und Martyrer zu lesen, deren Gemalde an den Wanden hingen. Auch versuchte ich es oft, mit der Feder die Umrisse dieser Bilder nachzuahmen, welches mir immer gut gelang; mit einiger Anleitung hatte ich vielleicht ein Kunstler werden konnen. Gewiss ist es aber, dass Kinder von lebhaftem Geiste gegen die Dinge, wozu man ihnen durch fruhe Gewohnung eine Neigung zu geben sucht, grade dadurch einen Widerwillen bekommen; nur auf schwache, furchtsame Gemuter vermag die Gewohnheit etwas. Der Abscheu gegen mein Leben und meine Bestimmung nahm mit jedem Tage zu, da alles, was mich umgab, mich bis zur Ermudung darauf hinwies. Freiwillig und lebensmude hatte ich sie vielleicht einst selbst gewahlt.

Alle erwachsenen Leute erschienen mir nicht allein murrisch und hart, sondern ganz unverstandig und blind, ihre Befehle und Verbote sinnlos und abgeschmackt. Darin ward ich besonders durch einen Zufall aus dem ersten Jahre meines widrigen Lebens bestarkt. Ich war namlich einmal mit meiner Schwester im Zimmer meiner Mutter, sie wollte unsre Fahigkeit im Lesen prufen. Zufallig war kein andres Buch in der Nahe, als ein Gedicht, das meine Mutter eben gelesen hatte. Ich las einige Verse, in denen das Gluck der Kindheit gepriesen ward; meine Mutter war mit der Fertigkeit, womit sie gelesen wurden, zufrieden, und ruhmte, indem sie sich zum Pater wandte, die Schonheit der Verse, und die ruhrende Wahrheit des Inhalts; der Pater stimmte laut mit ein. Schwache Geschopfe, die in solcher Abhangigkeit leben mussen, glucklich zu preisen, zu beneiden, das war zu toll! Ich ward ganz wutend, weinte, und war durch nichts zu bewegen, noch weiter zu lesen, und musste die Strafe fur meinen Eigensinn, wie sie es nannten, erleiden, deren Ungerechtigkeit mich nur noch mehr emporte, und meine Verachtung gegen die geringe Einsicht meiner Vorgesetzten noch vergrosserte. Wie seufzte ich nach dem Moment, mich von den hartherzigen, unverstandigen Tyrannen loszumachen, sie nicht mehr furchten zu durfen! Ich suchte in den Augen meiner Schwester eine Ubereinstimmung mit diesem Gefuhle, ohne sie zu finden; das Kind war durch meine erlittne Strafe erschreckt, und las gedankenlos, was man ihr aufgab, mit allem Eifer, bloss um den Beifall der Mutter zu erhalten; ich hatte Mitleid mit ihr, aber mein Zutrauen zu dem schwachen Kinde war verschwunden.

Der Eindruck dieser Begebenheit haftete unausloschlich in meinem Gemut; ich war seitdem uberzeugt, mehr Verstand zu haben, als die mich beherrschten, und sie betrugen zu durfen. Weil sie starker waren und ihre Starke gegen mich anwandten, so glaubte ich meinen Verstand, als die einzige Waffe, wodurch ich ihnen uberlegen ware, gebrauchen zu mussen. Ich suchte auf jede Weise meine Unabhangigkeit in meinem Innern zu erhalten, je mehr ich meine Handlungen und mein ausseres Leben nach ihrem Willen ordnen musste. In jeder Meinung ging ich geflissentlich von der ihrigen ab, es war mir genug, dass jene etwas fest glaubten, um starke Zweifel in mir dagegen zu hegen, und gerade das Entgegengesetzte anzunehmen. Da ich nun meine Freidenkerei sorgfaltig verbergen musste, so hielt ich mich heimlich fur den Zwang schadlos; jeder Akt von Unabhangigkeit, auch der allerunbedeutendste, erfullte meine Seele mit einem geheimen Triumph, und dass ich nicht gleich auf der Stelle fur meine Unwahrheit von Gott bestraft wurde, befestigte mich in meiner Uberzeugung. So lebte ich, in anscheinendem Frieden, innerlich in bestandigem Krieg mit meinen Vorgesetzten, dachte auch, sie verachteten mich ebenso, wie ich sie, und suchten mich nur zu uberlisten.

Wie ward ich nun uberrascht und erschuttert, als ich bei einer Krankheit, die ich aus Stolz einige Tage verbarg, der ich aber endlich unterliegen musste, die Zartlichkeit meiner Mutter und die Sorgfalt meines Hofmeisters fur meine Genesung gewahr ward! Es waren die Blattern, die mit gefahrlichen Symptomen herausbrachen. Einige Tage lag ich in heftigem Fieber ohne Bewusstsein; in dem Augenblick, als ich endlich zu mir kam, und noch ganz entkraftet die Augen aufschlug, war das erste, was ich unterscheiden konnte, der Anblick meiner Mutter, die auf ihren Knien lag, und mit heissen Tranen und geangstigtem Herzen Gebete fur ihr Kind zum Himmel schickte. Ich machte eine Bewegung, sie kam zu mir, ich sah sie bleich und ihre Kleidung und Haare zerstreut und nicht in der gewohnlichen Ordnung; ich erkundigte mich nach der Ursache, da horte ich: sie ware in den Nachten meiner Lebensgefahr nicht von meinem Bette gewichen, und hatte sich auch am Tage nicht von mir entfernen wollen, um gehorig auf ihrem Bette zu ruhn, oder sich umzukleiden. Ihre Freude, als sie gewahr ward, dass ich meine Besinnung wiedererlangt hatte, und sie mich wieder ruhig und zusammenhangend sprechen horte, auch der Arzt versicherte, ich sei jetzt ausser aller Gefahr, war unbeschreiblich, und bewegte mich tief. Mein Zustand schien mir selbst hochst abschrekkend und ekelhaft; doch hielt er weder meine Mutter noch meinen Hofmeister ab, mir alle moglichen Dienste selbst zu leisten, und Erleichterungen zu verschaffen. Sie verliessen mich fast keinen Augenblick, begegneten mir mit nie erfahrner Freundlichkeit, und suchten mir sogar durch kleine Spiele diese Leidenszeit zu verkurzen. Trotz meiner korperlichen Schmerzen war ich zum erstenmal vergnugt; mein Herz erweichte sich gegen diejenigen, die ich fur meine Feinde gehalten hatte, und die mich jetzt so freundlich und zartlich behandelten. Mein Vergehen, sie als Feinde betrogen zu haben, fiel schwer auf mein Gewissen; es drangte mich, mich ihnen zu entdecken, und sie selbst um die Auflosung meiner Zweifel zu bitten. In dieser Aufwallung von frommer Treuherzigkeit legte ich eine vollstandige Beichte in Gegenwart meiner Mutter und des Paters ab; heisse Tranen entfielen meinen Augen bei dem Bekenntnis meiner Sunden! Der Moment war entscheidend, denn jetzt hing es von ihnen ab, mich auf immer fur sich zu gewinnen. Die Idee vom Kloster ausgenommen, war ich zu allem bereit, was von mir gefordert wurde; ja auch zu diesem hatte ich mich vielleicht verleiten lassen, wenn sie mich mit weniger sichtbarer Absicht behandelt hatten; aber sie verstanden mich nicht, dies rettete mich.

Wahrend meiner Beichte waren beide sehr erschreckt, wegen der Tiefe meiner Ruchlosigkeit, wie mein Hofmeister sich ausdruckte, meine Mutter aber wegen meines weltlichen Hanges zur Unabhangigkeit, der durch keine geistliche Ubung und Anstrengung zu unterdrucken sei. Wahrend meiner Genesung ward ich mit Schonung behandelt, nur musste ich mehr noch als vorher, Gebete hersagen, und sonst allerlei von mir verachtete Dinge vornehmen. Mit unbeschreiblicher Geduld verrichtete ich alles, bloss aus Gefalligkeit fur die Menschen, die mich liebten, und die ich beleidigt hatte. Dass sie mir mein Unrecht nicht fuhlen liessen, hatte ihnen mein ganzes Herz wiedergewonnen.

Ihr Betragen veranderte sich aber, je mehr ich wieder an Kraften zunahm. Mit der moglichsten Strenge ward ich beobachtet; zu unaufhorlichen, mir verabscheuungswurdigen Ubungen angetrieben; nicht die allergeringste Freiheit ward mir verstattet; im Hause der Mutter musste ich vollkommen so leben, als im Kloster; dabei zeigte man mir unaufhorlich das grosste Misstrauen. Ich fuhlte mich hier so rein, war es mir bewusst, dass ich durch meine Aufrichtigkeit vielmehr ihr Zutrauen hatte erwerben sollen; ich fand jene so klein, so unedel in ihrem Misstrauen, und mich so unwurdig behandelt, dass mein Entschluss wieder aufs neue fest ward, mich zu befreien. Wie? und wann? das sah ich, unerfahren und kindisch wie ich war, durchaus nicht ein. Der Zufall kam mir zu Hulfe.

Wir machten unsern gewohnlichen Spaziergang im Garten; der Prior kam dazu und nahm unsre Aufseher auf die Seite, um etwas mit ihnen zu uberlegen; ich blieb mit meiner Schwester in einem bedeckten Gang allein. Auf einmal horten wir auf dem Hof nebenan einige Stimmen und Pferdegetrappel; neugierig, wie jeder Eingekerkerte, guckten wir durch eine ziemlich grosse Offnung der Planke, die unsern Garten von jenem Hofe trennte. Ich erblickte einen Jungling, der sich in muntrer militarischer Tracht eben auf ein schones Pferd schwang, und vom Hofe herunterritt. Er war nicht mehr zu sehen, und alles still um uns. Ich betrachtete bald mich, bald meine Schwester. Das Bild des leichten schlanken Junglings, wie er sich auf das rasche Pferd schwang, einen reichgekleideten Knaben hinter sich, schwebte mir noch immer vor Augen; mein Zustand kam mir ganz unleidlich vor; ich weinte heftig, ich war ausser mir, und in einem Zustande von Verzweiflung. Meine arme Schwester versuchte mich zu trosten; es gelang ihr aber nicht eher, bis sie mir versprach, sie wollte ihr moglichstes tun, mich mit dem Jungling bekannt zu machen.

Wirklich gelang es ihr einige Tage darauf, ihn durch die Planke zu sprechen, und ihn zu bitten, den andern Tag in derselben Stunde wieder an dem Ort zu sein, zugleich sagte sie ihm von meiner Begierde, ihn zu sprechen. Sie gewann ihre Hofmeisterin fur mich, die mir noch immer sehr gewogen war, offentlich aber nichts fur mich tun konnte.

Den andern Tag, als wir im Garten waren, entfernte sie sich um die bestimmte Zeit mit dem Pater und meiner Schwester, die nur unter der Bedingung nicht dabei zu sein, sie in ein so gewagtes Unternehmen hatte hineinziehen konnen. Ich blieb allein am bestimmten Ort, der Jungling erschien bald darauf, nicht wenig neugierig auf eine so abenteuerliche Zusammenkunft. Mit wenigen Worten, und ohne Zeitverlust, sagte ich ihm kurz die Ursache, warum ich seine nahere Bekanntschaft wunschte, bei welcher Gelegenheit ich ihn zuerst gesehen, und welche Hoffnung ich gleich beim ersten Anblick von ihm gefasst habe; zugleich machte ich ihn mit meiner ganzen Lage bekannt. Er nahm auf der Stelle den warmsten Anteil an meiner Not, beklagte mich, versprach mir seine Hulfe und seinen Rat in allem, was ich unternehmen wollte, und gewann mein ganzes Herz durch sein edles Wesen. Er bestarkte mich in meinem Vorsatz, mich mutig zu widersetzen, vorher aber sollte ich zu erlangen suchen, dass wir freundschaftlich zusammen umgehen konnten. Wir trennten uns, da ich die Stimmen der ubrigen vernahm, mit dem gegenseitigen Versprechen, uns bald wiederzusehen.

Ich hatte neuen Mut durch diese Bekanntschaft gewonnen; und die erste Wirkung war die, mich nicht ferner zu verstellen; jetzt verachtete ich meine Unterdrucker mehr, als ich sie furchtete.

Den andern Morgen sagte ich dem Pater in einer ordentlichen Anrede: Ich dankte ihm fur seine bisherige Bemuhung, der er aber von nun an uberhoben sein sollte, weil es mit meinen Studien vollkommen aus ware! Wollte er mich aber etwa zum Studieren zwingen, so wurde ich sogleich zu meiner Mutter gehen und es ihr selber sagen, dass ich unter keiner Bedingung ins Kloster gehen, noch auch die geistlichen Studien weiter fortsetzen wolle; ich sei fest entschlossen und ganz bereit, mich jeder Begegnung auszusetzen, um mich freizumachen. Der Pater war wie aus den Wolken gefallen, als er mich diese Sprache fuhren horte, und wollte einiges versuchen, mich wieder zum alten Gehorsam zu bringen; da er mich aber unwandelbar entschlossen sah, nahm er plotzlich eine ganz andre Miene an. Der arme Teufel mochte wohl furchten, seine gute eintragliche Stelle, und die kunftige Versorgung, die ihm der Prior zugesagt hatte, zu verlieren, wenn ich mich meiner Mutter entdeckte; er wusste, diese wurde den Fall sogleich dem Prior mitteilen, der dann vor allen Dingen einen andern Hofmeister fur den rebellischen Knaben herbeischaffen wurde; eine Veranstaltung, die zuerst den Pater zu seinem eignen Nachteil hatte betreffen mussen. Nach einigem Bedenken fragte er mich nach meinem Plan, sagte viel zu seiner Verteidigung: wie ich ihn verkennte, wie er mich im Herzen immer bedauert hatte, und mir aufrichtig zugetan sei; da es ihm aber aufgetragen ware, mich so zu behandeln, so hatte er seine Pflicht doch tun mussen. Verlassen wollte er mich aber auf keinen Fall, und hier wurde Gott es ihm verzeihen, wenn er, im Zweifel uber seine Pflicht, seinem Herzen folgte; und was der Worte mehr waren. Sobald ich nur merkte, dass es sein Vorteil sei, mir nichts in den Weg zu legen, horte ich nicht weiter darauf. Alles was er fur mich tun konnte, sagte ich ihm, ware, mir die Erlaubnis zu geben, dass ich den Sohn unsers Nachbars, des Marchese, besuchen durfte, mir auch unverzuglich und insgeheim ein Pferd und eine anstandige Kleidung fur mich anzuschaffen, dies alles dann dem jungen Manfredi zu uberbringen, und soviel moglich mir zum Ausgehen zu verhelfen.

Er versprach alles, nur sollte ich Sorge tragen, dass er mich nicht verlassen durfte; ich gab ihm mein Wort, und von dem Augenblick schwur er mir ganz ergeben zu sein. Ich traute ihm viel zu leicht: wahrscheinlich hatte er mich bei der nachsten Gelegenheit verraten, wenn er Zeit dazu gefunden hatte, aber es nahm schneller eine gute Wendung, als ich selber hoffen durfte. Ich ging sogleich zu meinem jungen Freunde, der Pater begleitete mich, damit es im Hause keinen Verdacht erregte, wenn man mich ohne ihn ausgehen sahe. Zu meinem Freunde liess er mich aber allein, nachdem wir einen Ort verabredet hatten, wo wir uns jedesmal wieder antreffen wollten. Die Freude, die wahrhaft kindische Lust, als ich nun im Zimmer meines lieben Manfredi war, und in Freiheit mich mit ihm unterhalten konnte, beschreibe ich euch nicht. Ich machte ihm bekannt, wie weit ich in der Insurrektion gekommen ware, und dass er nun das Pferd, das mir der Pater verschaffen wurde, versorgen, und meine Kleider bei sich verbergen mochte, die ich dann immer bei ihm anlegen wollte, sooft wir zusammen ausritten; denn dass ich gleich zuerst wollte reiten lernen, versteht sich von selbst, mein guter Manfredi wollte mein Meister sein. In unsern heissen Kopfen fand dieser ganze Plan nicht die geringste Schwierigkeit, mein Freund versprach mir alles, was ich verlangte; was am Ende daraus werden sollte, das wollten wir ein andermal uberlegen, in diesem Augenblick hatten wir vor aller Herrlichkeit keine Zeit dazu. Ich war bei meines Freundes Fechtubungen zugegen, und sogleich ward beschlossen, auch ich sollte heimlich teil daran nehmen. Jetzt wusste ich bestimmt, dass ich Soldat werden wollte, und Manfredi bestarkte mich in diesem Vorsatz. Ich lief ganz voll von allem, was ich gesehen, und betaubt von tausend Empfindungen zu meinem ehrwurdigen Hofmeister, den ich antrieb mir das Notige herbeizuschaffen.

Als ich das nachste Mal zu Manfredi kam, fand ich seinen Vater bei ihm, und er stellte mich diesem so vor, dass ich merken konnte, er hatte ihm von mir etwas gesagt. Ich war angstlich, ich hatte noch immer eine gewisse Furcht vor allen erwachsenen, alteren Leuten, als den Feinden der jungen. Der Marchese flosste mir aber bald Zutrauen ein, er begegnete mir freundlich und mit Schonung. Als ich einigen Mut gefasst hatte, fragte er mich nach den genauern Umstanden meiner Geschichte, Manfredi hatte ihm nur das Allgemeine davon mitgeteilt. Ich erzahlte nun meine Lebensart, klagte uber den Zwang zu Studien, die mir Langeweile machten; dass ich zum Kloster bestimmt, aber entschlossen ware, mich bis in den Tod zu widersetzen; dass an dieser Harte und diesem Zwang niemand schuld ware, als der mir fatale Prior, der Beichtvater meiner Mutter, dem sie nicht allein das Heil ihrer Seele, sondern auch die Fuhrung aller weltlichen Dinge anvertraut hatte. 'Ja', rief ich mit dem grossten Affekt, 'ich will lieber den Tod als das Kloster! ich will die abscheulichen Monchskleider nicht langer tragen! ich will nicht aussehen wie diese Monche, und nicht werden wie sie; dazu hat man mich schon seit der zarten Kindheit gewohnen wollen.' Ich klagte sogar mit der grossten Bitterkeit, dass mir schon angekundigt ware, mir in den nachsten Tagen die Haare abzuscheren, die ich, eitler torichter Weise, zu sehr liebte. Bis jetzt hatte sie meine Mutter trotz der Vorstellungen des schrecklichen Priors immer noch erhalten, weil sie selbst sie liebte; nun sollten sie aber herunter, weil sie befurchtete, ihr Herz zu sehr an diesen weltlichen Schmuck zu hangen.

Sie lacheln, Juliane, uber die Warme, mit der ich dieser kindischen Eitelkeit erwahne! Sie konnen aber wohl schwerlich denken, wie entsetzlich mir die Idee war, ebenso auszusehen wie die Monche mit ihren geschornen Kopfen: meine Haare hielt ich noch fur das einzige, was mich von dieser verhassten Klasse unterschied, das Seil, das mich noch in gewissem Sinn an die Welt knupfte, die ich durchaus nicht verlassen wollte, die ich erst wollte kennenlernen; diese Haare sollte ich nun lassen!" "Nun, lieber Florentin", rief Juliane, "halten Sie sich nicht auf, was sagte der Marchese zu Ihrer tragischen Erzahlung?" "Dem Marchese schien sie Vergnugen zu machen, er lachelte einigemal mit Bitterkeit, als ich vom Einfluss des Priors auf meine Mutter sprach. In der Folge erfuhr ich, dass er durch die Einmischung der Geistlichen in Familienangelegenheiten schon eine schreckliche Zerruttung bei einem seiner Freunde erfahren, und seitdem allem, was zum Monchstume gehorte, den unversohnlichsten Hass geschworen habe. Er ist sowohl durch seine Herkunft als durch sein Vermogen von grossem Einfluss, und gebraucht diesen soviel er vermag, und mit der grossten Vorsicht und Klugheit, um allen Orden zu schaden, wenigstens ihrem zu grossen Einfluss entgegenzuarbeiten.

Er fragte mich, wozu ich entschlossen ware, und was ich zunachst tun wollte? Ich entdeckte ihm mein Verstandnis mit dem Pater, und wie ich, sobald mich Manfredi in den notwendigsten Stucken wurde unterrichtet haben, gesonnen sei, davonzugehen, und im Auslande Soldat zu werden. Mit dem letzten war der Marchese zufrieden, aber die Heimlichkeit wollte er nicht billigen. Er drang darauf, mich meiner Mutter zu entdecken. Ich erinnerte ihn, wie meine Mutter so ganz von ihrem Beichtvater abhinge, und dass ich von diesem ja auf keine Weise etwas hoffen durfte. 'Gegen jeden Mann von Ehre', setzte ich keck hinzu, 'und der mit gleichen Waffen gegen mich ficht, werde ich offen und ohne Ruckhalt handeln und sprechen, aber gegen diese Menschen halte ich die List fur erlaubt, sie ist mein einziger Vorteil gegen sie.' Den Marchese belustigte wahrscheinlich mein kindischer Eifer, denn er liess mich eine gute Weile deklamieren. Endlich sagte er: 'Nun gut, mein junger Freund! beruhigen Sie sich nur. Sie haben recht, Sie durfen sich nicht aussetzen, ich werde Ihre Sache fuhren, hoffentlich soll es mir gelingen Sie freizumachen, nur versprechen Sie mir, nichts ohne mein Vorwissen zu unternehmen.' Ich versprach alles, was er wollte, in der Freude einen Beschutzer an dem Vater meines Freundes gefunden zu haben. Jetzt gedachte ich auch meiner armen Schwester, die, wie ich mir einbildete, in derselben angstvollen Lage seufzte. Der Marchese erkundigte sich naher nach ihr; da nahm Manfredi das Wort, und beschrieb ihre ruhrende Schonheit, ihre Sanftmut und Geduld mit einiger Warme. Der Marchese horte ihn ernsthaft an, und sagte dann: 'Es tut mir leid, fur Ihre Schwester kann ich nichts tun; Familienverhaltnisse machen es fur die Tochter oft zur Notwendigkeit den Schleier zu nehmen, und nach allem, was mir Manfredi sagt, scheint sie sich recht gut in dieses Schicksal zu fugen.' Ich wollte ihn vom Gegenteil uberzeugen: 'Nein, nein', fuhr er fort, 'es geht nicht an, fur Ihre Schwester lasst sich nichts tun, und es ware sehr gut, wenn ihr junge Herrn ihr nicht Hoffnung machtet, und sie von dem Wege ablenktet, den sie gehen muss. Was aber Sie betrifft, verhalten Sie sich ganz ruhig, Sie sollen bald frei sein. Ein Jungling sollte niemals zum Kloster bestimmt werden, solange man noch Kopfe und Arme in der Welt braucht, und solange es Armeen gibt.'

Ich folgte dem Marchese, und blieb ruhig auf meinem Zimmer, beim Pater wurden meine Auftrage widerrufen, und ihm nur empfohlen ein wachsames Auge auf das zu haben, was bei meiner Mutter vorginge, und es mir zu hinterbringen. Einige Tage darauf kam er besorgt zu mir, und erzahlte: er ware zu meiner Mutter gerufen worden, wo er den Prior gefunden hatte; beide hatten mit Heftigkeit geredet, indem er hineingetreten sei, und ihn scharf befragt: wo ich den Marchese gesprochen hatte? und bei welcher Gelegenheit? Er, der Pater, hatte sich dann vollig entschuldigt, und versichert, er wusste von nichts, er wollte mich aber darnach fragen. Dies ware ihm gestattet worden, und nun wollte er sich bei mir erkundigen, was er berichten sollte? Es ward nun geschwind etwas ersonnen, das ziemlich glaubwurdig klang, und wobei der Pater zugleich von jedem Verdacht freiblieb, und alles allein auf mich fiel. Er gab mir zugleich Nachricht von einigen ernsthaften Unterredungen, die meine Mutter mit dem Prior gehabt, endlich ward ich vorgerufen; der ehrwurdige Pater empfahl mir noch einmal sein Heil, und nun trat ich nicht ohne Herzklopfen und bange Erwartung in meiner Mutter Zimmer.

Hier hatte ich einen schweren Auftritt zu uberstehen. Ich ward genau aber ohne Strenge vernommen; dann wandten sowohl meine Mutter als der Prior jede Uberredung, jede Schmeichelei an, mich zu bewegen, dass ich mich freiwillig zum Kloster entschliessen sollte. Meine Mutter weinte, bat, rief mir jede Erinnerung ihrer mutterlichen Zartlichkeit ins Gedachtnis zuruck, beschwor mich mit aufgehobenen Handen, mit den ruhrendsten Gebarden, ihr alles was sie je fur mich geduldet hatte durch diesen einzigen Entschluss, der das ewige Heil meiner Seele und ihrer eigenen sicherte, zu belohnen. Ich war wie gepeinigt, konnte nicht sprechen, nur durch meine Liebkosungen suchte ich sie zu beruhigen; im Schmerz, die Frau, die ich ehrte, so leiden zu sehen, und um meinetwillen aus Sorge fur meine ewige Seligkeit so leiden zu sehen, konnte ich durchaus meinen Widerwillen nicht wiederfinden; halb war ich erweicht, und wirklich in Gefahr nachzugeben; in dem Augenblick fing aber der Prior an, mit seiner fetten Stimme, die mir in den Tod zuwider war, mir die grossen Vorteile der Abgeschiedenheit von dieser verderbten zur ewigen Verdammnis lebenden Welt vorzuzahlen, und mir mit allen Hollenstrafen fur meine Widersetzlichkeit gegen meine Mutter zu drohen. Da fiel mir mein guter Manfredi ein, und sein vortrefflicher Vater, und dass ich, wenn ich standhaft bliebe, ein Pferd haben und Soldat werden sollte; dies brachte mich zu mir selbst, und ich war gerettet. Dem Prior antwortete ich nicht, aber meiner Mutter mit einer fur mein Alter seltnen Entschlossenheit und Festigkeit.

Wie es der Marchese angefangen hatte, begreife ich noch jetzt nicht; denn ich weiss gewiss, er hat mit meiner Mutter selbst nicht einmal gesprochen: kurz, ich ward befreit, und das Resultat aller Uberlegungen und Unterredungen war, dass ich nach einer nicht sehr entfernten grossen Stadt, in die adelige Militarschule daselbst geschickt ward, um mich dort in den notigen Ubungen geschickt zu machen, eh ich in Dienste treten konnte. Mein Hofmeister, auf den nicht der geringste Verdacht fiel, bekam die Versorgung nun noch fruher, als er gehofft hatte, er trostete sich also fur meinen Verlust, und mir war es auch nichts Geringes, ihn so auf gute Art loszuwerden. Der Abschied ward mir leicht; meine arme Schwester gramte sich aber recht herzlich, dass ich mich von ihr trennen musste. Das arme Kind war nun ganz den Menschen uberlassen, die sich der Schwache ihres Charakters bedienten, um sie nach ihrer Willkur zu lenken. Sie fuhlte ihre Abhangigkeit, aber diese druckte sie nicht so wie mich; doch ich konnte es mir gar nicht denken, dass sie nicht ebenso unzufrieden sein musste. Beim Abschied steckte ich ihr einen Zettel zu, ich riet ihr darin mir zu schreiben, wenn ich ihr helfen sollte, ihre Hofmeisterin wurde mir zuliebe gewiss ihre Briefe bestellen.

Jetzt erwartete mich aber noch eine grosse Freude: Manfredi kam, und kundigte mir an, dass er mit mir reise. Er war zwar alter als ich, und hatte seine Ubungen schon vollendet, da der Marchese ihn aber so jung nicht zum Regiment schicken wollte, so hatte er in die Bitte des Sohns gewilligt, in meiner Gesellschaft sich noch in manchen Dingen vollkommner zu machen, und mich auch, da ich so vollig ohne Welt war, und man mich auf eine so unverzeihlich nachlassige Weise ganz allein reisen liess, dort einzufuhren, und meine Studien zu dirigieren. Auffallend war es in der Tat, wie man mich nach der strengsten Aufsicht plotzlich mir selbst uberliess, ohne Fuhrer, ohne Ratgeber, als ob ich von nun an fur vogelfrei erklart ware. Man hielt mich von dem Augenblick an wahrscheinlich fur einen Raub des Satans und jede Sorgfalt fur ganz unnotig.

Der Marchese billigte gleich den Vorsatz seines Sohnes, und befestigte ihn noch darin. Meine Erziehung schien ihn zu interessieren. In der Folge glaubte ich zu bemerken, dass es ihm auch darum zu tun war, Manfredi von meiner Schwester zu entfernen; damals fiel es uns aber beiden gar nicht ein, wir freuten uns herzlich beisammen zu sein, und waren dem gutigen Marchese dankbar fur seine Wohltaten. Ich war damals etwa vierzehn oder funfzehn Jahr, Manfredi einige Jahre alter. Es war in derselben Jahreszeit, in der wir jetzt sind, dass ich zuerst die schone Welt frei betrat, an der Hand meines guten Manfredi." "Ach", rief Juliane, "ich schopfe endlich freien Odem! Ich fand keinen Ausweg fur Sie, und angstete mich gewaltig, Sie endlich dennoch unter den Monchen zu sehen; es wollte mir gar nicht deutlich werden, dass Sie nun hier sind, und kein Monch haben werden mussen." "Florentin", fiel Eduard ein, "hat so gut erzahlt, man musste es ganz aus den Augen verlieren, dass es eigentlich seine Geschichte sei!" "In der Tat", sagte Juliane, "ich hatte nie geglaubt, dass er so zusammenhangend und in einem Strome fort reden konnte." "Ich kann nicht finden, dass ich so gut erzahlt hatte, denn anstatt die einfache Geschichte geradeweg zu erzahlen, bin ich in den Konfessionston hineingeraten. Es ist die Erinnerung meiner Kindheit, die einzige Epoche meines Lebens, die mich interessiert, die mich so schwatzhaft gemacht hat. Zum Gluck ist es hier nun aus, denn ich bin es selbst mude." "Wie? Aus?" "Ja, aus! denn was mir nun noch zu erzahlen bleibt, ist des Erzahlens kaum wert, und lasst sich in ein Dutzend Worten ungefahr fassen: namlich die eine, bis zur Ermudung wiederholte Erfahrung: dass ich eigens dazu erkoren zu sein scheine, mich in jeder Lacherlichkeit bis uber die Ohren zu tauchen, immer nur von einem Schaden zum andern etwas kluger zu werden, mich immer weniger in das Leben zu schicken, je langer ich lebe, und zuletzt der Narr aller der Menschen zu sein, die schlechter sind als ich." "Nicht so gar bitter, lieber Florentin", sagte Eduard freundlich; "vergessen Sie nicht, dass dieses mehr oder weniger das Schicksal aller Junglinge ist, nur wirkt diese Allgemeinheit verschieden auf die verschiedenen Gemuter." "Jawohl, aber eben das ist es", sagte Florentin, "dass es gerade auf mich so und nicht anders wirken musste! Ist denn diese Verschiedenheit nicht eigentlicher das Schicksal zu nennen, als die aussern Begebenheiten?" Juliane unterbrach ihn: "O lieber Florentin, nur einige von Ihren Erfahrungen, wie Sie sie nennen, erzahlen Sie noch, ich bin sehr begierig zu horen, wie man Sie so oft hat zum besten haben konnen, man muss es doch eigen angefangen haben." "Auf die einfachste Weise von der Welt, das sollen Sie horen.

Manfredi und ich waren unzertrennlich wahrend unsers Aufenthalts auf der Akademie; noch liebe ich ihn immer herzlich, und ich wunschte wohl, wir trafen noch einmal im Leben zusammen, wir waren uns gewiss echte Freunde, obgleich wir, dem Aussern nach, eben nicht fureinander passten: ich war immer wild, ausgelassen, einigermassen tollkuhn und roh; er hingegen sanft, liebend, von schoner Gestalt, und edlem Gesicht, feinem Anstand, tadellosen, wahrhaft altadeligen Sitten, strengen Grundsatzen uber die Ehre; und doch zog uns diese Verschiedenheit vielmehr gegenseitig an. Er konnte am ersten mich von irgendeiner Ausgelassenheit zuruckfuhren, dagegen konnte ich sicher auf ihn rechnen, wenn es darauf ankam, irgend etwas Rechtes auszufuhren, oder wenn meine Ehre zu retten war. Hatte ich zu irgend etwas mein Wort gegeben, so half er es losen, wenn auch mit Lebensgefahr. War es aber vollbracht, so musste ich oft die ernsthaftesten Verweise wegen meiner Unbesonnenheit von ihm horen. Von niemand hatte ich sie ertragen, als von dem, der den Mut und die Liebe hatte, alles fur mich zu wagen. O du mein guter Genius, der du meine Jugend, mein schonstes Dasein schutztest, warum haben wir uns trennen mussen? Seitdem, mein Manfredi, wandre ich einsam und in der Irre." Florentin sagte diese letzten Worte mit einer vor Ruhrung erstickten Stimme, er hob sein Auge mit Wehmut empor, dann schwieg er, in Gedanken verloren. Eduard nahm seine Hand; Florentin blickte ihn an und sah Tranen in seinen Augen glanzen, er warf sich in seine Arme: "Ich verstehe den Vorwurf dieses Handedrucks, mein guter Eduard! Nein, ich bin jetzt nicht mehr allein, nicht mehr in der Irre! ich habe wieder ein Herz gefunden, das verdient neben dem Andenken an meinen Manfredi zu stehen! Ich bin dein, Eduard, auf immer!" "Ewig dein, mein Florentin! " Sie hielten sich in fester Umarmung umschlossen. "Schliesst mich nicht aus, aus eurem Bunde", sagte Juliane, "auch ich bin euer" Eduard umarmte sie zartlich; sie beugte sich gegen Florentin, er beruhrte freundlich lachelnd ihre Stirn mit seinen Lippen.

Achtes Kapitel

Nach einer Pause fing Florentin wieder an:

"Wir waren ungefahr zwei Jahre auf der Akademie, unsre Ubungen waren vollendet, wir sprachen schon von unsrer Ruckreise und meinem weitern Fortkommen, als ganz unerwartet ein Brief an mich ankam, er war von meiner Schwester. Der Tag ihrer Einkleidung sei bestimmt, schrieb sie mir, und sehr nah, sie wolle also von mir und meinem Freunde schriftlich Abschied nehmen, und mich meines Versprechens, ihr zu helfen, entlassen, denn sie durfe jetzt nicht mehr auf die Ausfuhrung desselben hoffen. Sie sei nun entschlossen, sich drein zu ergeben; auch hoffe sie, es wurde ihr gewiss am Ende gut gehen, denn seit dem Jahre, dass sie nun im Kloster gelebt, habe sie viel Liebe und Freundlichkeit von den Nonnen erfahren; sie habe auch schon einige gute Freundinnen, die sie sehr liebe, die sie wieder zartlich lieben, und mit denen sie immer zusammen sei, das sei doch eine Freude, die sie bei der Mutter entbehre, wo sie ebenso streng eingezogen leben musse, als im Kloster, und dabei ganz allein, ohne eine Gespielin ihres Alters zu haben. Sie wunsche sehr von mir und Manfredi mundlich Abschied zu nehmen, wir sollten es doch moglich zu machen suchen, zuruckzukommen, um bei der feierlichen Einkleidung zugegen zu sein, und sie in ihrem Schmuck zu sehen, denn sie wurde ganz herrlich geschmuckt sein, die Mutter hatte ihr fur ihren Gehorsam einen reichen Anzug zur Zeremonie gegeben, und so viel Geld zu guten Werken, als sie nur immer verlangte. Ihre vorige Hofmeisterin habe diesen Brief zu bestellen ubernommen, aus alter Liebe fur ihre Pflegekinder, und wolle ihr auch meine Antwort uberbringen, wenn ich ihr eine schreiben wollte.

Dies war ungefahr der Inhalt ihres Briefes. Die Unschuld aber, das Unbewusste, Einfaltige, das aus jedem Wort hervorblickte, kann ich nicht ausdrucken. Wir wurden beide auf eine eigne Weise von der Beschranktheit geruhrt, und Manfredi erinnerte sich dabei mit vieler Zartlichkeit der sussen Gestalt und der frommen kleinen Miene. Ich beschloss auf der Stelle, sie zu retten, wenn Manfredi mir zur Ausfuhrung helfen wollte. Dieser war nicht so bald zu bewegen, aber ich hatte ihm das Gestandnis abgedrungen, dass ihr ruhrendes Bild, so wie er es durch die Planke des Gartens erblickt hatte, jetzt aufs neue mit grossen Anspruchen auf seine Hulfe vor ihn trate, dass er es eigentlich noch nie aus seiner Seele verloren habe, kurz dass er sie liebe, und gewiss glucklich sein wurde, wenn er sich mit ihr verbinden durfte. Uberdem hatte ich ihr Hulfe versprochen, und sie schien sogar auf ihn gerechnet zu haben; er ward endlich uberredet, dass unsre Unternehmung gerecht und ehrenvoll sei, und versprach mir seine Hulfe. Und nun ward ein allerliebster Plan verabredet, der so toll war, dass es uns alle drei, wenn er gelungen ware, ins tiefste Elend gezogen hatte. Uns kam aber damals nichts leichter, nichts naturlicher vor.

Meiner Schwester schrieb ich in wenigen Worten: Ich wolle mein Versprechen mit Manfredis Hulfe erfullen. Sie solle alles tun, was man von ihr verlangte, nur Sorge tragen, dass sie nicht die erste sei, die an dem Tage das Gelubde ablegte. Sie werde mich in dem Augenblick sehen, wenn sie zum Altar gehen musse, dann solle sie sich gefasst halten, mir auf meinen Wink zu folgen. Mit Manfredi hatte ich verabredet, gleich zuruckzureisen, ohne es jemand wissen zu lassen, ohne uns zu zeigen, und den Tag der Einkleidung in einem entlegenen Hause vor dem Tor zu erwarten. Dann wollte ich ganz eingehullt ins Kloster gehen, und mich unter das Gedrange mischen; wenn dann meine Schwester sich mit der Begleitung aller Angehorigen durch die Menge drangte, um zum Altar zu gelangen, und alles aufmerksam auf die Himmelsbraute ware, die vor ihr eingekleidet wurden, dann sollte ich den Moment wahrnehmen, sie von den ubrigen ab, und zur Tur zuruckfuhren, sie dann schnell in einen Mantel verhullen, den ich uber meinen eigenen hangen wollte, und mit ihr durch den nachsten Gang in den Garten eilen. Da bei einer offentlichen Feierlichkeit die Turen offen sind, oder doch nachlassig bewacht werden, so war von dieser Seite kein Hindernis zu befurchten. Manfredi musste unterdessen eine Strickleiter an die Mauer befestigt haben, und uns draussen mit einer Chaise und raschen Pferden erwarten; auch musste er eine Mannerkleidung in Bereitschaft halten, die meine Schwester sogleich anlegen konnte, wenn wir uns ausser der Stadt sahen, dann wollten wir, ohne zu rasten, nach Venedig reisen, dort wurden sie sogleich getraut. Fur die Einwilligung meiner Schwester war ich Burge, ich war uberzeugt, sie wurde sich in ihrem neuen Lose besser und glucklicher finden, als in dem traurigen, wozu sie sich schon so geduldig gefugt hatte. Manfredi bleibt mit ihr in Venedig, ich reise zuruck, versohne den Marchese mit ihnen, der zu edel ist, um sie seinen Zorn lange empfinden zu lassen, besonders da diese Handlung seinen wahren Grundsatzen gar nicht entgegen sein kann; was er uns damals daruber gesagt, war gewiss nur, um uns von allen weiteren Planen abzuhalten, sein Ernst konnte es aber nicht sein. Ist nur erst der Marchese versohnt, so muss es ihm leicht werden, auch unsre Mutter zu beruhigen, besonders da es doch nun einmal geschehen, und nicht zu andern sein wird. Dann hole ich sie wieder von Venedig ab, sie werden beide glucklich sein, und werden mir ihr Gluck danken; ich habe dann redlich meine grosse Schuld gegen Manfredi abgetragen. Wir haben unser Leben gewagt fur die gute Sache, wir haben den Priestern ein Schlachtopfer aus den Handen gewunden! Das Bewusstsein dieser grossen Handlung wird uns auf ewig starken und erheben, und unser Trost im Tode sein, wenn wir dem Versuche unterliegen sollten!

Mit diesen hohen Worten, die wir wechselsweise einander zuriefen, und uns die Kopfe immer mehr erhitzten, eilten wir an die Ausfuhrung des grossen Werks. Von den unzahligen Schwierigkeiten fiel uns keine ein. Anfangs ging alles dem Plane gemass. Wir reisten ab, kamen an, wohnten im strengsten Inkognito vor dem Tore in einem unbekannten Hause. Den Morgen nach unsrer Ankunft erzahlte uns unsre Wirtin: es werde heute in dem Nonnenkloster ein grosses Fest gefeiert, wo die ganze Stadt gewiss hinstromen wurde, um es anzusehen, sie selbst wolle auch nicht zuruckbleiben; sie bat uns daher, mit unsrer Abreise zu eilen, wenn wir nicht etwa auch Zuschauer abgeben wollten. Es wurden drei vornehme Fraulein heute ihr Gelubde ablegen, die alle drei schon und fromm wie die heiligen Engel waren, und es wohl verdienten, gluckselige Braute des Himmels zu werden. Das ware ein sehr schones und erbauliches Schauspiel, auch freute man sich schon, die heiligen Reden des vortrefflichen Priors zu horen und seinen Segen zu erhalten. Sie nannte den wohlbekannten Namen des Priors, und mein ganzer Eifer entbrannte aufs neue. Manfredi eilte, seine Auftrage zu besorgen, ich in die Kirche des Klosters.

Es war noch sehr fruh, das Volk versammelte sich allmahlich, mir ward die Zeit lang. Ich ging wieder hinaus, um mir den nachsten Gang nach dem Garten, und durch denselben nach der Mauer, recht zu merken. In der Tur begegnete mir meine alte Warterin; ich wandte mich von ihr, um mich zu verbergen, sie hatte mich aber schon erkannt und guckte mich scharf an. 'Mein Jesus! sind Sie wahrhaftig hier; kommen Sie nur gleich mit mir zum Fraulein, sie erwartet Sie schon, folgen Sie mir nur. Ei, ei, Sie sind wirklich gekommen!'Ihre Anrede befremdete mich, ich suchte sie so vorsichtig als moglich auszuforschen, sie wusste aber nichts weiter, konnte mir auf keine Frage antworten, als dass sie mich zu meiner Schwester fuhren sollte, die mich sprechen musste, ich folgte ihr also. Sie offnete eine Tur, ich trat hinein, und sah meine Schwester in prachtigem Brautschmuck in den Armen meiner Mutter, die sie mit Schmeicheleien und Kussen bedeckte. Meine Schwester schrie laut auf, als sie mich gewahr ward, ihr Gesicht in beiden Handen bergend; dann kam sie auf mich zu:

'Vergib mir!' rief sie, und fiel mir um den Hals, 'vergib mir, Guter, und lebe wohl!' Sie wollte noch sprechen, meine Mutter verhinderte sie aber daran. 'Geh, meine fromme Tochter!' sagte sie, 'lass mich mit ihm allein.' Meine Schwester ging hinaus, ich war unbeweglich und stumm vor Erstaunen. Meine Mutter fing wieder an: 'Ich habe nur wenig Zeit, Florentin, mich mit dir zu unterhalten. Dein entsetzliches gottloses Vorhaben ist entdeckt! Sei ewig gepriesen von mir, gebenedeite Jungfrau, dass du das Herz meines Kindes geruhrt hast, eh' es unwiderruflich verloren war! In dieser Nacht, die das arme Kind in der Angst ihres Herzens unruhig und schlaflos zubrachte, ward es ihr in einer wundervollen Erscheinung offenbar, dass sie auf schlimmem Wege sei, und im Begriff ihre Seele ewiger Verdammnis zu ubergeben, und mit ihr zwei andre Seelen noch, die leider, ach! vielleicht nicht mehr zu retten sind. Ein Strahl der ewigen Gnade hat das geliebte Kind des Himmels erleuchtet, und sie fest im Entschluss zum Guten gemacht. Diesen Morgen, als ich ihr den Brautschmuck anlegen half, und mich ihrer Schonheit im Herzen erfreute, hat sie mir euer Vorhaben entdeckt, und deinen Brief gezeigt. Florentin, ich will jetzt nichts davon erwahnen, wie sehr es mich beugte, noch steht es bei dir, mich in hoher Himmelsfreude wieder aufzurichten. Auf mein Geheiss hat das fromme Kind gebeichtet, und ihre Seele von aller Angst losen lassen. Der Prior, dem sie die Beichte abgelegt, weiss nun alles; auch habe ich soeben eine Unterredung mit ihm deinetwegen gehabt. Du hast dich schwer vergangen, er kann und darf es nicht verhindern, dass du schwer dafur bussest. Ein einziges Mittel gibt es noch, dich mit dem Himmel zu versohnen. Entsage der Welt, leb in Ruhe im Schoss der Kirche!' 'Nimmer, nimmermehr, Mutter!' rief ich in hochster Bewegung. 'Nein? durchaus nicht? Nun so fliehe, eile von hier weg, es ist das einzige, was ich fur dich tun kann, wenn ich dich aufs schnellste entfliehen heisse, denn hier bist du jetzt keinen Augenblick in Sicherheit, mein Herz blutet fur dich, glaub mir das! Hier, nimm diesen Beutel! Was er enthalt, ist alles, was du jemals von mir zu erwarten hast. Dein weiteres Fortkommen bleibt dir selbst uberlassen; du hast dir ein muh- und sorgenvolles Leben erwahlt, nun musst du es tragen. Du wirst kummerlich darben mussen in der Welt; in der heiligen Zuruckgezogenheit hattest du weltliche Not nie gekannt.' 'Davon nichts mehr, Mutter! ich will gehen, gleich gehen! Nur ein Wort noch! Ist es moglich, dass Sie selbst meiner schwachen Schwester zureden konnten, mich dem Prior zu verraten?' 'Lasterliche Worte! nennst du die Beichte Verrat? deine fromme Schwester schwach? Es galt ihre Ruhe auf dieser, ihre Seligkeit auf jener Welt. Sie ist mein Kind!' 'Und ich nicht, Mutter? bin ich nicht Ihr Sohn?'

Ich erzahle euch hier so zusammenhangend als moglich, was mit der aussersten Verwirrung gesprochen ward, indem eins dem andern immer in die Rede fiel, ich war besonders wegen dieser unerwarteten Wendung in grosser Verwirrung. Zuletzt ward ich heftig, meine Worte fallen mir jetzt nicht wieder ein, aber sie mochten wohl eben nicht sanft sein; ich stromte uber von Vorwurfen, dass sie ihren Sohn, ihren einzigen Sohn, im blinden Aberglauben den Pfaffen aufgeopfert hatte, und schonte sie vielleicht zu wenig. Sie ward aufgebracht und rief endlich in grosser Hitze: 'Trotze nicht langer, Florentin, und hore etwas, wozu ich nicht wieder einen schicklichen Augenblick finden werde, denn wir werden uns nie wiedersehen! Ich bin nicht deine Mutter, und meine Tochter ist nicht deine Schwester!' Das war freilich etwas Neues, ich war wie betaubt. 'Wo? wer? wer denn?' rief ich. 'Dazu ist jetzt nicht Zeit, auch nutzt es dir nicht, es zu wissen, deine Eltern leben nicht mehr; sie waren mir teuer, darum warest auch du es mir. Es wird gelautet, ich muss jetzt fort. Halte dich nicht langer auf, Florentin, wenn man dich hier erblickt, so vermag ich dich nicht zu retten. Es ist der letzte Liebesdienst, den ich dir erweise: lass dich umarmen, mein Sohn! Ich bin zwar nicht deine Mutter, aber ich habe mutterliche Sorge fur dich getragen, vergiss es niemals! Lebe wohl, Gott segne dich! Flieh! ich hore Stimmen im Nebenzimmer! Oder kehrst du noch um? wirfst du dich reuig in die Arme der heiligen Kirche?' 'Leben Sie wohl!' rief ich ihr nach, als sie mich standhaft verneinen sah und sich mit einem Ausdruck von Schmerz und Unwillen ins Nebenzimmer wandte. Jetzt horte ich viele Stimmen, unter allen hervor die mir so verhasste Stimme des Priors. Betaubt eilte ich fort, im allgemeinen Getummel kam ich unbemerkt wieder hinaus.

Manfredi erwartete mich, der Abrede gemass, an der Gartenmauer; ich setzte mich in den Wagen, und ohne ihm weiter etwas zu sagen, musste er wieder hinfahren, wo wir hergekommen waren.

Dies war das tragische Ende unsrer Heldenunternehmung! Begreifen Sie jetzt wohl, Juliane, wie leicht es ist, einen Narren aus mir zu machen? Manfredi sahe mich mit grossen Augen an, und wartete mit Gelassenheit, bis der Strom von Ausrufungen und Schimpfreden, der sich reichlich von meinen Lippen ergoss, gemassigter wurde. Endlich war ich ruhig genug geworden, ihm den Verlauf meiner Unternehmung zu erzahlen. Er war nicht wenig erstaunt uber die Veranderungen, Erklarungen und Verwicklungen, die diese hervorgebracht hatte. Die Schwache meiner Schwester fiel ihm wenig auf, er gestand mir, er hatte gleich anfangs Hindernis von ihrer Seite befurchtet, und ihre Einwilligung wurde ihn weit mehr gewundert haben. Er war mit mir uberzeugt, dass sie einst ihr Gelubde bereuen, und dann diesen verlornen Moment gern mit ihrem Leben zuruckrufen wurde. Mein guter Manfredi trauerte uber ihr Schicksal, und suchte sie gegen meine heftige Anklage in Schutz zu nehmen.

Von seiner Liebe zu ihr war nicht wieder die Rede zwischen uns. Entweder sie war in ihm ebenso schnell erloschen als aufgelodert, oder er drangte sie gewaltsam in sein Innres zuruck, um den gemeinschaftlichen Angelegenheiten, die uns jetzt so nahe lagen, Raum zu lassen. Es ward beschlossen, dass Manfredi wieder zuruck auf die Akademie gehen musste; von dort sollte er an seinen Vater schreiben, ihm alles entdecken, und ihn um Rat fragen, ob er es wagen durfte, in seine Vaterstadt zuruckzureisen, oder wenn der Anteil, den er an meinem Unternehmen genommen, bekannt geworden, und es gefahrlich fur ihn ware, so sollte er ihn um die Erlaubnis bitten, mir folgen zu durfen, ich hatte beschlossen, nach Venedig zu reisen. Durfte er aber zu seinem Vater reisen, so sollte ich in Venedig Nachricht von ihm erwarten, er wurde alsdann dort alles anwenden, die bosen Folgen unsers Unternehmens zu unterdrucken, dann wollten wir uns auf irgendeine Weise wieder zusammen treffen. Manfredi versprach mir auch vor allen Dingen keine Muhe und keine Nachforschung zu sparen, um etwas uber meine Geburt und meine Eltern zu erfahren: wir hofften, der Marchese selbst wurde sich dafur interessieren, und uns eine Aufklarung dieser seltsamen Begebenheit verschaffen. Wie die Kinder beschaftigte uns die Dunkelheit uber mein vergangnes Schicksal mehr, als die Sorge fur die Zukunft; ein sonderbares Ratsel war es allerdings, dass fremde Menschen sich eine solche Gewalt uber mich hatten anmassen wollen, und dann mich wieder mit so vieler Sorgfalt behandelt hatten. Die Nacht hindurch reisten wir, dann trennten uns unsre verschiedenen Wege. Den Morgen schieden wir unbekummert und mit der Zuversicht, uns bald wiederzusehen, um uns dann gewiss nie wieder zu trennen."

Neuntes Kapitel

"In wenigen Tagen war meine Reise glucklich und ohne Abenteuer zuruckgelegt; da war ich nun, ohne Aufsicht, ohne Zweck, ohne Plan, als den zu leben, in meinem siebzehnten Jahr, mit aller meiner eigentumlichen Ausgelassenheit, die noch ausgelassner war, seitdem ich niemand angehorte, mit einem Vermogen von ungefahr tausend Dukaten (ein unerschopflicher Reichtum fur meine Unbesorglichkeit und Unerfahrenheit), sprudelnd vor Gesundheit und Mutwillen und allen erwachenden Sinnen in Venedig! Erwartet hier von mir, ihr lieben Freunde, keine detaillierte Fortsetzung meiner Lebensgeschichte, es konnte mich leicht zu weit fuhren; auch gehoren meine tollen Begebenheiten in der majestatischen Republik, diesem Sammelplatz aller Torheiten in ernsthafter zeremonioser Hulle sowie der greulichsten Anhaufung aller Grausamkeiten unter die frohliche Maske gesteckt, sie gehoren nicht in den eigentlichen Lauf meines Lebens: vielmehr ward dieser durch jene gehemmt; aber sie machen zusammen ein artiges Kapitel in meinen Konfessionen aus, die ich gewiss noch einmal schreiben, und Ihnen zueignen werde, Juliane." "Gut, ich werde Sie bei Ihrem Wort halten." "Und dieses deswegen, weil sie sich mit einem Bekenntnis endigen sollen, das, aller Wahrscheinlichkeit nach, das letzte sein wird, das ich abzulegen haben werde, und das Julianen am nachsten betrifft." "O jetzt keine von Ihren niedlichen Possen, Florentin! Bringen Sie Ihre Geschichte zu Ende, ich bin hochst neugierig." "Und ich hochst ermudet von den Erinnerungen meiner unnutz vertaumelten Jahre! Doch ich gehorche.

In kurzer Zeit war ich nun in Venedig der Polarstern des guten Tons, die Seele aller Intrigen, der Freund aller lustigen Kopfe, der Anfuhrer aller tollen Streiche, der Tyrann aller zartlichen, und der Ehrgeiz aller koketten Frauen geworden. Es gab kein gutes Haus, in das ich nicht freien Zutritt hatte. Da ich mit meinen tausend Dukaten zu leben angefangen, als waren es ebenso viele Tonnen Goldes, so nahmen sie ein rasches Ende. Die Borsen meiner Anhanger benutzte ich nicht, wiewohl sie mir offen standen, weil ich sie nicht brauchte: ich war sehr glucklich im Spiel, und spielte viel. Einigen klaglichen dummen Teufeln, die weder das Spiel, noch sich selbst verstanden (denn sie hatten in wahrer blinder Wut ihr ganzes Vermogen gegen mich gesetzt und verloren), deren Frauen ich kannte und bedauerte, hatte ich ihren Verlust zuruckgegeben, wodurch ich bald in den Ruf der Grossmut geriet.

In dieser brillanten Epoche bekam ich einen Brief von Manfredi. Sein Vater war gleich nach Empfang seines Briefes zu ihm auf die Akademie gekommen. Durch unsre Geschichte war der Prior zu sehr in Vorteil gegen den Marchese gesetzt, als dass er ihn nicht hatte zu benutzen suchen sollen. Manfredi durfte es so wenig als ich wagen, sich in seiner Vaterstadt sehen zu lassen, aber auch nach Venedig durfte er nicht kommen, sondern er musste nach Frankreich zu dem Regiment, worin sein Vater ihm eine Kompanie gekauft hatte. Der Marchese war sehr aufgebracht wegen des unuberlegten Streichs, besonders weil er es uns eigentlich untersagt hatte, irgend etwas fur Felicita (so heisst sie) zu unternehmen. Doch liess er mir durch Manfredi wissen, er wurde jemand den Auftrag geben, auf mein Betragen in Venedig achtzugeben, und weiter Sorge fur mein Fortkommen tragen, wenn der Bericht uber mich gut ausfiele. Noch habe er nichts Naheres uber meine Geburt und meine Eltern erfahren konnen, er wurde aber keine Muhe sparen und mir, sobald er etwas Sicheres wisse, Nachricht daruber erteilen. Unterdessen sollte ich der wurdigsten Eltern mich wurdig machen.

Ich hatte eine grosse Freude uber den Brief meines Manfredi, denn ausser diesen Nachrichten fand ich die schonsten Beweise von der Fortdauer seiner Liebe und einige freundliche Vorschlage, uns wiederzusehen. Auch der vaterliche Ton des Marchese freute und beruhigte mich; doch war es, als ob irgendein Geist mich abhielt, mich, wie ich gekonnt hatte, ganz seiner Sorge zu uberlassen, und seinem gutgemeinten Rat zu folgen. Es widerstrebte etwas in mir der Notwendigkeit, einen regelmassigen Stand und ein Amt zu bekleiden, es war mir nicht bestimmt, auch fuhlte ich selbst mich nicht dazu gestimmt. Zwar nahm ich mir vor, Manfredi aufzusuchen, um bei demselben Regimente, wobei er stand, womoglich Dienste zu nehmen, und ich schrieb es ihm, aber die Ausfuhrung dieses vernunftigen Plans schob ich immer weiter hinaus. Bald wollte ich dies nur noch abwarten, bald jenes ausfuhren; kurz es ward nichts daraus.

Unter vielen Reisenden und Fremden, die ich kennenlernte, waren ein paar Englander, die sich sehr an mich hingen: reiche Lords, die ihr Geld um sich her warfen, um ihre Langeweile loszuwerden, und das, was sie fur ihr Geld eintauschten, machte ihnen nur noch grossere. Ihr sonderbares humoristisches Wesen zog mich an, ihre Langeweile machte mir die grosste Kurzweile. Was ihnen an mir gefallen haben mochte, weiss Gott; sie waren bestandig bei mir und sagten oft, in ihrer rauhen Mundart, ich ware der einzige Italiener, der ihnen nicht unleidlich ware. Das war freilich sehr schmeichelhaft fur mich, wenn ich nur nicht Venedig mit seinen Herrlichkeiten und meines Lebens dort herzlich uberdrussig geworden ware! Ich sehnte mich fort.

Ich hatte meine Lords zu allen Kunstwerken, die Venedig enthalt, gefuhrt, hatte viele Stadte Italiens, wo es etwas Sehenswurdiges gab, mit ihnen durchreist. Dies und der Umgang mit einigen jungen deutschen Malern, die ich in der Zeit kennenlernte, brachten mich auf den Gedanken, die Kunst zu studieren und dann nach Rom zu gehen, um seine Wunder der Kunst zu sehen und zu verstehen. Diesen Gedanken ergriff ich nun aus ganzer Seele und schob das Soldatwerden weit, weit zuruck. Ich sann und tat und traumte nichts anders, als Zeichnen, die Werke des Altertums studieren, und mit meinen Malern Kunstgesprache fuhren. Mit diesen war ich auch entschlossen, nach Rom zu reisen, und mit ihnen dort zu leben: durch einen sonderbaren Vorfall sah ich mich aber genotigt, fruher noch, als diese es bewerkstelligen konnten, Venedig zu verlassen.

In einem grossen Hause ward eines Abends wahrend dem Karneval ein Ball gegeben; ich ward von den Englandern beredet, mit ihnen hinzugehen. Man spielte, der eine von meinen Lords spielte hoch, und verlor ansehnlich gegen eine Maske, die durch ihr anhaltendes Gluck wohl Verdacht gegen sich erregen mochte. Mein ehrlicher Grossbritannier verstand das Ding unrecht, und schimpfte etwas zu laut, und in der gewohnten kraftigen Manier. Nach einem kurzen heftigen Wortwechsel warf der Lord seine Karte der Maske an den Kopf. Ich befand mich an einem andern Ende des Saals in einer Unterhaltung mit ein paar mir unbekannten Masken, die mich neugierig machten, weil sie mich zu kennen schienen, wenigstens wussten sie viel von mir; plotzlich horte ich Tumult, sah Stilette blinken, die Maske sank nieder; in demselben Moment kam der andre Lord hastig auf mich zu, nannte hochst unvorsichtig meinen Namen laut, und rief mich seinem Landsmann zu Hulfe. Ich, noch unvorsichtiger, folgte ihm hin. Man hatte dem Niedergesunkenen die Maske abgenommen, man erkannte den Sohn eines Nobile, er war tot. Der Larm nahm zu; der Lord hatte ganz den Kopf verloren, bewegte sich nicht von der Stelle, und liess das Gedrange um sich her anwachsen. Ich riss ihm das blutige Stilett, das zum Gluck noch kein andrer bemerkt hatte, aus der schlaffen herunterhangenden Hand, liess es fallen, indem ich mich zu gleicher Zeit danach buckte, und es wieder aufnahm. Dem Morder nach! rief ich aus, dort nach jener Tur! er hat hier neben mir das noch blutige Stilett fallen lassen, soeben drangt er sich dort hinaus! Alles folgte mir nach der Tur, die ich bezeichnet hatte. Der Lord ward verlassen. Seinem Landsmann gab ich einen Wink, und im Vorbeigehen sagte ich ihm: zu mir! Alsdann mischte ich mich in den dichten Haufen, der nach der Tur stromte; ich trieb und drangte mit der Menge und kam glucklich hinaus. Ich mietete sogleich selbst eine Gondel, die ich an einem bestimmten Ort warten liess, und eilte nach meiner Wohnung, wo ich die beiden Lords schon fand. Ich kundigte ihnen an, dass sie unverzuglich fort mussten, bezeichnete ihnen den Ort, wo sie die Gondel in Bereitschaft finden wurden, und riet ihnen, gleich nach Rom zu reisen. Sie waren wegen Geld in Verlegenheit; was sie bei sich gehabt, war im Spiel verloren und nach ihrem Hause durften sie sich nicht wagen, weil man dort gewiss schon auf sie wartete. Ich gab ihnen alles, was ich an barem Gelde hatte. Sie versprachen mir mein Darlehn gleich wieder auszahlen zu lassen, denn auf ihr zuruckgelassnes Vermogen in Venedig war nicht mehr zu rechnen. Sie gingen fort, und kamen glucklich nach Rom. Ich hatte alles so schnell und vorsichtig getrieben, dass es selbst vor meinem Bedienten ein Geheimnis geblieben war.

Ich hatte mir eine Erkaltung zugezogen, und musste einige Tage zu Hause bleiben. Als ich zum erstenmal den Abend wieder in Gesellschaft ging, kam mir die Dame vom Hause, die meine Freundin war, entgegen, und fuhrte mich, sobald sie unbemerkt war, in ein Kabinett, 'Sein Sie auf Ihrer Hut', sagte sie, 'es ist bekannt, dass Sie dem Morder des jungen Nobile durchgeholfen haben, und dass er Ihr Freund ist. Sie erinnern sich, dass zwei Masken mit Ihnen sprachen, als einer von den Englandern Sie bei Ihrem Namen zu Hulfe rief. Der Ermordete ist ein Anverwandter und Freund der einen von den beiden Masken: er erfuhr erst, wer der Ermordete sei, nachdem Sie sich schon hinausgedrangt hatten. Der Morder war gleich nicht zu finden, Sie haben ihm fortgeholfen, und der Freund des Nobile hat beschlossen, Sie fur Ihre unzeitige Hulfe bussen zu lassen. Sie sind angeklagt, und man wird einen Verhaftsbefehl auswirken. Was diese Massregel gegen Sie erleichtert, und jeden Verdacht bestarkt, ist: dass man aus Ihrem Geburtsort einigen Leuten von Bedeutung aufgetragen hat, uber Ihre Auffuhrung genau zu wachen. Einer von denen, welchen es aufgetragen worden, ist eben der Ermordete, und dieser hatte es wieder seinem Freunde aufgetragen. Ihre Bekanntschaft zu machen, um Sie besser zu beobachten; dieser nimmt nun diesen Umstand als einen Beweis, dass Sie Anteil an der Ermordung gehabt, um sich von seiner Aufsicht zu befreien.'

Ich beklagte mich gegen meine Freundin uber diese sinnlose Beschuldigung. 'Sinnlos oder nicht', fiel sie mir ein, 'Sie wissen, es ist genug, dass man den leisesten Verdacht erregt, um Sie zu verderben. Sie haben dem Morder fortgeholfen, dies ist genug, und mehr als genug gegen Sie. Ihr Feind hat sich auf das Zeugnis der andern Maske berufen, dass Sie zu Hulfe gerufen worden, und wirklich hingeeilt sind. Diese Maske nun ist mein sehr guter Freund, der es weiss, dass ich Ihnen gewogen bin, er hat mich also, kurz vorher, ehe Sie kamen, von allem unterrichtet. Das Zeugnis abzulegen darf er nun einmal nicht versagen; aber wenigstens sind Sie gewarnt. Eilen Sie nach Hause, sorgen Sie, dass man keine Papiere bei Ihnen findet!'

Ich musste sogleich fort; auf der Treppe, wie ich hinuntergehe, kommt der eine meiner jungen Deutschen atemlos mir entgegen. 'Gottlob, dass ich Sie finde!' rief er mir zu, 'Sie mussen fort, gleich auf der Stelle. Ich begleite Sie bis hinaus, und erzahle Ihnen unterwegens.' Ich war ohne Geld, von dem jungen Kunstler war nichts Uberflussiges zu erwarten. Er musste einen Augenblick auf mich warten, ich ging wieder zur Gesellschaft zuruck; meine Freundin mochte mir meine Besturzung ansehen, sie kam mir entgegen, ich vertraute ihr meine Verlegenheit, sie half mir auf der Stelle heraus, nach einem kurzen zartlichen Abschied verliess ich sie und Venedig.

Ich eilte mit meinem deutschen Freunde durch lauter enge Gasschen, und wir kamen glucklich hinaus. Er erzahlte mir nun, dass er und sein Freund mich hatten in meiner Wohnung besuchen wollen, zu ihrem Schrecken hatten sie aber Gerichtspersonen bei mir gefunden, die alles durchsucht, und meine Briefe und Papiere durchgelesen hatten. Aus den verwirrten Reden, die ihnen entfallen waren, hatten sie ungefahr vernehmen konnen, wessen man mich beschuldigte. Sie waren darauf fortgeeilt mich aufzusuchen, und mir zu helfen, dass ich fortkame. Glucklicherweise ware ihnen nicht weit von meiner Wohnung mein Bedienter begegnet, von diesem hatten sie erfahren, wo ich hingegangen sei.

Ich musste fort, das sahe ich ein. Meine Papiere waren allein schon hinreichend mir den Prozess zu machen. Ausser einigen launenhaften possenmassigen Sachen, die ich zu meiner Lust aufgesetzt, in denen ich das wurdige Venedig nicht geschont hatte, waren auch einige Briefe und Billetts vorhanden von Frauen, welche die Richter etwas nahe angingen, und die ich unvorsichtigerweise nicht vernichtet hatte. Gnade war also nicht zu hoffen. Ich machte mich sogleich auf den Weg, und empfahl meinen guten Deutschen mich bald in Rom aufzusuchen. Sie versprachen es mir. Der Aufenthalt in Venedig war ihnen durch diese Begebenheit verleidet, auch hatten sie in der Tat viel Anhanglichkeit fur mich.Sie wollten durchaus etwas Deutsches an mir finden, ich hatte es ihnen gern und mit Vergnugen geglaubt, hatten die Lords nicht zu gleicher Zeit behauptet, ich habe viel von einem Englander an mir."

Zehntes Kapitel

"Auf meiner einsamen Reise hatte ich Raum etwas nachzudenken. Mir war, als hatte mich ein bezauberter Wirbelwind aus Venedig und allen Verhaltnissen gerissen. War es aber das Plotzliche des ganzen Ereignisses, oder war es, dass mein Leben in Venedig mich beschaftigt hatte, ohne mich zu interessieren, kurz mir schwebte das Ganze wie langst vergangen nur entfernt im Gedachtnis, ich konnte meine Wunsche und meine Gedanken alle vorwarts richten, nichts zog mich zuruck. Dies machte mich aufmerksam auf mich selbst, und auf die Leere meiner gefuhrten Lebensart.

Ich dachte an Manfredi, ich wunschte bei ihm zu sein; zu gleicher Zeit fuhlte ich eine gewisse Abneigung, mich jetzt schon dem Soldatenstand zu ergeben. Das Leben eines Soldaten in Friedenszeit schien mir eine lustige Sklaverei, nicht viel besser als Lakaiendienst, und nur durch herrschendes Vorurteil daruber hinausgesetzt. Soldat wollte ich zwar sein, dabei blieb es, dies war der Hintergrund meines Lebensplanes, aber nicht in einer Garnison, nicht bei einer stehenden Armee. Ich wollte nie fur den Despotismus, nie fur eine unbekannte, oder gar nach meinen Begriffen ungerechte Sache fechten. Wie die Helden des Altertums, wollte ich nur fur die Freiheit streiten, und in erkampftem Frieden, ruhig, frei, mein eigen sein. Bei dem Gedanken an die Helden des Altertums ward mir zugleich der an mein Vorhaben wieder rege, die Kunst der Alten in Rom zu studieren. Jetzt fuhlte ich ganz bestimmt den Trieb dazu aufs neue in mir erwachen, und ich beschloss meine ganze Zeit und mein Leben in Rom dazu anzuwenden. Sobald ich dort ankam, machte ich auch gleich alle Anstalten, einsam und fleissig meinen Plan auszufuhren. Er schien mir so gut und so wurdig, dass ich davon an Manfredi schrieb, und nachdem ich ihm meine letzte Begebenheit mitgeteilt, wendete ich meine ganze Beredsamkeit an, ihn zu bewegen, dass er sogleich seine Kompanie in Stich lassen und zu mir nach Rom kommen sollte, um mir nachzuahmen.

Ich bekam nach einiger Zeit eine freundschaftliche Antwort von meinem guten Manfredi. Zu mir konnte er aber nicht kommen, der Marchese halte es nicht fur ratsam, dass er seine Laufbahn unterbreche, und habe es ihm untersagt. Meine Katastrophe in Venedig habe er schon durch seinen Vater erfahren, der uberaus aufgebracht wegen meiner Unbesonnenheiten gewesen sei. Man hatte es ihm namlich aus Venedig mit allen moglichen Verkehrtheiten und Verfalschungen berichtet. Vom Anteil an der Mordtat sprach er mich ubrigens zwar frei, aber ich hatte mich niemals, meinte er, in solche gefahrliche Gesellschaften mischen sollen. Da ich aber doch die Ehre nicht verletzt hatte, so habe er noch nicht aufgehort, sich fur mich zu interessieren, und es sei ihm erfreulich gewesen, aus meinem Briefe an Manfredi zu erfahren, dass ich in Rom sei. Auch habe er gar nichts dagegen, dass ich mich dort einem ruhigen Leben und den Studien uberlasse, nur sollte ich meine Zeit zweckmassig benutzen. Zuletzt kam wieder dasselbe Versprechen, er wolle auch in Rom auf meine Auffuhrung wachen lassen, und nach den Berichten, die daruber einliefen, wurde er mich behandeln.

Ich argerte mich entsetzlich uber diese Aussicht, die so unsichtbar wie die Allwissenheit uber mir schwebte, ohne dass sie mit der Allweisheit verbunden gewesen ware, wie diese; denn sie hatte mir in Venedig auf die verkehrteste Weise von der Welt den grossten Schaden zugefugt. Ich fand kein Mittel, mich von ihr zu befreien, ohne den Marchese zu erzurnen; er war mir zu wert, niemand als er hatte noch so viel fur mich getan. Ich glaubte aber, man wurde es bald mude werden, mich zu beobachten, da ich ausserst eingezogen, und bloss mit meiner Absicht beschaftigt lebte. Mit den beiden Lords, die ich noch in Rom fand, und die mir sehr lastig wurden, musste ich noch viel umherstreifen und ihnen helfen die Beweise ihres Kunstverstandes zusammentreiben, die sie fur ihre baren Guineen einhandelten. Sie hatten mir meinen Geldbeutel zuruckgegeben, ich fand die geliehene Summe dreifach verdoppelt darin; was mir gehorte, nahm ich davon, das ubrige gab ich ihnen zuruck; nicht etwa, als ob ich es unter meiner Wurde gehalten hatte, Geld anzunehmen: unter den Umstanden, in denen ich lebte, ware dies lacherlich und zwecklos gewesen. Mein kleines Vermogen war aufgezehrt, dem Marchese Geld abzufordern, dazu hielt ich mich nicht berechtigt, ob er es mir gleich durch Manfredi hatte anbieten lassen, mich im Fall der Not an ihn zu wenden. Diese Not schien mir aber noch nicht eingetreten. Ich machte den Cicerone, sobald es mir an Geld fehlte, und lebte wieder bei meinen Studien, solange es vorhielt. Von den Fremden, die meiner bedurften, nahm ich unbefangen meinen Lohn an, es war kein andres Verhaltnis zwischen mir und ihnen, als dass ich ihnen meine Dienste, sie mir ihr Geld gaben: Mit den Lords stand ich aber nicht auf demselben Fuss; der Dienst, den ich ihnen geleistet, den konnten sie mir mit Geld nicht bezahlen. Diese Herren aber fuhlten meinen Unterschied nicht, sie waren, beleidigt, und taten aufgebracht, dass ich ihre vollwichtige Dankbarkeit verschmahte; ich konnte sie nur mit dem Versprechen beruhigen, sie in England zu besuchen, wenn ich einst Italien verlassen mochte, und in jeder Geldverlegenheit von ihrer Freundschaft Gebrauch zu machen. Sie reisten endlich nach England zuruck.

Unterdessen waren meine guten deutschen Kunstler aus Venedig angelangt, und nun hob eine Zeit fur mich an, die wohl immer zu den glucklichsten Epochen meines Lebens gehoren wird. Ich ging mit niemand um, als mit Kunstlern, besonders mit den auslandischen, und unter diesen zeichnete ich besonders wieder die deutschen aus. Unter ihnen fand ich jederzeit den hellsten Sinn, das treulichste Bestreben, und am meisten innere Freiheit. Mein angestrengtester Fleiss brachte mich in kurzem so weit, dass ich mit meinen Gefahrten wetteifern konnte. Sobald meine Gemalde verkauflich waren, legte ich das Gewerbe eines Cicerone vollig nieder, zeichnete und malte ununterbrochen. Um den Verkauf meiner Bilder, meistens Landschaften, bekummerte ich mich ebensowenig, als um die Anwendung des gelosten Geldes. Das erste besorgten meine Freunde, und die Summen, die zu meiner wenig kostbaren Lebensart vollkommen ausreichten, handigten sie meiner Frau ein." "Ihrer Frau?" rief Juliane erstaunt; "doch wahrscheinlich bloss Ihrer Haushalterin?" "Nein, meiner Frau!" "Wie? Sie sind verheiratet?" "Wirklich getraut?" fragte Eduard. "Wahrscheinlich traute sie mir, und ich habe ihr nur zuviel getraut. Es war ein sehr schones Madchen, eine Romerin, die uns lange zum Modell gesessen hatte. Sie hielt sich klug und bescheiden, so dass sie von uns allen hochgehalten, und wegen ihrer grossen Schonheit sehr bewundert ward. Einige Tage fanden wir sie niedergeschlagener als gewohnlich, ich bat sie, uns etwas vorzusingen, um sich selbst damit zu erheitern. Sie sang uns nun ein Lied, dessen Inhalt ungefahr war: wenn sie einen Mann hatte, der sie liebte, und fur sie sorgen wollte, so mochte sie einzig fur ihn und seine Wunsche leben, das wurde dann ihr grosstes Gluck sein. Sie sang das Lied mit einer solchen sussen Unschuld, so schuchterner Innigkeit, und sah dabei so entzuckend schon aus, dass ich, da sie wahrend des Gesanges ihre Blicke am meisten auf mich geheftet hatte, ihren Wunsch erfullen musste. Sie blieb gleich bei mir. Ich hatte meine grosse Freude an dem Kinde, wie gut sie sich nahm, und mit welchem Anstande sie dem Hauswesen vorstehen konnte. Ich muss aber gestehen, sie hatte es weit schlechter machen konnen, sie wurde mir doch nicht weniger gefallen haben, denn ihr kleidete alles, was sie unternahm; man kann sich nichts Reizenderes erdenken, als dieses kleine anmutige Wesen. Meine grosste Lust war es, sie zu schmucken, und sie jeden Tag in unsern Zirkel in immer neuem Kostume und unerwarteten Abanderungen aufs kostbarste zu kleiden, darauf verwandte ich nicht eben den kleinsten Teil meiner Einkunfte. Ich malte sie unter jeder Gestalt, und in allen ersinnlichen Stellungen, als Gottin, als Heilige, als Priesterin, als Nymphe: diese Bilder sollen mir sehr gut gelungen sein. Wir fuhrten das einfachste und doch tollste Leben, das sich erdenken lasst. Ich war der beste Ehemann von der Welt, und liess mich von ihr beherrschen, soviel sie wusste und vermochte; sie lernte es immer besser. Je mehr sie ihre Gewalt uber mich kennenlernte, desto impertinenter und launenhafter ward sie; da es mir aber damals auch gar nicht daran fehlte und ich, wenn es darauf ankam, zehnmal launenhafter und tollkopfiger war als sie, so entstand nicht selten ein gar artiges Gepolter und Larmen zwischen uns.

In unsern gewohnlichen Abendzusammenkunften, die bei mir gehalten wurden, ward entweder uber das Werk eines grossen Meisters, das wir denselben Tag gesehen hatten, gesprochen, oder es stellte einer unter uns, der eine Arbeit vollendet hatte, sie zur Beurteilung auf, oder man las auch wohl einen alten Dichter laut vor. Mitten in den ernsthaftesten Beschaftigungen entstand dann nicht selten, zur grossen Verwunderung aller Anwesenden, ein plotzlicher lauter Larm und Zank zwischen mir und meiner Frau, wovon niemand den Grund erraten konnte. Gewohnlich war es aber nichts anders, als dass sie mir, von den andern unbemerkt, ein Gesicht geschnitten, das mir, wie sie wohl wusste, verhasst an ihr war; dies beantwortete ich ihr dann mit einer impertinenten Gebarde, die sie nicht leiden konnte, so ging es eine Zeitlang hin und her, ohne dass es die andern bemerkten, bis wir dann laut aufeinander losfuhren. Naturlich endigte der Krieg ebenso lustig, als er entstanden war. Unsre Haushaltung bestand aber herrlich, zur Erbauung und Belustigung aller Angehorigen.

Ich hatte fuglich eine lange Reihe Jahre in denselben Beschaftigungen und denselben Freuden hinbringen konnen, aber eine geheime Unruhe im innersten Gemut, ein Treiben nach einem unbekannten Gut liess es mich selten rein geniessen, dass es mir doch eigentlich recht wohl ging. Ich wunschte mir einen grossern Wirkungskreis, es kam mir oft ganz verkehrt vor, dass ich Kraft und Jugend einer einseitigen Ausbildung hingegeben; es dunkte mir lacherlich, dass ich soviel angewendet hatte, um mich frei zu machen, und nun diese errungne Freiheit doch nicht in ihrem ganzen Umfang benutzte. Mein Bestreben schien mir kindisch und zwecklos, weil ich immer mehr inne ward, dass ich eigentlich gar kein Talent zur Malerei hatte; dennoch war es mir wieder gar nicht moglich, mich loszumachen, so wenig von meiner Lebensweise, als vom Anblick und dem Studium der grossen Wunder der Kunst. In manchen Stunden beunruhigte es mich wieder, nichts uber meine Geburt und meine Eltern zu erfahren, ich musste bei jedem Schritt, den ich unternehmen wollte, befurchten, dass ich meiner eigentlichen Bestimmung entgegenarbeite. Oft fuhlte ich mich zu diesen unruhigen Betrachtungen gefuhrt, doch konnte ich mich nicht lange einer truben Stimmung uberlassen, meine Freunde sowohl als alle meine Ubungen fuhrten bald wieder Vergessenheit alles Grams herbei.

Endlich ward mir von meiner Kleinen die nahe Aussicht zur Vaterwurde verkundet. Wie soll ich euch beschreiben, wie mir ward bei dieser Nachricht! Es geschah eine plotzliche Revolution in mir. Alles, was ich bis dahin geglaubt, gedacht, gefurchtet, gehofft, geliebt und gehasst hatte, nahm eine andre, gleichsam glanzendere Gestalt in mir an. Jetzt wusste ich, was ich wollte; ich dachte nicht mehr an ein entferntes Gluck, ich hatte meine Bestimmung gefunden. Doch mich selbst verlor ich vollig dabei aus den Augen, auf das Kind bezog ich alles: ich dachte unaufhorlich an die Art, wie ich es erziehen, wie ich fur sein Gluck sorgen, und wie ich in diesem Kinde erst meine Kindheit geniessen wollte, die mir selbst so getrubt worden war. Was ich von Kenntnissen besass, suchte ich zu ordnen und festzuhalten, um es dann nutzen zu konnen, dabei strengte ich mich mehr als gewohnlich an, immer neue zu sammeln. Meine Einkunfte, um die ich mich sonst nie bekummert hatte, berechnete ich jetzt mit grosser Genauigkeit; jedes Goldstuck, das ich beiseitelegen konnte, erhielt im voraus seine Bestimmung zum Besten des Ankommlings. Lange Reden hielt ich an die Mutter, als sie mit einigen Einschrankungen unzufrieden war, die ich einfuhren wollte, in denen ich ihr Sinn fur ihre neue grosse Wurde zu geben versuchte. Ich merkte es nicht in meinem Eifer, dass sie sie mit grossem Leichtsinn aufnahm. Einigemal war ich gegen meine Freunde, die sich eines Lachelns und leichten Spottes uber meinen gutmutigen Enthusiasmus nicht enthalten konnten, ernsthaft aufgebracht: sie schwiegen und sahen mir gelassen zu. Kein rauhes Luftchen durfte die Mutter anwehen, ich bekummerte mich um jede Regel der Diat, ich dachte nur daran, sie in der besten und ruhigsten Stimmung zu erhalten, und vermehrte durch meine Angstlichkeit ihre Ungeduld, so dass ich unaufhorlich von ihren Launen litt. Was habe ich nicht angewandt, sie vom Tanze abzuhalten, dem sie mit grosser Leidenschaft ergeben war! Geliebt hatte ich sie wohl eigentlich nie, aber jetzt fuhlte ich wahre Zartlichkeit fur sie; sie war mir heilig. Wie weit aber war sie von diesen Gefuhlen entfernt, die mich so entzuckten!

Ich war genotigt, eine Reise nach Florenz vorzunehmen, um eine angefangne Arbeit dort zu vollenden. Ich arbeitete mit solchem Eifer, dass ich in zwei Monaten vollendete, wozu ich sonst noch einmal soviel Zeit gebraucht hatte. Ich erhielt eine ansehnliche Summe, und eilte zuruck zu meinen Freunden.

Ich fand meine Kleine etwas blass bei meiner Zuruckkunft, ich erkundigte mich angstlich nach ihrem Befinden, ihre Antwort befriedigte mich nicht, indessen schob ich es in meiner Freude auf ihren Zustand, denn sie war ubrigens wohl und frohlicher, mutwilliger, als ich sie verlassen hatte. Wir sassen bei Tische, ich erzahlte, fragte, uberliess mein Herz den schonsten Eindrucken der Freude. Endlich fragte ich sie so schonend als nur moglich, wie es zuging, dass ihr Wuchs noch so unverandert ware, ich hatte nicht geglaubt, sie noch so schlank zu finden? Meine zartlichen bescheidenen Fragen wurden mit lautem Gelachter beantwortet; ich liess nicht ab, sie ward ubel gelaunt, einige heftig ausgestossne Worte vermehrten meine Besorgnis, ich drang in sie, endlich... sie hatte meine Abwesenheit benutzt... sie hatte sich durch kunstliche Mittel von dem Zustande befreit. Die lange Beschwerde,... die ewige Sorgfalt ward dem leichtsinnigen Geschopfe straflich zur Last... sie furchtete fur ihre Schonheit!... Gott! ich werde noch jetzt ganz verwirrt, wenn ich mich daran erinnere... Ich verlor alle Fassung, alle Gewalt uber mich... Atem und Sinne vergingen mir... meiner selbst nicht mehr machtig, warf ich mein Messer, das ich in der Hand hatte, mit solcher Gewalt zu ihr hinuber... es hatte sie auf der Stelle toten mussen, hatte die Wut mich nicht blind gemacht; es blieb uber ihrem Kopf tief in der Wand stecken. Von meiner Wildheit erschreckt, schrie sie laut auf, und verliess eilends das Zimmer, ich war unvermogend, ihr zu folgen."

"O Florentin", sagte Juliane, "wie furchterlich erscheinen Sie mir! Sie hatten eine Mordtat begehen konnen!" "Wie! war nicht sie eine hartherzige, treulose, widernaturliche Morderin? Mich, mich hatte sie hochst unbarmherzig gemordet! Still nur davon, und erlaubt, dass ich ende.

Die Treulose hatte auf der Stelle das Haus verlassen, ich sah sie nicht wieder. Ein gewisser Kardinal hatte sich ihrer angenommen. Wie ich nun erfuhr, hatte Se. Eminenz, die ubrigens ein Muster der Frommigkeit fur ganz Rom war, ihr schon langst nachgestellt, und wahrscheinlich wahrend meiner Abwesenheit seine Absicht erreicht. Ein heftiger Blutsturz, den ich gleich nach jenem Auftritt bekam, drohte meinem Leben. Ich war zerstort, konnte meine Kraft, meine Frohlichkeit und meinen Trieb zur Arbeit nicht wiederfinden. Die Lust zu reisen kam mir wieder an, ich durfte es aber nicht wagen, wegen meiner angegriffenen Gesundheit. Ich musste bei jeder etwas heftigen Bewegung Blut auswerfen. An dem Madchen rachte ich mich weiter nicht; dem Kardinal konnte ich es aber doch nicht so hingehen lassen; ich machte einige Verse, in denen ich ihn eben nicht schonte. Es war Witz und Bitterkeit genug darin, sie kamen bald in Rom herum. Meine Geschichte war bekanntgeworden, man erriet den Dichter, und zugleich die Eminenz. Er mochte es wahrscheinlich durch aufmerksame Diener erfahren haben, und fur seinen Heiligenschein besorgt geworden sein.

Ich suchte nun diese Begebenheit zu vergessen, und strengte mich an, meine alte Lebensweise wieder einzufuhren, als ganz unerwartet ein Billett von meiner treulosen Schonen an mich kam. Aus einem Rest von Anhanglichkeit fur mich, riet sie mir, so geschwind als moglich Rom zu verlassen. Se. Eminenz waren ausserst aufgebracht auf mich, und hatten beschlossen, mich auf die Galeeren zu schicken, ich ware also keinen Tag sicher in Rom. Se. Eminenz hatten ihr versichert, ich hatte diese Strafe verdient, nicht allein wegen des boshaften Pasquills, wofur er sich niemals rachen wurde, das er mir auch schon von Herzen vergeben habe, sondern sowohl wegen der abscheulichen Absicht sie zu ermorden, nachdem ich sie gewaltsam verfuhrt habe, als auch wegen meiner Irreligiositat, und des gottlosen Planes, eine heidnische Sekte zu stiften, zu welchem Ende ich geheime Zusammenkunfte mit jungen Kunstlern gehalten habe, wobei wir lasterliche Reden gegen den katholischen Glauben ausgestossen, und verschiedene heidnische Gebrauche eingefuhrt hatten. Uberdies ware ich schon langst verdachtig, und ein Gegenstand der Aufmerksamkeit fur die Polizei, weil von auswarts her von gewissen Leuten Nachfrage nach meiner Auffuhrung geschehen sei; ich musste mich also schon langst verdachtig gemacht haben.

Denkt euch! denkt euch diesen Abgrund von Absurditat! Es lag mir nichts daran, mich zu verteidigen, ich hatte es leicht gekonnt. Es war mir gleichgultig, wo ich lebte, Italien war mir aber verhasst. Ich verliess Rom noch in derselben Stunde. Weil ich die Bewegung des Fahrens nicht ertragen konnte, ging ich zu Fuss nach Civita Vecchia, einige von meinen guten Gefahrten gingen mit mir bis dahin. Hier schiffte ich mich nach Marseille ein. Dort war die Luft, und die ruhige Einformigkeit meines Lebens meiner Gesundheit so zutraglich, dass ich in einigen Monaten wieder vollig hergestellt war. Auf wiederholte Briefe an Manfredi bekam ich keine Antwort. In der Folge erfuhr ich, dass sein Regiment die Garnison verandert habe, und meine Briefe wahrscheinlich nicht an ihn gelangt waren. Damals glaubte ich aber zu meinem tiefsten Schmerz, er habe sich von mir gewandt. Ich schrieb dies dem Marchese zu, der wahrscheinlich den Nachrichten aus Rom zufolge eine schlechte Meinung von mir bekommen, und sie seinem Sohn mitgeteilt hatte. An den Marchese selbst schrieb ich also nicht, ich glaubte seine Antwort vorher wissen zu konnen.

Nun durchwanderte ich einsam einen grossen Teil von Frankreich; die schonen Traume und Bilder waren von mir gewichen, die sonst auf jeder neuen Reise vor mir herflogen. Mein Herz hatte sich verschlossen, und so blieb ihm auch alles verschlossen. Ich lebte vom Portratmalen. Hatte ich mir an einem Orte einiges Geld erworben, so reiste ich weiter. Manches zog mich an, aber nirgends wurde ich festgehalten. Allenthalben fand ich dieselben Gewohnheiten, dieselben Torheiten wieder, denen ich soeben entgehen wollte. Ein Vorurteil hing am andern, und an dieser Kette sah ich die Welt gelenkt und regiert. Allenthalben fand ich Sklaven und Tyrannen; allenthalben Verstand und Mut unterdruckt und gefurchtet, Dummheit und niedrige Gesinnung beschutzt von denjenigen, denen sie wieder als Pfeiler diente.

Ich trieb mich in Paris umher, es war mir nach und nach ein gar schlechter Spass geworden, Gesichter aller Art fur bare Bezahlung zu konterfeien, und fur dieses sundlich erworbene Geld ein leeres torichtes Leben weiter hinauszuspinnen, und die Erfahrung immer zu wiederholen, dass ich nirgends hinpasse.

An einem offentlichen Ort kam ich zufallig in ein Gesprach mit einem englischen Manufakturisten, der auf Frankreich schimpfte, und mir die englische Freiheit ruhmte; mir fiel das Versprechen ein, das ich meinen Lords in Rom gegeben hatte, in wenigen Tagen war ich in London. Hier fand ich nur den einen Lord, der andre, der den Nobile getotet hatte, wohnte auf seinem Landsitz. Eine Zeitlang lebte ich nun mit jenem im Zirkel der Londoner Eleganz. Ich fand aber keine Lust an ihren Routs und Punsch und tollen Wetten, worin sie den Ehrgeiz des guten Tons setzten. Die Gesellschaft ihrer Frauen erfreute mich nicht; ihre Fabriken, Manufakturen, ihr Geld, ihr Hochmut, ihre Nebel und ihre Steinkohlen machten mich traurig und schwermutig. Und ihre Freiheit, die mir so oft gepriesene?... Ich war bei einer Debatte im Unterhause zugegen... und nun war ich bestimmt entschlossen, und es bleibt unwiderruflich dabei, ich gehe zur republikanischen Armee nach Amerika. Es muss jenen Menschen gelingen, sich freizumachen, da sie nicht von falschem Schimmer geblendet sind, den man ihnen anstatt des echten Goldes aufdringen will. Meine Kraft und meine Tatigkeit sei ihnen geweiht. Bei diesem Gedanken erwachten Mut und Freudigkeit wieder in mir, fur die amerikanische Freiheit fechten, dunkte mir ein wurdiger Endzweck.

Ich setzte einen Tag fest, an dem ich wieder nach Frankreich wollte. Den Tag vorher hatten meine Londoner Herren ein Pferderennen, zu dem sie mich mitzogen; ich folgte mit einigen andern den Rennern, mein Pferd sturzte, ich ward heftig heruntergeschleudert; ohne es zu achten, stieg ich wieder auf, fuhlte mich aber, nach einer kurzen Anstrengung ihnen zu folgen, so angegriffen, dass ich mich nach Hause musste bringen lassen. Meine Brust war durch den Fall aufs neue verletzt worden, ich war krank, allein und verlassen. Mein Geldvorrat war erschopft, was noch ubrig war, reichte kaum hin, mich wiederherzustellen. Um dieses zu beschleunigen, wollte ich einige Zeit auf dem Lande leben; die Luft in London war mir hochst schadlich. Sobald ich es nur wagen durfte, soweit zu gehen, machte ich mich auf, um meinen Lord auf seinem Landhause zu besuchen, und mich bei ihm vollig zu erholen.

In seinem mit der gewohnlichen Pracht der englischen Landpalaste errichteten Wohnsitz fand ich alles in bunter, lauter Freude und Lustbarkeit. Der Lord hatte sich vor wenigen Tagen mit einer reichen Erbin vermahlt, und man war noch sehr mit den Festen beschaftigt. Ich kam zu Fuss, war matt, bleich und im Kostum eines Fussgangers. Ich musste lange stehen, eh' ich jemanden fand, der mich Sr. Herrlichkeit melden wollte. Es gab eine Zeit, wo ich es nicht so geduldig abgewartet hatte, aber ich war krank, und mein Geist gebeugt. Des Stehens im larmenden Vorsaal endlich mude, schickte ich eine Karte mit meinem Namen hinein, und setzte dazu, ich ware im Garten. Ich ging wirklich dahin und setzte mich auf die erste Bank, die ich fand. Bald darauf kam auch der Lord mit einem wahren Festtagsgesicht, das immer langer ward, je naher er mir kam, und mein Aussehen und meinen Aufzug gewahr ward. Seine ganze Haltung schwebte zwischen Erstaunen und Verlegenheit. In jeder andern Stimmung hatte mich Se. Herrlichkeit sehr belustigt, jetzt war es mir aber ganz gleichgultig; es war ein schoner warmer Herbsttag, der Sonnenschein tat mir wohl, ich legte mich bequem auf den schonen Sitz und liess den Lord sich wundern und nicht begreifen. Seine Fragen beantwortete ich ihm zur hochsten Notdurftigkeit; er wusste bald, wie es gegenwartig mit mir stand, und mein Begehren, einige Zeit lang bei ihm auf dem Lande zu wohnen. Nach einigem Husten und Rauspern, und einem sehr bedeutenden Spiel mit Uhrkette und Hemdkrause, erzahlte er mir endlich: wahrend seiner Ruckreise nach England sei sein Vater plotzlich gestorben, und habe viel Schulden und die Guter in Unordnung gelassen. Auch er habe nach gemachter Rechnung, auf seinen Reisen weit mehr ausgegeben, als ihm eigentlich erlaubt gewesen. Schon auf dem Punkt, ganz ruiniert zu sein, habe er seine gesammelten Schatze der Kunst und die grossten Seltenheiten alle verkaufen mussen, was doch nicht zugereicht habe, ihn wieder in Ordnung zu bringen; er sei aber jetzt so glucklich gewesen, eine sehr reiche Frau zu finden, durch deren Vermogen er sich wieder in den Stand gesetzt sahe, seinen alten Glanz anzunehmen. Er finde sich uberaus glucklich; nur auf das Gluck, seinen alten Freunden offentlich viel zu sein, musse er Verzicht tun; heimlich konne er aber manches fur sie tun. Seine Anverwandten und die Familie seiner Gemahlin, die jetzt zu seinem Gluck alles getan habe, musse er durchaus hierin schonen, und ihnen nicht das Zutrauen nehmen, dass er von seiner Neigung zur Verschwendung geheilt sei, wovon sie immer noch einen Ruckfall befurchten. Da sie nun seinen Aufenthalt in Italien als den Hauptgrund seines Verderbens ansahen, so sei ihnen alles verdachtig, was von dort herkomme, besonders alle Kunstler, und was damit zusammenhange. Jetzt sei die ganze Familie noch in seinem Hause zu den Vermahlungsfesten versammelt, und er sowohl als ich wurden viel von ihrer Ubeln Laune und ihrem Verdacht zu leiden haben, wenn er mich als Kunstler und Bekanntschaft aus Italien bei ihnen einfuhren wollte; das, was er mir schuldig sei, was ich fur ihn getan, komme in keinen Betracht bei ihnen, da er jene Geschichte mit einigen andern Umstanden erzahlt habe, und sie nur die Summe berechneten, die er an jenem Abend im Spiel verloren. Seine Freundschaft und ewige Dankbarkeit sei noch immer dieselbe fur mich; ich sollte nur erst eine andre Toilette machen, und in einem Wagen oder zu Pferde bei ihm ankommen, dann wollte er mich unter fremdem Namen, als Graf oder Marquis vorstellen, unter diesem Titel konnte ich eine Zeitlang, wie zum Besuch, bei ihm bleiben. Alsdann wollte er mir eine bequeme Gelegenheit, nach Frankreich zu reisen, verschaffen, und mir einige sehr gute Empfehlungen dorthin mitgeben. Sollte ich mich aber nicht in diese Massregeln fugen konnen, so mochte ich wenigstens nicht die kleinen Beweise seiner Dankbarkeit und Freundschaft verschmahen, und erlauben, dass er sich zum Teil der grossen Verbindlichkeiten entledige, die er mir habe. Wo ich auch ware, sollte ich mich seiner erinnern, und immer auf seine Freundschaft rechnen. Wahrenddessen hatte der grossmutige Lord einen Geldbeutel hervorgezogen und ihn neben mir auf die Bank hingelegt.

Als ich merkte, dass er nichts mehr zu sagen hatte, und irgendeine Antwort erwartete, stand ich auf, setzte meinen Hut gelassen auf, wandte mich und ging hinaus, ohne ein Wort zu sagen. Uberdies war auch eben die Sonne untergesunken. Wie lange er mir nachgesehen haben mag, weiss ich nicht.

Mir war leichter, da ich hinausging, als da ich hereintrat. Der Auftritt hatte meiner Laune ganz wohl getan, mir war so leicht wieder zu Sinn, als seit lange nicht; es war mir, als hatte ich eine grosse Rechnung im Leben abgeschlossen, und konnte nun auf neues Konto wieder anfangen.

Ich genoss im nahen Gasthofe einiger ruhigen Stunden, in denen ich uberlegte, was ich nun tun wolle? Zur Armee konnte ich noch nicht, ich hatte bei meiner angegriffenen Gesundheit das Soldatenleben nicht ertragen, es ging uberdies zum Winter. Ich ging zuruck nach London, verkaufte meine uberflussigen Habseligkeiten, und so mit recht frischem heiterm Sinn, der nicht wenig dazu beitrug, dass ich bald wieder Krafte und Gesundheit erlangte, verliess ich England und schuttelte den Staub von meinen Fussen, als ich wieder zu Calais anlangte.

Im sudlichen Frankreich hoffte ich zuerst meine Gesundheit wiederzuerlangen, ich beschloss also hinzuwandern und den Winter unter jenem milden Himmel abzuwarten. Den Fussreisen fing ich an vielen Geschmack abzugewinnen; es gibt keine lustigere und abenteuerlichere Art zu reisen, wenn es einem eben nicht darauf ankommt etwas spater an das Ziel seiner Reise zu gelangen, oder wenn man, was noch schoner ist, seiner Reise kein Ziel zu setzen braucht.

Freilich musste ich nun wieder zum Portratmalen meine Zuflucht nehmen, um durchzukommen. Es ward mir aber schwerer und zuletzt ganz unmoglich, eine Kunst, die die Gottin, das Gluck und die Gefahrtin meiner schonen und glucklichen Tage gewesen war, im Ungluck als Magd zu gebrauchen. Ich behalf mich oft lieber ausserst kummerlich, litt manchen Tag lieber wirklich Not, ehe ich mich dazu entschloss. Ich half mir sinnreich genug, und auf unzahlige Weisen durch; eine der angenehmsten war mir darunter, als Spielmann von Dorf zu Dorf versorgt zu werden.

Auf meiner Wandrung machte ich zufallig die Bekanntschaft eines Schweizers, der mit seiner kranken Frau den Winter in Frankreich zubringen wollte, um sie wenigstens so lang als moglich zu erhalten, da keine Hoffnung zu ihrer volligen Wiederherstellung war. Sie starb wahrend des Winters, und er, der uber ihren Verlust sehr trauerte, bat mich, ihm auf seiner Ruckreise nach Basel Gesellschaft zu leisten. Ich nahm es gern an, ich hatte die Schweiz noch nicht gesehen. Um sich zu erheitern, reiste er nicht geradezu nach Basel, wo er wohnte, sondern begleitete mich vorher auf meinen Zugen in den Alpen. Ich machte einige gutgelungene Zeichnungen, die er behielt. Unter diesen Beschaftigungen verstrich wieder der Sommer; nun ging ich mit ihm nach Basel, wo ich durch ihn in einigen artigen Hausern bekannt ward.

Die Harte des Winters hielt mich lang in Basel, wahrenddem gab ich Unterricht im Zeichnen und Malen. Einigen liebenswurdigen Menschen dort habe ich gar vieles zu verdanken, ohne dass sie es vielleicht ahnden. Auf ihren Rat, und durch ihr Lob aufmerksam gemacht, lernte ich Deutsch und einige eurer guten Dichter kennen. Sie gaben mir gluckliche Stunden, und rechtfertigten meine Vorliebe fur die Deutschen. Ich ward durch sie bewogen noch erst durch Deutschland zu reisen, und mich noch langer den Sturmen eines Ungewissen Lebens hinzugeben, eh' ich zu meiner Bestimmung gelange. Sobald man nur hoffen durfte, dass die Kalte nicht mehr zuruckkehren wurde, habe ich mich von Basel aufgemacht; ich habe einige schone Teile von Deutschland durchreist, und fuhle mich so gestarkt an Leib und Seele, dass ich nun meinen Entschluss gewiss auszufuhren gedenke. Mich treibt etwas Unnennbares vorwarts, was ich mein Schicksal nennen muss. Es lebt etwas in mir, das mir zuruft, nicht zu verzagen, und nicht bloss zu leben, um zu leben, ich muss meinen Endzweck, ich muss das Gluck, das ich ahnde, wirklich finden.

Ihr wolltet es so, meine guten Freunde, da habt ihr also die Erzahlung meiner wichtigsten Begebenheiten. Es sind wunderliche Bilder der Vergangenheit in mir rege geworden, bei denen ich mich vielleicht zu lange aufgehalten habe, sie haben sich meiner bemeistert. Lasst es geheim zwischen uns bleiben, was ich euch erzahlt habe. Es gibt Menschen, die das, was man ihnen sagt, selten so nehmen, wie man es sagt, und wie man es genommen haben will, sondern aus eigner Bewegung noch ganz etwas anders dahinter suchen und vermuten. Der Himmel gebe, dass euch meine Erzahlung keine Langeweile gemacht, und dass ihr jetzt nicht ubler von mir denkt als vorher."

Beide versicherten ihn ihrer freundschaftlichsten Teilnahme, und dass er ihnen vielmehr jetzt noch werter geworden sei. Sie unterhielten sich noch mit ihm uber diese und jene Begebenheit, die ihnen aufgefallen war. Juliane erkundigte sich genauer nach den Namen, Verhaltnissen und den Personen, die darin vorkommen. "Fragen Sie mich nicht um dergleichen Zufalligkeiten, liebe Juliane, sie gehoren nicht auf die entfernteste Weise zu mir, und von mir sollte ich Ihnen erzahlen! Hinz oder Kunz, es ist einerlei. Wenn es Ihnen so um den deutlichen Begriff der Personlichkeit zu tun ist, so konnen Sie sich Personen nach Ihrer Bekanntschaft dazudenken, man findet sehr leicht passende Vorbilder. Und nun, bevor wir uns auf den Ruckweg machen, lassen Sie uns noch erst tiefer ins Gebirge hineingehen, dort von dem Gipfel eines Bergs, den ich kenne, ist eine Aussicht, die ich, eh' die Sonne untergeht, zeichnen und Ihnen, lieben Freunde, als ein Gastgeschenk und ein Andenken dieses Tages zurucklassen will. Die Sonne steht nicht mehr hoch, es hat sich ein kleiner Wind erhoben, und Sie konnen ohne Beschwerde gehen, Juliane."

Jene waren es wohl zufrieden, man machte sich auf den Weg, und im Gehen sagte Florentin: "Jene Aussicht habe ich aus einem ganz besondern Grund zum Abzeichnen ersehen. Man sieht von dort ein Haus, das mich durch seine Bauart und eine Ahnlichkeit in der Lage an eine lustige Geschichte erinnert, die ich euch noch erzahlen will. Ihr mogt euch meiner dabei erinnern, wenn ich fern bin, und ihr die Zeichnung beschaut in friedlichen Tagen.

Als ich in Venedig war, liess ich mich in einer der schonen Nachte mit einigen Leuten auf dem Golfo herumfahren. Wir machten Musik, und waren voller Mutwillen und Lust. Einer unter ihnen hatte eine gute Freundin, die in einem Landhause nicht weit vom Ufer wohnte, es fiel ihm ein, ihr eine Musik unter ihrem Fenster zu bringen, und er bat uns ihn zu begleiten: wir willigten ein, und stiegen ans Land. Die Musik ward gebracht, und so gnadig aufgenommen, dass man uns alle einlud ins Haus zu kommen, um Erfrischungen einzunehmen. Der gute Freund ging sogleich hinein, wir andern entfernten uns bescheiden, nachdem wir einen Ort bestimmt hatten, an dem wir uns wieder zusammenfinden wollten. Wir zerstreuten uns; was die andern anfingen weiss ich nicht; ich ging am Ufer des Golfo entlang, freute mich uber die entzuckende Aussicht, die in glanzendem Mondlicht vor mir lag, und horte dem Gesang der Gondoliere zu, und der verschiedenen Musik auf den Gondeln, die hin und her schwammen. So fortwandelnd, sah ich mich auf einmal vor einem Gitter, das ein anmutiges Blumenparterre umschloss, von dem die Geruche die Luft um mich her durchwurzten. Am andern Ende des Parterrs, dem Gitter gegenuber, war ein Haus sichtbar mit einem Balkon, der nur wenig von der Erde erhoht war, auf demselben standen die Turen offen, die nach einem Zimmer zu fuhren schienen, aus dem ein helles Licht schimmerte, und der Gesang einer weiblichen Stimme, von einer Gitarre begleitet, erscholl. Das Ganze zog mich hinlanglich an, um mich etwas naher umzusehen. In einem Augenblick sprang ich uber das Gitter, und stand dicht vor dem Balkon, wo ich das ganze Zimmer hinter demselben ubersehen konnte.

Es war ein niedlich gebauter Salon, der so geschmackvoll und zugleich prachtig dekoriert war, als ich es selten gesehen habe. Besonders zog meine Blikke ein schoner Fussteppich an, mit grunem Grund, auf den zerstreute Rosen eingewirkt waren, der sich gegen die glanzenden mit Gold verzierten Wande sehr schon ausnahm. Das Ganze ward von einem kristallnen Kronleuchter zauberisch beleuchtet. Eine schone junge Frau, im leichtesten zierlichsten Gewande, die schwarzen Haare oben auf dem Kopfe zusammengeknupft, ging singend auf diesem Teppich mit leichtem Fuss umher, in ihrem Arm ruhte die Gitarre, die sie mit vieler Anmut spielte. Einige grosse Spiegel an der gegen mir uberstehenden Wand vervielfachten das Bild der reizenden Gestalt im Voruberschweben. Ich war wie festgebannt, ich konnte mich nicht satt sehen. Sie legte die Gitarre hin, und zog eine Schelle, ein Lakai in reicher Livree trat herein und brachte Erfrischungen, sie setzte sich nun auf den Sofa dicht am offnen Balkon und verzehrte einige Orangen, die sie erst mit grosser Zierlichkeit schalte. Die unbedeutendste Bewegung gefiel mir an ihr. Ich musste es wagen, sie zu sprechen, das war gewiss. Ohne mich lange zu besinnen, sang ich halb leise einige Verse auf dieselbe Melodie, die sie soeben gesungen hatte. Ich konnte sie genau dabei beobachten: erst war sie erschrocken, dann staunte sie, zuletzt ward sie aufmerksam, ich horte auf und seufzte tief. Einen Augenblick besann sie sich, dann trat sie auf den Balkon heraus; sie sprach einige Worte, aus denen ich merkte, dass sie mich fur einen andern nehmen musste. Ich antwortete so, dass sie nicht sogleich aus dem Irrtum gerissen ward. Als ich hoffen durfte, dass die Unterhaltung sie genugsam interessierte, gab ich ihr zu verstehen, dass ich ihr unbekannt sei. Sie war aufgebracht, ging zuruck, sprach aber doch immer weiter durch die offen gebliebene Ture; es wahrte nicht gar lange, so hatte ich sie wieder durch Bitten und Schmeicheleien auf den Balkon gezogen. Sie wollte meinen Namen wissen, ich sagte ihn ihr, sie schien einiges Zutrauen zu gewinnen als sie ihn horte. Sie hatte schon viel zu meinem Vorteil gehort, sagte sie, und schon lange gewunscht mich pesonlich zu kennen. Was konnte sie mir Erfreulicheres sagen? Auch war unsre Bekanntschaft mit diesen wenigen Worten so gut als befestigt. Meine Rolle war etwas schwierig, ich musste durchaus sie schon gesehen, gekannt, geliebt haben, sonst ware mein Eindringen ganz unverzeihlich gewesen, auch sprach sie ganz so, als ob mir alle ihre Verhaltnisse bekannt sein mussten, da ich doch nicht das mindeste, nicht einmal ihren Namen wusste, und sie zum erstenmal sah.

Gewandtheit und Dreistigkeit halfen mir glucklich durch. Nach einigen kleinen Debatten erhielt ich Erlaubnis, sie den folgenden Abend an demselben Ort wiederzusehen. Ich musste nun zuruck, ich fand meine Gefahrten am bestimmten Ort wieder, und schiffte mich mit ihnen ein. Auf meine Erkundigung erfuhr ich von ihnen, wer meine schone Unbekannte sei. Die Nachrichten waren gut und erfreulich. Aus einem grossen Hause, vom Kloster an einen Mann vermahlt, der alt genug war ihr Grossvater zu sein; sie lebte grosstenteils auf dem Lande, wo ihr Gemahl sie dann und wann besuchte. Sie liebte ihn nicht, war keine Feindin der muntern Gesellschaft,... kurz ich fand keine Ursache zu verzweifeln.

Die folgende Nacht fand ich mich wieder vor dem allerliebsten Balkon ein. Dasselbe Licht, derselbe Glanz. Ich stand nicht lange, als sie heraustrat, sie sprach freundlich mit mir, ich bat um Erlaubnis zu ihr hinaufzukommen, sie verweigerte es nur schwach, ich ward dringender, sie nachgebender; mit einem Sprung war ich auf dem Balkon zu ihren Fussen. Das Gestandnis ihrer Liebe entzuckte mich. Nun sass ich ihr gegenuber, auf demselben Teppich, von demselben Kronleuchter beleuchtet. Sie sass wieder auf demselben Sofa, schalte Orangen, die sie mit mir teilte, ich war wie berauscht, meine Sinne waren gefangen. Einige Stunden waren schnell verscherzt, nun verlangte sie, ich sollte wieder fort; dieser leichte Anstrich von Sprodigkeit, mich nicht langer bei sich zu behalten, konnte mir nicht sehr imponieren, ich bestand darauf nicht fortzugehen, und es ward mir erlaubt zu bleiben. Doch musste ich wieder hinaus auf den Balkon, um dort zu warten, bis sie mich wieder rufen wurde, und ihre Frauen erst fortzuschicken. Die Lichter wurden ausgeloscht, ich musste lange draussen stehen, es fing an zu regnen, ich ward verdriesslich, Langeweile war mir von jeher unter jeden Umstanden unleidlich. Endlich kam eine Gestalt, die mich bei der Hand nahm, nicht die bekannte, es war eine vertraute alte Kammerfrau, sie fuhrte mich durch einige finstre Zimmer, jeder Umstand fiel mir unangenehm auf. Endlich offnete sie eine Tur und ging zuruck. Die Gebieterin kam mir entgegen, sie war im nachlassigen Nachtgewande, sehr schon, das Zimmer ausserst prachtig, der Schein einer Lampe erleuchtete es nur dammernd, alles war kostlich, unvergleichlich, aber es war nicht jenes Zimmer, jene Erleuchtung, jene Spiegel, jener schone Teppich; mich umgab nicht der susse Blumenduft, es war nicht dieselbe Grazie, die umherschwebte. Ich sehnte mich nach dem Schimmer, nach der Luft jenes kleinen Tempels, der mich zuerst so freundlich begrusst, und meine Phantasie gefangengenommen hatte. Das ganze reizende Bild war mir entruckt, meine Wunsche mir fremd geworden. Ich setzte mich neben die schone gutige Dame, und sprach einiges mit ihr, wahrscheinlich waren es hochst gleichgultige abgeschmackte Phrasen, die die Dame sehr betreten machten, und ebenso gleichgultig beantwortet wurden. Es gab einen Augenblick der sonderbarsten verlegensten Stille, ich fuhlte das Unschickliche, wollte durchaus wieder in meine vorige Stimmung kommen, die Anstrengung gelang mir schlecht, ich ward vollig verdriesslich, und... schlief endlich ein! Als ich erwachte, schien der Tag hell ins Zimmer hinein; ich fand mich allein, noch auf demselben Sofa: es wahrte einige Minuten eh' ich mich entsinnen konnte, wie ich in dieses Zimmer gekommen, und was mit mir vorgegangen war? Aber mit welcher Beschamung fiel mir nun mein ganzes Abenteuer und mein unerklarlich albernes Benehmen ein. Die Turen waren alle offen, kein Mensch kam mir in den Weg, ich schlich mich unbemerkt aus dem Hause, und eilte aus der Gegend, so schnell als moglich. Ich war uberzeugt, dass meine Geschichte so hochst lacherlich, als sie wirklich war, und gewiss mit den unvorteilhaftesten Zusatzen, in Venedig herumkommen wurde, und traute mich gar nicht, mich die erste Zeit wieder dort sehen zu lassen. Ich verliess also Venedig auf einige Monate, und zog aufs Land. Das war die Zeit, von der ich Ihnen erzahlt, die ich unter Hirten auf dem Lande gelebt habe."

"Dies ist gegen die Abrede, Florentin", sagte Juliane, "diese Geschichte gehorte noch zu Ihren Konfessionen!"

Eilftes Kapitel

Die Zeichnung war beinahe ganz angelegt, als die Sonne sich auf einmal hinter eine dicke Wolke verbarg, die ein plotzlicher Wind von Abend her am Horizont herauftrieb; es donnerte in der Entfernung. Unsere Wanderer rafften sich auf, um vor dem nahenden Gewitter noch ein Dorf zu erreichen, von dem sie nicht weit entfernt waren. Das Wetter zog sich aber schneller zusammen, als sie dahin gelangen konnten. Ein Wirbelwind jagte den Staub wie eine dichte Wolke uber ihnen empor, der Donner kam naher, die Blitze wurden starker, einzelne grosse Regentropfen fielen. Juliane ward angstlich, sie lief aus allen Kraften, bald versetzte der Sturm ihr den Atem, der Staub verdunkelte, und verletzte ihre Augen. Sie furchtete ebensosehr auf freiem Felde zu bleiben, als Schutz unten einem Baume zu suchen. Ihre Fusse waren vom Laufen auf den spitzen Steinen wund geworden, und sie stiess allenthalben an.

Ein starker Blitz, dem der Donner gleich nachfolgte, fiel vor ihnen nieder, Julianes Knie wankten, sie fiel halb ohnmachtig zu Boden. Die beiden Freunde nahmen sie abwechselnd in ihre Arme, und trugen sie fort. Das Gewitter war nun ganz nahe, Blitz und Donner wechselten unaufhorlich, der Regen stromte in Gussen herab.

In der Verwirrung verfehlten sie den rechten Weg zum Dorfe, sie irrten, fur Julianes Gesundheit besorgt, angstlich umher; endlich erblickten sie, indem sie an einem Bache hinaufgingen, am jenseitigen Ufer eine Muhle, die einsam im Tale lag, von Bergen umschlossen. Eine Brucke ging nicht hinuber, sie riefen laut; aber der Sturm und das Rauschen des Bachs war lauter als ihre Stimmen. Endlich gelang es ihnen nach vielem Winken und Rufen bemerkt zu werden; einige Mullerburschen kamen mit einem Kahn zu ihnen heruber, nahmen die beiden Freunde und die von Angst und Mudigkeit halbtote Juliane ein und brachten sie nicht ohne Muhe uber den vom Regen angeschwollenen Bach nach der Muhle.

Sie waren vom Muller und von seiner Frau nicht gekannt, wurden aber gastfrei aufgenommen. Eduards erste Sorge war trockne Wasche und Kleider fur Julianen zu verschaffen. Eine neue Verlegenheit entstand. Sie mussten Julianens Geschlecht der Mullerin entdekken, diese war erstaunt und getraute sich nicht, ihnen zu glauben. Nach vielen Bitten und Beteurungen liess sie sich endlich bewegen, Wasche und Kleider fur Julianen herzugeben, und ihr bei der Umkleidung hulfreich zu sein, denn die Arme war so erschopft, dass sie kaum zu stehen vermochte. Wahrend sie umgekleidet und zu Bette gebracht ward, war in der daranstossenden Stube ein Kaminfeuer gemacht worden; Eduard und Florentin waren dabei beschaftigt, ihre Kleider zu trocknen. Die Mullerin trat aus der Kammer, und berichtete ihnen, die Jungfer ware eingeschlafen! Sie sah die jungen Leute mit misstrauenden neugierigen Blikken an. Sie konnte sich das Verhaltnis auf keine rechtliche Weise erklaren, in dem diese junge schone Person, von deren Geschlecht sie nun vollig uberzeugt war, mit den beiden Mannern stehen musse. Sie hatte allerlei Vermutungen, schmiedete sich irgendeinen Zusammenhang, den sie ihnen in nicht gar feinen Wendungen deutlich zu verstehen gab. Zuletzt sagte sie etwas angstlich: sie habe zwar ihre Hulfe nicht versagen durfen, aber weder sie noch ihr Mann wurden gern Leute beherbergen, die sich zu verbergen Ursache hatten; und mehr solcher Redensarten, die eben keine gunstige Meinung von ihren Gasten verrieten.

Die beiden belustigte ihre Besorgnis, und sie vermehrten sie mutwillig durch geheimnisvolle Bitten, sie nicht zu verraten. Florentin trieb tausend kleine Possen um sie her und suchte sie durch Schmeicheleien und artigen Scherz freundlich zu erhalten. Sie schien dafur auch gegen ihn besonders gefallig, und Eduard zog sie deshalb auf. Bald war sie so dreist gemacht, dass sie sich einige zweideutige Spasse uber Julianen erlaubte, deren Stand sie weit entfernt war zu ahnden. Sie drang immer mehr mit Fragen in sie, die aber nicht ernsthaft beantwortet wurden. Der Muller war unterdessen seinen Geschaften nachgegangen, und hatte seiner Frau die Sorge fur die Wanderer uberlassen.

Juliane erwachte nach einem kurzen Schlummer und horte zu ihrer nicht geringen Beschamung die Zweifel und den Argwohn der Mullerin. Sie gab ein Zeichen, dass sie erwacht sei, Eduard eilte zu ihr ans Bett, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen; sie bat ihn, diesen fur sie sehr verdrusslichen Auftritt zu endigen, und die Frau uber ihren Irrtum ernsthaft aufzuklaren; sie hatte zwar anfangs gewunscht, unbekannt zu bleiben, lieber wollte sie aber diesen Vorsatz aufgeben und ihren Namen entdecken, um den Vermutungen und den Zudringlichkeiten der Frau ein Ende zu machen. Eduard ging sogleich wieder hinaus, und verkundigte ihr nun, wen sie unter ihrem Dache bewirte. Juliane rief sie zu sich, und bestatigte, was Eduard gesagt hatte; aber die Frau wollte ihnen durchaus nicht glauben. Alles was sie zu ihrer Beglaubigung vorbringen mochten, schien eben dem Argwohn der guten, etwas einfaltigen Frau nur neue Nahrung zu geben; "das machen Sie mir nicht weis", rief sie, "dass meine gnadige Herrschaft zu Fuss, ohne Bedienten und verkleidet ausgehen wird"! Florentin lachte ausgelassen uber diese tolle Begebenheit, Juliane musste trotz der Verwirrung auch lachen. Die Mullerin lief hinaus und holte ihren Mann. Dieser sah kaum Julianen etwas genauer an, als er sie gleich erkannte: er hatte sie oft gesehen, wenn er in seinen Geschaften aufs Schloss gekommen war, in der Mannertracht aber, blass und ohnmachtig, mit nassen herunterhangenden Haaren, beim Eintritt nicht wiedererkannt; er bat sie sehr wegen des Verdachts seiner Frau um Verzeihung, suchte diese, so gut als er vermochte, zu entschuldigen, und verliess sogleich das Zimmer wieder.

Die Mullerin war beschamt und verwirrt, sie erbot sich zu allen Diensten mit der grossten Bereitwilligkeit, und erkundigte sich nach den Befehlen der jungen Grafin. Vor allen Dingen bat Juliane, ihr einen Boten zu verschaffen, den sie aufs Schloss schicken konnte, um ihren Wagen herauszuholen, weil sie gleich nach Hause fahren wolle. Die Nacht war aber unterdessen vollig hereingebrochen, das Gewitter hatte zwar aufgehort, aber der Sturm war noch stark und der Regen stromte gewaltig herab, dabei konnte man in der Finsternis nicht einen Schritt vor sich sehen. Der Muller entschuldigte sich, dass er jetzt niemand uber den Bach konne fahren lassen, es ware beinahe unvermeidliche Lebensgefahr dabei, da er vom Regen sehr angeschwollen sei, und der Sturm den Kahn gegen die Pfahle schleudern mochte. Bis zu Tagesanbruch musste sie also geduldig warten. Man erkundigte sich, ob nicht noch ein andrer Weg als der uber den Bach nach dem Schloss fuhrte? Es ging allerdings noch einer durch das Gebirge, dieser fuhrte aber so weit herum, dass der Bote doch nicht vor dem andern Morgen anlangen wurde.

Juliane befand sich in unbeschreiblicher Angst, wegen der Angst ihrer Eltern. Sie zitterte und weinte, ihre Phantasie fullten die schreckhaftesten Vorstellungen. Eduard war bereit, sich selbst uber den Bach zu wagen, nur um sie desto eher zu beruhigen; hierin willigte sie aber auf keinen Fall ein. "Wollen Sie mich hier allein lassen", rief sie, "und sich selbst in Gefahr geben? Das wurde ja meine Angst noch vermehren?" Sie versprach endlich, geduldig den Tag abzuwarten. Nun wollte sie versuchen aufzustehen, sie fuhlte aber eine solche Mattigkeit und so grosse Schmerzen an ihren Fussen, dass sie sich entschliessen musste, im Bette zu bleiben.

Die Mullerin hatte ein Abendessen bereitet. Eduard und Florentin setzten sich vor das Bett; auf eine solche Ermudung fehlte es unsern jungen Wanderern nicht an Esslust, und waren die Speisen auch noch so niedlich und sorgfaltig zubereitet gewesen, es wurde ihnen dennoch gewiss trefflich geschmeckt haben; an diesen hatte aber die Mullerin wirklich ihre ganze Kunst verschwendet, um ihre Gaste nach Wurden zu bewirten, die sie anfangs zu ihrer grossen Beschamung so verkannt hatte.

Es gelang den beiden Freunden, Julianen auf Augenblicke ihre Unruhe vergessen zu machen, und sie etwas zu erheitern. Sie fanden aufs neue Gelegenheit uber ihre Schonheit zu erstaunen. Die Blasse und die Mattigkeit in Blick und Stimme verlieh ihr neue Reize, und kontrastierte auf eine interessante Weise mit der Kleidung, die die Mullerin ihr geliehen hatte, die tuchtig und fur das Bedurfnis gemacht, ihren zarten Gliedern nirgend anpassen wollte. Florentin wollte sie durchaus in dieser Umgebung zeichnen, damit sie sich kunftig in ihrem hochsten Glanze der Nichtigkeit aller menschlichen Pracht erinnern moge. "Denn", setzte er hinzu, "wahrscheinlich wird diese Begebenheit doch die anstrengendste und abenteuerlichste sein, die Sie in Ihrem ganzen kunftigen Leben erfahren werden."

In den Blicken der beiden Liebenden leuchtete die innigste Zartlichkeit hervor. "Darf er so kuhn unser kunftiges Leben verspotten?" schien Juliane mit ihrem beseelten Blick zu fragen; und in Eduards Augen las sie die Versicherung der ewigen Liebe, des unverganglichen Glucks. Er hatte seinen Arm um sie geschlungen, sie lehnte das holde Gesicht an seine Schultern; die Seligkeit der Liebe hielt ihre Lippen verschlossen, sie sprachen nicht, und sagten sich doch alles.

Florentin war hinausgegangen und hatte sich an die Hausture gelehnt. Er horte auf die Wogen des Bachs, der sich reissend fortwalzte, und sprudelnd und schaumend uber die Rader der Muhle hinsturzte; auf das Brausen des Windes im Walde, und das friedliche Klappern innerhalb der Muhle. Es klang ihm wie vernehmliche Tone. Wie ein Wettgesang des tatigen zufriedenen Landmanns und des mutigen, ehrsuchtig drohenden Kriegers tonten Muhle und Waldsturm; der Bach rauschte in immer gleichen Gesangen ununterbrochen dazwischen, wie die ewige Zeit, allem Verganglichen, allem Irdischen trotzend, und seine Bemuhungen verhohnend.

Er horte im Wohnzimmer des Mullers laut reden, er schlich sich aus einem Anfall von Neugierde unter das offene Fenster, und horte ein Gesprach zwischen dem Muller und seiner Frau an, das sie uber ihre Gaste fuhrten; diese Erscheinung mochte ihnen wunderlich genug vorkommen. Der Muller konnte, wie es schien, die Sitte nicht billigen, die die vornehmen Leute einfuhren, inkognito zu reisen. "Man kennt sie nicht", rief er, "am Ende werde ich noch in jedem wandernden Gesellen einen verkleideten Prinzen, oder eine Prinzessin vermuten mussen, und mich in acht nehmen, dass ich ihm nicht zu nahe trete." Die Mullerin war ganz besanftigt, und wollte ihn mit dieser Sitte aussohnen: "Sie horen und sehen doch", sagte sie, "wenn sie so reisen, manches, was sie sonst nimmermehr erfahren wurden, und dass die yielen Umstande und Weitlauftigkeiten wegfallen, ist bequemer fur sie, und auch fur unsereinen." "Nun", sagte der Muller wieder, "manches brauchen sie auch nicht zu erfahren, und dafur, dass wir keine Umstande mit ihnen machen durfen, machen sie auch wieder mit uns keine." "Nun Vater, du wirst dich noch einmal um den Kopf reden, ich dachte doch, wir hatten nicht zu klagen." "Wer spricht davon? Ich meinte nur." "Ja dir macht man's nimmermehr recht! Mit deinem hasslichen Misstrauen machst du einen auch mit so argwohnisch; hatte ich mich nicht beinahe ganz erschrecklich gegen die junge gnadige Herrschaft vergangen? Und wer war schuld als du?" "Ich will alles verantworten, was ich spreche, aber das konnen nicht alle, und darum mussen sie sich wohl in acht nehmen!" "Ach und es ist doch gewiss eine liebe allerliebste Herrschaft! Ich wurde mich in meinem Leben nicht zufrieden geben, wenn ich sie beleidigt hatte." "Beleidigt hast du sie doch, aber sie hat es dir wieder verziehen!" "Ja so gutig ist sie, und so herablassend, wie eine Heilige, und dabei so zart und so schon! Vater, wenn du das so gesehen hattest, wie ein Wachsbild, man kann sie doch gar nicht genug ansehen!" "Und die beiden jungen Herren sind wohl auch so gutig wie die Heiligen? Ja ihr Frauen!" "Nun, was fallt dir wieder ein? Du hast immer ganz besondere Gedanken." "Ja vorzuglich der eine, der ist nun vollends lauter Gute! Nicht wahr?" "Welchen meinst du denn, Vaterchen?" "Nun den, du weisst wohl, du hast ihn mir ja so schlau gezeichnet." "Ich versteh' dich nicht, mein Schatz!" "Sieh doch nur seine grune Jacke an, der linke Armel ist ja ganz weiss! Wo sollte er denn das wohl herhaben?" "Weiss? der linke Armel? Wie soll ich's denn wissen? In der Muhle macht man sich leichthin weiss." "Ja besonders, wenn die Mullerin so leicht rot wird!" "Es muss auch alles zusammentreffen, um dich argwohnisch zu machen." "Behute, lieber Schatz", sagte der Muller laut lachend, und kusste sie, "ich bin nicht im geringsten argwohnisch, wenn ich deutlich alles sehe und hore, wo man mich nicht vermutet." "Nun, wenn du alles gesehen hast, so wirst du auch wohl gesehen haben " "Dass du dich wakker gestraubt hast, als er einen Kuss von dir verlangte. Ja mein Kind, siehst du, daher ist er weiss am Armel!"

Florentin gefiel die leichte gutmutige Art, womit der Muller uber die kleine Begebenheit scherzte. Er selbst war gemeint; er hatte sich mit der jungen artigen Mullerin einige Schakereien erlaubt, um sie bei guter Laune zu erhalten, als ihre Gaste ihr noch unbekannt waren, und er ihr mit immer neuen Forderungen fur Julianen viel Muhe machen musste.

Er trat vom Fenster zuruck und pfiff und rief den beiden Hunden, um sich vom Muller bemerken zu lassen. Dieser kam ans Fenster und notigte ihn, noch ein wenig in die Stube zu kommen. Florentin ging hinein und unterhielt sich mit ihm; der heitre, grade Sinn des Mannes und sein guter Verstand gefielen ihm immer besser. Florentin nahm, wahrend er sprach, mit der grossten Unbefangenheit die Burste vom Nagel, die unter dem Spiegel hing, und burstete sich ruhig das Mehl vom Armel; die Mullerin lief ganz beschamt aus der Stube, aber der Muller lachelte und liess sich nicht im geringsten aus der Fassung bringen. Er sprach viel von seinem Stande und seinem Geschaft. Seine sparsamen, ruhigen Worte, und die Uberzeugung der Wichtigkeit, mit denen er die Sorgen und Freuden davon schilderte, ohne irgendeinen andern Stand im Leben unnotig und mit affektierter Verachtung mit dem seinigen zu vergleichen, gab ihm eine Wurde, der Florentin mit Ehrerbietung begegnen musste. Er gedachte dabei mit einem Gefuhl von Beschamung an die Unruhe, mit der er selbst sich umtrieb, um einen Zweck zu finden, der seinem Leben Wert und Bestimmung gabe.

Der Muller bemerkte endlich, es ware nun wohl Zeit fur ihn, sich zu Bett zu legen; Florentin bot ihm eine gute Nacht, und war im Begriff hinauszugehen, als Eduard hereintrat, und in Julianens Namen den Muller und seine Frau ersuchte, die Nacht mit den beiden Herren durchzuwachen, sie selbst wollte versuchen zu schlafen, sie ware aber so angstlich, dass sie gewiss nicht wurde schlafen konnen, wenn nicht alles im Hause wachte. Sie liess die Frau bitten, bei ihr im Zimmer zu bleiben, und den Muller, ja sobald der Tag anbrache, jemand aufs Schloss zu schicken. Die Mullerin ging sogleich zu ihr, und der brave Mann war ebenso willig, den Befehlen der jungen Grafin zu gehorchen.

Florentin bemerkte etwas ungewohnlich Heftiges und Leidenschaftliches an seinem Freunde. Er liess sich in kein Gesprach mit hineinziehen, gab zerstreute oder gar keine Antwort, und ging hastig, und mit ungleichen Schritten in der Stube auf und ab. Florentin glaubte sogar in seinen Augen Spuren von vergossnen Tranen wahrzunehmen. Diese Ausserungen waren bei dem sonst sanften stillen Eduard etwas befremdend, doch beunruhigten sie seinen Freund nicht weiter; er hielt es hochstens fur Zeichen eines kleinen Zwistes zwischen ihm und Julianen, von denen, welche die Liebe ebenso schnell zernichtet, als sie sie erzeugte. Er redete ihn an und ausserte fein spottend seine Vermutung; Eduard blieb aber ernst und trube, und bat ihn kurz darauf, mit ihm hinaus ins Freie zu gehen. Die Nacht war kalt und sturmisch, er bestand aber darauf dennoch hinauszugehen, und Florentin begleitete ihn.

Sie sassen schweigend nebeneinander auf der Bank vor dem Hause. Florentin unterbrach die Stille zuerst: " Immer hore ich doch wieder diese Tone des Waldes, des Stroms und der Muhle mit derselben angenehmen, gleichsam anregenden Empfindung. Beinah' mocht' ich glauben, dass ich eigentlich fur das beschrankte hausliche Leben bestimmt bin, weil alles dafur in mir anspricht, nur dass ein feindseliges Geschick wie ein boser Damon mich immer weit vom Ziele wegschleudert!" "Glaub mir", sagte Eduard, "es weiss selten einer, was er soll." "Jawohl", fiel Florentin ein, "und es dauert lange, bis er weiss, was er will! Es ist auch beinahe alles einerlei, und alles Tun ist das rechte. Nur dass man etwas tue! Jawohl! Und darum will ich eilen. Ich will fort! Vielleicht habe ich schon zu lange verweilt."

Eduard antwortete nicht, Florentin horte ihn seufzen. "Was ist dir, Eduard?" fragte er ihn mit herzlicher Liebe, "du hast Schmerz, warum verhehlst du ihn mir?" "Nein, ich will ihn dir nicht verhehlen", rief Eduard aus. "Sieh, Florentin! Eine Seele, wie die deinige, einen Freund, wie du bist, suchte ich, seitdem Freundschaft mir ein Bedurfnis ist, und das ist sie, seit ich mich meiner selbst bewusst bin. Unverhofft fand ich dich; ich vermutete gleich in den ersten Stunden, du seist der, den ich suchte, und diese Vermutung fand ich in der Erzahlung deiner Schicksale mehr als einmal bestatigt. Und nun soll ich dich, kaum gefunden, wieder verlieren! Halte es nicht eines Mannes unwurdig, wenn ich dir mein Leid daruber gestehe. Ich kann dich nicht wieder lassen, es ist mir in manchen Augenblicken ganz unmoglich zu denken, dass ich dich wieder lassen soll! Ich bin sehr reich, ich weiss es, vielleicht ist es Unrecht, mehr zu verlangen, als ich besitze: aber ich bin in der Freundschaft unersattlich, und an dich fuhle ich mich mit unnennbaren Banden geknupft!" "Ich begreife dein Gefuhl, mein Freund! Dies sei dir Burge, dass ich dessen wert bin; du bist mir teurer, als ich es sagen kann. Dass du bei allen Gutern, die dir nie fehlten, selbst in dem Besitz der Geliebten noch Raum fur Freundschaft hast, und dir den Sinn dafur erhieltest, macht dich mir verwandt und ewig wert. Wie kann dich aber eine Trennung so wehmutig ergreifen, die doch eben durch keine besonders unglucklichen Umstande bezeichnet ist? Wie selten durfen Freunde ihren Lauf beieinander beginnen und vollenden? Ist das Band, das Freunde verknupft, durch die Trennung gelost? Muss nicht, in der Welt zerstreut, von ihnen ausgefuhrt werden, was sie vereint beschlossen? O, dass ich Armer, Einsamer, dich Reichbegleiteten trosten soll! Verzeih meinem Zweifel, ich kann nicht glauben, dass meine Trennung von dir dieses Mal allein die Ursach' deiner Traurigkeit ist." "Es kann sein; aber wie es auch sei, Florentin, ich mag, ich werde dich nicht lassen! Hore, ich gehe mit dir; ich teile deine Unternehmungen, ich will die Stelle deines Manfredi ersetzen, ich verschmahe jedes andre Schicksal, als das deinige. Was mir fehlt, besitzest du so gross und frei! Du wirst auch in mir manche gute Gabe finden. Vereint, ungetrennt, wollen wir ersinnen und ausfuhren, fechten, leben und sterben, sterben fur die Freiheit! Ich gehe mit dir nach Amerika!" "Wie ist dir? Wie ist dir? Du schwarmst!" "Nein, ich lasse dich nicht wieder, ich gehe mit dir!" "Was kann ich dir anders zurufen, als Juliane! O Eduard, mir ist dieser ganze Auftritt wie ein Traum. Welches Ratsel! Du bist durch irgendeinen Vorfall aufgebracht, ja gereizt bis zum Wahnsinn. Mit Fragen will ich dich nicht qualen. Aber ich beschwore dich, sei gefasst, sei ruhig, und wenn du es vermagst, so entdecke mir, was dich so erschuttern konnte. Erinnere dich, was du so rasch verlassen willst! Mich lass aber ziehen, mir ein Gluck zu erringen, fur das und mit dem du geboren wardst, erfreue dich dessen, und bleibe in Frieden." "So bleibe du bei mir, Florentin! Nur noch ein Jahr bleibe bei mir, dann ziehe ich mit dir, wohin du willst!" "Ach, Eduard! Du solltest mich nicht halten wollen!" "Was du nicht sagen kannst", fiel Eduard ein, "weiss ich langst, mein Freund! Du liebst Julianen, ich weiss es, aber " "Wer? wer darf das sagen?" "Bleib ruhig, Florentin, es blieb mir nicht unbemerkt." "Du hast dennoch falsch gesehen Kannst du so dein eignes Gefuhl verleugnen, und was hast du zu furchten?" "Ich furchte nichts von dir, sei uberzeugt! Ich kenne dich, dir ist die Freundschaft heilig. Du wirst dich fur den Freund aus aller Kraft deiner Seele zu bekampfen wissen. Auch wird deine Leidenschaft sich bald in das reinste Freundschaftsgefuhl auflosen. Und dann, von beiden Freunden geleitet, soll Juliane des schonsten Daseins sich zu erfreuen haben. Keine Lucke bleibe in ihrem Herzen, ihre Liebe bedurfende Seele sei ganz glucklich im Genuss."... "Gemach, mein guter Eduard! gemach! So gelassen wolltest du wirklich dreinsehen, wie der Freund seine Tage unter Prufungen der Selbstuberwindung hinschleichen liesse, sein warmstes Leben, sein lebendigstes Gefuhl ertotete, und mit halb verschlossnem misstrauendem Herzen keinen frohlichen Augenblick verlebte? Ich gestehe dir aufrichtig, diese heroische Tugend darf ich nicht zu der meinigen zahlen. Ware der Fall so, wie du ihn wahnst, so ware, aufs schnellste entfliehen, fur mich das ratsamste, und das, was ich gewiss zuerst tun wurde. Aber es ist nichts von dem allen. Wahr ist es, Julianens Schonheit uberraschte mich: sie ist ein anmutiges Wesen, mit immer neuen, immer lieblichen Bildern erfullt ihre holde Gestalt die Phantasie, aber " "Ach, wenn du ihre Seele kenntest, so weich! zugleich so voller Kraft und Liebe, ihren Charakter, die herrlichen Anlagen!" "Ich verkenne Julianen nicht. Ware sie aber auch fur mich bestimmt, ich zweifle, dass ich ganz glucklich sein wurde." "Freund, wer mit diesem Engel nicht leben konnte, der " "Der verdient gar nicht zu leben, willst du sagen. Leicht wahr! Ich spure selbst so etwas! Indessen... versteh mich, mein lieber Freund! Grafin Juliane, Erbin eines grossen Namens, eines grossen Reichtums, aus den Handen der hochsten Kultur kommend, im Zirkel der feinen Welt schimmernd, der Anbetung von allen, die sie umgeben, gewohnt, und Florentin, der Arme, Einsame, Ausgestossne, das Kind des Zufalls." "Wilder, seltsamer Mensch! Warum nennst du dich so? und warum dunkst du dich noch immer allein? in unserer Mitte allein?" "Habe Geduld mit mir, ich darf mich nicht entwohnen, allein zu sein; muss ich nicht fort?" "Was treibt dich, ich beschwore dich? Vertraue dich nicht ohne Not dem eigensinnigen Gluck, bleibe bei mir!" "Ich will's versuchen, lieber Freund, aber ich stehe nicht dafur, ich muss, ich muss doch endlich dahin, wo meine Bestimmung mich ruft."

Eduard wollte noch etwas sagen, als die Mullerin zu ihnen herauskam. Juliane liess ihnen sagen, sie mochten in ihr Zimmer kommen und ihr Gesellschaft leisten, sie konnte unmoglich schlafen.

Alle, auch der Muller, den sie drum hatte bitten lassen, versammelten sich nun bei ihr; sie war vom Bett aufgestanden, und sass in einem bequemen Stuhl beim Kaminfeuer; die Kleider der Mullerin hatte sie noch an.

In der erhellten Stube sah Florentin nun deutlich die Zerstorung auf Eduards Gesicht, und in seinem Wesen; kaum dass diese sich etwas legte, da Julianens zartlich beredter Blick sich nicht von ihm wandte und ihn um Verzeihung zu flehen schien. Sie rief ihn zu sich, und sprach leise und beruhigend mit ihm. Florentin war gewiss, dass etwas Ernsthaftes zwischen ihnen vorgegangen sein musste, wahrend er sie allein gelassen hatte. Es war ihm klar, dass es Eifersucht sei, was das schone reine Verhaltnis der Liebenden zerstore. Eine angstigende Unruh' druckte sein Herz, da es ihm einfiel, dass er selbst vielleicht, unglucklicheroder unvorsichtigerweise, Ursach' dazu gegeben habe. Er uberdachte noch einmal jedes Wort, das ihm Eduard vor der Tur gesagt hatte, er musste ihn bewundern, dass er, bei einer Leidenschaft, die ihm selbst so furchterlich und so zerreissend schien, mit soviel Feinheit und Aufopferung fuhlte und sich ausserte. Sein Glaube an Eduards schone edle Seele erhielt eine neue Bestatigung, die ihn mehr als jemals anzog; auf diese Weise fuhlte er sich von widersprechenden Gefuhlen durchsturmt, und alles, was er in sich beschliessen konnte war: bald, sehr bald fortzugehen.

Wahrend dass er in sich gekehrt, und in seine Gedanken verloren dasass, waren die ubrigen in einem allgemeinen Gesprach begriffen. Juliane erzahlte: das Brausen des Waldes und des Wassers hatten sie entsetzlich zu furchten gemacht, es ware ihr nicht moglich gewesen einzuschlafen, obgleich sie die Augen fest verschlossen und sich die Decke uber den Kopf gezogen habe, um nichts zu horen. "Als sprache des Waldes und des Wassers Geist drohend zu mir heruber", sagte sie noch schaudernd, "so war mir; jeden Augenblick furchtete ich, sie wurden mir in sichtbaren Gestalten erscheinen; alle alten Romanzen und Balladen, die ich jemals gelesen habe, sind mir zu meinem Ungluck grausend dabei eingefallen. Sie hatten es nur horen sollen, Florentin!" "O ich habe auch die Geister zusammen sprechen horen, aber mich nicht vor ihnen gefurchtet, mir klang es freundlich und vertraulich; es sind mir freilich keine Balladen und Romanzen dabei eingefallen." "Wissen Sie uns keine Geistergeschichte zu erzahlen?" fragte sie den Muller, "in Gesellschaft mag ich sie gar gerne horen; der Kreis wird gleich eng und vertraulich dabei." "O wir wissen genug", sagte die Mullerin, da es der Mann ablehnte zu erzahlen, "aber sie sind alle gar zu furchterlich und erschrecklich, so dass ich es nicht wagen mochte, sie der gnadigen Grafin jetzt zu erzahlen." "Ich bin der Meinung unsrer guten Frau Wirtin", fiel Eduard ein; "es mochte Sie zu sehr beunruhigen, da Sie ohnedem bewegt und angegriffen sind." "Gut", sagte Juliane, "wenigstens mussen Sie mir aber erlauben, Ihnen etwas zu erzahlen; es fallt mir eben eine Geistergeschichte wieder ein, die weder schreckhaft noch furchterlich und doch merkwurdig ist." Sie setzten sich insgesamt um sie her, und versprachen ihr Aufmerksamkeit. Sie erzahlte nun folgende Geschichte.

Zwolftes Kapitel

"Meine Tante Clementina hatte in ihrer Jugend eine Freundin, von der sie sich oft monatelang nicht trennte. Diese Freundin war verheiratet, ihren Namen habe ich nicht erfahren, die Tante nannte sie nur immer Marquise. Sie lebte glucklich mit ihrem Gemahl, den sie sehr liebte, und von dem sie ebenso wieder geliebt ward. Sie waren schon funf oder sechs Jahre verheiratet ohne Kinder zu bekommen, wie sie beide es sehnlichst wunschten. Dem Marquis war es sehr wichtig einen Erben zu haben, weil der Besitz grosser Guter an diese Bedingung geknupft war. Die gute Dame furchtete fur die Liebe ihres Gemahls, und sparte weder Gelubde noch Gebete, um sich das ersehnte Gluck von allen Heiligen zu erflehen. Sie wallfahrtete nach allen wundertatigen Bildern, und nach den geruhmten Badern. Meine Tante die sie auf vielen dieser Reisen begleitete, war Zeuge ihres Grams, der endlich so tief wurzelte, dass man und nicht ohne Grund, anfing, fur ihre Gesundheit besorgt zu werden: denn nicht allein, dass der Schmerz vergeblicher Erwartung sie nagte, sie ward auch grosstenteils dadurch untergraben, dass sie unzahlige Gebrauche des Aberglaubens anwandte, und von jeder guten Gevatterin oder jedem gewinnsuchtigen Betruger sich Verordnungen und Arzneien geben liess.

Die Vorstellungen ihrer Freunde gegen diese Verblendung waren vergeblich. Um diesen endlich zu entgehen, brauchte sie meistens die Mittel heimlich, oder unter mancherlei Vorwand. Unterdessen versuchten jene alles Ersinnliche, um sie aufzuheitern, meine Tante verliess sie in dieser Zeit fast gar nicht.

In der Weihnachtsnacht waren die Freundinnen in der Kirche, die Marquise betete langer und eifriger als jemals und konnte sich, der haufigen Erinnerungen und Bitten ihrer Freundin ungeachtet, gar nicht losreissen. Sie gab vor, da diese sich uber den vermehrten Eifer verwunderte, sie hatte viele Dankgebete zum Himmel zu schicken fur die gluckliche Errettung ihres Gemahls, der tags vorher von einer Reise zuruckgekommen, auf der er mancherlei Gefahren ausgesetzt gewesen war.

Die Tante wagte es nun nicht mehr sie wieder zu storen, da sie sie an den Stufen des Altars und zu den Fussen eines Wunderbildes tief hinabgebeugt, weinen und laut schluchzen horte, denn sie wusste aus Erfahrung, dass sie durch eine Unterbrechung auf viel Tage unruhig gemacht wurde. Sie erwartete also, teils mit Geduld, teils mit ihrer eignen Andacht beschaftigt, bis die ihrer Freundin geendigt ware. Da diese ihr doch endlich zu lang dunkte, rief sie ihr zu; da sie aber ohne zu antworten und ohne sich zu bewegen liegenblieb, so beugte sie sich zu ihr hinunter, hob den Schleier von ihrem Gesicht und fand sie ohne Bewusstsein, kalt und in tiefe Ohnmacht gesunken.

Mit Hulfe einiger zunachststehenden Menschen fuhrte meine Tante sie aus der Kirche, und half sie in den Wagen heben, der vor der Kirchtur hielt. Sie hatten einen ziemlich grossen Weg nach ihrem Hause zu fahren, wahrenddem gelang es ihr, sie durch alle Hulfe, die in dem Augenblick moglich war, wieder zu sich selbst zu bringen. Als sie wieder sprechen konnte, fragte sie die Tante um die Ursache ihrer sonderbaren Heftigkeit, und bat sie so dringend und unter so zartlichen Liebkosungen, ihr Herz gegen sie zu offnen, dass sie nicht langer widerstehen konnte. Sie vergoss in den Armen ihrer Freundin einen Strom von Tranen, und nachdem diese ihrem Herzen Luft gemacht hatten, erzahlte sie ihr: sie hatte soeben einen Vorsatz ausgefuhrt, den sie schon seit langer als einem Jahre in ihrem Herzen gehegt habe, zu dessen wirklicher Ausfuhrung sie noch niemals Krafte genug in ihrer Seele gefuhlt hatte; aber heute nacht hatte sie diese in ihrem heissem Gebete zur Heiligen Jungfrau errungen. Sie hatte es glucklich vollbracht, doch sich so angestrengt, dass sie gleich darauf ihre Besinnung verloren habe. Dieselbe, an deren Altar sie die augenblickliche Kraft wie einen Strahl vom Himmel in ihrer Seele empfangen, moge es ihr vergeben, dass gleich darauf ihren Korper diese Schwache befallen, und dass sie auch jetzt noch sich der Tranen nicht enthalten konne. Meine Tante erwartete mit ungeduldiger Unruhe das Ende dieser Vorrede und das, wohin sie fuhren sollte. Endlich sammelte sich ihre Freundin und erzahlte ihr: sie habe das Gelubde abgelegt, und wurde es unverbruchlich halten, sich freiwillig von ihrem geliebten Gemahl zu trennen, wenn sie langer als das nachste Jahr ohne Kinder bliebe; ihr Gemahl sollte sich alsdann eine andere Gattin wahlen, mit der er glucklicher ware, sie selbst aber wollte ihr Leben unter eifrigen Gebeten fur sein Wohl in einem Kloster beschliessen. Sie kamen bei diesen Worten vor dem Hause an, und wurden aus dem Wagen gehoben, noch ehe meine Tante ein Wort uber dieses traurige Gelubde hatte vorbringen konnen. Der Marquis kam ihnen entgegen, voll Besorgnis wegen ihres ungewohnlich langen Ausbleibens. Die beiden Frauen sprachen kein Wort, er sah sie verwundert an, und nahm an der blassen Gesichtsfarbe seiner Gemahlin und der bekummerten Miene meiner Tante gleich wahr, dass ihnen etwas Ausserordentliches musse zugestossen sein. Er fuhrte sie ins nachste Zimmer, und liess nicht eher ab, bis er die Ursache ihrer Besturzung erfahren. Sie erlaubte es endlich meiner Tante, dem Marquis ihr Gelubde zu entdecken. Dieser suchte sich ungeachtet seines heftigen Schreckens zu fassen, und bat sie, sich zu beruhigen; sie liess aber nicht eher mit Tranen und Bitten nach, bis er ihr versprach, sie durch keine Gegenvorstellung, und keine heimliche Veranstaltung an der Ausfuhrung ihres Gelubdes zu verhindern. Nun erfolgte eine Szene von zartlichen Vorwurfen, von Liebe, Grossmut und Aufopferung, die man sich wohl leicht vorstellen kann.

Die Nacht war unterdessen beinahe verstrichen, die Marquise fuhlte sich sehr ermudet, und bat meine Tante sie nach ihrem Zimmer zu begleiten, weil sie trotz ihrer Mudigkeit nicht wurde schlafen konnen, und sie ihr noch einiges sagen wollte. Ihr Gemahl fuhrte sie die Treppe hinauf, ein Gitter verschloss einen ziemlich langen Gang, an dessen Ende das Schlafzimmer der Dame lag. Der Marquis zog an der Klingel, die Kammerfrau trat aus dem Zimmer, um zu offnen, er wollte eben wieder die Treppe hinuntergehen, als die Marquise ausrief: 'Ach seht! seht hin! was kommt da fur ein englisch schones Kind.' Man sah hin durch das Gitter, wo sie hinzeigte, sah aber nichts als die Kammerfrau, die mit einem Licht in der Hand den Gang herunterkam, und die Gittertur aufschloss. 'Was hast du da fur ein schones Kind?' fragte sie sie hastig. Die Kammerfrau sah sie an, ohne zu antworten. 'O seht doch das Engelskind!' rief die Marquise wieder, tat einige Schritte vorwarts, und beugte sich freundlich, wie zu einem Kinde herab. Entsetzen und Erstaunen bemeisterte sich der Anwesenden, denn sie sahen kein Kind. Die Marquise ging mit offnen Armen noch einige Schritte, als wollte sie etwas umfassen, wankte, und sank mit einem lauten Schrei nieder.

Sie ward zu Bette gebracht. Als sie wieder zu sich selbst kam, fragte sie, angstlich die Antwort erwartend, ob denn die andern nicht das Kind am Fusse des Bettes stehen sahen? Da man nun an der Stelle, die sie bezeichnete, nicht das geringste wahrnahm, und sie am Achselzucken und am bedauernden Zureden der andern merkte, dass man sie fur krank hielt, und als ob ihr nicht geglaubt wurde, dass sie wirklich das sahe, was sie zu sehen vorgab, beschrieb sie mit der grossten Genauigkeit und ganz gelassen die Gestalt des Kindes, das sie zu ihren Fussen an das Bett gelehnt stehen sah. Es schien ihr in einem Alter von drei Jahren, trug ein leichtes weisses Gewand, Arme und Fusse waren nackt, um den Leib hatte es einen blauen Gurtel von hellglanzendem Zeuge, dessen Enden hinter ihm niederflatterten. Das Kopfchen sei mit himmlischen blonden Locken, wie mit den zartesten Strahlen umgeben, das mit den kindlichen Wangen, dem frischen Munde und den lachenden blauen Augen wie ein wundersusses Engelskopfchen aussehe. Das ganze Figurchen umschwebe hinreissende Anmut; kurz, sie beschrieb es so umstandlich, dass man gar nicht mehr zweifeln durfte, sie sahe es in der Tat vor sich; da sie es aber anfangs hatte umarmen wollen, ware es zuruckgewichen, daher sei ihr Schreck und die Ohnmacht gekommen, denn es hatte sie uberzeugt, dass sie eine Erscheinung sehe.

Ihre Freunde durften keinen Widerspruch wagen, aus Besorgnis sie aufzubringen, und man geriet in grosse Verlegenheit. Der Arzt wurde herbeigeholt, er fand sie in heftiger Wallung, sonst aber keine Spur von irgendeiner Krankheit. Er verordnete vorzuglich Ruhe. Sie wollte versuchen zu schlafen, rief aber in dem Augenblick: 'O seht doch, wie es sich freundlich gegen mich neigt, und nun geht es, das liebe Gesichtchen immer zu mir gewendet, zuruck. Seht, dort setzt es sich im Winkel nieder, es winkt mir mit den Handchen, ich solle schlafen!' Man bat sie, die Augen zu verschliessen, damit sie Ruhe fande. Die Bettvorhange wurden niedergelassen, und nachdem sie etwas Kuhlendes getrunken hatte, schlief sie ein.

Bei ihrem Erwachen, nachdem sie einige Stunden ruhig geschlafen hatte und es unterdessen vollig Tag geworden war, hoffte man, ihre Erscheinung wurde verschwunden sein; aber zum Erstaunen blieb diese, wie in der Nacht. Kaum erwachte sie, so zog sie die Vorhange zuruck und sah auch sogleich das Kind mit muntern freundlichen Gebarden auf sich zukommen. Sie unterhielt sich nun auf die vertraulichste und liebreichste Weise mit ihm, und versicherte, es gabe ihr durch sehr ausdrucksvolle Mienen verstandliche Antwort. Sie gebot ihm, sich vom Bett zu entfernen; es ging zuruck; drauf winkte sie ihm wieder, und es kam naher; dann gebot sie ihm, ihr etwas zu reichen, da machte es, wie sie versicherte, eine Gebarde mit Kopf und Schultern, als wollte es ihr zu verstehen geben, dies sei uber seine Macht.

Sie stand auf, ging im Zimmer herum, das Kind lief bestandig vor ihr her, immer ruckwarts, das Gesicht zu ihr gewendet. Man war in der schrecklichsten Besorgnis wegen dieser bleibenden Erscheinung; man hielt es fur eine vollige Zerruttung der Sinne und der Gesundheit; und man drang einigemal in sie, sich den Handen eines Arztes zu ubergeben. Sie war aber nicht zu bewegen Arznei zu nehmen, weil sie sich so wohl fuhlte, als sie seit lange nicht gewohnt war. In der Tat bluhte sie zum Erstaunen aller Bekannten, in kurzer Zeit, ordentlich neu auf. Sie ward wieder munter, sie konnte wieder gehorig Speisen zu sich nehmen und ruhig schlafen, sie nahm wieder an der Gesellschaft frohen Anteil, und schien sogar ihres traurigen Gelubdes nicht mehr zu gedenken. Ein paarmal sprach sie nur mit ihrem Gemahl davon, aber mit der grossten Geistesruhe; sie versicherte ihn, sie verlasse sich vollig auf sein Versprechen, ihr in der Erfullung nicht entgegen zu sein. Die Erscheinung des Kindes verliess sie keinen Augenblick. Es begleitete sie bis an die Gitterture, so oft sie ausging; sobald die Tur zugemacht war, sah sie es den Gang wieder zuruck nach ihrem Zimmer schweben; wenn sie wiederkam, fand sie es ebenso am Gitter ihr entgegenkommen. Dabei war es, wie sie vorgab, immer traurig, wenn sie es verliess, und vergnugt, wenn sie es wiedersah. Bei Nacht trug es eine Kerze in der Hand, und am Tage einen Blumenkranz. Ausser jenem Bezirk hatte es sie nie verfolgt. Man beredete sie ein anderes Zimmer zu beziehen, dazu war sie aber auch nicht zu bewegen. Sie weinte, wenn sie nur daran dachte, es von sich zu stossen, und der Marquis liess es sich endlich gefallen, weil er hoffte, sie wurde doch nun ihrer Vision zu Gefallen nicht ins Kloster gehen. Sie liebte die kleine Gestalt mit wahrer mutterlicher Leidenschaft; sie ward oft in Gesellschaften unruhig, und sehnte sich nach dem Kinde hin, wenn sie es einige Stunden verlassen hatte. Man horte sie in ihrem Zimmer mit ihm sprechen. Sie hatte ein kleines Bett dem ihrigen gegenuber stellen lassen, darein legte es sich, wenn sie es ihm sagte, auch sah sie es des Nachts, wenn sie von ungefahr aufwachte, drin liegen, aber es erwachte in demselben Moment mit ihr. Ebenso machte sie ihm in einer Ecke des Zimmers eine Spielanstalt, mit einem kleinen Tisch und Stuhlchen, sie sah es sich dazu niedersetzen; die Spielsachen beruhrte es aber nicht, es spielte nur mit den Blumen, die es in der Hand hielt, oder es sass still ihr gegenuber und lachelte sie mit grossen Augen an. Nur wenn Sie es fassen wollte, dann ward sie erinnert, dass es eine blosse Tauschung sei, dann wich das Luftbild von ihren Handen zuruck, und liess sich ebensowenig ergreifen, als die farbige Gestalt des Regenbogens.

Nach einiger Zeit ereignete sich etwas, welches das Wunderbare dieser Erscheinung zugleich erklarte und vergrosserte. Die Marquise fuhlte namlich deutliche Zeichen, dass sie guter Hoffnung sei. Die Freude des Ehepaars war ohne Grenzen, als sie dessen endlich gewiss waren. Im Taumel der Freude, ihr Gebet erhort, und sich des trostlosen Gelubdes entbunden zu sehen, eilte sie nach demselben Altare, vor welchem sie es damals abgelegt hatte, und gelobte nun an der Stelle ihr Kind, statt ihrer, dem Kloster zu weihen! Der Marquis war mit diesem Gelubde beinahe so unzufrieden, als mit dem vorigen, doch musste er es geschehen lassen. Einen Knaben hoffte er mit Golde loszukaufen.

Neun Monate nach dem Tage der ersten Erscheinung ward sie glucklich von einer Tochter entbunden. Wahrend ihrer Niederkunft sah sie die Erscheinung an ihrem Lager unbeweglich stehen, in dem Augenblick aber, dass ihr Kind zur Welt kam, war jene verschwunden, und sie hat sie niemals wiedergesehen."

Juliane endigte hier ihre Erzahlung, und ihre Zuhorer dankten ihr einstimmig fur das Vergnugen, das diese ihnen gemacht hatte. "Wenn ich mir jemals wunschen konnte, eine Erscheinung zu sehen", sagte der Muller, "so ware es eine solche!" "Behute mich Gott und alle heiligen Engel vor Geistern!" rief seine Frau, indem sie andachtig ein Kreuz machte; "sie mogen auch sein, oder Gestalt haben, was und wie sie wollen! sie bedeuten gar zu selten etwas Gutes." "Eine sehr niedliche Geschichte!" sagte Eduard; "besonders gefallt mir's, dass sie so wunderbar, und doch so einfach, so wahrscheinlich ist; man versteht sie vollkommen, ohne durch eine besondere prosaische Auflosung gestort zu werden, wie es sonst bei wirklich erlebten Wundern gewohnlich der Fall ist." "Und Sie sagen gar nichts dazu, Florentin?" fragte Juliane; "Sie sehen so gedankenvoll aus, haben Sie etwa gar nicht zugehort?" "Ich habe wohl zuhoren mussen", sagte dieser, "die Geschichte zwang mich ordentlich zur Aufmerksamkeit. Mir war, als waren mir sowohl die Begebenheiten, als die Menschen darin nicht fremd; unwillkurlich schob sich mir bei jedem eine bekannte Person unter; so wie man, wenn man ein Schauspiel liest, sich die Schauspieler denken muss, von denen man es einst hat spielen sehen. Und was ich sonst nicht leicht fuhle, mich hat ein leises Grauen dabei uberfahren." "Grauen?" fragte Juliane, "diese Wirkung hatte sie doch auf mich gar nicht, da mich sonst schon bei dem blossen Gedanken an eine Geistergeschichte schaudert; man sollte es aber schon an Ihnen gewohnt sein, dass die Dinge allezeit auf Sie ganz anders wirken, als auf andere ehrliche Leute. Doch sehen Sie, der Tag bricht an", fuhr sie fort, "nun dachte ich, wahrend unser guter Herr Wirt Anstalten trifft, dass der Bote aufs Schloss geht, und die Frau Mullerin uns noch ein Fruhstuck bereitet, so singen Sie etwas, Florentin! Ich kann nicht verhehlen, ich bin voller Unruhe und Ungeduld, Musik wird am ersten fahig sein, diese zu tauschen."

Der Muller und seine Frau gingen hinaus, um zu

tun, was sie verlangt hatte. "Nun fangen Sie an", sagte Juliane, "die Gitarre werden Sie nicht brauchen konnen, sie hat wahrscheinlich sehr von der Nasse gelitten." "Es tut nicht viel", sagte Florentin, "sie wird noch immer gut genug sein, Takt und Tonart ungefahr drauf zu bemerken, mehr braucht es nicht. Doch was verlangen Sie fur ein Lied?" "Singen Sie, was Sie wollen, nur etwas Neues und Kluges!" Nach einem kurzen Besinnen sang er folgende Strophen: "Mein Lied, was kann es Neues euch verkunden? Und welche Weisheit, Freunde, fordert ihr? Der Hohen meine Jugend zu verbunden, Dies, wie ihr wisst, gelang noch niemals mir. Noch Neu, noch Alt wusst' ich je zu ergrunden; Das Schicksal gonn' im Alter Weisheit mir. Wir irren alle, denn wir mussen irren, Gelassen mag die Zeit den Knaul entwirren. Der Waldstrom braust im tiefen Felsengrund, Gar schroffe Klippen fuhren druber hin, Die furchtbar hangen uber'm finstern Schlund; Wer strauchelt, dem ist sichrer Tod Gewinn! Ein Muder wankt an Geist und Gliedern wund Daher, schaut bang hinab, kalt graust der Sinn: Am Felsen spielt ein Kind, sorglos bemuhet Ein Blumchen pfluckend, das am Abgrund bluhet. Oft muhten sinnreich Dichter sich und Weise, Das Leben mit dem Leben zu vergleichen. Am glucklichsten geschah's im Bild der Reise! Ein Tor eroffnet Armen sich, wie Reichen; Fruh ausgewandert auf gewohntem Gleise Sieht er die Dammrung kaum dem Licht entweichen, So treibt der Wahn, ihm durf's allein gelingen, Rastlos in nie erreichte Fern' zu dringen. Es turmen Felsen sich in seinen Wegen, Des Mittags Strahlen gluhn auf seinem Haupt, In Wusten Sands muss sich der Fuss bewegen, Ein Ungewitter naht, der Sturmwind schnaubt, Wo kommt ein sichres Dach dem Blick entgegen? Es seufzt nach Ruh', wem stolzer Mut geraubt; In spater Nacht, doch tausendfalt'ger Not Kommt er ans Ziel und dieses ist der Tod! Der Jungling tritt, von Ahndung fortgezogen, Zur Schwelle hin, die in das Leben fuhrt. An seiner Schulter tont der goldne Bogen Der Gottin, so die Welt ihm hold verziert, Der Phantasie, die ihn auf kuhnen Wogen Sanft fortreisst, ihn mit bunten Bildern ruhrt. Wenn er dann so nach schonen Traumen hascht, Wird unbewusst vom Gluck er uberrascht. Gebt acht, gebt acht, Gelegenheit ist fluchtig, Nicht leicht ihr Stirnenhaar im Flug zu fassen. Obgleich zu nutzen sie ein jeder tuchtig, Dem's klug gelang, sie nicht entfliehn zu lassen, So ist dem Wurdigen sie nie so wichtig, Dass er von ihr sich mag bestimmen lassen. Doch was hilft Mut, was machtiges Bestreben Dem Schiff, das tollen Sturmen preisgegeben? So mancher hat gefunden, was zu suchen Er gleichwohl nicht verstand, was zu gewinnen Vergebens er, und muhvoll wird versuchen; Misslingen droht dem treulichsten Beginnen. Wie viele hort man dann ihr Los verfluchen Und klagen: 'Gluck! o musstest du zerrinnen?' Was traut ihr mussig auf des Gluckes Gunst? Natur sei Vorbild, Leben eine Kunst! Wer hebt des Kunstlers Mut in Kampf und Leiden Als ferne Ahndung hoher heil'ger Liebe? Was lehrt ihn schellenlaute Torheit meiden Als eignes Gluck der sussen zarten Liebe? Wo ist ein Port fur Hohn und boses Neiden, Als in den Armen frommer, treuer Liebe? Und wird des Helden Stirn in Myrtenkranzen Der Nachwelt schoner nicht, als Lorbeer glanzen?" Florentin war von seinem eignen Gesange nach und nach so begeistert, dass ihm Reime und Gedanken je mehr je leichter zuflossen, und die beiden waren es nicht mude geworden, zuzuhoren, wenn er auch noch langer fortgesungen hatte. Die Mullerin unterbrach aber seinen Gesang und ihre Aufmerksamkeit, indem sie das Fruhstuck hereinbrachte. Zu gleicher Zeit kam auch der Bote mit der Nachricht zuruck, der Wagen und die Bediente der Grafin wurden in weniger als einer Stunde anlangen. Er hatte am jenseitigen Ufer einen Reitknecht vom Schloss zu Pferde angetroffen, der ihn bei seiner Uberfahrt erwartete. Dieser hatte ihn gefragt, ob er nicht etwa drei Herren in Jagdkleidern gesehen hatte, denen zwei Hunde gehorten, die er vor der Tur der Muhle liegen sahe? Da er nun gleich gesagt, dass sie alle drei in der Muhle eingekehret seien, und dort ubernachtet hatten, und dass er eben abgeschickt sei, um den Wagen vom Schloss zu holen, so habe ihm der Reitknecht befohlen, nur wieder zuruckzugehen, und der Herrschaft zu sagen, dass er sogleich den Wagen, der im Dorfe warte, nach der Muhle schicken wurde.

Juliane hatte wieder ihre Krafte gesammelt; die Nachricht, dass sie in kurzer Zeit abgeholt wurde, machte sie vollig heiter und gut gelaunt. Um Eduards Stirn schwebte eine Wolke, die Julianens ganze Heiterkeit nicht vollig zerstreuen konnte. So oft sie ihre Ungeduld, nach Hause zu ihren Eltern zu kommen, ausserte, stieg sein Unmut beinah bis zur Bitterkeit. "Mein geliebter Freund", sagte Juliane, "es hilft Ihnen zu nichts, dass Sie Ihre Vorwurfe nicht aussprechen, sie sind sichtbar auf Ihre Stirn geschrieben; aber wie sie auch erscheinen, sind sie sehr ungerecht; Sie sollten die angenehmen Stunden nicht mit Missmut endigen!"

Das Fruhstuck war kaum verzehrt, als der Wagen mit der Kammerfrau der Grafin Eleonore kam, die ihr Wasche und Kleider mitbrachte. Juliane erkundigte sich nach ihren Eltern. Sie hatten die Nacht in erschrecklicher Angst zugebracht, erzahlte die Kammerfrau: der Graf wollte sich trotz dem Ungewitter selbst aufmachen, um sie aufzusuchen, durfte aber die Grafin nicht verlassen, die sich sehr ubel befunden, und bei jedem starken Blitz ohnmachtig ward. Im ganzen Schloss blieb alles die Nacht uber auf, und sobald das Gewitter nur etwas nachgelassen, musste die Kammerfrau mit dem Wagen nach dem Dorfe fahren, weil sie vermuteten, dass die jungen Leute nach dieser Seite gewandert waren, der Reitknecht musste indessen zu Pferde das Gebirg und die Gegend durchsuchen. Er war auch gleich, nachdem er dem Kutscher die Muhle bezeichnet, aufs Schloss zuruckgeritten, um es zu melden, dass sie glucklich gefunden waren.

Juliane war geruhrt uber die Angst, die sie ihren Eltern gemacht hatte, und eilte sich umzukleiden, um so schnell als moglich wieder zu ihnen zu kommen. Florentin und Eduard beschlossen, zu Fuss zuruckzugehen, sie konnten auf dem weit nahern Fussweg doch noch fruher als der Wagen auf dem Schlosse ankommen. Sie nahmen freundlich Abschied von ihren guten Wirten, die es als eine Beleidigung ansahen, als man davon sprach, ihnen ihre gehabte Muhe und Unkosten zu bezahlen. Juliane zog einen kleinen Ring vom Finger und gab ihn der Mullerin zum Andenken, um ihre Erkenntlichkeit zu bezeigen.

Der Graf und Eleonore kamen ihrer Tochter eine grosse Strecke entgegen, die beiden Freunde ergotzten sich die Freude zu sehen, mit der sie empfangen ward, und mit der sie aus dem Wagen in die Arme ihrer Eltern sturzte, als ob sie jahrelang getrennt gewesen waren. Juliane wurde mit Fragen besturmt und musste es feierlich ihrem Vater versprechen, niemals wieder seine Einwilligung zu einer ahnlichen Unternehmung zu fordern.

So endigte die abenteuerliche Wanderung. Obgleich ihnen keine andere als gewohnliche Begebenheiten zugestossen waren, so war sie ihnen doch wichtig geworden. Sie hatten auf diesem kurzen Wege, den sie miteinander gewandert, tiefere Blicke in ihr Inneres zu tun Gelegenheit gefunden, als sie in einem jahrelangen Nebeneinandergehen in der grossen Welt vermocht hatten. Juliane hatte die Erfahrung ihrer Abhangigkeit gemacht, und musste es sich gestehen, dass sie es nicht so unbedingt wagen durfe, ausser ihren Grenzen, und ohne ihre Bande und ihre erkunstelten Bequemlichkeiten fertig zu werden.

Dreizehntes Kapitel

Die Zeit des Aufschubs war verstrichen, es waren nur noch drei Tage bis zu dem fur die Vermahlung festgesetzten, und man erwartete jede Stunde die Ankunft der Grafin Clementina.

Unter verschiedenen Anverwandten und Freunden, die sich nun allmahlich auf dem graflichen Schlosse einfanden, kam auch einer ihrer Nachbarn, auf den sich schon alle langst gefreut hatten, weil er ihnen durch seine Eigenheiten viel zu lachen gab. Er war vormals Oberstwachtmeister, hatte aber bei seinem herannahenden Alter den Abschied genommen, und lebte nun auf seinen Gutern, wo er Okonomie trieb, seine Besitztumer verbessern, und seine Bauern aufklaren wollte: zu dem Ende las er alles, was in diesem Fache geschrieben ward, und versuchte alle Menschenfreundlichkeit lehrende Theorien zu realisieren. Da er nun den grossten Teil seines Lebens sich mit Ideen ganz anderer Art beschaftigt hatte, so konnte es nicht fehlen, dass er alles falsch anfing, seine oft gute Absicht verfehlte, und sich nur selten nutzlich, desto haufiger hingegen lacherlich machte. Da seine Verbesserungen gewohnlich mehr darauf hinausgingen, ihn zu bereichern, als wie er vorgab das Gute wirklich gemeinnutzig zu machen, und er bei allen Vorkehrungen, die er traf, seine Bauern zu bilden, sich doch niemals vorstellte, dass sie klug genug waren, seine eigentliche Absicht einzusehen, und aus eben dem Grunde nicht allein sie nicht beforderten, sondern ihr auch noch auf alle ersinnliche Weise entgegenarbeiteten, so lebte er in ewigen Verdrusslichkeiten und Zankereien. Ubrigens war er, was man einen recht guten tatigen Mann nennt. Niemals hat wohl jemand, bei so vielem Anspruch auf Gravitat und Wurde, mehr Anlass zum Lachen und Bedauern gegeben, als der gute Oberstwachtmeister. Er brachte bisweilen seine Lacherlichkeiten mit einer solchen Naivitat vor, dass man geneigt war, zu glauben, er wolle sich selbst parodieren: so geschah es denn oft, dass seine Horer ohne alle krankende Absicht laut auflachten, wo er eigentlich die ernsthafteste Aufmerksamkeit hatte erregen wollen.

Bei seinem jetzigen Besuche brachte er das Gesprach auf die okonomischen Einrichtungen des Grafen, und konnte seine Verwunderung nicht genug daruber bezeigen, dass diesem alles so wohl, so leicht und ohne alle Widerwartigkeiten gelinge, wahrend er mit aller Arbeit es nur bis zum Streit und zur Verwirrung zu bringen wisse. Er hatte auf seinem Wege nach dem Schloss sich mit einem alten Landmann aus dem Schwarzenbergischen Dorfe in eine Unterredung eingelassen, der die eingefuhrten Neuerungen und Verbesserungen seiner Herrschaft nicht genug loben und segnen konnte. Dieses unverdachtige Lob hatte ihn ganz wild gemacht; er polterte und sprudelte nun eine Anrede an den Grafen heraus, wo neben recht kraftigen derben militarischen Ausdrucken die Worte Bildung und Verfeinerung ausserst drollig hervorstachen, und endigte mit dem Anliegen: der Graf solle ihm Unterricht in der neuesten Verbesserungsmethode geben.

Um ihn etwas zu besanftigen, und ihn von seiner Mutlosigkeit zu heilen, erinnerte ihn der Graf an seine Verschonerungen des Parks, des Gartens und des Wohnhauses.

"Ja, ja", sagte er mit Selbstzufriedenheit, "das ist freilich etwas! Es hat mir doch auch, muss ich sagen, viel Arbeit und Kopfzerbrechen und viel schweres Geld gekostet. Nun freilich! so etwas wie mein Ermenonville, meinen otaheitischen Pavillon, meine chinesischen Brucken, dergleichen haben Sie noch nicht ausgefuhrt, das ist wahr! Apropos, ich muss Ihnen doch erzahlen: ich habe von meinem Neffen, der vorigen Sommer von seiner Reise um die Welt zuruckgekommen, eine ganz vortreffliche und genaue Zeichnung von den agyptischen Pyramiden erhalten, die ich, sobald ich mit meinem Vesuv zustande bin, ebenso nachzuahmen gedenke; unter uns, ich hoffe, es soll gewiss ein Meisterwerk und ein seltnes Gluck werden. Dabei habe ich den Gedanken, in diesen Pyramiden ein Monument fur mein seliges Lottchen zu stiften. Ich habe auch schon den Platz mit Trauerweiden und wilden Rosen bepflanzen lassen, und der Neveu will die alten Inschriften, die er mitgebracht hat, hinein besorgen. Dahin will ich mich dann in melancholischen Stunden in die Einsamkeit begeben, mich meinen Gedanken uberlassen, und das Andenken meines lieben seligen Lottchens feiern.

Jetzt meinte ich aber nur die Okonomie, Ihre Verbesserung des Ackerbaues, und das ehrbare folgsame Betragen Ihrer Bauern. Sehen Sie, das war's, dahin bringe ich's mit aller Arbeit nicht. Wie ich es mir sauer werden lasse, das werden Sie wohl nicht glauben; wie ich mich Tag und Nacht damit beschaftige die Bestien auszubilden; und wie sollt' es einen nicht dreifach argern, wenn man dahinter kommt, dass sie ihrem Wohltater Gutes mit Bosem vergelten, und lugen und betrugen, wo sie nur immer konnen. Blutsauer habe ich's mir werden lassen! Ja sollten Sie sich vorstellen, ich bin so weit gegangen: als ich neulich etwas von ihnen verlangte, wobei ich, wenn es mir gelungen ware, auf ein paar tausend Talerchen jahrlich mehr hatte rechnen konnen, mussten nicht allein meine Tochter, bei einem Fest, das ich veranstaltete, mit ihnen tanzen, ja ich ging so weit, dass ich sie selbst in ihren eignen Hausern uberraschte, mich mit ihnen zu Tische setzte, und von ihrer miserablen (Gott verzeih mir die Sunde) Kocherei aus einer Schussel mit ihnen verzehrte! Ich tat nicht anders, als ob es mir ganz vortrefflich schmeckte, dankte ihnen und unterhielt mich mit ihnen, als ob sie meine Kameraden waren. Ich sage das eben nicht darum, als ob es so besonders tugendhaft von mir ware, ich weiss recht wohl, dass es gegen die Aufklarung und gegen die reine Menschlichkeit liefe, wenn ich anders handelte, aber ich vermutete, die Halunken wurden von meiner Herablassung geruhrt sein, und in alles einwilligen, was ich von ihnen verlangte, es ware denn doch ein Beweis ihrer verfeinerten Sitten und ihrer edlen Herzen gewesen. Aber mir nichts, dir nichts! sie blieben bei ihrem starren Eigensinn, es fehlte nicht viel, so hatten sie sich gegen mich zusammengerottet, bloss aus Egoismus, weil mir, wie sie sagten, allein der Vorteil zufliesse, und sie freilich wohl ein wenig mehr Arbeit und einen kleinen Zeitverlust dabei gehabt hatten. Anfangs wollte ich's nun doch mit Gewalt durchsetzen, aber sie waren so undankbar, mir mit einem Prozess zu drohen! Ich liess es gut sein und war zufrieden; aber geargert hat es mich, dass ich aus der Haut hatte fahren mogen! Nun, Herr Graf, sagen Sie mir nur, Sie richten ja aus, was Ihnen beliebt! Tun Sie denn noch mehr?" "Bei weitem nicht so viel, als Sie, Herr Obristwachtmeister", sagte der Graf beruhigend. "Aber Sie haben selbst sehr richtig bemerkt, ich bin so glucklich, einen Schlag sehr guter Leute auf meinen Gutern zu besitzen, die mir allenthalben kraftig die Hand bieten. Ich suche nur zu verhuten, dass sie nicht durch zufalliges Ungluck bis zu dem schauderhaften Elend gebeugt werden, wo sie Hulfe in der Niedertrachtigkeit und Vergessenheit ihres Elends in der Vollerei zu suchen haben. Sie werden erfahren haben, wie meine Schwester fur die Kranken sorgt. Auf eine ahnliche Weise werden sie jedesmal unterstutzt, wenn es notig ist. Da sie nun fur die ersten Bedurfnisse nicht so hart und unablassig zu sorgen brauchen, so kommen sie von selbst und ganz ohne Zwang darauf, ihren Zustand immer mehr und mehr zu verbessern. Sie tun mir also zuviel Ehre an, Herr Obristwachtmeister, wenn Sie mir allein alle Verbesserungen und manches ungewohnlich Gute zuschreiben, das Sie auf meinen Gutern bemerken wollen. Sehr viele, ja die meisten Ideen dazu, kommen von meinen Landleuten selbst; sie kennen den Boden, den sie bearbeiten mussen, durch ihre Erfahrung am besten, daher sind sie am ersten imstande und berechtigt, sich die vorteilhafteste Behandlungsart zu ersinnen; ich reiche ihnen nur hulfreich die Hand, wenn etwa die Ausfuhrung ihre Mittel ubersteigt. Der Vorteil des Gelingens gehort ihnen unbezweifelt, sowie auch billig der Schaden des Irrtums oder des Verfehlens, der jedoch ihre ganze Bestrafung ausmacht." "Das Wichtigste", fing Eleonore an, "hat mein Gemahl Ihnen noch nicht erwahnt, Herr Obristwachtmeister: ich meine den abgeschafften Frondienst. Die Leute haben nun, was ihnen so wichtig ist, Musse, ihre eignen Geschafte desto besser zu besorgen." Der Obristwachtmeister hatte, wahrend der Graf gesprochen, mit komischer angestrengter Aufmerksamkeit zugehorcht, um etwas zu lernen, auch einigemal Beifall genickt, indem er die Umstehenden nach der Reihe anguckte. Als aber Eleonore vom Abschaffen des Frondienstes anfing, sprang er ungeduldig auf. "Gut, dass Sie davon anfangen, Frau Grafin! Ich hatte es mir schon langst vorgenommen, Ihnen meine Meinung daruber zu sagen. Sie haben Ihren Bauern den Frondienst erlassen, der jedem Gutsbesitzer von Gott und Rechts wegen zukommt, dadurch haben Sie aber allen Ihren Nachbarn vielen Schaden zugefugt. Herr Graf! Es ist nicht ein jeder gesonnen, seinen gerechten Vorteil so mutwillig zu verschleudern, und nun wird uns alles erschwert. Nein, erlauben Sie mir, dass ich's Ihnen sage, daran taten sie sehr unrecht! Eine alte Gerechtigkeit muss man nicht aufheben. Unsere Vorfahren haben den Frondienst eingerichtet, und das waren auch keine Narren; die Nachkommenschaft sollte nur mehr Respekt vor ihren Einrichtungen haben! Einzelne Verbesserungen, ja einzelne lasse ich mir gefallen, aber das Ganze darf nicht niedergerissen werden! Alle Teufel! Bei der Ordnung muss es bleiben. Und nehmen Sie mir's nur nicht ubel, Herr Graf, auf diese Weise geht es Ihren Bauern freilich herrlich und in Freuden, da Sie sich das Ihrige entziehen! Aber damit ware mir noch gar nicht gedient, meine Bauern sollen sich nicht aus Eigennutz vervollkommnen, und meinen Willen ihres eignen Vorteils wegen vollziehen, sondern aus reiner Liebe und Dankbarkeit sollen Sie mir meinen Willen tun. Weltlichen Vorteil sollen sie gar nicht vor Augen haben, sondern Moralitat, feine Ausbildung des Kopfs und des Herzens! Lieben sollen mich die Halunken!" In diesem Ton fuhr der gute Obristwachtmeister noch ein Weilchen fort, zur grossen Belustigung der Gesellschaft, die uber diesen Freund der Kultur sich nur mit Muhe das laute Lachen enthielt. Eleonore musste einigemal das Gesicht wegwenden; der Graf versuchte es, ihn zu unterbrechen, und ein anderes Gesprach auf die Bahn zu bringen, aber das ging nicht so leicht. Er kramte mit grossem Eifer alles durcheinander aus, und schwieg nicht eher, bis man zu Tische ging, wo er sich dann wieder beruhigte. Beim Anblick der mannigfaltigen Flaschen ward er vollends wieder friedlich und freundlich gesinnt, vergass Kultur, Okonomie und Moralitat, liess es sich trefflich schmecken, und prufte so lange die einheimischen und fremden Weine gegeneinander, bis man ihn nach einem andern Zimmer fuhrte, wo er den Rest des Tages ruhig verschlief.

"Wie gefallt dir die herrliche Karikatur?" fragte Eduard. "Dieses ist einer der umfassendsten Geister, die es gibt", erwiderte Florentin; "er vereinigt in sich alle die Narrheiten, die man sonst in der ganzen Welt ausgebreitet findet; jedes Ratsel, das uns in ihr verwirrend und angstigend entgegenfahrt, ist aufs belehrendste in ihm allein aufgelost." Juliane bedauerte spottend die armen Fraulein, die aus okonomischpolitisch-menschenfreundlicher Absicht mit den unwilligen, aufgebrachten Bauern tanzen mussten, und stellte die Not, sich nach ihrer Weise fugen zu mussen, sehr komisch und lebhaft vor. Sogar Therese und die Knaben ubten ihren Mutwillen an dem ehrlichen Obristwachtmeister, bis der Graf ihnen endlich Einhalt tat, der sich bei diesen Gesprachen erinnert hatte, dass seinen Bauern am Vermahlungstage ein Gastmahl auf dem Schloss bereitet werden musse, und war verwundert noch keine Anstalten dazu machen zu sehen. Eleonore gestand ihm: Sie hatte es zwar nicht vergessen, konnte sich aber immer nicht entschliessen etwas anzuordnen, was noch jedesmal ihr Missfallen erregt, so oft sie dabei gewesen. Der Graf erwiderte: Es lasse sich schwerlich etwas Gegrundetes gegen eine so ehrwurdige Sitte einwenden, die von jeher in seinem Hause stattgefunden, und die er nicht gern ohne Grund abschaffen wurde. "Verzeih mir, mein Bester!" sagte Eleonore, "aber ich konnte mir nie weder Gutes noch Erfreuliches dabei denken, wenn ich diese Leute an einer langen Tafel, schnurgerade gereiht sitzen sah, Zwang und staunende Langeweile auf allen Gesichtern, die Manner an der einen, die Frauen auf der andern Seite; zufallig Feinde sich nah, Freunde und Liebende getrennt, fremd, angstlich, unbehaglich! Von der Dienerschaft, wo nicht gar von der herrschaftlichen Familie selbst bedient, fuhlen sie sich in nicht geringer Verlegenheit, so oft ihnen etwas gereicht ward, und nahmen sich dann naturlich so ungeschickt und link dabei, dass die ubermutigen Lakaien sich berechtigt glauben, sie hohnlachend zu verspotten. Irgendein Lacheln, oder das Ansehn von Superioritat, das man doch nicht unterdrucken kann, und das nur auffallender wird, je mehr man's unterdrucken will, macht ihnen vollends diesen ostensibeln Akt von Herablassung zur Pein. Es kann nicht fehlen, dass das demutigende und zugleich erniedrigende Bewusstsein sich nicht in ihre Herzen schleiche: sie seien unter dem Vorwand eines Gastmahls bloss zur Dekoration fur die Vornehmen bestimmt, die sich an einer landlichen Szene erlustigen wollten. Durften diese ehrlichen Leute freimutig ihre Meinung sagen, so wurden sicherlich die meisten, wie Sancho Pansa bei den Ziegenhirten, ihrem Herrn fur die unbequeme Ehre danken, in seiner Gesellschaft zu speisen; von denen, die es nicht ausschlugen, hatte ich auch nicht die beste Meinung." Eleonore wandte ihre ganze Beredsamkeit an, den Grafen zu bewegen, dass er diesen alten Gebrauch abstellen, und den Bauern auf eine andere Art ein Andenken des frohlichen Tages vergonnen mochte, aber der Graf wollte nichts davon horen. "Es sind noch Leute darunter", sagte er, "die sowohl am Tage unserer Vermahlung, als bei Julianens Geburt sind bewirtet worden, was wurden diese glauben und glauben machen, wenn wir es bei dieser Gelegenheit unterliessen? Entweder, dass unsere Freude nicht von Herzen gehe, oder dass wir die Gebrauche unserer Vorfahren nicht mehr ehren. Es darf nicht unterbleiben! Doch bleibt dir, Liebe, die ganze Anordnung unumschrankt uberlassen. Die Missbrauche, die du ganz richtig angemerkt hast, werden sich vielleicht vermeiden lassen."

Das Gesprach ward durch Briefe von der Grafin Clementina an den Grafen und an Julianen unterbrochen. Beide entfernten sich. Eleonore beratschlagte wahrenddem mit Eduard und Florentin wegen des Auftrags, den ihr der Graf gegeben. Es ward endlich unter ihnen etwas verabredet, und Florentin eilte sogleich die notigen Anstalten dazu zu treffen, die Kinder begleiteten ihn.

Der Graf kam zuruck, und als er Eleonoren mit Eduard allein antraf, sagte er ihnen: sie durften nun nicht mehr auf Clementinens Gegenwart bei der Vermahlung rechnen, sie hatte es vollig abgeschrieben. Eleonore bat ihn, ihr etwas Naheres aus dem Briefe mitzuteilen, weil sie auf des Grafen Gesicht einige Sorge wahrnahm, die sie beunruhigte.

"Ich befurchte", sagte er, "dass Clementina von einem ernsthaftern Grund zu kommen abgehalten wird, als der ist, den sie vorschutzt. Wenn sie nur nicht wieder krank ist, und es uns verbirgt!" Eleonore suchte ihn zu beruhigen; sie erinnerte, dass ihre fast niemals weichende Kranklichkeit ein ganz ruhiges Verhalten oft notwendig mache, gefahrlich schien es doch nicht zu sein, da sie beide Briefe eigenhandig geschrieben hatte. Sie schlug dem Grafen einen verlangerten Aufschub vor, er unterbrach sie aber mit einiger Ungeduld: " Es scheint auch Clementinens Wunsch zu sein", sagte er; "aber, meine Liebe, ich kann weder dir, noch jener hierin nachgeben. Ich werde es nicht langer aufschieben, ein so heilig gegebenes Versprechen zu erfullen, und ich selbst sehne mich zu lebhaft, dich, Eduard, als meinen Sohn zu umarmen. Es bleibt bei dem bestimmten Tage, gleich nachher wollen wir zusammen Clementinen besuchen, mich verlangt recht danach, sie zu sehen." Er ging mit Eleonoren in den Garten, wo er ihr noch einiges aus dem Briefe mitteilen wollte.

Juliane war traurig, ihre geliebte Tante nun nicht erwarten zu durfen. Sie uberlas ihren Brief immer wieder aufs neue. Eduard suchte sie bei sich in ihrem Zimmer auf, und wollte sie durch seine zartlichen Liebkosungen erheitern. Sie fuhlte seine Liebe, konnte sich aber dennoch nicht aus ihrer truben Stimmung reissen, und bat ihn endlich, sie allein zu lassen. Er ging fort und suchte Florentin auf; er wollte nicht mit seinem Unmut allein sein. Juliane schrieb folgenden Brief an Clementinen.

Juliane an Clementina

Ihr letzter Brief hat mich nicht so froh gemacht, wie sonst alles, was von Ihnen kommt. Sie selbst erwartete ich, liebe Tante, wie soll ich mir nun an einem Briefe von derselben Hand genugen lassen, die ich selbst so gern mit Kussen uberdeckt hatte, auf deren Segen ich hoffte!

Ich habe jetzt Sorgen, meine Tante! Wie soll ich sie aber aussprechen? Wenn ehedem eine kindische Sorge mein Gemut traf, dann wussten Sie es zu erraten, ich war durch Ihre Hulfe davon befreit, ehe ich sie zu nennen wusste. Aber jetzt wird es bedeutender, ich furchte mich vor den ernsthaften Anstalten. Man kommt und geht; Einrichtungen werden gemacht, andere zerstort; Vater und Mutter haben lange geheime Unterredungen, dann wird oft Eduard dazugerufen. O hatte ich es gedacht, dass es soviel Muhe, und mir soviel Angst machen wurde! Und alles ist weit schlimmer geworden, seit Ihren Briefen, Tante! Nachdem sie gelesen waren, fielen lange Unterredungen vor; der Vater war sehr bewegt, meine Mutter weinte. Ich sass unbemerkt an meinem Fenster, da konnte ich sie sehen, sie gingen auf der Terrasse auf und ab. Ich durfte um nichts fragen, denn es schien, als machten sie mir absichtlich aus dem Inhalt des Briefs und des Gesprachs ein Geheimnis, aber es beunruhigte mich. Was kann vorgehen? Ich habe Ihren Brief unzahligemal durchgelesen, um vielleicht in ihm selbst einen Aufschluss zu finden, aber umsonst! Meine teure Clementina schreibt von Pflichten, die mir nun aufgelegt werden, denen ich vielleicht nicht gewachsen sei. Was sind das fur Pflichten? Gibt es noch andere, als die ich kenne: dass ich Eduard einzig und bis in den Tod lieben soll? Und wenn es nur diese sind, wie sollten sie mir zu schwer sein? Kann man zu lieben aufhoren? Gibt es eine andere Gluckseligkeit, als treu zu lieben bis in den Tod? Einst sagten Sie mir: das schonste Gluck auf Erden fur eine Frau ware, wenn der Gatte zugleich ihr Freund sei. Sie sprachen mir aus der Seele, meine geliebte Clementina; und wenn dem so ist, so durfen Sie sich mit Ihrem Kinde freuen; Eduard ist gewiss der Freund seiner Juliane; er liebt mich ja, und kann man lieben, ohne der Freund der Geliebten zu sein?

Aber, was ihm nur fehlen mag? Er ist nicht allein besorgt und nachdenklich, wie ich es bin; er ist traurig, voll Missmut bis zur ungerechten Klage: ich liebe ihn nicht so, wie er hoffte, von mir geliebt zu sein. Ich weiss seine Zweifel nicht zu beruhigen, und meine eigne Unruhe wird immer grosser. Vielleicht zerstreut sich dieser Nebel um uns, wenn wir erst in Ruhe uns selber werden leben, wenn erst der Larm, die Wichtigkeit, die Feierlichkeiten voruber sind.

Ich hatte vielleicht grosseres Recht zu klagen, als Eduard, dass ihm nicht so ganz genugt an seiner Freundin, dass er noch eines Freundes zu seinem Glucke bedarf. Jetzt wunschte ich aber selbst so sehr als er, dass Florentin bei uns bleiben mochte. In diesen Stunden der Missverstandnisse ist er unser guter Engel; die bosen Geister weichen vor seiner Gegenwart. Es ist ein ganz herrlicher Mensch, liebe Clementina! Eduard hangt mit der bruderlichsten Freundschaft an ihm und ich liebe ihn wie einen altern Bruder. Ich fuhle es wohl, was ich ihm schon jetzt verdanke, und was er uns beiden werden konnte! Aber alles unser Bitten vermag nicht, ihn zuruckzuhalten. Eduard hat eine Vermutung, die ich Ihnen einmal mundlich mitteilen werde; ich halte sie aber nicht fur gegrundet, und auf keinen Fall ist es so ernsthaft, als er glaubt.

Diesen Morgen war ich lang allein mit Florentin. Wir uberraschten uns beide mit der gegenseitigen Frage: "Was fehlt Eduard?" Jeder von uns glaubte den andern im Verstandnis. Er wusste aber so wenig und ist so unruhig uber diese Erscheinung, als ich selbst. Zum ersten Male habe ich ihm mit vollem Zutrauen begegnet; ich gestand ihm meine kleine Eifersucht, und dass ich fur Eduards Liebe besorgt bin; aber er gab mir Unrecht, er warnte mich, nicht in die gewohnliche Schwache der Frauen zu verfallen und Achtung fur die Freundschaft der Manner zu haben. Es waren Ihre Worte, Clementina. Ich musste voll staunender Achtung vor ihm stehen, denn so tiefe Blicke in mein Inneres hat niemand noch, ausser Ihnen, getan; solche Dinge hat mir noch kein Mensch sonst gesagt. Er hat mich aus den tiefsten Winkeln meines Herzens, da wo ich selbst nicht hinzudringen wagte, herausgefunden. Es war beinah so hart, mein Stolz emporte sich endlich gegen seine Beschuldigungen. "Sie kennen freilich meine Schwachen", sagte ich ihm, "aber Sie wissen doch nicht, was ich zu tun imstande bin." "Das glaube ich", sagte er; "wenn Sie das nur in der Tat tun wollten, was Sie zu tun imstande sind; wenn Sie nur nicht das, was Sie sind, verleugnen, um wie die andern zu scheinen." Drauf sprach er noch viel uber Eduard und mich; so suss trostete er mich nun, sprach mir so beredt, als ob er fur sich selbst sprache, von Eduards inniger Liebe, wusste mir so fein alle seine Feinheiten herzuzahlen. Ich konnte nicht langer sorgen, alle meine Bangigkeit war fast verschwunden bei seinem freundlichen Trost. "Nur vergessen Sie nicht", sagte er, "was ich Ihnen gesagt; wenn Sie es auch jetzt nicht verstehen, einst werden Sie es doch verstehen lernen." Ich fuhlte eine Trane uber mein Gesicht rollen, als ich ihm die Versicherung gab; seine Worte, seine Stimme, die wie eine scheidende Prophezeiung klang, hatten mich tief bewegt. Er kusste sanft mir die Trane vom Gesicht; ich konnte es nicht wehren, er war selbst zu sehr geruhrt. "Auch ich werde diesen Augenblick nicht vergessen", sagte er, "so sehe ich Sie niemals wieder." Darauf verliess er mich.

Aber Clementina, warum sind Sie nicht bei mir? Wo soll ich Mut hernehmen die ernste Stunde zu uberstehen? Mussten Sie gerade jetzt Ihr Madchen verlassen?

Ich vergesse alles, wovon ich Ihnen sonst schreiben konnte. Mein Herz ist so voll! von mir selbst voll! Muss es, wird es nicht bald besser werden? Leben Sie wohl, Clementina, teure geliebte Freundin! Segnen Sie Ihre Juliane.

Vierzehntes Kapitel

Es war ein heiterer herrlicher Morgen; ein grosser, von hohen schattigen Baumen umgebener Platz im Park, den man aus dem Kabinett der Grafin ubersehen konnte, und der von der andern Seite die Aussicht ins freie Feld liess, war zur festlichen Bewirtung der Landleute eingerichtet. Unter den Baumen rings um den Platz standen Tische von verschiedener Grosse; jeder Familie war einer angewiesen, dessen Grosse der Anzahl der Personen angemessen war. Es durfte keiner aus Mangel an Raum zuruckgelassen werden. Jede Hausmutter sah sich im Kreise der Ihrigen, und sorgte nach ihrer gewohnten Weise fur ihre Bequemlichkeit. Stuhle standen umher, geraumige Lehnsessel fur die Alten. Glanzend weisse Tucher waren uber die Tische gedeckt. Frauen und Tochter stellten geschaftig das notige Gerat umher, kein Lakai, keine Livree war zu erblicken. Gelassen sorgte jede fur die Ihrigen, brachte sorgsam das ererbte, lang geehrte Glas, das gewohnte Messer des Hausvaters, damit er keine hausliche Bequemlichkeit vermisse. Mit Braten, Wein und Kuchen waren die Tische reichlich besetzt, mit Blumen anmutig verziert. Die Mitte des Platzes, ein frischer dichter Rasen, war zum Tanz fur die jungen Leute bestimmt; da konnten die Alten ruhig an ihren Tischen sitzend dem Tanze zusehen.

Fruh war Eleonore hinausgegangen, um selbst noch einmal nachzusehen, ob alles nach ihren Befehlen eingerichtet sei, und ob nichts mangle? Nach und nach kamen alle zusammen in festlichem Anzuge. Junge Madchen mit Bandern und Blumen geschmuckt, versammelten sich, Therese an ihrer Spitze, um Julianen einen bluhenden Myrtenkranz zu uberreichen. Jetzt kamen auch einige Abgeordnete aus Eduards und des Grafen nah liegenden Gutern. Jeder Tisch war fur einige Gaste mitberechnet, sie fanden also leicht einen Platz. Sie suchten sich sogleich ihre Verwandte oder Bekannte heraus, und wer keine zu finden hatte, wurde von allen eingeladen, er wahlte selbst seinen Wirt; die freundliche Hausfrau, das netteste, sittsamste Tochterchen zahlten die meisten Gaste, und entschieden die Wahl auf den ersten Blick. Der Graf hatte einige Sohne aus dem Dorfe unter seinem Regimente, diesen hatte er heimlich Urlaub gesandt, nach ihrer Heimat zuruckzukehren und sich mit ihren Madchen zu verbinden, die schon langst auf diese Erlaubnis geharrt hatten. Jetzt kamen sie muntern Soldaten unvermutet zwischen den Baumen hervor, und begrussten die freudig erschreckten Eltern und die errotenden Braute, die sich unter den versammelten Madchen befanden, und welche heute ihre Aussteuer von Eleonorens Handen erwarteten. Herzlich froher lauter Willkommen schallte von allen Seiten; Umarmungen, Gluckwunsche und Handeschutteln gingen im kunstlosen Reihentanz durcheinander, bei dem der freiere militarische Anstand und die hellen Farben der Uniformen lustig abstachen gegen das einfaltige friedliche Betragen der Einwohner.

Der Graf und Florentin kamen dazu; er bezeigte Eleonoren seine Zufriedenheit, und lachelte vergnugt bei dem schonen Anblick. "Sehen Sie, Florentin", sagte Eleonore, "wie das alles lacht und lebt." "Mir ist", sagte Florentin, "als sahe ich eine Szene von Teniers lebendig werden! Es ware noch der Muhe wert zu leben, wenn es immer so auf der Welt aussehen konnte!" "Mutter", rief Therese, "wo bleibt denn Juliane? Ich werde ungeduldig." "Es ist wahr", sagte Eleonore, "sie musste schon hier sein, und wo bleibt Eduard?" "Sie waren schon diesen Morgen mit ihm aus, Florentin", sagte der Graf, "ich sah Sie beide zuruckkommen, was hatten Sie schon so fruh vor?" "Die Gesellschaft trennte sich gestern sehr fruh, wir blieben noch zusammen, ein Buch, das wir vor einigen Tagen zu lesen angefangen hatten, zog uns so fort, dass wir nicht eher aufhoren konnten, bis es geendigt war; es war nun nicht mehr Zeit sich niederzulegen, wir gingen hinaus, und erwarteten den Morgen." "Seit einigen Tagen", fing der Graf wieder an, "habe ich ein nachdenklicheres, truberes Wesen an Eduard bemerkt, als ihm gewohnlich ist. Hat er Ihnen etwa die Ursache vertraut, Florentin? Oder haben Sie sonst Gelegenheit gehabt zu bemerken, was ihn druckt? Sie mussen uns kein Geheimnis daraus machen, es ist vielleicht nicht unmoglich seinem Verdruss abzuhelfen, oder irgendeinen geheimen Wunsch zu erfullen. Warum verbirgt er sich uns?" "Mir ist nichts bekannt, Herr Graf, als was Sie selbst bemerkt haben, namlich dass er nicht so heiter als gewohnlich ist." "Haben Sie sonst keine Vermutung?" "Die steigende Ungeduld, vielleicht die Erwartung!" "Unmoglich! Sein Gluck ist so nah, so sicher." "Vielleicht ist es etwas... mir hat er... wirklich... ich weiss nicht... Wenn Sie mir erlauben, so will ich jetzt die Grafin Juliane aufsuchen." Er ging zuruck auf das Schloss. Die Fragen des Grafen hatten ihn verwirrt. Entdeckt hatte Eduard sich ihm nicht, aber er war fest uberzeugt, eine geheime Eifersucht, die er gerne unterdrucken mochte, marterte ihn, er war bis zur Peinlichkeit reizbar geworden; Juliane heiterte ihn freilich oft wieder auf, aber nur auf kurze Zeit, dann war irgendeine Kleinigkeit wieder imstande, ihn zu beunruhigen. Wie ein Gespenst trat es Florentin vor die Seele, er sei die Ursache dieser Zerstorung. Auch das, was in jener Nacht in der Muhle vorgegangen war, konnte er sich auf keine andere Weise sonst erklaren.

Auf dem Korridor nach Julianens Zimmer sah er eine Tur geoffnet, die er bis jetzt immer verschlossen gefunden hatte; er trat hinein, es war das neu eingerichtete Schlafzimmer fur Julianen, in dem die Kammerfrauen eben noch einiges ordneten. Ein Basrelief mit Figuren in Lebensgrosse uber dem Kamine zog sogleich seine Augen auf sich. Es war eine Psyche, welche die Lampe in der Hand, den schlummernden Gott der Liebe mit staunendem Entzucken beschaute. Es war in edlem Stil gearbeitet, und von vollendeter Ausfuhrung, Florentin betrachtete es mit innigem Vergnugen, und glaubte die Hand des Meisters darin zu erkennen; er freute sich es so unverhofft erblickt zu haben. Das ganze Zimmer war ubrigens mit glanzender Pracht eingerichtet. Als er es eben verlassen wollte, und noch einen Blick umher warf, fiel ihm das grosse Prachtbette auf, das dem vortrefflichen Kunstwerk gegenuberstand. Am Oberteil des Lagers sowohl, als zwischen den stolzen Federbuschen, die auf den reich mit goldnen Quasten verzierten schweren seidnen Vorhangen prangten, breiteten sich mit grosser Wurde die Wappen, gleichsam der schwebenden, beinahe entkorperten Psyche erdruckend entgegen. Wir wagen es nicht zu bestimmen, was dem Florentin fur Bemerkungen eingefallen sein mogen, aber er lachte laut auf.

Juliane und Eduard begegneten ihm, als er zur Ture heraustrat. "Ich war im Begriff Sie beide aufzusuchen, Sie werden im Park erwartet." "Von wem? Sind meine Eltern dort?" "Sie wunschen im Park zu fruhstucken, eh' die Gesellschaft zu gross wird, auch werden Sie eines erfreulichen Anblicks geniessen." Sie eilten hinunter.

Eine jubelnde Symphonie von vielen Instrumenten, die zwischen den Baumen versteckt waren, empfing sie. Juliane trug ein weisses Kleid von der feinsten Gaze, das in leichten Falten bis zu den Fussen herabfiel, unter der Brust war es von einer Reihe Smaragden zusammengehalten, ihre Haare in eigner Pracht, ohne allen Schmuck aufgesteckt; feine goldne Kettchen zierten Hals und Arme, auf dem schonen Busen wiegte sich ein Stein von Diamanten. So schwebte sie aus dem Schatten der Baume hervor, herrlich geschmuckt, doch leicht und kunstlos. Augen und Herzen flogen ihr entgegen. Eine selige Heiterkeit verklarte ihr Gesicht beim Anblick der frohen Menge. Ihre Eltern an der andern Seite des Platzes erblickend, wollte sie sogleich zu ihnen heruberfliegen; ihre eiligen Schritte aber wurden von Kindern gehemmt, welche sie mit Blumenketten umgaben und festhielten; zugleich naherte sich ihr mit Gesang der Trupp junger Madchen. Sie hob Theresen zu sich hinauf, kusste sie, und liess sich den bluhenden Kranz von ihr auf die Locken drucken. Mit nassen Augen lachelte sie beim Gesang der Madchen, die einen Korb mit den schonsten Blumen zu ihren Fussen niedersetzten. Kaum hatte sie sich in den Armen ihrer Eltern von der freudigen Ruhrung erholt, als die beiden Knaben, Julianens Bruder, einen kleinen Wagen ganz von Rosen durchflochten herbeizogen, die Kinder zwangen sie scherzend hinauf, sie setzte sich unter eine Art von Rosenthron. Therese stand ihr auf dem Schoss, der Blumenkorb zu ihren Fussen, so ward sie im Thriumph und Freudengeschrei fortgezogen; das Ganze sah so reizend und zauberisch aus, dass man einen Feenaufzug zu sehen glaubte.

So ging es fort nach einem stillen entfernten Teil des Parks, wo das Fruhstuck bereitet war. Zwischen den Buschen standen bluhende Orangenbaume, die einen balsamischen Duft verbreiteten. Wo man hinsah, erblickte man Julianens und Eduards Namen aus Blumengehangen. Die Baume waren durch ebensolche Blumengehange verbunden, und das Ganze bildete einen vollen bedeutenden Blutenkranz. Von verschiedenen Seiten in kleiner Entfernung liessen sich Oboen und Waldhorner bald wechselnd, bald zusammenstimmend horen, und wenn sie schwiegen, erschallte ganz von ferne die frohliche Musik bei den Landleuten heruber. Jedes Gerausch war entfernt, alle sassen schweigend und horchend, jedes schien beschaftigt, die Freuden mit allen Sinnen in sich aufzunehmen. Florentin verglich im stillen den Eindruck dieses kleinen Tempels mit dem des prangenden Schlafgemachs, das er gesehen, und es ist leicht zu erraten, welches er sich von beiden am liebsten zum Allerheiligsten im Heiligtum der Liebe ausersehen hatte.

Von tausend sussen Gefuhlen durchstromt, das Herz pochend von liebevoller Ahndung, lehnte Juliane das gluhende Gesicht an den Busen ihrer Mutter, Eduards Lippen ruhten auf ihrer Hand, die er mit den seinigen umschlossen hielt. "Meine Juliane, mein angebetetes Madchen!" sprach er im Entzucken der Liebe, "werde ich dich jemals so glucklich machen konnen, als du in den Armen der Mutter bist?" "Sie bleibt in den Armen ihrer Mutter", sagte Eleonore, sie sanft an sich druckend, "auch wenn sie die Ihrige sein wird! Sie rauben sie uns nicht, lieber Eduard!" "Mogt Ihr beiden das hochste Gluck jedes das seine im andern finden", sagte der Graf, indem er sie umarmte, "Ihr seid mein kostbarstes Kleinod. Gott verleihe euch seinen reichsten Segen in dem meinigen!" Die Rede des Grafen schien erst bestimmt zu sein, noch mehreres zu enthalten, er brach aber mitten darin ab, und sah nach seiner Uhr mit einiger Bedenklichkeit. "Ich hatte sehr gewunscht", fing er wieder an, "noch einige Zeit in diesem vertraulichen Kreise zu verweilen, aber ich sehe soeben, dass wir keine Zeit mehr zu versaumen haben: Juliane, du musst an deine Toilette denken, wir mussen uns ja noch alle umkleiden." "Bleibt die Grafin Juliane nicht so, wie sie da ist?" fragte Florentin; "das werden wir bedauern mussen; sie ist so schon in diesem Anzuge, dass keine Veranderung vorteilhaft fur sie sein kann." "Es ist wahr", sagte der Graf, "aber hier darf nicht die Rede von der Schonheit der Kleidung sein, sondern von der Schicklichkeit. In dieser kann sie nicht offentlich getraut werden, heute mussen wir notwendig in Gala sein. Wenn uns nur die Fremden nicht uberraschen, wir haben zu lange verweilt." "Nun lasst uns zuruckgehen", sagte Eleonore, "wir finden wahrscheinlich schon einige versammelt. Auch unser wunderlicher Obristwachtmeister wird wohl schon aufgestanden sein; es wird mich belustigen zu sehen, was er zu unserm Volksfeste sagen wird; ich wette, er findet etwas gegen die Humanitat darin zu tadeln." Man trennte sich. Jeder ging auf sein eignes Zimmer. Eleonore fand, dass sie noch eine Stunde ubrig hatte, sie verschloss sich in ihr Kabinett und schrieb folgenden Brief an Clementinen, die in der allgemeinen Freude von allen schmerzlich vermisst ward.

Eleonore an Clementina

Mitten aus dem festlichen Getummel, und in unruhiger Besorgnis, jeden Augenblick abgerufen zu werden, schleiche ich mich in meine Kammer, um Dir einige Worte zuzurufen: Ich will meinem Herzen diese Freude nicht versagen, ich will zu Dir reden, will mir einbilden, Du sassest neben mir, und ich sahe es dem lieben Gesicht an, wie Dein Herz die Freuden des meinigen teilt.

Aber auch schelten muss ich mit Dir, Du Unvernunftige! Wie? Juliane wird zum Altare gefuhrt, und Du bist nicht bei ihr? Wie magst Du es nur verantworten? Du weisst wohl, wie ich Dein Tun und Deinen Wandel verehre; dennoch glaube ich nicht, dass Du die Art und Weise von uns Weltkindern so sichtbar verachten darfst: Es ist wohl ebenso verdienstlich von mir, dass ich mich aus dem Getummel losreisse, um an Dich zu schreiben, als dass Du das Haus der Frohlichkeit nicht besuchen willst, um den armen kleinen Geschopfen Deiner Pflege unter Deinen Augen Hulfe und Nahrung reichen zu lassen. Denkst du nicht daran, wie notwendig Du auch hier bist? Wer unter uns soll wohl Julianen das Beispiel der Sammlung und Frommigkeit geben, das sie von ihrer Tante erhalten wurde! Es werden viele gedankenlos um sie stehen, und sie wird umsonst die Augen suchen, an deren frommer Andacht sie sonst gewohnt war, die ihrigen zum Himmel zu erheben! Wird nun nicht die wichtigste Angelegenheit ihres Lebens fast leichtsinnig vollendet werden?

Die bose Nachricht, dass wir Dich nicht erwarten durfen, betrubte uns alle, und wie sehr Juliane anfangs daruber trauerte, kannst Du wohl denken; bald wusste sie sich aber zu beruhigen, da wir ihr von Deiner eigentlichen Besorgnis nichts mitteilten, und sie so gewohnt ist, alles gut und recht zu finden, was von der Tante kommt. Jetzt atmet ihre Brust wieder in ihrer naturlichen leichten Unbefangenheit. Du nennst es gewiss nicht blinde mutterliche Eitelkeit, wenn ich mich im Herzen freue, die Holdseligkeit des lieben Madchens zu sehen, diese stolze zarte Schonheit, die aus ihrem Innern strahlend sie umgibt. Ja Du Teure! Du wurdest, wenn Du sie so vor Dir sahest, leuchtend und gluhend im vollen Ausdruck ihres Glucks, Du wurdest nicht langer unzufrieden sein, dass ihr Vater eilt, sie mit dem Geliebten zu vereinigen, dass sie trotz aller Deiner Grunde so fruh vermahlt wird. Juliane ist beinah noch ein Kind, sagst Du, vieles liegt unentwickelt und tief verborgen in ihr, das nicht geahndet wird, am wenigsten von ihr selbst, sie fangt kaum an, sich selbst zu erkennen, sie wird aus einem Kinde zur Gattin, und wird gewiss einst auf die ubersprungene Stufe ihres Lebens mit Wehmut zurucksehen. Das ist sehr wahr, Liebe; nicht weniger aber ist es wahr, dass Juliane vielleicht ihre Bestimmung ganz verfehlen mochte, wenn sie den ersten vernehmlich ausgesprochenen Wunsch ihres Herzens unterdrucken musste. Du weisst, wie sehr Juliane mir in vielen Stucken ahnlich ist, da mein Gemut von jeher in schwesterlicher Liebe vor Dir aufgeschlossen lag, so wie auch das ihrige von der zartesten Kindheit an. Du wirst es nicht vergessen haben, dass auch die Mutter, wie jetzt die Tochter, sich nur spat und langsam erkannte; wie nur ihre fruhe gluckliche Bestimmung verhinderte, dass nicht das lang verborgne Feuer heftiger Leidenschaftlichkeit verderblich um sich gegriffen. Was anders bewahrte sie vor jeder Gefahr, die ihr aus ihrem Innern drohte, als die Zufriedenheit mit ihrem Lose, die sie an den Pforten der Selbsterkenntnis empfing; als die ruhige Liebe in ihrem Herzen; als der Gatte, die Schwester, die Kinder! Ihr kostbaren Reichtumer! Meinem Gluck verdanke ich meine Tugend!

Auch das ist wahr, dass Eduard uns von Jugend auf mehr Beweise eines liebenden Gemuts und der feinen Ausbildung, als eines selbstandigen Sinns gegeben; aber eben dies sein liebendes Gemut, dachte ich, musste uns Burge sein. Wie hangt er doch mit inniger Liebe an der Geliebten seiner Jugend! Wie ist er ihr durch alle Wandelbarkeit seines Lebens so wahrhaft treugeblieben! Seine Liebe war gleichsam der dauernde Grund, auf welchem die bunten Farben des Lebens wie lose Faden hin und her gewebt waren. Es fehlt ihm vielleicht nichts weiter, als die bestimmende Vereinigung mit der Geliebten, um ihn ganz festzuhalten. Ich habe Sinn fur hausliche Freuden an ihm wahrgenommen; ich kann an niemand verzweifeln, dem dieser Sinn nicht fehlt. Lass uns nur nicht weiter mit unserer Vorsorge dringen wollen! Unsre Hoffnung ist, sie dauernd glucklich zu sehen. Doch wer enthullt uns die Zukunft? Durfen wir uns erlauben. Boses zu veruben, um ein kunftiges Gut zu sichern? Das ware ja sogar gegen Deinen eignen Grundsatz.

Du weisst doch, dass Eduard seinen Plan, gleich nach der Vermahlung mit Julianen auf Reisen zu gehen, aufgegeben hat, zu unsrer grossen Freude. Die Kleine konnte sich nicht entschliessen, uns zu verlassen, er hat sich auf ihr unablassiges Bitten entschlossen, noch einige Jahre bei uns zu leben, eh' er seine weiteren Plane ausfuhrt. Sie bleibt also immer noch in unserer Mitte, er raubt sie unserm Kreise noch nicht, er selbst ist ein teures Mitglied desselben geworden. Wir wollen nun alles aufbieten, um ihn seinen neuen Entschluss nicht bereuen zu lassen. Fest soll sich an Fest ketten, und eine Lust die andere verdrangen. Warst Du nur hier, die bange Sorge wurde bald von Dir weichen! Dein Bruder ist in der besten Laune von der Welt;

Du weisst, wie liebenswurdig er in seiner Heiterkeit sein kann; und uberhaupt sind wir so frohlich und ausgelassen wie die Kinder, haben alle Sorgen weit abgeworfen.

Nun ernstlich an meine Toilette, Juliane ist sicher schon fertig; der Larm wird immer lauter, ich darf doch nicht zuletzt erscheinen. Bald siehst Du uns bei Dir, ich habe Dir viel zu erzahlen von den lieblichen Festen, die hier begangen werden, vorzuglich von einem hier im Park, meinem Fenster gegenuber. Dies wird Dir gefallen, es ist ganz in Deinem Sinn; das kommt daher, weil ich nichts anordne, ohne in meinem Sinn den Deinigen zu Rate zu ziehen.

Eleonore.

Funfzehntes Kapitel

Florentin war allein geblieben. Er ging auf den Platz im Park: er war leer, die Leute waren hinausgegangen auf den Weg zur Kirche, dort wollten sie, in zwo Reihen geordnet, die herrschaftlichen Wagen durchfahren lassen. Er ging verdrusslich ins Schloss zuruck. Auf Gangen und Treppen war alles voller Tumult und Gedrange von wichtig tuenden, mit nichts larmend beschaftigten Menschen. Allenthalben begegneten ihm fremde Gesichter. Unmutig floh er auf sein Zimmer. Das Gerassel der Wagen zog ihn ans Fenster. Eine lange Reihe von vier- bis sechsspannigen Equipagen, mit goldbedeckten Lakaien behangen, leerte sich, eine nach der andern. Unertragliche Figuren wurden maschinenmassig aus dem glanzenden Kasten gehoben, und ins Schloss gefordert. Florentin schauderte bei dem Anblick. Endlich ward er von den prachtigen Kleidungen erinnert, dass er sich wohl auch noch anders anziehen musse, und nun fiel es ihm erst ein, dass ihm die wesentlichen Stucke zum gehorigen Anzug mangelten. Halb verlegen, halb lustig, war er noch unschlussig, was er zu tun habe, als ihn ein Bedienter zu Julianen rief. Er fand sie in ihrem Zimmer vollig angekleidet.

"Kommen Sie her, Florentin", rief sie ihm entgegen, "ich will nicht allein bleiben. Haben Sie die Mutter nicht gesehen? Ist Eduard nicht bei Ihnen? Es kommt auch kein Mensch zu mir. Aber wie Sie mich anstaunen! Nicht wahr, es kleidet mich nicht?" Sie war mit furstlicher Pracht gekleidet. Sie blitzte und funkelte vom kostlichen Geschmeide und reicher Stikkerei. An der Stelle des frischen Morgenkranzes war eine kleine Krone von Juwelen gesetzt, die Arme und der freie Hals waren mit den auserlesensten Perlenschnuren geschmuckt, und diesen angemessen schimmerte der ubrige dazugehorige Schmuck.

"Wundert Sie mein Erstaunen?" fragte Florentin, "Sie sind blendend, Juliane!" "Aber ich gefalle Ihnen nicht, nicht wahr?" "Ich suche vergebens den leichtfussigen schalkhaften Knaben im Walde; wo ist die gedemutigte Ubermutige hin, im geliehenen Wams und kurzen Rock? Wo sind die Umrisse der gewohnten Gestalt vom heutigen schonen Morgen?" "Ich glaube es Ihnen gern", sagte Juliane. "Der Himmel behute mich auch vor einer Existenz, wo ich oft so gekleidet sein musste; ich glaube, am Ende konnte man das Lachen dabei verlernen." "Ja, es mag wohl ernsthaft machen, aber was zwingt Sie dazu?" "Wir haben herzlich gewunscht, diesen Tag mit Festen ganz anderer Art zu begehen; aber Sie wissen, der Vater lasst nicht leicht eine alte Sitte abandern; um ihm nun seine Freude auf keine Weise zu storen... waren nur erst diese Tage voruber!" "Sie werden durch sie auf alle kunftige glucklich!" "O uber alles glucklich werde ich sein! Ohne diese Hoffnung musste ich der glanzenden Last erliegen. Es ist schon von Ihnen, dass Sie meine augenblickliche schlechte Laune durch diese Erinnerung verscheuchten. Wie man doch oft so undankbar sein kann!" "Uble Laune ist freilich am ersten dazu aufgelegt." "Lieber Florentin, Sie mussen ein Andenken von mir nehmen, um sich dieser Stunde und meines Glucks zu erinnern." Sie suchte einen Augenblick unschlussig in einigen Schubladen. "Nehmen Sie diese Brieftasche, die Stickerei darauf ist von mir, dies mag ihr einigen Wert in Ihren Augen verleihen." Er kniete nieder vor ihr und kusste ihre Hand: " So empfange ich den Dank aus Euren Handen, schone Jungfrau; ware mir doch der erste Dank bestimmt, so durfte ich ihn von den holden Lippen einsammeln!" Die Tur ward geoffnet, Eduard trat herein, Florentin stand auf. "Was hast du vor, Florentin?" "Anbetung, mein Freund!" "Tolle Possen! und noch nicht anders gekleidet? Fort, fort, es kommt Gesellschaft."

Florentin ging hinaus. Auf der Treppe begegnete ihm der Jockei, der ihn noch vom ersten Augenblick an, da er ihn im Walde gesehen, zugetan war. "Sattle mir gleich den Schimmel, mein guter Heinrich", sagte er ihm leise, "reite ihn durch das Hintertor hinaus vor das Dorf, und erwarte mich dort, dass dich aber niemand sieht; sage es auch niemanden! Horst du?" "Verlassen Sie sich auf mich." Er sprang fort; Florentin ging wieder auf sein Zimmer. "Du haltst es nicht aus", rief er unmutig; "was soll dir das widersinnige Wesen? Immer wieder die alte Weise: wieder einige bessere Menschen, die vom Haufen der Gewohnlichen bestimmt werden! Halte es nicht aus!... aber die wenigen Stunden noch; es ist kindische Ungeduld,... nicht einen Augenblick will ich mir selbst zur Last sein... Was werden sie aber dabei denken?... Gut gefragt, wer steht mir in irgendeinem Falle fur die Gedanken der Menschen?... Es ist aber ungesittet, wenn ich gehe... es ist aber unwurdig, wenn ich bleibe. Eduard! wirst du mich verstehen? wirst du dein schwankendes, zweifelndes Gemut bald beruhigen konnen?... Wie hat sich aber auch die Szene verandert! Wie sind die lieblichen Farben der Morgenrote hingeschwunden, und haben dem larmenden Tage Platz gemacht! Wie werden vom schweren Geschutz der Konventionen deine zarten Freuden zertrummert, gottliche Liebe! Alles ist zerstort! Julianens holde Gestalt durch ein Gewicht angefesselt, verzerrt; das eigne, schone, bewegliche Leben von versteinertem Kristall umstarrt. Eduard! was will der blasse Mondschimmer der heimlichen Krankung auf deinem Gesicht, worauf der Sonnenschein der glucklichen Liebe sonst glanzte? O es ist wahr, dass Friede und Freude bald entfliehen, wo ich verweile. Fort will ich, fort muss ich! Alles wird bald gut werden fur dich, Eduard. Nur der Verbannte wird oft seine Arme umsonst nach einem Freunde ausstrecken, und sie ohne Trost wieder sinken lassen. Aber fort, fort; allein will ich den Fluch tragen, der uber mich verhangt ist!"

Wahrend diesen bald hastigen, bald zogernden Worten war er, indem er sich zu gleicher Zeit zur Reise anschickte, im Zimmer unruhig auf und ab gegangen. Jetzt war er ganz reisefertig und stand in der geoffneten Tur, den Hut in der Hand; er besann sich, es war ihm, als musste er Abschied nehmen. Zu Eleonoren will ich noch einmal gehen, dachte er, ich finde sie vielleicht noch allein.

Eleonore war mit ihrem Putze ganz fertig, und siegelte eben den Brief an Clementinen, um ihn noch fortzuschicken. "Mich dunkt, es ist jemand im kleinen Korridor", sagte sie zur Kammerfrau, "sieh zu." Florentin ward ihr gemeldet, und trat gleich darauf selbst hinein. "Was ist das?" rief die Grafin; "Stiefel? Sporen? Was wollen Sie in diesem Aufzuge?" "Geben Sie mir Ihren Segen, teuerste Grafin, ich will fort! " "Traumen Sie? oder traume ich? Ich verstehe Sie nicht.""Gutige Eleonore, fragen Sie nicht, Ihre segnende Hand lassen Sie mich zum Abschied kussen." "Was ist Ihnen, um Himmels willen, was ist Ihnen widerfahren? Wo wollen Sie hin?" Die Kammerfrau kam wieder hinein: "Gnadige Grafin werden erwartet, es ist geschickt worden." "Den Augenblick! Florentin, Sie durfen nicht so ratselhaft sein, was wird mein Gemahl sagen?" "Ihnen uberlasse ich meine Verteidigung, Eleonore, und deswegen komme ich eigentlich zu Ihnen, leben Sie wohl, ich darf Sie nicht langer aufhalten." "Aber wo wollen Sie hin? Wir sehen Sie doch wieder?" "Soll ich einst noch so glucklich sein? Der Ort, wohin ich gleich zuerst komme, ist Ihnen bekannt." "Mein Gott! freilich, Sie reisen zu Clementinen. Wollen Sie uns dort erwarten? Sobald es hier wieder ruhig ist, werden wir zu ihr reisen." Florentin verbeugte sich: "Geben Sie mir irgendein Zeichen fur die Grafin Clementina mit, das mich ihr empfiehlt." "Hier nehmen Sie diesen Brief, ich hatte nicht gedacht, dass er durch Sie wurde bestellt werden, Ihrer ist nicht darin erwahnt, aber Sie sind ihr sonst schon bekannt. Sie durfen nur Ihren Namen nennen." "Gnadige Grafin!" rief die Kammerfrau wieder. "Leben Sie denn wohl, Florentin, auf Wiedersehen!" "Leben Sie wohl, Eleonore, Ihnen trage ich es auf, Eduard zu beruhigen, und mein Andenken bei Julianen zu erhalten!" "Wie, diese wissen nicht?" Florentin war wieder zur kleinen Tur hinaus, ohne weiter zu horen, oder zu antworten. Die Kammerfrau schloss hinter ihm zu; in dem Augenblick fuhrte von der andern Seite der Graf einige Damen herein.

Florentin ging durch den Park, wo er hoffen durfte, niemandem zu begegnen, und sofort zum Dorfe hin, wo er Heinrich, mit dem Schimmel ihn erwartend, fand. Er nahm Abschied von dem Knaben, druckte ihm eine Belohnung fur seinen Diensteifer in die Hand, setzte sich auf den getreuen Schimmel, und fort sprengte er im Galopp, ohne sich umzusehen. Heinrich sah ihm noch nach, als er ihn plotzlich stillhalten und das Pferd herumwenden sah; er kam wieder zuruck. "Warte noch einen Augenblick", rief er ihm zu. Heinrich trat hinzu und hielt das Pferd; Florentin zog seine Schreibtafel heraus, und schrieb mit Bleistift auf ein Blatt: "Des Schicksals Schlage stahlen und geben Kraft sich aufzurichten, indem sie niederbeugen; aber der Menschen kleinliche Missverhaltnisse und Missverstandnisse zerstoren grausam das Gemut. Ich segne meinen Eintritt in Euren Kreis, aber ich gehe, damit ihn niemand verwunsche! Lebe wohl, Eduard, gedenke meiner. Juliane, wer Sie sieht, wird Sie kennen; wer Sie kennt, muss Sie lieben; wer Sie liebt, kann nie aufhoren. Bleiben Sie glucklich!

Florentin."

"Gib es an Eduard von Usingen, guter Heinrich, aber gib es ihm allein. Und nun Adieu." Er ritt langsam fort. Er hatte beschlossen, die Nacht in der bekannten Muhle zu bleiben, und mit Tagesanbruch vollends zur Stadt zu reiten.

Sechzehntes Kapitel

Florentin war nach einer verdrusslichen Reise in die Stadt angekommen. Nie war er mehr mit sich selbst uneins gewesen. Zwar gefiel ihm die Hast, mit der er das Schloss und alle seine Reizungen, sobald es ihm Zeit zu sein gedunkt, verlassen, da es ihm nicht unbemerkt geblieben war, dass er die Empfindsamkeit des schonen Madchens so hoch hatte hinaufspielen konnen, als er nur immer gewollt; dennoch konnte er sich nicht des heimlichen Verdachts gegen sich selbst erwehren, der Mangel an den ublichen Staatskleidungsstucken hatte ihn so plotzlich auf und davon getrieben. Vollends lacherlich erschien es ihm, wenn er uberlegte, dass die grafliche Familie vielleicht diesen Grund als ausgemacht, und sogar als den einzig moglichen annehmen wurde. Er beschloss, wenigstens in der Zukunft, sich die beschamende Ungewissheit seiner eigenen Motive zu ersparen. Sobald er daher im Gasthof eingekehrt war, trug er sogleich Sorge, eine Art von Uniform fur sich zu bestellen, die man ihm des andern Tags mit allem Dazugehorigen zu liefern versprechen musste.

Soviel er von der grossen Stadt im Hineinreiten gesehen, hatte sie wenig Anziehendes fur ihn. Roher Larm, nichtstuende Geschaftigkeit, prahlsuchtige Armseligkeit, leere unteilnehmende Neugierde auf den gerauschvollen Gassen, fiel ihm dieses Mal mehr als jemals widerlich auf. Wahrscheinlich ware er, ohne sich aufzuhalten, gerade zum andern Tor wieder hinausgeritten, aber es lag ihm daran, Eleonorens Brief an Clementinen selber zu bestellen.

Bald nach seiner Ankunft ging er hin. Das Haus war leicht zu finden, denn es ragte durch seine schone Bauart von allen benachbarten hervor. Am Eingang des Vorhofs lagen auf einer Erhohung zwei Sphinxe. Die Ungeheuer sahen den Eintretenden so klug und prufend an, als wollten sie seine Absicht erforschen. Florentin uberfiel eine Art Grauen, als er zwischen ihnen durch, uber den stillen Platz nach dem Hauptgebaude schritt.

Wahrend er gemeldet ward, fuhrte ihn ein Bedienter die breite steinerne Treppe hinan, durch einige Vorzimmer in einen vortrefflich dekorierten Saal, wo er ihn einige Augenblicke zu verweilen ersuchte. Florentin betrachtete einige chinesische Vasen von seltener Grosse, welche an den Pfeilern zwischen den grossen Flugelturen sich befanden, die statt der Fenster auf einen Altan fuhrten; hier standen Orangen- und Zitronenbaume in schon verzierten Gefassen umher, deren susser Duft sich im Saal verbreitete. Florentin trat durch eine der offnen Turen hinaus, und fand sich sehr angenehm uberrascht, als er in einen weiten vortrefflichen Garten hinuntersah. Dieser grenzte in der Ferne an einen See, dessen lachende Ufer mit weinbepflanzten Hugeln, Kornfeldern, Gebuschen und netten einzelnen Hausern umgeben waren. Im Garten gingen eine Menge Leute, oder sassen im Schatten der hohen Baume, so dass er ungewiss wurde, ob es ein offentlicher Garten sei, oder ob er zum Hause gehore.

Ein herrlicher Springbrunnen trug seinen hellen Wasserstrahl beinah bis zur Hohe des Hauses, wo er dann in vielfarbigen glanzenden Kristalltropfen wieder hinunterfiel und sich in ein weites Marmorbecken sammelte; Weiden und Akazien spiegelten mit vermischtem Grun ihr Laub im klaren Wasserspiegel. Anmutiger grunte der Rasen um ihn her, und die Luft ward durch sein Spiel erfrischt und erquickend. Florentin dachte an das grafliche Schloss zuruck; ein und derselbe Geist schien dieses sowohl als Clementinens Haus, nur in einem verschiedenen Sinn, zu bewohnen. So wie dort der alte mit dem modernen Geschmack nebeneinander bestand, so kontrastierte hier der steinerne Ernst des Eingangs mit der freundlichen Schonheit des Innern. Er ahndete Clementinens Geist, und ein Ehrfurchtsschauer durchbebte ihn bei dem Gedanken, sie selbst nun bald zu sehen.

Indem rauschte ein weiblicher Fusstritt in dem Nebenzimmer, Florentin ging vom Altan zuruck. Es kann nicht Clementina sein, dachte er, der Schritt ist zu rasch. Betty war es. Er hatte es vergessen, dass er diese hier finden musste; jetzt freute er sich, das muntere zierliche Madchen unverhofft erscheinen zu sehen. Er lief auf sie zu. "Nicht so ausgelassen!" rief sie mit komischer Gravitat, "begrussen Sie fein ehrerbietig in mir die Grafin Clementina. Ich komme in ihrer Person, als bevollmachtigter Minister, und mir haben Sie Ihr Kreditiv zu uberreichen. Nun so halten Sie nur Ihre ehrfurchtsvolle Anrede! Denn Sie sehen doch ganz so aus, als hatten Sie sich eine ersonnen, und wollten sie soeben wieder hinunterschlukken!" "Betty ist ja eben das Redenhalten nicht an mir gewohnt worden", sagte Florentin. "Nein", antwortete sie, "Ihre Impromptus sind mir bekannter; aber ebendarum bin ich neugierig auf Ihre Rede! Mein Auftrag ist aber, Sie in der Grafin Clementina Namen hier willkommen zu heissen, und Sie um Nachrichten vom Schloss zu bitten. Heute kann die Grafin Sie nicht sehen; sie erholt sich erst jetzt langsam von einem sehr heftigen Anfall ihrer gewohnlichen Krankheit." "So hatte der Graf doch richtig geahndet! Die Briefe aber waren von ihrer Hand." "Sie schrieb sie mit der grossten Anstrengung. Ausserdem will sie sich heute ruhig verhalten, um morgen imstande zu sein, eine Musik auffuhren zu horen, die sie nie versaumt. Sie, Florentin, werden nun durch mich von ihr ersucht, morgen nach dieser Musik sich bei uns einzufinden." "Ich werde erscheinen; doch wunschte ich auch wohl diese Musik zu horen; wo wird sie aufgefuhrt?" "Gut, dass Sie fragen! Ich hatte es beinah vergessen; die Tante lasst Ihnen zugleich sagen, wenn Sie etwa die Musik zu horen wunschten, so soll Sie jemand zur rechten Zeit abholen und einfuhren. Sie lasst es Ihnen eigentlich wissen; das ist eine Auszeichnung, merken Sie sich dies fein. Und nun geschwind, was macht man auf dem Schloss?" "Gestern, als ich fort ritt, war man eben dabei, sich den priesterlichen Segen geben zu lassen." "Wie? Gestern? Und wir haben keinen Brief? Und Sie ritten fort?" "Hier ist ein Brief fur die Grafin Clementina, von Eleonoren." "Geben Sie her, o geschwind! Warum gaben Sie den nicht gleich zuerst? Wie wird die Tante sich freuen! Nun so geben Sie doch!"

Er zog den Brief hervor, wollte ihn aber nicht ohne einen Kuss von Betty herausgeben. Mit einer schalkhaft verdrusslichen Miene, als ob sie ihn nur recht bald loszuwerden wunschte, hielt sie ihm die Wange hin. In demselben Moment ging die Tur auf, und ein junger Offizier trat herein. Betty fuhr zusammen und veranderte die Farbe. Der Offizier begrusste sie mit einem finstern Blick, und sah nun stumm und storrisch vor sich hin. Halb nur gefasst, mit unsichrer Miene, stellte sie beide einander vor, den Offizier nannte sie Rittmeister von Walter. Sie gab sich Muhe, ein haltbares Gesprach auf die Bahn zu bringen, es gelang ihr aber schlecht. "Sie mussen mir erlauben", fing sie endlich an, "dass ich der Tante nicht langer den ersehnten Brief vorenthalte; auf morgen also, Florentin." "Ich mochte Sie bitten, mir einen Augenblick zu schenken", sagte der Rittmeister, mehr fordernd, als bittend. "Jetzt nicht, lieber Walter", sagte sie so freundlich als moglich; "aber darf ich nicht hoffen, Sie diesen Abend im Garten zu sehen?" "Gut dann", antwortete er, "diesen Abend!" Betty verneigte sich gegen beide und eilte aus dem Saal.

Florentin erinnerte sich, von Julianen gehort zu haben, dass Betty nachstens die Braut eines gewissen Walters wurde. Also der Brautigam! dachte er im Hinuntergehen, und wie es scheint, wenig geliebt, und noch weit weniger liebenswurdig. Arme Kleine! Wahrscheinlich wirst du diesen einzigen mutwilligen Augenblick durch eine Reihe von unangenehmen zu bussen haben! Lass sehen, vielleicht gelingt es mir, sie dir zu ersparen, es gelingt mir vielleicht, diesen Drachen zu zahmen.

Er ging denselben Weg mit ihm und redete ihn einigemal freundlich an, wurde aber mit kurzen Worten abgefertigt, bis er es wie absichtslos fallen liess, dass er hochstens noch einen Tag in der Stadt zu bleiben gedachte. Sogleich nahm der Rittmeister mehr Anteil an ihm, und erbot sich, ihm noch vor dem Mittagessen einige Merkwurdigkeiten der Stadt zu zeigen: unser Florentin nahm es an. Diese Merkwurdigkeiten bestanden nun in allerlei Dingen, die (was sich der Rittmeister nicht traumen liess) fur Florentin weder merkwurdig noch erfreulich waren; zuletzt wurde dann mit einigen andern jungen Leuten, die zu ihnen kamen, eine sogenannte Partie fine zum Abend verabredet, und Florentin dazu eingeladen. Dieser, dem es beinah leid war, sich mit Walter eingelassen zu haben, versuchte es, von ihren gemeinschaftlichen Bekannten mit ihm zu sprechen; seine rohen Ansichten traten aber bei dieser Gelegenheit in ein so helles Licht, dass er Florentin je langer, je mehr unertraglich ward. Er schwieg unmutig still, und war froh, als er wieder in seinen Gasthof gelangte, wo er den lastigen Begleiter loszuwerden gedachte; zu seinem Verdruss ging dieser aber mit hinein und setzte sich nebst noch einigen Hinzugekommenen mit zu Tische.

Hier fuhrte er sehr laut das Wort. Durch einige zweideutige Spasse, lacherliches Gesichterschneiden, und die Dreistigkeit, durch platte Persiflage, andere in beschamende Verlegenheit zu setzen, war er bei den bekannten Tischgenossen in den Ruf eines witzigen Kopfs, und eines angenehmen Gesellschafters geraten. Man belachte und beklatschte alles, was er vorbrachte; Florentin, der Langeweile hatte, lachte nicht, und gab sich auch die Muhe nicht aus Gefalligkeit zu lachen. Waltern schien diese Gleichgultigkeit gegen sein anerkanntes Verdienst eine beleidigende Anmassung, und um sich zu rachen, kehrte er die Spitze seines Witzes, mit nicht zu feinen Anspielungen gegen Florentin, die zur Absicht hatten, den Anwesenden einen Wink zu geben: er hatte sich diesen heute ganz eigentlich zur Tischbelustigung ausersehen. Der Plan war gut, nur nicht genau genug berechnet; Florentin, der nicht mehr in der Stimmung war, sich etwas gefallen zu lassen, hatte gar bald durch ein paar beissende Antworten das Lachen auf seiner Seite. Dieser Sieg wirkte auf Walters Witz, wie ein Platzregen auf ein Feuerwerk. Pikiert darf ein solcher Spassmacher nicht sein, oder es ist um ihn geschehen. Von nun an gluckte ihm nichts mehr. In seiner Angst ward er ziemlich grob, ohne allen Witz.

Wahrenddem hatte ein Mann, der nicht weit von Florentin sass, diesen mit Aufmerksamkeit zu beobachten geschienen: er ward von den andern Doktor genannt. Zu diesem wandte Florentin sich jetzt, um der Unterredung mit Waltern auszuweichen. Das Gesprach kam bald auf die Musik, die den andern Tag bei der Grafin Clementina aufgefuhrt werden sollte. "Es ist eine geistliche Musik?" fragte Florentin. "Ja", antwortete der Doktor, "es ist ein Requiem von ihrer eignen Komposition, das jahrlich auf den bestimmten Tag aufgefuhrt wird." Walter trallerte einen Gassenhauer; bei den Worten "geistliche Musik" sagte er einem neben ihm sitzenden Offizier etwas ins Ohr, und beide lachten uberlaut. Der Doktor hatte diesen Ausbruch von Lustigkeit mit Gelassenheit abgewartet, eh' er weitersprach. "Sie werden", fuhr er dann gegen Florentin fort, "ein stark besetztes Chor von meistens vortrefflichen Stimmen horen. Es ist eine der liebsten Beschaftigungen der Grafin, sich dieses Chor auszubilden, von dem sie sich nicht allein ihre eignen Kompositionen vortragen lasst, sondern auch die herrlichsten alten Sachen, die man sonst nirgends mehr hort als bei ihr." "Fur die alte Dame", fing der Rittmeister an, "ist diese melancholische Musik erstaunlich passend, sonst aber hat sich noch jeder honette Mensch dabei ennuyiert." Hier mischten sich noch andere ins Gesprach, teils fur, teils gegen diese Behauptung, der Streit ward allgemein, wahrenddem fragte Florentin zum Doktor: "Wenn Sie eben jetzt nichts Besseres zu tun haben, so wurde ich Sie bitten, einen Spaziergang mit mir zu machen." "Ich war im Begriff dieselbe Bitte an Sie zu tun", erwiderte jener. Es entstand eine kleine Stille, als man die beiden aufstehen sah. Im Hinausgehen horte Florentin ganz deutlich, dass Walter "Glucksritter" sagte.

"Ich hatte unrecht", sagte der Doktor, als sie draussen waren, "in Gegenwart dieser unmusikalischen Seelen von einer zu sprechen, die ganz Musik ist."

Sie gingen in einen der nah gelegenen offentlichen Garten ausserhalb der Stadt, wo sie sich Erfrischungen geben liessen. Florentin konnte sich nicht enthalten, einiges uber die schlechte Tischgesellschaft zu aussern. Er fragte seinen Begleiter, ob er diesen Walter genauer kenne? "Ich kenne ihn", sagte dieser. "Ich habe das Gluck, zu den Freunden der Grafin Clementina zu gehoren, und fast immer in ihrem Hause zu sein, dort sehe ich ihn nur zu oft! Gewohnlich speise ich nicht an der offentlichen Wirtstafel; darf ich sagen, dass ich mich heute dort einfand, bloss um Ihre personliche Bekanntschaft etwas fruher zu machen? Ich bin durch Fraulein Bettys Erzahlung zu begierig geworden." "Ich freue mich Ihrer Bekanntschaft", versetzte Florentin.

Nach einigen Fragen und Erlauterungen, ihr beiderseitiges Verhaltnis mit der graflichen Familie betreffend, ruckte Florentin endlich mit der Frage heraus: wie es komme, dass Clementina, die ihm als der Schutzgeist der Angehorigen sei bekannt gemacht worden, dass diese die Verbindung zwischen Walter und Betty wunschen, ja nur zugeben konne? "Wie! Leuchtet es ihr nicht in die Augen", sagte er, "dass Betty mit diesem Menschen hochst unglucklich werden, oder ganz zugrunde gehen muss? Wie ist es so schade um diese liebenswurdige Natur!" "Ja wohl schade!" rief der andere, mit einem halb unterdruckten Seufzer. "Ich kenne Betty seit ihrem zwolften Jahre, ich liebe sie, seit ich sie kenne." Das sanft ernsthafte Gesicht des Mannes errotete etwas bei diesen Worten. "Betty hat einen wurdigen Freund, wie ich sehe", sagte Florentin nach einem kleinen Schweigen; "wie kann es zugehen, dass sie einem schrecklichen Schicksal sichtbar entgegengehen darf?" "Bettys ungluckliche Neigung." "War' es moglich? Was kann dieses liebenswurdige Kind, im Schoss der Liebe mit aller Sorgfalt ausgebildet, was kann sie bewegen, sich diesen rohen Gefahrten zu wahlen? Gehort sie etwa auch zu jenen Zarten, die sich bloss an die aussere Erscheinung der Energie halten?" "Nicht ganz so hart!" fiel ihm jener ein; "es ist ihm gelungen sie zu fesseln, oder vielmehr sie in einem Moment der Hingebung sich eigen zu machen. Es ist nicht gewiss, ob sie ihn noch liebt, ja ob sie ihn jemals liebte. Ist es die schone wachsende Treue eines unverdorbenen weiblichen Herzens? Ist es Reue, oder Stolz? Genug sie halt sich fur unaufloslich gebunden, obgleich die Grafin, der sie sich ohne Ruckhalt anvertraute, ihre Vermahlung immer weiter hinauszuschieben sucht. Walter weiss sehr wohl, wie ubel er bei der Grafin angesehen ist, daher sein Hass gegen diese unvergleichliche Frau. Es ist sehr wahrscheinlich, dass alles von ihm aus Liebe zu ihrem ansehnlichen Vermogen angelegt ward; und nur zu wohl ist ihm sein Plan gelungen!" "So muss denn die Arme aus Schwachheit um Schwachheit ewig verloren sein? und die Freunde konnten sie retten und sehen mussig zu, wie sie untergeht!" "Woher wissen Sie das?" "Warum wendet Clementina nicht hier ihre ganze Autoritat an? Hier ist es an der Zeit, sich dem Vorurteile mit Macht entgegenzusetzen!" "Sie mussten die Vortreffliche freilich kennenlernen, um sie zu verstehen. Clementina gehort zu den seltnen Seelen, die wahre Ehrfurcht, die zarteste Scheu fur die Sinnesfreiheit andrer Personen hegen. Diese, in sich und in den sie Umgebenden, nie zu verletzen und auf das hochste auszubilden, ist ihr grosstes Bestreben. Nie hat sie aber jemand durch Autoritat zum Bessern zu zwingen versucht. Sie hat nicht versaumt, Betty das Elend vorzustellen, dem sie entgegengeht; da diese aber fest ist in ihrem Glauben: Walter liebe sie, die Liebe wurde ihn ausbilden, und einer liebenden geliebten Frau sei alles moglich; so erlaubt sie sich weiter keinen Schritt dagegen zu tun, weder offen noch heimlich; ausser dass sie die Vermahlung noch lange aufgeschoben hat, damit Betty Zeit habe, ihren Irrtum gewahr zu werden. Auch dann noch, wenn sie vielleicht zu spat zuruckkommt, darf sie gewiss sein, Hulfe und Schutz bei ihr zu finden, sobald sie ihn bedarf und sucht; denn nie legt sie dem Irrtum eine hartere Strafe auf, als die er selbst mit sich fuhrt, und auch diese bemuht sie sich, auf jede Weise zu lindern. Sie hatte es wohl gewunscht, mich mit Bettys Hand beglucken zu konnen, da es aber meiner innigen treuen Liebe nicht gelang, so halt sie mit Recht jedes andre Mittel, sie dazu zu bewegen, fur unerlaubt und unwurdig. Sie, deren grosse Seele jeden Schmerz mit geprufter Standhaftigkeit tragt, vermag nie andern irgendeine unangenehme Empfindung zu verursachen; sie findet es bei ihrer Reizbarkeit immer noch leichter selbst zu dulden, als andre dulden zu sehen; auch findet sie in ihrem Geist, und ihrer Religion, Kraft und Trost, wo andre verzweifeln wurden. Doch verzeihen Sie, mein Herr, ich sage Ihnen mehr als Sie vielleicht zu wissen verlangen. Ich weiss in der Tat nicht schicklich aufzuhoren, wenn ich von dieser erhabenen Frau sprechen darf." "Ich bitte Sie, fahren Sie fort. Zum Teil bin ich schon vorbereitet; Eleonorens Freundin, Julianens zweite Mutter, kann nicht anders als ganz vorzuglich sein. Ich war allerdings begierig mehr von ihr zu erfahren, und ich wusste nicht, wen ich lieber uber sie sprechen horte, als einen wurdigen Vertrauten und Hausgenossen."

Florentin sprach diese Worte mit so sichtbarem Anteil, dass der andre sogleich fortfuhr: "Sie ist immerwahrend krank, bald mehr, bald weniger. Sie erhalt ihr Leben nur durch die strengste Diat, die geringste Abweichung bringt sie dem Tode nahe; so wie sie die Luft zu leben und eine gleichmutige heitre Laune durch immerwahrende Tatigkeit erhalt.

In ihren schonsten heitersten Stunden beschaftigt sie sich mit Musik; und nicht bloss zum eitlen Zeitvertreib, wie die meisten Frauen, sondern als ernstes Studium. In ihren Kompositionen atmet die Begeisterung inniger Andacht einer hohen frommen Seele; wer reines Herzens ist, wer Sinn fur Harmonie hat, muss mit Entzucken von diesen Tonen sich uber alles Irdische hinweggehoben fuhlen; nur ein fuhlloser Barbar, nur Walter konnte so sich aussern, da von dieser Musik die Rede war.

Viel Zeit und Aufmerksamkeit nimmt ihr der Umgang mit Kindern. Sie ist fast immer von Kindern umgeben, mit denen sie sich stundenlang zu beschaftigen weiss. Sie wird von ihnen wie eine Mutter geliebt, und sie hat auch die Zartlichkeit einer Mutter. Oft habe ich Tranen in ihren Augen glanzen sehen, wenn ein Saugling in seiner Hulflosigkeit die kleinen Armchen nach ihr ausstreckt, oder auf ihrem Schoss einschlaft, und im Schlafe lachelt.

Clementina ist aber nicht allein die gute Fee aller schonen lieblichen Kinder; sie schenkt den unglucklichen, mitleidswurdigen noch eine besondere tatige Aufmerksamkeit. Es war ihr namlich nicht entgangen, dass die geringere Klasse der Eltern nur wenig Sorgfalt auf ihre kranken Kinder zu wenden vermag; dass aus Mangel an der notwendigen Wartung eine grosse Menge davon sterben, oft als Kruppel ein hochst elendes Leben fortschleppen mussen, den Eltern eine Last, und von diesen dafur verachtet und schlecht behandelt werden. Das Elend selbst muss ihnen ein Nahrungszweig werden, indem sie es vorzeigen, um das Mitleid andrer zu erregen, und sich selbst immer mehr dagegen abstumpfen. Denken Sie sich, wie diese Vorstellungen eine Seele wie die ihrige erschuttern mussten! Ich sah sie in der gewaltsamsten Anstrengung, bis es ihr gelang, zu helfen, soweit menschliche Hulfe reicht.

Den Garten der Grafin begrenzt ein See." "Ich sah ihn diesen Morgen. Kleine Hauser, Felder und Garten umgeben ihn." "Ganz recht! Diese Hauser, diese Garten, Felder und Hugel sind die Zufluchtsorter der armen kleinen Wesen. O, mein Herr, wenn Sie hier das Tun und die Art zu handeln der Grafin je beobachtet hatten, wie ich es taglich tun darf, Sie wurden meinen Enthusiasmus fur diese Frau verstehen. Ich darf sie in diesem ehrwurdigen Geschaft als Arzt unterstutzen, und fuhle mich unendlich geehrt in diesem Auftrag. Eins der kleinen Hauser bewohne ich selber, um soviel als moglich gegenwartig zu sein. Oft haben wir schon die Freude gehabt, Kinder gesund und bluhend in die mutterlichen Arme zuruckzufuhren, aus denen sie uns im tiefsten Elende und ohne Hoffnung des Wiedersehens uberliefert waren.

Doch, eine ausgefuhrte Beschreibung kann ich Ihnen hier unmoglich geben; sie durfte nur weitlauftig werden, ohne Ihnen weiter etwas zu lehren. Der Geist und die Liebe, in Plan und Ausfuhrung, lasst sich mit Worten nicht beschreiben, diese konnen nur durch eigne Anschauung wahrgenommen werden. Sind Sie es zufrieden, so fuhre ich Sie hin." "Ihre Erzahlung ist vollkommen befriedigend; ich habe beruhmte Anstalten der Art gesehen, ich kenne das." "Nein", rief der Arzt, "eine ahnliche haben Sie wahrlich nie gesehen." "Uberdies", fuhr Florentin fort, "mochte es der Grafin nicht angenehm sein, mich dort zu sehen, da sie ausdrucklich verlangte, heute allein zu sein." "Ich wurde Sie nicht hinfuhren, wenn sie selbst dort ware; bei diesem Geschaft ist sie fur niemand sichtbar, denn sie hasst jede Art von Ostentation. Auch ist es niemand ausser mir erlaubt, Fremde dort hinzufuhren, weil die Aufmerksamkeit fur diese die notwendige Sorgfalt abzieht und zerstreut. Jetzt ist ohnedies die Zeit, in der ich dort sein muss; kommen Sie doch nur mit!"

Florentin liess es sich endlich gefallen. Der Mann gefiel ihm in seinem schonen Eifer fur das Gute, trotz der etwas starken Neigung zur Redseligkeit. Sie ist doch meistens, dachte er, Zeichen eines offnen, absichtslosen Gemuts; wenige Menschen sind mit ihren Worten zum Vorteil andrer so freigebig. "In wenig Tagen", fing der Doktor, indem sie gingen, wieder an, "sehen wir sie wieder in andrer Sorgfalt beschaftigt. Sie werden vielleicht schon von einer Badeanstalt gehort haben fur arme Kranke, diese ist ihr Werk und entstand wie von selbst. Es ist wenige Meilen von hier entfernt, sie selbst braucht dieses Bad zu ihrer Erhaltung seit mehreren Jahren. Ihrem mitleidenden, fur jeden fremden Schmerz empfindlichen Herzen war es eine hochst peinvolle Empfindung, eine Klasse Menschen an allem Mangel leiden zu sehen, die wegen wirklicher, sehr harter Gebrechen sich am Bade einfanden, unterdessen andre im grossten Uberfluss lebten, die nur Vergnugungen und Zeitverkurzung dort suchten. Auf eigne Kosten hat sie also jede Bequemlichkeit fur die kranken Armen einrichten lassen, und zwar alles so gut, so sauber und bequem, dass sie fur ihre eigne Person sich derselben jedesmal bedient. So durfen nun die Armen, Geplagten nicht mehr den Abhub der Reichen kummerlich erbetteln, und die Hulfe fur ihre Schmerzen nicht erst dann erwarten, wenn jene, oft weniger Leidende befriedigt sind. Es wird alles fur sie auf das punktlichste und gefalligste besorgt, so dass sie auf jede Weise gegen den Einfluss des Ubermuts geschutzt bleiben. Zu diesen gehoren dann auch die sonst ublichen Kollekten, die oft ganz unzweckmassig verteilt werden; und das Schauspiel der allgemeinen Abfutterungen, die auf den Kranken, bei ihrer gewohnlichen Not und der taglichen schlechten Nahrung von sehr ubeln Folgen sind." "O", rief Florentin, "oft war ich Zeuge, mit welchem Uberdruss, mit welcher Verachtung man seinen Beitrag zollte!" "Freilich", antwortete jener, "doch vergesse man nicht, dass dergleichen auch fur viele, die sich nicht ausschliessen durfen, oft ein lastiger Tribut sein kann. Freiwillige Beitrage, von einzelnen, weiset die Grafin nie zuruck; um, wie sie sagt, den Segen des Wohltuns niemand zu entziehen. Die Gabe wird augenblicklich von der Grafin selbst, in der Gegenwart des Gebers, den Armen zum freien Gebrauch eingehandigt. Bekannt wird aber nichts davon gemacht, weder mit noch ohne Namen." "So werden auch wohl diese milden Beitrage selten genug sein." "Das doch nicht; es gibt viele gute Menschen; und zeigt man ihnen den rechten Weg, so gehen sie ihn auch wohl." In welcher Weise, dachte Florentin, habe denn ich gelebt?

Sie waren am Ufer des Sees angelangt, und hatten ein Haus, ein Zimmer nach dem andern in der kleinen Kolonie besucht. Florentin war dem Arzt gefolgt, teils aus Gefalligkeit, teils auch um dem Rittmeister desto sichrer auszuweichen, dessen Gesellschaft er mehr als jedes andre Ubel verabscheute. Diese Roheit bei soviel Anmassung, die Verachtung der feinen Welt im Besitz aller mit ihr verknupften Verkehrtheiten, sie waren ihm in der Seele zuwider. Er war sich keiner Menschenfurcht bewusst, doch uberfiel ihn etwas Ahnliches von boser Vorbedeutung bei diesem Walter. Er zog es also vor, mit dem guten Doktor die wohltatigen Anstalten der Grafin zu besuchen, obgleich er denselben unangenehmen Eindruck befurchtete, den er schon oft bei Besuchen der fur Elende erbauten Palaste gefuhlt hatte, wo es der einzige wirklich ausgefuhrte Endzweck war, den Namen und Reichtum des Stifters bis an das Ende aller Dinge bekanntzumachen. Freudig ward er aber uberrascht beim Anblick dieser Stiftung, wo ohne allen Prunk und irdische Verherrlichung der Geist der Liebe allein, still und heilig wirkte. "Hat Clementina nie geliebt?" fragte Florentin. "Ich weiss nichts Eigentliches von ihrer Geschichte, auch weiss diese wohl niemand als Eleonore; jetzt spricht sie nie daruber.

Was konnte es aber anders sein, das eine so fromme Seele beugt und erhebt, als Leiden der Liebe? So wie es nur durch die Liebe allein moglich ist, die zweckmassigste Wohltatigkeit im schonsten Sinn zu verbreiten." "Nur von liebenden Frauen", sagte Florentin, "musste alle Wohltatigkeit kommen. Die Frauen verstehen auch am besten die Bedurfnisse einer schwachen Natur; der Mann wurde die Schwachheit lieber vertilgen von der Erde, als sie im Leiden unterstutzen." "Ei, Sie sagen das einem Arzt!" "Jawohl; eben darum denke ich, konnen die Frauen vortreffliche Warterinnen und Verpflegerinnen, weniger aber Arzt sein. Dieser muss auch die hartesten Mittel nicht scheuen, um das Ubel zu verderben; jene wurden aus Mitgefuhl des aussern Leidens nichts Entscheidendes tun konnen." "Darin liegt etwas Wahres. Doch sind fromme Stiftungen von unglucklichen Mannern errichtet worden." "Immer werden diese doch mehr das Geprage des wilden, herben Schmerzes tragen, werden eigentlich mehr fur Bussende als fur Leidende taugen. Erinnern Sie sich des Mannes, der den strengsten aller Orden gestiftet! Auf dem Gipfel der Hoffnung seiner gluhenden Liebe von einem vernichtenden Schlage getroffen, indem er die Geliebte tot unter den Handen der Wundarzte antraf, die ihren von einer entsetzlichen Krankheit entstellten Korper offneten, als er eben von einer Reise zuruckkommend, sich durch eine geheime Tur mit Vorsicht und Ungeduld einschlich, um sie mit seiner unerwarteten Erscheinung freudig zu uberraschen, verbannt er sich auf immer aus der menschlichen Gesellschaft, und bildet eine um sich her, wo aus keinem Munde je ein andres Wort erschallt, als die bestandige Erinnerung des Todes. Eine Frau an seiner Stelle wurde eine milde Stiftung errichtet haben." "Ich habe nicht geglaubt, einen so beredten Kenner der weiblichen Natur in dem Manne zu finden, den mir Betty als einen Verachter der Frauen geschildert hat." "Diese Ironie ist stark!" rief Florentin lachend. "Die Frauen haben freilich im Ernst weder Gluck noch Ungluck meines Lebens bestimmt. Hat Betty mir das abgemerkt, so werde ich auch wohl nicht Gnade gefunden haben vor ihren Augen, das ist naturlich. Ist es aber meine Schuld, wenn es so ist? Waren die Frauen alle wohltatige Engel, wie Eleonore und Clementina, sie wurden der Menschheit jedes Leiden verguten, das ihr dummes Vorurteil und selbstsuchtige Eitelkeit zufugen." "Sie verlangen etwas Unmogliches, diese grossen Mittel." "Verstehen Sie mich: es ist ja nicht das, was geschieht, sondern der Sinn, in dem es geschieht. Die freudige, gluckliche Eleonore macht um sich her alles glucklich. Sie sammelt die Freuden des Lebens, um sie wieder zu spenden. Die erhabene, ungluckliche Clementina haucht ihren eignen Schmerz in gottliche Harmonien aus, und fuhlt die Schmerzen der andern tiefer, um Trost und Hulfe zu verleihen. Die Liebe ist es und nichts als diese, die hier trostet, wie sie dort vergnugt. Es scheint die Tugend der weiblichen Langmut immer mit ruhiger Heiterkeit die Folgen des bosen Prinzips unschadlich zu machen; sich ihm vernichtend entgegenzustellen ist mehr die unsrige. Ist unser Bestreben auch grosser, so ist ihr Gelingen desto sicherer!"

Der Doktor hatte Florentin mit grossem Vergnugen eigentlich mehr sprechen sehen, als zugehort; denn so wenig auffallend Florentin gewohnlich erschien, so wuchs der Ausdruck seiner Gestalt bis zur Schonheit, wenn er im Feuer der Rede sich selbst und alles um sich her zu vergessen schien. "Sie sollten uns nicht sobald wieder verlassen", sagte er; "Sie wurden vielleicht in unsrer Mitte eine Laufbahn finden, die Ihnen genugte, und Ihrer wurdig ware!" "Das doch noch nicht", antwortete er gelassen; "das darf ich noch nicht. Zuerst will ich, um es zu durfen, damit beginnen, dass ich wirklich trotz jeder Lockung das ausfuhre, was ich mir vorgenommen, und an dessen Ausfuhrung ich schon soviel Zeit gesetzt. Sie soll nicht so ganz nur verschwendet worden sein. Sie folgen Ihrem Beruf unter den Augen der erhabenen Clementina, und werden vielleicht doch noch einst dauerndes Gluck und Lohn aus ihren bildenden Handen empfangen. Mir aber ist es notwendig, das in grosser Masse arbeiten zu sehen, was ich, seitdem ich denken kann, in mir trage. Allenthalben, wo man sich befindet, kann man den Krieg fur die Freiheit unterstutzen und verfechten. Allenthalben steht man auf dem Schlachtfelde, wo Habsucht und Barbarei herrscht, und so hinge man freilich, wenn auch unsichtbar, mit jener grossen Masse zusammen; ware es mir nur nicht so notwendig, andre Menschen, einen andern Weltteil zu sehen, als den, der sich jetzt der kultivierte nennt. Das Schauspiel eines neuen, sich selbst schaffenden Staats ist mir interessant. Es haufen sich uberdies immer mehr innere und aussere Grunde, warum ich in einer ubertaubenden Tatigkeit mich selbst zu vergessen suchen muss."

Nach diesen Worten ward er wieder still, und in sich gekehrt. Bald darauf gingen sie nach dem Haus des Doktors, das wohleingerichtet, zierlich und bequem, am Ufer des Sees, mitten in der Kolonie lag. Hier zeigte er ihm seine vortreffliche Naturaliensammlung, seine reiche auserlesene Bibliothek, die zugleich einen Schatz an seltnen Karten und Reisebeschreibungen enthielt. Florentin sprach uber diese Dinge mit einer Sachkenntnis, woruber der Arzt erstaunte, da er ihm dergleichen nicht zugetraut haben mochte; auch nahm er seitdem sichtbar an Achtung fur ihn zu. Er selbst erschien hier bei seinen Heiligtumern im vorteilhaftesten Lichte. Florentin hatte niemals weniger den Mangel an Witz und uberraschenden Einfallen in der Unterhaltung vermisst, als bei diesem wahrhaft verdienstvollen Mann. Er ward nicht mude ihn reden zu horen; auch sprach er immer besser, je mehr er Gelegenheit fand, seine tiefe Gelehrsamkeit und die mannigfaltigen grundlichen Kenntnisse anzuwenden. Seine sonst mehr ruhige Physiognomie ward dann durch Begeisterung erhoht, besonders bei gewissen, ihm heiligen Dingen. So sprach er das Wort Natur immer mit einer Art von Ehrfurcht aus, so wie man im Tempel sich vor dem Namen des Allerhochsten beugt.

Eine neue Welt ging vor Florentin auf bei seinem Gesprach. Nie hatte er sich mehr belehrt gefuhlt, nie hatte er grossere Achtung fur einen Menschen empfunden. Nur zu schnell verging ihm der Abend; es graute ihm, als er daran dachte, in die Stadt zu dem larmenden Gasthof zuruckzukehren. Es konnte ihm also nichts Erwunschteres begegnen, als da der Doktor ihm anbot, dass er die Nacht in seinem Hause bleiben mochte. Er nahm das Anerbieten ebenso freimutig an, als jener es getan.

Siebzehntes Kapitel

Sie waren beim Abendbrot im Garten; von Julianen und Eduard sprachen sie viel. Florentin verbarg es seinem neuen Freunde nicht, wie sehr ihm beide wert waren. Der Doktor gab ihm einige Aufschlusse uber das Ratselhafte in Eduards Charakter, das so tief in ihm lag, dass man lange Zeit mit ihm umgehen konnte, ohne irgend etwas anderes zu ahnden, als den ausgebildeten Weltmann, der das gefuhlvollste Herz mit einem hellen Kopf verbindet. "Niemand ahndet in ihm", fuhr er fort, "diesen Abgrund von Unzufriedenheit und gefahrlichem Eigensinn; seine Bildung liegt wie ein Firnis uber diesen scharfen Ecken, die bei weitem noch nicht durch die Erfahrung verarbeitet und abgerundet sind. Auch diese fruhe Vermahlung lag nicht in Clementinens Absicht, und dass sie dennoch geschieht, ist wahrscheinlich mit ein Grund ihrer letzten verstarkten Krankheit. Sichtbar hat aber der Brief von der Grafin Eleonore sie beruhigt, denn er sagte ihr, dass es geschehen sei; niemals bereut oder beklagt sie aber eine Sache, die geschehen ist." Er sprach ferner von Julianen mit grossem Anteil. "Sie ist Clementinens geliebtester Liebling, doch glaubte sie neulich, die kleine Therese wurde vielleicht Julianen einmal ubertreffen." "Nicht mit Unrecht", sagte Florentin, "sie ist in der Tat ein seltnes Kind; ich habe nie soviel Ernst und Tiefe bei einem Kinde wahrgenommen als bei diesem. Ob sie aber eigentlich so wunderbar liebenswurdig, so wahrhaft bezaubernd wird als Juliane, kann man wohl noch nicht bestimmen, und auch in dieser liegt noch so vieles in tiefer Verborgenheit." "Clementina sagte einmal, Juliane musste durch das Leben zur Liebe gebildet werden; aber Therese wurde erst durch die Liebe zum Leben sich ausbilden."

Hier sahen sie Betty, nur von einem Bedienten begleitet, uber den See auf einem Kahn zu ihnen kommen. Sie brachte dem Arzt die Nachricht, dass es mit Clementinen recht gut ginge, sie schliefe ruhig. Sie ware herubergekommen, teils ihm das zu verkunden, teils auch, da sie gehort Florentin sei bei ihm, diesen zu fragen, ob er den Rittmeister nicht irgendwo gesehen hatte? "Er hat diesen Abend im Garten zu sein versprochen", sagte sie, "die bestimmte Stunde ist aber langst voruber und er ist nicht gekommen." Florentin erinnerte sich, dass er, des Versprechens an Betty uneingedenk, die Partie fine mit den andern jungen Leuten verabredet hatte, wozu er selbst mit eingeladen war; er schwieg aber davon, und erwiderte bloss, er hatte ihn nicht weiter als bei Tische gesehen. "Aber Doktor", rief Betty aus; "lernen Sie doch von Florentin, Fassung zu behalten, wenn man Sie auch stort. Sie machen ja ein so bedenkliches Ungewisses Gesicht, als hatte ich Sie eben bei einer Verleumdung von mir selbst uberrascht. Gestehen Sie nur, Sie haben von mir geschwatzt! Doch was liegt daran? Florentin hat doch nicht recht acht darauf gegeben, er ist viel zu sehr mit sich selber beschaftigt." "Halten Sie mich fur so selbstsuchtig, gute Betty?" "Ei es ware mir gar nicht angenehm, wenn Sie es nicht waren. Sie machten dann eine Ausnahme, die Ausnahme musst' ich respektieren, das Respektieren macht mir Muhe und die Muhe Langeweile." "Nun und Clementina?" "Stille wer wird einen solchen Namen unnotigerweise aussprechen! Hier, setzen Sie sich nieder, und erzahlen Sie mir ordentlich und bedachtig, wie es am Hochzeittage auf dem Schlosse war? War Eduard liebenswurdig? Wie sah Juliane aus?" Florentin machte ihr eine drollige Beschreibung von Julianens Putze, von dem er naturlich nichts zu bestimmen wusste als den Effekt, woruber Betty sich dann totlachen wollte, sie behauptete, ihn durchaus nicht zu verstehen. "Nun so will ich zeichnen, wenn ich mich mit Worten nicht verstandlich machen kann!"

Er zeichnete darauf eine Karikatur hin, man lachte, und scherzte frohlich daruber. Betty war noch lustiger als gewohnlich; es schien als wollte sie durch die gewaltsame Anstrengung eine innere Krankung betauben und unterdrucken. Florentin hatte sie nur noch lieber wegen dieser Kraft; um so mehr hasste er aber den Urheber dieser Krankung.

Es ward vorgeschlagen, Florentin sollte ihren Schattenriss machen. "Das nicht", sagte er, "dies Stumpfnaschen schickt sich schlecht zu einem Schattenriss, aber zeichnen will ich Sie." Sie stellte sich in einer leichten angenehmen Stellung vor ihn hin. Mit wenigen Strichen war das Figurchen entworfen, im schwebenden Tanz mit beiden Handen ein Tamburin in die Hohe haltend, Gesicht und Haltung, obgleich nur in fluchtigen Umrissen, zum Sprechen ahnlich. Florentin war vergnugt mit dem Entwurf, er hatte seiner Hand nicht mehr diese Sicherheit zugetraut.

Er war noch nicht ganz fertig, als auf einmal der Rittmeister dazu kam. "Sie haben Gesellschaft Herr Doktor", rief er im Hereintreten; "ich begreife nun, warum ich Sie Fraulein, vergeblich gesucht und Sie mein Herr vergeblich erwartet habe; doch ich hatte es auch wohl erraten konnen." "Sie werden mich entschuldigen", sagte Florentin, "ich hielt es nicht fur ein gegebnes Versprechen; uberdies habe ich den Nachmittag und Abend so angenehm zugebracht." "O das glaube ich gern", unterbrach ihn Walter; "Sie mein Herr Doktor sind immer die Gefalligkeit selbst." Betty war in der schmerzlichsten Verlegenheit; Florentin und der Doktor waren es ihrentwegen nicht weniger. "Lassen Sie doch sehen", fuhr Walter fort, indem er naher zum Tisch trat, wo die Zeichnung lag; "Sie haben hier eine Akademie wie ich sehe; die Kunste werden doch immer mehr getrieben in der Welt!" Florentin kam ihm zuvor, als jener das Blatt in die Hand nehmen wollte. Er verdeckte es schnell mit einem andern Blatt. "Entschuldigen Sie", sagte er kurz und trocken, "es ist nicht fertig." "Mir konnen Sie es immer halb fertig zeigen, ich bin gar kein Kenner." "Um desto weniger Herr Rittmeister!" "Es ist Fraulein Betty ihr Portrat, das habe ich gesehen." "Allerdings ist es das." "Nun so muss ich Ihnen dann sagen: ich habe ein Recht dazu es zu fordern." "Das mag sein, aber ich habe kein Recht es Ihnen zu geben, es gehort dem Fraulein." "Sie werden also entscheiden Fraulein", rief er aufgebracht. "In der Tat lieber Walter... es war ein Scherz... ich bat darum." "Nun so wird man es doch wenigstens erkaufen konnen; was ist ihr Preis?" fragte er, seine Borse hervorziehend. Florentin antwortete nicht, und legte das Blatt mit Gelassenheit in sein Taschenbuch. "Es ist nicht fur Bezahlung gemacht, lieber Walter", sagte Betty wieder. "Es muss doch auf irgendeine Weise wieder in Ihre Hande kommen, denn weder ich, noch Sie selbst werden zugeben, dass Ihr Bild in der Welt mit auf Abenteuer zieht." "Herr Rittmeister!" sagte hier der Doktor mit fester Stimme, "Sie scheinen zu vergessen, dass Sie hier in meinem Hause sind!" "Ich werde diesem ehrwurdigen Hause nicht langer beschwerlich fallen." Hohnlachend, und aufgedunsen von wildem Zorn fuhr er zur Tur hinaus. "O Ihr wisst nicht, was Ihr mir tut!" rief Betty voller Angst, und ging ihm nach.

"Das ist zuviel!" sagte Florentin. "Es ist entsetzlich", sagte der Doktor. "So habe ich ihn noch nie gesehen. Ich vermute beinah, dass er einen Rausch hatte. Offenbar legt er es aber besonders auf Sie an. Sie werden also wohltun ihm auszuweichen." "Ich bin ihm ausgewichen", sagte Florentin; "doch wenn er mich geflissentlich sucht, so soll er mich finden! Aber wie dauert mich das gute Kind, dass der schonste Moment, die Blute ihres Daseins unter einem solchen Einfluss verdorren muss! Kann man sie nicht losmachen? Ist es nicht moglich, der Grafin Clementina Licht uber seine Nichtswurdigkeit zu geben?" "Diese ist ja nichts weniger als im Irrtum uber ihn, aber ich glaube Ihnen schon gesagt zu haben, wie sie daruber denkt. Sie lasst jeden auf seine Gefahr nach seiner Uberzeugung handeln, und halt sich durchaus nicht fur berechtigt, vermittelst ihrer Autoritat andre zu bestimmen, nicht durch Vorstellungen, viel weniger durch irgendein Zwangsmittel. Betty ist es bekannt, wie die Grafin uber Walter denkt, da sie sich aber gebunden glaubt, und in der festen Hoffnung lebt, die Liebe wurde ihn erziehen, so halt Clementina es fur einen Wink der Vorsehung, fur ein unabanderliches Verhangnis, dem sie sich nur straflicherweise, und dennoch ohne Nutzen entgegensetzen wurde." "Glaubt Clementina nur an eine gottliche Vorsehung, und nicht zugleich auch an die vernichtende Einwirkung des Teufels, so hat sie doch nur eine halbe Religion, das sollten Sie ihr einmal sagen. Unbegreiflich bleibt immer die verhasste Schwache (denn lassen Sie es uns ja nicht Liebe nennen) vieler, ja sogar ausgezeichneten Frauen, fur Menschen, die ihnen in jeder Rucksicht untergeordnet sind; es ist hier nicht das erstemal, dass ich einen liebenswerten, achtungswurdigen Mann gegen einen Wicht habe zurucksetzen sehen. Sollte nicht etwa die Tauschung dabei zum Grunde liegen, dass die Achtung, die sie fur jenen zu haben sich gezwungen fuhlen, ihre Oberherrschaft zweifelhaft macht? oder dass sie die Wurde der Liebe nicht verstehen, und sich ihrer als einer Schwache vor dem Manne schamen, den sie einer gleichen Schwache fur unfahig halten?" "Nichts davon! Keinen andern Grund kann es in diesem liebereichen, unbefangnen Herzen geben, als unbestechliche Treue, die der Hingebung folgt. Der Verfuhrer verstand es, ihre Sinne gefangenzunehmen; sie ahndet nicht die Moglichkeit, wie dieses hatte geschehen konnen, wenn sie ihn nicht liebte. Sie ist unschuldig trotz ihrer Schuld, und ihre Treue hochst achtungswert!" "Lernt sie aber nicht endlich diesen Irrtum verachten, und erkennt die Liebe; tritt an die Stelle der bluhenden Unbefangenheit nicht die Reife der Achtung vor sich selber, die eine liebende Frau nur in der Liebe fur einen hochverehrten Mann findet, so waren es dennoch taube Bluten, oder ein giftiger Tau hat die edle getotet. Und darum ist es Eure Pflicht, sie, wenn auch unter tausend Schmerzen, vom Verderben zuruckzufuhren."

"Und nun sagen Sie mir doch, wie kann Clementina, nach allem was ich von ihr gehort habe, in der grossen Welt leben?" "Schon seit mehrern Jahren lebt sie auch wirklich nicht in der grossen Welt. Sie geht nie in Gesellschaften; schon ihre fortdauernde Kranklichkeit leiht ihr einen Vorwand sich davon auszuschliessen; doch ist ihr Haus immer der guten Gesellschaft offen, auch Fremde besuchen sie; der feine zwanglose Ton, der in ihrem Hause herrscht, macht, dass es von allen gesucht wird. Die Unterhaltung der Grafin ist leicht, und geistreich, durch diese allein ahndet man in der Gesellschaft die Frau von ausserordentlichen Gaben. So oft sich Gelegenheit zeigt, gibt sie Konzerte und Balle, wo sich immer eine Menge junger Leute einfinden, deren Vergnugen durch nichts, was die ernste Stimmung der Wirtin verraten konnte, gestort wird. Sie zieht sich freilich immer sehr bald in ihr einsames Zimmer zuruck, aber ohne im geringsten die Lust zu unterbrechen, so wie sie niemals irgendeine Art von Aufsehen ihrentwegen erlaubt." "Ich denke mir, wie oft diese Gute mag gemissbraucht worden sein, in der Welt!" "Dem ist es auch wohl nur allein zuzuschreiben, dass der Zutritt zu ihr so erschwert worden ist, obgleich sie auf keine Weise argwohnender ward durch den wiederholten Betrug. Die Not der Hulfesuchenden wird jederzeit von ihr selbst gepruft. Dies Geschaft ubertragt sie niemals irgendeinem andern; kann sie nicht selbst prufen, so hilft sie ohne Untersuchung. Ubrigens lebt sie immer allein, obgleich fast stets von Menschen umgeben; auch wusste ich nicht, dass sie eine Freundin hatte, der sie sich mitteilt, ausser Eleonoren. Da der erste Eindruck gewohnlich fur sie entscheidend auf das ganze Leben bleibt, und sie wohl erfahren haben muss, dass kein Rasonnement und keine Vernunft stark genug ist, diesen jemals bei ihr zu vertilgen, so macht sie so selten als moglich neue Bekanntschaften, und hutet sich gleichsam vor jedem neuen Eindruck. Sie konnen es als einen ganz besondern Vorzug ansehen, dass sie Sie zu sprechen wunscht."

Sie sprachen nun noch manches uber Eduard und Juliane sowohl als uber Betty. Was Florentin an diesem Tage uber den verworrnen Zusammenhang ihres Betragens so unzusammenhangend gehort und gesehen hatte, ging ihm wild durcheinander im Kopfe herum. "Dies sind also", rief er aus, "die zarten Verwirrungen der feinen Verhaltnisse und der tugendhaften Missverhaltnisse der gebildetsten Welt! O alle ihr Vortrefflichen, Auserkornen, ihr wisst doch mit euren angestrengtesten Kraften nichts anders zu tun, als die zahllosen Plagen zu erleichtern, die ihr euch selbst einander zufugt! Unter meiner plumpen Hand aber zerrisse dies kunstlich gefugte Gebaude, dessen Turme sich prahlend in die Wolken heben, wahrend sein Fuss im Treibsande wankt. Mochte es mir nur einst gelingen mir eine niedre, feste Hutte zu erbauen, die Sturm und Wogen trotzt, und auch dem Rutteln meiner eignen mutwilligen Hand widersteht!" "Und wo", fragte der Doktor lachelnd, "suchen Sie Boden zu diesem Wunderhuttchen?" "Gewiss nicht hier, nicht von den wurmzernagten Splittern der feinen Welt gedenke ich es mir zusammenzubetteln." "Ruhig lieber Florentin, wer gedenkt sie Ihnen aufzudringen? Die feinere Ausbildung lasst sich mit jenem geheimnisvollen Berg vergleichen, von dem die Dichter unter dem Namen Venusberg viel Wunderbares erzahlen. Berauscht von einer susstonenden Harmonie, sagen sie, wird man hineingezogen; wer am Eingange stehenbleibt, ahndet nichts als Schrecknisse in der Verworrenheit, die sein Blick nicht zu durchdringen vermag; wer aber unerschrocken vordringt, der findet ewige Freuden; und wer sich voll Ungeduld wieder hinauszusehnen vermag, findet doch sonst nirgend Ruhe, und unaufhaltsam zieht der Zauber ihn wieder zuruck." "Nun mir scheint dieser Zauber doch in nichts zu liegen, als im Hochmut sich so gern etwas gar Grosses zu dunken. Dies ist der Rausch, der ihre Sinne gefangenhalt, dass sie in die schwindelnde Tiefe wieder zuruck mussen, und in der freien Welt sich nicht zu finden wissen, wo jeder gleicher Rechte sich erfreut, und niemand sich uber den andern erheben darf." "Nun sehen Sie, so ist es doch nur anders maskierter Hochmut, der es Ihnen so verleidet, unter den Emporstrebenden zu existieren." "O guter Gott, es mag wohl sein, nichts ist ansteckender als das Bose! Doch soll es mir wohl noch gelingen, die schlechten Gewohnheiten wieder abzustreifen." "Ich sehe, es ist heute nichts mehr mit Ihnen anzufangen, Sie sind bitter." "Das noch nicht! Wo ist der Tor, der auf ein sicheres, dauerndes Lebensgluck rechnet? Aber lassen Sie es mich Ihnen gestehen: Bettys Schicksal und das Ihrige, das ich so deutlich vor mir sehe, das von Eduard und Juliane, was ich nur ahnde, es hat mich verwirrt und betrubt. Aus welchen losen Faden ist der Traum eures Glucks gesponnen!" "Es lebt dafur in unsrer Seele etwas, das, dem ungebildeten Menschen fremd, uns uber jeden Gluckswechsel erhebt!"

"Nein, Siegen oder Untergehen!" rief Florentin aus, als er allein war. Und doch hatte die freudige Gelassenheit, mit der der Doktor die letzten Worte gesprochen, etwas in ihm erregt, das ihn nachdenklich machte. Am Ende blieb er aber freilich dennoch uberzeugt: dass er seinem jetzigen Plane folgen musse; dass es fur ihn keine andre Tatigkeit gebe, als in einem neuen Leben das zu vergessen, was ihn im alten gequalt hatte. Jene Ahndung war auch noch nicht aus seinem Herzen geflohen: er musse in der Welt einen Aufschluss uber seine Bestimmung und seine Geburt aufsuchen.

Den andern Tag, wahrend der Doktor seine Geschafte in der Stadt verrichtete, war Florentin allein zuruckgeblieben, weil er ohne Not nicht gern dort verweilen mochte. Der Doktor schickte ihm sein Pferd und seine ubrigen Sachen aus dem Gasthof, und kam zum Mittagsessen selbst wieder zu ihm hinaus. Er erzahlte ihm: Walter habe den Morgen schon einigemal im Gasthofe nach ihm fragen lassen;... "was wird er wollen?" "Vielleicht eine Ausfordrung", sagte Florentin. "Leicht moglich, dass er sich von Ihnen beleidigt halt!" "Sie sehen", sagte Florentin, indem er auf seinen Degen zeigte, "ich habe eine Vorbedeutung gehabt. Die Uniform ist uberhaupt gar nicht ubel; gewisse Menschen haben Respekt vor einer Uniform, weil diese das einzige ist, wodurch sie selbst sich Respekt zu schaffen wissen."

Wahrend sie noch am Tisch sassen, kam folgendes Billett:

"Florentin wird es nicht vergessen haben, dass er zur Musik abgeholt wird. Die Tante freut sich sehr, ihn diesen Abend zu sehen. Bereiten Sie ihn darauf vor, lieber Freund, dass er Waltern hier finden wird, und bitten Sie ihn in meinem Namen, des gestrigen fatalen Auftritts nicht weiter zu gedenken. Es war ein Missverstandnis. Walter hat seinen Irrtum eingesehen, und es wird nur auf Florentin ankommen, dass uns der Abend Friede und Freude bringt.

Betty."

"Es war also eine Aussohnung!" sagte Florentin. "Ich traue dem nicht so ganz", sagte der Doktor; "wegen einer Aussohnung hatte er sicherlich nicht so oft nach Ihnen fragen lassen." "Ich wollte nur, Betty ware nicht dabei zu schonen, mir ist er im innersten Herzen fatal." "Lassen wir ihn jetzt. Die Grafin ist heiter und sehr wohl; ich musste ihr viel von Ihnen erzahlen, sie horte jedes Wort mit ganz besonderem Interesse an. Es sind auch Briefe vom Schloss diesen Morgen gekommen. Juliane und Eduard befehlen Ihnen ja hierzubleiben, bis sie herkommen." "Wollen sie kommen? Wann?" "Vielleicht noch heute, in den nachsten Tagen aber gewiss."

Achtzehntes Kapitel

Am Eingange des Hauses ward Florentin nach einem Seitenflugel gewiesen. Er trat in einen hochgewolbten Gang; zwischen den Saulen gingen mehrere Personen still hinauf, nach dem Ende des Ganges, wo sich eine grosse Flugelture offnete. Es war alles feierlich ernst; die Schritte hallten von dem Boden wider; die Idee eines Wohnhauses war verschwunden, es war der Eingang zum Tempel. Jetzt offneten sich die Flugelturen fur ihn, ein hoher Dom umfing ihn. Er horte noch die letzten Worte der Messe, die Versammlung erhob sich von ihren Knien, einige einzelne verweilten noch in tiefer Andacht.

Der Orgel gegenuber befand sich ein Monument. Florentin ging naher hinzu, um es zu betrachten. Auf einem Sarkophag ruhte ein Genius in Gestalt eines Kindes, die Fackel entsank verloschend seiner Hand; es war nicht gewiss, ob er tot oder schlafend abgebildet war. Auf den Seiten des Sarkophags zeigten sich in halb erhobener Arbeit die Horen, die traurend, mit verhulltem Angesicht, eine nach der andern hinschlichen; uber dem Monument befand sich das Gemalde der heiligen Cacilia, der Beschutzerin der Tonkunst und Erfinderin der Orgel. Florentin erschrak fast, als er seine Augen zu dem Bilde aufhob; es war die gottliche Muse, die in lichter, freudenreicher Glorie des grossen Gedankens, uber Tod und Trauer siegend schwebte.

Das Gemalde jener heiligen Anna, das ihn, als er es zuerst gesehen, so ergriffen hatte, war nur ein schwacher Abglanz dieser Herrlichkeit. Im Anschauen verloren, vergass er es vollig, dass es Clementinens Portrat sei, von dem er schon soviel gehort hatte. Nichts was an Menschen und Menschenwerk erinnert, war seiner Seele dabei gegenwartig, nie hatte er die Gottlichkeit der Musik so verstanden, als vor diesem Angesicht.

Die Sonne warf im Untersinken noch einen blendenden Strahl durch die hohen Fenster, die weissen Kerzen schimmerten blass hindurch, alle Gegenstande leuchteten auf eine seltsame Weise, und bewegten sich wie Geister. Der Strahl fiel gerade auf das Gesicht der heiligen Cacilia; Farben und Zuge waren verschwunden, es war nur ein blendender Glanz; Florentin hatte in die Knie sinken mogen vor dieser Herrlichkeit.

Die Betenden standen auf: zuletzt erhob sich langsam von den Stufen des Altars die Grafin Clementina. Es war eine edle schlanke Gestalt, etwas uber die gewohnliche Grosse. Ein schwarzes glanzendes Kleid floss in reichen Falten bis zu ihren Fussen herab, und bedeckte die Arme bis zur weissen, feinen Hand. Auf der linken Seite trug sie ein Kreuz von Diamanten; ein langer schwarzer Schleier verhullte Kopf und Haare, so dass man nur die erhabene Haltung wahrnehmen konnte, auch das Gesicht war ganz davon verdeckt; in der einen Hand, die sich auf Betty stutzte, hielt sie ein weisses Tuch, die andre trug herabhangend eine Rolle. So wankte sie, sichtbar ermattet, vor Florentin voruber, ohne ihn wahrzunehmen, ihre Augen blieben fest am Boden geheftet. Neben dem Monument war ein halb vergitterter Sitz, dort setzte sie sich; Betty und einige junge Madchen, die ihr gefolgt waren, bemuhten sich geschaftig um sie her; diese entfernten sich, und Clementina blieb allein. Sie hatte ihren Schleier aufgeschlagen, und sah die Blatter durch, die nun aufgerollt vor ihr lagen. Ihr Gesicht zeigte mehr als Reste ehmaliger erhabener Schonheit; die Zuge standen im reinsten, edelsten Verhaltnis, aber eine Marmorblasse bedeckte sie. Waren ihre Augen unter den schongewolbten Lidern gesenkt, so schien sie mit der leuchtenden Stirn, den bleichen, mit den Spuren des Grams nur leicht gezeichneten Wangen, und den feinen, fest geschlossnen, farblosen Lippen, nicht mehr dem Leben dieser Erde zu gehoren. Aus diesen Zugen schien das Leben entwichen und ganz nach den grossen Augen entflohen zu sein, die in ihrem schwarzen nachtlichen Glanze, wenn sie sie langsam erhob, wie einsame Sterne durch den umwolkten Himmel funkelten.

Florentin konnte die seinigen nicht von ihr abwenden, sie bemerkte ihn aber nicht, war auch uberhaupt bloss mit den Blattern beschaftigt und sah sich nach niemand um. Indem er sie aber immer scharfer ansah, dunkten ihm ihre Zuge je langer je mehr bekannt. Die Szenen seiner Kindheit wurden wieder lebendig vor ihm; die Erinnerung an Manfredi drangte sich ihm besonders wieder auf, und alle Begebenheiten jener Zeit.

Nach einer kurzen feierlichen Stille erschollen wie vom Himmel nieder die Stimmen der unsichtbaren Sanger! Begleitet von den Tonen der allmachtigen Orgel schwoll der Gesang des heiligen Chorals in tief ausstromenden Akzenten, walzte sich an der hohen Kuppel hinauf, und zog die Andacht des tiefsten Herzens wie in einer Weihrauchsaule mit sich zum Himmel auf. Wie zum ersten Male horte Florentin diese himmlische Musik wieder, die er in seiner Jugend so oft gehort zu haben sich erinnerte. Niemals hatte er aber sich so davon durchdrungen gefuhlt als jetzt. Er wusste nicht, ward sie hier vollkommner noch ausgefuhrt, oder war sein Gemut empfanglicher dafur geworden?

Der schwebende Nachhall des Chorals erstarb in einen leisen Hauch; da erscholl die Posaune durch Herz und Gebein rufend, und nun begannen die Chore bald abwechselnd sich einander antwortend, bald vereinigt vom Aufruf einer einzelnen Stimme geweckt, zur machtigen, alles mit sich fortreissenden Fuge anzuwachsen, bis Himmel und Erde in den ewigen, immer lauter werdenden Wirbel mit einzustimmen schienen, und alles wankte und bebte und zusammenzusturzen drohte. Die Brust des Knaben auf dem Sarkophag schien sich vom gewaltigen Gesange zu heben; staunend erwartete Florentin, er wurde sich aufrichten und seine Stimme mit einmischen in die Stimmen der ganzen Welt fur die Ruhe der Seelen, und mit der heiligen Cacilia, die ihre Lippen zu offnen schien, beten fur die Erlosung der Bussenden.

Clementina war wie in Entzuckung gehoben; ihre Augen ruhten entweder auf der Rolle, die sie rasch umblatterte, oder sie wendete sie glanzend freudig in die Gegend, wo die Stimmen der Sanger herabkamen; dann ruhte sie wieder wie verloren in sich selbst, sanfte Tranen gleiteten langsam uber das heilige Gesicht herab, die sie weder zu hemmen noch zu verbergen bedacht war.

Florentin war aus der Menge ihr gegenuber getreten, um sie genau mit der heiligen Cacilia vergleichen zu konnen, zu der sie in ihrer Begeistrung ein wahrhaftes Urbild war. Die Musik war beinah zu Ende; zu Anfang des herrlichen sanft aushauchenden Schlusschors kam Betty wieder zu Clementinen, die ihr einige freundliche Worte sagte. Betty sah sich hierauf in der Versammlung umher; da sie Florentin erblickte, grusste sie ihn freundlich. Clementina schien sie etwas zu fragen, worauf jene eine bezeichnende Bewegung mit der Hand machte, gegen Florentin. Clementina stand auf und suchte ihn mit den Augen; zufallig wichen einige vor ihm Stehende zuruck, so dass er deutlich vor ihr stand. Einige Augenblicke blieb sie, weit hervor sich beugend, in derselben Stellung, ihre Augen fest mit sichtbarem Erstaunen auf ihn geheftet; eine schnelle Rote uberflog den Marmor ihres Gesichts, dann erblasste sie wieder, ihre Augen schlossen sich, und sie sank ohnmachtig zuruck. Betty fasste sie in ihre Arme, einige andre eilten ihr zur Hulfe, sie wurde hinausgetragen, Betty folgte. Bald darauf war auch die Musik geendigt, deren Schluss Florentin nicht vernommen hatte. Betaubt eilte er hinaus und in den Garten.

Der Abend senkte sich dammernd nieder. Der grosse Garten war voller Menschen. Frohliches Lachen und muntere Gesprache ertonten von allen Seiten. Auf dem Rasen tummelten sich liebliche Kinder; hier sass eine Gruppe, die zu einer Gitarre sang; dort waren andre um eine Flasche Wein versammelt. Auf den versteckteren Platzen im dichteren Gebusch wandelten liebende Paare in susser Vertraulichkeit; der ganze Garten war ein frohliches liebliches Bild eines kummerfreien vergnugten Lebens, fur jedes Alter und jedes Gemut.

In einer andern Stimmung ware Florentin dieser Anblick hochst erquickend gewesen; jetzt suchte er aber einen einsamen Ort, um sich zu sammeln; er war unruhig und zerstreut. Warum, dachte er, warum ist diese Clementina und alles was sie umgibt, grade mir wie eine Erscheinung, da sie doch unter den ubrigen Menschen wie eine langst bekannte Mitburgerin wandelt? Warum wird jede ferne Erinnerung wieder wach in mir? Was tut sich die Vergangenheit, dies langst verdeckte Grab, gegen mich auf? Warum kann ich nicht mit den andern des gegenwartigen Augenblicks froh werden? Er suchte endlich dem Eindrucke der Musik die Unruhe zuzuschreiben, die immer noch in seiner Seele widerhallte.

Aus dem geoffneten Gartensaal kam ihm der Doktor entgegen. "Die Grafin ist erst jetzt wieder zu sich gekommen", sagte er, "und ist noch sehr ermattet. Die Anstrengung war zu gross fur sie. Da ihr jede Bewegung und auch das Sprechen untersagt ist, so hat sie mir aufgetragen, sie bei Ihnen zu entschuldigen, dass sie nicht zur Gesellschaft herunterkommt; sie ist heute nicht imstande, Sie zu sehen, sie hofft, Sie wurden noch einige Tage langer hier verweilen." Hier kamen Betty, der Rittmeister und noch einige andre zu ihnen. Der Doktor entfernte sich, die Grafin hatte ihn zu sprechen verlangt.

Dem Rittmeister schien sein Versprechen, sich gesitteter gegen Florentin zu betragen, entweder zu reuen, oder unmoglich zu halten, er war widerwartiger als jemals gegen ihn. Wahrend Betty zu erwarten schien, dass es zwischen ihnen zu einem Gesprach kommen sollte, fing der Rittmeister an in seiner gewohnlichen Manier Florentin um seine Uniform zu befragen; dieser antwortete kurz ab, mit sichtbarer Verachtung. Endlich stand Walter auf und ging mit den andern in eine Ecke des Saals, wo er auf eine beleidigende Weise bald halb laut mit ihnen flusterte, dann uberlaut lachte. Die arme Betty war wie auf Kohlen. "Ich kenne Sie heute gar nicht", sagte sie leise zu Florentin, "wie zeigen Sie sich so widerspenstig?" "Das nicht", sagte er, "aber auf der Folter bin ich; dieser Walter und ich sind notwendig Feinde. Auch weiss ich selbst nicht, wie ich verstimmt bin; erst die Musik " "Sie scheint Ihnen also keinen angenehmen Eindruck gemacht zu haben?" fragte sie, ihn laut unterbrechend. "Sie missverstehen mich, Betty!" Er suchte die unangenehme, druckende Gegenwart der ubrigen zu vergessen, und erzahlte ihr ganz so, wie er es fuhlte, und als ob er allein von ihr gehort wurde, den Eindruck, den die erhabne Musik auf ihn gemacht hatte. "Fragen Sie mich um keine einzelne Stelle", fuhr er fort, "deren entsinne ich mich keiner einzigen; aber mein Gemut war gelost von allem Kummer dieses Lebens. Wie auf Engelschwingen fuhlt' ich mich durch die allmachtigen Tone der Erde entnommen und sah eine neue Welt sich vor meinen Augen auftun." Walter kam hier wieder zu ihnen und storte die Unterredung und Florentins Begeisterung. Man sprach von andern Dingen, und zuletzt vom Monument in der Kapelle. Florentin erkundigte sich nach der Veranlassung. "Die Tante", sagte Betty, "hat es, soviel ich weiss, nach ihrer Angabe fur sich verfertigen lassen, das ist aber schon sehr lange her, vielleicht noch eh' ich geboren ward. Es ist ihr heilig, eine nahere Veranlassung hat sie aber keinem von uns mitgeteilt." "Schade nur", rief der Rittmeister, "dass die ganze Stadt von dem heiligen Geheimnis sehr wohl unterrichtet ist." "Ich weiss nicht, was Sie damit sagen wollen?" sagte Betty schuchtern. "Wie sollten Sie das wissen konnen, Liebe?" erwiderte er; "es ist ja auch schon, wie Sie selber bemerkten, eine sehr alte Geschichte." Betty schien aufgebracht und verlegen wegen dieser Ausfalle. Sie ist gerettet, dachte Florentin, wenn sie erst zum deutlichen Gefuhl, sich seiner zu schamen, zu bringen ist! Er fragte nun absichtlich nach manchen Dingen, die sie interessieren mussten, und liess sich geduldig vom Rittmeister durch boshafte, witzig sein sollende Anmerkungen, hamische Verdrehungen und unmassiges Lachen unterbrechen. Ihm war es recht, je mehr jener sich selbst herabsetzte. Betty sprang endlich ungeduldig auf, nahm Florentin am Arm, und lief nach dem Garten hinaus; die ubrigen folgten, Walter mit sichtbarem Grimm.

Es war stiller in dem Garten geworden, nur einzelne Personen wandelten in der Entfernung in den hohen Gangen, bis auch diese sich allmahlich verloren. Sie stiegen eine Terrasse hinauf, die mit hohen Baumen besetzt war, und dem Hause gegenuber den Garten am Ufer des Sees begrenzte. In der Mitte der Terrasse stand ein kleiner runder Tempel auf weissen Marmorsaulen mit Rosen- und Jasminbuschen umgeben. Von hier hatte man die freie Aussicht uber den jenseits liegenden, bekannten See, mit seinem Kranz von wohltatigen Pflanzungen. Daruber hinaus ging der Blick in weite Ferne, bis dunkel am Horizont das blauliche Gebirge ihn begrenzte. Der Mond stieg eben herauf, und schien eine hochrote verzehrende Flamme durch die fernen Dunste, bis er sich plotzlich vollig hinaufgeschwungen hatte, und rein und silberhell seine Bahn betrat.

Tief im Herzen ward nun Florentin die Gegenwart der rohen Gesellen zuwider. Anfangs war er zwar willens gewesen, sich mit ihnen zu belustigen, aber er war es nicht imstande. Im Freien, in einer schonen Gegend, dunkten ihm verhasste Personen noch verhasster als im Zimmer.

Er erkundigte sich bei Betty, ob der Garten immer, so wie heute, fur jedermann frei ware? "Immer", sagte sie; "hier ist der beliebteste, besuchteste Spaziergang der Einwohner, und der liebe Spielplatz der Kinder. Man kommt und geht, wenn man will, und jeder geniesst der unumschranktesten Freiheit." Einer von den Begleitern bezeigte seine Verwunderung, dass die Grafin weder Beschadigung noch Unordnung befurchtete bei dieser allgemeinen Freiheit. "Missbrauch der Freiheit, sagt die Tante, ist bei weitem nicht so sehr zu befurchten, als Schadloshaltung fur den Zwang! Sei es nun dies oder die allgemeine Achtung und Liebe fur sie, kurz es ist noch niemals etwas Verdrussliches vorgefallen, soviel ich weiss." "Es kommt darauf an", fuhr Walter wieder dazwischen, "was man so dafur annehmen will oder nicht, gegen gewisse Dinge dieser Art ist man auch ziemlich nachsichtsvoll." "Ist denn", fing Florentin wieder an, "der Grafin die Menge niemals lastig? Sehnt sie sich niemals nach einer einsamen Stille? Im Garten, dachte ich, musste man diese gern suchen." "Nein, sie liebt es, grade hier viel frohliche Menschen zu sehen und zu begegnen. Recht einsam, sagt sie, bin ich doch nur in meinem Zimmer; die Hauser sind ursprunglich erfunden, sich von den andern abzusondern. Was mich im Freien umgibt, was ich dort sehe und empfinde, lasst mich von selbst nicht einsam sein. Der Aufenthalt im Freien, sagte sie auch einmal, hatte fur sie eine gewisse Zauberkraft; die Geliebten stehen ihr hier naher und die Beschwerlichen entfernter." "Das heisst", unterbrach sie der Rittmeister: "die alte Dame braucht Gesellschaft. Sie selber hat weder zu verlieren noch zu furchten, wenn der Garten von Menschen allerlei Art wimmelt, und fur die jungen Damen im Gefolg ist es sehr erwunscht." "O Walter! Sie wissen nicht was Sie sprechen", rief Betty aus. "O Betty!" rief er, sie parodierend, "Sie werden nie die Augen offnen!" Betty verbarg ihre hervorstromenden Tranen in ihrem Tuche; und schluchzte endlich laut, da er nicht aufhorte, sie zu argern. Florentin ward dies zuviel, er verwies ihm mit Massigung sein Betragen; Walter aber, der es nur zu erwarten geschienen, dass dieser sich mit einmischen sollte, fragte ihn mit trotzigem Hohn: ob die irrende Ritterschaft wieder erstanden sei, den beleidigten Jungfrauen Schutz zu gewahren? So kam es zu beleidigenden Reden und Antworten hin und her, denn Florentin hielt sich langer nicht. Bis zur Wut gereizt zog Walter den Degen, und rief jenem zu, sich zu verteidigen. Betty schrie laut auf vor Entsetzen. "Nicht hier, Herr Rittmeister", sagte Florentin; "Sie vergessen, was Sie diesem Orte schuldig sind! Kommen Sie, Fraulein, ich fuhre Sie nach dem Hause; Sie, Herr Rittmeister, erwarten morgen fruh Nachricht von mir." "Nicht hier von der Stelle, feiger Schurke!" rief der tolle Walter, "nicht von der Stelle! Ich lasse hier mein Leben oder " Den andern, die ihn zuruckzuhalten suchten, befahl er drohend, sich ruhig zu verhalten, und so drang er voll Wut auf Florentin ein, dieser musste sich zur Wehr setzen. Nach einigen Gangen, da Walter trotz seiner uberlegenen Starke, im Nachteil gegen Florentins Gewandtheit kam, der sich geschickt und gelassen bloss verteidigte, fuhrte er mit hamischer Wut einen Streich gegen das Gesicht seines Gegners, der, wenn er ihm gelungen ware, ihn aufs Leben unglucklich gemacht hatte. "Bube!" rief Florentin, dem die boshafte Absicht nicht entging; und im Moment hatte er durch eine kuhne, geschickte Wendung ihm den Degen aus der Hand gewunden und in Stucken gebrochen zu seinen Fussen geworfen.

Betty war, sobald der Kampf begann, nach dem Hause zuruck mehr geflogen als gelaufen, unaufhorlich nach Hulfe rufend. Durch den Garten kam sie, ohne jemand zu begegnen; die Bedienten, die sie unten im Hause fand, liefen sogleich, ohne zu wissen, was sich zutruge, ihrer Bezeichnung nach, in den Garten. Unaufgehalten flog sie die Treppe hinauf, und sturzte, immer noch nach Hulfe rufend, bleich, atemlos, mit herunterhangenden Haaren, in Clementinens Zimmer, die eben eingeschlummert war. Der Doktor sass lesend in einer Ecke des Zimmers. Clementina fuhr erschrocken auf, der Doktor eilte herzu, Betty sank ohnmachtig an Clementinens Ruhebett nieder. "Im Tempel ... im Garten ..." rief sie, als sie wieder zu sich kam, mehr brachte man nicht von ihr heraus, ihre Sinne waren wie verwirrt vom Entsetzen. "Eilen Sie hin, lieber Freund", sagte Clementina; "sehen Sie selbst nach, was dem unbesonnenen Kinde widerfahren sein mag." "Walter ... Florentin ... " rief Betty wieder, noch ausser Atem. "Um des Himmels willen", rief Clementina, "eilen Sie, eilen Sie!"

Man hatte in der Verwirrung nicht darauf geachtet, dass ein Wagen rasselnd vorgefahren, und ein blasender Postillion gehort wurde. Jetzt offnete sich die Ture; Juliane und Eduard traten herein. "Was ist hier? um Gottes willen!" rief Juliane, indem sie bei Clementina niederkniete. "Warum haben wir niemand im Hause gefunden?" rief Eduard, "was geht hier vor? welche Verwirrung!" Der Doktor wiederholte ihnen Bettys Ausruf. "Walter haben wir hier nicht weit vom Hause stehen, und mit einigen andern heftig sprechen horen; ich irre nicht, es war Walter." "So ist er nicht tot?" rief Betty. "Tot? Wie das?" "Und Florentin?" fragte Clementina. "Ist Florentin noch hier?" rief Eduard wieder.

"Mein Kind! mein gutes Madchen!" sagte Clementina, und kusste die sich fest an sie schmiegende Juliane. "Musst ihr, meine Lieben, gerade jetzt erscheinen " "O, lieber Doktor", unterbrach Betty sie mit Ungeduld, "es kommt noch niemand zuruck, wollen Sie nicht in den Garten gehen? auf der Terrasse." Er ging, die andern drangen in Betty, den Vorfall zu erzahlen. "Es gab ein Gefecht zwischen den beiden, auf das ubrige muss ich mich erst besinnen, jetzt weiss ich nichts, gar nichts." Sie kniete neben Juliane vor Clementina nieder, und weinte uber ihre dargebotene Hand. "Fasse dich nur, du heftiges Kind", sagte Clementina beruhigend, "geh jetzt auf dein Zimmer, und versuche es, etwas ruhiger zu werden." "O nein, Tante, schicken Sie mich nicht fort, ich kann nicht allein bleiben, ich furchte mich." Die Bedienten kamen hier zuruck, die zuerst auf Bettys angstliches Hulferufen in den Garten geeilt waren. Sie hatten den ganzen Garten durchsucht und niemand gefunden, es war alles ruhig. "So konnen wir es ja auch wohl sein furs erste", sagte Clementina, "es wird sich alles aufklaren. Und nun, meine teuren Gaste, sagt mir, wie kommt ihr so unerwartet und doch so langst erwartet?" "Wir gedachten Sie eigentlich auf eine ganz andre Art zu uberraschen, als es uns gelungen ist", sagte Juliane. "Wir wollten noch zur Musik hier sein, wollten uns unbemerkt unter die Zuhorer mischen, um zu sehen, ob Sie uns herausfinden wurden. Es zerbrach aber etwas an unserm Wagen, wir mussten uns einige Stunden aufhalten, die Freude war verdorben, und beim Eintritt fanden wir uns mehr uberrascht, als Sie selbst. Aber, liebe Tante, wir kommen auch eigentlich mit darum, um die Eltern und die Kinder zu melden, sie werden gewiss in wenigen Stunden hier sein." "So musst ihr mich jetzt verlassen, ihr Lieben, ich muss nun zu ruhen suchen, um auf die Freude des morgenden Tages gestarkt zu sein." "Erst Ihren Segen, Tante, eh' wir Sie verlassen! Segen fur uns!" "Gott segne meine lieben Kinder! Mogt ihr nie die Leiden der Liebe erfahren! Gott segne euch!" Eduard war uber ihre Hand gebeugt, Juliane hob ihre Augen zum Himmel, um Erfullung des segnenden Wunsches zu erflehen; Betty weinte, ihr Gesicht mit beiden Handen verdeckend.

Eduard ging dem Doktor im Garten nach; da sie nun daselbst alles still fanden, so gingen sie von der andern Seite der Terrasse am See hinunter, und suchten an dem bestimmten Ort den Kahn, der zur Uberfahrt immer bereit war; da sie ihn aber nicht fanden, vermuteten sie sogleich, dass Florentin sich nach dem Hause des Doktors ubergesetzt hatte. Sie eilten zuruck, liessen anspannen, und fuhren hinaus. Florentin war nirgends zu finden.