Caroline Auguste Fischer
Gustavs Verirrungen
Ein Roman
Man erzahlt uns oft, was die Menschen s i n d ; man beschreibt uns noch ofter vielleicht ein wenig z u o f t w i e s i e s e y n s o l l e n ; aber man sagt uns, wie mich dunkt, noch immer nicht o f t g e n u g : a u f w e l c h e W e i s e sie das w e r d e n , w a s sie sind.
Ist diese letzte Bemerkung richtig, so hoffe ich, sie werde eine Entschuldigung fur die Herausgabe des gegenwartigen kleinen Romans enthalten.
Erstes Buch
Erstes Kapitel
Ich war achtzehn Jahr alt, und die ganze Welt lag wie ein Paradies vor mir. Meine Familie, meine Figur, mein Vermogen, alles versprach mir die glanzendsten Aussichten.
Meine Aeltern waren sehr fruhzeitig gestorben, und ich wurde bey einer Tante erzogen. Sie war seit vielen Jahren Wittwe und ausserordentlich reich. Meine Vormunder hatten mich ihr ganzlich uberlassen, und sie machte ihren Abgott aus mir.
Meine Figur war bezaubernd, und ich floss von Gesundheit uber. Ich schien alle Reitze der Jugend und die ganze Kraft eines Mannes zu haben. Aber mein Temperament war noch unentwickelt, und ein rasches Pferd war mir lieber, als alle Madchen in der Welt.
Doch die Natur blieb ihrem Plane getreu, und mein ganzes Wesen verwandelte sich. Ein neues Blut schien meine Adern zu durchstrohmen, ein neues Herz in meiner Brust zu klopfen. Alle Bilder des Lebens schienen mir gleichsam aus der Dammerung hervorzutreten, und eine Menge unbekannter Empfindungen wachten plotzlich in meiner Seele auf.
Ohne zu wissen, was mir fehlte, fing ich an eine Leere, eine Unruhe, eine Sehnsucht zu fuhlen, die mich unglucklich machte. Alle meine vorigen Beschaftigungen, alle meine bisherigen Vergnugungen konnten mich nicht mehr befriedigen. Alle meine Gedanken und Empfindungen schienen einem geheimnissvollen Ziele zuzufliegen, und alle Pulse meines Korpers klopften demselben mit Ungeduld entgegen.
Plotzlich fingen die Weiber an mir interessant zu werden, und es bedurfte nur eines Gegenstandes, um diese unbestimmte Neigung zu entwickeln.
Zweytes Kapitel
Der gluckliche Zeitpunkt war naher, als ich dachte.
Eine halbe Stunde von unserm Guthe lag ein Stadtchen, das von jeher sehr viel Anziehendes fur mich gehabt hatte. Oft fand ich mich mitten zwischen den kleinen reinlichen Hausern, ohne zu wissen, wie ich dahin gekommen war. Traumend ging ich dann in den Gasthof, liess mein Essen unter die grosse Linde bringen, und bezahlte der dicken Wirthin gern die doppelte Zeche; wenn sie mir nur erlaubte, so wenig als moglich auf ihr Geschwatz zu antworten.
Nein, man sage, was man wolle! es giebt Ahnungen. Unter dieser Linde .... doch welch eine Ausschweifung! Zuruck: zu dem schonsten Abende meines Lebens!
Es war ein Mayabend. Ich drangte mich mit meinem Pferde durch duftende Hecken, und jeder Athemzug vermehrte die Lebensfulle, die meine Brust mit schmerzhaftem Entzucken hob. Achtzehn Jahre und der May! was brauche ich mehr zu sagen?
Schon erblickte ich die Linde; aber es war nicht mehr die sehnsuchtige Traumerey, die mich vormals bey ihrem Anblicke ergriff. Ich zitterte vor brennender Ungeduld, und sprengte mit dem heftigsten Galloppe in den Gasthof hinein.
Da flohen zwey weisse Gestalten vor mir auf die Wiese. Die letzte schlug die kleine Gatterthure schnell hinter sich zu aber wie glucklich! ihr Kleid ward von der Thure festgehalten.
"Ach!" rief sie und ein Engelgesicht strahlte mir entgegen. "Ach!" rief ich und der Zugel sank mir aus der Hand. Ich vergass ihr zu helfen, und sie vergass ihr Kleid, vergass, dass sie fliehen wollte.
Endlich erwachte ich, sprang vom Pferde und eilte die Thur zu offnen. Sie stammelte etwas von Dank und errothete. Ohne zu wissen, was ich that, druckte ich einen brennenden Kuss auf das Kleid, aber plotzlich fuhlte ich es von meinen Lipven entfliehen, und als ich wieder aufblickte, war auch sie verschwunden.
Drittes Kapitel
"Wo bleibst du denn Marie?" rief eine Stimme hinter der Laube "Marie!" wiederholte ich und streckte meine Arme sehnsuchtsvoll nach der Laube aus. Aber wie? sah, horte mich auch jemand? der Gedanke trieb mir alles Blut in die Wangen, ich hatte nicht den Muth der Stimme zu folgen, und schlich traumend zu meiner Linde zuruck.
Die dicke Wirthin hatte mich schon erwartet und kreischte mir nun zartliche Vorwurfe wegen meines schnellen Reitens entgegen. Aber ob ich mich gleich dem Streicheln ihrer unsaubern Hande Preis gab; so konnte ich doch keine befriedigende Nachricht wegen der Frauenzimmer von ihr erhalten. Im Gegentheil klagte sie sehr bitter uber ihr geheimnissvolles Wesen, und meinte: es musse da sie eine Wohnung auf dem Lande suchten mit ihrem Stande wohl nicht viel zu bedeuten haben.
"Auf dem Lande!" wiederholte ich, und plotzlich keimte in meinem Herzen die Hoffnung auf. Entzuckt uberliess ich mich diesem Gedanken, und horte nicht mehr auf das Geschwatz der Wirthin. Sie begriff endlich, dass sie keine Antwort mehr von mir erwarten konnte, und liess mich nun mit meinen Planen allein.
Mit welchen Planen! es galt nichts Geringeres als Marien die Wohnung meiner Tante anzubieten. Aber wie? durch wen? nun durch wen anders als durch mich selbst? war ich nicht schon und liebenswurdig? sagte mir meine Tante das nicht taglich? hatten es mir die Blicke der Madchen nicht oft genug wiederholt? und musste ich nicht auf Marien selbst einen vortheilhaften Eindruck gemacht haben? Es war beschlossen: ich wollte sie aufsuchen, und im Fall ich sie nicht fande sie zu sprechen verlangen.
Viertes Kapitel
"Es kann nicht fehlen!" sagte ich und eilte im Fluge auf die Wiese. Aber wo blieb mein Muth und meine Selbstgenugsamkeit als mir die Graziengestalt entgegen kam! ich zitterte so heftig, dass ich genothigt war, mich an einen Baum zu lehnen; und so, mit dem Huthe in der Hand, in der Stellung eines demuthig Bittenden, erwartete ich sie. Was ich sagte? was man mir antwortete? in der That, ich weiss es nicht mehr. Ich fand mich mit einem Mahle unter der Linde, Marien gegenuber. Freilich ward mein Antrag verworfen, freilich ahnete ich den Schmerz, der meiner wartete: aber voll seeliger Trunkenheit in Mariens Nahe, wie hatte eine unangenehme Empfindung die herrschende bey mir werden konnen! Aber jetzt stand Marie auf. "Du siehst sie nicht wieder" dachte ich, und mein Rausch war verschwunden. Mit dem aussersten Ungestum, die Augen unverwandt auf Marien als wollte ich sie damit festhalten gerichtet, ergriff ich die Hand ihrer Begleiterinn. "Ware es moglich Madam" sagte ich mit einem Tone der das Mittel zwischen Befehl und Bitte war "ware es moglich dass Sie mir Ihren kunftigen Aufenthalt verbergen, dass sie mir die Erlaubniss, Sie wieder zu sehen, versagen konnten?"
"Sie vergessen mein Herr" erwiederte sie mit Kalte, "dass man Grunde haben kann, gewisse Dinge zu verschweigen."
Jetzt hatte ich alle Fassung verloren. "Madam" sagte ich; und trat ihr gerade in den Weg "wenn sie einen Augenblick bedenken wollten."
"Was ware hierbey weiter zu bedenken?" antwortete sie empfindlich.
"Ach Madam!" fuhr ich fort "wenn Sie wussten wie sehr."
"Ich weiss! ich weiss mein Herr!" unterbrach sie mich mit einem Lacheln, das mir durch die Seele ging.
"Mein ganzes Schicksal!" rief ich aus.
"Es wird spat mein Herr." sagte sie mit einer Verbeugung, nahm Marien bey der Hand, und da stand ich.
Funftes Kapitel
"Mein Pferd!" rief ich, aus meiner Betaubung erwachend der Wirthinn entgegen und sturmte ohne mich weiter durch ihre Fragen aufhalten zu lassen aus dem Stadtchen hinaus.
Wie heftig erschrack meine gute, schwache Tante, als sie mich blas und entstellt in ihr Zimmer treten sah. Das ganze Haus gerieth in Bewegung. Es wurden Expresse zu dem Arzte und zu dem Chirurgus gesandt, und mir selbst schien es von Augenblicke zu Augenblicke gewisser: dass meine Gesundheit dieser heftigen Erschutterung nicht widerstehen wurde.
Welch ein unerhorter Zufall es war der erste Wunsch in meinem Leben, der nicht augenblicklich erfullt wurde.
"Nein ich dulde es nicht" rief ich aus ich lasse sie mir nicht entreissen! ich will wissen, wer sie ist, wo sie bleibt, und wenn die ganze Welt sich dawider setzte!"
"Wer denn? sagte meine Tante zitternd vor Angst. "Wer denn?" liebstes Kind! ich will ja den Augenblick Anstalt machen. Ach hatte ich doch nur Ludwig nicht weggeschickt!"
"Nicht Ludwig, nicht Sie, kein Mensch kann mir helfen!" rief ich, indem ich mich verzweiflungsvoll auf das Sopha warf und, taub gegen ihre Bitten, in ein langes, murrisches Stillschweigen mich vertiefte.
Endlich sprang ich auf, lief zur Klingel, und schellte so heftig, dass die Fenster klirrten.
"Was befehlen Ihro Gnaden? rief ein allerliebstes kleines Figurchen in einem grunen Corsette zur Thure hinein.
"Ist mein Pferd" hub ich an und mein Ton wurde plotzlich sanfter.
"O ja! unterbrach sie mich indem sie herzhaft vortrat und mir ein paar grosse schwarze Augen entgegenleuchten liess; die keinen Augenblick an ihrer Allmacht zu zweifeln scheinen "Das Pferd ist so eben in den Stall gebracht."
"Der gnadige Herr werden doch wohl nicht wieder ausreiten wollen? das arme Thier schien ausserst ermudet."
Die Figur war mir fremd, dieser zurechtweisende Ton war es noch mehr. Mit einem fragenden Blick wandte ich mich an meine Tante.
"Die neue Kammerjungfer" sagte sie entschuldigend. "Aber" fuhr sie mit einer bittenden Miene fort "liebster Gustav! ware es denn nicht moglich? dass Du vorher etwas ausruhen konntest?"
"Das dachte ich auch" fiel das grune Corsettchen ein, und wurde seine Beredtsamkeit aufs neue geubt haben; wenn nicht meine Tante mit der Hand auf die Thure gedeutet hatte. Jetzt da wir allein waren, und da sie mich in einer mildern Stimmung fand; gelang es ihr, mich zu einer ordentlichen Erzahlung zu bewegen. Wir berathschlagten bis tief in die Nacht und meine Tante entschloss sich, an Mariens Begleiterinn zu schreiben. Sie trug ihr in den schmeichelhaftesten Ausdrucken unser Landguth, und wenn sie dies nicht annehmen wollte, einen sehr angenehmen Meyerhof an, der eine Viertelstunde davon entfernt lag. Noch vor Tagesanbruch ward ein Bothe mit diesem Schreiben abgeschickt, und mit einem Herzklopfen, das mir fast den Athem benahm, horte ich ihn vom Hofe reiten. "Ach!" dachte ich "welch eine Antwort wird er dir bringen?"
Sechstes Kapitel
"Wird es denn nimmermehr Tag werden!" rief ich aus indem ich die Thure des Balkons auseinander schlug und mich trotzig als musse die Sonne meinen Befehlen gehorchen auf das eiserne Gitter lehnte. Aber ach! noch verweilte die Sonne! noch war kein Bothe zu horen. Halb vier Uhr war er weggeritten, jetzt repetirte meine Uhr wie? sollte sie unrecht gehen? erst v i e r !! ach! das begriff ich nun wohl: vor einer Stunde war keine Antwort zu hoffen.
Unmuthsvoll streckte ich mich auf das Sopha, und der junge Despot, welcher vor einigen Augenblicken der Sonne gebiethen wollte; lag nun bald vom Schlummer uberwunden, seiner Starke, wie seiner Schwache sich nicht mehr bewusst.
Als ich erwachte, sah ich meine Tante mit einem offnen Briefe an meiner Seite sitzen.
"Sie haben?" fragte ich und streckte die Hand zitternd nach dem Briefe aus.
"Ja, sie haben es angenommen" fiel meine Tante ein "aber mit einer Bedingung."
"O alle mogliche! alle mogliche Bedingungen" rief ich, und sprang vom Sopha auf.
D i e T a n t e . Es wird dir schwer werden, lieber Gustav aber es ist nun einmahl nicht anders.
I c h . Was? um Gottes willen! was wird mir schwer werden?
S i e . Sie nicht zu sehn.
I c h . Sie nicht zu sehen! wie, haben Sie recht gelesen? sieht das da?
S i e . Lies selbst. Wie ich dir sage: nur unter dieser Bedingung.
"Ach ich bin verloren! ich bin ein unglucklicher Mensch!" Mit diesen Ausrufungen ubertaubte ich jetzt alle Trostgrunde meiner Tante.
Doch endlich legte sich der Sturm, ich fing an mich zu sammeln, und sah nun freilich wohl ein: dass meine Lage bey weitem nicht so hoffnungslos war; als sie es anfangs geschienen hatte, dass sich noch mancher bedeutender Vortheil von Mariens Nahe ziehen liesse, und dass es nichts weniger als unmoglich seyn wurde, sie zu sehen; ohne von ihr gesehen zu werden.
Das unterscheidentste Kennzeichen der e r s t e n , so wie der w a h r e n Liebe vielleicht sind diese beyden Worte gleichbedeutend ist G e n u g s a m k e i t . Es bedurfte nichts als die Hoffnung, Marien sehen und beobachten zu konnen; um den schwarzesten Unmuth durch die beseeligendste Phantasie zu verdrangen.
Den folgenden Abend wollten die Frauenzimmer nach dem Pachtergutchen abgehen: ich eilte daher, mich noch zuvor an dem Anblicke der Zimmer zu laben, welche nun bald alle meine Wunsche in sich schliessen sollten. Meine Tante machte alle Vorkehrungen zur Einrichtung des kleinen Hauses: aber ob ich gleich jetzt zum ersten Mahl etwas der Dankbarkeit ahnliches fur sie empfand; so war es mir dennoch nicht moglich, meine Begierde bis zu ihrer Abreise bezahmen zu konnen, und ich sprengte vom Hofe, noch ehe ihr Wagen vorgefahren war.
Siebentes Kapitel
"Die Kammer linker Hand," hatte mir meine Tante gesagt. Jetzt stand ich in der Kammer.
Ach, Marie sollte sie bewohnen! hier ein Clavier, dort ein Sopha, gegenuber ein grunes, seidnes Bettchen. Lange schon hatte ich es mit trunknem Auge betrachtet endlich wagte ich es, mich zu nahern, die Vorhange zu offnen, und plotzlich von einer Menge unbekannter Empfindungen ergriffen sank ich mit einem Strohme von Thranen darauf hin.
Ach, welche Thranen! gehorten sie dem Schmerze? dem Entzucken? Ihr, die ihr die wahre Liebe kanntet, ihr mogt entscheiden.
Das Gerausch eines Wagens weckte mich endlich aus meinem Taumel. Es war meine Tante, die, mit einer wirklich ruhrenden Sorgfalt nun alles anwendete, das einfache Hauschen zu einem kleinen Elysium umzubilden.
Indessen durchlief ich das ganze Gebieth, umarmte den Pachter, seine Frau, und alles, was mir in den Weg kam, beschenkte die Kinder, liebkosete dem Hunde, lachte und weinte, fragte, und horte keine einzige Antwort. Ach, ich war glucklich, unaussprechlich glucklich! was kann man mehr seyn?
Aber nun kam es darauf an, einen Ort aufzufinden, von welchem aus ich Marie beobachten konnte. Nach langem Suchen fiel meine Wahl auf eine grosse dickbelaubte Eiche, Mariens Zimmer gegen uber. Zwar trennte sie ein Bach von dem Hauschen, aber ich konnte von ihrem Gipfel den Garten und beynahe das ganze Gutchen ubersehen.
Mehr als einmal bestieg ich sie, und berauschte mich in der reinen Lust, die ihre Zweige belebte. Je hoher ich stieg, desto mehr schienen sich meine Empfindungen zu lautern, desto ruhiger klopfte mein Herz, und desto fester ward mein Entschluss: nichts zu thun, wodurch ich mich Mariens Liebe unwurdig machen konnte.
Achtes Kapitel
"Der Wagen! sie kommen, sie kommen!" rief mein Heinrich, den ich auf den Weg geschickt hatte, mir am folgenden Abend entgegen. Mit einem Sprunge war ich aus Mariens Fenster, uber den Bach, und schnell bis zum aussersten Gipfel meiner Eiche hinauf.
Der Wagen hielt, Heinrich offnete den Schlag, und o Gott, wie ward mir! umfasste Marie mit einer unerhorten Dreistigkeit, und hob sie, wie im Triumphe, aus den Wagen.
"Wer ist er, mein Freund?" fragte Mariens Begleiterin, und Mariens Auge ruhte auf der herkulischen Gestalt. Ach, wie mir der Gedanke das Herz zerriss! er war doch noch mannlich schoner, als ich freylich auch ein Jahr alter.
"Ich bin des Pachters Sohn," antwortete er mit einem Anstande, der mich zur Verzweiflung brachte, "der junge Herr und ich wir sind Milchbruder, und nun soll ich ihn begleiten, wenn er auf Reisen geht. Sollte noch irgend etwas fehlen," fuhr er fort, indem er die Hausthur offnete "so will ich bitten, dass Ihro Gnaden mich mit Ihren Befehlen beehren: es wird augenblicklich herbeygeschafft werden."
Jetzt waren sie im Hause, und jetzt kochte mein Blut. Wie viel kostete es mich auf meiner Eiche den Augenblick abzuwarten, wo Marie in ihr Zimmer treten wurde! ach, ein Augenblick, nach dem ich so lange geschmachtet hatte. Endlich offnete sich die Thur, und sollte ich meinen Augen trauen! nur Marie und Heinrich traten herein, und sogleich schloss sich die Thure wieder.
Mariens Blick fiel zuerst auf einen grossen Rosenstrauch, den ich auf ihren Tisch hatte setzen lassen. Sogleich pfluckte Heinrich die schonste Rose davon ab. "Ach, Schade!" rief Marie. "Schade?" wiederholte Heinrich indem er ihr die Blume anboth "o mein Gott! was ware wohl Schade!" und seine grossen, brennenden Augen vollendeten die Ausrufung.
Jetzt trat das andere Frauenzimmer in die Thur, und jetzt konnte ich mich nicht mehr halten. Unvermerkt sprang ich vom Baume, und eilte den Verrather so nannte ich ihn in meinem Herzen aufzusuchen, und ihn augenblicklich zur Rede zu stellen.
Neuntes Kapitel
"Hier her!" sagte ich im gebietherischen Tone, als er um die andere Ecke des Gartens biegen wollte "wer hat dir erlaubt, in Mariens Zimmer zu treten?"
E r . Ihre Tante.
I c h . Das ist eine Luge!
E r . Indem er mich mitleidig ansah "Meynen Sie mich?"
I c h . "Dich!" sagte ich und griff an den Hirschfanger.
E r . Wollen Sie hauen oder schlagen? beydes ware lacherlich; denn ich wette, Sie wissen nicht warum.
I c h . "Bube!" rief ich, und jetzt flog der Hirschfanger aus der Scheide. "Bube, ich werde!"
"Was wirst du, Gustav?" wiederholte er, indem er ruhig vor mich hin trat und plotzlich fiel mir die grosse Narbe in die Augen, die er davon trug, als er mich ich war damals zehn Jahr alt vom Pferde riss, in dem Augenblicke, da ich in Gefahr war, geschleift zu werden.
"Was wirst du?" fragte er noch einmal und ich lag in seinen Armen.
Nein, ich war nicht bose! verzartelt, verzogen, heftig, aufbrausend war ich; keinen Widerspruch konnte ich dulden: darum hatte man auch Heinrich schon vor drey Jahren aus der Gegend entfernt. Aber jetzt, da er, mit so mannichfaltigen Kenntnissen bereichert, zuruckkehrte, so fest und doch so sanft, so mannlich und doch so kindlich sich anschliessend jetzt musste ich ihn lieben.
"Ach, Heinrich!" sagte ich, und druckte ihn fest an meine Brust "Heinrich! was denkst du von Marien?"
E r . Dass sie ein Engel ist, und dass ich sie haben musste, wenn ich sie bekommen konnte, und wenn du sie nicht schon hattest.
I c h . Ach, Gott! ich habe sie noch nicht!
E r . Geduld! Geduld! es wird alles gut werden.
I c h . Ja; aber wann?
E r . Nun das weiss man freylich nicht; aber sey nur ruhig: ich glaube wirklich, sie liebt dich.
"Heinrich," rief ich, und erstickte ihn fast mit meinen Kussen "woher glaubst du das? woher vermuthest du das?
E r . Ey nun, das lasst sich nicht gut sagen! genug das war nicht zu verkennen ihr Auge suchte etwas, was es nicht fand sie war unruhig, und wollte es verbergen. Nun? warum denn mit einem Male wieder so tiefsinnig?
I c h . Aber Heinrich, du gabst ihr doch die Rose warum thatest du das?
E r . Ey, mein Gott! weil ich es nicht lassen konnte.
"O Heinrich!" rief ich erschrocken "also thust du doch manchmal etwas blos weil du es nicht lassen kannst!"
E r . Allerdings! alles Unschuldige, alles, was weder mir noch andern schaden kann, thue ich ohne Bedenken, wenn mich meine Neigung dazu treibt. Oder wie ich vorhin so leichtfertig weg sagte wenn ich es nicht lassen kann.
I c h . Ach, Heinrich! du wirst sie lieben.
E r . Ey das versteht sich! ich liebe sie ja schon jetzt.
I c h . Sie wird dich wieder lieben.
E r . Hahahaha! ich dachte gar! mich, den Pachterssohn! mich in meiner grunen Jacke!
I c h . Hore, Heinrich, du musst mir etwas versprechen.
E r . Nun?
I c h . Du darfst sie nie wieder anruhren. Wie du schweigst? Heinrich, was sagtest du vorhin? Du wurdest nie etwas Schadliches thun sieh, dies ware sehr schadlich; denn, bey Gott, dein oder mein Leben!
E r . Nun! nun! nur nicht wieder so hastig!
I c h . Heinrich! liebst du mich nicht mehr?
E r . Das ist ja eben das Ungluck! gerade weil ich Sie liebe
I c h . Wie? gerade deswegen wirst du nicht versprechen!
E r . W e r d e ich versprechen
"O Heinrich!" rief ich, und schloss ihn aufs neue in meine Arme "was soll ich fur dich thun? was willst du haben?"
E r . H a b e n ! ich will doch nimmermehr hoffen
"O sey nicht bose! sey nicht bose!" sagte ich, und zog ihn mit auf den Weg nach unserm Guthe "lass uns uberlegen, was jetzt anzufangen ist."
Zehntes Kapitel
"Wecke mich ehe die Sonne aufgeht" hatte ich zu Heinrich gesagt. Aber noch ehe Heinrich erwachte war ich auf dem Wege zu meiner Eiche. Ach Mariens Vorhange waren dicht geschlossen, alles lag noch im tiefen Schlummer, auch die Sonne verweilte und nur der freundliche Haushund kam mir schmeichelnd entgegen gesprungen.
Ich bestieg meine Eiche, und beschloss: sobald die Sonne hinter dem Berge hervorgegangen seyn wurde, Marien mit meiner Flote zu wecken. Aber schon lange war das liebliche Thal erleuchtet; und noch zitterten meine Lippen unentschlossen an der Flote.
Wie? sollte ich ihren Schlummer unterbrechen! ich konnte es nicht wollen, ich konnte es nicht lassen anfangs stahlen sich nur einzelne Tone aus der Flote: aber ehe ich es gewahr wurde bewegten sich meine Finger unwillkuhrlich, und bald fand ich mich mitten in einem Adagio, in welches sich meine ganze Seele ergoss.
Mariens Vorhange bewegten sich, meine Flote schwieg, und von dickbelaubten Zweigen beschattet; starrte ich jetzt unverwandt nach ihrem Fenster. Jetzt offnete es sich. O Gott! wie ward mir! Sie war es selbst.
Ohne zu wissen was ich that, breitete ich meine Arme aus und ach, da liess ich meine Flote fallen. Aber wie glucklich! Marie bemerkte es nicht, und noch ehe ich mich von meinem Schrecken erholen konnte sah ich sie in den Garten treten: wahrscheinlich um den unsichtbaren Flotenspieler zu suchen.
Noch wehten die langen blonden Locken ungefesselt um den schonen Hals, und das dunne Morgengewand raubte mir keine Bewegung des reizvollsten Korpers.
Welch ein Zauber liegt doch in einer vollendeten weiblichen Schonheit! jede thierische Begierde verstummt, die Seele versinkt in tiefe Ruhe, und der sinnlichste Mensch begreift bey ihrem Anblicke: dass es noch etwas wunschenswertheres als Sinnlichkeit gebe.
Marie durchsuchte den ganzen Garten. Endlich kam sie an eine kleine Brucke die uber den Bach nach der Wiese fuhrte; wo mich meine Eiche vor ihren Augen verbarg. Sie schien unentschlossen: ob sie sich uber die Brucke wagen sollte aber ein Bologneserhund, der sie begleitete, war ihr schon zuvorgekommen. Er tummelte sich mit einem Stuck Holze o Himmel es war meine Flote! auf der Wiese herum.
"Eine Flote!" rief Marie; und eilte schnell hinter dem Hunde her. Aber jedes Mal wenn sie nahe daran zu seyn glaubte ihn zu erhaschen; machte er sich plotzlich mit possierlichen Sprungen auf und davon.
Jetzt naherte sich der Hund dem Bache, und jetzt wollte Marie das Aeusserste versuchen: aber indem sie sich hinuber beugte um die Flote zu retten, verlor, sie das Gleichgewicht und sank tief in das hohe Schilf hinein.
Ein Schrey, ein Sprung, und sie lag in meinen Armen.
Nein, dieser Augenblick war einzig in meinem Leben, und wird es bleiben.
Eilftes Kapitel
"O mein Gott!" rief sie; und wand sich aus meinen Armen.
"Konnen Sie mir verzeihn!" sagte ich und umfasste ihre Knie.
"Es wird unsre Abreise beschleunigen" antwortete sie wehmuthig, und wollte sich entfernen.
"Marie!" rief ich ausser mir Marie! verlassen Sie mich nicht! verlassen Sie mich s o nicht!
S i e . Welche Unvorsichtigkeit von mir, hier her zu kommen! aber wie konnte ich vermuthen! Sie hatten Ihr Wort gegeben.
I c h . Ich werde es halten! ich werde es von nun an halten; und sollte es mir das Leben kosten! aber um Gottes Willen sprechen Sie nicht von Abreisen, von Entfernung!
S i e . Sie zwingen uns dazu, wenn auch unsre Umstande .....
I c h . Ach werde ich nie etwas davon erfahren? werde ich nie wissen wem ...
S i e . Das hangt nicht von mir ab.
I c h . Marie! theure Marie! ich heisse Gustav. Sie lacheln? o Marie! ein einziges Mal, nur ein einziges Mal sagen Sie: Gustav ich hasse dich nicht Marie hassen Sie mich? Marie! Marie! konnen Sie mich lieben?
"Meine Mutter ist aufgestanden" rief sie erschrocken "Ihre Fenster sind offen. O mein Gott! warum bin ich hier her gekommen!
"Bereuen Sie es Marie?" sagte ich, indem ich angstlich ihre Hand ergriff o Marie! nur das einzige Wort! Wer weiss ob wir uns wieder sehn Marie! bereuen Sie es?
Sie schwieg aber noch eine Secunde und alles war verwandelt. Dieser Blick! dieser Handedruck! sie war fort, aber der Himmel blieb in meinem Herzen.
Heinrich kam mir mit Vorwurfen entgegen. In einer andern Stimmung wurden sie mich aufgebracht haben Jetzt aber liess ich ihn gelassen fort reden. Erst lange nachdem er mir mehrmals die wahrscheinlichen Folgen meiner Unvorsichtigkeit vorgestellt hatte; fing ich an mein Ungluck zu begreifen.
Aber es wirkte nur auf meinen Verstand, mein Herz war noch immer voll Entzucken.
"S i e l i e b t d i c h !" war mein letzter Gedanke, an diesem traurig - schonen Tage s i e l i e b t d i c h ! war mein Erster am folgenden Morgen beym Erwachen.
Zwolftes Kapitel
Als ich mich den andern Morgen nach einer durchwachten Nacht, wieder auf den Weg zu meiner Eiche machte: kam mir Heinrich mit einem blassen und verstohrten Gesicht entgegen.
"Was ist dir?" fragte ich; und zitterte vor der Antwort.
E r . Marie ist krank.
I c h . Woher weisst Du das?
E r . Die Mutter hat es mir gesagt. Auch ist der Reisewagen reparirt und eine Menge Briefe geschrieben worden.
I c h . Wohin?
E r . Zwey nach England, einer nach Hamburg, die Andern? ..... habe ich vergessen.
I c h . O mein Gott!
E r . Sie sind zu rasch gewesen.
I c h . Konnte ich anders!
E r . Ja aber nun
I c h . Ach Heinrich hilf mir!
E r . Gern! gern! aber w i e ? wer kann sie halten? sie sind frey, und man versprach ihnen einen ruhigen Aufenthalt.
I c h . Heinrich ich muss sie sehen!
E r . Wen?
I c h . Wenigstens die Mutter.
E r . Ich will mein Moglichstes thun: aber ich zweifle.
Er ging, und kam mit der Antwort zuruck: e s s e y h e u t e u n m o g l i c h . "Aber morgen" rief ich. "Auf morgen sagte er habe man weder ab noch zusagen wollen."
I c h . Und Marie?
E r . Hat sich den ganzen Tag nicht sehen lassen.
"Meine Flote"! rief ich meine verdammte Flote ist an Allem Schuld! und jetzt wurde ich sie an einem Baume zerschmettert haben, wenn sie mir Heinrich nicht entrissen hatte.
Gieb mir sie wieder sagte ich wehmuthig; indem ich mich unter meine Eiche warf gieb mir sie wieder! ich liebe sie doch noch: denn nur s i e kann sagen was ich leide.
Er gab sie mir; aber ich vermochte keinen Ton heraus zu bringen. Ach! kann der hochste Schmerz noch klagen!
Heinrich bezeigte mir sein Mitleid; aber es ruhrte mich nicht. In Wehmuth versunken, sass ich an meine Eiche gelehnt, die Augen unverwandt auf Mariens Fenster gerichtet.
"Es kann nicht schlimmer werden als es schon ist"! rief ich endlich; indem ich mich aufrafte. Wenigstens will ich sie noch einmal sehen! werde daraus was da wolle!
Jetzt war ich an Mariens Fenster. Ich wusste dass es sich nach innen offnete. Mit einer Art von Verzweiflung stiess ich dagegen. Es musste nicht recht geschlossen gewesen seyn; denn es sprang augenblicklich auf, und Marie fiel mit einer Ausrufung des Schreckens in ihren Sessel zuruck.
Sie hatte geschrieben, und ihre Augen waren roth von Weinen.
"Ach Marie"! sagte ich; und streckte meine Arme sehnsuchtsvoll nach ihr aus.
"Meine Mutter"! antwortete sie mit halb erstickter Stimme.
I c h . Marie! werden Sie reisen?
S i e . Ich furchte es.
I c h . Werden wir uns wiedersehen?
S i e . Ach Gott!
I c h . Marie haben Sie mir nichts zu geben? haben Sie kein Andenken fur mich?
Sie stand auf und schien sich dem Fenster nahern zu wollen; aber plotzlich trat sie zuruck, und eine hohe Rothe uberzog ihre Wangen.
"Marie!" sagte ich warum gehen Sie zuruck? wollen Sie mich noch unglucklicher machen? wollen Sie mich aufs Aeusserste brinaen?
Blass und erschrocken naherte sie sich jetzt dem Fenster. Ich bedeckte ihre Hand mit brennenden Kussen; und beschwor sie: ihre Abreise wenigstens um einige Tage zu verzogern; als plotzlich ein Gerausch an ihrer Thure entstand. "Ein Andenken Marie!" rief ich; und Liebe und Verzweiflung kampften in meinem Herzen. "Ein Andenken"! wiederholte ich; und versuchte einen goldnen Ring von ihrem Finger zu ziehen. Das Gerausch verstarkte sich, ihre Hand konnte nicht widerstehen der Ring war mein! noch einen Blick in das Himmelauge, und ich war verschwunden. Ach! am folgenden Morgen waren auch sie verschwunden, und keine Spur von ihnen zu entdecken. Da fallt eine Thrane auf meine Hand sie gehort der ersten Liebe wer darf sie tadeln?
Zweytes Buch
Erstes Kapitel
"Lassen Sie uns reisen! sagte Heinrich, als wir eines Abends sterbens mude und abermahls vergeblich von unsern Streifereyen zuruckkehrten "lassen Sie uns reisen! hier finden wir sie doch nicht!"
"Du hast Recht!" rief ich reisen wollen wir! gleich uber Hamburg nach England; da mussen wir sie finden!
H e i n r i c h . Da gewiss am wenigsten.
I c h . Warum?
E r . Weil sie England mehr vermeiden als suchen werden. Mehrere Aeusserungen der Mutter verriethen das.
I c h . Aber Englanderinnen waren sie; das ist gewiss.
E r . Nach ihrer Aussprache kam es mir selbst so vor. Das widerspricht aber meiner Vermuthung ganz und gar nicht. Glauben Sie mir, lassen Sie uns nach Berlin gehn.
I c h . Sollten sie d a seyn?
E r . Wer weiss! uberdem war es ja auch unser Plan uber Berlin und Wien nach Italien zu reisen.
I c h . Ach Berlin, Wien, Italien, die ganze Welt ist mir zuwider, finde ich sie nicht; so ist mir das Leben eine Last.
E r . Fassen Sie Muth! es musste ...
I c h . Muth! zu einem Leben ohne Liebe?
E r . Wer sagt das?
I c h . Ihr, Ihr Alle! mein steifer Herr Hofmeister dazu. Gottlob dass ich ihn endlich einmal los bin! ginge es nach Eurem Willen, so sasse ich den ganzen Tag und schwitzte uber grossen Quartanten. Ach das ekelhafte Gewasch von Pflicht! wie ist es mir doch in den Tod zuwider! Pflicht! Pflicht und nichts als Pflicht! der Henker hole Eure Pflicht! meine erste Pflicht ist mich glucklich zu machen!
E r . Mogten Sie nur den rechten Weg dazu nicht verfehlen; wenn Sie doch einmal nicht mehr als glucklich seyn wollen.
"Nein bey Gott!" rief ich, mit einem bittern Lacheln "mehr will ich nicht seyn! Und mein hochweiser Herr Professor, womit konnten Sie denn sonst noch dienen? was kann man denn mehr seyn als glucklich?"
Er. Gut.
"Hore!" sagte ich argerlich "nur nicht wieder mit deinen Rasereyen! mach Anstalt zur Reise! morgen will ich mit der Tante sprechen."
Zweytes Kapitel
Meine Tante konnte und durfte nun freylich keinen andern Willen haben, als den Meinigen; gleichwohl that ich dieses Mahl was sie wunschte, und nahm meinen Weg nach Berlin. Theils weil ich keine Hoffnung hatte, Marie in England zu finden, theils weil mich in Berlin ein angenehmer Zirkel von Freunden und Bekannten erwartete.
Ich bekam Empfehlungsbriefe die Menge und noch vor Ende des Junius waren wir vollkommen einheimisch daselbst.
Heinrich warf sich nun von Neuem auf seine Bucher, wahrend ich auf den Spaziergangen herumstrich, und keinen Abend das Schauspiel verfehlte, um Marie wo moglich zu entdecken.
Das Einzige, was mich noch etwa ausserdem beschaftigte: war Musik und Geschichte. M u s i k , um fur meinen Schmerz einen Ausdruck zu finden, und G e s c h i c h t e , um Heinrich durch Thatsachen niederzuschlagen; wenn er etwa fur gut finden sollte, mir seine Puppe die Vervollkommung des Menschengeschlechts anzupreisen,
Ach meine, durch die Liebe genahrte und unterdruckte Sinnlichkeit, und die bestandig getauschte Hoffnung Marie zu finden alles gab meinem Charakter jetzt eine Bitterkeit, welche bey dem ganzlichen Mangel an Selbstuberwindung oft in eine Art von Wuth uberging.
Mehrere meiner Empfehlungsschreiben waren schon abgegeben, aber noch hatte ich mich zu keinem Besuche entschliessen konnen. Im Gegentheil war ein alter Freund meiner Tante wirklich durch mich beleidigt.
Er begegnete mir auf einem Spaziergange, und erkundigte sich mit vieler Theilnahme nach meinem Befinden. Meine Tante hatte mich allenthalben als krank angekundigt; und leider war es dem Herzen nah nur gar zu wahr.
Aber in dem Augenblicke, da ich ihm meine Dankbarkeit bezeigen wollte; ward ich ein Frauenzimmer gewahr, das mir eine auffallende Aehnlichkeit mit Marien zu haben schien. Mehr bedurfte es nicht, um mich den guten alten Mann und alles was er mir sagte, vergessen zu machen. Ich eilte hinter dem Frauenzimmer her, und wurde erst spat meine grosse Unhoflichkeit gewahr.
Aehnliche Zuge, besonders das anscheinend zwecklose Verfolgen der Frauenzimmer, erwarben mir bald den Nahmen des schonen Verruckten, und es wurde fur die Damen ein interessantes Geschaft, sich einander zu erzahlen: wann, wo, und wie oft, sie den schonen Verruckten gesehen hatten.
Jetzt drang man mit einer Menge Einladungen auf mich ein, und ich musste mich, ohngeachtet meines grossen Widerwillens, entschliessen, wenigstens mit einem Hause den Anfang zu machen.
Drittes Kapitel
"Ein Ball? ja das lasse ich mir gefallen! Marie wer weiss o Gott wenn es moglich ware! ja! ja ich nehme es an! uberdem finde ich dort eine Menge Bekannte, und kann bey der Gelegenheit am besten eine Auswahl treffen."
Da war ich denn mitten unter einem Haufen geschminkter und ungeschminkter Schonen. Ach, ich suchte ein Mariengesicht, aber es war nicht zu finden. Nackte Arme, zur Schau ausgestellte Busen, ubermassig zartliche Augen. Das alles wirkte freylich auf meine Sinne, aber mein Herz fuhlte sich dennoch verwaist.
Indem nun Sinnlichkeit und Schmerz sich meiner abwechselnd bemeisterten; fiel es mir auf, dass Alt und Jung, sobald der Tanz geendigt war, nur immer nach einer Seite des Zimmers hinstromte.
Neugierig drangte ich mich vor, die Ursache davon zu entdecken, und wurde zu meinem grossesten Erstaunen, mitten in einem Zirkel von jungen Mannern und bluhenden Madchen eine Person gewahr, welche weder schon noch jung und beynahe in ein sehr einfaches graues Kleid verhullt war.
"Unbegreiflich!" sagte ich zu meinem Nachbar wegen dieser Person drangt sich alles dahin!
E r . Sehr begreiflich; wenn man sie kennt.
I c h . Aber wer ist sie denn?
E r . Die Tochter des beruhmten R.
I c h . Mein Gott, die Freundinn meiner Tunte! ich habe ein Empfehlungsschreiben an sie; aus Furche habe ich es noch nicht abgegeben.
E r . Wovor furchten Sie sich denn?
I c h . Himmel, eine alte Jungfer!
E r . Ja, aber was fur Eine!
I c h . Wahrhaftig, Sie konnten mich neugierig machen!
E r . Das wunsche ich um Ihrentwillen.
I c h . Wohl gar eine Gelehrte?
E r . Freylich, wenn Sie es so nennen wollen. Doch wenn Sie selbst kein Gelehrter sind; so konnen Sie Jahre lang mit ihr umgehen, ohne etwas davon gewahr zu werden.
I c h . Nun, das nenne ich mir ein Wunder!
E r . In der That, ein Wunder von Sanftmuth, Bescheidenheit und uberschwenglicher Herzensgute.
I c h . Sie werden ja recht warm.
E r . So wie jeder, der von ihr spricht.
I c h . Aber wie konnte diese Person unverheurathet bleiben?
E r . Ihr Brautigam starb; und nachher hat sie sich zu keiner Verbindung wieder entschliessen konnen. Aber was fehlt Ihnen? Sie werden blas.
"Wahrscheinlich die eingeschlossene Luft" sagte ich stotternd und eilte nach Hause.
"Ach Ungluckliche!" rief ich "so fandest du nie wieder, was du verlorst! und doch hast du das Leben ertragen. Dich muss ich kennen lernen!"
Viertes Kapitel
Den folgenden Tag liess ich mich bey ihr melden und ward, zu meiner grossen Freude, sogleich angenommen. Kaum hatten wir eine halbe Stunde mit einander gesprochen; so war mir, als hatten wir uns Jahre lang gekannt, und als konne ich ihr die geheimsten Empfindungen meines Herzens entdecken.
Ihr schones offnes Auge schien lange gewohnt, uber den Kummer dieser Erde hinwegzublicken, und in ihrem Gesichte herrschte eine Ruhe, welche unmerklich in die Seele des Andern uberging.
In allem was sie sagte, lag ein so grosser, schoner Sinn, den man aber erst lange nachher entdeckte, wenn sie wieder geschwiegen hatte. In dem Augenblicke wo sie sprach, schien sie bey ihrem ausserst einfachen Wesen, etwas ganz gewohnliches zu sagen. Man kann denken, ob ich sie ungern verliess.
Ich hatte sie um die Erlaubniss gebeten, sie wieder zu sehen, und sie hatte sie mir in einem Tone gegeben, der sehr deutlich verrieth, wie weit sie sich uber die Jahre hinausglaubte, wo Mangel an Zuruckhaltung gefahrlich werden kann.
In der That nutzte ich jetzt diese Erlaubniss auf das Aeusserste; es verging kein Tag, wo ich sie nicht wenigstens einmal sah, und bald ward es mir zum sussen Bedurfniss, ihr alle meine Gedanken und Empfindungen mitzutheilen.
Stundenlang unterhielten wir uns von Marie, und von allem was ich gehoft und gelitten hatte. Ach, so wie s i e mich verstand; konnte mich Heinrich nimmermehr verstehen. Nein! dieses ganzliche Dahingeben in ein fremdes Interesse vermag kein Mann von sich zucrzwingen.
Mein bitterer, verschlossener Gram sing endlich an, sich immermehr in zartliche Wehmuth zu verwandeln; aber die Leidenschaft hatte meinen Korper schon zu sehr erschuttert: und ich fuhlte bestimmt, dass ich einer ernstlichen Krankheit nicht entgehen wurde.
"Wenn ich krank werde" sagte ich zu Sophien "so bleibe ich bey Ihnen. Nicht wahr? Sie verstossen mich nicht?"
Sie antwortete mir mit einem gutherzigen Lacheln; und dachte freylich nicht, dass dieser Fall jemals kommen wurde.
Aber als wir eines Abends im traulichen Gesprache neben einander sassen, uberfiel mich plotzlich ein Schwindel, und als ich das Bewusstseyn wieder erhielt, fand ich mich auf einem Bette, in einem unbekannten Zimmer, Sophie und den Arzt an meiner Seite.
Funftes Kapitel
"Wo bin ich?" rief ich aus "was fur ein Zimmer ist das?"
"Das Schlafzimmer von Mlle. R." sagte der Arzt "was Sie auch sobald noch nicht verlassen werden."
"Glauben Sie wirklich?" fragte Sophie errothend.
"Dass unter vierzehn Tagen an keine Veranderung zu denken ist" antwortete der Arzt. "Ich musste mich sehr irren oder die Masern sind im Anzuge, und Ihre Frau Tante hat mir Ihre Gesundheit zu dringend empfohlen, als dass ich Sie einer so guten Pflege entziehen sollte."
"Verhalten Sie sich nach meiner Vorschrift," fuhr er, zu Sophien sich wendend, fort "morgen fruh komme ich wieder."
Jetzt waren wir allein. Sophie stand am Fenster.
"Warum so fern?" sagte ich, und streckte bittend meine Hand nach ihr aus
"Sie wunschen etwas, Herr von S. vielleicht zu trinken?" antwortete sie, und ihre Miene war ein Gemisch von zartlicher Wehmuth und lieblicher Verschamtheit.
"Ja, ich wunsche etwas," wiederholte ich, und indem sie mit besorgter Neugier naher trat, schlang ich meine beyden Arme um sie und druckte mein Gesicht fest an ihre schone Brust "ja, ich wunsche ewig an diesem grossen Herzen zu ruhen! dann sollte mich kein Ungluck treffen, und alle kleinlichen Leidenschaften wurden auf immer von mir entfernt bleiben."
"Mein lieber Sohn!" sagte sie, und ich fuhlte ihre Lippen auf meiner Stirne "ich bitte Sie, seyn Sie ruhig! Sie haben jetzt etwas Fieber, und die Erschutterungen konnten Ihnen sehr nachtheilig werden."
"Sie haben jetzt etwas Fieber!" wiederholte ich empfindlich, und verbarg mein Gesicht in die Kissen.
Lange spielte ich so den Beleidigten, hoffend, sie wurde mich durch irgend etwas zu versohnen suchen; aber als ich endlich wieder aufblickte, sah ich das Zimmer leer, und bald darauf, statt ihrer, Heinrich hereintreten.
Sechstes Kapitel
"Was willst du?" rief ich ihm argerlich entgegen "doch wohl nicht den Krankenwarter machen?"
"In der That, das war meine Absicht!" sagte er, indem er mich mit seinen grossen redlichen Augen unbeschreiblich theilnehmend ansah.
"Du begreifst aber," fuhr ich ungeduldig fort "dass das nicht angeht. Sollen wir der guten Person zwey Menschen statt Einem aufburden?"
E r . Sie hat mich aber selbst darum gebeten.
I c h . Wer?
E r . Mlle. R.
"Ich will nach Hause! ich will nach Hause!" rief ich, von Fieberhitze gluhend und in dem Augenblikke trat Sophie herein.
"Mein Gott! was ist denn vorgefallen?" fragte sie erschrocken.
"Ich will nach Hause!" rief ich abermals "Sie haben keine Zeit, mich zu warten! jetzt ist es auch einerley, ob ich genese!"
Das Fieber nahm zu, und von nun an wusste ich nicht mehr, was mit mir vorgieng.
Einst dunkte mich, ich erwache von einem langen schmerzhaften Traume. Da sah ich Sophien schlummernd an meiner Seite sitzen. Ihr Kopf hatte keinen Ruhepunkt und wollte so eben auf eine scharfe Ecke des Bettes sinken, als ich ihn leise mit meinem Arme auffing.
Aber in dem Augenblicke fuhlte ich einen so lebhaften Schmerz, dass ich nur mit der aussersten Anstrengung einen lauten Schrey zuruckhalten konnte.
Ich bemerkte Binden an meinen Armen, sah eine Menge Flaschen und Schachteln auf dem Tische, und fing an zu muthmassen: dass das Alles wohl mehr als ein Traum seyn konnte.
Die Uhr schlug zwey, das Nachtlicht brannte sehr dunkel; aber ich konnte demohngeachtet eine grosse Veranderung in Sophiens Gesichte wahrnehmen.
Die schone Ruhe war aus ihren Zugen verschwunden, und ein leidenschaftlicher Gram schien an die Stelle derselben getreten zu seyn.
"Grosse, liebenswurdige Seele!" dachte ich "bin ich es? hast du um mich getrauert? Ach so war deine Ruhe auch nur Tauschung, und so vermag der Gram uber dich, was er uber uns alle vermag! Was werde ich horen mussen! Wie viel magst du fur mich gelitten haben!"
Siebentes Kapitel
"Ah! bin ich doch eingeschlummert!" sagte sie, als sie von einem Zucken meines Armes erwachte, und suchte ihre Verwirrung zu verbergen.
"Aber, meine theure Sophie!" fiel ich ein, indem ich auf die Flaschen zeigte bin ich denn wirklich so krank gewesen?"
S i e . Leider mehr, als Sie wissen und glauben werden.
I c h . Aber sagen Sie mir doch ....
S i e . Ihr Freund Heinrich wird Ihnen alles erzahlen. Er ist hier im Nebenzimmer. Erlauben Sie, dass ich ihn rufe. Ich werde den Augenblick wieder bey Ihnen seyn.
Jetzt nun sagte mir Heinrich, dass ich nicht die Masern, aber ein sehr heftiges Brustfieber gehabt, fortwahrend phanthasirt, und Marien mit lauter Stimme gerufen hatte.
Dass Sophie die Einzige gewesen sey, die sich mir habe nahen durfen, und dass ihre Gesundheit von den vielen Nachtwachen ausserordentlich gelitten habe.
"Demohngeachtet," setzte er hinzu ist sie mild und thatig geblieben. Marie hatte die Gestalt, diese hat das Herz eines Engels!
"Welche wurdest du vorziehen?" rief ich, indem ich schnell seine Hand ergriff.
E r . Sonderbare Frage! was meynen Sie damit.
I c h . Nun welche wurdest du zur Gattin wahlen?
E r . Sophie auf keinen Fall!
Ich. Was!
E r . Und daruber wundern Sie sich?
I c h . Mit Recht. Sagtest du nicht eben: sie habe das Herz eines Engels? und was findest du Tadelhaftes an ihrer Gestalt?
E r . Nichts. Sie vergessen aber, dass sie wenigstens zehn Jahr alter ist, als ich.
I c h . Was macht das?
E r . Sehr viel! Alles! nach wenigen Jahren wurden wir beyde elend seyn.
"Geh! Geh!" rief ich, und riss meine Hand aus der seinigen. Lass mich ruhn! ich will schlafen.
Er ging. Wehmuthig sah ich ihm nach. "Ach, dass er immer Recht haben muss!" dachte ich, und sank auf mein Kissen.
Achtes Kapitel
Jetzt kam Sophie. Ich hatte nicht den Muth die Augen aufzuschlagen. Mich dunkte, sie konne in meiner Seele lesen. Ach, wie ich mit mir selbst kampfte! eine unwiderstehliche Kraft zog mich hin zu ihr, eine Andere stiess mich zuruck.
Ihre Stimme hatte etwas unbeschreiblich Ruhrendes; und ich fragte nach verschiedenen Kleinigkeiten, blos um sie sprechen zu horen. Sie schien nicht ruhiger, als ich, und vermied absichtlich die Gelegenheit, mir naher zu kommen.
"Aber, meine theure Sophie!" hub ich endlich an "Soll mit meiner Krankheit denn mein ganzes Gluck verschwinden? wollen Sie sich mir nun gar nicht mehr nahn?"
Sie wollte antworten; aber die Empfindung schloss ihr den Mund. Mit einer unterdruckten Thrane im Auge reichte sie mir die Hand.
War sie wirklich so schon? oder war es Dankbarkeit, und von neuem erwachte Sinnlichkeit, die sie mir in diesem Augenblicke so reizend machte? Genug, die Zukunft verschwand vor meinen Augen; und mit dem ganzen Wahnsinn der Leidenschaft that ich ihr das Bekenntniss meiner Liebe.
Ach ich hatte keinen andern Namen fur meine Empfindung! arme Weiber! Wie oft ist dies der Fall bey uns Mannern, und wie schrecklich musst ihr fur diesen Irrthum bussen!
Erst lange nachher habe ich begriffen: in welch einen peinlichen Zustand dies unbesonnene Gestandniss Sophien versetzen musste. Ihr Verstand war im heftigsten Kampfe mit ihrem Herzen, und die Blasse, welche plotzlich ihr Gesicht uberzog, bewiess nur gar zu sehr: wie viel sie von diesem Augenblicke fur ihre Ruhe befurchtete.
Neuntes Kapitel
Lange noch vermochte ihre grosse Seele der Leidenschaft zu widerstehen; aber eben dadurch wurde diese bey mir nur desto mehr gereitzt. Es blieb mir nicht verborgen, welchen Eindruck ich auf andere Frauenzimmer machte; und meine Eitelkeit war auf das empfindlichste gekrankt.
Schon ahnte ich, bey allem, was Sophie fur mich that, wie theuer ich ihr seyn musste. Aber konnte das nicht Freundschaft, nicht Edelmuth seyn? Gegen wen handelte sie nicht schon, nicht gross? Wie! sollte ich mit dem zufrieden seyn, was sie fur Alle empfand?
"Nein!" rief ich "Noch heute soll sie mir sagen, ob sie mich liebt! bey Gott! ich will wissen, woran ich bin!"
Sie sagte es endlich. Aber w i e sagte sie es! Mir war, als dachte mit einem Male eine andere Seele in mir; als schluge ein anderes Herz in meiner Brust; als konnte ich nie wieder etwas Schlechtes thun, oder wollen.
Nein! so uneigennutzig, so wahrhaft himmlisch bin ich nie von einem Weibe geliebt worden! Was hatte aus mir werden konnen, wenn dieser grosse Charakter nicht auch seine Schwachen, freilich seine schonen, menschlichen Schwachen gehabt hatte!
Zehntes Kapitel
So lange das Bekenntniss der Liebe noch nicht uber Sophiens Lippen gekommen war, herrschte eine schone Massigung in ihrem Betragen; aber jetzt fing diese an immer mehr zu verschwinden.
Sie hatte mir ihren guten Ruf, ja sogar ihre freundschaftlichen Verbindungen aufgeopfert; jetzt wollte sie alles in mir wiederfinden. Ich ward ihr Abgott; und alle ihre Gedanken und Empfindungen bezogen sich nur auf mich.
Unser ganzes Verhaltniss war mit einem Male verwandelt. Das Wesen, das vormals so weit uber mich erhaben schien, lag jetzt zu meinen Fussen, verehrte meine Worte wie Orakelspruche, und zitterte, wenn ich die Stirn runzelte.
Welcher Mann hatte ein solches ganzliches Dahingeben ertragen, welcher Mann hatte es verdienen konnen! mich bethorte es so sehr, dass ich von dem achtungsvollsten Betragen zur beleidigendsten Unart uberging.
Aber gerade das stille, von aller Leidenschaft entfernte Wesen war es ja auch, was mein unruhiges Herz zu Sophien geneigt hatte. Ich wahnte, sie sollte mich heilen, sie sollte uber die Sturme des Lebens mich erheben und ach! jetzt ward sie selbst davon ergriffen. Was ich suchte, was ich liebte, war verschwunden ich Grausamer hatte selbst nicht geruht, bis es zerstort war.
Ihr unglucklichen Weiber! wie konnt ihr so thoricht seyn, eure ganze Gluckseligkeit den Handen eines Mannes, eines angebohrnen Feindes, zu vertrauen! Nein, wollt ihr euch nicht dem schrecklichsten Elende Preiss geben: sucht immerhin uns glucklich zu machen, aber hofft es nie durch uns zu werden.
Eilftes Kapitel
Die Periode, wo Sophie meinen Geist und mein Herz beschaftigt hatte, war also voruber, und der Wahn von ihrer hoheren, mir noch unbekannten Gluckseligkeit verschwunden. Ach sie suchte diese Gluckseligkeit ja bey mir, durch mich Beweiss genug, dass es ihr daran fehlte.
Mein Geist ahnte nichts Neues mehr; und so war die ganze Scene verwandelt. Vormals schien mir aller Erdengenuss in ihre Nahe gebannt; jetzt ward sie von einer Oede umgeben die mich elend machte.
Nun hatte die Sinnlichkeit eintreten und mich, wenigstens fur einige Zeit noch tauschen konnen; aber Sophie war zu rein, und ich zu neu, als dass von dieser Seite fur uns etwas zu hoffen gewesen ware.
Mein Unmuth nahm taglich zu. Ich konnte es Sophien nicht verzeihen, mich, oder vielmehr sich selbst, so schrecklich getauscht zu haben, und der tollkuhne Glaube: sie konnen nie aufhoren mich zu lieben trieb jetzt meine Unart auf das Aeusserste.
Ach noch heute errothe ich vor den Misshandlungen, zu welchen ich mich verirrte! ich wollte ohne es mir deutlich bewusst zu seyn die Gelegenheit herbeyfuhren, mich von dem Anblicke einer Person zu befreyn, welche nur schmerzhafte Gefuhle in mir erregte. Gleichwohl wurde die Gewissheit: sie konne sich wirklich von mir losreissen hochst wahrscheinlich eine plotzliche Verwandlung meiner ganzen Empfindungsart hervorgebracht haben.
Doch woher sollte diese Gewissheit kommen? Sophiens Liebe schien nur mit ihrem Leben aufhoren zu konnen, und eher wurde ich an dem Meinigen, als an ihrer Dauer gezweifelt haben.
Aber meiner Eitelkeit und meinem Glauben stand eine harte Prufung bevor; und ich selbst musste sie herbeyfuhren.
Zwolftes Kapitel
Nimmermehr! rief Heinrich; als ich mich meiner unumschrankten Herschaft uber Sophien ruhmte nimmermehr kann diese geistvolle Person so ganz zum Kinde geworden seyn!
Gut! sagte ich Du sollst einen Beweiss haben der keinen Zweifel ubrig lassen wird. Bist Du morgen bey Ms?
Er. Das versteht sich! Sie wissen, dass ich niemahls fehle.
"Halte dich in meiner Nahe" erwiederte ich "das Uebrige wird sich finden"
Ungeduldig eilte ich am folgenden Tage meinem bevorstehenden Siege entgegen, und zurnte schon, dass Sophie so lange verweilte. Endlich erschien sie, und von dem Augenblicke an, war es mein unablassiges Bestreben, ihre Geduld durch tausend Unarten, eine immer krankender als die andre, zu ermuden.
Aber mit himmlischer Sanftmuth und bewundernswurdiger Feinheit, wusste sie sie alle so zu mildern, und den Augen der Gesellschaft zu entziehn, dass ich beynahe verzweifelte, meinen Zweck zu erreichen.
Doch als sie sich eben mit Heinrich in einem interessanten Gesprache befand, glaubte ich etwas Entscheidendes wagen zu mussen.
Sophie! sagte ich; und drangte Heinrich zur Seite! machen Sie mir doch einmal die Schnalle fest!
Eine hohe Nothe uberflog ihre Wangen; aber ohne weiter auf mich zu achten, setzte sie ihr Gesprach mit Heinrich fort.
Nun Sophie? haben Sie mich nicht verstanden? sagte ich trotzig; indem ich den Fuss auf einem Stuhle ruhen liess.
Sehr gut Herr v. S. antwortete sie, mitleidig lachelnd ich bedaure, dass Sie sich nicht recht wohl befinden; und in dem Augenblicke nahm sie Heinrichs Arm und entfernte sich in das Nebenzimmer.
Da stand ich, und war ungewiss: ob ich traumte oder wachte. Den ganzen Abend wurdigte sie mich keines Blickes mehr; und eine traurige Ahnung von dem was meiner warte, durchdrang mein Herz.
Den andern Morgen eilte ich in ihre Wohnung; aber man sagte mir: sie sey zu einer Freundin aufs Land gereist, und diesen Morgen sey ein Zettel an Heinrich abgegangen.
Was ist es? rief ich diesem entgegen um Gottes willen was ist es? was hat sie dir geschrieben?
Dass sie Ihnen ein fur alle Mal ihr Haus verbietet; und dass sie wahrend Ihres hiesigen Aufenthalts, einen andern Wohnort wahlen wurde.
Heinrich! rief ich; und warf mich an seine Brust wirst Du mich auch .... vor Schmerz konnte ich nicht weiter sprechen; aber er errieth mich.
Nein! sagte er dafur sey Gott! wie konnte ich dich jetzt verlassen da du die Holle in deinem Herzen haben musst!
Drittes Buch
Erstes Kapitel
Als Marie mich verliess; hasste ich jede Zerstreuung. Jetzt aber floh ich die Einsamkeit eben so sehr, wie ich sie damals gesucht hatte.
Ach Mariens Verlust hatte nur mein Herz, nicht mein Gewissen verwundet. Jene Wunden heilt die Einsamkeit, diese macht sie todtlich. Das empfand auch ich; und so sturzte ich mich ohne Ruckhalt in den Strudel der gesellschaftlichen Vergnugungen.
Lange suchte ich einen Gegenstand um die schreckliche Leere in meinem Busen auszufullen; aber da war nichts Marien, nichts Sophien ahnliches zu finden. Man wollte mit aller Gewalt von mir bemerkt seyn, und ich war noch zu sehr verwohnt, um nicht durch eben dieses Bestreben zuruckgeschreckt zu werden.
Schon fing die Langeweile an, sich meiner in den grossen Zirkeln zu bemachtigen; als der Zufall mir entgegenfuhrte, was ich so lange vergeblich gesucht hatte.
Einst da ich mich im Schauspielhause meinen gewohnlichen Traumereyen uberliess; ward meine Aufmerksamkeit durch zwey weibliche Stimmen angezogen, welche aus der benachbarten Loge zu kommen schienen.
Noch waren die Lichter nicht angezundet, und das Gerausch der Kommenden liess mich nur einige Worte erhaschen; doch begriff ich, dass die Rede von den Mannern war.
Die Kommenden machten eine Pause ich horchte
"Ach ich dachte gar! sagte die eine Stimme zum Auslachen sind sie gut; und dazu habe ich sie gebraucht".
Die andre Stimme wandte etwas ein; aber es ging fur mich verloren, so wie alles was sie nachher zum Gesprache beytrug.
"Glaubst Du" fuhr die erste Stimme fort "dass es jemahls Einer von ihnen redlich mit uns gemeynt habe?
Die andre Stimme
D i e E r s t e . Ja so lange wir ihre Sinnlichkeit beschaftigen.
Die Andre
D i e E r s t e . Komodie! nichts als Komodie! so bald es gegen uns geht, sind sie alle Freunde!
Abermahls das Gerausch der Kommenden. Die Lichter wurden angezundet; aber noch blieben meine Frauenzimmer im Hintergrunde der Loge.
Hatte ich mich hervorgewagt; so wurde es hell genug gewesen seyn um sie beobachten zu konnen: aber fur jetzt interessirte mich ihr Gesprach mehr als ihre Gestalt, und ich beschloss ruhig in meinen Winkel zu verharren.
Ziemlich klug berechnet doch jetzt begann das Orchester zu stimmen, und von nun an war es unmoglich etwas zu verstehen.
Zweytes Kapitel
Sehen willst du sie wenigstens! dachte ich; und trat vorn in die Loge. Auch meine Sprecherin naherte sich jetzt; doch so, dass sie mir den Rucken zuwandte. Aber das Gesicht der andern Stimme konnte ich ziemlich genau beobachten.
Es war halb in eine schwarze Florkappe gehullt; und schien nicht zu den jungsten zu gehoren. Doch war es nichts weniger als unangenehm; und ein Zug von sanfter Melancolie erhob es sogar bis zum Interessanten.
Aber ich hatte nicht lange Zeit; diesen Beobachtungen nachzuhangen. Die ausserordentliche Lebhaftigkeit meiner Sprecherin machte mir so viel zu schaffen, dass ich bald nichts mehr sah und horte als sie.
Mit unbeschreiblichem Muthwillen fiel sie jetzt noch immer uber die Manner her; ein Einfall jagte den andern, und es lag so viel wahrer Witz in dem was sie sagte: dass es mehrmals der aussersten Ueberwindung bedurfte, um nicht, auf Kosten meines eigenen Geschlechts, in ein lautes Lachen auszubrechen.
Dabey war der niedliche Korper in unaufhorlicher Bewegung; die schwarzen Locken flogen hin und her auf dem blendenden Halse, und die runden Aermchen gesticulirten so lebhaft; dass ich mich haufig genothigt sah, ihnen auszuweichen.
Doch vergebens! indem ich mich, um ein abermahliges Lachen zu verbeissen, auf den Rand der Loge buckte, bekam ich einen so heftigen Stoss in meine Frisur, dass die Sprecherinn und ich, plotzlich in eine kleine Wolke von Puder gehullt wurde.
Ein so anhaltendes, so sonderbar abwechselndes, aber auch zugleich so unbeschreiblich reizendes Lachen, als worin sie jetzt ausbrach, erinnere ich mich wirklich nicht in meinem Leben gehort zu haben.
Vergebens winkte, ermahnte ihre Begleiterin, vergebens bat ich, ohngeachtet meiner Unschuld, tausendmahl um Verzeihung es half alles nichts. Jedes Mahl wenn sie mich wieder ansah, begann es von neuem, und weckte meine Sehnsucht, das reizende Geschopf in meine Arme zu schliessen so sehr, dass ich sie zuletzt ausserst ernsthaft bitten musste, mich zu verschonen.
Wusste sie was in mir vorging oder was war es sonst, was sie plotzlich so ruhrte? mich dunkte, als steige eine Thrane in ihr grosses funkelndes Auge, und als zitterte ihre schone Hand in der Meinigen.
Eben so unbekummert wie vorhin bey ihrem Lachen, war sie es jetzt bey unsrer gewiss sehr auffallenden Attitude. Schon zweymahl hatte ich ihre Hand gekusst; aber noch immer zog sie sie nicht zuruck, und sah mich dabey an, als wolle sie mich bis auf das Innerste der Seele erforschen. Meine Verwirrung war aufs hochste gestiegen, als der Vorhang aufflog, und sie, wie aus einem Traume erwachend, und mit einem Tone, der eine abschlagige Antwort unmoglich machte, mir sagte: "morgen kommen Sie zu mir. Mein Kammerdiener wird Ihnen meine Adresse bringen."
Drittes Kapitel
Es versteht sich, dass ich nicht saumte. Mein Wagen hielt der Adresse zufolge vor einem Pallaste, dessen Inneres der Pracht des Aeusserem vollkommen entsprach.
Eine Menge schwarzer und weisser Bedienten stromten mir entgegen, und man fuhrte mich in einen Sallon, der mit wahrhaft asiatischer Ueppigkeit moblirt war.
Endlich erschien sie selbst in ein sehr einfaches aber ausserst reizendes Morgengewand gehullt. Die dunkeln Haare hoch auf dem niedlichen Kopfchen befestigt, so dass jede Bewegung des blendenden Halses sichtbar wurde.
Ein paar schwarze, funkelnde Augen, von zwey langen Augenbraunen umkranzt, ein aufgestulptes Naschen, ein verwegnes Rosenmaulchen, das alle Augenblicke ein paar Reihen Perlenzahne verrieth, und ein rundes, aber unbeschreiblich leichtfussiges Figurchen das alles, musste ich mir gestehen, machte freylich kein regelmassig schones, aber doch ein hochst anziehendes Ganzes aus.
Sie setzte sich, und winkte mir, mich neben sie zu setzen. Jetzt wollte ich reden; aber sie bedeutete mir Stillschweigen, und betrachtete mich fortwahrend mit einer sonderbaren, gespannten Aufmerksamkeit.
Aeusserst verlegen, wie ich diese Aufnahme deuten sollte, ergriff ich ihre Hand und liess meine Blicke fur mich sprechen, als zwey schwarze sehr prachtig gekleidete Madchen, das Eine mit dem Fruhstuck, das andre mit einer Laute hereintraten.
Die Laute begann und das schwarze Madchen unterhielt uns, wahrend des Fruhstucks mit einigen sehr angenehmen Liedern, welche durch ihre schone Stimme ausserordentlich gehoben wurden. Aber jetzt winkte Grafin B., und beyde Madchen verschwanden.
Viertes Kapitel
"Ich habe Sie vorhin nicht reden lassen hub sie an weil ich es nicht leiden kann, dass man mich unterbricht, wenn ich etwas uberlege." Sie gefallen mir und ich denke eine Ausnahme mit Ihnen zu machen.
"Ich habe zwar uber sie gelacht," und habe Ihnen auf diese Weise als Mann Gerechtigkeit widerfahren lassen, aber es schmerzt mich und ich mag nun ein fur alle Mahl nicht, dass mich etwas schmerzt."
Hier hielt sie einen Augenblick inne; aber plotzlich fuhr sie mit einer possierlichen Heftigkeit heraus: "ich kann Ihnen nicht helfen! Sie mussen Ihre Frisur abschaffen!"
"Wie gern!" antwortete ich "wenn ich Ihnen dann besser gefalle."
"O verstehn Sie doch!" rief sie ungeduldig "Sie gefallen mir ja recht sehr! aber die Erinnerung an die fatale Scene missfallt mir."
"Es war mir unmoglich, bey ihrem komischen Ernste das Lacheln zu unterdrucken."
"Ja ja! ich weiss es wohl!" fuhr sie fort "dass man gewohnlich das nicht so gerade heraus sagt; aber das Leben ist zu kurz, und ich bin des Zwangs zu wenig gewohnt, als dass ich mich da bey langen W e n n s und A b e r s aufhalten sollte."
"Die Hauptsache ist nun" indem sie vor einen Spiegel trat, und ihre Haare noch etwas hoher steckte "ob ich Ihnen gefalle?"
Jetzt setzte sie sich wieder, stutzte den Kopf auf ihren schonen Arm, diesen auf ihr Knie, und ihre grossen, brennenden Augen ruhten unverwandt auf mir.
"Theure Grafin!" rief ich "gebe der Himmel, dass ich Ihnen so sehr, und so lange gefalle, als Sie mir gefallen werden!"
"Wahrhaftig, Sie haben Recht!" antwortete sie; und eilte das Zimmer auf und ab "doch wenn ich bedenke" indem sie den Finger an das Stumpfnaschen legte, und vor mir stehen blieb "Nein! nein! ich kann doch sehr lange etwas lieben! kommen Sie! kommen Sie! Sie mussen uberzeugt werden!"
Funftes Kapitel
Wir traten in eine Gallerie, welche mit Gemalden von den besten italianischen Meistern geziert war.
"Sehen Sie!" sagte sie; indem sie mich auf einige der vorzuglichsten aufmerksam machte "das hat mich ein ganzes Jahr lang beschaftigt. Hier sass ich und zeichnete vom Morgen bis in die Nacht, vergass Essen und Trinken, Schauspiel, Spaziergange, Bekannte und Freunde daruber."
"Aber endlich nun ja endlich ward ich es mude. Ach es war doch alles todt! konnte mir nicht antworten, konnte mich nicht verstehen!"
"Nun warf ich mich auf die Musik. Mich dunkte die Tone nannten das was mir fehlte. Ja sie nannten es wohl; aber das machte mir schmerzhafte Empfindungen; und die hasse ich nun ein fur alle Mahl. Konnen Sie es mir verdenken, dass ich die Musik verliess?"
"Hinaus in die schone grosse Natur dachte ich; und ging auf meine Guter. Stellen Sie sich um Gotteswillen vor! ich hielt es ganzer zwey Jahre aus, und brachte eine Menge Pflanzen, Steine und andere Kramereyen mit, die mich noch volle sechs Monate beschaftigten."
"Hierauf legte ich eine kleine Menagerie von Federvieh an; und ich versichere Sie, das war wirklich amusant!"
"A b e r e n d l i c h " sagte ich lachelnd. "Nun ja!" antwortete Sie "endlich ward es mir langweilig. Aber bedenken Sie auch! es war immer das ewige Einerley. Die Dinger legten Eier, bruteten, pflegten ihre Jungen; und jedes Fruhjahr ging die ganze Geschichte von vorn wieder an!"
"Aber j e t z t " fuhr sie fort "will ich Sie uberzeugen: dass ich wirklich einer dauernden Anhanglichkeit fahig bin.
"Milly! Milly!" rief sie zur Thure hinaus "wo ist Hannibal? lass ihn geschwinde einmal herkommen!"
"Hannibal!" dachte ich "was Henker!"
Indem trat Milly, eine hubsche Blondine, mit einem ungeheuren, aber sehr schon gezeichneten Hunde herein.
Hannibal machte anfangs Miene nicht viel von mir ubrig zu lassen; aber auf einen Wink seiner Gebieterin lag er zu ihren Fussen.
"Sehen Sie" sagte sie "diesen Hund habe ich nun schon funf Jahre, und halte noch ausserordentlich viel auf ihm. Es ist ein Landsmann von Milly, ich habe ihn mit aus England gebracht, nachher hat er mit uns die Reise nach Westindien, und durch den sudlichen Theil von Europa gemacht.
"Nach Westindien?" wiederholte ich.
"Ach es ist ja wahr!" fuhr sie fort "das habe ich Ihnen noch nicht gesagt. Nun, morgen sehen wir uns wieder."
Jetzt reichte sie mir die Hand zum Kusse, Hannibal sah mich sehr tuckisch an, und Milly begleitete mich wehmuthig lachelnd bis zur Thure.
Sechstes Kapitel
"Warum lachelte Milly so wehmuthig?" sagte ich zu mir selbst, als ich von der sonderbaren Scene betaubt zu Hause kam.
"Wie! sollte Grafin B. wohl gar ihre Leute auf westindisch behandeln? und solltest du vielleicht nichts als ein Sclave mehr fur sie seyn? Dem muss man auf die Spur kommen, und zwar morgenden Tages!"
Sie selbst fuhrte die Gelegenheit herbey.
"Sie haben eine Eroberung gemacht!" rief sie mir am folgenden Morgen entgegen "Milly ist mit ganzer Seele die Ihrige! Sie halt ordentliche Reden zu Ihrem Lobe, und bemuht sich darin, das Unbegreifliche begreiflich zu machen."
I c h . Das Unbegreifliche!
4S i e . Ja, denn sie behauptet: Sie waren ein Mann, und doch zugleich auch keiner.
I c h . Sonderbar! und das soll zu meinem Lobe gereichen?
S i e . Allerdings! Dass Sie das Aeussere eines Mannes haben, laugnet sie zwar nicht; aber doch will sie, ich weiss nicht, was, in Ihren Zugen entdeckt haben. Sie sollen sanft, treu, ausserordentlich zartlich, nichts weniger als ungerecht, auffahrend, tyrannisch oder etwas dem Aehnliches seyn.
"Nun frage ich Sie aber: ob dies, sobald Sie fur einen Mann gelten wollen, nicht der baareste Unsinn ist?"
I c h . Theure Grafin! was haben Ihnen doch die Manner gethan?
S i e . Warten Sie! warten Sie! das muss Ihnen Milly beantworten!
Jetzt sprang sie zur Klingel, und Milly erschien.
"Milly!" sagte sie "erzahle dem Herrn doch ein wenig von meinem Manne.
"Ach der Lord" begann Milly im gebrochnen Teutsch "war der bravste Herr von der Welt! er liebte seine Leute wie ein Vater, und betete Mylady an."
"Freylich war er nahe an 60 und Mylady kaum 17. Er hatte das Podagra, und das machte ihn manchmal ein wenig murrisch; aber" ....
"Kleine Hexe!" rief die Grafin "was ist das fur ein albernes Erzahlen? Ruf mir Robert, ich sehe schon, was da herauskommen wird!"
Jetzt stand Robert vor uns; ein hubscher, rothwangiger Junge, mit hochgelben Locken.
"Mein Haushofmeister" sagte die Grafin zu mir.
"Hore, Robert!" fuhr sie, sich zu ihm wendend, fort. "Milly wollte sich da eben in das Lob meines Mannes vertiefen; du, hoffe ich, wirst ein bessers Gedachtniss haben. Nicht wahr? du hast es noch nicht vergessen: wie ich von ihm gepeinigt worden bin?"
R o b e r t . Nun ja, das ist wahr! Mylady hat viel ausgestanden!
D i e G r a f i n . Den ganzen Tag eingesperrt!
R o b . Und die immerwahrenden Klagen!
D i e G r a f . Ja, und Vorwurfe oben drein! wenn ich einmal ausgehen wollte
R o b . Und ein ganzes Heer Wachter!
D i e G r a f . Als ob ich gleich davon laufen wurde!
R o b . Ach Gott ja! Mylord war sehr wunderlich! aber er liebte Mylady von ganzer Seele.
D i e G r a f . Ja, so sehr, dass er mir beynahe die Luft zugemessen hatte!
R o b . Freilich! Freilich! aber nun sollte Mylady das doch endlich einmal vergessen, und Unsereinen ....
D i e G r a f . Nun? was Unsereinen? heurathen und auch ein Madchen unglucklich machen lassen?
R o b . Grosser Gott! wurde ich dann Milly unglucklich machen?
D i e G r a f . Nun! nun! macht mir den Kopf nicht zu warm! sonst konnt ihr's noch erleben, dass ich euch zusammenkuppeln lasse! wenn ihr's denn schlechterdings nicht besser haben wollt. Aber das sage ich euch! kommt mir nachher nicht mit Klagen! "Nimmermehr! nimmermehr Mylady!" rief Robert, und kusste ihr mit Inbrunst die Hand. Milly hatte gehorcht, und sturzte sich jetzt auf die andre Hand ihrer Gebietherin. "Schon gut! schon gut!" sagte die Grafin "esst mich nur nicht ganz auf! Jetzt geht an Eure Arbeit, und dass ich euch heute nicht wieder zusammen erblikke!
Siebentes Kapitel
"Aber das war doch hart! liebe Grafin!" sagte ich, als Milly und Robert uns verlassen hatten.
"Nichts weniger!" antwortete sie "hatte ich nicht aus allen Kraften dagegen gearbeitet, so waren sie seit zwey Jahren verheurathet, und einander schon so uberdrussig, dass sie sich kaum mehr sehen mochten."
"Diess ist die schonste Zeit ihres Lebens. Ich habe sie so viel als moglich zu verlangern gesucht; aber die kleine Gans hat mich den ganzen Tag mit ihrem Geschnatter verfolgt. Sie meynt: dass wenn ich nur erst einmal ordentlich liebe, ich ganz anders von der Ehe denken, und minder streng gegen Robert seyn wurde."
I c h . Sollte sie so ganz unrecht haben? liebe Grafin.
S i e . Ach wie kann ich denn das wissen! ich habe ja niemals ordentlich geliebt.
I c h . Niemals!
S i e . Nun ja! manchmal kam es mir freilich so vor, aber in kurzer Zeit sah ich, dass ich mich geirrt hatte.
Sie schwieg, und ich war zu empfindlich, um antworten zu konnen.
"Mit Ihnen" hub sie endlich wieder an "dunkt es mich nun freilich etwas Anderes; aber eine Heurath mochte ich doch um alles in der Welt nicht darauf wagen!
I c h . Und das sagen Sie mir so ohne alle Schonung!
S i e . Warum nicht? Mochten Sie lieber, dass ich Sie betroge?
I c h . Um des Himmels Willen nicht!
S i e . Nun sehen Sie wohl! Glauben Sie mir! uberlassen Sie das alles der Zeit. Nur sie kann uns lehren, wie viel wir uns werden konnen.
"Aber mit dem Grafen" sagte ich ziemlich unmuthig "waren Sie nicht so vorsichtig."
"Nein, wahrhaftig nicht!" antwortete sie "aber ich war ein Kind, und mein Vater, ein westindischer Pflanzer, glaubte mich und sein ungeheures Vermogen keinen bessern Handen anvertrauen zu konnen. Aber die Trennung von mir kostete ihm das Leben; wahrend ich von nichts als von Ballen, Assembleen und neuen Moden traumte, und die Reise nach England so leicht wie eine Spatzierfahrt machte."
Jetzt meldete Milly einen sehr vornehmen Besuch, und ich war froh, unter diesem Vorwande mich entfernen, und meine uble Laune den Augen der Grafin entziehen zu konnen.
Achtes Kapitel
"Wie ist es denn?" dachte ich, als ich zu Hause kam "liebst du dieses sonderbare Wesen? oder liebst du es nicht? Willst du dich der Gefahr aussetzen, wie ihre Vogel und Huhner verabschiedet zu werden, oder kannst du dir mit Hannibals glucklichem Schicksale schmeicheln?"
"Possierlich!" rief ich lachend "Hannibals Nebenbuhler! mussen doch sehen: ob wir ihm den Rang abgewinnen konnen!"
Jetzt erwachte meine Eitelkeit, und nun dachte ich nicht mehr daran, mir Rechenschaft von meinen Empfindungen zu geben.
Meine Besuche bey der Grafin wurden haufiger, und mit jedem fuhlte ich mein Herz, oder vielmehr meine Sinnlichkeit, mehr angezogen.
Sie war zu lebhaft, und ich zu jung, als dass wir nicht bald alle mogliche Arten, uns unsre sogenannte Liebe zu beweisen, versucht haben sollten.
Muss ich der Neuheit des Vergnugens, der Jugendkraft meines Korpers, oder der reizenden Zauberin allein, den unaussprechlichen Wonnetaumel danken, in den ich versank? ich weiss es nicht! aber, mit einer Art von Dankbarkeit bekenne ich noch jetzt: dass ich den hochsten sinnlichen Genuss nur in ihren Armen gefunden habe.
Alles um mich her war verwandelt! es war eine andere Sonne, die mir jetzt leuchtete! es war eine andere Luft, die meine Brust belebte! s o hatten die Blumen niemals geduftet! s o hatten die Vogel niemals gesungen! ach! und die N a c h t ! sie war zu kurz aber wie beseligend war sie!
Doch bald hatte ich keinen Sinn mehr fur das, was mich umgab. Nur durch Amalia dacht ich, empfand ich nur in ihr, nur mit ihr wollt ich leben alles Andre war todt fur mich.
Meine Anhanglichkeit war Leidenschaft, meine Leidenschaft war ein schnell um sich greifendes verzehrendes Feuer geworden.
Auch sie fuhlte es in ihrem Busen eine Trennung von wenigen Augenblicken, und wir wollten beyde verzweifeln. Ach! wir glaubten ewig nur ein Wesen ausmachen zu mussen.
Neuntes Kapitel
Weckte sie Leichtsinn, oder Vernunft? genug sie erwachte zuerst aus dem schonsten der Traume, und wollte auch mich daraus wecken.
Die Grausame! fuhlte sie nicht dass es mein Leben galt? fuhlte sie nicht, dass die erbarmliche Wirklichkeit die sie mir anpriess, mich elend machte! jetzt da ich sie mit der namenlosen Womne, die mein ganzes Wesen durchstromte, und die sie Tauschung nannte, vergleichen konnte!
Ach die Kalte! Treulose! ich suchte sie wieder an meinem brennenden Herzen zu erwarmen aber das gottliche Feuer drang nicht bis zu dem ihrigen! sie war und blieb todt in meinen Armen.
Da schaumte ich vor Wuth da lief ich hinaus in Sturm und Regen und wusste nicht wo ich war, und kannte mich selbst nicht mehr. Das Herz wollt' ich mit eignen Handen mir zerfleischen, in die Fluth wollt' ich mich sturzen, um den verzehrenden Brand in meinem Innern zu loschen.
Ach Gott! da zog es mich wieder gewaltsam zu ihr hin da fuhlte ich, dass ich noch lebte, und nur lebend sie noch sehen, sie noch umarmen konnte.
Da gingen die wonnevollen Stunden noch einmal wehmuthig lachelnd vor mir voruber. "Flieht nicht! flieht nicht auf ewig"! rief ich; und breitete meine Arme weit aus, als wollte ich meine ganze scheidende Gluckseligkeit noch einmal umfangen.
Aber es war nur die Luft die ich umarmte und das Wesen was in diesen Armen sonst vor Wonne erbebte das Wesen war fern vergass mich vielleicht dieser Gedanke offnete eine Holle! ich sturzte zuruck, und fand mich an ihrer Thure, ohne zu wissen, wie ich dahin gekommen war.
Zehntes Kapitel
Ich horte ihre Stimme! es waren schmeichelnde Worte die sie sprach meine Hand zitterte an der Thure sie sprang auf.
Da lag das verhasste Thier an ihrer Seite, und sein Kopf ruhte auf ihrem Schoosse. Sie gab ihm die zartlichsten Namen; mehr als ein Mal beugte sie sich zu ihm nieder; und kaum athmete ich vor Angst: ihre Lippen wurden es beruhren.
Holle und Tod! jetzt wirklich!
"Den Hund weg!" schrie ich "habe ich Ihnen das nicht hundertmal verboten!
Verboten! sagte sie; spottisch lachelnd so was verbietet sich auch!
Den Hund weg! schrie ich noch einmal; und sah sie vor meiner Stimme erblassen: aber das Thier blieb auf seiner Stelle.
Zum dritten Male wollte ich ihr zurufen, aber die Wuth verschloss mir den Mund. Noch war ich in meiner Jagdkleidung; ein Griff an das Messer, und der Hund lag blutend zu meinen Fussen.
Jetzt erst fuhlte ich mein Unrecht; und hoffte noch er sey nicht todtlich verwundet: aber als ich das Messer aus seiner Seite zog; starb er unter meinen Handen.
Schon so manches Thier hatte ich erlegt; aber das hatte ich nie dabey empfunden. In der That, es war das Vorgefuhl von der Angst eines Morders. Ich stand da wie ein Verurtheilter und hatte nicht den Muth die Augen zu ihr aufzuschlagen.
Aber als ich es endlich wagte o Gott! da lag sie blass, entstellt und ohne Bewusstseyn auf der Lehne des Sopha's.
Um Hulfe konnt' ich, durft' ich nicht rufen. Alles triefte von Blut. Mit unaussprechlicher Bangigkeit schloss ich sie in meine Arme, bedeckte ihren Mund mit tausend brennenden Kussen, beschwor sie zu erwachen, mich nicht so furchterlich zu bestrafen. Endlich schlug sie die Augen auf; und ich athmete wieder.
Eilftes Kapitel
Aber wie schlug sie sie auf! ich dachte sie wurde mit dem ersten Blicke mich todten. Jetzt sah sie auf den Hund; und stiess ein durchdringendes Geschrey aus.
Milly sturzte erschrocken herein; und blieb wie versteinert als sie ihre Gebieterin mich laut als einen Morder anklagen horte.
"Ein Morder!" rief sie o Gott! wen hat er denn ermordet?
Statt aller Antwort zeigte Amalia auf den Hund; und warf sich wimmernd neben ihn hin.
Ich wollte sie aufrichten, aber wuthend stiess sie mich von sich.
"Aus meinen Augen!" schrie sie "und dass ich dich niemahls wieder erblicke!"
Ich bat, ich flehte, vergebens! auch Milly sah jetzt mit Abscheu auf mich.
"Milly" rief ich "bey Gott! ich bin unschuldig! sie hat mich gereizt! hat mich auf das Aeusserste gereizt!
Diese Beschuldigung trieb Amaliens Wuth bis zur Raserey.
Ich hatte ein Weib geliebt; aber das war kein Weib, das war kein menschliches Wesen mehr, was ich da vor mir sah.
Meine Liebe entfloh; und das Gefuhl wie tief ich gekrankt war, kehrte in seiner ganzen Starke wieder zuruck.
"Ruhig Madame! ruhig" rief ich "was Sie wunschen soll geschehen! auch ich verlange nicht Sie wieder zu sehen! trosten Sie sich! Hannibal ist zu ersetzen!
In der That! ich ruhte nicht eher, bis ich einen eben so grossen und noch schonern Hund aufgetrieben hatte. Diesen schickte ich der Grafin, mit einem Zettel, den sie wahrscheinlich Niemand mitgetheilt haben wird; und kundigte Heinrichen an: dass ich entschlossen sey morgenden Tages Berlin zu verlassen.
Nichts von Allem was er mir einwandte, vermochte etwas uber mich; und ich reiste mit dem festen Entschlusse ab: eine vollgenugende Rache an dem ganzen weiblichen Geschlechte zu nehmen.
Viertes Buch
Erstes Kapitel
Die Freude meiner Tante, mich nach einem Jahre wieder zu umarmen, war unbeschreiblich. Sie fand mich grosser, mannlicher, und wollte einen besondern Zug von Erfahrung in meiner Phisiognomie entdecken.
Ich lachelte schweigend und nahm mir die neue Kammerjungfer ein wenig in Augenschein. Es war noch dieselbe kleine Brunette im grunen Corsettchen, und, wie wie mich dunkte, nichts weniger als zu ihrem Nachtheile verandert.
Auch sie war gewachsen; war noch voller und bluhender; aber, wenn ich nicht irrte, auch um ein ganz Theil stolzer geworden.
Diese Vermuthung fand sich durch die Aeusserungen der Bedienten vollkommen bestatigt.
Nach ihrer Aussage, war Roschen die grausamste, widerspenstigste Schone auf dem Erdboden; und sie wurde meynten sie eher einen Mann zu ihren Fussen sterben lassen; als einen mitleidigen Blick auf ihn werfen.
"Kinder! Kinder!" sagte ich "ihr macht es auch gar zu arg!"
"Nein gnadiger Herr!" rief Friedrich der Jager, ein hubscher, schlanker Bursche "Gott soll mich verdammen! wo die kleine Hexe nicht ein Herz von Stahl und Eisen hat!"
"Hm!" antwortete ich der R e c h t e ist noch nicht gekommen!"
F r i e d r i c h . Ja das sagt sie auch! und da mogte man gleich! .... Na ich will es noch erleben!
"Sey ruhig Friedrich!" unterbrach ich ihn "es giebt ja der hubschen Madchen mehr; und ein Bursche wie du, findet allenthalben noch eine Frau."
"Ja!" antwortete er missmuthig "das sagen die Andern auch! aber wenn man einmal seinen Kopf darauf gesetzt hat; so argerts einen doch!"
Zweytes Kapitel
Friedrich hat Recht! dachte ich seinen Kopf muss man nun freylich nicht darauf setzen; aber zum Spas kann man doch sehen was an der Sache ist.
"Hore! Roschen! sagte ich am folgenden Morgen; als ich ihr im Garten begegnete man hat dich erschrecklich bey mir verklagt."
"Bey dem gnadigen Herrn?" fragte sie; und ward roth bis an die Augen.
I c h . Ja! bey mir. Du bist ja ein entsetzliches Madchen! bringst alle Manner zur Verzweiflung.
S i e . Oh da hat gewiss Friedrich einmal wieder geschwatzt! der hat immer dummes Zeug im Kopfe!
I c h . Er findet dich liebenswurdig! kannst du das dumm nennen? das thut mir leid! da wirst du mich auch dumm, sehr dumm nennen mussen!
"Ach!" rief sie lebhaft "mit dem gnadigen Herrn, das ist ja ganz was anders!"
"Wirklich? liebes Madchen!" sagte ich; indem ich ihre Hand zartlich in der meinigen druckte, und meinen Ton so treuherzig als moglich zu machen suchte.
Mit dem Tone gelang es mir so ziemlich; aber ich mogte doch ein gewisses schalkhaftes Lacheln bey ihrer Naivetat nicht ganz unterdruckt haben. Sie fuhlte jetzt was in ihrer Antwort lag, und ihre Verwirrung war unbeschreiblich.
"Habe ich dich bose gemacht? mein susses Madchen!" sagte ich; und fand meinen Ton jetzt meisterhaft "wie innig leid wurde mir das thun!"
"Ach Gott nein!" antwortete sie "ich bin nur bose auf mich selbst, weil ich immer so schwatze wie es mir in den Mund kommt."
"Thue das immer lieber Engel!" fuhr ich fort; indem ich meinen Arm um ihre Huften schlang.
"Niemand kann es besser mit dir meynen als ich. Sieh mich als deinen Freund, als deinen Bruder an!"
"Ach lieber Himmel!" unterbrach sie mich "wie konnte ich denn das!"
"Das kannst du! das musst du!" wiederholte ich; und druckte schnell einen Kuss auf ihren niedlichen Mund.
Sie verschwand mit einem Schrey; und ich argerte mich, durch eine einzige Aufwallung beynahe alles verdorben zu haben.
Drittes Kapitel
Von diesem Augenblicke an, vermied sie mich eben so absichtlich, wie ich sie suchte, und ich war nahe daran, mit Friedrich einerley Schicksal zu haben: als ich mich noch zur rechten Zeit eines Mittels erinnerte, das ein sehr erfahrner Mann, mir als untruglich empfohlen hatte.
"Roschen!" sagte ich eines Tages zu ihr; als sie sich abermahls aus meinen Armen wand. "Du hast Recht! mein Stand wird eine ewige Scheidewand zwischen uns bleiben! Nein! ich will dich nicht unglucklich machen! Wohlan! ich entsage dir! Du bist mir von nun an heilig!"
Ihre Besturzung war zu gross, als dass sie hatte gewahr werden konnen, wie scharf ich sie beobachtete. Schweigend, mit niedergeschlagenen Augen, schlich sie in ihr Kammerchen; wahrend ich mit triumphirendem Lacheln mich zuruckzog, um meines Sieges desto gewisser zu bleiben.
Es war unverkennbar! mit jedem Tage kam ich ihm naher. Zwar schien es, als hatte ich aller Hoffnung auf ewig entsagt keinen Blick, kein Wort, viel weniger eine Beruhrung erlaubte ich mir. Mein Ton, der anfangs noch etwas zartlich wehmuthiges hatte, ging allmahlich in den freundlich ruhigen Ton eines milden, gutigen Herrn uber: und in wenig Wochen war keine Spur mehr von unserm vorigen Verhaltnisse zu entdecken.
Das war zu viel fur Roschen! das hatte sie nicht erwartet. Wie! gar keine Klagen! keine Verzweiflung? so ruhig, so schnell, so ganz und gar konnte ich ihr entsagen!
Sie ertrug es nicht; die Rosen ihrer Wangen verbluhten, das schone Feuer ihrer Augen erlosch, und bald wurde ihre Gesundheit so sehr angegriffen, dass sie das Bette nicht mehr verlassen konnte.
Viertes Kapitel
Da war es, wo ich sie erwartete! ach was kostete es, mich bis dahin zu bezahmen!
"Jetzt keine Zeit verloren!" rief ich "sonst mogte alles verloren seyn.
Das Schicksal kam mir zu Hulfe.
"Was mag unserm Roschen fehlen?" sagte meine Tante "sollte es die Liebe seyn?"
"Wer weiss!" antwortete ich "wohl moglich."
"Friedrich" fuhr sie fort "hat sich viel Muhe um sie gegeben, sie wollte aber damals nichts davon horen." "Wenn ich wusste, dass es das ware nun da konnte man noch wohl helfen!"
"Wenn ich ihm ein hundert Thaler mehr und ihr eine hubsche Ausstattung gabe; so konnten sie auf dem Lande schon ganz gut davon leben.
I c h . Weiss denn Roschen, liebe Tante, dass Sie so daruber denken.
D i e T a n t e . Freylich! aber wie ich dir sage, sie warf das alles weit von sich weg! und wenn ich nachher wieder davon anfing; so bekam ich eine spitzige Antwort.
Wie ware es? wenn du einmal mit ihr sprachest?
I c h . Ich?
D i e T a n t e . Nun ja! warum nicht? thue es immer lieber Gustav! ich wette das kleine dumme Ding weiss selbst nicht was sie will.
"Wohl moglich!" dachte ich; indem ich mich schweigend entfernte und den Weg zu Roschens Kammer nahm.
Leise offnete ich die Thur da lag sie und schlummerte. Ein hohes Roth farbte ihre Wangen, ihr Athem war schnell und fieberhaft, und eine lebhafte Phantasie schien ihre Seele zu beschaftigen.
"Sieh dahin hast du sie gebracht!" rief mein Gewissen. Eine unbeschreibliche Ruhrung ergriff mich. Mein Kopf sank auf ihre Hand; und eine brennende Thrane, die darauf fiel, erweckte sie aus ihrem Schlummer.
Funftes Kapitel
"Helft! helft! er ertrinkt!" rief sie "wir ertrinken Alle!"
Bey den letzten Worten sank ihre Stimme so hoffnungslos; dass das Herz mir vor innigem Mitleiden erbebte.
Langer hielt ich mich nicht! mit unaussprechlicher Reue schloss ich sie in meine Arme. "Mein theures, geliebtes Madchen! rief ich Erwache! erwache! nein, du wirst nicht sterben! Du bist gerettet! bist in meinen Armen!
Jetzt schlug sie die Augen auf. Welch ein Blick! er verrieth meine ganze Schuld und alle ihre Leiden.
"Grosser Gott!" rief sie "also ist es wahr! also ist es doch kein" Traum wollte sie sagen aber hier sah sie sich um und verstummte.
"Ja!" sagte ich "mein susses Madchen! es war ein Traum! aber dass ich dich unaussprechlich liebe, dass ich dich in meinen Armen halte, das ist Wahrheit!
Ach wie sehr fuhlte ich diese Wahrheit! zwar war ich fest entschlossen alles wieder gut zu machen; meine Sinnlichkeit zu bekampfen; ihre Unschuld zu ehren; sie wo moglich zu einer Verbindung mit irgend einem rechtschaffenen Manne zu bereden. Aber ach! so reizend, so duldend war sie nie gewesen so tief hatte mich ihr Anblick niemahls erschuttert.
"Fliehe! fliehe!" rief mein guter Engel "noch ist es Zeit!"
In der That, ich riss mich auf von ihrem Lager ich wollte gehen. Aber da sah sie mich an mit ihren grossen schmachtenden Augen, als musste sie auf ewig von mir Abschied nehmen.
Ich trat zuruck und bald war es zu spat zum Fliehen.
Nein! diesen Flecken in meinem Leben werden niemals die Thranen der bittersten Reue vertilgen! wohl giebt es einen H i m m e l und eine H o l l e ! denn sie sind in unserm eigenem Herzen!
Sechstes Kapitel
Roschens Verzweiflung, meine Angst ach ich muss davon schweigen! ich ertrage die Erinnerung nicht!
Noch immer hoffte ich, dass die ungluckliche Stunde keine weitern Folgen haben wurde, und brachte es endlich dahin, Roschen das nemliche glauben zu machen.
Aber leider sahen wir nur zu bald, dass wir uns geirrt hatten, und dass es nothwendig war, Roschen auf das schleunigste vor den Beobachtungen der Bedienten zu schutzen.
Der Nachsicht meiner Tante gewiss, wollte ich ihr alles entdecken. Aber Roschen versicherte: dass sie lieber in den Tod gehen, als sich dieser Schande aussetzen wurde.
Vielleicht ware es noch moglich gewesen, sie zu bereden, wenn nicht gerade jetzt Friedrichs eifersuchtige Tucke sie aufs Aeusserste gebracht hatte.
Schon lange war unser Einverstandniss von ihm bemerkt worden, und er hatte nur bis jetzt den Unwissenden gespielt, um sich plotzlich auf das Empfindlichste zu rachen.
Erbittert, dass die Gelegenheit dazu noch immer nicht erschien, konnte er sich nicht enthalten, Roschen mit ausserst krankenden Anmerkungen zu verfolgen. Das ungluckliche Madchen, war ihrer Schuld sich bewusst, und hatte stillschweigend alles erduldet. Aber das war Friedrichs Plane zuwider. Er wunschte zu grossern und offentlichern Misshandlungen berechtigt zu werden, und da er sich hierin getauscht fand; so beschloss er auf eine andere Weise es koste was es wolle, seine Rache zu befriedigen.
Siebentes Kapitel
Leider war ich genothigt, mich wegen einer Erbschaftsangelegenheit auf einige Tage zu entfernen. Erst nach meiner Ruckkehr sollte fur Roschen gesorgt werden. Ihr Zustand hatte sie mir doppelt interessant gemacht, und ich hoffte noch immer, sie in meiner Nahe behalten, und meine Tante fur sie gewinnen zu konnen.
Die Ungluckliche! warum ahnete sie allein, was ihr bevorstand! warum konnte ich mich, ohngeachtet ihrer ruhrenden Bitten, aus ihren Armen reissen! Nein, niemals wurde ich mich von ihr getrennt haben, wenn ich gewusst hatte, was ihr drohte.
Kaum hatte ich mich entfernt, als Friedrich zu Roschens Vater eilte, ihm unser ganzes Verhaltniss entdeckte, und den ohnehin jahzornigen Mann bis zur rasendsten Wuth erbitterte.
Ein Brief voll der furchterlichsten Drohungen meldete Roschen seine nahe Ankunft.
Dies war genug um das bedauernswurdige Madchen zur Verzweiflung zu bringen.
Sie kannte ihren Vater und hoffte kein Erbarmen von ihm. Ohne Rath, ohne Schutz und ohne Trost, glaubte sie nur durch eine schleunige Flucht sich vor seinem Zorn sichern zu konnen.
Ich kam zuruck und niemand wusste wo sie geblieben war.
Mein Schrecken bey dieser Nachricht, mein Gram da ich nach unzahlig missgluckten Versuchen, endlich die Hoffnung sie wieder zu finden, aufgeben musste wer begreift das nicht? wem brauche ich es zu schildern?
Wie ein Verbannter irrte ich umher. Das Leben, ich selbst, alles war mir verhasst und wahrscheinlich wurde ich einer unheilbaren Melancolie nicht entgangen seyn; hatte mich nicht Heinrich gerade jetzt an die Reise nach Italien erinnert.
Diese Reise, war langst unter uns verabredet; er hatte in Berlin alles dazu veranstaltet, und erwartete jetzt nur meinen letzten Entschluss.
Achtes Kapitel
Da waren wir denn in dem Lande der schonen Wunder! Heinrichs Entzucken stieg jeden Augenblick; aber fur mich blieben sie todt, die Werke der unsterblichen Kunst.
Nur einem kraftvollen Herzen offenbart sich ihr hoher Geist das Meinige war durch die Leidenschaften entnervt.
Aber der uppige Himmel wirkte desto mehr auf meine gereitzten Sinne. Bald entflohen alle traurigen Vorstellungen, und mein kochendes Blut mahnte mich nur zu sehr, dass ich mich in dem Lande des Genusses befande.
Die italianischen Frauenzimmer haben ein zu gunstiges Vorurtheil fur alles, was einem deutschen Manne ahnlich sieht, als dass ich lange nach Abentheuern hatte schmachten mussen.
Im Gegentheil bothen sie sich mir so haufig an, dass nur die Wahl mich verlegen machen konnte. Aber diese Verlegenheit verschwand, sobald die Marquise P. mich mit gutigem Auge bemerkte.
Sie wollte gefallen und sonderbar genug demohngeachtet gefiel sie wirklich. Ihre ausserordentliche Schonheit, ihr blendender Witz rissen auch dann noch hin, wenn man am meisten auf seiner Huth zu seyn glaubte. Bald sah man sich gefesselt, und verlohr mit der Freiheit die Neigung ihren Verlust zu beklagen.
Die italianischen Frauenzimmer sind wohl geneigt mit Grausamkeit zu e n d i g e n ; aber nicht, wie die deutschen, damit a n z u f a n g e n . Die Marquisin blieb der Sitte ihres Landes getreu, und bald waren wir auf das Innigste mit einander verbunden.
Will man eine sinnliche Anhanglichkeit L i e b e nennen, so muss man gestehen: dass die italianischen Frauenzimmer l i e b e n , statt dass die deutschen sich nur lieben l a s s e n .
Die Deutsche ist glucklich, wenn sie umarmt wird die Italianerin will selbst umarmen und das, was in Deutschland V e r d e r b n i ss und U n n a t u r heissen wurde, ist in der Nahe des Vesuvs N a t u r .
Neuntes Kapitel
So sehr mir die Marquise den Aufenthalt in Neapel interessant machte, so unangenehm war er fur Heinrich.
Er litt unbeschreiblich unter dem Einflusse des brennenden Himmels, und sehnte sich nach Raphaels unsterblichen Werken zuruck, um seine Phantasie wieder mit erhabenen Bildern anzufullen.
Vergebens war mein Rath, sich dem Einflusse des Clima's nicht zu widersetzen vergebens mein Spott, da mein Rath nichts helfen wollte. Er wankte nicht in seiner unerbittlichen Strenge gegen sich selbst. "Nein!" rief er "ich kann mein edleres Selbst nicht dem unedleren aufopfern!"
"Edleres! unedleres Selbst!" wiederholte ich "welche verworrene Begriffe! Ist irgend etwas unedel, was die Natur befiehlt?"
E r . Die Natur befiehlt Ordnung, und besieht nur durch sie. Ich handle dieser Ordnung zuwider, wenn ich mich zu den Thieren erniedrige. Fur sie mag Sinnlichkeit Zweck seyn fur mich kann sie nie etwas Anderes als Mittel werden.
I c h . Lauter Extreme! Wer sagt dir: dass du dich zu den Thieren erniedrigen sollst? Liebe die Person, mit der du dich sinnlich verbindest, so ist der Unterschied, der dir so gewaltig am Herzen liegt, erwiesen.
E r . Lieben! Wie kann ich sie lieben, wenn ich sie nicht achte! Wie kann ich sie achten und lieben und sie unglucklich machen wollen?
I c h . Mache sie glucklich! das hangt ja nur von dir ab.
E r . Wollte Gott, dass es so ware! aber ich kann noch nicht heurathen.
I c h . Also fur das liebliche Ehestandsjoch sparst du dich, opferst die schonsten Jahre des Genusses einer Chimare auf?
E r . Immerhin! mir ist diese Chimare Wahrheit!
I c h . Hm! Was ist Wahrheit!
E r . Alles, was den Menschen veredelt, ist m e n s c h l i c h e Wahrheit.
"Ich bleibe hier!" rief ich argerlich "was du thun willst, hangt von dir ab."
"Was ich thun will" antwortete er mit Festigkeit "wirst du sehen. Ich habe deiner Tante versprochen, dich nicht zu verlassen. Ich halte es, aber ich rette mein Herz!"
Zehntes Kapitel
Der edle, vortrefliche Mensch! wie rettete er es!
Von nun an sah ich ihn nur des Morgens. Nachmittags, wenn ich nach ihm fragte, wusste Niemand, wo er war aber des Abends kam er gewohnlich todtmude, und mit Schweiss bedeckt wieder zu Hause.
Seit jenem Streite waren wir etwas gespannt, und ich hatte nicht den Muth, ihn zu fragen: wo er gewesen sey? aber die Neugier trieb mich, ihm eines Tages unbemerkt zu folgen.
Wir waren schon weit von der Stadt, als ich ihm zwey halb nackte Kinder entgegenlaufen sah. Sie schrien laut vor Freuden, und das Eine ruhte nicht, bis er es auf den Arm nahm, wahrend das Andre sich an seine Kleider hing, und so von ihm mit fortgezogen wurde.
Sie gingen zu einem Huttchen, wo ihm drey andere Kinder entgegen sprangen, und ihn laut jubelnd hinein fuhrten.
Ich war zweifelhaft, ob ich ihm folgen sollte, als er aus einer andern Thur heraustrat, einen Pflug anspannte, und auf das benachbarte Feld zog.
Ich hatte mich hinter ein Gebusch versteckt, und sah, wie er das Feld sehr ernsthaft auf und ab pflugte.
Mit jeder Furche, die er zog, verschwand eine Falte von seiner Stirn, und wenn er nach dem Huttchen blickte, so strahlte sein Gesicht von einer beynahe uberirdischen Heiterkeit.
"Ah! doch wohl eine Liebschaft," dachte ich "und wahrscheinlich eben so romantisch, wie er selbst. Das muss man doch ein wenig naher betrachten!" und so schlich ich unbemerkt zu dem Huttchen.
Ich fand einen abgezehrten Greis auf einem ziemlich reinlichen Lager. Er erzahlte mir: dass sein Sohn der Vater der funf Kinder auf einer Reise krank geworden, und dass seine Schwiegertochter ihrem Manne sogleich gefolgt sey, um seine Pflege zu ubernehmen.
"Jesus Maria!" rief er "was ware nun aus uns geworden, wenn Gott uns nicht einen Engel gesandt hatte? Ja, einen Engel! denn er ist mehr als ein Mensch! er hat ubermenschliche Krafte! mich tragt er wie ein Kind wohin er will, und was mein Sohn mit mehrern Arbeitern nicht bezwingen konnte, das ist ihm a l l e i n wie Kinderspiel."
"Sehen Sie! sehen Sie!" fuhr er fort "dort geht er und pflugt unsern Acker. Wenn meine Kinder nur erst wieder zuruck sind! sie werden ihn anbeten!"
"Ach! wie mir so wohl geworden ist, dass ich es doch einen Menschen habe erzahlen konne!"
Meine Augen wurden nass; ich druckte dem Alten sprachlos die Hand; liess unvermerkt meine Borse auf dem Tische, und eilte, ohne auf das Feld wieder hinzublicken, in die Stadt.
Eilftes Kapitel
Die Marquise erwartete mich, aber ohngeachtet meine erste Empfindurg mich trieb, Heinrich zu fliehen, so war es mir dennoch unmoglich, diesen Abend ohne ihn zuzubringen, und um ihn nicht zu verfehlen, eilte ich sogleich auf sein Zimmer.
Alles, was ich hier fand, uberzeugte mich von seinem unablassigen Streben nach Vervollkommnung. Seine Papiere verriethen ein so tiefes und ausgebreitetes Studium, dass ich jetzt sehr wohl begriff: warum er sich des Morgens vor jedem Besuche verleugnete.
Endlich kam er, und ich sprang auf, um mich an seine Brust zu werfen. Aber es war etwas so Hohes, Ueberirdisches in seinem Wesen, dass meine Arme unwillkuhrlich sanken, und meine Knie sich beugten. Wer wusste, was ich gethan haben wurde, hatten mich nicht Schaam und Stolz aufrecht erhalten.
Aber sie siegten und der Neid erwachte mit ihnen. Ich both ihm einen kalten guten Abend, entschuldigte mich, dass ich in seinen Papieren gekramt hatte, und eilte sehr ubler Laune auf mein Zimmer.
Hier besturmten mich eine Menge unangenehmer Empfindungen, und die Marquise wurde sich eben nicht geschmeichelt gefunden haben, wenn sie gewusst hatte, was mich so spat noch zu ihr fuhrte.
Ihr spottischer Witz, der mit vormals so reitzend
schien, dunkte mich diesen Abend beleidigend; bald waren wir in einer sehr unfreundschaftlichen Stimmung, und versohnten uns nur auf Kosten meiner Ruhe und meiner Gesundheit.
Diese hatte seit einiger Zeit merklich gelitten, und
ich konnte mir nicht verbergen, dass das etwas zu lebhafte Temperament der Marquise die Ursach davon war.
Die Anmerkungen meiner Bekannten, Heinrichs
thranenvolles Auge, wenn ich nach einer leichten Geistesanstrengung mich erschopft und muthlos fuhlte ach das Alles machte mich freylich fur Augenblicke aufmerksam; aber dann rissen mich wieder Sinnlichkeit und Gewohnheit dahin, und bald fing ich an, an mir selbst zu verzweifeln.
Ich war verlohren, wenn mich der Zufall nicht rette
te.
Zwolftes Kapitel
Eines Tages, als ich fruher wie gewohnlich zur Marquise ging, fand ich sie nicht zu Hause, aber ihre Zimmer offen. Es hatte mich Niemand von ihren Leuten bemerkt, und ich beschaftigte mich, einige neue Schriften, die ich in ihrem Kabinette fand, zu durchblattern, als ein Wagen vor dem Hause hielt.
Sie war es selbst. Ich beschloss, mich ganz still in dem Kabinette zu verhalten, um sie nachher angenehm zu uberraschen. Die Thure war nur angelehnt, und ich konnte das ganze daran stossende Zimmer beobachten.
Sie erkundigte sich im Hereintreten: ob ich da gewesen sey?
"Nein!" sagte die Kammerjungfer.
"Nun, gleichviel!" antwortete die Marquise "lass mir Anton herauf kommen."
"Gleichviel!" murmelte ich zahnknirschend, und schon hatte ich die Hand an der Thure, als ein Gerausch mich wieder zu mir selbst brachte.
Es war der geliebte Anton. Ein langes, keuchendes Gerippe, in der Livree der Marquise. Man schleppte ihn in die Mitte des Zimmers, wo er wie eine leblose Masse auf das Sopha niederfiel.
Aber sobald sich die Marquise ihm naherte, flog eine Fieberrothe uber seine eingefallnen Wangen, und in seinen erstorbnen Augen loderte plotzlich eine wuthende Gluth.
Sie sagte ihm: dass sie seinetwegen mit einem Arzte gesprochen, und alle Hoffnung zu seiner Besserung habe. Jetzt wollte sie seine Hand ergreifen, aber mit Abscheu stiess er sie von sich.
"Lassen Sie mich!" schrie er "Sie allein haben mich in dies unabsehbare Elend gesturzt! ich verfluche Sie und alle ihre Aerzte!"
"Was soll ich hier? wollen Sie sich an meiner Marter weiden? Bey Gott, ich schwore Ihnen!" Hier schloss die Wuth ihm den Mund, und er sank ohnmachtig auf das Sopha zuruck.
Die Marquise rief ihre Leute, der Ungluckliche ward fortgeschleppt, und da sie selbst ihm folgte, so nutzte ich den Augenblick, um dieser Holle zu entfliehen.
Eine Minute wollte die Rache mich zuruckhalten; aber der Abscheu uberwand, und ich sturzte uber die Strasse, als ob alle Geister des Abgrundes mich verfolgten.
Heinrich hatte mich kommen sehen, und eilte mir erschrocken entgegen.
"Was ist es!" rief er "um Gottes Willen, was ist es?"
Mit einem Strohm von Thranen sank ich in seine Arme. "Rette mich! rette mich!" rief ich, "grosser, edler Mensch! verstoss mich nicht von deinem Herzen!"
"Ich dich verstossen! antwortete er "nimmermehr! Komm, erzahle mir, was dich so heftig erschuttert." Und da ich ihm Alles gesagt hatte, rief er begeistert:
"Willkommen! willkommen! mir und der Tugend! Jetzt ist ein Ruckfall unmoglich! jetzt bist du fur ewig gewonnen!"
Funftes Buch
Erstes Kapitel
Jetzt bedurfte es keiner Ueberredung, um mich von Neapel zu entfernen, und schon am folgenden Tage waren wir auf dem Wege nach Rom, wo wir uns gleichwohl, der Vorschrift des Arztes zufolge, nur kurze Zeit verweilen durften.
Er hatte mir gerathen, durch die Schweiz zu gehen, und den Winter im sudlichen Frankreich zuzubringen; und ich war auch um so mehr geneigt, dieser Vorschrift zu folgen, da ich durch Heinrich, welcher mit Sophie im fortwahrenden Briefwechsel stand, wusste: dass sich dieselbe seit mehrern Monaten in Avignon aufhielt.
Ihr und Mariens Bild wurden jetzt die herrschenden meiner Seele und oft so in einander verschmolzen, dass sie mir zuletzt nur ein Wesen auszumachen schienen.
Ich wollte mich der Tugend widmen; aber meine Phantasie bedurfte einer menschlichen Gestalt, sie zu umhullen, und indem Sophie mir fur die Tugend selbst galt, schmuckte ich sie mit allen jugendlichen Reitzen Mariens.
Italien hatte ich nur durchgejagt, jetzt wurde die Sehnsucht nach Avignon mich wahrscheinlich verleitet haben, die Schweiz eben so zu durcheilen, wenn es mir meine zerruttete Gesundheit nicht unmoglich gemacht hatte.
Ich musste in Chamouny ein Hauschen miethen, und meine Reise nach Avignon wenigstens um einen Monat verschieben.
Wer war froher, als Heinrich!
"Nur hier wirst du genesen!" rief er "nur hier wirst du den Adel der Menschheit begreifen!"
Aber ach! was ihn mit Muth und Freude erfullte, erregte mir nur Schauder, und wenn ich die schroffen Felsen hinanblickte, so dunkte mich, sie wurden uber mir zusammensturzen.
Oft wollte ich es wagen mich durch die Aussicht von ihren Gipfeln zu erheitern; aber schon auf der Halfte des Weges sank ich kraftlos zu Boden, und wir mussten nach Genf eilen, um einer ernsthaften Krankheit zuvorzukommen.
Zweytes Kapitel
An den Ufern des reizenden Sees, verwandelte sich meine Schwermuth in sanfte Melancolie. Heinrich hatte geirrt, nicht die erhabne, nur die liebliche Natur konnte mich heilen. Jene zeigt sich dem Schuldigen wie eine strenge, unerbittliche Richterin, diese wie eine milde segnende Mutter.
Mein krankes Herz bedurfte der Schonung, meine ermattete Seele einer leichten geistigen Nahrung wo hatte ich sie mehr finden konnen, als in dem gebildeten Genf?
In der That, meine Heiterkeit wuchs zusehends, mit jedem Siege uber meine Sinnlichkeit fuhlte ich mehr Kraft, sie zu bekampfen, und ich ward mit Heinrich um so inniger verbunden, je mehr ich durch mich selbst die Moglichkeit einer ungeheuchelten Jugend begreifen lernte.
So glaubt der prufende Mensch nur dann erst an das Gottliche, wenn er es in seinem eigenen Herzen entdeckt. Ach was nicht vom Anfange in ihm war, bleibt ihm auf ewig verborgen! Die Dinge sind ihm nur das, was er sie werden lasst, nicht s i e , nur s i c h s e l b s t erkennt er in ihnen. Von allem was ihn umgiebt, kann er nur sagen e s s c h e i n t von seinem Gewissen allein e s i s t .
Drittes Kapitel
Von dem allen war ich jetzt lebhaft uberzeugt; aber dennoch erwachte manchmal der Geist des Widerspruchs in mir. Ich konnte es Heinrich nicht verzeihen, dass er mich so tief hatte sinken lassen; ob er mir gleich bewies: dass er ohne Gewaltthatigkeit nichts mehr fur mich habe thun konnen.
"Zugegeben!" rief ich "aber leugne es wenn du kannst! ihr lasst dem Laster nicht Gerechtigkeit widerfahren; und dadurch sturzt ihr uns arme sinnliche Menschen. Eure Tugend hat noch immer die Monchsgestalt, und Euer Laster ist ein zahnfletschendes Ungeheuer. Ach wir Unglucklichen! so erscheint es uns nicht!
"Wenn ich nicht irre" antwortete er, mit seinem zartlich wehmuthigen Lacheln so declamirte ein gewisser junger Mann in seiner Kindheit, den Vers des ehrlichen Gellert recht artig: Des Lasters Bahn ist Anfangs zwar ein breiter Weg durch Auen
"Ach geh doch!" rief ich "ich wusste damals eben so wenig von welchen Auen die Rede war, als ich jetzt die Auen im Monde kenne! das ist eben das Ungluck, dass Ihr genug gethan zu haben glaubt, wenn Ihr uns schwatzen lehrt.
H e i n r i c h . Nun, das dachte ich ware doch jetzt bey der Erziehung nicht mehr der Fall.
I c h . Jetzt! jetzt mehr als jemahls! und was wird Euer Zogling antworten? wenn ihm die Volker am Ufer des Ganges, die Insulaner der Sudsee, oder einige arabische Horden versichern: dass sie ganz andere Begriffe von Tugend haben als er?
E r . Das was etwa ein Grieche, der den Apoll fur das Ideal der menschlichen Gestalt ausgabe, einem Chineser, einem Neger, oder einem Feuerlander antworten wurde; wenn einer von diesen Leuten behauptete: dass nur seine Nation Begriffe von w a h r e r Schonheit habe, und dass der Apoll des Griechen, nichts mehr und nichts weniger als ein ungeschlachter Geselle sey, an dem sie nimmermehr Gefallen finden wurden.
I c h . Nun?
E r . Lieben Leute, wurde er etwa sagen, wenn ich nicht irre: so nennt Ihr Euch M e n s c h e n , weil Ihr durch einen Nahmen Euren Unterschied von den Thieren bezeichnen wollt?
I c h . Das sollt' ich meinen!
E r . Nun konnte man glauben: dass Ihr um so mehr diesen Namen verdient, je mehr Ihr Euch w i r k l i c h von den Thieren unterscheidet.
I c h . Allerdings!
E r . Freund Chineser und Du mein guter Schwarzer, haltet Euch einen Augenblick ruhig. Seht hier habe ich Eure Kopfe gezeichnet, und den Kopf meines Apolls darunter. Findet Ihr sie ahnlich?
I c h . Angenommen: J a .
E r . Aber jetzt musst Ihr mir versprechen: dass Ihr nicht bose werden wollt; wenn ich eine kleine Veranderung mit Euren Kopfen vornehme.
Nun wohlan! Sieh lieber Chineser! ein paar Striche, und du bist in eine Katze verwandelt. Du mein guter Schwarzer mit noch wenigeren in einen Affen. Den armen Feuerlander kann ich, um den letzten darzustellen, beynahe ganz unverandert lassen. Aber was fange ich mit meinem Apoll an! Dieses herrliche Oval, diese gebietende Stirn, dieses gottliche Auge, diesen lieblich - majestatischen Mund, finde ich bey keinem Thiere.
Lasset Eure geschicktesten Zeichner und Naturforscher herkommen, nehmt die unsrigen dazu, ich wette, sie sagen dasselbe.
Konnt Ihr es mir nun verdenken: wenn ich I h n den w a h r e n M e n s c h e n nenne?
I c h . Es war ein G o t t !
E r . Immerhin! nenne das Ideal der Menschheit einen G o t t , und denjenigen, der sich diesem Ideale zu nahern strebt, einen w e r d e n d e n G o t t ich habe nichts dagegen."
Ich sank an sein Herz und verstummte.
Viertes Kapitel
So sehr auch Genf der Stimmung meines Gemuths zusagte: so eilte ich dennoch, sobald meine Gesundheit nur einigermassen wieder hergestellt war, unsere Reise nach Avignon zu beschleunigen.
Aber bey unsrer Ankunft, war Sophie verschwunden. Ich verwunschte mich und meine Reise fasste und verwarf alle Augenblicke einen andern Entschluss, als Heinrich mir mit einem offnen Briefe entgegen kam.
"Troste dich!" sagte er "ich weiss wo sie ist."
"Wo, wo?" rief ich.
E r . In Berlin! Dort erwartet dich ein Gluck, auf das du gewiss nicht mehr rechnest.
I c h . Ein Gluck! welch ein Gluck? erklare dich!
E r . Raube dir und mir nicht die Freude der Ueberraschung, und sorge jetzt fur deine Gesundheit!
I c h . Peinige mich nicht! die Freude der Ueberraschung kann nicht so gross als die Quaal der Ungewissheit seyn.
Warum glanzt dein Auge so freudig? warum siehst du mich so bedeutend an? Heinrich! wenn du jemals mich liebtest, sage was weisst du!
O Gott! ware es moglich! darf ich ihn nennen den Nahmen! weisst du wo...
"M a r i e ist" fiel er ein; und wir lagen einander sprachlos in den Armen.
"Erzahle! erzahle! rief ich, als ich mich wieder erholt hatte "wer fand sie? wo war sie in der langen schrecklichen Zeit?
E r . In Hamburg. Wir hatten richtig vermuthet: sie ist eine Englanderin, aber von deutschen Aeltern gebohren.
Ihr Vater, ein reicher Banquier aus Yarmouth, verlor durch den Sturz eines Londner Handelshauses sein ganzes Vermogen, nur der Mutter ihres ward gerettet. Diese eilte auf Befehl ihres Mannes, mit Marien nach Deutschland. Hierher wollte der Vater, sobald seine Angelegenheiten nur einigermassen geordnet seyn wurden, ihnen folgen. Aber nagender Gram und ubermassige Arbeit, warfen ihn aufs Krankenlager er musste sie schleunig wieder zuruck rufen, und starb nach wenig Tagen in ihren Armen.
Nun wurden sie die Ruhestatte des geliebten Mannes nicht verlassen haben, wenn ihre Freunde in Deutschland sie nicht vermocht hatten, einen Ort zu verlassen, wo sie nur Ursach zu Thranen fanden.
Jetzt leben sie in Berlin, und Sophie, die sie in dem Hause ihres Bruders kennen lernte, und durch die Beschreibung ihrer ersten Reise aufmerksam gemacht wurde, entdeckte bald, dass sie sich nicht in ihren Vermuthungen geirrt, und dass sie jetzt wirklich die Marie vor sich hatte, mit der ein gewisser junger Mann so oft ihre Einbildungskraft beschaftigte.
Marie bedurfte einer Freundin, wie konnte sie eine edlere als Sophie finden? bald hatten sie kein Geheimniss mehr vor einander, und Sophie ward von Allem unterrichtet.
Funftes Kapitel
"Wovon? wovon?" rief ich.
E r . Nun! dass sie einst dich geliebt habe.
I c h . Ach geliebt habe! nicht mehr liebe! nein! nein! sie kann mich nicht mehr lieben! sie kann einen Verworfnen nicht lieben, der sich ihrer unwurdig gemacht hat.
E r . Sey ruhig! fasse dich! die verlorne Unschuld kehret nie wieder, wohl aber die Tugend. Du wirst ihr von nun an dein Leben widmen, du wirst Mariens wurdig werden.
I c h . O Gott mit diesem zerrutteten Korper! mit dieser ermatteten Seele!
E r . Muth! Muth! es kann noch alles gut werden! Jugend und Massigkeit, Arbeit und Hoffnung werden dich starken. Die Natur, die grosse gutige Mutter! ist nur unerbittlich gegen den der zu spat wiederkehrt.
I c h . Ach und wenn sie dich sieht!
E r . So sieht sie einen Freund von dir.
I c h . Heinrich sieh mich an! hast du sie niemals geliebt?
E r . Willst du eine sinnliche Erschutterung Liebe nennen ja so habe ich sie geliebt, so liebe ich sie vielleicht noch wenn ich sie wiedersehe.
I c h . Grausamer!
E r . Warum fragtest du? sollte ich lugen?
I c h . Sage mir, sage mir! wunschest du sie zu besitzen? hast du es nie gewunscht?
E r . Wie meinst du das?
I c h . Wunschest du dass sie deine Gattin, die Gefahrtin deines Lebens werde?
E r . Nein, bey Gott nicht! dazu kenne ich sie zu wenig!
I c h . Aber warum schlagst du die Augen nieder? wie? was verbirgst du mir?
E r . Eine unedle Empfindung.
I c h . H e i n r i c h eine unedle Empfindung!
E r . Warum nicht? Heinrich ist ein Mensch.
I c h . Heraus mit dieser unedlen Empfindung! nun? was zauderst du?
E r . Wohlan, du willst es! ich ward mir durch deine Fragen, aber auch nur erst durch s i e bewusst: dass ich zwar niemahls daran dachte, mit Marien rechtmassig verbunden zu werden, aber, dass ich demohngeachtet oft lebhaft wunschte, mit ihr vereinigt zu seyn.
"Halt ein!" schrie ich; und taumelte zuruck in meinen Sessel "halt ein! das ist zu viel!"
O Gott! rief er; laut schluchzend in meinen Armen sieh wie diese furchterliche Offenheit dein Herz zerrissen hat!
Aber sey ruhig! noch ist alles ein Traum! ich will mich bestrafen fur diesen Traum! ich gehe nicht mit nach Berlin! ich verlasse dich! jetzt gleich, jetzt augenblicklich will ich Anstalt dazu machen! Er ging und mir war als schiede die Hoffnung auf ewig von mir.
Sechstes Kapitel
Jetzt kampften Dankbarkeit und Eifersucht einen schrecklichen Kampf in meinem Herzen. Ich erinnerte mich des ersten Blickes den Marie auf Heinrich warf und die Eifersucht wollte die Oberhand gewinnen aber dann traten wieder alle schonen erhabenen Aufopferungen des Freundes vor mir hin und die Dankbarkeit siegte.
Nein! rief ich nein! er soll nicht reisen! mit ihm verlasst mich mein Schutzgeist! ohne ihn verzweifle ich an mir selbst! nie kann ein menschliches Wesen mir das werden, was er mir war. Wohlan! es ist Zeit, dass auch ich einmal ihm und der Tugend ein Opfer bringe!
Schnell eilte ich auf sein Zimmer; aber man sagte mir, dass er im Garten sey. Hier suchte ich ihn lange vergebens; bis ich ihn endlich einen langen Gang tief mit sich selbst beschaftigt, hinauf gehen sah.
Leise folgte ich ihm nach. Er sprach mit sich selbst und ich horte Mariens Namen und den meinigen. Aber was war das, was er mit so heissen Kussen und mit Thranen bedeckte? jetzt stand er am Ende des Ganges, ich dichte hinter ihm. Gott! es war Mariens Bild! ein lauter Ruf des Schreckens verrieth mich; er kehrte sich um und wir verstummten vor einander.
"Nimm es!" sagte er endlich "damit keine Erinnerung mir ubrig bleibe!
"Woher? stammelte ich, und die Eifersucht erwachte mit allen ihren Quaalen.
Von mir selbst antwortete er Ich mahlte es in Neapel aus der Phantasie, als mich die Sinnlichkeit am schrecklichsten besturmte. Es hat mich gerettet.
"Verrather!" schrie ich wuthend und riss ihm das Bildniss aus der Hand "warum nicht auch mich? ach Schlange, die ich in meinem Busen nahrte, jetzt kenne ich dich! und wohl mir, dass ich dich kenne, ehe du das Herz noch ganz mir zernagst!
Geh! verlass mich, ich werde keine Thrane um dich weinen! O der unerhorten Treulosigkeit! er hatte das Mittel, mich zu retten, und er gebrauchte es nicht! Nur einen einzigen Blick auf diese himmlischen Zuge, und ich ware nie bis zum Thiere hinabgesunken! Aber ich sollte sinken! ich sollte, damit er allein! o ich darf es nicht ausdenken! ich darf nicht!
"Unglucklicher!" rief er als ich dies Bild mahlte; warst du schon ohne Rettung verloren. Ich gehe! mogest du dir selbst vergeben, so wie ich dir vergebe. Noch war ich zweifelhaft, ob ich dich verlassen durfte; aber jetzt bin ich es nicht mehr. Ich habe nur gelobt, mich nicht von dir zu trennen, bevor du es selbst verlangtest. Du hast es verlangt ich bin meines Wortes entbunden." Leb wohl! geniesse ein Gluck, worauf ich um deinetwillen Verzicht gethan hatte was ich dir mit der Ruhe meines Lebens erkauft haben wurde. Leb wohl und vergiss mich, wenn du kannst.
Siebentes Kapitel
"Vergiss mich, wenn du kannst der Stolze!" rief ich "er weiss nur zu gut was er mir war! aber bey Gott er wird sehen, dass ich ihn entbehren kann! Noch ist nicht alles verloren! noch bin ich auch ein Mann! Fort, fort! hier ist doch alles todt! ohne i h n wollt ich sagen ohne Marie" setzte ich schnell hinzu.
Ich will hin zu ihr! ich will ihr alles bekennen! sie wird mich nicht verstossen! sie wird mir den Muth zum Leben wieder geben! Ach wie war ihr ganzes Wesen so weiblich! nur bey ihr werde ich wahre Duldung finden.
O ich Thor! dass ich sie bey einem M a n n e , bey einem eben so harten und unbiegsamen Wesen als ich selbst suchen konnte!
Ohne Gewaltthatigkeit sagt er war ich nicht zu retten? ach s i e wurde mich gerettet haben durch die Gewalt der Liebe! durch eine andere Liebe als die Seinige, erhaben uber Vorwurfe und Beleidigungen.
Aber sein Stolz war gekrankt; weil ich mich einigemahl vergeblich bitten liess, weil ich hart gegen ihn war, da er mich zuruckhalten wollte. Nein! nur in einem weiblichen Herzen wohnt die wahre Liebe! der Mann liebt nur sich selbst."
Jetzt verliess ich den Garten, um Befehle zu meiner Abreise zu geben. Ich furchtete Heinrich zu treffen und doch uberfiel mich eine unaussprechliche Traurigkeit; als ich die Bedienten mit seinen Sachen beschaftigt sah, und von ihnen horte: dass er selbst schon fort sey.
Ich eilte auf sein Zimmer und ward mir erst hier bewusst: dass ich noch an der Aussage der Bedienten gezweifelt hatte.
"Der Grausame!" rief ich "so konnte er mich wirklich verlassen? er hat mich niemahls geliebt! wie ware es sonst moglich!"
"Wohlan! keine Schwache mehr! in Marien finde ich alles wieder.
Achtes Kapitel
Jetzt dunkte mich Alles den Schneckengang zu gehen. Meine Leute liefen sich aus den Athem, und doch hatte ich sie nie so unertraglich langsam gefunden. Endlich waren sie zur Abreise bereit, und mein Wagen flog auf den Weg nach Berlin.
Welche Tage! welche endlosen Nachte! ehe wir die geliebte Stadt erreichten. Wir waren noch zehn Meilen davon, und schon wollte mir die Brust vor Sehnsucht und Ungeduld zerspringen. Ich bat, ich flehte, ich versprach, die Pferde sturzten, und wir waren noch immer nicht da.
Endlich erblickten wir die Thurmspitzen, und jetzt ward mir der Wagen zu enge. Ich eilte im Fluge vorauf, und in wenig Minuten stand ich vor Sophien, stumm vor Schmerz und Entzucken.
Holdselig lachelnd, reichte sie mir die Hand. Ich sah es: sie hatte mir vergeben und die Ruhe war in das schuldlose Herz zuruckgekehrt. Ach ohne mich, ware sie nie daraus gewichen!
Sie kam meinen Fragen nach Marien zuvor. Man sprach von einer Heyrath welche die Mutter begunstigte; aber Marie hatte sich standhaft geweigert.
Das unbandige Klopfen meines Herzens nahm zu, und ohne weiter Rucksicht auf Sophie zu nehmen, drang ich mit Ungestum darauf Marien vorgestellt zu werden.
Sophie machte mehrere Schwierigkeiten. Ich uberwand sie alle, und am folgenden Tage doch wozu eine Beschreibung, welche die Wirklichkeit nimmermehr erreichen kann! ich sah sie wieder, und fuhlte: dass man nur e i n m a l l i e b t .
Neuntes Kapitel
Ihre Schonheit hatte sich bis zum Idealischen, und meine Liebe bis zur Anbetung erhoben. Auch bemerkte ich: dass sie denselben Eindruck auf Andre machte. Die lauteste Gesellschaft verstummte bey ihrem Eintritt, und die sinnlichsten Manner nahten sich ihr mit schuchterner Ehrfurcht.
Kaum wagte ich den Gedanken: dass sie die Meinige werden konnte jede Beruhrung schien mir Entheiligung der Seligkeit einer Umarmung ware ich jetzt noch erlegen.
Aber wie? Wenn ich sie verlohre! bey dieser Vorstellung verschwand jede Bedenklichkeit. Ich flog hin zu ihr, ich umfasste ihre Knie, ich stammelte unzusammenhangende Worte, ich benezte ihre Hande mit Thranen der Angst, der Reue und des Entzuckens.
Sie verstand mich ich ahnte es, und nun erst wagte ich es sie anzublicken. Doch aufgestanden ware ich nicht; hatte sie mich nicht zu sich erhoben.
Jetzt lag ich sprachlos in ihren Armen ihr Mund naherte sich dem meinigen, und bald wusste ich: dass ich das hochste Leben gelebt hatte.
Zehntes Kapitel
Mein Vermogen und meine Familie dienten mir statt aller ubrigen Empfehlung. Die Mutter willigte ein, und ich versank in einen Taumel von namenlosen Entzucken.
Tausend Mal musste Marie mir wiederholen: dass sie mich liebe, dass sie die Meinige werden wolle, dass das Alles kein Traum sey ach ich zweifelte dennoch daran. Der Tag wo wir verbunden werden sollten, erschien, und mein Zustand granzte an Wahnsinn.
Ich sah sie ankleiden, ich sah den Kranz auf ihre Locken befestigen, man ermahnte mich zu eilen, man wiederholte mir alle Augenblicke: dass man auf mich warte, dass ich noch in meinen gewohnlichen Kleidern sey. Ich begriff nur halb was man von mir wollte, und wahrscheinlich wurden die Gaste wieder davon gegangen seyn; wenn man nicht Marie vermocht hatte mich in mein Zimmer zu schicken.
Eilftes Kapitel
So hatte sich dann der kuhnste meiner Traume in Wirklichkeit verwandelt! vor den Augen aller Neider durfte ich sie mein nennen aber dennoch zitterte ich vor ihnen. Ich fuhrte den Engel schnell in mein vaterliches Erbe, und ein Paradies bluhte um mich auf.
Sophie hatte uns begleitet, und wollte sich nicht mehr von uns trennen. Ihr liebendes Herz war zu gross fur die Eifersucht, und ihre enthusiastische Anhanglichkeit fur alles jugendliche und Schone, verbunden mit ihrer Kenntniss der Mahlerey, machte, dass sie Mariens tadellose Gestalt beynahe noch mehr als ich zu schatzen wusste.
Taglich zeichnete sie das reizende Weib in andern Stellungen, und alles Feuer der Jugend und der hohen Begeisterung strahlte von ihrem Gesichte, wenn sie der atherischen Gestalt mit ihrem Pinsel gegenuber sass.
Sie behauptete: nie etwas Vollkommneres gesehen zu haben, und forderte mich immer von neuem auf, Marien mit den griechischen Urbildern der Schonheit zu vergleichen.
"Ich muss Sie noch Zeichnen lehren!" rief sie "damit Sie wissen: was Sie an ihr haben."
Zwolftes Kapitel
Ach, mein Gluck war keines Zuwachses, aber wohl einer Abnahme fahig!
Marie schien nicht ruhig und, o Gott! endlich musste ich es mir gestehen Marie schien nicht glucklich. Sie leugnete das; aber es war nur gar zu sichtbar. Sophie selbst bemerkte es, und forschte mit mir vergebens nach der Ursache.
Sie suchte die einsamsten Spaziergange und wenn ich sie dann uberraschte; so waren ihre Augen von Weinen entzundet, und aus ihren Zugen sprach die trostloseste Schwermuth.
Meine Bauern verehrten sie wie eine wohlthatige Gottheit, und es war zum Gesetz bey ihr geworden jeden Abend einen Gang durch das Dorf zu machen, um den Bedurfnissen dieser guten Leute augenblicklich abzuhelfen.
Vormahls kehrte sie mit himmlischer Heiterkeit von diesen Spaziergangen zuruck jetzt ward ihre Schwermuth sichtbar dadurch vermehrt.
O Gott! was sollt' ich glauben? ich ahnete mein Ungluck, und dennoch suchte ich mich immer zu tauschen. Aber mein boser Geist verfuhrte mich endlich ihr eines Abends unbemerkt zu folgen.
Sie nahm wie gewohnlich den Weg zum Dorfe, und nachdem sie sich kurze Zeit bey einem Greise, der ihr laut segnend mit den Augen folgte, verweilt hatte, sah ich sie in ein Huttchen treten, wo ein junges Weib sie an der Thure empfing.
Sie gingen in das Stubchen, dessen niedrige Fenster mir nichts von dem was darinn vorging verbargen. Schon brannte das dunkle Lampchen auf dem altvatrischen Tische und ein Kind von kaum zwey Jahren, stutzte das Engelkopfchen auf den Rand desselben, und sah unverwand in die Flammen.
Marie trat leise ihm gegenuber, und winkte der Mutter sich still zu verhalten. In der That, der Anblick hatte etwas unbeschreiblich Anziehendes. Alle Ahnungen des verwickelten Erdenlebens, und seiner rathselhaften Bestimmung, schienen durch die Flammen in der Seele des Kindes geweckt zu werden, und ich selbst vergass, uber den holdseligen Knaben was mich hier her gefuhrt hatte.
Aber ein Laut der innigsten Wehmuth aus Mariens Munde erinnerte mich daran. Mit einer Heftigkeit, die ich niemahls an ihr bemerkt hatte, riss sie das Kind an ihr Herz, und bedeckte es mit Thranen und mit zahllosen Kussen.
"Ach wenn Sie doch auch so Eins hatten" sagte das junge Weib; und winkte dem Knaben, der sich los machen wollte, zu bleiben.
"Nimmermehr! nimmermehr!" rief Marie laut weinend. Der Knabe floh in die Arme seiner Mutter, und ich in den nahen Wald; als wollte ich der rachenden Natur entfliehen.
Von Heinrichs Hand
So weit schrieb mein unglucklicher Freund; als eine gefahrliche Krankheit ihm auf lange Zeit jede Geistesanstrengung unmoglich machte.
Zwar fanden wir noch manche abgerissene Aufsatze von seiner Hand; welche uns uberzeugten: dass er ein sechstes Buch den vorhergehenden funfen habe hinzufugen wollen. Aber theils waren sie so unleserlich geschrieben, dass es unmoglich schien, einen vollstandigen Sinn heraus zu bringen; theils verrieth das Wenige was wir entziffern konnten, eine so ungerechte Strenge gegen sich selbst: dass wir uns an seiner Asche versundigen wurden, wenn wir es mittheilen wollten.
Aber wenn er seine Verirrungen schilderte; so fordern uns Dankbarkeit und Gerechtigkeit auf: seine Ruckkehr zur Tugend, und seinen Edelmuth nicht zu verschweigen.
Wo die Wahrheit so schon, und so ruhrend ist, da kann man des Schmuckes entbehren. Dieser Gedanke giebt mir Muth den Faden seiner Geschichte wieder aufzunehmen. Mariens Geheimniss war verrathen und mein unglucklicher Freund trug die Holle in seinen Busen. Er hatte in Stunden der innigsten Vertraulichkeit meiner Neigung zu ihr erwahnt, und wenn Marie jetzt bey meinem Namen errothete; so gesellten sich alle Qualen der Eifersucht zu den Martern der Selbstverachtung, und der trostlosen Verzweiflung.
Er ward krank, glaubte sein Ende nahe, und konnte was auch sein Herz dabey leiden mogte die Begierde nicht unterdrucken, mich noch einmal zu umarmen.
Ich sah Marie wieder aber ich hatte mit ihm an einer Brust gelegen, ich hatte so Manches fur ihn, und mit ihm gelitten ich konnte jetzt nur Sinn fur seinen Verlust haben.
Doch er sollte fur dieses Mal uns noch erhalten werden. Der Arzt rieth zu einer Veranderung des Aufenthalts, wir wahlten Berlin, und Marie begleitete uns. Ach wer konnte ahnen was seiner dort wartete!
Schon glaubten wir ihn vollig wieder hergestellt. Mariens unnachahmliche Sorgfalt, und ihr seelenerschutterndes Leiden bey seiner Gefahr, schien alle Spuren der Eifersucht aus seinem Herzen vertilgt zu haben. Zwey Mal wollte ich mich von ihm trennen, aber er beschwor mich, ihn nicht mehr zu verlassen.
So durch die reinste und zartlichste Freundschaft vereinigt; sahen wir einer heitern Zukunft entgegen. Marie lebte nur in ihrem Gustav hatte Alles vergessen, was ihr vormahls noch wunschenswurdig schien, und meine Empfindung gegen sie waren mit einer so tiefen Achtung verbunden: dass wir alle unsre Ruhe fur immer gesichert glaubten.
Aber mein unglucklicher Freund konnte seinem Schicksale nicht entgehen. Ein Fremder, der ihm empfohlen und mit seinem Gemuthszustande unbekannt war, verleitete ihn, nachdem sie von mehrern Merkwurdigkeiten der Stadt zuruckkamen, die Charite zu besuchen.
Hier fand er Roschen, das bejammernswurdige Madchen, deren Unschuld er vormahls geraubt hatte, in dem qualvollsten und schauderhaftesten Zustande.
Sie war vollig unkenntlich, aber ein Schrey des Entsetzens verrieth sie. Man brachte meinen unglucklichen Freund, ohne Bewusstseyn, in Mariens Zimmer, und mehrere Tage vergingen, ehe wir hoffen konnten, dass er es jemahls wieder erhalten wurde.
Endlich erkannte er mich, und doch es ist mir unmoglich die Leiden dieser schonen, gefallenen Menschenseele zu schildern. Ach wir litten selbst zu viel wir verloren die Fahigkeit zu beobachten.
Aber mit einem Male schien eine neue Lebenskraft ihn zu erfullen. Er erhob sich ohne alle Hulfe von seinem Lager sein Auge glanzte, seine Lippen bewegten sich, ein grosser Entschluss schien plotzlich in seiner Seele zu reifen.
Er befahl seinen Wagen bereit zu halten, und kundigte uns an: dass er bis zum Ende des Sommers auf eins seiner benachbarten Guter gehen wurde.
Mariens wiederholte Bitten ihn zu begleiten, waren vergeblich. Er behauptete: nur durch eine ganzliche Abgeschiedenheit von Allem was er liebe, geheilt werden zu konnen. Der Arzt trat auf seine Seite, und so blieben wir das Herz voll schmerzhafter Ahnung zuruck.
Schon war die bestimmte Zeit voruber, und noch hatten wir ihn nicht gesehen. Marie war entschlossen, auf die Gefahr seines Unwillens, ihm zu folgen, als der Arzt ihr entdeckte: dass Gustav daran arbeite, sich fur immer von ihr trennen zu lassen. Er halte sich ihrer nicht wurdig, und die Sache wurde vielleicht schon entschieden seyn, wenn er sie nicht ubernommen, und Gustav auf diese wohlthatige Weise getauscht hatte. Er hoffte, dass eine kurze Trennung hinreichen wurde ihn vor allen ahnlichen Gedanken zu bewahren.
Jetzt flog Marie zu meinem unglucklichen Freunde; aber sie kam zu spat. Ein Nervenfieber hatte ihn aufs Krankenlager geworfen, und wir sahen bald, dass alle Hoffnung dahin sey.
Mit einem Blick der hochsten Liebe legte er Mariens Hand in die meinige, und verschied in unsern Armen.
Sechs Sohne und vier Tochter bluhen um uns auf; aber ihr Lacheln hat die Erinnerung seiner Leiden nicht in unserm Herzen vertilgen konnen.
Die theuren, geliebten Kinder! sie haben sein Grab mit Rosen bepflanzt, und kennen ihn unter den Namen des unglucklichen Freundes.
Mein altester Sohn, ein Jungling von siebzehn Jahren hat seine Geschichte gelesen, und oft, wenn seine jungern Bruder den Hugel umschwarmen, sehe ich ihn gedankenvoll an Gustavs Grabe verweilen.