Johann Jakob Engel
Herr Lorenz Stark
ein Charaktergemalde
I.
Herr Lorenz Stark galt in ganz H ....., wo er lebte, fur einen sehr wunderlichen, aber auch sehr vortrefflichen alten Mann. Das Ausserliche seiner Kleidung und seines Betragens verkundigte auf den ersten Blick die altdeutsche Einfalt seines Charakters. Er ging in ein einfarbiges, aber sehr feines Tuch, grau oder braunlich, gekleidet; auf dem Kopfe trug er einen kurzen Stutz, oder wenn's galt, eine wohlgepuderte Troddelperucke; mit seinem kleinen Hute kam er zweimal ausser die Mode, und zweimal wieder hinein; die Strumpfe waren mit grosser Zierlichkeit uber das Knie hinaufgewickelt; und die stark besohlten Schuhe, auf denen ein Paar sehr kleiner, aber sehr hell polirter Schnallen glanzten, waren vorne stumpf abgeschnitten. Von uberflussiger Leinewand vor dem Busen und uber den Handen war er kein Freund; sein grosster Staat war eine feine Halskrause mit Spitzen.
Die Fehler, deren dieser vortreffliche Mann nicht wenig hatte, und die denen welche mit ihm leben mussten, oft sehr zur Last fielen, waren so innig mit den besten seiner Eigenschaften verwebt, dass die einen ohne die andern kaum bestehen zu konnen schienen. Weil er in der That kluger war, als fast Alle mit denen er zu thun hatte, so war er sehr eigenwillig und rechthaberisch; weil er fuhlte, dass man ihm selbst seiner Gesinnungen und Handlungen wegen keinen gegrundeten Vorwurf machen konnte, so war er gegen Andre ein sehr freier, oft sehr beschwerlicher Sittenrichter; und weil er, bei seiner naturlichen Gutmuthigkeit, uber keinen Fehler sich leicht erhitzen, aber auch keinen ungeahndet konnte hingehen lassen, so war er sehr ironisch und spottisch.
In seiner Casse stand es ausserordentlich gut; denn er hatte die langen lieben Jahre uber, da er gehandelt und gewirthschaftet hatte, den einfaltigen Grundsatz befolgt: dass man, um wohlhabend zu werden, weniger ausgeben als einnehmen musse. Da sein Anfang nur klein gewesen, und er sein ganzes Gluck sich selbst, seiner eigenen Betriebsamkeit und Wirthlichkeit schuldig war: so hatte er in fruhern Jahren sich nur sehr karg beholfen; aber auch nachher, da er schon langst die ersten Zwanzigtausend geschafft hatte, von denen er zu sagen pflegte, dass sie ihm saurer als sein nachheriger ganzer Reichthum geworden, blieb noch immer der ursprungliche Geist der Sparsamkeit in seinem Hause herrschend: und dieser war der vornehmste Grund von dem immer steigenden Wachsthum seines Vermogens.
Herrn Stark waren von seinen vielen Kindern nur zwei am Leben geblieben: ein Sohn, der sich nach dem Beispiel des Vaters der Handlung gewidmet hatte; und eine Tochter. Letztere war an einen der beruhmtesten Arzte des Orts, Herrn Doctor Herbst, verheiratet: einen Mann, der nicht weniger Geschicklichkeit besass, Leben hervorzubringen, als zu erhalten. Er hatte das ganze Haus voll Kinder; und eben dies machte die Tochter zum Liebling des Alten, der ein grosser Kinderfreund war. Weil der Schwiegersohn unfern der Kirche wohnte, die Herr Stark zu besuchen pflegte: so war es ausgemacht, dass er jeden Sonntag bei dem Schwiegersohn ass; und seine Frommigkeit hatte zuweilen wohl gern die Kirche versaumt, wenn nur seine Grossvaterliebe den Anblick so werther Enkel und Enkelinnen hatte versaumen konnen. Es ging ihm immer das Herz auf, wenn ihm der kleine Schwarm, beim Hereintreten ins Haus, mit Jubelgeschrei entgegensprang, sich an seine Hande und Rockschosse hangte, und ihm die kleinen Geschenke abschmeichelte, die er fur sie in den Taschen hatte. Unter dem Tischgebete schweiften zuweilen die Augen der Kleinen umher, und er pflegte ihnen dann leise zuzurufen: Andacht! Andacht!; aber der gerade am wenigsten Andacht hatte, war er selbst: denn sein ganzes Herz war, wo seine Augen waren, bei seinen Enkeln.
Mit seinem Sohne war dagegen Herr Stark desto unzufriedener. Auf der einen Seite war er ihm zu verschwenderisch, weil er ihm zu viel Geld verkleidete, verritt, und verfuhr; insbesondere aber, weil er zu viel auf Caffeehauser und in Spielgesellschaften ging. Auf der andern Seite verdross es Herrn Stark, dass der Sohn als Kaufmann zu wenig Unternehmungsgeist, und als Mensch zu wenig von der Wohlthatigkeit und Grossmuth seines eigenen Charakters hatte. Er hielt ihn fur ein Mittelding von einem Geizhalse und einem Verschwender: zwei Eigenschaften, die Herr Stark in gleichem Grade verabscheute. Er selbst war der wahre Sparsame, der bei seinem Sammeln und Aufbewahren nicht sowohl das Geld, als vielmehr das viele Gute im Auge hat, das mit Gelde bewirkt werden kann. Wo er keine Absicht fand, da gab er sicherlich keinen Heller; aber wo ihm die Absicht des Opfers werth schien, da gab er mit dem kaltesten Blute von der Welt ganze Hunderte hin. Was ihn aber am meisten auf den Sohn verdross, war der Umstand: dass dieser noch in seinem dreissigsten Jahre unverheiratet geblieben war, und dass es allen Anschein hatte, als ob er die Zahl der alten Hagestolzen vermehren wurde. Der Vater hatte den Sohn zu keiner Heirat bereden, der Sohn keine Heirat ohne des Vaters Einwilligung schliessen wollen: und beide waren in Geschmack und Denkungsart allzuverschieden, als dass ihre Wahl oder ihr Wunsch je hatte ubereinstimmen konnen.
Herr Stark hatte seine ganze Handlung der Aufsicht des Sohns ubergeben, und ihm zur Vergeltung fur seine Muhe, einige nicht unwichtige Zweige derselben vollig abgetreten. Nur die Geldgeschafte, deren er viele und sehr betrachtliche machte, hatte er sich selbst vorbehalten. Indess unterliess er nie, besonders weil er in die kaufmannische Klugheit seines Stellvertreters nicht das meiste Vertrauen setzte, sich um die ubrige Handlung, so wie um das ganze Leben des Sohns, zu bekummern; und da er ohne Unterlass etwas versaumt oder nicht ganz nach seinen Grundsatzen fand, so gab dies zwischen Vater und Sohn zu sehr unangenehmen Auftritten Anlass, die am Ende von beiden Seiten ein wenig bitter und beleidigend wurden.
Man sehe hier zur Probe nur einen der letzten Auftritte, der fur die Ruhe und Gluckseligkeit der Familie die bedeutendsten Folgen hatte.
II.
Der junge Herr Stark hatte sein Wort gegeben, im offentlichen Concert zu erscheinen, und sich zu diesem Ende in ein lichtbraunes sammtnes Kleid mit goldgestickter Weste geworfen. Er hatte sich uber dem Anziehen ein wenig versaumt, und fuhr jetzt mit grosser Eile in das gemeinschaftliche Arbeitzimmer, wo eben der Alte beim Geldzahlen sass. Friedrich! Friedrich! rief er, indem er die kaum zugeworfene Thure mit Gerausch wieder aufriss.
Gott sei bei uns! sagte der Alte; was giebts? und nahm die Brille herunter.
Der Sohn forderte Licht zum Siegeln, warf sich an seinen Schreibtisch, und murmelte dem Alten, seitwarts die Worte zu: Ich habe zu arbeiten Briefe zu schreiben.
So eilfertig? sagte der Alte. Ich wiederhol' es dir schon so oft: bedachtig arbeiten und anhaltend, hilft weiter, als hitzig arbeiten und ruckweis. Doch freilich! freilich! Je eher man sich vom Arbeitstisch hilft, desto fruher
Kommt man zum Spieltisch, wollte er sagen; aber weil eben Friedrich mit Licht hereintrat, so besann er sich, und verschluckte das Wort.
An wen schreibst du denn da? fing er nach einiger Zeit wieder an.
An Eberhard Born in S**.
Den Sohn?
Der Vater heisst August, nicht Eberhard.
Gut? Meine Empfehlung an ihn! Ich denke noch oft an die Reise von vorigem Sommer, wo ich ihn kennen lernte. Es ist doch ein vortrefflicher junger Mann.
O ja! murmelte der Sohn in sich hinein. Wer nur auch so ware!
Ein ordentlicher, arbeitsamer, gesitteter Mann, wie geboren zum Kaufmann. Voll Muths, etwas zu unternehmen, aber nie ohne Bedacht; in seinem Ausserlichen so anstandig, so einfach: von Sammt und Stikkereien kein Freund, und was ich an ihm ganz vorzuglich schatze kein Spieler. Ich denke, er soll in seinem Leben noch sein erstes Solo verlieren. Wenn er ja einmal spielt, so ist es nicht in der Karte, sondern mit seinen Kindern. Er hat so liebenswurdige Kinder! Ach, und der Alte, sein Vater! Der kann so ganz aus vollem Herzen gegen ihn Vater seyn. Das ist ein glucklicher Mann! Ich kenne Vater, fuhr er ein wenig leiser fort, die sich an ihm versundigen, die ihn beneiden konnten.
Schreib, oder ! sagte der Sohn, indem er eine Feder nach der andern auf den Tisch stampfte und hinwarf.
Der Alte sah das eine Weile mit an. Du bist ja ganz argerlich, wie es scheint?
Wer's nicht ware! murmelte der Sohn wieder in sich.
Bin etwa ich daran Ursache? Hab' ich deinen Geschmack nicht getroffen? Er stand auf, und ging zum Tische des Sohns. Ich weiss, du bist von Winken und von Anspielungen eben kein Freund, und ich kann ja auch deutlicher reden.
O, es braucht dessen nicht, sagte der Sohn, und schrieb fort.
Der Alte nahm ihm ruhig die Feder aus der Hand, sprutzte sie aus, und legte sie hin. Sieh! fing er dann an: es wird mir von Tage zu Tage immer argerlicher, dass ich einen Menschen von so weitlauftigem Kopfe und von so engem Herzen zum Sohn haben muss. Einen Menschen der fur seinen Putz, sein Vergnugen, der in L'hombre und Whist ein Ducatchen nach dem andern, oft auch wohl dutzendweise, vertandelt; der nur noch gestern wieder bis in die sinkende Nacht gespielt hat, und der, wenn er eine grossmuthige Handlung thun sollte, vielleicht keines Thalers Herr ware; einen Menschen, der ewig ledig bleibt, weil keine Partie ihm reich genug ist, und der doch immer ubrig hat, zu fahren, zu reiten, den Cavalier zu machen, Sammt und Stickereien zu tragen. Ich muss wohl nicht Unrecht haben, fuhr er nach einigem Stillschweigen fort; denn du kannst mir nicht antworten.
O, ich konnte, sagte der Sohn, indem er mit Hitze aufstand; aber
So sprich! Was verhinderte dich?
Bei Gott! ich bin es mude, so fortzuleben.
Dass ich das hoffen durfte!
Ich bin nun, denk' ich, ein Mann, und kein Kind mehr. Warum wird mir denn noch immer begegnet, wie einem Kinde?
Sohn! Sohn! Es giebt alte Kinder.
Ich bin aufmerksam; ich versaume nichts, was zu thun ist: ich setze nie die Achtung und die Ehrerbietung gegen Sie aus den Augen
Nur den Gehorsam ein wenig.
Ich verwalte das Ihrige mit Redlichkeit und mit Treue: und doch doch kann ich keine Stunde in Ruhe leben; doch wird mir durch Vorwurfe ohne Ende jeder Augenblick meines Daseins verkummert; doch wird mir jede Zerstreuung, jedes elende Vergnugen gemissgonnt.
Du sprichst sehr hart, aber sehr wahr. Jedes elende Vergnugen!
Elend weil es mir nichts, oder eine Wenigkeit kostet. Was hab' ich denn verloren, wenn ich verlor?
Das Kostbarste, was wir haben: die Zeit.
Und soll ich denn gar keinen Genuss meiner Jugend haben? Soll ich immer so fortarbeiten, wie Sie; mich eben so tragen, eben so einschranken, wie Sie? eben so
Nun, was stockst du? Sprich aus!
Eben so bei Thalern zusammensparen, um bei Hunderten wegzuwerfen?
Wegzuwerfen! sagte der Alte, dem nichts in der Welt so unertraglich schien, als dass Kinder ihre Eltern uber den freien Gebrauch eines selbsterworbenen Vermogens richten sollten. Dacht' ich es doch, dass der junge Mensch noch wurde mein Vormund werden! Wegzuwerfen? Was verstehst du darunter? Was heisst bei dir wegwerfen? Sprich! Er ging ihm nach, und hielt ihn etwas unsanft am Arme. Seinen Beutel fur jeden ehrlichen Mann offen halten, der Beistand braucht; etwa das?
Ehrlich! sagte der Sohn mit ziemlich gesunkener Stimme. Wenn sie es alle waren!
O, ich bin noch wenig betrogen. Ich fasse meinen Mann erst ins Gesicht, ehe ich gebe. Und was nennst du denn wegwerfen? Sprich!
Sie borgen Allen ohne das Geringste davon zu haben.
Thor! Ohne das Geringste davon zu haben? Er zog die Hand von seinem Arme, und gab ihm einen Blick voll Verachtung. Ich habe das davon, zu sehn, dass es meinem Mitmenschen wohl geht. Rechnest du das fur nichts? Und wenn sie mich einst die lange Strasse hinabtragen, und ich hier Alles dahintenlasse; so hoff' ich, es soll da Mancher mit Thranen in seinen Augen sprechen: "Schade um den rechtschaffenen Mann! Ich hab' ihm mit Weib und Kindern meinen ganzen Wohlstand zu danken. Ich war in Noth und kam zu ihm; da half er mir auf, und ich konnte bei Ehren bleiben." Bei dir hingegen. Doch was stehe ich da und predige in den Wind? Dein Kopf hat einmal seine eigene Philosophie, und wollte Gott, dass es eine gescheidtere ware! Nur immer wieder an deine Arbeit! Schreib! Schreib!
III.
Herr Stark setzte sich wieder ruhig an seinen Tisch, und achtete wenig darauf, dass der Sohn eine geraume Zeit mit grossen, heftigen Schritten umherging. Er hatte den Grundsatz, dass man einem geschlagnen, weinenden Kinde Zeit lassen musse, um auszuschnucken, und dass es unvernunftig sei, von einer aufgeregten Leidenschaft augenblickliche Stille und Ruhe zu fordern. Der Kampf im Herzen des Sohnes wurde sich auch wahrscheinlich, wie schon so oft, zum Vortheil der kindlichen Liebe und Ehrerbietung entschieden, und Alles wurde seine vorige Gestalt angenommen haben: wenn nicht unglucklicher Weise ein Mensch hereingetreten ware, der dem jungen Herrn Stark aus mehr als einer Ursache verhasst war. Es war ein gewisser Herr Specht, einer der kleinen Anfanger, die auf die Gute des alten Herrn bei jeder Gelegenheit Anspruch machten, und die fur die Wunsche des Sohns nur allzuoft darin glucklich waren. Dieser hier hatte den Vorzug vor allen Ubrigen; denn er war Pathe und Gevatter zugleich: Verhaltnisse, die dem Herrn Stark, nach alter Sitte, noch sehr wichtig und ehrwurdig schienen. Was aber den Sohn besonders gegen ihn aufbrachte, war der aus gewissen aufgefangenen Reden geschopfte Verdacht, als ob Herr Specht eine junge liebenswurdige Witwe, Madam Lyk, die bei dem Sohne sehr viel und bei dem Vater sehr wenig galt, bei letzterm angeschwarzt, und ihm Veranlassung zu allen den bittern Glossen gegeben hatte, womit er dann und wann uber sie herzufahren pflegte.
Ei! sagte nach seiner gewohnlichen gleissnerischen Art der Herr Specht, indem er gerade beim Hereintreten zu seinem grossen Verdruss auf den Sohn stiess, der noch immer umherging: Ei mein werthster Herr Stark! Gleich hier an der Schwelle bin ich so glucklich ?
Seine tiefen Verbeugungen und seine sussen Mienen hatten dem Sohne noch nie so fade und unausstehlich geschienen, als jetzt. Was giebts? Was solls? fuhr er den ganz erstaunten und erschrocknen Besuch ein wenig unartig an.
Himmel! sagte Herr Specht, und griff wieder nach dem Drucker der Thure; ich hoffe doch nicht, dass ich ungelegen komme? dass ich Storung verursache?
Es ware moglich. Die Zeit ist edel, mein Herr. .
Ja wohl! ja wohl! Schon bei unser einem; und erst vollends bei Ihnen! bei einem Manne, der solche Geschafte macht, solch ein Werk fuhrt! Wahrlich, ich begreife oft nicht
Was es giebt? Was Sie wollen? Hab' ich gefragt. Borgen etwa? noch ehe die alte Schuld ganz getilgt ist? Oder wieder Nachrichten von der Witwe, Ihrer Nachbarinn, bringen? Da! Wenden Sie Sich an meinen Vater, und nicht an mich!
Indem noch Herr Specht mit den Augen in allen Winkeln war, und nicht wusste, ob er gehen oder bleiben, ob er schweigen oder antworten sollte, drehte der alte Herr Stark, dem nachgerade das Gehor ein wenig schwach ward, und der nicht wusste, ob er etwas und was er horte, sich auf seinem Stuhle herum, und half ihm durch ein freundliches Willkommen! von seiner Herzensangst. Der Sohn warf sich wieder an seinen Tisch, um weiter zu schreiben.
Nun? Und was steht denn zu Diensten? sagte Herr Stark, nach mehrern unbedeutenden Fragen; denn umsonst pflegt Er nicht zu kommen, mein lieber Pathe.
Ich ich wollte so frei seyn, stotterte dieser, indem er schielende, misstrauische Blicke nach dem Sohn zuruckwarf ich habe, diese Tage uber, Gelegenheiten gefunden so allerhand kleine Gelegenheiten
Das versteh' ich ja nicht. Was fur Gelegenheiten?
Ich meine: einen vortheilhaften Handel zu schliessen, mir einen kleinen Gewinn zu verschaffen
Ja so! das ist mir lieb; das ist schon. Immer zugegriffen, mein lieber Specht!
Aber wie's denn bei Anfangern geht die Beutel sind so eng und so flach. So wie man hineingreift, hat man auch auf den Boden gegriffen. Dies war, beilaufig zu sagen, einer der eigenen Einfalle des Herrn Stark, die Herr Specht sich sorgfaltig zu merken und gelegentlich bei ihm selbst, mit immer gutem Erfolg, wieder anzubringen pflegte. Und da wollt' ich denn also wenn's ohne Beschwerde geschehen konnte
Frischen Vorrath holen. Nicht wahr? Nur heraus mit der Sprache!
Herr Specht lachelte, und schlug den Alten mehrmalen hinter einander, mit den aussersten Fingerspitzen, sanft und schmeichlerisch auf die Schulter. Sie sind doch ein vortrefflicher Mann, liebster Herr Pathe Ja, ja! Weil ich ein so guter Prophet bin. Aber was war's denn, das Er vorhin mit meinem Sohne absprach? Hat Er Sich dem schon entdeckt?
Ich wollte. Ich hatte die Absicht; aber der junge Herr
Wird vermuthlich bedauert haben? wird sich ausser Stande gesehen haben, zu dienen?
So schien's beinahe.
Es kann Ernst damit seyn. Die Zeiten sind sich nicht immer gleich, und ich denke, es mag ihm jetzt selber fehlen.
Hehehe! liebster, bester Herr Stark! Wie Sie doch manchmal zu spassen wissen!
Zu spassen? sagte der Alte, und wies nach dem andern Tisch auf die reichgestickte Weste hinuber. Sieht Er denn nicht, dass mein Sohn sein Gold hat verarbeiten lassen? Ein jeder freilich nach seinem Geschmack! Der Eine halt's mit einer vollen, der Andre mit einer flimmernden Tasche.
Dieses Wort, in keiner ganz ublen Laune und mit einem ziemlich gutmuthigen Tone gesagt denn Herr Stark war wohl Spotter, aber kein hamischer; und wenn er im Verdrusse erst wieder witzig ward, so war das immer ein Zeichen seiner schon wiederkehrenden Ruhe dieses Wort folgte auf zu bittre, zu ernstliche Vorwurfe, und ward in Gegenwart eines zu gehassten, zu verachteten Menschen gesprochen, als dass es auf das Herz des Sohns nicht eine sehr ungluckliche Wirkung hatte thun sollen. Er sprang mit Ungestum auf, murmelte heftige unverstandliche Worte zwischen den Zahnen, und warf die Thure.
IV.
Mein Gott! sagte Herr Specht, dem vor Schrecken beide Arme am Leibe niedersanken: der junge Herr war ganz erhitzt, ganz ergrimmt. Ich will doch nicht hoffen, dass meine Gegenwart
Nicht doch! trostete ihn der Alte, den seine Ubereilung schon innerlich zu gereuen anfing: es ist nur seine Art so; er machts nicht anders. Dann gab er Herrn Specht die benothigte Summe, mit hinzugefugter Warnung, dass er sein Geld nicht verstecken, sich nicht in mehr oder in grossere Geschafte verwickeln sollte, als die er verstande, und ubersehen konnte. Ubrigens, sagte er, wunschte ich, um Lebens- und Sterbenswillen, eine kleine Verschreibung. Er kann sie mir diesen Nachmittag bringen.
Gewiss! gewiss! sagte Herr Specht; und klopfte ihm wieder, wie zuvor, mit leichter schmeichelnder Hand, auf die Schulter. Ich dacht' es doch gleich, liebster Herr Pathe, dass mir von Ihnen wurde geholfen werden. Auch meine Frau sagte: Geh immer! So ein Mann, sagte sie, wie der Herr Stark ist, lebt auf der Welt nicht weiter. Nun, guten Morgen! guten Morgen!
Er hatte ein Vieles darum gegeben, wenn er das ungluckliche Wort von der Frau hatte zuruckholen konnen: aber es war heraus, und mit dem Forteilen wollt' es nicht glucken. Herr Stark winkte ihm wieder umzukehren, und drohte ihm, nicht ohne Ernst, mit dem Finger. Weil Er doch Selbst von ihr anfangt, mein lieber Specht, und weil ich's bisher immer vergessen habe; sag' Er mir einmal recht aufrichtig: war' Er nicht ein wenig verliebt in die Frau?
Je nun, stotterte dieser ein junger Ehemann freilich
Der selige Lyk, denk' ich, war's auch. Und nun, die Witwe die ihm das Seinige vertandelte, verputzte, vertanzte, verschmaus'te Er weiss ja wohl besser, als ich's Ihm sagen kann, was dort fur Umstande sind. Gar nicht mehr so glanzende, als vordem. Nehm' Er Sich also in Acht, lieber Specht! Sei Er auf Seiner Hut!
Aber wie so, bester Herr Pathe? wie so? Meine Frau
Ist mir gar sehr nach der Mode. Alles was nur aufkommt, das macht sie mit. Und darum stell' ich mir vor weil Er doch nur ein Anfanger ist, und weil ich Ihn doch sonst als guten Haushalter kenne ich stelle mir vor: Er hat so eine gewisse schwache Seite, und die junge Frau hat die ausgekundschaftet. Hab' ich's getroffen?
Liebster, bester Herr Pathe
Man gesteht das nicht gern. Schon gut! Aber ich bitt' Ihn, als Freund, lieber Specht! nehm' Er Sich in Acht! Sei Er ein Mann! Bei einer schlechten Wirthinn, geht der beste Wirth von der Welt zu Grunde; da ist kein Haltens. Er fullt da in ein locheriges Sieb: und wenn Er Sich auch zu Schanden fullte; Er bringt in Ewigkeit nichts hinein. Ich weiss zwar wohl, fuhr er nach einem Weilchen mit Schmunzeln fort, wie's die Weiber zu machen pflegen
Ja freilich, freilich, seufzte hier Specht, und fuhr sich mit dem Finger hinter die Ohren. Da steckt's!
Wie sie den jungen Mann in die Enge treiben; Launen haben, Zufalle haben, Beklemmungen und Ohnmachten haben Gott weiss, was Alles? , und wie dann auf einmal wieder das Wetterglas steigt und heitre Sommerluft wird; wie sie da schmeicheln, liebkosen, tandeln, und dann so unversehens, als wenn ihnen nichts drum ware, damit herausrucken: die da, die tragt dies und tragt das; die geht hier hin und dort hin; die macht dies mit und das mit: die Narrinn! Unser eine ist doch eben, was sie ist.
Nun wahrhaftig! rief Specht, dem uber die gute Laune des Alten das Herz wieder ganz leicht ward: Es ist, als ob Sie hatten dabei gestanden.
Und wenn sie dann den guten Tropf in der Schlinge haben: wie sie da kussen, liebaugeln, herzen Ganz, wie sie's zu machen pflegen! indem er die grosste Verwunderung vorgab ganz nach der Natur! Zug vor Zug!
Ei, ich weiss das. Ich bin ja alle die Schulen durchgegangen. Aber zum Henker, Pathe! Der Mann muss Mann seyn; er muss ein Herz von Stahl und von Eisen haben. Immer, liebreich, nie verliebt: ist die Regel. Und was verliert man denn nun, wenn man sich darnach halt? Man gewinnt! Denn wer der Frau nachgiebt, der hat nur dann und wann gute Tage; wer sein Ansehen behauptet, der hat sie immer. Oder meint Er etwa, dass die junge Frau des Mannes nicht eben so bedurftig ist, als der junge Mann ihrer? Possen, Possen, mein lieber Specht! Eben so bedurftig; und unter uns: oft wohl mehr!
Nun wart! sagte dieser, indem er hinter sich sah, und die strengste Miene zog, die in sein flaches Gesicht nur hineinwollte an das Gesprach will ich denken. Ich will dich mir kunftig anders ziehen.
Aber mit Art, versteht sich. Mit Art!
Ei freilich! die Art ist die Hauptsache. Die muss nicht vergessen werden. Und nun wandt' er Geschafte vor, die ihn eiligst nach Hause riefen, und ging. Des festen Vorsatzes vermuthlich, nichts zu wagen was ihn vielleicht gereuen, und nichts anzufangen was er vielleicht nicht durchsetzen mogte.
V.
Wahrend Herr Stark uber seinen Streifzug gegen das schone Geschlecht aller Sorgen vergass, ging der Sohn, voll der aussersten Erbitterung, auf seinem Zimmer umher. So mich zu misshandeln, rief er: seinen einzigen leiblichen Sohn; und das in Gegenwart eines so verachtlichen, eines so nichtswurdigen Menschen!
Eines so unbedeutenden, armen Wichts! hatte er sagen konnen: der sich mit Bucklingen und Schmeicheleien durch's Leben windet, und der ubrigens noch eine ganz gute, ehrliche Haut ist.
Mich der Verachtung, dem Spott, dem bittersten Hohngelachter Preis zu geben; und das auf eine so hamische, so gesuchte, so recht ausgekunstelte Art!
Auf eine freilich argerliche, aber dem Alten nun einmal gewohnliche, und hier von selbst sich darbietende Art, wobei doch, wie sonst immer, der Ehre und des guten Namens geschont ward.
Mir in dem Augenblicke, wo ich mich hinsetze und fur ihn arbeite, so grundlose, so aus der Luft gegriffne, so abscheuliche Vorwurfe zu machen!
Grundlos nun in der That, wenigstens was Spiel und was Nachtschwarmen betraf; aber darum nicht aus der Luft gegriffen: denn unmoglich konnte der Vater von den jetzigen geheimen Gangen des Sohns anders, als nach Ahnlichkeit der ehemaligen, urtheilen; und so waren sie, in seinen Gedanken, noch immer auf die Caffeehauser und zum Spieltisch gerichtet. Dass jetzt wirklich die mussigen Augenblikke des Sohns, und mitunter auch halbe Nachte; zu sehr lobenswurdigen, sehr edlen Handlungen verwandt wurden: das war niemanden weniger, als dem Vater, bekannt; und diese lobenswurdigen, edlen Handlungen hatten auch so ein gewisses Aber, dass sie der Sohn fur keinen Preis dem Alten hatte wollen bekannt werden lassen.
Doch zu Bemerkungen, die den Vater hatten entschuldigen oder gar rechtfertigen konnen, war furitzt der Sohn nicht gestimmt: er sprach vielmehr sich selbst durch die heftigsten, uberspanntesten Ausdrukke immer tiefer in den Verdruss hinein; und endigte zuletzt mit dem Entschluss, seine Lage auf einmal und so ganz zu verandern, dass er schlechterdings ausser aller Verbindung mit dem Vater hinaustrate, nicht bloss das vaterliche Haus, sondern auch die vaterliche Stadt verliesse, und an einem ganz fremden Orte mit dem Wenigen, was er vor sich gebracht hatte, ein eigenes Haus errichtete. Die Vernunft selbst, glaubte er, billigte nicht nur, sondern befohle diesen Entschluss; denn seine vollen dreissig Jahre hatt' er bereits verlebt, und zwar in so herznagendem Kummer, in so todtenden Argernissen und Sorgen, dass die zweiten dreissig zu hoffen Thorheit war: und warum er, eines wunderlichen, grillenhaften, unverbesserlichen Vaters wegen, mehr als die erste, schonste Halfte seines Lebens aufopfern sollte, das konnt' er nicht einsehn. Sein Herz sprach dagegen zu laut, und im Gesetz fand er's nirgend geschrieben.
In der That war diese Trennung vom Vater kein neuer, sondern ein schon oft gehegter, und selbst bis zum vollstandigsten Entwurf durchdachter Einfall, bei welchem das Wie? und Wohin? und durch was fur Mittel? schon langst beantwortet, und nur das Wann? noch unentschieden geblieben war. Immer war indess dieser Einfall mit dem Zorne, der ihn erzeugt, und mit dem Grolle, der ihn genahrt hatte, wieder verschwunden. Wenn er sich jetzt in dem hochsterbitterten Gemuthe des jungen Mannes fester setzte als je, und im kurzen zum entschiednen, unwiederruflichen Vorsatze ward; so hatte das einen noch ganz andern Grund, als die Launen des Vaters: aber einen Grund, womit Herr Stark sich so ausserst geheim hielt, dass er ihn kaum sich selbst zu gestehen wagte. Von jeher war es sein Lieblingsentwurf gewesen, sich mit einer der reichsten und glanzendsten Partieen der Stadt zu verbinden: jetzt auf einmal spielte die Liebe ihm den muthwilligen, hamischen Streich, dass sie ihn mit allen seinen Neigungen zu einer Person hinriss, die von den Vorzugen, welche sonst Liebe entschuldigen, auch nicht einen befass. Weder war sie von besonderer Schonheit des Gesichts oder des Wuchses, noch stand sie in der ersten Bluthe der Jugend, noch zeichnete sie sich durch grosse, schimmernde Geistestalente aus, die auch ohnehin, an Herrn Stark keinen gar eifrigen Bewunderer mogten gefunden haben. Guter hatte diese Person vollends nur wenig, ausser solchen, die es eigentlich bloss fur den ersten Besitzer sind, und die auf Andre als Guter nie so recht ubergehen konnen: ein Paar liebenswurdige Kinder. Kurz, es war eben die Madam Lyk, wegen deren Herr Specht so verhasst war, und uber die wir den Vater so strenge haben kunstrichtern horen.
Es ist bekannt, dass man in lebhaften Traumen zuweilen sich selbst fragt: ob man denn wache oder nur traume? und dass die Antwort immer das Gegentheil des wirklichen Zustandes auszusagen pflegt: man wache. Herr Stark hatte mehrmalen, wenn er der Madam Lyk in sehr zartlichen Empfindungen gegenuber sass, sich ganz ernstlich befragt: ob er noch frei oder verliebt sei? und immer war noch die Antwort gefallen: frei. Gleichwohl war ihm bei dieser Freiheit nicht so ganz wohl zu Muthe; denn auf den zwar undenkbaren, aber doch an sich nicht unmoglichen, und nur zum Scherz, so angenommenen Fall, dass er irre, konnte er alle die bittrern Hohnereien vorausdenken, womit ihn zu Hause der Vater, und ausser dem Hause die vielen Familien verfolgen wurden, die mit der beschwerlichen Waare ihrer erwachsenen Tochter auf einen so reichen Erben und zugleich so schonen, bluhenden Mann, als Herr Stark, trotz allen vom Vater erlittenen Drangsalen, noch immer war, etwa ein Auge haben mogten. Das Beste ware auf diesen Fall gewesen, Madam Lyk nicht weiter zu sehen; aber dieses ging, solange man mit ihr an Einem Orte lebte, aus hundert Grunden nicht an: und so ward denn jenes erkannte, oder vielmehr nur ganz undeutlich empfundene Beste dahin naher bestimmt, dass man sich von diesem Orte, je eher je lieber, musste loszureissen suchen. Doch, wie gesagt, mit diesem starkern, eigentlich entscheidenden Bewegungsgrunde kam es zu keinem rechten Bewusstseyn; Herr Stark hatte Leib und Leben darauf verschworen, dass es bloss der wunderliche, unausstehliche Alte sei, der seinen verdienstvollen, einzigen Sohn, welcher so lange Jahre fur ihn und die Familie gearbeitet hatte, in die weite Welt jagte. Wie gut sein Herz seyn musse, erkannt' er hiebei aus dem Kummer, womit er an den ublen Ruf und an die ausserordentliche Verlegenheit dachte, in die der Alte unausbleiblich gerathen musste; aber einmal wollt' es dieser nicht anders haben, und der Sohn konnte nicht helfen.
VI.
Der Einzige in der Familie, der von dem Herzenszustande des jungen Herrn Stark zwar nicht vollige Kenntniss, aber doch ziemlich wahrscheinliche Spuren hatte, war der Schwager, Herr Doctor Herbst. Er hatte dem seligen Lyk, als Hausarzt, in seiner letzten Krankheit gedient; er wusste, dass wegen Handlungsverdriesslichkeiten grosse Feindschaft zwischen ihm und Herrn Stark dem Sohne geherrscht hatte, und er selbst war Vermittler bei der sehr ruhrenden Aussohnung gewesen, die vor dem Tode des erstern vorhergegangen war. Bei dieser Aussohnung, hatte Herr Stark dem Sterbenden in die Hand versprochen, dass er, auf den Fall seines Hintritts, die Witwe mit Rath und That unterstutzen, und besonders die Handlungsangelegenheiten, von denen Herr Lyk gestand dass sie in nicht geringer Unordnung waren, moglichst aufs Reine bringen wollte. Dieses edelmuthige Versprechen hatte Herr Stark mit dem grossten Eifer erfullt: er hatte ganze Monate hindurch jeden Augenblick, den er eigenen Arbeiten hatte absparen konnen, den Angelegenheiten der Witwe gewidmet; und schon mehrmalen hatte der Doctor, wenn er der sehr kranklich gewordenen Frau noch spat Abends einen Besuch gab, ihn in voller, eifriger Arbeit uber ihren Buchern getroffen. Er hatte bei dieser Gelegenheit bemerkt, dass die wirklich grossen und liebenswurdigen Tugenden, welche Madam Lyk in ihrer jetzigen traurigen Lage so viel Anlasse zu entwickeln fand, und welchen er selbst volle Gerechtigkeit wiederfahren liess, das Herz des Schwagers nicht ungeruhrt mogten gelassen haben. Besonders war ihm die Verwirrung und der rasche Unwille aufgefallen, womit einst Herr Stark eine ganz unschuldige, mehr im Scherz so hingeworfene Warnung, sich nicht zu verlieben, aufgenommen hatte; auch hatte er viel Licht aus der gleich darauf folgenden dringenden Bitte geschopft, dass er doch, um's Himmels willen, von dem ganzen Umgange mit Madam Lyk, in den er ja selbst ihn hineingezogen, der Familie, und besonders dem Vater, kein Wort verrathen mogte.
Indessen, so gewiss, nach der Semiotik des Doctors, dieses Zusammentreffen von Diensteifer, Blodigkeit, und Geheimthun auf Liebe hindeutete; so glaubte er's mit dieser Liebe doch keinesweges so weit gediehen, dass er sie in irgend einiger Verbindung mit dem Entschluss hatte denken sollen, den ihm jetzt der junge Mann zu seinem grossten Missfallen kund that. Herr Stark verlangte auch uber diesen Entschluss das Geheimniss; aber dieses schlug der Doctor ihm formlich ab: er versicherte sich vielmehr sogleich des lebhaftesten Beistandes der Frau mit der Schwiegermutter, um den jungen Mann von einem so raschen und fur die ganze Familie so hochst nachtheiligen Schritte zuruckzuhalten. Dass es mit diesem Schritte voller Ernst sei: daran konnt' er nach Allem was er sah und horte, und besonders nach den Briefen, die man ihm vorgezeigt hatte, nicht zweifeln.
Alle Muhe, die man nunmehro vereinigt anwandte, um Herrn Stark zu besanftigen und ihn von seinem Vorsatze abzuziehen, war rein verloren. Den Grunden des Schwagers setzte er andere Grunde, den Bitten und Thranen der Mutter die feurigsten Betheurungen der Liebe und des Gehorsams, mit Ausnahme dieses einzigen Puncts, und den abwechselnden Liebkosungen und Spottereien der Schwester Unempfindlichkeit und Unart entgegen. Man bemerkte, dass, je mehr man ihn zu beugen und zu erweichen suchte, desto steifer und hartnackiger er auf seiner Meinung bestand; und so ward denn, in einer geheimen Familiensitzung zwischen Mutter Schwiegersohn und Tochter beschlossen, dass man einen ganz andern Weg einschlagen, und da mit dem Sohne nichts auszurichten sei, sein Heil mit dem Vater versuchen wolle. Man hielt sich versichert, dass auf das erste freundliche Zureden des Vaters, der Sohn mit Freuden einen Entschluss wurde fahren lassen, wobei er selbst am ersten und am meisten verlieren musste; auch war man ganz darin einig, dass der hofmeisternde Ton und die spottelnde Laune des Alten zuweilen ins Unertragliche fielen; dass ein Sohn in mannlichen Jahren anders, als im Knaben- und Junglingsalter musste behandelt werden; und dass jeder Mensch seine ihm eigene Sinnesart habe, die man wohl in gewissen zufalligen Ausserungen leiten, aber nie im Ganzen und im Wesentlichen umschaffen konne. Der Alte selbst, hoffte man, wurde, nach seiner sonstigen Billigkeit und Vernunft, sich hievon leicht uberzeugen lassen.
Doch, was die Leichtigkeit des Uberzeugens betraf, so gerieth man bald wieder in Zweifel. Herr Stark hatte der Proben von Steifheit und Unbiegsamkeit des Charakters zu viele gegeben; und man ward daher einig, den Angriff auf ihn ja nicht ubereilt und tumultuarisch, sondern behutsam und methodisch zu machen. Die Beobachtungen, nach welchen man den Plan verabredete, waren folgende. Der Alte hegte von dem Verstande und der gesunden Beurtheilung des Doctors sehr vortheilhafte Begriffe; der Doctor demnach sollte zuerst erscheinen, ihm die Entschliessung des Sohns eroffnen, und ihn von der Nothwendigkeit sowohl als Billigkeit, sein Betragen zu andern, mit Ehrerbietung, aber auch mit Nachdruck, belehren. Das Wort der Mutter war in Familienangelegenheiten immer von grosstem Gewicht gewesen, und schon oft, obzwar nie in einem so kitzlichen Falle, war ihren dringenden Vorstellungen, wenn auch mit einigem Kopfschutteln, nachgegeben worden; die Mutter also sollte nach dem Doctor hereintreten, und wenn die Vernunft des Alten schon wankte, den Widerstand seines Herzens durch Bitten, und allenfalls auch durch Thranen, zu brechen suchen. Von der Tochter wusste man, dass sie mit ihren Schmeicheleien und Einfallen eine wunderbare Gewalt uber den Vater hatte, und dass sie, wegen grosser Ubereinstimmung ihrer eigenen Gemuthsart mit der seinigen, sich in allen Krummungen und Wendungen seiner Laune geschickt ihm nachzuschmiegen, und ihn fast immer zu ihrer Absicht herumzuholen wusste; die Tochter also sollte zuletzt erscheinen, und dem durch Mann und Mutter schon ganz erschopften und abgematteten Eigensinne des Alten den letzten Gnadenstreich geben.
Bei diesem ganzen schonen Entwurfe, ausserte bloss die Mutter noch etwas Furcht; der Doctor hielt sich, unter gottlichem Beistande, guten Erfolgs versichert; und die Tochter vollends vermass sich mit grosser Freudigkeit, dass keine wenn nur erlaubte und ehrliche Sache in der Welt seyn musste, wozu sie ihren lieben, alten, seelenguten Vater nicht hinschmeicheln oder hinbitten wollte. Doch saumen, meinte sie, musse man nicht mit dem Angriff: denn der Bruder mache schon allerlei bedenkliche Anstalten, die auf eine nahe Abreise zielten; auch sei nur eben der jahrliche Abschluss der Handlungsbucher geendigt, und dieser Zeitpunct musse dem Sohn zur Trennung vom Vater nothwendig der schicklichste dunken. Das Scharfsinnige dieser Bemerkung, die den beiden andern entwischt war, wurde erkannt und gelobt: ihr zufolge ward nun einmuthig festgesetzt, dass man gleich den andern Morgen sich frisch an das Werk machen wollte.
VII.
Es war ein Capital zahlbar, und Herr Stark sass vor einem Tische voll Sachsischer, Brandenburgischer, Hannoverischer und Braunschweigischer Neuer Zweidrittelstucke. Er zahlte, da der Doctor hereintrat, das angefangene Haufchen von funfzehn Stuck geschwind zu Ende, und hiess ihn dann mit frohem Herzen willkommen. Seine erste Frage war nach ihm selbst, und gleich die zweite war nach den Kleinen.
Die sitzen zu Hause uber den Buchern, sagte der Doctor.
Bravo! bravo! die fangen fruh an; die werden schon vorwarts kommen. Und ist denn wirklich Trieb da? ist Kopf da?
So viel ich jetzt noch beurtheilen kann: beides. Ich bin zufrieden mit meinen Kindern.
Ich auch. Ich auch. Ha, wenn ich die guten Kleinen nicht hatte! War' ich nicht da ein armer Mann mit alle dem Bettel? indem er die Hand verachtlich gegen den Tisch warf. Fur wen in der Welt hatt' ich gesammelt? gearbeitet? Denn mein Sohn da, der Freigeist
Eben von dem, bester Vater, mogt' ich mit Ihnen reden.
Sehr gerne. Nun?
Nur mussen Sie auch Geduld haben, mich anzuhoren.
Ich habe. Zeit und Geduld; alles beides.
Sie sind so eingenommen gegen den Sohn. Sie werfen die Schuld seiner Fehler immer auf ihn allein. Sollt' es nicht vielleicht einen Andern geben, der mit ihm theilte?
Einen Andern? Der mogte mir schwer zu errathen werden. Der ist ?
Ein sonst guter, billiger, vortrefflicher Mann. Denn um nur Eins zu erwahnen, und eben das was Sie doch am meisten auf ihn verdreusst: Ist's so ganz seine eigene Schuld, wenn er noch ledig blieb?
Nun? ist es denn meine?
Ein wenig, dacht' ich.
O ja! Oder wenn's um und um kommt, wohl ganz. Freilich, so ein Weib, wie man sie jetzt taglich zu seinem Arger herumflattern sieht; ein Weib mit Tausenden, das ihm Tausende durchgebracht hatte, das keinen Ball, keine Redoute versaumt, Triset und Liebesintriguen gespielt, weder Mann noch Kinder geachtet hatte; kurz, Herr Sohn so ein Weib, wie sie die neueste Modeerziehung ausbrutet, und womit er am Ende wohl gar mir wird ubel und wehe zu Schimpf und Spott der ganzen Familie, vor's Geistliche Gericht hatte laufen mussen: so eins hatt' er wohl gerne gehabt, von Herzen gerne! Und konnt' ich das zugeben? konnt' ichs recht sprechen, dass er mit sichtlichen Augen in sein Verderben rennte? Wenn ich zu ihm sagte: Sieh, Sohn! da ist ein hubsches, stilles, sittsames Madchen, braver, ehrlicher Eltern Kind; das wird zwar nur wenig haben, wird vielleicht nichts haben; aber es ist in Gottesfurcht und in Einfalt erzogen: nimm's! und es wird dankbar gegen dich seyn; es wird dich lieben, wird deine Kinder lieben, wird sie erziehen, dass Gott und Menschen an ihnen Freude haben; wird dir mehr Tausende ersparen, als dir jenes zubringt: konnt' ich da durchdringen? Stand er da nicht vor mir mit einem Gesichte, mit einer Unterlippe so hangend! so albern!
Sie haben freilich Recht vollig Recht
Nun dann!
Aber wenn Sie's auch sonst in Allem, wenn Sie's in jeder erdenklichen Absicht hatten: in einer einzigen, weiss ich doch nicht, ob Sie's haben? Er sagte dies mit einem sehr bescheidnen, beinahe furchtsamen Tone.
Die mogt' ich doch naher kennen. Die ist ?
Ihre ganze Art, wie Sie Sich mit ihm nehmen. Ihr Ton, worin Sie von fruh bis in die Nacht mit ihm reden.
Hm! Aber ich bin nicht unbedeutsam; ich nehme Lehre an. Wie soll er gestimmt seyn, mein Ton?
Liebreicher, freundlicher, vaterlicher, wenn ich das sagen darf.
Und ist er denn rauh? Ist er sturmisch?
Wenn er das lieber ware! Dann und wann ein wenig Jahzorn, Unfreundlichkeit, Eigenwillen: wer verzeiht das nicht gern einem Vater, und einem so guten Vater?
Verzeiht das! Drollicht!
Nur dann wieder Gute, Offenheit, Liebe, Vertrauen! Aber Ihr schneidender, Ihr empfindlicher Ton Hier ruckte der Alte am Stutz; und der Doctor fand fur gut, etwas lindernde Mittel hinzuzusetzen Sie mussen mir das nicht ungutig nehmen; es geziemt mir freilich nicht, so zu reden; ich sag' es nur im Vertrauen auf Ihre Nachsicht Ihre ewig fortgesetzten Spottereien und Anspielungen, die, gleich kleinen Schlagen, jeder an sich nur sanft sind, aber, zu schnell hinter einander und immer denselben Fleck treffend, zuletzt unertraglich werden; kurz, Ihr Nekken; Ihre witzigen Ausfalle
Genug! sagte der Alte: genug! Dagegen lasst sich nichts aufbringen. Sie haben Recht.
Und durft' ich denn also hoffen ?
Was? was? indem er ihn mit ein Paar grossen und stieren Augen ansah, die den Doctor ganz irre machten: dass ich in meinen Jahren mich andern; dass ein alter, verwachsener, knotiger Stamm sich nun noch biegen und ziehen sollte? Das ist unmoglich, Herr Doctor, unmoglich!
Nun ward der Doctor, der es so gut gemeint hatte, auch an seiner Seite verdriesslich. Sie verfallen schon wieder in Ihren Ton. Schon wieder? Und das mit Ihnen, mit dem ich doch sonst eben nicht witzle? Er sagte das Wortchen: witzeln, mit einem ganz eigenen Nachdruck. Nun, Sie sehn dann wohl Selbst: es ist unmoglich, unmoglich! Gleichwohl habe ich Mitleiden mit meinem Sohn; und ich komme da eben auf einen Gedanken auf einen, glaub' ich, guten Gedanken den aber nur Sie wurden ausfuhren konnen.
Nur ich?
Sie haben mir so eben Ihre grosse Gabe dazu bewiesen.
Wie versteh' ich das? Welche Gabe?
Je, die gluckliche Gabe, Fehler zu sehn und zu sagen. Wie, wenn Sie nun gingen, und meinem Sohn auch die seinigen sagten? denn dass er ihrer hat, dafur steh' ich. Recht derbe Fehler! Wenn Sie zu ihm sprachen: "Sie mussen mir das nicht ungutig nehmen; es geziemt mir freilich nicht so zu reden; ich sag' es nur im Vertrauen auf Ihre Nachsicht" oder wie Sie es sonst herumbringen; wie Sie sonst Ihre Pille versilbern wollten: Sie werden ja das wissen, Herr Doctor
Gut! gut! sagte dieser, und biss voll Unmuths die Lippen.
Kurz, wenn Sie sprachen: "Die bewusste Unterredung mit unserm Alten hab' ich gehabt. Es ist doch ein wunderlicher, eigenwilliger, hartnackiger, alter Mann. Steif ist sein Rucken, und steif ist sein Kopf. Beide wurden eher brechen, als biegen. Wie, wenn lieber Sie, der jungere Mann, die Fehler ablegten, die den gramlichen Alten auf Sie verdriessen? wenn Sie, zum Beispiel, ein gesetzterer Mensch, ein sparsamerer Wirth, ein aufmerksamerer Kaufmann wurden? Ich stunde Ihnen dann mit meiner Ehre dafur" und hier meine Hand, dass Sie Ihr Wort nicht bereuen sollten! "ich stund Ihnen mit meiner Ehre dafur: der Alte sollte uns anders werden; er sollte seinen Sohn lieber haben, als seinen Witz; er sollte keine grossere Sorge auf dem Herzen tragen, als wie er den einzigen Erben seines Hauses und seines Namens glucklich machte." Hier drehte sich Herr Stark wieder gegen den Tisch, und griff nach den Beuteln Denken Sie der Sache gelegentlich nach! Es ist ein Vorschlag zur Gute.
Ich sehe wohl, sagte der Doctor, der seinen Verdruss kaum mehr bergen konnte es ist nichts mit Ihnen zu machen.
Finden Sie das? Das hat schon Mancher gefunden. Das ist fast immer so mit Leuten, die nach Grundsatzen handeln.
Und so muss ich's Ihnen denn nur gerade heraussagen. Sie werden erschrecken; aber Ihr Sohn
Mein Sohn?
Er will von Ihnen will fort!
Dem Alten war jetzt eben ein Zweidrittelstuck in die Hande gefallen, das ihm nicht so recht echt schien. Er besah es von vorn und von hinten, warf es auf den Tisch, um den Klang zu horen, und musterte es endlich aus. Dreizehn, vierzehn, funfzehn Will von mir? Wohin?
So gelassen dabei? Aber Sie denken vielleicht: es sei nur Vorwand, nur Kunstgriff. Ich schwor' es Ihnen dann auf Ehre: er will fort, will nach Br ..., auf nimmer Wiedersehen.
Will er? Hahahaha!
Sie lachen?
Uber etwas sehr Lacherliches.
Nun beim Himmel! So finde ichs nicht.
Aber ich! Lieber, lieber Herr Sohn! So etwas fur Ernst zu nehmen!
Und wofur sonst?
Fur nichtigen, leidigen, elenden Trotz.
Ich furchte, Sie werden bald anders denken. Ja, wenn es das erste mal ware, dass er den Einfall hatte! Aber er hatt' ihn schon ofter. Und so leicht es mir Anfangs ward ihn zuruckzuhalten, so schwer ward mir's nachher.
Naturlich! Weil Sie Sich gleich Anfangs zu viele Muhe gaben.
Er geht aber. Denken Sie an mich, lieber Vater! Er geht! Und nun was wird die Welt davon urtheilen? Ihr Sohn ist fur keinen ublen Mann bekannt, und Sie Selbst werden ihn so nicht bekannt machen wollen. Ihre Handlung werden Sie fremden Handen vertrauen mussen. Sie sind zu alt und mit andern Geschaften zu uberhauft, um diese Hande genug zu beobachten. Ihre Frau wird ihren einzigen Sohn denken Sie Selbst, wie ungern! verlieren; wir Alle
Ach Thorheit! Thorheit! sagte der Alte, und zahlte fort.
Wenn Sie's so ansehen
Wie anders?
Ich habe dann das Meinige gethan, und muss schweigen.
Lieber, lieber Herr Sohn! und er drehte sich zu einem ernsthaften Gesprach herum, mit bei Seite gelegter Brille. Ihre Grunde sind gut, sind vortrefflich; aber fur wen? Fur meinen Sohn, oder fur mich? Wenn ihn die Welt als keinen ublen Mann kennt; so hoff' ich sagen zu durfen: mich kennt sie als einen guten. Auf wen wird also der meiste Vorwurf, der meiste Tadel fallen? Wenn die Handlung zu Grunde geht; wer ist's, der den Schaden tragt? der verliert? Ich, der Greis, der sein Gutes genossen hat und nun auf die Grube geht? oder Er, der Jungling, der erst geniessen soll, und so gerne geniessen mag? Mit dieser einzigen, ihm ganz zufallig entfahrenen Spotterei, war der Alte auf einmal wieder in voller Laune, Was? was? fuhr er mit einer Art von komischem Unwillen fort: ein Mensch, der nicht das Herz hat, bei einer Frau zu schlafen; der hatte Herz, dass er davon ginge? dass er sich auf seine eigene Hand setzte? dass er hier Alles im Stiche liesse? Ach Thorheit! Thorheit!
VIII.
Madam Stark, die schon einige Zeit auf ihrem Posten gestanden hatte, glaubte jetzt eine ungluckliche Wendung des Gesprachs zu bemerken, und kam herein. Das Mutterherz war ihr ubergetreten, und sie hielt das Tuch vor die Augen.
Bist du da, lieber Vater?
Auch die? sagte der Alte in sich, und sah nun im Geist, mit voller Uberzeugung auch schon die Tochter kommen. Ja, wie du siehst, liebe Mutter. Er stand auf, und ging ihr freundlich entgegen.
Diese Freundlichkeit beunruhigte Madam Stark; sie hatte, nach dem Antrage des Doctors, ihn weit lieber murrisch und verdriesslich gefunden. O ich sehe schon, sagte sie, ich werde wieder einmal vergeblich bitten.
Warum? Weil ich freundlich bin, meinst du? Ich furcht' es beinahe auch, weil du weinst. So ein vierzig Jahre mit einander leben, macht doch sehr mit einander bekannt. Wenn du dein Recht fuhlst, weiss ich, da kommst du so zuversichtlich, so freudig, und ich bleibe dann in meiner gleichmuthigen Ruhe; aber wenn du dein Unrecht fuhlst, da beweinst du den schlechten Erfolg den du voraussiehst, und ich bin dann fein freundlich, um dich zu trosten. Nur gleich die Probe zu machen: Was giebts?
Dein Sohn will von dir fuhr sie mit grosser Wehmuth heraus.
Wenn er will; du weisst, er ist kein Jungling mehr; er ist Mann.
Freilich! Freilich! Und eben darum
Richtig! Eben darum muss er wissen, was er zu thun hat.
Aber ihn verlieren zu sollen!
Das ist nicht anders. Sohne gehn in die Welt.
Wenn du nur mit ihm reden, nur ein einziges mal mit ihm freundlich seyn, ihm dein Wort geben wolltest
Wie? wie? Nun da sieh einmal, Mutter! Sieh, wie Recht du hast, dass du weinst! Ich mein Wort geben? ihm? Und woruber? Der junge Mensch, seh' ich, wird mir fein aufsatzig, fein trotzig; es verdreusst ihn, einen so wachsamen Beobachter, einen so beschwerlichen Erinn'rer zu haben; er mogte gar zu gern den Mund gestopft wissen, aus dem er so unangenehme Wahrheiten hort; er macht da Planchen, mich in Furcht zu setzen, in Respect zu erhalten; er mogte mir wie heisst doch die Redensart? er mogte mir Brillen verkaufen. Eben jetzt hat er da eine fertig, wovon er glaubt, dass sie mir unvergleichlich stehen musste; und da kommst du nun, und bittest mit heissen Thranen, dass ich die Nase hinhalten soll, um sie mir aufsetzen zu lassen. Sage: ist das recht, Mutter? Ist das vernunftig?
Sie horen! sagte die Alte, und streckte die Hand mit dem Tuche gegen den Doctor. So hat er es immer mit mir getrieben! Das gelt ich bei ihm! Das bin ich ihm werth! So hab' ich mich von jeher mussen verachtlich machen und misshandeln lassen.
Herr Stark bat, dass sie schweigen mogte: denn das Jammern sei ihm in der Seele zuwider, und Unvernunft hor' er nicht gerne; aber er bat umsonst, und er hatte selbst konnen schweigen. Endlich besann er sich, dass er ja auf dem einen Ohre taub sei, und dass er uber das andre nur den Stutz ziehen durfe: was er denn unverzuglich that, und sich gemachlich wieder an seine Arbeit setzte.
IX.
Wo sind sie denn? rief die Doctorinn, indem sie den Kopf zwischen die Thurflugel steckte. Ei sieh! Alle hier bei dem Vater? Guten Morgen! guten Morgen!
Schon so fruhe? sagte der Alte. Vor Tische?
Ich hatte einzukaufen, musste vorbei. Husch flog ich herein, um meinem Vaterchen einen guten Morgen zu sagen. Denn ich weiss, er sieht mich so gerne. Nicht wahr?
Als ob das noch Fragens brauchte!
Wenn ich nicht so ganz zufallig kame, so hatte mich eins von den Kleinen begleitet; das, was am artigsten oder am fleissigsten gewesen ware. Ich kusse Ihnen in Aller Namen die Hand.
Danke. Danke. Er sah sie bedenklich, aber nicht ungutig an. Du thust ja heut ausserordentlich freundlich?
Ich thate nur so? Ich bin's.
Und hast hier noch niemand gesehen? Deinen Mann nicht?
Den wohl. Am Theetisch.
Deine Mutter noch nicht? Sie log mit einem Kopfschutteln, um nicht mit einem ausdrucklichen Nein zu lugen. Dann ist's aber nicht artig, ihr nicht die Hand zu kussen.
Ach verzeihn Sie! sagte die Tochter, und kusste ihr, seitwarts lachend, die Hand.
Deinen Bruder wohl noch vielweniger?
Gesehn; aber kein Wortchen mit ihm gesprochen. Er lief mir da mit einem Gesichte vorbei, mit einem Gesichte! Huy, dacht' ich, was kummern mich deine Gesichter? Lauf immer! Aus meinem guten Humor bringt mich kein Mensch. Denn Sie wissen wohl: ich bin ganz Ihre Tochter.
Bist du? sagte der Alte, und lachte mit innigem Wohlbehagen.
Immer munter, immer frohlich und guter Dinge. Wer's nicht mit mir ist, mag seine Launen fur sich behalten. Oder wenn ich mich ja mit ihm abgebe, so geschieht es nur, um ihn auszulachen. Da, der Herr indem sie mit dem Finger auf den Doctor wies hat die Erfahrung.
Narrisches Weib! sagte dieser. Hab' ich denn Launen?
O, du hast! hast! du bist Mann. Aber doch wirklich, mein lieber Vater; nahe geht's mir, dass ich den Bruder immer so unlustig sehe. Ich wollte von ganzem Herzen, er ware glucklich. Ich meiner Seits, wenn ich dazu helfen konnte ich thate Alles.
Doch? Thatest du Alles? Jaja! Er war aufgestanden, und packte die Beutel zusammen.
Wollen Sie denn fort, lieber Vater?
Ich bin fertig.
Aber Sie konnten doch noch immer ein wenig bleiben.
Wozu? Er gab ihr einen scharfen, bedeutenden Seitenblick, und drohte ihr mit dem Finger. Weib! Weib! du hast mit deinem Mann gesprochen, hast mit deiner Mutter gesprochen, hast mit deinem Bruder gesprochen.
Sie meinen: heut? hier im Hause? Nein wahrlich! Mit Mann und mit Bruder kein Wort.
Also doch mit der Mutter!
Nun? Ware denn das nicht recht?
Gar sehr. Aber da kommst du nun mit eben der Bitte, wie sie; nur anders eingekleidet, versteht sich. Was sie tragisch gesagt hat, das willst du komisch sagen. Geh! geh! Mit denen da ward ich fertig; aber mit dir
Da getraun Sie Sich nicht?
Aus Ursache. Denn sieh! wenn du bittest, da bitten gleich alle deine Kinderchen mit; und das mogte mir denn zu viel werden. Geh!
O, nun nun kommen Sie mir gewiss nicht von dannen. Oder wenn Sie gehn, lauf ich nach. Gutes, liebes, bestes Vaterchen
Schmeichlerinn!
Schmeichlerinn? Das bin ich nur dann, wenn Sie Sich nicht erbitten lassen.
Nun, was willst du? Nimm Alles! Er hielt ihr beide Geldbeutel hin.
Nicht doch! Geben sollen Sie nichts. Keinen Heller.
Aber eine Thorheit begehn, fur die ich hinterdrein, um sie nicht begangen zu haben, das Zwiefache, Dreifache gabe.
Thorheit, sagen Sie? Lieber Gott! Als ob's Thorheit ware, einmal recht gutig, recht liebreich zu seyn! Sie sind das gegen mich; sind's so sehr: seyn Sie es um meinetwillen auch gegen den Bruder! Um meinetwillen! Denn Sie helfen mir da von der unangenehmsten Empfindung, die ich nur kenne. Er beneidet mich ich habe das mehrmalen bemerkt; er hat allerhand kleinen Argwohn, dass ich Ihrer wohlthatigen Zartlichkeit missbrauche: und fast wenn man bloss nach dem Scheine geht hat er Ursache dazu. Denn sagt er nicht eben so gut Vater, als ich, und geniesst doch so viel weniger Liebe?
Er von der Mutter, und du vom Vater. So ist's in der Ordnung.
Nein, ich bitte; bitte, so sehr ich kann: Machen Sie, dass er bleibt! dass er nicht fortgeht!
Kann ich ihn halten?
Mit einem einzigen guten Worte.
Hm! Das, meinst du, soll der Vater dem Kinde geben!
Gut heisst freundlich, nicht bittend. Wahrlich, er hat Gefuhl, er ist dankbar. Er wartet nur auf die erste Eroffnung des vaterlichen Herzens, und Sie haben den besten Sohn von der Welt. Wenn er nun glauben musste, dass ich seine Entfernung zu seinem Schaden nutzte? dass ich Ihnen fur mich und meine Kleinen abschmeichelte, worauf wir zwar Alle kein Recht haben, was aber doch ihm eben so gut zukommen wurde, als mir? Sie wissen, dass das nicht ist, und dass ich dazu ganz unfahig bin; aber er wurd' es doch glauben: er wurd' es ganz sicher glauben; und meine Empfindung dabei Sie hatte Thranen im Auge.
Diese Beweise von Zartgefuhl, Schwesterliebe, und Uneigennutzigkeit, deren Wahrheit ausser Verdacht war, freuten den Alten innigst, und er sah sie mit grosser Zartlichkeit an. Er glaubte, nicht bloss sein Fleisch und sein Blut, sondern auch sein Herz und seine Seele in ihr zu finden.
Liebes, gutes, bestes Vaterchen, fuhr sie fort, und nahm Alles zusammen, was sie im Tone Susses und in der Miene Liebkosendes hatte alle meine Kinderchen bitten mit. Konnten Sie's abschlagen?
Je nun, sagte der Alte, und fuhr sich mit den Fingern ein paar mal uber die grauen, etwas nass gewordenen Augenwimper dran werd' ich schon mussen. Ich will mit ihm reden. Gewiss? gewiss? Ja doch! So freundlich, wie noch jemal in meinem Leben. Und bald? So bald sich's thun lasst. In diesen Tagen. Ein Mann, ein Wort? Schlagen wir ein? Da! so freundlich, wie noch jemal in meinem Leben. Sie lacheln aber so in Sich. Woruber? Ach uber mich selbst. Lass das gut seyn! Er hatte schon ungefahr die Art, wie er sich nehmen musste, im Kopfe, und lachelte fort bis zur Thure. Armer Mann! sagte er noch, im Vorbeigehen, zum Doctor: Sie sind gewaltig betrogen. Sie forderten von mir eine Frau, und ich habe Ihnen eine Schlange gegeben.
X.
Nun? triumphirte die Doctorinn, als der Vater hinaus war: hatt' ich nicht Recht, liebe Mutter? War's des Schreckens und des Aufhebens werth? So ein kleiner Zwist in einer Familie gemahnt mich, wie ein Feuer in einer Brandmauer. Das brennt schon aus, ohne Larmschlagen.
Und du glaubst dich am Ende? sagte der Doctor.
Vollig. Vollig. Der Vater halt Wort.
Er musste erst mehr versprochen haben. Aber gesetzt auch, dass du zu deinem Zweck kommst, und dass der Bruder fur diesmal bleibt
Fur diesmal? Warum denn nicht immer?
Wird er von seinen Schwachheiten lassen? Wird der Vater von seinem Eigensinn lassen?
Niemal! niemal! seufzte die Mutter.
Schwerlich! stimmte die Tochter mit ein.
Und also! Was sind wir weiter gekommen? Wir wollten die inneren Ursachen der Uneinigkeit heben, wollten die Quellen des Ubels verstopfen; und da uns nun das nicht gelang da stellen wir uns hin, und pinseln und pflastern an einem Geschwurchen, das, wenn wir es heute heilen, morgen wieder aufbrechen wird. Das ist falsche Heilart, fuhr er mit Kopfschutteln fort, wovon ich bei Zeiten zurucktrete, und sie dir allein uberlasse.
Klug! klug und gelehrt! sagte die Frau. Aber auch Pfuscherarbeit wird manchmal gute Arbeit. Lass mich nur machen! Wie aber, wenn du ein Meisterstuck machen konntest?
Ein Meisterstuck? Nun?
Er ging mit einem Blick voll Missmuths umher, und rieb sich die Stirne. Ach, es ist nicht zu machen. Es ist ein frommer Wunsch, weiter nichts. Heiraten, heiraten musste der Bruder. Ein kluges, sittsames, zartliches Weib musst' er nehmen.
So eins, wie du hast. Nicht wahr? Sie sah ihm freundlichlachelnd unter die Augen.
Nun ja! Und wenn auch nur so eins
Boshafter!
Er bot ihr liebreich die Hand, und zog sie in seine Arme. So ein Weib wurd' ihn zu Hause bei seinen Geschaften halten: denn zu Hause ware ja sie; es wurd' ihm alle die Vergnugungen, denen er jetzt nachlauft, verleiden: denn bei ihr fand' er ja bessre; es wurd' ihn von den kleinen Thorheiten des Putzes und der Modesucht abziehn: denn man putzt sich ja nicht fur die Seinigen, nur fur die Welt.
Er fand den grossten Beifall mit dieser Rede. Die Frau liebkoste ihm, und die Schwiegermutter ertheilte ihm Lobspruche.
Alle Quellen des Missvergnugens waren dann auf einmal verstopft. Der Vater und wir alle waren zufrieden. Ja, wenn es moglich ware, fuhr er mit einer Art von Begeisterung fort, indem er lebhafter umherging wenn es moglich ware, dass er die Witwe die gute Witwe
Hier flogen beide Frauenzimmer zu ihm hinan, und brachten ihm ihre Gesichter so nahe, dass er erschrack und zurucktrat. Was ist denn? Was hab' ich gesagt? fing er an.
Die Witwe! riefen sie beide aus Einem Munde. Sprachen Sie nicht von einer Witwe, Herr Sohn? Erwahntest du nicht einer Witwe, mein Bester?
Der Doctor war unzufrieden, dass er sich mit seinem Geheimniss so bloss gegeben, und versuchte sein Moglichstes, um es noch festzuhalten. Er war durchaus nicht zu bewegen, dass er es im Ganzen hatte herausgeben sollen. Indessen riss, durch das ewige Fragen, bald die Frau, und bald die Schwiegermutter, ein Stuck davon ab; und so bekamen sie endlich so viel davon in die Hande, dass er nicht absah, warum er den unbedeutenden Rest nicht noch freiwillig dazu geben sollte. Uberdies hatte man ihm das heiligste Stillschweigen gelobt, und Mutter und Tochter hatten einander selbst recht instandig darum gebeten.
Jetzt, da die Frauenzimmer ihr Geheimniss zu besichtigen anfingen, fand sich, dass sie sehr wenig daran erbeutet hatten. Die Witwe hatte Kinder war ohne Vermogen war nicht mehr jung: ihr vier oder funf und zwanzigstes Jahr mogte sie immer schon zuruckgelegt haben; der Liebhaber schien noch gar nicht entschieden; der Vater hatte Vorurtheile gegen die Frau; ihn von Vorurtheilen zuruckzubringen, war immer sehr schwer, fast unmoglich: alle diese Umstande liessen von der Liebe des Sohns, wie aufrichtig und zartlich sie ubrigens seyn mogte, keine Heirat, und noch weniger von so einer Heirat eine feste Grundlage fur die Ruhe und Zufriedenheit der Familie hoffen. Man war also wieder in gleicher Verlegenheit, als zuvor.
Indessen trostete sich die Doctorinn mit dem Gemeinspruche: dass der Mensch nicht zu weit vorausdenken, und wenn nur seine nachste Aussicht nicht trube und gewitterhaft sei, sich beruhigen musse. Voller Friede, meinte sie, sei wohl freilich das Beste; aber auch Waffenstillstand und diesen wenigstens glaubte sie fur die Familie bewirkt zu haben sei schon nicht zu verachten.
XI.
Abends bei Tisch erlitt der Muth der Frau Doctorinn, durch einen einzigen Blick des Alten, einen gar unsanften Stoss. Es war Donnerstag, wo, nach der Regel, das ganze Herbstische Haus, bis auf das kleinste Enkelchen herunter, bei dem Alten versammelt, und dieser dann gemeiniglich sehr vergnugt und beredt war. Eins der ersten Gesprache pflegte von denjenigen Kranken des Doctors zu seyn, die der Alte, wenn auch nur von Ansehen, kannte, und an denen er, theils dieser Bekanntschaft wegen, theils weil sie Kunden seines Schwiegersohnes waren, viel Theil nahm.
Diesmal fragte er besonders nach einem gewissen Herrn Heil, einem Manne von mittlern Jahren, der eine starke Familie hatte.
Ach, der! sagte der Doctor: der ist schon vollig ausser Gefahr.
Doch? Das ist mir eine sehr liebe Nachricht! Der Mann hat viel Ungluck gehabt, und es kann nur sehr wenig Vermogen da seyn: was war' aus den vielen lieben Kindern geworden? Es ist ubrigens ein so rechtlicher, ein so stattlicher Mann: er hat mir Tag und Nacht in Gedanken gelegen. Aber wenn ich nicht irre, so sagten Sie ja nur noch vorgestern: er sei der Schlimmste von Ihren Kranken; es sei Ihnen ganz bange um ihn?
Da stand's auch mit ihm soso. Er lag da eben in einer Krisis.
Was heisst das? Krisis! Das Wort, deucht mir, hab' ich schon ofter gehort.
Das Wort ist griechisch, mein lieber Vater.
Ei meinetwegen arabisch! Ich mogte den Sinn davon wissen. Ihr Herrn nennt immer Alles mit fremden Namen; wozu das? Eine deutsche Krankheit wird doch keine griechischen Zufalle haben?
Aber Zufalle, die sich zu deutsch nicht so kurz wollen sagen lassen. Krisis nennt man bei hitzigen Fiebern die letzte, starkste Anstrengung der Natur, der Krankheit durch irgend eine hinreichende Ausleerung gekochter Krankheitsmaterie ein Ende zu machen.
Gekochter Krankheitsmaterie! wiederholte der Alte langsam, und wiegte mit dem Kopf vor sich hin. Das ist nun deutsch: in der That!
Deutsch, wie Griechisch. Nicht wahr?
Beinahe.
Ich will mich naher erklaren. Gekocht nennen wir eine Krankheitsmaterie, wenn sie sich von den gesunden Saften, denen sie beigemischt war, schon so abgesondert hat, dass der Korper sich ihrer entschutten, oder wo nicht vollig entschutten, sie doch nach aussen hin absetzen kann. Hat die Natur zu dieser Wirkung noch Kraft, so genest der Kranke; hat sie keine, so stirbt er. So lange nun dieses gluckliche oder ungluckliche Bestreben der Natur fortdauert, sagt man von einem Kranken: er sei in der Krisis.
Ja nun nun wird's helle, Herr Sohn; nun versteh' ich. Und so kann man denn auch in einer Krisis, wo es sich mit der Krankheit bessert, so herzlich krank seyn?
Nicht anders. Wahrend der ganzen Zeit, da die Materie gekocht, und dadurch die Krisis vorbereitet wird Sie verstehn mich nun schon
Vollkommen.
Wahrend dieser ganzen Zeit ist die Krankheit im Wachsen, im Zunehmen; und kurz vor der Krisis, oder vor dem glucklichen Auswurf der Unreinigkeiten, pflegen heftige, drohende Bewegungen zu entstehen, die das Ubel auf seinen hochsten Grad treiben, und die man fuglich einen kritischen Tumult nennen kann.
Bewahre Gott! rief der Alte, der einst einen Tumult erlebt hatte, und vor dem Worte erschrack.
Nicht doch! Helfe Gott! muss man sprechen.
Was? Helfe Gott! zu einem Tumulte? Doch freilich; wenn's mit dem Bewahren zu spat ist, da hat man schon Recht, dass man um's Helfen bittet. Und die Hulfe kommt denn wohl durch den Doctor; nicht wahr?
Der kann dabei wenig, sehr wenig. Das Meiste und das Beste muss die Natur thun.
So! Aber der Doctor nimmt doch sein Geld; und da, dacht ich, war's denn auch Pflicht, dass er zur Hand ware, und mit Allem, was er von Pulvern und Mixturen nur auftreiben konnte, wacker in den Tumult hineinwurfe, um desto eher Frieden zu stiften.
Die Anwesenden lachten bis auf den Sohn, der in Gedanken vertieft sass und am meisten lachte der Doctor. Sie waren mir ein trefflicher Arzt, lieber Vater! Wissen Sie, dass Sie durch Ihre zu grosse Thatigkeit, die Krisis storen und dadurch den Kranken in's Grab bringen konnten?
Ei wie so? Das mogt' ich doch ungern. Der arme Heil!
Eine gestorte Krisis zieht immer entweder schleunigen Tod, oder doch gefahrliche, in der Folge todtliche Versetzungen nach sich, die wir abermals mit einem griechischen Worte Metastasen nennen.
Genug! genug! sagte der Alte; kein Griechisch weiter! Ich merke wohl, Ihr Herrn macht's Euch bequem, deckt euren Kranken fein warm zu, und gebt mit untergeschlagenen Armen Achtung, wo die Natur hinaus will.
Viel besser ist's wirklich nicht. Ich gesteh' es Ihnen.
Je nun Wenn's so am sichersten oder am heilsamsten ist, ist's am besten. Er sass hier einen Augenblick nachdenkend, und spielte mit seinem Teller. Lieb ist mir's denn doch, dass ich bei der Gelegenhei dahinter gekommen, wie ein kritischer Tumult muss behandelt werden. Ich hatte da einen erzeinfaltigen Streich konnen machen.
Wie so? fragte der Doctor.
Ich hatte mich konnen verfuhren lassen, mitten in einer Krisis die Cur zu versuchen.
Sie? fragte der Doctor noch einmal.
Der Alte schwieg; aber ein bedeutender, lachelnder Blick den er nicht sowohl auf den Sohn, als nach der Seite hinwarf wo dieser sass, liess den drei Verbundeten keinen Zweifel, dass er mit seinen Reden auf den Zustand des Sohnes ziele: nur, wie er ihn in diesem Zustande zu behandeln denke, das blieb ein Rathsel. Nach Tische rieth man und rieth; aber mit allem Rathen ward die Neugier mehr gespannt als befriedigt. Endlich that die Doctorinn, die gewissermassen das Orakel der Familie war, und die seit dem Siege von diesem Morgen noch an Ansehen gewonnen hatte, den wirklich nicht ublen Vorschlag, dass man sich furitzt den Kopf nicht weiter zerbrechen, sondern die eigne Erklarung, die der Vater durch sein Betragen geben wurde, ruhig abwarten solle: ein Vorschlag, den Mutter und Mann hochlich billigten; denn dass diese Erklarung vollig befriedigend und vollig zuverlassig seyn musste, sprang in die Augen.
XII.
Herr Stark, der Sohn, war mit seinen Anstalten zur Abreise bis auf's Einpacken fertig; er war nur noch unschlussig, wie er Abschied nehmen solle. Heimlich sich aus dem vaterlichen Hause wegzuschleichen, in welchem er kein anderes Andenken, als an geleistete gute Dienste, zuruckzulassen sich bewusst war, fiel ihm nicht ein; auch legte ihm sein Herz die Verbindlichkeit auf, eh' er ginge, seinem Vater fur die erhaltenen vielen Liebesbeweise so ehrerbietig als zartlich zu danken. Er hatte sich eine Art von Anrede ausgedacht, die dem Alten gleich sehr die Festigkeit und Unabanderlichkeit seines Entschlusses, als die rechtschaffnen, kindlichen Gesinnungen eines Sohnes beweisen sollte, den er so hartherzig aus seinem Hause stiesse. Die Ausdrucke, womit er besonders den letzten Zweck zu erreichen hoffte, waren die gewahltesten, die er hatte finden konnen; und beim Zusammensetzen derselben war ihm eine Menge Thranen entflossen, die insoferne wahre Freudenthranen waren, als sie ihm fur unverkennbare Beweise des vortrefflichsten Herzens galten. Indessen ward, schon bei dieser Vorbereitung, dem jungen Manne immer banger und angstlicher, je lebhafter in seiner Einbildung die Zuge des ehrwurdigen vaterlichen Gesichts hervortraten; und als er sich endlich zusammennahm, um wirklich sein Wort an den Mann zu bringen, so gerieth dies so ausserst ubel, dass der Alte keinen geringen Schreck davon hatte.
Die ersten Worte der Anrede: "Mein lieber" kamen so ziemlich heraus, und ein Mann von etwas scharferm Gehor, als Herr Stark, mogte sie haben verstehen konnen; dann aber gerieth der Redner plotzlich in so ein Stottern, Zittern und Erblassen, dass der Alte, der von den Ursachen dieser Erscheinung keinen Verdacht hatte, mit grosser Beangstigung auffuhr, dem Sohne kraftigst unter die Arme griff, und durch sein Rufen um Hulfe das ganze Haus auf die Beine brachte. Das eigne Zittern, das bei dieser Gelegenheit den Alten befiel, die Eile und Sorgfalt, womit er selbst einige dienliche Arzeneien, mit Allem was zum Einnehmen nothig war, herbeischaffte, und die unablassigen liebreichen Fragen: wie dem Sohne jetzt sei? und wie der Zufall ihn angewandelt? machten es diesem, der nicht wenig dadurch geruhrt ward, unmoglich, von dem eigentlichen Grunde der Sache nur Ein Wort zu erwahnen. Lieber bestatigte er den Alten in der Voraussetzung, dass eine Lieblingsspeise, wovon des Mittags zu reichlich genossen worden, an dem ganzen, ubrigens unbedeutenden, Zufalle Schuld sei, und liess sich eine lange, nachdruckliche Ermahnungsrede gefallen, deren Inhalt das Lob der Massigkeit war.
Da er wohl sah, dass es mit dem mundlichen Vortrage durchaus nicht gehen wurde, so entschloss er sich nun zu schreiben, und eh' er in den Wagen stiege, den Brief an Monsieur Schlicht, einen alten invaliden Handlungsdiener, zu geben; der, nach geschwachtem Gesicht und Gedachtniss, in dem Hause des Herrn Stark eine Art von Haushofmeister vorstellte, sich zu allerhand kleinen Geschaften willigst gebrauchen liess, und, trotz seines wunderlichen Wesens, das Vertrauen der Eltern, aber noch mehr der Kinder, in hohem Grade besass.
Ein andrer peinlicher Abschied, den Herr Stark unmoglich anders als personlich nehmen konnte, weil ein schriftlicher nach dem bisherigen engen Verhaltniss, allzukalt wurde geschienen haben, war der von der Witwe.
Die gute Frau befand sich eben in einer sehr beunruhigenden Lage. Ein harter, ungestumer Glaubiger, der an das Lykische Haus eine zwar nur unbetrachtliche Forderung hatte, bestand durchaus auf Befriedigung; aber die Casse hatte schon zu ansehnliche Zahlungen geleistet, um auch noch diese leisten zu konnen. Die Witwe wusste, dass, wenn alle aussenstehenden sichern Schulden eingegangen und dadurch die fremden Forderungen vollig getilgt waren, ihr nur wenig zu ihrem eigenen und ihrer Kinder Fortkommen ubrig bliebe; sie wusste, dass auch dieses Wenige unausbleiblich verloren gehen, und zu dem Elende der Armuth noch die Schande eines offentlichen Bruchs hinzukommen wurde, wenn das Beispiel von nur Einem Glaubiger alle ubrigen ermunterte, ohne Zeitverlust auf sie einzubrechen. Der naturlichste Weg, aus dieser Verlegenheit herauszukommen, war der, sich an ihren so dienstfertigen und zu Diensten dieser Art durch sein Ehrenwort sogar verpflichteten Freund zu wenden; auch konnt' es kein Hinderniss fur sie seyn, dass die Entdeckung ihrer Noth in der That nur eine versteckte Bitte um thatigen Beistand war: denn niemand wusste so gut als Herr Stark, dass bei den Vorschussen, die er ihr etwa machen konne, nichts zu verlieren stehe. Sie setzte sich also nieder, ihn um seinen, freundschaftlichen Rath zu ersuchen; allein sie brachte kein Wort aufs Papier: ein noch nie gefuhlter, unuberwindlicher Widerwille zwang sie, von ihrem Schreibtische wieder aufzustehen. So ging es ein, so ging es mehrere Male.
Endlich fiel naturlicher Weise die Aufmerksamkeit der Witwe von ihrer aussern auf ihre innere Lage; sie befragte sich selbst wegen der Ursache eines Widerwillens, den wenigstens ihr Freund durch sein Betragen nicht verschuldet haben konnte, da er immer die Gute und die Gefalligkeit selbst gewesen. Sollte sie die Schuld etwa bloss in ihrer Bescheidenheit, in dem Gefuhle suchen, dass es empfangene Freundschaftsdienste sehr schlecht erkennen heisse, wenn man so leichtsinnig bereit sei immer neue zu fordern? Ihr innres bess'res Bewusstseyn uberzeugte sie, nicht zwar von der Falschheit, aber doch von der Unzulanglichkeit dieser Erklarung. Sie ward endlich zu einem Gestandniss genothigt, welches ihr, so einsam sie war, vor Scham das Blut in die Wangen jagte; zu dem leisen, unwillkommnen Gestandniss: dass sie ihren Freund mit etwas zartlichem, als bloss freundschaftlichen Augen betrachte, und dass sie nur darum, weil sie ihn liebe, ihm so ungern in ihrer Blosse erscheine. Ihre nach Entschuldigung umherspahende Selbstliebe fand indess den Grund dieser Leidenschaft die sie zwar aufs ausserste bekampfen zu mussen einsah nicht allein verzeihlich, sondern selbst lobenswurdig: dankbare Empfindungen, und mehr noch fur die ihren kleinen Waisen erwiesene Liebe und Achtung, als fur alle ihr selbst erzeigte grosse, nie zu vergeltende Gefalligkeiten, hatten ein Herz verstrickt, das sich noch immer jeder guten und edlen Empfindung ohne Ruckhalt hingegeben hatte.
Diese nur eben geendigte Selbstprufung gab der Miene der Witwe, als Herr Stark hereintrat, eine Schamhaftigkeit und Verlegenheit, ihrem Tone eine Sanftheit und Weichheit, wo durch sie einem Manne, der ihr ohnehin schon so sehr ergeben war, ausserst reizend erscheinen musste. Er forschte nach der Ursache ihres kranklichen Aussehens und ihrer Blasse; sie schlug voll Verwirrung die Augen nieder: Er bat, wenn sie irgend einen geheimen Kummer nahre, sich ihm mitzutheilen, und seine Dienste, falls er ihr nutzlich seyn konne, nicht zu verschmahen; sie dankte ihm mit inniger Ruhrung, aber ohne den Muth zu haben, mit ihrem dringenden wichtigen Anliegen herauszugehen: Er gestand ihr die Absicht worin er komme, und dass er nichr lange mehr so glucklich seyn werde, ihr seine Dienste personlich anzutragen; sie war sichtbar erschrocken, forschte nach den Ursachen eines so unerwarteten Entschlusses, bat ihn, wenn es irgend moglich sei, davon abzustehen, und klagte, da ihr Bitten vergeblich war, mit nassen Augen ihr Schicksal an, das sie, nach so mancherlei harten Prufungen, nun auch ihres besten, ihres einzigen Freundes beraube. Ohne Zweifel hatte das ungluckliche Verhaltniss mit ihrem Glaubiger, aus welchem sie nun durch Herrn Stark herausgerissen zu werden nicht mehr hoffte, oder doch, bei seinen jetzt eintretenden eignen Bedurfnissen, auch nur von fern darauf anzutragen nicht die Dreistigkeit hatte, den grossten Antheil an ihrer Wehmuth; Herr Stark indessen, der von jenem Verhaltniss nicht im mindesten unterrichtet war, konnte unmoglich anders, als ihre Ruhrung ganz auf Rechnung ihrer innigen Dankbarkeit, ihrer zartlichen Freundschaft setzen: und durch diesen Irrthum stieg seine eigene Ruhrung zu einem so hohen Grade, dass er, nach mehrern fruchtlosen Versuchen ein Lebewohl hervorzustammeln, und nach nur Einem, aber desto heissern, Kusse auf ihre Hand, sich eiligst von ihr losreissen musste.
Er segnete, indem er auf die Strasse hinaustrat, die schon eingebrochne Dunkelheit, die es ihm erlaubte, unbemerkt hinter seinem Tuche zu weinen. Dann erlauschte er vor dem vaterlichen Hause den Augenblick, wo er ungesehen in sein Schlafzimmer entschlupfen konnte, warf sich, nur halb entkleidet, aufs Bette, und erleichterte sein gepresstes Herz durch Seufzer und Thranen. Er ward von mancherlei zartlichen Wunschen, von mancherlei schmeichelhaften Hoffnungen besturmt; aber endlich gelang es ihm, durch die Ruckerinnerung an seine ausgestandenen Leiden, sie alle von sich zuruckzuweisen, und dadurch eine Seelenstarke und Entschlossenheit an den Tag zu legen, wie er sie, nach der sonstigen Weichheit seines gar zu guten Charakters, in sich selbst kaum gesucht hatte. Er sprang auf, zog noch diesen Abend den Reisecoffer aus seiner Kammer, offnete Kasten und Schranke, und belegte alle Stuhle mit Wasche und Kleidungsstucken, um sie am folgenden Morgen beim Einpacken sogleich zur Hand zu haben.
Nein! sagte er, wahrend dieser Arbeit, zu sich selbst: wer nicht die Kraft hat, sich fest und unwandelbar zu entschliessen, der bleibt, was er zu bleiben werth ist: ein Sklave. Ich habe angefangen; ich muss hindurch. Mag es doch mein Vater nun mit Andern versuchen! Mag er es doch erfahren, was fur ein Unterschied zwischen einem Diener und einem Sohn ist! Mag er es doch erfahren, und mich zurucksehnen so viel er will! Ich werd' ihm nicht kommen. Hab' ich denn sonst keine Pflichten zu erfullen, als nur gegen ihn? keine gegen mich selbst?
XIII.
Lass Er's doch gut seyn! sagte der Alte zu Monsieur Schlicht, als ihm dieser in voller Besturzung die auf dem Zimmer des Sohns gemachte Entdeckung mittheilte, und nicht fertig werden konnte, das Haus seines guten alten Wohlthaters zu bejammern, wenn es mit dem jungen Herrn seine erste und festeste Stutze verlieren sollte. Er sah es in Gedanken schon von allen Seiten baufallig werden und in Trummer zerfallen.
Hat nichts zu sagen! meinte der Alte, der sich hinsetzte, um fur seinen Sohn einen offnen Wechsel zu schreiben.
Nichts zu sagen! erwiederte Schlicht, und war unschlussig, ob er uber die Gleichgultigkeit des Alten mehr erstaunen oder sich argern sollte. Nichts zu sagen, Herr Stark? So erwagen Sie doch
Dass dich! rief hier der Alte: da muss ich nun den Wechsel, der beinahe schon fertig war, wieder zerreissen, und einen andern anfangen. Kann Er denn keinen Augenblick schweigen? Ist Ihm denn das Plaudern so zur andern Natur geworden?
Monsieur Schlicht hatte das Eigne, dass er die Worter: Plaudern und Schweigen, wenn sie mit Beziehung auf ihn selbst gesagt wurden, gar nicht horen konnte, ohne misslaunig und stockisch zu werden. Er hatte, in jungern Jahren, sich lange und viel in der Welt umhergetrieben; hatte, wie er immer zu ruhmen pflegte, seine Augen nie in die Tasche gesteckt: und wenn andre Leute sich Einsichten und Erfahrungen gesammelt hatten, so hatt' er's wohl auch. Ein solcher Mann, meinte er, musste Freiheit zu reden haben, oder es hatte sie niemand, und alle Welt musste schweigen.
Er kehrte kurz um und wollte fort, als Herr Stark ihm ernstlich befahl, zu warten, und ihn dann zu seinem Sohne zu begleiten, wenn sich etwa noch dieses oder jenes zu veranstalten fande.
Die ubrige Familie, die Monsieur Schlicht schon etwas fruher, als den Vater, von seiner Entdeckung benachrichtiget hatte, war eben in vollem fruchtlosen Kampf mit dem Sohne, als Herr Stark, in Begleitung des alten Handlungsdieners, hereintrat. Seine Erscheinung auf einem so abgelegenen Zimmer, das er gewiss seit der Blatternkrankheit der Kinder mit keinem Fusse mehr betreten hatte, setzte Alle in die grosste Erwartung, und den Sohn in eine sichtbare Verwirrung. So gut es indessen in der Geschwindigkeit moglich war, raffte sich dieser zusammen, um den Vorwurfen oder Vorstellungen des Vaters, und wenn er die letztern auch noch so kraftig mit dem vollen Beutel in seiner linken Hand unterstutzen sollte, nachdrucklich entgegenzuarbeiten.
Das sind viel Sachen, Monsieur Schlicht, sagte der Alte, indem er die Augen auf die vollen Stuhle umherwarf: und ich sehe hier nichts, als den einzigen kleinen Coffer. Da gehn sie ja unmoglich alle hinein.
So bleiben sie heraus, murmelte Schlicht, ohne dass es der Alte horte; warum ist er nicht grosser?
Ware denn sonst keiner da? Denn in diesen hier bringt Er ja kaum das Drittel von allen den Kleidungsstucken. Das konnt Er, dacht' ich, mit halben Augen sehen.
Ach, ich mit meinen Augen, Herr Stark ich sehe nur mein Leiden an der Geschichte.
Warum denn aber? Sei Er nicht wunderlich, Freund! Geb' er mir Auskunft!
Der alte Mantelsack mag noch da seyn, den Sie vor etwa dreissig oder vierzig Jahren auf Ihren Reisen brauchten. Er war ja schon damal in lauter Fetzen.
Der Alte konnte sich kaum enthalten zu lachen. Ich weiss nicht, wie Er mir manchmal vorkommt, Monsieur Schlicht. Solche feine und kostbare Kleidungsstucke denn Er sieht ja wohl, dass das eine Garderobe ist die fur keine tausend Thaler geschafft worden die will Er in den schmutzigen alten Mantelsack schnuren?
Ich nicht. Ich will hier weder packen noch schnuren.
Noch einmal: Sei Er nicht wunderlich, Freund! Steck' Er Geld ein, und geh' Er zu dem Manne gegen der Borse uber! Der hat Coffers, den ganzen Laden voll, von allerhand Grosse und allerhand Art: da such' Er sich einen aus! Zu hoch und zu breit, denk' ich, wird Er ihn wohl nicht nehmen konnen; aber mit der Lange wird Er sich vorzusehn haben. Am besten, Er geht vorher in den Schuppen, und nimmt an meiner Chaise das Maass.
An welcher Chaise?
Der Alte sah ihn einen Augenblick an, und schuttelte mit dem Kopfe. An der zerbrochenen nun doch wohl nicht? denn von der ist ja nichts als der Kasten ubrig.
Nun, ich hore ja wohl! An der neuen, die Sie zur Reise von vorigem Sommer kauften.
Richtig! Ich mache sie meinem Sohn zum Geschenk; denn mir steht sie da nur im Wege: mit meinen Reisen ist's aus. Und, Monsieur Schlicht dass Er mir das ja nicht vergisst! lass Er vorher erst recht nachsehen, ob auch noch Alles in haltbarem Stande ist: Riemen und Eisenwerk, Rader und Achse. Nichts argerlicher, als wenn man unterwegs mit seinem Fuhrwerk in Kruppeleien gerath! Die Chaise, fuhr er mit unwilligem, verweisenden Tone fort, hat mir da, den ganzen Sommer hindurch, in der Trockniss gestanden. Woran ich selbst nicht denke, denkt niemand.
Ich wollte, sie war' in tausend Trummern, brummte Schlicht vor sich hin, und verliess das Zimmer in einer noch weit ublern Stimmung, als worin er's betreten hatte. Sich Mangel an Aufmerksamkeit auf das Haus oder irgend etwas zum Hause Gehoriges, oder sonst unter seiner Aufsicht Befindliches, Schuld geben zu lassen, war ihm ganz unertraglich. Ein getreuerer Aufseher, und ein besserer Okonom, als Er, sollte auf Erden noch erst gefunden werden. Ubrigens liess er es bleiben, zur Abreise des lieben jungen Herrn auf irgend einige Art zu helfen; den Coffer fur ihn mogte ein Anderer schaffen.
Der Alte sah mit einem truben, mitleidigen Lacheln hinter ihm her. Wie schwach einen doch manchmal das Alter macht! sagte er dann, mit einer Wendung gegen den Doctor. Der gute, ehrliche Schlicht ist meinem Sohne so herzlich, so herzlich ergeben, dass er ihn, vor lauter Ergebenheit, lieber hier wurde umkommen, als auswarts sein grosstes Gluck machen sehen. Nein, Gottlob! da bin ich festrer Natur. Es ist freilich wohl angenehm, die lieben Seinigen immer um sich zu haben; aber, wenn das einmal nicht seyn kann
Und warum nicht? Warum kann das nicht seyn? fragte die Alte, die ihre Bewegung nicht langer bergen konnte.
Aus mehr als einer Ursache nicht, gute Mutter.
Darf ich die horen? Nur eine einzige, bitt' ich.
Alle! Es sind ja keine Geheimnisse.
Nun?
Zuerst schon deswegen nicht: weil ich und er, wenn wir hier langer zusammenblieben, uns einander das bischen Leben nur schwer machen wurden.
Das sei Gott geklagt! Und die Schuld?
Die ist mein. Das versteht sich. Ferner deswegen nicht; weil ich so oft ihm vorgeworfen, dass es ihm an Entschluss und Unternehmungsgeist fehle, und weil es seltsam herauskommen wurde, wenn ich gerade beim ersten Beweise vom Gegentheil wie nun dieser auch immer seyn mag ihm durch den Sinn fahren wollte. Endlich und hauptsachlich deswegen nicht: weil die Errichtung eines neuen Handlungshauses und der dazu nothige Vorschuss ihn zu einer Thatigkeit zwingen, ihn zu einer Sparsamkeit und Ordnung gewohnen werden, wie ich sie ihm hier, mit allen meinem Predigen, nicht habe beibringen konnen. Ich hoffe, er soll mir jetzt eine ganz andere Denkungsart annehmen; soll mir jetzt ganz so werden, wie ich ihn immer wunschte.
Und deine Handlung? fuhr die Alte mit etwas gesunkenem Tone fort: deine Geschafte?
Die, Mutter, sind meine, nicht deine Sache. Wer sie so lange gut zu fuhren gewusst hat, wirds auch jetzt wohl noch wissen. Denke du lieber an das, was dir noch wird zu besorgen bleiben.
Mir? Und das ist?
Du wirst ihn doch nicht so trocken abfertigen wollen? wirst ihm doch zu guterletzt noch einen Abschiedsschmaus geben? Ich hoffe, Sie kommen dazu auch, lieber Doctor. Und du indem er die Tochter ansah und euer ganzer kleiner Anhang, versteht sich. Er lachelte mit seiner gewohnlichen Freundlichkeit gegen sie hin. Da wollen wir noch einmal recht von Herzen mit einander vergnugt seyn.
Vergnugt? Recht von Herzen? seufzte die Mutter. Wirst du das konnen?
Warum nicht? Was in der Welt soll mich hindern? Der Ort, wohin er zieht, liegt ja so nahe. Wir durfen nur auf die Post schicken und anspannen lassen, wenn uns kunftig einmal das Herz zu gross wird; wir durfen nur zu ihm fahren. Ja, wenn es zur See nach America, oder gar bis nach China ginge! oder gar bis nach der Botanybay!
Behute Gott! rief die Alte.
Amen! Amen! Und nun keine Seufzer weiter! Es ist genug. Du horst, fuhr er dann fort, indem er sich mit gutigem Ernst gegen den Sohn herumwandte, dass ich von deinen Absichten weiss, und dass ich sie, nach Lage der Umstande, wie diese nun einmal sind, eben nicht tadle. Geh mit Gott, mein Sohn! Meinen Segen zu deiner Reise! An deine Stelle hier kann der erste Buchhalter treten, Monsieur Burg; den kennst du selbst als einen gewandten, thatigen, rechtschaffnen Mann: und ich, so alt ich bin, habe doch auch noch Krafte, um arbeiten, und Augen, um nachsehen zu konnen. Fur meine Handlung also sorge nur nicht; aber wie es mit deiner gehn wird? Aller Anfang, sagt man, ist schwer; und was du dir selbst, bei so mancherlei Nebenausgaben, erubriget haben kannst, mag dich eben nicht drucken. Da! indem er den ziemlich schweren Beutel, den er bisher gegen die linke Hufte gestutzt hatte, auf den Tragkasten unter den Spiegel setzte eine kleine Erkenntlichkeit fur geleistete Dienste! Ich hob sie dir immer auf, um eine Zeit damit abzuwarten, wo sie dir eben gelegen kame; und diese, denk' ich, ist jetzt. Aber, da es dir doch noch fehlen, und Dieser oder Jener, wegen unsrer unvermutheten Trennung, bedenklich werden und dir sein Zutrauen versagen mogte; so ist hier noch ein offner Wechsel, der hoffentlich allen Bedurfnissen abhelfen und alles Misstrauen entfernen wird.
Der Alte schwieg, und schien einen Augenblick auf die schuldige Danksagung des Sohns zu warten; aber es erfolgte nichts, als eine steife, ungeschickte Verbeugung. Ich sehe wohl, sagte er dann, dass ich dir in einer Arbeit gekommen bin, worin man sich eben darum so ungern storen lasst, weil man sie so ungern anfangt. Ich will dich jetzt langer nicht aufhalten. Wenn du hier fertig bist, sprechen wir einander schon weiter.
XIV.
Die Verbundeten sahen dem Alten, als er das Zimmer verliess, mit sehr verschiednen Empfindungen nach. Die Mutter war voll Argers und Jammers, dass er dem Sohne, den er sollte zu halten suchen, selbst das Fortgehen erleichterte; die Tochter, voll Empfindlichkeit und Beschamung, dass sie mit dem guten Worte, welches ihr versprochen und in gewisser Absicht freilich gehalten worden, so schlau hinter das Licht gefuhrt war; und der Doctor, voll stiller Bewunderung des scharfen, richtigen Blicks, womit der Vater den Charakter seines Sohns musste gewurdiget haben. So wie man diesen nur ansah, entdeckte man sogleich sein ganzes Inners in seinem Aussern. Das Licht der Augen, die bedeutunglos vor sich hinstarrten, schien bis auf den letzten Funken verloscht; aus den Gesichtsmuskeln war alle Festigkeit, alle Spannung verschwunden, und die Arme hingen an beiden Seiten so schlaff und welk herunter wie die Zweige einer Zitterespe.
Erst, als Mutter und Schwester zu ihm hinantraten, um ihre Theilnahme an seiner Entlassung zu bezeugen, kam auf einmal in die todte, seelenlose Gestalt wieder Leben; er bat sie, mit abwarts gekehrtem Blick und hinter sich ausgestreckter verwandter Hand, dass sie, wenn sie noch einige Zartlichkeit fur ihn hegten, ihn auf der Stelle verlassen mogten. Diese Bitte ward von dem Doctor, der selbst voranging, mit Wink und Blick unterstutzt; er urtheilte, dass der Schwager noch ein wenig mehr beschamt als gekrankt sei: und Scham, glaubte er, sei eine Empfindung, bei der man uberhaupt keine Zeugen, und am wenigsten die mitleidigen, liebe.
Wirklich war die Art, wie sich der Alte benommen hatte, eben weil sie so ausserst nachgebend und sanft schien, fur die Eitelkeit des Sohns sehr verwirrend. So wenig auch dieser die Absicht gehegt hatte, seinem Vater wehe zu thun denn dazu war er, wie wir aus der besten Quelle, nehmlich von ihm selbst, wissen, viel zu gut und zu fromm : so lag es doch leider! in der Natur der Sache, dass der Alte fur so manche Krankungen, die er erwiesen, jetzt an seinem Theil eine empfinden musste; und da hatt' es der Anstand nun wohl erfordert, dass er sich diese Krankung auch ein wenig hatte merken lassen. So ohne die mindeste Einwendung, und ohne eine Spur von Missmuth und Kummer, in den Abgang des Sohnes einwilligen: das hiess von den Verdiensten desselben um die Handlung sehr herabwurdigend denken, und gegen seine Unentbehrlichkeit, die doch so vollgultig durch die Unruhe der Familie und durch das Schrecken des alten Schlicht bestatiget war, sehr beleidigende Zweifel aussern.
Noch mehr musste es schmerzen, dass der Alte, durch sein Betragen, eine heimlichgenahrte sichre Hoffnung des Sohns, die zwar dieser sich selbst noch nicht bekannt hatte, geradehin fur eitel und thoricht erklarte. Die Unentbehrlichkeit des Sohnes einmal festgesetzt, liess es sich nehmlich voraussehn, dass der Vater sich alle ersinnliche Muhe geben wurde, ihn zuruck zu halten: und da hatte dann jener, nach seinem so vorzuglich guten Charakter, sich gewiss am Ende bewegen lassen, uber alles Vergangne einen Schleier zu werfen, und auf gute vorteilhafte Bedingungen wieder an seinen alten Platz zu treten. Jetzt, da sich einmal der Vater so ganz anders erklart hatte, war bei seiner storrischen Sinnesart nichts gewisser, als dass er sich in Ewigkeit nicht zum Ziele legen, sondern, wenn Noth an Mann ginge, lieber seine Geschafte ausserst zusammenziehen, als das geringste gute Wort gegen den Sohn verlieren wurde. Und so stand denn dieser mit seiner Wahl zwischen den zwei gleich unangenehmen Entschlussen mitten inne: entweder Reue zu zeigen, und das Joch, das er hatte abschutteln wollen, ganz geduldig wieder auf seinen Nacken zu nehmen; oder den unglucklichen Vorsatz zur Abreise ins Werk zu setzen, ohne dass er davon die beabsichtigten Vortheile hatte. Er bereute es jetzt zu spat, dass er sich das prophetische Herzklopfen bei dem versuchten Abschiede vom Vater nicht ein wenig mehr hatte warnen lassen.
Was ihm diese Unannehmlichkeiten noch weit peinlicher machte, war der Umstand: dass seine Gesinnungen in Betreff der Witwe nicht mehr vollig die alten waren. Von den Schwierigkeiten, die einer Verbindung mit ihr entgegenstanden, hatten die meisten, durch das langere und oftere Betrachten, wie das so oft zu geschehen pflegt, an ihrer Wichtigkeit schon verloren; und vollends seit gestern, wo sich die Witwe so ausserst liebenswurdig gezeigt hatte, waren sie fast ganzlich verschwunden. Uber den Mangel an Vermogen konnte ein Mann, der dessen selbst genug hatte, hinwegsehn; die Kinder, da sie Ebenbilder einer so liebreizenden Mutter waren, schienen eher eine angenehme, als eine beschwerliche Zugabe; und das Gerede einer albernen Menge, das ohnehin nie lange Dauer hat, lasst kein Kluger sich irren. Es blieb also von allen Steinen des Anstosses nur der grosste, der zu furchtende Widerspruch des Vaters, ubrig; und diesen wegzuraumen, war wohl schwerlich ein bessres Mittel, als dass man die Verbindung mit Madam Lyk zum ersten und wesentlichsten Vergleichspuncte bei der gehofften triumphirenden Wiederkehr machte. Statt also, wie es der anfangliche Wunsch des Herrn Stark gewesen war, seiner Liebe aus dem Wege zu gehen, wollt' er jetzt dieser Liebe vielmehr entgegeneilen; es war nichts als eine der Selbsttauschungen, denen der junge Mann so sehr unterworfen war, wenn er sich am vorigen Abende zu einem so herrlichen Siege seiner Vernunft uber seine Schwachheit Gluck wunschte: denn gar nicht die Vernunft, sondern die Schwachheit, hatte gesiegt, und in dem Entschluss zur Trennung hatte die Hoffnung der Vereinigung versteckt gelegen. Seine vielen Thranen hatte inm weniger der Schmerz des Abschieds, als der heimliche Gedanke entlockt, dass sein Entwurf nicht vor aller Gefahr des Scheiterns gesichert seyn mogte; wenigstens, wie es jetzt leider! am Tage lag, ware so ein Gedanke ganz nicht unvernunftig gewesen.
Der Doctor, der die Gemuthslage des Herrn Stark, bis auf den Punct von der Witwe, durch und durch sah, kam jetzt in der Absicht zuruck, ihm mit seinem guten Rathe zu dienen. Es wandelte ihn einige Verachtung an, als er den Schwager, in armselig zusammengekrummter Gestalt, auf dem zugeworfnen Coffer sitzend fand, wie er mit der einen Hand auf das Knie griff, und mit der andern das schwere, sorgenvolle Haupt unterstutzte. Er sah wohl, dass so einem Manne sich der Rath unmoglich geben liesse, den er sich selbst, unter ahnlichen Umstanden, in die er aber nie hatte gerathen konnen, ganz gewiss gegeben hatte; nehmlich: einen Entwurf, mit dem es einmal so weit gediehen, trotz aller Unannehmlichkeiten lieber durchzusetzen, als schimpflicher Weise davon zuruckzutreten. Fur den Schwager, glaubte er, sei nichts anders zu thun, als dass er irgend eine ertragliche Wendung ausspure, womit jener sich dem Vater, ohne zu grosse Beschamung, wieder anbieten konnte; und diese Wendung schien ihm durch die grossmuthigen Geschenke des Vaters, gleichsam absichtlich, vorbereitet. Es war naturlich, dass das Herz des Sohnes davon geruhrt werden musste, und eben so naturlich, dass diese Ruhrung das Verlangen erzeugte, einen so edeldenkenden Vater lieber nie verlassen zu durfen. Wenn man dann dem Alten noch in dem Hauptpuncte willfahrte und sich geneigt zu einer Heirat erklarte; so liess sich erwarten, dass dieser mit Freuden einschlagen, and dass er dem Sohne wohl gar seine Handlung, mit dem einzigen Vorbehalt der Geldgeschafte, vollig abtreten wurde.
Herr Stark horte diesen Entwurf, den ihm der Doctor mit aller moglichen Feinheit und Schonung vortrug, zwar nicht ohne Scham, aber doch mit Gelassenheit an; nur bei dem Worte Heirat Stiess er auf einmal einen so machtigen, so tief aus dem Herzen geschopften Seufzer aus, dass der Doctor sogleich einen neuen Sorgenstein argwohnte, der harter als alle ubrigen, drucken musse. Er liess jetzt, im Fortgange der Rede, ein Wortchen von Madam Lyk und ihrer Liebenswurdigkeit fliessen; die Wirkung davon ubertraf alle Erwartung: Herr Stark riss sich vom Coffer auf, floh in ein Fenster und entdeckte durch laute Thranen, wie weit es mit seinem Herzen schon musse gediehen seyn. Jetzt ward nun guter Rath etwas theurer, und der Knoten verwickelte sich allzusehr, als dass der Doctor ihn auf der Stelle zu losen gewusst hatte. Um Zeit zu gewinnen, fiel er auf das Mittel: dass er sich, als Bruder und Arzt, fur die Gesundheit des Schwagers besorgt stellte, ihn um seine Hand bat, und in seinem Pulse fieberhafte Bewegungen entdeckte. Herr Stark, als ob er schon sehnlich auf einen Vorwand, seine Reise aufzuschieben, gewartet hatte, ergriff dieses Wort des Doctors mit vielem Eifer; er liess sogleich einen kleinen freiwilligen Frost uber sich hinschaudern, setzte sich, wie ermattet, nieder, und versicherte, dass er wirklich seit einigen Tagen etwas Fieberhaftes verspure. Der Doctor verschrieb ihm nun Arzeneien, die weder helfen noch schaden konnten; und Herr Stark fing an, eines Flussfieberchens wegen, woruber die Familie sich nicht sonderlich beunruhigen durfte, das Zimmer zu huten.
XV.
Was giebst du mir, wenn ich dir eine Entdeckung mache? sagte der Doctor, als er zu seiner Frau zuruckkam.
Lass horen! Vielleicht eine Gegenentdeckung.
Der Bruder ist sterblich verliebt in die Lyk.
Die Lyk ist sterblich verliebt in den Bruder.
Ist's moglich? Und nun erfolgte von beiden Seiten eine Herzenserleichterung, die mit allen Holdseligkeiten ehelicher Vertraulichkeit gewurzt war.
Sie ist krank, sagte die Doctorinn, herzlich krank; ich habe die Freundinn von ihr, die eben da war um dich zu ihr zu bitten, uber alle Umstande befragt; sie hat gestern Abend und merke dir's wohl: weil eben der Bruder von ihr gegangen
Der Bruder? Da hat er Abschied genommen!
Naturlich! Sie hat, sagt mir die gute Freundinn, gar nicht aufhoren konnen zu weinen; die ganze Nacht hindurch hat sie kein Auge geschlossen; alle Munterkeit, alle Esslust ist bei ihr fort; dazu hat sie Krampfe die schrecklichsten!
Krampfe? Hm!
Kurz: das arme Weib steckt in Liebe bis uber die Ohren. Und nun bitt' ich dich, Herzensmann: lass Essen und Alles seyn, und mach dass du hinkommst, damit wir das Nahere erfahren!
Sie ist ohnehin nicht die starkste, sagte der Doctor, der ein wenig unglaubig schien; sie ist dem Bruder ungemein viel Verbindlichkeit schuldig; sie hat ein dankbares Herz
Eben deswegen! Solche Herzen sind dir die brennbarsten; die fangen Feuer, wie Zunder. Der Bruder ist ein ganz artiger Mann.
Das wohl.
Und ich kenne dir eine, die Anfangs auch nur dankbar war, weil ein Gewisser ein noch artigerer Mann ihr von einem bosen Fieber geholfen hatte, und die nachher
Das verdiente einen Kuss, der gegeben ward, und der Doctor flog fort.
Er fand die Witwe freilich nicht wohl; aber so krank denn doch nicht, als die gute Freundinn, und dann weiter die Frau Doctorinn, es gemacht hatten. Sie gestand, nach einigem Kampf mit sich selbst, dass der Hauptgrund ihres Ubelbefindens in einer Unruhe des Herzens liege. Der Doctor horchte mit beiden Ohren: denn er glaubte schon den ausserordentlichen Fall vor sich zu haben, dass ein Frauenzimmer die Schwachheiten seines eigenen Herzens verplaudre; aber als das Geheimniss an den Tag kam, war es weiter nichts, als ihr Verhaltniss mit dem gedachten Glaubiger. Der Doctor war Hausarzt dieses Mannes, und hatte ihm und seiner Familie grosse Dienste geleistet: die Witwe grundete hierauf die Hoffnung, dass ein von ihm eingelegtes gutes Wort ihr Nachsicht auf einige Wochen bewirken konnte; und sie beschwur ihn um dieses Wort, als um eine Freundschaft, die ihre Genesung mehr, als alle Arzeneimittel, befordern wurde. Ihre Lage, sagte sie, sei die dringendste von der Welt, aber nichts weniger als verzweifelt: sie sei im Stande, wenn man ihr Zeit lasse, alle ihre Schulden bis auf den letzten Heller zu tilgen; und sie berufe sich deswegen auf das Zeugniss seines Schwagers, des Herrn Stark wenn er anders noch hier sei.
Das Eigne in der Modulation der Stimme, womit sie diese letzten Worte aussprach, zusammengenommen mit einem kleinen ubelverhehlten Seufzer, und mit dem Niedersinken ihres bis dahin aufgehobenen Blicks in den Busen, schien dem Doctor eine Indication zu geben, die er sich nicht durfe entschlupfen lassen.
Ich bin zu Ihrem Befehl, sagte er, liebe Freundinn; aber ich bitte Sie zu erwagen; dass die Summe die Sie mir angeben, von keinem Belang, und dass der Mann mit dem wir zu thun haben, von rauher, unfreundlicher Art ist. So wenig ich zweifle, meinen Antrag bei ihm durchzusetzen; so konnte er doch leicht sich herausnehmen, bei dieser Gelegenheit Dinge zu sagen, die mir wehe thun wurden. Warum denn auch einen rauhen, beschwerlichen Umweg zum Ziele gehen, wenn ein gerader, gebahnter Weg offen da liegt?
Welcher? seufzte die Witwe.
Sie nannten vorhin einen Freund, dem jede Gelegenheit, Ihnen gefallig zu werden, das grosste Vergnugen erweckt. Ich burge Ihnen fur seine Gesinnungen gegen Sie.
Dieser Freund
Gonnen Sie ihm doch das Gluck, Madam, Ihnen dienen zu konnen!
Das Gluck? Aber wenn's denn ein Gluck ist; so gestehn Sie: er hat es nur zu reichlich genossen. Ich erliege unter der Last meiner Verbindlichkeiten. Ich kann sie ewig nicht tilgen. Und will er jetzt nicht fort, dieser Freund? Will er uns nicht verlassen? Wird er des Geldes genug nur zu eigener Einrichtung haben? Ihre Stimme schwankte, und sie schien in ausserordentlicher Bewegung.
Es mangelt ihm nicht, Madam; ganz gewiss nicht! Geben Sie ihm die Freude mit auf den Weg, Ihre Wohlfahrt gesichert zu haben! Lassen Sie mich hin, ihm es vorzutragen! Es ist in wenig Augenblikken geschehen. Er stand auf, und machte Miene sich zu entfernen.
Nein! Nein! war Alles, was die Witwe hervorbringen konnte. Sie hatte die Hand des Doctors, um ihn zuruckzuhalten, mit einer ihr ungewohnlichen Hitze ergriffen. Er fuhlte das Brennen und Zittern der ihrigen, und bat sie, ihrer schwachen Gesundheit zu schonen. Ich rede dann, weil Sie's so wollen, mit Ihrem Glaubiger, und ich halte die Sache mit ihm fur so gut als berichtigt. Werden Sie ruhiger, liebe Freundinn!
Der Doctor hatte an diesem Wenigen schon genug, um bei seiner Zuhausekunft seiner Frau zu sagen, dass sie wohl schwerlich geirrt haben mogte. Aber, setzte er hinzu, wie in aller Welt soll das werden? Wo soll das hinaus?
Du fragst? Wenn sie wirklich so liebenswurdig und sanft und gut ist, wie du sie mir immer geruhmt hast
Das ist sie wahrlich! wahrlich!
Nun so lasst man den dritten Mann kommen, den Priester. Der weiss Mittel fur solche Ubel.
Mir war's recht; in der That! Ich nennte die gute Frau mit Vergnugen Schwester. Aber ich gestehe dir: dass ich zittre, wenn ich an deinen Vater denke.
O, der wunderliche, alte liebe, bose Mann der, der Vater! Ich bin so erbittert auf ihn; ich mogt' ihn gleich ja, was mogt' ich, ich Narrinn? Aber je lieber ich ihn habe, desto abscheulicher war's, mich so herumzufuhren, so zum Besten zu haben. Ich vergess' ihm das nicht; nimmermehr! Ich spiel' ihm irgend einen Gegenstreich, und einen recht argen. Wart! Eben mit der Lyk muss ich ihm einen spielen. Wie? Soll denn darum, weil er sich gegen die arme Frau eine wunderliche Grille in den Kopf gesetzt hat
Und eine falsche. Denn nicht sie hatte Hang zur Verschwendung, sondern der Mann.
Nun ja! Und soll denn darum die arme Frau ein so schones Gluck nicht machen, das sich ihr anbeut? Soll darum der Bruder eine Leidenschaft aufgeben mussen, die den schonsten, edelsten Grund von der Welt hat? Da sitzt er nun in seinem Kafig, der arme Narre! und hangt das Kopfchen. Hahahaha! Es ist doch ein narrisches Ding um's Verliebtseyn. Aber Geduld nur! Geduld! Er soll mir heraus, und soll mir ins Ehebette zur Lyk, oder ich will nicht das Leben haben.
Du unternimmst da viel, sagte der Doctor. Wie willst du deinen Vater gewinnen? Was Zureden bei ihm vermag, hast du erfahren; und dass du mit List ihn fangen solltest? ich furchte, er geht dir in keine Falle.
Gesteh nur: es ist doch ein kluger, ein ausserordentlich kluger Mann, mein Vater.
Der klugste, den ich in meinem Leben gekannt habe.
Sieh in mir seine Tochter! Sie setzte ihren Zeigefinger auf die Brust, und streckte ihre kleine Figur in die Hohe.
Ah! sagte der Doctor, der sich verbeugte, und uber ihr komisches Pathos von Herzen lachte: alle Verehrung, Madam! Aber darf man denn dieses oder jenes von Ihrem Plane voraus wissen?
Sobald er da seyn wird: ja! Weisst du indessen, was vor allen Dingen zu thun ist, und was von Niemanden so gut gethan werden kann, als von dir? Bring dem Vater bessere Begriffe bei von dem Bruder! Erzahl' ihm sein Betragen gegen den seligen Lyk! Ich bin versichert, das wird ihm gefallen, recht sehr gefallen. Auch das erzahl' ihm, wie edelmuthig er sein Versprechen erfullt, und wie treu er, ganze Monate lang, fur die Witwe gearbeitet hat. Solche Zuge, weiss ich, freuen den alten Mann in die Seele, und ein wildfremder Mensch, von dem er so etwas hort, wird auf der Stelle sein Blutsfreund. Gewiss, er hatte das schon fruher erfahren sollen.
Und wurd' auch, so wie Ihr alle, wenn ich nicht dem Bruder hatte mein Wort geben mussen, zu schweigen. Jetzt, sobald ich Gelegenheit dazu finde
Willst du thun, was dein braves Weib dir aufgiebt. Nicht wahr?
Schuldigermassen.
Schon! Und ich will Bekanntschaft mit unsrer Witwe machen; ehester Tage! Ich hab' es mit der Freundinn von ihr schon eingeleitet. Ich bin ganz neugierig auf sie. Da sind auch die beiden Kleinen von ihr, die hier taglich vorbei in die Schule mussen: ein paar Engel von Kindern! Morgen ruf' ich sie mir herein, und da will ich sie herzen und lieb haben, als ob's meine eigenen waren.
XVI.
Die Gelegenheit, sein gegebenes Wort zu erfullen, fand sich fur den Doctor gar bald. Willkommen! Willkommen! sagte der Alte, als jener das nachste mal zu ihm hineintrat: wie stehts? Und vor Allem, Herr Sohn: wie stehts mit unserm kritischen Kranken? Ich sehe ja die Mutter noch keine Anstalten machen.
Anstalten, lieber Vater? Wozu?
Zu dem Abschiedsschmause, den ich bestellt habe. Hat er denn immer noch Fieber? Ein ihn: eigenes fluchtiges Muskelnspiel um die Gegend der Lippen schien anzudeuten, dass er die Krankheit des Sohns eben nicht fur die ernsthafteste halte.
Es steht, wie es steht: sagte der Doctor, der diese Gelegenheit, fur den Schwager zu reden, um so lieber ergriff, da der Alte nur eben seinen schwersten Posttag abgefertiget hatte, und jetzt, seiner Gewohnheit nach, im Sessel der Ruhe pflegte. In solchen Augenblicken, wusste er, war das Herz des Alten fur Eindrucke des Angenehmen und Guten immer am meisten offen: denn die Gegenwart, die allein ihm zuweilen zur Last fiel, hatte er dann bei Seite geschafft; und in die Vergangenheit pflegte er immer mit grosser Gemuthsruhe zuruck, so wie in die Zukunft mit froher Hoffnung vorwarts, zu blicken.
Sie reden ja ganz bedenklich, erwiederte er dem Doctor. Es wird doch nichts Schleichendes werden? Da mogt' es mit der vorhabenden Reise noch langen Anstand haben. Er lachelte wieder.
Bis jetzt ist es Flussfieber, sonst nichts. Dass sich etwas Schlimmers dahinter versteckt halten sollte, will ich nicht hoffen. Indessen hat man der Falle.
Aber es lasst sich doch vorbauen? Nicht?
Allerdings. Auch wusst' ich nicht leicht, fur welchen Kranken, wenn es zum Ernst kommen sollte, ich treuer und herzlicher sorgen wurde, als fur den Bruder. Ich lieb' ihn gar sehr; denn so wenig ich seine kleinen Schwachheiten an ihm verkenne, so weiss ich doch, dass er zu unsern rechtschaffensten, selbst zu unsern edelsten jungen Burgern gehort.
Das klingt gar schon; in der That! Und am schonsten wohl in dem Ohre eines Vaters.
Sie haben mich fast abgeschreckt, uber den Bruder mit Ihnen zu reden. Wie das? Wenn Sie mir solche Dinge von ihm zu sagen, und noch mehr, wenn Sie mir Beweise davon zu erzahlen haben; so reden Sie bis in die sinkende Nacht! Ich will horen! Leider! wurden solche Dinge fur mich nur zu sehr den Reiz der Neuheit haben.
Und woher wollten Sie auch, dass sie Ihnen bekannt seyn sollten? Ihr Sohn ist mit dem Guten, das er gethan hat, nie laut geworden.
Das klingt ja immer noch schoner. Er beugte sich gegen den Doctor vor, und setzte mit einem kleinen unglaubigen Kopfschutteln hinzu: Sie haben mich ganz neugierig gemacht. Was fur Wunderdinge werd' ich denn horen?
Der Doctor hatte keine Noth, unter den Beweisen von dem Edelmuthe seines Schwagers zu wahlen; er hatte nur Einen, aber auch desto wichtigern, in seinem Gedachtniss. Sie erinnern Sich doch, fing er an, des unglucklichen Verhaltnisses, worin Ihr Sohn mit dem seligen Lyk stand? Sie wissen doch, zu welchen boshaften, verlaumderischen Briefen nach A ... sich dieser leichtsinnige Mann durch kaufmannischen Eigennutz hatte verleiten lassen?
Ich weiss das freilich, Herr Sohn. Aber ich bitte: wenn's zu Ihrem Zwecke nicht unumganglich nothig ist, so lassen Sie's ruhen! Als der Mann sich hinlegte und starb, ging mir das nahe, und da gab ich ihm die Erinnerung daran in sein Grab.
Edel! Und wahrlich! will dort' ich sie nicht wieder hervorziehn. Nur gestehen Sie: dass es noch edler, als blosses Vergessen ist, wenn man so bittre Beleidigungen, die fur den Menschen nicht minder krankend, als fur den Kaufmann waren, mit den wichtigsten, langwierigsten, muhsamsten Diensten erwiedert.
Und wer that das? fragte der Alte begierig.
Ihr Sohn. Meine wenige Hoffnung, den seligen Lyk zu retten, da sein Fieber so heftig und sein Korper so sehr entnervt war, ward mir noch vollends durch eine ganz sichtbare Unruhe seines Gemuths vereitelt. Ich suchte ihr auf den Grund zu kommen; und es fand sich, dass er die schmerzlichste Sehnsucht fuhlte, sein dem Bruder erwiesenes Unrecht wieder gut zu machen, und dass er nicht ruhig glaubte sterben zu konnen, wenn er nicht durch die aufrichtigste und wehmuthigste Bitte um Vergebung sein Gewissen erleichtert hatte. Ich erbot mich zum Mittelsmanne, und ich ward mit Freuden dazu angenommen. Wenn der Bruder nicht gleich auf mein erstes Wort bereit war, den unglucklichen Mann zu besuchen; so lag das nicht, wie ich Anfangs glaubte, an einem Rest von Rachgier oder an einer naturlichen Herzensharte, sondern bloss an seinem allgemeinen Abscheu vor allen Krankenzimmern, und an der Furcht vor dem zu heftigen Eindrucke, den ein Sterbender auf ihn machen konnte. Als er sich endlich entschloss mir zu folgen, und nun den Unglucklichen ansichtig ward, der ihm unter lautem Schluchzen die zitternden Arme entgegenstreckte; da war auf einmal jener Abscheu und jene Furcht aus seinem Herzen so rein verschwunden, dass er mit der lebhaftesten Begierde auf den Kranken zusturzte, und ihn mit Inbrunst umarmte. Das Menschliche, Edle, Grossmuthige seines Benehmens ruhrte jeden Gegenwartigen, und auch mich, der ich wahrlich! nicht der Weichmuthigste bin, bis zu Thranen. Wie viel Muhe gab er sich, den armen Leidenden zu beruhigen, und ihn von einem Bekenntniss zuruckzuhalten, das fur ihn so beschamend und krankend seyn musste! Aus wie vollem Herzen stromte ihm das Wort der Versohnung, als ihm seine innre Erschutterung es endlich auszusprechen erlaubte! "Fordern Sie, sagte er, fordern Sie einen Beweis von der Aufrichtigkeit meiner Gesinnungen; und wenn er irgend in meinen Kraften steht, so betheur' ich Ihnen vor Gott: ich will ihn mit Freuden geben. Kann ich Ihnen, kann ich den Ihrigen dienen? Kann ich's in diesem Augenblicke? kann ich's in der Zukunft? Womit? Womit? Ich erwarte nur Ihr Wort, bester Lyk; und was es auch immer seyn mag "
Der Alte sass in seinem Sessel, vor lauter Zuhoren, so stille, dass er kein Glied bewegte. Nur war er sich gleich Anfangs mit der Hand nach dem Stutz gefahren, um ihn von dem guten Ohre ein wenig zuruckzustossen, und jetzt auf einmal fuhr er sich mit den Fingern an seine Augenwimper.
Der Sterbende, fuhr der Doctor fort, nutzte die Erklarung des Bruders zu einer Bitte, deren Wichtigkeit ich erst hinterher aus der ungeheuren Arbeit kennen lernte, die ihre Erfullung kostete. Er gestand, dass seine Handlungsgeschafte in Verwirrung, seine Bucher in nicht geringer Unordnung waren.
Das will ich glauben, sagte der Alte.
Er bejammerte das Schicksal seiner Frau und seiner unmundigen Kleinen, wenn ihn Gott von der Welt rufen sollte.
Und das mit Recht! Ich denke, er war nicht weit mehr vom Bruche.
Der auch wohl sicher erfolgt ware, wenn die unermudbare Geschaftigkeit Ihres Sohnes nicht gethan hatte.
Wie?
Das Gestandniss des Sterbenden war kaum abgelegt, als Ihr Sohn ihm sein heiliges Wort gab: dass er auf den Fall Seines Todes nicht ruhen wolle, als bis er Alles, so gut er es immer moglich finde, in Ordnung gebracht habe.
Und er hielt's? rief hier der Alte hitzig.
Mit der punctlichsten Treue. Ganze Monate lang brachte er, Abend vor Abend, in jenem Hause der Trauer unter den verdriesslichsten Geschaften zu, verglich Bucher, zog Rechnungen aus, schrieb oder beantwortete Briefe; indessen Sie, mein lieber Vater, ihn auf Ballen, oder in Concertsaalen, oder an Spieltischen glaubten.
Es ware besser gewesen, wenn der Doctor diesen unnothigen Zusatz unterdruckt hatte; denn ohne dem Schwager damit zu nutzen, that er sich selbst damit Schaden. Er brachte sich um ein Fasschen Weins, oder um irgend ein andres Geschenk, das er sonst fur seine angenehme Erzahlung gewiss erhalten hatte.
Ich habe denn eben keinen Wahrsagergeist, sagte der Alte empfindlich, Die Thorheiten meines Sohns, die mich verdriessen mussten, durft' ich erfahren; aber sein Gutes, das mir hatte konnen Freude machen
Der Doctor entschuldigte sich, wegen seines Geheimhaltens, mit dem abgenothigten Versprechen zu schweigen: einem Versprechen, das er vielleicht zu gewissenhaft bis auf den Vater ausgedehnt habe. Die kleine Falschheit, die in dieser Erklarung lag, da vorzuglich um des Vaters willen jenes Versprechen war gefordert worden, glaubte er sich vergeben zu konnen. Bald darauf erinnerte er sich einiger Kranken, denen er noch Besuche zu geben hatte, und empfahl sich dem Alten.
Er war schon mehrere Minuten hinaus, als Herr Stark noch in seinem Sessel, von dem er beide Arme bequem herabhangen liess, mit feuchtem Blick vor sich hinschmunzelte, und in Gedanken das unbegreifliche Bild seines geputzten und gepuderten Sohnes anstaunte, wie er vor dem Krankenbett eines Feindes edelmuthige Thranen vergoss, und ganze Monate lang alles Vergnugen aufgab, um in das Chaos vernachlassigter Handlungsbucher Licht und Ordnung zu bringen. Er ward durch den Besuch von ein paar Fremden gestort, die fur die abgebrannte Kirche zu L ... und die mit abgebrannten Pfarr- und Schulgebaude milde Beitrage sammelten. Er nahm sie mit vieler Leutseligkeit auf, und statt der dreissig oder funfzig Reichsthaler, die er sonst vielleicht geschrieben hatte, schrieb er jetzt volle hundert. Der erste Buchhalter, Monsieur Burg, trat herein, und suchte mit verlegner Miene einen Brief vorzubereiten, worin ein Verlust von mehrern Tausenden als hochstwahrscheinlich vorausgesagt ward. So etwas fallt in einer Handlung schon vor, sagte der Alte, und gab ihm den Brief, nach nur fluchtiger Durchsicht, mit einer Freundlichkeit wieder, als ob er die angenehmste Nachricht von der Welt enthielte.
Den ganzen Abend hindurch war er uber die Entdeckung, die er so unvermuthet gemacht hatte, ungewohnlich heiter und froh; es war ihm, als ob ihm erst jetzt, in seinem hohen Alter, ein Sohn ware geboren worden. Als er in seine Schlafkammer ging, gab er vorher der Alten, die solcher ehelichen Zartlichkeiten schon seit lieben langen Jahren entwohnt, und daher nicht wenig, aber auch nicht unangenehm, erstaunt war, einen recht herzlichen Kuss. Das Einzige, was ihn noch innerlich argerte, war der Umstand: dass an einer Waare, die doch tiefer hinein ein so gutes und feines Gespinnst zeigte, gerade das Schauende so schlecht seyn musste.
XVII.
Unter so angenehmen Vorstellungen der Alte eingeschlummert war, unter so unangenehmen wachte er auf. Da er sein Herz von der Erzahlung des Doctors voll hatte; so versetzte ihn ein Traum in das Lykische Haus, wo er das Vergnugen genoss, seinen Sohn, mit Schweiss und Staub bedeckt, unter einem Haufen ganz verschiedenartiger, hochst undeutlich durcheinander geworfener Waaren zu sehn, die er mit grossem Fleiss auseinander suchte. Er wollte so eben zugreifen, um ihm zu helfen, als in seiner Einbildung die mit dem Namen Lyk verbundenen Bilder lebendig wurden, und ihn aufs bitterste den Entschluss bereuen liessen, in ein Haus voll so toller Verschwendung und so argerlicher Ausschweifung getreten zu seyn. Indessen hielt er den Anblick der prachtigen Zimmer, die in seinen Gedanken sich eher fur einen Fursten als einen Kaufmann schickten, der mit grosstem Uberflusse besetzten Tafeln, der umherschwarmenden Bedienten, ja sogar der wilden, larmenden Trinker, die Champagner wie Wasser hinuntergossen, eine Zeitlang aus; aber als endlich sein Sohn mit der Hausfrau susse Blicke zu wechseln anfing, und beide auf einmal in bebanderten Domino's, mit Masken in den Handen und rothen Absatzen unter den Schuhen, vor ihm standen: so sturzte er, voll des aussersten Widerwillens, zur Thure, und dankte dem Himmel, auf die grosse Hausflur hinauszukommen, die ihm aus fruhern Jahren, von den Zeiten des alten Lyk her, so wohl bekannt war. Er hob hier sorgfaltig beide Rockschosse auf, und druckte sie dicht an den Leib, um unbeschmutzt durch die Packen und Ballen und Kisten und Fasser zu kommen, zwischen denen ehemal nur ein ganz schmaler Weg hindurchging; aber plotzlich ward er zu seinem Erstaunen inne, dass seine Vorsicht unnutz, und dass die ganze Flur von Waaren so ausgeleert war, wie eine Schatzkammer nach einem Kriege von Gelde. Alle Wande umher hingen voll angezundeter Lampen, und nicht lange, so ertonte aus dem Hintergrunde des Saals denn das war die Flur nun geworden eine lustige Tanzmusik: Paar an Paar hupften, wie unsinnig, gegenund durcheinander; und als er sich leise niederdruckte, um wo moglich hinter ihnen weg und zum Hause hinauszuschleichen: tanzte ihm unversehens eine der muntersten und galantesten Frauen der Stadt, von gar nicht gutem Rufe entgegen, riss ihn, wie sehr er sich straubte, in die Reihe hinein, und wirbelte dann, in Verbindung mit der ganzen Gesellschaft, den guten Alten, der nie als in seiner Jugend ein Tanzchen, und auch da nur ein Ehrentanzchen, gemacht hatte, so unbarmherzig auf und nieder, dass er bei seinem endlichen Stillstehen kaum wieder Athem gewinnen konnte. Er fand sich hier einem Spiegel gegenuber, der ihm seine ganze gegen die ubrige Gesellschaft so abstechende Gestalt, zugleich mit seinen grauen Wimpern und den ehrwurdigen Runzeln seines Alters zeigte; ein Anblick, woruber er augenblicklich wach ward, und sich vollig so athemlos und so eingefeuchtet fand, als ob die getraumte heftige Leibesbewegung wirklich Statt gehabt hatte.
Gottlob! rief er, indem er die Augen weit aufthat, und sich des einsamen Schimmers seiner Nachtlampe von Herzen freute: es war nichts, als ein Traum. Hatt' ichs doch kaum geglaubt, dass man im Traume ein so schweres und angreifendes Stuck Arbeit machen konnte! Die tollen, rasenden Menschen! Und nun fing er an, weil die Wallung in seinem Blute noch fortwahrte, und die verhassten Bilder noch ihre volle Lebhaftigkeit hatten, sich recht ernstlich uber den Unsinn zu argern, womit so Mancher fur die lappischen, armseligen Vergnugungen, denen er nur eben beigewohnt hatte, Vermogen und Gesundheit und ehrlichen Namen auf's Spiel setze. Er dachte sich mit dem aussersten Abscheu die Moglichkeit, dass auch sein so sauer erworbenes Gut, eben wie das Lykische, in wenig Jahren verprasst, und der Name Stark, den er bisher in Ehre und Ansehen erhalten, mit Schimpf und Schande belegt werden konnte. Hier fielen ihm die sussen, zartlichen Blicke auf's Herz, die er seinen Sohn mit Madam Lyk hatte wechseln sehen. Es fuhr ihm kalt uber den Rucken. Doch trostete ihn wieder die Betrachtung: dass die Liebe zum Gelde in dem Herzen seines Sohns keine schwachere Leidenschaft, als die Eitelkeit, sei, und dass es ihm jene gewiss nicht erlauben werde, sich mit einer Frau von so mittelmassigen Umstanden denn was konnte eine so weit getriebne Unordnung und Verschwendung zuruckgelassen haben? und noch obendrein mit einer Mutter von Kindern, zu belasten. So weit, sagte er, kann sein Geschmack an Galanterie ihn doch unmoglich verleiten. Zwar, wandt' er sich wieder ein, hat er ja meine Erwartung schon in Einem Stucke getauscht; und so konnt' er es leicht auch in diesem. Doch ich traume noch, glaub' ich; die Falle sind einander zu ungleich. Das Opfer, das er bei so einer Heirat brachte, ware zu gross; auch hat er hier volle Zeit zur Besinnung denn in eine Liebe verstrickt zu werden, die ihn aller Besinnung beraubte, sieht ihm nicht ahnlich ; und welche Wahl er treffen kann, wenn ihm nur die Besinnung frei bleibt, ist keine Frage. Am Krankenbett des seligen Lyk sah er sich uberrascht; er ist nur ein eitler und schwacher, kein verderbter, kein boshafter Mensch: es war naturlich, dass der erschutternde, ihm so neue Anblick eines Sterbenden, und die dringende Aufforderung die so sehr zu rechter Zeit an sein Herz erging, ihn zu einem Versprechen hinrissen, das er bei kalter Uberlegung wohl schwerlich gethan hatte, das aber, einmal gethan, nicht unerfullt bleiben durfte, wenn er nicht geradezu als ein Mann von schlechter Gesinnung erscheinen wollte. Und warum sollt' er denn nicht auch freudig gethan haben, was einmal gethan werden musste? Warum sollt' er nicht, wahrend er's that, in dem Bewusstseyn seiner Rechtschaffenheit, und in der Achtung die er gegen sich selbst empfinden musste, sich so wohl gefallen haben, dass er immer freudiger fortfuhr? Ich danke dem Himmel, wenn er bei dieser Gelegenheit in den Geschmack des Guten gekommen. Vielleicht, dass ihn das edlere Vergnugen wohl noch ganz von den armseligen Eitelkeiten abzieht, zu denen er bisher einen so unglucklichen Hang hatte; und dann vollends leben Sie wohl, Madam Lyk, mit aller Ihrer Feinheit, und Ihrem Weltton, und mit dem ganzen Gefolge von Liebenswurdigkeiten, das hinter Ihnen drein treten mag! Fur meinen Sohn sind Sie nicht.
Wenn diese Gedankenfolge des Herrn Stark, so richtig und bundig sie schien, dennoch nur wenig zutraf; so lag das an den beiden so gewohnlichen Fehlern: dass er einen Charakter, der sich bis jetzt nur von gewissen Seiten entwickelt hatte, und von andern sich selbst, noch ein halbes Rathsel war, als schon vollig bekannt und ergrundet voraussetzte; und dass er in die Vorstellung der Verhaltnisse, worin er diesen Charakter handeln liess, einige bedeutende Irrthumer brachte, deren Entstehungsart wir vielleicht kunftig erfahren werden. Genug, dass fur den Augenblick Herr Stark sich beruhigt fuhlte, und wieder einschlief; doch hatten wirklich die aufgestiegenen Dunste seinen Horizont ein wenig getrubt, und Sonnenaufgang war daher nicht ganz so heiter, als man bei Sonnenuntergang hatte erwarten sollen.
XVIII.
Frau Doctorinn Herbst hatte den Besuch, den sie der Witwe zugedacht hatte, jetzt wirklich abgelegt; und kam mit Gesinnungen von ihr zuruck, die sich aus denen womit sie hinging, errathen lassen. Die Frau war gerade nicht schon, aber reizend: es gab wohl andere Frauen, die, wenn auch nicht jetzt, wenigstens ehemal, bei der Vergleichung mit ihr gewonnen hatten, und die trotz aller Verwustungen, welche ein zu haufiger Ehesegen anzurichten pflegt, sich noch immer zum Verwundern erhielten. Allein das Sanfte und Einnehmende in der Miene und dem Betragen der Lyk, ihre vortreffliche Kinderzucht, ihre Achtung gegen das Andenken eines Mannes, der durch seine sinnlose Verschwendung sie unglucklich gemacht, der sie aber gleichwohl geliebt hatte, ihre innige Dankbarkeit gegen den bewussten Freund, von dem sie nicht ohne Thranen im Auge reden konnte: alles das war von hoherm Werthe als Schonheit; und die Doctorinn fuhlte sich in solche Begeisterung dadurch gesetzt, dass sie ihrem Manne wiederholt erklarte: sie wurde ihr Haupt nicht eher sanft legen, als bis sie die Verbindung zwischen ihrem Bruder und der Witwe zu Stande gebracht hatte. Es ist kein Weib auf Erden, sagte sie, womit der Bruder glucklicher leben konnte; sie besitzt in ihrem naturlichguten Verstande, in ihren durch Erfahrung bestatigten Grundsatzen, in ihrem zur Ruhe und zur Hauslichkeit so ganz sich hinneigenden Charakter, gerade das was dem Bruder noth thut, und was der Vater selbst an der Gattinn seines Sohnes nicht besser wunschen konnte.
Der Doctor nickte hie und da mit dem Kopfe, und murmelte Ja; ging aber nachdenkend und verdriesslich umher. Was ist dir? fragte die Doctorinn endlich.
Ich komme von dem Glaubiger unserer Witwe, dem Horn. Du weisst, er hat fur gegenwartigen Augenblick ihr Wohl und ihr Wehe in Handen.
Nun? O der nichtswurdige Mensch!
Kennst du ihn denn?
Aus seinem Gesichte nicht, aber aus deinem. Was gilt's, er will ihr nicht langer nachsehen, will sie zu Grunde richten?
Das nun nicht; dazu ist er zu gottesfurchtig. Er will nur sein Geld.
Und aus ihr mag werden, was will! Nicht wahr?
Kummert das einen Kaufmann?
Die Doctorinn bat in hohem Tone um Ausnahme fur ihren Vater, die der Doctor mit Freuden machte; und nun fuhr sie ganz unbarmherzig uber den Glaubiger her. Ohne dass sie diesen Horn je gesehen hatte, ward er vor ihrer Phantasie eins der hasslichsten, zuruckschreckendsten Gesichter der ganzen Stadt. Ich mogte, sagte sie, wundershalber den Elenden doch kennen lernen, der ein so braves, liebenswurdiges Weib, eine Mutter von zwei unmundigen Waisen, so schandlich verfolgen kann. Aber nein! nein! Mich schaudert, wenn ich mir das Ungeheuer nur denke.
Kind! Es ist ein ganz gemeines, plattes Menschengesicht, aus dem in der Welt nichts hervorleuchtet, weder Gutes noch Boses. Ein Gesicht, wie es unter den leeren Geldseelen so viele haben, und wie man sie an Borsentagen zu Dutzenden kann herumlaufen sehen.
Aber, fuhr sie fort, dachte denn der Mensch mit keiner Silbe an die Verbindlichkeiten, die er gegen dich hat? an die Krankheiten seines Weibes und seiner Kinder, wo du Tag und Nacht, mit Gefahr deiner eignen Gesundheit
Ach schweig doch! Das ist ja Alles bezahlt.
Bezahlt? Lasst sich so was bezahlen?
Und vielleicht, wenn er in seinem Buche mein Folium ausschlagt, bin ich bei ihm noch tief, tief in der Schuld. Denn: hat er mich nicht zu Tische gebeten? Hab' ich nicht, in Gesellschaft von Rathsherrn und Matadoren, Fasanen bei ihm gegessen? Tokaier bei ihm getrunken?
Der Elende! Ehre mir Gott meinen Vater!
Stille! Wer wird in solcher Gesellschaft ihn nennen? Aber, mein Kind damit wir das Wichstigste nicht vergessen
Ja wohl! Wie wir die arme Witwe aus seinen Klauen reissen
Die nicht mehr; aber mich. Meine Gutherzigkeit hat mir einen sehr ublen Streich gespielt, und ich kann daruber leicht in's Gefangniss wandern.
Um's Himmels willen! du hast dich an dem Menschen doch nicht vergriffen?
Pfuy! Dazu acht' ich meine Hande zu hoch. Ich habe nur aus Verdruss, weil nichts mit ihm auszurichten war, Feder und Dinte gefordert, habe mir den Betrag der Schuld auf Mark und Schilling angeben lassen, und habe ein Wechselchen ausgestellt auf mich selbst: von etwas uber dreitausend Mark; in acht Tagen zahlbar.
Bravo! sagte die Doctorinn, und flog ihrem Mann an den Hals. Aber ist es moglich, dass der fuhllose Mensch den Wechsel annahm? von dir!
Warum nicht? Ich habe das schone Haus hier, und habe Dich. Ein drei-, viertausend Mark, und wenn auch noch etwas mehr, bin ich ihm werth; unbesehens!
Hast du denn aber Geld zu bezahlen?
Da steckt der Knoten. Keine dreihundert Mark.
Mann! Mann! So lieferst du ja dem Unholde dich selbst in die Hande.
Freilich! Denn was ich seit einiger Zeit gesammelt hatte, ist vorige Woche, wie du weisst, zu Capital gemacht und ausgethan worden. Neue Einnahme, wenigstens betrachtliche, seh' ich furs erste nicht ab; und geschrieben ist nun einmal der Wechsel, und will bezahlt seyn. Indessen weisst du, worauf ich mein volles Vertrauen setze?
Nun? Auf einen Rest von Scham bei dem Horn?
Nicht doch! Auf die kluge Tochter des klugen Herrn Stark, die ich glucklicher Weise zur Frau habe. Die, mit ihrem Kopfe, hilft mir sicherlich durch.
Eigentlich hatte der Doctor einen Anschlag auf den vollen runden Beutel gemacht, den der Vater, beim Besuche des Sohns, unter den Spiegel gestellt hatte, und der seines Wissens noch unangeruhrt dastand. Allein die Doctorinn, die nach abgestattetem Danke fur das so gutige als gerechte Vertrauen, welches man in ihren Verstand setzte, ein wenig nachgesonnen hatte, schlug auf einmal in die Hande, und rief: Ich hab's!
Das Geld? fragte der Doctor.
Nein, aber die Art und Weise, wie wir's bekommen. Die Witwe selbst schafft es an.
Die Witwe?
Und das von unserm Alten. Von meinem Vater.
Von deinem Vater?
Nun ja! ja! Was giebts denn da zu verwundern? Einmal ist's doch nothwendig, wenn wir unser Ziel erreichen wollen, dass der Alte die Witwe kenne; und eine bessere Gelegenheit dazu, als diese, wird sich nicht finden. Kurz, sie macht einen Besuch bei dem Vater, bittet den Vater, gefallt dem Vater, bezahlt ihre Schulden, heiratet den Bruder.
Himmel! rief der Doctor, und ich habe noch kein Kleid auf die Hochzeit. Die kommt mir rasch uber den Hals. Ich will nur gleich in den Laden.
Haha! Aber spotte nur? spotte! Die Sache ist so gut wie geschehen. Es ist unmoglich, wenn der Vater die Witwe sieht, dass sie ihm nicht gefalle, und auf dieses Gefallen bauen wir dann weiter fort, bringen ihn von allen seinen Vorurtheilen zuruck, lassen ihn die Heirat nicht bloss genehmigen, sondern selbst wunschen.
Wenn er nun aber die Witwe nicht vorlasst; wie da?
Leere Grille!
Oder wenn er wohl gar was wir doch wirklich zu furchten haben sie ungutig aufnimmt?
Wenn Er ? Sie stand hier einen Augenblick stille, und sah auf den Boden. Mann! rief sie dann aus: Du bist mitunter doch allerliebst. Ich mogte dich kussen fur deinen Einfall.
Fur welchen?
Dass er sie ungutig aufnehmen konnte. O, wenn der Himmel das wollte!
Versteh' Euch Weiber ein Andrer!
Komm! Ich eroffne dir das Verstandniss. Nicht wahr? Wenn der Vater sie ungutig aufnimmt: so begeht er, ganz gegen seine sonstige Art, einen Fehler, den er durchaus, es koste auch was es wolle, wieder wird gut machen wollen; so setzt er sich selbst aus der guten Laune heraus, in der es immer so schwer wird ihn zu fassen und mit ihm fertig zu werden; so sind wir auf einmal, und gleichsam durch einen Sprung, an dem Ziele, zu dem wir uns sonst wer weiss wie langsam und durch wie viel Schwierigkeiten? hindurchwinden mussten.
Alles gut! sagte der Doctor. Wenn nur nicht zu besorgen ware
Freilich! Dass er den Fehler nicht macht.
Ganz im Gegentheil! Dass er ihn nicht fur Fehler erkennt.
Ach, wenn er ihn nur erst macht! Die Erkenntniss wollen dann wir ihm schon verschaffen.
Aber, mein Kind indem er bedenklich den Kopf schuttelte, und eine sehr ernsthafte Miene annahm dem eignen Vater eine Falle zu legen ich weiss nicht
Eine Falle! Was nun das wieder ist! Eine Falle! Ich sinne in der Welt auf nichts Arges, nur auf Liebes und Gutes; und da kommt der Mann und erhebt ein Geschrei, als ob ich uber Tucke und Hinterlist brutete. Wer hat mir denn das Basiliskenei in mein Nest geschoben, als eben Er? Wer hat den unglucklichen Einfall gehabt, als ob der Vater sich ubel benehmen konnte? Er wird sich sehr gut benehmen, sehr gut. Das soll der Herr Doctor nur wissen! Mit diesen Worten ergriff sie ihre Enveloppe, und war schon langst auf der Strasse, als der Doctor noch immer den Faden suchte, woran er seinen casuistischen Knauel entwirren konnte.
XIX.
Die Verwunderung, womit Madam Lyk ihre neue Freundinn so schnell zuruckkommen sah, ging in Freude uber, als sie den glucklichen Ausgang der Unterhandlung mit Horn erfuhr; aber diese Freude wieder in Unruhe, als die Doctorinn fragte, ob sie ausser diesem Horn, den sie nun freilich furs erste los sei, nicht noch andere Glaubiger habe?
Ich hoffe, sagte die Witwe, keine so dringende und so ungestume.
Gesetzt aber, dass ihrer mehrere aufwachten; wie da? War' es nicht fur Ihre Ruhe sehr wesentlich, meine Freundinn, lieber allen auf einmal den Mund zu stopfen?
Wenn mir das moglich ware; wie gerne! Aber ohne Zeit, die man mir lasst, und ohne Zutrauen, das man mir schenkt
Kennen Sie meinen Vater? fiel die Doctorinn ein.
Der Person nach kaum. Sehr von weitem.
Aber dem Charakter nach? der Denkungsart nach?
Da hab' ich die hochste Meinung von ihm. Ich schliesse auf den Vater von seinen Kindern.
Die gerathen nicht Immer. Glauben Sie mir: die Kinder des alten Stark konnten besser seyn, wenn sie dem guten Vater ahnlicher waren.
Sie sagen fur meine Erkenntlichkeit allzuviel.
Fur mein Herz allzuwenig. Und nun fing sie an, ein Gemalde zu entwerfen, das zwar wirklich dem alten Herrn ziemlich ahnlich sah, das aber gleichwohl fur ein Bildniss, wofur es doch gelten sollte, zu wenig Eignes und Unterscheidendes hatte. Eine zu geruhrte kindliche Dankbarkeit, und eine zu lebhafte Begeisterung, die immer idealisirt und verschonert, hatten die Farben gemischt und den Pinsel gefuhrt. Indessen war eben durch diesen Fehler das Gemalde um so geschickter, der Witwe ein unbedingtes Vertrauen einzuflossen, und eine lebhafte Begierde nach einer so vortrefflichen Bekanntschaft bei ihr zu wekken. Ware mitten unter den schonen Zugen des verstandigen, menschenfreundlichen, grossmuthigen Mannes, auch die ernste Falte des Sittenrichters und das heimliche Lacheln des Spotters, die doch so sehr zur Physiognomie des Herrn Stark gehorten, sichtbar geworden: so wurde freilich jenes Vertrauen sehr geschwacht, und diese Begierde sehr gedampft worden seyn.
Die Witwe bezeugte in den kraftigsten Ausdrucken ihre Bewunderung, ihre Verehrung, und war nicht wenig neugierig, wohin das Alles gemeint sei.
Kennen Sie muss ich noch weiter fragen das Blumische Haus?
O sehr wohl. Ich bin Schuldnerinn auch von ihm.
Und wie nimmt es sich? Gut?
Mehr als gut; ausserst edel. Es hat mir die grossmuthigste Nachsicht von vielen Monaten bewilligt.
Blosse Pflicht, meine Freundinn! Es hat sich, wie ich sehe, seiner eignen Geschichte und der grossen Verbindlichkeiten erinnert, die es ehemal gegen den guten seligen Lyk, Ihren Schwiegervater, hatte.
Davon weiss ich nichts, sagte die Witwe.
Mir schwebt es vor, wie im Traume. Ich war noch ganz jung, als einst mein Vater sehr spat von der Borse kam, und den ganzen Tag von nichts als von einem gewissen Blum sprach dem Grossvater des jetzigen der seine Zahlungen eingestellt hatte, und dessen Fall man fur unvermeidlich ansah. Mein Vater, obgleich in keiner Handlungsverbindung mit ihm, nahm den lebhaftesten Antheil an seinem Schicksal, und zeigte sich hochst erbittert gegen gewisse heimliche Neider, die den ehrlichen schuldlosen Mann verfolgten, und seinen Fall zu befordern suchten. Er fasste den Entschluss, ihn, wo moglich, zu retten; und der alte Lyk, immer vertrauter Freund unsers Hauses, war von gleicher Gesinnung. Mein Vater untersuchte hierauf die Bucher von Blum, fand seine Rettung, wenn er gehorig unterstutzt wurde, sehr moglich, so wie ihn selbst an seinem Falle oder ich sollte sagen, an seiner Verlegenheit vollig unschuldig.
Die Witwe sah bei diesem letzten Zuge nieder, und seufzte.
Und nun nahm er, in Verbindung mit Lyk, die ganze Schuldenlast auf sich, bezahlte die Ungeduldigen baar, setzte den Andern Termine, und machte mit einem Worte der Verlegenheit und der Verfolgung des Mannes ein Ende. Was mir, als Kind, diesen Auftritt tief ins Gedachtniss pragte, war mein Erstaunen, einen alten ehrwurdigen Mann mit schlohweissen Haaren, der meines Vaters Vater hatte seyn konnen, so bitterlich weinen zu sehen. Der gute Mann war ganz aufgelost in Dankbarkeit und in Ruhrung. Er betrat nachher unser Haus sehr oft, der alte, freundliche Blum, und befestigte sein Andenken bei mir durch eine Menge kleiner Spielsachen und Naschereien, die er mir immer zuzustecken pflegte. Nun, meine Freundinn? Darf ich noch erst sagen, wo ich hinaus will? Mein Vater ist noch immer der Alte, sein Wille zu helfen der alte, sein Vermogen dazu aber nein! das ist nicht mehr das alte; das hat sich indess verdoppelt, vielleicht verdreifacht: und also was kann Sie hindern, ihm ohne Umstande den Antrag zu thun, dass er an Ihnen, wie ehemal an Blum handeln, und alle Ihre Schulden ubernehmen wolle? Ihre Kinder sind seines Freundes Enkel; uberlegen Sie das!
Die Witwe war uber diesen Vorschlag nicht bloss erstaunt, sondern erschrocken. Ihre Dankbarkeit trieb sie an, den Rath einer so wohlmeinenden, so zartlich um sie bekummerten Freundinn nicht zu verachten; und doch zeigte ihre naturliche Blodigkeit ihr die Befolgung dieses Raths als fur sie unthunlich, als beinahe unmoglich.
Kann ich fing sie zu stottern an kann ich den Muth haben, Frau Doctorinn ich eine Fremde eine ihm vollig Unbekannte
Sie durfen Sich in der That nicht bedenken. Der Dienst, der Ihnen geleistet wird, ist zwar dankenswerth, aber nicht gross. Ihre Sachen, hor' ich, sind durch meinen Bruder bereits in Ordnung; eine Durchsicht ihrer Bucher ist nicht mehr nothig; Gefahr zu verlieren ist bei Ihnen keine: und also Ich lasse nicht ab, liebe Freundinn. Ich bin ein eigensinniges Weib. Sie mussen mir Ihr Wort darauf geben, dass Sie morgen am Tage zu meinem Vater gehen.
Der Witwe stand der Schweiss vor der Stirne. Aber die Doctorinn, obgleich nicht ohne Mitleiden mit ihr, horte nicht auf, ihr zuzusetzen.
Freilich, sagte sie, war' es naturlicher, Sie an meinen Bruder, als an meinen Vater zu weisen; denn jenen kennen Sie schon, und ohne Zweifel wissen Sie Selbst, wie viele Hochachtung er gegen Sie hegt, mit welcher Herzlichkeit er Ihnen ergeben ist;
Eine feurige Rothe, die sogleich wieder in Blasse uberging, flog der Witwe uber die Wangen. Die Doctorinn wollte nicht das Ansehen haben, sie zu bemerken. Allein der seltsame Mensch Gott mag wissen, aus welcher Grille? will ja von hier, will sich von seinem Vater trennen, und eine Handlung unter eigner Firma errichten. Ausser dass er den Einfluss und das Gewicht nicht hat, wie mein Vater; so braucht er gegenwartig sein bischen Armuth fur sich: und so sehen Sie wohl
Ich sehe Alles, sagte die Witwe. Ich bin Ihnen fur Ihre Theilnahme, fur Ihre so unverdiente, granzenlose Gute unaussprechlich verbunden: allein, da doch gegenwartig noch keine Noth ist; da Horn, wie Sie Selbst mich versichern, furs erste schweigt, und da die ubrigen Glaubiger mich nicht drangen
Die Doctorinn, ob sie gleich sehr ungern diesen Schritt that, sah sich genothigt, mit der vollen Wahrheit herauszugehen, und der Witwe zu sagen, dass, wenn sie den Gang zu ihrem Vater verweigerte, ihr guter Mann wegen eines fur sie ausgestellten Wechsels ins Gedrange kommen, und nicht wissen wurde, wie er den ungestumen, hartherzigen Horn befriedigen solle. Dieses einzige, unerwartete Wort war entscheidend; die Witwe versprach nun heilig, obgleich mit schwerem, muthlosen Herzen, dass sie morgen im Tage dem alten Herrn Stark ihre Ehrerbietung bezeugen wolle.
XX.
Es war um Theezeit; und die Doctorinn, die sich den Mund ganz trocken gesprochen, aber bei der Witwe den Thee verbeten hatte, kam auf den Einfall, ihn bei der Mutter zu trinken. Sie fand hier zugleich den Vater, der dann und wann bei der Alten ein Schalchen nahm; und zufalliger Weise auch Monsieur Burg, den Madam Stark so eben wegen eines Geruchtes ausfragte, das ihr zu Ohren gekommen war. Es hiess: ein ziemlich bemittelter Oheim von Burg, den dieser zu beerben gehofft hatte, sei noch in seinen alten Tagen schlussig geworden, sich zu verheiraten. Ist das wahr? fragte die Alte.
Leider wahr! sagte Monsieur Burg.
Aber wie in aller Welt kommt er auf den Gedanken? Ich hatt' ihn fur vernunftiger angesehen.
Wie? sagte der Alte, den die Lust, sie ein wenig zu necken, ankam. Ist Heiraten Unvernunft, Mutter?
Behute! Es ware Lasterung, das zu sagen. Ehe ist ja eine Einsetzung von Gott.
Das mein' ich! Und eben deswegen, Mutter weil der alte Oheim, nach langer Verblendung, das endlich einsieht; so bereut er sein bisher gefuhrtes sundliches Hagestolzenleben, und kriecht zu Kreuze.
Jaja! rief hier Monsieur Burg, dem der wahrscheinliche Verlust der Erbschaft schwer auf dem Herzen lag : Kreuz soll er schon finden, denk' ich, das soll er finden!
Lieber Monsieur Burg! sagte die Alte, und nahm einen andachtigen Ton an: auf Erden hat wohl jeder sein Kreuz; und was der Himmel dem Oheim auferlegt, muss er tragen, und muss daruber nicht murren. Das ist Pflicht eines Christen.
Die Doctorinn hatte Noth, nicht zu lachen. Aber, sagte der Alte, du horst ja, dass er der Trubsal willig entgegengeht, und dass er sich ganz demuthig in die Schule der Geduld begiebt. Was verlangst du denn mehr? Alberne Menschen ubrigens sind diese Hagestolzen: das ist gewiss. In der Jugend, huten sie sich sorgfaltig vor einer Thorheit; und im Alter, begehn sie dafur eine Narrheit.
Ei, ei! rief die Doctorinn aus. Lieber Vater!
Was ist?
Sie waren ja sonst ein so grosser Freund, ein so eifriger Vertheidiger des Ehestandes.
War ich? Nun, so will ich's auch bleiben, und will die Thorheit geschwind zurucknehmen. Doch die Narrheit, Kind, musst du mir lassen.
Drollicht! Aber ich bin's zufrieden. Es gilt.
Und ist's denn wahr, fuhr die Alte zu untersuchen fort, dass die Person, in welche sich der Oheim verliebt hat
Verliebt, Mutter? Hat er sich denn wirklich verliebt? Ich dachte, er heiratete bloss aus Zerknirschung.
Wenigstens, sagte Monsieur Burg, kann die Zerknirschung noch kommen. Das Weib soll hasslich seyn, wie die Nacht. Und Kinder bringt sie ihm obendrein in das Haus. Ganzer zwei.
Wirklich? Nun, das war's, sagte die Alte, was ich im Sinne hatte, und wornach ich vorhin Ihn fragen wollte. Also eine Witwe nimmt er zur Frau? und eine Mutter von Kindern? Hm!
Von zwei lebendigen Kindern.
Hmhm!
Scheint dir das sonderbar, Mutter? Mir nicht. Mir scheint es das Vernunftigste bei der Sache. Wenn Kinder da sind, so wird denn doch der Alte mit Ehren Vater. Eine Witwe zu heiraten, ist immer die beste Art, zu fremden Kindern Vater zu werden.
Und was giebt's denn fur eine andre? fragte die Alte ganz ehrbar. Ach ja! indem die Tochter, die sich nicht langer halten konnte, von Herzen zu lachen anfing, und der Vater mit einstimmte. Das treuherzige Ach ja! war nicht gemacht, dieses Lachen zu dampfen; und die Mutter, so sehr sie sich Anfangs dagegen straubte, lachte am Ende mit. Herr Stark, wie man sieht, war in seiner Feiertagslaune; aber sicher hatt' er ihr nicht den Zugel schiessen lassen, und hatte sich kein's seiner Spasschen erlaubt, wenn nicht Herr Wraker, der alte Oheim von Burg, ein bekannter Ausschweifling gewesen ware, der die Hochachtung von keinem Menschen, und also auch nicht von dem Neffen, hatte. Indessen, als in der Folge des Gesprachs sich der gekrankte Eigennutz des jungen Mannes immer starker verrieth, und er sich endlich zu bittre, zu unanstandige Glossen erlaubte, wies ihn Herr Stark, zwar liebreich, doch alles Ernstes, zurechte. Er beruhrte zuerst den Hauptpunct der wahrscheinlich verlornen Erbschaft, und erklarte diesen Verlust fur nichts weniger als ein Ungluck: denn, meinte er, Monsieur Burg sei ja Manns genug, um durch eigene Krafte sein Gluck zu machen; und so ein Gluck habe immer mehr Werth, als ein anderes, das durch Erben oder durch Heiraten erlangt werde. Wenn man, sagte er, die hiesigen grossen Hauser der Reihe nach durchgeht; so findet man, dass sie alle entweder vom lebenden Stifter selbst, oder hochstens vom Vater her sind: die vom Grossvater her sind schon alle wieder im Abnehmen, im Sinken. Selbst ist der Mann! sagt ein Sprichwort, das fur alle Stande, und besonders auch fur den unsrigen, wahr ist. Dann kam Herr Stark auf die Liebesgeschichte des Herrn Wraker, und fand auch an ihr eine Seite, von der sie ihm gar nicht mehr so thoricht und lacherlich vorkam. Der Brautigam, sagte er, ist freilich ein altes morsches Geripp von Manne, das eher fur den Sarg als fur's Ehebett taugt, und die Braut eine ziemlich missgeschaffne, klapperdurre Schone, deren hervorstehender Zahn und blinzelndes Auge nicht den besten Hausfrieden verspricht; aber, Monsieur Burg! seh' Er einmal ich bitt' Ihn von diesen Hauptpersonen ein wenig ab auf die Nebenpersonen, die kleinen hulflosen Kinder! Wie, wenn die Mutter bei sich selbst uberlegt hatte, dass sie nur herzlich arm, und dass Armuth eine rauhe Witterung ist, worin solche zarte junge Pflanzchen leicht ersterben oder verkruppeln? wenn sie die ihrigen an die sanftere mildere Luft der Wohlhabenheit hatte bringen wollen, um ihnen ein froheres Wachsthum, ein schnelleres Gedeihen, zu sichern? Dann ware, von ihrer Seite, die Heirat schon nichts so gar Thorichtes mehr, eher etwas sehr Mutterliches und Kluges. Und von Seiten des alten Wraker? Wie, wenn auch der sich durch Grunde hatte bestimmen lassen, die weit mehr unsre Billigung, als unsern Tadel, verdienten? wenn er, nach einem Leben voll Ausschweifungen, noch zu guter letzt etwas Verdienstliches hatte thun, und das Gluck von ein paar unschuldigen Wesen hatte grunden wollen, die es vielleicht erkennen und sein Andenken in Ehren halten? Freilich krankt er daruber den guten Neffen, der sonst sein nachster Erbe gewesen ware; aber mag er gedacht haben ein Mann wie der, der so reiche Hulfsquellen in sich selbst hat, und der zu so einem Verluste nur lacht
O, das thu' ich auch; das thu' ich recht von Herzen! sagte Monsieur Burg, indem er mit grinsender Miene, die ein verachtendes Lachen ausdrucken sollte, sein Oberschalchen umwandte, und sich empfahl.
Die Tochter ergriff die Hand des Vaters, um sie zu kussen. Das thu' ich im Namen der Kleinen, sagte sie: fur die Sie Sich so nachdrucklich erklart haben. Ach, was solche arme kleine Waisen mich jammern! So oft mir dergleichen vorkommen, mogt' ich gleich einen recht wackern jungen Mann zur Hand haben, den ich ihnen wieder zum Vater gabe.
Und der Witwe zum Manne; nicht wahr? Denn warum er sonst eben jung seyn sollte
Wie? Das sehen Sie nicht? Damit er mir nicht zu fruh wieder wegsturbe; und ich dann neue Noth mit den Kindern hatte.
Sieh, sieh! sagte der Alte. Kommt's so herum? Fein genug!
Aber Sie wollen vielleicht, dass Witwen nur lauter schwache, gebrechliche Manner heiraten sollen; Kruckenstosser, wie den Wraker, die zu nichts weiter taugen, als fremder Leute Kindern Brot zu verschaffen? Die armen Witwen!
Ei nicht doch! nicht doch! Wenn sie nur selbst noch nicht alt sind denn das gesteh ich dir: eine Heirat zwischen einem jungen Manne und einem alten Weibe ist mir zuwider.
Das ist sie wohl jedem. Nein; meine Witwen sind so im Anfang der zwanzig, sind uberdies noch brav, gefallig, haushalterisch, fromm
Aber hasslich; nicht wahr?
Behute Gott! Eher schon.
Nun, was fragst du denn lange? Gieb sie, an wen du willst, an die jungsten und die wackersten Manner! Ich bin es herzlich zufrieden. Brav, Vaterchen! Herrlich, Vaterchen! dachte die Tochter; wir wollen dir dieses Wort zu seiner Zeit wieder vorhalten. Es geht dich naher an, als du wohl denkst. Und nun machte sie sich auf leichten Fussen davon, um nach Art braver Eheweiber, die fur den Mann ihres Herzens keine Geheimnisse haben, dem ihrigen alles Vorgefallene zu berichten.
XXI.
Ist wohl nicht moglich! sagte Herr Stark, als Monsieur Schlicht mit der Nachricht hineintrat, dass Madam Lyk ihn zu sprechen wunsche. Er wird sich verhort haben, mein lieber Schlicht. Meinen Sohn wird sie sprechen wollen.
Nein, Sie! Sie! Ich hab' ausdrucklich gefragt.
Hm! Also mich? In der That? Nun, so fuhr' Er sie gegenuber in das Besuchzimmer. Ich werd' erscheinen. Was in aller Welt kann das seyn? Wie komm' ich zu einer so galanten Visite? Es ist ja wohl kaum halb zehn indem er nach seiner Uhr sah; und die Frau ist schon auf? ist schon angezogen? hat schon ihre Chocolade getrunken? Das ist ja ganz ausser der Regel! Er trat, seiner Gewohnheit nach, vor den Spiegel, um sich den Stutz, gerade zu rucken. Wirst schon wieder schief zu stehen kommen, sagte er lachelnd; aber, mein guter Stutz Gluck werden wir ohnehin nicht mehr machen. Wir sind zu alt, sind so sehr ausser der Mode.
Ich sollte errothen, sagte die Witwe, die durch das Studium einer ganzen langen Nacht keinen bessern Eingang hatte ersinnen konnen; ich sollte, wegen der Storung und des Zeitverlustes, die ich verursache
Die Verlegenheit und die Furcht der guten Frau hatten ihre Stimme so sehr gedampft, dass der Alte, der nach Art der Schwerhorigen ihr scharf ins Gesicht sah, und dadurch ihre Verlegenheit noch vermehrte, nur aus der Bewegung ihrer Lippen abnahm: sie musse reden. Auch das Zuruckstossen des Stutzes liess ihn nur ein leises, undeutliches Murmeln, keine eigentlichen Tone vernehmen. Ich muss Sie bitten, fing er jetzt an, mir eine Schwachheit des Alters zu Gute zu halten; ich habe, wenn die Witterung kalt wird, einen Fluss auf dem rechten Ohre, der aber Gottlob! so arg nicht ist, dass ich, wie mein Nachbar, ein Hornchen mit mir herumtragen durfte. Haben Sie nur die Gefalligkeit, ein wenig lauter zu reden, und ich werde Sie horen.
Diese Aufforderung zum Lautreden vermehrte das Herzklopfen der Witwe, die schon so des Athems wenig genug, und dabei ein Anliegen hatte, das seiner Natur nach nicht wollte geschrieen werden. Es kam ihr ausserst gelegen, dass eben jetzt Herr Stark sie zum Niedersitzen auf das altmodische rohrgeflochtene Canape einlud; denn kaum erhielt sie, bei ihrer heftigen innern Bewegung, sich auf den Fussen. Es gelang ihr jetzt, dem alten Herrn zu bedeuten: dass ihre grosse Verpflichtung gegen seinen wurdigen Sohn, der durch lange muhsame Arbeit sie aus einer hochst unangenehmen Verwirrung gezogen, ihr ein gerechtes Vertrauen auch gegen den Vater einflosse, und dass sie hoffe Hier sank ihr die Stimme wieder; und Herr Stark brachte nicht heraus was sie denn hoffe: dass er nehmlich gleiche Grossmuth beweisen, und wenn sie von diesem oder jenem ihrer Glaubiger gedrangt werden sollte, ihr seinen einsichtvollen Rath und selbst seine thatige Unterstutzung nicht versagen werde. Er bezog die paar Worter, die er verstand: Grossmuth, Rath, Unterstutzung, noch immer auf seinen Sohn; und deutete, weil sie jetzt auch von Dank sprach, ihre Hoffnung bloss dahin: dass er ihren Besuch gutig aufnehmen, und sich ihren Dank fur die ihr erwiesene Hulfe werde gefallen lassen. Dem gemass erwiederte er, zu nicht geringem Erstaunen der Witwe: dass sie sich in ihm ganz an den Unrechten wende, indem er Alles was sein Sohn fur sie gethan, erst spat hinterher erfahren, und dass er also ihren Dank unmoglich annehmen konne. Unsre jungen Herren, sagte er, pflegen die Vater nicht zu ihren Vertrauten zu nehmen; sie furchten, dass man jede Art von Eroffnung als schuldige Rechenschaft von ihrem Thun und Lassen ansehen werde; und sich einem solchen Zwange zu unterwerfen, sind sie ganz und gar nicht gemeint. Die Witwe rang, in einer ziemlich langen, angstlichen Pause, mit sich selbst, wie sie das nehmen, und ob sie im Gesprache fortfahren oder es abbrechen solle. Sie konnte kaum anders, als das trockne Hinweggehen uber den Hauptpunct in ihrer Anrede fur ein geflissentliches Ausbeugen und Ablehnen nehmen; und was der Vater vom Sohne sagte, schien sogar das Betragen desselben zu missbilligen. Indessen war es moglich, dass Herr Stark nur ubel gehort hatte; und so raffte sie sich zusammen, um auf einem andern Wege das Gesprach wieder einzuleiten. Die Doctorinn, sagte sie, habe ihr die Freundschaft geruhmt, die ehemal zwischen Herrn Stark und ihrem verstorbenen Schwiegervater, dem alten Lyk, geherrscht habe; und sie lebe der Hoffnung Auf dieses Wort, welches Herr Stark vollkommen verstand, gab er die passende Antwort: dass er den alten seligen Lyk von seiner Kindheit an gekannt, und schon in den ersten Schuljahren sein Freund gewesen; dass sie nachher, ihr ganzes Leben hindurch, in sehr enger Verbindung gestanden, und dass sie gewiss, in vorkommendem Falle, ihre gegenseitige herzliche Freundschaft sich aufs thatigste wurden bewiesen haben. Aber, sagte er, so ein Fall kann, Gottlob! nicht vor; wir hielten beide unsre Geschafte in guter Ordnung, und verschlemmten und verschleuderten nicht: und wo das ist, da ereignen sich die Umstande nicht leicht, in welchen der Freund dem Freunde einen ausgezeichneten Dienst leisten oder wohl gar eine Aufopferung fur ihn machen konnte. Wenn gleich diese Anmerkung nichts weniger als Schmeichelei seyn sollte; so hatte sie doch bei weitem den Sinn nicht, den die Witwe ihr gab, und den sie nach dem obigen Missverstande oder itzt kaum mehr Missverstande fast gezwungen war ihr zu geben. Sie glaubte, einen bittern Vorwurf uber die Unordnung zu horen, die ihr verstorbener Mann in seine Geschafte hatte einreissen lassen, glaubte sich zum zweitenmale empfindlich zuruckgewiesen, und erblasste und errothete, im Gefuhl ihrer peinlichen Lage, eins um das andre. Herr Stark, der ohne Brille nicht scharf mehr sah, ward von ihrem Zustande nichts inne.
Sie haben, fing er nach einigen Secundem wieder an, den guten alten Schwiegervater wohl nicht mehr gekannt?
Nie sagte ihm ein stilles, schwaches Kopfschutteln der Witwe.
Und seine Frau, die alte redliche Mutter Lyk, wohl eben; so wenig?
Eben so wenig sagte ihm ein abermaliges Kopfschutteln; denn die Witwe, der das Herz immer voller und schwerer ward, war nicht im Stande zu reden.
Hatte Herr Stark von der jetzigen wirklich bedrangten Lage der Witwe, und besonders von ihrer Absicht auf ihn, nur die mindeste Ahnung gehabt: so wurde er, bei seiner wahrhaft grossmuthigen Denkungsart, und seiner Achtung fur Ungluckliche, ihrer sorgfaltig geschont, und jedes seiner Worte genau bewacht haben; aber so hielt er, in seiner Unwissenheit uber beides, es gar nicht fur ubel gethan, wenn er ihr von seinen Gedanken uber echten weiblichen Werth eine kleine Eroffnung machte.
Sie haben, sagte er, viel verloren, Madam; Sie hatten eine sehr vortreffliche Schwiegermutter. Freilich war sie im Grunde nur Hausfrau; aber mehr zu seyn, kam ihr auch nie in den Sinn: der Mann, glaubte sie, gehore der Welt; die Frau, dem Mann und den Kindern. Das war so der ehemalige alte Glaube, worin man die Tochter erzog, und wobei nun freilich die Madchen nicht so fein und niedlich wie jetzt, aber dafur desto braver und wirthschaftlicher, und einem Manne der an sein Fortkommen dachte, desto lieber und werther wurden. Der alte Lyk sagte mir oft, dass er diese herrliche Frau als seinen besten Segen von Gott betrachte, und dass er ohne sie bei weitem nicht in so guten Umstanden seyn wurde, als er es ware. Er liebte und achtete sie ungemein; auch wohl mit deswegen, weil sie ihm viele Ehre machte: denn sie galt in der ganzen Stadt fur die beste und erfahrenste Wirthinn, und war fur unsre Weiber, in jeder hauslichen Angelegenheit, das allgemeine Orakel. Dabei war sie nichts weniger, als peinlich, oder gar murrisch: Sie hatten sehen sollen, Madam, mit wie einnehmender Freundlichkeit sie den Gasten entgegen kam, die der alte Lyk fast jedesmal von der Borse mit sich brachte; wie sie sich freuen konnte, wenn bei der Bewirthung, die immer nur burgerlich, aber reichlich und anstandig war, ihre Gerichte schmeckten, und wenn, die kleine Gesellschaft wahrend dem Essen recht gesprachig, recht laut ward. Sie fragte dann mit den Augen ihren Mann, der alle ihre Blicke verstand; und sobald er gewinkt hatte, war sie in zwei, drei Sprungen zum Keller hinunter, und holte selbst von dem besten alten Rheinwein herauf, der uns dann noch beredter, noch frohlicher machte. Sehn Sie, Madam! Mit so einer liebreichen, frohen, wirthschaftlichen, Hausfrau waren wir damaligen Manner uber und uber zufrieden, und nannten sie, wie sie's auch wirklich war, unsern Schatz und unser Herz; heut zu Tage, wo sich der burgerliche Ton immer mehr in den adlichen, auch wohl hie und da in den furstlichen hinaufzieht, waren das gemeine, abgeschmackte Ausdrucke: da nennt man, glaub' ich, die Frau mein Kind; aber ich weiss doch kaum, wen ich glucklicher preisen soll, ob den ehemaligen Mann mit dem Schatze, oder den jetzigen mit dem Kinde. Doch Sie verzeihen, Madam; ich plaudre da ein Langes, ein Breites, und weiss selbst nicht, wozu? Denn dass andre Zeiten andre Sitten bringen, ist ja naturlich.
In dieser Art von Standrede auf die verstorbene Schwiegermutter fand sich wieder so manches Empfindliche, dass die Witwe den Zweck ihres Besuchs nun vollig aufgab, und sich Herrn Stark auf der Stelle wurde empfohlen haben, wenn nicht ein jaher Schwindel, in welchem Alles vor ihren Augen zu taumeln und zu tanzen anfing, ihr das Aufstehen verboten hatte. Gleichwohl musste sie dieses Aufstehen versuchen, als sie sich plotzlich von zwei weiblichen Stimmen begrussen horte, worunter sie die der Doctorinn sogleich unterschied. Die liebe Neugier hatte diese und die Mutter herbeigefuhrt: die eine, um zu erfahren wie es stande, und um nothigenfalls die Witwe zu unterstutzen; die andre, um eine Person naher kennen zu lernen, die ihrem Sohne so verpflichtet, und wie man ihr nicht verborgen hatte, zugleich ihm so werth war.
Mein Gott! was ist Ihnen? rief die Doctorinn aus, die den Zustand der Witwe auf den ersten Blick erkannte, und ihr rasch entgegensprang, um sie zu halten. Wohl gar in Ohnmacht? fragte erschrocken Madam Stark; und: Nimmermehr! rief verwundert der Alte; wahrend die Kranke aus den Armen der Doctorinn auf das Canapee glitt, und plotzlich ohne Athem und Farbe, wie eine Leiche, dalag. Die Doctorinn rief nun laut um Hirschhorngeist; die Mutter eilte in die Kuche nach frischem Wasser; Herr Stark holte Hofmannischen Liquor; und in kurzem war auch Monsieur Schlicht und das ganze Haus in Bewegung. Endlich war Madam Lyk in so weit wieder hergestellt, dass sie sich getraute, zu Fuss und ohne Begleitung nach Hause zu kommen. Aber das gab niemand zu, und am wenigsten der alte Herr Stark, der sich uberhaupt so gutig und herzlich benahm, dass die Witwe an seiner Gesinnung gegen sie ganz wieder irre ward. Er liess einen Wagen holen, in welchen, nach seiner Anordnung, die Doctorinn zuerst hineinstieg, um, wahrend man der Witwe von aussen nachhulfe, ihr von innen die Hand zu reichen. Auch Monsieur Schlicht, der trotz seines Alters noch sehr beruhrig und kraftvoll war, musste hinein, mit der Anweisung: sobald der Wagen hielte, herauszusteigen, um Madam Lyk den Arm zu bieten, aber ja, wenn sie wieder schwacher wurde, erst Hulfe aus dem Hause zu rufen, und sich nicht zu viel auf eigene Kraft zu verlassen.
Nun? fragte der Alte, sobald er sich mit der Mutter wieder allein sah: kannst du mir sagen, was das hiess? was das vorstellen sollte? Ich fur mein Theil verstehe kein Wort. Die Frau kommt am fruhen Morgen gegangen, und reisst mich aus meinen Geschaften: ich denke nicht anders, als sie will Wechsel auf England oder auf Holland kaufen; aber am Ende was hat sie bei mir zu thun? In der Welt Gottes nichts, als in Ohnmacht zu fallen. Ist das etwa jetzt neuer Ton? Macht man zu London und zu Paris solche Morgenvisiten?
Wie du nun bist! sagte die Alte. Ein Frauenzimmer wandelt ja leicht etwas an.
Ein Frauenzimmer! Warum denn aber dich und die Doctorinn nicht?
Je nun eine ist ja nicht, wie die andre.
Mutter! Wenn alle die Weiber, die den ganzen Tag, mit Roman und Komodie in der Hand, auf dem Sopha liegen, oder die auch den Morgen am Putzund den Abend am Spieltisch vergeuden; wenn sie hubsch, wie du und die Doctorinn, von fruh bis spat auf den Beinen waren, um sich in ihrer Wirthschaft herumzutummeln: ich wette, wir wurden von keinen Krampfen und Schwindeln und Ohnmachten, und wie das Zeug alles heisst, weiter horen. Zwar einmal er drohte ihr erst mit dem Finger, und nahm dann ihre durre, welke Hand, um sie zu liebkosen einmal spieltest du mir auch einen Streich; da war ich in rechtschaffner Angst. Doch das war auf dem Bette der Ehren, bei der Niederkunft mit der Tochter; und fur so eine Ohnmacht alle mogliche Hochachtung! Die hat denn doch Hand und Fuss.
Boser Mann! sagte die Alte, mit einer Miene die halb schmunzelte und halb schmollte: lass doch solche Dinge nun aus dem Kopf! Das sind ja alte Geschichten.
XXII.
Bald nach dem Mittagessen erschien der Doctor: theils, um sich nach der Gesundheit, theils oder wohl eigentlich und hauptsachlich um sich nach der Gesinnung des alten Herrn zu erkundigen. Er fragte fast in einem Athem: Wie befinden Sie Sich? und: Wie gefiel Ihnen die Witwe?
Auf das Erste, lautete die Antwort: Wohl! und auf das Zweite: Nicht ubel!
Sie werden gefunden haben, dass es eine sehr feine Frau ist. Nicht wahr?
Fein? Je nun ja! Wie Sie wollen. Figur und Gesichtchen sind ganz ertraglich. Es lasst sich schon denken, wie so eine Frau einen schwachen, thorichten Mann hat so weit bringen konnen, sich um ihretwillen zu Grunde zu richten.
Der Doctor, der sich einer gunstigern Antwort versehen hatte, war ein wenig betreten. Indessen hielt er es nicht fur gut, in gerader Richtung uber den Strom zu schwimmen. Sie ist zugleich von sehr sanfter Art; meinen Sie nicht?
Sie scheint es. Die Weiberchen scheinen Manches, Herr Sohn.
Aber sind doch Manches auch wirklich?
Wie man das nimmt. Was sie jedesmal sind, sind sie wirklich. Heute dies, morgen das.
Mein Gott! Sie sind doch auch sehr gegen die Weiber.
Fur sie, fur sie, Herr Sohn! Ich schatze, an dem lieben Geschlechte nicht bloss die Tugenden, sondern auch die Schwachheiten; aber wohl gemerkt! diese mit jenen verbunden. Die Welt- und die Modeweiber, die nur die Schwachheiten, aber nicht die Tugenden, und eben darum jene im hochsten Grade haben; die, Herr Sohn wie Sie schon langst gemerkt haben konnen sind mir zuwider.
Und zu diesen, glauben Sie, gehore die Lyk?
Ob noch jetzt? kann ich nicht sagen.
Ich bin Arzt in dem Hause.
Da wissen Sie Bescheid um ihre Gesundheit.
Ja. Aber auch wahrlich um ihre Denkungsart, ihre Sitten, ihren Charakter. Ein Arzt hat manchen geheimen, vertraulichen Augenblick mit den Weibern.
So? Und das sagen Sie mir so frei ins Gesicht?
Warum nicht?
Mir, dem Vater von Ihrer Frau? Wenn ich nun der es wieder sage?
Gerne! gerne! In Gottes Namen!
Der muntre, freudige Ton des Doctors ruhrte den Alten, und er ergriff seine Hand. Lieber, guter Doctor, sagte er, Sie und meine Tochter machen zusammen ein braves, ein herrliches Paar. Gott erhalte euch so! Ich habe ja ausser euch keine Freude. Er hatte grosse Lust auf den Sohn zu kommen, dessen noch fortdaurendes Flussfieber ihm sehr zu missfallen anfing; allein der Doctor liess ihn nicht los von der Witwe.
Nehmen Sie einmal an, sagte er, dass die Frau wirklich ist, was sie scheint: sanft, liebreich, nachgebend, gefallig; ware da der unsinnige Aufwand im Lykischen Hause nicht auch ohne sie zu erklaren? Liesse sich's nicht denken, dass eine so geartete Frau ihre eigene Neigung dem eitlen, auf lauter Pracht und Vergnugen erpichten Manne hatte aufopfern konnen; dass sie sich bloss durch ihn, ohne den mindesten innern Trieb, von einer Gesellschaft zur andern, einem Balle zum andern, hatte fortreissen lassen?
Die Wirthschaft aber ging nach der Heirat erst an.
Naturlich! Denn da wird das Haus erst ein Haus. Die Frau erst macht es dazu.
Und der ganze Aufzug der Staat die glanzende Equipage das Alles scheint mir mehr auf weibliche, als auf mannliche Neigung zu deuten
Kam aber doch lediglich von dem Manne.
Hm! Zwar sind manche Manner Weiber, und arger als Weiber.
Das mein' ich! Und dann, liebster Vater: was hatte die Tochter eines armen Landpredigers denn das ist die Lyk was hatte ein Madchen, das weder Vermogen noch Aussteuer in's Haus brachte, fur grosse Anspruche machen konnen?
Ungeheure! Das verstehn Sie nur nicht. Die Waare der eitlen Weiber hat keinen bestimmten Preis, aber in ihren eigenen Augen einen unermesslichen Werth. Wenn fur so ein Figurchen oder ein Larvchen und oft fur noch weniger, fur ein bischen Geschwatz oder Geziere ein Baron seine Baronie, oder ein Graf seine Grafschaft vertandelt; so haben sie dabei noch immer verloren, sich noch immer zu wohlfeil weggegeben: denn mit eben diesen Herrlichkeiten oder Armseligkeiten hatten sie ja ein ganzes grosses Furstenthum unter kaiserlichen Sequester bringen konnen.
Wir reden hier aber von keiner Buhlerinn, sondern von einer Frau
Alle Achtung!
Und deren Gluck oder Ungluck, Ehre oder Schande, hangt ja so innig mit Gluck oder Ungluck, Ehre oder Schande des Mannes zusammen.
Wird denn das uberlegt?
Hier wahrlich, hier ward es sehr uberlegt. Dass sich Anfangs das junge, unerfahrne, in der Welt noch ganz neue Landmadchen in den Strom von Vergnugen kopfuber hineinsturzte, und nur an den jetzigen sussen Genuss, nicht an die kunftigen herben Folgen dachte: das hoff' ich, wird ein Menschenkenner, wie Sie, eben so leicht verzeihn, als begreifen.
Aber das Ding wahrte fort immer fort ohne Ende.
Bloss durch Schuld des Mannes, mein lieber Vater. Die Frau ward schwanger und kranklich, und ich war nun fast taglich im Hause. Wie oft bezeugte sie mir ihre Sattigung, ihren Uberdruss, ihren Ekel! Wie herzlich wunschte sie sich das gerauschlose, hausliche, thatige Leben zuruck, woran sie von jeher gewohnt war! Aber dazu ihren Mann zu bereden, war keine Hoffnung; denn gleich ihr erster Versuch, ihn umzustimmen, erregte seinen heftigsten Zorn. Sie liebte den Mann; sie war schwach; sie war der Armuth wegen, worin sie zu ihm gekommen war, scheu und blode: Er dagegen war stolz, gebieterisch, auffahrend, gegen die Liebkosungen und die Thranen der Frau wenig empfindlich. Ich sah das nur zu sehr, als er von ihrer Mutterliebe das Opfer forderte, den kunftigen Saugling nicht mit eigener Brust zu ernahren.
Und auch das liess sie gut seyn? gab nach?
Was sollte sie machen?
Der Alte schuttelte missbilligend mit dem Kopfe.
Die Wirthschaft ging indess ihren Gang immer fort, immer dem Abgrunde zu; und es musste doch wahrlich grosses Vermogen da seyn, dass der Mann seine Verschwendung ganze Jahre lang durchsetzen konnte.
Das war auch; das war! rief der Alte. Ungemeines Vermogen!
Indess ward die Frau durch manche Beispiele gewarnt; sie ahnte traurige Folgen: allein da das Gesicht des Mannes heiter blieb, so verschloss sie, mit ihrer gewohnten Furchtsamkeit, alle Besorgnisse in ihr Herz. Endlich, als wirkliche Verlegenheiten eintraten, denen nur der ausserst vorteilhafte Verkauf des Gartens ein Ende machte, wirkte sie, durch die nachdrucklichsten, zartlichsten, wehmuthigsten Vorstellungen, wenigstens einige kleine Einschrankungen aus, und fur die Zukunft Versprechungen, die aber nur zu bald wieder vergessen wurden. Ware nicht noch zu rechter Zeit der Tod in's Mittel getreten; so hatte sie wahrscheinlich den vollen Bruch des Hauses, und tiefe, bittre Armuth erlebt.
Nur wahrscheinlich? Sagen Sie: gewiss und unfehlbar! Aber, dass die Schuld so ganz nur des Mannes gewesen ware, nicht ihre eigne ich gestehe Ihnen, Herr Sohn, das will mir gar nicht recht in den Kopf. Ich habe Nachrichten, die anders lauten, ganz anders.
Von wem? Ich bitte Sie, lieber Vater
Von
Von dem Wolf in der Fabel, hatte er sagen konnen; denn eben, als schon der Name ihm auf den Lippen schwebte
XXIII.
Trat Herr Specht in das Zimmer, und ward von dem Doctor sogleich als derjenige Mann, an den er sich halten musste, auf's Korn genommen. Es sei nun, dass die susse Miene und die schmeichlerischen Demuthigungen des Herrn Specht, oder dass gewisse Ausserungen des Schwagers, die ihm noch dunkel im Gedachtniss schwebten, diesen Verdacht bei ihm, rege machten.
Herr Specht setzte mit wichtiger Miene einen grossen Beutel Geld auf den Tisch: ausserst froh, wie es schien, dem liebwerthesten Herrn Pathen seine bisherige Schuld bei Heller und Pfennig abtragen zu konnen. Er hatte bei einer kleinen Speculation mit Waaren, die gerade damal gesucht wurden, ein ansehnliches Summchen gewonnen; er eilte also, sich durch Abbezahlung die Geldquelle zu reinigen, die er bei langerer Vernachlassigung leicht einmal hatte verstopft finden konnen.
Ei potz, potztausend! sagte der Alte, indem Herr Specht den Beutel ausschuttete: das ist ja gewaltig viel Geld! Das ist ja ein Reichthum, wie des Mannes im Evangelium! Wo hat Er das Alles her?
Hehehe! Liebster, bester Herr Stark! Wie Sie doch immer so gerne spassen! Reichthum? Daran fehlt viel. Lieber Gott! Aber man thut denn das Seinige; und wenn ein Kornchen zum andern kommt, sagte einmal der Herr Pathe, und immer neue Kornchen dazu
Ja, sieht Er? Da wird am Ende ein Haufen. Das ist ganz richtig. Indessen zahlte Herr Specht munter fort, und sah sich dann und wann nach dem Sohne um, den er diesmal eben so gern, als sonst ungern, hatte kommen sehen, um sich einmal in seinem Glanze vor ihm zu zeigen. Die Summen wurden richtig befunden, das Geld wieder eingesackt, und die eingerissnen Papiere zuruckgegeben.
Nun! sagte der Doctor weil ich sehe, dass Sie mit Ihrem Geschafte fertig sind, mein Herr Specht wie geht's Ihnen? wie befinden Sie Sich?
Specht, unter tiefer Verbeugung, wobei sein Kopf eine Art von Schneckenlinie beschrieb, dankte tausendmal fur gutige Nachfrage, und versicherte: er sei wohl.
Und zu Hause die Frau Liebste? die Kinder?
Alles, alles wohl, mein verehrtester Herr Doctor.
Nun, das ist schon; das erfreut mich. Wie sieht's denn jetzt in Ihrer Nachbarschaft ans? Was macht Madam Lyk?
Hehehe! Die lebt denn immer so fort, ganz im Stillen. Wie's einer Witwe denn auch nicht anders ziemt. Ganz im Stillen.
Vormal war es dort nicht so stille. Da war gewaltiger Larm.
Ach, das sagen nur der Herr Doctor noch einmal! Larm bei Nacht, wie bei Tage. Keinen Augenblick hatte man Ruhe. Das war ein Geschrei, Gefahre, Gelaufe, Getummel; und wenn Ball oder Maskerade war, ein Gefiedel, Geflote, Geblase, Gepauke man hatte mogen von Sinnen kommen. Meine Frau hat dabei in dem einen Wochenbette was Rechts gelitten. Sie nahm es dem Herrn nicht so sehr ubel, als der Madam, dass man so gar keine Rucksicht hatte, und so schnell nach ihrer Niederkunft ein solches Spectakel anfing. Sie konnte seitdem die Frau nicht mehr ansehn. Es war auch wirklich recht gottlos.
Freilich! Die kurzen sechs Wochen uber hatte man sich schon ein wenig still halten konnen. Aber ob denn die Wirthschaft nicht bald wieder angehen wird?
Damit hat's denn wohl so seinen Haken. Er kniff das eine Auge ein wenig, und glaubte Wunder, wie verschlagen er aussahe.
Wie so? Der Mann ist doch lange genug unter der Erde. Die grosse Trauer ist aus.
Das wohl; aber Er schob den Daumen der rechten Hand ein paar mal uber den Zeigefinger, und zuckte dabei die Achseln. Wo einmal das fehlt, mein lieber Herr Doctor
Ja, das ist wahr; da fehlt Alles. Und aufgeraumt mag die Frau unter den Beuteln des alten Schwiegervaters ein wenig haben; das will ich glauben.
Ein wenig? Hehehehe!
Aber wenn nur noch etwas, auch nur noch ganz wenig da ist; ein kleines, unbedeutendes Restchen: solche Menschen, die einmal in der Jugend nicht rechnen gelernt haben, sind wie vom Bosen besessen. Sie haben nicht eher Ruhe noch Rast, als bis sie Alles, schlechterdings Alles, auch den letzten Pfennig durchgebracht haben. Erst mussen die Gerichtssiegel an Kisten und Kasten kleben; eher ist kein Aufhoren bei ihnen.
Ja, das kann auch hier noch so kommen. Ich widerspreche keinen Augenblick, mein Herr Doctor.
Der Alte, der sehr wohl merkte, wo der Doctor hin wollte, hatte sich im Rucken des Herrn Specht auf seinen Sorgenstuhl gesetzt, und hielt sich ganz ruhig.
Eins wusst' ich nur fur mein Leben gerne, hob der Doctor wieder an: nicht, wer von beiden Theilen allein und ausschliessend; denn dass beide nicht viel getaugt haben, ist mir gewiss aber wer wohl so am meisten und vorzuglich, an dem ewigen Schmausen und Tanzen und Tollen in dem Hause Schuld gewesen ist: ob die Frau, oder der Mann?
Die Frau! die Frau, mein lieber Herr Doctor!
Doch? Sie sind freilich der nachste Nachbar; Sie konnen das wissen.
So wie die Frau nur den Fuss ins Haus setzte, ging's los.
Ja, das sagt man. Aber ich habe neulich ein paar recht wackre Manner uber die Frage streiten horen, und da meinte der eine: dieser Umstand beweise wenig, beweise nichts; es sei ganz und gar nicht die Frau, sondern was ich nun freilich fur ubertrieben halte einzig und allein der Mann gewesen, der allen den Unfug getrieben.
Ach, wer das auch mag gesagt haben, mein liebwerthester Herr Doctor mit aller Hochachtung von ihm gesprochen
Nehm' Er Sich in Acht, sagte der Alte aus seinem Hinterhalte. Red' Er nicht allzuviel!
Wie so? wie so, mein bester Herr Pathe? Ich hatte nichts Boses im Sinne. Die Frau ist von Ansehn recht artig, und ich mogte fast sagen, schon was ich mich zwar zu Hause bei Leibe nicht durfte merken lassen, hehehe! und da, meint' ich, konnte einer der jungen Herren, die immer um sie herum waren
Sich in sie vergafft haben? rief der Alte mit Lachen; jaja! Und so einer will denn nichts auf sie kommen lassen. Das ist begreiflich. Ich selbst kenne einen sonst braven Mann, der sich gewisser vertraulicher Augenblicke mit allerlei Damen ruhmt; und eben der
Der wird's seyn, sagte Herr Specht: der wird's seyn; ganz gewiss!
Der Alte und der Doctor lachten von Herzen, und Herr Specht blieb ihnen sein Hehehe! auch nicht schuldig. Er trocknete sich die thranenden Augen, und versicherte, dass er nirgend in der Welt so froh sei, als bei dem liebwerthesten Herrn Pathen.
Aber, nahm der Doctor wieder das Wort: nun einmal im Ernst, lieber Herr Specht! Dass Sie keinen Grund zu Ihrer Behauptung haben sollten, lasst sich von einem so vernunftigen Manne wie Sie, nicht wohl denken. Vermuthlich hat einmal, in einem vertraulichen Abendstundchen, der selige Lyk Ihnen geklagt, dass er mit dem Wildfang von Frau gar nicht fertig zu werden, sie gar nicht zu bandigen wisse.
Geklagt, mein Herr Doctor? Mir? In einem vertraulichen Abendstundchen?
So vor der Thure, mein' ich. Bei einem Pfeifchen. Da schwatzen ja Nachbarn wohl eins zusammen.
Ach mein Gott, lieber Herr Doctor! Wo denken Sie hin? So ein vollwichtiger Mann bei der Borse, so ein angesehener Kaufherr; der sollte sich gegen mich kleinen Anfanger so herabgelassen, so erniedriget haben? Nein, da ist nur unser einziger Herr Stark, der gegen jedes Kind freundlich ist, und der auch den kleinsten Burger etwas gelten lasst; den Ruhm hat er ganz allgemein.
Sehr verbunden! sagte der Alte.
Die andern Herrn es scheint ihnen schon zu viel, unser Einen nur ansehen zu sollen. Der hoflichste, unterthanigste gute Morgen wird mit einem Wesen erwiedert, mit einer Miene Er qualte sich, eine recht stolze, recht verachtende anzunehmen; aber einmal ging in sein Gesicht, ausser der Spechtischen Original-Miene, keine andre hinein.
Nun, dann merke ich schon dann haben, gewiss die Handlungsdiener, oder Andre im Hause, die um die Sache Bescheid wussten, ein wenig geplaudert.
Die Handlungsdiener? Ja mein Gott! das sind nun vollends die rechten. Die sind, wo moglich, noch ausgeblas'ner, als ihre Herrn, oder wenigstens unertraglicher; denn mit allen ihren hohen Salairs was sind sie? Diener, sagt meine Frau, weiter nichts. Unser Einer, sagt sie, wenn er auch nur schmale Bissen isst, schneidet sie doch von seinem eigenen Brote; aber ein solcher Miethling keinem zu nah gesprochen! setzte er furchtsam hinzu
Alles wahr! Alles schon, mein Herr Specht! Aber ich habe damit immer noch keine Antwort. Sie wissen die Gesinnung der Frau und ihren Hang zum Verschwenden nicht durch den Mann, nicht durch Vertraute des Hauses; und woher denn sonst? muss ich Sie fragen.
Durch Ohrenbeichte, sagte der Alte ein wenig bitter, weil er schon merkte, dass ihn Specht hintergangen habe. Die Lyk ist heimlich katholisch, und dieser Specht ist ihr Pater.
Ach um Gottes willen! rief Specht, indem er mit wahrhaft protestantischem Schrecken zurucktrat: wenn das der Herr Hauptpastor horte! oder gar meine Frau! Ich ein Pater?
Das Lachen der beiden Herrn, das zwar bei dem Alten ein wenig verstimmt klang, brachte ihn bald wieder zu sich. Nein! sagte er: mein Herr Doctor: was ich weiss, das weiss ich aus sehr erlaubter und sehr zuverlassiger Quelle.
Nun? Darf man denn nicht erfahren Kaum, dass ich Herrn Stark von der tollen Wirthschaft im Lykischen Hause die erste Nachricht brachte; so rief der Herr Pathe sogleich: das kommt von der Frau her! Das ist die neue Modewirthschaft der Weiber! Da geht nun wieder einmal, unter Tanzen und Frohlocken, ein Haus, und ein so herrliches Haus zu Grunde. Und als ich das bei Tische wieder erzahlte, sagte meine Frau augenblicklich: Er hat Recht, der Herr Pathe! Er hat ganz Recht!
Ja so allerliebst! Und da schoben Sie denn nachher jede ahnliche Ausschweifung ganz getrost der Frau auf den, Hals?
Lieber Gott! Wie denn anders? Meinem Herrn Pathen muss ich doch glauben; denn der hat Erfahrung o, der kennt die Welt; der weiss Alles.
Ist Er toll? fragte der Alte, indem er, zu grossem Schrecken des armen Specht, sich voll Unmuths aus seinem Sessel aufhobt.
Liebster, bester Herr Pathe
Wahrlich! das wird lustig, sagte der Doctor. Sie, mein lieber Vater, haben die Sache von Herrn Specht, und Herr Specht hat die Sache von Ihnen.
Der Doctor bekam einen sehr unfreundlichen, und der Pathe, der wie versteinert dastand, einen ganz vernichtenden Blick. Er ist murmelte der Alte zwischen den Zahnen mit allen seinen Hoflichkeiten und Reverenzen Hier begriff er sich noch, riss den Geldbeutel mit Heftigkeit zu sich, und ging davon.
XXIV.
Sie sehen den Lohn der Welt! sagte der Doctor, indem das Schweisstuchlein des Herrn Specht in voller Bewegung war; das ist nun der Dank fur alle Ihre muhsamen Gange und Ihre gegebenen Nachrichten!
Mein Herr Doctor! rief Specht, und drehte dabei die Augen gen Himmel: Wenn ich nicht so unschuldig bin, wie ein neugeborenes Kind
O das sind Sie! Das will ich Ihnen bezeugen.
Wenn nicht der Herr Pathe Alles, Wort vor Wort, so gesagt hat, wie ich's da wieder sagte Er legte zu einer feierlichen Betheurung die Hand auf die Brust.
Keine Schwure, Herr Specht! Ich glaube Ihnen, eben um Ihrer Unschuld willen. Mein Schwiegervater hat Alles gesagt, was Sie ihn sagen liessen; vielleicht noch mehr: aber wissen Sie auch, warum? Weil eben damal zwei nicht unansehnliche Hauser gebrochen waren, und zwar, wie die ganze Stadt wusste, durch Eitelkeit und Verschwendung von Weibern, die aber der Lyk so ahnlich sahen, als die Sunde der Tugend. Das eine war eine verlaufene Englanderinn, das andre eine Tanzerinn aus der Oper. Narren von Mannern hatten solche Weiber geheiratet. Diese Vorfalle lagen dem alten Mann auf dem Herzen; und auch die Lyk war eine aus der Fremde hieher Gekommene, eine ihm vollig Unbekannte. Was er zu Ihnen sprach, war nur als Frage zu nehmen, die Sie nicht so leichtsinnig und so beharrlich zum Nachtheil einer wurdigen Frau denn das konnte sie wenigstens seyn, und das ist sie Hatten beantworten sollen.
Aber ich wusste ja nicht, mein Herr Doctor ich wusste so wenig, als der Herr Stark
So wussten Sie doch dies, dass Sie nicht wussten. Und eben dies, mein Herr Specht, war die Wahrheit, die Sie als ehrlicher Mann hatten bekennen mussen.
Ach mein Gott, lieber Herr Doctor! Da hatt' ich ja doch widersprochen.
Nun? Und wenn Sie nun widersprachen?
So einem Manne? so einem Herrn? In alle Ewigkeit nicht.
Wahrheit, Herr Specht merken Sie Sich das fur die Zukunft! Wahrheit nach Ihrer besten Erkenntniss sind Sie nicht bloss Ihrer Ehre, sondern auch Ihrer Gluckseligkeit schuldig. Eben mit ihr fahren Sie sicher am besten. Die Art, wie man die Wahrheit sagt, macht den Unterschied; sonst sagt man sie dem Konige, wie dem Bettler.
Ach mein Herr Doctor! Wenn Sie doch nur waren, wie ich!
Sie sind sehr gutig.
Da sitzt man und sorgt und grubelt, und hat Frau und Kind auf dem Halse, und weiss oft vor Angst nicht, wo aus wo ein; und wenn man denn da in so ein Haus kommt, und alle die grossen Kisten sieht, und die ungeheuren Ballen mit Waaren, und das Gerenne und Getreibe der Leute, und die Frachtwagen, die ab- und die aufgeladen werden, und das ganze volle Dutzend Pferde davor: ach Herr Doctor! es wandelt einen eine Ehrfurcht an, ein Respect! Wo um Gotteswillen! nahme man da den Muth her, auch nur zu muchsen?
Der Doctor fasste jetzt seinen Mann ein wenig scharf ins Gesicht, und wollte kein Wort weiter an ihn verlieren. Er versprach ihm auf sein angstliches Bitten, bei dem alten Herrn Alles wieder in's Gleis zu bringen, schrieb ihm ein Recipe zu einem niederschlagenden Pulver, das er sich in der nachsten Apotheke sollte machen lassen, und wunschte ihm wohl zu leben.
XXV.
Obgleich wirklich Herr Stark mehr durch sein eigenes Vorurtheil, als durch den armen Tropf von Pathen hintergangen war: so war doch der blosse Schein von dem letztern ihm argerlich; und noch argerlicher, dass er bei dieser Gelegenheit die Fassung verloren, und dadurch jenen Schein bestatiget hatte. Er fuhlte recht gut, dass er die Sache nach seiner gewohnlichen Art, mit lachendem Munde, hatte abmachen konnen. Indessen gereichte dieser Fehler, wenn es ja einer war, ihm zur Ehre: denn der Grund davon lag weit weniger in seiner gekrankten Eigenliebe, als in der Rechtschaffenheit seines Herzens, das ihm alle gegen die Witwe begangenen Ungerechtigkeiten auf einmal bitter vorwarf, und ihm denjenigen der dazu mitgewirkt hatte, in einem nicht mehr lacherlichen, sondern gehassigen Lichte zeigte.
Die Tochter, die theils durch Madam Lyk, theils durch ihren Mann, von allem Vorgefallenen genau unterrichtet war, glaubte die Herzensstimmung worin sie den Alten vermuthete, zu ihrem Zweck benutzen zu mussen. Sie machte ihm einen nur ganz kurzen, fluchtigen Besuch, bei dem sie sich nicht einmal setzte, aber gleichwohl mit sichrer Hand alle die Saiten anschlug, die sie in dem Herzen des Vaters als die empfindlichsten kannte. Den Vorwand zu diesem Besuche musste die Bitte geben, die der Alte des Morgens beim Abfahren des Wagens an sie gethan hatte, ihm von dem Befinden der Witwe Nachricht zu bringen.
Entschuldigen Sie mich, sagte sie, lieber Vater, dass ich Ihren Befehl erst so spat erfulle. Aber am Vormittage machten es mir Geschafte, die ich nicht aufschieben konnte, unmoglich; auch hielt ich mich da bei der Witwe nicht lange auf: diesen Nachmittag habe ich mich etwas langer verweilt, und komme so eben aber ich muss sagen, mit recht schwerem recht bekummertem Herzen von ihr.
Wie so? fragte der Alte nicht ohne Theilnahme. Hat der Zufall sich wiedergefunden?
Das nicht. Sie leidet nicht sowohl am Korper, als am Gemuthe. Das arme Weib furchtet zu Grunde gerichtet zu werden, weil ein gewisser Horn, der ihr Glaubiger ist, entweder bezahlt seyn, oder gegen sie losbrechen will.
Horn? Wenn sie mit dem zu thun hat Leider!
Da beklag' ich das gute Weib. Nachsicht ist bei dem nicht zu hoffen. Aber ist denn die Lyk noch immer in Verlegenheit, in Verwirrung? Ich glaubte, dein Bruder hatte Alles in Ordnung gebracht.
Das glaubt' ich auch; aber er mag Termine gesetzt haben, die nun nicht ganz konnen gehalten werden.
Das sollte mir leid um ihn thun.
Oder er mag Ja, wenn ich Handlungskenntnisse hatte; da riethe ich weiter, mein lieber Vater.
Lass gut seyn! Es ist da Mehreres moglich.
So viel weiss ich denn jetzt, warum die Witwe diesen Morgen bei Ihnen gewesen ist.
Nun?
Eben dieser Verlegenheit wegen mit Horn. Den Bruder zu sich bitten zu lassen, ging seiner Unpasslichkeit wegen nicht an; ihn zu besuchen, da er noch ledig ist, schien gegen den Anstand zu seyn: und doch war die Sache dringend, und die Witwe ich wiederhole ihre eigenen Worte die Witwe fuhlte durch das edle Benehmen des Bruders, wovon sie nie anders als mit inniger Ruhrung spricht, ihr ganzes Vertrauen an den Namen Stark wie gefesselt. Sie wollte also diesmal bei dem Vater suchen, was die Umstande von dem Sohne zu fordern nicht zuliessen: Rath, Hulfe, Vermittelung, Unterstutzung.
Und hat geschwiegen? Weswegen?
Sie hat gesprochen, wie sie mir sagt.
Nein!
Sie hat wohl sicher gesprochen; aber Nein! wiederholte der Alte mit einem Nachdruck, der seine noch fortdaurende argerliche Stimmung verrieth.
Ich denke, mein, guter, lieber Vater hat sie nur nicht gehort, nicht verstanden.
Dann hat sie auch nicht gesprochen, sondern gemurmelt. Die verwunschte Gewohnheit des Murmelns wird von Tage au Tage arger. In meiner Jugend sprach man zum Maule heraus. Am Ende, wahrhaftig! fordern die Menschen noch, man soll ihre Gedanken horen.
Sie ist furchtsam, das arme Weib. Verzeihen Sie ihr! Sie Selbst haben sie dann noch furchtsamer gemacht.
Ich? Weisst du, was du da sprichst? Ich mache niemand furchtsam, der etwas zu bitten hat, sondern ich muntre ihn auf und hore ihn an; und wenn sich's ohne meinen eignen zu grossen Nachtheil thun lasst, helf' ich ihm ohne Umstande und gerne. Die elende, nichtswurdige Kunst, durch Achselzucken und Sauersehen und langes Bedenken seinen Gefalligkeiten Werth zu geben, hab' ich niemal verstanden. Das hatte die Frau Tochter wissen und der Witwe schon sagen konnen.
Hab' ichs denn nicht? Werden Sie doch nicht unwillig, mein lieber Vater!
Unwillig! Nun werd' ich gar unwillig! Wie kommst du mir heute vor?
Ach, ich kann wohl Unrecht haben; ich glaub' es selbst. Hatt' ich mich recht bedacht, so war' ich lieber gar nicht gekommen. Ich bin so missmuthig gestimmt.
Uber die Witwe?
Ja. Und dann wie die kleinsten Umstande das Herz oft am meisten ruhren Nun?
Ich sah, eh' ich in das Wohnzimmer der Lyk trat, ein paar Augenblicke durch das Spiegelglas in der Thure. Da sass die gute Frau, in die eine Ecke des Sopha gedruckt, den Arm auf ein Kissen gestutzt, und ein Tuch in der Hand, um sich die Thranen zu trocknen. Ihr zur Seite sassen, jedes auf seinem Schemelchen, die zwei unschuldigen Kleinen, die sonst immer so froh um sie herumschwarmten, aber jetzt, wie es schien, an das Spiel gar nicht dachten: sie sahen so still in den Schooss nieder, als ob sie den Herzenskummer der guten Mutter theilten; und blickten dann endlich, weil diese vielleicht eben einen tiefen Seufzer ausstiess, von der Seite zu ihr hinauf, mit einem Ausdruck in ihren Augen! in ihren grossen, blauen, himmelreinen Augen! mit einer Banglichkeit, einer Zartlichkeit, einem Ernst! ich dachte an meine eigenen Kleinen, und dachte an Sie. Wenn Sie das gesehen hatten, mein lieber Vater! Sie riss das Tuch heraus, und fuhr sich damit an die Augen.
Sind's denn so artige Kinder? fragte der Alte mit einem Tone, der auf einmal wieder ganz weich war.
Ach so wohlgezogen und artig! Freilich hat die Frau nur diese beiden zu ubersehen, und ich ihrer mehrere: aber dennoch erkenn' ich sie in der Kunst der Erziehung fur meine Meisterinn; sie regiert die Kleinen mit Einem Blicke, mit Einem Winke, und das niemal im Bosen, immer in Liebe. Doch ich stehe und plaudre, und vergesse, dass meine Kleinen zu Nacht essen wollen. Ich muss fort, lieber Vater. Leben Sie wohl! Verzeihen Sie, wenn ich mit meiner ublen Laune Sie heute angesteckt habe! Es soll nicht wieder geschehen. Sie kusste seine Hand, und verschwand.
Das Herz des Alten war ein an sich so guter und jetzt durch die gehabten kleinen Erschutterungen so trefflich aufgelockerter Boden, dass es gar nicht anders seyn konnte, als der hineingestreute Same des Mitleids musste reichliche Fruchte tragen. Herr Stark konnte zu Abend nicht essen, und die Nacht uber nicht schlafen. Immer schwebte ihm die kleine Gruppe vor, die ihm die Tochter geschildert hatte, und immer war's ihm, als ob er hin musste, um der Witwe das Tuch aus der Hand und die kleinen lieben Waisen auf seine Arme zu nehmen.
Ausser diesem Bilde, waren es noch Gedanken anderer Art, die ihn beunruhigten, und von einer Seite zur andern warfen. "Die Witwe fuhlte ihr Vertrauen an den Namen Stark wie gefesselt." Das schien ihm gleichsam ein Schuldbrief zu seyn, ein Wechsel, den der Glaube an Tugend auf seine Ehre gezogen hatte, und den er unmoglich anders als honoriren konnte. "Sie hatte bei dem Vater suchen wollen, was die Umstande von dem Sohne zu fordern nicht zuliessen." Wie konnte er sich's nur denken, dass der Vater in Beweisen von Edelmuth hinter einem Sohne zuruckbleiben sollte, den er seiner Engherzigkeit wegen so oft getadelt hatte? Dann noch der Name der Frau, der ihn an seinen ehemaligen vertrautesten Freund, den guten, redlichen Lyk, erinnerte; ihre grosse, bis zur Ohnmacht gehende Schuchternheit, fremde Hulfe zu suchen, die er als einen sichern Beweis edler Denkungsart ansah; ihre Thranen, die er zum Theil wohl selbst durch gewisse Zuge in der Unterredung mit ihr mogte hervorgelockt haben; das mannichfaltige Unrecht, das er ihr, von Vorurtheil geblendet, durch Spottereien gethan, die sie so ganz nicht verdiente, und fur die nun sein eignes Herz, ob sie gleich das Ohr der Unschuldigen nie erreicht hatten, Genugthuung forderte; die Gelegenheit, die sich eben im Hause der Lyk gefunden, das verborgene Gute in dem Charakter seines Sohnes, das ihm so grosse Freude gemacht hatte, an's Licht zu bringen: alle diese und ahnliche Betrachtungen hielten den Alten bis nach Mitternacht wach, und liessen ihn auch dann noch keinen festen Schlaf, nur einen unruhigen Schlummer finden.
XXVI.
Hier herein, Monsieur Schlicht! sagte am folgenden Morgen Herr Stark, dessen Gesicht noch alle Falten und Runzeln vom vorigen Abende hatte. Ich hab' ein Wortchen mit Ihm zu reden; und in diesem Zimmer es war das Schlafzimmer, das er ihm offnete sind wir noch am ersten allein.
Dem alten Handlungsdiener, der nicht das beste Gewissen hatte, war bei dieser Anrede nicht wohl. Er war dem Schlafzimmer von alten Zeiten her gram: denn er hatte hier schon manchen schweren Kampf mit Herrn Stark zu bestehen gehabt; und eben jetzt war ihm wieder vor einem Examen bange, worin die Falschheit seines Vorgebens, dass der junge Herr noch immer unpasslich sei, an's Licht kommen konnte. Er warf sich in den Trotz Kain's, der bekanntlich nichts als verkappte jammerliche Furcht war, und fragte auf beide Beine gesteift: Was soll ich?
Monsieur Schlicht, muss man wissen, war treu wie Gold; und wenn das Interesse seines lieben alten Wohlthaters mit irgend einem fremden in Streit gerieth, so war er im Stande, fur jenes Leib und Leben zu lassen. Aber, wenn im Innern des Hauses ein solcher Streit entstand: so war er sicher von der Partei der Kinder gegen den Vater; und wurd' es auch gegen die Mutter gewesen seyn, wenn nicht diese eben so treu, als er, es mit den Kindern gehalten hatte. Er hatte die letztern ungeboren gedacht, und sie oft auf seinen Armen getragen, hatte ihnen tausend kleine Dienste und Gefalligkeiten erwiesen, und tausend kleine Schmeicheleien und Liebkosungen dafur wieder erhalten. Noch jetzt, da sie schon langst erwachsen waren, nannten sie ihn immer Du, und lieber alter Vater; was dem fast siebzigjahrigen Junggesellen, der es, bei allem guten Willen, nie bis zum Heiraten und bis zum eignen Kinderzeugen hatte bringen konnen, jedesmal in der Seele wohlthat. Auch vergassen die Kinder nie, was er selbst immer richtig vergass: seinen Geburtstag; wenigstens erinnerte die Doctorinn daran ihren vergesslichern Bruder: und das ward dann ein Tag froher Feier, wo der alte Schlicht bei den Geschenken, die ihm reichlich dargebracht wurden, und die fur seine Bedurfnisse sorgfaltig ausgewahlt waren, nicht selten Freudenthranen vergoss, und von der Doctorinn, wenn er dieser zum Dank die Hand kussen wollte, wohl gar ein Maulchen davontrug. Durch solche Bande, die weit zarter, aber eben darum auch fester, als die der Ehrerbietung waren, die ihn an seinen Brotherrn knupften, hing er unaufloslich an beiden Kindern; auch hatte er eine Schrift auf das Rathhaus getragen, worin er sie zu alleinigen Erben des nicht ganz kleinen Capitals einsetzte, das er sich in seinen vieljahrigen Diensten gesammelt hatte.
Vermoge dieser Anhanglichkeit, vertuschte Monsieur Schlicht, ehe der Sohn mit zunehmenden Jahren dreister ward, manche geheime Ausfluge desselben, und hatte daruber, wenn es herauskam, in dem oberwahnten Schlafzimmer manchen harten Stand mit dem Vater. Jetzt war er abermal Vertrauter des Sohnes, und hatte selbst die Chaise anspannen lassen, worin vor ein paar Tagen der junge Herr zu einem Freunde aufs Land gefahren war, weil es ihm gleich Anfangs unertraglich geworden, ohne Frost und Hitze ein Fieber zu haben, und wie ein Ubelthater zwischen vier Mauren zu sitzen. Monsieur Schlicht lebte diese Zeit uber in grosser Unruhe, dass der Alte dahinter kommen, und es dann wegen seiner falschen Nachrichten vom Sohne sehr derbe Vorwurfe absetzen mogte.
Indess kam er dieses mal mit dem Schrecken davon. Ich habe etwas vor, sagte Herr Stark, wozu ich einen Mann brauche, auf den ich mich verlassen kann, und der zugleich um sich weiss, und in Handlungsgeschaften gewiegt ist.
Dieses herzerhebende Wort war Trost und Balsam fur Monsieur Schlicht. Seine Kenntnisse und Einsichten geehrt zu wissen, war ihm nie gleichgultig, und im gegenwartigen Augenblick hochst erfreulich. Befehlen Sie, befehlen Sie, sagte er, mein lieber Herr Stark! indem er ganz nahe zu ihm hintrat, um gleichsam jedes Wort ihm von den Lippen zu horchen. Er erfuhr nunmehr, was Madam Lyk am gestrigen Tage bei dem Alten gewollt habe; erfuhr ihre unangenehme Lage mit Horn, und vielleicht mit noch andern Glaubigern, die Herr Stark nur naher zu kennen wunschte; erfuhr die grossen Dienste, die der junge Herr der Lykisohen Handlung geleistet hatte, nebst der Neigung des alten Herrn, das vom Sohne angefangene gute Werk zu vollenden, und der Verlegenheit der Witwe, durch Verwendung seines Credits fur sie, ein Ende zu machen.
Die Herzensfreude des guten Schlicht uber Alles was ihm vertraut ward, am allermeisten aber uber die Ehre dieses Vertrauens selbst, war so gross, dass Herr Stark den Strom der Beredtsamkeit, womit sich der alte Mann uber jeden einzelnen Punct dieser Erzahlung auszubreiten im Begriff war, durch ein stets wiederholtes und immer starkeres: Hor' Er doch! Wir werden ja vor Abend nicht fertig! kaum zu hemmen vermogte. Aber wie plotzlich stand und gefror dieser Strom, als Herr Stark hinzu setzte: dass er nicht gesonnen sei blindlings zu verfahren, sondern vor allen Dingen erst von dem Sohne wissen wolle, ob die Activa der Witwe ihre Passiva wenigstens balancirten, und in wie kurzer oder wie langer Zeit etwa Hoffnung sei, dass sie vollig aufs Reine kommen und mit allen ihren Glaubigern auseinander seyn werde. Da mein Sohn, sagte er, die Lykischen Bucher durchgearbeitet, und also von der ganzen Lage der Handlung die vollstandigste Kenntniss hat: so ist dies von ihm ohne Zweifel besser, als von der Witwe selbst oder von ihrem Buchhalter zu erfahren, der wohl ohnehin nicht der thatigste und geschickteste seyn mag. Geh' Er also gleich zu meinem Sohne hinauf, Monsieur Schlicht, und lass' Er Sich uber die angegebenen Puncte er wiederholte ihm diese Puncte langsam und deutlich eine recht bestimmte, ausfuhrliche Nachricht hort Er? recht bestimmt und recht ausfuhrlich geben. Ich muss jetzt fort; aber in einer Stunde langstens bin ich zuruck, und erwarte alsdann Seine Antwort. Nachdem die lauten wird, will ich Ihm dann schon weiter sagen, was Er zu thun hat. Es ware unmoglich gewesen, dass Herr Stark die plotzliche und totale Gesichtsverfinsterung des alten Handlungsdieners nicht hatte bemerken und irgend etwas Unheimliches wittern sollen, wenn nicht eben jetzt, zu grossem Gluck fur Monsieur Schlicht, die alte Wanduhr geschlagen, und mit ihrem ersten larmenden Streich auf die Glocke den Gedanken des alten Herrn plotzlich eine andere Richtung gegeben hatte. Es war die hochste Zeit geworden, auf die Borse zu gehn, wo Herr Stark gerade heute ein Geschaft von so grosser Wichtigkeit hatte, dass er nicht schnell genug glaubte hineilen zu konnen. Mit einem kurz abgebrochenen: Adieu! Mach' Er Seine Sachen gut! griff er hastig nach Hut und Stock; und verliess den armen rath- und hulflosen Monsieur Schlicht, der unbeweglich wie eine Salzsaule dastand, und das einzige Wortchen Ja! bis zu welchem seine ganze Beredtsamkeit jetzt versiegt war mit immer langeren Pausen, und immer schwacherem Tone, hinter Alten her sprach.
XXVII.
In seiner Seelenangst, da er sich das ehrenvolle Zutrauen des alten Herrn so gern erhalten hatte, und doch auch nicht wusste wie er es anfangen sollte, irrte Monsieur Schlicht, wie ein Unkluger, im ganzen Hause umher; und kam zuletzt auch vor das Zimmer des jungen Herrn, ohne selbst zu wissen was er da wollte. Man denke sich sein Erstaunen, als er das Zimmer geoffnet, und den Gegenstand seiner Sehnsucht mit aufgestutztem Arme am Tische dasitzend fand. Er kreuzte und segnete sich, eh' er ihm naher trat, und ihn mit zitternder Stimme fragte: ob er's denn wirklich ware?
Da glaubst doch nicht an Gespenster? sagte der junge Herr Stark.
Ach mein Gott! Wenn's nicht heller lichter Tag ware; man mogt's beinahe. Wie, um's Himmels willen! kommen Sie hier herein?
Von hinten, mein lieber Schlicht. Durch den Thorweg.
Ha! Stand der offen?
Sperrweit.
Nun, so soll doch auch den Knecht gleich auf der Stelle der Henker holen! Er hat Holz gefahren, der Schlingel! und hat mir den Thorweg offen gelassen.
Monsieur Schlicht, in seiner okonomischen Wuth, wollte augenblicklich hinunter, um den Knecht rechtschaffen auszufenstern. Aber, sagte Herr Stark, ist's dir denn nicht lieb, alter Vater, dass ich mich auf diese Art habe in's Haus schleichen konnen?
Ach ja! ja! erwiederte Monsieur Schlicht: gar zu lieb! und ich will ja auch dem Kerl noch ein Trinkgeld, ein gutes Trinkgeld geben; mit tausend Freuden! Aber ausschimpfen muss ich ihn erst, und muss erst sehen ob Alles zu ist. Wir haben Diebsbanden hier in der Stadt.
Das Geheimniss von der fruhen Zuruckkunft des Herrn Stark war kein andres, als seine zur vollen Leidenschaft gediehene Liebe zur Witwe. Diese machte ihn fur jede Gesellschaft, so wie jede Gesellschaft fur ihn, ungeniessbar. Sein Freund, der die ungluckliche Stimmung seines Gemuths bald genug inne ward, suchte ihn auf alle mogliche Weise zu zerstreuen und aufzuheitern: er brachte Gesprache auf die Bahn, in denen Herr Stark seine Handlungskenntnisse entwikkeln konnte; er stellte eine eigene kleine Jagdpartie fur ihn an; er schlug gesellschaftliche, muntere Spiele vor, bei denen sonst Lachen und Scherz nie fehlen: aber Alles vergebens. Im Gesprach gab Herr Stark, wenn von Java die Rede war, uber Jamaica Antwort; auf der Jagd liess er die Hasen, die man ihm fast vor die Fusse trieb, ungesehen davon laufen; und zu den Spielen war er so unlustig oder nahm sich dabei so linkisch, dass sie fast eben so schnell wieder abgebrochen, als angefangen wurden. Endlich, wie leicht zu erachten, ward man der undankbaren Muhe, ihm Vergnugen zu machen, uberdrussig; und Herr Stark hatte noch ein wenig zerstreuter seyn mussen als er es war, um nicht zu merken, dass er seinem Freunde zur Last, und was noch mehr ihn krankte, seinen Mitgasten lacherlich ward. Er packte also schnell wieder zusammen, und nahm schon am dritten Tage von seinem gutigen Wirthe Abschied, der zwar Ehrenhalber seine zu fruhe Ruckreise tadelte, aber im Grunde des Herzens froh war ihn wieder loszuwerden.
Herr Stark hatte nunmehr die volligste Uberzeugung, dass er mit seiner Leidenschaft nur vergebens kampfe, und dass er ohne den Besitz der Witwe unmoglich leben konne. Es waren drei Falle, die bei der Bewerbung um sie Statt finden konnten; und fur jeden war sein Entschluss schon gefasst. Wenn der Vater seine Einwilligung abschlug, aber die Witwe sie gab; so setzte er sich mit den Vormundern der Lykischen Kinder, und zog zu der Witwe in's Haus, um ihre Handlung, die er genugsam hatte kennen lernen, zu ubernehmen und fortzufuhren. Wenn der Vater, wie er zwar innig wunschte, aber zu hoffen sich nicht getraute, seiner Wahl aus vollem Herzen beistimmte denn ein nur gezwungner oder gar erbettelter Beifall genugte ihm nicht ; so schlug er die Lykische, ohnehin gesunkene, Handlung so vortheilhaft los als moglich, und fuhrte die Geliebte seines Herzens in das vaterliche Haus ein, wo er dann mit verdoppeltem Eifer sich seinen Geschaften widmen, nur ihnen und seiner Liebe leben, und den Vater uberzeugen wollte, dass es ihm so wenig an Talenten als an Tugenden fehle. Wenn unglucklicher Weise die Witwe selbst sie, fur die er so viel gethan hatte, und die er so innig liebte seinen Wunschen abhold war; so blieb er keinen Augenblick langer in einer Stadt, wo er das Weib seines Herzens ohne Hoffnung des Besitzes vor Augen haben, oder wohl gar einen Dritten er knirschte bei dieser Vorstellung in ihren Armen glucklich sehen musste. Er begab sich alsdann, wie er bisher gewollt hatte, nach Br ..., wo schon Alles zu seiner Aufnahme bereit war, und wohin er den Briefwechsel mit seinem Geschaftstrager eben in dieser Hinsicht noch fortsetzte.
So weit stand der Entschluss des Herrn Stark, ohne zu wanken, fest: und schon dies beruhigte gewissermassen sein Herz; aber noch erhielt ihn die Ungewissheit, welche von den aufgezahlten Moglichkeiten zur Wirklichkeit kommen wurde, in jenem finstern, schwermuthigen Staunen, worin ihn der alte Schlicht uberrascht hatte. Um auch dieser Ungewissheit los zu werden, beschloss er jetzt, sobald der Vater zu Tische sasse, in das Haus des Schwagers zu eilen, der um das Geheimniss seines Herzens nun einmal wusste, und der ihm seines vollen, unbedingten Zutrauens werth schien. Mit ihm wollte er sich uber die Art und Weise besprechen, wie er am besten die Gesinnung der Witwe, und dann auch die des Vaters, erforschen konnte.
XXVIII.
Alles gut! Alles sicher! sagte Monsieur Schlicht, indem er mit geriebenen Handen und frohem Angesichte wieder hereintrat. Der Knecht hat seinen Ausputzer, und hat sein Trinkgeld weg; der verwunschte, nachlassige Kerl!
Den Ausputzer, sagte Herr Stark, hattest du sparen konnen.
Nein, nein! Das Trinkgeld eher; denn das hatte der Zufall verdient, aber den Ausputzer er selbst. Ach, was ich mich freue, mein lieber, lieber Herr Stark, dass Sie wieder zuruck sind! Ich war in gewaltiger Noth.
Um mich? Mir fehlte nichts, lieber Vater.
Aber mir desto mehr. Denken Sie Sich nur um's Himmels willen! was fur einen Auftrag mir da der alte Herr giebt.
Nun?
Ich soll zu Ihnen heraufgehn zu Ihnen, den ich nicht hier wusste! Wie ward mir dabei? und soll Sie recht genau und recht umstandlich befragen, wie es mit der Handlung der Madam Lyk steht, um derentwillen ich so oft habe wachen mussen.
Was? rief Herr Stark, und fuhr mit grosser Bewegung vom Stuhle.
Jaja! Ob die Activa die Passiva wenigstens balanciren, und in wie kurzer oder wie langer Zeit sie etwa realisirt haben werde?
Schlicht! Er fasste den alten Handlungsdiener bei beiden Armen. Mich, mich sollst du darum befragen? Mich?
Wen denn sonst? Ihr Vater weiss alle Ihre Gange zur Witwe. Sie selbst scheint ihm davon gesprochen zu haben.
Sie selbst? Ich glaube bei Gott, Alter! es ist nicht richtig mit dir; du bist von Sinnen. Wie kommt mein Vater zur Witwe?
Horen Sie, junger Herr! sagte Monsieur Schlicht, und schuttelte argerlich mit dem Kopfe; das von Sinnen seyn lassen Sie weg! Das bitt' ich mir aus. Ich habe Gottlob! so alt ich bin, meine funf Sinne so gut, wie ein Andrer.
Aber noch einmal, Schlicht! Antworte, und sei dann bose so viel du willst! Wie kommt mein Vater zur Witwe?
Hab' ich denn schon gesagt, dass Er zu ihr kam? Sie kam zu ihm.
Sie zu ihm?
Gestern Vormittag. Hieher in's Haus. Und kam hier schlimm genug wieder weg.
Ha! rief Herr Stark, und errothete uber und uber.
Oder eigentlich stattlich genug. Denn die Frau Doctorinn und ich brachten sie in einer Kutsche nach Hause.
In einer Kutsche! Warum? Er fing an, zu erblassen.
Je, sie lag ja in einer Ohnmacht, die arme Frau! dass man geschworen hatte, sie wachte vor dem jungsten Tage nicht wieder auf.
Grosser Gott! Vielleicht der Vorbote von einer Krankheit, von einer todtlichen Krankheit!
Ach, hat sich etwas! Er warf den Kopf in den Nacken. Sie denkt Ihnen an keine Krankheit. Sie war kaum wieder zu Hause; so war sie flink, wie ein Vogel.
Ist das wahr? Ist das sicher?
Wird denn Schlicht Sie belugen? Aber sagen muss ich Ihnen noch, mein lieber, lieber junger Herr, was ich fur eine grosse, fur eine ausnehmende Freude gehabt habe.
Du?
Ihr Vater hat in Ausdrucken von Ihnen gesprochen; in Ausdrucken! Er nahm hier einen pathetischen Ton an. "Mein Sohn hat so rechtschaffen gehandelt mein Sohn hat sich so brav bewiesen mein Sohn hat die Grossmuth gehabt." Sehn Sie, mein lieber, lieber junger Herr! So hatt' ich noch in meinem Leben von Ihnen nicht reden horen.
Herr Stark hatte sich gern ein wenig geschamt, wenn er vor Vergnugen dazu hatte kommen konnen. Er sah den Nebel, der uber seiner Zukunft lag, sich schon ziemlich erheitern, sah den liebsten seiner Wunsche zur Hoffnung werden, und besturmte nun den alten Schlicht mit einer Menge von Fragen, die aber grosstentheils ohne Antwort blieben. Wenn ich doch nur wusste, sagte er endlich, was in aller Welt die Witwe hieher gebracht, was sie gewollt hat?
O, was das betrifft; damit kann ich aus dem Munde des alten Herrn Ihnen dienen. Sie ist in Verlegenheit wegen eines gewissen Horn, der ihr zusetzt.
Horn? rief Herr Stark, und trat mit Heftigkeit gegen den Boden. Ha! der elende, nichtswurdige Geizhals! So hat er mir doch das Wort nicht gehalten, das ich so muhsam, mit so vielem Zureden, von ihm erpresste! Ich Thor! Warum bezahlt' ich auch den Bettel nicht gleich? Und was beschliesst denn mein Vater? Was will er thun?
Er reisst die Witwe heraus; ganz gewiss! Ich werde schon horen, sobald er von der Borse zuruckkommt.
Bleibt er dort lange? Was meinst du?
Ich denke. Er schien ein Geschaft von Wichtigkeit vorzuhaben. Er eilte sehr.
So will ich zu meiner Mutter hinunter. Vielleicht weiss sie mehr, lieber Alter, als du. Oder, wenn auch sie nichts weiss dann zum Schwager, zur Schwester, zur Witwe selbst!
Halt! halt! rief Monsieur Schlicht, indem er ihn noch glucklich bei dem einen Rockschoss erwischte: so haben wir nicht gewettet, junger Herr; so kommen Sie mir nicht fort! Erst Nachricht, ob die Activa der Witwe ihre Passiva
Nur decken, meinst du? Es bleibt noch CapitalConto. Nicht wenig.
Schon! Und die Zeit, wann sie realisirt haben wird?
Drei, vier Monate langstens.
Vortrefflich! Aber nun mogt' ich noch einige Umstande wissen; als erstens
Fort war Herr Stark.
Fort ist er! brummte Monsieur Schlicht, und sah mit Kopsschutteln hinter ihm her. Das ist mir denn doch wahrlich zu bunt. Dahinter liegt mehr verborgen. Junger Herr! junger Herr! Sie haben der Witwe zu tief in die Augen gesehen. Sie sind verliebt. Je nun wenn er's denn einmal ist was fur ein Ungluck? Eine hubsche, wackere Frau ist die Witwe; das ist gewiss: und wenn sie ihm ansteht Sie hat viel Lebensart, muss ich sagen; sie dankte mir gestern gar hoflich; sie nannte mich einen lieben Herrn Schlicht uber den andern: Also wenn sie ihm ansteht warum soll er sie nicht zur Frau nehmen? Wer wird's ihm wehren? Immer zu, mein Herr Stark! Immer zum Werk geschritten! Das Junggesellenleben ist ein langweiliges Leben. Haha! Da kann ich alter Kindernarre noch in meinen siebziger Jahren etwas zu tragen und zu hatscheln bekommen. In Gottes Namen! Ich wollte, sie waren schon da, die kleinen niedlichen Puppchen, und konnten schon laufen.
XXIX.
Von der Mutter war wenig oder nichts zu erfahren; und so eilte Herr Stark durch den Thorweg, den ihm Monsieur Schlicht offnen musste denn wenn er von vorne ging, konnt' er dem Vater in den Wurf kommen zur Schwester.
Diese, die von seiner Reise gewusst hatte, schien uber seine Ruckkunst verwundert. Sie konnte sich's nicht versagen, den ungeduldigen Liebhaber mit seiner Leidenschaft ein wenig zu necken, sich eben so brennend-neugierig zu stellen, als er selbst brennendverliebt war, und ihm auf seine Fragen uber die Witwe lauter Gegenfragen uber die Reise zuruckzugeben. Doch am Ende brach ihr das mitleidige Schwesterherz; und sie machte ihn durch die Entdekkung, dass, nach ihrem und ihres Mannes Dafurhalten, die Witwe wohl eben so verliebt sei als Er, uber alle Beschreibung glucklich. Sie selbst war es in hohem Grade durch das stolze Gefuhl, das immer ihrem Geschlechte so wohl thut, einen Mann in den Fesseln eines Weibes sich krummen und winden zu sehn; doch fuhlte sie zugleich, wie alle wohldenkenden Damen, einen lebhaften Trieb, den Leiden des armen Schmachtenden, so schon und so lieblich anzuschaun sie auch waren, ein baldiges Ende zu machen. Sie versprach ihm mit Hand und Mund, dass sie nichts was in ihren Kraften stehe, unversucht lassen wolle, um das Schifflein seiner Liebe, wenn nur nicht Wind und Wetter allzusehr entgegen waren, glucklich in den Hafen zu steuren.
Bei der Zuhausekunft des Doctors, kamen die drei Entwurfe zur Sprache, die Herr Stark auf die oberwahnten drei Falle bei sich festgesetzt hatte. Der Doctor wollte durchaus, dass er sich vor allen Dingen mit dem Vater verstandigen, und seine Geschafte wieder antreten sollte, wo denn die Einwilligung zur Heirat mit der Witwe gewiss nicht fehlen wurde. Herr Stark hingegen wollte vor allen Dingen der Gesinnung der Witwe versichert seyn, um zu wissen, ob er den Ort seines Aufenthalts nicht verandern musse, und wie er sich gegen den Vater zu nehmen und zu erklaren habe. In sein altes Verhaltnis, sagte er, trete er fur keinen Preis wieder zuruck, was auch immer sein Schicksal seyn moge; und die Billigung seiner Liebe betreffend, kenne er die unuberwindliche Beharrlichkeit des Vaters in seinen einmal gefassten Vorurtheilen.
Der Doctor erzahlte ihm jetzt, wie sehr das Vorurtheil gegen die Witwe bei dem Alten bereits erschuttert worden, und bestand noch einmal darauf, dass sein erster Schritt die Aussohnung mit einem Vater seyn musse, der von nun an gewiss auf einen ganz andern Fuss mit ihm leben werde. Die Ruckkehr des alten Verhaltnisses, meinte er, sei durchaus nicht zu furchten, sobald nur nicht der Sohn selbst daran arbeite es wieder herzustellen. Ob der Vater ihn liebe? sei nicht die Frage; nur habe dieser Liebe bisher ein nothwendiger Zusatz gemangelt, und dieser Mangel sei die Ursache alles Verdrusses und aller Erbitterung geworden. Herr Stark bestand darauf, dass der Doctor sich naher erklaren sollte; und dieser versprach es, wenn er zuvor das feierliche Wort erhielte, dass ihm seine Freimuthigkeit nicht sollte ubelgedeutet werden. Dieses Wort ward gegeben.
Nun dann! sagte der Doctor: der Liebe Ihres Vaters mangelte, was jetzt schon in hohem Grade da ist, und was Sie noch taglich zu vermehren in Ihrer Gewalt haben werden: Hochachtung fur Sie.
Wahr! Mehr als zu wahr! Er hat mich von jeher verachtet.
Er hat von jeher gewunscht, Sie innigst hochachten zu konnen. Fragen Sie jetzt Sich Selbst, in welchem Maasse Sie ihm das moglich machten!
Hab' ich ihm Schande gemacht? rief Herr Stark, indem er mit grosser Bewegung aufstand. Hab' ich Lasterthaten begangen?
Ist von Schande die Rede? Werden Sie den schon hochachten, der sich mit keinen Lasterthaten befleckt hat? Gehort zur Hochachtung nicht mehr?
Herr Stark erinnerte sich der Freude des alten Schlicht uber den Ton worin, sein Vater von ihm gesprochen hatte, ward besanftigt, und setzte sich wieder.
Ich habe Ihr Wort, dass Sie meine Freimuthigkeit mir verzeihen wollen; und so lassen Sie mich ein fur allemal, um Ihrer und Ihres Vaters Zufriedenheit willen, uber diesen Punct meine geheimsten Gedanken sagen! Ihr Vater hielt Sie fur keinen bosen, aber fur einen schwachen, fur einen auf sich selbst beschrankten, zur Sinnlichkeit, Weichlichkeit, Eitelkeit ganz sich hinneigenden Charakter. Nach dem, was er von Ihnen sah, von Ihnen horte denn Ihr Gutes verbargen Sie ja vor ihm konnt' er kaum anders, sondern musste Sie dafur halten. Er dachte Sie im vollen Gegensatz mit sich selbst; und sich selbst konnt' er doch wahrlich! auch bei der strengsten Unparteilichkeit, mit keinen andern Augen ansehn, als womit alle Welt ihn ansieht: mit Augen der Billigung und der Achtung. Daher sein Ton gegen Sie: ein wirklich empfindlicher, argerlicher, krankender Ton, der mir von jeher missfiel, den ich gegen meinen Sohn, wie ich auch immer von ihm urtheilen mogte, ewig nicht brauchen wurde, auch freilich, weil mir Witz und Laune dazu versagt sind, nicht brauchen konnte; der aber aus dem ganzen Geiste und Herzen des Alten zu naturlich hervorging, als dass die Abanderung desselben, solange er Sie in dem alten Lichte betrachtete, je gehofft werden durfte. Ihm diesen Ton zu nehmen, war kein anderer Weg als ihm sein Urtheil von Ihnen au nehmen; und dieses er ergriff hier die Hand des Schwagers, und druckte sie ihm mit Warme dieses ist ihm genommen.
Herr Stark hatte mit Ruhe gehort, und schwieg auch noch jetzt. Der Doctor bekannte ihm, dass er die ganze Geschichte der Aussohnung mit Lyk, nebst Allem was darauf gefolgt sei, dem Alten erzahlt habe, und schilderte ihm die grosse Ruhrung desselben nicht ohne eigene Ruhrung. Treten Sie ihm jetzt unter die Augen, und Sie werden einen ganz andern Blick von ihm sehen. Reden Sie jetzt mit ihm, und Sie werden einen ganz, andern Ton von ihm horen. Wahrlich, Herr Bruder! wenn Sie auch alle die kleinen Schwachheiten will ich nur sagen beibehielten, die er sonst an Ihnen bespottelte: er wurde sie nicht mehr bespotteln; er wurde sie immer noch weg wunschen, aber sie dem uneigennutzigen, grossmuthigen, edelthatigen Manne, den er jetzt in Ihnen erkennt, mit Freuden, zu Gute halten. Nur Annaherung, Aussohnung, Vertrauen! und ich schwore Ihnen, Sie gelten ihm kunftig mehr, als wir Alle; Sie fuhren ihm jede Gattinn, die Sie wollen, als seine Tochter zu; Sie sind Herr aller Ihrer Handlungen, solange Sie in dem Geiste, wie seit Lyks Tode, handeln; Sie haben an ihm keinen Tadler und Sittenrichter mehr; nur einen liebenden Freund, einen zartlichen Vater.
So gern Herr Stark dieses Alles nicht bloss als Liebhaber, sondern auch als Sohn horte, dessen Gefuhle der Natur und der Pflicht nie vollig erstorben waren, so nahm er es doch mehr fur angenehme Vorspiegelung, als fur wirkliche Hoffnung. Er beharrte darauf, dass sein erster Schritt seyn musse, von der Gesinnung der Witwe gewiss zu werden, um bei dem Versuche der Aussohnung mit dem Vater sogleich seine Liebe erklaren zu konnen: weil diese Aussohnung, wenn man hinterher seine Liebe verwurfe, von keiner Dauer, und wenn die Witwe selbst ihm ihre Hand verweigerte, von keinem Nutzen seyn wurde. Er sei in dem letztern Falle nun einmal entschlossen, seinen Aufenthalt zu verandern. Man stritt noch eine Weile hin und her; aber jeder blieb, wie gewohnlich, bei seiner eigenen Ansicht: bis die Doctorinn, die sich ihrer Wirthschaft wegen hatte entfernen mussen, wieder hereintrat, und Mann und Bruder zu Tische abrief. Sie sagte ihnen, dass sie den Kindern besonders habe decken lassen, und dass sie drei allein seyn wurden, um mit voller Freiheit zusammen zu rathschlagen.
Der Streit zwischen dem Doctor und Herrn Stark ward ihr jetzt zur Beurtheilung vorgelegt, und sie entschied, nach kurzem Besinnen, fur beide und wider beide. Ihr konnt euch nur darum nicht vereinigen, sagte sie, weil Ihr Manner, das heisst, weil Ihr Starrkopfe seid, die, wie sie einmal ein Ding gesehen und gefasst haben, es immer sehen und immer fassen. Mein Gott! so werft doch Euer beider Meinungen in Eine zusammen, und Ihr seid ja fertig.
Wie zusammen? fragten hier beide. Wie geht das an?
Ja, wenn wir Weiber nicht waren!
Ihr holden Friedensstifterinnen! sagte der Doctor, und lachte.
Das sind wir, mein Herr; das sind wir. Davon sollen Sie gleich die Probe sehen. Du, Bruder, willst vorher der Liebe deiner Witwe gewiss seyn, ehe du mit dem Vater sprichst. Nicht?
Allerdings.
Und du, Herr Gemahl, willst den Bruder vorher mit dem Vater einverstanden wissen, eh' er mit der Witwe Richtigkeit macht?
Nicht anders.
Nun, was zankt Ihr Euch denn? Da giebt's ja gar keine Schwierigkeiten. Das geht ja ganz vortrefflich zusammen. Ich schaffe dem Bruder die vollkommenste Gewissheit von dem Ja der Witwe, ohne gleichwohl dieses Ja ausdrucklich zu fordern; und der Bruder, wenn er diese Gewissheit hat, gonnt dem Vater vorher das Wort, eh' er der Witwe seine Antrage macht. Dann wird er ja horen, und nachdem er hort, kann er handeln. Der Vater darf nicht klagen, dass der Sohn ihn vernachlassiget habe, und der Sohn darf nicht furchten, dass er von einer oder der andern Seite in Verlegenheit komme. Lasst sich etwas Leichters, etwas Einfacheres denken?
Aber ich sehe nicht ab, sagte der Doctor, wie du, ohne formlichen Antrag, des Ja der Witwe gewiss werden kannst.
Armer Mann! Das siehst du wirklich nicht ab? Sage mir doch: wie nanntest du jungst ein Gesicht, woran du gewiss vorher weisst, dass dein Kranker dir sterben werde?
Ein hippokratisches etwa?
So ungefahr. Ja, so klangs. Nun, die Freiheit der armen Madchen und Witwen, wenn sie im Abfahren begriffen ist, hat eben ein solches hip hip wie heisst es?
Hippokratisches Gesicht.
Richtig! Und darauf verstehn nun wir Weiber wir klugen, mein' ich uns eben so gut, als Ihr Euch, Ihr gelehrten Herrn Doctoren, auf jenes. Heute Abend, Bruder, hast du von der Witwe volle Gewissheit, ohne dass ich gleichwohl das Mindeste mit ihr richtig mache.
Aber, Schwester, sagte Herr Stark, wenn du deine Gute gegen mich vollenden wolltest ich wunschte von dir noch Eines.
Und was?
Dass du, ehe ich mit dem Vater sprache, auch seine Gesinnung in Absicht dieser Heirat nicht eben geradezu, nur von weitem, ganz von weitem erforschtest. Ach, das wurde mir die Unterredung mit ihm so unaussprechlich erleichtern.
Kann geschehn! sagte die Schwester.
Er soll ja sein Vorurtheil gegen die Witwe schon halb verloren haben?
Das hat er. Schon mehr als halb. Aber, lieber Mann, wie ist's denn mit dir? Du wirst doch auch etwas thun.
Was in meinen Kraften steht gerne. Ich bin des Unfriedens in der Familie schon so uberdrussig!
Morgen, weisst du, ist Sonntag, und der Vater isst hier zu Mittage. Wie, wenn du ihn da in dein Zimmer nahmst, und ihn zur vaterlichen, freudigen Wiederannahme des Bruders zu stimmen suchtest? wenn du ihm den Bruder von seinem letzten Geschenke so geruhrt schildertest, so dankbar, so gut
Dass er ihn selbst wieder zurucksehnte?
Nun ja!
Mit Vergnugen. Aber dann wird er sogleich, wenn er den Bruder gesund glaubt, ihn rufen lassen, oder wenn er ihn noch fur krank halt, zu ihm, hinaufgehn und ihn umarmen.
Er umarmt nicht so leicht.
Nein, nein! sagte Herr Stark. Verschone mich, Schwester! Auch hast du mir ja versprochen
Wahr! Ihn der Heirat wegen erst auszuholen. Und dazu will Zeit seyn. So Schlag auf Schlag geht das nicht. Und doch mogt' ich so ungern, dass der Sonntag, wo wir ihn hier allein haben, und wo er gemeiniglich so vergnugt ist, fur die Hauptunterredung verloren ginge. Halt! Du warst ja auf dem Lande, Bruder? Bei einem Freunde?
Nun freilich.
Besinne dich! Du warst nicht, sondern du bist auf dem Lande. Mein Mann hat dir zu der Reise gerathen, und heute oder gestern mag es doch heute seyn, heute nach Mittage! bist du von hier gefahren. Indessen bleibst du bei deiner Schwester, und kannst wieder zur Stadt kommen, sobald du willst. Schlicht soll Bescheid darum wissen.
Ich glucklicher Mann! sagte der Doctor. Was fur eine Frau ich doch habe!
Nicht wahr?
Eine kluge, eine herrliche Frau! Von einer Erfindungskraft! einer Geistesgewandtheit!
Bosheit! Bosheit! rief sie. Nichts weiter! Da will er mich nun verfuhren, dass ich ihm einmal sagen soll, was eine Frau doch so ungerne sagt: Mann! du hast Recht.
Die susse Miene, womit sie jetzt aufstand, versprach einen Kuss, und der Doctor fuhr sich schon mit der Serviette uber die Lippen; aber plotzlich wandte sie sich gegen die Thure, befahl den Pudding zu bringen, und setzte sich ganz ehrbar wieder an ihre Stelle.
XXX.
Komm' ich nicht ein wenig zu oft? sagte die Doctorinn, indem sie einen Augenblick an der Zimmerthure der Witwe stillstand. Werden Sie Sich nicht bald meine Besuche verbitten?
O meine Freundiun! mir Ihre Besuche verbitten! Ich, die ich mich lieber niemal von Ihnen trennte! Sie thun mir da eine Frage
Die ubler klingt, als gemeint ist. Weiss ich's nicht schon, dass Sie mich recht gerne ertragen?
Ertragen! Nun kommen Sie mir vor Mitternacht nicht von dannen.
Ich Arme! Da war' ich ja schrecklich gestraft.
Man nahm jetzt Platz, und die Doctorinn wollte so eben auf ihr Hauptthema einlenken; als ein Lehrling aus der Lykischen Handlung hereintrat, und den alten Mann von gestern ansagte, der Madam Lyk aus dem Wagen gehoben habe.
Der Doctorinn schoss auf der Stelle das Blatt. Schlicht? rief sie aus. Der kommt nicht anders, als wenn er geschickt wird. Was kann der wollen?
Er will, sagte der Lehrling, und schielte seitwarts die Doctorinn an, Madam Lyk unter vier Augen sprechen.
Nicht unter sechsen? Ei mein Gott! da muss ich ja fort. Das ist ubel. Doch wenn Sie erlauben, Freundinn; so schleich' ich mich hier in dies Seitenzimmer, und wahrlich! wahrlich! ich will dort recht fromm seyn. Ich will an's Fenster und nicht an die Thure treten.
Wie Sie mich qualen! sagte die Witwe. Bleiben Sie doch! Was fur Geheimnisse kann er denn haben?
Wer weiss? Er mag wohl einmal auch nicht geschickt seyn. Er ist noch Junggeselle.
Leichtfertige Freundinn! Sie trat jetzt mit vieler Hoflichkeit in die Thure, und nothigte den Alten herein, der sogleich durch die Heiterkeit seines Gesichts die gute Beschaffenheit seiner Botschaft ankundigte, und die Doctorinn in ihrer Ahnung bestarkte.
Sieh da, sagte diese: lieber, guter alter Vater! Bist du's denn wirklich? Ach mein Himmel! Und geputzt wie ein Brautigam, oder wie ein Brautwerber. Was stellt das vor?
Der alte Schlicht lachte herzlich.
Wirklich, so galant hab' ich dich in meinem Leben nicht gesehen.
Man hat gut galant seyn, liebe Frau Doctorinn, wenn man Gonner hat, die auf einen was halten. Er sah hier, wie verstohlen, auf seine neue atlassne Weste, und von der Weste wieder auf seine Wohlthaterinn; mit einem Ausdruck von Dank und Liebe, der ein noch alteres Gesicht, als das seinige, hatte verjungen konnen. Die Weste war ein Angebinde der Doctorinn an seinem letzten Geburtstage gewesen, und er trug sie, um seiner Sendung Ehre zu machen, heute zum ersten male.
Die Doctorinn, von seiner Pantomime geruhrt, schlug ihm sanft auf die Schulter. Aber ist es denn wahr, lieber Alter, dass du mit Madam Lyk ganz allein seyn willst? dass ich hier fort muss?
Wie so? Wie so?
Der Handlungsbursche, der dich hier anmeldete, sagte Ach, der Handlungsbursche ist Bei einem Haare hatt' er ein Kraftwort herausgestossen; aber zum Gluck besann er sich noch, ubersetzte den Narren, den er im Sinne hatte, in: nicht recht klug, und versicherte, dass die Frau Doctorinn sein ganzes Anbringen horen durfe; sie komme selbst darin vor.
Mit grosser Ernsthaftigkeit hielt er dann seinen Vortrag. Sein Principal, sagte er, der Herr Stark, bedaure ganz ungemein, dass er gestern, wegen zunehmender Gehorschwache, die eigentliche Absicht des von Madame ihm gegonnten angenehmen Besuchs nicht verstanden, sondern diesen Besuch fur eine blosse uberflussige Hoflichkeit genommen habe. Er sei nachher durch seine Frau Tochter, die hier anwesende Frau Doctorinn Herbst die bei dieser Gelegenheit einen sehr herzlichen Blick erhielt uber jene Absicht naher belehrt worden; und da er nun ihn, den Monsieur Schlicht, theils als einen Handlungskundigen, theils als einen treuen und verschwiegnen Diener, aus vieljahriger Erfahrung kenne: so habe der Herr Principal eben ihm den Auftrag gegeben, der Madame die Versicherung seiner vollkommenen Bereitwilligkeit au ihren Diensten zu uberbringen, auch demnachst sich in das Comtoir des Herrn Horn zu verfugen, um sofort die etwanige Schuld bei diesem ungestumen, dem Herrn Stark von der schlechten Seite schon wohlbekannten Manne durch Wechsel oder baar, wie er selbst es wollen wurde, zu tilgen. Ubrigens bitte sein Herr Principal, wenn ahnliche Falle mit noch andern Glaubigern eintreten sollten, dass Madame sich nur gleich an Ihn wenden, und ihn uberhaupt wie ihren Curator betrachten wolle, als wozu er sich mit Vergnugen erbiete. Zugleich wunsche er, mit allem Dank verschont zu bleiben, weil er durch den Herrn Sohn sehr wohl unterrichtet sei, dass er in keinem Falle bei der Unterstutzung von Madame etwas wage, und sich also bei dieser kleinen Gefalligkeit eigentlich gar kein Verdienst um sie beimessen konne. Er, Monsieur Schlicht, ersuche jetzt um beliebige genaue Angabe der ganzen Hornischen Forderung, damit er dem noch ubrigen Theile seines Auftrages genugen, und dem Herrn Principal die ganze Sache als vollig abgemacht berichten konne.
Kaum hatte Monsieur Schlicht mit vielem Wohlbehagen seinen Vortrag geendigt: so ergriff die Doctorinn die Hand der Witwe, und fragte, nicht ohne tochterlichen Stolz im Herzen: Hatt' ich nun Unrecht?
O meine Freundinn! Eine solche Grossmuth an einer Fremden, an einer fast ganzlich Unbekannten! Aber ich weiss ja, wem ich diese Hulfe zu danken habe.
Wem? Wem? indem sie sich vor ihrer Umarmung zuruckbeugte. Meinem Vater; sonst keinem!
Er hat die edelste Tochter.
Kennen Sie die? Eine Schwatzerinn ist's, die nichts auf dem Herzen behalten kann; die dem Alten Alles vorplaudern muss was sie weiss, und die ihm denn auch gesagt hat, was sie von der unangenehmen Lage ihrer Freundinn und von der Absicht des gestrigen verungluckten Besuches wusste. Das ist Alles gewesen; ich versichere Sie. Kein Wort von Fursprache, von Aufmunterung Ihnen zu helfen; kein Gedanke daran! Das hatte die Freundinn herabgesetzt, und den Vater beleidigt. Der handelt nicht, wie es ihm Andre eingeben; der handelt nach seinem eigenen Herzen.
Ich hore Sie mit einer Bewunderung einer Empfindung
Lassen wir das! Und nun umarmte sie die Witwe mit wahrer, herzlicher Freundschaft. Mein guter Schlicht, der nie viel Zeit hat, wartet auf Antwort; und ich denke doch, Sie werden ihn durch keine abschlagige kranken?
Die Witwe bat jetzt Monsieur Schlicht, seinem Herrn Principal ihre innige Verehrung, ihre tiefe Ruhrung uber den unverdienten Beweis seiner Gewogenheit zu versichern; aber zugleich ihm zu sagen, dass der Gehorsam gegen den einen Theil seines Befehls ihr den Gehorsam gegen den andern unmoglich mache. Ich werde Sie Selbst, lieber Herr Schlicht, mit einigen Zeilen von meiner Hand beschweren, die Sie ihm zu uberreichen die Gute haben werden. Den personlichen Dank behalt' ich mir vor. Sie erlauben doch, beste Freundinn? mit einer Wendung gegen das Seitenzimmer.
Gehen Sie, gehen Sie nur! Sie thun etwas sehr Uberflussiges; aber ich weiss, Sie wurden es doch nicht lassen.
Die Doctorinn nutzte die Augenblicke, da sie mit Schlicht allein war, um ihn von Allerlei zu unterrichten, was ihm zu wissen Noth that: von dem Wechsel, den ihr Mann an Horn ausgestellt hatte, um die Witwe ausser Gefahr zu setzen; von ihrem Wunsche, dass der Vater davon nichts merke, und also nicht ihr Mann quitirt werde, sondern die Witwe; von ihrer Absicht, den Bruder noch einige Tage vorgeblich auf's Land zu schicken, bis ein gewisser Entwurf gereift sei, der ihn von seiner Grille, nach Br ... zu gehen, unfehlbar zuruckbringen werde; endlich von der aufhorenden Nothwendigkeit, das Wohlbefinden des Bruders und seine Abfahrt auf's Land, die aber erst diesen Nachmittag musste geschehen seyn, vor dem Vater geheim zu halten. Monsieur Schlicht, mit seiner gewohnlichen Gefalligkeit, versprach, sich das Alles zu merken, und fand die Anschlage seiner lieben Frau Doctorinn ganz vortrefflich.
Madam Lyk trat mit einem Briefchen und einem Zettelchen in der Hand, auf welchem die Hornische Schuldforderung verzeichnet war, wieder herein, und gleich nach ihr erschien ein Madchen mit einer Flasche sussen Weins und mit Glasern. Die Doctorinn verbat, indem sie ihren Widerwillen gegen starke Getranke; Monsieur Schlicht, indem er seine Geschafte zu Hause vorschutzte, wo er noch so Manches zu thun habe, dass die Stelle ihm unter den Fussen brenne. Die Witwe, die sich ihm fur seine Muhe so gern erkenntlich bewiesen hatte, bot alle ihre Beredtsamkeit gegen ihn auf, und schon gerieth er mit der seinigen sehr in's Stocken; aber die Doctorinn, um mit der Witwe allein zu seyn, schlug sich auf seine Seite, und half ihm durch. Ich kenne, sagte sie, meinen lieben, guten Schlicht: er thut Alles was ihm obliegt, mit grosser Treue, mit grossem Eifer; und da ihm das Haus meines Vaters zur Aufsicht ubergeben ist, so hangt er daran nicht anders, als ob er, wie die Schnecke, damit verwachsen ware. Er tragt es zwar nicht auf dem Rucken, aber er tragt es dafur auf dem Herzen. Ihm ist nicht anders wohl, als wenn er darin steckt.
Das war einmal ein Lob, ganz nach, dem Sinne von Monsieur Schlicht, und er dankte dafur, indem er es ehrlich annahm, mit vieler Freude. Auch Madam Lyk sagte ihm noch beim Abschiede viel Schones; sie erinnerte sich alles des Guten, was sie aus dem Munde des Herrn Stark von ihm gehort hatte, und freute sich die Bekanntschaft eines Mannes gemacht zu haben, der einer so hochachtungswurdigen Familie, als die Starkische, so vorzuglich werth sei. Kein Madera, noch Cyper, noch Syrakuser, noch was sonst die Flasche der Witwe enthalten mogte, hatte das Herz des alten Schlicht mehr erquicken, oder ihm den Kopf mehr benebeln konnen, als diese lieblichen Worte; denn wirklich schien er, als er auf die Strasse hinaustrat, ein wenig berauscht. Er sprach in einem fort mit sich selbst, und gesticulirte dabei so lebhaft, dass Mehrere der Vorubergehenden stillstanden, und mit Lachen ihm nachsahn. Der Inhalt seines Selbstgespraches war: dass von allen Frauen der Stadt die Frau Doctorinn ohne Widerrede die beste, aber gleich nach ihr Madame Lyk die liebenswurdigste und vortrefflichste sei. Indem, er sich dachte, dass irgend jemand so frech seyn konne ihm das zu laugnen, stiess er mit dem Stock so heftig gegen das Pflaster, und schnitt so wilde Gesichter, dass ein paar spielende Kinder vor Schrecken zusammenfuhren, und mit Geschrei in die Hauser liefen.
XXXI.
Es war der Doctorinn peinlich, dass die Witwe kein Ende finden konnte, die Grossmuth ihres Vaters und ihre eigene Freundschaft zu ruhmen; aber wie viel sie auch bat und ablenkte, immer kam die Rede darauf zuruck. Ich hatte, sagte die Doctorinn endlich, so gern uber meinen Bruder mit Ihnen gesprochen; aber wie ich wohl sehe
In dem Augenblick schloss sich der Mund der Witwe, und desto offner stand nun ihr Ohr.
Sie glauben wohl nicht, dass hinter der scheinbaren Heiterkeit, womit ich zu Ihnen kam, sich ein sehr bittrer Verdruss versteckte? Gleichwohl ist es nicht anders. Ich habe uber meinen Bruder zu klagen, recht sehr zu klagen.
Unmoglich! Uber so einen Bruder?
Jaja! Uber so einen! Eben dass er so einer ist
Liebe Frau Doctorinn! Sie war ganz sichtbar gekrankt.
Ich kann mir nicht helfen; ich trage mein Herz auf der Zunge. Sehen Sie, Freundinn! Nichts in der Welt thut mir weher, als wenn man mir meine guten Gesinnungen nicht erwiedert, wenn man mich fur meine Offenheit mit Verschlossenheit, fur mein herzliches Zutrauen mit kaltem Misstrauen belohnt. Sagen Sie, was Sie wollen; so etwas ist argerlich, ist abscheulich.
Will ich es denn vertheidigen? Aber dass Ihr wurdiger Bruder.
O, ich sehe schon: Sie werden auf ihn nichts kommen lassen; Sie sind zu sehr seine Freundinn.
Wenn ich's nicht ware! Sie hatte Thranen im Auge.
Indessen sind Sie doch auch Freundinn von mir, und Sie werden gerecht seyn. Ich will das Argste setzen, was doch sicher nicht ist: dass mein Bruder eine Sache auf dem Herzen truge, die ihm eben nicht Ehre machte; kennt er denn nicht seine Schwester, seine liebreiche Schwester, die Alles in der Welt eher thun wurde, als ihn verrathen? Kennt er nicht seinen redlichen Schwager, der von jeher so innig Theil an ihm nahm, und der ihn auch jetzt mit Rath und That so gern unterstutzen wurde? Muss er auf tausend Fragen, auf tausend Bitten, dass er sich offnen wolle, noch immer verschlossen bleiben?
Aber darf ich denn horen ?
Da ist sehr wenig zu horen. Leider weiss ich, oder errath' ich, nur das ganz Allgemeine: Er liebt!
Er liebt? fragte die Witwe, nicht ohne Stocken; denn in dem Augenblick sah sie ihn vor sich, den biedern, den edlen Freund, wie er beim Abschiede die Hand ihr so gluhend kusste, dass auch sie sich im Herzen sagte: Er liebt!
Alle Anzeichen sind wenigstens da: ein unablassiges Seufzen; ein stieres Hinblicken auf einerlei Fleck; eine weiche, krankliche Sprache; ein feuchtes, schmachtendes Auge. Aber wen er liebt, wen? mit keinem Bitten, keinem Zureden ist das herauszubringen. Es wird doch wohl in Ewigkeit keine Person seyn, die nicht mehr frei ware? die ihr Herz schon verschenkt hatte?
O gewiss nicht! gewiss nicht! sagte die Witwe und gerieth uber dieses rasche, ihr entfahrene Wort in eine Verlegenheit eine Verwirrung
Also Sie wissen? indem sie ihr naher ruckte.
Nichts, liebe Freundinn. Ich weiss davon nichts; aber ich schliesse aus seiner Denkungsart, seinem Charakter, dass wenn er so etwas merkte
Nun, dann rath' ich nicht langer. Denn dass er eine Person lieben sollte, die er zu nennen mit Recht Bedenken truge; die seiner unwurdig ware: nein, das will und das mag ich nicht rathen.
Ich bitte Sie. Keinen solchen Gedanken! Sie enthielt sich kaum einer Thrane; denn so moglich es blieb, dass nicht sie diese Person war, so konnte sie doch nicht umhin, sich an deren Stelle zu setzen.
Lassen Sie mich ganz freimuthig herausgehn! Ich wende mich nicht ohne Ursache an Sie. Ich habe meinen Bruder die ganze Zeit uber, da er Ihre Bucher berichtigte, fast gar nicht gesehen; er war hier jeden Abend bei Ihnen. Naturlich ward er mit Ihnen vertraut.
Die Witwe zitterte vor dem, was nun folgen wurde. Sie errothete und erblasste.
Sollte da in so manchem Gesprache, in so manchem ungezwungenen, unbelauschten Gesprache denn Sie waren ja wohl meistens mit ihm allein?
Das freilich; aber
Sollte da nicht irgend ein kleiner Zug ihn verrathen haben? Sollte nicht irgend ein Wortchen gefallen seyn, das uns Licht geben konnte?
Ich wusste nicht. Ich musste zuruckdenken, sagte die Witwe. Doch uberhaupt Was uberhaupt, liebe Freundinn?
Er hatte hier Arbeit vollauf; er hatte zu rechnen. Es ward sehr wenig gesprochen.
Rechnungen freilich nehmen den Kopf ein. Aber bei alle dem der Anfang seiner Leidenschaft fallt gerade in die Zeit, da er bei Ihnen rechnete; denn bis dahin war er noch heiter und munter. Gewiss hat er, neben den Zahlen und Bruchen, noch an etwas Anders gedacht. Konnen Sie Sich nicht erinnern, ob Sie einmal Gesellschaft hatten? ob Frauenzimmer darunter waren?
Ich hatte niemal Gesellschaft. Sie wusste sich keinen Rath mehr. Sie pfluckte und zupfte an ihren Kleidern.
Nun, so werd' ich wohl auch hier nichts erfahren. Ich werde so klug wieder gehn, als ich kam. Mein, Trost muss seyn, dass die Zeit endlich Alles an's Licht bringt, und dass auch diese Liebe nicht ewig Geheimniss seyn wird. Indessen glauben Sie nur nicht, dass mich blosse Neugier zu Ihnen gefuhrt hat; es war eben so sehr zartliche Besorgniss um einen Bruder, den ich Thorinn noch immer liebe, so wenig er es auch werth ist.
Sie sind hart. O mein Gott!
Ich sehe ihn blasser, magerer werden; sehe ihn alle Heiterkeit, allen Frohsinn verlieren; sehe ihn hinwelken mitten in der Gesundheit: wie kann ich da ruhig bleiben?
Hinwelken! Liebe Frau Doctorinn!
Nicht anders. Nur noch diesen Morgen sagte mein Mann: das geht nicht; das thut auf die Lange nicht gut; der Bruder muss sich nothwendig erklaren.
Die Witwe gerieth hier in eine Wehmuth, die sie kaum mehr bezwang. Auf Erklarung freilich kam's an: und dass er diese zuruckhielt; dass er sich lieber in heimlichem Gram verzehrte, als seine Liebe bekannte: was sollte sie daraus schliessen? Missbilligte er selbst diese Liebe? Stand ihm ihr zu geringes Vermogen; standen ihm ihre Kinder im Wege?
Eigennuz mischt sich denn auch mit in's Spiel; ich will es nicht laugnen. Ich hatte einst eine Schwester, die ich an den Blattern verlor; ach ein Geschopf, liebe Freundinn! von einer Sanftheit, einer Gefalligkeit, einer Seelengute! Wie gerne hatte ich so eine Schwester wieder! Wie hoffte ich immer, dass mein Bruder sie mir zufuhren sollte! Wie wurd' ich sie, und um ihrentwillen auch meinen Bruder, geliebt haben!
Auch ich sagte die Witwe hatte Und nun zog sie ihr Tuch hervor, und weinte es so uber und uber voll, dass sie es wegwerfen und sich ein frisches nehmen musste.
Gewiss war Madam Lyk, das Wenige ausgenommen, was von Verstellungskunst jedem Frauenzimmer unentbehrlich ist, nicht im mindesten Heuchlerinn; und ihre Thranen flossen also ohne Zwang, aus der Fulle des Herzens: aber gewundert wurde sich, wenn sie hier hatte zugegen seyn konnen, die kleine Amalie ein wenig haben, dass, im achten Jahre verstorben, und seit vierzehn Jahren nicht mehr erwahnt, sie noch jetzt ein so reichliches Thranenopfer erhielt.
Auch die Doctorinn zog nun ihr Tuch hervor, aber in etwas anderer Absicht; sie verbarg ein Lacheln dahinter. Lassen Sie uns, fing sie dann an, von diesem Gesprache abbrechen; denn wozu einander wehmuthig machen? Wir wollen denken; was hin ist, ist hin, und was im Grabe liegt, kommt nicht wieder.
Das kommt freilich nicht wieder, schluchzte die Witwe.
Hingegen wo noch Leben ist, da ist Hoffnung. Mein Bruder ist wohl auch nicht so hinfallig, als meine Besorgniss ihn macht; wenigstens, wie ich diesen Mittag sah, hat er noch gute Esslust: und die, denk' ich, ist eben kein Zeichen zum Tode. Sie lachelte. Ubrigens wird er jetzt schwerlich nach Br ... gehen; er wird, denk' ich, hier bleiben: und da
Er wird hier bleiben? fragte die Witwe, und schien durch dieses Wort ein wenig getrostet.
Ich denk' es, sagt' ich. Und da wird denn mein Mann, der sich auf solche Krankheiten versteht, ihn unter der Aufsicht behalten, und wird ihm schon wieder zu Kraften helfen. Vernunftig wird er ja auch wohl am Ende werden, und wird sich erklaren. Meinen Sie nicht? Sie. lachelte wieder.
Die Witwe gerieth uber die plotzliche Veranderung des Tons und der Gebehrde der Doctorinn in nicht geringe Verwirrung. Fast musste sie glauben, dass nicht des Bruders, sondern ihrer selbst wegen geforscht worden sei, und dass jener seine Liebe zu ihr der Schwester schon erklart haben musse. Diese Vermuthung bestatigte sich, als die Doctorinn mit voller Heiterkeit fortfuhr: Ich bekomme denn, doch noch wohl eine Schwester; o! ich bekomme sie ganz gewiss; eine eben so gute, sanfte, liebreiche Schwester, als die ich verloren habe. Mich dunkt, ich sehe die holde Seele schon vor mir. Sie hatte die Hand der Witwe genommen, der sie bei diesen letzten Worten einen sanften Druck gab; und die Witwe, unbewusst was sie that, und zu spat daruber erschreckend, erwiederte nicht allein diesen Druck, sondern zeigte auch in ihrem noch feuchten Gesichte ein sanftes Lacheln. Sie war bose uber die Hinterlist ihrer Freundinn, und war's doch auch nicht; sie argerte sich uber die heitre Miene derselben, und war doch auch froh daruber; sie wusste selbst nicht recht, wie sie gesinnt war. Aber allein ware sie gerne gewesen, um alles Gesprochne noch einmal zu uberdenken, und bei sich auszumachen, wie viel oder wie wenig sie wohl von ihrem Herzen verrathen habe.
Die Doctorinn, als ob sie ihr diesen Wunsch aus den Augen gelesen hatte, stand auf, um Abschied zu nehmen. Es wird spat, sagte sie; ich muss fort. Leben Sie wohl, meine gute, sanfte, liebe ach mein Gott! ich harte bei einem Haare gesagt: Schwester! Sie sehen, wie voll ich den Kopf von der Herzensangelegenheit meines Bruders habe. Was meinen Sie? Soll ich ihm ganz wieder gut seyn?
Ach liebe Freundinn! Sie waren ihm noch keinen Augenblick bose.
Nicht? Wirklich nicht? und nun erfolgte eine warmere, langere Umarmung, als noch bis jetzt unter ihnen Statt gehabt hatte.
Auf der Flur fand die weggehende Doctorinn den altesten Sohn der Lyk, den sie aufhob und kusste. Der jungere lag an einer kleinen Unpasslichkeit nieder. Sie hatte den schnellen Einfall, die Mutter zu bitten: dass es ihr morgen fruh erlaubt seyn mogte, den Kleinen holen zu lassen, um ihn einem der grossten Kinderfreunde, ihrem guten alten Vater, zu zeigen, der an der schonen Gestalt und dem artigen Betragen des Kindes sich sehr ergotzen wurde. Er kann, sagte sie, mit meinen eigenen Kleinen spielen, und kann bei uns essen. Die Mutter bewilligte das, und der Knabe hupfte und sprang vor Freuden.
Zu Hause machte die Doctorinn ihren Mann, aber noch mehr ihren Bruder, durch die mitgebrachten Nachrichten sehr glucklich. Besonders ruhrte den Letztern die Unterstutzung, die sein Vater der Witwe hatte angedeihen lassen; er empfand daruber eine Freude und eine Dankbarkeit, wie er sie uber die grosste, ihm selbst erwiesene Wohlthat nicht wurde empfunden haben. Aber unzufrieden war er, dass die Schwester mit dem Inhalte des Gesprachs, welches zwischen ihr und der Witwe vorgefallen war, so sehr zuruckhielt, und dass er mit allem Forschen nichts weiter herausbrachte, als bloss: er werde geliebt; er werde ganz sicher geliebt; und sie, die Schwester, stehe ihm fur ein freudiges Ja, sobald er es fordern wurde, mit ihrem Leben. Was die Witwe Alles gesagt, und durch was fur Zuge sie ihr Herz verrathen habe: das verhullte auch ihm, ob er gleich Bruder und Liebhaber war, der Schleier des weiblichen Zartgefuhls; nur dem Ehemanne ward, im vertraulichen Schlafkammerlein, dieser Schleier ein wenig gelupftet.
XXXII.
Die Kirche war aus, und die Strasse fing an sich mit wohlgekleideten Leuten zu fullen, denen es niemand ansah, wie sehr sie ihrer Sunden wegen waren gescholten worden; als einer der kleinen Herbste von seinem Posten am Fenster, wo er Wache gestanden hatte, in Eil gegen die Thure rannte, und nun auf einmal der ganze unruhige Schwarm ihm nach auf die Hausflur sturzte, um den kommenden Grossvater und die begleitende Mutter die aber Sonntags, ihrer Alltaglichkeit wegen, nur wenig galt mit Freudengeschrei zu bewillkommen. Der Alte empfing die Kleinen mit den gewohnlichen scharfen Verweisen wegen ihres ungebuhrlichen Larmens, aber zugleich mit einer Freundlichkeit, die den Eindruck jener Verweise augenblicklich wieder verwischte. Er wollte jetzt anfangen, seine Tasche fur ihre Leckermauler, und seinen Geldbeutel fur ihre Sparbuchsen zu leeren, als er auf einmal im Hintergrunde einen holden Knaben einsam und dem Scheine nach traurig dastehen sah, und seine Tochter fragte, wer denn das ware?
Ach ein lieber, susser Junge, sagte die Doctorinn: der alteste kleine Lyk; ein Schul- und Spielgenoss meines Wilhelms.
Lyk? rief der Alte; o lass den Kleinen doch naher kemmen!
Er kam auf den Ruf der Doctorinn, und ging nach ihrer Anweisung zum Alten, dem er mit all dem Anstande und der Ehrerbietung die Hand kusste, wozu ihn die Mutter gewohnt hatte.
Wirklich, wirklich, ein allerliebster Knabe! Herr Stark theilte ihm jetzt, wie den Ubrigen, mit; und hob ihn dann auf einen Tisch, der im Vorsaale stand, um, wie er sich ausdruckte, zu sehn, ob er ihn kenne. Jaja! rief er, lieber susser Kleiner! wir sind schon alte Bekannte. Sieh her, liebe Tochter, sieh her! Wie doch das nachartet! Diese Stirne und dieses Kinn
Ganz des alten Lyk; unverkennbar!
Spiel der Natur! rief Herr Stark.
Ordnung der Natur! rief die Tochter; und setzte auf eben den Tisch ein's ihrer eigenen Kinder, das wirklich in seiner Gesichtsbildung eine auffallende Ahnlichkeit mit dem Grossvater hatte. Der Alte liebkoste jetzt beiden, und war ausnehmend vergnugt.
Aber, sagte er: wenn der alte gute Lyk den Mund zum Lachen verzog; da hatt' er so ganz etwas Eignes in seiner Oberlippe. Ob auch wohl der Kleine das hat? Lieber Kleiner! thu mir den Gefallen und lache! Horst du?
Der Kleine blieb ernsthaft; denn er hatte keinen Anlass zum Lachen, und war noch nicht fein genug, um in der Aufforderung selbst diesen Anlass zu finden. Ich will dich schon dazu bringen, sagte der Alte, und zog aus seiner Borse einen neuen spiegelhellen Doppelducaten, den er ihm zu geben versprach, wenn er ihm den Gefallen thate und lachte. Der Knabe verlaugnete hier das mercantilische Blut nicht, aus dem er entsprossen war, sondern lachte den schonen Ducaten mit sichtbarer Begierde an, ihn aus der fremden Tasche in die seinige zu spielen; und nun riss Herr Stark ihn mit vieler Warme an seine Brust, um ihn zu kussen. Sieh! sieh! sagte er zu der Tochter.
Dem Grossvater wie aus den Augen geschnitten!
Nicht wahr? Da nimm hin, lieber Kleiner, und wenn du zu Hause kommst, so gieb den schonen Ducaten der Mutter, und bitte sie, ihn in deine Sparbuchse zu stecken.
Bei Tisch war der Alte so ganz in seiner heitersten Laune, sprach und scherzte mit den Kindern so viel, und machte zu der Nachricht, die man ihm von dem Wohlbefinden und der kleinen Erholungsreise des Sohnes gab, eine so gute Miene, dass die nachmittagliche Unterredung zwischen ihm und dem Doctor unter keinen gunstigern Vorzeichen hatte beginnen konnen.
Der Doctor fing damit an, dass er dem Alten im Scherz zu der vortrefflichen Behandlung seines kritischen Kranken Gluck wunschte, dessen Ubel er mit dem richtigsten Blicke gefasst, und wie es nicht anders scheine, aus dem Grunde gehoben habe.
Doch? sagte der Alte lachelnd. Hab' ich einige Anlage zur Kunst?
Was Anlage! Sie sind Meister darin.
Also Alles glucklich voruber?
Alles. Die ganze Krisis.
Der Trotz zum Herzen heraus?
Vollig, vollig heraus. Und das Herz im frischesten, gesundesten Zustande. Voll Liebe, Dankbarkeit, Ehrerbietung fur einen Vater, der statt zu zurnen, wie er gekonnt hatte, nur edel wohlthat.
Aber, Herr Sohn, noch bin ich mit meiner Cur nicht am Ende. Sie haben durch so manche Ihrer Krankheitsgeschichten mir verzweifelt bange vor Recidiven gemacht; und da will ich denn, Sicherheits halber, meinem Kranken noch eine kleine Nachcur verordnen, von der ich hoffe, dass sie ihm gute Dienste thun soll.
Fur jetzt ware wohl das Beste, dass Sie ihn starkten.
Meinen Sie? Und wodurch?
Durch volles Vergessen, volle zartliche Vaterliebe.
Wenn's nur damit nicht noch zu fruh ist! Nein, nein! Ich habe die Sache nach meinem eigenen Kopfe angefangen, und so will ich sie nun auch durchfuhren? Ich will den Vortheil nicht ungenutzt lassen, dass der junge Herr durch seinen Trotz sich mir in die Hande gegeben hat, und dass er nun schon muss, wie ich will.
War er denn nicht immer in Ihren Handen?
Nicht ganz. Ich musste Rucksichten nehmen. Gesetzt, dass ich in unsrer ehemaligen Lage gesagt hatte: "Sohn! das und das ist mein Wille; darauf besteh' ich durchaus; so und so sollst du's machen; oder ich jage dich aus dem Hause, schicke dich an einen Ort, der dir nicht ansteht, vor dem dir graut:" denn unter uns! dass ihm vor seinem Br ... graut, weiss ich sehr sicher; sagen Sie mir: was wurden die Mutter, die Schwester, Sie Selbst, alle Menschen, von mir gedacht haben? Ein Tyrann, ein Barbar, ein harter, unnaturlicher Vater war' ich gewesen. Vor seinem Trotze so zu handeln, war in der That ohne Harte nicht moglich; nach seinem Trotze kann und darf ich so handeln, und ich will den sehn, der mich tadelt.
Einer wird es doch, lieber Vater.
Wer?
Ein Mann von dem edelsten Herzen: Sie Selbst.
Falsch! Mit mir selbst bin ich einig. Ich werde meinem Sohne gerade heraussagen: mit unsrer Verbindung ist's aus; auf die rechne nicht langer; in mein Haus, in meine Handlung, kommst du nicht wieder.
Lieber Vater! sagte der Doctor.
Das steht fest. Das ist nun einmal entschieden.
Der Doctor war nicht wenig erschrocken. Sie werden mich wenigstens anhoren, hoff' ich, und dann weiss ich gewiss: Sie werden ganz anders denken.
Sie anhoren? Das will ich gerne. Hier sitz' ich! Aber ganz anders denken? Da mussten Sie mir doch etwas sehr Sonderbares zu sagen haben.
Nichts sehr Sonderbares, aber sehr Wahres.
Schon! Ich bin neugierig darauf.
Sie konnen's nicht sonderbar finden, wenn ich behaupte: dass eine einzige That, zu welcher gluckliche oder ungluckliche Umstande einen Menschen hinrissen, ihn von Grundaus verandern, ihm gleichsam eine neue Seele einhauchen kann. Bewusstseyn einer ehrlosen, schandlichen Handlung kann den Menschen auf immer verschlechtern; Bewusstseyn einer guten und grossen, ihn auf immer veredeln.
Wohin zielt das? fragte der Alte.
Sie erinnern Sich, was ich Ihnen von dem Benehmen Ihres Sohns am Sterbebette und nach dem Tode des seligen Lyk erzahlte.
Das war schon! Das war edel von, ihm!
Hatten Sie's jemal in ihm gesucht?
Nie.
Auch wahrlich! Er in Sich selbst nicht. Ein unerwarteter, ihm ganz neuer Eindruck, ein unwiderstehliches Gefuhl rissen ihn hin. Aber einmal gethan, diese That; sollte sie ohne Spur, wie ein Blitz, haben verschwinden konnen? sollte sie kein Andenken an sich zuruckgelassen, nicht durch dieses Andenken machtig auf ihn eingewirkt haben? Glauben Sie mir: das Bewusstseyn von Werth, Gute, Tugend, das Ihr Sohn aus dem Lykischen Hause mit sich nahm, ist fur ihn unendlich wohlthatig geworden; es hat ihn von seiner ehemaligen Kleinlichkeit, Eitelkeit, Selbstsucht schon um Vieles geheilt, und noch immer wirkt es zu seiner Besserung, seiner Veredelung fort. Was Sie sonst mit so vielem Recht an ihm aussetzten, ist schon Alles ganz anders: seine ehemaligen Gesellschafter hat er verlassen; Spiel und Tanz sind ihm gleichgultig, und gegen den Putz ist er kalter geworden: schon seit Monaten kein neues Kleid mehr! seit Monaten kein Gang mehr, als in den Concertsaal, den unschuldigsten aller Vergnugungsorter! Sein jetziger herrschender Trieb ist: zu wirken, nutzlich zu werden, Hochachtung und Beifall von Andern, wie von sich selbst, zu verdienen. Ist nicht in diesem Allen die Wirkung jenes Augenblicks, wo er sich selbst in einem so neuen Lichte und die Tugend in ihrer Wurde und Schonheit sah, unverkennbar?
Der Alte, der mit grosser Aufmerksamkeit zuhorte, winkte dieser Entwickelung Beifall; und doch war sie, wenn auch nicht falsch, wenigstens sehr einseitig und unvollstandig. Die Hauptbildnerinn an dem Herzen des Sohns, die Liebe, war aus guten Grunden vergessen.
Selbst das, fuhr der Doctor fort, dass er die Thorheit beging Ihnen zu trotzen, stosst meine Meinung von ihm nicht um, sondern bestatigt sie eher. Eben weil er jetzt edler und also stolzer geworden war, konnt' er die Behandlung, die er vormal verdient hatte, nicht mehr ertragen; eben weil er Hochachtung gegen sich selbst zu fuhlen anfing, wollt' er auch Hochachtung von Andern, selbst von seinem Vater, geniessen; und so entstand denn, bei der gewohnten traurigen Entfernung von Ihnen, und bei dem unseligen Misstrauen, womit er Sie im Irrthum uber sich gleichsam vorsetzlich erhielt, jener Trotz, jener nicht zu rechtfertigende, ubereilte Entschluss, den Sie durch Ihr weises Benebmen ihn so sehr haben bereuen lassen. Aber, mein bester Vater wollten Sie einen Fehltritt aus solchen Grunden, an einem solchen Sohne, der Ihrer taglich wurdiger wird, jetzt so grausam bestrafen?
Was? rief der Alte, indem er mit lebhafter Bewegung aufstand; was reden Sie, lieber Doctor? Was fallt Ihnen ein?
Sie sagten: in Ihr Haus, in Ihre Handlung kam' er nicht wieder.
Das soll er auch nicht, muss er auch nicht.
Sind Sie denn noch immer erbittert?
Erbittert? Ich? Nun, beim Himmel! Wenn alle Vater sich so erbittern wollten, das ware den jungen Herrn, ihren Sohnen, wohl eben recht.
Wie versteh' ich denn aber ?
Ich will aus der Verbindung mit ihm heraus, und will mich zur Ruhe setzen. Mein Haus soll das seinige, meine Handlung die seinige werden. Verstehen Sie jetzt?
Ja, mein Gott! rief der Doctor freudig: wenn Sie Sich so erklaren! Der Text war dunkel; die Auslegung ist sonnenhelle. Aber Ihr armer Sohn! Was wird er nicht fur einen Schrecken haben!
Scherzen Sie nicht zu fruh! Die Bedingungen sind zuruck.
O, die wird ein Vater, ein edler, grossmuthiger Vater machen. Ich bin sehr ruhig daruber.
Dass sie auf sein Bestes berechnet sind, konnen Sie denken. Ich hab' ihn jetzt, wie gesagt, in meiner Gewalt; und so besteh' ich durchaus darauf: er soll thatiger werden; er soll die Handlung, wenn sie die seinige wird, mit mehr Ernst und mit mehr Eifer fuhren, als unter mir; er soll dem abgehenden einen Buchhalter keinen Nachfolger geben, weil er dessen Arbeiten mit den seinigen zugleich verrichten kann, ohne dass eben der Schreibtisch eine Galeere werde; er soll dem Umherschweifen in Gesellschaften und an offentliche Orter entsagen; und sich sein Haus dadurch anziehender machen, dass er ein Weib aber kein Modeweib, keine Putz-, auch keine Buchernarrinn nimmt, sondern ein braves, hausliches, herzliches Weib, das er lieben, das aber auch ich schatzen und ohne Errothen Tochter nennen kann. Fugt er sich in diese Bedingungen: gut! so ubergeb' ich ihm Alles, beziehe meine eigne Wohnung fur mich, und betreibe meine ubrigen Geschafte in Ruhe. Fugt er sich nicht, nun, so kann ich weiter nicht helfen; ich arbeite dann mit meinen Buchhaltern fort, und ihn schick' ich wohin der junge Herr nicht mag, und wohin er mir doch zu gehen gedroht hat: nach seinem Br ... In mein Haus, so lang' es das meinige bleibt, kommt er nicht wieder.
Das also, das Ihre Nachcur, mein lieber Vater?
Das! Wird sie ihm anstandig seyn?
Er wird darin gleich sehr Ihre Liebe und Ihre Einsicht erkennen. Bereiten Sie Sich vor, den dankbarsten, den geruhrtesten Sohn zu umarmen!
Meinen Sie? Nun, so bereiten auch Sie Sich vor, einen Mann zu erblicken, der Haus und Handlung verliert, und der dazu lachelt!
Wie freu' ich mich dieser Ihrer Laune, mein Vater!
Aber ich mich gar nicht Meinung von mir. Was? Erbittert war' ich gewesen? Erbittert gegen einen einzigen Sohn, von dem Sie mir Dinge erzahlt hatten, die mir Freudenthranen in's Auge lockten? erbittert gegen ihn, uber den Sie schon langst mein Wort hatten, dass, wenn er wurde, wie ich ihn wunschte, es meine erste, herzlichste Sorge seyn sollte, wie ich ihn glucklich machte? Ein solches Wort, meinen Sie, sprache der alte Stark in den Wind? Ein solches Wort konnt' er brechen? Gehen Siel Gehen Sie! indem er sich selbst zum Gehen anschickte Sie haben mein Herz verkannt, meine Ehre gekrankt; und nun komm' ich Ihnen er schien sich einen Augenblick zu besinnen in vollen acht Tagen nicht wieder!
Der Doctor lachelte, und ergriff die Hand des Alten, um sie zu drucken; denn Umarmungen waren zwischen ihnen nicht Sitte. Die Herzlichkeit des Gegendrucks, den er erhielt, uberzeugte ihn von der grossen Zufriedenheit, womit sein vortheilhaftes Zeugniss uber die veranderte Denkungsart des Sohnes war angehort worden. Gleich sehr uberzeugte ihn davon ein angenehmes Geschenk, das ihm noch diesen Abend gebracht ward; ein grosser Korb voll des herrlichsten alten Rheinweins, woran, wie die Trager sagten, sich der Herr Doctor erquicken sollte.
XXXIII.
Je wichtiger, durch die Erklarung des Vaters, der Punct von der Heirat geworden war; desto begieriger ward der Sohn, die Meinung desselben uber die Witwe zu wissen, und desto scheuer die Tochter, sie zu erforschen. Gleichwohl wagte sie am folgenden Nachmittage beim Thee einen Versuch, mit dem es aber nicht zum glucklichsten ablief.
Wissen Sie schon, fing sie an, lieber Vater, was sich gestern fur eine wichtige, fur eine denkwurdige Begebenheit zugetragen hat?
Nein, sagte der Alte.
Der edle Liebesritter Wraker hat seine reizende Dulcinea glucklich zum Altare gefuhrt.
Hat er? Der alte, armselige Stumper!
O spotten Sie seiner nur nicht! Er soll sich so glucklich, so uberschwenglich glucklich fuhlen
Je nun er ist dem Himmelreich nahe.
Dem kunftigen, meinen Sie? Ich zweifle, dass er daran noch denkt. Doch was geht mich der alte Wraker an zusammt seiner Liebesgeschichte? Ich sehe nur, wie mich mein guter Vater gelehrt hat, auf die unschuldigen kleinen Waisen, die doch nun wieder einen Beschutzer haben. Ach das liebe kleine Waischen von gestern! Nicht wahr? wenn doch auch das wieder einen Beschutzer hatte!
Die Mutter gab der Tochter einen abmahnenden Wink, und der Vater ward auf einmal sehr ernsthaft. Dafur, sagte er, liessest du wohl am besten den Himmel sorgen. In solche Sachen sich einzumischen Aber was will ich? Ich bin wohl thoricht, sehr thoricht.
Lieber Vater! sagte die Tochter verlegen.
Ich hatte beinah' einer Frau, wie dir, eine Klugheitsregel gegeben. Als ob du deren bedurftest!
Von wem nahm' ich sie lieber an, als von Ihnen?
Nein, nein! Das hiesse ja wohl, dem Tage ein Licht anzunden. Auch bist du fur solche Thorheiten noch viel zu jung. Das Heiratstiften ist nur Sache fur alte, abgelebte Matronen.
Die spitzfindige Miene, die er bei diesen Worten zog, und die unwillige, argerliche der Mutter, machten der Tochter so bange, dass sie auf der Stelle verstummte. Es musste etwas Unangenehmes zwischen den Eltern vorgefallen seyn, das sie durch ihr Gesprach wieder aufgeregt hatte; und das war ihr ausserordentlich traurig.
Um's Himmels willen! fing sie an, sobald der Vater hinaus war: was hab' ich gemacht, liebe Mutter?
Ja, der wunderliche, grillenhafte Alte, dein Vater! Wird man je aus ihm klug? Ich glaube, wenn ich hundert Jahre mit ihm lebte; ich lernt' ihn dennoch nicht aus. Denke dir nur, was ich gestern, der Witwe wegen, fur einen Verdruss mit ihm hatte!
Der Witwe wegen? Das ist das Unangenehmste, was Sie mir sagen konnten!
Er fand sie hier wartend, als er aus deinem Hause zuruckkam.
Nicht moglich!
Sie wollte ihm danken, dass er sie aus ihrer Verlegenheit mit Horn gerissen: aber das verbat er, und horte kaum danach hin; er kam sogleich auf ihren altesten Kleinen, den er bei dir hatte kennen lernen, und sagte von dem Kinde so viel Liebes und Schones, dass er der guten Frau das Herz abgewann, und sie recht munter und zutraulich machte. Er zog sie dann aus einem Gesprach in das andre, und war so zufrieden mit ihr, so zufrieden
O mein Gott, liebe Mutter! Sie machen mich unaussprechlich neugierig. Sagen Sie mir doch nur dies und jenes, was vorfiel!
Gerne. Wenn ich's nur wieder zusammenbringe! Von der Wirthschaft ihres Vaters, glaub' ich, war gleich zuerst die Rede; jaja!
Und sie wusste zu antworten? wusste Bescheid?
Um Alles. Bis ins Kleinste hinein.
Ah! da begreif' ich. Das wird ihm gefallen haben.
Gar sehr. Dann kam er auf den plotzlichen Wechsel, da sie durch ihre Heirat, von der Arbeit weg, mitten in lauter Vergnugen versetzt worden; und meinte: dieser Wechsel sei ihr doch wohl ausserst reizend gewesen? sie hatte wohl fur keinen Preis auf's Land zuruckgehen mogen?
Sieh den Alten! Da legt' er ihr eine Schlinge.
Ob sie so etwas merkte, oder Genug, sie ward ganz niedergeschlagen, und versicherte ihm, dass sie mitten im Wohlleben nie ohne Sehnsucht an das vaterliche Haus zuruckgedacht habe. Der Mensch, sagte sie, sei zur Arbeit geschaffen, und nur Arbeit erhalte ihn glucklich; das Vergnugen, wie sie aus eigner Erfahrung wisse, sei nur Wurze, und wolle nur als Wurze genossen werden: wer es zur Nahrung missbrauche, zerstore seine Gesundheit, und nehme dem Vergnugen selbst allen Reiz. Jetzt, da sie von sich selbst abhange, sei es ihr wieder vergonnt ein thatiges Leben zu fuhren, und eben jetzt, sobald sie nur von druckenden Sorgen frei sei, fuhre sie auch wieder ein gluckliches Leben.
Schon! herrlich! Das war ihm wie aus der Seele gesprochen.
Damit fiel denn das Gesprach auf ihre Handlungsgeschafte, in die sie sich schon so hineingearbeitet hatte, so vollkommen Bescheid darum wusste, dass er ihr recht grosse Lobspruche ertheilte. Aber die lehnte sie alle ab, und gab sie ihrem Lehrer, wie sie ihn nannte, deinem Bruder zuruck, von dem sie nun anfing, mit so herzlicher Dankbarkeit, mit so inniger Ruhrung zu reden, dass auch ich und dein Vater nicht wenig davon geruhrt wurden. Sie konnte am Ende vor Wehmuth nicht weiter, und musste schweigen.
Aber, liebe Mutter! in dem Allen seh' ich noch nicht den mindesten Anlass zu einem Streite.
Der ist auch gar nicht gewesen.
Nicht? Aber Sie ausserten doch
Hore nur erst zu Ende! Als die Witwe hinweg war, ging dein Vater hier noch eine Weile herum, und sprach sehr ruhmlich von ihr; und dann auch von deinem Manne, der sich auf die Menschen sehr gut verstehe, und ihm diese wackere Frau zuerst in dem rechten Lichte gezeigt habe. Ewig Schade, setzte er hinzu, dass sie an einen Menschen, wie diesen Lyk, hat gerathen mussen, der ihrer so wenig werth war, und der sie sammt ihren Kindern an den Bettelstab hatte bringen konnen. Da nutzt' ich denn die Gelegenheit, und fing an: Was meinst du, Vater? das ware so recht fur unsern Sohn eine Frau gewesen. Und da sie jetzt Witwe ist; so dacht' ich immer, wir machten ihm einen Antrag daruber: denn sie ist doch noch jung, und es gabe gewiss eine recht gute Ehe.
Ah liebe Mutter! das, furcht' ich, war zu rasch, war zu deutlich.
Freilich wohl! Aber, du lieber Gott! ich sah das Eisen so herrlich gluhen, dass ich's fur Sunde gehalten hatte, nicht zum Hammer zu greifen und ein wenig zu schmieden.
Ja, wenn nur nicht die Funken umherflogen! Es ist so eine Sache damit. Aber was hatt' er denn gegen die Heirat? Was bracht' er denn vor?
Das! sagte Madam Stark, und fuhr mit der flachen Hand uber den Theetisch.
Wie? Er antwortete nicht?
Kein Sterbenswortchen, Aber da fur sah er mich an du weisst, wie er einen ansehen kann! mit einem paar Augen! Ich dachte Wunder, was jetzt herauskommen wurde; aber nichts! nicht ein Laut! Er zog mir nur ein saures, ausserstsaures Gesicht, und ging mit Kopfschutteln davon.
Das ist doch seltsam, sehr seltsam. Was gab' ich darum, dass er gesprochen hatte!
Abends bei Tisch kam denn so etwas hervor. Da war er wieder in seiner gewohnlichen Laune, und schwatzte von der Thorkeit des Heiratstiftens, wobei des Danks so wenig und des Undanks so viel zu gewinnen stehe, und von alten Mutterchen, denen ihr eigenes Liebesfeuer ausgegangen ware, und die so gern ein fremdes anzundeten, um sich daran zu warmen und an die eignen bessern Tage dabei zuruckzudenken; kurz, so argerliches und spitzfindiges Zeug, dass ich's machte, wie er, und ihm auch ein recht saures Gesicht zog, und auch mit Kopfschutteln davonging.
Immer gut, liebe Mutter! Immer besser, als wenn Sie gesprochen hatten! Aber wenn ich doch nur begriffe !
Und hiemit fingen die Damen an, sich in scharfsinnigen Muthmassungen uber die eigentliche Ursache zu erschopfen, warum dem Alten die vorgeschlagene Heirat mit der Witwe so missfalle denn dass sie ihm missfalle, setzten sie als erwiesen voraus. Waren's etwa die beiden kleinen Kinder der Witwe? Das glaubte die Doctorinn nicht. War's noch ein Rest des alten Vorurtheils gegen sie? Das glaubte Madam Stark nicht. Waren's die zu geringen Vermogensumstande der Frau? Das glaubten die Damen alle beide nicht. Kurz, der Alte war ihnen auch diesmal, wie sonst schon ofter, ein Rathsel.
Als der Doctor hinzukam, wurden diese Muthmassungen um noch eine vermehrt. Er sah von der Witwe und ihren Umstanden ab, und glaubte, dass dem Vater nicht sowohl die Heirat missfalle, als das Vorschlagen derselben, das Anmahnen und das Bereden dazu. Er will gewiss, sagte er, dass der Bruder vollig frei, ohne fremden Einfluss und Antrieb handeln, und eine Wahl ganz nach seinem eigenen Herzen treffen soll. Hatte der Doctor noch hinzugesetzt: dass vielleicht das Kopfschutteln des Alten weniger der Witwe, als dem Sohne, gegolten, und dass seiner geausserten Unzufriedenheit wohl nicht so sehr Missbilligung jener, als Misstrauen gegen diesen, zum Grunde gelegen; so hatt' er vermuthlich, statt der halben, die volle Wahrheit getroffen. Der Alte konnt' es fur moglich halten, dass der Sohn sich zu dieser Heirat bereden liesse, aber zugleich nach seinem Charakter fur wahrscheinlich, dass er in der Folge diesen Schritt bereute, und dann seine Ehe unglucklich wurde.
Auf dem Heimwege wurden Doctor und Doctorinn einig, dass der Bruder nur das vortheilhafte Urtheil des Vaters von der Witwe, nicht den kleinen Vorfall mit der Mutter, erfahren musse. Sein Muth, wie beide sehr richtig urtheilten, war eher zu starken als niederzuschlagen. Ubrigens, da jetzt Alles erschopft war, was zur Vorbereitung eines guten Ausganges nur immer geschehen konnte; so hielten sie es fur nothwendig, dass der Bruder ein Ende machte, und so bald als moglich dem Vater vor Augen trate.
XXXIV.
Gleich am folgenden Tage kam Herr Stark angeblich wieder zur Stadt, und liess gegen Abend durch Monsieur Schlicht den Vater fragen, ob er so glucklich seyn konne ihn ohne Zeugen zu sprechen. Er ward augenblicklich angenommen, und fand das Wort des Doctors bestatigt: dass wenn er jetzt dem Vater vor Augen, trate, er einen ganz andern Blick von ihm sehen, wenn er jetzt mit ihm redete, einen ganz andern Ton von ihm horen wurde. Der Empfang war bei allem Ernste so gutig, und die Frage: welche Wirkung in der nicht mehr angenehmen Jahreszeit die Landluft auf ihn gehabt habe, ward mit so vieler Theilnahme vorgebracht, dass die Angstlichkeit des Sohnes sich um ein Grosses verminderte.
Um sein Herz noch mehr zu erleichtern, trat er sogleich auf den Vater zu, und fing eine Bitte um Verzeihung alles Vorgefallenen an, die aber der Vater grossmuthig genug war ihn nicht vollenden zu lassen. Hast du, fiel er ihm in die Rede, mit deinem Schwager gesprochen? Hat er dir meine Absichten mit dir entdeckt?
Ja, mein Vater.
Und deine Meinung daruber?
Ich habe fur meine Erkenntlichkeit keine Worte. Er ergriff die Hand des Alten, und kusste sie ihm mit eben so viel Ehrerbietung, als Ruhrung.
Hast du auch die Bedingungen erfahren, die ich dir mache?
Ich werde sie heilig erfullen. Nicht bloss als Ihre Befehle, auch als Wunsche meines eigenen Herzens. Thatig zu werden, ist jetzt mein einziger Trieb. Und da mich Ihre Einsicht, Ihr vaterlicher Rath, wie ich hoffe, bei jedem wichtigern Schritte leiten wird; so verspreche ich mir den besten, glucklichsten Erfolg meiner Bemuhungen. Es wird mein eifrigstes Bestreben, mein Stolz, meine hochste Zufriedenheit seyn, Ihnen Freude zu machen.
Die werd' ich haben, wenn es dir wohlgeht. Aber warum erwahnst du einer der Hauptbedingungen nicht, deiner Heirat? Hast du noch keine Wahl getroffen?
Mit der gewohnlichen Schuchternheit, womit Fragen dieser Art pflegen beantwortet zu werden, sagte der Sohn: Ich habe.
Kenn' ich deine Geliebte?
Mit noch grosserer Schuchternheit brachte er die Antwort hervor: Seit Kurzem. Aber ausserst schnell flossen ihm am einmal die Worte, als er anfing die Tugenden seiner Geliebten zu preisen, und auf die Bosheit gewisser Elenden zu schelten, deren tuckischen, giftigen Pfeilen auch die reinste unbefleckteste Tugend nicht entgehe.
Diese Vorrede, sagte der Alte, konnte mir bange machen. Ich bitte um den Namen deiner Geliebten.
Es half dem Sohne nichts, dass er den Namen der Witwe nur mit ganz leiser, gedampfter Stimme aussprach. Er war genothigt, ihn desto lauter zu wiederholen.
Also die! sagte der Alte ernsthaft, indem er mehrere Schritte umherging: die Witwe! Ist das bloss Nachricht, die du mir giebst; oder
Es ist Vortrag meines innigsten, herzlichsten Wunsches, fur den ich um Ihren gutigen Beifall, um Ihre vaterliche Bestatigung bitte.
Unter Euch selbst, hoff' ich, ist doch schon Alles ausgemacht? Ihr seid einig?
Wie freute sich jetzt der Sohn, dem Rathe seines Schwagers gefolgt zu seyn! und dem Vater mit voller Wahrheit betheuren zu konnen: auch nicht das erste Wort von Liebe sei zwischen ihm und der Witwe gewechselt worden; auch nicht einmal vorlaufig, unter vorausgesetzter Zustimmung des Vaters.
Um so besser! sagte der Alte. So braucht nichts erst zuruckzugehen.
Zuruckzugehen, mein Vater? Sollt' es denn das? Musst' es denn das?
Ich sehe den Gang, den diese Liebe genommen, ganz deutlich. Du hast an der Witwe mit einer Rechtschaffenheit, einem Edelmuthe gehandelt, wovon dein Herz dir das Zeugniss giebt, dass sie dir zur Ehre, zur grossten Ehre gereichen. So ist naturlich ihr Anblick dir werth geworden; denn er erinnert dich an die beste That deines Lebens: aber eigentliche herzliche Leidenschaft, eigentliche innige Liebe, die bis in das Alter ausdauren, und dich fur Alles entschadigen konnte, was du ihrentwegen entbehren und aufopfern musstest nein, mein Sohn! die kann ich hier unmoglich voraussetzen; unmoglich!
Warum unmoglich, mein Vater? Und was musst' ich denn ihrentwegen entbehren? Was musst' ich ihr aufopfern? Ich sehe nichts.
Ist dir der Reichthum nichts, den so manche Andre dir zubringen wurde? Die Witwe an sich selbst ist ohne Vermogen.
Wahr! aber
Was von den armseligen Trummern des ehemaligen Lykischen Reichthums auf ihr Theil kommt; ist nach unsern Rechten die Halfte. Wie viele der Fonds, die ich aus der Handlung herauszuziehen vielleicht gezwungen bin, glaubst du damit decken zu konnen?
Ich werde mich einschranken, mein Vater. Ich werde die Handlung so viel als nothig, und mein Hauswesen auf's ausserste einschranken. Ich werde im hochsten Grade sparsam und thatig werden.
Gut! Aber das Alles, wirst du am Ende fragen, und muss jetzt ich fragen: fur wen? Fur eine Frau, die schon jetzt nicht die jungste mehr ist, und von deren Schonheit vielleicht nach wenig Jahren kaum noch einzelne Spuren da sind.
Ist's denn ihre Schonheit, auf die ich sehe? Gott ist mein Zeuge! noch hab' ich sie mit keiner andern verglichen. Was mich geruhrt und mich ihr auf ewig gewonnen hat, sind die Tugenden, die sie in so mancher traurigen, prufenden Lage bewiesen, und von denen ich Monate lang ein naher, glucklicher Zeuge gewesen.
Der Alte ging von neuem umher, und schwieg. Sie hat Kinder, fing er dann wieder an.
Die vermehren meine Liebe zu ihr. Es sind ein paar Engel.
Aber Engel, die Bedurfnisse haben. Lass das Wenige, was aus der Verlassenschaft des Vaters fur sie ubrig bleibt, durch Zufalle schwinden; so haben dich diese Kinder Vater genannt, und du wirst verpflichtet seyn als Vater fur sie zu sorgen.
Das werd' ich gewiss, und werd' es mit Freuden.
Mit Freuden? Was du ihnen zuwendest, werden deine eigenen Kinder verlieren. An fremdes Blut wirst du thorichter Weise wegwerfen, was deinem eigenen zu Gute kommen konnte. Ich bitte dich: wie kannst du einen solchen Gedanken nur fassen? ihm nur einen Augenblick Raum bei dir geben?
Der Sohn kannte den Vater zu gut, um nicht ausserst betroffen zu werden. Sie reden da nicht aus Ihrer eigenen Seele, mein Vater; unmoglich!
Was heisst das? Aus welcher, als aus seiner eigenen, kann man reden?
Sie schaffen Sich eine fremde, enge, ausserst beschrankte Seele, die Sie mir als die meinige leihen. Aus ihr nehmen Sie das, womit Sie mich zu verwirren oder zu uberzeugen glauben. Ich sehe, loh habe Ihre Achtung ganz, und habe sie auf immer verloren. Ich werde meinen eigenen Weg gehen mussen. Ich will es. Mein einziger Wunsch zu Gott ist indem er die Hande mit Kraft in einander faltete dass Sie noch lange, lange leben, und noch mit eigenen Augen sehen, wie sehr Sie Sich in mir irrten, wie sehr Sie mir Unrecht thaten. Er wandte sich von dem Vater ab gegen das Fenster mit einem ganz zerrutteten, von den widrigsten Empfindungen zerrissenen Herzen.
Mehr, als einen solchen Beweis seiner Gesinnung und der ganzlichen Umwandlung seines Charakters, konnte der Vater nicht fordern. Nach einer tiefen, feierlichen Stille, worin er dem Sohne Zeit liess sich wieder zu sammeln, rief er ihn sanft bei seinem Vornamen: Karl!
Durch das Weiche, Zitternde dieses Tones fuhlte sich der Sohn gleichsam unwillkurlich herumgerissen. Wie ward ihm, als er den guten, ehrwurdigen Alten dastehen sah, die Augen mit Thranen gefullt, und die Vaterarme weit gegen ihn offen haltend! Karl!, rief der Alte noch einmal: warum hast da dich mir so lange verborgen? Und nun sturzte der Sohn, von Empfindung uberwaltigt, obgleich noch ungewiss was er zu hoffen habe, auf den Vater zu, ergriff mit beiden Handen eine der seinigen, und bedeckte sie ihm mit Kussen.
Willst du, sagte der Alte, in dieser schonen, uns beiden gewiss unvergesslichen Stunde, mir schworen, mir heilig schworen, dass du nie anders denken willst, als du dich jetzt erklart hast? dass du nie, auch nicht im Innersten deines Herzens, der guten Lyk ihren, Mangel an Vermogen oder ihre Kinder vorwerfen willst? dass du Liebe und Tugend ihr fur mehr als alles Vermogen anrechnen und Ihre Kinder stets so ansehen willst, als ob sie die deinigen waren?
Der Sohn war nicht bloss geruhrt, er war erschuttert. Ich will, ich will! stammelte er, und vermogte kein Wort weiter hervorzubringen.
Ich nehme deine Ruhrung fur Eidschwur. Und nun warf er die eine Hand ihm auf die Schulter, zog ihn an sich, und kusste ihn wiederholt und von Herzen. Wegen der Art, wie ich dich setze, verlass dich auf mich; ich bin kein ungrossmuthiger Vater: und so nimm mein Haus und meine Handlung hin, und obendrein meinen zartlichen Vatersegen zu deiner Liebe! Ein so rascher und so mannichfaltiger Wechsel der Gefuhle war mehr, als das Herz des Sohnes ertrug. Statt dem Vater zu danken, wankte er ruckwarts, um einen Stuhl zu gewinnen, auf den er sich halb athemlos hinwarf. Ein plotzlich hervorbrechender Strom von Thranen erleichterte ihn; wahrend der Alte, der sich neben ihm setzte und ihm selbst seine Thranen trocknen half, ihm unablassig zuredete: Lass doch! lass! Sei ein Mann! Trockne ab, lieber Karl! Wir mussen ja wahrlich zu deiner Mutter, um ihr Theil an unsrer Freude zu geben. Wer weiss, wie lange und wie ungeduldig sie unser schon wartet? Und wenn mich nicht Alles tauscht; so finden wir dort noch, zwei Andre, die unser beider Erscheinung mit Sehnsucht entgegenharren.
XXXV.
Wirklich hatten sich bei der Mutter auch der Doctor und die Doctorinn eingefunden, um von dem Ausgange der Unterredung, von der sie wussten dass sie vorfallen wurde, desto eher unterrichtet zu seyn. Wie gespannt ihre Erwartung war, lasst sich aus dem grossen Antheil, den sie bisher an dem Bruder genommen, und aus der mannichfaltigen Muhe, die sie sich seinetwegen gegeben hatten, ermessen. Sie glaubten uberwiegende Grunde zu haben, den besten Ausgang zu hoffen; und doch liessen sie, eben wegen der Grosse ihres Interesse, sich ein wenig in die Furcht und Angstlichkeit der Mutter hineinziehen, die, weil ihr Interesse das noch grossere, noch lebhaftere war, nichts als traurige Ahnungen hatte.
Desto angenehmer war fur Alle der Uberraschung, als jetzt der Vater in Gesellschaft des Sohnes hereintrat, und ihnen, sogleich durch sein Lacheln seine Zufriedenheit, durch seine feuchten, gerotheten Augen seine Ruhrung verrieth. Er hielt den Sohn an der Hand, der sein Gesicht noch mit dem Tuche verdeckte, und fuhrte ihn der Alten mit den Worten zu: Hier, liebe Mutter! hier bring' ich dir einen guten, einen wurdigen Sohn, der auf dein Alter Bedacht nimmt, und dich von den Wirthschaftsorgen befreien will, die dir schon lange zu lastig fielen. Er will sie einer jungen, wackern Frau ubertragen, die er dich bittet zur Tochter anzunehmen, und deinen Muttersegen uber seine Liebe zu sprechen. Errathen wirst du wohl seine Wahl nimmermehr; und du gewiss auch nicht, indem er sich gegen die Tochter umwandte, und beide zwar anlachelte, aber ihnen zugleich mit dem Finger drohte.
Der Sohn konnte unter den Segenswunschen der Mutter, und den Antheilsbezeugungen der Schwester und des Schwagers seine Augen so bald nicht trocknen. Alle vereinigten sich endlich, dem Vater zu danken und ihm zu liebkosen, der sie der Reihe nach kusste, aber in seine gewohnliche muntre Laune fur diesen Abend nicht wieder hineinkam. Die Empfindungen, die bei der Unterredung mit dem Sohne ihn tief durchdrungen hatten, waren von zu ernsthafter Natur gewesen, als dass er sogleich wieder zu den muthwilligen kleinen Scherzen hatte zuruckkehren konnen, womit er sonst seine Gesprache zu wurzen pflegte.
Er liess es sich nicht nehmen, am folgenden Tage in eigner Person den Freiwerber seines Sohnes zu machen. Ob Madam Lyk von diesem Besuche angenehm oder unangenehm uberrascht war; ob sie eine bejahende oder verneinende Antwort gab? wird wohl niemand erst fragen. Die Ehe ward eine der glucklichsten in der Stadt. Die Familie hing, jedes Glied mit jedem, durch die zartlichste Liebe zusammen. Herr Stark erfreute sich, bis in's hochste Alter hinauf, des Wohlstandes und der vollkommenen Eintracht aller der Seinigen, und genoss das susse, kaum mehr gehoffte Gluck, Enkel an seine Brust zu drucken, die nicht bloss seines Bluts waren, sondern auch seinen Namen trugen.
ENDE.