1801_Bretano_008 Topic 1

Clemens Brentano

Godwi

oder

Das steinerne Bild der Mutter

Ein verwilderter Roman

von Maria

Den schonen Launen

der lieblichen Minna,

dem

guten Geiste Juliens

und

dem stillen heitern Sinne

Henriettens

weihe ich dies Buch ohne Tendenz

Erster Band

Ihr schonsten Launen, du guter Geist, und du heiterer Sinn, ihr seid mein ganzes Publikum, oder wenigstens, was es bedarf, aus mir einst einen leidlichen Dichter zu machen. Neckerei, freundliche Strenge und Duldung konnen mich von allen moralischen und kunstlerischen Fehlern heilen. Enthusiasmus ist in mir, ihr kennt und liebt seine schone Quelle. Ich sagte euch ohnlangst, dass ich euch dies Buch geweiht, die Dedikazion aber vernichtet hatte, weil ich fuhlte, wie sehr wenig mein Buch es verdiene. Aber seit ich einen schonen Abend in einer schonen Umgebung zubrachte, fuhle ich, dass ihr alles horen durft, was ich weiss und wusste, ja dass es mir sehr heilsam ware, wenn ihr alles hortet, denn ich wurde mir dann Muhe geben, alles so gut zu sagen, als ich kann. Du holde Dreieinigkeit stehst also nicht hier, meinem nachlassigen Buche einen schonen Vorredner zu geben, auch steht mein Buch ebenso wenig wie eine uble Nachrede hinter deinem guten und lieben Namen, noch weniger soll mit den wenigen guten Gedanken darin dir eine sparliche Ehre erwiesen werden. Nein, wie drei gute Feen stelle ich euch hierher an die Wiege meiner jungsten Torheiten (denn das Buch ist schon ein Jahr alt), damit ich in eurer Miene das Schicksal meines Buchs in der schonsten Welt ergrunden moge. Am meisten aber verfuhrte mich meine grosse Sehnsucht dazu, eine von euch dreien Du zu nennen, was ich offentlich nur unter dem Verluste meiner ewigen Freiheit erlangen konnte, und hier in meiner poetischen Freiheit mit Recht nach Herzenslust darf. Welche es ist, die kann es sicher fuhlen, doch wird keine je erraten konnen, ob es die andre ist. So wende ich mich denn zu dir, liebliche Minna, und rede deine schonsten Launen, nicht ohne einige Begeisterung, folgendermassen an:

"Ihr Leichtbeflugelten, die ihr ihr schones Bild im ewig neuen Wechsel von tausend gluhenden Farbenschimmern in dem bunten Staub eurer Psychen-Flugel zerstreut, sammelt euch freundlich in ihrem Herzen, wenn sie mein Buch in die Hand nimmt."

Warum ich sie alle gern in dein Herz herein hatte, will ich dir gleich sagen. Es ist, weil ich sie dann formlich drinne belagern mochte, denn ich empfinde, dass sie im freien Felde nicht zu bezwingen sind und mir manche bange Stunde machen. Etwas wurde ich in jedem Falle gewinnen, entweder wurden deine Launen sich ergeben, und du wurdest mich in dein Herz hereinlassen, auf das ich so unendlich begierig bin, oder sie wurden siegreich sterben, und dann brauchte ich nicht mehr herein, denn dein Herz wurde sich deutlich auf deiner Oberflache aussprechen. Du kannst nicht begreifen, wie ich es wage, gar nicht von der Gewalt deiner schonen Augen zu sprechen, die deine Lieblinge, wie du meinst, wohl bald entsetzen wurden. So will ich denn von ihnen sprechen. Deine Augen! auf die verlasse dich nimmer. Du hast keine Macht als deine Launen, deine Augen sind gerade, was den Feind zu dir hinziehen wird. Es liegt fur mich eine dunkle Tiefe darin, wie in den Augen der Ossianschen Madchen, in die man leise hinabgezogen wird. Auch schlagst du sie selbst zu oft nieder, und sind sie zu weiblich schon, als dass sie je streitbar werden sollten.

Du selbst weisst nicht, was du mit diesem Buche anfangen sollst; das ist ja eben die Klage, dass du nicht weisst, was du mit mir anfangen sollst. Du sollst es lesen und auf den zweiten Teil hoffen, der mehr fur dich allein sein wird. Aber wirst du das je konnen, wenn deine Launen nicht eingesperrt sind, die dich zwingen werden, in meinem Buche hin und her zu blattern, bald den Anfang, bald das Ende vorzunehmen, Druck- und Schreibfehler drinne zu zeigen, und es wieder von dir zu werfen, was zwar dies Buch, ich aber nie verdiene.

So nimm sie dann zusammen in dein Herz, die launigten Kinder, nimm ihnen das gefahrliche Spielzeug, deine Waffen, aus den Handen, und lass sie lieber mit sich selbsten als mit deinem Besten spielen. Sei nicht unwillig, dass ich wie ein Padagoge auf die wilde Natur deiner Lieblinge schmale, die in holder Verwirrung uber dir herumirren, und sich in deine einzelnen Reize mutwillig vermummt haben. Sieh, es tut mir nur leid, dass du dir selbst zur Beute wirst; es ist mir oft, als ware dein Schmuck nicht an seiner rechten Stelle, wenn Kinder mit ihm spielen, auch mochte ich dich einmal selbst sehen. Aber du fragst: "Was sollen meine mutwilligen Launen in meinem Herzen anfangen? Sie werden mein ruhiges Herz auslachen." Wenn du mich je hineinlassen wolltest, so ware dem geholfen, ich wurde ihnen Marchen erzahlen, bis sie einschliefen.

Willst du aber das alles nie zugeben, so verzeihe mir wenigstens, wenn ich mich unter deine Launen mische, Blindekuh mit ihnen spiele, und wenn ich gehascht werde, nicht etwa die Binde mit ihnen wechsle; nein, ich will mich betragen, als ware ich Meister geworden, will der Laune etwas Mutwilliges ins Ohr flustern, und wohl auch ein solches Kind in der Eile kussen. "Oder gar wie der Popanz in den italienischen Kindermarchen eine solche Konigstochter aufessen, mein Herr," sagst du. Fliehet nicht, fliehet nicht, ihr Leichtbeflugelten, bin ich denn der Schreckliche, vor dem die Spiele des uppigsten Fruhlings, die Blumen, sterben? Du guter Geist! mein guter Geist hat mich mehr verlassen, da ich dies Buch schrieb, als da ich es dir weihte; nicht als verdiene es, vor dir zu erscheinen, nein, es ist fast lauter Eigennutz. Es war weniges in dem Buche, was ich leiden mochte, aber seitdem dein Name davorsteht, habe ich selbst Freude an ihm, so wie ich manche Freude an mir habe, seitdem ich ofter, doch oft sehr unerkannt, vor dir stehe. Das einzige, was dir bei dieser Dedikazion, du guter Geist, gehort, ist, dass ich dir mit diesem Buche wie mit meiner Bekanntschaft die Freude mache, deine Lieblingsbeschaftigung zu uben, dein Herz auf Unkosten deines Geistes sprechen zu lassen; denn dein Geist hat die Oberhand dein Herz aber die Vorhand.

Ich hatte euch alle drei zugleich angeredet, wenn du guter Geist nicht so allein stehen musstest, denn du bist sehr schon wenn du allein stehst, sonst warst du nie schon. Denn nach meiner Meinung stehst du in der Welt mutterseeligallein, und kannst es, weil, konntest du je aus dir heraustreten und dich selbst betrachten, warst du weniger unteilbar und konsequent, du vor Selbstliebe verschwinden, du so zu dir selbst hingerissen werden wurdest, dass du nach aussen alle Tatigkeit verlieren und verschwinden musstest. Du wurdest nach dir selbst streben, du wurdest sehen, dass du den Umriss und das Kolorit, das Vorzutragende und den Vortrag der Weiblichkeit erschopft hast. Du hast mir oft meine bisarre Ausserung vorgeworfen, denn du warst zu bescheiden, um zu gestehen, dass ich meistens so vor dir stehe, wie ich sage, dass du selbst vor dir stehen wurdest, in dich selbst verloren. Meine Erscheinung ist vor dir zertrummert, unharmonisch und halb von dir aufgehoben, denn ich bin eins von den Wesen, die nur bei einer scharfgezogenen kalten Trennungslinie oder in der schonsten Auswechslung rein tatig erscheinen, und dies ist, Gott sei Dank und leider! hier nicht der Fall.

Sei meinem Buche freundlich, doch lasse an ihm alles aus, was du mir verzeihst, denn dies Buch hat wenige meiner Tugenden, und alle meine Fehler. Da ich es schrieb, kannte ich dich noch nicht. Es hat dir daher so wenig, als ich vieles, zu danken, wovon du guter Geist wohl gar keine Ahndung hast, und was, sagte ich es hier, du nicht verstehen wurdest. So lebe wohl, und denke, dass mein Buch diesen Zeilen, wie ich dir, gegenuberstehe. Was habe ich dir endlich zu sagen, mit dem stillen heitern Sinne, und warum stehst du hier? Ich bedarf das unbefangenste Urteil, und das ist das deinige, denn du bist unbefangen, duldend und gerecht. Wenn ich es recht betrachte, so musstest du eigentlich im Buche selbst stehen, oder in mir, damit das Buch oder ich dir nur einen Augenblick gefallen konne, denn beiden fehlt stiller heitrer Sinn, Duldung, Gerechtigkeit und Frohlichkeit. Glaube nicht, ich wolle den Lesern verraten, wer du bist, damit sie dich anhoren und ansehen konnen, um ihnen zu ersetzen, was mein Buch vermisst, denn wenige werden vermissen, was darin fehlt, und diese wenigen sind die Vorzuglichern, denen du so ahnlich bist, und denen ich hier vor dir als einem Reprasentanten des ruhigen, gesunden Verstandes und der Lesefahigkeit in der Vorrede ein Selbstbekenntnis ablege. Fahre fort, mit mir freundlich zu sein, damit ich lerne, das Tiefste auf die Oberflache zu fuhren, und mich bestrebe, einstens wie die Natur selbst das dem Menschen zum frohen erlaubten Genusse hinzugeben, wovor das Vorurteil, wie man sagt, zuruckbebt. Aber man sagt nur so, der Inhalt der ganzen Welt ist immer der schonste, heiligste, oder freudigste, nur der Vortrag, die Unbeholfenheit des Vortrags, ist verboten.

Vorrede

Dies Buch hat keine Tendenz, ist nicht ganz gehalten, fallt hie und da in eine falsche Sentimentalitat. Ich fuhlte es itzt. Da ich es schrieb, kannte ich alles das noch nicht, ich wollte damals ein Buch machen, und itzt erscheint es nur noch, weil ich mir in ihm die erste Stufe, die freilich sehr niedrig ist, gelegt habe. Ich vollendete es zu Anfang des Jahres 99, hatte mich damals der Kunst noch nicht geweiht, und war unschuldig in ihrem Dienste. Ich werde sie an diesem Buche rachen, oder untergehen. Diese Blatter gebe ich nicht wie ein Opfer hin, nein, sie sollen die Flamme nahren, in der ich ihr einst mein reines Opfer bringen will. Du wirst mir darum wohlwollen, lieber Leser, dass ich mich mit diesem Buche, das nur zu sehr mehr von mir als sich selbst durchdrungen ist, gleichsam selbst vernichte, um schneller zur Macht der Objektivitat zu gelangen, und von meinem Punkte aus zu tun, was ich vermag. Es ist mir schon itzt ein inniger Genuss, alle Mangel, die ich vor zwei Jahren hatte, zu ubersehen; sie alle zu verbessern, dazu musste ich auf der letzten Hohe stehen, die ewig vor uns flieht. Doch will ich schneller, kunstreicher und begeisterter immer vorwarts schreiten, damit der Raum, der mich vom Ziele trennt, stets kleiner wird, und endlich nur dem Seher sichtbar bleibt. 1800. Juni. Maria

Erster Brief

Godwi an Romer

Schloss Eichenwehen

Hu! es ist hier gar nicht heimisch, ein jeder Federstrich hallt wider, wenn der Sturm eine Pause macht. Es ist kuhl, mein Licht flackert auf einem Leuchter, der aus einem in Silber gefassten Hirschhorne besteht. In dem Gemache, in dem ich sitze, herrscht eine eigene altfrankische Natur; es ist, als sei ein Stuck des funfzehnten Jahrhunderts bei Erbauung des Schlosses Eichenwehen eingemauert worden, und die Welt sei draussen einstweilen weitergegangen. Alles, was mich umgiebt, misshandelt mich, und greift so derb zu wie ein Fehde-Handschuh. Die Fenster klirren und rasseln, und der Wind macht ein so sonderbares Geheule durch die Winkel des Hofes, dass ich schon einigemal hinaussah und glaubte, es fuhren ein halb Dutzend Rustwagen im Galopp das Burgtor herein.

Diesem aussern Sturme hast du meinen Brief zu danken, er sturzt sich zwischen mir und meiner Umgebung wie ein brausender Waldstrom hin, und alle Betrachtungen liegen am jenseitigen Ufer. So muss ich dann meine Zuflucht in mich zuruck, in mein Herz schiedsstunde gegen mir uber in unserm Garten sitzest und mir gute Lehren giebst.

Es ist oft so, wie in diesem Augenblicke, und ich glaube, dass der Sturm in der Natur und dem Glucke, ja dass alles Harte und Rauhe da ist, um unsern unsteten Sinn, der ewig nach der Fremde strebt, zur Ruckkehr in die Heimat zu bewegen. Wenn draussen der wilde Sturm in vollen Wogen braust, dann habe ich nie meinen so oft beklagten Drang nach Reisen empfunden. Mein Ideal kennst du es noch? verschwindet in der Nacht. Ich wunsche nicht, zwischen hohen schwarzbewachsnen Bergwanden, ein liebliches leichtsinniges Weib an meiner Seite, auf weisser mondbeglanzter Bahn, im leichten Wagen hinzurollen; dass mir die schonste Heimat in dem Arme ruht, die mich nie mit tragen Fesseln bindet, wo, Ring an Ring gereiht, hochstens ein bewegliches Einerlei entsteht; dass vor mir laut das muntre Horn des Schwagers die lockenden Tone nach der Fremde glanzend durch die Busche ruft, und Echo von allen Felsen niederspringt, und alles frei und froh die verbotenen Worte durch die Nacht ruft:

So weit als die Welt,

So machtig der Sinn,

So viel Fremde er umfangen halt,

So viel Heimat ist ihm Gewinn.

Nein, alles dieses nicht; ich empfinde dann fast die Zulanglichkeit von guten Familiengemalden, wo es ohne Zugluft hergeht, und keiner in die Hitze trinkt, und jeder Husten oder Schnupfen von gutem Adel ist und viele Ahnen zahlt.

Wenn die Katzen vor den Turen Minnelieder singen, und ein Kauzchen vor dem Fenster das Sterbelied von ehrlichen Burgern singt, die ohne die Anlage des Schwans, das letzte Leben in Melodien auszuhauchen, doch ohne Singen nicht sterben mogen, dann drangt sich wohl das Weib zu dem Manne furchtsam hin, es wird die Furcht zur Liebe, in der sich alles lost, und alles bindet sich in dieser schonen Minute; die Sinne, die in Traumen wie in fremden Feenlandern schwebten, sie kehren in sich selbst in die eigentlichste Heimat zuruck, und in dem Traum, der das hochste Wachen unter sich sieht, ersteht nun hier das Denkmal jener schonen Mythe, wo Gott sich mit dem ersten Menschen im Schlafe dicht verband, und sich seinem Herzen das Schone, die Poesie, das Weib entwand. Wie hier Furcht zwischen der Ehe und ihrer Pflicht stand, so steht sie hier zwischen der Freundschaft und diesem Briefe.

Das Blatt Postpapier vor mir und ich, wir sind wohl die leichtesten Wesen in dem ganzen Umkreise, den ich uberschielen kann, denn um mich sehen konnte ich um alles in der Welt nicht; von allen Seiten bin ich eingeschlossen, die Ahnherren schliessen ein Bataillon carre um mich. Vor mir vereinigt sich die Linie mit Anfang und Ende. Rechts hangt der bartige Herr Kunz von Eichenwehen, vom Kopfe bis zum Fusse in Eisen gehullt, er hat im eisernen Zeitalter dieses Schloss erbaut, zur Linken kommt Frau von Eichenwehen mit blosser Brustman schoss in ihrem Zeitalter nicht mehr mit eisernen Pfeilen; dann kommt ein Hirschkopf, der in die Wand eingemauert ist, und ach! wer kommt nun? das liebe schone Madchen, das mich hier verliess, sie hat eine Rose in der Hand, neben mir auf meinem Tische liegt auch eine wenn ich der Maler gewesen ware, so hatte ich der Mutter eine Spindel in die Hand gegeben, und der Tochter ein Buch, um anzuzeigen, wie Flachs Leinewand, Leinewand Lumpen, und Lumpen Bucher werden.

Sie hat ein weisses Kleid an das war der letzte freundliche Lichtstrahl, den ich heute erblickte. Mein Blick stand auf der raucherigen Wand, als sie verschwunden war, und das Achzen der ungeheuren Ture verschlang ihre freundliche gute Nacht und meinen Seufzer. Die Rose vor mir sieht mich so freundlich an, o du verfluchtes Tischbein! Der Tisch hat Beine, die sich mit meinen leichten Fussen gar nicht vertragen. Sonderbar, kaum spreche ich dieses Wort mit Schmerz und Unwillen aus, so bin ich auch schon wieder mit ihm versohnt. Unter dem Gemalde des freundlichen Madchens steht: Tischbein pinxit. Doch was soll das!

Ich bin in der Burg irgend eines Landedelmannes, das merkst du wohl, und fuhle nur zu sehr, wie viel langweiliger es hier ohne ein gewisses Etwas ware als bei den himmlischen Einfallen in den geschmackvollen Gemachern der einzigen Molly in B.: aber das gewisse Etwas wird in der unangenehmen Atmosphare, wie die Rose vor mir in diesem ungeheuren Saale, wie ein einziger kleiner Stern in der dunkelsten Gewitternacht, so reizend, so freundlich, dass ich es lieber anschaue als die Sonne im Glanze des Mittags. Die Rose, der Stern trostet mich, indes die Sonne mich nur blendete. Pfui! keine Ungerechtigkeit, sie erwarmte mich.

Dir zulieb, kalter Freund, steig ich wieder von den Stelzen herab, auf denen ich das gewisse Etwas anredete, das du am Ende dieses langen langweiligen Briefes kennen lernen sollst. Geduld!

Dein letzter Brief machte mir Vorwurfe, dass ein Weib wie Molly (du kennst sie aber gar nicht) meinen Aufenthalt in B. vierzehn Tage verlangern konnte, machte mir Vorwurfe, dass ich ein Weib bis zu den Sternen erhobe, die frei und ohne Fesseln des Geistes, oder irgend eines Verhaltnisses mit andern, die verlassene Bahn der Menschlichkeit wieder betritt; die allein da steht, wo alle stehen sollten, und wo auch ich bei ihr gestanden habe. Sich selbst genug, und den meisten zuviel, lebt sie glucklich und wahr, obschon ihre Geschlechtsgenossen sie einseitig beurteilen, weil ihrem kurzsichtigen Blicke die Ubersicht einer so grossen, so ganzen, so harmonischen Oberflache zu unermesslich ist. Du sprachst als ein Freund mit mir, du wolltest retten, aus Gefahren retten, die es nur dem Schwachen werden konnen. Du glaubtest, ich hatte mich in die Arme der zugelloseren Liebe gesturzt o dann hatte ich bei Molly nicht um alles bitten mussen, die nur giebt, wo sie liebt, und nur liebt, wo ihre Liebe im vollen Verstande Belohnung ist. Molly befriedigt nie Leidenschaften, wo ihre Befriedigung Menschen schaden kann. "Godwi!" sagte sie an einem Abende, an dem ich, durch ihre Freundlichkeit, durch die trauliche Anschmiegung ihrer Ideen an die meinigen und meiner Sinnlichkeit an die ihrige kuhner, sehr verwegne Hoffnungen wagte: "Sie sind hier um meinetwillen, Sie sind hier ohne Zweck, erwarten Sie mehr? Ich kann Ihnen nicht mehr geben, als ich Ihnen gab, ich gab Ihnen mein Herz nur dem, der es fassen kann, der es ganz kennt, bin ich alles, bin ich ein Weib; Sie sind weit, sehr weit davon entfernt." Hier ward sie ruhig, und reichte mir ihre Hand, die in der meinigen bebte, in ihrem Auge gluhte eine reine Flamme, die in der Trane, ach! in der Trane des Abschieds erlosch. "Sie reisen morgen, ich befehl es Ihnen", sprach sie ernst, und stand vor mir wie mein Herr. "Ich bitte Sie um meinet- und Ihrentwillen, folgen Sie meinen Befehlen", fuhr sie mit einer unwiderstehlichen Anmut fort; sie hatte sich, wie die Liebe, sanft uber mich herabgebogen, und nun konnte ich ohne Kuhnheit die Trane des Abschieds von ihrer Wange kussen seltsam susser Widerspruch von Gefuhlen, ihr Befehl macht mich zum Sklaven, ich muss gehen, ihre Bitte umarmt mich, halt mich fest an sie gefesselt, und indem sie mich zum Gehen bittet, wird es so suss, ihren Willen zu tun, und ich mochte doch nicht gehen.

Der Kuss des Abschieds, er war so inhaltreich, es lag das Bleiben so deutlich darin, er hatte ja die Scheidetrane weggekusst, denn was ist Scheiden anders als eine Trane, und Wiedersehen anders als ein Kuss. Ach hatte ein Kuss kein Ende, Molly hatte mich gerne behalten, und vertrocknete eine Trane nicht, so konnte ich sie nicht vergessen. Es lag viel Wahrheit in dem Kusse, und da er offenbar ganz anderer Meinung als Molly war, so musste wohl ein anderer Umstand sie zwingen, vielleicht gar die Furcht, bald durch die sinnliche Wahrheit der Kusse im Rausche der Leidenschaft die geistreiche Heuchelei ihrer Enthaltsamkeit im Rausche der Eitelkeit enthullt zu sehen. Suss waren ihre Lippen, es schwamm ein stilles liebendes Hingeben auf ihnen, und im Gefuhle des Ubergehens eines andern Wesens und seines Genusses in mich und den meinigen lag der entzuckende Traum einer Ewigkeit der Wollust des Kusses. Doch auf dem Gipfel des Rausches entsinkt uns der Becher, kalt stromt die Wirklichkeit zwischen unserer gluhenden Lippe und seinem Freuden-Rande durch, reisst den letzten Tropfen los, und wir erwachen. So loste sich die Raserei des ersten und letzten Kusses. Stumm stand Molly, um sie her die Trummer ihres stolzen Befehls, Scham farbte ihre Wange, Blasse folgte. Der Kuss hatte die Scheidetrane und nicht die Scheidestunde weggenommen. Sie richtete sich auf, und so wie etwa Ludwig der Achtzehnte aussieht, wenn er in Reval uber Frankreich regiert, erschien sie mir in ihrer Armut, in diesem kleinen Schiffbruche ihres Plans, der mir nicht entging bei folgenden Worten: "Godwi! Sie gehen morgen, ich bin dem Junglinge gut, aber ihm darf nie werden, was Belohnung des handelnden Mannes ist, gekronte Liebe. Es ist Verdienst, im Arme des Weibes ruhen zu durfen; es ist Elend, vom Arme des Weibes ruhen zu mussen. Mussen Sie nie um zu durfen."

Ach wie klangen diese Sentenzen so kalt und gezwungen nach einem Kusse, der ihr Verrater war. Mir war dabei zu Mute wie dem Gaste eines geizigen Wirts, der seinen Gast berauscht glaubt, und die spatere Weinflasche, die also nach ihrer Herkunft aus dem Keller die jungere ist, auch immer die jungere nach ihrer Herkunft aus dem Weinberge, das heisst, ein bisschen saurer sein lasst; er denkt, der Rausch der alteren mag die jungere betten; sehr weislich der Chirurg betaubt uns erst die Ohrlappchen, ehe er uns die Ohrlocher sticht; wer gern Ohrringe tragt, wer gern zu Gaste geht, und wer gern kusst, muss sich das alles gefallen lassen.

Ich teile gern mit dir, sehr gern, aber nur meine Freuden. Lass mich deswegen von der Nacht schweigen, die ich gepeinigt durchwachte. Du kennst mein Talent, alles von allen Seiten anzusehen, die lachenden und weinenden Seiten jedes Gefuhls und jeder Geschichte hervorzuziehen, so dass ich nie ganz glucklich und nie ganz unglucklich werden kann. Auch diese Nacht zerriss mich ein steter Gefuhlswechsel. Den freundlichen Traum, der meinen Morgenschlummer umgaukelte, kann ich nicht beschreiben; wer kann das susse Licht der ersten Sonnenstrahlen nach dem Gewitter, wer den lachelnden Frieden und die holde Versohnung malen? Ich selbst fuhle nur noch unbestimmt und verwischt die rosigten Fusstapfen dieses Traums in meiner Erinnerung.

Ich sass auf meinem Pferde, die Regentropfen schlugen mir um die Nase, und der wache Donner weckte mich aus dem Seelenschlummer, in den ich versunken war. Wir konnen uns durch innen von aussen verhullen; eine vollfuhlende Seele bedeckt den Korper mit Gefuhllosigkeit. Ich kenne kalte Gesichter, ruhige Oberflachen, unter denen ein warmes Herz pocht. Stille Wasser grunden tief. Wohl dem, der kalt von aussen ist, weil alle seine Flammen im Innern brennen; er ist Feuer unter der Asche, und wird keinen entzunden, sicher ruht er auf dem hauslichen Herde des Lebens. Weh dem, dessen Oberflache kalt ist, weil Jammer und Elend eine Eisrinde um ihn gezogen haben. Scheint die Sonne, so wird leicht die Eisbahn zum Grab, und wird der Winter kalter, so stirbt das Leben auf dem Grunde des Stroms.

Mein Tiefsinn hatte mich dichter umhullt als mein Mantel. Dieser hing uber meine Schulter und ich ward uber und uber nass. "Was weckst du mich nicht, Conrad!" rief ich meinem Purschen zu; "da es so sturmt, und da es dir doch selbst lieb sein muss, bald in eine Herberge zu kommen."

"Nun, Herr Junker, unsereiner tut selten, was ihm selbst lieb ist, ich habe nun einmal meinen Willen vermietet, und der Unterschied zwischen Herrn und Diener besteht darin, dass der eine seinen Willen aus Armut versetzt, und der andere ihm auf dieses Pfand geliehen hat; daruber dachte ich nun so nach und lobte Gott den Herrn, dass Sie nicht immer so grosse Intressen von dem Pfande nehmen als jetzt."

"Und deswegen wecktest du mich nicht?"

"Nichts vor ungut, Junker, ich dachte, wen dies liebe Wetter nicht wecken kann, der schlaft nicht zum Wecken; wer von der schonsten Frau von der Welt wegreitet, der reitet nicht schnell; wer dabei einen Kuss von einer so charmanten Dame auf den Weg hat, ach! der ist so beladen, dass sein Pferd den Schritt kaum aushalt."

"Von einem Kusse weiss ich nichts."

"Wenn Sie was davon wussten, so hatten Sie ihn nicht gekriegt, so wusste ich nichts davon, und hatte auch nichts gekriegt."

"Conrad, sprich deutlich, oder ich werde Intressen von meinem Pfande nehmen."

"Sie drohen ein Geheimnis heraus, das Sie heraus locken sollten. So will ich denn sprechen, um auch einmal grossmutig gewesen zu sein. Ich war heute nacht immer um Sie her und packte ein, und konnte nicht recht begreifen, wie Sie nun so auf einmal fortwollten. Sie walzten sich im Bette und konnten nicht schlafen, und ich dachte, wohl eben deswegen, weil Sie reisen mussten. Heute morgen uberfiel Sie endlich der Schlummer, und Sie waren so freundlich dabei, dass ich mich mitfreute uber den verliebten Traum, den Sie wohl haben mochten."

"Du vergisst die Intressen; keine Bemerkung. Ja, ich traumte."

"Nu, Herr, ich traumte fast dasselbe, nur mit halb offnen Augen. Die Ture geht leise auf, und, nun kommts, es kommt Milady auf den Fussspitzen hereingetrippelt, in der Hand hatte sie einen Brief, den steckte sie in Ihre Brieftasche, die auf dem Nachttische lag, und, ach! nun"

"Du kannst dir denken, lieber Romer, mit welcher Eile ich den Brief aus der Tasche zog. Welche sonderbare Adresse! "Ich beschwore meinen lieben Godwi, diesen Brief nicht eher zu offnen, als bis ichs ihm selbst erlaube." Schwer, sehr schwer ward meinem Gehorsam der Sieg. Nur ihrem Befehle kann man bei dem Reize, den sie selbst gegeben, gehorchen. Nun weiter!

"Nun schlief ich fest, bis alles vorbei war, dann wacht ich auf, weil ich eben nicht dumm bin; und weil die Zeit zu kurz war, als dass die reifen Apfel hatten von selbst fallen sollen, so fing ich an zu schutteln."

"Lass dich weg aus der Geschichte, oder die Geduld geht mir aus. Was tat sie, der Engel?"

"Nun ich habe keinen gesehen, und wollte bei Gott mit Milady zufrieden sein, und alle Engel entbehren, denn sie machte mir sehr warm, als sie Sie so umarmte und kusste. Herr, wenn Sie gewacht hatten, hatten Sie ihn, den Kuss, so nicht gekriegt, das Gluck kam Ihnen im Schlafe. Hier tat ich, was ich vorhin das Schutteln nannte, das heisst, ich dachte, nun ist es Zeit zu wachen und ein Lebenszeichen von sich zu geben. Ich gahnte und Milady seufzte, beide sehr laut; ich streckte mich und Milady beugte sich uber Sie hin; ich wischte mir den Schlaf und Milady sich eine Trane aus den Augen. Ei, schon auf, gnadge Frau? Gott! schweig Er, Conrad! sie druckte mir ein Goldstuck in die Hande; schweig Er wenigstens bis Sein Herr weg ist. Die Apfel waren gefallen, und nun schlupfte sie wie ein Luftchen davon."

"Nie mehr ein Wort hiervon. Das Geld wirst du dem Weibe wohl wiedergeben mussen, und wenn du noch einmal schuttelst, so sollen dir Stockschlage fallen."

Ich gab meinem Pferde die Sporen, und so schnell bin ich lange nicht geritten, ausser mir flogen die Gegenstande wie Augenblicke vorbei, in mir drehten sich langsam die Begriffe, Coquetterie, Betrug, Liebe, geheimnisvoller Brief. Ach gluckliche Stunde, wenn ich ihn erbrechen darf, wann wirst du erscheinen? war der einzige Zusammenhang, dessen ich mich erinnere, und ich jagte, als konnte ich die Stunde im Raume ereilen. Ganz verschiedene Dinge treten sich in den Weg ein Fluss, der durch den Regen so angeschwollen war, dass wir nicht durchreiten konnten, hob meine ganze Liebesqual einstweilen auf; ich ritt also links einen andern Weg, und meine Sorge schien mir wie die Strasse durch den Fluss zerschnitten, und blieb rechts liegen. Reite ich nicht in die Welt, lebe ich nicht in der Welt? Soll ich etwa am Flusse harren, bis die letzte Welle vorubereilt, und soll ich etwa auf die Stunde passen, bis sie der Strom der Zeit voruberwalzt? Uber unerklarbare Dinge will ich mich nicht qualen. Ich und mein Leichtsinn wurden stark genug, die ganze Geschichte einem Ausschusse, wie die Herren zu Paris, zu ubergeben. Der Ausschuss bist du. Lieber Freund, sage deine Meinung.

Der Fluss zwang uns nach einem Dorfe, das an einem Berg lag, zu reiten. Uber dem Dorfe lag ein altes gotisches Schloss, das bewohnt zu sein schien, und ich traumte gar nicht mehr, weil mich die Hoffnung, bald unter ein Dach zu kommen, von aller Empfindsamkeit heilte.

Wir waren kaum einige Minuten weiter geritten, als wir einen Trupp Jager aus dem Walde, der an der Seite der Landstrasse lag, hervorspringen sahen, die ebenso sehr als wir eilten. Die Hauptperson war ein etwas bejahrter Mann, er hatte einen grunen Tressenrock, ahnlichen Jagdhut und Haarbeutel an. Er ritt immer mit einer gewissen Grandezza in kurzem Galopp an der Spitze, und wenn einer mit ihm sprechen wollte, musste er auf die Seite reiten, nach welcher der gnadge Herr seinen Kopf drehte. Hinter ihm ritt noch ein Grunrock, der dem alten im verjungten Massstabe alles nachmachte, er schien mir der Herr Sohn zu sein, ein derber gesunder Landjunker mit ungeheuren Stiefeln, einem preussischen Zopfe und Tressenhut; den Zug beschlossen mehrere reitende Jager und eine Kuppel Hunde. Die Herren ritten schnell, und wir ritten schnell, und waren kurz hinter einander, als aus der Tasche der Hauptperson eine Brieftasche fiel. Ich rief, allein das Geplatscher des haufig herabfallenden Regens und das Gerausch der Reitenden machten es ihm unhorbar. Mein Pursche hob die Brieftasche auf, und da wir mit unsern muden Pferden den Besitzer nicht mehr einholen konnten, und uns eine Schenke am Wege ein Obdach anbot, so warteten wir den Sturm ab. Der Wirt sagte mir, dass der Jager der Besitzer des nahe liegenden Schlosses und Dorfes sei. Ich eilte nun, die Brieftasche zu uberbringen und zugleich um Herberge fur eine Nacht zu bitten.

Es war Abend, der Himmel hatte sich erheitert, und die Natur um uns her atmete mit vollen Zugen die Ruhe, die alles Leben nach einem heftigen Sturme so leise und so liebend umweht. Auch dein Freund war ruhig, dachte an dich, wie dir diese Stunde auch Ruhe giebt, nach deinen vielen Arbeiten des Tages, und war in der Erinnerung froh bei dir.

Unsere muden Rosse arbeiteten sich mit Muhe den steilen Burgweg hinan; ein offnes Tor empfing uns, ein halb Dutzend hungrige Hofhunde bleckten uns die Zahne, und der Herr Kastellan, Kammerdiener, Minister der auswartigen Geschafte und Torschliesser brachte diese Storer meiner Gefuhle von der Ruhe in der grossen Natur zur Ruhe, indem er sein Phlegma und seine tonernen Pfeifen ihnen zuwarf. Nachdem er ein bisschen geflucht hatte, und mit den Fussen auf der Erde herumgestampft, kam er auf einmal in die dritte Position, und sprach: "Herr Jost Freiherr von Eichenwehen, und Herr Jost, Stammherr von Eichenwehen, zu welchen Sie vermutlich hinzugelassen zu werden wunschten, sind soeben wieder weggeritten, weil seine Exzellenz, der Herr Freiherr, seine Brieftasche verloren, die das ganze Gluck der Hochadelichen Familie, seiner Exzellenz Stammbaum, enthalt, seine Exzellenz" "Die Brieftasche habe ich gefunden, schicken Sie Herrn von Eichenwehen nach, bringen Sie die Pferde in den Stall, und zeigen Sie mir eine Stube, in der ich mich ein bisschen umkleiden kann." Das Umkleiden musste der Herr Kastellan nicht fur notig halten. Er fuhrte mich etliche Wendeltreppen hinauf unmutig und trage tappte ich seinen schwerfalligen Fusstritten nach ach! so dreht sich die Wendeltreppe meiner Laune aus dem traulichen wollustdustern Boudoir meines Herzens hinauf zu dem wusten toten Leben in meinem Kopfe, dachte ich, und kaum hatte ich es gedacht, so entstand eine sonderbare Generation in mir. Ich sah mich im Durchschnitt wie den Riss eines Gebaudes, in meinem Kopfe war ein grosser Redoutensaal, aber alles war vorbei, den letzten Ton des Kehraus sah ich dicht bei der Orchesterbuhne meiner Ohren mit sterbendem verschossenen Gewande gahnend zur Ture hinausschleichen. Eine Menge meiner jugendlichen Plane standen verstort und missmutig da, der Tanz war vorbei, sie hatten die Masken in den Handen, weinten aus den truben erhitzten Augen Abspannungstranen, und guckten sich an, und gebardeten sich wie Phobe, Diane und Proserpina in Wielands Gottergesprachen, sie konnten nicht glauben, dass sie alle dieselben seien. Unten in meinem Herzen, da war das dustere Kabinett, Molly stand da wie eine Zauberin, sie kam von dem Maskenballe herab, meine Zufriedenheit sass bei ihr, sie suchten ihre krausen Gewander auseinander zu wickeln, die sich auf der Wendeltreppe verwickelt hatten, und zeigten beide ziemlich unziemliche Blossen. Gut, dass vor die Fenster Gardinen, aus rosenroten Traumen gewebt, gezogen waren, und der Luxus der Sinnlichkeit in dicken wohlriechenden Rauchwolken den kleinen Raum mit Nebel erfullt hatte, man konnte sich nicht recht erkennen. Ja rauchert nur, dachte ich, Goethe sagt doch, der Herr vom Hause weiss wohl, wo es stinkt. Nun ward es ganz dunkel, das letzte Lichtstumpfchen auf dem Kronleuchter im Ballsaale war erloschen, es schimmerte kein Funkchen mehr die Treppe herunter. "Nun, nun, Herr Baron, wo bleiben Sie denn?" donnerte mich eine Stimme von oben herunter an, ich war aus der Wendeltreppe des Schlosses auf die meiner Laune geraten, und hatte vergessen, auf der ersten weiterzugehen, nun schlich ich vorwarts. Die breite schone Treppe in Mollys Landhaus, wo fuhrte die mich hin, ach! in das Amphitheater ihrer Arme, das schone Schauspiel ihres Geistes in ihren Augen zu sehen, und diese verdammte Wendeltreppe, wo fuhrt sie mich wohl hin? "Ich brauche Sie nicht zu melden," sagte der Kastellan, als wir an eine kleine gotische Ture kamen, "das Fraulein halt nicht viel davon." Das Wort Fraulein lasse ich mir nicht zweimal sagen. Schnell trostete ich mich, dass ein Fraulein, welches dem Unangemeldeten verzeiht, wohl auch dem im Reisehabit durch die Finger sieht. Ich klopfe. "Herein!" Ein niedliches Madchen von achtzehn Jahren hupft mir entgegen, sie entschuldigt die Abwesenheit ihres Vaters, ich meinen Anzug. Sie setzt sich in den Erker, ich mich ihr gegenuber, auf kleine steinerne Banke, die in der Mauer angebracht waren.

Sie: Wollen Sie Licht, es ist schon Abend.

Ich: Es ist nicht Abend in uns, wenn es Abend ausser uns ist.

Sie: Was meinen Sie damit doch Ihr Name?

Ich: Godwi.

Sie: Godwi? Dies ist ein schoner Name, ach! das ist ein schonerer Name als Eichenwehen, ich mochte wohl auch so heissen. Doch ich will Licht holen.

Ich: Nein, Fraulein, lassen Sie es, es ware eine Sunde gegen die Natur und die Stunde, die ich bei dem Untergang der Sonne mit Ihnen durchleben kann.

Sie: Nun, so lassen Sie uns denn so sitzen bleiben.

Ich: Und uns unserer Freunde erinnern, die vielleicht jetzt ebenso glucklich sind als ich und Sie Sie verzeihen, ich meine nur durch diese schone Naturszene. Sie haben doch auch Freunde?

Sie: O ja, aber doch nicht viele Otilien, Sophien, und nein, das sind sie alle. Es ist mir recht lieb, dass Sie kein Licht wollen, denn Sie hatten mir sonst meine Lieblingsstunde verdorben. Sehn Sie, so sitze ich alle Abende hier, und sehe wie ein Nonnchen in der Klause nach der untergehenden Sonne, manchmal werde ich ganz traurig; da druben, wo Sie sitzen, da sass sonst meine gute Mutter, die war so freundlich, und wir spannen dann immer in die Wette; jetzt bin ich immer allein, und wenn die Langeweile, ach! die Langeweile der Vater ist gut, aber er ist immer auf der Jagd, und Jost, mein Bruder nu, der ist gar nicht freundlich. Doch Sie werden bald sehen, dass hier nur ein Jager froh sein kann Doch was plaudere ich verzeihen Sie, Ihre Ankunft hat mich so uberrascht, dass ich ganz verwirrt spreche.

Ich: Nein, gnadiges Fraulein, Sie sprechen nicht verwirrt. Sie sprechen eine schone seltene Sprache, die Sprache der Wahrheit, der Unschuld und der Natur. Ich habe lange keinen Menschen, am wenigsten ein Weib, so sprechen horen, und zwar in einer Minute, wo fast alles heuchelt, in der Minute des ersten Zusammentreffens.

Sie: Es ist sonderbar in einer andern Stunde wurde ich nicht so gesprochen haben aber hier darf ich nicht mit Fremden sitzen, und nicht in dieser Stunde, dass ich nicht so sprechen sollte, denn hier habe ich immer alles gesagt, was ich fuhlte, hier horte mir immer die Mutter zu. Wir waren aufgestanden, ich hatte ihre Hand gefasst, Joduno weinte ihrer Mutter eine stille Trane, sie sah in die letzten Strahlen der sinkenden Sonne, wie wir dem fliegenden Gewande eines scheidenden Freundes, der nun unserm Nachsehen verschwindet, mit nassem Blicke folgen, und druckte mir dennoch die Hand, wie einem Freunde beim Wiedersehn. Mein Herz, Romer, war verloren. Die Sonne ging unter, und Herr von Eichenwehen, Vater und Sohn, kamen herauf. Joduno machte geschwind Licht, wir setzten uns in eine ehrerbietige Entfernung, indes unsere Blicke und unsere Herzen ganz dicht beisammen steckten, so dicht, dass sie seufzten. Alles dieses geschah ohne die mindeste Verabredung, wir verstanden uns, und obschon es dich wundern mag, so wunderte es mich doch nicht. Unser Zusammentreffen war ein Wiederfinden. Die Sonne war unter, und als der Vater mich bewillkommte, und der Sohn mit offnem Munde vor mir stand, waren wir schon so vertraut, dass ich mit ihr lachte, schakerte oder seufzte, wenn der Vater den Rucken wandte. Man dankte mir beim Abendessen fur meinen Fund, und bat mich mit vielen Worten, einige Tage zu bleiben; ich entschuldigte mich mit vielen Worten, dass ich morgen wieder reisen musste. Joduno sah mich an, und ich sprach: "Recht gerne will ich bleiben, wenn ich Ihnen nicht beschwerlich falle." Von dem Tischgesprache weiss ich nichts mehr, als dass ich mehr von meinen Ahnen erzahlte, als wahr ist, dass mir der Herr Sohn nochmals fur meinen Fund danken sollte, aber schon schlief, und dass sich meine Schuhspitzen mit den Fussspitzen Jodunos unterhielten.

Joduno war etwas fruher vom Tische aufgestanden als ich, sie kam wieder. "Leuchte den Herrn Baron in seine Stube, Joduno" Sonderbare Sitte Unbefangen und ohne ein Wort zu sagen, geht sie vor mir her, eine grosse ungeheure Ture eroffnet sich, das Licht steht auf dem Tische, eine susse freundliche Stimme sagt: "Gute Nacht!" das ubrige weisst du. Ich hatte bei Tische gesagt, dass ich noch schreiben wollte, Joduno hatte einstweilen alles dazu auf den Tisch gelegt, selbst den Stuhl hingeruckt. Neben das Papier hatte sie die schone Rose hingelegt hat sie den Tisch wohl auch vor ihr Bild hingeruckt?

Ach die Wendeltreppe fuhrte mich doch auch zu einer schonen Aussicht. Molly, deine Worte "Gekronte Liebe gehort nur dem Manne" haben einen sonderbaren Doppelsinn fur mich erhalten, seit ich den Hirschkopf gegen mir uber habe das Bild der lieben Joduno sieht mich so freundlich an, dass ich jetzt fast schon vor der Dunkelheit erschrecke, wenn ich das Licht ausloschen werde. Gute Nacht, ich steige ins ungeheure Riesenbette, in dem vielleicht alle Herrn von Eichenwehen, und wohl auch die liebe Joduno, geboren sind, um heute abend zu sterben, und morgen fruh wieder neu geboren zu sein.

Dein Godwi

Romer an Godwi

Wo die Herren im Nationalkonvent zu Paris zuviel Arbeit sehen, bei Arbeiten, deren Erfolg kritisch ist, bei denen sie sich in ihren oder in des Publikums Augen durch den Erfolg beschamt finden konnten, muss ein Ausschuss dran. Bei der Verwirrung, bei der Abenteuerlichkeit seiner Streiche stosst mein lieber Karl auf einen Punkt, der ihm nicht so ganz hell in die Augen leuchtet, und er ernennt mich zum untersuchenden Ausschuss. O lieber Karl, wann wirst du die gerade Menschenstrasse wahlen und nicht mehr aus dem Hundertsten ins Tausendste denken, handeln und plaudern; ich kann mir ihn ganz denken, den incroyablen Karl, vis-a-vis, oder in den Armen denn ich weiss, du bist kein Freund von Entfernung einer andern Merveilleuse. Es ist ein Ungluck, dass du auch immer in die Hande der Extreme fallen musst. Wo wohnt das gute burgerliche Madchen, das tugendhaft und hauslich dir einst den verwirrten Kopf aufraumen und deine Hande zu nutzlicher und zweckmassiger Arbeit geschickt machen wird? War es nicht der Aufgang der namlichen Sonne, der dir das Bild weniger Tage vorher neben der ratselhaften Molly so rosenfarben malte, nicht der Untergang der namlichen Sonne, die mit den letzten Strahlen gleich darauf dein wachsernes Herz in eine andere Form goss? Du nanntest Molly ein gottliches Weib, das heisst: du bedientest dich zur Bezeichnung ihres Wertes des Namens der hochsten dir denkbaren Vollkommenheit und schon haben diese Gottin ein paar Hirschgeweihe und ein lustiges sonderbares Geschopf gesturzt. Du hast ein Geschopf kennengelernt, das du noch hoher stellen konntest. Wie heisst denn die Stufe uber deinem Gotzen? Oder, lieber Karl, willst du wohl eingestehen, dass der die Menschen und all ihr Streben und Ringen nach irgend einem Zwecke fur die Caprice Gottes halten muss, der ein Weib gottlich nennt, das mit den Herzen, Gefuhlen und Worten ihrer armen Anbeter spielt? Sie hat nicht genug, dich zu ihren Fussen zu sehen, sie berauscht sich in den Gefuhlen ihres Stolzes, und stosst deine Begierden zuruck; sich hatte sie ganz befriedigt, sie will nur ihrem Betragen noch das Gewand der schonen Tugend, Enthaltsamkeit und Abenteuerlichkeit umhangen; ernst und streng weiset sie deine feurige Liebe in die Schranken des Wohlstandes zuruck, vergisst nicht, dir mit der feinsten Coquetterie die Muhe zu zeigen, die ihr es kostet, lasst sich einen Kuss von dir rauben, wo du ihn rauben solltest, um ihr den Schwur der Ehrerbietung gegen ihre strengen Grundsatze zu besiegeln, und fordert durch das Feuer eben dieses Kusses dich auf, das Gebaude ihrer ganzen Weisheit zu zertrummern.

Es mag der feinste sinnliche Genuss, das bezauberndste Spiel der Gefuhle sein, allein es ist nichtsdestoweniger das gefahrlichste und gewagteste, denn wer es verliert, hat sich selbst verloren. Molly weiss auf die geschmackvollste Weise die aussersten letzten Faden der Sinnlichkeit durch affektierte Menschlichkeit in die Grenzen einer edlen, empfindungsvollen Sittlichkeit hinuberzuweben, so dass ihr Betragen zwar ihren Geist, ihren Geschmack, und durch augenblickliche, liebenswurdige Geistesgegenwart ihre Erfahrung, aber nichts weniger als ihr Herz, ihre Tugend vor der Verdammnis der Moralitat retten kann.

Danke Gott, mein Lieber, dass du so glucklich aus den Schlingen dieser liebenswurdigen Verderberin entkommen bist; aber entgehe zugleich dem Gefuhle der Eitelkeit dieses Entgehens. Du selbst warst nicht stark genug, sie hat dich in den Plan ihres Siegs zuruckgestossen, und in der Beendigung der Geschichte mit dem Morgenbesuche und dem Kusse sehe ich wohl, dass du ihren Waffen nur ein Spiel, kein Kampf warst. Die Geschichte am Morgen scheint mir das, was den Mozart ausgezeichnet hatte, der aus Laune, oder auf Bitte eines machtgen Geschmacklosen, ein elendes Lied auf seiner Violine hinzauberte. Es war in Rucksicht auf den moralischen Wert der ganzen Sache das Selbstgefuhl eines Bierfiedlers, der, hat er in seinem Gassenhauer die Beine seines Pobels genug zum Tanzen gezwungen, an das Ende des letzten Takts noch einen Ohrenzwang gratis anhangt. In jedem gefalligen Landschaftsgemalde ist Ferne, und die abgestufte Verkleinerung und Verundeutlichung reizender Natur im letzten Grade, in eine Morgenrote uberschwebend, giebt uns in gleich nahen Gegenstanden das Tauschende der Perspektive. Hier hat der Kunstler den Raum behandelt; Molly, die Kunstlerin, endigte ihre Szene durch eine versprechende Anspielung in die Zukunft, sie behandelte die Zeit.

Ich halte sie fur bewunderungswert in ihrer Art. Es ist der feinste Egoismus, den Sieg, der wegen der Schwachheit des Gefesselten ohne Lorbeer war, seinem Selbstgefuhle durch die Kraft und Zierlichkeit, mit der man das Schlachtfeld verlasst, zur Schmeichelei zu erschaffen.

Uber dein zweites Abenteuer zu urteilen, habe ich keinen Beruf erhalten, und uberhaupt liebe ich nicht, dir, lieber Freund, Lehren zu geben, denn du willst durch die Zeit und ihren Inhalt geheilet sein.

Dein Vater ist seit deiner Abreise trauriger und sonderbarer als je geworden. Er will nicht wissen, was du mir schreibst; "denn", sagt er, "es ist unedel, wenn ein Mensch durch die Benutzung zufalliger Rechte im mindesten die Heiligkeit der Herzensergiessung zweier Freunde stort. Ist ihm wohl, liebt er mich?" fragt er nur angstlich, und als er mir diese Fragen bei deinem letzten Briefe tat, ging er weinend in seine Stube zuruck, noch eher als ich ihm antwortete. Es ist mir unbegreiflich, Karl, dass er dich so unnutze Reisen tun lasst, da er dich so liebt, und deiner frohlichen Laune so sehr bedarf. Ich stellte ihm dieses neulich abends vor, da er sehr heiter war, und mir sagte: "In diesem Augenblicke, Romer, konnten Sie mich fragen, was Sie wollten; ich wurde nichts ubel nehmen." Er ward sehr betroffen und sprach: "Sie hatten diese Saite dennoch nicht beruhren sollen, Romer; doch Sie sind unschuldig, ich halte Wort, es liegt ein Geheimnis uber Karls Kindheit, das mich toten wurde, wenn ich ihn noch lange um mich gesehen hatte." Dann entfernte er sich und schloss sich ein. Ich werde nie mehr hiervon mit ihm sprechen, aber dir musste ich es sagen, damit du deinen guten Vater nie falsch beurteilen mogest.

An dem Abende, lieber Freund, an dem unvergesslichen Abende, der uns zum erstenmal trennte, und uns dennoch durch den erneuerten Bund unserer Freundschaft um vieles naher brachte, habe ich dir versprochen, aufrichtig und redlich an dir zu handeln; ich beschwore dich, Karl, werde ein Mann, der unveranderlich nach Recht und Billigkeit handelt, denn mir ahndet, du wirst unglucklich genug werden, ein schweres Urteil uber Menschen fallen zu mussen, denen du unendlich viel, denen du alles verdankst. Die Geschafte deines Vaters werden mich bald notigen, eine Reise machen zu mussen. Ich habe diesen Augenblick so lange als moglich verschoben, denn es ist mir ein angstlicher Gedanke, ihn sich ganz selbst uberlassen zu mussen; zwar kann ich seinen geheimen Kummer nicht heben, allein ich kann ihn doch zerstreuen.

Vielleicht komme ich nach B., vielleicht hore ich bei Molly ein Kollegium ihrer praktischen Kriegskunst, das du hoffentlich wie diesen langweiligen Brief in der Hoffnung eines baldigen Vergessens absolviert hast. Lebe wohl, in F. werde ich die Messe zubringen. Adressiere deine Briefe an die Herren Gebruder Buttlar, bei denen ich wohl absteigen werde.

Joduno von Eichenwehen an Otilie Senne

Meine Otilie, ich schicke dir hier eine alte Flasche Wein fur deinen lieben Vater, dessen Geburtstag heute ist. Gieb ihm alle meine guten Wunsche und die Versicherung meiner Achtung mit der deinen hin, und suche, wenn du kannst, ihm einen recht frohlichen Tag zu verschaffen. Es ist recht schon, dass ich dir zugleich schreiben kann, obschon ich lieber etwas anders tun mochte. Ich mochte lieber mit dem jungen Manne sprechen von dem ich dir schreiben will.

Du wurdest die eine Lugnerin nennen, die dir sagte, Fraulein Joduno von Eichenwehen sitzt, seit drei Tagen, alle Morgen um funf Uhr mit einem schonen Manne unter der grossen Eiche, streicht seit drei Tagen mit einem zweiundzwanzigjahrigen schlanken Manne durch alle Schlupfwinkel und Wildbahnen im Holze, und sie tun vertrauter als Bruder und Schwester. Es ist nun nicht anders, man mag treiben, was man will, man wird verleumdet, aber immer gut ist es doch, dass alles dies wahr ist, und dass dazu noch viel, viel mehr konnte gesagt werden. Denn wenn einer unter dem Tische stake, wo wir uns einander auf die Fusse treten, und wenn einer das blaue Mal sehen konnte, das ich ihm in den Arm gekneipt habe, als er mir die Locke uber dem Auge wegschnitt, die dein Vater, ich weiss nicht warum, immer die Locke der Erinnerung nannte, so wurde er wunder was fur eine alte Bekanntschaft vermuten.

Ich kann nun nicht anders, ich glaube nicht, dass ich ihn liebe, ich wurde mich schamen, in einer Stunde mein Herz verloren zu haben. Ich vermute, dass vieles von dem Eindrucke, den er auf mich machte, dem Moment gehort, in dem er mich sah. Wenn man so wie ich von der Welt abgeschnitten lebt, und von Gestalten umringt ist, die uns nur durch angeborne Rechte beherrschen, so ist es sehr verfuhrerisch, aus freier Wahl einem edlen Menschen gut zu sein. Ja man legt selbst Vorzuge in jeden Bessern, die ihn zum Besten erheben konnen. Doch verzeihe, ich spreche uber einen Zustand, ohne dich erst mit seinem Entstehen bekannt gemacht zu haben, und beweise grade so, indem ich eine vermutliche Leidenschaft entschuldigen will, dass ich ganz von ihr beherrscht werde. Ach, ist es denn wahr, dass es nur die Liebe ist, die uns ganz und gar verandert, gabe ich dir wirklich einen Beweis von meiner Schwachheit, indem ich dir einen langern Brief schreibe als je? Und wenn ich aufrichtig sein soll, so muss ich noch mehr sagen, sagen, dass ich nicht einmal wegen dir schreibe. Ich schreibe wegen ihm; der Vater ist auf der Jagd, und er hat ihm, um ihm zu gefallen, folgen mussen. Er ging mit mir im Garten, wir waren so freundlich mit einander gewesen, er hatte mir von seinem Freunde erzahlt, den er uber alles liebt, und ich erzahlte ihm von dir, wie ich dich liebe, von meiner Mutter; ich hatte ihm gesagt, dass wir nicht so schnell bekannt geworden waren, wenn er nicht auf dem Sitze meiner Mutter gesessen und meine Erinnerung an sie so teilnehmend angehoret hatte; ich hatte ihm noch vieles, vieles zu sagen, da kam der Vater, und er ging mit ihm weg. Ich sah ihm bis zur Gartenture nach, und glaubte, er wurde gewiss noch einmal nach mir umsehen, aber er tat es nicht, das machte mich sehr traurig, warum? das weiss ich nicht. Nun ist er auf der Jagd, und ich schreibe an dich von ihm, weil ich mich nicht anders mit ihm unterhalten kann, als wenn ich von ihm spreche. An ihn denken, so ganz allein an ihn denken, das kann ich nicht, es wird mir dann ganz bange. Wenn ich allein an ihn denke, so sehe ich lauter Dinge, die man nicht beschreiben und die ich nicht verstehen kann, und da wird mir so angstlich, als guckten mich eine Menge weltfremder Menschen an und flusterten sich in die Ohren. Aber mit dir will ich uber ihn sprechen, da muss ich alles wieder erzahlen, wie er kam, und wie es mir zu Mute wurde; das wird mir sehr wohltun.

Doch nun auch kein Wort mehr, bis du weisst, wer der Gluckliche ist, und wie sich denn endlich einmal eine heitere Seele ausser mir in die prachtvolle Residenz meiner Ahnen und vieler Uhus und Eulen hat verschlagen lassen.

Du weisst, Otilie, vor drei Tagen war ein schreckliches Gewitter, und der Vater war mit Josten auf die Jagd geritten. Er kam zuruck und hatte seine Brieftasche verloren, in der unser Stammbaum ist; er kehrte also mit Josten schnell wieder um, um dies Kleinod zu suchen. Ich bedauerte ihn sehr, dass er in dem Wetter reiten wollte, und sagte ihm, er mochte den Kastellan wegschicken, und wenn der ihn nicht fande, so konne er sich ja vom Amtmann, der doch nicht wisse, was er vor Langeweile treiben soll, einen andern machen lassen. Ich glaubte nun wunder, was ich Gescheites gesagt hatte, und der Vater machte grosse Augen, hob die Hand in die Hoh, und ich glaubte, nun wurde er mich in die Wangen kneipen, und da wollte ich meine Bitte, dich zu besuchen, vorbringen. Aber, denke nur, er gab mir eine Ohrfeige. "Ganschen, einen andern machen; nein, dich und deine Mutter ausstreichen lassen." Jost sagte: "Und so ists recht, Fraulein Claudia." Und nun gings mit ihnen zur Ture hinaus. Ich setzte mich auf das Platzchen im Erker, wo sonst meine Mutter sass, wie sie noch lebte und weinte. Ich dachte an sie und weinte auch. Nun ging die Sonne unter, und das Wetter zog voruber, und ich konnte auch nicht mehr weinen. Danke doch deinem Vater, der mich die Natur lieben lehrte, der mir sagte, so wie die Sonne jeden Abend untergeht und jeden Morgen wiederkommt, so kommt und geht auch jeder Mensch. Man sieht ihm entgegen, man sieht ihm nach, und freut sich, wenn er gut war. Ich sehe ihr nach, der lieben Mutter; o konnte ich werden wie sie, und moge man mir nachsehen wie der Sonne, die einen schonen glucklichen Tag erleuchtet hat. So stand die Szene, und ich armes beohrfeigtes Madchen sass mitten drinne.

Der Vorhang ging auf, es pochte an und es trat ein junger Mann herein, neigte sich schnell mit dem Kopfe, nicht etwa, um eine Verbeugung zu machen, nein, um mir die Hand zu kussen. Er behielt meine Hand in der seinigen, fuhrte mich in den Erker, setzte sich mir gegenuber, nun antwortete er mir erst auf alle meine Entschuldigungen, dass der Vater nicht dasei, und nun sollte ich kein Licht holen, er wollte die Sonne untergehen sehen, bis der Vater kame. Ich armes Madchen tat alles, was er wollte, und wenn ich dachte, es ist doch ganz sonderbar, wie dieser Mensch sich betragt, und sah ihn an, so musste ich doch heimlich wunschen, ach wenn doch der Vater, wenn doch Jost, der Amtmann, ach wenn doch alle Menschen so sonderbar waren. Kaum hatte er schweigend ein paar Minuten die Gegend durchsehen und ich kein Aug von dem seinigen verwandt, so kam er mir gar nicht mehr sonderbar, er kam mir sanft, heiter und schon vor. Er entschuldigte die Eigenheit seiner Ankunft und seines Benehmens auf eine ausserst feine Weise, und ich schamte mich, als er mich hierdurch erinnerte, dass ich eigentlich hatte ungehalten sein mussen. Ach! nie ist mir eine Stunde so schnell verschwunden als die zwischen seiner Ankunft und der Ruckkunft des Vaters; selbst wenn ich bei dir bin, Otilie, du musst aber nicht bose werden, selbst bei dir flieht die Zeit nicht so. Der Vater hatte vor Freude uber seinen wiedergefundenen Stammbaum ganz vergessen, was ich fur nasenweise Reden gefuhrt hatte, und sagte zu Godwi: er bedaure sehr, dass er sich so lange mit mir habe unterhalten mussen, und er musse ihn entschuldigen, denn er konne wegen seiner Standesgeschafte sich wenig mit meiner Erziehung abgeben. Godwi entschuldigte mich auf eine ausserst verbindliche Art; dies gehorte meinem Vater, aber ich beneidete ihn nicht, denn der Blick, den er mir zuschickte, wollte mir doch nichts anders sagen, als dass er sich lieber mit mir in Kamschatka unterhalten als mit meinem Vater in Italien langweilen mochte. Bei Tische unterhielt er meinen Vater von seinen Ahnen, und sagte wohl mehr davon, als er wusste. Jost stichelte auf des Fremden Kleidung und leichtes Betragen, doch du weisst ja, wie mein Bruder ist; aber dem Vater gefallt er sehr, denn er stammt von einer alten Familie her und hat sehr viel edle Manner unter seinen Voreltern. Er wollte den andern Morgen schon wieder weg, aber sein Pferd wurde krank, und wir haben ihm schon zugestanden, dass wohl nie ein Pferd zu gelegnerer Zeit krank wurde.

Der junge Mensch ist aber bei aller seiner Leichtfertigkeit ausserst gut, und oft, wenn er neben mir geht, leicht wie ein Schmetterling, spricht aus ihm der Ernst und die Erfahrung eines Greises, so dass man glauben sollte, er heuchelte; aber dazu sind nun seine Augen wieder zu aufrichtig. Nun sieh nur, da habe ich mir es doch wieder merken lassen, dass ich ihm nicht allein hineingesehen, sondern dass ich auch darinne gelesen habe. Auch kannst du dir nicht denken, wie leutselig er ist; unsere Bauern, die ihn kaum einigemal gesehen haben, grussen ihn schon viel lieber als Josten, der immer so grob durch sie durchreitet, als seien sie eine Herde Vieh.

Gestern abend, als ich mit ihm unter der grossen Eiche sass, erzahlte er mir von seinen Reisen manche ruhrende Begebenheit, und manchen lustigen Scherz. Und da ich ihn fragte, warum er denn immer so die Kreuz und Quer herumreite, sagte er mir mit einer Warme, die bis in mich heruberdrang denn meine Hand lag in der seinigen, so ruhig, so aufmerksam dass ich jeden seiner Pulsschlage fuhlte: "Ich liebe den Zufall uberlasse mich ihm mit Sorglosigkeit; habe ich ihm nicht vieles zu danken, hat er mich nicht unter die Eiche, neben Sie, schones Fraulein, gesetzt? Sorgenlose Freude soll mich immer begleiten, kein einformiges Lied, nein, wie der Gesang der Vogel uber uns, in den Schlupfwinkeln der Eiche, frei und ohne Fessel naturlich und genugsam. Soll ich grubeln, sinnen, kalkulieren spekulieren, solang ich froh und gut bin, solange Freude in jedem meiner Blutstropfen pocht und jede meiner Handlungen ihr Geprage tragt? Und gut bin ich, wahrlich gut; Sie glauben mir doch, Fraulein?" Er sagte dies so rasch, und sein Blick war so sonderbar, begehrend und doch so sanft, dass ich hatte schworen sollen, er sei der namliche, der mir meine Locke der Erinnerung raubte. Ob ich aus Angst oder aus Freude und Zutrauen zu ihm sagte: ich wurde nimmer froh werden, wenn ichs nicht glauben konnte, weiss ich nicht. Meine Hand konnte ich nicht mehr in der seinigen lassen. Ich glaube, ich sprach aus Zutrauen, und zog meine Hand aus Bangigkeit zuruck. Wir sahen beide ein paar Minuten auf ein Fleckchen, er wurde ernst und sagte feierlich: "Fraulein! lassen Sie uns jetzt nach Hause gehen und dem Zufalle uberlassen, was wir uns morgen sagen sollen; der Mensch, der vorgreift, tut vergebliche Arbeit, solange die Welt noch von selbst geht." Wie edel war es von ihm, dass er abbrach, denn ich glaube doch, ich hatte zuviel gesagt; was meinst du, Otilie?

Mit Josten hat ers verdorben, deswegen will er fort, er soll aber erst mit deinem Vater und dir bekannt werden; dir ist er wohl nicht gefahrlich, denn er ist viel zu kindisch lustig. Lebe wohl und freue dich, bald wirst du mich sehen.

Joduno

Godwis Antwort auf Romers ersten Brief

Ihr Menschen hinter euren Pulten nennt doch alles, was ausser der Poststrasse liegt, Abenteuer. Ich kam in das Schloss eines Landedelmanns; bin ich deswegen ein Abenteurer? Ich finde seine Tochter, ein gutes naturliches Madchen, liebenswurdig, ich fand Molly, ein schones, kluges und freies Weib, bezaubernd: was tue ich denn mehr als meinen Gefuhlen, meinen gerechten Gefuhlen, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen? Ich liebe das Schone um meinet- und seinetwillen, bin froh und heiter; soll, muss das nicht jeder gute Mensch ganz sein? Du bist ein listiger Feind, du weisst meine Stimmung zu benutzen, und forderst mich zu einem Kampfe auf, indem du meine Gunstlinge angreifst, und weisst, dass ich in diesem Augenblicke nur mit den Waffen der Liebe streiten kann. Ich bin mit Rosen gefesselt, meine Arme konnen sich noch sanft zur Umarmung ausbreiten, und meine Seele sucht, im Blicke uber die sanften Gesichtsbeugungen Jodunos hingleitend, den Umriss ihrer Seele, und tandelt schuchtern um die Falten ihres Gewandes, die noch uppigere Formen verraten.

O Romer! in welchem Auserwahlten wohnt die Seele, die das Sinnliche in eben dem schonen Geiste vergisst; es tut mir weh, es vernichtet mich, wenn ich fuhle, dass ich die Majestat, den Schatten und die Kuhlung der Eiche nicht geniessen kann, ohne ihren Stamm, ihre Aste und ihre Blatter zu denken; ich fuhle mich trotz meiner sogenannten Bildung so wenig mehr als die Tiere, und alles, was ich tue, so wenig wert, so wenig davon gehort nur mir allein. O mein Stolz, mein armer Stolz! Nun sieh doch, Romer, sieh, welchen Kampf, ich zeige dir alle meine Blossen, entdecke dir mein Misstrauen in mich selbst, und wage es dennoch, dir manches meiner sogenannten Philosophie hinzustellen, die freilich nicht fest, aber rasch, glanzend und lockend ist. Mit allen den schonen Sachen pfleg ich mich zu trosten, wenn der Gedanke an dich mir in den Weg kommt mein Stolz wird rege, du lachelst so unertraglich, alles, was ich sage, nennst du Phantasien, Brausen des garenden Mostes.

Bleibe nur immer auf deiner geehrten Mittelstrasse, schneckenformig und schneckenlangsam windet sie sich, wie die Langeweile durch eure Freundschaft, um die Berge und Taler eurer Laufbahn. Menschen, die sie wanderten, haben nie die Adern erzhaltiger Gebirge, nie das heilsame Kraut der Taler gefunden. Sie horen das Geschrei der Krahen am Rabenstein, der an diesem Weg seiner Genossen steht, den Gesang der burgerlichen Gerechtigkeit. Philomele nistet nicht an den Heerstrassen, sie horen das Gewimmer des Posthorns, Warnung dem Beschrankten im Hohlwege. Sehr bequem. Hast du je auf der Mittelstrasse die Vortrefflichen gefunden, die nur Revolutionen und Originalitat aufstellten? Grosses Schauspiel des Vesuvs, der gluhende Felsen auswirft, um die fruchtbaren Felder seines Fusses zu erleuchten; er vernichtet Stadte und Dorfer, die Jahrhunderte angstlich zusammengestoppelt haben, aber erweckt in Momenten eine Welt von schlafender Grosse in unserm Busen in unserer Seele erwacht im Widerscheine seiner Glut das Erhabene, emsig regen sich unsere Hande zur tatigen Sorge der Erhaltung, und durch das Gefuhl des Ungeheuren und seinen Begriff sinken eine grosse Menge von Schrecken fur uns zur Kleinigkeit herab, die Wichtigkeiten ausser uns sterben, und so wird der Mut geboren und so flieht der Schlaf, der Tod im Leben, das ihr andern Menschen schlaft. Lass mir, lieber Junge, das, was mir vielleicht gerade angemessen ist, weil du es weder auf den Rheinischen Fuss noch auf Toisen, weder auf den vierundzwanzig noch auf den zweiundzwanzig Gulden-Fuss reduzieren kannst. Du kennst mich schon lange, und wenn du mich messen willst, so siehst du nach dem an den Turpfosten unserer Familienstube eingeschnittenen Masse. Jetzt siehst du mich nicht mehr, und kannst nur meinen Schatten messen; tausche dich nicht, mein Schatten wird noch oft wechseln, weil noch oft die Sonne des Lebens in einer andern Richtung uber mir stehen wird. Ich bin noch immer ein sehr vorzuglicher Mensch und mochte des Wortspiels halber sagen, dass ich ebenso wenig reduziert bin, als du mich reduzieren kannst.

Du glaubst mich wohl so recht in meiner Sphare, in wohltatiger Ruhe und Tragheit versunken, die du bedauerst, weil du zu gut bist, mir sie zu beneiden, und zu mutwillig, mir sie zu gonnen. Nein, schlafrig war ich nie, ich will fort uber die Alpen des Lebens glimmen, wo grenzenlose Aussichten die gebundene Allgemeinheit in meinem Busen losen, wo mir euer Sonnenadler zur Schwalbe wird, die mit ihrer silbernen Brust an der Erde streift spater sehe ich die Sonne am Abend und fruher am Morgen, ich kann dann euren burgerlichen Kalendertag weit mit dem Tage meines Geistes uberreichen, und wenn ihr glaubt, ich lebe aus dem Stegreif, so werde ich euer metrisches Leben, ohne dass ihr es merkt, und noch viel mehr gelebt haben. Ich will durch die Taler des Lebens wandeln, wo die Schonheit in der Spiegelflache meiner Phantasie scherzt, wo die Wollust von mir errungen wird, wo ich ihr Meister bin und sie mir mehr als sich selbst, mir auch die Ruhe und den Genuss des Genusses giebt. Lass mich immer die Blumen meines Weges pflucken, Braut- und Trauer- und Dichter-Kronen draus winden, meinen Becher mit ihnen kranzen, sie uber das Lager der Liebe streuen, und endlich sie mit dem Salze der Erfahrung zu einem Potpourri umschaffen, um sie, wenn die Kunst eintritt und ich auf Rollwagen meine mangelhafte Natur als Greis in der Familienstube herumbewege, in der Urne meiner begrabenen Jugend auf den Schrank zu stellen, in dem die Sparbuchsen meiner Kinder stehen Lass mich sie pflucken, die Blumen meines Wegs, wer weiss, ob ich sie nicht einst auch zu Heuhaufen mahen und wie die heutigen Okonomen zur hauslichen Stallfutterung anwenden muss. Ich lebe nun einmal in einer Traumwelt, und tue ich nicht recht, wenn ich darin lebe, wie man es kann? Du hast mir so oft geklagt, dass doch alles, was wir wissen, alles, was wir tun, Schatten sei; nun sieh, ich lebe dein Schattenleben, drum bin ich so glucklich an Jodunos Seite im Schatten der Eichen, drum lernte ich sie kennen in der Sterbestunde des Tages, in der Abendrote, in der die Schatten alle geboren werden. Konnen wir das Gluck nicht doppelt geniessen, bei dessen Geburt wir zugegen sind und das wir uns selbst erziehen? Zweck ist doch ein Donnerwort in deinem Munde; Zweck des Daseins, des Nutzlichseins, den versaume ich? Mit deinem Zwecke hat es wenig auf sich, durchlaufe dein System, du kommst nicht weiter, du stehst im Zirkel, und zwar in dem kleinsten Arbeit um Geld, Geld um Brot, Brot um Nahrung, Nahrung um Starke zur Arbeit; hier ist Arbeit Mittel und Zweck, indes du der Zweck und nie das Mittel sein musstest, und dein Donnerwort ist ein blosser Schreckenberger gewesen. So lebt, so raisonniert ihr Herrn Burger, und wer ein Kaufmann obendrein ist, der geht ab von der Wiege unter Gottes Geleite wie ein Frachtballn, gut oder schlecht conditioniert, wird unter Gottes Geleite von den Spediteurs gemisshandelt, von den Fuhrleuten bestohlen oder verfalscht, und kommt unter Gottes Geleite an dem Grabe an. Eure Tatigkeit gleicht der eines bigotten Schmiedes, der sich taglich einen goldnen Nagel zu seinem goldnen Sarge erarbeitet, um sich einstens in diesen Kasten zu legen und sich in die Schatzkammer einer reichen Abtei beisetzen zu lassen. Gluck und Genuss ist der Zweck unsers Lebens und muss in uns selbst liegen, indem wir die Umstande so auffassen, so behandeln und so in uns tragen, dass sie in uns Gluck und Genuss erschaffen konnen, und dann geben wir uns selbst wieder hin und werden zum Zwecke alles Lebens. Du fuhlst das auch wie ich, aber du findest nur Genuss in deinem stoischen Stolze. Ich kann nichts als gut, froh und vorsichtig sein, um ein Mensch zu sein; das Ratsel der hohern Moralitat kann mir nur der auflosen, der selbst das grosste Ratsel ist, also so gut als niemand. Ich kann nur Ahndungen folgen; ihr folgt auch Ahndungen, aber ihr nennt sie nicht so, ihr glaubt an sie und nennt sie Pflicht. Ich nehme kein Ratsel zum Richter an. Wer will, dass ich ihm trauen oder meine Handlungen auf seine Waagschale legen soll, der lehre mich im Dunkeln sehen, oder ist er das Licht, so nehme er seine Maske ab.

Ich will gerne helfen, wo ich kann; aber Leben ist eine Freikunst, ich treibe sie, wo und wie ich will. Bleibe du bei deinem Handwerke, das du von deinem Vater ererbt hast, bleibe in deiner Zunft, du sollst meinen Namen nie in einer Sklavenliste lesen, solange jede Gemeinnutzlings-Stelle mit Supernumerairs versehen ist, die dem noch lebenden Besitzer einen Fluch mit den Augen und einen Segen mit dem Munde bringen.

Ich will der Welt nutzen, ich will besser werden in ihr, indes ihr, in eine burgerliche Ordnung zusammengezwangt, nichts kennt, als euch selbst und einer des andern Ehrgeiz zu Tode argern. Kommt ihr weiter mit all eurem Ringen nach dem Mittel, Geld, da ihr nicht den Zweck, Genuss, habt? Werdet ihr besser mit eurem Verbessern eurer Umstande, wenn ihr nicht eure verbesserten Umstande in euch selbst zuruckbringt, um euch selbst zu verbessern? Ihr sorgt fur eure Kinder und lehrt eure Kinder fur ihre Kinder sorgen; und wer geniesst, wer verschlingt endlich alle die Fruchte? Ein allgemeines Phantom, eine Nebelgestalt, die aus den Grabern der aufgeopferten Wirklichkeit eurer Einzelnheit verpestend emporwallt und oft zur gewitterschwangern Wolke zusammengeturmt euch eure Freuden in der Verheerung des Blitzes und dem Brullen des Donners zurucksendet Ein Bauch in der Monarchie, mehrere Bauche im Freistaat, und diese Bauche heissen das allgemeine Beste.

Ich lebe in der Welt, und die Ordnung der Welt geht nach ewigen unabanderlichen Gesetzen, sie ist die weiteste Schranke und ich der ausdehnbarste Tropfen in diesem Meere. Ich leihe mein Ohr gerne den Harmonien der andern, gebe ihnen gerne meine Tone hin; ob sie ihnen nun behagen oder nicht, der grosse Einklang kommt doch heraus. Wenn meinesgleichen nicht da ware, wurde dieser Einklang ein Einerleiklang werden; und wer giebt das Konzert, der, der das Solo spielt, oder die, welche akkompagnieren? Das Allgemeine wurde ohne meinesgleichen uber dem alten Adagio, das ihr von Ewigkeit zu Ewigkeit zum allgemeinen Besten aufspielet, vor Langeweile einschlafen, und uberhaupt musst ihr mir erst das allgemein Ahnliche vorzeigen, wenn ich an ein allgemein Bestes glauben soll, von dem ich eben die Vortrefflichen nicht soviel Larmens machen horte.

Soll ich mein Leben vielleicht auf einen Karren packen lassen und es auf Radern, die sich immer um sich selbst drehen und keiner Pfutze ausweichen, hinleiern? Nein, auf einem unbandigen Rosse ein machtiger Reuter, will ich meine Bahn durch eilen, um auf vielen Umwegen mit euch Langsamen zugleich anzukommen und doch von manchem goldnen Rande einen Tropfen, von mancher Purpurlippe einen Kuss gesaugt zu haben. Leben heisst nicht hundert Jahre alt werden, Leben heisst Fuhlen und Fuhlenmachen, dass man dasei, durch Genuss, den man nimmt und mit sich wiedergiebt.

Fur zwei Pfennige Gift totet mehr Fliegen in einer Stunde, als ihr Herrn Praktiker mit all euren Pantoffeln in einer Woche wegklatscht, und ein Ankertau von einer halben Elle derb gefasst, rettet einen braven Purschen eher im Sturme als ein ganzes Knaul Bindfaden.

Die Folgen! hore ich dich sagen. Die Folgen verfolgen nur den Unmassigen. Die Leidenschaften des weisen Menschen nach meinem Systeme konnen ihn zwar in die Arme der Wollust, aber nie in die des Lasters fuhren; sein geubter, sein geschmeidiger Geist leitet ihn, nie fuhrt er ihn zu Ausschweifungen. Denn wie mag sich der Tropfen einfallen lassen, im Meere auszuschweifen. Betrachte alle die Unglucklichen, gegen die die Gerechtigkeit Rache erheben muss; du wirst Feuergeister oder begrenzte Menschen, aber nur Dummkopfe und Aberglaubische finden.

Ich hoffe, ich furchte nichts nach meinem Tode. Ich habe kaum Krafte genug, mich und meine Sphare auszufullen; soll ich mir meinen Raum erweitern, da dieser schon unermesslich ist? Wer sich ins Unendliche verdunnt, dessen Umfang muss man mit Mikroskopen suchen, dessen Inhalt muss man mit Sauren finden, und ich mag gerade nicht allein fur einen Optiker oder Chemiker leben. Kleinigkeitsgeister, verkruppelte Menschen, Versteinerungen und die liquidesten Solutionen hoffen auf ein Jenseits, weil sie sich hier in einem Puppenschranke wahnen, oder an einer Krucke, oder der Stein des allgemeinen Anstosses sind, oder als unschuldig leidende, verkannte junge Herren herumseufzen. Der erste hofft, Bebe beim heiligen Christophel zu werden; der andere erwartet ein Hospital, in dem seine kranke Seele die Hauptrolle spielen wird; der dritte erwartet, dass der Patron des Steinschleifer Meyer aus Carlsruhe im Himmel sitze und aus ihm eine Garnitur Knopfe fur den Sonntagsrock des lieben Herrgotts schleifen werde; und der vierte endlich glanzt schon in seiner Idee als Tauperle an der Keuschheits-Lilie des heiligen Aloysius, traufelt schon als Jupiters goldner Regen in den Schoss der Danae oder wird gar aus Landwein zum heiligen Blute. Doch ich ware bald bitter geworden.

Ich hoffe nichts nach meinem Tode; dies ist mir eine Ursache mehr, gut zu sein. Ich befestige, ich ermuntere mich so in der Maxime, die mich handeln macht, weil sie dadurch ganz menschlich, ganz naturlich, ganz mein Eigentum wird. Sie heisst Genugtuung, die ich empfinde, mit mir selbst zufrieden zu sein. Nie will ich uber meine Menschlichkeit erroten, ich will meine Leidenschaften, statt sie zu unterdrukken, benutzen; sie verbinden die Menschen unter einander, und diese Verbindung ist mir alles.

Geistreiche Freundschaft, geistreiche Liebe, geistreicher Wein und ein Lied an die Freude von Schiller, an deiner Hand, in Jodunos Arm, in meinem Glase, von Molly gesungen, schone Natur um mich her, und der Eichbaum uber uns. Wo ist euer Jenseits? Dein Handedruck hort auf, du musst Geld zahlen; Jodunos Kuss fallt von meinen Lippen, sie muss husten; das Glas entsinkt mir, ich habe zuviel; Molly schweigt, sie hat zu hoch angefangen; der Winter legt die Natur zur Ruhe und den Eichbaum, und ich schlafe mein Rauschchen aus; das ist mein Jenseits.

Du stellst Molly und Joduno zusammen; zwei sehr vollkommene, aber sehr verschiedene Wesen. Du wirst vielleicht Molly sehen, und dann wird auch gewiss dein Herz fur deine Zunge bussen; sie geht ihren Weg nach Grundsatzen wie der Mond, den weder das Anseufzen der Hasenfusse noch das Anbellen der Hunde irre macht. Deine Auseinandersetzung ihrer Coquetterie ist recht gut geraten. Aber du hast gar nicht auf den rechten Fleck getroffen. Der Brief, den ich in der Tasche trage, wird die Sache wohl ausmachen. Ubrigens habe innigen Dank fur deine Freundschaft. Unter das Geheimnisvolle in Mollys Betragen gehort noch, dass ich nie erfahren konnte, wohin sie sonnabends fuhr, sie wollte immer allein sein. Der Wagen hielt in einem Holze, und sie stieg ab, um in einer Stunde wiederzukommen. Der Ort, wo der Wagen anhalt, ist drei Meilen von B. hieher zu. Sie soll einigemal Bucher, Knabenkleidung und Musik mitgenommen haben. Alles dieses hat mir ihr Kutscher erzahlt. Sollte sie etwa ein Kind der Liebe im Verborgenen erziehen lassen? Ich muss auf meiner weitern Reise in dem Walde mich ein bisschen umsehen, vielleicht dass ich das Geheimnis erfahre.

Die Traurigkeit meines Vaters ist wohl nur durch Entwickelung zu heben, die die Zeit und nicht wir durch unsern Trost herbeibringen konnen. Ich liebe ihn und er liebt mich, und doch war ihm meine Gegenwart Qual, und nun bin ich weg und er ist noch nicht getrostet. Ein Geheimnis liegt uber meiner Geburt uber meinem Leben soll keines liegen. Ach! es liegen Geheimnisse uber dem Menschen, die keiner aufdecken moge. Kein Sturmwind in dem Aschenhaufen des hauslichen Herdes damit die zerstaubte Glut nicht die Saulen des Hauses verzehre. Store nie die Geheimnisse der Wiegen, damit Reue nicht durch Verzweiflung zur Schande werde. Store nicht in den Geheimnissen der Grufte, und decke den Inhalt verlebter Stunden, die wie Sarge in dem Gewolbe der Vergangenheit ruhen, nicht auf, dass Verwesung dir den Glauben an die Freuden des Daseins nicht raube. Ich werde nie ein Urteil uber Handlungen fallen die ausser meiner Erinnerung und ausser meinem Stolze liegen.

In einigen Tagen reise ich ab von dem Sohne und dem Vater aber Joduno wird noch zuvor mich zu einem Greise bringen, der mit seiner Tochter in dieser Gegend als Einsiedler lebt. Lebe wohl, sage dem Vater, dass ich ihn liebe, und dass es mir wohl ist, und sei nicht bose auf diesen Brief, denn ich liebe dich sehr.

Otilie Senne an Joduno von Eichenwehen

Herzlichen Dank, meine Liebe, fur deinen Brief, in dem du wieder meine liebe heitere Freundin warst. Deine Worte sehen ganz aus wie du, du glaubst nicht, wie sie mir wohltun. Wenn meine Worte so aussahen wie ich, so wurdest du gewiss bald heruberkommen, denn ich fuhle mich seit einiger Zeit einsamer als je, und nie war mir das Leiden meines Vaters und sein geheimnisvolles Benehmen trauriger. Ich weiss nicht, wer von uns beiden sich verandert hat, er oder ich! Bin ich anders geworden, und bemerke ich jetzt erst, dass unerklarbare Dinge, die immer um uns her wandeln, unsere Neugierde und unsere Teilnahme nie ganz einschlafern konnen, wenn wir denken und selbst fuhlen? Oder ist mein Vater so anders geworden, so viel trauriger, dass durch ihn mir sein Kummer jetzt so sehr auffallt? Ich wunschte es nicht, sonst ware er unglucklicher geworden, und dann musste mich die Sorge plagen, dass er durch irgend etwas in mir leide, denn er sieht ja keinen andern Menschen. Du glaubst nicht, wie sorgfaltig ich mich und mein ganzes Betragen beobachte, wie ich meine augenblickliche Freude erdrucke, um ihm naherzustehen, und wie sehr ich mich bemuhe, mein ganzes Dasein, das ihn so sehr liebt, an ihn zu schmiegen, ihn ganz zu umfassen, damit ich die Wunde bedecken muss, die in ihm blutet. Aber auch dies hilft ihm nicht; es scheint mir, als verdopple sich ihm sein Schmerz, wenn er fuhlt, dass er in zwei Herzen wohnt. Ich bitte dich deswegen umso mehr, bald heruberzukommen, denn uber dir ruht jener freundliche und milde Schimmer der Freude, der auch weinenden Augen wohl tut. Bringe ein paar freundliche Lieder mit, wir wollen sie zur Zither spielen. Mein Vater, dessen Freund und Troster immer seine Harfe war, und dessen traurige Lieder so gern auf den Wogen der Musik hinwegschweben, ist vielleicht fahig, auf demselben Wege die Ruhe wieder in seinen Busen aufzunehmen. Ich liebe dich herzlich, und will auch deinem sonderbaren Freunde gut sein, wenn er so gut ist, wie du ihn malst. Du hast eine ganz eigne Empfindung fur ihn, die ich gar nicht kenne, und wenn ich in deinem Briefe lese, wie du an ihn denkst und von ihm sprichst, so ist mir immer, als musste er ein Weib sein, und musste dich schon einmal gekannt oder mit dir gespielt haben, und dies sonderbare Gefuhl, dass er ein Mann ist und du doch so von ihm sprichst, macht mich sehr neugierig auf ihn. Vielleicht wird er meinem Vater gefallen und ihn zerstreuen. Er dankt dir fur den Wein. Froh ist uns nicht dabei geworden; er ist so des Kummers gewohnt, dass selbst seine festlichen Tage durch ihn gefeiert werden. Den Abend vor seinem Geburtstage war er ganz sonderbar heiter, er erzahlte mir viel von meiner Mutter, von seiner Liebe zu ihr, von seinem glucklichen, eintrachtsvollen Leben; und da er mir erzahlte, dass sie bei meiner Geburt starb, und mich weinen sah, so kniete er vor mir nieder und sprach, indem er seine gefaltenen Hande auf meine Knie stutzte, in der heftigsten Bewegung: "Liebes, gutes Madchen, ich habe viel mit dir verloren, und du hast mir viel gegeben, du bist ein sehr gutes Kind, und doch muss ich ewig beweinen, was ich ewig vermisse, und was ich nicht lange besessen habe. Es tut mir weh, sehr weh, dass ich dich immer mit mir leiden sehe aber es ist gut, denn so werde ich fruher sterben, so werde ich eher Ruhe finden. Wenn ich auch tot bin, so wird es dir nicht fehlen, denn ich habe manches Gute getan, damit du von meiner Ernte, die ich kaum mehr reif sehen werde, glucklich leben konnest. Verzeihe mir, es ist nicht recht, dass ich dir in deine Jugend traurige Gestalten sende, vielleicht wirst du dich spater, aber wahrer freuen als die andern Menschen. Ich kann nicht heiter sein, mein Leben war Verlust, mein Tod wird mein erster Gewinn sein, ihn werden meine Freuden begleiten, sie gehoren ganz dir, und ich werde nur die mit dir teilen, dass ich dir ein solches Erbteil erschaffen habe. Heute sind es Jahre, dass der Schauspieler zu einer grossen traurigen Rolle der Schicksale geboren wurde. Ich habe mehr getan als sie gespielet, ich habe sie gefuhlt, sie hat mich vernichtet, der Vorhang ist gefallen, und ich weine hinter der Szene. Du bist zu fruh geboren, du musstest ohne Schuld noch mit aus dem Tranenbecher trinken, den ich gern, sehr gern allein in der Lebenslinie, die der Funke der Allmacht, der in mir wohnt, zu durchlaufen hat, ausgeleert hatte, damit dir die reine ungestorte Freude ubrig bleibe. Ich werde bald deine Mutter, mein treues, edles Weib, wiedersehen, ich werde auch Jene wiedersehen, die mein Wiedersehn totete. Ach! wenn ich es nicht glaubte, so ware ich ganz elend, so hatte ich keinen Wunsch mehr und nicht einmal den Wunsch zu sterben." Hier verbarg er sich in meinen Schoss, ich umklammerte ihn fest, sein Schmerz wutete in mir, und ich rief aus: "So sterben, ach! so sterben!" Ich weiss nicht, was nachher geschehen ist; ich weiss nicht, wie er aus meinen Armen gekommen ist. Als ich erwachte, fuhlte ich kalte Tropfen auf meiner Stirne, und eine tiefe schwarze Nacht hatte mich bedeckt. Plotzlich goss sich das Licht des Mondes durch die Halle, zu meinen Fussen sass Werdo, ich sah in seine Augen, die mich lange nicht so himmlisch, so voll Vaterliebe angeblickt hatten. Kaum blickte das Auge, das freundliche Auge der Nacht so wehmutig und so vertraut in unsere Wohnung, als mein Vater die Harfe zu spielen und zu singen anfing. Es war mir, als habe er sein Lied an dem Monde angezundet, es war so rein, so hell, und doch so mild, was er sang, dass ich nie von ihm so etwas gehort habe; er sang mit einer festern Stimme als je, und der Inhalt des Liedes brachte in mir die namliche Empfindung hervor, erfullte mich ebenso mit Ahndungen, wie es der Mond tut, wenn ich allein oder mit Eusebio am Abende am Turme sitze. Es ist dann alles so klar um mich, und doch kann ich die Ferne hinter mir und die vor mir nicht beschreiben, es verwebt sich der Himmel mit der Erde; Wolken und Berge, Hohe und Tiefe fliesst in ein Meer von unergrundlich tiefem stillen Leben zusammen, das auf seinem Scheiden und Kommen ruhig meinen Blick fortbewegt und ihn dem freundlichen Monde entgegentragt. Ich nenne den Mond, wenn ich ihn denke, immer, wie Eusebio, la luna, denn es ist mir lieber, und ich kann mir ihn besser wie ein Weib denken. Da mein Vater so sang und es wieder dunkel ward, steckte ich unser Lampchen an, und horte ihm wieder zu; sein Lied ward immer trostender und ging dann in eine sanfte Freude uber. Er stand auf, kusste mich und sagte: "Nun ist uns beiden wieder wohl; nicht wahr, meine Liebe, so musste ich endigen, damit du ruhig von mir gehen kannst, und damit ich heute nacht denken kann, dass du nicht um mich weinst und sanft schlafst?" Er gab mir die Hand, und ich ging auf meine Stube. Ich setzte mich hin, um deinen Brief nochmals zu lesen, und da ich ihn auseinanderlegte, fand ich einen Ring an meinem Finger, den ich nie gesehen habe. Ich wusste nicht, wie er an meine Hand gekommen war, zog ihn angstlich ab, betrachtete ihn von allen Seiten, und konnte mir es gar nicht erklaren. Er ist aus zwei Armen gebildet, die einen schonen Diamant halten, und in dem Reif war der Name Marie *** eingeschnitten. Der Ring machte mir ganz bange; meinen Vater konnte ich doch nicht mehr wecken, um ihn zu fragen. Ich legte ihn sorgfaltig eingewickelt in meinen Schrank, sahe einigemal wieder nach ihm, denn es war mir, als konnte er wieder verschwinden, da er so sonderbar angekommen war. Nun las ich deinen Brief, dachte an dich auf alle Weise, wie du ihn schriebst, wie du dabei ausgesehen, gesessen, und angekleidest warst; ach! es ist so lange, dass ich nichts von dir gehort habe, ich sehnte mich so nach dir, es war so leer in meinen Armen, du warst nicht drinne, um die viele Liebe lesen zu konnen, die in meinem Herzen erwachte. Ich verschrankte die Arme und umarmte dich in meinem eignen Herzen. Es ward mir so ruhig; ernsthaft war ich nicht, denn vor meinen Augen tanzten leichte Gestalten, die alle aussahen wie du, auf einer grossen Blumenflache, sie schwebten hoher und hoher, und wiegten sich wie Sonnenstrahlen auf den Bluten der Baume, ich sass unten allein, sie grussten mich freundlich und winkten mir, aber ich konnte nicht kommen, die Schwermut liegt auf mir und druckt meine heisse Wange an die kuhle Erde; ach! ich mochte nicht kommen, denn ich war so glucklich, und fuhlte mich so gut, so frei, so wohl, ich konnte nie ein bessres Madchen sein; ich glaubte die Freundin, dich, verdienen zu konnen, ich glaubte die Wunde im Herzen meines Vaters ganz auszufullen und liebte mich selber recht sehr. Es wird mir lange nicht mehr traurig sein, ich habe heute abend Stoff gefunden, mich lange Zeit zu freuen, und dann bin ich beneidenswert.

Wenn du zu mir kommst, so will ich eine Stunde mit dir scherzen, die andere wollen wir miteinander daruber nachdenken, was doch die sonderbaren Bilder, die ich immer um mich sehe, bedeuten, und die dritte wollen wir uns neben deinen Freund setzen, er soll uns von seinen Reisen erzahlen, und da will ich immer raten, was dies oder jenes bedeute, wenn er mir von der Welt erzahlt. Meine Kinder sind alle recht freundlich, und du wirst dich an ihren schonen Augen recht erfreuen, das sind meine vielen Blumen, so und meine Geschwister nennt sie Eusebio. Unsere Liebe, dein sonderbarer Freund und unsere Lieder werden uns die Zeit beflugeln; beflugle deine Schritte gegen Werdos Halle.

Deine Otilie

Romer an Godwi

Zwanzig Meilen bin ich gereiset, und nichts als meine Geldborse hat gelebt, recht in den Tag hinein gelebt. Der Anfang meines Traums war ein grosses Konzert und die allmachtige Stimme eines allmachtigen Weibes, und mein Erwachen ist die susse Stimme eines liebenswurdigen Madchens, die mit ihren kleinen niedlichen Fingerchen auf einer Pariser Guitarre spielt. Sie ist einzig wie ihr Auge, in dem die Macht von zweien wohnt, denn sie hat nur ein Auge, aber ein Herz und einen Geist. Du wirst sagen, mit dem Romer muss sonderbar gespielt worden sein, dass er so launig geworden ist; sieh noch einmal nach der Unterschrift, uberzeuge dich. Ja, ich bin es; und wie das alles? Dein Vater hat mich vor vierzehn Tagen meiner Arbeit entlassen, und mir erlaubt, meine Geschaftsreise anzutreten. Meine Stelle ersetzt ein Fremder, ein Freund deines Vaters, den er die Woche vor meiner Abreise ins Haus brachte. Er hat, wie er mir sagt, schon einen Monat auf unserm Landhause gelebt, und ich kenne ihn nur als einen fleissigen, sanften Mann, der in seinem Alter von zweiunddreissig Jahren viel muss erfahren haben. Seine Zuge sind durch Leiden verwischt; wenn er lachelt, so ruhrt er, und wenn er blickt, so sucht er. In Handlungsgeschaften hat er sehr viel Kenntnisse, was den Geist und den ganzen Umfang betrifft; doch muss er oft bei Kleinigkeiten sich sehr anstrengen und besinnen, um das Resultat zu finden. Er ist uberhaupt eine von den zarten grossen Seelen, die sehr viel verzeihen, und doch von sehr wenigen gekrankt werden konnen. Ich hatte ihn gern naher kennen gelernt, wenn es nicht schwer ware, ihm in kurzer Zeit naherzukommen, weil seine Oberflache, mit der man sich zuerst beruhren muss, um sie ans Herz zu drucken, zerruttet ist. Es ist mir, als habe ihm das Schicksal die Hand gelahmt und so den Freundschaftsdruck ermordet. Er muss den Menschen, den er lieben soll, gleich umarmen konnen, sonst kommt er ihm nimmer nahe. Dein Vater ist innig mit ihm verbunden, denn er ist oft allein mit ihm in seinem Kabinette, in das noch keiner ausser ihm gekommen ist, und dennoch zeigt er auch im Umgange mit deinem Vater, dass er nur noch die Tiefe des Lebens besitzt und das Nachste verlor. Er geht mit ihm um wie ein schuchterner Anbeter mit einem coquetten Weibe, wie der bigotte Katholik mit seiner Religion, er ist der unermudliche, stumme, angstliche Befolger aller Winke, die dein Vater giebt, oder die er sich von deinem Vater einbildet. Wenn er ruhig vor sich hinsieht, und ich wollte dir ihn schildern, so musste ich dich auf die Anlage des Kolorits eines Bildes des tiefsten Schmerzes, den das Bewusstsein verlasst und die Ahndung des Wahnsinns bewohnt, verweisen.

Froh, deinen Vater in den Armen eines Freundes zuruckzulassen, der ihn sehr beschaftigt, weil er bedarf, stieg ich in unsern freundlichen englischen Wagen, und dein Vater war so ungewohnlich munter, dass er mir zurief: "Nehmen Sie sich in acht, mein lieber Romer! Sie sitzen mitten in der Caprise einer Huldin meiner Vorzeit, einer Furie meiner Gegenwart." Ich grusste ihn, fand ihn sonderbar und rollte in der Caprise recht bequem weiter. Plane, dein Bild und das Bild einer Caprise meines zukunftgen Weibchens setzten sich zu meiner Seite und wurden meine unterhaltenden Gesellschafter. Die Epochen meiner Reise mit offnen Augen waren mein Wohlbehagen, als ich durch die reizenden Fassaden von D. fuhr, hinter denen schlechte Hauser stecken. Chodowiekis und Jurys Titelkupfer zu den Romanen des Feldpredigers, den spasmodischen Produkten des, Gott sei Dank! im Herrn selig entschlafenen Vaters der zwolf schlafenden Jungfrauen, fielen mir dabei ein; weiter meine Langeweile bei der schlechten Geburtshulfe, die in H. den Musen geleistet wird, denn ihre Sohne sehn an diesem Orte furchterlich aus; weiter die unermudliche Polizei in , die den Baum vor dem Walde nicht sieht, das heisst: den Sparren im Kopf, den Balken im Auge, vor dem Splitterwalde in den Augen der andern, und gern jeden zum Spitzbuben machte, um allen ihren Haschern und Polizeiknechten Beschaftigung zu geben. Durch diese Stadt geht der Transito der gesunden Vernunft, von wackern Marktknechten zu Ballen geschnurt und den Beschauern der Landesaccise durchwuhlt.

Ich konnte nirgends unterkommen als im Goldnen X. Nicht einmal eine Stube fur mich allein konnte ich haben, und musste, da ich zu Bette ging, das Gesprach zweier mit mir einquartierten Studenten horen. Der eine von H. kam sehr zerstort und traurig nach Hause, und schrieb seinen Kummer in das Freudendebet eines unglucklichen Frauenzimmers, deren Bilanz er heute gezogen und ein grosses Deficit gefunden habe. Der andere, ein ziemlich trockner Geselle von J., wollte den Kummer gar in keine Rechnung gebracht wissen, und argerte den ersten durch seinen Trost, F. behaupte, alles lage im Capital-Conto des Ichs, fast bis zu Tranen. Ich reiste vor Tages-Anbruch ab, und konnte dennoch den hebraischen Morgengebeten der polnischen Juden nicht entgehen, sie verdarben mir den Gesang der Nachtigalllieder, die mir durch die Stadt nachhallten. Weiter schlief ich bis nach B., wo nun, du kennst den Wert des Ortes schon nach einem zweideutigen Aufenthalt der getraumte Teil meiner Reise anfing. Ich rollte durch die schonen breiten Strassen, ein kalter, toter Wind strich mir um jede Ecke entgegen, alles, was ich sah, waren Leute, die durch Gehorsam grade, und Leute, die durch Stolz krumm gehen gelernt hatten, Soldaten und Hoflinge. Einige Fluche und das Schallen der Stockschlage der Kinder des Landes, die die Kreide aus ihren Hosen, den einzigen Uberfluss in ihrer Existenz, zur Parade ihrer Arbeit und die Gastfreunde aus ihren Bettdecken, die ebenso sehr zu den zehrenden Capitalien als der furstliche Stall gehoren, zur Parade ihrer Ruhe ausklopften, unterbrachen mich in meiner Angst, die mich jeden Augenblick vor dem Zauberpalast deiner Calypso vorbeifuhrte. Jeder zierliche Nachttopf vor einem grossen breiten Fenster machte mich vor ihrer Schlafstube zittern, jeder rotseidne Vorhang schien mir das erste Prinzip der Morgenrote ihres heutigen Tages, jedes Kammerzofchen, das mit weissem Arme ein silbernes Waschbecken vom Fenster herausgoss, schien mir ihren Schlaf und ihre sussen Traume von dir zu vergiessen. Ich stieg in einem Wirtshause ab, das am militairischen Ubungsplatze liegt, und sah, wie sich einige Landes-Junker ihres Lebens freuten, da sie ein Landeskind mit Spitzruten uberzeugen konnten, dass es ihm ein leichtes sei, das verbotne Volkslied "Freut euch des Lebens" ebenso wenig zu singen und zu denken als sein Herz Anteil an dem Sinne des "Herr Gott, dich loben wir" bei der Geburt eines neuen Rutenpflanzers nehmen zu lassen.

Morgen werden alle Wasser in dem Lustgarten seiner Durchlaucht springen, weil sich ein neuer Segensstrom in der Geburt des zukunftigen Volksvaters uber das Land ergossen hat, das Wasser in seinem Kopfe und die Tranen seiner Untertanen abgerechnet, welche sich in ihrer wechselseitigen Austrocknung wie die Pontinischen Sumpfe zum Schweisse der romischen Pabste verhalten. Doch sein Kopf und seine Untertanen gehoren nicht zu jenen Fontainen1, die wie eine gewisse Fontaine Wasser und immer Wasser in tausend lang- und kurzwahrenden und weiligen Strahlen zur Freude grosser Damen und ihrer Kinderstuben und einer Menge litterarischen Pobels und seiner Spinnstuben ausspeiet. Sie haben ihre Stelle im Jammertal.

Den 22ten. Ich sitze mitten in einer wollenen Schaferei, die gewirkten Tapeten meiner Stube sind voll von Schafen und Schaferinnen, aus den Zeiten der arkadischen Schafzucht unsers Geschmacks, aus den Zeiten Gessners. Hinter meinem Bette ist eine hingewebt, die immer recht mit mir harmoniert, wenn ich einschlummernd das Ritardando, Decrescendo und Diminuendo meines heutigen Lebens ertonen lasse. Ihre lange langweilige Taille vertragt sich gar nicht mit unserm jetzigen kurzgebundnen Geschmack la pointe de sa taille est encore au bas ventre et celle d'a present se finit au cur. Da ich, wie du weisst, gewohnt bin, seit mehrern Jahren vor dem Schlafengehen Gessners Idyllen zu lesen, so sind mir diese Surrogate sehr willkommen, weil ich, obschon ich sehr auf pag. 5 der kleinen Taschenausgabe gespannt bin, sie vergessen habe, mitzunehmen. Doch so wie die Kriegskunst von jeher ein Feind und Zerstorer der hirtlichen Ruhe war, so verhindert seit zwei Abenden auch die larmende Taille eines in der angrenzenden Stube an dem Pharotische eines Burgers aus F., der seine Bierbank; zu einer Goldbank exaltiert hat, spielenden Kriegers, den Einfluss der langen Taille der Schaferin. Dieser Krieger gabe sein Herz gern zum Karten-Sinnbild hin, hatte seine ganze Kompagnie je an einem andern Flecke Herz gehabt als unter dem Ellnbogen, das heisst herzformige Tuchflecken, damit sie ihre Montur und die Ellnbogen derselben drei Jahre lang durchbringen konne, denn diese Pursche sind alle wie Simson und haben die Eselskinnbacke stets in den Handen.

Es ist Zeit, dass ich in die Caprise steige und mich nach dem Lustschlosse fahren lasse, wohin heut alles lustwandelt, und ich mir die Leute ansehen will. Ich bin bei meiner jetzigen Freiheit ein ganz anderer Mensch geworden, und freue mich uber die neuen Seiten, die ich an mir entdecke. Ich glaube fast, konnte ich mich nur so wenig uber meine Sphare erheben, dass ich die dummen Streiche von Individuen alle bemerkte, ich ware fahig, einen satyrischen Almanach wie F. zu schreiben.

Hat der, welcher, in einformigen Arbeiten eingeschlossen, aus langer Weile gerne moralisiert und guten Freunden gern mit gutem Rate an die Hand geht, wohl Anlage, in der Freiheit hie und da Bemerkungen zu machen, die unter die launigen und satyrischen gehoren? Konnen die Umstande aus dem Kothurn eines vortrefflichen Iflandischen Hofrats wohl den Stiefel eines bissigen Katers erschaffen mir geht es fast so, ich habe mir durch den einformigen Gang meiner Geschafte einen einformigen, systematischen Gang meiner Ideen und Grundsatze erschaffen, die mich selbst am Ende mehr langweilten als Hermann Lange, wenn der seltene Zufall mir schneller die Bilder vor den Augen voruberjagte, weil ich viel gesehen und so wenig bemerkt hatte, als Nikolai in seiner zwolfbandigen Reisebeschreibung; wenn man umgekehrt geargert wird, so hat man wenig gesehen und so viel bemerkt, wie der Verfasser des Romans Godwi, und da kommen nun deine Briefe hinterdrein und sprechen von Kaufleuten und praktischen Menschen etc. Doch die Caprise will fort, sie gefallt allen Leuten wohl, sie ist gewaschen und geputzt, und erregt allgemeinen Neid. Bis aufs Wiedersehn. Es geht mir bei dieser Fahrt wie einem Menschen, der immer witzelt, und deswegen manchmal treffen muss. Er ist zu Menschen von Stande zu Tische gebeten, und will nun recht witzig sein, weiss aber noch gar nicht, ob er bemerkt werden wird, und es bangt ihm vor dem Ausfalle der Schlacht, da noch alles im tiefen Frieden liegt. Da bin ich wieder, und wie blass, zerstort, angstlich. Haben deine Bemerkungen nicht getroffen, armer Romer? O! ich wollte gern nicht bemerken, wenn die verdammte Caprise nicht ware bemerkt worden. Ich kann dir nicht sagen, Karl, wie mir zu Mute ist, verliebt bin ich wahrlich nicht, hundert Menschen habe ich umgerennt, hundert Flegels habe ich erhalten, Xenien habe ich gemacht, Strassen bin ich durchlaufen, wer weiss, wie viele stille Liebende gestort, wie viele argwohnische Alte erweckt, wie vielen Podagristen auf die Zehen getreten, und wie vielen Laufern zwischen die Beine gekommen. Da ich, um nach Hause zu kommen, uber die Fulda setzen musste, bekam ich fast Handel mit dem Schiffer, dem Ubersetzer der kleinen italienischen Gondel, der gerade auch ein paar Damen mit schwarz und weissen Federn ubersetzte. Merkur soll diesen Charon etwas verdorben haben.

Gott sei Dank, dass alles dies vorbei ist, ich habe dies alles von B. bis nach F. ausgeschlafen; aber doch ist es mir sonderbarer und wilder dabei zu Mute, als es dir sein mochte, als du mir deine sanftern Abenteuer an eben diesem Orte erzahltest. Ich sass also in der Caprise, und fuhr durch die Leute durch, die alle geputzt nach W. fuhren, ritten und gingen. Man zog vor meinem Wagen alle Augenblicke den Hut ab, und ich musste diesem Gruss unaufhorlich antworten; man ist nun einmal hier gewohnt, sich vor Caprisen zu beugen. Die Leute, die um meinen Wagen herum spazierten, hatten alle ihre fette Seite zu Tage gelegt, und suchten sich gegenseitig in der Beurteilung ihrer Glucksumstande zu ubertolpeln. So sind nun die Menschen, statt ihre Tage der Ruhe und Erholung, wie Beckers Erholungen, zur Mitteilung ihrer Armut und langen Weile anzuwenden, so wenden sie sie an, um zu heucheln, und erliegen der Arbeit an ihrer Ruhe. Wie wenig brauchen doch diese Menschen, um glucklich zu scheinen, und der Schein in fremden Augen ist ihnen alles, weil sie zu ermudet und zu geistlos sind, sich selbst zu geniessen; sie kennen nur den Genuss im Neide des Nachbars, umgekehrt wie ermudende und geistlose deutsche Produkte allein im Lobe des Nachbars leben. Sonderbar, dass die Englander uns die guten Arbeiten ihrer Hande so teuer bezahlen lassen und die schlechten Arbeiten unserer Geister so teuer bezahlen Wer ist der angefuhrte Teil?

Der ganze Schwarm mit seiner Stimmung war mir unerklarbar; so ist der Pobel uber die Krone auf dem Haupte und die Krone auf dem Castrum doloris gleich verwundert; so isst man Brezeln beim Leichenund beim Hochzeitsschmaus; so lacht und tanzt der Dummkopf mit dem lustigen Bruder und dem Patienten an der Chorea sancti Viti; so geht der Marseillaner Marsch vor den Scharen der bekannten Halsabschneider her, und ist in Deutschen gesellschaftlichen Zirkeln ein sehr beliebtes Gesellschaftslied. Ich sitze in der Caprise, und kann nicht mitlacheln mit dem Lacheln des Schlafenden, dem ein Vampir Kuhlung und Ruhe zufachelt, wahrend er ihm das Blut aussaugt. Viel hubsche Gesichter hab ich gesehen, aber fast alle gehaltlos, am gehaltlosesten waren immer die, die im furstlichen Gehalt standen, und am ausgezeichnetsten und scharfsten waren die gezeichnet, die pfennigweise ihren Unterhalt bettelten, und sie hatten doch ein Eigentum, das ihnen der Staat nicht nehmen konnte oder wollte, ihre Armut. Uberhaupt ist jeder Sonntag und jeder Tag der Freude eine wahre Seelen-Masquerade; mit dem Sonntagsrocke zieht der Burger auch seinen Sonntags-Charakter an, und nur der Arme wird nicht oder wenig verandert, weil er entweder kein Sonntagswams oder ein zerrissenes hat, so dass sein Werkeltags-Charakter entweder ganz erscheint oder durchsieht. Ich glaube, dass der Furst daher ebenso wenig vom Gluck des Volks aus seinem Jubeln auf Tanzboden und eine vernunftige Hostie, die im Hochamt emporgehalten wird, ebenso wenig von der Andacht der Christen uberzeugt werden kann, als das Volk von der Huld und Gute seines Fursten aus seinem Grussen im Schauspiel-Haus, und seinem huldreichen Lacheln bei der offnen Tafel, und die betende Kirche von der Hohe und Heiligkeit ihres Gottes aus der Lange und Kurze der Arme des emporhebenden Priesters. Auf den Tanzboden wird durch Glasergeklirre und Geigengequieke der Verdruss, der sich nur in der Ruhe uber den Niveau unsers Inhalts verbreitet, niedergeschlagen, so wie in der Kirche die reine Tatigkeit, die nur in der Ruhe aus unsrer Tiefe emporwallet, exaltiert wird, so wie der Furst, wie der Gotzendienst nie bei einer offentlichen Ausstellung beurteilt werden konnen, wo alle Sedative der Sklaven- und Herrscherkunst in voller Arbeit sind.

Ich war angekommen und lief durch die Menge durch, und es ward mir nicht schwer, mich allein zu denken; denn wir sind nie mehr allein als bei einer Menge von Umstanden, die ganz und gar verschieden von uns sind. In den Eindrucken der Anlagen liegt Pracht, Reiz, Ruhrung und Beruhigung abwechselnd, und der Fehler nach meiner Meinung liegt in der zu grossen Ahnlichkeit dieser Eindrucke mit dem Augenblicke und seinen Freuden, die nur einen Augenblick brauchen, es nicht mehr zu sein. Jedes Einzelne ist nur Einzelnes, indem es das vergangene Einzelne verschluckt. Man kann hier nichts als dem Tode der Vergangenheit nachweinen, durch die Geburt der Gegenwart uberrascht werden, und kommt man zu sich selbst, so ist ihr Leben hochstens noch das Nachundnach des Verschwindens. So ist auch hier durch die Zusammenstellung aller dieser Verschiedenheiten keine Gegenwart, man sieht nicht, man sieht nur nach und entgegen. Den schweigenden Geist der Musik, den mir ein marmorner Faun, der in der grossten Vollkommenheit auf einem hohen Felsen zwischen Gebuschen ausgehauen ist, zu ahnden giebt, zerstort der Korper der Musik, der mir aus den Glockchen am chinesischen Hause sinnlich entgegengaukelt. Der Reiz einer mediceischen Venus, dessen Zauberlicht durch die Schatten kosender Zweige hervorbricht erfullt mich mit den Schauern der Kunst und der Natur. Die Luge der Kunst ist so unausstehlich wahrscheinlich, dass die reizendste, seltenste Moglichkeit durch die Verfuhrung der Unmoglichkeit mich in Begierden durchzittert; ich mochte mich in diese steinerne Flut sturzen, dass die Wogen des Genusses uber mir zusammenschlugen, und kann doch nichts fuhlen, nichts sehen als den Satyr meiner getauschten Sinnlichkeit, der allmachtig meine Vernunft wie eine weinende zarte Nymphe davonschleppt. Lustern folgen meine Blicke meiner Begierde, die trunken uber die Wellenlinie der Grazie hintaumelt und an der gefahrlichsten Stelle hinter dem Aste einer Zypresse entweicht: so hangt die Angst der Nachwehen um die Schlafe des Genusses O warum muss der Trank der Freude ein heller Trank sein, dass man bei dem kleinen Masse, das uns gereicht ist, immer den Boden sieht? Sollte man nicht, wie Diogenes, den Becher wegwerfen, und lieber aus seiner Hand trinken, die selbst vom Rausche zittert; nicht lieber den Rausch aus dem Becher trinken, der selbst berauscht ist, da wir nicht schwimmen konnen, um uns in der allgemeinen Masse zu erfreuen, deren Tiefe uns keinen Boden sehn lasst? Weg mit dir, Freudenstorer! schrie ich den Zypressenast an, und dies ist wahrlich das Zweckmassigste, was ich in meinem Leben gesagt habe, sowie das Zweckmassigste, wo nicht das Massigste, was ich in meinem Leben gelesen habe, die Worte sind: Weg mit dem dummen Halstuch, was soll das dumme Halstuch! Weg mit dir, Freudenstorer! Wer uber dem Zahlen der Falten auf der Stirne der Zukunft die Kusse der Gegenwart unzahlig zu machen vergisst, der wird alt und blind, ehe er die Fulle seiner Jugend erblickte. Wer nicht nehmen will, weil er befurchtet, eine Lucke zu machen, der wird auch nie hingeben, um eine Wunde auszufullen. Wohl dem, der in dem Leben durch seinen Genuss eine so tiefe Spur zurucklasst, als die Lucke ist, die er im Grabe ausfullen muss. Der Zweig ist weg, eine Hutte steht vor mir, ich schreite traumend zu, trete hinein, und stehe unter einem halben Dutzend alter Manner, die sich sehr ernsthaft ansehen; ich entschuldige mich, ziehe den Hut ab, sie sperren die Mauler auf und sprechen nicht Husch, fliegt dem einen ein Vogel aus dem Munde; ich schaue auf und finde mich unter einem halben Dutzend holzerner Philosophen der Vorzeit, die zur Dauer mit Olfarbe angestrichen sind. Platon, der den Mannern mit Bassstimmen die Gefuhle der lebendigen Orgelpfeifen in Rom unterschieben wollte, hatte sich ein Sperling mit allen Freuden seines Ehebetts in den offnen Mund einquartiert. Nie habe ich einen stummern Lehrer gesehen, nie ist einem Lehrer Stoff der Selbstverleugnung und die Wahrheit so in den Mund gelegt worden. Meine verfolgte Begierde war mit dem Sperling davongeflogen, und ich nahm mir vor, mich hier keiner Laune mehr zu uberlassen, weil das Ganze fur Menschen erschaffen ist, die weder froh noch traurig, sondern amusiert und zerstreut werden sollen. Ich setzte mich auf eine Bank an einer Einsiedelei, und sah die ungeheure Menge von Menschen um mich her wandeln, die mich in die odeste Einsamkeit versetzten, weil sie mich alle nichts angingen. Plotzlich geschahen einige Schusse. "Es lebe der Furst! es lebe Casimir, der Furst!" hallte die ganze Wuste wieder, und stromte dem andern Ende des Gartens zu. Es war mir wie einem ehrlichen Muselmann zu Mute, der die Wuste Arabiens hinter sich hat, und der Moschee des grossen Propheten schon entgegensieht. Ich ging ruhig den Pfad gegen die Moschee hinauf. Chinesische Brucken trugen mich uber tosende Katarakte. Das ewige Sturzen, Wogen und Schaumen flieht und kommt wie die unendliche Zeit. Ich hange mitten darin, auf das schwache Gelander der Treppe gestutzt, Tropfen spritzen mir in das Gesicht, und erwecken mich aus meinem dumpfen Dahinbruten, ach! nur so wenige Tropfen, nur Tropfen mir! Ich weiss nicht, was ich gefuhlt habe, bis (mich) eine Gestalt, die durch die Saulengange der prachtigen Moschee, wie die susse Trunkenheit der Andacht und der allmachtige Zauber des Traums einer Religion, hinwallte, mich durch ihre fast handgreifliche Wahrscheinlichkeit aus meinen sonderbaren Reflexionen uber die schreckliche Zeit erweckte. Ich war bis unter die langen Arkaden gekommen, da ein leiser Fusstritt an dem gegenuberstehenden Gange neben mir voruberhallte. Nie habe ich so viel Stolz aus Selbstgefuhl, so viel Demut aus Mitgefuhl in der gebildetsten Hoheit eines weiblichen Umrisses, in der heiligsten Tiefe einer weiblichen Fulle vereint gesehen. Die Moschee, der Turban der Dame, ihr Schleier versetzten mich in die Feerei des Auslands, schuchtern eilte ich ihr durch alle die zierlichen Irrgange nach, oft sah ich eine reizende Falte ihres wallenden Gewandes um eine Saule herumschweben. Mitleidig bedauerte ich jede Falte ihres Gewandes, die an den Saulen des Tempels der Religion anstreifte, um einer Schwester Platz zu machen, die nun innig die Saulen des Tempels der Liebe umschloss. Ich scheute mich, meine Schritte zu verdoppeln, und sie schien mich zu vermeiden. Ich ging einen entgegengesetzten Weg, trat in die Moschee, und die Gottheit stand mitten in dem erhabenen einfachen Betehaus. Nie war ich verwirrter, ich habe nie mitten im Gebet eine Gottheit vor mir niederschweben sehen. Eine junge Nonne, deren heilige Jungfraulichkeit sich mit ihrer menschlichen Jungfraulichkeit verwirrt hat, die die Pfeile im Busen des heiligen Sebastians nicht mehr von denen der Liebe trennen kann, kann nicht verlegner sein ich dachte an dich und wunschte mir deine Kuhnheit; hatte ich diese nicht entbehrt, so wurde ich gar nicht an dich gedacht haben.

Ich grusste das Weib aus sittlicher Luge, und sah sie nicht an aus dem menschlichen Gefuhl des Wagstucks der innigsten naturlichsten Vertraulichkeit mit ihr. Ich gluhte und war frei, hingestossen, mich in ihre Arme zu werfen; ich zitterte und war gefesselt, mit Gewalt zuruckgehalten, an ihren Hals zu fallen. Wir drehten uns den Rucken. Ich sah an die Decke des Gewolbes, weil ich gen Himmel blickte, und las unter vielen Spruchen, die mit goldnen Buchstaben an die Wande geschrieben waren: Hier sei keine Furcht als die Furcht des Herrn. Dies erfullte mich mit einem unerwarteten Mut, ich drehte mich um, um die Dame anzureden, aber sie kam mir zuvor und bat mich mit vieler Anmut um mein Augenglas, um eine weiter entfernte Sentenz zu lesen. Ich gab es ihr zitternd, indem ich die ausserst gemeine Bemerkung machte: "So schone Augen, und ein Augenglas!" Sie sah mich lachelnd an und sprach mit einer wehmutigen Stimme: "Die Tranen." Ich schamte mich und horte sie die Worte laut lesen: "Lege hier nicht dein Leiden, lege dein Handeln in die Waagschale". Hier gab sie mir das Augenglas zuruck, sah tiefgeruhrt zur Erde, und schien ganz von dem hohen Sinn der Wahrheit getroffen zu sein. Die Hande nachlassig zur Erde herabsenkend sah sie nieder, als suche sie ihre Handlungen und fande verlorne Freuden. Ach! ich ware gern vor ihr niedergesunken, hatte ich nur die mindeste Hoffnung gehabt, zu ihren verlornen Freuden zu gehoren. Ich seufzte etwas laut, das hohle Gewolbe ertonte und weckte sie auf. "Sie scheinen ein Fremder zu sein, mein Herr!" redete mich die Dame an. Ich bejahte die Frage. "Nun so konnen wir", fuhr sie fort, "miteinander nach der Stelle gehen, wo die Wagen die Spazierganger erwarten, ohne dass der eine in Gefahr ist, morgen zu horen, was der andere Boses von ihm gesprochen hat." Ich konnte sie nicht begreifen und ihr nicht antworten; ich bot ihr meinen Arm, und wir verliessen die Moschee schweigend. Ich wagte es, sie zu fragen, wie sie zu so einsamen Spaziergangen verfuhrt wurde; auch hierauf erhielt ich eine eigne sonderbare Antwort. "Ich habe diese Frage schon so oft beantworten mussen," erwiderte sie lachelnd, "dass es mir schwer wird, zu antworten, ohne mir den Vorwurf machen zu mussen, ich hatte die Antwort auswendig gelernt. Doch ich will es versuchen, mich mit der Vielseitigkeit meiner Sprachgewalt selbst zu ubertreffen: es ist, weil ich nichts an der Welt zu fodern und ihr nichts zu geben habe. Man hat mir so viel genommen, dass man bei der Harmonie meines Daseins das zerstummelt hat, was mir noch zugehort; mehr kann ich nicht sagen, und Sie werden so gutig sein, Ihre Neugierde zu unterdrucken und mir die Freude zu lassen, Ihre Frage befriedigend beantwortet und dennoch mich Ihnen nicht anvertraut zu haben." "Madam!" erwiderte ich, "ein Mann, der an Ihrer Seite geht, musste der undankbarste Mensch sein, wenn er noch einen andern Wunsch in seinem Busen hegen konnte als den, zu wissen, ob er Ihnen nicht missfallt." "Lassen Sie das, mein Herr!" erwiderte sie, "das sind Zierereien, die Sie nicht hierherbringen mussen, wohin ich den Zierereien des burgerlichen Lebens entfloh. Wundern Sie sich nicht uber alles, was ich von Ihnen fodern will; wenn Sie konnen, so freuen Sie sich daruber. Wir werden uns wohl nicht mehr sehen; lassen Sie uns das Stuckchen Weg, das wir miteinander zu gehen haben, einstens zu den wenigen Minuten zahlen konnen, die wir Menschen waren. Wie heisst du?" "Karl; und du?" "Molly." Unsere Arme verschlangen sich. "Wo bist du her?" "Aus B." "Aus B.", sagte sie mit gedampfter Stimme und liess ihren Arm aus dem meinigen sinken. Der Ton ihres letzten Worts und das ganze sonderbare, allein dastehende Impromptu in meinem Leben benahm mir den Mut, weiterzusprechen. Schweigend, wie auf den Wink eines Geistes, der mich Schatze zu heben fuhrt, ging ich mit ihr. Der Mond hatte sein Licht uber die Gegend gegossen. Ich glaubte den Schritten Glyzerens auf den Pfaden des Lohns ins Elysium zu folgen. Fern horte ich das Gerausch des Volks vor den Toren der Unterwelt. Bald huschte wie ein Geist der Schatten eines wankenden Wipfels durch die milde Verklarung der Gestalten, bald sahen kalt und weiss Marmorbilder durch den regellosen zitternden Umriss der Baume, kleine Vogel schwirrten wie der Flugelschlag meines ahndenen Genius um mich her. Anspruchslos wankte die kleine Gondel im Spiegel des Teichs, und das Glockchen der Eremitage ertonte wehmutig in dem Wehen des Abendwindes, als wolle es meiner scheidenden Freiheit Lebewohl sagen. Neben mir schwebte stumm die Zauberin mit leisen Tritten, ihre Locken wallten glanzend und zugellos durch die himmlischen Lichter. Hieroglyphisch sprachen flatternd die Wellen ihres Graziengewandes zu meiner Seele, sie schwebte in den Schatten und Lichtern der Mondnacht, als habe jemand die Allmacht der Liebe unter die Sternbilder versetzt und ich, ich war im Zustand eines hungrigen Dichters, der der Phantasie eines Genies nachlauft.

Die Abendlieder der Nachtigall verhallten mehr und mehr unter dem sich nahernden Gerausch der Menschen, und das freundliche Mondlicht ermattete bei dem Glanze des erleuchteten Schlosses und der mit Fackeln um die Wagen herlaufenden Bedienten; das Rufen der Kutscher, das Rollen der Wagen, das Pfeifen und Singen und Plappern der Menge weckte mich unsanft aus meinem Himmel. Umgekehrt, wie ich oft nach dem Gerausche eines Balls in meiner einsamen Stube weinte, ergriff mich hier ein Unmut, dessen ich mich jetzt freilich schame. Alle die Leute, die frohlich und munter durcheinanderstromten, hielt ich fur gefuhllose und tierische Menschen, und ich ware gewiss aus mitleidiger Neugierde keine Salzsaule geworden, wenn Sodoms Feuerregen uber sie herabgefallen ware. Die Dame wurde von einem jungen Sansfacon empfangen, der sie nach ihrem Wagen bringen wollte. Sie druckte mir die Hand und bat mich, wenn ich noch einige Tage in B. bliebe, sie doch zu besuchen. Ich beteuerte es, und stieg in meinen Wagen. Er war durch die herumgezogenen Vorhange verdunkelt, ich setzte mich in die Ecke und fuhlte nichts als den Handedruck der Dame; sehr beschaftigt, auch die kleinste ihrer Handlungen zu meinem Vorteil auszulegen, kam ich mehr tot als lebend in die Nahe von B. Das Trommeln in der Stadt erweckte mich, und eine Stimme erschallte in meinem Wagen: "Madam, lassen Sie mich doch bei meiner Mutter aussteigen." Ich wurde wie vom Donner geruhrt. "Wer sind Sie? Herr Jesus! ein Mann! ein Mann!" schrie die andere Stimme; "Kutscher, halt!" Die Kutsche hielt, und die Sache kam zur Auflosung. Vor allen bat ich Mademoisell zu schweigen, damit der Larm nicht eine Menge Menschen herbeilockte, und mir dann zu sagen, wie ich zu der sonderbaren Ehre ihrer Gesellschaft kame. Aber sie fing nur desto starker an zu larmen: "Was? wie ich hierherkomme? Wie kommt Er hierher? Wo ist die Lady, wo ist sie? Dieb! Rauber!" "So schweigen Sie doch!" sagte ich, "ich kenne keine Lady, und wie ich in meinen Wagen komme, brauche ich keinem Menschen zu sagen." "Aber, mein Herr, das ist ja Ihr Wagen nicht," erwiderte sie, als sie bei dem Anblick meiner Person, beim Schein einer vorubergetragenen Fackel, etwas hoflicher wurde; "es ist der Wagen der Lady Hodefield, die so gut war, mich in die Stadt mitnehmen zu wollen." "Meinen eignen Wagen muss ich besser kennen, als Sie der Lady ihren. Larmen Sie nur nicht so, ich will Sie ebenso gern nach Hause bringen als die Lady. Es kann ja wohl sein, dass unsere Wagen einander sehr ahnlich sehen; damit Sie sich uberzeugen, so lassen Sie uns den Kutscher fragen." Der Kutscher war eben derselbe, der mich herausgebracht hatte, und bestatigte meine Behauptung. Meine Gesellschafterin aber war nicht zu beruhigen und stieg aus, weil sie mir nicht zu trauen schien. Sie weinte. Das arme Madchen dauerte mich recht herzlich, ich bot ihr an, sie zu Fusse zu begleiten; sie sagte: "Nein, mein Herr! gute Nacht," und weinte immer dabei, "das geht auch nicht, denn ich bin mehr, als Sie von mir zu denken scheinen, ich bin ein ehrliches Madchen", und verlor sich unter der Menge. Ich mochte nicht mehr einsteigen, und da wir nicht mehr weit von einem Gasthofe in der Vorstadt waren, hielt ich still, um ein kleines Abendbrot zu mir zu nehmen. Ich liess meinen Wagen beleuchten, um mich vollig zu uberzeugen, dass ich meinem Gaste nicht unrecht getan. Aber Himmel, das ist ja die Caprise nicht, auf der Tur steht ja kein M.H., sonst ganz dieselbe Gestalt. Der Wirt sagte mir, dies sei der Wagen der Lady Hodefield, die gleich hier in der Gegend ein Gartenhaus bewohne. Ich entschloss mich also, zu Fusse nach Hause zu gehen, und befahl dem Kutscher, nach dem Gartenhause hinzufahren und meinen Wagen wieder zuruckzubringen.

Verdrusslich, den Tag, an dem ich so transparent war, an dem ich zum erstenmal, da ich in meinen Busen schaute, so fremde und warme Bilder sich bewegen sah, auf eine so prosaische Weise zu endigen, entschloss ich mich, in ein Konzert zu gehen, um zu sehen, ob die Harmonie meine sussen Schwarmereien wieder ins Leben rufen konnte. Dies Konzert, mein Lieber! war der Anfang meines Traums und des schlafenden Teils meiner Reise. Es sollte meine durch die Szene in dem Wagen erstarrten Gefuhle wieder erwekken, und machte sie so wach, dass ich der Anstrengung unterlag, und nun wirklich geistig matt einschlief.

Ich eroffne die Ture; "st! st! st!" lispelte man mir entgegen; ich schleiche mich durch die Menge durch, allein ich konnte die Sangerin nicht sehen, die den Saal und die schlechte Begleitung der Instrumente mit dem Himmel ihrer Stimme durchgoss. Ich steckte mich in eine Ecke und trostete mich mit dem Ungluck der katholischen Kinder, die vor der Taufe sterben und die Last der Erbsunde noch nicht abgewaschen haben; sie mussen daher linkerhand neben der Vorholle eine kleine Kinderstube beziehen, wo sie die Freuden der getauften Kinder zwar horen, aber nicht mit ansehen und geniessen konnen. Ich hatte so ziemlich meinen Endzweck erreicht, meine Gefuhle kamen wieder, so zart als sie uns an der Hand der Erinnerung zugefuhrt werden; sie haben dann das Uberraschende, das Ungestume nicht, das uns immer ihre ersten Kusse raubt, man kampft nicht mit ihnen, sie kommen uns sanft und schuchtern entgegen, wie die Umarmungen eines zuchtigen Madchens, die uns die burgerliche Ehe ihren von den Sitten aufgedrungenen Zierereien entrissen hat.

Die volle gediegene Stimme des Weibes entlief durch unendliche Wendungen meinem geizenden Ohre, wie meinem suchenden Blicke die hohe Gestalt der Turkin durch die Irrgange der Moschee, dann tonte plotzlich ihre Stimme ernst und doch voll liebender Warme durch den Saal; alles schwieg; auf der heitern Stirne manchen Greises las ich die Weisheit und in manchem nassen Blicke eines sanften Madchens die warme trostende Wahrheit der Spruche im Tempel. Die Gottin stand in ihrem Werke, in ihrem Lied noch einmal vor mir. Hagestolze und Witzlinge fuhlten ein Herz und konnten es nicht finden, hier fand ich beschamt mich wieder. Mein Augenglas ist hundertfach in den Handen der umhergaffenden Stutzer, sie drehen es verwirrt zwischen den Fingern und flustern mit halboffnem Munde: "Quelle volubilite de gosier!" und ich machte in der Moschee die schlechte Bemerkung: "So schone Augen, und ein Augenglas!"

Ihre Stimme eilte noch einige Minuten mit leichtem Wechsel durch wehmutig belebte und sanft ersterbende Akkorde, und verschwand dann in dem allgemeinen Einsturmen einer unertraglichen Menge Instrumente; ich horte noch einmal das Kutschengerassel, eine leichtfertige Pleyelsche Sinfonie beschloss das Konzert, ich sah in ihr den jungen Sansfacon noch einmal, wir wurden noch einmal geschieden.

Meine Erwartung, die Sangerin zu sehen, war ausserst gespannt, ich dachte mir eine Gestalt wie die Turkin, als ich plotzlich den namlichen Windbeutel neben mich hintreten sah, der die Dame in W. in den Wagen gehoben hatte. Ich hatte ihn gerne gefragt, wer die Sangerin sei, wenn ich diese Klasse Menschen nicht ebenso sehr hasste, als ich erschrecke, wenn ich eine Grazie schnell und viel essen, sich jucken oder kratzen sehe. "Madame vient", flusterte ihm ein anderer seinesgleichen zu, und er empfing ein Weib aus der Menge, die keine andere als meine Turkin war. Sie sah blass und zerstort aus, und da sie an mir vorbeiging, durchfuhr sie wie ein Blitz jenes Nichtbemerken, das bei Weibern in Augenblicken, wenn sie sich ganz mit sich selbst schon beschaftigen und dieses Zurucktreten in sich selbst dennoch sehr merklich wird, ebenso sehr der Beweis des scharfsten Bemerkens als eine doppelte Verneinung eine Bejahung wird. Ich beneidete den jungen Herrn, der mit ihr sprach gar nicht, denn er erhielt auf seine Bitte, sie begleiten zu durfen, die einfachste Verneinung, eine kaltes Nein. Ich konnte nicht mehr bleiben, und das Ausrufungszeichen, das der Stutzer an seinen verzweifelnden Abschied aus der Orthographie seines Tanzmeisters mit seinen Fussen sehr kuhn anhangte, konnte mich nicht aufhalten, obschon es sich in meine Schritte, die, so wie die langen Gedankenstriche in den "Ruinen des Schwarzwaldes" den guten Einfallen des Verfassers und seiner Tendenz nachlaufen, die Dame verfolgten, verwickelt hatte. Auf der Treppe erreichte ich sie und ihren Namen. Sie sagte mir ihn freundlich, damit ich sie besuchen konne, und hatte sie mir einen andern als Hodefield genannt, so wurde ich ihn gewiss verhort haben, denn ihr Vortrag war so lieblich, dass er auf den Genuss des Inhalts gar nicht gierig machte. "Madam! so sind Sie wohl die Dame, deren Wagen ich aus Versehen genommen habe? Ich muss Sie wegen einer grossen Ahnlichkeit um Vergebung bitten." "Sie sind aus B., der Wagen, in dem ich fuhr, ist der Ihrige?" fragte sie besturzt. "Nein, es ist der Wagen des Banquier Godwi, in dessen Geschafte ich reise." Es stieg ihr eine Rote in die Wangen, sie wurde verlegen und druckte mir die Hand. "O dass ich dies gestern nicht wusste!" sagte sie; "Sie konnen mich nicht sehen, bemuhen Sie mich nicht umsonst, und wenn Sie einige Achtung fur mich haben, so entfernen Sie sich, und trosten Sie sich mit dem Schwur, dass ich Ihnen ein grosses Opfer gebracht habe, ein Opfer, das die Natur nur selten ohne Unnatur bringt." Sie beschleunigte ihre Schritte, ich stand, auf die Treppe hingebannt, bis mich der Schwall der Menschen heruntertrug. Da ich auf die Strasse kam, sah ich ihren Wagen wegrollen, in dem ich kurz vorher noch so ruhig sass und mich erkuhnte, ihren Eindruck auf mich aus ihrer Coquetterie herzuleiten. Ich streckte die Arme in die Luft dem Wagen nach; ach! welchem sind alle seine Grundsatze auf vier Radern so weggerollt. So streckt der Alchymist seine Arme dem Vermogen nach, das ihm durch den Rauchfang entwischt, und dennoch sieht er nach seinem Stein der Weisen zuruck, und hofft, aber auch dieser ist zum Caput mortuum geworden. Ich rannte durch die Strassen und glaubte mich in einer Wuste, denn Lady Hodefield schien mir die ganze menschliche Gesellschaft. Ich spazierte durch die grosse Promenade, storte manche hochste Verindividualisierung, schaute nicht auf bei dem "Aufgeschaut!" der Sanftentrager, um die Unsanftheit ihrer Rippenstosse zu fuhlen, die der Etymologie des Namens dieser Affenkasten gar nicht parallel liefen, rannte wie der Jalousieladen, erweckte die Eifersucht, storte manches langerwartete stille Rendezvous in der Abendstunde und kam so nach Haus, wie ich dir geschrieben habe. Ich kann nicht mehr bleiben, die wollenen Szenen aus Gessners Idyllen schienen mir unausstehlich langweilige Tapeten, ich nahm Abschied von ihnen wie der zartlichste, durch die Langeweile der Liebe unglucklichste Schafer. Man bringt mir ein Billet, es enthalt folgende Zeilen: "Wenn Sie an den jungen Godwi schreiben, so melden Sie ihm folgende Worte: Seine Standhaftigkeit wurde bald durch die Erlaubnis, den bewussten Brief zu erbrechen, belohnt werden. Molly."

Nun du hast gesiegt, deine Molly und meine Englanderin, sind sie nicht beide, wie Phobe und Proserpina, Hekate? Hier hast du das Billet, mich brennt es zwischen den Fingern und dir ist es ein Kleinod. Ich stieg in meinen Wagen und war also auch ein Traumer in B. geworden. Verbrenne meinen ersten Brief, ohne den dieser nicht eine Sunde gegen meinen so sehr angepriesenen Charakter ware. Ich kann die Handlung nicht aufheben, um jene Predigt zu erretten, und konnte ich es, so wurde ich es doch nicht tun, denn die Sunde, durch die ich zur Selbsterkenntnis gekommen bin, ist mir lieb.

Dieser ganze Brief besteht aus einzelnen Bruchstucken, die ich nach und wahrend der Geschichte in B. fur dich niedergeschrieben habe. Die liebliche Stimme, die mich aus dem Traume weckte, die mich wie ein Sirenengesang aus meinem truben Leben in mir selbst in das fremde Element des hiesigen leichten Lebens rief, ist die Stimme der geistreichen, witzigen Mademoiselle Budlar. Ich hange mich an die bunte Reihe ihrer Anbeter, wie oft ein kleines beinernes Totenkopfchen das Ende der Aves und Paternoster im Rosenkranze macht. Ave und Vale.

Werdo Senne an Lady Hodefield

Madam! ich schreibe Ihnen im Namen Eusebios, der krank geworden ist und mit Sehnsucht nach Ihnen verlangt. Er sitzt auf seinem Stuhlchen, das er sich aus Weiden selbst geflochten hat, und weint sehr heftig; er bat mich, Ihnen zu schreiben, und an das Ende des Briefs will er einige Zeilen von sich anhangen, die er mir in die Feder sagen will. Jetzt ist er ruhig und denkt nach, was er Ihnen alles zu sagen hat. Ich bin froh, dass dies ein Mittel ist, ihn etwas zu zerstreuen; ich werde es noch oft anwenden, er lernt dadurch seine Gedanken ordnen, und trostet sich, wenn es anders moglich ist, dass bei der Schnelligkeit des Wechsels in allen seinen Freuden und Beschaftigungen dies ihm lange unterhaltend sein konnte. Ich kann ihm wenig Hulfe geben. Meine Otilie allein hat durch Erzahlung von Marchen, die sich in ihrer zarten Phantasie entwickeln, und durch ihre Lieder das Mittel gefunden, seine mit ausserordentlicher Warme auflebende Einbildungskraft zu beschaftigen. Der Arme dauert mich sehr, er scheint ein machtiger Beweis fur die Glut der Empfindung der Unseligen zu werden, die ihr Dasein der Glut der Empfindung ihrer Eltern verdanken.

Uberhaupt, Madam! haben Sie mir keinen Dank fur die Bildung Ihres Lieblings. Nur meiner Otilie gehort er. Und sollte ich ein Verdienst um ihn haben, so ist es mittelbar, so ist es dadurch, dass Otilie so gut durch mich und die Natur ist. Ich liebe dieses Madchen unendlich, sie ist eine holde Blume, die sich aus den Trummern meines Lebens emporwindet. Sie ist eine liebliche Sprache der Versohnung, die aus meinem Grabe zu den Menschen, die mich erdruckt haben, spricht: Ich verzeihe und liebe euch. O! ich freue mich dieses freundlichen Nachhalls meines Lebens. Ich habe zuviel gelitten, und hange noch viel zu innig an meinen Tranen, den einzigen, die mir treu blieben, als dass ich mehr als selten zum Bildner taugte. Unter meinen Handen konnen sich nur in jammervollen Zugen die still und traurig wandelnden Gestalten meines Lebens entfalten. Ich wage nichts mehr. Einen einzigen Weg habe ich Eusebion gefuhrt, den Weg meines Trostes und meiner Dankbarkeit, den Weg zur Natur und zu Ihnen, edles Weib. Ich habe ihn schweigend beten gelehrt, aber sein Dank ist laut, wie der meinige schweigend, weil fur das Gefuhl meines Dankes die Worte eines Greises zu leise sind. Eusebio ist gut und wird tatig werden, ich habe manche Stunde seiner horchenden Seele meine Wahrheiten hingereicht, die nur, welche ihm so nahe lagen, wie die Natur den Greis an das Kind gestellt hat. Einigemal sprang er heftig auf, sturzte in meine Arme und weinte zitternd. Otilie fragte ihn neulich bei einem ahnlichen Falle, was ihn so bewege. Er erwiderte: "Bei euch kann ich nicht bleiben; du Vater bist gut, und du Otilie, ach wie gut bist du! bringst du den Armen das Brot nicht entgegen, und batst du nicht fur meinen Freund das Reh, als es der bose Jost totschiessen wollte? Euch beiden kann ich nichts helfen, ich will zu den andern armen Menschen, von denen der Vater mir sagt, dass sie nicht gut seien, die will ich lieben, so lieben, so freundlich mit ihnen sprechen, dass sie alle werden mussen, wie ihr seid. Ach! und meine Mutter, meine Mutter, die grosse freundliche Frau, will ich sehen wie sie meiner denken wird, und wenn sie mich sieht, dann wird sie erst meiner gedenken."

Madam, ich hoffe Sie bald zu sehen, denn ich werde nicht lange mehr hier wandeln; was soll ein Toter hier im Leben? Meine Augen konnen das Licht der Sonne nicht mehr ertragen. Der West erstarret meine Glieder, und das Lied meiner Harfe hallt nicht mehr so laut aus den Gewolben meiner Wohnung, und ich leide zu viel, um Otilien mitleiden zu sehen. Meine Hulle vermag die Glut meines Herzens nicht mehr zu umfassen, ich werde bald ein Aschenhaufen in mich selbst zusammensinken.

Weste sauseln; silbern wallen

Locken um den Scheitel mir.

Meiner Harfe Tone hallen

Sanfter durch die Felsen hier.

Aus der ewgen Ferne winken

Trostend mir die Sterne zu.

Meine muden Augen sinken

Hin zur Erde, suchen Ruh.

Bald, ach bald wird bessres Leben

Dieses mude Herz erfreun,

Und der Seele banges Streben

Ewig dann gestillet sein.

Schwarzer Grabesschatten dringet

Um den Tranenblick empor,

Aus des Todes Asche ringet

Schonre Hoffnung sich hervor.

Meines Kindes Klage hallet

Durchs Gewolbe dumpf und hohl,

Idolmios Zunge lallet

Jammernd mir das Lebewohl

Zu der lang ersehnten Reise.

Senkt mich in der Toten Reihn.

Klaget nicht, denn sanft und leise

Wird des Muden Schlummer sein.

Und du Gute nimmst die Beiden

Mutterlich in deinen Arm,

Linderst meiner Tochter Leiden,

Lachelst weg des Knaben Harm.

Aus des Athers lichter Ferne

Blickt dann Trost der Geist euch zu.

Es umarmen sich zwei Sterne

Und ihr Kuss giebt allen Ruh.

Schwermut glanzt des Mondes Helle

In mein tranenloses Aug,

Schatten schweben durch die Zelle,

Seufzer lispeln, Geisterhauch

Rauschet bang durch meine Saiten,

Horchend heb ich nun die Hand,

Und es pochen, Trost im Leiden,

Totenuhren in der Wand.

Sie werden meine Tochter lieben, und werden bald ein gluckliches Weib sein. Es ahndet mir eine grosse, grosse Freude. Durfte ich ihn wahlen, den sussen Tropfen, in dessen Rausche ich das grosse Mass meines Kummers vergessen mochte, so ware es das Bild der Versohnung durch Reue und der Erkenntnis gegenseitigen Werts, so ware es meine Seligkeit, das Kind meiner Marie in einem edlen Manne zu sehen. Der ist kein edler Mensch, der sich nicht freut der Liebe im Arme seines Nebenbuhlers, und der ist ein niedriger Mensch, der sich nicht freut des Werts der Kinder, deren Vater er hatte sein konnen. Wir beide waren die Betrognen, wir beide werden verzeihen konnen, und ich werde frohlich sterben, vor Freude werde ich sterben; der einzige Plan meines Lebens, der mir gelingen sollte, sollte der meines Todes sein. Sonderbar steht dieser ungeheure Gedanke vor mir. Ach! alle meine Tranen sind geweint. Wo soll ich Tranen der Freude hernehmen? Ich werde in die Nacht meines Grabes sinken uber dem Tage, der an seinem Rande aufgehen wird.

Sonderbar ist das Gewebe meines Lebens gewesen, ein Geheimnis liegt uber ihm, keine Staaten-Verhaltnisse, keine sogenannten Wichtigkeiten, Menschenliebe und Duldung haben ihm das Siegel eiserner Verschwiegenheit aufgedruckt. Und das alles wird sich um uns drehen, diese Freudensphare wird auf meinem Grabe stehen wie der Fuss des Regenbogens, unter dem in meinem Vaterlande ein freundlicher Aberglaube Schatze wahnt. Trosten Sie sich, edles Weib, Sie werden hier und ich dort belohnt sein. Ich breche ab, ein Fremder tritt herein, es ist mir leid um die Zeilen, die Eusebio Ihnen schreiben wollte.

Werdo Senne

Godwi an Romer

Wenn du bei mir warest, mein Lieber! und ich konnte die Lampe ausloschen, und beim grossen freundlichen Sternenlicht und dem ehrlichen Monde traulich Hand in Hand mit dir sitzen und plaudern, ich wurde dir dann wahrer und warmer alle die Freuden und Empfindungen ans Herz legen konnen, die mich seit unserer letzten Unterredung umarmen. Ich wandle nicht mehr in den finstern Gangen und dustern Gemachern ehemaliger Verdienste um das Vorurteil. Verdamme mich nicht mehr, dass ich vom aussersten aufs ausserste falle; du kannst sehen, dass ich den Weg der Zeit gegangen bin. Aus einem freundlichen Landhause in eine alte Burg und von da gar auf eine Ruine, an die der Einsiedler seine Wohnung gebaut hat. Ist dies nicht der Weg der Zeit?

Ich lebe und liebe denn was bleibt dem Leben ohne Liebe? der Tod in der Wohnung des Einsiedlers, von dem ich dir schrieb. Er hat sie in die Trummer des Reinhardsteins, eines alten Schlosses, gebaut, um dort, wie er sagt, die Menschen seine Klagen nicht horen zu lassen, und ihre Lugen nicht zu horen. Die Grossen in der Materie, die Ritterschaft, drangte sich in die Stadte, um die Kleinen, die in der Zeit des Geistes machtiger wurden, in den Schatten zu stellen; Raubvogel, die das Licht der hellern Sonne nicht mehr ertragen konnten, drangen sich der brutenden Henne als Gehulfen auf, und so wurde manches burgerliche Kuchelchen verbrutet, und so entstand das Motto: Sub umbra alarum tuarum. Faulenzer und Blodsichtige lieben sub umbra. Das war ein grosser Mann, der nicht sub umbra alarum Alexanders ruhen wollte, und ihn bat, er moge ihm aus der Sonne gehen. Werdos Gluck haben sie auch verbrutet, und, da sie ihm nicht aus der Sonne gehen wollten, so hat er sich auf diesen hohen Berg gefluchtet, und sieht sie so aus der ersten Hand. Er sagte mir neulich: "Hierhin in die Trummer des Faustrechts habe ich die Trummer der Freiheit meines Geistes gerettet, denn, mein Herr, der Kuckuck jagt die Nachtigall aus ihrem Neste; die Menschen finden es grausam, weil sie es nicht taten, fangen sie sehr naiv in Schlingen, sperren sie in einen Kafig, schreiben die Geschichte der Stubenvogel und nennen sie Naturgeschichte, da sie doch gewiss eine Kunstgeschichte ist, blenden der Nachtigall die Augen, damit sie immer singt, schreiben ihren Gesang in Worten nieder, futtern sie mit gestohlnen Ameiseneiern, und lassen ihre Kinder etwa auch mit holzernen Kuckucken aus Nurnberg dazwischenschreien." In dieser ganzen Rede lag eine seltsame Darstellung seiner Leiden.

Es ist mir sonderbar zu Mute hier, ich habe nie so gesellig eine Nacht so einsam zugebracht, es regt sich alles in mir nach Mitteilung, und doch ist mir die mittelbare des Schreibens etwas unangenehm.

Die Lampe verdirbt mir den Mond, er sieht uber die Erde herab, wie der Trost uber den Jammer, wie das platonsche Auge eines zwanzigjahrigen Madchens uber ihren wallenden Busen. Er steht uber dem Harem des Grosssultans von Goldblech, wie der Orden Pour le merite uber dem Herzen der und heisst doch ein Brotdieb der ausserordentlichen Liebe und Diebe im Kleinen. So macht der Stern kein Herz, und der Mond uber dem schlechten Wirtshause in J. hat noch keinem Ermudeten eine freundliche Nacht gewahrt. Sieh, so stort mich die Lampe, dass ich den Mond lastere. Unten im Tale mochte ich auch etwas hemmen, das mir in meine Ruhe hineinlarmt. Eine Pulvermuhle klappt durch die sanfte liebliche Nacht, wie der Puls der Kunst durch die Natur, wie der taktstampfende Fuss eines Musikers durch seine Melodien, wie der Pantoffel der Ehe durch die Liebe.

Senne heisst der Bewohner dieser sonderbaren Wohnung, deren Ganzes mich in eine schauerliche geruhrte Stimmung versetzt. Ich mochte auch hier wohnen, wenn ich alles verloren hatte, um das ganz geniessen zu konnen, was jedem Edlen ubrig bleibt, Natur, Ruhe, Erinnerung und innerer Friede.

Oben auf der Spitze eines grossen Bergs liegt in einem Amphitheater, das ein dichter Eichenwald bildet, die Burg Reinhardstein, und in einem hohen grossen Gewolbe, das in der Mitte des Gebaudes unter einer verfallnen Terrasse steht, hat sich Werdo Senne einige niedliche Gemacher anlegen lassen, die alle einer vollkommen reinen Luft und einer sehr schonen Aussicht geniessen. Uber sich auf der Terrasse hat er einen kleinen Gemusgarten angelegt und einzelne Hugel um seine Wohnung her mit Weinreben bepflanzt. Vor dem Eingange des Gewolbes, der mit Epheu und Geisblatt umzogen ist, steht eine ewige Eiche; an sie hat er sich die Rasenbank hingebaut, auf der er seinen Schwarmereien nachhangt. Hier sitzt er oft halbe Tage lang, und singt Lieder zu seiner Harfe, die er meistens selbst dichtet. Er hat es auf diesem Instrument zu einer seltnen Fertigkeit und einem seltsamen Vortrage gebracht, denn seine eigne, durch gewisse Zufalle bestimmte Ansicht der Dinge und seine heftige Sehnsucht nach etwas, das er allein kennt, giebt seinem Spiel eine ganz eigene Modulation, die alles um ihn her zur Teilnahme bewegt. Ich habe mir eins seiner Lieder gemerkt, er singt es sehr oft, und es scheint mir, als lage viel Aufschluss uber seinen Kummer darin.

Die Seufzer des Abendwinds wehen

So jammernd und bittend im Turm;

Wohl hor ich um Rettung dich flehen,

Du ringst mit den Wogen, versinkest im Sturm.

Ich seh dich am Ufer; es wallet

Ein traurendes Irrlicht einher.

Mein liebendes Rufen erschallet,

Du horest, du liebest, du sturzest ins Meer.

Ich lieb und ich sturze verwegen

Dir nach in die Wogen hinab,

Ich komme dir sterbend entgegen,

Ich ringe, du sinkest, ich teile dein Grab.

Doch sturzt man den Sturmen des Lebens

Von neuem mich Armen nun zu.

Ich sinke; ich ringe vergebens,

Ach nur in dem Abgrund des Todes ist Ruh.

Da schwinden die ewigen Fernen,

Da endet kein Leben mit dir.

Ich kenn deinen Blick in den Sternen,

Ach sieh nicht so traurig, hab Mitleid mit mir.

Bis jetzt hab ich wenig mit ihm gesprochen, denn er spricht nicht gerne, und ohne zuruckzuschrecken hat er durch sein Betragen die Macht, alle Lippen zu verschliessen. Die Ruhe um ihn her gleicht jener Ruhe, die jeden Gefuhlvollen nach den Arbeiten eines reichlich verlebten Tages am stillen Feierabende ergreift. Ahnliches Schweigen ergriff mich, als ich die Opfer ihrer Meinungen, alte aus Frankreich vertriebene Priester, in unsern Promenaden mit Tranen im Auge ihr trocknes Brot essen sah, als ich den Greis Broglio, als ich den silberlockigen Conde, den Hut in der Hand, mit zur Erde gesenktem Kopfe auf Zeitungen warten sah. Ahnliche Ruhe wird mich ergreifen, wenn ich uber die Berge von kalter fester Lava um den Vesuv herum wallen werde. Er ruht und traumt nach dem Rausche, den wir uns zu trinken noch beschaftigt sind, und bang sehe ich nach seiner Ruhe und belausche seine lauteren Traume und passe sie meinem Rausche an. Sparlich spielen einige Silberlocken um seine Schlafe, wie ein paar freundliche Augenblicke seines Lebens um sein Gedenken, seine schwarzen Augen haben eine schauerliche Mischung von Liebe, Verleugnung und Starke im Blick, sein Mund ist selten in einen freundlichen Ernst, oft in ein wehmutiges Lacheln gezogen. Wenn er steht oder sitzt, so vermisst man etwas in seiner Lage, und weiss nicht was fehlt, bis er die Harfe an seine Brust und seine Stirn an die Harfe lehnt. An diese Stellung scheint er so gewohnt zu sein, dass, wenn er die Harfe nicht im Arme hat, man ihn sonderbar findet. Mit der Harfe aber ist er mir ganz das Sinnbild der wechselseitigen Freundschaft und des Zutrauens. Er lehnt seine Stirn an sie, wie auf den Arm eines trostenden Freundes, und klagt ihr seine Leiden. Sie ruht wie die Teilnahme und das Mitleid an seinem Herzen, und scheint unter seinen leisen Griffen freiwillig ihm zuzuhoren, und dann und wann in traulichen Worten ihm Trost zuzuflustern. Er hangt schwarmerisch an ihr, wie die verwelkten Blumenkranze um ihre Saiten, und wenn durch eine rasche Erbebung des Instruments ein Blattchen von den Kranzen herabfallt, so schweigt er, und letzt, da ich ihn belauschte, rollte eine Trane uber seine bleichen Wangen, und er sagte: "Wenn alle diese welken Blumen herabgefallen sind, so will ich nicht mehr weinen und nicht mehr singen, so will ich sterben." Dann sang er:

Um die Harfe sind Kranze geschlungen,

Schwebte Lieb in der Saiten Klang:

Oft wohl hab ich mir einsam gesungen,

Und wenn einsam und still ich sang,

Rauschten die Saiten im tonenden Spiel,

Bis aus dem Kranze, vom Klange durchschuttert,

Und von der Klage der Liebe durchzittert,

Sinkend die Blume herniederfiel.

Weinend sah ich zur Erde dann nieder,

Liegt die Blute so still und tot;

Seh die Kranz an der Harfe nun wieder,

Auch verschwunden des Lebens Not,

Winken mir traurig wie schattiges Grab,

Wehen so kalt in den tonenden Saiten,

Wehen so bang und so traurig: es gleiten

Brennende Tranen die Wang herab.

Nie ertont meine Stimme nun wieder,

Wenn nicht freundlich die Blute winkt;

Ewig sterben und schweigen die Lieder,

Wenn die Blume mir nicht mehr sinkt.

Schon sind die meisten der holden entflohn;

Ach! wenn die Kranze die Harfe verlassen,

Dann will ich sterben; die Wangen erblassen,

Stumm ist die Lippe, verhallt der Ton.

Aber Wonn, es entsprosset zum Leben

Meiner Asche, so hell und schon,

Eine Blume. Mit freudigem Beben

Seh ich Tilie so freundlich stehn.

Und vor dem Bilde verschwindet mein Leid.

Herrlicher wird aus der Gruft sie ergehen

Schoner und lieblicher seh ich sie stehen,

Wie meinen Feinden sie mild verzeiht.

Der Gram, unzulanglicher Trost und Tauschungen in seinen Erwartungen von der Wirklichkeit und ihrer Zeit haben den Kampf und die Niederlage seiner Seele in seine Gesichtszuge hingezeichnet. Er hat sich mit all seinen Kraften des Selbstglucks und der Begluckung zur Aschenurne seiner Freuden erschaffen gesehen, und die Inschrift auf dem Male, das auf seinen Trummern steht, liest man in seinem irren Blick, dessen Sprache durch den Jammer, wie die Sprache der Graber durch den Zahn der Zeit, verwittert ist. Sein Verlust muss unendlich sein, denn er sucht noch immer uber der Erde mit seinen Augen hin, als habe er noch Kraft, diesseits eine Blume zu pflucken. Ach Romer! wie werde ich vergluhen, da ich die Flamme noch nicht kenne, die mich durchlodert; o! es ist mehr als Lebenswarme, was mich ergreift, wenn ich begehre, was mir fehlt. Ich sehe die Natur um mich her ewig und unermesslich, und wenn ich sie ganz verschlinge, wie sehr ich es kann, so bleibt es doch ode in meiner Brust, und mein Herz pocht so eintonig, so allein in meinem Busen. Alles ist Harmonie und Melodie, und verschwistert sieht sich alles in den Armen eines andern zum zweitenmal gelebt, zum zweitenmal beseelt; kein Spiegel meinem Bilde, kein Echo dem lauten verlassnen Rufe aus meinem Herzen, kein Strahl aus der Seele eines Geschopfs, der nur mir gehore, kein Sinn fur mich durch das Geprage der Einzigkeit nur fur mich belebt. Die Natur hat mich nicht gestimmt, dass jeder Kunstler meine Tone mit dem grossen allgemeinen Klang in Akkorde vereinigen kann. Freilich sprach ich anders in meinem vorigen Briefe, da war mir das Leben noch leicht, jetzt ist es anders. Nur einer wird mehr als leichtfertige, tanzende Tone aus mir in das grosse Meer von Gesang hinuberweben.

Sonderbar ist es, lieber Romer, wenn ich alles dieses fuhle, dass es mich ganz vernichtet, zu sehen, dass ich nur mich beglucken, nur mich befriedigen will, dass dieser Drang nach Liebe ein Bedurfnis ist, dass auch mit dem Bedurfnisse Liebe und Freundschaft schwindet und wachst. Ist der Wunsch, seiner Liebe alles aufzuopfern, nur zur Selbsttauschung in unsere Verbindungen gelegt? Ist mir denn das Gefuhl, mich dem Ideale meiner kuhnen Hoffnung uneigennutzig, ohne Selbstliebe, nur ganz ihm hinzugeben, nur zur augenblicklichen Schmeichelei erschaffen, und sucht man uns den Egoismus nur wegzuraisonnieren, damit wir ihn uns zur Qual sich wieder in unsere lieblichsten Bilder von Menschengluck als einzig feststehenden Beweggrund eindrangen sehen?

Ich habe gesundigt. Die Natur spricht aus, was ich beklagt habe. Der Mond tritt hinter eine Wolke. Es ist dunkel und schwarz in der Nacht, und meine Lampe schimmert etwas heller durch das Stubchen. Da ist nun die Aussenwelt, die Hoffnung und die Sehnsucht, die Tiefe des Himmels und die kleinen Sterne von meiner innern getrennt. Heller leuchtet das Lampchen, aber nie hell. In meiner Brust ist eine weite Welt gewolbet, mein Egoism kann sie nicht erleuchten. O die Nacht! Ist der Mond fur die Welt da und nur diese Lampe fur mich? Im Dunkel herrschet Ruhe und Vollendung. Die Dammerung erzeugt das Handeln und verdirbt den Raum, ich will ihr Licht nicht. Der Mond schwimmt leise auf dem ewig tiefen Meere der ewig hohen Welt uber die Wolkenburg, wie die Natur uber den Worten und Werken von mir Kind hervor. Stirb, Erdenlichtchen. Gute Nacht! Die Lampe verlischt.

Es ist schon wieder Tag geworden. Konnte ich dir das Erwachen eines Seligen im Elysium malen, den kein Freund, keine Liebe, den nur die Muhe im Leben begleitete, dem ein einsamer Tod die Augen zudruckte, dessen letzter Blick voll des sterbenden Lebewohls sich in keiner Trane eines Trauernden brach, und in ihn selbst zuruck einen Trost sich senkte, dessen letzter Kampf mit der Liebe zum Leben wie Fesselgerausche von kalten Kerkerwanden wiederhallt. Konnte ich dir ihn malen, wie er ausruft: "Ich war zu spat geboren!" wenn er in den Garten tritt, in dem alle seine Erdenfreuden als himmlische Blumen bluhn, so hatte ich dir meine Empfindung, da ich an diesem Morgen in die Welt sah, in einem Bild zusammengedrangt, hingereicht. Mir selbst zu wenig, und der Welt zu viel, und umgekehrt, legte ich mich gestern abend nieder; mein Lager war ein mit Moos ausgestopftes Ruhebett; und die Gastfreundschaft hatte durch ein liebliches Madchen wohlriechende Krauter druber hingestreut. Die Handlung beschaftigte freundlich meine Sinne, und die Wirkung berauschte sie zum Schlafe. Guter, freundlicher Wirt, wusstest du, dass hier ein Schwarmer ruhen sollte, der deine Hutte entweihen konnte, weil du Krauter und Blumen wie Hieroglyphen der Liebe und Unschuld um ihn streutest? Indem ich mit den Bildern spielte, spielten sie wieder mit mir, und ich schlief. Ein sonderbarer Ton weckte mich auf. Es war mir leid, dass es die Sonnenstrahlen nicht taten. Ich hatte mich dann eines hoheren, einigeren Lebens freuen konnen. Die Morgenrote kampfte spielend mit dem Grun der Weinblatter, die an dem kleinen Fenster, vom Morgenwinde bewegt, mir um die Wangen schmeichelten, als wollten sie mich mit meinen Wunschen versohnen. Die Liebe hatte den Schmetterling geweckt. Die Sonne stieg leise hinter dem Gesichtskreise empor, und kusste die Scheidetranen der Nacht von den Blumen. Sie drang aus sich selbst empor, wie die Glut der Leidenschaft, und das Leben erwachte in steigendem Glanze, wahrend die unbestimmte Trauer im Schleier des Nebels feierlich und verheissend in die Erde stieg. So werden die Seufzer der trauernden Witwe Seufzer der Liebe, und der Kranz schwebender Lichter bluhet in Irrlichtern und Feuerwurmchen uber Grabern und Blumen. Die Tranen der Sehnsucht und der Hoffnung haben die Erinnerung umfasst. Den Schleier des Kummers hebt die trostende Liebe. Ihr Blick dringt in Mitleid in das Herz. Die zitternde Hand ordnet die vernachlassigte Locke. Man erkennt das Leben im Spiegel. Das Grab ist hinabgesunken, der Trost ist hingewandelt. Die Freude dreht sich wie Liebesneckerei um uns, und der Hochzeitstanz, der seine jubelnden Kreise durch unsere Sinne zieht, ertrinkt mit uns in Lebensallegorien, um die die Burgerlichkeit mystische Vorhange gezogen hat.

Unter meinem Fenster entwickelte sich ein freundliches Schauspiel. Ein junges Reh hupfte durch den kleinen Garten bis an das Fenster unter dem meinigen, und raschelte blokend im Weinlaube, als erwarte es etwas. Dann eilte es gegen die Ture, durch die ein Knabe von etwa dreizehn Jahren trat. Der Knabe ging an einen verschlossnen Behalter, holte einen Bundel Krauter hervor, womit er das Reh futterte. Alles das tat er mit einer heftigen Eile, und doch schien zwischen ihm und seiner Handlung eine traurige Ruhe zu liegen. Seine schwarzen Augen und die Zuge seines bleichen Gesichts bewegten sich schnell, wie Takt ohne Ton, indes seine Haare kraus in dem Winde wehten. Er pfluckte eine grosse Sonnenblume ab, und einige Buchszweige, steckte Taxus dazu, ging langsam nach einer alten Mauer an dem Turme dicht neben meinem Fenster, schwang sich mit einer unglaublichen Behendigkeit hinauf, setzte sich nieder, sang mit durchdringender Stimme ein Lied, das mit wenig Melodie in schnelle kurze Takte gedrangt war. Das Reh war zu ihm hinaufgesprungen, und legte ihm vertraut den Kopf in den Schoss. Dann und wann sah er mit Sehnsucht in die Ferne, indem er in einer kuhnen Stellung auf der Fussspitze auf dem engen Rande der Mauer stand. Er schaute gespannt in die Weite, indem er die Hand gegen die Sonnenstrahlen vor seine Augen hielt; dann winkte er, sprang herab, und sein Begleiter ihm nach. Die Gartenture ging auf, und so trat der Engel, von Gott zum erstenmale auf die Erde gesandt, durch die Ture des Paradieses. Ich stand mit meiner Unzufriedenheit hinter den Weinblattern meines Fensters so schamhaft wie der erste Mensch hinter seinem ersten Kleide. Ein Madchen, weiss wie der Schnee, mit schwarzen Augen und Locken, wurde von dem Knaben heftig umarmt. Ich verschlang die schone Gruppe. Das Reh hatte den Blumenstrauss im Maule, und drangte sich an das Madchen, um ihr denselben zu reichen. Es schien mir, als hatten sich die Geschopfe Gottes noch nicht veruneinigt und die Sunde die Gewalt noch nicht hervorgerufen. Das Ganze war so unwillkurlich, war so durch sich selbst entstanden, dass es so schon werden konnte. Meine Seele war in meinen Augen. Eine fluchtige Erinnerung meines Unmuts beschamte mich. Die ganze Szene lebte in mir, und doch sah ich nur das Madchen. Der Knabe hing an ihrem Halse, wie ein kleiner Reiz der Schonheit, den wir nur bemerken, weil er unserm Auge ertraglicher ist. In diesem einzigen Geschopfe, in dieser Gestalt und der augenblicklichen Zusammenstellung ihrer Umgebung ward ich mit der ganzen Ordnung der Dinge versohnt. Die ganze Welt wird uns lieb, wenn sie uns mit dem Blick der Liebe ansieht; und wer die Sonne fur das Auge der Welt ansehen kann, der muss glucklich sein, wenn sie scheint. Ich habe hier gesehen, dass Schonheit in der Welt wohnt, und dass diese Welt auch in meiner Brust eine Heimat hat. Das Ganze war zu uberraschend, und meine Seele zum Empfangen solcher Bilder zu wenig vorbereitet, als dass ich sie ruhig in mir hatte bewirten konnen. In meiner Seele wechselten alle Gefuhle in der kommenden und fliehenden Eile der Leidenschaft. Scham und Starke, Liebe und Demut, kuhne Hoffnung und kleinmutige Furcht eilten mit schmerzlichen Tritten durch mein Herz. Sehnsucht loste sie alle. Die Stimme des Madchens zundete sie in mir an; ich sahe nicht mehr, ich horte nur; oder ich sah, was ich horte, denn ihre Tone waren freundliche helle Gestalten, sie trugen ein fremdes Gewand; es war eine fremde Sprache ich konnte sie nicht verstehen. Wenn ich in Molly und Joduno etwas geliebt habe, und nicht alles, so finde ich in diesem Bilde gewiss beides. Es ist keine Kuhnheit, dass ich dir sage, wie dies Madchen ist, da ich sie nur sahe; aber ihre Erscheinung ist ein reines Wort fur ihren Inhalt. Sie konnte nur schlechter sein, als sie scheint, und dann ware sie schlechter als alle Schonheit. Molly, durch Erfahrung gewarnt, durch Umstande gezwungen, zwar kein Produkt der Kunst, aus eigenem Bewusstsein, ist dennoch durch fremde Einflusse bestimmt worden. Sie ist gewiss vieles nie geworden, was sie hatte werden konnen, wenn die Natur an ihrer Wiege gestanden und sie als Jungfrau begleitet hatte. Sie ist kein Wesen, das die Mitgabe der Schopfung ruhig zu einer eigenen schonen Wohnung erbaut hat. Sie lief nicht glucklich auf dem Meere des Lebens aus. Sie ist zuruckgekehrt, und hat sich aus den Trummern ihres Charakters und ihrer Meinungen mit ihren Erfahrungen ein Dasein gebildet, das ihr gerade deswegen angemessen ist, weil es allen andern auffallt. Sie hat nicht, was das Weib allein bezeichnen soll, das Schone allein; sie hat nur das Grosse, das Erhabene, das uns aus dem Kampfe zuruckbegleitet. Huldigung und Bewunderung ersteht und beugt sich in jedem, der vor sie hintritt, aber keiner wird es wagen, das Schone in ihr zu suchen, das wir in dem Weibe suchen sollen, insofern es edel ist und uns angehort. Sie wird jeden erschuttern, ihn richtig beurteilen und lieben, insofern es ihm gut sei. Ein Starker kann sie nicht lieben, denn er findet seine Grosse nur in sich und wollte seine Schonheit in ihr suchen, wo er aber nichts finden kann als eine bisarre Erhohung seines Wesens. Eigenliebe kann zu ihr hinreissen; man staunt und freut sich, wenn man geschmacklos ist, sich in so bunten und grellen Farben gekleidet zu sehen. Man liebt aber nicht, weil man sich nicht verschonert wiederfindet. Sie hat es durch die Kunst weit gebracht. Alle ihre Handlungen sind mit ausserer Anmut angetan, und tragen das Geprage einer freien, vorurteillosen Moralitat. Dieses ist auch der stete Ausdruck ihres Gesichts, in der Ruhe und Erregung. Aber jeder naturliche Mensch wird gerade durch diese Freiheit, durch diese offentliche Entblossung von allen Vorurteilen zuruckgeschreckt. Er ist gewohnt, dass die Natur in ihm leise und verschamt die Wahrheit entwickele, zu der er dann wieder das durchsichtige Gewand wird; er erschrickt, wenn die Form von dem Geiste plotzlich wie der Schleier von der Nacktheit herabgerissen wird. Es giebt eine Ansicht der nackten Schonheit, die uns zur Demut niederzwingt. Das burgerliche Leben ist zu sehr Kerkerdunkel, als dass wir es wagen konnten, plotzliches Licht hereinbrechen zu lassen was uns demutiget, konnen wir nicht lieben. Joduno, das gute, muntere Madchen, konnte mich nur reizen, weil ich von jener kam. Die Welt spielte damals mit mir, und es war in mir eine unwillkurliche Erwiderung dieses Spiels, dass ich mit Joduno auch spielte. Sie war die erste, in der die Welt vor mich trat, und so kindisch, so zum Spielen geneigt. Mein Umgang mit ihr verschwindet in seinen Ursprung, in ein undeutliches Gefuhl, das uber meinem Herzen wie der Hauch auf dem Spiegel lag. Die seltsamen Zauberspiele Mollys und alle ihre Ratsel schliefen einen kunstlichen Schlaf in mir, und meine ganze Aussicht war in einen dusteren, undurchdringlichen magischen Mantel gehullt.

Lady Hodefield an Werdo Senne

Friede und Ruhe mit Ihnen, treuer, einziger Freund. Ihr Brief hat mich in einer der wichtigeren Minuten meines Lebens sanft uberrascht; er ist wie ein sanfter Schlaf losend uber meinen Rausch, wie ein winkender bedeutender Traum uber den Zweifel meiner Handlung herabgesunken. Ich habe zweimal der eisernen Notwendigkeit den sussesten Genuss geopfert. Die Versuchung, der Zeit einen Possen zu spielen, und selbst mit unendlicher Wollust aufzudecken, was sie in ihrer stillen, folgenden Gesetzlichkeit entwicklen wird, war fur ein tollkuhnes Weib wie ich nicht klein; so nannten Sie mich einst, aber ich darf es ja nicht mehr sein. Nur die Blute darf uppig wagen, darf der Frucht wie ein jauchzender Bote vorausgehen, und ich darf nichts, gar nichts mehr, das ist alles vorbei, die Zeit bereitet mir nun meine Freuden, damit ich hubsch genugsam sei. Ich habe sonst zuviel genossen, nun ist die Zeit da, dass ich den Genuss andrer genug ehre, um ihn nicht zu storen. Und diese Macht danke ich Ihnen allein; Sie lehrten mich, dass die meisten Unfalle Folgen unserer Voreiligkeit sind, mit der wir der Zeit in ihrer Konsequenz vorgreifen. Ich war in dem Kampfe gegen meine schimmerndsten Gelusten ermudet; auf meinem Sopha hingestreckt, blickte ich nicht ohne Neid nach dem Besiegten. Das Bild der Freude, die ich von mir in die Ferne gewiesen hatte, stand flehend und drohend vor mir, ich war so allein, so empfanglich, die Freude so reizend in ihrem Schmerz und Unwillen; "ich komme nicht wieder", sprach sie, und schien mich zu dem zudringlichsten Besuch der verwegensten Reue zubereiten zu wollen, falscher Stolz, falsche Scham, waren ihre Vorwurfe. Doppelt einsam, indem ich die Gesellschaft des einzigen, der ausser Ihnen Anspruche auf meine Liebe hat, von mir gewiesen hatte, war ich, als ich Ihren Brief erhielt. Sie sind ganz gegenwartig in ihm fur mich, obschon Sie schon leise dem Leben drinne entschweben, denn ich kann Ihnen nachsehen. Alle meine Leidenschaften, alle meine Wunsche haben sie nun wieder zu jenem anspruchslosen Frieden gebracht, in den Sie sich Ihren Gram und so freundlich mir meine Schuld zu verschleiern wissen.

Ich habe Karln gesehen ich wusste nicht, dass er es war, und doch bewies die Natur ihre geheime Macht, unwiderstehlich zogen mich ihre Bande zu ihm hin, obgleich Zeit und Ferne sie versteckt hatten. Ich fuhlte, dass er mir angehort, der geistvolle schone Sohn, auch er war im Innersten seines Herzens geruhrt, und neigte sich gewaltsam zu mir hin, ohne es erklaren zu konnen. Ich erkannte ihn durch die Erzahlung seines Aufenthalts bei Godwi und seines Geschafts. Ich erkannte ihn in der Trennung, und es war die hochste Wonne und der bitterste Schmerz in die namliche Minute gelegt. Nur die Uberraschung und die Menge der Menschen um uns machten mir es moglich, den sanft von meinen Blicken zuruckzuweisen, den ich in meinem Herzen trage, und den ich umso fester in meine Arme schliessen mochte, da ich ihn als einen edlen ausgebildeten Menschen wiedersah. Ach ich war nicht standhaft, die Entdeckung zu verhindern, es war blosser Zufall, dass ich mich und sie nicht verriet!

Alles was Sie mir uberhaupt von Eusebio und insbesondere von seiner Krankheit schrieben, scheint mir ebenso richtig, als Ihre Bescheidenheit falsch. Sie wollen gar nichts von dem wenigen, womit ich Ihnen Ihre Existenz erleichtere, verdient haben, und ich soll Ihre ewige Schuldnerin bleiben.

Die Trauer Eusebios ist mir sehr verstandlich. Ware er unter dem glucklichen Himmel seines Vaterlandes, wo sein Herz und der Himmel in einem Gleichgewichte der Glut standen, so wurde er froh sein. Er erwacht vor der Zeit, weil seine Umgebung auf seine Anlage einen zu grossen Reiz ausubt. Obschon er keinen Druck und keine Geschichte zu bedenken hat, so kann er dennoch nicht mehr Kind sein. Das Missverhaltnis seines Temperaments zu seinem Leben, und zum Lande, in dem er lebt, zwingt ihn zu reflektieren; da er nun keinen bestimmten Gegenstand haben kann, so entsteht aus seiner Reflexion uber das blosse Bedurfnis die Sehnsucht in ihm. Er schmerzt mich; wehe dem, der kein Kind sein konnte, er kann nicht Jungling, nicht Mann werden die Jahreszeiten fliessen ihm in eines zusammen in seinem Verlangen und bedarf in jedem Genusse jeden andern. Eusebio hatte noch lange Knospe sein mussen, an der der Tautropfen und die Trane hinabrollt, nun hat sich sein Busen erschlossen, und die Trane liegt still in seiner Kindheit, ein Bote innerer Trauer fur sein ganzes Leben. Die Aussenwelt hat ihn nicht auf der Stufe, die er einnimmt, gefesselt, es spielte kein Kind mit ihm, und so treibt ihn seine innere Glut aufwarts, die ihn hatte ausbreiten sollen. Ich fuhle deutlich seine Zukunft, er wird nie die Formen kennen lernen, in denen er lebt, nur in den zusammengesetztern, reichern langer verweilen, jedem halben Tone wird er entgehen, und leicht viele Stufen des Lebens ubereilen. Das Verlangen ist fruher und begehrender in ihm ausgebildet, als er sich die Welt gewurdiget hat, er offnet die Arme mit Sehnsucht, und nimmer kann er mehr umarmen als sich selbst; so entsteht bei immer neuen Versuchen und einem steten Zuruckkehren ohne Erfolg diese entsagende Trauer in ihm.

Sein heftiges Begehren nach mir erklart sich leicht hieraus. Wenn er mit seiner machtigen fruhreifen Phantasie den kleinen sparlichen Kreis seiner Erfahrungen durchlauft, so ist ihm sein Aufenthalt bei mir der reichhaltigste Punkt. Das Einfache reizt ihn nicht mehr, weil es zu innig und zu schmerzlich mit ihm verwebt ist. Schmerzlich sage ich, weil er an ihm ermudet ist. Je einfacher das Leben eines phantastischen Gemuts ist, je druckender wird ihm seine Umgebung; seine Anlage zu erfinden wird vielfaltiger gereizt, und weil die Sache, an der er bildet, ihm nie entgegenkommt, sondern er ewig an seinem Zusatze zusetzen muss, um weiterzukommen, ermudet er eher. Um eine grade Linie konnen mehrere Wellenlinien gezogen werden als um die Wellenlinie. Eusebio hat sich sein Dasein schon so sehr mit den Gewinden seiner Phantasie umschlungen, dass er die einfache Linie nicht mehr kennt, und gleichsam in den selbstgesponnenen Netzen seiner Einbildungskraft gefangen liegt.

Ich wurde schon zu Ihnen und dem kleinen Insassen meines Herzens gekommen sein, wenn ich Godwi, Ihren Gast, nicht vermeiden musste, denn wir sind uns beide gleich gefahrlich.

Sie haben mich gelehrt, meine Handlungen nach allgemeinen Gesetzen um der Ruhe und Gesetze willen zu beschranken, ohne deswegen meine Art zu fuhlen, welche die Eigentumlichkeit meines Zusammenhangs mit der Natur bestimmt, zu erdrucken und auch ohne dies ist es mir nie moglich gewesen, mich wie eine Burgerin in die freie Welt hinein zu heucheln, das Geprage meiner Seele ist zu tief, es konnte nicht erloschen, und ich bin schon insoweit vor der Verfolgung der Burgertugend geschutzt, als man von mir, als einer reichen Englanderin, sonderbare Streiche pratendiert. Doch dies hat mich nicht bestimmt, Godwin zu lieben, nicht, ihn von mir zu weisen. Ich habe das erste gemusst und das zweite gewollt. Er ist einer der wenigen, die, bei grosser Macht in sich, dennoch nichts von ihrer Kraft entbehren konnen, weil ihnen ein ebenso grosses Leben entgegenliegt. Das Leben liegt vor solchen Menschen wie ein erzhaltiges Gebirg, sie mussen hindurch, und alles gewinnen, aber die Kunst des Bergmanns und des Scheidekunstlers ist ihnen versagt, sie mussen die Strahlen des Lebens in dem Brennpunkte ihres Herzens vereinigen, um, eine einzige Glut vor sich herwerfend, sich eine Bahn durch die Goldadern zu gluhen, wo andre mit tausend Hammerschlagen sich kaum den Schacht eines Grabes erarbeiten zwischen emporgeworfenem Schutte, der Pyramide ihrer Endlichkeit. Hier im Lande klettern die Kinder an diesem Denkmale des Vaters in die Hohe, um sich in der Kunst des Sturmlaufens im Dienste des Vaterlandes zu uben.

Ich habe ihn von mir gedrangt aus Liebe zu ihm. Er ist zu sehr fur das Ganze, und mit zuviel Kraft ausgerustet, als dass ich ihn hatte unterstutzen durfen, sich im Einzelnsten, in mir zu verlieren. Er ist nicht fur mich gewesen; wo hatte ihn sein Engel besser hinfuhren konnen als in Ihre Arme, wo alle meine Unruhen entschlummert sind?

Lieben sie Ihren Gast, wie Abraham den Engel liebte, der ihm verkundigte, dass ihm ein Sohn auf der Schwelle des Lebens stehe.

O ich bin sehr stark geworden, ich werde der Zeit nicht vorgreifen, auch nicht fur Sie. Es ware zuviel, wenn ich vor Ihnen entwickelte, was ich ahnde, beinah versichert bin. Die lose entwurzelte Eiche wurde mit allen den einsamen Reben, die sich innig an ihr hinaufschlingen, hinabsturzen uber den Berg Gethsemane ihres Lebens, und von neuem in den Grabern ihrer Freude wurzeln. Ich glaube fast ganz, dass die Ahndungen Ihrer Freuden eintreffen werden, aber dann werden Sie nicht vor Freuden sterben, Sie werden leben und Jahre mit unendlich tiefen Stunden.

Gross und reichlich ist der Tisch des Herrn, und jeglicher hat seinen freudigen Wein neben sich stehen, und wie er trinkt, so geniesst er. Spater, fruher und zu fruh ergreifen die Gaste den Becher. Viele nippen sparsam vom Rande, und wahrlich ihre Hoflichkeit ist dem Wirte und seinem Reichtum ein Schimpf, scheinen sie doch aus der Provinz, aus irgend einer Marktflecken-Welt des Universums hier zu Tische, und wollen fast genotigt sein. Dies sind die determiniertesten Herren, in jedem Augenblicke bereit und geschickt, nach einer kurzen kraftigen Rede fur die Tugend auf der Henkerbuhne zu sterben, und trafe jeden seine Geschichte nach seiner Anlage, so waren diese Leutchen ein ausgesuchtes Chor von Revolutionsopfern, und an ihnen allein wurden alle Exempel statuiert. Sie treten mit beiden Fussen auf dem Laster herum, und tragen auch die haltbarste Moral so ab, dass man die Faden zahlen kann. Ohne allen Begriff fur eine edle Natur, kampfen sie sich an der Tugend zu Tode. Ihre Herzensgute sieht ihnen zu den Augen heraus, wie ein fauler Hausherr, der immer in der Schlafmutze am Fenster liegt. Andere Gaste fassen zu derb zu, sie leeren den Kelch zu schnell, und trinken sich krank in Gesundheiten, ubersattigt sitzen sie am Mahle, wie ein nuchternes Ubelbefinden nach einem tollkuhnen Rausche; es sind genialische Renommisten, Sklaven der Freigeisterei, und meistens Parvenus im Leben. Sie wollten das Mahl begeistern, und fressen die Begeisterung, und viele unter ihnen, die sich Philosophen nennen, haben keinen andern Wunsch, als ihren eignen Magen zu verschlingen; sie gehen stolz in so weiten Schuhen, dass sie in den Schuhen gehen, mit denen sie gehen; zu gar nichts konnen sie gelangen, weil sie alles sind, ohne irgend etwas zu haben, und sollten nur sich selbst umarmen lernen. Viele sitzen noch mit zu Tische, auch wohl welche, die den Spargel verkehrt essen, oder witzige Devisen zum Munde fuhren, und so alle Arten. Doch unten am Tische, wer hat die stillen Kinder vergessen, die Lieblinge des Wirtes, die ruhig harren, und mit dem Vorwurfe des Unrechts das Mahl nicht storen wollen, und seine Freude? Man gebe ihnen den wohlschmeckenden Kuchen, und den sussen freundlichen Wein des Nachtisches, dass sie frohlich von dannen gehen. Die Gaste verlassen den Tisch, sie gehen nach Hause, oder werden nach Hause gefuhrt, so wie jeglicher getrunken hat. Wenige und auch Sie, freundlicher Greis, stehen am Ausgange, sie haben das Ihrige nicht genossen, und teilen es frohlich dem Ubermassigen und Unmassigen mit, dass jener nicht hungernd von dannen gehe, und dieser nicht leer. O! Ihre Freuden, Werdo, haben Sie sich selbst gepflanzt, wie die Reben um Ihre Hutte. Sie haben sie auf einen Boden gepflanzt, den Sie selbst erst urbar machten, Sie haben sie erzogen. Dankbar werden sie sich um Ihre wankenden Kniee schmiegen, Sie werden Ihre zitternden Schritte nicht mehr fuhlen, wenn Sie durch diesen Fruhling wandeln. Grune bluhende Lorbeern schlingen sich durch die silbernen Locken des grossten Helden des Friedens, sanft umschatten sie Ihren nackten Scheitel, und leise sinkt dann die Abendsonne Ihres Lebens in das stille ruhige Meer befriedigter Hoffnung hinab.

Doch wieder auf Ihren Gast zu kommen: wie gefallt er Ihnen, hat er Sie nicht erheitert? Sprechen Sie mit ihm uber mich; doch nicht eher, als Sie merken, dass sein Umgang mit Tilien bedeutender wird, denn ich bin versichert, dass er sie schon liebt, oder doch lieben wird. Sie werden ihn dann sehr uberraschen, und gewiss eine Seite ganz an ihm kennen lernen. Es ist schwer, diesen jungen Menschen ganz zu beurteilen, denn sein ganzes Wesen wird durch Eindrucke beherrscht, und der, welcher vor ihm steht, muss nur zu oft falsch uber ihn denken, wenn er ihn und nicht sich zu sehen glaubt. Nur das reinste und einfachste Wesen, nur ein Weib ohne Trane und ohne Flitter wird ihn begreifen, und lieben. Er ist der Spiegel der trubbarsten und beweglichsten Flut, und nichts als ein Spiegel. Wie die Welt vor ihm liegt, so sieht sie ihm aus den Augen, das grune Blatt, das auf ihm schwimmt, ruht auf seinem eigenen Abbilde, und der unendlich hohe Himmel, der auf ihn herniederblickt, sinkt seinem Bilde entgegen, das aus seiner Tiefe heraufschwebt. Stehen Sie ruhig vor ihm, und Sie werden sich selbst verschonert sehen, und fallt eine Trane in den Spiegel, so werden Sie Ihr Bild in den Kreisen der Flache zerrissen sehen. Er kann nur durch Liebe, die heftigste, ruhigste Liebe, in der ihm die schonste Menschlichkeit gottlich dunkt, ruhig und unendlich viel werden.

Ich bin wahrend vierzehn Tagen mit ihm zusammen gewesen, und habe nicht mehr getan als ihn geliebt und mich von ihm lieben lassen. Seine Schmeicheleien habe ich sanft zuruckgewiesen, seine Offenherzigkeit in schwachen Stunden ohne Neugierde freundlich angehort, und mich mit den Schwingen seiner Hoffnungen gefachelt, wenn die Glut seiner bilderreichen Phantasie mich erhitzte.

Vierzehn Tage habe ich ihm gestohlen, und meine weibliche Eitelkeit glaubte ihm noch ein grosses Geschenk gemacht zu haben.

Als ich einstens, unruhig uber sein langes Aussenbleiben, abends nach Tische mich an meinen Schreibtisch setzte, und in meinen alteren Papieren herumsuchte, fand ich mich wieder in jenen Zauberstrudel von Eitelkeit und Torheit zuruckgezogen, aus dem Sie mich in England wie ein guter Geist herausfuhrten. Sie hatten damals alle meine Papiere in Packtchen zusammen gebunden, und ich die Uberschrift gemacht. Ich habe heute aber erst bemerkt, dass auch Sie die Packtchen damals uberschrieben haben. Nun fing ich an, meine und Ihre Uberschrift zu lesen:

"Briefe voll wahrer Liebe, voll Uneigennutzigkeit des Lords Wallmuth, der meine Gesinnungen und mein Herz schatzte." Ihre Uberschrift "dessen Bekanntschaft also itzt von Ihnen erst gesucht werden sollte, weil Sie itzt erst den Entschluss fassen, ein Herz und Gesinnungen zu haben."

Ich schamte mich, und las weiter:

"Bemerkungen uber einzelne Tage in einem Umgange mit Lord Derby und Chevalier Rosier, Beweise meiner innigen Freude uber die untadelhafte Reinheit und den Geschmack meines Umgangs mit diesen beiden reizenden Mannern." "Freude eines phantastischen Kindes uber Schneeflocken, Seifenblasen und Tagtierchen, denen man keine Minute stehlen darf, weil es ihre Jahrzehnde sind." Wehe mir, mein Freund bleibt lange aus! "Susse Stunden des Trostes in meiner muhsamen Arbeit, keine eitle Torin mehr zu sein, Resultate meines Umgangs mit Karl von Felsen." "Sonnenfleckchen, Minutenlichter, die ich, mit dem Spiegel meiner Toilette, einer Sonne und der Welt, die sie erwarmen sollte, gestohlen habe, um sie durch die langweilige Nacht meiner Moralitat hupfen zu lassen."

O! das war zuviel, lieber Werdo, mussen Sie mich noch einmal mit Ihrem kalten Ernste beschamen so tief hat die Torheit in mir gewurzelt, dass ihre Narbe noch zeichnen muss. Karl von Felsen und Godwi, steht ihr nach Jahren noch in der Parallele? Ich erwachte aus meinem Traum, tief ruhrte mich die Entheiligung Ihres Angedenkens, ganze vierzehn Tage hatte ich Sie und Ihre Lehren vergessen. Ich konnte ihn nun kaum mehr erwarten, den Armen, den ich betrogen hatte, und so sehr beschamend mir es war, ihn mit solcher Sehnsucht erwartet zu haben, so suss war mir es jetzt, die Minuten zu zahlen, bis ich seinen leisen Tritt vernehmen wurde.

Es ist eine sonderbare Empfindung, in der namlichen Handlung ruckwarts Reue und vorwarts Freude zu empfinden.

Ich gab mir alle Muhe, mich bei meinem guten Vorsatze fest zu erhalten, ich verliess meine Stube, die nur zu viele Bequemlichkeiten zur Liebe hat, seufzend blickte ich nach dem wunderheimlichen Sopha, der Wiege so mancher sussen Annaherung, trat in die Bibliothek, verhullte meinen Busen, damit mein Herz nicht zutage liege, setzte mich auf einen unbequemen Stuhl, und legte das letzte Packtchen Briefe vor mich auf den kalten Marmortisch. Es war Nacht geworden, ich sah auf die Bildsaule der Pallas, der ernste sprode Umriss der Hohen stach schwarz von der letzten Dammrung des Tages ab, und ich hatte mich schon so ziemlich mit der Idee beruhigt, dass ich auch so eine Pallas ware. Der leise Schritt meines Freundes gleitete durch den Hof, er trillerte ein italienisches Liedchen, und ich erwachte aus meiner Metamorphose. Einen grossen Sprung mussten meine Gedanken machen, wie Sie wohl meinen, um ihn zu erreichen? O der Schwachheit! nein, nicht einen Schritt, ich hatte die ganze Zeit an seine liebenswurdige Gestalt, sein susses Geschwatze gedacht, und recht mitleidig uberlegt, ob ich dem armen Jungen denn gar nichts erlauben sollte.

Ich hatte alles vergessen, Sie und mich der Kuss, den er mir raubte, hatte den ganzen stolzen Tempel meiner Weisheit zusammengesturzt. Der Kontrast war so gross, dass er mich starkte. Ich nahm alle meine Gewalt zusammen, und bat ihn, gleich den andern Tag wegzureisen. Er kniete vor mir, und bat auch; nun musste ich befehlen, und er reiste.

Ich weiss nicht, wie ich es anfing, dass er mich nicht verstand. O er hatte ohne vielen Scharfsinn bemerken konnen, dass mir mein Befehl soviel Muhe kostete als einem jungen Fursten sein erstes Todesurteil. Ich bemerkte sehr deutlich an seinem stummen Erstaunen, dass er von mir so etwas gar nicht erwartet hatte. Er konnte mich nicht begreifen und meine Kalte an diesem Abende noch weniger zu seiner grossern Kuhnheit passen. Mit einem ruhrenden Ernste fragte er mich: "Habe ich Ihre Liebe verscherzt?" und ich antwortete ihm mit einer Lebhaftigkeit, die mich zur Lugnerin und Heldin machte: "Nein, ich habe sie Ihnen genommen." Er verliess die Stube.

Er wohnte in meinem Hause, das hatte ich fruher schreiben sollen, und warum ich es so spat als moglich sagte, ist, weil ich die Falten auf Ihrer Stirne furchtete. Ich will mich nicht entschuldigen, er ist bei Ihnen, Sie werden den Reiz und die Empfanglichkeit, die Massigkeit und die Entsagung gerecht zusammenstellen.

Er war nach seiner Stube gegangen, es war zehn Uhr, und ich bemerkte, dass ich zu lange ohne Licht mit ihm zusammen gewesen war. Und war dies nicht noch mein Gluck? Hatte ich ihn gesehen, hatte ich gesehen, wie alles an ihm Bitte, machtiges Bitten gewesen, o ich hatte ihm nicht widerstanden.

Wer ist der grosse Mensch? der auftreten kann und sagen: "Ich habe eine Handlung mit meiner Kraft vollendet, die mir Muhe und Uberwindung kostete. Ich habe alle meine Leidenschaften bekampft, und habe mir den sussesten Genuss geraubt, der sich mir aufdrang, kein Zufall hat mich begunstigt, der Zufall, die Umstande waren meine Gegner, und doch habe ich gesiegt. Hier seht mein Auge, ich habe es ausgerissen, um nicht zu sehen, was vor mir stand."

O du grosser Mensch, ich bin nicht im aussersten Grade mit dir verwandt. Und du magst wohl einsam und allein ohne deinesgleichen in der Welt stehn, denn du kannst alle entbehren und alle benutzen. Du bist kein Glied des Ganzen, und unnutz. Unglucklich kannst du nicht sein; was soll dir denn deine Macht? Aber gross kannst du allein sein. Wenn du Gutes tust, so tust du es frei und unabhangig, selbst gegen deinen Genuss Wo ist denn nun hier wieder das Verdienst; ist es dir nicht leicht, nicht schmeichelhaft, so zu handeln, o wo ist irgend ein Verdienst? Keine Grosse ohne Selbstuberwindung auch du kannst nicht fortdaurend gross sein, du bist es nur bis zur Tat, und diese totet deinen ganzen Ruhm Wo soll ich sie denn finden, die Grosse? sie ist ja nie da.

Ich sass so verlassen, so trostlos auf meiner Stube, ich wollte ihn bitten lassen, wiederzukommen. Ich greife im Finstern nach der Klingel, die vor mir auf dem Tische stand, und ergreife das Packtchen Briefe. Ihre Aufschrift brannte mir unter den Fingern, und ich hatte fast einen Schrei getan, wie der Geizhals, dem ein Schalk im Gewande eines Geistes statt des versprochenen Hecketalers eine gluhende Munze in die Hand druckt. Ich klingelte, man brachte Licht, und ich setzte mich nieder, an meinen unglucklichen Liebhaber zu schreiben.

Ich schrieb, und las nachher meinen Brief, der mir ein Meisterstuck von Uberwindung schien. Ich entdeckte ihm versteckt unsre Verwandtschaft, rechtfertigte mein Betragen, bat ihn wegen meiner Liebe um Verzeihung, schilderte ihm meine Grunde nochmals so dringend, als ich konnte, und sah am Ende des Briefs wohl ein, dass ich ihn ihm nicht geben konnte, weil er unsern Plan, meine Geschichte verborgen zu halten, augenblicklich zunichte gemacht haben wurde. Aber der schone durchdachte Brief voll Selbstuberwindung sollte umsonst geschrieben sein? Nein ich oder vielmehr meine Eitelkeit, (wenn man uns trennen kann!) machten die Sache noch viel reizender.

Die Liebe sagte mir: "Giebst du ihm den Brief, so musst du ihn nochmals sehen, und dann ist dies keine Schwachheit, dann ist es Notwendigkeit;" aber die kalte Vernunft drohte mit Ihrem Unwillen, lieber Werdo! ich wollte einen andern schreiben, da schlug es drei Uhr des Morgens, um sechs Uhr reist er ab, es ist zu spat ich sann, und eine alte etwas vernachlassigte Freundin benutzte meine Verwirrung, sich wieder ihrer Rechte zu bemeistern, die Abenteuerlichkeit mischte sich ins Spiel, sie entschied. Ich entschloss mich, in seine Stube zu schleichen und den Brief in seine Brieftasche zu stecken. Die Adresse wurde abgeandert in: "Ich bitte meinen lieben Freund, diesen Brief nicht eher zu eroffnen, bis ich es ihm melde. Molly."

Ihn nochmals zu sehen, und das Heimliche bei der Sache, spannte meine Neugierde bis zur Angst. Es war alles so stille, ich horte mein Herz doppelt schneller pochen, als das Pendul der Uhr. Die Zeit eilte in mir, und ausser mir wollte es gar nicht vier Uhr werden.

Ich schlich so leise, so bange mit meinem Briefe uber den Hof nach dem Gartenhause, wie Emma mit ihrem Eginhard durch den Schnee; wenn meine Diener mich bemerkten wie die Hahne schon krahen die Rosse stampfen es ist fruh und duftig der Hofhund, o wenn er nur keine unzeitigen Anstalten zur Wachsamkeit macht so, nun bin ich voruber. Seine Vorhange sind noch vorgezogen. Ich wurde von meiner Bangigkeit gleichsam schwebend die Treppe hinaufgetragen, alles war mir so leicht und schwer, so nachgebend und widerstrebend, so dumpf elastisch, wie die Handlungen im Traum. Ich trat vor die Ture der Stube, zitterte, wankte hinein, und wollte, ohne mich nach ihm umzusehen, wieder wegschleichen, wenn ich den Brief in die Brieftasche gesteckt hatte, aber dabei blieb es nicht. Ich stand vor dem Schlafenden, und schamte mich vor ihm, ich war hingewurzelt, er seufzte, meine Trane fiel auf seine Wange, und mein leiser Kuss schwebte uber den sanft geoffneten Lippen. Es war die schwachste Minute meines Lebens, und nichts wollte mir den letzten kleinen Stoss geben, dass ich hinab in die tollkuhnste und susseste Umarmung gesunken ware. O ich hatte weinen konnen vor Unwillen, dass die Schwache so schwach ist, dass sie mich nicht in seine Arme werfen konnte, und nicht zuruck von der Stelle bewegen. Wie ein Schwindelnder am Rande der Tiefe, der nimmer fallt und nimmer zuruckweicht, stand ich da. Nun krachte ein Stuhl, ich sehe um mich, der Bediente sass auf dem Stuhle, er erwachte, rieb sich die Augen, offnete sie etwas unmassig, und grusste mich etwas uberlaut. Ich gab ihm Geld, und bat ihn zu schweigen, wenigstens bis sein Herr weg sei. Ich weiss nicht, was ich nachher dachte und tat, als ich wieder glucklich unten war; um zehn Uhr fand ich mich in meinem Wagen, es regnete stark, und mein Kutscher bat mich, wieder nach Hause zu fahren.

Ich habe gesiegt, und dass ich so unwillig auf diesen Sieg bin, ist mir sein Wert, es ist das Gefuhl der Grosse meines Kampfs. Er ist weg, nicht ohne Tranen, ich bin zuruckgeblieben mit dem Bedurfnisse nach einem Menschen wie er. Der Abschied war in der Dammerung, und das ist mir Starke gewesen. Hatte ich lesen konnen, was in seinen Zugen geschrieben stand, ich hatte nicht widersprechen konnen. Seine Gestalt zerrann in der Scheidestunde aller Gestalten, er schied in der Dammrung des Abends, und so ist ihm ein Ubergang gewesen von meinem deutlichen Besitze zum Vermissen. Ich schied in der Dammerung des Morgens, und nun scheint mir der leere Tag in die Augen. Ich bin nicht mehr zu bewegen, so erregt bin ich, ich traume auf meinem Sopha, das ich so sprode abends verlassen hatte, und das sich mit allen Erinnerungen bitter an mir racht. Auf das eine Kissen hat er mit Stecknadeln meinen und seinen Namen verschlungen gesteckt. Ich mag mich gar nicht mehr ankleiden. Es verbreitet sich eine allgemeine Nachlassigkeit uber mich, und meine Umstande scheinen mir wie Grenzen, die ihren Inhalt suchen, und sich ewig selbst durchkreuzen. Immer will sich noch kein Genuss aus mir heraus uber diese Welt verbreiten, das gewohnliche Leben ist mir wie ein ewiges Halbdunkel, es reizt zur Handlung und zerstort den Raum dazu. Nacht! Nacht! du undurchdringliche, ewige, du liebende Geliebte, du Gipfel der unendlichen Tiefe, du Ruhe der Vollendung.

Meine Liebe zu diesem Menschen war kunstlos, und mehr als die Kunst, denn die Kunst kann mich nicht trosten. Allgemeine Traumereien uber die Kunst sind mir am zulanglichsten, ich bringe dann mit, was ihr fehlt zum Leben, die Liebe, aber sie endigen sich leider meistens mit Sehnsucht nach ihm und sind der Weg meiner Pflicht zu meiner Sunde. Wer mit einer solchen Tatigkeit in dem Herzen der Natur liegen kann wie ich, dem genugen ihre einzelnen Sinne nicht, die in das Leben wie winkende Denkmale hingestellt sind. Und was ist das Herz der Natur anders als die Minute, wo sich die Arme umschlingen und alle Trennung ein Einziges wird, und was ist die Umarmung der Liebe anders als der geistigste und korperlichste Gedanke des Lebens, wo alles nur die Kraft wird, zu bilden, ohne zu reflektieren, das Objektivste ohne Bewusstsein, das Kunstwerk der Genialitat? Wenn wir die Kunst nur kennen, so werden wir auch Kunstler werden konnen ! Ja es giebt auch gesunde Kinder der Ehe, aber die Kinder der Liebe sind genialischer, und schoner, und fahiger.

Ich will umarmt sein, indem ich mich selbst umarme. Ewig kehre ich an den Ahnlichkeiten der sogenannten Kunst im Einzelnen zu jener Sehnsucht eines Umgangs mit einem Hoheren, wie an dem Anblick schoner Zerstorung in verflossne Zeit der Jugend und Fulle des Werks, zuruck. Dort scheint mir der Sinn des Wortes zu liegen, das nur noch silbenweise um mich tont, als ware nur noch eine Silbe der Zeit da, die es ausspricht. Das Element ist in dem ganzen Raume verbreitet, aber tief unter den Bergen rauscht die kristallene Woge, in einsamen Kluften dringt sie noch im Quelle rein aus dem Grabe der Jahrtausende. O ihr werdet sie nimmer zwingen, in den hauslichen Brunnen zu dringen, ihr werdet sie nicht durch die Fontainen eures Marktes kunstlich dem Himmel entgegentreiben, hochstens zum Schauspiele konntet ihr sie gebrauchen, wenn ihr sie leiten konntet, denn das Geschlecht ist wahrlich zu krank, um das Reine zu ertragen.

Mir steht die Musik, die Malerei und Bildnerei und die Poesie itzt da wie eine Relique des Ganzen, das die Liebe ist, und das mir auch die meinige immer war. Ich habe das alles umfasst in Einem, der das alles im Einzelnen nicht war.

Der Tempel ist uber mir zusammengesturzt, und mein Gebet, das so frei und unwillkurlich an dem Gewolbe der Kuppel sich in Worte rundete, durch die Raume der erhabenen Saulenordnung in Takte zerklang und in ihren Kronen liebliche Tonspiele umarmte, ist mit dem Echo zertrummert. Am freien Himmel hallt es nicht wider, und mein Dienst trauert wortlos und ewig in sich selbst zuruckesinnend an den schonen Trummern, die alle zu Altaren geworden sind. Soll ich Opfer bringen? Ein Opfer ist keine Liebe, es musste sich sonst selbst entzunden. O dieses Nachsehen, und dieses Nachhallen!

Wenn ich Musik mache, so ist mir jeder einzelne Teil so traurig wie ein Brief an eine ferne vertraute Welt, die mich missversteht, weil sie den Takt meines Herzens, meinen Blick, das Bild des Vorgetragenen in meiner Phantasie, die Schwache der Maschine und die Tyrannei des Hebels nicht sieht, den mein Korper so ungeschickt zwischen mich und meine Ausserung hinlegt; und doch ist dieses Stammeln, dieser Kampf zwischen Wollen und Konnen ein Muss, dem der Vorzug einzelner Tone vor einer weiten stillen Ode wenig Reiz giebt, denn der Starke ist lieber tot, als er tandelt.

Doch spiele ich, ich spielte anfangs fremde Erfindung. Das dauerte nicht lange, es war mir, als schriebe ich an die ferne Welt, um an der Unzulanglichkeit schuldlos zu sein, aus einem Briefbuche ab, und schamte mich. Als mich mein Freund begleitete, fand ich in dem Einstimmen seiner Flote in meine Akkorde wenigstens das scheinbare freie Schaffen der Liebe zu ahnlichen Gegengenussen, wie das Schachspiel ein geistreiches Gesprach scheinen kann. Wer seine Flotenuhr akkompagniert, oder mit sich selbst Schach spielen mag, der muss mehr Kraft als Stoff haben, und das habe ich nicht. Ich phantasierte, und sprach mich ganz aus, aber bald hemmte mich die sonderbare Empfindung, ich wurde selbst ein wildes gestaltloses Lied, das ewig aus sich selbst ringt, und nie wieder in sich zuruckkehrt: dies war mir schrecklich, ich erschien mir wie eine kalte Bildsaule, die in der fortstrebendsten Leidenschaft ewig ruht, ohne Ruhe zu sein, und auch dies war furchterlich. Habe ich denn nichts, wenn man mir nichts giebt, und bin ich denn nichts, wenn ich nicht durch die Augen eines andern gesehen werde? Kein Genuss ohne Auswechselung; ich hatte gesungen, und niemand hatte mich gehort. Der Ton, der nicht gehort wird, ist nicht da, ich horte mich nicht mehr, denn ich sang mich.

Ich sang dann in offentlichen Konzerten und berauschte mich in der allgemeinen Stille. Es war keine Eitelkeit, es war das Gefuhl, als breite ich mich uber alle aus, mit weiten tausendfachen Armen, indem ich mich aus mir selbst in eine grosse Hohe verfolgte, und wenn ich mich in diesem Zustande in einem Bilde aussprechen sollte, so war ich der Strahl eines Springbrunnens, der aus der Mitte eines Bassins emporsteigt, sich in den Sonnenstrahlen spiegelt, und wieder zuruckfallt. Es freute mich, dass ich Reize genug besitze, mir selbst alles geben zu wollen, und doch noch die Menge zu ruhren. Da aber ihr Beifall im Handeklatschen uber mich herfiel, war der schone Traum geweckt. Sie schienen mit Gewalt aus sich herauspochen zu wollen, was ich in sie hineingesungen hatte. Die Manner hatten allein geklatscht, ich verachte die Galanterie wie gemachte Blumen, und will keinem mehr gefallen. Der scheinbare Umriss der Musik, sein ewiger Wechsel, und dabei doch die Sklaverei gewisser Verwandtschaften, Fesseln, denen man nie entgeht, und die, wegen ihres Spielraums, doch solchen Reiz der Freiheit hinbieten, ihre bildlose Fulle, die ich zu tausend Bildern schaffen kann, diese unerschopfliche Menge, die nie das erreichen kann, dessen Teil sie nur ist, alle Liebe und die meine, die ich doch so ganz umfasste, angstigte mich zuletzt, als hatte ich ein Spiel in Handen, das sich kuhn uber den Meister erhebt und mit ihm selbst spielt, oder zu dem ich selbst wurde.

Ich bestehe selbst, und so im Kampfe, mit dem Ganzen eins zu sein, dass mir nur das schnelle Umfassen des Ganzen mit einem Blicke ein Genuss werden kann. In seinem Blicke sprach sich mir alles Licht, alle Farbe, alle Malerei meiner Welt deutlich aus. Wenn er an meinem Arme im Garten auf und ab ging, waren mir die Tone der Natur nicht mehr roher und ungebildeter als die Tone der Kunst. Er war mir der Mittler; indem ich mich mit ihm verbunden fuhlte, war in ihm alle Kunst, ohne die Harte des Alleinstehens, leise aus der Natur weggeleitet, und so leise, dass keine Verwunderung, keine Unerklarbarkeit mehr zwischen ihr und mir lag. Ich war zum Selbstbewusstsein gekommen, dass ich vom Aussern und das Aussere von mir unzertrennlich sei, und dass wir in einer freundlichen lebendigen Abhangigkeit voneinander leben.

Es ist mir nur immer, als hatten die Menschen, da die Liebe die Erde verliess und mit dem sussesten, tatigsten Nichtstun, mit dem Bestehen durch aus sich selbst wurkende unendliche Kraft die schreckliche Muhe und die Maschinerie ohne Perpetuum mobile abwechselte, als hatten damals die Menschen in schneller Eile das Deutlichste und Reinste aus dem herrlichen Haushalte der Welt stuckweise errettet und in kunstlichen Kisten und Kasten verschlossen. Das sind nun die einzelnen Kunste, deren Zusammenhang sie angstlich zusammensuchen, und sie mit den Resten des allmachtigen Verstandes zusammenkleben und beschreiben wollen. Mir stehen sie itzt nur da, wie ich Ihnen schon sagte, wie traurige Denksaulen verlorner Gottlichkeit, die uns ewig winken; wir sollen hin zu jener Welt, die vor uns geflohen ist, und die wir mit unendlicher Sehnsucht erwarten.

Wir liegen halb aufgerichtet vor diesen gottlichen Aposteln, die in alle Welt versandt sind, und werden von den gottlichen Trummern eines Ganzen geruhrt, das wir selbst mitbildeten. Wir knieen vor der Reine unsrer eignen Schonheit in weinender Ruhrung und die beste Theorie der Kunst scheint mir immer antiquarisch und unzuverlassig. Obschon es ein schones Beginnen ist, die gottlichen Trummer mit Muhe zu erganzen und zu erlautern, so bleibt mir doch der Gedanke traurig, dass wir uns dann selbst mit zerlegen und zusammensetzen mussen, um in unserm Einzelnen die wenigen Strahlen, die das Verlorne zuruckgelassen hat, aufzufinden, und so aus uns verderbten und verkehrten Wesen die entarteten Gliedmassen herzustellen, die den Torso erganzen sollen.

Wenige Schone sind mehr in der Welt, die durch Unwissenheit sich schuldlos fuhlen, die das Verlorne nicht suchen, weil sie es nicht vermissen, indem die freie Liebe, die Mutter aller Kunst, in ihnen wohnt. Wie reine Wesen erblicken sie den Spiegel, in dem sie sich spiegeln, und tragen aus der Welt mit ihrem eignen Bilde die Welt in sich zuruck. Sie durchstromt das Leben, das sie selbst durchstromen, und das Schaffen, das sie mit dem Ganzen in sich aufnahmen, schafft unwillkurlich wieder in ihnen. Wie alle mit der sussen Gewalt der Geschlechtsliebe im Innern auf die rege Bahn treten, so treten nur wenige mit der Allmacht der freien Liebe ins Leben. Denn das Schaffen liegt im Geschaffenen. So wie die Materie aus ihrem allgemeinen Dasein in der Geschlechtsliebe in die Vereinzlung und Ahnlichkeit des Liebenden tritt, so spricht auch die freie Liebe den Geist, oder die Gottheit, in schonen Kunstwerken aus, indem sie das Unendliche in die Form ihrer Ahnlichkeit tragt und dieser Form ein Leben im Einzelnen giebt. Durch eben diese Vereinzlung werden wir sonderbar geruhrt, weil die Mannichfaltigkeit bis zur Unkenntlichkeit in ihr gebunden ist, das Einzelne ungeheurer und seltsamer vor uns steht, und wir erregt werden, indem wir das vor uns und mit uns leben sehen, worin und wodurch wir leben. Uber ein schones Kind kann ich mich ebenso sehr freuen als uber ein schones Kunstwerk, weil diese zwei Arten sehr in mir zusammenhangen und ich zu der ersten eine grossere Fahigkeit habe. Je mehr der einzelne Teil der Gottlichkeit in dem Werke in sich selbst gerundet ist, je weniger schmerzhaft dem Blicke der Ubergang von dem Alleinstehen des Einzelnen in die volle Verbindung des Lebens ist, je schoner ist das Werk, je reiner, je vollkommner ist ein Sinn hingestellt, ohne uns an das traurige Vermissen des Ganzen zu mahnen.

Die meisten Verbindungen der Kunste zu einem Einzelnen werden mir daher grasslich und erhalten etwas sonderbar Totes und Ekelhaftes. Masken und Wachsfiguren konnen mir nie schon werden. Unsre Stumperei erscheint hier verbunden mit unsrer Unwissenheit. Die Farbe darf nie mit der greiflichen toten Form zusammenkommen, denn sie begleitet nur den Wechsel, indem sie sich selbst nicht angehort, sondern dem Lichte. Deswegen sind Augapfel an der Bildsaule so unertraglich. Denn eine Bildsaule soll nur die Oberflache aussprechen, sie erscheint mir wie ein umgekehrtes erdichtetes Leben, in dem die Seelenausserung von aussen nach innen geht.

Ich habe Ihnen geschrieben, wie es mir mit dem Singen erging, mit dem Zeichnen und Malen wird es mir nie anders ergehen. Ja hatte ich das reizende Bild in mir, das mich in susser Bewunderung auflosen kann, bestimmt mit allen seinen feinsten Umrissen, wie es in meinen Glauben, meine Liebe, in mich selbst hinuberschwebt, ohne Grenze ewig und vollkommen, und konnte ich es fest, wie es nur die Allmacht kann, auf eine Stelle hinbannen, ohne angstlich die Linie an die Linie, den Punkt an den Punkt zu reihen o des Mechanismus im Lebendigsten! so wurde ich malen. Wo ist der Kunstler, der sich erreichte, und wer kann im Staube nachbilden, was seine Seele ahndet? Die grossen angestaunten Bildner geben mir nichts als das Gefuhl ihres Ubergewichts. Wir stehen in Staunen hingerissen vor Bildern, die wir nicht begreifen konnen, wir schreiben dicke Bande uber Gefuhle bei einzelnen Kunstwerken, die uns unerklarbar sind. Sein Gemalde, das er in der Seele trug, hat der Kunstler nur hingestumpert, und das Gemalde unsrer Seele bei weitem ubertroffen; ihm selbst wird kein reiner Genuss, denn es ist unedel, im Gefuhle des Schwacheren den Strahl seiner Starke brechen zu lassen. Darum muss man weit uber mich erhaben sein, um in seinem stets misslungenen Werke mein gelungenstes Ideal hinzustellen, und ich selbst kann mich also nicht damit trosten. Ja es ist mir mehr Genuss, mich, durch den leisen schwimmenden Nebel der Ahndung von meinem Geiste getragen, bescheiden dem grossten Bilde meiner Phantasie zu nahern, als es schandend zum Spotte meiner Augen in Handgreiflichkeit vor mein Erroten herabzuzerren. Ubrigens ist in meinen Idealen der Ubergang, der Wechsel, die Beweglichkeit zu reissend, um sie je in den stillen bildenden Kunsten zu suchen; nicht der Blick, nein der Augenblick des Blicks, ist meine Sehnsucht, nicht die Bildung der Glieder, nein der Tanz, reisst mich fort.

Wenn ich vortreffliche Kupferstiche oder Gemalde betrachte, uberfallt mich eine Bangigkeit, eine Unruhe, die oft in Schwermut ubergeht, wenn gleich diese Gemalde diese Empfindung nicht schildern. Ich glaube diesen Eindruck durch das Gesagte hergeleitet zu haben.

So ergeht es mir, lieber Freund, in den einzelnen Kunsten; wie sollte es mir besser gelingen in der Seele aller, in der Poesie? Bin ich doch selbst ein Gedicht, und meine ganze Poesie. Aber ich lebe in einer Zeit, wo die schone Form verloren ging, und so fuhle ich mich geangstet, und unglucklich, weil ich nicht in meiner eigentlichen Gestalt lebe. Nimmer werde ich der Welt ein Lied hingeben, denn sie giebt mir nichts hin. Die Gedichte der Natur, sie gehen stille vor mir auf und nieder, und ich traure, wenn ich in das Morgenrot sehe, und in das Abendrot, in den heissen treibenden Tag, und die tiefe volle Nacht. Sie ruhren mich, als traten sie vor mich und sagten flehend zu mir: O, gieb uns eine Seele und ein Leben, dass wir deinesgleichen seien, dass wir mit dir sein konnen und mit dir lieben. Ich stehe vor ihnen wie ein Spiegel, sie sehen in mich und ich in sie, und sie sinken vor mir hinab, denn ich kann sie nicht befestigen. Im Leben muss ich sie sehen, um sie freudig zu erblicken. Nichts kann ich umarmen, denn mir ist die freie Liebe versagt. Zwischen mir und dem Geliebten muss die Poesie stehen, die von mir selbst ausgeht. Wenn er mich umarmt, und ich mich in ihm umfasse, so ist die Gestalt in mir und ihm, und ich habe gedichtet.

So wie mir das einzige Talent des Bildens in der Geschlechtsliebe liegt, so ist wohl durch die Stummheit mancher Sanger verstummt, so wie der grosste Maler blind, und der grosste Tonkunstler taub geblieben sein mag. Aber diesen letztern bleibt ein Ausweg, die Poesie ist und bleibt die Seele ihres Drangs zu bilden, und sie sind Maler, Sanger oder Tonkunstler geworden durch die grossere Macht eines einzelnen Organs in ihnen. So kann denn aus den Gemalden des Blinden eine Musik oder ein Gedicht werden, und aus der Musik des Tauben ein Gemalde. Nur der Grosste und Gesundeste und Freudigste kann ein grosser Dichter werden, der alles dichtet, denn wem die Macht der Ausubung und des Stoffs, das Leben und der Genuss im vollen bluhenden Gleichgewichte stehen, der wird und muss ein Dichter werden.

Menschen mit voller Lebensfahigkeit, und so auch ich, stehen immer im Kampfe mit dem geregelten Leben. Sie sind bloss fur das Dasein, und nicht fur den Staat gebildet. Schmerzhaft schlagt sie die burgerliche Gesellschaft in das eiserne Silbenmass der Tagesordnung, und sie kampfen, und verderben, weil die Liebe in ihr in das Handwerk des Ehestands gewaltsam eingezunftet ist. Hausliches Gluck und gesellige Freude tragt man ihnen auf, die nur weltliches Gluck und Freude des Universums erkennen. Viele, die fruhe schon in diesem Kerker eingefangen sind, ja die in ihm die Augen eroffnen, siechen mit ihrer grossern oder geringern Anlage fort, oder brechen durch ubergrossen Reiz einseitig hervor, und der geringste muss wenigstens in einem Fieber, in einem Rausche, und oft schrecklich im Wahnsinn, der ewigen Poesie ihren Tribut bezahlen. Solche heftige Reize sind Einsamkeit, Freundeslosigkeit, und Eitelkeit.

Nimmer werde ich das wunderbare Madchen vergessen, die ein junges Opfer des Lebens fiel. Kordelia war innig an mich gefesselt, und glucklich, da ich noch unfahiger meine Glut in unbestimmte Sehnsucht ergoss, und doch wendete ich mich schon leise zur Sinnlichkeit, und konnte keine weite Aussicht ertragen. Sie war eine Schottlanderin, und ihren Eltern entflohen. Sie ward dem Prediger, der mich erzog, zugefuhrt, man hatte sie bettelnd in den Strassen aufgefangen und meinem Pflegevater uberbracht. Sie sagte ihren Namen nie, so sehr man sich darum bemuhte, denn sie furchtete sich, zuruckgebracht zu werden. Nach dem Tode meines Pflegevaters, der bald darauf erfolgte, blieb sie bei mir, und war enge mit mir verbunden. Sie arbeitete nie, ja sie hatte einen seltsamen Abscheu vor der Arbeit, was sie auch bewogen hatte, ihre Eltern zu verlassen, fur die sie nicht ohne Zartlichkeit war; aber auch diese Liebe war ihren Eltern nicht begreiflich gewesen, wie ihr Abscheu vor der Arbeit, wegen dem sie von ihnen ofters hart behandelt worden war. Ich fand sie einstens abends im Garten auf dem Angesichte liegen, und erschrak, weil ich glaubte, es musse ihr etwas zugestossen sein. Ich rief sie, da sprang sie auf, nahm mich bei der Hand, und lief mit mir den Garten hinaus, nach unsrer Wohnstube. Ich war heftig erschrocken, und da ich sie dringend bat, mir die Ursache ihres Zustandes zu erklaren, sagte sie mir: "Sieh, ich sass im Garten, und sah die Abendsonne, ich war froh und glucklich, denn es war alles schon; aber plotzlich zerriss sich der Himmel, und es war alles noch herrlicher, und immer anders, und wieder und wieder, da konnte ich es nicht allein ansehen, es war zu viel und zu schnell. Mir fiel ein, dass meine Mutter einstens sagte, wie der Abend so schon sei, und mir die Tranen dabei in die Augen traten, weil ich nicht draussen am Walde sein konnte; da nahm mich meine Mutter hinaus in den Wald, setzte sich zu mir, und ich liebte sie unendlich, aber sie lief wieder zuruck an die Arbeit, und war traurig, dass sie nicht dableiben durfte. Wie ich nun itzt im Garten sass, und den schonen Wechsel der Farben ansah, fuhlte ich, dass meine Mutter itzt an der Arbeit sitze, und dies nicht sehe, und dies nicht; so warf ich mich denn auf das Angesicht, um es auch nicht zu sehen, denn es zerriss mir das Herz, dass die Farben so schnelle verschwanden, und nicht warteten, bis wohl die Arbeit meiner Mutter voruber sei."

So war ihre Liebe, die Vorstellung des Todes war ihr nur furchterlich, insofern sie furchtete, die Sonne nicht wieder zu finden, und den Mond; ob ein andrer sturbe oder lebte, das ruhrte sie wenig. Nie waren wohl verschiednere Menschen verbunden als wir beide. Zwischen ihr und der toten Natur war kein Mittler notig, so wie ich kein Interesse fur die tote Natur habe, wenn sie sich mir nicht im Auge eines andern reflektiert. Der Abend- oder Morgenschimmer an den Bergen bestimmte ihre ganze Gluckseligkeit. Jeder schone Morgen war ihr ein freudiges Geburtsfest, jeder Tag ein glucklicher oder unglucklicher Freund, und jeder Abend ein Tod. Sie stiftete einzelnen Tagen, die ihr besonders lieb gewesen waren, Denkmaler, indem sie einzelne Blumen pflanzte, oder mehrere in eine bestimmte Ordnung stellte. An einem ahnlichen Tage erinnerte sie sich immer des verflossenen, und lebte mit der Zeit und ihren Gliedern in einer wunderbaren Verwandtschaft. Bei mondhellen Nachten war sie voll freudiger Wehmut, und sie sass dann oft in einer wunderbaren Begeisterung im Garten. Sie nannte die Nacht die enthullte Zukunft und Vorzeit, jeder Stern war ihr das Bild eines Tages in weiter Entfernung, der vorbei sei oder komme, es ergriff sie dann eine heftige Sehnsucht, und sie schien sich selbst nicht gegenwartig; "ich eile nach und eile entgegen", so druckte sie ihren Zustand aus. Sie liebte am Tage, und betete in der Nacht, dies war ihr Leben. Ich lehrte sie mit vieler Muhe schreiben, und sie schrieb dann die Geschichte ihrer verstorbenen Freunde, der Tage, auf, schrieb Briefe an sie, und dichtete im Winter elegisch. Sie entwickelte meine Anlage zur Schwarmerei, aber meine Schwarmerei war die der Sinnlichkeit. Wenn sie in den weiten Himmel sah, so beruhrte ich angstlich, mit wunderbarem Entzucken, die Blatter und Blumen der Pflanzen, ich sass oder lag immer in mich selbst verschlungen im Garten, wenn wir solche Nachte zubrachten, und sie stand aufrecht und frei, mit gehobenem Gesichte. So trennten wir uns im Innern schon bestimmt, wie wir uns nachher ganz trennten. So wie ich geschlossne heimliche Gegenden liebte, so war es ihr hochstes Entzucken, von Bergen oder Turmen weit hinaus zu sehen. Auch hatte sie das Bedurfnis nicht, sich mir zu nahern, wenn sie mit mir sprechen wollte; jede Entfernung, die die Stimme bequem erfullen konnte, war ihr schon hinlanglich und lieber als Annaherung, und jede Umarmung war ihr unertraglich. Sie erschrak leicht, wenn sie von ungefahr meine Hand oder irgend etwas Lebendes beruhrte, und war, bei einem hohen Grade von Schonheit, mit wunderbar durchsichtigen Bewegungen und Mienen, das keuscheste Weib durch Anlage.

Sie liebte mich, weil ich sie duldete, sonst empfand sie keine Neigung zu mir, noch zu irgend einem andern Menschen. Als Godwi mich kennen lernte, als er mir immer naher kam, und endlich am nachsten, war sie in ein kleines Gartenhauschen gezogen, und in der Nacht, in der ich Karln gebar, verschwand sie. Vier Jahre nachher fand ich zufallig eine Sammlung von Gedichten in London, die ich fur die ihrigen erkannte. In der Vorrede fand ich die Anzeige der Herausgeberin, dass die Verfasserin tot sei. Ich konnte nie erfahren, wer die Herausgeberin war.

Meine Freundin hatte in der Zeit, da ich meinen Weg von dem ihrigen trennte, mehr gedichtet als gewohnlich, und eines ihrer Lieder hat mich wunderbar geruhrt. Es ist mit dem Namen des Tags nach der Geburt Karls uberschrieben, da sie also schon geflohen war. Das Lied ist ein Quartett zwischen dem Monde, der Sonne, der Nacht und einer geblendeten Nachtigall, die sich zu Tode singt, weil sie die Stunden der Ruhe nicht mehr erkennen kann. So gehen ihre Lieder allegorisch fort, und nahern sich zum Ende einem ganz eignen Sterben in sich selbst; alles, was mit den Sinnen erkannt wird, schwindet mehr und mehr. So klagt sie, dass der Mond immer dunkler werde, und die Sonne immer matter. Auch ist ein Klagelied darunter, an die ewige Dammerung, die schon mehrere Wochen daure; dann ein Ruf an die fliehende Natur, die Bitte, nicht so schnell zu fliehen, damit das Madchen mitkonne; dann ein Lied an das Leben, das einzige, in dem sie von Menschen spricht, und das letzte, die Wiedergeburt genannt. Sie beschreibt in ihm, wie sie in die tote Natur zerrinnt, wie sie nun die Rolle wechseln und so nach dem Leben schauen und das Lebendige besingen werde, wie sie bis itzt der toten Natur getan habe.

Wie wenig ich mich zur Dichterin schicke, beweist schon, dass ich immer auf den Verfasser zuruckkehre. Ich kann nicht lange auf dem Gedichte verweilen, gleich uberrasche ich mich auf dem Gedanken: "Welche Seele! die so dichtet", und nie habe ich die Schonheit des Werks, immer nur die Kraft und die Fulle des Meisters geliebt. Die Dichtkunst ist machtiger als Malerei; wie mir jene Herabzerrung des Ideals ist, so ist mir diese Beflugelung desselben oder doch wenigstens volliges Erreichen. In der Poesie ubergebe ich das Werk sich selbst, und die Macht, welche bildet, bildet sich selbst, denn das Werk ist in ihr die ganze Kraft des Meisters. Ich habe in ihr mit der Phantasie begehrt, und erfulle mit einer ebenso grossen Gewalt, mit der Phantasie. Die Bildung verhalt sich in ihr zum Ideal wie die Sprache zum Denken, in der Malerei aber wie die Farben, die Gestalt zum Denken. Ich kann mein Ideal in mir in der gedrangtesten Gestalt empfinden, und es in der Dichtung unendlich ausbreiten und entfalten, denn das Wort hat Farbe und Ton, und beide haben Gestalt. So kann ich mit den Geistern aller Sinne mein Gedicht allen Sinnen ubergeben, da ich in der Malerei das ganze weite vielgestaltete Bild auf die Macht des Auges beschranken muss, ich muss einen Sinn zum Richter der unendlichen Phantasie machen, und mit den Farben die Sprache erreichen wollen. Die Besinger sind den Malern so unahnlich als die Sanger den Bemalern der Dichter ist grosser als der Maler, denn der erste hat mehr gedichtet als er malen konnte, der letztere aber kann nie malen, was er dichtete. Zum Maler bin ich zu klein, welch Lied wurde das werden?

Alles dies hatte ich gedacht; und gefuhlt, dass die Kunst mir nimmer die Liebe ersetzen kann. Diese kunstliche Kunst! So war ich, als ich meinen Sohn fand o konnte jeder, der einen Misston in der Liebe griff, sich auf diesen Einklang retten. Diesen kann man mir nicht nehmen, nicht ich, nicht die Pflicht, nicht der Uberdruss. Er ist von mir, er ist mein wieder beginnendes Leben, und wenn ich noch so viele Grundsatze zu befolgen habe, so kann dieser doch nie wegrasonniert werden.

Oft ist mirs sehr wunderbar zu Mute mit den Grundsatzen, ich kann sie dann gar nicht begreifen, und mochte dann so ein halb Dutzend Grundsatze auf den Kopf stellen, und sie umgekehrt befolgen, gar nicht aus Verachtung der Grundsatze, nein aus lauter Langeweile. Grundsatze? das ist mir so gar schwerfallig, als sollte ich eine Bastille aus Quadersteinen von Grundsatzen in mir erbauen, um die Gelusten darinne einzusperren; ich sage die Gelusten, denn wer kann die Tat erwischen, wenn sie geboren ist? Erklart sie vogelfrei, sie ist unendlich geschwind, und fallt in die Anlage zur Handlung, wie ein Funke in das Pulver; nimmer werdet ihr sie bandigen, denn sie ist das Leben.

Godwi hat seinen Bedienten, der mich in meiner Morgens-Wallfahrt so unangenehm storte, einem Landedelmann, der mit seinem Sohne hier auf dem Landtage ist, uberlassen, und von diesem Bedienten weiss ich, dass er bei Ihnen ist.

Der gute naive Landjunker, der aus Unerfahrenheit mit den Sitten der Stadt einen Platz in meiner Loge nahm, erzahlte mir viel von einem seltsamen Herrn Baron Godwi, der bei ihm gewohnt habe, und ich erfuhr mit einigem Unwillen, dass er mit der Schwester des Junkers recht vertraut gewesen sei, so dass es diesem wie eine pur angelegte Sache vorgekommen ist, wie er sich in seiner Unschuld ausdruckte.

Nun so bin ich dann schon vergessen; oder ist er einer von den Machtigen, deren Leichtsinn Universalitat, deren Treue Einseitigkeit, deren Langeweile Tiefe, deren Schwarmerei Hohe ist?

Kussen Sie Ihre Otilie, danken Sie ihr fur ihre Muhe an Eusebio.

Sollte Godwi nicht auf diesen Kleinen wirken, und wie wird er es tun?

Molly

Jost von Eichenwehen an seine Schwester

Joduno

Der Papa, liebe Klaudia, hat viel zu viele Geschafte, darum hat er mir befohlen, zu schreiben, und siehst du, unter uns gesagt, es ware auch ohne Geschafte nicht so recht seine Sache mit dem Schreiben.

Man kann es ihm auch nicht verublen, denn zu seiner Zeit gings noch nicht so rasch mit der Kultur und der Aufklarung, wie es jetzt geht; da denn der Sohn den Vater immer uberschreiten muss. Es geht dir auch jetzt so hollisch geschwind, dass man ordentlich recht auf seiner Hut sein muss, um seinen Vormann nicht ubern Haufen zu werfen. Mir brummt der Kopf vor lauter Bildung, und wenn ich mich nicht fast allein auf die Taktik und Heraldik legte, so wurde ich sicher vor Eilen in der Aufklarung den Atem verlieren.

Mit dem vierten Band vom Akazienbaum bin ich kaum fertig und habe noch viel von der Pockennot, und besonders vom Runkelruben-Zucker vor mir. Ich mochte des Teufels werden, wenn ich denke, dass unsre Kuhe so viel Zucker gefressen haben, den wir hatten zu unserm Kaffee brauchen konnen, und so viele Blattern gehabt haben, die wir hatten den Menschen inokulieren konnen. So geht es aber, wenn man in seiner Kindheit fortlebt. Wenn ich nur wieder zuruckkomme, da soll eine ganz andere Bildung losgehen.

Das Leben in der Residenz ist freilich ein ganz andres Savoir-vivre, da herrscht dir ein Ton, der sich darf horen lassen, und du musst mirs verzeihen, wenn ich manchmal in diesem Brief hie und da so etwas durchblitzen lasse, das dir Kopfbrechens kostet; aber wenn man einmal in dem Strom der Aufklarung drinne sitzt, so muss man immer weiter mit fort, und ich mochte mir noch so viel ennui geben, ich kann mich nimmer auf meinen alten Stil und Schreibart besinnen.

Ich habe aber auch die Ohren gespitzt, um alles recht zu erwischen, gieb Achtung.

Morgens um zehn Uhr stehen wir auf, dann wirft man sich in eine Negligence und hat, man sagt aber nur so, nicht gut geschlafen. Dann geht man in der Stube auf und ab, bis der Friseur kommt. Da geht es dann gleich mit der Bildung an, die schonen Wissenschaften namlich, und zwar das Theater. Der Friseur macht alle Perucken fur die Schauspieler, und wickelt einen mit lauter Komodienzetteln auf. Gestern hat er mich mit lauter Familienstucken gebrennt, und itzt habe ich den Gustav Wasa und Bayart von Kotzebue hinter den Ohren.

Der Friseur sagt einem auch, was am starksten gelesen wird, denn er sieht das immer, wenn er die Leute frisiert, wo er recht schone Stellen den Leuten uber die Schulter weg aus dem Buche liest und auswendig lernt. So hat er mir auch gesagt, dass im Wallenstein recht schone Stellen waren. So komme ich denn so nebenbei zu den schonen Wissenschaften. Aber ich lese, wenn er mich frisiert, gewiss so kein Buch mit schonen Stellen, weil ich bemerkt habe, dass einen der Mensch dann rauft, und manchmal gar uber den schonen Stellen dieser grossen Kopfe an meinem kleinen eine Stelle sehr hasslich macht.

Im Anfange wollte mir das lange Liegenbleiben des Morgens gar nicht recht vonstatten gehen; ich hatte schon eine halbe Stunde lang die indianischen Blumen auf meiner Bettdecke betrachtet, und alle die seltsamen Figuren auf der Tapete, als ich es nicht mehr aushalten konnte. Ich machte mich also auf, und wollte mir die Stadt ein bisschen besehn. Die Hunde nahm ich mit, und nun ging es hinaus.

Keine Menschenseele war zu sehen, nur einigemal kam eine Hetze Soldaten, guckten mich an, oder fragten mich aus. Auch bin ich in zwei grosse Verlegenheiten gekommen. Du kennst meine Wissbegierde zu der Taktik, ich stellte mich also an ein Schilderhaus und erzahlte einem schonen grossen Grenadier, der drinne stand, dass ich hier sei, um auch Soldat zu werden, und noch vieles dergleichen. Der Kerl antwortete nicht, und da er, als ich ihm einen guten Morgen bot, mit dem Kopfe nickte, so glaubte ich, dass er auf seinem Posten nicht sprechen durfe, und erzahlte ihm immer wacker zu. Er stand im Hauschen drinne, und ich hatte mich auch so halb hineingedruckt, weil es frisch war in der Morgenluft. Gerade in meinem besten Erzahlen da ruft es draussen: Rund! ich weiss nicht, was das bedeutet, und ein paar Augenblicke darauf prugelt es derb in das Hauschen herein. Das war dir eine schone Geschichte, ruhren konnte ich mich nicht, und der Soldat war wie verruckt, er wusste gar nicht, wer ich war, und ich hatte ihm doch alles erzahlt. Endlich ging es an ein Examinieren, wie ich hierherkomme, was ich mit der Schildwache vorhatte. Ich erzahlte alles, aber da war der Grenadier so undankbar, und schwur, dass ich ihn mit meinen Diskursen eingeschlafert hatte. Wir konnten gar nicht auseinanderkommen, bis ein Branntweinschenke seinen Laden aufmachte, und das Schild, das er eben heraushangen wollte, unter dem Arme haltend, zu uns hintrat. Da nahm das Ding gleich eine andre Wendung; der Unteroffizier schlug vor, die Sache bei dem Manne auszumachen, und die ganze Gesellschaft trank meine Gesundheit bei dem Branntweinschenken. Ich bezahlte die Zeche, und machte die Bemerkung, wie ausserst wohltatig es im Staate ist, dass der Wehrstand und der Nahrstand sich einander unter die Arme greifen.

Die zweite Verlegenheit war den andern Tag auch morgens ganz fruh. Der Vater hatte mir abends im Bette, wo er mir denn immer viele gute Lehren aus seinen Erfahrungen uber den Umgang mit Menschen giebt, vieles von Gefahr mit Seelenverkaufern erzahlt, die einen in grossen Stadten wegnehmen, und einen zu Matrosen machen. Das nahm ich mir besonders zu Herzen, denn ihrer Schlingen, eine arme Seele zu fangen, sind unzahlige.

Ich ging wieder so fruh hinaus, denn ein Mensch, der Soldat werden soll, darf sich von nichts abschrekken lassen. Es war auf dem grossen Platz, wo die vielen Baume stehn, da ging ich auf und ab, und denke dir, was das fur ein Wesen mit den Frauenzimmern in dieser Stadt ist, eine ging schon da auf und ab spazieren. Sie musste wohl melancholisch sein, denn sie sah gar verwirrt aus, und tat mir leid. Endlich kam sie auf mich zu, und sagte gar freundlich, sie wunsche bei mir zu deschonieren, sie sei gar wunderbar gestimmt, und ein wenig hungrig, auch konne ich zu ihr kommen, neben ihr wohne ein Kaffeewirt, da konne ich die Schokolade holen lassen. Ich verwunderte mich ein bisschen, und meine Hunde beschniffelten sie. Sie hangte sich mir in den Arm und sagte, es sei ihr gar heiss auf dem Herzen, deswegen offnete sie das Halstuch ein wenig; dann sagte sie: "Was das doch eine seltsame Krankheit ist, mein Herr, sehn Sie, die Hande sind mir eiskalt"; da reichte sie mir die Hand, und druckte mir sie sehr heftig. Ich konnte gar nicht begreifen, was das fur Manieren seien, und fragte sie, wie sie heisse? "Ich heisse Aurora", erwiderte sie, "und erwarte meine Schwester am Himmel." Ich verstand, dass ihre Schwester gestorben und im Himmel sei, dass sie es gar nicht mehr erwarten konne, zu ihr zu kommen, und darum fing ich an, sie zu trosten. Aber sie guckte mich gross an, und meinte, ihre Schwester werde alle Morgen geboren. Das machte mich nun ganz verwirrt, es ward mir angst und bange, denn die musste keinen Vater noch Mutter mehr haben, und narrisch obendrein sein.

"Sind Sie denn die ganze Nacht hier so spazieren gegangen", fragte ich.

"Ach nein," sagte sie, "ich komme soeben da aus dem grossen Hause, da war ich heute nacht bei Freunden. Gehen Sie doch mit mir, kommen Sie geschwind, ich hore Fusstritte, die Wache" Da nahm das Madchen plotzlich den Reissaus, und hinter mir kamen Kerls mit langen Stangen, ich lief deswegen auch, so gut ich konnte, denn es waren sicher Matrosenpresser mit Mastbaumen gewesen, und das Madchen vielleicht gar eine Schlinge von ihnen. Da ich nach Hause kam, lag der Papa noch im Bette, und sagte mir ganz ruhig, es wurden wohl ein Fill de Schoa und einige Karson de Poliss gewesen sein, aber das macht nichts aus, ich weiss ja ebenso wenig als vorher, was die im Sinne hatten.

In die Komodie gehen wir alle Tage, und sind lustig oder traurig drinne, wie es seiner Durchlaucht gefallig ist, was man leicht an Dero Schnupftuch oder lautem Lachen merken kann. Manchmal ist man recht in Verlegenheit, wann Ihro Durchlaucht der Furst lacht und die Furstin weint, was letzthin der Fall war, da muss man sich denn, so gut man kann, herausziehen. Mit der Komodie ging es noch an, aber mit der Oper mag ich nichts mehr zu schaffen haben. Ich werde mein Lebetag nicht vergessen, wie es mir da erging. Der Papa bekam ein Billet gratis vom Hof, und sagte mir, ich moge nur der Schildwache ein paar Groschen geben, die wurde mich schon hereinwischen lassen; ja mit dem Hereinwischen, da kam dir ohne Billet keine Katze herein.

Der ersten Wache vorn auf dem Platze gab ich zwei Groschen, denn der Kerl hatte doch Ehre im Leibe und begehrte nichts; dem an der ersten Ture gab ich wieder etwas oder musste wohl, denn er begehrte recht derb, und je naher ich der Musik kam, je grober forderten die Kerls. Ich hatte mich schon einmal mit dem Geben verstiegen, und musste immer weiter, endlich war die Musik ganz nah, da zeigte mir der letzte ein Treppchen, da sollte ich hinabgehen und mich unten nur immer rechts halten. Aber, ach Gott! was war das ein Elend da unten, es war, als wurde hier die ganze Welt erschaffen im Geigen und Donnern und Singen um mich, dabei ganz stichdunkel, alle Augenblicke stiess ich mich an. Neben mir kam einer mitsamt einem Stuhle niedergefahren, ich wusste uber den unvermuteten Besuch mir gar keinen Rat, und steuerte ruhig vorwarts der Musik nach, bis ich einen matten Schimmer von oben herunter bemerkte. Da griff ich dann nochmals um mich, und ergriff etwas, das sich wie ein paar Beine anfuhlte, und bald war ich fest davon uberzeugt, denn sie fuhlten sich auch so, indem sie mir ein paar Tritte in die Rippen gaben, und eine Stimme, die herunterflusterte: "Verdammte kleine Katze, hat Sie denn nimmer Ruhe, Sie wird machen, dass ich falsch souffliere; warte Sie nur, bis der Vorhang fallt, da wollen wir scherzen", verstand ich auch nicht; doch war er freundlich, langte mit der Hand herunter, und kneipte mir in die Wangen. Ich steuerte endlich weiter und tappte immer mit den Handen voraus, bis ich endlich den Ausweg fand. Ich war wieder auf einem Gange, die Musik ganz nahe, sie spielten einen Marsch; ich mache die letzte Ture auf, und denke dir, ich stand auf der Strasse, der Zapfenstreich zog voruber, ich hatte fast geglaubt, es ware im Stukke, und bloss so naturlich vorgestellt, wenn nicht die Kutschen vorubergerasselt waren. Da hatten die Schurken mich unterm Theater weggeschickt, ich biss mir vor Bosheit die Lippen, und zog mit den Trommeln durch die Stadt, bei denen geht es doch offenherzig zu.

Du wurdest mich gar nicht mehr kennen, wenn du mich sahest, so bin ich dir zugestutzt, ein leibhaftiger Englander und Franzose habe ich werden mussen, dem Allart und dem Packan wird es heute auch so gehen, denen haue ich heute Schwanz und Ohren ab. Alle dergleichen Tiere werden hier gestutzt, das kommt vom Kronprinzen, und der hiesige Sterngukker ist schon in einer grossen Verlegenheit, wie er den Kometen, der sich jetzt sehen lasst, englisieren soll.

Du hast dem Vater geschrieben, dass du nach B. willst. Ja, das ist nun so eine Sache, die Verfuhrung soll dort gross sein, ich habe es in der Kasette de Kolong gelesen. Was mich hier oft argert, ist, dass fast alles franzosisch spricht, und man dann kein Pipswortchen versteht.

Der Vater meint, dass es wohl nichts schaden konne, wenn du nach F. gingst, weil du so allein zu Hause bist und leicht das Heimweh kriegen konntest; aber ich meine, weil es dir nichts nutzt, da der Musje Godwi nicht weit von unserm Schlosse ist, und zu dir schleichen und dich mir nichts dir nichts verfuhren konnte. Denn sieh, ein guter Freund von mir hier in der Stadt England, der Kellner, sagt mir, in jetziger Zeit sei jedes Madchen zu verfuhren, taten es die Manner nicht, so taten es die Bucher. Mit dem Bucherlesen hast du nun schon einen guten Grund gelegt, wenn nun der Fantast dazukame, der ohnedies alle Bucher von Anfang bis zu Ende gelesen hat, da konnten wir leicht einen Schandfleck in die Familie kriegen.

Nein! zu Hause kannst du platterdings nicht bleiben, du musst nach F. Ich kann dich nicht hinbringen, ich habe viel zu viel zu tun, teils mit meiner Bildung, teils mit dem Militairwesen; dreimal ist Wachtparade in der Woche, und die ubrigen Tage wird geprugelt und Gassen gelaufen, da kann ich gar nicht abkommen. Du kannst nur einen von deiner guten Freundin Brudern verschreiben, und ihn dem Amtmann vorstellen, der wird mir schon schreiben, wenn du mit ihm fort bist, was es fur ein Mensch war, und ob du mit ihm ohne Gefahr reisen kannst.

Der Godwi ist doch bekannt wie ein Pudelhund. Letzthin setzte ich mich zu einer Dame in ihre Loge, und da mir die Komodie Mackbeth nicht gefiel, fing ich mit ihr an zu sprechen; der Teufel weiss, was das fur eine Dame war, die musste auch von einer schonen Bildung sein, alle die Hexen und Gespenster gefielen ihr, und ich war schon zu Haus daruber hinaus, als ich mit dem Amtmanne das Buch gegen den Aberglauben gelesen hatte. Ich fragte sie, wie sie nur an den Vorurteilen Freude haben konne? Sie lachelte hohnisch, und sagte, es waren tragische Motive, Gott weiss aber, was das fur Dinger sein sollen; dann sah sie immer wieder nach dem Theater, wo einer den Leuten mit schrecklichem Gebrulle weismachen wollte, es marschiere ein Dolch vor seinen Augen in der Luft.

Als ich ihr den Namen Godwi genannt hatte, ja da war ihr freilich alle das Zeug nicht phantastisch genug, der Name allein war ihr viel toller. Sie liess gar nicht mehr nach mit Fragen, was ich von ihm wisse; sie sagte auch, er ware ein sehr reizender Mensch, und da hatte sie freilich sehr recht; denn, bei meiner Ehre, du weisst, alle Menschen sind mir lieb, aber wenn mich je einer reizte, so war es dieser. Da ich ihr anvertraute, dass du in ihn verliebt seist, ward sie ganz blass vor Unwillen und ganz still. Siehst du, liebe Klaudia, alle Leute sagen es ja, dass er ein Abenteurer ist, es ist nicht meine Meinung allein. Ich wollte recht gern, dass du einen braven gesunden Mann kriegtest, denn es ist ein altes Spruchelchen, und ein Sprichwort ein Wahrwort: Was macht die Frauen gesund und aufgeraumt? Alle Jahre ein Kind und eine tuchtige Wirtschaft; dabei bleiben sie gesund und ehrlich.

Es ist kein Einfall von mir, liebe Klaudia, viele brave solide Leute denken so. Du bist schon so mager und sehnsuchtig, um Gotteswillen, lass von diesem Wege ab, sonst bist du ein armes verlornes Kind!

Hier giebt es viele schone Leute, besonders bei den Soldaten; da sind Kerls bei, wie die Kerzen gerad, und fest wie Brandmauern; auch sind die Strassen sehr hubsch gepflastert, und stehn gewaltig grosse Hauser in der Stadt, und viele Industrie ist da, das sagt Holz auf den Strassen und klopft Rocke aus, man muss fast die Ohren verstopfen.

Gestern waren wir im grossen Irrgarten, wo mir besonders der grosse Christoffel gefallen hat, der steht auf einem hohen Berge und guckt in die Welt hinein, und aus seinen Augen gucken wieder Leute hinaus, denn sein Kopf ist hohl und seine Augen sind ungeheure Schalusieladen. Er ist von eitel Kupfer, und wenn man lauter Pfennige davon schluge, konnte fast jeder Bettler einen im Lande bekommen; das will was sagen! Da sind auch viele Statuen, aber sie sind alle in steinerne Bettucher gehullt, oder unverschamt nakkigt, und haben keine Augapfel, was gegen alle Moralitat und Natur ist. Wasser springt von allen Seiten, und man kann gar nicht evitieren, etwas nass zu werden. Tabak darf darinne nicht geraucht werden, auch darf man keine Stecken schneiden.

Der Papa lasst dich grussen es trommelt schon, mein Lebetag habe ich keinen so langen Brief gesehen, du kannst daraus abnehmen, wie sehr ich dich liebe, und dass ich es gut meine. Adieu, grusse die alte Margarethe, sage ihr, ich wurde ihr etwas mitbringen, und futtre den Star der ich verbleibe bis ins Grab dein

Jost von Eichenwehen

Postskriptum

Es ist hier auch ein grosser Larm, weil der Konig hierher kommt. Den ganzen Tag werden die Strassen gefegt und Lampen geschmiedet zur Illumination vom grossen Christoffel, es ist ein Gepimper in der Stadt, dass man die Uhren gar nicht hort; wenn ich nur die Post nicht verhore. Soeben werden Vivat von holzernen Stangen zur Illumination vorbeigetragen und allerlei poetische Sachen in Ol getrankt, was sich sehr vortrefflich ausnehmen wird, wenn man die Lichter dahintersteckt.

Auf die grosse Rewu freue ich mich recht, die Soldaten bekommen andre Kamaschen dazu, und an jeder Seite einen Knopf weniger, damit die Kamaschen nicht gar zu hoch kommen; auch sollen ihre Rocke verkurzt werden und ihre Gage erhoht. Bei der Rewu da wird dir es einen rechten Staub geben, wenn sie die entsetzlich vielen Beine bewegen, und das geht alles auf einen Wink, Links um! da siehst du zwanzigtausend Haarzopfe, einen wie den andern Rechts um! da siehst du zwanzigtausend Schnurrbarte, das geht alles, als kehrte sich die Welt um. Ist das nicht schon? Und dabei der rasende Larm mit Trommeln und Pfeifen. Dann die Kavalerie, da ist der Mensch wie das Pferd, und das Pferd wie der Mensch, alles wie es der Herr Kommandant will. Auch werden kleine Attacken gemacht werden, Einhauen und dergleichen, aber alles zum Vergnugen, denn die Potentaten stehen alle recht bequem zum Zusehen, und wenn ein gemeiner Soldat vor Strapaz umfallt oder uberritten wird, so schafft man ihn beiseite, damit es nicht ekelhaft aussieht. Gott sei Dank, liebe Klaudia, dass ich in diesem Sakulo geboren bin, wo solche erhabene Wissenschaften getrieben werden. Adieu.

Godwi an Romer

Werden wir uns wiederkennen, Romer, da der Wechsel die Dinge nun ergriff und in der Werkstatte des Lebens wir, andere Bilder, dastehen? Werden wir unsre Herzen herausfinden aus diesen Falten augenblicklicher Stimmungen? und wann werden wir ewig unveranderlich, nackt und vollkommen die schonste Vollendung unsrer Eigentumlichkeit sein? wo kein ausseres Zeichen mehr unsre Ordnung bestimmt, sondern wir selbst ein einziges, unteilbares Zeichen fur unser hochstes Dasein sind.

Ich fand dich wieder in deinem zweiten Briefe, in dem dich das Leben so bunt vermummt hatte. Ich kann dich auch so und vielleicht so noch mehr lieben, obschon du die Narben vieler Abenteuer der aussern und innern romantischern Zeit deiner Jugend tragst, und mir kein Einzelner mehr erscheinst.

Wie ist dir? du Armer! Soll ich den aufrichten, der mich nicht aufrichten konnte?

Dein Urteil war in deinem ersten Briefe weiter als dein Leben, und dein Geist richtete an der Wiege deiner Handlungen uber die Sunden deiner Mannlichkeit. Ich erkuhne mich nicht, uber diese Zufalle auszusprechen, denn ich achte nicht die Gefahr, nein! nur die Sussigkeit des Lebens.

Man soll mich nie eines Eingriffs zeihen in das stille feierliche Weben der Liebe durch die Natur, womit sie uns dicht nebeneinander in die bunten Farbenmelodieen des Lebens verschlingt.

Nie habe ich den lachelnden Ernst und die kindische Feier dieses heiligen Gewerkes mehr empfunden als jetzt. Auch mich hat die Liebe mit unendlich zarten Armen umfangen, und an das warme lebendige Herz der Natur sanft herangezogen. Ich stehe nicht mehr allein, trotzig und kuhn die Welt zu beschauen, und ihren tausendfachen Schritt, und das Begehren und Hingeben ihrer gluhenden Pulsschlage. Ich bin im Leben, o Freund, und wo? In seinen unschuldigsten Blicken, in den freundlichsten Grubchen seiner Wangen, in der teilbarsten Fulle seiner Lockenflut, und in seinen zartesten Traumen.

Alle meine Plane, alle meine Hoffnungen sind freiwillig losgetrennt von mir, ich sah sie ruhig, mit wehmutigem Entzucken leise uber mir hinwegschweben, wie machtige, leichte Luftballe, als habe sie die in uns so traurig gefangene Allgemeinheit des Lebens als ein Bild ihrer schonen verlornen Freiheit erschaffen, das sich ungetreu von dem Kunstler losreisst, um sein Urbild zu suchen, als habe die sehnende Einsamkeit meiner Seele einen herrlichen Boten ihres Verlangens in den unentdeckten Himmel gesandt. Aber Freund! es ist nur ein freudiges herzerhebendes Schauspiel geworden fur meine Liebe und mich; da ich mit ihr den fliehenden Kugeln nachsah, druckte sie mich sanft in die Arme, und mein Herz ward grosser, je kleiner die entwichenen aufwartsschwebten. Sie waren schon unkenntliche Punkte uber mir, und die Welt unermesslich gross unter mir geworden, als die Liebe zu mir sagte. "O hebe dein Haupt, Jungling, sieh, wie weit sind die Sterne und wie leuchtend, deine Plane sind noch viel naher, und wir sehen sie nicht mehr."

Alles ist mir entschwunden, dem ich sonst ein Spiel war. Die Welt ist von mir gesprungen, wie eine Form, die nun ein reines Bild gebar, ach! ich werde es nun nicht mehr beklagen, da ich nun so lieblich begrenzt bin. Das Leben ist hier oben so mild widerstrebend, und ich fuhle, dass ich am Busen der Natur in einer elastischen Ruhe des Geniessens liege. Mein ganzes verflossenes Leben liegt in ungestalten, farbenlosen Massen hinter mir. Das alles sollte ein ungeheurer Tempel werden, und sank vor dem Himmelsbogen erbebend in den Willen eines Kindes zusammen. Ich stehe an meinem vorigen Leben wie an einem Hugel unordentlich gesammelter Steine, die eher zur Ruine wurden als zum Gebaude, und bin zufrieden, wenn nur eine wilde einsame Blume an ihm aufbluht. Vor mir wird alles so deutlich, so gross im kleinsten, und ein ewiger Spiegel. Kein Geist tritt auf, den das Wort nicht reichlich, geschmeidig und durchsichtig bekleidet, kein Vorsatz schreitet ruhmsuchtig mit eitlem Klange vor der bescheidenen Tat her, ich finde mich in allem, und der Liebe.

Ach wie braucht es doch so wenig, um zu vergessen, so wenig, unser Dasein wenige Schritte vorher selbst zu ubersehen. Gleichen die Menschen nicht Kindern, die jedes Spielzeug mit Begierde umfassen, sich mit ihrem ganzen Verstande daruber hinwerfen und heftig weinen, wenn es ihnen genommen wird? Doch schnell erholen sie sich, und das neue, das man ihnen hingiebt, ist das wahre, nun haben sie's endlich gefunden, was sie wunschten. So wechseln sie immer, und endlich lost sich das ganze Spiel von ihnen. Wir wissen nicht, was der liebe Bruder nun vornimmt, wir kennen den Ort nicht, an den er gefuhrt wird, und was er nun erhalten wird, um die aussre Natur von sich zuruckzudrangen, damit er nicht in sie zerrinnt. Wir werfen das Spielzeug aus den Handen, und knieen um das Kleid herum, das er trug, als er bei uns war, "wohin bist du? dass dies schone Kleid nicht der Muhe wert war", und kuhle Erde umfasst den engen Schrein, der seine Hulle versteckt. Wir glauben, um den Toten zu weinen, aber wir weinen um den Tod, wir empfinden den Schmerz, weil unsre Seele aufwartsblickt, der Linie nach, die unser Freund nach dem Ziele unsrer Bestimmung gezogen hat, und weil das Leben uns gewaltsam zuruckzieht. Aber nimmer lernen sie, zu fuhlen, dass selbst der Tod nur eine solche Trauer des Kindes uber das genommene Spiel ist. Wir sterben auch im Leben, nur sind die Ubergange sichtbarer, oder ganz unsichtbar, und immer gebart uns die Liebe wieder. Ich fuhle, dass ich in einer andern Welt bin, und ein Kind; wenige werden ja mehr als Kinder in der Liebe, und Kinder in der Kunst; es sind die, welche fur die Zuruckgebliebenen schon Meister in beiden scheinen.

Sieh, Romer! ich habe alles vergessen, und wenn ich dich auch einmal vergesse, so weine nicht, denke, dass dann noch ein Leben zwischen uns liegt. Willst du mich aber ubereilen, so will ich dir dasselbe tun; wohl uns, wenn wir gleiche Schritte gehen, und ewig jeder neben dem Freunde.

Fern liegt mir die vergangene Zeit, nur was mir damals in Dunkelheit gehullt bang vor den Augen schwankte, was mit der wundersussen fremden milden Sprache der Sehnsucht in tiefen Stunden neben mir erklang, was mit unendlicher Gewalt mich in schwindelnde augenblickliche Hohe warf, steht itzt hell, verstandlich und mit gleicher Starke neben mir. Es waren damals kuhne Minuten meiner Zukunft, die sich in meine Gegenwart wagten, und itzt wie bekannte Freunde neben mir stehen.

Ich denke nie zuruck, auch wenn ich etwas von dorther sehe, so ist es Nordschein, oder Blitz, der die Jugend erleuchtet, und wahrlich, ich kann solche Erinnerungen wehmutig anblicken, die wie verspatete Worte verstorbener Sprachen um mich wandeln, und nur in den tiefern Narben meiner Wunden eine Heimat finden.

Nur dann sind wir glucklich, wenn wir nicht wissen, wie wir es sind, wenn wir geboren sind und Kinder. Wenn wir jeden Mechanismus eines Lebens ergrunden wollen, so sind wir zum Tode reif, und kennen wir ihn, so sind wir voruber; denn dann ist das Leben mit uns selbst zusammengeflossen, und ist nicht mehr, und jedes heftige unwillkurliche Begehren in uns ist Sehnsucht nach dem Tode, wie jede willkurliche Begierde die Meditation des Selbstmordes ist.

Vollkommenes Gleichgewicht der Natur in uns und ausser uns, soviel Streben als Erlangen, soviel Geben als Umfangen ist die Minute des Entzuckens der Liebe, und die tatigste, wo nicht vollendetste des Daseins. Wer je einen solchen Moment in sich fuhlt, der winde ihn sanft und rasch, mit Begeisterung, aus dem Gewirre seiner Wunsche; denn dies ist sein Gluck, seine Bestimmung und all sein Talent.

So ist es mir geworden!

Die Dammerung lag zwischen dem Streben und der Vollendung, der gluhende Tag, im Feuer des Lichtes zu seiner eignen Gestalt geschmiedet, verglimmte in die dunkle Nacht, in der unendlichen Zahl seiner Bruder unsichtbar untergehend. Ich sass am Turme zu den Fussen Otiliens. Ihre Hand lag dicht neben der meinigen, und ich schien mit dem Rande des Gewandes, das sie bedeckte, zu spielen, es war ein solches Spiel des Lebens. Eusebio stand hinter ihr, und legte ihr die Haare in Flechten. Ich empfand eine Kuhnheit in mir, die schnell in eine grosse Ruhe zerfloss, als habe mein erhohtes Dasein meine Kuhnheit wieder eingeholt. Meine Sehnsucht war durch die ihrige umarmt, und meine Hand lag in der ihrigen. So war ich aufgelost in der Natur, die mich umgab, und in der ich nun alles umgab.

Leise, wie ein Lied des Danks, zundete sich Eusebios Stimme am Monde an, der seinen Blick uber den Bergen offnete, ich sah ihr Auge nicht glanzen, denn sie blickte zu mir herab, ich fuhlte den Puls in ihrer Hand, und die sanft schimmernde Nacht wandelte um uns her. Eusebio sang:

Sieh, dort kommt der sanfte Freund gegangen,

Leise, um die Menschen nicht zu wecken;

Kleine Wolkchen kussen ihm die Wangen,

Und die schwarze Nacht muss sich verstecken.

Nur allein

Wer mit Pein

Liebt, den kuhlet sein lieblicher Schein.

Freundlich kusset er die stillen Tranen

Von der Liebe schwermutsvollen Blicken,

Stillt im Busen alles bange Sehnen,

Alles Leiden weiss er zu erquicken.

Liebe eint,

Wenn erscheint

Ohnvermutet die Freundin dem Freund.

Auch mich kleinen Knaben siehst du gerne,

Kommst mit deinen Strahlen recht geschwinde,

Mir zu leuchten aus der blauen Ferne,

Wenn ich Tiliens seidne Locken winde.

Zuzusehn,

Bis wir gehn,

Wenn die kuhleren Nachtwinde wehn.

Als Eusebio die Worte sang:

Liebe eint,

Wenn erscheint

Ohnvermutet die Freundin dem Freund,

fuhlte ich, dass sich unsre Hande dichter verschlangen, und dass mein Dasein in dieser Minute alle Wichtigkeiten meines Lebens aufwog. O Romer! es wohnt soviel Freude um uns und schmachtet unerkannt, aber wir gehen stolz voruber, und unser ungebardiges Wesen macht die zarte Tochter des Himmels so menschenscheu. In dem einklingenden Akkorde unsres aussern und innern Lebens kommt sie uns zu umarmen. Wenige Auserwahlte nur erreichen das Ruckkehren einer selbstgeschaffenen schonen Welt der Kunst in sich, in die liebende lebende Natur, und alle Klagenden konnten die Oktave hoher nicht erreichen, und sind zu stolz, aus den paar errungenen Tonen in das Echo des reinen Grundtons zuruckzukehren.

Itzt sehe ich, dass mir der Stoff des Gluckes fehlte, der stille einfache Friede, in dem sich alle Sehnsucht beantwortet, wie die Welle im Teich. Alles dieses hat mir die Liebe gegeben. Es ist mir ein reines kunstloses Weib begegnet, und sie hat alle Hindernisse in mir gehoben, die sie nicht kannte, und sie hat alle Krankheiten einer Welt in mir geheilt, die sie nicht kannte. Ist der Tod nicht eine Genesung, und Liebe nicht der Tod? Es gibt eine allgemein treffende Antwort, eine milde wahre Auflosung aller Ratsel der Kunst, in der reinen Natur, und die Natur hat sie in die Liebe des reinsten Weibes gelegt. Wenn mich Tilie liebt, so habe ich keinen Wunsch, kein Begehren, keine Geschichte mehr, ich bin aus dem Leben in die Natur getreten, und, guter Romer! knie dann neben mein Andenken hin, stille deine Tranen, und sprich die wahren, heiligen Worte: Er ruht sanft, ihm ist es besser als uns, wir mussen alle diesen Weg, wohl uns! wohl dir!

Godwi an Romer

Werdo, der Vater Tiliens, ist heiterer, seitdem ich hier bin. Tilie dankt es mir, und nennt mich darum den Freund. Da ich sie zum erstenmal sprach, es war in der Gesellschaft des Alten, waltete fur mich eine seltsame Zauberei uber ihrer Rede. Sie sprach in weiten geisterischen Umrissen von der Welt, und ich fuhlte, indem sie mit einer hohen Teilnahme und vielem Geiste die Leiden und das Ubel der Gesellschaft vermutete, dass alles in der Welt recht sei, und wie es sein konne.

Unsre Wirklichkeiten wurden unter der zarten Bestimmung ihrer Phantasie zu einer fremden freundlichen Poesie, so wie ihre Wirklichkeit unsre Poesie sein konnte. Es ist mir, als sei der Genius der hochsten Kultur auch derselbe der einfachsten Natur, und habe seinem Kinde die Sitten der Kinder der Gesellschaft anvertraut, um sie durch die Darstellung jener Unzulanglichkeit fur ihr eignes Leben empfanglicher zu machen.

Werdo, der mein Erstaunen uber sein weissagendes Kind bemerkte, ergriff in einer seiner traulicheren Stunden meine Hand, und sprach: "Mein Freund! du bist mein Hausgenosse geworden, und freuen soll es mich, noch lange in stiller Liebe so mit dir zu teilen. Ich schwieg bis itzt, ich glaubte, dass auch dich das Mitleid ekelhaft durchdringe, und alles musste ich vor dir und deines Herzens Vorwitz bang verhullen. Doch freudig habe ich des Herzens stille Teilnahme gefunden, vor der ich ohne Scheu, dass du in lautes Seufzen, in Verwundern, wie kein Mensch es darf, verfielest, die lang entwohnte Offenheit ergiesse. Mein Schmerz ist still, du hast ihn nie mit Klang und lauten Worten angeredet, so liebt er dich und mag dich wohl in seiner Ruhe leiden. Das Leben, das ich sonst um gar nichts fragte, es wollte mir auf alles Antwort geben, und tat es rauh mit scharfen lauten Worten, so dass es mich hinausgedrangt. Itzt frag ich nichts, und nichts mehr spricht mit mir; so lebe ich in tiefer Einigkeit mit allem, was hier um und um mich lebet.

Wenn der Sturm das Meer umschlinget,

Schwarze Locken ihn umhullen,

Beut sich kampfend seinem Willen

Die allmachtge Braut und ringet,

Kusset ihn mit wilden Wellen,

Blitze blicken seine Augen,

Donner seine Seufzer hauchen,

Und das Schifflein muss zerschellen.

Wenn die Liebe aus den Sternen

Niederblicket auf die Erde

Und dein liebstes Lieb begehrte,

Muss dein Liebstes sich entfernen.

Denn der Tod kommt still gegangen,

Kusset sie mit Geisterkussen,

Ihre Augen dir sich schliessen,

Sind im Himmel aufgegangen.

Rufe, dass die Felsen beben,

Weine tausend bittre Zahren,

Ach, sie wird dich nie erhoren,

Nimmermehr dir Antwort geben.

Fruhling darf nur leise hauchen,

Stille Tranen niedertauen,

Komme, willst dein Lieb du schauen,

Blumen offnen dir die Augen.

In des Baumes dichten Rinden,

In der Blumen Kelch versunken,

Schlummern helle Lebensfunken,

Werden bald den Wald entzunden.

In uns selbst sind wir verloren,

Bange Fesseln uns beengen,

Schloss und Riegel muss zersprengen,

Nur im Tode wird geboren.

In der Nachte Finsternissen

Muss der junge Tag ertrinken,

Abend muss herniedersinken,

Soll der Morgen dich begrussen.

Wer rufet in die stumme Nacht?

Wer kann mit Geistern sprechen?

Wer steiget in den dunkeln Schacht,

Des Lichtes Blum zu brechen?

Kein Licht scheint aus der tiefen Gruft,

Kein Ton aus stillen Nachten ruft.

An Ufers Ferne wallt ein Licht,

Du mochtest jenseits landen;

Doch fasse Mut, verzage nicht,

Du musst erst diesseits stranden.

Schau still hinab, in Todes Schoss

Bluht jedes Ziel, fallt dir dein Los.

So breche dann, du tote Wand,

Hinab mit allen Binden;

Ein Zweig erbluhe meiner Hand,

Den Frieden zu verkunden.

Ich will kein Einzelner mehr sein,

Ich bin der Welt, die Welt ist mein.

Vergangen sei vergangen,

Und Zukunft ewig fern;

In Gegenwart gefangen,

Verweilt die Liebe gern,

Und reicht nach allen Seiten

Die ewgen Arme hin,

Mein Dasein zu erweiten,

Bis ich unendlich bin.

So tausendfach gestaltet,

Erbluh ich uberall,

Und meine Tugend waltet

Auf Berges Hoh, im Tal.

Mein Wort hallt von den Klippen,

Mein Lied vom Himmel weht;

Es flustern tausend Lippen

Im Haine mein Gebet.

Ich habe allem Leben

Mit jedem Abendrot

Den Abschiedskuss gegeben,

Und jeder Schlaf ist Tod.

Es sinkt der Morgen nieder,

Mit Fittichen so lind,

Weckt mich die Liebe wieder,

Ein neugeboren Kind.

Und wenn ich einsam weine,

Und wenn das Herz mir bricht,

So sieh im Sonnenscheine

Mein lachelnd Angesicht.

Muss ich am Stabe wanken,

Schwebt Winter um mein Haupt,

Wird nie doch dem Gedanken

Die Glut und Eil geraubt.

Ich sinke ewig unter,

Und steige ewig auf,

Und bluhe stets gesunder

Aus Liebes-Schoss herauf.

Das Leben nie verschwindet,

Mit Liebesflamm und Licht

Hat Gott sich selbst entzundet

In der Natur Gedicht.

Das Licht hat mich durchdrungen,

Und reisset mich hervor;

Mit tausend Flammenzungen

Gluh ich zur Glut empor.

So kann ich nimmer sterben,

Kann nimmer mir entgehn;

Denn um mich zu verderben,

Musst Gott selbst untergehn."

Die Harfe lag, wahrend er sprach, schon an seiner Brust, wie ein Teil seines Gemuts und seiner Ausserung.

Ich empfand erst in der Mitte seines Liedes, dass er sie spielte, so leise hatte er angefangen. Alles das hatte sich verschlungen und durchdrungen, ohne dass ich irgend einen Ubergang sah.

Morgen schreibe ich dir weiter; ich habe den Greis verlassen, sitze hier auf meiner Kammer, weine und bete; der Abend kommt schon, von ihm den Abschiedskuss zu fordern. O lebe wohl!

Godwi an Romer

Ich will dir nun weiter erzahlen, was Werdo sprach. Als er sein Lied geendigt hatte, sagte er: "Sieh, keiner konnte mich mit Trost erquicken, drum habe ich in mir das Wort getilget, und lebe wie Natur, in freien und ungebundenen Tonen.

Du bist ein Mensch wie wenige gebildet, denn aus dir spricht, was andre trag verstecken, und was mir nur die leblose Natur gezeigt.

Die Sitte ist in dir Gesetz geworden, nach dem die Sonne auf und nieder gehet, und alles kann ich gleich erwarten, denn nirgends willst du uberraschen, und nimmer folgst du ihr, die dich begleitet.

Doch das soll dich nicht eitel machen, denn ein Gedicht der ewigen Natur ist Demut. Auch kannst du es nicht bilden, oder weiter in dieser hohen Gabe vorwartsschreiten, denn alles Wissen ist der Tod der Schonheit, die in uns wohnet und dieselbe ware, war gleich die Wissenschaft noch nicht erfunden.

Mein Lieber, vieles muss ich dir verbergen, und in den ersten Augenblicken warst du schrecklich. Die Vorzeit, die ich mir mit Muhe und vielen tiefen Schmerzen abgewohnte, sie trat aus dir mir druckend bang entgegen, und Zukunft rann so hell aus den Augen, dass ich mit Sehnsucht schon hinubersah.

Es war kein Bleiben sonst auf Erden, darum habe ich am Felsen dort den Quell zum Teich gehemmt, der immer mich auf seinen wilden Wellen in ferne Zeit mit Sehnsucht hingezogen.

Itzt steht er still, kein Schwinden und kein Kommen, und jede Welle, die sich regt, umarmt die andre, die ihr froh entgegenwallt. Und mir ward wohl!

Als du nun vor mich tratst, so wars, als wollte Vergangenheit mir schnell zum toten Bilde und Zukunft in der Gegenwart gerinnen. Das alles ruhet schon, ich liebe dich.

Auch Tilie, die holde, will dir wohl, und freue dich. Sie kennet keine Welt, von Menschenhanden trugerisch erbaut, und du bist wie Natur naturlich, liebt sie dich.

Sprich nie von ihr, denn auch der Wahrste lugt, will er mit Worten, was er fuhlet, sagen, und nur die Ausserung ist wahr, die unvermutet und unverschuldet aus der Tiefe steiget.

Es leitet unwillkurlich die Natur die Sprache aus der Tiefe unsers Herzens durch die Oberflache in sich selbst zuruck, und enger, enger ziehen sich die Kreise und gehen endlich in den Tropfen uber, die Tatigkeit so in sich selbst beschliessend, die in der Ruhe stillen Spiegel fiel.

Ich weiss nicht, wo mein Kind nach meinem Tode ein Bundnis mit dem Leben schliessen sollte, drum habe ich sie der Natur verbunden, und so muss sich in ihr schon alles finden, und nirgends braucht sie Rat zu suchen.

Es findet selbst ein blindes Kind die Brust der Mutter, deren Schoss es barg.

O stor sie nicht, und liebe still, und stille Liebe wird dir danken doch hore, hute dich vor ihr, und bleib dir ewig gleich, denn zarte Ordnung bildet ihr Gemut; zerreisst du sie, so wird sie dir zur Marter.

Dem stillen heilgen Leben blieb sie treu, und fasset ohnbewusst vom Ganzen doch den Geist.

Nur wenige sind so, von der Natur in tiefen Schopfungsstunden so gepragt, und hast du Zeit, noch mehr als Mensch zu sein, fullt dir des Lebens Ernst nicht alle Tatigkeit, bist du ein Burger o so fliehe schnell!

Denn solchen Reiz bestehet keine Pflicht, sei sie auch noch so fest gehammert, Natur ruft dich mit aller Weibes-Allmacht hier, sie reicht die Arme dir so frei und schon entgegen, und ihres Busens Wellen dich verschlingen. Du kehrest nimmermehr zuruck.

So muss es die Natur, sie meint es gut.

Die Mutter sehnt sich ewig nach dem Sohne, den sie aus ihrem Schosse hervorgerufen, dass er sich ihr an ihrem Busen angesaugt verbinde.

Er stehet oft furs Ganze draussen im Kampfe, und sieht den Frieden nicht, der nur im Innern bluht.

Sie kennt den Ruhm, die Ehre nimmermehr, der Lorbeer grunt in ihr, und auch die Myrthe, und beide liebt sie nur als frohes heitres Grun, das wir zur Hoffnung uns erwahlten." Hier sah mir der Alte mit Begeisterung ins Auge, ich wusste nichts von seiner Rede. Das Ganze schwebte wie ein unbekanntes Element um mich her. Nur einige seiner Ausserungen uber Tilien traten mir aus seiner sichtbaren unsichtbaren Rede entgegen. Sie wurden mir Gesetze, ich kannte keine Pflichten mehr, aller voriger Glauben sank wie ein gesturzter Gotze.

Die Liebe fing mich ein mit ihren Netzen,

Und Hoffnung bietet mir die Freiheit an;

Ich binde mich den heiligen Gesetzen,

Und alle Pflicht erscheint ein leerer Wahn.

Es sturzen bald des alten Glaubens Gotzen,

Zieht die Natur mich so mit Liebe an.

O susser Tod, in Liebe neu geboren,

Bin ich der Welt, doch sie mir nicht verloren.

Ich sank ihm in die Arme, und rief ihn mit dem Namen: Vater! und alles zerrann um mich. Er staunte mich an und sprach wild: "Ich war sein Vater nicht, bin keines Menschen Vater, jetzt geh zu meinem Kinde hin."

Lebe wohl!

Godwi an Romer

"Ich war sein Vater nicht, bin keines Menschen Vater, jetzt geh zu meinem Kinde hin." Wunderbare Worte; o Romer, wie sie mich ergriffen!

Der Greis, der ruhrend vor mir sass, und mit dem Blicke in das Tal hinab und uber die Berge hin, als sei er uberall gegenwartig, mir allen Druck vom Herzen nahm, dessen begeisterte Rede, ein sanfter leuchtender Engel, meine Wunsche wie abgeschiedene Seelen in einen freudigen Himmelsfrieden brachte, der namliche, der sich in seinem Liede, in seinen Worten der ganzen Welt so schon verbruderte, stiess mich wild zuruck da ich mit allen Machten zu ihm hingezogen, an seinem Halse den Namen: Vater, nannte.

Ach, soll ich keinen denn aus vollem Herzen so nennen konnen? Muss der es bleiben, der ein peinlich Leben mir, ohne dass ich leben wollte, gab? Die Worte dieses Mannes konnten mich befriedigen, konnten das Silber mir im Herzen bis zum Blicke gluhen, wenn mir nicht jener durch eine unselige Mischung ein seltsames unerfullbares Sehnen mitgegeben hatte.

So kann ich nur das Hohe unendlich lieben, so kann ich nur den Sinn verstehen, und nimmer den Leib, die herrliche Gestalt umfassen. Alles zerbricht mir unter den Handen, und ewig hoffe ich und will; doch feindlich tritt ein boser Geist zwischen Willen und Handlung hin, und reisst mich in mich selbst zuruck, das Ziel stets weiterruckend.

Wo mich die Weisheit schon im Arme zu halten scheint, und ich ihr wie ein Schwur versichert in die Augen sehe, reisst mich der Wahnsinn wild zuruck. Was kann ich nur ergreifen wie ein Schwert, um jedes Leben, jede Rede zu zerlegen, damit mir nur das werde, was mir dient, denn keiner ist wohl in der Welt, dem ich so ganz angehore, in den ich sorglos und kuhn mit allen Zweigen verwachsen darf; und werde ich je das Leben selbst erschaffen, das alle diese Zwecke mir erfullt, oder erschaffe ich jetzt die Welt mir so, dass keiner mir erreichbar ist?

Es ist mir, als stritten Wahnsinn und Poesie sich um Werdos Geist, und siegend fasst ihn diese oder jener. Der Wahnsinn ist mir wie der ungluckliche Bruder der Poesie, er ist im Leben verstossen. Siegt er, dann fuhrt er treu den schwer erkampften Preis bis zu den Gottern, der Schwester aber tritt die ekle Wirklichkeit oft breit in den Weg, und oft muss sie fur die Duldung, die man ihr gewahrt, die harte Schmach erdulden, dass ihre Beute der Welt anheimfallt.

Ich verliess Werdon sehr zerruttet, er hatte meine Ansicht der Dinge wunderbar verandert, mich fest mit seinem Glauben verwebt, dass alles, was mir entgegentrat, mir fremd und neu erschien. Seine letzten Worte hatten meine Hingebung wieder erschuttert, und ich stand wie ein unentschlossner, ungeschickter Gott da, der nicht weiss, wie er die Welt erschaffen soll, weil sie schon da ist.

Ich naherte mich den Gebuschen, die von einer Seite seine Wohnung einfassen, und horte Tilien mit Eusebion sprechen. Der Ton ihrer Stimme ruhrte mich wie ein Zauber, es war der Ton, den ich verloren hatte, und alle meine Gedanken reihten sich, und alles war mir wieder wahr und gut, unbezweifelt Liebe.

Eusebio sass zu ihren Fussen, versteckte sich bald, bald sah er traurig in die Hohe, doch sprach er nicht. Sie redete ihn an: "Eusebio, wie bist nur so still, versteckst dich und siehst dann wieder so traurig auf; des Knaben Herz muss froh und heiter sein."

Hier sprang er schnell auf und sagte:

"Tilie, ich will singen, fange an, ich will singen, dass ich froh werde wie ein Lied." Tilie sang:

Frei, frei

Von Trauer sei

Des Knaben Herz.

Hier fiel Eusebio ein:

Von Trauer frei

Ist nicht sein Herz;

Schmerz, Schmerz

Ganz tiefer Schmerz

Ist selbst sein Scherz.

Will nach der Buche,

Will nach der Buche gehn,

Wird sie dort freundlich stehn?

Will sie dort wiedersehn,

Die ich nur suche.

Sehnsucht!

Im Mondschein,

Ganz allein

Will sie bei mir sein.

Furchte mich nicht,

Ihr Gesicht

Ist Tageslicht.

Hier trat ich auf die Stelle, wo sie beide standen, Tilie kam mir freundlich entgegen und kusste mich; ich weiss nicht, wie mich gerade in dieser Minute eine wunderbare Verlegenheit ergriff, da ich sie in den Armen hielt. Der Knabe schien an Tiliens Klage uber seine Trauer sich schalkhaft rachen zu wollen.

Er drangte sich an mich, fasste meine Hand, dann wendete er sich zu Tilien und sang:

Mild, mild

Von Liebe, schwillt

Des Mannes Brust;

Von Liebe schwillt

Auch Tiliens Brust.

Lust, Lust,

Ganz stille Lust,

Ihr unbewusst.

Sonst war der Liebe

Stille im Herzen bang,

Bis sie zum Auge drang

Und von der Lippe klang,

Ihr Spiel sie triebe.

Liebestrieb!

Im Mondschein,

Ganz allein

Will sie bei ihm sein.

Furchtet euch nicht,

Mondeslicht

So freundlich spricht.

Hier liess er mich los und eilte in den Wald. Tilie rief ihm nach:

"Eusebio! Eusebio! verspate dich nicht"

Aber der Knabe war verschwunden, und das Echo rief aus dem Walde zuruck:

Verspate dich nicht!

Tilie wendete sich zu mir und sprach:

Ich weiss nicht, was in diesem Knaben webet,

Je mehr er fasst, je mehr verschliesst er sich,

Und sollte doch stets reicher auch mehr geben,

So wie Natur, die immer mehr uns bietet,

Je mehr sie Reichtum im dem Schosse fasst.

Wie ruhrt mich nicht des Fruhlings Kindergabe,

Der, kaum des Winters hartem Geiz entflohen,

Schon freundlich grune Sprossen bringt und

Blumen.

Er tragt ein Kleid von dunnem Glanz gewebet,

Und sieht mit lindem Sonnenschein uns an,

Und weckt mit sussen Liedern alle Wesen.

Steht ihm auch gleich die Trane noch im Auge,

Die ihm des harten Winters Frost entlocket,

Und zittert gleich sein zarter Leib von Kalte,

Weil ihn so dunn der strenge Vater kleidet,

So regt er doch zum Tanze und zur Arbeit

Mit leichtem Flug die neugebornen Glieder.

Er schurzet sich, blickt in den festen Spiegel,

Der aller Flusse wandelnd Leben decket,

Und unter seinem heissen Blicke springet

Der zarten Nymphen und Sirenen Fessel;

Sie fassen dankbar seiner Jugend Schone

Und eilen, sie in alle Welt zu tragen,

Und tragen sie hinab durch alle Taler.

Mit seinem frohen Bilde kindisch spielend,

Entzunden sie zu seinem Dienst die Ufer,

Durch die sie wollustmurmelnd freudig gehen;

Die Blumen all, die an dem Rande stehen,

Sie winken still hinab, ihr zitternd Bild begrussend.

Er schwebet liebend uber tote Walder,

Die bang mit kalten Armen aufwartslangen,

Da zundet er den Wald mit grunen Flammen,

Und alle Blatter kussen sich so lieb zusammen,

Und blicken still, das Gotterkind zu fangen.

So sprach Tilie noch lange vom Leben und Geben, und wahrlich, sie giebt alles, konnte ich nur alles nehmen; aber da wohnt eine unausstehliche Sparsamkeit in mir, die man immer in eurer armlichen Haushaltung von Leben davontragt. Dann stand sie auf und sprach:

Der Name Reichtum kommt allein von reichen;

Hinreichen sollen wir das Eigen; allen,

Die arm sind, sollen froh wir geben,

Weil sie die Arme so gar traurig heben.

Wir wollen mit einander nach dem Walde,

Den Knaben, der allein ist, aufzusuchen;

Er sagte ja, er wollte nach den Buchen.

Hier nahm mich Tilie an der Hand und fuhrte mich durch kleine schmale Wege in den dunkeln Wald; es war mir recht heilig zu Mute.

Wir schwiegen lange, und horchten auf das Abendlied der Nachtigall, das mit glanzenden einzelnen Tonen durch die lebenden Gewolbe zog. Der Mond sprach wehmutig mit einzeln zundenden Silben durch das Flustern der Baume, Ahndung wehte mit ihren dammernden Flugeln durch die Busche, und alle heimlichsten Gedanken wagten sich aus jeder Seele, wo sie sich vor dem geschaftigen vorwitzigen Tage versteckt hatten.

Morgen, Romer! horst du weiter; ich muss nun schlafen. Tilie sagte heute, meine Augen seien so verwacht, da bist du schuld dran.

Dies Madchen besitzt einen so, dass man, um nur wenige Augenblicke nach einem Freunde zu sehen, fast vor Anstrengung erblinden muss. Schlafe wohl.

Godwi

Godwi an Romer

Hat sich die Zeit in ihrem Gange verandert? Kein Tag schleicht mehr mit seinen gahnenden Stunden, und keiner sturzt mit seinen Augenblicken hinab.

O welche stille Wechsel in mir, im gemessenen Takte schreiten die Augenblicke wie Tone zu einer schonen Melodie des Lebens hin, und irret mein Geist durch alle Akkorde auf harmonischen Wegen einen dem andern verbindend, so gelangt er nicht selten, der schonen Folge zur wunderbaren Erquickung, auf einen Gipfel, wo aller Takt weicht, und das Lied gleichsam einen freien ungebundenen Blick in die Ewigkeit tut, und neuerdings kehrt die Melodie zuruck, wie das Atmen unsers Busens, das ein sanfter Seufzer unterbrach.

Hier eilt das Leben nicht, ich sehe ihm nimmer nach, auch weilt es nicht trag, und ich brauche es nie zu treiben.

Ich gehe ruhig mit den Stunden, und jede bietet mir das volle Leben an; solange ich hier oben bin, habe ich noch nicht an die Zeit gedacht.

Der Morgen ist schon wieder da, und alle Farben, alle Tone und Gestalten singen ihm ein Lied, das noch nie gesungen ward, so oft er auch die Welt begrusste, die ihm jedesmal mit schonen Worten geantwortet.

So ist und bleibt der Stoff, der des Dichtens wert ist, ewig derselbe und einfachste, der eben darum unerschopflich ist. Denn nach dem einzigen Punkt, der in der Mitte der Welt liegt, kannst du die meisten Linien ziehen, und nur von ihm aus zu allem gelangen.

Hier folgt die Fortsetzung meines Tagebuchs.

So war der Wald, und wir Tilie unterbrach unser Schweigen:

Du hast mit meinem Vater lang geredet,

Wie war er, war er freundlich, warst du es?

Ich:

Ich sah ihn niemals so, Otilie, niemals

War seine Rede so voll susser Worte,

Die alle zwischen Ernst und Wehmut schwankten;

Sein Aug war feurig und ein mildes Lacheln

Umschwebte seinen Mund, und um die Wangen

Schwamm eine zarte Rote, wie ein Heilger

Sah friedlich er zum Himmel und zur Erde.

Er sprach von dir, von mir und von der Liebe,

Und hingerissen sank ich vor ihm nieder,

Umfasste ihn und konnte ihn nicht lassen.

Von meinen Lippen drang der Name: Vater!

Da riss er sich von meiner Brust und zurnte,

Sprach wild zu mir: "Ich bin sein Vater nimmer,

Bin keines Menschen Vater; geh! o gehe

Zu meinem Kinde hin"; so komm ich zu dir.

Tilie:

Es tut mir weh, o Freund! denn du wirst glauben,

Dass du den Vater so mit deiner Rede

Gekrankt hast, und das konnte dich verfuhren,

Was nimmer gut ist, dich in acht zu nehmen.

Ich:

Was nimmer gut ist?

Tilie:

Nein, denn die Natur,

Sie nimmt sich nie in acht, drum handelt sie

So machtig und so rein, stets zur Genuge.

Willst du gleich alles schon zum voraus sein,

So kannst du in der Handlung nie genugen.

Ich:

Ich konnte nicht, denn alle meine Sinne

Und alles, was geheim in mir verborgen,

Hat er erweckt mit wunderbarem Leben.

Die tiefsten Wunsche kuhn in mir bewaffnet,

Ihr Ziel, sonst unerreichlich, zu erreichen.

Ich fuhlte mich wie neu geboren, dankend

Nannt ich ihn Vater!

Tilie:

Vater, und er zurnte

Er liebt den Namen Vater nicht, und nimmer

Darf ich ihn anders als nur Werdo rufen;

Und er hat recht, denn es ist sonderbar,

Den Einzelnen im Leben so zu nennen,

Da wir ja nur ein einzig Leben kennen.

Beruhigtest du ihn?

Ich:

Nein, ich vermied es,

Weil es nach ihm nur eine Ruhe giebt,

Die in der Nacht, wo alle Farben sterben,

Die in der Ferne, wo der Ton verklingt,

Und Grabesruh, die die Gestalt verschlingt.

Als wir an einen kleinen runden Platz kamen, in dessen Mitte zwei junge Pappeln standen, sagte Tilie, auf die Pappeln zeigend:

Dies ist Joduno, und dies hier Otilie.

Als wir vor zehen Jahren in dem Walde

Still miteinander wandelnd uns verloren,

Verteilten wir uns, um den Weg zu suchen,

Dass eine doch nach Haus zu Werdo komme,

Den Abendtrunk in dem kristallnen Glase

Ihm freundlich vor dem Schlafengehn zu reichen.

Mich traf das Los, den Ruckweg bald zu finden,

Joduno irrte lang im Walde hin,

Bis ich sie hier auf dieser freien Stelle

Am Boden ruhig sitzend fand, sie lauschte,

Wie eine Nachtigall die sussen Tone sang.

Ich setzte mich zu ihr, und wir verbanden

Mit kindschen Schwuren unsre kleinen Herzen.

Als sie mich drauf verliess, pflanzt ich und sie

Die Pappeln hier zum ewigen Gedenken.

Und wie die Baume wachsen, sieh, so sind wir

Uns lange gleich an Mut und Freud geblieben.

Doch sie, Joduno, neigt die schlanken Aste,

Sie trauert; sprich, wie hast du sie gelassen?

Ich:

Sie wollte bald zu dir heruberkommen.

Tilie:

Ich kann es kaum erwarten, bis sie kommt,

Und doch, ich weiss nicht, wie mir bangt,

Dass sie mich uberraschen wird, die Gute;

Sonst freute sie mich, wie im Fruhling

Die erste Blume, die sich regt, mich freut.

Ich:

Und jetzt wird sie dich jetzt nicht freuen?

Tilie:

Sonst war sie jung und ihre Mutter brachte

Sie zu mir her. Wir waren beide Kinder;

Die Kinder teilen sich so gern ins Leben,

Weil ihnen allen gleich die Welt erscheint,

Doch meistens bildet sich die grossre Jungfrau

Das Leben schon zur eignen Wohnung aus,

Und formt sich alles, wie's bequem und schicklich

Sich zu dem inneren Geschmacke fuget.

So ist es wohl Jodunen auch ergangen.

Ich blieb stets Kind, ich kenne keinen Zeitpunkt

In meinem Leben; wenn ich ruckwarts schaue,

Ergiesst sich alles still in tiefe Ferne,

Und nimmer habe ich mit Sinn gewechselt.

Joduno wird mir nun wohl nicht mehr gleichen,

Und sich nicht Ach, mich wird es schmerzen!

Wenn ich sie sonsten sah, dacht ich zurucke

Ans letztemal, es ward ein Wiedersehen.

Der Funke brach sich hell in vielen Spiegeln,

Bis zu den fernsten Bildern meiner Jugend

Erleuchtete die Liebliche mein Leben.

Wenn sie verandert mich nun hier umarmt

Wie war sie, als du sie verlassen? sage

Ich:

Sie sehnte sich nach dir, und war begierig,

Wie du und ich sich wohl vertragen mochten.

Tilie:

Vertragen mochten? wir? Das ist nicht gut,

Hieraus wird mir kein Wiedersehen ach,

Sie ist gewiss verandert, und ich finde

In ihr das treue Gegenbild nicht wieder.

Sie gab als Kind mir alles, was mir fehlte,

Jetzt fehlt mir nichts; wird sie auch alles haben?

Ich glaube nicht, weil sie sich nach uns sehnt.

Sie mochte wissen, wie du mich veranderst,

Da sie durch dich sich selbst verandert fand.

Ich:

Verandert? ach! und hat vielleicht verloren,

Was sie, die Einsame, zu deiner Freundin

Gemacht? Es tut mir weh! Durch mich verloren?

Tilie:

Es tut dir weh? So wolltest du's; ich bitte,

Ach! wolle, was dich einstens schmerzt, nicht

wieder,

Was wird Joduno fuhlen? wenn sie sieht,

Dass du nun nicht mehr willst, was du gewollt hast.

Ich:

O! Tilie, ich weiss nicht, ob ichs wollte.

Ich kam auf ihres Vaters Schloss, und trube,

So trube Stunden lagen hinter mir,

Schnell wie ein Blitz war eine grosse Freude

Mit vieler Liebe mir hinabgesturzet.

Mein Leben war so dunkel, und ihr Auge

Erweckte freundlich blickend mir im Busen

Zuerst des Friedens holdes Weben wieder.

Es war am Abend, ruhig sank die Sonne

Und mit ihr ging mein mudes Leben unter.

Sie sprach mit mir von allem, was sie liebte,

Von ihrer Mutter, dir und deinem Vater

Ich liebte nichts, musst ich sie so nicht lieben?

Und ist mir dieser Wille nicht verzeihlich?

Der Wille? Tilie, der so leise war

Tilie:

Ich fuhle wohl, wie dies in dir und andern

So ist; mir selbst ist es schon so ergangen.

Wenn du die Fremde, die du Heimat nennst,

Mit bunten Bildern rauschend um mich weckst,

Von deinen Reisen so beweglich sprichst:

So liebe ich dich nicht; und wenn ich wieder

Fur mich allein dran denke, reut es mich

So ist es umgekehrt, was du getan.

Doch, trube Stunden lagen hinter dir,

Und eine grosse Freude war verloren;

Du Armer, sprich, wie war das alles?

Ich:

Eins nur

Von allem, was du mir gesagt, betrubt mich,

Sonst wollt' ich gerne alles dir erzahlen.

Tilie:

Niemals sollst du durch Tilien verlieren

Ich:

Ich kann nun fernerhin nichts mehr verlieren,

Denn alle das Vergangne ist verloren,

Und nichts mehr kann vergehen, nichts mehr

kommen,

Seit ich zum erstenmal das holde Leben

So gegenwartig und geliebt empfinde,

Und das, Otilie, hast du mir gegeben,

Du wolltest, dass die Liebe mich entzunde.

Aus deinen Augen helle Lichter schweben,

Dass alles Dunkel ruck- und vorwarts schwinde,

Doch sagtest du, du konntest mich nicht lieben.

Wenn ich das bunte Leben dir beschrieben.

So lasse mich vergessend hier gesunden,

Lass mich von meinem alten Leben schweigen,

Da du das neue schon mit grunen Zweigen

Und deiner Kusse Liebesblut umwunden.

Du offnest mir die kaum vernarbten Wunden,

Und in die Wunden wie in Graber steigen,

Sollt deine holde Liebe von mir weichen,

Die ewge Freude und das Licht der Stunden.

Vertreibst du mich aus diesem Heiligtume,

So muss das junge Leben fruh verstummen,

Das du mit Liebesseligkeit gewurzet.

Sind dann nicht alle Stunden ohne Schimmer,

Ists weniger als Freude, die auf immer

So unerreichlich tief hinab mir sturzet?

Tilie:

Es sei dir Nacht, und nachtliches Entzucken,

Das mild der Sterne Blumenglut ergiesst,

Erbluhe dir aus meinen stillen Blicken.

Und wenn du mir nicht in die Augen siehst,

So will ich deinen Arm gelinde drucken.

Damit sich nie das Leben dir verschliesst,

Sollst du an meinem Arme hangend fuhlen,

Wie warm mein Herz, will deines gleich erkuhlen.

So sprich mir dann von deinem jungsten Leben,

Von deiner Freud und Schmerzen Heiligkeit,

Denn uber dieser wunderbaren Zeit

Kann nur der Schmerz, kann nur die Freude

schweben.

Dem Altern sind die Stunden hingegeben,

Er fuhret sie zu Frieden oder Streit,

Er herrschet uber sie. So Freud wie Leid

Muss er allein sich selbst bestimmend weben.

Um Vater, Mutter und das Vaterland

Weint oft Eusebio so stille Tranen

Und hat verloren, was er nie gekannt.

Auch mich halt fest ein tief unendlich Sehnen,

Der fruhverlornen Mutter zugewandt;

Denn uns besitzt, was wir verloren wahnen.

Besinne dich ein wenig, was du sagest,

Denn selten, lieber Freund, sagst du das Rechte.

So sollte ich mich besinnen, Romer, und wusste doch von nichts, kannte niemand mehr als sie. O, wie hat mich dies Weib gefangen genommen, und wie werde ich durch sie leiden mussen, Schmerzen, die sie nimmer verstehen kann. Sie heilt, wie die Natur, alle Wunden, ohne sich zu einzelnen hinzuwenden; sie heilt mit einer eigentumlichen heilenden Kraft, mit einem Balsam, der wie ihre eigne Gesundheit in ihr lebt.

So bin ich denn einem Wesen hingegeben, das in seiner eigentumlichsten Macht dasteht; ich liege in der Wiege der Natur, ihr Fusstritt bringt mein Leiden mit leichten Schwingungen in die Traume der goldnen Zeit; moge ich erwachend an ihrem Busen von einem Geiste beseelt sein, fur den meine jetzige Sprache ein Stammlen des Kindes ist. Oder werde ich sterben, wenn ich an ihrem Busen erwache, und die Form aller Formen mir vor den Augen und der Quell aller Nahrung und Wollust zwischen meinen Lippen schwillt? O wie werde ich dich dann nennen, Freund! mit aller Macht des Worts, allem Zauber der Poesie nennen konnen.

Godwi

Godwi an Romer

Ich habe dir gestern geschrieben, Romer, wie wir sprachen, und will gerne fortfahren, aber ich habe hier in jeder Minute stets so viel geliebt und gelebt, dass ein ganzes Leben der Erinnerung immer hinabsinken muss, um die Gegenwart zu umfangen.

Wer in der reinen Natur und unter den Menschen Gottes lebt, o! der ist so von der unendlichen Kraft durchdrungen, dass er keine Augen fur die Handlung hat. Ich bin so gezwungen zu leben, dass alle Reflexion mir Muhe kostet, und ware ich nicht so ungeschickt, und so verschroben, dass in jeder Minute des Alleinseins mir alles Genossene als Bedurfnis erscheint, weil ich noch nicht in mir selbst fortdauernd empfinde, dass diese Welt ewig in mir entzundet, so konnte ich dir nichts schreiben als abgebrochene Satze und Ausrufungen, wie der, der, in dem tiefsten Schosse der Wollust versunken, sich selbst mit aller Ausserung in ihm auflost, und keine Beschreibung als in der Anschauung des Genusses selbst geben kann.

Godwi

Fortsetzung meines Tagebuchs

Es ist eine Torheit, Romer, dass ich dir diese Szene zu schildern anfing, da es keine war Es ist, als wollte ein Maler ein wunderbar heiliges, lebendiges Leben im Mondschein, wo alle Gestalt leise zerrinnt, vor dir in bestimmten Formen hinzeichnen, wo der Mensch und alles Einzelne in das Ganze zerrinnt, wo nichts von dem Hintergrunde sich trennt, und alles in ein leises Gefuhl des ewigen Gleichheit verschwimmt, und unser bestimmtester Begriff nur der des allgemeinen seligen Daseins des Lebens sein kann.

Es war kein Umriss da und keine Fulle, und kein Selbstgefuhl, es war alles eins, und ich fuhlte Tiliens warmen Busen an meiner Brust, wir wandelten leise, als wollten wir den Schlaf des Waldes nicht erwekken. Mein Herz drangte sich in meiner Brust schuchtern hinuber zu dem ihrigen, dessen vollen Schlag ich fuhlte, sie drangte sich im Gehen dicht an mich, und alle Fibern zitterten in mir.

Ich wusste nicht, ob die Eichen oder unsre Locken so sanft uber uns rauschten, ob Tiliens Blicke den Mond oder der Mond ihre Blicke anzundete. Ich war nie mehr und doch nichts als ein Lebender. Das Aussre fuhlte ich in meiner Seele in einem stillen Weben, und mich das Aussre bildend und von ihm gebildet. Es war, als habe ich ein Element um mich erschaffen, das seinen Schopfer mit Wellen dankend umschlingt, und ihn von sich selbst trennend zur Einzelheit erhebt. Es war die letzte Empfindung des Geschaffenen, und die erste des Schopfers.

Mit dunkeln Wunschen ist die Ordnung in unserm Herzen angeknupft, ihr stiller Strom fliesst zu der Liebe hin, und kehrt mit allem Leben ewig in unser Herz zuruck.

Ich habe bis jetzt noch keinen Genuss im Leben gehabt, den mir die Reue uber den Missbrauch meiner Fahigkeit, mich zu freuen, nicht begleiten wurde, wenn es nicht nichtswurdig und eine schnode Verachtung der Gegenwart ware, etwas zu bereuen.

Schnell nieder mit der alten Welt,

Die neue zu erbauen.

Der, dem die Liebe sich gesellt,

Darf nicht nach Trummern schauen.

Aus Kraft und nicht aus Reue dringt,

Was die Vergangenheit verschlingt.

Nie darf die Erinnerung mit Neid nach der Gegenwart blicken, auf den Grabern wollen wir tanzen, wenn wir Leben kennen und sterben konnen.

Ich stehe wieder wie ein Kind im Leben wie ein machtigeres Kind eines machtigeren Lebens. Und jetzt soll ich mich auf das Ehemals besinnen, da mir die Gegenwart meine ganze Moglichkeit so suss vereinzelt hinbietet?

Es ist mir, als ob alle dunkle sehnsuchtige Stunden meiner Jugend voreilige mutige Boten der Zukunft gewesen waren, die ich jetzt verstehe.

Meine Liebe zu der Englanderin war voll Kenntnis, voller Ubung aller selbstischen Bemuhung des Herzens in der Leidenschaft. Es war eine Liebe, wie die des Naturforschers zur Natur, die er in Kabinetten mit seinem Leitfaden in der Hand uberrascht, und in seinem Laboratorium chemisch in einem Schmelztiegel kusst.

Jetzt hat mich die allgemeine Verbindung einer Schweiz umarmt. Das Leben wiegt sich wie ein Blumenkranz in meinen Locken, den Tilie hineingelegt. Ich fuhle ihn nicht, und meine Phantasien wohnen in seinen Kelchen. Nie wird ihn mein Geist entblattern, denn mein Gemut hat sich wie Dank und Rausch an Fruhling und Liebe entzundet. Die Stimme meines stillen innern Danks spricht wie die Liebe im Liede der Nachtigall, aus Liebe, ohne Liebe zu dichten.

Ich liebte die Englanderin, weil sie meinen Sinnen schmeichelte, weil sie meinem Bedurfnisse und meinem Geschmacke das Bild der Natur hinzureichen schien. Aber sie kam nur von der missverstandenen Kunst zuruck dies Bild war nicht rein, der Zwang hatte hie und da einen schmerzhaften Zug zuruckgelassen es war Genesung, die nimmer Gesundheit wird.

Tilien liebe ich, weil sie so ist, denn die Gesundheit allein ist liebenswurdig. Sie war nie anders, sie ist nie so geworden, und wird nie anders werden. Sie ist so, und ewig so.

Sie schafft sich ewig selbst, und weiss es nicht. Jede Minute ihrer Schonheit wird durch sie, und sie ist das Kind jeder Minute ihrer Schonheit. Wie die Liebe ihren Busen hebt, so ist ihr Busen das gottliche Gefass ihres liebenden Herzens.

Aussere Dinge bestimmen sie nur, insofern sie in die unwandelbare treue Folge der Lebensaussprache tritt, in deren sittewechselnden Bildungen sie eine wunderbar ehrwurdige Urgebarde geblieben ist.

Sie selbst steht da wie die Natur im schonen Menschen; ihre Gedanken, ihre Worte, Gebarden und Mienen, ihre ganze Erscheinung ist der heiligsten Anschauung fahig. Man konnte jede Folge ihrer Ausserung mit schonen abwechselnden Bildern allegorisieren.

Wenn ich mir sie denke, wie sie sich bewegt, wie sie spricht oder singt, so sehe ich eine Reihe schoner weiblicher Gestalten in harmonischen Wellen vor mir hinschweben, die sich bald mit ihren zarten Armen, bald mit einzelnen Blumen oder Tonen, mit ganzen Blumen- und Tonfolgen, bald mit sussen durchsichtigen Liedern aus beiden gewebt beruhren.

Diese Gestalten bilden mir dann keinen Zirkel, sondern kommen unmittelbar aus der Natur, die sie umgiebt, und schweben wieder so aus ihr hinuber.

So fuhlte ich, als sie mir befohlen hatte, mich zu besinnen, und besann mich also nicht

Tilie:

Hast du denn bald genug gedacht? Ich furchte,

Du suchst so lange, bis du mehr als findest.

Denn suchst du ubers Finden, so erfindst du.

Ich:

Verzeih, ans Suchen dachte ich noch gar nicht.

Tilie:

Was dachtest du?

Ich:

Ich weiss nicht, was ich dachte,

Ich sprach mit dir, und diese ganze Welt,

Der Wald, der Mond, sie lagen mir am Busen.

Ich fuhlte, dass sie mit mir sprachen, dass ich,

Mit allem Leben innig tief verbunden,

Doch keinem Einzelnen eroffnen konnte

Und keinem das erwidern, was sie mir vertraut,

Als dir, du liebe Tilie, dir allein.

Tilie:

So sprich mir nun von deinen Kinderjahren,

Du hast dich schon besonnen; was du fuhltest,

War Wahrheit, Leben; wo sie einig sind,

Kann sicher nur das Rechte einzig sein.

Lass dies Gefuhl um deine Worte wahren,

Und reine Dinge wird Otilie horen.

Szene aus meinen Kinderjahren

Oft war mir schon als Knaben alles Leben

Ein trubes trages Einerlei. Die Bilder,

Die auf dem Saal und in den Stuben hingen,

Kannt ich genau; ja selbst der Buchersaal,

Mit Sandrat, Merian, den Bilderbuchern,

Die ich kaum heben konnte, war verachtet,

Ich hatte sie zum Ekel ausbetrachtet.

So dass ich mich hin auf die Erde legte

Und in des Himmels tausendformgen Wolken,

Die luftig, Farben wechselnd oben schwammen,

Den Wechsel eines fluchtgen Lebens suchte.

Kein lieber Spielwerk hatt ich als ein Glas,

Im dem mir alles umgekehrt erschien.

Ich sass oft stundenlang vor ihm, mich freuend,

Wie ich die Wolkenschafchen an die Erde

Und meines Vaters Haus, den ernsten Lehrer

Und all mein Ubel an den Himmel bannte.

Recht sorgsam wich ich aus, in jenen Hohen

Den kleinen Zaubrer selbst verkehrt zu sehen.

Ich wollte damals alles umgestalten,

Und wusste nicht, dass Anderung unmoglich,

Wenn wir das Aussre, nicht das Innre wenden,

Weil alles Leben in der Waage schwebet,

Dass ewig das Verhaltnis wiederkehret

Und jeder, der zerstort, sich selbst zerstoret.

Dann lernt ich unsern Garten lieben, freute

Der Bluten mich, der Frucht, des goldnen Laubes

Und ehrte gern des Winters Silberlocken.

An einem Abend stand ich in der Laube,

Von der die Aussicht sich ins Tal ergiesst,

Und sah, wie Tag und Nacht so mutig kampften.

Die Wolken drangten sich wie wilde Heere,

Gestalt und Stellung wechselnd in dem Streite,

Der Sonne Strahlen schienen blutge Speere;

Es rollte leiser Donner in der Weite,

Und unentschieden schwankt des Kampfes Ehre

Von Tag zu Nacht, neigt sich zu jeder Seite;

Dann sinkt die Glut, es brechen sich die Glieder,

Es druckt die Nacht den schwarzen Schild

hernieder.

Da fuhlte ich in mir ein tiefes Sehnen

Nach jenem Wechsel der Natur, es gluhte

Das Blut mir in den Adern, und ich wunschte

In einem Tage so den Fruhling, Sommer,

Herbst, Winter in mir selbst, und spann

So weite, weite Plane aus, und drangte

Sie enge, enger nur in mir zusammen.

Der Tag war hinter Berge still versunken,

Ich wunschte jenseits auch mit ihm zu sein,

Weil er mir diesseits, mit dem kalten Lehrer

Und seinen Lehren, stets so leer erschien.

Der Ekel und die Muhe druckte mich,

Ich blickte ruckwarts, sah ein schweres Leben,

Und dachte mir das Nichtsein gar viel leichter.

Dann wunscht ich mich mit allem, was ich Freude

Und wunschenswertes Gluck genannt, zusammen

Vergehend in des Abendrotes Flammen.

Der Gartner ging nun still an mir voruber

Und grusste mich, ein friedlich Liedchen sang er,

Von Ruhe nach der Arbeit und dem Weibe,

Das freundlich ihn mit Speis und Trank erwarte.

Die Voglein sangen in den dunkeln Zweigen,

Mit schwachen Stimmen ihren Abendsegen,

Und es begann sich in den hellen Teichen

Ein friedlich monotones Lied zu regen.

Die Huhner sah ich still zur Ruhe steigen,

Sich einzeln folgend auf bescheidnen Stegen.

Und leise wehte durch die ruh'ge Weite

Der Abendglocke betendes Gelaute.

Da sehnt ich mich nach Ruhe nach der Arbeit,

Und traumte mancherlei von Einfachheit,

Von sehr bescheidnen burgerlichen Wunschen.

Ich wusste nicht, dass es das Ganze war,

Das mich mit solchem tiefen Reiz ergriff.

Des Abends Glut zerfloss in weite Rote,

So lost der Muhe Glut auf unsern Wangen

Der Schlaf in heilig sanfte Rote auf.

Kein lauter Seufzer hallte schmerzlich wieder,

Es liess ein Leben ohne Kunst sich nieder,

Die hingegebne Welt lost' sich in Kussen,

Und alle Sinne starben in Genussen.

Da flocht ich trunken meine Ideale,

Durch Wolkendunkel webt ich Mondesglanz.

Der Abendstern erleuchtet, die ich male,

Es schlingt sich um ihr Haupt der Sternenkranz,

Die Gottin schwebt im hohen Himmelssaale

Und sinkt und steigt in goldner Strahlen Tanz.

Bald fasst mein Aug nicht mehr die hellen Gluten,

Das Bild zerrinnt in blaue Himmelsfluten.

Und nie konnt ich die Phantasie bezwingen,

Die immer mich mit neuem Spiel umflocht;

So glaubte ich auf einem kleinen Kahne

In susser Stummheit durch das Abendmeer

Mit fremden schonen Bildern hinzusegeln.

Und dunkler, immer dunkler ward das Meer,

Den Kahn und mich, und ach, das fremde Bild,

Dem du so ahnlich bist, zogs still hinab.

Ich ruht in mich ganz aufgelost im Busche,

Die Schatten spannen Schleier um mein Aug,

Der Mond trat durch die Nacht, und Geister wallten

Rund um mich her, ich wiegte in der Dammrung

Der Busche dunkle Ahndungen, und flocht

Aus schwankender Gestrauche Schatten Lauben

Fur jene Fremde, die das Meer verschlang.

Und neben mir, in toter Ungestalt,

Lag schwarz wie Grab mein Schatten hingeballt.

Und es schien das tiefbetrubte

Frauenbild von Marmorstein,

Das ich immer heftig liebte,

An dem See im Mondenschein,

Sich mit Schmerzen auszudehnen,

Nach dem Leben sich zu sehnen.

Traurig blickt es in die Wellen,

Schaut hinab mit totem Harm,

Ihre kalten Bruste schwellen,

Halt das Kindlein fest im Arm.

Ach, in ihren Marmorarmen

Kanns zum Leben nie erwarmen!

Sieht im Teich ihr Abbild winken,

Das sich in dem Spiegel regt,

Mochte gern hinuntersinken,

Weil sichs unten mehr bewegt,

Aber kann die kalten, engen

Marmorfesseln nicht zersprengen.

Kann nicht weinen, denn die Augen

Und die Tranen sind von Stein.

Kann nicht seufzen, kann nicht hauchen,

Und erklinget fast vor Pein.

Ach, vor schmerzlichen Gewalten

Mocht das ganze Bild zerspalten!

Es riss mich fort, als zogen mich Gespenster

Zum Teiche hin, und meine Augen starrten

Aufs weisse Bild, es schien mich zu erwarten,

Dass ich mit heissem Arme es umschlinge,

Und Leben durch den kalten Busen dringe.

Da ward es plotzlich dunkel, und der Mond

Verhullte sich mit dichten schwarzen Wolken.

Das Bild mit seinem Glanze war verschwunden

In finstrer Nacht. In Busche eingewunden,

Konnt ich mit Muhe von der Stelle schreiten.

Ich tappe fort, und meine Fusse gleiten,

Ich sturze in den Teich. Ein Freund von mir,

Der mich im Garten suchte, hort den Fall,

Und rettet mich. Bis zu dem andern Morgen

War undurchdringlich tiefe Nacht um mich,

Doch bleibt in meinem Leben eine Stelle,

Ich weiss nicht wo, voll tiefer Seligkeit,

Befriedigung und ruhigen Genussen,

Die alle Wunsche, alle Sehnsucht loste.

Als ich am Turm zu deinen Fussen sass,

Erschufst du jenen Traum zum ganzen Leben,

In dem von allen Schmerzen ich genas.

O teile froh mit mir, was du gegeben,

Denn was ich dort in deinem Auge las,

Wird sich allein hoch uber alles heben.

Und kannst du mir auf jenen Hohen trauen,

So werd ich bald das Tiefste uberschauen.

Ich glaube, dass es mir in jener Nacht,

Von der ich nichts mehr weiss, so wohl erging;

Als ich erwachte, warf sich mir die Welt

Eiskalt und unbeweglich hart ums Herz.

Es war der totende Moment im Leben,

Du, Tilie, konntst allein den Zauber heben.

Mein Vater sass an meinem Bette, lesend

Bemerkte er nicht gleich, dass ich erwachte.

Es stieg und sank mein Blick auf seinen Zugen

Mit solchem Forschen, solcher Neugierd, dass

Mir selbst vor meiner innern Unruh bangte.

Dann neigte er sich freundlich zu mir hin

Und sprach mit tiefer Ruhrung: "Karl, wie ist dir?"

Ich hatte ihn noch nie so sprechen horen,

Und rief mit lauten Tranen aus "O Vater!

Mir ist so wohl, doch, ach! die Marmorfrau

Wer ist sie? Wessen Bild? Wer tat ihr weh?

Dass sie so tief betrubt aufs holde Kind

Und in den stillen See herniederweint?"

Mein Vater hob die Augen gegen Himmel,

Und liess sie starr zur Erde niedersinken,

Sprach keine Silbe und verliess die Stube.

In diesem Augenblicke fiel mein Los.

Ein ewger Streit von Wehmut und von Kuhnheit,

Der oft zu einer innern Wut sich hob,

Ein innerliches, wunderbares Treiben

Liess mich an keiner Stelle lange bleiben.

Es war mir alles Schranke, nur wenn ich

An jenem weissen Bilde in dem Garten sass,

War mirs, als ob es alles, was mir fehlte,

In sich umfasste, und vor jeder Handlung,

Ja fast, eh ich etwas zu denken wagte,

Fragt ich des Bildes Widerschein im Teiche.

Entgegen stieg mir hier der blaue Himmel

Und folgte still, wie die bescheidne Ferne,

Der weissen Marmorfrau, die auf dem Spiegel

Des Teiches schwamm. So wie der Wind die

Flache

In Kreisen ruhrte, wechselte des stillen

Und heilgen Bildes Wille, und so tat ich.

Meine Stimme war nach und nach gesunken, und mein Gefuhl konnte ich nicht mehr erreichen. Wir wendeten uns denn, es war spat in der Nacht und kuhl, der Mond goss den kalten Tag der Geister durch die Nacht; in sonderbar wilde fremde Formen zerriss sich das einsame traute Leben der Dammerung, Schauer wehte aus den Gebuschen, und in den Gewolben der Eichen herrschte bange Geisterfeier.

Godwi

Godwi an Romer

Ich bin krank, und diese Krankheit ist mir nicht schmerzlich, denn ich hoffte viel fur meine Genesung, ich hoffte Genesung fur meine Krankheit, und mein voriges Leben von ihr.

Ich bin nicht in dem Zeitraume zwischen diesem und meinem letzten Briefe krank geworden; ich bin es, seit ich dir von meinem Spaziergange mit Tilien in den Wald schreibe, nur in dieser Minute fuhle ich es, dass ich es bin.

Ich bitte dich, habe hier keine voreiligen burgerlichen Gedanken, und denke nicht, dass ich mich sicher verkaltet hatte. Es ware mir fatal, wenn ich glauben musste, dass in solchen Momenten man sich verkalten kann, in denen man gluht, und doch ist es leider so; aber ich will es nicht haben, dass ich es glaube, und du sollst es mir zum Gefallen tun, und es nicht glauben.

Meine Spannung, meine Uberspannung, meine Abspannung und ein Schrecken, dessen Ursache nur in dem naturlichsten und kunstlichsten Zustande uns eine ruhige Ansicht sein kann, hat mich krank gemacht.

Tilie verpflegt mich und der Knabe. Der einzige Arzt in der Gegend ist der, der Tiliens Mutter, wie Werdo glaubt, umgebracht hat, und der Alte kann ihn daher nicht leiden; doch hat sie ihn einigemal heimlich zu mir gebracht, nur um ihn zu fragen, ob meine Krankheit gefahrlich sei; aber er versteht nichts davon. Er sagt, es kame ganz allein von meinem Leben mit den seltsamen Menschen hier oben, die alle nicht klug seien, das habe mich angesteckt, und der Geist wirke auf den Korper, und er ware ein Schafskopf, dachte ich.

Seine Arzneien glaubte ich lange genommen zu haben, und war meiner Genesung schon nah, da sagte mir der Knabe, dass die Tranke alle von Tilien seien; er suche die Krauter und sie koche sie.

Ich habe nur einen Tag zu Bette gelegen, und langer konnte ich auch nicht; denn konntest du wohl ruhig liegen bleiben wenn sich dir von jeder Seite deines Lagers eine weite, herrliche Aussicht offnet, die mit allen Punkten ihres Eingangs dich ergreift, und mit Gewalt, den Eindruck und sich selbst immer mehr vereinzelnd, dich in den einzigen Punkt der Perspektive ihres Ausgangs hinreisst?

Ich habe mancherlei gedacht, indem ich so hinaussah, uber Aussichten, ihre Ansicht und ihren Genuss, aber ich habe dennoch keine Ideen uber Landschaften gehabt. Es ist wunderbar und macht mich immer fur meine Nebenmenschen in der Gegenwart unnutz, dass ich nie eine Sache an sich selbst betrachte, sondern immer im Bezuge auf etwas Unbekanntes, Ewiges; und uberhaupt kann ich gar nichts betrachten, sondern ich muss drinnen herumgehen, denn auf jedem Punkte mochte ich leben und sterben, der mir lieb ist, und so komme ich dann nimmer zur Ruhe, weil mit jedem Schritte, den ich vorwartstue, der Endpunkt der Perspektive einen Schritt vorwartstut.

Nur der Mensch kann glucklich und ruhig werden, der etwas ansehen kann, und der nicht den Drang in sich hat, dass ihm alle Ferne Nahe sei.

Aus eben derselben Art zu fuhlen kann ich auch nie spielen, weil ich platterdings mich nie entschliessen kann, den anerkannten Zweck des Spiels fur mich als Zweck und den Gewinst fur mich als Gewinst gelten zu lassen. So stelle ich mir immer unter den Figuren des Schachbretts eine Menge Charaktere vor, die ich durch mein Spiel, gegen den gegenarbeitenden Mitspieler, der mir das Schicksal vorstellt, in eine dramatische Zusammenstellung zu bringen suche, und so weiss mein Gegner nie, wie ich nur so dumm spielen kann, gerade wenn ich am zufriedensten bin, und mein Held recht herrlich dasteht. Es wird dann meistens ein Trauerspiel, und ich stehe recht geruhrt und mit tiefen Betrachtungen uber das Geschick auf, wahrend mein Gegner mir vorwirft, dass ich geizig sei, und unzufrieden, wenn ich gleich meinen Verlust selbst verschuldet hatte. So wie mancher Dichter allein seine Werke versteht, und tief geruhrt von seinen Geburten, dem Publikum die gutmutige Ausserung abgewinnt, wenn er nur etwas Lesbareres schrieb, da wurde er nicht vor Armut Tranen weinen.

Auch mit dem Billardspielen geht mir es so; ich mochte immer gerne mit den schonen weissen Ballen irgend eine Gestirnstellung auf der grunen Flache hervorbringen, und der andere stosst mir alles in die Locher.

Ich schrieb dir meine Krankheit mit Fleiss nicht eher, bis ich wusste, dass ich leben bleiben musste, und ware ich gestorben, so hattest du nichts davon erfahren, denn nur im Vergessen wird man glucklich.

Hier folgt die Fortsetzung meines Tagebuchs, und lebe wohl!

Godwi

Fortsetzung meines Tagebuchs

Ich fuhlte plotzlich, dass ich mich in meiner Erzahlung verloren hatte, und aus der Folge meiner innern Erneuerung getreten war.

Ich hatte mich auf meiner Erzahlung in mein wirres Leben zuruckgetragen, ich hatte meinen Talisman abgelegt. Meine ganze Umgebung sprach mich wieder fremd an. Ich war mit diesem zarten einfachen Leben uneins geworden, und schauerte, in alle Farben der wilden Welt gehullt, vor dem Umriss meiner Lage, die mich so farbenlos wie ein Geist anredete die Natur kommt uns armen unnaturlichen Menschen leider oft so ubernaturlich vor.

Tilie, die an meinem Arme hing, schwieg. Ihr Anblick uberraschte mich, und ihre Beruhrung machte mir bang; die ganze Reihe von Bergen um uns her, deren Haupter unsre Nachbarn waren, verschwammen im Mondenglanz in die Wolken, und turmten sich regellos wie Dampfsaulen wechselnd in den Himmel.

Eine unergrundliche Tiefe zwischen Jetzt und Ehedem, wie die Taler zu meinen Fussen, ohne eine einzige Gestalt, wie siedende Kessel voll weisser Nebel und Dunste, ein ganzes Klima zu erschaffen.

Alles um mich her, ohne eine einzige Stelle, etwas hinzustellen, alles so voll und so wogend wie ein Meer, und in mir die druckende Last und der Drang, mich ewig von den Erinnerungen zu trennen, die, ohne Frucht uppig in Blatter und geruchlose Bluten schiessend, jedem Bessern die Nahrung stehlen.

Alles das hatte mich zugleich umfasst, meine ganze Vergangenheit, die ich durch meine lebhafte Erzahlung erweckt hatte, ergoss sich missgestaltend in meine Gegenwart, ich war ganz verloren, und wachte in dem abenteuerlichsten Traum.

Ohne irgend etwas zu denken, meine Seele wie in einem Wirbelwinde unter tausend Bildern und Ungestalten herumschwindelnd, blickte ich in den Wald, wahrend ich mit vollem Bewusstsein neben Tilien in der herrlichen Nacht hatte gehen sollen.

Ich blickte schon eine Zeitlang auf einen leuchtenden Punkt im Holze, der, zwischen den Baumen hin und her schwankend, in der Ferne zwischen die Blatter leuchtete, und das Grun der Baume entzundend, schimmernde Zweige in der tiefen Nacht des Waldes erbluhen liess. Meine Zerstreuung suchte dies nicht naher zu erforschen, sondern reichte bequem lieber zu dem nahen Gefuhle, das mir so oft die erleuchteten Huttenfenster auf meiner Reise einflossten.

Unwillkurlich malte ich mir eine kleine Bauernstube, und fuhlte das Behagliche der Ruhe nach der Ermudung; ich sah die Kinder rund um den Ofen, die Spinnrader und die Lampe nach der Reihe einschlafen, und dachte gar nicht dran, dass hier auf eine Meile Wegs keine Bauernhutte sein konne.

Ich wollte schon anfangen, Tilien meine Gefuhle uber die Huttenfenster mitzuteilen, als es mir auffiel, dass sie so lange geschwiegen habe.

Ach, es ist sehr traurig, wie ungeschickt uns unsre Erziehung macht; unsre Seele wird vom burgerlichen Leben, wie von einem Tanzmeister, in eine wunderbare steife Konsequenz und eine auswendig gelernte Mannigfaltigkeit geschraubt, die, sobald wir in die Natur treten, zu hochstverderblicher Ungeschmeidigkeit und Einseitigkeit fuhren.

Mit meiner Ruckkehr in meinen vorigen Seelenzustand verbanden sich nach und nach alle seine Schwachen, so wie ein Weltmann nicht leicht einen franzosischen Pas und einen naturlichen Sprung in der Mitte vereinigen kann.

Ich war zu verwirrt, ich mochte sagen, zu erniedrigt, um Tiliens hohes, reines Leben voraussetzen zu konnen, und meine Frage, warum sie so lange geschwiegen habe, schien nur eine gewohnliche Dame zu beruhren. Ich vermutete, sie sei angstlich geworden, meine Erzahlung von der weissen Marmorfrau, die Nacht und die Einsamkeit mit mir habe in ihr jene weibliche Furcht erregt, die uns Mannern so hinreissend wird, weil sie eine der wenigen Aufwallungen ist, in denen sich das eigne innere Verhaltnis noch aussert.

Es ist so selten, dass die blosse Liebe von beiden Seiten gleichtatig die Geschlechter naher verbindet, dass uns bis jetzt die raschere, bestimmtere Annaherung zugeteilt wurde; ebendeswegen tut es uns ausserst wohl, wenn wir einmal der feststehende und nicht der bewegte Teil sind, wenn eine Bewegung der Luft, oder das Gewicht der Reife, die Rosen oder die Fruchte, die wir pflucken wollen, uns entgegen bewegt.

Tilie hatte im Gehen dann und wann ihre Hand fester auf die meinige gelegt.

Ich:

Wie ist dir, Tilie, sag, warum so stille?

Tilie:

Dass ich nicht spreche, ist dein eigner Wille,

Wie konntest du das alles so erzahlen,

Nur diesen hohlen bangen Ton erwahlen,

Der wie durch einen dunkeln, tiefen Gang

In deiner seltsamen Erzahlung klang.

Im Anfang folgt ich dir, verliess die helle,

Die sterngezierte Nacht, die ernste Schwelle

Neugierig uberschreitend, drang ich vor,

Bis ich mich ganz in Dunkelheit verlor.

Du warst so weit, so tief hinein gegangen,

Und Tilie konnte dich nicht mehr erlangen.

Ich eilte ruckwarts, horte dich nicht mehr,

Nur deine Stimme klang noch zu mir her.

Ich setzte mich still an der Hohle nieder

Und liebte dich nicht, denn du kamst nicht wieder.

Ich schaute einsam durch die dunklen Raume,

Aus Waldestiefen kamen zarte Traume

Und spielten mit des Mondes Geisterbildern,

Um meines Freundes Abschied mir zu mildern.

Nur eins von allen blieb bei mir zurucke,

Die weisse Marmorfrau, und meine Blicke

Liess ich durch Schatten und durch Lichter spahen,

Und hoffte fest, die Arme zu ersehen;

Aus den Gebuschen, glaubt ich, muss sie schauen

Und konne mir allein ihr Leid vertrauen.

Mich ergriffen ihre Worte heftig, wohl war ich Armer in einem langen dustern Gang, und konnte nicht wieder heraus.

Ich konnte Tilien nicht antworten; ich wusste nichts, gar nichts, und hatte fast vom Wetter gesprochen, hatten mir die Huttenfenster nicht eine freundliche Unterhaltung angeboten.

Tilie:

Hier oben Huttenfenster, sag, wie ist dir?

Hier oben sind ja keine Hutten

Die Auflosung meines Irrtums, der sich nun schon eine ganze halbe Stunde lang in meine Gedankenreihe verflochten hatte, vollendete meine Zerstorung. Mit einem sehr hasslichen Unwillen fuhr ich fort:

Was denn sonst

Solls sein, was dorten leuchtet?

Sie:

Nun, es wird wohl

Ein stilles Licht sein, kennst du diese nicht?

Ich:

Ein stilles Licht? Das ist ein Aberglaube.

Tilie:

Ein Aberglaube? Sag, was nennst du so?

Ich:

Ein Aberglaube? Nun, ein falscher Glaube.

Tilie:

Wie sprichst du Mann, wie hast du dich verandert;

Die Worte, falsch und schief, versteh ich nicht.

Woher sind sie gekommen, hast du sie

Aus deiner falschen Welt heraufgebracht?

Ich:

Ich meine, liebe Tilie, dass die Lichter

Aus der Natur entspringen, und dass jeder

Verschiedne Glaube ihres Ursprungs falsch sei.

Tilie:

Von allem diesem weiss ich nichts. Naturlich

Ist alles. Von den stillen Lichtern schweige,

Ich ehre sie, sie sind mir lieb. Sehr selten

Ists, dass sich eines zeigt; es gehet dann

In meinem Leben sicher etwas Seltnes

Und Wunderbares vor, sie schimmern

Wie Winke meines Schutzgeists in der Nacht,

Und wandeln ferne in der Gegenwart

Wie kuhnere Minuten meiner Zukunft vor mir.

Eusebion lieben sie, er sprach schon oft

Mit ihnen, und sie tanzen freundlich um ihn.

Willst du mir meine zarten Freunde storen,

So gieb mir erst, was sie mir still gewahren.

So weit fur heut, ich bin so mude.

Godwi

Godwi an Romer

Ich bin schon wieder genesen. Ich gehe schon wieder durch Wald und Flur, und ohne Muhe, ohne Kampf mit dem vorigen. Auch mein Korper ist sanfter gestimmt. Alles ist einfacher in mir. Ich kann lange an einer Stelle stehen, ohne jene innere Angst, die mich immer weitertreibt.

O wie ist die Natur so gross, und wie ist der Mensch grosser! Wie kann er sie bandigen in sich; wie kann er weit hinaus sehen, und so unendlich viel in sein Auge fassen, und es mit seinem Geiste ruhig anfuhlen und betrachten.

Es ist mir nun alles erklarbar, alles verstehe ich; es hangen mir nicht mehr um jede Aussicht alle Erinnerungen, und reissen mich von der Gegenwart gewaltsam zuruck.

Sonst musste ich immer durch eine dustere Wolke von Reflexionen durchbrechen, um zu geniessen. Es ist, als sei nach dieser Krankheit mein Bedurfnis kleiner und mein Begehren heftiger geworden.

Der Alte ist nun immer freundlicher mit mir, und ich bringe heilige Stunden mit ihm und Tilien zu.

Eins nur kann ich noch nicht losen; wer war sie, die mit dem Knaben auf dem Arm am Ende der Wiese stand?

Godwi

Fortsetzung des Tagebuchs

Die Worte Tiliens beschamten mich. Ich schwieg. Ich wollte Tilien ihre Gotter rauben, und sie blieb mir freundlich. Ich sah in mich zuruck und um mich her, da blieb es kalt und leer. Kein Bild sprach mit mir von einem heiligen Zusammenhange mit einem hohern Leben. O, wer giebt mir diese Religion?

Wenn ich Tilien und mit ihr den schonen Zusammenhang mit ihren stillen Lichtern erhalten konnte! Wie ehre ich nun diese stillen Lichter Sind sie Tilien, was sie mir ist? Sollte mich nicht eine schone Eifersucht bewegen, an ihre Stelle zu treten, meine Stelle mit ihnen zu vertauschen? Wie wie kann die wilde verzehrende Flamme in mir zum stillen Lichte werden?

So war es in mir. Tilie ging ruhig an meiner Seite und sang:

Sprich aus der Ferne

Heimliche Welt,

Die sich so gerne

Zu mir gesellt.

Wenn das Abendrot niedergesunken,

Keine freudige Farbe mehr spricht

Und die Kranze stilleuchtender Funken

Die Nacht um die schattigte Stirne flicht:

Wehet der Sterne

Heiliger Sinn

Leis durch die Ferne

Bis zu mir hin.

Wenn des Mondes still lindernde Tranen

Losen der Nachte verborgenes Weh,

Dann wehet Friede. In goldenen Kahnen

Schiffen die Geister im himmlischen See.

Glanzender Lieder

Klingender Lauf

Ringelt sich nieder,

Wallet hinauf.

Wenn der Mitternacht heiliges Grauen

Bang durch die dunklen Walder hinschleicht

Und die Busche gar wundersam schauen,

Alles sich finster tiefsinnig bezeugt:

Wandelt im Dunkeln

Freundliches Spiel,

Still Lichter funkeln

Schimmerndes Ziel.

Alles ist freundlich wohlwollend verbunden,

Bietet sich trostend und traurend die Hand,

Sind durch die Nachte die Lichter gewunden,

Alles ist ewig im Innern verwandt.

Sprich aus der Ferne

Heimliche Welt,

Die sich so gerne

Zu mir gesellt.

So sang Tilie durch die Busche, als bete sie. Der ganze Tempel der Nacht feierte uber ihr, und ihre Tone, die in die dunkeln Busche klangen, schienen sie mit goldnen, singenden Bluten zu uberziehen. Ich selbst war wunderbar geruhrt und weinte fast, dass ich an der Seite dieses hellen freundlichen Bildes so trub und verschoben dastehe. Hier wendete sich Tilie zu mir und sprach:

Dir ist nicht wohl, du magst den Wald nicht leiden,

Weil Dunkelheit schon in dir selbst regiert;

So will ich dich den andern Weg geleiten,

Der uber eine helle Wiese fuhrt,

Wo Licht und Schatten nicht so bange streiten

Und sich der Pfad in hellen Glanz verliert.

Durch jene Flur, in sanften grunen Wogen,

Wird sie von leisem Wehen hingezogen.

Tilie trat mit mir aus dem Walde auf die glanzende Wiese heraus, und ich erschrak fast vor ihrer Schonheit.

Ist des Lebens Band mit Schmerz geloset,

Liegt der Korper ohne Blick, ohn Leben,

Fremde Liebe weint, und er geneset.

Seine Liebe muss zum Himmel schweben,

Von dem tragen Leibe keusch entblosset,

Kann zu Gott der Engel sie erheben.

Und er halt sie mit dem Arm umfasset,

Schwebet hoher, bis das Grab erblasset.

Ist er durchs Vergangliche gedrungen,

Kehrt die Seele in die Ewigkeit,

O, so ist dem Tod genug gelungen,

Und er sturzet ruckwarts in die Zeit.

Um die Seele bleibet Wonn geschlungen,

Alles giebt sich ihr, die alles beut,

Wird zum ewgen Geben und Empfangen,

Kann des Wechsels Ende nie erlangen.

So war mir, als ich auf die Wiese trat und Tilie neben mir; es war, als sturze alles Licht auf sie herab, sie zu verschlingen, oder zu erschaffen, oder sie erschaffe alles Licht; es war, als entstehe sie aus den Wellen der Grashalmen und Blumen, uber die sie schwebend hinging, wie Venus aus dem Schaume des Meeres.

Ich:

Wie diese stille Flache sah der See

In meines Vaters Garten aus; Otilie,

Dort, wo die Busche sich verengen, stand

Das weisse Bild, o Gott

Tilie:

Was ist dir?

Ich:

Dort steht die Frau.

Tilie:

Wo? Lass uns zu ihr hin;

Da steht sie, ja ich sehe sie, die Arme!

Ich war in die Erde gewurzelt, die weisse Marmorfrau stand am andern Ende der Wiese, und hatte den Knaben im Arm.

Tilie sass neben mir, rief mich dann und wann und ruttelte mich leise, ich war sinnlos niedergesunken.

Tilie:

Wie ist dir, sprich, du machst mir bange,

Liebst du das weisse Frauenbild nicht mehr?

Hast du ihm wehgetan, dass du es furchtest?

Mir war es lieb, dass sie sich vor uns stellte.

Ich:

Sahst du sie denn?

Tilie:

Gewiss, bis sie verschwand.

Doch komme, wunderbarer Mann, komm schnell,

Lass uns nach Haus zu meinem Vater eilen,

Mit dir ist es nicht gut allein zu weilen.

Das stille Licht sahen wir schnell durch den Wald hinfliehen, und trennten uns an der Ture. Ich bin krank

Godwi

Joduno von Eichenwehen an Sophie Butler

Du hast mich mit dem freundlichen Briefe recht in Versuchung gefuhrt, und ich war nie so reich in meiner Einsamkeit. Unter zwei Freuden soll ich wahlen ich armes Madchen bin an Freuden gar nicht gewohnt.

Wenn du wusstest, was auf der andern Waagschale liegt, und das ist etwas, was dich schier aufwiegen konnte. Ich soll auf einige Tage nach Reinhardstein zu meiner Otilie, ihrem Vater und dem kleinen Eusebio. Auch Godwi ist dort, und ich hatte ihn immer zuerst nennen durfen.

Auf deiner Seite liegt eine grosse Stadt mit Spazierfahrten, Schauspielen, Ballen, neuen Moden, und du, liebes Madchen, dich hatte ich wohl auch zuerst nennen konnen. Der Vater und mein Bruder sind nach B. auf den Landtag gereist, und ich warte nur auf seine Antwort, ob ich zu dir kommen darf. Es ist mir sehr lieb, dass mein Bruder mit nach B. ist, er wurde sonst mich sicher nach Reinhardstein oder zu dir begleitet haben. Nach Reinhardstein bringe ich ihn nicht gerne, weil er meine Otilie mit seiner Liebe qualt, und bei dir, sieh, da mochte ich doch ein wenig brillieren; mein Herr Bruder aber hat gar keine Anlage zum Chevalier d'honneur. Nun weiss ich noch nicht, wer mich begleiten wird. Konntest du mir nicht einen deiner Bruder schicken? Ich will sehen, ob es der Vater erlaubt.

Ich freue mich recht sehr auf dich; wir wollen dann die kindische Zeit wieder aufwecken, die wir zusammen im Kloster verlebten. Ob diese Erinnerungen fur dich noch reizend sein konnen, weiss ich nicht, denn du hast mit einem glanzenden, bunten Leben das alles vertauscht; aber ich, ich kann nimmer das zarte Leben vergessen, in dem wir so verschwistert nebeneinander einhergingen; die grosse, stille Laube, am steilen Abhange des Klostergartens, ist nirgends mehr in der Welt. Wie die Muhlen klappten, die Baume rauschten, und sich unten alles in den dunklen Wellen eines lebenden grunen Meeres bewegte. Immer steht mir noch ein Abend im Sinn: der Bruder der Priorin und ein freundlicher geistlicher Herr waren angekommen, und es war ein grosses Fest im Kloster. Nach Tische mussten wir beide das Ave singen, um den Fremden eine Freude zu machen, und es war uns so gut gelungen, dass uns erlaubt wurde, eine Bitte zu tun; wir besannen uns lange, damit wir die rechte tun mochten, und standen beide am Fenster, miteinander zu uberlegen. Es war Abend und ganz dunkel draus, da ging auf einmal der Mond auf, und der Garten war so schon, die kleinen Springbrunnen rauschten so freundlich, dass du um die Erlaubnis batst, eine Stunde in den Garten gehen zu durfen.

Als wir unten durch die dunklen Gange gingen, da wurde uns sehr wohl; wir setzten uns in die Laube und sahen in das glanzende Tal hinab. Nachher merkten wir, dass der alte Gartner noch wachte, wir klopften an sein Fensterchen, da kam er dann heraus, setzte sich zu uns in die Laube und erzahlte uns, wie er sich als kleiner Knabe bei seinem seligen Vater erinnere, dass hier in der Laube sich einmal ein wunderschoner junger Prinz in eine Nonne verliebt und sie nachher entfuhrt habe. Wie der Gartner fort war, sprachen wir noch lange von der Liebe, und wahlten uns jede einen Ritter, und schufen an ihnen allerlei kleine Liebenswurdigkeiten, die wir teils an den Freunden unsrer Eltern, teils an unsern Gespielen bemerkt hatten, zum Heldencharakter um. Ich wollte einen lustigen, offenherzigen Ritter mit braunen Locken; er brauchte gar nicht alle zu besiegen, nur meine Lieblingsfarbe Himmelblau musste er tragen, auch tanzen, singen, und nun, auch sehr zartlich sein konnte er. Dein Auserwahlter war schon viel prezioser und zusammengesetzter. Er hatte schon den Zug ins heilige Land vollbracht, du wolltest ihn zum Lohne seiner Arbeiten mit deinem grossen schwarzen Auge freundlich anblicken, und ihn die Ratsel und Charaden deines Witzes auflosen lassen. Er war ein ernster, erfahrner Mann, voll Wahrheit und milder Majestat. Sein Auge musste schwarz sein, und nicht einen sussen Blick wolltest du ihm verzeihen. Treue und Achtung war das eigentliche Band. Sein Gewand war grau, braun oder schwarz. Perlen durfte er tragen, und die feinsten Kanten zur Halskrause, aber alles echt und einfach; auch sollte er die Zither spielen, und du wolltest ihm verzeihen, wenn er Lieder der Liebe sange. Aber die Erinnerung, die Zeit, die Zukunft musste sein Vorspiel sein, er sollte sie zur Ehre der Damen singen, mit denen er in Frankreich getanzt, die er in Italien gekusst, unter deren Fenstern er in Spanien die susseste Langeweile empfunden hatte, und am Ende sollte er dich kussen, einen ernsten Kuss der Uberzeugung; dann griff er wieder in die Saiten und sang ein Lied von dir, in dem sich alles, seine bunte Welt und sein wilder, strebender Sinn, ruhig gelost hatte.

Wenn das Glockchen zur Mette lautete, und wir traulich wie zwei verwunschte Prinzessinnen die langen Gange an den vielen alten Bildern hinab ins Chor schlichen, machten wir bei einem von den Bildern immer die Augen zu, es war eine Martergeschichte, und mussten deswegen Gesichterschneidens halber stehend essen. Wir waren damals die Altesten, und freuten uns, wenn es in das Chor ging, immer uber die vielen frohlichen kleinen Madchen, die um uns her wallten, uber die neugierigen Nonnen, die die Kopfe zu ihren Turen herausstreckten, oder wie Gespenster um die Ecken herumschwebten. Wir konnten den eintonigen Gesang von den vielen Madchen-Stimmen gar nicht mehr leiden, drehten an dem Rosenkranze und steckten die Kopfe zusammen, und ich sagte einmal recht offenherzig: "Ach! wenn doch unsre Ritter mitsangen." Wir waren immer einig, nur ein einzigesmal haben wir ein paar Stunden geschmollt; es war, als dein Bruder deine jungere Schwester gebracht hatte. Ich vergesse den Abend nie, die Nonnen huschten wie Geister um ihn her, und keine wollte ihn vor der andern angesehen oder gesprochen haben, und er scherzte mit allen. Du wurdest aufgebracht und weintest, weil ich in meiner Einfalt die Schwester Rosalie gegen dich auslachte. Sie wanderte so sonderbar bewegt mit deinem Bruder im Garten herum, und konnte gar nicht von ihm loskommen. Die Arme war deiner Tranen wohl wert, sie ist nun tot. Wenn ich sprode, dummzierige Madchen sehe, so wunsche ich sie immer ein paar Jahre ins Kloster, damit sie fuhlen lernen, was die arme Rosalie fuhlte. Seitdem ich Godwi kenne, fuhle ich, dass ich die Manner liebe, und dass nur sehr elende Weiber sie nicht lieben konnen. Ich freue mich auch sehr, viele gescheite und schone Manner bei dir zu sehen. Es ist so totenstill hier im Schlosse, seit der Vater, Jost und Godwi fort sind, dass ich mich nicht getraue, aus meinem Winkelchen herauszugehen; das Fleckchen von unserm Garten, das ich aus meiner Stube ubersehe, habe ich fast auswendig gelernt. Der Himmel allein ist es, der mich unterhalt, die Wolken mit ihren tausendfaltigen Gestalten sind meine einzige Lekture; bald suche ich Umrisse von Gesichtern, bald Schlosser, bald kampfende Drachen und Schlangen in ihnen, und indem sie selbst immer leise zerrinnen, wird aus meinen einzelnen Arten ein allgemeines Dichten, ohne eigentlichen Stoff; doch lange dauert es nie, so steht Godwi mitten drinne. Oft sehe ich ihn in allen Ecken. Stundenlang sitze ich in dem Armstuhl auf seiner ehemaligen Stube; alles, was von ihm ubrig ist, habe ich durchsucht, und ein Stuckchen Papier, worauf er, indem er die Feder probierte, meinen Namen und seinen schrieb, liegt unter den heiligsten Blattchen meiner Brieftasche. Der Morgen, an dem er wegging, ist sehr traurig fur mich gewesen, ich wusste gar nicht, wo ich bleiben sollte; ich ging in meiner Stube an die Kommode, in der meiner verstorbenen lieben Mutter ihre Kleider liegen, nahm sie heraus und betrachtete die schonen Kanten und schwarzen Paladine, las in dem Kalender, in den sie geschrieben hatte, wann ich geboren war, und setzte mich dann an ihr kunstliches Spinnrad, das mein Vater ihr zur Hochzeit schenkte, und spann, indem ich heftig weinte, um Godwi und die Mutter. Es ist so allein, es hallte alles wieder, ich klettere an jedem Schranke in die Hohe, um zu sehen, ob nicht etwas Vergessenes oben liege, das mich zerstreuen konnte. Die alte Margarethe hat alle ihre Gespenstergeschichtchen wiederholt, die Legende und hundert koniglichen Jagdgeschichten habe ich durchgelesen und mochte fast, dass mir ein kleiner Schlosszwerg erschiene, und mir irgend einen geheimen Schrein voll der seltsamsten Sachen entdeckte. Aber ich glaube, fast alle meine Gross- und Urgrossherrn waren viel zu trockene Leute, als dass so ein poetisches Mannlein bei ihnen hatte sesshaft werden konnen. Es ist mir wie einem Indianer, an dem eine herrliche Musik mit allen ihren blitzenden Tonen voruberrauschte, die gottlichen Flammen schlingen sich um seinen unschuldigen Sinn, und er kann nimmermehr ruhen, weil er die glanzenden Tone vermisst, die in einem Augenblicke einen Himmel aufschlossen, den er nimmer wiedersieht. Godwi ist nun fort, ich finde ihn nirgends, aber er hat eine Begierde in mir entzundet, die er selbst nicht ausfullen kann, eine Begierde nach Dingen, die ich nie kannte. Ich liebe Godwi nicht, denn er ist viel weiter als ich in allem Leben. Vieles, was ihn ganze Stunden beschaftigt, fallt mir gar nicht auf. Seine ganze Stimmung kann durch einen kleinen Misston, durch eine auf andre gar nicht wirkende Wendung der Unterhaltung zerstort werden, und oft ergreift ihn wieder die grosste Heiterkeit bei Dingen, die mich gar nicht ruhren. Ich scheine mir viel zu arm fur ihn. Er selbst liebt sich wenig, und oft hat er mir geklagt, er sei sich viel zu wenig gegen andre Menschen, die er kenne. Und nun sieh das Verhaltnis: fur mich waren die Empfindungen, die er in mir hervorbrachte, die unbegreiflichsten, hochsten, die ich je gehabt habe; er selbst, um den er sich so wenig bekummert, war mein einziges Dichten und Trachten. Wenn er scherzend sprach, musste er mir oft vieles erklaren, und wenn er ernst sprach, war er mir oft unverstandlich, und doch horte ich ihm dann gerne zu, ich hatte die Empfindung der italienischen Musik dabei, wo ich den Text nicht verstehe, oder sah ihm in die Augen, die ihm oft abtrunnig mit vielen Dingen umher ein ganz eignes Gesprach fuhrten. Er verband immer die grosste Delikatesse mit einer hohen Vertraulichkeit, und nie hat er mir von Liebe gesprochen. Wenn ich an ihn denke, wie er hier war, so zerfallt mir diese Zeit in eine Menge von Zusammenstellungen und Gruppen, unter denen einzelne mir besonders hervorspringen. Ich sass einstens in einer kleinen Gitterlaube mit ihm abends im Garten, ich sah ins Tal hinab, und er sass auf der Erde zu meinen Fussen, der Mond schien herein, und der Schatten der Gitterlaube fiel uber seine Gestalt; wenn ich ihn ansah, so war mir es, als ware er gefangen, aber nicht von mir, als ware er gefangen von einer andern Welt. Da legte er seine Hande auf meine Knie, und bald auch seinen Kopf, und wir sprachen nur wenig mehr. Dass ich sagte: "Ich will schlafen", und den Kopf auf den Arm legte, und dass er sagte: "Wir fangen an ganz stumm zu werden", ist wahr, aber von beiden Teilen eine kindische Entschuldigung gewesen. Wir gingen sehr still zuruck, er nur sagte etwas schuchtern: "Fraulein! wurden Sie auch einem andern erlaubt haben, seine Arme und seinen Kopf auf Ihre Knie zu stutzen, oder wollen Sie mir besonders wohl, und warum tat ich es?" Hier ging er auf seine Stube, und diese Fragen stehen beide ganz verlassen und nackt in unserm Leben; diese Fragen, an die sich eine Folge von schonen Ratseln und Auflosungen hatte knupfen lassen. Den Abend vor seiner Abreise schnitt er meinen Namen in die Eiche, er ging dann auf seine Stube, um einiges in Ordnung zu bringen; ich blieb allein zuruck und musste seinen Namen unter den meinigen setzen, es kostete mir viele Muhe, und ich habe mir zweimal die Hand dabei verletzt.

Als ich gestern hinkam, um mich nach den Stunden umzusehen, die hier so schon gewesen waren, als er noch da war, sah ich das Wort Freunde unter die Namen geschnitten. Eine schmerzhafte Empfindung durchdrang mich, als ich diese Hinzusetzung las. Hatte ich mehr erwartet als Freundschaft, und bin ich wert, dass er mir mehr gebe? Ach! ich torichtes Madchen weinte, als habe er mir unrecht getan, und itzt sehe ich das Wort schon so gerne, dass ich es unterstrichen habe.

Diesen Mann nun soll ich sehen, ungestort, in der schonsten Gegend, bei der Einsamkeit und Einfachheit. Fuhlst du wohl, wie schwer dies Gegengewicht ist? Und doch ist es besser, wenn ich ihn nicht sehe, da er mir nie mehr als Freundschaft geben kann, und die Forderungen meines Herzens noch so vorlaut sind. O, wenn du doch da warst, liebes Madchen, und mich zu dir fortreissen konntest; ich glaube doch, wenn du vor mir standest, ich konnte Godwi vergessen.

Welche Veranderung in mir, wenn ich lese, was ich sonst schrieb das war alles so leicht und so deutlich, wie ich es dachte, und itzt kann ich nicht einmal alles schreiben, was ich denke, die Worte fehlen, und doch finde ich viele Worte in diesem Briefe, die mir fremd vorkommen, die ich nie gehort habe als von Godwi. Auch denke ich vieles, was ich sonst nicht dachte und wieder von ihm ist. Doch, was nutzt das alles. Hier ist auch von ihm, und vielzuviel.

Wenn du mir schreibst, so sage mir, welcher von deinen Brudern mich abholen soll, ob es der sonderbare undeutliche, ungezwungene, der sonderbare ernsthafte, zierliche oder der sonderbare trockne, spasshafte ist. Jeder dieser sonderbaren drei Herren erfordert ein eignes Benehmen, bei jedem musste ich anders in den Wagen steigen. Dem ersten muss man Zutrauen ohne Vertrauen geben, seine Schwache nicht zeigen und ihm nicht sagen, dass er nicht gut sei. Der zweite duldet keine Schachtel im Wagen, er erfordert lauter Eleganz, und man weiss gar nicht, wie man ihn eigentlich ansehen soll, weil man noch keine englischen Patentblicke hat. Der dritte endlich fordert Duldung fur Tabak, Widerspruch, Bisarrerie und Spass. Darum zeige mir meinen Schutzgeist vorher an, damit ich in der Uberraschung meine Rolle nicht fallen lasse. Lebe wohl!

Joduno

Antonio Firmenti an Godwis Vater

Segen uber Sie und das Ihrige! Sie haben mir die frohlichste Nachricht erteilt, die ich seit zwolf Jahren erwartete. Mein Bruder, mein geliebter Franzesco lebt und ist in den Armen eines Freundes. Meine Nachfragen sind ganz Europa durchlaufen, funf Jahre lang habe ich selbst alle grosse Stadte durchreist, ohne eine Spur von ihm zu finden. Schon wollte ich auf die Freude Verzicht tun, ihn je wieder zu umarmen, schon loschte die Zeit sein Bild aus meinen Augen, als er mir plotzlich und unerwartet wiedergefunden ist. Die wenigen Blicke, die er Sie in sein Schicksal tun liess, will ich Ihnen, soviel als moglich, erlautern. Seine Geisteszerruttung, die mich so sehr schmerzt, wurde es ihm ohnedies zu gefahrlich machen, in der Darstellung in seine Leiden zuruckzukehren. Wenden Sie alles an, ihn so viel als moglich zu zerstreuen und wieder herzustellen. Ich sende Ihnen hierbei einen Wechsel auf dreihundert Pfund Sterling; geben Sie mir von Zeit zu Zeit Nachricht von ihm, und wenn Sie mir endlich den glucklichen Punkt melden, wenn er fahig ist, die Erschutterung des Wiedersehens zu ertragen, so komme ich selbst, umarme ihn und fuhre ihn dem sanften Himmel seines Vaterlandes zu. Doch itzt zur Erzahlung seiner Geschichte, die die Geschichte meiner ganzen Familie werden wird, die Sie ganz kennen mussen, da der Himmel Sie zu ihrem grossten Wohltater gemacht hat. Ich werde ganz aufrichtig sein, und Ihnen meine innersten Meinungen uber diese Familie aufschliessen.

Unser Vater war ein redlicher, kluger und reicher Mann, doch alles dieses aus kaufmannischen Gesichtspunkten betrachtet. Redlich, ohne doch die sogenannten Handlungsvorteile zu verwerfen, klug in Spekulationen und burgerlichen Verhaltnissen; auch seine Religion war Spekulation auf den Himmel, Verhaltnisse mit der Menschheit hatte er wenige, und hier waren Monchskopfe seine Maschinen, reich an Gutern des Lebens Gott segne seine Asche!

Wir beide waren seine einzigen Kinder; das Taufbuch bezeugte es, sonst hatten wir es wenig erfahren, denn er war rauh und hart. Ein Gluck fur uns war es, dass er auch stolz war, so dass er wenig mit uns sprach, und nur seine Mienen uns weh taten. Wir standen in keinem Umgange mit ihm, und sahen ihn oft wochenlang nicht, bis der Tod unsrer vortrefflichen Mutter uns plotzlich in eine engere Verbindung mit ihm brachte, die um so druckender war, da die freundliche Mittlerin nun fehlte. Sie war die Tochter eines vornehmen Romers, der wegen einiger gewagter Ausfalle auf den Nepotismus Rom verlassen und seine Guter bezogen hatte. Ihr Vater hatte sie zum geistvollen, vorurteillosen Weibe gebildet, und ihre Mutter ihr Herz und ihre Sitte zu einer Zartheit der Empfindung und einer Bescheidenheit geleitet, die sie fahig machten, den Flug ihres Geistes und die Freiheit ihres Denkens auf dem Punkte in der Erscheinung zu begrenzen, auf dem Weiber, um die Forderungen der sogenannten Weiblichkeit nicht zu ubersteigen, verweilen mussen, und der in sie jenen unergrundlich reizenden Hintergrund legt, der uns wie ein verborgener Schatz aus den tiefen Augen der wenigen entgegen sieht, die ihn besitzen. Mein Vater, der bei Bergwerken mehr Sinn fur den Inhalt der Tiefe als bei Menschen besass, beruhrte mit all seinem Geize diese Fulle nie, die sie in Liebe und inniger Teilnahme uber uns ausgoss. Ihre Handlungen gingen immer mit ihren Ausserungen in gleichem Schritte; wo ihr Geist viel weiter als ihre Ausserung war, verbreitete er uber diese eine helle, deutliche Allgemeinheit, so dass, indem sie das Ganze im Einzelnen ausserte, sie weder der Welt durch ihre Grosse druckend, noch sich selbst ungetreu werden konnte; und wahrlich, nur der Blick nach innen, nur ihr hohes Selbstbewusstsein konnte sie fur den Druck einer rauhen Umgebung, fur die harte Behandlung meines Vaters und seine ungestume Liebe zu ihr entschadigen. Ich habe sie nie gegen ihn murren horen, und zu uns, die wir ihre Freunde waren, sprach sie nie von ihm als mit allgemeinen Worten der Achtung und Pflicht.

Unsrer Mutter ging es sehr kummerlich, sie teilte ihr kleines Taschengeld mit uns und den Armen. Mein Bruder war ihr ganz heimgefallen, mein Vater hasste ihn, indem er durch seinen allgemeinern Sinn und seinen Kunstlerglauben keinen Beruhrungspunkt in dem engen Herzen des Kaufmanns hatte. So umfasste die Mutter den Sohn mit doppelter Liebe, da sie ihn lieben und schutzen musste, und legte in seinem Herzen dadurch den Grund zu der wunderbaren Leidenschaftlichkeit seines Gemuts, die die Wirkung des wirklichen Lebens auf ihn so rauh und schmerzlich machte. Er verliess sie selten, sass halbe Tage zu den Fussen dieser Martyrerin, und suchte ihren stillen Kummer, den er aus Delikatesse mit Worten nicht zu zerstreuen wagte, mit Singen, Vorlesen oder Verfertigung kleiner allegorischer Bilder zu zerstreuen. Seine Liebe ward immer heftiger in ihm, sie brannte eigentlich ohne Gegenstand und verzehrte ihn selbst; sein ganzes Dasein war umfassend und voll Wunsch ohne Hoffnung, so dass er ewig in sich selbst zuruckkehrte, und indem er an sich selbst allein immer von neuem und neuem bestimmen musste, ward er der unbestimmteste, undeutlichste Mensch. Meine Mutter gab sich ihm ganz mit ihrem innersten Wesen aus Mitleid hin, und er verwuchs mit seinem eignen Ursprung, aus dem er sich doch hatte entfernen und sich seinen eignen, freien Raum hatte erfullen mussen. Bald lag keine einzige Folge mehr in seinen Gedanken noch seinen Handlungen, und wer nicht sein Bruder oder seine Mutter war, musste uber den zerstuckten, seltsamen Menschen trauren. Bald bemerkte die Mutter selbst diese leidenschaftliche Liebe in ihm mit Angst, und fuhlte nur zu sehr, dass sie ihn ganz vernichten musse, um sich ihm zu entwinden; umso lieber ergriff sie die Gelegenheit, die sich ihr darbot, seiner Leidenschaft einen andern Gegenstand unterzuschieben. Sie nahm die Tochter einer Freundin zu sich, die ihre Ehre auf dem geradesten Wege der Natur verloren hatte. Die Mutter des Kindes verlor sich, und die Anverwandten horten, dass sie gestorben sei. Cecilie wurde bis ins vierzehnte Jahr bei meiner Muhme in Ancona erzogen, dann nahm sie unsre Mutter zu sich, voll Freude, ein weibliches Wesen um sich zu haben, die Jugend, diese verlorne einzige gluckliche Zeit ihres Lebens, noch einmal in einem zarten Herzen zu sehen, und sich gleichsam in diesem Spiegel nochmals unter Sonne und Liebe zu entwickeln. Mein Vater fragte ofters bitter, wo denn das Kind herkomme? und da meine Mutter antwortete: "Von der Unschuld und Armut" so fragte er: "Was soll aus ihr werden?" "Meine Tochter", antwortete die Mutter. "So!" sagte er bitter, "ich werde nie Ihre Kinder anerkennen, die nicht die meinigen sind," und verliess uns.

Cecilie war nun die stete Gesellschafterin Franzescos und der Mutter, die mit Freude bemerkte, wie diese beiden sich immer naher und naher kamen, und endlich sich ganz durchdrangen.

Ich brachte den grossten Teil des Tages in kaufmannischen Geschaften zu, und machte nebenher kleine Spekulationen zum besten Ceciliens, der ich fur den Fall der Not einen heimlichen Schatz sammelte, denn ich liebte sie herzlich, und wusste, dass der Vater ihr nichts geben wurde, die Mutter nicht konne und mein Bruder viel zu sehr aus ihren Augen getrunken hatte, um nur den Gedanken an Ernahren moglich werden zu lassen. Meine Mutter begunstigte Franzescos Leidenschaft auf alle Weise, um sich mit ihm selbst wieder in das Verhaltnis kindlicher und mutterlicher Liebe gesetzt zu sehen, denn sie hatte sicher erfahren, dass Franzesco von dem freisten, allgemeinsten Geiste der Liebe beseelt war, und keine gefesselte Unterabteilung ihn zu beschranken vermochte.

Ich sah Cecilien selten, ja es gab eine Epoche, in der ich sie sorgfaltig vermied, denn ich liebte sie; und warum soll ich es nicht gestehen, da alle diese Lieben nicht mehr sind? Ich fand einen grossen Genuss darin, meinem Bruder ein stilles Opfer mit dieser Leidenschaft zu bringen. Franzesco hatte sich der Malerkunst gewidmet, und wurde es weit gebracht haben, hatte seine Schwarmerei, sein nicht ganz heitrer Blick in die Zukunft und sein durch den Umgang mit den zwei einzigen Weibern tief, aber einseitig bestimmter Umgang seiner Phantasie kuhnere Bilder gereicht. Sein ganzer Stoff lag in ihm und seinem kleinen Zirkel. Er konnte nur stille, zarte und leidende Gestalten bilden, und das Hochste war so ewig uber seiner Grenze; er fuhlte das innerlich, doch wusste er es nicht, und siechte, wie jede volle Seele leise hinwelkt, die von der Vollendung zuruckgehalten ist. Es lag in allen seinen Bildern eine geheime Sehnsucht nach irgend einem andern Gegenstande, und es war mir oft vor ihnen, als sagten sie mit dunkeln unverstandlichen Worten: "Wir sind die wahren nicht"; sie schienen ewig zu entfliehen, um hohern Wesen die Stelle zu raumen, oder standen angstlich da, als standen sie nicht an der rechten Stelle. In Blumen, Stilleben hatte er es weit gebracht, und in seinen Arabesken lag sehr viel Harmonie und Musik. Cecilie, welche eine sehr geschickte Stickerin war, hatte ihn zu diesem Teile der Kunst besonders gestimmt. So lebten wir drei Jahre lang in einem zarten Wechsel von Arbeit und traulicher Erholung in unserm kleinen Zirkel, der heilige Stunden umfasste, Stunden, die mir mit seiner Zerstorung nimmer wiederkehrten.

Der traurige Zeitpunkt trat ein, in dem der innere Harm meiner Mutter ihren Korper besiegte. Sie bekam heftige Krampfe auf der Brust. Cecilie und Franzesco verliessen ihr Lager nicht, sie teilten den kostbaren Schatz ihrer letzten Augenblicke, und wenn ich einige Minuten von den Geschaften loskommen konnte, so trat ich zu ihnen, und wir alle horten die Lehren und den Trost unsers sterbenden Glucks. Die furchterliche Stunde kam heran, der Vater wagte es nicht, sich dem Krankenbette zu nahen, er reiste weg, ohne jemand zu hinterlassen, wohin. Vor ihrem Tode hatte jeder von uns dreien eine besondere Unterredung mit ihr. Ich war der letzte, sie starb in meinen Armen, mit den Worten: "Antonio! du bist der starkste, nimm dich Ceciliens und deines unglucklichen Bruders an." Die Zerruttung war furchterlich unter uns; von dem Sterbebette musste ich auf die Schreibestube, der Vater war weg, Franzesco war in Wahnsinn verfallen, und Cecilie stumm und ohne Bewegung, nur dann und wann loste sich die Wut ihres Schmerzes in einem heftigen Schrei, der das ganze Haus durchschallte, und unter allem diesen Jammer arbeitete ich des Tags und wachte die Nacht bei den zwei Leidenden. Da Cecilie wieder etwas besser war, liess ich sie in ein Kloster bringen, in dem eine Freundin unsrer Mutter Abtissin war, weil sie ihren Kummer dort ruhiger zerstreuen konnte, bis ich mit meinem Vater weitere Massregeln mit ihr ergreifen konnte. In Franzesco kehrte mit seinem Verstand auch seine Liebe zuruck, und ich konnte ihn nur mit der Vorstellung uber Ceciliens Abwesenheit beruhigen, dass ich sie meinem Vater und seinem Verdrusse hatte entziehen wollen.

Der Vater kehrte zuruck und mit ihm seine Strenge. Er billigte mein Verfahren mit Cecilien, doch wohl nicht aus der Ursache, die mich bewogen hatte. Franzesco und ich besuchten sie ofters, und unsre Zuneigung zu diesem lieben Wesen ward um so heftiger, als sie uns durch den Verlust der Mutter einziger und unentbehrlicher geworden war. Mein Vater war einst nach Tische vorzuglich guter Laune, und einige Monche, die ihm und seinem Weine Gesellschaft leisteten, nicht minder. Er ausserte sich, er werde Cecilien eine Nonne werden lassen, und verbot uns daher fur die Zukunft, sie zu besuchen, weil wir beide zu weltlich gesinnt waren. Meine Bitten ruhrten ihn nicht, und den schrecklichen Blick Franzescos, der in seiner Gegenwart immer stumm war, verstand er nicht. Sie ward hierauf in ein anderes Kloster gebracht, und wir konnten sie nicht mehr sehen.

Franzesco hatte nun alles verloren, was ihn ans Leben fesselte, er brachte den ganzen Tag auf einsamen Spaziergangen zu, und angstigte mich mit seinem heimlichen, stillen Betragen sehr.

Eines Abends kam er in die Stube meines Vaters, seine Erscheinung war mir ungewohnlich kraftig, er ging auf mich zu, umarmte mich heftig und trat dann vor den Vater mit den Worten:

"Vater? wo ist Cecilie?"

"Sie ist im Kloster", erwiderte dieser unwillig, "und wird die kunftige Woche eingekleidet werden."

"Sie wird nicht eingekleidet," erwiderte Franzesco, "denn sie liebt mich und ich sie; sie ist meine Braut, und ich werde ihr Gatte sein."

"Sie ist die Braut des Himmels, Bube!" brach mein Vater im Zorne aus: "denke, wie du leben kannst; reiche ich dir nicht schon zwanzig Jahre Almosen, Ketzer! An ein Weib denke nicht, denke an Brot."

Franzesco erbebte im Innersten, furchterlich stand er da, wie ein Mensch, der sich von der Natur losreisst, die Bande des Blutes rissen tief in seiner Seele; ich fasste ihn in meine Arme, damit er seinem Vater nicht lastern moge, und er rief mit Wut folgende Worte: "Gerechter Himmel! Gott und meine Mutter seien meine Zeugen, ich will mich nahren und sie, und kein Bissen mehr von deinem Tische! Grosse ungeheure Schuld uber mir, ich muss dir alles wiedergeben, was du mir gabst, und habe gegen meinen Vater mich emport." Ich fuhrte ihn nach seiner Stube, er stand starr und stumm, sein Blick wurzelte in den Boden, da floss ein Strom von bittern Tranen uber seine Wangen, er umklammerte mich fest ach! ich wusste nicht, dass dies der letzte Rest meiner Freude war, die ich zum letztenmale umarmte. Er bat mich, ihn allein zu lassen; ich horte ihn noch lange uber mir mit schnellen Schritten auf und abgehen, bis ich einschlummerte.

Der folgende Tag erschien, ich eilte auf seine Stube

und fand ihn nicht mehr. Ein Brief lag auf dem Tische:

"Antonio! o konnte ich neben dir stehen und dich

trosten! Lebe wohl! ich gehe zu sterben, oder fliehe mit ihr; zeige meine Flucht nicht an, bis sie sich selbst kundtut, denn wahrlich, ich tote mich und sie, wenn man uns ergreift. Die Gewalt ist schrecklich in mir erstanden, ich habe zwei Wesen dem Schicksal entrissen, und trage sie mit Macht zu ihrem Ziel. Lebe wohl! du Teurer, in einigen Monaten sollst du wissen, wo ich bin. Die Trane, die auf dies Blatt fallt, gehort dir und dem Grabe meiner Mutter. Lebe wohl!"

O Franzesco, sie war heiss die Trane, die du mir

weintest, denn alle meine Freuden, mein ganzes Leben ist in ihr versiegt. Mein Vater erfuhr die Flucht meines Bruders, und die Entfuhrung Ceciliens. Die Sache machte ein ungeheures Aufsehen, denn eine Nonne zu entfuhren, heisst ein Ehebruch im Bette des Himmels. Man setzte ihnen von allen Seiten nach, doch vergebens. Mein Vater enterbte ihn, und er ward mit Cecilien in den Kirchenbann getan. Einige Monate lang zeigte man mit Fingern auf mich, als den Bruder des Verbrechers; von allen Kanzeln horte ich die Namen meiner teuersten Freunde unter den schimpflichsten Benennungen ablesen, und wenn ich in die Kirche ging, um am Grabe meiner Mutter fur ihre Kinder zu beten, so musste ich erst den Bannfluch uber sie an der Ture angeschlagen sehen. So sehr mir auch von jeher diese Machtspruche der Kirche in weltlichen Dingen, und uberhaupt alle grobe Versinnlichung von Dingen des tiefsten Gefuhls, erbarmlich schienen, so machte es doch mechanisch den furchterlichsten Eindruck auf mich; so wie uns immer schaudert, wenn wir etwas Ungewohnliches sehen, ohne dass wir deswegen an Geister zu glauben brauchen. Ich hatte nun keinen Menschen mehr, dem ich mich offenbaren konnte, und musste dabei den ganzen Tag dem Feinde meiner verlornen Freunde gegenuber die trockensten und langweiligsten Arbeiten verrichten. Allein das Mass war noch nicht gefullt: ich erhielt einen Brief von Franzesco ohne Datum und Ort, er war ein Bild des Wahnsinns, der Tod Ceciliens und verwirrte Ideen von Selbstmord waren die einzigen lichten Stellen. Mein Schmerz war grenzenlos, alle Hoffnung war gebrochen, ich unterlag, eine Sinnenermattung warf mich nieder, ich konnte nicht ausser dem Bette sein. Bei allem dem musste ich arbeiten, mein Vater brachte mir die Briefe ans Bette, die ich beantworten musste. Ihn selbst schien in dieser Zeit etwas ganz eignes zu ruhren. Eines Tages war ich matter als je, einige Arbeiten hatten meine letzten Krafte erschopft, die Gegenstande verschwanden um mich, und ich starrte traumend vor mich hin, bis ich einschlief. Da ich wieder erwachte, war es Nacht, der Mond schien in die Stube und erleuchtete eine Statue der heiligen Marie, die zu den Fussen meines Bettes in einem Glasschranke stand. Der goldne Mantel des Bildes glanzte schon, und die Glorie leuchtete wunderbar heilig um das liebliche susse Angesicht der Mutter. Ich glaubte, Cecilie stehe vor mir, ich war ganz in die Anschauung der Erscheinung zerflossen, und fuhlte sie in und ausser mir; so schlummerte ich wieder ein, und auf einem seligen Traume schwebte das Bild in meinen Schlaf hinuber, und bewegte sich lebendig mit himmlischer Grazie in meinen trunknen Sinnen. Es war mir, als brache sich des Bildes Schein in drei grossen Spiegeln in mir, und Franzesco, Cecilie und die Mutter lebten in mir; dann horte ich eine rauhe Stimme, Pietro, mein Vater, stand vor meinem Bette, mit einem Lichte in der Hand, er sprach: "Antonio, ich verreise, in vierzehn Tagen kehre ich zuruck, dann sollst du angenehmere Tage haben, jetzt arbeite fleissig."

Ich stellte ihm vor, er moge bis zu meiner Genesung bleiben. Allein dazu war er nicht zu bereden. Er befahl und reiste. Nach einigen Tagen konnte ich wieder auf sein. Der vierzehnte Tag erschien, es kamen einige Neapolitanische Offiziere zu mir und fragten nach der Signora Fiormenti. "Die ist schon langst tot", erwiderte ich. "Nein, nach der jetzigen Gemahlin Fiormentis fragen wir; sollte er noch nicht angekommen sein?" "Ich kenne sie nicht," erwiderte ich stammelnd, und bat die Herren, mich zu verlassen. Also eine neue Mutter erwartete ich. Ich fand die Sache mit Vorteil verbunden, denn so wurde mein Vater doch beschaftiget; und musste nicht jedes Weib besser sein als er, schon weil sie ein Weib war? Der Gedanke, an ihr ein Organ zu finden, durch das ich zu ihm sprechen konnte, trostete mich. Den Mangel des Zutrauens zu mir, der in der Verheimlichung der Sache lag, war ich gewohnt, und harrte mit einiger Neugierde auf die Weiblichkeit meiner neuen Hausgenossin.

Der Abend kam, mein Vater stieg aus dem Wagen, aber es war kein Weib bei ihm. Ich wagte ihn nicht zu fragen. Er ging auf seine Stube und schrieb, dann verliess er das Haus um die zehnte Stunde. Ich hullte mich in meinen Mantel und folgte ihm. In einem entlegenen Teile der Stadt trat er in ein Haus, dessen Fenster festlich erleuchtet waren, und aus dem mir das Getummel muntrer Gaste und der Klang frohlicher Musik entgegenschallte. Ich stellte mich dem Hause gegenuber an eine Gartenmauer, und lauschte angstlich auf jede weibliche Stimme, um in ihr die Stimme der Braut zu bemerken. Ich war plotzlich von einer tiefen Teilnahme fur sie ergriffen, ohne sie zu kennen. Ihr Schicksal ruhrte mich. Als ich so stand und lauschte, ertonte die Betglocke der Nonnen hinter mir, die mich tief erschutterte; ich hatte so oft dies Glockchen in schlaflosen Nachten mit zartlichen Wunschen fur Cecilien gehort, es war mir eine Sprache aus untergegangenen Zeiten, die schrecklich an ein verlornes Leben mahnte. Gleich neben mir flusterte die Laube, aus der sie sich in Franzescos Arme herabgelassen hatte, flusterte die grune Halle lebendig, aus der sie in ihr Grab gestiegen war. Von allen Seiten umgaben mich Bilder des Schmerzes. Ich horte die Pappeln von dem Kirchhofe der Mutter heruberrauschen, und vor mir den hellen Jubel einer unsinnigen Verbindung. Der nachtliche Wind spielte in meinem Mantel, ich verbarg das Gesicht und weinte. Die Musik verstummte und die Gaste verliessen das Haus, meinen Vater allein hatte ich nicht herausgehen sehen. Die Braut offnete ein Fenster, und ich bemerkte an dem Schnupftuche, das sie vor die Augen hielt, und den Worten meines Vaters: "O liebe Julie, Sie weinen an dem freudigsten Tage meines Lebens!" dass sie ebenso gestimmt war wie ich. Sie sprach wenig, aber ihre Stimme war sanft und lieblich, und ihre Worte voll tiefen Gefuhls. Die Reden meines Vaters standen mit den ihrigen in einem widrigen Misston, und in ihren Antworten lag fur mich ein Stolz, der sich aus Uberzeugung opfert. Sie sagte viel uber das Kloster, und bat dann meinen Vater zu schweigen, damit sie dem Gesange der Nonnen zuhoren konne. Dann beurlaubte sie meinen Vater, der sie mit Zartlichkeiten uberhaufte, und ich trat in einen Winkel, um ihn voruberzulassen.

Ich wollte schon eilen, um auf einem anderen Wege vor Pietro nach Hause zu kommen, als mich die Tone einer Laute zuruckhielten, an die sich eine susse Stimme schloss. Es war mir, als horte ich Cecilien singen, es war ganz ihre Stimme. Ich kehrte zuruck, und es war Julie, die sang:

So bricht das Herz, so muss ich ewig weinen,

So tret ich wankend auf die neue Bahn,

Und in dem ersten Schritte schon erscheinen

Die Hoffnungen, der Lohn ein leerer Wahn.

Mit Pflichten soll ich Liebe binden,

Die Liebe von der Pflicht getrennt;

Und frohe Kranze soll ich winden,

Die keine Blume kennt.

Der erste Blick muss schon in Tranen schwimmen,

Mir gegenuber steht das stille Haus,

Der Orgelton schwillt bang um helle Stimmen,

Die blassen Kerzen loschen einsam aus.

Ihr Stimmlein kann ich nicht erlauschen,

In Gottes Hand erlosch ihr Licht,

Und aus der schlanken Pappeln Rauschen

Die stumme Freundin spricht.

Eine Menge Lichter, die sich die Strasse herauf bewegten, und einzelne Tone, wie von getragenen Saiten-Instrumenten, unterbrachen dies Lied, das mich durch seine dunkeln Andeutungen tief geruhrt hatte. Die Musikanten naherten sich, und ich bemerkte Pietro unter ihnen, zweifelte also nicht, dass es eine Galanterie meines Vaters gegen seine Braut sei. Der Kreis ordnete sich unter den Fenstern Juliens, die, als sie es bemerkte, das Licht ausgeloscht und die Fenster zugemacht hatte. Ich war begierig, wie mein Vater in der Musik gewahlt habe, die er seiner Geliebten brachte; aber wirklich, er ubertraf alle meine Erwartung, als er nach einer ruhrenden Symphonie selbst eine Arie sang, und zwar:

I miei pensieri,

Corrieri fedeli

Ihr, meine Gedanken,

Lauft eiligst, geschwind,

Correte, volate

E passion portate

Verehret die Dame,

Die mich hat entzundt etc.

Ich konnte nicht langer bleiben, ein tiefer Unmut bemeisterte sich meiner bei dem Gesange Pietros, und ich ging mit dem Gedanken nach Hause, dass der Verbindung der Liebe und des Alters keine Grazie beiwohne.

Den folgenden Mittag war bei Tische der Platz meiner verstorbenen Mutter wieder besetzt, und mit einem, wo nicht so feinen, doch ebenso freundlichen Wesen. Mein Vater war heftig frohlich und zartlich, Julie in einer wehmutigen Verlegenheit, und da ich einmal ihren Blick uberraschte, der lange auf mir verweilt zu haben schien, uberflog eine sanfte Rote ihr Gesicht und drang eine Trane in ihr Auge. Ich dankte dem Himmel, dass sie in die Familie getreten war, die seit dem Verluste Ceciliens und Franzescos einer Einode glich. So wandelte doch wieder ein sanftes, weibliches Bild wie ein guter Geist durch das stille Haus, das sonst einen ganzen Himmel umfasst hatte; so konnte sich mein innerer Kummer doch wieder in der schonen Entsagung einer Mitleidenden erheben. Ich ging ofters durch alle Gange des Hauses, nur um sie zu finden, und so oft sie mir begegnete, uberraschte sie mich mit einem sussen Schrecken, Cecilie oder die Mutter schien mir entgegenzukommen; durch ihre Schritte uber die gewohnten Wege dieser Verlornen, indem sie die hauslichen Verrichtungen besorgte, erhielt sie uber mich die Macht der sinnlichsten Erinnerung. Wenn wir uns begegneten, schienen wir beide verlegen, und dennoch schienen wir uns zu suchen.

Ich sass nachmittags in meiner Stube, und in dem Augenblicke, dass ich die Worte in mein Tagebuch schrieb: "Meine Stiefmutter ist ein gutes, sanftes Weib, das Leben hat mir durch ihre Nahe einen neuen Reiz erhalten, sie erweckt die schonste Zeit meines Lebens, indem sie wie ein guter Geist auf den Wegen geht, die einst Cecilie und die Mutter gingen", pochte es leise an der Ture, und Julie trat zu mir herein. Sie bat mich, ihren Besuch zu entschuldigen, und er schien ihr eine kleine Uberwindung gekostet zu haben; sie setzte sich zu mir auf das Sopha und redete mich mit schuchterner Stimme an:

"Signor Antonio, wir wohnen unter einem Dache und, ich glaube, uns naher, als es scheint. Ich habe schon lange auf den Zufall gehofft, der uns bewegen konnte, uns diese Nahe zu erklaren; ich habe nicht langer darauf warten konnen, umso mehr, da ich bemerkte, dass Sie mir wohlwollen, und dass es nur der Zufall ist, der uns bis jetzt von einander entfernt hielt." "Signora," erwiderte ich, "Sie sind gutig, und es tut mir wohl, dass Sie den Schritt tun, den ich allein verzogerte, weil ich Ihre Gesinnungen gegen mich nicht kannte." Hier schwieg sie, ihr Blick verweilte mit Ruhrung auf dem Gemalde meiner Mutter. Es war allein in meiner Stube, denn Pietro hatte es seit seiner zweiten Verbindung aus allen Gemachern, in die er treten konnte, verbannt. Es schien ein tiefer Schmerz in ihr zu erwachen, und helle Tranen traten in ihre glanzenden Augen.

"Kannten Sie dies Weib?" sprach ich ernst.

"O, ich kannte sie, ich liebte sie, sie war meine Freundin, meine Wohltaterin", erwiderte sie in einer schonen Leidenschaftlichkeit des Schmerzes. Ich staunte, und sah gespannt einer Auflosung von vielen Ratseln und Ahndungen entgegen.

"Sie sind ihr Sohn," fuhr sie fort, "und mein Freund in dem Grade, als wir uns gegenseitig in der Liebe zu Ihrer Mutter begegnen." Hier reichte sie mir ihre Hand mit unendlicher Anmut, und ich erkannte in ihrer Wurde die Freundin meiner Mutter.

"Signora!" erwiderte ich, "Sie sind die Freundin dieses Weibes gewesen, Sie haben die Stelle gekannt, auf der jene untergegangen ist, und konnten die namliche Stelle betreten; wissen Sie, was Sie taten?"

"Es war mein Wille," sprach sie stark, aber ihre Stimme sank bei den Worten, "da zu leben, da unterzugehen, wo meine Cecilie, meine Tochter "

"Cecilie Ihre Tochter" rief ich aus, und lag in ihren Armen "so sind Sie dann auch meine Mutter!" Sie zog sich zuruck und sprach ruhig: "Fassen Sie sich; ja, ich bin Ceciliens Mutter, ich will Ihnen alles erklaren."

Verzeihen Sie, wenn ich hier meiner Stiefmutter etwas in die Rede falle, um Sie um Ihre Verzeihung zu bitten, dass mich die Freude meines wiedergefundenen Bruders so gesprachig macht. Es ist eine innerliche Gewalt, die mich zwingt, Ihnen alles zu erzahlen; es ist mir, als hatten Sie mich gefragt, als waren Sie ein Glied meiner Familie, das, ganz von ihr getrennt, jetzt erst von ihrer Geschichte unterrichtet werden musste. Sie mussen es auch dem Nationalcharakter des Italieners zugute halten, den die Freude allein aufschliessen kann. Sie werden meinem Bruder dann und wann wie ein Arzt etwas von diesen Begebenheiten hinreichen, um ihn zu der grossen Uberraschung vorzubereiten, die ihn erwartet. Ich kehre nun zu meiner Geschichte zuruck. Julie sprach mit ruhiger, gelassener Stimme:

"Ja, Cecilie ist meine Tochter, ihr Vater war mein Gatte nicht, sie hatte einen kuhnen Schritt getan, auf die Welt zu treten, auf der sie nur das beleidigte Gesetz erwartete. Meine Eltern lebten nicht mehr; der Mann, der mich zur Mutter gemacht hatte, wurde von meinen Verwandten ermordet; ich, eine arme Waise, ward einer Waise Mutter. Ich hatte nichts als meine Schande, und ware gewiss dem Hohne und der Rachsucht meiner Verwandten ein Opfer geworden, wie sie auch noch bis jetzt glauben, hatte Ihre Mutter, die meine Milchschwester und lange Zeit meine Gespielin war, nicht mich und mein armes Kind gerettet.

Den taglichen Krankungen meiner Verwandten ausgesetzt, konnte ich es nicht langer ertragen, mein Kind, das Einzige, was ich auf Erden hatte, mit Verachtung behandeln zu sehen, und ich entschloss mich daher, eher mit ihm zu verhungern, ja lieber zu betteln, als langer in dem Hause einer alten Muhme zu bleiben, bei der ich lebte, und mit der niedrigsten Arbeit ein Leben voll Undank und Spott verdiente. Eine alte Frau, die meine Amme gewesen war, die mich sehr liebte und mir bei der Geburt der unglucklichen Cecilie beigestanden hatte, machte mir den Vorschlag, zu ihr in ihre kleine Hutte zu ziehen, das Leben wollten wir schon gewinnen, meinte sie. Der Vorschlag wurde gerne von mir angenommen, ich gab der Alten mein weniges Eigentum einzeln hin, und sie schaffte es nach und nach weg, und endlich verliess ich nachts mit Cecilien auf dem Arm das Haus selbst, in dem ich alles verloren hatte. Nimmer vergesse ich die stille Mitternacht, in der ich wie eine Geachtete durch die breiten Strassen Roms, wie das Gespenst meiner gestorbenen Ehre hinschlich. Die Welt war um mich verwandelt, die Hauser, an denen ich sonst so unbefangen am hellen Mittage vorubergegangen war, ruckten wie schwarze Kerkerwande gegen mich; die Bildsaulen standen kalt und streng vor mir, und sahen beleidigt auf mich herab, mein Herz bebte, Cecilie schlief in meinem Arme. Als ich an die Peterskirche kam, riss es mich unwillkurlich auf die Knie nieder, ich kniete auf den Stufen des Eingangs und betete fur mein Kind. Uber diese Stufen war ich zwei Jahre vorher in einer Reihe unschuldiger Madchen, mit Blumen gekront, zum erstenmale an den Tisch des Herrn gegangen, und nun, wie kniete ich hier, es war, als wollte die hohe Kirche uber mich hinsturzen und mich begraben. Ich betete mit Inbrunst zur heiligen Jungfrau, plotzlich horte ich ein Gerausch innerhalb der Kirche, ich zitterte, die ungeheure Ture offnete sich mit einem donnernden, traurigen Tone, und ich zuckte tief auf. Es war ein Mesner, er bemerkte mich nicht und ging seinen Weg fort. Cecilie war durch das Gerausch erwacht, sie weinte, ihre Stimme drang jammernd durch die Nacht, und kehrte in vielfachem Echo von den Saulen der Kirche mit tausendfach schneidenden Dolchen in mein Herz. Ich setzte mich nieder, lehnte den Kopf an die kalten Steine, und reichte meinem armen Kinde die Brust. Ich bemerkte eine Laterne, die sich gegen mich bewegte. Die Alte musste befurchtet haben, es sei mir etwas zugestossen, weil ich so lange ausblieb; sie suchte mich daher, und Ceciliens Stimme brachte sie zu mir. Nachdem sie mich ausgeschmaht hatte, so in der Nacht dazusitzen und zartliche Gedanken zu haben, wie sie sich ausdruckte, brachte sie mich zu sich, wo ich hierauf noch einige Monate lebte. Die Alte nahrte sich von einem kleinen geistlichen Handel mit Reliquien und geweihten Wachskerzen, auch machte sie von Wachs alle Gliedmassen des menschlichen Korpers, welche fromme Leute kauften, um sie den wundertatigen Bildern zu opfern, wenn sie an irgend einem Gliede ein Gebrechen oder boses hartnackiges Ubel hatten. Ich arbeitete fleissig mit, aber wir konnten uns doch nur kummerlich ernahren. Mein Kummer stieg taglich und meine Gesundheit sank immer mehr, die Einsamkeit machte mich mit den furchterlichsten Gedanken vertraut. Mein altes Mutterchen kam erst spat abends nach Hause, und ich sass den ganzen Tag verzweifelnd in einer kleinen dunkeln Stube, Cecilie lag kranklich in meinem Schosse, und das Bild ihres Vaters hing uber meinem Herzen wie ein ewiger Vorwurf. So sass ich an einem von den vielen langen, langen Tagen abends ohne Licht, und wartete auf die Alte, die mir manchmal etwas aus der Stadt erzahlte, wenn sie zuruckkam. Heute blieb sie langer als gewohnlich, der Mond blickte schon herein, und ich hatte Cecilien schon zum Schlafen hingelegt. Ich sass und brutete uber meinem Elende, das mit helleren Farben als je vor mich trat: wenn nun die Alte sturbe, wenn sie ausbliebe, was wurdest du anfangen, dachte ich, du musstest mit deinem Kinde betteln. Dieses Gefuhl durchdrang mich mit all seiner Schmach, es war mir schon, als wurde die Alte nicht wiederkommen, mein Gram liess sich nicht mehr denken, ich sank in die dunkelste, tiefste Bewusstlosigkeit meines ganzen Zustands, und es war mir, als wurde mir es wohler, als mischte sich ein banger, heiliger Leichtsinn in meine Geschichte, starr und kalt standen einzelne Gedanken in meinem Kopfe, und eine Menge wunderbare nackte Gestalten gaukelten weinend und lachend mit einer furchterlich sussen Trunkenheit vor meinen Augen. Ich riss mein Kind aus der Wiege, entkleidete es und bedeckte es mit heissen Tranen und Kussen, und alles das mit einem bangen Gefuhl von Unrecht und Verbrechen. Das Kind weinte nicht, es lachelte und bewegte sich freundlich, als spielte ich mit ihm, ich zitterte dabei am ganzen Korper, und mein Zustand war dem Wahnsinn nah. Ich horte die Ture gehen und erwartete die Alte, aber es naherte sich ein fremder Schritt meiner Stube, und eine Person, in einen Mantel gehullt, trat herein. Ich hielt sie anfangs fur einen Mann und erschrak vor der Idee, es moge ein junger Wollustling sein, der mir Hulfe um das hochste Elend bringen wollte. Ich hatte diese Erniedrigung schon einigemal ertragen. Aber ihre Stimme flosste mir Mut und Vertrauen ein, ich erkannte ein edles Weib in der Unbekannten, die mir und Cecilien helfen wollte. Sie trat an das Fenster und nahm mein Kind in die Arme, ich war wunderbar durch ihr ganzes Betragen geruhrt, und als die Alte mit einem Lichte hereintrat, sanken wir uns in die Arme; es war Ihre Mutter und ich, Antonio! die sich erkannten. Sie verliess mich bald darauf, um mich vollig abzuholen. Als sie weg war, erzahlte mir die Alte, warum sie so lange ausgeblieben, und wie sie die Dame gefunden habe. Sie hatte weniger als je verkauft, sass angstlich hinter dem Tischchen mit bunten Lichtern, Rosenkranzen und Reliquien, es war schon dunkel, die Leute verliessen die Vesper, und kein Mensch wollte ein Lichtchen kaufen; endlich kam noch eine Dame aus der Kirche, und als sie sie sehr dringend bat, sie moge ihr doch etwas zu verdienen geben, weil sie eine gar feine Dame mit ihrem Tochterchen, die ins Elend gekommen, zu ernahren habe, so hatte sich die fromme Frau erbarmt, hatte sie mit nach Hause genommen und ware dann so verkleidet mit ihr hierher gegangen.

Den folgenden Morgen kam Ihre Mutter mit einem Wagen, mich aus der Wohnung der Alten abzuholen, die ich nicht ohne Tranen verliess. Emilie bezahlte sie reichlich fur das Gute, das sie an mir und meinem Kinde getan hatte, und verschaffte ihr die Stelle einer Pfortnerin in einem Kloster, dem eine Freundin von ihr als Abtissin vorstand.

Ihre edle Mutter beruhrte mein Ungluck mit keinem Worte mehr, und begehrte keine Bedingung, als die Befolgung ihres Willens; 'denn', sagte sie, 'liebe Julie, du kannst in deiner Lage keinen Entschluss fassen, du bist zu sehr durch Reue zerstort, und konntest leicht eine Menschenfeindin werden, weil die andern dich fur geringer halten als sich selbst, und du dich fur misshandelt.'

Sie versorgte mich mit allem Notigen, und brachte mich in die Gesellschaft zweier Menschen, deren Gesellschaft mir eine immerwahrende Darstellung der Gesetze war, die ich ubertreten hatte. Vassi, ein Maler, und Bettina, eine Judin, liebten sich von der fruhsten Jugend an, und da sie die grosse Trennung ihrer Religion an einer engern Verbindung verhinderte, so lebten sie schon zwanzig Jahre in der reinsten Seelenverbindung. Diesen beiden vortrefflichen Menschen ward ich zur Gesellschafterin gegeben, und sie nahmen sich meiner und Ceciliens wie Eltern an. Als Cecilie sechs Jahre alt war, kam sie nach Ancona zu Ihrer Tante, und nachher zu Ihrer vortrefflichen Mutter im vierzehnten Jahre, und jetzt jetzt bin ich an der Stelle, wo mein Kind aufbluhte, wo meine Emilie starb an der Seite ihres Sohnes, meines Freundes." Da mein Vater nach dem Tode meiner Mutter, um sich zu zerstreuen, nach Rom gereist war, hatte er sie kennen gelernt, und sie gefiel ihm. Sie wusste wohl, dass sie ihm nicht sagen durfte, dass sie Ceciliens Mutter sei. Er sprach oft von dem Tode seiner Gemahlin mit ihr, und da er nicht wusste, dass sie dann um ihre grosste Freundin weinte, hielt er diese Tranen bloss fur eine Folge ihrer Neigung zu ihm. Dies fesselte ihn immer mehr an sie; er hatte wenig Grunde gegen den Vorschlag, ein junges Weib zu nehmen, und setzte seine Bewerbung mit ununterbrochnem Eifer fort. Julien lag in dieser Verbindung, selbst in der Unannehmlichkeit seines Alters und Charakters, ein schwarmerischer Reiz der Entsagung. Sie wusste, dass er gesagt hatte, da Emilie ihm Cecilien als ihre Tochter vorstellte, dass er ihr Vater nicht werden werde; nun konnte sie ihn zwingen, ihres Kindes Vater zu werden.

"Der Gedanke," sagte sie zu mir, "auf die Stelle zu treten, wo meine Freundin stand, alles das zu leiden, was sie erduldet hatte, hatte einen sonderbaren Reiz fur mich. Es war mir, als konnte ich mich in die Form und Gestalt eines bessern Wesens, als ich selbst war, einschleichen, um auf mich zuruckschauen und meiner Gebrechen lachen zu konnen. Ich habe Cecilien nicht mehr gefunden, ich trete in eine aufgeloste Familie, Sie sind der einzige, letzte Zweig, der Rechte auf mich hat, so nehmen Sie denn meine heilige Versicherung, dass mein Eintritt in dieses Haus keinen Zweck hat, als Ihnen ein Herz voll Dank, voll Freundschaft naherzubringen, als in diesen toten verodeten Mauren Ihnen das Leben wieder in einem zartlichen vertrauten Umgange zu entzunden. O, wir sind leider durch die fremde Macht des gewaltigen Geschicks verbunden, alle unsre Lieben haben wir verloren, unsre Vergangenheit ist ein Grab aller unsrer Freuden der Gegenwart und der Zukunft geworden. Die Gegenwart, Antonio, sie ist zu enge, wir mussen sie zersprengen, wir mussen ineinander alle Zeit zerstoren, wir mussen uns lieben. Es umschwebt uns dann das Bild der Mutter und Ceciliens, und ziehet unser Leben in leiser Sehnsucht hinuber zu sich." Sie weinte, meine Arme umschlangen das edle Weib, ich glaubte meine verlornen Freuden alle wiedergefunden an mein Herz zu drucken "O, so habe ich alles gefunden!" rief ich aus, und mein Vater trat herein. Julie blieb ohnmachtig in meinen Armen. Der Schrecken benahm mir die Sprache, mein Vater druckte nur eine Minute den verzweifelnden Zustand seiner Seele in einem gluhenden Blicke aus, und sturzte zu Boden. Wir kamen ihm zu Hulfe, aber es war zu spat, der Schlag hatte ihn geruhrt. Er musste geglaubt haben, ich sei der Verfuhrer seines Weibes gewesen, seine Eifersucht kannte keine Grenze. Sein alter schwacher Korper konnte den Sturm des Verdachts der Wahrscheinlichkeit und der Uberzeugung des unvermutetsten Betrugs nicht in derselben Minute ertragen, und unterlag.

Lange nachher noch wagten Julie und ich nicht, sich gegenseitig zu nahern, sein Tod war gleichsam zwischen unsre Umarmung gefallen, und hatte uns gewaltsam auseinander geschleudert. So unschuldig wir auch waren, so schreckte uns doch der Gedanke auseinander, dass er die Welt mit dem Verdacht der schandlichsten Verraterei von uns verliess.

Wir naherten uns furchtsam und konnten nur nach und nach die stumme Betrachtung dieses Zufalls durch Blicke und einzelne wenige Worte unterbrechen. In dieses Dunkel, das kaum zur Dammerung ubergegangen war, warfen Sie, lieber Freund! durch Ihre Nachricht von Franzescos Leben ein frohliches, helles Licht. Verzeihen Sie daher die Unordnung und Unbestimmtheit, die diesen Brief begleiten konnte. Es ist so lange her, dass ich der Freude entbehrte, dass mir wohl ihre Sprache etwas ungelaufig ward. Meinem Bruder werden ich und die Mutter seines Weibes mit offnen Armen entgegenkommen. Sein Vermogen blieb ihm unversehrt, mein Vater ist ohne Testament gestorben. Er soll kommen und mit mir teilen, was auch ihm gehort, und in Ruhe seine Tage beschliessen. Ich kann kaum die Zeit erwarten, ihn an mein Herz zu schliessen. Ob ich ihn wohl noch kennen werde? Lassen Sie ihn doch malen, und schicken Sie mir sein Bild, bis ich ihn selbst mit seinem Bilde vergleichen kann, das fest, unausloschlich in meinem Herzen steht.

Wenn Sie konnen, ohne ihm weh zu tun, so suchen Sie doch einiges von dem wahren Schicksale seines Weibes zu erfahren, damit ich Julien etwas uber ihre Tochter sagen kann.

Leben Sie wohl, antworten Sie bald, denken Sie, dass Sie das Gluck zweier Menschen dadurch vermehren, die so lange unglucklich waren, und deren besseres Geschick Ihr erster Brief begrundete.

Romer an Godwi

Ich habe eine ganze Reihe von Briefen von dir, und wenn ich sie beantworten wollte, was konnte ich sagen? Konnen wir beide uns etwas sagen? da keiner feststeht, da ein jeder getrieben wird.

Wir konnen hochstens einer dem andern das Eigne zeigen und vertauschen; aber uns erfullen konnen wir nicht, ich kann dir nicht geben, was dir fehlt, und du mir nicht, denn der Streit ist mit einem jeden losgebrochen, und jeder hat nur mit dem Seinigen zu tun.

Unsre Seelen treibt eine seltsame Laune des Geschicks; wohl uns, dass ein Punkt in unsern Herzen ist, wo wir uns beide ewig wiederfinden, die Freundschaft, denn im Aussern sind wir fur einander verloren.

Unsre Briefe konnen sich nicht mehr beantworten, denn wo du gluhst, starre ich, und bin ich nur erwarmt, so schmilzst du schon. Dies war gerade der Fall bei deinem ersten Briefe von Reinhardstein, in dem du gar nicht aus dir selbst kommst; du tappst in deinem Herzen herum, dass es mir oft ein Jammer ist, und zertrittst eine Blume nach der andern.

Ich habe nie einen Brief gesehen, in dem ein solcher Gefuhlswechsel des Schreibers hervorleuchtete, und dies ist mir um so sonderbarer, da du meistens vergangene Dinge erzahlst, die dich hinrissen, als sie geschahen, denn sie geschahen alle nur, insofern sie dich hinrissen, die dich aber nicht mehr hinreissen mussten, wenn du sie nochmals vor den Augen eines Freundes erschaffst; oder ist es die Illusion der Darstellung, die mir manchmal fur deine Nerven ein wenig bange macht.

Doch lass das gut sein; ich weiss nicht warum, aber ich hoffe das Beste fur dich. Die Folge deiner Bekanntschaften und deiner Briefe machen mir eine vollkommene Krise wahrscheinlich.

Von dem Landhause einer Englanderin in die Burg eines Landedelmanns, von da zu einer Ruine, zu einem Einsiedler; ist das nicht der Lauf der Zeit?

So auch deine Briefe: der erste tatendurstend, Molly; der zweite kussedurstend, Joduno; der dritte tranendurstend, Otilie; und alle die folgenden ruhedurstend und voller Heimgehenwollen in die Natur.

Du schlafst, lieber Godwi, einen ruhelosen Schlaf des Lebens, schwere Traume angstigen dich, bei deinem Erwachen wird dir es leer und mude sein; aber nicht wieder einschlafen, um Gottes willen nicht!

Tilie ist ein Madchen, uber die ich nicht urteilen mag oder auch kann. Es ist uberhaupt eine krittliche Sache, uber deine Weiber zu urteilen, und mein Urteil uber Molly ist mir ubel bekommen; aber du kannst das Wesen nicht mit der Ofengabel aus mir heraustreiben, es ist meine Natur, immer etwas uber die Leute zu denken, und zwar laut.

Tilie nun scheint mir sehr naturlich, und zwar so naturlich, dass sie nach meinen armen Begriffen schon ein wenig ins Ubernaturliche geht. Aber dennoch ist sie dir ohnstreitig die beste Gesellschaft und bringt dich sicher in die Wirklichkeit zuruck.

Es war einmal ein seltsamer Englander, der uber den Verlust seines gewohnlichen Verstandes, seiner Freuden an der Industrie, der Okonomie, dem Pferderennen und Hahnengefechte, und seines Geschmacks an Kotzebues Stucken und zuckerbunten Kupferstichen, ausserst melancholisch ward. Er las mit tiefen Schmerzen den phantastischen Shakespeare, und verzweifelte fast daruber, dass er ihm so wohlgefiel; deswegen verfiel er, wie schicklich, in den Spleen, und war immer in einem dunkeln Zimmer, obschon das Tageslicht und die Mittagssonne zu seinen Fussen schien; er aber klagte immer uber die Dunkelheit, Tag und Nacht war ihm ganz einerlei, er hielt immer den tollen Lear in den Handen, und las Tag und Nacht in ihm, weil er sagte, die Buchstaben gluhten. Aus Kotzebues samtlichen Werken hatte er sich aus Bosheit einen patent-papiermachenen Fussboden, Spuckkasten und Leibstuhl machen lassen, und weinte bittre Tranen uber diese verkehrte Uberspanntheit.

Seine Freunde konnten ihm nicht helfen, bis endlich einer den Einfall bekam, ihm das Haus uber dem Kopf anzustecken, und das geschah. Kaum war die Flamme bis zu seiner Stube gekommen, so sagte er, es werde nun Licht, und da alles um ihn her brannte, und ihm die Hitze sehr zu Leibe ging, deklarierte er, dass es Tag sei, und ward wieder gescheit. Das erste, was er tat, war, dass er ein halb Schock Pferde zu Tode ritt, funfhundert Hahnen tot hetzte, immer in Kotzebueschen Wortspielen sprach, und diesem so lang verkannten Dichter zu Ehren einen Patent-Esel, der vor Apollo tanzt, aus kararischem Patent-Marmor in seinem Park aufrichten liess, welches Monument der Dichter aus Erkenntlichkeit vor sein bestes Werk in Kupfer stechen liess.

Sieh, so wird es dir auch gehen; Tilien haltst du fur Tageslicht, und sie ist schon Flamme.

Wenn sie dich nicht heilt, so bist du unheilbar, denn ihr seid euch vollig entgegengesetzt, und das in den Extremen. Da du nun naturlich einen ewigen Drang fuhlen wirst, ihr ahnlich zu werden, ihr aber nie ahnlich werden kannst, so wirst du, um naherzukommen, gerade so weit gehen, als du kannst, bis zum gesunden Menschenverstand.

Dass du ihr nicht ahnlich werden kannst, verstehe ich so: sie ist mehr als naturlich, denn sie ist auf eine gewisse Weise unterrichtet, und ich mochte sagen, sie sei eine weise Frau in einem fruheren Leben, und sei in die Jugend dieses Lebens herubergewachsen. Sie ist gleichsam fur mich ungeboren. Da nun meine Stufenreihe folgendermassen geht: Natur Bildung Uberbildung oder Tod und alles immer vorwartsschreitet, so kannst du ihr nicht ahnlich werden, weil du mit dem Tode aufhoren musstest; du wirst es also bei der Bildung stehen lassen, weil du von der Uberbildung nicht vorwarts, und nur bis zur Bildung zuruck kannst; zur Natur kannst du schon nicht mehr, weil die Bildung die Natur aufhob, du musst platterdings auf der Bildung stehen bleiben, oder sterben, was du mit deiner Lebensfahigkeit nur bis zum Wunsche bringen wirst. Ich wunsche dir also viel Gluck zur Bildung.

Sie wird dich sanft aus deinem Ideenparadies hinausfuhren du sagtest ja von ihr: "So trat der Engel von Gott gesandt ins Paradies"

Du im hochsten Grade zusammengesetzt, sie von Grund aus einfach du sturmend und gluhend wie Sirocko, sie sanft und warm wie West du schmelzend und gluhend wie Lava, sie biegsam und zart wie Wachs du aus der Welt in ihr Leben hineintraumend, sie aus ihrem Dasein in deine Welt hineinstaunend

Gleich, lieber Junge, wird sie dich nicht lieben, aber vielleicht noch einstens, und das sehr innig. Du bist ihr jetzt eine Masque, die sie blendet und reizt, und wenn du bescheiden einen Flitter nach dem andern von deinem Wesen zu ihren Fussen gelegt hast, wenn sie naiv und neugierig einen Flitter nach dem andern von dir geloset hat ?

Dann wird sie dich lieben, weil wir alles lieben, was wir bildeten; und wenn es unser erstes Werk ist, und noch dazu ein gutes, o so wird es die erste Liebe und die letzte.

Ich fuhle, dass Tilie voll von dem Triebe ist, etwas zu bilden, denn ihre Grundsatze sind hiervon schon ein Beweis; sie sind eine seltsame Moral, die sie sich selbst erschaffen hat, und die bei ihrem einzelnen Leben so trostreich und passend ist, als eine allgemeine fur unsre Gesellschaft so selten hinreicht und alle Lucken mit gutem Ton, Freigeisterei und Galanterie verstopfen muss.

Das Haus, in dem ich lebe, ist hiervon ein auffallender Beweis, und du sollst die Leute auch kennen lernen, wenn ich sie ganz kenne.

Lebe wohl, man ruft mich irgend wohin, wo es allerliebst und wenig mehr ist; sei versichert, dass ich in dieser folgenden Stunde gar nicht an dich denke, und halte daher meine Versicherung recht lieb und warm, dass ich ewig bin dein

Romer

Romer an Godwi

Mein voriger Brief und mein vorletzter scheinen dir wohl nicht recht innig zu sein. Du wirst glauben, ich sei schon wieder ganz klug geworden, und doch ist es nicht so.

Die sogenannte Turkin ist noch immer der Gedanke, der mich beherrscht, wenn ich Zeit habe, von irgend einem beherrscht zu werden. Aber dies ist hier im Hause schwer, man kann und darf hier fast nichts, als auf seiner Hut sein und seinen Kopf auf dem rechten Fleck haben.

Soeben bekomme ich einen Brief von deinem Vater. Ich bin meiner sogenannten Geschaftsreise entledigt, und darf noch ein paar Monate ausbleiben und so frohlich sein, als mein Aufenthalt mich machen kann.

Du wirst dich aus meinem zweiten Briefe des Fremden erinnern, der zu deinem Vater kam; er versieht alle meine Geschafte und ist vollig genesen.

Ich schrieb dir, dass er immer in deines Vaters heimlichen Kabinette ist; nun bin ich noch begieriger, was dies Zimmerchen wohl verbirgt, denn dein Vater schreibt vermutlich in der Vergessenheit, dass ich nichts davon weiss:

"Ja, es ist mir lieb, einige Zeit mit dem Manne allein zu sein, der mich durch seine Arbeit in meinem Kabinette so glucklich gemacht; er hat mein Innerstes aufgedeckt, und zarter verhullt, als ich es je konnte."

Auch nach dir fragt er:

"Wo ist mein Sohn, wissen Sie von ihm? Ich suche seine Freundschaft, o dass ich "

Hier brach er ab, Gott weiss, was der Gedankenstrich und das Kabinett verstecken.

Du solltest ihm doch schreiben, er glaubt dich beinahe schon auf dem Kapitol in Rom, und erwartet wohl Antiken von dir, und du sitzest fest fur die Ewigkeit auf dem Reinhardstein, und konntest ihm zur Not einen Eichen- oder Epheukranz schicken.

Dein Vater kennt dich nicht, gar nicht, und wenn du so fort in dir revolutionierst, so wirst du vielleicht um den Zirkel der Bildung herumgereist auf seinem Punkte stehn, wenn er unter der Erde ist.

Hore, da fallt mir etwas ein, womit ich dich argern will:

Gestern abend las man hier im Hause den Brief des einen abwesenden Bruders vor, der dir sehr ahnlich zu sein scheint; den Brief hattest du auch schreiben konnen.

Die Frage an den Bruder war: "Was willst du denn endlich werden?"

Die Antwort: "Ein Mensch."

Weiter: "Du bist extravagant"

Die Antwort: "O du armer Bruder, du weisst nicht, was du sprichst; einstens wunschtest du, ich moge selbststandig sein, und da haben wir es, ihr Leute konnt nie etwas ganz sein, ihr konnt in nichts die Vollendung; da ich nun selbststandig bin, versteht ihr mich nicht mehr, weil ihr mit eurer Selbststandigkeit nicht die Selbstverstandigkeit verbindet. Du hast damals gemeint, ich sollte standselbstig sein, und auch das bin ich so, wie ich bin, denn ich bin mein Stand selbst, weil das Ich selbst allein mein Stand ist, und ich nicht im Stande bin, in irgend einem andern Stande zu sein. Ihr aber seid nicht in eurem Stande, noch auf eurem Standpunkte, sondern euer Stand ist in euch, und euer Standpunkt auf euch, so dass ihr ubel steht, und euer Stand gut, denn er lasst euch keinen Platz in Herz und Kopf, und hat euch unter den Fussen. Was die Extravaganz angeht, hast du dich auch verschrieben, o ware ich ein wenig extravagant, so ware ich nicht allein intravagant, so ging ich nicht in mir selbst herum und raumte angstlich auf. Ihr seid extravagant, denn ihr seid aus euch heraus, in die Kaufmannschaft geschweift, und eure Seelen klettern wie Affen auf Kaffeebaumen herum." etc.

Nun, bist du bose? Nicht wahr, der Mensch hat recht?

Lebe wohl, ich muss ins Bureau d'Esprit der Mademoisell Buttlar. Je, was ist das fur ein Bureau? Nicht viel Kluges, mehr Witziges, keine zwei jungen Pappeln, keine Tilie. Nachstens lernst du die Menschen kennen.

Romer

Romer an Godwi

Ich habe dir versprochen, die Leute zu malen, mit denen ich umgehe; ich will es, aber es ist schwer. Sie sind alle ausserst verschieden, haben alle einen einzigen auffallenden Zug von Ahnlichkeit, sind alle sehr originell, und doch alle abgeschliffen.

Ich mochte die Familie einem Bilde in Mosaik vergleichen, lauter verschiedne Steine, alle glatt auf einer Seite geschliffen, mit vielem Lapislazuli drinne, bringen ein kunstreiches, kurioses, doch nicht ganz geschmackvolles Ganze heraus.

Vor allem gehe mit mir zu den Weibern. Sie sprechen immer in Ratseln; du hast es nicht erraten, oder so kunstlich erraten, dass du wieder ein Ratsel gemacht hast. Dich ein wenig brustend, bringst du die Auflosung vor, mehrere fallen uber den neuen Knoten her, die Brunette sieht dich dabei an, als ware es deine Schuldigkeit, einem so geistreichen Madchen die Sache ein wenig leichter zu machen; die Blonde lost und lost, und fallt daruber in eine italienische Arie, die sie auch sogleich am Klaviere singt; die Brunette singt mit, und dein Ratsel? du wendest dich gegen eine Ernste hin, die in einem Winkel sitzt und strickt, sie sieht dich mit einem strafenden Blicke an, als hatte sie einen unrechten Gedanken in deiner Seele gelesen.

Du senkst aus hoflichem Bewusstsein deiner Schuld (die du eigentlich gar nicht kennst), deinen Blick von ihrem Auge herab, und verlierst dich in ihren gar nicht ernsten, sehr naiven Busen.

Du fuhlst nun, dass der strafende, ernste Blick prophetisch und a priori war, auf ihrem sanften lachelnden Munde aber vergassest du das Beste, es hing ein Ablasszettel auf ihren Lippen, den solltest du mitnehmen, die Sunde am Busen hineinwickeln, und so das Fleisch am Fasttage verschlucken Nun, wo ist dein Ratsel? Nun unterstehe dich nicht, es wieder aufzuwarmen, das ware ungezogen; und hast du nicht genug dafur erhalten?

So geht es hier mit allem, man fangt alles an, aber jedes Bild verliert sich in Schnorkel, und wahrlich, diese Weiber haben alle etwas vom Sirenenwesen, das sich in einen Fischschwanz auflost.

Il faut dorer la pillule, sagt ein witziger Kopf von dem Goldnen Kopf, der das Schild des Hauses ist.

Jede Munze gilt hier, auf der ein Kopf steht, und heller (Kopf) ist hier soviel wert als alle Pfennige des Romischen Reichs.

Unter allem diesem Leben und bunten Durcheinanderwuhlen wandelt ein schlankes, sanftes, weisses Bild herum, dessen Geist richtig und ruhig, aber wenig sieht; dessen Herz wahr, tief, aber kalt fuhlt. Sie erscheint unter den andern, und es ist, als sage sie: "Ich bin euch allen gut."

Sie geht, und es ist, als sage sie: "Mit euch ist es nicht auszuhalten."

Sie kommt mit dem Herzen, ihr Geist, der richtig und ruhig sieht, sieht, dass man es nicht aushalten kann; aber, weil er wenig sieht, sieht er nicht, dass man es wohl aushalten kann, wenn man sie einhalten kann.

Von den Sturmen der andern verschlagen, lege ich mich oft vor dieser friedlichen, ruhigen Insel vor Anker, und der kleine Anker von Jaspis, der an ihrem Halse hangt, mit seinen sanft wogenden, tiefen, stillen Grunden, hat sich oft so mit meinen Tauen verstrickt, dass ich kappen musste, um wegzukommen.

In solchen Verlegenheiten kam mir oft unvermutet ein Gedanke so originell, einsam und wunderbar frei, wie ein Robinson aus der stillen Insel, entgegen, und half mir grossmutig selbst fortkommen.

Ein Hauptzug in ihrem Charakter ist, dass sie sich nie mit andern Weibern geheime Bagatellen in die Ohren flustert; sie ist offen und geheim im Ganzen, so dass man nur eins von beiden von ihr sagen konnte.

Es lasst sich gut von ihr und mit ihr sprechen, sie totet keinen Begriff, fasst jeden mit Liebe, und giebt ihm einen zarten Gesellschafter, sie macht das Gesprach glucklich.

Die Brunette, die ich schon in meinem zweiten Briefe anfuhrte, ist mir gefahrlich. Sie lasst fast jede Unterhaltung eines erhabenen Todes sterben, und spielt das Schicksal dabei; doch bluht auf ihren wohltatigen Wink gleich ein ganzer Fruhling von Blumen um den Rosmarin eines solchen Grabes, und jeder solcher Hugel wird durch sie ein Berg, von dem du eine frohliche Weinlese und Ernte ubersiehst.

Die ganze gegenwartige Gesellschaft fallt dann uber die Kranze her, und das Gesprach winkt in einzelnen Blumen von Busen, Locken, Lippen und Blumenkrugen dir entgegen; sie selbst aber nahm einen kleinen Rosmarinzweig und halt ihn aufmerksam vor ihr einziges grosses Auge, und zieht eine Linie in die Ewigkeit.

Die Blonde mochte es auch gerne so machen, aber sie kommt nicht dazu; es liegt in ihr zu viel Begierde und Gebarde, so dass fast jede Begierde eine Gebarde, und jede Gebarde eine Begierde wird. Sie ist zu mimisch, um mehr als sich und andere nachzumachen, und verliert in jeder Heftigkeit des Vorsatzes die Kraft zur Handlung. Wenn sie witzig sein will, so ist schon in dem Pfeil, den sie abschiesst, mehr Drang, als in der Senne des Bogens; ist der Pfeil angekommen, so kann er nicht mehr verwunden, weil die Spitze sich gierig in sich selbst umgebogen hat. Sie kann keinen langen Ton singen, ohne dass er in einen Triller fallt, und will sie einen Gedanken geradeaus in die Hohe oder Tiefe schicken, so wird das Ende kraus, und kehrt in sich selbst zuruck; sie wird nie etwas erhalten, wenn nicht einer in die selbsttatigen Schlingen fallt, oder sie sich nicht selbst umarmt.

Aber da sitzt noch so eine Rabenschwarze in dem Winkelchen, es dammert schon in der Stube, und ich hatte sie ubersehen, mit ihren Locken der Nacht, wenn ihre schonen Augen nicht leuchteten und milde, schone Blicke aus ihnen stiegen, wie Strahlen zweier einsamen Sterne am Himmel. Kannst du dir ein Madchen denken, mit allen Zeichen der Glut, die sanft und stille ist, ein schoner Busen so sittlich verhullt, dass sich jeder umsonst bemuhen wird, irgend den Zwiespalt in ihrer Brust zu erkennen?

O du freundliche begehrende Zufriedenheit, du wohltatige getrennte Einigkeit, du Streit im Frieden, warum sprichst du nicht?

Ich hore.

Nein, du bist zum Sehen gemacht.

Sehen Sie mich so gerne?

Nein, du bist zum Sehen und nicht zum Horen gemacht, meinte ich

Ich hore und sehe doch, warum sagen Sie das, das versteht sich von selbst.

Du bist zum Sehen gemacht, weil du so viel mit deinen grossen Augen sprichst, und nicht zum Horen, weil du so wenig mit deinen kleinen Lippen sprichst; du bist zum Sehen gemacht, weil du so grosse Augen hast, und nicht zum Horen, weil du so kleine Ohren hast; ei, wie klein sind deine Ohren

Drum sollten Sie ihnen nicht zumuten, so gross Lob zu horen.

Ich schweige, denn, lieber Freund, ihr Busen ist leicht zu erregendes Meer, und es wurde sie schamrot machen, wenn sie bemerkte, dass man in solchen Sturmen so leicht den Zwiespalt in ihrer Brust sieht.

O weh, es ist Abend, ganz dunkel, es ist eine Fledermaus in der Stube. Ach je, es ist mir eine Fledermaus was Schreckliches; keine Maus, kein Vogel, gar nichts, o ich bitte, verschonen Sie mich, das ist mir verhasst bis in den Tod; von nichts als von der Unsterblichkeit der Seele sprechen Sie, und alles wird unsterblich, und so langweilig, dass man die Unsterblichkeit zum Guckguck wunscht, wenn Sie immer wahrend der langen Zeit einem die Zeit lang machen, und die Fledermaus fliegt mir immer um den Kopf, sehen Sie, gerade wie die Fledermaus ist Ihre Unsterblichkeit, sie kriecht nicht, wie andre honette Mause, sie fliegt nicht, wie andre honette Vogel. Gott sei Dank, nun ist sie fort, die Fledermaus; nun die Unsterblichkeit? sie ist auch fort.

Alle Lichter sind abgelaufen in der Stube von dem Flattern der Fledermaus.

Die Brunette: Wie sind Sie doch so menschenfeindlich.

Ich: O, ich halte alles, was ich hasse, nicht fur Menschen. Zum Beispiel, solche Leute halte ich fur Fledermause. Weiter ist mir in Tod verhasst Zwieback, wie Sie ihn gewohnlich hier beim Teetrinken essen; er gleicht gewissen Leuten, deren Witz nie reif wird, obschon er zweimal gebacken ist, und die immer beide Backen voll nehmen, nichts zu sagen.

Die Blonde: Und weiter

Ich: Und weiter ist mir verhasst eine Art von Zeug, Damis genannt; er hat einen verdammten Glanz, schreit alles an, ist ausserst sprode, reisst leicht, und am Ende ist gar nichts dahinter.

Die Ernste: Und weiter

Ich: Und weiter ist mir verhasst: Wandle auf (Rosen) und (Vergissmeinnicht); das ist eine dumme Sentimentalitat, die einen an allen vier Ecken der Welt einholt, ein Gedanke, ja, fast so abgeschmackt, wie die Anekdote der Herren von Viereck, die hinter einander ins Tor ritten; wenn mir die jemand erzahlt, mochte ich ihm immer sagen: Wandle, wo du willst, und denke nach Belieben an mich.

Das Schlanke Bild: Und weiter

Ich: Und weiter seien weit von mir alle tote Vivat auf Torten und Illuminationen, Gott weiss warum, es giebt eine Art hofliche Leute, die nichts als wunschen, und die man verwunschen sollte.

Das war ein Stuckchen der Unterhaltung dieses Abends. Gute Nacht, lieber Godwi, morgen weiter ich komme morgen an die Manner.

Romer

Romer an Godwi

Mein letzter Brief war ein wenig toll, lieber Godwi, aber ich kann es gar nicht anders einrichten; ich verliere mich so in das Wesen hier, dass ich fast Mass und Ziel vergesse, und hatte ich nur Zeit, mich ein wenig mit einer einzigen von allen den Weibern zu beschaftigen, so wurde mich vielleicht eine einzige fesseln, aber so bin ich immer in eine ganze Tapete mit eingewebet, alle Augenblick fliegt eine andre wie ein Weberschiff an mir voruber, und reisst mich hin, an ihrem Punkte mein Kolorit herzugeben; bald muss ich ein Stuckchen Blume, bald einen Punkt im Auge, bald einen Funken, bald eine Perle vorstellen helfen.

Es wird dir, glaube ich, wohltun, oben auf deinem Berge, wo du halb im Himmel steckst, solche Menschenbilder zu sehen, und du kannst Tilien meine Portraits vorlesen, die ohnedies keine Weiber als Joduno und deine Molly kennt, und keine Manner als dich und den Landjunker.

Es sind drei Sohne im Hause; die ubrigen, zu denen der gehort, der einen Brief geschrieben hat, den du auch geschrieben haben konntest, sind in der Fremde. Ich will dir die drei ein wenig einteilen, in den Allzudeutlichen, den Deutlichen und den Undeutlichen.

Der Allzudeutliche

Er ist der juristische Codex des Familienarchivs, und lasst in seinen Urteilen das Ur und Ur Ur noch stark horen. Er steht wie eine Eule geneckt unter den vielen leichten Vogeln.

Er tragt die Jurisprudenz wie Atlas die Welt auf seinem Nacken, und hat das Schone und Wahre in das Chaos versinken lassen, als er diese Welt auf seinen Nacken packte.

Sein Kopf ist gedruckt, sein Leben gebuckt, doch schlagt sein Herz edel und frei, denn da liegt ein liebevolles Naturrecht drinne, das dem Ballen positiven Rechts, in dem sein Kopf wie ein Turk im Turban (meine Turkin auszunehmen) bis uber die Augen steckt, die Spitze bietet.

Ubrigens ist es ihm gar nicht turkisch zu Mute, denn er liebt den Wein, wie jene die Weiber, das heisst offentlich, und die Weiber, wie jene den Wein, das heisst heimlich.

Er ist ein sonderbares Wesen, ganz fur sich und in sich, und selten in den andern, die er doch alle liebt, die ihm alle nichts geben, und denen er gerne giebt, wenn er hat.

Jetzt komme ich an den

Deutlichen.

Ich wage ihn kaum zu beschreiben, vor ihm neigt sich die ganze Erscheinung, er ist die Wahrheit, die Gute, die Liebe, die ruhige Sorge, der Friede und der entsagende Fleiss, der von allen verstanden, geliebt und geachtet wird; in ihm und der Brunette, die ein inniges Bundnis mit ihm schloss, findet sich alles wieder, sie halten alles zusammen, sie durch Geist und Sinn, er durch Herz und Tat, und es ist wirklich viel, so viele zu vereinigen. Es ist ein Kunstler in ihm verdorben, er hat viel Sinn fur Gemalde und Zeichnung, und es ist ruhrend zu sehen, wie bei dem grossen Mangel solcher Gegenstande um ihn sein Blick oft mit Aufmerksamkeit auf dem Basrelief seines Ofens oder auf der Arabeske seiner Papiertapete verweilt. Er hat unendlich viel Sinn fur Poesie, und ist es nicht viel, wenn ein Mann von sechsunddreissig Jahren, mit ungeheuren Geschaften und Familiensorgen beladen, uber Tiecks Genoveva weinen kann, und wenn sein gutes Weib Tage nach der verflossenen Lekture sagt: "Lieber, es ist kalt in der Stube", dass er ihr antwortete: "Gute Frau, Genoveva hatte mit ihrem Bambino noch viel kalter im Walde, und jener schrie und war schon auf der Welt, deiner warmt sich noch an deinem Herzen." Es ist mir nicht sowohl fur seinen Kunstsinn als fur sein Herz bestimmend, dass unter so vielen gelesenen Gedichten gerade dies einzige wunderheilige ihn so ergriff ich schicke dir es hier, du sollst es mit Tilien lesen im Walde.

Der Deutliche ist ein Kaufmann, ich habe viel von ihm gelernt; ich ende so, dass ich sage, jeder sollte in seiner Art sein, wie er, Liebe und Ernst zu dem Seinigen.

Sein Herz liegt seit kurzem an den tiefen, stillen Grunden des sanften, schlanken, weissen Bildes vor Anker der kleine jaspisne Anker ist von ihm ausgeworfen worden, er hangt am Halse seines Weibes.

Jetzt wende ich mich zu dem

Undeutlichen.

Dieser Mensch ist in einzelnen Minuten eine wahre Erscheinung doch kampft meistens Mode und Genialitat mit seiner Oberflache. Ausser diesen Minuten konnte man ihn fur einen Dichter und nicht fur einen Kaufmann halten.

Er ist selten unter uns, und wenn er es ist, so fuhrt ihn Liebe und Gefalligkeit her; aber weil er ewig seines Ehrgeizes wegen sich muss gefangen halten, um seine Nichtanlage zu seinem Stande zu verbergen, so erscheint diese Liebe fast nie anders als eine notgedrungene Kalte, indem er die Zeit oder die Gewandtheit nicht hat, nur das Einzelne zuruckzuhalten.

Er ist durch diese ewig in ihm gespannte Feder verschlossen, ohne es zu wissen, und freundlich mit Angstlichkeit.

Oft schweigt er wochenlang, und bald ist er die Macht der Unterhaltung; die Weiber schatzen ihn, und wagen es nicht, ihn zu lieben, weil er sie liebt, und es nicht wagt, sie zu schatzen.

Alles ausser seinen Gesichtspunkten nennt er Schwarmerei, und ihm sieht sie aus den Augen, denn sein Stand halt ihn nur gefangen, weil er in ihm aus Schwarmerei seine Freiheit hingegeben hat.

Ein innrer Kummer uber alles das druckt sein Herz, und aussre Umstande, denen er huldigt, fesseln seinen Geist. Er ist ein trauriger Beweis, wie der Stand einen Menschen verbildet, und der Mensch in seinem Stande unterjocht ist.

Aus einer freigebigen, schonen, edeln, freien, herrschsuchtigen Seele ist ein Kaufmann geworden ist das einzige, was ihn ganz charakterisiert.

Er bekummert sich wenig um mich, weil er dadurch um sich selbst bekummert werden konnte, und sucht nur Menschen, die ihn in seiner Sphare erhalten konnen, die er als Burger mit Ehre erfullt, und es ist traurig zu sehen, wie er aus Ehrgeiz mit Menschen umgeht, die seiner nicht wert sind, die ihn, indem er sie nur als Mittel gebraucht, wieder als Mittel gebrauchen, freilich nicht zum Mittel einer edlen Entsagung, wozu er sie gebraucht, sondern zum Gegenteil. Du wurdest ihm ein Schrecken sein. Er schamt sich fast jeder Ruhrung aus dem missverstandnen Worte: "Sei ein Mann", er, der zu nichts Anlage hat als zu dem sussen Namen, in dem Schosse eines schonen, liebenden Weibes: "O du lieber, schoner Junge". Er schamt sich fast jeder Ruhrung, und wenn er fur sich allein in seiner Stube Guitarre spielt, so hebt ihn sein eigner Gesang eines einfachen Liedes in die Hohe, er wendet die Blicke phantastisch zum Himmel, und hebet den Kopf zartlich, und schwarmt sich auf seiner runden, vollen Stimme, Gott weiss, in welche Umarmung eines andern hohern Lebens, einer Liebe, oder einer Kunst.

Er liebt seine Pflicht zu sehr, und seine gerechte Forderung zu wenig, und wird einstens sehr unglucklich sein, wenn er nicht ein Weib bekommt, in deren Genuss, in deren Genialitat selbst das Band der Ehe luftig, leicht und schon wird. Das ware so ziemlich das Haufchen, das mich umzingelt, und schon so gefesselt hat, dass ich nicht weiss, wie ich wieder nach Hause kommen soll.

Ausser allen diesen Menschen existieren noch zwei auswartige Mitglieder des Bureau d'esprit, die sehr aktiv sind, und die ich gelegentlich schildern werde, wenn sie mich ein wenig geargert haben, weil er schwer ist, sie gern zu schildern, wie sie sind, ohne dass man etwas bose auf sie sei.

Zu dieser Gelegenheit komme ich sicher leicht, denn ich darf den einen nur einmal recht betrachten und erkennen, und den andern einmal recht obenhin ansehen, so habe ich mich gewiss uber beide geargert.

Lebe wohl. Ist heute abend keine Sitzung, so gehe ich ins Theater, die herrliche Sangerin zu horen. Der Undeutliche ist so von ihr entzuckt, dass sie durch alle seine Vorurteile uber Schauspieler eine Lucke, eine Ausnahme gesungen hat. Ich gehe allein hin, um zu horen, ob sie besser, ruhrender singt als die Turkin in B. Dein

Romer

Romer an Godwi

Troste dich, mein Lieber, du wirst nicht in die Verlegenheit kommen, das Herz eines treuen, zarten Madchens zu kranken.

Joduno von Eichenwehen wird nicht zu Tilien kommen. Sie kommt hierher zu der Brunette, zu Sophien. Es hat mich ihr Brief, den ich lesen durfte, weil man nicht weiss, dass ich dich und sie durch dich kenne, tief geruhrt.

Das arme Madchen, ja sie liebt dich, und schwankt in ihrem Briefe schuchtern hin und her, ob sie zu ihrer Freundin oder dir soll; am Ende besiegt sie die schwere Wahl, und will scheinen, nur ihre Freundin geneckt zu haben mit dem Nichtkommen.

Ihr Entscheiden, hierher zu kommen, hat mich erfreut fur dich, und mir ist es wunderbar bang darum geworden, ihr Brief schon hat mich seltsam beruhrt.

Es ist seltsam, wie mir das Schicksal deine verlassenen Schmetterlingshullen in den Weg fuhrt.

Vielleicht werde ich bei ihr die Englanderin vergessen, wie du, die Englanderin vergessen, die mich oft zum Traumer macht. Sie ubt eine wunderbare geheime Gewalt uber mich aus, die mich druckt, und von der ich mich um keinen Preis loskaufen mochte. Ich furchte mich daher vor Joduno.

Du weisst, dass ich mit meiner planen, ehrbaren Erziehung, in meinem ausserst verstandlichen Kaufmannsstande, gar nichts Geheimnisvolles habe, als dass ich nicht weiss, wessen Kind ich bin, und dass ich nichts verberge als den Einkaufspreis. Nun qualt mich das Mystische in der Englanderin Betragen unendlich, die sich wie ein unbekannter tatiger Genius in unsre beiderseitige Existenz hineingefunden hat.

Das Wunderbarste ist, dass sie zu uns beiden eine Art von Liebe hinzog, und sie plotzlich abbrach, als habe sie nur so lange geliebt, bis sie ein Zeichen in uns erkannte, dass sie es nicht darf. Doch ich hoffe auf den Brief, den du von ihr erhieltst, er muss alles erklaren. Verliere ihn nur nicht, mache um Gotteswillen keinen Papierdrachen fur Eusebio, noch einen Haarwickel fur jemand anders draus.

Joduno also kommt hierher und wie das?

Die Brunette war mit ihr in einem Kloster, wo sie miteinander erzogen wurden, sie ist ihre innige Freundin, und dies verspricht viel fur Joduno.

Denn wer dieses Madchens Freundin ist, mag wohl die Achtung der Welt verdienen; aber wenige sind es ganz, das heisst, wenige konnen ihr geben, was ihr fehlt Sie selbst und nur der kann es, der ihr Freund nicht so ist, wie es alle diese sind, die sie nur lieben, weil sie so viel giebt; nur der kann es, der wie ein Spiegel vor sie tritt, der nur alles nimmt, um es ihr zu geben.

Ihr Leben war bestimmt, zum Himmel, zu der Kunst, zur unendlichen Liebe hinzustromen, aber sie ward aufgefangen zum Strome, sie ward von durftigen Ufern eingefasst, und ergoss sich aus Mitleid freundlich rauschend, nahrend und spiegelnd durch das arme Leben andrer; viele taugliche, schiffbare Flusse, einige fischreiche Bachlein, und viele Waldstrome und wilde Schneegewasser rannen gierig in sie hinein, um sich vergrossert und auf der Landkarte in ihr geehrt zu fuhlen. Schweigend nimmt sie alle auf, die sich ihre Freunde nennen, und fuhrt sie weiter; durch diesen Zufluss ist sie aufgehalten zu vergehen, sie muss langsam die truben Wellen abwartswalzen, und ihre Freunde merken es nicht, dass sie sie aufreiben uber ihr steht die Sonne und saugt sie gierig hinauf, schon an der Quelle dort strahlt sie dankend der Sonne Bild zuruck, und sie wird wohl bald versiegt sein und im Gedanken leben, wenn das zusammengeflossene Gewasser ihrer Freunde den Strom allein ausmacht, den man Sophie nennt. Sie ward umfasst, und sollte alles gelinde umfassen, und wenn ich sie ansehe, ist mir, als sei sie nur noch die Form ihres Lebens, und zerbricht diese, so werden die, die sie so fest zusammenpackten, mit den Kopfen zusammenstossen, und weinen, dass sie nun auf ihren eignen Fussen stehen mussen.

Weil ich doch dabei bin, so will ich uber die Brunette in einer Fabel weissagen.

Eine kraftvolle, herrliche Eiche wachst in der Mitte von vielen andern gewohnlichen Baumen. Die Menschen kommen und wollen sich Hutten bauen, sie hauen die gewohnlichen Baume nieder, und keiner mochte gern die Eiche verlieren, so bauen sie denn rund um die Eiche schlechte, baufallige Hutten. Die Eiche, die sich durch inneres Leben weit und machtig ausbreitet, wusste gar nichts von den Hutten und wachst ruhig fort; die Menschen aber glauben, es ware recht schon, wenn sie die herumstrebenden Aste der Eiche in ihre Hauser hinein verbauten, damit sie doch in ihrem toten Holze einen grunen Zweig hatten; und so muss nun die arme Eiche in dunkle Stuben, feuchte Gewolbe etc. hineinwachsen sie vertrauert leise, ohne es zu wissen, sie folgt dem angewiesnen Wege. Ihre Krone nur spielt noch in der freien Luft, die einzelnen Aste verdorren, und die Menschen bauen immer naher heran, sie lehnen Uberhange und Altanen auf die Zweige. Da wachst sie unter dem herrlichen Lobe: "O die gute, herrliche Eiche!" gegen alles ihr Streben; endlich drangt sich gewaltsam ihre Kraft empor, sie strebt mit allem ihrem Leben zwischen den engen Hutten hinauf, die Sonne blickt auf sie, sie bluht heftig im Winter, treibt Frucht und Blute und Samen mit Gewalt nebeneinander in die Hohe; dies ist die einzige Minute ihres eignen Lebens, und die letzte. Alles bricht an ihr herunter, alle die leichten Werke, auf sie gestutzt, zertrummern, und die Hutten senken sich traurig gegen die Mitte, wo sie war.

Lieber, ich habe nicht geglaubt, dass ich das schreiben wurde, was ich schrieb, es hat ein Wort das andre gegeben, und nun, ach! nun ist mir wunderbar still zu Mute; von der Strasse steigt ein stohnender, gebrochener Ton herauf, es ist ein armes Weib, das geistliche Lieder singt, um zu leben. Ihr Gesang hat mich erweckt, und es ist mir ein wehmutiger Nachklang geblieben. Ich will ihr ein brennendes Papierchen mit Geld hinabwerfen. Ach! ist das der Stern, der sich deiner erbarmt, du armes Weib? Es ist schrecklich, dass in der Burgerschaft das Beten zum Betteln werden muss. Ach, wie ist es traurig, dass der Mensch aus Armut singen muss, und dass alle Tone, die Seufzer und Klagen werden mochten, gezwungen werden, den Gang frohlicher Tone und des Jauchzens anzunehmen, wodurch der ruhrende Anstrich solcher Lieder entstehet.

Das Weib hort plotzlich auf, ich lausche am Fenster, es ist ein Frauenzimmer aus dem Hause gewesen, die mit ihr sprach. Ich erkenne die Stimme nicht, und da ich doch gerne wissen mochte, wer es war, so gehe ich hinab, zu sehen, wer in der Versammlung der Ubrigen fehlt. Du sollst es gleich erfahren, lieber Godwi

Es war die Brunette, sie tritt herein, und als ich ihr sage, weil ihr ein Geldbeutel aus der Hand fallt: "Sind Sie noch so spat wohltatig?" antwortet sie: "Ich bin noch so spat wohl tatig, und manchmal wohl noch spater, denn ich tue wohl oft in der Nacht lesen; jetzt habe ich meine Kammerfrau bezahlt."

Verzeihe, Lieber, ich habe mich verirrt.

Man will nun debattieren, welcher der Bruder deine Freundin holen soll, und das wird im Bureau d'esprit geschehen. Lebe wohl.

Romer

Romer an Godwi

Ich schreibe dir heute das Resultat der gestrigen Konsultation.

Es fand sich gleich, dass die moglichen Gesandten nach Eichenwehen nur zwei seien, entweder der Zudeutliche, oder der Undeutliche.

Der erste war leichter zu haben als zu wollen, und der zweite war leichter zu wollen als zu haben.

Man zieht ihn zur Seite, man lobt ihn, man schmeichelt ihm, man verspricht ihm, seine feinen Hemden aufs zierlichste zu sticken, alle Hande erbieten sich, ihm eine elegante Satteldecke fur sein Pferd zu machen, alle Finger wollen ihm Stiefelstrumpfe aus englischer Baumwolle stricken, man nennt ihn das schonste, edelste, geschmackvollste Mitglied der Familie wenn er Joduno holen will.

Er nimmt alles an, um nicht stolz zu scheinen, er geht, um fur das Angenommene nicht verbindlich zu sein, und wahrlich, wer ihn kennt wie ich, wird gerne gestehen, dass es ihm sehr uninteressant sein muss, ein Madchen, das er nicht kennt, wie er glaubt, aus dem Huhnerhof ihres Lebens in den Elstern- und Pfauenhof seiner Familie einzufuhren, und eigentlich geht er frank und frei aus Liebe und Gefalligkeit, und die Kalte, welche diese zwei Motive verhullt, ist durch die missverstandnen Pflichten seines Standes in ihn gekommen.

Soeben steigt er beklatscht in den Wagen, Grusse und Kusshandchen von allen Seiten. Bald werde ich nun deine Joduno sehen und beurteilen.

Ich will dir heute abend schreiben, ob ich mich geargert habe uber die zwei ausserordentlichen Mitglieder, wenn ich aus dem Kabinette der Brunette komme. Guten Abend! Noch konnte ich mich nicht argern, kann also den zwei Leutchen nicht Gerechtigkeit widerfahren lassen. Das Gesprach war heute zu allgemein, und ich zu geneckt, als dass ich die zwei Menschen, die gegenwartig, so obenhin und durch und durch hatte betrachten konnen.

Die ganze Gesellschaft war beschaftigt, sich uber einige Charmants riens, die Titus, Karakallas, Charles douze, Gustav Adolph, Iglou, Vergettes, Terroristes, Incroyables und Merveilleux Kopfe zu zermartern Das sind lauter Arten von Verstand, Denkungsarten, die in verschiednen Gattungen von unordentlichen Frisuren bestehen, und oft kommt man in der Gesellschaft durch unwilliges Wuhlen in den Haaren in eine ahnliche Verstandeslage.

Damit man nun nicht merkt, dass ich am oftersten in diese Verlegenheit komme, und damit mein Verstand dann nicht so parvenu drein sieht, habe ich mir heute einen Haarkrausler bestellt, der mir die eklatanteste Frisur machen soll, damit ich weiss, zu welcher Art von Verstand ich mich mit der grossten Anlage bekennen soll. Da ist er; gleich, wenn ich gescheiter bin, sollst du die grosse Begebenheit horen.

Ich: Wie heissen Sie?

Christ ich soll Ihnen die Haare schneiden.

Ich: Christ? Schneiden Sie nur keinen Monchskopf hochstens etwas aus dem Dreissigjahrigen Krieg etwa einen Gustav Adolph

Es klopft an der Ture "Herein" ein zweiter Haarkrausler; der Bediente hat zwei bestellt.

Wie heissen Sie?

Heidenblut (mit einem wilden Blick auf Christ), und komme, Ihnen den Kopf aufzuraumen.

O wehe! da haben wirs, es wird einen Religionskrieg geben. Nun werden Sie einen Karakalla aus mir schneiden wollen

Christ: Ihr Kopf hat alle Anlage zu einem Gustav Adolph

Heidenblut: Ihr Kopf hat alle Anlage zu einem Karakalla

Ich: Was wird das nun? Ich schwanke von einem zum andern.

Christ: Herr Heidenblut wird Sie unchristlich raufen.

Heidenblut: Herr Christ, ich weiss, dass Sie immer mein Blut, mein Leben, mein Ungluck verlangen; Sie nehmen mir alle Kunden.

Christ: Nein, wenn ich Ihr Blut verlangte, musste ich Sie selbst verlangen, und ich brauche Sie gar nicht.

Heidenblut: Er wird Sie ganz gegen die Aufklarung schneiden; er wird Ihnen eine fromme Frisur schneiden.

Ich: Nun, so will ich unglaubig geschnitten werden. Herr Christ, wickeln Sie mich auf, brennen Sie mich, und Sie, Herr Heidenblut, schneiden mir dann die Haare.

Beide: Ja ja, Ihre Haare haben alle Direktion zu einem tres incroyable.

Ach, wie warm wird mir um die Ohren; Herr Christ, nur keinen Martyrer, nur keinen Martyrer so ich sehe drollicht aus mit den papiernen Lokken nun schneiden Sie, Herr Heidenblut. Meine langen Haare fallen mir bundelweise vom Kopfe schneiden Sie nur nicht alles weg.

Er: Um die Ohren muss alles weg damit sie besser wachsen konnen.

O wehe! die Ohren sollen wachsen

Er: Nein, die Haare.

Ich fuhlte eine sonderbare Kuhlung uber dem ganzen Gehirne, es ward mir viel leichter zu Mute; so zugestutzt kam ich in das Kabinett, wo man mich mit grossem Erstaunen aufnahm. Die Brunette fuhrte mich im Zirkel herum, die Blonde hielt mir einen Spiegel vor, und alles begann mich zu necken.

Morgen fahre ich fort zu erzahlen, und dann wird Joduno ankommen und eine grosse Lucke in der Korrespondenz entstehen.

Dein Romer

Romer an Godwi

Heute bin ich dazu gekommen, die zwei ausserordentlichen Mitglieder des Bureau d'esprit zu beschreiben, ich habe mich geargert.

Ich trete in die Stube, und will wie gewohnlich gleich nach dem Heiligtume, dem Kabinette zu aber eine Menge Hande fahren mir entgegen, halten mich auf "pst pst still sie ist krank sie hat ein Nervenfieber."

Das ganze Vorzimmer rauscht von Teilnahme seufzende neue Stiefeln und rauschende seidne Kleider bezeugen ihre Teilnahme, und eigentlich nehmen diese Leute nur auf zwei Arten teil, erstens, indem sie noch teil an dem bisschen gesunder Luft der Kranken nehmen, und zweitens, indem in ihnen alle ihr Teil genommen wird, denn seitdem die erste erregende Potenz, die Brunette, krank ist, und zwar (wie der Arzt sagt) asthenisch, hat sie alle die hochste Sthenie uberfallen, sie sind alle fade, man hort keinen guten Gedanken, alle ihre wunderlichen Frisuren sind nur wunderliche Frisuren, und horen auf, Arten von Verstand zu sein.

Ich argerte mich uber die zwei ausserordentlichen Mitglieder, weil der eine mit einer ungeheuren Pratension von Teilnahme der armen Sophie dicht vor das Lager geruckt ist, und ihr mit Gewalt jedes gesunde Wort, das sich ihr entwindet, dicht vor den Lippen wegfangt, es mit Ungeschicklichkeit in seiner zerstreuen wollenden Unterredung auffangt und ihr verwickelt wie ein Ratsel zuruckgiebt. Er weiss nicht, dass dies Madchen auch in der Krankheit uber seine kranke Gesundheit Meister ist, und mit einer geteilten Muhe ihm halb aus Gutherzigkeit seine Arbeit an ihrer Zerstreuung muhselig zu erleichtern sucht, und aus der frohen, naturlichen Wildheit ihres Geistes, die in diesem Augenblicke etwas mit Uberreiz kampft, wieder hingerissen wird, ihn zu verwirren. So versetzt er das arme Geschopf in die schadlichste Arbeit und kann, indem er mit dem Unglauben an die Lage der Sache durch seine Eigenliebe und seine Hoflichkeit zu kampfen veranlasst wird, nicht einsehen, dass er ihr schadlich ist, so wie sie aus dem ewig fatalen, und auf dem Krankenbette fatalen Motive, das die Franzosen Egard nennen, verhindert wird, ihn fortzuschicken.

Ich setze mich in der Vorstube schweigend auf den Fussteppich, hore unwillkurlich diese erbarmliche Konversation, denn ein Gesprach war es nicht, an, und lasse meine Blicke in der Stube herumschweifen.

Auf diese Weise tatig, erlitt ich, ohne zu wissen wie, die Handlung des zweiten ausserordentlichen Mitglieds, durch die ich auch geargert wurde.

Der Mann sass da und schnitt meine Silhouette mit der grossten Gleichgultigkeit aus, und trifft meine Seele so wenig, dass er die herunterhangende Schlafmutze, die er dran geschnitten hat, ganz allein schnitt, weil er behauptet, ich hatte geschlafen; ja, denke dir, ich bin versichert, dass er meinen Schattenriss allein schnitt um der Schlafmutze willen, dass er mich an eine Schlafmutze hangen wollte.

Uber die ubelverstandne Schlafmutze bos, weil ich in demselben Augenblicke sehr traurig uber die Konversation des ersten Mitglieds war und drauf studierte, wie ich ihn hinausspedieren wollte, beschwerte ich mich; er wollte sich entschuldigen und sagte:

"Ihr Profil ist so schon."

"Deswegen sollten Sie es nicht in den Schatten stellen", erwiderte ich.

"O schneiden Sie mir darum kein Gesicht", fuhr er fort.

"O hatten Sie darum mein Gesicht nur ungeschnitten gelassen" setzte ich hinzu.

Meine Antwort erregte Lachen, die Kranke ward aufmerksam und wollte das Ganze horen, und den Schattenriss sehen, und ich zog mich traurig zuruck, dass ich, indem ich mehr Ruhe um sie zu bringen suchte, die Unruhe selbst veranlasste.

So bin ich nun auf meiner Stube uber beide geargert, und kann sie dir beide beschreiben.

Diese zwei Manner, die sich weder von aussen noch innen gleichen, die weder in ihren Gesinnungen noch in ihrer Ausserung die mindeste Ahnlichkeit haben, konnen von einem Gesichtspunkte angesehen werden, dass sie das Produkt der namlichen Ursache auf umgekehrten Wegen sind. Zusammengeschoben machen sie ein verschobenes Viereck, und einzeln sind sie gleiche Dreiecke mit zwei spitzen und einem stumpfen Winkel, sie stehen, wie Figura zeigt: Der erste hat den stumpfen Winkel nach oben, der andre nach unten gewandt, und keiner einen rechten in sich.

Des ersten Erscheinung wird sich leicht in dich drucken, ohne einzudringen noch zu bleiben, und des zweiten Erscheinung sich scharf, bleibend und schmerzlich eindrangen.

An keinen von beiden kannst du etwas erbauen, dass es zugleich fest und gerade stehe. Gegen den ersten kann sich dein Wesen hochstens schlafend anlehnen, und an den zweiten kannst du hochstens etwas hangen.

Der erste, der die gerade Linie zur Basis hat, steht Basis hat, schwankt entweder von einer Seite zur andern, indem er das Gleichgewicht sucht, oder steht auf dem stumpfen Winkel fest, indem er etwas unterschiebt, oder lehnt sich auf die linke oder rechte Seite, doch muss er dir ewig den spitzen Winkel entgegenhalten.

Das ware das Allgemeinste, was man von ihnen sagen kann; nun will ich etwas in das Einzelne gehen.

Es giebt Menschen, die so geschaftig oder trage im Leben waren, dass sie nichts Eigentliches getan haben, noch irgend tun konnen, indem immer eine Handlung die andre durchkreuzte, oder jedes Aufnehmen in sich das andere verloschte. Das ist mit beiden der Fall.

Ich will den mit dem stumpfen Winkel oben B nennen, und den entgegengesetzten A.

B ist, der in der Tragheit lebte, ein Mensch der nie etwas getan hat, nie um etwas gekampft, er sitzt auf seiner breiten Basis recht kommode, oder er ward vielmehr von Jugend an drauf gesetzt; so bequem, wie er dalag, hatte er weiter keinen Drang, als sich gelinde zu erheben, und hat es bis zum stumpfen Winkel in die Hohe gebracht. Er hat so viel genossen, dass er nicht mehr viel geniessen kann, und schon so viele Genossen gehabt, dass er keinen Freund mehr haben kann. Da ihn nun alles langweilt, fangt er an, seinen Verstand zu gebrauchen, aber untersteht sich, nach seiner Aisance, die nun anfangt wirkliche Mattigkeit zu werden, nichts zu tun, als nach den Zipfeln der schonen Wissenschaften, geistreichen Umgangs und der Wohltatigkeit zu greifen, die ins gemeine Leben herabhangen. Er fasst nie mehr als einen Zipfel, und nie begreift er den Gipfel.

(Horst du, ich werde poetisch, ich habe a contrecur einen Reim gemacht.)

Seine einzige Erhebung ist also nichts als folgendes

Er legte sich zu Bette aus Wollust, walzte sich drin herum aus Veranderung, blieb liegen aus Mattigkeit, und kann nun nicht wieder aufstehen, aber uber dem Bette des burgerlichen Lebens hangt der Himmel der Kunst, und in jedem guten Himmelbette hangt ein Bettzopf herunter, an dem man sich in die Hohe ziehen kann nun fasst er also diesen Bettzopf, diesen Zipfel des kunstlichen Himmels, um sich in die Hohe zu bringen, und fallt wieder in die Kissen hinein. Wenn er so ein wenig in die Hohe ist, regen sich alle erdruckte Moglichkeiten in ihm, und er hat, solange er sich oben erhalten kann, einige gute Gedanken, Wunsche und eilfertige Taten, aber pumps fallt er wieder nieder.

Die Menschen sind zum Aufrechtstehen, zum Herumgehen gemacht, und so auch liegt ihnen das Herz im Leibe; wenn sie sich aber ins Bette legen, um immer drinnen zu liegen, kann nichts in ihnen handeln, sondern alles wird zur Verdauung, es werden keine Weltmenschen, sondern Bettmenschen draus.

Sein Inneres ist auf vielfache Weise verschoben, und sein Ausseres gelinde aufgeschwemmt.

Konnte dieser Mann nicht durch die Liebe geheilt werden? Ja, wenn er die Liebe nicht meistens mit in sein Bett nahme; er musste sich in Bettzopfen ruiniert haben, so viele heruntergerissen haben, dass er sich keinen mehr kaufen konnte; dann musste man ihm eine Liebe recht hoch von einem andern Himmel herabhangen, und weit von seinem Lager, weil, ware sie ihm bei seiner Gewandtheit erreichlich nah, so wurde er sich mit Gewalt herauslehnen, den Bettzopf ergreifen und durch sein Ubergewicht abreissen. Ist das Band, an dem er sich hinaufziehen kann, aber weit von ihm, und recht hoch, so wird er sich entschliessen, herauszusteigen, wird sich wieder ans Gehen gewohnen, und endlich, um die Geliebte zu erreichen, sogar springen lernen.

Alles das konnte als eine Allegorie seiner Lage in einem Feenmarchen recht schon erzahlt werden, am Ende wurde dann die Fee, die ihn beschutzt, aus dem Bettzopf eine herrliche Prinzessin machen, das Bett wurde zu Asche zerfallen, der Betthimmel mit seinen seidnen Wolken zum Himmel werden, der uber ihm strahlte, und er wurde sicher bei seinem Geiste, seiner Leichtigkeit und seiner Ubung ein achtungswerter, liebenswurdiger Mann sein.

Du weisst, dass ich in meinen Erzahlungen immer den Menschen und den Burger trenne; ich sprach hier nur vom Menschen, insofern er sich von der Basis erhebt: als Basis ist er Burger und, feststehend, solid und durch seine grosse Flache tatig, ist er als solcher ein rechter Quaderstein seines Standes, ein achtungswerter, geschickter, fleissiger Burger

Wenn er wusste, lieber Godwi, dass ich dir dies schrieb, und konnte es wahr fuhlen, und konnte begreifen, wie ich ihn bei allem dem mehr als irgend einen seines Standes liebe, die meistens ganz auf dem Ohr liegen; wenn er begreifen konnte, wie ich ihn mit Ruhrung und herzlichen Wunschen den Bettzopf mit seiner Sehnsucht in die Hohe ergreifen sehe; wenn er wusste, wie sehr ich den Menschen und den Talern bose bin, dass sie ihn so zurichteten, und konnte daruber traurig werden und keinen Groll hegen: so ware noch Hoffnung fur ihn, und ich wollte dem Himmel danken. A war so tatig, so geschaftig, dass er nie was getan hat; bei seinem ubergrossen Drang aber ist er mit der ganzen Flache nach aussen auf sein Schicksal losgegangen, und sein Schicksal war tausendschneidig und tausendfach, das siehst du an seiner Flache, die er nach aussen kehrt.

Er ist nicht leise von der Seite und offensiv seinem Leben entgegengegangen, sondern die Augen zu, durch einen Hagel von Widerwartigkeiten, tappte er blindlings nach dem, was er erreichen wollte, und hatte es nur in sich; denn indem sein Hochstes in ihm pochte und rief: "Ergreife mich, bilde mich, stelle mich ins Leben", und seine Aufmerksamkeit durch das ewige Balancieren, indem er, auf seinem stumpfen Winkel stehend, nie Ruhe hat, sondern von einer Seite zur andern fallt, geteilt, diese Stimme nicht verstand: so fuhlte er sein Innres nicht als Ruf, sondern bloss als Stoss, Reiz, Sehnsucht, und tappte nimmer findend vorwarts.

Er hat daher alle Spuren des Lebensstreites auf seinem Aussern, sein Korper ist ein vernarbter derber Krieger, aber seine Muskeln sind durch dasselbe abgehartet. Er ist kein zerstorter, nur ein markierter Mensch; er ist nicht gebildet, nur geubt; er ist kein geschickter, nur ein abgeharteter Mensch.

Stosse einen Menschen, der ein Dichter oder ein Philosoph werden sollte, in das Brausen einer Staatenumwalzung, und mache, dass er, seine Oberflache nach aussen, alle Zerstorungen derselben auffangen muss, gieb ihm dabei keinen festen Punkt, weil er das in sich nicht entwickelt und zur Stutze gemacht hat, was ihn halten kann; gieb ihm dabei Glut, Liebe, Feuer, gieb ihm Ehrgeiz, sich aufrecht zu halten, lass das Ganze los, dass die innre Wildheit ihn treibe und die Wellen der kampfenden Aussenwelt uber ihm zusammenschlagen und du wirst in der Erscheinung sein Leben sehen.

Alles das, durch Dauer und Dauerhaftigkeit zur Gewohnheit, zur Natur geworden hier ist A. Es ist angenehm, mit ihm zu leben, er ist treuherzig, wenn es sein Witz erlaubt, vergnugt, immer voll Hoffnung, und ewig derselbe; wird nicht aufgerieben werden, er wird einstens zerbrechen, das ist die Art seines Untergangs.

Nun bin ich ruhig, und will, da du dir nun alle Glieder des Bureau d'esprit denken kannst, den Ort der Versammlung, insofern er ein Produkt der Brunette ist, beschreiben.

Die ausserst einfache, doch krause, harmonische, doch bunte Meublierung der Stube zeigt gleich, dass hier ein Weib haust, das die Welt und ihren Inhalt in sich halt, und das nichts in seine liebenswurdige Caprice, sondern seine liebenswurdige Caprice in alles tragt.

Sie herrscht hier, ohne es scheinen zu wollen, aber alles, was man hier mit geistigen Fuhlhornern und den Handen beruhren kann, ist so von ihrem Sinne ubergossen, so von ihr ausgegangen, dass man an keinem Orte der Welt auf eine angenehmere Weise seinen Willen nicht hat.

Sie ist ein vollkommnes Wesen, das in allen Saiten, die uber die Tonweite ihres resonannten Daseins gespannt sind, ewig erklingt, und wo sie ist, ist sie auch so in das ganze Irgendwosein verwebt, dass sie in allen Punkten des Irgendwos wiedertont.

Was sie beherrscht, und was sie umgiebt, ist die Variation ihres eignen Themas, doch leider schon mehr Gesellschaftslied als gottliches Gedicht.

Und wenn ich sie auf ihre Moglichkeit, die unmoglich geworden ist, nicht zuruckgefuhrt, gerade wie sie ist, auf Noten setzen konnte, so musste sie selbst mit ihrer sehr kunstlichen Resignation das ganze Bild, auf ihrem kleinen Klaviere, mit ihren kleinen Fingern spielen, mit ihrer feinen Stimme singen, damit es nicht allerliebst langweilig klange.

Denn ware in dieser kleinen irdischen Hutte nicht ein einziges, schon gewolbtes Fenster (sie hat nur ein Auge), auf das von aussen die Sonne der Welt blitzte, und durch das von innen die andachtigste, zarteste Seele einer Sakontala die Augen gegen den Himmel hobe, so konnte man bei den vielen Manieren und der Eleganz die ganze Erscheinung leicht fur so leicht als eine erhabene Gartenverzierungsidee halten.

Lebe wohl! morgen kommt Joduno.

Romer

Romer an Godwi

Ich eile, wir gehen alle in die Kirche, ich auch, in die katholische Kirche.

Es ist Allerseelentag, dieses Fest ist das Fest aller Seelen; auf jeder Gruft brennen so viele Wachsfakkeln, als sie geliebter Freunde Korper umfasst. Die Lichter brannten so heilig, als wollten sie die Seelen vorstellen.

Alle die Kinder des Hauses gehen nach dem Grabe der Mutter, heute gleichen sie sich alle, sind alle stille Trauer und Nachdenken, und guter Vorsatz.

Die Brunette kniete so heilig, so geruhrt am Grabe ihrer Mutter, sie betete und ward ohnmachtig, man brachte sie nach Hause, hier finden wir Joduno und den undeutlichen Bruder. Alles ist voll Freude. Die Brunette sagt, es sei ihr gewesen, als wenn es sie leise in die Gruft hinabzoge.

O Godwi, wo ist deine Mutter! die Schmerzen des steinernen Bildes fielen mir ein; wo ist meine Mutter!

Romer

In dem Bureau d'esprit hangt das Bild der Mutter Sophiens, in einer gelinden, zarten Zeichnung, die Geschwister gleichen ihr alle, jedes hat seinen schonen Zug, und den findest du gewiss in dem Bilde ihrer Mutter wieder.

Ende des ersten Teils

Zweiter Band

Herausgegeben von den Freunden des Verstorbenen, mit Nachrichten, von seinem Leben, seinen Arbeiten

und seinem Tode

An B.

unabhangige Dedikazion

Es ist unstreitig ein reiner Enthusiasmus in mir, denn jeder heller froher Anklang von aussen offnet alle Schleusen meiner Seele, das Leben dringt dann von allen Seiten wohltuend in raschen Stromen auf mich ein, und meine Ausserung ergiesst sich ihm in gleicher Freude. Ich fuhle dann keinen Druck, keine Gewalt, weder eine Erniedrigung, noch eine Uberlegenheit. Ach! in solchen Momenten habe ich nur eine Reflexion, sie ist Segen, den ich uber mein Dasein ausspreche, und ich fuhle dann Egmonts Gebet durch alle meine Adern stromen, ich lebe dann die Worte:

So ist es mir, wenn sich ein frohes Gemut, dem die ausubende Kunst das Hochste zur lebendigen Kraft, zum bewusstlosen Innewohnen geschaffen hat, rein und mit klopfenden warmen Pulsen um mich bewegt, und in leichten Spielen ohne Studium ein Leben vor mir entfaltet, dem das Abstrakte durch eine gluckliche Beugung der Formen zum lebendigen Elemente ward. Die Minuten, in denen ich mich in ihr verloren fuhle, unter den Strahlen seiner gesunden Freude leichter atme, die Minuten, in denen ich vergesse, dass seine Schonheit auch der Muhe errungenes Kind ist, sind die einzigen, die ich vertraulich mit dem Leben umgehe und nicht ein unwillkurlicher Kummer auf meiner Seele liegt. Ich verzweifle dann nicht an meiner Fahigkeit, die grossen Werke der Kunstler erschuttern mich nicht, und in meiner Brust ist hell und deutlich geschrieben: Dahin magst du auch noch gelangen; die Werke der grossen Meister erscheinen mir dann wie ferne Stadte, nach denen sich mein wanderndes Leben hinsehnt, und die ich in warmen Fruhlingstagen wohl auch noch erreichen moge.

Wenn dein holdes Bild vor mich tritt, meine Liebe, so ist mir, als harrtest du meiner dort, als wohntest du in jenen glanzenden Stadten, sie waren deine Heimat, du sehntest dich nicht heraus: wie eine schone wunderbare Blume bewachte dich der Genius der heiligen Fremde und verehrte dich in geheimnisreichem Gottesdienste.

Als hohe in sich selbst verwandte Machte

In heilger Ordnung bildend sich gereiht,

Entzundete im wechslenden Geschlechte

Die Liebe lebende Beweglichkeit

Und ward im Beten tiefgeheimer Nachte

Dem Menschen jene Fremde eingeweiht;

Ein stilles Heimweh ist mit dir geboren,

Hast du gleich fruh den Wanderstab verloren.

Die Tone ziehn dich hin, in sanften Wellen

Rauscht leis ihr Strom in Ufern von Kristall,

Sirenen buhlen mit der Fahrt Gesellen,

Aus Bergestiefen grusst sie das Metall,

Der Donner betet, ihre Segel schwellen,

Aus Ferne ruft der ernste Widerhall;

Die Wimpeln wehn in bunten Melodieen,

O wolltest du mit in die Fremde ziehen.

Die Farben spannen Netze aus und winken

Dir mit des Aufgangs lebenstrunknem Blick,

In ihren Strahlen Bruderschaft zu trinken.

Am Berge weilen sie und sehn zuruck

Willst du nicht auch zur Heimat niedersinken?

Denn von den Sternen dammert dein Geschick;

Die fremde Heimat, spricht es, zu ergrunden,

Sollst du des Lichtes Sohnen dich verbunden.

Auch magst du leicht das Vaterland erringen,

Hast du der Felsen hartes Herz besiegt,

Der Marmor wird in sussem Schmerz erklingen,

Der tot und stumm in deinem Wege liegt:

Wenn deine Arme gluhend ihn umschlingen,

Dass er sich deinem Bilde liebend schmiegt,

Dann fuhrt dich gern zu jenen fremden Landen

Dein Gott, du selbst, aus ihm und dir erstanden.

Dich schreckt so stiller Gang, so schwer Bemuhen,

Du sehnest dich in alle Liebe hin,

Des Marmors kalte Lippe will nicht gluhen,

Die Farbe spottet deiner Hande Sinn,

Die Tone singen Liebe dir und fliehen;

Gewinnst du nicht, so werde selbst Gewinn,

Entwickle dich in Form, und Licht, und Tonen,

So wird der Heimat Burgerkranz dich kronen.

O freier Geist, du unerfasslich Leben,

Gesang der Farbe, Formen-Harmonie,

Gestalt des Tons, du hell lebendig Weben

In Nacht und Tod, in Stummheit Melodie,

In meines Busens Saiten tonlos Beben,

Ersteh in meiner Seele Poesie:

Lass mich in ihrer Gottin Wort sie grussen,

Dass sich der Heimat Tore mir erschliessen.

Ein guter Burger will ich Freiheit singen,

Der Liebe Freiheit, die in Fremde rang,

Will in der Schonheit Grenzen Kranze schlingen

Um meinen Ruf, des Lebens tiefsten Klang

Mir eignen, ihn mit Lied und Lieb erringen,

Bis brautlich ganz in Wonne mein Gesang,

Gelost in Lust und Schmerz das Widerstreben,

Und eigner Schopfung Leben niederschweben.

Du sollst dies Buch nicht lesen, denn ich liebe dich, und was ich in dir liebe, ist dieses Buch Unwert, und der Wert des Lebens, die Poesie dass ich hier zu dir spreche, ist meines Herzens innrer Drang, du hast mich gefangen, und bist mir die hochste Lehre. O ich mochte dichten, wie du da stehst, wie du wandelst und blickst, ich mochte denken, wie du gedacht bist, und bilden, wie du geschaffen bist.

Wie freundlich wurde dann mein Werk mir in die Augen sehn, wie wurdig sich dem Gedanken des Gebildeten in seiner Unschuld gesellen, denn Wurde ist Unschuld der freien Hoheit; wie wurde ich mein innres Leben gleich der Mutter meines Werkes verehren, und es rein erhalten von dem Ubermute einzelner Krafte, die roh und gewaltig wie ewiger Sturm die schone Tatigkeit der Ruhe in mir vernichten. Ich wurde mich selbst schatzen, um des Schatzes willen, der in dem Menschen und der Natur verborgen liegt, aus dem ich glanzende Edelsteine zu Tage gefordert, sie geschliffen und zu kunstlichen Geschmeiden meiner Liebe, meines Lebens, aller Liebe und alles Lebens gebildet hatte.

Dir wurde ich den herrlichen Schmuck anlegen, und du warest eins mit diesem Schmucke. In deinem Auge und dem Diamant bricht sich der leuchtende Strahl, aber mein Diamant wurde blicken wie dein Aug, mein Werk wurde schweben wie dein Gang, wie deine Lippe wurde es singen, den Sinn wurde es hinabziehen wie die Woge deines Busens, es wurde umfassen wie dein Arm, und lieben wie dein Kuss; rein ware mein Werk, gross, von sich selbst durchdrungen, und vom ganzen Leben tatig begrenzt, wie die Seele des Menschen.

Ich fuhle tief in meinem Herzen, wie die Junglinge jetzt dastehen, da sich die Zeiten trennen und die Philosophie mit der Reflexion alle Topfe des Prometheus zerschlagt; traurig sehn sie ihr kindisches Bilden zertrummert, und vergehen in weinerlichem Enthusiasmus. Gerne mochten sie das Feuer vom Himmel stehlen, und furchten, dass der schreckliche Gott sie an den Felsen schmiede, des Geiers ewige Nahrung.

O ihr hangt schon an dem Felsen, unbeweglich seht ihr den Wechsel des Tages und des Jahres: weder der leichte Flug des Vogels uber eurem Haupte, noch das Rauschen des Stroms, der des Himmels Spiegel zu euern Fussen walzt, lost eures Todes Band. Ihr vermogt nicht die Blume des Tales zu ergreifen, denn eure Hand erreicht kaum den bluhenden Dorn neben eurem Lager. Ihr blicket nieder in das Getummel der Schlacht mit Sehnsucht nach gekronter Tat, und die Trommeten des Kampfes zerreissen euch das Herz. Ihr blicket nieder in die Gebusche, wo Hirten in Liebe spielen, und die Flote des Hirten zerreisst euer Herz.

Hoch seid ihr erhaben uber die Aussicht, aber ihr seid an den Felsen geschmiedet, die Welt habt ihr erschaffen, die euch erschaffen sollte, und sie zielet mit Pfeilen des Todes auf euch, der Geier der Reflexion zernagt euer ewig wiederkehrendes Herz.

Wohl mir, meine Liebe, dass ich keiner von diesen bin, dass ich noch lieben kann, und fuhlen im Ganzen, ein volles Leben mit vollem Herzen umarmen, und dass jedes Einzelne getrennt vom schonen Korper, und zergliedert, mich wie tot zuruckschreckt. Erschafft mich die Welt, oder ich sie? Die Frage sei die alteste und verliere sich in die dunklen Zeiten meines Lebens, wo keine Liebe war, und die Kunst von dem Bedurfnisse hervorgerufen ward. Du bist meine Welt, und du sollst mich erschaffen; o bewege dich, offne mir die Augen, oder sieh nach deinen Lieblingen den Blumen.

Hyazinth

Wende die hellen,

Heiligen Augen

Zu deiner Liebe,

Dass ich erkenne,

Wie mir das Schicksal

Leben und Liebe

Gutig verteilt.

Schone nicht meiner,

Wende dich zu mir,

Dass ich im Strahle

Liebend erblinde,

Nicht mehr betrachte,

Wie sich das torichte

Leben bewegt.

Scheint dann die Sonne,

Duftet der Fruhling,

Wehet die Kuhle,

O so erfind ich

Heimlich im Herzen

Gluhende Rosen,

Bluten und Blatter,

Dir zu dem Kranz.

Wie sie der Fruhling,

Den du entzundet,

Freundlich mir bietet,

Wie sie mir farbet

Glanzend, bescheiden,

Gluhend und hoffend

Die Phantasie,

Wie sie mir ordnet,

Festliche Andacht.

Keiner mag wissen,

Was ich im Herzen

Dir nur bewahre,

Keiner verstehen,

Was ich den gluhenden

Rosen, den Bluten,

Was ich den kuhlenden

Blattern vertraut.

Keiner begleite

Fuhrend den Blinden,

Einsam und ruhend

Will ich verweilen,

Wo du die Augen

Liebend mir schlossest,

Wo du das Leben

Mir in dem Busen

Liebend erschlossest.

Still wie die Blumen

Einsam nur leben,

Freundlichen Kindern

Liebe Gesellen,

Zartlicher Madchen

Holde Vertraute,

Und des Vergehens

Schonste Bedeutung

Will ich vergehn.

Schone nicht meiner,

Wende dich von mir,

Dass ich im Dunkel

Berge die Tranen,

Dass ich umschattet

Betend erwarte,

Wie mir geschehe!

Wer mir erglanzet,

Erbluhet das Leben,

Blumen eroffnen

Die duftenden Augen.

Gluhende Rosen,

Bluten und Blatter,

Zeigst du mir freundlich

Von mir gewandt.

Alle sie pfleg ich,

Verwandle Und bild ich,

Dichtend die eine

Der andren in Liebe

Gattend, und webe

Aus deinen Lieblingen

Zart dir ein Lied.

Und in dem Liede

Werde ich singen,

Wie sich die Gottin

Von mir gewendet,

Wie ich im Dunkeln

Einsam nun stehe,

Wie sie nur gluhenden

Rosen, nur Bluten,

Wie sie nur kuhlenden

Blattern vertraut.

Werde dir singen,

Wie du mit Liebe

Unter den Blumen

Deinen Getreuen

Einst noch erblickest

Und mit den hellen,

Strahlenden Augen

Auf ihm verweilst.

Zephirus liebt mich:

Als mit den Blumen

Scherzend er spielte,

Hat er mich kindisch,

Scherzend gekusset,

Weil ich so emsig

Blumen verwebte

In deinen Kranz.

Aber Apollo,

Der wohl die mutigen,

Singenden, ringenden,

Freundlichen Knaben

Liebend umarmet,

Spielt auch mit mir,

Lehrt mich die Pfeile

Schiessen, den Diskus

Werfen zum Ziel.

Zephirus eifert,

Dass ich dem ernsten,

Herrlichen Gotte

Mich nur geselle,

Und in den Blumen

Nicht mehr ihn kusse,

Nicht mehr des Lebens

Freuden hinwehe,

Dass sie erwogen,

Ein lustiges Meer.

Und mit Apollo

Werf ich den Diskus,

Und in dem Herzen

Fuhl ich dich naher,

Fuhle mit sussen

Ahnenden Schmerzen,

Wie ich dir nah.

Sieh, wie schon kreiset

Hoher der Diskus.

Zephirus eifert,

Wirft mir die Scheibe

Todlich umnachtend

Auf die erhobene,

Blickende Stirn.

Und in dem Busen

Brechen die Saiten,

Die mir Apollo

Liebend verliehen,

Nieder am Boden

Lieg ich erkaltet,

Und mir zur Seite

Trauert der Gott.

Will mich dem ernsten,

Finsteren Tode

Nicht uberlassen,

Wandelt mich liebend

Zur Hyazinthe;

Zephirus kusst mich,

Nun mit den andern.

Unter den Blumen,

Die du nur liebest,

Weile ich stille

Trink' mit den gluhenden

Rosen, den Bluten,

Und mit den kuhlenden

Blattern dein Licht.

Wende die hellen,

Heiligen Augen

Zu deiner Liebe,

Dass ich erkenne,

Wie mir das Schicksal

Leben und Liebe

Gutig verteilt.

Vorrede

Wo will es am Ende hinaus! Die Begebenheit steht zuletzt wie ein schwankendes Geruste da, das die Behandlung nicht mehr ertragen kann, und jagt den Lesern Todesangst fur sich und sein Intresse ein. Das traurigste aber bleibt es doch immer, wenn dem Buche der Kopf zu schwer wird, durch Gold, oder mehr noch durch Blei. Werden beide Arten nicht Holundermannchen? die sich auf den Kopf stellen, und ist dieses nicht ausserst gefahrlich? wenn zarte weibliche Figuren darin leben sollen.

Ich habe leider diese Briefe mit dem Meinigen vermischt, und hoffe einige Entschuldigung, wenn ich erzahle, wie ich zu diesen Briefen gekommen bin.

Einen Teil meines Lebens brachte ich damit zu, mich zu besinnen, als was ich eigentlich mein Leben zubringen sollte, einen andern damit, da mich die Theorie langweilte und meinen Vorgesetzten Faulheit schien, alle Stande wie die Rocke einer Trodelbude anzuprobieren, und ich stak wahrlich recht unschuldig mit einem von den besten Willen in allen Arten von Propylaen, aber ebenso willig, ebenso unschuldig verliess ich sie wieder nach der Reihe.

So kam ich endlich in meinen vielen nicht ausgehaltenen Lehrjahren zu Herrn Romer, den die Leser aus meinem Buche kennen; er ist ein reicher Kaufmann in B., und ich sollte mich seinem Stande widmen. Ich ward in seiner Familie freundlich aufgenommen, seine Gemahlin kannte meine Eltern, die ich nicht kenne, und nahm sich meiner wie eine Mutter an. Ich habe ein leicht bewegliches Gemut, und Herr Romer hatte eine sehr schone Tochter, in die ich mich etwas verliebte. Obschon mein Herz an einer fruheren Leidenschaft litt, die ich nie zur Ruhe bringen konnte, so ergab ich mich hier dennoch neuen und leichtern Fesseln.

Herr Romer bemerkte bald, dass diese Leidenschaft weder mir noch seiner Tochter zutraglich sei, und uberhaupt fand er, dass der Stand, den ich unter seiner Leitung ergriffen hatte, mich nie ergreifen wurde.

Er stellte mir beides mit vieler Freundlichkeit vor, und da er meinen Schmerz uber meine ewige Unbestimmtheit bemerkte, gab er mir ein Packtchen Briefe mit folgenden Worten:

"Mein lieber Maria, dies ist ein Briefwechsel zwischen sehr edlen und intressanten Menschen, er enthalt auch einen Teil meiner Lebensgeschichte; lesen Sie ihn durch, ich glaube, die Geschichte dieser Menschen wird Sie uber Ihre, im Verhaltnisse mit jener noch sehr einfache, Geschichte trosten. Zu gleicher Zeit bitte ich Sie, den Versuch zu machen, diese Briefe nach dem Faden, den ich Ihnen geben will, zu reihen, und hie und da zu andern, damit mehr Einheit hineinkommt. Ich denke das Ganze herauszugeben, und habe die Erlaubnis der vorkommenden Personen dazu." Und weiter eroffnete er mir, dass er von unbekannter Hand reichliche Anweisungen erhalten habe, mich zu unterstutzen, und zwar unter der Bedingung, dass ich auf der naheliegenden hohen Schule studieren solle.

So sehr mich auch mein Gluck erfreute, war es mir doch schmerzlich, meine Leidenschaft zu der Tochter des Herrn Romers aufzugeben, und da ich diesen Schmerz recht von Herzen ausserte, sagte er mir:

"Wenn Sie sich mehr bilden, werden Sie leicht einsehen, was zwischen Ihnen und meiner Tochter liegt, und es leichter uberwinden konnen."

Wie ich mit den Briefen umging, weiss man; wie ich mich bildete, wird die Zukunft vielleicht auch wissen, denn bis jetzt habe ich noch nichts gesehen, was zwischen mir und meiner Liebe liegen konnte.

Herr Romer erhielt den ersten Band, und uber meine ungeschickte Behandlung aufgebracht, versagte er mir seine Tochter auf immer, und noch trauriger er zeigte mir an, dass ich durch meine unbeholfne Buchverderberei einer spanischen und englischen Buchersammlung sei verlustig geworden, die mir von einem anonymen Intressenten an der Herausgabe des Buchs sei versprochen gewesen, wenn ich es gut bearbeiten wurde.

Unmutig uber mein Ungluck, und ohne alle Quellen zu der weitern Fortsetzung des Buchs, zu der ich mich doch durch den ersten Band verbindlich fuhlte, unternahm ich es, Herrn Godwi, von dem ich wusste, dass er sich auf seinem Gute aufhielt, aufzusuchen, wo moglich seine Freundschaft zu gewinnen, und meinen zweiten Teil mit seiner Hulfe auszuschreiben; und der zweite Teil ist die treue Geschichte, wie ich ihn fand, und was mir mit ihm begegnete.

Der Leser wird hieraus sehen, wie muhsam mir dieser zweite Teil wird, und mit mir bedauren, dass Herr Romer mir eigentlich nicht mehr und nicht weniger genutzt hat, als dass er mich in neue Lehrjahre hineingestossen. Denn zu der gutigen Unterstutzung, die mir von unbekannten Handen zufliesst, ist er doch nur das kaufmannische Werkzeug und was wird endlich mein Los sein? Ich habe mich auf einem schwachen Bote auf das unabsehbare Meer gewagt, und treibe den Wellen uberlassen hin. O ihr wenigen Herzen, die ihr liebevoll an mir hangt, ihr seht mich ohne Mast und Steuer auf gutes Gluck hinaustreiben, und ich werde euch nimmer danken konnen; schon regen sich die Lufte von allen Seiten, die Wellen bewegen sich, und ich werde in meinem kleinen Kahne wohl zu Grunde gehen!

Erstes Kapitel

Als ich in der Stadt nahe bei Godwis Gut angekommen war, erkundigte ich mich im Gasthofe auf eine unbefangene Weise nach Godwi, und horte mancherlei von den Burgern, die mit an dem Abendessen teilnahmen, was ihn betraf. Sie erzahlten mit jener gemutlichen Geschwatzigkeit, in der sich gewohnliche Menschen so gern uber jeden Ausgezeichneten ergiessen, der in ihrer Mitte lebt oder lebte. Ein jeder hatte eine eigne Ansicht von ihm; ich meine hier den Vater, denn von dem Sohne erfuhr ich nichts Bestimmtes, als dass er ganz allein auf seinem Gute lebte. Ich habe das Bestimmteste dieser Urteile gesammelt, und kann mit einiger Gewissheit folgendes von seiner Erscheinung erzahlen.

Godwis Vater ging mit wenigen um, und wenige liebten ihn; dennoch lagen in seinem Leben viele schone Beweise seiner Menschenliebe, aber keines dieser Bilder zeigte freundlich auf den Meister zuruck, keines seiner Werke wollte ihn als Vater anerkennen. Alle Urteile uber ihn waren dunkel, und man sprach immer von ihm wie von einem Gespenste, das keinen krankt, abwechselnd mit Ergebenheit, mit kaltem Absprechen, oder einer Art Frechheit, die am Glauben ermudet ist.

Dieses alles berechtigt mich, ihn fur einen Mann zu halten, der seine Umgebung nicht sowohl durch Vorzuge als durch Verschlossenheit beherrschte. Er lag wie ein Geheimnis zwischen Neugierigen, und alles, was er tat, erhohte dieses Geheimnis; denn seine Handlungen waren oft wirklich bedeutend, und wurden auffallend, indem sie aus innern Grunden auszugehen schienen, die mit seinem burgerlichen Standpunkte in keiner Verbindung standen.

Er war in die Stadt gekommen, hatte sich das Burgerrecht erkauft, und ein grosseres Handlungshaus errichtet, als je in diesem Orte gewesen war; aber keiner seines Standes konnte Nachricht geben, woher er kam, warum er es tat, und wie die Wege gewesen, die ihn so schnell zu allem diesem gefuhrt hatten.

Man wusste nur, dass er abends angekommen war und im Wochenblatte gelesen hatte, dass ein grosses Gut bei der Stadt zu verkaufen sei, welches er auch gleich den folgenden Morgen kaufte. Dann war er einigemal auf die Borse gekommen, hatte grosse Handel abgeschlossen, und ein Comptoir in der Stadt errichtet. Er selbst arbeitete wenig in diesen Geschaften, sondern uberliess sie seinen Factoren, die er sehr begunstigte; und besonders zeichnete er einen jungen Menschen unter ihnen aus, der ihm als elternlos aus England geschickt worden war; und endlich zog er sich ganz auf sein Gut zuruck.

Von diesem Gute selbst erzahlte man vielerlei, von seiner ganz eignen innern Einrichtung; doch kannte es eigentlich niemand genau, seit er es bewohnte, denn die wenigen Diener, die er um sich hatte, waren fur jede Erklarung verloren. Er hatte seinen Sohn dort bei sich, der, nach der Aussage der vielen Erzieher, die ihn verlassen hatten, ein wunderlicher Mensch sein sollte.

Das Gut gehorte ehemals einem mennonitischen Edelmann, und die Pachter waren alle von dieser Glaubenslehre. Da der Besitzer gestorben war, fiel es der Regierung anheim, und von dieser kam es in Godwis Besitz.

Seine Gesellschaft auf diesem Gute war stets wechselnd, denn sie bestand aus durchreisenden Kunstlern, die er einige Zeit beschaftigte, und die ihm stets beteuern mussten, was sie bei ihm gebildet hatten, zu verschweigen. Viele Maler, Bildhauer und Dichter kannten seine Freigebigkeit, und hatten einige Zeit bei ihm zugebracht.

Ein Teil seiner Wohnung soll nach der allgemeinen Sage sogar seinem Sohne und allen seinen Hausgenossen verschlossen geblieben sein, und hier war es, wo er die Arbeiten der Kunstler, die bei ihm gewesen waren, aufbewahrte. Ehemals war es eine kleine Kirche, der sich die verstorbenen Besitzer des Gutes zu den religiosen Versammlungen ihrer Glaubensbruder bedient hatten; von aussen war es auch Kirche geblieben, im Innern aber nach dem Plane des Englanders verandert worden.

Das Wohnhaus des Gutes hatte er in seinem vernachlassigten Zustande gelassen; so nicht die Garten, deren Verunstaltung er zu einer zierlichen Verwilderung erhob.

Der gesuchten Nachlassigkeit in der Erhaltung dieses Gutes war sein Haus in der Stadt vollig entgegengesetzt, wie seine eigene finstre Untatigkeit seinem kaufmannischen Wohlstande. Dieses Haus war das geschmackvollste und gerauschvollste; seine Zahlstube wimmelte von zierlichen Arbeitern, seine Gewolbe waren in voller Tatigkeit, die Treppen und Eingange waren mit Bedienten und Turstehern besetzt, und die Einrichtung der Gemacher schimmerte in dem gediegensten Luxus.

Seine Factoren gaben Gesellschaften, Gastereien, Konzerte und Balle, an denen der ganze gebildete Teil der Stadt und die vielen, an seine Handlung empfohlenen Reisenden teilnahmen.

Er allein erschien nur das erstemal bei der Eroffnung eines solchen Zirkels, und bemuhte sich dann mehr ernstlich als teilnehmend, die ganze Gesellschaft zu einer frohlichen Anmasslichkeit auf diese Vergnugungen seines Hauses zu bewegen, und erschien gleich einem Lehnsherrn, der sie mit herkommlichen Besitzen belehnt.

Das Gute, was er tat, wagte er nicht sich anzumassen; dennoch wendete er ebensowenig Fleiss darauf, es zu verbergen als es bekannt zu machen, und niemand ehrte seine Wohltaten, wenn gleich jeder Bedurftige sie wunschte. Seine Wohltaten sahen aus wie Busse.

Wie er gekommen war, war er auch wieder verschwunden; schon einige Jahre waren hin, dass er mit einer Gesellschaft, deren Zusammenhang mit ihm man nicht naher kannte, plotzlich nach Italien gezogen war. Das Gut aber blieb dem Sohne, der es jetzt bewohnte, und von dem mancherlei Geruchte gingen.

Besonders schwatzte man viel von einem prachtigen Grabmale, das er einem Madchen habe errichten lassen, welches nicht den besten Ruf habe und mit ihm von seinen Reisen gekommen sei. Man sprach davon, dass sie verruckt geworden sei, und dass das Grabmal darauf anspiele; sie habe Violette geheissen, und einige Offiziere, die den letzten Feldzug am Rheine mitgemacht hatten, wollten sie sehr gut gekannt haben.

Dem sei nun, wie ihm wolle, aber alle stimmten darin uberein, dass man nichts Schoneres sehen konne als dieses Grabmal, denn es war in der Stadt offentlich gezeigt worden.

Dies waren ungefahr die Nachrichten, die ich abends in dem Gasthofe sammelte und in dieser Ordnung niederschrieb.

Ich entschloss mich, den andern Morgen vor Sonnenaufgang meinen Weg nach dem Gute anzutreten, das einige Stunden von der Stadt entfernt im Geburge lag.

Zweites Kapitel

Der Morgen dammerte kaum, als ich meinen Weg antrat; meine wenigen Gerate hatte ich im Gasthofe zuruckgelassen, und mir vorgenommen, ehe ich mich Godwi als seinen unberufenen Geschichtschreiber zu erkennen gabe, ihn unter einem andern Vorwande zu beruhren, um seinen guten Willen zu gewinnen. Ich wollte mich fur einen reisenden Kunstler ausgeben, der Violettens Grabmal sehen wolle.

Ich ging unter diesen Gedanken den Berg hinauf, und hatte auch wirklich eine grosse Begierde, Violettens Grab zu sehen, denn der Gedanke des Bildes konnte unstreitig sehr schon ausgefuhrt sein, und ich liebe besonders bedeutungsvolle Werke, die zugleich schon sind, wenn sie auch nichts als sich selbst bedeuteten. Durch die Bedeutung erhalt ein gutes Bild immer ein hoheres Leben, denn es liegt so eine Geschichte in seiner Erscheinung, indem es, um schon zu sein, seine Bedeutung besiegt.

Als ich auf dem Berge angelangt war, ergoss sich eine herrliche Aussicht um mich, die Sonne ging schon auf, und es war mir sehr wohl. Ein schoner Wald drangte sich von der entgegengesetzten Seite, und rauschte freudig mit seinen Zweigen des Friedens in der frischen Morgenluft.

Ich fuhle in einem Walde, bei den grossen lebendigen Saulen der kuhlen zusammenrauschenden Gewolbe, immer eine tiefe Beruhrung im Innern.

Friede, Versohnung, freudigen Ernst und schaffende Ruhe konnte ich nur singen in Waldern, bei den allmachtigen Stammen, die nicht streitbar sind, in der Ruhe freudig verwachsen, sich umarmen und ausweichen, still und ernst, leises Wehen ihrer Kusse, und leichtes Sinken sterbender Blatter. Fest auf sich selbst und aus sich selbst, im Sturme machtiges Brausen, kraftige, schwingende Bewegung, oder grosser sturzender Tod, dass die Erde erbebt und die nahen Freunde mit hinab mussen zu der Ruhe; und wenn die Sonne aufsteigt und weggeht, wie die Gipfel sie golden begrussen, und es niedersteigt an den Stammen leise und feierlich, wie einer des andern Licht teilt und Dunkel, wie jeder seinen Schatten dann an den Boden streckt, das Mass seiner Grosse, das endlich in allgemeiner Herrlichkeit zerrinnt, wenn der Mittag herabstrahlt und ihre Haupter in Pracht und Leben vergluhen, wahrend die Fusse noch im kuhlen Grabe der Schatten weilen, wie dann die Schatten wieder auferstehen, wenn die Sonne untergeht; wie endlich der letzte Kuss der Sonne noch an den Wipfeln hangt, bis alle gleich werden in der tiefen Nacht, wie sie es in der Pracht des Mittags waren, oder der sanfte Mond nach denselben Gesetzen den milden Tag der Liebe und des innern stillen Treibens im Herzen uber sie ausgiesst. Friede, Versohnung, freudigen Ernst und schaffende Ruhe mochte ich nur singen in Waldern.

An dem Ausgange des Waldes, der das ganze Tal erfullte und auf der andern Seite wieder in die Hohe zog, wo er sich endigte, bemerkte ich einen hohen Rauchfang, auf dem ein Storch sein Nest erbaut hatte, und vermutete, dass dieses Gebaude zu dem Landgute gehore. Der Storch war noch nicht wieder da, denn er hat eine weitere Reise zu machen als der Fruhling.

Die Seite des Bergs, an der ich hinabstieg, war meistens Felsenwand, und hin und wieder mit reinlichen steinernen Treppen unterbrochen. Es zog sich so freundlich hinab, um und um rauschte der Wald, die Sonnenstrahlen fielen schrag das Tal herein, und mein Schatten hupfte und ging mir gesellig in allerlei gebrochenen Gestalten zur Seite. Ich war recht munter, blieb manchmal stehn, wenn mir mein Schatten gar zu wunderlich aussah, bewegte mich auf verschiedene Weisen, um ihn zu verandern, und freute mich uber meine langen grossen Schattenbeine; dann dachte ich, wenn du nur so auf den Schattenbeinen hinuntergehen konntest, und hob einen Fuss auf, beinahe zwanzig Stufen ware ich unten; da ich aber nicht lange den Fuss so halten konnte, setzte ich ihn wieder nieder, und war auf dem alten Flecke.

Uber dem engen Tale voll Wald stieg ein zarter Nebel auf, und loste sich um mich herum in den Sonnenstrahlen, die hochsten Baume schimmerten schon in der Sonne, und bald war der ganze Wald unter mir erleuchtet; auch wurden die Vogel immer lustiger, und ich wunschte nur, auf der andern Seite bald wieder oben zu sein, damit ich bald an dem Schlosse ware; denn ich vermutete, da unten in der Wildnis mochte irgend eine allerliebste Anlage, ein Tempelchen oder dergleichen stecken, in das ich mich hineinsetzen, ausruhen und weiter gar nicht ans Weitergehen denken konnte. Ich vermutete so etwas, weil ich weiss, dass die Englander immer viele Anlagen zu solchen Anlagen haben, und weil ich durch mein munteres, unregelmassiges Gehen und besonders durch meine Schattenspiele etwas mude geworden war.

Ich schritt darum wacker zu, der Rauchfang mit dem Storchneste war mir wie ein Magnet: es liegt etwas Heimliches, Getreues und Heimatliches in so einem Storchneste; denn ein gastfreies Dach bedeckt gastfreie Menschen. So reflektierte ich, denn ich war hungrig, und um mir diese Reflexion zu bemanteln, machte ich geschwinde noch folgende uber das Schreiten auf Schattenbeinen, und hob, um der Anschauung willen, die Beine noch einigemal, den Schritt des Schattens beobachtend.

Drittes Kapitel

Es giebt allerdings Leute, die so mit den Schattenbeinen zu gehen glauben und grosse Beschreibungen von solchen Reisen zu erzahlen wissen. Ich meine eine gewisse Gattung junger Philosophen, denen die Sonne noch nicht grade uber dem Kopfe steht, sondern hinter dem Rucken.

Das Licht, das die Sonne vor ihnen hergiesst, nennen sie ihr eignes Produkt, ihr ganzer Gesichtskreis ist ihnen ihr Objekt, und ihren Schatten nehmen sie als ihr Subjekt, ihr Ich, an, das ihnen durch Anschauung zum Objekt geworden ist. Erst stehen sie sehr ernsthaft still, schutteln in tiefen Gedanken den Kopf, schneiden Gesichter, und betrachten das im Schatten, und nennen es zum Selbstbewusstsein kommen; dann heben sie wechselsweis Arme und Beine so viel als moglich zierlich, der Asthetik halber und haben sie dies im Schatten beobachtet, so sind sie zum Bewusstsein der reinen Akte gekommen. Haben sie dieses alles einige Zeit getrieben, so bedenken sie, dass es nutzlich sei, die aussere Welt an sich zu reissen, ihre physische Kraft zu befestigen. Dies geschieht nun, indem sie ihren Gesichtskreis, ihr Objekt auf alle Weise in sich herein bringen, das heisst, indem sie durch Hin- und Wiederspringen bald dieses, bald jenes Stuck Wegs mit ihrem Schatten bedecken. Am Ende werden sie dann mude, sie setzen die Fusse nieder, ihr Schatten wird immer kleiner, denn die Sonne steigt, und steht ihnen bald grade uber dem Kopfe. Es ist voller Mittag, und sehr heiss, sie haben nichts getan, nicht einmal Optik studiert. Um sich abzuspannen, trinken sie eiskaltes Wasser in der Hitze, und werden krank, das heisst, verlieren die Bewusstlosigkeit ihrer Organisation, und sterben. An ihr Grab stellen sich einige Freunde, und beruhren es so lange mit ihrem Schatten, oder vielmehr, stellen so lang reine Freundschaftsakte an, bis andre Freunde es ihnen ebenso machen.

Ich erinnerte mich dabei mehrerer Junglinge, die ich gekannt hatte, auch eines Dichters, der zwar nicht zu den Schattenbeinichten gehorte, aber doch gute Freunde unter ihnen hatte, und mir nicht recht gut war, denn ich hasste stets allen Schatten-Bombast.

Wahrend diesen wunderlichen Gedanken war ich weiter hinabgegangen, und erschrak nicht wenig, als ich plotzlich neben mir an der Bergwand folgende Worte angstlich sprechen horte:

"Nun kommt es, nun kommt es, ach es ist sicher ein wildes Tier, wenn ich nur erst geschossen hatte, ein Tier, ein Tier!"

Ich war von jeher auch nicht sehr mutig, besonders furchtete ich mich vor Feuergewehr in ungeschickten Handen, und sprang deswegen schnell beiseite, indem ich mit furchtsamem Pathos ausrief:

"Wer Sie auch sind, der sich hier zu schiessen furchtet, so furchte ich mich, geschossen zu werden, und bin kein Tier, sondern ein Mensch."

Hierdurch hatte ich meine und seine Furcht vor dem Schiessen aufgehoben, und ging nach der Stelle hin. Hinter dem Gebusche fand ich eine kleine Nische in den Felsen eingehauen, und wer war darin?

Niemand anders als der Dichter Haber, dessen ich soeben bei den Schattenphilosophen gedacht hatte

Er sah mich so gross an, als er klein war, und sprach dabei mit Verwunderung: "Ei, Maria, wo kommen Sie her?"

"Ei, Haber, wie finde ich Sie hier," erwiderte ich, "Sie hatten mich ja beinahe totgeschossen"

Er: Ich bitte sehr, ehe ich schiesse, spreche ich immer das Wesen an, damit es, wenn es ein vernunftiger Mensch ist, antworten kann.

Ich: Sie konnen auf diese Weise noch die Tauben und Stummen totschiessen. Das Beste ware das Ansehen.

Er: Ich bin von Herrn Godwi zur Jagd beredet worden, der gleich hier im Gebusche auf dem Anstande steht. Eigentlich wollte ich bloss hier einige Verse machen, konnte aber uber dem Gerausche, dass Sie durch die durren Blatter machten, meine Gedanken nicht sammeln, und noch etwas sehr Seltsames storte mich: vor einigen Minuten, als ich anfing zu schreiben, flog mir einigemal ein ungeheurer Schatten uber das Papier, gestaltet wie ein ungeheurer Fuss.

Ich: Der grosse Fuss ist etwas wunderbar, besonders da Sie grade mit den Fussen der Verse beschaftigt waren, und ebensosehr wundert es mich, dass ich in dem Augenblicke, in dem Sie mich beinahe erschossen hatten, sehr lebhaft an Sie dachte.

Er: Gott weiss, es ist hier in dem ganzen Tale sehr schauerlich, und Ihre Gesellschaft ist mir recht angenehm.

Hier wendete ich mich gegen die kleine Flinte, die er zwischen den Ast eines Baumes gezwangt hatte, und noch immer auf mich zielte, um sie wegzunehmen. Er hatte vermittelst seines Strumpfbandes und Schnupftuches, die aneinander und den Drucker der Flinte geknupft waren, sich eine kunstliche Maschine verfertigt, um bei dem Schusse weit vom Feuer zu sein; ich nahm die Flinte weg, und schoss sie in die Luft, woruber er etwas erschrak.

Auf den Schuss kam Godwi herbei; er glaubte, Haber habe etwas geschossen, und wollte ihm Gluck wunschen.

Haber erzahlte den ganzen Hergang, Godwi lachelte, und fragte, wer ich sei. Der Dichter stellte mich vor, und ich bat ihn um die Erlaubnis, Violettens Denkmal zu sehen.

Er ward etwas ernster bei meiner Bitte, und sagte mir, nachdem er mich mit den Augen gemessen hatte:

"Sie konnen es sehen, aber nicht eher als morgen fruh, denn es ist niemand zu Hause, wir sind alle auf der Jagd. Harren Sie also, bis wir heute abend heimziehen, Sie konnen die Nacht bei mir zubringen. Bedurfen Sie irgend einer Erquickung, so lassen Sie sie sich im Jagerhause reichen, und wenn Sie gerne schiessen, so lassen Sie sich eine Flinte geben."

Ich dankte ihm, und nahm alles gerne an.

Hier wendete er sich zu Haber, bat diesen, mich hinab ins Jagerhaus zu fuhren, und verliess uns. Haber hangte seine Flinte mit einem lustigen Stolze und etwas lacherlichen Vorsicht um, da sie abgeschossen war, und trabte stillschweigend an meiner Seite tiefer ins Tal hinab.

Dies war also der Godwi, von dem ich so viel geschrieben habe es ist eine eigne Aufklarung, wenn so plotzlich die Wirklichkeit vor das Ideal tritt.

Ich hatte mir ihn ganz anders vorgestellt.

Ich furchtete mich etwas vor ihm, denn es gehort eine grosse Seelenruhe dazu, einen Autor vor sich zu sehen, der einen so unscheniert herausgiebt, und die Menschen noch im Wahne lasst, als habe er alles das erfunden. Gut, dass er nichts davon zu wissen schien, und da mein Buch erst einige Wochen in der Welt war, hoffte ich, der Dichter Haber werde auch nichts davon wissen, ich wendete mich daher mit der Frage an ihn

"Sind Sie schon lange hier?"

"Sechs Wochen sind es," erwiderte er, "dass ich Herrn Godwi hier im Walde fand, und auf eben die Weise mit ihm bekannt ward wie Sie. Ich arbeitete grade auf meiner Reise an einem allegorischen Gedichte, und machte, um dem Dinge mehr Leben zu geben, einen Spaziergang hierher, wo ich ihn jagend traf, mit ihm ging, und bis jetzt bei ihm blieb."

Ich bat ihn, mir Godwi etwas zu schildern.

"Es ist ein ganz eignes Wesen um diesen Mann," fuhr er fort, "Sie werden schwerlich mit ihm auskommen, denn er ist sehr einfach, ruhig und verschlossen; innerlich muss er einen grossen Kummer haben, und ich fuhle mich sehr von ihm angezogen. Er ist ein schoner, kraftiger Mann, voll Seele, ganz zur sussesten Freundschaft gemacht. Uber seine ganze Erscheinung ist ein tiefer Strom von reiner Wollust ergossen, und dennoch hat er gar keinen Sinn fur innige, dringende, brennende Freundschaft. Er lebt hier in einer ganz eignen Einsamkeit, und fuhlt gar kein Bedurfnis des Umschlingens mit andern Menschen; ich werde daher nicht lange mehr hiersein, denn in einem so trocknen lieblosen Leben halte ich es nicht mehr lange aus."

"Nach Ihrer Beschreibung zu urteilen," fuhr ich fort, "werde ich mich besser zu Herrn Godwi schicken als Sie; denn wenn er keinen Sinn fur die verliebte Freundschaft hat, so ist mir das recht lieb, ich mag sie auch nicht recht leiden. Der Liebe bin ich gern so nahe als moglich, denn in ihr liegt Notwendigkeit, man muss sich in ihr wechselsweise recht innig beistehen, sonst kommt nimmer nichts heraus, der eine oder der andere Teil wird krank, vor Hunger und Durst nach dem andern, und es giebt eine elende erbarmliche Ziererei, der die Sentimentalitat zu einer lindernden Salbe werden muss.

Das nuchterne Lieben ist nur ein Cursus, in dem sich das Wesen der beiden vor beider Augen entwikkelt, damit sie sich erkennen und einsehen, ob sie sich einander zutrauen konnen, das korperliche und geistige Dasein ihrer selbst freudig auseinander zu entwikkeln, zu verwickeln und einem Dritten, ihrem Kinde, zu vertrauen, damit ein lebendiges Produkt, des blossen Liebens und Lebens, des reinsten, sussesten Geheimnisses unschuldige Verkundigung, hervorgehe, mit denselben Rechten als sie.

So wird jedes Paares Liebe unendlich, ein Werk der Ewigkeit, und ein Heiligtum aller Erkenntnis. Die allgemeine Liebesziererei ist ubrigens das Geschaft eines Complimenteurs, wie es Philander von Sittewald ubersetzt: eines compli menteur, eines vollkommnen Lugners.

Die verliebte Freundschaft aber ist nichts anders als entweder erbarmliche, sussliche Schwache, vollige Unmannlichkeit des einen Teils, oder Tauschung. Ich bin versichert, dass der Freund, der mir lange in den Armen liegt, entweder ohnmachtig, sterbenskrank, verwundet und dergleichen ist, oder mich gar nicht meint, sondern irgend ein hubsches Madchen, oder eine heimliche, unerreichliche Geliebte, in deren Armen er gern so rechtlich, so ungestort und frei liegen mochte.

Wenn ich es daher ja dulde, dass mein Freund so etwas tue, so tue ich es aus Mitleid, ich lass ihn an sein Madchen denken, und denke wo moglich auch an irgend eine.

Das Wesen der eigentlichen Freundschaft wird hierdurch gestort, denn es besteht nicht in Auswechslung, in Vermischung und Durchdringung, es besteht in blosser Geselligkeit."

Hier unterbrach mich Haber, "blosse Geselligkeit ist nach meinen Gefuhlen noch lange keine Freundschaft, ich kenne sehr gesellige Menschen, die keiner eigentlichen warmen Freundschaft, die so recht aus der Seele kommt, fahig sind, die den Drang, sich an Freundesbrust zu schliessen, Herz an Herz, Aug an Aug, Lippe an Lippe, Pulsschlag, Blick, Hauch und Wort zu teilen, nicht in sich haben", "oder gar eine Art von Handschuh uber den ganzen frierenden guten Freund werden mogen", fuhr ich lachelnd fort; "ich zum Beispiel kann schon keines Menschen Freund werden, der mit seinem Herzen, seinen Augen, seinem Hauche nicht fur sich allein fertig werden kann; seine Worte, auf die mache ich Anspruch, aber am meisten auf seinen Geist, und seine Wahrheit.

Freundschaft ist allein durch die verschiedenen Stufen der Bildung entstanden, die in einem ewigen Krieg miteinander stehen, und ist daher nichts als stillschweigendes Bundnis durch gleiches Bedurfnis."

"Aber", versetzte Herr Haber, "die reinste Freundschaft dringt uber alle Stufen hinab und hinauf, sie ist frei, und kein Vorurteil des Standes kann sie hemmen, sie schliesst sich bloss an den geliebten Menschen, an das blosse Nackte ohne alle Bekleidung von Sitte, Stand und anderm dergleichen Unsinn."

Was Herr Haber sagte, langweilte mich, dennoch wollte ich es der Freundschaft nicht entgelten lassen, da ich hier unter den hohen Eichen so recht gestimmt war, ihr eine Rede zu halten.

Viertes Kapitel

Ich lehnte mich daher an einen Baum, und hielt folgende Rede an Herrn Haber

"Was nennen Sie Freundschaft, jenes Weinen aneinander, jenes Lachen aneinander, jene Wurdigung unserer eignen Armut in den Augen des Freundes, das gegenseitige Erseufzen uber die Beschranktheit und Grenzenlosigkeit, das Hingeben und Annehmen von Dingen, die keiner brauchen kann, und die den, der sie giebt oder nimmt, zu unserm Freunde machen, weil grade kein andrer die Sache genommen hatte, das Aufessen einer einzigen Person, dass man endlich, an einem einzigen ubersattigt, allen Sinn fur das andre verliert, die gegenseitige Nothulfe der sich Nachsten, weil sie Not haben und faul sind nennt ihr das Freundschaft o dies kann nur in armlichen, stolzen und einseitigen Menschen Raum haben, die einen grossen Nutzen in der Welt zu schaffen glauben mit ihren Empfindungen, und ihre eigne Armut zu beherbergen, einen Freund brauchen, der ihr in seinem Herzen ein Obdach verschaffe.

Alles dieses ist entweder gleichseitige Erbarmlichkeit oder Niedertrachtigkeit und Barmherzigkeit, Dummheit und mitleidiger Stolz von der einen oder andern Seite.

Freundschaft ist nur unter den Vortrefflichen moglich, deren ganzes Leben ein ewiger Fortgang nach dem Hochsten ist. Sie streben nicht darnach, denn alles Streben geht von Armut, Bewusstsein der Armut, Begierde und Vorsatz aus, wird dadurch absichtlich, und hort auf, eine freie schone Handlung zu sein."

Hier fiel Herr Haber wieder ein:

Streben ware nicht frei, nicht schon, es durfe keine Absicht sein.

"Lieber Herr Haber," sagte ich, "storen Sie mich nicht. Streben ist freilich erlaubt, auch Absicht, aber nur dem Kunstler, der Genie war, und Kunstler geworden ist, an diesem bin ich aber noch nicht also

Sie streben nicht, sie sind ausgesandt von Gott, und wissen es nicht; ihr Leben ist nichts als das fortgehende Bilden eines Kunstwerks alles Schonen, wozu sie gleichsam die Zeichen, die Buchstaben sind; sie beruhren sich wie Akkorde, und ihr Zweck ist der schone Ausdruck des Liedes. So reihen sich Glieder an Glieder in schon geschwungenen Wellen, und bilden das herrliche Bild, so wechselt der Schritt der Silben, um des Liedes Tanz hervorzubringen, so giesst sich Farbe an Farbe und bildet des Gemaldes Zauberei. Diese Beruhrung ist die Freundschaft.

Durch ihre eigne innere Bildung konnen zwei nebeneinander stehen, aber nur um der grossen Harmonie ihrer Aufgabe willen.

Die Eigentumlichkeit eines jeden bleibt unangetastet, und bleibt sie es nicht, so entsteht bei Farbe eine gebrochene schmutzige Halbtinte, wie bei Form Verwachsenheit.

Die Stufen der Bildung, der Rang der einzelnen Freunde, verhalt sich wie Buchstabe, Wort, Periode, Ton, Akkord, Satz, und im Innern sind sie als Zeichen gleich verwandt und wurdig. Ja ich trage das Ideal eines Menschenkenners im Kopfe, der die Menschenarten in die einzelnen Redeteile oder Tonarten zerteilen und wirklich eine Grammatik und einen Generalbass des Zusammenlebens hervorfuhren konnte. Man konnte nach seiner Wortfugung den Staat oder die Menschenfugung allein verbessern, und durch seinen Generalbass allein die wahre Freundschaft finden, die in ebenso geheimnisvollen Gesetzen begrundet bleibt als die Verwandtschaft der Tone. Man konnte dann ganze Volkergeschichten auf dem Klaviere spielen und in einzelnen Versen absingen, und es ware das Leben zur Kunst geworden.

Ubrigens gehoren zwei mannliche Tone, die sich etwas herausnehmen und nur sich allein bilden wollen, in keine Melodie, und ihr Durchdringen kann ihnen nie gelingen, denn dieses liegt nur in der Liebe. Nur die Liebe kann erzeugen aus sich, die Freundschaft aber kann es durch sich.

Die Liebe giebt den Ton und die Musik, die Freundschaft ist nur das Nebeneinanderstehen der Tone zur Melodie, die wieder ein Produkt der Liebe ist. Die Freundschaft wohnt in der Liebe, aber in ihr selbst ist keine Liebe, sondern nur Harmonie, Tonverhaltnis.

Die Eichen uber uns, der ganze Wald um und um gedrangt, alle einig einem einzigen Zwecke, sie stehen grad und aufrecht nebeneinander. Jeder einzelne tragt die Liebe in seiner eignen Blute, tragt die Liebe in sich nur aus der Liebe konnten die Baume erstehen, nur aus den Baumen erstehet der Wald. Freunde sind sie alle, welche den Wald bilden; einzelne stehen sich naher, diese werden Freunde genannt. Aber alle, die sich so aneinander drangen, storen sich. Sie mogen noch so malerische Gruppen bilden, noch so schone Lauben wolben, so ist dieses doch nur fur andere.

Zwei dringen selten zugleich hervor, denn einer opfert sich immer dem andern, seinem eignen Leben zum Trotze, das zum Himmel in die Hohe sollte, zu atmen und zu duften.

Nebeneinander stehen, vereint grunen oder welken, alles das gehort zum Walde; sterben fruher oder spater, sich erkennen und zur selben Gattung gehoren, das alles gehort zur Freundschaft.

Wer den grossten heiligsten Zweck hat, der hat die gebildetsten und treuesten Freunde, denn an dem Hochsten arbeitet nur die Wahrheit. Ob sich nun die Freunde kennen oder nicht, das ist gleichviel; ja sich nicht zu kennen und in allgemeiner Menschenliebe fortbrennen, ist bei gehorigem Mass und Ziel wohl das Schonste, denn das allzu innige und angepriesene Freundschaftswesen wird meistens nichts anders als ein abgekartetes Spiel, einander freundschaftlich zu hudeln, und ist mir immer wie ein Produkt der langen Weile oder des Kurzweils erschienen.

Das letztere ware wohl das Beste, wenn doch eins von beiden sein sollte, denn es liegt etwas ausserst Komisches darin, mit grossen, herrlichen Empfindungen vereinigt zu sein, um kleine lustige Empfindungen zu gewinnen, und dieses scheint mir die einzige Art von Freundschaft, die unsern grossatmichten Junglingen zu erlauben ware, denn sie lernten dadurch die Wurde des kleinen und bloss scherzhaften, des reinen Spieles oder Spasses kennen, da sie doch zu glauben scheinen, die Freundschaft gehe allein und schnurstracks zum Tragischen hinauf. Auch kann man allerdings in einer solchen kurzweiligen Freundschaft vieles lernen, man ubt sich hier an einem tausendfachen Stoffe, dem die Ungeschicklichkeit der Behandlung nicht schadet.

Ein junger Stumper voll Drang und Eifer, und dadurch um so tolpischer, soll sich [nicht] an einem kararischen Marmorblocke uben, um den Stoff eines Meisterwerks zu zerstoren; er mag die ersten Schlage seines Meissels an einem Sandsteine mildern, und ein frohliches Bild hauen, dem es auf einen Buckel nicht ankommt, und an dem er seiner Ungeschicklichkeit lachend geniesst. Dieses letztere ist der erste Schritt zu jeder Kunst und auch der des Lebens. Wir sollen Freunde werden lernen durch Geselligkeit, denn die Freundschaft ist nichts als Geselligkeit unter ernstern Umstanden.

Die andere Gattung aber oder die innige Freundschaft aus langer Weile will nie etwas von ihrer Mutter wissen, und kann auch nicht wohl, denn sie musste sonst von sich selbst wissen. Sie ist namlich die lange Weile selbst, und zwar eine der gediegensten Arten, jene langwierige erbliche, die sich ewig erklaren will und wie blinde, stumme und taube Seuche herumkriecht.

Zwei Menschen, die nichts zu tun haben, was konnen sie Schlechteres oder Besseres anfangen als Freundschaft, und solche nun sind es, denen ich jene innige brennende Freundschaft vorschlagen mochte; da sie selbst so leer sind, mogen sie es in der Form wieder einbringen, mogen sich den ganzen Tag umarmen.

Zu dieser Art Menschen gehoret eine gewisse Gattung, die Sie sehr gut kennen, mein lieber Haber, ich meine den jugendlichen philosophischen Anflug der letzten funf Jahre. Diese Menschen sind in ihrer ganzen Jugend in einem gerauschvollen Veranstalten ihrer Jugend begriffen, und zernichten sich einer in dem andern. Ewiges Umklammern ist der Charakter ihrer Freundschaft, und wenn sie aufhoren sich zu umfassen, so hat sicher ihre Verirrung gesiegt, denn dieses Umfassen ist ein Streich, den ihnen die Natur noch spielte, die sich immer an die Gestalt halt. Da ihr inneres Wollen und Treiben aber ganz gestaltlos und daher langweilig ist, so mussen sie sich in solcher Freundschaft entschadigen.

So wie bei den Griechen, die das gestaltvollste Volk waren, es wirklich eine blosse Gestaltenliebe gab, die Knabenliebe, eine kunstlerische bildende Verirrung, ebenso liegt in diesen Menschen, welche die gestaltlosesten sind, eine Gestaltenfreundschaft, die ewig Verderbtheit bleiben wird, indem sie eine krankhafte Metastase der Liebe in die Freundschaft, ein ungluckliches Vermischen der heiligen ersten Ursache mit dem geselligen Zwecke ist.

Erlauben Sie mir, Ihnen die Geschichte jenes jungen philosophischen Anflugs in einer Parabel zu erzahlen:

Ein frommer und tapferer Held, im Herzen fur den Glauben brennend, forderte seine Bruder auf, das heilige Grab des Erlosers aus der schandenden Gewalt der Unglaubigen zu befreien. Machtig war seine Rede und hinreissend, von allen Seiten stromten ihm an Andacht, Gesundheit und Kraft gleiche Seelen wie Wogen entgegen. Alle zogen seinen Weg, ein sturmendes Meer, das sich gegen Orient walzte.

Unter dem versammleten Volke, das des Helden Rede verschlang, befand sich auch eine Schar junger Schuler und unerfahrner Neubekehrten. Leicht, wie jugendliche Gemuter hingerissen werden, machte auf diese Junger die glanzende, ergreifende Rede des frommen Helden einen heftigen Eindruck. Sie standen tief erschuttert, geruhrt oder erregt, wie jedes einzelne Gemut es werden konnte, unter den streitbaren Mannern. Vorwarts stromte bald die Flut des frommen Krieges; aber man hatte vergessen, die Junglinge zu ermahnen, wie sie sich zuerst durch tieferes Eindringen in die Geheimnisse des Glaubens weihen mussten, bevor sie an dem heiligen Werke teilnehmen konnten.

Sie sahen das Bild des Kreuzes in den wehenden Fahnen, sie sahen die heiligen Zeichen der Erlosung von allen Waffen und Werkzeugen des frommen Bundes strahlen, und langst war der heilige Zug schon uber Berge und Meere, als sich in hitziger Ungeduld die phantastischeren unter ihnen erhoben mit dem Aufrufe,

'Auf! auf! lasst uns im schonen Bunde der Freundschaft, dicht von Jugend umbluht, das heilige Grab erlosen, nach! dem heiligen Kreuzzuge.'

Aus allen Studierwinkeln rannten die jungen Toren heran und schlossen sich an die Freunde. Sie bezeichneten ihre Schulermantel mit dem Kreuzeszeichen und bestachen ihre kleinen Liebschaften, ihnen aus abgedankten seidenen Rockchen zierliche Fahnen zu verfertigen. In einem lustigen Taumel voll kindischer Andacht und Prahlerei zogen sie auf demselben Wege, den die andern genommen und deren tiefe, ernste Fusstapfen ihnen als Fuhrer dienten. Durch lustige Wiesen zogen sie hin, die Blumen zertretend oder als Futter ihren Eseln opfernd, deren sie viele bei sich hatten. Wahrlich die Besten im Zuge, denn sie waren doch bescheiden und fuhrten des Haufens Nahrung mit sich. Da aber der Weg in der Folge schwerer zu erkennen war, ja wohl hie und da die Spuren vom Winde verwehet oder auf hartem Boden nicht sichtbar waren, blieben sie stehen, und stritten wohin nun?

Fruher schon hob sich der Unmut unter den Jungsten, sie wollten nicht begreifen, was das heilige Grab ihnen nutzen wurde. Von den Mutigern verlacht, kehrten sie um, und kamen in die Heimat zuruck, doch nicht ohne den Ihrigen lange ein Spott zu bleiben, denn sie hatten sich in die Sprache und Zeichen der Kreuzfahrer so eingewohnt, dass sie alle Augenblicke irgend einen dummen Streich mit Kreuz und Fahne begleiteten, oder etwas ganz Gewohnliches mit Sehnsucht nach dem Grabe Christi und tiefer Andacht vollbrachten.

Unter den ubrigen, die weitergezogen waren, entstanden mehrere Sekten. Sie waren in der Nacht an einen grossen Teich gekommen, den sie meistens fur das Weltmeer hielten, denn es war dunkel, und ein schwerer Nebel lag auf dem entgegengesetzten Ufer. Die Starksten unter ihnen hielten nun einen Rat, was zu tun sei, da sie keine Schiffe bei sich hatten, und der ubrige Haufen stellte sich auch zusammen und hatte seine Redner.

So schwebte, ruhend die Fittiche, in unentschiedenem Fluge ihr Geschick "

Funftes Kapitel

Hier trat Godwi aus dem Gebusche und sagte: "Lassen Sie die Kreuzfahrer so stehen und uns nach dem Jagerhause gehen, um etwas zu essen."

Haber lachelte und ging mit. Er hatte mir gegenuber gestanden, an einen anderen Baum gelehnt in gebuckter Stellung, und viel an seinem Stockbande gespielt.

"Von Herzen gern," sagte ich, "denn eigentlich fuhle ich mehr Anlage zum Hunger als zur Allegorie."

Godwi erwiderte: "Sie sollen uns dennoch Ihre Allegorie nicht schuldig bleiben, ich bin begierig, die Reden der einzelnen Haufen und das fernere Geschick der jungen Kreuzfahrer zu horen, unter denen Sie so artig die letzte akademische Generation verstecken. Ihre Ideen uber Freundschaft gefallen mir, und es liesse sich daruber noch manches zwischen uns wechseln."

"Sie haben das alles gehort?" versetzte ich beschamt, "das war etwas boshaft, ich glaubte nur vor meinem alten Bekannten so frei sprechen zu durfen, und hatte die Nebenabsicht bei der Rede, einen Freund zu gewinnen."

Hier versetzte er: "Wenn es diese war, so kann es sich bald entwickeln, ob Sie Ihre Absicht erreichten, und Sie sagten ja mit so vielem Nachdrucke ob Sie sich kennen, ob Sie sich sehen oder nicht, das ist gleichviel verzeihen Sie daher, dass ich mich versteckt hatte."

Dabei war sein Blick fest, es war einer von den seltenen Blicken, die nur fruhe Erfahrung geben kann. Der Blick eines Auges, das Blicke der Lust und des Rausches gegeben und genommen hatte, und nicht mehr begehrt, sondern bildet und begrundet, der Blick eines Freundes. Wir erreichten bald den tiefsten Teil des waldigten Tales, und da wir noch einige Schritte links in das Gebusche getan hatten, ertonten mehrere Jagdhorner auf eine sehr muntere Art. Es war eine rufende Melodie, und ich unterschied bald drei Horner, die von verschiedenen Punkten aus sich in einem Wechselliede antworteten. Das Echo verdoppelte die Tone, und brachte in die gedrangte Melodie eine angenehme tonschimmernde Verwirrung. Bald schien sich auch das Echo zu verdoppeln und aus allen Tiefen des Waldes tonte es der Melodie nach, als ziehe ein geheimnisvolles musikalisches Leben durch die Wipfel der Baume.

"Das Echo verdoppelt sich," sagte Haber, "haben Sie es bemerkt?"

"O ja," sagte Godwi, "ich habe das leider so oft bemerkt, dass mir durch die Gewohnheit die Ruhrung entgeht, welche alles Fremde, Geheimnisartige begleitet."

Auch ich war durch den tonenden Wald wunderbar uberrascht, und fuhlte, was die Alten in ihren Waldern empfinden mochten, die noch mit Gottern belebt waren, welche in wunderbaren Waldstimmen um den Wanderer ertonten.

Ich mache hier noch die Bemerkung, dass in den Reden Godwis etwas Trocknes, Ernstes und Bewunderungsloses lag. Er zeigte jene Art von Ruhe, von der die Erfahrung begleitet wird, und welche die muntere offene Jugend mit dem Stolze auf ihre wenigen errungenen Begriffe nicht reimen kann, und die ihr daher druckend wird. Die Jugend sieht solche Wesen wie den traurigen Vorwurf der Menge an, die sie noch zu erringen hat. Ein solches Wesen wird ihr geheimnisvoll und erdruckt durch seine anspruchlose Strenge ihre Wissbegierde. Wenn ich mit meinem muntern, schnellen Sinne eine Zeitlang gelehrte und vortreffliche Freunde erfreut habe, die sich vertraulich zu mir herablassen, und ich in ihrem Umgange vergessen habe, wie weit mehr sie umfassen als ich, so befinde ich mich wohl auch oft in solcher Jugendlichkeit, denn ich darf nur irgend ein Werk solcher Freunde in die Hand nehmen, um jene Bangigkeit zu empfinden, oder habe ich gar das Ungluck, mit einer solchen leichtsinnigen Frohlichkeit in eine grosse Bibliothek zu treten, so werde ich ganz zertrummert und empfinde einen recht panischen Schrecken.

Als wir in einen Winkel gekommen waren, wo sich die Wildnis immer mehr drangte und der Weg sich verlor, sprach Haber:

"Nun haben wir uns verirrt, die geheimnisreiche Musik hat uns irregefuhrt, denn dies ist nimmermehr der Weg nach dem Jagerhause."

Godwi lachelte und sagte:

"Hier haben wir keine Hulfe als die Hulfe aller Menschenkinder, wir mussen zuruckkehren oder, sind wir fromm, die Unsterblichen anrufen, dies nun ist die Sache der Dichter. Lassen Sie uns daher unter die grosse Eiche treten, die hier neben dem Gebusche steht."

Da wir einige Schritte durch das Gebusch getan hatten, waren wir unter der grossen Eiche; ich erinnere mich, nie eine solche Saule des Himmels gesehen zu haben, sie quoll wie ein ungeheurer Strom aus der Erde, und zerstreuete ihre grunen Flammen in den Himmel.

Haber fragte, in welchem Silbenmasse er beten sollte, in Stanzen oder Sonetten?

Godwi lachelte, und ich sagte: "Uberlassen Sie mir das Gebet, mein Hunger wird mich ein kraftiges lehren, und wenn es mein Eifer nicht ungereimt macht, so soll es doch sicher reimlos sein." Dann sprach ich:

Unter des lebenden

Grunenden Tempels

Flusternde Hallen

Komme ich irrend.

Wie sich die Eiche

Himmelwarts turmet,

Wie in dem Gipfel

Ruhet des machtigen

Jupiters Fuss.

Und in dem Herzen

Fuhl ich die Nahe

Heiliger Wesen,

Die durch die Zweige

Zu dem Olympos

Wandeln empor.

Fuhrt mich, ihr friedlichen

Geister des Haines,

Die mich umschweben

Lachend und rufend,

Fuhrt mich zuruck.

Irrende, fluchtige,

Tonende Geister,

Die ihr mit schakernden

Lispelnden Worten

Irr mich gefuhrt.

Hier wo in mondlichen

Nachten ihr rauschet

Und um die wohnsame

Herrliche Eiche

Tanzend euch schwingt;

Wo ich im Taue

Freudigen Grases

Von euren fluchtigen

Goldenen Sohlen

Ehre die Spur,

Hort mich ihr freundlichen,

Die ihr verlorene

Gotter gepfleget,

Die ihr die fliehende

Daphne umarmt.

Frohe, geheime,

Lindernde Geister,

Die in des Waldes

Ruhrigen Schauer

Weben den Trost.

Machtige, lebende,

Starkende Geister,

Die in der Stamme

Alter und Jugend

Bilden die Kraft.

Wenn ich je frevlend

Eure geheiligten

Stamme verletzet,

O! so verdorre

Welkend die Hand.

Nimmer auch hohnt ich

Echo die Jungfrau,

Die mit euch wohnet,

Teilt ihr vertraulich

Liebe und Schmerz.

Fuhret mich heimwarts!

Bin nur ein Wandrer,

Bin kein Unsterblicher,

Der mit ambrosischen

Bissen sich nahrt.

Wisset, mich hungert,

Fuhret mich heimwarts,

Dass ich dem Freunde

Von der Dryaden

Hulfreicher Gute

Bringe die Mar.

Wahrend meinem Gebete horten wir verwirrte Stimmen jenseits der Eiche.

"Der betet, glaube ich," sagte eine Stimme, "wer mag das wohl sein?"

"Ein Narr" erwiderte die andere.

"Gott gebe, dass er ihn erhort", sagte die erste Stimme.

"Dass wer ihn erhort?" fragte die zweite.

"Ei nun, Gott"

"Das ist ja dumm, Gott soll geben, dass Gott ihn erhort; es ware wohl besser, Gott erhorte ihn, damit er ihm gleich was gebe."

"Flametta, Flametta, du spaltest die Worte wieder."

"Das Spalten macht mir vielen Spass, wenn ich deinen Verstand dazwischenklemmen kann, und sollte ich es allein tun, um dich empfinden zu lassen, wie es den Tieren zu Mute ist, die du lieber in Fallen fangst, als sie, wie ich, rechtlich totzuschiessen. Glaubst du mich auch so zu fangen? Das lasse dir nur vergehen."

Sechstes Kapitel

Hier ging plotzlich eine Tur auf, die in der grossen Eiche versteckt war. Godwi hatte mit uns gescherzt. Es war diese Eiche der Eingang eines Parkes, der an die hintere Seite des Jagerhauses angrenzte und Habern noch nicht bekannt war.

"Mich bekommst du nimmer so", sagte das Madchen Flametta, das hinter der Eiche stand und lief davon, als sie uns durch die Ture eintretend bemerkte.

Ein Jagerbursche, der uns nicht so fruh gesehen hatte, rief: "Freilich, du bist schneller als ein Reh, und wenn du laufst, kriege ich dich nimmer" nun bemerkte er uns und lief auch davon.

Godwi rief ihnen beiden nach, aber sie horten nicht. "Es ist eigen," sagte er, "wie man nimmer den geringeren Standen die Scheue nehmen kann; es liegt ihnen mehr Genuss in der Freiheit, davonlaufen zu konnen, als in der, sich nahern zu durfen. In jedem Menschen liegt eine ewige Rache gegen die Bestimmung seiner Geburt, und aus dieser Rache lasst sich mehr Kraft und Vollkommenheit erweisen als aus jeder Art der Toleranz."

Haber meinte, es sei Mangel an Bildung der Menschen.

Ich meinte, es sei Mangel an Bildung der Stande, die zu sehr durch blosse menschliche Bedurfnisse und zu wenig durch ihre innern Standesbedurfnisse verbunden seien, so dass die Stande die Menschen trennten und die Bedurfnisse allein sie vereinigten.

Der Park, in dem wir waren, war nichts anders als der kraftigste Teil des Waldes, ein kleiner Eichenhain. Alle Stamme waren voll gesunden Lebens, wie eine Versammlung der Burger einer grossen Republik standen sie da, alle voll Selbstgefuhls und eignen Sinnes, doch nur eine Absicht.

Godwi sagte zu Haber: "Sehen Sie, diese sind Freunde, wie man es sein soll."

Ich fragte ihn, wie diese brave, wackere Gesellschaft zusammengekommen sei.

"Es sind lauter Antiken," erwiderte er, "bis auf einige neue, die mein Vater gepflanzt hat, und dann noch eine junge Zucht von Flametten."

Wir waren wenige Schritte gegangen, als durch die grune Nacht eine glanzende weisse Fassade hervorbrach.

"Wundern Sie sich nicht," sagte Godwi zu Haber, "dies ist der hintere Teil des Jagerhauses, von einem Italianer fur meinen Vater angelegt, der in der letzten Zeit viel bauete."

Wir traten durch den geraumigen, luftigen Eingang, an dem keine Tur war, und links in einen runden gewolbten Saal. Der Ture des Saales gegenuber sprudelte ein Wasserfall uber einen Haufen moosigter Steine nieder. Das Fenster, wodurch man ihn sah, gab dem Saale allein Licht, ausser einigen grunen Scheiben, welche von oben herab einen anmutigen Schimmer ergossen. Die Wande ringsherum waren tauschend mit Gebuschen bemalt, die oben an der Kuppel zusammenliefen und das Ganze einer Laube ahnlich machten. An dem Fenster standen zierliche Vasen, und als ich sie betrachten wollte, bemerkte ich, dass dieses kein Fenster war, sondern ein grosser Spiegel, dem das Fenster, durch welches der Wasserfall erschien, gegenuberstand. Es war uber der Ture angebracht und fiel nicht in die Augen. In der Mitte des Saales stand ein kleiner marmorner Tisch, der schon gedeckt war.

Wir legten unsere Mordgewehre ab, und erfrischten uns mit dem Wasser, das an der einen Wand des Saales in einem Becken von grunem Glase unter einem Haufen von Fruchten hervorquoll, die auch aus grunem Glase von verschiedenen Lichtstufen sehr kunstlich gebildet waren. Die Fruchte drangen unmittelbar aus der Wand hervor, und lagen in schoner Unordnung ubereinander. Die Mitte nahmen einige grosse Trauben ein, und um sie drangten sich andere Fruchte; uber den Trauben lag ein Lorbeerkranz, auf dem ein Schmetterling sass.

Als ich das kunstreiche Werk betrachtete, sagte Godwi, das alles ware recht gut: "Wenn nur der Schmetterling nicht der Hahn ware, der den Strahl des Wassers schliesst und offnet, und der Lorbeerkranz nicht die Wasserrohre verbarge, aus der die Strome hervorrinnen und uber die Fruchte laufen, besonders die Traube setzt er unter Wasser."

"Ja," sagte ich, "er liegt uber der Traube wie ein schlechtes Trinklied, das uns den Wein verdirbt. Es ist viel Unschuld oder Bosheit in der ganzen Idee."

Hier nahm Godwi ein kleines silbernes Jagdhorn von der Wand und tat einige helle Stosse hinein, die wie Flammen an der Kuppel durch die grunen Wande hinaufliefen.

"Die Tone sind ein wunderbarer lebender Atem der Dunkelheit", sagte ich; "wie alles rauscht und lebt und mit uns spricht in dem heimlichen Saale, den die Tone wie gluhende Pulsschlage durchzuckten."

Godwi sagte: "Die Tone sind das Leben und die Gestalt der Nacht, das Zeichen alles Unsichtbaren, und die Kinder der Sehnsucht."

Es traten einige reinlich gekleidete Jager herein, und trugen Speisen und goldenen Rheinwein auf. Godwi sagte ihnen, sie mochten die Speisen hinstellen, und uns dann an dem Wasserfalle etwas singen und blasen. Er gab ihnen das silberne Horn dazu, und sagte ihnen, sie mochten Flametta bitten, ihr Konzert zu unterstutzen.

Wir machten uns nun herzlich uber die Gerichte her, und besonders hielt Haber ein schreckliches Gericht uber sie, er sagte:

"Es ist nichts Vortrefflicheres in der Welt als der Geschmack so eines wilden Schweinkopfs." Man verzehrte ihn so siegreich wie ein Indianer seinen skalpierten Feind.

"Das Essen uberhaupt ist das wahre erste Studium", sagte Godwi; "in einer recht grundlichen Naturlehre musste die erste Einteilung sein dies kann man essen, und dies nicht."

Ich setzte hinzu, dass recht vernunftig Essen zum vollkommnen Menschen gehore, und dass, wer nicht mit ernstlicher Freude esse, weder ein guter Philosoph noch Dichter sein konne.

"Wie die Helden im Homer zugreifen", sagte Haber.

"Rechten Hunger haben, heisst viel Anlage haben, und verhungern, heisst eine grossere Anlage haben als die gegenwartige Bildung", sagte Godwi.

"Und der ist der vernunftigste Esser," fugte ich hinzu, "der die Bildung durch seinen Hunger so lange steigert, bis sie ihn sattigt."

Hier brachte Haber Goethens Gesundheit aus, wir tranken rundum aus voller Seele und vollen Bechern, und ich sagte: "Es ist seltsam, mit dieser Gesundheit ist mein Mahl geschlossen, ich bin ordentlich satt."

Siebentes Kapitel

Nach Tische horten wir einige Waldhorner, die lustig erklangen. Godwi sagte: "Wir wollen uns gegen den Spiegel wenden, da werden wir unser Orchester besser sehen konnen, und besonders Flametta, die ein sehr schones Madchen ist, und sich bei solchen Gesangen ofters sehr reizend dekoriert."

Wir warteten auch nicht lange, als wir an dem Wasserfalle einen zahmen Hirsch trinken sahen. Er hatte ein blankes Halsband mit Schellen an, und sah sehr zierlich aus. Er drehte sich um und sah zu uns herein. Godwi gab ihm etwas Brot, und er guckte uns mit seinen hellen freundlichen Augen gross an, dann rief ihn Flametta und er lief wieder weg.

Godwi sagte: "Das gehort sicher zu dem Liede, und wir konnen uns nun von Flametta etwas Dramatisches erwarten."

Nun begannen die Horner wieder ein lustiges Jagdlied zu blasen, verloren sich dann in der Ferne, und ahmten das Echo nach, als ob eine Gesellschaft Jager auszoge, dann verstummten sie ganz, und an dem Wasserfalle erschien eine liebliche Maske.

Flametta war es, sie hatte sich in einen jungen Jager verkleidet. Ein grunes Mantelchen hing schon geschurzt uber ihren Schultern. Die kraftigen Huften hatte sie mit weissen Puffen bedeckt. Sie setzte sich, und streckte die schlanken behenden Beine nachlassig an den Boden. Ihr hoher Hals drang stolz aus dem strengen Dianenbusen, den sie leider aus Kostum soviel als moglich verbarg. Sie wusste wohl nicht, wie gern solche Fehler ubersehen werden. Sie stutzte das trotzige freie Kopfchen, auf dem sie einen schonen Kranz von frischen Blattern und Flittergold trug, in die Linke, und warf mit der Rechten Bogen und Pfeil von sich.

Indem sie sich uber das Wasser beugte und ihre Worte mit gelinden Bewegungen begleitete, sang sie mit heller klingender Stimme, und die Horner tonten leise nach.

Cyparissus:

Nicht lachen mehr, nicht singen mehr,

Nicht mehr in Waldern jagen,

Still sitzen hier und klagen,

Weil ich nun mein Hirschlein geschlagen tot.

Wollt eilen hin, wollt eilen her,

Konnt einer mir nur sagen,

Dass ich es nicht erschlagen,

Dass ich nicht vergossen sein Blut so rot.

O bose Jagd! o boser Pfeil!

Mit liebem Blut gerotet,

Mein Freund hab ich getotet,

Der um mich verlassen die Freiheit sein.

Nicht lachen mehr, nicht singen mehr,

Nicht mehr in Waldern jagen,

Still sitzen hier und fragen,

Wer hat erschlagen das Hirschlein mein?

O Sonnenschein! o heisser Schein!

Hier sitz ich an der Quelle,

Wo in dem Wasser helle,

Das Hirschlein sah sein guldin Geweih.

Was rauschet wohl, was blinket fein?

Was brauch ichs dann zu horen,

Mein Hirschlein kann nicht kehren,

Es ist ja tot und blinket nicht meh'.

Welch hoher Schritt, welch guldner Schein!

Zwei Horner seh ich blinken,

Mein Hirschlein kommt zu trinken,

O Freude gross! dass ich es noch seh.

Hier trat der Jagerbursche mit einer goldenen Leier auf. Flametta hatte ihn als Phobus maskiert. Flametta, welche den Cyparissus vorstellte, glaubte nach der Wendung ihres Liedes, als sie die Leier blinken sieht, es sei das Geweih ihres Hirschleins.

Phobus:

O Cypariss! du holder Knab!

Dein Hirschlein ist im Walde,

Mein hoher Tritt so schallte,

Mein guldin Leier gab solchen Glanz.

Seit ich dich nicht gesehen hab

Und hier bei dir gesessen,

Hast du mich schon vergessen,

Und flochte dir doch den grunen Kranz.

Flammetta nahm hier den grunen Kranz und warf ihn in das Wasser, wobei ihr die schonen langen Haare herabflossen.

Cyparissus:

Den grunen Kranz will ich nicht mehr,

Und bist du nicht mein Hirschelein,

Und gehe und lass mich nur allein,

So habe ich es doch geschlagen tot.

Phobus:

Deins Hirschleins Tod verdriesst mich sehr,

Will dir ein andres suchen,

In Eich' und grunen Buchen,

Vom Morgen bis zum Abendrot.

In heisser Sonn, in kuhler Nacht,

Will ruhn in keiner Stunden,

Bis ich ein solches funden,

Damit ich troste dein'n bittern Schmerz.

Cyparissus:

In heisser Sonn, in kuhler Nacht,

Kannst keins du je erjagen

Wie meins, das ich erschlagen,

Dem ich durchstochen sein treues Herz.

Verlassen hats sein'n freien Stand,

Von selbst kam es gegangen,

Ich hab es nicht gefangen,

Ein'n treueren Freund giebt es wohl kaum.

Am Halse trugs ein guldin Band,

Mit Schellen auch von Golde,

Und wenn ich reiten wollte,

Legt ich ihm auf ein'n Purpurzaum.

Ihm war verguldt sein hoch Geweih,

Dass mit den vielen Enden

Es alles mocht verblenden,

Wann es rannte durch den dunklen Wald.

Es schien, als obs ein Blitzstrahl sei,

In seinen Ohren hinge

Von Perlin ganz ein Ringe,

So war geziert seine hohe Gestalt.

Phobus:

O Cypariss! Du holder Freund!

Ich geb dir Pfeil und Bogen,

Mit Gold ganz uberzogen,

O hore doch auf betrubt zu sein.

Dein schone Augen sind ganz verweint,

Von deinen sussen Wangen

Ist ganz das Rot vergangen,

Und deine Lippen sind so voll Pein.

Komm, geh mit durch den dunklen Wald,

Den wilden Schmerz zu kuhlen,

Will singen dir und spielen,

Komm und vergesse dein Hirschelein.

Cyparissus:

Dein Pfeil und Bogen nur behalt

Und in den Wald alleine geh,

Denn ich vergess es nimmermeh,

Und sterbe hier voll grosser Pein.

Will setzen zu dem Hirschlein mich,

Am heissen Mittag, wenn alles schweigt,

Will ruhen da,

Will sterben da,

In der Einsamkeit will ich sterben,

Meine Gedanken ganz traurig,

Will sterben bei dem Hirschelein.

Hier verliess Phobus und Cypariss die Szene. Die Waldhorner spielten eine traurige Weise, und mehrere Stimmen sangen, ohne gesehen zu werden, folgendes Chor:

Da sass der Jungling und weinte,

Der Gott konnt ihn nicht trosten,

Und mocht nicht, dass er leide.

Da macht er ihn aus Liebe

Zu einer Trauerweide.

Des Baumes Zweig' sich senken

Und scheinen still zu denken

Und leis herabzuweinen,

Cypressus er nun heisset.

Hier war das Fest zu Ende, und alles schwieg still. Die Sonne hatte recht gut dekoriert. Im Anfange schien sie ganz heiss auf den Wasserfall und zog dann mit dem Gesange davon. Sie ging von der Seite des Phobus, so dass Cypariss nach und nach ganz in den Schatten kam und auch der Saal viel dustrer ward.

Achtes Kapitel

Wir waren alle durch Flamettens Lied bewegt. Godwi allein ausserte nichts Bestimmtes. Es schien mir uberhaupt, als habe er ein ganz eigenes Instrument im Busen, und seine Ruhrung sei sich stets gleich. Er hat sein Leben einer schonen Erinnerung hingegeben, und was ihn ruhrt, schlagt diese an, dennoch hat er ein gesundes originelles Urteil. Diese Originalitat aber besteht aus einem einzigen grossen Eindruck in seinem Inneren, von dem er immer seinem Urteil einen Klang mitgiebt und es so stempelt. Unsere Ausserungen uber das Lied Flamettens fuhrten uns zu einem allgemeinen Gesprache uber das Romantische, und ich sagte:

"Alles, was zwischen unserm Auge und einem entfernten zu Sehenden als Mittler steht, uns den entfernten Gegenstand nahert, ihm aber zugleich etwas von dem Seinigen mitgiebt, ist romantisch."

"Was liegt denn zwischen Ossian und seinen Darstellungen?" sagte Haber.

"Wenn wir mehr wussten," erwiderte ich, "als dass eine Harfe dazwischenliegt, und diese Harfe zwischen einem grossen Herzen und seiner Schwermut, so wussten wir des Sangers Geschichte und die Geschichte seines Themas."

Godwi setzte hinzu: "Das Romantische ist also ein Perspectiv oder vielmehr die Farbe des Glases und die Bestimmung des Gegenstandes durch die Form des Glases."

"So ist nach Ihnen also das Romantische gestaltlos," sagte Haber, "ich meinte eher, es habe mehr Gestalt als das Antike, so, dass seine Gestalt allein schon, auch ohne Inhalt, heftig eindringt."

"Ich weiss nicht," fuhr ich fort, "was Sie unter Gestalt verstehen. Das Ungestaltete hat freilich oft mehr Gestalt, als das Gestaltete vertragen kann; und um dieses Mehr hervorzubringen, durften wir also der Venus nur ein Paar Hocker anbringen, um sie romantisch zu machen. Gestalt aber nenne ich die richtige Begrenzung eines Gedachten."

"Ich mochte daher sagen," setzte Godwi hinzu, "die Gestalt selbst durfe keine Gestalt haben, sondern sei nur das bestimmte Aufhoren eines aus einem Punkte nach allen Seiten gleichmassig hervordringenden Gedankens. Er sei nun ein Gedachtes in Stein, Ton, Farbe, Wort oder Gedanken."

"Es fallt mir ein Beispiel ein," versetzte ich, "verzeihen Sie, dass es die so sehr gewohnliche Allegorie auf die Eitelkeit der Welt ist. Nehmen Sie eine Seifenblase an, denken Sie, der innere Raum derselben sei ihr Gedanke, so ist ihre Ausdehnung dann die Gestalt. Nun aber hat eine Seifenblase ein Moment in ihrer Ausdehnung, in der ihre Erscheinung und die Ansicht derselben in vollkommner Harmonie stehen, ihre Form verhalt sich dann zu dem Stoffe, zu ihrem innern Durchmesser nach allen Seiten und zu dem Lichte so, dass sie einen schonen Blick von sich giebt. Alle Farben der Umgebung in ihr schimmern, und sie selbst steht nun auf dem letzten Punkte ihrer Vollendung. Nun reisst sie sich von dem Strohhalme los, und schwebt durch die Luft. Sie war das, was ich unter der Gestalt verstehe, eine Begrenzung, welche nur die Idee festhalt, und von sich selbst nichts spricht. Alles andere ist Ungestalt, entweder zu viel, oder zu wenig."

Hier versetzte Haber: "Also ist Tassos Befreites Jerusalem eine Ungestalt"

"Lieber Haber," sagte ich, "Sie werden mich argern, wenn Sie mir nicht sagen, dass Sie mich entweder nicht verstehen, oder mich nicht argern wollen."

"Argern Sie sich nicht," erwiderte er, "denn ich tue weder das eine, noch will ich das andere, aber mit Ihrer Ungestalt des Romantischen bin ich nicht zufrieden, und setzte Ihnen grade den Tasso entgegen, da ich ihn kenne, und leider nur zu sehr empfinde, wie scharf und bestimmt seine Gestalt ist. Das fuhle ich nur zu sehr, da ich damit umgehe, ihn einstens zu ubersetzen."

"Dass Sie es zu sehr fuhlen, ist ein Beweis fur mich", sagte ich; "die reine Gestalt fuhlt man nicht zu sehr; und nehmen Sie sich in acht, dass Sie es auch den Leser Ihrer Ubersetzung nicht zu sehr fuhlen lassen, denn nach meiner Meinung ist jedes reine, schone Kunstwerk, das seinen Gegenstand bloss darstellt, leichter zu ubersetzen als ein romantisches, welches seinen Gegenstand nicht allein bezeichnet, sondern seiner Bezeichnung selbst noch ein Kolorit giebt, denn dem Ubersetzer des Romantischen wird die Gestalt der Darstellung selbst ein Kunstwerk, das er ubersetzen soll. Nehmen Sie zum Beispiel eben den Tasso; mit was hat der neue rhythmische Ubersetzer zu ringen? Entweder muss er die Religiositat, den Ernst und die Glut des Tasso selbst besitzen, und dann bitten wir ihn herzlich, lieber selbst zu erfinden; hat er dieses alles aber nicht, oder ist er gar mit Leib und Seele ein Protestant, so muss er sich erst ins Katholische ubersetzen, und so muss er sich auch wieder geschichtlich in Tassos Gemut und Sprache ubersetzen, er muss entsetzlich viel ubersetzen, ehe er an die eigentliche Ubersetzung selbst kommt, denn die romantischen Dichter haben mehr als blosse Darstellung, sie haben sich selbst noch stark."

"Bei den reinen Dichtern ist dies der Fall wohl nicht," sagte Haber, "da sie doch noch etwas weiter von uns entfernt sind."

"Nein," erwiderte ich, "obschon sie etwas weiter von uns entfernt sind, und grade deswegen nicht, weil diese grosse Ferne jedes Medium zwischen ihnen und uns aufhebt, welches sie uns unrein reflektieren konnte. Die Bedingnis ihres Ubersetzers ist blosse Wissenschaftlichkeit in der Sprache und dem Gegenstande, er darf bloss die Sprache ubersetzen, so muss sich seine Ubersetzung zu dem Original immer verhalten, wie der Gipsabdruck zu dem Marmor. Wir sind alle gleichweit von ihnen entfernt, und werden alle dasselbe in ihnen lesen, weil sie nur darstellen, ihre Darstellung selbst aber keine Farbe hat, weil sie Gestalt sind."

Godwi sagte scherzend: "Nun also, lieber Haber, fangen Sie nur vorher an, sich zu ubersetzen, schwerere Kontraktionen wollen wir Ihnen erlautern helfen, und tiefe Stellen, sollten welche vorkommen, mussen Sie erst in Konfessionen ergiessen, um sie ans Licht bringen zu durfen. Denn, ubersetzen Sie sich nicht zuerst, so mochte, fur alle die Religiositat, den Ernst und die Glut Tassos, liebenswurdiger Atheismus, susse Prosa und jene in den Musenalmanachen so haufige asthetische Glut, Ather-Glut, Rosen-Glut oder Johanniswurmchen-Glut hervorkommen."

"Die Reime allein schon", fuhr ich fort, "sind in unserer Sprache nur als Gereimtes wiederzugeben, und ja, sehen Sie, eben diese Reime schon sind eine solche Gestalt der Gestalt, und wie wollen Sie das alles hervorbringen? Der italianische Reim ist der Ton, aus dem das Ganze gespielt wird. Wird Ihr Reim denselben Ton haben? Ich glaube nicht, dass Sie ein solcher Musiker sind, der aus allen Tonarten und Schlusseln auf ein andres Instrument ubersetzen kann, ohne dass das Lied hie und da stillsteht und sich zu verwundern scheint, oder seiner innern Munterkeit nach aus Neugierde mitgeht und sich selbst in dem luftigen asthetischen Rock, der hier zu eng und dort zu weit, uberhaupt seinem Charakter nicht angemessen, so ein Rock auf den Kauf ist, wie einen Geniestreich ansieht oder, wird es blind, wie ein vortrefflicher Adler, dem man eine Papiertute uber den Kopf gezogen hat, dumm in einer Ecke sitzt."

Godwi lachte und sagte: "Eine Frage fur ein Rezeptbuch Wie ubersetzt man einen italianischen Adler ins Deutsche? Antwort Recipe eine Papiertute, ziehe sie ihm uber den Kopf, so ist er aus dem Wilden ins Zahme ubersetzt, wird dich nicht beissen; ja er ist der namliche Adler, und zwar recht treu ubersetzt."

"Recht getreu," sagte ich, "denn er sitzt nun unter den deutschen Huhnern recht geduldig und getreu, wie ein Haustier."

"Jede Sprache", fuhr ich fort, "gleicht einem eigentumlichen Instrumente, nur jene konnen sich ubersetzen, die sich am ahnlichsten sind; aber eine Musik ist die Musik selbst und keine Komposition aus des Spielers Gemut und seines Instrumentes Art. Sie erschafft sich da, wo das Instrument, der Tonmeister und die Musik in gleicher Vortrefflichkeit sich beruhren. Viele Ubersetzungen, besonders die aus dem Italianischen, werden immer Tone der Harmonika oder blasender Instrumente sein, welche man auf klimpernde oder schmetternde ubersetzt. Man versuche es einmal mit dem Petrarch; wenn mehr herauskommt als ein gereimtes Florilegium, an dem man die Botanik seiner Poesie studieren kann, wenn mehr herauskommt als eine officinelle Ubersetzung, wenn nicht jedes Sonett ein Rezept an ein Worterbuch wird, wo man des Reimes wegen immer die Surrogate statt der Sache nehmen muss, statt Zitronensaure Weinstein, statt Zucker Runkelruben, so will ich den Entschluss aufgeben, sollte ich je lieben, eine Reihe deutscher Sonette zu machen, die keiner ins Italianische ubersetzen wird."

"Den Dante halten Sie denn wohl fur ganz unubersetzlich", sagte Haber.

"Grade einen solchen weniger," fuhr ich fort, "ebenso wie den Shakespeare. Diese beiden Dichter stehen ebenso uber ihrer Sprache wie uber ihrer Zeit. Sie haben mehr Leidenschaft als Worte, und mehr Worte als Tone. Sie stehen riesenhaft in ihren Sprachen da, und ihre Sprache kann sie nicht fesseln, da ihrem Geiste kaum die Sprache uberhaupt genugt, und man kann sie wohl wieder in einen anderen wakkeren Boden versetzen. Es kann gedeihen, nur muss es ein Simson getan haben. Transportierte Eichen bleiben sie immer, an denen man die kleinen Wurzeln wegschneiden muss, um sie in eine neue Grube zu setzen. Die meisten anderen italianischen Sanger aber haben ganz eigentumliche Manieren, die in der Natur ihres Instrumentes liegen, es sind Tonspiele, wie bei Shakespeare Wortspiele; Tonspiele konnen nicht ubersetzt werden, wohl aber Wortspiele."

"Wie sind wir auf die Ubersetzungen gekommen?" sagte Godwi. "Durch das romantische Lied Flamettens", sagte ich. "Das Romantische selbst ist eine Ubersetzung"

In diesem Augenblick erhellte sich der dunkle Saal, es ergoss sich ein milder gruner Schein von dem Wasserbecken, das ich beschrieben habe.

"Sehen Sie, wie romantisch, ganz nach Ihrer Definition. Das grune Glas ist das Medium der Sonne."

Neuntes Kapitel

Es ging wirklich etwas Bezauberndes mit diesem Becken und seinen Fruchten vor, und die Erscheinung war mir ausserst uberraschend.

Die Fruchte, die halb in der Wand verborgen waren, fingen allmahlich an zu schimmern. Zuerst erleuchteten sich der Lorbeerkranz mit dem Schmetterlinge und die Trauben, ein dunkles ernsthaftes Grun, das endlich in verschiedene Stimmungen uber die umgebenden Fruchte zerrann. Dann gluhte das ganze Becken in mildem grunen Feuer, und die schillernden Tropfen, die zwischen den Fruchten hervordrangen, leuchteten und sammelten die verschiedenen Grade des Feuers in dem Boden des Beckens, das mit grunem Spiegel uberzogen die immer gleiche Menge des Wassers mit einer zuruckstrahlenden Seele belebte, und in dieser brannte das Ganze noch einmal reflektiert.

Wir standen alle erfreut vor dem grossen Smaragde, der zu leben schien, und ich empfand in mir einen heftigen Eindruck, eine ganz wunderbare Sehnsucht.

"Ich wollte, das Ding schwiege still, erblasste und verlore seine Gestalt," sagte ich, "denn eins allein von diesen konnte ich nicht sagen. Hier ist Ton, Farbe und Form in eine wunderliche Verwirrung gekommen. Man weiss gar nicht, was man fuhlen soll. Es lebt nicht und ist nicht tot, und steht auf allen Punkten auf dem Ubergange, und kann nicht fort, es liegt etwas Banges, Gefesseltes darin."

"Aufhoren wird es bald," sagte Godwi, "wenn sich nur die Sonne wendet. In der Einrichtung liegt das Schone, dass es mit dem himmlischen Lichte in Verbindung steht. Wenn die Sonne sich wendet, verliert es sein Leben und stirbt."

Bald wechselte die ganze Beleuchtung gleichsam stossend, einmal, zweimal, und alles war voruber.

Godwi erzahlte uns, dass der verborgene Teil des Kunstwerks von aussen der Sonne ausgesetzt sei, die, wenn sie auf einem gewissen Punkte stehe, durch mehrere geschliffene Spiegel, die im Inneren sehr kunstlich angebracht seien, das Becken so erleuchte. Sein Vater habe eine Zeitlang viele Kunstler um sich gehabt, denen er vieles verdanke, und unter ihren Arbeiten seien auch manche, die ihm selbst wohltaten.

Ich fragte ihn: "Warum nur manche, da doch jedes schone Werk ein allgemeines Gefallen zur Bedingung hat?"

"Mein Vater," erklarte er, "wollte nicht das Schone der Kunst, er wollte nur ihre Macht. Sie sollte ihm dienen, denselben Eindruck, den er wollte, ihm auf alle Arten zu geben. Sie sollte ihm etwas, was er gern vergessen hatte und nie vergessen konnte, seinem unerreichlichen Wunsche zum Trotze auf allen Seiten hinstellen. Nehmen Sie an, er habe sich vor Geistern gefurchtet und sie seien oft neben ihm getreten, so sei er nun aus Verzweiflung ein zweiter Faust geworden, habe die Geister zu sich gezwungen, um ihm zu dienen, habe sich unter sie gesturzt, um sie nicht zu furchten. So ist er mit der Kunst umgegangen; alles, was er arbeiten liess, umfasste einzelne Ideen, von denen eine mich in meiner Jugend schon peinigte, und die mich jetzt, da ich sie kenne, da ich mich kenne, und meine Bestimmung, nur dann und wann ruhrt."

Hier hielt er ein, und ich durfte ihn nicht fragen, denn mit seiner Rede war sein Schmerz gestiegen; aber Haber durfte ihn fragen, weil seine Neugierde grosser war als seine Schonung; "und diese Idee?" sagte er.

Godwi sah ihn an, und sprach lachelnd: "und diese Idee habe ich in meinen Worten ganz allein verhullt, weil ich sie nicht sagen wollte."

"Dies Becken aber, das uns soeben erfreuete," fragte ich, "wie kam er zu diesem, warum bauete er den wunderbaren Saal, in dem wir sitzen, und das ganze Jagerhaus?"

Godwi erwiderte: "Er tat dieses einer gewissen Kordelia2 wegen, die sich hier aufhielt, und auch hier gestorben ist, einem sehr merkwurdigen Weibe, durch seine so einseitige Anhanglichkeit an die tote Natur, dass es alle Menschen, und besonders die Manner, vermied. Diese Kordelia brachte ihre letzten Jahre hier zu. Sie war ein Jahr vor meines Vaters Abreise nach Italien in meiner Abwesenheit hierher gekommen. Mein Vater liess ihr dieses Haus nach ihrer Phantasie erbauen. Sie starb unter freiem Himmel, und liegt hier im Walde begraben. Ich erbrach ihren letzten Willen, der nichts enthielt als die Bitte, den versiegelten Schrank in ihrer Schlafstube nicht eher zu erbrechen, bis ihr eigentlicher Name bekannt sei, der immer noch verborgen ist. Dies einzelne Werk, das Becken, kaufte ich von einer emigrierten Familie auf meiner Reise. Es ist von einem Strassburger Kunstler aus dem funfzehnten Jahrhundert, der nicht bekannt geworden ist, weil er mit seltsamen, ganz eigentumlichen Zwecken arbeitete. Alle seine Werke sind in einem solchen phantastischen romantischen Stil, und bezeichnen seinen wunderbaren Gemutszustand. Dieses Becken war ihm eigen geblieben, und seine Erben kannten den Gebrauch durch ihn. Da die Wirkung mir gefiel, kaufte ich es, und schickte es meinem Vater, der es Kordelien zur Freude hier anbringen liess. Zu gleicher Zeit habe ich mancherlei Papiere dieses Kunstlers gekauft, die wir einmal miteinander durchlesen wollen3."

Uber diesem war es Abend geworden, und Haber erinnerte an das Heimgehen vor Nacht.

"Wenn es Zeit ist," sagte Godwi, "kommt mein Jager von selbst, uns zu rufen. Er kennt unsere gewohnliche Zeit, und uberdies ist Flametta so sprode gegen ihn, dass er sicher fruh genug aufgebracht sein wird, und dann wird er uns schon abholen; es ware unfreundlich, ihn jetzt zu storen, da er bei dem Apollo uns zuliebe schon so viele Zeit versaumt hat."

"Erzahlen Sie uns doch etwas naheres von Flametta", sagte ich.

Er erinnerte aber, ich sei die Rede der Kreuzfahrer noch schuldig, ich mochte diese nur erst sprechen lassen; denn es ware ausserst unartig, solche entschlossene Junglinge langer in der Beratschlagung stehenzulassen.

Haber sagte: "Ihr letzter Satz war "

"So schwebte, ruhend die Fittiche, in unentschiedenem Fluge ihr Geschick."

Zehntes Kapitel

Drei Haufen standen die Edeln am Ufer des Weltmeers. Nebel lag um sie her, und die Treuen sahen sich kaum untereinander, doch erkannten sie sich immer noch, wenn hie und da ein Wort aller im Enthusiasmus der Redner lauter schallte. Von dem einen Haufen horte man unaufhorlich die Worte:

Kraft, Ideale Natur, Individualitat.

Von dem andern die Worte:

Streben in sich zuruck, Selbsterkenntnis, Tiefe, Fulle.

Und von dem dritten horte man:

Lebensgenuss, Zuruckreissen der Natur in sich, Verindividualisierung.

Endlich nun erstand ein Redner aus jedem Haufen. Der Redner der Tapfersten trat hervor, und rief aus:

"Dranget euch aneinander, ihr Freunde, ein einziger Wille, ein Phalanx dem Nebel, der uns neidisch einander entreissen will, ich habe ein Wort der Kraft an euch zu reden, welches gleich einem Magnete alle reine eisenhaltige Herzen an sich ziehen und zu einer Individualitat vereinigen wird." Die anderen naherten sich, ihre Redner an der Spitze, und der erste fuhr fort:

"Stehet fest, fest meine Freunde! lasset euch nicht irren es gilt jetzt

Ihr habt in der Kraft eurer idealen Natur eure Selbsten einer Aufgabe geweiht; was darf euch berechtigen, sie fallen zu lassen, als die Anschauung ihrer Nihilitat

Ich sprach mit euch, da ihr noch schwach waret; jetzt musst ihr entern das nenne ich, mit eigner Kraft eurer Selbst eueren Vorsatz und alle selbstgefundenen Mittel fassen, halten, durchfuhren; nur so seid ihr fur den heiligen Krieg oder diesen Gedanken in euren Seelen in den Abgrund der Vergessenheit senken, und alle Wellen eurer alten Gedanken uber ihm zusammenschlagen lassen, wie die Wellen des vor uns liegenden Weltmeers uber unsre streitgluhenden Korper hinschlagen werden; denn wer dem Weltmeere die Brust nicht bieten mag, der ist kein Sohn seiner Mutter, die es tut, der Erde

O ihr habt mich so oft angestaunt, da ich in objektiver Ruhe unter euch wandelte; erschrecken werdet ihr, wenn ihr schwach seid, und ich handelnd auftrete.

Ergrundet schnell eure Subjektivitat, und sprechet mit Klarheit, ob ihr fahig seid, mit mir zu handeln?"

Hier hielt der edle Mann ein, einige riefen bravo! viele murrten, dann sprach ein anderer Redner. Mit der zartlichen Undeutlichkeit eines menschenliebenden, aber ganz in sich allein zuruckkehrenden Gemutes redete er alle an, indem er sich zu dem vorigen Redner wendete:

"In der Tiefe deiner Brust bemerke ich eine apriorische Anschauung unsers Zustandes, die du mit Recht als ein Produkt von dir selbst giebst, weil sie falsch sein durfte fur die Intensitat vieler, die hier stehen und erkannt haben den Ursitz der Welt, und die einzige Strasse nach dem Besitze und der Gabe.

Ich spreche daher zu jenen Glucklichen unter uns, deren Wesen dem unendlichen tiefen Milchbrunnen gleicht, von dem ein kindlicher Aberglauben sagt, dass die unschuldigen Kindlein aus ihm herauskommen, zu jenen spreche ich, welche die Schopfung in der Brust, in dem reinen tiefen Spiegel ihres Herzens tragen, und welche mit mir die tiefen Worte des begeisterten Helden, der damals so feierlich zu dem Volke sprach, verstanden haben. Er selbst hat sich nicht verstanden, und war nur ein Organ der Religion, wie hatte er sonst nach seinen eignen Worten:

'Glaubet aber nicht, das Grab Christi sei ausser euch, und es stehe zu erlosen im Kriege fanatischer Waffen in euch selbst ist das Grab des Herrn, von den Sunden des Unglaubens geschandet, nur in euch konnt ihr es befreien, und die ausserliche Tat ist nur gesellschaftlich, in euch ist die Tiefe, die Fulle, die Klarheit, strebet in euch zuruck, kommet zur Selbsterkenntnis.'

Wie hatte er sonst nach diesen seinen Worten hinziehen konnen in Unendlichkeit und leerem Streben der Individualitat ins Universum.

Wohin fliehet ihr, ihr Geister! in die Unendlichkeit? Diese Kraft, euch aufzuschwingen, gab euch die Natur aber sie treibt euch auch in die Endlichkeit zuruck schon die unfreundlichen Wellen dieses Weltmeers tun es, und sind, obschon sehr lange, doch wohl lange noch nicht die Natur o Freunde, die ihr in euch, wie ich, den Lampenfunken des heiligen Grabes brennen sehet, bleibt zuruck, denn das heilige Grab ist in euch o! verliert es nicht in den Wellen, weil ihr es erobern wollt. Flattert nicht uber die Endlichkeit hinaus, sonst werdet ihr bald, der Unendlichkeit mude, in eure Leerheit zuruckkehren durch inneres Vergraben erwerbet euch das heilige Grab und schreitet so in ewiger Vertieferung in die Unendlichkeit dieses Grabes.

Wo wollt ihr euch aber finden, als in der Endlichkeit! Wo konnt ihr Kraft anwenden, als in dieser! Uberfliehet ihr sie, so stumpfen sich eure Krafte mehr und mehr ab, es ist kein Ruckhalt da, der euch festhalte, es ist kein Schiff auf diesem Weltmeere, und euer endloses Streben, eure schwimmenden Arme werden endlich doch in einen Wallfischmagen verendlicht, oder gar endlich als Fischtran auf Schuhen und Stiefeln, oder Fischbein in Schnurbrusten (schreckliche Beschrankung schoner Weiblichkeit!) verindividualisieret werden.

Greifet ein in die Endlichkeit suchet in euch das Ideal des heiligen Grabes, das eurem Wesen harmoniert; dieses fasset ganz, und alle Ausserungen, wonach ihr die Unendlichkeit modifiziert, seien euch nach diesem Ideale bestimmt. So konnt ihr das heilige Grab in euch erlosen, und von seiner Fulle, die sich in der Blute ewiger Herrlichkeit erneuert und fullt, die Wunder auf alle andere durch euch ausstromen lassen."

"Bravo, heiliger gottlicher Ausleger!" schrieen viele Stimmen mit einem seufzenden sehnsuchtigen Tone.

Der dritte Haufen und seine Redner hatten sich wahrenddem uber den Mundvorrat in den Korben der Esel hergemacht, sie lagen umher und schliefen.

Pumps, pumps, pumps, tat es drei Schlage ins Weltmeer, die wenigen Anhanger des mutigen ersten Redners sturzten sich hinein.

Die Anhanger des zweiten traten dicht zusammen und umklammerten, einer dem andern in den Armen ruhend, die heiligen Graber; unter diesen waren jene innigen, dringenden, brunstigen Freunde.

Sie zogen wankend feldein, und man hat weiter nichts von ihnen gehort, als in einigen Volksromanzen, welche die Fischer und Schafer dort singen, allerlei Uberbleibsel ihres selbstischen Wahnsinnes. Auch sollen durch ihre fernern Taten fast alle Arten von Aberglauben, fliegende Drachen, Beischlaf des Teufels mit Hexen und besonders das Alpdrucken bei jungen schlafenden Frauenzimmern entstanden sein.

Die Eingeschlafenen aber erwachten den folgenden Morgen, und gingen langsam nach Haus. Sie leben nun in einer Art von Traum, aus ihren Krisen und aus den Volksliedern habe ich die Geschichte dieser entscheidenden Gemutsschlacht zusammengetragen.

Das Weltmeer aber war nichts als ein sumpfichter Fischteich, die Tapfern brauchten gar nicht zu schwimmen, und auf der andern Seite stand ein Wirtshaus, in dem sie sich es recht gut schmecken liessen. Auch fanden sie dort einige zuruckgebliebene Bagagewagen des heiligen Zuges. Sie setzten sich mit auf, und kamen auch in den Krieg. Doch hat man von ihren Taten bis jetzt noch nichts gehort.

"Das ware nun so ziemlich die Geschichte des philosophischen Anflugs der letzten Jahre."

Haber naherte sich mir, und wollte mich umarmen, aber ich trat zuruck und sprach:

"Verbannen Sie diesen fabelhaften Zug von inniger Freundschaft aus Ihrem Gemute; ich bin Ihr Freund und aller derer, die nach dem Bessern streben, oder die schon weiter sind als ich."

Hier kam der Jagerbursche herein und fragte, ob wir nun gehen sollten.

"Was macht Flametta?" sagte Godwi.

"Sie hat bis jetzt nichts getan," erwiderte er, "als mir gepredigt, dass ich den Apollo so schlecht gemacht habe. Sie behauptete, wenn sie ihren Aktaon auffuhren wurde, werde ich die Szene, wo mir die Hirschgeweihe wachsen wurden, besser spielen. Ich sagte, sie solle sich mir nur einmal nackt im Bade zeigen, fur die Horner wolle ich schon sorgen; da gab sie mir eine Ohrfeige, die, ware sie nicht auf das Ohr gefallen, leicht die Grundlage eines Hornes hatte werden konnen und fur diese Ohrfeige gab sie mir denn wieder einen Kuss; weil ich so geduldig gewesen sei, sagte sie; und sauste mir die Ohrfeige in den Ohren, als knacke einer die Welt wie eine Nuss auf, so schmeckte auch der Kuss wie der Kern jener Nuss. Jetzt ist sie in dem Walde mit den Hunden und den kleinen Madchen des Forsters, denen sie das Furchten abgewohnen will, und wir mussen wohl auch gehen, wenn uns der wilde Jager nicht die Haare versengen soll."

Haber drang auch sehr aufs Gehen, und wir verliessen mit dem Jager das Haus.

Elftes Kapitel

Wir gingen, und die Nacht ging mit uns; um uns her kusste sie den Schatten des Waldes, und lag in dammernder Liebe in den Gebuschen. Auf lichten Stellen standen noch freundliche Sonnenblicke, als wollten sie uns Lebewohl! sagen. Durch die Tiefe des Waldes drang der rote gluhende Himmel, der leise verstummte. Er sprach wie die jungfrauliche Scham, wenn sie der tiefsten Freude weicht, und die Natur bebte in leisen Schauer, wie Liebestod.

Alles verlor seine Gestalt und sank in Einigkeit. Es gab nur einen Himmel und eine Erde, auf ihr wandelte ich, und mein Fuss rauschte im Laube, in des Himmels mildem Glanze ging mein Auge und trank grosse herrliche Ruhe. O! wem hatte ich sagen konnen, wie mein Herz war, wer hatte mich verstanden, und das elende Fragment meiner Sprache entziffert, und wer hatte es verdient?

Ich achtete Godwi, und konnte ihm das nicht sagen, denn ich hatte ihm gesagt, was Freundschaft sich nicht sagen darf. Hier ist sie klein und erblickt sich nicht. Freunde schweigen in solchen Momenten, wo die Liebe sich vom Himmel niedersenkt, und gehen bange einher um die Freundschaft, und schamen sich, dass sie nicht Mann sind und Weib, um sich niederzusetzen und sich zu kussen.

Ich dachte an dich, die mich erwartet; "wo bist du, Geliebte?" sprach ich, "die so zu mir strebt, die in Waldesschatten atmet, und von dem Himmel mit goldenen Faden mein Herz umspinnt wo bist du? die mich kusst im kuhlen Abendwinde soll ich nimmer zu dir und mit dir sein? wie der Abend, in dem ich deiner gedenke," ach alles sprach mit mir! auch die Brunette drangte sich leise an mein Herz, und sagte "ich bin nun wie dir ist" da sprach ich folgende Worte zu ihr:

An. S.

Wie war dein Leben

So voller Glanz,

Wie war dein Morgen

So kindlich Lachlen,

Wie haben sich alle

Um dich geliebt,

Wie kam dein Abend

So betend zu dir,

Und alle beteten

An deinem Abend.

Wie bist du verstummt

In freundlichen Worten,

Und wie dein Aug brach

In sehnenden Tranen

Ach da schwiegen alle Worte

Und alle Tranen

Gingen mit ihr.

Wohl ging ich einsam,

Wie ich jetzt gehe,

Und dachte deiner,

Mit Liebe und Treue

Da warst du noch da

Und sprachst lachlend:

Sehne dich nimmer nach mir,

Da der Lenz noch so freudig ist

Und die Sonne noch scheint

Am stillen Abend,

Wenn die Rosen nicht mehr gluhen

Und die Tone stumm werden,

Will ich bei dir sein

In traulicher Liebe,

Und dir sagen,

Wie mir am Tage war.

Aber mich schmerzte tief,

Dass ich so einsam sei,

Und vieles im Herzen.

O warum bist du nicht bei mir!

Sprach ich, und siehst mich

Und liebst mich,

Denn mich haben manche verschmaht,

Und ich vergesse nimmer,

Wie sie falsch waren

Und ich so treu und ein Kind.

Da lacheltest du des Kindes

Im einsamen Wege,

Und sprachst: Harre zum Abend,

Da bist du ruhig

Und ich bei dir in Ruhe.

Dein Herz wie war es da,

Dass du nicht trautest,

Viel Schmerzen waren in dir,

Aber du warest grosser als Schmerzen,

Wie die Liebe, die susser ist

Als all ihr Schmerz.

Und die Armut, der du gabst,

War all dein Trost,

Und die Liebe, die du freundlich

Anderen pflegtest,

War all deine Liebe.

Einsam ging ich nicht mehr,

Du warst mir begegnet

Und blicktest mich an

Scherzend war dein Aug

Und deine Lippe so trostend

Dein Herz lag gereift

In der liebenden Brust.

Freundlich sprachst du:

Nun ist bald Abend,

Gehe, vollende,

Dass wir dann ruhen

Und sprechen vom Tage.

Wie ich mich wendete

Ach der Weg war so schwer!

Langsam schritt ich,

Und jeder Schritt wollte wurzeln,

Ich wollte werden wie ein Baum,

All meine Arme,

Bluten und Blatter,

Sehnend dir neigen.

Oft blickte ich ruckwarts

Hin, wo du warst,

Da lagen noch Strahlen,

Da war noch Sonne

Und die hohen Baume glanzten

Im ernsten Garten,

Wo du gingst.

Ach der Abend wird nicht kommen

Und die Ruhe nicht,

Auf Erden ist keine Ruhe.

Nun ist es Abend,

Aber wo bist du?

Dass ich dir sage,

Wie der Tag war.

Warum hortest du mich nicht,

Als du noch da warst?

Nun bin ich einsam,

Und denke deiner

Liebend und treu.

Die Sonne scheint nicht,

Und die Rosen gluhen nicht,

Stumm sind die Tone

O! warum kommst du nicht,

Willst du nicht halten,

Was du versprachst?

Willst du nicht horen,

Soll ich nicht horen,

Wie der Tag war?

Wie war dein Leben

So voller Glanz,

Wie war dein Morgen

So kindlich Lachlen,

Wie habe ich immer

Um dich mich geliebt,

Wie kommt dein Abend

So betend zu mir,

Und wie bete ich

An deinem Abend.

Am Tage hortest du mich nicht,

Denn du warst der Tag,

Du kamst nicht am Abend,

Denn du bist der Abend geworden.

Wie ist der Tag verstummt

In freundlichen Worten,

Wie ist sein Aug gebrochen

In sehnenden Tranen,

Ach da schweigen alle meine Worte,

Und meine Sehnsucht zieht mit dir.

Godwi sagte: "Am Abend erschliessen sich alle Tore des Himmels, und die Ferne besucht uns freundlich." "Es ist kein schonerer Wunsch", fuhr ich fort, "als Guten Abend! Es heisst, mogest du ruhig sein und liebend, in stillem Umgange mit allem, was du vermisst. Am Abend erschliessen alle Herzen sich selbst, und aus allen Tiefen der Seele kommen die geliebtesten Gedanken zu uns, und selbst die heftigen Begierden, und was uns mit Gewalt fesselt, kommt zu uns und spricht: Lasse dir nicht bange sein um uns, wir sind nicht so feindlich, als du gedenkst."

Zwolftes Kapitel

Haber ging mit dem Jagerburschen weiter vor uns, und unterhielt ihn in einem dringenden Gesprache. Es schien ihm etwas unheimlich im Walde zu sein. Der Jager erzahlte ihm allerlei Mordgeschichten, und vom wilden Heere. Das letzte wollte er nun gar nicht recht glauben, und sagte einmal uber das andere Mal, das sei lauter Aberglauben. Im Walde ertonte dann und wann ein lauter Pfiff, und hatte Haber geschwiegen, so fuhr er dann schnell den Jager an: "Horst du? schon wieder, was mag das wohl sein, es lautet recht schon."

"Was mag es sein," sagte der Jager, "Lumpengesindel; aus so einem Busche heraus fliegt einem mannichmal ein Knuppel an den Kopf, dass man gleich ans Verzeihen denken muss, ehe man sich noch recht geargert hat."

"Wieso?"

"Ei nun, was da pfeift, ist meistens niedertrachtiges Volk, und schlagt einen tot; auf dem Todsbette aber muss man verzeihen und wenns geschwinde geht, hat man keine Zeit sich zu argern."

Haber ging hier mehr in der Mitte des Weges, aber es pfiff wieder, und rief;

"Was sprichst du boser Bube von Lumpengesindel?"

Es war eine wunderliche Stimme, halb erzwungen derb, halb angstlich und kindisch. Wir naherten uns, Haber wollte schon auf einen Baum klettern, als unser Schrecken durch die Worte des Jagers im Gebusche aufgehoben wurde:

"Du Waldteufelchen, fur den Schrecken muss ich dich kussen."

Nun kamen mehrere Madchen und Knaben aus dem Gebusche und lachten; die alteste ging auf Godwi zu, und bat ihn um Verzeihung; die kleine Rauberin sagte: "Flametta hat mir es befohlen; weil ich mich furchtete, als Sie gegangen kamen, so musste ich Sie zur Strafe attakieren."

Hier kam Flametta auch mit dem Jager, und Godwi sagte zu ihr, es sei nicht artig, die Leute zu erschrekken; aber sie lachte und bat ihn, ihr eine Busse aufzugeben.

"Du sollst uns ein Stuckchen Wegs Geleit geben", sagte Godwi, "und etwas singen."

"Ich will Ihnen meine kleinen Gesellschafter etwas singen lassen, und dazu dann und wann ein wenig auf dem silbernen Horne blasen."

Sie zog an der Spitze ihres kleinen Heeres, und begleitete den Gesang mit ihrem Horne. Das grosste Madchen sang das Solo, und die Knaben das Chor.

Die Kleine sagte vorher: "Mein Lied ist das Lied einer Jagerin, deren Schatz ungetreu, und stellen Sie sich vor ein Peruckenmacher geworden ist."

Wir lachten, und der Gesang begann:

Chor:

O Tannebaum! o Tannebaum!

Du bist mir ein edler Zweig,

So treu bist du, man glaubt es kaum,

Grunst sommers und winters gleich.

Madchen:

Wenn andere Baume schneeweiss sein

Und traurig um sich sehen,

Sieht man den Tannebaum allein

Ganz grun im Walde stehen.

Chor:

O Tannebaum! o Tannebaum! etc.

Madchen:

Mein Schatzel ist kein Tannebaum,

Ist auch kein edler Zweig,

Ich war ihm treu, man glaubt es kaum,

Doch blieb er mir nicht gleich.

Chor:

O Tannebaum! o Tannebaum! etc.

Madchen:

Er sah die andern schneeweiss sein

Und schimmernd um sich sehn,

Und mochte nicht mehr grun allein

Bei mir im Walde stehn.

Chor:

O Tannebaum! o Tannebaum! etc.

Madchen:

Der andern Baume durres Reis

Schlagt grun im Fruhling aus,

Pocht er sein Rockchen, bleibts doch weiss,

Schlagt nie das Grun heraus.

Chor:

O Tannebaum! o Tannebaum! etc.

Madchen:

Oft hab ich bei mir selbst gedacht,

Er kommt noch einst nach Haus,

Spricht: Hab mir selbst was weiss gemacht,

Poch' mir mein Rocklein aus.

Chor:

O Tannebaum! o Tannebaum! etc.

Madchen:

Und klopft ich ihn auch poch, poch, poch,

So fliegt nur Staub heraus;

Das schone treue Grun kommt doch

Nun nimmermehr heraus.

Chor:

O Tannebaum! o Tannebaum! etc.

Madchen:

Drum als er mich letzt angelacht,

Ich ihm zur Antwort gab:

Hast dir und mir was weiss gemacht,

Dein Rocklein farbet ab.

Chor:

O Tannebaum! o Tannebaum! etc.

Madchen:

O Tannebaum! o Tannebaum!

Wie traurig ist dein Zweig.

Du bist mir wie ein stiller Traum

Und mein Gedanken gleich.

Chor:

O Tannebaum! o Tannebaum! etc.

Madchen:

Du sahst so gar ernsthaftig zu,

Als er mir Treu versprach,

Sprich, sag mir doch, was denkest du,

Dass er mir Treue brach.

Chor:

O Tannebaum! o Tannebaum! etc.

So sangen die Kinder lustig in den Wald hinein, und das Wild, aufgeschreckt von dem Gerausche, sturzte tiefer in das Tal. Der Mond war aufgegangen, und schon in den Wald herein. Da wir auf der anderen Seite den Berg oben waren, sagten uns Flametta und die Kinder Gute Nacht, und wir horten sie in der Ferne noch singen.

Wir standen oben und sahen uber das leuchtende grune Meer, in dem der Wald hin und her flutete. Stille Kuhle drang mir ans Herz, ich hatte hier stehen und traumen konnen von Seen und Meeren, in denen die Gotter hausten. Wenn die Baume hin und her ihre Schatten walzten, brausten und wie in geheimnisvollen, nachtlichen Festen taumelten, so schwoll es wie Ebbe und Flut an meinem Herzen.

O! der Mensch ist das Gestade, an das alle Wellen des Lebens schlagen, er steht ewig am Ufer und sehnt sich hinaus in das, was heruberwehet, seine Gedanken segeln kriegbrutend und goldsuchend wie machtige Schiffe in die Ferne; was zu Hause bleibt im Herzen, steht und hoffet und trauert. Soll er hineinsturzen, oder werden die Wellen rachend zu forschen kommen, was ihnen vom Gestade heruberwehte?

Mit solchen Gedanken warf ich einen Blick zuruck in diesen untergegangenen Tag. Die Eiche, unter der ich die Dryaden angerufen hatte, ragte wie ein Tempel unter allen hervor; einige weisse Gestalten tanzten um sie herum, und man horte ein leises Klingen, das durch das Brausen der Baume manchmal hervortonte, als schwamme ein goldenes glanzendes Gefass in Meereswellen. Ich machte Habern darauf aufmerksam.

"Sehen Sie die Waldgotter dort tanzen?" Er wunderte sich, und Godwi sagte, es sei ein Tanz, den er Kordelien zum Gedachtnisse gestiftet, Flametta und die kleinen Madchen tanzten ihn alle Abend, wenn es schones Wetter sei, und die Musik tone von zwei kolossalischen Aols-Harfen, welche Kordelia in den Gewolben des Baumes habe anbringen lassen. Es war gut, dass es bei meinem Gebete so windstille gewesen war, sonst hatte ich sehr erschrecken konnen.

Wir legten noch einen kurzen Weg zuruck, als sich eine andere Gegend erschloss.

Dreizehntes Kapitel

Der Weg zog sich noch eine Strecke durch den Wald, aber man konnte unten durch die Stamme schon das freie Tal sehen. Es schien mir, als gingen wir langsamer, als zogen uns die Schatten des Waldes zuruck.

Am Ausgange des Waldes trafen wir auf ein kleines Haus, neben dem ein grosseres zerstortes Gebaude stand, und ich bemerkte, dass auf dem Rauchfange des letztern das Storchnest war, welches ich den Morgen gesehen hatte. Aus dem Fenster der Hutte schimmerte ein Licht, und ich fragte, wer hier so einsam wohne. Godwi sagte: "In dem Hause wohnt kein Mensch, das Licht, das darinne brennt, ist eine Lampe, die alle zwei Tage angesteckt wird. Schon seit meiner fruhesten Jugend erinnere ich mich, dass ich eine furchtsame Ehrfurcht vor diesem Hause hatte. Es ist ein Herkommen, dass dies Licht hier brennt. Wenn eine Jungfrau oder ein Jungling unter den Mennoniten stirbt, welche meine Pachter sind, so wird er hier in diesem Huttchen einen Tag und eine Nacht hingesetzt, und hier neben zwischen den Mauern des verfallenen Gebaudes begraben. Warum die Stube ganz eingerichtet ist, als wohne eine Familie darin, weiss ich nicht; aber es ist eine freundliche Idee. Der alteste meiner Pachter hat den Schlussel dazu; er steigt alle zwei Tage herauf, und steckt die Lampe an, und wenn er tot ist, so bekommt der alteste wieder dies Geschaft, so dass es zu einem Spruchworte unter ihnen geworden ist: Er tragt den Schlussel. Die Alten selbst werden unten im Tale begraben, weil sie sagen: Er habe nicht mehr hinaufgekonnt, drum sei er unten begraben."

Ich sah zum kleinen Fenster hinein, die Lampe stand in der Mitte der Stube auf dem Tische, an der Wand hingen mannliche und weibliche Kleider, und die ganze Stube sah bewohnt aus; es lag ein ewiges Warten auf den Vater oder die Mutter, oder auf den Geliebten und die Geliebte in allem; ich wendete mich, und sprach: "Auch ich habe Ehrfurcht davor."

Habern suchten wir mit Muhe dazu zu bringen, auch hineinzusehen. Er kehrte aber schnell um, als der Wind an den losen Fensterscheiben rasselte, und ging schweigend mit uns den Berg hinab; vor uns tiefer unten ging ein Licht, und der Jager sagte:

"Das ist der alte Anton, der hat eben die Lampe angesteckt, wenn er sein Verslein noch nicht gesungen hat, so wird er es bald horen lassen."

Bald darauf horten wir auch eine zitternde Stimme singen, doch konnten wir sie nicht verstehen, weil sie undeutlich aussprach, und zu entfernt war. Wir gingen deswegen rascher, bis der Alte stillstand, weil ihm das Treppensteigen beschwerlich war, und wir horten die zwei letzten Verse seines Gesanges.

Ich hab das Lamplein angesteckt

Zum langen Angedenken,

Und wenn mich kuhle Erde deckt,

Mag Kind und Enkel denken:

Der Vater ruht im Tale aus,

Und kommt nicht mehr ins stille Haus.

Lischst du, o Herr, mein stilles Licht,

Das tief herab schon brennet

Und werd vor deinem Angesicht

Ich nur ganz rein erkennet,

So geht mit Freude angetan

Erst recht mein schonstes Leuchten an.

Hier loschte der alte Anton sein Licht aus, und war vor uns zu Haus.

Das Gut lag zu unsern Fussen; von der entgegengesetzten Seite begrenzte es ein hoher Baumgarten, sonst war es einsam und sah ode aus. Die Wildnis uber dem Berge, wo wir den heutigen Tag zugebracht hatten, schien mir bei weitem freundlicher. Dies ausserte ich Godwi, und Haber sagte, er habe die namliche Empfindung.

Godwi sagte: "Ich bin von Jugend auf an diese Gegend gewohnt, dennoch habe ich die namliche Empfindung, so oft ich vom Jagerhause komme. Einsam und ode wird uberhaupt alles, was der Mensch beruhrt, ohne es zu vollenden, nur der Mensch kann toten. Dieses ganze Tal nun ist das Bild einer Anstalt, die ins Stecken kam, alles verlangt nach einem Ende, und man konnte sagen, es gleiche einer interessanten Erzahlung, die mitten durch ein Fragezeichen unterbrochen ist.

Es liegt etwas Derbes und Selbststandiges in der wilden Natur, sie ist voller Leben, und scheint sich den Teufel um den Menschen zu bekummern; sie geht ihren Weg, ohne sich viel umzusehen, und treibt ihr Geschaft fur sich und mit Kraft. Hierdurch ruhrt sie uns, und das Gefuhl der Einsamkeit in ihr begrundet sich auf die Schwache des Menschen; man wunscht einen Freund neben sich zur Unterstutzung gegen die Wildnis, die einem so frech in die Bildung hereintritt, das Echo der Felsen giebt uns kalt und spottisch die Ausrufungen zuruck, in denen man umsonst versuchte, dieser Natur etwas abzuschmeicheln; man mochte einen Freund, um seine Empfindungen genommen zu sehen; man wunscht sich ein williges liebendes Madchen auf das Moos, um am Fusse der stolzen Eiche in lebendiger Beweglichkeit das hochste Opfer der Menschen zu feiern, und der tapfern barschen Natur zu zeigen, dass es im Leben nicht auf kolossalische, unbewegliche Grobheit ankommt." "Aber hier," fuhr ich fort, "was will man hier machen? Hier ist alles so zahm, da steht Kohl und dort steht Weisskraut und jenseits Korn und dort wie heissen Sie?" wendete ich mich zum kleinen Dichter.

"Haber."

"Und dort steht Haber, und alles sieht aus, als wisse es schon, dass es nachster Tage werde gefressen werden, vielleicht gar als Futter unvernunftiger Tiere."

"Ja," sagte Godwi, "horen Sie ein paar Hofhunde klaffen, und einen Hahn krahen, und ein paar Kuhe brullen, so ist alles in Richtigkeit mit der genialischen Natur, und man muss sich dann meistens, weil es kotig ist, an dem Himmel halten."

Es war ein schoner Himmel, und alles, was wir horten, sahen, war still, mude und ruhend.

"Hier ist der Abend nicht viel anders", sagte ich, "als Ruhe ohne alle Erinnerung, es ist keine Selbsttatigkeit in einem solchen Abend, und er sagt nichts als: nun ist es recht gut, nun geht es bald ins Bett."

"Sie sind etwas zu unbandig," sagte Godwi, "nehmen Sie sich in acht, dass Sie nicht werden wie diese ode Landschaft, welche hinlangliche Bildung hat, bei grosser Fruchtbarkeit, um die Fruchtbarkeit zu unterjochen."

Ich schwieg, und mein Gewissen druckte mich.

Wir kamen nun an das Gut selbst. Einige kleine Hauser bildeten eine Strasse, auf der verschiedene Akkergeratschaften standen; es war stille, und Godwi sagte: "Lassen Sie uns ruhig sein, die Leute schlafen schon." Das Tor des Landhauses stand offen, die Hunde sprangen freundlich an Godwi herauf, und wir traten in das bescheidene einfache Haus, in eine Stube gleich bei dem Eingange.

Godwi hiess uns willkommen, der Jager brachte Licht, und das Abendessen ward bestellt. Godwi und Haber sassen auf dem Sopha, ich sass am Fenster auf einem Armstuhle, es herrschte eine allgemeine Stille unter uns, und jeder schien sich seinen Gedanken ruhig zu uberlassen.

Die Bilder des ganzen Tages gingen mir vor den Augen herum, ich hatte eine seltsame Empfindung, in dem Hause Godwis zu sein, und mit ihm selbst so bekannt, von dem ich so vieles geschrieben hatte. Es schien mir unrecht und nicht redlich, wenn ich ihm nicht bald sagte, wer ich sei. Dann entwickelte ich, was ich von seiner Jugend aus seiner Erzahlung an Otilien wusste, hier an der Stelle, wo es geschehen war, und indem ich meine Gedanken so ins vergangene Geschichtliche hinuberspann, verlor ich mich immermehr ins Allgemeine, dachte an meine Jugend und alle Jugend, und an den erdruckenden Schmerz, unter dem die meisten guten Kinder ihr Bestes und Eigentumliches fur einige Gesellschaftsregeln hinopfern mussen.

Die Grillen zirpten in den Mauern und der Perpendicul der Uhr ging ewig derselbe, nachtliche Fledermause schwirrten uber den Hof, und das Licht war weit heruntergebrannt mir war es tief im Herzen dunkel und traurig.

Hier trat ein alter Mann in die Stube, er hatte einen schonen gesunden Kopf, und einen langen weissen Bart, und war einfach in weisses Tuch gekleidet. Godwi grusste ihn und sagte: "Verzeihet, Anton, dass ich so spat komme."

Der Alte lachelte und sagte: "Sie sind der Herr und immer willkommen." Dann deckte er den Tisch, trug einige kalte Speisen und etwas Wein auf, und wunschte gute Nacht.

Der Alte mit seiner Ruhe und seinem Barte schickte sich recht zu dem Ganzen und hatte mich sehr geruhrt. Godwi sagte mir, dass seine Pachter aus einer Mennoniten-Familie bestanden, die so lange auf dem Gute sei, als sie existiere, und dass dies nun der dritte Grossvater sei, der hier lebe.

Wir setzten uns nun zu Tische, Haber war eingeschlafen; ich klimperte mit den Glasern, um ihn zu erwecken, aber sein Erwachen war nicht hinlanglich, ihn zum Essen zu bringen, denn er war korperlich und geistig eingeschlafen; er hatte namlich in einer Lage auf dem Sopha gelegen, dass mehrere Glieder seines Leibes seinem Hauptschlafe ungetreu auf ihre eigene Hand eingeschlafen waren. Wir assen und tranken dann munter miteinander.

Das Mahl war voruber, nur die Glaser waren noch ergiebig, und der Wein bringt in jede Stimmung, in der er mich antrifft, noch eine mutwillige phantastische Stimmung. Ich muss mich dann aussern, und empfinde etwas ganz wunderbar Frevlendes, Gewagtes in meinem Herzen; alles wird mir unter den Handen lebendig; was mein Leben Schmerzliches und Freudiges, Banges und Religioses umfasst, reiht sich an meine Worte, und zieht in einem wilden bacchantischen Zuge von meinen Lippen.

In solchen Momenten verliere ich mich in meiner Rede, die mit sich selbst zu witzeln anfangt; eine Grundempfindung, Sehnsucht, unerkannte Liebe oder Druck in der Kindheit bleiben herrschend, alles andere wird zum frechen Witze, in dem eben diese Hauptempfindungen, die ich allein in einem bangen Drucke in der Brust fuhle, mutwillig hin und her schwanken.

Diese Empfindung fuhlte ich sich bei mir nahen, eine tiefe Ruhrung geht allezeit vorher. Es ist mir, als sollte ich bald mein ganzes Leben wie eine Braut umarmen, ich sei nun allem gewachsen, was mich einzeln erdruckte; ich fordere dann alle die Gestalten auf, stosse sie kalt von mir, oder reisse sie mit einer wilden Buhlerei in mich.

Vierzehntes Kapitel

"Warum so still," sagte ich hohnisch zu Haber, "furchten Sie sich vor Gespenstern?"

"Nein, aber das ganze Leben hatte heute etwas Schauerliches fur mich."

"Hatt' es? mich ruhrt so etwas nur oberflachlich, und als der alte Anton zu sprechen anfing, argerte es mich, dass er kein Gespenst gewesen war horen Sie, wie die Fahnen am Dache wehen o! das geht ewig so und nimmt kein Ende und wie es dunkel ist man mochte ersaufen in eigenen dummen Gedanken in der Welt geschieht nichts es ist der Tod draussen, und wir sind gezwungen, unsre abgetragenen Erinnerungen zu zerzerren, bis sie wie lumpichte Geister vor uns treten sehen Sie, dort steht mein Vater, und dort meine Mutter, und dort meine Schwester wie sie mit den Fingern auf mich zeigen wie der Alte den Kopf schuttelt o und du arme Mutter, du schone Mutter die Hande abgerungen durch den weissen duftigen Busen blutet das warme rote Herz Liebe heraus zu mir die Schwester sieht so witzig aus, und so arm mit ihrem liebesuchenden keuschen Leibe ha! seid mir willkommen das Leben ist ein geschwatziges breites Wesen, von dem man nicht weiss, wie es im Herzen aussieht."

Haber sah starr in den Winkel, Godwi sah mich verwundert an, meine Worte trugen mich fort, ich fuhlte die kalte Glut in meinem Gesichte und sprach mit Tranen:

"Aber das dauert nicht lange, am Ende wird immer was Bessres daraus, das Vorige war matt sehen Sie, unter diese war mein Leben geteilt, sie kommen und rinnen zusammen, so rann auch mein Leben zusammen, und da steht nun das Weib, dem ich es in die Arme legte, da steht es wie die schone Sunde aber sie hat mir es vor die Fusse geworfen o Sie konnen es in Ihren Garten pflanzen in den fettesten Boden, es schlagt nie wieder aus es ist verbrannt, in der Liebe verbrannt ha und noch ein Mensch sagt nicht, er sei schwach was ist er schwach? er ist sein Hallunke und sein Henker zugleich, und henkt sich nicht selbst, weil er seines Henkers Hallunke bleiben muss, und seines Hallunken Henker nicht werden will."

Haber sprang hier wild auf und sagte: "Horen Sie auf, ins Teufelsnamen."

"Ha! ha! ha!" lachte ich ganz heiter, "sind Sie so erschrocken; nun, ich will Ihnen was erzahlen "

Godwi bat mich, nicht so heftig zu sein. "Obschon ich Sie verstehe," sagte er, "so ist die Wirkung davon doch weder gut fur Sie noch mich."

"Ich will Ihnen ein Lied singen, das hierher gehort, nur muss ich zuerst erzahlen, wo ich es zuerst sang.

Ich ward in meinem sechsten Jahre von Hause entfernt, und von meiner Mutter, die es gut meinte, zu einer Anverwandten in die Kost getan, wo sich meine Schwester schon fruher befand.

Bei dieser Frau lebte ich, Gott moge es sich selbst verzeihen, ein recht elendes Leben. Ihr Mann war ein ausschweifender Mensch, und sie ein eingebildetes, eigensinniges Geschopf, eine von jenen Weibern, welche Hochteutsch-Sprechen fur moralisch halten. Wir sahen sie nur morgens, mittags und abends zu unserm Schrecken. Denn morgens kam sie mit eiskaltem Wasser, stellte uns nackt vor sich, und liess es uns aus einem Schwamme uber den Rucken laufen. Ich habe sie nie lachen sehen, als wenn ich ihr die eiskalten Wasser-Gesichter schnitt; ob es ubrigens gesund war, weiss ich nicht, nur weiss ich, dass ich abends immer grossen Hunger hatte, und dass mein erster Witz war, Morgenstund hat kalt Wasser im Mund. Mittags assen wir unter den Aufmunterungen: 'Halte dich grad, die Hande auf den Tisch, hange den Kopf nicht so, wie du wieder den Loffel nimmst!' etc. Nach Tisch musste ich dem Lieblingshunde, der die Originalitat besass, Nusse zu fressen, zehn Nusse schalen, dafur bekam ich eine, die ich mit meiner Schwester teilen durfte; nun band man mir und meiner Schwester, die in eine Schnurbrust gezwangt war, die Ellenbogen hinten zusammen, und so mussten wir Rucken an Rukken gebunden, um unserer Muhme zum Nachtische einen Spass zu machen, auswarts stehen, bis wir umfielen; dann wurde auch gelacht. Den ubrigen Tag waren wir bei dem Gesinde oder einem Lehrmeister, der uns, wahrend er dem Kanarienvogel des Bedienten die Augen mit einem gluhenden Drahte blendete, und seine Stiefel wichste, die Hauptstadte von Europa auswendig lernen liess und, wenn wir sie ihm zu fruh wussten, uns strafte.

Vor die Haustur kam ich nie, und sah oft meine Schwester neidisch an, wenn sie die Magd von den Frauleins zuruckbrachte, zu denen sie in Gesellschaft ging. Die Muhme hielt mich so im Respekt, dass wenn sie mir abends die Hand nicht zu kussen gab, ich nachts im Bette weinte, und meiner Schwester keinen Schlaf gonnte, mit dem Ausrufe, dass ich ein Verbrecher sei.

Hinten am Hause war ein kleiner Garten, an dem ein grosser Saal war, der voll Olgemalde hing. Eines, welches das grosste war, stellte das Urteil Salomons uber die zwei Kinder der Buhlerinnen vor, grade wie der Kriegsknecht das lebendige Kind am Beine halt, und es entzweihauen will; das andere Kind lag tot und blau an der Erde; die rechte Mutter reckte ihm die Hande in die Hohe, die falsche sass ruhig am Boden und sah zu; der Kriegsknecht hatte einen recht blutroten Mantel an, und das ganze Bild war in Lebensgrosse und mit grellen Farben gemalt. In diesem Saale war ich meistens, wenn ich allein war, und nahrte meine kindische Phantasie an dem Bilde.

Da ich einmal von meiner Beherrscherin unschuldig viel bose Worte gelitten hatte, wurde ich weinend zu Bette geschickt; meine Schwester war noch zu Besuche; ich konnte nicht im Bette bleiben, und schlich herunter in den Gartensaal, um dort, wie ich oft tat, vor einem kleinen Jesusbilde zu beten, dass er mich bessern moge, denn ich wusste nicht, was ich begangen hatte, und hielt mich doch fur einen Verbrecher.

Als ich in den Saal trat, uberfiel mich eine grosse Angst; es waren keine Scheiben in den Fenstern, und Weinlaub uber sie gezogen. Der Mond schien herein, und alle die vielen Olgemalde schienen zu leben durch das Licht, das sich durch das Schwanken des Weinlaubs uber sie bewegte.

Ich sank in die Knie, es war kalt, und ich war im Hemde; o! wie war ich so unglucklich, ich betete laut, und furchtete mich vor dem Schall meiner Worte.

'O lieber, lieber Gott, sage mir doch, was habe ich getan'

Da trat meine Schwester herein; sie war zwei Jahre alter als ich, und ging schon allein zu Bette; sie hatte mich gehort, und sagte zu mir:

'Ei du! was machst du da?'

Ich umklammerte sie heftig, aber sie verstand mich nicht, da fuhrte ich sie vor das Salomonsbild, und sagte zitternd:

'Sieh, der auf dem Throne, das ist der liebe Gott; die Frau, die die Hande ausreckt, das ist unsre Mutter; die da so sitzt und ruhig ist, das ist die Muhme, und der Mann, der das Kind zerhaut, ist auch die Muhme, und das Kind bin ich, und das tote Kind, ach das bist du'

Sie zog mich mit sich die Treppe hinauf, und brachte mich zu Bette. Sie erzahlte mir vieles von den Fraulein, die sie besucht hatte, um mich zu trosten, aber ich weinte immerfort. Da stieg die liebe Schwester aus dem Bette auf, und setzte sich zu mir ins Bett, das am Fenster stand, wir umarmten uns, und sahen in den hellen Himmel; dann sagte meine Schwester: 'Wir wollen das Lied singen von dem Kinde, dessen Grossmutter eine Hexe war, und das Kind vergiftete.'

Wir sangen dies Lied immer, wenn es uns recht traurig war; meine Schwester sang die Worte der Mutter, welche das Kind fragt, und ich sang weinend die Worte des Kindes; in dem Liede lag uns Trost, wir trosteten uns mit der Liebe der Mutter und des Kindes Tod.

Mutter:

Maria, wo bist du zur Stube gewesen?

Maria, mein einziges Kind!

Kind:

Ich bin bei meiner Grossmutter gewesen.

Ach weh! Frau Mutter, wie weh!

Mutter:

Was hat sie dir dann zu essen gegeben?

Maria, mein einziges Kind!

Kind:

Sie hat mir gebackene Fischlein gegeben.

Ach weh! Frau Mutter, wie weh!

Mutter:

Wo hat sie dir dann das Fischlein gefangen?

Maria, mein einziges Kind!

Kind:

Sie hat es in ihrem Krautgartlein gefangen.

Ach weh! Frau Mutter, wie weh!

Mutter:

Womit hat sie denn das Fischlein gefangen?

Maria, mein einziges Kind!

Kind:

Sie hat es mit Stecken und Ruten gefangen.

Ach weh! Frau Mutter, wie weh!

Mutter:

Wo ist denn das Ubrige vom Fischlein

hinkommen?

Maria, mein einziges Kind!

Kind:

Sie hats ihrem schwarzbraunen Hundlein gegeben.

Ach weh! Frau Mutter, wie weh!

Mutter:

Wo ist denn das schwarzbraune Hundlein

hinkommen?

Maria, mein einziges Kind!

Kind:

Es ist in tausend Stucke zersprungen.

Ach weh! Frau Mutter, wie weh!

Mutter:

Maria, wo soll ich dein Bettlein hinmachen?

Maria, mein einziges Kind!

Kind:

Du sollst mirs auf den Kirchhof machen.

Ach weh! Frau Mutter, wie weh!"

"Schrecklich, schrecklich!" sagte Haber.

Ich fing aber lustig an Ca ira zu singen, weil ich selbst weinte, und mir im Ca ira von jeher alle Adern freudig schwollen, denn ich liebe solche heftige Ubergange.

Haber wurde ganz wutend, und schrie, ich musste der grosste Teufel sein.

"Nein," sagte ich, "lieber Haber, sehen Sie dort an der Ture die alte Grossmutter stehen, mit der Giftschale in der Hand, wie ihr die Augen aus der Pelzmutze herausstieren; und dort sehen Sie die Mutter, die weinend im Stuhle sitzt, und der kleinen Maria, die vor ihr steht, und sie liebkoset mit wehe! ach wehe! Frau Mutter; wie sie dem einzigen Kinde das weisse Totenhemdlein anzieht; und hier sitze ich mit meiner Schwester" ich setzte mich auf die Erde, und nahm ein Kussen in die Arme "ach meine liebe Schwester, wie geht es mir so traurig" hier sprang ich auf, es riss mich wie mit den Haaren in die Hohe es war mir als hielt ich sie lebendig in den Armen, und ach! sie ist doch tot.

Godwi sagte: "Sie ubertreiben es"; ich lachte, und ging munter zu Bette.

Haber furchtete sich vor mir, er musste mit mir in derselben Stube schlafen und ich ihm vorher feierlich beteuern, keine Nacht keine solche Streiche mehr zu machen.

Aber frohlich war ich doch wohl nicht

Funfzehntes Kapitel

Haber stellte im Bette noch viele Betrachtungen an, und versicherte mich seiner Freundschaft; dann sagte er:

"Obschon ich noch nicht ganz von der Idee kommen kann, Sie fur etwas bose zu halten, so halte ich Sie doch nicht mehr fur platt. Sie haben ohnstreitig eine gewisse Macht uber die Gemuter, doch sollten Sie sich mehr applizieren, und nicht so vom Beispiele hinreissen lassen."

"Ich danke Ihnen, und bin eben im Begriffe, mich zu applizieren, namlich abzuschlafen; das Beispiel tut bei mir, wie Sie sagten, leider alles, also schlafen Sie wohl."

Ich versuchte hin und her, und Haber schnarchte schon; aber sein Beispiel, so stark es auch war, nutzte nichts, und er hatte Unrecht; ich kam immer auf den Gedanken, ich musse mich erst auf die Applikation applizieren, und so kam ich nicht zum Schlafe. Es war eine helle Nacht, und nicht sehr kuhl, meine gereizte Stimmung ward mir nun selbst zur Betrachtung; alles was sie abends so kaudisch umfasste, beschaftigte mich nun einzeln. Ich fuhlte, dass ich auch mehr genossen als andere, und gab mich zufrieden uber die Leiden. In solchen Gedanken schlummerte ich ein, und erwachte dann wieder.

Ich bemerkte Lichtstrahlen, die durch den Fensterladen fielen, und kleidete mich deswegen an, machte das Fenster auf, aber es war Mondschein und um drei Uhr.

Meine Aussicht war sehr reizend, das Fenster ging in den Garten, eine gebildete Wildnis, und mitten unter den traumenden grunen Baumen stieg eine hohe weisse Marmorgruppe zum Himmel. Ich erkannte bald, es musse Violettens Denkmal sein, denn ich bemerkte uber dem Ganzen einen gehobenen Arm mit einer Lyra.

Der Mond stand hinter der Lyra, und es war mir, als strome ein mildes leuchtendes Lied durch ihre Saiten. Ich stand, und suchte neugierig das Bild in der Dunkelheit zu entratseln, aber es war zu unbestimmt, es war mir wie ein Wort, das man fuhlt, und nicht sagen kann.

Meine durch das Wachen uberreizte Augen wurden durch das stete forschende Blicken auf das mondglanzende Bild noch unbestimmender, und bald schien mir der ganze Garten durcheinander zu wallen.

Ich lehnte, am Fenster sitzend, den Kopf auf den Arm, blickte mit sinkenden Augen hinaus, und der Eindruck der Aussicht verlor bald so sehr die Gewissheit einer Aussicht, dass ich nichts mehr vom Garten, noch von mir wusste, und es war mir, als ware ich das alles zugleich und lage in einem gelinden Traume.

Da der Mond aber etwas gesunken war, und tief unter der Lyra stand, sah ich schone runde, glanzende Huften und zierliche Fusse und sinkendes Gewand. Ich sah mit vieler Liebe nach den kernichten Huften, und den netten feinen Fussen, und argerte mich mit vieler Aufrichtigkeit, dass ich den Busen nicht sehen konnte. Der Arm mit der Lyra lockte mich nicht, denn eine Leiergestalt ist sehr tonlos; aber solche weibliche, sanft und fest gewundene Formen konnen mir alle Saiten im Busen erklingen machen.

Ich argerte mich uber den gehobenen Arm mit seiner Leier, und sagte im gierigen Unmute meiner Lust:

"Der kalte Genius, da hangt das gottliche nackte Leben an ihm, und er hebt die Leier stets gen Himmel; ha, wie wollte ich sie an die Erde werfen da liege du alte Leier! und das Weib wollte ich heraufziehen mit liebender Wut; in die Arme wollte ich sie nehmen wie ein Kind; der Mond sollte trunken durch die niederfliessenden Locken blicken, als sei er freigegeben; stand er doch hinter den Saiten der Lyra, wie hinter einem Kerkerfenster; und opfern wollte ich sie emporgehoben, wie der Priester opfert; die ganze Natur wurde niederknieen und ans Herz schlagen, wie das Volk, und hatte sie gesprochen, wie der Gottliche sprach Nimm hin, das ist mein Leib o wie sollte sie unter meinen gluhenden Kussen in mich selbst zerrinnen, und ich in sie."

Ich konnte nun nicht mehr langer auf der Stube bleiben, der ganze Garten schien mir wie lebendig und in wunderlichen fantastischen Wesen der Nacht begriffen.

Es war mir, als sahe ich auf den Markusplatz in Venedig in der Karneval, alles stromte durcheinander, und die einzelnen Farben, die unter verschiedenen Gestalten immer wiederkamen, flossen zusammen; Schatten und Licht rannen in spielender Beweglichkeit durcheinander, und kaum verfolgte ich eine Gestalt, so war sie zu hundert andern geworden. Oben uber allem hervorragend, wie die kunstlich gewundenen Strahlen eines ungeheueren Springbrunnens, wie wundersam spielende Flammen eines weissen reinen Feuers zum Himmel, drang das Bild Violettens zum Himmel uber alle das dunkle Gewirre empor, die Apotheose eines verlornen Kindes, die wohl auch einstens da unten mit Schmerz im Herzen, und wilder Lust in den Gliedern, herumwandelte, aus der verwirreten Freude die Grundlage aller Freude in einem Einzelnen zu entwirren um zu leben das ist schrecklich, und ich musste nun hinunter, den armen Kindern Trost zuzusprechen, die vielleicht noch da wandelten.

Ich stieg das Fenster hinab an dem Rebengelander, welches die Mauer bekleidete, aber unten verliert sich alle der Reiz, der nur bei der Ansicht von oben herab mit von oben herabkommt. Nun stand ich zwischen den Baumen, die sich bewegt hatten, da ich nur ihre Gipfel sah; sie wurzelten fest im Boden, alles war wieder von mir getrennt, und ich war allein und einsam. Ich setzte mich auf die Stufen des Bildes und war ruhig.

Sechzehntes Kapitel

Ich mochte das Bild nicht ansehen warum? das weiss ich nicht, vielleicht des Inhalts wegen und dachte:

Was soll diese liebliche traurige Verirrung auf Erden, was hat so eine arme Violette getan? Warum sind die Dichter verstossen von der Gesellschaft? bis sie die Gesellschaft mit ihrem Gesange zwingen, sie zu ernahren warum sind die Dichterinnen mit dem Leibe verstossen? bis sie Aspasien werden. Da singt so ein armes Volkchen, weil es nur sein bisschen Kehle hat und von allem andern weniger da liebt so ein armes Volkchen, weil sein Leib machtiger ist als die Moral, ist denn keine Welt fur die armen Madchen da, die lebendiger sind als die Pflicht, was haben die Kinder getan, und wer will das Fleisch strafen, dass es in uppigem Leben den engen Rock des Staates zersprengt, und hervortritt naturlich an die Sonne und die Liebe.

Wo ich so ein armes Kind sehe, treten mir die Tranen in die Augen, und ich fluche, dass nicht Platz genug ist in der Ehre fur das Leben.

O nennt sie nicht unverschamt, die nicht zugegen waren, als die Erbarmlichkeit siegte, und den Thron bestieg in Purpur der Scham. Sie sind nicht grosser als die Scham, aber die Scham ist viel zu klein fur sie.

Ich dachte mit einiger Bosheit an die Ehe, die nur in die Breite geht, und sich so breitmacht, die Flache des Staates zu begrunden, dass alles, was die Liebe nur in der Eile empfindet, und nicht in der Weile, in die Hohe muss, weil leider im Staate die Hohe allein noch nicht bevolkert ist.

Die Ehe kam mir vor wie eine unendliche Flache mit dem tiefsten Hass gegen alles Streben in die Hohe. Und der Stand der freien Weiber kam mir vor wie eine senkrechte Linie zum Himmel, die nirgends fest stehen kann, weil die Ehe keine Hohe duldet.

Die arme senkrechte Linie muss daher immer tanzen, wie einer, dem der Fussboden gluhend gemacht wird, und kaum richtet sie sich in die Hohe, so muss sie fallen. Zum rechten Winkel bringt sie es selten immer findet man sie in kleinen schiefen Winkeln und immer zum Fallen bereitet.

Das Elend der Kinder war mir nun deutlich, wie ihre Freude, sie mussen stets an den brennenden Boden fallen, und ihre kleine Freude liegt in ihrer Bestimmung, aufrecht in den Himmel zu dringen, und man soll ihnen nicht langer Vorwurfe machen, dass sie sich unterstutzen lassen, in die Hohe zu kommen, die ihr Element ist, da die Ehe den ganzen Boden gemietet hat, fur ihr monopolisches Einerlei.

O ware eine Flache auf der Erde, wo die Liebe nicht zunftig ware, und lage sie hinter der burgerlichen Welt und ihren Gewassern, und waren alle die verlornen Kinder dort, konnte ich sie dann nicht abbilden in ihren verschiedenen Graden von Streben nach dem Himmel, wie die Strahlen einer aufgehenden Sonne [nach] langer Nacht.

Und die kalte Zone der Ehe wurde erwarmt werden, und erleuchtet wir werden gesund sein, wenn wir unsere Organisation nicht mehr fuhlen, wir werden einen Staat haben, wenn sich die Gesetze selbst aufheben, wir werden eine Liebe haben, wenn wir keine Ehe mehr kennen. Bis dahin seien die Tiere des Waldes gepriesen, wegen ihrer Gesundheit, bis dahin seien die Freiheitsschmerzen edler Seelen geehret, bis dahin dulde man mein Bild der aufgehenden Sonne fur die verlornen Madchen.

Denn ich will ewig glauben, dass sich die Liebe in sie gefluchtet hat, in dieser Zeit der Ehe, wie alles Gute sich in die Poesie fluchtete zur Zeit der Barbarei, und sie stehen jetzt noch da, wie einst die romantische Poesie dastand.

So hatte ich gedacht, auf den Marmorstufen sitzend, den Kopf mit geschlossenen Augen in die Hand gelehnt.

Ich fuhlte den kuhlen Tau auf meinen Handen, stand auf und offnete die Augen. Der Mond zerschmolz in das Licht des Morgens, und es war mir, da ich in die freudige Welt hineinblickte, als lachelte sie meiner Traume, und ich ware aufgestanden wie eine Blume, die in dem Bach ihr Bild nur sieht, und tiefer den Himmel. Als ich auf die andere Seite des Bildes trat, lag die Rote des Morgens am Himmel.

Der Erde gehort dies Rot und nicht der Sonne. Bald drangen die ersten Strahlen meiner siegenden Kolonie zum Himmel, und kussten alle Tranen des Taues von der Erde; sind doch Tranen ihr einziges eignes Gedeihen!

Ich wendete mich nun zum Bilde, und es schien zu leben; das rote Licht strahlte dem Genius um Haupt und Herz, goss Leben und Blut durch das Ganze, und spielte dem nackten Madchen um den Busen und den geheimnisreichen Schoss. Die Sonne wollte schneller in die Hohe, und jeder Strahl wollte das Denkmal der Schwester dem schamroten Lichte der Erde entreissen.

Vor mir war das Bild gleichsam geboren. Ich sah es in der Nacht wie in Liebe und Traum, im Mondlichte wie mit dem Begehren, erschaffen zu werden, in des Morgens Dammerung wie in der Ahndung des Kunstlers, mehr und mehr in den Begriff tretend, und ich stand vor ihm und sah, wie es hervordrang mehr und mehr in die Wirklichkeit, und endlich zum vollendeten Werke ward im Glanz der Sonne, getrennt von dem Schopfer, der nur ein Gebarer ist, fur sich selbst, mit allen Rechten seiner Gattung.

Als es so vor mir stand, wie aus der Finsternis erstiegen, wie erbluhet, gestaltet und frei, drang es heftig auf mich ein, und forderte von mir, was es war; es begehrte mit Gewalt, dass ich es erkenne, und ich fuhlte mit Freude in meiner Brust, dass ich es erkannte, und dass es und ich in der Dunkelheit sein Begehren war, und dass sein Erlangen mit dem Lichte kam, in mir und in ihm.

Anfangs hatte ich nur den Totaleindruck seiner Eigentumlichkeit und so rein, als seine Vortrefflichkeit ihn geben musste Wollust, Jugend, Freiheit, Liebe und Poesie im Siege des Wahnsinns den Gottern geopfert. Da ich aber von seinem Ausdruck durchdrungen war, da ich es in mich aufgenommen hatte mit seinem Willen, da ich es liebte, forschte ich nun freundlich nach seiner Entstehung wie ist dir? hatte ich zuerst gefragt; nun fragte ich: wie war dir, und wie ist dir so geworden? und es war, als sagte es:

Begreife die Bilder an den Seiten des schweren Wurfels, von dem ich zum Himmel schwebe, und du wirst mein Leben erkennen, das ein schwerer Wurfel war doch musste ich mit ihm um Gluck spielen, bis der Gott das Gluck fesselte. Ich selbst von der obern Seite des Wurfels schwebend bin der Gewinnst. Die Liebe fuhrt den spielenden Wahn zu den Gottern. Die untere Seite des Wurfels ist meine Geburt; der Wurfel war falsch, diese Seite musste die Eins enthalten, aber sie enthalt eine falsche Drei, ach! und nur so konnte der Wurfel stehen, dass mein Sieg oben wohne.

Ich betrachtete die Reliefs der vier Seiten des Piedestals welche allegorisch Violettens Geschichte enthielten.

Das erste, wie sich das Kind zum Genusse entscheidet.

Das zweite, wie sich ihr die Jungfraulichkeit nicht anpassen will.

Das dritte, wie sie der Genuss besiegt, ihr den Gurtel loset und von dem Schosse um die Augen legt.

Das vierte, wie die Liebe sie besiegt, und sie in der Umarmung ihres Genius die Poesie nur noch im Wahnsinne erringt.

Die Gruppe auf dem Wurfel aber, ihre Apotheose selbst, ihr Tod im Wahnsinne.

Uber ihr schwebte der Genius, an seine Brust drangt sich der fliegende Schwan, in der einen Hand hebt er die Lyra empor, und schauet selbst zu dem Himmel. Das Madchen steigt nackt, halb ringend, halb schwebend und mit Schwere kampfend, aus dem Gewande, das in schonen grossen Falten auf den Wurfel sinkt. Ihr Kopf ist auf den Busen sinkend und tot; der Genius hat die eine Hand in ihre Locken geschlungen, um sie heraufzuziehen; das Madchen umklammert mit der Rechten seine Hufte mit Liebe und Arbeit, und hebt die Linke matt und welk nach der Lyra, was man an den willenlos sinkenden Fingern dieser Hand erkennt. Die beiden Vorderseiten der Figuren sind aneinander gelehnt, so dass man von jeder Seite eine Figur ganz und eine halb sieht. Des Madchens Brust ruht an dem Schwane, der die Mitte des Bildes erfullt, und die beiden Figuren verbindet. Von der Seite des Genius sieht man den Unterleib Violettens, um den sich das Gewand noch gierig anschmiegt; ihren Busen und den schmerzlich liebenden Zug ihres Gesichts, den der Tod nicht ganz besiegt und der Wahnsinn wie ein letzter heftiger Reiz noch einmal ins Leben zu wecken scheint, sieht man von der einen Seite genug, damit das Bild seinem Sinne genuge; denn der ganze schone Leib Violettens ist durch den einen schwebenden Fuss und den Zug der Hand des Genius in ihren Haaren auf ihrem andern, schwer an die Erde gebannten Fusse gewendet. Uberhaupt ist es fein von dem Bildhauer gedacht, dass er die ganze Seite des Madchens, mit deren Arm sie den Genius umklammert, sinkend und schwer gebildet und sie zum Anlehnen der Verbindung gebraucht hat, so wie er die andere, mit deren Hand sie nach der Lyra strebt, und deren Fuss sie hebt, ganz frei und in gelindem Schweben hielt. Von dieser Seite ist das Bild anzusehen. In der Mitte des Bildes, wo sich die Hand in die Locken windet, stirbt seine Wollust und Liebe, die mit dem Madchen heraufdrang und lost sich sein Stolz und seine Hoheit, die vom Haupte des schwebenden Genius niederwallet, und erschliesst sich gleichsam eine Wunde, die dem ganzen Einheit giebt, und in der sich beide schon durchdringen, und schon ist es, wie der Schwan sich an diese Wunde schmiegt, und den Schmerz des Anblicks lindert. Wenn ich sagen wollte, wo man das Bild im Leben fande, so wurde ich sagen:

Gehst du in liebeheischenden Fruhlingstagen abends durch wunderbare kunstreiche Garten, und suchst Liebe in der Dammerung traulicher Lauben, und trittst du in eine, wo ein Weib so ganz ergeben in Schlaf oder Lust auf weichem Moose ruht, und trittst du hin, bebend in kuhnem Rausche und banger Unerfahrenheit, stehst zitternd vor ihr; sie erwacht nicht; ein dunnes, formensaugendes Gewand bedeckt sie; der Busen hebt es nicht, und blickt durch das Gewand, wie deine eigene Lust durch deine bange Unerfahrenheit; du wendest deine Augen hin zum Haupte, und glaubst das Bild der Wurde selbst zu sehen; dein Entschluss wankt, du sinkest nieder, kussest die schone Hand, die auf der linken Brust gelinde zu ruhen scheint, und fuhlest im Kuss der Hand des Busens ergebenden Widerstand, und wenn sich dann in allen deinen Gliedern das Leben regt, und alle Natur ein Bundnis schliesst in deines Herzens Mitte gegen die Tyrannei der Furcht, der Sitte, und der Unerfahrenheit, und wenn du dann mit kuhner Hand das Tuch, das dich so von der Liebe trennen will, verachtend, schuchtern, doch gelinde von den Fussen aufwartsziehst, und immer hoher in Seligkeit die lustbetranten Augen gleiten, und wenn das geschurzte Gewand das wurdevolle Haupt schon langst bedeckt, den Busen du befreien willst, um hinzugehn in aller Freiheit in die Lust, wenn dann die schone holde Brust mit einer offenen Wunde blutgen Lippen zu dir spricht, was dir des Hauptes Wurde nicht, und nicht des Schosses heimliches Vertrauen sagte, wenn alle deine Lust in diese Wunde wie in ihr Grab dann sinkt, und hulfesuchend das Gewand du von dem ganzen schonen Leibe niederziehst, und von der schmerzenvollen Wunde aufwartsblickst, hin nach dem Haupte, Gebet zu holen, und nieder uber des sussen Leibes Zaubereien, mit dem Traume der irdischen Wonne deinen Schmerz zu lindern, wie in der Erinnerung des schonen Lebens die Trauer um den Tod sich mildert, und wenn du ewig zu der Wunde wieder hin musst, bis endlich alles das in ihr zusammenrinnt, und Lust und Schmerz und Hoheit aus der Wunde bluhen so hast du voll des Bildes Eindruck, so stehst du vor dem Denkmal Violettens, und wendest du dich, und trittst ins enge dunkle Haus zu jenen Menschen, die du die Deinigen zu nennen pflegst, so fuhlst du, was du dich vom Bilde wendend fuhlest.

Siebzehntes Kapitel

Violettens Denkmal

Die vier Reliefs des Wurfels und die Apotheose

Erstes Relief

Ein kleines Madchen sitzet in der Mitte,

Die Arme schalkhaft uber sich gerungen,

Halt sie ein junger Faun mit Lust umschlungen,

Sie straubt sich ihm, der ihr mit wilder Sitte

Ein Tambourin mit Fruchten reicht, die Bitte

Ist in des Madchens Kuss ihm schon gelungen,

Doch nur die milde Frucht hat sie bezwungen,

Dass sie von ihm den wilden Kuss erlitte.

Denn von ihr abgewandt, die jungen Schmerzen

In Tonen losend, singt ihr Genius,

Die Rechte in der Lyra, was im Herzen

Die Linke fuhlt, es neiget von dem Kuss

Sich ihm des Madchens Aug, voll schlauen

Scherzen,

Sie hort sein Lied, doch sieget der Genuss.

Zweites Relief

Die Jungfrau steht, vor ihr ein Weib und zwinget

Die Freie, sich dem Gurtel zu bequemen;

Ihr, die sich schamt, der Nacktheit sich zu

schamen,

Des Genius Arm die Fusse hold umschlinget.

Indes dem Weib die Gurtung schon gelinget,

Scheint Neugier nur die Jungfrau zu bezahmen,

Sie sieht den Schwan vom Genius Speise nehmen,

Und hebt das Tambourin, das dumpf erklinget,

Hoch mit der Rechten, und mit scheuem Beben

Forscht ihre Linke, was im Spielwerk rauschet,

Und fuhlet zarte Flugel kleiner Tauben;

Der Faun, der uber ihr auf Felsen lauschet,

Beugt sich herab, die Tauben hinzugeben,

So konnte Lust ihr nur die Wildheit rauben.

Drittes Relief

Im Himmel irrt ihr Blick, und an der Erde

Ringt sie in wilder Blosse hingegeben.

In Lust ersterbend, voll von heissem Leben,

Ubt sie, gereizt, so reizende Gebarde.

Auf dass ihm wahre, was sie sich gewahrte,

Legt schlau der Faun ihr, der in Lustgeweben

Nun gurtellos die freudgen Huften schweben,

Den Gurtel um das Aug, wie Lust ihn lehrte.

In sussem Schmerz will sie die Arme ringen,

Und schlagt das Tambourin in wilden Lusten,

Die Tauben buhlen auf den holden Brusten,

Es bebt der Schwan in seines Todes Singen,

Es bricht in seines Liedes Lieb und Leiden

Der Genius der Lyra goldne Saiten.

Viertes Relief

Der Genius halt siegend sie umwunden,

Aus seiner Lippen liebevollen Hauchen

Trinkt Lieben sie, im Strahle seiner Augen

Trinkt sie den Tod in lusterschlossne Wunden.

Sie stirbt im Licht; die Binde losgebunden,

Muss sie in ewge Blindheit untertauchen,

Da ihre Kusse heilges Leben saugen,

Im Wahnsinn muss der Sinne Wahn gesunden.

Das Haupt verhullt in loser Locken Fluten,

Streckt sie die Hand, die Lyra zu erlangen,

Die hoch erhebt, der Schwan reckt seine

Schwingen,

Das Tambourin, in dem die Tauben ruhten,

Zertritt sein Fuss, den Faun sieht man gefangen

In jenem Gurtel an der Erde ringen.

Die Apotheose

Canzone

Gebet

Es ruht ein holdes Bild vor meinen Blicken

So kuhn und mild verschlungen,

Wie Lieb und Lied, wie Kuss und Tod verwebet,

In Sehnsucht strebt es auf, weilt mit Entzucken,

Von Wollust ganz durchdrungen,

Des Bildes innres Heiligtum erbebet,

Still zu den Gottern schwebet.

Ich kniee an des Bildes Marmorstufen,

All meine Sinne rufen:

Gieb Liebe mir und Lied in Tod und Leben,

Lass mich mit dir zum stillen Himmel schweben!

Das Gewand

Die Jungfrau steigt von nackter Lust umflossen

Aus des Gewandes Falten,

Die halb in schoner Ungestalt herabgelassen,

Halb gierig noch, so buhlerisch ergossen,

Die uppigen Gestalten

Der Huften ihr verraterisch umfassen,

Den holden Leib nicht lassen.

So zarte Hulle kann nur Dammrung weben,

Will Phoebus sich erheben.

So kusst das Meer des Gottes goldne Fusse,

Und fern noch glimmt die Glut der goldnen Kusse.

Violette

Ein schweres Leid stromt durch die holden Glieder,

Die Schwere kampft mit Schweben,

Die Huften ringen himmelan zu dringen,

Der Kopf sinkt sterbend auf den Busen nieder;

Um schneller sich zu heben,

Muss sie die Rechte um den Genius schlingen.

Hoch auf des Schwanes Schwingen

Schwebt er, zur Lyra ihre Rechte strebet,

Die seine Linke hebet,

Und machtig hebt er sie mit seiner Rechten,

Verschlungen in der losen Locken Flechten.

Der Genius

Er, der am Boden freundlich nur geschienen,

Voll Huld und milder Treue,

Schwebt ernst empor in gottlichen Gedanken,

Des Sieges Feier strahlt von seinen Mienen,

Er lasst in stiller Weihe

Sich von des armen Kindes Arm den schlanken

Geschwungnen Leib umranken,

Ihn hebt der Schwan, und um sie nicht zu lassen,

Muss er ihr Haupthaar fassen.

Des hohen Werkes heilgen Schmerz entzundet

Die Hand, die er in ihre Locken windet.

Das Ganze

Das ganze Bild, in Einigkeit verbunden,

Gleicht ruhrendem Gesange,

Wie heilige Gebete aufwarts dringen.

Im Herzen gluhen ihm so tiefe Wunden;

Mit schmerzenvollem Drange

Muss es nach Lieb und sussen Tonen ringen,

Zu Ruhe sich zu schwingen.

So hebt es sich, so strebt es nach der Leier,

So schwebt in hoher Feier

Der Gott empor und in des Bildes Herzen

Schmiegt sich der Schwan und reiniget die

Schmerzen.

O harre, hebe mich empor!

Wie es in tiefer Andacht ganz erbebt

Und zu dem Himmel strebt.

O Gotter, lost den Schmerz in sussen Tranen,

Umarmt im kuhlen Flug sein heisses Sehnen!

Achtzehntes Kapitel

Da ich diese Verse niedergeschrieben hatte, horte ich Habern die Fensterladen unserer Schlafstube aufstossen, und ging tiefer in den Garten. Ich sah Godwi in einer Allee mir entgegenkommen; es freute mich, und ich war entschlossen, ihm mein ganzes Verhaltnis zu ihm zu erklaren. Er sprach mit mir von gestern abend, und warnte mich nochmals ernstlich, mich solchen Stimmungen nicht hinzugeben; er sagte:

"Solche Stimmungen fuhren zu einer frevelhaften Ansicht des Lebens, und unsere Fahigkeit zu ruhren erhalt endlich so sehr das Ubergewicht gegen jene, geruhrt zu werden, dass wir der Welt hart und grausam vorkommen, wenn uns das Herz blutet ich kenne dieselbe Empfindung, und es hat mir viele Muhe gekostet, ihre Narbe zu verlieren."

"Sie haben Recht," fuhr ich fort, "es liegt eine falsche Dramatik in diesem Zustande, und man zerstort sowohl sein Talent zu fuhlen als darzustellen, wenn man die blosse unbestimmte Ruhrung durch den Witz gewaltsam zum Eindruck erhoht, und die Handlung genug zum Leiden herabstimmt, um dieses Mittelding von Ruhrung und Eindruck fantastisch aussern zu konnen. Ubrigens habe ich einen solchen uberwiegenden Drang zur Darstellung, dass ich mit grossem Genuss in solchen Stimmungen verweile, und ich glaube wirklich, dass diese Art von Ausserung mir oft nutzlich ist, da ich nichts weniger ertragen kann als das Stumme und Tonlose."

Godwi wollte mich hierauf zu Violettens Grab fuhren. Ich sagte ihm, dass ich seiner Gute zuvorgekommen sei, und zwar indem ich zum Fenster herausgestiegen ware.

Er lachelte, und sagte: "Ich danke Ihnen beinah dafur, denn dieses Bild ist mir mit vielen Schmerzen verbunden."

"Auch mir ist es mit Schmerzen und Lust verbunden gewesen, ich habe in mir vieles an dem Bilde erlebt, und wenn es Sie freuet, so lesen Sie einige Verse, die mir der schone Morgen in die Schreibtafel schrieb, als er mich und das Bild so vertraut fand."

Ich gab ihm hier die Sonette und die Canzone; sie schienen ihn zu ruhren, und ich dachte an die geringen Tone des Alphornes, die dem Schweizer in der Fremde das Herz brechen konnen.

"Ich danke Ihnen", sagte er, und druckte mir die Hand, es standen ihm Tranen in den Augen; "ich danke Ihnen fur die Sonette, und erlauben Sie, dass ich sie abschreibe."

"Ich danke Ihnen fur Ihre Tranen," erwiderte ich, "welche die fehlende Pointe meiner Sonette so schon ersetzen, und erlauben Sie, dass ich diese Tranen abschreibe."

"In einem Sonett? das ware zu gedehnt in meinem Leben? wenn Sie wollen, ja ich bin Ihnen gut."

"Und wenn ich schon manches aus Ihrem Leben abgeschrieben hatte, und Sie sahen meine schlechte Schrift, und meinen selbstischen Stil, wurden Sie mir diese Tranen dennoch vertrauen?"

"Auch dann; Sie scheinen mir das Verwirrteste entwirren zu konnen. Sie haben Violettens Leben so treu in einer blossen Darstellung ihres Grabmals geschildert, dass ich Ihnen zutraue, Sie konnten, wenn Sie lange mit mir umgingen, aus mir, dem Denksteine meines Lebens, meine Geschichte entwicklen."

Ich zog hier den ersten Band dieses Romans aus der Tasche, und reichte ihn ihm mit den Worten hin:

"Ich halte Sie beim Worte."

"Was ist das?" sagte er, schlug das Buch auf, las das Lied: "Und es schien das tief betrubte usw.", sah mich an, blatterte weiter "Romer Godwi Otilie Joduno" und lief mit dem Buche davon.

Ich reihte schon alle meine Entschuldigungen zusammen, als ich in mir durch die entschuldigende Ansicht meines Buchs auf die Geschichte seiner Sunden kam, welche aber nichts anders als eine Geschichte meiner Unschuld blieb, und diese Unschuld selbst hatte fur mich ein so liebenswurdiges Ansehen, dass ich nicht zweifelte, Godwi mit einer naiven Darstellung dieser Unschuld ganz besanftigen zu konnen.

Hier bemerkte ich Habern, der langsam die Allee heruntergeschritten kam; er las in einem Buche, welches ich am Einbande fur Goethens Tasso erkannte, denn ich hatte es morgens auf seinem Nachttische liegen gesehen. Er ging so langsam und nachlassig, dass ich vermutete, er lese die Worte der Prinzessin:

Schon lange seh ich Tasso kommen. Langsam

Bewegt er seine Schritte, steht bisweilen

Auf einmal still wie unentschlossen, geht

Dann wieder schneller auf uns los, und weilt

Schon wieder

Ich zog mich in die Gebusche zuruck, um ihm einen Lorbeerkranz zu flechten, den ich ihm scherzhaft aufsetzen wollte, fand aber bald seinen eignen Hut, den er auf einen alten Aloetopf gesetzt hatte, und da er mich einholte, und mir guten Morgen sagte, nahm ich pathetisch ihm das Buch aus den Handen und las, indem ich seinen Hut beruhrte, der auf dem Aloetopfe hing, die Worte Alphonsens parodierend:

"Hat ihn der Zufall, hat ein Genius

Gefilzt ihn und gebracht? Er zeigt sich hier

Uns nicht umsonst. Den Aloe hor ich sagen:

Was ehret ihr den leeren Topf? Er hatte

Schon seinen Lohn und Freude, da ich bluhte "

Ich setzte ihm den Hut auf, und las, die Worte der Prinzessin parodierend, weiter:

"Du gonnest mir die seltne Freude, Haber,

Dir ohne Wort zu sagen, wie ich denke."

Haber machte in seiner Vertraglichkeit ein Meisterstuck, er freute sich meiner Laune, und fugte hinzu, indem er den Hut wieder auf den Kopf setzte:

"O nehmt ihn weg von meinem Haupte wieder,

Nehmt ihn hinweg! er sengt mir meine Locken

Denn ich habe ihn allein hierher gehangt, weil es mir zu heiss war. Ubrigens sollten Sie mich nicht necken, dass ich die Idee habe, den Tasso zu ubersetzen, Sie kennen meine Kunst noch nicht, und wurden sicher mit ihr keinen Kampf bestehen

Denn wer sich rusten will, muss eine Kraft

Im Busen fuhlen, die ihm nie versagt."

"Ich gehe den Kampf zwar nicht ein," sagte ich, "aber wir wollen doch zum Scherze ein italianisches Lied miteinander ubersetzen, das ich fur ziemlich unubersetzlich halte; es kommt mir eigentlich nur darauf an, dass das Lied ubersetzt wurde, heute abend wollen wir es beide Godwi vorlegen."

Haber willigte ein, und ich schrieb ihm das Lied auf, dann ging er weg. Ich setzte mich nieder, und versuchte meine Ubersetzung, aber ich ward mutwillig, und konnte es nur frei ubersetzen. Ich brachte einen Teil des Vormittags damit zu, und da ich so ziemlich damit fertig geworden war, ging ich nach dem Landhause, eine Flote Douce rief mich in die Familienstube des Pachters.

In der Stube stand ein Mann von etwa dreissig Jahren, der die Flote blies; die Kinder waren um ihn versammelt, und horten zu; ein besser gekleideter Mann stand vor ihm und sagte ihm: "Nun ist es bald genug." Hier trat ich in die Stube, und er legte die Noten beiseite, putzte seine Flote mit dem Schnupftuche sorgsam ab, und legte sie weg. Die Kinder in der Stube kamen nacheinander zu mir, und reichten mir die Hand, wie es die Mennoniten pflegen. Da ich glaubte, der Mann habe meinethalben aufgehort, so bat ich ihn fortzublasen; er versetzte mir: "Ja wenn es der Herr Doktor erlaubte! Sie selbst hatten mich nicht storen sollen, denn es ist lange, dass ich dies Vergnugen entbehre."

Der Herr Doktor war der besser gekleidete Mann, und sagte mir, dieser Bediente Godwis, der Georg heisse, habe einen bosen Husten, darum habe er ihm das Flotenblasen untersagt; zugleich flusterte er mir ins Ohr: "Schwindsucht, Schwindsucht, ist nicht herauszureissen", machte dann seinen Diener und ging weg. Da er fort war, war die ganze Stube stille, und ich sah den armen Georg mitleidig an.

"Blase er immer noch eins", sagte eine junge Frau, die am Spinnrade sass, "wir horen es gerne, und bei dem Doktor ist es ihm doch nicht recht vom Herzen gegangen."

Georg schien mich mit seinen Blicken zu fragen, ob ich ihn nicht verraten wolle, und da ich ihn selbst darum bat, blies er, wie er sagte, sein Lieblingslied, und dann wolle er lange nichts wieder spielen. Die Tranen liefen ihm dabei aus den Augen, und mir auch; ich dankte ihm. Man rief mich zu Tische.

Dort fand ich Godwi, der lachlend meinen ersten Band zur Seite legte, und mich fragte, warum ich so ernsthaft sei, ich solle sein Urteil nicht furchten, obschon ihm vieles in dem Buche sehr lustig vorgekommen sei.

"So sehr mich Ihre Verzeihung auch ruhren wird," sagte ich, "so ist es doch jetzt Ihr Bedienter Georg, der mich so ernst gemacht hat. Warum muss der arme Mensch auch grade Flote blasen zu seiner Brustkrankheit, und warum muss er die Musik so sehr lieben, als seine Krankheit sein Instrument hasst; wenn er unheilbar ist, so soll man ihm immer erlauben, fruher an dieser schonen Leidenschaft zu sterben als an seiner garstigen Krankheit."

"Sie haben recht," sagte Godwi, "dieser gute Mann ist durch dieses Verbot unglucklicher als durch seine Krankheit, die er sehr gut kennt. Ich wollte, ich konnte ihn ein anderes Instrument lehren lassen, das zugleich tragbar ware, denn er geht gar zu gern mit seiner Musik spazieren. Es freut mich, dass Sie mich daran erinnern, besinnen Sie sich doch, ob Ihnen nichts einfallt."

Ich fragte ihn, ob er keine Laute oder Zither in der Gegend wusste; ich wollte Georgen darauf Unterricht geben.

"Gut," sagte Godwi, "eine Laute ist im Hause, und zugleich erfahre ich, dass Sie bei mir bleiben, worum ich Sie ohnedies bitten wollte."

Ich entschuldigte mich, dass ich mein Hierbleiben so unvorsichtig vorausgesetzt hatte, versicherte ihn, wie gern ich es tate, und bat ihn, jemand in die Stadt zu schicken, der meine wenigen Geratschaften herausbringe.

Georg wartete uns bei Tische auf, und freute sich sehr, da ich ihm sagte, dass ich ihn die Laute lehren wolle. Haber schien etwas unzufrieden zu sein; ich fragte ihn nach der Ubersetzung, er klagte uber die vielen italianischen Wortspiele, ubrigens gehe er nach Tische wieder daran. Wir setzten als Wette fest, dass der, dem die Ubersetzung nicht gelange, die Person in der Absingung des Wechselliedes ubernehmen musse, welche der andere bestimme. Haber entfernte sich bald wieder, und Godwi sagte: "Es ist etwas boshaft von Ihnen, und doch sehr nutzlich, dass Sie ihn beschaftigen; denn obschon ich ihn recht gern leiden mag, so hat er doch nicht den Mittelcharakter, dem man sich vertrauen kann; sein Enthusiasmus wird meistens Hitze, und seine Ruhe Frost." "Ist es Ihnen heute nach Tische so vertraulich?" sagte ich, auf das Buch hinsehend. "Ja," erwiderte er, "wir wollen den zweiten Band miteinander machen." Ich ging mit ihm in den Garten, und er fuhrte mich ans ausserste Ende in eine Eremitage. Auf unserm Wege zeigte er mir seitwarts einen Teich. "Dies ist der Teich, in den ich Seite 146 im ersten Band falle." Dann traten wir in die Eremitage, er stiess den Laden auf, und das erste, was mir in die Augen fiel, war das steinerne Bild der Mutter, welches gleich neben diesem Fenster an dem Teiche stand. "So ist es nun", sagte er ruhig; "ubrigens haben Sie mich in Ihrem Buche ziemlich getroffen, weniger Otilien und den Greis, und Sie sind zu entschuldigen, denn Sie hatten nichts uber sie in Handen als die Worte eines gluhenden Junglings, die meinigen. Es muss Ihnen vor dem zweiten Bande sehr gebangt haben, denn wo sollten Sie mit Otilien, mit dem Alten, mit mir selbst hinaus."

"Wahrlich ich konnte nur denken, dass ich den zweiten nie schreiben wurde, weil ich den ersten nur schrieb wegen meiner Liebe zu Herrn Romers Tochter, und musste ich ihn schreiben, nun so "

"Ich danke, Sie hatten mich und die ganze Gesellschaft wohl vom Blitze erschlagen lassen."

"Ungefahr so etwas, denn Sie muten mir doch nicht zu, dass ich Ihnen Otilien hatte zum Weibe geben sollen "

"Nein, soviel nicht aber ich hatte mich wenigstens umbringen mussen, weil sie mich nicht nehmen wollte oder konnte einen anderen Ausweg wusste ich nicht ihr untreu werden? das ganze Publikum hatte auf mich geschimpft sie heiraten? Sie hatten in geheimnisreichen, chemisch-poetischen und doch deutlichen Worten die Ehe hereinfuhren mussen, sonst hatte das Volk bei seiner armseligen Liebe immer noch gelacht, mich bei Otilien im Bette zu wissen, bei dem sternenreinen Madchen, die so fein ist, dass Ahndung und Erinnerung wahre Telegraphsbalken fur sie sind. Ich kann mir Ihre Otilie kaum wie eine Hostie denken."

"Sie ist freilich etwas sublime schlecht geraten, und ich hatte Sie nicht mehr lange oben bei ihr allein lassen durfen, denn Ihre Phantasien wollten auch nicht endigen. Was sollte der Greis weiter vorbringen? von seiner Geschichte wusste ich nichts. Einigemal war ich entschlossen, durch Sie Otiliens Tugend angreifen zu lassen, nur um ihr etwas Stoff abzugewinnen, weil sie doch auch gar nichts tat, als unendlich zart sein. Es wurde sicher zu einem solchen ehrenruhrigen Komplott gekommen sein, hatte mir der Buchdrucker nicht so zugesetzt, dass ich nicht Zeit hatte, sie zu verfuhren. Ich musste mich daher mit der Freude begnugen, alles, was sie gesagt hatte, mit etwas Bosheit durchstudiert zu haben, um auf irgend eine Zweideutigkeit zu stossen, auf die ich den Baum ihres Sundenfalls hatte pflanzen konnen, damit ich nachher die verschiedenen vortrefflichen Partieen ihrer Sunde zu verschiedenen Zweigen verarbeiten konnte, welche wieder Apfel des Guten und Bosen getragen hatten."

"Und was wollten Sie Seite 153 mit den stillen Lichtern? Sie wollten doch nicht etwa dem Madchen eine neue Art Mythologie geben?"

"So etwas fur die lange Weile; aber ich fuhlte zu sehr, dass ich die alte noch nicht verstehe."

"Eine neue Mythologie ist ohnmoglich, so ohnmoglich wie eine alte, denn jede Mythologie ist ewig; wo man sie alt nennt, sind die Menschen gering geworden, und die, welche von einer sogenannten neuen hervorzufuhrenden sprechen, prophezeien eine Bildung, die wir nicht erleben."

"Sie meinen also, es gabe keine Mythologie, sondern uberhaupt nur Anlage zur Poesie, wirkliche gegenwartige Poesie, und sinkende Poesie. Mythen sind Ihnen also nichts anderes als Studien der dichtenden Personalitat uberhaupt, und eine Mythologie ware dann soviel als eine Kunstschule, so wie eine hinreichende Mythologie eine hinreichende Kunst, und eine letzte endliche Mythologie nichts als ein goldnes Zeitalter ware, wo alles Streben aufhort und nichts mehr kann gewusst werden, weil dann das Wissen das Leben selbst ist; nicht einmal das Wissen kann dann gewusst werden, da wir keine Einheit mehr denken konnten, indem die Moglichkeit zu zahlen in der blossen Einheit, die allein noch ubrig sein konnte, aufgehoben ware."

Godwi sah am Ende meiner Rede zum Fenster hinaus, und als ich schwieg, kehrte er sich mit folgenden Worten um:

"So ein paar Sachen, die ein jeder verstehen kann, wie er will oder kann, weil sie undeutlich sind, lassen Sie wohl auch im ersten Bande mit einfliessen, aber im zweiten soll es nicht sein."

Er nahm mehrere Papiere aus dem Schreibpulte, und sagte: "Diese Papiere enthalten die Geschichte meines Vaters in Bruchstucken, wie auch die meiner Mutter und das meiste der Jugendgeschichte des Alten und Mollys, von Kordelien nichts, auch von mir nichts; aus allem diesem nun mussen Sie Ihren zweiten Band zusammenschreiben und mir vorlesen, von den Nebenpersonen des ersten Bandes durfen Sie nicht viel sagen, weil sie bald abtraten. Das Ubrige meines Lebens, bis jetzt, will ich Ihnen dann erzahlen. Sie konnen hier von dieser Zelle Besitz nehmen, und darin arbeiten. In der Zwischenzeit fuhre ich Sie in die Bildergalerie, welche zu Ihrem Buche hier in dem heiligeren Teile des Hauses sehr vollstandig ist, denn mein Vater liess beinah alle die Hauptszenen aus seinem Leben malen, daher waren auch immer so viele Kunstler bei ihm. Ich habe diese Eigenschaft mit wenigen anderen nur insoweit von ihm geerbt, dass ich Violettens Denkmal verfertigen liess, die bestimmendste Szene meines Lebens."

Ich dankte ihm fur seine Gute, und versprach ihm, es so gut zu machen, als ich konnte; dann las er mir hintereinander die Aufsatze vor, und ich bildete daraus, was die Leser nun horen werden.

Neunzehntes Kapitel

Geschichte der Mutter Godwis und ihrer Schwester

In einer Handelsstadt an der Ostsee lebte Wellner, ein wohlhabender Kaufmann, der seine beiden Tochter liebte, und fleissig uber ihren Sitten und ihrer Bildung wachte. Er hatte seine brave Hausfrau fruh verloren, da Marie und Annonciata noch sehr jung waren, und ihr in der letzten Stunde versprochen, diese mehr zu huten als sein Geld und Gut, was er auch treu vollbrachte; ja man konnte sagen, wirklich uber Vermogen, denn er verlor in der Zukunft nicht nur sein Vermogen, und meistens durch die Liebe zu seinen Kindern, sondern er verlor auch beide Kinder selbst.

Er gesellte ihnen einen Jungling zu, welcher elternlos war, und den er in seinem Hause unterhielt. Dieser, den ich Joseph nennen will, war immer mit den Madchen, er hatte gute Schulkenntnisse, und gab ihnen den ersten Unterricht.

In der Blute des Lebens, wo sich die Gattung in einer schonen Blume entfaltet, erklarte sich Marie als ein durchaus sanftes und argloses Geschopf mit einem treuen warmen Herzen und einem hellen Geiste, der aber meistens in der Wahl das Gute dem Schonen vorzog.

Annonciatens Blute war schwerer zu bestimmen, ein kuhneres und doch harmonisches Gemisch von Farben ist nicht leicht denkbar. Alles liebte sie, und keiner mochte sie recht leiden. Man wagte seine Liebe selbst in dem Kinde schon nicht zu wissen, weil man eben dieses Kind nicht verstand. Sie selbst machte keine Forderungen an die Welt, und war doch nichts als Begierde; das meiste genugte ihr nicht, aber sie konnte es nicht sagen, weil sie die Armut der Gebenden schonte.

Dieser ganze Zustand war nur Zustand in ihr, denn sie konnte noch nicht uberlegen, als sie schon so im Leben stand, und in der Folge meinte sie, es ware wohl nicht anders, und dieses sei das menschliche Leben. Sie liebte nichts so sehr als Blumen und sang recht artig.

Wellner glaubte, ihr stilles und oft heftiges Wesen sei eine Folge eines geschlechtlichheftigen Temperaments, und er wunschte sie daher fruh verheiratet zu sehen. Freilich hatte er in seiner Meinung nicht ganz unrecht; aber der gute Mann wusste nicht, welcher grosse Unterschied zwischen dem sogenannten heftigen Temperament und der von Grund aus reinen Weiblichkeit ist.

Marie war des Vaters Augapfel, denn sie war ruhig und bescheiden, und schien nichts zu wunschen, als was er ihr geben konnte. Er hatte sich daher fest entschlossen, sie spat oder nie von sich zu lassen. Da er allein fur seine Kinder lebte, und alle seine Gedanken nur sorgend fur ihr Wohl waren, so durchdachte er ebenso gern seinen Lebenskreis, sich fur Marien eine Verbindung zu erfinden, als er viele Stunden uberlegte, wie er Annonciaten glucklicher machen konne, als es die Welt uberhaupt konnte.

Joseph, den er in seine Handlung genommen hatte, und der seine Tochter fleissig unterrichtete, ward ihm taglich unentbehrlicher, denn er war ebenso sehr fein und spekulativ als treu und anhanglich, und die Handlung stieg unter seiner Einwirkung ebenso schnell, als der Vater mit Freuden besonders Mariens Bildung sich entwickeln sah.

Mit Annonciaten war es nicht so, denn lebendige Fruchte konnen in ihrer Gesundheit nur durch die Sonne reifen. Sie ermudete leicht an Josephs Unterricht, und wo ihre Bildung vor sich ging, im inneren Heiligtume ihres Busens, da konnte Joseph nicht hinsehen. Der junge Mann ward oft durch ihre auffallenden Fragen gestort, und als sie ihn in einer solchen Verlegenheit recht von Herzen, wie sie oft pflegte, guter Joseph! nannte, beleidigte ihn dieses, und er klagte es Wellnern. Dieser stellte ihr diese Beleidigung recht herzlich vor, und obschon sie ihre Unschuld tief empfand, so bat sie ihren Vater doch mit bittern Tranen um Vergebung, und versprach, Josephen dasselbe zu tun.

Es kostete ihr vielen Schmerz, und Joseph konnte ihrer Ruhrung nicht mehr Einhalt tun, als sie Verzeihung von ihm erflehte, so dass er anfing, sie fur etwas beschrankt zu halten, da er ihre heftige Ausrufung, wie keine Liebe und keine Freundlichkeit in der Welt sei, horte, denn in dieser Opferung ihres Stolzes loste sich alles in ihrem Herzen, und indem sie um Verzeihung zu bitten glaubte, beschuldigte sie das ganze Leben.

Nach dieser Szene wendete Joseph sich immer mehr zu Marien, und auch Annonciata kehrte mehr in ihr Herz zuruck, obschon sie edler als er ihn nichts davon empfinden liess.

An einem vertraulichen Abend war Joseph noch spat auf der Stube Wellners, und sie sprachen vieles uber die Lage der Handlung, und eine Reise, die Joseph ubernehmen musse, um ihr mehr Selbststandigkeit zu geben, und sie den geldsaugenden Commissionairs zu entziehen. Von dieser Unterredung kehrte Wellner wie gewohnlich auf das Schicksal seiner Tochter zuruck, Joseph aber schwieg, als habe er etwas auf dem Herzen. Der Vater sagte:

"Es ist wunderbar, wie kein Geschaft auf Erden unserm Leben, unserer Tatigkeit Freiheit giebt, es mag noch so bluhend sein, als es Fleiss und Einsicht machen konnen. Niemals wird die schone Gewohnheit einer bezweckten Tatigkeit hinreichen, und wir kehren auf jedem Punkte, der eine Rundung der Ansicht erlaubt, in unser eignes armes Herz zuruck, und bringen hochstens etwas Zerstreuung oder Stoff zu neuen Planen mit, wenn wir zur Arbeit zuruckkehren. Wenn ich nun Ihre Reise bedenke, und alle die schonen Vorteile derselben betrachtet habe, was habe ich am Ende gewonnen, was wird aus meinen Kindern werden, wenn ich mit ihnen allein bin? was, wenn Sie wiederkommen?"

Joseph hatte eine solche Minute erwartet, und sagte ihm geruhrt:

"Ich ehre diese Empfindung in Ihnen, Ihre Gute hat mich Ihnen so nahe gebracht als Ihren Kindern; fur Annonicaten weiss ich nichts, als dass es gut sein wird, sie bald zu verehlichen, um ihren unbestimmten Empfindungen die allgemeine Richtung des Weibes zu geben."

"Und fur Marien?" fuhr Wellner fort.

"Fur Marien", sagte Joseph, "kann ich nicht wahlen, denn ich liebe sie."

Dies Gestandnis hatte ihm viel Muhe gekostet, weil er nur zu sehr fuhlte, wieviel er Wellnern schon zu danken habe. Wellner fand dies nicht, er fuhlte die Schuld, ware je eine da gewesen, langst getilgt, und versprach ihm Marien mit Freuden, als Lohn seiner Treue, wenn sie ihn liebe.

Dies glaubte Joseph beinahe schon, oder wenigstens, dass sie ihn heftig lieben werde. Hierin irrte er sich, denn sie liebte ihn sehr; nur war sie keiner lebhaften Ausserung fahig; auch reizte sie nichts zum Gestandnis, da ihr Herz wie ihr Leben voll stillen Glucks und voll Ruhe war.

Da nur noch wenige Monate bis zur Abreise Josephs ubrig waren, so wurde die Verbindung und seine Aufnahme in die Handelsfirma bis zu seiner Ruckreise festgesetzt; doch entschlossen sie sich, ihm Marien naherzubringen, und zugleich fur Annonciatens Versorgung zu denken. So hatten die beiden Freunde gesprochen, und verliessen sich beide zufrieden, voll Hoffnung auf eine schone Zukunft.

Als Wellner nach seiner Stube ging, und im Begriffe war, zu Bette zu gehen, horte er seine Tochter, die uber ihm wohnten, noch wach sein und im Gesprache. Er war noch ganz von den Worten, die er in Liebe zu ihnen mit Joseph gewechselt hatte, durchdrungen, und setzte sich an das offne Fenster, um ihnen zuzuhoren. Die Madchen, von der schonen Nacht ans Fenster gelockt, sprachen vertraulich mit einander, und von Dingen, die ihn sehr ruhrten.

"Wie ist dir?" sagte Marie zu Annonciaten, "wenn du so in den stillen Himmel siehst und den Mondschein "

"Liebe Marie, wie mir dann ist, wenn ich dir das so recht beschreiben konnte, oder irgend einem Menschen, so ware ich recht glucklich; ich denke oft daran, und ich wurde dich nicht immer bitten, mit mir ans Fenster zu treten, wenn mir meine Empfindung dann klar und deutlich ware, denn uberall kann ich wohl einsam sein, wo mir etwas deutlich ist o! dann kann ich immerfort so in mir allein denken, ja wohl ordentliche Gesprache mit meinen Gedanken halten; aber wenn der Mond in die Stube scheint, kann ich nicht ruhen, und muss ans Fenster hin. Es ist mir, als rufe er mich, ich musse ihn wieder ansehen, die ganze schone Nacht sprache mit mir, und frage mich scharf aus; die Antwort aber liegt mir tief im Herzen begraben, und es ist mir oft, als musse mir das Herz brechen, damit ich es nur sagen konnte."

"Das ist seltsam, da bist du wieder ganz anders als ich, in mir ist es nicht so."

"Wie ist dir dann, was mochtest du tun, was mochtest du haben? Jetzt, da du siehst, dass es draussen ganz anders in der Welt ist, was mochtest du, das auch dich verandere? damit du wieder ruhig wurdest, und mit der Welt zusammenstimmtest; denn wenn du schlafst, ist es dir doch nur wohl, weil du nichts von der Nacht weisst."

"Ich verstehe dich nicht, du bist wohl wieder melancholisch, wenn ich schlafe, ob ich da nichts wisse; nun das weiss ich nicht. Manchmal traume ich auch, und wenn ich hier bei dir stehe, und du sprichst nicht, oder ich bin schlafrig, so wunsche ich, Joseph ware bei mir, und sprache vertraulich mit mir, wie er nun bald abreise und wir Briefe mit einander wechseln wollen. Auf diese Briefe freue ich mich sehr, denn ich habe noch an niemand geschrieben; es ist mir wie ein neuer Sinn, der mir aufgehen soll, und ich denke schon oft ganze Briefe an ihn aus."

"Du bist glucklich, du liebst Josephen wohl."

"Ich denke meistens an ihn, liebe ihn lieber als den Vater, und kann denken, dass ich gern mein ganzes Leben mit ihm sein mochte: wenn dies Liebe ist, so hast du recht."

"Ich habe recht, das ist Liebe, das ist deine Liebe."

"Meine Liebe? giebt es denn mehr als eine Liebe."

"Es giebt vielleicht nur eine, aber jeder Mensch hat wohl doch eine andre. Mir ist nicht so wie dir, wenn ich hier stehe; es ist mir, als musse ich mich verlieren in ein anderes Wesen, wie die Baume dort sich ineinander verlieren; ich mochte nicht immer Annonciata sein, und doch weiss ich nicht, wie ich das soll; ich kenne niemand, in den ich mich verwandlen konnte; ich mochte oft sterben, um nicht mehr alleinzusein, und sterben fur wen? das kann ich auch nicht sagen, und das ist es, was ich immer empfinde, und abends mehr als sonst; das ist es, was mich im Herzen druckt, und wenn so der kuhle Wind weht, wird mir es besser, ich fuhle dann in meinem Herzen, als sei ich gut, als troste ich mich mit der Ruhe da draussen in der Nacht und dem Glucke der Natur."

So sprachen die beiden Madchen noch lange, Wellnern flossen die Tranen uber die Wangen; er hatte noch gerne zugehort, aber er konnte die kuhle Luft nicht vertragen. Er schloss deswegen das Fenster mit Gerausch, damit seine Kinder ihn horen und auch schlafengehen mochten. Marie zog sich zuruck, denn sie hatte einen stillen verstehenden Gehorsam, Annonciata aber blieb allein wach.

Einige Stunden nach Mitternacht horte sie den Vater Josephen klingeln, und diesen auch zu ihm kommen. Da sie ans Kamin trat, welches ihre Stube mit der des Vaters verband, horte sie, wie der Vater am Fenster gesessen, ihre Unterredung gehort habe, und dass ihm nicht ganz wohl sei. Er erzahlte Josephen von Marien, wie sie von ihm gesprochen, mit Freuden; auch von ihr horte sie ihn sprechen, wie sie seltsame Dinge gesagt, die ihn sehr bekummerten, und dass er sie mit dem jungen Genueser, der hier sei, bekannt machen wolle; es schien ein reicher kluger Mann zu sein, und es wurde ihn glucklich machen, wenn sie ihn lieben konne.

Annonciata horte das alles mit Ruhe an, freute sich des Glucks ihrer Schwester, und da sie glaubte, es ware wohl recht hubsch, wenn Marie auch unten ware, so naherte sie sich ihr und sagte, um sie zu wekken: "Liebe Marie, stehe auf, und gehe hinab zum Vater; ich glaube, es ist ihm nicht wohl, er hat jetzt noch Josephen rufen lassen; frage ihn, was ihm fehlt, und pflege ihn; ich weiss, dass du es ihm besser tun kannst als ich, und dass es ihm viel Freude macht."

Marie dankte ihr, zog sich schnell an, und ging hinab. Annonciata aber weinte

Wellner freute sich herzlich der Aufmerksamkeit Mariens, sie sass so freundlich auf seinem Bette, und Joseph still an der Erde: da konnte er sein Herz nicht mehr erhalten, und legte ihre Hande in dieser Nacht fur die Zukunft versprechend zusammen, und gab ihnen beiden zwei goldne Ringe, die sie vor ihm verwechselten.

Zwanzigstes Kapitel

So weit hatte ich geschrieben noch diesen Nachmittag, nachdem mich Godwi verlassen hatte. Da ich fertig war, kam er zu mir, und ich las es ihm vor. Dann fuhrte er mich durch den sehr ausgedehnten Garten nach einer andern Seite, die ich noch nicht kannte, und sagte, dass er mir die Bilder zu meiner heutigen Arbeit zeigen wolle. Dieses freute mich sehr, und ich versicherte ihm, dass es mich aufmuntern wurde. Bald standen wir vor einem alten Gebaude, welches das Aussehen einer verfallnen Dorfkirche hatte. Da er die grosse Ture mit rasselnden Schlusseln aufschloss, sagte er scherzend: "Es ist mir immer, als sei ich das Gespenst eines alten Kusters, welches die gewohnten Wege schleicht, wenn ich diese Kirchture aufmache. Ich mag diese Anstalt nicht leiden, sie hat etwas Abenteuerliches, und ware sie von meinem Vater nicht in einem Zustande der grossten Verschlossenheit und Verstecktheit gemacht worden, und nur fur ihn allein, so wurde ich gar nicht bose sein, wenn die Leute ihn einen Narren nennen. In meinem Knabenalter lag diese Kirche schon wie ein unertragliches Geheimnis vor mir, und es schauderte mir immer, wenn mein Vater mit einem der fremden Kunstler hineinging, und wieder allein herauskam, als habe er ihn ermordet." Die Treppe, welche grade der Ture entgegenkam, fuhrte in einen ovalen Saal, in dessen Mitte eine mit Tuch verkappte Figur stand; ahnliche standen an den Wanden umher.

Godwi blieb neben mir in dem Saale stehen, und sagte: "Kann man sich etwas Tolleres denken, als sein ganzes Leben in Stein hauen zu lassen, und so in einer Stube zusammenzustellen?"

"Es liegt etwas Furchterliches darin, und eine wunderbare Eitelkeit im Dunkeln, wo einen niemand sieht; es ist, als prahle einer um Mitternacht so recht auf seine eigne Hand."

"Sie sind zu streng", sagte Godwi; "Eitelkeit war es nicht, und nicht Prahlerei; toll bleibt es ziemlich, doch hat diese Tollheit eine edle Quelle, die bitterste Reue mit der Idee, sich alle diese Figuren wie Richter herzustellen, welche ihn seines Lebens anklagten, das zwar kein Verbrechen, aber grosse Verirrungen umfasste, bis auf eine Handlung, die zwar auch ein Kind seiner Leidenschaft, doch bestimmter bosartig war; diese hatte den Scheiterhaufen angezundet, auf dem er hier in ewiger Reue brennend lebte. Jetzt ist er ruhig.

Meines Vaters Bisarrerie war die schone Bisarrerie, das Bose, welches nie gut gemacht werden kann, schon zu machen; seine Idee war, das Gute sei in der Zeit, und das Schone im Raum, und die Moglichkeit des Ersatzes einer verderbten Jugend sei, ihr in reiferen Jahren Gestalt zu geben. Er sagte, jede Handlung wird zu einem Denkstein, der mich beschuldigt, und den ich nimmer umwalzen kann; aber ich kann diesen Stein zwingen, zu einem schonen Bilde der Handlung zu werden, die er bezeichnet."

"Die Idee Ihres Vaters ist gross, und man sollte nie sagen: ich will es wieder gut machen; denn dies bleibt nur Vorsatz, und ist das Wort der Reue; man sollte sagen: ich will es schon machen. Auch liegt unstreitig in dem Gedanken, dass Boses und Gutes in der Zeit liege, viel Trostliches; wir durfen dann nur unsere Handlungen als Folgen denken, so haben wir blosses Leben."

"Jeder Mensch," sagte Godwi, "der in sich selbst gross werden will, sollte in sich den Stoff und den Geist auffinden. Alles, was in ihm bloss Geschichte ware, musste ihm Stoff zu Idealen seiner selbst werden. So bliebe ihm der grosste Teil seiner Jugend unverloren, und ein herrlicher Gewinn. Er hatte dann in sich eine eigne Welt der Kunst und Natur, und busste er auch alle seine Sinne ein, so konnte er doch in sich fortbilden, denn in ihm lage ein Universum, und er konnte sich lieben und anbeten.

Mein Vater tat dieses mit einer grossen Anstrengung, auch kam er dadurch immer mehr und mehr zur Ruhe. Doch fing er zu spat an, und hatte seine Unbefangenheit schon zu sehr verloren. So erschuf er diese Bilder mehr in phantastischer Busse als in Liebe zu sich. Endlich ward es ihm zur selbstischen Gewohnheit, ja zur Bequemlichkeit, und hatte sich sein Geschick nicht gelost, so wurde es ihm zum Laster geworden sein, denn er erhob der Notwendigkeit halber, eine Form zu erfullen, oft seine kleinsten Fehler zu Verbrechen, und seine ganze schone Leidenschaft war auf dem kurzesten Wege, Pietisterei oder Pedanterei zu werden. Doch wir wollen uns zu dem Unsrigen wenden."

Wir traten zur rechten Seite des Saales in eine Stube, an deren Wanden mehrere verhullte Gemalde hingen. Godwi blieb vor einem stehen, zog den Vorhang in die Hohe, und sprach:

"Hier ist Annonciata, die Jungfrau, einer Umgebung, dem Spiegel ihrer Seele, gegenuber."

Das Bild war warm und voll Allegorie, der ganze Ausdruck leise vordringend, und von allen Punkten gleichmassig ausstromend; es war mir, als walle eine laue leichte Luft von den Farben auf mein Herz, und ich stand mehrere Minuten voll leichtatmender Lust; doch stieg meine Empfindung mit der Dauer, und das Gemalde schien fortschreitend erhoht.

"Es wehet wie aus warmen Talern zu mir herauf," sprach ich, "mir ist wohl, ich werde mild beruhrt, und in mir erhebt sich ein korperlicher Reiz, der unbestimmt und doch allgemein ist. In Stunden, in denen ich liebte und nicht fuhlte, wie ich leise auf wolkichten Traumen hinabzog in ein anderes Wesen, wo die Strome lieblicher unausgesprochener Rede schneller flossen, und die gestaltlose Flut der Seele fromm von dem schweigenden Madchen empfangen wurde wo die Liebe schon verstummte, und keinen einzelnen Sinn mehr hatte; wo meine Brust schon horte und mein Auge kusste, wo mir die stille Woge ihres Busens begegnete, und ich so trunken war in dem Widerspruche der milden Annaherung, da war es mir so. Doch nimmer weilt solches Leben wohin, wohin gleitet die sehnende Fahrt? o Heimat! fliehe ich dich, eile ich dir entgegen? wie lost sich aller Besitz! ist die Welt mein, und bin ich ein Bettler? wo ist mein Vaterland, wo ist meine Liebe? ach! bist du nicht fur die Erde? Annonciata! wer lost dir die Zauberei des Fruhlings, wer lost dir dein Herz? das in Sehnsucht bricht; will keine Sonne kommen? die tiefen dunkeln Augen der Gedanken zu offnen, die aus deinem Herzen steigen, und ist dein Busen eine Wiege der Kinder, die hier nicht leben durfen? Schmerz, Schmerz! brennendes Verlangen, wer bricht dir das Siegel im Herzen, und welchem bist du gesendet? du dunkler Edelstein im Diademe der weissagenden Zeit Wunderkind!"

Hier liess Godwi den Vorhang niederrollen. "Es war genug, lieber Maria, der Maler hat seine Schuldigkeit getan, und Sie waren auf dem besten Wege, den Eindruck des Bildes auf Sie und nicht das Bild zu betrachten."

"Verzeihen Sie, ich dachte bei dem Bilde an ein Madchen, das ich sehr liebe, und diesem Bilde gleicht. Lassen sie mich das Bild nur wieder sehen; Gott weiss, wann mich das unselige Selbstbewusstsein ohne Geistesgegenwart verlassen wird; ich komme nimmer dazu, etwas wie ein vernunftiger Mensch zu betrachten."

"Sie wissen wohl von dem Bilde gar nichts mehr", sagte Godwi.

"Nein, das ist ja eben das Ungluck, dass ich mich mit jeder Erscheinung begatte, und der Mutter ewig ungetreu eine Menge unehelicher Kinder habe; nimmer komme ich zu einer honetten Haushaltung in meiner Seele."

Godwi zog den Vorhang wieder in die Hohe, und ich nahm mich recht zusammen:

"Abend-Dammerung, rechts sinkt die Sonne, links dunkler Vorgrund, ein kleiner Hugel mit fetten grossblattrichten Gewachsen, auf dem sich eine Rebenhutte erhebt. Annonciata, ohngefahr vierzehn Jahre alt, sitzt unter dem Rebendache, weiss gekleidet, das schwarze Lockenhaar wallend, ihr Gewand mehr als malerisch, wirklich burgerlich nachlassig; ihr Blick ruht in der Minute, wo sich der Himmel und die Abendrote durchdringen; um ihre Stirne schlingt sich Orangenblute, sie umfasst mit beiden Handen ein Korbchen voll roter Fruchte, das auf ihrem Schosse steht, so dass sie die jungen keuschen Bruste etwas in die Hohe drangt, und der Flor sich liebevoll offnet. Sie sitzt ohne Schamhaftigkeit, keine Spur von Zucht; sie will nichts, sie wird gewollt; das Leben verlangt sie; von allen Seiten gluht Liebe und Lust zu ihr hin; alle Blatter giessen ihre hoffenden Flammen uber sie aus; die Blumen geoffnet blicken ihr in die Augen, und die Krauter schmiegen sich um ihre Fusse; die Sonne will nicht sinken, und das schwellende Herz der Nacht sinkt schwerer voll Lust nieder, sie will zu ihr herab. Die Ferne dringt zu ihr heruber, und die Nahe lehnt sich dieser siegreich und stolz entgegen. Sie selbst atmet nur, sie ist nicht gefangen in diesem wunderbaren Kampfe der Liebe; in ihrem Herzen ist Andacht, und ihr Antlitz ist Gebet. Neben ihr steht eine Urne, in welcher Aloe bluht; auf dem steinernen Gelander einer Treppe und vor der Urne sitzt ein Pfau, der den goldnen gluhenden Hals der Sonne nachrufend ausstreckt, aus seinem sinkenden Schweife blicken kostliche Augen von Saphir und Gold nach den Sternen, die still am Himmel heraufbluhen."

"Dies Bild", fuhr Godwi fort, "ist mit einer wunderbaren Resignation gemalt, man kann es nicht recht geduldig ansehen; der Maler tat auch gar nichts fur den Betrachter."

"Ja," versetzte ich, "Annonciata nur allein kann es betrachten, und wir nur Annonciaten, denn alles ist nur fur sie gemalt, oder vielmehr sie malt es in jedem Augenblicke. Wenn ich bedenke, dass diese milde Glut der Sonne, der schwermutige Himmel und die freundlichen Sterne, dass die ganze ruhrende Melodie des Bildes nur die aufgeloste Annonciata ist, und Annonciata nichts als die menschliche Gestalt dieser Umgebung, so erklare ich deutlich in mir ein Gefuhl, das mich in der Natur begleitet; sie beunruhiget mich, es ist mir, als konne ich sie nicht betrachten, als belausche ich sie nur in einem stillen treibenden Geschafte der Wandlung, und es giebt wenige Gegenden, die nicht einen andern Menschen als mich bedurften."

"Nur der allgemeinste Mensch," sagte Godwi, "nur ein Mensch, der gross, glucklich und gesund ist, kann ohne Druck den ganzen Umfang der Naturanschauungen ertragen. Jeder Einzelne hat seine eigne Natur, vor der er gleich einem hoheren Bilde steht, welches mit Ruhrung auf seine Geschichte zurucksieht. Ich empfinde mit Freuden, wie ich seit einiger Zeit mehrere Arten der Aussicht liebe, die mich sonst verwundeten, und dies ist mir eine Erfahrung, welche mir eine Erweiterung meiner selbst versichert."

"Mir ist noch nicht so," sagte ich, "ich kenne nur eine Aussicht bis jetzt, und habe noch keine Landschaft gesehen, die mir wohl tat, als diese, und ware meine Gestalt von meinem Gemute ganz durchdrungen, konnte ich uberhaupt jemals mich selbst vorstellen, so hatte in diese Landschaft ein Maler keine Figur als die meinige stellen durfen, um nicht aus der Haltung zu fallen."

"Wo ist diese Aussicht?" fragte Godwi, "wenn Sie sie nicht wie eine Geliebte verbergen."

"Am Rhein, auf einer herrlichen Stelle."

"Gut, so habe ich sie wahrscheinlich auch gehabt, und es sind wirklich Gesichtspunkte am Rhein, die ich nicht auszusprechen wage."

"Ich sass hoher als der hochste Berg der Gegend, auf der Spitze eines jungen Baumes, den eine mutige Hand in die hochsten Trummern eines zerstorten Turmes gepflanzt hatte; uber Untiefen von Wald, die wie Katarakte und sturmende Heere unter meinem Blicke auf und nieder sturzten, brauste der herrliche Fluss des uppigen Friedens und der trotzigen Ruhe. Ringsum weit die Stadte und Flecken hingesaet, viele tausend Blicke auf meinen Standpunkt gerichtet, in tiefer Einsamkeit, Vor- und Nachwelt um mich aufgelost in ein unendliches Gefuhl des Daseins. Ich hatte ein trauriges Herz voll verschmahter Liebe da hinaufgetragen, so recht gar nichts da oben erwartet, und ging mit einer sehr breiten Resignation durch den Wald. Aber der Mensch ist so enge in sich selbst gefangen, dass er sich meistens selbst verzehrt, wo er die Welt verzehren sollte. Ich weinte, als sich die Aussicht mir erschloss, vor Scham, und fuhlte, wie meine Tranen gelinde auf der Wange trockneten, und sich meine Seele wie der Duft einer Blume zum Himmel hob; mein Korper wuchs in den Stamm, der mich trug, und meine Arme streckten sich wie Zweige in die Luft: da war mir wohl, und ich sah den Zugvogeln nach, die neben mir voruberreisten, wie Freunden, die noch nicht zur Ruhe gekommen sind, und wunschte ihnen gluckliche Reise."

"Es ist recht hubsch, dass grade welche vorbeiflogen", sagte Godwi; "doch wollen wir jetzt das Bild Mariens betrachten, ehe es dunkel wird."

Godwi enthullte ein anderes Bild, und sagte scherzhaft:

"Nehmen Sie den Hut hubsch hoflich in die Hand, stauben Sie die Schuhe ab, und sein Sie artig, wir wollen zu einem lieben Madchen gehen. Welcher Kontrast? Dies ist Marie, Annonciatens Schwester. Welche Ruhe, welcher Frieden; man schweigt, sie atmen zu horen, und wunscht, dass die Taube in ihrem Schoss den Flugel senke, um sie aufmerksam zu machen. Wehet denn kein Luftchen durch das enge Fenster? dass die Lilie sich bewege und dem Madchen sage, wir seien da, damit sie uns mit den lieben Augen erblicke, die sie so fleissig auf den Stickrahmen niedersenkt; nur die Lilie darf zusehen, wie sie Blumen stickt, sie senkt den Kelch stille zu ihr, und tut wie die vertraute Freundin. Wie die Sonnenstrahlen so nachbarlich zu dem kleinen Fenster hereinsehen; wenn die Sonne sinkt, so sieht sie uns wohl an, indem sie dem Glanze ausweicht; oder wird sie nach dem Bilde des jungen Mannes schauen, das an der Wand hangt, und so recht behaglich und mit Anspruchen da zu hangen scheint? Ich beneide ihn, er ist sicher mit des Madchens Vater einverstanden, und die Sache geht den einfachen Weg. Lebe wohl, Marie, wir wollen nicht vor dich treten, da wir deiner begehren mussen, denn du bist schon einem gegeben, der dir genug ist." Hier liess Godwi den Vorhang fallen.

"Dies ist ein Madchen," sagte ich, "zu dessen Vater auch der zugelloseste Mensch sagen konnte: Mein Herr, da ich in den Stand der heiligen Ehe zu treten gesonnen bin usw. Ich habe noch nirgends ein hausliches Gemalde im Ideal gesehen, dies ist es, Friede. Und dieses ist Ihre Mutter?"

"Dies ist sie; ziehen Sie von diesem Bilde bis zum steinernen Bilde eine Linie, so haben Sie das Ungluck meiner Mutter ermessen."

Hier verliessen wir die Stube, und gleich darauf den Bildersaal, nachdem Godwi zuvor ein ruhiges Abendlied auf der kleinen Orgel gespielt hatte, die noch in der Kirche von ihrer ersten Bestimmung her ubriggeblieben war. Die Tone der Orgel gingen feierlich wie ein betender Geisterzug um die stummen steinernen Bewohner des Hauses herum, und schienen sie zu trosten. Ich trat dann an Godwis Seite geruhrt in den Garten, und es tat mir im Herzen wohl, wieder im Freien zu sein; es war ein freundlicher Abend, und wir freuten uns, noch den ganzen Park durchgehen zu mussen, ehe wir in das Landhaus kamen.

An der Ture kam uns Haber entgegen, den ich sogleich um seine Ubersetzung fragte, aber er klagte uber seine Zerstreutheit, und dass einer der Pachter unter seinem Fenster geschlachtet habe, und dass das Geschrei des sterbenden Tieres dem italianischen Ton und Wortspielen sehr entgegen sei

"Sie haben also die Wette verloren, denn ich habe es ubersetzt, und wir wollen nun bald an die Auffuhrung des Liedes gehen, Sie mussen die Laura vorstellen, und ich den Hiazinth schreiben Sie sich die Rolle ab, nach Tisch, wenn die Lampchen am Himmel angesteckt sind, und Luna uns souffliert, mussen Sie vom Fenster herunter mir den Korb geben, ich will die Laute erst in Ordnung bringen, und ein wenig dazu klimpern."

Haber wollte nicht daran, und entschuldigte sich, besonders mit seiner schwachen Stimme.

"Desto besser," sagte Godwi, "Sie konnen dann noch einen Vers anhangen, in dem Sie ihn ausschimpfen, dass er Ihnen einen Schnupfen zugezogen hat. Doch ich will sehen, ob die Laute angekommen ist."

Einundzwanzigstes Kapitel

Georg, der stille Diener, brachte mir die Laute, er hatte sie selbst aus dem Jagdhause geholt, wo sie, wie er sagte, noch von Kordelien her in einem Winkel gestanden habe.

Es war ein schones grosses Instrument, und die gothischen Schnirkel, welche die Resonanzoffnung verschlossen, waren fein mit Gold und Elfenbein durchzogen. Eine recht freundliche Idee war, dass durch dieses Gitter alle Tone in Gestalt kleiner Engelskopfe heraussahen, als seien sie wie himmlische Kinder hineingebannt, und sangen liebliche Lieder durch das Gitter; sie offneten nach der Reihe die Lippen recht kraftig und immer feiner, wie auch ihre Gesichter die Hohe und Tiefe des Tons durch das Alter ausdruckten. Der Steg stellte eine Aolsharfe vor, hinter der eine lauschende Jungfrau auf den Arm gestutzt in schlafender Stellung lag.

Ich brachte die Saiten mit Vergnugen in Ordnung, und ergotzte mich an dem ruhigen vollen Tone des Instruments. Ich war mit ihm in den Garten gegangen, denn meine ersten Akkorde opferte ich wie eine Libation eurem Angedenken, schwesterliche Seelen! Ich hatte lange nicht gespielt, und es war mir, als erwache ein entschlummertes Gotterbild in mir, und breite mit Wollust die Arme wieder wirkend und schaffend aus. Es war schon dunkel, und die Tone schienen die Dammerung zu heben. Ich sang das herrliche katholische Mutter-Gottes-Lied:

Ave maris stella etc.

Meerstern, ich dich grusse usw.

Dann ging ich zuruck, und wir schickten uns nach Tische an, Habern seine Busse bestehen zu lassen. Die Sache ward recht lustig, er kam oben ans Fenster in ein Bettuch gewickelt, als jage ich ihn aus dem Schlafe, und wir sangen wechselsweise zur Laute folgendes scherzhafte italianische Lied, wie ich es in der Eile im Deutschen nachgeahmt hatte.

Giacinto:

Dorme la bella, Amor, deh tu con l'ali

Rinfresca tal'hor l'aria, e fagli vento,

Accioche dell' estate alcun tormento

Non risenta la Dea, ch'e tra mortali.

Se i miseri occhi miei posar non ponno,

Godi la quiete tua la quiete mia,

E quello ch'io perdei, placido sonno,

Sen venga adormentar l'anima mia.

Se ben che tu mi dai cattivi giorni,

Ecco ti vengo a dar la buona notte,

Lontananza, ne tempo far non puote,

Ch'al lume qual farfalla io non ritorni.

Laura:

Chi e colui, che dormire non potendo

Sen vien a perturbar i sonni altrui,

Che dica quanto volei, io non l'intendo,

Son qual Aspide sorda a canti suoi.

Giacinto:

Canto mia bella, ma ne piange il core,

Io canto come il Cigno in sul morire,

Se ben vorrei tacer convengo dire,

E ridir cio, che va dettand' Amore.

Laura:

Non intendo, Signor, vostre ragioni,

Che fiete, che volete, e cosa fate?

Andate altrove, semplicetto, andate,

Che voglion esser altro, che canzoni.

Giacinto:

Mendico io son, hor eccomi alla porta,

Che chieggio in elemosina del pane.

Deh non mi fate andar d'oggi in dimane,

Doppia e la gratia al fin qua d'ella e corta.

Laura:

Al chieder vostro io saro sempre muta,

Qui non s'apre la porta, a chi non porta,

Presso di noi la Caritade e morta,

Chi non conta non ha la ricevuta.

Giacinto:

Prendetemi, Signora, per soldato,

Saro vostro guerriere senza paga,

Di gia assueffatto all' amorosa piaga

Non temero d'esser per voi piagato.

Laura:

Noi non stimiamo l'amoroso drudo,

Non habbiamo questione, e non ci aggrada

Quell' Amante, che sa portar la spada,

Quando non sappia maneggiar lo SCUDO.

Giacinto:

Soldato no, dunque Poeta almeno

Che v'immortalera ne propri versi.

Famosa vi faro tra Sciti e Persi,

Lodero il crine, gli occhi, il volto, il seno.

Laura:

Poesia e poverta van di concerto,

Che val il saper far un buon Sonetto

E non haver per far un sonno in letto,

Far sempre STANZE, e non haver coperto.

Giacinto:

Vado cercando come Pellegrino

Il piu bello del Mondo in ogni parte,

Ma amico il Cielo a voi sola comparte

Il terrestre non solo, ma il divino.

Laura:

Alloggiar Pellegrini gia mai si suole

Quando che non venisse di Ungaria.

Solo all' UNGHERO aperta e qui la via,

E molto piu s'e armato di PISTOLE.

Giacinto:

Signora, son Barone, e sono Conte,

Nacqui di duca, e son d'alto lignaggio,

Sudditi ho molti, che mi fanno omaggio

Della gran nobilta nasco dal fonte.

Laura:

Non si fa qui gran stima d'antenati,

E non vale essere Conte a chi non CONTA,

Ogni lignaggio al fin passa e tramonta,

E tutti Duchi son quei, che han DUCATI.

Giacinto:

Non sprezzate, vi prego, Amante fido,

Ch'adorera in perpetuo il vostro nume,

Che seguira qual Talpa il vostro lume,

Deh non siate ribelle di Cupido.

Laura:

Seguir nudo fanciul, dite, che vale,

Hor che i vestiti son tutti alla moda,

Se voi sete fedel e senza froda

Per voi solo, e fedel quel ch'e REALE.

Giacinto:

Dunque sprezzate Amor, perfida e ria

Donna vorace piu che nero Corvo.

Laura:

Non ch'anzi per il Cieco con voi stia,

Cerchia di quei che fanno calar l'ORBO.

Hiacinth:

Liebchen schlaft, mit deinen Flugeln fachle,

Amor, dass des Sommers heisse Schwule

Um des Madchens Lager bald sich kuhle

Und sie in dem Schlafe freundlich lachle.

Kann nimmer ich die armen Augen schliessen,

Ist meine Ruhe nur allein die ihre,

So moge, was ich hier am Schlaf verliere,

Wie Ruhe mir ins kranke Herze fliessen.

Giebst du mir gleich nur immer bose Tage,

So sieh mich hier, dir gute Nacht zu geben,

Nicht Zeit, nicht Ferne lindert mir die Plage,

Ein Schmetterling ein Lampchen zu umschweben.

Laura:

Wer ist es, der nicht schlafen kann, und andre

So frevlend in dem sussen Schlafe storet,

Ein Felsen bin ich, der sein Lieb nicht horet;

Er sing, doch packe er sich bald und wandre.

Hiacinth:

Die Lippe voll Gesang, das Herz voll Zahren

Sing ich, ein Schwan in seines Todes Ringen,

Und schwieg ich gern, so wurde ohne Singen

Und Wiedersingen Liebe mich verzehren.

Laura:

In Eurer Schlusse Wahrheit einzudringen

Hab ich nicht Zeit: was seid Ihr, wollt Ihr, macht

Ihr?

Geht, Simpelchen, steht nicht die ganze Nacht hier;

Die Dinger, die ich brauch, kann man nicht singen.

Hiacinth:

Ein Bettler bittet hier vor Eurer Ture,

Gebt Liebe ihm, und fristet Euch ein Leben:

O dass er gleich, o dass er bald Euch ruhre!

Denn gleich gegeben heisst ja doppelt geben.

Laura:

Wer mir nichts bringt, hat nichts von mir zu hoffen,

Dem Mitleid hab ich langst den Hals gebrochen,

Und ohne Klingen hilft Euch hier kein Pochen,

Nur offnen Handen steht die Ture offen.

Hiacinth:

Nehmt mich zum Krieger an, hort auf zu hohnen,

Will streiten fur und mit Euch aller Stunden,

Denn abgehartet furcht ich keine Wunden,

Die Lohnung sei mir nur, Euch anzulehnen.

Laura:

Bei mir war offner Krieg stets schlecht empfohlen,

Auch fuhr ich keinen Krieg, wo ich was kriege;

Und weil ich meist dem Degen unterliege,

So ehr ich das Duell nur auf Pistolen.

Hiacinth:

Zum Streiter nicht? So nehmet mich zum Dichter!

Bin Dichter ich dem Busen, sing in Versen

Ein Lied ich Euch bei Skythen und bei Persen

Zum Lob des Haares und der Augenlichter.

Laura:

Mit Poesie geht Armut nur gesellt,

Macht Ihr Sonette, macht sie noch so nette,

Ihr bleibt ein armer Sohn und so ohn Bette:

Gebt Geld statt Versen oder Fersengeld.

Hiacinth:

Ein Pilger bin ich, suche aller Orten,

Das Gottliche im Irdischen zu finden,

Doch ists umsonst, denn Euch ist nur geworden,

Das Gottliche im Irdschen zu entbinden.

Laura:

Gott helf Euch! geht, ich bitte, geht von hinnen,

Denn wisst, allhier beherbergt man nur Ungern,

Nur Kremnitzer, was sonst woher, muss hungern,

Auch fur Zechinen ist die Zeche innen.

Hiacinth:

Ein Graf bin ich, ein Duc, bin mit Souvrainen

Verwandt, und habe mehr als sechzehn Ahnen,

Auch fronen mir gar viele Untertanen,

Und Euer Untertan lasst mich Euch fronen.

Laura:

Ein Duka ist mir lieb, doch mit Dukaten,

Souvrainen pflege ich fur Severinen,

Baronen ohne Bares nie zu dienen,

Und kann mit Ahnen keine Hahnen braten.

Hiacinth:

Verachtet nicht die Liebe des Getreuen,

Vor Eurem Sterne will er ewig knieen,

Nach Eurem Lichte wie ein Maulwurf ziehen;

O suchet nicht, Cupiden zu verscheuen.

Laura:

Auch Ihr seid nackt, drum bleibt nur sein Geselle,

Ich brauche Kleider und des wackren Glauben

An Eure Treu will ich Euch nicht berauben,

Doch nur Reale sind bei mir reelle.

Hiacinth:

Mit Spotten siehst du, wie ich hier vergehe,

Du Weib, goldgierig, fleischfressend wie Raben.

Von Ihm ist nichts, Er nur zum Narrn zu haben,

Ich stand Sein Narre hier, Er steh, ich gehe.

Haber zankte noch ein wenig in Prosa uber Husten und Schnupfen; ich aber ging ins Haus, das Bild Annonciatens und Mariens in zwei Sonetten aufzuschreiben.

Mich reute der Scherz mit Habern, denn die stillen Sitten der Mennoniten schienen das mutwillige Lied nicht zu vertragen, und der alte Anton rief wahrend dem Gesange die jungen Burschen und Madchen weg, welche zuhorten. Die Unschuld ist sich selbst die grosste Freiheit und andern Beschrankung.

Annonciatens Bild

Am Hugel sitzt sie, wo von kuhlen Reben

Ein Dach sich wolbt durchrankt von bunter Wicke,

Im Abendhimmel ruhen ihre Blicke,

Wo goldne Pfeile durch die Dammrung schweben.

Orangen sind ihr in den Schoss gegeben

Zu zeigen, wie die Glut sie nur entzucke,

Und langer weilt die Sonne, sieht zurucke

Zum stillen Kinde in das dunkle Leben.

Der freien Stirne schwarze Locken kranzet

Ihr goldner Pomeranzen susse Blute,

Zur Seite sitzt ein Pfau; der in den Strahlen

Der Sonne, der er sehnend ruft, erglanzet.

Mit solchen Farben wollte das Gemute

Von Annonciata fromm ein Kunstler malen.

Mariens Bild

Im kleinen Stubchen, das von ihrer Seele

An reiner Zierde uns ein Abbild schenket,

Sitzt sie und stickt, den holden Blick gesenket,

Dass sich ins reine Werk kein Fehler stehle.

Was ihres Busens keuscher Flor verhehle

Und ihre Hand in stillem Fleisse lenket,

Die Lilie an ihrer Seite denket,

Das Taubchen dir in ihrem Schoss erzahle.

Durchs Fenster sehen linde Sonnenstrahlen,

Die Josephs Bild, das eine Wand bedecket,

Mit ihrem frohen Glanze heller malen,

Und war der Schein der Taube zu vereinen,

Die sie herabgebuckt im Schoss verstecket,

Marie wurde Mutter Gottes scheinen.

Ich ging fruh nach der Eremitage an meine Arbeit, und als ich zum Fenster hinausblickte, und die Fische in dem hellen Teiche munter hin und wieder spielen sah zu den Fussen des Marmorbildes, wunschte ich recht herzlich, auch nicht mehr von ihm zu wissen als so ein Hecht oder Karpfe, denn eine Geschichte aus blossem Respekt gegen den Leser zu schreiben, ist unangenehm; uberhaupt bin ich ein grosser Feind von Arbeiten, wenn die anderen Geschopfe alle zum frohen Mussiggange aufstehen. Die Vogel sangen, die Baume sauselten, die Fische platscherten im Wasser, und ich musste schreiben.

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Fortsetzung der Geschichte der beiden Schwestern

Annonciata hatte dem Glucke ihrer Schwester mit Freuden zugehort; in ihrem Busen aber war Schmerz, sie verbarg vieles, und hatte keinen Freund.

Solche Menschen werden nie glucklich, denn das gewohnliche Leben allein befriedigt die Bedurfnisse, und ist es gleich so schon, wenn eine Seele in reinerm, hoherm Umgange der Liebe steht, so sind diese Wesen doch nur arme Kinder, denn vom Himmel kommt nur Begierde, und zwar die unendliche Begierde, die auf Erden keine Hulfe, keinen Frieden findet. Wer das Haupt im Himmel tragt, dem verwelket das Herz in der druckenden, niederen Sphare.

Annonciata hatte vieles im Herzen, dessen Vertraute sie selbst nicht war. Zwar hatte sie eine Freundin an einer Witwe, die von einem kleinen Vermogen in der namlichen Stadt lebte; aber auch diese wurde keinen Sinn fur ihren Zustand gehabt haben, denn sie erschien bei ihr nur als ein lebhaftes gutes Wesen. Ob sie ihr nicht mehr vertrauete, oder ob diese Freundin sie nicht verstand, weiss ich nicht.

Annonciata besuchte sie manchmal abends, wenn der Bruder der Frau Helsing zugegen war, welcher sehr gut vorlas, um ihm zuzuhoren. Dieser Bruder war der Hofmeister eines jungen Edelmanns gewesen, der hier in der Gegend lebte. Er sprach oft mit Enthusiasmus von seinem ehemaligen Zoglinge. Die Weiber horten ihm gerne zu, und in Annonciatens Herz wurzelte diese Beschreibung wie in einem fruchtbaren Boden. Wenn Helsing aufgehort hatte, vorzulesen, so war sie immer die erste, die das Gesprach auf den jungen Edelmann lenkte, so dass Helsing, der sich in seiner Erzahlung gefiel, weil er von alle dem Guten immer etwas einerntete, bald nichts mehr wusste, und bis zu seinen padagogischen Beobachtungen uber des Junglings fruheste Jugend zuruckkehrte, um Annonciaten zu befriedigen.

Sie brachte hier meistens die Abende zu, wahrend Marie die letzte Zeit, welche Joseph noch in Deutschland war, mit ihm in Liebe teilte. Annonciata war gern zu Haus, und dass sie jetzt ofter als gewohnlich ausging, war, um Marien nicht zu storen. Dieses erkannte man ubrigens nicht. Es lag in ihrem Charakter, Gefalligkeiten, Wohltaten und alles, was sie in den Augen anderer erheben konnte, durch eine oft kunstliche, muhsame Vorbereitung unscheinbar zu machen; denn nichts tat ihr weher als Lob; doch erkrankte ihr Gemut in diesem selbstbereiteten lieblosen Zustande.

In dieser Zeit empfing sie einen Brief von ihrer Taufpate, einer in der Gegend wohnenden Grafin, die sie schon vor einiger Zeit besucht und mit deren Tochter sie einen freundlichen Umgang angeknupft hatte. Die Grafin bat sie dringend, sogleich zu ihr kommen, weil ihre Tochter Wallpurgis gefahrlich krank sei und sehr nach ihr verlange.

Annonciaten besturzte diese Nachricht, sie hatte sich, als sie den vorigen Abend wie gewohnlich am Fenster stand, so lebhaft nach dem Schlosse gesehnt, und nun rief sie eine so traurige Nachricht hin.

Sie brachte den Brief ihrem Vater, der es ihr gern erlaubte, und nachdem er sich bei der Kammerfrau der Grafin, die mit einer Kutsche gekommen war, Annonciaten abzuholen, uber die Krankheit erkundigt und erfahren hatte, dass sie in einer blossen tiefen Melancholie bestehe, so sprach er mit Annonciaten noch einmal allein, wie man mit Melancholischen umgehen musse, machte sie aufmerksam auf ihren eignen Tiefsinn und beurlaubte sie mit den Worten: "gehe mit Gott, mein Kind". Annonciata ward durch die Rede ihres Vaters sehr geruhrt, die letzten Worte namlich, "gehe mit Gott, mein Kind", bewirkten ihr eine heftige Bewegung, denn in diesen selbstgebildeten Ausdrucken des Herzens, die wie die Wunsche: Guten Morgen! Guten Abend! die Frage: Wie geht es? bei den meisten Menschen durch die Gewohnheit ganz bedeutungslos werden, lag fur sie eine tiefe Bedeutung, und ich glaube dieses mit Recht fur den Zug eines kindlichen und tiefen Gemuts halten zu durfen, welches fromm an das Wort glaubt, und dem der Sinn nie verloren geht.

Annonciata fiel dem Vater um den Hals, und konnte vor Tranen nicht sprechen. Wellner verstand dies nicht; er dachte nach, ob er sie gekrankt habe, und da ihm nichts einfiel, so legte er auch das zu seiner allgemeinen Idee von ihr zuruck, und seine Sorge ward erhoht. Zu Marien ging Annonciata auch, wo sie Joseph fand. Auch hier fuhlte sie sich tiefer geruhrt, als der Zufall es erforderte, und sie erstaunte selbst uber das Wesen ihrer Trauer.

Joseph redete viel Freundliches zu ihr, und viel von der Zukunft, aber das war es grade, was ihr das Herz zerbrach.

"Die Zukunft!" rief sie, "die Zukunft, o ware sie voruber!"

Dann schnitt sie sich eine Locke uber der Stirne ab, und gab sie Marien, die dasselbe tat. Joseph und Marie sahen ihrem ganzen Betragen mit banger Aufmerksamkeit zu, denn sie hatten sie nie so vertraulich und so freundlich gesehen.

Annonciata brachte Marien noch ein kleines Orangenbaumchen auf die Stube, und bat sie, es treu zu pflegen und ihrer oft zu gedenken abends, wenn sie nun nicht mehr bei ihr am Fenster stehe. Dann reiste sie ab, nachdem sie alle Leute des Hauses noch gegrusst hatte, und ihre Trauer verbreitete sich uber alle die Zuruckgebliebenen, als sollte sie nie wiederkehren.

Das ganze Haus war nun mit den Zubereitungen zu Josephs Abreise beschaftigt. Er selbst aber suchte die genauere Bekanntschaft des jungen Genuesers, den sich Wellner fur Annonciaten ersehen hatte. Dies war ihm nicht schwer, denn jener war ein offener, lustiger Mann und ihm schon durch mehrere Geschafte bekannt. Er wohnte in dem Hause eines seiner Schuldner als eine Art Exekution, da er den Mann nicht zahlbar gefunden hatte.

Eigentlich war er kein bestimmter Kaufmann, sondern bloss der Erbe einer grossen aufgelosten Handlung, und reiste, um die Schulden dieser Handlung einzutreiben. Joseph entschuldigte seinen Besuch bei ihm durch den Vorwand, dass er ihn um einige genuesische Kaufleute fragte. Da der Italianer ihm hieruber Auskunft gegeben hatte, begann er, mit vielem Feuer uber sein Vaterland zu sprechen, und geriet in eine lange Auseinandersetzung der Staatsverfassung von Genua, bis es Josephen bange ward, er moge seinem Zwecke heute nicht naherrucken. Der gesprachige Italianer kam endlich auch auf die Weiber zu sprechen. Er klagte uber die unsittliche Sprodigkeit der Deutschen, und sagte:

"Ich wollte meinem Hausherrn gern die halbe Schuld erlassen, wenn er nur eine weise Tochter mit schwarzen Augen und Haaren hatte, die ich ein wenig lieben konnte; nun aber ist kein Mitleid im ganzen Hause, denn die Tochter hat rote Haare, und ich muss hier sitzen und unbarmherzig sein. Ihnen geht es wohl besser, mein Freund, denn ich habe jungst bei Ihnen so im Fluge ein paar hubsche Madchen bemerkt."

Joseph erzahlte ihm von Marien und Annonciaten, und der Italianer versprach, ihn nachstens zu besuchen.

Den folgenden Tag war er schon morgens bei Wellner, und abends ass er dort. Wellnern gefiel er sehr wohl, denn er hatte ein grosses Talent, alte Leute zu unterhalten. Er ward bald der tagliche Besuch, und man freute sich immer recht auf ihn. Abends kam er meistens wahrend dem Essen, setzte sich nieder und plauderte, erzahlte italianische Komodien, und machte die Touren des Harlekins, Pantalons und Scaramuz. Marien lehrte er auch ein wenig die Colombine zu machen, und sie spielten manchmal kleine Szenen aus dem Stegreif, um Josephen zu necken, dessen Liebe er immer hineinzumischen wusste. Marie gewann manche Reize durch ihn, er lehrte sie tanzen, und all' amore spielen, doch mochte sie ihn nicht leiden, denn er hatte oft im Spiele zu ernste Bewegungen.

Wellner glaubte nun, das sei der rechte Mann fur Annonciaten, bei ihm werde sie den Tiefsinn schon verlieren, und wunschte sehr, sie moge hier sein. Er hatte soeben mit Joseph davon gesprochen, ob man sie nicht rufen sollte, als Marie einen Brief von Annonciaten brachte.

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Annonciata an Marien

Was machst du, liebe Marie? Mir muss es nicht gut gehen, denn ich frage, was du machst, und weiss es doch. Du bist glucklich und liebst Josephen; o! schreibe mir doch und frage, wie mir ist, recht mit Liebe frage, vielleicht wende ich mich dann in mich, und erfahre, wie mir ist.

Jeder Tag wie der andere, Wallpurgis geht dem Grabe entgegen. Ach sie ist so liebenswurdig in ihrem Sterben, das Leben will sie nicht lassen, denn sie ist allem so freundlich. Es ist, als stande der Fruhling zu Fussen ihres Lagers, und wolle sie nicht sterben lassen. Sie ist krank wie ein Weib, und wird auch so sterben, sie fuhlt es und ist ruhig; aber was sie zerreisst, ist das Leben, denn sie liebt ohne Hoffnung.

Ich erzahlte ihr gestern von dir und Josephen, wie ihr so glucklich seid; sie bat mich dringend darum, und der Arzt will, dass man ihr allen Willen tue. Als ich fertig war, gab sie mir die goldne Halsnadel fur Josephen, und die Ohrringe fur dich, die hier beiliegen; sie nahm beides von sich, und weinte dann sehr. Sie liebt einen jungen Edelmann, der es auch verdienen soll; aber wer verdient, dass die Jugend um ihn sterbe?

O! es ist ein Jammer, Marie, wie Wallpurgis aussieht, bleich und abgezehrt, die schonen langen Haare verwirrt, und die herrlichen Augen erloschen. Die Grafin mochte verruckt werden vor Kummer. Mir tut es nichts, es ist mir nur fremd zu Mute; wenn ich es selbst ware, wurde ich noch ruhiger sein.

Das Schrecklichste ist, wenn sie oft plotzlich auflebt, und der Gedanke an den Tod ihr furchterlich wird. Sonst weilt sie oft halbe Tage in einer ruhigen Betrachtung des Todes, und spricht mit einer schonen Ruhrung von ihm, so dass man gern sterben mochte, wenn es so ist; aber dann fasst sie plotzlich der Gedanke, wie das Leben lachelte, da ihre Liebe noch jung und er mit ihr war. In einer solchen Minute sagte sie jungst zu mir:

"Ach ich kann doch nicht sterben, so sterben ohne Freude, ohne Liebe; wenn du wusstest, Annonciata! wie ich meine Kinder lieben konnte, wie sie schon sein wurden und freundlich, und sich die ganze Welt ihrer freuen musste aber das ist alles nicht, und ich muss wohl sterben, nicht wahr, Annonciata!"

Was soll ich dann sagen? ich, die unbekannt ist mit Leben und Tod, und mit Liebe "Alles ist schon in einem solchen Herzen, Wallpurgis," sage ich dann, "nur die Trennung ist Schmerz, und alles Erreichte ist Gluckseligkeit und Schonheit."

Da erwiderte sie:

"Schweige, Annonciata, ich werde nichts erreichen, auch uber dem Grabe nichts, ich werde auch dort herumgehen, und so fort immer sterben."

Jungst sagte sie auch:

"Ich quale dich recht mit meinem Elend, aber wenn du jenen Mann kenntest, du warest auch so. Gott gebe, dass ich nach dem Tode hier sein konne, so will ich dir alles vergelten, ich will dich mit sanfter Stille erfullen, und dich starken gegen die Liebe; denn sieh, wir Madchen sind recht arm in der Liebe, wenn wir lieben konnen. Wir sind wie die Blumen, die nimmer sagen konnen, wie es ihnen ist; wir blicken den Himmel mit schonen Farben an, und sterben."

Solchen Worten soll ich Trost geben? solchen Worten? die mein Trost sind "Du hast recht, Wallpurgis," sage ich, "auch ich fuhle, wie es sich in meinem Herzen regt, und wie sich meine Gedanken ausbreiten in einer andern Welt, auf welche die Blume nur hinweist, und dann verwelkt. Doch ist mein Herz stolz auf dieses Zeugnis eines hohern Zusammenhangs, und ich will mich seiner als eines edleren Gedankens erfreuen, wenn mich keiner lieben sollte."

Gestern war sie mit mir im Garten, sie sprach kein Wort, und setzte sich mit mir mitten unter die Blumen. Es war ruhrend zu sehen, wie sie leise mit den muden Augen uber sie hinblickte, bei einzelnen sinnend verweilte, und keine Trane in ihr Auge kam.

Da ich sie fragte, warum sie so nachdenklich sei, sprach sie lange, und erklarte mir ihre Gedanken; es war ihr schon oft so bei den Blumen gewesen, und sie gab mir nachher ihr Tagebuch, wo sie folgendes hineingeschrieben hatte:

"Ich weiss nicht, woher es kommt, aber es ist wunderbar, was ich vieles empfinde, wenn ich so uber die mancherlei Blumen hinsehe. Mein Denken verliert sich dann, in jedem Kelche ertrinken einige Begriffe von mir, und ich fuhle mich leichter als vorher, und willenloser mude. Manchmal sehe ich meinem Gedanken ordentlich zu, wie er sich auf dem sanften Rande der Lilie kindisch schaukelt; aber bald angstigt ihn die Welt um ihn herum, es ist ihm, als waren alle Baume und Berge, ja alles, die ganze Erde eine Kette von gebundnen Ewigkeiten, und er halt sich bange am samtnen Blumenblatte fest. Dann fuhle ich, wie er die Blicke aufwartshebt, und sich nicht mehr erhalten kann; es ist ihm, als sturze er in den Abgrund der Hohe, uber ihm schwimmt das ode Meer des Rausches, der noch in keiner Traube war, und der Liebe, die noch in keinem Korper webte, und dieses Meeres Wogen brausen ohne Ton, und Gestaltenstrudel ohne Umriss wuhlen in ihm. Aus allen Tiefen streckten glanzende Polypen ihre Arme nach dem Gedanken aus, und wo sich die wilden Wogen trennten, war es, als sturzten blitzende Pfeile nach ihm heruber, die ihm das Innre mit sussem Tode impften, und naher, wo das Meer ihm um die Locken spielte, da trennt es sich, und offnet sich ihm ein heller Schacht durch den oden wuhlenden Kampf, in den er gelinde hinabsinkt. Von allen Seiten drangen bluhende Gestalten aus des Schachtes Wanden, und alle grussen ihn wie einen Freund von Ewigkeit, und jede reicht die Arme nach ihm aus, und er ruht in aller Armen, auch will ihm jede der Gestalten einen ewgen Weg zeigen; doch weilt er nicht, und sinkt hinabgezogen in dichterischer Wollust immer tiefer, bis dass er in dem Grunde ruht. Er schaut nun aufwarts durch den Schacht, und alle die Gestalten sieht er wie zwei Saulen emporsteigen, zwei herrliche Baume, auf deren einem holde Madchen wie Bluten und Fruchte auseinander dringen, und auf dem andern Junglinge; und wie die beiden tausendarmichten Leben ineinander rauschen, verschwinden ihm die Blicke, er fuhlt um sich ein wunderbares Weben, das hoher ist als alle die Gestalten, die nun ein einziger Baum vor ihm zu werden scheinen, und er fuhlt, wie sich des Baumes Wurzeln unter ihm regen, und umarmt bange den lebendigen Stamm, damit ihr geheimnisvolles Treiben ihn nicht verschlinge, und blickt er aufwarts, so betet er, und blickt er nieder, so schwindet er in dem Gewirre der Wurzeln, die wie lichte Schlangen um ihn wuhlen, und schafft, und wo er schuf, dringen goldne Blitze aufwarts, klingend schiessen sie in die Hohe, und leuchten an dem herrlichen Stamme bis zu dem Gipfel empor, der in der Glut sich wieder in die beiden ersten Leben lost. Da fuhlt er sich nicht mehr, die leuchtenden Schlangen der Wurzeln umschlingen ihn, und eine freundlicher und dringender schmiegt sich um seine Brust, flosst aus dem wollustig gewundnen Leben, das sie in tausend Lusten um ihn windet, den sussen Tod verwandelnd ihm in die Lippen da sah ich ihn nicht mehr, hinab blickte ich in den Kelch der Blume, wo er im stillen Tode lag, und der Auferstehung harrte, welche goldne Bienen singen werden."

So sprach sie, und fuhr fort:

"Sieh, Annonciata, und als ich weiter blickte, so war ich immer weniger, denn an jedem Kelche musste ich ein Kind meiner Seele zurucklassen als ein Opfer des Todes. Als ich bei einer Blume niederblickte dem traurigsten Gedanken nach, denn er hatte alle andere uberlebt, so war mir, als sahe ich mich selbst im Kelch der Blume liegen, eine andere Blume blickte nieder in mein zartes Grab, in das sie kuhle Tranen traufelte, und ich empfand Erinnerung uber den Rand der Blume hinuber wie Ahndung in mir weben."

Da Wallpurgis so gesprochen hatte, war sie sehr schwach, und ich trug sie in meinen Armen nach ihrer Stube. Ich konnte nicht begreifen, dass sie bald nun nicht mehr sein wurde, jetzt noch in meinen Armen warm liebend und denkend, und bald alles das voruber, schon die leuchtende Schlange der Wurzel sich um sie schlingend, ihre blassen zarten Lippen schon offen dem sussen verwandelnden Tode.

Da ich in der Stube war, legte ich sie nieder, und fuhlte mich zu ihren Lippen gezogen, ich wollte sie kussen, aber sie erschrack heftig dabei und drangte mich mit den Worten zuruck:

"O lebe! lebe! dass die Meinige zuruckbleibe, denn zwei solche konnen nicht sterben, nicht leben, lass uns die Welten verbinden." Sie war heftig gereizt, ich rief den Arzt, der nun im Hause wohnt, er war uber ihren Zustand sehr verlegen. Ich konnte nicht mehr zugegensein, ihre Mutter ging zu ihr, und ich trat in den Garten. Da ich an die Stelle kam, wo wir gesessen hatten, fiel mir Wallpurgis Rede ein, und ich betrachtete die Blumen aufmerksam. Da steht ein Rosenstock, den sie einstens selbst gepflanzt, und seither immer gepflegt hatte, in der letzten Zeit aber, da sie der Liebe erlag, vernachlassigte sie ihn, und er war umgekommen bis auf einen Zweig, der eine weisse Rose trug, die dem Verwelken nahe war. In dieser Blume schien sie sich gesehen zu haben, denn neben ihr steht eine Lilie, die ich pflanzte, als wir uns das erstemal sahen, die Lilie beugt das Haupt nieder, und leert ihren Kelch uber der Rose aus sie ahndete ihren Tod, und mir ist es ebenso.

Mir war eigentlich nur stille zu Mute, traurig nicht, dies Wesen ist nun schon ganz mein Leben, und man kann in jedem Leben zur ruhigen Erhebung gelangen. Ich setzte mich in das Gartenhaus, dessen Fenster auf die Landstrasse geht, und schlief allmahlich ein. Ich mochte vergehen, Marie, vor Arger, plotzlich storte mich etwas, ich erwachte: ein Mann hatte mich vertraulich umschlungen, und kusste mich, ich schrie um Hulfe, und er sprang zum offen stehenden Gartenfenster mit einer lacherlichen Leichtigkeit hinaus. Es war so narrisch, dass ich mich umsehen musste, da horte ich ihn in den Buschen singen:

Non gridate per aiuto

O lo faro senz' ogn' aiuto.

Ich empfand nie einen lacherlichern Widerwillen, die Bedienten der Grafin liefen ihm nach, aber sie fanden niemand.

Ich habe dies gleich nach dem abgeschmackten Vorfalle geschrieben, und jetzt will ich Wallpurgis noch gute Nacht sagen. Lebe wohl! grusse Joseph, und sag dem Vater, ich ware wieder ruhig. Ich bin gerne hier, denn dieser Aufenthalt starkt mich fur mein ganzes Leben.

Annonciata

Marie ward sehr traurig durch diesen Brief, so auch Joseph und der Vater; dieser sagte:

"Man sollte nicht denken, was die Umgebung der Mutter auf das Kind fur einen Eindruck machte. Einige Monate lang vor Annonciatens Geburt war ihre Mutter sehr traurig uber den Tod ihrer Eltern, und bald darauf des jungen B. wegen, der sich aus Liebe zu ihr das Leben nahm; so ist das Madchen in Kummer und Angsten geworden, und muss nun ewig das Zeugnis davon in ihrem truben Gemute tragen."

Bald hierauf kam noch ein Brief von der Grafin selbst: sie bat Wellner, ihr Annonciaten noch zu lassen, weil ihre Tochter gewiss fruher ohne sie sterben wurde; sie lobte dabei sehr Annonciatens vortreffliche Seele und versprach, ihr einstens alles zu vergelten.

Da einige Tage nachher die Zeit von Josephs Abreise sehr nahe war, und der Vater sehr gern den Genueser mit Annonciaten bekannt gemacht hatte, so nahm er den Vorwand, dass Joseph sie noch einmal sehen musse, und fuhr mit ihm, Marien und dem Italianer nach dem Gute.

Vierundzwanzigstes Kapitel

Ich hatte gegen das Ende meiner Beschaftigung etwas im Gebusche rauschen horen, und da ich sah, dass es Georg der Diener war, der am Teiche stand und die Fische futterte, rief ich ihn herein, um ihm Unterricht auf der Laute zu geben. Als ich ihn die ersten Tone und einige Akkorde gelehrt hatte, begriff er es gar bald, und wunschte nur, dass er besser singen konnte. Ich bat ihn, leise und gelinde eine Melodie zu singen; er weigerte sich auch nicht lange, und sang folgendes Lied mit einem wehmutigen Tone:

Ein Fischer sass im Kahne,

Ihm war das Herz so schwer,

Sein Liebchen war gestorben,

Das glaubt' er nimmermehr.

Und bis die Sternlein blinken,

Und bis zum Mondenschein

Harrt er, sein Lieb zu fahren

Wohl auf dem tiefen Rhein.

Da kommt sie hergegangen

Und steiget in den Kahn,

Sie schwanket in den Knieen,

Hat nur ein Hemdlein an.

Sie schwimmen auf den Wellen

Hinab in tiefer Ruh,

Da zittert sie und wanket;

O Liebchen, frierest du?

Dein Hemdlein spielt im Winde,

Das Schifflein treibt so schnell;

Hull dich in meinen Mantel,

Die Nacht ist kuhl und hell.

Sie strecket nach den Bergen

Die weissen Arme aus,

Und freut sich, wie der Vollmond

Aus Wolken sieht heraus.

Und grusst die alten Turme,

Und will den hellen Schein

Mit ihren zarten Armen

Erfassen in dem Rhein.

O setze dich doch nieder,

Herzallerliebste mein!

Das Wasser treibt so schnelle,

O fall nicht in den Rhein.

Und grosse Stadte fliegen

An ihrem Kahn vorbei,

Und in den Stadten klingen

Der Glocken mancherlei.

Da kniet das Madchen nieder

Und faltet seine Hand

Und seine hellen Augen

Es zu dem Himmel wendt.

Lieb Madchen, bete stille,

Schwank' nicht so hin und her,

Der Kahn, er mochte sinken,

Das Wasser treibt so sehr.

In einem Nonnen-Kloster

Da singen Stimmen fein

Und in dem Kirchenfenster

Sieht man den Kerzenschein.

Da singt das Madchen helle

Die Metten in dem Kahn,

Und sieht dabei mit Tranen

Den Fischerknaben an.

Der Knabe singt mit Tranen

Die Metten in dem Kahn,

Und sieht dabei sein Madchen

Mit stummen Blicken an.

So rot und immer roter

Wird nun die tiefe Flut,

Und weiss und immer weisser

Das Madchen werden tut.

Der Mond ist schon zerronnen,

Kein Sternlein mehr zu sehn,

Und auch dem lieben Madchen

Die Augen schon vergehn.

Lieb Madchen, guten Morgen!

Lieb Madchen, gute Nacht!

Warum willst du nun schlafen?

Da schon die Sonn erwacht.

Die Turme blinken helle,

Und froh der grune Wald

Von tausend bunten Stimmen

In lautem Sang erschallt.

Da will er sie erwecken,

Dass sie die Freude hor,

Er sieht zu ihr hinuber

Und findet sie nicht mehr.

Und legt sich in den Nachen

Und schlummert weinend ein,

Und treibet weiter weiter

Bis in die See hinein.

Die Meereswellen brausen

Und schleudern ab und auf

Den kleinen Fischernachen,

Der Knabe wacht nicht auf.

Doch fahren grosse Schiffe

In stiller Nacht einher,

So sehen sie die beiden

Im Kahne auf dem Meer.

Die Tranen standen ihm dabei in den Augen, und als ich ihn fragte, warum er so traurig sei und das Lied ihn so bewege, sagte er:

"Die Weise ist von des einen Pachters Tochter; sie sang es oft, ich war dem Madchen gut, und sie ist nun gestorben; es ist mir nur immer, als trieb ich auch in die weite See."

Ich spielte ihm einige naive lustige Lieder, um ihn zu trosten, denn das Naive ist der Trost einfacher Seelen. Dann gab ich ihm einiges, was er lernen sollte, und ging nach Godwi.

Ich fand Flametta bei ihm: es schien uns in ihrer Gegenwart allen wohlzusein. Das Madchen ist so fest, so rein und kalt wie Marmor, und dabei doch so unendlich beweglich und lebendig. Ihre Figur ist vollkommen die der Atalanta, und ich habe eine grosse Liebe fur diese Figur. Es ist mir, als konne man sie noch erbitten, und als habe sie in dem Charakter ihrer Gestalt einen uberwindlichen Gegensatz.

Sie kam, um Godwi eine kleine dramatische Arbeit vorzulegen, und um seine Erlaubnis und Unterstutzung bei der Auffuhrung zu bitten; auch bat sie uns, an allen mannlichen Rollen zu andern, wo es uns gut dunke, weil sie, so sagte sie lachelnd, dies Geschlecht taglich weniger begreife.

Godwi sagte scherzend: "Das ist doch schon ein Beweis, dass Sie uber dieses Geschlecht studieren, und Sie werden es vielleicht einstens wohl gar umfassen."

Wir nahmen uns dann vor, ihr Gedicht zu lesen, und Godwi gab ihr die Erlaubnis, eine kleine Summe fur die Auffuhrung anzuwenden. Sie bat sehr um unser Mitspielen, wir konnten es ihr nicht versagen, und versprachen, bald zu kommen, sie moge nur einstweilen die Zubereitungen vollenden. Das Gedicht hiess: Vertumnus und Pomona.

Funfundzwanzigstes Kapitel

Fortsetzung der Geschichte der beiden Schwestern

Die Gesellschaft fuhr frohlich nach dem Gute hinaus; der Italianer war vergnugt, sang scherzhafte Lieder, und schnitt den Bauernmadchen Gesichter aus dem Wagen; als sie aber den Schlosshof hineinfuhren, ward Wallpurgens Sarg in den Leichenwagen geschoben, die schwarzen Manner bewegten sich, und stille, wie das Geschaft einer andern Welt, ging der Zug an ihnen voruber.

Sie konnten alle kein Wort sprechen, Joseph und Marie hatten sich angesehen, da der Wagen voruberging, und dann nicht wieder.

Nach dieser Pause sprang der Italianer aus der Kutsche mit den Worten: "Das war dumm." Dann folgten die andern. Joseph erkundigte sich im Hause, und brachte die Nachricht, dass die Grafin mit Annonciaten, gleich nach dem Tode ihrer Tochter, auf ihr anderes Gut gereist sei. Sie entschlossen sich daher, sogleich zuruckzukehren, nachdem sie einige Erfrischungen eingenommen hatten, fur welche der Hausmeister sorgte.

Sie waren in den Garten gegangen: Wellner und den Italianer reizten einige Statuen, einen andern Weg einzuschlagen, und die beiden Liebenden setzten sich in eine Laube. Anfangs sprachen sie nicht; es war, als seien sie ganz fremd geworden, und mussten sich ihre Liebe von neuem gestehen, so war der Tod der armen Wallpurgis zwischen ihnen durchgefahren. Morgen war nun der Tag, an dem Josephs Abreise festgesetzt war, und wie traurig der Abend vorher. Er war herausgefahren, um Annonciaten noch manches zu sagen, was ihm das Herz schwer machte, denn er hatte in der letzten Zeit vieles verstehen lernen. Er wollte die Beiden heute in der weihenden Abschiedsstunde sich und einander fester verbinden, damit sie sich in seiner Abwesenheit gegenseitig unterstutzen konnten, und nun musste er sie in solcher Zerruttung verlassen.

Der Hausmeister deckte zwei Tische im Garten, welche nur eine Taxuswand trennte; an den einen setzte sich unsre Gesellschaft, ohne zu wissen, wer den andern einnehmen werde. Es war schon dunkel, und man ass mit brennenden Lichtern; doch blieben sie nicht lange ungestort, und Wellner, Joseph und Marie verliessen den Tisch, als sie die Leichentrager Wallpurgens sich an der andern Tafel versammeln sahen, ihren herkommlichen Schmaus zu halten; der Italianer allein blieb zuruck.

Die ganze Begebenheit mit dem Leichenwagen und dem Schmaus war ihm ausserst fatal; er nahm sich daher ganz allein fur sich vor, sich an den schwarzen Mannern zu rachen. Um dieses zu bewerkstelligen, ging er nach dem Tore, einen der Gesellschaft, der noch kommen sollte, zu erwarten und zu seiner Absicht zu gebrauchen. Er hatte die ubrigen sehnlichst nach diesem verlangen horen, weil er der vierzehnte war, und sie nach einem alten Aberglauben, dass einer von dreizehnen, welche miteinander essen, sterben musse, diesen Retter von Tod und Hunger wie den Messias erwarteten.

Der Italianer empfing diesen am Tor, und bezahlte ihn so gut fur einen Botengang, den er ihn eine halbe Stunde weit machen liess, dass er ihm seinen schwarzen Mantel hingab, und sich sogleich auf den Weg machte. Er aber hullte sich in den Mantel, und ging zu den ubrigen hin. Diese machten ihm Vorwurfe uber sein Ausbleiben, er schwieg; sie fuhren fort, ihren Unwillen zu aussern, und er, stumm zu sein; dann setzten sie sich nieder, um zu essen. Es war dunkel, sie hatten nur eine Lampe, welche an der entgegengesetzten Seite des Tisches an einen tiefen Ast des Baumes gehangt war, der neben dem Tische stand, und der Italianer sass vollig im Schatten.

Da der Becher herumging, und die Reihe an ihn kam, zu trinken, war er weggeschlichen, ohne dass man ihn bemerkt hatte. Die Leichenmanner stutzen hieruber nicht wenig, denn sie waren nun wieder zu dreizehn, und einer stand deswegen auf, ihren Kameraden zu suchen und zu prugeln. Die Zuruckgebliebenen aber liessen es sich indessen recht gut schmecken.

Als der dreizehnte weg war, setzte sich der Italianer wieder hin, und da sie ihn bemerkten, fingen sie an sich zu zahlen, indem sie ihre Namen hintereinander her nannten, und als die Reihe an ihn kam, warf er mit einer Erdscholle die Lampe vom Baum, und schrie laut: eccomi. Die Leute erschracken hieruber so sehr, dass sie auseinander liefen, um ihren Kameraden zu rufen, er aber nahm die grosse Leichenbrezel, kletterte, indem er sie um den Hals hangte, den Baum hinauf, und erwartete den Ausgang.

Bald kamen die Leute mit grossem Larm zuruck, sie hatten einen Fremden in ihrer Mitte, der sich lebhaft verteidigte. Da sie sich dem Tische genahert hatten, und einer ausrief, dass die Leichenbrezel auch fort sei, fragte der Fremde, wer gestorben sei, und als er den Namen Wallpurgens horte, sank er an die Erde. Nun kam der Hausmeister mit Fackeln gelaufen, auch Wellner, Joseph und Marie kamen herbei, der Italianer aber stieg besturzt vom Baume, und ging nach der Kutsche, welche schon angespannt war, liess die andern rufen, und sie fuhren weg.

Joseph erzahlte, dass er in der Verwirrung gehort habe, der junge Mensch sei der Mann, um dessenwillen Wallpurgis gestorben sei; er habe sie besuchen wollen, und von ihrem Tode noch nichts gewusst, und als er zur Hinterture des Gartens hereingekommen, sei er auf so eine larmende Weise von den Leichenmannern empfangen und von ihrem Tode unterrichtet worden, dass er fast vor Schreck gestorben sei; doch habe er sich nicht zuruckhalten lassen, und sei gleich weitergeritten. Der Italianer sagte nichts, und der ganze Tag hatte sich traurig und polternd geendigt.

Den folgenden Morgen trennten sich Joseph und Marie unter vielen Schmerzen, sie und der Vater begleiteten ihn bis an den Hafen, und da das Schiff schon weit weg war, und sie nicht mehr ihre winkenden Schnupftucher sehen konnten, bedeckten Marie und der ferne Joseph sich die Augen und wendeten sich.

Sie und der Vater waren beide sehr niedergeschlagen durch die ganze letztere Zeit, und die Munterkeit des Italianers ward ihnen unangenehm. An Annonciaten und die Grafin schrieben sie mehrmal, um sie zu bewegen, zuruckzukommen, aber die letzte bat dringend, ihr Annonciaten zu lassen, und eroffnete zugleich ihren Willen, das Madchen an Kindesstatt anzunehmen, wenn er seine Einwilligung dazu geben wolle. Sie schrieb:

"Annonciata soll nichts davon wissen, es wurde ihren gereizten Sinn vielleicht kranken; aber lassen Sie es uns im Stillen uber sie verhangen."

Von dem Madchen lag folgender Brief dabei.

Lieber Vater!

Deine Sorgen um mich sind nun meine einzigen Sorgen Wallpurgis ist tot, und ich bin ruhig. Jemand so sterben sehen, giebt Ruhe, denn ein solcher Tod ist gastfrei, und wer zugegen ist, geniesst alles mit: ich bin mit ihr ruhig geworden. Du sollst deswegen auch nicht mehr um meinen Zustand bekummert sein, denn alles, was Bangigkeit und Unruhe in mir war, ist mit ihr hinubergegangen, und sie wirft einen stillen Abglanz ihrer Seligkeit in mein Herz zuruck; sie war immer ein freundliches, teilendes Wesen, und hat sich auch im Himmel nicht verandert. Es ist mir, wenn ich an sie denke, als stehe sie vor mir, empfange meine Gedanken, und gebe sie mir in einen stillen wohltatigen Strom von Ruhe gelost zuruck.

Du kannst es nicht glauben, lieber Vater, was das fur eine Empfindung ist; mit allem bin ich versohnt, und kann so glucklich hier im Garten herumgehen, denn in jeder Blume liegt mir das ganze Leben. Ich will deswegen recht offen mit dir reden, denn ich bin nun so, dass ich nichts mehr zu verbergen brauche, da auch in dieser Einigkeit meiner Seele jenes Verbergen ein Ende nahm: ob ich denke oder spreche, das ist einerlei.

Ich weiss, wie du mich liebst, und wie du immer um mich besorgt bist. Die Erziehung ist etwas, was der Erzieher immer weiss, und ein Gemut ist etwas, was er nicht weiss; da er aber doch mit der sorgenden schonen Liebe, die ihn treibt, erziehen muss, so wird er sehr traurig, wenn er niemals das werden sieht, was er bezweckt. So warst du und Joseph immer traurig um mich, und ihr wurdet noch viel trauriger geworden sein, wenn ich nicht die Halfte des Verdrusses in mich genommen hatte, und obschon ich dadurch eure Einwirkung auf mich scheinbar wirkender machte, so erlag ich doch oft sichtbar dieser doppelten Tatigkeit des Selbstbildens und Sichbildenlassens, so dass dieser Betrug, den ihr in mir bemerktet, euch wieder krankte.

Sei versichert, lieber Vater, dass alles aus mir werden wird, was aus mir werden kann, denn ich bin ernsthaft und unbefangen. Was man erkennen kann, erwage ich und gebe ich mir mit Sorgfalt und Verstand, und alles, was uber den Menschen schwimmt, wie die Luft uber der Pflanze, giebt mir das Leben: ich bin fromm und andachtig, es zu empfangen, denn fromm ist der, der das Schone und Reine mit Liebe sucht und emsig betet, wenn er vor der Natur und schonen Werken steht, und andachtig ist der, welcher uber seinem Denken nicht ein trennendes Ende fuhlt, sondern einen leisen Ubergang in die unendliche Liebe. Die Andacht ist ein gelinder Rausch, der unsre geschlossene Gestalt von allen Seiten eroffnet, und uns unsere Verwandtschaft zeigt mit vielem, das wir nie sahen, noch wussten. So sind die halben Tone in der Musik, und die milden Farben des Ubergangs in der Malerei, und die Wellenlinie in der Gestalt fromme Zuge, denn alle sie stehen an der gottlichen Pforte des Uberganges. So auch ist mein ganzes Herz ein frommes Herz, denn ich stehe zwischen meinem Leben und Wallpurgis Tod o! lasse mich diesem Herzen ruhig folgen.

Ich fuhle auch schon, wie ich mich ins Leben zuruckwende, und bald ganz froh sein werde. Sicher hat dir die Grafin schon geschrieben, wie mein Mut wohl oft zum Mutwillen wachst dass ich durch den Tod eines lieben Madchens so geworden bin, ist nicht wunderbar, denn durch ihn habe ich erfahren, was ich erdulden muss ich bin in meiner Jugend schon mit meinem Tode verbunden, und stiftete Freundschaft und Vertraulichkeit mit ihm, damit er einstens wie mein Spielgeselle zu mir komme, wenn er kommt.

Lasse mich bei der Grafin; die arme Frau hat niemand auf der Welt, und sie liebt mich.

Es ist vor einigen Tagen ein italianischer Lautenist hierhergekommen, und hat vor der Grafin gespielt. Sie wunschte, dass ich es lerne, und der Mann bleibt nun einige Wochen hier, mir Unterricht zu geben. Die Grafin hat mir eine schone Laute dazu geschenkt, und ich werde dir einmal viel Freude damit machen.

Ich lese der Grafin viel aus dem Shakespeare vor, und finde es sehr nutzlich, denn es hartet mich gegen meine Empfindlichkeit ab. Ich furchte mich ordentlich vor seinen Personen, und vor denen immer am meisten, die ich besonders liebe. Wenn ich abends allein im Garten gehe, gehe ich oft schnell oder langsam, und mochte beides zugleich, denn irgend ein Wesen aus diesen Gedichten geht mir entgegen, und verfolgt mich. In vielen einzelnen finde ich mich wieder, und erkenne eine ganze Welt in ihnen.

Konnte ich das nur zusammenstellen und richtig aussprechen, so wurden Begriffe und Erfahrungen draus werden. Nun aber bleibt es immer Empfindung, denn die ganze Natur um mich her wirkt eben so auf mich, und noch starker, jede ihrer Erscheinungen stromt mit diesen Empfindungen zusammen, und dadurch scheinen sie mir so druckend werden zu konnen. Jede Beleuchtung des Himmels und jede beruhrendere Zusammenstellung von Landschaft erhalt fur mich ein phantastischeres Leben, indem sie sich mit diesen Mannern und Frauen Shakespeares verwebt, und nicht mehr allein wie ein hingebotener Genuss daliegt, sondern in eine Art von Handlung, von dramatischem Leben tritt.

Sogar meine Empfindungen selbst bestehen so, ja selbst in diesem Briefe sind Anklange dieser Hinneigung zu einem blossen allgemeinen Verkehr mit allem, was lebt, und einer volligen Unfahigkeit, mich bestimmt zu einem einzelnen Wesen zu wenden.

Lieber Vater, ich hoffte nicht, dass es dich schmerzen wird, dies so aufrichtig von mir zu horen, denn es ist mir sehr wohl, indem ich es schreibe, auch will ich nur immer an dich schreiben, du kannst dann Marien vorlesen, was dir gut dunkt, dass sie es wisse.

Lebe herzlich wohl.

Annonciata

Obschon fur Wellner viel Unverstandliches und Fantastisches in diesem Briefe war, so ruhrte ihn doch das Vertrauen Annonciatens, und er entschloss sich, sie noch bei der Grafin zu lassen.

Der Italianer war weggereist, ohne Abschied zu nehmen, das verdross Wellnern, und es tat ihm nun doppelt wohl, keiner Verbindungen mehr zu bedurfen, da er mit Mariens Gluck auf dem Reinen war, und auch Annonciata glucklich und zufrieden schien.

Sein Leben mit Marien wahrte so einige Monate fort, in einer einsamen Stille. Dann und wann unterbrachen es die Briefe Josephs, die der Vater mit Marien freundlich teilte. Annonciatens Briefe wurden seltener, kurzer, und hatten weniger Verhaltnis zueinander, in einigen war sie helle Glut, in andern schien sie zu verloschen, und dann schrieb sie wieder ruhig und getrostet.

Von Joseph erhielt Marie den letzten Brief aus England, in dem er seine Uberfahrt nach Amerika meldete. Dieser Brief war sehr ruhrend, und Marie war lange nicht zu trosten. Sie beschaftigte sich nachher meistens mit Bildern aus diesem Weltteil, sie las ihrem Vater nichts als Reisebeschreibungen durch Amerika vor. Ihren Geliebten suchte sie unter jeden Umstanden dieses Landes auf, und lebte in der Neuen Welt.

Dies gab ihrer Phantasie ein bestimmtes Ubergewicht uber ihre Ruhe, und neigte sie zu einem anderen sehnsuchtigen Dasein hin. Wellner bemerkte mit Verdruss diese Veranderung, die doch bloss eine hohere Entfaltung war, denn sie ward so mannichfacher, und machte auf ihrer Gedankenreise viele merkwurdige Entdeckungen fur ihre Liebe. Sie lernte nun erst wissen, dass sie liebe, berechtigte sich dazu, und beschutzte sich dies Recht.

Da ihre Einsamkeit aber immer tiefer ward, und es sehr lange her war, dass Annonciata geschrieben hatte, so entschloss sich Wellner, mit ihr nach dem Gute der Grafin zu reisen.

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Als ich so weit geschrieben hatte, fuhrte mich Godwi nach dem Bildersaal, wir traten vor ein grosses Gemalde, er zog den Vorhang in die Hohe, und wir sahen es stille an; es stellte Wallpurgis und die Blumen vor, und war von dem namlichen Kunstler, der das Bild Annonciatens gemalt hatte, in demselben Stil, doch mystischer gearbeitet, so wie jenes Allegorie des Lebens, so dieses Hindeuten auf den Tod. Jenes Bild hatte mich heftig bewegt, und in diesem loste ich mich auf.

"Vor diesem Bilde", sagte ich zu Godwi, "kann ein liebes Madchen ruhig sterben. Alles schwindet, es ist, als vergehe es unter meinen Augen. Die Farben sind beweglich, sie fliehen alle gegen die ferne Glut des Himmels, und scheinen schon im Nachklang zu wallen. Ich habe nicht gedacht, dass der Abend so konne gefesselt werden, wie er hier aus den dunklen Gewolben der Baume dringt. Seine geheimnisreichen Seelen schleichen uber den dicht belaubten Boden, fliessen mit leisen Schimmern an den schlanken Blumen hinab und hinauf, aus deren Kelchen zarte Geister an der grossten holdesten Blume des ganzen Bildes, dem stillen liebe- und lebenmuden Madchen, hinaufsteigen. Es herrscht um das Madchen eine wunderbare Haltung des Lichtes, die Farben werden gleichsam zu verschiedenen Form-Atomen, und scheinen nur im Lichte zu schwimmen, besonders wo die Blumen ihr naherstehen, gegen ihren Busen wird es schon einiger, um ihre Wangen und Lippen verschwimmt es ganz, und aus ihren Augen stromt wieder vollige Einheit des Lichts, doch ein anderes, unbeschreiblicheres. Ihre Stirn und ihre Locken aber brennen in den Flammen des sinkenden Tages, der von oben durch die geoffnete grune Pforte der Baume niederbricht, ringsum die Zweige in grune Glut setzt, und den grossen Fruchten, die schwer aus ihnen niederblicken, feurige Blicke giebt."

"Ich habe vergessen," sagte Godwi, "Ihnen zu sagen, dass diese Gemalde von Franzesko Firmenti sind, dessen traurige Schicksale im ersten Bande Ihres Romans Seite 165 sein Bruder Antonio an meinen Vater schreibt, der ihn wieder gefunden hatte; es ist derselbe, von dem Romer Seite 50 schreibt, dass er seine Stelle ersetze und mit meinem Vater viel allein sei. Ehe er sich in die Handlungsgeschafte einliess, an denen er seinen Geist wieder systematisieren wollte, hat er hier auf dem Gute diese Bilder gemalt. Es war damals eine begeisterte Melancholie in seiner Seele, in der sich seine Verrucktheit gelost hatte. Doch wir werden mehr von ihm horen.

Alle seine Bilder haben einen eignen Charakter, und zwar den, dass sie eigentlich nicht sind, sondern ewig werden, und dies entsteht durch eine Manier, in dem er das Licht der Pflanzen, des Himmels und des Fleisches in verschiedene Haltungen setzt, obschon nur eine Beleuchtung stattfindet. In Bildern dieser Art macht dieses oft einen glucklichen Effekt."

"Ja," fuhr ich fort, "es ist auffallend, denn eben hierdurch entsteht diese Bewegung, ich mochte sagen, dieses leise Wogen der Farben uber das Ganze, das Auge wird vor seinen Bildern ein feines Gehor, das die Schwingungen der einzelnen Tone durch den vollen Akkord hort, und ich mochte seine Malerei rhythmisch und deklamatorisch nennen: es ist, als wallen die Wellen sanfter Jamben durch das Gemalde.

Es ist wunderbar dargestellt und gemalt, was ich fur unmoglich hielt, ein Bild, das nicht historisch ist, keinen Moment erfullt, sondern die fortdaurende stille Bewegung eines dichten Gemutes vorstellt. Ich sehe, dass das Madchen spricht, obschon ihre Lippen nur leise geoffnet sind; ich sehe, dass sie sich den Blumen vergleicht, und die Blumen sich, denn nur auf ihren Lippen, in ihren Augen wird sie Jungfrau; ihr schlanker Leib hebt sich in leidendem Streben wie eine Pflanze, ihre Arme gleichen zarten Zweigen, ihre Bruste drangenden sehnenden Knospen, welche gelinde vorstreben, und um die sich die samtenen Blatter lebendiger regen. Uber diesem Throne des milden Herrschens wallt ihr Antlitz wie Duft; auf den Lippen wird alles ein stiller Erguss; die Augen sind reflektierendes holdseliges Sinnen, und das Haupt ergiesst sich mit den Locken in das flammende Element des Himmels. Alles, was sie empfindet, steht in dem Lichtgrade, in dem ihre Empfindung selbst steht und es beleuchtet.

Aber ich werde nimmer fertig, das Bild wachst unter meinen Augen, und hange ich an den Formen des Madchens, und suche sie zu entratseln, so rufen mich die Blumen, als sollte ich sie hinaufheben, an ihr keusches begehrendes Herz; gehe ich nieder, um die stummen Kinder zu brechen, so werde ich zur Biene, und schwebe uber ihren Kelchen, deren Sussigkeit sie selbst nie leeren, dann zieht mich wieder der feurige Himmel hinauf, und meine Empfindung verliert alle Gestalt. Diese Geschichte meines Anschauens aber beruhet allein auf diesen drei Lichtern, die in dem Bilde herrschen und sich auf allen Punkten auswechseln."

"Es scheint," sagte Godwi, "als waren die Blumen in einem Opfer entzundet, und alles andere sei nur ein Gedicht, das sich in ihren Dampfwolken gebrochen habe, um zu erscheinen, und als ware das Madchen nur der Mittler zwischen ihnen und dem Himmel, denn in diesen Blumen liegt ganz der Charakter von Wallpurgis Gestalt und des Himmels. Es ist, als seien die Blumen nur die Darstellung ihres Leidens, das schon stille geworden, und ihre traurigen Blicke ins Leben, so wie der feurige Himmel ihr brennendes Begehren nach dem Tod. Nach dieser Ansicht ruht der Mittelpunkt des ganzes Bildes in ihrem Busen, dessen Schmerz und Andacht ich deutlich in mir fuhle; ist es nicht, als sahe man, wie ihr Herz bricht? Ihr ganzes Haupt bis auf die Brust wird gierig vom Himmel angesogen, und von da, wie es schwer niederdringt, als zogen es Bande des Blutes hinab."

"Und dennoch ist auch hier kein Ruhepunkt," sagte ich, "denn auch die Glut des Himmels ist die Mutter des Ganzen: ist diese Rote des Abends nicht reine Sehnsucht im Ather reflektiert, und ist Sehnsucht nicht Abendrot in der Empfindung, und ist das Bild etwas anders als Sehnsucht im Ather, Sehnsucht in der Pflanze, und Sehnsucht im Madchen?"

Godwi sagte: "Es ist schon, wie die Natur unsere Ansicht begleitet hat, es ist nach und nach dunkel geworden, das Bild hat sich doppelt bewegt, in seinem Lichte, und in der Beleuchtung des Tages. Die stille Fackel des Madchens ist verloschen, die Blumen sind gestorben, die Schatten der Baume haben ihre Arme um den Schmerz gelegt, die glanzende Pforte des grunen Gewolbes schliesst sich der schonen Bahn, auf der die ganze Bescheinung hingezogen ist, nun ruhet das arme Herz, lebe wohl, Wallpurgis!"

Es war dunkel geworden, und wir hatten es nicht bemerkt. Wir verliessen nun die Stube, um ein anderes Gemalde zu besehen, das den Geliebten Wallpurgis' vorstellt, wie er abends unter den Leichenmannern die Nachricht von ihrem Tode empfangt. Godwi sagte mir, dass dieses Bild sehr gut bei Licht gesehen werden konne, weil es selbst ein Nachtstuck sei, und er steckte zu diesem Zwecke eine Lampe an, die an der Decke angebracht war.

Vorher teilte er mir aber noch ein Gedicht mit, welches Franzesko, wahrend er das vorige Gemalde verfertigte, gemacht hatte. Es ist italianisch, und in dieser Sprache wirklich voll Warme, doch gleicht es seiner Schwester, dem Gemalde, bei weitem nicht; ich habe es den folgenden Morgen zu ubersetzen gesucht, aber es war durch die Eigentumlichkeit seines Ausdrucks ebenso schwer, als das Gemalde zu kopieren sein wurde. Diese Ubersetzung fuge ich hier bei und bitte, dass Sie immer Ihre Augen auf das Bild wenden, wahrend Sie sie lesen.

Uber dem Gedichte standen folgende Worte in Prosa, als Einleitung:

Es wollte Abend werden, da sass ein alter Harfenspieler an einem offentlichen Spaziergange, um ihn her wandelten Junglinge und Manner, die sich teils geschaftig bewegten, teils gravitatisch schritten und sehr nachdrucksvolle Bewegungen machten; einige lachelten auch bedeutend, oder sahen geruhrt gegen den Himmel; keine Jungfrau war zugegen, die Schuchternheit hatte sie zuruckgefuhrt in ihre Wohnungen, sie sassen in dem einsamen Garten des Hauses oder an dem Fenster ihrer Kammer, und sehnten sich, wie sich die Jungfrau Gottes sehnte, ehe der Geist uber sie kam. Das wusste der Greis, denn es war ihm sein liebstes Kind gestorben, ach! und er wusste ja nichts als das. Sie sagten von ihm, wenn sie an ihm vorubergingen, er sei ein schwarmerischer Mann, der nur Ideale im Kopf habe, und dem es an respektablen Gefuhlen mangle. Er aber sang folgendes Lied zu seiner Harfe.

Der Abend

Nach seiner Heimat kuhlen Lorbeerhainen

Schwebt auf der goldnen Schale

Schon Helios, es gluhen rings die Wellen,

Der Ozean erschwillt in frohen Scheinen,

Die wie mit Blitzesstrahle

Die ernste Nacht der fernen Ufer hellen,

Und uber alle Schwellen

Ergiesst der Gott die stillen Feuerwogen

Zum ewgen Himmelsbogen,

Dass von den Bergen durch das dunkle Leben

Des Tages Flammen wiederhallend beben.

Hoch auf den Bergen wehen seine Flammen,

Den raschen Mann zu fuhren,

Der seiner Reise Ziel noch nicht errungen,

Er strahlet mit dem Glanze stets zusammen,

Wenngleich die Fusse gleiten,

Bleibt von dem Lichte doch sein Haupt

umschlungen.

Nie von der Nacht bezwungen,

Lenkt ruhig nach der Sterne heilgem Feuer

Das ernste Schiff den Steuer

Und wandelt heimwarts durch die dunkeln Fluten,

Vertrauend auf des Leuchtturms hohe Gluten.

Vom kuhnen Felsen rinnen Lichter nieder,

Die Taler zu ergrunden,

Und wo des Feuers milde Quelle ziehet,

Verglimmen bald des Haines wilde Lieder,

Denn alle Tone schwinden,

Bis sie des Abends Flammen rein gegluhet

Und welch ein Lied erbluhet

Es flicht die Nachtigall die goldnen Schlingen

Und suss gefangen ringen

Im Liede Liebesschmerz und Schmerzes-Liebe,

Dass Schmerz in Liebe, Lieb in Schmerz sich ube4.

So drang der Tone Fruhling aus dem Schweigen,

So auch in reinen Seelen

Des Tages wilde Kampfe bald zerrinnen,

Wenn Lieb und Schmerz sich hold

zusammenneigen,

Die Zwietracht zu verhehlen,

Und ruhrend doch den ewgen Streit beginnen.

Ach keine mag gewinnen!

Ein Wundergift fliesst beiden von den Pfeilen,

Zu toten und zu heilen

Denn er muss stets an ihrem Pfeil gesunden,

Und sterbend lebt sie nur in seinen Wunden.

Doch bald wird nun die Ruhe niederschweben,

Dass alle Schmerzen fliehen,

Den heissen Kampf die stillen Schatten kuhlen,

Dann mag der Sehnsucht ungelostes Leben

In heilgen Phantasieen,

In schonen Traumen dichtend sich erwuhlen.

Konnt ihr solch Leben fuhlen?

So will, mit seinem Rausch euch zu erfullen,

Mein Bild ich gern enthullen,

Mein Bild, wie in des Abends Heiligtumen

Die Jungfrau redet mit den holden Blumen.

Die Jungfrau und die Blumen

Wo leis des Gartens dichte Schatten rauschen

Und in den dunklen Zweigen

Die reifen goldnen Fruchte heimlich schwellen,

Gleich holden Engeln, die in Wolken lauschen

Und freundlich sich bezeigen,

Seht ihr die weisse Jungfrau sich erhellen.

Des Lichtes letzte Wellen

Umfliessen sie. Sie sitzt, und ihr zu Fussen

Unschuldge Blumen spriessen;

Sie spricht zu ihnen, weckt mit ihren Blicken,

Die schon die Augen schliessen, schlafend nicken.

Es scheint ihr Wort sie mehr noch einzuwiegen;

Was ihre Lippen sprechen,

Wallt langst im Traum um ihre zarten Seelen

Und wohnt in ihrem Leben still verschwiegen

Die Stummheit zu zerbrechen,

Sind sie zu schwach, und konnens nicht erzahlen;

Doch sie kann nichts verhehlen,

Der stille Abend lost die keuschen Banden,

Die ihren Schmerz umwanden,

Sie klaget leis, und mit den blauen Augen

Will Antwort sie aus ihrer Stummheit saugen.

"Ihr blinden Kinder, wenn der ewge Schlummer

Von euren Augen weichet,

Wenn eure Lippen seufzend sich erschliessen,

Ein warmes Herz euch bebt und eurem Kummer

Die Gotter Worte reichen,

Erbluh ich eine Blume euch zu Fussen.

Ihr werdet still mich grussen

Und fur der Liebe jungfrauliches Bangen

Der Blume Trost verlangen,

Denn wir sind Schwestern, sind im harten Leben

Der tiefen Liebe fruhem Tod gegeben.

Was, Lilie, keusch in deinem Kelche webet,

Was, Rose, rot dich malet

Und eure Augen, stille Veilchen, sagen,

Auch keusch und bang in meinem Busen strebet,

Von meinen Lippen strahlet

Und still und mild die blauen Augen klagen.

Uns fasst ein gleich Verzagen,

Ach! nimmer kann des Herzens still Verbrennen

Der keusche Mund bekennen,

Ach! nimmer will die wilde Welt verstehen,

Was unsrer Dufte stumme Lippen flehen.

Wenn linde Sonnenstrahlen niedersehen,

Sich laue Weste regen,

Erkennen wir aus uns mit dunklem Sehnen,

Doch nimmer wissen wir, wie uns geschehen.

Was wir im Innern hegen,

Ist susses Traumen und ein kindisch Wahnen.

Es fliessen alle Tranen

Noch leicht herab, und weilen keine Schmerzen

Im unerschlossnen Herzen,

Bis von der ewgen Liebe tiefen Quellen

Das Herz sich dehnt, und leis die Knospen

schwellen.

Im Busen keimet heimliches Begehren,

Und mildes Widerstreben,

Und wie sie liebend miteinander walten,

Erzeuget sich ein hoffendes Entbehren;

Der Blute junges Leben

Will nun die zarten Blatter schon entfalten.

Die freundlichen Gestalten,

Die in verborgner Werkstatt noch gefangen,

Nach Freiheit sehr verlangen,

Bis uns des Morgens goldner Pfeil erschliesset

Und der geheimen Wunde Trane fliesset.

Nun losen sich die ratselhaften Triebe,

Und zu dem reinen Throne,

Der aus dem Herzen froh heraufgedrungen,

Steigt schuchtern und verschleiert unsre Liebe.

Es hat die bunte Krone

Der sanften Konigin das Licht geschlungen.

Sie hat das Reich errungen,

Und blickt in ihres Sieges junger Wonne

So freudig nach der Sonne,

Die freundlich sich in ihrem Schoss ergiesset

Und sie mit goldnen Strahlen froh begrusset.

Dir arme Konigin, wie wird dir bange,

So einsam und verlassen,

So arm siehst du hinaus, ins weite Leben,

Die eignen Dufte kussen deine Wange,

Du musst dich selbst umfassen,

Kein Volk, kein schoner Freund dir Liebe geben.

Die zarten Saulen beben,

Auf denen sich dein leichter Thron beweget,

Vom Weste selbst erreget.

Die Nacht flieht lieblos dir in dunklen Traumen,

Am Morgen Tranen deine Blicke saumen.

Sind nicht dein Thron des Busens junge Wogen,

Dein Purpur, rote Wangen,

Dein Diadem, der Locken goldne Schlingen?

Ach bald sind all die Wellen weggezogen,

Der Purpur bald vergangen,

Gelost die Flechten, die dein Haupt umfingen.

Der Liebe Pfeile dringen

Vom Himmel, und der Schmerzen gluhes Wuhlen

Im Herzen zu erkuhlen,

Lost du in stillen Tranen dein Geschmeide;

Der Tranen Weide wirst du, Augenweide!

Du arme Konigin! so ohne Wehre

Sollst schweren Kampf du fuhren,

Will keiner fur die holde Braut denn streiten,

Will keinen, dass die Glut sie nicht verzehre,

Solch zarte Schonheit ruhren,

Des Schattens liebend Dach um dich zu breiten?

O stummes bittres Leiden!

Welch Leben, wo die Liebe ungedinget

Dir keine Hulfe bringet,

Und wolltest du den dichten Schleier heben,

So wurde dir des Schatzes Geist entschweben.

Und heisser, immer heisser dein Begehren,

Und leiser deine Klagen!

Die Farben schon, die deinen Schmerz verkunden,

Der Dufte leise Worte sich verzehren,

Um lauter stets zu sagen,

Wie dich die wilden Flammen ganz entzunden.

Die Hulfe zu ergrunden,

Willst du vom freien Throne niedersteigen,

Dem Frevel dich zu neigen?

Noch elender ein Handwerk voller Wehe,

Umzunfte dich der schnode Tod, die Ehe.

Nein! solcher Armlichkeit dich hinzubieten,

Wird Armut dich nicht zwingen;

Die freie Liebe lasst sich nicht umarmen;

Wo sie den Kuss in Zweck und Absicht schmieden,

Wo Trieb und Freiheit ringen

Und alle Luste an der Not verarmen,

Dem Handwerk zum Erbarmen,

Wo zwei geubte Langeweilen weilen

Und Pflicht und Notdurft teilen,

Darfst du dich nicht ergeben heilig Leben!

Dein Bild nicht in des Haushalts Linnen weben.

O konntest ruhig du dein Sterben leben,

Die Andern nicht erkennen,

Die alles Lebens eine Halfte fassen,

Sich stille wandelnd hohes Ansehn geben

Und hin und wieder rennen,

Als ware ohne sie die Welt gelassen.

Ach wohl! sie ist verlassen,

Das Leben ist zur Selbstbetrachtung worden,

Die Liebe zu ermorden,

Und forscht die Schonheit totend nach Gesetzen,

Die Liebe und die Schonheit zu ersetzen.

Sie wahnen gar, die Liebe sei verloren,

Weil sie sich selbst vermissen

Das Leben in Verzeichnisse schon bringen,

Als wurde fernerhin nicht mehr geboren,

Als brach aus Finsternissen

Der Tod herauf, die Mutter zu verschlingen.

Mit solchen Wunderdingen

Vermeinen sie die langst verlornen Grenzen

Der Liebe zu erganzen,

Und ordnen uns und stellen nach den Flammen

Dem Tode in Systeme uns zusammen.

Wie schoner Sieg! Wir konnen hier nicht sterben,

Denn hier war uns kein Leben,

Ein Fruhling nur, wir sind es selbst gewesen,

Erbluhen und Vergluhen kein Verderben

Kann unser Bild entweben,

Nur Opfer kann der Liebe Fessel losen,

O freudiges Genesen!

Erhebe, sanfte Konigin, den Schleier

Dem reinen Himmelsfeuer;

Will liebend nicht das Leben dich erringen,

So lass vom stillen Gotte dich umschlingen.

Wie gluht der Mittag heiss, in tiefem Schweigen

Eroffnet sie den Schleier,

Der Liebe Heiligtum muss sie enthullen,

Und zu dem Throne gluhe Strahlen steigen,

Des stillen Gottes Freier,

Die wachen Schmerzen totend ihr zu stillen.

Sie reicht dem machtgen Willen

Die Liebe hin, und loset ihre Krone

Und breitet auf dem Throne

Die duftenden Gewander, an den Gluten

Des Brautigams sich opfernd zu verbluten.

Mir ist das schone Opfer bald verglommen,

Es wallt das letzte Duften

Dem lichten Gott, der mit der Krone fliehet,

Er wand sie mir, er hat sie hingenommen,

Und in den reinen Luften

Das bunte Leben mit ihm heimwarts ziehet,

Mein stiller Abend gluhet,

Und wo des hohen Glanzes reine Wellen

In heissem Purpur schwellen,

Da brechen sich der Sehnsucht letzte Wogen,

Und ist der Streit der Liebe hingezogen."

O Nacht! so voller Liebe,

Ergiesse deine dunkle Flut der Bangen,

Umfange ihr Verlangen,

Lass kuhlend um die kampfenden Gestalten

Das stille Meer der ewgen Liebe walten!

Godwi zog nun den Vorhang des Nachtstuckes in die Hohe. Das Bild nahm die eine Wand der kleinen Stube ganz ein, wir sassen gegenuber auf einem Sopha.

Der ganze Moment des Bildes war heftige Spannung, Manner mit schwarzen Manteln ringsum, immer dunkler gegen den Rand. Mitten unter dem Baume ragt eine Fackel heraus, welche grelle Lichter uber die hagern plumpen Gesichter der Leichenmanner wirft; von ihren Huten fallen schwarze Flore, welche schon durchsichtig dem hellen Scheine eine Halbtinte entgegensetzen. Etwas entfernt von den Fackeln, doch allein in ganzer Beleuchtung, lehnt der Jungling ohnmachtig im Arme eines Dieners, sein Kopf sinkt abwarts, so dass er von oben beleuchtet wird; er hat schone blonde Locken, und einen edlen Gesichtsschnitt; der Bediente zieht ihm das Halstuch ab, und hat ihm die Kleider geoffnet, ein gruner Mantel fallt von seinen Schultern, und antwortet dem Grune des Baumes, der durch die Fackel von unten erleuchtet wird; in dem Baume sieht man den Italianer dunkel sitzen. Im Ganzen sind keine heftigen Farben, nur starker Kontrast von Dunkel und Licht.

Es war, wie dumpfes Murren in den dunkelsten Stellen, um die Flamme der Fackel einige lauten Schreie, um den Jungling stille Bangigkeit, und er selbst leises Atmen und Seufzen. Man meinte, es musse sich nun bald andern, sie mussten bald auseinandergehn. Godwi liess den Vorhang wieder fallen, und ich sagte: "Gut, es war Zeit, lange konnten die vielen Menschen nicht hier in der kleinen Stube sein, der Atem ward mir schwer." Wir verliessen den Saal, und ich besuchte Georg, den Diener, der sehr krank war.

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Fortsetzung der Geschichte der beiden Schwestern

Marie und der Vater waren sehr stille auf ihrer Fahrt nach dem Gute der Grafin; sie waren lange nicht im Freien gewesen, ihre Gemuter waren gleich ruhig, sie hatten sich nichts mitzuteilen, und es war ihnen beiden, als waren sie allein; doch fuhlten sie eben durch dieses stillschweigende doppelte Dasein ineinander dies Alleinsein nicht.

(Dies mag wohl das eigentliche Wesen der Freundschaft sein, das so selten lebt, ohne wirkliche Vermischung blosses stilles wohltatiges Gefuhl der schonen Umgebung, das Nebeneinanderstromen harmonischer Tone. Der Freund kann nichts, als unser Selbstgefuhl aufheben, in dem er das seinige verliert, und sich wohl befindet. Wo man die Freundschaft selbst fuhlt, giebt einer oder der andere zu viel oder zu wenig, und hat die Sache ihr Ende. Sie ist blosse Verstarkung des Daseins, und Verminderung des Selbstgefuhls im allgemeinen Medium des Lebens; aus den Einzelnen macht sie eine Summe, stellt sie dem Machtigen entgegen, und macht den Begriff Volk allein ehrwurdig, im Gegensatze des Begriffes Herrscher, Weiser, Dichter. Sie setzt in der hochsten Unschuld keine Notwendigkeit der eignen Gattung voraus, der naturliche gesunde Mensch ist ebenso Freund mit dem Licht und dem Dunkel, den grunen Baumen, seinen Werkzeugen, Werken und Gedanken, als seinem menschlichen Freunde; ja die Freundschaft mit dem Menschen insbesondere ist Folge der verlornen Unschuld, es liegt ein Zusammentreten gegen die Natur, etwas Feindseliges und Boshaftes in der blossen Freundschaft mit seiner Gattung, und sie folget dem Verluste der Eigentumlichkeit und der Kraft des Einzelnen, der die Natur nicht mehr zwingen kann und eine Menge gegen die grosste Einheit bilden will, um sich ihr entgegenzustemmen.

Zwischen zwei Menschen, von denen einer sich die Welt nimmt, und der andre sich der Welt giebt, kann sie nie stattfinden, denn in ihr kann sich keiner geben und kann keiner nehmen, sie ist blosses Dasein ohne Tatigkeit. Sie ist daher bloss im Fruhling und Winter des Lebens, im Spiel und der Ruhe wo uns der Zweck beherrscht, kann sie nicht sein.)

Am Abend kamen sie dem Schlosse naher, und ihre Begierde, Annonciaten zu sehen, war grosser; Marie hatte lange nach dem milden Lichte des Himmels gesehen, und sagte zu ihrem Vater, mit Tranen in den Augen:

"Wo mag jetzt Joseph sein? Es ist mir oft, als ware er doch gar zu weit von uns, als wurde er nicht wiederkommen. Annonciaten verstehe ich jetzt viel mehr, Vater! und es ist mir, als habe sich eine stille Ahnlichkeit mit ihr in mir gebildet ich kann es nur nicht so sagen, ich bin nicht so stark"

"Warte nur, bis Joseph wieder kommt," sagte Wellner "Du sehnst dich nach ihm"

"Wohl sehne ich mich nach ihm, aber es ist noch mehr; mit ihm ist es nicht all Wie wohl Annonciata sein wird? Vater, sie hat uns lange nicht gesehen, ihr Herz, ist so gut, sie wird recht geruhrt sein, uns wiederzusehen."

Unter solchen Worten fuhren sie den Schlosshof hinein. Es machte ihnen ein alter Diener auf, und sie wunderten sich, dass in dem Hause der reichen Grafin so wenig Gerausch war.

Der Alte fuhrte sie langsam die Treppen hinauf, es war ihnen unheimlich zu Mute. Man brachte sie in das Zimmer der Grafin; diese sass allein bei einem Lichte auf dem Sopha, und als sie Wellnern und Marien hereintreten sah, schrie sie laut auf, "o Gott, o Gott!" und sank ohnmachtig auf die Kissen, Marie kam ihr zu Hilfe, ein Kammermadchen trat herein und vereinigte sich mit ihr, und Wellner stand in einer grossen Angst an das Fenster gelehnt .

Als sich die Grafin zu erholen anfing, bat das Kammermadchen Wellnern und Marien, in das Vorzimmer zu treten

Hier waren sie stille, ohne ein Wort zu sprechen, Marie setzte sich nieder, und konnte vor Schreck nicht weinen . Eine kleine Weile drauf brachte man sie in eine Stube, wo sie die Nacht zubringen mochten; Wellner fragte nach seiner Tochter, und die Dienerin verliess mit dem schmerzlichen Ausruf die Stube: "Ach das ist es, dass Gott erbarm, das ist es!"

Wellnern war es nun gewiss, dass sein Kind gestorben sei, Marie war untrostlich, und wurde sehr krank in der Nacht; eine Warterin und Wellner blieben bei ihr, der Arzt wurde aus der Stadt geholt.

Die Warterin erzahlte Wellnern, dass Annonciata nun schon zehn Tage verloren sei; man wisse nicht, wo sie hingekommen sei; sie sei abends in den Garten, wie gewohnlich, allein gegangen, aber nicht wiedergekommen; und wie man den Teich abgelassen habe, aus der Vermutung, sie sei hineingefallen; wie alle Leute der Grafin nun zum zweitenmal abgereist seien, da sie das erstemal keine Nachricht erhalten hatten.

Die Grafin sprach den folgenden Tag mit Wellnern, und beruhigte sich, da er sie gern schuldlos erkannte. Sie konnten keine andre Idee fassen, als Annonciata sei geraubt, weil sie bei jeder andern Art von Entweichung sicher einigen Trost fur die Zuruckbleibenden dagelassen hatte.

So war dieser traurige Abend

Alle Nachforschungen wurden verstarkt, ein ganzes Jahr hindurch emsig fortgesetzt, aber umsonst

Wellner gramte sich sehr uber diesen Verlust, und Marie ward immer stiller und schwermutiger; sie stand oft abends an ihrem Fenster allein, wo sie sonst mit Annonciaten gestanden, und fuhlte nun alles, was ihr jene damals gesagt hatte.

Von Joseph fehlten schon elf Monate die Briefe: der Vater wusste gar nicht, was er Marien sagen sollte, wenn sie nach Briefen fragte. Diesen beiden Menschen war alles zerstoret, was sie mit der Zukunft verband, und sie erschraken vor jedem Stundenschlag.

Marie war wohl noch trauriger als Wellner, doch versteckte sie ihren Schmerz, und suchte ihn zu erheitern . Annonciaten wiederzufinden, gaben sie die Hoffnung beinahe auf und auch der Gedanke an Joseph ward schon dunkler und trauriger . Wenn Wellner in den Handlungsbuchern blatterte, und sah, wo er geschrieben hatte, kamen ihm oft die Tranen in die Augen.

Es war nun schon beinahe anderthalb Jahre, dass Joseph nicht geschrieben hatte, als Godwi5, ein Englander, der Sohn einer reichen Handlung, nach dem Wohnort Wellners kam. Er war ein schoner feiner Mann, von seiner Familie mit einem Kredite empfohlen, der beinah Wellners Vermogen uberstieg, und dabei sehr einfach und erst bei aller seiner Freimutigkeit; er gefiel diesem sehr wohl, und auch er befand sich gut bei Wellnern und Marien, und brachte seine meiste Zeit bei ihnen zu.

Er wusste sich bald ihres Vertrauens zu bemeistern, und zog nach einiger Zeit ganz ins Haus. Marie war ihm gut, und er liebte sie schon sehr doch war es nicht zum Gestandnis gekommen, weil er zu oft Zeuge ihrer schmerzlichen Erinnerung an Joseph gewesen war.

In Wellnern regte sich oft das Gefuhl, dass er nicht mehr lange leben wurde, dann sah er mit Trauer auf Marien, und sehnte sich heftiger nach Josephen aber dieser blieb aus, und alle Nachricht von ihm.

Manchmal, wenn er sah, wie Godwi sich um Marien bewegte, fasste er den Mut, an die Moglichkeit zu glauben, der reiche Englander nahere sich seinem Kinde mit ehrlicher Liebe, leichter aber hielt er es fur Freundlichkeit oder Sitte.

Er ward nun taglich stumpfer, und hatte wenig Freude mehr an seinem Geschafte. Bald aber erhielt sein Gluck den heftigsten Stoss, mehrere fehlgeschlagene Operationen und ein grosser Banqueroutt machten ihn unzahlbar, er war in der grossten Verzweiflung und beinahe auf dem Wege, sich sein Leben zu nehmen. Diese Gemutsstimmung empfand Marie schmerzlich: sie hatte schon einige Tage bemerkt, dass er sehr traurig war, ihr auswich, und wenig bei Tische ass. Die Verschlossenheit ihres Vaters gegen sie bei einem sichtbaren Leiden war ihr sehr druckend; sie hatte es nie erfahren, und konnte nur glauben, sie selbst sei schuld daran, sie musse ihn sehr gekrankt haben, dass er nicht einmal mit ihr sprechen konne. Wenn sie auch alles uberdachte, so konnte sie nichts in ihren Handlungen finden, bis sie endlich vermutete, ihrem Vater missfalle ihre unbefangene Vertraulichkeit mit Godwi, und er denke Boses von ihr.

Dieses bewog sie zu einer Kalte gegen den Englander, welche er sehr unverstandlich fand. Zwei Tage war diese allgemeine Spannung im Hause , als es endlich zu einer Erklarung kam.

Wellner, Godwi und Marie sassen abends zu Tische, alle stumm und traurig. Gegen das Ende konnte Marie es nicht mehr verbergen. Wellner hatte sie sehr wehmutig angesehen, sie konnte ihren Schmerz nicht mehr halten, die Tranen stiegen ihr in die Augen, und sie verliess laut weinend die Stube. Wellner folgte ihr mit den Ausrufungen "Gott, Gott! du armes Kind!" in die Nebenstube. Godwi sass nun allein an dem Tische, spielte mit dem Messer, und fuhlte jene fatale Ruhe der Selbstverachtung, um die sich schoner Schmerz bewegt , er sang ohne zu wissen die Worte: God save the king, und setzte mit einem furchterlichen Bewusstsein die Worte: and damn me, dazu.

Er stand auf, ging schnell nach der Ture, und blieb starr vor ihr stehen, als er Mariens Worte horte:

"O lieber, lieber Vater, ich liebe ihn nicht, ich liebe Godwi nicht, o denkt nichts Boses von mir "

Er horte erstaunt folgendes Gesprach, und in seinem Herzen waren viele schmerzliche Anklange, die wir bald verstehen werden

"Liebe Marie, das ist es nicht, was mich angstigt; o wie konnte ich deinem armen Herzen diesen Schmerz lassen!"

"Wir sind sehr unglucklich, lieber Vater, Annonciata ist verloren, Joseph ist verloren, ach und euer Vertrauen ist verloren, ach mein Vater, gebt mein Einziges nicht so hin!"

"Das ist es nicht, Madchen, das nicht, (hier hob er hart und kalt die Stimme) aber ich bin ein Bettler, bald, bald, und du die Tochter eines ehrlosen Bettlers." Der Englander bebte, und ward ruhiger, eine Zeitlang horte er nicht mehr sprechen, dann erhob Marie ruhiger die Stimme

"Lieber Vater, nur das, o das ist es nicht, ich verstehe es vielleicht nicht, aber das wird uns nicht unglucklich machen. Leben, das bisschen Leben wollen wir gewinnen, und nach uns wird doch niemand kommen, der von uns begehrt; wir werden allein sein, und lebt nur ruhig, sterbt ruhig, ich will ruhig nach euch sterben."

Godwi verliess die Stube, und ging nach seinem Zimmer, wo er alles empfand, was ein Mensch leidet, dem das Leben durch innere Fulle und ausseren Uberfluss lange so leicht als Tugend und Laster war, und der mit wenigem geretteten Selbstgefuhl in die Geschichte einfacher liebender Menschen tritt, ohne doch von diesen eigentlich als ein Wesen anerkannt zu werden, das wirklich teil an ihnen hat.

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Der Godwi, den ich hier nannte, ist unsers Godwis Vater. Ich las diesem vor, was ich schrieb, und er gab mir einige Blatter seines Vaters, die er in der Zeit seines Lebens bei Wellner, und auch an jenem Abend niedergeschrieben hatte: sie konnten eigentlich alle an diesem Abend, geschrieben sein, weil sich an ihm alles sammelte, was er damals empfand. Diese Blatter sind lauter Bruchstucke von Erinnerungen aus seinem Leben, die ihm zu Empfindungen wurden, und die sein Sohn historisch selbst nicht genau kannte.

Ich setze davon das Merkwurdigste hieher, um seine Geschichte aus seinen Empfindungen den Lesern vermutlich zu machen. Es wird ihnen um so leichter werden, dieses zu tun, als es sehr viele Menschen giebt, denen alles leicht und das Bedurfnis dringend war. Ich lasse diese Fragmente ohngefahr so folgen, wie sie mir in der Zeit gefolgt zu sein scheinen . "Ich mochte oft lachen und weinen uber meine sogenannte Ungeschicklichkeit im Leben, die doch nichts als eine wunderbare Uberzeugung bleibt, dass alle Geschicklichkeit lacherlich ist ich bleibe immer stehen, komme nicht weiter, wenn ich irgend eine Geschicklichkeit erlange, denn ist Geschicklichkeit etwas anders? als: bei einer Sache langer verweilen zu durfen, als es schicklich ist. " "Es zieht mich alles an, aber ich stehe immer im Zweifel, ob ich willkommen bin; nahere ich mich einer Sache, so mochte ich meine Verlegenheit nicht merken lassen, und mache alle Wissenschaften in mir irren; wenn ich dann sehe, dass sie sich in mir geirrt, so sage ich etwa, kann ich die Wissenschaft betrugen, so kann sie das Leben auch betrugen, und sie weiss wohl nicht, was sie will. Ich achte ihren guten Willen, aber ihr Wissen kommt mir verdachtig vor." "Mit ist sehr wohl uber alles, was ich nicht weiss; was ich weiss, finde ich unnutz, weil es wohl kann besser gewusst werden; ich wollte, ich lebte nicht, mein Leben konnte auch besser gewusst werden." "Das ganze Leben ist eine Geheimniskramerei, eine Delicatesse aller Existenzen gegeneinander, dass mir es oft angstlicher drinne ist als bei tugendhaften Madchen, die in jeder Stunde heuraten konnen, wenn nur ein Priester die Gelegenheit vom Strauche bricht." "Es ist wahrhaftig nicht der Muhe wert, sich Muhe zu geben, die Sache bleibt ewig dieselbe; bohre ich ein Loch mit meinem Verstande in die Welt, so muss es sich des allgemeinen Gleichgewichts halber wieder zustopfen, und es ist recht unhoflich, die Natur der Dinge so zu bemuhen." "Vor vielen Dingen soll man Ehrfurcht haben, man soll sie ehren, und nirgends mochte ich so gerne laut sprechen oder pfeifen als in der Kirche, nicht um gehort zu werden, sondern um es zu horen, ich mochte auch wohl gerne in einem luderlichen Hause beten, und uber eben diese Geluste kann ich sehr traurig werden. " "Tugendhaft sein, wie man es heisst, ist, was ein Brownianer schlecht recipieren nennt; ich mochte oft toll werden uber alle die Dinge, die dazu notig sind, und die ich oft gar nicht auftreiben kann." "Am Ende sind alle Menschen nur Formeln, um ein Stuck Weltgeschichte herauszubringen; denn warum hielt ich einst nichts auf Tugend, und fange jetzt wieder an, was drauf zu halten?" "Ich habe immer eine grosse Anlage gehabt, Weibern, die sich mit ihrer Tugend breit machten, etwas die Ehre abzuschneiden, und ihre Tugend zu schmalern, damit die andern sich nicht so angstlich drucken mussten, die ihre Tugend selbst schmalerten, und das tat ich vielleicht gar des Wortspiels wegen." "Gott weiss, dass meine Wahrheit mein Ungluck war! Ich horte immer schon dann auf zu lieben, wenn ich merkte, dass meine Geliebte den Engel und den Menschen getrennt hatte, und habe manchem Menschen seinen Engel genommen, und ihn allein stehen lassen; das ist bos, aber es war so: ich habe alle Chemie erschopft, die Unschuld wieder mit dem Madchen zu vermischen, aber es ging nicht, und die Unschuld erschien mir endlich nicht schuld an der Schuldlosigkeit." "Eine Zeitlang trieb ich das Leben ruckwarts, und tat alles nicht, was ich getan hatte; ich glaubte, das sei Besserung, aber ich kam mir bald so komisch vor wie ein Riese, der Alt singt, und ein alter Mann, der die Leute mit seinen Kinderjahren unterhalt da machte ich denn das gebesserte Stuckchen schnell wieder schlecht, und alle Besserung kam mir vor, als schuttelte ich ewig das Kissen auf, auf dem ich mit meinem Liebchen ruhe, musse es immer wieder niederdrucken, und kame nie zur Ruhe selbst, oder man rasiere mich so langsam, dass mir der Bart immer unter dem Messer wachse." "Ich habe nun so mancherlei getan, viele Freunde gehabt, viel Geld ausgegeben, viele Madchen geliebt, viele Ewigkeiten verloren, und das alles ist vorbei, es bleibt nichts als die Narbe, und die schmerzt, wenn sich das Wetter andert. Was soll ich mit allen den sussen Erinnerungen, die vorbei sind, und was mit aller der Gegenwart, die vorbeigeht, so raisoniere ich jetzt; sonst war dieses keine Empfindung, es war Handlung: ich argerte mich einmal daruber, dass Jenny eine so liebenswurdige Dirne war, weil ich glaubte, das Laster musse hasslich sein; ich gab mir alle Muhe, sie hasslich zu machen, aber das Madchen ward der Tugend zum Trotz immer artiger. Ich glaubte nun, wenn sie tugendhaft wurde, wurde sie ein Engel sein, weil ihre Schonheit grosser war als ihr Laster: das Madchen bot mir Hande und Fusse zur Tugend, und ich bekehrte sie so grundlich, dass sie sich die Haare und Schleppen abschnitt, damit ihre Tugend wachsen solle; aber sie ward bald so langweilig und so hasslich, dass ich riet, die Busstranen in Reuetranen uber die verlorne Sunde zu verwandlen, und ich brachte sie mit Muhe soweit zuruck, dass ihre Haare wieder wuchsen, und ihre Rocke wieder schleppten." "Ich habe auch wohl sechshundert grosse Wohltaten getan, viele kleine abgerechnet, aber empfinde, dass Taten nur Taten sind, und dass bei den Wohltaten ich nur durch Danksagungen langweilt ward, mich aber irgend ein dummer Streich sehr amusierte, weil die Leute so lustig drauf schimpften." "Manchmal ist mirs, als befande ich mich allein schlecht, weil ich andern Leuten zu sehr traue: sie machen einen Larm von der Schonheit der Natur, als ware es eine Seltenheit, und streichen gewisse Empfindungen so heraus, als waren sie nicht bloss reingeburstete Stellen des Lebens; sie haben eine Aufrichtigkeit in allem diesem, dass ihnen die Knopfe vom Rocke springen, als sei alles dieses etwas anders als Nacktgehen und stelle ich mich hin und ruste mich und strecke die Arme wie ein Fechter hinaus, ich warte und warte auf die entsetzliche Vortrefflichkeit der Dinge, als sollte nun bald ein Felsenstuck auf mich niederrollen, und am Ende ist es immer das Alte, was sich von sich selbst versteht, ich werde unwillig, und vergnuge mich in irgend einem Winkel der Erde, solange es geht ." "Es ware mir recht angenehm, Weib und Kind zu haben, aber ein Weib vom Vater oder von sich selbst begehren, langweilt mich, und das Stehlen ist verboten." "Marie Wellner liebe ich, aber es ist mir leid fur sie, ich habe kein Recht auf sie, und sie alle auf mich: ich will warten, ob sie diese Rechte gebraucht; ich befinde mich wohl in diesem stillen Leben, ich glaube, es konnte gut werden; ob ich gut werden kann? Gott weiss, wer schlecht ist." (An dem Abend, als die Szene zwischen Wellner und Marien vorfiel, fand sich Godwi sehr ergriffen: er vergass alles, was vor diesem sein Leben umfasste, und entschloss sich fest, Marien zu besitzen, an ihr und dem guten Alten ein einfaches ruhiges Leben zu erbauen, und ruhig zu werden , er schwor sich selbst, nur von dem Besitze Mariens aus zu leben, und alles anzuwenden, sie zu erhalten. Die Lage des Vaters schien ihm dazu eine Hulfe zu bieten, weil er reich war und ihn durch ein Darlehn decken konnte; er hoffte auf die Dankbarkeit der Tochter, und fasste die Hoffnung, Joseph werde nicht zuruckkommen , wie ihn dieser Plan ruhrte, wie er jetzt schon wieder auflebte, und eine ganz andre Ansicht seines Lebens bekam, ist leicht aus folgenden Zeilen zu sehen, die er schrieb, und die mehr Selbstgefuhl als Selbstverachtung atmen.)

"Ich habe lange auf den gewartet, der mich dem ewigen Zweifel an ein besseres Leben in mir entrisse, und endlich ist sie erschienen, die mich zur Einzelnheit erheben kann. Marie hat sorgenvoll mit mir gespielt, und wenn sie ihren eignen Schmerz an meinen Mangeln wegschneidet, so kann ich immer schoner werden und einst ihr Gluck, das sie verlor, ihr in mir, ihrem Werke, zeigen." (Dieses wenige war mir verstandlich, alles andere zeigte mehr oder weniger Bitterkeit und Selbstverachtung, mitunter eine Art von Mutfassen, die einer gewohnten Frivolitat sehr ahnlich war, dabei doch guten Willen, aber selbst fur diesen guten Willen Verachtung.)

Er schrieb nach diesem ein Billet an Wellner, bot ihm eine ansehnliche Summe an, und liess einige Zeilen einfliessen, wie er sehr wunsche, mit ihm in eine nahere Verbindung zu kommen. Wellner nahm die Summe an, und wunschte auch, dass ihn Marie lieben moge .

Auch dies fand sich. Godwi war mehr um sie, er hatte ihren Vater gerettet, sie war ihm dankbar, es kamen Briefe, Joseph sei tot, sie war sehr traurig, und dem Vater war es die letzte Erfahrung: er ward krank, und wunschte Marien noch bei seinem Leben mit Godwi verbunden zu sehen, sie reichte ihm die Hand, es war an derselben Stelle, wo er sie einst Josephen versprochen hatte bald darauf starb er.

Godwi besass nun die ganze Handlung, und fuhrte sie unter Wellners Firma fort. Marie war nicht glucklich und nicht unglucklich mit ihm, aber sie liebte ihn nicht sie liebte immer nur Josephen.

Abends ging sie oft, mit ihrem kleinen Sohne auf dem Arm, am Hafen allein spazieren, und sah noch dahinaus, wo ihr lieber Joseph hingefahren war, und weinte.

Als sie auch einmal so da ging, kam ein Schiff gefahren, vorn auf dem aussersten Rand stand ein Mann, der aussah wie Joseph; er hatte ein Fernrohr in der Hand, und sah nach ihr, und winkte mit einem Tuch, sie bebte, und trat ganz hervor an das ausserste Ende des Ufers, so dass der Knabe sie bang um den Hals fasste.

Der Mann sprang in ein Boot, und kam naher, ach er sah immer aus wie Joseph! Er rief laut: "Marie, Marie!"

Es war Josephs Stimme, es war Joseph selbst, und er sah, wie Marie die Arme nach ihm ausstreckte, wie ihr Kind und sie in die See sturzte .

Joseph wurde gerettet, das Kind wurde gerettet, aber Marie war tot.

Godwi nahm den Knaben und floh, Joseph blieb krank zuruck, er litt sehr an seinem Verstande. Als er genas, erzahlte man ihm, dass Marie verheuratet gewesen. Dies brachte ihn zu einem furchterlichen Ernste, er fand ein Testament Wellners, in dem er eroffnete, dass Godwi das ganze Vermogen gehore, weil er darin seinen Banqueroutt bekannt machte .

Er verliess die Gegend, und lebte herumziehend von dem wenigen, was er in Amerika erworben hatte .

Dieses ist die Geschichte von Godwis Eltern, und die Leser werden nun die Stellen im ersten Bande, wo Werdo Senne Seite 73 singt, manche Stellen aus Otiliens Brief an Joduno und die meisten dunkeln Stellen in den Reden Werdos gegen Godwi verstehen, denn Werdo Senne ist niemand anders als dieser Joseph. Er erkennt in Godwi den Sohn Mariens, und dies bewegt ihn so heftig.

Achtundzwanzigstes Kapitel

"Gott sei Dank," sagte ich zu Godwi, "nun bin ich mit den Papieren fertig, und es ist nun die Reihe an Ihnen zu erzahlen, was Sie wissen"

"Ich spreche von dem meisten nicht gern," erwiderte Godwi, "was ich von meinem Vater weiss, und es ist das einzigemal, dass mir es Muhe kostet, Ihnen bei Ihrem Buche zu helfen; Sie werden mir daher verzeihen, wenn ich mich sehr kurz fasse; uberhaupt schreiben Sie ja meine und nicht meines Vaters Geschichte; ich will Ihnen also nur einiges aus dem Leben meines Vaters, ehe er nach Deutschland kam, erzahlen, und etwas von Josephs fernern Schicksalen, damit ich nachher frei bin, und Ihnen die wenigen Schritte noch aufschreiben kann, die ich von da, wo Sie mich im ersten Bande liessen, bis hierhin tat, von dem steinernen Bilde der Mutter bis hierher an Violettens Grabmal. Der Weg scheint lang von dem Denkmale einer Mutter bis zu dem eines Freudenmadchens; er ist es nicht, aber er umfasst dennoch mein Gemut. Sie haben im ersten Bande das Lied von der Marmorfrau, mit dem das Buch hatte anfangen mussen, hatten Sie die Geschichte meines Lebens, das ist meiner Empfindungen, schreiben wollen, und mit dem, was Sie von Violetten sangen, mussten Sie aufhoren.

In diesem Marmorbilde lag all mein Schmerz gefangen, ich lag wie das Kind in den kalten Armen des Bildes: was in dem Teiche sich bewegt, das ist dasselbe immer wieder, nur im beweglichen Leben gesehen; aber was dort uber den grunen Buschen in die Hohe strebt, das ist meine Freiheit; in Marien lag der Schmerz und die Liebe gefangen, in Violetten ward das Leben frei.

Doch ich will die fatalen Geschichten, die nicht zwischen diesen zwei schonen Polen, diesem Aufgang und Untergang, liegen, schnell erzahlen, damit Sie, lieber Freund, mit meiner Geschichte fertig werden, und wir miteinander eine bessere lebendige des eignen Lebens anfangen konnen.

Mein Vater war fruh elternlos und sein eigner Herr, leidenschaftlich und voll Enthusiasmus. Aber reich und frei gab er seinem Enthusiasmus keinen Zweck. Er ergriff alles mit ihm, was ihm in die Hande kam, die ganze Welt brannte ihm in einem reinen Feuer, so oft er sie auf einem neuen Punkte beruhrte, aber nur seine Leidenschaft beruhrte sie. Er liebte fruh, und ward bewundert, nie geliebt; es konnte sich kein Wesen an ihn hangen, denn er sprach im Arm der Liebe vom Universum, wo er es hatte sein sollen.

Die armen Geschopfe, die er fallen liess, wenn sie sich an seine Brust gelegt hatten und er, des Madchens vergessend, die Arme nach der Weiblichkeit ausstreckte, fielen unsanft, und mussten schmerzlich empfinden, dass er sie nur dann wieder erheben konnte, wenn er seine Arme eben zufallig nach dem Elend ausstreckte.

So ward ihm nichts, was ihn erquickte, denn der wird sich nie an einem kuhlen Bronnen im einsamen schattichten Tale menschlich erfreuen, der immer die Idee der alten Philosophen im Kopfe hat, dass das Wasser das Erste und Hochste sei, von dem alles komme, zu dem alles kehre.

Er war daher sehr unglucklich, denn er sehnte sich nach Liebe und Freundschaft, aber nicht nach Menschen. Es blieben ihm wenig Freunde, aber er hatte immer eine Menge; er war nie ohne eine Geliebte, aber er hatte immer eine verloren die armen unbefangenen Weiber sehnten sich nach dem Hochsten, wenn er einige Wochen hohe Worte vor ihnen gesprochen und alles, wovon sie lebten, klein gemacht hatte; sie sehnten sich nach dem Hochsten, aber er zerbrach ihnen alle tiefere Sprossen der Leiter: da gaben sie sich hin, um mit ihm das Hochste zu erringen, aber sie gaben ihm ihr Hochstes hin er machte sich ein Gedicht aus der Sache, sprach von der Gottlichkeit der Liebe so gottlich, dass die Menschen zu Idealen der Kunst zu werden strebten und die Bildsaulen sich begattet hatten, wenn sie es wie jene gehort hatten.

Wer ihn nehmen konnte wie ein Element, wie einen Sommer, dem konnte er wohltun, denn man konnte ihn durch mancherlei Arten von Verehrung dazu bringen, dies oder jenes Wetter zu erschaffen; wer ihn aber nahm wie ein angewandtes Feuer, oder einen Gartner, und sich von ihm in der Landwirtschaft unterrichten liess, der konnte mit Weib und Kind verhungern.

Er wickelte sich bald mit sehr grossmutigen Gefuhlen von den Menschen los, und kam nach Oxford, um zu studieren: dort ergab er sich dem Skeptizismus, und sein Enthusiasmus, den er doch nun nicht mehr ablegen konnte, ward zu einem entsetzlichen, viel bosern Ding, zum schwarmenden Spotte.

Er zweifelte an allem; doch schien dieses, durch seinen Enthusiasmus gemildert, lauter Bescheidenheit, und alle Menschen waren so lange von ihm entzuckt, bis sie sich selbst an ihn verloren; dann nahm er ihre von ihm begeisterten Korper in den Arm, hob sie zum Himmel, opferte sie der ganzen Natur, schlachtete sie mit seinem Spotte, mit der Trane der Ruhrung, dass es ihm verliehen sei, sie in so gottlichem Rausche ohne Schmerzen zu toten, verbrannte sie dann mit schonen Gebeten im reinen Feuer des Enthusiasmus, streute ihre Asche in alle vier Elemente, und verspottete sich hintennach selbst.

Sein Enthusiasmus nahm nun immer mehr ab, und ebenso wuchs sein Spott. Vorher hatte er die Menschen zernichtet, weil er sie Engel nannte, jetzt zernichtete er sie, weil sich die schone Tauschung gelost hatte er, der vorhin mit so grossen herrlichen Wesen offentlich war gesehen worden wie konnte er nun mit den schlechten Menschen umgehen!

Er war noch eitel, und genoss nun in der Verachtung, und wenn er vernichtete, war er in seinem Berufe.

Und bei allem dem so unglucklich! Oft hatte er helle Minuten, und das waren die traurigsten: was hatte er nur verbrochen? dass die Welt so schlecht war, und er so vortrefflich warum war er nicht wie die andern schlechten Menschen, unter deren Hand alles aufbluhte, warum musste er zerstoren?

Wenn er solche Momente gehabt hatte, gab er das Gold haufenweise an die Armen, oder setzte sich zu Pferd und ritt im Lande herum denn das war ihm gleichviel.

Man kannte ihn um ganz Oxford herum, denn er kehrte oft bei den adlichen Familien auf solchen Fahrten ein, weil er doch nicht lange mit der Natur allein sein konnte, die ihm die Wahrheit zu sehr sagte.

Bei diesen Gesellschaften nahm er manchem guten Fraulein die Ruhe, denn er legte es drauf an, und war ein schoner liebenswurdiger Mann.

In Oxford ging er mit ausschweifenden Madchen um, und bekehrte, was andere verfuhrt hatten, um sie auf eine richtigere Art zu verfuhren.

Alle hielten ihn fur einen sehr gefahrlichen Mann, und fielen doch gerne in seine Schlingen, denn es waren die, in denen es Mode und gleichsam honett war, einmal gefallen zu sein und es war auch bequem, denn er war diskret aus Hochmut.

Er machte auf einer seiner kleinen Reisen die Bekanntschaft eines sehr schonen, in der ganzen Gegend als ein Wunder von Verstand bekannten Madchens: auch sie war lange auf ihn begierig gewesen, sie war stolz, siegreich, und wusste nicht, wie sinnlich. Sie hatte es lange gewunscht, sich mit ihm zu messen, aber so hatte sie ihn nicht vermutet.

Sie sass am Tische neben ihm, und koquettierte mit Todesangst, er aber war kalt, ohne allen Witz, beissend verstandig, zerlegte ihre Reize und ihre Worte sehr ruhig vor der ganzen Gesellschaft, und sah dabei aus wie ein Engel der Gute diese Gattung war seine Hauptstarke.

Das arme Madchen war in der schrecklichsten Not, ihr ganzer Ruhm stand auf dem Spiel. Sie war daher fest entschlossen, ihn zu besitzen und fing an, alle seine kalten Reflexionen, seinen edlen Spott mit einer scheinbaren Unschuld aufzunehmen und ihr Verstehen vor der Gesellschaft in sehr gefuhlvollen Auslegungen zu entwickeln.

Es tat seine Wirkung, die Gesellschaft, besonders die Weiber, welche sich anfangs gefreuet hatten, dass sie endlich doch da gescheitert sei, wo alle scheiterten, verstanden bald das Gesprach der beiden nicht mehr, und sahen nur mit Eifersucht die gelogene Zufriedenheit Mollys von Hodefield.

Godwi merkte das alles recht gut, und er war zu beschaftigt, seinen Ton fort zu halten und zugleich auf einen letzten vernichtenden Schlag zu sinnen, als dass er hatte empfinden konnen, wie liebenswurdig Molly war.

Aber ihr blieb heute der Sieg, denn sie stand schnell vom Tische auf, und sagte, dass sie zu einer Freundin musse, die krank sei; zugleich wendete sie sich, mit einer ziemlichen Vertraulichkeit zu unserm Spotter, und sagte unbefangen:

"Ich hoffe, lieber Freund, Sie heute abend uberzeugt zu haben, wie ich Sie sehr gut verstehen und wie ich gar nicht begreifen kann, dass man Ihren Grundsatzen einen so bosen Ruf gegeben wahrlich, wenn Sie in Ihrer Gute fortfahren, mich so wenig zu besuchen, weil Sie glauben, es konne meinem Rufe schaden, so ubertreiben Sie; ich kann nicht begreifen, warum Sie mich nicht ofter besuchen sollten; wir sind immer so ungestort als das letztemal, denn Sie wissen, ich bin allein und ganz mein Herr Sie wackrer Mann, wie kann man Sie gefahrlich nennen? Es ist umgekehrt, Ihnen ist alles gefahrlich; doch ich verspate mich, denken Sie an den Weg zu mir."

Sie hatte Godwi nie gesehen, trat ihm dabei auf den Fuss, den er mit einem spottenden Nichtverstehn zuruckzog; aber das storte sie nicht, sie legte ihm freundlich die Hand auf die Schulter, und verliess die Stube.

Ihm war ein solches Weib interessant, er hatte lange keinen so ehrenvollen Kampf gehabt und er nahm es stillschweigend an. Ihre Sicherheit schien ihm nur Sicherheit, aber sie hatte ihn doch um ihre Verlegenheit betrogen.

Als sie weg war, war es nun seine Sache, die Anwesenden zu qualen; er sprach deswegen mit Begeisterung von der Liebenswurdigkeit Mollys, und liess nachher jede einzelne Liebenswurdigkeit fur sich uber die Klinge springen.

Neunundzwanzigstes Kapitel

Den folgenden Morgen ritt er schon nach Mollys Landhaus. Als er an ihrem Garten vorbeikam, und sie in einer offnen Laube mit einem andern Frauenzimmer sitzen sah, rief er ihr zu: "Ich komme nun ofter" und sprengte dem Tore hinein.

Molly war sehr uberrascht, ihn zu sehen, und wusste nicht, ob sie sich freuen oder bedauern sollte; aber sie fuhlte sich schon in den bezauberten Strom, den jede Liebe unter exzentrischen Umstanden bildet, hingezogen.

"Arme Molly! ist dieser die Ursache deines Schweigens seit gestern", sagte Kordelia6 zu ihr, und verliess sie.

Godwi kam nun den Garten herauf, und da er sah, wie Kordelia Molly verliess, so beugte er um eine Allee herum, um ihr zu begegnen. Dies tat er, um Mollys Stolz zu mildern, indem er sie sehen liess, dass er nahe bei ihr noch einen Umweg nehmen konnte, um irgend einem andern Weibe zu begegnen. Kordelia grusste ihn nicht, als er an ihr voruberging er stand einige Minuten still und sah ihr nach, bis sie ihm aus den Augen kam. Dieser Moment ist ihm ein Stillstand seines Lebens geworden, er wusste nie, warum; aber er hat nie vergessen, wie er stillstand, und sie an ihm voruberging.

"Verirren Sie sich nicht", horte er Molly rufen, und seine wunderbare Ruhrung bei Kordeliens Anblick ward schnell ein Mittel, diese zu demutigen; er trat vor sie mit den Worten:

"Ihre Freundin ist so schon, so stolz, dass man leider verloren ist, ohne den Genuss zu haben, sich zu verlieren."

Molly fuhlte die Spitze, und erwiderte ihm, dass sie ihn wieder suchen wolle, um ihm die Freude zu machen, sich zu verlieren.

Es spann sich bald ein Gesprach zwischen ihnen an, wie es zwischen dem schonen stolzen Spotter und der stolzen sinnlichen Enthusiastin sich weben konnte. Godwi erkannte ihre Schwache, und ihre Starke, er fand, dass er ihren Kopf entwaffnen musse, um sie zu demutigen, und wie leicht war ihm das denn sie antwortete schon auf seine Schonheit, als sein Verstand noch allein mit ihr koquettierte. Seine Besuche wiederholten sich, er schien ihr anhanglich zu werden, denn er fasste schon oft ihre schone Hand bei diesen Unterhaltungen, und zahlte seine Ursachen an ihren Fingern her.

Ihr Umgang erhielt auch schon jenen geheimnisvollen verfuhrenden Reiz, wo sich das Geschlecht in die entferntesten Ideen mischt, sie waren schon so vertraut, dass sie hier und da manches sagten, was sie nicht recht ausgesprochen hatten, ihr Wort fing an Fleisch zu werden. Molly wehrte sich, und Godwi ergotzte sich dran, wie sie in dieser Glut stets so heilig, und er immer witziger ward.

Sie liebte ihn nun wirklich: wenn er nicht zugegen war, weinte sie oft heisse Tranen, und hatte in ihrer Liebe den sehnlichen Wunsch, an ihrem Herzen diesen Mann der Welt wiederzugebaren; aber sie wollte ihn eigentlich nehmen, wie er war.

Er war der einzige Mann bis jetzt gewesen, der ihr Punkte vorschreiben konnte, die sie denkend nicht zu uberschreiten wagte, und wenn das sinnliche Madchen an ihrer Toilette sass und ihre Locken ringelte, so riss sie oft alle die schonen Schlingen wieder auseinander, faltete die Hande, druckte sie gegen ihren entblossten Busen, und sagte mit heissen Tranen in den grossen Augen: "Ach sollte der kalte Spotter hier an diesen beiden Leben nicht wieder zum Enthusiasten erwarmen konnen?"

Kordelia entfernte sich immer mehr von ihr ." "Ich will Ihnen", unterbrach sich hier Godwi, "nicht weiter erzahlen, wie mein Vater dies Weib verfuhrte."

Bald lag er an diesen beiden Leben, aber er war nicht wieder zum Enthusiasten erwarmt, er spielte mit ihnen, wie mit allen Leben, nahm alles, was die volle Blute ihm entgegendrangte, schwor ihr, er habe mehr genossen, als er vermutet habe, und verliess ihr Bett; sie fasste ihn mit ihren zarten Armen und verstand ihn nicht.

"Lose deine Bosheit im einzigen Ergeben, lieber Godwi," sagte sie, "o zurne nicht, dass du ein Mensch bist, hat dich doch das Leben noch geliebt; ach du glaubtest nicht, dass noch solche Einheit bestehe"

Sie kniete vor ihm, umschlang ihn, ihre holde Blosse bewegte ihn nicht.

"Fraulein," sagte er, "Sie erniedrigen sich, schonen Sie Ihrer Gesundheit, Sie werden sich verkalten," und eilte aus der Stube.

Sie lag noch lange auf den Knien, und konnte am Morgen nicht mehr weinen.

Als Godwi durch den Garten ging, stand er in einem Gebusche still, er sah Kordelien im Mondscheine stehen, ruhig wie eine Bildsaule: er war wunderbar erbittert, und kalt, als er sie sah, er konnte sie nicht erdulden und konnte er etwas Schlechteres tun, als zu ihr hingehen und sagen: "Guten Abend, Miss, noch so spat, mit der Natur beschaftigt? gehen Sie doch zu Ihrer Freundin, sie befindet sich nicht ganz wohl sehen Sie, es war nicht gut anders moglich, ich konnte nicht anders ".

Kordelia hatte nie mit ihm gesprochen; aber Molly hatte ihm ihr wunderbar andachtiges Gemut in ihren Umarmungen verraten.

Kordelia floh erschrocken vor ihm, und er ritt weiter. Wie es ihm war, weiss Gott er konnte nicht begreifen, als er so vor sich hin ritt, warum er ein so schlechter Mensch sei, und warum er sich nicht mit Molly verbunden habe: da fing er an, schneller zu reiten, und wusste nicht, warum er sein Gewissen durch einen starken Trab uberreiten konnte. Molly fuhlte sich so erniedrigt, als es ein Weib je werden kann, die sich nicht hinbietet: sie hatte Kordelien alles vertraut, und diese liess die merkwurdigen Worte fallen:

"Das kenne ich wohl ".

Kordelia konnte ihre Freundin nicht trosten, denn sie wusste, dass nichts trosten kann, wo das Edelste zertrummert ist und zu jener Erhebung des Gemutes, zu der sie selbst sich gerettet hatte, war Molly nie fahig, da sie zu feste durch die Sinne ans Leben gebunden ward .

Molly verliess nun ihre Wohnung nicht mehr, und ihre Trauer bewegte sich in der einformigsten Umgebung; hatte sie weniger Leben in sich gehabt, sie wurde wohl den Verstand verloren haben aber sie sehnte sich dennoch nach Liebe, obschon nicht nach der ewigen; sie bildete neue Reize in sich, die weniger witzelten und herrschten, jenen stummen tiefen Reiz, dem man sich ergiebt wie dem Schlummer an heissen Tagen, und dem man am kuhlen Abend rustig entgeht .

Sie konnte diese Schwermut nicht bewegen, und war selbst leidend, wenn sie reizte, dabei ein Bewusstsein bei allem diesem, das sie zur Frevlerin machte.

Ihre Liebe zu meinem Vater war nicht ohne Leben geblieben, sie gebar einen Sohn, (Sie kennen ihn unter dem Namen Romer), und liebte ihr Kind .

In der Nacht seiner Geburt verschwand Kordelia von dem Landhause, ohne dass irgend eine Nachricht von ihr zu finden war.

Nun war sie ganz allein, und sehr unglucklich: sie schrieb mehreremal an meinen Vater, ohne Antwort zu erhalten, er moge sich ihrer erbarmen; aber von seinem Kinde meldete sie nichts: sie gehe auf bosen Wegen, schrieb sie, ihre Ehre sei verloren, und sie werde noch tiefer sinken ohne ihn, er moge sie wieder aufrichten; sie erhielt keine Antwort .

Um der Verzweiflung zu entgehen, zog sie in die nahgelegne Stadt, machte vielen Aufwand, und war eine galante Frau, mit einem armen zerrissenen Herzen.

Man gewohnt sich an alles, sie gewohnte sich an den freien Umgang mit Mannern, an ihren ublen Ruf und seine Folge, ihren ublen Beruf, sie horte ihr Leben auf und fing eine Lebensart an.

Sie war also keine exemplarische Frau, aber dennoch eine vortreffliche Mutter: ihr Sohn erhielt die schlichteste reinste Erziehung, von ihr getrennt; jahrlich sah sie ihn mehrmal, und wer sie in den Minuten gesehen hatte, wo sie ihn in den Armen hielt, er hatte ihre Lebensart eine Lugnerin gescholten.

So lebte sie mehrere Jahre: ihr letzter Gunstling war Carl von Felsen, ein Deutscher; er brannte so heftig fur sie, und die schonen Trummer ihres ehemaligen Gemutes ruhrten ihn so tief, dass er sie verliess, ohne ihr zu sagen wie er meinen Vater aufsuche, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen; er reiste ihm lange nach, denn er hatte keinen festen Aufenthalt mehr.

Molly konnte das plotzliche Verschwinden ihres Geliebten nicht begreifen, und es schmerzte sie um so mehr, da sie den Entschluss gefasst hatte, sich mit ihm zu verbinden, und in ihm ihr unruhiges Leben zu losen. Einige Monate nach seiner Entfernung besuchte sie ein Mann, den Felsen empfohlen hatte wie seinen einzigen Freund, dieser war niemand als Joseph, der aus Deutschland nun einige Monate weg war .

In dem Briefe, den er von Felsen mitbrachte, standen folgende Zeilen

"Geben Sie diesem Menschen Ihr ganzes Vertrauen; ich hoffe, dass er vieles in Ihrem Herzen wieder erbauet, was ich nicht kenne, und doch vermisse, denn ich liebe Sie: aus seinen Handen empfange ich Sie gern, er soll unser Mittler werden."

Joseph konnte ihr nicht sagen, wo Felsen war, er hatte seinen Brief in London ohne Anzeige seines Aufenthalts erhalten .

Wie Joseph auf sie wirkte, wissen wir aus ihrem Briefe im ersten Bande dieses Romans, Seite 81 . Sie ging als ein neues Wesen aus seiner Hand hervor, und war entschlossen, einstens in Deutschland zu leben, wo er sein werde.

Joseph reiste nun nach Amerika. Molly harrte und harrte auf Felsen, aber es sollte ihr nicht werden, sich ihm als ein ruhiges entschlossnes Weib zu geben.

Felsen hatte meinen Vater gefunden, hart mit ihm gerechtet, und es kam zum Zweikampf: mein Vater ware so gerne totgeschossen worden, aber er sollte seinen Gegner toten .

Molly erhielt diese Nachricht, ohne zu erschrecken; sie sagte nur: "Warum musste dieser sterben, und ich darf leben?" Denn sie hatte nur gehort, dass er getotet worden sei: da sie aber einen Brief von meinem Vater erhielt: "dass er ihren Geliebten erschlagen habe, und nun sehr gestraft sei fur das, was er an ihr begangen habe", wollte sie verzweifeln .

Mein Vater floh nun nach Deutschland: er hatte sich fest entschlossen, alles in sich zu verschliessen, und ruhig ein neues einfaches Leben zu beginnen.

Sie wissen, was er tat, aus Mariens Geschichte; Sie mussen aber noch wissen, warum Joseph ausblieb. Er hatte einen Sturm erlitten, war lange verschlagen gewesen, und fing dann wieder an zu schreiben. Diese Briefe hat mein Vater aufgefangen, und der Totenschein war falsch. Als Joseph nach England kam, besuchte er Molly, er fand sie wieder auf ihrem Landhause, mit wenigen Freunden umgeben, und horte Carl von Felsens Tod durch Godwis Hand. Mit Molly traf er die Verabredung, ihr aus Deutschland zu schreiben, ob und wo sie hinkommen solle .

Was er dort fand, wissen Sie.

Dreissigstes Kapitel

Joseph war eine Zeitlang umhergeirrt, verband sich endlich mit der Tochter eines Amtmanns in einem kleinen Stadtchen, arbeitete mit seinem Vater zugleich: da dieser und bald darauf sein Weib gestorben war, zog er auf den Berg, wo wir ihn unter dem Namen Werde Senne kennen gelernt haben.

Godwi wendete sich hier lachelnd mit folgenden Worten zu mir:

"Sie sind wunderbar mit dem guten Joseph im ersten Bande umgesprungen, Sie haben einen so geheimnisreichen Grabstein aus ihm verfertigt, dass kein Mensch raten sollte, wen er bedeckt, ebenso mit Otilien."

"Ich kann mich nicht entschuldigen," erwiderte ich, "aber ich wollte, es reute mich nicht, und ich hatte meine Geschichte ausschreiben durfen, ich wollte immer an einem Himmelfahrtstage einen sterben und am Allerseelen-Tage seine Nachkommen beten lassen, und alle hatte ich am Allerheiligen-Tage noch einmal im Himmel schlecht grouppiert doch, Lieber erzahlen Sie fort, damit wir das Volk nach und nach vom Halse bekommen; ich versichere Sie, es schleppt sich noch wie ein Leichenwagen, und ich glaube, ich werde ruhig sein, wenn die ganze Geschichte aus ist, fahren Sie fort."

"Molly zog nun nach Deutschland in die Nahe von Josephs Aufenthalt, ihr Sohn blieb noch in England in einer Handlung."

Auf ihrem Wege begegnete ihr folgendes, was wieder einen Knoten in Ihrem ersten Bande loset.

In einem Gasthofe horte sie neben ihrer Stube sehr heftig weinen und klagen, es war eine Italianerin. Molly ging zu ihr und bat sie, sich ihr zu vertrauen. Die Italianerin erzahlte ihr nun unter vielen Ausrufungen, dass sie von einem jungen Manne gegen den Willen seiner Eltern aus dem Kloster sei entfuhrt worden, dass sie nun hier angekommen und ohne allen Unterhalt seien, sie sei hier in einem lutherischen Lande getraut worden, und fuhle nun den ganzen Fluch ihrer Kirche: "Ach! sagte sie, Madam, hatte ich nur mein Kind geboren, ich wollte gerne sterben."

Molly versprach Hulfe, sie horte, dass ihr Mann ein Maler sei, und verschaffte ihm Arbeit in der Stadt. Sie selbst verliess die junge Frau nie und schwor ihr, fur ihr Kind wie eine Mutter zu sorgen.

Die Italianerin brachte einen Sohn zur Welt, und starb. Der Mann kam in die Stube, sah sein totes Weib, verliess das Haus und war nicht mehr zu finden. Das Kind erhielt den Namen Eusebio und Molly nahm es als das ihre an. Nachdem sie den kleinen Eusebio zwei Jahre erzogen hatte, und er immer sehr kranklich gewesen war, brachte sie ihn zu Joseph hinauf, damit ihm die freie Luft gedeihen moge.

Auch aus diesem Knaben haben Sie ein recht abenteuerliches Geschopf zu machen gesucht, mein Freund!" sagte Godwi hier zu mir.

"Ich verdiene das alles," erwiderte ich, "aber fahren Sie fort, jedes Wort der Geschichte langweilt mich so, dass es mir wirklich mehr Strafe ist, sie anzuhoren, als alle mogliche Vorwurfe."

"Sie werden einsehen, lieber Maria," fuhr Godwi fort, "dass dieser Maler Franzesko Firmenti, und das junge Weib seine Cecilia ist, von denen Antonio Firmenti an meinen Vater schrieb. Seinen Brief haben Sie allein unverfalscht gelassen.

Ich wende mich nun wieder etwas zu meinem Vater. Dieser hatte wahrend dem, was ich Ihnen erzahlte, sich hier in der nahgelegenen Stadt etabliert, und dieses Landhaus gekauft. Mariens Tod, Josephs Elend hatten einen machtigen Riss in sein Leben gemacht, er ward sehr melancholisch und uberliess sich der Reue in einem furchterlichen Grade. Er floh mich, und ich verzweifelte in den Handen der Lehrer. Einen Freund hatte ich, der einige Jahre alter war; er war als elternlos meinem Vater aus England geschickt worden, denn er hatte jemand gesucht, um mir einen Gesellschafter zu geben . Dieses ist Romer, Mollys Sohn. Sie wusste es wohl, sie wollte Godwi zwingen, Vater zu sein, und hatte durch Romer einen Faden angelegt, sich wieder mit meinem Vater zusammenzuspinnen.

Ich fuhrte ein trauriges Leben, bis mir endlich mein Vater erlaubte, zu reisen, er wunschte, ich mochte nach Italien gehn ; aber Sie wissen, wie ich reiste, die Freiheit war so wunderbar, so suss, dass ich oft in einem Dorfe einen halben Tag zubrachte.

Als ich nach B. kam, ward ich mit Molly bekannt, von deren Zusammenhang mit mir ich nichts wusste.

Die Frau war noch sehr schon, und es hatte mich vorher noch kein Weib in die Arme gefasst. Sie offnete mir einen ganz neuen Sinn furs Leben, ich habe von niemand mehr gelernt als von ihr.

Sie ward sonderbar durch mich erregt, ihre Schwarmerei besiegte ihre Erfahrung, und sie beweist in ihrem Briefe an Joseph, den Sie im ersten Bande Seite 81 mit Ihren undeutlichen Kunststucken verdorben haben, dass keine sogenannte Besserung moglich sei, wenn man das als Sunde annimmt, was unmittelbar aus dem Zentrum unsers Daseins aufflammt. Sie war als ein sinnliches Weib erschaffen worden, und war so unschuldig geblieben, wie sie Gott erschaffen hatte, das heisst sinnlich; und hatte ihr die Natur nicht einen Fingerzeig gegeben, sollte sie etwa begehrend und liebenswurdig geblieben sein langer als die meisten, um das Rettungsmittel der Moral anzuwenden, da sie nicht zu Grunde gegangen war?"

"Es klingt paradox," sagte ich, "aber es ist doch wahr: wer zur Wollust geboren ist, und sie nicht ubt, fuhrt ein recht lasterhaftes Leben. Es ist nichts Unkeuscheres als ein recht sinnliches Madchen, das keusch ist, und eine Violette, die sich bekehrt, verliert ihre Unschuld. Der Staat aber ist nur auf eine Gattung eingerichtet, und besteht aus sehr schlechten Menschen, weil ein Teil gut und der andere schlecht werden muss, um tugendhaft zu sein, wie es der Staat will ".

"Doch siegte das schlechte gute Prinzip in ihr, und sie schickte mich weiter. Wie ich zu Joduno und dann zu Otilien kam, wissen Sie.

Es bleibt mir noch etwas zu losen, es ist die Erscheinung der weissen Frau mit dem Kinde im Arm, die Sie im ersten Bande Seite 157 so unerklart erscheinen lassen; es ist niemand anders gewesen als die Englanderin, die ihren Pflegling Eusebio besucht hatte, ohne mir doch begegnen zu wollen. Sie trennte sich eben im Walde von ihm: als ich mit Otilien auf die kleine Wiese hervortrat, hielt sie ihn in den Armen, und was Sie, mein lieber Maria, zu den stillen Lichtern gemacht haben, ist nichts anders gewesen als eine kleine Handlaterne, mit der sie Eusebio zu ihrem Wagen zuruckbegleitete ."

Einunddreissigstes Kapitel

"Der Mann, welcher sich bei meinem Vater aufhielt," fuhr Godwi fort, und von dem ich Ihnen schon gesagt habe, dass er Annonciatens Bild, wie auch das von Marien und Wallpurgis, malte, war Franzesko Firmenti, wie Sie wissen.

Er war in London in einem Irrenhause von seiner Verrucktheit geheilt worden. Wie er hingekommen sei, wusste er nicht, und da er wiederhergestellt war, wollte er nach Deutschland, um eine gewisse Dame aufzusuchen, die, wie er sich erinnerte, an dem Todesbette seiner Frau gesessen habe; wie sie hiess, konnte er sich nicht entsinnen.

An meinen Vater war er empfohlen worden, und arbeitete bei ihm, wahrend dieser sich umsonst bemuhte, jene Dame auszukundschaften.

Ein glucklicher Zufall fuhrte ihn endlich: er wollte, Franzesko sollte ihm Molly malen, nach einem kleinen Gemalde das er noch aus jener Zeit besass. Franzesko erkannte Molly, und da ihm mein Vater ihren Namen sagte, so war er gewiss, dass sie seine Wohltaterin gewesen war.

Er war nun nicht mehr zu halten, und reiste zu ihr hin. Sie freute sich innig, dem kleinen Eusebio seinen Vater wiedergeben zu konnen und freuen Sie sich, lieber Maria, freuen Sie sich", unterbrach sich Godwi.

Ich fragte ihn verwundert, warum?

"O es giebt nun bald einen herrlichen Zug, eine Volkerwanderung, die uns Luft machen wird! Sie erzahlten mir, wie Sie auf dem hohen Berge am Rhein auf einem Baume sassen, und den Zugvogeln gluckliche Reise wunschten, solche Zugvogel werden gleich an uns voruberziehen.

Durch Franzesko kamen Molly und mein Vater wieder zusammen.

Sie konnen sich denken, wie ich uberrascht ward auf meiner alten Burg, da mein Vater und Molly ankamen, ich kannte alle diese Verbindungen nicht .

Mein Vater reichte mir zuerst die Hand, da er hereintrat.

"Ich hatte dich nirgend lieber gefunden als hier," sagte er, "wo ich alles wiederfinde", dann wendete er sich zu Joseph mit folgenden Worten

"Joseph, ich bin zu alt, um vor dir niederzuknien, und dich um Verzeihung zu bitten, reiche mir deine Hand, meine kann nichts Boses mehr tun, und deine kann noch verzeihen, ich habe schwer gebusst."

Der alte Joseph stand ruhig auf, weinte, und umarmte ihn: "Wenn die Folgen sterben," sprach er, "ist keine Ursache mehr."

Otilie stand ruhig neben mir, auch ich stand ruhig .

"Lieben sich unsre Kinder?" sagte mein Vater zu Joseph.

Ich umarmte Otilien geruhrt, und beide sagten wir ruhig: "Nein."

Franzesko sass mit seinem Kinde im Arm stumm in einem Winkel.

"Es fehlt noch einer," sagte Molly zu meinem Vater, "dein Pflegesohn Romer, wisse, er ist unser Kind! Du hast einen guten Menschen aus ihm erzogen; darum verzeihe ich dir so gern, dass du mich nicht mehr liebtest, als ich ihn gebar." "Nun geht es zu Ende," unterbrach sich Godwi freudig, "nun sind wir gleich auf dem hohen Baume am Rhein, und aller Druck sturzet hinab, wir werden gleich der ganzen fatal verwickelten Geschichte los sein, die Zugvogel regen schon ihre Schwingen ."

Ich erhielt von meinem Vater den Auftrag, nach F. zu reisen, Romern vorzubereiten, und ihn dann zuruck zu seinen Eltern zu bringen.

Ich traf ihn aber schon unterweges, und zwar mit Joduno, es war in einem kleinen Wirtshause, nahe bei Eichenwehen.

Wir umarmten uns herzlich, Joduno kam mir freundlich entgegen, und kusste mich; sie sah sehr blass aus, und ich fragte, ob sie krank gewesen sei.

"Romer wird Ihnen alles erzahlen", sagte sie; "und ich horte nicht ohne Ruhrung von Romer, dass er in seinem letzten Briefe an mich nur zu wahr geweissagt hatte, denn er sagte mir:

"Die Brunette ist gestorben, sie hat unsre Liebe gestiftet, meine und Jodunos Liebe, das war die letzte und schonste Tat ihres Lebens; was sie am Allerseelen-Tage, da Joduno in F. ankam, gesagt hatte, als sie mit ihren Geschwistern vom Grabe ihrer Mutter zuruckkam, ist wahr geworden. Es hat sie leise hinabgezogen, sie ist vorige Woche gestorben ".

Romer sagte mir noch, dass er Joduno nach Hause begleite, um ihrem Vater seine Liebe darzustellen, und dann hange es von der Gute meines Vaters ab, ihn zu unterstutzen, damit er sich irgendwo ehrenvoll niederlassen konne.

Hier sagte ich ihm nun, dass sein Vater und seine Mutter gefunden seien, und ihn auf der Burg erwarteten. Wir eilten dahin.

So wunderbar verbunden waren nie Menschen wie diese, aber ich fuhlte, dass ich nicht zu ihnen gehorte.

Mein Vater ging selbst nach Eichenwehen, um bei dem alten Edelmann die Tochter fur Romer zu begehren, und sie ward ihm gegeben . Romern aber ubergab er seine Handlung, die dieser nach B. hinzog, damit Joduno naher bei ihrer Heimat sei .

Mir ward dieses Gut und ein betrachtliches Vermogen zuteil, und mit dem kleinen Eusebio an der Spitze zog nun der Zug nach Italien.

An der Spitze flog Eusebio, hinter ihm Franzesko und Otilie, und hinter diesen mein Vater nebst dem alten Joseph, in ihrer Mitte aber Molly von Hodefield, so piramidalisch, wie die Storche fliegen adieu ."

"Gluckliche Reise," sagte ich, "kommt um Gotteswillen nicht wieder !"

"Nein," sagte Godwi, "eine gute Partie ist davon gestorben. Otilie lebt noch, sie hat sich Franzesko vermahlt."

Nun sind wir mit dem verzweifelten zweiten Bande fertig ich kniete mich vor meinen Freund, und bat ihn herzlich um Verzeihung. "Ich will es nicht wiedertun," sagte ich.

"Eins noch habe ich vergessen," hob er zu meinem Schrecken wieder an, "ich muss noch einiges erzahlen, was ich auf meinem Gute fand.

Ich reiste zuruck frei und frank, und so gesund an Leib und Seele, wie ich es nimmer gehofft hatte. Da ich in dem Walde ankam, fand ich das neu angelegte Jagerhaus, und in ihm Kordelien: wie sie hierhin gekommen war, habe ich nie erfahren, sie rechtfertigte sich durch ein Legat von meinem Vater, das ihr hier freien Unterhalt bis zu ihrem Tode versicherte.

Auf dem Gute selbst brachte ich noch einige Zeit zu, und beschaftigte mich teils mit den Gemalden und Statuen, die seit meiner Abwesenheit entstanden waren, teils mit meinem Gemute. Nachdem ich dann mit den Wiedertaufern meine Rechnungen abgeschlossen und das Gut vollig ubernommen hatte, entschloss ich mich, an den Rhein zur Weinlese zu reisen. Nun sind wir eigentlich fertig." Hier nahm mich Godwi am Arme, wir gingen aus der Eremitage zuruck, und fanden Habern schon beschaftigt, seine Rolle in Flamettens Lustspiel auswendig zu lernen.

Fragmentarische Fortsetzung

dieses Romans

wahrend der letzten Krankheit des Verfassers, teils

von ihm selbst, teils von seinem Freunde

Georg, der Bediente Godwis, ist vorgestern gestorben. Als man ihn begrub, wo seine fruher verstorbene Braut ruht, war es mir sehr traurig, ich konnte nur wunschen, auch da zu schlafen. Warum man dieses wunschen kann, weiss kein Mensch. Meine Freunde sind wie Engel an meinem Lager, und sprechen mir freundlich Trost zu.

Godwi hat mir heute manches von seiner Reise an den Rhein erzahlt, was ich niedergeschrieben habe, so gut es meine Krankheit erlaubt. Godwi reiste mit frohem Mute nach dem Rhein, trank mit den frohlichen Weinlesern, und kusste die schonen lustigen Madchen, wenn er mit ihnen getanzt hatte. Es war ein herrliches Leben, eine einzelne Liebe war nicht moglich, der Mensch konnte sich nicht zum einzelnen Menschen neigen, es war alles wie in einer goldnen Zeit, man liebte alles und ward von allem geliebt. Die Berge waren nicht zu hoch, und die Taler nicht zu tief, und der Rhein nicht zu breit, die Freude und Gesundheit ebnete und einigte alles zu einem mannichfaltigen Tummelplatze glucklicher Menschen. In einer Abtei, die er besuchte, fand er recht lustige Monche, die ihn gern unter sich behalten hatten, denn er trank mit ihnen herzlich, und sang ihnen muntre italianische Arien zur Orgel.

Bald aber drangte sich ihm alles zusammen. Er ritt auf einem Streifzuge durch das freudige Land abends durch die Weinberge, rings schallten die Gesange der zuruckkehrenden Arbeiter, aus den Garten brannten Feuerwerke in die Hohe, und jauchzende Stimmen tonten von allen Seiten. Alle Herzen waren erschlossen und hingegeben, aber er entbehrte doch einen Standpunkt, von dem er das alles hatte ubersehen konnen. Er wunschte sich einen dunkeln vertraulichen Vorgrund zu dem freien hellen Gemalde, und eilte aus einem Zirkel in den andern.

Wie konnte er ein solches Bedurfnis nur auch in andern voraussetzen unter diesen unbefangnen Menschen, die das Fest des frohlichen Gottes versammelt hatte, sie lebten ja nur im Herbste, und waren zu dieser Freude aus dem ganzen Lande zusammen gezogen, und was wollte er dann, warum lachte und scherzte er, und ging dann finster weg, konnte er nicht genug haben, wo alle Uberfluss fanden?

Das sind ganz offentliche Fragen; er aber sehnte sich nach Heimlichkeiten, er wunschte alle die Freude aus Liebchens Fenster zu sehen, und still vor sich hinzudenken: mein Herbst klingt nicht, und singt nicht, aber ich gebe ihn nicht um den eurigen.

Er hatte zwar sehr leicht ein Liebchen finden konnen, aber er wollte kein sehr leichtes, und hatte er sich Muhe gegeben, er ware auch zu gediegneren Verbindungen gelangt, aber er furchtete die Dauer.

Geniessen wollte er, und wie gern war es ihm zu verzeihen, der so lange in traurigen Familien-Geschichten verstrickt war. Mit Bequemlichkeit wollte er geniessen, das Leben oben auf dem Berge hatte ihn mit Bedurfnissen bereichert.

Otilien und den Greis und Kordelien, und Gott weiss, wie die verschrobenen edlen Seelen alle hiessen, vergass er gleich bei dem zweiten Becher Wein, bei dem dritten schwor er, nie ihre Gesundheit zu trinken, und dem vierten, sich selbst zu bewegen, und nun einmal ohne alle Barmherzigkeit zu leben.

Da er so abends am Rheine hinabritt, gesellte sich noch ein Reiter zu ihm. Es dammerte schon, er konnte ihn nicht erkennen; doch bemerkte er an dem Tone, mit dem er ihn grusste, dass es ein sehr junger Mensch sein musse.

Man fragte sich, wo der Weg hingehe, Godwi sagte recht aufrichtig:

"Mein Weg geht schnurstracks irgend wohin, wo ich Vergnugen zu finden denke."

"Vergnugen? Was nennen Sie so, wollen Sie etwa auf dem nachsten Dorfe mit ein paar Baschen irgend eines Weinhandlers Lotto spielen, oder sich von einem konservierten Mainzer Offizianten alle Weinjahre herzahlen lassen? oder"

"Nein, ich bitte Sie, zum Ekel, das habe ich genug! Aber ich reite immerzu, und kame ich nach Holland, ich suche, was ich eben nicht aussprechen kann, ich weiss nicht, ob es links oder rechts liegt, ich suche ein Verhaltnis."

"Ein Verhaltnis?"

"Nun ja, ich mochte gern lieben, und geliebt werden, und ohne Not und Angst, ohne Sorgen und Muhe, denn ich furchte mich vor nichts mehr als der Zartlichkeit, einen geschwornern Feind von der sentimentalen Welt konnen Sie sich nicht denken: ich habe heute abend einige ruhrende Gedanken bemerkt, die mir aus dem Herzen heraufkletterten, wenn die meiner nicht gedenken, so weiss ich nicht, ich habe ihnen gleich eine solche Quantitat Wein entgegengeschickt, dass ihnen Horen und Sehen verging, und sie Kopf uber hinabsturzten."

"Sie scheinen noch recht begeistert von Ihrem Siege, und verdienen einen Lorbeerkranz, reiten Sie mit mir links, ich will Sie in eine Gesellschaft bringen, wo Sie sicher alles finden werden, was man von Weibern verlangen kann."

"Ich reite mit."

Nun wendete der Begleiter sein Rosslein feldeinwarts, den Berg hinan, und sang mit einer hubschen Stimme dieses Volkslied.

Ein Ritter an dem Rheine ritt

In dunkler Nacht dahin,

Ein Ritterlein, das reitet mit

Und fragt: Wohin dein Sinn?

Mein Sinn, der steht nach Minnen,

Ich hab mich rum geschlagen,

Und konnt doch nichts gewinnen,

Und musst das Leben wagen.

Ei, hast du nicht die Ehr davon?

Die Ehr ist hohes Gut

Ich hatt die liebe Zeit davon,

Die Ehr ist mir kein Gut.

Mein Blut ist hingeflossen

Rot zu der Erde nieder,

So warm ich es vergossen,

Giebt mirs die Ehr nicht wieder.

Da sprach das kleine Ritterlein:

Dass Gott sich dein erbarm!

Du musst ein schlechter Ritter sein,

Weil deine Ehr so arm.

Ich will nun mit dir rechten,

Weil du nicht ehrst die Ehre;

Mein Ehr will ich verfechten,

Setz deine nur zur Wehre.

Des Ritters Unwill war sehr gross,

Drum er vom Rosse sprang,

Auch machet sich der Kleine los

Und sich zur Erde schwang.

Da fuhlt sich der Geselle

Von hinten fest umwinden.

Es ist die Nacht nicht helle,

Sie streiten wie die Blinden.

Und sinken beide in den Klee

Ei sprich! wer hat gesiegt!

Der Ritter ohne Ach und Weh

Bei einer Jungfrau liegt.

Ei hast du nicht die Ehr davon?

Die Ehr ist hohes Gut

Ich hatt die liebe Zeit davon,

Die Ehr ist mir kein Gut.

Godwi erfreute sich an dem muntern Liede seines Gesellschafters, und folgte ihm recht guten Mutes, und mit dunklen Hoffnungen.

An dem halben Berge lag ein altes Schloss, das noch bewohnt war, obschon es nicht ganz so aussah, denn es waren keine Lichter in den Fenstern, die Tore standen weit auf, und im Hofe regte sich weder Hund noch Mensch.

"Steiget ab, mein Freund, und lasst Euer Pferd nur laufen," sagte der kleine Geselle, herunterspringend.

Godwi war es manchmal zu Mute, als ware der kleine Mann ein Gespenst aus alter Zeit, denn er hatte einen Federhut auf, und war in einen Mantel gehullt.

"Aber wird mein Pferd nicht fortlaufen, wenn es kein Diener anhalt die Tore stehen ja sperreweit offen mein Freund."

Der kleine Reiter aber machte nicht viel Komplimente fasste Godwi beim Arm, zog ihn die Treppen hinauf, und lachte, wenn er anstiess.

Oben sagte er: "Nun legt Euren Mantel ab, nehmt den Hut in die Hand wir sind an der Ture, gleich werden wir in der Gesellschaft sein."

Godwi tat, wie er ihm sagte, der Kleine machte die Ture auf, stiess ihn in die dunkle Stube, in der er in seinem Leben nicht gewesen war, und schloss die Tur ab. Vor der Ture sang er lautlachend, indem er wegging:

Es ist die Nacht nicht helle

Sie streiten wie die Blinden ,

Da fuhlt sich der Geselle

Von hinten fest umwinden.

Zweiunddreissigstes Kapitel

Godwi stand nun in der Mitte der Stube, und wusste nicht, wie ihm geschehen, er sah gar kein Licht, die Fenster schienen verschlossen zu sein. Um sich nur ein wenig zu orientieren, tappte er an den Wanden herum, und was er fuhlte, waren abenteuerliche Schranke mit einer Menge Saulen, dazwischen Teller und Porcellain-Figuren.

Er verfolgte seine Entdeckungsreise rechts an der Wand herum, und stiess auf eine Gipsstatue; das war ihm nun schon interessanter, seine Hand gleitete leis auf und nieder, und er verweilte hie und da mit mehr Anteil, er konnte auch kein Stuckchen Gewand entdecken, und fand, dass es eine Venus sei.

Es tat ihm leid, dass er sie nicht ganz zugleich auffassen konnte, um den reinen Kunsteindruck zu haben, aber sie war nur zu fuhlen, und es ging ihm wie gewissen Kunstforschern, die das Gefuhl der Antike in den Fingern haben, und um sich die Vortrefflichkeit der Formen einzupragen, vom Nacken mit der Hand niedergleiten, am Hintern aber etwas modern werden, und einige freundliche Schlage mit Schalkheit drauf fallen lassen.

Er verspatete sich allerdings etwas bei der Venus, und hatte er nicht etwas leise rauschen horen, so wurde er uber ihr alles vergessen haben, ausser was er vermisste, dass sie lebendig sei.

Unruhig tappte er weiter, und beruhrte einen seidnen Bettvorhang: da er den Stuhl, der vor dem Bette stand untersuchte, fand er weibliche Kleider, ein gestricktes kurzes Rockchen, und ein gestricktes Jackchen, seidne Strumpfe: unter das Bett fasste er mechanisch, und fasste ein paar niedliche Schuhe.

Als er den Bettvorhang zuruckzog, horte er atmen, das setzte ihn in keine geringe Verlegenheit, und da er untersuchen wollte, wer es sei, knurrte ein Hund, und machte grosse feurige Augen. Er wollte nun nach dem Fenster hin, um die Laden aufzustossen, sein Fuss beruhrte etwas Tonendes, er fasste nieder, es war eine Guitarre, die am Stuhle lehnte, er klimperte darauf, aber das Atmen neben ihm ward nun doppelt, er schritt etwas vorwarts und fand, dass irgend ein Ausgang sein musse, denn es herrschte ein Luftzug.

Da er drauflos ging mit den Handen, wie mit Fuhlhornern durch die dicke Finsternis, fuhr er heftig zusammen, seine Finger beruhrten einen Menschen, er zog die Finger zuruck, und bald waren sie wieder vorwarts; er gleitete uber kuhlen festen Armen aufwarts, zu einem sehr schmalen Armel, eilte uber diese Brukke, und es zitterte unter seinen Fingern, lachte und floh, er wollte nach dem Luftzug, da schlug eine Ture zu, die ihm dicht an der Nase vorbeiflog.

Er ging nun unwillig quer durch die Stube, rannte einen Tisch mit Glasern um, und trat bald in einen erhobenen Erker, offnete die Fensterladen, und sah gluhend in die kuhle Nacht hinein. Sein Herz pochte heftig, er war ungeduldig, und immer fuhlte er nur noch seine Fingerspitzen.

Da stand er nun in einem dunklen Vorgrund zu dem hellen Gemalde, aber war dies Liebchens Fenster?

Es rauschte der breite Rhein nur noch als Musik aus der Ferne, aus den Dorfern und dem naheliegenden Stadtchen klangen die lustigen Walzermelodien, unordentlich doch gleich taumelnd und kreisend zusammen. Der susse Mostgeruch drang unter seinem Fenster von dem Weinberge herauf, der nahe Wald sauselte, und in der herrlichen trunknen Landschaft schossen jauchzend Schwarmer und Raketen in die Hohe, und zerplatzten noch frohlich im Tode aber Godwi konnte seinen bosen Mut nicht bezwingen. Es war ihm wie einem alten Popanz aus den Kindermarchen, der Menschen gewittert hatte.

Nun wendete er sich von dem Fenster, um zu versuchen, ob er nicht eine Klingel in der Stube finden konnte, einigen Larm zu machen; auch erinnerte er sich der Glaser, die er umgeworfen hatte, und endlich war er entschlossen, zu Bette zu gehen, wenn sich nicht bald jemand sehen liesse: als er aber die Stufe des Erkers herabsteigen wollte, fassten ihn zarte Hande, und zogen ihn auf einen kleinen Sopha, der an der einen Seite des Erkers angebracht war. So weit hat mir heute Godwi erzahlt.

Es ist mir traurig zu Mute, ich muss die Begebenheiten der uberfliessenden Gesundheit in Mensch und Natur beschreiben, und mir lost sich dieser Gegensatz immer mehr; ich schreibe mechanisch nieder, um meine Begrabniskosten herauszubringen.

Lieber Leser, wenn du wusstest, wie traurig das ist, singen, frohliche Lieder singen, und kaum die Lippe, viel weniger das Herz ruhren zu konnen.

Wahrend ich beschreibe, wie Godwi den herrlichen Rheinwein trank, muss ich grosse Arzneiglaser leeren, und reicht mir Freund Haber Gerstenschleim.

Wenn ich schreibe, wie er in der dunklen Stube an der Venus den Kunsteindruck nur einzeln hatte, habe ich den Eindruck der hasslichen Wirklichkeit an einer alten Warterin ganz; wenn er am seidnen Bettvorhang rauscht, und die freundlichen Kleidungsstucke mustert, sehe ich traurig uber die Blumen der kattunenen Bettdecke; fur seine Empfindung, wie ihn der Hund mit gluhenden Augen knurrend ansah, habe ich wohl noch einiges Mitgefuhl in schweren Traumen, wenn mich das Alp druckt; aber ich stosse erwachend nicht an eine tonende Guitarre, wider den Boden des tragen Bettes stosst mein Fuss, meine Hande klimpern nicht auf den Saiten, sie spielen auf der Bettdecke hin, und Haber sieht die alte Warterin bedachtlich an, weil dieses kein gutes Zeichen sein soll.

Wo Godwi den sussen Schrecken hatte, und seine Finger uber den zitternden warmen Busen hingleiteten, macht man mir schwerfallige Umschlage auf die Brust wenn ich aus dem Bett sprange, wurde ich nicht volle Weinflaschen mit dem freundlichen Tischchen umwerfen, leere Arzneiglaser auf dem traurigen Nachttische wurde mein schwankender Tritt erschuttern.

O! offnet mir die Vorhange, offnet mir die Fenster, dass ich die grunen Baume sehe, die kuhle Luft hereinwehe, dass mein Auge sich an dem hohen Himmel ergotze. Aber mir wird nicht besser, die Krankheit ziehet mich mit kalten Armen auf die Kissen nieder.

Die lustigen Musikanten

Da sind wir Musikanten wieder,

Die nachtlich durch die Strassen ziehn,

Von unsren Pfeifen lustge Lieder

Wie Blitze durch das Dunkel fliehn.

Es brauset und sauset

Das Tambourin,

Es prasseln und rasseln

Die Schellen drin;

Die Becken hell flimmern

Von tonenden Schimmern,

Um Kling und um Klang,

Um Sing und um Sang

Schweifen die Pfeifen, und greifen

Ans Herz,

Mit Freud und mit Schmerz.

Die Fenster gerne sich erhellen,

Und brennend fallt uns mancher Preis,

Wenn wir uns still zusammenstellen

Zum frohen Werke in den Kreis.

Es brauset und sauset

Das Tambourin,

Es prasseln und rasseln

Die Schellen drin;

Die Becken hell flimmern

Von tonenden Schimmern,

Um Kling und um Klang,

Um Sing und um Sang

Schweifen die Pfeifen, und greifen

Ans Herz,

Mit Freud und mit Schmerz.

An unsern herzlich frohen Weisen

Hat nimmer Alt und Jung genug,

Wir wissen alle hinzureissen

In unsrer Tone Zauberzug.

Es brauset und sauset

Das Tambourin,

Es rasseln und prasseln

Die Schellen drin;

Die Becken hell flimmern

Von tonenden Schimmern,

Um Kling und um Klang,

Um Sing und um Sang

Schweifen die Pfeifen, und greifen

Ans Herz,

Mit Freud und mit Schmerz.

Schlug zwolfmal schon des Turmes Hammer,

So stehen wir vor Liebchens Haus,

Aus ihrem Bettchen in der Kammer

Schleicht sie, und lauscht zum Fenster raus.

Es brauset und sauset

Das Tambourin,

Es rasseln und prasseln

Die Schellen drin;

Die Becken hell flimmern

Von tonenden Schimmern,

Um Kling und um Klang,

Um Sing und um Sang

Schweifen die Pfeifen, und greifen

Ans Herz,

Mit Freud und mit Schmerz.

Wenn in des goldnen Bettes Kissen,

Sich kussen Brautigam und Braut

Und glaubens ganz allein zu wissen,

Macht bald es unser Singen laut.

Es sauset und brauset

Das Tambourin,

Es prasseln und rasseln

Die Schellen drin;

Die Becken hell flimmern

Von tonenden Schimmern,

Um Kling und um Klang,

Um Sing und um Sang

Schweifen die Pfeifen, und greifen

Ans Herz,

Mit Freud und mit Schmerz.

Bei stiller Liebe lautem Feste

Erquicken wir der Menschen Ohr,

Denn holde Madchen, trunkne Gaste

Verehren unser klingend Chor.

Es brauset und sauset

Das Tambourin,

Es rasseln und prasseln

Die Schellen drin;

Die Becken hell flimmern

Von tonenden Schimmern,

Um Kling und um Klang,

Um Sing und um Sang

Schweifen die Pfeifen, und greifen

Ans Herz,

Mit Freud und mit Schmerz.

Doch sind wir gleich den Nachtigallen,

Sie singen nur bei Nacht ihr Lied,

Bei uns kann es nur lustig schallen,

Wenn uns kein menschlich Auge sieht.

Es brauset und sauset

Das Tambourin,

Es rasseln und prasseln

Die Schellen drin;

Die Becken hell flimmern

Von tonenden Schimmern,

Um Kling und um Klang,

Um Sing und um Sang

Schweifen die Pfeifen, und greifen

Ans Herz,

Mit Freud und mit Schmerz.

Die Tochter:

Ich habe meinen Freund verloren,

Und meinen Vater schoss man tot,

Mein Sang ergotzet eure Ohren,

Und schweigend wein ich auf mein Brot.

Es brauset und sauset

Das Tambourin,

Es rasseln und prasseln

Die Schellen drin;

Die Becken hell flimmern

Von tonenden Schimmern,

Um Sing und um Sang,

Um Kling und um Klang

Schweifen die Pfeifen, und greifen

Ans Herz,

Mit Freud und mit Schmerz.

Die Mutter:

Ists Nacht? ists Tag? ich kanns nicht sagen,

Am Stabe fuhret mich mein Kind,

Die hellen Becken muss ich schlagen

Und ward von vielem Weinen blind.

Es sauset und brauset

Das Tambourin,

Es rasseln und prasseln

Die Schellen drin;

Die Becken hell flimmern

Von tonenden Schimmern,

Um Sing und um Sang;

Um Kling und um Klang

Schweifen die Pfeifen, und greifen

Ans Herz,

Mit Freud und mit Schmerz.

Die beiden Bruder:

Ich muss die lustgen Triller greifen,

Und Fieber bebt durch Mark und Bein,

Euch muss ich frohe Weisen pfeifen,

Und mochte gern begraben sein.

Es sauset und brauset

Das Tambourin,

Es rasseln und prasseln

Die Schellen drin;

Die Becken hell flimmern

Von tonenden Schimmern,

Um Kling und um Klang,

Um Sing und um Sang

Schweifen die Pfeifen, und greifen

Ans Herz,

Mit Freud und mit Schmerz.

Der Knabe:

Ich habe fruh das Bein gebrochen,

Die Schwester tragt mich auf dem Arm,

Aufs Tambourin muss rasch ich pochen

Sind wir nicht froh? dass Gott erbarm!

Es brauset und sauset

Das Tambourin,

Es rasseln und prasseln

Die Schellen drin;

Die Becken hell flimmern

Von tonenden Schimmern,

Um Kling und um Klang,

Um Sing und um Sang

Schweifen die Pfeifen, und greifen

Ans Herz,

Mit Freud und mit Schmerz.

Dreiunddreissigstes Kapitel

Mit sanften Handen zog es ihn nieder, und er setzte sich gerne.

"Ich weiss es nicht anders zu machen, lieber Freund," sagte das Madchen, "es war mir angst und bange vor Ihnen. Da Sie so wild ans Fenster sturzten, glaubte ich, Sie wollten hinausspringen."

"Aber um Gottes willen, ich weiss ja gar nicht, wo ich bin, wie von einem Gewitter in ein fremdes Haus, in eine dunkle Stube getragen, und ich glaubte, in eine grosse Gesellschaft zu kommen."

"Haben Sie eine solche Freude an grosser Gesellschaft?"

"Nein! aber ich mache gern alle Bekanntschaften bei vielen Lichtern, im Lichte will ich leben, und in der Nacht sterben."

Mit diesen Worten nahm er das Madchen freundlich bei der Hand, und zog sie ans offne Fenster.

"Kommen Sie ans Sternenlicht, meine Liebe."

Das Madchen sah schuchtern an die Erde, er fasste sie unter das Kinn, und hob ihr das Kopfchen in die Hohe: da sah sie ihn freundlich mit ihren grossen dunklen Augen an, und es rollte eine Trane auf seine Hand die Trane fiel Godwi aufs Herz.

Es war ihm, als habe er das Madchen schon gesehen.

"Sie weinen", sagte er freundlich zu ihr.

"Ach, mein Herr! es tut mir so manches leid, so leid, das Herz mochte mir brechen." Da wendete sie sich schnell von ihm, und setzte sich auf das Sopha und weinte laut.

Godwi stand am Fenster, er war so verlegen, so geruhrt, er machte sich Vorwurfe, und wusste nicht warum, hatte er die Unschuld verfuhren wollen? Er hatte ja an keine Unschuld der ganzen Welt nur gedacht warum weinte das Madchen nur, warum war sie da, warum hatte sie ihn zu sich gezogen?

Er naherte sich ihr, und sprach mit sanfter gelassener Stimme:

"Meine Liebe, weinen Sie nicht! ich weiss ja nicht, warum und wie ich herkomme. Auch will ich Ihnen gar nichts tun, sagen Sie mir, wo bin ich, wer sind Sie, wer hat mich hierher gebracht?"

Da richtete sie sich in die Hohe und sagte:

"Ach, mein Herr, ich bin Violette, die Tochter der Grafin von G., und das ist unser Gut. Sie haben mir auch nichts getan, und das ist es nicht; aber ich muss doch weinen."

"Was fehlt Ihnen nur, und wer hat mich nur hierhergebracht?"

"Meine Mutter hat Sie hergebracht."

"Ihre Mutter? es war ja ein Reiter."

"Meine Mutter reitet immer wie ein Mann gekleidet."

"Aber waren Sie denn in der Stube, als ich hereintrat?"

"Nein, meine Mutter schickte mich erst herein! Sie sagte, ich sollte Sie unterhalten, bis sie kame: dort neben dem Bette war die Tur offen, da kam ich herein, Sie ruhrten mich an, ich war fast des Todes vor Schrecken, und ich durfte doch nicht fortlaufen, da schlug ich die Tur zu und lief hierher."

"Aber ich horte Sie ja nicht laufen."

"Ach, das ist es eben, ich bin mit blossen Fussen."

Das Madchen drangte sich in den Winkel und sagte:

"Ach wie schame ich mich."

Godwi wusste nun gar nicht, was er mit ihr anfangen sollte.

"Sind Sie denn nicht gerne hierher gegangen?"

"Gewiss nicht, gewiss nicht, heute nun gewiss nicht die Mutter jagte mich aus dem Bette, ich war schon eingeschlafen, sie sagte: junge Madchen mussten immer lustig sein, und ich sollte mich nicht so kindisch betragen, wenn sie mich nicht wie ein Kind behandle sie sei so freundlich gegen mich und wolle mir eine Freude machen, nun solle ich auch nicht eigensinnig sein; 'ach, liebe Mutter,' sagte ich, 'es macht mir sicher keine Freude;' 'zier dich nicht, Violette,' sagte sie dann, 'tue mir den Gefallen, und gehe hin, und sprich mit dem Manne, sag ihm, ich kame bald: es ist der artige Mann, der jungst so freundlich mit dir tanzte', da zog sie mir die Decke weg, und lachte mich aus, ich musste heruber, ich konnte mich nicht einmal ankleiden."

"Ihre Mutter ist ein seltsames Weib; glaubt sie denn wirklich, dass Ihnen so etwas Spass mache?"

"Wohl muss sie es glauben, und ein andermal wurde es mich auch so nicht betruben aber heute "

"Waren Sie denn heute so mude?"

"Das nicht, aber ich bin lange nicht so zufrieden zu Bette gegangen, ich hatte den ganzen Tag uberdacht, ja zwei Tage, und es fiel mir gar keine Sunde ein; ich habe am Sonntage erst gebeichtet, und ich verglich mein ganzes Tun mit dem, was mir der Pater gesagt hatte, und es war auch kein Fleckchen zu finden, ich betete noch, wie ich es nur machen sollte, der Mutter immer gehorsam zu sein da kam sie, da musste ich heruber, und nun ist alle meine Freude hin."

"Meine Liebe, halten Sie es denn fur Sunde, bei mir zu sein?"

"Ich weiss nicht, aber gut ist es nicht. Die Mutter hat mir es schon einmal so gemacht, da kusste mich der Mann, und war so heftig mein Herr, ich kann es nicht vergessen, ich konnte es lange nicht vergessen, und seit jener Zeit bin ich nicht mehr ruhig, ich kann an nichts allein denken, es sind immer andre angstliche Gedanken dabei, die ich nicht verstehe als ich es beichtete, schmalte mich der Pater sehr, und sagte: ich sollte mir solche Gedanken aus dem Sinne schlagen, sie fuhrten zum Verderben das waren bose weltliche Gedanken."

"Und ist Ihnen das gelungen?"

"In der Beichte hatte ich gar nicht daran gedacht, dass ich nicht wisse, was das sei: aus dem Sinn schlagen, aber ich war des Paters Worten recht getreu, und gab mir alle Muhe, doch ich konnte so gar nicht recht Reu und Leid erwecken vor den Gedanken, und je mehr ich mich qualte, je grosser und wunderlicher wurden die Bilder in mir, ich wusste mich nicht zu lassen, und gab mir alle Muhe meine Mutter bemerkte es, denn ich schnitt manchmal ordentlich Gesichter, da ich ihr sagte, was es sei, lachte sie mich aus und sprach: ich sollte froh sein, dass ich einmal zu denken anfange, der Pater meine das nicht so, wenn er sage: 'Schlage dir es aus dem Sinn', so heisse das: 'Lasse dir nicht bang drum sein.'"

Godwi war fest entschlossen, sobald er mit der Mutter zusammenkomme, sie recht ernstlich daruber zu Rede zu stellen, und sie dazu zu bewegen, das Madchen lieber von sich zu entfernen. Er wendete sich wieder zu ihr und sprach:

"Liebe Violette, Ihr Ungluck tut mir sehr weh, wenn ich Sie irgend erschreckt habe, so sollen Sie mir es verzeihen; ich will auch mit Ihrer Mutter sprechen, und mich bemuhen, dass sie Sie mit allen solchen Anmutungen verschont reichen Sie mir die Hand darauf, nicht wahr, wir sind gute Freunde?"

Violette gab ihm zitternd die Hand, und naherte sich ihm vertraulich.

"Ich gebe Ihnen gern die Hand, und sind Sie so, wie Sie scheinen? Wie froh ware ich, wenn Sie mein Freund sein wollten, ich bin recht verlassen hier."

Hier ward sie wieder stumm, und lehnte die Stirne an seine Schulter. Godwi umfasste sie leis, und sagte:

"Gutes Madchen, wie alt sind Sie?"

"Ich bin funfzehn Jahre alt; wie alt sind Sie denn?"

Diese Frage storte ihn etwas, und er antwortete lieber nicht darauf.

"Ihr Vater lebt wohl nicht mehr, und Sie haben keine Geschwister?"

"Mein Vater ist schon einige Jahre tot, ich habe aber noch eine kleine Schwester, sie ist nun funf Jahre alt. Ich erinnere mich meines Vaters noch wohl, er war ein kleiner Mann, und nie recht freundlich; zweimal erinnere ich mich recht deutlich, wie er aussah, ich meine, ich sahe ihn noch. Er sass hier, wo wir sitzen, und zankte mit einem Pachter. Der Pachter stand in der Mitte der Stube, und sagte immer: 'Ich kann nichts davor, gnadiger Herr, die gnadige Frau hat mir gesagt, sie wurde mich von Haus und Hof peitschen lassen, wenn ich dem Jungen noch einmal einen Schlag gabe, was soll ich nun machen?' 'Er soll den Burschen unter die Soldaten schicken, oder ich schicke ihn hin' da kam meine Mutter herein, und mein Vater schwieg still, schickte den Pachter weg, und sagte: 'Es ist gut.'

Meine Mutter aber sagte: 'Was haben Sie wieder mit dem Manne gehabt, wollen Sie denn mit aller Gewalt einen Gerichtshof aus meiner Schlafstube machen? Ich muss genug wesentliche Schwachen hier von Ihnen ertragen, sparen Sie Ihre unwesentlichen.'

'Ich sorge fur meine Ruhe und die Ihrige, Madame', sagte mein Vater.

Meine Mutter aber lachte; 'Sie mussen sehr ruhig sein,' sagte sie, 'dass Ihnen der Sohn dieses Bauren so viel Unruhe macht; aber er soll nun bald immer um Sie sein, damit Sie sich an den armen Jungen gewohnen, ich habe ihn heute als Jokei angenommen', da ging sie auf meinen Vater zu, und kusste ihn mit den Worten; 'Sei nicht so kummerlich, alter Mann, da du ein junges Weib hast, musst du auch hubsch freundlich sein', dann ging sie weg, o ich weiss es noch recht gut, und kann es nicht vergessen! Ich sass hier auf der Stube des Erkers, und spielte mit dem Joli, der dort auf dem Bette liegt, er war damals noch ganz klein, aber ich glaube, ich hatte es nicht so behalten, wenn nicht geschehen ware, was gleich darauf folgte.

Mein Vater sass so traurig da, und das tat mir leid: ich naherte mich ihm, und sagte: 'Sieh, Vater, der kleine Hund tanzt'; da stiess er mich mit dem Fusse, dass der Hund schrie, und ging zur Ture hinaus.

Das anderemal, dass ich mir ihn ganz vorstellen kann, ist das letztemal, er sass auch hier und hatte mich auf dem Schosse; er war still, und ich las in einem Buche; meine Mutter sass dort auf dem Stuhle am Bette, und zog lederne Beinkleider an sie wollte spazieren reiten, er sah dann und wann traurig nach ihr hin, und da sie es bemerkte, hielt sie ein, und sagte fragend, 'Eh bien?'

'Ich freue mich uber Ihre schonen Beine, Madam.' 'Das ist sehr freundlich und gut gemeint', sagte sie.

'Alle Bauern und Burger freuen sich auch druber', fuhr mein Vater fort, 'das ist ein Beweis von Sinn', erwiderte die Mutter 'und der Sackler von Mainz', versetzte der Vater, 'hat auch Sinn, denn er erzahlt allen Domherren von Ihren Beinen, und das ganze Rheingau hat Sinn, denn jeder sechzehnjahrige Bursche, der Sie reiten sieht, sagt: ich will ein Sackler, ein Hosenschneider werden, wenn die Grafin sich neue Beinkleider machen lasst.'

'Ja,' sagte sie, 'das ganze Rheingau hat Sinn; aber Sie sind ein Sonderling, und streben nach dem Gegenteil', da knallte sie mit der Peitsche, stellte sich vor den Spiegel, kam zu meinem Vater, und sagte, indem sie ihm die Wange hinbot: 'Embrassez votre petit Cavalier adieu!' und war zur Ture hinaus.

Mein Vater schwieg still, ich knopfte ihm die Weste auf und zu, 'Vater,' sagte ich, 'warum hast du denn eine so weite Weste an?' 'Mein Kind,' sagte er, 'das kommt von Kummer und Sorgen, die Eltern haben immer viel zu sorgen und davon wird man mager, und die Kleider werden zu weit'; ich sagte 'wenn ich nahen kann, will ich dir eine Falte hineinlegen', da ritt meine Mutter lustig zum Tore hinaus und der Jokei mit ihr. 'Sieh, was deine Mutter lustig reitet', sagte mein Vater, da setzte meine Mutter mit dem Pferde uber den Schlagbaum, und Friedrich hinterdrein, und fort waren sie um die Baume herum; 'die wird so lange uber die Schranken setzen', sagte mein Vater, 'bis sie den Hals zerbricht' und ging weg."

"Das sind lauter traurige Sachen, meine Liebe" sagte Godwi "aber erzahlen Sie fort."

"Mein Vater starb bald darauf, und die Mutter war nicht sehr traurig. Friedrich lebte auch nicht mehr lang, er war immer nach meines Vaters Tode um die Mutter herum gewesen. Da er krank war, kam die Mutter nicht von seinem Bette, und da er tot war, musste ich einen Kranz von Rosen flechten, den setzte sie ihm auf; er ist in unserm Garten begraben, und uber dem Grabe ist ein Gartenhauschen erbaut, in dem die Mutter oft von fremden Herrn besucht wird. Das Leben geht nun immer so fort, ich habe wenig Freude, auch lerne ich nicht viel: fur mich allein, wenn ich sehr traurig bin, schreibe ich manchmal meine Gedanken auf und zerreiss es dann wieder. Meine kleine Schwester heisst Flametta. Man sagt, sie sei Friedrichs Kind, und meine Mutter liebt sie sehr. Ich bin immer allein, und denke uber meine Mutter und mich."

"Was denken Sie denn von Ihrer Mutter und von sich?"

"Von meiner Mutter? Warum niemand mit ihr umgeht, warum die Leute sagen, sie habe keinen guten Ruf, warum ich gar keine Madchen sehe, und von mir, ach! da denke ich immer in die Zukunft, und muss manchmal ausrufen: es wird kein gut Ende nehmen! Und dann weine ich. Sagen Sie mir, was ist das nur?"

Hier nahm sie Godwi bei der Hand, trat mit ihr ans Fenster: er hatte sie umschlungen, und ihre Wange lehnte an der seinigen, es war ihm sehr wohl, und sehr bang.

Der Mond stand uber der ruhigen Gegend, und wusste nichts von des Kindes Schmerz, und seiner Ruhrung, da sang Violette mit ihrer freundlichen Stimme folgende Verse eines katholischen Liedes.

Was heut noch grun und frisch dasteht,

Wird morgen schon hinweggemaht,

Die edlen Narcissen,

Die Zierden der Wiesen,

Die schon Hiazinthen,

Die turkischen Binden.

Hute dich, schons Blumelein!

Viel hunderttausend ungezahlt,

Was nur unter die Sichel fallt,

Ihr Rosen, ihr Lilien!

Euch wird man austilgen,

Auch die Kaiser-Kronen

Wird man nicht verschonen,

Hute dich, schons Blumelein!

Das himmelfarbne Ehrenpreis,

Die Tulipane gelb und weiss,

Die silbernen Glocken,

Die goldnen Flocken,

Sinkt alles zur Erden,

Was wird daraus werden?

Hute dich, schons Blumelein!

Ihr hubsch Lavendel, Rosmarin,

Ihr vielfarbige Roselin,

Ihr stolze Schwertlilgen,

Ihr krause Basilgen,

Ihr zarte Violen,

Euch wird man bald holen.

Hute dich, schons Blumelein!

Godwi hatte dem kindischen Totenliede schweigend zugehort "Das ist ein trauriges Lied, Violette", sagte er.

"Traurig? es ist ja ein Ernte-Lied ich kann auch ein Lied vom Saemann, das fangt an : Es ist ein Saemann, der heisst Liebe ."

Godwi kusste das Madchen, sie erwiderte es freundlich, aber es war kein Kuss, der sich getreu blieb, er verweilte so lange, dass die Gemuter sich wechselten, da klingelte es .

"Ich muss nun fort, Lieber," sagte Violette, "die Mutter klingelt, ich gehe jetzt schlafen, ich werde von Ihnen traumen."

Godwi fuhrte sie an die Tur, und sie umarmten sich innig.

Aber die Tur ging auf und die Mutter trat herein. Die Tur ging auf, der Arzt trat herein. Ich soll mich ruhiger halten, nicht soviel schreiben, sonst sei seine Muhe umsonst, grade das Gegenteil, wenn ich gar nicht schreibe, wird seine Muhe umsonst sein, denn ich werde ihn nicht bezahlen konnen.

Es krankt mich sehr, dass wegen meiner Krankheit Flametten ihre Komodie verdorben ist, sie ist schon zweimal bei mir gewesen um zu sehen, ob ich bald gesund sei und um mich zu erlustigen, sagte sie mir Stucke aus ihrer Rolle her. Das Spiel heisst "Vertumnus und Pomona", und die Erfindung ist recht artig, Flametta gefallt sich sehr als sprode Pomona. Um ihren Garten, der mit hohen Zaunen umgeben ist, liegen zweihundert Zwerge, zwolf Riesen, funfunddreissig Satyren, zwei Dutzend Faunen, dann noch Pan und Priap und Hanswurst. Alle diese zusammen halten ein grosses Geschrei, machen ihr die Kur, und werben um sie, oder prugeln sich untereinander; Hanswurst ist des Vertumnus Nebenbuhler, beide konnen sich verwandeln, und konnen allein in den Garten kommen.

"Das Theater", sagte Flametta, "wird mein Garten sein, der ringsum mit hohen Hecken umgeben ist, und ich habe immer alle Hande voll zu tun, die Freier abzuwehren; bald stehe ich mit einem Apfelhaken da, und schneide den Riesen die Nase ab, wenn sie herubergucken, und wenn die Zwerge unten durchkriechen, treten sie in Fuchsfallen, da nehme ich sie dann, stecke sie in die Erde, inokuliere ihnen Apfel und Birnen, und sie wachsen wie Zwergobst.

Sehn Sie," sagte Flametta, "so lautet meine erste Szene.

Und was ich treibe, was ich tue,

Ich komm doch nimmermehr zur Ruhe,

Meine Schonheit ist so weit bekannt,

Dass die ganze Welt in mich entbrannt.

Aus dem Tale und uber die Berge,

Kommen Riesen, Satyren und Zwerge,

Viele hundert Waldteufel und Faunen

Es ist ordentlich zu erstaunen,

Wo sich die Leute her beschreiben,

Zu Haus konnen sie sich doch nicht gleich

auftreiben.

Ich kann kaum den Himmel mehr sehn,

So muss ich taglich den Zaun erhohn

Dass mich die plumpen Riesen

Nicht gar zu Tode niesen,

Wenn sie mit ihren grossen Perucken

Uber den Zaun herubergucken.

An der Ture ist ein ewiges Klopfen,

Und ich kann nicht genug Locher zustopfen,

Dass nicht die Zwerge hereinschlupfen,

Die draus wie Frosche herumhupfen.

Von den vielen Seufzern wird die Luft verderben,

Und meine Baume wollen schon absterben;

Ich mag noch so viel faule Apfel hinausschleudern,

Das hilft nichts bei den mancherlei Barnhautern."

Das hatte sie recht lustig deklamiert, und ihr lautes Sprechen hatte einige von den Mennoniten ans Fenster gelockt.

"Sie sehen," sagte sie, "da sind die bartigen Waldmanner wieder", da warf sie einige Apfel auf die Zuschauer, und lief mit den Worten fort:

"Nun werden Sie nur gesund, ich halte es nicht langer bei kranken Leuten aus." Godwi besuchte mich heute abend, er hatte selbst weiter geschrieben, und las mir vor, wie folgt.

Vierunddreissigstes Kapitel

Alles, was Violette gegen mich geaussert hatte, war sich so ungleich, und wendete so schnell zwischen Heftigkeit und Geschamigkeit; was sie von ihren Eltern erzahlt hatte, war so wenig die Rede eines ganz unschuldigen Madchens, ihr ganzes Betragen ergriff mich so schnell, und stiess mich so leicht wieder zuruck, dass ich in einer wechselnden Bewegung wahrend ihren Worten bald Mitleid, bald Unwillen empfand.

In jedem Falle musste ihre Mutter ein hochst wunderbares Weib sein, und ohne allen Charakter, das Madchen hatte sonst nimmer so schwankend sein konnen, und ich entschloss mich fest, diesen Ort schnell wieder zu verlassen; aber es gelang mir nicht.

Ich entschloss mich schon in einzelnen Augenblikken meines Gesprachs mit Violetten dazu, denn ich befand mich in einem widrigen Streite von Lust und Schonung. Sie webte ihre Tranen, ihre Naivetat und ihre frevelhaften Reden uber ihre Mutter so verwirrt durcheinander, und in ihrem Betragen dabei erschien die Lusternheit und Heftigkeit so durch Blodigkeit und Unerfahrenheit gestort, dass mir es sehr abgeschmackt zu Mute war. Ich konnte sie nicht bedauren, und nicht liebenswurdig finden, und dabei war ich doch so gespannt und gereizt durch meine ganze Lage, dass ich wunschte, das Madchen ware nicht so, und ergabe sich ohne Pratension ihrer und meiner Freude.

Ich hatte mich gerne bemuhet, ihre Verwirrtheit fur sie und mich zu losen, aber ich furchtete mich vor irgend einem Hinterhalt, der mir hier gelegt sein und mich zu einer Verbindung zwingen konnte, die mich ewig zum Sklaven um eine kurze Freude gekauft hatte.

Ich verhielt mich wahrend ihren Ausserungen ganz leidend, und eben dadurch schien sie mir einigemal wahr zu werden: die Verse, die sie von dem Totenliede: "Es ist ein Schnitter, der heisst Tod", sang, sang sie nicht ohne Ruhrung, und ihr Ubergang auf das Lied: "Es ist ein Samann, der heisst Liebe", war er vielleicht auch nicht ganz ohne Vorsatz, war doch sehr artig.

Was sie von ihrem Streit in der Beichte erzahlte, war der Punkt, der mich eigentlich zuerst aufmerksam machte: ein unschuldiges Madchen kann nicht von der Beichte reden, und ein Madchen von funfzehn Jahren streitet nicht mehr so kindisch mit ihrem Gemut, oder sie musste in der reinsten Umgebung gelebt haben.

Alle diese Betrachtungen begleiteten mich, und verdarben mir sogar ihre Kusse, indem sie ihrem ganzen Plan ungetreu recht herzlich und mit Bewusstsein kusste.

In dieser Verwirrung fand mich ihre Mutter, die ich mit einigem Unwillen behandelte, aber sie war nichts weniger als so verwirrt und widersprechend wie das Madchen.

Ich fand in ihr ein leichtsinniges und frohliches Weib, mit einer Freiheit ohne Grenzen, die doch nicht ins Gemeine fiel. Sie hatte gar keine Absicht als zu leben, und lachte alle meinen Unmut hinweg, dabei nahm sie in ihrem Raisonnement so tollkuhne Fluge, dass es eine Lust war, sie anzuhoren.

Das Madchen hatte sie aus reinem Mutwillen herubergeschickt, und da ich ihr vorstellte, wie ihr Kind zu Grunde gehen wurde, machte sie die Einwendung, dass das Madchen so sinnlich sei, dass sie sich an der ganzen schonen Welt festhalten werde; auf dem festen Boden der Sinnenwelt gehe niemand zu Grunde, und wenn Violette nur einmal aus den Schwarmereien komme, so werde sie recht glucklich werden.

Sie ausserte dabei ganz wunderbare Ideen uber Religion, und verlor sich in einen Strom von Phantasien, dass sie mich wirklich ergotzte.

Violette, behauptete sie, sei bei weitem nicht so unschuldig als sie selbst, und was das Madchen von ihrem Streite mit der Andacht vorbringe, sei alles eine Folge davon, dass sie nicht recht beten konne.

So bisarr mir alles das schien, so behauptete sie es doch mit einer trotzigen Lustigkeit, und hatte sich ordentlich ein kleines System erraisoniert. Ich will ihre Ausserungen so getreu hierherschreiben, als ich mich ihrer entsinne, denn mich mit der Grafin selbst redend einzufuhren, wage ich nicht gern, da ich einer langweiligen Beschreibung ihres ganzen Betragens dabei nicht ausweichen konnte, und doch in die Gefahr kommen durfte, nicht verstanden zu werden, oder mich der Beschuldigung auszusetzen, als suche ich meine Schwachheit zu entschuldigen, indem ich ein heftiges frevelndes Weib als ein bloss mutwilliges schwarmendes hinstellte.

Es schien allerdings, dass sie einstens in einer ahnlichen Verwirrung wie Violette gewesen sei, und nur ihre Erfahrung aus ihr sprach, wenn sie sich uber diesen Zustand ihrer Tochter so kalt zeigte.

Sie war im strengsten Katholizismus erzogen, und Violetten hatte der verstorbene Graf ebenso erziehen lassen. Sie fuhrte ihre eigne jetzige Lebensart, ihre Frohlichkeit und Freiheit trotz aller Umgebung, auf ihre Religion zuruck, denn sie sagte, diese habe ihr den ersten Antrieb zu allem gegeben, und der einzige Missgriff in ihrem Raisonnement war der, dass sie sich in der Religion voraussetzte, da sie doch die Religion in sich annehmen musste, wenn sie je welche wollte gehabt haben.

Es ist mir leid, dass ich alles das nicht so scherzend und so lustig ernsthaft sagen kann, denn sie parodierte sich selbst in jeder Minute, uberraschte mich plotzlich mit einem Kusse, wenn ich Einrede tun wollte, und war ich darum unwillig, so fuhr sie so pathetisch fort zu predigen, bis ich lachen musste, und war dabei so beweglich, dass sie bald aufsprang, ihre Bilder selbst vorzustellen, bald sich so schnell wieder niedersetzte, dass sie mir einigemal etwas unsanft begegnete, dann bat sie mich sehr zartlich und kindisch um Verzeihung, und das alles war so rasch und bunt hintereinander, dass ich ein freudiges, reizendes, freies Weib sein musste, und mir gegenuber ein junger mehr ungeduldiger, als gesetzter Mann, wenn ich es so hinstellen sollte, wie sie es tat.

Sie behauptete:

Der sinnliche Mensch werde erbarmlich, wenn er, wie man es nimmt, tugendhaft wurde, denn er ube dann Tugenden, die von seinem ganzen Leben verachtet wurden. Er musse sich zwingen, und werde eben dadurch lasterhaft, denn er gabe, um zu leben, endlich die Tugend hin, und schweife, um sich zu trosten, nach Prinzipien aus.

Religion sei nichts als unbestimmte Sinnlichkeit, das Gebet ihre Ausserung.

Andacht sei es, wenn man nicht mehr als Mensch bete, wenn man als Weib oder Mann bete; doch konne der Mann es nie zur Andacht bringen, weil das Menschliche das Mannliche bei ihm uberwiege.

Der schlechteste Moment im Leben sei, wo weder Jungfrau noch Jungling recht wisse, woran sie seien, und ein verderblicher Streit zwischen Glauben und Wissen sich erhebe; in diesem stehe Violette.

In der Religion sei es ebenso, es komme den Menschen heutzutage eine boshafte Lust an, sich ihrer selbst zu bemachtigen, um sich zu befreien, aber nur der sei ein Sklave, der sich selbst besitze, nur im allgemeinen ware Freiheit, und in der Person die hochste Tyrannei.

In diesem schlechten Momente hore der Mensch auf zu glauben und meine, Wissen sei etwas anderes als ein langweiligeres Glauben, das einen erst mit einer kleinen Reihe von Schlussen hinhalte, ehe es einen glauben lasse, denn endlich musse man doch glauben, was man wisse.

Das allererbarmlichste Aberwissen sei, die unbefleckte Empfangnis fur einen Aberglauben zu halten; wer denn irgend eine Empfangnis wisse? und dieses sei grade der Punkt, wo der Mensch recht uberfuhrt werde, dass alle Seligkeit nur Glauben ist, und kein Bewusstsein, und nur der sei ein Ketzer und Freigeist, der bei der Empfangnis noch denke, und sich selbst besitze, denn jeder fuhle das Wissen erbarmlich, der aus solchem Glauben kehre.

Sie bete oft, weil sie ein Weib sei, und wer nicht sinnlich sei, habe keine Religion, und eine Religion, die nicht sinnlich sei, habe keine Menschen.

Sie sei eine Heidin, habe viele Gotter, und auch Heroen, alle jung, kraftig, und in der Liebe menschlich.

Die Heiligen konnten sie so ziemlich ruhren, aber sie hatten keine Religion, waren nichts als angehende Philosophen, welche die Liebe bestritten, die sie nicht bestreiten konnten, das heisst, der sie nicht gewachsen waren.

Der Gott der Katholiken sei zu geistig, und substanzlos, und ohne die Menschwerdung gar nicht da; aber es sei keine rechte Menschlichkeit in der Menschwerdung, es sei nichts als eine Allegorie auf Leben, Gedanken und Wort, eine Lehre, die zum Lehrer geworden.

Jeder Gedanke sei eine unbefleckte Empfangnis, und jedes Wort eine Menschwerdung.

Doch sei die katholische Religion keine Religion des Lebens, sondern eine Religion der Auferstehung und Erinnerung der untergegangenen herrlichen Welt der Gotter und Menschen werde in ihr ein festliches Totenopfer gebracht.

Die protestantischen Religionen seien nicht gottlos, aber heillos, denn sie duldeten keine Heiligen sie seien keine Religionen, sondern bloss bequemliche Anstalten, keine Religion zu haben, Konsistorien, wo keine Liebe mehr sei, um die Ehe zu unterstutzen auf Noten gebrachte Ehescheidungen zum Absingen Religionen fur Eunuchen, Amphibien und Hermaphroditen.

Die christliche Religion werde vor dem Leben zu Grunde gehen, die heidnische aber werde langer sein als das Leben, weil sie Leben und Tod umfasse.

Einmal rief sie aus:

"Ach, arm ist der, der nur im Tode selig wird die Erde sei ein Jammertal! Ich stehe auf den Bergen und bin gluckselig, denn der lebt nicht, dessen Haupt nicht im Himmel steht, auf dessen Brust nicht die Wolken ruhen, dem die Liebe nicht im Schosse wohnt, und der Fuss nicht in der Erde wurzelt. Mein Haupt steht ewig im Himmel, und klage ich, so horen es die Gotter allein, dass mir keine Liebe im Schosse wohnt, und wohnt mir die Liebe im Schosse, so sehen nur die Gotter meines Auges Andacht, weiter wird die Welt, denn mein Busen hebt den Himmel hoher, und die Erde drangt sich bebend unter meinen regen Fussen zusammen." Sie bekehrte mich, aber ich glaubte nichts, als dass sie ein schones, reizendes Weib sei, da die Decke des Zimmers sich offnete, und eine dammernde AlabasterLampe niedersank, und der Glauben bald das Wissen besiegt hatte.

An den Leser

Die Krankheit meines Freundes nimmt zu und ist mir um so schmerzlicher, als sie boshaft ist. Sie hatte keine unglucklichere Stelle erwahlen konnen, um ihn mir noch bei seinem Leben zu rauben, sie hatte keine glucklichere Stelle nehmen konnen, um die letzten Ergiessungen seines liebevollen Herzens gegen mich zu hemmen. Es ist eine bosartige Zungenentzundung, an der ihm das Band mit allen seinen Freunden erlahmt. Ich versichere seine menschenfreundlichen Leser, dass ich viel Schmerz an seinem Lager ertrage, und oft geruhrt bin, wie sehr er das Publikum achtet. Er schrieb mir gestern mit Tranen Folgendes an die Schiefertafel, die neben seinem Bette hangt, damit er sich deutlich machen kann, und ich kann nicht umhin es Ihnen mitzuteilen, weil ich fuhle, wie sehr sich sein Charakter hier ans Licht stellt, und wie die Worte eines mit Ruhe dem Tode entgegensehenden jungen Mannes sicher die Verleumder zum Schweigen bringen werden, die sein reines fuhlendes Herz und sein aufrichtiges frohes Gemut hie und da zu beschmutzen suchen o diese Zungen sind giftig und entzundeter als die meines Freundes! O dass sie die Krankheit erlahme! die mir das freundliche Gesprach meines Maria raubt. Zugleich bitte ich den Leser, die Darstellung meines Lebens zu entschuldigen, ich bin nicht geubt, vor das Publikum zu treten, und es verhindert mich auch der Anteil, den ich an meinem Freunde nehme, an grosserer Aufmerksamkeit auf meinen Stil.

Godwi

"Was mich mehr druckt, als meine Krankheit, ist der Ruckblick auf ein fruchtloses Leben; mit dem vollen frohlichen Mute des Junglings habe ich versaumt, eine Spur zuruckzulassen, dass ich da war: ich wusste nicht, dass der Tod meiner Jugend schon folgen werde, ich hatte sie sonst geschmuckt und Kunste gelehrt, damit ihm eine freudige Braut geworden ware; dann hatte Sie der schone Kranz am Wagen erfreuen sollen, der jetzt ungeschmuckt die tiefen Gleisen mit mir hinschleichen wird, die wir mit Recht die Runzeln unserer alten Mutter Erde nennen durfen.

O! hatten mich die Menschen besiegt, ware ich im Kampfe um hohen Preis uberwunden, so wurde man mich mit dem Sieger nennen, und sein Wert ware mein Grabstein und druckte mich nicht. Aber das Leben hat mich besiegt, nicht mich, nein, nur den Jungling wie viele denn ich war noch nicht, und warum sollte ich nicht werden?

Jetzt, da mein Herz sich offnen wollte, um alles zu umfassen, was lebt und liebt, legt sich der Tod ihm in die Arme.

Ich habe vieles noch zu tun, so vieles und soll sterben die Menschen wissen nicht, dass ich ihr Bruder bin, und dass ich es verdiene o mein Freund! wenn Sie wussten, was ich verlasse; Einer nur wird wissen, was ich verlasse, und er wird es nicht glauben.

Ich soll das Leben aufgeben? der die Liebe noch nicht aufgegeben, die ihn aufgab dies ist kein schoner Tod es bricht, es lost sich nicht.

O! es ist ein grosser Unterschied zwischen dem Traume der Liebe und der Liebe des Traumes. Der Traum der Liebe ist in der Liebe, aber die Liebe des Traumes ist nur im Traume.

Wenn die Liebe einschlummert und traumt, traumt sie den Traum der Liebe, und dieser Traum ist jener stille schone Schmerz, jenes Bangen, ich mochte sagen, die Seele aller Sehnsucht, und die sentimentale Poesie der Liebenden.

Mir ist jede unvollendete Harmonie in den Naturerscheinungen, jenes Streben des Formlosen und Toten nach Gestalt und Leben, wo Seele und Stoff mit innerm Drange zueinander streben, und der Stoff von dem Strahle des Geistes nur ergluht und schmerzlich wieder in den Tod zurucksinkt, so ein Traum der Liebe.

Verstehen Sie mich? nein.

So ist mein Ausdruck selbst ein Beispiel eines solchen Traumes der Liebe, in dem der Gedanke und das Zeichen nicht zum Worte wurden.

Ich glaube es Ihnen aber deutlicher zu sagen, lieber Godwi, wenn ich schweige, und Sie bitte, ans Fenster zu treten. Sie sehen die roten Flammen des Abends, wie die Berge von ihnen entzundet werden und Feuer zu duften scheinen, und wie diese Flammen sich mannigfach gestalten, und ganze Landschaften zu werden scheinen. Was ist die Flamme anders als die Gestalt des Feuers, und das Feuer anders als die Gestalt der Warme, und diese als die Gestalt des Lichts?

Sie sehen, wie sich das Licht von dem Stoffe ergriffen zur Flamme zu bilden scheint, und wie die Flamme den Berg und den Wald entzundet, und sich die ganze Gegend nach dem Lichte sehnt; es ist, als sei nichts in Ruhe, und das innere willenlose Treiben kehre sich heraus, und doch ist alles Ruhe, eigentliches Gefuhl der Ruhe, in dem sich die Ruhe aufhebt. Dies ist ein Traum der Liebe. Und ist Liebe in Ihnen, so mussen Sie einstimmen in diesen allgemeinen Traum, auch Sie ergreift die allgemeine Sehnsucht; aber Ihre Sehnsucht ist nur die Ihrige, und wer keine Liebe hat, mochte sterben in dieser Minute.

Aber es giebt einen Traum des Lebens, der Liebe zu umfassen glaubt; aber Liebe ist nur Wahrheit und jene luftigen unbestimmten Seelen, die es nur zum Reize und nie zur Schonheit bringen, traumen dieses Leben, und ihre Liebe ist eine solche Liebe des Traumes, sie ist ohne Bestimmung, mit unendlichem Reize, ohne Ziel, wo sich alle diese Mittel zu einer Schopfung vereinigten.

Wer sich ihnen hingiebt mit seiner Liebe, muss mit diesen Blumen verwelken lieben darf man sie als Fruhling und Poesie, aber nie als einzelne Blumen.

Nur das starke gesunde Gemut wagt nichts mit ihnen, es blickt auf sie nieder, wie auf die Blumen, die es seiner Geliebten bricht, die es in den Triumph seines Lorbeers flicht, damit der Ernst auch lachle, und schutzt sie sogar wie zarte Kinder, wie lieblose Unschuld, und nimmt sie wie ein reines Bild der blossen Schonheit.

Wendet er aber seine Liebe zu diesen hin, die sich nach seiner Liebe wenden mussten, so ist es, als wende sich die Sonne nach der Blume, und die Blume nicht nach ihr.

Ihr Leben ist eine blosse Allegorie, ihre Liebe nur leiser Erguss, nicht der Schopfung, nur des Todes.

Mir, lieber Godwi, sollte ich sterben, sollen Sie einen einfachen Stein setzen, und darauf die letzte Terzine dieses schlechten Sonetts."

Sonett

O schwerer heisser Tag, ihr leichtes Leben

Schliesst mude weinend seine Augenlider,

Schon senkt der Schlaf das tauende Gefieder,

Um solche Schonheit kuhl ein Dach zu weben.

Von ihren Lippen leise Worte schweben,

"Du Liebe susser Traume, kehre wieder!"

Da lasst sich ihr der Traum der Liebe nieder,

Um ihres Schlummers kranke Lust zu heben.

"Du Traum!" "Ich bin kein Traum," spricht er

mit Bangen,

"O lass uns nicht so holdes Gluck versaumen!"

Da weckt er sie, und wollte sie umfangen.

Sprecht! Wessen bin ich? Wer hat mich besessen?

Ich lebte nie war eines Weibes Traumen

Und nimmer starb ich. Sie hat mein vergessen.

Funfunddreissigstes Kapitel

Als ich erwachte, blickte ich durch die Stube hin. Nach der Grafin zu sehen, hatte ich den Mut nicht. Es war eine ganz eigne Empfindung, wie ich mich mit allem verwandt fuhlte, mit den alten Schranken und dem Gipsbilde, den Sesseln und mit dem kleinen Sopha im Erker.

Meine Augen liefen an den sauren Gesichtern der Ritterbilder und den susslich ernsten der neuern Ahnherrn auf und ab, wie auf meinen Verwandten; ich ergotzte mich ebenso an den Damen, und wunderte mich, wie freundlich ihre Schnurbruste aus einem Gesichtspunkte waren; ich nahm sie namlich als cornu copiae und freute mich der schonen Fruchte, die aus ihnen hervordrangen, und hier und da zierlich mit Blumen zusammengestellt waren.

Es war mir, als hatte ich von allen den Leuten erzahlen horen, und konnte mich nicht enthalten, dem Bilde des verstorbenen Grafen, der mir gegenuber hing, ein kleines lachelndes Kompliment zu machen, denn ich erinnere mich nicht, dass es mir je so leicht und so lustig zu Mute war.

Nachdem ich alle fremde Geschafte besorgt hatte, wendete ich meine Gedanken auf meine eigne Person, und bekam keine geringe Hochachtung vor ihr.

Zuerst in welchem herrlichen, ja herrschaftlichen Bette, vielmehr Schlafgebaude, Schlummerpalast, Ruhetempel befand ich mich, wenn ich heute nacht sollte geschnarcht haben, die hochwurdigen Herrn des Klosters, das ich am Anfange meiner Herreise besuchte, konnten in ihren Chorstuhlen so ehrenvoll nicht gesungen haben, ein wahrer Kronungssaal schien dieses vortreffliche Ehebett zu sein.

Hierauf die wackere Bettdecke, deren Lob ich keineswegs verschweigen darf, denn ich fand sie den schwebenden Garten der Semiramis zu vergleichen, meine Augen lustwandelten durch die tausend Irrgange ihres damastnen Grundes, und ergotzten sich an dem prachtigen verschlungenen Namen des Grafen und der Grafin, der in der Mitte allegorisch gestickt war.

O! und ich selbst ein blauatlassner Schlafrock, mit roten Aufschlagen, an dem Armel mit dem kleinen graflichen Wappen gezeichnet, sollte ich nicht stolz sein, in so ehrenvoller Uniform? Ich druckte die Fusse zusammen, um mich zu uberzeugen, dass ich keine Stiefel anhabe, denn ich hatte die Empfindung, als ware ich in Diensten, aber ich sah bald ein, dass es Interimsuniform war.

Vor dem Bette knieten vier Untertanen, recht zartlich abwechselnd, ein Pantoffel von mir, und dann ein Pantoffelchen, sie harrten untertanigst, dass wir sie mit Fussen treten sollten.

Ich wendete mich nun gegen meine Gemahlin, und bemerkte, wie witzig das batistene Bettuch mit Spitzen durchbrochen war, und wie naiv ihre weisse Schulter durchblickte.

Ach welche reizende Gemahlin habe ich, wie hinreissend, wie fesselnd, es ist ordentlich unangenehm, und erschwert einem die Menschenfreundlichkeit, sie ruhig schlafen zu lassen. Wie glucklich, und wie unglucklich bin ich! muss ich nicht eifersuchtig sein?

Aber was liegt vor mir auf dem Stuhle, ein schwarzer Frack, lederne Beinkleider, und dort ungrische Stiefeln, ein runder Hut auf dem Tische, das sind ja meine Kleider nicht. Welcher junge Herr hat sich hier ausgekleidet, habe ich nicht Ursache, eifersuchtig zu sein? Ich sehe ja meine kaiserliche Uniform nirgends; sollte ich diese Nacht betrogen worden sein, sollte mein Weib ihre Untreue hier in meiner Gegenwart der junge Mann hat in der Dunkelheit meine Kleider vielleicht ergriffen?

Da bewegte sich die Grafin, und meine Einbildung, als sei ich der verstorbene Graf, verschwand.

Ich stellte mich schlafend, und beobachtete durch die Augen blinzend, was die Grafin fur Betrachtungen den meinigen entgegensetzen wurde.

Aber sie setzte die Betrachtung meiner Person meinen Betrachtungen entgegen.

Sie lehnte den Kopf auf ihren weissen Arm, und blickte mich freundlich an, und ich betrog das Gluck, das mir im Schlafe zu kommen glaubte, ich nahm ihre Kusse stille hin.

Ich biss auf die Zunge, um nicht zu lacheln, ich biss auf die Zunge, um die Lust zu ertragen, wie andere es tun, um den Schmerz.

Moralisch freute ich mich, als ich merkte, dass sie aufstand, ohne mich zu wecken, denn es war wirklich ein Beweis eines sehr liebenden Herzens, dass sie mich schlafen liess, da sie wusste, dass ich nicht zu Leiden erwachen wurde; ja es lag mir in dem Augenblick viel Unschuld in dieser Handlung, sie konnte noch denken, dass der Schlaf susser sei als die Lust.

Wie sie sich leise in die Hohe richtete, als erstehe ein tugendhaftes Weib zur Seligkeit, wie sie mit Grazie und schuchterner Lust auf mich niedersah, dass ihr zarter Fuss mich nicht beruhre. Wie die Wurzeln unter der Rose lag ich und drangte ihr Liebe entgegen, wie sie uber mich hintrat, stand mein Puls still und mein Leben hielt ein, als griffe ein schoneres Leben in seine Rader. Ich ruhte wie die Asche eines Geweihten unter den Saulen des Tempels der Liebe.

Und leiser soll mein Geist einst nicht uber das Grab meiner Geliebten schweben, als sie uber mich hinschritt.

Sie schlupfte in ihre Pantoffelchen, und zeigte mir, indem sie sich sorglos vor mir ankleidete, mehr keusche Blosse als eine tugendhafte Jungfrau, die ganz allein sich auskleidet.

Da sie ihre mannliche Kleidung angelegt hatte, schrieb sie mit Bleistift ein Zettelchen, kam vor das Bett, kniete nieder und steckte es mir mit einer Nadel auf das grafliche Wappen, das am Armel meines Schlafrocks war, dann verliess sie in Stiefeln und Sporn die Stube.

Auf dem Zettelchen standen folgende Worte :

"Guten Morgen, schoner Freund! gut geschlafen? Ich habe ein moralisches Kunststuckchen gemacht, Sie nicht zu erwecken; was kann man von einer Heidin, gegen die man als Frauenzimmer doch galant sein muss, mehr begehren, wie kann man seinen Tag besser anfangen? Doch Scherz beiseite Sie schlafen aber auch, ich habe Sie herzlich gekusst und nicht zu erwachen ei, wo will das hinaus? Denken Sie nicht, ich sei eine Zauberin, und noch nicht von der Fahrt zuruckgekommen, wenn Sie sich allein finden, ich habe nie etwas mit dem Kamine zu tun gehabt, als dass es mich warmte und einmal einen Liebhaber zu mir brachte ich reite nur ein wenig spazieren, und zwar auf Ihrem Pferde, um an seinen Launen den Mann kennen zu lernen. Adieu, heio popeio ich bin eine Heidin, und will mein Morgengebet unter freiem Himmel verrichten."

Ich ergotzte mich an der muntern Laune der Grafin, und war ich verfuhrt, oder idealisierte ich? ich weiss nicht, aber ich fand sie sehr liebenswurdig, oder sie liebte ein wenig.

Ich konnte immer noch nicht aufstehen, obschon ich sonst kein Schlafer bin, aber ich lag wie an Ketten geschlossen in einer ewgen Betrachtung meines lustigen Zustandes: ich konnte manchmal gar nicht begreifen, wie ich hiehergekommen sei, und hatte einen recht deutlichen Begriff, wie es sich so schon breit auf einem Throne sitzt, und wie unausstehlich es sein muss, Kron und Zepter hinzureichen.

Wie einem Kinde, das zum erstenmal Komodie gespielt hat, und die bunten Kleider nicht ausziehen mag, war mir zu Mute nein, sagte ich, du kannst den vortrefflichen Schlafrock gar nicht wieder ausziehen, und wunschte wirklich sehnlich, es mochten ein paar Diebe hereinkommen, und meinen schwarzen Frack und die ledernen Beinkleider stehlen.

Da ging die Ture neben dem Bette leise auf, ich schamte mich ein wenig.

"Ach, er ist noch nicht auf!" sagte eine weibliche Stimme; der Vorhang uber meinem Kopfe wurde zuruckgezogen. Ich machte die Augen zu, wie der verfolgte Vogel Strauss mit dem Glauben den Kopf versteckt, wenn er nicht sehe, werde er nicht gesehen, und es ergoss sich ein Korbchen mit Blumen uber mein Gesicht.

Da ich horte, dass die freundliche Geberin forteilte, nachdem sie mir ihren Liebesdienst erzeigt hatte sprang ich aus dem Bette und verriegelte die Tur.

Ich trat in meinem Ornate vor den Spiegel, und freute mich meiner kindischen Eitelkeit, dann guckte ich etwas zum Fenster hinaus: die Arbeiter waren wieder rings in den Hugeln und Garten beschaftigt, ich war recht froh, und die Natur viel schoner als mein Lebtage ich sagte recht von Herzen:

"Dies ist Liebchens Fenster, und ich sehe nun in das heitere Gemalde aus einem traulichen Vorgrund; leset nur eure Weinbeeren, Kusse sind doch susser; mein Herbst klingt nicht, und singt nicht, aber ich gebe ihn doch nicht um den eurigen."

Dann kleidete ich mich schnell an, und wie ich den seidnen Schlafrock ablegte, legte ich viel frohen Mut ab, und als ich in meinem schwarzen Fracke steckte, war ich wieder voller Grundsatze , aber ich argerte mich druber.

Sechsunddreissigstes Kapitel

Ich verliess die Stube und ging durch die langen Gange des Hauses, und betrachtete die verschiedenen alten Bilder. Da ich neben eine Tur vor ein solches Bild trat, horte ich in der Stube sprechen, und erkannte Violettens Stimme, die mit einem kleinen Madchen sprach, das Kind sagte:

"Violette, nun habe ich dir helfen die Blumen suchen, nun lehre mich auch singen."

"Nun komm her, Flametta," sagte Violette, "aber hore auch hubsch zu, und singe mit."

Da es das Kind versprochen hatte sang Violette mit ihm folgendes Kinderlied:

Anne Margritchen!

Was willst du, mein Liebchen?

Ich trinke so gerne

Gezuckerten Wein.

Zwei Pfund Zuckerchen,

Ein Pfund Butterchen,

Schutt es ins Kesselchen,

Ruhr es mit dem Loffelchen.

Zwei Masse Wein,

So muss es gut sein.

Anne Margritchen,

Was Zipfel ist das?

Eine Weinsupp, eine Weinsupp!

"Nun kann ich es," sagte Flametta, "nun will ich auch wieder mit in den Garten gehn, aber sage mir, warum hast du so ein Holz in deinem Bettchen liegen?"

"Das Kissen ist mir zu niedrig," sagte Violette.

Hier trat ich an die Tur, die nur angelehnt war, und fragte: "Darf ich mit in den Garten gehn, Violette?"

Als sie meine Worte horten, sprangen sie hinter die Tur, die ich leise eroffnete: vor mir stand Violettens Bett, in dem ich ein scharfes eckichtes Scheit Holz liegen sah. Violette sprang plotzlich hervor, und riss den Vorhang des Bettes zu, sie gluhte uber und uber vor Scham.

"Fort, fort, aus der Madchen-Stube!" rief sie dann heftig. "Jage ihn fort, Flametta."

Flametta nahm einen kleinen Stecken, und ging auf mich los, mit den Worten:

"Fort, fort, aus der Madchen-Stube!"

Einer solchen Ubermacht konnte ich nicht widerstehen, und verliess die Kinder. Vor der Ture rief ich:

"Violette kommen Sie doch zu mir in den Garten."

Da rief sie heraus:

"Vielleicht ja, ja ich komme."

Im Hause sah ich wenige Diener, nur zwei hubsche Madchen in der Kuche: sie lachten, als sie mich sahen, und versteckten sich, ich musste mich zusammennehmen, und rief der einen zu:

"Guten Morgen, Madchen, war heute nacht dein Schatz bei dir?"

"Ei gewiss!" sagte sie.

Ich ging uber den geraumigen Hof nach dem Garten, und sah unterwegs mit einem seltsamen Gefuhle zum Tore hinaus, durch das ich gestern abend in diese neue Welt eingegangen war.

Da ich durch den Garten an einem Seitengebaude des Schlosses hinging, wurden mir aus einem Fenster einige Kranze von Weinlaub auf den Kopf geworfen, und da ich hinaufblickte, sah ich Violetten und Flametten, die sich lachend zuruckgezogen.

Auf der rechten Seite des Gartens war ein grosser Teich, in dessen Mitte ein hoher alter Turm stand; da ich naher hinging, bemerkte ich noch auf der andern Seite des Turms eine kleine Insel, auf der ein weisses, mit Laub umzogenes Hauschen durch dichte Gebusche hervorsah, aber ich mochte mich nicht in den gebrechlichen Kahn wagen, um hinuberzufahren ich ging deswegen nach dem grossen Gartenhause, das vor mir auf einer Terrasse stand.

Da ich in den Saal trat, erblickte ich einen jungen Kapuziner-Monch, der mit einem Teller voll Trauben in der Hand essend auf und nieder ging: wir grussten uns.

Ich: Guten Morgen, Ihr Hochwurden!

Er: Ich wunsche Ihnen, wohl geschlafen zu haben.

Ich: Sie geniessen den angenehmen Morgen.

Er: Ich bin des Gartners Bruder, und trete manchmal hier ab, wenn mich mein Beruf voruberfuhrt: Sie sind wohl der Herr, fur den das gnadige Fraulein die Blumen holte.

Ich: War es das Fraulein, die mir die Blumen brachte?

Er: Kennen Sie sie noch nicht? Sie sagte mir doch, sie habe gestern abend mit Ihnen gesprochen.

Ich: Ich lag noch im Bette.

Er: So! Ich habe viel Gutes von Ihnen durch das Fraulein gehort.

Ich: Ich nehme immer Anteil an der Familie meiner Freunde.

Er: Sind Sie anverwandt mit der graflichen Familie?

Ich: Nein, ich bin der Freund der Grafin.

Er: Der Grafin?

Ich: Wundert Sie das?

Er: Sie verzeihen, Sie mussen mich verstehen; ich vermute, dass Sie der Grafin sicher das Bessere raten und besonders in Hinsicht der Fraulein.

Ich: Die Grafin ist Mutter, und eine kluge Frau.

Er: O, sie ist eine Dame von vielen Gaben, nur etwas weltlich gesinnt und das Wohl ihrer Kinder konnte ihr mehr am Herzen liegen.

Ich: Sie hat mir mit vielem Anteil von Violetten gesprochen.

Er: Sprechen sprechen aber das Kind geht zu Grund! Ich will nicht sagen, als solle sie den Katechismus auswendig konnen, und alle Heiligen glauben, die Welt ist weiter gegangen, aber die Moral

Ich: Sie scheinen aufgeklart, das ist selten in Ihrem Rocke.

Er: Sie sind gutig, sollen wir ewig fort in altem Unsinn bruten?

Ich: Nennen Sie die Geheimnisse Ihrer Religion alten Unsinn, Herr Pater? das ist neuer Unsinn.

Hier trat die Grafin herein.

Sie ging auf mich zu und kusste mich der Monch zog sich zuruck und die Grafin wendete sich zu ihm mit den Worten:

"Ei, Pater Sebastian! sein Sie nicht bose, dass ich Sie nicht auch kusse; ich hatte es wohl getan, aber Sie verdienen es nicht."

Der Monch sagte beschamt:

"Frau Grafin, ich verdiene solche Freundlichkeit nicht, weil sie mein Stand verbietet, aber Ihren Unwillen verdiene ich auch nicht."

Die Grafin erwiderte hierauf gelassen:

"Herr Pater, Sie verderben meine Violette, Sie setzen dem Madchen Gespenster in den Kopf, und nehmen ihr den schonen Teil ihrer Religion, der fur Kinder gemacht ist. Sie geben ihr fur die goldnen Fruchte des Himmels leere moralische Nussschalen, und verfuhren mein Kind."

ER: Verfuhren! Frau Grafin, das ist ein schandliches Wort.

SIE: Kein Wort ist schandlich, die Tat ist schandlich! Sie qualen das Madchen, und fragen sie nach allen sieben Sachen, so dass sie keine Ruhe mehr vor sich hat, und sich allerlei unreif einbildet, was sich reif ausbilden sollte und so rauben Sie ihr ihre Unschuld und verfuhren sie ich bitte Sie daher, dem Seelenheil meiner Violette nicht langer nachzustellen, denn ihre Seele ist gesund, hat kein Heil notig, und Sie stiften hier wahres Seelenunheil wenn Sie es gut meinten, so kann ich nichts dafur, dass Sie es schlecht machten. Leben Sie wohl.

Der Monch ging weg; die Grafin rief den Gartner und sagte ihm:

"Er kann heute nachmittag in die Stadt gehen, und seinem Bruder ein Dutzend Schnupftucher kaufen; sage Er ihm dabei, ich und Violette hatten sie gesaumt, und schickten sie ihm zum Danke fur seine Bemuhungen: aber kaufe Er feine weisse, und bitte Er ihn, Er moge mir zuliebe sich das Tabakschnupfen abgewohnen, es steht ihm zu seiner feinen Miene und zu seinem hubschen Barte gar nicht gut."

Der Gartner lachelte und ging weg.

Ich war uber die Heftigkeit der schonen leichtfertigen Frau verstummt, aber ihr munterer Nachsatz an den Bruder des Gartners tat mir wohl, sie gewann durch diese Szene sehr in meinen Augen. Da der Gartner weg war, nahm sie mich bei der Hand, und sagte, indem sie mich fortzog:

"Sehen Sie, wie ich zanken kann, sollte man sich es vorstellen? Sie sind wirklich erschrocken, dass das, was ich Ihnen gestern von meinen Grundsatzen sagte, mein Ernst zu sein scheint. Gott weiss, woher ich die Grundsatze habe, sie sind, glaube ich, meine Natur; ich glaube, es sind solche, die man nicht fur Grundsatze halt, und das ist das Beste."

Sie hing an meinem Arm, und lief mit mir die Terrasse herab. Violette und Flametta begegneten uns, und die Grafin fuhrte uns alle nach dem Teich.

"Sie sollen mich nun auch nach meinem politischen Glauben kennenlernen", sagte sie, als wir an den baufalligen Kahn kamen. Sie machte Anstalt hineinzusteigen.

"Er wird uns nicht alle tragen."

Die Kinder sprangen mit ihr hinein.

"Nun, mein Kind," sagte sie freundlich zu mir, "willst du allein draus bleiben, adieu, so fahr ich fort."

Sie sagen das so liebenswurdig "Und wenn wir miteinander untergehen, war es ein freundlicher Tod."

Mit diesen Worten stieg ich in den Kahn, die Grafin ruderte, und sagte:

"Dies ist meine ganze Seemacht, ich wollte Sie mit meinem politischen Glauben bekannt machen, auf der Insel wird sich es aufweisen: damit Sie sich aber zuerst etwas abharten, wollen wir einmal um den Teich fahren. Violette, singe ein Liedchen!"

Violette sang folgendes Lied:

Zu Bacharach am Rheine

Wohnt eine Zauberin,

Sie war so schon und feine

Und riss viel Herzen hin.

Und brachte viel zu schanden

Der Manner rings umher,

Aus ihren Liebesbanden

War keine Rettung mehr.

Der Bischof liess sie laden

Vor geistliche Gewalt

Und musste sie begnaden,

So schon war ihr Gestalt.

Er sprach zu ihr geruhret:

"Du arme Lore Lay!

Wer hat dich denn verfuhret

Zu boser Zauberei?"

"Herr Bischof, lasst mich sterben,

Ich bin des Lebens mud,

Weil jeder muss verderben,

Der meine Augen sieht.

Die Augen sind zwei Flammen,

Mein Arm ein Zauberstab

O legt mich in die Flammen!

O brechet mir den Stab!"

"Ich kann dich nicht verdammen,

Bis du mir erst bekennt,

Warum in diesen Flammen

Mein eigen Herz schon brennt.

Den Stab kann ich nicht brechen,

Du schone Lore Lay!

Ich musste dann zerbrechen

Mein eigen Herz entzwei."

"Herr Bischof, mit mir Armen

Treibt nicht so bosen Spott,

Und bittet um Erbarmen,

Fur mich den lieben Gott.

Ich darf nicht langer leben,

Ich liebe keinen mehr

Den Tod sollt Ihr mir geben,

Drum kam ich zu Euch her.

Mein Schatz hat mich betrogen,

Hat sich von mir gewandt,

Ist fort von hier gezogen,

Fort in ein fremdes Land.

Die Augen sanft und wilde,

Die Wangen rot und weiss,

Die Worte still und milde,

Das ist mein Zauberkreis.

Ich selbst muss drin verderben,

Das Herz tut mir so weh,

Vor Schmerzen mocht ich sterben,

Wenn ich mein Bildnis seh.

Drum lasst mein Recht mich finden,

Mich sterben wie ein Christ,

Denn alles muss verschwinden,

Weil er nicht bei mir ist."

Drei Ritter lasst er holen:

"Bringt sie ins Kloster hin;

Geh, Lore! Gott befohlen

Sei dein beruckter Sinn.

Du sollst ein Nonnchen werden,

Ein Nonnchen schwarz und weiss,

Bereite dich auf Erden

Zu deines Todes Reis'."

Zum Kloster sie nun ritten,

Die Ritter alle drei,

Und traurig in der Mitten

Die schone Lore Lay.

"O Ritter, lasst mich gehen

Auf diesen Felsen gross,

Ich will noch einmal sehen

Nach meines Lieben Schloss.

Ich will noch einmal sehen

Wohl in den tiefen Rhein,

Und dann ins Kloster gehen

Und Gottes Jungfrau sein."

Der Felsen ist so jahe,

So steil ist seine Wand,

Doch klimmt sie in die Hohe,

Bis dass sie oben stand.

Es binden die drei Ritter

Die Rosse unten an,

Und klettern immer weiter

Zum Felsen auch hinan.

Die Jungfrau sprach: "Da gehet

Ein Schifflein auf dem Rhein,

Der in dem Schifflein stehet,

Der soll mein Liebster sein.

Mein Herz wird mir so munter,

Er muss mein Liebster sein!"

Da lehnt sie sich hinunter

Und sturzet in den Rhein.

Die Ritter mussten sterben,

Sie konnten nicht hinab,

Sie mussten all verderben,

Ohn Priester und ohn Grab.

Wer hat dies Lied gesungen?

Ein Schiffer auf dem Rhein,

Und immer hats geklungen

Von dem drei Ritterstein:7

Lore Lay, Lore Lay, Lore Lay,

Als waren es meiner drei.

Als wir an der Insel ausgestiegen waren, sagte die Grafin: "Der Kahn ist so schlecht, aber ich liebe ihn und mag keinen andern, ich bin oft recht vergnugt auf ihm gefahren."

Nun kamen wir an das kleine runde Haus, es war ganz mit Epheu uberzogen, auf dem runden Dache stand ein geflugeltes Pferd, das sich in die Hohe baumt, auf ihm ein nackter Jungling, und vor ihm zwei Liebesgotter, die das Pferd am Zugel niederziehen, auf dem Fussgestell aber war die Inschrift:

Friedrich dem Einzigen

"Sehen Sie meinen politischen Abgott, ich freue mich oft uber meinen Witz, ich wollte den neugierigen Baumeister nicht in mein Geheimnis sehen lassen, denn eigentlich musste es heissen, Friedrich dem Meinigen.

Doch Lieber! sei'n Sie nicht bose, weil ich Sie wissen lasse dass ich vor Ihnen schon liebte."

Wir gingen in das Hauschen, in dem es recht freundlich war aber da ich wusste, dass ich uber einem Grabe sass, was mir die Grafin verschwiegen hatte, konnte ich nicht ganz froh werden, und das zubereitete Fruhstuck schmeckte mir nicht recht.

Siebenunddreissigstes Kapitel

In dieser Umgebung lebte ich zwei Monden, wahrend denen ich mehrere Streifzuge an den freudigen Ufern des Flusses und in das Land einwarts machte.

Ich trat stets mit einer eignen Empfindung solche Wallfahrten an, denn die bunte Einsamkeit des Lebens bei der Grafin machte mich immer zu einem weltfremden Menschen wenn ich durch die ruhige grosse Natur ging, die gar keine Gattung von Prinzipien hat, und deren Lust und Leid sich in einen schonen Wechsel von Jahreszeiten flechten.

So oft ich zuruckkehrte, behauptete die Grafin, ich sei ein ganz neuer unbekannter Mensch, sie habe aber eine Ahndung oder Erinnerung von einer alten Bekanntschaft mit mir.

"Gott, wie werde ich alt," sagte sie einmal, "schon wieder jemand, der mir bekannt scheint, und ich weiss gar nicht, wo ich Sie zum erstenmale gesehen habe."

"Es war am Abend, Madame; war es nicht in der Dammerung, begegneten wir uns nicht zu Pferde am Rhein?"

"Sie haben ganz recht, seien Sie mir willkommen."

Dann kusste sie mich freundlich, ich schien wieder so ernsthaft als das erstemal, und sie bekehrte mich wieder sehr emsig.

Violette war immer stiller geworden in der letzten Zeit, und schien sich mit einer schmerzlichen Zuneigung an mich zu hangen. Das Madchen machte mir bange und jetzt, da ich meine ganze damalige Lage ruhig ubersehe, bemerke ich mit Scham und Reue, warum ich diese Bangigkeit zu vermeiden suchte.

Violette mochte sein, wie sie wollte, war nicht der erste Abend im Schlosse, und meine Unterhaltung mit ihr, das einzige, auf das ich mit reiner Freude zurucksehen konnte? Wie hatte sich die Jungfrau in ihrem Streite mit der Lust mit ihrem Reinsten in mich gerettet, und was versprach ich ihr, das ich ihr nicht hielt! Die Grafin mochte sein, wie sie wollte, aber mit ihrem Kinde zusammen war sie schlecht. Das Leben eines genialischen Menschen kann aus sich selbst hervorgefuhrt, mit eigner Kraft verteidigt und durchgesetzt, ein gutes selbstgedeihliches Leben sein, denn es ist das Leben der Eigentumlichkeit, aber die Jugend kann sich an ihm nicht entwickeln; sie ist eine Allgemeinheit, und muss an dem Fruhling und nicht am Menschen hervorwachsen; denn das letztere heisst der Psyche die Flugel auseinanderzupfen, oder ihr mit einem kunstlichen Lichte die Sonne ersetzen wollen, ohne die Rucksicht, dass sie hineinfliegt und stirbt.

Brachte ich Violetten nicht zur volligen Uneinigkeit mit sich, indem mein Verhaltnis mit ihrer Mutter immer ihrer unschuldigen Neigung zu mir entgegentrat?

Ich konnte in der letzten Woche gar nicht mehr offen mit ihr reden, denn ich bemerkte, dass sie stets verlegener ward, wenn ihre Mutter in ihrer Gegenwart mit mir vertraulich war.

Diese Empfindung war es, die zu meinen Spazierritten mitwirkte, und ich wunschte sogar einigemal, wieder zu Hause zu sein.

Das letztemal, da ich ausritt, nahm ich meinen Weg nach einem der schonsten Punkte am Rheine, dem Ostein, einem schonen Lustschlosse auf dem Niederwald, einem hohen Berge, dem Stadtchen Bingen gegenuber; dieser Berg macht den Winkel, um den sich hier der Rhein scharf herumwendet.

Der Besitzer des Schlosses war nicht gegenwartig, und obschon ich den Mann zu kennen wunschte, der eine solche Anlage bloss zu seinem Vergnugen machen durfte, war es mir lieb, dass er nicht hier war. Ich hatte ihn hier meines Dankes ohne einigen Neid nicht versichern konnen.

So trostete ich mich und dachte, er habe dieses Werk vollbracht, wie jeder, wenn er es gleich nicht weiss, durch irgend etwas ein hochst wichtiger Mensch ist, so dass ich mir hieraus die Ursache erklare, warum die Worte: Es war ja ein gemeiner Mensch, keinen Totschlag entschuldigen. Diese Wichtigkeit des Lebendigen ist mir der einzige Grund irgend eines Rechtes, so wie mir der einzige Grund der Moral ist, dass der Mensch aus den Augen heraussieht, dass er ein Reprasentant des Lebens ist. Doch ich kehre zuruck.

Das kleine Lustschloss ist ein wahres Lustschloss, denn es ist voll lustiger Einrichtungen, voll geheimer Turen, verborgner Treppen und doppelter Wande; man kann darin herumirren, wie ein verwunschter Prinz, und ich finde diese luftige, scherzende Gattung von Bauart hier recht angebracht, denn es wurde in jedem Falle eine Stumperei geworden sein, hatte man hier ein gediegenes Gebaude hersetzen wollen, wo selbst kaum des Menschen Herz sich erhalten kann, gegen die vollen reichen Ansichten der Natur.

Wo die Architektur der Natur so erhaben ist, zwischen den Massen der Felsen, den Ergussen der Aussichten, den brausenden Waldern hatte nicht leicht ein Gebaude stehen konnen, ohne plump und muhselig auszusehen, das im mindesten affektieren konnte, als wolle es etwas bedeuten. Ja ich glaube, es ist ein ausserst trotziger, melancholisch hoffartiger Gedanke, auf solchen herrlichen Gesichtspunkten der grossten und reichsten Natur, die durch unendliche mannigfaltige Freiheit harmonische Unordnung der Aussicht mit einer prahlend wichtigen Bausymmetrie affen zu wollen, die in solcher Zusammenstellung nur unverdaute Mathematik an der Stirne tragt.

Ein leichtes luftiges Freudengezelt musste hier aufgeschlagen werden, ein ergotzlicher Feenpalast, voll Mutwill und koquetter Madchenhaftigkeit, doch ohne Pruderie und Sittenpedanterei, und so ist es hier; man mochte sich umsehen, wo die frohliche Gesellschaft geblieben ist, die hier in voller furstlicher Freude, mit Maitressen, Haiducken, Laufern, Opernmadchen und einem witzigen Hofnarren, gehaust hat. Wo ist die junge etwas schmachtende Grafin, die hier an den militairisch schonen Prinzen denkt? wo ist der muntere Dichter, der hier Singspiele dichtet, und Elegien schreibt, weil er in die junge Grafin verliebt ist? Ich wandelte durch die Stuben mit grossen Spiegeln in buntgemalten Bretterwanden verirrte mich auf den kleinen Treppen von Boudoir zu Boudoir; in den Weiberstuben beruhrte ich mit Herzklopfen umherliegende Kleinigkeiten, zerrissene Liebesbriefchen, Locken, und gemachte Blumen, welche die holden leichten Wesen von Fruhling zu Fruhling, wie den bunten Staub der Schmetterlingsflugel, abstreifen.

Und verzeihen Sie aber es ist nicht anders wenn ich es hin und her uberlegte und, das ganze lustige Haus in einem Zuge zu geniessen, mir einen Plan erdachte, so war es der, mit einem Schock nackter Madchen, voll Freude, Witz, Tanz und Sing-Talent, drinne Haschen zu spielen.

Auf dem hochsten Punkte des Schlosses steht ein Belvedere, und ein gutes Perspektiv, fur die, welche das ganze Buch nicht verstehen, einzelne Stellen erklaren wollen, und gerne wussten, ob auch dieses oder jenes Stadtchen mit hier notiert ware.

Dieses Turmchen ist die Spitze des Schlosses, und die Pointe des ganzen epigrammatischen Gebaudes, das wie ein guter freundlicher Einfall hier oben hingeflogen ist, und mir wie das Lied eines Turmdeckers auf dem Munster vorkommt.

Das Schlosschen scheint sich, wie ein frohliches scherzhaftes Madchen in den Mantel von Konigen, hier in die herrlichen Berge zu verstecken, mit den Worten: Ich bin auch da, liebt mich; am Ende, wenns Nacht wird und nicht grade der Mond scheint, wenns draussen sturmt, kommt ihr doch zu mir.

Ich sprach von dem Schlosse zuerst, weil es heisser Mittag war, da ich heraufkam, und ich mich in den kuhlen Stuben erfreute.

Als sich der Abend nahte, ging ich in den Wald, der, auf wenigen Punkten von der Kunst beruhrt, doch nichts von seiner Schonheit verlor. Seine Grenze um den Berg herum ist die unbeschreibliche Aussicht, die alle Worte ubersteigt. Man kann nicht zuruck, der dunkle Wald liegt angstlich hinter einem. Nirgends ward mir meine Geschichte so erbarmlich und so klein. Ich glaubte, hier zu stehen, sei der Zweck und das Ende meines Lebens. Wie ein kleiner Bach sich durch dunkle Taler, durch Klippen und Felsen stille oder nur brausend hinwindet, weil seine Ufer ihm weichen, oder ihm widerstreben, wie er endlich sich in eine unabsehbare See, sich selbst vernichtend, hinsturzet, so stand ich hier.

Alles, alles freudig hingeben, Freude und Lust, Freundschaft und Liebe, alle stolze Leiden der Demut, alle Traume und Plane freudig hingeben in dieses Wehn der Luftstrome, diese Tiefe voll grosser Natur, diese freundlich herandringende Ferne, war meine letzte Reflexion, meine Begierde war Schweben, und ich sah mit gefahrlichem schwindelnden Neide den wilden Tauben nach, die sich freudig hinabsturzten, wo der Rhein den Fuss der grunen Berge kusste, deren Haupter von seiner rauschenden Umarmung trunken zu drehen schienen, und es war mir, als walle die Seele des kraftigen Stromes herauf durch die Adern des Berges, wie warmes lebendiges Blut, und der Boden lebe unter mir, und alles sei ein einziges Leben, dessen Pulsschlag in meinem Herzen schlage.

Hier hat alles sein Ende, und alles ist gelost, hier ist alles vergessen, und ein neues Leben fangt an. Der Mensch ist das Hochste nicht im Dasein, sonst ware keine Muhe in ihm, und keine Stufung der Vollkommenheit: der Mensch ist nicht frei, er konnte sonst nicht wieder zuruck ins enge dunkle Haus, er sturzte sich eher hier hinab. Gefangen sind wir, wie das Weib, das ewig nach den Schmerzen der Geburt sich gerne wieder zum Werke der Lust hinwendet, gefangen sind wir, wie Leichtsinn und Schwermut, zwischen Schmerz und Lust, und die Freiheit besteht in der Wahl zwischen zweien, wo uns das eine schon so ermudet, dass wir das andere gern ergreifen und was ist endlich die heiligste stolzeste philosophische Ansicht als die Krankheit der Flamme, die zu verloschen droht, um sich selbst zu sagen: Ich bin das Licht und entzunde alles. Man kann hochstens so eine traurige Ansicht haben, wenn man nach Hause geht, und sich mit Hoffart trosten will, oder wenn man kommt und sich vornimmt, doch etwas Besseres zu sein; aber was hilft es endlich, wenn man hier steht, da muss das traurige Zeug, der konsequente eitle Trost doch zuruckbleiben, denn wahrlich, er ist das verdienstliche Bemuhen der schweren Arbeit, und es ware fur jeden, der hier steht, eine sehr mitleidswurdige moralische Betrachtung, an die Verdienste der Philosophen und Gelehrten zu denken.

Fast mochte ich glauben, dass das ruhige volle Geniessen des einfachen unschuldigen Menschen der Gipfel des Lebens ist, und ich will mich bestreben, ein Trinker zu werden, und mir meine Weingartner zu halten.

Der Punkt, wo ich stand, war ein kleiner runder Tempel auf funf Saulen, die voll von den Namen der Menschen standen, die eine solche Minute in ihrem Leben hatten und wenn unter den vielen Hunderten nur einem zu Mute war wie mir, so sind zwei Menschen hier ruhig geworden, und besser.

Etwas spater ging ich nach einem andern Punkte, einem alten Turme, der auf dem Winkel steht, der den Berg macht und den Punkt bestimmt, auf dem sich der Rhein schnell und heftig wendet.

Die Aussicht ist hier nicht so ergossen, sie ist nicht ein ruhiges, willenloses Meer, das wie ein lebendiges unendliches Element ohne Fortschreiten durch die Grosse schon fern und nah ist. Sie ist tatiger, drohender gegen den Stolzen, umarmender und erwarmender fur den Liebenden.

Dort wird man vernichtet, man vergisst sich, und muss trunken ertrinken; hier drangen sich die Berge heran, die beiden Ufer wollen sich die Arme reichen oder die Stirne bieten, die Brust der Berge will zusammendringen, um den reissenden Fluss zuruckzuhalten, der ihnen hier zu entfliehen scheint.

Dort ist man hingegeben, hier ruckt die Natur heran, und bietet einem die kraftigen Hande, und man rustet sich im Herzen, die Riesin zu empfangen.

Der alte Turm ist mit einem bequemen Saale versehen, der ganz in dem derben Geschmacke jener braven Zeit eingerichtet ist, und auf einem kleinen Pulte am Fenster fand ich das Heldenbuch, und in einem Schranke in der Wand eine schone Sammlung der neuern Werke, welche die Reste der Poesie des deutschen Mittelalters enthalten.

An die Wand hatte der Graf selbst die Worte geschrieben: "Was waren das fur gesunde Menschen, welche solcher Natur gegenuber stark warden, die uns heutzutage nur ruhrt und erschuttert."

Der Wechsel der Aussicht machte einen sehr wohltatigen Eindruck auf mich, ich war mir hier als ein besserer Mensch zuruckgegeben. Ich war dort mit unruhigem Gemute hinausgesegelt, und hier setzte mich das Meer gepruft und reich ans Land. Ich erkannte hier, wie viel Anteil der Mensch an der Natur hat, denn hier, wo alles naher an mich herantrat, sah ich in den eignen Busen, und fuhlte, wie ich grosser geworden war, seit wenigen Stunden.

Der Sonnenuntergang, zwischen den Felsen und Waldern, war eine Zwischenrede der Natur in mein Leben, ich war entzuckt, wie ein Heiliger, die Flammen und Gluten brachen sich so geisterisch, so tausendfaltig lebendig, gestaltlos und beweglich in der heftig und rauh gruppierten Wildnis, und das Rauschen des Rheins stieg so machtig in der allgemeinen Stille, als hore ich das Sieden der flammenden Geister um mich her, die in einem geheimnisvollen feurigen Tanze sich gaukelnd uber die dunkeln Walder und Schluchten hinschleuderten.

Ich sah mit einer mir noch unbekannten Ruhe zu, wie ein Licht nach dem andern dem Schatten wich, und fuhlte, wie sich zugleich im Ebenmasse mein Gemut veranderte.

Jedem weichenden Lichte zog eine Erinnerung nach, und es schien mir, als bezeichne ich die Stellen, von denen eine Farbe des Glanzes geschwunden war, mit Dingen, die mir lieb gewesen oder noch waren.

Nun war es ganz ruhig, nur glanzte noch die Pforte, durch die alle die Flammen hingezogen waren, und auch diese schloss sich mit der Aussicht , ich dachte an Violetten, und entschloss mich fest, nicht wieder zu der Grafin zuruckzukehren. Ich nahm mir vor, graden Weges von hier zuruckzureisen, denn ich schamte mich meines Verhaltnisses mit der leichtsinnigen Frau, sie schien mir so weit unter mir, und ich konnte nicht begreifen, wie sie mich verblendet hatte.

Hier rief mich ein Diener aus dem Schlosse zuruck, er sagte mir, dass jemand angekommen sei, der mich sprechen wolle.

Ich ging mit ihm zuruck, und fand Violetten; der Gartner hatte sie auf ihr dringendes Begehren hierher gefuhrt.

Sie uberraschte mich auf eine unangenehme Art, und der gutige Eindruck der Natur auf mein Gemut ward durch sie gewaltsam unterbrochen.

Als wir allein waren, blieben wir noch lange stumm, bis sie sich mir mit Tranen naherte, und mich um Verzeihung bat, dass sie hierherkomme, um meine Freude zu storen sie musse mir Vorwurfe machen, dass ich ihr Hulfe versprochen, und sie noch tiefer verstrickt habe.

Sie zeigte mir mit geschamiger Umstandlichkeit, wie ich so verderblich fur sie mich ihrer Mutter ergeben hatte, wie sie nun ihre Mutter hassen musse, die ihr ihren einzigen Freund genommen: "Ach," sagte sie, "Sie selbst sind mir ein peinlicher Gedanke, ich muss immer an Sie denken, und Sie haben mich doch so sehr gekrankt!"

Ich sprach ruhig mit ihr, und sagte, was ich fur wahr hielt, wie ich das alles empfande, und wie ich mich herzlich schamte, mich so hingegeben zu haben; doch gestand ich ihr auch offen, wie sie selbst einigen Teil dran habe, obschon in aller Unschuld, denn ihre Ausserungen gegen mich hatten so zwischen kindischer Naivetat, Frommigkeit und Sinnlichkeit geschwankt, ihre Reden gegen mich hatten am ersten Abende schon eine solche Unbestimmtheit verraten, dass ich oft nicht gezweifelt habe, sie sei eine angehende Koquette, und schon so gut als verloren.

Violette horte das alles ruhig an. "Sie haben recht geglaubt," sagte sie, "hatte ich mich nicht in Ihnen betrogen gefunden in jener ersten Unterhaltung, so ware ich es wohl geblieben; aber ich erwartete, dass Sie mich lieben wurden, und da ich eben dieser Liebe meine Mutter aus dem Wege rucken wollte, zeigte ich mich Ihnen in einem unschuldigen Gewande, um Ihnen meine Mutter verhasst zu machen; aber ich konnte mich gegen Ihre einfachen Antworten und Fragen nicht erhalten, und Sie wurden, was ich nicht wollte, nur geruhrt; ich fuhlte selbst, dass ich, als ich von meinem Vater und meiner Mutter sprach, mehr sagte, als ein Kind sagen kann; dennoch konnte ich mich nicht mehr fassen, und redete gradeheraus, wie es mir mein Verdruss eingab; ich war in meinem Leben nicht so wunderbar zerruttet als an diesem Abend, ich fuhlte, wie ich so gar nichts tauge, um zu lugen. Meine Mutter hatte mich wirklich zu Ihnen geschickt, und ich stellte mich, als ging ich ungern, um ihr allen Verdacht der Eifersucht zu nehmen aber wie ist alles geworden? Es ist wahr, dass jene Angst in mir war, und ich habe lange gestritten mit der Andacht, aber das ist nicht mehr meine Mutter kennt mich nicht, sie glaubt mich teils schlechter, teils besser, als ich bin. Sie haben etwas Furchterliches in mir hervorgebracht, ich fasste mich wieder zusammen und wendete mich mit Gewalt zu Gott. Ich habe die ganze Nacht gebetet und geweint nach jenem Abend, und als ich Sie am Morgen sah, musste ich mich meiner und Ihrer schamen. Doch ich muss Ihnen noch sagen, Sie sind nicht zufallig zu uns gekommen, meine Mutter hat Sie aufgesucht, wir haben Sie auf einem Balle gesehen, und sie entschloss sich gleich, Sie zu besitzen, und auch ich fasste meine kindischen Anschlage. Ich habe in der letzten Zeit Ihren Missmut bemerkt, und so sehr es mich schmerzte, dass Sie mir aus dem Wege gingen, so sehr war es mir lieb, dass Sie uber Ihre Lage zu reflektieren schienen. Ich fuhle, dass ich zu Grunde gehen werde, ich fuhle, dass Sie mir helfen konnen." Ich breche hier Violettens Worte ab, die sich immer mehr verwirrten sie konnte bald nicht mehr sprechen, und brach in bittre Tranen aus.

Meine Verlegenheit konnte nicht kleiner sein als die ihrige, ich fuhlte, dass sie auch diese Rede mit einer Standhaftigkeit und einer ernsten Gleichheit reden wollte, der sie, wie jener naiven, unschuldigen Rolle, nicht gewachsen war; ihr armes verwirrtes Gemut, das mit Leidenschaft, Selbstverachtung, und Unschuld, und Vorsatz stritt, kam endlich zu Tage.

Dies arme Geschopf war auf eine traurige Weise in die Hohe getrieben worden ich konnte nichts erwidern, denn auch ich stand sehr unwurdig, ja unwurdiger als sie, da

Sie kniete vor mir nieder, und bat mich heftig, sie mitzunehmen, oder sie umzubringen; sie wolle mir wie eine Magd dienen, ich solle sie misshandeln, aber zu ihrer Mutter konne sie nicht zuruck.

Ich fragte sie, ob ihre Mutter wisse, dass sie hier sei, und erfuhr, dass ihre Mutter es nicht wisse, dass sie verreist und sie gleich nach ihrer Abreise hierher gegangen war, um mir alles zu sagen, wie es ihr Gott in den Mund legen wurde.

Ich dachte nun nach, wie ich in der Sache handlen sollte, aber ich fand keinen Ausweg, immer verirrte ich mich in unnutze Betrachtungen, oder ertappte mich auf einer Bequemlichkeit, mich herauszuziehen.

Wahrenddem war es ganz dunkel geworden, Violette hatte sich mir weinend zu Fussen gesetzt, und meine Hand ergriffen, und wir waren beide in jene dumpfe Sorglosigkeit gefallen, die einen geselligen Schmerz unter so vertraulichen Umstanden leicht begleitet.

Ich fuhr auf, denn ich horte ein Pferd im Hofe ankommen, ich sah zum Fenster hinab, und es war die Grafin.

"Violette! Ihre Mutter", sagte ich besturzt; "wir mussen uns nicht verraten, Ihr Hiersein wird Sie leicht entschuldigen, sei'n Sie froh und munter, so gut Sie es konnen, ich will fur Ihr Wohl denken."

Violette sprang von der Erde auf.

"Gott! Gott!" sagte sie, und ging mit mir ihrer Mutter entgegen.

Diese war, wie immer, leichtfertig und zierlich gemein, sie scherzte mit Violetten, und freute sich, sie hier zu finden: "Dies ist dein erster Geniestreich," sagte sie, "und ich hoffe fur dich."

Wir brachten den Abend so gut zu, als ich und Violette heuchlen konnten der Schlossvogt wies uns einige Stuben zum Schlafen an und wir trennten uns.

Dies war die furchterlichste Nacht meines Lebens: ich wusste mir nicht anders zu helfen, als dass ich der Mutter einen Brief schrieb, in dem ich ihr alles sagte, was ich empfand, und sie dringend bat, ihre Tochter von sich zu entfernen.

An Violetten schrieb ich auch und suchte sie aufzurichten, und ihren Entschluss zum Guten zu befestigen. Dann ging ich hinab, bezahlte den Schlossvogt, es war drei Uhr des Morgens, und ritt weg.

Von meiner Reise lassen Sie mich schweigen, ich reiste Tag und Nacht nach Haus und war mehr tot als lebend. Ich zweifle nicht, dass viele meiner Leser unwillig sein werden, dass ich Violetten verliess, jetzt bin ich selbst unwillig darum, aber damals war es nicht anders moglich, wenn ich nicht selbst zu Grunde gehen wollte, ich hatte mich zuerst zu retten.

Man soll hier nicht denken, als habe mich mein Leben mit der Grafin um seiner selbst willen gereut, nichts weniger, aber ich fuhlte, dass dies freie Leben einen Charakter annehmen wollte, und daruber erschrak ich.

Die freie Luft ist wohltatig, aber eine gebundne Unbandigkeit, die mich mit Zugellosigkeit zugelt, ist das Verderblichste und alles Gute geht dadurch zu Grunde.

Achtunddreissigstes Kapitel

Als ich zu Hause eintraf, fand ich Kordelien sehr krank, und sie starb bald darauf in der freien Luft, unter der Eiche, am hinteren Eingange des Haines, der das Jagerhaus umgiebt; sie hatte sich dort hinbringen lassen.

Ich war auf dem Gute, als sie starb, denn meine Gegenwart war ihr auf dem Jagerhause beschwerlich. Als ich sie einige Tage vorher besuchte hatte, reichte sie mir, ohne mehr als einige Worte zu sprechen, einen versiegelten Brief, den ich nach ihrem Tode erbrechen sollte.

Sie war wahrend meiner Abwesenheit mehreremal am steinernen Bilde meiner Mutter gewesen, und der alte Anton sagte, er habe sie einmal dort heftig weinend gesehen.

An der Eiche hatte sie nachts oft gestanden, und sie war uberhaupt ihr liebster Aufenthalt. Sie hatte mehrere grosse Aolsharfen in der Eiche anbringen lassen, und sich besonders mit Blumenzucht und Gesang unterhalten.

Der Jager sagte mir, als ich auf die Nachricht ihres Todes hinuberging, dass sie ihre Stube versiegelt habe, ehe man sie nach der Eiche gefuhrt habe; es sei gegen Abend gewesen, und um sechs Uhr sei sie dort gestorben.

Als ich ihren Brief erbrach, las ich nichts, als dass sie wunschte, unter der Eiche begraben zu werden, und mich beschwor, ihre Stube nicht eher zu offnen, bis ihr Name entdeckt sei.

Sie mochte damals ohngefahr vierzig Jahre alt sein; ihre Figur war schlank, ihr Haar schwarz, und ihr Auge lebhaft. In der letzten Zeit ihres Lebens sprach sie beinahe gar nicht. Sie ward unter der Eiche begraben.

Bald darauf erhielt ich Briefe von meinem Vater aus Italien, der mich aufforderte, ihn zu besuchen, und ich reiste gerne und gleich ab.

Hier liegt ein Zeitraum von einigen Jahren, die ich in Italien bis zu meines Vaters Tod zubrachte.

Neununddreissigstes Kapitel

Da ich nach Deutschland zuruckgekommen war, nahm ich meinen Weg zuerst nach dem Rheine, ehe ich nach meinem Gute ging. Ich fand eine traurige Veranderung, der franzosische Revolutionskrieg hat seine Verheerungen dort ausgebreitet; die Natur war noch dieselbe, aber die Menschen nicht mehr.

Ich ritt abends mit pochendem Herzen nach dem Schloss der Grafin; der Weg war aufgerissen, und rings die Weinberge zerstort, das Tor stand offen, wie damals, aber die Torflugel waren zerschmettert, der Hof war mit Gras bedecket; ich rief nach jemand, und ein alter Diener kam mir mit einer Laterne entgegen; ich fragte nach der Grafin.

"Die ist seit anderthalb Jahren tot," war die Antwort, "das Schloss steht unter der Aufsicht ihrer Schuldner; sie ist mit den Franzosen herumgezogen, hat alles zu Grunde gerichtet, und am Ende musste sie auch sterben."

Nach Violetten zu fragen, wagte ich nicht; ich fragte, ob er mich wohl heute nacht beherbergen konne; er brachte mich hinauf, nach der namlichen Stube, in der ich den ersten Abend mit der Grafin gewesen war.

"Das ist die einzige Stube, an der noch eine Tur ist," sagte er, "und in Ihrem Mantel konnen Sie wohl hier auf dem Armsessel schlafen."

Er stellte mir das Licht hin, und verliess mich.

Wie ein Toter, der die Welt nach langen Jahren wieder betritt, ging ich in der Stube umher, in der eine furchterliche abenteuerliche Verwustung herrschte.

Das Brustbild der Grafin war mit Degenstichen zerfetzt, und auf eine militairische Art verunreinigt, die Wande waren mit allerlei abgeschmackten Figuren mit Kohlen bemalt, am Boden umher lagen zerrissene Dokumente in Haarwickel verwandelt, in einem Winkel stand ein Gemalde, das sonst auf der Hausflur gehangen hatte, und zwei nackte Weiber vorstellte, die sich um ein Paar Beinkleider schlugen, alle Mobel waren auf eine mutwillige Art zerschmettert, ich ruckte den Armstuhl in die Mitte, setzte meine Fusse auf mein Felleisen, und versuchte zu schlafen, aber es war lange umsonst.

Gegen Morgen erwachte ich, und Gott! wie erschrak ich, als ich zwischen meinen Knien ein halb nacktes Madchen sitzen sah, das eingeschlafen war. Meine Hande, die ich in meinem Schoss liegen hatte, waren mit ihren langen Haaren zusammengebunden.

Ich wickelte mich los, stand auf, ohne sie zu wekken, und betrachtete sie naher, es war Violette, ich warf meinen Mantel uber sie, sie sass auf dem Felleisen, und lehnte den Kopf an das Kissen des Armstuhls.

Ich trat ans Fenster und sah wieder in dieselbe Gegend, nichts hatte sich verandert, und wie sah es in meiner Seele aus. Wie der Morgen heraufstieg, und es heller wurde, sah ich wieder nach Violetten, aber sie offnete ihre grossen Augen, schrie laut, und ich fasste sie in meine Arme, sie war ohnmachtig; ich setzte mich in den Armstuhl, und hielt sie so von Herzen umarmt, heisse Tranen flossen uber meine Wangen, die ganze Vorzeit erwachte um mich, und schlug mich mit schmerzlichen Schlagen.

Auch Violette erwachte wieder, und sagte laut weinend: "Ach, warum verliessen Sie mich damals; hatte ich nicht gesagt, ich wurde zu Grunde gehen?"

"Ist es denn so, Violette!"

"Ach, es ist so, es ist nun alles voruber."

Die Mutter hatte sich mitten in der Glut des Krieges das freie Zelt ihrer Lust aufgeschlagen, auch Violetten hatte sie der wilden Liebe hingegeben; die Mutter war gestorben, Violette war allein zuruckgeblieben, Flametten hatte ein nahewohnender Forster zu sich genommen. Das Schloss und die Guter waren durch Krieg und die Erpressungen der Grafin selbst zu Grunde gegangen. Violette hatte keine Heimat mehr; der letzte Mann, den sie wirklich liebte, denn er hatte sie zu sich genommen und wenigstens aus Mangel und Not gerettet, war ein franzosischer General, der am Abende vor der Schlacht meistens alle sein Vermogen zu verspielen pflegte, um ohne Testament und ohne Erben dem Tode entgegenzugehen.

Er setzte Violetten auf die letzte Karte und verlor sie an einen seiner Waffenbruder "Wenn ich tot bleibe," sagte er, "ist sie dein; und komme ich davon, so gebe ich dir meine zwei Schimmel." Er blieb tot, Violette floh und verbarg sich bei dem Forster, der Flametten erzog. Die Armee drang siegend vorwarts, und unter den Elenden, die der Krieg hinter sich lasst, war auch sie.

Der Forster wollte sie nicht langer um sich haben, das Leben war schwer zu erwerben, und die Bauren hassten alles, was der Grafin angehorte, sie war deswegen nachts in das Schloss zuruckgegangen.

Es war ja kein Mensch, der sie hinderte, der wilde Krieg hatte ja alle Tore gesprengt, und die Armut und das Elend konnten aus und eingehen. Sie war nach der Stube gegangen, in der sie sonst mit Flametten gewohnt und dem Kinde das Lied von der Weinsuppe vorgesungen hatte, ihr Bettchen stand noch da, aber es war kein Boden mehr darinne, auch waren keine Fenster mehr in der Stube und keine Tur, der Wind zog traurig durch die leeren Fensterrahmen, und ging wehklagend durch die wusten Gange des Hauses; sie setzte sich auf den Boden auf ein Stuck Holz nieder, und weinte, ihre Kleider waren zerrissen, und es war eine kuhle Nacht. Ach es war das namliche Holz noch, das sie mit banger Frommigkeit sonst unter ihr Kopfkissen gelegt hatte, um hart zu schlafen, und sich zu kasteien.

Sie dachte an Godwi, und erinnerte sich wieder an alle ihr Elend, und ihr Verderben, seit er sie verlassen hatte. Ihr Schmerz hatte keine Grenzen mehr, sie lief wie verruckt nach der Stube ihrer Mutter. Hier schlief der namliche Mensch auf einem Stuhle, sie kannte ihn nicht, die Laterne stand in einem Winkel und brannte dunkel, sie betrachtete ihn aufmerksam, und er war es, er der sie in alles Elend gesturzt hatte; sie mochte ihn nicht wecken, setzte sich zu seinen Fussen, und bedeckte seine Hande mit Tranen und Kussen, es ergriff sie eine schreckliche Zerruttung, sie zerraufte sich die Haare, und rang die Hande; dann liess sich ein guter Geist auf sie nieder, sie druckte Godwis Hande an ihr zerrissenes Herz, und fesselte sie mit ihren langen schonen Haaren, dann sanken ihre Blicke, und sie entschlummerte zu seinen Fussen.

Violette sprach wenig, aber sie bat mich, sie umzubringen. "Liebe Violette, ich kann dich nicht zweimal ermorden," sagte ich, "gehe mit mir nach Hause, und wohne bei mir, ich will den Forster und Flametten auch mitnehmen."

Sie begleitete mich zu dem Forster, ich bot ihm meine Dienste an, er zog gerne mit mir in ein friedliches Land, und wir wohnten mehrere Monate ruhig miteinander. Flametta war so geworden, wie meine Leser sie schon kennen; Violette aber ward nicht wieder froh, aber sie war wie ein Engel; alles Vortreffliche, was sie in wilden Flammen der Leidenschaft geopfert hatte, gab der Himmel ihr in mildem strahlenden Glanze wieder. Sie ging nicht von meiner Seite, und als der Fruhling wiederkam, reichte ich ihr meine Hand, und fragte sie, ob sie ewig mein sein wolle.

Kein Priester verband uns, aber auch das Leben nicht, die Liebe war es allein

und da es Morgen wurde, fand ich sie nicht an meiner Seite, ich suchte sie im ganzen Hause.

Im Garten sass sie zwischen den Blumen und sang:

Ihr hubsch Lavendel Rosmarin,

Ihr vielfarbige Roselin,

Ihr stolze Schwertlilgen,

Ihr krause Basilgen,

Ihr zarten Violen,

Und dich Violette,

Euch wird man bald holen,

Hute dich, schons Blumelein!

Ich glaubte, sie scherze, und sang: "Es ist ein Samann, der heisst Liebe." Aber sie kannte mich nicht mehr. Bald starb sie, wo sie jenen Morgen sass, steht jetzt ihr Grabmal. Maria ist heute morgen gestorben; er wollte einige Minuten vor seinem Tode, da er sich sehr heiter fuhlte, noch auf der Laute spielen, aber seine Krankheit, die, wie ich erzahlt habe, eine Zungenentzundung war, war in eine Herzentzundung ubergegangen, der Schmerz ergriff ihn plotzlich sehr heftig, er liess die Laute fallen, und sie zerbrach an der Erde.

Er starb in meinen Armen, wir haben viel an ihm verloren. In der letzten Zeit las er meistens in Tiecks Schriften. In der zerbrochenen Laute, deren sich einstens Kordelia bedient hatte, wie ich oben angefuhrt hatte, stand der Name: Annonciata Wellner Kordelia und Annonciata sind also dieselben, nun durfte ich die Stube eroffnen, denn ihr Name war entdeckt; ich fand viele Papiere von ihrer eignen Hand, und besonders viele Gedichte an die Natur.

Ich hoffe in einer weniger traurigen Zeit alles dieses bekannt zu machen, und eroffne nur folgendes:

Als Annonciata aus dem Schlosse verschwunden war, hatte sie der Geliebte Wallpurgis' entfuhrt, sie liebte ihn grenzenlos, aber er verliess sie, nachdem sie ihm das hochste Opfer gebracht hatte, das ein Weib bringen kann. Meine Leser glauben zu wissen, was dieses Opfer sei; aber ich schwore ihnen auf meine Ehre, sie irren sich, das hochste Opfer ist nicht das heilige Liebeswerk ich kenne es allein, und wenn ich aufgehort habe, zu staunen und zu verehren, will ich dieses hochste Opfer des Weibes bekannt machen.

Einige Nachrichten von den Lebensumstanden

des verstorbenen Maria

Mitgeteilt von einem Zuruckgebliebenen

Der Leser, der in den vorhergehenden Blattern bald mehr bald weniger geruhrt und angesprochen wurde, wird nicht ohne Interesse diesen Erinnerungen an den verstorbenen Verfasser begegnen. Sein ganzes Leben war so geheimnisvoll, dass ich, statt einer vollstandigen Entwicklung seines Gemuts und seiner Jugend, nur mitteilen kann, wie ich ihn kennen gelernt, wie er mir und unsern Freunden erschienen ist und wie wir noch jetzt um ihn weinen. Der Kummer findet in jeder Klage Trost und an verlorne Hoffnungen denken wir leichter, wenn wir auch andere dafur interessiert wissen.

Seine aussere Erscheinung bizarr oder angenehm, aber immer anziehend seine Unterhaltung schnell, sehr lebhaft, immer witzig vielen fremd, einigen sehr lieb in seinem ganzen Dasein ein gewaltsames Ringen seines Gemuts und der aussern Welt so sah ich Maria zuerst in J. und fuhlte mich schnell zu ihm hingezogen. Keiner, der in J. war, nennt diesen Abschnitt seines Lebens ohne Dankbarkeit und angenehme Erinnerung! Elise! Dieser Sommer, in dem ich Maria kennen lernte, und das Jahr, das wir miteinander verlebten, sind mir unvergesslich. Wie es uberhaupt Ton in J. war, mit allen bekannt, mit wenigen vertraut zu sein, denn eine anstandige Freiheit schuf eine gluckliche Geselligkeit, in der jeder leicht den fand, den er suchte so fanden auch wir, Maria und ich, uns bald in einem frohlichen Kreise gleichgesinnter Freunde. Ihr guten Junglinge, du vor allen treuer Wr., wo ihr auch seid, entfernt, zerstreut Maria hat euch nie vergessen ihr begegnetet den letzten Blikken, die er zuruckwarf neben seinem Schatten reicht mir die Hand, nicht wahr? wir lieben uns noch und vergessen ihn nicht?

Darf ich nennen, was uns alle verband? Ein Dichter hatte uns alle geweckt; der Geist seiner Werke war der Mittelpunkt geworden, in dem wir uns selbst und einander wiederfanden; mannigfach voneinander unterschieden waren wir, wie unsre Zeitgenossen, ohne Religion und Vaterland; wer die Liebe kannte, fuhlte sie zerstorend ohne diese Dichtungen ware der lebendige Keim des bessern Daseins in uns zerstort, wie in so vielen. Im Genusse dieser Werke wurden wir Freunde, in Erkenntnis seiner Vortrefflichkeit gebildet, mit dem Leben einig, zu allen Unternehmungen mutig, zu einzelnen Versuchen geschickt. Deutschland hatte unser Studium Goethens kennen gelernt, wenn mehrere von uns Marias poetisches Talent gehabt. Sein Gemut war fruher von einem andern Dichter beruhrt und seine dunkle verstimmte Jugend konnte sich lange dem heitern Genius nicht vertrauen; aber bald verdankte er ihm, dass sein Schmerz Klage, sein Ungluck Kraft, seine Trauer um Liebe Streben nach Kunst wurde.

Alle Erinnerungen seiner Kindheit verloren sich in den Schmerz, keine Eltern zu haben, alle Hoffnungen seiner Jugend brach die Verzweiflung der Liebe. Wie sein Leben bedeckte auch diese Leidenschaft ein Schleier. Dass er ein edles Weib, getrennt durch Verhaltnisse, unglucklich liebe, war keinem von uns verborgen, denn es war der Inhalt seines ganzen Daseins. Das Geheimnis selbst schlaft in deiner Brust, Clemens Brentano! Du hattest Marias ganzes Vertrauen, und weil du weisst, was er litt, darum hast du am tiefsten gefuhlt, wie wert ihm die Ruhe!

Er gestand uns gern, wie er sich erheitre in unserm Umgange; er fing an, sich und seinen Talenten zu vertrauen mehrere Aufsatze, die noch nicht gedruckt wurden, sind in dieser Zeit geschrieben sein Godwi entworfen, hin und wieder ausgefuhrt.

In keinem glucklichern Momente hatte er das angenehmste Verhaltnis finden konnen, das er jemals hatte deine Bekanntschaft, T., und den Umgang mit dir, Fr. S., und deiner edlen Freundin. Freundlicher T., fuhrt dir ein Zufall diese Blatter in die Hande, siehst du sie lachelnd durch, wie du pflegst, darf ich dich anreden, darf ich dir sagen, wie wir alle dich liebten, wie du uns im Leben begegnetest wie in der Dichtung, einfach, gutig, der Gottheit und der Vorzeit empfanglich, reich an treffendem Witz, reicher an Gefuhl, Dichter und Kunstler, wie es wenige sind? Von uns allen hatten deine Werke Maria am meisten geruhrt, er pries sich glucklich, je mehr er dich sahe, er ward fleissig, von dir zu lernen, noch auf seinem Krankenlager erquickten ihn deine Erfindungen.

T.'s Umgang war ihm ermunternd S.'s Nahe bildender. Wenige haben sich dir, gute fromme Seele, mit diesem Vertrauen genahert deinen Verstand, deinen Blick, deine tiefe gefuhlte Wurde, F.S., achtete Maria, deinen verhullten Enthusiasmus erkannte er. Sein Schicksal war ein ewiger Irrtum so hat er euch verloren.

Dass ich unter seinen Freunden noch die auszeichne, die am meisten auf ihn gewirkt haben. Die Wissenschaft mag R.'s Genie, den erfindsamen Fleiss, den tiefen Geist und die heilige Ahndung seiner Untersuchungen dankbar bewundern Maria liebte die Heiterkeit, mit der er ein grosses Leben begann und den kuhnen Witz seiner Unterhaltung. Von einer andern Seite beruhrte ihn die seltene Erhabenheit in Kl.'s Gemute. Trefflicher Spiegel deines Zeitalters! Dich weckte schon in fruher Jugend der Genius, mit verstecken Erfindungen dem Irrtume zu begegnen was du geschrieben, ist eine stille Persiflage der herrschenden Schwache mit kluger Massigung verhullst du dein Vorhaben und deine Originalitat viele sind dir begegnet, ohne dich zu erkennen unbesonnene Kritiker tadeln deine Werke, die sie dem Aussern nach beurteilen die Nachwelt wird dir danken!

Entzundet von der Nahe jener grossen Manner, erheitert durch den Umgang dieser und der andern Freunde, ward er gesunder, heitrer wie je vorher. In wenigen frohlichen Stunden schrieb er das mutwillige Spiel: Gustav Wasa. Wer es beurteilen wollte, musste den Witz und die Laune kennen, mit der es geschrieben wurde, und die Erbitterung, mit der er den verderbten nichtswurdigen Geschmack um so mehr hasste, je mehr ihn der Geist der Poesie durchdrang.

Im Sommer 1800 verliess Maria J. und ging nach D. Hier fand er, unvermutet, wie ich glaube die Frau, die er liebte, wieder. Sie kam von einer Reise aus Italien zuruck er sah sie, um sie nie wieder zu sehen ihm ward sein Ungluck gewiss, uns sein Tod wahrscheinlich. Wie gern vertraut' ich dem teilnehmenden Leser alle Briefe, die er mir in dieser merkwurdigen Zeit geschrieben was ich geben darf, sind nur einige Stellen:

"Mir ist wohl, recht wohl. Es wird dich freuen, dass ich das sage, aber es freut mich noch mehr, dass ich es sagen kann. Ich hatte den Fruhling nie gesehen, darum hat er mich so uberrascht auf dem Wege hierher. Von meinen Beschaftigungen kann dir K. erzahlen. Auch an Godwi habe ich viel geschrieben."

"Hier ist mir alles lieb, nur nicht einige junge Philosophen, die die Kunst uben, ohne alle Kunst von der Kunst zu reden. Ach, ich wollte gern die Philosophie achten, aber solange solche Leute ihre Nichtswurdigkeit in den philosophischen Mantel verhullen konnen "

"Von meinem Studium der Antiken und der andern Kunstwerke habe ich auch an K. geschrieben. Ich trete nie ungeruhrt, immer mit der gespanntesten Aufmerksamkeit in diese Gesellschaft der Gotter, aber nicht lange, so widerstehe ich mir vergeblich; der Ernst meiner Betrachtungen wird tiefe Wehmut, und wenn ich hinaufsehe zu der schonen Griechin und der ruhrenden Trauer in ihren stillen Mienen, dann ergreift mich das Gefuhl von Vernichtung, mit dem mich die Musik zu erfullen pflegt, und ich muss hinaus und habe alles vergessen, nur meinen ewigen Schmerz nicht. "

" Grosser Gott, wie mich das gefasst, zerstort hat! Sie ist wieder in Deutschland, sie ist hier. Ich werde sie vielleicht heute noch sehen. Denke dir: ruhig sitz' ich zu Tische, da erzahlt ein Fremder, wie unterhaltend es heut in der Gallerie war; eine grosse schone Frau ging, die Gemalde zu betrachten, und wie sie ging, sahen alle Maler von ihrer Arbeit und ihr nach. Alle, so schien es, vergassen ihre Ideale uber den Anblick 'Und wer war die Zauberin?' Ach, da nennt er sie, und von dem Augenblicke weiss ich nicht, wo ich bin und wie mir geschieht. Diese Menschen vergessen uber ihre Erscheinung ihre Ideale, und ich, der die ganze Gottheit dieses Weibes kennt und fuhlt ich soll sie vergessen, uber dem, was ihr Ideal der Kunst nennt! "

"Ich habe dir lange nicht geschrieben, ich werde dir auch wohl nicht viel mehr schreiben. Ich fuhle mich sehr schwach. In dieser romantischen Gegend bin ich sehr gern, diese Verwirrung zerbrochner Felsstucke, einsame Wasserfalle, uberall Trummern und Zerstorung, tut mir sehr wohl. Doch werde ich diese Taler bald verlassen und wieder nach D. gehen. Ich muss in die Welt, in diesen Einoden bin ich nicht einsam genug, und einsam muss ich doch sein, wenn ich ihr mein Wort halten und leben und dichten will darum will ich zuruck zu den Menschen."

Gegen den Herbst verliess er D. und ging an den Rhein. Von hier schrieb er selten; aber seine ganze Stimmung druckt sich in folgenden Worten eines Briefes ganz aus, die ich nie vergessen werde: "Vorige Nacht sass ich oben bei dem Schlosse der Gisella und sah unter mir den Rhein und in den dunkeln Fluten den Mond und die Gestirne abgespiegelt und von den schaumenden Wellen gegen die Felsen geworfen, als wurden sie zertrummert. Sieh, so steht die Tugend und die Schonheit ewig unverruckt und nur ihr Abglanz wird von unserm dunkeln tosenden Leben bewegt"

Dann lebte er auf einem Landhause v.S. Die romantische Gegend und die einsamen Verhaltnisse dieses Aufenthalts hat mein Freund im zweiten Teile des Godwi selbst beschrieben. Den guten Geist dieser Wohnungen, der auch Maria trostete, in dessen Armen er gern starb, an dessen Brust er wieder zu erwachen wunscht, dich, mein S., hat er nicht beschrieben. Und wer konnte die ruhige Wurde deiner Erscheinungen, die stille Gute deiner Mienen und die liebende Konsequenz deines Lebens mit Worten andeuten? Ich mag dich nicht erinnern, was du fur Maria gewesen bist, aber ich bitte dich, wenn die gestorben sind, fur die ich lebe, lass mich auch in deinen Armen einschlafen.

Von seiner Krankheit hab ich nichts zu sagen. Seine Liebe war sein Leben, seine Krankheit und sein Tod. Bis in dem letzten Augenblick war er tatig wir mussten seiner Begierde zu lesen und zu schreiben auf den Befehl des Arztes nachgeben. Er wurde nicht sterben, behauptete dieser, wenn er immer fortschriebe. Die letzten hellen Tage und Stunden verdankt er dir A., deine Ironie, dein reines Gefuhl und dein jugendliches poetisches Dasein heiterten den Kranken ach, wie sehr! auf. "Nun sterbe ich ruhig," sagte Maria einst lachelnd, "ich habe den Humor gesehen." Die Freude, die dir in Tiecks Dichtungen geworden, mag dir belohnen, was du an ihm getan. Bleibe um Gotteswillen so lustig, wenn du ein grosser Physiker wirst.

Von den Anlagen, die mit ihm verloren gegangen sind, hat der Freund nicht zu reden. Nur das darf ich bemerken, dass die schonsten lebendigsten Stellen dieses zweiten Teils wenige Tage vor seinem Ende geschrieben wurden. Der Sinn seiner Dichtungen spricht sich deutlich genug aus dass in unserm Zeitalter die Liebe gefangen ist, die Bedingungen des Lebens hoher geachtet sind wie das Leben selbst, und die Nichtswurdigkeit uber die Begeisterung siegen kann, hatte er mit seiner Jugend und seinem Leben bezahlt. Er wandte seine letzten Krafte auf, andern dies Opfer zu ersparen. Streit mit der Liebe war sein Schicksal, Streit fur die Liebe sein Beruf.

Nahe an S.'s Gute lagen hoch und mit einer reizenden Aussicht die Trummern einer Burg zwischen den Ruinen wohnte in einem kleinen Hauschen ein Kastellan, bei dem wir in fruhern Zeiten oft sehr vergnugt lebten. Es war ein eigener Aufenthalt zwischen den alten Turmen und Mauern: aus einem Teile der alten Burgkapelle war die Kirche des Dorfes geworden. Maria, der immer mehr seinen Tod sah und wunschte, bat uns, ihn zu dem alten Kastellan zu bringen. Hier lebte er einige Wochen oben, fleissig, heiter und freier, je naher sein Tod kam. S. und A. waren bestandig um ihn; die kleine Sophie, des Kastellan Tochter, war seine Warterin.

Von seinem Tode lasst mich schweigen. Ich habe ihn nicht sterben gesehen. S. las ihm Tiecks Herkules am Scheidewege vor.

"Und da kommt noch die Ewigkeit,

Da hat man erst recht viele Zeit."

Maria lachte noch einmal, er druckte S.'s Hand starker und S. hat ihm nicht weiter vorgelesen.

Man hatte mich auf das Schloss gerufen. Als ich hinaufkam, sass S. an dem alten Turme und sah still in den Abend. Seine Hand wies mich in die kleine Kirche. Lachelnd lag der bleiche Freund in dem besten Ruhebette. Die kleine Sophie legte ihm Rosen in die Hande. Als ich heftig an ihm niedersank, ihn zu umarmen, bat mich das Kind leise: "Wecken Sie ihn nicht! Er hat lange nicht so gut geschlafen, und wie wird er sich freuen, wenn er aufwacht und die Rosen sieht!"

Wir teilen dem Leser noch die bei dieser traurigen Gelegenheit erschienenen traurigen Gedichte traurig mit.

I

An S .... y

Erhebe dich von dem verschlossnen Munde,

Komm von dem Lager, wo Maria ruht:

Er schlaft so heiter, ruhig, still und gut,

So lachelnd sah er der Befreiung Stunde;

Noch streitend fuhlt er schon, dass er gesunde,

Frei wird in seiner Brust der hohre Mut,

In Ahndung lost sich die verschwiegne Glut,

Geheilt ist bald des Lebens tiefe Wunde.

Maria schlaft: verschlossen ist sein Mund,

Er ist die Antwort schuldig mir geblieben,

Ach, wirst denn du sie meiner Liebe geben?

Ist es denn wahr? kann denn der Mensch nicht

lieben?

Ist keine Wahrheit in dem dunklen Leben?

Wird jeder Schmerz im Tode nur gesund?

II

Nachgefuhl

von N.M.

Wenn die Blumen wieder bluhen,

Regt es sich im stillen Herzen,

Wenn die Rosen wieder gluhen,

Fuhl' ich tiefer Ahndung Schmerzen.

Tranen rinnen von den Wangen,

Meine Blicke muss ich senken,

Stiller Sehnsucht zart Verlangen,

Fasst des Freundes Angedenken.

Ach und niemand kann mir sagen,

Wo der teure Freund geblieben,

Trauer hatt ich gern getragen,

Gern ein Lied auf ihn geschrieben!

III

Als Stammblatt

Bitter tadelst du den Schopfer,

Dass er deinen Freund zerstoret,

Und dass er ihn nur deswegen

In des Lebens Mitte fuhrte,

Um dann auf dem letzten Blatte

Der Verwesung ihn zu weihen.

Nicht den Schopfer, nein das Leben,

Trifft, o Freund, dein bittrer Tadel!

Ach, das Leben ist so kurz,

Ach, so kurz und doch so lang!

Ist es denn auch nicht das langste,

Lass es uns zum dicksten machen!

Sein Gebein sturz in den Abgrund,

Lebt er doch im Grunde ewig.

Sein Geist, der ewig schaffende,

Lebt tonend fort in dir und mir,

Von einer Messe zu der andern

Ertonet sein belebend Werde,

Das ist das Los des Schonen auf der Erde.

IV

Der duftgen Wolken Schleier

Verhullt der Landschaft Moor,

Um fallendes Gemauer

Klagt der Sylphiden Chor.

Was hemmt in goldnen Luften

Der hehren Ahndung Flug,

Was bringt aus dunkeln Gruften,

Der stillen Gnomen Zug?

Es ist des Junglings Leiche,

Sie tragen ihn empor,

Der sich im Geisterreiche

An Lauras Hand verlor.

Erglanzt von Lunas Blicken

Ruht dunkel die Gestalt,

Und durch die Dammrung zucken

Erinnrungsblitze kalt.

V

Genius, senke die Fackel, hier ruht der erbleichete

Jungling,

Ach, der heftige Schmerz schliesst uns den

klagenden Mund!

Zwischen der Form und der Sache da irren die

menschlichenTriebe,

Und ein ewiger Streit trennet das Ich und das

Nichts,

Trennet die Pflicht und die Liebe, trennt das Gesetz

und die Freiheit,

Bindet zu Formen den Ton, trennt dann den Ton

und die Form.

VI

Grausam eroffnet schon der alte Tod

Das tiefe Grab, nimmt edle schone Knochen

Heraus, um unserm Freunde Platz zu machen.

Maria duldet still die Arzeneien,

Wie grausam ist des Edlen Schicksal!

Der nichts, der ach! nichts nachzutrinken hat!

So duldet er sein Schicksal, bis

Der Atem (wehe, wehe dem Verrater!)

Heimtuckisch, wie ein Seufzer, ihn verlasst;

Nun liegt er da, die edle schone Seele,

Wir beben alle, wir verstummen!

Da erscheinest du, der Leichen Muse,

Entwindest dich des Totengrabers Armen,

Hullst den Verstorbenen freundlich

In deinen dichten Schleier,

Und bringst den Schlummernden

Der dunkeln Erde in die Arme

Da ruht der Jungling, bis dem Mutterschosse

In neuen Formen die Geburt entsteigt,

Lebend in Bluten oder Liedern

Den Vater grusst!

VII

Von A. W nn

Du hattest schon, o Freund! den Weg gefunden,

Vertrauend bald der heilgen neuen Lehre!

Du hattest schon die heilge Drei verbunden,

Bis dir die Viere deutlich worden ware,

Liess dich der Blick ins Centrum schon gesunden!

Ein tapfrer Krieger fur der Gottheit Lehre,

Ein Phonix, wirst du dich der Liebe weihen,

Die junge Brust in ewger Lust erfreuen!

VIII

(Mel. Der Vogelfanger usw.)

Maria liegt nun schlafend da,

Lustig, mein Madchen, Hopsasa!

Der Tod ist Schlaf, der Schlaf ist Tod

Zwischen dem Morgen- und Abendrot.

Maria liegt nun schlafend da,

Lustig, mein Madchen, Hopsasa!

Kann der Begriff die Liebe fassen,

Kann der Kaptain das Fluchen lassen.

Maria liegt nun schlafend da,

Lustig, mein Madchen, Hopsasa!

War ich schon tot, ich kehrte mich um,

Ohne das Salz ist die Erde dumm!

Maria liegt nun schlafend da,

Lustig, mein Madchen, Hopsasa!

Sieht doch der Kaiser den Sonnenbrand!

Kirschen, o Kirschen! lustiger Tand!

Maria liegt nun schlafend da,

Lustig, mein Madchen, Hopsasa!

Ackerleute des lustigen Weins,

Liebe! du Tausend und immer Eins!

IX

Von K.R.

Heil dir, der du der Dichtung magern Rappen,

Gespornet frisch, wie Ritter Donquixote,

Entrissen kuhniglich aus Gluck und Note

Hast du dich aus dem Streit poetscher Knappen.

Wozu nach Abenteur und Reimen tappen?

Dich traf der Weltlauf mit gar harter Pfote,

Dann kam des Tods entschuldigender Bote

Und nahm dem Leben seine Schellenkappen.

Nun sind zu Ende alle die Geschichten,

Dich hat ein Gott der Littratur entzogen,

Du badest dich allein in blauen Wogen.

Wozu noch langer reimen, dichten, richten,

Du hast verlassen unsre Katakomben

Und freuest dich der Gotter Hekatomben.

An Clemens Brentano

Dir so teuer wie mir war diese freundliche Jugend,

Die sich, in heiliger Glut sterbend, in Liebe gelost! Weinend wendest du dich wir scheiden mit ewigen

Tranen,

Dass diese Liebe verstummt, welche so zart uns

vermahlt!

Sieh noch einmal zuruck auf die schone heilige

Ahndung,

Uber der Schlummernden gieb mir zu dem Bunde

die Hand.

Ist es uns nicht geworden, zu rachen die Wunsche der

Jugend?

Blieb ein Vermachtnis nicht dir, was sie so gluhend

erstrebt,

Dir, dem die Gotter die reiche Fulle der freundlichen

Dichtung,

Dem sie die Sprache verliehn und ihre bildende

Kraft?

Schon ergreifst du die Leier, zu rachen, zu retten die

Liebe,

Und ein neues Geschlecht dankt dir den freien

Genuss.

Wie du hinunter jetzt steigst in das Dunkel des

irrenden Lebens,

In die Tiefe der Brust kehrst du begeistert zuruck, Dort die verlorne Jugend umringt von Schatten zu

finden,

Kuhn bezwingend den Tod fuhrst du die Dichtung

zuruck.

Also zum Orkus hinab stieg einst der thrazische

Orpheus,

Suchte, die er geliebt, fand sie dem Tode vertraut, Aber die gottliche Leier bezwang des Tartarus

Machte,

Seinem Gesange vermahlt kehrt die Geliebte

zuruck.

Ja, schon lachelt das Licht, doch an der Schwelle des

Lebens

Fasst ihn des Zweifels Gewalt, raubt ihm den

schonen Besitz.

Ungluckseliger Mann! sie war dem Vertrauen

gegeben,

Was dir der Glaube gewahrt, kann es der

Zweifelnde sehn?

Doch was furchtetest du, dir nahe totend der Zweifel

Und dir misslange dein Werk, kuhn zu gestalten den

Schmerz?

Dir bewahret die Liebe der Guten das schone

Vertrauen

Und der kindliche Sinn schutzt dir das kindliche

Gluck.

Heilige Jugend erscheint in deinen frohlichen Werken Uns dann auf ewig erneut, dir dann auf ewig

vermahlt!

Fussnoten

1 Soll doch wohl nicht eine Anzuglichkeit auf den franzosischen Schriftsteller La Fontaine sein? Anmerk des irritierten Setzers. 2 Siehe den ersten Band, pag. [siehe hier], wo Molly von dieser Kordelia schreibt. 3 Ich besitze durch die Gute des Herrn Godwi jetzt diese Papiere, die nichts anders als das selbstgeschriebene Tagebuch dieses hochst interessanten Menschen enthalten. Er lebte in dem funfzehnten Jahrhunderte, und ich bin willens, sobald ich Musse habe, dem Publikum dieses interessante Manuskript mitzuteilen.

Maria

4 Ich konnte das schone Tonspiel des Italianischen von amare und amaro nicht anders geben. 5 Der Vater des unsrigen. 6 Siehe erster Band. 7 Bei Bacharach steht dieser Felsen, Lore Lay genannt; alle vorbeifahrende Schiffer rufen ihn an, und freuen sich des vielfachen Echos.

Clemens Brentano

Erzahlungen

Aus der Chronika eines fahrenden Schulers

Entstanden zwischen 1803 und 1810, Erstdruck

in: Die Sangerfahrt. Eine Neujahrsausgabe fur

Freunde der Dichtkunst und Malerey, hg. v.

Friedrich Forster, Berlin (Maurer) 1818.

Die mehreren Wehmuller und ungarischen Nationalgesichter

Erstdruck in: Der Gesellschafter oder Blatter

fur Herz und Geist (Berlin), 1. Jg., 1817.

Die drei Nusse

Erstdruck in: Der Gesellschafter oder Blatter

fur Herz und Geist (Berlin), 1. Jg., 1817.

Geschichte vom braven Kasperl und dem schonen Annerl

Erstdruck in: Gaben der Milde, hg. v.F.W. Gu

bitz, Zweites Bandchen, Berlin 1817.