Christoph Martin Wieland
Aristipp
Erster Band.
1.
Aristipp an Kleonidas in Cyrene.1
Alle Gotter der beiden Elemente, denen du bei unserm Abschied mein Leben so dringend empfahlst, schienen es miteinander abgeredet zu haben, die Ueberfahrt deines Freundes nach Kreta zu begunstigen. Wir hatten, was in diesen Meeresgegenden selten ist, das schonste Wetter, den heitersten Himmel, die freundlichsten Winde; und da ich dem alten Vater Oceanus den schuldigen Tribut schon bei einer fruhern Seereise bezahlt hatte, genoss ich diessmal der herrlichsten aller Anschauungen so rein und ungestort, dass mir die Stunden des ersten Tages und der ersten Halfte einer lieblichen mondhellen Nacht zu einzelnen Augenblicken wurden.
Gleichwohl darf ich dir's gestehen, Kleonidas? dauchte mich's schon am Abend des zweiten Tages, als ob mir das majestatische, unendliche Einerlei unvermerkt lange Weile zu machen anfange. Himmel und Meer, in Einen unermesslichen Blick vereinigt, ist vielleicht das grosste und erhabenste Bild, das unsre Seele fassen kann; aber nichts als Himmel und Meer, und Meer und Himmel, ist, wenigstens in die Lange, keine Sache fur deinen Freund Aristipp; und ich glaube wirklich, dass mir ein kleiner Sturm, mit Donner und Blitz und ubrigem Zubehor, bloss der Abwechslung wegen, willkommen gewesen ware. Du weisst, dass ausser dem nah an Kreta liegenden Inselchen Gaudos, kein einziges Eiland zwischen Cyrene und Gortyna2 zu sehen ist; uberdiess wollte auch der Zufall, dass uns auf der ganzen Reise, ausser drei oder vier Cyprischen Kornschiffen, und einer fur Korinth befrachteten Tyrischen Pinasse, die sich so nah als moglich an der Kuste hielten, kein einziges Fahrzeug begegnete, womit wir uns auf eine oder andre Art hatten unterhalten konnen. Es fehlte mir also, wie du siehest, nicht an Musse, so viele Grillen zu fangen als ich wollte; und wie weit es endlich mit mir gekommen seyn musse, kannst du daraus abnehmen, dass ich stundenlang vom Verdeck in die See hinab schaute, ob nicht irgend einer von den Fischgottern oder Gotterfischen, womit ihr Dichter den Ocean bevolkert habt, aus der Tiefe herauffahren, bei unsrer Erblikkung in sein krummes Horn stossen, und die ubrigen Meerwunder, seine Gespielen, zusammenrufen werde, um unsre auf den Wellen leicht dahin gleitende Barke zu umkreisen, und durch muthwillige Spiele und Nekkereien aufzuhalten. Das Schauspiel, das wir ihnen gaben, ist freilich seit der Zeit, da das erste von Pallas Athene selbst erbaute Schiff3 eine Schaar kuhner Gottersohne nach Kolchis trug, um ein goldnes Widderfell zu erobern, etwas so Alltagliches fur diese Meerbewohner geworden, dass ein unbedeutendes Fahrzeug, wie das unsrige, sich nicht schmeicheln durfte grosses Aufsehen bei ihnen zu erregen: aber dass in drei langen Tagen auch nicht ein einziges rosenarmiges Meermadchen mit grunen Locken und milchweissem Busen auftauchen wollte, um meine des Herumschwebens zwischen Luft und Wasser muden Blikke auf ihrer reizenden Gestalt ausruhen zu lassen, das war doch wirklich zu grausam, und bewies mir den grossen Unterschied, den die Gotter zwischen euch Dichtern und uns andern prosaischen Menschen machen, zu meiner nicht geringen Demuthigung. Ware mein Freund Kleonidas hier, dacht' ich, was wurd' er nicht, kraft des Vorrechts, das die Natur den Musolepten4, ihren Gunstlingen, zugestanden hat, in diesen, fur mich Unbegeisterten so leeren, Elementen sehen und horen? Konnt' er gleich den Nebel, der mir die unsichtbare Welt verbirgt, nicht von meinen Augen treiben, so wurde ich mich doch an seinen Visionen und Entzuckungen ergotzen: und im Grunde konnte mir's ja gleichviel seyn, ob ich das alles unmittelbar mit meinen eigenen Augen, oder im Zauberspiegel der seinigen sahe. Sage dir nun selbst, ob ich nicht auf dich zurnen sollte, dass du dich nicht erbitten liessest, mich auf meiner Reise wenigstens nur bis nach Olympia zu begleiten, wo dich ein Schauspiel erwartete, das auf dem ganzen Erdboden einzig in seiner Art ist, und durch kein anderes ersetzt werden kann, wenn es auch ein Triumphsaufzug Poseidons und Amphitritens mit allen ihren Tritonen und Nereiden ware. Im ganzen Ernste, Kleonidas, ich kann dir das Unrecht kaum verzeihen, das du durch deine Unerbittlichkeit noch viel mehr an dir selbst, als an deinem Aristipp begangen hast. Wer weiss ob dir die versaumte Gelegenheit in deinem ganzen Leben wieder aufstossen wird? und aus der Welt zu gehen, ohne die Olympischen Spiele und den Jupiter des Phidias gesehen zu haben, wahrlich, da verlohnte sich's kaum der Muhe da gewesen zu seyn! Doch, wem sag' ich das? und wie kann ich einen Augenblick vergessen, dass du von einem Zauber gebunden bist, der dir weder Gewalt uber dich selbst lasst, noch Augen fur einen andern Gegenstand, als die schone Unerbittliche, deren Blicke die Nahrung deines Lebens sind? Was ist im Himmel und auf Erden und im Reich des Oceanus, das einen von Amorn verwundeten Dichter von der sussen Quelle seiner Schmerzen entfernen konnte? Was ist dir die schimmernde Panegyris5 alles dessen was die ganze Hellas Edles, Grosses und Schones hat, ihrer auserlesensten Junglinge, ihrer beruhmtesten Manner, ihrer reizendsten Weiber, ihrer Kunstler, Weisen, Staatsmanner, Feldherren und Fursten? dir, der das alles unbemerkt bei dir vorbeiziehen lassen wurde, um deine Augen auf den blossen Schatten der schonen Lycanion zu heften, wenn du sie selbst nicht erblicken konntest?
Wundre dich nicht, Kleonidas, dass ich so viel von dem Geheimniss deines Herzens weiss, wiewohl du es, ich weiss nicht warum, so sorgfaltig vor mir verborgen hast. Ein Verliebter ist so leicht zu entdecken, wie gut er sich auch zu verstecken glaubt, und die Freundschaft ist scharfsichtig. Befurchte indessen nichts von der meinigen: sie soll dir nie durch Zudringlichkeit beschwerlich fallen, aber auch nie entstehen, wenn du dich aus eigenem Drange nach ihr umsiehst. Alles was ich mir dermalen von der deinigen verspreche, ist, dass du deinen trautesten Jugendfreund nicht ganz vergessen, und ihm gern erlauben werdest, sich wahrend einer Abwesenheit, deren Dauer noch unbestimmbar ist, von Zeit zu Zeit durch Briefe bei dir in Erinnerung zu bringen.
Widrige Winde zwingen mich einige Tage langer in Kreta zu verweilen, als meiner Geschafte wegen nothig war. Ich werde diese Zeit zu einem Ausflug nach Gnossus6 anwenden, wo, wie man sagt, die vorzuglichsten Merkwurdigkeiten dieser fabelhaften Insel beisammen sind. Wie durft' ich mich auch jemals wieder in Cyrene blicken lassen, wenn ich in Kreta gewesen ware, ohne den beruchtigten Labyrinth und das Grab des unsterblichen Konigs der Gotter und Menschen gesehen zu haben?
2.
An Aritades, seinen Vater.
Nach einer glucklichen und grosstentheils angenehmen Reise befinde ich mich seit zehn Tagen in dem reichen, gewerbevollen, prachtigen und wollustigen Korinth, wo ich von dem Eupatriden7 Learchus, vermoge der alten Gastfreundschaft, die seit Perianders Zeiten zwischen unsern Familien besteht, mit der gefalligsten Freundlichkeit aufgenommen wurde. Meine erste Sorge war, mich der Auftrage zu erledigen, womit mein Oheim Alketas mich an seine hiesigen Freunde beladen hatte; die zweite, die mir zum Behuf meines Aufenthalts in Griechenland mitgegebenen Waaren auf die vortheilhafteste Art zu Gelde zu machen. Die Nahe des grossen Marktes zu Olympia kam mir zu dieser Absicht sehr zu Statten, und der Gewinn, den ich dabei gemacht, ist so betrachtlich, dass ich ausser der Summe, die ich fur das nachste Jahr nothig haben mag, um deinem Willen gemass meiner Vaterstadt und der Wurde, die du in unsrer Republik bekleidest, durch einen anstandigen Aufwand Ehre zu machen funfhundert Attische Minen8 in Golde bei meinem Wirthe hinterlegt habe, uber welche ich deine Befehle erwarte.
Korinth hat sich seit den vierzig Jahren, da du den Vater des Learchus besuchtest, sehr verandert. Grosser und taglich zunehmender Reichthum in einem oligarchischen, ausserst mild regierten und vielleicht nur zu wenig gezugelten kleinen Freistaat, zumal in der glucklichen Lage von Korinth, die es zum Mittelpunkt des Asiatischen und Europaischen Handels bestimmt, muss, wie mich daucht, alle Vorzuge, worauf es stolz ist, und alle Uebel, die seinen Verfall ankundigen, nothwendig hervorbringen. Ich gestehe, dass die Wehklagen, die ich hier, sogar in den reichsten Hausern und von verstandigen alten Mannern, uber die immer zunehmende Ueppigkeit, Verschwendung, Habsucht und Sittenverderbniss fuhren hore, mir keine hohe Meinung von der Weisheit der Korinther geben. Wo grosser Reichthum ist, muss nothwendig auch grosse Armuth seyn, und von beiden ist sittliche Verdorbenheit die unausbleibliche Frucht. Der Reiche erlaubt sich alles, um granzenlos geniessen zu konnen, ohne die Quelle seines Genusses zu erschopfen; der Arme thut, wagt und duldet alles, um reich zu werden. Dass es so und nicht anders ist, uberzeugte mich schon was ich in Cyrene sah, und Korinth hat mich darin bestatiget. Alle Gesetzgeber, Philosophen und Moralisten in der Welt konnen den Korinthern nicht helfen: es gibt nur Ein Mittel, das sie und ihres gleichen retten konnte, und das ist gerade das einzige, wozu sie keine Lust zu haben scheinen. Sie mussten wieder so arm werden als sie vor dreihundert Jahren waren. Wer weiss aber auch, ob diess einzige Mittel nicht schon zu spat kame?
Doch wohin versteige ich mich? Ich bin noch zu neu in der Welt, um tiefe Blicke in den Zusammenhang der Dinge gethan zu haben, und zu jung, um mich in so verwickelte Speculationen einzulassen.
Die Zeit der Olympischen Spiele naht heran, und ich ruste mich ungesaumt nach Pisa9 abzugehen, um, wo moglich, noch auf eine leidliche Art unterzukommen; denn der Zusammenfluss von Fremden soll schon unbeschreiblich gross seyn. Meine Ungeduld nach dem herrlichen Schauspiel, das mich dort erwartet, nimmt mit jedem Tage zu; auch hoffe ich bei dieser in ihrer Art einzigen Gelegenheit interessante Bekanntschaften zu machen; was am Ende doch wohl der einzige wahre Vortheil ist, den ich von Olympia zuruckbringen werde.
3.
An Kleonidas.
Kaum bin ich einige Tage in Korinth, und schon hat mir meine leichtsinnige Unbefangenheit ein Abenteuer zugezogen, welches vielleicht Folgen von Bedeutung hatte haben konnen, wenn mir der Zweck meiner Reise einen langern Aufenthalt erlaubte.
Indem ich nach Vollendung einiger Geschafte in den Strassen dieser grossen und prachtigen Stadt umher irre, fallt mir eines von den vielen offentlichen Badern, womit sie versehen ist, in die Augen, dessen zierliche Bauart mir Lust macht, mich darin abzuwaschen. Ich gehe hinein, und da sich nicht gleich ein Aufwarter zeigt, offne ich auf Gerathewohl eine der Badekammern und treffe gerade den Augenblick, da eine junge Frauensperson, die sich ganz allein darin befand, im Begriff war aus dem Bade zu steigen. Diess war das erstemal in meinem Leben, dass ich vor einem schonen Anblick zusammenfuhr; gleichwohl weiss ich nicht wie es kam, dass ich, anstatt zuruckzutreten, und die Thur, die ich noch in der Hand hatte, vor mir wieder zuzuziehen, sie hinter mir zumachte und meine Verlegenheit dadurch vermehrte. Die Dame, die bei meiner Erblickung plotzlich wieder untertauchte, schien sich an meiner Besturzung zu ergotzen. "Wie? (sagte sie lachend, mit einer Stimme, deren Silberton meine Bezauberung vollendete) furchtest du das Schicksal Aktaons10, dass du vor Schrecken sogar zu fliehen vergissest? Da ich weder so schon wie Artemis noch eine Gottin bin, darf ich auch weder so stolz noch so unbarmherzig seyn wie sie. Du bist ein Fremder, wie ich sehe, und hast vermuthlich die Ueberschrift uber der Pforte dieser Thermen11 nicht gelesen."
Wahrend sie diess sprach, hatte ich, was du mein unverschamtes Gesicht zu nennen pflegst, wieder gefunden, und erwiederte ihr, von einer so zuvorkommenden Anrede aufgemuntert: da ich das Gluck dieses Augenblicks bloss meiner Unwissenheit und dem Zufall zu danken habe, so war' es in der That grausam, schone Unbekannte, mich dafur zu bestrafen, nicht dass ich, wie Aktaon, zu viel, sondern dass ich gesehen habe was man nie genug sehen kann. Nur ein langeres Verweilen, versetzte sie mit einem einladenden Lacheln, wurde dich strafbar machen; denn es ist Zeit dass ich das Bad verlasse.
Indem sie dieses sagte, traten zwei junge Sklavinnen herein, die in zierlichen Korben alles, was zum Dienste des Bades erforderlich ist, auf ihren Kopfen trugen. Sie schienen verwundert einen Unbekannten zu finden, und hefteten ungewisse fragende Blicke bald auf mich, bald auf ihre Gebieterin. Was fur eine Strafe, sagte die Dame, hat dieser junge Mensch verdient, fur die Verwegenheit sich in ein frauliches Bad einzudringen, das gewiss noch von keinem mannlichen Fusse betreten worden ist? Die gelindeste ware wohl, ihn anzuspritzen und in einen Hasen zu verwandeln, sagte die jungere. Das ware eine zu milde Strafe fur ein so schweres Verbrechen, versetzte die altere; ich weiss eine andere, die dem Verbrechen angemess'ner ist. Ich wurde ihn dazu verdammen, so lange bis wir unsern Dienst verrichtet haben, hier zu bleiben, und dann die Thur hinter uns zuzuschliessen. Meinst du? sagte die Dame, indem sie sich erhob, und, ihre in einen dicken Wulst uber der Scheitel zusammengebundenen Locken auflosend, von einer Fulle bis unter die Knie herabfallender gelber Haare, wie von einem goldenen Mantel, umflossen, aus dem Wasser stieg, und sich, eben so unbefangen als ob sie mit ihren Magden allein ware, abtrocknen und mit wohlriechenden Oelen einreiben liess. Und mich, schone Gebieterin, sagte dein unverschamter Freund mit der ganzen edeln Dreistigkeit, die du an ihm beneidest, mich, den du in Einem Augenblick zu deinem Sklaven gemacht hast, wolltest du hier mussig stehen lassen? Erlaube mir, deinen Nymphen zu zeigen, dass ich geschickter bin als sie mir zutrauen; und indem ich diess sagte, machte ich eine Bewegung, als ob ich einer der Magde ein Tuch von der schneeweissesten Wolle, womit sie ihre Gebieterin abzureiben begriffen war, aus der Hand ziehen wollte. Aber die Dame warf mich mit einem zurnenden Blick auf einmal wieder in die Schranken der Ehrfurcht zuruck, die der Schonheit und dem Stande, von dem sie zu seyn schien, gebuhren. Wenn du mein Sklave bist, sagte sie wieder lachelnd, sobald sie mich in gehoriger Entfernung sah, so erwarte schweigend meine Befehle und ruhre dich nicht! Ich gehorchte wie einem wohlerzogenen sittsamen Jungling zusteht, und erhielt dafur die zweideutige Belohnung, dass man die Mysterien des Bades mit der grossten Gelassenheit vollendete, ohne sich um meine Gegenwart, oder wie mir dabei zu Muthe seyn mochte, im geringsten zu bekummern.
Als sie wieder angekleidet war, heftete die Dame im Weggehen einen ernsten Blick auf mich und sagte: vergiss nicht, dass es dem Ixion12 ubel bekam, sich kleiner Gunstbezeugungen der Gotterkonigin zu ruhmen! und ohne meine Antwort zu erwarten, stieg sie in eine prachtige Sanfte, die von vier Sklaven schnell davon getragen wurde. Mir war, als ob ich aus einem Traum erwachte. Naturlich durft' ich es nicht wagen, ihr sogleich zu folgen; und wie ich mich wieder aus dem Badhause unbemerkt wegschleichen wollte, wurde ich von einem Aufwarter angehalten, der sich, nicht ohne Muhe, durch eine Handvoll neugepragter Drachmen endlich uberzeugen liess, dass ich ein Fremder, und bloss aus Unwissenheit seit wenig Augenblikken hierher gerathen sey. Als ich mich wieder frei sah, war es zu spat, der Spur meiner Unbekannten nachzugehen, und ich kehrte, ungewiss was ich von meinem Abenteuer denken sollte, nach Hause. Die Dame schien nicht uber achtzehn Jahre alt zu seyn, und ihre Gestalt hatte das Gluck eines Alkamenes13 machen konnen, wenn ihn der Zufall so wie mich begunstigt hatte. War sie eine Hetare14 von der ersten Classe, die zu Korinth unter Aphroditens Schutz einer Freiheit und Achtung geniessen, welche ihnen in keiner andern Griechischen Stadt zugestanden werden? Oder war es eine junge Frau von Stande, die im Bewusstseyn ihrer Reizungen sich eine muthwillige Lust daraus machte, einen Unbekannten fur seinen jugendlichen Uebermuth auf eine neue, wollustig peinliche Art bussen zu lassen? Das letztere schien mir, allen Umstanden nach, das Wahrscheinlichste. Indessen trieb mich doch, ich weiss nicht welche Unruhe, an diesem Abend in allen offentlichen Spaziergangen herum, wo die Hetaren der hohern Ordnung sich gewohnlich, von ihren Liebhabern umschwarmt, oder von einem Zuge geputzter Magde und Eunuchen begleitet, mit vielem Prunke zu zeigen pflegen. Aber ich sah mich vergebens unter ihnen nach meiner Anadyomene15 um, und eine schlaflose Nacht war alles, was ich von meinen Nachforschungen davon trug. Am folgenden Morgen, wie ich vom Lechaischen Hafen zuruckkehrte, glaubte ich eine von den beiden Sklavinnen aus einem kleinen Myrtengeholz am Wege auf mich zukommen zu sehen.
Wir erkannten einander ersten Blicks; nur zeigte sich's, dass die Korintherin meinen Namen besser ausgekundschaftet hatte als ich den ihrigen. Sie grusste mich beim Namen, und erkundigte sich lachend, wie dem unbefugten Epopten16 der Vorwitz, zu sehen was er nicht sollte, bekommen sey? Wir wissen, wie du siehest, alle deine Gange, fuhr sie fort, und meine Gebieterin, welcher nicht unbekannt ist, dass du morgen abzureisen gedenkest, schickt mich zu dir, ein kleines Denkzeichen des gestrigen Zufalls von ihr anzunehmen. Es war ein zierlich geflochtnes Deckelkorbchen von Silberdrath, worin eine ihrer goldgelben Haarlocken, mit einer Schnur von kleinen Perlen umwunden, lag. Du kannst dir leicht vorstellen, Kleonidas, dass ich alle meine Wohlredenheit aufgeboten haben werde, den Stand und Namen der Dame zu erfahren, und die dienstbare Iris17 zu gewinnen, dass sie mir eine Gelegenheit auswirken mochte, ihr meinen Dank in eigner Person zu Fussen zu legen. Ich ging so weit, dass ich bei allen Liebesgottern betheuerte, meine Reise nach Olympia einzustellen, wenn ich hoffen konnte, einer so grossen Gnade gewurdiget zu werden. Aber die lose Dirne spottete meiner vorgeblichen Leidenschaft, mit der Versicherung, dass man sich nur desto mehr vor mir huten wurde, wenn sie ungeheuchelt ware, und dass alle meine Bemuhungen, ihre Gebieterin wieder zu sehen, vergeblich seyn wurden. Alles was ich mit vielem Bitten und einem kleinen Beutel voll Dariken18 von ihr erhielt, war ein Versprechen, dass sie sich diesen Abend an einem gewissen Orte einfinden wollte, um eine unbedeutende Kleinigkeit fur ihre Dame in Empfang zu nehmen, wodurch ich auch mein Andenken bei ihr lebendig zu erhalten wunschte. Sie sagte mir's zu, aber ich erwartete sie vergebens.
Was dunkt dich von dieser narrischen Begebenheit, Kleonidas? Fur mich ist sie denn doch nicht ganz so unbedeutend als sie scheint; und da ein weiser Mann alles in seinen Nutzen zu verwandeln wissen soll, so denke ich einen zweifachen Vortheil aus ihr zu ziehen. Der erste ist, dass ich mich vor der Hand ziemlich sicher halten kann, dass die Erinnerung an meine reizende Unbekannte nur sehr wenigen Schonen gestatten wird, einigen Eindruck auf mich zu machen; der zweite, dass ich, vorausgesetzt ich konne das, was ich bei dieser Gelegenheit erfahren habe, als einen Massstab meiner Empfanglichkeit fur leidenschaftliche Liebe annehmen, grosse Ursache habe zu hoffen, dass ich weder meinen Verstand noch meine Freiheit jemals durch ein schones Weib verlieren werde.
4.
An Demokles von Cyrene.
Griechenland zahlt nun seit dem ersten Neumond nach der letzten Sommer-Sonnenwende das erste Jahr seiner vierundneunzigsten Olympiade; die Spiele sind geendigt, und ich habe gesehen was zu sehen war. In der That grosse, auffallende, prachtvolle, und, nach der gewohnlichen Schatzung der menschlichen Dinge, sehenswurdige Schauspiele! Aber, soll ich dir davon sprechen wie ich denke, Demokles? Du hast oft mit mir uber meine (wie ich immer mehr zu glauben Ursache finde) angeborne Maxime "nichts zu bewundern"19 gestritten; und wenn wir am Ende, wie gewohnlich, jeder mit seiner eigenen Meinung davon gingen, sohntest du dich immer durch ein wohlwollendes Mitleiden mit mir aus, mich durch eine so gleichgultige Gemuthsstimmung des hohen Grades von Vergnugen entbehren zu sehen, welches, wie du sagtest, den gefuhlvollen Seelen zu Theil werde, die gerade durch den Affect der Bewunderung zu erkennen geben, dass sie bei grossen und schonen Gegenstanden ungleich mehr empfinden, als derjenige, der sie ansehen kann, ohne aus seiner gewohnlichen Fassung gesetzt zu werden. Es mag seyn, dass meine Maxime mich ofters eines lebhaftern Genusses beraubt: aber dafur gewahrt sie mir auch den Vortheil, mich selten in meiner Erwartung getauscht zu finden. Auch begegnet mir ofters, dass ich anstatt mit der Menge zu bewundern, mich (mit deiner Erlaubniss) nicht wenig verwundere, wie die Leute so gutmuthig seyn mogen, uber Dinge in Entzuckung zu gerathen, die, bei kaltem Blute aufs gelindeste beurtheilt, nur lacherlich sind, und bei strengerer Prufung leicht in einem noch ungunstigern Licht erscheinen konnten.
Nach dieser Vorrede bist du vermuthlich schon auf das Gestandniss gefasst, dass diess beim Anschauen der weltberuhmten Kampfspiele zu Olympia ganz eigentlich mein Fall war, und dass ich, wahrend alles um mich her in Entzuckung zerfloss, mich in aller Stille nicht genug verwundern konnte, wie ein Volk, das sich selbst fur das sittigste und aufgeklarteste des ganzen Erdbodens halt, und von andern dafur erkannt wird, vor einer so grossen Menge auslandischer Zuschauer sich nicht schamte, einen so hohen Werth auf den Sieg in so kindischen oder barbarischen Wettkampfen zu legen, aus den dazu angesetzten Tagen sein hochstes Nationalfest zu machen, und sogar seine Zeitrechnung nach ihrer Feier zu bestimmen. Kame, dacht' ich, ein Perser oder Skythe, der noch nichts von diesem Institut gehort hatte, von ungefahr dazu, wenn im Angesicht einer unzahlbaren Menge Volks, in einem Ehrfurcht gebietenden Kreise der edelsten und angesehensten Manner der Nation, nach einem dem Konige der Gotter dargebrachten feierlichen Opfer, die Sieger offentlich erklart und gekront werden, und sahe das stolze Selbstbewusstseyn, womit sie, von ihren wonnetrunkenen Verwandten, Freunden und Mitburgern umdrangt, und vom allgemeinen Jubel der Zuschauer bewillkommt, sich den Kampfrichtern nahen, um die Krone zu empfangen: musst' er nicht glauben, diese Menschen konnten nichts Geringeres gethan haben, als ganz Griechenland durch einen Marathonischen20 oder Salaminischen Sieg vom Untergang gerettet, oder wenigstens jeder um seine eigene Vaterstadt sich durch irgend eine ausserordentliche That unendlich verdient gemacht zu haben? Aber wie erstaunt und betroffen wurde dann ein solcher dastehn, wenn er horte dass es weiter nichts ist, als dass der eine dieser gekronten Helden am besten laufen kann, ein anderer die schnellsten Rennpferde und den geschicktesten Kutscher hat, ein dritter der grosste Meister im Faustkampf oder in der edeln Kunst seinen Gegner zu Boden zu ringen ist? Wahrlich dieser Perser oder Skythe, wiewohl die Griechen seiner Nation die Ehre erweisen sie nur fur Halbmenschen anzusehen, wurde sich schwerlich enthalten konnen, das widersinnische Schauspiel fur die Wirkung irgend einer zurnenden Gottheit zu halten, und zu glauben, die ganze Nation musste entweder von einem allgemeinen Wahnsinn befallen, oder, trotz ihrer ubrigen Vorzuge, zu einer ewigen Kindheit der Vernunft verdammt seyn. Dass ein schnellfussiger Jungling, ein gewandter Wagenlenker, ein nerviger Kerl der den Kampfhandschuh am kraftigsten zu gebrauchen wusste, oder um den starksten Gegner zu uberwaltigen, keiner andern Waffe als seiner eigenen eisernen Faust bedurfte, in den Zeiten, da der Thebanische Hercules diese feierlichen Spiele gestiftet haben soll, ein wichtiger Mann fur seine kleine Vaterstadt war, ist naturlich, und aus dem rohen Zustand einer von ihrer ursprunglichen Wildheit noch langsam sich losarbeitenden Horde leicht zu erklaren. Aber dass ein so gebildetes Volk, wie die Griechen dermalen sind, bei so ganzlich veranderter Lage der Sachen, noch immer ein so grosses Aufheben von Geschicklichkeiten macht, die entweder ganz unbrauchbar, oder doch verhaltnissmassig von sehr geringem Nutzen geworden sind; dass der Mensch, der zu Olympia21 offentlich dargethan hat, dass er den stiermassigsten Nacken, die starksten Brustknochen und die derbeste Faust seiner Zeit besitze, oder mit jedem Hasen in die Wette laufen konne, fur die hochste Zierde seiner Vaterstadt gehalten, im Triumph eingehohlt, uber alle seine Mitburger hinaufgesetzt, und als ein Wohlthater seines Volks offentlich unterhalten, geehrt und nur nicht gar vergottert wird, wiewohl die Starke seiner Muskeln und Knochen, oder die Behendigkeit seiner Fusse vielleicht das Einzige ist, was ihn von dem rohesten und verdienstlosesten seiner Mitburger unterscheidet, das ist doch wirklich so ungereimt, dass man es kaum seinen eigenen Augen zu glauben wagt.
Damit ich mich durch diesen verwegenen Tadel eines Instituts22, das allen Hellenen so ehrwurdig und heilig ist, nicht selbst in den Verdacht einer Anmassung bei dir setze, die mich sehr ubel kleiden wurde, will ich dir nicht verbergen, dass ich meinem Gefuhl vielleicht weniger getraut hatte, wenn ich nicht durch das Urtheil eines weiseren Mannes als ich, mit welchem der Zufall mich bekannt machte, in dem meinigen bestarkt worden ware. Er schien ein Mann von funfzig Jahren zu seyn, und sein Aeusserliches zeigte eben nichts, was unter einer so grossen Menge von Menschen die Aufmerksamkeit auf ihn ziehen konnte. Er war nach Griechischer Sitte ausserst einfach, nach unsrer Cyrenischen beinahe armlich gekleidet, unbeschuht, von etwas finsterem Gesicht, lang, hager, und mit einem dunnhaarigen Barte geziert, der, wo nicht ihm selbst, wenigstens seinem Schatten so ziemlich die tragikomische Miene eines alten Ziegenbocks gab. Bei dem allen hatte der Mann etwas in seiner Gesichtsbildung, das mir Zutrauen zu ihm einflosste, und den Wunsch erregte bekannter mit ihm zu werden. Es traf sich, dass wir beide auf der Anhohe, von welcher wir den Wettkampfern zusahen, so nahe beisammen sassen, dass es nur von ihm abhing, jeden Eindruck, den diese Schauspiele auf mich machten, bemerken zu konnen. Er selbst zeigte bei allem was zu sehen war immer eben dieselbe Miene, die weder merkliches Wohlgefallen noch Missbelieben andeutete; nur zuweilen, wenn die Zuschauer durch irgend eine ausserordentliche Probe von Starke oder Geschicklichkeit zum Ausbruch einer gar zu unmassigen Bewunderung und Freude hingerissen wurden, verrieth er durch ein leises Zucken der Lippen, dass das allgemeine Gefuhl nicht das seinige war. Ich meines Orts uberliess mich eine Zeit lang dem Vergnugen, welches der Anblick so vieler schonen Junglinge, denen die Begierde des Sieges Schwingen an die Knochel setzte, die Menge auserlesener Rennpferde und prachtiger Wagen, die Geschicklichkeit der Wagenfuhrer, und mehr als alles andere, die unerschopfliche Kraft und Gewandtheit, womit die Ringer durch die gelehrteste Fertigkeit in ihrer Kunst den entscheidenden Augenblick aufzuhalten strebten, einem jungen Menschen, der das alles zum erstenmale sah, naturlicherweise machen mussten. Sogar das grausenhafte Schauspiel, das uns gegen die Mittagsstunde, wahrend die Sonne uber unsrer Scheitel brannte, die kaltblutige Wuth der Faustkampfer gab, und der furchtbare Handschuh, womit einige Paare neuer Eryxen23 und Herculessen einander zermalmten, erfullte mich anfangs mit einer seltsamen Art von schauderlichem tragischen Vergnugen, indem es mich in die alte Heldenzeit zu versetzen und mir die Erzahlungen der Dichter von den unglaublichsten Thaten der Gottersohne wahr zu machen schien. Ich wahnte eine Art unzerstorbarer titanischer Naturen vor mir zu sehen, die nur spielweise so grimmig auf einander losgingen, und an welchen die Wunden, die sie einander schlugen, sich ohne Zweifel eben so schnell und narbenlos wieder schliessen wurden, als die Luft, die durch ihre gewaltigen Streiche zerrissen wurde. Aber die Tauschung war von kurzer Dauer; und als ich, nach einem kaum viertelstundigen Kampf, einen der Athleten, der kurz zuvor die Schonheit eines Paris oder Nireus24 mit der Starke eines Milanion25 vereinigt darstellte, und einer Bildsaule des Apollo selbst zum Modell hatte dienen konnen, fur todt aus den Schranken hinaus tragen sah, so ubel zugerichtet, dass keine Spur seiner vorigen Bildung in seinem zertrummerten Gesicht und an seinem ganzen, zu einem unformlichen Klumpen zusammengeschlagenen Leibe zu erkennen war, uberwaltigte mich der grassliche Anblick dermassen, dass ich mich nicht zuruckhalten konnte, meinem Abscheu durch einen lauten Ausruf Luft zu machen, der zu meinem Glucke, uber dem Getummel und Jubelgeschrei der Zuschauer, von niemand als dem besagten Fremden gehort wurde. Ich entfernte mich unverzuglich von dem Schauplatz der grasslichen Scene, und zog mich in die einsamsten Gange des geheiligten Hains zuruck, der den Tempel des Olympischen Jupiter umgibt. Nicht lange so sah ich den Fremden mit dem Ziegenbart auf mich zukommen, von einem stattlichen Manne begleitet, der (wie ich in der Folge vernahm) eine ansehnliche Wurde zu Elea bekleidet. Sie erlaubten mir, mich zu ihnen zu gesellen, und an dem Gesprache, worin sie begriffen waren, Theil zu nehmen. Es betraf, wie naturlich, die Spiele, von deren Anschauen beide, dem Ansehen nach sehr gesattiget, zuruckkamen. Mein Fremder machte sich kein Bedenken, aus Gelegenheit derselben ein strenges Urtheil uber die Weisheit seiner Landsleute zu fallen. Wenn, sagte er, die Absicht dieses alle vier Jahre wiederkehrenden Nationalfestes ist, durch die Wettkampfe, die man den Zuschauern zum Besten gibt, und die dazu vorbereitenden Leibesubungen, die Griechische Jugend zu tuchtigen Vertheidigern des Vaterlandes zu bilden, so kann nichts zweckwidriger seyn als diese Spiele. Die Art der Waffen, womit der Krieg heutzutage gefuhrt wird, und die ganze Kriegskunst uberhaupt, ist von dem, was in den Zeiten des Trojanischen Krieges ublich und nutzlich war, so verschieden, dass dem Staate mit ganzen Heerschaaren zu Olympia und Delphi gekronter Laufer und Ringer wenig gedient ware. Wenn sie noch schwerbewaffnet in die Wette liefen, mochte eine solche Fertigkeit allenfalls bei einem Eilmarsch oder plotzlichen Ruckzug von einigem Nutzen seyn: aber so leicht bekleidet wie unsre schnellfussigen Achillen sind, konnen sie, wo es Ernst gilt, hochstens als Eilboten gebraucht werden, oder mochten, wenn man sie auch nur bei den leichten Truppen anstellen wollte, der Versuchung selten widerstehen, in gefahrlichen Fallen vor allen Dingen ihre eigene Person in Sicherheit zu bringen. Was im Kriege mit nackten Ringern anzufangen ware, ist schwer zu sehen; und wofern auch die Faustkampfer durch ihr gigantisches Ansehen und den raschgeschwungenen Cestus26 dem Feinde Schrecken einjagen konnten, so sind ihrer doch in der ganzen Hellas viel zu wenige, als dass man sich eine grosse Wirkung von ihrem Gebrauch versprechen durfte. Und doch, war' es nur der geringe Nutzen, den das Griechische Gemeinwesen von diesen Spielen zieht, so mochten sie immer ihrem vergotterten Stifter zu Ehren beibehalten werden: aber der positive Schaden, den sie thun, scheint mir wichtig genug, um von den Vorstehern unsrer Republiken ernstlich beherzigt zu werden. Nichts davon zu sagen, dass der leidenschaftliche und bis zur Tollheit getriebene Wetteifer unsrer Junglinge, wer die meisten, schonsten und behendesten Rennpferde zu halten vermoge, schon viele angesehene wohlbeguterte Hauser zu Grunde gerichtet hat, was fur Fortschritte in der Cultur kann man von einem Volke erwarten, das sich aus so wilden und lebensgefahrlichen Leibesubungen ein Spiel macht, das die Wuth, womit Gegen kampfer, die sich zuvor nie gesehen, geschweige beleidigt haben, auf einander losgehen, durch die Lebhaftigkeit seiner Theilnehmung noch mehr anfeuert, und an einem so barbarischen Schauspiel, wie wir so eben sahen, die angenehmste Augenweide findet? Mit welcher Stirne konnen wir auf unsre wirklichen und vermeinten Vorzuge so stolzen Griechen alle ubrigen Erdebewohner Barbaren27 nennen, so lange es eine unsrer grossten Gluckseligkeiten ist, alle vier Jahre zusammenzukommen, um uns, zu gemeinschaftlicher Belustigung, in die Zeiten zuruckzusetzen, da unsre eigenen Vorfahren wenig besser als rohe Waldmenschen, Rauber und Abenteurer waren, und an Humanitat und Sittigkeit weit hinter den meisten Asiatischen Volkern zuruckstanden? Wie ubel ziemt es uns, die an eine edlere Denkart und Geschmack am Schonen und Erhabenen Anspruch machen, auf die Kunst einander die Glieder zu verrenken, oder uns mit geballten Fausten so lange herumzuschlagen, bis den Kampfern kaum noch eine Spur der menschlichen Gestalt ubrig bleibt, einen so hohen Werth zu setzen, und rohe Athleten28 ihrer herkulischen Schultern und eisernen Knochen wegen mit Ehrenbezeugungen zu uberschutten, welche die reinste und vollkommenste Tugend selbst nicht von uns erhalten kann? Ich gestehe unverhohlen (setzte mein Unbekannter mit einem Feuer hinzu, das ich seiner kalten Miene nicht zugetraut hatte), diese Betrachtung hat mich gegen die allgemeine Freude der zahllosen Menge, die mich diesen Morgen umgab, unempfindlich gemacht, und bei Schauspielen, die so laut gegen das sittliche Gefuhl und die Humanitat meiner Landesleute zeugen, sogar mit Unmuth und Traurigkeit erfullt. Du bist ein Philosoph, wie ich sehe, sagte der Mann von Elea mit einem Lacheln, dessen leisen Spott er durch den sanften Ton seiner Worte mildern zu wollen schien. Wenn ich es auch ware, versetzte jener, die Wahrheit dessen, was ich gesagt habe, wurde dadurch weder gewinnen noch verlieren. Du magst in der Hauptsache Recht haben, erwiederte der andere. Wir Eleer sehen die Sache freilich von einer gefalligern Seite; denn wir machen kein Geheimniss daraus, dass wir den Wohlstand unsrer Republik dem Institut, gegen welches du dich so streng erklarst, grossten Theils zu danken haben. Du hast gesehen, was fur eine glanzende Panegyris aus allen Griechischen und benachbarten Landern durch diese Spiele nach Pisa gezogen wird. Glaubst du, das Gedrange von unzahlbaren Menschen aus allen Standen und Classen wurde eben so gross seyn, wenn an die Stelle dieser Kampfspiele ein Wettstreit um den Vorzug an Weisheit und Tugend angeordnet, und die Kronen, die wir jetzt den besten Rennern, Ringern und Pankratiasten29 zuerkennen, denen aufgesetzt wurden, die sich etwa durch die schonste Handlung der Menschlichkeit, Grossmuth und Selbstuberwindung ausgezeichnet hatten? Desto schlimmer, sagte mein Unbekannter; das ist es eben was ich beklage! So lange dieses, den Eleern auf Kosten der ubrigen Griechen so vortheilhafte Institut dauern wird, sehe ich nicht, wie eine richtigere Schatzung des Werthes der Menschen unter uns Platz greifen, und der Vorzug der geistigen und sittlichen Vollkommenheiten vor den korperlichen und mechanischen allgemeiner gefuhlt und anerkannt werden konnte.
Lass uns die Welt nehmen wie sie ist, erwiederte der Eleer, denn sie ist doch wohl wie sie seyn kann. Weisheit und Tugend belohnen sich selbst so reichlich, dass sie des Beifalls der Menge und der Kronen, die zu Olympia ausgetheilt werden, leicht entbehren. Wer weiss, ob sie durch eine so offentliche und gerauschvolle Auszeichnung nicht an innerm Werthe verlieren wurden? Wenigstens zweifle ich sehr, dass die stillen unscheinbaren Tugenden, welche gewohnlich die reinsten sind, sich gern aus ihrer Verborgenheit herausziehen und einer so grossen vermischten Menge zur Schau ausstellen lassen wurden. Uebrigens scheint mir die lebhafte Theilnehmung, womit unsre Panegyrischen Spiele angesehen werden, so wenig gegen das sittliche Gefuhl unsrer Nation zu beweisen, dass ich mir eher das Gegentheil zu behaupten getraue. Die Kampfspiele zu Olympia, Delphi,30 Nemea und Korinth haben eben darum ein so lebhaftes und eigenes Interesse fur unsre Nation, weil sie uns, gleichsam durch den Augenschein, so wie durch die Siegesgesange Pindars und seiner Nacheiferer, in die fabelhaften Zeiten jener Heroen versetzen, deren Andenken uns aus so vielen Ursachen heilig ist, die unsre meisten Stadte gegrundet haben, und von welchen unsre edelsten Geschlechter ihren Ursprung herleiten. Aber auch ohne diese Beziehung haben wir noch Ursache genug, sie als eines unsrer schonsten und wohlthatigsten Nationalinstitute anzusehen. Kein anderes vereiniget eine so grosse Menge Griechen aus allen Stadten und Landschaften der ganzen Hellas an Einem Orte zu gemeinschaftlichen Feierlichkeiten, Opfern, Gastmahlern und Ergotzungen. Wahrend ihrer Feier horen alle Feindseligkeiten auf, in welche die uralte Antipathie der Dorier und Ionier31 nur zu oft ausbricht. Wir vergessen in diesen halcyonischen Tagen aller Beleidigungen, aller Eifersucht und Rache, um uns bloss unsers gemeinsamen Ursprungs zu erinnern, und die Bande von neuem zusammenzuziehen, womit gemeinschaftliche Gotter und Tempel, eine gemeinschaftliche Sprache und das grosse Interesse unsre Unabhangigkeit gegen auswartige Machte zu behaupten, die in so viele Stamme und Zweige verbreitete Nachkommenschaft Deukalions32 zu einem einzigen Volke verbunden haben, das durch seine Cultur das erste in der Welt ist, und durch Eintracht unuberwindlich und unverganglich dem ganzen Erdboden Gesetze geben wurde.
Ich verschone dich, lieber Demokles, mit einer Menge anderer schoner Spruche, welche der begeisterte Eleer mit einem grossen Erguss von Redseligkeit hervorstromte, um dem kopfschuttelnden Philosophen eine hohere Meinung von den Olympischen Spielen abzunothigen. Es versteht sich, dass jeder auf seiner eigenen beharrte; so wie ohne Zweifel diese Spiele selbst, allen Veranderungen der Zeiten und allen Einspruchen der Philosophie zum Trotz, ihre ursprungliche Form und Einrichtung so lange Jupiter im Besitze seines Tempels zu Olympia bleibt, behalten werden, wie leicht es auch ware, ihnen eine gemeinnutzlichere und einem gebildeten Volk anstandigere zu geben. Wir kamen indessen, da der Eleer ein sehr hoflicher Mann war, noch ganz friedlich aus einander; denn die Hoflichkeit hat diess Eigene, dass sie es dem andern unvermerkt unmoglich macht, so grob zu seyn als er wohl Lust hatte. Doch muss ich es auch meinem bocksbartigen Freunde nachruhmen, dass er sich beim Abschied mit mehr Urbanitat betrug, als ich von seiner Freimuthigkeit erwartet hatte. Dieser Umstand und seine Mundart bestarkten mich in der Vermuthung dass er ein Athener sey; und so fand sich's auch bei naherer Erkundigung. Man sagte mir, er nenne sich Antisthenes, und sey einer der vertrautesten Freunde des beruhmten Sokrates Sophroniskus Sohn, den der Delphische Gott33, oder (wenn du lieber willst) der eifrigste seiner Anhanger, Charephon, durch den gelehrigen Mund der Pythia, fur den weisesten aller Menschen erklart haben soll. Da mein Verlangen diesen merkwurdigen Mann personlich zu kennen und durch seinen Umgang, wo moglich, selbst ein wenig weise zu werden, einer der ersten Zwecke meiner freiwilligen Verbannung aus dem schonen und wollustigen Cyrene war, so kannst du leicht urtheilen, dass ich mich auf diese Nachricht um so eifriger um die Gunst einer Person bewarb, die mir zu Beforderung meiner Absicht gute Dienste thun konnte. Ohne mir diese Bewerbung durch ein zuvorkommendes Wesen zu erleichtern, schien er doch eben so wenig gesonnen, sie ganzlich abzuweisen. Von Sokrates sprach er mit seiner gewohnlichen Kalte, als von einem Manne, mit dem er seit vielen Jahren taglich umgegangen, und den er als seinen ersten, wo nicht einzigen Freund betrachte. "Wenn ich einen bessern als er gekannt hatte, sagte er, wurde ich mich zu diesem gehalten haben; aber ich kenne keinen bessern, und, insofern diese Benennung einem Menschen zukommen kann, keinen weisern Mann als Sokrates. Er hat Eigenheiten, die man ihm lassen muss, und die, weil sie ihm wohl anstehen, darum nicht einen jeden kleiden wurden: aber wenige Menschen sind so gut, dass sie nicht noch besser werden konnten, wofern sie ihn immer und in allen Verhaltnissen und Vorfallen des Lebens zum Muster nahmen."
Da ich von Antisthenes vernahm, dass er geraden Weges nach Athen zuruckzukehren gedenke, bat ich ihn um Erlaubniss ihn begleiten zu durfen, und ausserte den Wunsch, dass er mich bei Sokrates einfuhren mochte. "Ein guter Reisegefahrte ist der halbe Weg, sagte er: ich nehme dein Anerbieten willig an; aber bei Sokrates bedarfst du keines Einfuhrers. Er liebt junge Leute deiner Art, und du wirst den alten Glatzkopf gewohnlich von einigen unsrer schonsten Junglinge umgeben finden. Seine Absicht ist ihm mit Xenophon, Kritobulus34, Plato und einigen andern so gut gelungen, dass ein Alcibiades und Kritias35, die ihm verungluckten, ihn nicht abschrecken konnten, es immer wieder mit andern zu versuchen. Ein Jungling guter Art bedarf bei ihm weder einer Empfehlung noch einer besondern Aufmerksamkeit sich ihm angenehm zu machen; es wird also bloss auf dich selbst ankommen, wie viel oder wenig du dir seinen Umgang zu Nutze machen willst. Die Sonne strahlt gleich warm auf ein Stuck Gold und auf ein Stuck Blei; nur fasst das eine mehr Warme, und behalt sie langer als das andere."
Wir werden unsre Reise uber Orchomenos, Korinth, Megara und Eleusis machen; weil Antisthenes zu seinem ehrwurdigen alten Freund zuruckeilt, welchen er in der trubseligen und verzweifelten Lage, worin seine Vaterstadt sich seit einiger Zeit befindet, nicht langer verlassen will. Denn es sind schon mehr als acht Monate verstrichen, seit er von Athen abgegangen ist, um die Angelegenheiten eines zu Megalopolis verstorbenen Anverwandten zum Besten seiner Hinterlassenen in Ordnung zu bringen.
Die Nachrichten von den abwechselnden Erfolgen der seit einigen Jahren zwischen den beiden Hauptstadten Griechenlands wieder ausgebrochnen Befehdungen kommen gewohnlich so spat zu euch, dass du vielleicht erst aus diesem Briefe (dessen Abgang noch sehr ungewiss ist) erfahrst, dass der Spartanische Feldherr Lysander, nach einem bei Aigos Potamos am Eingang des Hellesponts erhaltnen entscheidenden Sieg, die stolze Minervenstadt selbst eingeschlossen, und durch Hunger und Verzweiflung endlich gezwungen hat, sich auf Bedingungen, denen ihre Vater den Tod in jeder Gestalt vorgezogen haben wurden, von dem schrecklichen Schicksal, welches sie vor eilf Jahren uber die unglucklichen Melier36 verhangt hatten, loszukaufen. Die ubermuthige Beherrscherin der Meere ist nun auf zwolf Schiffe, die ihr noch erlaubt sind, herabgebracht; die Stadt und die Vorstadt Piraum mit ihrem Hafen sind des herrlichsten Denkmals der Siege des grossen Themistokles, ihrer prachtigen Mauern beraubt, die Spartaner haben eine Besatzung in der Akropolis37; und eine von Lysandern beschutzte, neuerrichtete Regierung von dreissig unter seinen Winken willkurlich herrschenden Gewalthabern macht das Elend der beklagenswurdigen, ihre eigene Thorheit zu theuer bussenden Athener vollstandig. Diess sind die neuesten Nachrichten, die uns aus jenen Gegenden zugekommen sind. Was sagst du, Demokles, zu einer so unerwarteten Katastrophe? Du wirst mich vielleicht unklug und verwegen nennen, dass ich mich gerade in einem so verwirrten und gefahrlichen Zeitpunkt nach Athen wage. Aber ich kann dem Verlangen nicht langer Einhalt thun, diesen Sokrates, von dem ich schon in Cyrene so viel Wunderbares horte, und jetzt von Leuten, die ihn sehr gut zu kennen glauben, oder vorgeben, die seltsamsten und widersprechendsten Dinge hore, durch mich selbst kennen zu lernen. Auf alle Falle sind meine Einrichtungen so getroffen, dass ich mich vielmehr in den Credit eines vorsichtigen und besonnenen Mannes bei dir zu setzen hoffe. Ich habe meine Cyrenische Kleidung bereits mit einem ausserst einfachen Costume im Geschmack meines neuen Freundes Antisthenes vertauscht; meine Baarschaft bleibt in Korinth niedergelegt, und ich werde nur gerade so viel Geld nach Athen tragen, als ein Mensch, der taglich drei bis vier Obolen zu verzehren hat, in sechs Monaten nothig haben mag. Du solltest mich wirklich in meinem neuen Sokratischen Schulermantel sehen! Er ist zwar etwas grob von Wolle, und reicht nicht sehr weit unter die Knie; aber Antisthenes versichert mich, dass er mir trefflich stehe. In diesem Aufzuge werde ich wahrscheinlich zu Athen nicht so viel Eindruck machen, dass die Dreissig sich viel um mich bekummern werden.
5.
An Kleonidas.
Wie sehenswurdig auch die weltberuhmten Olympischen Spiele sind, so zweifle ich doch nicht, dass die Einbildungskraft eines Dichters mit blosser Hulfe des Hippodroms38 und der Gymnasien39 und Fechtschulen in Cyrene sich eine noch grossere und den alten Heldenzeiten angemess'nere Vorstellung von ihnen machen konnte als diejenige ist, die wir andern gewohnlichen Menschen mittelst unsrer Leibesaugen erhalten haben. Aber den Jupiter des Phidias muss man sehen, Freund Kleonidas, wenn man sich einen Begriff von ihm machen will. Also komm und sieh, und bete an.
Nach diesem Eingang erwartest du, naturlicher Weise, keine Beschreibung40 von mir, die am Ende doch nur auf ein Verzeichniss der unzahligen einzelnen Stucke und Theile hinauslaufen wurde, aus welchen dieses uber allen Ausdruck grosse und reiche Kunstwerk, dem kein anderes in der Welt vergleichbar ist, mit hohem Sinne zusammengesetzt, wie eine himmlische Erscheinung vor unsern Augen da steht. Jeder dieser Theile ist, fur sich selbst betrachtet, schon, gross gedacht, mit reiner sicherer Bestimmtheit der Verhaltnisse und Formen ausgefuhrt, und so zierlich vollendet, dass dem Liebhaber der Kunst nichts zu wunschen, dem Kenner wenig oder nichts zu erinnern ubrig bleibt. Aber alle diese besondern Schonheiten verlieren sich, oder vereinigen sich vielmehr in dem Haupteindruck, den das herrliche Ganze Jupiter auf seinem Thron, von seinem ganzen Gottergeschlecht umgeben auf die Seele des Anschauers macht, indem er sich beim ersten Anblick von einem wunderbaren Schauder ergriffen fuhlt, den der grosse und glaubige Haufe fur ein unmittelbares Zeichen der Gegenwart des Gottes halt.
Dir, mein Freund, brauche ich nicht zu sagen, dass weder dumpfes Anstaunen noch Ueberfluss an Glauben unter die Gebrechen meiner Natur gehoren. Ich betrat den Tempel mit der kaltblutigsten Gewissheit, einen Gott von Elfenbein und Gold von der Hand eines grossen Bildners zu sehen, und konnte mich doch des besagten Schauders so wenig erwehren als ein andrer. Mit Blitzesschnelligkeit vermengte sich der Homerische Nephelegereta41 Zeus mit dem huldreichen Phidiassischen Gottervater, und ich wahnte einen Augenblick den Konig des Himmels wirklich auf seinem Throne zu sehen, wie er der flehenden Thetis die Gewahrung ihrer Bitte zunickt, und das Winken der schwarzen Augenbraunen die ambrosischen Locken auf seinem unsterblichen Haupte schuttelnd den ganzen Olympus erbeben macht.42
Du wirst mir indessen gerne zutrauen, dass ich bei dieser schnell voruber gehenden Verzuckung noch Besonnenheit genug behielt, dem Grunde des Zaubers nachzuforschen, wodurch dieses gottliche Machwerk eines sterblichen Meisters auf alle die es erblicken, ohne Ausnahme, eben dieselbe Wirkung thut. Glucklicherweise brauchte ich nicht tief zu graben; denn er fallt so stark in die Augen, dass die meisten, denen ich mein Rathsel aufzurathen gab, eher auf alles andre als das Wahre riethen. Ich gebe willig zu, dass der erhabene Charakter, womit der Kunstler diese Gottergestalt, und alles was sie umgibt, zu bekleiden gewusst hat, sehr viel dabei thut; aber weder in ihm allein, noch in der majestatischen Form des dichtgelockten Hauptes, noch in der unerschutterlichen Festigkeit und Kraft, der ruhig ernsten Weisheit, und der von aller menschlichen Schwache gereinigten Huld und Gnade, die, wie man sagt, in den Formrn und dem Blicke des Angesichts unnachahmlich ausgedruckt sind, kann der besagte Zauber liegen; oder, wenn Phidias diese namliche Gestalt, mit allen diesen Vollkommenheiten, die man an ihr bewundert, nach verjungtem Massstabe, nur zehn oder zwolf Zoll hoch ausgearbeitet hatte, musste das kleine Bild eben dieselbe Wirkung thun, welches, denke ich, niemand behaupten wird.
Und was ist denn die wahre Ursache, warum uns der Olympische Jupiter so gewaltig ergreift? Es ist, mit Erlaubniss zu sagen, nicht mehr und nicht weniger als warum uns ein Elephant mehr Respect gebietet als ein Stier seine kolossalische oder vielmehr titanische Statur; denn bekanntermassen war die ganze Familie des Uranos und der Gea, von welchen Jupiter wie alle ubrigen Titanen abstammte, ein Riesengeschlecht von der ersten Grosse. Alle Majestat, die der erhabene Kunstler dem Angesicht des Gottes zu geben vermochte, wurde an einem Bilde von sechs oder sieben Fuss schwerlich viel mehr gewesen seyn, als ein Minos oder Agamemnon hatte tragen konnen, ohne darunter einzusinken. An einem Pygmaenkonige wurde diese Majestat in unsern, nicht in der Pygmaen, Augen sogar etwas zum Lacheln Reizendes haben; aber an einem Jupiter von sechsundzwanzig Ellen erregt sie in uns Pygmaen das Gefuhl des Uebermenschlichen und Gottlichen. Ich horte einen ehrwurdigen Pythagoraer, den ich eines Tages im Tempel antraf, sagen: er halte sich uberzeugt, dass Phidias der Religion einen grossern Dienst erwiesen habe, als alle Priester, Hierophanten, Dichter und Philosophen der ganzen Welt zusammengenommen nicht zu thun vermocht hatten. Der Mensch, sagte er, ist nun einmal, er wolle oder wolle nicht, durch seine Natur genothigt, sich die Gottheit unter einer menschlichen Gestalt vorzubilden. Was Homer und seine Nachfolger leisten konnten, erregt nur schwankende unbestimmte Phantomen; die Kunst des Bildners muss ihnen zu Hulfe kommen und die Einbildungskraft auf einer bestimmten Gestalt festhalten. Grosse Menschen waren das Hochste, was die Vorganger und Zeitgenossen des Phidias in dieser Art zuwege brachten: er allein hat uns den Konig der Gotter dargestellt. Wer den Olympischen Jupiter gesehen hat, tragt einen Eindruck in seiner Seele davon, dem keine Zeit etwas anhaben kann. Die priesterliche Miene und der prachtige Bart des Pythagoraers, der selbst das Ansehen eines Gottersohns hatte, hielt mich zuruck, etwas, das mir gegen seine Behauptung auf die Zunge kam, laut werden zu lassen; zumal da ich das Wahre in derselben an mir selbst erfuhr. Denn wie richtig es auch seyn mag, dass klein und gross, fur Eigenschaften gewisser Dinge genommen, nur tauschende Begriffe sind, so gestehe ich doch ohne Bedenken, dass ich mich so gern von ihnen hintergehen lasse als irgend einer. Von den zehn Tagen, die ich zu Olympia verweilte, ging keiner vorbei, ohne dass ich den Jupiterstempel zweimal wenigstens besucht hatte; und ich schwore dir beim goldnen Barte des Gottes, dass ich das Bild, das sich durch diess so oft wiederholte Anschauen meiner Phantasie eingesenkt hat, nicht um die ganze Cyrenaika missen wollte.
Mehrere Leute haben mit einer bedenklichen Miene angemerkt, der Olympische Jupiter konnte nicht von seinem Thron aufstehen, ohne das Dach des Tempels einzustossen. Ganz gewiss machte Phidias diese scharfsinnige Bemerkung auch, und trostete sich und den Baumeister damit, dass sein Jupiter wahrscheinlich wohl immer sitzen bleiben werde. Nicht Wenige habe ich beklagen gehort, dass ein prachtig gearbeitetes Brustgelander nicht erlaube so nahe zum Thron hinzukommen als man wohl wunschen mochte. Auch diess ist ein Streich, den der lose Phidias den Leuten gespielt hat. Er machte es ihnen dadurch unmoglich, so nahe hinzuzutreten, dass sie, anstatt den Gotterkonig auf seinem Thon zu sehen, nur einen Haufen geschnittenes Elfenbein und gegossenes Gold zu sehen bekommen hatten. Denn damit das Ganze seine gehorige Wirkung thue, muss es aus einem gewissen Standpunkt betrachtet werden. Vielleicht wollte auch der kluge Kunstler nicht, dass eine Menge Nebendinge und Verzierungen von allerlei farbichten Edelsteinen, Ebenholz, Perlenmutter und dergleichen, auf deren geschickte Zusammensetzung er zu Verstarkung des Haupteffects gerechnet hatte, zum Nachtheil desselben stuckweise und in der Nahe besehen werden konnten. Denn bei einem Kunstwerke, wo am Ende doch alles auf eine gewisse Magie, und also auf Tauschung hinauslauft, muss man die Zuschauer nicht gar zu nahe kommen und zu gelehrt werden lassen.
Indem ich uberlese, was ich dir von dem grossten und schonsten aller Menschenwerke geschrieben habe, dunkt mich ich habe nichts gesagt. Aber wenn ich einen Stachel in dein Gemuthe geworfen habe, der dir keine Ruhe lasst bis du selbst kommst und siehest, so hab' ich genug gethan; denn das ist alles was ich wollte.
6.
An Kleonidas.
Ich lebe bereits einige Wochen in dieser weltberuhmten und in ihrer Art einzigen Minervenstadt, welche zu sehen mich schon so lange verlangte. Hat sie meine Erwartung ubertroffen? oder ist sie unter ihr geblieben? Beides, lieber Kleonidas, und ich werde taglich mehr in der Meinung bestarkt, dass es mir immer und allenthalben mit allen menschlichen Dingen eben so gehen werde. Im Ganzen genommen kenne ich noch keinen Ort, wo ich lieber leben mochte als zu Athen, und, meinem Geschmack nach, hat die Stadt durch das Abtragen ihrer Mauern mehr gewonnen als verloren. Ob sie, vor dieser den Athenern so schmerzlichen Demuthigung, wirklich, wie sie sich schmeichelten, die schonste Stadt in der Welt war, liesse sich vielleicht noch fragen: aber dass sie jetzt das grosste, schonste, prachtigste und volkreichste Dorf in allen drei Welttheilen ist, wird niemand zu laugnen begehren. Auch ohne Mauern bleibt sie immer der erste Tempel der Musen, der Sitz des Geschmacks, und die Werkstatt aller das Leben unterstutzenden und verschonernden Kunste, mit Einem Wort, Alles wozu Perikles sie machte, dessen Andenken aber, wie ich sehe, bei diesen leichtsinnigen und undankbaren Republikanern schon lange vergessen ist. Kannst du glauben, dass sie es sogar ungern horen, wenn ein Fremder mit Ehrerbietung von diesem grossen Manne spricht, oder ihm die herrlichen Gebaude und Kunstwerke, womit er die Stadt und die Akropolis geziert hat, zum Verdienst anrechnet? Im Athenischen Styl zu reden hat das Volk alles gethan; ja sie sprechen nicht anders davon, als ob das alles so hatte seyn mussen, und mit ihnen zugleich aus dem Attischen Boden hervorgewachsen ware. Selbst die Namen eines Miltiades, Themistokles, Aristides, Cimon (der Manner, denen Griechenland zu danken hat, dass es nicht zu einer Persischen Satrapie zusammenschrumpfte) werden selten oder nie gehort; aber dafur sind die Manner von Marathon und Salamin immer auf ihren Lippen, und der erste Schuster oder Kleiderwalker, dem du begegnest, ist so stolz darauf, der Enkel eines Mannes von Marathon zu seyn, als ob er selbst dadurch zu einem Manne von Marathon wurde, und schwatzt mit der unbeschreiblichsten Gelaufigkeit der Zunge stundenlang von den Grossthaten seiner Vorfahrer, ohne das mindeste Bewusstseyn, wie viele Ursache diese hatten, sich ihrer ausgearteten Nachkommenschaft zu schamen. In der That kannst du dir nichts Komischeres vorstellen, als den namenlosen Schmerz, womit sie von dem Verlust ihrer Mauern sprechen, wenn du zugleich bedenkst, dass es bloss auf sie ankam, durch einen den Spartanern zu rechter Zeit entgegen gesetzten kraftigen Widerstand, ihre so zartlich geliebten Mauern zu erhalten. "Ach! dass wir leben mussten den Athenischen Namen so geschandet zu sehen!" rufen sie mit einem langen klaglichen Seufzer aus, und es kommt ihnen alles andere eher in den Sinn, als sich selbst die Schuld beizumessen, oder zu bedenken, dass sie ja, so gut wie die dreihundert Spartaner bei Thermopyla, mit den Waffen in der Hand sterben konnten, wenn sie eine solche Schmach nicht erleben wollten, und dass diess in der That die einzige Entschliessung war, die den Sohnen der Manner von Marathon geziemte.
Doch fur jetzt nichts weiter von diesen der Geissel ihres Aristophanes so wurdigen Kechenaern43, weil ich dir nicht bald genug von dem Manne sprechen kann, um dessentwillen ich hauptsachlich hierher gekommen bin, und der dadurch, dass auch er ein geborner Athener ist, fur alle andern Schonung und beinahe Achtung fordert.
Du zweifelst nicht, dass eine meiner ersten Sorgen war, mich von Antisthenes bei seinem ehrwurdigen Freund einfuhren zu lassen.
Es ware schwer, dir den Eindruck zu beschreiben, womit mich der erste Anblick dieses ausserordentlichen Mannes uberraschte. Meine Einbildungskraft (welcher ich uberhaupt wenig Gehor zu geben pflege, weil sie mich fast immer irre fuhrt) hatte sich ohne Zuthun meines Willens eine Vorstellung gemacht, wie jemand aussehen musse um Sokrates zu seyn: und nun fand sich's, dass diese Vorstellung unter allen Sterblichen keinem weniger anpasste, als dem wirklichen Sokrates. Ich stand einen Augenblick etwas betroffen da, war aber kaum eine halbe Stunde bei ihm gewesen, als ich nicht nur mit dem Unerwarteten in seiner Gesichtsbildung vollig ausgesohnt war, sondern mir sogar schon in den Kopf gesetzt hatte, dass er so aussehen musse, und dass kein andres Aeusserliches geschickter gewesen ware, seinen innern Charakter schneller anzukundigen und starker auszusprechen als gerade dieses. Denke dir einen corpulenten, breitschultrigen alten Mann, mit einem bis an die Seitenhaare kahlen Silenenkopf, und dem rustigen Ansehen eines achten Abkommlings der Sieger bei Marathon und Salamin44; und ermiss nun selbst, welch einen Contrast eine solche Figur mit der Erwartung eines jungen Menschen machte, der sich nach einem ziemlich allgemeinen Vorurtheil, einen wegen seiner Weisheit und Geistesgrosse beruhmten Mann nicht anders als mit dem Kopf eines Pythagoras oder Solon denken konnte! Aber der vielumfassende Verstand, der in dieser hohen und breiten, uber den buschigen Augenbrauen sich weit hervor wolbenden Stirne wohnt; der Geist, der aus diesen stieren Augen blitzt, und dir mit jedem Blick bis auf den Grund deines Innern zu sehen scheint; der entschiedene Ausdruck eines festen, mannlichen, keiner Furcht noch Schwache fahigen Charakters, einer unwandelbaren Heiterkeit und Gleichmuthigkeit und einer biedern allen Menschen wohlwollenden Seele, dieser Ausdruck, der seinem ganzen Gesicht scharf und tief aufgepragt ist, macht in wenig Augenblicken den ersten widrigen Eindruck schwinden; du fuhlst dich immer starker und starker von ihm angezogen; ein unerklarbarer Zauber halt dich in seinem Kreise fest, und du wunschest, dich in deinem ganzen Leben nie wieder von ihm entfernen zu durfen. Wundre dich nicht, Lieber, dass ich mich so lange bei der Physiognomie des Sokrates verweile; denn ich habe mir in den funf bis sechs Wochen, seit ich mit ihm lebe, ein ganz eigenes Studium aus ihr gemacht, und ich bin gewiss, dass sie einen wesentlichen Antheil an der ausserordentlichen Gewalt und Ueberlegenheit hat, die dieser Mann der seinem Aufzug und seinen Glucksumstanden nach in ganz Athen wenige unter sich sieht, uber alle Menschen, die sich ihm nahern, zu behaupten weiss. Ich habe ihn wahrend dieser Zeit, da ich selten von seiner Seite komme, nicht einen Augenblick anders als heiter und freundlich gesehen; aber Antisthenes versichert mich, dass sich nichts Furchterlicher's denken lasse, als das drohende Gesicht, womit er in einem Handgemenge vor den Mauern von Potidaa einen feindlichen Trupp, der sich des verwundeten Alcibiades bemachtigen wollte, zuruckgescheucht habe; und ich begreife vollkommen, dass er, sobald er will, grimmig genug aussehen kann, um einem Lowen Angst einzujagen. Ohne Zweifel ist gerade diess die Ursache, warum der Ausdruck von Wohlmeinung und Gute eine so grosse Wirkung in seinem Gesicht thut, weil die naturliche Schonheit der Zuge so wenig dazu beitragt, und man also um so gewisser seyn kann, dass es der Abdruck wahrer Gesinnungen ist, und unmittelbar aus dem Herzen kommt. Das Namliche gilt (in seiner Art) von dem ziemlich nah an Hohn granzenden Spotte, der in den aufgestulpten Nustern seiner Delphinen-Nase lauert, aber durch die gewohnliche heitere Freundlichkeit seiner Augen und das gutherzige Lacheln seines dikklippigen Mundes so sonderbar gemildert wird, dass er aufhort Spott zu seyn, oder dass nur gerade so viel davon ubrig bleibt, um seiner Art zu scherzen, und der ihm eigenen Ironie etwas Sauerlichsusses zu geben, das unendlich angenehm ist, aber sich weder beschrieben noch nachmachen lasst. Kurz, ich bin gewiss, diese sonderbare Mischung von Weisheit und Einfalt, von Ernst und Muthwillen, von Gleichmuthigkeit und genialischer Laune, Stolz und Bescheidenheit, Treuherzigkeit und Causticitat, die das Eigenthumliche seines Charakters ausmacht, und wodurch er, mit Einem Wort, Sokrates ist, konnte gar nicht stattfinden, wenn ihm die Natur eine regelmassige Gesichtsbildung gegeben hatte, und gerade diese die er hat sey diejenige, welche der in ihm wohnende Genius sich besser als eine andere anpassen konnte.
Ich wurde von ihm mit seiner gewohnten Humanitat aufgenommen; doch richtete er anfangs die Rede selten an mich, liess nur zuweilen einen ziemlich scharfen Blick auf mich fallen, und setzte ubrigens das Gesprach fort, worin er, da ich ihm vorgestellt wurde, mit seinen meistens noch jungen Freunden begriffen war. Aber als ich es fur Zeit hielt mich wieder wegzubegeben, nahm er mich bei der Hand und sagte: ich hore du gedenkst dich einige Zeit zu Athen aufzuhalten, um zu sehen, zu horen und zu lernen was bei uns Sehens, Horens und Lernens werth ist. Du wirst dessen von aller Art manches finden; des Gegentheils vielleicht noch mehr. Um desto weniger getauscht zu werden, thut ein Fremder bei uns wohl, wenn er sein Urtheil zuruckhalt und etwas misstrauisch gegen die ersten Eindrucke ist. Gefallt es dir in meiner Gesellschaft, so steht's bei dir, so oft um mich zu seyn als andere deines Alters, die mir ihr Zutrauen geschenkt haben und durch meinen Umgang besser zu werden glauben. Ich weiss wenig, wiewohl ich einen Theil meines Lebens mit Forschen zubrachte. Wo ich nicht weiter kann, behelfe ich mich mit dem, was mir das Wahrscheinlichste dunkt; denn immer in Zweifeln schweben, ist fur einen besonnenen Menschen ein unertraglicher Zustand; indessen reiche ich mit dem wenigen, woruber ich gewiss bin, ziemlich aus, und halte mich desto fester daran. Meine Freunde haben ein Recht an alles, wodurch ich ihnen nutzlich werden kann. Ich lasse mich gerne fragen, frage aber auch gern wieder, und hab' es aus langer Erfahrung, dass diess die kurzeste und sicherste Art ist, einander auf die Spur der Wahrheit zu helfen. Ich bat ihn, mich als einen Jungling zu betrachten, der das Schone und Gute liebe, und in beiden das Wahre, und vornehmlich das Band das beide zusammenschlinge, durch ihn kennen zu lernen hoffte. Er schien mit dem was ich ihm sagte nicht unzufrieden, und ich denke, so muss einem Liebhaber, der von seiner Geliebten scheiden muss, zu Muthe seyn, wie mir's war, da ich mich von diesem zauberischen alten Mann entfernte.
Ich habe mir, so nah als moglich an dem Hauschen des Sokrates, eine kleine Wohnung bei einem ehrsamen Burger gemiethet, der einer von den funf bis sechstausend Richtern dieser processreichen Republik45 ist, und da er wenig Vermogen hat, und (nach hiesiger Burgersitte) zu vornehm ist ein Handwerk zu treiben, ohne sein tagliches Triobolon46 mit seiner zahlreichen Familie sehr kummerlich leben musste. Da vielleicht zwei Drittel der Attischen Burger sich in dem namlichen Falle befinden, so erklart sich daraus, warum du in dieser Republik, worin das Volk der Gesetzgeber ist, unter drei bis vier Burgern immer unfehlbar einen Richter, namlich ein Mitglied der zehn grossen Gerichtshofe dieser wundervollen Republik findest, und warum alles darauf angelegt ist, das Processfieber, womit die Athener sammt und sonders den Sokrates und etliche seiner Freunde ausgenommen behaftet sind, zu nahren und unheilbar zu machen. Das Leben eines Attischen Burgers ist ein immerwahrender Rechtsstreit, und, die Festtage abgerechnet, vergeht kein Tag im ganzen Jahr, dass er nicht entweder als Richter oder als Partei, oder als Anwald oder als Zeuge, mit einem Rechtshandel beschaftigt ist. Wer diesem Uebel abhelfen wollte, wurde dem grossten Theil der Athener ihr tagliches Brot entziehen. Vermuthlich ist diess auch die wahre Ursache, warum eine unbeschreibliche Gelaufigkeit der Zunge (sie nennen's Stomylie) und eine gewisse angeborne Wohlredenheit und Begierde sich selbst reden zu horen, ein so allgemeiner Charakterzug dieses uber allen Begriff lebhaften Volkes ist.
Du wirst dich, wie ich sehe, schon daran gewohnen mussen, lieber Kleonidas, dass ich nicht lange in meinem Wege fortgehen kann, ohne bald auf diesen bald auf jenen Gegenstand zu stossen, der mich zu einer kleinern oder grossern Abschweifung verleitet. Insofern ich dir nur keine Langeweile mache, wird es dir ubrigens gleichviel seyn, was fur einen Weg ich dich fuhre, da meine Briefe blosse Spaziergange fur dich sind.
Ich denke meinem Vorsatz, eine Zeitlang auf dem Sokratischen Fuss, d.i. ein wenig armselig zu leben (wiewohl mich der letzte Brief meines Vaters auf einmal um funfhundert Minen reicher gemacht hat) so lange getreu zu bleiben als ich es aushalten kann. Bis hierher geht es noch gut. In der That fur einen Kosmopoliten ist nichts nothwendiger, als auf alle Falle mit zwei bis drei Obolen des Tages auskommen zu konnen, wiewohl es zu mussen vielleicht nie mein Fall seyn wird.
Ich sehe und hore den Sokrates alle Tage, und habe, ausser seinen Freunden oder eigentlichen Anhangern, noch wenig Bekanntschaften gemacht; doch soll auch diess mit der Zeit anders werden. Fur jetzt ist mein Hauptzweck, den merkwurdigsten aller Menschen so lange zu beobachten und zu studiren, bis ich ihn ganz zu kennen und zu verstehen glaube.
Ein einzigesmal habe ich in dieser Zeit mit Sokrates einem grossen Gastmahl bei einem Athenischen Kalokagathos47 von der ersten Classe beigewohnt; wo einem Cyrener die Mischung von Ueppigkeit und Pracht mit ubel verhehlter Armuth und Knauserei nicht anders als auffallend seyn musste. Reich scheinen zu wollen, so wie uberhaupt mehr zu scheinen als sie sind, ist eines der charakteristischen Erbubel der Cekropiden48; dafur, dass niemand mehr reich sey, haben die Spartaner gesorgt, und es wird eine Reihe von Jahren dazu gehoren, bis Athen sich von den Folgen ihres misslungenen Anschlags auf Sicilien, und des so unglucklich fur sie ausgefallenen Peloponnesischen Verheerungskrieges erholt haben wird.
Sokrates galt ehmals fur einen sehr angenehmen Tischgesellschafter, und viele der vornehmsten Athener wurden ein festliches Gastmahl fur unvollstandig gehalten haben, wenn Sokrates dabei gefehlt hatte. Jetzt pflegt er eine solche Einladung nur selten anzunehmen. Ziemlich oft hingegen geschieht es, dass seine Freunde Abends in seinem Hause speisen, indem jeder sein Gericht hinschickt; eine in Athen gewohnliche und meines Erachtens sehr nachahmungswurdige Art, den Abend in auserlesener Gesellschaft ohne Belastigung des Hauswirths zuzubringen; vorausgesetzt, dass das Hochste was eine Schussel kosten darf, durch gemeinschaftliche Abrede nach einem sehr frugalen Massstabe bestimmt sey. Diese kleinen freundschaftlichen Symposien49 sind durch die genialische Art, wie Sokrates Ernst und Scherz bald abzuwechseln bald in einander zu schmelzen weiss, fur mich wenigstens, die unterhaltendste und sogar die lehrreichste Zeit, die ich in seiner Gesellschaft zubringe.
7.
An Ebendenselben.
Ich finde je langer je mehr, wie falsch der Begriff ist, den man sich im Auslande von Sokrates macht, indem man ihn fur einen Philosophen oder Sophisten50 von Profession und das Haupt einer eigenen Schule halt. Er ist, wiewohl er vielerlei Kenntnisse besitzt, kein eigentlicher Gelehrter, und ob er gleich ein sehr weiser und kluger Mann ist, weder das, was man einen Philosophen noch was man einen Staatsmann zu nennen pflegt; oder, richtiger zu reden, seine Weisheit und Klugheit war es eben, was ihn abhielt sich aus dem einen oder dem andern dieser Qualitaten eine Lebensart zu machen. Er ist ein zu edler und guter Mensch um ein blosser Burger von Athen, und gleichwohl zu sehr Burger von Athen um ein achter Weltburger zu seyn. Man erstaunt, bei einem Manne, der (wenn man ein Paar Feldzuge ausnimmt) nie aus Athen gekommen ist, einen solchen Umfang von Welt- und Menschenkenntniss, einen so hellen, von Vorurtheilen und Wahnbegriffen so gereinigten Verstand, und einen so feinen Sinn fur die rechte Art mit allen Gattungen von Menschen umzugehen, zu finden; und doch daucht mich (wenn ich diess ohne Schein eines thorichten Dunkels gestehen darf) ich sehe zuweilen eine gewisse Beschranktheit in seiner Vorstellungsart, die mir bloss daher zu kommen scheint, dass er sich unvermerkt angewohnt hat, Athen, den Mittelpunkt seiner eigenen Thatigkeit, fur den Mittelpunkt der Welt, und was ausser Athen ist, keiner sonderlichen Aufmerksamkeit werth zu halten. Ob ich mich hierin irre, daruber werde ich vielleicht in der Folge Gelegenheit finden, dich selbst zum Richter zu machen.
Um mir beim Erforschen dieses in seiner Art so ganz einzigen Mannes viele Zeit und manchen Fehlschluss zu ersparen, habe ich mir Muhe gegeben, uber seine Lebensgeschichte so viele und so zuverlassige Erkundigungen einzuziehen als mir nur immer moglich war.
Sein Vater Sophroniskus war ein Steinmetz, und seine Mutter Phanarete die geschickteste und ihres Charakters wegen geschatzteste Hebamme ihrer Zeit in Athen. Er scheint sich auf diese Mutter etwas zu gute zu thun; denn er liebt ihrer bei Gelegenheit ofters zu erwahnen, und soll einst, da ihm uber sein Talent junge Leute zu bilden ein Compliment gemacht wurde, in seiner gewohnten Manier Ernst in Scherz einzukleiden, zur Antwort gegeben haben: es ist ein Erbstuck von meiner Mutter; meine ganze Kunst besteht in einer gewissen Geschicklichkeit die Entbindung schwangerer Seelen zu befordern.51 Die Frucht die ans Tageslicht kommen soll, muss freilich schon lebendig, gesund und wohlgestaltet in der Seele verborgen liegen, und alles was ich bei der Geburt thun kann, ist, ihr leicht und mit guter Art herauszuhelfen. Personen, die seine Eltern gekannt haben, versicherten mich, dass er ausserlich seinem Vater, und dem Gemuth und der Sinnesart nach seiner Mutter sehr ahnlich sey.
Sophroniskus that an seinem Sohne was er konnte; er gab ihm die gewohnliche Erziehung aller jungen Athener jener Zeit, die du aus der Scene der beiden Streithahne, Dikaos und Adikos Logos52, in den beruchtigten Wolken des Aristophanes kennst. Der junge Sokrates lernte bei einem Schulhalter vom gewohnlichen Schlage den Homer und Hesiod, wo nicht verstehen, wenigstens fertig lesen; von einem Singmeister auf der Cither klimpern und alte Lieder nach alten Weisen singen; und ubte sich ubrigens fleissig im Wettlaufen, Ringen und Fechten auf der Palastra. Der Vater, um seiner Pflicht (nach einem bekannten Gesetze Solons) volle Genuge zu thun, lehrte ihn seine eigene Kunst; die Mutter, welche bei Zeiten merkte, an diesem Sohn etwas mehr als einen kunftigen Steinhauer geboren zu haben, wollte wenigstens einen Bildhauer aus ihm werden sehen; und so wurde er, ich weiss nicht welchem damaligen Meister dieser Kunst, in die Lehre gegeben. Es scheint nicht dass er selbst eine besondre Anlage oder Neigung zu ihr in sich gefuhlt habe; indessen bracht' er es doch darin auf einen gewissen Grad; machte bis uber sein dreissigstes Jahr seine hauptsachlichste Beschaftigung daraus, und fertigte binnen dieser Zeit unter andern Arbeiten verschiedene Statuen, wovon die meisten in einem Landhause seines Freundes Kriton zu sehen sind, der sich viele Muhe gegeben hat, so viele derselben zusammenzubringen, als fur Geld zu haben waren. Ich habe sie gesehen, und da ich auch die Werke des Polyklet und Phidias gesehen habe, so darf ich dir ohne Scheu bekennen, dass Sokrates, dessen wahre Bestimmung war der weiseste und beste unter den Weisen und Guten seiner Zeit zu seyn, schwerlich weder der erste noch der zweite, noch der dritte unter den Bildhauern seiner Zeit geworden ware. Indessen zeichnet sich doch unter seinen Versuchen in der Kunst eine Gruppe der Grazien aus, an welcher er wirklich mit Liebe und unter dem Einfluss der holdseligen Tochter Jupiters gearbeitet zu haben scheint; man sieht, dass ihm Pindars , 53 wirklich erschienen, und
dass er im Bestreben, die Ideale, die seiner Seele vorschwebten, im Marmor festzuhalten, vielleicht noch mehr geleistet hatte, wenn er weniger hatte leisten wollen. Denn das einzige was an diesen Grazien auszusetzen ist, und was jedem der sie sieht auffallt, ist dass sie gar zu ehrwurdig sind.
Dem besagten Kriton hat es Griechenland zu danken, dass es sich unter seinen Heroen aller Art auch eines Sokrates ruhmen kann; ohne ihn ware dieser wahrscheinlich Bildhauer geblieben, und die reinste sittliche Gestalt, in welcher die Humanitat je der Welt personlich im wirklichen Leben sichtbar geworden ist, wurde wo nicht unenthullt, doch auf ewig mit dem Schleier der Unbekanntheit und Vergessenheit bedeckt geblieben seyn. Kriton, noch jetzt der erste, so wie der alteste unter den Freunden des Sokrates, dem er an Alter etliche Jahre vorgeht, ist in den Augen aller, die ihn kennen und Menschenwerth zu schatzen wissen, einer der Edelsten, die dieses an vortrefflichen Mannern fruchtbare Land seit Deukalion und Pyrrha hervorgebracht hat. Glucklicher Weise ist er auch einer der wohlhabendsten Athener, und im Gebrauch seines ansehnlichen Vermogens so grossmuthig und freigebig als der beruhmte Cimon, ja selbst auf eine noch verdienstlichere Weise, da kein Verdacht auf ihn fallen kann, dass ein ehrsuchtiges Streben nach Volksgunst oder irgend eine andere unlautere Absicht den mindesten Einfluss auf seine Freigebigkeit habe. Zufalliger Weise (wie man, vielleicht sehr uneigentlich, zu sagen pflegt) kam er in die Werkstatt des alten Sophroniskus, als der Sohn die erwahnte Graziengruppe eben vollendet hatte. Er betrachtete das Werk und den Werkmeister mit gleicher Aufmerksamkeit, liess sich mit dem angehenden Kunstler in ein Gesprach ein, und beschloss von Stunde an, sich um sein Vertrauen zu bewerben, und wenn er es gewonnen hatte, alles anzuwenden um ihn mit guter Manier aus der Steinund Bildhauer-Werkstatt in eine seinen naturlichen Anlagen angemessenere Art von Thatigkeit zu versetzen.
Es befanden sich damals drei Manner in Athen, deren jeder in dem Fache von Gelehrsamkeit, welches er vorzuglich bearbeitete, fur den ersten galt: Anaxagoras54 von Klazomene, ein Philosoph aus der Schule des Thales, der Sophist Prodikus von Ceos und Damon, ein geborner Athener, einer der beruhmtesten Tonkunstler seiner Zeit. Der erste hatte das Studium der Natur, wiewohl auf einem falschen Wege, der zweite die Kunst zu reden, als eines der machtigsten Werkzeuge, wodurch man in Republiken auf die Menschen wirken kann, der dritte, die Theorie der Musik, insofern sie eine Art von magischer Gewalt uber das Gemuth und die Leidenschaften auszuuben fahig ist, zum Hauptgeschafte seines Forschens gemacht. Alle drei genossen des Schutzes und der Achtung des grossen Perikles, die vornehmsten Athener suchten ihren Umgang, und jedermann schatzte es fur ein besondres Gluck, wenn er seinem Sohne den Zutritt bei dem ersten, und den Unterricht der beiden andern verschaffen konnte.
Sobald Kriton den Vorsatz gefasst hatte, sich des jungen Sokrates mit Ernst anzunehmen, war seine erste Sorge, ihn mit diesen drei Mannern, mit welchen er selbst auf einem freundschaftlichen Fusse lebte, in Bekanntschaft zu setzen; denn er zweifelte nicht, dass sie stark auf den jungen Mann wirken und gar bald den Gedanken in ihm erwecken wurden, die Natur habe ihn zu einer hohern Bestimmung berufen, als in Thon, Holz und Stein zu arbeiten. Verehrern der Kunst, wie du und ich, mag diess etwas anstossig klingen; aber die meisten Griechen machten sich damals und noch jetzt einen viel zu geringen Begriff von derselben, und ein Bildhauer war in ihren Augen am Ende doch nichts weiter als ein Handwerksmann, der sein Brod durch mechanische Handarbeit in einer harten Materie sauer und muhselig verdienen musse. Wahrscheinlich hatte Kriton selbst damals keinen andern Gedanken, als den jungen Sokrates in eine hohere Classe hinaufzurucken, und durch Entwicklung und Ausbildung seiner Fahigkeiten in den Stand zu setzen, dereinst eine bedeutende Rolle in der Republik zu spielen. Auch erreichte er seine Absicht, wiewohl in einem ganz andern Sinne, und in der That auf eine weit vollkommnere Art als er sich vorgestellt haben mochte. Der Sohn des Sophroniskus gewann in kurzer Zeit die Zuneigung des gelehrten Triumvirats; sie machten sich ein Vergnugen daraus, ihm Anleitung zu geben und von ihren Kenntnissen so viel mitzutheilen als er davon gebrauchen konnte und wollte. Denn, wiewohl er sich mehrere Jahre lang mit allen Arten der speculativen Wissenschaften, die von der Ionischen Philosophenschule damals mit ungemeinem Beifall betrieben, und von den sogenannten Sophisten nach ihrer eigenen Weise popularisirt wurden, mit vielem Fleiss gelegt haben soll, so scheint er doch ziemlich bald einen Beruf in sich gefuhlt zu haben, seinen eigenen Weg zu gehen, und sich sowohl in Meinungen als im Leben unabhangig und frei von fremdem Einfluss zu erhalten. Es war ein Leichtes gewesen seine Wissbegierde zu erwecken: die sogenannte physische Philosophie, von welcher Anaxagoras Profession machte, hatte unendlich viel Anziehendes. Denn sie versprach nichts Geringeres, als den undurchdringlichen Vorhang, hinter welchem die Natur ihre Mysterien treibt, wegzuziehen, und uber die angelegensten Fragen, die der menschliche Geist an sich selbst zu thun sich nicht erwehren kann, befriedigende Aufschlusse zu geben. Aber sein guter Verstand liess ihn bei Zeiten wahrnehmen, nicht nur dass sie nicht hielt was sie versprach, sondern auch, dass sie weit mehr versprach als sie halten konnte. Er suchte Wahrheit, und man fertigte ihn mit Hypothesen ab, die man zwar mit vielem Scharfsinn zu moglich scheinenden Auflosungen der Rathsel, die uns die Natur aufzurathen gibt, anzuwenden wusste, die aber keinen festen Halt hatten, und, wenn sie scharf gepruft wurden, weder den Verstand noch die Einbildungskraft befriedigten. Er suchte nutzliche Wahrheit, und man wollte dass er einen grossen Werth auf Speculationen legen sollte, von welchen nicht der mindeste Gebrauch im menschlichen Leben zu machen war. Alles was er mit den Nachforschungen, die einen guten Theil seiner schonsten Jahre aufzehrten, gewonnen zu haben glaubte, war und konnte fur einen so reinen Wahrheitssinn, wie der seinige, nichts anderes seyn, als "das Bewusstseyn, dass er vom Ursprung der Welt und ihren elementarischen Bestandtheilen, von Materie und Geist, von Raum und Zeit, von den unsichtbaren Kraften, mit deren sichtbaren Wirkungen die Natur uns uberall umgibt, kurz, von den uberirdischen und ubersinnlichen, himmlischen und uberhimmlischen Dingen, gerade so viel wisse als vorher, namlich nichts oder wenig mehr als nichts." Diess war ein grosser Abfall von den glanzenden Erwartungen, die man ihm vorgespiegelt hatte, und was fur ein anderes Resultat konnte aus einer solchen Erfahrung hervorgehen, als die innigste Ueberzeugung, dass der grosste Theil der Probleme, womit die speculativen Philosophen seiner Zeit sich selbst und ihre Lehrlinge unterhielten, ganz und gar keine Gegenstande des menschlichen Wissens seyen, und dass ein gesunddenkender Mensch in der kurzen Lebenszeit, die ihm von der Natur so karglich zugemessen wird, mehr als genug zu thun habe, wenn er nur zu einem hinlanglichen Grade von Kenntniss dessen was allen Menschen zu wissen nothig und was nicht zu wissen ein grosses Uebel ist, gelangen wolle. Er schatzte diese Ueberzeugung um so hoher, je mehr Zeit und Muhe sie ihm gekostet hatte, und sie war's was seinem Geiste diese Richtung auf das Sittlichgute und uberhaupt auf das Nutzliche in allen Dingen gab, die er von dieser Zeit an nie wieder aus dem Auge verlor. Indessen fuhr er noch immer fort, die Bildhauerkunst nebenher zu treiben, insofern sie ihm zu Gewinnung seines nothdurftigen Unterhalts unentbehrlich war. Denn es wahrte ziemlich lange, bis der edle Kriton so viel uber ihn vermochte, dass er, um sich aller mechanischen Arbeiten entschlagen zu konnen, diesem mit ganzer Seele an ihm hangenden Freunde gestattete dafur zu sorgen, dass es ihm fur sein ubriges Leben nie am Nothwendigen fehlen konne. Auch scheint diess nicht eher geschehen zu seyn, als nachdem Sokrates in der Kenntniss seiner Selbst so weit gekommen war, dass er seinen innern Beruf, ein Menschenbildner in einem ganz andern und unendlich hohern Sinne zu seyn, nicht langer bezweifeln konnte.
Eine der wichtigsten Folgen des Verhaltnisses, worin er mit Anaxagoras und Kriton stand, war (meines Erachtens) der freie Zutritt in das Haus des Perikles, und die Gelegenheit, die er dadurch erhielt, diesen grossen Mann und seine Staatsverwaltung naher kennen zu lernen, und in dieser Absicht auch den Umgang mit der beruhmten Aspasia, der Juno dieses Attischen Jupiters (wie sie der alte Kratinus in einer seiner Komodien nennt), sich zu Nutze zu machen. Aus dieser Zeit schreibt sich auch seine Bekanntschaft mit dem beruchtigten Neffen des Perikles, Alcibiades, her, von welchem er schon damals sehr richtig urtheilte, dass er entweder zum Heil oder zum Verderben Griechenlands geboren sey, je nachdem sein guter oder boser Damon die Oberhand uber ihn gewinnen wurde; und diese Ueberzeugung allein war es, was ihn bewog, sich unter die erklarten Liebhaber, von welchen dieser so viel Gutes und Boses versprechende Jungling bestandig umgeben war, zu mischen, und alles Mogliche anzuwenden, um das Vertrauen desselben zu gewinnen, die Liebe des Schonen und Guten in ihm zu entzunden, und ihm fur seine Schmeichler und Verfuhrer Gleichgultigkeit und Verachtung einzuflossen.
Ohne Zweifel trugen alle diese Verhaltnisse vieles dazu bei ihn auf den wahren Standpunkt in seinem kunftigen Wirkungskreise zu stellen, und uber den Plan seines Lebens in sich selbst gewiss zu machen. Vermuthlich fasste er schon damals den festen Entschluss, dem er bisher immer treu geblieben ist, der strengsten Erfullung aller seiner Burgerpflichten unbeschadet, sich jeder Einmischung in die Staatsverwaltung zu enthalten, so selten als moglich in den Volksversammlungen zu erscheinen, und nie als offentlicher Redner aufzutreten. Weder seine Familie, noch seine Glucksumstande, noch seine Neigung bestimmten ihn eine politische Rolle in Athen zu spielen; so viele andere hatten dazu einen nahern Beruf, und waren, wofern sie nur wollten, weit besser im Stande, sich auf diesem Wege um den Staat verdient zu machen. Ihm hingegen zeigte sich ein neuer, von keinem andern noch betretener Weg, wie er seinen Mitburgern und Zeitgenossen auf eine ihm eigene Weise ungleich nutzlicher als auf jede andere werden konnte. Die Republik hatte ein sehr dringendes Bedurfniss, an welches keiner von ihren Vorstehern und Rathgebern dachte, und diesem nach Vermogen zu Hulfe zu kommen, fuhlte er sich von seinem Genius berufen. In einer Zeit, wo niemand zu bemerken schien, dass die taglich zunehmende Ausartung der alten Sitten den Staat eben so unvermerkt dem Verderben immer naher bringe; in einer Zeit, wo der allzurasche Uebergang von der ehmaligen goldnen Mittelmassigkeit zu der hohen Stufe von Macht und Reichthum, worauf Perikles die Republik erhoben hatte, den eiteln Athenern so glanzende Aussichten eroffnete, dass sie, aller Massigung vergessend, nichts als Alleinherrschaft und unbegranzte Vermehrung ihrer Besitzthumer und Einkunfte traumten; zu einer Zeit, wo ein Mann von so ruhigem Blick und gesundem Urtheil, wie er, leicht voraussehen konnte, dass sich ein furchtbares Ungewitter gegen Athen zusammenziehe und dass bald genug Umstande eintreten wurden, in welchen der allgemeine Mangel an sittlicher und politischer Tugend durch die unseligsten Folgen tief gefuhlt werden musste: in einer solchen Zeit, sich selbst in Gesinnungen und Grundsatzen, Worten und Werken zum Vorbilde aller hauslichen und burgerlichen Tugenden darzustellen, und Junglinge von edler Art durch den Reiz seines Umgangs an sich zu ziehen, um sie zu gleichen Grundsatzen und Gesinnungen zu bilden; diess war unlaugbar der grosste Dienst, den ein Mann dem Vaterlande leisten konnte; und der einzige Mann der es wollte und konnte war Sokrates.
Du siehest nun, lieber Kleonidas, in welchem Sinne Sokrates ein offentlicher Lehrer genennt werden kann, wiewohl er nie eine Schule gehalten noch gestiftet, nichts geschrieben, und mit allen seinen Bemuhungen, die Leute die mit ihm umgehen weiser und besser zu machen, keinen Obolus gewonnen hat. Auch ist zwischen ihm und den Sophisten, die den Unterricht in den Wissenschaften, besonders in der Moral, Politik und Demagogik55 als eine Profession treiben, nicht die geringste Aehnlichkeit. Er gibt sich so wenig fur einen Gelehrten aus, dass er sich vielmehr im Scherz, zuweilen auch wohl in vollem Ernst, auf seine Unwissenheit viel zu Gute thut. Der ganze Unterschied, horte ich ihn einmal sagen, zwischen mir, der nichts weiss, und diesen bewunderten Herren, die alles wissen und sich dafur bezahlen lassen, besteht darin, dass sie zu wissen glauben was sie nicht wissen, ich hingegen weiss, dass ich nichts weiss. Offenherzig zu reden, scheint er sich in diesem Punkte zuweilen ein wenig zu tauschen, und die Geringschatzung gewisser spekulativer Wissenschaften, deren Nutzen nicht sogleich in die Augen fallt, oder vielleicht erst kunftig noch entdeckt werden mag, weiter zu treiben, als er thun wurde, wenn er sich seiner Unwissenheit immer bewusst ware. Uebrigens, und wenn er auch mit einigen Fachern des menschlichen Wissens zu wenig bekannt ist, um ein vollgultiges Urtheil uber ihren Werth fallen zu konnen, so ist er hingegen desto gelehrter in den Kunsten und Handwerken, die im gemeinen und burgerlichen Leben von anerkanntem Nutzen sind. Er spricht mit einem jeden sehr verstandig von seiner Profession und gibt ihnen nicht selten Anleitung oder Winke, wie sie diess oder jenes besser einrichten oder ihre Fabricate und Kunstwerke zu einer grossern Vollkommenheit bringen konnten; benimmt sich aber so geschickt dabei, dass er, indem er sich mit ihnen uber ihre Kunst bespricht, vielmehr das Ansehen eines Unwissenden hat, der durch bescheidene Fragen von ihnen belehrt zu werden sucht, als eines Kluglings, der sich anmasst den Meistern Lehren zu geben. Er hat sich in verschiedenen Feldzugen als einen guten Soldaten bewiesen, versteht sich auf alles was zum Kriegsdienst zu Wasser und zu Lande gehort, und weiss im Nothfall das Steuerruder so geschickt zu fuhren als der erfahrenste Schiffer. Schwerlich gibt es irgend ein Geschaft, das durch ruhige Besonnenheit, unerschutterliche Festigkeit, ausharrende Geduld, Nuchternheit, Wachsamkeit, Gleichgultigkeit gegen Vergnugen und Schmerz, gegen Hunger und Durst, Frost und Hitze, mit Einem Worte, durch alle Eigenschaften und Tugenden, die einen achten Mann von Marathon ausmachen, und nur durch diese wohl gelingen kann, schwerlich gibt es ein solches Geschaft im Frieden oder im Krieg, womit er nicht zu seiner Ehre zu Stande kommen wurde; und ich bin gewiss, wenn die Gotter den armen Kechenaern zu einem so klugen Einfall verhelfen wollten, wie der ware, wenn sie, anstatt ihre Kriegsobersten zu Duzenden aus dem Gluckstopf zu ziehen, ihn zu ihrem Oberfeldherrn machten, ihre Angelegenheiten sollten gar bald eine bessere Gestalt gewinnen. Mit Einem Wort, Freund Kleonidas, Sokrates ist ein tugendhafter Mann im hochsten und vollstandigsten Sinne des Wortes, und darin besteht sein eigenthumlicher Charakter, Werth und Vorzug vor allen seinen Zeitgenossen. Er taugt zu allem wozu ein Mann taugen soll, kann alles was jedermann konnen sollte, weiss gerade so viel als niemand ohne seinen Schaden nicht wissen kann, und ist, in jedem Verhaltniss des Lebens, was man seyn muss, um ein Vorbild fur alle zu seyn.
8.
An Kleonidas.
Dass Sokrates, wenn er mit andern philosophirt, sich nur zweier Methoden, der Induction56 und der Ironie zu bedienen pflege, hat seine Richtigkeit; wenigstens habe ich nie gesehen, dass er in seinen Gesprachen, es sey nun dass sie auf Belehrung oder auf Widerlegung abzielen, einen andern als einen dieser beiden Wege eingeschlagen hatte.
Diese sonderbare Art zu philosophiren scheint mir deine hohe Meinung von ihm nicht wenig herabgestimmt zu haben. "Die Induction kann mich, sagst du, nichts lehren als was ich entweder bereits wusste, oder mir vermittelst eines kleinen Grades von Besinnung selbst sagen konnte; und wie ein so weiser Mann die Ironie fur eine taugliche Methode die Wahrheit ausfindig oder einleuchtend zu machen halten konne, ist mir vollends unbegreiflich." Ueber beides, lieber Kleonidas hoffe ich dich ins Klare zu setzen, wenn ich dir sage, bei welchen Personen und zu welcher Absicht Sokrates von der einen und der andern Gebrauch zu machen pflegt. Die Personen, mit welchen er sich am meisten abgibt, sind (ausser seinen nahern Freunden und Gunstlingen) entweder solche, die von ihm belehrt zu werden wunschen, es sey nun dass sie ihre Unwissenheit in der Sache, wovon die Rede ist, anerkennen, oder so schwach an ihrer bisherigen Meinung hangen, dass sie immer bereit sind sie mit einer bessern zu vertauschen; oder es sind naseweise Kluglinge und eingebildete Allwisser, die er, da sie Belehrung weder suchen noch anzunehmen aufgelegt sind, bloss beschamen und wenigstens zum stillen Bekenntniss ihrer Unwissenheit nothigen will. Bei den erstern bedient er sich der Induction als einer Lehrart; gegen die letztern der Ironie als einer sowohl zur Vertheidigung als zum Angriff gleich bequemen Waffe.
Die Athener verbinden mit dem Worte Ironie ungefahr denselben Begriff (der Verspottung) wie wir und alle andern Griechen; nur dass sich ihm durch den gemeinen Gebrauch ein Nebenbegriff bei ihnen angehangt hat, der aus einem besondern Zug ihres Nationalcharakters zu entspringen scheint. Der Athener pflegt namlich seine Meinung nicht leicht so kurz und geradezu herauszusagen, wie der Spartaner oder Bootier; nicht etwa aus vorsichtiger Zuruckhaltung (wie ich diess an den Korinthern bemerkt zu haben glaube), sondern weil es ihm, wenn er spricht, selten oder nie so viel um Wahrheit oder um die Sache selbst zu thun ist, als um das eitle Vergnugen mit der Feinheit und Gewandtheit seines Witzes und der Gelaufigkeit seiner Zunge zu prunken, und den andern entweder seine Ueberlegenheit fuhlen zu lassen, oder, falls es ein hoherer an Stand und Rang oder ein Mann von vorzuglichen Verdiensten ist, die beiden grossen Geburtsrechte des Attischen Burgers, Freiheit und Gleichheit gegen ihn zu behaupten, indem er ihm zu verstehen gibt, er dunke sich nicht geringer, und mache sich wenig aus Vorzugen die er nicht selbst besitzt. Du kannst dir kaum vorstellen, auf wie vielerlei Art die Eitelkeit der Athener sich, in dieser Absicht, durch Mienen, Gebarden, Ton und Beugung der Stimme, kleine Zwischenworter u. dergl. zu aussern pflegt. Daher das Attikon blepos (wie es Aristophanes nennt) diese unnachahmliche edle Unverschamtheit im Blick und im Lacheln, die den Athener aus tausend andern kenntlich macht, und der hohnische Ton, den sie, sobald sie merken dass der andere nicht ihrer Meinung ist, in die Frageformeln, "war's etwa nicht so?" oder, "was konntest du wohl dagegen haben?" zu legen wissen. Vermuthlich ist es diese Eitelkeit, was in Verbindung mit der lebhaften Ader von leichtem Witz, wovon der Athener immer sprudelt, diese Neigung zum Spotten, Necken und Auslachen erzeugt, die einer der gemeinsten Zuge dieses Volkes ist. Ich erklare mir daraus, dass sie so gern das Gegentheil von dem, was sie sagen wollen, sagen; zu loben scheinen, wenn sie tadeln, und zu schelten, wenn sie loben wollen; sich stellen als ob sie den andern unrecht verstanden hatten, um ihm widersprechen oder seiner Rede eine lacherliche Deutung geben zu konnen, und was dergleichen mehr ist. Diese Art von spottender oder auch bloss scherzhafter Verstellung ist es eigentlich, was die Athener Ironie nennen, und was sie, zumal bei frohlichen Tischgelagen, und uberall, wo ihre gute Meinung von sich selbst nicht zu sehr dabei ins Gedrange kommt, einander gern zu gut halten. Auch Sokrates, der uberhaupt einer der witzigsten und gutlaunigsten Sterblichen ist, macht im gemeinen Umgang ziemlich haufigen Gebrauch von dieser Art von Ironie, und weiss sie mit so vieler Leichtigkeit und Feinheit zu handhaben, dass sie, sogar wenn er einen wirklich schraubt, unmoglich beleidigen kann, sondern entweder fur blossen Scherz gilt, oder von einfaltigen und sich selbst gefallenden Personen so aufgenommen wird, als ob er ihnen etwas Schmeichelhaftes gesagt hatte. Am gewohnlichsten bedient er sich derselben, um den Verweisen, die er zuweilen seinen jungern Freunden zu geben Ursache findet, den Stachel zu benehmen; und ich muss gestehen, dass er in solchen Fallen, wenn die Operation an einem seiner Gunstlinge zu verrichten ist, eine sehr sanfte Hand hat; wiewohl ich mich nicht ruhmen kann, es an mir selbst erfahren zu haben.
Aber die Ironie, die ihm als eine besondere Art zu disputiren, ausschliesslich zugeschrieben wird, ist von jener gewohnlichen, sowohl der Art als dem Zweck nach, sehr verschieden. Sie besteht darin, dass er, wenn er's mit Personen, die ihm in gewissen Stucken entweder wirklich oder in ihrer eigenen und andrer Leute Einbildung uberlegen sind, z.B. mit schlecht denkenden aber vielvermogenden Mannern in der Republik, oder mit angesehenen Sophisten zu thun hat, sich ausserst einfaltig und unwissend stellt, und in diesem Charakter (zu dessen Simulierung ihm seine Gesichtsbildung ungemein zu Statten kommt) durch die scheinbare Naivetat seiner Fragen und die verdeckt spitzfindige Art, wie er aus ihren Antworten immer neue Fragen hervorzulocken weiss, sie endlich in die Nothwendigkeit setzt, sich entweder in offenbare Ungereimtheiten zu verwickeln, oder ihre erste Behauptung wieder zuruckzunehmen. Du errathst ohne mein Zuthun, wie viel er durch diese Art von Ironie, eine Zeit lang wenigstens, uber seine Gegner gewinnen musste. Er verschaffte dadurch sich selbst desto leichter Gehor, und vernichtete unvermerkt die Vortheile, welche Stand, Name, Ansehen und Glucksumstande jenen uber ihn hatten geben konnen. Sie waren nun minder auf ihrer Hut; antworteten desto rascher und zuversichtlicher, je weniger sie vorhersehen konnten wo er hinaus wolle; raumten ihm immer mehr ein, als geschehen ware, wenn sie die Schlingen gemerkt hatten, die er ihnen durch seine einfaltig scheinenden Fragen legte; und wenn sie sich endlich darin verfingen, schien er ganz unschuldig daran zu seyn, und die Lacher waren auf seiner Seite. Diese Methode war also da, wo er sie am gewohnlichsten anwandte, ich meine gegen die Sophisten, sehr fein ausgedacht und vollkommen zweckmassig. Denn es war ihm nicht darum zu thun sie zu belehren, sondern sie vor ihren Zuhorern und Verehrern in ihrer Blosse darzustellen. Aber du siehst auch, dass sie nur so lange mit Vortheil zu gebrauchen war, als der Gegner die Falle nicht gewahr wurde; und naturlicherweise konnte diess in einer Stadt, wo beinahe alles offentlich geschieht, nicht sehr lange anstehen. Sobald die Sophisten merkten, dass sie einen Schlaukopf vor sich hatten, der mit den Spitzfindigkeiten und Kunstgriffen der Dialektik wenigstens eben so bekannt war als sie selbst, so hatten sie noch zehenmal einfaltiger seyn mussen als Sokrates sich stellte, wenn sie sich durch die schulerhafte Miene, womit er sich ihre Belehrung ausbat, und die vorgegebene Bewunderung ihrer hohen Weisheit langer hatten tauschen lassen. Auch zeigte sich's bald genug, dass er, ausser dem erklarten Hass der Sophisten, wenig mehr mit dieser Art zu disputiren gewonnen hatte, als dass er noch jetzt bei dem grossen Haufen im Ruf eines Spotters steht, der nie seine wahre Meinung sagt, und dessen Reden man auch dann nicht trauen darf, wenn er etwas ernstlich zu behaupten scheint, weil man nie gewiss ist, ob es nicht Verstellung sey und was fur geheime Absichten er darunter habe; ein Ruf, der ihm, wie ich besorge, bei einem so argwohnischen Volke wie das Athenische uber lang oder kurz noch gefahrlich werden kann.
Uebrigens muss ich noch bemerken, dass diese ironische Art zu fragen nicht mit einer andern vermengt werden muss, deren er sich, gewohnlich in Verbindung mit der Induction, als einer Lehrart bei seinen Freunden (am haufigsten bei jungen Leuten) bedient, und in welcher, wenn ich nicht irre, seine Kunst den Seelen zur Geburt zu helfen besteht, deren ich in einem meiner vorigen Briefe gedacht habe. Die Fragen werden in dieser Absicht immer so gestellt, dass der Gefragte die rechte Antwort entweder gar nicht verfehlen kann, oder falls er sie verfehlte, durch die Folgerungen, welche vermittelst neuer Fragen aus seiner Antwort hervorgelockt werden, sich selbst gar bald von ihrer Unrichtigkeit uberzeugen muss. Diese Lehrart, ausser dem dass sie die leichteste und popularste ist, scheint mir vorzuglich darin auf den besondern Charakter der Athener berechnet zu seyn, dass sie die Aufmerksamkeit des Lehrlings fester halt, und indem sie dem Lehrer das Ansehen gibt, als ob er selbst durch seine Fragen erst belehrt zu werden wunsche, die Rollen gleichsam verwechselt und den Lehrer zum Schuler macht oder wenigstens beide auf gleichen Fuss setzt, namlich in aller Gelassenheit etwas mit einander zu suchen, das keiner von beiden hat, und woran beiden gleich viel gelegen ist. Er weiss es dann immer ohne Muhe so einzurichten, dass der Lehrling das schmeichelhafte Vergnugen hat, derjenige zu seyn der das Gesuchte findet, wiewohl dazu eben keine grosse Scharfsichtigkeit erfordert wird; denn er bringt ihn unvermerkt Schritt vor Schritt so nahe zu der Sache hin, dass er endlich mit der Nase darauf stossen muss.
Ein Beispiel wird dir diess am besten erlautern. Es war dem Sokrates darum zu thun, den Begriff eines seiner Lehrlinge von der Religiositat gegen die Gotter ins Reine zu bringen. Daraus entstand der folgende Dialog.57
S o k r a t e s . Sage mir, Euthydem, was haltst du von der Gottesfurcht?
E u t h y d e m . Ich halte sie fur etwas sehr Schones.
S o k r a t e s . Kannst du mir also sagen, was du unter einem gottesfurchtigen Menschen verstehst?
E u t h y d e m . Einen der die Gotter in Ehren hat.
S o k r a t e s . Steht es aber bloss in eines jeden Willkur, auf welche Weise er die Gotter ehren will?
E u t h y d e m . Nein; sondern es sind Gesetze vorhanden, deren Vorschrift man hierin zu befolgen schuldig ist.
S o k r a t e s . Wer diese Gesetze befolgt, wusste der also nicht, wie man die Gotter zu ehren schuldig ist?
E u t h y d e m . Ich sollt' es denken.
S o k r a t e s . Wer nun weiss wie er die Gotter zu ehren schuldig ist, glaubt also nicht, dass er es auf eine andere Art zu thun schuldig sey, als wie er es weiss?
E u t h y d e m . Gewiss nicht!
S o k r a t e s . Meinst du dass es einen Menschen gebe, der die Gotter anders ehrt als er glaubt dass er es zu thun schuldig sey?
E u t h y d e m . Ich sollt' es nicht meinen.
S o k r a t e s . Wer also weiss, was die Gesetze in Betreff der Gotter verordnen, ehrt der die Gotter gesetzmassig?
E u t h y d e m . Allerdings.
S o k r a t e s . Und wer sie gesetzmassig ehrt, ehrt sie wie es seine Schuldigkeit ist?
E u t h y d e m . Wie konnt' er denn anders?
S o k r a t e s . Wer sie also gesetzmassig ehrt, ist gottesfurchtig?
E u t h y d e m . Ganz unlaugbar.
S o k r a t e s . Wir haben also den Begriff des Gottesfurchtigen richtig bestimmt, wenn wir sagen: es sey derjenige, der da weiss, was die Gesetze in Betreff der Gotter verordnet haben?
E u t h y d e m . So dunkt mich's.
Ich sehe dich zu dieser Manier den Seelen zur Geburt zu helfen die Achseln ein wenig zucken, Kleonidas; unter uns gesagt, auch ich habe schon oft grosse Noth gehabt, die meinigen bei solchen Gelegenheiten im Respect zu erhalten. Aber es ist nun nicht anders. Diess ist einmal seine Manier, und du wirst wenigstens gestehen mussen, dass Mangel an Deutlichkeit nicht ihr Fehler ist. "Sie ist nur gar zu deutlich, hor' ich dich sagen. Was soll man von dem Verstande der jungen Athener denken, wenn sie einer so wortreichen Methode nothig haben, um einen so leichten Satz zu begreifen? Und das Schlimmste ist denn noch, dass er nicht einmal wahr ist. Denn es ist doch ein taglich vorkommender Fall, dass einer recht gut weiss, was er nach dem Gesetz zu thun schuldig ist und es doch nicht thut." Auf das letztere hab' ich dir keine andere Antwort zu geben als, bei Sokrates ist zwischen Wissen und Ausuben dessen was pflichtmassig ist kein Unterschied, und er bemuht sich, auch seine Zoglinge so zu gewohnen. Was aber die Lehrart betrifft, wovon ich dir ein Beispiel aus Tausenden gegeben habe, so weiss ich mir die Sache selbst nicht anders zu erklaren, als dass er sie nothig gefunden haben muss, um die unsagliche Flatterhaftigkeit der jungen Leute in Athen, wenigstens einige Minuten lang, bei dem namlichen Gegenstande festzuhalten. Hatte er zu Cyrene oder Korinth oder Theben gelebt, so wurde er vermuthlich gefunden haben, dass er auf einem kurzern Wege zum Ziele kommen konne. Aber nun ist ihm diese Methode so sehr zur Gewohnheit geworden, dass er sie auch bei solchen Personen gebraucht, bei denen sie keine gute Wirkung thut. Ich wenigstens bekenne, dass ich schon mehr als einmal alle meine Geduld aufbieten musste, um die Ehrerbietung nicht aus den Augen zu setzen, die jedermann, und ein junger Mensch mehr als irgend ein anderer, einem Greise schuldig ist, der an Naturgaben und Geisteskraften den Besten gleich ist, an sittlicher Vollkommenheit vielleicht alle ubertrifft; und, da ein Sterblicher doch nicht ganz ohne Tadel seyn kann, sich durch die wenigsten und unbedeutendsten Schwachheiten von dem allgemeinen Loose der Menschheit, so zu sagen, frei gekauft hat.
Die neuesten Nachrichten, die mir aus Cyrene zugekommen sind, lassen mich besorgen, dass die zeitherige Ruhe unsers so glucklich scheinenden Vaterlandes von keiner langen Dauer mehr seyn werde. Doch vielleicht gibt irgend ein guter Damon unsern Regenten noch ein Mittel ein, das Ungewitter vor dem Ausbruch zu beschworen. Auf alle Falle, mein Lieber, suche dich so lang' als moglich frei zu erhalten; und siehst du dass die Sachen eine Wendung nehmen, die dich entweder unvermerkt verwickeln oder wohl gar gewaltsam in eine der Factionen, die sich bereits zu bilden scheinen, hinein ziehen mochte, so folge meinem Beispiel, und fluchte dich in Zeiten unter den zwar etwas engen aber sichern Mantel des weisen Sokrates. Das politische Meer, worin die griechischen Republiken, wie eben so viele schwimmende Inseln, hin und her treiben, ist zwar immer ein wenig sturmisch; aber in Vergleichung mit den letztern Zeiten, geniessen wir dermalen halcyonischer Tage, und fur einen aufstrebenden Zogling der Musenkunste ist doch Athen der einzige Ort in der Welt.
9.
An Kleonidas.
Der Komodiendichter, nach welchem du dich so angelegen erkundigest, lieber Kleonidas, ist hier eine so allgemein bekannte Person, dass es mir nicht schwer fallen kann, dein Verlangen zu befriedigen, zumal da ich (wie du mit Recht voraussetzest) Gelegenheiten genug gefunden habe, ofters in seiner Gesellschaft zu seyn, und sogar in eine Art von Vertraulichkeit mit ihm zu kommen. Ungeachtet er eine gewisse sehr gut zu seiner satyrischen Physionomie passende Ernsthaftigkeit affectiert, wovon sich der Beweggrund leicht errathen lasst, wird er doch, der witzigen Einfalle wegen, die ihm ohne Anspruch und Absicht gleichsam unfreiwillig zu entwischen scheinen, fur einen der angenehmsten Tischgesellschafter (einer in Athen sehr zahlreichen Classe) gehalten, und man findet ihn gewohnlich bei allen grossen Gastmahlern, die in vornehmern Hausern gegeben werden. Da er sich den Freunden des Sokrates durch seine Wolken58 (die sie ihm nach mehr als zwanzig Jahren noch immer nicht vergessen haben) sehr ubel empfohlen hat, so wird mir's nicht zum Besten ausgelegt, dass ich kein Bedenken trage, mit einem so verworfenen Menschen umzugehen. Aber Sokrates selbst scheint davon keine Kenntniss zu nehmen, und spricht uberhaupt weder Gutes noch Boses von ihm; wiewohl er, so oft sich eine Gelegenheit dazu findet, seine Geringschatzung der Komodie, wie sie ehmals zu Athen beschaffen war und es zum Theil noch jetzt ist, mit seiner gewohnten Freimuthigkeit zu Tage legt. Nicht als ob er das komische Drama uberhaupt missbilligte; denn ich horte ihn einst von den Komodien des Epicharmus59 mit Achtung sprechen; sondern weil er den granzenlosen Muthwillen, die leidenschaftlichen Anfalle auf einzelne Personen, und die pobelhaften Spasse, Unflatereien und unzuchtigen Darstellungen, womit die Stukke der neuern Athenischen Komiker besudelt sind, vermoge seiner Grundsatze und seines ganzen Charakters, unmoglich duldbar finden kann. Nichts ist gewisser, als dass diese Art von Komodie, worin Kratinus60, Aristophanes und Eupolis mit einander wetteiferten, schon lange auf immer abgeschafft worden ware, wenn Sokrates eine entscheidende Stimme in Athen gehabt hatte: aber ohne allen Grund ist, was ich in Cyrene von einem unsrer gereisten Leute (die alles besser als andre wissen wollen) gehort habe: Sokrates und seine Freunde hatten das Gesetz bewirkt, wodurch unter dem Archon Myrrhichides die Komodie aufgehoben wurde, und dieser an der komischen Muse begangene Frevel sey die wahre Ursache des Hasses, den die Komodienschreiber auf den Sokrates geworfen, und der Rache, welche Aristophanes, im Namen der ganzen Gilde, an ihrem gemeinschaftlichen Feinde genommen habe. Ich sage, dieses Vorgeben ist ohne allen Grund; denn der Sohn des Sophroniskus, der im ersten Jahre der funfundachtzigsten Olympiade, als jenes Gesetz gegeben wurde, erst achtundzwanzig Jahre zahlte, war damals noch ein unbekannter Steinmetz, und weit entfernt unter den Sophisten selbiger Zeit einen Namen und Rang zu haben. Das Wahre ist, dass Perikles selbst der unsichtbare Urheber jenes Gesetzes war, aber es doch mit allem seinem Einfluss nicht langer als zwei Jahre aufrecht erhalten konnte, weil der pobelhafte Theil des souveranen Volks sich eine seiner liebsten Belustigungen schlechterdings nicht langer vorenthalten lassen wollte.
Es wird dir vielleicht nicht unangenehm seyn, bei dieser Gelegenheit die Substanz einer Unterredung zu lesen, die zwischen Aristophanes und mir, nachdem wir bekannter mit einander geworden waren, vorfiel. Denn ich darf nicht vergessen, dir zu sagen, dass sein Satyr, ich weiss nicht warum, eine Art von Geschmack an meinem weissen oder schwarzen Genius gefunden, und (da wir beide so ziemlich unter der Herrschaft unsrer angebornen Hauskobolde stehen) eine Art von gutem Vernehmen zwischen uns gestiftet hat, welches ich mir gleichwohl in meinen Verhaltnissen weit weniger zu Nutze machen kann, als ich thun wurde, wenn ich bloss dem Antrieb meines Damons oder der Lockstimme seines Satyrs folgte, der, sobald er will, der artigste und wohlgezogenste aller Bokksfussler ist.
Die Rede war von seinen Wolken, die er noch immer fur sein bestes Werk halt, wiewohl die Athener geschmacklos oder launisch genug waren, ihm die Weinflasche des neunzigjahrigen Kratinus vorzuziehen. Es versteht sich, dass ich ihm so viel Schmeichelhaftes uber das Lieblingskind seines Witzes gesagt hatte, als nothig seyn mag, um einen Autor in gute Laune zu setzen; und so entspann sich denn folgender Dialog zwischen uns.
I c h . Wiewohl wir Cyrener dermalen noch kein scenisches Schauspiel besitzen, so gehen doch vielleicht mehr als zwanzig Abschriften deiner Stucke bei uns aus einer Hand in die andere; und abgerechnet, dass unsre Schuhflicker, Sacktrager und Bootsknechte uber Werke der Musenkunst keine Stimme haben, wird das, was die Wolken zum schonsten deiner Stukke macht, schwerlich in einer griechischen Stadt mehr Beifall gefunden haben, als bei uns. Um so viel grosser war die Verwunderung, da man horte, die Athener, deren Urtheil in solchen Dingen im Auslande einem Gotterspruch gleich ist, hatten ganz anders daruber erkannt; und da das Bestreben sich das Unbegreifliche begreiflich zu machen nun einmal unter die starksten Naturtriebe des Menschen gehort, so war und ist noch jetzt die gemeine Meinung bei uns, das Schicksal, das die Wolken zu zweien Malen betroffen haben soll, konne von keiner andern Ursache herruhren, als weil dem weisen Sokrates so ubel darin mitgespielt wird.
E r . Die Cyrener schliessen, wie ich sehe, von sich auf die Athener, und glauben, weil sie eine so hohe Meinung von Sokrates und seiner Weisheit hegen, so mussten wir, seine Mitburger, die das Gluck haben, von dieser Sonne taglich angestrahlt zu werden, nothwendig um so viel grosser von ihm denken. Diess ist aber keineswegs der Fall, und wurde es vermuthlich auch in Cyrene nicht seyn, wenn er euer Mitburger ware. Gesetzt aber, Sokrates galte zu Athen wirklich fur das, wofur ihn die von seinem Charephon befragte Pythia erklart haben soll, so kennst du die Athener noch wenig, wenn du nicht auf den ersten Blick siehst, dass ich ihm in diesem Falle keinen grossern Dienst hatte erweisen konnen, als ihn dadurch, dass ihn dem offentlichen Gelachter preisgab, vom Ostracism61 oder einem vielleicht noch hartern Schicksal zu retten. Denn dass wir keine gar zu rechtschaffnen, gar zu klugen, gar zu vorzuglichen Leute unter uns dulden konnen, ist, sollt' ich denken, durch unser Verfahren gegen einen Miltiades, Aristides, Themistokles, Cimon, Anaxagoras, Diagoras, und so manche andre, schon lange ausser allen Zweifel gesetzt. Indessen fehlt viel, dass der Sohn des Steinhauers Sophroniskus und der Hebamme Phanarete den Athenern in einem eben so glanzenden Licht erscheinen sollte als Auslandern, die ihn nur dem Namen und Rufe nach kennen. Wir, die wir ihn leibhaft vor unsern Augen herum wandeln sehen, und mit unsern Ohren reden horen, wir kennen der Ehrenmanner gar viele, die eben so barfuss und sparlich gekleidet gehen wie er, ihren Bart eben so selten dem Barbier untergeben, eben so schlecht essen und wohnen, sich eben so ehrbar und genugsam mit ihrer Xantippe behelfen, und den ganzen langen Tag eben so gelaufig, und ungefahr eben so gescheidt und witzig, Moral und Politik sprechen wie er. Naturlich konnen also alle, die nicht zu seinen besondern Freunden gehoren, ausser seinem silenenmassigen Kopf und Bauch (hinter welchen man eben nicht die hochste Weisheit zu suchen pflegt) nicht viel mehr an ihm sehen, als was er mit hundert und tausend andern gemein hat. Was ihn aber von andern unterscheidet, sein Blick und Gang und Tragen des Kopfs, wodurch er sich gleich beim ersten Anblick als einen Mann ankundigt, der nichts bedarf, nichts furchtet, und seinen Werth nicht erst von andern zu erfahren braucht, ingleichen die ihm eigene Art von Ironie, die ihm seine Verehrer sogar zum besondern Verdienst anrechnen; das alles ist gerade das, was ihn dem grossen Haufen seiner Mitburger entweder lacherlich, oder gewissermassen verhasst und furchtbar macht. Denn wie gesagt, der Athener kann nicht leiden, dass jemand durch seine eigene Grosse uber ihn hervorrage, und er duldet seine Obern nur desswegen, weil er ihnen die Kothurnen, worin sie um so viel grosser als er sind, selbst angeschnallt hat, und sie, sobald es ihm beliebt, wieder auf ihre eigenen Fusse stellen kann. Du siehst also, dass die Ursache, warum die Wolken nicht so gut als ich billig erwarten konnte, aufgenommen wurden, nicht darin zu suchen ist, dass sie die offentliche Meinung von dem Manne, der darin verspottet wird, gegen sich gehabt hatten: auch hat derjenige, der euch sagte, dass sie von den Zuschauern ubel aufgenommen worden, die Sache sehr ubertrieben. Ich musste meine guten Kechenaer groblich verleumden, wenn ich nicht bekennte, dass bei weitem der grossere Theil uber die drei ersten und die drei oder vier letzten Auftritte das lebhafteste Vergnugen ausserte; und ohne den Einfluss des Alcibiades, und die Furcht, in welche sein Anhang (ein Haufen handfester verwegner Gesellen) den friedeliebenden Theil der Zuschauer setzte, wurde mein Stuck wenigstens den zweiten Preis erhalten haben, da doch einmal der gutherzige Entschluss dem alten halbkindischen Kratinus aus Dankbarkeit fur ehmalige Verdienste vor seinem Ende noch eine Freude zu machen, von den Meisten schon vorausgefasst war, bevor sie noch beide Stucke gehort hatten.
I c h . Bei dieser Bewandtniss der Sache muss man sich um so mehr verwundern, dass die Wolken (wie man sagt) bei der zweiten Auffuhrung keinen bessern Erfolg hatten, als bei der ersten.
E r . Auch hierin hat euch die Sage falsch berichtet. Die Wolken sind nicht zweimal aufgefuhrt worden. Anfangs hatte ich zwar den Vorsatz, mein Gluck an den nachsten Dionysien noch einmal zu versuchen. Ich machte zu diesem Ende einige wenig bedeutende Veranderungen, und schrieb eine Anrede an die Zuschauer, wodurch ich diese zweite Vorstellung gegen das Schicksal der ersten sicher zu stellen hoffte. Aber bei kalterm Blute hielt ich fur besser, dem Rathe meiner Freunde zu folgen, denen es zu viel gewagt schien, den jungen Alcibiades, der damals eben auf der hochsten Stufe der Volksgunst stand, so geflissentlich zum Kampf herauszufordern. Denn dass Alcibiades, der ohnehin sich alles zu erlauben gewohnt war, sich des feurigsten seiner Liebhaber mit verdoppeltem Eifer annehmen wurde, war leicht genug vorherzusehen.
I c h . Seiner Liebhaber? Du willst doch damit nichts sagen, was einen zweideutigen Schein auf die Sitten des weisen Sokrates werfen konnte?
E r . Ich weiss nicht wie ihr andern Cyrener diese Dinge nehmt; zu Athen weiss jedermann genau, was er dabei zu denken hat, wenn sich jemand offentlich als der Liebhaber eines so schonen und liederlichen Junglings betragt, wie der Sohn des Klinias damals war.
I c h . Mich dunkt das Verhaltniss des Sokrates zu dem Sohn des Klinias lasse sich auf eine ganz ungezwungene Art so erklaren, dass seine Freundschaft fur einen der Republik so wichtigen jungen Mann, und der moralische Zauber, wodurch er den hoffartigsten, muthwilligsten und verwegensten aller Griechischen Junglinge an sich zu fesseln wusste, ihm bei einem unbefangenen Richter vielmehr zum Verdienst als zum Vorwurf gereichen muss. Aber, wenn du (wie es scheint) anders dachtest, wie kam es, dass du von diesem Umstande keinen Gebrauch in den Wolken machtest?
E r . Soll ich dir die reine Wahrheit gestehen? Ich wusste damals noch so wenig von dem ehrlichen Sokrates, dass mir sogar sein vertrauter Umgang mit dem jungen Alcibiades unbekannt war, bis mir der Fall meines Stucks Gelegenheit gab, gelehrter uber diesen Punkt zu werden. Ich hatte ihn nur selten in der Nahe gesehen und nicht fur bedeutend genug gehalten, ihm genauer nachzufragen; das meiste, was ich von ihm wusste, war von zufalligem Horensagen. Aus seinem oftern Umgang mit den Sophisten, welche Perikles nach Athen gezogen hatte, schloss ich, dass er selbst von ihrer Kunst Profession mache. Ich glaubte damals wie viele andere, und glaub' es noch, dass diese kunstreichen Leute, die sich dafur ausgaben, dass sie Schwarz zu Weiss und Recht zu Unrecht machen konnten, einen schadlichen Einfluss auf unsre Jugend hatten, und also dem Staate selbst gefahrlich waren. Nun gehort es, wie du weisst, zum Beruf eines Komodiendichters bei uns, Leute dieser Art dem Volke auf der Schaubuhne in unsrer eignen Manier zu denunciren; und ich fur meinen Theil hatte mir, von der Zeit an da ich mich der komischen Muse widmete, zu meinem besondern Zweck vorgesetzt, meinen Stucken eine politische Richtung auf die Verwaltung und den Zustand der Republik uberhaupt zu geben, und mich dadurch von meinen Vorgangern zu unterscheiden, die ihren stolzesten Wunsch erfullt sahen, wenn ihnen ein wieherndes Gelachter aus allen Banken des Theaters entgegen schallte, und die ihre Pritschenhiebe den einzelnen Personen, denen sie zum Spass oder aus bosem Willen zu Leibe wollten, nur im Vorbeigehen auszutheilen pflegten. In der That war ich der erste, der den Muth hatte, nicht nur einen Mann des Volks, wie Kleon, in Person auf die Buhne zu stellen, und ohne alle Schonung und Barmherzigkeit zu behandeln, sondern sogar den Heliasten62, dem Senat, den Prytanen63, ja dem souveranen Volke selbst die derbesten Wahrheiten ins Gesicht zu sagen. Ich hatte diess in den Rittern so weit getrieben, dass es mir aus mehr als Einem Grunde rathsam schien, in meinem nachsten Stucke einen andern Weg einzuschlagen, meine Geissel gegen eine andere, fur mich weniger gefahrliche Gattung von Menschen zu fuhren, und aus dem hauslichen Leben einen Stoff zu wahlen, der mir Gelegenheit gabe, die Nachtheile der neumodischen Erziehung und den verderblichen Einfluss der Sophisten auf die Denkart und Sitten der Alten und Jungen in Athen nach meiner Weise darzustellen. Diess, Aristipp, war's im Grunde, was ich mit den Wolken beabsichtigte, und wer sie fur eine Personalsatyre auf den guten Sokrates ansieht, hat meine Meinung und Absicht ganz unrecht gefasst. Ich kannte den Mann, wie gesagt, zu wenig dazu, und er war keine so wichtige Person in meinen Augen, dass ich fur nothig gehalten hatte, nun auch an ihm zu thun, was ich ein Jahr zuvor an Kleon gethan hatte. Auch sollt' es, denke ich, aus der ganzen Anlage des Stucks in die Augen fallen, dass es mit der komischen Person, der ich seinen Namen gab, bloss darauf abgesehen war, aus den starksten Charakterzugen eines abgeschmackten Pedanten, eines sophistischen Taschenspielers, und eines armen Schluckers, ein Zerrbild zusammenzusetzen, womit ich die ganze lobliche Sophisten-Innung der unverdienten Achtung, worin sie bei den Unwissenden steht, verlustig machen konnte. Uebrigens laugne ich nicht, dass die Verachtung, welche Sokrates (wie mir gesagt wurde) bei allen Anlassen gegen die neuern Komodiendichter und ihre Werke ausserte, naturlicherweise mit ins Spiel kam, und dass ich es fur meine Schuldigkeit hielt, ihm bei dieser Gelegenheit im Namen der ganzen Bruderschaft unsre Dankbarkeit zu beweisen.
I c h . Bei dem allen kann ich verzeihe meiner Freimuthigkeit! nicht anders als beklagen, dass, da es dir nur um ein Zerrbild zu thun war, gerade ein so tugendhafter und ehrwurdiger Mann wie Sokrates seinen Namen und seinen guten Ruf dazu hergeben musste.
E r . Vielleicht kann ich deinen Schmerz durch ein paar kleine Betrachtungen lindern, die auch wohl nebenher zu meiner Rechtfertigung dienen mogen. Ich finde sehr naturlich, dass dir Sokrates, den du erst in seinem sechs oder siebenundsechzigsten Jahre kennen gelernt hast, so ehrwurdig vorkommt. Aber bedenke, dass er seit der Zeit, da ich mir die Freiheit nahm ihn auf die komische Buhne zu stellen, um ganze zweiundzwanzig Jahre alter, weiser und respektabler geworden ist. Man halt einem alten Manne manches zu gut, was man ihm vor zwanzig Jahren nicht zu ubersehen schuldig war. Damals war man manches noch nicht an ihm gewohnt, und es kleidete ihn vielleicht auch nicht so gut als jetzt. Er trug z.B. die Nase immer hoher als andere, schaute uber die Leute weg ins Blaue hinaus, beunruhigte jeden, der ihm in den Wurf kam, durch unerwartete kleine Fragen, und wenn sich einer in den Antworten, die er ihm treuherzig gab, zuletzt so verfangen hatte dass er sich nicht mehr zu helfen wusste, ging er lachend davon.
I c h . Das that er, um etwa einen jungen von sophistischem Wind aufgeblasenen Jungling zum Gefuhl seiner Unwissenheit zu bringen. Ich weiss dass ihm dieses Mittel bei verschiedenen gelungen ist. Der schone Euthydem64 z.B., den er dadurch beinahe zur Verzweiflung brachte, ist jetzt einer seiner eifrigsten und lehrbegierigsten Anhanger.
E r . Das mag seyn. Aber dafur gibt es Hundert gegen Einen, denen diese neue Methode, die Leute durch Schrauben und Necken weiser zu machen, nicht ansteht; und ich finde nichts naturlicher, als dass sie ihm den Ruf eines spitzfindigen, einbildischen, streitsuchtigen und beschwerlichen Menschen zuzog. Dazu kam denn noch, dass sein Aeusserliches und der kurze, ofters ziemlich schmutzige Mantel, der gewohnlich seine ganze Garderobe ausmachte, wenig dazu beitragen konnte, denen die ihn nicht genauer kannten eine grosse Ehrfurcht fur seine Person einzuflossen. Mit Einem Wort, er gab den Spottern und Lachern, und das ist so viel als neun Zehnteln unsrer Attischen Autochthonen65, zu vielerlei Blossen, als dass wir Komiker seiner hatten schonen durfen; und du wirst mir daher auch keinen meiner Kunstverwandten nennen konnen, der sich nicht bei jeder Gelegenheit, mehr oder weniger, uber ihn lustig gemacht hatte.
I c h (lachend). Ihr seyd in der That gefahrliche Leute; da ein Sokrates nicht sicher vor euch war, wer darf hoffen eurer Pritsche zu entgehen?
E r . Das soll auch niemand hoffen. Man hort wohl, dass du ein Auslander bist, Aristipp: du nimmst die Sache gar zu tragisch. Bei uns lachen die Getroffenen oft am lautesten; die meisten stecken ihre Hiebe stillschweigend ein; ja, ich versichre dich, Hyperbolus und seines gleichen wussten es uns sogar Dank, dass wir ihnen eine Art von Celebritat verschafften, und bei unsern Matrosen, Abladern, Sacktragern, Wurstmachern und Salzfischhandlern die Meinung erregten, als ob sie Leute von Bedeutung waren, da ihnen eine Ehre von uns widerfuhr, die gemeiniglich nur einem Perikles, Lamachus, Kleon, Nicias, Alcibiades und andern dieses Schlages erwiesen wurde. Ihr andern Fremden konnt euch nicht vorstellen, wie wenig die Satyre bei uns einem Manne, der nicht ohne allen Werth ist, Schaden thut; besonders hat unser Volk seine Freude daran, wenn seinen Gunstlingen recht ubel von den Komikern mitgespielt wird. Es ist ihnen gesund, denkt mein grillenhafter, griesgramischer, kindischer alter Kauz von Demos66, es ist ihnen sehr gesund wenn sie die Geissel immer uber ihrem Rucken schweben sehen; und hab' ich es doch immer in meiner Gewalt sie zu entschadigen, wenn ihnen zu viel geschieht. So wurde z.B. der beruchtigte Kleon, bald darauf nachdem ihn meine Ritter auf eine wirklich grausame und nie erhorte Art misshandelt hatten, zum Oberfeldherrn gegen die Spartaner erwahlt: und bedarf es wohl eines starkern Beweises, wie unschadlich das Salz ist, womit wir unsre Mitburger zu ihrem eigenen und dem gemeinen Besten reiben, als dass Sokrates seit mehr als funf Olympiaden ungestort sein Wesen unter uns treibt, und an Ansehn und Ruhm zu Athen, und allenthalben wo unsre Sprache gesprochen wird, von Jahr zu Jahr zugenommen hat? Was ihm auch in der Zukunft noch begegnen konnte, immer bleibt gewiss, dass die Wolken keine Schuld daran haben67, da ihm in einer so langen Zeit nicht ein Haar um ihrentwillen gekrummt wurde.
I c h . Und was konnte denn dem besten aller Menschen, die ich kenne, noch Uebels begegnen? Wohin musste es mit euch Athenern gekommen seyn, wenn das untadeligste Leben, die reinste Tugend, und die grossten Verdienste um seine Mitburger einem Manne von seinen Jahren kein ruhiges und gluckliches Ende zusicherten?
E r . Mein guter Aristipp, Unschuld, Tugend und Verdienste schutzen weder zu Athen noch irgendwo vor dem Hasse der Bosen, dem guten Willen der Thoren, und den Gruben, in die uns unsre eigene Sorglosigkeit fallen macht. Ueberdiess denken nicht alle Athener so gunstig von ihm wie du. Sokrates lebt, spricht, und betragt sich in allem wie ein freier, aber nicht immer wie ein kluger Mann. Er hat sich durch seine Freimuthigkeit Feinde gemacht; er verachtet sie, und geht ruhig seinen Weg. Ich bin keiner von seinen Feinden; aber wenn ich einer seiner Freunde ware, so wurde ich ihn bitten auf seiner Hut zu seyn.
Diese Rede machte mich stutzen, wie du denken kannst: aber ich konnte meinen Mann nicht dahin bringen sich naher zu erklaren; er wich mir immer durch allgemeine Formeln aus, und ein Dritter und Vierter, die sich zu uns gesellten, lenkten das Gesprach auf andere Gegenstande.
Wie ich den Sokrates kenne, wurde es zu nichts helfen, wenn ich ihm etwas von dem Inhalt meiner Unterredung mit dem Komiker, den er weder liebt noch achtet, mittheilen wollte; und uber eine Bitte, auf seiner Hut zu seyn, wurde er lachen. Niemand weiss besser als er selbst, wie unzuverlassig die Gemuthsart der Athener ist, und dass es unter seinen Mitburgern Leute gibt, die ihm ubel wollen, wiewohl keiner von ihnen auftreten und sagen kann: Sokrates hat mir jemals Unrecht gethan. Er weiss dass er Feinde hat: aber (wie der Komiker sagte) er verachtet sie und geht seinen Weg. Ich erinnere mich, dass einst in einem kleinen vertrauten Kreise der unerschutterlichen Festigkeit erwahnt wurde, womit Sokrates, als damaliger Vorsteher der Prytanen68, sich der Wuth des Volks, bei dem gesetzwidrigen Verfahren gegen den Admiral Diomedon und seine Collegen, entgegen gestellt hatte. Das Gesprach fiel unvermerkt auf die Unmoglichkeit, dass ein Staatsbeamter in einer Demokratie, bei einer ausdauernden Beharrlichkeit auf seiner Pflicht, dem Hass und der Verfolgung, die er sich dadurch zuzoge, nicht in kurzer Zeit unterliegen sollte. Es ist traurig, sagte Kriton, sich gegen seinen alten Freund wendend, sich's nur als moglich zu denken, dass ein rechtschaffner Mann, gerade desswegen, weil er rechtschaffen ist, Feinde haben soll. Da es nun aber nicht anders ist, versetzte Sokrates, was soll es uns kummern? Das argste, das sie uns zufugen konnen, ist doch nur, dass sie uns dahin versetzen, wo wir nichts mehr von ihnen zu leiden haben werden.
Gestehe, Kleonidas, Sokrates ist ein herrlicher Mann! Ich fuhle diess zuweilen so lebhaft, dass ich Sokrates seyn mochte, wenn mir's moglich ware etwas anders zu seyn als dein Aristipp.
10.
An Kleonidas.
Du bist begierig von mir zu erfahren, was fur eine Bewandtniss es mit dem Damonion des Sokrates habe, von welchem dir dein Megarischer Gastfreund, wie es scheint, seltsame und unglaubliche Dinge erzahlt hat. "Was denkt sich Sokrates dabei? Von welcher Gattung Damonen ist dieses Damonion? Hat es eine Gestalt? Oder ist es eine blosse Stimme, die ihm leise ins Ohr flustert, oder vielleicht ohne Worte sich nur dem innern Sinne vernehmbar macht? Oder wirkt es etwa bloss durch leise Beruhrung? Im Wachen oder im Traum? Gefragt oder ungefragt? Haufig oder selten? Hat es nie getauscht? Sind die Dinge, die es ihm vorhersagt, so beschaffen, dass es schlechterdings unmoglich ist sie vorherzusehen? Oder lasst sich begreifen, wie ein Mann von scharfem Blick in den Zusammenhang der Dinge sie auch ohne Damonion errathen konnte?"
Alle diese kleinen Fragen, mein Freund, konnte uns niemand besser beantworten als Sokrates selbst. "Warum fragst du ihn denn nicht?" Ich wollt' es wirklich; zwei oder dreimal lag mir die Frage schon auf der Zunge: aber immer hielt mich ein ich weiss nicht was, eine Art von Scheu zuruck, als ob ich im Begriff ware etwas Unziemliches zu thun. Aufrichtig zu reden, Kleonidas, ich schame mich ein wenig, mit einem so ehrwurdigen alten Glatzkopfe von seinem Damonion zu reden, und es ist mir gerade so dabei zu Muthe, als ob ich ihn fragen wollte, was ihm diese Nacht getraumt habe? Wenn ich aber auch uber diese Scham Meister werden konnte, so wurde ich vermuthlich nicht mehr damit gewinnen als einer meiner Cameraden, Simmias von Theben, der sich das Herz nahm, eine Frage uber sein Damonion an ihn zu thun, und keine Antwort von ihm erhielt. Im Gegentheil (sagte mir Simmias in seiner bootischen Treuherzigkeit), er drehte sich mit einem so finstern Blick von mir weg, dass mir die Lust ihn wieder zu fragen auf immer vergangen ist.
Weil also, wie du siehst, die Quelle selbst, aus welcher wir allenfalls die reinste Wahrheit zu schopfen hoffen durften, unzugangbar ist, so wirst du dich schon an dem begnugen mussen, was ich von seinen altern Freunden und Anhangern, nach und nach, meistens nur tropfenweise habe herauspressen konnen. Denn es ist als ob sie Bedenken trugen sich offenherzig gegen mich heraus zu lassen; woran freilich wohl die etwas unglaubige Miene Schuld seyn mag, die ich bei solchen Gelegenheiten nicht vollig in meine Gewalt bekommen kann. Ich habe immer bemerkt, dass Personen, die mit der Neigung wunderbare Dinge zu glauben etwas reichlich begabt sind, sich zuruckgehalten fuhlen, mit kalten Kopfen so freimuthig und nach Herzenslust von solchen Dingen zu sprechen, wie sie mit ihres gleichen zu thun pflegen. Was ich indessen von der Sache selbst herausgebracht habe (denn an den Meinungen dieser Leute kann dir nicht viel gelegen seyn) lauft auf Folgendes hinaus.
Sokrates glaubt, durch eine besondere gottliche Schickung von Kindheit an eine Art von ihm allein horbarer Stimme vernommen zu haben, als ein Warnungszeichen, wenn er etwas beginnen wollte, dessen Ausgang oder Erfolg ihm nachtheilig gewesen seyn wurde. Ueber die Art und Weise, wie diese angebliche Stimme ihm vernehmbar werde, hat er sich nie erklart: gewiss aber ist, dass er sie fur etwas Gottliches ( ), oder genauer zu reden, fur etwas Divinatorisches von eben der Art, wie die Gotter, nach dem gemeinen Volksglauben (welchem auch er immer zugethan war) durch Orakel, oder die Eingeweide der Opferthiere, den Flug gewisser Vogel, und andere solche Anzeichen, den Menschen zukunftige Dinge, die sich durch keinen Grad menschlicher Klugheit und Erfahrenheit vorhersehen lassen, andeuten sollen. Niemand hat ihn je sagen gehort, dass er einen eigenen Damon habe; diess aber ist gewiss, dass er diese wahrsagende Stimme die er jedesmal so oft er selbst oder seine Freunde etwas, das zu ihrem Verdruss oder Schaden ausgefallen ware, unternehmen wollte, zu vernehmen glaubte fur eine gottliche Wirkung hielt, und sich daher der Ausdrucke "die Stimme, oder das Damonion, oder Gott hat mich gewarnt" als gleichbedeutend zu bedienen pflegte. Auch daruber, wie er dazu gekommen sey die Bedeutung dieses gottlichen Warnungszeichens zu verstehen, hat er sich nie erklart; vermuthlich mag es ihm in seiner fruhen Jugend ofters begegnet seyn, einer Stimme, deren Sprache ihm noch unbekannt war, nicht zu achten; weil es ihm aber jedesmal ubel bekam, so wurde er endlich aufmerksamer, und entdeckte auf diese Weise die Meinung und Absicht derselben. Auch ist bemerkenswerth, dass nachdem er sich durch haufige Erfahrungen ein fur allemal uberzeugt hatte, dass die Stimme sich allezeit richtig horen lasse, so oft er, oder einer seiner Freunde in seiner Gegenwart, etwas das unglucklich fur ihn ausgegangen ware unternehmen oder beschliessen wollte er nun auch das Stillschweigen derselben fur ein sicheres Zeichen nahm, dass der Himmel sein Gedeihen zu dem, was er oder seine Freunde vornehmen wollten, geben werde: so dass er also diese Wundergabe sowohl auf der rechten als auf der umgekehrten Seite als Warnungs- und Billigungszeichen gebrauchen konnte. Zum Beweise, wie ubel der Ungehorsam gegen die Warnungen dieses Orakels einigen Bekannten des Sokrates bekommen sey, sind mir verschiedene Beispiele erzahlt worden, womit ich dich verschonen will, da dir diese Leute unbekannt sind, und die Umstande, in welche ich mich einlassen musste, kein Interesse fur dich haben konnen. Genug, dass ich diese Thatsachen zum Theil aus dem Munde unverwerflicher Zeugen habe, und dass wenigstens nicht leicht zu erklaren ware, was den Sokrates hatte bewegen konnen, die besagten Personen durch ein erdichtetes Vorgeben, er hore das gewohnte Warnungszeichen, von Ausfuhrung dessen, was sie im Sinne hatten, zuruckzuhalten. Uebrigens muss ich zur Steuer der Wahrheit noch hinzuthun, dass ich den Sokrates selbst in den zwei Jahren, seitdem ich ihn alle Tage sehe und ihm oft in ganzen Wochen nicht von der Seite komme, dieser ihm beiwohnenden Art von Divination mit keinem Wort erwahnen gehort habe. Diess kann zufalliger Weise, oder vielleicht wohl gar auf Abrathen des Damonions selbst geschehen seyn; denn ich habe zuweilen einen Argwohn, dass es mir nicht recht grun ist, und bin ziemlich geneigt, ihm die Schuld zu geben, dass Sokrates mich mit einer gewissen Zuruckhaltung und Kalte zu behandeln scheint, die ich mir lieber aus dieser als irgend einer andern Ursache erklaren mag. Indessen beruht die Sache auf so ubereinstimmenden Zeugnissen aller, die schon viele Jahre mit ihm gelebt haben, dass es ungereimt ware, daran zweifeln zu wollen, dass er wirklich und schon von langer Zeit her diese ubernaturliche Einwirkung zu erfahren vorgegeben habe.
Und hat er diess vorgegeben, so zweifle ich nicht, und auch du, Kleonidas, wurdest, wenn du nur ein paar Tage mit ihm umgegangen warest, keinen Augenblick zweifeln, dass er selbst von der Realitat der Sache vollkommen uberzeugt ist.
"Aber wie sollen wir uns die Moglichkeit einer solchen Ueberzeugung, bei einem so verstandigen, gesetzten und helldenkenden Manne wie Sokrates ist, erklaren?" fragst du. Es gibt der Dinge so viele, mein Freund, die wir uns nicht erklaren konnen, dass es auf eines mehr oder weniger nicht ankommt. Soll ich dir indessen freimuthig sagen was ich denke? Sokrates ist unlaugbar ein sehr weiser Mann; aber am Ende sind wir doch alle von Weibern geboren; und wem hangt nicht irgend eine Schwachheit an, die ihn mit allen andern so ziemlich auf gleichen Fuss setzt? Die seinige ist (unter uns), dass er ein wenig aberglaubischer ist als einem weisen Manne ziemt. Es scheint wirklich ein Erbstuck von seiner Mutter oder Grossmutter zu seyn. "Aberglaubisch? Sokrates aberglaubisch?69" rufst du. Ja, Kleonidas! entweder aberglaubisch, oder der grosste Heuchler, den je die Sonne beschienen hat. Das letztere ist er nicht, bei Gott, kann er nicht seyn! Also jenes! oder wie nennst du den, der, nicht zufrieden in solchen Dingen den Gesetzen seines Landes genug zu thun, in ganzem Ernst an alle Gotter und Gottinnen, von Uranus und Ge bis zum kleinsten Quellnymphchen auf dem Pernes, an Orakel, prophetische Vogel, Traume und Anzeichen aller Arten glaubt, und seine Freunde nach Delphi oder Klaros schickt, um sich Raths zu erholen, ob das, was sie beginnen wollen, wohl von Statten gehen werde? Der Grund dieser Anhanglichkeit an den gemeinen Volksglauben muss tief und fest bei ihm sitzen, da Anaxagoras selbst, zu welchem er doch schon in seiner Jugend freien Zutritt hatte, es nicht weiter bei ihm brachte, als ihm in den reinern Begriffen von der Gottheit in neues Mittel zu Unterstutzung des Aberglaubens an die Hand zu geben. "Die Gottheit, oder die Gotter (denn er pflegt sich ohne Unterschied bald auf die eine bald auf die andere Art auszudrukken), die Gottheit also, sagt er, welche fur alle Dinge, um des Menschen willen, und fur den Menschen allein, als ihren Liebling, um seiner selbst willen sorgt, hat ihn mit einem Korper, woran alles zu seinem bequemsten Gebrauch und Nutzen aufs kunstlichste eingerichtet ist, versehen; und damit er im Stande sey, alle moglichen Vortheile aus der Natur der Dinge zu ziehen, hat sie ihm die Vernunft mitgetheilt, um ihre Eigenschaften und Beziehungen auf ihn zu erkennen und sie zu dem, was sie seyn sollen, zu Mitteln seines eigenen Zwecks zu machen. Aber seine Vernunft dringt nicht so tief in den Zusammenhang der Dinge, dass sie ihm auch ihre kunftigen Verknupfungen und den Nachtheil, der seinen Unternehmungen dadurch zuwachsen kann, hinlanglich zu enthullen vermochte. Sie zeigt ihm wohl, wo, wann und wie er handeln soll; aber die Folgen und der Ausgang seines Thuns und Lassens bleiben meistens ungewiss. Sollten die Gotter fur ihren Liebling nicht besser gesorgt haben, als ihn ohne alle Gewahr und auf blosses Gerathewohl im Dunkel der Zukunft umher tappen zu lassen? Allerdings! sie selbst kommen der Unzulanglichkeit seiner Vernunft zu Hulfe, und entschleiern, so weit sie es ihm nothig oder zutraglich finden, durch Orakel, Traume und Vorbedeutungen die Zukunft vor ihm. Da es also in seiner Macht steht, sich auf diesem Wege uber den Ausgang seiner Unternehmungen zu unterrichten, so ware es eben so thoricht und gottlos, diesen ihm angebotenen Beistand der Gotter zu verachten, als es thoricht und vermessen ware, wenn er in Dingen, worin seine Vernunft ihm hinlangliches Licht geben kann, zu Orakeln und Divinationen seine Zuflucht nehmen wollte."
Was meinst du, Kleonidas, sollte ein Mann von sehr lebhaftem Geiste, der so rasonnirt, nicht unvermerkt dahin gelangen konnen, das divinatorische Vermogen der Vernunft, das in hoherm oder geringerm Grade allen Menschen beiwohnt, zumal das dunkle Vorgefuhl eines Uebels, welches uns oder andere unter gewissen Umstanden und Anscheinungen treffen konnte, fur einen Wink der Gottheit, eine seinem Innern zuflusternde damonische Stimme, zu halten, und wenn etwa der Erfolg zufalligerweise einem solchen vermeinten Wink entsprochen hatte, sich in seiner Einbildung dergestalt zu bestarken, dass was vielleicht anfangs eine blosse Vermuthung war, ihm endlich zur Gewissheit wurde; und diess um so leichter, wenn er, wie Sokrates, sich angewohnt hatte, von der Gottheit, nach morgenlandischer Weise, bei allen Gelegenheiten so zu reden, als ob sie die unmittelbare Ursache aller naturlichen und menschlichen Dinge sey?
Doch bin ich nicht selbst ein Thor, dich und mich mit einer Sache dieser Art so lange aufzuhalten? muss denn an einem so ungewohnlichen Manne wie Sokrates, alles so begreiflich wie an einem Alltagsmenschen seyn?
Die neuesten Berichte, die ich aus Cyrene erhalte, lassen mich ohne Damonion voraussehen, dass Ariston, durch das Uebergewicht, das ihm seine eigennutzige Freigebigkeit bei der zahlreichsten und handfestesten Volksclasse verschafft, vermuthlich in kurzem den Sieg uber seine Nebenbuhler davon tragen, und es in seine Gewalt bekommen wird, der Republik eine neue Gestalt zu geben. Ob auch eine bessere?
das liegt im Schoosse der Gotter.
Immer finde ich, dass deine Familie nicht ubel gethan hat, sich, wie du mir meldest, noch in Zeiten und mit guter Art an die Partei anzuschliessen, die, allen Anscheinungen nach, das Spiel gewinnen wird. Wenn man keine Hoffnung hat, etwas furs Allgemeine ausrichten zu konnen, so gebietet die Klugheit, wenigstens fur sich selbst zu sorgen. Aber sollte denn wirklich fur die Republik nichts mehr zu thun seyn? Ich furchte, nein! und sehe, bei der allgemeinen Verderbniss unsrer Sitten, es noch fur ein Gluck an, dass es keine energischen Seelen unter uns gibt, die uns den schnell verlodernden Enthusiasmus fur Freiheit und Gleichheit, unter dessen Gewalt wir gar bald zusammensanken, mit schrecklichen Krampfen und Zuckungen bussen lassen wurden. In unsrer Lage ware vielleicht das schlimmste was begegnen konnte, wenn die demokratische Partei Mittel fande, sich der Zugel zu bemachtigen. Indessen, da der Ausgang burgerlicher Unruhen immer ungewiss ist, rathe ich dir und deinen Freunden, es mit keiner Partei ganz zu verderben, und keine so eifrig zu nehmen, dass ihre Niederlage auch euern Untergang nach sich ziehen musste.
11.
An Demokles.
So ist sie denn endlich geborsten, die Gewitterwolke, die wir schon so lange uber unser ungewahrsames Vaterland herhangen sahen! Jetzt, lieber Demokles, darf ich dir doch wohl bekennen, dass die Besorgniss, in eine von den Factionen, die einander dermalen in den Haaren liegen, wider Willen hineingezogen zu werden, ein Hauptgrund war, meine Reise nach Griechenland zu beschleunigen. Dachte mein Verwandter Ariston wie ich, oder hatten meine Vorstellungen Eingang bei ihm gefunden, so mochte sich unsre Regierung noch lange zwischen Oligarchie und Demokratie hin und her geschaukelt haben, ohne dass die offentliche Ruhe viel dabei gelitten hatte. Aber seine hohe Meinung von sich selbst, die zehn Jahre die er alter ist als ich, das Ungluck zu fruh zum Besitz eines beinahe furstlichen Vermogens gekommen zu seyn, und der Hof von Schmeichlern und Parasiten, wovon er uberall umgeben ist, standen immer zwischen ihm und mir. Die Republik hat nun einmal den Grad der Verderbniss erreicht, der eine Veranderung ihrer Regierungsform unvermeidlich macht; unter den drei oder vier Nebenbuhlern, die sich um die schone Basileia70 bewerben, muss sie (wie es scheint) am Ende doch Einem zu Theil werden; und da einer so viel Recht an sie hat als der andere, warum sollte der eitle und ehrsuchtige Ariston sie einem andern uberlassen, ohne wenigstens zu versuchen, wie weit er es durch seine Gunst beim Volke, und durch seinen Anhang unter den jungen Leuten der Mittelklassen bringen konne? zumal, da der Umstand, dass seine Aeltermutter dem koniglichen Geschlechte des Battus angehorte, ihm einen anscheinenden Vorzug vor den ubrigen gibt, deren mehr oder weniger verdeckte Anschlage auf eben dasselbe Ziel gerichtet sind?
Dass diess nicht meine Vorstellungsart sey, glaube ich durch die That bewiesen zu haben. Aber wie ich sah, dass Ariston seine Partei genommen hatte, was blieb mir ubrig, als mich so weit als moglich zu entfernen, wenn ich nicht in den Fall kommen wollte, mich offentlich entweder fur oder wider einen Mann zu erklaren, der seit dem Tode seines Vaters als das Haupt unsrer Familie angesehen, und aus leicht begreiflichen Ursachen von allen ubrigen Gliedern derselben theils geschont, theils offenbar begunstiget wird?
Aber auch ohne diesen besondern Bewegungsgrund wurde ich sehr verlegen seyn, wenn ich eine von euern Factionen schlechterdings zur meinigen machen musste. Seit Erloschung des letzten mannlichen Sprosslings der Battiaden, ging Cyrene (wie dir bekannt ist) in eine ziemlich anarchische Demokratie uber, auf welche unser Volk, zur Ehre seines Menschenverstandes, gar bald freiwillig Verzicht that, um sich einer Art von Aristokratie zu unterwerfen, bei welcher es sich (wie es immer zu gehen pflegt) so lange wohl befand, als die Regenten redliche und verstandige Manner waren, keinen andern Zweck als die allgemeine Wohlfahrt hatten, und Einsicht genug besassen, sich in der Wahl der Mittel nicht zu vergreifen. Dass diese goldne Zeit nicht bis zur dritten Generation dauerte, versteht sich von selbst. Die Geschichte aller Oligarchien ist auch die unsrige, und es ist leicht vorauszusehen, dass wir in dem krampfhaften Zustande, worin sich unsre Republik dermalen befindet, noch von Gluck zu sagen haben werden, wenn wir, ohne die furchterlichen Folgen einer langwierigen Anarchie zu erfahren, recht bald, es sey nun durch Wiederherstellung der Demokratie, oder Einwilligung in die Oberherrschaft eines Einzigen, wieder zur Ruhe kommen, bevor das machtige Carthago unsern Handeln auf eine Art, die uns noch weniger behagen durfte, ein Ende macht. Zwischen zweien Uebeln das kleinste zu wahlen, ist oft eine schwere Aufgabe. Ich danke den Gottern, dass ich bei dieser Wahl keine entscheidende Stimme habe; musste ich aber schlechterdings meine Meinung sagen, so wurde ich rathen, das, was man sich am Ende doch gefallen lassen wird, weil man muss, lieber freiwillig und zu einer Zeit zu verfugen, da es noch in unsrer Gewalt ist, die Bedingungen selbst zu machen, unter welchen wir die Regierung mit dem wenigsten Nachtheil des Gemeinwesens in die Hande eines Einzigen legen konnten.
Meines Erachtens gibt es fur einen kleinen oder mittelmassigen Staat keine bessere Verfassung, als diejenige, welche Solon den Athenern gab, gewesen ware, wenn ihm Pallas Athene den guten Gedanken eingeflustert hatte, den Pisistratus von freien Stucken zur Uebernahme eines zehnjahrigen Archontats zu berufen; allenfalls mit der Bedingung, ihm diese hochste Wurde nach zehn Jahren, wenn das Volk mit seiner Regierung zufrieden ware, auf seine ganze Lebenszeit zu verlangern. Die Athener sind nie glucklicher gewesen als unter der Regierung des Pisistratus und Hipparchus. Es fehlte ihr nichts als dass sie nicht verfassungsmassig war. Ware sie es gewesen, so wurde der Tyrann71 Pisistratus ein Muster guter Fursten heissen; so wurde Athen wahrscheinlich der bluhendste, machtigste und dauerhafteste unter den Griechischen Staaten geworden seyn, und so viele tragische Gluckswechsel und alles Unheil des siebenundzwanzigjahrigen Verheerungskrieges, der sich so ubel fur sie endigte, nicht erfahren haben. Mochten die Factionen welche unsre Republik zerreissen, und deren keine noch stark genug ist die Oberhand zu erhalten, sich auf diese Weise zu Rettung des Vaterlandes vereinigen! Auf allen Fall, und da mein besagter Rath alles ist, was ich fur dasselbe thun kann, sey es dir frei gestellt, von diesem Briefe nach deinem Gutbefinden Gebrauch zu machen. Damit ich dir bei meinem Vorschlage nicht etwa einer eigennutzigen Rucksicht verdachtig werde, erklare ich unverhohlen, dass Ariston meine Stimme, wofern ich eine zu geben hatte, nie erhalten wurde, so lange Cyrene noch mehr als Einen Mann aufweisen kann, dem ungleich grossere Verdienste ein besseres Recht geben, der erste im Staate zu seyn. Lebe wohl, Demokles, und berichte mir mit der ersten Gelegenheit, was fur eine Wendung diese Handel nehmen, deren Ausgang mir um so weniger gleichgultig seyn kann, da ich aller Wahrscheinlichkeit nach in jedem Falle mehr dabei zu verlieren als zu gewinnen haben werde.
12.
An Ebendenselben.
Es fehlt viel daran, lieber Demokles, dass mir die Nachrichten von dem immer wahrscheinlicher werdenden Erfolg der Anschlage meines Verwandten, die du mir durch den Schiffer von Gortyna zugefertiget hast, so angenehm waren, als du zu glauben scheinst. Sie wurden es auch dann nicht seyn, wenn ich nicht voraussahe, dass meiner Familie vielleicht kein grosseres Ungluck zustossen konnte, als wenn Ariston in seinem Unternehmen glucklich ware. Denn wie lange glaubst du wohl, dass die willkurliche Regierung eines jungen Schwindelkopfes dauern wurde, der sich selbst nicht zu regieren weiss, und immer das Spielzeug seiner eigenen und fremder Leidenschaften ist? Ich beklage es, dass mein Bruder, durch tauschende Aussichten verblendet, seine Partei so eifrig zu unterstutzen scheint, dass, wenn die kurze Herrlichkeit voruber seyn wird, sein Fall nothwendig auch der ihrige seyn muss. Lass' mich's wiederholen, mein Freund, um unsre Republik vor einer unabsehbaren Reihe unseliger Folgen der gegenwartigen Storung ihres innern Gleichgewichtes zu retten, ist kein anderes Mittel als eine neue Regierungsform: und diess vorausgesetzt, fordere ich alle Weisen unter Griechen und Barbaren heraus, in diesem Augenblick eine bessere fur euch zu ersinnen, als die Solonische unter der Bedingung, deren ich neulich erwahnte; wenn ihr euch namlich von freien Stucken entschlosset, unter den vier Ehrgeizigen, die einander die Tyrannie uber Cyrene streitig machen, den tauglichsten, d.i. den, der den besten Kopf mit der meisten Starke des Charakters vereiniget, an die Spitze der Republik zu stellen. Da du, wie ich aus deiner Antwort sehe, meine Meinung nicht ganz gefasst zu haben scheinst, so erlaube mir, mich uber diesen Punkt deutlicher zu erklaren.
Als die Athener nach dem Tode des edelmuthigen Kodrus beschlossen, dass Jupiter allein wurdig sey, der Nachfolger eines solchen Konigs zu seyn, gingen sie nicht plotzlich zu einer demokratischen Verfassung uber. Die Republik wurde von einem Archon regiert, welcher anfanglich auf Lebenslang, hernach auf zehn Jahre mit dieser hochsten Wurde bekleidet wurde: und auch, nachdem man in der Folge fur besser hielt, die Verrichtungen derselben unter neun jahrliche Archonten zu vertheilen, war die Verfassung zu Solons Zeiten noch immer aristokratisch. Das Volk schmachtete unter dem Druck der vornehmen und reichen Familien, in deren Handen die ganze Staatsverwaltung lag, und selbst die blutigen Gesetze Drakons scheinen einen aristokratischen Geist zu athmen, und dahin abgezielt zu haben, durch ihre furchtbare Strenge dieser Regierungsform eine ewige Dauer zu verschaffen. Naturlicher Weise erfolgte das Gegentheil. Das zur Verzweiflung getriebene Volk fuhlte endlich seine Starke; die Republik zerfiel in Parteien; jede hatte einen machtigen Aristokraten an der Spitze, dessen wahre Absicht wohl keine andere war, als sich seines Anhangs zu Ueberwaltigung der ubrigen zu bedienen, und sich zum einzigen Stellvertreter des Konigs Jupiter zu erklaren. In dieser Lage der Sachen fand Solon in dem allgemeinen Vertrauen auf seine Weisheit ein Mittel, alle Parteien zu vereinigen. Man bevollmachtigte ihn, nicht nur die alten Gesetze zu verbessern, sondern auch (was alle Parteien fur das Nothigste hielten) der Republik selbst eine neue Verfassung zu geben. Ein so weiser Mann, wie Solon, konnte, da er selbst ohne Ehrgeiz war, unmoglich auf den Gedanken fallen, dass den Gebrechen der Aristokratie abgeholfen ware, wenn er eine reine Demokratie an ihre Stelle setzte: er war bloss darauf bedacht, die Republik durch Vertheilung der Gewalten unter die Archonten, den Areopagus, einen Senat von Vierhundert, und die Volksgemeine, dergestalt zu ordnen, dass er sich eine dauerhafte Harmonie des Ganzen davon versprechen konnte. Indessen bewies der Erfolg in wenig Jahren, dass seine neue Staatseinrichtung mit Einem Gebrechen behaftet war, welchem hatte vorgebeugt werden konnen, wenn er etwas weiter vor sich hinausgesehen, und der momentanen Stimmung des Volkes auf der einen, und der verstellten Massigung der ehmaligen Oligarchen auf der andern Seite, nicht zu viel getraut hatte. Das Volk namlich war durch die plotzliche Befreiung von den bisherigen Bedruckungen und die Aussicht auf die Vortheile, die es von der Solonischen Gesetzgebung mit Recht erwartete, so zufrieden gestellt, dass es sich mit dem sehr beschrankten Antheil an der Staatsverwaltung, der ihm durch dieselbe eingeraumt wurde, vor der Hand willig abfinden liess: auf der andern Seite sahen die Ehrgeizigen, die es wahrend der Unruhen auf Alleinherrschaft angelegt hatten, dass sie die Ausfuhrung ihrer Anschlage auf einen gunstigern Zeitpunkt verschieben mussten. Aber Solon hatte billig unbefangen genug seyn sollen, vorauszusehen, dass weder die untern Volksclassen noch die Haupter der machtigsten Familien sich in den Schranken, worein er sie eingeschlossen hatte, lange halten lassen wurden; und dass er also, um der Ruhe des Staats Dauer zu verschaffen, auf ein haltbares Mittel bedacht seyn musse, den einen und den andern jede Ausdehnung ihrer politischen Rechte unmoglich zu machen. Dieses Mittel wurde er in einem Eparchen (oder wie man ihn sonst nennen wollte) gefunden haben, dem die Constitution nicht mehr, aber auch nicht weniger Macht in die Hande gegeben hatte, als erfordert wurde, um das Volk durch die Aristokratie, die Aristokratie durch das Volk, und beide durch die Allmacht des Gesetzes in ihren Schranken zu erhalten. Der Einwurf, "die Athener hatten das Nachtheilige eines solchen Vorstehers an den ehmaligen lebenslanglichen Archonten bereits erfahren," ware von keiner Erheblichkeit gewesen. Das Nachtheilige lag bloss darin, dass die Gewalt der ersten Archonten zu unbestimmt und zu willkurlich war: denn im Grunde stellten sie eine Art von Konigen unter einem andern Namen vor. Aber diess wurde bei meinem Eparchen der Fall nicht gewesen seyn, da er durch den aristokratischen Areopagus, den aus den drei ersten Burgerclassen gezogenen Senat der Vierhundert, und die allgemeinen Volksversammlungen gesetzmassig beschrankt gewesen ware, und diese drei Gewalten einander (wie es ihr Interesse erforderte) mit gehorigem Nachdruck unterstutzt haben wurden. Jeder Versuch des Eparchen sich uber die Gesetze wegzuschwingen und unabhangig zu machen, hatte nothwendig misslingen mussen. Wie gut und wie nothig es gewesen ware, dass Solon seinem ubrigens so verstandig angelegten Staatsgebaude diesen Gipfel aufgesetzt hatte, zeigte sich nach seiner Entfernung nur zu bald. In wenig Jahren wachten die alten Factionen wieder auf: Lykurgus bearbeitete die mittlern Burgerclassen, Megakles die Aristokraten, Pisistratus das gemeine Volk; weder Solon noch seine Gesetze konnten dem uberhandnehmenden Uebel wehren; kurz, es bedurfte der Alleinherrschaft des Pisistratus, der zuletzt die Oberhand behielt, Ordnung und Ruhe wieder herzustellen, und die Gesetze Solons wieder in Wirksamkeit zu setzen.
Ich hoffe nun, Freund Demokles, dir meine Gedanken uber das, was in den dermaligen Umstanden zum Besten unsrer Vaterstadt gethan werden konnte, durch dieses so genau auf unsre Umstande passende Beispiel einleuchtend genug gemacht zu haben, um dich von selbst auf die Betrachtungen zu leiten, die ich deiner anscheinenden Vorliebe fur die reine Demokratie entgegenstellen konnte, wenn ich ein Freund dieser Art von Kampfen ware, wo man Stirn an Stirn und Knie auf Knie mit dem andern um seine Meinung ringt, oder wenn ich sie fur eine gute Art, jemand von seiner Meinung zuruckzubringen, hielte. Zudem wurde auch ein solcher Streit in diesem Augenblick ein wahres Schattengefecht seyn. Denn nach allem was du mir berichtest zu urtheilen, wurde, wenn auch du und deine Freunde euch thatig fur die Demokratie erklaren wolltet, schwerlich zu hoffen seyn, dass ihr eine Partei zusammenbringen konntet, die nur jeder einzelnen der bestehenden Gegenparteien, geschweige allen zusammen, die Spitze zu bieten vermochte. Und gewiss wurden diese sogleich gemeine Sache gegen jeden machen, der sich nur den leisesten Verdacht zuzoge, als ob er mit einem solchen Anschlage umgehe. Hingegen musste ich mich sehr betrugen, wenn mein Vorschlag nicht noch durchzusetzen ware, wofern die redlichen Freunde des Vaterlandes und der Freiheit mit gehoriger Massigung und Klugheit zu Werke gingen, und sich zu rechter Zeit fur denjenigen erklarten, der sich an der hochsten Wurde im Staat unter den Einschrankungen der Solonischen Constitution genugen lassen wollte.
Ich habe meinen Verwandten ausfuhrlich und nachdrucklich uber diese Sache geschrieben; aber ich gestehe, dass ich mir wenig Erfolg davon verspreche. Auf alle Falle hab' ich das Meinige gethan, vielleicht mehr als von einem noch nicht volljahrigen Staatsburger gefordert werden kann. Geschehe nun was die Gotter uber uns beschlossen haben, oder um den guten Gottern kein Unrecht zu thun was von dem allgewaltigen Einfluss der beiden grossen Regenten unsers wetterlaunischen Planeten, der Thorheit, die uns von innen, und dem Zufall, der uns von aussen beherrscht, vernunftigerweise zu erwarten ist. Es ware viel Gluck, wenn wir, indem wir so blindlings in den Gluckstopf des Schicksals greifen, gerade das beste Loos herauszogen. Ich fur meine Person bin auf alles gefasst, und falls ich dahin kommen sollte, wie Bias72 alles was ich mein nennen kann bei mir zu tragen, so troste ich mich damit, dass ich wenigstens nicht schwer zu tragen haben werde.
13.
An Kleonidas.
Ich gestehe unverhohlen, dass ich ein grosser Freund aller Tage bin, die von unsern frommen Vorfahrern dem allgemeinen Mussiggang und Wohlleben gewidmet wurden. Immerhin mogen Arbeitsamkeit und Enthaltsamkeit, wo sie nicht Tochter der Nothwendigkeit sind, unter die preiswurdigsten Tugenden gerechnet werden: wenigstens sind sie es bloss als Mittel zu dem was der letzte Wunsch aller lebenden Natur ist; Ruhe ist die angenehmste Belohnung des Arbeiters, und der Arme behilft sich die meiste Zeit schlecht, um sich zuweilen einen guten Tag machen zu konnen. An Festtagen seh' ich allenthalben frohliche Gesichter; jedermann ist besser als gewohnlich gekleidet, thut sich gutlicher, geht ins Bad, kranzt sich mit Blumen. Gemeinschaftliche Opfer, Gesange und Gebete, feierliche Aufzuge, Uebungsspiele, Tanze und Schauspiele nahren und erhohen den sympathetischen Trieb, und lassen uns vom geselligen Burgerleben, dessen tausendfache Collisionen die Tage der Arbeit und Geschaftigkeit so haufig erschweren und verbittern, nur das Gefugige, Angenehme und Trostliche empfinden. Die Natur hat mir wie du weisst, zu einem ziemlich kalten Kopf ein warmes Herz gegeben. Mir ist nie wohler, als wenn ich mich so ganz aufgelegt fuhle allen Menschen hold zu seyn, und diess bin ich immer wenn ich sie in Gemeinschaft frohlich sehe. Denn da wiege ich mich unvermerkt in die susse Tauschung ein, sie alle fur gut und wohlwollend zu halten, und mache mir selbst weiss, sie wurden es immer seyn, wenn sie sich immer glucklich fuhlten. Du wirst es also ganz begreiflich finden, lieber Kleonidas, dass ich, ungeachtet der schelen Gesichter, die ich mir von meinen gravitatischen Mitgesellen, und zuweilen auch wohl von dem Meister selbst gefallen lassen muss, keine Gelegenheit versaume, wo ich mir diesen behaglichen Lebensgenuss verschaffen kann.
Einer meiner hiesigen Bekannten, ein Mann von Geist und angenehmem Umgang, der nach Athenischer Art reich ist, und (was hier in den Augen einer gewissen Classe noch mehr zu sagen hat) sein Geschlechtsregister auf mutterlicher Seite von Kodrus ableitet, besitzt ein schones Landgut auf der Insel Aegina, die nicht viel uber zweihundert Stadien73 von Athen entfernt liegt, und wiewohl von Natur nur ein kahler Felsen, durch eine funfhundertjahrige Anbauung und den Wetteifer ihrer durch Gewerbe und Handelschaft reich gewordenen Einwohner sie auf alle nur mogliche Weise zu verschonern, eines der anmuthigsten Eilande ist, die im Myrtoischen Meer und im Saronischen Meerbusen zerstreut umher liegen. Eurybates (so nennt sich mein Freund), der das vornehmste Fest der Aeginer, die Poseidonia74, gewohnlich auf seinem Gute zuzubringen pflegt, bat mich ihm diessmal Gesellschaft zu leisten, und ich nahm seine Einladung um so williger an, da diese Festtage gerade in die schonste Jahreszeit fallen, und durch einen grossen Markt belebt werden, der eine Menge Fremde vom festen Lande und den benachbarten Inseln herbeizieht.
Wir hatten bereits einige Tage in allerlei festlichen Lustbarkeiten verlebt, als Eurybates mir den Antrag machte: ob ich nicht Lust hatte, den Abend in Gesellschaft der schonen Lais75 zuzubringen? Er setzte, vermuthlich um mir desto mehr Lust zu machen, hinzu: "wenn ich meinen Augen glauben darf, so ist schwerlich ein Weib im ganzen Griechenlande, das ihr den Preis der Schonheit streitig machen kann." Da mir die Landessitte bekannt ist, so konnt' ich naturlicherweise nichts anders denken, als die Rede sey von einer Hetare, mit deren Gesellschaft Eurybates seine Freunde diesen Abend zu bewirthen gedenke; und, wiewohl ich bisher den Umgang mit Frauenzimmern aus dieser Classe immer zu vermeiden suchte, so kamen doch hier mehrere Umstande zusammen, die eine Ausnahme schicklich zu machen schienen. Kurz, ich sagte meinem Wirthe, es werde mir um so angenehmer seyn, ihm eine so interessante Bekanntschaft zu danken zu haben, da ich gestehen musste, dass ich eine Art von Ideal in meinem Kopfe hatte, dem die schone Lais den Vorzug abzugewinnen einige Muhe haben wurde. Indessen kam der Abend heran, und wie ich eben mit Verwunderung zu bemerken anfing, dass sich nirgends eine Anstalt zu einem Gastmahl im Hause zeigte, kam Eurybates, mir zu sagen, es ware nun Zeit ihm zu seiner schonen Nachbarin zu folgen. Zu welcher Nachbarin? "Zu welcher andern als der schonen Lais, die vor einigen Tagen hierher gekommen ist, um von einem kleinen Gute Besitz zu nehmen, das ihr durch den Tod eines Freundes zugefallen ist, und das glucklicherweise unmittelbar an das meinige stosst." Die Rede ist also nicht von einer Hetare? sagte ich. "Nun ja, Hetare oder auch nicht Hetare, wie du willst; im Grunde lasst sie sich nicht wohl in eine andere Classe stellen, wenn sie ja classificiert seyn muss: aber dann ist sie eine Hetare, wie es, zwei oder drei ausgenommen, noch keine gegeben hat. Sie kommt nicht zu uns, mein guter Aristipp; man muss zu ihr kommen, und auch diess ist eine Gunst, die nicht jedem zu Theil wird, der sie allenfalls bezahlen konnte. Die schone Lais liebt ausgesuchte Gesellschaft, und dem mussen die Grazien sehr hold seyn, der ihr bis auf einen gewissen Grad gefallen zu konnen hoffen darf. Ohne diese Bedingung ist sie, wie man sagt, um keinen Preis zu haben. Ob es immer so seyn werde, lasst sich vielleicht, ohne sich an Amor und Aphrodite zu versundigen, bezweifeln; dass es aber jetzt so sey, ist um so glaublicher, da sie kaum zwanzig Jahre zahlt, und von ihrem ersten Liebhaber in einer sehr glucklichen Lage hinterlassen worden ist."
Dieser Vorbericht spannte meine Neugier und Erwartung so stark, dass mir der Weg, der uns nach dem Hause der schonen Korintherin fuhrte, dreimal langer vorkam als er in der That war. Wir fanden sie in einem geraumigen, auf Ionischen Marmorsaulen ruhenden Gartensaale, von einem kleinen Kreise dem Ansehn nach feiner junger Manner umgeben, und, wie es schien, in einem lebhaften Gesprache begriffen. Schon von ferne, bevor es moglich war ihre Gesichtszuge genau zu unterscheiden, dauchte mir ihre Gestalt die edelste, die ich je gesehen hatte. Ihr Anzug war mehr einfach als gekunstelt und eher kostbar als schimmernd; leicht genug, um einen Bildner, der keine schone Form unangedeutet lassen will, zu befriedigen, aber zugleich so anstandig dass selbst die Grazie der Scham nicht untadeliger bekleidet werden konnte. Die hat einen feinen Tact fur ihre Kunst, dachte ich. Aber stelle dir vor, mein Freund, wie gewaltig ich uberrascht wurde, da ich ein paar Schritte naher die namliche Dame in ihr zu erkennen glaubte, mit welcher ich vor drei Jahren zu Korinth auf eine so seltsame Art in Bekanntschaft gekommen war, ohne damals ihren Stand und Namen erfahren zu konnen. Ich musste alle meine Gewalt uber mich selbst zusammenraffen, um der edeln Unbefangenheit, womit sie mich empfing, keine grossere Betroffenheit entgegenzusetzen, als sich allenfalls mit der Wirkung ihrer Schonheit auf jeden, der sie zum erstenmale sah, entschuldigen liess. Dass ich es wollte, war ich mir deutlich genug bewusst; doch zweifle ich sehr, ob es mir in der ersten Viertelstunde so gut gelang als ich wunschte; denn gewohnlich verrath einer durch die Bemuhung, etwas unter seinem Mantel zu verbergen, dass er etwas verberge, und diess ist genug, um die Aufmerksamkeit aller Umstehenden zu erregen. Das Wahre ist, dass die Furcht mich zu irren und das Verlangen mich nicht zu irren, den Blicken, womit ich sie durch und durch zu erspahen und nach allen Dimensionen auszumessen scheinen musste, mir (wie sie mir in der Folge selbst sagte) etwas zu gleicher Zeit so schuchtern Unverschamtes, Gieriges und Erstauntes gab, dass sie selbst Muhe gehabt hatte sich in gehoriger Fassung zu erhalten, wenn sie nicht auf diese, bloss von meiner Seite unerwartete Zusammenkunft vorbereitet gewesen ware. In der That hatte sie sich in den drei Jahren, die seit der ersten verflossen waren, dermassen verschonert, dass, ungeachtet das Bild meiner Korinthischen Anadyomene noch wenig in meiner Erinnerung verloren hatte, oder vielmehr eben desswegen, ein kleines Misstrauen in meine Augen oder in mein Gedachtniss ganz naturlich war. Sie war indessen merklich grosser geworden, und die Bluthe ihrer prachtigen Gestalt schien so eben den Augenblick der hochsten Vollkommenlieit erreicht zu haben; den Augenblick, wo die Fulle der hundertblattrigen Rose sich nicht langer in der schwellenden Knospe verschliessen lasst, sondern mit Gewalt aufbricht, um ihre gluhenden Reize der Morgensonne zu entfalten. Diess verbreitete einen so blendenden Glanz um sie her, dass ich, wiewohl die Aehnlichkeit mit sich selbst zu entschieden war um nicht jeden aufsteigenden Zweifel sogleich wieder niederzuschlagen, doch nicht aufhoren konnte, mich durch immer wiederholtes Anschauen von einer so angenehmen Wahrheit immer gewisser zu machen. Bei allem dem behielt ich doch noch so viel Besonnenheit, um, zu meinem Troste, wahrzunehmen, dass die andern Anwesenden (den einzigen Eurybates vielleicht ausgenommen), jeder fur sich zu stark mit unsrer schonen Wirthin beschaftigt waren, um sich viel um mich zu bekummern. Auch blieb mir nicht unbemerkt, dass sie selbst am wenigsten gewahr zu werden schien, dass etwas Besonderes in mir vorgehe; und wenn mich ein paar verstohlne Seitenblicke nicht verstandiget hatten, wurde die hofliche Kalte, womit sie sich gegen mich benahm, neue Zweifel haben erregen mussen. Diese nur mir verstandlichen Blicke sagten mir so zuverlassig sie sey es, dass keine Moglichkeit zu zweifeln ubrig blieb; und nun war es auch um so viel leichter, die Rolle einer ganz neuen Bekanntschaft naturlich genug zu spielen, um selbst den beobachtenden Eurybates dadurch zu tauschen, und den leisesten Verdacht eines fruhern Verhaltnisses zwischen uns unmoglich zu machen. Ich uberliess mich jetzt mit meinem gewohnlichen Frohsinn oder Leichtsinn, wenn du willst, dem heitern Genuss des schonsten Abends, den ich bisher erlebt hatte, und ich wollte alles in der Welt wetten, dass Tantalus an der Tafel Jupiters nicht halb so glucklich war, als ich im Speisesaal dieser irdischen Gottin, welche, nicht zufrieden, uns mit dem Ambrosia und Nektar ihrer Schonheit und ihres Witzes zu sattigen, ausserdem noch allem aufgeboten hatte, was Land und Meer und die Kunst eines Korinthischen Kochs vermochte, um selbst den Gaumen eines Sybariten zu befriedigen.
Nimm es als einen Beweis der Starke meiner Liebe zu dir auf, dass ich in diesen Stunden der sussesten Seelenberauschung, wo es so leicht war, ein letheisches Vergessen alles dessen, was man sonst liebte, aus den Augen dieser neuen Circe zu trinken, mehr als einmal herzlich wunschte: mochte doch mein Kleonidas hier seyn, war' es auch auf Gefahr seiner ersten Liebe ein wenig ungetreu zu werden! Es ist, denke ich, dem Menschen uberhaupt, und vor allen dem Kunstler, zutraglich, in allen Gattungen und Arten das Hochste gesehen zu haben.
Eine vollkommene Schonheit ist in Griechenland und vermuthlich allenthalben etwas sehr Seltenes; die Vereinigung einer solchen Schonheit mit geistigen Reizungen noch seltner. Diess vorausgesetzt, ist die schone Lais unter den Griechischen Weibern, was der Phonix unter den Vogeln ist. Ich habe die beruhmte und von Sokrates selbst geschatzte Aspasia, wiewohl in einem schon ziemlich vorgeruckten Alter, mehrmal gesehen und gesprochen; sie kann selbst in der Bluthe ihrer Schonheit nie ein Recht gehabt haben, mit Lais um den goldnen Apfel zu streiten. An Starke des Geistes und an Kenntnissen mag ihr vielleicht der Vorzug bleiben; aber an Lebhaftigkeit und Vielgestaltigkeit des Witzes und der Laune ist Lais vielleicht einzig. Die feinsten Wendungen der scherzenden oder nur leicht ritzenden Ironie sind ihr so gelaufig, als ob sie bei meinem alten Mentor in die Schule gegangen ware. Sie spricht gern und viel, und findet immer den zierlichsten Ausdruck und das rechte Wort ungesucht auf ihren Lippen.
Ohne wie Kassandra76 vom Delphischen Gotte besessen zu seyn, glaube ich voraus zu sehen, dass diese neue Helena in ihrer Art wenigstens eben so viel Unheil unter den ohnehin so leicht entzundbaren Griechen unsrer Zeit anrichten wird, als die Tochter der Leda unter den Achaern und Trojanern des heroischen Zeitalters. Was sie in meinen Augen am gefahrlichsten macht, ist ein gewisser unnennbarer Zauber, den ein Dichter mit den unsichtbaren und unzerreissbaren Schlingen vergleichen wurde, welche Homers Vulcan aus hinterlistigen Absichten um das Lager seiner treuen Gemahlin legte. Weil ich mich nicht gern mit unerklarbaren und nichts erklarenden Wortern behelfe, so habe ich in aller Stille ausfindig zu machen gesucht, worin dieser magische Iynx77 (mit Sokrates zu reden) eigentlich bestehe, und, so viel ich jetzt davon sagen kann, dunkt mich, er liege darin, dass sie sich aller ihrer Reizungen immer bewusst ist, ohne dass es scheint, als ob sie ihrentwegen Anspruch an grosse Bewunderung mache, oder mit geheimen Anschlagen auf Eroberungen umgehe. Sie scheint in vollkommener Selbstgenugsamkeit sich mit der Gewissheit zu befriedigen, es hange nur von ihr ab, sobald sie Lust dazu habe, jeden Sterblichen zum Gott und jeden Weisen zum Narren zu machen; da es hingegen in keines Mannes Gewalt stehe, mehr uber sie zu gewinnen, als sie ihm freiwillig einzuraumen geneigt sey. Sie bedient oder begibt sich dieses Vorrechts mit gleicher Sorglosigkeit, ohne Anschein einer besondern Absicht; aber wenn sie sich dessen bedient, thut sie es ofters mit einem Muthwillen der an Grausamkeit granzt, wiewohl es vielleicht blosser Naturtrieb, ihre Macht zu versuchen, seyn mag. Sie schiesst ihre Strahlen umher, wie die Sonne die ihrigen ergiesst, unbekummert wohin sie fallen und wie sie wirken, ob sie erwarmen und beleben, oder auftrocknen, versengen und zerstoren. Dass die Sprache der Griechen keinen Namen fur diesen gefahrlichen Charakter hat, beweiset vermuthlich, dass die schone Lais in ihrer Art die erste ist.
Ich sehe dich fur die Freiheit und Ruhe deines Aristipp zittern; aber sey unbesorgt, mein Freund! Der Salamander, sagt man, befindet sich sehr wohl in eben dem Feuer, worin andre lebendige Wesen verzehrt werden. Ich schwore dir, dass ich in meinem Leben nie freier, heitrer und aufgeraumter war als diesen Abend. Nicht als ob ich mich einer Gleichgultigkeit ruhmen wolle, die mir im Grunde wenig Ehre machen wurde; genug, Lais selbst scheint zu merken, dass sie an einen jungen Mann gerathen ist, den Hermes mit dem beruhmten Krautchen Moly78, das alle Bezauberung unkraftig macht, bewaffnet hat, und ich denke wir wollen noch sehr gute Freunde werden. Ueberdiess war auch hier keine Ursache zur Eifersucht; ich sahe keinen Begunstigten; und wie hatte ich mich daruber argern sollen, gerade so viele Nebenbuhler zu sehen als Personen zugegen waren? Das wird nun einmal in den nachsten zehen oder zwanzig Jahren nicht anders seyn. Alles kommt darauf an, nicht ob man ihr gefallen will (wer wollte das nicht?), sondern ob man ihr gefallt, und das muss man den Gottern und ihrer Laune anheimstellen. Ausschliessliche Anmassungen an ein solches Wesen machen zu wollen, ware, nach meiner Vorstellungsart, als wenn Einer Sonne und Mond fur sich allein behalten wollte. Wenn ich auch die Macht des grossen Konigs79 besasse, ich wurde schwerlich thoricht genug seyn, ein solches Unrecht an ihr und an mir selbst zu begehen. Wer ware berechtigt frei zu seyn, wenn ein so hoch von der Natur begunstigtes Weib es nicht seyn sollte? Und wie wenig musste der seinen eigenen Vortheil kennen, der, wenn er es auch vermochte, die Liebesgottin zu seiner Sklavin machen wollte?
Wir brachten einen Theil der Nacht mit den gewohnlichen Ergotzlichkeiten zu, womit die Griechen ihre Symposien zu wurzen pflegen. Die schone Lais hat verschiedene niedliche junge Sklavinnen, die mit Fertigkeit tanzen, singen und auf allen Arten von besaiteten Instrumenten spielen. Die Unterhaltung wechselte bald mit muntern Gesprachen, bald mit Musik und mimischen Tanzen ab, und die Dame des Hauses selbst war so gefallig, oder (wie es einige von uns nannten) so grausam, uns zum Abschied mit einer wahren Sirenenstimme ein susses Liedchen von Anakreon zu singen, wobei vermuthlich jedermann eben dasselbe fuhlte, was Odysseus als der einladende Zaubergesang der Tochter des Achelous uber die Wellen zu ihm heruber schallte; und im Weggehen versicherte mehr als Einer, dass er die Erlaubniss zu bleiben mit dem Schicksal der Unglucklichen, die in die Klauen jener morderischen Sangerinnen geriethen, nicht zu theuer erkauft gehalten hatte. Dass ich keiner von diesen war, kannst du mir auf mein Wort glauben.
Es hatte sich zufalligerweise gefugt, dass ich an diesem Tage den Ring am Finger trug, in welchen ich die Haare meiner Korinthischen Unbekannten hatte fassen lassen; und so konnt' es nicht wohl fehlen, dass ich Gelegenheit fand, ihr meine Hand, als wie von ungefahr, nahe genug zu bringen, dass sie ihr durch den Druck einer Feder aus dem Kasten des Rings heraufgebrachtes Geschenk erkennen konnte. Ein leises Errothen und ein lachelnder Blick, der unsre alte Bekanntschaft zu gestehen schien, versicherte mich dessen, und mehr verlangte ich fur diessmal nicht.
14.
An Ebendenselben.
Diesen Morgen zog mich, ich weiss nicht was oder vielmehr, ich wusste sehr wohl was in das anmuthige Platanenwaldchen, das die Granze zwischen dem Landgute meines Wirths und den Garten der schonen Lais zieht. Es stande jetzt nur bei mir, lieber Kleonidas, dir weiss zu machen, dass ich so gut wie mein alter Sokrates einen kleinen Damon in meinen Diensten habe, und das noch dazu mit dem Vorzuge, dass der meinige, anstatt mich (wie der Sokratische) bloss abzumahnen wenn ich etwas nicht thun soll, mir z.B. ganz vernehmlich zuflusterte: wenn du in das Platanenwaldchen gingest, wurdest du einer schonen Nymphe begegnen, die vermuthlich so wenig vor dir davon liefe als du vor ihr. Ich will aber ehrlich mit dir verfahren, und nicht mehr aus mir machen als sich gebuhrt; und so kannst du dir die Sache, wenn du willst, ganz naturlich vorstellen. In beiden Fallen wird das Namliche herauskommen. Denn kurz und gut, als ich auf meinem Spaziergange an die Gartenhecke unsrer Nachbarin kam, sah ich sie durch eine halb offne Thur, in einem zierlichen Morgenanzug, beschaftigt einige so eben aufbrechende Rosen im Gebusch abzuschneiden, und dazu eines von Anakreons Liedern auf die Rose halb zu singen, halb zu sumsen, wie man zu singen pflegt, wenn man nur sich selbst zum Zuhorer hat. Sie erblickte mich sogleich, indem ich mit der dreisten Schuchternheit, die mir (wie die Madchen sagen) so wohl ansteht vermuthlich weil etwas Kunst dabei ist gleichsam ungewiss, ob ich es wagen durfe weiter zu gehen, in der Thur stehen blieb. Sie kam mir einige Schritte entgegen. Du scheinst, fiel sie mir ins Wort, da ich eine Entschuldigung zu stottern anfing, mit einer Gabe zu glucklichen Wurfen geboren zu seyn, Aristipp. Wer hatte gedacht, dass wir uns in weniger als zwei Jahren zu Aegina wiedersehen wurden? Und das in einem so reizend aufbluhenden Rosengebusche, setzte dein Freund hinzu. "Glaubst du auch an Vorbedeutungen?" Wenn sie meinen Wunschen entgegenkommen, ja. "Da du dich nun einmal (versetzte sie lachelnd) eben so unschuldig, wie ich glauben will, als ehmals zu Korinth, in mein Gebiet verirrt hast, wurde mir's ubel ziemen dich unbewirthet zu entlassen. Ich will das Fruhstuck in die Myrtenlaube dort bringen lassen, und wir setzen uns zusammen und schwatzen die Morgenstunden vorbei, wenn du nichts Angenehmeres zu versaumen hast."
Meine Antwort kannst du leicht errathen, Kleonidas; aber was du vielleicht nicht errathen hattest, war, dass es unvermerkt Mittag und Abend wurd, ohne dass wir eher ans Abschiednehmen dachten, bis uns die untergehende Sonne daran erinnerte. Das Benehmen meiner schonen Wirthin war munter, offen und absichtlos, immer anstandig und edel, ohne Ziererei und Anspruche, und doch zugleich so traulich, als ob wir nicht anders als Freunde seyn konnten. Mit Einem Worte, du kannst dir nichts Liebenswurdigeres denken als sie, und keinen glucklichern Sterblichen als mich, der, im Genuss des Gegenwartigen ganzlich befriedigt, keinen Augenblick Zeit hatte zu denken dass noch viel zu wunschen ubrig sey, und (was dir vielleicht unglaublich scheinen mag) auch nicht durch die leiseste Begierde daran erinnert wurde. Diess ist, denke ich, die naturliche Wirkung der vollkommenen Schonheit, wenigstens auf einen Menschen meiner Sinnesart; und hatten die Grazien nicht so viel Reiz und Anmuthendes uber alles was sie sagt und thut, bis auf die leiseste Bewegung der Falten an ihrem Gewand, ausgegossen, ich glaube ich konnte Jahre lang taglich um Lais gewesen seyn, ohne jemals aus dem sussen Schlummer, worin ihr Anschauen meine Sinne liess, aufzuwachen. Seltsam wirst du sagen; aber so ist's! Oder vielmehr, so war und blieb es rathe wie lange? Beim Poseidon! Vier ganzer Sommertage lang; und ohne einen zufalligen Umstand, der dir die Sache zu gehoriger Zeit begreiflich machen wird, durften es vielleicht, Amor und Aphrodite verzeihen mir's! eben so viele Wochen oder Monate gewesen seyn.
Dass neu angehende Freunde, wovon der eine aus Cyrene und der andere aus der Pelopsinsel kommt, einander ihre Geschichte erzahlen, versteht sich von selbst. Die meinige war bald abgethan, wiewohl Lais nicht glauben wollte, dass ich noch so sehr Neuling sey, als ich, mit volliger Wahrheit wie dir bekannt ist, zu seyn vorgab, oder vielmehr mit Bescheidenheit andeutete. Die ihrige war indessen nicht viel reicher an Abenteuern; und da du das Beste an ihrer Erzahlung, den Zauberklang ihrer Stimme und den Geist ihrer Augen entbehren musst, so will ich sie so kurz als moglich zusammenfassen.
Lais wurde zu Hykkara in Sicilien geboren. Sie erinnerte sich, dass sie in einem grossen Hause auferzogen wurde, und dass ihr zwei Sklavinnen zu ihrer Besorgung zugegeben waren. Sie war ungefahr sieben Jahr alt, als sie das Ungluck hatte (ich nenn' es Gluck, und du wirst mir's nicht verdenken), bei Eroberung und Zerstorung ihrer Vaterstadt durch den bekannten Athenischen Feldherrn Nikias, vermoge des barbarischen Rechts des Sieges, das unter unsern Volkern zu ihrer Schande noch immer gilt, in die Sklaverei zu gerathen, und mit andern Kindern ihres Alters an den Meistbietenden verkauft zu werden. Leontides, ein reicher Korinthischer Eupatride, kaufte sie, und bezahlte sie beinahe so theuer, als ein marmornes Madchen von einem Polyklet oder Alkamenes. Dieser Leontides war immer ein grosser Liebhaber aller schonen Dinge gewesen; und wiewohl er im Dienste der Paphischen Gottin bereits grau zu werden begann, oder vielmehr eben desswegen, kam er auf den Gedanken, sich an der kleinen Laidion Trost und Zeitvertreib fur seine alten Tage zu erziehen. Er liess ihr also Unterricht in allen Musenkunsten und uberhaupt eine so liberale Erziehung geben, als ob sie seine Tochter gewesen ware, ergotzte sich in der Stille an ihren schnellen Fortschritten, und belohnte sich selbst zu rechter Zeit fur alles, was er auf sie gewandt hatte, so gut als Gicht, Podagra und Huftweh es erlauben wollten. Dagegen betrug auch sie sich so gefallig und dankbar gegen ihn, und leistete ihm die Dienste einer Krankenwarterin etliche Jahre lang mit so viel Sorgfalt, Geschicklichkeit und gutem Willen, dass er ihr seine Erkenntlichkeit nicht stark genug beweisen zu konnen glaubte. Sie lebte in seinem Hause als ob sie seine Gemahlin ware, schaltete nach Belieben uber sein Vermogen, und durfte sich der Freiheit, die er ihr geschenkt hatte, um so unbeschrankter bedienen, da er Ursache zu haben glaubte, sich auf ihre Klugheit und Bescheidenheit zu verlassen. In dieser Lage befand sie sich, als ich, durch den bewussten Zufall, eine Art von Aktaon (wiewohl mit besserm Gluck) bei ihr zu spielen berufen wurde; und der plotzliche Einfall, sich auf Unkosten eines zudringlichen Unbekannten eine kleine Lust zu machen, wobei sie selbst nichts zu wagen sicher war, hatte einer lebhaften jungen Sicilianerin, welche die schonste Blumenzeit ihres Lebens einem abgelebten gichtbruchigen Liebhaber aufzuopfern sich gefallen liess, von meinem runzligen Freunde Antisthenes selbst nicht ubel gedeutet werden konnen. Bald nach dieser Begebenheit starb der alte Leontides, und hinterliess seiner schonen Warterin die Freiheit zu leben wie und wo sie wollte, nebst einer betrachtlichen Summe an baarem Gelde und dem zierlichen Landsitz zu Aegina, der zwar von keinem grossen Ertrag, aber durch seine reizende Lage und die Schonheit der Gebaude und Garten beinahe so einzig in seiner Art ist, als seine Besitzerin in der ihrigen.
Die schone Wittwe des Korinthischen Eupatriden befindet sich nun, wie du siehest, in einer Lage, die derjenigen ziemlich ahnlich ist, in welche Prodikus seinen jungen Hercules auf dem Scheidewege80 setzt. Zwey Lebenswege liegen vor ihr, zwischen welchen sie, wie sie selbst glaubt, wahlen muss. Soll sie, kann sie, bei diesem lebhaften Bewusstseyn einer Schonheit und einer Zaubermacht, die ihr, sobald sie will, alle Herzen und alle Begierden unterwirft, bei solchen Talenten und einem Triebe zur Unabhangigkeit, dessen ganze Starke sie in ihrer vorigen Lage kennen zu lernen Gelegenheit hatte, sich entschliessen, mit Aufopferung ihrer Freiheit und ihres ganzen Selbst an einen Einzigen, das ist, mit Gefahr einer ewigen Reue, sich in die venerable Gilde der Matronen einzukaufen? oder soll sie, mit Verzicht auf diesen ehrenvollen Titel, sich auf immer der reizenden Freiheit versichern, nach ihrem eignen Gefallen glucklich zu seyn, und glucklich zu machen wen sie will.
Es musste einem Paar hochweiser Zottelbarte komisch genug vorgekommen seyn, wenn sie, hinter unsrer Myrtenlaube verborgen, eine junge Dame wie Lais, und einen schwarzlockigen wohlgenahrten Philosophen von zweiundzwanzig Jahren, mit einer zwischen Pythagorischer Sophrosyne81, Sokratischer Ironie, und Aristophanischer Leichfertigkeit leise hin und her schwebenden Miene, in der ernstlichsten Conferenz uber diese Frage hatten behorchen konnen. Nichts musste ihnen lustiger vorgekommen seyn, als das anscheinende Vertrauen der jungen Schonen zu der Weisheit eines beinahe eben so jungen Freundes, dessen eigenes Interesse bei der Sache stark genug in die Augen fiel, um ihr seinen Rath auf jeden Fall verdachtig zu machen.
Das Wahrste bei dieser Berathschlagung war indessen, dass die schone Lais recht gut wusste, wozu sie sich bereits entschlossen hatte. Vermuthlich war es ihr mehr darum zu thun, mir ihre eigene Art uber diese Dinge zu denken mitzutheilen, als sich in der Meinung, dass ich sie nicht anders als billigen konne, zu bestarken. Diess glaubte ich in ihren Augen zu lesen, da sie, nachdem sie das Problem besagtermassen gestellt hatte, sich auf einmal mit der treuherzigen Frage an mich wandte: was rathst du mir nun, Aristipp? Sage mir deine Meinung ohne Zuruckhaltung, und, wenn du die Forderung nicht unbillig findest, so unbefangen, als ob du der Mann im Monde warest, und einer Bewohnerin des Hesperus rathen solltest.
Was du von mir verlangst, schone Lais (antwortete ich ihr), ist eben nicht ganz so leicht als du zu glauben scheinst. Indessen war' es mir wenig ruhmlich, wenn ich schon zwei Jahre um den weisesten aller Menschen (mit der Delphischen Priesterin zu reden) gewesen ware, und nicht wenigstens eine Hand voll brauchbarer Maximen auf die Seite gebracht hatte, womit ich mir und andern bei Gelegenheit aushelfen konnte. Eine dieser Maximen ist: wenn ich um Rath gefragt werde, immer zu rathen was mir wirklich fur die fragende Person das Beste scheint; aber zugleich ehrlich zu gestehen, dass, wofern ich selbst auf irgend eine Art dabei betroffen bin, immer auch, mit oder ohne klares Bewusstseyn, einige Rucksicht auf meine eigene Wenigkeit dabei genommen wird. So wurde ich z.B. wenn ich dachte, dass eine geheime Vorliebe zu dem ehrsamen Matronenstande in deinem schonen Busen schlummere, und ich selbst etwa der Gluckliche sey, mit dem du deine Freiheit in die Schanze zu schlagen Lust hattest, nicht umhin konnen dich vor mir zu warnen, weil in diesem Falle Zehn gegen Eins zu wetten ware, dass es uns beide gereuen wurde, mich dir gerathen, dich mir gefolgt zu haben. Eine andere meiner Lebensmaximen ist, meine Handlungen so wenig als moglich von den Meinungen andrer Leute abhangen zu lassen. Ich musste mich sehr irren, wenn diese Regel nicht auch fur dich gemacht ware. Endlich ist auch bei mir festgesetzt, dass die Person den Stand, nicht der Stand die Person adeln muss. Ich sehe keine Unmoglichkeit, warum ein junges Frauenzimmer von deinen seltenen Vorzugen, in der unabhangigen Lage worein dich dein alter Patron gesetzt hat, unter dem Schutz der Grazien nicht so viel Freiheit, als ihr selbst zutraglich ist, mit einem gehorigen Betragen, dem die Welt ihren Beifall nie versagt, sollte vereinigen konnen. Mein Rath, schone Freundin, ware also mit mehr oder weniger Rucksicht auf meine Maximen, wenn du willst, zu thun was dir dein Herz und deine Klugheit eingeben.
Ich bin mit deinem Rath vollkommen zufrieden, weiser Aristipp, versetzte sie mit einem Lacheln, wie die Augen der Liebesgottin lacheln mogen, wenn ihr Blick von ungefahr in einen Spiegel fallt. Hore mich also an, mein Freund; denn ich will mich dir so unzuruckhaltend erklaren, wie Personen meines Geschlechts kaum mit sich selbst zu reden pflegen. Ich habe noch so wenig Gelegenheit gehabt die Starke oder Schwache meines Herzens aus Erfahrung kennen zu lernen, dass es Vermessenheit ware, wenn ich, wie der Sohn der Amazone82 beim Euripides Amorn und seiner Mutter Trotz bieten wollte. So weit ich mich indessen kenne, scheint es nicht als ob die Leidenschaft, die der besagte Dichter an seiner Phadra so unubertrefflich schildert, jemals mehr Gewalt uber mich erhalten werde, als ich ihr freiwillig einzuraumen fur gut finde; und ich wunsche vor jeder andern Thorheit so sicher zu seyn, als vor dem lyrischen Einfall, aus Liebe zu irgend einem Phaon der schonen Sappho den Sprung vom Leukadischen Felsen nachzuthun. Bei allem dem gestehe ich gern, dass ich den Umgang mit Mannern eben so sehr liebe, als mir die Unterhaltung mit den Griechischen Frauen vom gewohnlichen Schlage unertraglich ist. Du weisst vermuthlich, wie wenig bei der Erziehung der Griechischen Tochter in Betrachtung kommt, dass sie auch eine Seele haben, und dass die Seele kein Geschlecht hat. Sie werden erzogen um so bald als moglich Ehfrauen zu werden; und der Grieche verlangt von seiner ehlichen Bettgenossin nicht mehr Geist, Talente und Kenntnisse, als sie nothig hat, um (wo moglich) schone Kinder zu gebaren, ihre Magde in der Zucht zu halten, und die Geschafte des Spinnrockens und Webestuhls zu besorgen. Ist sie uberdiess sanft, keusch und eingezogen, tragt sie wie die Schnecke ihr Gynaceon83 immer auf dem Rucken, und verlangt von keinem andern Manne gesehen zu werden als von ihm, lasst sich an und von ihm alles gefallen, und glaubt in Demuth, dass es keinen schonern, klugern und bravern Mann in der Welt gebe als den ihrigen: so dankt er den Gottern, die ihn mit einem so frommen tugendsamen Weibe beschenkt haben, ist hochlich zufrieden, und hat wahrlich Ursache es zu seyn. Vor der langen Weile, die ihm eine so fromme und tugendreiche Hausfrau machen konnte, weiss er sich schon zu verwahren. Er sieht sie so wenig als moglich: und verlangt er einen angenehmern weiblichen Umgang, so halt er sich irgend eine liebenswurdige Gesellschafterin auf seinen eigenen Leib, oder bringt von Zeit zu Zeit einen Abend mit seinen Freunden in Gesellschaft von Hetaren zu. Und wie konnt' es anders seyn, da unsre ehrbaren Frauen, von aller mannlichen Gesellschaft zeitlebens ausgeschlossen und auf den Umgang mit ihren Magden, Schwestern, Basen und Nachbarinnen eingeschrankt, aller Gelegenheit sich zu entwickeln, und die Eigenschaften, wodurch man gefallt und interessant wird, zu erwerben schlechterdings beraubt sind? Was bleibt also einer jungen Person meines Geschlechts, wenn sie mit der Gabe zu gefallen und einem Geiste, der sich nicht in den engen Raum eines Frauengemachs einzwangen lassen will, von Mutter Natur ausgestattet worden ist, was bleibt ihr anders ubrig, als entweder sich selbst und das ganze Gluck ihres Lebens der leidigen Landessitte aufzuopfern; oder die Freiheit mit allen Arten gebildeter und liebenswurdiger Manner Umgang zu haben (als das einzige Mittel wie sie selbst entwickelt und gebildet werden kann), dadurch zu erkaufen, dass sie sich gefallen lasst zu einer Classe gerechnet zu werden, die der weise Solon zwar durch einen schonenden Namen gewissermassen zu Ehren gezogen hat, die aber doch sowohl durch ihre Bestimmung als den Charakter und die Sitten des grossten Theils ihrer Mitglieder von einem unheilbaren Vorurtheil gedruckt wird, und mit einem Flecken behaftet ist, den alle Vorzuge einer Korinna, Sappho und Aspasia nicht auszuloschen vermogen. Oder konntest du mir einen andern Weg, dem gemeinen Schicksal der frommen und tugendhaften Frauen und der todlichen Langweile ihres Umgangs zu entgehen, zeigen, Aristipp?
I c h . Wo wolltest du einen Gemahl finden, der dich fur das unendliche Opfer, das du ihm bringen musstest, entschadigen konnte, wenn er auch wollte, und von dem du gewiss warest, er werde es immer wollen?
S i e . Wenigstens wirst du mir zugeben, dass ich einiges Recht hatte, auch von ihm ein grosseres Gegenopfer zu verlangen, als er mir vermuthlich zu bringen geneigt ware. Und gesetzt er war' es, glaubst du wohl, selbst ein Gott und eine Gottin konnten, von jeder andern Gesellschaft entfernt, einander lange alles seyn? Ich wenigstens bin mir meines Unvermogens, eine solche Zweisiedlerei in die Lange auszuhalten, vollkommen bewusst. Gute Gesellschaft, oder was in Griechenland wenigstens eben so viel ist, Mannergesellschaft, ist fur mich ein unentbehrliches Bedurfniss. Ich habe zu wohl erfahren, was es ist, mit einem einzigen Manne und mit lauter Weibern zu leben, um das Experiment zum zweitenmale zu machen! Es ist also fest beschlossen, Aristipp, ich werde meine Freiheit behalten, und mein Haus wird allen offen stehen, die durch personliche Eigenschaften oder Talente berechtigt sind eine gute Aufnahme zu erwarten.
I c h . Gegen diesen heroischen Entschluss kann niemand weniger einzuwenden haben als ich. Aber freilich wirst du wie du selbst sagtest in der Welt
S i e . Nur heraus mit dem Worte! Fur eine Hetare passiren? Vermuthlich. Aber warum sollt' ich mich uber das Vorurtheil, das auf diesem Namen liegt, nicht hinwegsetzen? Jeder Stand in der Gesellschaft hat gewisse Vorurtheile gegen sich. Unsre ehrbaren Matronen passiren, im Durchschnitt genommen, fur Ganse und Elstern, oder, falls sie Verstand genug dazu haben, fur Heuchlerinnen, die Tag und Nacht auf nichts als Ranke sinnen, wie sie ihre Manner hintergehen, und die Vortheile des Hetarenstandes mit der Achtung, die dem Frauenstande gebuhrt, zugleich nutzniessen wollen; und wenn man die Komodiendichter hort, so ist noch die Frage, ob eine Person von Geist und feinem Gefuhl nicht mehr Ehre davon habe, eine so seltne Hetare wie Aspasia oder Thargelia84 zu seyn als eine Matrone, wie unter jedem Hundert, nach der gemeinen Meinung, wenigstens drei Funftel sind. Hier oder nirgends tritt der Fall ein, mein Freund, wo ich sehr Unrecht hatte, meine Entschliessung von der Meinung anderer Leute abhangen zu lassen. Ich liebe den Umgang mit Mannspersonen, aber als Manner sind sie mir gleichgultig. Ich kenne sie, denke ich, bereits genug, um die Starke und den Umfang der Macht zu berechnen, die ich mir ohne Unbescheidenheit uber sie zutrauen darf. Ich weiss was sie bei mir suchen; und da es bloss von mir abhangt, sie durch so viele Umwege als mir beliebt im Labyrinth der Hoffnung herumzufuhren, so verlass' dich darauf, dass keiner mehr finden soll, als ich ihn finden lassen will; und das wird fur die meisten wenig genug seyn. Kurz, du sollst sehen, Aristipp, wie bald die allgemeine Sage unter den Griechen gehen wird, es sey leichter die Tugend der zuchtigsten aller Matronen in Athen zu Falle zu bringen, als einer von denen zu seyn, zu deren Gunsten die Hetare Lais (weil sie doch Hetare heissen soll) sich das Recht Ausnahmen zu machen vorbehalt.
Sie sagte diess mit einem so reizenden Ausdruck von Selbstbewusstseyn und Muthwillen, dass es mir beinahe unmoglich war, nicht auf der Stelle die Probe zu machen, ob ich vielleicht unter diese Ausnahmen gehoren konnte: aber die Furcht, durch ein zu rasches Wagestuck mein Spiel auf immer zu verderben, zog mich noch stark genug zuruck, dass ich Meister von mir selber blieb. Solltest du, sagte ich, indem ich eine ihrer Lilienhande, die in diesem Augenblick auf ihrem Schoosse lag, etwas warmer als der blossen Freundschaft zukommt, mit der meinigen druckte, solltest du wirklich hartherzig genug seyn, ein so grausames Spiel mit uns Armen zu treiben, als du dir jetzt einzubilden Belieben tragst? Hartherzig? versetzte sie mit spottendem Lacheln, ihre Hand schnell unter der meinigen wegziehend, indem sie sich eben so schnell von der Bank, wo wir sassen, aufschwang und wie eine Gottin vor mir stand; zum Beweise, dass ich es wenigstens nicht fur dich bin, lass' dir ein fur allemal rathen, Freund Aristipp, keine Kunstgriffe bei mir zu versuchen. Unser Verhaltniss ist von einer sehr zarten Art; ich erlaube dir den Augenblick zu belauschen, aber hute dich, ihm zuvorzukommen! Beinahe sollt' ich denken, schone Lais (erwiederte ich), du seyst bei dem weisen Sokrates in die Schule gegangen "Wie so?" Weil die Lehre oder Warnung, die du mir so eben gibst, die namliche ist, die ich ihn einst einer jungen Hetare zu Athen geben horte. "Du scherzest, Aristipp; wie kam' ein Mann wie Sokrates dazu, sich mit dem Unterricht einer Hetare abzugeben?" Du kennest ihn noch wenig, schone Lais, wie ich sehe. Kein Sterblicher ist freier von Vorurtheilen als er, und das Geschaft seines Lebens ist, allen Arten von Personen, unbegehrt und ohne auf ihren Dank zu rechnen, Unterricht und guten Rath zu geben. Er lehrt einen Gerber besseres Leder machen, einen Tanzer gefalliger tanzen, einen Maler geistreicher malen, einen Hipparchen seine Reiter und Pferde besser abrichten: warum sollte er nicht auch eine unerfahrne aber schone und lehrbegierige junge Hetare zur Virtuosin in ihrer Kunst zu machen suchen? "Du erregst meine Neugier; wolltest du mir wohl das Vergnugen machen, mir alles zu erzahlen, was du von dieser sonderbaren Begebenheit noch im Gedachtniss hast?" Sehr gern; ich erinnere mich noch eines jeden Wortes, wiewohl es schon uber Jahr und Tag ist, dass sie sich zugetragen hat. Einer von den Unsrigen, Kleombrotos von Ambracien, ein junger Schwarmer, wenn je einer war, erzahlte uns, er habe so eben durch einen glucklichen Zufall Gelegenheit gehabt, das schonste Madchen in Athen zu sehen, und zwar, wie nicht jedermann sie zu sehen bekomme; denn sie sitze eben einem Maler als Modell. Da er nicht aufhoren konnte, von der Schonheit dieser jungen Person als einer unaussprechlichen Sache zu reden, sagte Sokrates endlich lachelnd: wenn das ist, so konntest du uns den ganzen Tag davon sprechen, ohne dass wir ein Wort mehr wussten als zuvor; denn von einer unaussprechlichen Sache einen Begriff durchs Ohr zu bekommen, ist unmoglich. Da ware also, sagte dein naseweiser Freund Aristipp, kein andres Mittel uns zu uberzeugen, dass Kleombrotos nicht zu viel gesagt habe, wiewohl er eigentlich nichts gesagt hat, als dass wir selbst hingingen und mit eignen Augen sahen. So gehen wir denn, sagte Sokrates. Kleombrotos fuhrte uns also alle, so viel unser gerade um den Meister waren, nach der Wohnung der schonen Theodota, mit welcher er durch seinen Freund, den Maler, schon bekannt war; wir wurden gefallig empfangen, stellten uns in bescheidener Entfernung um den Kunstler her, und sahen was zu sehen war. War das Madchen wirklich so schon? unterbrach mich Lais im Ton der vollkommensten Gleichgultigkeit In der That, antwortete ich in eben dem Ton, schon genug, dass sie mit allen Ehren die Stelle einer von deinen drei Grazien einnehmen konnte. Schmeichler! sagte sie, indem sie mir einen leichten Schlag auf die Schulter gab; ich unterbreche dich nicht wieder.
Als der Maler aufgehort, und die schone Theodota sich in ein Nebengemach begeben hatte, um ihren Anzug wieder in die gewohnliche Ordnung bringen zu lassen, warf Sokrates, in einem ihm ganz eigenen unnachahmlichen Mittelton zwischen Scherz und Ernst, die Frage auf: ob wir, die Zuschauer, der schonen Theodota fur die Erlaubniss ihre Schonheiten in einen so genauen Augenschein zu nehmen, oder Theodota nicht vielmehr uns fur die Beschauung, Dank schuldig sey? und entschied sie, nach Massgabe des ihr oder ihnen wahrscheinlich daraus zuwachsenden Vortheils oder Nachtheils, zu Gunsten der Zuschauer. Immittelst hatte er, seiner Gewohnheit nach, mit seinen weit hervorragenden scharf blickenden Augen das Innere des ganzen Hauswesens ausgekundschaftet; und als Theodota wieder sichtbar ward, machte er ihr sein Compliment uber den reichen und glanzenden Fuss, auf welchem alles bei ihr eingerichtet sey. Das alles setzte er hinzu, muss dich viel Geld kosten, und ein so grosser Aufwand setzt ein grosses Vermogen voraus. Du hast ohne Zweifel ein schones Landgut? Keine Erdscholle, antwortete Theodota etwas schnippisch. "Also vermuthlich ein Haus, das dir ansehnliche Renten abwirft?" Auch das nicht, erwiederte sie, indem sie ein paar grosse Augen an den Mann machte, der einer Unbekannten so sonderbare Fragen vorlegte, und ihr dennoch, seines schlechten Aufzugs ungeachtet, Ehrfurcht und Zutrauen einzuflossen schien. "Aha! Nun versteh ich; du bist Eigenthumerin einer grossen Fabrik, worin eine Menge geschickter Arbeiter Geld fur dich verdienen?" Ich? ich besitze nichts dergleichen. "Wovon kannst du denn einen solchen Aufwand machen?" Die Freigebigkeit meiner guten Freunde, erwiederte sie errothend, und hielt inne "Gute Freunde? Das gesteh' ich! Da hast du allerdings ein grosses Besitzthum. Ein Rudel Freunde ist freilich ein ganz andrer Reichthum als eine Heerde Rinder, Schafe und Ziegen! Aber wie fangst du es an, schone Theodota, dass du so gute Freunde bekommst? Lasst du es auf den Zufall ankommen, ob sich so ein Freund, wie eine Fliege, von ungefahr an dich setzt, oder gebrauchst du etwas Kunst dazu?" Ich verstehe dich nicht; wie kame ich zu einer solchen Kunst? "Wenigstens so leicht als eine Spinne. Du weisst doch wie sie es machen, um sich ihren Unterhalt zu verschaffen? Sie weben eine Art feiner Netze; die Mukken verfangen sich darin, und dienen ihnen zur Speise." Ich soll also auch so ein Netz weben, meinst du? "Warum nicht? Du wirst dir doch nicht einbilden, dass ein so kostliches Wildbret, als gute Freunde sind, dir so ohne alle List und Muhe, mir nichts dir nichts, in die Kuche laufen werde? Siehst du nicht, wie mancherlei Anstalten die Jager machen, um nur einen schlechten Hasen zu erhaschen? Weil der Hase immer bei Nacht auf die Weide geht, schaffen sie sich Hunde an, die bei Nacht jagen; und weil er ihnen bei Tage entlaufen wurde, halten sie Spurhunde, die, wenn er von der Atzung in sein Lager zuruckgeht, seiner Fahrte folgen und ihn dort zu fangen wissen. Weil er so schnellfussig ist, dass er ihnen im Freien gar bald aus den Augen kommt, haben sie Windspiele bei der Hand, die ihn im Laufen fangen; und da er ihnen auch so vielleicht noch entrinnen konnte, stellen sie uberall, wohin er seinen Lauf nehmen konnte, Jagdnetze auf, worein er sich verwickeln muss." Das alles mag zur Hasenjagd sehr dienlich seyn, sagte Theodota mit einem kleinen spottischen Naserumpfen; nur sehe ich nicht, welches von diesen Mitteln mir dienen konnte um Freunde zu erjagen. "Was meinst du, Theodota, wenn du dir statt eines Spurhundes jemand anschaffen konntest, der die Gabe hatte dir die reichen Dilettanten auszuriechen und in deine Netze zu jagen?" In meine Netze? Was fur Netze hatte ich denn? "Das fragst du, schone Theodota? Eines wenigstens gewiss, das auf alle Falle schon weit reicht, und von der Natur selbst gar zierlich gestrickt wurde; und wie kannst du vergessen, dass du in diesem schonen Leibe eine Seele hast, die dich lehren konnte, wie du die Augen brauchen musst um die Manner durch deine Blicke zu bezaubern; was du reden musst um sie aufgeraumt und frohlich zu machen; wie du den, der dich ernstlich liebt, durch die Anmuth deines Betragens fest halten, und den Lustling, der nur in deinen Reizen schwelgen will, abschrecken und entfernen sollst. Und hast du nicht auch ein Gemuth, das dich an deinem Freunde Antheil nehmen macht? Das dich antreibt die zartlichste Sorgfalt an ihn zu verschwenden wenn er krank ist; ihm die lebhafteste Theilnehmung zu zeigen wenn er irgend etwas Ruhmliches gethan hat, und mit ganzer Seele an ihm zu hangen, wenn er dir Beweise gibt, dass auch er es recht herzlich mit dir meine? Ich zweifle nicht, du kannst mehr als nur liebkosen, du kannst auch lieben; und du machst dir ein Geschaft daraus, die Gewalt, die du uber die Gemuther deiner Freunde hast, dazu anzuwenden, sie zu den edelsten und besten Menschen zu machen." Ich versichre dich (sagte Theodota, indem sie den Mund mehr als nothig war aufthat, um uns zwei Reihen der schonsten Perlenzahne zu weisen), von dem allen ist mir nie etwas in den Sinn gekommen. "Das ist mir leid fur dich; denn es ist nichts weniger als gleichgultig, ob man den Menschen gehorig und seiner Natur gemass behandelt, oder nicht. Mit Gewalt wirst du wahrlich keinen Freund weder bekommen noch behalten; das ist ein Wild, das sich nicht anders fangen und an die Krippe gewohnen lasst, als dass man ihm wohl begegnet und Vergnugen macht. Das erste also, worauf du zu sehen hast, ist, dass du von deinen Liebhabern nichts verlangest als was sie dir leicht und mit dem wenigsten Aufwand gewahren konnen; das zweite, dass du ihnen in eben dieser Art keine Gefalligkeit schuldig bleibest. Diess ist ein unfehlbares Mittel zu machen, dass sie dich immer lieber gewinnen, dich desto langer lieben und desto freigebiger gegen dich sind. Du weisst, warum es ihnen eigentlich bei dir zu thun ist; und es ist wohl nicht deine Meinung die Tyrannin mit ihnen zu spielen. Das, wovor du dich huten musst, ist also bloss, vor lauter Gefalligkeit, dem Guten nicht zu viel zu thun. Du siehest dass die lekkerhaftesten Gerichte dem, der keine Lust zum Essen hat, nicht schmecken wollen, und dem Satten sogar Ekel erwecken: kannst du hingegen deinem Gaste Hunger machen, so wird ihm auch gemeine Kost willkommen seyn." Was musst' ich denn thun (sagte Theodota mit der schafmassigsten Miene in einem der schonsten Gesichter), um denen die mich besuchen Hunger zu machen? "Vor allen Dingen dich wohl in Acht nehmen, ihnen wenn sie satt sind nichts weiter vorzusetzen, geschweige sie noch gar nothigen zu wollen. Lassest du ihnen Zeit, so wird der Appetit von selbst wiederkommen; wenn du aber siehest, dass diess der Fall ist, so ubereile dich ja nicht; locke sie durch die artigsten Manieren, die feinsten Liebkosungen: sey lebhaft, reizend, sogar muthwillig; aber entschlupfe ihnen immer wieder wenn sie dich zu haben meinen, und ergib dich nicht eher, bis du gewiss bist dass sie den hochsten Werth auf deine Gefalligkeit legen." Diese Lehre schien der jungen Person einzuleuchten. Wenn nur du, sagte sie und lachelte den alten Herrn so holdselig an als ihr moglich war, wenn nur du mir Freunde jagen helfen wolltest? "Warum nicht, wenn du mich dazu bereden kannst?" Das mochte ich wohl gern, wenn du mir nur sagen wolltest, wie ich es machen muss. "Das ist deine Sache; du musst eine Seite ausfindig machen, wo du mir beikommen kannst." So besuche mich nur recht fleissig, lieber Sokrates! Ich habe nur nicht viel ubrige Zeit, meine gute Theodota, erwiederte Sokrates, der des Scherzens mit der albernen Puppe uberdrussig zu werden anfing; meine hauslichen und offentlichen Geschafte lassen mir wenig mussige Augenblicke. Auch habe ich eine hubsche Anzahl guter Freundinnen, die mich Tag und Nacht nicht von sich lassen wollen, weil ich sie gar wirksame Liebestranke und Zauberlieder lehre. Ei, was du sagst! Verstehst du dich auch auf solche Dinge, Sokrates? "Wie sollt' ich nicht? Meinst du der Apollodor und der Antisthenes hier gehen mir um nichts und wieder nichts nie von der Seite? Oder Cebes und Simmias kommen ohne ihre guten Ursachen bloss meinetwegen bis von Theben hergelaufen? Du begreifst doch dass so was nicht ohne Hexerei und Liebestranke und Zauberschnure moglich ist." So sey so gut und leihe mir eine solche Schnur, damit ich sie gleich auf dich werfen kann. "Ich will aber nicht zu dir gezogen seyn, sagte Sokrates lachelnd, du sollst zu mir kommen." Von Herzen gern, wenn du mich nur annehmen willst. "Das will ich wohl, es ware denn dass eben eine bei mir ware die ich lieber habe." Hier endigte sich dieser in seiner Art einzige Sokratische Dialog;85 wir empfahlen uns und gingen lachend unsres Weges. Schade, sagte Lais, dass so viel Witz und Laune an so ein Attisches Huhnchen verschwendet wurde! Ich hatte mir nie vorgestellt, dass es eine so erzeinfaltige Hetare in einer Stadt wie Athen geben konnte. Das macht, sie ist eine geborne Athenerin, eines ehrsamen Burgers Tochter, so wohl erzogen wie du vorhin sagtest dass die Griechischen Tochter beinahe alle erzogen wurden, und bloss durch Armuth und Hang zum Mussiggang und zur Ueppigkeit verleitet, sich in eine Profession zu werfen, worin sie, ungeachtet aller Muhe, die sich Sokrates selbst mit ihr gegeben, schwerlich jemals eine Virtuosin zu werden die Miene hat.
Aber weisst du, sagte Lais, dass ich ganz verliebt in deinen Sokrates bin, und grosse Lust habe, dich nach Athen zu begleiten und seine Schulerin zu werden? Beim Anubis! fuhr ich etwas unbesonnen heraus, ich traue dir Muthwillen genug zu, einen solchen Einfall, wenn er dich anwandelt, auszufuhren. Niemand kann eine grossere Meinung von deiner Zaubermacht haben als ich; ich glaube dass dir alles mogliche moglich ist; und doch wollte ich dir nicht rathen, diese Probe an dem kaltblutigsten Achtundsechziger, den vermuthlich der Erdboden tragt, zu machen falls es dich etwa verdriessen konnte wenn sie fehl schluge. Reize mich nicht, Aristipp! versetzte sie; wer weiss wie weit ich es, trotz seiner achtundsechzig Jahre und seiner Kaltblutigkeit, mit Hulfe seiner eigenen Theorie, bei ihm bringen konnte?
Ich schmeichle mir, Freund Kleonidas, durch die grossmuthige Vertraulichkeit, womit ich dich an meinem neuen Verhaltniss und der schonen Lais Theil nehmen lasse, einigen Dank von dir zu verdienen; und in dieser gerechten Voraussetzung konnt' ich mich leicht zu der angenehmen Arbeit entschliessen, eine Art von Tagebuch uber alles Merkwurdige, was wahrend meines Aufenthalts in Aegina vermuthlich noch begegnen wird, fur dich zu halten. Freilich werd' ich wenig Zeit zum Schreiben haben, und grosse Arbeitsamkeit ist leider auch keine meiner glanzendsten Tugenden. Ich will mich also zu nichts anheischig gemacht haben. Ich uberlasse mich, wie du weisst, am liebsten den Eingebungen des Augenblicks, und so thue ich oft mehr als ich mir selbst zugetraut hatte.
Mein Wirth Eurybates, der sonst mit Sokratischen Tugenden eben nicht schwer beladen ist, besitzt wenigstens Eine, und gerade die, wodurch er sich jetzt am meisten um mich verdient machen kann, in einem hohen Grade; und das ist die edle Tugend, seinen Freunden nicht durch ubermassige Dienstgeflissenheit lastig zu seyn, und sie ihrer Wege gehen zu lassen, wenn er merkt dass ihnen ein Gefallen damit geschieht. Ich gestehe dass mir anfangs ein wenig bange war, ich mochte ihn bei der schonen Lais in meinem Wege finden. Aber nichts weniger! man sieht ihn nie in ihrem Hause als wenn sie grosse Gesellschaft hat, und auch dann ist er eine ziemlich seltene Erscheinung, und oft schon wieder verschwunden, ehe man seine Gegenwart recht gewahr wurde. Auch zeigt er nicht die geringste Neugier, von meinem Verhaltniss gegen sie mehr zu wissen als andere. Kurz, es ist etwas ganz Exemplarisches, wie wenig wir einander mit unsrer Freundschaft beschwerlich sind. Ohne Zweifel wundert dich eine solche Gleichgultigkeit gegen eine Nachbarin, wie es keine andere in der Welt gibt? Es ging mir wie dir; ich erkundigte mich unter der Hand ein wenig nach seinem Thun und Lassen, und es entdeckte sich, als ein neues Beispiel der Unlauterkeit aller menschlichen Tugenden, dass mein Freund Eurybates bis uber die Ohren in Liebe zu einer Dame in Aegina, der Frau eines dasigen Rathsherrn, befangen ist, die ihn so kunstlich bei der Nase herumzufuhren weiss, dass er sich ihr fur das Opfer ihrer Tugend zu granzenloser Erkenntlichkeit verbunden glaubt, wahrend die gleissnerische Spitzbubin einen geheimen Plan mit ihrem ehrenfesten und wohlweisen Gemahl angelegt hat, ihm ihre besagte Tugend so theuer zu verkaufen, dass er sich fur das, was sie ihn kostet, das schonste Haus, die schonsten Gemalde und Statuen, die schonsten Pferde und Hunde, und ein Halbduzend der schonsten Tanzerinnen und Flotenspielerinnen im ganzen Achaja hatte anschaffen konnen; wiewohl noch viel fehlt, dass sie die schonste Frau auch nur in Aegina ware. So spielt "der Gotter und der Menschen Herrscher Amor" einem Abkommling des grossen Kodrus mit, mein Freund.
15.
An Kleonidas.
Vor einigen Tagen langte ein junger Kunstler aus Paros auf dem Landsitze der schonen Lais an, um ihr eine beinahe vollendete Venus von Parischem Marmor zu uberbringen, welche Leontides, kurz vor seiner Reise in das Land, aus welchem man nicht wiederkommt, bei ihm bestellt hatte. Sie war fur einen kleinen Tempel in dem Myrtenwaldchen bestimmt, das einen Theil der weitlaufigen Garten dieser schonen Villa ausmacht; und Lais hatte auf Verlangen ihres Patrons zum Modell dazu dienen mussen. Es versteht sich, dass diese Venus zwar nur hier und da von einem nebelartigen Gewand umflossen, aber doch nicht gewandlos ist; denn zu einer noch grossern Gefalligkeit hatte sich die junge Dame schlechterdings nicht bequemen wollen. Die Stellung, die der Eupatride selbst gewahlt hat, und die dir keine schlechte Meinung von seinem Geschmack geben wird, ist der Augenblick, da die junge Gottin zum erstenmal in der Olympischen Gotterversammlung erscheint. Die Ausfuhrung lasst von dem jungen Kunstler, der sich Skopas86 nennt, noch viel Schones und Grosses erwarten; aber schwerlich wird er jemals etwas Vollkommneres aufstellen, als der Kopf und der halb entblosste Oberleib dieser Liebesgottin ist. "Man verlangt von uns," sagte mir Skopas, dass wir gottliche Naturen nach einem hohern Ideal bilden sollen als was die menschliche im Einzelnen darstellt: aber hier war die Rede nicht davon mein Modell zu verschonern; mir war nur bange dass ich es nicht wurde erreichen konnen, und in der That bin ich noch nicht mit mir selbst zufrieden. Ich der das Werk freilich mit keinem Kunstlerauge ansah, wusste, sogar wenn Lais dabei stand, nichts zu finden, worin es dem Urbilde noch ahnlicher seyn konnte. Selbst den Geist, der die Beschauer anzusprechen scheint, ein wundervolles unbeschreibliches Gemische von jungfraulicher Befangenheit und innigem Selbstbewusstseyn dessen was sie ist, hat er aus dem Zaubergesichte meiner schonen Freundin herausgestohlen; gleich beneidenswurdig, es mag Geschicklichkeit oder Gluck seyn, wodurch es ihm gelang. Fuhlt ihr's, scheint sie den um sie her sich drangenden Gottern zu sagen, dass ich die Gottin der Schonheit bin?
Dieser Skopas ist ein sehr interessantes Wesen fur mich, und wiewohl viel fehlt, dass ich es auch fur ihn seyn musste, so scheint er doch einiges Belieben an meiner Unterhaltung zu finden, und ich bringe taglich etliche Stunden in seiner Werkstatt zu. Denn ausser der besagten Venus hat er noch eine Gruppe des Eros und Anteros, und einige Stucke in halberhabener Arbeit zu fertigen, die fur den kleinen Tempel bestimmt sind. Er ist ein helldenkender Kopf, und hat (wie ich sehe) ohne es von Sokrates gelernt zu haben, ausfindig gemacht, dass ein Bild eben so wohl seine eigene Seele zu haben und dessen was es vorstellen soll, sich bewusst zu seyn, als Leben zu athmen, scheinen musse. Seiner Versicherung nach, hat er es dem beruhmten Sophisten Prodikus zu danken, dass er von Natur und Kunst, und von dem was fur den Menschen in beiden das Hochste ist, klarere Begriffe hat als die meisten seiner Kunstverwandten. Lais ist nicht selten die dritte Person in seinem Arbeitsaale, und wenn ich zur Eifersucht geneigt ware, so kam' es bloss auf mich an, in dieser hasslichen Leidenschaft schnelle und grosse Fortschritte zu machen. Denn es ist nicht zu laugnen, dass Skopas durch seine Venus sich eine Art von Recht an sie erworben hat, und ich musste mich sehr irren, oder er hat auf ihre Dankbarkeit um so sicherer gerechnet, da er wirklich ein liebenswurdiger junger Mann, und, dem Ansehen nach, von unverdorbenen Sitten ist. Wie ich mich in dieser Lage benehme, fragst du? wie ein weiser Mann, Kleonidas! Ich scheine nichts zu merken, nichts zu furchten, nichts vorauszusehen; bin offen und vertraulich gegen meinen Nebenbuhler, freundschaftlich und anspruchlos gegen die Dame des Hauses, und glaube durch dieses Betragen bei der letztern desto mehr zu gewinnen, da der gute Skopas (wie alle Gottermacher, denke ich) ziemlich hitzig ist, und einen zu seinem Nachtheil begunstigten Mitwerber nicht so leicht ertragen konnte als ich, der sich's zum Gesetz gemacht hat, den Grazien keine Gunst weder abverdienen, noch viel weniger abnothigen zu wollen. Dass wirkliche Gleichgultigkeit die Quelle meiner anscheinenden Ruhe seyn konnte, ist ein Gedanke, der ihr gar nicht in den Sinn kommt.
Gestern traf Lais die Einrichtung, dass wir den ganzen Tag ungestort allein beisammen seyn konnten, weil Skopas noch eine Sitzung nothig fand, um den Kopf seiner Venus zu vollenden. Gleichwohl schien er selbst nicht recht zu wissen, was noch fehlen sollte, und begnugte sich indessen, hier und da mit leisen Schlagen an den Haarlocken herum zu spielen. In der That hatte er etwas ganz anderes auf dem Herzen, und weil ihm vermuthlich keine feinere Wendung, um die Sache einzuleiten, beifallen wollte, fing er zuletzt an, eine Art von missmuthiger Laune zu zeigen, zu welcher nirgends ein sichtbarer Grund vorhanden war. Was fehlt dir, Skopas? fragte ihn Lais endlich in einem so sanften Ton, als ein ubellauniger Ehemann von der geduldigsten Gattin nur immer verlangen konnte. "Ich kann es nicht langer verbergen, ich bin argerlich, dass einem Bilde wie diess etwas fehlen soll." Und was fehlt ihm denn noch? fragte ich so bescheiden als einem in den Mysterien der Kunst Uneingeweihten gebuhrt. Alles, antwortete Skopas. Alles ist viel, sagte Lais mit einem komischen Zucken der Augenbrauen und Lippen: arme Aphrodite! da mussten wir dich ja gar in irgend einen unzugangbaren Gartenwinkel verbannen?
S k o p a s . Genug, es fehlt ihr dass sie nicht so schon ist als sie seyn konnte; ich nenne diess Alles.
L a i s . Erklare dich, lieber Skopas. Du siehest mehr als wir andern. Glaubst du noch etwas verbessern zu konnen? Bricht sich vielleicht irgend eine Falte nicht zierlich genug? Ich will dir gern noch stehen, so oft und lange du es nothig findest.
Eine Falte? sagte Skopas mit einem schweren Seufzer; die Falten sind es eben was mich argert; die Gottin der Schonheit sollte gar keine Falten haben!
L a i s . Also ein nasses Gewand, meinst du?
S k o p a s . Wozu uberall ein Gewand? Kann das verwunschte Gewand, wie leicht es auch geworfen ist, etwas anders thun als die Schonheit umwolken, die, vermoge ihrer Natur, nichts, was nicht wesentlich zu ihr gehort, an sich dulden kann?
L a i s . Kommst du wieder auf deine alte Grille?
S k o p a s . Verzeih', schone Lais! dass die Gottin der Schonheit auch durch die zierlichste Bekleidung verliert, ist Natur der Sache; das Grillenhafte es muss nun einmal heraus ist die falsche Scham, die eines edlen und freidenkenden Wesens unwurdig ist. Dass ein einfaltiges Ding von einem Attischen Burgermadchen, wiewohl es sich den Augen der Kunstler ohne Bedenken stuckweise vermiethet, sich mit Zahnen und Klauen wehrt, wenn es sein letztes Gewand fallen lassen soll, begreift sich und hat immer seine guten Ursachen. Aber was fur einen Grund konnte eine untadelige Schonheit haben, sich verbergen zu wollen? Ohne Verschleierung gesehen zu werden, ist ja ihr hochster Triumph.
L a i s . Und wenn sie nun keine Lust hatte sich dem moglichen Fall auszusetzen, von lusternen Augen entweiht zu werden?
S k o p a s . Das ist als wenn die Sonne nicht leuchten wollte, um ihr Licht zu keinen schlechten Handlungen herzugeben. Vollkommene Schonheit ist das Gottlichste in der Natur; so betrachtet sie das reine Auge des wahren Kunstlers, so jeder Mensch von Gefuhl; fur beide ist sie ein Gegenstand der Anbetung, nicht der Begierde.
L a i s . Das mag von der Gottin selbst gelten, Skopas; aber welche Sterbliche durfte sich ohne Uebermuth einer vollkommenen Schonheit vermessen?
S k o p a s . Wenn diess deine einzige Bedenklichkeit ist, so hab' ich gesiegt. Ich nehme die Verantwortung bei der furchtbaren Nemesis auf meinen Kopf.
L a i s . Komm mir zu Hulfe, Aristipp! du siehst mit was fur einem verwegenen Menschen ich zu kampfen habe.
A r i s t i p p . Ich furchte sehr, du wirst einen schwachen Beschutzer an mir haben. Der Genius der Kunst ist auf seiner Seite; das Rathsamste ware, daucht mich, einen gutlichen Vergleich mit ihm zu treffen.
L a i s (in einem tragischen Ton). Auch du gegen mich, du den ich fur meinen Freund hielt? Nun dann, wenn ich ja das Opfer seines Eigensinns werden soll.
S k o p a s . Um Vergebung, schone Lais! Ich fuhle dass mich das Interesse meiner Bildsaule und der Kunst uber die Gebuhr zudringlich gemacht hat. Ich besinne mich. Es ware allerdings unbillig in der That am Ende bist auch du nur eine Sterbliche
A r i s t i p p . Mir fallt ein Ausweg ein, der, wofern er deinen Beifall hat, schone Lais, den Kunstler zufrieden stellen konnte. Wenn mich meine Augen nicht sehr getauscht haben, so ist unter deinen Aufwarterinnen eine, welche vollig deine Grosse hat, und, die Gesichtsbildung ausgenommen, dir an Gestalt so ahnlich ist, dass sie in einiger Entfernung leicht mit dir verwechselt werden konnte. Wie wenn du diese an deiner Statt der Kunst Preis gabest?
S k o p a s . Dem Aristipp ist's zu verzeihen, einen solchen Vorschlag gethan zu haben; ich machte mich des Namens eines Kunstlers auf immer unwurdig, wenn ich ihn annahme. Meine Venus muss in sich selbst vollendet, muss (so zu sagen) eine reine Auflosung des Problems der Schonheit seyn; nicht das leiseste Missverhaltniss darf die vollkommne Symmetrie aller Theile und die hochste Einheit des Ganzen storen.
L a i s . Dieses Ungluck ist leicht zu verhuten. Wir lassen das Bild, wozu ich selbst, weil es mein ehmaliger Gebieter wollte, zum Modell dienen musste, wie es ist, wenig und leicht genug bekleidet, sollt' ich denken, um einen nicht gar zu eigensinnigen Kunstliebhaber zu befriedigen; und weil Skopas so grosse Lust hat, seine Idee einer vollkommenen Schonheit in einer ganz enthullten Aphrodite darzustellen, so uberlasse ich ihm meine Lesbia dazu. Ihr Gesicht mag wohl einiger Verschonerung fahig seyn: aber dafur bin ich gut, dass er im ganzen Griechenland und allen seinen Inseln keinen schonern Korper finden soll.
S k o p a s . Als den, dessen Halfte in diesem Bilde eine jede andere, als die Gottin selbst, eifersuchtig machen muss.
L a i s . Da mich Skopas aus billiger Rucksicht dass ich doch nur eine Sterbliche bin, und also meine geheimen Ursachen haben kann, ein fur allemal dispensirt hat, so kann von mir nicht mehr die Rede seyn.
Ungutige Lais, rief Skopas, gewiss zweifelst du nicht, dass das in einer ganz andern Absicht gesagt wurde?
Wirklich? versetzte sie mit einer naiven Miene, deren Ironie der junge Mann nur zu stark zu fuhlen schien; aber was sollte man einem so heissen Liebhaber seiner Kunst nicht zu gut halten? Und wie konnt' ich dir meinen Dank fur deine andere Absicht thatiger beweisen, als indem ich dir in meiner Lesbia eine so reiche Entschadigung anbiete? Diess war zu viel fur die Empfindlichkeit und den Stolz eines Kunstlers, der sich auf einmal, wiewohl durch seine eigene Unvorsichtigkeit, von einer schon nahe geglaubten Hoffnung herabgesturzt sah. Ich werde mein Aeusserstes thun (sagte er, sich vergeblich bemuhend ihre Ironie mit einer eben so naiven Miene zu erwiedern), um dich von dem hohen Werth zu uberzeugen, den ich auf die reiche Entschadigung lege, die du mir versprichst. Ich gehe mit deiner Erlaubniss sogleich, um zu dem neuen Werke, das du mir auftragst, Anstalt zu machen.
Was fur ein reizbares Volkchen diese Gotter- und Menschenbildner sind, sagte Lais als Skopas sich entfernt hatte. "Du musst es ihm zu gute halten, schone Lais; er fiel auf einmal von einer so schonen Hoffnung herab!" Aber that ich nicht wohl daran, fuhr sie fort, dass ich seinem grillenhaften Eigensinn nicht nachgab? Wenn ich meine Meinung unverhohlen sagen soll, erwiederte ich, so ist die Idee der Gottin der Schonheit, wie sie unter den Handen ihrer Dienerinnen, der Grazien, mit ihrem Gurtel geschmuckt hervorgeht, erst lebendig in mir geworden, seitdem ich dieses Bild gesehen habe. Skopas hat unstreitig Recht, wenn er behauptet, dass die Bekleidung der Schonheit insofern nachtheilig ist, als sie uns die reinen Formen der bedeckten Theile mehr oder weniger entzieht, und das Ganze mehr errathen als sehen lasst. Aber er hat Unrecht zu vergessen, dass Schonheit mit Grazie in Eins verschmolzen eine viel starkere Wirkung thut; und ich wenigstens bin uberzeugt, dass eine Bekleidung wie diese hier (die Bildsaule stand uns gegenuber) gerade das ist, was jene Vereinigung bewirkt und einen grossen Theil ihres Zaubers ausmacht. Wahrend sie die Schonheit des Unverschleierten dem aussern Sinn auffallender macht, setzt sie zugleich den innern in Bewegung, und verdoppelt das Vergnugen des Anschauers, indem sie die Einbildungskraft beschaftigt, mit leiser lusterner Hand den neidischen Schleier von dem Verhullten wegzuziehen.
L a i s . Das ist es eben was ich meinte.
I c h . Und was ich nicht hatte sagen sollen, denn ich rede gegen mein eigenes Interesse. Vielleicht hattest du mir erlaubt zugegen zu seyn, wenn du dem Verlangen des Skopas nachgegeben hattest? Du sollst nichts dabei verlieren, dass es nicht geschehen ist, sagte sie, indem sie mir die Hand reichte, und mich durch eine kleine Galerie in einen anmuthigen, einsamen Theil des Gartens fuhrte; ich glaube zu fuhlen, dass wir dazu geboren sind Freunde zu seyn. Es gibt keine ewige Liebe; aber Freundschaft ist ewig, oder verdiente diesen Namen nie. Der Altar hier ist dieser Unsterblichen geheiligt. Hier, Aristipp, lass' uns schworen, Freunde zu bleiben so lange wir leben, und dieser erste Kuss sey das Siegel unsers schonen Bundes.
Beneide mich nicht zu sehr, guter Kleonidas! Lais ist eine grosse Zaubrerin; sie lasst immer noch viel zu wunschen ubrig, und indem wir uns trennen mussen, wundre ich mich hintennach, wie wenig das war, wodurch sie mich so glucklich wie einen Gott gemacht hatte.
16.
An Kleombrotus von Ambracien.
Ich danke dir, Lieber, fur die guten Nachrichten, die du mir von unsern Freunden gibst. Mir ist angenehm dass sie die Dauer der Poseidonien zu Aegina so genau ausrechnen; ich nehme es als ein Zeichen ihrer Zuneigung auf, dass sie mich so bald zuruck verlangen, wiewohl mir leid ware, wenn sie aus meinem langen Ausbleiben (wie sie es nennen) das Gegentheil von mir vermuthen wollten. Die Zeit ist vielleicht das zauberartigste Ding in der ganzen Natur, wenn man anders ein Ding nennen kann, was das, was es ist, bloss durch unsre Einbildung und unsern Massstab wird. Eben dieselbe Zeit, sagt man, die dem Einen eine Stunde daucht, dunkt87 dem Andern ein Augenblick, dem Dritten ein Tag, dem Vierten ein Jahrhundert. Ich denke man konnte eben so gut sagen, sie ist es, fur den namlich, dem sie es daucht; denn dass sie einem andern mehr oder weniger ist als mir, gibt ihm kein Recht zu fordern, dass es mir auch so seyn soll. Ich bin nun bereits lass sehen! zwanzig ..... funfundzwanzig ... achtundzwanzig ... wahrlich, beim grossen Poseidon! einunddreissig Tage hier, und ich versichre dich, heute am Morgen des zweiunddreissigsten, ist mir ich hatte die achtundzwanzig nur getraumt und sey erst vor drei Tagen in Aegina angekommen.
Was fur ein Zauber kann das seyn, fragst du, der den kaltblutigen Aristipp zu einem solchen Schwarmer zu machen vermag? Komm und siehe! Du bist zu nahe bei mir, um zu erwarten, dass ich Stunden, die ich besser anwenden kann, Stunden die fur mich nur Augenblicke und gleichwohl, dem Sonnenzeiger nach, volle Stunden von dreitausend und sechshundert Pulsschlagen sind, dazu verschwenden werde, dich mit schonen Beschreibungen, wie wohl mir's hier geht, zu unterhalten. Komm heruber, lieber Kleombrotus; was hast du in Athen zu versaumen? oder kannst du nicht, wenn du es recht anfangst, fur das, was du versaumst, uberall Ersatz finden? Was wir in unserm Cirkel zu Athen philosophiren nennen, ist eine sehr gute Sache; nur zu viel ist nicht gut. Auch Aegina wird von den Musen besucht; du wirst sie mitten unter uns, oder uns mitten unter ihnen finden; und (was bei euch nicht immer der Fall ist) Arm in Arm mit den Grazien, und von Amorn mit Blumenketten gebunden. Du bedarfst einer kleinen Unterbrechung deiner gewohnlichen Studien, die du mit einem so enthusiastischen Eifer betreibst, dass dein Magen und Unterleib, und (unter uns gesagt) dein Kopf selbst in Gefahr dabei gerathen. Auch darf ich dir nicht verhalten, dass mir vor dem feinen Netz ein wenig bange ist, womit die weise Aspasia dich zu umspinnen sucht. Fahre nicht auf, Lieber, und mache kein solches Gesicht an mich, als ob ich den Tempel zu Delphi beraubt, oder die Geheimnisse der Eleusinischen Gottinnen verrathen hatte! Aspasia ist unlaugbar eine Frau von vieler und langer Erfahrung; von hohem Geist, grosser Menschenkenntniss und feiner Lebensart, eine Meisterin in der Kunst zu reden und zu uberreden; wahrlich, der klugste unter den dermaligen Demagogen zu Athen musste noch lange bei ihr in die Schule gehen, bis er ihr alle die feinen Kunstgriffe abgelernt hatte, womit sie vor dreissig Jahren den Mann, der Griechenland regierte, zu regieren wusste. Kurz, ich weiss alles, was du mir zur Rechtfertigung der hohen Meinung, die du von ihr gefasst hast, sagen kannst. Aber was du nicht weisst, nicht siehst, nicht eher bis es zu spat ist sehen wirst, ist, dass die Freundschaft, die sie dir zeigt, nicht ganz so uneigennutzig ist, als du dir einbildest. Denke nicht, sie habe immer so exemplarisch gelebt, wie sie jetzt zu leben scheint, da sie als Wittwe von zwei Athenischen Demagogen ihren sechzigsten Sommer herannahen sieht. "Ihren sechzigsten Sommer? rufst du aus; das ist unmoglich, wenn sie nicht von Heben oder Auroren das Geheimniss, niemals alt zu werden, zum Geschenk erhalten hat." Das Geheimniss liegt in einem halben Duzend Alabasterbuchschen auf ihrem Putztische, mein Freund. Glaube mir, ich kenne diesen Schlag von Weibern, und die Art, wie sie sich fur die Muhe, ihre jungen Freunde zu bilden und in die Welt einzufuhren, bezahlt zu machen pflegen, und ich konnte dir ein Lied davon singen, wiewohl mich keine von ihnen je gefangen hat. Mit dir ist's ein anderes, mein lieber Enthusiast. Du bist (mit Erlaubniss zu sagen) eine unschuldige schwarmerische Motte, die dem Lichte zufliegt, weil sie von seinem Schein entzuckt ist, und nicht eher erfahrt dass es auch brennt, bis sie mit versengten Flugeln am Boden zappelt. Lass' dich warnen, Freund Kleombrotus; und wenn du jetzt, wie ich nicht zweifeln will, mit gewarnten Augen Entdeckungen machst, die dir meine Meinung von den Absichten der weisen Dame bestatigen, so eile dich von ihr loszuwinden, und komm' zu mir heruber. Solltest du einen Vorwand dazu nothig zu haben glauben, so brauchst du ja nur ein Geschaft auf einer der Aegeischen Inseln vorzuschutzen, und du begleitest mich dann auf der Reise, die ich in kurzem antreten werde, um die betrachtlichsten und beruhmtesten derselben, Delos, Naxos, Samos, Chios und Lesbos zu besuchen. Fremde, wie wir, haben ohnehin den Cekropiden keine Rechenschaft zu geben, wenn wir ihr schones, oltriefendes, veilchenbekranztes Athen wieder zu verlassen fur gut finden; wiewohl sie keinen Begriff davon zu haben scheinen, wie man auch anderswo, wo man nicht um zwei oder drei Obolen von Sardellen, Gerstenbrot und Knoblauch lebt, ein menschliches Leben fuhren konne.
17.
An Antisthenes zu Athen.88
Wie ich hore, wird die unvermuthete Verlangerung meines Aufenthalts zu Aegina von meinen Freunden in Athen nicht gebilliget. Man erwartete, dass ich mit Eurybates, den ich dahin begleitet hatte, wiederkommen wurde, und die Auskunft, die er uber die Ursache meines Zuruckbleibens gab, wiewohl ich nicht zweifle, dass sie mit der Wahrheit ubereinstimmt, scheint seiner Absicht, mich dadurch zu rechtfertigen, nicht entsprochen zu haben. Du hast, wie ich hoffe, nicht vergessen, Antisthenes, dass die Strenge deiner Grundsatze das Zutrauen, das du mir schon in der ersten Stunde unsres Zusammentreffens zu Olympia einflosstest, seit dieser Zeit so wenig vermindern konnte, dass sie vielmehr der Grund ist, warum ich mich immer, vor allen andern Freunden des ehrwurdigen Sokrates, vorzuglich an dich angeschlossen habe. Ich weiss sehr wohl, dass meine Jugend und eine gewisse mir angeborne Sorglosigkeit, die ziemlich nahe an Leichtsinn granzen mag, zuweilen der Zucht eines strengen Freundes bedarf: indessen, wie bescheiden einer auch von sich selbst denkt, kann es ihm doch nicht gleichgultig seyn, wenn sein Charakter (vorausgesetzt er habe einen) von denen verkannt wird, mit welchen er am meisten umgeht; und ich gestehe gern, dass die Gerechtigkeit, die du mir widerfahren lassest, indem du nicht verlangst, dass ich etwas anders als das Beste wozu mich die individuelle Form meiner Natur fahig macht, in meinem Leben darstelle, im Grunde die wahre Ursache meiner Anhanglichkeit an dich ist, und dass die Strenge deiner Moral mich langst von dir entfernt hatte, wenn sie nicht durch eine billige Schatzung meines wirklichen Werths gemildert wurde.
Ich weiss nicht, warum unser Meister, den ich (wie du mir bezeugen kannst) hochlich ehre und liebe, fur gut befunden hat, mich immer in einer gewissen Entfernung von sich zu halten. Hat mir etwa sein Damonion einen schlimmen Streich bei ihm gespielt? oder entdeckte sein Scharfblick einige Aehnlichkeit zwischen mir und einem seiner ehmaligen Lieblinge, von welchem er sich in seinen Erwartungen am Ende ubel betrogen fand? Oder ist ihm irgend ein Zug in meiner Physiognomie zuwider? Was es auch sey, genug ich fuhle mich, ohne meine Schuld, wie mich dunkt, zuruckgehalten, so offen gegen ihn zu seyn als ich wunschte, und wende mich daher lieber an dich, um durch deine Vermittlung bei ihm gerechtfertigt zu werden, wenn es mir gelingen sollte, mich zuvor bei dir selbst zu rechtfertigen.
Meine Sokratischen Freunde oder wie soll ich sie nennen? scheinen, wenn sie uber mich Gericht halten, zu vergessen, dass jeder Mensch, ausser dem allgemeinen Mass der Menschheit, noch sein eigenes hat, womit er gemessen werden muss, wenn man das, was sich fur ihn schickt oder nicht schickt, richtig beurtheilen will. Ich bin weder ein Athener, noch Thebaner, noch Megarer, weder eines Steinmetzen, noch Gerbers, noch Wurstmachers Sohn; sondern ein Cyrener aus einer Familie, die unter ihren Mitburgern in Ansehen steht und sehr begutert ist. Ich bin, diesen Umstanden gemass, nach Cyrenischer Weise erzogen worden; und es ware daher nicht ganz billig, eben dieselben Anlagen und Gewohnheiten in Rucksicht auf manche Dinge, die zum menschlichen Leben gehoren, von mir zu fordern, als von einem in Durftigkeit und Schmutz aufgewachsenen und an Entbehrungen aller Art gewohnten Jungling. Indessen habe ich zu Athen Jahre und Tage lang gezeigt, dass ich eben so gut von zwei oder drei Obolen des Tags leben kann als ein anderer; nur sehe ich nicht, warum ich uberall und immer so leben soll, oder warum ein kurzer Caputrock ohne Unterkleid fur das einzige und ausschliessliche Costume der Philosophie gelten musste. Ich achte mich bei Linsenbrei und Salzfisch fur keinen bessern, und bei einer Mahlzeit fur achtzig oder hundert Drachmen fur keinen schlechtern Menschen als ich sonst bin; und wenn ich es dahin bringe, dass ich auf jede Weise leben kann, im Ueberfluss ohne Uebermuth und Ausschweifung, in Einschrankung auf das Unentbehrlichste ohne Storung meiner guten Laune oder Abwurdigung meines Charakters, so denke ich, alles, was ein vernunftiger Mensch in diesem Stucke von sich selbst fordern kann, erreicht zu haben. Doch diess ist nicht der Hauptpunkt. Die grosse Frage ist: was fur einen Zweck habe ich mir uberhaupt fur mein kunftiges Leben vorgesteckt? und hier ist meine Antwort. Ich bin ein freigeborner Mensch, und, trotz unserm barbarischen Volkerrecht, als ein solcher sollte jeder Mensch betrachtet und behandelt werden. Dass ich ein geborner Burger in Cyrene bin, macht mich nicht zum Sklaven von Cyrene; ich bin auch als Burger der allgemeinen menschlichen Gesellschaft geboren, und in dieser grossen Kosmopolis ist Cyrene nur ein einzelnes Haus. Da mir der Zufall Vermogen genug fur meine Bedurfnisse zugeworfen hat, warum sollt' ich diess nicht als eine Erlaubniss ansehen, in Erwahlung einer Lebensart und Beschaftigung bloss meinem innern Naturtriebe zu folgen? In meinen Augen ist es noch mehr als Erlaubniss; es ist ein Wink, ein Gebot des Schicksals, mich zu der edelsten Lebensart zu bestimmen; und die edelste, fur mich wenigstens (denn von mir ist jetzt bloss die Rede) ist nach meiner Ueberzeugung, als Weltburger zu leben, das heisst, ohne Einschrankung auf irgend eine besondere Gesellschaft, mich den Menschen bloss als Mensch so gefallig und nutzlich zu machen als mir moglich ist. In dieser Gesinnung und mit diesem Zweck ging ich aus Cyrene in die weite Welt, um vor allen Dingen die Menschen kennen zu lernen, unter denen ich leben will, und mir so viele Kenntnisse und Geschicklichkeiten zu meinem und ihrem Nutzen und Vergnugen zu erwerben, als Fahigkeit, Zeit und Umstande nur immer gestatten werden. Der Ruf des weisen Sokrates zog mich zuerst nach Athen; aber wahrlich nicht in der Meinung, mich einer Schule oder Secte zu verpflichten, oder einem einzelnen Menschen mehr Recht und Macht uber mich einzuraumen, als ich ihm entweder freiwillig zu uberlassen geneigt, oder jedem andern zuzugestehen schuldig bin. Ich kam als ein schon ziemlich gebildeter und keineswegs unwissender Jungling nach Athen, und machte mir die Erlaubniss, welche Sokrates allen gutartigen und lehrbegierigen jungen Leuten gibt, ihn zu besuchen und um ihn zu seyn, so viel zu Nutze, als mir zu der Absicht, weiser und kluger in seinem Umgange zu werden, nothig schien; ohne darum andern nutzlichen und angenehmen Verhaltnissen auszuweichen, in welche ein junger Fremdling meiner Art in einer Stadt wie Athen zu kommen so viele Gelegenheit findet. Nach einem zweijahrigen ununterbrochnen Aufenthalt in dieser ehmaligen Hauptstadt der gesitteten Welt, lockt mich das Bedurfniss einer kleinen Veranderung nach Aegina. Zufalligerweise treffe ich da eine junge Frau an, mit welcher ich schon vor zwei Jahren zu Korinth bekannt geworden war; eine Frau, deren geringster Vorzug ist, dass Griechenland nie eine schonere gesehen hat. Sie ist die nachste Nachbarin des Landhauses, wo ich wohne. Sie versammelt ofters auserlesene Gesellschaft in dem ihrigen, und sie selbst ist die unterhaltendste Gesellschaft, die sich ein Mann, und wenn er Sokrates selbst ware, nur immer wunschen konnte. Wir finden Geschmack an einander, wir sehen uns ofters, wir werden Freunde. Wohlgebrauchte Zeit fliegt schnell dahin. Eurybates, von dringenden Geschaften gerufen, geht nach Athen zuruck; Aristipp, der keine dringenden Geschafte hat, bleibt zu Aegina. Was ist in diesem allen Anstossiges? oder Aristipps, Aritades Sohns von Cyrene und Gesellschafters des weisen Sokrates, Unwurdiges? "Aber diese schone Dame, die so viel Geschmack an dir gefunden hat, und fur deren Freund du dich erklarst, ist eine Hetare." Nun ja, wie Korinne, wie Sappho, wie Aspasia von Milet, bevor Perikles sie zu seiner Gemahlin machte, eine Hetare war; eine Gesellschafterin (das ist doch die Bedeutung des Wortes?), mit welcher euer Solon selbst, der Erfinder des Namens, den Rest seines Lebens mit Freuden ausgelebt hatte. Was kummern mich eure Namen? Fur mich ist sie das, wozu Natur und Ausbildung, und die verschwenderische Gunst aller Musen und Grazien sie gemacht haben. Ihresgleichen wird selbst in dem schonen Lande, wo sie das Licht zuerst erblickte, nur alle tausend Jahre geboren. Und ich, dessen einziges Geschaft ist, die Menschen und sich selbst in allen Verhaltnissen, die er zu ihnen und sie zu ihm haben konnen, zu studiren, ich sollte eine solche Gelegenheit nicht benutzen? Entschuldiget mich, lieben Freunde, wenn ich diessmal viel mehr meinem Genius folge, als euerm Urtheil oder Vorurtheil! Es wird vermuthlich nicht das letztemal seyn. Vor der Gefahr, dass mich diese Circe unaufloslich an sich fesseln, oder gar in einen Gefahrten des Ulysses verwandeln werde, seyd ohne Sorgen. In drei Tagen geht die schone Lais nach Korinth zuruck, und Aristipp tritt seine Reise nach den Cykladen an.
18.
Antwort des Antisthenes.
Nach Empfang deines Briefes, mein junger Freund, glaubte ich nicht besser thun zu konnen, als wenn ich ihn dem Sokrates selbst zu lesen gabe, fur welchen er doch eigentlich geschrieben zu seyn schien. Nachdem er ihn, bei einigen Stellen lachelnd, bei andern den Kopf ein wenig wiegend, uberlesen hatte, sagte er, indem er mir den Brief zuruckgab: unser Freund Aristipp ist erstarkt, und kennt den Weg, den er gehen will, so gut, dass er weder eines Fuhrers noch Wegweisers bedarf. Wenn Cyrene keine Anspruche an ihn macht, wie sie wohl schwerlich machen wird, so sehe ich nicht, warum er nicht eben so wohl als ein Weltburger sollte leben konnen, wie irgend ein Vogel in der Luft, der sich auf welchen Baum er will setzt, und sich ubrigens nur vor Leimruthen und Schlingen in Acht zu nehmen hat. Mit uns Athenern ist es ein anderes. Wir andern sind zu Burgern von Athen geboren, und hangen nur als Athenische Burger mit der ubrigen Welt zusammen. Oder was meinst du, Kritobul, (fuhr er fort, sich auf einmal an diesen wendend), haltst du es fur so leicht, dich von der Pflicht gegen Athen loszusagen?
Das kann und darf ich nicht, antwortete Kritobul, so lange ich in Athen lebe und Gutes von Athen empfange und erwarte.
S o k r a t e s . Solltest du nicht Pflichten gegen Athen haben, die dir gar nicht erlauben, ohne den Willen der Athener anderswo zu leben?
K r i t o b u l (stutzte und antwortete nach einigem Zogern): Wenn ich Vermogen genug hatte zu leben wo es mir am besten gefiele, und es gefiele mir an einem andern Orte besser, warum sollte ich an Athen gebunden seyn?
S o k r a t e s . Von wem hast du dein Vermogen?
K r i t o b u l . Das meiste ist von meinen Voreltern erworben; einen Theil hab' ich vielleicht mir selbst zu danken.
S o k r a t e s . Wie kommt es, dass die missgunstigen und ungerechten Menschen, deren es so viele in der Welt gibt, Diebe, Strassenrauber oder andere Feinde, so gutherzig waren, deinen Voreltern und dir Zeit und Mittel zum Erwerben zu lassen, und, wenn ihr etwas erworben hattet, es euch nicht wegzunehmen?
K r i t o b u l . Davor schutzten uns die Gesetze und die bewaffnete Macht von Athen.
S o k r a t e s . Diesen hattet ihr also die Moglichkeit des Erwerbs und die Erhaltung eures Vermogens zu danken?
K r i t o b u l . So scheint es.
S o k r a t e s . Nun mocht' ich wohl wissen, was die Athener bewegen konnte, euch zu schutzen, und um dazu immer bereit zu seyn, grossen Aufwand zu machen, wenn ihr ihnen nichts dagegen thun solltet?
K r i t o b u l . Auch fehlt sehr viel dass wir ihnen etwas schuldig blieben. Wir gehorchen ihren Gesetzen, wir steuern nach unserm Vermogen zu ihren gemeinsamen Ausgaben bei, ziehen in den Krieg oder rusten eine Galeere aus, wenn sie uns dazu auffordern, und was dergleichen mehr ist.
S o k r a t e s . Denkst du aber nicht, die Athener haben damals, da sie es auf sich nahmen, euch bei dem Vermogen, das ihr unter dem Schutz ihrer Gesetze erwarbet, so viel in ihren Machten ist, zu erhalten, darauf gerechnet, dass auch ihr euch den Pflichten nie entziehen wurdet, die euch schon die naturliche Dankbarkeit gegen den Staat, als euern ersten und grossten Wohlthater, auferlegt?
K r i t o b u l . Ich denke in der That, das haben sie.
S o k r a t e s . Und wenn nun, z.B. dem Kritobul die Lust ankame, seinem Vaterlande die Pflicht aufzukunden, konnt' er das, ohne sich als einen undankbaren und gegen sein Vaterland ungerechten Menschen darzustellen?
K r i t o b u l . Ich sehe, dass ich Unrecht hatte, Sokrates.
S o k r a t e s . Ueberlege die Sache noch weiter mit dir selbst, und sage mir deine Meinung, wenn wir uns wiedersehen.
So viel, Aristipp, den Punkt der Weltburgerschaft betreffend. Ueber den andern Hauptpunkt deiner Rechtfertigung habe ich dir noch weniger zu sagen; denn naturlicher Weise hangt es ganzlich von dir ab, ob du lieber in der Gesellschaft einer schonen und dich angenehm unterhaltenden Hetare, oder im Umgang mit Sokrates und seinen Freunden leben willst.
19.
Aristipp an Ebendenselben.
Ich liebe den Lakonism89 im Reden und Schreiben, guter Antisthenes das will sagen, ich liebe ihn zuweilen, wo Zeit, Ort, Personen und andere Umstande seinen Gebrauch erfordern oder schicklich machen. Ich will mich also, da ich jetzt wirklich so wenig Zeit zu verlieren habe als irgend ein Spartanischer Ephor90, in der Antwort, die ich euch schuldig zu seyn glaube, so kurz als moglich fassen. Ich gestehe, dass ich mich nicht so leicht uberwunden gegeben hatte als Kritobul. Da mir aber die Abwesenheit nicht gestattete, ihm zu Hulfe zu kommen, oder an seinen Platz zu treten, so habe ich uber den mitgetheilten Dialog eine Art von Selbstgesprach angestellt, wovon Folgendes das Resultat ist.
Die Natur, meine und aller Dinge Mutter, weiss nichts von Cyrene und Athen. Sie machte mich zum Menschen, nicht zum Burger: aber, um ein Mensch zu seyn, musst' ich von jemand gezeugt und irgendwo geboren werden. Das Schicksal wollte, dass es zu Cyrene und von einem Cyrenischen Burger geschehen sollte. Aber man wird nicht Mensch um Burger zu seyn, sondern man wird Burger damit man Mensch seyn konne, d.i. damit man alles das sichrer und besser seyn und werden konne, was der Mensch, seinen Naturanlagen nach, seyn und werden soll. Der Mensch ist also nicht, wie man gemeiniglich zu glauben scheint, dem Burger, sondern der Burger dem Menschen untergeordnet. Hingegen steht die Pflicht des Burgers gegen den Staat, und des Staats gegen den Burger in genauem Gleichgewicht. Sobald meine Voreltern Burger von Cyrene wurden, ubernahm diese Stadt die Pflicht, sie und ihre Nachkommen bei ihren wesentlichsten Menschenrechten und bei ihrem Eigenthum zu schutzen, und wir sind ihr fur die Erfullung dieser ihrer Pflicht keinen Dank schuldig: wir ubernahmen dagegen die Leistung der Burgerpflichten gegen sie, und sie ist uns eben so wenig Dank dafur schuldig; jeder Theil that was ihm oblag. Der Vertrag aber, den wir daruber mit einander eingingen, war nichts weniger als unbedingt. Cyrene versprach uns zu schutzen insofern sie es konnte; denn gegen den grossen Konig oder eine andere uberlegene Macht vermag sie nichts. Wir hingegen behielten uns das Recht vor, mit allem was unser ist auszuwandern, falls wir unter einem andern Schutze sichrer und glucklicher leben zu konnen vermeinen wurden; ein Vorbehalt, der uberhaupt zu unsrer Sicherheit nothig ist, weil zwar Cyrene uns zu Erfullung unsrer Pflichten mit Gewalt anhalten kann, wir hingegen nicht vermogend sind, sie hinwieder zu dem, was sie uns schuldig ist, zu zwingen. Was mich selbst personlich betrifft, so sehe ich meine Menschheit, oder, was mir ebendasselbe ist, meine Weltburgerschaft, fur mein Hochstes und Alles an. Die Cyrener konnen mir, wenn es ihnen beliebt (was vielleicht bald genug begegnen wird) alles nehmen was ich zu Cyrene habe; so lange sie mir erlauben ein freier Mensch zu seyn, werde ich mich nicht uber sie beklagen. Meine guten Dienste, glaube ich, mit gehoriger Einschrankung, jeder besondern Gesellschaft, deren Schutz ich geniesse, so wie allen Menschen mit denen ich lebe, schuldig zu seyn. Trate jemals ein besonderer Fall ein, wo ich meinem Vaterlande nutzlich seyn konnte, so wurde ich mich schon als Weltburger dazu verbunden halten, insofern nicht etwa eine hohere Pflicht, z.B. nicht Unrecht zu thun, dabei ins Gedrange kame. Denn wenn etwa den Cyrenern einmal die Lust ankame Sicilien zu erobern91, so wurde ich mich eben so wenig schuldig glauben, ihnen meinen Kopf oder Arm oder auch nur eine Drachme aus meinem Beutel dazu herzugeben, als ihnen den Mond erobern zu helfen. Auch verlangt man zu Cyrene nichts dergleichen von mir. Fordert Athen von ihren Burgern mehr, so ist das ihre Sache, und geht mich, denke ich, nichts an.
So viel uber den ersten Punkt deiner Antwort, ehrenwerther Antisthenes. Den zweiten, an welchem Sokrates schwerlich Antheil hat, glaube ich nur auf eine einzige anstandige Art beantworten zu konnen, und diese ist, dass ich gar nichts daruber sage.
20.
An Kleonidas.
In der Voraussetzung dass ich dir dadurch einiges Vergnugen mache, fahre ich in meinem, wiewohl nur uneigentlich so genannten, Aeginischen Tagebuche fort: denn es ware deiner Gefalligkeit zu viel zugemuthet, wenn ich dich mit den abgeschiedenen Schatten aller Tage, die ich hier verlebt habe, in Bekanntschaft setzen wollte, in der Meinung, dass sie fur dich eben so viel Interesse haben mussten, als sie in ihrem Leben fur mich hatten. Von meinen glucklichsten Tagen und Stunden pfleg' ich gar nicht zu sprechen; ich betrachte sie als eine Art von heiligen Dingen, auf welchen, wie auf den Korben der Kanephoren an den Eleusinien92, der Schleier des Geheimnisses liegen muss. Wird er weggezogen, so erblicken uneingeweihte Augen, wie in jenen mysteriosen Korben, nichts als Honigkuchen, Granatkorner, Bohnen und Salz.
Skopas ist nun mit seiner Venus-Lesbia (vorerst nur aus gebranntem Thon, wie sich von selbst versteht) fertig, und hat sein Moglichstes gethan, den Stolz der undankbaren Lais durch eine gefahrliche Nebenbuhlerin zu kranken, die bei dem grossen Haufen der Angaffer schon allein durch ihre vollstandige Naktheit keinen geringen Vortheil uber sie erhalt. Die junge Sklavin aus Lesbos, die ihm (nicht ungern, wie es schien) zum Modell dabei diente, ist wirklich in ihren individuellen Formen von einer so seltenen Schonheit, dass es wohl, so lange uns ein allgemein anerkannter Kanon der Schonheit fehlt, unmoglich seyn durfte, das Problem, welche von beiden Bildsaulen die schonere sey, rein aufzulosen. Meine Vorliebe fur die erste beweist bloss fur meinen eigenen Geschmack. Mehrere Anbeter der schonen Lais, die man in der Meinung liess, sie ware das Modell zu beiden, streiten fur die zweite, und Lais scheint sich so wenig dadurch beleidigt zu finden, dass sie, unter der Bedingung, das Exemplar, das aus Marmor gemacht werden soll, fur sich zu behalten, so grossmuthig gewesen ist, dem in sein eignes Werk verliebten neuen Pygmalion ein Geschenk mit dem Urbilde zu machen. Da du dir, sagte sie scherzend zu Skopas, schwerlich Hoffnung machen darfst, dass Amor das Wunder, das er einst zu Pygmalions Gunsten that, dir zu Liebe wiederholen werde, so nimm meine Lesbia dafur, und bilde dir ein, sie sey dein eigenes, fur dich von ihm belebtes Kunstwerk selbst. Die Wahrheit ist, dass der arme Skopas, wofern die allzureizende Sklavin nicht ein Mittel gefunden hatte, das gestorte Gleichgewicht seines aussern und innern Menschen (nach der Sokratischen Maxime, deren du dich aus einem meiner Briefe erinnern wirst) bald moglichst wieder herzustellen, schwerlich jemals mit seiner Arbeit fertig geworden ware; so machtig wirkte das zauberisch anziehende Lacheln, womit die gefallige Nymphe, um die ihr aufgetragene Rolle der Gottin mit der gewissenhaftesten Treue zu spielen, ihn unter der Arbeit anzusehen fur ihre Schuldigkeit hielt. Skopas arbeitete nun immer besser je ruhiger er arbeitete, und wer weiss, ob er nicht am Ende das Modell selbst fur das unter seinen Handen unvermerkt zum Ideal veredelte Nachbild ohne Aufgeld zuruckgegeben hatte, wenn Lais zum Tausche geneigt gewesen ware. Man behauptet allgemein, sagte sie in ihrem gewohnten scherzhaften Ton, ein Kunstler, der etwas Vollkommenes hervorbringen wolle, musse mit Liebe arbeiten: aber Skopas hat noch mehr gethan, er hat mit Begierde gearbeitet93; und vermuthlich ist diess die Ursache, warum er in dieser Venus sein Urbild und sich selbst ubertroffen hat.
Dem wackern Skopas muss ich es zum Ruhme nachsagen, dass er sich bei den kleinen Spottereien der schonen Lais ziemlich artig benahm; vielleicht weil er sie als Wirkungen einer geheimen Eifersucht betrachtete, und sich also schmeicheln konnte, eine Art von Triumph uber sie erhalten zu haben. Uebrigens hatte er Ursache mit seiner Reise nach Aegina sehr zufrieden zu seyn; denn er wurde ausser der reizenden Lesbierin, in welcher er nun ein treffliches Modell eigenthumlich und ausschliesslich besitzt noch mit baaren Dariken koniglich belohnt.
Diese grossherzige Freigebigkeit, und, um dem Kinde seinen rechten Namen zu geben, eine ungezugelte Neigung zum Verschwenden uberhaupt, ist ein so starker Zug im Charakter meiner schonen Freundin, dass ich sehr besorge, er werde in der Folge, und nur zu bald, eine Aenderung in dem Plane, dessen ich bereits erwahnt habe, nothig machen. Ich hielt es fur eine Pflicht der Freundschaft, ihr, da wir einsmals allein waren, mit einigem Ernst davon zu sprechen. Ich sehe nur zu wohl, war ihre Antwort, dass deine Warnung nichts weniger als uberflussig ist; aber ich kann weder meine Art zu leben noch meine Sinnesart andern.
I c h . Noch nie fuhlte ich so lebhaft als in diesem Augenblick, beste Laiska, dass meine Liebe zu dir Freundschaft ist. Ich wurde mich selbst hassen, wenn ich der selbstsuchtigen Anmassung fahig ware, die Gluckseligkeit die du zu geben fahig bist, zu meinem ausschliesslichen Eigenthum machen zu wollen. Aber dass das, was nur die edelsten oder ganz besonders von den Gottern und dir begunstigten Sterblichen zu geniessen wurdig sind, jemals wenn auch einen noch so hohen Marktpreis haben sollte, diess nur zu denken, ist mir, in blosser Rucksicht auf dich selbst, unertraglich.
S i e . So weit, lieber Aristipp, soll und wird es niemals kommen.
I c h . Gewiss nicht, so lange ich selbst noch eine Drachme94 im Vermogen habe.
S i e (lachend). Damit wurdest du das Ungluck, das du befurchtest, nicht lange verhuten. Ich denke einen fur dich und mich bequemern Ausweg gefunden zu haben; und damit ich dich uber dieses Kapitel auf einmal und fur immer ins Klare setze, so hore, wie ich uber mein Verhaltniss zu deinem Geschlecht denke, und was fur eine Massregel ich, zu meiner Sicherheit vor den Anmassungen desselben, bei mir selbst festgesetzt habe. Ich sagte dir bereits mit der Offenheit, die du immer bei mir finden sollst, dass ich auf einen zwangfreien Umgang mit welchen Mannern es mir beliebt nicht Verzicht thun konnte, ohne ein wesentliches Stuck meiner Gluckseligkeit aufzuopfern; ich sagte dir auch die wahre Ursache, warum ein solcher Umgang Bedurfniss fur mich ist. Denn dass die gewohnliche Triebfeder der wechselseitigen Anmuthung beider Geschlechter gegen einander sehr wenig Antheil an diesem Zug meines Charakters habe, darf ich dir um so mehr gestehen, da ich mir nichts darauf zu gut thue, und wofern es der Natur beliebt hatte, mir das, was seine Besitzerinnen Zartlichkeit und Bedurfniss zu lieben nennen, in einem reichern Masse mitzutheilen, mich dessen keineswegs schamen wurde. Es wird dich also wenig befremden, wenn ich dir sage, dass, meiner Meinung nach, eine Frau, die ihre Unabhangigkeit behaupten will, euer Geschlecht uberhaupt als eine feindliche Macht betrachten muss, mit welcher sie, ohne ihre eigene Wohlfahrt aufzuopfern, nie einen aufrichtigen Frieden eingehen kann. Diess ist, daucht mich, eine nothwendige Folge der unlaugbaren Thatsache, dass der weibliche Theil der Menschheit sich beinahe auf dem ganzen Erdboden in einem Zustande von Abwurdigung und Unterdruckung befindet, der sich auf nichts in der Welt als Ueberlegenheit der Manner an korperlicher Starke grunden kann; da die Vorzuge des Geistes, in deren ausschliesslichen Besitz sie sich zu setzen suchen, nicht ein naturliches Vorrecht ihres Geschlechts, sondern eine der Usurpationen ist, deren sie sich kraft ihrer starkeren Knochen uber uns angemasst haben. Bei allen Volkern ist der Zustand der Weiber desto unglucklicher, je roher die Manner sind: aber auch unter den policirten Nationen, und bei der gebildetsten unter allen, werden wir von den Mannern uberhaupt genommen entweder als Sklavinnen ihrer Bedurfnisse oder als Werkzeuge ihres Vergnugens behandelt, und die schonste unter uns musste sehr blodsinnig seyn, wenn sie sich auf den Glanz oder die Zahl ihrer vorgeblichen Anbeter und Sklaven das Geringste einbildete, und sich selbst verbergen konnte, was die Herren bei dem betruglichen Spiele, das sie mit unsrer Eitelkeit und Schwachherzigkeit treiben, gewinnen wollen. Anakreon meint, die Natur, die jedes ihrer Geschopfe mit irgend einer Waffe zu seiner Vertheidigung versehe, habe dem Weibe zur Schutzwehr gegen die Starke des Mannes die Schonheit verliehen; aber ohne den Verstand, einen klugen und weisen Gebrauch von ihr zu machen, ist die Schonheit selbst eine sehr zweideutige Gabe, und ihrer Besitzerin meistens mehr nachtheilig als nutzlich. Ich fur meinen Theil danke der guten Mutter Natur, dass sie mich gerade mit so viel Verstand bewaffnet hat, als ich nothig habe, um den Mann, im Allgemeinen, als den naturlichen Feind meines Geschlechts anzusehen, gegen welchen wir nie zu viel Vorsichtsmassregeln nehmen konnen. Der gesellschaftliche Zustand hat zwar einen anscheinenden Frieden zwischen beiden Geschlechtern gestiftet; aber im Grund ist dieser Friede auf Seiten der Manner bloss eine andere Art den Krieg fortzusetzen; und da ihnen von der Starke ihrer Knochen und Muskeln gewaltsamen Gebrauch gegen uns zu machen untersagt ist, so lassen sie sich's desto angelegener seyn, die treuherzigen Vogelchen durch Schmeichelei und Liebkosungen in ihre Schlingen zu locken. Und uns sollte nicht eben dasselbe gegen sie erlaubt seyn? Wir sollten die Betruger nicht wieder betrugen, und falls wir klug genug sind uns vor ihren Schlingen zu huten, das Einzige, wodurch wir an ihre schwache Seite kommen konnen, unsre Reizungen, nicht auf jede uns beliebige und vortheilhafte Art gegen sie gebrauchen durfen? Bei der grossen Nemesis! ich mache mir so wenig Bedenken daruber, dass ich mich selbst verachten wurde, wenn ich mir jemals ein anderes Verhaltniss gegen das Mannergeschlecht geben wollte, als das, wozu uns sein Verfahren gegen uns einladet, und, wenn wir anders unsre alberne Gutherzigkeit nicht zu spat bereuen wollen, nothiget. Da sie uns keine andere Wahl gelassen haben, als entweder ihre Sklaven zu seyn oder sie zu den unsrigen zu machen, was hatt' ein Weib, das seine Freiheit liebt, hier lange zu bedenken? Du siehst die Grundlage meines Plans, lieber Aristipp; ich habe dir ohne Zuruckhaltung gezeigt, wie ich uber die Manner denke, weil du fur mich kein Mann, oder, wenn du lieber willst, mehr als ein Mann, weil du mein Freund, ein mir verwandtes congenialisches Wesen bist. Was ich noch hinzuzusetzen habe, errathst du vermuthlich von selbst. Ich opfre meiner Liebe zur Unabhanglichkeit und dem Verlangen nach meiner eigenen Weise glucklich zu seyn, einen Namen auf, und unterziehe mich dadurch den Folgen des nicht ganz ungerechten Vorurtheils, das alle Arten von Personen druckt, die sich dem Vergnugen des Publicums widmen und dafur belohnt werden; aber meine Meinung ist nicht, diesen Namen anders als auf eine eignen Bedingungen zu tragen. Diesen sich zu unterwerfen, kann ich niemand zwingen; wer sie sich also gefallen lasst, sollt' es ihm auch am Ende dunken, dass er einen schlechten Handel gemacht, und das Vergnugen mich zu sehen, zu horen und etliche frohliche Stunden unter Scherz, Musik und Tanz, mit Komus und Bacchus, oder mit Amorn und den Grazien in meinem Hause zugebracht zu haben, allzu theuer bezahlt habe, der wurde von mir und allen Verstandigen ausgelacht werden, wenn er sich uber Unrecht beklagen wollte. Ich setze einen ziemlich hohen, wiewohl unbestimmten Preis auf das Vorrecht, freien Zutritt in meinem Hause zu haben, mache aber kein Geheimniss daraus, dass ich mich durch die Geschenke, die ich von meinen Liebhabern, wie die morgenlandischen Fursten von ihren um Gehor bittenden Unterthanen, annehme, zu keinen besondern, geschweige ihnen selbst beliebigen Gefalligkeiten verbunden halte. Es steht einem jeden frei, seine Eitelkeit, oder seinen Wetteifer mit reichen und freigebigen Nebenbuhlern, so weit zu treiben als er will; und wer an der Zulanglichkeit seines personlichen Werths zu zweifeln Ursache hat, mag immerhin versuchen, ob er diesen Mangel durch den Werth der Opfergaben ersetzen konne, die er seiner Abgottin zu Fussen legt. Sie befindet sich, wiewohl sie ihre Gottheit bloss der Thorheit ihrer Anbeter zu danken hat, in diesem Stuck in dem namlichen Falle wie alle andern Gotter, welche sehr wohl wissen, warum die Menschen ihnen Opfer bringen, aber sich durch die Annahme derselben keineswegs verpflichten, alle Wunsche der Opfernden zu erfullen, oder auch nur das, warum gebeten wird, zu gewahren. Was sagst du zu diesem Plan, Aristipp? Denkst du nicht, dass er mir im Nothfall hinlangliche Mittel verschaffen konne, meine dermalige Lebensweise fortzusetzen, ohne jemals, wie du vorhin besorgtest, genothigt zu seyn, mich unter mich selbst herabzuwurdigen?
Ich. Ich sage, wenn er dir nicht gelange, so wurde ich keiner andern rathen, den Versuch zu machen. Aber es hat keine Noth; ich bin vielmehr uberzeugt, du wirst auf diesem Wege, selbst durch den Ruf dass es eine hochst missliche Sache sey, deinetwegen nach Korinth zu reisen95, in Gefahr kommen, nach und nach Deukalions und Hellens ganze edle Nachkommenschaft, Dorier, Ionier und Aeolier, vor deiner Thur liegen zu sehen.
S i e (lachend). Das soll ihnen herzlich gern erlaubt seyn, vorausgesetzt, dass es immer von mir abhange, wem ich sie offnen lassen will.
I c h . Einer Theodota mochte ich deinen Plan nicht rathen. Um ihn mit Erfolg auszufuhren, muss man im Besitz deiner Schonheit, deiner Talente, deines Verstandes und deiner Kalte seyn.
S i e . Wie, mein schoner Herr? Solltest du dich uber meine Kalte zu beklagen haben?
I c h . Nicht zu beklagen, liebe Laiska! denn sie ist es eben, was deinen kleinsten Gunstbezeugungen einen so hohen Werth gibt, dass die Grazien dem Manne nie gelachelt haben mussten, der nicht den leisesten Handedruck von dir den freigebigsten Liebkosungen einer jeden andern vorzoge. Auch ist diess eine der nothwendigsten Bedingungen der Ausfuhrbarkeit deines Plans. Denn kein Liebhaber dient lange ohne allen Sold, und eine Schone, die nicht gesonnen ist, viel zu geben muss die Gabe besitzen, das Wenige mit einer Art zu geben dass es viel scheint. Du, schone Lais, besitzest diese Gabe in einem so hohen Grade, dass ich keinen Augenblick zweifle, du wurdest dir mit dieser Kunst, deine Liebhaber durch den Zauber einer sich immer annahernden und entfernenden Hoffnung bei gutem Muthe und in deiner Gewalt zu erhalten, so gut als die beruhmte Thargelia ein Diadem verschaffen konnen, wofern dich je die Lust anwandelte, deine Freiheit gegen ein Diadem zu vertauschen.
S i e . So hoch fliegen meine Wunsche nicht.
I c h . In der That wurdest du einen schlimmen Tausch treffen.
S i e . Das denke ich auch.
Diese Lais hore ich dich sagen, Kleonidas ist in der That eine Hetare, wie vermuthlich noch keine war und vielleicht in tausend Jahren keine wieder erscheinen wird; aber mit aller ihrer Philosophie doch nur eine Hetare, und eine um so viel gefahrlichere, je mehr sie vor andern voraus hat. Nimm dich in Acht, Aristipp! Ich bin so ziemlich deiner Meinung, Freund Kleonidas; sie ist ein gefahrliches Geschopf. Sie wird manchen Kopf verrucken, der vorher recht stand, manchen Narren noch narrischer machen, und manchen vollen Beutel leeren. Was sie aus mir und dir machen wird (denn auch du wirst, wie ich hoffe, nach Korinth kommen), wird die Zeit lehren.
Der Tag meiner Trennung von dieser Circe, in der ich gleichwohl mehr einen Freund als ein Weib liebe, ruckt immer naher. Sie geht nach Korinth zuruck, und ich mache mich zu einer Reise in die Inseln fertig, von wannen ich in einigen Monaten etwas leichter an Dariken, und reicher an Kenntnissen der Natur und der Kunst, nach der schonen Athena zuruckkehren werde. Bewunderst du mich nicht, dass ich mich mit so leichtem Herzen von der reizendsten aller Zaubrerinnen trennen kann?
21.
An Kritobulus.
Mein Aufenthalt in Aegina hat langer gedauert als ich vorhersehen konnte, und meine Abwesenheit von Athen wird sich in eine noch grossere Lange ziehen; denn ich bin im Begriff einen Streifzug durch die merkwurdigsten Inseln des Aegeischen und Ionischen Meeres zu thun. Du hast vielleicht schon gehort, dass ich unsern Freund Kleombrotus eingeladen habe, heruber zu kommen und mich auf dieser Reise zu begleiten. Die Luftveranderung wird seiner Gesundheit zutraglich seyn, und die mannichfaltige Menge neuer Gegenstande seiner allzuwirksamen Phantasie eine andere Nahrung und einen weitern Spielraum geben, und sie dadurch verhindern, sich in diejenigen, die ihn zeither einzig beschaftigten, gar zu tief hineinzugraben. Der Kreis, den unser ehrwurdiger Meister um sich her zu sehen gewohnt ist, wird durch unsre Abwesenheit auf einige Zeit um zwei, die man kaum vermissen wird, vermindert: und wir werden mit einer Menge neuer Ideen und praktischer Kenntnisse schwer beladen zuruckkommen, die uns Stoff zum Fragen, und ihm Gelegenheit, unsre Begriffe zu berichtigen, geben werden. Sage ihm, es vergehe kein Tag, da ich mich nicht einer seiner weisen Lehren erinnere, oder von einer seiner Maximen Gebrauch mache nach meiner Weise, versteht sich; denn an einer angstlichen schulerhaften Copey wurde er selbst kein Wohlgefallen haben. Wenn ich einen Weg zu machen habe, worauf man sich leicht verirren kann, bin ich froh, wenn ich einen kundigen Wegweiser finde; ich gehe neben, auch wohl zuweilen ein wenig vor oder hinter ihm, ohne meine Fusse in seine Tritte zu setzen, oder mich der Freiheit zu begeben, dann und wann einen kleinen Umweg zu nehmen, um etwa einer Nachtigall im Gebusche zuzuhoren, mich an einer schonen Ansicht zu ergotzen, oder die Aufschrift an einem verfallenden Denkmal zusammen zu buchstabiren. Es ist mit der Philosophie, denke ich, wie mit den Nasen; das, was eine Nase zur Nase macht, ist bei allen dasselbe, und doch hat jedermann seine eigene.
22.
Lais an Aristipp.
Wie, mein weiser Freund? Sollt' es wirklich dein Ernst seyn? Ich soll mich von Lesbos aus so treuherzig machen lassen, nach einer Abwesenheit, binnen welcher der Mond funfmal gewechselt hat, an deine Treue zu glauben? Du hattest dich nur darum in einen Liebeshandel mit der reizenden Lesbierin verwickelt, um mir einen recht heroischen Beweis zu geben, dass die blosse Erinnerung an deine Anadyomene hinlanglich sey, alle Pfeile, die Eros aus den grossen schwarzen Augen der schonen Leukonoe nach deinem Busen schiesst, kalt und kraftlos abglitschen zu lassen? und dass ein Mann nichts als eine Haarlocke von Lais am Finger zu tragen brauche, um einer so warmen und verfuhrerischen Liebhaberin, wie du mir deine Wirthin beschreibst, widerstehen zu konnen? Und deine freilich noch ziemlich unerfahrne Freundin sollte so gefallig seyn, sich ein solches Mahrchen weiss machen zu lassen? bloss weil sie gestehen muss, es ware ganz artig, wenn es kein Mahrchen ware? Nein, guter Aristipp! so weit geht die Liebe zum Wunderbaren nicht bei mir, und ich wollte den besten Kuss, den ich zu geben vermag, daran setzen, konnt' ich mich in diesem Augenblick (die Stunde sag' ich dir aus guten Ursachen nicht) in das zierliche kleine Cabinet, wovon du mir eine so genaue Beschreibung machst, versetzen; ich wurde etwas nicht halb so Wunderbares sehen, als die Treue, woraus du dir, vermuthlich um der Seltenheit der Sache willen, ein so grosses Verdienst bei mir zu machen scheinst. Aber denke nicht, mein guter Philosoph, dass ich die kleine Schlange nicht gewahr werde, die unter diesen Blumen versteckt liegt. Du hast ausfindig gemacht, dass Grossmuth meine schwache Seite ist. Wenn ich sie, denkst du, nur erst so weit bringen kann, dass sie an meine Treue glaubt, so ist mir die ihrige gewisser, als wenn ich sie unter sieben Riegel im ehernen Thurm der Danae eingeschlossen hielte. Sie wird sich in der seltensten aller Tugenden nicht von mir ubertreffen lassen wollen, und kame auch der schonste der Gotter, der ewig junge Bacchus selbst, mich aus ihrem Herzen zu vertreiben. Nicht wahr, Aristipp, ich habe dich errathen? Aber was du mit allem deinem Scharfsinn ewig nicht errathen hattest, wahrend du dich zu Lesbos mit der schonen Leukonoe in der Tugend ubst, hab' ich unter dem prachtigsten Ahorn in der Welt am Quell des Ilissus, unweit Athen, eine Eroberung gemacht, die du mir nicht zugetraut hattest und nun rathe!
23.
Lais an Ebendenselben.
Wenn eine Frau die Neugier eines Mannes geflissentlich erregt, so macht sie sich dadurch anheischig, sie zu befriedigen. Nicht wahr? Ihr andern nehmt das fur eben so gewiss, als ob sie sich mit Brief und Siegel dazu verbindlich gemacht hatte, und ihr habt Recht. Ich saume also nicht, lieber Aristipp, dir vor allen Dingen begreiflich zu machen, wie ich unter den grossen Ahorn am Quell des Ilissus gerathen bin.
Meine Zuruckkunft nach Korinth erneuerte die Anspruche zweier oder dreier junger Eupatriden, die keinen schlimmen Handel zu treffen glauben, wenn sie sich mit dem Eigenthum meiner kleinen Person ein gesetzmassiges Recht an den Nachlass meines alten Patrons erkaufen konnten, der ihnen uberaus gelegen kame, die Lucken ihrer verprassten Erbguter wieder auszufullen. Weil ich alles gern auf eine decente Art mache, so dulde ich die Bewerbungen dieser speculativen Kopfe, ohne sie weder aufzumuntern noch abzuschrecken, und hatte sich noch ein vierter gefunden, dessen Umgang etwas mehr Interesse fur mich gehabt hatte, so mochte ich den Isthmus96 von acht oder neun Monaten, der mich von Aegina trennt, noch ertraglich gefunden haben. Ihr seyd so eitle Geschopfe, ihr andern, dass ich dir's vielleicht nicht gestehen sollte; aber da du es doch von selbst errathen hattest, will ich's lieber frei bekennen, dass ich dich, bevor die sieben ersten Tage vorbei waren, schon lebhafter vermisste als ich mir selbst zugetraut hatte. Meine Liebhaber hatten freilich, nach der lastigen Unverdrossenheit ihrer Aufwartungen zu urtheilen, keine lange Weile bei mir; aber dafur machten sie mir deren so viel, dass ich des albernen Spiels endlich uberdrussig ward. Nein, sagte ich, es ist nicht langer auszuhalten; Aristipp lasst mich sitzen und schaukelt sich zwischen den Cykladen herum. Wie wenn ich ihm nachreis'te? Nachreisen? Pfui! das sahe ja gleich so aus, als ob eine verlass'ne Ariadne ihren Ungetreuen verfolgen wollte? Nein, nicht nachreisen, aber reisen will ich, und zwar nach Athen, um, wahrend er sich auf den Schauplatzen alter Gotter und Heldenmahrchen herumtreibt, seine Stelle bei dem weisen Sokrates einzunehmen. Gedacht, gethan! Es wird eingepackt, angespannt, ich setze mich mit meinen Grazien (wie du sie zu nennen pflegtest) in den Wagen und rolle davon, von drei wohl bewehrten Dienern zu Pferde begleitet, wiewohl die Landstrasse zwischen Korinth und Athen nicht mehr so unsicher ist wie zu Theseus Zeiten. Ich verweile mich etliche Tage zu Megara, wo ich Geschafte mit einem alten Gastfreund des Leontidas abzuthun hatte, setze meine Reise fort, und lange an einem schonen Abend in einiger Entfernung von Athen auf einem mit Baumen und Gebuschen bekranzten Hugel an, dessen Anmuth mich und meine Nymphen zum Absteigen einladet. Ich befehle meinen Leuten langsam fortzufahren und mich bei einem gewissen Tempel, der an unserm Wege liegt, zu erwarten. Kaum sind wir auf dem weichsten Rasen ein paar hundert Schritte vorwarts gegangen, als ein prachtiger Ahorn97 von ungewohnlicher Grosse und Schonheit unsre Augen auf sich zieht, neben welchem in kleiner Entfernung eine krystallhelle Quelle, zwischen Rosen und Lorberbuschen rieselnd, unvermerkt zu einem Bach wird, der den durchgehenden kaum die Knochel benetzt. Ein rustiger, wiewohl glatzkopfiger Alter, an Gestalt und Gesichtsbildung wie man die Silenen abzubilden pflegt, und ein schoner zum Manne heranreifender Jungling, beide unbeschuht, der Alte nur mit einem kurzen hier und da ausgefaserten Mantel, der andere weniger sparlich und beinahe zierlich bekleidet, sitzen auf einer Rasenbank am Fuss des Ahorns, und scheinen, in einem lebhaften Gesprache begriffen, uns nicht eher gewahr zu werden, bis wir, vollig aus dem Gebusche hervortretend, kaum noch zwanzig Schritte von ihnen entfernt sind. Jetzt erblikken sie uns, stutzen, flustern einander etliche leise Worte zu, und sehen aus, als ob irgend eine magische Gewalt es ihnen unmoglich mache aufzustehen und sich zu entfernen. Wir waren alle vier zwar so leicht wie es die Hitze des Tages erforderte, aber (was sich ohnehin versteht) sehr sittsam und einfach gekleidet, und es begreift sich, dass der unerwartete Anblick vier solcher Figuren wie wir, an einem so einsamen und dichterischen Orte, etwas Auffallendes und beinahe Wunderbares fur sie haben musste. Ich gehe langsam auf sie zu, grusse sie, und frage, weil mir nicht gleich eine andere Einleitung beifallen will, ob diess der nachste Weg nach Athen sey? Mir dauchte als ob sie sich durch diese Frage merklich erleichtert fuhlten; denn ich wollte wetten, der alte Herr, der etwas aberglaubisch seyn soll, wurde verlegen gewesen seyn, wie er uns anreden musse, um der Sache weder zu viel noch zu wenig zu thun. Nun ubersah er mich aus seinen grossen weit hervorstehenden Augen vom Kopfe bis zu den Fussen, und erwiederte in einem freundlichen Tone, wir konnten die Stadt auf keinem Wege mehr verfehlen. Dieser Ort ist so anmuthig, sagte ich, dass wir uns, wenn es euch nicht zuwider ist, einen Augenblick zu euch setzen, und an euerm unterbrochnen Gesprach, wofern es keine Geheimnisse betrifft, Antheil zu nehmen wunschen. Beides, versetzte er, steht euch frei, wiewohl der Gegenstand, womit wir uns beschaftigten, wirklich eine Art von Geheimniss ist. An einem den Musen geheiligten Orte wie dieser, sind Personen wie ihr nie zu viel. Nicht wahr, junger Mann? Der Jungling errothete, sah ihn lachelnd an, und nickte Beifall. Geheimnisse, erwiederte ich, an denen man die ersten besten Antheil nehmen lassen kann, mussen wenigstens sehr unschuldig seyn. Das eurige war vermuthlich ein philosophisches?
D e r A l t e . Und gehort ganz besonders unter eure Gerichtsbarkeit; denn es betraf Schonheit und Liebe. Da die Liebe sich doch nur an das Schone halt, so suchten wir dahinter zu kommen, was denn eigentlich das Schone sey.
I c h . Und was fandet ihr?
D e r A l t e . Dass, wiewohl jedermann das Schone liebt, doch vielleicht nicht Einer sich selbst oder andern zu sagen weiss, was es sey.
I c h . Vielleicht ist es mit dem Schonen wie mit der Farbe, die jeder Sehende kennt und unterscheidet, wiewohl er nicht sagen kann was Blau oder Grun ist.
D e r A l t e . Du meinst vermuthlich, jedermann kann sagen, diess Kraut ist grun, diese Blume roth, diese blau; aber niemand kann sagen, was die Grune, die Blaue, die Rothe sey?
I c h . Es kann auch, dachte ich, niemanden viel daran gelegen seyn, ob er's sagen kann oder nicht.
D e r A l t e . Mit den Farben mag es immerhin diese Bewandtniss haben: aber was das Schone betrifft, so mocht' es wohl gut, ja sogar nothig seyn, sagen zu konnen, was es ist, damit wir immer sicher seyn konnten nichts zu lieben als was wirklich und immer schon ist.
I c h . Aber sollte diess denn auch so nothig seyn als du zu glauben scheinst? Verzeih, ehrwurdiger Unbekannter, wenn ich meine Meinung zu frei sage!
D e r A l t e . Ich werde die meinige eben so frei sagen, und so sind wir quitt.
I c h . Man hat Beispiele, dass auch Gegenstande, die entweder nie schon waren oder es zu seyn aufgehort hatten, leidenschaftlich geliebt wurden.
D e r A l t e . Gewiss! Aber diese Gegenstande werden dann geliebt, nicht weil sie hasslich, sondern weil sie ungeachtet ihrer Hasslichkeit dennoch liebenswurdig sind. Ich glaube nicht dass jemals ein Mensch war, dem ein Hocker etwas sehr Liebreizendes gedaucht hatte; aber dass eine hockerige Person demungeachtet sehr liebenswurdig seyn konne, ist wohl unlaugbar.
I c h . Nicht nur das; es gibt Leute welche behaupten, ein wahrer Liebhaber finde sogar den Hocker des Geliebten schon, und es soll wirklich solche bezauberte Virtuosen in der Liebe geben.
D e r A l t e . Was dir, schone Dame, unbegreiflich ist; nicht wahr?
D e r J u n g l i n g . Ich bekenne dass ich einer von diesen Bezauberten bin.
D e r A l t e . Alles was du diesen Damen damit bewiesen hattest, ware, dass es eine Liebe gibt, die eine Art von Wahnsinn ist.
I c h . Sollte nicht jede wahre Liebe eine Art von Wahnsinn seyn? Der Alte betrachtete mich, statt der Antwort, mit einem forschenden Blick; aber der Jungling platzte heraus: wenn diess ist, schone Fremde, so brauchst du nur zu reisen, um alle unsre Stadte, vom Tanaros bis zum Athos98 in lauter Irrenhauser zu verwandeln.
I c h . Wenn es wahr ware, dass die Wahnsinnigen die glucklichsten unter den Menschen sind, so hattest du mir etwas sehr Verbindliches gesagt. Wer wollte nicht wunschen, alle Menschen glucklich machen zu konnen?
D e r A l t e . Das waren sie schon lange, wenn Wahnsinn glucklich machte. Aber noch hab' ich keinen Menschen gesehen, der sich gewunscht hatte wahnsinnig zu seyn.
I c h . Vermuthlich auch keinen Liebhaber, der es zu seyn geglaubt hatte, wiewohl sie es alle sind.
D e r A l t e . Ich hatte grosse Lust, dir zu beweisen, dass du dich sehr an der Liebe versundigest; aber der Tag neigt sich, und es ist noch eine ziemliche Strecke von hier bis zur Stadt.
I c h . Ich habe einen Wagen der auf mich wartet. Er hat viel Raum, und doch darf ich es wohl schwerlich wagen, euch einen Platz darin anzubieten?
D e r A l t e . Wenn du einen Triumpheinzug in Athen halten willst, so ware diess das kurzeste Mittel; du wurdest unfehlbar in wenig Augenblicken die ganze Stadt vor, neben und hinter dir her haben. Wir beide sind, wie du siehest, Fussganger und ganz dazu eingerichtet. Aber, wenn die Frage nicht unbescheiden ist, gedenkst du dich in Athen zu verweilen?
I c h . Der Zweck meiner Reise ist sehr einfach. Ich wollte von allem, was in Athen zu sehen ist, nur einen einzigen Mann kennen lernen, und der Zufall hat mich mehr als ich hoffen durfte begunstiget. Lebet wohl!
Und so eilte ich mit der Leichtfussigkeit einer Waldnymphe von dannen, bestieg meinen Wagen wieder, und liess meine beiden Bewunderer, vermuthlich sehr ungewiss was sie aus mir machen sollten, bald so weit hinter mir, dass ich sie vollig aus den Augen verlor.
Wie gefallt dir dieser Anfang, Aristipp? Er ist, wie du nicht zweifeln wirst, mit grossen Begebenheiten schwanger, und wenn du mich recht schon bittest oder auch nicht bittest, so habe ich grosse Lust, dich mit der ganzen Geschichte meiner philosophischen Mystificirung in Athen zu beschenken. Ich bin nicht eitel genug mir im Ernst mit der einzigen Eroberung zu schmeicheln, die mich hoffartig machen konnte der Mann sieht mir zu hell aus seinen Delphinsaugen Aber dass er die meinige gemacht hat, es mag ihm nun schmeicheln oder nicht, das hat seine Richtigkeit.
24.
Aristipp an Lais.
Vor allen Dingen, schone Halbgottin, lass' dir ein kleines Abenteuer erzahlen, das mir dieser Tage aufstiess, da ich den ganzen Morgen damit zugebracht hatte, die Berge um Mytilene zu durchstreichen. Du weisst, denke ich, dass die Krauterkunde seit einiger Zeit meine Lieblingsbeschaftigung ist, als eine Art Studien, wozu ein wandernder Weltburger, wie ich, aller Orten Stoff findet, und wovon er gelegentlich allerlei nutzlichen Gebrauch machen kann. Ich hatte mich ziemlich weit ins Gebirge hinein verirrt; die Sonne wurde druckend und mein Gaumen sehr trokken, als ich endlich am Fuss eines Felsens, an welchem eine Heerde Ziegen herumkletterte, unter einem hohen Nussbaum eine Hutte, und vor der Thur der Hutte ein junges Weib erblickte, die im Schatten sitzend Wolle spann. Ich bat sie um ein wenig Wasser meinen Durst zu loschen, und sie eilte mir einen Topf voll frischer Milch zu holen, und bot mir ihn freundlich hin, weigerte sich aber, beinahe beleidigt, da ich ihr ein paar Drachmen in die Hand druckte, etwas anzunehmen, weil es (sagte sie) nicht Sitte in Lesbos sey, sich fur solche kleine Liebesdienste bezahlen zu lassen. Werde nicht ungehalten, liebe Laiska! Mein Abenteuer war freilich des Erzahlens nicht werth; aber es ist gerade, als ob ich dir meine Geschichte mit meiner gefalligen Wirthin zu Mytilene erzahlt hatte. Leider ist hier keine Gelegenheit, mir aus der Treue, uber die du spottest, ein Verdienst bei dir zu machen. Es ist etwas, das einem jeden achten Sokratiker, ja dem Meister selbst, alle Tage begegnen konnte. Schwerlich gibt es eine anspruchlosere Tochter der Natur als die gute Leukonoe. Was sie zu geben hat, ist in ihren eigenen Augen etwas so Unbedeutendes, dass sie sich schamen wurde, einen grossern Werth darauf zu legen, als meine Ziegenhirtin auf ihren Topf mit Milch. Meine Treue bleibt dir also auf ruhmlichere Gelegenheiten vorbehalten; auch wollt' ich wetten, du bist von der Unmoglichkeit meiner Untreue so vollig uberzeugt, dass es lacherlich ware, wenn ich jemals damit gross gegen dich thun wollte. Es gibt nur Eine Lais, die alle Arten von Reizen in sich vereiniget, und auf alle mogliche Weise liebenswurdig ist. Ueber wen wollte sie eifersuchtig seyn? Das ist eine Leidenschaft, die sie ihren Liebhabern uberlasst. Aber wehe dem, der nicht gleich bei ihrem ersten Anblick seine Partie daruber nimmt! Ich weiss wohl, du wirst die stolze Ruhe, womit ich dich in der Welt herumschwarmen sehe, mit dem verhassten Namen Kaltsinn belegen; aber ich hulle mich in meine Unschuld. Denn ich bleibe dabei, der ruhige Liebhaber ist der einzige zuverlassige Liebhaber. Bei allem dem ist es nicht einmal wahr dass ich so ruhig bei deiner Reise nach Athen bin als ich vorgebe: nicht, weil du gerade so viel Anbeter dort zurucklassen wirst, als Manner die dich gesehen haben; und wer wird dich nicht sehen wollen? Die ganze Welt soll vor dir knien, das ist es ja eben was ich will! Was ich befurchte ist bloss, dass du gerade den Einzigen, dessen Eroberung dir schmeicheln wurde, nicht erobern wirst. Denn dass du sie bereits gemacht hattest, ist doch wohl nur Scherz. Arme Laiska! Ich fuhl' es schon in allen Nerven, wie es dich kranken wurde, vergebens nach Athen gereist zu seyn! Aber ich furchte! ich furchte! Diesen Kopf zu verrukken, wurde der Gottin selbst, deren sichtbare Statthalterin du bist, nicht moglicher seyn als dir. Ich werde deinen nachsten Brief mit Zittern erbrechen, und kann ihn doch kaum erwarten.
25.
Lais an Aristipp.
Aber wer sagt dir denn, wunderlicher Mensch, dass ich mir nur im Traum einfallen lasse, den einzigen gesunden Kopf in ganz Griechenland verrucken zu wollen? Und wenn ich es konnte, wurdet ihr andern desto weiser seyn? Dass ihr doch alle, ohne Ausnahme, wie es scheint, gar viel dabei zu gewinnen glaubt, wenn ihr einen grossen Menschen ein paar Stufen zu euch herunterziehen konntet; als ob er nicht immer um eben so viel grosser bliebe als ihr, wenn er auch auf derselben Flache mit euch steht. Wie konntest du dir einbilden, ich werde nicht merken, warum du so angstlich fur den Ruhm meiner Reizungen bekummert bist? Aber sey ohne Sorgen, mein Freund! Ich mache keinen Anspruch von einem Manne wie Sokrates anders als nach seiner eigenen Weise geliebt zu werden, und es wurde mir unendlichemal weniger schmeicheln, wenn ich, um sein Herz zu gewinnen, ihm vorher den Kopf verrucken musste. Glucklicher Weise ist die Sache bereits entschieden; mein Spiel ist gewonnen, und ich bin desto besser mit mir selbst zufrieden, weil ich es ohne hetarische Winkelzuge aufrichtig und redlich gewonnen habe. Doch alles an seinem Ort und zu seiner Zeit!
Es gefallt mir hier so wohl, dass ich gute Lust habe, ein Tagebuch uber meinen hiesigen Aufenthalt zu schreiben, und du sollst sehen, dass der weiseste aller Menschen keine schlechte Rolle darin spielt.
Ich lebe nun vierzehn volle Tage hier, und von diesen ist kein einziger vorbeigegangen, ohne dass ich deinen Sokrates gesehen und gesprochen hatte. Allenthalben, wo ich zu sehen bin, ist er auch; in der grossen Halle, in der Akademie, im Odeon, auf dem Ziegelplatz, im Piraos, unter den Propylaen, uberall wo ich hingehe, find' ich ihn immer schon da, oder bin doch gewiss, dass er wie gerufen kommen wird. Du lachst, Aristipp, dass ich so einfaltig bin, etwas auf meine Rechnung zu setzen, was Sokrates schon seit vierzig Jahren alle Tage zu thun pflegt. "Man ist es, sagst du, zu Athen gewohnt, ihn aller Orten zu sehen, wo viele Menschen zusammenkommen; und er wurde gar nicht mehr bemerkt werden, wenn er nicht so viel und so laut sprache, dass man ihn wohl horen muss, man wolle oder nicht." Aber, mein schoner Herr, dass er mich in acht ganzen Tagen auch nicht ein einzigesmal verfehlt haben sollte, wenn unser Zusammentreffen blosser Zufall ware, das sollst du mich nicht bereden! Und dass er immer nur mit mir spricht, kommt wohl auch daher, weil sonst niemand mit ihm reden mag? Und dass er, seit ich zu Athen bin, taglich ins Bad geht, und Sohlen unter die Fusse bindet, und immer in seinem besten neugewalkten Mantel prangt, hat er wohl auch seit vierzig Jahren immer so gemacht? Hore, Aristipp! ich sage dir, verkummere mir meine Freude nicht, oder wir bleiben nicht lange gute Freunde!
Das muss ich den Athenern nachruhmen, sie betragen sich, auch seitdem der erste Taumel voruber ist, mit vieler Urbanitat und Artigkeit gegen mich und meine Grazien. Aber freilich, immer in Ungewissheit zu schweben wie ich heisse? Wer ich bin? Wo ich herkomme? Was ich zu Athen zu suchen habe? Wie lange ich bleiben werde? Wie es mir da gefallt? und einander uber alle diese Fragen keine Antwort geben zu konnen, ist mehr als man einem so lebhaften und wissbegierigen Volke zumuthen kann. Ueber den letzten Punkt erhalten sie zwar bei jeder Gelegenheit die verbindlichsten Erklarungen; aber uber alles Uebrige mussten sie sich einige Tage mit der allgemeinen Nachricht, die sie von meinen Leuten in grosstem Vertrauen erhielten, behelfen: dass wir sehr weit herkamen, dass ich mich eines Gelubdes gegen die grosse Gottermutter von Berecynth99 zu entledigen hatte, und dass ich nach Athen gekommen sey, weil ja niemand sagen konnte, er habe etwas Sehenswurdiges in seinem Leben gesehen, wenn er Athen nicht gesehen hatte. Damit kamen wir nun etliche Tage so ziemlich aus: aber wie das Aufsehen, das ich gegen meine Absicht erregte, immer auffallender wurde; wie man uberall von nichts als der schonen Unbekannten sprach, und tausenderlei lacherliche Sagen, Vermuthungen und Hypothesen uber sie herumliefen, fanden endlich die Gynakonomen100 fur nothig, ihr Amt zu verrichten, und sich etwas naher, wiewohl sehr manierlich, nach meinem Namen und Stande zu erkundigen. Um ihrer recht bald und mit eben so guter Manier los zu werden, fiel mir in der Eile nichts Besser's ein, als mich (mit deiner vorausgesetzten Erlaubniss) fur eine Cyrenerin, Namens Anaximandra, eine Verwandte von Aristipp, Aritadessohn, auszugeben, die, wegen der neulich zu Cyrene ausgebrochnen Unruhen, fur gut gefunden hatte, auszuwandern, und sich bis zur Wiederherstellung der Ordnung in ihrer Vaterstadt in Griechenland aufzuhalten. Die Herren zogen sich nach Empfang dieser Auskunft mit allem moglichen Atticism wieder zuruck, und seitdem begegnet mir, wie mich dunkt, jedermann mit verdoppelter Aufmerksamkeit und Achtung; so gross ist der Credit, in welchen mein neuer Vetter die Stadt Cyrene bei den guten Kechenaern gesetzt hat. Du kannst dir leicht vorstellen, dass ich mich, um meinen neuen Namen und Stand gehorig zu behaupten, bei meinem Verehrer Sokrates nach dir erkundigen musste. Um dich weder zu stolz noch zu demuthig zu machen, will ich dir nicht wieder sagen, was er von dir urtheilt. Genug, ich sagte ihm: da du, bei vielen Fahigkeiten und guten Eigenschaften, von etwas leichtem Sinne warest, und das Vergnugen vielleicht etwas mehr liebtest, als einem edeln emporstrebenden Junglinge zutraglich sey, so hatte die Familie geglaubt nicht besser thun zu konnen, als wenn sie dir auf einige Zeit das Gluck um Sokrates zu seyn verschaffte; und er versicherte mich dagegen, die Schuld werde nicht an ihm liegen, wenn die gute Absicht deiner edeln Familie verfehlt werden sollte. Das lass' dir gesagt seyn, Vetter Aristipp!
Wenn ich Lust hatte, dem guten Willen der Attischen Jugend von der ersten Classe, und den ubel verhehlten kleinen Entwurfen ihrer Vater, einige Aufmunterung zu geben, so wurde mein Aufenthalt zu Athen eine Kette von Lustpartien, Gastmahlern und Vergnugungen aller Gattung seyn. Die allgemeine Schwarmerei, die meine Erscheinung erregte, ging anfangs so weit, dass ich sogar einem Freunde nicht ohne Unbescheidenheit davon sprechen kann. Ich glaube, wenn ich mit meinen drei Grazien gerades Weges vom Tempel der Aphrodite Besitz genommen hatte, niemand wurde mir das Recht dazu streitig gemacht haben. Dieser Grad von Berauschung konnte naturlicher Weise von keiner langen Dauer seyn: dagegen hat der Wetteifer sich um mich verdient zu machen, bei allen, die sich durch personliche oder angeerbte Vorzuge dazu berechtigt halten, eher zu als abgenommen. Aber ich entziehe mich den Wirkungen desselben so viel moglich, und bleibe meinem Plan getreu. Des Sokrates wegen bin ich nach Athen gekommen, und ihm vorzuglich soll die Zeit meines Hierbleibens gewidmet seyn. Ich habe mir alle Einladungen in die Hauser meiner Verehrer verbeten, und sehe, ausser an offentlichen Orten, keine Gesellschaft als in meiner eigenen Wohnung. Denn ich habe durch Vermittlung deines Freundes Eurybates (der mir die strengste Verschwiegenheit versprochen hat) ein ganz artiges kleines Haus mit einem geraumigen Saale gemiethet, wo sich alle Abende eine auserlesene Gesellschaft von altern Freunden des Sokrates einfindet, unter welchen er selbst nur selten fehlt. Die jungern sind (zu grosser Unlust des schonen Phadrus, meines erklarten Anbeters) ohne Barmherzigkeit ausgeschlossen. Ich wollte, du konntest sehen, wie hubsch ich mich als Wirthin mitten unter einer Gesellschaft von sechs oder acht weisen Mannern ausnehme, von denen der jungste seine funfzig Jahre auf dem Rucken hat; und wie stolz wurdest du erst auf deine neue Base seyn, wenn du sie mit solchen Antagonisten uber das selbststandige Schone und Gute, uber den Grund des Rechten, uber das hochste Gut und uber die vollkommenste Republik ganze Abende lang disputiren hortest, und bemerktest, mit welcher Natur oder Kunst (wie du willst) sie diesen sproden Materien ihre Trockenheit zu benehmen, und die graubartigen Streithahne selbst in gebuhrender Zucht und Ordnung zu erhalten weiss. Aber freilich darf uns dann die Hauptperson nicht fehlen; er, dessen scharfer Blick, treffender Witz und muntre Laune ihn zur Seele unsrer Gesellschaft macht. Der undankbarste Stoff wird unter seinen Handen reichhaltig, und die scherzhafte sympotische Manier101, womit er die subtilsten Probleme der Moral und Menschenkunde zu unterhaltenden Tischgesprachen zuzurichten weiss, scheint die verwickeltsten Knoten oft feiner, wenigstens immer zu grosserm Vergnugen der Zuhorer, zu losen, als durch eine ernsthaftere und schulgerechtere Analyse geschehen wurde. Aber Ehre dem Ehre gebuhrt! Die schone Anaximandra thut naturlicherweise ihre Wirkung, und seine altesten Freunde versichern mich, dass sie ihn in seinem ganzen Leben nie so aufgeraumt und jovialisch gesehen haben, als seit dem Tage meiner Ankunft in Athen. Nenn' es nun und erklare dir's wie du willst; ich streite nie um Worte, aber du wirst mir erlauben, dass ich mich an die Erklarung halte, die fur meine Eigenliebe die schmeichelhafteste ist.
Ich gefalle mir so wohl zu Athen, dass ich, wenn mir Eurybates reinen Mund halt, und nicht etwa ein neidischer Damon mir jemand, der mich zu Korinth gekannt hat, in den Weg wirft, grosse Lust habe, meinen Aufenthalt noch um mehrere Tage zu verlangern.
Mein geheimes Liebesverstandniss mit dem alten Spotter (denn bis zu Erklarungen uber einen so zarten und unaussprechlichen Gegenstand ist es zwischen uns noch nicht gekommen) geht noch immer seinen Gang, und ich schliesse aus dem Vergnugen, das ich an seinem Umgang finde, dass ihm der meinige wenigstens eben so angenehm seyn musse. Wiewohl er eine Aspasia gekannt hat, glaube ich doch etwas Neues fur ihn zu seyn; und bei aller seiner anscheinenden Beschranktheit, hat vielleicht kein Sterblicher jemals eine allgemeinere Empfanglichkeit und einen reinern Sinn fur alles Menschliche gehabt als er.
Wunsche mir Gluck, Aristipp! heute hab' ich einen ganzen Morgen mit meinem Liebhaber Sokrates auf der Burg von Athen unter vier Augen zugebracht; denn die ehrliche Haut Simmias von Theben und den feinen wohlerzogenen Kritobul, die ihn begleiteten, rechne ich fur nichts, weil sie so bescheiden waren uns fast immer allein zu lassen. Wir besahen alle Merkwurdigkeiten des Orts, der das Sublimste und Schonste, was Baukunst und Bildnerei in der Welt hervorgebracht haben, in keinem grossern Raume vereiniget, als gerade nothig war, um dem Auge alles unter einem einzigen Gesichtspunkte als das erhabenste Ganze darzustellen. Mir war als ob ich diese Wunder der Kunst zum erstenmal sahe, da ich sie mit Sokrates sah, wiewohl ich schon zuvor in Gesellschaft des Eurybates hier gewesen war. Am langsten verweilten wir, wie billig, unter den Propylaen, wo die schonsten Bildsaulen von Phidias, Alkamenes, Myron und Menon uns ein paar Stunden unterhielten. Sokrates, wiewohl in seiner Jugend selbst ein Bildhauer, sprach von diesen Werken mit der verstandigen Bescheidenheit eines Mannes der den Meissel seit vierzig Jahren nicht gefuhrt hatte und, seinem eigenen Urtheil nach, nie weiter als in den Vorhof der Kunst gekommen war. Indessen schien er mir Bemerkungen zu machen, wovon auch ein Meister hatte Vortheil ziehen konnen. Ich fragte ihn, in welche Rangordnung er die genannten Kunstler stelle. Frage lieber dein eigen Gefuhl, war seine Antwort. So ist Phidias der erste. Unstreitig, erwiederte er. In Phidias findet sich alles, was den grossen Kunstler macht, beisammen; er ist, so zu sagen, ein Homer, der statt in Versen, in Marmor und Elfenbein dichtet. Ihm allein scheinen die Gotter, die er bildete, wirklich erschienen zu seyn: Alkamenes bestrebte sich menschliche Gestalten zu gottlichen zu veredeln. Beide haben dem Myron nichts als den Vorzug der Grazie ubrig gelassen. Menon, vielleicht der beste unter den Lehrlingen des Phidias, ist gegen diese drei nichts als ein Lehrling. Eine Diane von Myron veranlasste mich, den Wunsch horen zu lassen, dass ich die Grazien sehen mochte, welche Sokrates selbst in seiner Jugend gearbeitet hatte. Sie sind nicht werth von dir gesehen zu werden, versetzte er; ich bin nie mit ihnen zufrieden gewesen; aber seitdem ich deine Grazien kenne, wurde ich die meinigen noch zehnmal steifer und steinerner finden als sonst. Meine Grazien? sagte ich verwundert: es sind allerdings drei liebliche Madchen; aber doch "Ich rede nicht von deinen Aufwarterinnen, schone Anaximandra: ich meine deine eigenen Grazien" Mache mich nicht stolz, Sokrates; ich dachte nicht dass du auch schmeicheln konntest. "Zum Beweise dass ich weder schmeichle noch scherze, will ich mich naher erklaren. Ich habe seitdem ich dich kenne drei Dinge an dir bemerkt, die dich aus allen Schonen, die mir jemals vorgekommen sind, auszeichnen, und dir gerade das sind, was der Liebesgottin die Grazien. Das erste ist ein dir eignes, kaum sichtbares, deinen Mund, deine Augen, dein ganzes Gesicht sanft umfliessendes Lacheln, das nie verschwindet, es sey dass du sprichst oder einem andern zuhorst, auch sogar dann nicht, wenn du etwas Missfalliges siehest oder horest, zu trauern oder zu zurnen scheinst; das zweite, eine unnachahmlich zierliche Leichtigkeit im Gang und in allen Bewegungen und Stellungen des Korpers, die dir, wenn du gehest, etwas Schwebendes, und wenn du in Ruhe bist, das Ansehen gibt, als ob du, ehe man sich's versehe, davon fliegen werdest; eine Leichtigkeit, die niemals weder an sich selbst vergessende Lassigkeit noch an Leichtfertigkeit streift, und immer mit dem edelsten Anstand und mit anspruchsloser angebornen Wurde verbunden ist." Eine plotzliche Schamrothe ergoss sich, wie er diess mit so viel anscheinender Treuherzigkeit sagte, uber mein ganzes Gesicht, bei dem Gedanken, dass ich mit einem so guten und ehrwurdigen Manne am Ende doch nur Komodie spiele. Gut; rief er, da haben wir deine dritte Grazie! diese holde Schamrothe, die Tochter des zartesten Gefuhls, die dem Adel deiner Gesichtsbildung und dem Ausdruck des Selbstbewusstseyns nichts benimmt, und sich dadurch so wesentlich vom Errothen der kindischen oder baurischen Verlegenheit unterscheidet. Ein Bildhauer, der Genie und Kunst genug besasse, dieses Lacheln, diese Leichtigkeit und dieses Errothen zu verkorpern und in Gestalt dreier lieblicher Nymphen darzustellen, hatte uns die Grazien dargestellt.
Gestehe, Aristipp, dass es keine sehr leichte Sache war, in diesem Augenblicke nicht ein wenig aus meiner Rolle zu kommen. Aber Sokrates selbst half mir ohne sein Wissen wieder hinein. Ich sage dir diess, fuhr er fort, weder um deine Eigenliebe zu kitzeln, noch weil es mir im geringsten schwer gewesen ware, meine Bemerkungen fur mich zu behalten; sondern, weil ich diese Gelegenheit nicht entschlupfen lassen mochte, ohne dir die hohe Bestimmung zu Gemuthe zu fuhren, um derentwillen die Gotter so viel Schonheit und Wurde mit so viel Reiz und Anmuth in dir vereiniget haben.
Und nun, Freund Aristipp, setzte er sich mit mir unter den grossen Oelbaum vor dem Tempel der Athene Polias102, und begann, mit einer ihm nicht gewohnlichen Begeisterung, eine lange Rede uber Schonheit und Liebe. Er setzte als etwas, woran ich nicht zweifeln konne, voraus, dass beide ohne Tugend weder zu ihrer Vollkommenheit gelangen, noch von Dauer seyn konnten. Er bewies, indem er die Begriffe in seiner etwas spitzfindigen Manier sonderte und entwickelte, dass das Schone und Gute im Grund eben dasselbe, und Tugend nichts anders als reine Liebe zu allem Schonen und Guten sey; eine Liebe, die vermoge ihrer Natur, gleich der Flamme, immer emporstrebe, durch nichts Unvollkommnes befriediget werde, und nur im Genuss des hochsten Schonen, zu welchem sie stufenweis emporsteige, Ruhe finde. Und was meinst du, dass er mit dem allen wollte? Nichts geringeres als mich uberzeugen, "dass die Natur mich ganz eigentlich zu einer Lehrerin und Priesterin, ja noch mehr, zu einer unmittelbaren Darstellerin des Ideals der Tugend, mit Einem Wort, zur personificirten Tugend selbst bestimmt und ausgerustet habe; und dass es also die erste meiner Pflichten sey, die Erreichung dieses hohen Ziels zum grossen Geschafte meines Lebens zu machen."
Es wurde mir kaum moglich seyn, nur den zehnten Theil der erhabenen Dinge, die er mir sagte, wieder zusammen zu bringen; aber des Schlusses seiner Rede erinnere ich mich noch von Wort zu Wort. "Wenn, sagte er, die Tugend sich sichtbar machen konnte, was fur eine andere Gestalt als die deinige konnte sie annehmen wollen, um alle Herzen an sich zu ziehen und fest zu halten? Es hangt bloss von deinem Wollen ab, der Welt zu zeigen dass sie sichtbar werden konne: und wenn Tyche103 dich zur Konigin des ganzen Erdkreises erhube, wie wenig ware das gegen die Hohe, zu welcher du dich aus eigener Macht, ohne etwas anders als dich selbst vorzustellen, erheben kannst, bloss indem du die Pflicht, die dir deine Schonheit auferlegt, in ihrem Umfang erfullst."
Du wirst mir gern glauben, Aristipp, dass es mich einige Muhe kostete, die Bewegung zu verbergen, in welche mich diese sonderbare Anrede setzte. Was in seiner Moral uberspannt war, that doch die komische Wirkung nicht, die es vielleicht in dem Munde eines andern gethan hatte. Ich fuhlte es sehr wohl, aber ich hatte um alles in der Welt nicht daruber scherzen konnen; denn ich fuhlte zugleich dass etwas Wahres daran war, das sich nicht wegscherzen lassen wurde. In diesem Augenblick, glaube ich, eilten mir die Grazien, die er selbst mir zugegeben hatte, alle drei zu Hulfe. Ich legte meine Hand mit einem kaum merklichen Druck auf die seinige, und sagte, indem ich ihm mit ernstem Lacheln errothend in die Augen sah: der Ort, wo wir sind, und die sichtbare Gegenwart so vieler Gotter und Heroen, die uns umgeben, hat dich machtig ergriffen, ehrwurdiger Sokrates; du sprichst wie ein Begeisterter und beinahe wie ein Gott. Ich bin nur eine schwache Sterbliche: und doch schwebt auch mir ein hohes Ideal vor, das ich vielleicht nie erreichen werde. Ich hoffe dieses Morgens und aller andern Stunden, die ich in deiner Gesellschaft lebte, nie zu vergessen; und wenn ich
Zu gutem Glucke zog mich Aristophanes, der auf einmal hinter den Saulen hervorrauschend auf uns zugelaufen kam, aus der Verlegenheit, meine Periode auszurunden. Da wir uns schon ofters gesehen hatten, hielt er sich berechtigt, mich im Ton einer alten Bekanntschaft anzureden, und daruber zu scherzen, dass er mich mit dem weisen Sokrates so allein uberrascht hatte. Dieser antwortete ihm mit der gewandtesten Leichtigkeit in eben demselben Ton, und beide bewiesen mir (da ich ihr wahres Verhaltniss kannte) durch ihr Benehmen gegen einander, dass die Attische Urbanitat eine sehr preisliche Burgertugend ist. Bald darauf gesellten sich noch mehrere Bekannte zu uns, und als sich der Komiker wieder entfernt hatte, sagte Sokrates lachelnd zu mir: an diesem Menschen konntest du gleich dein erstes Meisterstuck machen, Anaximandra. Ich wurde schwerlich viel Ehre davon haben, versetzte ich, wenn Sokrates selbst in zwanzig Jahren nichts uber ihn vermochte. Keineswegs, erwiederte er, da du alles hast was mir fehlt. Schonheit, Anmuth und Jugend sind gar machtige Anlockungen. Aber ein so schlauer Vogel wie dieser, sagte ich, wurde sich die Lockspeise belieben lassen und der Schlinge doch zu entgehen wissen.
Wir stiegen nun durch die Propylaen wieder in die Stadt herab, und ich konnte dem Einfall nicht widerstehen, meinen Blumenkranz abzunehmen, und die Bildsaule des grossen Mannes damit zu kronen, dessen koniglichem Geist Athen ihren hohen Glanz uber alle andern Stadte in der Welt zu danken hat.
So eben erhalte ich von Korinth Nachricht, dass der beschwerlichste meiner Nachsteller den Weg, den ich genommen, entdeckt habe, und morgen in Athen eintreffen werde. Er soll das Nest leer finden. Morgen mit dem fruhesten fliege ich nach Korinth zuruck. Aber damit sich doch die Athener eine Zeit lang meiner erinnern, muss ich noch etwas thun, das in ihrer Stadt vermuthlich noch nie gesehen worden ist. Ich habe alle Bekannten, die ich hier gemacht, junge und alte, zwanzig bis dreissig an der Zahl, zu einem kleinen Abschiedsfest einladen lassen. Ein halb Duzend Koche sind bereits in voller Arbeit; denn ich werde meine Gaste mit einem Symposion in Korinthischer und Cyrenischer Manier bewirthen. Alle Gotter der Freude sollen von der Partie seyn; ich lasse die beruhmtesten Citherspielerinnen und Auletriden104 dazu bestellen, und deine Grazien sollen alle ihre Talente in Gesang, Tanz und Mimik den Augen und Ohren der entzuckten Cekropier Preis geben. Du siehst es will sich nicht anders schicken, als dass die edle Anaximandra von Cyrene, die mit dem Pracht und Vergnugen liebenden Aristipp verwandt zu seyn die Ehre hat, den Athenern ihre Dankbarkeit fur die gute Aufnahme, die sie bei ihnen fand, auf eine seiner wurdige Art beweise; und muss ich nicht meinem erhabnen Liebhaber zeigen, dass seine Lehren und Ermahnungen auf keinen unfruchtbaren Boden gefallen sind? Denke ja nicht, dass ich seiner dadurch spotten wolle. Die Grazien haben auch ihre Philosophie, und er soll sehen, dass sie sich mit der seinigen, wenn sie anders nicht gar zu storrisch ist, ganz gut vertragt. Ob ich auch deinen sauertopfischen Antisthenes zu der freundlichen Tugend bekehren werde, die, um die Herzen zu gewinnen, die Gestalt der Freude annimmt? Wir wollen sehen.
Ich melde dir von Eleusis aus, dass alles recht gut abgelaufen ist. Meine Gaste schienen von mir und meinem Gastmahl und den Talenten meiner Grazien bezaubert. Sogar die finstere Stirne des strengen Antisthenes entrunzelte sich. Den Sokrates allein glaubte ich bald ernsthafter bald ironischer zu sehen als gewohnlich, und man hatte zuweilen denken sollen, er sey von der Polizei bestellt mich zu beobachten, so scharfe Seitenblicke heftete er von Zeit zu Zeit auf mich. Aber Anaximandra machte es wie Hippokleides105 und liess sich's nicht kummern; oder vielmehr, sie begegnete ihm mit der zartlichen Aufmerksamkeit einer guten Tochter, und schien nichts an ihm zu sehen, was ihre frohliche Stimmung hatte unterbrechen konnen. Das Fest dauerte ziemlich weit in die Nacht, und Sokrates war einer der letzten, die sich zuruckzogen. Nachdem die Gesellschaft sich in einzelne Gruppen getheilt hatte, und wahrend die meisten den Spielen und Tanzen zusahen, fanden wir uns wie durch Zufall in einer Ecke des Saals allein. Ich lenkte das Gesprach mit guter Art auf dich, und bat ihn, mir ganz offenherzig zu sagen was er von dir denke. Aristipp, antwortete er, ist ein junger Mann von vorzuglichen Anlagen; als ein Liebhaber des Schonen mochte er auch wohl die Tugend lieben, wenn sie nur keine Opfer forderte. Seine Sinnesart ist edel; aber was ihm immer gefahrlich seyn wird, ist sein Hang zu einem freien Leben und zur Sinnenlust.
I c h . Wir haben ihn nie ausschweifend gekannt. Sollte er die Gelegenheit, weiser bei dir zu werden, so wenig benutzt haben, dass er sich erst zu Athen verschlimmert hatte?
S o k r a t e s . Auch ich habe ihn nie uber die Granzlinien des Wohlanstandigen hinausschweifen sehen, und uber einen gewissen Punkt beschamt seine Unstraflichkeit unsre meisten Junglinge. Aber sein letzter Aufenthalt zu Aegina machte mich vielleicht seinetwegen besorgter als nothig war.
I c h . Wie so? Hat man dir vielleicht von seiner Anhanglichkeit an eine gewisse Lais von Korinth gesprochen?
S o k r a t e s . Ich hore wenig auf Geruchte. Sie soll ausserordentlich schon, geistvoll und liebenswurdig seyn; und eben darum halte ich sie bei der freien Denkart, wovon sie Profession macht, fur eine sehr gefahrliche Zaubrerin.
I c h . Sokrates, du siehst Anaximandren jetzt zum letztenmal, und sie konnte sich nicht verzeihen dich langer zu tauschen. Ich selbst bin diese Lais, die du unter einem andern Namen liebenswurdig gefunden hast, und die dir in diesem Augenblick des Scheidens gesteht, dass sie dich allen Mannern vorzieht, die sie jemals gesehen hat.
S o k r a t e s . Deine Aufrichtigkeit, schone Lais, ist der Erwiederung werth: du sagst mir nichts Neues; schon diesen Morgen wusste ich wer du warst. Du glaubtest ich schwarme; jetzt begreifst du, dass ich bei ruhigem Muthe war. Lebe wohl, und erinnere dich zuweilen an den Oelbaum der Polias! Ich konnte mich nicht erwehren meinen Mund auf seine Hand zu bukken, und so wahr mir Urania gnadig sey, eine Thrane, glaube ich, fiel auf sie herab. Er druckte die meinige und entfernte sich.
26.
Aristipp an Lais.
Es war der allesvermogenden Lais Anaximandra vorbehalten, uns an Sokrates eine Seite zu zeigen, die ohne sie entweder gar niemals, oder wenigstens in keinem so schonen Lichte, sichtbar geworden ware. Die ganze Art seines Benehmens gegen dich macht ihn in meinen Augen sehr ehrwurdig; und besonders am letzten Tage ist er so ganz Sokrates, so ganz, was nur er allein seyn kann, der seltenste, oder soll ich sagen seltsamste, Hermaphrodit von Vernunft und Schwarmerei, den die menschliche Natur vielleicht jemals hervorgebracht hat! Wirklich glaube ich, dass du dir nicht zu viel schmeichelst, wenn du ihn (wiewohl nur im Scherz) unter deine Liebhaber zahlest. Wer weiss, ob du nicht wohl gar diesen philosophischen Hercules so weit hattest bringen konnen als weiland deine Zauberschwester Omphale den Thebanischen, wenn es nicht Grundsatz bei ihm ware, in solchen Nothfallen sich eines schnellwirkenden Hausmittels zu bedienen106. Ich wollte wetten, seine griesgramische Xantippe hat ihn in zwanzig Jahren nicht so zartlich gesehen, als wahrend deines Aufenthalts in Athen.
Schon war es von dir, liebe Laiska, dass du ihm noch in den letzten Augenblicken deinen wahren Namen entdecktest, und noch schoner das Spiel des Zufalls, dass du ihm nichts offenbartest als was er schon wusste. Vermuthlich muss er dem Eurybates das Geheimniss abgelockt haben; denn er besitzt einen zu scharfen Spursinn, als dass er nicht hatte merken sollen, dass es mit der Anaximandra von Cyrene, Aristipps Verwandtin, nicht ganz richtig sey. Uebrigens hoffe ich, durch deinen genialischen Einfall, dich in personliches Verhaltniss mit Sokrates zu setzen, ein Betrachtliches bei ihm gewonnen zu haben; oder, wofern er mich nach meiner Zuruckkunft nicht mit gunstigern Augen ansieht, werde ich geradezu behaupten, dass es blosse Eifersucht daruber sey, dass meine Weisheit mir nicht verbietet glucklicher zu seyn als er. Wirklich zieht mich die Neugier, zu sehen wie er mich aufnehmen wird, machtig nach Athen zuruck. Aber ich bin seit etlichen Tagen zu Lemnos, und dem Schauplatze der Homerischen Gesange zu nahe, um es bei den Musen verantworten zu konnen, wenn ich nicht nach der Trojanischen Kuste vollends hinuber setzen wollte. Indessen hoffe ich langstens in acht Wochen, mit Hulfe der nordlichen Winde, die um diese Zeit regieren, wieder in Athen zu seyn: und dort, schone Lais, schmeichle ich mir einen Brief von dir zu finden, der mir sagt, ob dir indessen irgend ein gunstiger Wind einen Liebhaber zugeweht hat, der dich des alten Sokrates vergessen machen kann.
27.
Demokles an Aristipp.
Dein Rath kam zu spat, Aristipp. Die Freunde der Freiheit, unter welchen eine betrachtliche Anzahl entschloss'ner Manner war, sind auf einmal aus dem Nebel der Verborgenheit hervorgetreten. Evagoras, den du als einen ehrgeizigen und unternehmenden Mann kennen wirst, hat Mittel gefunden sich an ihre Spitze zu stellen. Sie haben sich versammelt, verschiedene kraftige Vorkehrungen fur die offentliche Sicherheit getroffen, und die Haupter der drei Factionen, jeden insbesondere, zu einer formlichen Erklarung uber die Absicht ihrer, schon lange nicht mehr geheimen, Zurustungen aufgefordert. Man hat einander eine Zeit lang mundlich und schriftlich mit allerlei Ausfluchten, und als diese erschopft waren, mit Vergleichungsvorschlagen aufgezogen. Wie aber die Demokratische Partei in vollem Ernst erklarte, dass sie sich selbst so lange als die rechtmassigen Beschutzer der Gesetze und der Freiheit ansehen und benehmen wurden, bis die Oligarchen die Waffenvorrathe, womit sie ihre Hauser, gewiss zu keinem unschuldigen Gebrauch, angefullt, ausgeliefert, alle ihre Aemter niedergelegt und der allgemeinen Burgerversammlung Treue und Gehorsam geschworen haben wurden, machten (wie leicht vorherzusehen war, und doch nicht vorhergesehen wurde) die Triumvirn, Alcimedon, Hippokles und Ariston, plotzlich Friede unter einander und gemeine Sache gegen den gemeinen Feind, mit der Uebereinkunft, wenn sie die Oberhand erhalten hatten, die Regierung des Staats gemeinschaftlich zu fuhren.
Die Gotter haben uns nicht begunstiget, Aristipp. Es kam in diesen Tagen zu einem wuthenden Gefecht auf dem grossen Marktplatze. Die Triumvirn, welche ausser einem Trupp schwerbewaffneter Reiterei, einige Hundert Kretische Soldner und den ganzen Cyrenischen Pobel auf ihrer Seite hatten, uberwaltigten uns endlich nach einem langen verzweifelten Widerstand, durch ihre Ueberlegenheit an Waffen und Anzahl. Etliche Hundert der feurigsten Patrioten fielen, mit ruhmlichen Wunden bedeckt; der Ueberrest hielt es fur Pflicht, sich dem Vaterlande auf einen glucklichern Tag aufzusparen, und rettete sich durch die Flucht.
Du vermuthest ohne Zweifel voraus, dass die Sieger sich ihres Glucks, anstatt mit Massigung, mit aller Grausamkeit bedienen, die von ubermuthigen und misstrauischen Tyrannen zu erwarten ist. Die Gefangnisse sind mit Personen von allen Standen, die man fur verdachtig halt, angefullt, und reich zu seyn, oder dafur zu gelten, ist schon allein mehr als hinlanglich, um den raubgierigen Herrschern und ihren Gunstlingen verdachtig zu seyn. Die entflohenen Patrioten werden fur vogelfrei erklart, ihre Anverwandten aus der Stadt verbannt, und ihre Guter eingezogen. Alle unsre Hoffnung beruht nun auf unserer Verzweiflung, und auf der alten Erfahrung, dass Rauber, wie eifrig sie auch, um Beute zu machen, zusammengehalten haben, gewohnlich uber der Theilung zerfallen. Wir haben uns indessen nach und nach wieder zusammengefunden, und uns im Gebirg, an der Granze der Cesammonen, eines festen Postens bemachtiget, wo wir, taglich durch Verbannte oder Fluchtlinge verstarkt, uns so lange zu halten hoffen, bis uns etwa ein gunstiger Stern eine Wahrscheinlichkeit zeigt, die Befreiung des Vaterlandes mit besserm Erfolg zu unternehmen. Vielleicht ist mir einer von den Deinigen (deren leider! keiner auf unsrer Seite stand) mit Nachrichten von diesen Ereignissen bei dir zuvorgekommen; denn die Nothwendigkeit, mich von einigen Wunden heilen zu lassen, verhinderte mich eher an dich zu schreiben. Beklage das traurige Schicksal der vor kurzem noch so bluhenden und glucklichen Cyrene, und versuche alles was du kannst, da du es nicht abzuwenden vermochtest, es wenigstens zu erleichtern!
28.
Kleonidas an Aristipp.
Du bist bereits benachrichtiget, lieber Aristipp, dass es bei uns endlich zu einem Ausbruch gekommen ist, wobei die Oligarchen den Sieg erhalten haben. Mochten sie, da es nun einmal unser Schicksal ist, sich dessen nur mit Massigung bedienen! Aber noch sturmen die Leidenschaften von allen Seiten zu wild, um der Humanitat, ja nur der Klugheit, die ihren eigenen Vortheil kaltblutig berechnet, Gehor zu geben.
Die Eintracht unsers Triumvirats ist von kurzer Dauer gewesen. Ariston, der freigebigste und popularste unter ihnen, hat (wie man sich ins Ohr sagt) Mittel gefunden, seine beiden Collegen mit guter Art auf die Seite zu schaffen. Sie wurden bei einem offentlichen Opfer von drei seltsam verkleideten Banditen angefallen, und mit einigen Dolchstichen ermordet. Beide waren ihrer Raubgier und Grausamkeit wegen so verhasst, dass niemand ihr Schicksal bedauerte. Ariston selbst, sagt man, sollte das dritte Schlachtopfer seyn; er wurde aber glucklicher Weise von deinem Bruder Aristagoras und etlichen andern gerettet, bevor der ihm zugedachte dritte Dolch seine Brust erreichen konnte. Die Morder, die sich (nach ihrem eignen freien Gestandniss) aus blossem Patriotism zu dieser That verschworen hatten, wurden ohne Widerstand in Verhaft genommen, und in die engeste Verwahrung gebracht. Wie es aber auch zugegangen seyn mag, als sie am folgenden Morgen zum Verhor abgeholt werden sollten, fand man das Gefangniss leer, und die Vogel waren sammt dem Kerkermeister ausgeflogen. Du kannst leicht denken, dass verschiedlich uber diese Geschichte glossirt wird. Indessen benutzte Ariston die Schwarmerei, womit das Volk an seiner Gefahr und Erhaltung Antheil nahm, und liess sich unverzuglich, vermoge des Rechts seiner Grossmutter, die von einer Seitenlinie der Battiaden abstammt, unter dem wildesten Zujauchzen und Frohlocken des herbeistromenden Pobels zum Konig von Cyrenaika ausrufen. Prachtige Feste und offentliche Lustbarkeiten bezeichneten die ersten Tage seiner Regierung, und machten mit den Hinrichtungen und Proscriptionen des verhassten Triumvirats einen sehr auffallenden Contrast. Ariston schien dadurch (in der raschen Meinung des Volkes wenigstens) von allem Antheil an jenen Graueln losgesprochen zu werden, und seinen Mitburgern unter einer milden Regierung goldne Zeiten zuzusichern. Vermuthlich zu diesem Ende hat er, wie es heisst, die Sorgen der Staatsverwaltung deinem Bruder und einigen andern, die sich damit beladen wollten, uberlassen, und er scheint nichts Angelegneres zu haben, als sich mit allen Arten von Genussen, die ihm die wirkliche Gewalt verschaffen kann, so schnell als moglich zu uberfullen. Wohl mog' es ihm bekommen, sag' ich, zweifle aber sehr dass ich wahr gesagt habe. Dein Vater, der an dieser raschen Umkehrung der Dinge kein sonderliches Wohlgefallen haben soll, hat sich, unter dem Schutze seines hohen Alters, auf sein Landgut zuruckgezogen, und scheint alle Wunsche, wozu ihn die gegenwartigen Verhaltnisse berechtigen, auf die Freiheit und Ruhe, die in seinen Jahren so wohlthatig sind, oder (wie er selbst sich ausdruckt) auf die Erlaubniss im Frieden auszuleben, beschrankt zu haben. Ich besuche ihn ofters; er scheint mich gern zu sehen, weil ich ihm immer etwas Angenehmes von dir zu erzahlen weiss.
Ich danke den Gottern, dass ich zu unbedeutend bin, um in diesen gefahrlichen Zeitlauften eine Rolle spielen zu mussen, und nicht ehrgeizig oder unruhig genug, um etwas bedeuten zu wollen. Meine Familie ist durch die goldene nie genug gepriesene Mittelmassigkeit vor Neid und Raubgier gleich gesichert; und so lange wir uns, wie bisher, des Schutzes deines edeln Bruders erfreuen konnen, ist der Antheil den wir an der allgemeinen Ruhe des Vaterlandes nehmen, das einzige was die unsrige storen kann. Leider fehlt noch viel, dass wir uns der Hoffnung bess'rer Zeiten frohen Muthes uberlassen durften. Die demokratische Partei ist noch nicht gedampft, und unsre dermalige Regierung, zu sehr mit der innern Polizei beschaftigt, scheint den Bewegungen ihrer Feinde mit einer Gleichgultigkeit zuzusehen, die ich mir nicht wohl erklaren kann. Gewiss ist, sie muss ihre Ursachen dazu haben; ungewiss, ob der Ausgang sie rechtfertigen wird.
29.
Aristipp an Ariston.
Das Gluck hat deine Wunsche begunstiget, Ariston; du hast das hochste Ziel des menschlichen Ehrgeizes erreicht. Unglucklicher Weise sind die Stufen, auf denen du bis zum Thron hinauf gestiegen bist, mit Burgerblut befleckt. Wenn du ihn nur durch Verbrechen ersteigen konntest, so glaube wenigstens den Schmeichlern nicht, die dich bereden wollen, unter dem Glanz des Thrones wurden auch Verbrechen schon. Doch, das Geschehene kann kein Gott ungeschehen machen: aber das Andenken desselben im Gedachtniss der Menschen ausloschen, kannst du selbst. Je grosser die Opfer waren, die deine Erhebung dem Vaterlande kostete, desto grosser und ausgebreiteter ist das Gute, das es jetzt aus deiner Hand zu erwarten berechtigt ist, da du alles vermagst. Den Weg haben dir Gelon, Hieron, Pisistratus und Perikles vorgezeichnet. Moge das Volk, das dich mit Jubel zu seinem Konig ausrief und nicht wusste was es that Ursache finden, noch in funfzig Jahren den Tag zu segnen, da es sein Wohl oder Weh in deine Hande legte; und moge Ariston der Konig nie vergessen, dass er einst seines Volkes Mitburger war!
30.
Aristipp an Lais.
Nach einer Wanderung von mehr als funf Monaten bin ich wieder wohlbehalten auf dem "oltriefenden Boden angelangt, den Pallas Athene beschutzt;" in dieser Stadt von welcher der Dichter Lysippus107 sagt:
Hast du Athena nicht gesehn, bist du ein Klotz,
Sahst du sie und sie fing dich nicht, ein Stockfisch;
Trennst du dich wohlgemuth von ihr, ein Mullerthier.
Ich hoffe diess letztere werde nicht im strengsten Sinn der Worte zu nehmen seyn; denn ich sehe wohl, dass ich Athen noch mehr als einmal wohlgemuth verlassen werde; aber dafur bin ich auch gewiss, ich werde eben so oft wieder zuruckkommen; und ich musste mich sehr irren, oder dieses wechselnde Kommen und Gehen ist das wahre Mittel, wie man der Vortheile und Annehmlichkeiten des Aufenthalts in dieser Hauptstadt der gesitteten Welt geniessen kann ohne ihrer uberdrussig zu werden, oder sie von den ubermuthigen, naseweisen und wetterlaunischen Einwohnern gar zu theuer zu erkaufen. Nimm es nicht ubel, klarten Liebhabern, mit so wenig Ehrerbietung rede. Ich laugne es nicht, ein Fremder, der sich eine Zeit lang unter ihnen aufhalt, und, es sey nun durch personliche Eigenschaften oder durch Geburt, Stand und glanzenden Aufzug, ihre Aufmerksamkeit erregt, muss von ihrer Liebenswurdigkeit bezaubert werden; aber lass' ihn nur so lange bleiben, bis sie es nicht mehr der Muhe werth halten Umstande mit ihm zu machen: ich wette, er wird den Unterschied zwischen dem Athener im Feierkleide und dem Athener im Caputrocke sehr auffallend finden. Das ist allenthalben so, wirst du sagen. Ich gesteh' es; aber doch zweifle ich sehr, ob irgend ein anderes Volk dich die zuvorkommende Artigkeit und Gefalligkeit, womit es dich Anfangs uberhauft, so theuer bezahlen lasst, als der Athener, von dessen Charakter einer der wesentlichsten Zuge ist, dass er Andere gerade so viel unter ihrem wahren Werth schatzt, als er sich selbst uber den seinigen wurdigt.
Ich weiss nicht, ob du von einem Gemalde des beruhmten Parrhasius gehort hast, worin er den schon vom Aristophanes so treffend personificirten Athenischen Demos108 in einer Art von allegorisch historischer Composition zu schildern unternahm. Seine Absicht, sagt man, war, die Athener von der schonen und hasslichen Seite, mit allen ihren Tugenden und Lastern, Ungleichheiten, Launen und Widerspruchen mit sich selbst, zugleich und auf einen Blick darzustellen. Es war keine leichte Aufgabe, eben dasselbe Volk rasch, jahzornig, unbestandig, ungerecht, leichtsinnig, hartnackig, geitzig, verschwenderisch, stolz, grausam und unbandig auf der einen Seite, und mild, lenksam, gutherzig, mitleidig, gerecht, edel und grossmuthig auf der andern, zu zeigen; oder vielmehr, er unternahm etwas, das seiner Kunst unmoglich zu seyn scheint. Du bist vielleicht neugierig zu wissen, wie er es anfing? Das Gemalde stellt eine Athenische Volksversammlung vor, welche, nachdem sie in moglichster Eile irgend eine Ruhm und Gewinn versprechende Unternehmung beschlossen, eine summarische Rechnung uber Einkunfte und Ausgaben des Staats abgehort, und einen General etwas tumultuarisch zum Tode verurtheilt hat, eben im Begriff ist auseinander zu gehen. Man zahlt mehr als hundert halbe und ganze Figuren, von welchen die bedeutendsten in drei grosse Hauptgruppen vertheilt sind. In der ersten ist der Demagog, der so eben irgend ein ausschweifendes Project (etwa die Eroberung von Sicilien oder Aegypten) durch seine rhetorische Taschenspielerkunst durchgesetzt hat, die Hauptfigur. Das hoffartigste Selbstgefuhl und der Vorgenuss des Triumphs uber den glucklichen Erfolg seiner Vorschlage, den er als etwas Unfehlbares voraussetzt, ist in der ganzen Person, im Tragen des Kopfs, im Ausdruck des Gesichts, und in der ganzen Haltung und Gebardung des stolz einherschreitenden Projectmachers auf die sprechendste Weise bezeichnet. In den Gesichtern und Stellungen seiner ihn umgebenden Anhanger zeigt sich, in verschiedenen Schattirungen, Leichtsinn, Selbstgefalligkeit, Kuhnheit und herausfordernder Trotz. Es ist als ob sie sagen wollten: "Das kann nicht fehlen! Arme Schelme! wir wollen bald mit euch fertig seyn! Wer kann den Athenern widerstehen? Was ware Mannern wie wir unmoglich?" Gleichwohl bemerkt man hinter jenen ein Paar Achselzucker, die dem Unternehmen einen unglucklichen Ausgang zu weissagen scheinen; ein dritter hangt den Kopf so melancholisch als ob schon alles verloren sey; ein vierter scheint mit einem schwarmerischen Beforderer des Projects in einem lebhaften Wortwechsel begriffen zu seyn. Die zweite Gruppe drangt sich um den Schatzmeister der Republik, der seine Freude uber die Gefalligkeit, womit ihm das Volk seine Rechnungen passiren liess, unter einer sorgenvollen Finanzministermiene zu verbergen sucht. Ein Schwarm lockerer Bruder, im vollstandigen Costume ausgemachter Kinaden und Parasiten, schlendern neben und hinter ihm her, und scheinen, in frohlichem Gefuhl, dass es weder ihnen selbst noch der Republik jemals fehlen konne, einen grossen Schmaus auf den Abend zu verabreden. Ein anderer, der sich durch die schlaueste Schelmenphysiognomie auszeichnet, und etliche hungrige zu allem bereitwillige Gesellen hinter sich her schleichen hat, nahert sich dem Ohr des Ministers, und scheint ihn durch Darbietung der halb offnen Hand der versprochnen Erkenntlichkeit fur den geleisteten Dienst erinnern zu wollen. Aber auf der Seite sieht man ein paar altliche heliastische Figuren, mit bedenklichen Gesichtern, deren einer dem andern die Fehler in der abgelegten Rechnung vorzuzahlen scheint, wahrend ein dritter allein stehender, den sein schabiger Kittel und ein Gesicht, das einer mit Zahlen beschriebenen Rechentafel gleicht, fur das was er ist ankundigt, auf einem Stuckchen Schiefer nachrechnet, und durch die Miene, womit er seitwarts nach dem Schatzmeister schielt, den nahen Staatsbankrott weissagt. Die dritte Gruppe begleitet den verurtheilten Feldherrn nach dem Gefangniss. Einige, die ihn zunachst umgeben, drucken in verschiedenen Graden Theilnehmung, Schmerz und Mitleiden aus; wahrend er selbst seinem Schicksal mit grossherziger Entschlossenheit entgegen geht. In einiger Entfernung sieht man einen Haufen Sykophanten und falsche Zeugen hinter etlichen Mannern von Bedeutung, die sich durch ihre boshafte Freude uber den gelungenen Streich als die Feinde des verurtheilten Feldherrn ankundigen. Ein einzelner junger Mann, an eine Herme angelehnt, scheint durch seine Gebarde und einen wehmuthig scheuen Seitenblick auf das schuldlose Opfer einer schandlichen Cabale seine Reue zu verrathen, dass er die Anzahl der schwarzen Steine durch den seinigen vermehrt hat. Ausser diesen Hauptgruppen erblickt man hier und da einzelne oder in kleine Haufen verstreute Figuren, die, an dem Vorgegangenen keinen Antheil nehmend, nichts Angelegener's zu haben scheinen, als der Palastra, oder dem Bad, oder dem Prytaneon, wo eine wohlbesetzte Tafel ihrer wartet, zuzueilen. Alles das ist mit eben so viel Geist und Leben als Fleiss und Zierlichkeit ausgefuhrt, und gewiss ist dieses in seiner Art vielleicht einzige Meisterwerk die grosse Summe werth, fur welche ein reicher Kunstliebhaber zu Mitylene es vor kurzem an sich gebracht hat. Indessen, wiewohl ich gestehen muss, dass Parrhasius wo nicht die einzige, doch die sinnreichste und verstandigste Art, das, was er uns durch dieses Gemalde zu errathen geben wollte, anzudeuten, ausfindig gemacht habe, ist doch nicht zu laugnen, dass seine Absicht, wenn es anders seine Absicht war, die Veranderlichkeit und Vielgestaltigkeit des alle mogliche Widerspruche in sich vereinigenden Charakters des Athenischen Demos allegorisch darzustellen nur unvollkommen und zweideutig dadurch erreicht wird. Denn was er uns darstellt, ist nicht die personificirte Idee, die man mit dem Worte Volk verbindet, insofern ihm ein gewisser allgemeiner Charakter zukommt; sondern eine Menge einzelner Glieder dieses Volks, in der besondern Handlung, Leidenschaft oder Gemuthsstimmung, worein sie sich in diesem Moment gesetzt befinden. Die Arbeit, sich selbst einen allgemeinen Volkscharakter aus allen diesen Ingredienzen zusammenzusetzen, bleibt dem Anschauer uberlassen; aber auch dieser kann doch, da alles das eben so gut zu Korinth oder Megalopolis oder Cyrene hatte begegnen konnen, weiter nichts als den Charakter des Volks in einer jeden Demokratie darin aufsuchen; und der Maler hat diesen Einwurf dadurch, dass er die Scene auf den grossen Markt zu Athen setzte, hochstens aus den Augen geruckt, aber keineswegs vernichtet. Doch, wie gesagt, die Schuld, dass er nicht mehr leisten konnte, liegt nicht an ihm, sondern an den Schranken der Kunst; und, ausserdem dass dieses Stuck, bloss als historisches Gemalde betrachtet, alle Wunsche des strengsten Kenners befriediget, gesteh' ich gern, dass man auf keine sinnreichere Art etwas Unmogliches versuchen kann.
Ich bin durch diese zufallige Abschweifung ziemlich weit von dem, was ich dir schreiben wollte, weggekommen; aber da ich diess treffliche Stuck noch so frisch im Gedachtniss habe, und du eine so warme Liebhaberin der Kunst bist, so konnte ich, oder wollte ich doch, wozu bedarf es einer Entschuldigung? Was ich geschrieben habe, steht nun einmal da, und ich komme noch immer fruh genug dazu, dir ins Ohr zu sagen, dass du mir, wie es scheint, mit deinem Versuch, das Herz meines alten Chirons durch eine Kriegslist zu erobern, keinen sonderlichen Dienst bei ihm geleistet hast. Ich finde ihn seit meiner Zuruckkunft noch merklich kalter als zuvor, und seine Vertrauten begegnen mir so fremd und vornehm, dass ich oft alle meine Urbanitat zusammennehmen muss, um ihnen nicht ins Gesicht zu lachen. Aber ich habe eine andere Manier sie zu argern; ich thue als ob ich nichts merke, benehme mich gegen Meister und Gesellen wie vorher, und sehe den erstern fast taglich an offentlichen Orten, wiewohl selten in seinem Hause. Um meine mussigen Stunden auszufullen, ube ich mich mit einigen der besten Citharisten in der Musik, und lasse mir von dem beruhmten Hippias Unterricht in der Redekunst geben. Er ist theuer; aber er konnte doppelt so viel fordern, ohne dass ich es zu viel fande, so gross ist das Vergnugen, ihn reden zu horen. Seine gewohnliche Methode ist, heute fur, morgen gegen einen Satz zu sprechen. Die Sokratiker nehmen ihm das ubel; mit Unrecht, dunkt mich. Es gibt schwerlich ein besseres Mittel, die Urtheilskraft zu scharfen, und sich vor Einseitigkeit und Unbilligkeit gegen anders Denkende zu verwahren, als wenn man jede Sache von allen ihren Seiten und im verschiedensten Lichte betrachtet. Noch eine Ursache, warum ich den Umgang mit Hippias liebe, und ihn so oft als moglich sehe, ist seine grosse Menschenkenntniss; versteht sich, der wirklichen Menschen, wie sie leiben und leben, und des Laufs der Welt, nicht wie wir ihn alle gern hatten, sondern wie er ist. Du kannst dir leicht vorstellen, Laiska, dass ich mich durch diese kleine Vorliebe fur einen Sophisten, von welchem die Anhanger des Sokrates, besonders der junge Plato, mit der grossten Verachtung sprechen, schlecht bei den letztern empfehle; zumal, da ich seit meiner Zuruckkunft meine Art zu leben abgeandert habe, mich besser kleide, etliche Bediente und einen Sicilischen Koch halte, und wochentlich ein oder zweimal die artigsten Leute, die ich hier kenne, zum Abendessen einlade. "Auch Hetaren?" fragst du mit deiner eignen schelmischen Miene Hetaren? Nein, bei allen Grazien des weisen Sokrates und der schonen Lais! Hoffentlich nimmst du das nicht so, als ob ich dir ein Compliment damit machen wolle. Ich wurde mich selbst verachten, wenn mir eine solche Katachresis109 nur im Traum einfallen konnte. Nie, nie wird es mir moglich seyn, mir das liebenswurdigste aller weiblichen Wesen anders als einzig in ihrer Art, geschweige unter einer Rubrik zu denken, die ich auch dann, wenn sie mit lauter Korinnen, Melissen und Aspasien besetzt ware, ihrer noch unwurdig finden wurde. Ich kenne dermalen keine dieses Standes in Athen, die eine Gesellschaft, wie diejenige, die ich zuweilen bei mir versammle, zu verschonern liebenswurdig genug ware. Aber schicke mir nur diejenige unter deinen Nymphen, die es am wenigsten ist, und sie soll durch einen einstimmigen Beschluss zur Konigin unsrer kleinen Symposien ernennt werden.
31.
Lais an Aristipp.
Ich habe Uranien zwei schneeweisse Taubchen und dem Wogenbandiger Poseidon einen Stor von der ersten Grosse fur deine gluckliche Wiederkunft geopfert. Ein schwarzer Stier mit vergoldeten Hornern ist ihm auf den Tag gelobt, an dem wir uns in Aegina widersehen werden.
Es ist doch eine schone Sache, Freund, so in der Welt herumzustreichen, und alles was gross, selten und sehenswerth ist, mit seinen eignen Augen zu besehen. Die Beschreibung, die du mir von dem Gemalde des Parrhasius zu Mitylene gibst, konnte mich leicht dahin bringen, selbst nach Lesbos zu reisen, um mich gewiss zu machen, dass die Kunst binnen dreissig bis vierzig Jahren schon zu einer solchen Hohe hinaufgestiegen sey. Leontides sagte mir, sein Landsmann und Zeitgenoss Kleophant habe fur einen grossen Maler gegolten, weil man einige Verschiedenheit in den Gesichtern seiner Figuren wahrgenommen; von Ausdruck der Leidenschaften, Gemuthsregungen und Sitten hatte man damals noch keinen Begriff, und an die feinern Bezeichnungen der Gradationen in allem diesem war vollends gar nicht zu denken. Aber die sinnreichen Anmerkungen, die du uber die verfehlte Absicht des Kunstlers und uber die Unmoglichkeit, den Charakter eines ganzen Volkes in einer historiirten Allegorie zu personificiren, machst, hattest du dir, dunkt mich, ersparen konnen, mein lieber Philosoph. Wer sagt dir denn, dass Parrhasius eine solche Absicht hatte? oder wie kannst du dir einbilden, ein Maler, der das alles, was du an seinem Werke ruhmst, leisten konnte, habe etwas unternehmen wollen, das der Kunst unmoglich ist? Ich bin gewiss, es fiel ihm so wenig ein, das Attische Volk, insofern es sich als eine moralische Person denken lasst, in diesem Gemalde darstellen zu wollen, als die Anwohner der Imaus, oder das Volk im Mond. Warum wollen wir ihm eine andere Absicht leihen, als die sich in seinem Werke selbst ankundigt? Warum soll es noch etwas andres seyn als es augenscheinlich ist? Parrhasius wollte eine auseinandergehende Athenische Volksversammlung malen, und zwar so, dass wir errathen konnten was in derselben verhandelt worden, und wie es uberhaupt darin zuzugehen pflege. Es war ein sinnreicher Gedanke, und, ihn auszufuhren, unlaugbar eine Aufgabe, an die sich nur ein grosser Meister wagen durfte. Deiner Beschreibung nach, hat er das, was er leisten wollte, wirklich in einem so hohen Grade geleistet, dass die Kunst in Andeutung dessen, was sie dem Scharfsinn des Anschauers uberlassen muss, schwerlich weiter gehen kann. Was wollt ihr noch mehr?
Die Nachricht, die du mir von dem Benehmen der Sokratiker und des Meisters selbst gegen dich gibst, hat fur mich nichts Unerwartetes. Alles, dunkt mich, ist wie es seyn kann: wenn jeder bleiben soll, wozu ihn Natur und Umstande gemacht haben, konnt ihr in keinem andern Verhaltniss mit einander stehen, und ich bin mit deinem Betragen gegen sie vollig zufrieden.
Dein neuer Freund Hippias ist mir nicht so neu als du zu glauben scheinst. Ich lernte ihn schon vor einigen Jahren bei meinem Alten kennen, und ich musste mich sehr irren, wenn es ihn schwer ankommen sollte, bloss mir zu Gefallen nach Korinth zu reisen. Wenn er's thate, so ist er bis jetzt vielleicht der einzige, der dir gefahrlich werden konnte. Bei dieser Gelegenheit fallt mir ein, dass ich dir eine vor kurzem gemachte Entdeckung mitzutheilen habe. Oder solltest du es vielleicht schon wissen, dass sich ein zartliches Herzensverstandniss zwischen meiner kleinen Musarion und deinem wundervollen Freunde Kleombrotus angesponnen hat, wovon wir beide (ich weiss nicht recht warum) wahrend der ganzen acht Tage, die er, vor eurer Reise, in meinem Hause zu Aegina mit uns lebte, nichts gewahr wurden. Wie hatt' es aber auch zugehen sollen? Sie hielten die Sache so geheim, dass die Hauptpersonen selbst, wenn es nur irgend moglich ware, nichts davon gewahr worden waren. So lange sie einander alle Tage sehen und sprechen konnten so viel sie wollten, war die Sprache der Augen die einzige, wodurch ihre liebenden Seelen sich einander mittheilten. Gabe es, um einen jungen Hercules, der lauter Geist ist, mit einer niedlichen kleinen Hebe, die lauter Seele ist, in Verbindung zu setzen, noch ein geistigeres Mittel als Blicke, so wurden ihnen sogar Blicke noch zu materiell geschienen haben, um sich ihrer zu Unterhaltung dieser heiligen Flamme zu bedienen, die sich im Augenblick der ersten Annaherung, wie durch einen aus heiterm Himmel plotzlich herabfallenden Blitz, in ihren congenialischen Seelen entzundete. Diess ersehe ich aus einem Briefe des erhabnen Kleombrotus an meine kleine Muse, worin er unter andern sagt: "O Musarion! Warum konnen Seelen wie die unsrigen einander nicht unmittelbar beruhren, unmittelbar umschlingen, durchdringen und in einzige zusammenfliessen! Warum muss ich Armer ein so durftiges, kaltes, kraftloses, kummerliches Mittel, als Worte sind, zu Hulfe nehmen, um dir zu sagen, was keine menschliche Sprache, was die Sprache der Gotter selbst nicht aussprechen kann, wie ich dich liebe!" Du fragst mich, Aristipp, wie ich zur Entdeckung dieses unsichtbaren und unaussprechlichen Liebeshandels gekommen sey? Wisse also, mein Freund, dass der arme Kleombrotus, wie er, nach seiner Abreise mit dir, die bisherigen einzigen Vermittler seines geheimen Verstandnisses nicht langer gebrauchen konnte, sich endlich durch die hochste Noth gezwungen sah, zu dem gemeinen Hulfsmittel zu schreiten, dessen wir andern gewohnlichen Menschenkinder uns in solchen Fallen zu bedienen pflegen. Kurz, die kleine Musarion erhielt nach und nach einige grosse Briefe von ihm, die du lesenswurdig finden wurdest, wenn ich Zeit, oder (aufrichtig zu seyn) Dienstgeflissenheit genug gehabt hatte, sie fur dich abzuschreiben. Zufalligerweise fand ich diesen Morgen, da das Madchen eben anderswo beschaftiget war, ihr Schmuckkastchen, worin sie diesen Schatz verwahrte, unverschlossen; und so erfuhr ich denn mehr als die gute Seele glaubt dass ich wisse; denn ich schlich mich unbemerkt wieder fort, und bin entschlossen, mir nicht das Geringste von der gemachten Entdekkung gegen sie merken zu lassen. Wenn du es mit dem begeisterten Kleombrotus eben so halten wirst, so konnen wir uns von dem Fortgang und der Entknotigung dieses sublimen Liebeshandels noch manche Kurzweil versprechen.
32.
An Lais.
Ich werde mich kunftig wohl huten den Kunstrichter zu machen, wenn ich mit dir von dem Werk eines grossen Meisters spreche. Ganz gewiss hast du die Idee des Parrhasius auf den ersten Blick richtig gefasst, und ich begreife jetzt selbst nicht, wie ich dem Ansehen eines vorgeblichen Kenners, an dessen Seite ich den sogenannten Demos Athenaon sah, mehr glauben konnte als dem Zeugniss meiner eignen Augen, die mir eben dasselbe sagten was du. So kann uns die lobliche Tugend der Bescheidenheit oder die Untugend des Misstrauens in uns selbst zuweilen irre fuhren!
Kleombrotus hat sein Geheimniss besser in seinem Busen verwahrt als Musarion seine Briefe in ihrem Schmuckkostchen. Ich merkte zwar, dass seine Phantasie wahrend unsrer ganzen Reise sehr hoch hinaufgeschraubt war; aber geschraubt war sie auch vorher gewesen, und was etwa das Mehr austragen mochte, setzte ich, den Regeln der Wahrscheinlichkeit gemass, auf deine Rechnung. Denn wie konnt' ich mir einbilden, dass ein solcher Schwarmer die schone Lais ungestraft hatte sehen konnen? Dass nur ein Schwarmer wie er es konne, fiel mir nicht ein und ist doch so wahr! Desto besser fur ihn dass er es konnte! Bei dir wurde er schwerlich so wohl gefahren seyn als bei der kleinen Musarion, und sie schickt sich freilich besser dazu, seiner phantastischen Art zu lieben (die er dem jungen Plato, einem noch grossern Schwarmer als er selbst, abgelernt hat) zum Zunder zu dienen als du. Da es ihm nun einmal angethan ist dass er sich nur in Seelen verlieben kann, so hatte ihm nichts Glucklicheres begegnen konnen, als so von ungefahr auf das sanfte Seelchen eines so ganz aus Lilienglanz und Rosenduft zusammengehauchten und von Amors zartlichstem Seufzer beseelten Madchens zu stossen; und ich freue mich fur sie und uns, dass du geneigt bist, sie unter dem Schleier ihrer vermeinten Unsichtbarkeit ihr Wesen so lange forttreiben zu lassen, bis etwa Natur oder Zufall dem empfindsamen Kinderspiel ein Ende macht.
Meine Bekanntschaft oder Freundschaft, wenn du willst, mit dem verfuhrerischen Hippias steht noch in vollem Wachsthum. Wir sehen uns beinahe taglich, und scheinen einander immer mehr Geschmack abzugewinnen. Es fehlt zwar viel, dass seine Philosophie auch die meinige sey. Sie geht nicht weiter als auf Lebensklugheit; dein Freund Aristipp hingegen (rumpfe deine schone Nase nicht gar zu spottisch, Laiska!) hat es dem Sohne des Sophroniskus zu danken, dass er sich kein geringeres Ziel als Lebensweisheit vorgesteckt hat. Zwar ist nicht zu laugnen, dass Hippias mit seiner Aufgabe bereits im Reinen ist, wahrend ich noch ungewiss bin, ob ich jemals mit Auflosung der meinigen zu Stande kommen werde: aber dafur wirst du mir zugeben, dass die seinige auch bei weitem nicht so schwer und verwickelt ist. Uebrigens, den einzigen Punkt, worin wir nie zusammentreffen werden, ausgenommen, haben wir eine unendliche Menge Beruhrungspunkte, und ich finde wirklich alles in ihm beisammen, was man sich an einem angenehmen, beinahe zu allem brauchbaren Gesellschafter wunschen kann. Bis jetzt ist mir noch niemand vorgekommen, der vielseitiger und mannichfaltiger, freier von Vorurtheilen, behender in richtiger Auffassung fremder Gedanken und Meinungen, und weniger schwerfallig in Behauptung seiner eignen ware als Hippias. Ueberdiess besitzt er eine unendliche Menge von Kenntnissen und Geschicklichkeiten aller Art, und ich bin noch nie in seiner Gesellschaft gewesen, ohne irgend etwas Wissenswurdiges oder Brauchbares von ihm gehort oder gelernt zu haben. Aber freilich interessirt mich auch beinahe alles in der Welt, und es gibt schwerlich ein so brodloses Kunstchen, das ich nicht zu lernen versucht wurde, wenn es irgends ohne grossen Zeitaufwand und gleichsam im Vorbeigeben zu lernen ist.
Sage indessen meiner edeln Base Anaximandra, sie wurde mir grosses Unrecht thun, wenn sie glaubte, Sokrates werde nun gerade so viel bei mir verlieren als Hippias gewinne. Meiner Sinnesart nach kann diess nie der Fall seyn; und wenn sich auch meine anfangs vielleicht allzuhohe Meinung von dem Athenischen Weisen um etwas herabgestimmt haben sollte, so hat wenigstens der Sophist von Elea nicht die geringste Schuld daran. Da ich einmal auf diesen Punkt gekommen bin, liebe Laiska, so will ich mich so aufrichtig gegen dich erklaren, als ob ich, als blosser Zeuge dessen, was ich von der Sache weiss, vor deinem Richterstuhl stande. Ich werde nie aufhoren den Sokrates zu ehren und mit Dankbarkeit zu erkennen, dass ich in seinem Umgang besser geworden bin. Auch kann ich dir, wenn du es begehrst, ziemlich genau sagen, worin, wodurch und wiefern ich mich durch ihn gebessert finde. Wenigstens glaube ich, dass ich ohne ihn nie zu dem Ideal der sittlichen Form meiner Natur gekommen ware, dessen Ausbildung und Darstellung im Leben immer mein angelegenstes Geschaft seyn wird. Freilich wurde mir Hippias sagen, diese Form ware auch ohne Hulfe des Sokrates in mir entwickelt worden, so gut als die Kinder, denen seine Mutter zur Geburt verhalf, vermuthlich auch ohne sie in die Welt gekommen waren. Das konnte vielleicht seyn, es kann aber auch nicht seyn; ich streite nicht gern uber Dinge die sich nicht aufs Reine bringen lassen: genug, ich hasse eine Vorstellungsart, die mir ein so humanes und angenehmes Gefuhl, als die Dankbarkeit ist, raubt, wiewohl Sokrates selbst, durch den edeln Eigensinn, alles was er zu geben hat unentgeltlich zu geben, es mir unmoglich macht, sie ihm beweisen zu konnen. Aber auch ohne Rucksicht auf das, was ich ihm in diesen vier Jahren schuldig geworden bin, habe ich ihn in so langer Zeit hinlanglich kennen gelernt, um mit Ueberzeugung zu sagen, ich kenne keinen weisern und bessern Mann als ihn; und wenn ich noch dreimal so lange mit ihm lebte, was konnt' ich mehr sagen? Wozu also sollt' ich noch immerfort wie sein Schatten hinter oder neben ihm her gleiten? Warum nicht auch andere merkwurdige Menschen aufsuchen, oder wenn sie mir von ungefahr begegnen, mich eine Zeit lang zu ihnen halten, um zu sehen, ob ich nicht auch durch diese besser werden kann? Denn, da ich nun einmal im Bekennen bin, warum sollt' ich nicht auch diess gestehen, da es die blosse reine Wahrheit ist? Sokrates ist fur mich ein Buch, das ich schon lange auswendig weiss, eine Musik, die ich tausendmal gehort, eine Bildsaule, die ich tausendmal von allen Seiten betrachtet habe. Seit vier Jahren hore und sehe ich alle Tage ungefahr eben dasselbe bei ihm; und wiewohl ich ihn damit nicht getadelt haben will, so mag doch, dachte ich, ein fur so vielerlei Schones und Gutes empfanglicher, und (mit deiner Erlaubniss) "das Vergnugen, wo nicht mehr als einem emporstrebenden Jungling geziemt," doch gewiss nicht weniger, liebender junger Mann zu entschuldigen seyn, wenn er es endlich mude wird, Tag vor Tag zu horen, an jedem Abend sich mit der Erinnerung, nichts anders den ganzen Tag uber gehort zu haben, niederzulegen, und am folgenden Morgen mit der Gewissheit aufzustehen, dass er auch heute nichts anders horen werde, als "dass ein braver Mann seinem Vaterlande, seinen Freunden und seinem Hauswesen nutzlich seyn, den Feinden hingegen allen moglichen Schaden zufugen, und um dieses und jenes besser zu konnen, immer massig, nuchtern und enthaltsam seyn, die Wollust fliehen, Hunger und Durst, Frost und Hitze leicht ertragen, keine Arbeit scheuen, keinen Schmerz achten, und aller Aphrodisischen Anfechtungen110, damit sie sich ja nicht etwa auf einen einzigen liebreizenden Gegenstand werfen mochten, durch den ersten besten Ableiter aufs schleunigste loszuwerden suchen musse." Diese (unter uns gesagt) aus einem etwas groben Faden gewebte Moral, deren Theorie man in einer Stunde weg hat, und bei welcher alles bloss auf einen derben Vorsatz und lange Uebung ankommt, mag zum Hausgebrauch eines Attischen Burgers, zumal wenn er von zwei oder drei Obolen des Tags leben muss, eben so zureichend seyn, als sie unstreitig nach Zeit und Ort und Erforderniss der vorhabenden Sache, auch jedem andern Biedermann zutraglich ist: aber ein ehrlicher Weltburger, der sich darauf einrichten will, uberall zu Hause zu seyn, und, seinem eigenthumlichen Charakter unbeschadet, in alle Lagen zu passen, und mit allen Menschen zu leben, langt damit nicht aus, und muss noch ein ziemliches Theil mehr wissen und konnen, um seine Rolle gut zu spielen, und, wofern er es auch andern Leuten, ohne seine Schuld, nicht immer recht machen kann, wenigstens so selten als moglich sich selbst sagen zu mussen: das hattest du besser, kluger oder schicklicher machen konnen. Ueberdiess sehe ich nicht, warum ein Mann, dem seine Umstande erlauben, uber das Unentbehrliche in Nahrung, Kleidung, Wohnung und andern zum menschlichen Leben gehorigen Dingen, hinauszugehen, gerade nur seine Philosophie auf die blosse Nothdurft einschranken musste. Das Menschengeschlecht ist zu ewigem Fortschreiten, der einzelne Mensch zu moglichster Ausbildung seiner selbst, in der Welt. Diess sagt mir mein Damonion, und ich glaube ihm wenigstens eben so sicher folgen zu konnen, als Sokrates dem seinigen.
Uebrigens steht, meines Bedunkens, dem Meister selbst manches wohl an, und verdient sogar alle Achtung, was an seinen Nachahmern nicht die namliche Grazie hat; zumal wenn sie der Sache nie zu viel thun zu konnen glauben, und noch sokratischer seyn wollen als Sokrates selbst. Unter allen treibt es keiner weiter als Antisthenes; denn gegen ihn ist Sokrates ein Stutzer. Seitdem ich mir die Freiheit nahm in meine gewohnte Lebensweise zuruckzutreten, schien er (vermuthlich um mich durch den Abstich desto arger zu beschamen) von der Sokratischen Schlichtheit bis zum schmutzigen Costume der koniglichen Bettler in den Tragodien des Euripides111 herabsteigen zu wollen. Diess machte ihn eben nicht zum angenehmsten Nachbar; indessen wusste ich mir mit einem sehr einfachen Mittel zu helfen, und verbannte mich aus seiner Atmosphare so weit ich konnte. Nun ward er, kraft der Vorrechte die ihm unsre ehmalige Vertraulichkeit gab, zudringlich, und weil die Gelegenheiten uns offentlich zu sehen immer seltner wurden, suchte er mich sogar in meinem Hause auf, um mich mit dem ziemlich grobkornigen Attischen, oder vielmehr Piraischen Salze112 seiner Sarkasmen tuchtig durchzureiben. Da diess nicht anschlagen wollte, und er immer nur lachende Antworten von mir erhielt, kehrte er zuletzt die rauche Seite heraus, und machte mir ernsthafte und bittere Vorwurfe, als ob ich der Sokratischen Gesellschaft durch meine Lebensweise und Sybaritischen Sitten (wie er zu sagen beliebte) Schande machte. Einsmals kam er dazu, da ich eben fur ein rothes Rebhuhn funfzig Drachmen bezahlt hatte, d.i. ungefahr so viel als er selbst in einem halben Jahre zu verzehren hat, und in der That etwas viel fur ein Rebhuhn. Schamst du dich nicht, schnarchte er mich in Gegenwart vieler Leute mit dem Ton und der Miene eines ergrimmten Padotriben an, du, der fur einen Freund des Sokrates angesehen seyn will, eine so grosse Summe fur einen wenig Augenblicke dauernden Kitzel deines Gaumens auszugeben? Ich merkte leicht dass er mich reizen wollte, um dem Volke, das in solchen Fallen immer Partei gegen den Fremden nimmt, eine Scene auf meine Kosten zu geben. Wurdest du, sagte ich mit grosster Gelassenheit, das Rebhuhn nicht selbst gekauft haben, wenn es nur einen Obolus kostete? Das ist ganz ein anders, versetzte er. "Keineswegs, Anthisthenes; mir sind funfzig Drachmen nicht mehr als dir ein Obolus." Die Zuhorer lachten; ich ging davon, und seitdem sahen wir uns nicht wieder.
Ich erzahle dir diese kleine Anekdote, schone Lais, um dir einen deiner angenehmen Athenischen Tischfreunde wieder ins Gedachtniss zu rufen, und damit du dich nicht zu sehr verwunderst, wenn du etwa horen solltest, Aristipp von Cyrene und Sokrates seyen auf immer mit einander zerfallen, weil besagter Aristipp seinem Lehrer funfzig Drachmen, um welche dieser ihn angesprochen, rund abgeschlagen, und doch zu gleicher Zeit funfhundert um ein rothes Rebhuhn ausgegeben habe.
Hippias gedenkt in kurzem eine Reise nach Syrakus zu unternehmen, und macht mir den Antrag ihn dahin zu begleiten. Ausserdem, dass ich eben nicht weiss was mich in Athen zuruckhalten sollte, habe ich grosse Lust das Land zu sehen, wo meine Freundin Lais geboren wurde, und, was mir noch angelegner ist, bei dieser Gelegenheit vielleicht sie selbst in Korinth wiederzusehen. Der Antrag wird also vermuthlich angenommen werden.
33.
Lais an Aristipp.
Wiewohl ich nie so ubel von meinem Freund Aristipp denken werde, um zu besorgen, dass er sich jemals ungerecht und undankbar gegen einen Sokrates zu zeigen fahig sey, so dunkt es mich doch hohe Zeit, dass du, mit oder ohne Hippias, je eher je lieber nach Syrakus reisest. Vielleicht irre ich mich, aber ich glaube wirklich in deinem letzten Briefe hier und da Spuren von dem Einfluss, den dein neuer Freund auf deine Vorstellungsart gewinnt, wahrzunehmen.
Die Anekdote hat mir den kleinen Triumph, den meine Reize zu Athen uber die Runzeln des finstern Antisthenes erhielten, nicht ohne gerechten Stolz wieder ins Gedachtniss gebracht. Uebrigens, wie wenig Amonitat der gute Mann auch in den Ton seines Tadels gelegt hat, kann ich ihm doch in der Hauptsache nicht ganz Unrecht geben; und ich mochte dir wohl selbst rathen, wofern funfzig Drachmen der gewohnliche Preis der rothen Rebhuhner zu Athen sind, deinen Tisch nicht allzu oft mit einem so theuern Leckerbissen besetzen zu lassen. Denn, wenn dein ubriger Aufwand mit diesem einzelnen Artikel in gehorigem Verhaltniss stehen sollte, so mochten wohl die Einkunfte einer Persischen Satrapie nicht zureichen, deine Wirthschaft im Gange zu erhalten.
Da ich schwerlich hoffen darf, dich in der nachsten Rosenzeit zu Aegina zu sehen, so ist es desto freundlicher von dir wenn du mich im Vorbeigehen durch einen Besuch in Korinth entschadigest. Ich denke nicht, dass Hippias zu viel dabei seyn wird, wiewohl ich dir fur die Folgen der Erneuerung einer funf Jahre unterbrochnen Bekanntschaft mit einem so liebenswurdigen Manne, wie du ihn beschreibst, nicht stehen will. Ueberlege also wohl, wie viel du etwa zu wagen gesonnen bist; und vergiss auch nicht mit in den Anschlag zu bringen, dass meine eigenen Reizungen (wie mich glaubwurdige Personen versichern) noch immer in taglichem Zunehmen sind. Wir Schonen haben, wie du weisst, zuweilen gar wunderliche Launen.
34.
Aristipp an Lais.
Die gute Gesellschaft, die man gewohnlich bei Hippias findet, hat sich seit kurzem um eine sehr interessante Person vermehrt. Sie nennt sich Timandra113, und war die Gesellschafterin und Geliebte des schonen Alcibiades, in der letzten Zeit des herumirrenden Lebens dieses beruchtigten Abenteurers. Da ich so glucklich bin, eine Dame zu kennen, neben welcher jede andere errothen wurde, wenn man sie schon nennen wollte, so sage ich bloss, dass diese Timandra eine der liebenswurdigsten Personen ist, die ich noch gesehen habe; und was sie in meinen Augen auch achtungswurdig macht, ist die Anhanglichkeit und Treue, mit welcher sie jenem im Guten und im Bosen unubertrefflichen Manne, auch im Ungluck und bis in seinen Tod zugethan blieb. Die unaffectirte Warme, womit sie noch jetzt von ihm spricht, scheint die Aufrichtigkeit der Trauer zu bestatigen, worin sie etliche Jahre nach seinem Tode in einsamer Verborgenheit zugebracht haben soll. Nun hat sie sich mit dem, was sie aus den Trummern der unermesslichen Reichthumer ihres unglucklichen Freundes retten konnte, nach Athen begeben, wo sie sehr eingezogen lebt, und nur mit vieler Muhe vermocht werden kann, zuweilen in einer ausgesuchten kleinen Gesellschaft die Tafel des Hippias zu zieren; der (wenn ich dir's nicht schon gesagt habe) in seinen Talenten und in seiner Gewandtheit Mittel gefunden hat, sich zu einem der reichsten Sophisten in der ganzen Hellas zu machen, so wie er, mit deiner Erlaubniss, einer der ersten Virtuosen in der Kunst gut zu essen ist. Er hat der schonen Timandra Antrage gethan, die in ihrer Lage kaum zu verwerfen waren, wenn Hippias auch weniger von allem dem besasse, was sie uber den Verlust eines Alcibiades trosten kann. Noch scheint sie unentschlossen; doch zweifle ich nicht, dass sie sich uberreden lassen wird, uns auf der Reise nach Syrakus Gesellschaft zu leisten. Du siehst also, liebe Laiska, falls du etwa einen kleinen Anschlag auf meinen Reisegefahrten gemacht haben solltest, dass du eine Rivalin zu bekampfen haben wirst, die sich dermalen, wo nicht seines Herzens (und rathe warum?) doch gewiss seines Geschmacks und seiner Phantasie ganzlich bemachtigt zu haben scheint.
Kleombrotus dauert mich. Er hat, als er horte dass wir nach Korinth gehen wurden, alles versucht, um von der Gesellschaft zu seyn: aber Hippias der mit einer naturlichen Antipathie gegen alle Arten der Schwarmerei und Schwarmer geboren ist, konnte nicht bewogen werden, seine Einwilligung dazu zu geben. Die Noth des armen Jungen stieg endlich so hoch, dass ich, wenn wir allein waren, sein Geheimniss schon mehr als Einmal, unter dem heftigsten Grimmen und Wurgen, sich schon ganz nah an seine Lippen hinauf arbeiten sah; aber immer hatte er doch Starke genug es mit Gewalt wieder hinunterzudrukken. Da ich ihm nun geholfen wissen mochte, so sann ich lange auf Mittel und Wege, bis mir endlich einfiel, ihn mit meinem edeln Freund Eurybates bekannt zu machen. Eurybates ist ein leidenschaftlicher Liebhaber der Dichter und der Kunst ihre Werke gut zu lesen; und Kleombrotus, ausserdem dass er selbst Dithyramben von der ersten Starke macht, declamirt so vortrefflich, dass er es beinahe mit dem grossen Rhapsodisten Ion114 aufnehmen konnte. Diese Talente haben ihn bereits in so hohe Gunst bei Eurybates gesetzt, dass ich gewiss bin, er wird ihn kunftigen Fruhling mit nach Aegina nehmen, und die beiden liebenden Seelchen werden sich dort unter deinem Schutze, wieder nach Herzenslust anschauen, durchdringen, und in Eine hermaphroditische Seele zusammenfliessen konnen. Kleombrotus ist von seinem neuen Freunde ganz bezaubert. Ich bedaure nur, sagte ich diesen Morgen mit der arglosesten Miene zu ihm, dass ihr euch so bald wieder werdet trennen mussen; denn Eurybates wird den Fruhling in Aegina zubringen. Was thut das? versetzte Kleombrotus; warum sollt' ich ihn nicht nach Aegina begleiten konnen? Das ist wahr, erwiederte ich, wenn dich deine Anhanglichkeit an Sokrates und Plato nicht zuruckhalt. Du siehst, Laiska, ich wollte mir nur eine kleine Kurzweil mit dem verschwiegenen Liebhaber machen; aber meine letzten Worte verdarben alles. Sie fielen ihm so stark auf die Brust, dass er plotzlich den Kopf hangen liess, und mit einem tiefen Seufzer traurig fortschneckte. Ich bin gewiss, es wird ihm harte Kampfe kosten bis ihn die Leidenschaft uberzeugt haben wird, dass, in der Nothwendigkeit zwischen beiden zu wahlen, Musarion doch den Vorzug haben musse.
Hippias hat endlich uber die Bedenklichkeiten der schonen Wittwe des Alcibiades gesiegt, und unsre Abreise ist auf einen der nachsten Tage angesetzt. Wenn uns der Gott der Winde nicht zuwider ist, hoffe ich noch vor dem Eintritt des nachsten Vollmonds, zur Feier unsrer ersten Zusammenkunft in Korinth, den Grazien mit dir zu opfern.
35.
An Ebendieselbe.
Ist es wahr, meine Laiska, dass ich dich gesehen, drei Gottertage mit dir gelebt, unsern ewigen, am Altar der Freundschaft zu Aegina beschwornen Bund erneuert, und den Sokratischen Grazien und dem Gotter und Menschen Herrscher Amor in deinem eigenen Tempel zu Korinth geopfert habe? Wie die Stunden in einem schonen Traum, einem einzigen langen untheilbaren Augenblick ahnlich, schwanden sie voruber, diese Wonnetage; aber noch immer meinem innersten Sinne gegenwartig, auch in der geistigen Gestalt der blossen Erinnerung, loschen sie alles aus, was sich mir als gegenwartig darstellen will: alles Wirkliche scheint mir Traum; ich sehe nur dich, hore nur den Sirenenton deiner sussen Rede, sauge den allmachtigen Geist der Liebe aus deinen Lippen, und fuhle deinen gottlichen Busen auf meinem Herzen wallen. Schon bin ich drei volle Tage (sagen die Leute) in Syrakus, in der grossten, prachtigsten, schonsten Stadt des ganzen Erdbodens: und wenn du mich fragtest, wo der weltberuhmte Tempel der Tyche stehe, und ob er auf Dorischen oder Ionischen Saulen ruhe, so wusst' ich dir nicht zu antworten. Lais, Lais! Was hast du aus mir gemacht? aus mir, der sich auf die Kalte seines Kopfs so viel zu gute that? O du, machtiger als Circe und Medea, gib mir meine Sinne wieder! Lose den Zauber, den du auf mich geworfen hast! Was wolltest du mit einem Wahnsinnigen anfangen? Wunderbar, dass ich deine Gegenwart mit ihrer ganzen Allgewalt ertragen konnte, und entfernt von dir der blossen Erinnerung unterliege! Beinahe mocht' ich mit dir hadern, dass du so unendlich liebenswurdig bist. Ich rede im Fieber, Liebe, nicht wahr? Es ist hohe Zeit dass ich aufhore.
36.
Lais an Aristipp.
Welcher ungnadigen Nymphe bist du zur Unzeit in den Weg gekommen, Aristipp? Wusste ich nicht, wie wenig das war, das dich in so wunderbare Seelenzukkungen zu setzen scheint, und dass ein Loffel voll Wein, sey es auch vom besten Cyprier, niemanden berauschen kann, du hattest mich beinahe glauben gemacht, es sey dein Ernst. Aber vermuthlich wolltest du nur einen kleinen Versuch machen, wie weit du es in der Manier des jungen Kleombrotus bringen konntest. Ich wurde dich beklagen, wenn du wirklich so wenig ertragen konntest als du vorgibst. Gut indessen, dass du mich gewarnt hast. Ich werde mir's gesagt seyn lassen, und mich wohl huten, dich glucklicher zu machen als dir zutraglich ist. Wenn ein Tropfchen Nektar in einem Becher voll Wasser dir schon so stark zu Kopfe steigt, was fur Unheil wurde eine ganze Trinkschale unvermischten Gottertranks in deinem Gehirn anrichten?
Ernstlich zu reden, lieber Aristipp, muss ich fast vermuthen, dass du mich uber die kleinen Untreuen, wozu dich die schone Timandra, vielleicht ohne Absicht und Wissen, verleitet, sicher machen willst. Wenn das deine Meinung ware, mein Freund, so hattest du das unrechte Mittel ergriffen. Bleibe, wenn ich dir rathen darf, in deinem gewohnlichen Ton, und verlass' dich wegen des Uebrigen auf mich. Ich weiss wie viel man euch zu gut halten muss, und bei mir bist du vor den zwei hasslichsten Weiblichkeiten, der Eifersucht und der Rachlust, sicher. Ich werde immer ehrlich und aufrichtig mit dir verfahren, aber ich erwarte auch das Namliche von dir.
Syrakus, sagt man, hat die schonsten Weiber in ganz Griechenland. Findest du es wirklich so? Sage mir gelegentlich ein Wort hieruber, und melde mir zugleich, wie meine neue Freundin mit ihrem sophistischen Liebhaber, oder wie man es nennen muss, haushalt? Etwas Kunst wird sie nothig haben, wenn sie so viel Gewalt uber ihn behalten will, als schlechterdings nothig ist, wenn ein Mann sich glucklich durch uns fuhlen soll. Doch sie ist in einer guten Schule gewesen, und die ehemalige Geliebte des Alcibiades kann des Raths einer Anfangerin nicht bedurfen. Wenn ich sie recht gesehen habe, so ist viel feiner Sinn, um nicht Schlauheit zu sagen, unter der naiven Einfalt versteckt, die ihr eine so eigene Anmuth gibt, und desto sichrer wirkt, weil sie mit Geist und Gute des Herzens verbunden ist. Sie ist wirklich ein liebenswurdiges Weib, und ich erlaube dir, ihr so gut zu seyn als dein Freund Hippias es gerne sehen mag.
37.
Aristipp an Lais.
Ich glaube wirklich, dass ich dir jungst in einer Art von Fieber geschrieben habe, Laiska. Was ich schrieb mogen die Gotter wissen! Ich weiss nichts weiter davon, als dass in den ersten acht Tagen nach der Abfahrt von Korinth die Erinnerung an dich mein ganzes Wesen dermassen ausfullte, dass keine andere Vorstellung Platz neben ihr finden konnte. Wenn du glaubst, dass ein solcher Zustand ziemlich nah an Wahnsinn granze, so bin ich vollig deiner Meinung; oder vielmehr, um entschiedener Wahnsinn zu werden, hatte er vielleicht nur noch acht Tage dauern mussen. Indessen war's doch schon ein gutes Zeichen, dass mir nicht so ganz wohl bei der Sache war als wenn ich Kleombrotus gewesen ware. Ich stand schon im Begriff mit einem Arzt davon zu sprechen, als wir, zu gutem Glucke, von Hermokrates, einem der angesehensten Manner der Stadt, zu einem grossen Gastmahl eingeladen wurden. Die Gesellschaft war auserlesen, die Bewirthung (um alles mit Einem Worte zu sagen) Sicilianisch; und wie die Frohlichkeit nach und nach rauschender ward, gingen auch die grossen Becher immer fleissiger herum. Ich schonte den herrlichen Syrakuser unsers reichen Wirthes nicht, und siehe da! am folgenden Morgen, als ich meinen kleinen Rausch ausgeschlafen hatte, stand ich so heiter, unbefangen und lichtstrahlend vom Lager auf, als Helios115 aus den Armen der Thalassa.116
Du siehest, liebe Laiska, dass man an dem Gehirn eines achten Sokratikers nicht so leicht verzagen darf. Indessen sind wir, wie gesagt, uber das Gefahrliche der Nympholepsie117, uber die du, Grausame, mich noch gar bespotten konntest, ganzlich einverstanden; nur gegen die Folge, die du daraus ziehest, hab' ich eine starke Einwendung. Der Satz, worauf du deinen Schluss grundest, mag in vielen Fallen gelten; aber auf die Liebe lasst er sich nicht anwenden. Mit dieser Leidenschaft ist es (ubrigens ohne Vergleichung) wie mit gewissen Krankheiten, wo eine kleine Gabe eben derselben Arzney das Uebel vermehrt, eine starke hingegen die trefflichste Wirkung thut. Auf diese Gefahr wag' es also immerhin mit mir, schone Hebe! Vergiss dass ich nur ein Sterblicher bin, reiche mir die Nektarschale so voll wie einem Olympier, und du wirst Wunder sehen!
Timandra, die dich liebt ware vielleicht zu viel gesagt, mehr als von irgend einem schonen Weibe gefordert werden kann aber, die dich neidlos bewundert, ist auf dein Andenken und deine Theilnehmung stolz. Sie scheint sich in ihrer neuen Lage wohl zu gefallen, und mein Egoist lebt in einer sehr vergnuglichen Ehe mit ihr. Er kann sich keine bessere Hausfrau wunschen, sie keinen Mann bei dem sie es in allen Stucken besser hatte; so dass ich nicht sehe, warum ihre Verbindung nicht bis auf den letzten Faden halten sollte. Timandra hat alles, bis zum Ueberfluss, was seine Sinnlichkeit befriedigen kann; dabei ist sie sanft, munter, und immer frohen Sinnes, ohne Laune, Eigensinn und Eifersucht; steht seinem Hauswesen mit Treue und Klugheit vor, kommt allen seinen Wunschen entgegen, versteht seine leisesten Winke, ist ihm nie beschwerlich, und erlaubt ihm stillschweigend, so viele kleine Seitensprunge zu machen als er Lust und Gelegenheit hat. Wie geneigt Hippias seyn mag, ihr gleiche Freiheit nachzusehen, weiss ich nicht, und werde ihm schwerlich jemals Ursache geben sich daruber zu erklaren. Indessen erkenne ich mit gebuhrendem Danke, dass du meiner Phantasie einen freiern Spielraum verstattest als sie selbst verlangt; ich gedenke einen so bescheidenen Gebrauch von deiner Grossmuth zu machen, dass Sokrates selbst nicht mehr von seinen Jungern fordern zu durfen glaubt.
So viel ich bis jetzt zu sehen Gelegenheit hatte, scheint die offentliche Meinung der Schonheit der Syrakuserinnen nicht zu viel zu schmeicheln. Vor wenig Tagen gab mir eines ihrer vornehmsten Feste Gelegenheit, mich mit meinen eigenen Augen davon zu uberzeugen. Der lange Zug von jungen Madchen (den Tochtern der angesehensten und begutertsten Burger), die in zierlich gefalteten, bis zu den schonen Knocheln herabfliessenden weissen Gewandern, Blumenkranze um das halb aufgewundne, halb auf die Schulter fallende volllockichte Haar, und den leicht umflorten Busen mit reich gestickten Bandern umgurtet, Paar und Paar mit leichtem Schritt und edelm Anstand dem Dianentempel zuwallten, alle in der ersten Entknospung der Jugend und Schonheit, keine die nicht einem Skopas zum Modell einer Grazie hatte dienen konnen ich gestehe dir, Laiska, es war ein entzukkender Anblick! Und als sie sich nun im feierlich-ernsten Tanz, Hand in Hand, gleich einem lebendigen Blumenkranz um den Opferaltar herum wanden, in den reinsten Silbertonen einen Pindarischen Hymnus aus ihren Nachtigallkehlen anstimmend, wahrlich ein vorbeischwebender Gott hatte sich (wie der Dichter sagt) bei diesem Schauspiel verweilt; und nie dunkte mich einen solchen Triumph der weiblichen Schonheit und Anmuth gesehen zu haben. Das Auge irrte geblendet und alles Auswahlens vergessend um den weit ausgedehnten Kreis dieser Zauberschwestern umher, unvermogend auf Einer zu verweilen, weil schon im nachsten Augenblick eine vielleicht noch schonere ihre Stelle eingenommen hatte, um sie im folgenden gleich wieder an eine eben so reizende abzutreten. Du selbst, du Einzige, hattest auf einmal mitten unter ihnen erscheinen mussen, um den Zauber zu vernichten, und hunderttausend Augen, die mit diesem lieblichen Reihen von mehr als hundert Grazien zugleich herumgedreht wurden, plotzlich an dich allein zu fesseln.
38.
An Learchus zu Korinth.
Der gute Genius deines gastfreundlichen Hauses, edler Heraklide, hat mich glucklich zu Korinths schonster Tochter, der Beherrscherin der reichsten Insel der Welt, herubergefuhrt. Du kennst Athen und Syrakus118, und dir darf ich also wohl gestehen, was ich auf dem grossen Marktplatz zu Athen kaum zu denken wagen durfte: dass Syrakus die stolze Minervenstadt an Grosse, Bauart, Volksmenge und Mitteln die Prachtliebe und Ueppigkeit ihrer Burger zu befriedigen, weit hinter sich zurucklasst. Von den Einwohnern urtheilen zu konnen, bin ich noch zu kurze Zeit hier; aber weniger ware schon genug, um zu sehen, dass sie den Athenern auch an Lebhaftigkeit, Feuer, Wankelmuth, Leichtsinn, und raschen Sprungen von einem Aeussersten zum andern, den Vorzug streitig machen konnten. Es begreift sich, dass ein solches Volk (wie mir ein schon lange unter ihnen wohnender Tarentiner sagte) weder mit noch ohne Freiheit leben kann. Seit der Zeit, da sie von deinem Stammgenossen Archias zum zweitenmale gegrundet wurde (also seit mehr als dreihundert Jahren) macht ein rastloses Hin- und Herschaukeln von Oligarchie zu Demokratie, und von Demokratie zur Herrschaft eines Einzigen, den summarischen Inhalt ihrer Geschichte aus; und wiewohl so viele Versuche sie belehrt haben sollten, dass sie sich bei der oligarchischen Regierung nie so ubel als bei der demokratischen und bei der monarchischen (selbst eines Hieron und Dionysius) immer besser als bei der oligarchischen befanden; so ist doch der ungluckliche Hang zur Demokratie ein so tief eingewurzeltes Uebel bei diesem Volke, dass alles, was sie seit der Vertreibung der Geloniden von innerlichen Unruhen und Umwalzungen erlitten haben, sie nicht von der Begierde heilen kann, bei dem geringsten Anschein eines glucklichen Erfolgs das heilsame Joch wieder abzuschutteln, welches ihnen Dionysius mit eben so viel Gewandtheit als Starke auf den Nacken gelegt hat. Es sind nun zehn Jahre verflossen, seitdem dieser sogenannte Tyrann sich der Alleinherrschaft in Syrakus bemachtigt hat. Dass er diess nicht konnte, ohne einen grossen Theil der machtigsten und reichsten Familien, die ihm hartnackig und wuthend widerstanden, zu unterdrucken, war Natur der Sache: aber niemand zweifelt, dass ihm selbst nichts erwunschter ware, als wenn ihm die Syrakusaner erlauben wollten, das Andenken der ersten Jahre seiner eigenmachtigen Regierung auszuloschen, und die Fortsetzung derselben fur sie und fur ganz Sicilien so glucklich und wohlthatig zu machen, als es einst die Regierung des noch jetzt gepriesenen Gelon war. Niemand wurde mehr dabei gewinnen als sie selbst. Denn es ist leicht vorherzusehen, dass ohne ein gemeinschaftliches Oberhaupt, welches alle Stadte Siciliens dazu vermogen kann, ihre Starke gegen den gemeinschaftlichen Feind, die Carthager, zu vereinigen, unfehlbar eine nach der andern dem schrecklichen Schicksal von Agrigent119 unterliegen werde; und gewiss wurde es schwer seyn, im ganzen Sicilien einen Mann zu finden, der in allen Eigenschaften und Talenten, die zu einem im Krieg und im Frieden grossen Fursten erfordert werden, sich mit Dionysius messen konnte. Aber der Syrakusaner ist eitel und stolz; er will sich (wie der Athener) von niemand befehlen lassen, dem er nicht selbst die Erlaubniss dazu gegeben hat, der ihm nicht uber alles Rechenschaft ablegen muss, und den er nicht wieder absetzen und vernichten kann sobald es ihm beliebt. Der Gedanke von einem ihrer Mitburger eigenmachtig beherrscht zu werden, macht sie blind und gefuhllos gegen alle Vortheile, die dem Ganzen durch die Regierung des Dionysius zuwachsen konnten, wenn er nicht von Zeit zu Zeit durch die Versuche der ehmaligen Demagogen, sein Joch wieder abzuschutteln, verhindert wurde, seinen eignen Weg ruhig fortzugehen; und da jene eben so wenig Lust zu haben scheinen ihre Versuche aufzugeben, als er die Regierung niederzulegen, so ist wahrscheinlich genug, dass sie Mittel finden werden, aus einem vortrefflichen Fursten, den das Schicksal den Sicilianern geben wollte, durch ihre eigene Thorheit einen argwohnischen, strengen und vielleicht grausamen Tyrannen zu machen.
Ich horte vor kurzem in einer Gesellschaft angesehener Personen dem Dionysius (uber welchen man hier sehr frei urtheilt) ein grosses Verbrechen daraus machen, dass er sich nicht gescheuet hatte offentlich zu sagen: "die Souveranetat gewahre ihm nie einen so vollen Genuss, als wenn er was er wolle sogleich ausfuhren konne."120 So, meinten sie, konne nur ein Tyrann sprechen, dem nichts heilig sey, und der sich an kein Gesetz gebunden halte. Mir schien diese Rede einer mildern Deutung nicht nur fahig zu seyn, sondern sie sogar zu fordern. Der Wunsch alles was man will ausfuhren zu konnen, sagte ich, setzt so wenig einen bosen Willen voraus, dass er vielmehr Guten und Bosen, Thoren und Verstandigen gemein ist; und vielleicht ist das grosste Leiden guter Menschen, dass sie nur selten konnen was sie wollen. Mich dunkt aber, fuhr ich fort, Dionysius habe bei diesem Worte noch besonders einen der wesentlichsten Vorzuge der Monarchie vor der Volkssouveranetat vor Augen gehabt. Die Schleunigkeit der Ausfuhrung dessen, was als nothwendig beschlossen wurde, ist in allen Fallen nutzlich. Oft hangt die Erhaltung des ganzen Staats, oder doch die Verhutung eines grossen Schadens davon ab, dass eine genommene Massregel punktlich und auf der Stelle vollzogen werde. Diess ist nur da zu bewerkstelligen, wo der Wille des Regenten in keinem andern Willen Hindernisse findet, sondern im Gegentheil jedermann sich beeifert, die Ausfuhrung dessen, was der oberste Befehlshaber will, befordern zu helfen. In Republiken ist diess selten der Fall; denn nichts ist unerhorter, als dass ein Freistaat nicht in Parteien getheilt sey, die einander mit dem unverdrossensten Eifer entgegen wirken. Besonders ist in der Demokratie der Wille des Souverans nicht nur an sich launisch und veranderlich, sondern er wird noch durch die vielerlei Sinne der vielen Kopfe, die ihn bearbeiten, so stark hin und her geruttelt, so oft aufgehalten, unschlussig gemacht und in Widerspruch mit sich selbst gesetzt, dass meistens die Zeit der Ausfuhrung schon voruber ist, bevor man in der Volksversammlung zu einem Beschluss kommen konnte. Ist dieser endlich gefasst, so gehen nun die Hindernisse der Vollziehung an. Keiner der Demagogen, die einander die Regierung des sich selbst zu regieren unvermogenden Souverans streitig machen, gonnt einem andern als sich selbst die Ehre und die Belohnungen einer gelungenen Unternehmung. Jeder, der entweder einer andern Meinung war, oder bei dem Beschlossenen seine Rechnung nicht findet, bietet alle seine Krafte auf, die Ausfuhrung zu hintertreiben, oder misslingen zu machen; von allen Seiten nichts als Schwierigkeiten, Fussangeln und Fallgruben; nirgends eine sichre Rechnung auf den guten Willen, den Gehorsam, den Eifer und die Wachsamkeit der Untergeordneten, wovon doch am Ende alles abhangt. Dafur geht es denn auch in den Republiken, zumal in denen, wo das Volk zugleich sein eigner Souveran und Unterthan ist, gewohnlich und wenige seltne Falle ausgenommen, so zu wie der allgemeine Augenschein zeigt. Von jeher blieb einem Volke, um furs erste immer selbst recht zu wissen was es wolle, und es dann wirklich ausgefuhrt zu sehen, kein anderes Mittel, als seine hochste Gewalt einem Einzigen zu ubertragen, und ihm eben dadurch unbeschrankte Vollmacht zu geben, alles zu thun was er zu Vollziehung des allgemeinen Willens, oder (was eben dasselbe ist) zu Erzielung der Sicherheit und Wohlfahrt des Staats, fur nothwendig und dienlich erkennen wurde. Ich konnte leicht merken, dass ich mich der Gesellschaft durch diese Rede nicht sonderlich empfohlen hatte. Da es aber den meisten bekannt war, dass ich ein Auslander sey, der sich nur kurze Zeit zu Syrakus aufzuhalten gedenke und bei dem sogenannten Tyrannen nichts zu suchen habe, liess ich mich durch das Vorurtheil, das einige vielleicht gegen mich fassen mochten, nicht abschrecken, meine Meinung uber die Gegenstande, die der Verfolg des Gesprachs herbeifuhrte, so freimuthig zu sagen, als es sich in einer Gesellschaft ziemte, die aus lauter erklarten Freunden der Freiheit zu bestehen schien. Einer von den lebhaftesten hatte sich den Ausdruck entwischen lassen: man musste zum Sklaven geboren seyn, um die Herrschaft eines Einzigen, der sich mit Gewalt eingedrungen, geduldig zu ertragen. Aber wie, sagte ich, wenn ihr selbst ihm die Herrschaft, um eurer eigenen Sicherheit und Ruhe willen, von freien Stucken auftruget? Es ware wenigstens so viel damit gewonnen, dass ihr nicht nothig hattet, einen Fursten, unter dessen Regierung der Staat augenscheinlich immer bluhender, machtiger und reicher wird, mit dem verhassten Namen eines Tyrannen zu belegen. Wie? versetzte jener hitzig; der musste ein dreifacher Sklave seyn, der sich freiwillig einen Herrn geben wollte! Ich sehe wohl, erwiederte ich mit grosser Gelassenheit, warum du dich so eifrig gegen meinen Vorschlag erklarst. Aber es gibt Mittel gegen alles. Man konnte ihn ja durch eine Grundverfassung, einen von ihm unabhangigen Senat, oder (wie die Spartaner) durch Aufseher einschranken, und sich dadurch gegen jeden Missbrauch der hochsten Gewalt sicher stellen? Ein Volk, sagte mein feuervoller Gegner, das nicht im Stande ist ohne einen Herrn zu leben, wird eben so wenig vermogend seyn, seiner Macht Granzen zu setzen, oder sie in denjenigen zuruckzuhalten, die er sich vielleicht anfangs aus Politik gefallen zu lassen scheinen wird. Und was wird das Schlimmste seyn, das daraus erfolgen mochte? fragte ich, vielleicht mit einer etwas Attischen Miene, die ich mir (wie ich besorge) unter den Cekropiden unvermerkt angewohnt habe. Welche Frage! rief mein Gegenkampfer halb entrustet; ist denn irgend etwas Boses und Schandliches, irgend eine ungerechte, gottlose, ungeheure That, die ein Mensch, der alles kann was er will, nicht zu begehen fahig ware? "Fahig ware? das geb' ich zu; aber dass er ein so unsinniger Thor seyn wird, alles Bose wirklich zu thun, dessen er fahig ist, Boses ohne alle Noth oder Herausforderung, bloss um das Vergnugen zu haben Boses zu thun; daran zweifle ich sehr. Einen Wahnsinnigen, ein reissendes Thier, oder einen unter Verbrechen und Schandthaten grau gewordenen Bosewicht, wollen wir freilich nicht zum Hirten des Volks bestellen." Bei einem Menschen, der alles kann (versetzte jener etwas kalter, weil er sich im Vortheil zu sehen glaubte) bedarf es nur einer einzigen Leidenschaft, die ihn uberwaltigt, um ihn, wenn er vorher auch ein Mensch wie andere war, zu allem was du sagtest, zu einem Wahnsinnigen, zu einem Tiger, zu einem Bosewicht der vor keinem Verbrechen erschrickt, zu machen. Ich bin in die Enge getrieben, erwiederte ich; du hattest die grossen Vorzuge der Demokratie vor der Alleinherrschaft in kein starkeres Licht setzen konnen. Um vor allen Gefahren dieser Art sicher zu seyn, gibt es also wohl kein besseres Mittel, als dass ein Volk sich selbst regiere? Niemand ist dazu geschickter, und nichts war wohl von jeher unerhorter, als dass eine souverane Volksversammlung etwas Unbesonnenes oder Ungerechtes beschlossen, oder die Macht, alles zu konnen was sie will, zu Befriedigung irgend einer hasslichen Leidenschaft missbraucht, und sich treuloser, rauberischer und grausamer Handlungen schuldig gemacht hatte. Ein allgemeines Gelachter schien meinen Gegner in eine unangenehme Lage zu setzen, und ich sah dass es hohe Zeit sey, einen ernsthaftern Ton anzustimmen. Verzeih, sagte ich zu ihm, wenn ich zur Unzeit gescherzt habe. Ich wollte weiter nichts damit sagen, als dass unumschrankte Gewalt immer mit Gefahr des Missbrauchs verbunden ist, sie mag nun in den Handen eines Einzigen, oder eines Senats, oder eines ganzen Volkes seyn. Alles kommt am Ende auf den Verstand und die sittliche Beschaffenheit des Regierers, vieles auf Zeit und Umstande, Stimmung, Laune und Einfluss des Augenblicks an. Einschrankungen helfen wenig oder nichts. Eine hochste Gewalt muss in jedem Staate seyn, und die hochste Gewalt lasst sich nicht einschranken; denn diess konnte doch nur durch eine noch hohere geschehen, und in diesem Fall ware diese, nicht jene, die hochste. Die Moglichkeit ihres Missbrauchs bleibt also ein unvermeidliches Uebel, weil sie ihren Grund in einem unheilbaren Gebrechen der Menschheit hat. Aber es ist immer zu vermuthen, dass ein einzelner Regent die Macht alles zu thun was er will, weniger, seltner und leidlicher missbrauchen werde, als ein so vielkopfiges Ungeheuer von mehrern Tausenden, an Verstand, Erziehung, Einsicht, Erfahrenheit, Vermogen u.s.w. so sehr ungleichen und von den verschiedensten Triebfedern in Bewegung gesetzten Menschen ist; und wenn auch beide keinen edlern Zweck und Antrieb haben als Eigennutz und Selbstbefriedigung, so ist doch ungleich wahrscheinlicher, dass der Einzige die Nothwendigkeit einsehe, dass er seine Macht, um sie ruhig und mit Ruhm zu geniessen, zur Wohlfahrt des Staats anwenden musse, als dass ein ganzes Volk nicht beinahe immer gegen sein wahres Interesse handle, so oft das Privatinteresse der Personen, denen es sich gern oder ungern anvertrauen muss, mit dem seinigen in Widerspruch steht.
Mein Gegner gewann wieder Muth. Du missest nicht mit einerlei Mass, sagte er: du nimmst einen Tyrannen an, der immer nach Grundsatzen handelt, sich nie seinen Launen oder Leidenschaften uberlasst, immer sein wahres Interesse kennt und vor den Augen hat, mit Einem Worte, der die Weisheit und Klugheit selbst ist. Das Volk in der Demokratie hingegen ist, nach deiner Voraussetzung, ein blindes, vernunftloses und unbandiges Ungeheuer, das nicht weiss was ihm gut ist, das immer mit dem Maulkorb vor der Schnauze an der Kette gehen muss und immer das Ungluck hat, von Thoren oder Schelmen gefuhrt zu werden. Sey, wenn ich bitten darf, nur so billig gegen die Demokratie, als du grossmuthig gegen die Tyrannie und das Konigthum bist. Wenn ich dir die Moglichkeit eines Alleinherrschers zugebe, der das hochste Gesetz der allgemeinen Wohlfahrt nie aus den Augen setzt, sich seiner Allgewalt immer mit Klugheit und Massigung bedient, und seine hochste Selbstbefriedigung im Wohlstande seiner Unterthanen findet, wenn ich dir die Moglichkeit zugebe, dass ein solcher Phonix nicht platterdings ein blosses Hirngespinnst sey: so wirst du mir auch die Moglichkeit einer Republik, worin ein freies, edeldenkendes und zu jeder sittlichen und burgerlichen Tugend erzogenes Volk sich von den Weisesten und Besten aus seinem Mittel nach guten Gesetzen freiwillig regieren lasst, zugeben, und zugleich bekennen mussen, dass eine solche Republik jeder andern Staatsverfassung unendlich vorzuziehen ist.
Alle anwesenden Syrakusaner klatschten, nickten oder lachelten ihrem edeln Mitburger Beifall zu, und schienen zu erwarten, dass ich billig oder wenigstens urban genug seyn wurde mich uberwunden zu geben. Aber so ganz leicht wollt' ich ihnen den vermeinten Sieg doch auch nicht machen. Ich sehe nur ein Einziges hierbei zu bedenken, sagte ich, und hielt ein. Und was ware das, wenn man fragen darf? sagte mein Antagonist. Nichts, versetzte ich, als dass ein so verstandiges und tugendhaftes Volk, wie es mein edler Gegner voraussetzt, ganz und gar keiner Regierung bedurfte. Lasst uns so ehrlich seyn, einander zu gestehen, dass die Unentbehrlichkeit aller burgerlichen Verfassungen und Regierungen keinen andern Grund hat, als die Schwache und Verkehrtheit des armen Menschengeschlechts. Sie sind ein nothwendiges Uebel, das einem ungleich grossern abhilft oder vorbeugt, und bloss dadurch zum Gut wird. Indessen, da die Regierer nicht weniger Menschen sind als die Regierungsbedurftigen, so ware wohl nichts billiger, als dass wir unsre Forderungen nicht allzu hoch spannten, und niemand dafur bussen liessen, dass er eben so wenig vollkommen ist als wir. Warum wollten wir uns das Gute, das wir haben, dadurch verkummern, dass es uns nicht gut genug ist? Jede Regierungsart hat ihre eigenen Vorzuge und Gebrechen; wiegt man sie gehorig gegen einander, so gleichen sich, wechselsweise, diese durch jene und jene durch diese aus, und was ubrig bleibt, ist so unendlich wenig, dass es die Muhe nicht verlohnt, darum zu hadern. Die Mehrheit der Stimmen erklarte sich fur meinen Vorschlag zur Gute, und alle schienen sich zuletzt in der Meinung zu vereinigen: dass ein Volk, das sich bei der politischen Freiheit nie recht wohl befunden, durch den Verlust derselben wenig verloren habe, und bei einem klugen und tapfern Alleinherrscher wahrscheinlich noch gewinnen wurde, wenn es weise genug seyn konnte, das Bestreben des Regenten, sich seines, wiewohl gesetzwidrigerweise, errungenen Platzes wurdig zu beweisen, durch Zutrauen und guten Willen aufzumuntern, anstatt ihn durch Misstrauen, Unzufriedenheit und heimliche Anschlage gegen seine Person zu tyrannischen Massregeln zu zwingen, die ihm, als zu seiner Sicherheit nothwendig, endlich zur Gewohnheit werden, und das Verderben des Fursten und des Volks zugleich zur Folge haben konnten.
Ich bin etwas ausfuhrlich in Erzahlung dieser politischen Conversation gewesen, edler Learchus, weil ich dein Verlangen, die gegenwartige Stimmung der Syrakusaner zu kennen, besser dadurch zu befriedigen hoffe, als durch allgemeine Bemerkungen, die bei einem so kurzen Aufenthalt ohnehin wenig Zuverlassigkeit haben konnten. Unsre Gesellschaft bestand grosstentheils aus Mannern der ersten aristokratischen Familien zu Syrakus, und ich glaube dass man von ihnen, mit ziemlicher Sicherheit nicht zu irren, auf die ubrigen schliessen konne. Es war sehr naturlich, dass sie, so oft des Tyrannen erwahnt oder auf ihn angespielt wurde, eine gewisse Gleichgultigkeit und Zuruckhaltung affectirten, die einen ganz unkundigen Fremden ungewiss lassen konnte, ob sie seine Freunde oder Feinde waren; mir aber, der von ihren Angelegenheiten hinlanglich unterrichtet ist, war es leicht ihre wahre Gesinnung durch die ubel passende Larve durchscheinen zu sehen. Nie werden sie zu dem Tyrannen, nie der Tyrann zu ihnen Vertrauen fassen; beide Theile haben einander zu viel Leides gethan, als dass jemals eine aufrichtige Aussohnung moglich ware; auch wissen beide sehr wohl, wessen sie sich zu einander zu versehen haben, und nehmen ihre Massregeln darnach. Aber starker als alles diess fiel mir eine andere Bemerkung auf, die ich an diesem Abend zu machen Gelegenheit hatte. Unter allen diesen eifrigen Republikanern und Patrioten, solltest du es denken, lieber Learchus? war nicht Einer, der sich auch nur den Schein zu geben gesucht hatte, als ob ihm das wahre Interesse Siciliens, oder auch nur seiner eigenen Vaterstadt und des Syrakusischen Volkes am Herzen liege. Ein Blinder hatte sehen mussen, dass weder dieses noch jenes bei ihren Gesinnungen gegen den Tyrannen in die mindeste Betrachtung kam. Sie hatten eine gewichtigere und ihnen naher liegende Ursache ihn zu hassen; und ich halte mich uberzeugt, keiner von ihnen wurde das geringste Bedenken tragen, sich selbst noch heute auf den Thron des Dionysius zu setzen, wenn er es moglich zu machen wusste. Und doch muss ich hintennach uber mich selbst lachen, dass mir so etwas auffallen konnte. Verstand sich's nicht von selbst? Was fur einen Grund hatte ich, etwas anders zu erwarten?
Mein Reisegefahrte Hippias wurde bald nach unsrer Ankunft von seinem Freunde Philistus bei Hofe aufgefuhrt, und gefallt dem Tyrannen so wohl, dass er ihm fast immer zur Seite seyn muss. Dionysius sieht sehr gut, was ihm ein Mann wie Hippias seyn konnte, und scheint grosse Lust zu haben ihn mit goldenen Ketten an sich zu fesseln: aber Hippias hat zu wenig Ehrgeiz und liebt seine Ruhe und Unabhangigkeit zu sehr, als dass er sich nur einen Augenblick versucht fuhlen sollte, sie um die unzuverlassige Gunst eines Fursten zu vertauschen, mit welchem er den offentlichen Hass und die Gefahren eines immer schwankenden Thrones theilen musste. Dionysius hat sich auch nach mir erkundigt, und ich soll ihm an einem der nachsten Tage vorgestellt werden.
39.
An Ebendenselben.
Seit kurzem gibt uns Dionysius ein Schauspiel zu Syrakus, dessen gleichen vielleicht noch nie in der Welt gesehen worden ist. Alles was in den funf Stadten, woraus diese ungeheure Stadt besteht, Hande und Fusse hat, ist in Bewegung; alle Hauser, Strassen und Markte wimmeln von geschaftig hin und her eilenden Menschen; auf allen Schiffswerften, auf allen grossen Platzen in und ausserhalb der Stadt, arbeiten Zimmerleute und Schmiede zu Tausenden; die Ufer ringsumher sind mit Schiffbauholz und Mastbaumen bedeckt, wovon taglich grosse Schiffsladungen vom Aetna und aus den Apenninischen Gebirgen anlangen, und Myriaden von Zeug- und Waffenschmieden und andern Handarbeitern machen den ganzen Tag ein Getose, wovon einem Tauben die Ohren gellen mochten. Mit Einem Worte, Dionysius hat gerade zur gelegensten Zeit den glucklichen Gedanken gefasst, Sicilien von den Ueberfallen der Carthager auf immer zu befreien, und macht zu diesem Ende Zurustungen und Anstalten, welche hinlanglich scheinen konnten, wenn er den ganzen Erdboden zu erobern gesonnen ware. Aber was noch mehr ist, er hat Mittel gefunden, die Syrakusaner fur seinen Plan einzunehmen und in eine so fanatische Begeisterung zu setzen, dass jedermann sich in die Wette beeifert, seine Absichten zu befordern, seine Befehle zu vollziehen und seinen Beifall zu verdienen. Ausser seinen Syrakusiern und andern Sicilianern hat er aus Italien und Griechenland die erfindsamsten Kopfe und die geschicktesten Mechaniker und Kunstarbeiter zusammengebracht. Er selbst ist die Seele, die alle Verrichtungen dieser ungeheuern Masse von Menschen leitet und belebt. Fur alles was gearbeitet wird, besonders fur allerlei neue Kriegsmaschinen, die eine erstaunliche Wirkung thun sollen, und eine Art von Galeeren mit funf Reihen Ruder, von seiner eigenen Erfindung (sagt man) hat er Modelle verfertigen lassen, nach welchen alles in der moglichsten Vollkommenheit gearbeitet wird; und ansehnliche Preise sind fur diejenigen ausgesetzt, die in jedem Fache die beste Arbeit liefern. Dionysius selbst ist uberall personlich zugegen, sieht und beurtheilt mit der Scharfe und Billigkeit einer achten Sachkenntniss was gethan wird, spricht freundlich mit den Arbeitern, muntert ihren Fleiss durch Lob und kleine Belohnungen auf, zieht sogar jeden, der sich in seinem Fache besonders hervorthut, an seine Tafel, kurz, bezaubert alle diese Menschen durch eine Leutseligkeit und Popularitat, die ihm alle Herzen auf wie lange mocht' ich nicht sagen aber gewiss so lang' als er ihrer und sie seiner bedurfen, gewinnen muss. Seine bittersten Feinde, die Aristokraten, sehen sich genothigt mit dem Strom des allgemeinen Enthusiasmus fortzutreiben, ihren Ingrimm hinter lachelnde Hofgesichter zu verstecken, und durch den thatigen Antheil, den sie an seinen Anstalten nehmen, ihren Patriotism zu erproben.
Einem Staatsmann von deiner Einsicht, edler Learchus, habe ich durch diese blosse kunstlose Angabe dessen was ich hier taglich sehe, einen tiefern Blick in den Charakter des merkwurdigen Mannes eroffnet, der jetzt an der Spitze der Sicilier steht und die Aufmerksamkeit aller Griechen erregt, als ich durch die muhsamste Aufzahlung eines jeden einzelnen Zugs vielleicht bewirkt hatte. Dionysius versichert sich nicht allein durch alle diese Vorbereitungen des Sieges uber den machtigen Feind, den er zu bekampfen haben wird; er versichert sich zugleich der Zuneigung des Volks, das ihn, anstatt wie andre Herrscher sich dem Mussiggang und den Wollusten zu uberlassen, mit grossen Planen zum allgemeinen Gluck Siciliens beschaftigt sieht; er benimmt dadurch seinen Feinden den Muth etwas gegen ihn zu unternehmen, und legt einen so festen Grund zu einer lange dauernden Regierung, dass ich eine grosse Wette eingehen wollte, er wird, wo nicht immer eben so ruhig, doch gewiss eben so sicher auf seinem usurpierten Throne sitzen, als ob er kraft eines langst verjahrten Erbrechts zum Konig geboren ware.
Du kannst dir nun selbst vorstellen, Learchus, du der den Geist des Volks, der sich allenthalben gleich ist, kennt wie stolz die grosse Mehrheit der Syrakusaner in diesem Augenblick auf ihren Fursten seyn muss; wie geschmeichelt sie sich durch den Antheil fuhlen, den er sie, mit der schlauesten Popularitat, an seiner Grosse nehmen lasst; und wie gewaltig sie der Anblick aller der Wunder verblendet, die sie taglich vor ihren Augen entstehen sehen, und die er freilich ohne alle Hexerei bloss dadurch bewirkt, dass er, mittelst kluger Anwendung der Krafte und Schatze einer machtigen Republik so viele Kopfe, Arme und Hande zu einem einzigen grossen Zweck in zusammenstimmende Thatigkeit zu setzen weiss. Kurz, Dionysius hat das wahre Mittel gefunden, die Syrakusaner (eine Zeit lang wenigstens) vergessen zu machen, dass er einst ihr Mitburger war; er erscheint vor ihren Augen im vollen Glanz des Homerischen Agamemnons, den Gottern gleich und der Herrschaft wurdig, die dem Tapfersten, Klugsten und Thatigsten, so lange der Enthusiasm, den er einhaucht, wahrt, zu allen Zeiten so willig eingeraumt worden ist.
Ich habe, seitdem ich ihm vom Philistus und Hippias vorgestellt wurde, ofters Gelegenheit gehabt ihn reden zu horen und handeln zu sehen, und werde taglich mehr in der Meinung bestarkt, dass jedes an die Monarchie gewohnte Volk sich unter einem Fursten wie er glucklich achten wurde. Schon sein Aeusserliches kundigt einen Mann an, der besser zum Regieren als zum Gehorchen taugt. Er ist gross und stark gebaut; seine Gesichtsbildung edel, mannlich, und wofern mich mein physiognomischer Sinn nicht betrugt, mehr Klugheit und Gewalt uber sich selbst, als Unerschrockenheit und Selbstvertrauen bezeichnend; seine Augen klein aber feurig; sein Blick scharf, umherspahend und beinahe laurend; seine Miene, sobald er will, einnehmend, aber, so wie er sich vergisst, kalt, finster, abschreckend, und wenn er zum Zorn gereizt wird, furchterlich. Dass er uberhaupt eher das Ansehen eines Demagogen als eines Konigs hat, scheint ihm in seiner Lage vielmehr vortheilhaft als nachtheilig, und ist eine eben so naturliche Folge des Standes worin er geboren und der Bestimmung, fur welche er erzogen wurde und sich selbst ausbildete, als dass er unendlich mehr Kenntnisse besitzt, und alles was er weiss viel grundlicher weiss, als bei Personen gewohnlich ist, die das durch den Zufall der Geburt sind, was er durch sich selbst geworden ist. Aus eben diesem Grunde kann ihm, daucht mich, zu keinem besondern Verdienst angerechnet werden, dass er, der selbst ein Gelehrter und ein Mann von Talenten ist, Wissenschaft und Kunst liebt, Gelehrte und Kunstler ehrt, und sich besser in ihrem Umgang gefallt als unter Leuten, die sich durch ihren Stammbaum oder ihre glanzenden Glucksumstande uber die Nothwendigkeit eines personlichen Werths erhaben glauben. Hingegen scheint es mir auch unbillig, ihm (wie viele thun) einen Vorwurf daraus zu machen, dass er in seinen Erhohlungsstunden Verse macht, und vielleicht bessere als von koniglichen Versen gefordert werden kann. Bis jetzt wenigstens scheint er seinen Umgang mit der tragischen Muse, in die er stark verliebt seyn soll, noch sehr geheim zu halten; und in der That fordert die grosse Tragodie, die er selbst zu spielen vorhat, seine ganze Thatigkeit in einem so hohen Grade, dass ihm weder Zeit noch Lust ubrig bleiben kann, sich in einen Wettlauf mit Sophokles und Euripides einzulassen.
Ueber seinen Charakter urtheilen zu wollen, wurde von mir in zweifacher Rucksicht verwegen seyn; nur diess wage ich zu behaupten, dass er von Natur nichts weniger als so gefuhllos und grausam ist, wie ihn seine Gegner schildern. Um ihn zu dem kuhnen Entschluss zu bringen, dessen guten Erfolg er viel weniger dem Gluck als seiner Klugheit und Geschicklichkeit zu danken hat, brauchte es nur zwei Blicke, einen auf Syrakus und Sicilien uberhaupt, und einen in sich selbst. Jenen war nur durch Vereinigung unter Einen unbeschrankten Herrscher zu helfen, und das Talent, dieser Herrscher zu seyn, fuhlte er in sich. Als der Entschluss einmal gefasst und das Spiel angefangen war, musste er nun alles darauf setzen. Alles gewinnen oder alles verlieren! ein Drittes gab es jetzt nicht mehr fur ihn. Naturlich war das erste sein Zweck, und wer den Zweck will, will die Mittel. In seiner Vorstellungsart konnten die Kampfe mit den Aristokraten und Demagogen, wenn sie auch noch weit mehr Kopfe und Proscriptionen gekostet hatten als sie wirklich kosteten, kein Grund seyn, der reizenden Basileia nicht nachzustreben. Aber daraus schliessen zu wollen, er musse nothwendig grausam, blutdurstig und der unmenschlichsten Grauel fahig seyn, ware ein eben so falscher als unbilliger Schluss. Was er that, war nicht mehr als wozu er theils durch den wuthenden Widerstand der Gegenpartei gezwungen, theils durch ihre mehr als barbarische Misshandlung seiner Gemahlin121 auf eine Art gereizt wurde, die den sanftesten aller Menschen zum Wutherich gemacht hatte. Auch ist gewiss, dass seine Feinde das, was wirklich geschah, sehr ubertrieben haben; und ich zweifle sehr, ob unter denen, die er auf seinem Wege zum Thron, weil sie sich selbst unter die Rader seines Wagens warfen, zertreten musste, oder den racheschreienden Manen einer geliebten Gattin opferte, nur ein einziger war, dessen Tod ein Verlust fur den Staat gewesen ist.
Wie dem aber auch seyn mochte, dass er, seitdem man ihn ruhiger regieren lasst, seinen hochsten Stolz darein setzt, zum Gluck Siciliens zu regieren, beweisen alle seine Handlungen, und (wie ich neulich dem Syrakusaner sagte) wofern er in der Folge mehr in Hierons als in Gelons Fussstapfen treten sollte, so wird niemand Schuld daran seyn als die Syrakusaner selbst. Diess, edler Learch, ist dermalen alles, was ich dir vom Dionysius zu sagen weiss, und ich setze nur hinzu, dass Hippias uber diess alles mit mir gleicher Meinung ist.
Ob die Griechen des festen Landes Ursache haben, uber die immer wachsende Macht dieses Fursten eifersuchtig zu seyn, zumal wenn es ihm (was vielleicht bei seiner Unternehmung gegen Carthago seine Hauptabsicht ist) gelingen sollte sich von ganz Sicilien Meister zu machen uberlasse ich deiner tiefer sehenden Staatsklugheit. Mir (wenn ich im Vorbeigehen meine unbedeutende Meinung sagen darf) scheint Korinth bei seinen ehrgeizigen Planen am wenigsten gefahrdet zu seyn, aber wohl im Gegentheil sich, durch eine gelegenheitliche Verbindung mit ihm, eine kraftige Stutze gegen die Uebermacht und die Anmassungen der Athener und Spartaner verschaffen zu konnen. Uebrigens bedarf es bei dir wohl keiner Versicherung, dass ich nicht den geringsten Vortheil dabei suche noch finde, wenn ich den Syrakusischen Tyrannen aus der dustern, verzerrenden und grausenhaften Beleuchtung, in welche sein Charakter mit absichtlich bosem Willen von seinen Feinden gesetzt wird, in das reine, nichts verbergende noch verfalschende Sonnenlicht gestellt habe. Er bedarf meiner so wenig als ich seiner, und da ich im Begriff bin Sicilien wieder zu verlassen, was konnte mich bewegen, mich des Vorrechts eines Auslanders, unparteiisch zu seyn, von freien Stucken zu begeben? Die neuesten Nachrichten, die mir aus Cyrene zugekommen sind, melden mir, dass Ariston den ubel bedachten Versuch, den Dionysius nachzuahmen ohne ein Dionysius zu seyn, bereits mit seinem Leben bezahlt hat. Noch ist die offentliche Ruhe und Ordnung nicht wieder hergestellt; aber beide Parteien scheinen geneigt, sich auf billige Bedingungen zu vergleichen, und ich verspreche den angefangenen Unterhandlungen einen guten Erfolg, da mein Bruder Aristagoras und mein Freund Demokles an der Spitze der Parteien stehen. Was mich zur Ruckkehr nothigt, ist daher nicht sowohl die Hoffnung, meinem Vaterlande bei dieser Gelegenheit vielleicht einige Dienste thun zu konnen, als die Nachricht, dass mein Vater (ein alter Freund des deinigen) seinem Ziele nahe zu seyn glaubt, und mich im Leben noch zu sehen verlangt. Ich beurlaube mich also hiermit von Griechenland und von dir, edler und gastfreundlicher Learch. Mein nachster Brief wird dir aus Cyrene zukommen; indessen gehabe dich wohl!
40.
Aristagoras an Aristipp.
Hoffentlich hat der weise Sokrates deine weltburgerliche Philosophie von ihrem hohen Fluge der Erde wieder nahe genug gebracht, dass dir die Schicksale deines Vaterlandes nicht ganz gleichgultig seyn werden. Es ist freilich nur ein Ameisenhaufen, wenn du willst; aber uns Ameisen ist unsere Erdscholle eine Welt. Ich berichte dir also, lieber Aristipp, dass Ariston, dem du dich durch deinen kleinen Brief schlecht empfohlen hattest, deine Weissagung bald genug erfullt, und mich und meine Mitarbeiter von dem undankbaren Frohndienst, seine Thorheiten, wo nicht immer zu verguten, wenigstens zu verschleiern und den Uebermuth seiner Gunstlinge in Schranken zu halten, befreit hat. Selten ist ein Mensch von den zufalligen Umstanden mehr begunstigt worden als Ariston; und wie wenig er auch des Diadems wurdig war, hatte er nur so viel Thatigkeit und Gewalt uber seine Leidenschaften besessen, als nothig war, die schwarmerische Zuneigung der untern Volksclassen eine Zeit lang zu rechtfertigen, so sass' er jetzt ruhig auf dem Furstenstuhl der Battiaden; seine Feinde hatten den Muth verloren; der Burgerkrieg ware in der Geburt erstickt worden, und die uppigen, Ruhe und Vergnugen uber alles liebenden Cyrener, durch seine Popularitat, Prachtliebe und Freigebigkeit bestochen, hatten sich unvermerkt gewohnt, seine Indolenz und Verdienstlosigkeit fur Tugenden eines milden friedliebenden Fursten anzusehen. Aber sein boser Damon gewann gleich in den ersten Wochen seiner Regierung die Oberhand. Anstatt die Verwirrung und Schwache seiner Feinde zu benutzen, und die Fluchtigen ohne Verzug bis in ihren letzten Schlupfwinkel zu verfolgen, uberliess er sich seinen dir wohlbekannten Neigungen, ordnete Feste an, affectirte von dem Burgerkriege als einer geendigten Sache zu reden, und theilte die eingezogenen Guter der Proscribirten unter seine Parasiten aus. Die Vorstellungen seiner getreuesten Rathe wurden nicht gehort, und alles was ihm die Leute riethen denen er folgte, war zu seinem Verderben. Dennoch hatte alles noch leidlich ablaufen mogen, wenn er uns nur erlaubt hatte, gegen die (sogenannten) Rebellen, die sich in einen haltbaren Posten an den Granzen der Cesammonen geworfen hatten, auszurucken, bevor sie Zeit gewannen, die ubrigen Fluchtlinge, Missvergnugte und Verbannte, an sich zu ziehen und unvermerkt zu einem Heer anzuwachsen. Aber Ariston wollte die Ehre, seine Truppen in eigner Person anzufuhren, keinem andern abtreten, und glaubte sogar seine Sache sehr politisch anzustellen, wenn er seinen Feinden Zeit liesse, sich alle in einen Haufen zusammen zu drangen, damit er der Rebellion mit Einem Schlag ein Ende machen konnte. Und so musste das Einzige, was allenfalls an ihm zu ruhmen war, seine personliche Tapferkeit, durch die Unklugheit, womit er sie handhabte, die Ursache seines Verderbens werden. Die republikanische Partei hatte durch sein Zogern Luft bekommen, und durch die rastlose Thatigkeit ihrer Anfuhrer Mittel gefunden, etliche Tausend Messenier, die, von den Spartanern aus Naupaktos und Kephalonia vertrieben, sich an die Cyrenische Kuste gefluchtet hatten, unter dem Versprechen, ihnen die Landereien der Koniglichen und das Burgerrecht von Cyrene zu schenken, an sich zu ziehen, und durch diese Verstarkung zu einem furchtbaren Heer anzuschwellen. Denn die Messenier wurden von jeher unter die tapfersten und streitbarsten Volker Griechenlands gezahlt, und was konnte man nicht von solchen Kriegern in einer Lage erwarten, worin sie ausser einem elenden Leben nichts zu verlieren, hingegen wenn sie siegten, ein neues Vaterland, reiche Vergutung alles Verlornen, und die volligste Sicherheit vor ihrem ewigen Todfeinde, den Spartanern, zu gewinnen hatten? Die Republicaner fuhlten sich nun stark genug, etwas zu unternehmen, wozu der Mangel an Lebensmitteln sie ohnehin bald gezwungen haben wurde; sie verliessen ihre Verschanzungen, unterwarfen sich das platte Land umher, und gingen muthig auf Cyrene los. Jetzt erwachte Ariston plotzlich aus seiner bisherigen Unthatigkeit. Aber der Fanatism des Volkes fur ihn hatte sich abgekuhlt, und es kostete Muhe, bis er mit Hulfe seiner Getulischen Leibwache so viele bewaffnete Burger und Landleute zusammenbrachte, dass er dem Feinde, den er noch immer verachtete, die Spitze bieten zu konnen wahnte. Es kam einige Meilen von der Stadt zu einem entscheidenden Treffen; beide Theile fanden einen starkern Widerstand als sie erwartet hatten, und fochten mit desto grosserer Erbitterung; es war vielleicht der blutigste Tag, den Cyrene je gesehen hatte. Eine Menge angesehener Burger, eine grosse Anzahl der vornehmsten Befehlshaber, und alle Messenier die als Verzweifelte fechtend weder Quartier gaben noch annahmen, auf der feindlichen Seite und ein grosser Theil Volks auf der unsrigen, blieben auf dem Platze; Ariston selbst sturzte mitten unter seinen fur ihn kampfenden und um ihn her fallenden Getulischen Lowen, todtlich verwundet zu Boden, und wurde am folgenden Tage unter einem Haufen Erschlagener hervorgezogen. Das Gemetzel wahrte so lange, bis die Nacht den Ueberrest beider Heere zum Ruckzug zwang. Brauchte es nun etwas weiters als auf beiden Seiten wieder zur Besinnung zu kommen, um aufs lebendigste zu fuhlen, dass Friede und Massigung der einzige Weg sey, alles Unheil, das Zwietracht und ungezugelte Leidenschaften uber unser blutendes Vaterland zusammengehauft hatten, so viel moglich wieder gut zu machen? Friede, Aussohnung, Verzeihung, war jetzt das allgemeinste und dringendste Bedurfniss. Demokles, der beliebteste unter den ubrig gebliebnen Anfuhrern der demokratischen Partei, und ich, von Seiten derer die es mit Ariston gehalten hatten, wurden also bevollmachtiget, in Unterhandlung zu treten, und das Resultat war: dass beide Parteien einander ewiges Vergessen alles Vergangenen zuschworen, die Verbannten zuruckberufen, die eingezognen Guter zuruckgegeben, und von jeder Seite funf Manner ernannt werden sollten, um den gesammten freien Einwohnern von Cyrene eine Regierungsform vorzuschlagen, durch welche die Republik zugleich vor allen kunftigen Fehden zwischen den alten Familien und dem Volke, und vor der Gefahr, wieder in die Gewalt eines Einzigen zu gerathen, sicher gestellt wurde. Diese neue Regierungsform liegt noch auf dem Amboss; alles Uebrige ist bereits vollzogen. Da die Wahl der Zehnmanner auf lauter redliche und staatskundige Burger gefallen ist, und unser Volk zum voraus geneigt scheint, sich jeder neuen Ordnung der Dinge zu fugen, so ist nicht zu zweifeln, dass Cyrene in kurzer Zeit von den Wunden wieder geheilt seyn wird, die ihr der thorichte Ehrgeiz einiger ausschweifenden und ubelberathenen Schwindelkopfe geschlagen hat. Es gibt Falle, wo eine starke Verblutung einem Staate, so wie gewissen menschlichen Korpern, heilsam ist, und bei vorsichtiger Behandlung den Grund zu einer bessern Gesundheit legen kann.
Mochte ich nicht genothigt seyn, mein Bruder, dir diese trostliche Nachricht durch eine andere zu verbittern, die uns beide unmittelbar betrifft. Unser guter alter Vater verspricht sich selbst die Freude nicht, die bessern Zeiten, die uns bevorstehen, zu erleben. Er verlangt sehr, dich noch zu sehen, und vielleicht wurde die Erfullung dieses Wunsches zu Verlangerung seiner Tage beitragen. Ich bitte dich also, deine Hierherkunft, so sehr du immer kannst, zu beschleunigen. Mogen die Gelubde, die wir alle um Begunstigung deiner Reise thun, dem Ohr einer freundlichen Gottheit begegnen!
41.
Aristipp an Lais.
Du ahndest wohl nicht, schone Lais, dass drei in deinem Hause gelebte Tage mich dem hochsten Ziele der Philosophie naher gebracht haben als vier Jahre in der Sokratischen Schule. Wenn es wahr ist (und das ist es gewiss!) dass die Tugend der Selbstbezwingung die Wurzel aller ubrigen ist, wie viel habe ich nicht dem Angedenken jenes fluchtigen Wonnetraums zu danken! Glaube mir, diese ganze Zeit, da ich wieder von dir getrennt bin ich errothe dir zu gestehen, wie viel Jahre sie mir schon wahrt war ein einziger unaufhorlicher Kampf meines Willens mich von dir zu entfernen, mit dem unwiderstehlichsten Drang zu dir zuruck zu fliegen. Bis hierher habe ich obgesiegt; und fortkampfen werd' ich ihn diesen peinlichern Kampf als die schwersten, wodurch man die Olympischen und Isthmischen Kronen erringt und meinen Muth mit der Hoffnung starken, dass du (wie bald oder wie spat mogen die Gotter wissen!) den Sieger mit dem sussesten Kusse, den deine Nektarlippen je gekusst haben, belohnen werdest. Lache nicht uber eine so seltsame Tugendubung! Du wurdest dich, wenn du ihrer spotten konntest, an dir selbst, an mir und an der Tugend gleich stark versundigen. Wirklich und in ganzem Ernst, ich zweifle sehr ob jemals eine grossere That als die meinige gethan worden ist, und es gibt Augenblicke, wo ich mit dem stolzesten Selbstgefuhl auf alle zwolf Arbeiten des Thebanischen Hercules herabsehe. Denke ja nicht, Liebe, dass eine solche Selbstpeinigung nichts Verdienstliches habe, weil sie keinem Menschen in der Welt zu etwas nutze, und am Ende nichts als grillenhafter Eigensinn sey. Eben darin liegt das Verdienstliche, dass ich bloss um mich selbst, auf kunftige Falle, die vielleicht nie kommen werden, in Bezwingung meiner Begierden zu uben den starksten Reizungen widerstehe, die vielleicht jemals einem Sterblichen zugesetzt haben. Bin ich tapfer genug in diesem Kampfe immer Sieger zu bleiben, welche Gefahr wird mir in meinem ganzen Leben furchtbar seyn? bei welchen Sirenenfelsen werd' ich nicht mit unverstopften Ohren vorbei segeln konnen? Wahrlich, Laiska, ich hatte jetzt schon Ursache mich fur keinen kleinen Helden auszugeben, wenn ich nicht zu ehrlich ware, dich und mich selbst belugen zu wollen. Aber ich kann und will dir nicht verhalten, dass es Stunden gibt, wo ich den Sieg nicht mir selbst zu verdanken habe; Stunden, wo meine mit jedem Augenblick abnehmende Kraft dem machtigen Iynx, der mich zu dir zieht, nur noch matten Widerstand thut, kurz, wo ich im Begriff bin nach dem Hafen zu rennen, die erste beste Jacht zu miethen und mit vollen Segeln nach Korinth zuruck zu eilen; was vielleicht in einem dieser unglucklichen Augenblicke bereits geschehen ware, wenn nicht die gerechte Furcht, dass du mich, wenn ich so unerwartet vor dir erschiene, als einen Feigherzigen, der ohne Schild aus der Schlacht zuruckkommt, auf der Stelle wieder zuruckschicken wurdest, mehr uber mich vermochte als der erhabene Beweggrund, mir selbst zu beweisen, dass ich wollen kann was ich will. Denn darauf lauft doch am Ende die ganze Herrlichkeit hinaus.
Die neuesten Nachrichten, die ich aus Cyrene erhalte, sind nicht sehr geschickt, mir das Herbe meiner Tugendubungen zu versussen. Ariston ist (wie leicht vorherzusehen war) wieder gesturzt; die offentlichen Angelegenheiten, in welche unsre Familie, edle Anaximandra, ziemlich verwickelt ist, sind noch immer in Verwirrung, und was mir naher andringt als das alles, mein alter Vater, der gutigste und gefalligste Vater, den ich mir jemals wunschen konnte, scheint am Ziel seiner Tage zu seyn. Dieser Umstand nothigt mich meinen Reiseplan zu andern; anstatt die Stadte der sudlichen Kuste von Italien zu besuchen, kehre ich morgen mit einem fur Hadrumetum betrachteten Schiffe nach Libyen zuruck. Sollte ich, wie ich fast besorgen muss, meinen Vater nicht mehr unter den Lebenden antreffen, so sehe ich nicht was mich in Cyrene aufhalten konnte. Denn meine eignen Angelegenheiten werden mit meinem Bruder, der ein eben so edelmuthiger als kluger Geschaftsmann ist, bald abgethan seyn, und von der Pflicht, mich in die offentlichen zu mischen, dispensirt mich glucklicherweise meine Jugend. In diesem Falle wurde ich vielleicht bald genug zuruckkommen konnen, um dich noch zu Aegina anzutreffen. Indessen lebe wohl, meine Freundin, und erinnere dich meiner, so oft du den Grazien und deinem Genius, der auch der meinige ist, opferst.
42.
Aristipp an Learchus zu Korinth.
Ein heftiger und anhaltender Sturm, der uns mehrere Tage im Hafen von Skandeia zuruckhielt, hat mich um die beste Frucht meiner Reise gebracht. Ich bin zwar glucklich in Cyrene angelangt, aber den ehrwurdigen Aritades, den ich noch zu sehen hoffte sah ich nicht mehr. Ich weiss, edler Learch, auch du wirst dem Andenken eines Freundes deines Hauses, den du vor dreissig Jahren bei deinem Vater gesehen zu haben dich vielleicht noch erinnerst, eine fromme Thrane schenken. Er war ein guter Mann im edelsten Sinne dieser Benennung. Hatte Cyrene unter zehntausend Burgern nur hundert seines gleichen gehabt, so wurden die armen Leute jetzt nicht so viel Noth und Muhe haben, all das Unheil wieder gut zu machen, das die Verkehrtheit einiger wenigen, und die Thorheit der Menge im Laufe des verfloss'nen Jahres uber sie gebracht hat. Das grosse Interesse der offentlich Angelegenheiten verschlingt in diesem Zeitpunkt jedes Privatgefuhl. Vornehmlich beschaftigt die kunftige Staatsverfassung alle Kopfe und Zungen; man hort in allen Gesellschaften und auf allen Versammlungsplatzen nichts anders; jedermann hat entweder einen Vorschlag zu thun, oder stellt Vermuthungen uber die neue Republik an, die in kurzem aus der Werkstatt der Zehnmanner hervorgehen soll, und bekrittelt sie in voraus, falls sie so oder so ausgefallen seyn sollte. Dass ich ein blosser Zuschauer bei allen diesen Bewegungen bin, wird dich nicht befremden, da mich weder meine Erfahrenheit noch unsre Gesetze, die keinem Burger vor seinem dreissigsten Jahre eine active Stimme gestatten, zu offentlicher Theilnehmung an Geschaften dieser Art berufen, und vor unzeitiger Einmischung meine ganze Art zu denken mich bewahrt. Ich uberlasse alles meinem Bruder Aristagoras und meinem Freunde Demokles (die das Vertrauen ihrer Mitburger in einem vorzuglichen Grade besitzen) um so ruhiger, da sie durch gleiche Massigung und Klugheit, bei gleich redlichen Absichten, vollig dazu geeigenschaftet scheinen, uns, wo nicht die beste Verfassung, die sich denken lasst, wenigstens die beste, die unter den gegenwartigen Umstanden moglich ist, zu geben.
43.
An Ebendenselben.
Das neue Palladion unsrer Stadt ist nun fertig, und (wie die Cyrener ein rasches und ungeduldiges Volkchen sind) von der allgemeinen Volksversammlung mit grossem Jubel angenommen und eingefuhrt worden. Dir die innere Organisation unsrer mit Griechenland in keiner Verbindung stehenden Republik bis in ihren kleinsten Aesten und Zweigen darzulegen, mochte dir und mir zu langweilig seyn: ich begnuge mich also, dir nur das Wesentlichste, und auch diess nur mit den aussersten Linien, vorzuzeichnen.
Die hochste Staatsgewalt ist in einer ziemlich zweckmassigen Proportion (wie mich daucht) zwischen dem Senat, welcher ausschliesslich aus den altesten und begutertsten Familien genommen wird, und dem Volk, oder vielmehr dem aus dem Mittel desselben erwahlten grossen Rath, der das Volk vorstellt, vertheilt. Der Senat besteht aus hundert Personen, die ihren Platz in demselben lebenslanglich behalten. Der Vorsitzer, Epistates genannt, ist das Haupt der ganzen Republik; er hat das grosse Siegel in seiner Verwahrung, und da er fur die Ausfuhrung der Beschlusse des Senats verantwortlich ist, so ist jeder Burger von Cyrene ohne Ausnahme seinen Befehlen und Auftragen schleunigen und unverweigerlichen Gehorsam schuldig. Er besitzt aber diese beinahe konigliche Gewalt nur dreissig Tage lang, und kann erst in funf Jahren wieder dazu erwahlt werden. Die Senatoren, die nicht unter funfunddreissig Jahre alt seyn durfen, sind in drei Classen abgetheilt. Die erste besteht aus zwolf Demarchen oder Polizeimeistern (welche kunftig bloss aus den monatlich abgehenden Epistaten genommen werden sollen), deren jeder in einem der zwolf Quartiere, in welche die Stadt abgetheilt ist, fur die Erhaltung guter Zucht und Ordnung und offentlicher sowohl als hauslicher Sicherheit zu sorgen hat. Sie sind zugleich Schiedsrichter in allen unter den Burgern verfallenden Streitigkeiten, und berechtigt, wenn kein Vergleich statt findet, in erster Instanz abzuurtheilen. Auch kommen sie zweimal in der Woche zusammen, um sich uber alles was zur allgemeinen Stadtpolizei gehort, es betreffe nun Abstellung von Missbrauchen oder Vorschlage zu Verbesserungen, zu berathen. Sie erstatten dem Senat alle Monate Bericht uber den Zustand der Stadt und legen ihm ihre Vorschlage zur Entscheidung vor. Die zweite Classe des Senats besteht aus den vierundzwanzig Personen, unter welche die hauptsachlichsten Aemter der Republik vertheilt sind, dem Kanzler und Schatzmeister, und den sammtlichen Oberaufsehern der offentlichen Gebaude, Tempel, Gymnasien, Bader, Brunnen u.s.w., ferner der Feste und religiosen Feierlichkeiten, des Kriegsstaats und Seewesens, der Zeughauser, der offentlichen Fruchtboden, des Ackerbaues, der Bergwerke u.s.w. Diese erscheinen gewohnlich nur alsdann im Senat, wenn sie Vortrage zu thun, Verhaltungsbefehle einzuholen, oder Rechenschaft abzulegen haben. Alle ubrigen Senatoren machen das Collegium aus, dem die Verwaltung der burgerlichen und peinlichen Gerechtigkeit anvertraut ist, und welches wieder in verschiedene Abtheilungen zerfallt. Die Epistaten und Demarchen dienen dem Gemeinwesen umsonst; die zweite und dritte Classe sind auf einen anstandigen Gehalt gesetzt. Der Staat besoldet seine Diener aus dem Schatz; die Richter hingegen erhalten ihren Ehrensold aus einer offentlich verwalteten Casse, in welche alle Geldbussen und die vom Gesetz bestimmten Gerichtsgebuhren fliessen, welche die unterliegende Partei bezahlen muss, und wovon allein die armste Burgerclasse ausgenommen ist; denn fur diese hat unsre Justiz keinen Beutel, aber dafur einen derben Knittel, um die Leute von leichtfertigen Handeln abzuschrecken.
Der Senat versammelt sich gewohnlich sechsmal in jedem Monat, und ausserdem so oft es der Epistat nothig findet. Er vereinigt unter den verfassungsmassigen Einschrankungen alle Gewalten in sich. Alle seine Verordnungen haben, insofern sie den schon vorhandenen Gesetzen nicht widerstreiten, Gesetzeskraft; aber diejenigen, die den ganzen Staat betreffen, nur bis zur nachsten Sitzung des grossen Rathes, der aus hundert und zweiundneunzig Plebejern besteht, wozu jedes Quartier sechzehn von den Burgern desselben erwahlte Mitglieder hergibt. Dieser muss alle Monate, am ersten Tage nach dem Neumond, von dem Epistaten zusammenberufen werden, um den Verordnungen des Senats, welche die Kraft eines gemeingultigen Gesetzes erhalten sollen, die Bestatigung zu geben oder zu versagen. Diese Bestatigung ist nicht langer als auf funf Jahre kraftig; nach Verfluss derselben wird das Gesetz einer Revision ausgestellt, durch welche es entweder verworfen oder auf dreissig Jahre festgesetzt wird. Ueber Krieg und Frieden kann nur der grosse Rath entscheiden. Neue Auflagen konnen nur mit seiner Bewilligung stattfinden, auch muss ihm von jedem abgehenden Epistaten Bericht uber den Zustand der Republik und alle Jahre von dem Schatzamt Rechnung uber die Verwaltung der offentlichen Einkunfte abgelegt werden.
Auf diese Weise glaubten unsre Nomotheten122 zugleich sowohl fur die Freiheit und Sicherheit, die der Staat seinen Burgern zu garantiren schuldig ist, als fur die Erhaltung der burgerlichen Ordnung, hinlanglich gesorgt zu haben. Aber sie fanden noch eine Gewalt nothig, um der grossen Macht, die dem aristokratischen Senat anvertraut ist, das Gegengewicht zu halten, und dem demokratischen grossen Rath jeden Missbrauch seiner hemmenden Gewalt unmoglich zu machen.
Zu diesem Ende verordneten sie noch ein Collegium von sechs Eparchen, welche, von allen andern unabhangig, zur einen Halfte vom grossen Rath aus den Eupatriden, und zur andern vom Senat aus dem Volk erwahlt werden, und keine andere Verrichtung haben, als die Bewahrer der Gesetze und der Verfassung zu seyn, und zu verhindern, dass weder der Senat und die aus dessen Mittel bestellten Magistratspersonen ihre Gewalt uber die Schranken der Gesetze ausdehnen, noch der grosse Rath dem kleinen seine Beistimmung aus unstatthaften Ursachen versagen konne. In beiderlei Fallen haben sie den Rathen und ubrigen Staatsbeamten Vorstellungen zu thun, und sind, wofern diese nicht gehort wurden, berechtigt, eine von den Prytanen ergangene Verordnung zu suspendiren oder eine vom grossen Rath versagte Sanction durch die ihrige zu ersetzen. Die ihnen verliehene Macht geht so weit, dass sie eine jede Magistratsperson und uberhaupt jeden Burger, der etwas gegen die Republik oder ihre Verfassung unternehmen wollte, in Verhaft zu nehmen, und einem besondern Gerichte, das aus den zwolf Demarchen, zwolf durchs Loos erwahlten Prytanen, und funfundzwanzig Plebejern, unter dem Vorsitz des altesten Eparchen, zusammengesetzt ist, zur Untersuchung und Bestrafung zu ubergeben berechtigt sind. Diese Staatsaufseher bleiben nur ein Jahr im Amte, haben den Vorsitz uber alle andern obrigkeitlichen Personen, unmittelbar nach dem Epistaten, und werden vom Volk als eben so viele fur seine Rechte und fur die offentliche Wohlfahrt wachende Schutzgeister angesehen; sind aber nach ihrem Austritt einer so strengen Verantwortlichkeit unterworfen, dass auf jede Versaumniss ihrer Pflicht die Strafe einer zehnjahrigen Landesverweisung steht.
Ich fuge diesem kurzen Abriss unsrer neuen Verfassung nur noch dieses hinzu, dass, weil die Cyrenische Priesterschaft sich bei der letzten Revolution durch eine besonders eifrige Vorliebe fur die Tyrannie hervorgethan, die Einrichtung getroffen worden ist, dass die jedesmaligen Demarchen zugleich die Oberpriester in ihrem Quartier, und der Epistat als das Oberhaupt des Staats zugleich der Hohepriester desselben ist.
Wie gefallt dir nun unsre Republik in dieser neuen Gestalt, edler Learch? Sie ist mit obrigkeitlichen Personen nicht so uberladen wie Athen, und hat, wenn ich ihr nicht zu viel schmeichle, so ziemlich die Miene, ihre zwanzig Jahre so gut wie irgend eine andre auszudauern. Oder meinst du nicht? Ernsthaft zu reden, es ware unartig von mir, wenn ich unsern Prometheen die Freude, eine so zierlich gearbeitete Constitution zu Stande gebracht zu haben, und meinen Mitburgern ihr Vergnugen an derselben durch Mittheilung meiner Gedanken verkummern wollte. Aber bei dir darf ich die Weissagung wohl ingeheim hinterlegen, dass unsre Staatsmaschine, wie richtig sie auch einige Jahre spielen mag, noch ehe dreissig Jahre in die Welt gekommen sind, wieder ins Stocken gerathen und den Sohnen ihrer Verfertiger wenigstens eben so viel zu schaffen machen werde, als die vorige den Vatern. Alle burgerliche Gesellschaften haben den unheilbaren Radicalfehler, dass sie, weil sie sich nicht selbst regieren konnen, von Menschen regiert werden mussen, die es grosstentheils eben so wenig konnen. Man kann unsre Regierer nicht oft genug daran erinnern, dass burgerliche Gesetze nur ein sehr unvollkommnes und unzulangliches Surrogat fur den Mangel guter Sitten, und jede Regierung, ihre Form sey noch so kunstlich ausgesonnen, nur eine schwache Stellvertreterin der Vernunft ist, die in jedem Menschen regieren sollte. Was hieraus unmittelbar folgt, ist, denke ich: man konne nicht ernstlich genug daran arbeiten, die Menschen vernunftig und sittig zu machen. Aber, wie die Machthaber hiervon zu uberzeugen, oder vielmehr dahin zu bringen waren, die Wege, die zu diesem Ziele fuhren, ernstlich einzuschlagen? diess ist noch immer das grosse unaufgeloste Problem! Wie kann man ihnen zumuthen, dass sie mit Ernst und Eifer daran arbeiten sollen, sich selbst uberflussig zu machen?
44.
Lais an Aristipp.
Die ungewohnliche Schonheit dieses Fruhjahres hat mich schon in den ersten Tagen der Bluthenzeit nach Aegina gelockt; oder vielmehr die kleine Musarion liess mir keine Ruhe, sobald sie die erste Schwalbe zwitschern horte. Du solltest nur um der Nachtigallen willen eher nach Aegina gehen, sagte sie alle Morgen und Abende; gewiss sie singen nirgend so schon als in unserm Lustwaldchen zu Aegina.
Du musst wissen, Aristipp, dass Musarion meinem alten Patron, vor ungefahr sechzehn Jahren, von einer schonen Thracischen Sklavin geboren, und auf seinem Gute zu Aegina bis an seinen Tod erzogen wurde. Er selbst entdeckte mir diess kurz vor seinem Ende, indem er das Schicksal des jungen Madchens ganzlich in meine Hande stellte. Du zweifelst nicht dass ich ihr sogleich die Freiheit gab; und da ich nicht alt genug bin ihre Mutter vorzustellen, gehe ich mit ihr, wie du gesehen hast, wie mit einer jungern Schwester um.
Die Sehnsucht des guten Kindes nach Aegina ward nach und nach so lebhaft, dass ich ihrem Andringen nicht langer widerstehen konnte. Wir sind also wieder hier in deinem Lieblingssitz, und unsre Nachtigallen greifen sich so gewaltig an, dass man sie bis in Athen horen muss; denn sie haben bereits den begeisterten Kleombrotus im Gefolge seines edeln Freundes zu uns heruber gesungen. Eurybates hat (wie dir bekannt ist) auch eine Nachtigall, oder vielmehr eine Sirene, zu Aegina, deren Zaubergesang ihm so gefahrlich zu werden droht, dass ich mich ziemlich versucht fuhle, den armen Menschen aus purem Mitleiden dem Verderben zu entreissen, das sie ihm zubereitet. In ganzem Ernst, Freund Aristipp! Eurybates dauert mich, und wer weiss wie weit ich die Grossmuth zu treiben fahig ware, wenn ich nicht rathe selbst wen? in wenig Wochen zu Aegina erwartete, dessen gute Meinung von mir ich nicht gern verscherzen mochte, und der eine so heroische Aufopferung meiner selbst bloss um einen Abkommling des Kodrus im Besitz seines schonen Landguts zu erhalten vielleicht nicht verdienstlich genug finden durfte, sie fur ein wurdiges Gegenstuck der peinlichen Tugendubungen anzusehen, die er sich selbst ganzer drei Monate lang zu Syrakus auferlegt haben soll.
Ohne Scherz, lieber Aristipp, auch deine Freundin, sich schmeichelnd dass sie immer noch die einzige ist, sehnt sich dich bald wieder zu sehen; und wenn sie dir gleich eine Treue, die ihr nichts kostet, nicht hoch anzurechnen gedenkt, so gesteht sie doch, dass sie dir's schwerlich verzeihen konnte, wenn du deine philosophischen Kampfubungen auf ihre Rechnung langer fortsetzen, und anstatt zu den Nachtigallen in Aegina zuruckzueilen, etwa noch eine kleine Reise zu den unbescholtnen Aethiopiern123 machen wolltest. Ich habe dir eine Neuigkeit mitzutheilen, die nicht sehr geschickt ist, deine Meinung von den Athenern zu verbessern. Sokrates, unter allen beschuhten und unbeschuhten Achaiern unstreitig der beste, soll (wie die Rede geht) von drei redseligen Buben, dem Gerber und Volksredner Anytus, dem Rhetor Lykon, und einem gewissen Dichterling, wenn ich nicht irre Melitus genannt, angeklagt worden seyn, "dass er neue Gotter in Athen einfuhren wolle, und die jungen Leute verderbe!" Jedermann findet diese Anklage124 gar zu ungereimt, und ich habe noch niemand gesehen, der ernsthaft davon hatte sprechen konnen, oder im geringsten fur unsern alten Freund in Sorgen stande, wiewohl der Klager auf keine geringere als die Todesstrafe antragt. Ungeachtet ich die Sache eben so ansehe, so gestehe ich doch, ich traue den Athenern nur halb, und verlasse mich mehr auf die Anzahl und den Eifer seiner Freunde, als auf die Gute seiner Sache und die Gerechtigkeit der Heliasten oder Areopagiten.125 Hoffentlich wird der Sturm schon glucklich voruber seyn, ehe du dich von Cyrene losmachen kannst. Denn so eben versichert mich einer meiner Athenischen Bekannten, der die Stadt erst diesen Morgen verlassen hat, der beruhmte Lysias126 arbeite an einer ganz vortrefflichen Schutzrede fur unsern ehrwurdigen Freund, und die allgemeine Stimmung sey dem Beklagten so gunstig, dass es ihm nur ein gutes Wort an seine Richter kosten werde, um lauter weisse Steine zu erhalten. In der That sind seine Anklager so gar schlechte Menschen, und die Klagpunkte passen so ubel auf Sokrates, dass Aristophanes selbst, wie ich hore, sich daruber argert, dass solche verachtliche Sykophanten aus seinem schon vier und zwanzigjahrigen Spass Ernst machen wollen, und sich schlechterdings weigert, an ihrer Verschworung Theil zu nehmen. Du kannst also, denke ich, deines alten Chirons127 wegen ausser aller Sorge seyn.
45.
An Lais.
Deine Briefe mussen einen sehr betriebsamen Genius haben, schone Lais; denn der Schiffer, der mir so eben den letzten uberbringt, versichert mir, dass er die Reise von Aegina nach Cyrene, die er seit vielen Jahren zwei bis dreimal jahrlich mache, in seinem Leben nie in so kurzer Zeit und mit so gunstigen Winden gemacht habe, als diessmal.
Deine Neuigkeit hat mich befremdet, aber nicht im geringsten beunruhigt. Eine so boshafte Anklage, von so namenlosen Menschen wie diese, kann einem Sokrates nicht gefahrlich seyn, oder die Kechenaer mussten von aller Scham und Vernunft ganzlich verlassen werden. Ich kenne von den Anklagern nur einen personlich, den Lederhandler Anytus, einen wurdigen Nachfolger des beruchtigten Kleons128, nur dass er sich gegen diesen ungefahr verhalt wie ein Schafsfell zu einer Hirschhaut; ob er sich's gleich ein paar hundert tuchtige Bocksfelle kosten liess, um es in der edeln Kunst, dem ubelhorenden halbkindischen alten Demos129 im Pnyx130 die Ohren voll zu schreien, so weit zu bringen, dass er sich unter den dermaligen Volksrednern so gut als ein Anderer horen lassen darf. Lykon ist ein verdorbner Schulhalter in der Rhetorik, und ich entsinne mich nicht, den Namen des Dichterlings Melitus je gehort zu haben. Was fur Leute, um gegen einen Mann wie Sokrates aufzustehen! und wie fande nur ein Schatten von Wahrscheinlichkeit statt, dass die Athener den biedersten und tugendhaftesten aller ihrer Mitburger, einen Mann dessen Name im ganzen Griechenland in Ehren gehalten wird, die Profession eines freiwilligen unbezahlten Volks- und Jugend-Lehrers dreissig Jahre lang ungestort hatten treiben lassen, um ihn erst in seinem siebzigsten desswegen zur Rede zu stellen, und solcher albernen Beschuldigungen wegen aus der Stadt zu verweisen, oder gar zum Tode zu verurtheilen? Wie du sagst, wir haben nichts fur ihn zu furchten; die ganze Komodie wird sich, so gut als ehemals die Wolken des Aristophanes, auf eine ehrenvolle Art fur ihn und auf eine so schmahliche fur die drei Sykophanten endigen, dass sie uns hinter drein Stoff genug zum Lachen geben soll.
Wir haben, meines Wissens, keine Nachtigallen in Cyrene. Ich werde mich also, sobald ich hier loskommen kann, auf den Weg machen, um die deinigen noch singen zu horen bevor ihre Zeit voruber ist. An Sirenen fehlt es auch bei uns nicht; aber ich kenne keine schlimmere als die schlaue Lysandra, von welcher du den armen Eurybates zu erlosen gesonnen scheinst. In der That war' es eine verdienstliche That, und, um eine der schonsten Historien daraus zu machen, brauchte es nichts, als dass der edle Kodride131 grossmuthig genug ware, keinen Ersatz von dir zu fordern, oder, wie der gute Kleombrot, sich am geistigen Ambrosia deines blossen Anschauens genugen liesse; wiewohl zu befurchten ist, dass so materielle Wesen, wie die Athenischen und Korinthischen Eupatriden, es bei einer so leichten erotischen Diat schwerlich lange aushalten mochten.
Du wirst von Learch vernommen haben, dass ich nicht so glucklich war, den Aritades noch am Leben anzutreffen. Ich habe einen sehr gutigen Vater, Cyrene einen ihrer besten Burger an ihm verloren. Seine Jugend fiel in eine Zeit, wo die Lebensart bei uns viel einfacher, die Sitten reiner, die Verhaltnisse unter Verwandten, Nachbarn und Mitburgern enger und herzlicher waren als heutzutage. Aritades blieb dem Genius seiner bessern Zeit getreu, ohne von der jetzigen Generation zu verlangen, dass sie vorsetzlich wieder so weit zuruckschreite, als sie in allem unvermerkt vorwarts geruckt ist. Wahrscheinlich hat der traurige Ausgang unsrer letzten Revolution den Faden seines Lebens fruher abgerissen als die Natur es wollte. Das Vordringen des republikanischen Kriegsheers in den letzten Tagen Aristons nothigte ihn, sich in die Stadt zu fluchten und seine Guter der Verheerung Preis zu geben. Naturlicherweise treffen die Folgen dieses Unfalls auch mich. Ich werde nicht reich genug zuruckkommen, um meine gewohnte Lebensart in die Lange fortsetzen zu konnen; und ich sehe eine Zeit voraus, wo ich mich vielleicht werde entschliessen mussen, entweder bei der Philosophie des Sokrates zu hungern, oder meine von Hippias gelernten Kunste wuchern zu lassen. Doch, diese Zeit ist noch fern genug, und im nachsten Jahrzehnt wenigstens soll es mir nicht an Mitteln fehlen, den Lebensplan, den ich mir fur diese Periode gemacht habe, vollstandig und gemachlich auszufuhren. Sey also von dieser Seite unbesorgt fur mich, meine Liebe; ich werde in zehn Jahren so viel Vorrath fur die Zukunft gesammelt und so grosse Fortschritte in der Kunst zu leben gemacht haben, dass ich mit beiden auszulangen hoffe, wenn ich auch so alt wie Tithon wurde.
Mein Bruder ist zu tief in die Geschafte seiner einzigen Liebschaft, unsrer aus dem politischen Medeenkessel132 neuverjungt herausgestiegenen Republik verwickelt, als dass ihm Musse zu seinen Privatangelegenheiten ubrig bliebe. Aber Eros und Aphrodite verhuten, dass ich hier so lange ausharre, bis unsre Erbschaftssache bei Drachmen und Obolen ausgeglichen ist! Ich gedenke mich mit irgend einer massigen Summe abfinden zu lassen, um desto eher in Aegina anzukommen, wo ich meinen edlen Freund Eurybates (unter uns gesagt) lieber zu deinen schonen Fussen als in deinen Armen uberraschen mochte.
46.
Lais an Aristipp.
Es ist vielleicht glucklich fur dich, lieber Aristipp, dass du langer in Cyrene aufgehalten wirst als du hofftest; denn die Sachen in der Minervenstadt haben indess eine Wendung genommen, die sich niemand einbilden konnte. O die Athener, die Athener! Wie verhasst ist mir jetzt dieser Name! Ich verbiete allen, die um mich sind, ihn auszusprechen, und er soll in den nachsten funf Jahren nicht uber meine Lippen kommen. Kannst du glauben dass die Elenden unmenschlich genug seyn konnten? die Hand versagt mir fortzufahren O dass ich nicht Circe, nicht Medea, nicht der Erinnyen eine bin! Und wenn ich dir erst sage, warum sie ihn verurtheilt haben, und wie wild es dabei zugegangen ist! Sokrates hielt es (mit Recht) seiner unwurdig, sich auf die boshaft alberne Anklage in eine Vertheidigung in gewohnlicher Form einzulassen, gab auch nicht zu, dass einer von seinen Freunden fur ihn auftrate. In der That (nach dem, was man mir davon erzahlt hat, zu urtheilen), ist nie etwas Jammerlicheres gehort worden, als die Beweise, womit der Schwatzer Melitus seine Anklage gut zu machen suchte. Sokrates horte ihm lachend zu, und fand, sie bedurften keiner Widerlegung, da er sich auf die eigene Ueberzeugung der Richter berufen konne. "Mein ganzes Leben," sagte er, "ist die vollstandigste Antwort auf die Beschuldigungen meiner Anklager." Die ehrsamen Heliasten fanden sich durch die Kurze dieser Apologie beleidigt. Welcher Trotz, sagten sie unter einander, welcher Uebermuth! das ist nicht zu dulden, das muss bestraft werden, wenn er auch sonst nichts verbrochen hat. Sie schritten zum Urtheil, und der Beklagte wurde mit 281 Steinen von 500 fur schuldig erklart. Weil es indessen doch ihre Meinung war, ihn, wenn er um Milderung der Strafe bate, mit einer Geldbusse davon kommen zu lassen, so fragte man ihn, was er fur eine Strafe verdient zu haben glaube? "Lebenslanglich im Prytaneum unterhalten zu werden,133" war seine Antwort. Diess brachte die Richter dermassen auf, dass sie unter grossem Larm zu einer nochmaligen Stimmgebung schritten, wo sich dann ergab, dass er mit 360 Steinen zum Tode verurtheilt war. Dabei blieb es, und er wurde sofort in das offentliche Gefangniss abgefuhrt. Der Tag seines Todes ist, einer alten Gewohnheit zufolge, auf die Wiederkunft des heiligen Schiffes ausgesetzt, welches alle Jahre mit den Abgeordneten der Republik zum Andenken der beruhmtesten Heldenthat des Theseus nach Delos134 geschickt wird. Seine Freunde haben indess die Freiheit ihn taglich zu besuchen, und er unterhalt sich mit ihnen, auf seine gewohnte Art, so unbefangen und heiter, als ob das was ihm bevorsteht nur eine kleine Reise nach Aegina ware.
Alle diese Umstande habe ich von sehr guter Hand, und auch diesen, dass sein vertrautester alter Freund Kriton (der sehr reich seyn soll) alles Mogliche angewandt habe, ihn zu bewegen, dass er sich von ihm befreien und ausser Landes in Sicherheit bringen lassen mochte. Aber Sokrates sey unerschutterlich auf seinem Vorsatz beharret sich dem Urtheil seiner gesetzmassigen Richter nicht zu entziehen. "Ich bleibe," habe er gesagt, "um den Gesetzen meines Vaterlandes, denen ich Gehorsam schuldig bin, genug zu thun; so sterbe ich schuldlos, wie ich gelebt habe; durch die Flucht wurde ich den Tod verdienen, den ich jetzt unschuldig leide."
Ich muss aufhoren, Aristipp bleibe immerhin wo du bist; wenn du auch heruber fliegen konntest, was wurd' es helfen? Ich danke den Gottern, dass sie dir den Schmerz, ein Zeuge seines Todes zu seyn, erspart haben. Und doch wenn's moglich ist, so komm'! komm' je eher je lieber! Du kannst zwar deinem alten Freunde nichts helfen; aber ich bedarf deiner. Du allein kannst die schwarzen Wolken zerstreuen, die mein Gemuth verdustern und zusammendrucken.
47.
Eurybates an Aristipp.
Lais hat dich vorbereitet, Freund Aristipp; aber dir das Aergste zu melden, versagt ihr der Muth. Sokrates ist nicht mehr!
Ein unglucklicher Augenblick, eine Art von Missverstandniss, unzeitiger Stolz von Seiten der Richter, und wenn ich's sagen darf ein wenig Eigensinn auf Seiten des noch stolzer zu seyn freilich nur zu wohl berechtigten Sokrates, ist Schuld an einer Uebereilung, welche die Athener sich selbst nie verzeihen werden. Du weisst wie sie sind. Es ist nun einmal von jeher Sitte bei uns gewesen, dass ein Beklagter, war' er noch so unschuldig, mehr die Humanitat seiner Richter als ihre Gerechtigkeit auf seine Seite zu bringen suchen muss. Man versichert mich heilig, das Gericht sey in keiner ihm ungunstigen Stimmung gewesen. Aber seine ihm zur andern Natur gewordene Ironie, eine Kaltblutigkeit, die ihm fur Trotz ausgelegt wurde, die tumultuarische Art, wie es bei der ganzen Verhandlung zuging, und woran zum Theil die Hitze und der unbesonnene Eifer seiner jungen Freunde selbst Schuld war, das alles stimmte die Richter um; und so konnten sie es nicht ertragen, dass er, anstatt (wie gewohnlich) um Milderung der Strafe anzusuchen, mit einer Miene die man freilich, seitdem Athen steht, noch nie im Gesicht eines auf den Tod Angeklagten gesehen hat sagte: die Strafe, die er verdient habe, sey ein lebenslanglicher Freitisch im Prytaneion.
Das Geschehene ist nun nicht mehr zu andern. Der Name Sokrates wird mit ewigem Ruhm auf die Nachwelt kommen; alle seine kleinen Menschlichkeiten werden vergessen seyn, und nur die Sage, dass er der weiseste aller Menschen gewesen, wird von einem Jahrhundert dem andern ubergeben werden: uns Athener hingegen wird ewig die Schande drucken, einen solchen Mitburger verkannt zu haben. Wohl dem, der nicht unter seinen Richtern sass!
Die dreissig Tage, die er nach seiner Verurtheilung im Gefangniss zubrachte, sollen die schonsten seines ganzen Lebens gewesen seyn. Weinend sprechen seine Freunde mit Entzucken davon. Er weigerte sich aus den edelsten Beweggrunden, sich aus dem Gefangniss entfuhren und in Sicherheit bringen zu lassen, wozu Kriton alles schon veranstaltet hatte. Wenige Stunden vor seinem Tode unterhielt er sich mit seinen Freunden uber die Unsterblichkeit der Seele, und trostete sich durch die Zuversicht, womit er ihnen von seiner Hoffnung in ein besseres Leben hinuber zu gehen, als von einer gewissen Sache, sprach. Der junge Plato will, wie ich hore, alle diese Gesprache vermuthlich in seiner eignen Manier, wovon er bereits Proben gegeben hat, mit welchen Sokrates nicht sonderlich zufrieden seyn soll aufschreiben und bekannt machen. Ich wunsche dass er so wenig von dem seinigen hinzuthun moge, als einem jungen Manne von seinem seltnen Genie nur immer zuzumuthen ist; aber er hat eine zu warme Einbildungskraft und zu viel Neigung zur dialektischen Spinneweberey, um den schlichten Sokrates unverschonert, und, wenn ich so sagen darf, in seiner ganzen Silenenhaftigkeit, darzustellen, die wir alle an ihm gekannt haben, und die mit seiner Weisheit so sonderbar zusammengewachsen war.
Der arme Kleombrot ist untrostbar. Schon vorher musste ich alles anwenden was ich uber ihn vermag, ihn abzuhalten, dass er nicht nach Athen zurucksturmte, um (wie er sagte) seinen geliebten Meister entweder zu retten, oder mit ihm zu sterben. Das erste stand nicht in seiner Macht; hingegen hatt' er sich leicht schlimme Handel zuziehen konnen, da unser Volk (wie dir bekannt ist) nicht leiden kann, dass Auslander sich in unsre Sachen mischen. Nun kriecht er aus einem Winkel in den andern, und macht sich selbst Vorwurfe, dass er seinen Lehrer zu einer solchen Zeit verlassen habe; als ob jemand sich so etwas hatte traumen lassen konnen, da wir nach Aegina gingen. Kurz, er ist in einem erbarmlichen Zustande. Die kleine Musarion, die ihn zerstreuen sollte, sitzt den ganzen Tag Hand in Hand neben ihm und hilft ihm weinen. Lais selbst ist noch zu sehr erschuttert als dass sie andere trosten konnte. Alle unsre Hoffnung, ihn wieder zurechtzubringen, beruht also auf dir, lieber Aristipp. Deine sammtlichen Freunde in Aegina sehen dir mit Sehnsucht entgegen.
48.
An Eurybates.135
Das sind nun eure so hochgepries'nen Freistaaten, Eurybates! So geht es in euern Demokratien zu! Bei allen Gottern der Rache! eine solche Abscheulichkeit war nur in einer Ochlokratie wie die eurige moglich! Ihr schimpft auf das, was ihr Tyrannie nennt? Wahrlich unter dem Tyrannen Dionysius hatte Sokrates so lange leben mogen als Nestor; alle Gerber, Rhetoren und Versemacher von ganz Sicilien sollten ihm kein Haar gekrummt haben! Im Grunde dauern mich deine Athener. Was konnen sie dafur, dass die Regiersucht solcher ehrgeizigen Aristokraten und Demagogen wie Klisthenes und Perikles ihnen in ihre schwindlichten Kopfe gesetzt hat, ein Wurstmacher, Kleiderwalker oder Lampenhandler verstehe sich so gut aufs Regieren und Urtheil sprechen, als einer der dazu erzogen worden ist? Der Tag, da Athen von der edeln und weislich abgewogenen Solonischen Aristodemokratie zu einer reinen Ochlokratie herabgewurdigt wurde, war der unseligste von allen, die ihr seit Cekrops und Theseus mit schwarzer Kreide bezeichnet habt. Alles Elend, das in den letzten dreissig Jahren uber eure Stadt gekommen ist, alles Unheil das ihr uber Griechenland gebracht habt, alle die Schandmale, die ihr, durch so viele Handlungen des gefuhllosesten Undanks gegen eure verdienstvollesten Burger, eurem Namen auf ewig eingebrannt habt, schreiben sich von diesem Tage her. Wie? Die dreissig Tyrannen selbst, denen euch Lysander preisgab, die gewaltthatigsten und verruchtesten aller Menschen, wagten es nicht sich an Sokrates zu vergreifen, als er ihnen mit spottender Verachtung die derbsten Wahrheiten ins Gesicht sagte: und eure Heliasten, Leute, die fur drei Obolen des Tags, je nachdem sie einem wohl oder ubel wollen, Recht oder Unrecht sprechen, verurtheilen ihn zum Tode, weil er sie nicht um eine gnadige Strafe bitten will; verurtheilen ihn bloss, um ihm zu zeigen dass sein Leben von ihrer Willkur abhange? Die Elenden! Aber noch einmal, nicht sie, sondern die Urheber einer Verfassung, welche die Macht uber Leben und Tod in die Hande solcher Wichte legt, sind verwunschenswerth.
Doch wozu dieser Eifer? Und was berechtigt mich, meine Galle uber dich, der an diesem Grauel unschuldig ist, auszugiessen? Verzeih', Eurybates! Ich fuhle dass es mich noch viel Arbeit an mir selbst kosten wird, bis ich es so weit gebracht habe, alles an den Menschen naturlich zu finden, was sie zu thun fahig sind, und mich mit einer solchen Natur zu vertragen. Ich schmeichelte mir sonst es schon ziemlich weit in diesem eben so schweren als unentbehrlichen Theile der Lebenskunst gebracht zu haben; zu fruh, wie ich sehe: aber freilich auf ein solches Ungeheuer der schandbarsten Narrheit und Verkehrtheit, wie dieser justizmassige Sokratesmord, war ich nicht gefasst.
In drei Tagen schiffe ich mich nach Aegina ein, und gedenke von dort aus eine Reise nach den vornehmsten Stadten Ioniens zu unternehmen, und mich in jeder so lange aufzuhalten, als ich etwas zu sehen, zu horen und zu lernen finde, das in meinen Plan taugt. Athen wieder zu sehen, bin ich noch unfahig; der Anblick eines Heliasten wurde mich wahnsinnig machen.
Lebe wohl, Eurybates, und stelle, wenn du kannst, die Zeiten wieder her, da die Minervenstadt noch von lebenslanglichen Archonten regiert wurde. Eure Triobolenzunftler136 haben mich mit der Aristokratie auf immer ausgesohnt. Es ist zwar, im Durchschnitt genommen, nicht viel Gutes von euch zu ruhmen, ihr andern Eupatriden: aber das bleibt doch wahr, dass der Schlechteste von euch nicht fahig gewesen ware, weder Anklager eines Sokrates zu seyn, noch ihm Schierlingssaft zu trinken zu geben.
49.
An Lais.
Um uns die gezwungene Unterwerfung unter das eiserne Gesetz der Nothwendigkeit ertraglicher zu machen, gibt es wohl kein besseres Mittel, liebe Laiska, als uns des grossen Vorrechts zu bedienen, womit die Natur den Menschen vor allen andern lebenden Wesen begabt hat, "dass es in seiner Macht steht, bloss durch eine willkuhrliche Anwendung seiner Denkkraft, wo nicht allen, doch gewiss dem grossten Theil der Uebel, die ihm zustossen, den Stachel zu benehmen, indem er sie aus dem dustern Licht, worin sie ihm erscheinen, in ein freundlicheres versetzt, und sie so lange auf alle moglichen Seiten wendet, bis er eine findet, die ihm einen trostlichen Anblick gewahrt." An diese sollten wir uns dann, wenn wir weise waren, festhalten, ohne spitzfindig nachzugrubeln, wie viel davon etwa bloss Tauschung seyn mochte. Warum wollten wir die Schale mit Nepenthes137, die uns eine mitleidige Gottheit reicht, ausschlagen, um uns vorsetzlich dem Gram einer einseitigen Vorstellung zu uberlassen, der, wie der Geyer des Prometheus an unserm Leben nagt, ohne dass irgend etwas Gutes fur uns oder Andere daraus entspringen kann? Was wir selbst, was alle bessern Menschen, was die Welt uberhaupt durch den Tod unsers unersetzlichen Freundes verloren hat, kann uns durch unsern Unmuth nicht wiedergegeben werden. Reissen wir uns mit unsern Gedanken von allen eigennutzigen Gefuhlen los, und erwagen dafur, was er selbst, der Geliebte, dessen Verlust wir beklagen, verloren oder gewonnen haben mag! War es nicht eher ein Gut als ein Uebel fur ihn, die Zeit der immer fuhlbarer werdenden Abnahme, die Zeit nicht zu erleben, wo der Mensch in seinen eigenen und andrer Augen nur noch als eine zusehends in Trummer zerfallende Ruine dessen, was er war, erscheint? "Er hatte, sagen wir, noch lange, vielleicht noch zehn Jahre leidlich leben konnen." O ja, und dann vielleicht noch andere zehn Jahre unter allen Entbehrungen und Beschwerden des hochsten Greisenalters, wie eine allmahlich sterbende Pflanze, hingeschmachtet! der Welt unnutz, sich selbst und seinen Freunden lastig, ein trauriger Gegenstand ihrer in blosses Mitleiden verwandelten Liebe! Ihm war ein besseres Loos beschieden. Denn wahrlich, im Genuss aller seiner Krafte und einer vollstandigen Gesundheit der Seele und des Leibes, siebzig Jahre zuruckzulegen, und dann ohne Krankheit und Schmerzen so schnell und leicht aus der Welt zu kommen, wie er, ist ein Gluck das unter tausend Menschen kaum Einem zu Theil wird. "Er starb schuldlos von ungerechten Richtern verurtheilt," aber ruhig, heiter, freudig, im Bewusstseyn eines ganzen wohl gefuhrten, untadelhaften, gemeinnutzlichen Lebens! geliebt, geehrt, beweint und betrauert von allen guten Menschen! Er lebt fort im Herzen seiner Freunde, wird ewig leben im Andenken der spatesten Nachwelt, die seinen Namen zur gewohnlichen Bezeichnung der Idee eines weisen und tugendhaften Mannes machen wird. Seine denkwurdigsten Reden, seine Lehre, sein burgerliches und hausliches Leben, werden, von seinen Freunden in Schriften dargestellt, noch Jahrtausende lang, vielleicht unter Volkern, deren Benennung uns jetzt noch unbekannt ist, Gutes wirken. Gibt es ein glorreicheres Loos fur einen Sterblichgebornen, als, mit allen diesen Vorzugen gekront, von der Tafel der Natur aufzustehen und schlafen zu gehen entweder zur Ruhe eines ewigen Schlafs, oder (wie er selbst glaubte) um, mit den Geistern aller Edeln und Guten, die vor ihm waren, vereinigt, ein neues Leben in der unsichtbaren Welt zu beginnen? Trauren wir also nicht um Sokrates! Er hat nichts verloren, nichts das ihm nicht reichlich ersetzt wird, nichts, wofur ihm nicht schon die letzte Stunde, da sich Vergangenheit und Zukunft in seinem Bewusstseyn in Ein grosses, klares, lebendiges Gefuhl zusammendrangte, uberschwanglichen Ersatz gegeben hatte. "Aber was wir selbst an ihm verloren haben?" ist, im Grunde, wenig, meine Freunde! denn von allem, was wir bereits von ihm besitzen, konnen wir nichts verlieren als durch unsre eigene Schuld; und in der Folge hatte er doch nur wenig mehr fur uns seyn konnen. Gesetzt aber auch wir hatten viel verloren, so sey uns diess ein neuer Antrieb, einander desto sorgfaltiger und eifriger alles zu seyn, was in unserm Vermogen ist!
Ich gestehe, dass es mir jetzt ausserst peinlich ware, nach Athen zuruckzukehren, wo mich alles noch zu frisch an ihn erinnern wurde; aber in einigen Jahren werden diese Erinnerungen vielmehr angenehm als schmerzhaft seyn. Was die Athener betrifft, die sind, im Durchschnitt, ein so verachtliches Gesindel, dass sie nicht einmal unsers Hasses werth sind, geschweige dass die liebenswurdigste aller Erdentochter um ihrentwillen zur Medea oder Tisiphone138 werden sollte. An weniger gefuhllosen Menschen wurden Scham und Reue bereits eine strenge Rache genommen haben. Aber ich besorge sehr, die Athener sind weder der Scham noch der Reue fahig. Desto schlimmer fur sie! Sie werden ihrer verdienten Strafe nicht entrinnen; und schwerlich wurdest du, wenn dir auch alle Fackeln und Schlangenpeitschen der Erinnyen zu Dienste standen, grausam genug seyn, ihnen die Halfte der Plagen anzuthun, die sie selbst durch die naturlichen Folgen ihrer unheilbaren Verkehrtheit uber sich aufhaufen werden.
Meine Geschafte in Cyrene werden in zehn Tagen beendiget seyn, und dann fliege ich mit dem ersten gunstigen Winde deiner Zauberinsel zu. Ich bringe dir, auf meine Gefahr, meinen Freund Kleonidas mit; einen jungen Mann, der es werth ist dich zu sehen, und dir bekannt zu werden, und der so sehr mein anderes Ich ist, dass du schwerlich mehr fur ihn thun konntest als ich ihm gonnen wurde. Er ist mit allen Anlagen zur bildenden Kunst geboren, gab sich aber in seinen fruhern Jugendjahren ganz den Musenkunsten hin. Er wurde mich schon vor funf Jahren nach Griechenland begleitet haben, wenn ihn nicht eine schwarmerische Leidenschaft fur die Tochter des damals sich bei uns aufhaltenden Malers Pausias zuruckgehalten hatte, die an Schonheit und Dumpfheit eine andere Theodota ist. Um seine Geliebte so nahe und so oft als moglich zu sehen, bestellte er bei dem Vater ein Gemalde nach dem andern, und brachte, unter dem Vorwande den Kunstler arbeiten zu sehen, einen grossen Theil des Tages in seinem Hause zu. Die Folge davon war, dass seine Phantasie fur die Tochter nach und nach erkaltete, hingegen eine leidenschaftliche Liebe fur die Kunst des Vaters in ihm erwachte, fur welche er, wie sich in kurzem zeigte, eine entschiedene Anlage hat. Da er reich genug ist bloss zu seinem und seiner Freunde Vergnugen zu arbeiten, wird er die Malerei, wiewohl sie seitdem seine hauptsachlichste Beschaftigung war, schwerlich jemals als Profession treiben. Nichtsdestoweniger verspreche ich mir von ihm, dass er mit der vorzuglichen Geistesbildung und dem Dichtertalent, die ihm dabei zu Statten kommen, ungleich mehr leisten wird, als man gewohnlich von einem blossen Liebhaber erwartet. Kurz, ich habe mir in den Kopf gesetzt, es fehle ihm, um noch weiter als sein Lehrer selbst zu kommen, weiter nichts, als die schone Lais zu sehen, und von ihr aufgemuntert zu werden. Ich habe also nicht von ihm abgelassen, bis ich ihn schon in voraus so verliebt in dich gemacht habe, dass er vor Ungeduld brennt, sich mit seinen eignen Kunstleraugen zu uberzeugen, ob du noch schoner und reizender bist, als die Idee, die er sich von dir gemacht, und in einem Bilde der Hebe, die dem neu vergotterten Herakles die erste Nektarschale reicht, in der That meisterhaft ausgefuhrt hat. Wir wollen sehen!
50.
An Hippias.
Ich bin wieder in Aegina, mein lieber Hippias in einem der anmuthigsten Winkel der Erde, in der auserlesensten Gesellschaft, von allem umgeben, was feinern Sinnen schmeicheln, die Phantasie bezaubern, und die edelsten Bedurfnisse gebildeter Menschen befriedigen kann; um alles mit Einem Worte zu sagen, ich bin bei Lais. Aber Athen liegt uns zu nah'! Sokrates, den Giftbecher am Munde, mit ten unter seinen die Hande ringenden, in Thranen zerfliessenden, oder den Ausbruch des bittersten Schmerzes aus Liebe zu ihm gewaltsam zuruckhaltenden Freunden, stellt sich noch immer und uberall zwischen uns und alles, was uns zur Freude einladen will. Unsrer schonen Freundin, der die Bilder der Tage und Stunden, die sie noch vor kurzem in seiner Gesellschaft zubrachte, wieder so lebendig vor den Augen schweben, dass ihr die Vergangenheit beinahe zur Gegenwart wird, ist es eben so zu Muthe wie mir Wie wohlthatig, o Hippias, wurde uns jetzt deine Gesellschaft seyn! Aber so bleibt uns weiter kein anderes Mittel ubrig, als uns von der verhassten Scene so weit als moglich zu entfernen. Neue Ansichten, neue Menschen, neue Verbindungen, kurz eine neue Welt um uns her ist nothig, unsrer dem Gefuhl und der Erinnerung noch zu schwach entgegen wirkenden Vernunft zu Hulfe zu kommen; auch werden bereits Anstalten gemacht in zehn Tagen nach Milet abzureisen, wo Lais sich einige Zeit aufzuhalten gedenkt, wahrend ich eine Wanderung durch andere merkwurdige Stadte von Ionien, Karien, Lydien und Phrygien unternehmen werde.
Findest du nicht auch, Hippias, dass man der Philosophie zu viel Ehre erweist, wenn man ihr die Macht zuschreibt, dem Gefuhle der Einbildungskraft, und den Leidenschaften immer unumschrankt zu gebieten? Wahrscheinlich wird ihr vieles gut geschrieben, das auf Rechnung des Temperaments, einer naturlichen Apathie oder Schwache des sympathetischen Gefuhls und andrer solcher Ursachen zu setzen war. Nichts ist leichter als mit solchen Vortheilen (wenn sie ja diesen Namen verdienen) sich die Miene eines Weisen zu geben, und auf andere, die mit einem weichern Herzen, warmerem Blute, zartern Nerven und mehr Anlage zu Freundschaft und Liebe geboren sind, als auf schwache Seelen herabzusehen. Aber alles was die Weisheit von Menschen meiner Art in dergleichen Fallen fordern kann, ist, denke ich, dass wir uns nicht vorsetzlich selbst peinigen, und aus vermeinter Pflicht, oder, weil man etwas Schones und Grosses darein setzt, alles hartnackig von uns weisen, wodurch das gestorte Gleichgewicht in unserm Innern wieder hergestellt, und das Gemuth fur die Freude wieder empfanglich gemacht werden konnte. In diesem traurigen Falle befindet sich mein junger Freund, Kleombrot von Ambracien, den du, wenn du dich dessen noch erinnerst, mehr als einmal bei mir gesehen hast; einer von den jungsten und eifrigsten Anhangern des Sokrates. Weder ich, noch Eurybates, dessen Gesellschafter und Hausgenosse er seit einiger Zeit ist, noch Lais, die ihn wohl leiden mag, noch die holde Musarion selbst, mit deren Seele er schon Jahr und Tag in einem sonderbaren Liebesverstandniss steht, vermogen etwas uber die tiefe Schwermuth, die sich seiner seit dem unseligen Ereigniss zu Athen bemachtigt hat. Er wirft sich selbst vor, dass er seinen Meister verlassen habe, und nicht wenigstens auf die erste Nachricht von der Verschworung seiner Feinde gegen ihn sogleich nach Athen zuruckgeflogen sey. Der Gedanke todte ihn, sagt er, dass er fahig gewesen sey sich sorglos einer wollustigen Unthatigkeit zu uberlassen, indessen der Anblick und die Gesellschaft seiner getreuen, bis in den Tod bei ihm ausharrenden Freunde das Einzige gewesen, was dem besten aller Menschen zur Erleichterung seines grausamen Schicksals ubrig geblieben sey. Kurz, der arme Mensch kann sich selbst nicht verzeihen, dass Sokrates ohne ihn sterben konnte; als ob seine Gegenwart etwas anders hatte helfen konnen, als seine ohnehin uberspannte Einbildung bis zum ganzlichen Wahnsinn hinauf zu treiben. Er besteht nun darauf, nach Ambracien zuruckzugehen, und da wir ihn nicht mit Gewalt zuruckhalten konnen noch wollen, wird er uns an einem der nachsten Tage verlassen. Mich dunkt selbst, es ist das Beste was er thun kann, und wir andern werden uns sehr dadurch erleichtert finden; denn ein Mensch, der, aller Vernunft zum Trotz, in der Traurigkeit als in seinem Elemente leben und weben will, passt nicht wohl in eine Gesellschaft, die sich's zur Pflicht macht, dieser schlimmsten aller Krankheiten der Seele, so viel nur immer moglich, alle Nahrung zu entziehen.
In dieser Rucksicht kommt mir sehr zu Statten, dass ich meinen geliebtesten Jugendfreund Kleonidas aus Cyrene mitgebracht habe, der einer von den Glucklichgebornen ist, die sich nur zeigen durfen um uberall geliebt zu werden. Hier stehen ihm bereits alle Herzen offen, und es ist mein Gluck, dass Lais in seinen Augen zu sehr Gottin ist, als dass es einem Sterblichen geziemen konnte, Anspruche an sie zu machen. Wie lange dieses religiose Gefuhl dauern wird, muss die Zeit lehren; genug dass Lais sich an der Abgotterei, die er mit ihr treibt, genugen lasst, und es ihm nicht ubel zu nehmen scheint, wenn seine Augen auf den weniger blendenden, aber ein Herz, das nichts von ihnen besorgt, unvermerkt uberschleichenden Reizen der kleinen Musarion mit einer besondern Anmuthung verweilen. Du wurdest dich wundern, Hippias, zu was fur einer zierlichen Nymphengestalt das Madchen in der kurzen Zeit, seitdem du sie zu Korinth sahest, sich ausgebildet hat. Wenn ich nicht sehr irre, so ist sie der weinerlichen Rolle ziemlich uberdrussig, die sie, ihrem geistigen Liebhaber zu Gefallen, seit einigen Wochen spielen musste; und ich wollte nicht dafur stehen, dass sie nicht in aller Unschuld, und ohne selbst zu wissen was in ihrem kleinen Herzen vorgeht, zwischen dem schonen, immer heitern, immer zur Freude gestimmten Schwarmer Kleonidas, und dem dustern, traurigen, gleich einem Schatten einherschleichenden, seufzenden und klagenden Schwarmer Kleombrotus, Vergleichungen anstellt, die nicht zum Nachtheil des erstern ausfallen; zumal da der letztere so tief in seinen Gram versunken ist, dass er von dem allen nichts gewahr zu werden scheint.
Kleonidas ist aus Gunst der Natur und der Musen zugleich Dichter und Maler, beides mit einem nicht gemeinen Talent, wiewohl ohne Anspruch auf eine Stelle unter den Meistern dieser Kunste. Was ich ihm zu Cyrene von der schonen Lais sagte, brachte ihn auf den Einfall, seine Idee, wie diese Dame nach meiner Beschreibung aussehen musste, in einem Bilde der Hebe, mit einer einzigen Farbe in der Manier des Zeuxis gemalt, darzustellen. Du vermuthest leicht, dass diess Nachbild einer blossen Idee, neben unsre Schonheitsgottin selbst gestellt, der Divinationskraft des Malers keine sonderliche Ehre machte; auch konnt' ich ihn, sobald er die letztere selbst gesehen hatte, nur mit Gewalt abhalten, sein Bild ins Feuer zu werfen: aber, was uns alle in Erstaunen setzte, war, dass die kleine Musarion der Hebe meines Freundes so ahnlich sah, als ob sie ihm dazu gesessen hatte. Naturlich veranlasste diess mancherlei Scherze, wobei die beiden betroffenen Personen die Miene hatten, als ob sie nicht ubel Lust hatten Ernst daraus zu machen. Immer ist dieses Spiel des Zufalls, das einer sympathetischen Ahnung so ahnlich sieht, sonderbar genug. Verzeihe, Hippias, dass ich dich so lange bei einem Unbekannten aufhalte, der dich wenig interessiren kann. Aber ich hoffe, du wirst ihn personlich kennen lernen, und es mir dann eher danken als ubel nehmen, dass ich euch schon in voraus in Bekanntschaft mit einander gesetzt habe. Weniger gleichgultig wird dir auf alle Falle seyn, zu horen, dass unser edler Freund Eurybates glucklich aus den Klauen seiner Lamia139 herausgerissen worden ist; wenigstens noch zeitig genug, um nicht ganz von ihr aufgezehrt zu werden. Wirklich waren wir, Lais und ich, in sehr ernstlichen Berathschlagungen begriffen, wie wir dabei zu Werke gehen wollten, ohne dass sie sich zu mehr, als sie Willens ist, verbindlich zu machen scheinen mochte: als ein abermaliger Zufall, oder vielmehr Eros, der wirklich ein ganz besonderes Spiel mit uns Aegineten treibt, uns auf einmal aller weitern Muhe uberhob, die Sache zu einem glucklichen Ende zu bringen. Du erinnerst dich ohne Zweifel noch der schonen Droso, einer von den drei Grazien unsrer Freundin, wie wir ihre drei gewohnlichen Aufwarterinnen zu nennen pflegen, seitdem sie von mir zu dieser Wurde erhoben wurden. An einem dieser letzten Abende fuhrte uns Lais an das Ufer einer stillen kleinen Bucht, die an einen Theil ihrer Garten anspult, um uns das Vergnugen des Fischens mit der Angel zu verschaffen. Eurybates war auch dabei. Zufalliger Weise hatte sich die schone Droso mit ihrer Angelruthe auf einer unsichern Stelle zu weit hinaus gewagt; der Fuss glitschte ihr aus, sie verlor das Gleichgewicht, und fiel ins Wasser. Eurybates, der es zuerst gewahr wurde, und, wie die meisten Athener, ein guter Schwimmer ist, springt ihr augenblicklich nach, er fasst sie beim ersten Auftauchen mit beiden Armen, und bringt sie glucklich ans Land. Der Schrecken des Falls und die Schamrothe, in nassem Gewande140 von dem tapfern Eurybates auf das dichtbegraste Ufer gelegt worden zu seyn, war, nebst den Scherzen, welche das arme Madchen von ihren Gespielen beim Umkleiden auszuhalten hatte, das Schlimmste, was dieser Zufall nach sich zog. Das Beste davon ward ihrem edeln Retter zu Theil; denn seit diesem Augenblick machte sich die holde Droso zur Beherrscherin seines Herzens, und von Lysandra war so wenig mehr die Rede, als ob sie nie in der Welt gewesen sey. Kleombrot ist in dieser Nacht verschwunden. Der Tag unserer Abreise nach Milet ruckt heran. Ich begleite Lais, Kleonidas begleitet mich. Eurybates hat glucklicherweise Geschafte zu Milet. Dass Musarion und die drei Grazien von der Partie sind, versteht sich.
Mache mir die Freude, lieber Hippias, recht bald Nachricht von dir und dem schonen Syrakus zu erhalten, und von euerm Tyrannen, den ich ohne Bedenken zum Selbstherrscher aller eurer Demokratien und Oligarchien kronen wurde, wenn Konig Jupiter, dessen Statthalter (nach Homer) die bescepterten Herren auf Erden sind, mir seine Machtvollkommenheit nur auf eine halbe Stunde uberlassen wollte.
51.
Hippias an Aristipp.
Man ist es an den Athenern zu sehr gewohnt, dass sie ihren grossten und verdientesten Mannern am ubelsten mitspielen, als dass die gerichtliche Mordung des alten Sokrates sonderliches Aufsehen in Griechenland gemacht haben sollte. Hatte sich Anaxagoras und noch vor kurzem Diagoras der Melier, der ein eben so wakkerer Mann und ein noch besserer Kopf als der Sohn eines Sophroniskus war, nicht bei Zeiten aus dem Staube gemacht, so wurde dieser die Ehre nicht erhalten haben, der erste zu seyn, den sie (sagt man) aus der Welt schafften weil er zu weise fur sie war.
Unter uns, Aristipp, ich glaube man sagt den Athenern und der Weisheit mehr Boses nach als sie verdienen. Der gute Sokrates141 hatte mit aller seiner Weisheit, die am Ende den Athenern weder warm noch kalt gab, ihrentwegen noch lange leben konnen, wenn er durch seine Ironie, und den Faunischen Muthwillen, alle Leute die sich mit ihm einliessen zu necken und in die Enge zu treiben, und durch das ewige Einmischen in fremde Angelegenheiten und alles besser Wissen als andere, sich nicht schon seit langer Zeit verhasst, und durch seinen anscheinenden Mussiggang und seine armselige Lebensart noch oben drein verachtlich gemacht hatte. Nach Solons Gesetzen soll jeder Burger der dritten Classe entweder irgend eine nutzliche und ehrliche Profession treiben, oder der Republik unmittelbare Dienste thun. Sokrates that, ihrer Meinung nach, weder dieses noch jenes: denn dass er tagtaglich an allen offentlichen Orten zu sehen und zu horen war, und von einer Bude und Werkstatt zur andern ging, um die Leute mit seinen Fragen und Subtilitaten (wie sie es nannten) zu beunruhigen, wurde ihm naturlicher Weise von dem gemeinen Mann, und selbst von den meisten aus den hohern Classen, fur keine Beschaftigung und zu keinem Verdienst angerechnet, wie gut er selbst es auch damit meinen mochte.
Wenn wir niemand Unrecht thun wollen, Aristipp, mussen wir billig seyn. Um die Schuld der Athener in diesem fatalen Handel richtig abwagen zu konnen, mussten wir untersucht haben, ob sie in ihrer Lage und vermoge ihrer gewohnten Vorstellungsart anders von ihm denken konnten; und wer diess untersuchen wollte, musste sich vollig an ihren Platz stellen konnen.
Hier in Syrakus hort man die verschiedensten Urtheile uber diese Tragodie, die, so lange sie die Neuigkeit des Tages war, auch das Einzige war wovon uberall gesprochen wurde. Die meisten hatten viel an dem Benehmen des Helden auszusetzen, besonders wurde der spottende und trotzende Ton womit er sich gegen seine Richter vertheidigte oder vielmehr nicht vertheidigen wollte, fast allgemein getadelt. Doch fanden sich auch einige, denen dieser Ton der einzige schien, der sich fur ihn schickte, wiewohl er leicht voraussehen konnte, was er ihm kosten werde. Aber in Einem Punkt stimmt ganz Syrakus uberein, darin namlich, dass er unrecht gethan habe, den Beistand zur Flucht, den ihm sein Freund Kriton anbot und beinahe aufdrang, so eigensinnig auszuschlagen. Wenn er auch (sagt man) auf sich selbst und seine Freunde und Weib und Kinder keine Rucksicht nehmen wollte, so war es Pflicht eines guten Burgers, den Athenern die Nachreue uber ein ungerechtes Urtheil und den Tadel aller ubrigen Griechen zu ersparen. Vornehmlich wurde der Grund seiner Weigerung ganz unhaltbar gefunden. "Ich bin, sagte er, den Gesetzen der Republik Gehorsam schuldig; meine gesetzmassigen Richter haben mich nach dem Gesetz zum Tode verurtheilt; also bin ich schuldig das Urtheil an mir vollziehen zu lassen." Gleichwohl (wenden die anders Denkenden ein) war er selbst uberzeugt, dass er unschuldig verurtheilt worden sey. Hatte diess seine Richtigkeit, so war er nicht nach dem Gesetz verurtheilt; denn das Gesetz verdammt keinen Unschuldigen. "Aber, sagte Sokrates, ich bin nicht zum Richter uber meine Richter gesetzt; ich kann mich also ihrem Urtheil desswegen, weil es ungerecht ist, nicht entziehen; denn dadurch wurde ich mich eigenmachtig zu ihrem Richter setzen." Ich habe diesen Einwurf in seinem Namen ofters geltend gemacht, und es ist mir von niemand eine Antwort geworden, die ihn wirklich entkraftet hatte; auch gestehe ich, dass ich ihn, in der burgerlichen Ordnung der Dinge, fur unwiderleglich halte. Woher kam es also, dass jedermann, wenn er nicht weiter konnte, sich auf sein innerstes Gefuhl berief, welches sich diesem Argument unabtreiblich entgegen stemme? Wie kann die Vernunft mit unserm innern Gefuhl dessen was recht ist in Widerspruch stehen? Hore, wie ich mir dieses Problem auflose, und sage mir deine Meinung davon. Das Gefuhl, worauf sich meine Antisokratiker beriefen, ist nichts anders als eine dunkle Vorstellung des Widerspruchs, der zwischen dem nothwendigen Gesetz der Natur und den verabredeten Gesetzen der burgerlichen Gesellschaft vorwaltet. Die Natur hat uns die Selbsterhaltung zur ersten aller Pflichten gemacht. Alle andern stehen unter dieser, und mussen ihr im Fall eines Zusammenstosses weichen; denn um irgend eine Pflicht erfullen zu konnen, muss ich da seyn. Da also dieses Naturgesetz allen burgerlichen vorgeht, so konnte Sokrates den Satz, dass er sich keines Richteramtes uber seine Richter anmassen durfe, nicht gegen die Pflicht der Selbsterhaltung geltend machen. Du wirst mir vielleicht einwenden: "wenn dieser Schluss gelte, so sey auch ein rechtmassig Verurtheilter befugt, sich der verdienten Strafe zu entziehen, wenn er konne" und ich habe keine andere Antwort hierauf als Ja!
Auch Dionysius scheint, trotz seinem Tyrannenthum, der Meinung zu seyn, dass Sokrates sich hatte retten sollen, da er es mit Sicherheit konnte. Als neulich in seiner Gegenwart von dieser Geschichte gesprochen wurde, sagte er: ich bedaure den alten Mann; er sollte willkommen gewesen seyn, wenn er sich zu mir hatte fluchten wollen; weder seine Philosophie noch sein Damonion sollte ihm die mindeste Anfechtung in Sicilien zugezogen haben. Doch genug von einer Sache, die nun nicht mehr zu andern ist.
Wenn euch Kleombrotus lieb ist, so verliert ihn ja nicht aus den Augen. Einem Schwarmer von dieser Starke oder Schwache (wie man's nehmen will) ist nicht uber die Gasse zu trauen. Sein vertrauter Umgang mit dem jungen Plato hat ihm unwiederbringlichen Schaden gethan. Es ist mit schwachen Kopfen, die sich an solche meteorische Menschen hangen, wie mit Leuten von mittelmassigem Vermogen, die in vertrauter Gesellschaft mit reichen Prassern leben und es ihnen gleich thun wollen; sie gehen bei Zeiten zu Grunde, wiewohl sie keinen grossern Aufwand machen als den diese sehr wohl aushalten konnen. Plato ist ein weit grosserer Schwarmer als Kleombrot; aber er ist ihm auch eben so sehr an Geisteskraft uberlegen. Plato wird von seiner Schwarmerei, wie ein guter Reiter von seinem Pferd, immer Meister bleiben, oder doch nur selten und ohne Schaden abgeworfen werden; mit dem armen Phaethon Kleombrot gehen die Sonnenpferde durch, und ich besorge es wird kein gutes Ende mit ihm nehmen. Ich habe nicht gern mit solchen Menschen zu schaffen; diess war die Ursache, warum ich mich deinem Gedanken, ihn mit uns nach Syrakus zu nehmen, so ernstlich widersetzte.
Kleonidas konnte mir auch bloss als dein Freund nicht gleichgultig seyn; um so mehr danke ich dir fur seine Bekanntschaft, da ich mir viel Vergnugen von ihr verspreche. Der Zufall, dass seine aus der blossen Phantasie gemalte Hebe der jungen Musarion so ahnlich sah, ist in der That (vorausgesetzt die Aehnlichkeit sey wirklich so gross als du sagst) ein artiger Zufall, und weiter nichts. Denkst du dir etwas bei den Worten ... sympathetische Ahnung? Ich kann mir nichts dabei denken. Ich weiss von keiner andern Sympathie, als von Uebereinstimmung der Gemuther aus Aehnlichkeit der Gefuhle und Neigungen. Was hat aber diese mit Ahnungen zu thun? Wie kame der Mensch zu Ahnungen? Welches unsrer Organe sollte das Vehikel derselben seyn? Wenn ich Ahnungen zugeben musste, so sehe ich nicht, warum ich nicht aus gleichem Grunde alles Wunderbare und Unglaubliche fur moglich halten musste, was unsre Mythologen aus Aegyptischen, Arabischen und Syrischen Sagen und Volksmahrchen in unsre Gotter- und Heldengeschichte ubergetragen haben. Alle diese Phantasmen gehoren ins Gebiet der Dichter, und konnen unter ihren Handen zur Unterhaltung des grossen Haufens, und, mit Geist und Geschmack behandelt, sogar zum Vergnugen der Verstandigen dienen; aber in die Reihe der Ursachen, woraus die wirklichen Dinge erklarbar sind, sollen sie sich nicht stellen.
Dionysius, nach welchem du dich erkundigest, ist noch immer mit den gewaltigen Zurustungen beschaftiget, deren Anfang du gesehen hast. Syrakus sieht wie ein einziger ungeheurer Werkplatz aus, wo sich alle wiederaufgestandenen Kureten, Cyklopen, Chalyben und Telchinen142 der Vorwelt das Wort gegeben hatten, mit allen Kunstlern und Werkmeistern der jetzigen Zeit zusammen zu kommen, um alles Metall im Schooss der Erde und alles Holz auf ihren Bergrucken zu einer Unternehmung, wie die Welt noch keine gesehen hat, zu verarbeiten. Man muss gestehen, dass Dionysius alle mogliche Massregeln nimmt um seiner Sache gewiss zu seyn, und dass die Kunst, grosse Dinge mit kleinen Mitteln zu thun, keinen Reiz fur seinen Ehrgeiz zu haben scheint. Es ist nun kein Geheimniss mehr, dass alle diese Kriegszurustungen den Carthagern gelten, und die Feindseligkeiten sind im Begriff auszubrechen.
Je naher ich die Syrakusaner kennen lerne, je mehr uberzeuge ich mich, dass die Athener (mit Erlaubniss der schonen Lais zu sagen) ein gutartiges, lenksames und verstandiges Volk in Vergleichung mit ihnen sind. Es ist leicht vorher zu sehen, dass die Harmonie, die seit einiger Zeit zwischen ihnen und dem Dionysius zu bestehen scheint, von keiner langen Dauer seyn wird. Die Eupatriden von Syrakus konnen und werden sich nie mit ihm aussohnen, und lauern Tag und Nacht, mit einer Unruhe und Ungeduld die er nur zu sehr gewahr wird, auf Gelegenheit, ihn entweder, wenn es mit Vortheil geschehen kann, offenbar anzugreifen, oder in eine der Schlingen zu locken, die sie ihm uberall zu legen beflissen sind. Ich mochte wohl wissen, wie es moglich ware, dass ihn diess nicht misstrauisch, argwohnisch, feindselig und streng gegen Leute machen sollte, von deren versteckten Dolchen er allenthalben umringt ist. Man hort die bittersten Klagen, dass keine zwei oder drei Burger aus den hohern Classen mit einander sprechen konnen, ohne sich von Aufpassern und Angebern belauscht zu sehen: als ob diess eine andere Ursache hatte, als weil Dionysius sicher darauf rechnen kann, dass nicht leicht zwei oder drei Personen dieser Art beisammen stehen, ohne eine Verschworung gegen ihn zu verabreden. Sie zwingen ihn zu tyrannischen Massregeln, und schreien dann uber seine Gewaltthatigkeit und Grausamkeit. Ware er nicht immer von etlichen Freunden, die einerlei Interesse mit ihm verbindet, und von einer auslandischen Leibwache, auf die er sich ganzlich verlassen kann, umgeben, so mochte er der weiseste und beste aller Fursten seyn, er ware seines Lebens keinen Augenblick sicher. Wahrlich es gehort ein Mann wie er dazu, ein Mann, dessen Charakter ein so sonderbares Gemisch von Feuer und Kalte, von strenger Vernunft und launenhaftem Witz, von Geschmeidigkeit und Unbiegsamkeit, Humanitat und Grausamkeit ist, um sich unter solchen Umstanden nur acht Tage auf dem Throne zu erhalten. Was das Volk im engern Sinn des Wortes betrifft, diess hangt zwar, dem Ansehen nach, ziemlich stark an ihm; aber es gibt nichts Veranderlichers, in der ganzen Natur als die Sinnesart des Syrakusaners, und Dionysius weiss recht gut, dass er sich auf seine Popularitat bei den untern Classen eben so wenig verlassen kann, als er auf die Dankbarkeit eines Aristokraten zahlen darf, dessen Zuneigung er durch die ausgezeichnetsten Gunstbezeugungen zu gewinnen gesucht hat. Die arbeitsamen Classen hangen jetzt an ihm, weil er ihnen viel zu verdienen gibt, und weil die grossen Zurustungen, woran sie fur ihn arbeiten, grosse, wiewohl dunkle und unbestimmte Erwartungen in ihnen erregen, auf deren Ausgang sie gespannt sind; aber ich stehe ihm nicht dafur, dass sie sich nicht, wenn der Krieg ausgebrochen seyn wird, beim ersten widrigen Zufall von irgend einem sturmischen Demagogen durch eine einzige mit emphatischen Phrasen und gigantischen Figuren ausgestopfte Rede plotzlich umwenden, und dahin bringen lassen, die Waffen, an welchen sie jetzt arbeiten, anstatt gegen Carthago, gegen Dionysius zu gebrauchen. Auch versieht er sich keines Bessern zu ihnen, wiewohl er ihnen ausserlich das unbefangenste Vertrauen zeigt.
In Ermangelung anderer Vorwurfe und in der That sehe ich nicht, was an seiner Regierung mit Grund auszusetzen ware bemuhen sich seine Feinde, ihn dem Volk als einen Menschen ohne Religion und ohne Sitten verhasst zu machen. Es gibt zwar schwerlich ein unmoralischeres, verderbteres, leichtfertigeres und ruchloseres Volk auf diesem Erdenrund als die Syrakusaner, alle Laster, wegen deren ehemals Sybaris, Krotona und Tarent143 beruchtigt waren, gehen unter ihnen ziemlich offentlich im Schwang; Athen und Korinth haben dermalen nichts vor ihnen in diesem Punkte voraus: aber dafur sind sie eifrige Gotzendiener, und halten scharf uber gewisse gesetzliche Formen. Weder das eine noch das andere ist bei Dionysius der Fall; er denkt sehr frei, und erlaubt sich zu handeln wie er denkt. Bekanntermassen nahm er sich, als die Syrakusaner in ihrem ersten Aufstand gegen ihn seine erste Gemahlin ermordet hatten, auf Einen Tag zwei andere (eine aus Lokri und die andere aus Syrakus) die mit ihm und unter sich selbst in dem besten Einverstandnisse leben. Ich will die Freiheit, die er sich dadurch gegen die in Griechenland eingefuhrte Sitte herausnahm, keineswegs und am allerwenigsten aus politischen Grunden rechtfertigen; aber die Natur entsetzt sich doch nicht vor einer solchen That! Wenn die Bigamie gegen die Griechische Sitte ist, so ist hingegen die Vielweiberei in den Morgenlandern allgemein; und am Ende, wenn er mit seinen zwei Frauen und sie mit ihm zufrieden sind (wie das wirklich der Fall ist), wem kann es nicht gleichgultig seyn, ob er nur Eine Gemahlin und ein halb Duzend Kebsweiber, oder zwei Gemahlinnen144 und kein Kebsweib hat? Aber du solltest horen, was diese tugendhaften Syrakusaner, die, ohne alles Bedenken, ehebrecherischer Weise so viele Frauen haben als sie bestreiten konnen, fur ein Aufhebens uber diese Unthat des Tyrannen machen, und was ihre ehemaligen Volksredner, aus dieser Veranlassung, der Tyrannie fur Lobreden halten! Doch das alles ist nichts gegen eine andere Abscheulichkeit, die das tyrannische Ungeheuer begangen hat. Hore an und erstaune, dass die menschliche Natur eines solchen Grauels fahig ist! Du erinnerst dich vermuthlich noch der grossen Bildsaule des Aesculaps mit dem langen dicklockigen massivgoldnen Barte, die in seinem Tempel zu Syrakus steht. Stelle dir vor, dass der Unmensch der jetzt freilich zu seinen grossen Ausgaben viel Geld nothig hat sich gottesvergessenerweise erfrechte, dem marmornen Aesculap145 seinen goldnen Bart abscheren zu lassen, und den Frevel noch gar durch einen Scherz (der freilich in einer Aristophanischen Komodie den Athenern grossen Spass gemacht hatte) rechtfertigen zu wollen. Es sey gegen alle Zucht und Ordnung, sagte er lachend, dass der Sohn einen so grossen Bart fuhre, da sein Vater Apollo gar keinen habe. Mit einem ahnlichen Vorwand liess er Jupitern146 neulich seinen, ich weiss nicht wie viele Talente schweren goldnen Mantel abnehmen. Was soll, sprach er, Jupitern ein goldner Mantel? Im Sommer ist er zu schwer, und im Winter zu kalt; Jupiter gibt mir seinen unbequemen Talar, den ich besser brauchen kann, und ich gebe ihm dafur einen hubschen wollenen, der fur Sommer und Winter taugt; so ist beiden geholfen. Du kannst dir kaum vorstellen, Aristipp, welchen Schaden Dionysius sich durch diesen witzigen Tempelraub bei den gottseligen Syrakusanern gethan hat, und was er sich nun alles nachsagen lassen muss, weil man einen Menschen, der so gottlose Dinge sagen und thun konnte, aller moglichen Abscheulichkeiten fahig halt.
Dionysius lacht dazu, und geht seinen Weg. Als ich ihm einsmals meine Verwunderung daruber zeigte, wie er noch Lust haben konne, ein Volk zu beherrschen, das nicht werth sey einen guten Konig zu haben, antwortete er mir: "Ich weiss nicht ob es irgendwo in der Welt ein Volk gibt, das einen guten Konig werth ist. Jedermann treibt was er am besten zu verstehen glaubt; und das erste, worauf er zu sehen hat, ist kein Pfuscher in seiner Kunst zu seyn. Hatte ich vor zwolf Jahren gewusst was ich jetzt weiss, so mochte ich vielleicht in der Dunkelheit geblieben seyn. Jetzt habe ich keine Wahl mehr, und da ich nun einmal den Konig spielen muss, so hatte ich Unrecht wenn ich ihn nicht gern spielte, und mir eine Art von Spass aus dem narrischen Wettkampf machte, worin ich mit den Syrakusiern befangen bin. Denn wirklich ringen wir aus allen Kraften miteinander, ich, ob ich sie durch eine vernunftige Regierung zwingen konne gerecht gegen mich zu werden; sie, ob sie mich durch Undankbarkeit und unartiges Betragen dahin bringen konnen, ihre Vorwurfe und Verleumdungen zu verdienen. Aber es soll ihnen nicht gelingen. Ich werde sie immer regieren wie sie es nothig haben: mit dem Hirtenstabe, wenn sie fromme Schafe sind, mit der Peitsche, wenn sie die Affen mit mir spielen wollen. Wer den Syrakusiern an meinem Platz Gutes thun will, muss es ihnen aufdringen, und auf ihren Undank rechnen. Ich mache mir nichts aus ihrem Hass, wenig aus ihrer Liebe, bin gegen alles Bose, was sie mir thun konnen, auf meiner Hut, und gedenke bei dieser Methode ruhig auf meinem Bette zu sterben, ungeachtet sie gegen mich complotiren werden, so lang' ich lebe."
Da alle Anscheinungen vermuthen lassen, dass Sicilien der Schauplatz eines langwierigen Krieges werden durfte, weil Carthago gewiss alle ihre Krafte zusammennehmen wird, sich in einer fur sie so wichtigen Insel zu erhalten; so ist es Zeit, dass ich zur Ausfuhrung meines Vorhabens, mein ubriges Leben in einer der lebhaftesten Stadte des Griechischen Asiens zuzubringen, Anstalt mache. Es wurde schon eher geschehen seyn, wenn ich mich nicht hatte bewegen lassen, einigen jungen Leuten aus den ersten Hausern dieser Stadt in der Kunst zu reden Unterricht zu geben, und ihren Uebungen eine Zeit lang vorzustehen. Du wirst dich vielleicht wundern, dass ich mich, in dem Verhaltniss, worin ich mit dem argwohnischen Dionysius stehe, zu einem so verdachtigen Geschaft habe entschliessen konnen. Er scheint aber wenig von den Rednern, die ich bilden werde, zu besorgen. "Das hatte ich dir nicht zugetraut, Freund Hippias, sagte er dieser Tage lachend zu mir, dass du meine Feinde eine so gefahrliche Art von Waffen gegen mich gebrauchen lehren wurdest." Sie sollen sie fur dich gebrauchen, Konig Dionysius, nicht gegen dich. "Darauf mocht' ich mich nicht verlassen, erwiederte er, aber so lange Zungen keine Dolche sind, hat es nichts zu sagen. Ich bin selbst ein Liebhaber deiner Kunst, und du wirst mir erlauben euern Uebungen zuweilen beizuwohnen." Wirklich kam er zwei- oder dreimal unversehens dazu, und setzte neulich, wie zum Scherz, einen Preis fur die beste Lobrede auf den beruchtigten Tyrannen Busiris147. "Ich habe starke Vermuthungen, sagte er lachelnd, dass dieser Busiris, dem die Mythologen einen so bosen Namen gemacht haben, ein ganz guter Schlag von Fursten gewesen ist." Meine jungen Eupatriden strengten sich nun in die Wette an, wer den Busiris am spitzfundigsten rechtfertigen und lobpreisen konne, und der Preis wurde vom Dionysius selbst dem, der es am schlechtesten gemacht hatte, zuerkannt. Das schwor' ich dir zu, Aristipp, wenn ich Syrakus verlasse, wird der Tyrann der Einzige seyn, von dem ich mich ungern trenne.
Du siehst dass wir in der guten Meinung von Dionysius nahe zusammentreffen; und dass ich kein Bedenken tragen wurde ihn, wenn es auf meine Stimme ankame, zum Beherrscher des ganzen Siciliens zu machen. Wenn du ihn aber zum Autokrator aller Demokratien und Oligarchien in Griechenland zu erheben gedenkst, so mocht' ich dich wohl bitten, nur einen einzigen Freistaat von hinlanglicher Grosse, um sich in der Unabhangigkeit erhalten zu konnen, ubrig zu lassen, war' es auch nur, damit wir und unsersgleichen nicht nothig hatten unter den Garamanten148 oder Massageten Schutz zu suchen, wenn es unserm irdischen Jupiter etwa einfiele, den Tyrannen etwas derber mit uns zu spielen als unsrer personlichen Freiheit zutraglich seyn mochte. Ich stehe dir nicht dafur, dass nicht auch einem Dionysius so etwas Tyrannisches begegnen konnte.
52.
An Hippias.
Die Urtheile der Syrakusaner uber die heroische Art, wie Sokrates die letzte Probe, worauf seine Tugend gesetzt wurde, bestanden hat, sind des Charakters, den du ihnen gibst, vollkommen wurdig, edler Hippias. Es ist wirklich lustig, wenn solche Sybariten einen Mann wie Sokrates seine Pflichen lehren wollen. "Es war seine Pflicht (sagen diese Virtuosen), Pflicht gegen Weib, Kinder und Freunde, sich selbst zu erhalten, und vornehmlich Pflicht gegen sein Vaterland, den Athenern die Nachreue uber ein ungerechtes Urtheil zu ersparen. Denn, da er unschuldig war, so konnte ihn das Gesetz nicht verdammen; seine Verurtheilung war also eine schreiende Ungerechtigkeit." Aber woher wussten denn die Richter dass er unschuldig war? Die Klage schien bewiesen zu seyn, und er weigerte sich den Gegenbeweis zu fuhren. Die Richter mussten, den Gesetzen zufolge, nicht nach dem, was sie glaubten oder nicht glaubten, sondern nach dem, was vor Gericht bewiesen und verhandelt worden war, sprechen. Sokrates hatte also Recht zu sagen: er sey durch die Gesetze von Athen gerichtet worden, und musse sich, als ein guter Burger, dem Urtheil unterwerfen. "Aber, sagen jene, er war sich doch seiner Unschuld bewusst." Unstreitig; die Frage ist nur: berechtigte ihn dieses Selbstbewusstseyn, das Urtheil seiner Richter zu cassiren, oder (was auf das Namliche hinauslauft) sich demselben durch die Flucht zu entziehen? Konnt' er das, ohne sich zum Richter uber seine Richter aufzuwerfen? Welcher Staat in der Welt mochte bestehen konnen, wenn die Burger berechtigt waren, die Urtheile ihrer Obrigkeit zu controlliren, und wenn jeder Ausspruch, den das Gesetz aus dem Munde seiner Wortfuhrer uber sie und ihre Handlungen, Anspruche, oder Streitigkeiten unter einander, gethan hatte, einer eigenmachtigen Revision der interessirten Parteien unterworfen ware? Der Burger eines Staats begibt sich eben dadurch, dass er sich den Gesetzen desselben und der gesetzmassig angeordneten Obrigkeit unterwirft, alles Rechts, sich gegen ihre Entscheidungen aufzulehnen, oder die Vollziehung derselben zu verhindern. "Aber (wendet man ein) warum emport sich gegen diesen unlaugbaren Ausspruch der Vernunft ein gebieterisches Gefuhl in uns, welches wir nicht zum Schweigen bringen konnen?" Mich dunkt, Hippias, du hast hierauf die wahre Antwort gefunden. Diess Gefuhl hangt an einer andern Ordnung der Dinge; es ist weder mehr noch weniger als der machtige Erhaltungstrieb, den die Natur in alle lebenden Wesen gelegt hat. Nur darin kann ich dir nicht beistimmen, wenn du diesen Trieb zum hochsten Naturgesetz und den Gehorsam gegen dieses Gesetz zu einer Pflicht machst, welcher alle andern weichen mussen; denn, nach meinem Begriff, vernichtest du dadurch sogar die blosse Moglichkeit dessen was ich mit Sokrates Tugend nenne. Ich werde zur Selbsterhaltung von der Natur aufgefordert, und bin berechtigt, meiner Erhaltung alle andern Pflichten, im Fall des Zusammenstosses, nachzusetzen; aber ich bin nicht dazu verbunden. Ich bin ein freies Wesen; will ich mich meines Rechtes begeben und mich selbst fur andere aufopfern, so ist keine Macht in der ganzen Natur berechtigt mich daran zu hindern. Beruht nicht die wesentlichste Pflicht des Burgers, sein Leben fur die Vertheidigung seines Vaterlandes zu wagen und hinzugeben, lediglich auf diesem Rechte? Ueberhaupt kenne ich keine Tugend, die nicht in freiwilliger Aufopferung besteht, und von der Grosse des Opfers ihren hohern oder niedern Werth erhalt. Tugend ist, nach meinem Begriff, moralisches Heldenthum; niemand ist verbunden ein Held zu seyn. Ich verdenke es daher einem Schuldigen nicht, wenn er sein nach dem Gesetz verwirktes Leben durch die Flucht rettet: aber ich ehre und bewundere den Schuldlosverurtheilten, der lieber sich selbst aufopfern, als seinen Mitburgern ein Beispiel des Ungehorsams gegen die Gesetze geben will. Eine so edelmuthige Gesinnung mag (wenn man will) an jedem andern als etwas Verdienstliches angesehen werden: an Sokrates war sie nicht mehr, als was alle, die ihn kannten, von ihm zu erwarten befugt waren. Hatte er nicht bei jeder Gelegenheit zu erkennen gegeben, dass er die Rechte des Menschen den Pflichten des Burgers unterordne? Hatte er nicht das Hauptgeschaft seines Lebens daraus gemacht, seiner Republik gute Burger zu erziehen, und sich selbst als ein Vorbild aller Burgertugenden darzustellen? War es nicht eine auszeichnende Eigenschaft seiner Sittenlehre, dass er sogar die guten Angewohnungen, zu welchen uns die Pflicht gegen uns selbst auffordert, vorzuglich desswegen zu empfehlen pflegte, weil sie uns geschickter machten, unsre Burgerpflichten zu erfullen? Wie ware es einem solchen Manne angestanden, ein solches Leben, bloss um dessen Dauer zu fristen, so nah' am Ziele noch durch eine Handlung zu entehren, wodurch er seine eigenen Grundsatze so groblich verlaugnet haben wurde? Die standhafte Weigerung, seine Bande von Kriton zerreissen zu lassen, setzte seinem ganzen Leben die Krone auf: da hingegen, wenn er dem Triebe der Selbsterhaltung und den Bitten seines Freundes nachgab, diese einzige Schwachheit seine eigene Ueberzeugung von der Wahrheit seiner Lehre verdachtig gemacht, und die gute Wirkung seines bisherigen Beispiels entkraftet, ja bei vielen ganzlich vernichtet, ihn selbst aber auf ewig in den grossen Haufen der alltaglichen Menschen herabgestossen hatte, die keinen hohern Beweggrund kennen als ihren personlichen Vortheil, und immer bereit sind, diesem das Beste des ganzen Menschengeschlechts aufzuopfern.
Uebrigens wollen wir nicht vergessen, dass Sokrates auch von seinem Damonion (wie er dem Kriton gesagt haben soll) von der Flucht aus dem Gefangniss abgehalten wurde, und also voraus versichert war, dass die Sache ubel ablaufen wurde. Ich denke, wir werden den Helden uberhaupt kein Unrecht thun, wenn wir voraussetzen, dass sie alle, so viel ihrer je gewesen sind, immer mehr oder minder ein wenig geschwarmt haben. Sokrates glaubte in ganzem Ernst an eine gottliche Stimme, die sich von Zeit zu Zeit in seinem Innern horen lasse; und fur einen so einfachen schlichten Mann ware diess Einzige schon mehr als hinreichend gewesen, ihm so viel Starke zu geben, als er nothig hatte, in einem Alter von mehr als siebzig Jahren dem Tode mit Muth entgegenzugehen. Und so viel von Sokrates ehrwurdigen Andenkens.
Dass unsre Freundin Lais in Milet Aufsehen macht, brauche ich dir kaum zu sagen; das versteht sich von selbst, wiewohl wenig Stadte in der Welt seyn mogen, die sich schonerer Weiber ruhmen konnen, als diese prachtigste, reichste und wollustigste Handelsstadt von Ionien. Da sie sich ofters und allenthalben wo fur sie selbst etwas Merkwurdiges zu sehen ist, wenigstens durch das dunne Silbergewolk eines Koischen Schleiers149, sehen lasst, und hier ungefahr auf den namlichen Fuss lebt wie zu Korinth, so fehlt es ihr unter den Ersten und Reichsten dieser uppigen Metropolis nicht an Anbetern, die sich in die Wette bestreben, einen gunstigen Blick der Gottin auf sich und ihre angebotenen Opfergaben zu ziehen. Aber noch bleibt sie ihrem ersten Plan getreu, schreckt zwar niemand ab, muntert aber auch niemand auf, nimmt nur kleine unbedeutende Geschenke an, und macht einen Aufwand, als ob die Quelle, woraus sie schopft, nie versiegen konne. Diess alles erhoht die Achtung nicht wenig, die man schon der blossen Schonheit, selbst in einem unscheinbaren Aufzuge, zu erweisen geneigt ist; sogar die Hetaren betrachten sie mit einer Art von Ehrfurcht, und wurden sich geschmeichelt finden, wenn sie eine so vollkommne Person an der Spitze ihres Ordens erblickten. Man fragt einander, wer sie sey, und es gehen zwanzig verschiedene Mahrchen, immer eines wunderbarer als das andere, uber ihren wahren Namen und Stand, und ihre geheime Geschichte herum. Ich wurde, wenn ich ihr Vertrauen auch weniger besasse, leicht errathen, wohin diess alles zielt; und ich bin ganzlich der Meinung, dass es der einzige Weg ist, ihren Wohlstand auf eine Art, die ihrer nicht ganz unwurdig ist, sicher zu stellen. Das Nahere hieruber zu seiner Zeit.
Mein Kleonidas gefallt allgemein, und strahlt von Freude und Wonne, da er hier, mit lauter schonen Gegenstanden umgeben, sich in seinem wahren Elemente fuhlt, und wie er sagt, erst jetzt recht zu leben anfangt. Er findet in Milet alles beisammen, was den feurigsten Liebhaber der Kunste die das Leben verschonern befriedigen kann: die herrlichsten Werke der edeln und zierlichen Ionischen Baukunst, eine zahllose Menge Bildsaulen von den besten Meistern, und reiche Gemaldesammlungen aus allen Schulen, vornehmlich von den beruhmtesten Malern unserer Zeit, Polygnot, Zeuxis, Parrhasius, Timanthes, Pausias, Euxenidas, Apollodor, und andern. Er bringt einen grossen Theil seiner Zeit damit zu, alle diese Kunstwerke zu studiren, und, indem er einem jeden das worin er vorzuglich ist, abzulernen sucht, zu einer eigenthumlichen Manier zu gelangen, die ihn von allen unterscheide, und ihm von niemand so leicht nachgemacht werden konne. Wie es ihm gelingen werde, wird die Zeit lehren. Noch ist er wenig mit sich selbst zufrieden, und schilt uns Idioten, wenn wir etwas schon finden, das er gemacht, oder vielmehr angefangen hat; denn noch kann er nicht von sich erhalten, etwas fertig zu machen. Vornehmlich preiset er sich glucklich, dass er durch die Bekanntschaft mit Lais von seinen vermeinten Idealen, oder Phantasmen (wie er sie nennt) zur Natur selbst zuruckgefuhrt worden sey. Wenn ich, sagt er, es einmal dahin gebracht haben werde, irgend einen bestimmten Zug ihrer Augenbrauen richtig zu zeichnen, und nur eines ihrer Ohrlappchen so zu malen wie ich es sehe, will ich mich fur keinen kleinen Kunstler halten.
Kleombrot ist in seinem Ambracien angelangt, und ich gebe die Hoffnung noch nicht auf, dass ihn die vaterlandische Luft vielleicht allmahlich wieder zurecht bringen konnte. Wenigstens halte ich es fur ein gutes Zeichen, dass er die Trennung von der Gesellschaft, die er verlassen hat, zu fuhlen, und, ohne es sich selbst zu gestehen, ganz heimlich sich zu uns zuruckzuwunschen scheint. Sollte diese Disposition zunehmen und bis zur Sehnsucht steigen, so ist beschlossen, ihn zu uns einzuladen; und ich zweifle kaum, dass die zartliche Musarion sich keine grosse Gewalt anthun musste, ihm den ersten Platz in ihrem Herzen wieder einzuraumen, wenn er mit einem aufgeheiterten Gesicht zu ihr zuruckkehrte.
Ich bin im Begriff, eine Reise durch alle Stadte von Ionien und Karien zu machen, und gedenke mich zu Ephesus lange genug zu verweilen, um dich da zu erwarten. Was wolltest du langer in dem unruhigen Syrakus? Wie schon auch Himmel und Erde in Sicilien sind, mit dem warmen Glanze dieses Himmels der mich umfliesst, mit der uppigen Pracht dieser Erde, mit der herzerweiternden Milde der wollustigen Blumenluft, die ich hier athme, kurz mit dem Leben in diesem Gotterlande, ist nichts anders zu vergleichen.
53.
Kleombrotus an Aristipp.
Lass' ab von mir, guter Aristipp! Alle deine Muhe, mir das Bild des gewaltsam sterbenden Sokrates und das Gefuhl meiner Undankbarkeit gegen ihn ertraglich zu machen, ist vergeblich. Niemals, niemals werd' ich mir verzeihen konnen, dass ich die heiligste der Pflichten einer phantastischen Leidenschaft und selbstsuchtigen Weichlichkeit aufzuopfern fahig war! Und dass ich es nicht konne dass die Zeit, die alle andern Seelenschmerzen heilt, nur fur die meinigen keinen Balsam habe, dafur hat Plato gesorgt.
Dieser Tage wird mir ein Buch von Athen zugeschickt, Phadon betitelt, worin Plato diesen Eleaten seinem Freunde Echekrates erzahlen lasst, wie Sokrates am Tage seines Todes sich noch mit den Seinigen unterhalten und uberhaupt bis zum letzten Augenblick sich benommen habe. Dem Buche war ein kleines Stuck Papier beigefugt, worauf nichts als das einzige furchtbare Wort Lies! mit grossen Buchstaben geschrieben stand. Unmoglich konnt' ich dir beschreiben, wie mir beim ersten Anblick dieser Rollen zu Muthe war. Es wahrte eine gute Weile, bis ich nur die Buchstaben zu unterscheiden vermochte; mehr als Einmal ergriff ich das Buch mit zitternder Hand, und musst' es immer wieder bei Seite legen. Aber, wie ich endlich die Augen wieder gebrauchen konnte, und bis zu der Stelle gekommen war, wo Phadon alle Athener, die sich an diesem traurig feierlichen Tage um ihren dem Tode geweihten Freund und Vater versammelt hatten, aufzahlt, und Echekrates fragt: waren auch Auswartige dabei? und Phadon den Simmias, Cebes und Phadondes von Theben, und den Euklides und Terpsion von Megara nennt, und dann auf die Frage: wie? waren denn Aristipp und Kleombrot nicht auch da? die Antwort gibt: nein, es hiess sie waren zu Aegina fiel mir das Buch aus der Hand, mir ward finster vor den Augen und ich sank zu Boden.
Von diesem Augenblick an sind mir die schrecklichen Worte: "es hiess sie waren in Aegina," nicht aus den Gedanken gekommen; sie erklingen immer in meinen Ohren, und stehen allenthalben mit kolossischen Buchstaben geschrieben, wo ich hin sehe. Aber von diesem Augenblick an stand es auch fest und unerschutterlich in meiner Seele, was mir noch allein ubrig sey. Beneidenswurdiger Aristipp! Dir that das verleumderische Gerucht Unrecht; dich hatte die Pflicht nach Cyrene abgerufen! Aber ich Ungluckseliger, ich war zu Aegina! In wenigen Stunden konnt' ich zu Athen seyn wusste alles was vorgefallen war hatte vierzig Tage um zur Besinnung zu kommen, und liess mich, bald durch falsche Scham, bald durch die unmannliche Furcht, ich wurde den Anblick des geliebten Sterbenden nicht ertragen konnen, bald durch die thorichte Hoffnung dass seine Freunde Mittel finden wurden ihn zu befreien, zuruckhalten, die schonste, dringendste, heiligste der Pflichten zu erfullen! Nein, Aristipp! muthe mir nicht zu, dass ich mit dieser Furienschlange im Busen, mit diesem in meinem Innern wuhlenden Bewusstseyn, langer leben soll! Dass ich leben soll, um in jedem Auge, das mich anblickt, die Worte zu lesen: er war in Aegina! O Sokrates! wenn noch ein Mittel ist deinen zurnenden Schatten zu versohnen, so ist es diess allein! Wenn noch ein Mittel ist, meine Seele von diesem schwarzen Flecken zu reinigen, so ist es diess allein! Und war' es (wie du sagtest) allen andern Menschen unrecht, eigenmachtig aus dem Leben zu gehen, ich bin ausgenommen! Mir ist es Pflicht, dich im Hades, im Elysium, im unsichtbaren Reiche der Geister, uberall wo du auch seyn magst, aufzusuchen, und so lange zu deinen Fussen zu liegen bis du mir vergeben hast! Wahne nicht ich schwarme, Aristipp! Meine Sinnen sind in diesem Augenblick reiner, meine Seele freier als jemals die Stunde ist da ich hore den dumpfen Ruf der Unterirdischen was saum' ich langer? Lebe wohl, Aristipp! Lais! Musarion! Lebet wohl! Vergesst mich! ich bin nicht wurdig in euern Herzen fortzuleben.150
54.
An Lais.
Der arme Kleombrot gute Laiska! doch, du hast eine starke Seele, meine Freundin, ich schone dich nicht. Hier ist sein Abschiedsbrief, und hier das Buch, das ihm den letzten Stoss gegeben hat den Stoss, der ihn von einem Felsen des Ambracischen Ufers in die Wellen sturzte. Der arme Jungling! Er war eines bessern Schicksals werth, und verdiente diesen kaltblutigen hamischen Dolchstoss von der Hand eines ehmaligen Freundes nicht! Ich gestehe dir, Lais, ich bin aufgebracht uber diesen stolzen Abkommling Poseidons.151 "Es hiess sie waren in Aegina." Und wo war denn er? Plato war krank, sagt' er. Sonderbar genug! Er musste also sehr krank, schlechterdings unvermogend seyn, sich von seinem Lager zu erheben, oder er hatte kommen sollen, und wenn er sich auch, gegen das Verbot seines Arztes, in einer Sanfte nach dem Kerker hatte tragen lassen mussen. Oder war er etwa nur krank, um desto mehr Freiheit zu haben, den sterbenden Weisen sagen zu lassen was ihm beliebte? Wirklich kann man sich eines solchen Argwohnes kaum erwehren, wenn man sieht, wie er den ehrlichen Sokrates noch in seinen letzten Stunden seine Freunde in den verschlungensten Irrgangen der subtilsten Dialektik herumtreiben lasst, und welche Muhe der gute alte Mann sich geben muss, die simpelsten Dinge in unauflosliche Knoten zusammenzudrehen, bloss damit der scharfsinnige Sohn des Ariston152 sich den Spass machen konne, sie entweder wieder aus einander zu wickeln oder zu zerschneiden, und seine Starke in der eristischen Vexierkunst153 vor den Athenern, den grossen Liebhabern von Hahnen- und Sophistenkampfen, auszulegen. Ich merke, liebe Laiska, dass ich zu verstimmt bin, um dich, wenn ich so fortfuhre, nicht sehr ubel zu unterhalten: also lebe wohl, du Einzige, und vergiss der Abwesenden nicht.
55.
Lais an Aristipp.
Nein, unglucklicher, aber guter und bei aller deiner Schwache edelmuthiger Kleombrot, du sollst nicht vergessen werden! Und wenn noch etwas von dir ubrig ist, dem es wohl thut wenn deine Freunde sich deiner oft mit Liebe und Wehmuth erinnern, so nimm diesen Trost mit dir hinuber in das bessere Leben, das dich dein Sokrates hoffen liess!
Wer hatte sich diesen Ausgang einbilden konnen, lieber Aristipp? Und doch dringt sich mir zuweilen der Gedanke auf, wir hatten es sollen. Aber wer selbst wenig Anlage zu irgend einer Art von Schwarmerei hat, kann sich nie lebendig genug in einen solchen Kopf hineindenken, und lasst sich nicht traumen, was fur Unheil er in einem mit lauter Zunder und Brennstoff angefullten Gemuth anrichten kann.
Meine grosste Sorge ist jetzt, die zarte Musarion stufenweise zu der fatalen Nachricht vorzubereiten. Erst wenn sie sich nach und nach an den Gedanken, dass er nicht mehr ist, gewohnt hat, darf sie die Art seines Todes erfahren. Ich traue dir zu, du werdest gern horen, dass Kleonidas mir einen guten Theil dessen, was ich durch deine Neigung zum Landstreichen entbehre, zu ersetzen sucht; und dafur wirst du so artig seyn, auch ihm und mir zuzutrauen, dass er nicht unglucklich in dieser Bemuhung seyn konne. Begeistert von dem Antheil, den wir alle an dem Schicksal deines unglucklichen Freundes nehmen, und von Platons Schilderung der Todesstunde des Sokrates, hat er mir die Ideen zu zwei grossen Gemalden mitgetheilt, womit er beiden ein Denkmal zu stiften gesonnen ist. Zum ersten hat er bereits eine leichtgefarbte Zeichnung entworfen, die mir seinen Gedanken glucklich zu symbolisiren scheint. Die Scene ist ein weit in die See hervorragender kahler Felsen, an einem wilden klippenvollen Strande, den reizenden Ufern einer entfernten, aus dem warmen rosigen Duft eines stillen Sommerabends, wie unter einem durchsichtigen Schleier, hervorscheinenden Landschaft gegen uber. Kleombrot, von der Reue in Gestalt einer Erinnys mit Schlangengeisseln verfolgt, sturzt sich von der Spitze des Felsens herab: aber ein freundlicher Genius, mit machtigen Flugeln uber der schaumenden Brandung schwebend, ist bereit, den Fallenden in seine gegen ihn ausgebreiteten Arme aufzufassen, um ihn an das entgegen liegende Ufer der Insel der Seligen zu tragen, wo Sokrates, zwischen Pythagoras und Solon, von verschiedenen andern Weisen und Heroen der Vorzeit umgeben, aus einem lieblichen Hain ihm entgegen zu kommen scheint. Unter das Bild soll mit goldnen Buchstaben geschrieben werden: er war in Aegina und ist nun bei Sokrates.
Um den Tod des Sokrates so wahr als nur immer moglich darzustellen, wird er nachstens eine Reise nach Theben, Athen und Megara unternehmen, und sich mit den vorzuglichsten Freunden des Weisen, mit Kriton, Kritobul, Apollodor, Aeschines, Antisthenes, Cebes und Euklides bekannt machen, um Zeichnungen nach dem Leben von ihnen zu nehmen, damit er sie in dem grossen Gemalde desto richtiger bezeichnen, gruppiren und in Handlung setzen konne. Um den lieben Plato auch hier nicht leer ausgehen zu lassen, soll einer aus der Gruppe, die am entferntesten von der Hauptperson ist, seinen Nachbar mit dem Ausdruck der Verwunderung fragen: wo bleibt Plato? und der andere wird mit Achselzucken antworten: es heisst er sey unpasslich.154 Du siehest, Aristipp, wem Kleonidas durch dieses Parergon155 einen kleinen Liebesdienst zu erweisen hofft? Der Einfall verdiente wenigstens einen Kuss, hor' ich dich sagen. Auch bekam er ihn, in deinem Namen, auf der Stelle. Aber wie es zuging weiss ich selbst nicht recht es mussten wohl ein paar Nektartropfen zu viel darein gekommen seyn; denn wir wurden beide ein wenig davon berauscht. Lass' dir sagen, Freund Aristipp, es ist ein gefahrlicher Mensch, dein Kleonidas; du hattest ihn wohl konnen zu Hause lassen!
Mein Unstern fugte es, als ich zu Athen war, dass
Plato die ganze Zeit uber abwesend seyn musste; denn nun sehe ich erst, wie schmeichelhaft mir seine Eroberung gewesen ware. Sein Buch hat mir eine grosse Meinung von der Feinheit seines Geistes und von seinem Dichtergenie gegeben. Wahr ist's, man musste den Sokrates gar nicht gekannt haben, wenn man nicht sehen sollte, dass Plato sich grosse Freiheiten mit ihm herausnimmt; und ich wollte selbst meinen besten Halsschmuck dran setzen, er habe bei aller seiner Redseligkeit nicht den dritten Theil von allem dem gesagt, was ihn der junge Schwatzer grubeln und subtilisiren lasst. Indessen ist doch nicht weniger wahr, dass er die Eigenheiten seines Meisters mit vieler Gewandtheit nachzuahmen weiss; und wiewohl er sie uberhaupt (was den Nachahmern gewohnlich zu begegnen pflegt) merklich ubertreibt, so ist doch an vielen Stellen das Originale und Auszeichnende im Ton und in der Manier des Alten gar nicht zu verkennen. Aber was mir von diesem Schriftsteller, und dem, was er uns seyn konnte wenn er wollte, den grossten Begriff gibt, ist die Darstellung der letzten Stunde seines Helden, von dem Augenblick an, wo er sagt: es werde nun Zeit fur ihn seyn, ins Bad zu gehen. Mich dunkt wir haben nichts so Schones in unsrer Sprache als diese Erzahlung, die so ganz schlicht und anspruchlos aussieht, und in der doch, wenn ich nicht sehr irre, so viel wahre epische und psychagogische156 Kunst ist. Ich habe dieses Stuck schon zum drittenmal gelesen, und jedesmal mit dem reinen Vergnugen und der volligen Befriedigung, die nur das hohe Schone der Seele gewahren kann.
So viel Ruhmens von dem Werk eines Menschen den du nicht liebst, und das freiwillige Gestandniss einer Untreue, in einem und ebendemselben Briefe, ist deiner Philosophie beinahe zu viel auf einmal zugemuthet, lieber Aristipp.
Das mocht' es wirklich seyn, wenn du nicht warest, was du bist; so einzig in deiner Art, wie deine Freundin Lais in der ihrigen. Was sollte sie dir nicht vertrauen durfen?
56.
An Lais.
Ja wohl, schone Lais, darfst du mir alles vertrauen! Du, der die Grazien einen Freibrief gegeben haben, nichts zu sagen noch zu thun was Aristipp nicht gut fande. Zudem ist Kleonidas mein anderes Ich; was du ihm thust, ist mir gethan; und war' es nicht unter deiner Wurde, die edeln Dienste meines Freundes nicht auf eine edle Art zu belohnen?
Wird er seine Reise bald antreten? Mich verlangt sehr, seinen Tod des Sokrates vollendet zu sehen. Sobald ich hore dass er es ist, ergreife ich diesen Vorwand, um eine Lebende wieder zu sehen, die mir Amor selbst, wenn er ein Maler ware, nicht zu Danke malen konnte, und fliege nach Milet zuruck.
Hippias meldet mir, dass er vor dem Ende dieses Monats zu Athen eintreffen werde, um von da nach Samos abzugehen, wo er seinen kunftigen Wohnsitz aufzuschlagen beschlossen hat. Denke nur, der unbestandige Mensch hat die schone Timandra einem seiner Freunde in Syrakus abgetreten! Ich weiss, schreibt er mir, nichts an ihr auszusetzen, als dass sie zu gut fur mich ist. Wahrscheinlich hat er irgend einen geheimen Beweggrund, warum er frank und frei zu Samos anlangen will. Ich habe ihm eine Abschrift des Phadon zugeschickt, und ihn in deinem Namen ersucht, uns uber den spekulativen Theil desselben seine Meinung zu sagen.
Inzwischen unterschreibe ich, ohne dass es mir die mindeste Gefalligkeit kostet, alles, was du Ruhmliches von diesem sonderbaren prosaischen Gedichte gesagt hast. Denn eine Art von Gedicht ist es am Ende doch, und zum Dichter ware Plato geboren gewesen, wenn ihn nicht sein boser Genius neben seinem naturlichen Hang zum Fabuliren und Allegorisiren, noch mit einem unwiderstehlichen Trieb sich selbst und andre in dialektische Spinneweben zu verfangen gestraft hatte. Da ihm die schlichte populare Philosophie des Sokrates kein Genuge that, vertiefte er sich schon fruh in den Grubeleien der Eleatischen und Pythagorischen Schule, die sich damit abgeben, das Innerste der Natur und den ersten Grund der Dinge, das Unendliche, den Ursprung der Welt, das Wesen der Materie und des Geistes, kurz, alles ergrunden zu wollen, was nicht zu ergrunden ist. Unbefriedigt schwarmte er nun von einem Systeme zum andern, baute bald auf diese, bald auf jene Hypothese, riss dann, wenn er wieder einige Zeit um Sokrates gewesen war, wieder ein was er gebaut hatte, und wurde vermuthlich zuletzt unter lauter Ruinen gelebt und nie etwas Haltbares zu Stande gebracht haben, wenn ihn die Muse, die ihm als sein guter Damon zugegeben ist, nicht immer antriebe, aus den Bruchstucken, die in seiner Phantasie uber und durcheinander liegen, bald diesen, bald jenen luftigen und schimmernden Zauberpalast zusammenzusetzen. Jetzt ist er noch so voll von diesen Materialien, dass ihm die Wahl weh zu thun scheint, und er uns lieber alles auf einmal geben mochte. In der That hat er in seinem Phadon so vielerlei fur Person, Ort und Zeit Schickliches und Unschickliches zusammengedrangt, dass ich in diesem einzigen Dialog die Embryonen von zwanzig andern sehe, die er vermuthlich nach und nach auszubruten gedenkt. Doch das mochte er immerhin, und viel Glucks dazu! Denn warum sollte er nicht Bucher schreiben, da er das Talent, seinen Gedanken jede beliebige Gestalt zu geben, und eine Fulle Attischer Redseligkeit in seiner Gewalt hat, und, sobald er nur will, den Verstand, die Einbildungskraft und das Gemuth seiner Leser zugleich in Bewegung zu setzen und zu unterhalten weiss? Aber wenn er fortfahren wollte dem guten Sokrates die Hauptrolle in seinen philosophischen Dramen aufzudringen, und gerade dem Manne, der die Philosophie vom Himmel oder vielmehr aus dem windigen Reiche der "regenbeladnen Jungfrauen" des Aristophanes, wieder auf die Erde herabholte und in das hausliche und burgerliche Leben der Menschen einfuhrte, kurz sich ausschliesslich mit einer Lebensweisheit beschaftigte, die fur jedermann verstandlich und brauchbar war, wenn Plato fortfahren wollte, seine Liebhaberey, abgezogene Begriffe bis zu einem unbrauchbaren Grad von Feinheit auszuspinnen, und die Leute mit Zweifelsknoten, die er selbst nicht aufzulosen weiss, zu beunruhigen, gerade diesem Manne vor die Thur zu legen; diess, ich bekenn' es, wurd' ich ihm nicht wohl verzeihen konnen. Freilich muss es jedem erlaubt seyn, das Wahre, zu welchem so vielerlei Wege fuhren, auf demjenigen zu suchen, den er fur den nachsten oder anmuthigsten halt; nur stelle jeder sich selbst vor, und nehme sich nicht heraus, das Gesicht eines andern zu einer Larve vor sein eigenes zu machen.
Dass Plato sich nicht zugleich mit dir in Athen befand, meine Freundin, hat deinen sieggewohnten Reizen vielleicht eine kleine Demuthigung erspart, wenigstens hattest du dich in einen Hylas157 oder Hyacinth158 verkleiden mussen, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Doch ich will ihm keinen Vorwurf aus den Versen159 machen, worin er (damals selbst noch wenig mehr als ein Knabe) seine Leidenschaft fur die schonen Knaben Aster, Alexis, Agathon u.a. (vielleicht nur um die Mode mitzumachen) eine sehr feurige Sprache reden liess; denn es ist allerdings zu glauben, dass Sokrates, zu welchem er sich seit seinem zwanzigsten Jahre ziemlich fleissig hielt, ihm diese kleine Attische Unart abgewohnt haben werde.
Ich gedachte mich nicht langer zu Ephesus zu verweilen, als nothig war, eine alte Gastfreundschaft zwischen meiner Familie und einem hiesigen angesehenen Hause zu erneuern, und den weltberuhmten Tempel der Ephesischen Gottin zu besehen. Zufalligerweise erfahre ich von dem alten Maler Evenor, dass sein ehmaliger Schuler Parrhasius (ein geborner Ephesier) taglich erwartet werde. Der alte Mann legte einen besondern Nachdruck auf das Wort Lehrling, und schien sich nicht wenig darauf zu Gute zu thun, dass er einen Schuler habe bilden konnen, der seinen Meister weit hinter sich zuruckgelassen. Parrhasius langte den folgenden Tag an, und seine Bekanntschaft hat so viel Anziehendes fur mich, dass ich schon eine ganze Dekade langer hier bin, als anfangs meine Absicht war. Vielleicht wirst du das Vergnugen haben, ihn in Milet zu sehen. Ich wunsche es um Kleonidas willen, der, wofern wir dem stolzen Parrhasius verbergen dass er sein Nebenbuhler in der Kunst ist, vielleicht Gelegenheit fande, ihm das eine oder andere von seinen Geheimnissen, die Farbung zu behandeln, abzuhaschen. Denn es ist unglaublich, was der Mann mit seinen vier Farben fur Wunder thut.
Du bist mir, aller Wahrscheinlichkeit nach, grosse Entschadigung schuldig, meine schone Freundin, und ich will dich vorher gewarnt haben, nicht zu sehr zu erschrecken, wenn ich in irgend einer schonen mondhellen Nacht, da du mich am wenigsten erwartet hattest, auf einmal wie aus dem Monde gefallen, vor dir stehe, und mir einen Abdruck des Kusses ausbitte, womit du den schonen Kleonidas unter die Gotter versetzt hast. Denn diess ist, nach dem Ton seines letzten Briefes zu schliessen, der Fall mit ihm, wiewohl er so bescheiden ist, mir aus der Ursache seiner Apotheose ein Geheimniss zu machen.
57.
An Kleonidas.
Ein glucklicher Zufall hat mich zu Ephesus mit dem grossten Maler unsrer Zeit in Bekanntschaft gesetzt. Du errathst sogleich dass ich den Parrhasius meine, von welchem die zwei kleinen Stucke160 in dem Landhause unsrer Freundin zu Aegina dich so sehr bezauberten, und von dessen Demos du mich mit einer Bewunderung, die an mir etwas Ungewohnliches ist, sprechen hortest. In der That gibt es dermalen noch schwerlich etwas Vollendeteres in eurer Kunst, und ich wollte du entschlossest dich, bevor du an die Ausfuhrung der beiden Denkmaler gehst, zu einer Reise nach Mitylene, bloss dieses Gemaldes wegen, an welchem ein Auge wie das deinige so viel zu sehen und zu studiren finden wurde.
Parrhasius ist ein feiner, stattlicher Mann, der, neben andern mit seiner Kunst in Bezug stehenden Kenntnissen, sich vorzuglich auf die Menschenkunde mit Ernst gelegt zu haben scheint. Von dem Kunstlerstolz, den man ihm Schuld gibt, mag er wohl nicht ganz frei seyn; und warum sollte er auch nicht fuhlen durfen was er ist, und wie nahe die Malerkunst, die vor ihm noch in der Wiege lag, der Hora ihrer schonsten Bluthe durch ihn gebracht worden? Er spricht gern von dem, was er in dieser Rucksicht geleistet habe, und da ihn diess nothwendig auf den Zustand fuhrt, worin er seine Kunst gefunden, so ist naturlich, dass er an den Werken der alten Meister, ohne darum ungerecht gegen sie zu seyn, mehr zu tadeln als zu loben hat. Ob er aber eben so gerecht gegen seine jetzt bluhenden Nebenbuhler, einen Zeuxis, Timanthes, Pausias u.a. sey, liesse sich fast bezweifeln; wenigstens halt er zuruck, wenn die Rede von ihnen ist, und gibt, wenn dieses oder jenes von ihren Werken geruhmt wird, seine Beistimmung gewohnlich nur mit den Achseln oder Augenbraunen. Man sagte mir, es sey eine von seinen Eigenheiten, dass er beim Arbeiten, weder einen andern Maler, noch jemand, der im Ruf eines Kenners der Kunst stehe, zusehen lasse. Gegen blosse Liebhaber hingegen ist er desto gefalliger, und ich habe unter diesem Titel das Vergnugen gehabt, ihn an einem grossen Gemalde arbeiten zu sehen, das die Entscheidung des Streits um die Waffen Achills zwischen Ajax und Ulysses vorstellt, und in kurzem zu Samos um den Preis mitwerben soll. Nur wenn er die letzte Hand an ein Werk legt, schliesst er sich vor jedermann ein; vermuthlich weil er ein Geheimniss besitzt, um seinen Gemalden den schonen Ton und das Lebenathmende und Beseelte zu geben, das so sehr daran bewundert wird. Ich sprach ihm von seinem Demos, wie einem blossen Liebhaber zukommt, mit Entzucken, und erhielt dadurch das Recht, ihm in gebuhrender Einfalt und Demuth die Frage vorzulegen: ob es wirklich seine Meinung gewesen sey, den Charakter des Athenischen Volks in diesem Stucke darzustellen? Er antwortete mir lachend: vermuthlich ist es dir von dem Besitzer unter dieser Benennung gezeigt worden? Da ich es bejahte, fuhr er fort: "ich will dir offenherzig sagen was an der Sache ist. Es war wirklich mein erster Gedanke dass es ein allegorisches Gemalde werden sollte; aber die Schwierigkeit war, wie ich es anstellen wollte, die Widerspruche im Charakter des Athenischen Volkes so zu personificiren, dass gescheidte Leute ohne Wahrsagergeist errathen konnten was ich wolle. In zwei Stucken, deren jedes nur eine Seite dieses Charakters gezeigt hatte, mochte diess allenfalls angegangen seyn, wiewohl die Sache noch immer grosse Schwierigkeiten hatte; aber auf Einer Tafel fand ich es platterdings unmoglich. Nach langem Hin- und Hersinnen, fiel mir ein, anstatt meine Absicht durch allegorische Personen erreichen zu wollen, wurde ich besser zum Ziel kommen, wenn ich eine wieder aus einander gehende Volksversammlung schilderte, und zwar so, dass man aus den verschiedenen Gruppen errathen konnte, was unmittelbar vorher verhandelt und beschlossen worden, und was dieser und jener fur eine Rolle dabei gespielt habe. Ich gestehe, dass ich diesen Gedanken fur eine Eingebung meines guten Genius hielt, und daher mit mehr als gewohnlicher Begeisterung ausfuhrte. Ich hatte nun Gelegenheit, alle die verschiedenen Zuge, woraus der Charakter der Athener zusammengesetzt ist, auf die naturlichste Art in Handlung und Contrast zu setzen. Mein Stuck, wiewohl es im Grunde nichts mehr ist als was der Augenschein ausweist, wurde dennoch fur den nachdenkenden Beschauer, der den Geist eines Gemaldes zu erhaschen weiss, wirklich das, wozu ich es anfangs machen wollte, eine Charakteristik der Athener, und da der Name Demos Athenaon beides gleich schicklich bezeichnen konnte, so verkaufte ich es dem Liebhaber zu Mitylene unter diesem Titel, mit welchem es mich hoffentlich eine Weile uberleben wird." Gewiss so lange, sagte ich, als die Erde mit einer allgemeinen Verbrennung oder Ersaufung verschont bleibt, wofern die Besitzer nur Sorge tragen, es vor dem nachtheiligen Einfluss der Luft und der Sonne zu bewahren. Meine Farben halten bis auf einen gewissen Grad beides aus, versetzte Parrhasius. Du musst deren wirklich ganz eigene und andere unbekannte haben, sagte ich, da du solche Wunder damit thun kannst. Gleichwohl siehst du nur vier auf meiner Palette, war seine Antwort; und nun hatte ich keine Lust weiter zu fragen. Parrhasius zeigte mir unter verschiedenen zum Verkauf fertigen Stucken zwei zusammengehorende, die ich, ihres sonderbaren Effects wegen, fur unsre Freundin gekauft habe. Beide Tafeln stellen ebendenselben schwerbewaffneten Kriegsmann vor; auf der einen ist er in vollem Lauf begriffen, auf der andern legt er seine Rustung ab, um auszuruhen; in beiden herrscht ein so hoher Grad von Wahrheit und Leben, dass man ihn auf jener schwitzen zu sehen, und auf dieser keuchen zu horen glaubt. Er war so zufrieden mit mir, als ich diese, eben nicht schwer zu machende Bemerkung machte, dass er mich noch eine ziemliche Anzahl kleiner, auf elfenbeinerne Tafelchen gemalter Stucke sehen liess, die an tauschender Lebendigkeit und Grazie der Ausfuhrung, so wie an Leichtfertigkeit des Inhalts161 alles weit ubertreffen, was ich je in dieser Art gesehen habe. Lass' dir genug seyn, Kleonidas, dass eine in Gotterwonne hinsterbende Leda das zuchtigste Stuck von der ganzen Sammlung war. Da er mich etwas verlegen sah (du weisst, ich liebe die Entweihungen der heiligen Mysterien Amors und Aphroditens nicht) sagte er mir ganz unbefangen: diese Scherze meines Pinsels sind eigentlich nur fur mich selbst gemacht, und dienen mir zur Erholung nach ernsthaftern Arbeiten. Ich wurde keines davon um irgend einen Preis verkaufen; nur diese Leda ist derjenigen bestimmt (wofern sich eine solche finden sollte) die schoner ist als sie, und statt des gottlichen Schwans mit mir vorlieb nehmen will. Du siehst, Freund Kleonidas, dass Parrhasius nicht nur ein grosser Maler, sondern auch ein grosser Schalk ist, und die schwache Seite der Leden kennt. Wenn es nur auf die erste seiner Bedingungen ankame, so ware die seinige schon verspielt. Ich mochte wohl wissen was Lais zu diesem tollen Einfall sagt?
Parrhasius ist reich, und lebt auf einen ziemlich Asiatischen Fuss. Ich sah verschiedne schone Sklaven und Sklavinnen in seinem Hause, und eine der letztern schien mir seiner Leda sehr ahnlich zu sehen. Und so viel von deinem beruhmten Kunstverwandten.
Ich brauche dir nicht zu sagen, wie ungeduldig ich nach der Ausfuhrung deiner zwei herrlichen Ideen bin. Fur die kleine Rache, die du fur mich an dem spitznasigen Plato genommen hast, hat dir Lais, wie ich hore, schon in ihrem und meinem Namen gedankt. Strenger wird ihn hoffentlich sein eigenes Gefuhl bestrafen, wenn er horen wird, dass er mit drei hamischen Worten einen Jungling, der wahrlich der Sokratischen Bildung Ehre gemacht haben wurde, zur Verzweiflung getrieben hat.
58.
Lais an Aristipp.
Laugne nur nicht, Aristipp, dass du eifersuchtiger bist, als du mir und vielleicht dir selbst gern gestehen mochtest. Wenn es so ist, so hast du Unrecht, mein Freund. Ein Kuss ist am Ende doch nichts mehr als ein Kuss, und wenn in einer kleinen Berauschung auch ein halbes Duzend daraus geworden waren, so sollte, dacht' ich, um eines so guten Einfalls willen wie der, wofur Kleonidas sie bekam, eine solche Kleinigkeit einem Freunde wohl zu gonnen seyn. Oder konntest du auch nur im Traume den Argwohn hegen, ich sey leichtsinnig genug, meine Musarion um einen Liebhaber wie Kleonidas bringen zu wollen? Ich werde dir, mit deiner Erlaubniss, keine weitere Erlauterung uber diese Sache geben; genug wenn ich dir sage, dass zwischen ihnen beiden eine Art von Freundschaft (wie sie es nennen) erklart ist, die ich, ohne mich deutlich heraus zu lassen, auf alle Weise begunstige, und, wenn sie noch einige kleine Proben ausgehalten hat, zu beiderseitiger Zufriedenheit in einen ehelichen Liebesknoten zusammen zu stricken gesonnen bin. Musarion ist eines Mannes wie Kleonidas werth, und Kleonidas konnte in allen drei Welttheilen schwerlich ein Madchen finden, das in jeder Beziehung, es sey als Freundin und Lebensgefahrtin, oder als Mutter seiner Kinder, oder als Gespielin seiner frohlichen Stunden, oder als Modell fur seine Lieblingskunst, sich besser fur ihn schickte, als meine Musarion, die zu einer seltnen Schonheit und Anmuth, und einem Gemuth, das die Keime aller weiblichen Tugenden in sich tragt, gerade so viel Verstand und Witz zum Antheil bekommen hat, als ein Weib im Kreise des hauslichen Lebens nothig haben kann. Ich glaube mich der Pflicht, die mir ihr edler Vater auferlegt hat, nicht besser als durch eine solche Verbindung entledigen zu konnen, und ich freue mich voraus, dass mein Plan deinen Beifall haben wird.
Eurybates ist seit kurzem nach Athen zuruckgekehrt, und wir werden die Lucke, die ein so angenehmer Gesellschafter in unserm Cirkel lasst, nicht so leicht ersetzt bekommen. Er hat mir mit einem schonen Medischen Eunuchen, der ein trefflicher Sanger und Citherspieler ist, ein Geschenk gemacht. Was konnt' ich da weniger thun, als ihm die Charis Droso zum Gegengeschenk aufzudringen? Oder zweifelst du etwa, dass ich grossmuthig genug zu einem solchen Opfer war? Gleichwohl that ich's nicht. Ich begnugte mich, ihr die Freiheit zu schenken, und uberliess es ihr selbst, mit ihrer Person nach eignem Belieben zu schalten. Eurybates verliert nichts dabei. Sie begleitet ihn nach dem schonen Athen, und wenn sie die Sokratischen Lehren, die ich ihr mitgegeben habe, befolgen will, so wird sie wahrscheinlich Ursache haben, mit ihrem Loose zufrieden zu seyn. Ich pfusche der Ehestifterin Here ziemlich stark ins Handwerk, wie du siehst; es ist eine wahre Liebhaberei bei mir, und muss wohl an einer Person, die so ungeneigt ist sich selbst binden zu lassen, seltsam genug scheinen. Erklare dir's wie du kannst; ich mag mir den Kopf nicht zerbrechen, die Ursache davon zu ergrunden.
Du schreibst mir, du habest den Hippias in meinem Namen ersucht, uns seine Gedanken uber die letzten Reden des Sokrates im Phadon mitzutheilen. Wozu das? was kummert mich's, wie Hippias uber diese Dinge denkt? wenn ich jemands Gedanken daruber wissen mochte, so sind es die deinigen; wenigstens so lange ich keinen andern kenne, mit dem ich, in allem was Interesse fur mich hat, lieber sympathisiren mochte als mit dir.
59.
Kleonidas an Aristipp.
Fast besorge ich, Freund Aristipp, irgend eine gefallige Epheserin habe das Bild unsrer edeln Freundin in deinem Kopf ein wenig abgebleicht. Du mochtest wissen, schreibst du mir, was sie zu dem Preise, den Parrhasius auf seine Leda setzt, sagen wurde? Das will ich dir nicht verhalten, mein Lieber. "Parrhasius," sagte sie, "mag nur in Zeiten, wofern es nicht schon geschehen ist, fur eine hubsche Anzahl Copien sorgen; denn an Leden, die seinen Preis nicht zu hoch finden werden, kann es ihm so leicht nicht fehlen; und er wird wahrscheinlich, wenn ihm die Lust ankommt den Schwan zu spielen, jede lebende schoner finden als seine gemalte." Diess ist alles was sie sagte, und ich dachte das hattest du errathen konnen.
Ich bin im Begriff nach Theben und Athen abzugehen, und hoffe meine Leute in wenig Tagen beisammen zu haben. Denn ich brauche nichts als Umrisse und hier und da einen charakteristischen Strich; das ubrige soll sich wohl in meinem Gedachtniss erhalten. Meinen Ruckweg werde ich uber Samos nehmen, wo bei einer offentlichen Gemaldeausstellung Parrhasius und Timanthes mit einigen andern um den Preis streiten werden, den eine Gesellschaft von Kunstliebhabern auf die beste malerische Darstellung des Streits um die Waffen Achills im Lager der Griechen vor Troja ausgesetzt hat. Doch, das hast du ja schon vom Parrhasius gehort. Die Reise nach Mitylene hat mir ein glucklicher Zufall erspart. Der Besitzer des beruhmten Demos Athenaon ist vor einiger Zeit gestorben; seine gesammelten Kunstwerke werden von seinen Erben verkauft, und jenes kostbare Stuck hat Hegesander, ein Gunstling des Plutus zu Milet, um funfhundert Dariken an sich gebracht. Ohne Zweifel wird es, um die Zeit da du nach Milet zuruck kommst, in seiner Galerie zu sehen seyn. Parrhasius hat viel geleistet; aber die Kunst ist unendlich. Keiner kann alles, keiner erreicht das Ziel, und selbst in dem, worin einer alle seine Vorganger ubertroffen hat, kann und wird er von irgend einem Nachfolger ubertroffen werden. Zeuxis wird wegen der Richtigkeit seiner Umrisse und des Tauschenden seiner Farbung bewundert: Parrhasius glaubt, es ihm in beidem zuvorzuthun, und hat vielleicht Recht; aber dass er die hochste Stufe in beidem schon erstiegen habe, glaube ich wenigstens nicht, wenn ich auch nicht sagen konnte, worin, geschweige wie er ubertroffen werden konne. Die Fortschritte, welche die Malerkunst in den letzten dreissig Jahren gemacht hat, sind zum Erstaunen; lass' uns noch dreissig oder vierzig Jahre leben, und wir werden vielleicht aus den Schulen derer, die jetzt den Vorsitz haben, eines Parrhasius, Timanthes, Zeuxis, Pausias, Kunstler hervorgehen sehen, die diese eben so weit hinter sich zurucklassen162, als sie ihren Lehrmeistern vorgesprungen sind. Da ich des Timanthes erwahnt habe, darf ich nicht vergessen, dass er sich diesen ganzen Monat uber zu Milet aufgehalten hat, um das Gemalde zu vollenden, womit er zu Samos um den Preis streiten will. Ich habe mich, wie du denken kannst, um seine Freundschaft beworben; Lais begegnet ihm mit ausgezeichneter Achtung, und er fehlt nie bei den Symposien, die sie den vorzuglichsten Mannern, Einheimischen und Fremden, welche sich hier aufhalten, haufig zu geben pflegt. Zur Erkenntlichkeit hat er sie mit einem kleinen Gemalde beschenkt, worauf Hebe der Gotterkonigin eine Schale mit Nektar reicht, und in dieser die schone Lais, in jener die liebliche Musarion unverkennbar ist, wiewohl ihm keine von beiden gesessen hat. Ehe ich dieses Stuck sah, hatte ich keinen Begriff davon, dass man gemalten Augen so viel Geist, gemalten Lippen und Wangen eine so herzgewinnende Beredsamkeit geben, und aus dem Ganzen einer nachgeahmten Gestalt einen so tauschenden Widerschein des unsichtbaren Innern hervorleuchten lassen konne. Ich musste mich sehr irren, oder hier ist mehr als Parrhasius. Timanthes wurde sich auch ohne sein Talent in jeder guten Gesellschaft als ein vorzuglicher Mensch ausnehmen; so wie unter seinen Kunstverwandten wenige seyn mogen, die mit so viel Ursache zum Stolz eine so edle Art von Bescheidenheit besitzen wie er.
Aus unsrer Vaterstadt, lieber Aristipp, habe ich kurzlich so gute Nachrichten erhalten, dass die immer naher ruckende Aussicht an meine Zuruckkunft mich erfreuen wurde, musst' ich mich nicht von so manchen liebenswurdigen Personen trennen, die ich in Griechenland zurucklassen werde, mit der Gewissheit sie nirgends wieder zu finden, als vielleicht da, wo der arme Kleombrot zu fruhzeitig hingegangen ist.
60.
Hippias an Aristipp.
Kaum kann ich glauben, dass die schone und allzuweise Lais im Ernst zu wissen verlange, was ich von dem Phadon des jungen Platon halte. Wenn sie ihn (was ich doch voraussetzen muss) gelesen hat, so kann sie sich selbst am besten sagen, ob sie durch die vorgeblichen Beweise der Unverganglichkeit und Unsterblichkeit der Seele, die er seinem Meister in den Mund legt, uberzeugt ist oder nicht. Ich fur meine Person erinnere mich nicht, in meinem ganzen Leben etwas Frostigeres und weniger Befriedigendes uber diesen Gegenstand gehort oder gelesen zu haben. Wahrlich es steht schlecht mit der Hoffnung derer, die sich ewig zu leben wunschen, und weil das Recept zu Medeens Krauterbad verloren gegangen ist, und die Quelle der Jugend erst noch entdeckt werden soll, kein andres Mittel, ihres Wunsches theilhaft zu werden, sehen, als nach dem Tode in einer unsichtbaren Welt ein neues Leben zu beginnen es steht (sage ich) schlecht um ihre Hoffnung, wenn sie auf keinem festern Grunde ruht, als auf der Behauptung: "es musse auf den Tod ein neues Leben folgen, weil das Erwachen aus dem Schlaf entstehe, und beides eine nothwendige Folge davon sey, dass jedes Ding, dem etwas entgegen gesetzt ist, aus diesem Entgegengesetzten entspringe." Was wird die Nachwelt (wofern dieses Platonische Machwerk seinen Schopfer uberleben sollte) von Sokrates und von denen, die ihn fur einen Weisen hielten, denken mussen, wenn sie liest, dass er ein paar Stunden vor seinem Tode seine besten Freunde, lauter gesetzte und zum Theil schon bejahrte Leute, mit so lappischen Fragstucken, wie man sie etwa an ein Kind von drei Jahren thun konnte, unterhalten habe; und sollte sie wohl glaublich finden, dass so verstandige junge Manner, wie Cebes und Simmias, sich diese kindische Art von Belehrung hatten wohlgefallen lassen? Oder was denkst du dass man zu einem Dialog, im Geschmack der kleinen Probe, die ich mir (wundershalben) abzuschreiben die Muhe geben will, sagen werde?
S o k r a t e s (zu Cebes). Was meinst du, Cebes, ist irgend etwas dem Leben so entgegengesetzt als das Schlafen dem Erwachen?
C e b e s . Allerdings.
S o k r a t e s . Was denn?
C e b e s . Gestorben seyn.
S o k r a t e s . Entstehen nicht beide aus einander entgegen gesetzten Dingen, und muss es nicht mit ihren respectiven Entstehungen () eben dieselbe Bewandtniss haben?
C e b e s . Wie konnt' es anders?
S o k r a t e s . Ich will dir nur das eine Paar der so eben genannten Dinge sagen, so wohl sie selbst als ihre Entstehungen; und du sagst mir dann das andere. Ich setze also, schlafen und wachen, und nun sag' ich: aus dem Wachen entsteht das Schlafen, und umgekehrt aus dem Schlafen das Wachen, und ihre Entstehungen sind, vom einen das Einschlummern, vom andern das Aufwachen. Hab' ich es deutlich genug gesagt oder nicht?
C e b e s . Sehr deutlich.
S o k r a t e s . Nun sage du mir auch, wie es sich mit dem Leben und dem Gestorbenseyn verhalt. Sagst du nicht, dass Leben das Gegentheil sey von Gestorbenseyn?
C e b e s . Allerdings.
S o k r a t e s . Und dass sie aus einander entspringen?
C e b e s . Ja.
S o k r a t e s . Was wird also aus dem Lebenden?
C e b e s . Das Gestorbene.
S o k r a t e s . Und aus dem Gestorbenen?
C e b e s . Nothwendig muss man bekennen, das Lebende.
S o k r a t e s . Diesem nach, mein lieber Cebes, entstehen die Lebenden aus den Gestorbenen?
C e b e s . So scheint es.
S o k r a t e s . Unsre Seelen sind also im Hades?
C e b e s . Man sollt' es denken.
S o k r a t e s . Und, was ihre beiderseitigen Entstehungen betrifft, liegt nicht die eine klar am Tage? Denn Sterben ist doch etwas Augenscheinliches; oder nicht?
C e b e s . Ganz gewiss.
S o k r a t e s . Wie wollen wir nun weiter verfahren? Wollen wir das, was aus dem Gestorbenseyn entsteht, nicht ebenfalls fur etwas Entgegengesetztes halten? Sollte die Natur nur hier allein hinken? Oder mussen wir eine dem Sterben entgegengesetzte Entstehung annehmen?
C e b e s . Das mussen wir allerdings.
S o k r a t e s . Was fur eine also?
C e b e s . Das Wiederaufleben.
S o k r a t e s . Wenn nun ein Wiederaufleben stattfindet, ware da nicht das Wiederaufleben eine Entstehung des Lebenden aus dem Gestorbenen?
C e b e s . Unstreitig.
S o k r a t e s . Wir sind also genothigt als etwas Ausgemachtes einzuraumen, dass die Lebenden eben sowohl aus den Gestorbenen entspringen, als die Gestorbenen aus den Lebenden; und wenn diess ist, so haben wir einen hinreichenden Grund anzunehmen, dass die Seelen der Verstorbenen irgendwo seyn mussen, von wannen sie wieder geboren werden konnen?
C e b e s . Aus dem Eingestandenen folgt diess nothwendig, u.s.w.
Nun frage ich dich, Aristipp, ob das unausloschliche Lachen der seligen Gotter im ersten Buch der Ilias hinlanglich ware, eine solche Manier zu philosophiren nach Wurden zu belachen? Und in was fur ein unendliches und unermessliches Wiehern mussten erst die besagten Gotter (die uber ihren neuen, dienstfertig von einem zum andern herum hinkenden Mundschenken so entsetzlich lachen konnten) ausbersten, wenn sie ein Paar gravitatische Leute unter den Wolken, uber Dinge wovon sie nichts verstehen noch wissen konnen, im hochsten Ernst so possirlich irre reden horten? Gleichwohl lasst Plato den guten alten Sokrates, seinen ganzen Sterbetag uber, in diesem Geschmack dialogiren, und der ganze Discurs dreht sich immer um diesen feinen Beweis herum. Und welch ein Beweis! Aus einer Induction, die am Ende auf ein blosses Spiel mit Worten hinaus lauft, und auf dem grundlosen Vorgeben beruht: wenn zwei einander entgegengesetzte Dinge auf einander folgen, so entstehen sie aus einander! Diesem Grundsatz zufolge konnt' er uns eben so bundig beweisen, ein Hungriger musse nothwendig satt werden, wenn er gleich nichts zu essen hat, oder die alte Hekube musse wieder jung und eine zweite Helena werden; denn Hunger und Sattigung, Alter und Jugend, Runzeln und Schonheit sind einander entgegengesetzt und folgen auf einander, mussen also eben so nothwendig aus einander entspringen, als das Wachen aus dem Schlafen und das Leben aus dem Tode. Der Beweis musste sich gut ausnehmen, wenn er, nach dem obigen Muster, in kurzen Fragen und Antworten, mit moglichster Langweiligkeit gefuhrt wurde! Und dennoch hat der sinnreiche junge Mensch in seiner subtilen Einbildungskraft Mittel gefunden uns etwas noch Lacherlicheres zum Besten zu geben. Wenn er beweisen konnte, meint er, dass unsre Seelen vor diesem Leben schon irgendwo da gewesen waren, so hatte er damit so gut als bewiesen, dass sie auch nach demselben irgendwo seyn konnten. Und wie fuhrt er diesen Beweis? Alle Menschen, sagt er, bringen eine Art von Begriffen mit auf die Welt, die sie weder durch ihre eigenen Sinne noch durch fremden Unterricht erlangen. Wer daran zweifelt, lege nur dem ersten besten Kinde von drei oder vier Jahren Fragen vor, zu deren Beantwortung nichts als gemeiner Menschenverstand erfordert wird, und das Kind, wenn es recht gefragt, das heisst, wenn ihm die Antwort auf die Zunge gelegt wird, wird auch allemal die rechte Antwort geben. Man zeige ihm z.B. zwei Stukke Holz von ungleicher Grosse, und frage: sind diese Stucke Holz gleich gross? so wird es ohne Anstand mit Nein antworten. Wie konnt' es aber das, wenn es nicht schon einen Begriff von der absoluten Grosse und Gleichheit hatte, den ihm doch gewiss weder seine Amme noch sein Padagog beigebracht haben? Woher also konnte das Kind den Begriff vom Grossen und Gleichen an sich, das weder Holz noch Stein noch irgend etwas anderes in die Sinne Fallendes ist, sondern bloss, als das fur sich bestehende Grosse und Gleiche, mit dem Verstande angeschaut werden kann, woher konnt' es diesen Begriff haben, wenn es ihn nicht schon vor seiner Geburt, also in einem vorhergehenden Leben, bekommen hatte? Und wie hatte es ihn auch in diesem erhalten konnen, wenn es nicht in einer Welt gelebt hatte, wo Gross und Gleich, Rund und Eckicht, Warm und Kalt, kurz alle durch die Sprache bezeichneten abstracten und allgemeinen Begriffe, wie sie Namen haben mogen, als selbststandige, wiewohl unkorperliche und ubersinnliche Wesen, eine uns Sterblichen unbegreifliche Art von Existenz haben, oder vielmehr die einzigen wahrhaft und ewig existierenden Dinge ( ) sind? In dieser unsichtbaren Welt lebten einst unsre Seelen, mitten unter diesen, nur dem reinen Verstand anschaubaren Dingen, das wahre Geister- und Gotterleben; und vermuthlich wird uns Plato (der in diesem Lande Nirgendswo ganz zu Hause zu seyn scheint) kunftig noch offenbaren, wie es zugegangen. dass unsre besagten Seelen aus einem so herrlichen Zustande in den schlammichten Pfuhl der Materie herabgeworfen, und in thierische Korper, als in eine Art von dunkeln unterirdischen Kerkern (wie er sagt) eingesperrt worden, wo sie durch die funf Sinne, als eben so viele Spalten in der Mauer, die Schatten jener wirklichen Wesen erblicken, und bei diesen wesenlosen Erscheinungen sich jener, wiewohl nur dunkel, wieder erinnern. Genug vor der Hand, dass es so und nicht anders ist, und dass, nach Platons positiver Versicherung, nichts thorichter und erbarmlicher seyn kann, als der ungluckliche Wahn, worin wir andern gemeinen Menschen befangen sind, als ob die Erde, worauf wir herum kriechen, die wahre Erde, und das Scheinleben in dieser Sinnenwelt, zu Korinth, Aegina oder Milet, wo wir uns (unter den gehorigen Bedingungen) sehr wohl zu befinden glauben, das wahre Leben sey. Nichts weniger! Im Gegentheil, es ist ein so elender Zustand, dass der armste Sklave in den Bergwerken von Laurium, wenn er wie Plato philosophiren konnte, unendlich glucklicher ware, als mein Freund Aristipp an einem mit allem, was Land und Meer Kostliches hat, besetzten Tische, der schonen Lais gegenuber, in der auserlesensten, frohlichsten Gesellschaft und unter den angenehmsten Unterhaltungen. Kurz, so lange unsre Seelen, an den Leib gefesselt, in den finstern Hohlen und Gruften dieser unterirdischen Erde schmachten, und bis sie durch den Tod der aber freilich nur dem Platonisirenden Philosophen ein freundlicher Genius ist wieder ins wahre Leben geboren, und zum Anschauen und unmittelbaren Umgang mit den sammtlichen Neun- und Zeit- auch Vorund Verbindungswortern an sich emporgestiegen seyn werden, ist (ausser dem philosophischen Tod, wodurch der Platonische Weise sich bereits in dem gegenwartigen Scheinleben eine freilich noch etwas armliche Art von Existenz verschaffen kann) an kein wahres Leben, geschweige an etwas, das den Namen Gluckseligkeit verdiente, zu gedenken.
Frage doch die schone Lais in meinem Namen, wie sie sich in der Gesellschaft dieser Platonischen Stammwesen, zwischen der selbststandigen Langweile und dem absoluten Hojahnen, gefallen wurde, und sie wird mir hoffentlich zu gut halten, dass ich mich uber solche Hirngespenster nicht ernsthafter erklare. In der That kann ich es mir selbst kaum verzeihen, dass ich mich so lange dabei aufgehalten, zumal da ich mich dadurch so verstimmt habe, dass ich dir nichts weiter zu schreiben weiss, als dass ich vor wenigen Tagen zu Samos angekommen bin, und durch die gute Besorgung meines Freundes Zenodor sogleich eine bequeme Wohnung bezogen habe, worin ich dich je eher je lieber zu bewirthen hoffe.
61.
Aristipp an Lais.
Wenn der Brief des Hippias, von welchem ich dir hier eine Abschrift uberreiche, Stoff zu angenehmer Unterhaltung in einer deiner musurgischen163 Abendgesellschaften geben konnte, so wurde ich mich wegen der kleinen Ungebuhr, wodurch ich ihn erschlichen habe, hinlanglich entschuldiget halten. Du wirst finden, dass er ein wenig unbarmherzig mit dem armen Plato umgeht, und das neu ausgestellte hermaphroditische Mittelding von Dialektik und Poesie von einer zu schiefen Seite betrachtet, um ihm vollige Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Indessen scheint doch Plato selbst (zu seiner Ehre gesagt!) keine grosse Meinung von der Starke seiner Beweise fur das kunftige Leben unsrer Seelen im Hades und in der uberirdischen Erde zu hegen; auch geht auf dem langweilig fortschneckenden Wege des Fragens und Antwortens so viel Kraft verloren; die wackern Thebanischen Junglinge, Cebes und Simmias, die dadurch entbunden werden sollen, fuhlen sich durch die Operation so abgemattet und die so muhsam zur Welt gebrachte Frucht selbst scheint so viel dabei gelitten zu haben, dass es mich nicht wundert, wenn die sammtlichen Interessenten kein sonderliches Vertrauen in ihre Dauerhaftigkeit zu setzen scheinen, und sich des Zweifels, ob es auch richtig mit der Niederkunft zugegangen, nicht recht erwehren konnen. Wie sollten sie auch, da Sokrates selbst sich am Ende, wie es nun Ernst werden soll, mit blossen Vermuthungen und Hoffnungen behilft, und die reine Auflosung des Problems von der Erfahrung, die er zu machen im Begriff ist, erwartet?
Es bedarf keines tiefen Nachdenkens, um zu sehen, dass uber den Zustand der Seele nach dem Tode nicht eher etwas entschieden werden kann, bis erst eine befriedigende Antwort auf folgende Fragen gefunden ist: was ist unsre Seele? Wo und was war sie, bevor sie mit diesem Leibe verbunden wurde, ohne dessen Vermittlung sie, dermalen, weder empfinden, noch denken, noch wirken kann? Ist diese Unentbehrlichkeit ihres Organs eine blosse Bedingung unsers gegenwartigen Lebens? Oder kann sie auch ohne dasselbe, als ein fur sich bestehendes Wesen, fortfahren zu denken und zu wirken? Und, wofern diess nicht moglich ware, kennen wir irgend ein Gesetz oder eine Veranstaltung in der Natur, vermoge deren sie wieder mit einem andern, ihrem Bedurfniss angemessenen Leibe versehen werden konnte und musste?
Es fehlt viel, dass der Platonische Sokrates auch nur Eine dieser Fragen so beantwortet hatte, dass die Unmoglichkeit des Gegentheils augenscheinlich ware. Gesetzt aber auch sie konnten so beantwortet werden, so ware uns doch nur die Moglichkeit der Sache begreiflich gemacht, und es kame noch immer darauf an: ob alles Mogliche auch erfolgen musse? oder, ob nicht die Erfahrung der einzige Weg sey, worauf wir gewiss werden konnen, dass unsre Seele den Verlust ihres Organs wirklich uberleben werde?
Bei dieser Bewandtniss der Sache ist klar, dass, so lange die Menschen nicht Mittel finden, den dichten Vorhang, der noch immer vor die Mysterien der Natur gezogen ist, aufzuziehen, nichts vollig Gewisses uber das Fortdauern der Seele und ihren Zustand nach diesem Leben festgesetzt werden konne. Hoffnungen, Vermuthungen, Hypothesen, sind alles, womit derjenige sich behelfen muss, der sich in den Gedanken nicht beruhigen kann: alles unter der Sonne hat einen Anfang und ein Ende; nichts besteht immer unter seiner gegenwartigen Gestalt; alle Naturwesen, die wir kennen, haben einen gewissen Punkt der Reife, nach dessen Erreichung sie wieder abnehmen, und endlich, indem sie in ihre ersten Bestandtheile wieder aufgeloset werden, aufhoren zu seyn was sie waren. Sollte nicht auch der Mensch sich dieses allgemein scheinende Naturgesetz, wofern es wirklich allgemein ware, gefallen lassen? Warum nicht, wie ein gesattigter Gast von der Tafel der Natur aufstehen und sich schlafen legen? "Um nie wieder zu erwachen?" Warum nicht, wenn wir dazu geboren sind? Oder fuhlst du auch, Laiska, dass etwas in dir ist, das sich gegen diesen Gedanken auflehnt? Eine Art von dunkelm aber innigem Gefuhl, dass dein wahres eigentliches Ich eben darum immer fortdauern wird, weil es ihm unmoglich ist, sein eigenes Nichtseyn zu denken; weil wir ohne Unsinn zu reden nicht einmal vom Nichtseyn reden konnen? Sollte die Behauptung, "dass das Selbststandige in uns, welches unter allen Veranderungen, denen es unterworfen seyn mag, immer sich selbst gleich bleibt, unverganglich sey," noch einen andern Beweis bedurfen, als diesen: dass es uns eben so unmoglich ist Etwas als Nichts, wie Nichts als Etwas zu denken; und dass sich weder eine Ursache, wie, noch ein Zweck warum es zu seyn aufhoren sollte, ersinnen lasst? Sollte diess nicht die ganz einfache naturliche Ursache seyn, warum uns der Gedanke an den Tod so selten und wenig beunruhigt? Wenn er sich uns auch darstellt, so wirkt er wenig mehr auf uns, als wenn uns jemand in grosstem Ernst versicherte, wir seyen nicht da, wiewohl wir selbst uns unsers Daseyns aufs lebendigste bewusst waren.
Ich rede, wie du siehst, von Menschen unsers gleichen; denn dass es mit denen, die unter der Gewalt einer ungezugelten Einbildungskraft stehen und sich vor den Schreckbildern des Tartarus und Pyriphlegeton grauen lassen, gleiche Bewandtniss habe, will ich keineswegs behaupten. Indessen begehre ich eben so wenig zu laugnen, dass unsre Ruhe bei dem Gedanken des Todes, insofern sie sich auf die gefuhlte Unmoglichkeit des Nichtsseyns grundet, nicht vielleicht eine blosse Tauschung sey, die aus dem uppigen Gefuhl einer vollstromenden Lebenskraft entspringen, und uns dereinst, wenn die Quelle zu versiegen beginnt, wieder verlassen konnte.
Es ware also nicht uberflussig, wenn wir der Natur noch andere Fingerzeige ablauerten, die uns auf Betrachtungen hin wiesen, wodurch wir der Unzulanglichkeit jenes ahnenden Gefuhls zu Hulfe kommen konnten. Sollte Plato nicht am Ende doch Recht haben, wenn er behauptet: unsre Seele bedurfe des Leibes nicht schlechterdings zu ihren eigenthumlichen Verrichtungen; er sey ihr darin mehr hinderlich als behulflich, und sie wurde ohne ihn nur desto besser denken und wirken konnen? Dass er (wie es seine Art ist) die Sache ubertreibt, und Folgen daraus zieht, vermoge deren er den Korper als ein Gefangniss der Seele betrachtet, dadurch wollen wir uns nicht irre machen lassen. Wir gonnen ihm diese Vorstellungsart sehr gern, und er wird uns dafur erlauben, unsern Korper (dermalen wenigstens) fur ein ganz bequemes, mit allem Nothigen und vielem Nutzlichen und Angenehmen wohl versehenes Wohnhaus unsrer Seele anzusehen. Die Frage sey also jetzt nur: kann unsre Seele, unter gewissen Umstanden, der Organe ihres Korpers zu ihren eigenthumlichen Verrichtungen entbehren, oder nicht? Was wir schlafend in Traumen erfahren, wird uns vielleicht einiges Licht hieruber geben konnen. Es ist wohl kein Zweifel, dass wir im Traum ohne Zuthun unsrer Augen und Ohren sehen und horen, ohne Hulfe der Fusse gehen, ohne die Sprachwerkzeuge wirklich zu gebrauchen reden, kurz, dass die Seele zu wachen glaubt und sich in voller Aktivitat befindet, wahrend ihr Korper in tiefer Ruhe abgespannt und unbeweglich da liegt, und die Organe der Sinnlichkeit und die ausserlichen Gliedmassen uberhaupt, so viel wir wenigstens wissen, nicht das Geringste zu den Verrichtungen derselben beitragen. Aber huten wir uns, einen zu raschen Schluss aus dieser Erfahrung zu machen. Auch im Traume bleibt die Seele an ihren Korper gebunden; sie wahnt mit seinen Augen zu sehen, mit seinen Ohren zu horen, und sich aller seiner Gliedmassen, mit und ohne ihre Willkur, zu bedienen; kurz, ihr Korper (wiewohl er keinen Antheil an dem, was in ihrem Innern vorgeht, zu nehmen scheint) bleibt auch im Traume ihr unzertrennlicher Gefahrte, der bestandige Typus ihrer Vorstellungen, und das unmittelbare Werkzeug ihrer unfreiwilligen Empfanglichkeit sowohl, als ihrer willkurlichen Selbstbewegungen.
Indessen ist bemerkenswerth, dass sie in diesem sonderbaren Zustande zwar immer mit ihrem Korper vereinigt ist, aber viel weniger von ihm eingeschrankt wird als im Wachen. Wir versetzen uns mit der Leichtigkeit einer Flaumfeder in einem Augenblick an die entferntesten Orte, wir fliegen ohne Flugel durch die Luft, gehen unbenetzt und unversengt durch Wasser und Feuer u.s.w., auch sind die Beispiele nicht selten, dass unsre geistigen Krafte im Traumen viel hoher gespannt sind als im Wachen, und dass wir Dinge vermogen, wozu wir wachend entweder gar keine oder eine nur geringe Anlage besitzen.
Seltner, aber doch zuweilen, ist es als ob wir zu einer hohern Art von Existenz gelangt waren; wir sehen scharfer, horen feiner, fuhlen zarter, als im Zustande des Wachens; die Gegenstande unsrer Liebe zeigen sich uns wie durch ein reineres Medium, und die Gefuhle und Gesinnungen, die sie in uns erzeugen, sind von aller grobern Sinnlichkeit dermassen gelautert, dass wir daruber erstaunen mussten, wenn sie uns in diesem erhohten Zustande nicht ganz naturlich vorkamen. Ich selbst, Laiska, habe dich im Traume (was unglaublich ist) noch schoner gesehen als du mir wachend erscheinst; ich wusste dass du es warst, und doch sah ich die himmlische Gottin der Schonheit und Liebe selbst in dir, und es gibt keine Worte, das was ich fuhlte zart und rein genug auszudrucken.
Sollte sich nun aus allem diesem nicht mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit schliessen lassen: unsre Seele die im Traumen ohne wirkliche Hulfe der aussern Sinne sieht und hort, und desto schonere Erscheinungen hat, desto leichter, frohlicher und unbeschrankter ihre eigenen Krafte spielen lasst, je grosser die Unthatigkeit des Korpers ist sie werde, durch die ganzliche Befreiung von den Einschrankungen desselben sich selbst nur desto starker fuhlen, ihre mannichfaltigen Krafte nur desto freier und freudiger entwickeln, und, mit Einem Wort, anstatt aufzuhoren zu seyn, erst recht zu leben anfangen? Man sollt' es meinen; und doch ware dieser Schluss noch zu rasch. Unser Freund Hippias konnte uns einwenden, "der Korper sey im Zustande des Traumens so unthatig nicht als es scheine; blieben gleich die aussern Organe dabei aus dem Spiele, so seyen ohne Zweifel die innern desto geschaftiger; die allgemeine Erfahrung, dass zu schonen, anmuthigen und mit einer Art von poetischer Wahrheit zusammengesetzten Traumen ein gesunder Schlaf nothwendig sey, ein Fieberkranker hingegen von lauter wilden, dustern, wahnsinnigen und schreckhaften Traumen geangstigt werde, diese Erfahrung allein beweise schon hinlanglich, dass der Korper zu unsern Traumen mehr beitrage, als wir angenommen hatten, und wir seyen also noch keineswegs berechtigt, von der Selbstthatigkeit unsrer Seele im Traumen auf die Fortdauer derselben nach der ganzlichen Trennung vom Leibe zu schliessen." Was hatten wir wohl hierauf zu antworten?
So leicht, denke ich, wollen wir uns die Waffen nicht aus den Handen ringen lassen. Der letzte Einwurf wenigstens wird uns wenig zu schaffen machen, denn er ist vielmehr fur als wider uns. Gerade der Umstand, dass ein gesunder, d.i. ein ruhiger Schlaf, ein sehr gemassigter Lauf des Blutes und eine allgemeine Erschlaffung der Nerven, nothwendige Bedingungen derjenigen Art von Traumen sind, auf welche wir unsere Vermuthungen gestutzt haben, gerade dieser Umstand beweiset, dass die Seele im Traumen der Mitwirkung des Korpers wenig oder gar nicht bedarf; und daraus, dass unordentliche Bewegungen und sturmische Erschutterungen des animalischen Systems das Gehirn mit wilden und grasslichen Phantomen anfullen, folget keineswegs, dass auch zu den schonen und anmuthigen, ja zuweilen sogar sinnreichen und sublimen Traumen, die uns im Zustande eines ruhigen Schlummers erscheinen, eine besondere Mitwirkung des Korpers nothig sey. Nicht so leicht durfte hingegen der Behauptung "dass bei aller Ruhe der aussern Organe die innern des Gehirns vermuthlich desto geschaftiger im Traumen seyn konnten," mit Grund zu widersprechen seyn, da es uns noch viel zu sehr an Beobachtungen und genauer Kenntniss der feinsten Theile unsers Korpers mangelt. Aber fuhrt uns nicht dieser Einwurf selbst auf den Gedanken: dass das innerste und unmittelbarste Organ unsrer Seele (eben dasselbe, das bei den Traumen, wovon die Rede ist, mitwirken soll) aus einem unendlich feinern Stoff als der grobere Korper, der ihm gleichsam nur zum Tribonion164 dient, gebildet, und von einer so vollkommenen und unzerstorbaren Natur seyn konnte, dass die Seele immer damit bekleidet bliebe, und nach der Trennung von ihrem sichtbaren Korper, vermittelst desselben sowohl ihr eigenes Geschaft fortsetzte, als in einer Art von Zusammenhang mit der aussern Welt verbliebe, oder vielmehr sich zwar in eine neue Welt versetzt fande, aber auch sogleich in derselben zu Hause ware, und indem sie ihren neuen Zustand an den vorigen anzuknupfen wusste, im Grunde doch ihre vorige Art zu seyn, nur auf eine ihrer Natur gemassere Weise fortsetzte?
Der Einwurf, "dass sich das wirkliche Daseyn eines solchen unsichtbaren Seelenorgans nicht beweisen lasse," braucht uns nichts zu kummern; denn, da es bloss darauf ankommt, uns irgend ein mogliches Mittel, wie die Seele nach dem Tode fortdauern konne, zu denken, so ist es schon genug, dass uns die Unmoglichkeit desselben nicht bewiesen werden kann: ob es sich wirklich so verhalte, kann die einzige Offenbarerin dessen was wirklich ist, die Erfahrung, allein bewahren.
Indessen bedurfen wir auch dieser Hypothese nicht, um zu begreifen, wie unsre Personlichkeit, oder das, was unser eigentliches Ich ausmacht, und was man gewohnlich unter dem Wort Seele versteht, nach der Trennung vom Korper fortdauern konne. Wenn wir sehen, so ist es ja nicht das Auge, wenn wir horen, nicht das Ohr, was sich der Vorstellung bewusst ist, die durch das Sehen und Horen in uns veranlasst wird; die Seele ist es welche sieht und hort, so wie sie allein es ist, was, aus jenen Darstellungen der Sinne, Begriffe und Gedanken erzeugt, sie vergleicht und unterscheidet, trennt und zusammensetzt u.s.f. Die Art und Weise, wie unsre Seele mit ihrem Korper zusammenhangt, ist eines der unerforschlichen Geheimnisse der Natur; ich weiss nichts davon: aber dass dieses Ich, das sich selbst fuhlt, sich selbst betrachtet, sich selbst bewegt, sich vieles Vergangenen erinnert, viel Kunftiges vorhersieht, und, indem es beides mit dem Gegenwartigen verbindet, der Baumeister einer eigenen Welt in sich selbst wird; dieses Ich, dessen wesentlichste Bedurfnisse Wahrheit, Ordnung, Schonheit und Vollkommenheit sind, das nur durch den Genuss derselben befriedigt wird, und immer beschaftigt ist, sie in sich selbst und ausser sich hervorzubringen, dass dieses Ich ein von meinem Korper ganz verschiedenes Etwas ist, diess weiss ich so gewiss, als ich mir selbst bewusst bin. Warum also sollte aus meiner dermaligen Einschrankung durch einen organischen Korper nothwendig folgen, dass er mir zu meinem Daseyn, oder, was eben so viel ist, zum Gebrauch meiner Krafte und Fahigkeiten, in und ausser mir, schlechterdings unentbehrlich sey? Ist diese Folgerung nicht von eben derselben Art, wie der Irrthum jenes Fussgangers, der den ersten Thessalischen Reiter, den er zu Gesichte bekam, fur einen Centauren ansah, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass der Reiter, sobald es ihm beliebe, absteigen und auf seinen eigenen Fussen gehen konne?
Und nun, liebe Laiska, dunkt dich nicht auch, wenn wir alle diese Betrachtungen mit der vorhin erwahnten Unmoglichkeit, uns selbst als nicht existirend zu denken, zusammennehmen, es entstehe daraus ein hinlanglicher Grund fur uns, den Tod, den der Pobel sich als das schrecklichste aller schrecklichen Dinge vorstellt, fur den Uebergang zu einer hohern Art von Daseyn zu halten, und, ohne ihn zu wunschen oder zu beschleunigen, ihm, wenn er von selbst kommt, eben so ruhig ins Gesicht zu sehen, als Sokrates?
Was denkst du dazu, meine Freundin? Was mich betrifft, ich denke in diesem Augenblicke, dass ich vermuthlich der erste Mensch in der Welt bin, der sich einfallen liess, eine Frau wie du mit Todesbetrachtungen zu unterhalten, und, was noch sonderbarer ist, der gewiss seyn kann, die Grazien, Scherze und Freuden, die dich immer und uberall umgeben, nicht dadurch verscheucht zu haben.
62.
Lais an Aristipp.
Ich bin eine zu grosse Liebhaberin vom Leben, mein lieber Aristipp, als dass ich mich nicht sehr gern uberreden lassen sollte, dass ich immer leben werde. Ich rechne es dem spitzfindigen Plato (der so viel dabei gewanne, wenn er es weniger ware) zu keinem geringen Verdienst an, dass er dir durch seinen Phadon Anlass gegeben, mich uber diesen Punkt (der am Ende doch Alten und Jungen, Schonen und Hasslichen gleich angelegen seyn muss) mit mir selbst ins Reine zu bringen. Indessen mag es wohl ganz gut fur uns seyn, dass alles Gewicht der Grunde, die uns den Tod in einem so frohlichen Lichte zeigen, dennoch keine vollige Gewissheit hervorbringt; so dass ein Sokrates selbst nicht mehr dadurch gewinnt, als es zuletzt, mit einer gewissen zwischen Hoffnung und Gleichgultigkeit leise hin- und herschwebenden Ruhe, darauf ankommen zu lassen, was an der Sache seyn werde. Waren wir vollig gewiss, dass uns der Tod zu einer so grossen Verbesserung unsrer Existenz befordern werde, wie ihr andern Philosophen uns so sinnreich vorzuspiegeln wisst, wer wollte in den nackten Felsen von Seriphos165 grau werden, wenn er nur seinen Kahn vom Ufer abzuschneiden brauchte, um in das zauberische Land der Hesperiden166 oder in Platons uberirdische Erde hinuber zu fahren? Denn was dieser seinen Sokrates uber unsre vorgebliche Soldatenpflicht "unsern Posten nicht eher zu verlassen bis wir abgelost werden" sagen lasst, uberzeugt mich nicht; und ich sehe nicht ein, was meine Freiheit uber mich selbst zu gebieten beschranken sollte, sobald meine dermalige Existenz nicht anders als unter unertraglichen Bedingungen verlangert werden kann.
Es ist sehr artig von dir, Lieber, dass du es in meine Wahl stellst, ob ich mit oder ohne Korper fortzuleben hoffen will. Als ich deinen Brief erhielt, sass ich eben einem grossen Spiegel gegenuber, und (ich gestehe dir meine Thorheit) ich konnte mich nicht entschliessen, bei meiner kunftigen Reise in die Geisterwelt, nicht wenigstens die Gestalt, die mir entgegen sah, mitzunehmen, wenn ich auch allenfalls grossmuthig genug seyn konnte, dem palpabeln167 Theil meines dermaligen Doppelwesens zu entsagen. Ob ich selbst ein zu materielles Wesen bin, oder woran es sonst liegen mag, genug ich kann mich mit der Vorstellung einer so ganz ausgezogenen splitternackten Seele nicht befreunden; ein wenig Draperie muss um mich herfliessen; darauf habe ich, wie du weisst, nun einmal meinen Kopf gesetzt. Der subtile Leib, den du meiner Seele zugestehst, wurde mir also seiner Leichtigkeit und Gewandtheit wegen nicht ubel behagen; aber die Unsichtbarkeit, die du ihm (ich weiss nicht warum) beizulegen beliebst, steht mir nicht an, und ich muss dich bitten, ihn mit so viel Lichtstoff zu durchweben, dass er wenigstens aus einem halbdurchsichtigen Rosenwolkchen gebildet zu seyn scheine, und von meinen guten Freunden in der andern Welt ohne Anstrengung ihrer Augen gesehen werden konne. Die sublime Gestalt, worin ich dir im Traume zu erscheinen pflege, gibt mir gute Hoffnung, dass es gerade dieselbe seyn konnte, in welcher ich mich ihnen zu zeigen wunsche. Indessen wittre ich doch einige Schwierigkeiten, und ich mochte wohl wissen, wie du es z.B. mit der Geschlechtsverschiedenheit zu halten gedenkst? Ich gebe zu, dass ich bei der Umgestaltung in einen Adonis oder Nireus von Seiten der Schonheit mehr gewanne als verlore; aber man ist doch immer lieber was man ist, und wenn der atherische Leib, den du den Leuten in der andern Welt allenfalls noch lassen willst, nichts, was vermuthlich keinen Gebrauch mehr in derselben haben wird, behalten soll, so muss eine Gestalt heraus kommen, gegen welche ich meine jetzige nicht vertauschen mochte. Wie viel fallt bloss desswegen weg, weil wir (denke ich) nicht mehr essen und trinken, oder wenigstens, um uns von Nektar und Ambrosia zu nahren, keine so animalischen Verdauungs- und Absonderungswerkzeuge nothig haben werden, wie dermalen? Und was wollten wir mit Armen und Beinen machen, da vermuthlich alle die Bedurfnisse und Verrichtungen, wozu sie in diesem Leben nothig sind, dort aufhoren werden? Kurz, ich sehe nicht, was von unsrer jetzigen Organisation ubrig bleiben konnte, als der Kopf, an welchen etwa noch ein paar Flugel gesetzt werden konnten, die ihm zugleich zur Bewegung und zur Einhullung dienen wurden. Wirklich gefallt mir diese Idee immer besser je mehr ich ihr nachdenke, und mir ist ich wurde mich an eine so leichte geistige Existenz in Gesellschaft guter und schoner Kopfe sehr bald gewohnen konnen. "Aber ein blosser Kopf, meint die kleine Musarion, ware doch ihre Sache nicht; sie kann sich keine Gluckseligkeit ohne Liebe denken, und eine Liebe, die bloss im Kopfe sitzt, scheint ihr etwas so Kaltes und Langweiliges, dass sie lieber ganz darauf Verzicht thun wollte." Du kannst leicht denken, Aristipp, dass ich mich der Kopfe mit gehorigem Eifer annahm, und behauptete: was ihnen allenfalls an Feuer und Innigkeit abginge, wurde reichlich dadurch ersetzt, dass sie die Liebe desto feiner zu behandeln, ihr mehr Reiz der Mannigfaltigkeit zu geben, und sie dadurch viel besser zu unterhalten und vor langer Weile und Sattigung zu verwahren wussten, als wenn sich die Hypochondrien168 mit ins Spiel mischten. Wir stritten uns lange daruber, und kamen zuletzt doch darin uberein, dass unsre dermalige Art zu seyn vor der Hand wohl die beste seyn mochte. Dabei, lieber Aristipp, wollen wir's denn auch einstweilen bewenden lassen, und der guten Mutter Natur zutrauen, sie wurde uns weder das Verlangen noch die Kraft ins Unendliche fort zu leben gegeben haben, wenn es nicht ihr Ernst ware, dass mit der Zeit noch etwas Besser's aus uns werden sollte. Wie sie das anstellen will, ist ihre Sache; genug dass sie unser vollstandigstes Zutrauen verdient, und (wie Plato weislich sagt) in allem andern so verstandig zu Werke geht, dass wir nicht zu besorgen haben, sie werde in diesem Punkte allein sich selbst ungleich seyn und nicht wissen, was sie mit uns anfangen wolle.
63.
Aristipp an Lais.
Es ist sehr naturlich, dass die Besitzerin eines Korpers, der den grossten Kunstlern das unerreichbare Ideal der Schonheit darstellt, sich nie von ihm zu trennen wunschet, und also wenigstens seine Gestalt, ware sie auch nur aus Wolkenstoff gewebt, ins andere Leben mit hinuber nehmen mochte. Denn die Feinheit des Stoffes wurde der Schonheit so wenig nachtheilig seyn, dass sie vielmehr dadurch erhoht werden musste. Dessen ungeachtet, schone Lais, scheint dein Widerwille gegen das, was du eine splitternackte Seele nennst, mehr von einer irrigen Vorstellung als von der Sache selbst herzuruhren. Warum sollte es, was die Schonheit betrifft, mit der Seele nicht eben dieselbe Bewandtniss haben wie mit dem Leibe? So wie, nach der sehr wahrscheinlichen Behauptung unsers Freundes Skopas, ein untadelig schoner Leib durch jede Bedeckung in den Augen der Anschauer nur verlieren kann, und sich erst alsdann in seiner ganzen Glorie zeigt, wenn er ohne alle Hulle gesehen wird: so mag auch vermuthlich eine schone Seele nur dann, wenn sie nach ganzlicher Entkleidung vom Stoff in ihrer eigenthumlichen Gestalt erscheint, durch unmittelbares Anschauen des reinen Ebenmasses aller ihrer Verhaltnisse, und der Harmonie und Einheit, die in allen Theilen und Ausschmuckungen ihres Innern herrschet, dem anschauenden Geist einen ungleich hohern Genuss der Vollkommenheit gewahren, als die Einwindelung in einen Korper zulassen kann, der, wenn er auch aus Licht und Aether gewebt ware, doch nie so durchsichtig seyn konnte, dass er einem wahren Seelenliebhaber nicht noch viel zu wunschen ubrig lassen sollte.
Doch, ich will auf dieser Idee um so weniger bestehen, da der plotzliche Uebergang aus unsrer gegenwartigen Art zu seyn in die rein geistige ein Sprung ware, dergleichen die Natur nicht zu machen pflegt. Ich halte mich also an deine Flugelkopfe, Laiska! eine so gluckliche Vermuthung, dass ich beinahe schworen wollte, du musstest es wirklich errathen haben. Freilich wird bei dieser Art von Seelenbekleidung niemand mehr gewinnen als du; aber diess ist auch nur billig, da niemand mehr dabei aufopfert als du. Gewiss kann kein verstandiger Schatzer des Werths der Dinge das letztere hoher wurdigen als ich; aber gleichwohl muss ich gestehen, ich habe mich in die Idee einer Welt von lauter Flugelkopfen bereits so stark verliebt, dass ich, wenn es nur auf mich ankame, keinen Augenblick zogern wollte, dich und mich und alle die wir lieben auf der Stelle in eine solche Welt zu versetzen. Sollte die holde Musarion darauf bestehen, dass sie sich an dem blossen Kopfe des schonen Kleonidas nicht begnugen konne, so konnten wir ihr zu Gefallen etwa noch so viel Leib hinzuthun, dass die Bewohner unsrer kunftigen Welt die Gestalt geflugelter Brustbilder bekamen; aber mit recht gutem Willen wurde ich mich nie dazu bequemen. Denn es fallt auf den ersten Anblick in die Augen, dass die Idee der Flugelkopfe durch diesen uppigen Zuwachs an Masse die Halfte von ihrer Schonheit verliert. Und warum? Bloss weil die gute Musarion sich die Muhe noch nicht genommen hat, ihr Vorurtheil gegen den Kopf in etwas genauere Untersuchung zu ziehen. Ich getraue mir zu behaupten, dass die Liebe, die ihren Sitz im Kopfe hat, nicht nur von edlerer und zarterer Natur, sondern auch schmeichelhafter sowohl fur den Geliebten als den Liebenden ist, als die andere. Denn sie grundet sich, anstatt auf eine blinde und dem Verstande zuvoreilende Neigung, auf reines Anschauen der Vollkommenheiten des Geliebten. Sie ist weniger feurig und lodernd; aber ihre Flamme brennt desto heller, gleicher und anhaltender, verzehrt sich nicht selbst, und vermischt sich nicht mit so manchen andern Leidenschaften, welche uber und unter dem Zwerchfelle nisten, und so leicht die Harmonie der Liebenden unterbrechen. Wollten wir die Nachgiebigkeit so weit treiben, unsre Kopfe in Busten zu verwandeln, so mochten wir eben so mehr noch den ganzen ubrigen Rumpf hinzuthun, und die reine Seelenliebe, die nur zwischen Kopfen stattfindet, durch Einmischung der Geschlechtsverschiedenheit vollends zu dieser vulgaren Leidenschaft herabwurdigen, die den armen Sterblichen so viel Noth und Plackerei macht, und von welcher auf immer befreit zu seyn, gewiss keiner der geringsten Vorzuge des Lebens in der Welt der Geister ist.
Ueberhaupt bitte ich nicht zu vergessen, dass wir (wie Platons Sokrates sehr schon darthut) durch unsre Versetzung in diese letztere keine Befriedigung verlieren, die uns nicht durch viel hohere, unsrer geistigen Natur gemassere Genusse reichlich und uberflussig ersetzt werden; und dass Musarion, sobald sie selbst nichts als Kopf seyn wird, den Mangel des ubrigen an sich selbst und ihrem Liebhaber eben so wenig spuren wird, als man in einer Welt, deren Bewohner nur vier Sinne hatten, einen funften vermissen wurde. Mit Einem Worte, Laiska, lassen wir es bei deiner Hypothese, welche, meines Erachtens, so sinnreich und philosophisch ist, dass Anaxagoras169 der Geist und der sublime Weise von Samos170 selbst Freude daran gehabt hatten, wofern die schone Aspasia oder die edle Theano171 so glucklich gewesen waren, dir mit Erfindung derselben zuvorzukommen. Ich wenigstens finde sie so trostlich, dass ich die Entfernung von dir kunftig ungleich besser ertragen werde als bisher, weil ich sie als eine Vorubung betrachte, wodurch wir beide in Zeiten angewohnt werden, einander leider! nichts als Kopf zu seyn.
Ich schreibe dir diess auf einem reizenden Landgute im Panionion172, wohin mich einer meiner Bekannten zu Ephesus eingeladen hat, und wo ich mir so wohl gefalle, dass meine Reise zu Hippias vermuthlich noch einige Zeit verschoben bleiben wird.
Wenn ich dir nur ein wenig lieb bin, beste Laiska, so erinnere dich, dass du mir schon mehr als einmal dein Bild versprochen hast. Ich bitte bloss um deinen Kopf wohl zu merken, kein Brustbild! Ja, ich wurde schon mit einem deiner Augen zufrieden seyn, wenn ein Maler in der Welt ware, der den Blick hinein oder vielmehr herausmalen konnte, womit du mir zu Aegina in der seligsten Stunde meines Lebens ewige Freundschaft angelobtest.
64.
Kleonidas an Aristipp.
Ich bin mit meinem Geschafte eher zu Stande gekommen als ich hoffen durfte. Beinahe alle Freunde des gottlichen Sokrates, die seine gerichtliche Ermordung und die Furcht vor den Verfolgungen seiner Feinde von Athen verscheucht hatte, haben sich nach und nach wieder zusammengefunden, und man begegnet ihnen mit so vieler Achtung, als ob man das an ihrem Meister begangene Unrecht dadurch zu verguten suchte. Es gibt wohl sehr wenige Athener, die das Geschehene, wenn es moglich ware, nicht ungeschehen zu machen geneigt waren: aber, was man mir schon zu Theben von der allgemeinen Trauer des Volks und von der Rache, die es an den Anklagern des verdienstvollen Greises genommen haben sollte, fur gewiss erzahlte, ist ohne allen Grund. Die Athener sind zu leichtsinnig und ruchlos, um einer tiefen, anhaltenden Reue uber irgend eine ihrer Unthaten fahig zu seyn.173
Mein Tod des Sokrates, der nun beinahe fertig ist, erhalt durch eine Menge kleiner Umstande, die mir meistens von dem wackern alten Kriton an die Hand gegeben wurden, und vornehmlich durch die richtige, beim ersten Anblick kenntliche Bezeichnung aller dabei gegenwartigen Personen, einen Grad von historischer Wahrheit, der diesem Gemalde ein ganz eigenes Interesse gibt; so dass es (wie ich aus mehr als Einem Beispiel weiss) von niemand, der den Sokrates und seine Freunde ofters gesehen hat, ohne Ruhrung betrachtet werden kann. Der Massstab von anderthalb Spannen, den ich fur die proportionelle Grosse der Figuren angenommen habe, tragt, wie ich glaube, zu der guten Wirkung des Ganzen vieles bei, theils weil es so bequemer mit einem Blick umfasst wird, theils weil sich bei dieser Grosse alles deutlich bezeichnen und ausdrucken lasst, ohne dass die kunstliche Darstellung der Natur gar zu gleich sieht und sich selbst dadurch Schaden thut. In Lebensgrosse wurde ein solches Gemalde, wenn es gut gemacht ware, kaum auszuhalten seyn.
Das Fest der Juno zu Samos und der Wettstreit der Kunstler ist nun vorbei, und du hast vielleicht schon gehort, dass Timanthes mit seinem Ajas und Skopas mit seiner Aphrodite (die du zu Aegina entstehen sahst) beinahe mit allen Stimmen den Preis erhalten hat. Parrhasius, der einzige der meinem Freunde den Sieg streitig machen konnte, ist sehr ubel mit dem Urtheil zufrieden von hier abgegangen. Es verdriesse ihn, sagte er, nur fur seinen armen Helden174, dass er nun zum zweitenmal gegen einen Unwurdigen habe verlieren mussen. Man muss beide Stucke selbst gesehen haben, um zu errathen, was die Richter bewogen haben konne dem Timanthes den Vorzug zu geben. In der That sind beide Gemalde vortrefflich, an beiden ist sehr viel zu loben, wenig oder nichts mit Recht zu tadeln. Beide sind mit grosser Kunst zusammengesetzt, gross gedacht und mit vielem Fleiss ausgefuhrt; auch haben beide Kunstler eben denselben Augenblick der Handlung erwahlt, namlich den, da Odysseus unmittelbar nach dem Ausspruch der versammelten Achaier sich der Waffen des Achill bemachtiget. Ich gestehe, dass ich lange zwischen diesen beiden Meisterwerken ungewiss hin und her schwebte, bis ich mich endlich durch eben dasselbe Gefuhl, das die Richter bewogen zu haben scheint, auf Timanthes Seite ziehen liess. Sein zauberischer Pinsel besticht namlich das Auge gleich beim ersten Anblick durch die Warme und Harmonie seiner Farbung, und thut durch einen gewissen heroischen Geist, der das Ganze durchweht, und den schonen Ton, der alle Figuren und Gruppen zusammenbindet, eine starkere oder wenigstens schnellere Wirkung als das Werk seines Antagonisten. Der letztere hat durch die ausserst sorgfaltige Ausfuhrung der einzelnen Figuren, und weil beinahe jede sich unsers Auges besonders zu bemachtigen strebt, uber das Ganze eine gewisse Kalte verbreitet, die von dem Feuer des Timanthischen Stucks zu stark absticht, um nicht in den Augen der meisten Anschauer gegen dieses zu verlieren; wiewohl der Kenner immer wieder zu Betrachtung der einzelnen Theile in dem Werke des Parrhasius zuruckkehrt, und immer mehr zu bewundern findet, je scharfer er untersucht. Merkwurdig ist die verschiedene Art, wie beide Kunstler die zwei Hauptpersonen behandelt haben. Parrhasius lasst seinen Odysseus sich der ihm zugesprochnen Waffen mit einem beinahe hohnisch triumphirenden Blick auf seinen Mitbewerber bemachtigen, wahrend Ajas in seinen von Odysseus abgewandten und uber Agamemnon, Menelaus und das Griechische Heer hinblitzenden Augen, so wie in seiner ganzen Miene und Gebardung, Zorn und Verachtung ausdruckt, und den Griechen ihren Undank ohne alle Zuruckhaltung vorzuwerfen scheint. Timanthes Ajas hingegen steht stumm und in sich selbst zusammengedrangt, mit dem ganzen furchtbaren Ausdruck einer verbiss'nen Wuth, die dem Ausbruch nah' ist, aber noch durch einen schmerzlichen innerlichen Kampf zuruckgehalten wird, indess sein Odysseus, uber sein Gluck errothend, beinahe zu zweifeln scheint, ob er den Sieg wirklich erhalten habe. Die Samier, sagt man, sind ein sehr sinnreiches Volk und grosse Liebhaber der Homerischen Gesange; jedermann bemerkte gegen seinen Nachbar, dass Timanth auf die Anrede des Odysseus an die zurnende Seele des Ajas, im funften Gesang der Odyssee, angespielt habe; und diese Bemerkung that vielleicht mehr als alles andere, um den Sieg auf seine Seite zu entscheiden. Uebrigens muss ich von ihm anruhmen, dass er beim Empfang des Preises wie sein Ulysses errothete, und, vielleicht aufrichtiger als der Homerische, durch den uber einen so grossen und altern Meister erhaltenen Vorzug mehr gedemuthigt als aufgeblaht zu seyn schien.
Timanth hat die Gewohnheit, alle seine vorzuglichen Werke fur sich selbst zu copiren, und nicht selten ist das Nachbild noch vollkommner als das Original. Gegenwartig ist er im Begriff die Copie eines grossen Gemaldes zu vollenden, welches ein reicher Kunstliebhaber zu Argos bei ihm bestellt hat, und womit er in kurzem selbst dahin abzugehen gedenkt. Es stellt die Aufopferung der Iphigenia in Aulis vor, und ist eines seiner schonsten Bilder. Iphigenia, eine achte Gestalt aus der Heroenzeit, von hoher tadelloser Schonheit und in der ersten Blume der Jugend, steht am Altar, mit schwarmerischer Entschlossenheit bereit, sich fur das Heil und den Ruhm ihres Vaterlandes zu opfern; ihre Stellung, ihr grosses, zur Gottin aufgehobenes Auge, ihr ganzes Wesen scheint zu sagen, hier bin ich! und kein Zug verrath die auch nur leiseste Schwache, wodurch das Wohlgefallen der Gottin an dem reinen jungfraulichen Opfer vermindert worden ware. Um sie her stehen die Haupter der Achaer, Menelaus, Diomedes, Achilles, Odysseus u.s.w., und hinter ihnen in einem weiten Kreise das ganze Griechische Heer. Alle, selbst den Priester Kalchas nicht ausgenommen, zeigen sich in verschiedenen Graden, nach ihrem Charakter oder Verhaltniss gegen das Haus Agamemnons, geruhrt und theilnehmend; nur Agamemnon, der Vater selbst, steht zwar gegen den Altar gekehrt, aber das Gesicht mit einem Zipfel seines langen faltenreichen Talars bedeckt. Ich war eben bei Timanth in seiner Werkstatt, als ein junger Athener mit einem Paar andern Fremden kam, und sich die Erlaubniss ausbat, dieses Gemalde zu besehen, dessen Schonheit ihm sehr angeruhmt worden sey. Alle drei liessen es an bewundernden Ausrufungen nicht fehlen; doch bemerkte Einer, mit einer bedeutenden Kennermiene, gegen seine Gefahrten: ob ihnen nicht auch eine gewisse Kalte im Ausdruck des Schmerzes, den die umstehenden Helden zeigten, besonders beim Menelaus, der doch der Oheim der Prinzessin sey, zu herrschen scheine? Aber der Athener konnte nicht Worte genug finden, den sinnreichen Gedanken des Kunstlers zu bewundern, dass er, nachdem er alles was die Kunst vermoge, im Ausdruck der verschiednen Grade einer anstandigen Betrubniss an den Umstehenden erschopft habe, den Vater selbst verhullt, und es dadurch der Einbildungskraft der Anschauer uberlassen habe, das, was der Pinsel nicht vermocht, selbst zu ersetzen und gleichsam auszumalen. Ein andrer behauptete: diese Verhullung sey gerade der moglichst starkste Ausdruck des granzenlosen vaterlichen Jammers, und musse eine weit grossere Wirkung thun, als der hochste Schmerz, den das unverhullte Gesicht Agamemnons hatte ausdrucken konnen. Timanth, nachdem er dem Streit dieser weisen Kunstkenner eine Zeitlang lachelnd zugehort hatte, sagte endlich: die Herren sind sehr gutig, mir so viel von ihrem eigenen Scharfsinne zu leihen; denn ich muss gestehen, dass ich bei der Verhullung Agamemnons, so wie bei der Behandlung des ganzen Stucks, keinen andern Gedanken hatte, als die bekannte Scene in der Iphigenia des Euripides, gerade so, wie der Dichter sie schildert, und wie ich sie mehrmal auf der Schaubuhne gesehen, darzustellen. Steckt in der Verhullung irgend ein besonderes Verdienst, so gebuhrt alles Lob dem Dichter; ich zweifle aber sehr, dass sein Agamemnon einen andern Grund, warum er seinen Kopf einhullt, hatte, als weil er sich selbst nicht so viel Starke zutraute, dass er beim Anblick des todtlichen Stosses in die Brust seines Kindes Gewalt genug uber sich behalten wurde, um die Heiligkeit des Opfers nicht durch irgend einen ungebuhrlichen Ausbruch des Vatergefuhls zu entweihen. Denn nach den Begriffen und Sitten jener Zeiten mussten solche Opfer, um von den Gottern mit Wohlgefallen aufgenommen zu werden, freiwillig, ja mit frohlichem Herzen dargebracht werden. Auch den ubrigen Anwesenden war jeder starkere Ausdruck von Schmerz und Betrubniss untersagt; das Schlachtopfer wurde mit Blumen bekranzt unter jubelnden Lobgesangen zum Altar gefuhrt, und sogar nach Vollendung der Ceremonie war es weder Verwandten noch Freunden erlaubt, den Tod der geliebten Aufgeopferten durch irgend eine sonst gebrauchliche Handlung oder Sitte zu betrauern. Weit entfernt also dass ein Maler, der eine solche Geschichte bearbeitet, seine Kunst im Ausdruck der verschiedenen Grade des Schmerzes und der Traurigkeit erschopfen durfte, besteht seine grosste Geschicklichkeit bloss darin, dass er die Umstehenden nicht mehr Theilnahme und Ruhrung zeigen lasse, als nothig ist, dass sie nicht als Unmenschen oder ganz gefuhllose Klotze dastehen. An die sinnreiche Idee, die Einbildungskraft der Anschauer erganzen zu lassen, was der Pinsel des Malers oder die Kunst des Schauspielers nicht vermochte, hat Euripides vermuthlich so wenig gedacht als ich. Es durfte doch wohl eine unerlassliche Pflicht des Kunstlers seyn, der Einbildungskraft so viel nur immer moglich ist vorzuarbeiten; auch erfordert es eben keine ausserordentliche Kunst, den hochsten Grad irgend einer Leidenschaft oder irgend eines Leidens mit Pinselstrichen auszudrucken. Aber gerade dieser hochste Grad ist dem Maler, wie dem Bildner, durch ein unverbruchliches Gesetz der Kunst untersagt, weil er eine Verunstaltung der Gesichtszuge bewirkt, die das edelste Angesicht in ein widerliches Zerrbild verwandeln wurde. Der Athener stutzte einen Augenblick uber diese authentische Erklarung aus dem Munde des Meisters selbst, der doch wohl am besten wissen musste was er hatte machen wollen; doch erholte er sich sogleich wieder, und versicherte uns mit einem grossen Strom von Worten: er sey gewiss, dass er den wahren Sinn der Verhullung errathen habe. "Das Genie (setzte er mit vieler Urbanitat hinzu) wirkt oft als blosser Naturtrieb, und selbst der grosste Kunstler, wenn er etwas unverbesserlich Gutes gemacht hat, ist sich nicht allemal der Ursache bewusst, warum es so und nicht anders seyn musste." Als wir wieder allein waren, lachten wir beide herzlich uber dieses kleine Abenteuer, und Timanth, dem dergleichen Kenner haufiger vorgekommen sind als mir, versicherte mich: es sey sehr moglich, dass das schiefe Urtheil dieses Menschen die offentliche Meinung von seiner Iphigenia auf immer bestimme, und ihm, lange, nachdem die Zeit das Gemalde selbst zerstort haben werde, noch Lobspruche zuziehe, die er sich schamen musste verdient zu haben.175
Der Umgang mit diesem liebenswurdigen Kunstler ist mir so angenehm, und zugleich so belehrend und zutraglich in Rucksicht auf meine Liebhaberei, dass ich mich nicht entschliessen kann, Samos eher zu verlassen, als bis er selbst abgehen wird. Er hat mir verschiedene wichtige Winke zum Vortheil meines sterbenden Sokrates gegeben, und ich hoffe ihr sollt es gewahr werden, dass mir ein solcher Meister zur Seite dabei gestanden hat.
Beinahe hatte ich vergessen, dir zu sagen, lieber Aristipp, dass ich mich bei Kriton und Cebes im Vertrauen erkundigte, ob man sich auf die Aechtheit der Gesprache, welche Plato dem Sokrates im Phadon zuschreibt, verlassen konne. Beide versicherten mich, es ware zwar die Rede von der geistigen Natur der Seele und von ihrem Zustande nach dem Tode gewesen; aber Plato hatte so viel von dem Seinigen eingemengt, und die Zusatze so kunstlich mit dem, was Sokrates wirklich gesagt habe, zu verweben gewusst, dass es ihnen selbst, wofern sie eine Scheidung vornehmen mussten, schwer seyn wurde jedem das seinige zu geben. Ebendasselbe sagte mir der wackere alte Kriton auch von dem Dialog, welchem Plato seinen Namen uberschrieben hat, und worin, unter anderm, die schone Rede der personificirten Gesetze, und uberhaupt die dialektische Form der Fragen und Antworten, ganz auf Platons Rechnung komme. Uebrigens haben diese beiden Dialogen viel Aufsehen in Athen gemacht, und wegen der klugen Schonung, womit die Athener darin behandelt werden, und des schonen Lichts, in welchem der sittliche Charakter des Sokrates darin erscheint, nicht wenig zu der gunstigen Stimmung beigetragen, welche dermalen uber ihn und seine Anhanger zu Athen die herrschende ist.
Du wurdest mir keine kleine Freude machen, Aristipp, wenn du deine beschlossene Reise nach Samos so beschleunigen wolltest, dass du Timanthen noch antrafest; wozu die Gelegenheit vielleicht nie wieder kommt. Auch Hippias erwartet dich mit Ungeduld.
65.
Aristipp an Lais.
Es bedarf wohl keiner Betheurung, schone Lais, dass wenn ich meiner Neigung Gehor gabe, Kleonidas nicht ohne mich nach Milet zuruckreisen sollte; auch schmeichle ich mir, nach dieser neuen Probe von Selbstuberwindung fur einen tapfern Mann bei dir zu gelten. Ich wurde nicht wenig stolz darauf seyn, wenn ich mir verbergen konnte, dass das Vergnugen, in meinen eigenen Augen einen desto grossern Werth zu haben, auch mit in Rechnung gebracht werden muss, und dass bei allen meinen Aufopferungen am Ende doch niemand gewinnt als ich selbst. Wird nicht die Freude des Wiedersehens um so uberschwanglicher seyn, je langer sie aufgespart wird?
Ich habe hier unvermuthet Gelegenheit gefunden, mich in einigen Wissenschaften zu uben, die mit in meinen Plan gehoren, und einem Manne, der nach der moglichsten Ausbildung trachtet, nicht nur zur Zierde gereichen, sondern der Seele selbst einen hohern Schwung und eine ganz andere Ansicht der Natur und des grossen Ganzen, in welches wir eingefugt sind, geben, als diejenige an welche wir durch ununterbrochnes Herumtreiben in dem engen Kreise des alltaglichen Lebens unvermerkt gewohnt werden. Ich liebe, wie du weisst, die Vielseitigkeit; ich kann zu gleicher Zeit die verschiedensten Dinge treiben, und mich mit den ungleichartigsten Menschen so gut vertragen, dass jeder mich fur seinesgleichen, oder wenigstens fur ein Subject von ganz guter Hoffnung gelten lasst. Hippias, bei welchem ich gewohnlich den Abend zubringe, wurde nicht begreifen, wie ich so viele Zeit mit Pythagoraischen Phantasten verderben konne, wenn er nicht glaubte, es geschehe bloss um sie auszuholen und mich am Ende desto lustiger uber sie zu machen: diejenigen hingegen, die er Phantasten nennt, wissen sich meinen Umgang mit Hippias nicht anders zu erklaren, als durch die Voraussetzung, dass ich hinter alle seine Sophistenkunste und Blendwerke zu kommen suche, um ihn und seinesgleichen zu seiner Zeit mit desto besserm Erfolge bekampfen zu konnen. Das Wahre ist indessen, dass ich von den Pythagoraern rechnen und messen lerne, und bei Hippias mich dem Vergnugen einer freien genialischen Unterhaltung uberlasse, die, ungeachtet ihrer anscheinenden Frivolitat, fur einen, der alles an seinen rechten Ort zu stellen weiss, immer lehrreich und nutzlich ist.
Du wirst finden, liebe Lais, dass Kleonidas durch seine zeitherigen kleinen Reisen unter den Griechen viel gewonnen hat. Mit seinen herrlichen Anlagen bedurft' es nur einiger aussern Veranlassungen, um sich zusehends zu entwickeln und auf einmal als ein vollendeter Mensch dazustehen. Ich rechne darauf, dass er dich meine Abwesenheit so wenig bemerken lassen wird, dass ich vielmehr bei jeder andern, als bei dir, Gefahr liefe ganzlich vergessen zu werden.
66.
Lais an Aristipp.
Kleonidas ist ohne dich zuruckgekommen, Aristipp, und der Gedanke, dass es Leute zu Milet gebe, die sich dadurch in ihrer Erwartung getauscht finden konnten, scheint nur sehr leicht uber deinen heroischen Busen hingeschlupft zu seyn. Du bist, sagt Kleonidas, bis uber die Ohren in Pythagorischen Zahlen versunken, studirst die Verhaltnisse der Saitenschwingungen auf dem Monokord, und bringst mit einem Zogling des beruhmten Philolaus176 ganze Nachte zu, auf der Zinne eines alten Thurms die Bewegungen der Planeten zu beobachten. Das alles ist schon und bewundernswurdig; und doch, wie schnell auch deine Lieblingsneigung, alles und wo moglich noch ein wenig mehr als alles zu wissen, zu einer so machtigen Leidenschaft angeschwollen seyn mag, eine kurze Unterbrechung wurde deinen Eifer nur verdoppelt haben, und die Reise von Samos nach Milet ist, fur einen so geubten Seefahrer wie du, etwas so Unbedeutendes, dass ich, um mir das Problem zu erklaren, am Ende doch genothiget bin, einen kleinen Sokratischen Iynx zu Hulfe zu nehmen der dich an den Samischen Boden fest zaubert. Hab' ich recht gerathen, so wirst du mir hoffentlich kein Geheimniss aus deinem Glucke machen, da du nicht zweifeln kannst, dass ich zu sehr deine Freundin bin, um nicht lebhaften Antheil daran zu nehmen.
67.
Aristipp an Lais.
Auf den kleinen Brief, den ich so eben von dir erhalte, schone Lais, ist nur eine einzige Antwort moglich, und um sie dir selbst zu bringen, gehe ich stehendes Fusses nach der Rhede, miethe ein Boot und schwimme zu dir hinuber. Mit aller meiner Eile habe ich doch nicht eher bei deiner Pforte anlanden konnen, als zu einer Stunde, wo ich Gefahr laufe dich in irgend einem schonen Traume zu storen. Ich habe einige Muhe gehabt deinen Pfortner zu erwecken, und noch grossere, von ihm eingelassen zu werden. Nur durch tausend Schwure, dass ich dir ohne allen Verzug Dinge von der grossten Wichtigkeit zu hinterbringen hatte, erhielt ich endlich von dem ehrlichen Paphlagonier, dass er eine deiner Dienerinnen wecken wolle, die dir, wenn sie anders nicht noch ungefalliger als der Pfortner ist, dieses Zeichen meiner Gegenwart uberreichen wird.
Antwort.
Diessmal, mein Lieber, hat dir deine Philosophie einen losen Streich gespielt; denn, unter allen moglichen Antworten auf mein letztes, bist du gerade auf die einzige gefallen, die du nicht hattest geben sollen. Oder woher konntest du wissen, mein voreiliger Herr, dass du mir nicht ungelegen kommest? Wie ist nun zu helfen? Das Beste ware wohl, wenn ich dich auf der Stelle wieder zuruckschickte; wenigstens ist es, was ich thun musste, wenn ich den Eingebungen deines bosen Genius Gehor gabe. Soll ich? Soll ich nicht? Es ist ein Ungluck, dass ich gerade keine bessere Rathgeberin bei der Hand habe, als die schelmische Euphorion, die zu den Fussen meines Bettes liegt, und, ich weiss nicht warum, deine Partei mit solcher Warme nimmt, dass ich eben so mehr dem Rath meines eignen Herzens folgen konnte, als dem ihrigen. Du gehst also wieder, nicht wahr? Es ware wirklich schon von dir, wenn es auch nur der Seltenheit wegen ware. Was will das unverschamte Madchen? Da guckt sie mir uber die Achseln in meine Schreiberei, und wie sie sieht, dass ich dir deinen Ruckpass schreibe, zieht mir nicht das unartige Ding die Schreibtafel unter den Handen weg und lauft mit ihr davon?177
68.
Lais an Aristipp.
Ich habe, seit einiger Zeit, einen Abend in jeder Dekade dazu bestimmt, eine Tischgesellschaft von Philosophen, Sophisten, oder Phrontisten178 (wenn du ihnen lieber einen Aristophanischen Namen gibst) bei mir zu sehen. Doch muss ich dir sagen, dass diese Benennungen in meinem Worterbuche nicht fur gleichbedeutend gelten. Jede bezeichnet mir eine besondere Classe der Hauptgattung, die man im gemeinen Leben mit dem allgemeinen Namen der Sophisten zu belegen gewohnt ist. Es gibt eine Art heller Kopfe, welche die Ausbildung einer glucklichen Anlage hauptsachlich dem Leben in der wirklichen Welt und den mannichfaltigen Gelegenheiten und Aufforderungen zum Nachdenken, die ihnen darin aufgestossen sind, zu danken haben. Sie zeichnen sich durch einen scharfern Blick in die menschlichen Angelegenheiten von den beiden andern Classen aus, welche gemeiniglich in der Welt um sie her so fremd und neu sind, als ob sie eben erst aus der beruhmten Platonischen Hohle179 hervorgekrochen waren. Jene sind meistens eben so vielseitig und geschmeidig als fein und an sich haltend; sie entscheiden selten, kleben nicht hartnackig an ihren Meinungen, widersprechen mit Bescheidenheit, glauben wenig zu wissen, und unterrichten oft mit ihrer Unwissenheit besser, als die positiven Herren mit ihrer Allwisserei. Ich gestehe meine Vorliebe zu den Mitgliedern dieser Classe, die eben nicht sehr zahlreich ist, und die ich, wiewohl sie die Philosophie nicht als ein Geschaft treiben, Philosophen in der eigentlichen Bedeutung des Worts nenne. Sophisten heissen bei mir euere Philosophen von Profession, die dem Speculiren bloss um des Speculirens willen obliegen, und bei gesellschaftlichen Gesprachen, wie interessant auch der Gegenstand seyn mag, keinen andern Zweck haben als Recht zu behalten. Gehen diese dialektischen Herren in der Grubelei so weit, dass sie genothigt sind, fur Begriffe, die niemand hat als sie, neue Worter zu erfinden, die niemand versteht als sie, so nenne ich sie Phrontisten. Ich habe nur einen einzigen dieses Schlags in meinen Cirkel aufgenommen, weil er seine Spinnenweberei mit einer drolligen Art von Laune treibt, und wenn die Unterhaltung einen gar zu ernsthaften und schwerfalligen Gang nehmen will, immer zu seiner eigenen Verwunderung Mittel findet, die Gesellschaft durch die sublime Absurditat seiner Behauptungen wieder in den rechten Ton zu stimmen. Um dem gewohnlichen Schicksal solcher Gesellschaften desto sicherer zu entgehen, werden ausser Kleonidas und Musarion immer auch zwei oder drei schone und geistvolle Milesierinnen aus Aspasiens Schule eingeladen, mit deren Hulfe es mir bisher noch so ziemlich gelungen ist, meine kampflustigen Symposiasten in den Schranken der Urbanitat zu erhalten.
In unsrer letzten Sitzung lenkte einer unsrer Sophisten das Gesprach auf die Frage, was das hochste Gut des Menschen sey? In allen Dingen immer nach dem Hochsten zwar nicht wirklich zu streben, aber wenigstens den Schnabel aufzusperren und darnach zu schnappen, ist, wie du weisst, eine angeborne Eigenheit der menschlichen Natur. Das Problem erregte also allgemeine Aufmerksamkeit, und verschaffte uns den ganzen Abend reichen Stoff zu mannichfaltiger Unterhaltung. Jede anwesende Person hatte ihr eigenes hochstes Gut, welches sie (vermoge eines andern unserer Naturtriebe) zum allgemeinen zu erheben suchte. Einer meinte, dieser Vorzug konne nur demjenigen Gute zuerkannt werden, das uns, auf der einen Seite, allen vermeidlichen Uebeln entgehen, und alle unvermeidlichen ertragen lehre; auf der andern uns in den Besitz des besten von allem Guten, dessen wir fahig sind, setze, und uns alles Uebrige entbehrlich mache; und diess konne, seiner Meinung nach, nichts anders als die Weisheit seyn.
Ein anderer behauptete, nur die Tugend vermoge das alles; und nachdem sie sich eine Weile daruber gestritten hatten, verglich sie einer meiner Philosophen, indem er klar machte, dass Weisheit und Tugend nur zwei verschiedene Ansichten und Benennungen einer und eben derselben Sache seyen; so dass endlich alle drei, zum Erstaunen der ganzen Gesellschaft, die ein solches Wunder noch nie gesehen hatte, friedlich ubereinkamen, die Sokratische Sophrosyne, welche Weisheit und Tugend zugleich bezeichnet, fur das hochste Gut zu erklaren.
Sophrosyne, sagte ein vierter aus der Familie des Hippokrates, ist Gesundheit der Seele; ein grosses und wesentliches Gut, aber ohne Gesundheit des Leibes doch nur die Halfte des hochsten Gutes. Gesundheit von beiden ist die nothwendige Bedingung des Genusses alles andern Guten, so wie das Gegentheil derselben alle andern Uebel in sich begreift: das hochste aller Guter ist also Gesundheit.
Nachdem der Enkel des grossen Hippokrates seinen Satz mit stattlichen Grunden ausgefuhrt hatte, nahm Kleonidas das Wort und bewies mit allem Feuer, womit ihn die Augen der gegen ihm uber sitzenden Musarion reichlich versahen, und mit grossem Beifall des weiblichen Theils der Gesellschaft: "das hochste Gut verdiene nur das genennt zu werden, dessen reinster Genuss uns den Gottern an Wonne gleich mache;" und nun berief er sich mit einem Ernst, der ein allgemeines Lachen erregte, auf das Gewissen aller Anwesenden, ob wir etwas anderes kennten, von welchem sich diess mit so viel Wahrheit sagen lasse, als die Liebe?
Wider beide erhob sich ein sechster, und bewies gegen den Arzt: "die Gesundheit konne schon darum nicht selbst das hochste Gut seyn, weil sie nur eine Bedingung des Genusses desselben sey;" gegen Kleonidas: "seine Behauptung konnte allenfalls nur von der glucklichen Liebe gelten;" und gegen beide: ein Gut, das nicht immer in unsrer Gewalt sey, konne nicht das hochste Gut des Menschen heissen. Indessen schien er ziemlich verlegen zu seyn, etwas Besseres aufzustellen, als der Hausmeister, der uns in den Speisesaal berief, einem meiner Philosophen Gelegenheit gab, mit einer scherzend ernsten Miene zu behaupten: wenn eine Gesellschaft von Reprasentanten des ganzen menschlichen Geschlechtes sich den ganzen Tag uber diese Frage gestritten hatte, so wurde eine wohlbesetzte Tafel sie endlich dahin vereinigen, dass alle wenigstens gerade so thun wurden, als ob sie die angenehmste Befriedigung der Esslust fur den hochsten Genuss hielten, den die Natur dem Menschen vergonne, so lange Zunge und Gaumen die empfindlichsten seiner Organe, und der Magen das grosse Rad bleibe, wodurch seine Existenz im Gang erhalten werde.
Ich muss der ganzen Gesellschaft die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass sie sich zwei Stunden lang, jedes in seiner Manier, beeiferte, der Hypothese des Philosophen Ehre zu machen. Mitunter wurde viel Schones zum Preis der Kochkunst gesagt, und (nicht ohne Grund, dunkt mich) behauptet: "Dass sie eine der ersten Stellen unter den schonen Kunsten verdiene, und einen der wesentlichsten Vorzuge des Menschen vor den ubrigen Thieren ausmache". Auch dem Erfinder des Weins wurde mit vieler Andacht ein schallender Lobgesang angestimmt, und der Becher der Freude war kaum dreimal herumgegangen, als verschiedene von unsern Weisen ziemlich naiv merken liessen, dass es nur einiger Aufmunterung von Seiten der schonen Milesierinnen bedurft hatte, um die Verfechter der Weisheit und Tugend uber die schmale Granzlinie der Sokratischen Sophrosyne hinuberzulocken. Als aber zum Schluss des Gastmahls der grosse Sesamkuchen180 aufgetragen wurde, bemachtigte sich der Phrontist (der unter dem Essen der stillste und geschaftigste von allen gewesen war) des Worts mit allgemeiner Einstimmung, und bewies uns, nachdem er seinen Kuchen einem hinter ihm lauernden kleinen Bedienten einzusacken gegeben hatte,181 aus voller Selbstuberzeugung: "das hochste Gut bestehe in dem Entschluss, freiwillig aller Dinge ausser uns zu entbehren, und den reinsten und vollstandigsten Selbstgenuss im blossen Daseyn zu finden." Zur Erlauterung dieses paradoxen Satzes brachte der Mann anfangs einige kurzweilige Dinge vor; z.B. einen Beweis, dass die Menschen durch eine kunstliche Verminderung der Ausdunstung und eine allmahliche Austrocknung des Magens zuverlassig so weit kommen konnten, bloss von Luft und Wasser zu leben; ingleichen dass das gesellschaftliche Leben und die Sprache als die zwei grossten Hindernisse unsrer Vervollkommnung anzusehen seyen, und es also ohne eine ganzliche Absonderung der Menschen von einander nie moglich seyn werde, zu jener reinen Existenz an sich selbst, und in sich selbst, und durch sich selbst und fur sich selbst zu gelangen, in welcher unser hochstes Gut bestehe. Dieser Unsinn schien eine Zeit lang die ganze Gesellschaft zu belustigen: aber als unser Phrontist, um uns desto grundlicher zu uberzeugen, sich von einer Abstraction zur andern empor arbeitete, und endlich so hoch uber die Region des Menschenverstandes hinauf gekommen war, dass er uns Erklarungen von Worten, wobei nichts zu denken war, und Worte fur Begriffe, die keinen Gegenstand hatten, geben wollte, wurde er durch einen allgemeinen Aufstand unterbrochen, und an das ewige Schweigen erinnert, das er sich durch seine Grundsatze selbst auferlegt habe. Alle ubrigen vereinigten sich nun in dem Wunsche, dass Aristipp zugegen seyn mochte, um den Ausspruch zu thun, welche der vorgetragenen Auflosungen des Problems die wahre sey, oder, wofern er keine dafur halte, uns seine eigene mitzutheilen.
Ich versprach, dich von allem Vorgegangenen zu benachrichtigen, und da ich dich fur zu bescheiden hielt das Amt eines Richters zu ubernehmen, dich wenigstens zu bewegen, uns deine Meinung von der Sache zu sagen. Ich verspreche mir von deiner Gefalligkeit, Freund Aristipp, du werdest nicht wollen, dass ich vergebens drei lange Stunden mit dem Schreibstift in der Hand auf meinem Faulbettchen gesessen haben soll. Ich darf nicht vergessen, dass wir uns ausbitten, die hiermit an dich gelangende Frage einer genauern Aufmerksamkeit zu wurdigen, und uns deine Gedanken, ohne Sokratische Ironie, in ganzem Ernst mitzutheilen.
69.
Aristipp an Lais.
Du hast wohl gethan, schone Lais, dass du mich ausdrucklich angewiesen hast, mich uber das seltsame Problem, womit dich deine gelehrte Tischgesellschaft neulich unterhalten hat, ernsthaft vernehmen zu lassen; denn ich gestehe, dass die Frage: "was das hochste Gut des Menschen sey?" in meiner Vorstellungsart etwas Lacherliches hat, und dass mir nie eingefallen ware, sie konnte von so weisen Mannern, wie die bartigen Genossen deiner sophistischen Symposien sind, in wirklichem Ernst aufgeworfen und beantwortet werden. Meine erste Frage bei jeder Aufgabe dieser oder ahnlicher Art, ist: wozu soll's? Bei dieser, dunkt mich, fallt es auf den ersten Blick in die Augen, dass es uns zu nichts helfen konnte, das Hochste zu kennen, da es uns doch, eben darum, weil es so hoch uber uns schwebt, unerreichbar ist. In dieser Rucksicht mochte wohl der Aesopische Fuchs, der die Trauben, die ihm zu hoch hingen, fur sauer erklarte, mehr praktische Weisheit gezeigt haben, als wir, wenn wir uns die Augen aus dem Kopfe gucken, um in einer so schwindlichten Hohe ein Gut zu entdecken, welches wir mit allen unsern Sprungen doch nie erschnappen werden. Beim Genuss eines Guten kommt es nicht auf die Grosse desselben, sondern auf unsre Empfanglichkeit an. Das erfreulichste aller Dinge, das Licht, ist fur den Blinden nichts; an der festlichsten Tafel des grossen Konigs kann der gierigste Fresser nicht mehr zu sich nehmen als sein Magen fasst; und einer Mucke kann es gleich viel seyn, ob sie aus einer Muschelschale oder aus dem Ocean trinkt. Du selbst, schone Lais, hast, indem du mir das Problem vorlegst, mit einem einzigen Aristophanischen Worte verrathen, dass die Unart der Menschen, "die Schnabel immer nach unerreichbaren Dingen aufzusperren," dir selbst eben so lacherlich ist als mir. Indessen du willst dass ich ernsthaft von der Sache spreche, und ich gehorche um so williger, da vielleicht am Ende doch ein Resultat herauskommen durfte, das die Muhe des Weges bezahlt, auf welchem wir es gefunden haben.
Vor allen Dingen also wollen wir uns erinnern, dass die Worter gut und bose (wie alle andern, welche irgend eine Beschaffenheit oder Eigenschaft, die wir den Dingen zuschreiben, bezeichnen) immer von solchen Gegenstanden gebraucht werden, welche nur in ihrer Beziehung auf uns, d.i. unserm Gefuhl, unsrer Einbildung oder unserm Urtheil nach, gut oder bose sind. Alles was ist, mag an sich sehr gut seyn; aber das braucht uns nicht zu kummern, denn es kann uns nichts helfen. Wir haben bloss zu fragen: ob ein Ding uns gut oder bose sey? das ist, ob es uns wohl oder ubel bekommen werde. Der Krokodil ist in der Leiter der Naturwesen was er seyn soll, und also in seiner Art so gut als ein anderes Thier; aber fur die Anwohner des Nils ist er ein sehr schlimmer Nachbar.
Die Frage, "was ist fur den Menschen gut oder bose," ist also immer eine mehr oder minder verwikkelte Aufgabe, bei deren Auflosung das meiste auf Ort, Zeit und Umstande ankommt. Dasselbe Wasser, das in Fassern und Krugen dem Seefahrer unentbehrlich ist, taugt nichts im Schiffraum; dasselbe Feuer, das auf dem Herde gut ist unsre Speisen zu kochen, wurde in einer angefullten Scheune grosses Ungluck anrichten; eben derselbe Trank ist dem Kranken Arznei, dem Gesunden Gift; oder in dieser Krankheit in kleiner Gabe heilsam, in einer andern, und in grosserer Portion genommen, todtlich. Ich zweifle sehr, oder ich behaupte vielmehr fur gewiss, dass man mir im ganzen Umfang der Natur, selbst unter den nutzlichsten und unentbehrlichsten Dingen kein einziges nennen konne, das auf andere Weise als unter gewissen Bedingungen und Einschrankungen gut fur uns ist. Das Namliche gilt von allen Beschaffenheiten, Natur- und Glucksgaben, die dem Menschen beiwohnen, wie von allen Lagen und Zustanden, worin er sich befindet. Vollkommene Gesundheit (ein so hohes Gut, dass ein Konig, wenn er von den naturlichen Strafen der Unmassigkeit gefoltert wird, sie mit der Halfte seines Reichs zuruckzukaufen wunscht) ist fur den, der sie missbraucht, eines der grossten Uebel. Schonheit, Witz, Talente, Reichthum, hohe Ehrenstellen, Macht, Scepter und Kronen, wie oft haben sie schon ihre Besitzer ins tiefste Elend und Verderben gesturzt? Ist doch sogar das Leben, die erste Bedingung alles Genusses, selbst nur bedingungsweise ein Gut, und wird taglich von vielen Tausenden entweder aus Pflicht oder zu Befriedigung dieser oder jener Leidenschaft in die Schanze geschlagen! Sogar Wahrheit, Gerechtigkeit, Weisheit und Tugend, wie schon und gut sie sich in der Idee dem Verstande darstellen, sind doch nicht unter allen Umstanden und Beziehungen, fur jeden Menschen in jeder Bedeutung des Worts, gut. So ist, z.B. nicht gut die Wahrheit zur Unzeit oder auf eine ungeschickte Art zu sagen; so ist nicht jedem gut, alles Wahre zu wissen; so ist moglich, dass ein gerechter Richter mir Unrecht thut, indem er mich nach einem gerechten Gesetze verurtheilt; so ist das hochste Recht zuweilen Unrecht; so gibt es keine Tugend, die fur den, der sie ausubt, nicht entweder durch irgend einen ausserlichen Umstand oder durch seine eigene Schuld zu einer Quelle von wirklichen Uebeln fur ihn selbst und andere werden konnte; so kann was an dem einen Weisheit ist, an einem andern Thorheit seyn, u.s.w. Wenn nun alles, was die Menschen gut nennen, nur unter gewissen Umstanden und Einschrankungen, also nur durch rechten und weisen Gebrauch wirklich gut fur uns ist; wenn das Gute unter gewissen Bedingungen zum Uebel, und aus gleichem Grunde, das Bose zum Gut werden kann: wird nicht, aller Wahrscheinlichkeit nach, eben dasselbe von jedem hohern, und so endlich auch von dem hochsten Gute gelten? Klingt es aber nicht widersinnig, dass das hochste Gut, bei veranderten Personen und Umstanden, das hochste Uebel seyn konnte?
Die bisherige Betrachtung scheint uns das glanzende Phantom, dem wir nachgehen, immer weiter aus den Augen geruckt zu haben. Lass' uns versuchen, ob wir ihm vielleicht auf einem andern Wege wieder naher kommen werden. Wir suchen das hochste Gut des Menschen. Die erste Frage musste also seyn: was ist der Mensch? Die Natur stellt lauter einzelne Menschen auf, und es fehlt viel, dass diese nichts als gleichlautende Exemplarien eines und ebendesselben Originals seyn sollten. Der Mensch ist also entweder bloss ein collectives Wort fur die sammtlichen einzelnen Menschen, vom ersten Paar, das aus dem Schooss der Erde oder des Wassers hervorging, bis zu den letzten, die das Ungluck oder Gluck haben werden, die nachste, unsrer Welt von den Pythagoraern geweissagte, Verbrennung zu erleben182, oder es bezeichnet einen idealischen Koloss, der aus dem, was alle Menschen gemein haben, gebildet ist, und wovon, nach Plato, der blosse Schatten durch die Ritzen unsers Kerkers in unsre Seele fallt, indess das Urbild selbst in der intelligibeln Welt der Platonischen Ontoos Ontoon183 wirklich vorhanden ist. Da ein blosser Schatten, zumal der Schatten eines bloss intelligibeln Dinges, ein gar zu dunnes, leeres und fluchtiges Unding ist, um ein brauchbares Resultat zu geben, so werden wir uns wohl an den ersten Begriff halten mussen, der als eine Prosopopoie184 des ganzen Menschengeschlechts betrachtet werden kann.
Um die Menschen, so wie sie als die regierende Familie im Thierreich wirklich und leibhaft auf dem Erdboden herumwandeln, so viel moglich mit Einem Blick zu ubersehen, wollen wir uns, mit deiner Erlaubniss, Laiska, in Gedanken entweder mit dem Trygaus185 des Aristophanes auf einen Balcon der Jupitersburg, oder auf die hochste Thurmspitze seiner Nephelokokkygia186 stellen, und dann sehen was zu sehen seyn wird. Das erste, denke ich, ist die erstaunliche Verschiedenheit dieser sonderbaren Thiere, die man unter dem collectiven Namen Mensch zu begreifen genothigt ist, da sie, bei der auffallendsten Ungleichheit unter sich selbst, gleichwohl von allen andern Thierarten zu stark abstechen, um zu einer derselben gerechnet werden zu konnen. Wir sehen einige in kleiner Anzahl, nackend oder nur sehr durftig bekleidet und mit Bogen, Pfeilen und Spiessen bewaffnet, in ungeheuren Waldern umherschweifen, wo ihr beinahe einziges Geschaft ist, die wilden Thiere zu verfolgen die ihnen zur Speise und zur Kleidung dienen. Andere finden wir an den Ufern grosser Seen beschaftigt, mit Angelruthen oder Netzen dem Wasser einen oft karglichen Unterhalt abzuverdienen. Wieder andere bringen unter mildern Himmelsstrichen ihr Leben mit Viehzucht und Hutung ihrer Heerden hin; und noch andere, genothigt die geringere Freigebigkeit der Natur durch strenge Arbeit zu ersetzen, sehen wir mit den ersten Anfangen des Ackerbaues, der Gartnerei, der Baukunst und Schifffahrt beschaftigt. Alle diese verschiedenen Menschengeschlechter leben in einer Art von thierischer Freiheit, mehr oder weniger armselig, oft kummerlich, aber wenn sie nur nothdurftig zu leben haben, mit ihrem Zustande zufrieden, weil sie keinen bessern kennen.
Was meinst du nun, dass diese Jager, Fischer, Hirten und Pflanzer, die sich noch glucklich preisen, wenn sie mit muhseliger Anstrengung aller ihrer Krafte sich des nothdurftigsten Unterhalts fur einige Tage oder Monate versichern konnen, was meinst du, dass sie sich fur eine Vorstellung von dem hochsten Gute machen? Frage sie, und du wirst horen, dass ihre uppigsten Wunsche nicht uber eine gluckliche Barenjagd, einen starken Fischzug, die Verdopplung ihrer Heerden, und eine reichliche Ernte hinausgehen; und erschiene ihnen ein Gott, der es in ihre Wahl stellte, was sie von ihm erbitten wollten, weder ihre Einbildungskraft noch ihre Vernunft wurde sie weiter fuhren, als zu der hohen Gluckseligkeit ihr Leben lang ohne Muhe, Gefahr und Arbeit die Forderungen ihres Magens befriedigen zu konnen.
Diese Naturmenschen machen indess, wiewohl sie vielleicht den grossten Theil des Erdbodens einnehmen, den kleinsten des Menschengeschlechts aus. Der weit grossere lebt in burgerlicher Gesellschaft, wenige in Freistaaten, wo anfangs die Noth, in der Folge das Verlangen nach Wohlstand, Reichthum und Ansehen, unter dem belebenden Einfluss einer durch weise Gesetze zugleich begunstigten und eingeschrankten Freiheit, alle Arten von Entwicklung der menschlichen Fahigkeiten, Leibes- und Geistes-Uebungen, Handarbeiten, Kunste und Wissenschaften hervorgebracht, und zum Theil auf eine bewundernswurdige Hohe getrieben hat. Diese uber ein grosses Stuck von Asien und Europa und die nordliche Kuste von Libyen verbreiteten, mehr oder weniger ausgebildeten Menschen scheinen, beim ersten Ueberblick, sich zu jenen rohen Kindern der Natur wie die Gotter zu den Menschen zu verhalten: forschen wir aber genauer nach, so werden wir uns bald uberzeugen, dass unter einer Myriade policirter Menschen neuntausend sind, die sich uberhaupt viel weniger glucklich, ja oft viel unglucklicher fuhlen oder wahnen, als jene nackten Waldmanner, Troglodyten187 und Ichthyiophagen188. Denn bei weitem die grossere Zahl lebt in Armuth und Mangel an allen Bequemlichkeiten; geniesst wenig oder nichts von den Fruchten des anscheinenden Wohlstands und Reichthums des Staats; muss, um einer kleinen Anzahl uppiger Mussigganger ein prachtvolles und wollustiges Leben zu verschaffen, uber Vermogen arbeiten, und sich oft schlechter nahren als die Wilden, und, damit an ihrem Elend nichts fehle, geduldig zusehen, wie die Mussigganger sich auf ihre Unkosten wohl seyn lassen. Nun frage ich dich abermal: was dunkt dich dass fur die neunzighundert Theile der policirten Menschheit nach ihrer eigenen Schatzung, das hochste Gut seyn werde? Wir wollen sie selbst nicht fragen; denn sie sind nicht unverdorben genug, uns, wie ihre Bruder in den Waldern des Atlas, Kaukasus und Imaus, die wahre Antwort zu geben. Aber rechne darauf, dass sie sich von keiner hohern Gluckseligkeit traumen lassen, als taglich zu leben wie die Freier der Penelope, oder die Hoflinge des Alcinous in der Odyssee, und, wie diese, aller Arbeit uberhoben zu seyn. Grobe sinnliche Befriedigungen bei nie abnehmender Gesundheit und Starke, und ein mussiges sorgenfreies Leben, diess ist's was sie sich als das hochste Gut denken, und hoher gehen weder ihre Wunsche, noch ihre dermalige Empfanglichkeit. Und warum nicht? da unter den ubrigen schwerlich zehn vom Hundert sind, in deren Busen, wenn Prometheus nicht vergessen hatte ihn durchsichtig zu machen, wir nicht eben dieselben Wunsche, nur mehr oder weniger verfeinert und auf alle ihre Leidenschaften ausgedehnt, erblicken wurden. Wenigstens lasst mich, was ich uber diesen Punkt bisher wahrgenommen habe, nichts anders glauben. Sinnlichkeit ist nun einmal die Grundlage der menschlichen Natur; essen, trinken und schlafen, das erste Bedurfniss, das erste Geschaft und das erste Vergnugen des Kindes, so wie das letzte des Greises, bei welchem das Wohlbehagen an den Vergnugungen des Gaumens in eben dem Verhaltniss zunimmt, wie das Vermogen andre Triebe zu befriedigen abnimmt und aufhort. Stelle einen jeden Sophisten, der diess nicht gestehen will, ohne dass er deine Absicht merken kann, auf die Probe, und du wirst schwerlich einen einzigen finden, der seine prahlerische Theorie nicht durch die That Lugen strafen wird.
Wie dann, Laiska? Dein scherzender Philosoph sollte also am Ende doch noch Recht behalten? Ja, und Nein, sage ich; und wenn diess widersinnig klingt, wer kann dafur, wenn der Mensch, seiner Centaurischen Natur nach, ein so widersinnisches Ding ist, dass mein Freund Plato sich und uns nicht besser zu helfen weiss, als durch den wohlmeinenden Rath, den thierischen Theil geradezu abzuwurgen, und den geistigen allein leben zu lassen. Meine Vorstellungsart erlaubt mir nicht, so streng mit der Halfte meines Ichs zu verfahren; und da diese Doppelnatur nun einmal mein dermaliges Wesen ausmacht, so denke ich vielmehr alles Ernstes darauf, einen billigen Vertrag zwischen beiden Theilen zu Stande zu bringen, mit dem Vorbehalt, falls es mir damit nicht gelingen sollte, mich auf die Seite der Vernunft zu schlagen, und vermittelst ihrer Oberherrschaft uber den animalischen Theil diese Sokratische Sophrosyne in mir hervorzubringen, die zwar nicht das hochste Gut, aber doch gewiss ein sehr grosses und zum reinen Genuss aller andern unentbehrlich ist. Im Grunde sollte jener Vertrag so schwer nicht zu stiften seyn, da die Natur selbst in beiden Theilen schon Anstalt dazu gemacht, und dem geistigen eine sonderbare Anmuthung zu dem thierischen, diesem hingegen, trotz seiner angebornen Wildheit, eine eben so sonderbare Willigkeit sich von jenem zaumen und regieren zu lassen, eingepflanzt hat. In der That kommt in dieser Rucksicht alles darauf an, dass das Thier, wenn es seine Schuldigkeit thun soll, fleissig zur Arbeit und zum Gehorsam angehalten, aber auch wohl behandelt, gut genahrt und hinlanglich gewartet werde. Sobald es merkt, dass der regierende Theil es wohl mit ihm meint, ist es folgsam und geschmeidig; wird ihm aber ubel begegnet, gleich fangt es an muckisch zu werden; beisst um sich, schlagt aus, spreizt, baumt und walzt sich, und lasst nicht nach, bis es den Reiter abgeworfen hat. Ist dieser uberhaupt nicht stark und verstandig genug den Zugel recht zu fuhren und sein Thier im Respect zu erhalten, was Wunder wenn es mit ihm durchgeht, und sich gerade so meisterlos auffuhrt, als ob es keinen Herrn uber sich erkennte?
Um diese Allegorie nicht zu lange zu verfolgen, bemerke ich nur, dass das Daseyn der Vernunft und ihr Einfluss auf unsre sinnliche oder thierische Natur sich, wie bei den Kindern schon in der fruhen Dammerung des Lebens, so bei allen, selbst den rohesten Volkern schon in den ersten Anfangen der Cultur vornehmlich darin beweist, dass sie (wofern nicht besondere klimatische oder andere zufallige Ursachen im Wege stehen) sich selbst und ihren Zustand immer zu verschonern und zu verbessern suchen. So langsam es anfangs damit zugeht, so schnell nimmt der Trieb zum Schonern und Bessern zu, wenn einmal gewisse Perioden zuruckgelegt sind, und die Vernunft selbst in ihrer Entwicklung einen gewissen Grad von Starke erreicht hat. Dass wir aber demungeachtet im Ganzen noch so weit zuruck sind, liegt wohl hauptsachlich an der Kurze unsers Lebens, welches in Verhaltniss mit allen ubrigen Bedingungen, unter welchen wir es empfangen, in viel zu enge Granzen eingeschlossen ist, als dass die Menschen (wenige Ausnahmen abgerechnet) grosse Fortschritte zur Verbesserung ihres eigenen innern und aussern Zustandes machen, oder etwas Betrachtliches zum allgemeinen Besten beitragen konnten: indessen zeigt sich doch von einer Generation zur andern ein gewisses, im Kleinen meist unmerkliches, aber im Grossen ziemlich sichtbares Streben nach dem, was man fuglich (wie ich glaube) den Zweck der Natur mit dem Menschen nennen kann. Und was konnte dieser anders seyn, als die immer steigende Vervollkommnung der ganzen Gattung, wozu jeder einzelne der einst da war, etwas (wie wenig es auch sey) beigetragen hat, und von welcher nun hinwieder jede neue Generation und jedes einzelne Glied derselben mehr oder weniger Vortheil zieht? Da nichts, was einmal da war oder geschah, ohne Folgen ist, also nichts ganz verloren geht; da jedes Jahrzehnt und Jahrhundert seine Versuche, Erfahrungen, Entdeckungen und Erfindungen den Nachkommenden zur Fortsetzung, Ausbildung, Verbesserung und Vermehrung uberliefert, so kann diess schlechterdings nicht anders seyn. Die Ruckfalle, die man von Zeit zu Zeit wahrzunehmen wahnt, die alte Sage, "dass nichts unter der Sonne geschehe," und die Abnahme der menschlichen Gattung, die man uns schon aus dem alten Homer erweisen zu konnen glaubt, sind nur anscheinend. Besondere Volker, einzelne Menschen konnen wohl in einigen Stucken schlechter als ihre Vorfahren werden; aber das Menschengeschlecht, als Eine fortdauernde Person betrachtet, der unsterbliche Anthropodamon189 Mensch, nimmt immer zu, und sieht keine Granzen seiner Vervollkommnung. Denn nur dem einzelnen Menschen, nicht der Menschheit, sind Granzen gesetzt.
Die Fortschritte, welche wir Griechen seit der Zeit da Europens Bewohner noch stammelnde Waldmenschen und Troglodyten waren, bis zu der Stufe, worauf wir dermalen stehen, gemacht haben, werden andre Menschen, vielleicht ganz andre Volker, nach uns in den nachsten Jahrtausenden fortsetzen, und unfehlbar wird eine Zeit kommen, wo die Menschen durch kunstliche Mittel sehen werden, was uns unsichtbar ist; wo sie Schatze von Kenntnissen, wovon sich jetzt niemand traumen lasst, gesammelt, neue Mineralien, Pflanzen und Thiere, neue Eigenschaften der Korper, neue Heilkrafte, kurz, unendlich viel Neues im Himmel, auf Erden und im Ocean entdeckt, und vermittelst alles dessen nicht nur unsre Erfindungen viel hoher getrieben, sondern eine Menge uns ganz unbekannter Kunste und Kunstwerkzeuge erfunden haben werden, u.s.w.
Nun, meine Freundin, sind wir auf der Hohe, von welcher aus wir uns, dunkt mich, uberzeugen konnen, dass die Aufgabe, die du mir zu losen gegeben hast, unauflosbar ist. Es gibt kein andres hochstes Gut (wenn man es so nennen will) fur den Menschen, als, "das zu seyn und zu werden, was er nach dem Zweck der Natur seyn soll und werden kann:" aber eben diess ist der Punkt, den er nie erreichen wird, wiewohl er sich ihm ewig annahern soll. Wo uber jeder Stufe noch eine hohere ist, gibt es kein Hochstes als tauschungsweise; wie dem, der einen hohen Berg ersteigen will, diese oder jene Spitze die hochste scheint, bis er sie erklettert hat, und nun erst sieht, dass neue Gipfel sich uber ihm in die Wolken thurmen. Alles, was fur einen Menschen in seinem dermaligen Leben (dem einzigen, das er kennt) gut ist, ist zur rechten Zeit, am rechten Ort, im rechten Mass, und recht gebraucht, fur den Augenblick das Hochste; fur den unsterblichen Menschen gibt es kein Hochstes als das Unendliche. Weiter, schone Laiska, habe ich's bis jetzt nicht bringen konnen, und ich zweifle nicht, dass viel daran fehlt, dass meine Antwort deinen Sophisten und Phrontisten genug thun sollte. Was mich selbst betrifft, ich habe nie nach hohen Dingen, geschweige nach dem Hochsten, getrachtet; und dafur haben mir die Gotter immer reichlich mehr gegeben, als ich zu begehren gewagt hatte. Von allen ihren Gaben die reichste ist, dass sie mich mit dir zu gleicher Zeit geboren werden liessen, mich mit dir zusammen brachten, und in der Stunde, da du mir deine Freundschaft schenktest, mich auf mein ganzes Leben zu einem der glucklichsten Sterblichen weihten. Musst' ich nicht Adrasteien190 zu erzurnen furchten, wenn ich meine Wunsche noch hoher zu treiben versuchen wollte?
Anmerkungen zum ersten Band.
Wieland hat zur Charakteristik Aristipps ein doppeltes Motto aus Horaz gewahlt, das erste aus einem Brief an Scava (Epp. I. 17, 23.): Gleich gut stand Aristippen, wie jegliche Farbe, das
Gluck an;
Hoher hinauf gern strebt' er, und dem, was begegnete,
fugsam.
Voss.
Das zweite aus einem Brief an Macenas (Epp. I. 1, 18.), welches Wieland selbst so ubersetzte:
Und statt mich selbst den Dingen
Zu unterwerfen, seh' ich wie ich's mache,
Sie unter mich zu kriegen.
Ein Auszug aus Wielands Anmerkungen (S. 5950) dazu wird hier gewiss zweckmassig als Einleitung dienen.
Die Philosophie, als die Kunst zu leben, heisst es, wurde bei den Griechen gleich andern schonen Kunsten behandelt; sie hatte ihre Meister und Schulen wie die Bildnerei und Malerei. Sokrates machte zwar selbst keine Secte eben weil er Sokrates war: aber alle nach ihm entstandenen philosophischen Schulen und Secten wurden von irgend einem der Seinigen gestiftet oder veranlasst. Plato, der beruhmteste unter seinen Anhangern, stiftete die Akademie, Aristoteles, der grosste Kopf unter Platons Schulern, das Lyceum. Aristipp machte sich zwar sein eigenes System, aber kann so wenig als Sokrates fur das Haupt einer Schule gehalten werden, wiewohl man ihn dazu gemacht hat.A1 Antisthenes wurde der Vater einer Secte, die mit dem wenig ruhmlichen Namen der Hundischen (Cyniker) sich gleichwohl in einiges Ansehen zu setzen wusste, und unter den Philosophen das war, was die Franciscaner unter den Monchen. Hundert Jahre nach Sokrates Tode wurden Zeno und Epikur, indem jener die Weltburgerschaft des Antisthenes, dieser den Egoismus des Aristippos zu rectificiren suchte, die Stifter zweier neuen Schulen, welche in kurzem uber alle ubrigen hervorragten, aber in allen ihren Begriffen und Grundsatzen Antipoden waren der Epikurischen und der Stoischen.
Von dem eigentlichen System des Aristippus wissen wir nur sehr wenig Zuverlassiges; denn seine Schriften sind verloren gegangen, und von den sogenannten Cyrenaern, seinen angeblichen Nachfolgern, lasst sich kein sicherer Schluss auf ihn selbst machen. In dem, was Diogenes Laertius von ihm zusammengestoppelt hat, sind die Anekdoten und Bonsmots das Beste, wiewohl darunter einige von verdachtigem Schlage vorkommen. Aber, wenn wir auch nichts von ihm wussten, als was uns Horaz sagt: so wurde diess, mit etlichen Zugen, die sich im Cicero, Plutarch und Athenaus finden, schon hinlanglich seyn, uns von der Denkart dieses Philosophen, der so wenig dazu gemacht war, gute Nachahmer zu haben, einen ziemlich reinen Begriff geben. Der Grund seiner ganzen Philosophie scheint folgendes Raisonnement gewesen zu seyn. Der Mensch weiss nichts gewisser als dass er ist, denn diess fuhlt er; und eben diess Gefuhl sagt ihm alle Augenblicke, was er ist, namlich ein Wesen, dessen Existenz eine Kette von angenehmen oder unangenehmen Empfindungen ist, die ihm entweder von aussenher kommen, oder die es sich selbst macht. Aus jenen erkennt er zwar, dass eine unendliche Menge von Dingen ausser ihm sind; aber was diese Dinge fur sich selbst sind, weiss er nicht; und da es ihn im Grunde nichts angeht, so soll er sich auch nichts darum kummern. Aber was er gewiss weiss, weil er's fuhlt, ist: dass ihm diese Dinge geradezu Lust oder Unlust machen, theils Gelegenheit geben, dass er sich selbst ihrentwegen plagt. Das letztere zu vermeiden, hangt sehr von seinem Willen oder doch von seiner Weisheit ab; denn seine Einbildungen und Leidenschaften sind in ihm selbst, und er kann also, wenn er will und es recht angreift, sehr wohl Meister uber sie werden. Was die Dinge ausser ihm betrifft, so mag er (wenn er kann) diejenigen vermeiden, die ihm Unlust machen, und diejenigen suchen, die ihm wohlthun. Kann er aber jene nicht vermeiden, ohne sich grossrer Unlust auszusetzen, so duldet er, wenn er weise ist, das kleinere Uebel um des grossern Guten willen; und eben so unterlasst er lieber ein Vergnugen zu suchen, wenn er weiss, oder sehr wahrscheinlich vermuthen kann, dass es mit mehr Unlust verbunden sey als das Gute daran werth ist. Unvermeidliche Uebel erleichtert er sich durch Geduld; alles Angenehme aber geniesst er, wenn es gleich mit einiger geringen Unlust verbunden ist; aber geniesst es als etwas Entbehrliches, wie einer eine Rose pfluckt, die an seinem Wege bluht; und da die meisten Dinge uns nicht durch das was sie sind, sondern durch das was wir ihnen geben, oder durch unsre Vorstellungsart, glucklich oder unglucklich machen, so gewohnt sich ein weiser Mann, die Dinge ausser ihm von der angenehmsten oder doch leidlichsten Seite anzusehen. Durch diese Art zu denken erhalt er sich frei und unabhangig, wahrend dass die ganze Welt sein ist. Er verschafft sich jedes Gut um den wohlfeilsten Preis, denn er gibt nichts Besseres darum hin; wird es ihm entzogen, so betrachtet er's als etwas, das nie sein war. Kurz, er kann alles geniessen, alles entbehren, sich in alles schicken, und die Dinge ausser ihm werden nie Herr uber ihn, sondern er ist und bleibt Herr uber sie. Die Zeit der Bluthe Aristipps fallt um die 100ste Olympiade, 380 Jahre vor Christus. Mit der 94sten Olympiade, 404 J. vor Ch., beginnt diese Schilderung Wielands, 4 Jahre vor dem Tode des Sokrates, 25 Jahre nach dem Tode der Perikles. Aristipp wird einige 20 Jahre alt angenommen, und kann fuglich nicht hoher angenommen werden, da er noch uber 60 Jahre nach des Sokrates Tode lebte.
1. Brief.
1 C y r e n e , K y r e n e (jetzt Kurin) die Vaterstadt der Philosophen Aristippos und Karneades, des Dichters Kallimachos und des Mathematikers Eratosthenes, lag in Afrika, auf der Westseite von Aegypten, an der Kuste des Mittellandischen Meeres, in einer hochst fruchtbaren Gegend. Griechen von der Insel Thera, unter Anfuhrung des Battos, hatten hier eine Colonie gestiftet, und Cyrene, wonach die ganze Landschaft Eyrenaika genannt wurde, oder auch, weit spaterhin noch vier Stadte hier angelegt wurden, Pentapolis (Funfstadt), erwuchs zu einem bluhenden Handelsstaat. Battos war der erste Konig dieses Grieger, die Battiaden, regierten von 631432 v. Chr. Im ersten Jahre der 87sten Olympiade, 431 v. Chr., endigte ihre Herrschaft, und Kyrene erhielt eine republicanisch-aristokratische Verfassung, bis Ariston Alleinherrscher wurde, der aber im Jahre 406 v. Chr. umkam. Diese Krisis fallt nun eben in diese Periode Aristipps. 2 Stadt auf der Insel Kreta. 3 Die beruhmte Argo, worauf die Argonauten von Thessalien aus nach Kolchis (Mingrelien) schifften. Auf die vielen Wundersagen, die von dieser Schifffahrt erzahlt werden, spielt Aristipp an. 4 Von den Musen Begeisterte, hier nicht ohne schalkhafte Anspielung auf die unten vorkommende Nympholepsie. 5 Oeffentliche Volks- oder National-Versammlung. 6 Oder Knossus Stadt auf der Nordkuste der Insel Kreta. Ausser dem beruhmen Labyrinth, woraus Ariadne den Theseus rettete, und von dessen Ueberresten Tournefort Nachricht gibt, war hier, dem Lactanz zufolge, auch Jupiters Grabmal zu sehen, wegen dessen aber Kallimachus die Kreter als arge Lugner schilt, indem ein ewig lebender Gott nicht begraben seyn konne.
2. Brief.
7 Die Staatsverfassung von Korinth war, seit der Alleinherrschaft Perianders, (des zweideutigsten unter den sieben Weisen) oligarchisch, d.i. die Regierung befand sich hauptsachlich in den Handen einer kleinen Anzahl alter und beguterter Geschlechter, deren Ursprung sich zum Theil in den heroischen Zeiten verlor, und die sich durch den Beinamen Eupatriden (Wohlgeborne) von den Plebejischen unterschieden. W. 8 Mina () eine fingirte Munze, welche 100
Drachmen enthielt und deren 60 ein Attisches Talent ausmachten. Man kann sie, ohne einen betrachtlichen Rechnungsfehler, fur 22 Reichsthaler Conventionsgeld annehmen. W. 9 Eine Stadt in der Peloponnesischen Provinz Elis, an deren Stelle aber die Stadt Olympia soll erbaut worden seyn.
3. Brief.
10 A k t a o n wurde, weil er die Minerva im Bade gesehen hatte, in einen Hirsch verwandelt, und von sei11 Bader. 12 I x i o n ward in der Unterwelt auf ein Rad geflochten, wo ihm taglich ein Geyer die, stets wieder wachsende, Leber (den Sitz der Liebe nach der Griechen Meinung) aushackt. 13 Einer der grossten Bildhauer, die aus der Schule des Phidias hervorgingen, ein Mitschuler und Rival des nicht weniger beruhmten Agorakritos, der von seinem Meister so leidenschaftlich geliebt wurde, dass dieser, um ihm einen Namen zu machen, viele seiner eigenen Werke fur Arbeiten seines Lieblings ausgegeben haben soll. (Denn diess will Plinius ohne Zweifel mit den Worten sagen: ejusdem (Phidiae) discipulus fuit Agoracritus, ei aetate gratus: itaque e suis operibus pleraque nomini ejus donasse fertur). Fur das schonste unter den Werken des Alkamenes, welche noch zu Plinius und Lucians Zeiten in Athen zu sehen waren, erklart der letztere (unstreitig ein elegans spectator formarum) eine in den sogenannten Garten ausser den Mauern von Athen aufgestellte Venus, welche uber eine andere, vom Agorakritus zu gleicher Zeit mit ihm in die Wette gearbeitete, den Preis erhielt, und von so hoher Schonheit war, dass die Sage ging, Phidias selbst habe ihr die letzte Vollendung gegeben. Diese Sage konnte aber wohl keinen andern so vollkommenes Kunstwerk nicht ohne Beistand seines Meisters zu Stande gebracht haben. Sie zeugt also bloss fur das grosse Talent des Alkamenes, und die vorzugliche Schonheit seiner Venus; denn dass Phidias wirklich die letzte Hand an sie gelegt habe, ist schlechterdings unglaublich, wenn die Anekdote von seiner ausserordentlichen Vorliebe zum Agorakritus wahr ist. In diesem Falle wurde Phidias sich beeifert haben, der Arbeit seines Lieblings den Vorzug zu verschaffen, und also das, was er fur Alkamenes gethan haben soll, vielmehr zum Vortheil des Agorakritus gethan haben. Eine von diesen beiden Sagen (deren auffallenden Widerspruch der Romische Compilator nicht zu bemerken scheint) muss also nothwendig grundlos seyn; und so ist es um die meisten, wo nicht um alle die Sagen beschaffen, die unter den Griechen uber ihre vorzuglichsten Personen beiderlei Geschlechts herumliefen. Das Schlimmste ist, dass beinahe alles vorgeblich Historische, was uns die alten Biographen, Anekdotensammler und Compilatoren, Diogenes von Laerte, Athenaus, Suidas u.s.w. von diesen Personen erzahlen, aus solchen Sagen besteht, welche grosstentheils aus der unreinen Quelle der alten Komodien- und Sillen-Schreiber geflossen zu seyn scheinen. W. 14 Freundin, bei uns Freudenmadchen. Dass sie in der Venus (Aphodite) war, unter dem besondern Schutze dieser Gottin standen, erinnert an die Sitte orientalischer Handelsplatze, wo es zum Tempeldienst gehorte, dass die Jungfrauen ihre Jungfraulichkeit einem Fremden opferten, wofur die Einkunste in den Tempelschatz flossen. 15 Die Auftauchende, heisst Venus, weil sie aus dem Meer entsprang, und als neugeborne Gottin zum Entzucken des ganzen Olymps daraus emporstieg. Eins der schonsten Gemalde des Apelles war unter diesem Namen bekannt. 16 E p o p t e n , hiessen diejenigen, die nach gehoriger Vorbereitung zum Anschauen der grossen Mysterien zugelassen worden. W. 17 I r i s (Regenbogen) Die Votin der Gotter und insbesondere Dienerin der Gotterkonigin fur Zofe uberhaupt gebraucht. W. 18 Eine unter dem Konig Darius zuerst gepragte. Persische Goldmunze, ungefahr vier Thaler sechs oder acht Groschen unsers Geldes werth. W.
4. Brief.
19 S. Wielands erste Anmerkung zu Horazens sechstem Brief im ersten Buche. 20 Sieg Durch die Siege bei Marathon und Salamin retteten die Griechen ihre Freiheit, die von Persiens Uebermacht bedroht war. 21 Nach denen die alle vier Jahre sich erneuernden Olympiaden als die gewohnliche Zeitrechnung der Griechen angenommen wurden, sind nach Einigen von Jupiter selbst oder den Kureten gestiftet, und nach einer Unterbrechung erst von Hercules, dann von Pelops, und zuletzt von Iphitus und Lykurgus, gegen 800 Jahre v. Chr. erneuert. Des Iphitus Verordnungen daruber waren auf einem Diskus eingegraben, den man im Junotempel zu Olympia aufbewahrte. Funf Tage in unserm Monat Julius waren dazu bestimmt, die ersten zum Ringen und Faustkampf, der dritte zu den sogenannten Funfkampfen (Pentathloi), Ringen, Faustkampf, Laufen, Werfen der Wurfscheibe (Diskus) und des Wurfspiesses, der vierte zum Wettlaufe zu Fuss und zu Ross, der funfte zum Wagenrennen. Die Beschuldigungen, welche Aristipp hier vorbringt, sind allerdings durch manche Zeugnisse bestatigt, und doch war. 22 Man sehe Manso's Abhandlung uber den Antheil, welchen die Griechen an den Olympischen Spielen nahmen, in der N. Bibl. der sch. Wiss. Bd. 47. Vergl. Bottigers Kunstmythologie S. 55. Abgerechnet alles, was sie als eine National-Versammlung wichtig machte, hatten sie auch im Geist ihrer Einrichtung viel Aehnliches mit den Turnieren, und verschafften einen Gottesfrieden, den man sogar symbolisch angedeutet hatte, denn beim Eintritt in den Tempel Jupiters erblickte man zur Rechten die Bildsaule des Iphitus, den die Ekechereia bekranzte, d.i. der Stillstand aller Feindseligkeiten zwischen allen Griechen, welcher wahrend dieser Tage eintrat. Nichtsdestoweniger hatte man vieles zweckmassiger einrichten konnen; dachte aber vielleicht daran, dass das Alte den Meisten heilig und das Gewohnte das Liebste ist; kurz, wie der Eleer, welchen Wieland nachher einfuhrt. 23 E r y x ein gewaltiger Sicilischer Faustkampfer (pyktes) der heroischen Zeit, welcher zuletzt, von Hercules uberwaltigt, dem Berge Eryx in Sicilien, wo er begraben wurde, den Namen gab. W. 24 "Der schonste der Manner, die gegen Ilion zogen." Il. II. 671. W. 25 Ein seiner Schonheit und Starke wegen beruhmter Athlet. W. 26 C e s t u s , hiess bei den Romern eine Art von Fechthandschuh aus dicken rindsledernen Riemen um den Arm und die Faust gewunden (auch wohl mit Blei gefuttert), womit die Faustkampfer (Pikten) ihre Hande bewaffneten. Die Griechen nannten diess , ohne einen besondern Namen fur den Cestus zu haben. W. 27 Die Griechen nannten alle nicht Griechisch redenden Volker Barbaren, ohne auf ihre mehrere oder mindere Cultur und Policirung dabei Rucksicht zu nehmen; wiewohl sie sich auch hierin grosser Vorzuge uber die ubrigen Erdebewohner bewusst waren, und mit einer gewissen Verachtung auf alle Nicht-Griechen herabsahen. W. 28 A t h l e t e n , hiessen mit einem gemeinsamen Namen alle Wettkampfer, welche bei offentlichen Spielen in den funferlei Kampfubungen, die unter dem pentathlos begriffen waren, um den Preis stritten; in engerer Bedeutung des Wortes wurden vorzuglich die Pankratiasten, d.i. die Ringer und die Fechter mit dem Kampfhandschuh (cestus), Athleten genannt. W. 29 S. oben Athleten. 30 Die Pythischen, wurden alle 5 Jahre dem Apollon, die zu Nemea, die Nemeischen, alle 2 Jahre Jahre dem Poseidon zu Ehren gefeiert. 31 S. die folgende Anmerkung. 32 Die Hellenen oder eigentlich sogenannten Griechen erkannten den Deukalion (einen Thessalischen Fursten, der ungefahr 1500 Jahre vor der christlichen Zeitrechnung gelebt haben soll) oder, genauer zu reden, seinen Sohn Hellen (von welchem sie ihren allgemeinen Namen fuhrten) fur ihren gemeinsamen Stammvater. Hellens Sohne, Dorus und Aeolus, und Ion, sein Enkel, gaben ihren Namen den drei Hauptasten in welche die altesten Hellenen sich theilten, und deren jeder in der Folge sich wieder in mancherlei Zweige verbreitete. Dorus bemachtigte sich (alten Sagen nach) der am Fusse des Parnassus liegenden kleinen Landschaft Doris; Aeolus und seine Nachkommen liessen sich in Elis, Arkadien und andern Gegenden der Halbinsel, die in der Folge den Namen Peloponnesus bekam, nieder; und nach Ion fuhrten die Bewohner von Attika den Namen Ionier, der sich nach Verlauf mehrerer Jahrhunderte in den beruhmtern der Athenaer (oder Athener) verlor. Diese drei Hellenischen Stamme gaben, als sie sich in der Folge auch an der westlichen Kuste von Asien anbaueten, den Provinzen Aeolis, Ionia und Doris, so wie den drei Hauptdialekten der Griechischen Sprache, ihren Namen. Das Gewisseste von allem diesem ist, dass in den Zeiten, wo die Geschichte der Griechen aufhort ein verworrenes und undurchdringliches Gestruppe von Mahrchen und widersprechenden Volks- und Stammsagen zu seyn, die ganze Hellas theils aus Dorischen theils aus Ionischen Volkern und Stadten bestand; dass unter jenen Lacedamon, unter diesen Athen als die ersten an Macht und Ansehen, gewohnlich diejenigen waren, an welche sich die ubrigen, freiwillig oder gezwungen, anschlossen; und dass zwischen diesen beiden Hauptstammen von jeher in Naturanlagen, Cultur, Mundart, Sitten und politischer Verfassung eine so auffallende Ungleichheit und eine so entschiedene Antipathie geherrscht hatte, dass sie hochst wahrscheinlicher Weise, ohne die wohlthatige Gegenwirkung der ihnen eigenen National-Institute, einander selbst lange vorher aufgerieben haben wurden, ehe sie die hohe Stufe von Cultur erreicht hatten, wodurch sie, sogar nachdem sie selbst eine Nation zu seyn aufgehort haben, die Gesetzgeber, Lehrer und Bildner aller ubrigen geworden sind. W. 33 Eharephon war ein vertrauter Freund des Sokrates. Dass er das Orakel Apollons zu Delphi wegen des Sokrates Weisheit befragte, berichten Platon und Xenophon in ihren Vertheidigungsschriften des Sokrates. In dem gegebenen Orakel hatte wohl durch die Pythia die das Orakel aussprechende Priesterin Ehargativ und vergleichungsweise gesprochen wie bei Platon und Xenophon, so war sie vollkommen sicher, niemals der Bestechlichkeit beschuldigt werden zu konnen. Und mir ist glaublicher, dass sie ihr Orakel eben so, wie jene sagen, und nicht wie es anderwarts angefuhrt wird, ausgesprochen habe. 34 Diesen Sohn von des Sokrates altem Freunde Kriton lernt man am besten aus Xenophons Gastmahl kennen. 35 Der in jungeren Jahren des Sokrates Umgang gesucht hatte, wurde nachher ausschweifend, und hatte mit Alcibiades nur das gleiche Streben und die schlimmen Eigenschaften, nicht aber die guten gemein. Mit hoher Einbildung auf Abkunft, Reichthum und Macht verband er Habsucht und Grausamkeit, die er als einer der von dem Spartanischen Feldherrn Lysander aufgedrungenen Dreissig-Manner so sehr bewies, dass es zwischen ihm und Sokrates zum offenen Bruche kam. 36 Die Einwohner dieser, zu der Gruppe der Eykladen im Aegeischen Meere gehorigen, Insel hatten mit den Athenern gerechten Krieg. Als sie sich endlich ergeben mussten, hieben die Athener fast alle junge Mannschaft nieder und verkauften Weiber und Kinder. Thuc. 5, 116. 37 Burg, Citadelle.
5. Brief.
38 Die Rennbahn, wo offentliches Pferd- und Wagenrennen gehalten wurde. W. 39 Oeffentliche Platze zu Leibesubungen, im Ringen, Werfen u.s.w. 40 Beschreibung d e s J u p i t e r v o n P h i d i a s Mit dem, was Wieland hieruber sagt, hat der, welcher die genaueste Belehrung wunscht, zu vergleichen die beiden Schriften uber den Tempel und die Bildsaule des Jupiters zu Olympia, von Volkel (Leipz. 1794) u. Siebenkees (Nurnb. 1795), dann aber vorzuglich Bottiger in den Andeutungen S. 93. fgg., und noch weit mehr in der Kunst-Mythologie S. 52. fgg. Wir werden noch einmal darauf zuruckkommen bei Wielands Abhandlung uber die Ideale der Alten. 41 Der Wolkensammelnde Beiwort des Zeus bei Hommer. 42 Anspielung auf eine allgemein bekannte Stelle im ersten Buche der Ilias, und auf die Sage, dass diese Stelle durch eine plotzliche Begeisterung das Ideal erschen Jupiter gearbeitet habe.
6. Brief.
43 (Gahnaffen, Maulaufsperrer). Voss ubersetzt: Gaffener Ein Spottname, welchen Aristophanes den Athenern gibt, um die sinn: und zwecklose Neugier, Leichtglaubigkeit und Unbesonnenheit, die zu den Hauptzugen ihres Volkscharakters gehorten, mit einem angemess'nen Worte (das von dem dummen Schnabelaufsperren der Ganse und der jungen Vogel, wenn sie von den Alten geatzt werden, hergenommen ist) zu bezeichnen. W. 44 Alles, was Aristipp in dieser und andern Stellen seiner Briefe von dem Aeusserlichen des Sokrates sagt, stimmt sowohl mit der Idee, die man sich aus verschiedenen Stellen im Xenophon und Plato von ihm machen muss, als mit den schonsten Sokrateskopfen auf antiken Gemmen sehr genau uberein; auch scheinen seine Bemerkungen uber die Physiognomie und uberhaupt uber das Eigene und Charakteristische an der Aussenseite desselben einen hinlanglichen Grund zu enthalten, warum er die bekannte, dem Cicero und Alexander von Aphrodisias so oft nachgebetete Anekdote von dem, was dem Sokrates mit dem Physiognomen Zopyrus begegnet seyn soll, wofern sie ihm auch bekannt war, keiner Erwahnung wurdigt. Uebrigens pflegte Sokrates selbst uber seine Silenenmassige Gestalt zu scherzen, und es ware lacherlich, ihn (wie einige gethan haben) der Schonheit seiner Seele zu Ehren, und dem Zeugniss seiner vertrautesten Freunde zu Trotz, zu einem Adonis machen zu wollen. Ich zweifle daher nicht, dass Epiktet, wenn er ihm zuschreibt (S. Arriani Diss.
Ep. IV. 11.), nicht mehr damit habe sagen wollen, als was Aristipp hier nur ausfuhrlicher und bestimmter (wie einem Augenzeugen zukommt) ausgedruckt zu haben scheint. W. 45 S. in einem der folgenden Bande Wielands Aufsatz uber Athens Verfassung. 46 Drei Obolen, etwa drei Kreuzer, erhielt seit Perikles jeder Burger, der an den Volksversammlungen Theil nahm. 47 Was man damals zu Athen einen
Kalokagathos nannte, war mit dem, was die Englander a Gentleman, und die Franzosen un galanthomme nennen, ziemlich gleichbedeutend. Oefters bezeichnet es auch so viel als eine Person von vornehmer Geburt und Erziehung. In der moralischen Bedeutung, da es so viel als schongut, oder gutedel heisst, scheint es vom Sokrates zuerst genommen worden zu 48 Ein Beiname der Athener, von Cekrops, dem ersten Stifter der Stadt Athen, welche anfangs nach ihm Cekropia genannt wurde. W. 49 Gastmahle. Die Sokratischen kennt man aus zwei Schriften Platons und Xenophons unter diesem Titel.
7. Brief.
50 S o p h i s t , entspricht in seiner ersten Bedeutung dem, was wir einen Virtuosen nennen. Seitdem in des Sokrates fruhesten Lebensjahren zuerst Zenon aus Citium, ein Philosoph aus der Eleatischen Schule in Unter-Italien, nach Athen kam, um, fur gute Zahlung, die Theile der Philosophie zu lehren, die hauptsachlich mit der Rednerkunst in Verbindung stehen (Dialektik), nannten er und seine Nachfolger sich Sophisten, welcher Name erst verrufen wurde durch der spatern prahlerisches Scheinwissen und unredliche Verdrehungskunste, die hauptsachlicg Sokrates und seine Schule aufzudecken beflissen waren. Sokrates setzte daher auch den Namen der Philosophie (Liebe der Weisheit) als einen bescheidneren dem der Sophistik entgegen. Bei Pythagoras, der sich des Namens der Philosophie zuerst bediente, hatte sie noch die Sokratische Bedeutung nicht. 51 Was Aristipp hier sagt, wird durch eine bekannte Stelle im Theatetus des Plato bestatigt. 52 Der gerechte und ungerechte Vortrag. Man sehe daruber Wieland im Attischen Museum Bd. 2 Hft. 3. S. 98 fgg., wo er den Scholiasten dahin erklart, dass Aristophanes die beiden Kampfer in besiederten Masken, die ihnen auch das aussere Ansehen von Streithahnen gaben, habe auftreten lassen. 53 Die ehrwurdigen Chariten (Holden), jedes Werk im Himmel ordnend. 54 A n a x a g o r a s , kann als der letzte Philosoph aus der sogenannten Ionischen Schule betrachtet werden. Die zu ihr gehorigen Philosophen nannte man Physiker (Naturphilosophen) und ihre Philosophie auch die physische, weil sie hauptsachlich darauf ausging, Ursprung und Wesen der Natur zu erklaren. Anaxagoras und der Sophist Zenon brachten zu gleicher Zeit, jener die Ionische, dieser die Italische Philosophie nach Athen, wo, besonders durch Sokrates und seine Schuler, aus beiden die neue Attische sich bildete. Wenn hier dem Anaxagoras vorgeworfen wird, dass er das Studium der Natur auf einem falschen Wege gesucht habe, so ist diess nur zum Theil wahr, und Sokrates verdankte zuverlassig sowohl seinen physikotheologischen Beweis fur die Weisheit trachtung der Natur dem Anaxagoras, der unter den Griechen zuerst die Einheit Gottes als einer von der Welt verschiedenen hochsten Intelligenz lehrte. 55 Volksleitung.
8. Brief.
56 Fortleitung, nennt man diejenige Lehr- oder Beweisart, welche von einem Einzelnen ausgeht und so viel Gleiches nach einander hinzubringt, dass daraus das ihnen gemeinsame Allgemeine gefolgert werden kann. Neben der Induction bediente sich Sokrates aber auch der Analogie, zufolge welcher aus der Gleichheit in Mehrerem auf Gleichheit des Ganzen geschlossen wird.
Sehr treffend unterscheidet Wieland hier des Sokrates Lehrmethode von seiner Streitmethode, der Ironie, die man mit einander so sehr verwechselt hatte, dass wenig fehlte, man hatte allen Katecheten Ironie zugemuthet. Vielleicht hat man's gar gethan.
Nur in dem, was Wieland hier von der Sokratischen Seelen-Entbindungskunst (Maeutik) sagt, scheint er mir nicht erschopfend: es ist jedoch hier der Ort nicht, das Gesagte zu berichtigen. Darum genuge die Bemerkung, dass diese zusammenhangt mit seinem Glauben an Praexistenz der Seelen und mit dem Satze, dass unser Erlernen ein Wiedererinnern sey. Bei der Untersuchung wird man von dem Satze ausgehen mussen, dass sich auch eine Seele nur von dem entbinden lasst, was sie in sich wirklich von Natur hat. Die Maeutik kann sich daher nur auf mathematische und philosophische Erkenntnisse, nicht aber auf empirische und historische Kenntnisse beziehen, woraus von selbst folgt, dass man mit Induction und Fragkunst (Erotematik) dabei nicht auskommt. 57 Dieses Gesprach zwischen Sokrates und Euthydemus ist von Wort zu Wort das nehmliche, welches im sechsten Abschnitt des vierten Buchs der Sokratischen Denkwurdigkeiten zu lesen ist. Aristipp sowohl als Xenophon erzahlen es, als ob sie dabei zugegen gewesen, welches sehr wohl Statt haben konnte, da Xenophon sich nicht eher als im vierten Jahre der vierundneunzigsten Olympiade von Athen entfernte, um unter den Griechischen Hulfstruppen, welche der jungere Cyrus zum Behuf seiner Unternehmung gegen den Konig seinen Bruder angeworben hatte, Dienste zu nehmen. Xenophon und Aristipp konnten sich also etliche Jahre lang ofters in Gesellschaft des Sokrates gesehen haben, wiewohl die grosse Verschiedenheit ihrer Sinnesart, und der Umstand, dass Xenophon damals schon ein Mann von funfzig Jahren war, und uberhaupt einen ganz andern Weg im Leben ging als immer fremd und gleichgultig geblieben; nur mit dem Unterschied, dass dieser Mangel an Sympathie Aristippen nicht verhinderte, dem Xenophon bei jeder Gelegenheit Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen, dieser hingegen in mehr als einer Stelle der Memorabilien eine Abneigung gegen jenen verrath, die sogar der Billigkeit Abbruch thut, welche man sonst in seiner Art, selbst von sehr tadelhaften Menschen zu urtheilen, wahrnehmen kann.
9. Brief.
58 Die Wielandische Uebersetzung dieser Komodie des Aristophanes s. in dem Attischen Museum Bd. 2. An die nun auch erschienene Vossische darf ich wohl nicht erst erinnern. 59 Funf Jahre vor Sokrates auf der Insel Kos geboren, ein Pythagorischer Philosoph, schrieb erst in seinem Alter Komodien, deren 52 von ihm aufgezahlt werden. Man kennt aus ihnen nur noch mehrere Sittenspruche, und es lasst sich freilich erwarten, dass ein Phytagoraer nicht in den uns so anstossigen Ton der ubrigen Komiker Athens werde eingestimmt haben. Solcher Sittenspruche fuhrt Sokrates dem Aristipp selbst, in einem Gesprach mit demselben, einige an. 60 K r a t i n u s , E u p o l i s Zwei, mit Aristophanes gleichzeitige Komiker, der erste viel alter, aber selbst einem Aristophanes als Gegner furchtbar; der zweite jungere scheint mit ihm in gutem Vernehmen gestanden, und ihm sogar in Einigem Beistand geleistet zu haben. Ueber sie und uberhaupt uber die Attischen komische Buhne muss man nachlesen A.W. Schlegels Vorlesungen uber dramatische Kunst und Literatur Bd. 1. S. 268 fgg., und Kanngiesser: die alte komische Buhne in Athen. 61 Eine Art ausserordentliches Gericht, worin das versammelte Athenische Volk einen Burger, dessen Gegenwart und Einfluss sie der Republik fur schadlich hielten, auf eine bestimmte oder unbestimmte Zeit des Landes verwiesen; ubrigens seiner Ehre und seinem Vermogen unprajudicirlich. W. 62 Helia hiess ein offentliches Gebaude zu Athen, wo das hochste Gericht uber Staatshandel und Staatsverbrechen, gewohnlich aus 500, in wichtigen Angelegenheiten aus 1000, 1500 bis 2000, auch wohl aus noch mehr tausend Burgern bestehend, seine Sitzungen hielt. Diese Richter hiessen daher Heliasten. Sie wurden jedesmal ad hoc erwahlt, und ihre Anzahl hing von dem Gutbefinden der sechs untersten Archonten ab. W. 63 Die 50 Glieder des Senats der 500 zu Athen, welche 36 Tage lang das Prasidium fuhrten, und wahrend dieser Zeit, da sie den geheimen Rath der Republik ausmachten, im Prytaneion auf Kosten des Staats bekostiget wurden. W. 64 Die besondern Umstande dieser Anekdote sind in Xenophons Sokratischen Denkwurdigkeiten, im zweiten Kapitel des vierten Buchs, ausfuhrlich zu lesen. W. 65 Menschen, deren Stamm das Land, wo sie wohnen, von jeher innegehabt, und also gleichsam von selbst, wie die Baume, aus dem Erdboden hervorgewachsen war. Die Bewohner von Attika wussten sich viel damit, solche Autochthonen zu seyn. W. 66 Anspielung auf den Charakter, welchen Aristophanes in seinen Rittern dem unter dem Namen Demos personificirten souveranen Pobel zu Athen beigelegt, besonders auf die Verse im ersten Act, welche ich fur diejenigen, die das Original selbst nicht lesen konnen, aus meiner Uebersetzung (im zweiten Buch des Attischen Museums) hierher setze. Demosthenes und Nikias sagen den Zuschauern:
Uns beiden ward ein ziemlich seltsamer
Patron zu Theil, ein sauertopfischer
Viel Galle macht, auch etwas ubel hort,
Kurz, ein gewisser Demos aus dem Pnyx,
Ein grilliger, griesgram'ger, alter Kauz.
67 Diess bezieht sich auf die Nachricht des Grammatikers, der den Inhalt der Wolken abgefasst hat, dass Aristophanes von des Sokrates nachmaligen Anklagern Anytus und Melitus gedungen worden sey, diess Stuck zu schreiben. 68 Die Athener wollten neun Heerfuhrer, weil sie die in der Seeschlacht bei Arginussa gebliebenen Burger nicht aufgesucht und begraben hatten, zum Tode verurtheilen. Diesem ungerechten Ausspruch widersetzte sich der einzige Sokrates mit unerschutterlichem Muthe, trotz aller Drohungen der Anklager sowohl als des Volks, ihn selbst vor Gericht zu ziehen.
Ueber den in diesem Briefe verhandelten Gegenstand hatte Wieland fruher im Attischen Museum eine besondre Abhandlung geliefert: Versuch uber die Frage: ob und inwiefern Aristophanes gegen den Vorwurf, den Sokrates in den Wolken personlich misshandelt zu haben, gerechtfertigt oder entschuldigt werden konne? (Bd. 3. S. 57100) Gegen Wielands hierin gefalltes Urtheil uber Aristophanes hatte sich der Herdem asthetischarchaologischen Worterbuch, und konnte Wielanden zufalliger Weise diess erst zeigen, als es abgedruckt war. "Habe ich, sagte er, diess alles gesagt, so hatten Sie Recht, es zu bestreiten: mir ist aber, als hatte ich ziemlich dasselbe gesagt, was Sie gegen mich geltend machen." Nach etlichen Tagen gab er mir die Nachricht, dass ihm die Sache keine Ruhe gelassen habe, und wies mir nun diesen, von mir ubersehenen, Brief Aristipps nach; ich liess hierauf ein Blatt umdrucken. Was die Sache betrifft, so hatte noch angefuhrt werden mussen, dass ja auch andere Komiker vor Aristophanes schon den Sokrates auf die Buhne gebracht hatten, und daruber ist nachzusehen Kanngiesser a.a.O. zu Ende.
10. Brief.
69 Er scheint sogar nicht ohne Anlage zu Schwarmerei gewesen zu seyn, da er zuweilen in Entzuckungen gerieth, worin er sich seiner selbst nicht bewusst war. Ueber das von Wieland Angefuhrte s. Xenoph. Memor. Socr. 1, 1. 2, 6. 4, 3. 7.
11. Brief.
70 (Das Konigthum, oder die hochste Staatsgewalt, personificirt) Die Basileia, auf welche Aristipp anspielt, ist nicht die (angeblich historische) Tochter des Uranos und der Titaa, deren alberne Legende Diodorus Siculus im 3ten Buche seiner Universalgeschichte erzahlt; sondern die Basileia, die in den Vogeln des Aristophanes, kraft eines zwischen den Vogeln und Gottern geschlossenen Friedens, mit dem Peisthetaros vermahlt wird, um ihm die Oberherrschaft uber die Welt durch diese Verbindung zu versichern. W. 71 T y r a n n , im Griechischen Sinn ist Alleinherrscher, welcher die Regierung sich angemasst hat, Usurpator; er kann dabei der mildeste und gerechteste Regent seyn, ist es aber nicht verfassungsmassig.
12. Brief.
72 Einer der sieben Weisen Griechenlands, hatte den Denkspruch: ich trage all das Meinige bei mir namlich seine Weisheit.
13. Brief.
73 (Stadion) Das gewohnliche Mass der Ortsentfernung, dessen sich die Griechen bedienten. Nach der Berechnung des Abbe Barthelemy betragt ein Stadium ein Achtel einer Romischen Meile, oder 941/2 Franzosische Toisen; also 5000 Stadien gerade 189 Franzosische Meilen, zu 2500 Toisen. W. 74 Fest des Poseidon oder Neptuns. W. 75 Was von wahrer Geschichte derselben noch auszumitteln war, findet man zusammengestellt von Fr. Jacobs in seinen Beitragen zur Geschichte des weiblichen Geschlechts. S. Wielands Attisches Museum Bd. 3. S. 173 fgg., und uber ihr Verhaltniss zu Aristipp insbesondere S. 233. fg. 76 Eine Tochter des Priamos, besass die Gabe der Wrissagung. 77 I y n x (der Vogel Wendehals) Ein bei den Alten beruchtigtes Zaubermittel, dessen sich die vorgeblichen Zauberkunstler, Thessalischen Hexen und ihresgleichen bedienten, um durch magische Gewalt verschmahten Liebhabern Gegenliebe zu verschaffen. (S. Theokrits Pharmaceutria, wo der Iynx gleichsam die Hauptrolle spielt.) In metaphorischem Sinn ist also dieses Wort mit Liebreiz, insofern er etwas zauberisch Anziehendes ist, einerlei. W. 78 Eine Talismanische Pflanze von Homers Erfindung (Odyss. X.), welche Ulysses vom Mercur als ein Gegenmittel gegen die Bezauberungen der schonen Circe erhielt. W. 79 Mit dem Namen des grossen Konigs bezeichneten die Griechen den Konig von Persien, als den damals machtigsten Monarchen.
14. Brief.
80 Diese von dem Sophisten Prodikus herruhrende allegorische Erzahlung ist hinlanglich bekannt, und es bedarf daher hier nur der Bemerkung, dass Sokrates dieselbe mitgetheilt hat in einem Gesprach, das er mit Aristipp hielt, in Xenophons Denkwurdigkeiten des Sokrates das erste im zweiten Buch. Eine Uebersetzung desselben hat auch Wieland im dritten Band des Attischen Museums S. 124 geliefert, und man darf, zur Wurdigung Aristipps, die von Wieland beigefugten Anmerkungen nicht ubersehen, besonders nicht die erste uber das Verhaltniss zwischen Xenophon und Aristipp. 81 Kluge Massigung. 82 Hippolytus, einigen unsrer Leser aus dem Euripides, andern aus der Phedre des J. Racine oder aus seinem Nachbilde Silvio im Pastor Fido des Guarini bekannt. W. 83 Das Frauengemach, der Harem bei den Turken, Persern, u.s.w. W. 84 Eine Hetare, die zuletzt mit einem Thessalischen Konige vermahlt wurde. 85 Die Erzahlung, welche Aristipp seiner Freundin von dem Besuch des Sokrates bei der schonen Theodota macht, stimmt in allem Wesentlichen genau mit der Xenophontischen im eilften Kapitel des dritten Buchs der Memorabilien uberein; wenigstens ist der Unterschied nicht grosser als er gewohnlich zu seyn pflegt, wenn ebendieselbe Begebenheit von zwei verschiedenen Augenzeugen erzahlt wird. W.
15. Brief.
86 Ueber das Zeitalter dieses, nachst Praxiteles beruhmtesten, Marmorbildners sind die Alterthumsforscher durch Plinius sehr in Verlegenheit gesetzt worden, indem dieser ihn bei der 87sten und bei der 107ten Olympiade namhaft macht. Die Stelle bei Plifur fehlerhaft erklart, und so konnte Wieland den Skopas, dessen Bluthe gegen Ol. 100 fallt, hier wohl als einen jungen Kunstler einfuhren. Seine Hauptwerke fuhrt Plinius an 36, 4, 7, und die von Wieland angefuhrten durften wohl in etwas spatere Zeit zu setzen seyn. Bottiger (s. dessen Andeutungen S. 155 fgg.) sagt: in den Figuren des Cupido und dem Genius der Zartlichkeit und der schmachtenden Sehnsucht (Eros, Himeros, Pothos), die Pausanias noch in Megara sah, wurde er Schopfer mehrerer allegorischer Wesen, die man spater unter den Amorinen- und Psyche-Spielen nicht immer genau genug unterschieden oder wohl gar mit Eros und Anteros (Liebe und Gegenliebe) verwechselt hat.
16. Brief.
87 Offenbar will Wieland durch diese beiden Worte einen Gegensatz andeuten, und man konnte glauben, dass er an Moritz gedacht habe, wenn er die von demselben angegebene Rection befolgt hatte, namlich: es dunkt mich, und es daucht mir. Dunken, sagt er, ist etwas, das sich mehr in uns selbst und aus dem vorhergehenden Zustande unserer Seele entwickelt; es bezeichnet eine dunkle Erinnerung oder ein dunkles unwillkurliches Urtheil, dessen wir uns selbst noch nicht Urtheil, sondern es ist beinahe als ob es sich selbst fallte, und wir uns leidend dabei verhielten. Dauchten hingegen ist etwas, das erst von aussenher durch einen sinnlichen Gegenstand in unsrer Seele erweckt wird. S. deutsche Sprachlehre in Briefen, 4te Aufl. S. 200 fg.
17. Brief.
88 In dem bei Br. 14 angefuhrten Sokratischen Dialog erklart sich Aristipp gegen Sokrates fur einen Weltburger. Wieland bemerkt dabei uber des Sokrates Antwort: "Ich weiss nicht, ob man einem Menschen, der etwas besser als der unterste unter allen ist, etwas Harteres und zugleich Groberes sagen kann, als was Xenophon den Sokrates hier dem armen Aristipp ins Gesicht sagen lasst; und Aristipp erscheint, durch die gute Art, wie er diese Attische Urbanitat, aus Ehrerbietung vor dem alten Sokrates, ertragt (vermuthlich gegen Xenophons Absicht), in einem vortheilhaften Lichte. So viel kann doch wohl Sokrates sich uber Aristipp, der nicht etwa ein armer Schlucker, sondern ein Fremder von gutem Hause und Vermogen war, nicht herausgenommen haben, wenn er ihn im Ernste gewinnen wollte." Es konnte hiebei leicht von drei Seiten gefehlt seyn. Aristipp kundigt seinen Kosmonen Staat binden, sondern uberall wie ein Fremder leben wolle, was denn freilich die eigennutzigste Art von Weltburgerschaft ware; Sokrates hatte in Beziehung auf Menschenrechte und Burgerpflichten etwas beschrankte Grundsatze; und Xenophon stellt uberall den Aristipp in Schatten, und kann nur nicht vermeiden, ihn doch als den selbststandigsten Schuler des Sokrates darzustellen, da er sich auf Platon nicht einlasst.
19. Brief.
89 Wortkargheit, wie sie den Lacedamoniern eigen war. 90 Aufseher, obrigkeitliche Wurde in Sparta. 91 Ein ziemlich beissende Anspielung auf ein eben so ungerechtes als unkluges Unternehmen der Athener, welches noch in frischem Andenken war.
20. Brief.
92 In der Attischen Stadt Eleusis, wo Ceres den Triptolemos zuerst im Ackerbau unterrichtet hatte, wurde zum Andenken an diese fur die fortschreitende Bildung so wichtige Begebenheit alle funf Jahre ein Fest welches mit besondern Mysterien verbunden war. Zu den Feierlichkeiten dieses neun Tage dauernden Festes gehorte auch eine Procession, welche dn heiligen Korb (Kalathus) nach dem Tempel fuhrte. Erlesene Jungfrauen, in Korbchen auf dem Haupte die Heiligthumer tragend, folgten. sie hiessen davon Kanephoren oder Korbtragerinnen. 93 Wenn es Grund hatte, dass eine Venus des Skopas den Beinamen Pothos (Begierde, Sehnsucht) gefuhrt hatte, wie Caylus in seiner Abhandlung de la sculpture et des sculpteurs anciens selon Pline sagt, so konnte man glauben, dieser Scherz der schonen Lais hatte zu jenem Beinamen Anlass gegeben. Aber Aphrodite konnte ohne einen Barbarism, den die Griechische Sprache nicht ertragt, keinen mannlichen Beinamen, wie ist, fuhren. Auch sagt Plinius nicht, dass die Venus des Skopas Pothos geheissen habe; er nennt bloss, indem er eine ziemliche Anzahl der vorzuglichsten Werke dieses Kunstlers aufzahlt, eine Venus, einen Pothos und einen Phaethon, vor allen ubrigen: is (Scopas) fecit Venerem et Pothon et Phaethontem, qui Samothraciae sanctissimis ceremoniis coluntur. (H.N. XXXVI. 5.) Wie dieser Pothos aber eigentlich gebildet gewesen, und vornehmlich wie er nebst dem Phaethon zu der Ehre gekommen, die ihm auf jener durch die Kabirischen oder Orhochheiligen Ceremonien erzeigt worden seyn soll, gehort (meines Wissens) unter die noch unaufgelosten antiquarischen Probleme. In den alten Genealogien der Gotter und Gotterkinder findet sich kein Pothos; dem Homer ist er, als ein damonisches Wesen, eben so unbekannt wie Eros; und wenn Plato in seinem (von wenigen recht verstandenen) Kratylus, den Sokrates einen spitzfindigen Unterschied zwischen Himeros, Pothos und Eros machen lasst, so spricht er von ihnen nicht als von Damonen oder Genien, sondern betrachtet sie bloss als eine dreifache Modification des , d.i. der leidenschaftlichen Bewegung des Gemuths zu einem begehrten Gegenstand: so dass Pothos die Begierde nach einem abwesenden bezeichnet, Himeros und Eros hingegen sich auf ein gegenwartiges Object beziehen, aber unter sich wieder darin verschieden sind, dass die Begier, womit Himeros die Seele wie durch einen heftigen Strom zu dem Begehrten hinreisst, sich aus ihm selbst ergiesst, da sie hingegen im Eros erst durch den Gegenstand entzundet wird und von aussenher durch die Augen in die Seele stromt ( ,
~ , .) So viel scheint indessen gewiss, dass der Pothos des Skopas eine allegorische Person, vermuthlich ein vom Eros und Himeros hinlanglich unterschiedener und die Sehnsucht nach einem abwesenden Geliebten symbolisierender Genius gewesen seyn musse. Vielleicht war Skopas der erste Kunstler, der diese Personification unternahm; wenigstens scheint er sich darin gefallen zu haben, da, nach dem Berichte des Pausanias (Libr. 1. c. 43. . 7. pag. 167. edit. Facii), auch in einem Tempel der Venus zu Megara neben den Bildsaulen des Eros und Himeros, auch eine des Pothos zu sehen war. W. 94 Eine Silbermunze, an Werth ungefahr einem Kopfstucke von 20 Kr. gleich, deren hundert eine Mine ausmachten. 95 Einige Leser werden sich vielleicht bei dieser Stelle des
Non cuivis homini contingit adire Corinthum
aus Horazens Epistel an Scava, und des
Ad cujus jacuit Graecia tota fores
des Properz (L. II. El. 6.) erinnern. Aristipp konnte sie freilich nicht im Sinne gehabt haben; aber das erste ist auch bloss die Uebersetzung des Griechischen
Spruchworts,
~, welches alter als Lais und Aristipp war; und
das andere konnte, moglicher Weise, fur eine Anspielung des sehr belesenen Romischen Dichters auf diesen Scherz des Aristipp gehalten werden, wenn man nicht zugeben will, dass zwei Personen auf eben denselben Gedanken und Ausdruck gerathen konnen, ohne dass die eine ihn nothwendig der andern abgestohlen haben muss. W.
23. Brief.
96 Landenge. Auf einem solchen schmalen Erdstreifen, der den Peloponnes mit Attika verbindet, lag Korinth, und diess brachte wohl Lais darauf, mittelst seiner die Enge des Raumes auf die Zeit uberzutragen. 97 Einem jeden, der den Phadrus des Plato im Original oder in der neuesten Uebersetzung (von dem Herrn Grafen Friedrich Leopold zu Stolberg) gelesen hat, muss sogleich in die Augen springen, dass hier von keinem andern Ahorn die Rede seyn konne, als von dem, der durch die in seinem Schatten vorgefallne Unterredung zwischen Sokrates und dem schonen Phadrus einer der beruhmtesten Baume in der Welt geworden ist; und so hatte sich's durch ein sonderbares Spiel des Zufalls gefugt, dass die schone Lais ihre erste Bekanntschaft mit Sokrates (um dessentwillen sie die Reise nach Athen unternahm) gerade unter diesem Ahorn an eben dem Abend, da jenes beruhmte Gesprach vorgefallen, gemacht hatte. Unglucklicherweise stosst sich's (wenn wir auch andere kleine Zweifel nicht achten wollen) an einen topographischen Umstand, der diese Zusammenkunft unmoglich zu machen scheint. Der besagte Ahorn namlich stand ganz nahe an dem kleinen Bach Ilissus, der aus dem Berg Hymettus ostwarts von Athen entspringt; Lais aber kam von Megara und Eleusis auf dem entgegen gesetzten Wege her, und hatte, ohne irgend einen denkbaren Grund, einen Umweg von mehreren Meilen nehmen mussen, um bei dem Ahorn, unter welchem Sokrates zufalliger Weise sass, vorbei zu kommen. Dass entweder sie selbst oder Plato in der Angabe des Orts so groblich sich geirrt haben sollte, lasst sich um so weniger annehmen, da beide in der Bezeichnung desselben genau zusammenstimmen. Ich sehe also weder wie dieser Knoten, wofern unsre Aristippische Briefsammlung acht seyn sollte, aufgeloset, noch wie der Urheber derselben, falls sie erdichtet ist, von dem Vorwurf einer groben Unwissenheit oder Nachlassigkeit frei gesprochen werden konnte. Das einzige Mittel aus dieser Schwierigkeit herauszukommen, ware, wenn der geneigte Leser sich gefallen lassen wollte, den Ahorn sammt dem Ilissus und dem Berg Hymettus in Gedanken auf die Westseite vor Athen an die Strasse von Eleusis zu versetzen: eine Gefalligkeit, die man ihm freilich, wofern er sich nicht aus gutem Willen dazu bequemt, nicht wohl ansinnen kann, ob sie gleich im Grunde nicht muhsamer ware, als wenn Mercur und Charon beim Lucian, durch die magische Kraft etlicher Homerischer Verse den Ossa auf den Olymp, den Pelion auf den Ossa, und zuletzt noch gar den Oeta und den Parnass auf den Pelion thurmen, um sich einen tauglichen Standpunkt zur Uebersicht des Erdkreises zu verschaffen. W. 98 Tanaros, Vorgebirg an der aussersten Spitze des Peloponnes, Athos, Berg auf einer Halbinsel in Macedonien. Beide bezeichnen Griechenland von einem Ende zum andern.
25. Brief.
99 Eine phrygische Gottheit, die von verschiedenen Oertern verschiedene Namen hatte, Kybele, Berecynthia u.a. 100 Obrigkeitliche Personen zu Athen, denen die Polizei des weiblichen Theils der Einwohner dieser grossen Stadt anbefohlen war. W. 101 Wird man wohl am besten kennen lernen durch Wielands Versuch uber das Xenophontische Gastmahl im Attischen Museum Bd. 4. 102 (Beschutzerin der Stadt) Ein Beiname der Minerva, als der Schutzgottin von Athen. Vor dem Temhatte, stand ein uralter Oelbaum, der Tradition nach eben derselbe, durch dessen Hervorbringung die Gottin den Sieg uber den Neptun, der ihr das Schirmrecht uber Athen streitig machte, erhalten hatte. W. 103 Die Gottin des glucklichen und unglucklichen Zufalls. W. 104 (Flotenspielerinnen) Gewohnlich wie die Tanzerinnen und Eitherspielerinnen, eine Classe von Hetaren, welche bei Gastmahlern gedungen wurden, die Gaste mit ihrer Kunst zu unterhalten. W. 105 Ein vornehmer Athener dieses Namens bewarb sich, zugleich mit Megakles, Alkmaons Sohn von Athen und vielen andern ansehnlichen Freiern, um Agerista, die Tochter des Klisthenes, Tyrannen von Sicyon. Der Vater wusste sich nicht besser zu helfen, als dass er seine Tochter demjenigen zusagte, der bei einem angestellten grossen Gastmahl die vorzuglichsten Talente beweisen wurde. Hippokleides trieb bei diesem Wettstreit seinen Eifer so weit, dass er, um eine Kunst, worin es ihm keiner seiner Mitwerber nachthun konnte, zu zeigen, auf dem Kopfe zu tanzen anfing. Das dunkte dem alten Herrn gar zu arg. Du hast dich um meine Tochter getanzt, sagte er zu dem jungen Springinsfeld; ich gebe sie dem Sohne Alkmaons. Das lasst Hippokleides sich nicht kummern, wurdig, dass sie zu einem der gemeinsten Spruchworter ward. W.
26. Brief.
106 Welche Grundsatze Sokrates uber diesen delicaten Punkt hatte, sieht man aus Xenophons Sokratischen Denkwurdigkeiten B. 1. Kap. 3., und wie sich selbst Antisthenes danach richtete, aus Xenophons Gastmahl.
30. Brief.
107 Wenn man den Namen Lysippus hort, denkt man gewohnlich nur an den grossen Bildhauer, der diesen Namen zu einem der beruhmtesten in der Kunstgeschichte gemacht hat. Es gab aber auch einen Komodiendichter dieses Namens, und von ihm sind die vom Aristipp hier angefuhrten Verse, die im Original also lauten:
, .
, , .
, .
S. Henr. Stephani Dicaearchi Geograph. Quaedam c. 3. (in Vol. XI. Thes. Gronov. p. 14.) oder Hudsons Geograph. Graec. T. II. W. 108 Ausser unserm Aristipp (dessen Autoritat ich hier keineswegs in Anschlag gebracht haben will) ist Plinius der einzige alte Schriftsteller, der des hier beschriebenen Gemaldes Meldung thut; aber die Art, wie er sich daruber ausdruckt, scheint mir anzuzeigen, dass er es bloss von Horensagen gekannt habe. Hier sind seine eigenen Worte: Pinxit et demon Atheniensium, argumento quoque ingenioso: volebat namque varium, iracundum, injustum, inconstantem, eundem exorabilem, clementem, misericordem, excelsum, gloriosum, humilem, ferocem fugacemque et omnia pariter, ostendere. De la Naure in einem Memoire sur la maniere dont Pline a traite de la Peinture, ist mit dem beruhmten de Piles (Cours de Peinture p. 75. s.) geneigt zu glauben, dass Parrhasius diese schwere und beinahe unmogliche Aufgabe durch eine allegorische Composition, auf eine ahnliche Weise wie Rafael in seiner sogenannten Schule von Athen ein ahnliches Problem, namlich eine Charakteristik der verschiednen philosophischen Schulen und Secten unter den Griechen, aufzulosen versucht habe. Car enfin (sagt er), un tableau allegorique du genie d'un peuple par le moyen de plusieurs groupes, qui en retracant des evenemens historiques de divers tems, marqueroient la vicissitude des sentimens populaibleau allegorique du genie de la philosophie par d'autres groupes, qui en representant des personnages historiques de differens pays et de differens siecles, indiquent la vicissitude des opinions philosophiques. Le parallele (setzt er hinzu) semble complet, avec cette difference, que le sujet caustique de Parrhasius etoit delicat a traiter: aussi Pline a-t-il insinue par le terme il vouloit, que l'execution, ou du moins le succes, furent moins heureux que l'invention. Mir scheint das volebat des Plinius nichts weiter anzudeuten, als dass er sich, da er dieses sonderbare Gemalde nicht selbst gesehen hatte, aus bescheidener Zuruckhaltung nicht positiver ausdrucken wollte. Uebrigens berge ich nicht, dass ich die Idee, die uns Aristipp von diesem Gemalde gibt, und die Art, wie das rathselhafte Problem dadurch aufgeloset wird, der zwar sinnreichen, aber dem Leser keinen klaren Begriff gebenden Hypothese des de Piles, vorziehe. Die erheblichste Einwendung, die man gegen sie machen kann und wird, grundet sich auf die ziemlich allgemein angenommene Meinung, weder Parrhasius noch irgend ein anderer Griechischer Maler hatte, aus Unbekanntschaft mit den Regeln der Perspectiv, auch nur den Gedanken fassen konnen, ein Stuck auf diese Art zusammenzusetzen und zu disponiren, wie der Demos Athenaon nach Aristipps Beschreibung hatte geordnet seyn mussen. Die Alten, sagt man, hatten keinen Begriff von Vor-, Mittel- und HinterGrund; sie stellten auch in ihren reichsten Compositionen alle Figuren und Gruppen auf Einen Plan, und die optischen Gesetze, nach welchen verschiedene Korper, in verschiedenen Entfernungen aus Einem Gesichtspunkt gesehen, verhaltnissmassig grosser oder kleiner, starker oder matter gefarbt erscheinen, waren ihnen unbekannt. Ohne mich hier in Erorterung der Grunde einzulassen, warum ich uber diesen Punkt der Meinung des Grafen Caylus zugethan bin (S. dessen Abhandlung uber die Perspectiv der Alten im neununddreissigsten Band der Memoires de Litterature), begnuge ich mich zu sagen, dass ich fur den Demos des Parrhasius, so wie Aristipp dieses Gemalde beschreibt, weiter nichts verlange, als was man den beiden grossen Compositionen eines altern Malers, des Polygnotus, die an den beiden Hauptwanden der sogenannten Lesche zu Delphi zu sehen waren, und wovon die eine das eroberte Troja und die Abfahrt der Griechen, die andere den Homerischen Ulyss im Hades darstellte, zugestehen muss, wenn man anders so billig seyn will, einem Maler, wie Polygnotus war, zuzutrauen, dass er die ungeheure Menge von Figuren und Gruppen, womit diese grossen Schildereien, nach dem ausfuhrlichen Bericht des Pausanias, angefullt waren, etwas ordentlicher und verstandlicher zusammengesetzt haben werde, als dieser geschmacklose inquisitive traveller sie beschreibt. Zwar geht er, mit der muhseligsten Genauigkeit in die kleinsten Details ein, zahlt uns alle auf dem ganzen Gemalde vorkommende, beinahe unzahligen Personen, mit dem jedem beigeschriebenen Namen, wie aus einer Musterrolle zu, bemerkt ob sie einen Bart haben oder noch bartlos sind, ob ihre Namen aus dem Homer, oder aus der sogenannten kleinen Ilias eines gewissen Lesches genommen, oder vom Polygnot eigenmachtig erfunden worden, und was dergleichen mehr ist. Ihm ist die kleinste Kleinigkeit dieser Art merkwurdig; z.B. dass zu den Fussen eines gewissen unbedeutenden Amphiales ein Knabe sitzt, dem kein Name beigeschrieben ist; dass Meges und Lykomedes, jener eine Wunde am Arm, dieser eine an der Vorhand hat; dass nach dem Bericht des besagten Dichters Lesches, Meges seine Wunde von einem gewissen Admet, Lykomedes die seinige von Agenorn bekommen; dass der Maler dem armen Lykomed, ohne von dem Dichter dazu autorisirt zu seyn, noch eine andere Wunde am Schenkel und eine dritte am Kopfe geschlagen u.s.w. Und in tausend solchen einzelnen Beschreibungen und Umstandlichkeiten, immer mit beigemischten mikrologisch-philologischen Anmerkungen von diesem Schlage, verwirrt und verliert der gute Mann sich selbst, seine Leser und das Gemalde, wovon die Rede ist, dermassen, dass er selbst und wir vor lauter Baumen den Wald nicht sehen konnen. Alle diese einzelnen Personen und Sachen, die er uns so graphisch als ihm moglich ist verzeichnet, in unserm Kopfe zusammen zu ordnen, und ein Ganzes daraus zu machen, uberlasst er uns selbst. Dass diess eben nicht schlechterdings unmoglich sey, hat Graf Caylus durch eine der ehmaligen Academie des Belles Lettres vorgelegte und von einem gewissen Le Lorrain in Kupfer geatzte Zeichnung bewiesen. (S. Descript. de deux Tableaux de Polygnote etc. im dreizehnten Bande der Histoire de l'Acad. Roy. des Inscr. et B.L. p. 54 der DuodezAusgabe.) Indessen hat Pausanias sein Moglichstes gethan, uns uber den Punkt, woran uns jetzt am meisten gelegen ist, wo nicht ganzlich irre zu fuhren, doch wenigstens ungewiss zu machen, und bei vielen den Gedanken zu veranlassen, weil er von der malerischen Anordnung und der hierin bewiesenen Kunst des Meisters kein Wort sagt, so musse es wohl dem Gemalde selbst daran gefehlt haben. Aber diesen Schluss kann oder sollte doch niemand machen, der sich aus dem ganzen Werke des Pausanias handgreiflich uberzeugen konnte, dass es unmoglich ist weniger Sinn fur die Kunst zu haben als er, und dass alle Werke der bildenden Kunste, in deren Aufsuchung, Beaugenscheinigung und Beschreibung er so sorgfaltig und muhsam war, ihn nur insofern interessirten, als sie ihm zu dem, was zugleich sein Hauptstudium und sein Steckenpferd war, zu mythologischen, antiquarischen, topographischen, chronologischen, genealogischen, kurz zu allen moglichen Arten von historischen Anmerkungen und Untersuchungen Gelegenheit gaben. Diess muss (seinen ubrigen Verdiensten unbeschadet) als Wahrheit anerkannt werden, oder wir wurden genothigt seyn, uns auch von dem Olympischen Jupiter des Phidias, seiner kalten, platten, genie- und gefuhllosen Beschreibung zufolge, einen ganz andern Begriff zu machen als wozu uns alle andern Schriftsteller des Alterthums, die dieses erhabenen Kunstwerks erwahnen, berechtigen. Uebrigens werde ich mit niemand hadern, der sich selbst begreiflich machen kann, wie Polygnot jene zwei von Pausanias detaillirten Gemalde ohne einige, obgleich noch sehr unvollkommene perspectivische Ordonnanz und Haltung der Gruppen, in welche die ungeheure Menge von Figuren nothwendig vertheilt seyn mussten, habe zu Stande bringen konnen. Ich sage bloss: waren diese grossen Compositionen des Polygnotus das, was sie, nach dem Begriff, den ich mir aus Xenophon und Plinius von diesem Kunstler mache, seyn konnten, und (wofern sie nicht ein kindisches Gemengsel uber, unter und neben einander geklecks'ter isolirter Figuren waren) seyn mussten: so durfte wohl gegen die Moglichkeit, dass Parrhasius, ein jungerer und grosserer Meister als Polygnot ein Werk, wie das von Aristipp in diesem Briefe (nur mit etwas mehr Kunstgefuhl, als Pausanias zeigt) beschriebene Gemalde habe aufstellen konnen, wenig Erhebliches einzuwenden seyn. Denn, wofern er, wie kein Zweifel ist, einer von jenen summis pictoribus, formarum varietate locos distinguentibus war (Cicero de Orat. II. 87.), so musste es nicht naturlich zugegangen seyn, wenn er nicht so viel Menschenverstand, Augenmass und Kunstfertigkeit besessen hatte, als dazu erfordert wird, den Markt zu Athen, auf einer Tafel von gehoriger Grosse, ohne Verwirrung und Unnatur mit allen von Aristipp angegebenen Figuren und Gruppen auszufullen. Und mehr verlangen wir nicht von ihm. W. 109 Eine fehlerhafte Redefigur bei den alten Grammatikern, wenn ein Wort auf eine ungewohnliche und auffallende Art gegen seine wahre Bedeutung genommen wird. (Die nothwendigen, und daher nicht zu tadelnden Katachresen, wovon Quinctilian spricht, gehoren eigentlich nicht in diese Rubrik, und sollten billig einen andern Namen haben.) W.
32. Brief.
110 In einer Anmerkung zu dem schon ofter erwahnten Sokratischen Dialog, den man hier etwas persiflirt zu sehen sehr begreiflich finden wird, sagt Wieland: das Wort Liebe sollte nie so sehr missbraucht und herabgewurdigt werden, um die oft sehr unsittliche Befriedigung eines Triebes zu verschleiern, fur welchen, sobald er von dem reinen Zweck der Natur getrennt wird, keine Sprache ein anstandiges Wort hat. Da der Name Aphrodite, fur Venus, allen deutschen Lesern bekannt ist, so daucht mich, es geschehe durch den Ausdruck Aphrodisische Befriedigungen der Pflicht, sich dem Leser verstandlich zu machen, ein hinlangliches Genuge, und es werde zugleich die hohere Pflicht beobachtet, ungleichartige Dinge nicht mit einander zu vermengen, und einem Worte, das den schonsten und edelsten Affect der menschlichen Seele zu bezeichnen bestimmt ist, durch einen, obgleich wohlgemeinen Missbrauch eine so leicht vermeidliche Zweideutigkeit zuzuziehen. Ein auslandischen Wort, insofern es nur verstandlich genug und uberhaupt so beschaffen ist, dass es unter gesitteten Menschen gehort werden kann, dunkt mich hiezu immer das schicklichste. 111 Aristophanes verspottet ofters die von Euripides in Bettlerlumpen und uberhaupt hochst lamentabel aufgefuhrten Konige. 112 Antisthenes war in dem Flecken Piraum zu Hause, der zu dem Attischen Hafen gleiches Namens gehorte, und grosstentheils von Handwerkern, die der Schiffsbau beschaftigte, Matrosen, Fischern und andern zur untersten Classe des Athenischen Volkes gerechneten Leuten bewohnt wurde. Diess erklart, was Aristipp unter Piraischem Salz im Gegensatz mit Attischem zu verstehen scheint. W.
34. Brief.
113 Was Plutarch am Schlusse seines Alcibiades von dieser Timandra sagt, passt sehr gut zu der vortheilhaften Schilderung, welche unser Aristipp von ihr macht. Dass sie aber (wie eben dieser Autor im Vorbeigehen als etwas Ungewisses erwahnt, der Scholiast des Aristophanes aber, wenn anders Epimandra nicht die rechte Lesart ist, positiv versichert) die Mutter der Lais von Hykkara gewesen, scheint dadurch schon hinlanglich widerlegt zu seyn, dass Timandra in diesem Falle wenigstens uber vierzig Jahre gehabt haben musste, als sie mit dem Alcibiades wahrend seiner Verborgenheit in einem Phrygischen Dorfe lebte. Die Lais, welche eine Tochter der Timandra gewesen seyn soll, musste also, wofern die Sage Grund hatte, eine von den spatern Laissen gewesen seyn, die diesen durch die erste Lais so beruhmt gewordenen Namen, vielleicht der guten Vorbedeutung wegen, angenommen haben mogen. W. 114 Das Geschaft der alten Rhapsoden war, die Gesange Homers und a. zu recitiren und mit begeisterten Vortragen zu begleiten. Ion, einer der beruhmtesten jener Zeit, ist durch einen Dialog Platons verewigt, der seinen Namen fuhrt, und voraus man die alten Rhapsoden sich am lebhaftesten vergegenwartigen kann.
37. Brief.
115 Sonnengott. 116 Meeresgottin. 117 Der fanatische, dem Wahnsinn ahnliche Zustand, worein (wie die Alten glaubten) diejenigen geriethen, die eine Nymphe unversehens ansichtig wurden.
38. Brief.
118 Diese grosse und machtige Stadt auf der ostlichen Kuste von Sicilien, mit drei Hafen, von denen zwei durch die Insel Ortygia getrennt waren, die eins der Quartiere der Stadt ausmachte, war gegen 700 Jahre v. Ch. durch Colonisten aus Korinth gegrundet worden. Ihre Verfassung war ursprunglich aristokratisch, und bestand uber 200 Jahre glucklich. Nun aber wurden die alten Landeigenthumer von denen, die an dem Landeigenthum keinen Antheil hatten, vertrieben, und es entspann sich daraus ein lange dauernder, nur zuweilen unterbrochner Krieg, wahrend man zugleich gegen Carthago's Uebermacht zu kampfen hatte. Diess gab den Feldherren so grosse Macht, dass es ihnen nicht schwer fiel, die Alleinherrschaft an sich zu bringen. Gegen das Jahr 478 erhielt sie der treffliche Gelon, dem sein Bruder Hieron folgte, gefeiert durch Pindars Hymnen und Xenophons Lobschrift, jedoch als Furst keineswegs so ruhmwurdig als sein Bruder. Unter dem dritten Bruder wurde die Demokratie wieder hergestellt, wahrend deren etwa sechzigjahriger Dauer das Project des Alcibiades gegen Sicilien ausgefuhrt wurde. Kaum war dieses glucklich vernichtet, als eine neue grossere Gefahr von Carthago her drohte, welche Dionysius I schlau benutzte, um den umgesturzten Thron fur sich wieder herzustellen. Er regierte von 407367 v. Chr. 119 Agrigent auf der sudlichen Kuste von Sicilien war nach der Eroberung durch die Carthager ganzlich ausgeplundert, und alle Kostbarkeiten auch aus den Tempeln waren nach Carthago gebracht worden. 120 Auch Plutarch legt dieses Wort dem Dionysius in
den Mund: .
,
. . . pag. 368. (Opp. Moral. edit. Xylandri.) Aus dem Vorhergehenden und Nachfolgenden ist mir klar, dass der gute Plutarch (dem es bloss darum zu thun war, bei dieser Gelegenheit eine, wiewohl sehr alltagliche, moralische Lehre anzubringen) die Meinung des Dionysius eben so unrichtig gefasst habe als die Syrakusischen Herren, mit welchen Aristipp hier diskutiert. Der naturlichste Sinn dieses Furstenworts, oder vielmehr der einzige, den es ohne Verdrehung und Deutelung darbietet, scheint derjenige zu seyn, welchen Aristipp darin gesehen hat. W.
39. Brief.
121 S. Diod. Sic. 13, 112.
43. Brief.
122 Gesetzgeber.
44. Brief.
123 Anspielung auf die Reise der Homerischen Gotter zu den unstraflichen Aethiopen an des Okeanos zwolf Tagen zu dem Olymp zuruckkehrten. Wem es um Erklarung zu thun ist, der sehe Dorneddens "Neue Theorie zur Erklarung der Griechischen Mythologie." 124 Sie lautete wie sie im Tempel der Demeter, als dem Staats-Archiv, aufbewahrt wurde, so: diese Klage hat angestellt und beschworen Melitos, des Melitos Sohn der Pittheer gegen Sokrates des Sophroniskos Sohn aus dem Alopekischen Demos. Sokrates handelt gegen die Gesetze, indem er die Gotter, die der Staat fur solche halt, nicht glaubt, sondern andre neue Damonien einfuhrt. Er handelt ferner gegen die Gesetze, indem er die Junglinge verderbt. Die Strafe sey der Tod. 125 Bei dieser ganzen Untersuchung dient zu einer vorzuglichen Erlauterung die Abhandlung uber den Process des Sokrates in der Bibliothek der alten Literatur und Kunst (von Heeren und Tychsen). Im zweiten Stucke S. 5. fgg. wird der dunkle Punkt beleuchtet, bei welchem Gerichtshof Sokrates angeklagt worden sey. Sonst, heisst es, glaubte man gewohnlich, dass er vor dem Areopagus gerichtet sey, und es sind fur diese Meinung viele Grunde. Der Areopag war gleichsam das hochste Polizei-Collegium in Athen, das uber die Sitten und Auffuhrung der Burger, besonders der Junglinge, die Aufsicht hatte. Da S. vorzuglich als Jugendverderber angeklagt ward, so scheint diese Sache am naturlichsten vor diesen Gerichtshof zu gehoren. Auch urtheilte der Areopag uber Neuerungen, und richtete, ausser den Blutsachen, besonders in Sachen, die die Religion betrafen. Plutarch erzahlt, Euripides habe nicht laut sagen durfen, dass er die Gotter des Volks laugne, aus Furcht vor der Ahndung des Areopagus; und ebenso sagt Justin der Martyrer, dass Plato wegen seiner neuen Lehre von Einem Gott den Areopag gefurchtet habe. Ferner beruft man sich auf die Beispiele Theodors des Atheisten und des Apostels Paulus, die beide vor dem Areopag belangt wurden; der letztere aus eben dem Grunde wie Sokrates, weil er neue Gotter lehrte. Allein so scheinbar einige dieser Grunde sind, so sind dagegen Schwierigkeiten, die sich nicht heben lassen. Die Zahl der Richter, die in der Sache des Sokrates sassen, ist zu gross. Es wird erzahlt, dass 281 Stimmen mehr gewesen, die den S. verurtheilt als ihn lossprachen, und dass von den letztern zuletzt noch 80 gegen ihn gestimmt hatten. Diess gabe wenigstens 361 Richter, so viel wohl nie im Areopagus gewesen sind. Auch kommt in keiner der Apologien eine Spur vom Areopag vor, oder von den diesem ehrwurdigen Gericht eigenen Gebrauchen, welches doch sicher zu erwarten ware. Ferner schickt sich das, was Plato den S. sagen lasst, dass seine Richter Demuthigungen und Erflehungen ihres Mitleids und Gnade von ihm erwarteten, gar nicht zum Areopagus, wo alle diese Mittel, die Gerechtigkeit zu beugen, strenge verboten waren. Plato endlich lasst den S. am Tage seiner Verurtheilung vor der Halle des Konigs wandeln, was sich zum Areopagus, der unter freiem Himmel Gericht hielt, gar nicht schickt. Aus diesen Grunden wird wahrscheinlich, dass die Sache des S., wenn sie gleich, der alten Einrichtung Solons gemass, eigentlich vor den Areopagus gehorte, doch vor einem der Volksgerichte gefuhrt sey, wozu die Ursachen in der damaligen Verfassung Athens lagen. Der Areopagus hatte durch die Verwaltung des Perikles von seinem Ansehen und seinen Geschaften so viel verloren, dass ihm in diesen Zeiten fast bloss die Blutsachen ubrig geblieben, und die Religionssachen zu den Volksgerichten gezogen zu seyn scheinen. Schon lange vor Sokrates wurden Aspasia und Alcibiades, die beide ahnlicher Vergehungen gegen die Religion beschuldigt waren, nicht vor dem Areopag, sondern vor einem Volksgericht angeklagt. Man konnte sogar muthmassen, dass in diesem Jahre gar kein Areopag existirt habe, weil in den vorhergehenden Jahren die ganze Verfassung Athens erschuttert und unter den 30 Tyrannen wenigstens keine Archonten gewesen waren, aus welchen allein der Areopag bestand. Dann ware ein Grund gefunden, warum die Feinde des S. gerade dieses Jahr zu ihrer Anklage gewahlt hatten, weil sie eher hoffen konnten, die Richter in einem der Volksgerichte zu blenden und einzunehmen, als die ehrwurdigen Mitglieder des Areopags. Das Gericht, vor welchem S. angeklagt wurde, war hochst wahrscheinlich das Heltastische; ein Gerichtshof, der nach dem Areopagus der angesehenste und grosste in Athen war. 126 Dieser beruhmte Redner bot dem S. eine Schutzrede an, die dieser aber nicht annahm, weil eine kunstliche Vertheidigung sich fur seinen Charakter nicht schicken wurde. Cic. de Orat. 1, 54. 127 Weil dieser beruhmte Centaur eine Art von Ritterakademie in Thessalien hatte, wo auch Achilles seine Bildung erhielt, so steht er hier statt Erzieher uberhaupt.
45. Brief.
128 Der Lederhandler, der nach Perikles sich zum Haupt der Athenischen Staatsverwaltung emporschwang, wird von Aristophanes in den Rittern als ein grober und ungeschlachter Schreier geschildert. 129 Das personificirte Volk, welches Aristophanes ebenfalls auf die Buhne brachte; auf diese Schilderung wird hier hingedeutet. 130 Ein auf einem Hugel gelegenes, halbkreisformiges Gebaude, zu Volksversammlungen (Ekklesia) bestimmt, in der Nahe des Marktes von Athen. 131 Abkommling von dem letzten Athenischen Konige, Kodrus. 132 Wie die beruhmte Zaubrerin Medea in ihrem Zauberkessel ein Mittel bereitete, wodurch Aeson, ihres geliebten Jasons Vater, seine Jugend wieder erhielt, erzahlt ausfuhrlich Ovid im 7ten Buch der Verwandlungen.
46. Brief.
133 S. unter den Anm. S. 296 P r y t a n e n . 134 Plato im Phadon erzahlt, dass, als Theseus nach Kreta segelte, die bedungenen Junglinge dem Minos als Tribut zu bringen, die Athener dem Apollon eine jahrliche heilige Sendung nach Delos gelobten, wofern sie gerettet wurden. Sie wurden gerettet, und das Gelubde erfullt. Von der Zeit des Abgangs bis zur Ruckkunft des heiligen Schiffes durfte in Athen kein Todesurtheil vollzogen werden.
48. Brief.
135 Auch zur Verstandniss dieses Briefes verweisen wir auf die schon erwahnte Abhandlung uber Athens Verfassung. 136 Anspielung an die des Aristophanes in den Rittern. S. Attisches Museum. 2. Bd. W.
49. Brief.
137 S. die Anm. zu Peregrinus Proteus, Bd. 16. 138 Name einer der Furien.
50. Brief.
139 Weibliches Gespenst, dem man nachsagte, dass es Menschen fresse. Vergl. die Anm. zu Agathodamon, 3. Buch, 14. Abschn. Bd. 18. 140 Hier mit Anspielung auf den Kunstausdruck der Maler, welche nasses Gewand jene Bekleidung nennen, durch welche die naturlichen Formen des Korpers durchscheinen.
51. Brief.
141 Man vergleiche, was in besonderer Beziehung auf Aristophanes uber Sokrates von Schnelle gesagt ist in seinem Werke: welche classische Autoren, wie und in welcher Folge soll man auf Schulen lesen? Bd. 2. S. 901. fgg. Gewiss musste Sokrates vielen seiner Landsleute aus diesem Gesichtspunkt erscheinen. Bei der angefuhrten Stelle ist ubrigens noch zu bemerken, dass auch Schelle bei seinem Urtheil uber Wielands Beurtheilung des Aristophanes keine Rucksicht auf Aristipp muss genommen haben. 142 Sind verschiedene Arten von Schmiedekunstlern der alten Welt, von denen die Alten eben so viel Wunderbares und Geheimnissvolles berichten, als die Neuern von den Freimaurern. Beide sind sich in der That ahnlich genug, und eine zwischen ihnen gezogene Parallele konnte gar nicht uninteressant seyn, und vielleicht mehr aufklaren als die meisten bisherigen Untersuchungen daruber. 143 S. Wielands Abhandlung: die Pythagorischen Frauen. 144 S. Diod. Sic. 14, 44. fgg. 145 Diese Anekdoten erzahlt Cicero de nat. Deor. 3, 34. und Aelian V.H. 1. 20., bei welchen Stellen die Erklarer nachsehen konnen, wer das Genauere daruber kennen will. 146 Diese Anekdoten erzahlt Cicero de nat. Deor. 3, 34. und Aelian V.H. 1. 20., bei welchen Stellen die Erklarer nachsehen konnen, wer das Genauere daruber kennen will. 147 Busiris wird als ein Aegyptischer Konig genannt, der seiner Grausamkeit wegen verrufen war, und man erzahlt besonders von ihm, dass er die Fremden, die in sein Land kamen, schlachtete. Wie es sich eigentlich damit verhalte, ist hier nicht der Ort zu untersuchen. der Einfall des Dionysius entspricht dem von Napoleon, der von einer Apologie Nero's sprach, die, wenn ich nicht irre, auch geliefert worden ist. Einer Lobrede auf Busiris gedenken ubrigens die Alten von dem Sophisten Polykrates, von demselben, der auch zur Probe eine Anklage-Rede gegen Sokrates verfertigte. 148 Ein wenig bekanntes Volk in Afrika; Massageten, an der Ostseite des Kaspischen Meeres, nahrten sich hauptsachlich von Fischen.
52. Brief.
149 S. die Anm. zu Agathadamon, 2. Buch, 8. Abschn. Bd. 18.
53. Brief.
150 Dass Kleombrot durch Lesung des Platonischen Dialogs Phadon veranlasst worden sey, seinem Leben freiwillig ein Ende zu machen, war aus einem Epigramm des Kallimachus bekannt, welches die einzige Quelle dieser Anekdote zu seyn scheint. Denn Cicero, welcher derselben im 34. Kapitel des 1sten Buchs seiner Tusculanischen Gesprache Erwahnung thut, beruft sich auf dieses Epigramm, und alle andern, die dieser Begebenheit erwahnen, oder uber sie rasonniren, sind um mehrere Jahrhunderte spater, und scheinen das, was sie davon wissen, entweder aus dem Griechischen Dichter selbst, oder aus dem Romer geschopft zu haben. Das Epigramm des Kallimachus lautet:
,
,
. Rufend Sonne fahr' wohl! sprang von Ambraciens
hohen
Mauern Kleombrotus einst rasch in den Hades hinab; Nicht als hatt' er etwas des Todes Werthes erlitten, Bloss weil er Platons Schrift uber die Seele durchlas. Der Phadon (welcher vermuthlich gemeint ist) hatte also bei diesem Junger des Sokrates vollig das Gegentheil von dem gewirkt, was er auf den Philosophen Olympiodorus wirkte, der in seinem Commentar uber diesen Platonischen Dialog versichert: er wurde sich schon lange ums Leben gebracht haben, wenn ihn Plato nicht von der Unsterblichkeit der Seele uberzeugt hatte. Es wird wohl immer eine unauflosliche Frage bleiben, ob die Worte des Epigramms, " " u.s.f. nur eine Vermuthung des Dichters sind, oder sich auf irgend ein besonderes historisches Zeugniss grunden. Dass Kleombrot sich zu Ambracien (gleichviel ob von der Stadtmauer oder von einer Felsenspitze) ins Meer gesturzt habe, weil er Platons Phadon gelesen, scheint Thatsache zu seyn: dass er es aber aus ungeduldigem Verlangen, sich von der Wahrheit der im Phadon vorgetragenen Lehre zu uberzeugen, gethan habe, ist wenigstens ungewiss, und bei weitem nicht so wahrscheinlich als die Ursache und Veranlassung, die in dem vorliegenden Briefe angegeben wird. So dunkt es wenigstens mir; jedem sein Recht, die Sache anders zu sehen, vorbehalten. W.
Die hinter Kunst versteckte Bitterkeit in dem Vorwurfe Platons hat vor Wieland schon Demetrius der Phalereer auseinander gesetzt (de elocut. . 306). Wieland lasst, entschuldigend, den Kleombrotos allein von dem Vorwurfe getroffen werden, und reinigt den Aristipp ganzlich von der Beschuldigung. "Dir schreibt Kleombrot that das verleumderische Gerucht Unrecht! Dich hatte die Pflicht nach Cyrene abgerufen!" Mit dieser Behauptung steht keine in einem grellern Contrast als die von Meiners, welcher (Geschichte d. Wiss. in Griech. und Rom II. 649. Anm.) sagt: "Aristipp unterbrach sein Wohlleben auf der Insel Aegina keinen Augenblick, um seinem Lehrer in den Gefahren und zur Stunde des Todes beizustehen, ungeachtet er nur um 200 Stadien von ihm entfernt war." Waren die von Leo Allatius herausgegebenen Briefe der Sokratiker acht, so wurde der 16te in dieser Sammlung doch nur beweisen, dass Aristipp wirklich in Aegina gewesen, aber gar nicht auf die Art, wie Meiners angibt. Woher hat er nun diess erfahren? Er beruft sich auf Diogenes den Laerter; der aber sagt 3, 36.: "Platon war gegen Aristipp feindselig gesinnt; in seiner Schrift von der Seele macht er ihm daher bosen Leumund, indem er sagt, dass er bei des Sokrates Tode nicht zugegen, sondern in Aegina, nahe genug, gewesen sey." In der Stelle aber, welche Meiners selbst anfuhrt 2, 65 (der vorigen gedenkt er nicht), heisst es bloss: "Xenophon war dem Aristipp abgeneigt; auch Theodoros in seiner Schrift uber die Secten verlasterte ihn (), und Platon in seiner Schrift uber die
Seele, wie ich anderwarts gesagt habe," namlich in der vorigen Stelle. Vergebens beruft sich Meiners dabei auf Menage (et ibi Menag.), denn ich finde nicht, dass dieser ein Wort weiter hinzufugt, sondern nur dass er von der ersten Stelle auf die zweite, und von der zweiten auf die erste verweist. So leicht hat sich also Meiners die Verlasterung Aristipps gemacht, die am Ende ganz allein auf Platons Zeugniss sich grundet, den die ubrigen Zeugen selbst fur verdachtig erklaren. Indess auch Platon sagt nicht ein Wort weiter, als dass Aristipp damals in Aegina gewesen sey, und diese Thatsache wird ihm, wenigstens so viel ich weiss, von niemand bestritten. Hat also Meiners, um Aristipp schwarzer zu machen, mehr gesagt als er durfte, so hat hingegen Wieland, um ihn weisser zu machen, nicht nur weniger gesagt als er sollte, sondern auch ganz etwas anderes, und zwar, wenn die Nachricht gegrundet ware, dass Aristipp erst nach seines Vaters Tode zu Sokrates gereist sey, etwas durchaus Falsches. Ware es bloss um einen Roman zu thun gewesen, so wurde Wielands Rechtfertigung in den Gesetzen des Romans selbst liegen: da es ihm aber offenbar um eine Charakteristik zu thun ist, so fragt man billig nach seinen Grunden. Wie es scheint, hatte er keine anderen als dass 1) Platon selbst die Thatsache als blosses Gerucht anfuhrt, 2) dass Diogenes von Platons Anfuhrung als von einer Verlasterung spricht, dass 3) der vor Aristipps Abreise erfolgte Tod seines Vaters keineswegs erwiesen ist und dass 4) Aristipp von Aegina aus mehrmals Reisen machte. Diess schien ihm vielleicht hinreichend zu der Erlaubniss, seine Neigung, durch etwas veranderte Stellung in Berichten der Anekdotentrager und Sammler ein Verdammungsurtheil abzuwenden, auch hier zu befriedigen. Bis indess ein anderer so glucklich seyn wird auszufinden, was ich nicht habe ausfinden konnen, dass Aristipp wirklich nicht in Aegina gewesen sey, wird mir der Wunsch bleiben, Wieland mochte, statt eine Thatsache zu laugnen, lieber anders motivirt haben: den beabsichtigten Zweck hatte er doch erreicht.
54. Brief.
151 Plato stammte aus einem patricischen Geschlechte in Athen. Dropides, ein Bruder des Athenischen Gesetzgebers Solon, war der Aeltervater der Mutter Platons; Dropides stammte in gerader Linie von Kodrus, dem letzten Konige von Athen, und Kodrus war Konige von Pylos und Vater Nestors, Neleus, einem vorgeblichen Sohne Poseidons oder Neptuns (nach Plutarch und Diogenes von Laerte.) Dieser Genealogie zufolge nennt hier Aristipp den Plato ein wenig naserumpfend einen Abkommling Poseidons. W. 152 Platon. 153 Kunst des philosophischen und sonst gelehrten Streites mit Anwendung alles dessen, wodurch man den Gegner irre fuhren und tauschen kann.
55. Brief.
154 Anspielung auf die eigenen Worte Platons in der oben von Kleombrot in seinem Briefe an Aristipp angezogenen Stelle: "Wo blieb denn Plato? Es hiess er sey unpasslich." W. Wenn es indess wahr ist, was Diogenes erzahlt, dass Platon vor Gericht aufgetreten, um den Sokrates zu vertheidigen, und nur durch einen Attischen Scherz der Richter unterbrochen worden sey, so hatte sich Platon doch viel anders benommen als Aristipp. 155 Neben-, Bei-Werk. 156 Was das Gemuth in eine sanft anziehende, ruhig vergnugliche Bewegung setzt. W.
56. Brief.
157 Ein schoner Jungling, den bei der Argonautenfahrt die Nymphen raubten. 158 S. Bd. 10. 159 Diogenes von Laerte hat uns zwei oder drei von diesen Epigrammen aufbehalten, wodurch Aristipp den gottlichen Plato bei seiner schonen Freundin in den Verdacht zu bringen sucht, als ob er gegen die Reize ihres Geschlechts unempfindlich gewesen. Der Compilator hat aber nicht vergessen, auch ein paar andere, an eine gewisse Xantippe (vermuthlich nicht die etwas saure aber sonst unbescholtne Hausfrau des Sokrates) und an die Hetare Archianassa beizufugen, die unserm Briefsteller unbekannt gewesen seyn mussen, und mit welchen Plato sich gegen jene Beschuldigung aufs vollstandigste hatte rechtfertigen konnen. Aber ernsthaft zu reden, ware nichts unbilliger als solchen jugendlichen Scherzen, wie z.B. das Epigramm auf die alte Archianasse: "In deren Runzeln sogar drauend ein Liebesgott sass" mehr Bedeutung beizulegen, als sie fur unbesangene Augen haben konnen. W.
57. Brief.
160 Plinius erwahnt dieser beiden Stucke unter den beruhmtesten Werken dieses Meisters. Sunt et duae picturae ejus nobilissimae, Hoplitides: alter in certamine ita decurrens ut sudare videatur; alter arma deponens ut anhelare sentiatur. H.N.I. 35. c. 10. W. 161 Pinxit et minoribus tabellis libidines, eo genere petulantis joci se reficiens. Plin. XXXV. 10. W.
59. Brief.
162 Diese in der Natur der Sache gegrundete Weissagung ging, wiewohl etwas spater als Aristipp glaubte, in Apelles, Protegenes und Aristides in Erfullung. Wenn Plinius von dem letztern sagt: is omnium primus animum pinxit et sensus omnes expressit, so kann er damit nicht haben sagen wollen, er sey der erste (der Zeit nach) gewesen, der die Seele und das Gemuth zu malen gewusst habe; denn da hatte er sich selbst in dem, was er vorher an Timanthes und Parrhasius geruhmt hatte, widersprochen: sondern nur, er habe in diesem Stuck allen seinen Vorgangern und Nachfolgern den Rang abgewonnen. W.
61. Brief.
163 Die Musenkunste betreibend. 164 Eine Art Ueberrock oder Mantel, von grober Wolle, der kaum uber die Knie reichte, und worin ofters die ganze Garderobe der Athenischen Burger von geringem Vermogen bestand. W.
62. Brief.
165 Eine, von Einigen zu den Kykladischen, von Andern zu den Sporadischen, gerechnete, ganz mit Fels und Stein bedeckte Insel, wohin die Romer Criminalverbrecher verbannten. 166 Eine mit den schonsten Sudfruchten prangende Gegend in Nord-Afrika. 167 Tastbar. 168 Die im Unterleibe enthaltenen Eingeweide, wo nach der Meinung der Platoniker u.a. der thierische Theil der menschlichen Seele seinen Sitz hatte. W.
63. Brief.
169 Wird hier der Geist genannt, weil er, statt der materiellen Weltursache fruherer Philosophen, den Geist () als Welturheber aufstellte. 170 Pythagoras. 171 Pythagoras Gemahlin. 172 Eine der reizendsten Gegenden in Ionien, am Meere zwischen Ephesus und Myus gelegen. W.
64. Brief.
173 Die Athener, heisst es im Process des Sokrates, thaten alles, um ihre Hochachtung gegen ihn und ihren Schmerz uber den Verlust eines so wurdigen Mannes auszudrucken. Sie schlossen die Ring- und Uebungsplatze zu, wie bei einer allgemeinen Trauer, und straften seine Anhanger mit dem Tode oder der Landesverweisung. Dem Melitus, als Hauptklager, ward der Tod zuerkannt, und Anytus, der sich nach Heraklea gefluchtet hatte, ward von den Herakleoten noch denselben Tag aus ihrer Stadt verwiesen. An dem Schicksal des letztern soll Antisthenes Ursache gewesen seyn, der einige Junglinge aus Pontus, die nach Athen gekommen waren den Sokrates zu sehen, zum Anytus fuhrte, und spottisch sagte, das sey der Mann, den man fur weiser und tugendhafter halte als den Sokrates. Die Athener fuhlten die Wahrheit dieses Spotts so sehr, dass Anytus sogleich die Stadt raumen musste. Dem Sokrates ward eine Statue aus Bronze an dem vornehmsten Platze der Stadt aufgestellt, und die grosse Folge der ganzen Begebenheit war, dass man nach dieser Zeit kein Beispiel von einer ahnlichen Anklage und Verurtheilung in Athen findet. So suchten die Athener dem unschuldig hingerichteten Weisen so viel Genugthuung zu geben als damals moglich war. Es scheint ungerecht, uber diese plotzliche und heftige Reue zu spotten; denn man muss das Volk von den Richtern unterscheiden. Das Urtheil der Richter war nicht Urtheil des ganzen Volks, und das Betragen des letztern war nicht sowohl Reue, als Gefuhl der anerkannten Unschuld des Sokrates, und Bestreben den Fehler einiger Burger wieder gut zu machen und von sich zu entfernen. Auch geschah dieses nicht so plotzlich: Sokrates war 30 Tage im Gefangniss, ohne dass man daran dachte das Urtheil der Richter aufzuheben. Vielmehr scheint alles nach und nach durch seine Freunde bewirkt zu seyn, deren Vertheidigungen des Sokrates die Athener nun mit kuhlerem Blut pruften, und die Unschuld des Sokrates und die Bosheit seiner Feinde entdeckten. Vielleicht trugen auch die Nachrichten von seinem grossen und standhaften Bezeigen im Gefangniss dazu bei. Das Betragen des Volks ist also die schonste Rechtfertigung sowohl fur den Sokrates, als fur die Athener selbst. Wahrend scheint daher den Kleonidas hier sehr hart urtheilen zu lassen, aber freilich er laugnet auch die ganze Begebenheit. Die Grunde, die ihn dazu bewogen, sind von Barthelemy in Bd. 5. der Reise des Anacharsis aufgefuhrt sur les pretendus regrets que les Atheniens temoignerent apres la mort de Socrate. 174 Plinius erwahnt dieser Anekdote im 10ten Kap. des 35sten Buchs: Magnis suffragiis superatus a Timanthe Sami in Ajace armorumque judicio, herois nomine se moleste ferre dicebat, quod iterum ab indigno victus esset. W. 175 Diese Vermuthung des Timanthes ist bekanntlich in vollem Mass eingetroffen. Plinius folgte in seinem Urtheil uber den angeblichen Kunstgriff, welchen der Maler durch Verhullung des Agamemnon angebracht haben sollte, allem Ansehen nach bloss der damals schon allgemein angenommenen und seitdem von unzahligen Neuern (ohne nahere Untersuchung, wie es scheint) nachgesprochenen Meinung. Timanthi plurimum adfuit ingenii; ejus enim est Iphigenia, oratorum laudibus celebrata, qua stante ad aras peritura, eum moestos pinxisset omnes, praecipue patruum Menelaum, cum tristitiae omnem imaginem consumsisset, patris ipsius vultum velavit, quem digne ostendere non poterat, l. cit. Ich musste mich sehr irren, oder die Erklarung, welche Timanth in dieser Erzahlung des Kleonidas den drei jungen Kunstkennern gibt, bedarf keiner weitern Beweise, um fur die einzig wahre Darstellung seines Verfahrens und der Grunde desselben erkannt zu werden. W.
Ohne Zweifel dachte Wieland hiebei auch an das, was Lessing hieruber gesagt hat in dem Laokoon S. 34 fgg.
66. Brief.
176 Ein Schuler des Pythagoraers Archytas von Tarent, soll die Pythagorische Lehre zuerst offentlich bekannt gemacht, so wie die Bewegung der Erde um die Sonne zuerst gelehrt haben.
67. Brief.
177 Wie Lais den Schluss ihrer Antwort unter den angegebenen Umstanden hat schreiben konnen, uberlasse ich denen auszumachen, welche gern Rathsel losen.
68. Brief.
178 Uebertrieben subtile und pedantische Grubler, wahrscheinlich ein von Aristophanes in den Wolken zuerst in diesem Sinne gebrauchtes Wort. W.
Eine ausfuhrliche Abhandlung uber die Worter Phrontis, Phrontizein, Phrontisten und Phrontisterion hat Wieland geliefert in seinen, der Uebersetzung der Wolken beigefugten Erlauterungen (Att. Mus. II. 2, 3547). Voss hat das Aristophanische Phrontisterion ubersetzt durch Denkwirthschafteri, und Phrontist () durch Tiefsinnesdenker. 179 Anspielung auf eine merkwurdige Allegorie Platons, wodurch er zu Anfange des siebenten Buches seiner Republik den menschlichen Zustand in Ansehung des Wissens und Nichtwissens zu versinnlichen sucht. 180 Aus Sesamon, einer kornartigen Hulfenfrucht, bereitet, mit Honig, Kase und Oel gemischt, war ein bei den Athenern sehr beliebtes Backwerk. 181 Es war eine alte Sitte bei den Athenern, dass jeder Gast seinen eigenen Bedienten mitbrachte, um sich von ihm bei der Tafel bedienen zu lassen, und vornehmlich um von den verschiedenen Gerichten, wurde, alles was dieser nicht selbst verzehrte und was transportabel war (z.B. Stucke gebratnen Wildbrets, Wurste, Huhner, Fische, wildes Geflugel, Kuchen u.s.w.), in einen bei sich habenden Korb oder Sack stecken und nach Hause tragen zu lassen. W.
69. Brief.
182 Diess kann sich nur auf Hippasos von Metapont beziehen, der das Feuer fur das Grundelement hielt, wodurch in periodischem Wechsel die Welt entstehe und untergehe. 183 Fur die menschliche Erkenntniss gibt es eine doppelte Quelle, entweder die Sinnlichkeit oder Verstand und Vernunft. Jene zeigt die Dinge nur als einzelne, eigenthumliche, in ihrer Besonderheit, diese in ihrer Allgemeinheit, nach dem, was allen Dingen einer Art gemeinsam ist. Hienach unterschied Platon eine doppelte Welt, die Sinnenwelt und die Verstandeswelt (die intelligible, die nur durch den Verstand und nicht durch den Sinn erkennbar ist). Nach seiner Ansicht erkennt man nur in dieser Verstandeswelt die Dinge
wie sie an sich sind (als ), rein von allen zufalligen Besonderheiten in ihrem wahren Wesen, oder, welches auf Eins hinauslauft, die Ideen derselben (wobei Platon hier an die Gattungsbilder dachte), gegen welche er die wirklichen Dinge nur als unvollkommene Nachbilder betrachtete. Wenn sie Wieland hier als blosse Schatten der Ontoos Ontoon, d.i., wie er oben ubersetzte, der wirklich wirklichen Dinge angibt, so geschieht es in Beziehung auf die fruher erwahnte Allegorie von der Hohle. Man vergleiche hiemit, was fruher uber die Platonischen Ideen gesagt ist. 184 Personificirung abstracter Begriffe und lebloser oder wenigstens unpersonlicher Dinge. Auch die Redefigur abwesende Personen als gegenwartig aufzustellen und sprechen oder handeln zu lassen, fuhrt bei den Grammatikern diesen Namen. W. 185 T r y g a u s , im Frieden des Aristophanes, reitet auf einem Mistkafer in die Burg Jupiters, um diesen zu befragen, was er mit dem Hellenenvolke beschlossen habe. 186 (Wolkenkukuksheim) nennt Aristophanes die Stadt, die er die Vogel unter Anfuhrung des Athenischen Abenteuerers Peisthetaros den Gottern zu Trotz in die Wolken bauen lasst. W. 187 Hohlenbewohner, wurden nach dieser thierischen Lebensweise von den Alten gewisse noch im rohesten Naturstande begriffene Menschenhorden genannt, deren Plinius in seiner Naturgeschichte mehrere auffuhrt. W. 188 (Fischesser) Diejenige Classe der rohen Naturmenschen, die sich hauptsachlich vom Fischfang nahren. W. 189 A n t h r o p o d a m o n , scheint ein von Aristipp erfundenes Wort zu seyn, um damit diejenige energische Eigenschaft der menschlichen Natur zu bezeichnen, wodurch sie vermoge einer innern Nothwendigkeit ewig der hochsten Vollkommenheit entgegenstrebt, ohne sie gleichwohl jemals zu erreichen. W. 190 Ein Beiname der Gottin Nemesis, deren Amt war, alle aus Stolz und Uebermuth begangenen Frevel zu rachen, und deren Ungnade man sich also, nach dem gemeinen Glauben, durch Ungenugsamkeit und allzu uppige Wunsche zuzog. W.
Fussnoten
A1 Seine Anhanger werden Cyrenaiker genannt, auch Hedoniker, von Hedone, Wollust, uber welche sich Wieland vielleicht am besten erklart hat.
Zweiter Band.
1.
Kleonidas an Aristipp.
Seit einiger Zeit befindet sich ein junger Perser Namens Arasambes hier, der grosses Aufsehen macht. Er ist (um bei dem anzufangen, was zuerst in die Augen fallt) der schonste Mann, den ich noch gesehen habe, von hoher Geburt (seine Mutter war eine Schwester des letzten Konigs) und, wie es scheint, Herr eines unermesslichen Vermogens. Sein vor kurzem verstorbener Vater, welcher Statthalter von Syrien gewesen war und seinen Sohn zu einer Stelle bestimmte, wo (seiner Meinung nach) ein feineres politisches Verhaltniss gegen die vornehmsten Griechischen Freistaaten dem Dienst des grossen Konigs nutzlich seyn konnte, hatte ihn zu diesem Ende schon in der ersten Jugend zu Sardes1 und Ephesus nach Griechischer Art erziehen lassen. Er spricht unsre Sprache sehr gelaufig, kennt unsere Dichter, und in Uebungen, die sich fur eine Person seines Standes schicken, thut es ihm hier keiner zuvor. Er verbindet morgenlandische Prachtliebe mit Griechischem Geschmack, hat die schonsten Pferde, die jemals in Ionien gesehen wurden, und macht sich den Milesiern durch die funkelnden Dariken, die er in Umlauf bringt, nicht wenig beliebt.
Du errathst leicht, Aristipp, was dir alle diese Vorboten ankundigen. Wie hatte ein so verzartelter Gunstling der Gotter gegen die Reize des schonsten Weibes unserer Zeit gleichgultig bleiben konnen? Es scheint vielmehr, Eros, der sich nicht immer an ungleichen und widersinnischen Verbindungen belustigt, habe ihn geflissentlich nach Milet gefuhrt, damit er die Einzige fande, die ihn selbst zweifelhaft machen kann ob er ihrer Liebe wurdig sey. Kurz, Arasambes liegt, mit adamantenen Ketten2 gebunden, zu den Fussen der schonen Lais, und erwartet von ihren Lippen die Entscheidung, "ob er der glucklichste oder der elendeste aller Sterblichen seyn soll." Sie scheint noch unentschlossen, wiewohl ich es fur unmoglich halte, dass sie von so vielen Vorzugen und Versuchungen nicht endlich uberwaltiget werden sollte. Aber das wunderbare Weib behalt immer so viel Herrschaft uber sich selbst, dass es noch keinem gelungen ist, ihre schwache Seite ausfindig zu machen; und wenn sie seiner Leidenschaft endlich nachgibt, so geschieht es gewiss nicht anders, als mit Vorbehalt ihrer Freiheit, die ihr, wie sie sagt, um den Thron des grossen Konigs selbst nicht feil ware. Auch kennt Arasambes sie schon zu gut, um sich von den reichen Geschenken, womit er sie uberhauft, viele Wirkung zu versprechen; und damit man sehe, dass er selbst keinen Werth darauf lege, schenkt er einen Perlenschmuck, der zwanzig Attische Talente3 werth ist, mit einer Miene weg, als ob es eine vergoldete Haarnadel ware, und bloss dadurch zu etwas werde, wenn sie es anzunehmen wurdige; aber er treibt es in dieser grossen Manier so weit, dass unsre Freundin fur nothig hielt, ihm zu erklaren, dass sie unter keiner Bedingung weder kleine noch grosse Geschenke mehr von ihm annehmen wurde. Du weisst, in welchem Grade die Zauberin es in ihrer Gewalt hat, selbst dem Verwegensten diese Art von zuruckschauernder Ehrfurcht zu gebieten, wovon man beim Eintritt in das heilige Dunkel eines beruhmten Tempels oder Hains unfreiwillig befallen wird. Arasambes, der sie wirklich bis zur Anbetung liebt, fuhlt sich durch diese aberglaubische Scheu noch mehr als andre durchdrungen, und bedarf daher eines Vertrauten um so mehr, da die ungewohnte Zuruckhaltung seiner Leidenschaft ein peinlicher Zustand ist, den er nicht sehr lange ausdauern konnte. Dieser Vertraute, mein Freund bin ich selbst, und hore, wie ich dazu gekommen bin. Bald nach meiner Zuruckkunft nach Milet gerieth ich auf den Einfall, das beruhmte allegorische Mahrchen vom Prodikus, den Hercules auf dem Scheidewege, in zwei Seitenstucken zu malen; so dass Lais in dem einen die Tugend, in dem andern die Wollust vorstellt, und (wie du bereits errathen hast) der junge Gottersohn im einen der Erstern, im andern ihrer reizenden Gegnerin die Hand reicht. Ich arbeitete mit Liebe an diesen Bildern, aber so geheim, dass sogar Musarion nichts davon gewahr ward. Als sie vollendet waren, fugte sich's, dass mein Perser (der schon vorher eine besondere Zuneigung auf mich geworfen hatte, und die Kunst liebt) in meine Werkstatt kam, und uber die beiden Bilder in ein solches Entzucken gerieth, dass ich mich genothigt sah, sie ihm zu uberlassen, nachdem ich ihn mit vieler Muhe dahin gebracht, von der Halfte des Preises, den er selbst darauf setzte, abzustehen. Von dieser Zeit an hat er mich zum Vertrauten und Vermittler seiner Leidenschaft gemacht, und da Tyche4 in ihrer freigebigsten Laune unsrer verschwenderischen Freundin nichts Angemess'neres hatte zuschicken konnen als einen solchen Liebhaber; so hoffe ich mein Geschaft zu beider Theile Zufriedenheit bald und glucklich zu Ende zu bringen.
Wenn ich mich nicht sehr an dir irre, lieber Aristipp, so wirst du dich in diess alles wie ein weiser Mann fugen, und mit einer Freundschaft, die dir immer ein beneidenswerthes Vorrecht vorbehalten wird, sehr wohl vorlieb nehmen konnen.
2.
Aristipp an Kleonidas.
Die Nachrichten, die du mir von unsrer Freundin mittheilst, stimmen zu gut in meine uppigsten Wunsche fur ihr Gluck, als dass sie mir nicht grosse Freude gemacht haben sollten. Die Liebe eines solchen Mannes, wie dein Perser, ist das einzige ihrer nicht ganz unwurdige Mittel, ihre gewohnte Lebensart immer fortzufuhren, insofern sie nur von sich erhalten kann, ihrer grossherzigen Verachtung des verachtlichsten und schatzbarsten, unentbehrlichsten und unbrauchbarsten aller sublunarischen Dinge einige Schranken zu setzen, und nur so viel Oekonomie in ihr Hauswesen zu bringen, als der grosse Konig selbst nothig hat, wenn er mit seinen Einkunften auslangen will. Dass sie den prachtigen Vogel nicht eher, als bis es ihr selbst gefallt, aus ihrem goldnen Kafig entlassen, und hingegen fleissig dafur sorgen wird, ihre eigene Person von den verhassten Gesetzen der morgenlandischen Gynaceen frei zu erhalten, bin ich zu gewiss, als dass sie hieruber meines Rathes bedurfte. Es bleibt mir also nichts ubrig, als mich ihres Gluckes zu freuen, und zu wunschen, dass sie es recht lange dauern lasse.
Du urtheilst sehr richtig von mir, Freund Kleonidas, wenn du mich der Narrheit, die Sonne fur mich allein behalten zu wollen, unfahig glaubst. Eben so wenig soll es, wie ich hoffe, jemals in die Macht einer Person oder einer Sache, die ich liebe, kommen, sich mir in einem so hohen Grade wichtig zu machen, dass ich ihrer nicht ohne Verlust meiner Gemuthsruhe entbehren konnte. Ich liebte die schone Lais beim ersten Anblick, weil sie mir gefiel; und sie gefiel mir aus eben der Ursache, warum mir irgend etwas gefallt, und desto mehr, je mehr sie zugleich die Summe meiner feineren Gefuhle vermehrte, und meinen Geist in die angenehmste Thatigkeit setzte. In allem diesem ist mir's, denke ich, wie jedem andern Menschen. Aber was ich vor meinem unbekannten Freund Arasambes und vielen andern voraus habe, ist: dass die schone Lais selbst mit allen ihren Vollkommenheiten fur mich kein unentbehrliches, geschweige mein hochstes Gut ist. Ich habe Augen fur alle ihre Vorzuge, Sinn fur alle ihre Reize; sie ist mir alles, was sie einem Manne von Verstand und Gefuhl seyn kann; aber sie vermag (einzelne Augenblicke vielleicht ausgenommen) wenig oder nichts uber meine Freiheit; ich verlasse sie ohne mich losreissen zu mussen, sogar wenn sie lieber sahe dass ich bliebe; ich komme mit dem lebhaftesten Vergnugen wieder, und scheide zum zweiten, dritten und viertenmal, immer durch den Gedanken des Widersehens wohl getrostet und im Gleichgewicht erhalten. Indessen wurde ich mich selbst belachen, wenn ich mir desswegen viel auf meine Weisheit zu Gute thun wollte. Du weisst dass ich mit einem Frohsinn, der an Leichtsinn granzt, geboren bin; ich fuhle mehr schnell und lebhaft als tief; ich habe Sinn fur alles Schone und Gute, ohne Affectation einer besondern Zartheit, und das Schonere und Bessere benimmt nach meiner Schatzung dem Geringern nichts. Bei einer solchen Anlage war es naturlich, dass die bewundernswurdige Gleichmuthigkeit, wozu es mein edler Lehrer Sokrates mit einem vielleicht nicht so lenksamen Temperamente gebracht hatte, einen so starken Eindruck auf mich machte, dass ich mir vornahm, mich ofters, auch ohne besondere Veranlassung, in Bezwingung meiner Begierden und Schwichtigung meiner Wunsche zu uben. Kurz, ich machte mir zur Maxime: mich in allem mit dem Guten in jedem leidlichen Grade zu behelfen, ohne hartnackig auf dem Besten zu bestehen; und ich befinde mich bei dieser Massigung so wohl, dass ich meine Diat einem jeden anrathen mochte, der es mit sich selbst so gut meint, dass er um grossere Unlust zu vermeiden, lieber weniger Vergnugen haben, als Gefahr laufen will, einen Platz an der Gottertafel mit der Strafe des Tantalus zu bezahlen. Dadurch gewinne ich den Vortheil, dass ich mich auch bei Nektar und Ambrosia bescheiden auffuhre, und daher nie in den Fall kommen kann, meinen Uebermuth so streng wie jener Gottersohn zu bussen.
Diess heisst viel uber sich selbst philosophirt! Brauche davon was du kannst, und fahre fort, mir mitzutheilen, was du mir gut findest.
Es war ein herrlicher Gedanke, Lieber, den du hattest, die schone Lais unter zwei so entgegengesetzten und beide doch so gut passenden Charaktern darzustellen. Du wurdest dich mir durch eine Copey von deiner eigenen Hand unendlich verbinden, war' es auch nur von den beiden einzelnen Figuren. Vermuthlich setzt dein persischer Freund seine Hoffnung auf die gefalligere Gestalt, wiewohl er seine Gottin unter beiden anbetet. Gewiss ist schwerlich jemals ein schones Weib so gleich geschickt gewesen, beide Personen zu spielen, und sich selbst, sobald sie will, durch sich selbst auszuloschen. Ein gefahrliches Talent, welches zu missbrauchen sie, glucklicherweise, keine Anlage hat. Indessen werde ich sie doch nie aus den Augen verlieren, um auf den Fall, da sie eines Freundes bedurfte, immer bei der Hand zu seyn; denn auf dem schonen, breiten und kurzweiligen Wege, den sie geht, nicht zu verirren, ist schwerer als sie zu glauben scheint.
3.
Lais an Aristipp.
Kleonidas hat dir das Neueste aus Milet bereits zu wissen gethan. Eine freundliche Persische Perise5 (damit du doch siehest, dass ich durch meinen neuen Anbeter schon ein wenig gelehrter geworden bin) hat mir einen Liebhaber bis vom Euphrates her zugeschickt; und welch einen Liebhaber! schon wie ein Medier, liebenswurdig wie ein Grieche, und beinahe so reich wie Midas und Crosus! Denn was wir armen Griechen tausend Drachmen nennen, ist ihm eine Hand voll Obolen; und wie ich nothig fand, seiner ubermassigen Freigebigkeit mit aller Strenge einer Gebieterin Einhalt zu thun, verwunderte sich der hoffartige Mensch, dass ich solche Kleinigkeiten meiner Aufmerksamkeit wurdigen moge. Wirklich scheint er eines so grossen Massstabs gewohnt zu seyn, dass er Geschenke, die einer Konigin dargebracht werden durften, fur Kleinigkeiten ansieht, und sich daher ihrentwegen weder zu der mindesten Freiheit, noch zu Erwartung einer grossern Gefalligkeit von meiner Seite, berechtigt glaubt. Das sticht nun freilich von der okonomischen Manier der Sohne Deukalions6, mit ihren Geliebten bei Drachmen und Obolen abzurechnen, gewaltig ab, und thut dem edeln Achameniden7, wie du leicht erachten kannst, keinen Schaden bei mir. Kurz, lieber Aristipp, dieser Arasambes ist ein sehr gutherziger und umganglicher Barbar8, und es ahnet mir zuweilen, ich werde noch in starke Versuchungen kommen, zu vergessen, dass ich eine Griechin bin, und die Entfuhrung der schonen Helena an allen Asiaten zu rachen habe. Die einzige morgenlandische Unart, die ihm ankleben mag, scheint ein ziemlicher Ansatz zur Eifersucht zu seyn, und diess ware auch das einzige, das mich zuruckschrecken konnte. Wenn er nicht so viel Zutrauen zu mir fassen kann, sich auf mein Wort ohne Riegel und Huter sicher zu glauben, so brech' ich ab, lass' ihm alle seine Geschenke wieder zustellen, und fahre mit dem ersten guten Winde nach Korinth zuruck.
Mein Plan mit Musarion und Kleonidas ist zu seiner Reife gediehen; sie ist seiner Werth; und wiewohl er bisher (wenn wahre Liebe sich verhehlen liesse) ihr selbst und der ganzen Welt ein Geheimniss aus dem wahren Namen seiner zartlichen Freundschaft zu ihr gemacht hat, so bin ich doch vollig gewiss, dass ich durch das Band, das ich zwischen ihnen zu knupfen im Begriff bin, den feurigsten seiner Wunsche befriedige.
Du, mein weiser Freund, liegst noch immer zu Samos den meteorischen Dingen9 mit so grossem Eifer ob, dass ich Bedenken tragen sollte, dich mit den Puppenspielen, die uns Kindern der Erde so wichtig scheinen, in deinen erhabenen Anschauungen zu storen. Wie hoch du dich aber auch immer, selbst uber die Jupitersburg und das luftige Wolkenkuckucksheim deines Freundes Aristophanes erheben magst, so denke ich doch meine Anspruche an deine Freundschaft so leicht nicht aufzugeben, und schmeichle mir hinwieder, dass alle Pythagorischen Zahlen, Cirkel und Dreiecke nicht vermogend seyn sollen, deine Anadyomene immer aus deiner Erinnerung zu verdrangen.
4.
Kleonidas an Aristipp.
Freue dich meines Glucks mit mir, Aristipp! Musarion, meine Musarion das war sie, meinen Gefuhlen und Wunschen nach, schon beim ersten Blick; aber, da mir die Absichten ihrer grossmuthigen Vormunderin mit ihr unbekannt waren, und ich es fur unedel hielt, ihre Zuneigung verstohlnerweise zu gewinnen, verschloss ich meine Wunsche in meinen Busen, und hielt mich zuruck sie sogar dir zu entdecken, vor dem ich nie ein anderes Geheimniss haben werde diese Musarion, mein Freund, ohne die fur mich kein Gluck ist (halte mir diesen einzigen Zug von Ungleichheit mit dir zu gut!), ohne die ich das reinste Gluck des Lebens nie gekannt hatte, sie ist mein! Sie wird mir in einen andern Welttheil folgen! In kurzem werden die hochzeitlichen Fackeln fur deinen Freund angezundet. Mochtest du doch in Person gegenwartig an unsrer Freude Antheil nehmen! Ich darf es nicht hoffen; aber ich sehe den Tag kommen, der uns in Cyrene, vielleicht enger als jemals, wieder vereinigen wird.
Die schone Lais, die Stifterin meines Glucks, hat sich ihrer sich selbst auferlegten Pflicht gegen die Tochter des Leontides auf eine hochst edle Art erledigt, und bei den guten Aussichten, die ich in unserm Vaterlande habe, scheint mein kunftiger Wohlstand so fest gegrundet zu seyn, als es in diesem ewigen Wogen der menschlichen Dinge uberhaupt moglich ist.
Auch der furstliche Arasambes ist dem Ziel seiner feurigsten Wunsche nah. Lais scheint immer mehr Neigung zu ihm, er immer mehr von dem Zutrauen, das man fur ein hoheres aber wohlthatiges Wesen fuhlt, zu ihr zu fassen. Er will sie bloss ihr selbst, nicht seinem Ungestum noch seinen Schatzen, zu danken haben; und diess ist, wenn ich sie recht beurtheile, gerade das Geheimniss sie zu gewinnen. Sie werden (wenigstens so lange als ihn der Konig nicht an seine Hofstatt beruft) abwechselnd bald zu Ephesus, bald zu Sardes, bald auf den prachtigen Gutern, die er in Lydien hat, leben, und Lais wird einen Zauberkreis von Freuden und Scherzen, Musen und Grazien, um ihn her ziehen, der seine Wohnung in einen Gottersitz verwandeln wird.
Arasambes hat alles versucht, mich bei ihm zuruckzuhalten: aber Umstande und Pflichten, und ich weiss nicht welches stille aber drangende Sehnen nach der vaterlandischen Luft, rufen mich gebieterisch nach Libyen zuruck. Doch werde ich, bis zu der Jahreszeit, die der Ueberfahrt die gunstigste ist, bei ihm verharren, und wenn ich es irgend bewerkstelligen kann, dich, mein Freund, noch vorher zu Samos sehen.
5.
Aristipp an Lais.
Ich rathe dir, schonste und machtigste der Erdentochter, opfre der Ate10 unverzuglich das Kostbarste was du entbehren kannst; denn du bist zu glucklich, als dass deine Freunde deinetwegen ruhig seyn durften. Nicht, als ob du es fur deinen Werth je zu viel seyn konntest: sondern weil es (wie man sagt) neidische Machte gibt, welche nicht wollen, dass die Gotter alle Schatze ihres Fullhorns so verschwenderisch auf ein einziges sterbliches Wesen herabschutten.
Arasambes ist, nach allem was mir Kleonidas von ihm meldet, deiner wurdig, und nach allem was du selbst anzudeuten scheinst, dem Glucke nah' von dir dafur erkannt zu werden. Deine Weisheit wird dich in dem goldnen Strom, worin du schwimmst, vor Uebermuth bewahren; deine Edelmuthigkeit wird in einem weiten Kreise Gluckseligkeit um dich her verbreiten; und die Klugheit, die ich dir wunsche, wird den Gedanken an die Zukunft und die ungewisse Fluchtigkeit des Gegenwartigen nie ganz aus deiner Seele schwinden lassen. Auch erinnerst du dich, wie ich sicher hoffe, mitten unter den glanzenden und rauschenden Freuden, die dich taglich umschwarmen werden, zuweilen eines Freundes, der in seiner Art vielleicht doch einzig ist, und den du immer da, wo du ihn liessest, wieder finden sollst. Denn weder Ort noch Zeit werden je die Gesinnungen schwachen, die dein erster Anblick in ihm anfachte und eine Folge freudebringender Horen, im trauten Umgang unsrer verschwisterten Seelen, zur Reife brachte. Sollte auch eine Zeit kommen, die ihm jeden andern Genuss entzoge, so wird die blosse Erinnerung an Aegina, Korinth und Milet ihm Ersatz fur alles seyn, und, so lang er weiss dass du glucklich bist, ihn gegen alles, was seine Ruhe von aussen besturmen konnte, gleichgultig machen.
6.
Aristipp an Hippias.
Ich hore mit vielem Vergnugen, dass du im Begriff bist das unruhige Samos zu verlassen und in die schone und reiche, den Frieden und die Kunste des Friedens liebende Hauptstadt von Ionien zu ziehen, wo du dich in jeder Hinsicht besser befinden wirst; es sey dass du einen wurdigen Schauplatz fur deine Talente, oder nur einen Ort suchest, wo du, so frei und angenehm als vielleicht an keinem andern in der Welt, einer selbst erwahlten Gesellschaft von Freunden, den Musen und deinem Genius leben kannst. Was hatte dich auch langer in Samos zuruckhalten sollen? Ueberall, wo die Athener den Meister spielen, ist in die Lange nicht gut wohnen. Ich habe ofters sagen horen, der Athener sey nirgends artig und liebenswurdig als in Athen selbst; ich fur meine Person habe gefunden, dass sie allenthalben die liebenswurdigsten aller Menschen sind, sobald sie eine Ursache haben es seyn zu wollen, und die widerwartigsten, sobald sie jenes fur unnothig halten. Wenn sie diess zu Athen weniger zu seyn scheinen, so ruhrt es vielleicht von einer zwiefachen Tauschung her. In den Inseln sind sie die Wenigern an der Zahl, und ihre Unarten fallen daher um so starker auf, zumal da sie gewohnt sind, sich gegen ihre Colonien, Schutzverwandten und Unterthanen alles zu erlauben. Zu Athen sind eben dieselben Unarten unter die ganze Masse der Burger vertheilt, also an den einzelnen weniger auffallend, wie man sich im Lande der Buckligen bald gewohnen wurde lauter Hocker zu sehen. Ueberdiess kommt den Athenern zu gut, dass alles, was ein gebildeter Mensch nur immer zu sehen, zu horen und zu geniessen verlangen kann, so vollstandig und in einem so seltnen Grade von Vollkommenheit in Athen vereiniget ist, dass ein Fremder, der sich auf einmal in den Mittelpunkt alles Grossen, Schonen und Angenehmen versetzt glaubt, den Glanz, den das Ganze von sich wirft, auch auf den Einwohnern widerscheinen sieht, und das, was ihm von ihrer hasslichen Seite in die Augen fallt, um so mehr in einem mildernden Lichte betrachtet, je mehr sie sich anfangs beeifern, ihm nur die schone und gefallige zu zeigen. Du wirst in den ersten Tagen eine grosse Aehnlichkeit zwischen den Athenern und Milesiern finden; sie dient aber nur, die Verschiedenheit desto auffallender zu machen, welche, meines Bedunkens, ganz zum Vortheil der letztern ist. Doch ich will deinem eignen Urtheil nicht vorgreifen, und bin vielmehr begierig, das meinige dadurch entweder bestatiget oder berichtiget zu sehen.
Vermuthlich ist dir Xenophons Anabasis11 bereits zu Gesichte gekommen, die seit einiger Zeit so viel von sich und ihrem Verfasser zu reden macht; oder sollte es noch nicht geschehen seyn, so wirst du dich zu Milet leicht mit einem Exemplar versehen konnen, denn die Nachfrage nach diesem Buch ist so stark, dass die Bibliokapelen12 von Athen und Korinth nichts Angelegner's haben, als die Hande aller Geschwindschreiber, die in beiden Stadten aufzutreiben sind, mit moglichster Vervielfaltigung desselben zu beschaftigen. Ich glaube nicht zu viel von diesem Werke, so beschrankt auch der Gegenstand desselben ist, zu sagen, wenn ich es, in Rucksicht auf die historische Kunst, mit dem beruhmten Kanon des Bildhauers Polyklet vergleiche, und behaupte, so musse jede Geschichte geschrieben seyn, auf deren historische Wahrheit man sich verlassen konnen soll. Die ganze Erzahlung ist wie eine Landschaft im vollen Sonnenlicht; alles liegt hell und offen vor unsern Augen; nichts steht im Schatten, damit etwas anderes desto starker herausgehoben werde; alles erscheint in seiner eigenen Gestalt und Farbe; nichts vergrossert, nichts verschonert, sondern im Gegentheil jede so haufig sich anbietende Gelegenheit, das Ausserordentliche und Wunderbare der Thatsachen durch Colorit und Beleuchtung geltend zu machen, geflissentlich vernachlassigt, und die Begebenheiten mit ihren Ursachen und Folgen, die Handlungen mit ihren Motiven und dem Drange der aussern Umstande so naturlich verbunden, dass das Wunderbarste so begreiflich als das Alltaglichste wird. Ein Maler oder Dichter, von welchem alles diess gesagt werden konnte, wurde schlecht dadurch gelobt seyn: aber was bei diesen Mangel an Genie und Kunst verriethe, ist, nach meinem Begriff, das hochste Lob des Geschichtschreibers. Xenophon hat es allen, die nach ihm kommen werden, schwer, wo nicht unmoglich gemacht, ihn hierin zu ubertreffen. Nichts kann ungeschminkter, ja selbst ungeschmuckter seyn als die naive Grazie seines Styls; nichts einfacher und anspruchloser als seine Art zu erzahlen; nichts kaltblutiger und unparteiischer als seine Charakterschilderungen, die, bei aller Bestimmtheit und Scharfe der Zeichnung, doch so sanft gehalten und beleuchtet sind, dass jeder nachtheilige Zug ihm von der Wahrheit selbst wider Willen abgedrungen scheint. Uebrigens gestehe ich gern, dass alles, was ich der Anabasis hier zum Ruhme nachsage, schlechterdings erforderlich war, da der Verfasser im Grunde selbst der Held des Stucks ist, und also die Einfalt und Bescheidenheit, in welche er alles Grosse und Ruhmwurdige, was ihn die Wahrheit von Xenophon zu sagen nothigt, einhullt, wofern sie ihm nicht naturlich ware, hatte heucheln mussen, um das Verdachtige und Verhasste, das der Erzahlung unsrer eignen Grossthaten anzukleben pflegt, durch den Schleier der Grazien dem Auge der Tadelsucht und Missgunst zu entziehen.
Was mir dieses Buch so besonders lieb macht, ist die Sokratische Sophrosyne, die es von Anfang bis zu Ende athmet, und die in allem, was Xenophon sich selbst darin denken, reden und handeln lasst, so lebendig dargestellt ist, dass, indem ich lese, unzahlige Erinnerungen in mir erwachen, welche seiner an sich schon so anziehenden Erzahlung, durch tausend feine Ideenverbindungen und leise Beziehungen auf etwas, so ich ehemals an Sokrates wahrgenommen oder aus seinem Munde gehort, einen Grad von Interesse geben, den sie freilich nur fur wenige haben kann. Indessen muss doch dieses in seiner Art einzige Buch auch fur Leser, die kein naheres Verhaltniss zu Sokrates hatten, immer eines der unterhaltendsten die unsre Sprache aufzuweisen hat bleiben, und ich musste mich sehr irren, wenn es nicht noch in den spatesten Zeiten das Handbuch und der unzertrennliche Gefahrte aller grossen Feldherren werden sollte.
In den letzten dreissig bis vierzig Jahren haben sich die Athener zu ihrem grossten Schaden einer Menge wild und ohne alle Cultur aus dem Boden hervorgeschossener Heerfuhrer anvertraut, die sich's gar nicht zu Sinne kommen liessen, dass Krieg fuhren und einem Kriegsheere vorstehen eine Kunst sey, welche viel Wissenschaft voraussetzt und eben so gut gelernt seyn will, wie irgend eine andere. Xenophons Anabasis wird hoffentlich solchen Autoschediasten13 (wie Sokrates sie zu nennen pflegte) die Augen offnen, und ihnen einleuchtend machen, welch eine seltene Vereinigung grosser ungewohnlicher Naturgaben mit einer Menge erworbener Talente, welche Starke und Erhabenheit der Seele, Geistesgegenwart, Massigung und Gewalt uber sich selbst, welch ein behendes, festes in der Nahe und Ferne gleich scharf sehendes Auge, welche Sorge fur die mannichfaltigen Bedurfnisse eines Kriegsheeres, welche Aufmerksamkeit auf die kleinsten Umstande, welche Voraussicht aller moglichen Zufalle, welche Fertigkeit die gunstigen auf der Stelle zu benutzen, und was widrige geschadet haben, sogleich wieder gut zu machen, welche Geschicklichkeit die unter ihm stehenden Menschen zu prufen, zu lenken, zu gewinnen, und mit weiser Strenge an einen eben so punktlichen als willigen Gehorsam zu gewohnen, mit Einem Worte, wie unendlich viel dazu gehore, dass ein blosser Freiwilliger, wie Xenophon war als er dem Cyrus seine Dienste anbot, sich in kurzer Zeit als einen so vollkommenen Feldherrn zeigen konne, wie er sich wahrend dieses beispiellosen Unternehmens erwiesen hat, wo es um nichts Geringeres zu thun war, als ein Heer von zehntausend aus allen Theilen Griechenlands zusammengerafften Kriegern, die nichts als sich selbst und ihre Waffen hatten, aus dem Herzen des feindlichen Landes, durch eine lange Reihe barbarischer feindseliger Volker, uber unzugangbare Gebirge und bruckenlose Flusse, einen Weg von mehr als 25000 Stadien in ihr Vaterland zuruck zu fuhren. Uebrigens ist vielleicht der wichtigste Dienst, den er durch dieses Buch der ganzen Hellas geleistet hat, dieser: dass sie sich daraus uberzeugen konnen, wie furchtbar sie den Barbaren durch ihr schwer bewaffnetes Fussvolk und durch ihre Disciplin und Taktik sind, und welch eine leichte Sache, wofern sie nur unter sich selbst einig waren, es seyn wurde, mit dreissig bis vierzigtausend Griechen von einem Agesilaus oder Xenophon gefuhrt, sich des ganzen ungeheuern Perserreichs zu bemachtigen. Wenn dieser Ruckzug der Zehentausend den Muth ihrer braven Vorfahren nicht in ihnen aufzureizen vermag, dann gebe ich sie ganzlich verloren!
Aber wie meinst du, Hippias, dass die edeln und weisen Athener einem Mitburger, der ihnen so grosse Ehre macht, und von dessen Talenten und Charakter sie so grosse Vortheile ziehen konnten, ihre Achtung bewiesen haben? Sie fanden sich durch seine, ihnen ubrigens ganz unnachtheilige Vorliebe zu den Lacedamoniern beleidiget, und haben ihn auf ewig aus Attika hinausgewiesen. O die Kechenaer!
Wenn dir in dem reizenden Milet noch eine leere Stunde ubrig bleibt, die du an deinen Freund Aristipp zu verschenken willig bist, so wird mich dein Brief zu Rhodus finden, sofern du ihn an Lykophon, Menalippus Sohn (einen allen Schiffern in diesen Meeren bekannten Namen) zur Bestellung empfehlen willst. L.W.
7.
Hippias an Aristipp.
Xenophons Anabasis, welche, weil der Ruckzug die Hauptsache ausmacht, eben so gut Katabasis14 heissen kann, war mir bereits bekannt, als ich deinen Brief aus Rhodus erhielt. Auch ich habe sie mit Vergnugen gelesen, und wiewohl mir daucht, dass von dem hohen Werthe, den du diesem Werke beizulegen scheinst, noch etwas abgehen konnte, so gestehe ich doch, dass es nicht leicht ware, eine an sich selbst so wunderbare Geschichte wie der Zug und Ruckzug der zehntausend Griechen mit weniger Prunk und in einem treuherzigern Ton zu erzahlen; was das unfehlbarste Mittel ist, einen nicht allzu misstrauischen Leser in die angenehme Tauschung zu setzen, dass er, ohne allen Argwohn durch diesen Ton selbst getauscht zu werden, immer die reinste Wahrheit zu lesen glaubt. Ich sage diess nicht um die Aufrichtigkeit Xenophons verdachtig zu machen; indessen bin ich gewiss, von allen den Hauptleuten, die eine Rolle in dieser Geschichte spielen, wurde ein jeder sie mit andern Umstanden erzahlt, und vieles mit andern Augen und in einem andern Lichte gesehen haben. Wenn nun jeder von ihnen eine Katabasis geschrieben hatte, musste nicht ein unbefangener Leser ofters zweifelhaft seyn, wem er glauben sollte? Dieser Einwurf gilt gegen die Zuverlassigkeit einer jeden Geschichtserzahlung einer Reihe von Begebenheiten, in welche nebst dem Erzahler selbst, viele an Denkart, sittlichem Charakter, Absichten und Interesse verschiedene Menschen verwickelt waren; und er ist um so weniger zu heben, da er sich auf die menschliche Natur selbst grundet, und daher schwerlich eine Ausnahme zu Gunsten irgend eines Einzelnen zulasst. Alles was wir von einem solchen Erzahler zu fordern berechtigt sind, ist dass er den Willen habe, uns nichts fur wahr zu geben als was er selbst fur wahr halt. Werden wir dann demungeachtet getauscht, so liegt die Schuld an uns selbst, nicht an ihm. Ich zweifle so wenig daran, dass Xenophon uns nichts als reine historische Wahrheit geben wollte, dass ich vielmehr sagen mochte, er habe diesem loblichen Vorsatz keinen geringen Theil des Vergnugens aufgeopfert, das er uns hatte machen konnen, wenn er, wie Herodot, unsre Einbildungskraft etwas mehr Antheil an seiner Erzahlung hatte nehmen lassen wollen. Denn nichts kann einem Schriftsteller leichter begegnen, als vor lauter Begierde wahr zu seyn, langweilig zu werden. Doch dafur ist in diesem Werke gesorgt. Man kann sich darauf verlassen, dass ein Autor, der seine eigene Geschichte und Thaten erzahlt, wofern er nicht ohne alles Genie ist, nie sehr langweilig werden wird. Solltest du den kleinen Streich nicht bemerkt haben, Aristipp, den ihm die wunderbare Zaubrerin, die man aus Mangel eines passendem Namens Eigenliebe nennt, vermuthlich ohne sein Wissen und Wollen gespielt hat, "ihm, so oft er uns erzahlt, was Xenophon der Athener gedacht, gesprochen, gethan und gewollt hat, ganz leise leise das Sokratische Ideal eines vollkommnen Feldherrn unterzuschieben?" Eine Tauschung, deren er sich um so weniger versah, da er vermuthlich dadurch, dass er von sich selbst immer in der dritten Person spricht, eine treffliche Massregel gegen die Nachstellungen des hinterlistigen Ichs genommen zu haben glaubte. Dass er wahrend dieses ganzen Kriegszuges jenes Ideal immer vor Augen hatte, dass er es zu erreichen strebte, war eines ehmaligen Zoglings und vieljahrigen Freundes des weisesten aller Menschen wurdig: aber dass er es so vollstandig in seiner eigenen Person darstellt, dabei konnte sich doch wohl, ihm selbst unbemerkt, etwas Poesie eingemischt haben. Oder wollen wir es ihm etwa gut schreiben, dass er sich so ganz unverhohlen zu der Sokratischen Schwachheit, in vollem Ernst an Zeus Meilichios15 und Hercules Hegemon16 zu glauben, bekennt, und uns mit der Treuherzigkeit eines Bootischen Bauerleins seine Traume und noch manche andere Dinge erzahlt, die er seiner Urgrossmutter nachzusagen hatte errothen sollen? Ich musste laut auflachen, wie ich im vierten Buche las, was geschehen sey, da sie eines Tages auf ihrem beschwerlichen Marsche uber die Karduchischen Berge, bei einem ausserst heftigen und schneidenden Nordwind, der ihnen mit vollen Backen ins Gesicht blies, sich durch Ellen tiefen Schnee so muhselig durcharbeiten mussten, dass viele Menschen und Thiere dabei verloren gingen. "Da hiess uns einer von den Wahrsagern dem Wind' ein Opfer schlachten," sagt Xenophon mit einer Einfalt, die man fur Sokratische Ironie halten musste, wenn er nicht unmittelbar darauf mit dem glaubigsten Ernst hinzusetzte: "es wurde also geopfert, und es dauchte allen, dass die Strenge des Windes nachgelassen habe." Doch dieses Geschichtchen liesse allenfalls noch eine leidliche Erklarung zu. Der Gott Boreas, der zu Athen und an mehrern Orten Griechenlands einen Altar hat, wird vorzuglich von den Arkadiern zu Megalopolis verehrt; und beinahe der dritte Theil des Heers bestand aus Arkadiern. Der Einfall des Wahrsagers, den Zorn dieses Gottes durch ein Opfer zu besanftigen, war also nichts weniger als unverstandig, da er dazu diente, den Muth des gemeinen Mannes wieder zu beleben, und die Wuth des Windes, falls sie indessen nicht etwa von selbst nachliess, wenigstens durch die Kraft des Glaubens zu dampfen. Das letztere scheint auch der Fall gewesen zu seyn; denn Xenophon sagt nicht, der Wind habe wirklich nachgelassen, sondern nur, sie hatten alle geglaubt er lasse zusehends nach. Schwerer durfte es seyn, den Menschenverstand unsers Sokratischen Kriegshelden mit seinem uberschwanglichen Glauben an die Hieroskopie17 zu vereinigen. In der That treibt er diese Schwachheit so weit, dass man oft lieber an seiner Aufrichtigkeit zweifeln, und seine seltsame Beharrlichkeit, sich alle Augenblicke in den Eingeweiden der Opferthiere, mit dem blindesten Vertrauen auf ihre Entscheidung, Rathes zu erholen, fur einen Kunstgriff halten mochte, eine aus so vielerlei verschiedenen Griechischen Staaten gezogene, uber den schlechten Erfolg ihrer grossen Erwartungen missmuthige, widerspanstige, misstrauische, und immer zum Aufstand bereite Mannschaft (wie die Zehntausend sich in dieser ganzen Geschichte beweisen) desto leichter beisammen und in einiger Subordination zu erhalten. Aber man sieht sich alle Augenblicke genothigt, diese Vermuthung wieder aufzugeben, so haufig sind die Beispiele, wo, ohne die Voraussetzung dass er an diese Art von Divination in vollem Ernst geglaubt habe, entweder sein Betragen schlechterdings unbegreiflich ware, oder wo sich nicht der mindeste Beweggrund ersinnen lasst, warum er vernunftigen Lesern seines Buchs die Gesundheit seines Verstandes durch eine ohne allen Zweck vorgegebene Deisidamonie18 hatte verdachtig machen wollen. Das Sonderbarste bei der Sache ist, dass er in diesem Aberglauben viel weiter geht als sein Meister selbst, dessen Ansehen sonst so viel bei ihm gilt. Sokrates wollte, dass man nur in Fallen, wo das Orakel der Vernunft verstummt, seine Zuflucht zu den Opferlebern oder zu den Hexametern der Pythia nehmen sollte; Xenophon hingegen sagt zu seinen versammelten Soldaten: "Ich berathe mich, wie ihr seht, aus den Opfereingeweiden so oft und viel ich nur immer kann, so wohl fur euch als fur mich selbst, damit ich nichts reden, denken noch thun moge, als was euch und mir das Ruhmlichste und beste ist." Konnte und musste ihm nicht, wenigstens in den meisten Fallen, seine Vernunft die sicherste Auskunft hieruber geben? Du wirst mir vielleicht sagen: dieser seltsamen Schwachheit ungeachtet hat sich Xenophon bei diesem Ruckzug als einen der verstandigsten, geschicktesten und tapfersten Kriegsobersten bewiesen, die jemals gewesen sind. Aber wurde er diess, ohne eine so lacherliche Grille, weniger, oder nicht vielmehr in einem noch hohern Grade gewesen seyn? Bei allem dem gestehe ich gern, dass Xenophon, ein wenig Sokratische Pedanterie abgerechnet, der polirteste, sittlichste und fur alle Lagen und Verhaltnisse des offentlichen und Privatlebens tauglichste Mann nicht nur unter allen Sokratikern, sondern vielleicht unter allen Griechen, so wie er noch jetzt, in einem Alter von mehr als funfzig Jahren, einer der schonsten ist; und ich kann ihm diess um so zuversichtlicher nachsagen, da ich ihn hier zu Milet mehr als Einmal im Gefolge des Agesilaus gesehen und gesprochen habe. Dieser Konig von Sparta scheint im Begriff zu seyn, das, was du von einer sehr moglichen Folge des Ruckzugs der Zehntausend geweissagt hast, wahr zu machen. Aber der bose Damon der Griechen ist mit den Schutzgottern Persiens im geheimen Einverstandniss; oder, ohne Figuren zu reden, ihre Zwietracht und Eifersucht uber einander, die seit dem Trojanischen Kriege die Quelle alles ihres Unglucks war, wird auch diessmal die Sicherheit des Perserreichs seyn, und es so lange bleiben, bis sich in Griechenland selbst ein Konig erhebt, der vor allen Dingen der Unabhangigkeit aller dieser kleinen Republiken ein Ende macht, welche sich ihrer Freiheit so schlecht zu ihrem eigenen Besten zu bedienen wissen. Dieser Konig wird uber lang oder kurz wie ein Gewitter uber sie her fallen, und wer weiss, ob er nicht in Sicilien oder Thessalien oder Macedonien schon geboren ist?
Je langer ich hier lebe, je mehr finde ich dass du mir nicht zu viel von dem Aufenthalt in Milet versprochen hast, und die Einwohner scheinen mir den Vorzug, den du ihnen vor den Athenern gibst, taglich mehr zu rechtfertigen. Die Milesier haben den guten Verstand, keine glanzendere Rolle in der Welt spielen zu wollen, als wozu sie durch die Lage ihrer Stadt bestimmt sind, und scheinen sich ohne Muhe in den Schranken zu halten, welche die Mittelmassigkeit ihres Gemeinwesens um sie her zieht. Milet ist alles was es seyn kann, indem es einer der ansehnlichsten und bluhendsten Handelsplatze in der Welt ist; und sich dabei zu erhalten, scheint ihr hochster Ehrgeiz zu seyn.
Wie glucklich waren die Athener, wenn sie sich, seit Solon den Grund zu ihrem ehemaligen Wohlstand legte, so wie die Milesier zu massigen gewusst hatten! Aber das Ansehen und der Ruhm, den sie sich in dem Zeitraum des Medischen Kriegs erwarben, machte sie schwindlicht; seit dieser Zeit konnen sie nicht ruhig seyn, wenn sie nicht die Ersten in Griechenland sind; aber sie konnen eben so wenig ruhen, wenn sie es geworden sind. Mit jeder hohern Stufe, die sie ersteigen, entdecken sie, wie viel noch fehlt um die Ersten in der Welt zu seyn; und nun ist ihnen nichts was sie haben genug, und sie schnappen so lange nach dem luftigen Gegenstand ihrer Unersattlichkeit, bis sie auch das verlieren was sie hatten und durch Genugsamkeit und ein zugleich mannliches und kluges Betragen ewig erhalten konnten. Der Athener ist unendlich eifersuchtig uber eine Freiheit, die er nicht zu gebrauchen weiss; er will bloss frei seyn, damit ihm alle andern dienen; desswegen will er es allein seyn, und unterwirft sich alles, was nicht machtig genug ist, ihm zu widerstehen: der Milesier ist mit so viel Freiheit zufrieden als er zu seinem Wohlstand nothig hat, und verlangt keine grossere Macht, als die Beschutzung seines ausgebreiteten Handels erfordert.
In beiden Stadten ist das Volk uberhaupt lebhaft, witzig und zum Scherz geneigt; aber der Milesier, ohne leicht die Granzen der Wohlanstandigkeit und der Achtung, die man im geselligen Umgang einander schuldig ist, zu uberschreiten. Der Witz des Atheners hingegen ist scharf und beissend; auf den ersten Blick hat er das Lacherliche an Personen und Sachen weg, und bespottet es mit so viel weniger Schonung, da ihm sein demokratischer Trotz und der Stolz auf den Athenischen Namen eine Selbstgefalligkeit und einen Uebermuth gibt, den die Fremden ziemlich druckend finden. Er sieht alles was nicht Attisch ist uber die Achseln an, und ist immer voraus entschlossen, allem was er nicht selbst sagt zu widersprechen. Er weiss schon bei deinen ersten Worten was du vorbringen willst, widerlegt dich ehe du ihm zeigen kannst dass du bereits seiner Meinung bist, antwortet dir auf ein ernsthaftes Argument mit einem Wortspiel oder einer Spitzfindigkeit, und geht im Triumph davon, wenn er nur ein paar Lacher auf seiner Seite hat. Athener und Milesier sind gesellig und gastfrei: aber wenn der Athener dich einladet, so ist es um sich dir zu zeigen; der Milesier will, dass dir wohl bei ihm sey. Beide scheinen alles Schone, besonders in den Kunsten, bis zur Schwarmerei zu lieben: aber der Athener um daruber zu schwatzen, der Milesier um es zu geniessen. Ueberhaupt sind die letztern ein frohliches, genialisches Volk, heiter und lachend wie ihr Himmel, warm und uppig wie ihr Boden; aber doch das letztere nicht mehr, als mit der Betriebsamkeit und dem Handelsgeiste bestehen kann, denen sie ihren grossen Wohlstand zu danken haben. Zu Milet sehe ich jedermann in der ersten Halfte des Tages beschaftigt, um die andre desto freier dem Vergnugen widmen zu konnen. Der Reichthum hat in ihren Augen nur insofern einen Werth, als er ihnen die Mittel zum angenehmsten Lebensgenuss verschafft: aber sie vergessen auch nie, dass die Quellen desselben durch anhaltende Thatigkeit im Fluss erhalten werden mussen, und ohne eine verstandige Oekonomie bald versiegen wurden. Die Athener bleiben, unter unaufhorlichen Entwurfen, wie sie ohne Arbeit reich werden wollen, immer hinter ihren Bedurfnissen zuruck, und die meisten darben im Alter, oder mussen zu den schlechtesten und verachtlichsten Hulfsquellen ihre Zuflucht nehmen; weil ein Athener es sich nie verzeihen konnte, wenn er einen gegenwartigen Genuss einem kunftigen aufgeopfert hatte. Diess ist ungefahr alles, Freund Aristipp, was ich bis jetzt von dem Unterschied in dem Charakter der Milesier und der Kechenaer bemerkt habe. Dass es auf beiden Seiten Ausnahmen gibt, versteht sich von selbst.
Seit einigen Tagen erfahre ich endlich auch wieder etwas von der schonen Lais. Sie lebt, sagt man, zu Sardes auf Kosten des bezauberten Arasambes wie eine zweite Semiramis, und Leute, die seit kurzem von Ephesus kommen, konnen nicht genug von der Pracht ihres Hofstaats erzahlen, und von der Menge und Schonheit ihrer Sklaven und Sklavinnen, und von den herrlichen Festen, die ihr zu Ehren unaufhorlich auf einander folgen; kurz von der granzenlosen Ueppigkeit, womit sie die Schatze ihres Liebhabers verschwendet, der es auf diesen Fuss nicht lange aushalten konnte, wenn auch alles Gold des Paktols19 und des Ganges in seine Schatzkammer stromte. Ich zweifle nicht, dass in allem diesem sehr viel Uebertriebenes ist; doch begreift sich's, wie die Liebe zum Schonen und Grossen in der Natur und der Kunst (die einzige Leidenschaft unsrer Freundin) unter der Herrschaft einer so fruchtbaren Einbildungskraft wie die ihrige, in weniger als zehn Jahren einen Crosus20 zum Irus21 machen konnte. Dass sie eine so betrubte Katastrophe nicht abwarten wird, bin ich gewiss, oder ich musste sie schlecht kennen. Indessen nimmt mich's doch Wunder, was das Spiel fur einen Ausgang nehmen wird.
8.
Aristipp an Kleonidas.
Ich rechne es der schonen und guten Musarion zu keinem kleinen Verdienst an, dass es ihr, wie du mir schreibst, so wohl in Cyrene gefallt; nicht, als ob es mir an kindlicher Liebe zu meiner Vaterstadt so sehr gebrache, dass ich von allem, was zu ihrem Lobe gesagt werden kann, auch nur ein Leucippisches Sonnenstaubchen22 abgehen lassen wollte! Aber wir haben Athen und Korinth und Syrakus und Milet und Ephesus gesehen; und bluhete nicht Musarion in den Zaubergarten der Lais zu Aegina auf? Wahrlich, wenn sie die Garten der Hesperiden um Cyrene zu sehen glaubt, und die Aussicht vom Altan ihres Hauses in die unendlichen Kornfelder und mit lauter Silphium23 bedeckten Anhohen um Cyrene so reizend findet, so kann ich wohl schwerlich irren, wenn ich es einer Ursache beimesse, welche sogar die kahlen Felsen von Seriphos an der Seite ihres Kleonidas zur Insel der Kalypso24 fur sie machen wurde.
Warum hat doch die Natur diesen zarten Liebessinn, der sich auf Einen Gegenstand beschranken und in dessen Gluckseligkeit seine eigne hochste Befriedigung finden kann, nicht auch unsrer schonen Freundin Lais eingepflanzt? Eine narrische Frage, ich gesteh' es denn da ware sie nicht Lais Aber, wenn ich mir vorstelle, dass ein so herrliches Weib, aller Wahrscheinlichkeit nach, in der zweiten Halfte ihres Lebens nicht glucklich seyn wird: so kann ich mich dennoch des Wunsches nicht erwehren, dass es moglich seyn mochte, die sanfte, genugsame, liebende Seele unsrer Musarion zu haben, und doch Lais zu seyn. Ich sehe voraus, dass der furstliche Arasambes das Gluck worauf er stolz ist, das schonste Weib des Erdbodens zu besitzen, theurer bezahlen wird als er gerechnet hat. Ich meine damit nicht, dass er seine Schatze verschwendet, um alle ihre Tage zu Festen zu machen; das rechnet er selbst fur nichts. Aber wenn er sehen wird, dass er es, mit allem was er fur sie thut, nicht in seine Macht bekommt, die, die ihn unendlich glucklich machen wurde wenn sie es selbst ware, in eben dieselbe Tauschung zu versetzen, in welcher er, so lang' er sie fur Wahrheit hielt, sich den Gottern gleich fuhlte; wenn er sehen wird, dass diese Zaubrerin, die alles was ihre Augen erreichen in Flammen setzt, selbst, gleich dem Salamander mitten im Feuer kalt bleibt, und dass der Mann, der sich ihr ganz aufopfert, wie liebenswurdig er auch seyn mag, doch immer einen alle seine Beeifrungen vereitelnden Nebenbuhler in ihr selbst finden wird: was muss die naturliche Folge einer solchen Entdeckung seyn? Und wie lange glaubst du, dass die stolze Lais auch nur die ersten Symptomen der Eifersucht, den stillen Missmuth, die geheime Unruhe und die halberstickten Seufzer eines unbefriedigten Liebhabers ertragen wird?
Ihre ersten Briefe von Sardes waren freilich von der besten Vorbedeutung, und hatten mich, wenn ich sie nicht genauer kennte, beinahe uberreden konnen, dass es dem schonen Perser gelungen sey, eine gluckliche Veranderung in ihrem Innern zu bewirken. Die Neuheit des Schauplatzes, auf dem sie im Glanz einer Konigin auftrat; das schmeichelnde Gefuhl sich von jedem, der ihr nahen durfte, als die sichtbar gewordene Gottin der Schonheit angebetet zu sehen; eine ununterbrochene Folge von Festen, deren immer eines das andere ausloschte; die Macht uber die Schatze ihres Liebhabers nach Gefallen zu gebieten; die fliegende Eile, womit jeder ihrer Winke befolgt, jeder ihrer leisesten Wunsche ausgefuhrt wurde; und (was vielleicht noch starker als diess alles auf sie wirkte) der Anblick der schwarmerischen Wonnetrunkenheit des glucklichen Arasambes, die ihr Werk war, und, weil sie ihr das schmeichelhafteste Selbstgefuhl gab, den Willen in ihr hervorbrachte, ihn in der That so glucklich zu machen als es in ihrem unerschopflichen Vermogen steht: wie hatte nicht alles diess auch sie in eine Art von Berauschung setzen sollen, die der gute Arasambes fur Liebe hielt, und sie selbst vielleicht eine Zeit lang dafur halten mochte? Aber was mir mein Herz schon lange weissagte, scheint bereits erfolgt zu seyn. Der magische Taumel ist voruber; das alltaglich Gewordene ruhrt sie nicht mehr; sie hat alles, was tausend andre Matronen25 und Hetaren mit Tantalischer Begierlichkeit wunschen oder verfolgen, und nie erreichen werden, bis zur Sattigung genossen; ihr unbefriedigter Geist verlangt neue unbekannte Gegenstande, wunscht vielleicht sogar die alten zuruck, die aus dem Medeen-Kessel der Phantasie, aufgefrischt und in jugendlichem Glanze, vor ihr aufsteigen. In dieser Stimmung durfte sich ihr der Gedanke, dass Arasambes sie als sein Eigenthum betrachte, nur von ferne zeigen, sie ware fahig ihn und alles zu verlassen und nach Korinth zuruckzukommen, bloss um sich selbst zu beweisen, dass sie frei sey.
Mein Verhaltniss zu dieser seltenen Frau war vom ersten Augenblick unsrer Bekanntschaft an so einzig in seiner Art, als sie selbst. Wir gefielen einander, und gleiteten in sympathetischer Unbefangenheit, auf dem sanften Strom einer leisen Ahnung dessen was wir einander seyn konnten, still und sorglos dahin. Nie, oder doch nie langer als eine leichte Berauschung in Wein von Lesbos dauert, habe ich das, was man leidenschaftliche Liebe nennt, fur sie gefuhlt: aber der warmste ihrer Freunde werd' ich bleiben so lang' ich athme; und wie wenig ich mir auch Hoffnung mache, dass es mir gelingen werde, so will ich doch nie aufhoren ihrem bosen Genius entgegenzustreben. Sie hat nun (da sie doch weder wunschen noch hoffen kann, Konigin von Persien zu werden) die Erfahrung gemacht, von welcher Art die Gluckseligkeit sey, die ein Geist wie der ihrige aus dem, was gewohnlichen Menschen das Hochste ist, schopfen kann. Sollt' es denn wirklich unmoglich seyn, sie zu uberzeugen, dass sie, wofern sie es nur ernstlich wollte, das einzige Gut, das ihr noch unbekannt ist, Zufriedenheit und Seelenruhe, zu Aegina, im Schoosse der Natur, der Kunst und der Freundschaft finden konnte?
Ich halte mich, nachdem ich den ganzen Sommer damit zugebracht habe, beinahe alle Inseln des Ikarischen Meeres, die man die Sporaden zu nennen pflegt, eine nach der andern zu besuchen, dermalen zu Rhodus auf, wo ich die neue Hauptstadt dieses Namens, gleich einer prachtigen hundertblattrigen Rose in der Morgensonne, sich ausbreiten und zu einer der schonsten Stadte, die von Griechen bewohnt werden, emporbluhen sehe. Weil ich hier sehr vieles finde, das meinem Reiseplan zufolge meine ganze Aufmerksamkeit verdient, so gedenke ich bis zu Anfang des Thargelions26 hier zu verweilen, und hoffe, da der Verkehr zwischen Cyrene und Rhodus27 jetzt lebhafter als jemals ist, binnen dieser Zeit mehr als einmal gute Nachrichten von euch zu erhalten.
9.
Lais an Aristipp.
Du, der so vielerlei weiss und Neugier fur alles hat, solltest du nicht etwa ein Mittel fur die Art von Langweile wissen, welche (wie mir ein Sohn des Hippokrates sagt) aus allzugrossem Ueberfluss an Kurzweil' entspringen soll?
Du hast dich vor einiger Zeit nach meinem Wohlbefinden erkundiget. O mein Freund, ich bin so glucklich, so entsetzlich glucklich, dass ich es vor lauter Gluckseligkeit nicht lange mehr ausdauern werde. Gnade mir Adrasteia! Sagt man nicht, es gebe Leute, die sich weit leichter in grosses Ungluck als in grosses Gluck zu finden wissen? Ich muss wohl eine von diesen widersinnischen Personen seyn. Dieser Arasambes, zum Beispiel, ist unlaugbar viel zu vornehm, zu reich, zu schon, zu gefallig, zu aufmerksam und zu dienstfertig fur deine arme Lais; und woher, um aller Grazien willen, sollte sie die ungeheure Menge von Liebe nehmen, die sie nothig hatte um die seinige zu erwiedern? Ich merke wohl, dass er mir mit guter Art zu verstehen geben will, ich brauche es nur zu machen wie er: als da ist, mir beinahe die Augen aus dem Kopfe zu gucken, um in den seinigen zu erspahen, was er vielleicht morgen wunschen werde; oder, wenn ich irgend eine leichte Spur vom Schatten eines Wolkchens auf seiner breiten Stirn gewahr werde, gleich in eine todtliche Unruhe zu fallen, und Himmel und Erde in Bewegung zu setzen, um die Ursache des grossen Unglucks zu entdecken, und das Mittel dagegen auf der Stelle herbeizuschaffen. Ich ubertreibe nichts, Aristipp; diess ist seine Manier zu lieben, und es liegt nicht an ihm, wenn ich nicht das glucklichste Wesen unter der Sonne bin, so unbeschreiblich beschwerlich und angstlich ist seine Aufmerksamkeit und sein Verlangen, mich zur seligsten aller Sterblichen zu machen. Denn wie sollt' er je zu viel fur diejenige thun konnen, die ihn schon durch ein zufriednes Lacheln, schon durch einen Blick, der ihm sagt, dass sie seine Aufmerksamkeit bemerkt, mitten unter die Gotter versetzen kann? Du erinnerst dich vielleicht noch, dass mir anfangs ein wenig bange war, er mochte wohl einige Anlage zur Eifersucht haben; aber von der Art Eifersucht, womit der arme Mensch geplagt ist, liess ich mir wenig traumen. Er ist nicht etwa daruber eifersuchtig, dass ich nicht zartlich genug gegen ihn bin, oder vielleicht einen andern lieber haben konnte als ihn: er ist es uber sich selbst, weil er immer zu wenig zu thun glaubt, und immer einen Arasambes im Kopfe stecken hat, der noch viel mehr thun mochte und konnte. Auch geht sein Eifer mir gefallig zu seyn, und mir keinen moglichen Wunsch ubrig zu lassen, bis zum Unglaublichen. Hat er nicht neulich zwanzig schone Hyrkanische Pferde zu Tode reiten lassen, um einen gewissen Fisch, mit einem barbarischen Namen den ich wieder vergessen habe, herbeizuschaffen, von welchem jemand uber der Tafel erzahlt hatte, er habe wechselsweise gold- und purpurfarbne Schuppen, und wurde nirgends als im Ausfluss des Phasis gefangen? Ich Ungluckliche lasse mir in der Unschuld meines Herzens das Wort entfahren; diese Fische mussten in einem Gartenteiche nicht ubel aussehen. Augenblicklich springt mein Arasambes auf, ist wie ein Blitz aus dem Saal verschwunden, und in weniger als einer halben Stunde hore ich das Trampeln einer ganzen Schwadron Reiter, die den Befehl haben, Tag und Nacht zu rennen, um etliche Fasschen voll dieser Fische, sie mochten kosten was sie wollten, vom ostlichen Ende des Euxins herbeizuholen. Du kannst nicht glauben, wie ich mich in Acht nehmen muss, dass solche Dinge nicht alle Tage begegnen. Und nun vollends den Zwang, den ich mir anthun muss, wenn ich nicht in meinen eignen Augen die undankbarste Person von der Welt scheinen will, ihm uber dergleichen ausschweifende Beweise seiner sublimen Leidenschaft eine Freude zu zeigen, die ich nicht fuhle! Ich sage dir, wenn das noch lange so wahren sollte, ich behielte keinen ehrlichen Blutstropfen im Leibe!
O mein Aristipp! was fur gluckliche Zeiten waren das, wo wir in der Rosenlaube zu Aegina, dem Altar der Freundschaft gegenuber, beisammen sassen, und mit freier unbefangener Seele uber tausend Dinge philosophirten, die uns im Grunde wenig kummerten, und wenn uns nichts mehr einfallen wollte, die Lucke mit Scherzen und Tandeln ausfullten, und ohne uns das Wie? und Warum? und Wie viel oder Wie wenig? anfechten zu lassen, einander gerade so glucklich machten, als jedes zu seyn wunschte und fahig war! Welch eine grosse Wahrheit sagt Sophokles in seiner Antigone:
"War' auch dein ganzes Haus mit Reichthum angefullt,
Und lebtest du in koniglichem Prunke,
Fehlt Frohsinn dir dabei, so gab' ich nicht
Den Schatten eines Rauchs um alles das!"
Wahr! wahr! Und wusst' ich es nicht vorher? Wozu hatte ich nothig, mich durch eigene Erfahrung davon zu versichern? Freilich, ich war eine Thorin! Aber die kurzesten Thorheiten sind die besten. Muthe mir also nicht zu, dass ich es hier langer aushalte. Nein, Trauter! meine Entschliessung ist genommen, und dass ich nicht gleich auf der Stelle davon laufe, hangt bloss an einer einzigen Schwierigkeit. Du weisst, ich mag alles gern mit guter Art thun. Arasambes hat nichts als Gutes um mich verdient. Er selbst muss unsre Trennung wunschen, muss mir noch Dank dafur wissen, wenn ich meiner Wege gehe. Diess auf eine feine und ungezwungene Art herbeizufuhren, ist, so wie die Sachen jetzt stehen, keine leichte Aufgabe. Ich habe zwar ein ganz artiges Planchen in meinem Kopfe; nur das Mittel zur Ausfuhrung liegt noch im Schoosse der Gotter. Aber, wie gesagt, meine Geduld reicht nicht mehr weit; und wenn der Zufall, der bei allen menschlichen Dingen doch immer das Beste thun muss, sich meiner nicht bald annimmt, so stehe ich dir nicht dafur, dass ich nicht, in einem Anstoss von guter Laune, dem edeln Arasambes den Antrag mache, nach Leukadia28 mit mir zu reisen, und Hand in Hand den beruchtigten Sprung mit mir zu wagen, der uns beide, ihn von seiner nie befriedigten Liebe, mich von der Last sie zu dulden und nicht erwiedern zu konnen, auf Einmal befreien wurde.
10.
Aristipp an Lais.
Du warest wahrscheinlich die erste, schone Lais, die den Sprung von Leukadia thate, um eine Gluckseligkeit los zu werden, wegen welcher du von allen Schonen Griechenlands beneidet wirst. Hoffentlich soll es dazu nicht kommen, wenn anders die Leidenschaft des koniglichen Arasambes nicht von einer so unzerstorbaren Natur ist, dass alle Mittel sich hassen zu machen, die ein reizendes Weib in ihrer Gewalt hat, an ihm verloren gehen sollten. Du wurdest mich billig auslachen, wenn ich mir herausnahme, den Delphin (wie das Spruchwort sagt) schwimmen zu lehren, und dir einige dieser Mittel vorzuschlagen, die ich fur unfehlbar halte! Ich sehe wohl, es liegt nicht daran, dass du sie nicht kennen solltest, du kannst dich nur nicht entschliessen Gebrauch davon zu machen; und freilich war' es eine seltsame Zumuthung, von dir zu verlangen, dass du weniger liebenswurdig seyn solltest, weil ein anderer das Ungluck hat, dir mit seiner Liebe beschwerlich zu seyn. Doch getrost, meine Freundin, ich sehe das Ende deiner unerhorten Leiden schneller, als du hoffest, heran rucken. Ware die Schwarmerei, womit der arme Arasambes behaftet ist, wechselseitig gewesen, so wurde sie sich wie alles Uebermassige, schon lang' erschopft haben. Bloss der Umstand, dass ihm immer noch so viel zu wunschen ubrig bleibt, und dass du ihn immer ahnen lassest, du hattest noch weit mehr zu geben, ist die Ursache, dass seine Leidenschaft gerade durch das, was andre Liebhaber gewohnlich abkuhlt, immer heisser werden muss. So lang' er noch hoffen kann, dich endlich eben so warm zu machen als er selbst ist, verdoppelt er seine Bemuhungen; wenn er aber alles versucht hat ohne seinem Ziele naher gekommen zu seyn, was bleibt ihm ubrig? Er muss und wird endlich, vielleicht ohne sich's gestehen zu wollen, ermuden. Du wirst immer zerstreuter und kaltsinniger, er, dem deine leisesten Bewegungen nicht entgehen, immer unruhiger und missmuthiger werden. Er wird es unnaturlich finden, dass so unendlich viel Liebe dich nicht endlich uberwaltigen konne, und wird nicht aufhoren, die Ursache davon ergrunden zu wollen. Unvermerkt wird eine Eifersucht sich seiner bemachtigen, die desto peinlicher fur ihn seyn wird, da sie keinen Gegenstand hat, und du selbst, deiner vorsetzlichen Langweiligkeit unbeschadet, immer eine heitre Stirne zeigst, alles vermeidest, was Verdacht in ihm erregen konnte, und alles thust, was dein Verlangen ihm gefallig zu seyn beweisen kann. Du tanzest so oft und so lang' er will; singst, sobald er es zu wunschen scheint, ohne dich einen Augenblick bitten zu lassen; kleidest und putzest dich immer nach seinem Geschmack, und bedankst dich fur einen Phonix29, den er mit schweren Kosten aus Panchaia fur dich kommen lasst, eben so artig als fur einen Blumenstrauss aus seinen Garten; kurz, du thust alles, was ein Mann nach einer zwanzigjahrigen Ehe von der gutartigsten Hausfrau nur immer erwarten kann. Wenn er diese Diat langer als sechs Wochen aushalt, so nenne mich den unwissendsten aller Menschen! Nun versuch' es, und sag' ihm, in einer Stunde, wo du seine feurigsten Liebkosungen mit der matronenhaftesten Wurde und Ruhe geduldest hast: "wie zartlich auch die Sympathie zwischen zwei Liebenden seyn moge so sey es doch wohl gethan, sich von Zeit zu Zeit einer kleinen Trennung zu unterwerfen;" bitte um seine Einwilligung zu einer Luftveranderung in Aegina, und rathe ihm auf etliche Monate nach Susa oder Ekbatana zu gehen; du wirst sehen, dass er sich mit der besten Art von der Welt dazu bequemen wird. Mein Damonion musste mich zum erstenmale betrugen, Laiska, wenn diess nicht das unfehlbarste Mittel ist, uns binnen zwei Monaten in deiner Rosenlaube zu Aegina, unter den Augen der freundlichen Grazien wieder zu sehen!
11.
Lais an Aristipp.
Im Vertrauen zu dir gesagt, Aristipp mir steigt zuweilen ein kleiner Zweifel auf, ob ich nicht eine sehr unartige verkehrte Person und eine Thorin obendrein sey, dass ich es ordentlich drauf anlege und mir alle mogliche Muhe gebe, einen Liebhaber los zu werden, welchen mit Vulcanischen Fesseln zu umwinden und fest zu halten, jede andere an meiner Stelle zum einzigen Ziel aller ihrer Gedanken und Bestrebungen machen wurde. Du siehest hieraus, dass ich noch nicht ganz mit mir selbst einverstanden bin; vielmehr muss ich besorgen, dass Arasambes noch einen geheimen Anhang in meinem Herzen hat, der vielleicht nur desto gefahrlicher ist, weil er sein Wesen im Verborgenen treibt. Woran hange ich denn hier noch? Des hofmassigen Prunks und Pomps, der Sardanapalischen Tafeln30, des lastigen Gewimmels von Eunuchen und Sklavinnen, bin ich uberdrussig, und die ewigen Feste in morgenlandischem Geschmack machen mir lange Weile. Es ist wahr, eine Zeit lang fand ich Vergnugen daran, mich selbst mit Erfindung und Anordnung einer Menge mannichfaltiger, hier nie gesehener Ergotzungen fur Aug' und Ohr zu beschaftigen. Die geschicktesten Baumeister, Bildhauer und Maler Ioniens, die beruhmtesten Tonkunstler, Schauspieler, Tanzer und Tanzerinnen wurden angestellt, die Kinder meiner uppigen Phantasie zur Welt zu bringen. Aber auch diese Quelle ist vertrocknet. Kurz, ich habe nur noch ein einziges Gefuhl, das lebhaft genug ist mich zu uberzeugen, dass ich nicht schon unter den Schatten im Hades herum gleite, und das ist die Ungeduld, die mich zuweilen anwandelt, mich auf meinen Thracischen Goldfuchs, einen unmittelbaren Sohn des Aeolus, zu schwingen und ohne Abschied davon zu rennen. Stande mir, wie der glucklichen Medea, auf den ersten Wink ein Drachenwagen zu Dienste, so ware ich in diesem Augenblick bei dir zu Rhodus, wofern ich anders nicht besorgen musste, dich ein wenig ubermuthiger zu machen, als einem Sokratischen Philosophen geziemen will. Da diess nicht angeht, so habe ich mich endlich doch, gern oder ungern, zu dem Mittel herablassen mussen, das du mir vorgeschlagen hast weil du nicht zu fuhlen scheinst wie unwurdig es meiner ist. Dafur muss ich dir aber auch zum Troste sagen, es schlagt trefflich an, und konnt' ich es nur uber mein Herz bringen damit fortzufahren, so glaube ich beinahe selbst, es wurde alles wirken, was du dir davon versprichst. Aber ich gestehe dir meine Schwachheit, wenn es ihm (was ich jetzt selten begegnen lasse) endlich einmal gelungen ist, mich auf meinem Sopha allein zu finden, und ich ihm, in Antwort auf die zartlichsten Dinge, die er mir mit allem Feuer der ersten unbefriedigten Leidenschaft sagt, deiner Vorschrift zufolge, mit der matronenhaftesten Kalte so holdselig als moglich ins Gesicht gegahnt habe, und der arme Mensch, vor Erstaunen uber die Schonheit meiner zweiunddreissig Perlenzahne, mitten in einer zartlichen Phrase stecken bleibt und den trostlosesten Blick auf meine ruhigen spiegelhellen Augen heftet, da kommt mich ein solches Mitleiden mit ihm an, dass es mir unmoglich ist meine Hausfrauenrolle fortzuspielen; und ich schame mich dir zu sagen, schon mehr als einmal hat sich eine solche Scene so geendigt, dass ich vorhersehe, dein Mittel wurde mich, wenn ich es fortbrauchen wollte, mehr zuruck als vorwarts bringen.
Glucklicherweise hat sich eine Gottin meiner angenommen, deren besondere Gunst ich in meinem Leben schon oft genug erfahren habe, um es meine erste Sorge seyn zu lassen, wenn ich nach Aegina zuruckkomme, ihr einen kleinen Tempel vom schonsten Lakonischen Marmor zu erbauen. Dieser Tage lasst sich ein Cilicischer Sklavenhandler bei mir melden, und bietet mir eine junge Sklavin aus Kolchis an, die (wie er sich sehr hoflich ausdruckte) wofern Lais unter die Sterblichen gerechnet werde, an Schonheit die zweite in der Welt sey. In der That uberraschte mich ihre Gestalt, als sie aus dem dreifachen Schleier, der sie allen profanen Augen unsichtbar gemacht hatte, wie der Vollmond aus einem Gewolbe hervor trat, und in dem zierlichen Anzuge einer jungen Korbtragerin31 der Athene oder Demeter32 vor mir stand. Schwerlich hast du jemals so grosse, so schwarze und so blitzende Augen gesehen, von schonerm Ausschnitt, und die das Hygron, das die Dichter und Maler der Aphrodite geben, in einem so hohen Grade gehabt hatten, noch Lippen, die so unwiderstehlich zum Kuss herausfordern, wie Anakreon sagt! Ich nahm sie sogleich ins Bad mit mir, und ich konnte dir uber das Erstaunen, womit wir einander beide ansahen, sonderbare Dinge erzahlen, wenn sie nicht unter die unaussprechlichen gehorten. Lass dir genug seyn, Aristipp, dass ich gewiss bin, durch den glucklichsten Zufall gefunden zu haben, was ich lange vergebens hatte suchen konnen, und dass Arasambes diesem Iynx nicht widerstehen wird. Kurz und gut, ich habe mir mit tausend blanken Dariken eine Nebenbuhlerin erkauft, die mir in kurzem die Wonne verschaffen soll, mein geliebtes Griechenland wieder zu sehen, und die herzerquickende Luft der Freiheit wieder zu athmen, ausser welcher ich nicht gedeihen kann. Das Madchen scheint nicht uber sechzehn Jahre alt, ist eine Griechin von Geburt und absichtlich fur das Gynaceum irgend eines Persischen Satrapen erzogen; denn sie singt und spielt verschiedene Instrumente sehr gut, tanzt wie eine Nymphe, und weiss ihre grossen funkelnden Augen meisterlich zu regieren. Das ist aber auch alles. Indessen fehlt es ihr nicht an Anlage; sie besitzt ein treffliches Gedachtniss, und wenn sie noch etliche Duzend Lieder von Anakreon und Sappho und Korinna auswendig gelernt und einige Wochen mit meinen Grazien gelebt hat, soll sie es mit allen Timandren und Theodoten zu Athen aufnehmen konnen.
12.
Lais an Aristipp.
Mein Anschlag ist gelungen. Arasambes lasst sich gefallen Aber ich eile vor lauter Freude mir selbst zuvor, und sage dir zuerst, was ich zuletzt sagen sollte. Die Sache verdient mit Herodotischer Umstandlichkeit erzahlt zu werden. Die schone Perisane (so nennt sich meine kunftige Stellvertreterin) befand sich kaum ein paar Tage im Innern meines Gynaceums, als schon im ganzen Palaste von nichts als der Schonheit der neu gekauften Sklavin die Rede war. Viele hatten sie im Vorbeigehen gesehen, nur Arasambes konnte nicht zu diesem Glucke gelangen; denn in denjenigen von meinen Zimmern, in welche er zu allen Zeiten einzugehen die Freiheit hat, war sie nie zum Vorschein gekommen, und er fand mich beim Morgenbesuch immer von meinen gewohnlichen Aufwarterinnen umgeben. Nach einigen Tagen merkte ich, dass er so aussah, als suchte er etwas bei mir, das sich nicht finden lassen wollte; aber ich that als ob ich nichts sahe, und der arme Mensch musste sein Anliegen endlich gern oder ungern zur Sprache bringen. "Ich hore, liebe Lais, du hast eine sehr schone Sklavin gekauft." Eine Sklavin? sagte ich, als ob ich mich nicht gleich besinnen konne. "Eine junge Griechin aus Kolchis" Ach! diese? Eine Griechin darf keine Sklavin seyn, Arasambes; ich habe sie bereits frei gelassen, und behalte sie nur so lange bei mir, als es ihr selbst bei mir gefallt. "Ist sie wirklich so schon als man sagt?" Sie ist nicht ubel; ein paar Medeenaugen, und die Stimme einer Sirene. "Es ist wenigstens etwas Neues. Konnte man sie nicht einmal zu horen bekommen?" Sehr gern, zu horen und zu sehen, lieber Arasambes; ich denke nicht dass sie dir sehr gefahrlich seyn wird. Du stellst dir vor, Aristipp, dass er mir etwas sehr Artiges erwiederte, und ich versprach ihm mit der zutraulichsten Miene, gleich diesen Abend eine Musik in meinem Saale zu veranstalten, wobei sich die kleine Perisane horen lassen sollte.
Alles ging nach Wunsche. Die Kolcherin erschien in einem zierlich einfachen Putz, eher zu viel als zu wenig eingewindelt, doch so, dass von der Eleganz ihrer Formen, wenigstens fur die Einbildung wenig verloren ging. Sie schlug ihre grossen Augen jungfraulich nieder, errothete, und spielte die Verlegenheit, die ihrem Stand und Alter ziemt, mit vieler Natur. Schon hatte sie ein paar Lieder von Anakreon gesungen, und auf etlichen Instrumenten mit eben so viel Anstand als Fertigkeit geklimpert, ohne dass sie mehr als zweioder dreimal einen schuchternen Versuch machte, die Augen halb aufzuschlagen, und unter den langen schwarzen Wimpern hervorzublinzen. Aber endlich wagte sie es, mitten in der feurigsten Stelle einer Sapphischen Ode ihren schonen Kopf zu erheben, und, nachdem sie die weit offnen Augen eine kleine Weile Blitz auf Blitz hatte herum schiessen lassen, heftete sie einen so seelenvollen durchdringenden Blick auf Arasambes, dass er von Marmor hatte seyn mussen, wenn dieser Blick nicht, wie der scharfste Pfeil von Amors Bogen, in seiner Leber stecken geblieben ware. Zwar ware es jedem andern, als mir, kaum moglich gewesen, eine Veranderung an ihm wahrzunehmen, so gut weiss er (wie alle Perser von Stande) in Gegenwart anderer Personen das Aeusserliche einer vornehmen Unempfindlichkeit zu behaupten. Aber ich war ihm zu nahe und beobachtete ihn zu scharf, um mich durch den kalten einsylbigen Beifall, den er der schonen Sangerin ertheilte, und am wenigsten durch die ungewohnliche Lustigkeit, die er nach Endigung der Musik den ganzen Abend uber heuchelte, irre machen zu lassen. Am folgenden Tage war keine Rede mehr von der Kolcherin; auch am zweiten und dritten nicht. Arasambes kam alle Augenblicke auf mein Zimmer, bald zu sehen wie ich mich befinde, bald mir einen Blumenstrauss zu bringen, bald mich uber etwas um Rath zu fragen, bald etwas zu holen, das er hatte liegen lassen. Eine seltsame Lebhaftigkeit trieb ihn von einem Ort zum andern; er war zerstreut, hatte immer etwas zu fragen, und horte selten was ihm geantwortet wurde. Am vierten Tage fing diese Unruhe an, uns beiden peinlich zu werden. Es war hohe Zeit, alles mit guter Art so einzurichten, dass er den beruhmten Tonkunstler Timotheus (den ich vor einiger Zeit von Milet nach Sardes hatte kommen lassen) in meinem Zimmer antraf, beschaftigt die junge Perisane einen neuen Dithyramben von seiner Composition singen zu lehren. Der Meister wollte sich zuruckziehen, als Arasambes herein trat; aber ich winkte ihm zu bleiben. Es ist dir doch nicht entgegen, sagte ich zu Arasambes, dass Timotheus in seiner Lection fortfahre? Der Mensch hatte die grosste Muhe, seine Freude hinter ein kaltes ganz und gar nicht zu verbergen. Unvermerkt klarte sich sein ganzes Wesen wieder auf; er setzte sich der Musik gegenuber auf den Sofa, sprach mit dem Meister, ohne ein Auge von der Schulerin zu verwenden, und bat ihn, den Gesang erst selbst vorzutragen, um aus der Art, wie Perisane sich aus der Sache ziehen wurde, desto besser von ihrem Sinn fur die Musenkunst urtheilen zu konnen. Ich machte mir indessen in einem anstossenden Cabinette zu thun, und bemerkte wie die Kolcherin, wahrend dass Timotheus sang, ihre funkelnden Zauberaugen weidlich auf meinen Adonis arbeiten liess, der sich vermuthlich der Gelegenheit, nicht von mir gesehen werden zu konnen, mit eben so wenig Zuruckhaltung bediente.
Das geheime Verstandniss zwischen ihnen war nun angesponnen. Ich beschenkte Perisanen, um ihr meine Zufriedenheit zu zeigen, mit einem zierlichen Morgenanzug von der feinsten Art von Zeugen, welche die Persischen Kaufleute aus Indien holen. Arasambes fand sie am folgenden Morgen in diesem Anzuge bei meinem Putztische, und ich begegnete ihr vor seinen Augen mit einer so ausgezeichneten Vertraulichkeit, dass er sich schmeicheln konnte, ich wurde alles, was er fur meinen neuen Gunstling thate, so aufnehmen als ob er bloss mir seine Aufmerksamkeit dadurch beweisen wolle. Arasambes biss getrost an die Angel. Seine Leidenschaft wuchs nun mit jedem Tage schneller, und man murmelte schon im ganzen Palast davon, bevor er selbst vielleicht wusste, wie weit sie ihn fuhren konnte. Aber wer bei allem diesem mit ganzlicher Blindheit geschlagen zu seyn schien, war deine Freundin Lais. Sie allein merkte nichts davon, dass sie sich thorichter Weise mit schwerem Gelde eine gefahrliche Nebenbuhlerin erkauft habe; ahnete so wenig davon, dass sie ihren Fall noch sogar beschleunigte, indem sie dem zartlichen Perser, nach einem paar schwerfalligen Stunden, die er mit ihr zuzubringen genothiget war, den Vorschlag that, den ihr der weise Aristipp unter den Fuss gegeben hatte. Arasambes machte, wie billig, einige Schwierigkeiten, musste sich aber, da er keinen Begriff davon hatte, wie man ihr etwas abschlagen konnte, endlich doch ergeben; zumal wie er horte, dass sie ihre geliebte Perisane zum Unterpfand ihrer Wiederkunft zurucklassen wolle, wofern sie sich versprechen durfe, dass er das gute Kind in seinen Schutz nehmen werde; eine Bedingung, die er ihr in den gefalligsten Ausdrucken von der Welt zugestand.
Nicht wahr, Aristipp, das nennt man doch eine Sache mit guter Art machen? So zart und schonend pflegen Liebende bei euch Griechen einander nicht zu behandeln!
Meine Abreise von Sardes nach Milet wird nicht langer aufgeschoben werden als die nothigen Zurustungen erfordern. Arasambes hat mir zu diesem Ende zehntausend Dariken, theils in Golde, theils in Anweisungen auf bekannte Hauser in Milet zustellen lassen ein Reisegeld, das vielleicht den Argwohn bei dir erregen wird, als ob er nicht sehr auf meine Zuruckkunft rechne.
Bevor ich schliesse, muss ich dir doch noch ein Bekenntniss thun, wiewohl ich vielleicht dadurch Gefahr laufe, etwas von deiner guten Meinung zu verlieren. Aber ich will nicht, dass du mich fur etwas anderes haltest als ich bin. So hore denn an und denke davon was du kannst. Ob ich gleich die Schlinge, worin der gute Arasambes sich verfing, selbst gestrickt und gelegt hatte, so konnte sich doch mein Stolz mit dem Gedanken nicht vertragen, dass es ihm so leicht werden sollte sich von mir zu trennen. Ich beschloss also mich selbst dem Vergnugen einer kleinen Rache aufzuopfern, und den letzten Tag vor meiner Abreise zum glucklichsten unter allen zu machen, die er mit mir gelebt hatte. Es ist unnothig dir mehr davon zu sagen, als dass Arasambes vor diesem Tage keinen Begriff davon gehabt hatte, wie liebenswurdig deine Freundin seyn konne, wenn sie Aphroditen ihren Gurtel abgeborgt hat. Was er in diesen letzten vierundzwanzig Stunden davon erfuhr, war es eben gewesen, wornach der arme Tantalus schon so lange gehungert und gedurstet hatte. Die kleine Perisane schwand dahin, wie eine Nebelgestalt in der Sonne zerfliesst. Lais war ihm Cythere selbst, die ihren Adonis in den Hainen von Amathus beseligt. So viel Bosheit hatte ich dir nicht zugetraut, sagst du Wie, Aristipp? Siehst du nicht, wie interessant die Abschiedsscene dadurch werden musste, und was fur Erinnerungen ich ihm fur sein ganzes Leben zuruckliess? Arasambes konnte das freilich nicht sogleich zurecht legen, und stellte sich ein wenig ungebardig. Der arme Mensch! was sagte und that er nicht, um mich zum Bleiben zu bewegen! Aber er hatte nun einmal sein Wort gegeben, ich war reisefertig, meine Freunde in Griechenland erwarteten mich Kurz, ich siegle diesen Brief den du durch einen in Angelegenheiten des Konigs nach Rhodus abgehenden Eilboten erhalten wirst und reise in einer Stunde ab.
13.
Aristipp an Kleonidas.
Ich furchte, lieber Kleonidas, wir andern Weisheitsliebhaber sind, mit aller unsrer Freiheit von popularen Vorurtheilen und Hirngespenstern, doch nur eine Art grossthuiger Poltrons, die, sobald sie dem Feinde unter die Augen sehen sollen, so gut zittern als andere, welche ihre wenige Herzhaftigkeit ehrlich eingestehen. Ich habe seit kurzem eine sonderbare Erfahrung hiervon gemacht. Du weisst, dass ich die Erzahlungen von Gespenstern, die sich zu gesetzten Stunden an gewissen Orten sehen lassen, und von Verstorbenen, die, gleichsam in den Schatten ihrer ehmaligen Gestalt eingehullt, sich entweder von freien Stucken zeigen, oder durch magische Mittel zu erscheinen genothiget werden, immer fur das, was sie sind, gehalten, und die Furcht vor allen diesen Ausgeburten eigner oder fremder Einbildung fur eine der lacherlichsten Schwachheiten erklart habe. Gleichwohl hab' ich mich selbst unvermutheter Weise uber dieser ziemlich allgemeinen menschlichen Schwachheit ertappt, und finde mich jetzt durch eigene Erfahrung sehr geneigt duldsamer gegen andere zu seyn, da ich mich immer mehr uberzeuge, dass kein Mensch so viel vor allen andern voraus hat, dass er sich vor irgend etwas, wozu Wahn und Leidenschaft einen Menschen bringen konnen, vollig sicher halten darf. Hore also, was mir in der vorgestrigen Nacht begegnet ist.
Das Haus, das ich hier bewohne, liegt zwischen dem Hafen und der Stadt, mitten in einem ziemlich grossen Garten, der auf der Ostseite die Aussicht ins Meer hat, und gegen Mittag in einen kleinen den Nymphen geheiligten Hain von Buschholz auslauft, den ein langer Gang von hohen Cypressen in zwei gleiche Theile schneidet. Die Rhodier sind uberhaupt an eine Lebensordnung gewohnt, von welcher sie selten abweichen. Eine Stunde nach Sonnenuntergang ist in den Hausern und auf den Strassen alles still; denn mit der ersten Morgenrothe ist auch schon alles wieder munter; sogar die Frauen wurden sich's zur Schande rechnen, von dem Sonnengotte (der hier vorzuglich verehrt wird) in den Armen des Schlafs uberrascht zu werden. Wir Cyrener sind einer andern Lebensart gewohnt, und ich bringe daher in mondhellen Nachten, wenn schon alles weit um mich her im ersten Schlafe versunken ist, gewohnlich noch ein paar Stunden allein in einem Gartensaale zu, der in Gestalt eines kleinen Tempels dem Cypressengange gegenuber steht, und von etlichen Reihen prachtiger Ahornbaume umschattet wird. Diese einsamen nachtlichen Stunden sind es, worin ich mich aus den Zerstreuungen des Tages in mich selbst zuruckziehe, und nach Pythagorischer Weise mir selbst Rechenschaft daruber ablege, was ich gethan oder verabsaumt, um was ich besser oder schlechter geworden, was ich gesehen, gehort oder gelesen habe, das des Nachdenkens und Aufbehaltens werth ist, und was ich morgen vorzunehmen oder zu besorgen gedenke; kurz, es sind, wenn ich so sagen kann, die Digestionsstunden meines Geistes, die mir zu meiner Lebensordnung so nothwendig sind, dass ich mir nur selten erlaube, ihnen eine andere Anwendung zu geben.
Ich weiss nicht wie es kam, dass gerade an diesem Abend die Erinnerung an Lais alle andern Gedanken in mir verdrangte. Ich hatte ungefahr acht Tage vorher einen Brief von ihr erhalten, worin sie mir ihre Trennung von Arasambes berichtete, und dass sie im Begriff sey nach Milet abzugehen. Welche seltsame Unruhe des Geistes, dachte ich, treibt sie aus einer beneidenswurdigen Lage heraus, um des eingebildeten Glucks einer unbeschrankten Freiheit zu geniessen, die ihr am Ende vielleicht doch nur zur Fallgrube werden konnte! Sie vermochte alles uber Arasambes; es stand in ihrer Macht ihn auf immer an sich zu fesseln; und mit welchem Muthwillen zerbricht sie ihren eigenen Zauberstab! Wie leichtsinnig treibt sie wieder in den Ocean des Lebens hinaus, ohne Plan und Zweck, wohin Zufall und Laune des Augenblicks sie fuhren werden! Was wird endlich das Schicksal dieses ausserordentlichen Weibes seyn, in welchem die Natur alle Reize ihres Geschlechts mit den glanzendsten Vorzugen des mannlichen so sonderbar zusammengeschmelzt hat?
Der Charakter der schonen Lais war mir immer ein Rathsel gewesen, dessen Auflosung ich vergeblich gesucht hatte. Indem ich mich jetzt von neuem bemuhte, alle die reizenden Widerspruche, woraus er zusammengesetzt ist, und in deren Verbindung gerade der Zauber ihrer unwiderstehlichen Liebenswurdigkeit liegt, unter Einen Begriff zu bringen, fiel mir plotzlich die grosse Aehnlichkeit auf, die ich zwischen ihr und dem ausserordentlichsten Manne unsrer Zeit, dem ehemaligen grossen Liebling des Sokrates, zu sehen glaubte. Sie ist, sagte ich zu mir selbst, unter den Frauen, was Alcibiades unter den Mannern war. In beiden hat die Natur alle ihre Gaben mit uppiger Verschwendung aufgehauft. Wohin er kam, war er der erste und einzige; wo sie erscheint, wird sie immer die erste und einzige sey. Er wurde die Welt erobert haben, wenn er nicht so gewiss gewesen ware dass er es konne: sie wurde sich uberall alle Herzen unterwerfen, wenn sie es nur der Muhe werth hielte. Ein allzu lebhaftes Selbstgefuhl war die Quelle aller seiner Ausschweifungen, Fehler und falschen Schritte: eben diess ist und wird immer die Quelle der ihrigen seyn. Ware er zwanzig Jahre spater in die Welt gekommen, und sie waren einander (wie nicht zu zweifeln ist) begegnet, sie wurden sich vereiniget, und, wie Platons Doppelmenschen33, unglaubliche Dinge gethan haben. Aber nur zu wahrscheinlich bereitet sie sich ein ahnliches Schicksal. Dieses innige Gefuhl dessen was sie ist, und was sie seyn kann sobald sie will, wurde sie wahrscheinlich antreiben irgend eine grosse Rolle zu spielen, wenn es nicht bei ihr, wie bei Alcibiades, mit der Indolenz eines kaltblutigen Temperaments verbunden ware, die der Energie ihrer Einbildungskraft das Gegengewicht halt, und die Ursache ist, warum sie mit den grossten Kraften nie etwas Grosses unternehmen, oder, wenn sie es begonnen hatte, nie zu Stande bringen wird. Daher dieser ubermuthige Leichtsinn, der sich uber alles wegsetzen kann, sich aus allem ein Spiel macht, und, weil ihm nichts gross genug ist, nothwendig alles klein finden muss. War' es ihr zu Sardes eingefallen Konigin zu werden, sie ware nach Susa gegangen, und hatte den Artaxerxes zu ihrem Sklaven gemacht. Dass sie es nicht versucht hat, kommt bloss daher, weil sie zu fahrlassig dazu ist, und weil ihr Stolz Befriedigung genug in dem Gedanken findet, schon als Lais alles zu seyn was sie will. Mit einem andern Temperamente ware sie vielleicht die ausgelassenste aller Hetaren; aber ich furchte sie ist fahig, es aus blosser Eitelkeit zu werden, wenn sie sich's jemals in den Kopf setzen sollte, auch hierin unubertrefflich zu seyn.
Diese Betrachtungen machten mich unvermerkt wehmuthig; die blosse Moglichkeit, dass die Liebenswurdigste ihres Geschlechts dereinst noch unglucklich seyn, und vielleicht sogar unter sich selbst herabsinken konnte, war mir peinlich, und ich verlor mich im Nachdenken, ob dieser weibliche Alcibiades nicht wenigstens in eine Art von Aspasia zu verwandeln seyn mochte als ich auf einmal eine hohe Gestalt in einem langen weissgrauen Gewande zwischen den Cypressen langsam gegen mich herschweben sah, in welcher ich beim ersten Anblick die Gestalt und den Anstand der Freundin zu sehen wahnte, welche mich schon eine Stunde lang in Gedanken beschaftigte. Ich gestehe dir, dass ich zusammenfuhr, aber nichtsdestoweniger, zwischen Grauen und Neugier was daraus werden wurde, die Augen starr auf die wunderbare Erscheinung heftete. Noch schwebte die Gestalt immer vorwarts; aber in dem Augenblick, da sie eine vom einfallenden Mondlicht stark beleuchtete Stelle betrat, blieb sie ohne Bewegung stehen, und nun war es unmoglich zu zweifeln, dass ich die Gestalt der Lais vor mir sehe. Aber wie sollte sie selbst auf einmal hierher gekommen seyn? Da es unlaugbar ihre Gestalt war, was konnt' es anders seyn als eine Erscheinung, die mir sagen sollte, dass sie selbst nicht mehr lebe; es sey nun, dass Arasambes sie in einem Anfall von Eifersucht ermordet, oder dass sie auf der Ruckreise nach Griechenland Schiffbruch gelitten, oder sonst durch einen Zufall das Leben verloren hatte. Diese Gedanken blitzten so schnell in meiner Seele auf, dass meiner Philosophie nicht Zeit genug blieb, sie in Untersuchung zu nehmen; und ich bekenne dir unverhohlen, dass mir ungefahr eben so zu Muthe war, wie einem jeden seyn mag, der einen abgeschiedenen Geist zu sehen glaubt. Ich wollte von meinem Ruhebettchen aufstehen, aber meine Fusse waren mit Blei ausgegossen, und meine Arme ohne Kraft; so dass ein ziemliches Weilchen verging, bis ich wieder einige Gewalt uber meinen Korper erhielt. Die Gestalt stand noch immer unbeweglich, und ich konnte deutlich sehen, dass sie einen zartlich ernsten Blick auf mich heftete. Die immer zunehmende Gewissheit, dass es der Schatten meiner Freundin sey, brachte nun mein stockendes Blut wieder in Bewegung; mir ward warm ums Herz, und eine unaufhaltsame Gewalt riss mich zu dem geliebten Schatten hin. Mit weit ausgebreiteten Armen flog ich auf sie zu, aber die Ausrufung, "bist du es, liebste Lais?" blieb mir am Gaumen kleben. Doch im namlichen Augenblick, da ich mit ausgespannten Armen auf sie zueilte, offnete sie auch die ihrigen, und einen Augenblick darauf fuhlte ich, mit unaussprechlichem Entzucken, dass ein warmer elastischer Korper meine Arme fullte, dass ihr Busen an dem meinigen uberwallte, kurz, dass das vermeinte Gespenst Lais selbst war. Die Seligkeit dieses Augenblicks fuhlst du, indem du dich an meine Stelle denkst, viel besser, als wenn ich das Unbeschreibliche zu beschreiben versuchen wollte. Alles, was ich davon sagen kann, ist, dass es der langste und kurzeste meines Lebens war; denn er konnte eine Stunde gedauert haben, und hatte mir doch nur ein Augenblick gedaucht. Mir war, als ob ich mit ihr zusammenwachsen musste, um mich ihres Daseyns recht gewiss zu machen.
Lais gestand mir, dass sie sich ein eigenes Vergnugen daraus gemacht habe, meine Philosophie sowohl als meine Freundschaft auf diese Probe zu setzen, und mich die Gunst eines so unerwarteten Besuchs mit einer kleinen Angst erkaufen zu lassen, die den Werth derselben erhohen wurde. Es freut mich, setzte sie hinzu, dass ich meine Absicht, dir den Genuss eines noch unbekannten Wonnegefuhls zu gewahren, so glucklich erreicht habe: und ich hoffe du wirst dich desto leichter in die Nothwendigkeit fugen, dich eben so unvermuthet wieder von mir zu trennen als du mich gesehen hast; denn in einer Stunde muss ich wieder am Bord seyn. Ich komme gerades Weges von Sardes; meine vorgegebene Reise nach Milet sollte dir bloss verbergen, was ich damals schon beschlossen hatte. Der namliche Eilbote, der dir meinen Brief uberbrachte, hatte den Auftrag, mir ein eigenes Schiff zu miethen, welches mich sobald als moglich zu den Poseidonien nach Aegina bringen soll. Alles ist zur Abfahrt bereit, der Wind ist gunstig, und die Seeleute sind, wie du weisst, hartherzige Leute.
Du zweifelst wohl nicht, Kleonidas, dass mir diese Nachricht etwas unerwartet kam; ich hatte mir wenigstens auf etliche Tage Hoffnung gemacht. Aber du kennst auch das unwiderstehliche Gemisch von Anmuth und Majestat, womit diese Zaubrerin ihre Willenserklarungen als unwiderrufliche Beschlusse des Schicksals anzukundigen pflegt. Es fand nicht nur weder Einwendung noch Bitte gegen diese Verfugung statt, sondern dein armer Freund musste sich auch bequemen, diese ganze kostbare Stunde uber in dem langen Cypressengang mit ihr auf und ab zu schlendern, und sich einen kurzen Auszug ihrer Geschichte seitdem wir uns nicht gesehen hatten, erzahlen zu lassen, die ein paar Stunden spater unendlich unterhaltend gewesen ware, aber jetzt mit einer Zerstreuung angehort wurde, von welcher er sich nicht vollig Meister machen konnte. Sie schien es endlich gewahr zu werden. Denn als sich ihre am Ausgang des Waldchens zuruckgelassenen Leute von ferne sehen liessen, und ihr ein Zeichen gaben, sagte sie lachelnd: ich fuhle dass ich deine Schuldnerin bin, lieber Aristipp, und ich wurde dir den Antrag thun, mich auf der Stelle nach Aegina zu begleiten, wenn ich nicht besorgen musste, dass es Aufsehen erregen und deine Sokratischen Freunden eine sehr erwunschte Gelegenheit geben mochte, dir einen Namen in Griechenland zu machen. Ich selbst mache mir, wie du weisst, nichts aus dem was die Leute von mir sagen: aber ich hatte sehr Unrecht, wenn ich glaubte dass eine solche Gleichgultigkeit auch dir gezieme. Sich fremden Meinungen ganzlich aufzuopfern ware thoricht: aber die meisten Menschen sind eine so neidische und hamische Art von Thieren, dass wir es ihnen um unsrer eigenen Ruhe willen zu verbergen suchen mussen, wenn wir glucklicher sind als sie.
Ich bin uberzeugt, Kleonidas, dass alles diess ihr Ernst war, und so antwortete ich ihr wie es diese Ueberzeugung forderte. Es ware unartig gewesen ihr merken zu lassen, dass ich sie, auch ohne Rucksicht auf das Urtheil der Welt, nicht nach Aegina begleitet haben wurde. Indessen hatte ich keiner Verstellung nothig, um ihr zu zeigen, dass es mich nicht wenig koste, mich ihrem Gutdunken zu unterwerfen. Denn freilich hatte ich mir aus dem Spott und den Vorwurfen der Sokratiker eben so wenig gemacht als sie, wenn ich bloss meiner Neigung, wie sie ihren Launen, folgen wollte. Das Vergnugen, die ihrige durch diesen seltsamen Besuch befriedigt zu haben, machte sie so aufgeraumt, dass es ihr gelang mich zuletzt auf eben denselben Ton zu stimmen. Was fur eine Aufnahme meinst du dass die Wittwe des Arasambes sich von den Korinthiern versprechen durfe? fragte sie mit der unschuldig leichtfertigen Miene, die ihr so wohl ansteht, und setzte, ohne meine Antwort zu erwarten, hinzu: ich habe ein unfehlbares Mittel mich bei ihnen in Ansehen zu setzen; denn ich muss dir sagen, dass ich sehr reich von den Ufern des goldenen Paktols zuruckkomme. Du hast ein noch unfehlbareres, sagte ich; aber Ich verstehe dich, fiel sie mir lachend ins Wort, und was dein Aber betrifft, so begreifst du leicht, dass der zweijahrige Aufenthalt zu Sardes mich nicht demuthiger gemacht hat als ich vorher war. Ich rathe niemanden meinetwegen nach Korinth zu reisen. Du kennst meine Liebe zur Freiheit, meinen Hass gegen euer ubermuthiges Geschlecht, und das Vergnugen, das ich gleichwohl daran finde, mit Mannern umzugehen, und sie fur die Augenlust, die ich ihnen wider Willen mache, nach allen Regeln der Kunst zu peinigen. Dabei wird es wohl bleiben. Ich wunschte, liebe Lais, sagte ich, dass es nicht dabei bliebe. Mochtest du doch das Gluck das deiner Musarion zu Theil geworden ist (das einzige das du noch nicht kennst) nicht muthwillig von dir stossen, wenn es dir sich anbote! "Hab' ich es nicht schon mit Arasambes versucht? Es geht nicht, lieber Aristipp! Wer vermag etwas gegen die allmachtige Natur? Die Gluckseligkeit ist immer eben dieselbe; nur in den Mitteln und in der Art zu geniessen, liegt die Verschiedenheit. Ich fuhle mich, so wie ich bin, glucklich: was kannst du mehr verlangen, mein Freund?" Sie sagte diess mit einer so reizenden Unbefangenheit, dass es Thorheit gewesen ware ihr eine ernste Antwort darauf zu geben. Unsre letzte Umarmung war nicht ganz so warm, und dauerte nicht halb so lange als die erste. Wirklich wurde mir's schwer geworden seyn, ihr langer zu verbergen, wie schmerzlich es mir war, in allem was sie sagte und that, den weiblichen Alcibiades immer deutlicher zu erkennen. Aber hatte ich Recht, der schonen Lais ubel zu nehmen, dass sie Lais war? Und sollte nicht fehlgeschlagne Erwartung (wiewohl ich es mir auf der Stelle nicht gestehen wollte) die wahre Ursache der ubelverhehlten Lauigkeit gewesen seyn, womit ich mich, zu bald fur eine Freundschaft wie die unsrige, ihren schonen Armen entwand? Dass sie es nur zu gut merkte, bewies sie mir, im Augenblick des Scheidens, durch einen Kuss, von jenen nektarischen, die sie allein kussen kann, und welche auch du, wenn ich nicht irre, bei einer gewissen Gelegenheit kennen gelernt hast. Brauchte es mehr, um die dunne Eisrinde plotzlich zu schmelzen, womit sie das Herz des treuesten ihrer Freunde umzogen gefuhlt hatte? Aber ehe ich wieder zur Besinnung kommen konnte war sie meinen Augen so schnell entschwunden, dass ich alles wieder fur eine blosse Erscheinung hatte halten konnen, wenn der magische Kuss nicht noch eine ganze Stunde auf meinen Lippen fort gebrannt hatte.
Nun, lieber Klonidas, wie gefallt dir meine Gespenstergeschichte? Gewiss ist sie keine von den schlechtesten, die du in deinem Leben gehort hast. Aber was wirst du von deinem Aristipp denken, der bei dieser Gelegenheit schwach genug war, die schone Lais erst fur ein Gespenst anzusehen, und sie dann wieder von sich zu lassen, als ob sie es wirklich gewesen ware? Lache immerhin uber mich, Kleonidas; ich mache eine so alberne Figur in meinen eigenen Augen, dass ich keine Schonung von dir verlangen kann.
14.
Kleonidas an Aristipp.
Wirklich, lieber Aristipp, scheint mir dein Aufenthalt unter den weichlichen Asiaten deine Nerven ein wenig abgespannt zu haben: nicht, weil dir so gut als einem andern etwas Menschliches begegnen kann; und noch weniger, weil du die schone Lais wieder gehen liessest wie sie gekommen war; wie hattest du es anders machen konnen? Sie ist doch wohl keine Person, mit der man ungestraft den Satyr spielen durfte? sondern weil du nicht gewahr worden bist, dass die Schwachheit, deren du dich selbst beschuldigest, bloss darin liegt, dass du dich schamest wo sich nichts zu schamen ist.
Ich weiss nicht wo ihr Philosophen die Einbildung her nehmt, ihr musstet etwas mehr als menschliche Menschen seyn, oder wir andern sollten wenigstens so gutmuthig seyn, euch auf euer Wort dafur gelten zu lassen. Ich fur meine Person finde in deiner Gespenstergeschichte nichts, was nicht ganz naturlich ware, und dem weisen Sokrates selbst so gut hatte begegnen konnen wie dir. Du befindest dich in einer mondhellen Nacht allein in einem Garten; alles schlummert weit umher; Nacht, Einsamkeit und allgemeine Stille stimmen dich zu dem, was man wachend traumen nennen konnte. Der Mondschein allein versetzt uns schon in eine andere, oder vielmehr in die namliche Welt, die den gemeinen Vorstellungen vom Hades zum Urbild gedient hat; in eine Welt, wo alles sich dem Auge ganz anders darstellt, als wir es bei Tage sehen; wo wir Muhe haben in den zweifelhaften farbenlosen Gestalten, die ein mattes oft unterbrochnes Schattenlicht bald erscheinen bald wieder verschwinden lasst, die gewohntesten Gegenstande wieder zu erkennen; wo es ohne Hulfe des Gefuhls fast immer unmoglich ist, Schatten und Korper nicht zu verwechseln; kurz, in eine von der Sonnenwelt so verschiedene Zauberwelt, dass der Einbildungskraft bei der geringsten Veranlassung nichts leichter ist, als Gegenstande des Homerischen Schattenreichs dem, was wir wirklich sehen, unterzuschieben. In dieser Lage stellt sich dir auf einmal die Gestalt einer Person dar, fur welche du seit mehrern Jahren eine besondere Anmuthung fuhlst, und mit welcher du dich unmittelbar zuvor in Gedanken unterhalten hattest; eine Person, die, deiner gegrundeten Meinung nach, jetzt zu Milet seyn muss, und die du dir in diesem Augenblick so wenig in Rhodus, als dich selbst in Milet, denken kannst. Was ist da naturlicher, als dass du, bei dieser Disposition deiner Sinne und deiner Einbildung, nicht was du in diesem Momente fur unmoglich haltst diese Person selbst im Leben, sondern die blosse wesenlose Gestalt der nicht mehr Lebenden zu sehen wahntest? Denn, wie viel auch die Philosophie gegen dergleichen Erscheinungen einzuwenden hat, ihre Unmoglichkeit kann sie nicht beweisen; und wenn gleich deine Vernunft die Gespenstergeschichten, die du von Kindheit auf erzahlen hortest, aus ihrem eigenen Kreise verwiesen hat, aus deiner Seele konnte sie dieselben nicht hinausbannen; sie zogen sich in die nachtlichste Region deiner Phantasie zuruck, und es brauchte nichts als das Zeugniss deiner Augen, die dir die Gestalt einer weit entfernt geglaubten Person unmittelbar darstellten, um nicht nur deine Phantasie plotzlich ins Spiel zu setzen, sondern deine Vernunft selbst zu einem Trugschluss zu verleiten, dessen Tauschung sie keine Zeit hatte wahrzunehmen. Du wirst sagen: eben darum, weil ich die Gestalt der Lais auf mich zugehen sah, hatte ich sogleich gewiss seyn sollen, dass sie es selbst sey: denn es war doch unendlichmal wahrscheinlicher, dass sie ihren Reiseplan geandert, und anstatt nach Milet zu gehen, den Weg nach Rhodus genommen, meine Wohnung ausgekundschaftet, und sich vielleicht ein Vergnugen daraus gemacht habe, mich unversehens zu uberraschen. Ich antworte: alles diess war vernunftiger Weise nichts weniger als wahrscheinlich; wenn du es aber auch bei ruhiger Ueberlegung wahrscheinlicher hattest finden mussen, als die Erscheinung eines Geistes, so bedenke, dass die Phantasie in einem solchen Augenblick ihr Gaukelspiel viel zu behende macht, als dass sie dir Zeit zu Abwagung der Wahrscheinlichkeiten gelassen hatte. Das Zeugniss der Augen, das Vorurtheil, was du sahst konne nicht Lais selbst seyn, und die Einbildung es musse also ihr Geist seyn, wirkten so unendlich schnell zusammen, dass alle drei in eine einzige sinnliche Vorstellung, deren du dir klar bewusst warst, zerflossen; und, wie gesagt, eben dasselbe ware jedem andern an deiner Stelle begegnet. Ich wenigstens stehe dir nicht dafur, dass mir selbst, ungeachtet ich durch dein Beispiel gewarnt bin, mit Musarion oder dir nicht eben dasselbe begegnen konnte, wenn ich euch zu einer Zeit, da ich euch weit von mir entfernt wusste, unter ahnlichen Umstanden, plotzlich auf mich zuschleichen sahe. Denn freilich gehort auch der langsame gespenstmassige Gang und das weissgraue Gewand so gut zur Sache als Einsamkeit, Mondschein und nachtliche Stille.
Um dir meine Behauptung noch einleuchtender zu machen, frage ich dich: wenn du die schone Lais nicht umarmt, nicht mit ihr gesprochen, und dich also nicht durch Gefuhl und Ohr von ihrer Korperlichkeit hattest uberzeugen konnen; wenn zum Beispiel (was wenigstens an einem andern dazu geschickten Orte durch kunstliche Veranstaltungen hatte bewirkt werden konnen), wenn, einen Augenblick zuvor ehe du ihr in die Arme fielst, plotzlich eine Flamme zwischen dir und ihr aufgefahren, und ein dichter Rauch, unter einem vermeinten Donnerschlag, ihre Gestalt deinen Augen plotzlich entzogen hatte, wurdest du (vorausgesetzt dass diess alles tauschend genug ausgefuhrt und der Betrug dir nicht von Lais selbst entdeckt worden ware) nicht vielleicht noch jetzt deinen Sinnen mehr glauben als deiner Philosophie, und alles fur eine Erscheinung aus der Geisterwelt zu halten geneigt seyn? Wenigstens bin ich versichert, dass unter zehntausend, denen ein solches Abenteuer begegnete, nicht Einer ware, der es fur etwas anders nahme. Ich kenne sehr verstandige Leute, die, wenn von solchen Wunderdingen die Rede war, gegen alles, was von Andern erzahlt wurde, die erheblichsten Einwendungen zu machen hatten, aber immer damit aufhorten, mit der grossten Ueberzeugung von der historischen Wahrheit der Sache, irgend eine Gespenster- oder Zaubergeschichte zu erzahlen, von welcher sie sich selbst als Augenzeugen aufstellten. Noch einmal also, ich sehe nicht was fur Ursache du hattest es dich verdriessen zu lassen, dass du der schonen Lais nicht durch unzeitige Besonnenheit einen Spass verderbt hast, um dessentwillen sie sich eine Reise von dreizehnhundert Stadien zu Land und zu Wasser nicht verdriessen liess. Ich kann mir zwar wohl einen Menschen denken, der auf dem Wege des philosophischen Todes, den uns Plato in seinem Phadon empfiehlt dadurch, dass er den Sinnen, der Phantasie und allen Trieben und Leidenschaften der menschlichen Natur schon bei lebendigem Leibe abgestorben ist sich in die Unmoglichkeit gesetzt hat, von ihnen getauscht zu werden: aber ich weiss dass ich dieser Mensch nicht seyn mochte, und wunsche dir Gluck dass du es eben so wenig bist als ich.
Den andern Punkt betreffend, hatte sich, dunkt mich, jeder Mann, der nicht von allem Gefuhl des Schicklichen und aller Achtung gegen sich selbst verlassen ware, eben so, wie du, benehmen mussen; uberdiess lag es wohl nicht an deinem guten Willen, wenn du dich am Ende mit einem Kuss abfinden lassen musstest. Man ist freilich auf eine so sonderbare Grille nicht gefasst, wie diese war, die Reise von Sardes nach Rhodus zu machen, um einem guten Freund einen Kuss zu geben; indessen hangt es immer von einer Schonen ab, wie viel Werth sie auf ihre Gunsterweisungen legen will, und der Kuss, den du zur Entschadigung erhalten hast, war nach deinem eigenen Gestandniss so viel werth, dass du ihn nicht zu theuer erkauft hattest, wenn du ihm bis zu den Hyperboreern hattest entgegen reisen mussen. Die Wahrheit zu sagen bin ich mit dir weit besser zufrieden als mit der Dame, die mir in den zwei Jahren ihrer unumschrankten Herrschaft uber den koniglichen Arasambes von Seiten des Charakters mehr verloren als gewonnen zu haben scheint. Ich furchte sie hat sich durch die fliegende Eile, womit jeder ihrer Winke befolgt werden musste, durch die unermudete Aufmerksamkeit, womit ein eben so grossmuthiger als vielvermogender Liebhaber allen ihren Wunschen zuvorkam, kurz, durch die grobe Abgotterei, die zu Sardes mit ihr getrieben wurde, die bose Gewohnheit zugezogen, jede Phantasie, die ihr zu Kopfe steigt, auf der Stelle zu befriedigen, und zu erwarten dass man sich alles, was sie zu sagen und zu thun beliebt, wohl gefallen lasse. Mit Einem Wort, Aristipp, dein weiblicher Alcibiades ist das wahre Wort des Rathsels. Geben die Gotter, dass die Aehnlichkeit sich nicht bis auf den Ausgang der Abenteuer erstrecke, in welche sie sich mit einem solchen Charakter noch verwickeln konnte.
Das zarte dankbare Herz meiner Musarion leidet nicht wenig bei der Freiheit, die wir uns in unsern Urtheilen uber ihre geliebte Pflegemutter heraus nehmen. Sie mochte sich selbst gerne verbergen, dass wir Recht haben, und wurde uns zurnen, wenn sie zurnen konnte, dass wir alles im vollen Sonnenlichte sehen, was sie selbst nur in dem sanft verhullenden und verwischenden Mondlicht, oder in der verschonernden Beleuchtung der Abendsonne sehen will. Demungeachtet bittet sie mich, dir in ihrem Namen fur die freundliche Art zu danken, wie du ihrer gegen Lais erwahnt hast. Das holdselige Weibchen gibt mir taglich neue Ursache, mich in ihrem Besitz glucklich zu fuhlen. Ich weiss nicht ob du dich erinnerst, dass ich eine Schwester habe, die bei deiner ersten Abreise von Cyrene noch ein Kind von vier bis funf Jahren war? Da wir vor einiger Zeit das Ungluck hatten unsre gute Mutter zu verlieren, bat Musarion meinen Vater, dass er ihr die junge Kleone anvertrauen mochte, die jetzt gerade in die Jahre tritt, wo die Aufsicht und Leitung einer mutterlichen Freundin einem Madchen am nothigsten ist. Du zweifelst nicht, dass es ihr mit der besten Art zugestanden wurde; und so habe ich schon seit mehreren Wochen das Vergnugen, eine Schwester, die ich nach Musarion uber alles liebe, unter ihren Augen, gleich einer lieblichen noch ganz unversehrten Rosenknospe unter den schirmenden Blattern des mutterlichen Stockes, allmahlich zur schonsten Bluthe sich entfalten zu sehen.
Gedenkst du dich noch lange zu Rhodus zu verweilen, Aristipp? Wie gerne wir dir auch die mannichfaltigen Genusse gonnen, die dir in dem Lande, welches sich Minerva und Apollo mit den Musen und Grazien zu ihrem eigenen Sitz erkoren haben, von allen Seiten zustromen, so gibt es doch Tage und Stunden (und es sind gerade die seligsten unsers glucklichen Familienlebens), wo wir uns alle nach dir sehnen, und die Athener und Korinthier, Milesier und Rhodier und wer kann sie alle zahlen, die uns das Gluck, dich zu besitzen, vorenthalten? so herzlich darum beneiden, dass es ihnen unmoglich wohl bekommen kann.
15.
An Kleonidas.
Die sittenrichterliche Miene, womit du die scherzhaften Stellen meines letzten Briefes beinahe gar zu ernsthaft beantwortest, lieber Kleonidas, lasst dir so gut, dass ich nicht ungehalten uber dich werden konnte, wenn ich auch Ursache hatte es uber mich selbst zu seyn. Es ist nicht unmoglich, dass die Asiatische Luft, die ich seit einigen Jahren athme, die Wirkung auf mich thut, die du bemerkt haben willst; wenigstens ware diess eben so naturlich, als dass der zarte Sinn meines Kleonidas fur das Geziemende und Schongute durch die gluckliche Beschranktheit, Regelmassigkeit und halcyonische Stille seines hauslichen Kunstlerlebens immer zarter werden, und daher manches mehr oder weniger auffallend finden muss, woran wir andern sorglos und vogelfrei in der Welt herum treibenden Menschen nicht den geringsten Anstoss nehmen. Es ist, denke ich, mit dem moralischen Gefuhl, wie mit dem organischen: das Anwehen eines rauhen Luftchens fallt den zarten Wangen eines fast immer in den Mauern des Frauengemachs eingekerkerten Madchens, oder eines mit Rosen aufgefutterten Knaben empfindlicher, als das Anprallen des scharfsten Nordwindes der ledernen Haut eines abgeharteten Kriegsmannes oder Seefahrers. Indessen, wenn gleich auch hier das eben Rechte in der Mitte liegt, so gesteh' ich doch willig ein, dass es in sittlichen Dingen besser ist zu viel als zu wenig Zartgefuhl zu haben.
Meine Vergleichung unsrer Korinthischen Freundin mit dem beruchtigten Sohn des Klinias hatte ich von dir lieber bestritten als bekraftigt sehen mogen. Vielleicht urtheilen wir beide zu strenge uber sie; vielleicht stimmt mich dagegen zu einer andern Zeit die Erinnerung an so viele mit ihr verlebte Tage, die so schon nie wiederkehren werden, zu einer grossern Nachsicht, als sie von einem ganz unbefangenen Richter zu erwarten hatte. Genug, ich bin weit entfernt, die Hoffnung aufzugeben, dass sie sich noch, unvermerkt, und am ehesten ohne fremdes Einmischen, zu dieser ruhigen Selbstgenugsamkeit und Festigkeit des Gemuths lautern werde, ohne welche wir freilich Ursache hatten immer fur sie in Sorgen zu seyn. Warum hatte sie sich von Arasambes getrennt, und ihrer Freiheit durch diese Trennung so grosse Opfer gebracht, wenn das schone Bild einer reinern Gluckseligkeit, welche sie zu geben und zu empfangen fahig ist, nicht lebhaft genug auf sie gewirkt hatte, um uber die uppigsten Befriedigungen der Sinne, uber alle Forderungen der Eitelkeit, der Prachtliebe, und jeder andern selbstsuchtigen Leidenschaft das Uebergewicht zu erhalten? Lassen wir ihrer blumenreichen Phantasie noch einige Zeit sich durch rastloses Herumflattern zu ermuden! Das Bedurfniss der Ruhe wird mit dem erwachenden Gefuhl dessen, was sie sich selbst seyn konnte, nur desto dringender werden; sie wird sich unversehens nach Aegina zuruckziehen, ihre lieblichen Haine der Sokratischen Sophrosyne und ihren ernsten Grazien heiligen, und glucklich seyn wie sie es noch nie gewesen ist; oder das letzte ruhrende Lebewohl und der weihende Handedruck des scheidenden Weisen musste alle seine Kraft an ihr verloren haben.
Ich glaube gar ich schwarme, Freund Kleonidas? Beim Anubis34, es ist nicht ganz richtig mit mir! Bald werd' ich mir gestehen mussen, dass ich dir ahnlicher bin als mir meine Bescheidenheit zu denken erlauben wollte. Ernsthaft zu reden, meine Freundschaft oder Liebe (wenn du willst) fur dieses wunderbare Wesen ist nie warmer als wenn etliche tausend Stadien35 zwischen uns liegen. Die Phantasie treibt zuweilen auch mit uns andern kaltblutigen Leuten ihr Gaukelspiel. Mir, zum Beispiel, schiebt sie, in einer solchen Entfernung, unvermerkt eine Art von idealischer Lais unter, wie ich etwa wunsche dass die wirkliche seyn mochte; und dann dunkt mich, es sey nichts was ich nicht fur sie zu thun fahig ware, wenn sie dadurch glucklich wurde, und mir gehen seltsame Grillen durch den Kopf, die ich mir durch allerlei scheinbare Vorspiegelungen wahr zu machen suche. Ich besorge sehr, die Hoffnung, dass der abgeschiedene Geist des Sokrates noch ein Wunder an ihr thun werde, ist eine dieser Grillen; denn leider! bei kuhler Ueberlegung sehe ich wenig Wahrscheinlichkeit, dass die leibhafte Lais jemals von dem was sie ihr System nennt zuruckkommen werde, wiewohl es im Grunde nichts als Blendwerk ist, hinter welchem sie ihre ubermuthige Lust, Unheil in unsern armen Kopfen anzurichten, sich selbst zu verbergen sucht.
Mit der schonen Cyrene, zu welcher du mich so freundlich einladest, geht es mir wie mit der schonen Lais; meine Liebe zu ihr wachst mit dem Raum und der Zeit die mich von ihr entfernen; und wie konnte Liebe ohne Verlangen seyn? Cyrene, die doch alles, was mir das Liebste ist, enthalt, bleibt auch immer das letzte Ziel meiner Wanderungen, das Ithaka36 der freiwilligen Odyssee, die ich nicht dichte sondern lebe. Ich nenne sie freiwillig, weil keine feindseligen Gotter sich gegen meine Zuruckkunft verschworen haben: aber dennoch zweifle ich selbst, dass sie so ganz willkurlich ist, als das tauschende Gefuhl der Freiheit sie mir vorspiegelt; denn die unsichtbaren Seile, die mich nach Korinth und Athen zuruckziehen, sind darum nicht minder stark, weil es keine Ankertaue sind. Beide liegen noch zwischen mir und Cyrene, und ich kann jetzt noch nicht ernstlich daran denken, sie hinter mir zu lassen. Ueberdiess werde ich in Rhodus selbst durch mancherlei Verhaltnisse aufgehalten, und nach Achaja gedenke ich nicht wieder zu kehren, ohne zuvor alle merkwurdigen Orte in Klein-Asien und die nordliche Kuste des Euxins37 besucht zu haben. Kurz, lieber Kleonidas, da ich mich einmal so weit in die Welt hinaus gewagt habe, gebuhrt es sich entweder gar nicht, oder als ein stattlicher, an Kenntnissen und Erfahrungen reicher, weiser und gefuger Mann nach Cyrene zuruck zu kommen.
16.
Learchus an Aristipp.
Wir erfreuen uns wieder eines Vorzugs, um welchen uns Athen und Syrakus beneiden, des Glucks, die schone Lais, nach einer mehr als vierjahrigen Abwesenheit, wieder in unsern Mauern zu besitzen; wenn anders die Erlaubniss, seine Augen unentgeltlich an ihrem Anschauen zu weiden, fur eine Art von gemeinsamen Besitz gelten kann. Diess ist ein Recht, oder vielmehr eine Wohlthat, die sie, gleich der Sonne, allen Augen zugesteht, die es auf die Gefahr, eben so wie von einem Blick in die Sonne geblendet zu werden, wagen wollen in die ihrigen zu sehen. Irgend einer hohern oder geheimern Gunst kann sich unter allen, die sich darum zu beeifern scheinen, bis jetzt noch keiner ruhmen: aber auch diese ist schon so gross, dass einige Zeit hingehen durfte, bis irgend ein Uebermuthiger sich erdreisten wird, uber die Unzulanglichkeit einer so geistigen Nahrung der ungenugsamsten aller Leidenschaften zu knurren. In der That ist ihre Schonheit noch immer im Zunehmen, und scheint sogar, anstatt durch die Zeit das Geringste von ihrer frischen Bluthe verloren, im Gegentheil in der Blende, worin sie zu Sardes gestanden, einen noch hohern Glanz gewonnen zu haben, etwas Gebieterisches, Konigliches mocht' ich sagen, das in die Lange kaum ertraglich ware, wenn sie es nicht durch die liebenswurdigste Anmuth der Sitten und das gefalligste Benehmen im Umgang zu mildern wusste. Bei allem dem lebt sie auf einem so furstlichen Fuss zu Korinth, dass zu besorgen ist, falls auch sie selbst reich genug ware, es immer auszuhalten, die Korinthier mochten nicht artig oder demuthig genug seyn, es lange gut zu finden. Indessen, bis jetzt geht noch alles als ob es nicht anders seyn konnte. Das Volk, dem der Schein immer fur das Wesentliche gilt, wird durch den Schimmer, womit sie sich umgibt, und ihre grosse Manier das Persische Gold in Umlauf zu setzen, im Respect erhalten; unsre Patricier hingegen trosten sich mit dem Gedanken, dass eine solche Lebensart der geradeste Weg sey, die stolze Gottin desto eher zu humanisiren und endlich so geschmeidig zu machen, als jeder sie, wenigstens fur sich selbst, zu finden wunscht. Da diess aber ganz und gar nicht in den Plan der Dame zu passen scheint, so wurde, daucht mich, ein warnender Wink von einem vertrauten Freunde nicht uberflussig und vielleicht von guter Wirkung seyn. Ich selbst bin zwar so glucklich sie ofters zu sehen, und sogar zu dem engern Ausschuss ihrer Gesellschafter zu gehoren: aber, wenn ich auch grossmuthig genug seyn wollte, gewissermassen gegen meinen eigenen Vortheil zu handeln, so ist doch mein Verhaltniss zu ihr nicht von solcher Art, dass ich mir ohne Zudringlichkeit das Amt eines Erinnerers herausnehmen durfte. Auf jeden Fall, lieber Aristipp, ware wohl das Beste, wenn du dich entschliessen konntest, dich den Reizen der schonen Rhodos zu entreissen, und mit der ersten guten Gelegenheit nach Korinth zu kommen. Lais scheint beinahe gewiss darauf zu rechnen, und dein gastfreundliches Gemach im Hause deines Learch ist zu allen Stunden fur deine Aufnahme ausgeschmuckt.
L.W.
17.
Lais an Aristipp.
Verzeihe, mein Lieber, wenn ich dich langer als recht ist auf Nachricht warten liess, wie deiner Freundin die Luft des Isthmus wieder bekommt, und wie sie nach einer so langen Abwesenheit von den Korinthiern aufgenommen worden. Jene hat mir mit dem ersten Athemzug alle meine vorige Leichtigkeit und Unbefangenheit wiedergegeben; diese benehmen sich so artig und anstandig, als es die etwas zweideutige Wittwe eines noch vollauf lebenden Persischen Furstensohns nur immer verlangen kann. Ich mache ein ziemlich grosses Haus, lebe wieder so frei wie die Vogel des Himmels nach meiner eigenen gewohnten Weise, und erinnere mich zuweilen des Aufenthalts zu Sardes, und aller seiner Herrlichkeiten, als eines seltsamen Morgentraums, der im Erwachen unvermerkt an der aufgehenden Sonne zerrinnt, und, wie angenehm er auch war, kein Bedauern dass er ausgetraumt ist in der Seele zurucklasst. Freilich befinde ich mich in dem ungewohnlichen Fall einer Person, die im Traum einen grossen Schatz erhoben hatte, und beim Erwachen wirklich einen kleinen Berg von Goldstukken vor ihrem Bette aufgeschuttet fande; und wenn du glaubst, dass dieser Umstand nicht wenig zu der Ruhe, deren ich mich ruhme, beitragen konnte, so will ich so ehrlich seyn und gestehen, dass du es nahezu errathen hast.
Ich lebe hier ungefahr auf eben demselben Fuss wie zu Milet. Mein Haus ist, zwar nicht zu allen Stunden, aber doch in den gewohnlichen, wo man Gesellschaft sieht, allen offen, die man zu Athen Kalokagathen38 nennt. Eupatriden, Staats- und Kriegsmanner, Dichter, Sophisten und Kunstler, alte und junge, reiche und arme, fremde und einheimische, jedermann, der sich in guter Gesellschaft mit Anstand zeigen kann, ist gern gesehen; nur dass immer zwei oder drei mit einander kommen mussen: denn die Unterhaltungen unter vier Augen sind nur den vertrautern Freunden, lauter Mannern, die meine Vater seyn konnten, vorbehalten, und unter den jungern, hochstens Einem, den die Gotter etwa in besondere Gunst genommen haben; dir, zum Beispiel, wenn du hier warest, zumal da sich bisher noch keiner gefunden hat, der mich vergessen machen konnte, dass du es nicht bist.
Es ist wohl kein Zweifel, dass ich mich durch diese Lebensordnung weder den Matronen noch den Hetaren (deren Orden hier sehr zahlreich und begunstigt ist) sonderlich empfehle; wiewohl die letztern mehr Ursache hatten, mich fur eine Wohlthaterin als fur eine Conkurrentin anzusehen. Denn bei weitem die meisten meiner Anbeter unterliegen am Ende doch der Versuchung, sich bei ihnen, wie die Freier der Penelope bei den gefalligen Hofmagden des Ulyssischen Hauses, fur ihre bei mir verlorne Zeit und Muhe zu entschadigen. Indessen muss ich gestehen, dass die Verbindlichkeit, die sie mir von dieser Seite schuldig sind, vielleicht doch einige Einschrankung leiden mag. Die Sache ist, dass ich, theils um mir selbst die Pflichten der Frau des Hauses zu erleichtern, theils (wenn du willst) aus Gutherzigkeit, einige schone junge Madchen zu mir genommen habe, die zwar Korinthische Burgerinnen sind, aber aus Mangel an Vermogen und Unterstutzung wahrscheinlich sich genothigt gesehen hatten, ihren Unterhalt der Aphrodite Pandemos39 abzuverdienen. Diese lasse ich von den geschicktesten Lehrmeistern im Lesen der Dichter, in der Musik und in der Tanzkunst unterrichten, und mache mir, nach dem Beispiele der schonen Aspasia, selbst ein Geschaft daraus, sie zu angenehmen Gesellschafterinnen fur mich und andere zu bilden. Konnte ich ihnen mit meinen Grundsatzen auch zugleich meine Sinnesart einflossen, so wurde meine Absicht vollkommen erreicht. Da sich aber darauf nicht rechnen lasst, so bin ich zufrieden, ihnen so viel Achtung gegen sich selbst und so viel Misstrauen gegen euer ubermuthiges Geschlecht beizubringen, als einem Madchen nothig ist, das sich in den gehorigen Respect bei euch setzen, und wenn sie, unglucklicherweise, der Liebe sich nicht ganzlich erwehren kann, wenigstens keinem andern Amor unterliegen will, als jenem Anakreontischen, den die Musen
Mit Blumenkranzen gebunden
Der Schonheit zum Sklaven gegeben.
Du kannst dir leicht vorstellen, lieber Aristipp, was fur eine alberne Celebritat ich mir durch diese, den Sohnen und Tochtern der Achaer so ungewohnte und so vielerlei Vorurtheile vor die Stirne stossende, Lebensart zuziehen werde. Diess ist eben nicht was ich wunsche; aber ich sehe nicht wie ich es vermeiden konnte: wer schwimmen will, muss sich gefallen lassen nass zu werden.
Ich habe die traulichen kleinen Symposien, die ich zu Milet bei mir eingefuhrt hatte, wobei eine freie muntre Unterhaltung uber interessante Gegenstande die bessere Halfte der Bewirthung ausmachte, auch hier wieder in den Gang gebracht; wiewohl die Korinthier uberhaupt genommen keine Liebhaber von so nuchternen Gastmahlern sind. Bilde dir darum nicht ein, dass mein Koch sich dabei vernachlassigen durfe. Wenige Schusseln, aber das Beste der Jahrszeit aufs feinste zubereitet; kleine Becher, aber die edelsten Weine Cyperns und Siciliens, darin besteht meine dir selbst abgelernt habe. Zu Athen reicht man damit aus und erhalt noch Lob und Dank: aber so genugsam sind unsre Korinthischen Kalokagathen nicht. Ausser deinem Freunde Learchus, und einem viel versprechenden jungen Kunstler, Namens Euphranor (der, im Vorbeigehen gesagt, einer meiner warmsten und hoffnungsvollsten Anbeter ist), sind es daher fast lauter Fremde, die sich um den Zutritt zu meinen Aristippischen Orgien40 (wie ich sie dir zu Ehren nennen mochte) bewerben, oder von freien Stucken dazu eingeladen werden. Die Unterhaltung gewinnet nicht wenig dadurch, und ich denke es sollte sich aus unsern Tischreden etwas ganz Artiges machen lassen, wenn sie, von einem Geschwindschreiber aufgefasst, als blosser Stoff einem Meister wie Xenophon oder Plato in die Hande fielen. Nicht selten wagen wir uns, auf die Leichtigkeit unsrer Hand vertrauend, sogar an die verschlungensten Knoten der Philosophie; und wenn uns die Entwicklung zu langweilig werden will, ziehen wir uns zuweilen auf die kurzeste Art aus der Sache, und kommen der Subtilitat unsrer Finger mit der Scheere zu Hulfe. Gestern z.B. erwahnte Einer zufalligerweise, dass Sokrates das Schone und Gute fur einerlei gehalten, und also nichts fur schon habe gelten lassen wollen, wenn es nicht zugleich gut, d.i. nutzlich, ja sogar nur insofern es nutzlich sey. Diess veranlasste einen Dialog, wovon ich dir, weil ich gerade zum Schreiben aufgelegt bin und (die Wahrheit zu gestehen) deine eigene Meinung von der Sache wissen mochte, so viel als mir davon erinnerlich ist, mittheilen will, wenn du anders Lust und Musse hast weiter zu lesen.
Die Hauptpersonen des Gesprachs waren der junge Speusipp41 (Platons Neffe von seiner altern Schwester, einer der liebenswurdigsten Athener die ich noch gesehen habe), ein gewisser Epigenes von Trozen, der seine Geistesbildung vornehmlich von den Sophisten Prodikus und Protagoras erhalten zu haben vorgibt, und Euphranor, welchem, da er Maler und Bildner zugleich ist, ein unstreitiges Recht zukam, mit zur Sache zu sprechen. Dass die Frau des Hauses sich ein paarmal in das Gesprach mischte, wirst du einer so erklarten Liebhaberin alles Schonen zu keiner Unbescheidenheit auslegen.
Mich dunkt (sagte Epigenes, der zu dieser Erorterung den Anlass gegeben hatte), ehe wir uns auf die Frage "was das Schone sey?" einlassen, ware wohl gethan, den Sprachgebrauch um die Bedeutung des Wortes zu fragen, da es so vielerlei, zum Theil ganz ungleichartigen Dingen beigelegt wird, dass der allgemeine Begriff, der mit diesem Worte verbunden zu werden pflegt, nicht leicht zu finden seyn durfte. Wir sagen: ein schoner Himmel, eine schone Gegend, ein schoner Baum, eine schone Blume, ein schones Pferd, ein schones Gebaude, ein schones Gedicht, eine schone That. Man sagt: dieser Wein hat eine schone Farbe, dieser Sanger eine schone Stimme, diese Tanzerin tanzt schon, dieser Reiter sitzt schon zu Pferde. Ich wurde nicht fertig, wenn ich alle die korperlichen, geistigen und sittlichen Gegenstande, Bewegungen und Handlungsweisen herzahlen wollte, denen das Pradicat schon beigelegt wird. Was ist nun die ihnen allen zukommende gemeinsame Eigenschaft, um derentwillen sie schon genannt werden? Ich kenne keine allgemeinere als diese, dass sie uns gefallen. Die Menschen nennen alles schon was ihnen gefallt.
S p e u s i p p . Ich gebe gern zu, dass das Schone allen gefallt, deren ausserer und innerer Sinn gesund und unverdorben ist: aber dass alles, woran ein Mensch Wohlgefallen haben kann, darum auch schon sey, kann schwerlich deine Meinung seyn.
L a i s . Sonst ware nichts Schoneres als ein mit Fassern und Kisten wohl beladenes Lastschiff voll morgenlandischer Waaren! wenigstens in den Augen des Korinthischen Kaufmanns, vor dessen Hause sie abgeladen werden, und der in diesem Augenblick gewiss mehr Wohlgefallen an seinen ohne Symmetrie uber einander hergewalzten Fassern, Kisten und Sakken hat, als an dem schonsten Gemalde des Parrhasius.
E p i g e n e s . Also, mich genauer auszudrucken, nenne ich schon, was allen Menschen, ohne Rucksicht auf den Nutzen, der daraus gezogen werden kann, gefallt.
S p e u s i p p . Sollte damit zu Erhaltung des Begriffs vom Schonen etwas gewonnen seyn? Was gefallt, ist (deinem eigenen Gestandniss nach) nicht immer schon; aber das Schone gefallt immer, bloss weil es schon ist. Die Frage was ist schon? bleibt also noch unbeantwortet.
E u p h r a n o r . Konnte uns nicht irgend ein Werk der Kunst am leichtesten zu der Antwort verhelfen, die wir suchen?
L a i s . Mich dunkt, Euphranor bringt uns auf den rechten Weg.
E u p h r a n o r . Zum Beispiel, der junge Bacchus dort, dem der lachende Faun den rosenbekranzten Becher reicht, indem er mit dem linken Zeigefinger schalkhaft auf die neben ihm an einem Weinschlauch eingeschlafne Manas hinweiset.
L a i s . Es soll eines der besten Werke des beruhmten Alexis von Sicyon seyn.
E u p h r a n o r . Lassen wir diesen Bacchus fur schon gelten, oder hat jemand etwas Wesentliches an ihm auszusetzen?
S p e u s i p p . Ewige Jugend in ewig frohlicher Wollusttrunkenheit kann unmoglich schoner dargestellt werden.
E u p h r a n o r . Das mochte ich nun eben nicht behaupten; genug, wir alle geben zu, dass er nicht hasslich ist.
A l l e . Unstreitig.
E u p h r a n o r . Was mag wohl die Ursache dieses einstimmigen Urtheils seyn?
L a i s . Unser Gefuhl vermuthlich.
E p i g e n e s . Aber warum wir es alle fuhlen, und fuhlen mussen, wir mogen wollen oder nicht, das ist es wohl was Euphranor horen mochte?
E u p h r a n o r . Und worin konnte diess liegen, als in der Gestalt des jungen Gottes, in der bestimmten Form eines jeden seiner Glieder, in ihren Verhaltnissen gegen einander, und in ihrer Verbindung zur harmonischen Einheit des Ganzen?
Ich und Epigenes und die ubrigen alle waren sogleich mit unserm Ja bei der Hand. Nur Speusipp lachelte beinahe unmerklich und schwieg.
E u p h r a n o r . Aber die schlummernde Manas zu seinen Fussen kann man laugnen dass sie schon ist?
L e a r c h u s . Ich glaube in aller Manner Namen kuhnlich sagen zu durfen, sie ist sehr schon.
E u p h r a n o r . Und der junge Faun?
L a i s . Ich wenigstens habe noch keinen schonern gesehen.
E u p h r a n o r . Also der Gott ist schon, der Faun ist schon, die Bacchantin ist schon, ungeachtet das, warum wir jedes fur schon halten, die Formen und Verhaltnisse der einzelnen Theile und die Symmetrie des Ganzen, an allen dreien die augenscheinlichste Verschiedenheit zeigt. Wurden wir aber zufrieden seyn, wenn der Faun fur den Weingott angesehen werden konnte, oder der Weingott fur einen Faun? Mit der Form des schonsten Fauns wurden wir den Bacchus nicht schon genug, mit den Formen des letztern hingegen jenen allzu schon finden. Und wenn die Manas ihren hohen Busen gegen die breite Brust des Bacchus, er seine Schultern und Huften gegen die ihrigen umtauschte, wurden nicht beide dabei verlieren, wiewohl sie Schones um Schones gaben?
E p i g e n e s . Ganz gewiss. Schon ware demnach etwas so Verhaltnissmassiges, dass es unter veranderten Umstanden hasslich werden konnte; wie z.B. ein schones Weib einen missgestalteten Mann, ein schoner Faun einen hasslichen Bacchus abgabe?
E u p h r a n o r . Diess mochte doch wohl zu viel gesagt seyn. Ein Mann mit weiblichen Gliederformen ware doch immer ein schones Ungeheuer, und ein Bacchus mit den Formen eines schonen Fauns wurde nur unedel, nicht hasslich seyn. Indessen konnte auch aus lauter schonen Theilen ein sehr widerliches Ganzes zusammengesetzt werden, ohne dass die Theile aufhorten schon zu seyn; es braucht dazu nichts weiter, als jedem eine unrechte Stelle zu geben. Der schonste Munde schief auf die Stirn, das schonste Auge an die Stelle des Mundes, und die zierlichste Nase an den Platz des Auges gesetzt, wurde aus dem Gesicht einer Lais eine lacherliche Fratze machen.
L a i s . Fuhrt uns diess nicht unvermerkt auf den Sokratischen Begriff42 zuruck, dass jedes Ding schon ist, wenn es das ist, was es seiner Natur und seinem Zwecke nach, seyn soll?
E p i g e n e s . Wenn diess keine Ausnahmen leidet, so wurde der Elephant, der Dachs und die Fledermaus eben so wohl an Schonheit Anspruch zu machen haben, als der Onager43, das Reh und der Fasan.
L a i s . Warum nicht, wenn wir dem unerschopflichen Erfindungsgeiste der gottlichen Bildnerin Natur nicht unbefugte Schranken setzen, und durch eigensinnige Vorliebe fur gewisse uns vorzuglich gefallige Gestalten uns zu kleinlichen einseitigen Urtheilen verleiten lassen wollen?
E u p h r a n o r . Mit allem Respect, den ich dir und der gottlichen Bildnerin schuldig bin, verzweifle ich doch es jemals so weit zu bringen, dass mir die Fledermaus oder der Krokodil schon vorkomme, und ich glaube hierin die Augen aller Menschen, und die deinigen zuerst, auf meiner Seite zu haben. Auch sehe ich nicht, warum alles, was die Natur hervorbringt, gerade fur unsern Schonheitssinn gebildet seyn musste; und da es uns an Worten nicht mangelt, warum muss denn etwas, das nur dem Verstande schon ist, mit einem Worte bezeichnet werden, welches in seiner eigentlichen Bedeutung vorzuglich solchen Dingen zukommt, die durch Formen und Farben, harmonische Verhaltnisse und Symmetrie unsre Augen, oder vielmehr den innern Sinn, dessen Werkzeug sie sind, vergnugen? Die meisten Schopfungen der Natur haben diese Eigenschaft in hohern und mindern Graden. Ich zweifle sehr, dass ein Mensch in der Welt ist, der nicht auf den ersten Anblick die Gans schoner als die Ente, den Schwan schoner als die Gans, den Pfau schoner als den Schwan finden sollte: aber vor der Fledermaus schaudert jeder, der sie erblickt, zuruck.
L a i s . Wiewohl die Unverschamtheit zu Athen eine Gottin ist, so verlasse ich mich doch nicht genug auf ihren Beistand, um dir hierin zu widersprechen; sie konnte mich hasslich im Stiche lassen, wenn einer dieser schonen Nachtvogel unversehens daher geschossen kame, um sich fur die unverdiente Ehre zu bedanken, die ich ihm erwiesen habe.
Dieser unzeitige Scherz stimmte sogleich die ganze Gesellschaft auf einen andern Ton. Die Athener erhielten ziemlich zweideutige Lobspruche uber ihre ausserordentliche Gottesfurcht; und da sie eben nicht im Ruf sind, sich durch die Tugenden der Bescheidenheit und Scham unter den Griechen auszuzeichnen, so meinte Learchus, sie hatten wohl gethan, der Anadeia44 fur die guten Dienste, die sie ihnen bei mehr als Einer Gelegenheit geleistet, eine Capelle zu bauen, und sich dadurch ihres Beistandes auf immer zu versichern. Der gute Speusipp, wiewohl er zu viel Urbanitat besitzt, um von solchen Scherzen beleidiget zu werden, glaubte doch zuletzt, er musse sich seiner bedrangten Vaterstadt annehmen, und bemuhte sich, uns (etwas ernsthafter als nothig war) darzuthun: dass es einem so religiosen Volke, wie die Athener von jeher gewesen, zumal in jenen Zeiten einer noch sehr grossen Einfalt der Begriffe und Sitten, keineswegs zu verdenken sey, dass sie sich von einem Mystagogen45, der in einem so hohen Ruf der Heiligkeit und Weisheit in den gottlichen Dingen gestanden, wie Epimenides46, hatten bewegen lassen, der Hybris47 und der Anadeia eigene Tempel zu widmen, in der Absicht diese ubelthatigen Damonen dadurch zu besanftigen und zur Schonung zu bewegen; zumal da die entgegen gesetzten guten Damonen, Eleos und Aido48, bereits offentliche Altare zu Athen hatten, und jene, wenn sie vernachlassigt worden waren, eine solche Parteilichkeit sehr ungnadig hatten aufnehmen konnen. Die Athener (meinte er) befanden sich mit der Gottin Unverschamtheit in dem namlichen Falle wie die Spartaner mit ihrem Gotte Furcht, welcher von Alters her sehr andachtig von ihnen verehrt worden sey, ohne dass es jemals einem Menschen eingefallen, ihre Tapferkeit desswegen in den mindesten Zweifel zu ziehen.
Es ware nicht artig gewesen, einem Abkommling des weisen Solon wegen dieser Apologie seiner Mitburger ins Gesicht zu lachen. Ich versicherte ihn also in unser aller Namen, dass wir weit entfernt seyen, diese Sache in einem andern Lichte zu sehen; und da die ganze Gesellschaft zu bedauern schien, dass wir den Gegenstand unsers Gesprachs daruber aus dem Gesichte verloren, setzte ich hinzu: ich wurde fur meinen unzeitigen Scherz zu hart bestraft seyn, wenn wir des Vergnugens entbehren mussten, zu horen, wie Speusipp, wenn ich recht in seinen Augen gelesen hatte, im Begriff gewesen sey, den Knoten zu entschlingen, der, meines Erachtens, bisher unter unsern Handen eher noch mehr verwickelt als aufgelost worden. Du musst wissen, dass dieser Speusipp, einen schwachen Anstrich von Platonischer Pedanterei abgerechnet, ein sehr feiner Jungling ist, und (unter uns gesagt) ohne meine Schuld einen der Pfeile, welche der Sohn Cytherens aus meinen Augen links und rechts, wohin es trifft, zu schiessen beschuldigt wird, ziemlich tief in der Leber stecken zu haben scheint. Ich bin nicht gesonnen zu seiner Heilung den geringsten Aufwand zu machen; sollte aber das Uebel gar zu ernsthaft werden, so verlasse ich mich auf die kleine Lasthenia49, die seit einiger Zeit die Stelle der schonen Droso bei mir eingenommen, und eine so schwarmerische Liebe fur die Platonische Philosophie gefasst hat, dass Speusipp, wofern er noch einige Tage hier verweilt, nothwendig davon geruhrt werden muss. Doch wieder zur Sache!
Der junge Mann antwortete auf meine Einladung, nicht ohne bis in die Augen roth zu werden, mit aller Grazie und Zuversicht, die du einem Athener und einem Neffen Platons zutrauen wirst. Mich dunkt, fuhr er fort, wir haben uns bisher immer um einen dunkeln Begriff des Schonen, dessen Daseyn wir voraussetzen, herumgedreht, ohne ihm selbst naher gekommen zu seyn. Sinne und Einbildungskraft stellen uns nichts als einzelne Dinge dar, die wir, wenn ihre Gestalt uns gefallt, schon nennen, wiewohl uns immer eines schoner als das andere daucht. Auch die Kunst zeigt uns, sogar in ihren idealisirten Werken, nur einzelne Gestalten, einen Ringer, Wettlaufer oder Faustkampfer, einen Achilles, Ajax oder Ulysses, einen Zeus, Apollo, Mercur, Bacchus u.s.w., nie den Menschen, den Helden oder den Gott, der so schon ist, als Mensch, Held oder Gott gedacht werden kann. Daher sind die Eleer und Athener nie sicher, dass nicht ein Bildner aufstehe, der einen noch schonern Jupiter als ihren Olympischen, eine schonere Aphrodite als die des Alkamenes in den Garten darstelle. Aber wie konnten wir urtheilen, dass irgend ein einzelnes Ding schoner sey als ein anderes in seiner Art, wenn die Idee des allgemeinen Schonen nicht bereits in unsrer Seele lage, welche gleichsam der Massstab ist, woran wir das einzelne Schone in der Natur und Kunst messen? Diese Idee ist es was wir suchen, ohne zu wissen dass wir sie schon haben, wiewohl es uns eben darum, weil sie eine Idee ist, an Mitteln fehlt, sie auf eine andere Art sinnlich darzustellen als im Einzelnen, das ist, durch blosse Annaherungen, wobei immer die Moglichkeit eines Schonern bleibt, weil das Schonste, die Idee selbst, im Einzelnen erreichen zu wollen, eben so viel ware als das Unendliche in einen beschrankten Raum zu fassen.
Also sprach er und ergotzte sich, wie es schien, an dem Erstaunen, das in unser aller weit offnen Augen zu lesen war. Eine allgemeine Stille ruhte eine Weile auf der ganzen Tischgesellschaft; es war uns allen, denke ich, als ob uns etwas geoffenbaret worden ware, und wir wunderten uns, allmahlich gewahr zu werden, dass wir im Grunde nicht mehr von der Sache wussten als vorher. Epigenes war der erste, der das heilige Schweigen brach. Wir sind dem Speusippus nicht wenig Dank schuldig (sagte er mit einem Ernst, der das eben ausbrechen wollende Lachen von den Lippen deiner muthwilligen Freundin zuruckschreckte), dass er uns einen Blick in die erhabensten Mysterien seines beruhmten Oheims thun liess, und uns das unaussprechliche Wort seiner Philosophie50 vertraute. Denn die Idee ist der Schlussel zu allen Geheimnissen der Natur in und ausser dem Menschen. Ich gestehe mit Beschamung, sagte Euphranor, dass dieser Schlussel mir nichts aufschliesst. Ich begreife nichts von einer Idee, die ich in mir trage, ohne zu wissen weder dass ich sie besitze noch wie ich zu ihr gekommen bin, also auch ohne gewiss zu seyn, dass ich sie habe. Wundert dich diess, Euphranor? versetzte der junge Athener lachelnd; du hast also, wie es scheint, nie wahrgenommen, wie vieles in dir ist, dessen Daseyn und Beschaffenheit dir nur durch seine Wirkungen offenbar wird? Die ungelehrtesten Menschen empfinden, erinnern sich des Empfundenen, vergleichen und unterscheiden, bilden sich Begriffe und machen Schlusse, ohne zu wissen, wie sie dabei zu Werke gehen; und der gelehrteste weiss im Grunde nicht viel mehr davon als sie. Die Idee des Schonen erweiset sich in dir und in uns allen durch ihre Wirkungen; sie selbst ist so wenig anschaulich, als es z.B. die Kraft ist, mit welcher du urtheilst, ob du zu dem, was du malen willst, einen feinern oder grobern Pinsel nehmen und ihn in diese oder jene Farbenmuschel tauchen sollest. Es mag vielleicht seyn wie du sagst, erwiederte Euphranor: aber wessen ich sehr gewiss bin, ist, dass ich mich, wenn ich eine Galatea malen oder einen Mercur bilden sollte, auf eine Idee, die ich in mir herumtrage, ohne es zu wissen, nicht verlassen durfte. Dass ich die Verhaltnisse und Formen des mannlichen und weiblichen Korpers, die bei den Griechen fur die schonsten gelten, studirt habe; dass ich genau weiss, wie ein Arm oder Schenkel gestaltet seyn muss, um von jedermann fur schon erkannt zu werden, und wie jedes Gliedmass nebst allen ubrigen, die mit ihm in Verbindung stehen, sowohl in Ruhe als in jeder Art von Bewegung und Stellung, aus jedem Gesichtspunkt betrachtet erscheinen muss; dass ich weiss, wie man den Pinsel und den Meissel handhaben muss; dass ich, wenn ich male, jedem Gegenstande seine wahre Gestalt, Farbe und Haltung, Charakter und Ausdruck, jedem Theil sein rechtes Verhaltniss zu den ubrigen, jedem Muskel sein gehoriges Spiel zu geben, Licht, Farben und Schatten richtig und zweckmassig zu vertheilen, und das Ganze auf seinen gehorigen Ton zu stimmen weiss: alles das sind Dinge, deren ich mir sehr klar bewusst bin, wovon ich Rechenschaft geben kann, und ohne welche ich nichts machen konnte, das des Sehens werth ware. Auch bin ich mir eben so klar bewusst, wie ich zu dem, was ich weiss und kann, gelangt bin: namlich nicht durch den magischen Einfluss einer Idee, die mir selbst unsichtbar ist, sondern durch emsiges forschendes Betrachten der Natur und der Kunstwerke trefflicher Meister, ofteres Besuchen der Gymnasien und Kampfspiele, hartnackigen Fleiss, viele Uebung, Liebe zur Kunst, und brennenden Wetteifer mit denen, die ich anfangs nur nachzuahmen suchte. Und was den Massstab der Grade des Schonen betrifft, wozu bedurfte ich eines andern als der bestimmten Gestalten einer kleinen Anzahl von Personen, die in ihrer Art fur vorzuglich schon gelten, und des feinen Gefuhls des Gehorigen, Gefalligen und Genugsamen, das durch bestandige Uebung des Kunstsinns an der Natur selbst erworben wird? Ich habe, wiewohl ich noch nicht dreissig Jahre zahle, das Schonste gesehen, was in den vornehmsten Stadten der Griechen zu sehen ist; aber ich erinnere mich nicht, irgendwo ein Bild eines Gottes, eines Homerischen Helden, einer Gottin oder Nymphe gesehen zu haben, welches (das Conventionelle abgerechnet) schoner ware, als gewisse Personen, die ich kenne. So ist z.B. dieser Faun nach einem jungen Arkadischen Ziegenhirten dieser Bacchus nach einem sehr schonen Jungling, mit welchem ich zu Sicyon ofters badete, und die schlummernde Manas nach einer Sklavin der Frau dieses Hauses gebildet. Und diess weisst du so gewiss? fragte Speusipp. "So gewiss, als dass nicht der beruhmte Alexis von Sicyon, wie Lais im Scherz vorgab, sondern der noch unberuhmte Euphranor von Korinth diese Gruppe, die du selbst mit deinem Beifall beehrtest, gearbeitet hat. Hatte ich eine mit dem Gurtel der Venus geschmuckte Juno zu malen, so weiss ich sehr wohl, an welche sichtbare Gottin ich meine Gelubde richten wurde." In der That, sagte Speusipp mit der Attischen Miene, die du als ein Vorrecht der edeln Theseiden51 kennst, es ist nicht zu laugnen, dass wir ein wenig lacherlich sind, indem wir uns an der Tafel der schonsten Frau in Griechenland die Kopfe daruber zerbrechen was schon sey; denn, welche Bewandtniss es auch mit dieser Frage haben mag, diess ist gewiss, dass jeder, der sie sieht, seine hochste Idee der Schonheit in ihr verkorpert finden wird.
Sobald das Gesprach eine solche Wendung nahm, war es hohe Zeit, ihm ein Ende zu machen. Auf einen Wink, den ich kurz zuvor einer Aufwarterin gegeben hatte, trat in dem Augenblick, da Speusipp das letzte Wort aussprach, die schone Lasthenia an der Spitze meiner oben erwahnten jungen Nymphen in den Saal, um die Gesellschaft mit Musik und Tanz zu unterhalten; und bevor eine Stunde vergangen war, glaubte ich zu bemerken, dass meine junge Philosophin den Platoniker (der, wie die Aphyen52, nur Feuer zu sehen braucht um zu kochen) unvermerkt immer naher an sich zog. Bei euch Mannern wird die gefalligste zuletzt immer uber die schonste den Sieg erhalten. Es ist ein unglucklicher Vorzug der Weiber, dass die Leidenschaft der Liebe bei ihnen von der Gegenliebe ganz unabhangig und desto hartnackiger ist, je weniger sie Hoffnung hat erwiedert zu werden.
Ich sehe zu spat, dass ich dir ein Buch statt eines Briefes geschrieben habe. Mochtest du mich mit einem noch grossern fur meine Unbescheidenheit bestrafen! Sage mir doch ein paar Worte, wie dir's zu Rhodus geht, was du treibst, und ob man hoffen darf, deine ehmalige Andacht zu dem Erderschutterer Poseidon wieder einst erwachen zu sehen?
18.
Aristipp an Lais.
Darf ich dir, im Vertrauen auf die Rechte einer zehnjahrigen Freundschaft, gestehen, schone Lais, wie mir deine jetzige Lebensweise vorkommt? Betrachte ich sie als einen blossen Uebergang von der Glorie einer unumschrankten Gebieterin uber die Person und die Schatze eines Persischen Grossen, zu der glucklichern aber weniger schimmernden und prunkenden Lebensart, die einer Einwohnerin von Korinth geziemt, so wunsche ich bloss, dass du dich entschliessen mogest, zwar nicht gar zu hastig, aber doch lieber zu schnell als zu langsam, von der Hohe herabzusteigen, die du mit der freiesten Besonnenheit verlassen hast. Was die stolzen Korinthier in die Laune setzt, dir, wie einer fremden Furstin, welche sich eine Zeit lang unter ihnen aufhalten wollte, eine Art von glanzendem Hof zu machen, ist (ausser dem Reiz, den die Neuheit der Sache fur sie hat) hauptsachlich die Hoffnung, womit jeder sich schmeichelt, den Vorzug endlich bei dir zu erringen, nach welchem sie alle trachten. Da du nicht sehr geneigt scheinst so viel Gluckseligkeit um dich her zu verbreiten, so wurde es deiner Ruhe schwerlich zutraglich seyn, wenn du den sussen Wahn einer so grossen Menge von Aspiranten allzu lange nahren wolltest. Das Rathsamste ware also, dich selbst von der hohen Lydischen Tonart53 allmahlich zu der gewohnten Dorischen herabzustimmen; und dazu, daucht mich, wurden deine kleinen Abendgesellschaften ein sehr gutes Mittel seyn, wenn du ihnen so viel Geschmack abgewinnen konntest, deine gesellschaftliche Mittheilung allein, oder doch beinahe allein auf diese den Musen vorzuglich geheiligten Orgien einzuschranken; an welchen ich nichts auszusetzen habe, als dass ich durch eine Entfernung von dritthalbtausend Stadien davon ausgeschlossen bin. Doch, du willst mir ja Gelegenheit geben auch abwesend an ihnen Theil zu nehmen, da du mich aufforderst, dir meine Gedanken uber euer neuliches Tischgesprach mitzutheilen. Ich bin nicht eitel genug mir einzubilden, dass ich uber diesen Gegenstand etwas zu sagen hatte, das fur dich neu ware; und uberhaupt gehort, meiner Meinung nach, das Schone unter die unaussprechlichen Dinge der Natur, und lasst sich besser fuhlen und geniessen, als zergliedern und erklaren. "Aber (wirst du sagen) diese unaussprechlichen Dinge sind ja eben was uns am starksten anmuthet, und woruber wir am liebsten vernunfteln oder irre reden mogen." Ich fuge mich also sowohl deinem Willen als meinem eigenen Naturtriebe, und wenn ich dir nichts Unbegreifliches und Unerhortes offenbare, so schreib' es meiner zur andern Natur gewordenen Maxime zu: im Philosophiren immer verstandlich zu bleiben, und vor allem mich immer selbst zu verstehen.
Epigenes hatte Recht, mit der Frage, "was nennen die Menschen schon?" den Anfang der Untersuchung zu machen; nur hatte er dem Einwurf Speusipps zuvorkommen, und sogleich antworten sollen: wir Griechen pflegen alles schon zu nennen, was uns, ohne Rucksicht auf seine Nutzlichkeit, gefallt. Das Wohlgefallen ist immer nothwendig mit einem angenehmen Gefuhl verbunden, und umgekehrt; aber dieses Gefuhl ist nicht der Grund warum uns das Schone gefallt, sondern die naturliche Wirkung des Schonen auf unsern Sinn. "Warum gefallt uns denn aber das Schone?" Mit der Antwort: weil es schon ist, ware nichts gesagt; indessen habe ich keine andere Antwort als, weil wir so organisirt sind dass es uns, wofern ihm nicht nachtheilige Umstande von aussen oder innen im Lichte stehen, nothwendig gefallen muss. "Aber muss denn alles, was gefallt, schon seyn? Gefallen uns nicht viele Dinge bloss darum, weil sie zweckmassig und nutzlich sind?" Allerdings werden, unserm Sprachgebrauch zufolge, auch solche Dinge ofters schon genannt; nur hat der Sprachgebrauch Unrecht, wenn er schon und gut vermengt. Das Schone ist zwar, insofern es schon ist, immer etwas Gutes; aber das Gute ist nicht, insofern es gut ist, nothwendig auch schon; und diess macht einen grossen Unterschied "Damit ist fur den Begriff des Schonen nichts gewonnen," sagt Speusipp; "das Rathsel, dessen Auflosung wir suchen, die Frage: was ist das Schone an sich? bleibt noch immer ungelost und unbeantwortet." Aus einem sehr einfaltigen Grunde; bloss weil wir keine Antwort auf diese Frage haben. Das Schone oder die Idee des Schonen, in Platons Sinne, ist, wie Speusipp selbst gesteht, kein Gegenstand unsres Anschauens. Wir sehen nur einzelne schone Dinge, und auch diese sind nur schon durch ihr Verhaltniss gegen die Organe unsrer Sinne; und wenn wir von schonen Dingen sprechen, so ist die Rede nur von dem, was dem Menschen, nicht was an sich schon ist. "Diesemnach konnten wir von keinem Dinge sagen es sey schon; denn wie wollten wir die Stimmen aller Menschen, die jemals gelebt haben, jetzt leben, und kunftig leben werden, daruber sammeln?" Auch ist diess sehr unnothig. Mir genugt daran, dass etwas mir schon ist; erscheint es auch andern so, desto besser; zuweilen auch nicht desto besser: denn man ist ofters in dem Falle, etwas Schones gern allein besitzen zu wollen. Wie dem aber auch sey, genug dass es nun einmal nicht anders ist noch seyn kann, und dass wir von sehr vielen Dingen keinen andern Grund, warum wir sie fur schon halten, anzugeben haben, als weil sie uns schon vorkommen, oder, genauer zu reden, weil sie uns gefallen. "Ein Ding kann also zugleich schon und nicht schon seyn?" Nicht seyn, aber scheinen, so wie z.B. dem Gelbsuchtigen die Lilie, die allen gesunden Augen weiss ist, gelb zu seyn scheint. Was ich schon finde, kann allerdings andern, aus mancherlei Ursachen, mit Recht oder Unrecht, gleichgultig oder gar missfallig seyn; denn Vorurtheil oder Leidenschaft kann mich oder sie verblenden. Die Liebe verschonert und hat fur jeden Fehler des Geliebten ein milderndes Wortchen, das ihn bedeckt oder gar in einen Reiz verwandelt; der Hass thut das Gegentheil. Mangel an Bildung und klimatische oder andere locale Angewohnheiten haben vielen Einfluss auf die Urtheile der Menschen uber Schonheit und Hasslichkeit. Kurz, das Wort schon, welchem Gegenstand es beigelegt werden mag, bezeichnet bloss ein gewisses angenehmes Verhaltniss desselben, besonders des Sichtbaren, Horbaren und Tastbaren, zu einem in Beziehung mit demselben stehenden aussern oder innern Sinn; weiter hinaus reicht unsre Erkenntniss nicht, oder verliert sich in dunkle Vorstellungen und leere Worte.
Ein solches Wort scheint mir die angeborne Idee zu seyn, welche der Neffe des grossen Aerobaten54 Plato fur den Kanon55 des Schonen, und Plato selbst (wenn ich ihn anders verstehe) fur einen in unsre Seele fallenden Widerschein eines ihm und uns unbegreiflichen Urbildes des Schonen ausgibt, welchem er in den uberhimmlischen Raumen56 einen Platz unter den ubrigen Ideen anweiset. Da diese Platonischen Offenbarungen auch mir (wie dem wackern Euphranor) nichts klarer machen, so halte ich mich an das, was ich auf dem Wege der Beobachtung der Natur im Geschafte der Entwicklung und Ausbildung unsres Schonheitssinnes abgelauscht zu haben glaube.
Ich nehme als etwas allgemein Wahres an, dass ein gewisser Grad von Licht, und die ganzliche Abwesenheit desselben, eine ganz lichtlose Finsterniss, die entgegengesetzten aussersten Granzen bezeichnen, innerhalb welcher das Licht allen gesunden menschlichen Augen schon ist. Innerhalb dieser Granzen liessen sich, wenn wir ein Werkzeug das Licht zu messen hatten, eine Menge Abstufungen andeuten, welche die Grade unsers Vergnugens am Licht, oder (was eben dasselbe sagt) die Grade seiner Schonheit bezeichnen wurden. Indessen lehrt die Erfahrung, dass eine gewisse Abwechselung und Mischung der hohern Grade des Lichts mit dem niedrigsten dasjenige ist, was in dem grossen Gemalde der Natur die angenehmsten Eindrucke auf uns macht. Der Grund hiervon liegt ohne Zweifel in der organischen Beschaffenheit unsers Auges, und mich dunkt, wir konnen uns dabei beruhigen, ohne tiefer in das Geheimniss der Natur eindringen zu wollen als sie uns erlaubt. Mit den Farben hat es eben dieselbe Bewandtniss. Der Anblick einer in tausendfaltige Schattirungen von Grun gekleideten und von einem azurnen Himmel umflossenen Landschaft vergnugt unser Auge und daucht uns schon; noch schoner der Himmel, wenn eine Menge leichter goldverbramter Rosenwolkchen, wie schwimmende Inseln in einem hellblauen Meere, von Abend gegen Morgen langsam an ihm daherschweben; am schonsten, wenn die Abendsonne durch ein dunnes Dunstgewolk in eine Glorie von zusammengefloss'nen Regenbogen zu zerschmelzen scheint. Eine ahnliche Wirkung wurde der Anblick der Erde thun, wenn Baume, Gras und Krauter, gleich einem mit den buntesten Blumen aller Art besetzten Gartenstuck, einen unaufhorlichen Wechsel der lebhaftesten Farben in unsre Augen spielten. Wie entzuckend aber auch ein solcher Anblick ware, so sind doch unsre Gesichtswerkzeuge nicht dazu eingerichtet, so viel Schimmer und so lebhafte Farben in die Lange zu ertragen. Indessen erklart sich daraus, warum uns die Natur im Fruhling am schonsten erscheint; weil namlich die Farbung des magischen Gemaldes, das sie uns in dieser lieblichsten der Horen darstellt, zwischen dem einformigen Blau und Grun, und einem allzu bunten und feurigen Farbenspiel gleichsam in der Mitte schwebt.
Eben so, wie die Ursache der mehr oder minder angenehmen Wirkung des Lichts und der Farben in der Organisation unsers Auges zu suchen ist, scheint auch die allgemeine Erfahrung, dass gewisse Linien, Figuren und Korper dem Auge und der tastenden Hand angenehmer sind als andere, hauptsachlich in der naturlichen Beschaffenheit dieser Organe gegrundet zu seyn. Warum gefallt uns eine sanftwallende Linie besser als eine gerade? warum ein Cirkelbogen besser als ein Winkel? Die Kreislinie mehr als das Eirund? Wie man diese Fragen auch beantworte, am Ende mussen wir immer gestehen, die Einrichtung unserer Gesichtsund Gefuhls-Werkzeuge bringe es nun einmal so mit sich. Eine gerade fortlaufende Linie, eine ebene ununterbrochne Flache gefallt einen Augenblick, wird aber bald durch ihre Einformigkeit langweilig; das Winklichte beleidigt Gesicht und Gefuhl; ein sanfter Uebergang vom Ebnen zum Gebogenen schmeichelt beiden. Daher, dass uns das leichte Wallen eines sanftbewegten Wassers schoner daucht, als die schroffen in einander berstenden Wogen des emporten Meeres; daher, dass unsre Topfer und Bildner gewisse zwischen der Kugel und dem Ei mehr oder weniger in der Mitte schwebende Formen als die schonste zu Urnen und Prachtgefassen wahlen.
Was ich von Licht und Schatten, Farben und Linien als den Elementen des sichtbaren Schonen gesagt habe, gilt in seiner Art auch von den verschiedenen Schwingungen der Luft, wodurch der Schall in unserm Ohr und vermittelst dieses Organs in unserm innern Sinne gewisse angenehme Gefuhle erregt; von dem majestatischen Rollen des Donners bis zum leisen Gefluster der Pappel und Birke; vom klappernden Tosen eines entfernten Wasserfalls, bis zum einschlafernden Murmeln einer uber glatte Kiesel hin rieselnden Quelle; vom frohlichen Geschwirr der Lerche bis zum eintonigen Klingklang der Cicade. Alle diese einfachern Schalle und Tone, durch welche die Natur unser Ohr als ein zu ihr stimmendes lebendiges Saiteninstrument anspricht, betrachte ich als die Elemente des horbaren Schonen, welches, gleich dem sichtbaren, in der Mitte zwischen zwei Aeussersten schwebt, und also eben demselben Gesetz unterworfen ist, wodurch die dem Auge gefalligen Tone des Lichts und der Farben, und die dem Gefuhle schmeichelnden Formen der Korper bestimmt werden, dem Gesetze der Harmonie der sinnlichen Eindrucke von aussen mit der Einrichtung der ihnen entsprechenden Organe.
Wiewohl ich nun diese angenehmen Empfindungen, wovon bisher die Rede war, als die Elemente betrachte, woraus alles sichtbare, horbare und fuhlbare Schone zusammengesetzt ist; so wurden sie uns doch, jede fur sich allein, nie auf den Begriff der Schonheit gefuhrt haben. Denn wie lebhaft auch die angenehme Empfindung seyn mag, die z.B. durch eine gewisse Farbe oder einen gewissen einzelnen Ton in uns erregt wird; so wurde doch eine lange Dauer derselben unser Auge oder Ohr ermuden, und uns erst gleichgultig, dann langweilig, endlich widrig und unertraglich werden. Verschiedenheit und oftere Abwechselung der angenehmen Eindrucke sind sowohl zum Vergnugen als zur Erhaltung der Organe gleich nothwendig: aber im Verschiedenen muss Aehnlichkeit seyn, die Abwechselung durch sanfte Uebergange bewirkt werden, und das Mannichfaltige, von Harmonie zusammengefasst, zu einem Ganzen, dessen Totaleindruck uns angenehm ist, verschmolzen werden; und diess allein ist es, was die Idee der Schonheit in uns erzeugt.
Lass' uns nun einen hohern Standort nehmen. Die Natur ist alles was ist, war, und seyn wird, also auch die Quelle, so wie die Summe alles Schonen. War' es moglich einen Augenpunkt zu finden, aus welchem sich die ganze Natur mit Einem Blick von uns uberschauen liesse, so wurden wir das wahre Urbild alles Schonen in der Wirklichkeit vor uns sehen. Aber unser Auge ist auf ein enges Hemispharion eingeschrankt, und die Natur unermesslich. Was sie unsern Sinnen darstellt, sind nur unendlich kleine Abschnitte und Bruchstucke eines granzenlosen Ganzen. Aber das Wundervolle und Gottliche in ihr, das, wodurch sie sich so unendlich weit uber die Kunst des Menschen erhebt, ist, dass jedes der kleinsten Gliedmassen, aus welchen sie zu einem einzigen leben- und seelenvollen Korper innigst verwebt ist, eine Welt voll harmonischer Mannichfaltigkeit, eine unendliche Menge von organisirten Theilen enthalt, deren jeder wieder als ein neues Ganzes betrachtet werden konnte, wenn die Werkzeuge unsrer Sinne fein und scharf genug waren, die besondern Eindrucke, die er auf uns macht, zu unterscheiden.
Hier verliert sich der Gedanke in einem uferlosen Ocean, und uns bleibt nichts ubrig, als uns wieder in die Schranken unsrer eigenen Natur zuruckzuziehen, und, dem Gesetz der Nothwendigkeit gehorchend, uns selbst (so klein wir sind) als den Kanon der Natur, unser Empfindungsvermogen als das Mass ihrer Schonheit, und unsre Kunstfahigkeit als eine schaffende Macht zu betrachten, welche berechtigt ist, den uns uberlass'nen Erdschollen, unsre Welt, nach unsern eigenen Bedurfnissen, Zwecken und Begriffen zu bearbeiten, und in ein beschranktes Ganzes fur uns zu unserm Nutzen und Vergnugen umzuschaffen.
Daher kommt es nun, dass wir die Natur nur insofern schon finden, als das Schauspiel, womit sie uns umgibt, oder der einzelne Gegenstand, den wir daraus absondern, und fur sich betrachten, unsern Sinnen angenehm ist. Eben dieselbe Landschaft, die uns bei heiterem Himmel unter einem gewissen Winkel von der Sonne beleuchtet, in Entzucken setzt, gibt bei truber Luft einen sehr gleichgultigen Anblick; eben dieselben Gegenstande, z.B. ein sumpfiger Boden, umgesturzte, ausgefaulte Baumstamme, schroffe mit schmutzigem Moose bewachsne Felsenstucke, tiefe finstre Hohlen, wildes struppichtes Gebusche, lauter Dinge die uns einzeln und in der Nahe betrachtet. Unlust, Ekel und Grauen erregen, erscheinen aus einem entfernten Gesichtspunkt, und durch eine gewisse Beleuchtung in ein Ganzes verbunden, als ein reizendes Gemalde. Vorzuglich aber erklart sich daher, dass der Mensch keine schonere Gestalt kennt als seine eigene, und sich selbst, ohne sich dessen bewusst zu seyn, zum Typen aller schonen Formen macht. Da alles was die Natur hervorbringt, in seiner Art vollendet und vollkommen ist, wie kame der Krokodil oder die Krote dazu, dass wir sie so hasslich und abscheulich finden, wenn nicht daher, weil der Contrast ihrer Bildung und Gestalt mit der unsrigen so ungeheuer gross ist; da wir hingegen alle Arten von Thieren desto schoner finden, und um so viel mehr Anmuthung zu ihnen fuhlen, je mehr die Formen und Proportionen ihrer Bildung sich den unsrigen nahern; eine Bemerkung, die du sogar an solchen Naturgeschopfen, welche die wenigste Aehnlichkeit mit uns zu haben scheinen, an Blumen, Stauden und Baumen, bestatigt finden wirst, und wovon der Affe allein eine Ausnahme macht, weil er, durch einen Anschein von Aehnlichkeit, die mit der widerlichsten Hasslichkeit verbunden ist, der menschlichen Gestalt zu spotten, und den hochsten Grad von Verunstaltung und Abwurdigung derselben darzustellen scheint.
Es scheint mir nun ein Leichtes, die verschiedenen Meinungen deiner Symposiasten nach dieser Ansicht der Sache zu vereinbaren oder zu berichtigen. Wenn wir zwischen dem, was ich die Elemente des Schonen nenne, und den schonen Naturerzeugnissen oder Kunstwerken, die daraus zusammengesetzt sind, gehorig unterscheiden, so heben sich alle Schwierigkeiten von selbst. Wir konnen von jenen keinen andern Grund angeben warum sie uns gefallen, als weil sie einen angenehmen Eindruck auf unsre Organe machen; bei diesen hingegen liegt der Grund tiefer, namlich in der Natur unsrer Seele selbst, welcher das innigste Wohlgefallen an Ordnung, Harmonie und Vollkommenheit wesentlich ist. Indessen ist auch bei dieser zusammengesetzten und vielgestaltigen Schonheit nicht zu vergessen, dass das, wodurch sie uns wirklich als schon erscheint und gefallt, bloss die schnell auf Einen Blick oder in einem untheilbaren Moment gefuhlte Einheit im Mannichfaltigen ist; indem dieses Gefuhl und mit ihm die Idee der Schonheit so bald verschwindet, als wir den Gegenstand zergliedern oder in seinen einzelnen Theilen und Elementen stuckweise betrachten. Mit dem, was Euphranor uber die Platonische Idee der Schonheit sagt, bin ich insofern einverstanden, als ich sie fur die Frucht einer naturlichen Tauschung halte, die daher entsteht, dass uns selten ein Gegenstand, sey es ein Werk der Natur oder der Kunst, vor die Augen kommt, der, unsrer Einbildung nach, nicht schoner seyn konnte als er uns erscheint. Indem wir diess zu fuhlen glauben, erzeugt sich in unsrer Phantasie ein mehr oder weniger klares Bild dieser hohern Schonheit, welches wir (dunkt uns) sogleich darstellen konnten, wenn wir die dazu nothige Kunstfertigkeit besassen; und dass es nichts anders ist, scheint mir daraus klar, dass sobald ein schoner Gegenstand uns ganzlich befriedigt, wir unser Ideal in ihm realisirt, ja wohl gar noch ubertroffen zu sehen wahnen. Dass es solche Gegenstande gebe, kann wohl kein Unbefangener bezweifeln, der aus den Unsterblichen den Jupiter oder die Minerva des Phidias, und aus den Sterblichen die schone Lais gesehen hat.
Ich musste mich sehr irren, oder meine Philosophie des Schonen (wenn ich ihr anders einen so vornehmen Namen geben darf) ist auch auf das, was wir in sittlichem Verstande schon nennen, anwendbar. Auch hier finde ich meinen Unterschied zwischen den Elementen desselben und dem, was unser Verstand daraus zusammensetzt, wieder. Aufrichtigkeit, Unschuld, Gute, Treue, Dankbarkeit, Bescheidenheit, Sanftheit, Grossherzigkeit, Geduld, Seelenstarke, und alle aus diesen Eigenschaften oder Tugenden entspringenden Gefuhle, Gesinnungen und Thaten nennen wir schon; weil sie uns, vermoge einer in unsrer Natur gegrundeten Nothwendigkeit, gefallen, anziehen, Achtung und Liebe einflossen, wo, wann, und an wem wir sie gewahr werden, ohne alle Rucksicht auf das Nutzliche, das sie fur uns haben oder haben konnten. Im Gegentheil eine schone That erscheint uns desto schoner, je mehr Selbstuberwindung und Aufopferung eigener Vortheile sie erfordert, und unser besonderes Ich kommt dabei so wenig in Betrachtung, dass, wofern der Mond Einwohner hatte und man erzahlte uns irgend eine schone That, die ein Mann im Monde vor zehntausend Jahren gethan hatte, die Vorstellung derselben eben so auf uns wirken wurde, als wenn sie vor wenig Tagen mitten unter uns geschehen ware. Diess erstreckt sich sogar auf die Thiere, an welchen wir etwas dieser oder jener Tugend Aehnliches zu sehen glauben, ja noch weiter hinab bis ins Pflanzenreich, wo es, z.B. Blumen gibt, die uns durch Gestalt, Farbe und Wohlgeruch zu naturlichen Symbolen gewisser sittlicher Eigenschaften werden, und aus diesem Grunde, ofters auch ohne dass wir uns dessen bewusst sind, Personen von zarterem Gefuhl eine sonderbare Art von Anmuthung einzuflossen vermogen.
Einen aus jenen Eigenschaften, als den Elementen oder Grundzugen des Sittlichschonen richtig zusammengesetzten Charakter nennen wir schon, weil und sofern er sich uns als ein mit sich selbst harmonisches und in sich selbst vollendetes Ganzes darstellt. Das Schonste in dieser Art ware also unstreitig ein ganzes Leben, welches, aus lauter schonen Gesinnungen und Thaten zusammengesetzt, uns das Anschauen der reinsten Harmonie aller Triebe und Fahigkeiten eines Menschen zu Verfolgung des grossen Zwecks der moglichsten Selbstveredlung und der ausgebreitetsten Mittheilung gewahren wurde. Ein solcher Charakter in einem solchen Leben dargestellt, wurde fur die Formen und Proportionen des sittlichen Menschen eben das seyn, was der Kanon des Polykletus fur die richtigsten Verhaltnisse des menschlichen Korpers. Denn unlaugbar gibt es in beiden ein Schonstes, uber welches die Phantasie nicht hinausgehen darf, wenn sie des wahren Ebenmasses nicht verfehlen, und statt schoner Gestalten schone Ungeheuer hervorbringen will. Die Einbildung, dass sich immer noch etwas Schoneres denken lasse als das Schonste was uns die Natur wirklich darstellt, ist blosse Tauschung; und ich bin auch uber diesen Punkt ganzlich der Meinung deines Freundes Euphranor, der es zu verdienen scheint, dass du ihm hierin zur vollstandigsten Ueberzeugung verhelfest.
Deiner Einladung zur Feier der bevorstehenden Poseidonien in Aegina (denn dafur darf ich doch wohl ohne mir zu viel zu schmeicheln die Frage am Schluss deines Briefes nehmen?) wurde ich mit der lebhaftesten Dankbarkeit entgegen fliegen, wenn ich mich nicht gegen einen der angesehensten Rhodier verbindlich gemacht hatte, seinen Sohn auf einer Reise nach Cypern zu begleiten. So fern von Aegina als ich dann seyn werde, konnt' ich mich um so leichter versucht fuhlen, meine Wanderungen zu Wasser und zu Land noch eine gute Strecke weiter auszudehnen. Den Vorsatz trage ich schon lange mit mir herum, und soll er jemals ausgefuhrt werden, so muss es jetzt geschehen, da die Entfernung von dir schon so gross ist, dass etliche tausend Parasangen mehr oder weniger keinen sonderlichen Unterschied machen.
19.
An Eurybates.
Es ist Zeit, Eurybates, dass du wieder von mir selbst vernehmest, dass ich noch unter denen bin, die das erfreuende Licht der Sonne trinken.
Ich habe nun alle Griechischen Pflanzstadte an den Kusten Asiens und den grossten Theil des von den Sohnen Hellens bevolkerten festen Landes und der dazu gehorigen Inseln besucht, und nach einer mehr als achtjahrigen Abwesenheit sehn' ich mich in die schone Athena zuruck, die unvergessliche und unvergleichbare, zu welcher man sich, wie zu einer etwas unartigen aber reizvollen Geliebten, immer wieder mit verborgener Gewalt hingezogen fuhlt, weil man, aller ihrer Unarten und Launen ungeachtet, dennoch nichts Liebenswurdigeres kennt als sie. Ich werde den Athenern den Tod des Sokrates nie verzeihen; aber sieben Jahre haben ihre Wirkung gethan und mich an die Vorstellung gewohnt, dass ich das, was geschehen ist, von der Natur selbst zu gewarten gehabt hatte. Ich wurde ihn entweder nicht mehr am Leben, oder in einem Zustande von Abnahme angetroffen haben, worin man, fur seine Freunde und sich selbst, schon uber die Halfte zu seyn aufgehort hat. Die Zeit hilft uns vergessen was nicht zu andern ist, und was sie selbst bewirkt hatte, wenn ihr die Menschen nicht zuvorgekommen waren.
Was mich am meisten mit den Athenern ausgesohnt hat, ist: dass sie das Andenken des besten ihrer Burger in seinen Freunden und Zoglingen ehren, und der Philosophie einen so freien Spielraum und Uebungsplatz gestatten, als sie nur immer verlangen kann. Wie ich hore so hat mein alter Freund Antisthenes schon seit geraumer Zeit in der Cynosarge57, und Plato, seitdem er von seinen Reisen in Aegypten und Italien zuruckgekommen ist, in seinem an der Akademie gelegenen Gartchen, eine Art von Sokratischer Schule eroffnet, deren Beschaffenheit ich mit meinen eigenen Augen zu erkundigen begierig bin. Ich erwarte von beiden nichts anders, als wozu sie schon bei Lebzeiten des Meisters gute Hoffnung gaben, namlich, dass der eine die Philosophie des Sokrates ubertreiben, der andere verfalschen werde. Am richtigsten war' es vielleicht, wenn man die Sokratiker sammt und sonders als Pflanzen verschiedener Art betrachtete, die neben einander aufgekommen sind, und ihre Nahrung aus eben demselben Boden gezogen, aber jede auf eine andere, ihrer eigenen Natur gemasse Art, verarbeitet haben. Man konnte sie auch mit mehrern Sohnen eben desselben Vaters vergleichen, deren keiner ihm recht ahnlich sieht, wiewohl dieser seine Augen, jener seinen Mund, ein dritter seine Nase hat. Zuweilen findet sich auch ein vierter, der zwar in jedem einzelnen Zuge von dem Vater verschieden ist, hingegen im Ganzen der Physiognomie eine auffallende Aehnlichkeit mit ihm hat. Ich meines Orts mochte lieber dieser letzte seyn als einer von den andern; wiewohl ich glaube, die Natur habe es darauf angelegt, dass jeder sich selbst gleich sehen soll.
Ich habe deinem Freigelass'nen Phormion, meinem alten Hausverwalter zu Athen, aufgetragen, mir, wo moglich in der Nahe vom Pompeion58, eine Wohnung, wie ich sie nothig habe, zu miethen; das ist, ein paar Schlafkammern, einen Speisesaal und eine Galerie neben etlichen Reihen schattengebender Baume. Erweise mir die Freundschaft, dich der Sache anzunehmen, und dem ehrlichen Phormion merken zu lassen, dass es dir angenehm seyn werde, wenn er sich meines Auftrags mit Verstand erlediget.
Ich werde mich so lange, bis du mir meldest dass ich kommen konne, bei einem Freunde zu Tanagra59 aufhalten, und nicht vergessen, dir den stattlichsten Kampfhahn mitzubringen, der in der ganzen Stadt aufzutreiben seyn wird.
20.
An Kleonidas.
Nach Vollendung meines grossen Kreislaufs durch alle Hellenischen Colonien in Asien habe ich noch einige Monate zugebracht, die sudliche Kuste von Thracien und Macedonien, und die Landschaft Thessalien und Phocis zu besuchen, und befinde mich jetzt, bis meine kunftige Wohnung in Athen eingerichtet ist, bei einem Freunde zu Tanagra. Ich habe, wie Odysseus, auf meiner langen Wanderschaft vieler Menschen Stadte und Sinnesart kennen gelernt; auch hat es mir, wie dem herrlichen Dulder, nicht an mancherlei frohlichen und unfrohlichen Abenteuern gefehlt, die uns dereinst, wenn uns eine freundliche Gottheit wieder in Cyrene vereiniget, reichen Stoff zu kurzweiligen Unterhaltungen geben sollen. Nur das Neueste, was mir in Thessalien aufstiess, schickt sich, denke ich, besser fur eine schriftliche Erzahlung, zumal da ich den Kopf noch so voll davon habe, dass ich fur nothig halte mich dessen zu entladen, bevor ich nach Athen zuruckkehre, wo es nicht rathsam ware viel davon zu sprechen. Um keine tauschenden Erwartungen bei dir zu erregen, schreite ich ohne weitere Vorrede zur Sache.
Nachdem ich mich zu Potidaa uber den Thermaischen Meerbusen an die Thessalische Kuste hatte ubersetzen lassen, war mein Erstes, das beruhmte Tempe60 zu besuchen, wovon ich, seit ich unter den Griechen lebe, so oft mit Entzucken reden gehort hatte. Denn ein Grieche, der Olympia und Delphi nicht gesehen, und sich nicht wenigstens einmal in seinem Leben in Tempe erlustiget hatte, wurde an einem sehr unglucklichen Tage geboren zu seyn glauben. Dieses Thal, das sich einige Stunden von Larissa zwischen dem Olympus und Ossa in sanften Krummungen bis an die See hinzieht, ist in der That vielleicht der reizendste Winkel des ganzen Erdbodens. Es wurde der fruchtbarsten Phantasie eines Malers oder Dichters schwer werden, mehr Schonheit und Anmuth mit grossrer Abwechslung und Mannichfaltigkeit in einen engern Raum zusammen zu zaubern und mit dem Erhabensten und Grauenvollsten in einem anmuthendern Contrast zu sehen, als hier ohne alle Nachhulfe der Kunst (wie es scheint) Natur und Zufall allein bewerkstelliget haben. Ich brachte zwei der angenehmsten Tage meines Lebens in diesem oberirdischen Elysium zu, und zum hochsten Lebensgenuss fehlte mir nichts, als die heilige Trias meiner Geliebtesten, Lais, Kleonidas und Musarion. Ich vermisste euch um so viel starker, weil sich's zufalliger Weise traf, dass ich (was hier selten begegnet) diese zwei Tage uber der einzige fremde Bewohner von Tempe war.
Ungetheiltes, allein genoss'nes Vergnugen, wie ungemein es auch sey, verliert gar bald seinen sussesten Reiz, und eine geheime Unruhe, deren Ursache wir uns nicht immer bewusst sind, treibt uns zu neuen Gegenstanden. Am dritten Morgen kam mich die Lust an, den benachbarten Ossa zu besteigen, theils um meine Augen an den herrlichen Aussichten zu weiden, die er uber die umliegenden Thaler, Hugel und Landschaften und uber den Thermaischen Meerbusen bis an die Kuste von Pallene hin, gewahrt, theils in Hoffnung einige mir noch unbekannte Arten von Steinen und Pflanzen auf diesem wilden Gebirge aufzufinden. Ich liess meinen alten Xanthias mit einem jungen Sklaven bei den Maulthieren im Thal zuruck, bestieg einen Gipfel des Berges nach dem andern, und fand uberall so viel zu sehen und zu sammeln, dass die Sonne sich unvermerkt zum Untergange neigte, bevor ich gewahr wurde, dass keine Hoffnung ubrig sey, die Herberge wieder zu erreichen, wo ich meine Leute gelassen hatte. Schon fing ich an, unter den haufigen Schluchten und Kluften, wovon dieses durch machtige Erderschutterungen zerriss'ne Gebirg allenthalben voll ist, mich nach irgend einer Hohle zum Nachtlager umzusehen, als ich, beim Umwenden um die scharfe Ecke eines struppigen Felsen, im Eingang einer durch Menschenhande (wie es schien) bewohnbar gemachten Hohle, einen Mann sitzen sah, der anfangs uber meinen Anblick noch mehr als ich uber den seinigen betroffen schien, aber (da er keine Ursache sah mir Arges zuzutrauen) sich schnell genug fasste, um einige Schritte auf mich zuzugehen. Es war ein langer hagerer Mann, dem Ansehen nach nicht viel uber Sechzig; noch fest und lebhaft, von vielsagender Gesichtsbildung, aber finsterm Blick unter einer Stirn, durch welche schmerzliche Erfahrungen tiefe Furchen gezogen zu haben schienen. Ich naherte mich ihm mit Zuversicht und Ehrerbietung, eroffnete ihm mein Anliegen, und erkundigte mich, ob nicht irgend eine Herberge im Gebirge anzutreffen sey, die ich vor Einbruch der Nacht noch erreichen konnte. Du scheinst ein Arzt zu seyn, und dich im Botanisiren so tief in diese Wildniss gewagt zu haben, versetzte der Alte. Er schloss diess vermuthlich aus einem ziemlichen Bund Krauter und Blumen, den ich unter dem Arme trug. Ich antwortete: ich ware zwar kein Arzt, als etwa in Nothfallen, wo jeder Mensch so viel wissen sollte, um sich selbst und andern eine Hulfe schaffen zu konnen; aber ich studirte die Natur, und versaumte selten eine Gelegenheit, meine Kenntniss von den Pflanzen und ihren Eigenschaften und Kraften zu erweitern. Wenn diess ist, erwiederte er mit zusehends sich erheiternder Miene, so kannst du dich auch wohl eine Nacht bei einem Manne behelfen, der dir nichts als das Unentbehrlichste anbieten kann, zumal da du es in diesem Gebirge nirgends besser finden wurdest; auch war' es schon zu spat, um dich auf dem Pfade nicht zu verirren, der nach den nachsten Hirtenwohnungen fuhrt. Da ich sein Anerbieten mit Dank und Freude annahm, schlug er mit seinem Stab an eine kleine Glocke, und eine reinlich gekleidete Sklavin von mittlerem Alter und guter Gestalt kam aus dem Innern der Hohle hervor, und entfernte sich wieder, sobald er ihr etliche leise Worte gesagt hatte. Bald darauf fuhrte er mich durch einen ziemlich dunkeln krummen Gang, von ungefahr zwanzig Schritten, in einen geraumigen gewolbten Saal, der gegen einen grossen, unregelmassigen, und ringsum von schroffen Felsen eingeschloss'nen Garten offen war. Hier setzten wir uns zwischen zwei ziemlich roh gearbeiteten Saulen nieder, das Gesicht gegen den Garten gekehrt, den ich mit fruchtbaren Baumen und mancherlei essbaren Gewachsen und Krautern bepflanzt, und dem Ansehen nach gut gewartet sah. Mein Alter ward zusehends immer heitrer, sprach aber wenig, meistens nur in Fragen, auf deren Beantwortung er mir seine Zufriedenheit mit Kopfnicken oder einzelnen Sylben zu erkennen gab. Ungefahr nach einer Stunde rustete die Sklavin einen kleinen Tisch, und setzte uns eine Schussel gekochtes Ziegenfleisch, mit feinen Wurzeln und Krautern wohlschmeckend zubereitet, und zum Nachtisch trockne Feigen, eine leichte Art von Kuchen, und einen Krug des besten Weins von Thasos vor. Meine Esslust vergnugte meinen alten Wirth, wie es schien, nicht weniger als mein ubriges Wesen und Benehmen; und nachdem er den dritten Becher auf unsre neue Bekanntschaft geleert hatte, ward er selbst gesprachiger, und sagte traulich mir die Hand schuttelnd: "Wundre dich nicht, Fremdling, dass du mich so wenig reden horst. Ich war nicht immer so wortarm; aber seit zwanzig Jahren bist du, ausser einem alten Freunde, der mich immer zur Zeit der Pythischen Spiele zu besuchen pflegt, und der Thrazierin, die fur meine Bedurfnisse sorgt, das einzige menschliche Wesen, mit dem ich mehr als ein paar einsylbige Worte gewechselt habe. Du siehst, dass diess der gerade Weg ist, das Reden zu verlernen, wenn man auch der redseligste aller Athener gewesen ware. Wohl mochte mir's ubrigens bekommen seyn, wenn ich mich immer mit Ja und Nein zu behelfen gewusst hatte. Denn dass du mich hier siehest, kommt allein daher, dass ich ehmals meiner Zunge mehr Freiheit liess als einem klugen Manne ziemt."
Du kannst dir leicht vorstellen, Kleonidas, dass ich meinen Wirth nach dieser Rede scharfer als zuvor ins Auge fasste. Du wohnst schon zwanzig Jahre hier? fragte ich. "Nicht vollig so viel; aber vorher lebte ich einige Zeit auf dem Landgute eines Freundes so sorgfaltig versteckt, dass ich ausser ihm selbst keine Seele zu Gesichte bekam." Das muss eine schlimme Race von Menschen seyn, vor welchen ein Mann wie du sich so verstecken muss, sagte ich. Ich sehe dass du mich naher kennen mochtest, erwiederte er. Wenn deine Neugier nicht schwacher ist als meine Neigung mich dir zu entdecken, so bleibst du ein paar Tage bei mir, um mich wieder reden zu lehren, und du sollst allerlei erfahren, das vielleicht dieses Opfers werth ist.
Mein Wirth kam durch diese Einladung einem Wunsch entgegen, den ich nicht gewagt hatte laut werden zu lassen. Wir redeten nun von andern Dingen, und wiewohl er sich noch immer sehr lakonisch ausdruckte, so verrieth doch das Wenige was er sagte einen Mann von freiem Geist, vieler Erfahrung und ausgebreiteter Menschenkunde. Als die Zeit zum Schlafengehen gekommen war, fuhrte er mich in eine kleine, mit Binsenmatten behangene und belegte Schlafkammer, und liess mich allein. Hier konnt' ich mich der Thorheit nicht erwehren, hin und her zu sinnen, wer der sonderbare Alte seyn konne, mit dem ich auf dem Ossa so unvermuthet in Bekanntschaft gerathen war; aber alles Nachsinnen war umsonst. Ich ergab mich also in die Nothwendigkeit meine Neugier bis morgen einzuschlafern, und sie schlief so gut, dass die Sonne schon uber der Spitze des Athos schwebte, als ich in dem Saal erschien, wo mir mein Alter, in einen langen Pelz gehullt, so munter entgegenkam, dass ich errothete, mich in einer Tugend, die meinen Jahren besser ziemte als den seinigen, von ihm ubertroffen zu sehen. Er fuhrte mich sogleich in den Garten, wo ein sanfter, wiewohl etwas scharfer Morgenwind die Luft mit dem lieblichen Athem der Krauter und Blumen durchwurzte. Ich habe, fing er an, mehr als die Halfte meines Lebens mit Beobachtung aller Arten von Menschen zugebracht, und besitze einige Fertigkeit in der Kunst das Innere einer Person aus ihrer Gesichtsbildung und Miene zu errathen. Deine Physiognomie hat dir mein Zutrauen auf den ersten Blick erworben; ich wunsche von dir gekannt zu seyn, und uberlasse mich ohne Bedenken dem Vergnugen, nach einer so langen unfreiwilligen Verborgenheit einen Menschen gefunden zu haben, dem ich mich aufschliessen darf. Ich bin kein Menschenhasser, wie du aus meiner seltsamen Lebensweise vermuthen musst; im Gegentheil, dass ich es zu gut mit den Menschen meinte, ist mein Ungluck gewesen. Sie haben mich ausgestossen, verbannt, einen Preis auf meinen Kopf gesetzt, und bloss um kein Schlachtopfer ihrer Wuth zu werden, hab' ich mich in eine Hohle des Ossa verbergen mussen. Du wunderst dich was ich verbrochen haben konne, um die Menschen, mit denen ich einst lebte, so heftig gegen mich aufzubringen? Ich wollte sie weiser machen als sie ertragen konnen. Bei diesem Worte hielt er inne und seine Stirn verfinsterte sich einige Augenblicke so sehr, dass ich Bedenken trug, ihm zu zeigen, wie sehr er durch diese Worte meine Neugier gespannt hatte.
Wir waren indessen unvermerkt auf eine Anhohe gekommen, die, in einem Kreise von ungefahr dreihundert Schritten, mit einer dreifachen Reihe von Pappeln, und zwischen den Baumen mit holzernen Schnitzbildern besetzt war. Aber was fur Bildern! Nie ist mir etwas Auffallenderes in meinem Leben vorgekommen, als diese in ihrer Art gewiss einzige Bildergalerie; man musste sie aber selbst gesehen haben, um sich die Wirkung vorzustellen, die der Ueberblick des Ganzen auf einen keines Argen sich vorsehenden Anschauer macht. Doch, du bist ein Kunstler, mein Kleonidas, und deine Phantasie wird ohnehin das Beste bei meiner Beschreibung thun mussen. Bilde dir also ein, du sehest alle Gotter der Griechen, vom Zeus Olympius bis zum bocksfussigen Pan, und von der weissarmigen Herrscherin Here bis zu den schlangenhaarigen Erinnyen, einzeln und gruppenweise, unter Beibehaltung einer gewissen Aehnlichkeit mit ihren gewohnlichen Darstellungen, in die pobelhaftesten Missgestalten travestirt, aber mit einer so komischen Laune in der Art der Ausfuhrung, dass es mir bei ihrem Anblick eben so unmoglich war, mich des Lachens als des Unwillens zu erwehren. So zeigten sich (um dir nur etliche Beispiele zu geben) Jupiter auf der einen Seite, wie er, in Gestalt eines erbosten vierschrotigen Sacktragers, im Begriff ist, seine eheliche Widerbellerin mit einem Amboss an jedem Fuss in die Luft herabzuhangen; auf der andern, wie er sich auf dem Gipfel des Ida von der listigen Matrone, im Costume einer nachtlichen Gassenschwarmerin, zu einer Thorheit verfuhren lasst, fur welche die armen Trojaner ubel bussen werden. Du kennst die sonderbare Art, wie Homer seinen unbefangenen und von der Zaubergewalt des Gurtels der Venus unwissend uberwaltigten Zeus der schonen Dame die Wirkung, die sie auf ihn macht, zu erkennen geben lasst: aber von der energischen Art, wie dieser in einen brunstigen Centaur ubersetzte Jupiter sein Anliegen vortragt, hat eine so wohlgeordnete Einbildung wie die deinige keine Ahnung. In dieser Manier kommt nun die ganze Gottersippschaft an den Reihen. Hier sind Pallas Athene und der hinkende Hephastos, dieser in Gestalt eines alten Kesselflickers, jene im Charakter einer derben Marketenderin, in dem zweideutigen Kampfe, dem der drachenfussige Erichthonius entsprang, begriffen; dort tanzt Cytherea, als eine halbtrunkne Austernymphe, mit einem bengelhaften Adonis den leichtfertigsten Kordax61, der je getanzt worden ist, und Phoibos Apollo, als blinder Leyermann mit den neun Schwestern als musikmachende Bettlerinnen, arbeiten aus allen Kraften auf der Leyer, dem Triangel, der Schellentrommel und dem Dudelsack dazu. In zwiefacher Trunkenheit taumelt Bacchus in die plumpen Arme einer weinseligen Ariadne; Mercur zieht dem Plutus mit der behendesten Gewandtheit einen Beutel aus dem Busen, Apollo dem Satyr Marsyas das zottelige Fell uber die Ohren. Ueber sie alle erhebt sich der langohrige Schutzgott von Lampsakus, und scheint als der wahre Gotterkonig mit gewaltigem Scepter uber den Olympus zu herrschen. Vorzuglich nimmt sich ein Jupiter in einer grotesken Gestalt aus, woran nichts als der Kopf sein eigen, alles ubrige hingegen aus den verschiedenen Thieren, in welche ihn seine Gynakomanie62 verwandelte, aus Stier, Adler, Bock, Schwan, Schlange, Wachtel und Ameise seltsam genug zusammengesetzt ist. Das grosse Kunstwerk aber, worin der Meister sich selber ubertroffen hat, ist die Darstellung der beruhmten Scene aus dem Gesang des blinden Demodokos in der Odyssee, wo der ehrliche Vulcan, nachdem er seine Gemahlin mit ihrem Liebhaber Ares in einem unsichtbaren und unzerreisslichen Netze gefangen hat, alle Gotter zusammenruft, um Zeugen seines lacherlichen Unglucks zu seyn. Kurz, weiter kann weder die Kunst der Carricatur, noch der Muthwille und die Verachtung der Homerischen Gotter getrieben werden, als in dieser grossen Composition von Gruppen, die den innersten Cirkel des grunen Amphitheaters einnimmt. Der Alte, der mich von einer Figur zur andern herumfuhrte, ergotzte sich, wie es schien, stillschweigend an meiner Verlegenheit, und an dem Sardonischen Lachen63, welches mir seine zur niedrigsten Menschenclasse herabgesetzten Gotter wider Willen abnothigten. Was denkst du, sprach er endlich mit einem selbstzufriednen Blick, zu der guten Gesellschaft, die ich mir in meiner Einsamkeit zu verschaffen gewusst habe?
I c h . Ich denke, wie du wohl zu dieser guten Gesellschaft gekommen seyn kannst; denn unter den Bildschnitzern, die ich kenne (und ich kenne ungefahr alle, die in einigem Rufe stehen), wusste ich keinen, den ich fur den Schopfer dieser sonderbaren Kunstwerke halten konnte.
E r . Das will ich wohl glauben.
I c h . Gleichwohl kann sie kein Stumper gemacht haben. Sie sind zwar grosstentheils etwas roh, und mit einer gewissen Nachlassigkeit gearbeitet, auch hat ein Carricaturenschnitzer den Vortheil, sich viele Willkurlichkeit erlauben zu durfen; indessen bleibt die Natur doch immer seine Regel; auch die uberladensten Zerrbilder mussen eine aus Harmonie mit sich selbst entspringende Wahrheit haben; und da bei ihnen alles auf eine starke und geistvolle Bezeichnung des Charakteristischen in ziemlich willkurlichen Formen ankommt, so erfordern sie vielleicht mehr Genialitat und eine noch keckere Hand, als Werke, die nach einem bestimmten Kanon der schonsten Formen gearbeitet sind. Und hierin scheinen mir diese hier alles zu ubertreffen, was ich jemals in ihrer Art gesehen habe.
E r . Es ist mir also gelungen. Denn alle diese narrischen Unkepunze () sind meine eigene Arbeit, und ihnen hab' ich es zu danken, dass mir die lange Zeit, die ich hier gelebt habe, und mit der ich sonst nichts anzufangen wusste, ziemlich kurz geworden ist. Denn du begreifst leicht, dass ich fleissig seyn musste, um in achtzehn Jahren damit fertig zu werden. Ich hatte von Kindheit an viel Geschick fur diese Art von Bildnerei; und das Mechanische, welches dazu erfordert wird, lernte ich in meiner Jugend von einem ziemlich mittelmassigen Xyloglyphen64 in meiner Vaterstadt.
I c h . Aber was haben dir die Gotter gethan, das dich reizen konnte, eine so unbarmherzige Rache an ihnen zu nehmen?
E r . Was sie mir gethan haben? Wahrlich, ich habe von ihnen, oder (was am Ende auf Eins hinauslauft) von ihren Priestern mehr als zu viel gelitten! Und doch ist diess nicht was meine Galle gegen sie gereizt hat. Denn ich muss gestehen, in der Fehde, worin wir mit einander befangen sind, war ich der angreifende Theil. Aber ich argerte mich, wenn ich so manchen grossen Kunstler allen seine Krafte aufbieten sah, fur diese unsittlichen Idole, in welchen der schnodeste Betrug und der sinnloseste Aberglaube alle Unarten und Thorheiten der menschlichen Natur vergottert hat, schone und grosse mehr als menschliche Formen zu erfinden, um sie in prachtvollen Tempeln dem dummen Haufen zur Anbetung aufzustellen. Musst du nicht gestehen, dass meine Carricaturen den Gottern Homers viel angemess'ner sind, als die erhabenen Gestalten eines Phidias und Alkamenes? Wer kann sich den brunstigen Jupiter auf Ida, oder seine Gemahlin, die den armen Priamus und seine Sohne mit allen ubrigen Trojanern lieber roh auffressen mochte, unter der Gestalt des Olympischen Jupiters und der Samischen Juno65 denken?
I c h . Es sollte mir eben nicht schwer seyn, den Sachwalter des Homerischen Zeus, wenigstens in der ehlichen Scene auf dem Gargaros die dir so anstossig ist, zu machen, und ganz stattliche Ursachen anzugeben, warum er sich seiner vielen trefflichen Bastarde und der schonen Erdentochter und Gottinnen, die ihm diese Helden erzeugen halfen, mit so vielem Wohlbehagen erinnert. Indessen, weil du bei einer scharfen Untersuchung am Ende doch wohl Recht behalten mochtest, gebe ich den Wolkenversammler mit seiner stieraugigen Gemahlin, und meinethalben alle andern unsterblichen Olympier der verdienten Zuchtigung preis. Aber wenigstens hattest du der holden Musen, die uns aus dem Stande der rohen Thierheit gezogen und den Keim der Humanitat in uns entwickelt haben, schonen sollen.
Wie? (rief er in angenommenem komisch-zurnendem Tone) haben sie ihre Strafe nicht schon dadurch allein reichlich verdient, dass sie dem alten blinden Sanger so viel tolles und ungebuhrliches Zeug auf Kosten der armen Gotter weiss gemacht haben? Denn, da er uns nichts singt als was sie ihm vorgesungen, fallt nicht billig alle Schuld auf sie? Doch, wenn auch dieser Vorwurf nicht trafe, um eurer Allegorien willen kann ich keine Ausnahmen machen; nicht einmal zu Gunsten der Grazien, die der feile Pindar den Orchomeniern zu Gefallen66 so hoch erhebt, und die du dort, nicht weit von der hochgeschurzten Austernymphe von Cythere, in Gestalt bootischer Kuhmagde sich mit Faunen und Bocksfusslern herumdrehen siehest. Hier ist nichts zu schonen! Ich bin meines Daseyns nicht gewisser als der traurigen Wahrheit, dass der blosse Aberglaube dem Menschengeschlecht mehr Schaden zugefugt hat, als alle unsre ubrigen Schwachheiten, Narrheiten und Laster zusammen genommen. Ich habe also Gottern und Priestern ewige Fehde angekundiget, und ich wundre mich nicht, dass mir, wiewohl ich nur ein Pfuscher in der Kunst bin, diese Zerrbilder so wohl gerathen sind: denn ich habe (was vielleicht ohne Beispiel ist) zugleich mit Liebe und mit Grimm daran gearbeitet, mit Liebe zum Werke selbst, und mit immer steigendem Grimm uber die Gegenstande. Alles diess, lieber Aristipp, wird dich nicht langer befremden, sobald ich dir sage: dass der Mann, den du vor dir siehst, Diagoras der Melier67 ist, von dem du, bei Gelegenheit, in der ganzen Hellas als einem Atheisten mit Abscheu und Schaudern reden gehort haben wirst, und der doch wahrlich diesen ehrenvollen Beinamen, so viel in seinen Kraften ist, zu verdienen suchen muss.
Wie? Ist's moglich? rief ich: du Diagoras? eben dieser Diagoras, der seit mehr als zwanzig Jahren fur todt gehalten wird, und, wie die gemeine Sage geht, von der Rache der Gotter uberall verfolgt, in einem Schiffbruch unterging!
Sprich, versetzte er, von der Rache der Priester verfolgt, so hast du die Wahrheit gesagt; ihrer Gotter halben wollt' ich mich in einem Kornsieb auf den Ocean wagen. Was ich dir sage; ich, wie du mich hier siehest, bin dieser von den Athenern geachtete und durch ein furchterliches Decret in allen Theilen Griechenlands verfolgte Diagoras von Melos, der, auf seiner Flucht nach Thracien, an der Kuste der Abderiten Schiffbruch litt, und, zum redenden Beweise wie machtig die Gotter der Griechen sind, allein am Leben blieb, als das Schiff mit allen ubrigen, die es am Bord hatte trotz der heissen Gelubde, die sie dem Erderschutterer Poseidon und Zeus dem Retter zuwinselten, ohne Rettung zu Grunde ging.
Jetzt ward mir alles klar, was mich bisher an meinem Wirthe befremdet hatte, und nun erst erinnerte ich mich, was mir gestern nicht aufgefallen war, dass er bei Tische die gewohnliche Libation vorbeiging, die kein Grieche, bevor er trinkt, aus der Acht lasst.
Diagoras erzahlte mir nun, mit welcher Muhe, Gefahr und Noth er sich in allerlei Verkleidungen von einer Insel des Aegeischen Meeres zur andern bis nach Lemnos gefluchtet, wo er zufalligerweise erfahren, dass die Athener eine grosse Belohnung fur den, der ihn todt oder lebendig liefern wurde, durch ganz Griechenland ausrufen lassen; wie er, aus Furcht zu Lemnos entdeckt zu werden, etliche Monate sich in Waldern und Bergkluften verbergen, und sein Leben kummerlich mit rohen Wurzeln und wilden Fruchten habe fristen mussen, und wie er endlich unverhofft in einem Schiffe aufgenommen worden, das fur Byzanz befrachtet war, aber das Ungluck hatte, von einem Sturm an die Thracische Kuste geworfen zu werden, und nicht weit von Abdera zu scheitern. Diagoras, der sich durch Schwimmen ans Land gerettet hatte, erinnerte sich jetzt seines Freundes Demokritus, bei welchem er Rath und Unterstutzung zu finden gewiss war: als er sich aber zu Abdera nach ihm erkundigte, hiess es, er sey schon vor geraumer Zeit weggezogen, ohne dass man wisse was aus ihm geworden sey. Zu gutem Glucke traf er auf einen seiner ehmaligen Jugendfreunde, der indessen ein bedeutender Mann in Abdera geworden war, und sich seiner sehr lebhaft annahm. Das Decret der Athener war auch hier bereits angekommen, und von den Abderiten, zum Beweis ihres Eifers fur die Sache der Gotter, offentlich bekannt gemacht worden. Da sich nun leicht jemand finden konnte, der die ausgesetzte Belohnung hatte verdienen mogen, so verbarg ihn sein Freund sorgfaltig auf einem seiner Landguter im Macedonischen; und weil Diagoras keinen andern Wunsch mehr hatte, als sein ubriges Leben in ganzlicher Verborgenheit zuzubringen, kamen sie nach Verfluss einiger Zeit auf den Gedanken, ihm in Thessalien, auf einem der wildesten und unzugangbarsten Theile des Ossa, wo ihn niemand suchen wurde, eine Wohnung zu verschaffen. Es fand sich eine geraumige Felsenhohle, welche mit geringer Muhe zu einer Einsiedlerei, wie er sie nothig hatte, zugerichtet werden konnte, und in ein von steilen Klippen umgurtetes Thal auslief, wo er sich mit Anpflanzung und Wartung eines Gartens beschaftigen konnte. Das ganze Wesen wurde der Gemeine des nachstgelegnen Dorfes, deren Eigenthum dieser Theil des Gebirges ist, abgekauft, und Diagoras, unter dem Namen Agenor, mit einer Thracischen Sklavin, die ihm sein Freund uberliess, in den Besitz desselben gesetzt. Agenor gilt (wie er mir sagte) unter den benachbarten Hirten und Landleuten, einer dem Thessalischen Volke gemeinen Vorstellungsart zufolge, fur einen machtigen Zauberer, in dessen Ungnade zu fallen jedermann sich sorgfaltig hutet; und er lasst sie um so lieber in diesem Wahn, da er sich, durch die gute Wirkung einiger von Demokritus gelernten Heilungsmittel fur Menschen und Vieh, ihr Zutrauen erworben hat. Auch seine Unsichtbarkeit tragt zu der Ehrfurcht, die der Name Agenor einflosst, das Ihrige bei; denn niemand kann sich ruhmen, ihn jemals in der Nahe gesehen zu haben, und alles, was er mit ihnen zu verkehren hat, geht durch den Mund und die Hande seiner getreuen Sklavin.
Diagoras verlangte von mir zu horen, ob zur Zeit meines Aufenthalts in Athen noch die Rede von ihm gewesen sey, und was fur eine Vorstellung ich mir, nach den Geruchten die uber ihn herumgegangen, von ihm gemacht hatte. Ich antwortete, alles, was ich fur und wider ihn gehort, ware mir so ubel zusammenhangend und widersinnisch vorgekommen, dass ich, in der Ungewissheit was ich davon denken sollte, nur die vermeinte Unmoglichkeit beklagt hatte, die Wahrheit von ihm selbst zu erfahren. So hatte ich z.B. die Sage von der wahren Ursache seiner Atheisterei gar zu ungereimt gefunden, O, die mocht' ich doch horen, fiel er mir ins Wort; ich bitte dich, was sagte die Sage? "Es hiess, die eigentliche Veranlassung zu deiner erklarten Feindschaft gegen die Gotter sey ein Rechtshandel gewesen, in welchen du mit einem gewissen Menschen gerathen, der dir ein ihm anvertrautes Gedicht unterschlagen und den Empfang desselben mit einem formlichen Eide vor Gericht abgelaugnet, aber, nachdem er frei gesprochen worden, das Gedicht als sein eigenes Werk mit grossem Beifall bekannt gemacht habe. Dieser Handel, sagte man, hatte dich so tief gekrankt, dass du den Gottern nicht hattest verzeihen konnen, dass sie nicht auf der Stelle ein Zeichen an dem Meineidigen gethan; kurz, das erlittene Unrecht hatte dich in deinem Glauben so irre gemacht, dass du endlich auf den Gedanken verfallen seyest: da die Gotter, wofern Gotter waren, einen solchen Frevel unmoglich ungestraft lassen konnten, so mussten nur gar keine Gotter seyn. Das ist lustig, sagte Diagoras: man muss gestehen, fur ein so witziges Volk, wie die Athener sind, rasonniren sie zuweilen erbarmlich; und uberhaupt ist nichts so ungereimt, das sie sich nicht weiss machen liessen, sobald es auf andrer Leute Kosten geht. Furs erste, habe ich in meinem Leben (wenigstens seitdem ich nicht mehr in die Schule gehe) nichts gemacht das einem Gedicht ahnlich sahe. Hatte ich aber auch das Talent, Verse zu machen die gestohlen zu werden verdienten, so wurde ich, anstatt den Dieb gerichtlich zu belangen, mein Recht an sie dadurch bewiesen haben, dass ich noch bessere gemacht hatte. Und gesetzt endlich, ich hatte mich in der ersten Hitze zu einem Rechtshandel gegen den Rauber hinreissen lassen, so wurde ich wenigstens nicht so albern gewesen seyn, zu verlangen dass Jupiter, der, um den Erdboden nicht ganzlich zu entvolkern, so viele tausend falsche Eide ungestraft lassen muss, nun gerade meiner Verse wegen eine Ausnahme machen sollte. Wahrlich ware der sparsame Gebrauch der Donnerkeile, und die Art, wie die Welt regiert wird, uberhaupt die schwachste Seite der Gotter, sie wurden von mir immer unangefochten geblieben seyn! Denn ich wusste wirklich nicht wie sie es angreifen mussten, um die ungeheure Menge von Narren, Thoren und Schelmen, womit die Erde uberdeckt ist, besser zu regieren, als wir im Ganzen regiert werden; aber eben daraus, dass wir so gut regiert werden, als es unsre Narrheit und Verkehrtheit nur immer zulasst, schliesse ich, die Welt werde nicht von unsern Gottern regiert. Denn, nach der Probe zu urtheilen, die sie in Homers Ilias abgelegt haben, musste es noch zehnmal toller zugehen, wenn die Zugel der Weltregierung in den Handen so selbstsuchtiger, launischer, ungerechter, stolzer, rachgieriger, wollustiger und grausamer Despoten lagen, als der alte Sanger uns diese namlichen Gotter schildert, die in allen Stadten Griechenlands Tempel, Altare und Priester haben. Ich sagte ihm: auch mir ware jene Sage von der Ursache seines Gotterhasses zu lacherlich vorgekommen, um den mindesten Glauben zu verdienen. Aber was ich mir nicht zu erklaren gewusst hatte, ware der Hang zu den geheimen Gottesdiensten, der bei ihm (wie man versichert) ehmals bis zur Leidenschaft gegangen sey. Es war eine Zeit, sagt man, wo Diagoras im Glauben an Theophanien68, Orakel und Wunderdinge aller Art eher zu viel als zu wenig that, und man weiss dass er den grossten Theil seines Vermogens aufgeopfert hat, um in der ganzen bewohnten Welt herumzureisen, und sich in alle Mysterien, so viele er deren ausspahen konnte, einfuhren zu lassen. Wie ein Mann, der die Religiositat bis zu diesem Grade von Schwarmerei getrieben, auf einmal zum entgegen gesetzten Aeussersten habe uberspringen konnen, schien etwas so Unnaturliches, dass man sich geneigt fuhlte, selbst die ungereimteste Erklarung, die ein solches Wunder einigermassen begreiflich machte, fur gut gelten zu lassen.
Dir, versetzte Diagoras, hoffe ich, ohne deiner Vernunft etwas Ungebuhrliches zuzumuthen, ziemlich begreiflich zu machen, wie ich gerade durch die vollstandigste Befriedigung der besagten Schwarmerei zu dem Atheism gekommen bin, dessen ich mit und ohne Grund, je nachdem man's nimmt, beschuldiget werde. Alle Menschenkinder kommen, denke ich, mit mehr oder weniger Hang zum Wunderbaren auf die Welt. Bei mir ausserte sich dieser Naturtrieb von fruher Jugend an sehr lebhaft, aber mit einer Gegenwirkung verbunden, die ihm alle seine Schadlichkeit benahm. Ich horchte namlich mit dem grossten Vergnugen auf alle Erzahlungen dieser Art; Milesische Mahrchen, Zauber- und Gespenstergeschichten, theurgische Wunder, Theophanien, und alle die ubernaturlichen Dinge, die sich taglich ereignet haben sollen als die Gotter noch unter den Menschen wandelten, und die Erde mit ihren Sohnen und Tochtern erfullten, kurz, alle diese Kindereien, wovon die Griechen immer so grosse Liebhaber waren, hatten auch fur mich einen ungemeinen Reiz; aber ich glaubte kein Wort davon. Sie belustigten und beschaftigten bloss meine Einbildungskraft und meinen Witz; jenes desto mehr, je unglaublicher sie waren; dieses, indem sie mich zum Nachdenken anreizten, wie es mit diesen Dingen naturlich habe zugehen konnen, d.i. woher wohl die dabei vorwaltende Tauschung gekommen, und wie es moglich gewesen, solche Albernheiten selbst den einfaltigsten Menschen weiss zu machen. Diese Anlage bei mir vorausgesetzt, wird dir alles Uebrige sehr begreiflich werden. Ich hatte von Kindheit an viel von Orakeln, besonders von dem zu Delphi, gehort; als ich heran gewachsen war, horte ich auch zuweilen, wiewohl immer mit geheimnissvoller Zuruckhaltung, von den Eleusinischen und andern Mysterien reden. Dieses Geheimthun der Eingeweihten reizte meinen Vorwitz, hinter die wunderbaren Dinge zu kommen, die, wie ich nicht zweifelte, in diesen Mysterien zu sehen und zu horen seyn mussten. Ich versuchte es auf alle Weise, fand aber, dass ich auf keinem andern Wege zu meinem Zweck gelangen wurde, als wenn ich mich selbst in diesen geheimen Gottesdiensten iniziiren liesse. An Gelegenheiten dazu konnte mir's nicht fehlen. Mein Vater war einer der ansehnlichsten Handelsleute in Melos. Er schickte von Zeit zu Zeit Schiffe nach den vornehmsten Hafen des Aegeischen, Ionischen und Karpathischen Meeres, und hatte allenthalben Correspondenten, mit denen er in gastfreundlicher Verbindung stand. Fruhzeitig mit dieser Art von Geschaften bekannt gemacht, wurde ich von meinem zwanzigsten Jahre an, unter der Fuhrung eines alten Dieners bald dahin bald dorthin verschickt. Diese Reisen gaben mir Gelegenheit, mich mit den Orgien von Lemnos, Kreta und Cypern bekannt zu machen: aber was ich dadurch erfuhr, war so unbedeutend, dass es zu nichts diente, als meine Begierde nach wichtigern Entdeckungen desto starker anzufeuern. Ich machte mir einen Plan, meine Nachforschungen bei den Priestern zu Memphis und Sais (welche nach dem gemeinen Wahn der Griechen in uraltem Besitz einer geheimen theurgischen Weisheit sind) anzufangen, sodann die von ihnen nach und nach zu den Persern, Syrern, Phoniciern und Griechen ubergegangenen Mysterien auf dem Wege den sie genommen zu verfolgen, und nicht eher zu ruhen, bis mir in diesem Fache nichts mehr zu ergrunden ubrig ware. Ich fuhrte diesen Plan aus, sobald ich durch den Tod meines Vaters das Vermogen dazu bekam. Ich brachte mehrere Jahre damit zu; und da wir naturlicherweise nach dem, was an uns in die Augen fallt, beurtheilt werden, so konnt' es nicht fehlen dass ich mir durch eine so ungewohnliche Anwendung meiner Zeit und meines Vermogens den Ruf eines bis zur Schwarmerei religiosen Menschen zuzog; einen Ruf, den ich selbst, so lang' er meinen Absichten beforderlich seyn konnte, auf alle Weise zu unterhalten beflissen war."
"Auf der letzten Reise, die ich zu Vollendung meines Plans zu machen hatte, ward ich zufalligerweise mit dem beruhmten Abderiten Demokritus bekannt, den eine ahnliche Wissbegierde seit vielen Jahren in der Welt herum trieb; nur dass seine Absicht mehr auf Naturgeschichte, und auf die physischen, astronomischen und medicinischen Geheimnisse der Aegyptischen Priester, Magier und Orphiker, als auf die religiosen gerichtet war. Wer die Mitburger dieses ausserordentlichen Mannes kennt, sollte glauben, sein Genius habe Mittel gefunden, sich alles Verstandes, den die Natur unter die Bewohner von Abdera vertheilen wollte, fur ihn allein zu bemachtigen. Mir wenigstens ist unter so vielen merkwurdigen Mannern, deren Bekanntschaft zu machen meine Reisen mir Gelegenheit verschafften, keiner vorgekommen, der mit einem so hellen und so viel umfassenden Geist einen so unermudeten Fleiss in Erforschung der Natur, und mit beidem so viel Gutlaunigkeit und Anmuth im Umgang vereinigte wie Demokritus. Von der ersten Stunde unsrer Bekanntschaft an fuhlte ich mich so stark von ihm angezogen, dass ich nie wieder von ihm getrennt zu werden wunschte; und auch er fasste so viele Zuneigung fur mich, dass er mir nicht nur erlaubte ihn auf seinen ubrigen Wanderungen zu begleiten, sondern auch Vergnugen daran fand, mich in seinen eigenen Mysterien einzuweihen, welche mir, wie du gerne glauben wirst, eine ganz andere Befriedigung gaben als die priesterlichen, womit ich einige der besten Jahre meines Lebens vertandelt hatte. Die Bekanntschaft mit diesem Manne hatte mir viel Ungemach und die Nothwendigkeit, mein Daseyn in einer Felsenkluft zu verheimlichen, ersparen mogen, wenn ein Mensch seinem Schicksal entgehen konnte, oder richtiger zu reden, wenn ich meinen Eifer, die Menschen vernunftiger zu machen als sie zu seyn fahig sind, im Zaume zu halten gewusst hatte."
Was du mir da sagst, fiel ich ein, setzt mich desto mehr in Verwunderung, da ich nach dem Ruf, worin Demokritus steht, eher alles andere als einen Sachwalter der Gotter von ihm erwartet hatte.
Der war er denn auch so eigentlich nicht, versetzte Diagoras; aber er hatte sich uber diesen Punkt ein System gemacht, wobei er seine Vernunft zu retten glaubte, ohne mit den Priestern und Mystagogen, die den Glauben an ihre Gotter und Mysterien zu einer Burgerpflicht zu erheben gewusst haben, jemals in offne Fehde zu gerathen.
Du wurdest mich verbinden, sagte ich, wenn du mich mit seiner Denkart uber diesen Gegenstand naher bekannt machen wolltest. Diess kann nicht besser geschehen, erwiederte Diagoras, als wenn ich dir eine Unterredung mittheile die uber diese Materie zwischen uns vorfiel.
Du bist, sagte Demokritus zu mir, vermuthlich der einzige Mensch in der Welt, der so viel Zeit und Geld aufgewandt hat, um hinter die Geheimnisse der Priesterschaft zu kommen: darf ich fragen, was der reine Gewinn deiner Entdeckungen ist? Immer so viel (war meine Antwort) dass ich die Unkosten nicht bereue. Ich weiss nun mit einer Gewissheit69, die ich schwerlich auf einem andern Weg erlangt hatte: dass Gotter und Priester Synonymen sind; dass alle unsre Gotter (die bloss allegorischen ausgenommen) Menschen waren, die ihre Standeserhohung und den ihnen angewiesenen Antheil an der Weltregierung den Priestern, durch welche sie regieren, zu danken haben; und dass der Tartarus mit allen seinen Feuerstromen und Schreckgespenstern, so wie die Inseln der Seligen mit aller ihrer Wonne, schlaue Erfindungen sind, wodurch die Priesterschaft sich der beiden machtigsten Leidenschaften und durch sie der Herrschaft uber die Welt bemachtigt hat. Ich begreife nun wie der Gotter und der Menschen Vater Zeus zu Kreta geboren und begraben seyn kann; warum Delos die Wiege des Apollo und der Artemis ist, und woher die unendliche Menge von Sohnen und Tochtern kommt, womit unsre Gotter und Gottinnen die ganze Hellas so uberschwanglich bevolkert haben, dass keine alte Familie ist, die ihr Stammregister nicht mit irgend einem gottlichen Bastard anzufangen die Ehre hatte. Ich begreife nun, warum eine Religion, die in sich selbst so ubel zusammenhangt, und deren hochstes Geheimniss ist dass die Gotter Nicht-Gotter sind, so wenig zur Veredlung der Menschheit beitragen kann. Und wenn auch das alles nicht ware (setzte ich hinzu) rechnest du etwa fur nichts, dass ich weiss wohin Isis ihren Sohn Horus vor dem wuthenden Typhon verbarg, was das alte Mutterchen Baubo der Ceres zeigte, um sie in der hochsten Betrubniss zum Lachen zu bringen, und was in dem verdeckten Korbe war, den Pallas Athene den Tochtern des Cekrops in Verwahrung gab? O gewiss, versetzte Demokritus lachend, zu diesen Wissenschaften hattest du schwerlich auf einem andern Wege gelangen konnen; aber alles ubrige war wohlfeiler zu haben. Ich muss bekennen, sagte ich, dass mir die Wissenschaft nichts oder was wenig besser als nichts ist, zu wissen, hoch genug zu stehen kommt; zumal, da mir, bei aller Aufklarung die ich uber unsre Mysterien erhalten habe, der Hauptpunkt noch immer unbegreiflich geblieben ist. Was konnte diess wohl seyn? fragte Demokritus. Weiter nichts, als wie es moglich ist, dass bei der unendlichen Menge von Iniziirten, es noch einen einzigen vernunftigen Menschen geben kann, der sich durch ein so grobes Gewebe von Betrug, Gaukelei, Kindermahrchen und Kinderpossen, wie die Religion unsrer Vater ist, noch einen Augenblick tauschen lassen kann. Denn wirklich thut die Priesterschaft ihr Moglichstes uns die Augen zu offnen. Ich sehe, erwiederte er, dass du mit allen deinen Nachforschungen noch immer nicht auf den Grund der Sache gekommen bist. Wir machen uns fast allemal einer Ungerechtigkeit schuldig, wenn wir irgend etwas Menschliches, sey es Glaube, Gewohnheit, Sitte, oder Lehre, Gesetz, Institut, eher fur ganz ungereimt und verwerflich erklaren, bevor wir unbefangen erforscht haben, ob es nicht in seinem Ursprung, zu seiner Zeit und in seiner ersten Gestalt, gut, schicklich und zweckmassig war. Ich bin ganzlich deiner Meinung, dass der Gebrauch, den die Priesterschaft heutzutage von ihren Orakeln und Mysterien macht, die Verachtung, die du dagegen gefasst hast, mehr als zu sehr rechtfertigt: nichtsdestoweniger scheinen mir beide zur Zeit ihrer Einsetzung schickliche Mittel zu einem loblichen Zweck gewesen zu seyn, und um dieser Ursache willen einige Schonung zu verdienen. Die undurchdringliche Finsterniss, die auf der altesten Geschichte aller Volker liegt, hat mich nicht abgeschreckt, in den Alterthumern des unsrigen so weit zu forschen als irgend ein hier und da hervorbrechender Lichtpunkt mir vorzudringen erlaubte. Dem, was ich darin wahrzunehmen glaubte, zufolge, nehme ich drei verschiedene Epochen an, in welchen unsre Volksreligion sich nach und nach zu dem, was sie noch zu unsrer Vater Zeit war, gestaltet hat. Denn uber das, was sie jetzt ist, sind wir, denke ich, ziemlich einverstanden. Der erste dieser Zeitpunkte ist der, da unser Land noch von ganz rohen Naturmenschen, oder richtiger gesagt, Thiermenschen bewohnt war. So lange der Mensch auf dieser untersten Stufe steht, kann man von ihm so wenig, als von irgend einem andern Thiere, sagen, dass er eine Religion habe: es ist etwas der Religion Aehnliches, wie man einigen Thieren etwas der Vernunft Aehnliches zuschreibt. Ein dumpfes Gefuhl der gewaltigen, ihm unbegreiflichen Krafte der Natur, das bei ungewohnlichen, vorzuglich bei furchtbaren Naturbegebenheiten in ihm erregt wird, ist der rohe Stoff, woraus der finstre, schwermuthige und schreckhafte Aberglaube, in welchem wir die Kindheit des Menschengeschlechts befangen sehen, sich nach und nach hervorarbeitet. Das Wort Deisidamonie scheint in unsrer Sprache ganz eigentlich fur diesen Zustand gemacht zu seyn; etwas Bestimmteres von der besondern Gestalt, welche dieser noch so sehr unformliche, dem Zufall und einer ungebandigten Einbildungskraft ganzlich uberlass'ne Damonism70, unter den Autochthonen71 unsers Landes angenommen haben mag, weiss ich nicht zu sagen.
Die zweite Epoche scheint mir die ebenfalls unbestimmbare, uralte Zeit zu seyn, da die Titanen, vermuthlich vom Kaukasus her, sich eines grossen Theils der nachmaligen Hellas bemachtigten, und ein Reich stifteten, das von keiner langen Dauer gewesen zu seyn, aber doch den ersten Grund zur Civilisirung dieser Gegenden gelegt zu haben scheint. Durch die Lange der Zeit musste unter einem Volke, dem die Kunst, Gedanken und Worte mittelst einer leichten Art von Bezeichnung zu verkorpern und festzuhalten, noch unbekannt war, die Geschichte der Titanen, durch blosse mundliche Ueberlieferung fortgepflanzt, nach und nach zu Sagen, und, durch eine Kette von Veranderungen, Revolutionen und zufalligen Ursachen aller Art, endlich zu Volksmahrchen werden, wovon unsre ubelzusammenhangende altere Gotterund Heroengeschichte ein verworrenes Chaos ist. Unzahlige Spuren setzen indessen ihr ehemaliges Daseyn und ihre Verdienste um die altesten Bewohner Griechenlands ausser allen Zweifel. Mit ihnen kamen die zu einem menschlichen Leben unentbehrlichen Kunste zuerst in diese Gegenden; und, aller Wahrscheinlichkeit nach, schreibt sich auch die Einfuhrung der altesten Religion des obern Asiens, die Verehrung des Himmels und der Erde, der Sonne und des Mondes von ihnen her. Wie es nun zuging, dass in der Folge die Titanen selbst fur Sohne des Himmels und der Erde gehalten und kraft eines Erbrechtes, das ihnen von niemand streitig gemacht wurde, theils an die Stelle der Sonne und des Mondes, theils in den Besitz der Oberherrschaft uber Luft und Erde, Wasser und Feuer gesetzt, theils, als die Urheber der ersten Anfange des burgerlichen Lebens, des Feldbaues und der dazu nothigen Kunste, lange nach ihrem Tode gottlich verehrt wurden; ingleichem wie die Regierungsveranderungen, die sich in diesem vergotterten Geschlechte ereignet haben sollen, zu erklaren sind, ubergehe ich, als zu dem, wovon jetzt die Rede ist, nicht gehorig, und bemerke nur, dass die spatern Aegyptischen und Phonicischen Stifter oder Wiederhersteller der Stadte Athen und Theben, Cekrops und Kadmus, als sie nach Griechenland kamen, unsre vornehmsten Gotter, Zeus und Here, Poseidon, Apollo und Artemis, Pallas Athene und Aphrodite, Demeter und Persephone, Ares, Hermes und Hephastos (sammtlich aus dem Titanengeschlechte) vermuthlich schon im Besitz der offentlichen Anbetung gefunden und um so mehr ungestort darin gelassen haben, da sie ihre eigenen Gotter, nur unter andern Namen, in ihnen wiederfanden; wiewohl ich nicht zweifle, dass ein grosser Theil der Verwirrungen und Widerspruche, die in der Genealogie und Geschichte der Griechischen Gotter herrschen, sich von den mannichfaltigen Vermischungen alterer und spaterer, einheimischer und auslandischer Sagen herschreibt, wozu die fremden Colonisten die Veranlassung gegeben haben mogen. Nichtsdestoweniger setze ich die dritte Epoche unsers alten Religionswesens in die Zeit des Aegyptiers Cekrops, insofern ich ihn als den wahren Stifter der Eleusinischen Mysterien betrachte, von welchen alle ubrigen, (die Aegyptischen des Osiris und der Isis, welche jenen selbst zum Muster dienten, ausgenommen) blosse Nachahmungen sind. Bis dahin war die Religion unsrer theils wild gebliebenen, theils nach und nach wieder verwilderten Griechen blosse Deisidamonie gewesen; und wiewohl zu glauben ist, dass wenigstens die Schutzgotter jedes Volkes, Stammes und Ortes schon lange vor Cekrops und Kadmus offentliche Altare, Tempel und Priester hatten, so findet sich doch keine Ursache, auch nur zu vermuthen, dass man bei den Opfern und Gelubden, die man ihnen darbrachte, etwas anders abgezielt habe, als sich ihrer Gnade und ihres Schutzes zu versichern, oder ihren Zorn, welchem man alle physischen und moralischen Uebel zuschrieb, zu besanftigen. Der Glaube, dass Zeus selbst unmittelbarer Schirmherr des gastlichen Rechts und Racher des Meineides sey, und dass jeder, sogar unvorsetzliche Mord von den Erinnyen rastlos verfolgt werde, war damals alles, was die Religion zu Beforderung der Humanitat unter den ungeschlachten Horden, welche nach und nach mit vieler Schwierigkeit zum burgerlichen Leben vermocht worden waren, beitrug. Aber die neuen Gesetzgeber fanden (den Begriffen gemass, die sie aus ihrem Lande mitgebracht), theils zur Erhaltung und Aufnahme ihrer neuerrichteten Colonien, theils uberhaupt zur Befestigung der burgerlichen Ordnung unter einem ungeschlachten Volke nothig, das schwache Ansehen der Gesetze durch den Glauben zu stutzen, "dass die Gotter unmittelbare Kundschaft von dem Thun und Lassen der Menschen nehmen, und, nicht zufrieden schon in diesem Leben die Bosen zu strafen und die Guten zu belohnen, auch die Seelen der Verstorbenen vor ein unerbittlich strenges Gericht forderten, und je nachdem sie entweder unstraflich gelebt, oder sich mit noch ungebussten Verbrechen befleckt hatten, in jenem Falle in einen wonnevollen Zustand versetzten, in diesem durch die schrecklichsten Peinigungen zur Strafe zogen." Diese Lehre, dem Volk als Glaubenspunkte bloss durch mundlichen Vortrag eingescharft, wurde wenig Eindruck gemacht haben: aber durch die Mysterien symbolisirt, und unter einer Menge Ehrfurcht gebietender Feierlichkeiten den Sinnen selbst unmittelbar dargestellt, musste sie auf ausserst sinnliche und aberglaubische Menschen, die man in den unterirdischen Wolbungen des Tempels zu Eleusis durch kunstliche Tauschungen erst in den Tartarus, dann in die Elysischen Haine versetzte, die grosste Wirkung thun. Du wirst nicht vergessen haben, Diagoras, wie dir selbst, trotz deinem Unglauben, dabei zu Muthe war, und du kannst von dem Eindruck, den das, was du hortest und sahest, auf deine Einbildung machte, auf denjenigen schliessen, den solche Anschauungen auf ungebildete Menschen machen mussten, die sich nicht, wie du, in ein Schauspiel, sondern ubernaturlicher Weise in die wirkliche Unterwelt versetzt glaubten. Ich gestehe, sagte ich, dass sich, bei dem feierlich langsamen Durchgang durch die labyrinthischen Windungen des Tartarus, uber das was ich horte, und in einer durch zuckende Blitze und wirbelnde Rauch- und Flammenwellen erleuchteten sichtbaren Dunkelheit zu sehen glaubte, alle Haarspitzen auf meinem Kopfe und an meinem ganzen Leibe empor richteten. Aber freilich wird der Eindruck, den diess allenfalls auf ein weiches Gemuth machen konnte, durch den geheimen Unterricht, den man bei der zweiten grossen Weihe empfangt, wieder rein ausgeloscht. Daher, sagte Demokritus, wurden ehmals keine andern zu dieser hohen Weihe zugelassen, als Manner, die man stark genug glaubte starke Wahrheiten zu ertragen, und edel genug, sie gehorig zu gebrauchen. Ueberdiess zweifle ich nicht, dass die zweite Initiation bei den Eleusinischen Mysterien in ihrem Ursprung entweder noch gar nicht stattgefunden, oder wenigstens eine andere, der Einfalt jener Zeiten angemessenere Beschaffenheit gehabt habe.
Wenn ich dir alles zugebe, versetzte ich, was du mit vieler Scheinbarkeit von den drei Epochen der Religion unserer Vater gesagt hast, was gewinnt sie dabei in ihrem dermaligen Zustande? Wir leben in einer vierten Epoche, wo kein gebildeter Mensch mehr an Gotter glaubt die nie gewesen sind, und unsre eben so unglaubigen Priester, mit den reichen Einkunften, die jedem sein Gott verschafft, zufrieden, sich eher um alles andere bekummern, als um den sittlichen Einfluss, den die Religion auf das Gemuth der Menschen haben konnte.
Es sollte mir nicht schwer seyn, dir beides streitig zu machen, erwiederte Demokritus: aber, wenn ich dir auch gestehe, dass mir gerade kein Priester beifallt, den ich deiner Behauptung entgegenzustellen wagen mochte; so ist doch die Anhanglichkeit des grossen Haufens an den Glauben ihrer Voreltern noch immer so augenscheinlich, dass ich niemand rathen wollte, ihn auf die Probe zu setzen. Sogar unter den ersten Mannern unsrer Zeit kenne ich mehr als Einen, der so stark als seine Grossmutter an Orakel, Vogel und Opferlebern glaubt, vor einer Mondfinsterniss oder einer Doppelsonne wie vor einem Ungluckszeichen erschrickt, und mit dem grossten Ernst einem ganzen Senat oder den versammelten Befehlshabern eines Kriegsheers erzahlt, was ihm diese Nacht getraumt hat. Macht diess die Sache unserer Priester nicht besser, so beweiset es wenigstens: dass unser alter Volksglaube noch bei weitem nicht so unwirksam ist als du dir einzubilden scheinst; und ich ziehe daraus die Folge, dass es, sowohl fur einzelne Personen als fur den Staat selbst, gefahrlich ware, sich uber diesen Punkt zu tauschen. So lange die Religion, die bei Errichtung der burgerlichen Gesellschaft eines der starksten Bande der Ordnung und Sittlichkeit war, in dieser Eigenschaft noch nicht alle Kraft verloren hat, soll sie, denke ich, von den Weisen geschont und geachtet werden; wie loblich und nothig es auch ubrigens ist, den Aberglauben durch kluge Verbreitung richtiger Begriffe von der Natur der Dinge nach und nach dermassen zu entkraften, dass er, wie die Spulwurmer durch gewisse Arzneien, zuletzt unvermerkt und ohne Beschwerde, gleichsam von selbst von den Menschen abgeht. Du erlaubst mir alles, erwiederte ich, indem du mir das Recht zugestehst gegen den Aberglauben zu arbeiten. Denn was ist unsre Volksreligion anders als der grobste und lacherlichste Aberglaube? Ich laugne nicht, dass er noch wirksam ist; aber dass er den wohlthatigen sittlichen Einfluss, den er ehemals gehabt haben soll, noch in unsern Tagen habe, das ist was ich ihm ganzlich abspreche. Was hilft z.B. der Glaube an Zeus den Racher des Meineides? Der ehrliche Mann schwort keinen falschen Eid, nicht weil er den Donner des Horkios72 furchtet, sondern weil er ein ehrlicher Mann ist; und wer es nicht ist, sieht so viele Meineidige unangedonnert herumgehen, und findet uberdiess bei den Priestern so viel Bereitwilligkeit ihn fur die Gebuhr mit Jupiter Horkios auszusohnen, dass die Furcht vor seinen Donnerkeilen ihn keinen Augenblick zuruckhalt. Der noch immer im Schwange gehende Glaube an die Orakel, und die Vorbedeutungen die man aus den Eingeweiden der Opferthiere nimmt, ist, wenigstens auf Seiten unsrer burgerlichen Obrigkeiten und Kriegsbefehlshaber, pure Heuchelei, und kann also weder Gehorsam gegen gottliche Winke noch Zuversicht auf gottlichen Beistand wirken. Man hat schon lange Mittel gefunden, die Pythia sagen zu lassen was man will; oder ihre Ausspruche sind so geflissentlich rathselhaft und vieldeutig, dass man sie nach eignem Gefallen deuten kann; und wenn die Milzen und Lebern der Opferthiere nicht gunstig sind, so schlachtet man so lange andre, bis die Vorbedeutung endlich nach Wunsch ausfallt. Demokritus behauptete: in den Handen kluger Regenten und Heerfuhrer konne dieser Aberglaube, so lang' er noch seine Wirkung auf die Menge thue, in vielen Fallen den glucklichen Ausgang einer Unternehmung entscheiden, oder grosses Unheil verhuten; und was ich ihm auch entgegen hielt, immer kam er auf den Grundsatz zuruck: es sey unweislich gehandelt, ein durch die Lange der Zeit ehrwurdig gewordenes Institut zu vernichten, bevor man gewiss sey, etwas Besseres an seine Stelle gesetzt zu haben. Ist das Bessere wirklich da, sagte er, so wird das Schlechtere von selbst fallen. Wer wird fortfahren wollen, in einem morschen, taglich den Einsturz drohenden Hause zu wohnen, wenn es nur auf ihn ankommt, ein bequemeres neugebautes zu beziehen? Aber ehe man sich Wetter und Winden unter freiem Himmel preisgibt, behilft man sich lieber in einem baufalligen Hause, und stutzt und flickt so lange daran als es gehen will.
Da es bei Streitigkeiten dieser Art beiden Theilen nie an Antwort fehlt, so erneuerten wir den Kampf bei jeder Gelegenheit, und Demokritus, der mir ernstlich wohl wollte, gab sich viele Muhe, mich zu bewegen, dass ich dem Gedanken, den Gottern und Priestern offentlich den Krieg anzukundigen, auf immer Abschied geben mochte. Aber der Hass, den die Betrugereien der letztern und der vielfache Missbrauch ihres Einflusses auf den grossen und kleinen Pobel in mir angezundet hatten, war ein Feuer, das sich nicht lange heimlich im Busen herum tragen liess; und kaum hatte ich mich von meinem weisern Freunde wieder getrennt, so warf ich die Larve, die zu meinem Zwecke bisher nothig gewesen war, von mir, und zeigte mich uberall in meiner wahren Gestalt. Alles was seine Warnungen uber mich gewonnen hatten, war, dass ich anfangs mit einiger Behutsamkeit zu Werke ging. Indem ich alle Arten von Aberglauben theils zu untergraben, theils geradezu lacherlich zu machen suchte, schonte ich wenigstens die Polias73 zu Athen, die Juno zu Argos und Samos74, den Apollo zu Delphi75, und Jupitern uberall76. Nirgends gelang mir diess besser als zu Athen, wo der gluckliche Erfolg des ungezugelten Muthwillens, womit Aristophanes77 Gotter und Menschen dem Gelachter des Pobels preisgab, mich aufmunterte, mir grossere Freiheiten herauszunehmen. Wirklich konnen die Athener, denen ein witziger Einfall uber alles geht, viel mehr ertragen als andere Griechen, und so lange ich mich begnugte uber Gotter, Orakel und Orgien nur zu scherzen, liess man meine Einfalle fur absichtlose Ergiessungen einer komischen Laune gelten, wobei mehr Unbesonnenheit als boser Wille sey. Als ich aber immer kuhner ward, und meine Lehrsatze und Meinungen, nicht nur in vertrautern Gesellschaften sondern sogar auf offentlichen Versammlungsplatzen, in einem ernsthaften Tone zu behaupten anfing; geschah, was ich hatte voraussehen konnen, und was mir Demokritus mehr als einmal vorher gesagt hatte. Ich bekam zwar einen Anhang von Junglingen, fur welche die blosse Kuhnheit einer Philosophie, die sich uber alle Vorurtheile hinwegsetzt, und auf das, was andern das Ehrwurdigste ist, mit tiefer Verachtung herabsieht, schon die Kraft des vollstandigsten Beweises hatte: aber gerade dieser Umstand verschlimmerte meine Sache in den Augen der Alten. Die Priester fingen an zu murren, und ehe ich mir's versah, erklarte sich beinahe ganz Athen gegen den Melier78, der die Vermessenheit hatte, von Gottern, welche ein uralter Besitz gegen alle Beeintrachtigungen sicher stellte, zu fordern, dass sie die Titel der Rechtmassigkeit desselben vorzeigen sollten. Zu allem diesem kam endlich noch das bekannte Ungluck meiner armen Vaterstadt, und unfehlbar wurde ich den Hass, den die Athener (um ihr ungerechtes und grausames Verfahren vor sich selbst zu rechtfertigen) auf alle Melier geworfen hatten, desto schwerer gebusst haben, wenn mein gutes Gluck mir nicht wenige Tage vor dem Ausbruch des Ungewitters, das sich seit einiger Zeit uber mir zusammenzog, einen Weg zur Flucht eroffnet hatte. Denn ich wurde gleich nach meiner Entfernung von den Eumolpiden79 gerichtlich angeklagt, die heiligen Mysterien verrathen, und die Jugend von der Initiation abgehalten zu haben. Beide Beschuldigungen wurden gerichtlich erwiesen, und hatten in der That nicht gelaugnet werden konnen; und so wurde, anstatt dass ich jetzt in dieser stillen Freistatte sicher athme, der Sturz in das furchtbare Barathron80 mein Loos gewesen seyn, wenn ich mich nicht lieber auf die Behendigkeit meiner Fersen verlassen hatte, als auf die Gute meiner Sache, von welcher ich meine Richter schwerlich hatte uberzeugen konnen.
Diagoras endigte hier seinen Bericht, und du wirst vermuthlich gern sehen, dass ich ebenfalls eine Pause in meiner Erzahlung mache.
Ich wage es, lieber Kleonidas, in Hoffnung dir durch die Lange dieser Epistel nicht lastig zu seyn, in meiner angefangenen Erzahlung fortzufahren. Sollte sie dich nicht mussig genug antreffen, um sie nicht zu lang zu finden, so kannst du sie ja bei Seite legen. Es gibt auch in dem thatigsten und genussreichsten Leben doch zuweilen eine Stunde, mit der man nichts anzufangen weiss, und es musste nicht gut seyn, wenn sie dir in einer solchen Stunde nicht einige Unterhaltung verschaffen konnte.
Mein alter Wirth schien sich das Betragen, welches ihm die Verbannung aus allen Griechischen Staaten zugezogen hatte, so wenig gereuen zu lassen, und sich bei seiner Ohngotterei so wohl zu befinden, dass mir nicht einfallen konnte, ihn daruber anzufechten. Meine Denkart uber diese Dinge ist ungefahr dieselbe, wozu der Weise von Abdera ihn vergeblich zu bereden gesucht hatte. Es wurde zu nichts geholfen haben, die seinige mit den namlichen Grunden zu bestreiten; zumal da er, in seiner gegenwartigen Abgeschiedenheit, von den Menschen eben so wenig zu besorgen hat, als von den Gottern; und uberhaupt ist es einer meiner Grundsatze, mit niemanden uber das, was er von den uberirdischen und damonischen Dingen glaubt, oder nicht glaubt, zu hadern. Uns in allen den Gesetzen und Gebrauchen der Volker, unter welchen wir wohnen, zu unterwerfen, oder wenigstens nicht mit dem Kopf vorwarts gegen sie anzurennen, macht uns schon die blosse Urbanitat zur Pflicht, wenn es auch die Sorge fur unsre eigene Ruhe nicht so gebieterisch forderte. Wer sich, wie Diagoras, den Hass der Priesterschaft geflissentlich zuziehen will, thut wohl, wenn er die unangenehmen Folgen desselben auch wie Diagoras tragt, als etwas das eben so unfehlbar zu erwarten war, als dass man gebrannt wird, wenn man dem Feuer zu nahe kommt. Will er es demungeachtet darauf ankommen lassen, wer kann's ihm wehren? Wie gleichgultig mir also in dieser Rucksicht die Religion des Diagoras seyn konnte, so hatte doch ein Wort, das ihm im Lauf seiner Erzahlung entfallen war, meine Neugier rege gemacht: und da wir einmal auf dieser Materie waren, erinnerte ich ihn jenes Wortes, woraus ich schliessen musste, sein Atheism sey nicht so unbedingt, dass er allen Glauben an etwas Gottliches aufhebe. Du scheinst, sagte ich, in deinem Gedankensystem an die Stelle der Gotter, die du laugnest, etwas anderes zu setzen. Darf man fragen was?
D i a g o r a s . Mich selbst, und alles was wirklich ist, erwiederte er.
I c h . Das ist viel auf einmal gesagt, Diagoras! woher weisst du dass etwas wirklich ist?
D i a g o r a s . Weil ich weiss dass ich selbst bin.
I c h . Und woher kannst du wissen dass du selbst bist?
Mein Mann schien ein wenig zu stutzen. Eine seltsame Frage, sagte er lachend.
I c h . Es ware noch seltsamer, wenn sie dir nie aufgestossen ware.
D i a g o r a s . Nie in meinem ganzen Leben. Aber die Antwort ist auch so leicht, dass sie mir bloss desswegen nicht sogleich beifiel. Ich weiss dass ich bin, weil ich sehe, hore, fuhle, denke, mich selbst bewege, und zwar nicht alles, aber doch sehr vieles kann, was ich will.
I c h . Konntest du das alles, wenn du nicht schon da warest?
D i a g o r a s . Schwerlich!
I c h . Und wenn die Dinge nicht da waren, die dir zu diesen Aeusserungen deines Daseyns Anlass geben?
D i a g o r a s . Ohne Zweifel, nein.
I c h . Du weisst also, dass du bist, weil es Dinge ausser dir gibt, die dieses Selbstbewusstseyn in dir erwecken; du konntest aber nicht wissen, dass es Dinge ausser dir gebe, wenn du nicht wusstest, dass du selbst bist. Diess, dunkt mich, heisst sich in einem Kreise herum drehen, der weder Anfang noch Ende hat, und du hast also keinen hinlanglichen Grund zu glauben, dass du selbst bist.
D i a g o r a s . Pure Sophistereien! Ich glaube nicht dass ich bin, und, genau zu reden, weiss ich es auch nicht; aber ich fuhl' es, und das ist genug. Dieses Selbstgefuhl, und das Gefuhl dass etwas ausser mir ist, ist ein und eben dasselbe. Indem ich, zum Beispiel, den Feigenbaum dort sehe, fuhle ich dass ich ihn sehe, das ist, ich sehe ihn in mir selbst, und so fuhle ich in einem und eben demselben Augenblick mein und sein Daseyn.
I c h . Sein Daseyn in dir, meinst du?
D i a g o r a s . Ich sehe ihn zwar in mir selbst, aber als etwas ausser mir Befindliches; und warum ware das, wenn er nicht wirklich ausser mir ware?
I c h . Du siehst einen Centauren, eine Sirene, auch ausser dir, und es sind doch blosse Geschopfe deiner Phantasie. Woher weisst du, dass es mit dem Baum und allem andern, was du zu sehen meinest, nicht eben dieselbe Bewandtniss hat?
D i a g o r a s . Allerdings ist es meine Phantasie, die aus der Halfte eines Menschen und eines Pferdes einen Centauren, und aus einem Weibe, einem Vogel und einem Fische eine Sirene zusammensetzt: aber das konnte sie nicht, wenn ich nicht wirklich Menschen, Pferde, Vogel und Fische gesehen hatte.
I c h . Du haltst also alles fur wirklich, was du in einer lebhaften kunstlerischen Begeisterung siehest? Oder warum solltest du diese Einbildungen nicht fur eben so wirkliche Dinge ausser dir halten, wie die namlichen Vorstellungen, wenn sie unter der Beglaubigung deiner Sinne in dein Bewusstseyn kommen?
D i a g o r a s . Weil ich einen sehr wesentlichen Unterschied zwischen ihnen fuhle. Wenn ich mir z.B. die Lemnische Venus bloss in Gedanken vorstelle, so sehe ich sie in meiner Einbildung zwar auch ausser mir, aber ungleich weniger klar und lebhaft, als wenn das Gebilde des Phidias wirklich vor mir stande; und was noch mehr ist, es hangt bloss von mir ab, ob ich das Gedankenbild sehen will oder nicht; stehe ich hingegen zu Lemnos vor dem wirklichen Bilde der Gottin, so muss ich es sehen, ich wolle oder wolle nicht.
I c h . Wie? auch wenn du die Augen zumachst?
D i a g o r a s . Welche Frage!
I c h . Ich will bloss damit sagen: was du mit deinen Augen siehest, dringt sich dir nur so lange mit Gewalt auf, als du es wirklich ansiehest. Ist es aber mit dem, was du bloss in deiner Einbildung siehest, etwa anders? Sobald die Bedingung da ist, d.i. sobald deine Einbildung dir dieses Bild darstellt, musst du es eben so wohl, obgleich weniger lebhaft, sehen, als wenn deine Augen es dir dargestellt hatten, und im letztern Falle steht es nicht weniger bei dir, die Augen wegzuwenden oder zuzuschliessen, als im erstern deine Einbildungskraft auf etwas anderes zu richten.
D i a g o r a s . Aber setze dass du, an eine Saule gebunden, gegeisselt werdest, steht es dann auch in deinem Belieben, ob du die Pein der Geissel fuhlen wollest oder nicht?
I c h . So vieler Gewalt uber meine Sinne ruhme ich mich keinesweges. Aber setze du dagegen einen verruckten Menschen, der sich in seinem Wahnsinn einbildet, dass er gegeisselt werde: fuhlt er die Pein der bloss eingebildeten Geissel nicht eben so lebhaft als wenn sie wirklich ware? Dem Wahnsinnigen thut seine kranke Phantasie eben dieselbe Gewalt an, welche in dem Falle, den du setztest, dem Gesunden geschieht.
D i a g o r a s . Und was schliessest du aus dem allen?
I c h . Dass du keinen hinlanglichen Grund hast, von deinem Gefuhl auf die Realitat dessen was du fuhlst zu schliessen.
D i a g o r a s . Deiner Meinung nach gingen also alle meine Vorstellungen aus mir selbst hervor, und ich hatte keine Ursache zu glauben, dass etwas ausser mir ware?
I c h . Ich behaupte nicht dass es wirklich so sey; aber aus dem Gesagten scheint es wenigstens so. Wie kamen auch die vermeinten Dinge ausser dir dazu, Vorstellungen in dich zu bringen, die sich nicht in deiner Seele selbst erzeugt hatten? Gesetzt aber auch, dieser Feigenbaum werfe ein kleines Bild seiner Gestalt in dein Auge, und es reflectire aus deinem Aug' in deine Seele, so ware zwischen einem solchen Bild und dem Bewusstseyn, womit du es siehest, nicht das geringste Causalverhaltniss; und doch wird es bloss dadurch, dass du dir bewusst bist es zu sehen, etwas in dir Wirkliches. Kurz, um Dinge ausser dir wahrzunehmen, muss deine Seele so viel thun, dass du wenigstens Ursache hast zu zweifeln, ob sie nicht alles thue.
D i a g o r a s . Aber, wie war' es moglich, Aristipp, dass du nicht sehen solltest, in welche Ungereimtheiten ein solcher Zweifel fuhren wurde? Wenn alle meine Vorstellungen blosse Geschopfe der denkenden Kraft in mir sind, bin ich nicht genothiget, mich fur das einzige wirkliche Wesen zu halten? Nun sind aber alle andern Menschen in dem namlichen Falle, und wenn sie alle so rasonniren wollten, was sollte aus dreissig oder vierzigtausend Miriaden Narren werden, deren jeder sich einbildete, alle ubrigen seyen nichts als in ihm selbst erzeugte Gedankenbilder?
I c h . Es kame darauf an dass sie sich daruber mit einander verglichen. Da einer so viel Recht hatte als der andere, warum sollten sie nicht in Gute ubereinkommen konnen, einander, um der Bequemlichkeit des gesellschaftlichen Lebens willen, vermittelst einer Art von Prosopopoie die Existenz zuzugestehen?
D i a g o r a s . Und so mochten wir, dachte ich, eben so wohl thun, wenn wir auch allen ubrigen Dingen, die in unser Bewusstseyn gerathen, die namliche Billigkeit widerfahren liessen?
I c h . Das konnten wir ohne Bedenken; aber was hatten wir damit gewonnen, wenn wir uns selbst von dem Grund ihres und unsres Daseyns Rechenschaft geben sollten?
D i a g o r a s . Kann uns denn nicht genug seyn dass wir da sind? Wozu brauchen wir nun eben den Grund zu wissen?
I c h . Diese Frage hast du dir selbst schon beantwortet, Diagoras, da du mir auf die meinige "was du an die Stelle der Gotter setzest?" zur Antwort gabst: "mich selbst und alles was wirklich ist." Es ist nun einmal in unsrer Natur, sobald sich uns etwas als ausser uns darstellt, zu glauben es sey, und wissen zu wollen, was und woher und wie und warum es ist. Das kurzeste Mittel, sich hieruber zu beruhigen, schien den Menschen von jeher zu seyn wenn sie Gotter glaubten, in deren Macht und Willkur der Grund des Daseyns und der Zusammenordnung der Dinge liege. Du willst mit diesem Behelf nichts zu thun haben, und setzest dich selbst und alles was wirklich ist an ihre Stelle. Aber bei naherer Untersuchung der Sache hat sich gefunden, dass dein eigenes Daseyn eine sehr zweifelhafte Sache ist, da das Gefuhl desselben lediglich auf dem vorausgesetzten Daseyn anderer Dinge beruht, fur deren Daseyn du keine andere Gewahr hast als dein eigenes. Gesetzt aber auch es hatte mit deinem Daseyn seine Richtigkeit, so ist es doch eine blosse nackte Thatsache und du hast auf die Frage: woher, wie und warum du da bist? noch immer keine Antwort. Denn dass du nicht immer da warest, und dass der Grund deines Daseyns nicht in dir selbst seyn kann, wirst du schwerlich in Abrede seyn wollen.
D i a g o r a s . Es scheint in der That ich musste auch etwas davon wissen, wenn ich immer gewesen ware, und die Mutter die mich gebar, der Vater der mich auferzog, und der Schulmeister der mich im Homer lesen und die Melodien des alten Terpander plarren lehrte, mussten sich auf eine seltsame Weise getauscht haben. Aber wozu braucht es aller dieser Leptologien81. Die Formel, uber welche du mich schikanierst, soll nichts weiter sagen als: die Natur enthalt alles was ist, war und seyn wird, und es bedarf keines andern Grundes fur mein und aller ubrigen Dinge Daseyn als sie.
I c h . Die Natur! Ein grosses viel umfassendes Wort! Und was denkst du dir eigentlich dabei?
D i a g o r a s . Wie ich sagte, das, woher alles was ist, war, und seyn wird, seinen Ursprung und die Nahrung seines Wesens zieht.
I c h . Ich glaube die Bedeutung jedes einzelnen Wortes dieses Satzes zu wissen; aber bei dem ganzen kann ich mir nichts Deutliches denken.
D i a g o r a s . Ich, die Wahrheit zu sagen, eben so wenig.
I c h . Du hattest also ungefahr so viel als gar nichts damit gesagt?
D i a g o r a s . Ist es meine Schuld dass die Natur etwas Unbegreifliches ist?
I c h . Irgend eine dunkle Vorstellung muss denn doch wohl mit diesem unbegreiflichen Worte verbunden seyn. Denkst du dir die Natur vielleicht als eine unendliche Reihe an einander geketteter einzelner Dinge?
D i a g o r a s . Ich sehe wohin du willst, Aristipp, und ich will dir die Muhe ersparen, mir die Ungereimtheit einer unendlichen Reihe von Eiern und Huhnern darzuthun. Ich denke mir die Natur als das einzige, ewige, unendliche Urwesen, und alles was ist als eine Art von Erzeugnissen, die es ewig aus sich selbst hervorbringt.
I c h . Da hatten wir den Kronos der Dichter, der seine eignen Kinder aufisst, um immer neue zeugen zu konnen?
D i a g o r a s . Oder, wenn du lieber willst, so stelle sie dir als den Proteus vor, der sich selbst in alle moglichen Gestalten wandelt.
I c h . Fur poetische Darstellungen mogen diese Bilder brauchbar genug seyn; aber dem Verstande erklaren sie nichts, und wir sind noch um kein Haar breit weiter als anfangs. Alles was ich sehe ist, dass du dich so gut als wir andern genothigt fuhlst, etwas Erstes, Unerklarbares, Unendliches, mit Einem Worte, Gottliches zu glauben, um dich nicht in einem Labyrinth von Fragen und Zweifeln zu verlieren, aus welchem kein Ausgang ist.
D i a g o r a s . Und weiter wollen wir uns, wenn dir's gefallig ist, nicht versteigen.
Mit diesen Worten fuhrte mich Diagoras zu seinen Gotterbildern zuruck, um (wie er sagte) die Spinneweben wieder los zu werden, womit uns der Sophistische Dialog uber Seyn und Nichtseyn den Kopf angefullt habe. Er liess mich eine Menge possierlicher Dinge bemerken, welche meiner Aufmerksamkeit entgangen waren, und uberzeugte mich durch sein herzliches Wohlgefallen an den Missgeburten seiner witzelnden Phantasie immer mehr, wie lacherlich es von mir gewesen ware, uber einen Gegenstand, fur welchen er keinen Sinn hatte, in einem ernsthaftern Tone zu sprechen. Uebrigens muss ich dir sagen, dass mein Ton ungefahr der namliche war, worin Sokrates mit den Sophisten, und allen andern, denen es (wie er glaubte) nicht ernstlich um Wahrheit zu thun war, von solchen Dingen zu disputiren pflegte; und ich wollte diese Gelegenheit nicht vorbei lassen, dir eine kleine Probe zu geben, dass ich nicht drei Jahre lang mit einem solchen Meister in der subtilsten Dialektik gelebt habe, ohne ihm auch in diesem Stuck etwas abzulernen; wiewohl ich gern gestehe, dass die ihm eigene ironischeinfaltige Miene, die er in solchen Fallen anzunehmen wusste, schlechterdings dazu gehort, wenn diese Manier zu philosophiren ihre ganze Wirkung thun soll.
Ich werde erst jetzt gewahr dass meine Erzahlung unvermerkt zu einem Buch angeschwollen ist, und der Griffel in meiner Hand zu zittern anfangt.
In wenigen Tagen, lieber Kleonidas, hoffe ich die schone Minervenstadt wieder zu sehen, zu welcher ich mich, nach einer langen Trennung, von einer Art verliebter Sehnsucht hingezogen fuhle. Dass vielleicht auch die Nahe von Aegina Antheil an dieser Gemuthsstimmung haben mag, warum sollt' ich es vor einem Freunde wie du verheimlichen wollen?
21.
Kleonidas an Aristipp.
Wenn ich nicht schon lange wusste, dass du ein weiserer Mann, oder wenigstens ein nicht so heisser Liebhaber des Schonen bist als ich, so wurde mich dein Benehmen gegen den leidigen Zerrbildner Diagoras davon uberzeugt haben; denn ich muss gestehen, mir ware es unmoglich gewesen, beim Anblick seiner unartigen Machwerke Geduld zu behalten. Mag doch immerhin eine Art von Genie und Kunst dazu gehoren, auch an lacherlichen Carricaturen nicht uber eine gewisse Granzlinie hinauszuschweifen, und das Burleskhassliche nicht bis zum Ekelhaften, das Ueberladene und Verzerrte nicht bis zur ganzlichen Unnatur zu treiben: aber was berechtigt diesen Menschen, mit dem Muthwillen eines trunkenen Barbaren in das Heiligste der Kunst einzufallen, und, einer grillenhaften Phantasie zu Liebe, die Ideale alles Schonen, Lieblichen und Erhabenen zu verunstalten und in schmutzig possierliche Missgestalten zu verkehren, wozu er die Urbilder aus den Hefen der pobelhaftesten Natur zusammensuchen musste? Seine Gotter und Gottinnen sind unstreitig die schlechteste Gesellschaft, die ein Mensch sich nur immer geben kann: aber mit welchem Recht erkuhnt er sich, den Vater der Dichtkunst zu seinem Mitschuldigen zu machen? und wie kann er, ohne von seinem eigenen Gefuhl Lugen gestraft zu werden, vorgeben: "seine Zerrbilder seyen den Homerischen Gottern angemessener als die erhabenen Darstellungen eines Alkamenes und Phidias?" Es ist wahr, wie hoch Homer sich auch immer uber sein Zeitalter hatte schwingen mogen, bis zur gottlichen Natur selbst vermocht' er sich und uns nie zu erheben. Er musste, gern oder ungern, die Gotter zu uns herabziehen; aber, da er nun einmal genothigt war, sie entweder ganz aus dem Spiele zu lassen oder bloss als eine Art menschenahnlicher Wesen aufzufuhren; bestand da nicht die grosste Kunst darin, sie, dessen was sie mit uns gemein haben ungeachtet, hoch genug uber uns zu erheben, um einen stark in die Sinne fallenden und der Einbildung Ehrfurcht gebietenden Unterschied zu bewirken? Ich denke man kann in dieser Rucksicht mit dem, was er geleistet hat, zufrieden seyn. Seine Gotter nahren sich z.B. wie wir, aber weniger aus Bedurfniss als zum Vergnugen, von Ambrosia und Nektar, die ihren Leib in Unsterblichkeit und ewiger Jugend erhalten. Sie haben Leidenschaften wie wir; aber auch diese sind nur erhohte Aeusserungen ubermenschlicher Krafte, oder Wirkungen des lebhaften Antheils, den sie an den Menschen nehmen. Niemand wird zu laugnen begehren, dass dem Dichter der Ilias bei allem dem noch Spuren der Rohheit seines Zeitalters ankleben: indessen sollte, meines Bedunkens, auch der Umstand in Betrachtung kommen, dass, dem gemeinen Volksglauben nach, alle Heroen und Heroiden jener Zeit halbburtige, mit Sterblichen erzeugte Gotterkinder waren, und also der Abstand zwischen Gottern und Menschen bei weitem nicht so gross schien, dass es billig ware, dem Dichter zum Vorwurf zu machen, wenn er sich hierin den Begriffen seiner Zeitgenossen fugte; zumal da er das Menschenahnliche seiner Gotter fast immer dermassen zu veredeln weiss, dass in Stellen, wo sein Genius sich zum wirklichen Anschauen dieser himmlischen Naturen zu erheben scheint, selbst Pindars machtiger Adlersflug sich nicht hoher aufzuschwingen vermocht hat. Oder bedarf es etwa hiervon eines starkern Beweises, als dass es ja eben der Homerische Gotterkonig war, der den grossten Bildner unsrer Zeit mit der hohen Idee begeisterte, die wir in seinem Jupiter Olympius so rein und kraftvoll dargestellt sehen, dass wir bei dessen Anblick, wie vom Schauder des gegenwartigen Gottes ergriffen, die Augen niederzuschlagen genothigt sind und den Boden unter uns erzittern zu fuhlen glauben? Gesetzt aber auch (was kein unbefangener Leser Homers zugeben wird) der Dichter hatte durch seine Art die Gotter reden und handeln zu lassen dem leichtfertigen Diagoras zu seinen Zerrbildern Gelegenheit gegeben; mit welchem Grunde kann er es unsern grossten Meistern ubel nehmen, dass sie alle Nerven ihrer Phantasie angestrengt haben, sich vermittelst dessen, was an der menschlichen Natur das Schonste, Reinste und Vollkommenste ist, zu so hohen Idealen von Gottergestalten zu erheben, dass wir in ihren Werken, wie in theurgischen Erscheinungen, Gotter zu sehen glauben, wiewohl wir im Grunde nur Menschen sehen? Ist es ihnen nicht vielmehr zum Verdienst anzurechnen, dass sie, in eben dem Augenblick da sie die Religion des Volkes durch die wurdigsten Darstellungen, deren der gemeine Menschensinn fahig ist, reinigen, den Menschen zugleich anschaulich zu machen suchen, welcher Wurde ihre eigene Natur fahig sey. Verzeihe mir, Lieber, dass ich mich in meinem gerechten Unwillen so lange bei einer Sache verweile, woruber wir, deiner anscheinenden Gleichgultigkeit ungeachtet, unmoglich verschiedener Meinung seyn konnen. Ich kann dir nicht ausdrucken, wie angenehm es mir ist, dich wieder mitten in der schonen Hellas zu wissen, in welcher ich noch immer durch die Erinnerung zur Halfte lebe. Mir ist als ob du mir um so viel naher warest; und auch Musarion, die Schone und Gute, schmeichelt sich, ihre theilnehmende, wiewohl unsichtbare, Gegenwart dir und ihrer edeln Freundin bis in Aegina fuhlbar zu machen.
22.
Aristipp an Kleonidas.
Schon zwei bis drei Monate, lieber Kleonidas, suche ich eine Gelegenheit dich zu benachrichtigen, dass ich mich zum drittenmal wieder im Schutz der hehren Athene befinde, und durch Vorsorge unsers Freundes Eurybates eine bequeme Wohnung nicht weit vom Pompeion und dem Tempel der Demeter bezogen habe. Ich bin dadurch dem Hafen um so naher, wohin mein unbescholtener Aethiopier tagtaglich zweimal traben muss, um sich zu erkundigen, ob irgend ein Fahrzeug aus euern Gegenden angekommen oder dahin abzugehen begriffen sey. Aber auch jetzt danke ich es bloss dem verwohnten Gaumen der Athener, denen unser stinkendes Silphi zu einem unentbehrlichen Kuchenbedurfniss geworden ist, dass ich endlich eine Gelegenheit aufgetrieben habe, diese Epistel an dich gelangen zu lassen.
Vor allen Dingen, Freund, lass dir sagen, dass die holden Kechenaer sich wieder auf der hochsten Spitze ihres stolzen Selbstgefuhls wiegen: denn, um mit Einem Wort alles zu sagen, sie haben wieder Mauern! und zwar noch hohere und festere als die alten, die ihnen Lysander vor zwolf Jahren niederreissen liess: sie haben wieder neue Mauern, und (worauf sie sich am meisten zu Gute thun) ohne dass es sie einen Heller kostet. Du wunderst dich wie das zuging? Wisse also, dass der schlaue Konon, ihr zweiter Themistokles82 (wie sie ihn zu boser Vorbedeutung nennen), Konon, ein eben so gewandter Staatsmann als braver Seeofficier, seinen beruhmten Sieg uber die Spartaner bei Knidos durch seinen Gonner den Satrapen Pharnabaz in einen so hohen Anschlag bei dem grossen Konige zu bringen gewusst hat, dass dieser eine sehr staatskluge Partei zu nehmen glaubte, wenn er den Athenern wieder zu ihrem ehmaligen Uebergewicht uber Sparta, seine zeitherige Feindin, und zum ersten Rang unter den Griechischen Republiken in Europa behulflich ware. Die Wiederherstellung der Mauern von Athen (eine Kleinigkeit fur die unerschopflichen Schatzkammern des Konigs der Konige) war zu dieser Absicht, und also (wie es freilich von Seiten der Perser gemeint war) zum Dienste des Konigs unumganglich. Konon betrieb das Werk mit unsaglichem Eifer; alles was Hande hatte wurde angestellt; von allen Enden Griechenlands stromten die Arbeiter schaarenweise herbei; der Konig bezahlte mit blanken Dariken, und der Satrap liess sich den Auftrag geben mit einer ansehnlichen Flotte, wozu die Griechischen Stadte in Karien und Ionien Mannschaft und Schiffe lieferten, die Unternehmung zu beschutzen.
Mehr brauchte es nicht, um den Attischen Autochthonen die, so lange ihre von Lysandern erlittne Schmach durch die Offenheit ihrer Stadt und ihres Hafens noch augenscheinlich beurkundet wurde, die Flugel ziemlich demuthig sinken liessen auf Einmal ihren ganzen Uebermuth wieder zu geben. Kaum erhoben sich ihre neuen Mauern, kaum hatte ihnen Konon mit der Persischen Flotte, deren Anfuhrung ihm der Satrap uberlassen hatte, wieder zu ihrer alten Tyrannie uber die kleinern Inseln verholfen, so war auch alles Vergangene wieder rein vergessen; so betrachteten sie sich selbst wieder als die Herren der Welt, und den Konig, ihren Wohlthater, als ihren blossen Zahlmeister, der es sich noch zur hochsten Ehre rechnen musse, der "weltberuhmten, schonen, fetten, veilchenbekranzten Athena" ihren uralten Glanz wiedergegeben zu haben, und dem sie nicht den geringsten Dank schuldig waren, wenn er ihre Mauern auch mit gediegenem Golde hatte uberziehen lassen. Aus diesem Tone kann man sie wenigstens an allen offentlichen Orten taglich blasen horen. Sie bauen nun wieder ein Nephelokokygia uber das andere ins Blaue hinein, immer voraussetzend die Schatze des grossen Konigs wurden ihnen ewig zu Gebote stehen, ob sie es schon der Muhe nicht werth halten, sich seines Wohlwollens durch eine dauerhafte Verbindung seines Interesse mit dem ihrigen zu versichern. Was die Folgen dieses demokratischen Stolzes und der falschen Massregeln, wozu er sie verleiten wird, seyn mussen, lasst sich, ohne dass man ein Tiresias zu seyn braucht, leicht voraussehen. Aber die kurzsinnige Attische Aufgeblasenheit sieht nichts voraus, wird durch keine Erfahrung kluger, und begeht alle ihre grossen und kleinen Thorheiten immer als ob es das erstemal ware. Doch, kein Wort weiter von Athenischen Staatsverhaltnissen und demokratischen Albernheiten! Weiss ich denn nicht, wie widerlich und langweilig dir, mit Recht, diese Dinge sind? Auch soll es das letztemal seyn, dass ich dich damit behellige! Ein anderes war' es, wenn ich dir von Zeit zu Zeit eine Aristophanische Komodie im Geschmack der Acharner, der Ritter und der Vogel mitzutheilen hatte, die dir ohne einen kleinen Commentar nicht immer verstandlich waren. Aber solche Fruchte bringt der Attische Boden nicht mehr hervor. Die Wiederherstellung der Demokratie hat zwar das Gesetz gegen den Missbrauch der ungezugelten Freiheit der alten Komodie83 ziemlich unkraftig gemacht: aber Zeit und Umstande scheinen unvermerkt auch auf diesen Zweig der offentlichen Unterhaltung zu wirken, und ich betrachte die Komodie, wie ich sie seit meiner Zuruckkunft finde, als den Uebergang zu einer kunftigen neuen Gattung, deren regelmassigere und elegantere Form eine naturliche Folge der, in umgekehrtem Verhaltniss mit der Abnahme der demokratischen Ungezogenheit, immer steigenden Verfeinerung des Geschmacks und der Sitten seyn wird. Indessen lasst gleichwohl die leichtfertige Muse des Dichters der Wolken weder ihrer unnachahmlichen Genialitat noch ihrem gewohnten Muthwillen so enge Schranken setzen, dass sie sich nicht noch immer bald einzelne Hiebe mit derselben Geissel, die vor dreissig Jahren einen Kleon bis auf die Knochen zerfleischte, bald Zuge von eben demselben neckenden Spott, womit sie einst einen Lamachus, Euripides, Nicias, Alcibiades, ja den unstraflichen Sokrates selbst verfolgte, und bei jeder Gelegenheit die bittersten Sarkasmen uber das Volk und die Regierung von Athen erlauben sollte. Sein neuestes Stuck, der Weibersenat84 betitelt (welches ich fur dich abschreiben lasse), enthalt ziemlich starke Beweise hiervon, ist aber dabei so ekelhaft schmutzig, dass ich, wiewohl es von feinerem Witz und trefflichen Einfallen strotzt, mir doch kaum getraue es dir vor die Augen zu bringen.
Eine meiner ersten Angelegenheiten, nachdem ich von meiner neuen Wohnung Besitz genommen hatte, war, die alte Bekanntschaft (Freundschaft kann ich sie ehrlicher Weise nicht wohl nennen) mit den Attischen Sokratikern zu erneuern. Der gute Kriton war seinem geliebten Freunde schon vor einigen Jahren in das unbekannte Land nachgezogen, wovon Plato in seinem Phadon so viel Wunderbares zu berichten hat. Stilpon lebt zu Megara, Cebes und Simmias sind nach Theben zuruckgekehrt, und streuen dort guten Sokratischen Samen aus. Unter den Anwesenden wurde ich von dem wackern Gerber Simon, von Kritobulus (der unserm Meister durch sein Leben als Hausvater und Burger Ehre macht) und von Aeschines, des Lysanias Sohn, am freundlichsten empfangen; von Plato kalt und vornehm, von Antisthenes (der mit den Jahren nicht milder geworden ist) ein wenig cynisch. Es war als ob er mich erst von allen Seiten beschnuppern musste, bevor er mich erkannte und einige Freude uber unser Widersehen ausserte; welches letztere ubrigens all bejahrten Leute zu thun pflegen, wenn ihnen ein jungerer Bekannter nach langer Zeit wieder zu Gesichte kommt. Im Grund ist es nicht so wohl das Vergnugen uber unser Daseyn, als die Freude daruber dass sie selbst noch da sind, was sie uns dadurch zu erkennen geben.
Ich fange an sehr lebhaft zu fuhlen, dass uns beim Eintritt in die mannlichen Jahre, eine bestimmtere Art von Beschaftigung immer unentbehrlicher wird. Ohne gerad' eine formliche Schule zu eroffnen und ein Aristophanisches Phrontisterion aus meinem Hause zu machen, bin ich entschlossen, nach dem Beispiel des Sokrates und in seiner Manier (sofern ich sie ohne Anmassung und Nachafferei zur meinigen machen kann) einen Theil meiner Zeit einigen fahigen Junglingen, die sich zu mir halten wollen, zu widmen. Zu diesem Ende ist ein gegen den Garten offener Saulengang meines Hauses taglich etliche Stunden einem jeden geoffnet, der sich darin ergehen und an der kleinen Gesellschaft, die sich da zusammen zu finden pflegt, als Mitsprecher oder als blosser Zuhorer Antheil nehmen will. Diese Galerie ist mit auserlesenen Gemalden geziert, und unter einigen Stucken von Polygnotus, Zeuxis, Pausias, Parrhasius und Timanthes, glanzen die trefflichen Copeien von deinem Tod des Sokrates und dem Ende des unglucklichen Kleombrotus so sehr hervor, dass sie gewohnlich die Augen der hierher Kommenden zuerst auf sich ziehen und am langsten festhalten. Mitunter fallen auch ziemlich komische Dialogen vor, wie z.B. der folgende, den ich dir, weil er mir noch ganz frisch im Gedachtniss liegt, zur Kurzweil mittheilen will.
Ein edler junger Athener trat mit einem zierlich gekleideten fremden Jungling Arm in Arm in die Galerie. Sie eilten mit fluchtigen Blicken von einem Bilde zum andern, und blieben endlich vor dem Tode des Sokrates stehen.
Kein unfeines Stuck, sagte der Athener mit einer kalten Kennermiene.
D e r F r e m d e . Was es wohl vorstellt?
I c h . Vermuthlich sich selbst.
D e r F r e m d e . Wie meinst du das?
I c h . Um mich deutlicher zu erklaren, es ist eine Art von Rathsel oder Hieroglyph.
A t h e n e r . Das nenn' ich sich deutlich erklaren! Es gehort also ein Schlussel dazu?
I c h . Er steckt im Gemalde.
D e r F r e m d e . Wie kriegt man ihn aber heraus?
I c h . Jeder muss ihn selbst finden; darin liegt ja der Spass bei allen Rathseln.
D e r A t h e n e r . Wenn's der Muhe des Suchens werth ist.
D e r F r e m d e . Ich wollte wetten, dieses hier stellt den Tod des Sokrates vor.
I c h . Ich auch; aber wenn du darauf wetten wolltest, warum fragtest du?
D e r F r e m d e . Um meiner Sache gewiss zu seyn. Nun sehe ich wohl, je langer ich's betrachte, dass es nichts anders ist. Ich kenne die meisten dieser Manner von Person; sie sind zum Sprechen getroffen. Den alten Philosophen hab' ich freilich nicht mehr besuchen konnen, weil er schon lange todt war; aber man erkennt ihn auf den ersten Blick an seiner Silenengestalt, an der aufgestulpten Nase und an dem Giftbecher, den er so eben aus der Hand des Nachrichters empfangen hat.
I c h . Gut fur mich, dass der Maler dieses Bildes uns nicht zuhort.
D e r F r e m d e . Wie so, wenn man fragen darf?
I c h . Weil er seine Arbeit in den nachsten Ziegelofen werfen wurde, wenn er dich so reden horte.
D e r F r e m d e . Ich dachte doch nicht dass ich etwas so Unrechtes gesagt hatte. Es verdriesst dich doch nicht, dass ich den Schlussel zu deinem Rathsel so leicht gefunden habe?
I c h . Als ob man dir so was nicht auf den ersten Blick zutraute?
D e r F r e m d e . Gar zu schmeichelhaft! Ich gebe mich fur keinen Oedipus; aber das darf ich sagen, mir ist noch kein Rathsel vorgekommen, das ich nicht errathen hatte.
I c h . Mit Erlaubniss, was bist du fur ein Landsmann?
D e r F r e m d e . Ein Abderit, zu dienen.
I c h . So denk' ich wir lassen das Gemalde wo es ist.
D e r F r e m d e . Zum Verbrennen war' es wirklich zu gut.
D e r A t h e n e r . Das sollt' ich auch meinen. Wenn es dir uber lang oder kurz feil werden sollte, lieber Aristipp, so bitt' ich mir den Vorkauf aus. Es hat ein warmes Colorit, und sollte sich nicht ubel in der Galerie ausnehmen, die ich nachstens von meinem alten Oheim, dem General, zu erben hoffe. Und hiermit schlenderten die jungen Gecken wieder fort. Das Lustigste ist, dass der Fremde (der sich Onokradias85 nennt und ein Sohn des Archon von Abdera seyn soll) von dieser Stunde an eine sonderbare Anmuthung zu meiner Person aussert, und mich allenthalben wo es nur immer angehen will, wie mein Schatten begleitet. Du wirst lachen, Kleonidas, aber ich habe wirklich grosse Lust einen Versuch zu machen, ob ich aus diesem Stuck Feigenholz, wo nicht einen Mercur, wenigstens einen leidlichen Abderiten schnitzeln konne. Der junge Mensch zeichnet sich durch eine ganz eigene Mischung von treuherziger Albernheit und plattem instinctartigen Hausverstand, mit einer Portion gutlauniger Schalkheit und angeborner Arglosigkeit versetzt, so sonderbar zu seinem Vortheil aus, dass ich mich leicht an seine Gesellschaft gewohnen konnte. Vermuthlich um sich in desto grossere Achtung bei mir zu setzen, machte er mich ungefragt mit seiner ganzen Familie bekannt. Sein Vater, zur Zeit erster lebenslanglicher Vorsteher der Republik Abdera, nenne sich (sagte er) Onolaus der Zweite. Mein Grossvater, fuhr er fort, der als Nomophylax starb, fuhrte meinen Namen, oder vielmehr ich den seinigen; denn ihm zu Ehren nannten sie mich Onokradias. Mein Aeltervater Onages folgte seinem Vater Onolaus dem Ersten in der Wurde eines Stadthauptmanns, und so ging's immer in aufsteigender Linie fort, so dass ich mich im Nothfall ruhmen konnte, von einem der altesten und verdientesten Hauser unsrer Republik abzustammen. Aber, fragte ich ihn, was kann wohl, wenn diese Frage nicht unbescheiden ist, die Ursache seyn, warum deine Voreltern eine so sonderbare Vorliebe zu dem Wort onos gefasst haben, dass von dem Aeltervater des Aeltervaters her alle eure Namen mit onos zusammengesetzt sind? Nicht, als ob es euch in meinen Augen nicht zur Ehre gereichen sollte, dass ihr das Vorurtheil verachtet, welches gewissen Namen einen gewissen Einfluss Ich verstehe, fiel er mir lachend in die Rede: wir konnten wohl mit gutem Fug stolz darauf seyn, dass wir vielleicht die Einzigen sind, die einem ungerechter Weise zuruckgesetzten wackern Hausthiere die ihm gebuhrende Ehre nicht versagen. Wenigstens sehe ich nicht, warum Lowe und Wolf, oder Pferd und Ochs, die sich in so vielen Griechischen Namen horen lassen, hierin ein Vorrecht vor dem Esel haben sollten. Aber das ist denn doch die wahre Ursache dieser sonderbaren Familiensitte unsers Hauses nicht: dieser liegt eine eben so sonderbare Begebenheit zum Grunde. Einer meiner Ahnherren lag an einem Brustgeschwur so krank darnieder, dass die Aerzte versicherten, der Augenblick, da es aufbrache, wurde der letzte seines Lebens seyn. In banger Erwartung standen alle seine Kinder und Hausgenossen um ihn her, als der Kranke durch die offne Thur seines Gemachs einen Esel erblickte, der von ungefahr uber einen grossen Korb voll Feigen gerathen war, und wahrend er mit der gierigsten Fresslust in dieses ihm so ungewohnte Ambrosia hineinarbeitete, sein eselhaftes Wohlbehagen durch die seltsamsten Maulverzerrungen zu erkennen gab. Dieser Anblick kam dem Kranken so possierlich vor, dass er in ein heftiges Gelachter ausbrach, wovon das besagte Geschwur so glucklich zerplatzte, dass seine Brust in wenig Augenblicken wieder frei ward, und es dem Arzte nun ein Leichtes war, den Kranken in kurzer Zeit ganzlich wieder herzustellen. Sofort beschloss mein Anherr im ersten Feuer seiner Dankbarkeit, das Andenken einer so wunderbaren Rettung auch auf eine ausserordentliche Art in seiner Familie zu verewigen. Er nahm nicht nur selbst auf der Stelle den Namen Onogelastes an, sondern legte zugleich seinem Sohn und seinem Enkel die Namen Onobulus und Onomemnon bei, und verordnete als ein unverbruchliches Familiengesetz, dass von nun an zu ewigen Zeiten alle seine Abkommlinge mannlichen Geschlechts keine andern als mit onos zusammengesetzte Namen fuhren sollten. Ueberdiess machte er auch eine Stiftung, aus welcher, bereits uber dreihundert Jahre lang, jahrlich an dem Tage des besagten Wunders allen Eseln in ganz Abdera zehn trockne Feigen auf den Kopf gereicht werden; dass also das Gedachtniss dieser Begebenheit sogar die ganzliche Erloschung unsrer Familie (welche die Gotter verhuten wollen!) uberleben, und wenigstens so lange dauern wird, als die Stadt Abdera auf ihren Fundamenten stehen bleibt.
Ich weiss nicht, Kleonidas, ob ich dich um Vergebung bitten muss, dass ich dich mit solchen Albernheiten unterhalte; mir ist ein Mensch wie dieser Onokradias in seiner Art eben so merkwurdig, als irgend ein anderer ausgezeichneter Mann in der seinigen. Der Fehler ist nur, dass ich dir den Ton und die Miene des ehrlichen Abderiten nicht unmittelbar darstellen kann. Gewiss, du wurdest finden, dass ich nicht so Unrecht habe, diesen wurdigen Abkommling des edeln Onogelastes in mein Herz zu schliessen.
Eurybates erinnert sich euer oft und mit vielem Wohlwollen. Die schone Droso besitzt nicht nur die Gabe glanzende Eroberungen zu machen; sie weiss sich auch in ruhigem Besitz derselben zu erhalten, und unser Freund scheint die leichten goldnen Kettchen, womit sie ihn an sich gefesselt hat, mit sehr guter Art zu tragen. Sie hat ihn mit einem Sohne beschenkt, der ihm an Gestalt und Sinnesart so ahnlich ist, dass er sich (was nicht bei allen Athenern der Fall seyn soll) ohne sich selbst oder andern lacherlich desswegen vorzukommen, ganz laut zu ihm bekennen darf.
Ich brauche dir nicht zu sagen, wie gross mein Verlangen nach guten Nachrichten von meinen Geliebten in Cyrene ist, und wie sehr ich dir's danken werde, wenn du einen Weg ausfindig machst, wie wir uns oft und sicher schreiben konnen. Melde mir auch mit zwei Worten, wie das neue Raderwerk eurer Republik geht, und sage meinem guten Bruder viel Freundliches in meinem Namen.
23.
An Lais.
Ich bin dir, Dank sey den Gottern, wieder so nahe, meine schone Freundin, als es die stolze Minervenstadt "dem reichen mit schonen Kindern prangenden Vorhof des Isthmischen Poseidons" ist.86 Im Grunde thut freilich, wenn man einander nicht mit den Armen oder wenigstens mit den Augen erreichen kann, eine halbe Parasange fur den Augenblick so viel Wirkung als ein halbtausend: aber die Vorstellung, dass ich jetzt nur zwei Tage brauche, um in deinen Armen zu seyn, ist doch etwas ganz anderes, als der trubselige Gedanke, dass eine ganze Odyssee voll Lander, Gebirge, Strome und Meere zwischen uns liegt; was noch vor wenig Monaten der Fall deines landstreichenden Freundes war. Doch diess ist nun hinter mir, und mit jedem Mondeswechsel ruckt der Augenblick naher, der mich, wenn du anders noch ebendieselbe fur mich bist, fur die Entbehrungen von funf langen Jahren entschadigen wird. Ich lass' es nicht fehlen, taglich die andachtigsten Gelubde an den machtigen Erderschutterer87 abzuschicken; und mit welchem Zauber auch die neuaufgefrischten Reize der schonen Athena, deiner einzigen Nebenbuhlerin, auf mich wirken mogen, diessmal soll mich gewiss nichts verhindern, auf der Veilchenbank deines stillen Myrtenwaldchens den Nachtigallen an deinem Busen zuzuhoren.
Uebrigens gesteh' ich gern, dass der Aufenthalt zu Athen nach einer so langen Abwesenheit wieder grosse Annehmlichkeiten fur mich hat. Ich lebe auf einem ganz hubschen Fuss, und mache doch einen so massigen Aufwand, dass ich mit dreihundert Drachmen des Monats reichlich auszulangen gedenke. Wenn du dich des Rebhuhns fur funfzig Drachmen noch erinnerst, so wirst du hoffentlich meiner Frugalitat das gebuhrende Lob nicht versagen, wiewohl sie in Vergleichung mit der Genugsamkeit eines Plato und dem taglichen Triobolon des Antisthenes noch immer den Vorwurf der Ueppigkeit verdient, der mir von den geschwornen Anhangern der Nothphilosophie gemacht wird. Ich wurde mich leicht daruber trosten, wenn mir diese Herren nur von Zeit zu Zeit die Ehre erweisen wollten, sich zur Abwechslung mit einem kleinen Symposion in Cyrenischem Geschmack von mir bekostigen zu lassen: aber da sie (den einzigen Aeschines ausgenommen) zu einer so grossen Herablassung zu stolz sind, so muss ich mich, wenn ich Gesellschaft haben will, schon mit tragischen Dichtern, Komodienmachern, Malern, Bildnern, Musikern, Kaufleuten, Seefahrern, reisenden Fremden und dergleichen, behelfen, und befinde mich, wie du mir gerne glauben wirst, nicht desto schlimmer dabei.
Indessen lass' ich mich weder die kalte Hoflichkeit deines Gunstlings Plato, noch die wolkenversammelnden Augenbrauen und die gerumpfte Nase des schmutzigen Antisthenes abschrecken, die Spaziergange der Akademie und das Cynosarges ofters zu besuchen, und ich habe dieser Herablassung zwei gleich sonderbare und interessante, wiewohl sehr von einander abstechende Bekanntschaften zu danken; die eine mit einem ausgemachten, ubrigens sehr verstandigen und witzigen Narren; die andere mit einem jungen Hermaphroditen, der entweder eine Art von Platonischem Androgyn88, oder (was ich eher glauben mochte) weder mehr noch weniger als ein verkleidetes Madchen ist. Es wird dir vielleicht nicht unangenehm seyn, Laiska, wenn ich auch dich ein wenig naher mit diesen Merkwurdigkeiten des Cynosarges und der Akademie bekannt mache.
Beim zweiten oder dritten Besuch, den ich dem alten Antisthenes abstattete, fand ich einen jungen Mann von Sinope bei ihm, der seine schmale Lebensweise anfangs vermuthlich aus blosser Noth nachgeahmt haben mochte, sich aber bei der Unabhanglichkeit, die sie ihm verschaffte, so wohl befand, dass er den Sokratism in diesem Stucke noch weiter treibt, als Antisthenes selbst, und sich nicht wenig damit weiss, dass er alle seine Bedurfnisse in einem kleinen Quersack immer mit sich trage. "Und was meinst du, fragte er mich lachend, was in meinem Quersack ist? Ein holzerner Becher, eine halbe Metze Wolfsbohnen und ein alter schwarzgebrannter etwas gebrechlicher Napf aus der Verlassenschaft der koniglichen Bettler des Euripides. Ich gestehe, vor wenig Tagen war ich noch um einen Haarkamm reicher, der aber einen Zacken weniger hatte, als eine meiner Hande! Die besten Gedanken kommen uns wie durch Eingebung. Bin ich nicht ein Thor, dacht' ich, indem ich von ungefahr meine Finger uberzahlte, dass ich, im Besitz eines Paars zehnmal bequemerer und zierlicherer Kamme, womit mir die Natur selbst ausgeholfen hat, mich noch mit einem so armseligen Kunstwerkzeug schleppen mag? Fort damit, in den Ilissus!"
Diese seltsame aber genialische Laune, die mit zu viel Frohsinn gepaart ist, um geheuchelt zu seyn, und von der menschenfeindlichen Rohheit eines Timons und dem gramlichen Ernst des runzligen Antisthenes gleich stark absticht, wurde mich anreizen, die Freundschaft dieses jungen Mannes zu suchen, wenn ihm sein Stolz nicht in den Kopf gesetzt hatte, dass die Freundschaft eines Menschen meiner Art fur seinesgleichen nur ein euphemisches Synonym89 von Schmarotzerei und Unterwurfigkeit sey. Ich versuchte es einsmals, ihn zu einem sehr frugalen, acht Sokratischen Abendessen einzuladen. "Wenn ich keine Wolfsbohnen mehr in meinem Quersack finde, lade ich mich von freien Stucken bei dir ein, war seine Antwort." Wir sehen uns also nur zufalliger Weise. Vor einigen Tagen traf ich ihn bei einem Brunnen an, da er eben Wasser aus seiner hohlen Hand schlurfte. "Wer sollte gedacht haben, sagte er zu mir, dass ein Lehrling des weisen Antisthenes durch einen Betteljungen noch weiser werden konnte? Es sind noch nicht zwei Stunden, dass ein geborner Philosoph aus dieser Zunft mich von der Entbehrlichkeit meiner holzernen Trinkschale uberzeugt hat. Ich habe sie, fuhr er lachend fort, dem vierzahnigen Kamm in den Ilissus nachgeschickt." Was fehlt wohl diesem Narren, um reicher und glucklicher zu seyn als ein Konig?
Nun auch etwas von meinem neuentdeckten Hermaphroditen. Als ich die Akademie, wo Plato sich nicht selten offentlich horen lasst, zum erstenmale besuchte, zog ein schoner Jungling meine Augen auf sich, der kaum siebzehn Jahre zu haben schien, und sich immer, so nah er konnte, zu Speusippus hielt. Man sagte mir, er nenne sich Kleophron, sey der Sohn eines Bildhauers von Sicyon, und, von einer heftigen Liebe zur Philosophie entbrannt, nach Athen gekommen, wo er jetzt einer von Platons eifrigsten Schulern sey.
Der junge Mensch, wie er merkte dass ich ihn aufmerksamer als andere betrachtete, schlug seine grossen rabenschwarzen Augen so madchenhaft errothend nieder, dass mich sogleich ein Zweifel anwandelte, ob der vergebliche Kleophron nicht etwa die schone Lasthenia seyn konnte, mit welcher Speusipp (wie du mir vor geraumer Zeit schriebst) in deinem Hause Bekanntschaft gemacht hatte. Was mich in dieser Vermuthung bestatiget, ist der Umstand, dass von allen Freunden und Anhangern Platons gerade sein Neffe der einzige ist, der sich (wiewohl mit einiger Behutsamkeit) um meine Freundschaft zu bewerben scheint. Seit kurzem hat auch der schone Kleophron angefangen sich mir zu nahern; er ist sogar mit Speusipp in meine Galerie gekommen, um die Gemalde zu besehen, von welchen (wie er sagte) in Athen so viel gesprochen werde. Er machte einige Bemerkungen, welche stark nach der Quelle schmeckten, woraus er sie geschopft hatte; besonders schien er bei dem Bilde des unglucklichen Kleombrot mit Nachdenken und Ruhrung zu verweilen. Wenn dieser Sicyonische Knabe, wie ich nicht langer zweifele, deine Lasthenia ist, so muss ich ihr das Zeugniss geben, dass sie der von dir empfangenen Bildung durch ihre Sittsamkeit nicht weniger Ehre macht, als durch die Lebhaftigkeit ihres Geistes. Auch benimmt sie sich in allem mit so vieler Besonnenheit und Gewandtheit, dass ihr Geschlecht von niemand, der nicht, wie ich, schon vorher auf der Spur ist, so leicht entdeckt werden durfte, insofern sie nur eine gute Ausrede bei der Hand hat, sich den Uebungen auf der Palastra zu entziehen. Plato wenigstens scheint nicht den mindesten Argwohn zu hegen, und die Liebe seines Neffen zu dem schonen Knaben um so weniger zu missbilligen, da beide, der Liebhaber und der Geliebte, erklarte Verehrer des Systems der begeisterten Diotima sind, von welcher sein Sokrates die subtile Theorie der ubersinnlichen Knabenliebe (die er der Tischgesellschaft des gekronten Dichters Agathon so redselig vortragt) in seiner Jugend gelernt zu haben vorgibt. Dass dieser Speusipp ein kleiner Heuchler ist, brauche ich dir nicht zu sagen; im ubrigen rechtfertigt er alles, was du mir von seiner Liebenswurdigkeit angeruhmt hast, vollkommen, und ich gefalle mir sehr in seinem Umgang; zumal da ich dadurch Gelegenheit erhalte, mit dem Geiste der Philosophie seines Oheims und mit seiner geheimen Lehre noch bekannter zu werden.
Uebrigens bestatiget mich jeder Besuch, den ich in der Akademie und dem Cynosarges abstatte, in der schmeichelhaften Meinung, dass, wofern ich mich je entschliessen sollte, mein bisschen Weisheit der Welt ebenfalls auf offentlichen Strassen, Marktplatzen und Hallen, oder in Garten, Gymnasien und Hainen aufzudringen, es sich am Ende leicht finden durfte, dass der uppige, von seinen ehmaligen Cameraden ausgeschlossene und bei jeder Gelegenheit hamisch angestochene Aristipp von Cyrene, alles gehorig zurechte gelegt, noch immer der achteste unter allen Sokratikern ist.
Diese Zeit ist vielleicht nicht mehr weit entfernt. Ich fuhle dass mir zu einer vollig behaglichen Existenz nichts abgeht, als eine bestimmte Beschaftigung, und die angenehme Selbsttauschung, dass ich der Welt zu etwas nutze sey. Ich habe seit zehn Jahren viel gesammelt, in der That mehr als ich fur meinen eigenen Bedarf nothig habe. Ich muss mich des Ueberflussigen entladen, und andern mittheilen, was ich entweder fur mich selbst nicht brauche, oder was man mittheilen kann, ohne selbst armer zu werden. Indem ich andre lehre, bringe ich meinen eigenen Vorrath alles dessen, was ich durch Erfahrung, fremden Unterricht, Reisen, Forschen und Nachdenken erworben habe, in bessere Ordnung, sehe was davon fur mich selbst und andere brauchbar ist, und werde im Grunde nur desto reicher, je mehr ich wegzugeben scheine. Ich melde dir diess vorher, damit du dich nicht gar zu sehr entsetzest, wenn dir zu Ohren kommen sollte, Aristipp mache zu Athen den Sophisten, und habe einen Haufen offner Geelschnabel, die sich von ihm atzen lassen, um sich her so gut als ein anderer. Auf alle Falle wirst du, hoffe ich, das Beste von mir denken, und mir zutrauen, dass ich niemanden Kohlen fur Gold verkaufen werde.
Wie nahe mir auch zuweilen meine Einbildungskraft unser Widersehen vor die Augen ruckt, so kann ich mir doch nicht verbergen, dass bis dahin noch funf ganze Monate mit schweren bleiernen Fussen voruber kriechen werden. Wie betrugen wir einen so langen zwischen uns liegenden Zeitraum? Deine Briefe allein, beste Laiska, konnten ihn verkurzen, indem sie ihn in eben so viele kleinere theilten, durch welche ich, in stetem Wechsel von Erwartung und Genuss, wie von einer kleinen Insel zur andern, uber diesen langweiligen Sund hinuber schwimmen wurde.
24.
Lais an Aristipp.
Sollte wohl mein alter Freund Aristipp im Ernst zweifeln konnen, ob ich noch eben dieselbe fur ihn sey? Ich will es nicht glauben; denn was wurde mir ein solcher Zweifel anders sagen, als er selbst sey nicht mehr eben derselbe fur mich?
Da die Natur mir, ich weiss nicht wie viel oder wie wenig, dadurch versagte, dass sie mich der tragikomischen Leidenschaft, die man Liebe nennt, unempfanglich gemacht hat, so ist sie dagegen so gerecht, oder so gutig gewesen, mich desto reichlicher mit allen Eigenschaften und Tugenden auszustatten, die zu einer warmen, wenig eigennutzigen, aber desto beharrlichern Freundschaft erfordert werden. Ueberdiess hat die meinige, ohne den geringsten Zusatz von den Unarten und Qualereien der Liebe, so viel von ihren Annehmlichkeiten, dass ich glaube, man sollte sich damit behelfen konnen, ohne dass man sich darum eben viel auf seine Genugsamkeit einzubilden hatte.
Deine dermalige Einrichtung und Lebensweise zu Athen hat meinen ganzen Beifall, und besonders wunsche ich dir zu deiner guten Wirthschaft Gluck. Noch fehlt viel, da ich mich hierin mit dir messen durfte; denn die Summe, womit du einen ganzen Monat auszukommen gedenkst, reicht in einer Haushaltung wie die meinige ofters kaum zwei Tage. Du wirst uber meine leichtsinnige Gleichgultigkeit gegen die Folgen eines solchen Aufwandes erschrecken: ich muss dir also zum Troste sagen, dass ich vorsichtiger bin, als du mir zugetraut hattest, und durch Vermittlung meines Freundes Euphranor (dessen alterer Bruder in einem grossen Handelsverkehr mit Cypern, Aegypten und den Kusten des Arabischen Meerbusens steht) Mittel und Wege gefunden habe, ein sehr betrachtliches Capital so vortheilhaft geltend zu machen, dass eine doppelt so grosse Ausgabe als meine gewohnliche ist meine Freunde nicht beunruhigen darf. Lass dich also, wenn du sehen wirst, dass es noch ziemlich auf Persischen Fuss bei mir zugeht, durch keine sorglichen Gedanken im frohen Genuss des Gegenwartigen storen; und wofern du uber kurz oder lang in den Fall kommen solltest, deiner ruhmlichen Frugalitat noch engere Granzen zu setzen, so bediene dich ungescheut der Rechte der Freundschaft, und schopfe aus der Casse deiner Laiska wie aus deiner eigenen. Wir mussten es beide sehr arg treiben, wenn wir so leicht auf den Boden kommen sollten. Die Nothphilosophie des Cynosarges ware ja wohl in einem solchen Fall eine Art von Zuflucht. Aber (nichts von mir selbst zu sagen) wie gross auch meine Meinung von der Gewandtheit ist, womit du dich in alle Launen des Glucks zu schicken weisst, so zweifle ich doch sehr, dass du es jemals so weit in der Kunst zu darben bringen wurdest, deine ganze Habe mit so vieler Genialitat und Grazie in einem leichten Quersack auf der Schulter zu tragen, wie der junge Cyniker, dessen negativen Reichthum du bei dreihundert Drachmen monatlich so beneidenswurdig findest.
Du bist, wie ich sehe, mit einem ausserordentlich feinen Spursinn fur unser Geschlecht begabt, dass du den schonen Jungling von Sicyon, den wir so gut verzaubert zu haben meinten, nur mit einem Blick zu beruhren brauchtest, um ihn in seine naturliche Gestalt zuruckzunothigen. Er ist in der That eben dieselbe leibhafte Lasthenia, von welcher ich dir einst sagte, sie sey auf gutem Wege, mir einen schonen, wiewohl sehr glatten und schlupfrigen Aal, der sich in meinen Reizen verfangen hatte, undankbarer und hinterlistiger Weise vor dem Munde wegzufischen. Aber freilich war die Eroberung eines Neffen des gottlichen Plato eine zu glanzende Versuchung fur die Eitelkeit einer sechzehnjahrigen Schwarmerin; und was hattest du von mir denken mussen, wenn ich fahig gewesen ware, sie ihr zu erschweren? zumal da der Fisch von selbst so gierig auf die goldne Fliege zufuhr. Wie dem aber seyn mochte, genug ich konnte oder wollte nicht verhindern, dass sich unvermerkt ein zartliches Verstandniss zwischen ihnen entspann, das mir desto mehr Kurzweile machte, je sorgfaltiger die Kindskopfe es vor mir zu verheimlichen suchten. Als er Korinth wieder verliess, glaubten beide ihr Spiel beim Abschied recht fein zu spielen: aber dafur richtete nun die Leidenschaft des Madchens fur die Platonische Philosophie einen desto grossern Unfug in ihrem Kopfchen an. Speusipp schickte ihr fleissig alles was er von seines Oheims Werken habhaft werden konnte, und sie besass schon eine geheime Abschrift vom Symposion, bevor andere die geringste Ahnung von seinem Daseyn hatten. Das ganz davon entzuckte Madchen konnte sich nicht halten, es mir unter dem Siegel der heiligsten Verschwiegenheit mitzutheilen, zeigte mir aber bald, dass es nicht ohne eigennutzige Absicht geschehen war. Kurz, von einer dreifachen Zaubermacht der Muse des gottlichen Plato, der erotischen Philosophie der Seherin Diotima, und ihrer eigenen geheimen Neigung zu dem glucklichen Speusippus ganzlich uberwaltigt, erklarte sie mir endlich in einer schonen Mondnacht, dass sie nicht langer leben konne, wenn ich ihr nicht zu dem Glucke verhelfe, den herrlichen Mann selbst zu sehen, zu horen und zu seinen Fussen zu sitzen, von dessen Lippen die Musen diese Nektarflusse himmlischer Weisheit stromen liessen. Was war da zu thun? Ich konnte doch nicht so felsenherzig seyn, dem armen Kinde die Befriedigung eines so unschuldigen Verlangens zu versagen? Oder hatte ich sie dafur bestrafen sollen, dass sie mich uber den wahren Gegenstand ihrer Leidenschaft zu tauschen suchte? Vielleicht tauschte sie sich noch selbst; oder, wo nicht, wie konnte ich ihr aus dem jungfraulichen Gefuhl, das sie zuruckhielt, ein Verbrechen machen? Und in jedem Falle, war' es nicht unedel von mir gewesen, wenn ich die Abhanglichkeit von mir, in welche ein freigebornes Madchen zufalliger Weise gerathen war, hatte missbrauchen wollen, ihr das Geheimniss ihres Herzens wider ihren Willen abzudringen? Ganz aufrichtig zu reden, mochte mein naturlicher Hang zu einer gewissen dramatischen Knotenknupferei, und die Neugier, was aus diesem kleinen Abenteuer werden konnte, wohl auch etwas, und vielleicht das meiste beitragen, jenen theoretischen Beweggrunden mehr Gewicht zu geben, als sie sonst gehabt hatten. Mit Einem Wort, ich liess mich gewinnen, und machte mir sogar ein Geschaft daraus, sie in der ungewohnten Knabenrolle (denn als Madchen konnte sie doch den Zutritt in die Akademie nicht zu erhalten hoffen) zu unterrichten und mit allem auszustaffiren, was sie haben musste, um den Sohn eines Sicyonischen Bildhauers so naturlich als moglich vorzustellen; und als alles das in seiner Ordnung war, liess ich sie von einem vertrauten alten Diener, der die Rolle ihres bisherigen Padagogen spielte, sicher an Ort und Stelle bringen. Wie gut die kleine Schelmerei von Statten ging, hast du selbst gesehen.
Glucklicherweise hatte uns die Natur treulich vorgearbeitet. Denn Lasthenia besitzt wirklich mehr die Gesichtsbildung eines schonen Knaben, als eines Madchens; der Ton ihrer Stimme ist tief, wiewohl sanft und wohlklingend; dabei ist sie, verhaltnissmassig, ziemlich stark von Muskeln und Knochen, etwas breit von Schultern und schmal von Huften, und hat nicht viel mehr Busen als ein frischer genahrter Jungling ihres Alters zu haben pflegt; so dass sie, im Nothfall (mit Vorbehalt einer ganz kleinen Bedeckung) auf der Palastra selbst fur einen Jungling gelten konnte. Wir haben aber dafur gesorgt, dass sie von dieser Seite nicht angefochten werden darf: denn sie ist mit einer Vorschrift von ihrem ehmaligen Arzte versehen, worin ihr wegen Schwache ihrer Brust alle heftigeren Leibesubungen, eine massige Bewegung zu Pferde ausgenommen, scharf verboten sind. Du siehst dass nichts vergessen worden ist, der Akademie eine so gelehrige Schulerin, und dem wackern Speusipp eine so schone Gelegenheit sich in der Platonischen Liebe zu uben, so lange zu erhalten, als beide verstandig genug seyn werden, sich ihr Spiel nicht selbst zu verderben. In diesem Stucke traue ich dem Madchen nur halb; denn sie hat, bei allen ihren vorbesagten guten Anlagen, einen ungeheuern Hang zur Zartlichkeit; und ein so feuerfangendes Wesen, wie Speusipp zu seyn scheint, konnte wohl in einer unbewachten Stunde die Sokratische Lehre von der Gefahrlichkeit eines Kusses leichter vergessen als in Ausubung bringen. Dass sie uberaus leicht errothet, wird ihr, anstatt Verdacht zu erwecken, vielmehr den Ruf eines sittsamen wohlerzogenen Junglings zuziehen; dass sie aber vor deinem spahenden Falkenblick die Augen so jungfraulich sinken liess, kam wohl daher, weil sie vermuthete, ich werde dir von ihr geschrieben haben, und du betrachtest sie so aufmerksam, weil du sie zu erkennen glaubest. Uebrigens zweifle ich nicht, dass der Umgang mit diesem anziehenden Paar Platonischer Verliebten dein Leben in Athen nicht wenig verschonern helfen werde: nur durfte dazu nothig seyn, mit dem Oheim auf einem leidlichen Fuss zu stehen; was dir, meines Erachtens, so schwer nicht werden sollte, wenn du uber dich gewinnen konntest, von ihm und seinen Dialogen offentlich mit einer gewissen Achtung zu sprechen; freilich in einem Tone, den man nicht fur Ironie halten konnte. Beide, der Mann und seine Werke, verdienen, daucht mich, diese Achtung, wie gross auch ubrigens die Verschiedenheit eurer Art zu denken und zu leben seyn mag. Ich musste mich sehr irren, oder Plato wird weniger ungerecht gegen dich seyn, wenn du grossherzig genug bist, gegen ihn mehr als gerecht zu seyn; und was kann dir das kosten?
Mein Verlangen uns wiederzusehen ist dem deinigen gleich, lieber Aristipp. Ich gestehe dir, die Eintonigkeit meiner Lebensweise zu Korinth fangt mir an lange Weile zu machen. Die Leute, mit denen ich mich behelfen muss, verlangen so viel, und haben so wenig dagegen zu geben! Ich nehme den einzigen Euphranor aus, den du zu Aegina von Person kennen lernen sollst, und von dessen Talent ein paar Stucke, die du mir in deine Galerie zu stiften erlauben wirst, dir indessen zur Probe dienen konnen: aber was bliebe mir auch, wenn ich den nicht hatte, und wie lange wird es wahren, so entschlupft mir auch er? Glaube mir, ich ware bereits nach Athen oder anderswohin gezogen, wenn ich mein Haus in Korinth, wie die Schnecke das ihrige, allenthalben mit mir nehmen konnte, und wenn mich dann auch der sehr wesentliche Umstand nicht zuruckhielte, dass ein schones Weib, dessen hochstes Gut die unbeschrankteste Freiheit ist, schwerlich einen andern Ort in der Welt finden kann, wo sie weniger beeintrachtiget und mit mehr Achtung und Artigkeit behandelt wurde, als zu Korinth. Mit allem dem finde ich doch nothig, dass man von Zeit zu Zeit den Ort andere, und Menschen suche, denen wir und die uns etwas Neues sind.
25.
Kleonidas an Aristipp.
Der schlanke schwarzaugige Jungling, mit den dunkeln, um Stirn und Nacken herabhangenden Traubenlocken, der dir diesen Brief uberbringt, nennt sich Antipater90, und ist ein naher Verwandter eines meiner hiesigen Freunde, dem ich es nicht abschlagen konnte, dir den jungen Menschen zu empfehlen. Ein lobliches Verlangen, das sehenswurdigste Land der bewohnten Welt zu sehen, und zu Athen, der wahren Hauptstadt dieses an schonen und bluhenden Stadten so reichen Landes, zu lernen was man in Cyrene nicht lernen kann, hat ihn aus dem Schooss der Seinigen herausgetrieben. Er bedarf aber in einer Stadt, welche, so zu sagen, die ganze Welt in einem Auszug ist, eines Fuhrers, Auslegers und Rathgebers; und an welchen andern hatt' ich mich in dieser Absicht wenden konnen als an dich, der du, was du schon fur jeden andern Menschen thatest, desto lieber fur einen Mitburger thun wirst, der mit dem vollesten Vertrauen auf die Empfehlung deines Freundes Kleonidas zu dir kommt. Bisher haben alle Arten von gymnastischen und andern Leibesubungen beinahe seine ganze Bildung ausgemacht. Er reitet wie ein Thracier, lauft wie der schnellfussige Achilles, weiss einen Wagen zu lenken wie der Homerische Alcimedon, und im Ringen wird er selbst zu Aegina, der fruchtbaren Mutter so vieler offentlich gekronter Athleten, nicht viele finden, die er furchten musste. Auch hat er grosse Lust sich an einem eurer grossen Nationalfeste unter die Kampfer zu stellen, und die Siegeskranze, womit schon mehrere Cyrener unsre Vaterstadt unter den Griechen verherrlicht haben, wo moglich mit einem frischen zu vermehren. Indessen fuhlt er doch (was wenigen seines gleichen zu begegnen pflegt) dass er mit allen diesen Vorzugen nur die Halfte von einem Menschen ist, dass sein Kopf noch leer ist, und dass Krafte und Anlagen in seinem Innern schlafen, die der Erweckung, oder vielmehr da sie bereits zu erwachen angefangen, kunstlicher Ausbildung und strenger Uebung eben so nothig haben als die korperlichen; kurz, er kommt mit dem ruhmlichen Vorsatz zu dir, nicht eher abzulassen, bis er unter deiner Anleitung ein vollstandiger Mensch geworden. Ich betrachte es als einen nicht geringen Vortheil fur dich und ihn, dass er noch unverstuckelt und unverbildet in deine Hande kommt, wie ein schones Stuck rohen aber feinkornigen Marmors, woraus du, als ein geschickter Bildner, jede schone Form hervorgehen machen kannst; da hingegen selbst Praxiteles und Polyklet einen Marsyas in keinen Apollo, einen Thersites in keinen Ajax oder Diomedes umgestalten konnen. Nimm dich also seiner an, lieber Aristipp, und mache dir das Verdienst um Cyrene, uns dereinst in unserm jungen Athleten einen zweiten Milon91, an Weisheit wie an korperlicher Tuchtigkeit, wieder zuruckzuschicken. Da dir dein junger Abderit den Muth nicht benommen hat, wenigstens etwas Leidliches aus ihm zu machen, so konnen wir um so viel gewisser seyn, dass aus einem so fahigen Jungling wie Antipater etwas Vortreffliches unter deinen Handen werden musse.
Plato, dem wir seine vor so manchem Jahr an dir und dem armen Kleombrot begangene Sunde doch wohl endlich einmal vergessen mussen, gibt den Wissbegierigen (einer Classe von Mussigen, welche unvermerkt immer zahlreicher zu werden scheint) seit einiger Zeit so viel zu lesen, und wenigstens in dem grossten Theil seiner bisher bekannt gewordenen Dialogen so viel Stoff zum Nachdenken und zur angenehmsten Unterhaltung zugleich, dass ich den grossen Ruf sehr naturlich finde, der seinen Namen bereits bis an die fernsten Granzen unsrer Sprache tragt. Materie und Form sind in seinen Werken gleich anziehend: auch wo er mich nicht uberzeugt (was freilich oft begegnet), verfuhrt er mich doch zu wunschen dass er Recht haben mochte, oder macht auch wohl dass ich ihm wenigstens so lange glaube als ich ihn lese. Wenn sein mundlicher Vortrag nur halb so angenehm ist als der schriftliche; wenn er, wie man sagt, eine der geistvollesten Physiognomien hat, und der Ton seiner Stimme schon das Ohr fur ihn besticht, so muss er eine Art von Sirene seyn, deren Zauber nicht zu widerstehen ist. Auch hat er mit den Sirenen nicht nur gemein, dass er
Alles weiss was geschieht auf der viel ernahrenden Erde,
sondern noch vor ihnen voraus, dass er auch weiss was in der uber- und unterirdischen Erde, im Himmel und sogar in den uberhimmlischen Raumen geschieht; eine Wissenschaft, deren die Homerischen Sirenen, mit allen ihren wenig bescheidenen Anspruchen, dennoch sich anzumassen Bedenken trugen. Von einem Manne, der so unermesslich viel mehr weiss als andere, ist freilich nicht zu erwarten, dass er einem jungern, einem Auslander, und was noch das Schlimmste ist, einem der die Miene nicht hat, als ob er sich jemals unter seinen Scepter beugen werde, mehrere Schritte entgegen kommen sollte. Du wirst also, wenn ihr auch nur in einem leidlich anstandigen Wohlverhaltniss mit einander stehen sollt, schon das Beste dabei thun mussen; und gewiss wunschen alle deine Freunde, dass du auch hierin, wie in so manchen andern Stucken, der klugere Theil seyn mogest.
Unsere dermalige Staatsverfassung, nach deren ihrer Erzeugung eine so gesunde und kraftige Leibesbeschaffenheit, dass es nicht naturlich zugehen musste, wenn sie sich in der ersten Bluthe ihrer Jugend nicht wohl befande. Der grosse Punkt, wovon alles abhing, war die Wahl der Personen, die uns nach Massgabe der neuen Constitution regieren sollten. Glucklicherweise, oder vielmehr durch eine Folge des Zutrauens unsers ganzen Volkes zu deinem Bruder und seinem Freunde Demokles, und der eben so grossen Klugheit und Redlichkeit, womit sie dieses Zutrauen zum gemeinen Besten benutzten, fielen die Wahlen wirklich auf die Besten in jeder Rucksicht, ohne Ansehen der Partei, zu welcher sie sich ehmals gehalten hatten; auf lauter verstandige, gemassigte, der neuen Ordnung aufrichtig anhangende, und grosstentheils durch ihre Glucksumstande uber alle selbstsuchtigen Absichten weggesetzte Manner; auch erhielten sie daher die allgemeine Billigung. So lange diese unsern kleinen Staat besorgen, und vornehmlich so lange Demokles und Aristagoras an ihrer Spitze stehen, und die ihnen anvertraute hochste Staatsgewalt so gesetzmassig und mit so grosser Weisheit und Eintracht handhaben wie bisher, wird der sichtbar zunehmende Wohlstand unsers Gemeinwesens und unsrer Burger aller Classen die Verfassung selbst immer mehr befestigen, und einen Ruckfall in unsre ehemaligen Uebel unmoglich machen. Die naturlichste Folgerung, die du, lieber Aristipp, aus Vergleichung des glucklichen Zustandes unsrer Vaterstadt mit dem politischen und sittlichen Verfall von Athen ziehen konntest, will ich dir selbst uberlassen. Lebe wohl, und liebe deine Abwesenden, wie du von ihnen geliebt wirst.
26.
Aristipp an Lais.
Die Gemalde deines Freundes Euphranor sind glucklich angelangt, und zieren bereits die kleine Galerie, welcher du ein so reiches Geschenk zu machen die Gute hast. Wohl verdiente die schone Scene deiner Unterhaltung mit Sokrates unter dem heiligen Oelbaum der Athene Polias von einem Maler dargestellt zu werden, der neben einem Parrhasius und Timanthes mehr wie ein glucklicher Nebenbuhler als wie ein Nacheiferer erscheint, und das grosse Talent Seelen zu malen von der Natur selbst in dem Geschenk des innigsten Gefuhls fur sittliche Schonheit und Grazie empfangen zu haben scheint. Aber womit kann ich dir, o du liebenswurdigste der Weiber, den Gedanken vergelten, dass du auch den schonen Augenblick unsers ersten Zusammentreffens der Gewalt der Zeit entreissen, und, wofern mir ein so langes Leben bestimmt ware, dass ein allmahlich abbleichendes und verwitterndes Gedachtniss eine solche Nachhulfe nothig machte, das schonste aller Bilder, die meine Einbildungskraft aufbewahrt, immer jugendlich frisch und bluhend in mir erhalten helfen wolltest? Euphranor selbst musste mir seinen Pinsel und seine gluhenden Farben leihen konnen, wenn ich dir auch nur einen kleinen Theil dessen schildern sollte, was ich fuhlte, bis das Entzucken der ersten Ueberraschung in den reinen Genuss des ruhigen Anschauens uberging. Ohne Zweifel war es gerade die Vereinigung aller moglichen Forderungen der Kunst in diesem so sehr vollendeten Werke, was die Ursache war, warum ich beim ersten Anblick nur von dieser bis zur Tauschung aller Sinne getriebenen Wahrheit und Aehnlichkeit getroffen wurde, die den beiden Figuren den Schein als ob sie wirklich lebten in einem desto hohern Grade gibt, weil sie Lebensgrosse haben, und alles was um sie her ist, durch den Zauber der naturlichsten Beleuchtung und Farbung, die Illusion vollkommen machen hilft. Erst lange nachdem der kurze Wahnsinn des ersten Eindrucks voruber war, gewann ich Besonnenheit genug, dem Geist und der Hand des Meisters ins Besondere und Einzelne zu folgen, und zu bemerken, wie gunstig der gewahlte Moment seiner Kunst war, aber auch welcher Geschicklichkeit sich der bewusst seyn musste, der einen solchen Moment zu wahlen wagen durfte.
Du wirst mir's hoffentlich nicht fur Schmeichelei ausdeuten, wenn ich dir sage, dass dieses Gemalde, seitdem es meine kleine Pokile92 verherrlicht, das erste ist, was alle Augen an sich lockt, und das letzte, von welchem man sich trennt. Beinahe werd' ich mich noch genothigt sehen, es an einen geheimern und heiligern Ort zu versetzen, wenn ich verhuten will, dass es den ubrigen nicht gar zu viel unverschuldeten Schaden thue. Aber meinen Abderiten (den jungen Onokradias, von welchem ich dir neulich schrieb, hattest du sehen sollen, als ihm das Anschauen dieses Wunders der Natur und Kunst (die ihm beide gleich unbekannte Gottheiten sind), zum erstenmal verstattet wurde! Seine ohnehin etwas weit hervorstehenden Augen wurden plotzlich noch einmal so gross, und die seltsamen Gebardungen, womit er die Einwirkung eines fur ihn so ganz neuen Schaugerichts zu Tage egte, machten uns einige Augenblicke befurchten, dass er wirklich narrisch geworden sey. Es dauerte eine ziemliche Weile, bis er sich durch mehr als Einen Sinn uberzeugen konnte, dass die Nymphe, die er aus der marmornen Kufe auftauchen sah, nur gemalt sey. Nun, bei Jason und Latona! rief er endlich, wenn diess nur ein gemaltes Bild ist, wie ich nun wohl sehe, so muss ich das Original haben, und wenn es mich das ganze Erbgut meiner Familie kostete! Man versicherte ihn, das Original sey zu Korinth alle Tage in vollem Leben zu sehen. So bestelle ich heute noch ein Schiff, rief er. "Weisst du auch wie das Spruchwort lautet93?" O! um dieses Madchens willen reise ich in einem Fischerkahn bis zu den Saulen des Hercules. "Aber die Sache hat noch einen andern Haken. Wenn du sie auch zu sehen bekommst, desto schlimmer fur dich! Denn das Haben musst du dir ein- fur allemal vergehen lassen." Dafur macht euch keine Sorge, versetzte der Abderit in einem triumphirenden Ton; ich habe Creditbriefe fur zehn Talente bei mir. "Narrischer Mensch, und wenn du Credit fur zehntausend Talente hattest, siehest du denn nicht, dass wir nur unsern Spass mit dir treiben, und dass diese Auftaucherin mit Einem Wort, Aphrodite selbst ist?" O weh! rief er mit einer klaglichen Miene; das ist freilich ein ander Ding! Aber das hattet ihr mir gleich sagen sollen. Ich bin unschuldig, wenn sich die Gottin durch meine vermessenen Reden beleidigt finden sollte. Hoffentlich wird sie mich's nicht entgelten lassen. "Das hattest du selbst sehen sollen, guter Onokradias, dass es Aphrodite ist, und du wirst auf alle Falle wohl thun, wenn du den Zorn der Gottin durch so viele schneeweisse Tauben, als du in ganz Attika zusammentreiben kannst, zu versohnen suchst. Sahst du denn den Menschen hier nicht, der in einer so andachtigen Stellung hier an der Thur steht, und die Gottin anbetet?" Ja wirklich! Was ich fur ein Dummkopf bin! Aber dass ich keinen mit weissen Tauben bespannten Wagen neben der Gottin sah, betrog mich. Freilich hatte mir dieser junge Priester, oder was er ist, das Verstandniss offnen konnen, wenn ich ihn nur nicht vor dem schonen Madchen der Gottin wollt' ich sagen ganzlich ubersehen hatte.
Du siehst, schone Lais, dass ich mit meinem Abderiten noch nicht sonderlich weit gekommen bin. Ich habe mich aber auch zu nichts anheischig gemacht, als ihn ungefahr zu lassen wie ich ihn fand. Er weiss sich doch wenigstens ziemlich bald wieder zu fassen, und fur einen Abderiten ist das schon viel.
Deine Lasthenia und ihr etwas zweideutiger Seelenliebhaber sind inzwischen aus ihrer Wolke hervorgetreten, und haben sich mir, um meinem Scharfblick zuvorzukommen, in hochstem Vertrauen entdeckt. Ich stellte mich uberrascht, versprach ihnen aber alle guten Dienste, die sie nur immer von mir erwarten konnten. Das Madchen macht wirklich grosse Fortschritte, und hat mir noch ganz kurzlich Platons Ideen so artig vorpoetisirt, dass ich sie beinahe fur mehr als blosse Hirngespenster halten mochte, wenn's nur irgend moglich ware. Sie besitzt eine ganz eigene Ahnungsgabe fur alles Uebersinnliche und Unbegreifliche, und spricht von Dingen, wovon niemand etwas weiss noch wissen kann, ohne selbst das Geringste mehr davon zu wissen als andere, mit so viel Geist und Gemuthlichkeit, dass es eine Lust ist, ihr (zumal bei rosenbekranzten Bechern) zuzuhoren. Aber was den armen Speusipp in keine geringe Verlegenheit setzt, ist der Umstand, dass der gottliche Plato selbst eine ziemlich warme Zuneigung fur den schonen Kleophron gefasst hat. Die kleine Spitzbubin scheint mir mehr Freude als Schrecken uber diese Entdeckung zu verrathen, welche sie selbst (wie naturlich) zuerst gemacht hat, und wodurch sich ihre Eitelkeit machtig geschmeichelt fuhlt. Indessen trostet sich Speusipp mit der Hoffnung, dass die Liebe seines Oheims vermuthlich platonischer seyn werde, als die seinige; und ich bestarke ihn, wie billig, in dieser Ueberredung aus allen Kraften.
Zum Beweise, wie treulich ich deine guten Lehren in Ausubung gebracht habe, und wie gut ich dermalen mit dem ehrwurdigen Aldermann der Akademie stehe, will ich dir nicht verhalten, liebe Laiska (wie sehr auch meine Bescheidenheit dabei ins Gedrange kommt), dass mir diesen Morgen sogar das Gluck geworden ist, ihn selbst mit etlichen seiner Vertrauten in meine Galerie treten zu sehen. Er sprach mit mir von meinen Wanderungen, und wunderte sich, dass ein so viel gereister Cyrener Aegypten noch nicht gesehen habe. Es ist noch immer Zeit, sagte ich, die Pyramiden und Obelisken und den Nilmesser in Augenschein zu nehmen; Katarakten habe ich anderswo schon gesehen, und fur die Weisheit der Aegyptischen Priester hab' ich, die Wahrheit zu gestehen, keinen Sinn. Dagegen ist nichts zu sagen, versetzte er mit einem kleinen Zucken der Nase und Augenbrauen. Bei den Gemalden machte er hier und da eine kurze Bemerkung, welche bewies, dass er mit der Kunst bekannt ist, und das Schonste gesehen hat. Auf Kleombrot warf er im Vorbeigehen einen ernsten Blick, und kehrte sich sogleich wieder von dem Bilde weg; bei dem sterbenden Sokrates hingegen verweilte er desto langer, zwar stillschweigend, aber mit grosser Aufmerksamkeit und einigen leisen Zeichen von Ruhrung. Auch die schone Anadyomene fesselte seine Augen eine kleine Weile; er ruhmte den Maler, der den Zeuxis selbst in einem Theil, worin dieser am grossten sey, in der Kunst die Farben in einander zu schmelzen, noch zu ubertreffen scheine. Als er im Begriff war, sich wieder davon zu entfernen, heftete er einen Blick auf mich, als ob er mich mit dem unverschamten jungen Gaffer im Gemalde vergleiche. Vermuthlich eine Scene aus deiner eigenen Geschichte, sagte er zu mir mit einem kaum merklichen Lacheln. Die schonste, versetzte ich mit gebuhrender Dreistigkeit, und (wie sich von selbst versteht) ohne roth zu werden. Er weilte noch einige Augenblicke bei dem Tode des Sokrates, und sagte dann im Weggehen etwas feierlich: "es war ein Ungluck fur mich, Aristipp, dass ich unpasslich war; aber dass du nicht zu Aegina warst, magst du deinem Glucke danken." Ich furchte, er hat Recht.
Die Hoffnung mit Euphranor kunftigen Sommer durch deine Vermittlung in ein naheres Verhaltniss zu kommen, hat nun einen ungleich grossern Reiz fur mich. Ich werde dir dafur, wenn du es erlaubst, in der Person meines jungen Landsmannes Antipater, der sich seit einiger Zeit bei mir aufhalt, einen Jungling vorstellen, dessen gleichen man auch nicht alle Tage sieht.
27.
An Kleonidas.
Dein junger Freund Antipater hatte sich durch nichts einer bessern Aufnahme versichern konnen, als dass er mir einen so lange erharrten Brief von meinem Kleonidas uberbrachte; wiewohl ich gestehe, dass er keiner andern Empfehlung bedarf, als sich bloss zu zeigen. Ich bin wirklich stolz darauf, einen so unverdorbenen, kraftvollen und vielversprechenden Sohn der Natur, wie Antipater ist, als meinen Landsmann bei den Athenern aufzufuhren. Wohl wird es ihm kommen, wenn er so fest und unreizbar ist, als sein ganzes Wesen ankundigt; denn ich sehe schon drei oder vier unsrer jungen madchenhaften Bathylle94 mit Rosen duftenden Locken, schmachtenden Augen und zarten lispelnden Stimmchen, die um ihn herumbuhlen, und alle ihre kleinen Hetarenkunste aufbieten, sich von ihm bemerken zu machen, und ihm zu zeigen, dass sie keine Gefalligkeit zu gross finden wurden, um sich eines Liebhabers von seinem Schlage zu versichern.
Ich habe meinem jungen Landsmann ein Zimmer in meinem Hause (das gerade Raum genug fur uns beide hat) angewiesen; er ist, so oft es ihm gefallt, mein Tischgenoss, und bedient sich meines Umgangs, ohne mir lastig zu seyn, so viel als ihm gemuthlich ist: diess ist aber auch alles, was ich (vor der Hand wenigstens) fur ihn thun kann, und wirklich schon mehr als er vonnothen hat. Junglinge wie er werden nicht gebildet, sondern bilden sich selbst, oder bringen vielmehr ihre schon vorausbestimmte Form mit sich auf die Welt; wie sie sind, sollen sie seyn; was sie werden, sollen sie werden. Was eine Pflanze bedarf, um sich zu entwickeln, Freiheit, Licht und angemessene Nahrung, ist im Grund alles, was solche Menschen zu ihrem Wachsthum und Gedeihen brauchen. Athen ist reich an merkwurdigen Menschen aller Arten, deren Vorzuge, Talente, Kenntnisse, Erfahrungen, Tugenden und Untugenden ein Jungling wie Antipater benutzen kann: er mag sie selbst aufsuchen, und selbst wahlen, zu wem er sich halten will. Zwar werd' ich ihn unvermerkt beobachten, und ihn warnen, sobald ich sehe, dass seine Unerfahrenheit irgend eine grosse Gefahr laufen konnte; aber mich nicht gleich fur ihn angstigen, wenn er auch dann und wann zu weit mit der Nase vorwarts kommt, oder einen Misstritt thut, der ihn kunftig vorsichtiger zu seyn lehrt. Selten oder nie werd' ich ihm mit meinem Rathe zuvorkommen, niemals ihm von einer Person, die er selbst sehen wird, voraus sagen, was ich von ihr halte: begehrt er aber von freien Stucken meine Meinung, woruber es sey, zu wissen, so werd' ich sie ihm frei und offen sagen. Verlangt er Unterricht uber etwas, das ich besser weiss als er, so soll er ihn erhalten. Diess ist ungefahr die Art, wie ich mit ihm umgehe, bis wir uns naher kennen, und das wahre Verhaltniss seiner Natur zu der meinigen sich so bestimmt ausgesprochen hat, dass wir beide genau wissen, wie wir gegen einander stehen, und was wir einander seyn oder nicht seyn konnen. An eigentliche Bildung ist (wie gesagt) bei einem Jungling wie dieser nicht zu denken. Ja, so einen Onokradias, den Sohn Onolaus des Zweiten, des Enkels von Onomemnon, der ein Urenkel von Onocephalus dem Grossen war, so einen Heldensohn kann man bilden, und soll man bilden, so gut als es gehen will, denn er ist fur sich selbst nichts; so einem soll man gesunde Begriffe, Grundsatze und Maximen in den Kopf, oder wenigstens ins Gedachtniss einsammeln, weil er sie ohne fremde Hulfe nie bekommen wurde. Wer nicht schon von blossem Zusehen gehen lernt, muss es in einem Gangelwagen oder am Fuhrband lernen; wer blind ist, muss gefuhrt werden; wer nicht denken kann, soll andern glauben; wer selbst kein Urtheil hat, mag, wenn er nicht schweigen kann, verstandigen Mannern nachsprechen. So will es die Natur; und so ist's recht. Aus einem Stuck Sandstein, Marmor oder Lindenholz kann freilich ein Alkamen nach Gefallen einen Achilles oder Thersites herausmeisseln oder schnitzeln: aber aus seinem Sohn Lamprokles konnte Sokrates selbst keinen Xenophon, so wie aus seinem geliebten Alcibiades keinen Perikles bilden. Doch, wozu das alles, was du so gut weisst als ich. Denn gewiss wolltest du mit der Bildung deines jungen Freundes, die du mir auftragst, weder mehr noch weniger sagen, als was ich dir zu leisten versprach, und zu halten gedenke und das ist genug.
Ohne Zweifel erinnerst du dich noch des alten Antisthenes, den du in Athen kennen lerntest; desjenigen unter den vertrautern Freunden unsers Weisen, der ihm (seine frohliche Laune und Urbanitat und das feine Salz seiner Scherze ausgenommen) in Lehre und Leben am ahnlichsten ware, wenn er nicht in beidem ziemlich weit uber die Linie hinausginge, die das Mittel zwischen zu viel und zu wenig bezeichnet, und freilich nicht immer so genau zu treffen ist, als ein weiser Mann wohl wunschen mochte. Indessen hat sich ein junger Paphlagonier aus Sinope, Diogenes genannt, von ungefahr zu ihm gefunden, der die Kunst zu entbehren und zu hungern noch viel weiter treibt als Antisthenes, aber dabei, was den Witz, die gute Laune und die Genialitat betrifft, so viel Aehnliches mit dem Sohn des Sophroniskus hat, dass ihn Plato, wie ich hore, nur den tollgewordenen Sokrates zu nennen pflegt. Der weiseste Mann, sobald er ohne alle Nachsicht und Schonung auf die Thoren, d.i. auf die grosse Mehrheit, losgehen, und sich ihnen in gar keinem Stucke gleich stellen wollte, wurde ihnen nothwendig, im mildesten Lichte betrachtet, als ein ausgemachter Narr erscheinen mussen. Diess ist gewissermassen der Fall dieses Diogenes; mir wenigstens scheint er unter seiner Narrenkappe einen gesundern Kopf zu bergen, als die meisten, die durch die leicht zu machende Entdeckung, dass er ein Narr sey, ihren eigenen Verstand in Sicherheit gebracht zu haben glauben. Im Grunde gehort ein gutes Theil Vernunft dazu, um ein Narr wie Diogenes zu seyn; ja ich mocht' es sogar ein Talent nennen, worin man es zu einer gewissen Virtuositat bringen kann, so gut als in irgend einem andern.
Da dieser junge Mann in der neuentstandenen Classe von Menschen, die sich, seit Plato an ihrer Spitze steht, Philosophen nennen, kunftig eine bedeutende Rolle spielen durfte, so ist es dir vielleicht nicht unangenehm, wenn ich dich, so weit meine dermalige Kenntniss von ihm reicht, etwas naher mit ihm bekannt mache. Er war (wie es scheint, und wie die Erkundigungen, die ich hieruber eingezogen habe, bestatigen) in guten Glucksumstanden geboren, und hatte eine dieser Lage angemessene Erziehung erhalten. Ein unvermutheter Umsturz seines Hauses, welches einen ansehnlichen Handel auf dem Euxinischen Meere getrieben hatte, machte ihn auf einmal zum Bettler. Ein andrer Zufall fuhrte ihn zum Antisthenes nach Athen. Da sein Beruf zur Philosophie ein eigentlicher Nothfall war, so zeigte ihm sein guter Verstand sehr bald, was er hier zu thun habe. Einem Menschen, der keine Wahl hatte, als zwischen dienen und arbeiten, oder betteln und mussiggehen, wo der Gewinn auf beiden Seiten ziemlich gleich, und der tiefe Grad von Verachtung, der den Stand des Bettlers druckt, beinahe das Einzige ist, was die Wage auf die andere Seite ziehen kann konnte nichts Glucklicher's begegnen, als die Bekanntschaft mit Antisthenes. Denn er sah nun auf den ersten Blick, dass er nur noch Einen Schritt weiter zu gehen brauche als dieser, um seine Durftigkeit zu Philosophie zu veredeln, sich aus einem Bettler zum unabhangigsten aller Menschen zu machen, und der verachtlichsten Lebensart sogar einen Respect gebietenden Charakter aufzudrucken. Schon Antisthenes wurde eben so rasonnirt haben wie Diogenes, wenn seine aussere Lage vollig eben dieselbe gewesen ware. Auch liegt der wahre Unterschied zwischen ihrer Art zu philosophiren bloss in dem Umstand, dass jener gerade so viel Vermogen hat, dass es ihm taglich wenigstens drei bis vier Obolen, und alle vier Jahre einen neuen Ueberrock abwirft; dieser hingegen gar nichts hat, wovon er leben kann, als seinen Kopf und seine Arme. Dass er sich zu einigen andern Lebensarten, womit ein Bettler, der alles zu leiden und zu thun bereit ist, sich allenfalls in einer Stadt wie Athen fortbringen kann, zu gut fuhlte, wollen wir ihm zu keinem grossen Verdienst anrechnen: aber seinen Verstand hat er bei mir in keine gemeine Achtung gesetzt, nicht dadurch, dass er den Stand eines Cynischen Philosophen (wie man den Antisthenes und seine wenigen Anhanger zu nennen anfangt) erwahlt hat denn in seiner Lage war eigentlich nichts zu wahlen sondern dass er diese Nothphilosophie sich selbst und seinen Umstanden so anzupassen weiss, dass sie sein eigen wird, dass sie ihm, so zu sagen, bequem sitzt, und wohl ansteht; mit Einem Wort, dass er anstatt Nachahmer zu seyn, Original ist, und auf dem Wege, den er eingeschlagen hat, ziemlich sicher seyn kann, wie viele Nachtreter er selbst auch immer finden mochte, doch so leicht von keinem erreicht, geschweige ubertroffen zu werden.
Es klingt paradox genug, hat aber seine vollige Richtigkeit, dass Diogenes zum ersten Grundsatz seiner Philosophie gemacht hat, "alle seine Bedurfnisse, oder alles was er, ausser einem ziemlich kurzen und abgetragenen Mantel, auf der ganzen Welt besitzt, in einem massigen Schnappsack auf der Schulter mit sich herum zu tragen." Bei einer neulichen Inventur seines Inhalts fand der narrische Mensch, dass er einen Kamm mit vier Zahnen, und einen holzernen Becher zu viel habe, da ihm eine seiner Hande beides sehr bequem ersetzen konne; und so wurde dieser Ueberfluss sogleich ins nachste Wasser geworfen. Indem er die Entbehrungskunst bis auf diese Spitze treibt, gewinnt er den Vortheil, dass seine Durftigkeit das Ansehen eines von freien Stucken aus Grundsatzen erwahlten Zustandes erhalt, und diess gibt ihm eine Art von Recht, sich uber die Ueppigkeit der Reichen lustig zu machen; ein Zeitvertreib, wozu ihn die Natur mit Witz und Muthwillen reichlich versehen hat. Da die Menschen uberhaupt, und die Athener noch mehr als andere, wohl leiden mogen, dass man uber ihre Thorheiten spotte, wenn es nur auf eine solche Art geschieht, dass sie mitlachen konnen, und der Spotter ihnen hinwieder Blossen genug gibt, um ihn mit gleicher Munze zu bezahlen; so hat er sich dadurch bereits eine Art von Popularitat erworben, die ihn wenigstens vor dem Mangel an Wolfsbohnen (seiner gewohnlichen und beinahe einzigen Nahrung) sicher stellt. Aber die Philosophie des Schnappsacks verschafft ihm noch einen Vortheil, der nach seiner Schatzung alle andern uberwiegt. Da er so unendlich wenig Anspruche an die burgerliche Gesellschaft macht, so glaubt er auch berechtigt zu seyn, sich uber alles, was im menschlichen Leben bloss von Uebereinkunft, Gewohnheit und Sitte abhangt, wegzusetzen, und im Nothfall mitten auf dem Markte zu Athen alles, was nicht an sich unrecht ist, fur eben so erlaubt zu halten, als in der tiefsten Schlucht des Pentelikus. Er achtet kein Vorurtheil, spottet uber den Zwang, den wir uns selbst durch eine unendliche Menge vermeinter Pflichten auflegen, wovon die Natur nichts weiss, und die man ubertreten kann, ohne darum ein schlimmerer Mensch zu seyn; und halt sich daher durch die Gesetze der Wohlanstandigkeit und Urbanitat so wenig gebunden, dass er vielmehr das grosste Vergnugen darin findet, sie alle Augenblicke zu ubertreten, und den Leuten dadurch lacherlich und anstossig zu werden. Er hat sehr richtig geurtheilt, dass diess alles zu der Rolle eines blossen Naturmenschen gehort, und dass er so ziemlich darauf rechnen kann, man werde die Billigkeit fuhlen, an einen Menschen, der von andern nichts fordert, als dass sie ihn leben lassen, hinwieder keine Forderungen zu machen, wozu er als blosser Mensch nicht verpflichtet ist. Bei allem dem hat er doch zu viel Sinn, um in der Ausubung seiner Grundsatze so weit zu gehen, als sie ihn fuhren konnten. Er spricht freier als er handelt, ist besser und verstandiger als er scheinen will; und wiewohl er eine eigene Freude daran hat, in den seltsamen Bockssprungen, die er seinen Witz und seine Laune machen lasst, der Granzlinie des Unanstandigen ofters so nahe zu kommen, dass man alle Augenblicke befurchtet, er werde vollends uber sie weggehen, so weiss er doch (zumal in guter Gesellschaft) den aussersten Punkt immer so genau zu treffen, dass man ihm wenigstens das Lob eines geschickten Luftspringers nicht versagen kann. Noch einer kleinen Tugend muss ich erwahnen, die an einem Philosophen dieses Schlages nicht ganz gleichgultig ist; namlich dass er das Wasser nicht spart (welches zum Gluck in und um Athen uberall umsonst zu haben ist), und dass er daher im Punkt der Reinlichkeit von dem wasserscheuen Antisthenes sehr stark zu seinem Vortheil absticht.
Ich habe mich etwas langer bei der Charakteristik dieses bis jetzt in seiner Art einzigen Sterblichen aufgehalten, damit dir begreiflicher werde, wie es zuging, dass Antipater an ihm und er hinwieder an Antipatern in kurzer Zeit so viel Geschmack finden konnte, dass jetzt keine Dekade vergeht, ohne dass sie einen Gang bald in den Hafen, bald auf den Hymettus oder Pentelikus95, oder eine Schwimmpartie nach den kleinen Inseln Psyttalia und Atalanta, auch wohl bis nach Salamine, zusammen machen. Es gibt einen komischen Anblick, unsern jungen Landsmann, nach Cyrenischer Weise stattlich gekleidet, mit dem zottigen Barfusser in seinem groben Tribonion, das ihm kaum uber die Kniee reicht und seine ganze Draperie ausmacht, durch die Gassen und Hallen von Athen schlendern zu sehen, wo tausend gaffende Augen und klaffende Mauler auf sie gerichtet sind, und oft ziemlich laut uber das ungleichartige Paar scherzen, ohne dass Antipater die mindeste Kunde davon nimmt. Sein haufiger Umgang mit Diogenes hat ihn auch mit dem alten Antisthenes in Bekanntschaft gesetzt, an dessen trivialem Menschenverstand er unendlich mehr Gefallen bezeigt, als an den sophistischen Spitzfindigkeiten, womit Plato seine Zuhorer so gern zum Besten hat. Schliesse nicht etwa hieraus, dass ich deinen jungen Freund gegen den letztern boslicherweise eingenommen habe. Die Sache machte sich von selbst. Denn zum Ungluck musste sich's fugen, dass Plato, da der gute Antipater zum erstenmal in seine Schule kam, eben in der Vorlesung und Erklarung seines Parmenides96 begriffen war, worin er diesen Eleatischen Sophisten seinen beruhmten Grundsatz: "Alles ist Eins, und Eins ist Alles," durch eine neunfache Reihe Argumentationen von der allersubtilsten Subtilitat durchfuhren lasst. Der arme Antipater, dem so etwas nie gereicht worden war, horchte mit Augen, Mund und Ohren, und ware beinahe erstickt, weil er, aus Furcht dass ihm ein Wort entgehen mochte, den Athem so lange bis er nicht mehr konnte an sich hielt. Da er aber in einer ganzen Stunde mit ubernaturlicher Aufmerksamkeit und Anstrengung allem, was er gehort hatte, weder Sinn noch Geschmack abgewinnen konnte, und anstatt weiser als zuvor geworden zu seyn, nichts als einen wusten Kopf, worin sich alles mit ihm im Wirbel herumdrehte, davon trug, lief er, ohne den Schluss abzuwarten, zum Saal hinaus, und schwur bei allen zwolf himmlischen Gottern, seinen Fuss nie wieder uber die Schwelle des Mannes zu setzen, welcher wissbegierigen Junglingen solche Possen fur Weisheit verkaufe. Da irrest du dich, Antipater, sagte ich: er gibt sie umsonst. Desto schlimmer fur seine Zuhorer, versetzte der junge Mensch; denn wenn er auch nur den Werth einer Drachme darauf legte, so wurde er sich schamen, Spreu fur Korner zu verkaufen. Ich muss eilends nach der nachsten Palastra laufen, um das tolle Zeug wieder aus dem Leibe zu schwitzen. Das magst du immerhin, sagte ich: indessen hattest du doch in dieser einzigen Stunde, die du fur verloren haltst, viel gewonnen, wenn du dir merktest, was sie dich gelehrt hat.
"Und was ware das?"
Dass es Dinge gibt, von denen ein vernunftiger Mensch nicht mehr wissen wollen muss, als jedermann davon weiss. Dass z.B. Etwas nicht Nichts, und Eins nicht Zwei ist, sind Wahrheiten, woran niemand zweifelt: aber Plato wollte auch begreiflich machen, wie und warum es so sey, und verwickelte daruber sich selbst und seine Zuhorer in so undenkbare Sophistereien und Widerspruche, dass du am Ende ungewiss wurdest, ob du selbst Etwas oder Nichts seyest.
"Das ist eben, was mich toll machte. Hore nur an. Viele konnen nicht seyn, wenn nicht Eins ist; denn Viele sind weiter nichts als Eins vielmal genommen. Nun kann aber Eins nicht Eins seyn; denn ein anders ist seyn, ein anders, Eins. Sobald also Eins existirte, so war' es nothwendig mehr als Eins, namlich das Eins an sich selbst, und das existirende Eins; Eins ware also Zwey; da aber Zwei nicht Eins seyn kann, weil es dann nicht Zwei ware, so gibt es weder Eins noch Zwei, folglich auch nicht Viele, folglich gar Nichts. Ist es erlaubt, solch unsinniges Zeug fur Philosophie zu geben, wenn man's auch umsonst gibt?"
Nimm es, wie gesagt, beim rechten Ende, so wird es dich klug machen. Wer weiss ob Plato mit seinem Parmenides etwas anders wollte?
"Wenn das sein Zweck war, so danke ich fur das Mittel! Was wurde man von einem Menschen sagen, der ein paar Duzend arme Kinder stundenlang mit Versuchen auf dem Kopfe zu gehen qualte, bloss um sie zu uberzeugen, dass sie nicht auf dem Kopfe gehen mussten?"
Was konnt' ich dem jungen Manne antworten, Kleonidas?
Da ich doch einmal auf diesem Kapitel bin, so habe die Geduld, uber mein Verhaltniss zu Plato, woruber meine Freunde sich, wie ich merke, ziemlich unnothige Sorgen machen, mein letztes Wort anzuhoren.
Niemand kann geneigter seyn als ich, diesem grossen Antagonisten und Nebenbuhler der Protagoras, Gorgias, Prodikus, Hippias, und wie sie weiter heissen, in allem was an ihm und seinen Werken als vortrefflich zu loben ist, die vollstandigste Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ob ich aber wirklich so gerecht gegen ihn seyn kann, als ich zu seyn wunsche, zweifle ich selbst. Wir sind zu verschiedene Naturen und sympathisiren zu wenig, um einander rein aufzufassen. Daher ist mir auch seine Meinung von mir sehr gleichgultig; vielleicht noch mehr als ihm die meinige. Er kann mir weder schaden noch nutzen; denn ich werde nie weder sein Nebenbuhler noch sein Fackeltrager seyn. Der Weg, den ich gehe, liegt so weit von dem seinigen, dass wir schwerlich jemals in Zusammenstoss gerathen konnen. Ruhm scheint alles zu seyn was er sucht; ich suche nichts, als so gut durch die Welt zu kommen wie mir moglich ist, und wenn ich beruhmt werden sollte, musste dem Ruhm nur die Laune anwandeln, mich zu suchen; ich suche ihn gewisslich nie. Wie konnten wir also, Plato und ich, uns je im Wege stehen? Kurz, ich sehe so wenig Ursache, warum ich ihn lieben oder beneiden, als warum er mich hassen oder verachten sollte; warum sollten wir uns also nicht bei unsrer bisherigen Gewohnheit erhalten konnen, ich von ihm offentlich immer mit der Achtung, die man grossen Talenten schuldig ist, er von mir gar nicht mehr zu reden? Indessen werd' ich mir doch gefallen lassen mussen, von den strengern Sokratikern uberhaupt zumal seitdem Xenophon in seinen Erinnerungen an Sokrates den Ton hierin angegeben hat aus ihrer Gemeine ausgeschlossen, oder, da sie mich doch nicht ganz verwerfen konnen, wenigstens fur einen unachten Sohn des Vaters, zu dem wir uns alle bekennen, erklart zu werden. Sie machen mir, wie ich hore, mit vieler Bitterkeit zum Vorwurf, dass ich die keusche Philosophie des Sokrates auf eine zweifache Weise zur Hetare herabwurdige: erstens, indem ich zu ihrem ersten Grundsatz mache, "die Wollust sey das hochste Gut des Menschen;" und zweitens, weil ich sie fur baares Geld verkaufe. Ueber den ersten Vorwurf, der sich vermuthlich mehr auf meine von der ihrigen ziemlich stark abstechende Art zu leben, als auf die lacherliche Beschuldigung, dass ich die Wollust zum Princip meiner Philosophie mache, grundet, bedarf ich wohl keiner Rechtfertigung bei dir; uber den zweiten hingegen glaube ich dir einige Erlauterung schuldig zu seyn, und trage zu diesem Ende kein Bedenken, dir den ganzen Hergang, der den Anlass dazu gegeben, umstandlich zu erzahlen.
Die Entschliessung, deren ich ehemals gegen dich erwahnte, einen Theil meiner Musse Junglingen, die sich nach Sokratischer Weise zu mir halten wollten, zu widmen, fand, als ich sie eine Zeitlang in Ausubung gebracht hatte, vielen Beifall. Meine Art zu philosophiren schien mehrern, welche sich den Sokrates selbst ofters gehort zu haben erinnerten, der Sokratischen Deutlichkeit, Popularitat und Anwendbarkeit im Leben ohne Vergleichung naher zu kommen als die Platonische, und ein gutes Theil mehr von der Sokratischen Genialitat und Anmuth zu haben, als die herbe einseitige Manier des Antisthenes. Indessen waren doch diejenigen, die sich am meisten an mich andrangten, grosstentheils Fremde, die nur wenige Wochen oder Monate in Athen verweilen konnten oder wollten. Eine Anzahl dieser letzten verabredete sich mit einander, mich zu bitten, dass ich ihnen in so kurzer Zeit als moglich einen vollstandigen Unterricht in der Philosophie des Sokrates ertheilen mochte, die seit seinem Tode in ein Ansehen und eine Nachfrage gekommen ist, so sie niemals, wahrend er selbst noch lebte, gehabt hat. Diese Leute mochten gehort haben, dass Prodikus und andere beruhmte Sophisten sich fur ihre Vorlesungen ziemlich theuer hatten bezahlen lassen; oder glaubten vielleicht, was man umsonst weggebe, musse wenig werth seyn; oder hielten es auch wohl fur unbillig, einem Manne, den keine Noth dazu treibt, zuzumuthen, dass er Athem aufwende, andere gescheidter und besser zu machen, ohne sich selbst besser dadurch zu befinden; genug, sie beschlossen, es ganzlich in meine Willkur zu stellen, was fur einen Preis ich auf meine Gefalligkeit setzen wollte, und genehmigten zum voraus jede Bedingung, die ich ihnen machen wurde. An einem schonen Morgen erschienen ihrer nicht weniger als dreissig, um mir durch einen aus ihrem Mittel diesen Antrag zu thun. Ich suchte anfangs die Sache in Scherz zu verwandeln, aber es war den Leuten bittrer Ernst. Ich wies sie an Plato, Aeschines, Antisthenes, Stilpon, Simmias u.s.w., aber sie hatten nun einmal das Zutrauen zu mir, sagten sie. Weil ich wirklich ungern an die Sache ging, hoffte ich sie endlich dadurch abzuschrecken, wenn ich einen sehr hohen Preis auf meine Waare setzte. Ich erklarte mich also zuletzt: ich getraute mir allerdings ihnen alles, was ich in drei Jahren von Sokrates gelernt hatte, in eben so viel Dekaden vollstandig mitzutheilen: aber ich konnte ihnen nicht verhalten, dass es jedem von ihnen wenigstens so hoch zu stehen kommen wurde, als wenn er seinen Freunden ein prachtiges Gastmahl gabe; denn die zwolf Discurse, in welche ich die ganze Philosophie des Sokrates zusammen zu fassen gedachte, wurden den Mann nicht weniger als zwolf Dariken kosten. Dafur sollte jeder zugleich eine Abschrift dieser Discurse erhalten, jedoch unter der ausdrucklichen Bedingung, sie entweder ganzlich fur sich zu behalten, oder nicht mehr, als ein einziges Exemplar um den Preis, den es ihn selbst gekostet, und unter der namlichen Bedingung, irgend einer andern Person zukommen zu lassen. Was ich verlange (setzte ich hinzu) ist viel oder wenig, je nachdem ihr das, was ihr dafur bekommt, anwenden werdet. Als blosse Speculationssache gabe ich selbst fur die Philosophie des Sokrates, wie fur jede andere, keine taube Nuss; in Ausubung gebracht, ist sie mehr als alles Gold des grossen Konigs werth. Ueberlegt also wohl was ihr thut, damit es euch nie gereue, eure Dariken nicht auf eine angenehmere Art verloren zu haben. Mir dauchte als ob mehr als Einer von den Jungern bei dieser Verwarnung eine etwas nachdenkliche Miene mache: aber da vermuthlich keiner fur schlechter angesehen seyn wollte als der andere, so wurde mein Antrag einhellig mit grosser Freude angenommen. Kurz, die dreissig Fremden, grosstentheils Bootier, Arkadier, Lokrier und Chalcidier (drei oder vier Abderiten nicht zu vergessen) legten dreihundert und sechzig blanke Dariken in einem Beutel von Cyrenischem vergoldetem Leder zu meinen Fussen, und erhielten dafur was ich ihnen versprochen hatte.
Du siehest also, lieber Kleonidas, dass der Vorwurf, den mir die Sokratiker machen, dass ich die Weisheit unsers Meisters um Geld verkaufe, nicht ungegrundet ist: ob auch gerecht, ist eine andere Frage, die ich deinem eigenen Urtheil anheim stelle. Ich meines Orts, betrachte einen Gelehrten uberhaupt und warum denn nicht auch den, der von der Kunst zu denken, zu reden und zu leben Profession macht? wie jeden andern Virtuosen, in welcher Kunst es sey; und ich sehe nicht, warum ich, wenn es mir beliebt, und die Kaufer sich mir von freien Stucken anbieten, ja sogar aufdringen, fur meine philosophischen Discurse nicht eben so gut Geld nehmen sollte, als Pindar fur seine Siegeslieder, Damon fur seine Musik, ein Arzt fur seine Curen, ein Maler fur seine Gemalde, Aristophanes fur seine Komodien, oder Isokrates fur seinen Unterricht in der Philosophie der Beredsamkeit, wie er seine Rhetorik zu nennen pflegt. Nehmen doch die Burger von Athen fur die Ausubung ihrer Souveranetat ohne Bedenken ihr Triobolon! Dass die Hetaren von ihren guten Freunden Geld nehmen, fand sogar Sokrates billig; und wenn ihre Profession schandlich ist, was kann hieraus zum Nachtheil derer, die eine edlere treiben, gefolgert werden? Wie dem auch sey, seit dieser Begebenheit hat mir mehr als Ein Athener angelegen, seinem Sohn in allem, was ein Kalos Kagathos (wie man jetzt zu sagen pflegt) besonders ein kunftiger Staatsmann und Demagog zu wissen nothig habe, Unterricht zu ertheilen; und um nicht mit Zumuthungen dieser Art zu sehr belastiget zu werden, habe ich ein fur allemal funfhundert Drachmen zu meinem festgesetzten Preise gemacht. Ein einziger, und zwar einer der reichsten Manner in ganz Attika, der mir (vermuthlich ohne recht zu wissen was er that) seinen einzigen Sohn ubergeben wollte, fand den Preis zu hoch; dafur, meinte der Ehrenmann, konne er sich ja einen tuchtigen Sklaven kaufen. Das thue doch ja, sagte Antipater, der dabei stand, laut lachend, so hast du ihrer zwei, ohne dass es dich einen Heller mehr kostet. Diess Wort lief sehr bald in ganz Athen herum, und wurde von vielen auf meine Rechnung gesetzt; aber Jedem das Seine! Du siehst dass Antipater nicht vergeblich so viel um den Spotter Diogenes ist.
Aus deinen Nachrichten von dem dermaligen Zustand unsrer Vaterstadt sehe ich, dass ein Mann, der unter glucklichen Menschen glucklich leben will, er sey auch zu Hause wo er wolle, nach Cyrene ziehen muss. Und ich bin ein geborner Cyrener, habe alles was mir das Liebste ist in Cyrene, und lebe zu Athen! Nur noch ein Jahr, Kleonidas, ein einziges Jahr langstens, trage Nachsicht mit meiner Thorheit wenn ich mich wieder von diesem verfuhrerischen Athen scheide, so ist's auf immer!
28.
Hippias an Aristipp.
Ich hore mit vielem Vergnugen, Freund Aristipp, dass du dich wieder in Athen befindest, und eine Art von Schule eroffnet hast, worin du der Hellenischen Jugend die Philosophie des guten Sokrates, nach deiner eigenen Weise mit Geschmack zubereitet, und mit einigen feinen Schusseln vermehrt, wieder aufzutischen beflissen bist. Wahrend zwei seiner vornehmsten Anhanger, der eine die Philosophie, welche sein Meister aus den meteorischen Hohen der Ionischen Schule herabzusteigen genothigt, und unter den Menschen lebend mit ihren Angelegenheiten sich zu beschaftigen gewohnt hatte, nicht nur in den Himmel zuruckfuhrt, sondern sogar in uberhimmlischen Gegenden, wovon sich bisher noch niemand etwas traumen liess, umherschwarmen und von den unaussprechlichen Undingen, die sie da gesehen und gehort haben will (unverstandlich genug), reden lasst; der andere hingegen, aus Missverstand der Lehren und mit Uebertreibung des Beispiels seines Meisters, das von diesem veredelte menschliche Leben, in der Meinung es zur Natur zuruckzufuhren, dem thierischen wieder so nah' als moglich zu bringen sucht ist es loblich von dir, dass du ihr mit ihrer vorigen Popularitat auch die Wurde, die ihr Sokrates gab, wieder zu verschaffen beflissen bist. Ich bin gewiss, von den Grazien der schonen Lais ausgeschmuckt, und mit der Peitho97, die dir immer hold war, auf den Lippen, kann es ihr an Liebhabern nicht fehlen, und es wird nur auf dich ankommen, der erste und einzige unter den Sokratikern zu seyn, der sich durch ihre Vermittelung auch den Plutus98 gunstig zu machen weiss.
Was mich betrifft, lieber Aristipp, ich habe nun unvermerkt die Jahre erreicht, wo es nicht mehr der Muhe werth ist, etwas anders zu thun, als sich an den Thorheiten der Sterblichen zu belustigen, und von einem Tage zum andern so sorgenfrei und angenehm zu leben, als es uns die Gotter noch gonnen wollen. Wie Solon in einem ungleich hohern Alter als das meinige,
Lieb' ich die Gaben der Cyprogeneia, des Bacchus, der
Musen,
vollig, wie er, uberzeugt,
Alle Freuden der Welt kommen von ihnen allein.99
Das schone, volkreiche, so glucklich zum Seehandel gelegene und durch ihn mit allen Schatzen der Natur und Kunst bereicherte Milet ist (wie du aus eigener Erfahrung wissen musst) ausser allen diesen Vortheilen, noch besonders durch den geselligen Charakter seiner Einwohner und die Schonheit seiner Weiber, vor vielen andern Orten der Welt, einer solchen Lebensweise gunstig; vorausgesetzt (versteht sich) dass man mit dem unentbehrlichsten aller Dinge, wofur die andern alle zu haben sind, hinlanglich versehen seyn muss.
Wie ich hore gibt der grosse Aerobat100 Plato den Athenern und ihren Nachbarn machtig viel von sich zu reden, und publicirt eine Menge philosophischer Possenspielchen, worin er den ehrlichen Sokrates (der jetzt alles ungestraft aus sich machen lassen muss, wozu man ihn brauchbar findet) bald mit diesem bald mit jenem unsrer ehmaligen Sophisten in eine possierliche Art von dialektischen Zweikampfen zusammen hetzt. Denn, damit sein Sokrates immer Recht behalte, oder doch wenigstens die Lacher auf seine Seite bekomme, begabt er ihn uber seine gewohnte Ironie und die ihm eigene Art seine Gegner zu uberraschen und in Verlegenheit zu setzen, noch mit aller nur ersinnlichen eristischen Spitzfindigkeit und Gewandtheit, die armen Schelme von Antagonisten hingegen mit einem so erbarmlichen Grade von Geistesschwache und treuherziger Dummheit, dass sie immer ihr Aeusserstes thun, um jenem den Sieg recht leicht zu machen, und, weit entfernt zu merken dass er ihrer spotte, durch Paarung der lacherlichsten Aufblahung mit der schulerhaftesten Unwissenheit und dem blodsinnigsten Unverstand, ihm eine Gelegenheit nach der andern geben, sie mit der schmahlichsten Art von Urbanitat zum Besten zu haben. Auch mir Unwurdigen hat er zweimal diese Ehre erwiesen; vermuthlich weil er nicht weiss, dass ich allein die todten Lowen Protagoras, Prodikus, Gorgias u.s.f. mit welchen es ihm jetzt so leicht wird den Hercules zu spielen, uberlebt habe.101 Aber auch vor meiner Rache kann er sicher seyn; denn ich bin ihm zu viel Dank fur die gute Digestion schuldig, die mir sein Hippias der Grossere gestern Abends nach einem grossen Gastmahle verschafft hat. In meinem Leben hab' ich nicht so viel gelacht, wie uber die Rolle, die er mich in diesem schnakischen Ding von einer dialektischen Schulubung spielen lasst. Man sollte denken, er habe die Wolken des Aristophanes zum Muster genommen, wie man es anfangen musse, um ein ordentliches Menschengesicht zu einer fratzenhaften Larve zu verzerren. Das Lustigste ist indessen, dass der Leser immer im Zweifel bleibt, wen der philosophirende Spassvogel eigentlich am lacherlichsten habe machen wollen: ob den guten Sokrates, der hier als das Ideal eines naseweisen Attischen Spitzkopfs erscheint, und meinen blodsinnigen Reprasentanten (den er bloss einem Arzt zu einer tuchtigen Portion Niesewurz hatte zuweisen sollen) lieber zur Kurzweil in einem aus Spinnenfaden gewebten Netze fangen will? oder den armen unbeholfenen Afterhippias, der sich aus einem so dunnfadigen Netze nicht heraus zu finden weiss. Und mit solchen Schnurrpfeifereien hofft euer Plato den Homer aus den Schulen der Griechen zu verbannen!
Einem von Eigendunkel und Selbstgefalligkeit so stark berauschten Menschen darf man schon etwas mehr als gewohnliche Narrheiten zutrauen: aber dass es schon so weit mit ihm gekommen seyn sollte, dass er sich (wie man sagt) geschmeichelt finde auf Kosten des ehrsamen Ariston, seines gesetzmassigen Vaters, fur einen leiblichen Sohn des Delphischen Gottes102 gehalten zu werden, kann ich doch kaum glauben. So viel ist indessen gewiss, dass ein angesehener Milesier von meiner Bekanntschaft folgende Anekdoten aus des Platonischen Neffen Speusipps eigenem Munde gehort zu haben versichert.
Platons Mutter Periktione galt in ihrer Jugend fur eine der schonsten Jungfrauen in Athen was bekanntermassen eben nicht sehr viel gesagt ist. Ariston, mit welchem sie verlobt war, unterlag an einem truben Morgen der Versuchung, heimlich in ihre Kammer zu schleichen, und wahrend seine Braut noch schlief, sich einen kleinen Vorgriff in seine eigenen kunftigen Rechte zu erlauben. Es war ihm aber, alles gebrauchten Ernstes ungeachtet, schlechterdings unmoglich zum Ziel seiner Wunsche zu gelangen. Wie unbegreiflich ihm auch ein solches Ungluck scheinen musste, da er wenigstens sich selbst keine Schuld geben konnte, so ging es doch in der That ganz naturlich damit zu; denn, mit Einem Worte, der Platz war bereits von einem unsichtbaren Liebhaber eingenommen. Bei so bewandten Umstanden blieb freilich dem armen Ariston nichts ubrig, als sich mit gesenkten Ohren eben so heimlich, wie er gekommen war, wieder wegzuschleichen. Aber in diesem Augenblick wurde der Nebel von seinen Augen weggeblasen; er sah wie Apollo sich leibhaftig von der Schlummernden erhob, erkannte den eben so schnell wieder verschwindenden als sichtbar gewordenen Gott, und beschloss auf der Stelle, aus Beweggrunden, woran seine Klugheit nicht weniger Antheil hatte, als seine Gottesfurcht, die Vermahlung mit Periktione zwar zu beschleunigen, aber des ehlichen Rechts sich so lange zu entaussern, bis sie geboren haben wurde. Im dritten Jahre der siebenundachtzigsten Olympiade, am siebenten Tage des Monats Thargelion103 (welcher, wie die Delier sagen, auch der Geburtstag des Apollo ist) wurde sie von diesem namlichen Plato, der jetzt seine gottliche Abkunft durch so wundervolle Werke zu Tage legt, entbunden, und Ariston rechnete sich's, wie billig, zur grossten Ehre, als ein zweiter Amphitryon104, fur den Vater des Gottersohns zu gelten: wir aber wissen nun was wir zu glauben haben, und wundern uns nicht langer, dass ein Sohn des Pythischen Gottes uns von den Mysterien der ubersinnlichen Welt so viel Unerhortes und Undenkbares zu erzahlen weiss. Auch wird durch diese Anekdote eine andere, die aus eben derselben Quelle kommt, desto glaubwurdiger. Sokrates, sagt man, traumte einst, er habe einen noch unbefiederten jungen Schwan zwischen seinen Knieen, der aber (vermuthlich durch die Wunderkraft der in ihn ubergehenden Sokratischen Warme) so schnell Federn bekam, dass er auf Einmal die Flugel ausspannte und mit einem ungemein lieblichen Getone sich in die Luft erhob. Tages darauf sey ihm der junge Plato vorgestellt worden, und Sokrates (dessen Glauben an seine Traume bekannt ist) habe sogleich bei seinem Anblick gesagt, diess sey der junge Schwan, den er gestern im Traume gesehen habe.
Wenn du etwa mit dem Neffen des gottlichen Schwans bekannt genug seyn solltest, um eine Frage dieser Art an ihn zu thun, so erkundige dich doch bei ihm, ob der Freund, von welchem ich diese Anekdoten habe, sich mit Wahrheit auf sein Zeugniss berufe oder nicht.
Nun von etwas anderm! Ich habe hier noch einige Schonen aus Aspasiens Schule gefunden, die zwar schon etwas lange aufgehort haben jung zu seyn, aber noch anziehend genug sind, um nicht wenig zu den Annehmlichkeiten von Milet beizutragen. Eine von ihnen hat (ich weiss selbst nicht wie?) Mittel gefunden, mich in eine Art Platonischer Liebe zu verstrikken, die etwas so Neues fur mich ist, dass ich mich dem Wundermann fur seine Erfindung sehr verpflichtet erkennen wurde, wenn die schone Anthelia (so nennt sich meine Freundin) nicht unglucklicher Weise ein sehr weibliches Weib ware, und also, der Theorie des Erfinders zufolge, ohne Entweihung der Mysterien des Uranischen Eros nicht auf Platonisch geliebt werden darf.
Seit einiger Zeit halt sich unter andern nicht gemeinen Kunstlern auch dein Freund Parrhasius zu Milet auf, und findet viele Ursache sich bei uns zu gefallen. Die Gunstlinge des Plutus wetteifern mit einander, wer die meisten und schonsten Stucke von ihm aufzuweisen habe, und der Kunstler befindet sich ungemein wohl bei dieser Eifersucht: ob sie aber der Kunst eben so zutraglich seyn werde, ist eine andere Frage. Wenigstens setzt sie jenen in eine starke Versuchung, sich eine dem Auge schmeichelnde geschwinde Manier anzugewohnen, und kunftig mehr fur den scharmerischen Beifall des freigebig bezahlenden Liebhabers, als fur das ruhige Wohlgefallen des streng urtheilenden Kenners zu arbeiten.
Eine unsrer schonsten Hetaren hat sich indessen wohlfeil genug in den Besitz seiner Leda (die in ihrer Art uber allen Preis ist) zu setzen gewusst, und ist dadurch auf Einmal die reichste ihres Standes geworden, indem sie das eben so leicht erworbene als leichtfertige Gemaldchen dem Satrapen Teribazus fur eine unerhorte Summe wieder verkaufte.
Sage mir doch, Aristipp, was fur ein Schwindel deine Kechenaer angewandelt hat, dass sie den Konig Artaxerxes, von welchem sie mit so grossen Beweisen seines Wohlwollens und Vertrauens uberhauft worden, und dem sie es allein zu danken haben, dass sie wieder etwas unter den Griechen bedeuten, sich mit aller Gewalt zum Feinde machen wollen? Zwar an dem Athenischen Volke wird mich keine Thorheit, wie ungeheuer sie auch seyn mag, jemals in Verwunderung setzen: aber wie Konon von seinem Glucke so sehr berauscht werden konnte, dass er sein eigenes Werk, die Frucht so vieler Gefahren und Arbeiten, mit eigenen Handen wieder vernichtet, das geht uber meinen Begriff. Kannst du dir vorstellen, wie dieser um Athen so sehr verdiente Mann ubermuthig und unklug genug seyn kann, das Vertrauen des Konigs und des Satrapen Pharnabazus so unverschamt zu betrugen, dass er die Persische Kriegsflotte, die ihm zu gewissen Unternehmungen gegen Sparta untergeben worden war, dazu missbraucht, die unter Persischer Oberherrschaft stehenden Ionischen Inseln und Stadte, eine nach der andern, entweder geradezu den Athenern zu unterwerfen, oder zum Abfall zu reizen und in ein allgemeines Bundniss gegen den Konig zu verstricken? Dass es ihm auch bei den Milesiern gelingen werde, zweifle ich indessen sehr. Es fehlt zwar auch hier nicht an unruhigen und regiersuchtigen Kopfen, die durch Ergreifung der Athenischen Partei zu gewinnen und den Pobel auf ihre Seite zu ziehen hoffen, indem sie ihm die unermesslichen Vortheile der Demokratie vorspiegeln, und ihm weiss machen wollen, die vereinigte Macht von Athen und Milet allein sey mehr als hinlanglich, dem grossen Konig die Unabhanglichkeit des Griechischen Asiens abzutrotzen. Aber die edeln und reichen Hauser, und uberhaupt alle zum Handelsstande gehorigen Burger befinden sich bei der gegenwartigen Verfassung, unter der gelinden Persischen Regierung (die ihnen die wesentlichsten Vortheile der Freiheit willig zugesteht) viel zu wohl, und sind durch ehmalige Erfahrungen zu sehr gewitziget, um solchen Lockungen Gehor zu geben. Inzwischen werden die Lacedamonier, die den Kechenaern von jeher an Staatsklugheit und Consequenz in ihren Massregeln unendlich uberlegen waren, sich den Unverstand der letztern bald genug beim Konige zu Nutze machen, und wir werden unversehens das Vergnugen haben, die luftigen Schwindler von ihrer Hohe eben so geschwinde wieder herabsturzen zu sehen, als sie sich in ihrer voreiligen Einbildung, die der Realitat immer tausend Parasangen zuvorlauft, emporgeschwungen hatten. Antalcidas105, einer der geschicktesten Staatsmanner und feinsten Unterhandler, welche Sparta besitzt, ist zu diesem Ende bereits an das konigliche Hoflager abgegangen, und der Erfolg seiner Sendung kann um so weniger zweifelhaft seyn, da die Athener selbst ihm die starksten Waffen gegen sich von freien Stucken in die Hande spielen, und ihr Moglichstes thun, dem so groblich getauschten Artaxerxes die Augen zu offnen. Der grosse und entscheidende Vortheil, den das Aristokratische Sparta uber die Athenische Demokratie immer behaupten wird, liegt darin: dass die granzenlose Eitelkeit der letztern ihre Vergrosserungs-Projecte immer uber alle Moglichkeit hinaustreibt, nichts berechnet, nichts vorhersieht, und sich ruhig auf das alte Orakel verlasst, dass die Gotter ihre dummen Streiche immer wieder gut machen werden; da hingegen die wohlberechnete Staatsklugheit der erstern sich auf die Oberstelle unter den Griechischen Republiken einschrankt, und noch nie uber diesen hochsten Punkt ihrer Ambition hinauszugehen begehrt hat. Diese Massigung wird den Persischen Hof, der die Griechen auf seine Kosten endlich kennen gelernt haben muss, nothwendig auf den Gedanken bringen, sein eigenes Interesse erfordere, mit den Spartanern Friede zu machen, und die unzuverlassigen Athener, ohne darum ihre ganzliche Unterdruckung zuzugeben, sich selbst und ihrem Schicksal zu uberlassen. Durch diese einzige Massregel wird er es stets in seiner Gewalt haben, die Griechen in immerwahrender innerlicher Gahrung zu erhalten, und, ohne sehr grossen Aufwand, durch seinen politischen Einfluss gerade so viel Gleichgewicht unter diese rastlos hin und her schwankenden Freistaaten zu bringen, als fur das Interesse des Persischen Reichs und die allgemeine Ruhe der Welt nothig ist. Denn es ist kaum moglich, dass das ewige Thema eurer Redekunstler, der Isokrates, Lysias, u.s.w. "Eintracht unter allen Griechen zu Vereinigung ihrer Krafte gegen den gemeinschaftlichen Feind in Asien," nicht endlich zu den Ohren des Konigs kommen, und ihn uberzeugen sollte, dass die Begunstigung des Spartanischen Systems das sicherste Mittel sey, einer so gefahrlichen Coalition zuvorzukommen.
Wundre dich nicht, Aristipp, wie ich mit meiner oben angeruhmten sorglosen Denkart und Lebensweise dazu komme, dich so unversehens mit einer so reichlichen politischen Ergiessung zu betraufen. Seit etlichen Wochen hort man hier nichts anders. Alles was in der weitesten Bedeutung zur guten Gesellschaft gehort (die zahlreiche Innung der Hetaren mitgerechnet) spricht Politik und ist Spartanisch gesinnt; und dass ich selbst, trotz meiner Weltburgerschaft und Kaltblutigkeit, diese Partei ergriffen habe, wird dich, wenn ich auch den Nephelokokkygiern weniger abhold ware als ich es immer war, mein alter Hass gegen die Ochlokratie nicht bezweifeln lassen.
29.
Aristipp an Hippias.
Ich werde es immer unter die glucklichsten Ereignisse meines Lebens zahlen, dass ich den Sokrates gekannt, und wahrend der drei bis vier Jahre, da ich freien Zutritt bei ihm hatte, seines Umgangs beinahe taglich genossen habe. Wie wenig auch das, was ich von ihm lernen konnte, in anderer Augen seyn mag, nach meiner Schatzung und fur meinen eigenen Gebrauch ist es sehr viel, und mehr als genug um mir ein Recht auf den Namen eines Sokratikers zu geben, auf den ich stolz bin, und den ich nicht unwurdig zu fuhren hoffe.
Es war eine von den Meinungen des Sokrates, die ich ihn ofters in seiner eigenen genialischen Manier behaupten horte, "Weisheit und Tugend konnten nicht auf die Art, wie man sich's gewohnlich vorstelle, gelehrt," d.i. nicht in unsre Seelen hineingeschoben werden, wie man Brod in den Backofen schiebt. Zuweilen sprach er, als betrachte er sich wie einen Gartner, dessen Geschaft es ist, nutzliche Pflanzen und Gewachse zu ziehen und zu warten. Alles was der Gartner vermag (sagte er) besteht darin, dass er guten Samen in ein wohlzubereitetes Land lege, und die junge Pflanze, wenn sie aufgegangen ist, vor Frost und schadlichen Winden sichere, vor aller Verletzung bewahre, und, so weit es in seiner Macht steht, dafur sorge, dass sie nicht zu viel noch zu wenig Sonne bekomme, nicht zu viel noch zu wenig genahrt werde u.s.f. Aber eine schlechte Gattung in eine edle zu verwandeln, oder einer schwachen krankelnden Pflanze das frohliche Wachsthum einer gesunden und starken zu geben, steht nicht bei ihm; und wenn er sein Moglichstes gethan hat, kann er doch nicht verhindern, dass ein einziger unerwarteter Nachtfrost oder irgend ein anderer Zufall aller seiner Sorge und Pflege spottet. Am meisten liebte er das Bild einer Geburtshelferin, und verglich sich mit seiner Mutter, die, wiewohl sie fur eine grosse Meisterin in ihrer Kunst galt, ein ungestaltes Kind in kein wohlgebildetes verwandeln konnte, sondern zufrieden seyn musste, wenn sie, was nun einmal da war, glucklich zur Welt gebracht hatte. Sokrates hat in diesem Sinne Kindern von sehr ungleicher Art ins Leben geholfen. Aber um diejenigen, die ihm taglich und mehrere Jahre zur Seite waren, machte er sich auch das Verdienst eines Padagogen; und, wie die Erfahrung lehrt, dass Knaben sich, ohne es zu wollen oder zu merken, immer nach ihrem Erzieher bilden, und mehr oder weniger seine Weise sich zu gebarden, zu reden, zu gehen, den Kopf zu tragen u.s.w. annehmen: so findet sich auch, dass keiner von den Zoglingen des Sokrates ist, an dem man nicht diese oder jene Zuge von ihm gewahr wurde, so dass wie man von Zeuxis sagt, er habe aus funf der schonsten Agrigentischen Madchen seine beruhmte Helena zusammengesetzt aus funf oder sechs von uns ein ganz leidlicher Sokrates zusammengesetzt werden konnte. So hat z.B. Plato sich seiner Ironie und eigenen feinen Manier zu scherzen, Xenophon seiner Grundbegriffe, Maximen und Ideale in Sittenlehre und Staatskunst, und seines Glaubens an Orakel, Traume und Opferlebern, Antisthenes seiner Geringschatzung aller Gemachlichkeiten und kunstlichen Wolluste der Reichen, Cebes von Theben seines Talents die Philosophie in Fabeln und Allegorien einzukleiden, bemachtigt. Mir ist also kaum etwas andres ubrig geblieben als seine Anspruchlosigkeit, sein Widerwille gegen alles Geschminkte und Unnaturliche, gegen Aufgeblasenheit, Eigendunkel und ungebuhrliche Anmassungen, seine Geringschatzung aller spitzfindigen, im Leben unbrauchbaren und bloss zum Geprang und zum Disputiren dienlichen Speculationen, seine Manier bei Erorterung problematischer Fragen immer zuerst auf das, was uns die Erfahrung davon sagt, Acht zu geben, nach der Entstehungsweise der Begriffe, in welche das Problem zerfallt, zu forschen, und uberhaupt beim Suchen der Wahrheit immer vorauszusetzen, dass sie uns ganz nahe liege, und meistens nur durch den Wahn, dass man sie weit und muhsam suchen musse, verfehlt werde, und was sonst in dieses Fach gehort. In allem diesem, und (wenn ich mir nicht zu viel schmeichle) noch in manchen andern Stucken, finde ich mich ihm so ahnlich, dass ich mir zuweilen einbilde, ich wurde, wofern ich in der siebenundsiebzigsten Olympiade in seinen Umstanden auf die Welt gekommen ware, Sokrates, oder er, vierzig Jahre spater in den meinigen geboren, Aristipp gewesen seyn. Auf diese Weise erklare ich mir das Verschiedene in den Aehnlichkeiten, die ich mit ihm habe. Er kleidete sich z.B. schlecht, weil er arm war und sich dessen nicht schamte; aber er liebte die Reinlichkeit: ware er reicher gewesen, wurde er sich vermuthlich nicht schlechter gekleidet haben als ich; so wie ich mich nicht geringer dunkte, als ich im ersten Jahre meines Aufenthalts zu Athen in einem groben wollenen Tribonion unbeschuht hinter ihm hertrabte. Seine Mahlzeit kostete selten mehr als drei bis vier Obolen; indessen schlug er nicht leicht eine Einladung zu den prachtigsten Gastmahlern aus, wenn er gewiss war gute Gesellschaft anzutreffen; war' er reicher gewesen, so hatt' er vermuthlich, wie ich, lieber andere eingeladen, als sich einladen lassen. Er kaufte weder Bildsaulen noch Gemalde, weil er kein Geld zu solchen Ausgaben hatte; aber er liebte darum die Kunst nicht weniger, und wusste die Werke der grossen Meister sehr wohl zu wurdigen: ich habe mir, weil mir das Gluck besser wollte als ihm, eine feine Sammlung auserlesener Malereien angeschafft, und bin darum kein grosserer Kenner. Er trank gewohnlich Wasser, konnte aber, wenn's darauf angelegt war, den starksten Weinschlauchen die Stirne bieten, und streckte sie alle zu Boden, ohne dass man eine merkliche Veranderung an ihm spurte: ich trinke gewohnlich Wein, und den besten der zu haben ist; aber sehr massig, weil ich viel nicht vertragen kann. Ich liebe schone Weiber ungefahr wie er schone Knaben liebte, ohne dass Platons Eros Pandemos106 jemals mehr Gewalt uber mich gehabt hatte als uber ihn: ich zweifle aber sehr, dass er zu seiner Zeit die schone Aspasia von sich gestossen hatte, wenn sie Lais fur ihn hatte seyn wollen. Dass er sich ubrigens im Nothfall an seine Xantippe hielt, war eine lobliche, wiewohl, ihrer sauren Laune ungeachtet, eben nicht sehr verdienstliche Genugsamkeit; denn Xantippe war weder eine hassliche noch bosartige Frau. Sokrates zog, weil er ein sehr starker Mann war, die muhsamern und heftigern Leibesubungen den sanftern und ruhigern vor: bei mir ist's gerade umgekehrt. Bei ihm war der Weltburger dem Burger von Athen untergeordnet, bei Mir der Burger von Cyrene dem Weltburger: ware Cyrene seine Vaterstadt gewesen, Athen die meinige, so wurde vermuthlich das Gegentheil stattgefunden haben.
Ohne diese Parallele noch weiter zu verfolgen, will ich dir lieber geradezu sagen, was ich mit diesem ganzen Prolog haben will: namlich nichts weiter als dich zu verstandigen, warum und wie fern meine Philosophie weder mehr noch weniger die Sokratische ist, als ich selbst Sokrates bin. Auch meinte es Sokrates nie anders. Er verlangte keinen Nachtreter und Nachsprecher. Er theilte uns und jedem der ihn horen mochte, unverhohlen mit, was er fur wahr und recht, gut und anstandig hielt, und wenn er jemanden belehren wollte, stellte er es immer so an, dass der Horende das, was sie mit einander suchten, selbst gefunden zu haben glaubte. Oft war das was er gab nicht sowohl Lehre als guter Rath, der, zu einer allgemeinen Maxime gemacht, vielleicht viele Ausnahmen zuliess oder sogar erforderte. Kurz, er uberliess es dem guten Verstand seiner Gesellschafter, wie viel oder wenig sie von dem Gehorten brauchen konnten oder wollten, und verlangte weder Pythagoraischen Glauben an seine Ausspruche, noch blinde sklavische Befolgung seiner Vorschriften. In dieser Rucksicht verdenke ich es dem Plato eben so wenig, dass er in so vielen Stukken von Sokrates abweicht, als ich selbst Tadel zu verdienen glaube, dass meine Philosophie, wiewohl sie sehr leicht und ungezwungen mit der Sokratischen in Harmonie gesetzt werden kann, dennoch nicht eben dieselbe mit ihr ist. Was ich an Plato tadle ist, dass er den entschiedenen Feind aller Meteoroleschie107 in vielen, wo nicht in den meisten seiner Dialogen die Rolle eines wahren Aristophanischen Phrontisten spielen lasst, und dass es immer der unschuldige Sokrates ist, den er vor den Riss stellt, und, weil er nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden kann, fur Dinge verantwortlich macht, die er nie gesagt haben wurde, und welche Plato selbst in eigener Person zu sagen vielleicht Bedenken truge.
Ich glaube mich hiermit deutlich genug erklart zu haben, Freund Hippias, in welchem Sinn ich ein Sokratiker zu seyn und zu heissen wunsche. Uebrigens kennst du die Welt zu gut, um dich zu verwundern, dass der Name und die Philosophie des in seinem Leben wenig geachteten und von den Meisten falsch beurtheilten Sokrates seit seinem Tod, und selbst durch die Art seines Todes, vielleicht auch durch das erst nachher bekannter gewordene Orakel des Delphischen Gottes, den Griechen so ehrwurdig geworden ist, dass viele von keiner andern Philosophie als der Sokratischen horen wollen. Da ich nun, ich weiss selbst nicht wie, in den Ruf gekommen bin, dass sie von mir achter und reiner zu erlernen sey als von Plato oder Antisthenes, so ist es schon mehr als Einmal begegnet, dass geschlossene Gesellschaften von enthusiastischen Verehrern des "weisesten aller Menschen" das Ansinnen, ihnen nicht meine eigene, sondern seine Philosophie in ihrer ganzen Lauterkeit vorzutragen, so ernstlich an mich gelangen liessen, dass ich mich nicht entbrechen konnte, ihr Verlangen zu befriedigen. Wenn dir also etwa zu Ohren kommt, dass Aristipp sich seinen Unterricht sehr theuer bezahlen lasse, so wisse, dass diess bloss von diesen Vortragen der Philosophie des Sokrates (die ich desswegen in ein zusammenhangendes System zu bringen genothigt war) zu verstehen ist. Denn ich glaube einen Unterricht dieser Art, wobei ich mich gewissermassen als einen bloss mechanischen Arbeiter gebrauchen und zum blossen Sprachwerkzeug eines andern machen lassen muss, mit Fug und Recht eben so gut zu Geld anschlagen zu konnen, als ein Steinhauer, der den Marmor zu einem Tempel oder Saulengang nach einem gegebenen Mass und Modell zu bearbeiten und zusammenzufugen ubernommen hat, seine Zeit und Arbeit. Alles diess, lieber Hippias, hielt ich fur dienlich, dir uber meinen Sokratism etwas ausfuhrlich zu sagen, weil es ein fur allemal gesagt seyn soll.
Dass du, mit aller deiner Dankbarkeit fur das heilsame Lachen, so dir Plato durch seinen grossern Hippias zubereitet hat, diesem Gottersohn nicht allzu hold bist, finde ich sehr naturlich. Insofern es fur einen Trost gehalten wird, Gefahrten im Leiden zu haben, lass es dir in Augenblicken, wo es dir etwa nicht so ganz lustig dauchten mochte, von einem hochangesehenen und weitberuhmten Manne allen Griechen der gegenwartigen und kunftigen Zeit als ein einfaltiger Strohkopf vorgefuhrt zu werden zu einigem Troste dienen, dass der tapfre, weise und weltberuhmte Befehlshaber und Geschichtschreiber des Ruckzugs der zehntausend Griechen in seinen Sokratischen Denkwurdigkeiten mit deinem Freund Aristipp nicht glimpflicher zu Werke geht. Das Beste ist, dass beide bei denen, die dich und mich personlich kennen, schwerlich in den Ruf grosser Portraitmaler kommen werden.
Das zweideutige Mahrchen von der hohen Abkunft des Sohnes der edeln Periktione geht wirklich schon seit einiger Zeit unter seinen Verehrern herum, so wie unter den Athenern uberhaupt ein heimliches Gemurmel, es durfte ihm schwer fallen, zu beweisen, dass er der Sohn eines Attischen Burgers sey. Welches von diesen beiden Geruchten das andere erzeugt haben mag, ist ungewiss. War das letztere das altere; so begreift sich um so leichter, wie die Freunde Platons auf den Einfall kommen konnten, ihm einen Ursprung zu geben, der ihn mit den grossten Mannern der heroischen Zeit auf gleichen Fuss setzt. Speusipp erzahlte das Mahrchen, mit allen von dir erwahnten Umstanden, in einem sehr religiosen Ton, wenn er mehr als Einen Zuhorer hat, und scherzte mit mir daruber sobald wir allein waren. Das Wahre an der Sache lasst sich leicht errathen, wenn man weiss, dass Ariston sehr wesentliche Ursachen hatte, die angesehene Familie seiner Braut und den goldlockigen Apollo, den er bei ihr uberraschte, zu schonen; nichts davon zu sagen, dass die Athener uberhaupt ziemlich bequeme und urbane Ehemanner sind. Der Traum des Sokrates scheint seine Richtigkeit zu haben, und, wie mehrere Traume dieses ausserordentlichen Mannes, mit seinem Damonion in einerlei Fach zu gehoren.
Was du mir von Konon meldest, hat mich nicht befremdet, wiewohl man hier nichts von einem Bruch mit dem grossen Konig wissen will, und von Konons Unternehmungen gegen die Inseln als einer mit Pharnabaz abgeschlossenen Sache spricht. Was man indessen taglich an allen offentlichen Orten zu Athen horen kann, ist die hoffartige und undankbare Art, wie unsre Kechenaer von ihrem Verhaltniss gegen den Persischen Monarchen reden. Sie vermeinen ihm so wenig Dank schuldig zu seyn, dass er selbst vielmehr, wenn man ihnen glaubt, tief in ihrer Schuld ist, und noch viel zu thun hat, wofern er die von ihnen empfangene Wohlthat einigermassen wett machen will. Denn, sagen sie, haben ihn nicht die Siege unsrer Flotten von seinem furchtbarsten Feinde befreit? Wurde nicht Agesilaus108 jetzt vor Susa109 stehen, wenn Konon die Spartanische Seemacht nicht bei Knidus vernichtet hatte? Es war des Konigs Interesse sich um unsre Freundschaft zu bewerben, und sie gegen die Spartaner zu benutzen; das unsrige ist, den gunstigen Augenblick, da die Spartaner uns nicht daran hindern konnen, zu Befreiung der Ionischen Colonien, unsrer Freunde, und zu Wiedererlangung der uns gebuhrenden Hegemonie110 anzuwenden. Der Konig muss uns selbst dazu verhelfen; oder er ist der undankbarste aller Menschen. Du wirst die Athener an dieser uberhin fahrenden, raschen und einseitigen Art zu rasoniren leicht erkennen, mit welcher ihre Art zu handeln vollig aus Einem Stuck ist. Nie haben sie es der Muhe werth gehalten, sich an eines andern Platz zu stellen, und zu uberlegen, in welchem Licht oder von welcher Seite er eine Sache sehen musse. Und woher sollten sie die Geduld nehmen, einen Entwurf gelassen durchzudenken, die Mittel und Wege dazu in der Stille vorzubereiten, die Hindernisse vorsichtig wegzuraumen, und nicht eher zur wirklichen Ausfuhrung zu schreiten, bis der Erfolg, gleich einer reifen Frucht, uns ohne grosse Muhe gleichsam von selbst in den Schooss fallt? Ich zweifle nicht, dass sie auch diessmal, wie du vorher siehest, durch ihre unbesonnene Voreiligkeit der Spartanischen Klugheit einen unblutigen Sieg in die Hande spielen werden, dessen Folgen schwerer auf ihnen liegen durften, als die zu Athen so hoch gepriesenen Siege Konons auf den Lacedamoniern.
Dass deine Milesier weise genug sind, der Lockpfeife des Athenischen Vogelstellers kein Gehor zu geben, versichert dir, wie ich hoffe, noch auf lange Zeit die gluckliche Ruhe, die du im Schoosse der Musen und der ubrigen freudengebenden Gotter so gut zu geniessen weisst. Mir ist zu Athen, wiewohl wir vor der Hand nichts zu befurchten haben, nicht selten zu Muthe, als ob ich in einem ohne Masten und Steuerruder auf einem unruhigen Meere herumtreibenden Schiffe hausete; und je mehr ich den dermaligen Wohlstand meiner Vaterstadt mit dem heillosen Zustande der Athenischen Ochlokratie vergleiche, desto mehr Starke gewinnt der geheime Hang, der uns immer, auch wenn es uns unter Fremden wohl geht, nach dem Orte zieht, wo wir uns eigentlich zu Hause fuhlen, wo unsre angebornen altesten Freunde leben, und die Erde selbst uns naher als anderswo verwandt zu seyn scheint, und etwas so anziehend Heimisches fur uns hat, dass wir wenigstens unsre Asche mit keiner andern Erde zu vermischen wunschen.
30.
Lais an Aristipp.
Ich bin nun einmal, wie es scheint, dazu geboren, lieber Aristipp, eine sonderbare Rolle in der Welt zu spielen, und am Ende ist es auch so ubel nicht, in seiner Art einzig zu seyn: aber dass ich in Gefahr kommen konnte, von den Sohnen des Hippokrates in das Register ihrer Heilmittel gesetzt und als ein unfehlbares Specificum gegen die Nympholepsie verschrieben zu werden, das hattest du dir wohl nie einfallen lassen?
Im Grunde bin ich mit aller meiner eingebildeten Ueberlegenheit doch nur eine gutherzige Thorin, die ihr nur bei ihrer Grossmuth zu fassen braucht, um alles was ihr wollt aus ihr zu machen. Das Unangenehmste dabei ist indessen die leidige Beruhmtheit, die ich mir durch die blosse Gutartigkeit meiner Natur zuziehe; eine Tugend, welche unsre edeln Korinthischen Matronen sich schlechterdings nicht zu erklaren wussten, wenn sie ihr nicht die einzige Unterlage gaben, die ihnen (vermuthlich aus eigener Erfahrung) bekannt ist. Wirklich hat das seltsame Abenteuer, das mir in diesen Tagen zustiess, ein solches Aufsehen in dieser volkreichen und geschaftevollen Stadt erregt, dass in allen Gesellschaften, auf allen Marktplatzen und unter allen Hallen von nichts anderm, als von der Wundercur, die ich an einem edeln Aspendier verrichtet haben soll, geplaudert wird; aber wie, und mit welchen Beiwerken und Verzierungen, kannst du dir vorstellen. Dass eine Person, die sich einer beinahe zwolfjahrigen Freundschaft mit dem weisen Aristipp zu ruhmen hat, das alles nicht voraussehen konnte! Freilich! Aber was zu thun? Die Thorheit, wofern es eine war, ist nun einmal begangen, und ich bin es so uberdrussig, uberall wo ich mich blicken lasse, schon auf dreihundert Schritte weit, alle Zeigefinger und Spitznasen nach mir hingeluftet zu sehen, dass mich dieses Uebermass von Celebritat (unter uns gesagt) ein paar Monate eher als gewohnlich nach Aegina treiben wird. Doch es ist hohe Zeit, dir durch eine offenherzige Erzahlung aus dem Wunder zu helfen, worin ich deine Einbildungskraft schon zu lange schweben lasse.
Du erinnerst dich ohne Zweifel der Venus von Skopas, welcher ich in der ersten Bluthe meiner Jugend zum Urbild dienen musste. Skopas hatte mit meiner Bewilligung das Modell dieser Bildsaule behalten, aber (wie es zu gehen pflegt) durch die Zusage, keine Nachbilder davon zu machen, nicht so streng gebunden zu seyn vermeint, dass er sich nicht erlaubt hatte, deren mehrere zu verfertigen und als Ideale seiner eigenen Erfindung zu verhandeln. Zufalligerweise kam eines dieser Bilder nach Aspendus, einer ansehnlichen Stadt in Pamphylien (die du vielleicht auf deinen Wanderungen gesehen hast) und gerieth dort in die Hande eines reichen Mannes, der es unter andern von ihm gesammelten Kunstwerken in einer Halle seines Hauses aufstellte. Chariton, der einzige Sohn dieses Mannes, ein Jungling von siebzehn Jahren, und der letzte Sprossling eines alten um Aspendus wohl verdienten Hauses, hatte das seltsame Ungluck, in eine heftige Leidenschaft fur die marmorne Gottin zu fallen. Trotz aller Gewalt, womit der junge Mensch diese lacherliche Liebe zu bekampfen strebte, nahm sie von Tag zu Tag zu; und er verfiel nach und nach in eine Schwermuth, welche durch die Unmoglichkeit, seine Sehnsucht nach Gegenliebe jemals befriedigt zu sehen, zuletzt in ganzlichem Wahnsinn und unheilbarer Tollheit endigte. Der hartnackige aber sehr naturliche Eigensinn des verschamten Junglings, die Ursache seiner Krankheit schlechterdings niemand entdekken zu wollen, hatte ohne Zweifel nicht wenig beigetragen, dass es so weit mit ihm kam. Man ward nur desto aufmerksamer auf ihn, sein trauriges Geheimniss wurde ihm abgelauscht, und die gefahrliche Bildsaule auf die Seite gebracht, in Hoffnung dass eine so widersinnige Leidenschaft, wenn sie durch das Anschauen und Betasten ihres Gegenstandes nicht langer genahrt wurde, nach und nach von selbst erloschen musste. Aber gerade dieses Mittel vollendete das Ungluck, und die Raserei des armen Chariton stieg endlich auf den hochsten Grad. Jahrelang war die Kunst aller Arzneymanner in Pamfylien, Lycien und Karien an ihm zu Schanden geworden, als endlich ein zufallig nach Aspendus verirrter Arzt von Kos111 sich bewegen liess, den letzten Versuch an ihm zu machen, und auf den Einfall gerieth, ob nicht vielleicht ein lebendes Urbild der fatalen Bildsaule vorhanden seyn mochte, zu welchem der ungluckliche Jungling durch die Gewalt einer geheimen Sympathie unwiderstehlich hingezogen wurde. Denn man fand es unbegreiflich, dass ein blosses Phantasiewerk des Kunstlers eine so heftige Leidenschaft hatte bewirken konnen. Wiewohl nun die vermuthete Sympathie im Grunde nicht begreiflicher war, so ruhte doch der alte Charidemus (so nennt sich der Vater des Unglucklichen) nicht, bis er den Aufenthalt des Skopas entdeckt und ihm die Eroffnung abgedrungen hatte, dass die Venus, die so viel Unheil in dem Gehirne seines Sohnes anrichtete, ein getreues Nachbild der schonen Lais zu Korinth sey, deren Ruf von Sardes aus durch ganz Asien erschollen war. Sogleich ist des Vaters Entschluss gefasst; er miethet ein Schiff, lasst den Kranken und den Arzt an Bord bringen, und segelt mit dem ersten gunstigen Winde der Pelopsinsel zu. Man hatte ihm schon in Rhodus, wo er unterwegs anlandete, nicht verhalten, dass er zu Korinth grossere Schwierigkeiten finden wurde als er sich einzubilden schien. Man schilderte ihm in der Schonen, auf deren Hulfe er so sichre Rechnung machte, eine eben so stolze als reiche Hetare, deren Thur von der edelsten Jugend der ganzen Hellas vergeblich belagert werde; es ware, sagte man, eben so leicht, den Wind in einem Fischernetze zu fangen, als ihr die kleinste Gunsterweisung mit allem Golde des Paktols abzukaufen. Aber der Aspendier, dem es seinen einzigen Sohn galt, liess sich nicht abschrecken; kurz, er langte zu Ende des verwichnen Anthesterions112 glucklich im Kenchraischen Hafen an. Stelle dir vor, Aristipp, wie ich uberrascht wurde, als auf einmal ein unbekannter Fremder von ziemlich ehrwurdigem Ansehen vor mir erschien, mir unter vielen Entschuldigungen entdeckte wer er sey, und um Erlaubniss bat mir ein Anliegen zu eroffnen, von dessen Erfolg die Erhaltung seines einzigen Sohnes abhange. Aber als er mir nun vollends den klaglichen Fall selbst vortrug, und mich kniefallig bei allen Gottern beschwor, ihm meine Hulfe in dieser aussersten Noth nicht zu versagen kannst du mich tadeln, dass ich mir Gewalt anthun musste, um dem treuherzigen Aspendier, der Thranen ungeachtet, die uber seine eingefallenen Wangen herabrollten, nicht gerade ins Gesicht zu lachen? Ich raffte indessen doch in der Eile so viel Ernsthaftigkeit zusammen als nothig war, das Lachen noch zu rechter Zeit in ein holdes Lacheln zu verschmelzen, womit ich meiner Antwort bloss das Herbliche benehmen zu wollen schien. Was fur eine Hulfe, sagte ich, kannst du dir in einem so seltsamen Falle von mir versprechen? Ich verstehe mich nicht auf die Heilkunst; und besasse ich auch alle Kenntnisse eines Melampus113, Machaon und Podalirius, so ware noch immer die Frage, ob sie hinreichten das Wunder zu thun, das du von mir erwartest. O gewiss, rief er, vermagst du mehr als Melampus, Machaon und Podalirius, ja als Chiron und Aesculap und der Wundarzt der Gotter Paeon selbst. Unbegreiflich! versetzte ich mit einer so unschuldigen Miene, dass ihm alles was er noch sagen wollte, aus Verwunderung oder Verlegenheit, in der Kehle stecken blieb. Der Arzt, den er mitgebracht hatte (ein sehr verstandiger Mann, wie sich's in der Folge zeigte) eilte seinem Patron zu Hulfe, entschuldigte sehr ehrerbietig ihre Freiheit mich so unangekundigt zu uberfallen mit der Besorgniss abgewiesen zu werden, und schrankte sich auf die blosse Bitte ein, dass ich ihm die Gunst erweisen mochte, zu einer mir gelegenen Stunde anzuhoren, was er mir im Namen seines Patrons vorzutragen hatte. Bei dergleichen Anlassen pflegt meine Gutherzigkeit, oder wie du es sonst nennen willst, der Ueberlegung gewohnlich einige Schritte zuvorzueilen. Ich ersuchte also die Fremden, wofern sie nichts Besseres zu versaumen hatten, sich sogleich eine Wohnung in meinem Hause gefallen zu lassen, welches, wie du weisst, Raum und Bequemlichkeit genug hat, um zur Noth einen Persischen Satrapen zu beherbergen; und mein Erbieten wurde, nachdem sie sich so viel, als die Aspendische Urbanitat erforderte, gestraubt hatten, mit dankbarem Entzucken angenommen.
Sobald meine Gaste von dem angewiesenen Flugel des Hauses Besitz genommen hatten und gehorig bewirthet worden waren, liess der Arzt (der sich Praxagoras nennt, und ein Anverwandter und Schuler des beruhmten Hippokrates ist) sich erkundigen, ob es mir jetzt gelegen ware ihm ein geheimes Gehor zu verwilligen. Er wurde sogleich in mein Cabinet gefuhrt, und, wiewohl er ein gesetzter und schon etwas bejahrter Mann ist, schien er doch, da er sich allein mit mir sah, in einige Verwirrung zu gerathen, wusste sich aber sehr bald mit einer Bescheidenheit und guten Art herauszuziehen, die ein sehr gunstiges Vorurtheil fur ihn erweckten. Ich laugne nicht, fing er an, dass wir mit einer Art von Plan und Erwartung hierher gekommen sind; aber es bedurfte auch nichts als deinen ersten Anblick, um zu sehen dass von allem dem nicht mehr die Rede seyn konne. Alles, warum ich dich also im Namen des unglucklichen Vaters zu bitten wage, ist, dass es mir erlaubt werde, dich durch eine ausfuhrliche Darstellung unsers in seiner Art vielleicht einzigen Falles in den Stand zu setzen, den Grad des Mitleidens selbst zu bestimmen, den, wie ich nicht zweifle, die Gute deines Herzens uns nicht versagen wird.
Auf diesen hinterlistigen Eingang machte er mir nun, nachdem ich ihn mit aller geziemenden Holdseligkeit dazu aufgemuntert hatte, eine umstandliche und (lache nicht, Aristipp) wirklich ruhrende Erzahlung von der ganzen Geschichte der seltsamen Krankheit des jungen Charitons, wovon ich, da es mir nicht um einen Angriff auf deine Mildherzigkeit zu thun ist, zu dem, was ich dir von ihrem Ursprung und Fortgang bereits berichtet habe, nur so viel hinzu thun will, als des Zusammenhangs wegen nothig zu seyn scheint.
Nach mancherlei vergeblichen Versuchen, welche von verschiedenen Aerzten und Quacksalbern an dem zerrutteten Jungling gemacht worden, war es endlich demjenigen, unter dessen Aufsicht er sich gegenwartig befindet, gelungen, die Raserei, die ihm nur selten Ruhe liess, zu einer stillern Art von Wahnsinn herabzustimmen: so dass man wieder zu hoffen anfing, er konnte durch eine behutsame und schonende Behandlung vielleicht wiederherzustellen seyn. Seine Phantasie wurde zwar noch immer von einer einzigen Vorstellung tyrannisch beherrscht; aber sie nahm unvermerkt einen weniger unordentlichen Gang, und bestrebte sich eine Art von scheinbarem Zusammenhang in ihre Fiebertraume zu bringen. Das gewohnlichste war jetzt, dass er die Bildsaule, die all diess Unheil angerichtet hatte, mit einer wirklichen Person verwechselte, und in den hellern Augenblicken, die jetzt ofter als sonst kamen und langer dauerten, sich fest in den Kopf setzte, seine Geliebte sey ihm von einem feindseligen Damon oder boshaften Zauberer geraubt, und durch magische Kunste in ein Marmorbild verwandelt worden. Auf diesen Wahn hatte nun Praxagoras, nachdem einige andere Versuche, denselben zum Vortheil des Kranken zu benutzen, fehlgeschlagen, zuletzt den Plan gebaut, bei dessen Ausfuhrung ich Unschuldige (wie es scheint) die Hauptrolle spielen sollte. Er wusste unvermerkt die Einbildung in ihm zu erwecken, es lebe auf einer unbewohnten Insel des Griechischen Meeres eine machtige und wohlthatige Nymphe und Zaubrerin, durch deren Beistand er wieder zum Besitz seiner Geliebten gelangen konne. In dieser Hoffnung hatte sich der arme Chariton ziemlich ruhig zu Schiffe bringen lassen; wahrend der ganzen Reise war er meistens still und in sich selbst gekehrt geblieben, und nun, da er in dem Palast der magischen Nymphe angekommen zu seyn glaubte, schien er mit Ungeduld und argwohnischem Misstrauen, welche alle Augenblicke einen sturmischen Ausbruch besorgen liessen, des Erfolgs, worauf man ihn vertrostet hatte, gewartig zu seyn.
Praxagoras beschloss seine Erzahlung mit der nochmaligen Erklarung: dass sie alles, was in diesem so weit ausser dem gewohnlichen Wege liegenden Vorfall zu thun seyn mochte, meiner Weisheit und Grossmuth unbedingt uberliessen. Die Weisheit war hier zu viel, wirst du denken; wenigstens musste ich mich durch ein so feines Compliment aufgefordert fuhlen, diese Weisheit nun auch zu behaupten, die man mir so uneigennutzig geliehen hatte. Ich antwortete also nach einer kleinen Pause: wiewohl weder ich, noch mein Bild, noch der Bildhauer Skopas, von irgend einem Gerichtshof in der Welt fur dieses ohne Zuthun unsers Willens veranlasste Ungluck verantwortlich gemacht, und zu irgend einer Art von Vergutung desselben verurtheilt werden konnten, so fuhlte ich mich doch aus Menschlichkeit geneigt, und gewissermassen sogar verpflichtet, alles, was billigerweise von mir erwartet werden konnte, zum Troste des bedauernswurdigen Vaters beizutragen. Durch einen glucklichen Zufall (fuhr ich fort) befindet sich die Bildsaule, die wir nothig haben werden, eben hier in diesem Hause, da sie sonst in einem Gartensaale meines Landguts zu Aegina zu stehen pflegt. Wie meinst du, wenn wir einen Versuch machten, was ihr unverhoffter Anblick Aber beinahe hatte ich vergessen, dass ihr eine Zaubrerin mit ins Spiel gezogen habt, deren Erscheinung uns jetzt unentbehrlich ist, da der Kranke alle seine Hoffnung auf ihren Beistand baut. Auch diese ist gefunden. Es leben etliche junge Korinthierinnen unter meiner Aufsicht, von welchen eine ganz das ist, was wir nothig haben; ein schones Madchen, von prachtiger Gestalt, und reichlich mit jedem heroischen Reiz begabt, der sie zur Darstellung einer Medea oder Circe geschickt machen kann. Ich werde sie, weil Gefahr im Verzug ist, ungesaumt in der Rolle, die sie zu spielen hat, unterrichten, und sie in einem so blendenden Costume vor unserm Nympholepten erscheinen lassen, dass wir unsre gute Absicht schwerlich verfehlen werden.
Praxagoras konnte nicht Worte genug finden, mir fur meine edelmuthige Herablassung zu danken, und nachdem wir alles auf jeden Fall Nothige verabredet hatten, wurde sofort Hand ans Werk gelegt. Einer der grossten Sale des Hauses wurde zur Scene unsers Drama's eingerichtet, und eine Stunde der Nacht zur Auffuhrung angesetzt. Fur den Vater und deine narrische Freundin wurde ein Platz abgesondert, wo sie, ohne selbst gesehen zu werden, alles wahrnehmen konnten. Die Stunde kam. Bleich und abgezehrt wankte der arme Chariton von seinem Arzt gefuhrt heran; seine Gesichtsbildung schien mir ziemlich unbedeutend, aber nicht unedel, und durch die stille Schwermuth, die um seine lockichte Stirne hing, sogar ansprechend. Er schien beim Eintritt in den Saal uber die Scene, die ihm in einer kunstlichen Beleuchtung entgegen schimmerte, mehr erstaunt als erschrokken zu seyn. Euphorion, in einem prachtigen Anzug, einen funkelnden Gurtel um den Busen, eine kleine Strahlenkrone auf dem Haupte, und von reichgeschmuckten Nymphen umringt, auf einem erhohten Thron sitzend, war das erste was ihm in die Augen fiel. Er blieb plotzlich stehen, schaute bald mit fragenden Blicken auf die schone Zaubrerin, bald mit suchenden im Saal herum, wie im Zweifel ob er seinen Augen glauben durfe, und als ob er sich nach etwas umsehe, das hier vorhanden seyn musse. Tritt naher, Chariton, und sey ohne Furcht, sprach sie: ich habe dich in meinen Schutz genommen; der Rauber deiner Geliebten ist entwaffnet, ich gebe sie dir wieder. Siehe! Mit diesem Worte that sich ein Vorhang auf, der die Bildsaule bisher verdeckt hatte, und vermittelst eines andern, der plotzlich und ohne Gerausch herabfiel, schwand die Zaubrerin mit ihren Nymphen aus seinen Augen. Soll ich dir gestehen, Aristipp, dass die Bewegungen, wodurch sich die Gefuhle des besturzten Junglings bei Erblickung dieses Bildes ausdruckten, meiner Eitelkeit wirklich ein schmeichelhaftes Schauspiel gaben? Er blieb eine Weile wie in den Boden gewurzelt stehen, sah sich schuchtern und lauschend um, als ob er beobachtet zu werden furchte, trat dann naher hinzu, und stutzte wieder zuruck. Ein langer tiefer Seufzer schien ihm endlich Luft zu machen; zweifelhaft und nachsinnend betrachtete er das geliebte Bild, schien es auf einmal zu erkennen, und sturzte freudetrunken mit ausgebreiteten Armen auf dasselbe hin. Bist du es wirklich? hab' ich dich endlich wieder? rief er aus, und umklammerte die frostige Geliebte, als ob er mit ihr zusammenwachsen wollte. "Aber warum bist du so stumm? so kalt? so unempfindlich? Fuhlst du denn meine gluhenden Kusse nicht? Ach! sie haben mich betrogen! Du bist noch Marmor! Deine schonen Augen sind ohne Licht, kein Herz schlagt in diesem lieblichen Busen! Sie haben mich betrogen die Grausamen aber es wird ihnen nichts helfen! Ich fuhl' es, auch im Marmor liebst du mich diese todte Hand hat mich beruhrt dein Arm windet sich eiskalt um meine erstarrende Hufte o Dank, ihr Gotter! ich werde zu Marmor mit ihr!"
Es war hohe Zeit dass Praxagoras sichtbar ward, um einem Ruckfall in seine vorige Tollheit noch zuvorzukommen. Wir haben dich nicht betrogen, lieber Chariton, rief er ihm zu: noch eine kleine Geduld und du wirst glucklich seyn! Der Jungling stutzte, da er den Arzt, den er schon lange als seinen einzigen Freund anzusehen gewohnt war, mit offnen Armen auf ihn zueilen sah, und schien in einigen Augenblicken wieder zu sich selbst zu kommen. Sey gutes Muths, fuhr Praxagoras fort, indem er einen Arm um ihn schlang, und ihn unvermerkt von der Bildsaule entfernte; ein so schweres Werk, wie die Entzauberung deiner Geliebten ist, kann nicht in einem Augenblick zu Stande kommen; genug dass die machtige Alphesiboa, deine Beschutzerin, mit Eifer daran arbeitet, und zur einzigen Bedingung des glucklichen Erfolges macht, dass du dich noch eine kurze Zeit geduldest. Durch diese und dergleichen Zureden liess sich der junge Mensch nach und nach besanftigen; und so brachte ihn der Arzt mit guter Art wieder auf sein eigenes Zimmer, wo die Nacht zwar ohne Schlaf, aber doch unter ziemlich ruhigem Phantasiren voruberging.
Die Frage war nun, in einer abermaligen Rucksprache zwischen dem Arzt und der weisen Lais, wie die machtige Zaubrerin Alphesiboa in den Stand gesetzt werden konne, Wort zu halten. Dass die Bildsaule belebt werden musse, wenn Chariton von seinem Wahnsinn grundlich geheilt werden sollte, schien beiden etwas Ausgemachtes. Der Arzt gestand, dass anfangs grosse Fehler in der Behandlung des Kranken begangen worden. Damals, meinte er, ware durch ein paar geschickte Kunstgriffe leicht zu helfen gewesen. Aber nun, da es einmal so weit mit ihm gekommen Was nun zu thun? Ein dritter hatte eben dieselbe Antwort auf diese Frage in beiden Gesichtern lesen konnen. Es gab jetzt nur Einen Weg die Statue zu beleben, nur Eine Person die das Wunder verrichten konnte; ihr Name lag beiden auf der Zunge; aber er gehorte unter die unaussprechlichen Worte. Wer durfte der weisen Lais ansinnen, sich selbst zum Opfer der albernsten aller albernen Grillen des unartigen Bastards des Porus und der Penia114 darzustellen? Und wie war zu hoffen, dass sie sich aus blosser Menschlichkeit von freien Stucken zu einer so zweideutigen Heldenthat entschliessen wurde? Beide sahen einander mit einverstandenen Blicken an und schwiegen. Endlich losete deine schnellbesonnene Freundin den Knoten mit einem raschen Hieb und wer sonst hatte es thun konnen, wenn sie es nicht that? Auf irgend eine Art muss die Sache zu einem Ausgang gebracht werden, sagte sie. Sey du ruhig, Praxagoras; bereite deinen Kranken mit der guten Art, die dir eigen ist, zu einer glucklichen Begebenheit vor, und mich lass fur das Uebrige sorgen.
Mein erster Gedanke, als der Arzt sich wegbegeben hatte, war rathe, was? mein scharfsinniger Herr! Du wirst rathen: eine meiner Nymphen, etwa die schone Zaubrerin selbst (die mir wirklich an Grosse und Gestalt ziemlich ahnlich ist) in einem nur vom Monde schwach beleuchteten Zimmer unterzuschieben? In der That hast du meinen ersten Gedanken errathen; aber 115 du weisst ja? Oder konntest du dir im Ernst einbilden, deine Freundin Lais, bekanntermassen eine Art von Philosoph und von allem, was Vorurtheil und Leidenschaft heisst, freier als Sokrates und Plato selbst, sollte, wenn auch das Wunderbare keinen Reiz fur sie hatte, nicht wenigstens so viel Neugier haben, dem Spiele der Natur bei einer so ausserordentlichen und schwerlich jemals wiederkommenden Gelegenheit in der Nahe zuzusehen? Aber freilich! Man muss gestehen du hast Recht, Aristipp! Die schone Alphesiboa wurde sich vielleicht ohne grossen Zwang gefallen lassen Wir wollen sehen.
Die Entzauberung ist glucklich zu Stande gekommen, mein Freund. Die freundliche Gottin, die sich in alten Zeiten eines Cyprischen Bildners116 in einem ahnlichen Fall erbarmte, war so gefallig das Wunder zum zweitenmale zu verrichten. Erwarte keinen umstandlichen Bericht. Genug, das Marmorbild erwarmte, athmete, lebte auf, bekam eine Seele unter den Kussen des Glucklichen; und die Besorgniss, dass er vor lauter Entzucken uber ihre wiedergekehrte Seele die seinige in ihren Armen ausathmen mochte, war das Einzige, was der Gottin den Trost, ein so seltsames Abenteuer zu einem frohlichen Ausgang gebracht zu haben, beinahe verkummert hatte. Glucklicherweise fiel der neue Pygmalion bei Zeiten in einen tiefen zehnstundigen Schlaf, und beim Erwachen fand ihn der Arzt (der schon ein paar Stunden, vor seinem Bette sitzend, an der Lange seines Schlummers, der frischen Farbe seiner Wangen und dem weichen ruhigen Schlag seines Pulses sich ergotzt hatte) wie in ein neues Leben geboren. Er schien wieder in vollem Besitz seines Verstandes, so viel er dessen je gehabt haben mochte, und erinnerte sich des Vergangenen nur uberhaupt, wie eines schweren Traumes, dessen Umstande so ubel zusammenhingen, dass er Muhe hatte sich das Ganze klar zu machen. Aber, sagte er, wenn auch das ein Traum war, was mir diese Nacht begegnete, so wunschte ich mir wohl, ewig wie Endymion zu schlafen, um ewig so zu traumen. Zu grosserer Sicherheit zapfte ihm Praxagoras noch etliche Unzen Blut ab, mit dem Vorbehalt, ihn nach und nach durch gute Nahrung und edeln Wein wieder so viel zu starken, als ihm dienlich seyn mochte. Nicht wenig trugen vermuthlich zu Befestigung seiner Genesung auch die Grazien und Nymphen meines Hauses bei, welche (wie du bezeugen kannst) durch Schonheit, Talente, gefalliges Wesen und ungezwungene Sittsamkeit so ausgezeichnet sind, dass keine Gesellschaft fur sie zu gut und die ihrige fur niemand zu schlecht ist. Der junge Aspendier gefiel sich so wohl unter ihnen, dass er unvermerkt selbst immer liebenswurdiger ward.
Zwey Tage nach seiner Wiederherstellung gab uns seine erste Zusammenkunft mit mir ein Schauspiel, das eines Beobachters wie du werth gewesen ware. Ich hatte mich, um mit der Bildsaule des Skopas so wenig als moglich gemein zu haben, ausserst matronenmassig angezogen; uberdiess schien ich merklich grosser und stammiger und wenigstens zwanzig Jahre alter zu seyn, als das Ebenbild meines sechzehnten Jahres. Dem ungeachtet stutzte Chariton bei meinem Anblick, und eine mit Muhe zuruckgehaltene Ausrufung blieb zwischen seinen Lippen stecken. Doch schien er seinen Augen nicht zu trauen, und mit dem Gefuhl zu kampfen, welches ihm sagte, dass er mich anderswo gesehen habe. Es war nicht mehr als billig, dass ich ihm die Muhe, diess Gefuhl durch Reflexion zu ubertauben, auf alle Weise erleichterte, und den Zauber meiner weltberuhmten Reize durch den Anstand und Ernst einer Dame, welche schon neun Olympiaden uberlebt hat, so viel nothig seyn mochte, zu entkraften suchte. Diess wirkte zusehends, und in kurzem sagte mir seine ehrerbietige Zuruckhaltung, dass er die Ueberraschung des ersten Anblicks bloss einer zufalligen Aehnlichkeit beimesse. Die Richtigkeit dieser Vermuthung und die Vollstandigkeit der Genesung des jungen Aspendiers bestatigte sich, sobald sich dieser mit seinem Vertrauten wieder allein befand. Kannst du dir vorstellen, sagte er zum Arzt, dass mir beim ersten Anblick der Frau dieses Hauses beinahe etwas Albernes begegnet ware? Ich bemerkte wohl, erwiederte Praxagoras, dass du von einem Augenblick zum andern die Farbe verandertest. Wirklich, fuhr jener fort, sieht sie in einer gewissen Entfernung der Bildsaule meines fatalen Traumes so ahnlich, dass ich beinahe die Besonnenheit daruber verloren hatte. Dergleichen Aehnlichkeiten kommen haufig vor, versetzte der Arzt, und fallen immer zuerst in die Augen; aber bei genauerer Ansicht zeigt sich gemeiniglich eine so grosse Verschiedenheit, dass man sich wundert, sie nicht sogleich wahrgenommen zu haben. So ging mir's auch, sagte Chariton; es dauerte nicht lange, so kam ich mir selbst mit meiner Einbildung lacherlich vor; hoffentlich hat die schone Lais nichts davon gemerkt. Wenigstens ist zu glauben, versetzte Praxagoras, dass sie sich deine Verwirrung bloss aus dem Eindruck erklart hat, den sie gewohnlich auf jeden, den sie zum erstenmal anredet, zu machen pflegt. In der That, sagte der Jungling, hab' ich nie so viel Majestat mit so viel Anmuth gepaart gesehen. "Ich auch nicht, Chariton, wiewohl meine Augen dreissig Jahre alter sind als die deinigen."
Mit Einem Wort, Aristipp, die Cur ist glucklich vollendet; und da man nicht weiss, oder aus gebuhrender Bescheidenheit nicht wissen will, welcher Mittelsperson das Wunder zuzuschreiben ist, so tragen die Gotter (denen wir Sterblichen so haufig durch Dank oder Undank gleich viel Unrecht thun) unverdienter Weise den Dank allein davon.
Meine Gaste haben sich ohne Muhe bereden lassen, so viele Tage bei mir zu verweilen, als Praxagoras zu Befestigung der Gesundheit seines Pfleglings fur nothig hielt. Der Alte, der ein machtiger Kunstliebhaber ist, brachte seine meiste Zeit in der Werkstatt meines Freundes Euphranor zu, von dessen vielfachen Talenten er ganz bezaubert ist. Noch mehr ist es der Sohn von den Talenten der reizenden Euphorion, die sich ihm in kurzem so unentbehrlich zu machen gewusst hat, dass sie ihn mit Bewilligung des Vaters nach Aspendus begleiten wird. Sie ist zwar eine Waise und ohne Vermogen; aber sie stammt in gerader Linie von einem Schwestersohn des Tyrannen Kypselus117 ab, und ich werde dafur sorgen, dass sie nicht mit leeren Handen in das Haus des edeln Aspendiers einziehen soll.
Sie sind nun wieder abgereist, und wenige Stunden, nachdem sie den Hafen von Kenchrea118 verlassen hatten, wurde mir im Namen des Alten zu seinem Andenken eine schwere, zierlich gearbeitete goldne Schale, und, zum Austheilen unter meine jungen Freundinnen, verschiedene Stucke der schonsten Persischen und Phonicischen Zeuge zugestellt.
Meine Abreise nach Aegina ist auf einen der letzten Tage des Elaphebolions119 festgesetzt. Ausser einem Theil meiner Hausgenossen werde ich niemand mit mir nehmen als meinen Gunstling unter den hiesigen Kunstlern, Euphranor, welchen ich mit dir in Bekanntschaft zu bringen ungeduldig bin. Ich bin gewiss du wirst ihn lieb gewinnen, und den Vorzug billig finden, den ich ihm vor seinen Mitburgern gebe.
Unter den Vergnugungen, die ich in meiner kleinen Zauberinsel mit dir zu theilen hoffe, ist keine der geringsten, dass wir Platons Symposion zusammenlesen werden. Ich gestehe, dass die hohe Schonheit seines Geistes, und der Reichthum von Erfindungskraft und Witz, den er in diesem Drama von einer ganz neuen Art, mit der stolzen Freigebigkeit eines Krosus, der sich der Unerschopflichkeit seiner Quellen bewusst ist, so uppig verschwendet hat, mich beim ersten Durchlesen dermassen hinriss, dass ich es mehr verschlungen als gelesen habe. Wenn es ihm mit seiner Schwarmerei Ernst ist (woran ich fast zweifle), so ist er der liebenswurdigste Schwarmer, den ich mir denken kann; und ich wurde hinzusetzen, auch der gefahrlichste, fur mich wenigstens, wofern seine Physiognomie wirklich so schon und geistvoll ist, als sein Neffe Speusippus sie mir angepriesen hat.
31.
Aristipp an Lais.
Wenn ich dir etwas Schmeichelhaftes deines jungen Aspendiers wegen sagen sollte, schone Laiska, so wurde mir die Krankheit, nicht die Cur, den Stoff dazu geben mussen. Die letztere ware, aller Wahrscheinlichkeit nach, einer deiner Magde eben so gut gelungen als der Zaubrerin Euphorion, oder die Grazien mogen mir verzeihen dass ich sage der Gottin selbst. Jene hingegen konnte unter den Wundern, die deine Schonheit bereits gethan hat, vielleicht das grosste scheinen, wenn es wirklich ein grosseres Wunder ware, dass dein Bild einen jungen Aspendischen Schwachling rasend machte, als dass du selbst schon mehr als Einen Kopf, mit dem es sonst ziemlich richtig stand, aus dem Gleichgewicht geruckt hast. Der gute Chariton hatte, wie es scheint, von dieser Seite wenig zu verlieren; und da ein im Grunde doch nur sehr gemeines Hausmittel gegen ein schon ziemlich eingewurzeltes Uebel so gut und schnell bei ihm anschlug, so ist nicht zu zweifeln, es wurde, wenn man gleich Anfangs darauf verfallen ware, dem alten Aspendier und seiner Familie viel Kummer, Plackerei und Ausgaben, dem jungen ein paar verlorne Jahre, und dir einen sehr entbehrlichen Zusatz zu deiner Celebritat erspart haben. Aber was rede ich Undankbarer gegen die goldene Kette der menschlichen Thorheiten und Missgriffe, an welcher doch zuletzt alle unsere Schicksale, die glucklichen wie die unglucklichen, hangen? Hatte Tyche120 nicht in einer ihrer seltsamsten Launen die Kunstliebhaberei des alten Charidemus, den Zufall der eine Kopey der Skopassischen Venus in seine Hande spielte, die krankelnde Reizbarkeit seines verzartelten schwachsinnigen Sohns, die geringe Besonnenheit der ganzen Familie, den Unverstand der ersten Aerzte, und die auf blosses Gerathewohl gewagte lange Reise von Aspendus nach Korinth, hatte, sage ich, die Gottin des Zufalls diess alles nicht mit dem zarten Billigkeitssinn und dem philosophischen Vorwitz der schonen Lais so fein zusammengewebt, so wurde wahrlich so wurde Aristipp das Vergnugen nicht gehabt haben, seine Freundin einen ganzen Monat fruher zu sehen! Aber womit hat denn Aristipp verdient, auf so vieler wakkerer Leute Unkosten ganz allein und unentgeltlich die susse Frucht ihrer Thorheiten einzuernten? Antworte mir jemand auf diese Frage etwas Besseres als: so ist nun einmal die Weise der grossen Weltregentin! Gluck und Verdienst, Ausgabe und Gewinn, Genuss und Arbeit, scharf und gleich gegen einander abzuwagen, ist ihres Thuns nicht; und gegen einen, der die Fruchte seines muhsamen Fleisses unverkummert geniesst, ernten nenne wo sie nicht gesaet haben.
Da ich einmal im Zug bin uber die Geschichte deiner Aspendier zu moralisiren, so erlaube mir noch eine Bemerkung, die ich zwar schon hundertmal bei andern Gelegenheiten gemacht habe, die aber hier nothig ist, um der vorbelobten Gottin nicht mehr Ehre zu geben als ihr gebuhrt. Es braucht gewohnlich zu einer ungeheuern Masse von Narrheit und Albernheit nur ein einziges Kornchen Menschenverstand, und etwa noch, wenn du willst, ein kleines Tropfchen Gutherzigkeit, um, wenn alles zusammengegohren hat, am Ende ein leidliches, ja wohl gar gutes Resultat herauszukriegen; dafur wurde aber auch ohne diese wenigen Zuthaten ganz und gar nichts Taugliches herausgekommen seyn. So ist z.B. an dieser ganzen Aspendischen Geschichte nichts Verstandiges als der Einfall des Arztes Praxagoras, die Ursache des Wahnsinns des jungen Menschen zum Mittel seiner Genesung zu machen. Ohne diesen gescheidten Einfall wurde wahrscheinlich zuletzt die ganze wohlvornehme Sippschaft des ehrsamen Charidemus um ihr bisschen Verstand gekommen seyn. Aber gleichwohl, was hatte der gute Gedanke frommen konnen, wenn die schone Lais sich nicht in einem raschen Anfall von Gutherzigkeit entschlossen hatte, dem Uebel abzuhelfen, bevor sie noch das Mittel dazu in Ueberlegung genommen hatte.
Dem sey indessen wie ihm wolle, vergiss mir ja nicht, liebe Laiska, die prachtige Trinkschale des Aspendiers mit nach Aegina zu nehmen. Ich muss daraus auf die Gesundheit aller gescheidten Leute trinken, die durch schone Weiber zu Narren, und aller Narren die durch kluge Weiber gescheidt werden. Wie gross wohl die Anzahl der letztern gegen die erstern seyn mag? Das soll uns den Stoff zu einem Tischgesprach geben, woraus sich zur Noth ein Gegenstuck zu Platons Symposion drechseln liesse.
Ernsthaft gesprochen, muss ich gestehen, dass dieser neue Zwitter von Philosophie und Poesie, von seiner glanzenden Seite betrachtet, die Lobspruche verdient, die du ihm in der Entzuckung des ersten Genusses ertheilt hast. Neuheit der Erfindung, Reichthum des Stoffs, Schonheit der Form, angenehm abwechselnde Mannichfaltigkeit der Unterhaltung, sinnreiche Allegorien, zum Theil (wie die vom Ursprung des Eros aus der verstohlnen Umarmung des Porus und der Penia) in Milesische Mahrchen121 eingekleidet, feiner Atticism des scherzenden und edle Wurde des ernsten Tons; zu allem diesem (mit wenigen Ausnahmen) eine grosse Zierlichkeit der Sprache, und ein Rhythmus, den ich, in allem was nicht gesungen werden soll, dem Metrischen in mancherlei Rucksicht vorziehe, diess alles ist bisher, wohl in keinem Werke dieser Art in einem so hohen Grade vereinigt gesehen worden, und Protagoras, Gorgias, ja Prodikus selbst, haben hier ihren Meister gefunden. Ob ich gleich nie glauben werde, dass Plato (wie er von einigen beschuldigt wird) des lacherlichen Uebermuths fahig sey, durch seine Dialogen den alten Homer verdrangen zu wollen: so sehe ich doch, dass er, vom Geist einer edeln Ruhmbegier angeweht, der Welt in diesem Symposion zeigen wollte, dass er die Geheimnisse der Composition und Darstellung nicht weniger in seiner Gewalt habe, als die Kunstgriffe der Rhetorik und Dialektik; dass seine Phantasie fruchtbar genug sey, ihn mit einer Menge neuer Erfindungen, Bilder und Gedanken aller Art zu versehen; mit Einem Worte, dass es nur auf seinen Willen ankomme, ein eben so grosser Redner und Dichter als scharfsinniger Sophist und subtiler Begriffespalter zu seyn. Auch kann ich nicht umhin, dich auf einen Umstand aufmerksam zu machen, der in meinen Augen einer der grossten Vorzuge dieses Dialogs ist, namlich dass Sokrates in keinem andern sich selbst so ahnlich sieht; wiewohl ich damit nicht gesagt haben will, dass er nicht noch immer zu viel platonisirt, um fur den achten unverfalschten Sohn des Sophroniskus, wie wir ihn beide gekannt haben, gelten zu konnen. Alles indessen, was an diesem Werke zu loben ist, zusammengerechnet, hat unsre Literatur, meines Bedunkens, dadurch wieder einen grossen Schritt vorwarts gemacht, und wenn sie so fortfuhre, wurde man dereinst auch von unsern prosaischen Schriftstellern, wie von unsern Dichtern, Bildnern und Architekten, sagen konnen, dass sie andern Volkern und kunftigen Zeiten, wenigstens was die Form betrifft, nichts als das Bestreben ihre Werke, als die hochsten Modelle des Schonen in der Kunst, zu studiren und nachzuahmen ubrig gelassen hatten. Ob aber auch die Philosophie, insofern sie die Wissenschaft alles dessen ist, was der Mensch wissen soll und wissen kann, so viel dadurch gewonnen habe als seine Verehrer behaupten, und uberhaupt wie das ganze Werk, wenn es Stuck vor Stuck einer strengen Prufung unterworfen wurde, vor dem ernsten unbestechlichen Richtstuhl der Wahrheit und Sittlichkeit bestehen wurde, diess, liebe Laiska, ist eine andere Frage, deren Erorterung uns in eine so langweilige Analyse verwickeln wurde, dass ich die Entscheidung lieber bei einer zweiten ruhigern Lesung deinem eigenen Gefuhl uberlasse. Doch du willst ja, dass wir das Symposion unter den Augen deiner Grazien zu Aegina mit einander lesen? Auch das, meine Freundin! wenn uns diese freundlichen Gottinnen ja so abhold seyn konnten, uns keine angenehmere Beschaftigung zu geben.
Lege mir es ubrigens nicht zur Eifersucht aus, wenn ich dir sage, deine Phantasie schwarme, flattre und kreise so viel um diesen Plato herum, dass ich nicht dafur gut stehen mochte, dass er dir nicht, wie du jetzt scherzweise sagst, zuletzt noch in ganzem Ernste gefahrlich werden konnte. Wirklich weiss ich dir zu Verhutung dieses Unglucks keinen bessern Rath, als wieder einmal nach Athen heruber zu kommen, und dich mit deinen eigenen Augen von der Schonheit seiner Physiognomie und der Liebenswurdigkeit seiner Schwarmerei zu uberzeugen. Ich glaube selbst, wofern er sich's in den Kopf setzte, so artig und liebenswurdig gegen dich zu seyn als er konnte, eine Frau wie du wurde an ihrer ganzen Starke nicht zu viel haben, um sich seiner zu erwehren. Aber wenn die Gefahr aufs hochste gestiegen ware, brauchtest du auch nichts weiter als eine seiner Vorlesungen uber seinen Parmenides, Protagoras, oder Kratylus zu horen, um sogar den Cynischen Diogenes liebenswurdig zu finden, wiewohl seine Haare, seitdem er sie mit seinen Fingern kammt, nicht in der besten Ordnung sind.
Der schone Kleophron empfiehlt sich deinem Andenken. Er hat sich seit einiger Zeit so eifrig auf die Speusippische Philosophie gelegt, dass in wenigen Monaten eine kleine Luftveranderung in Aegina, wofern du die Gute hattest, ihn einzuladen, ihm ungemein zutraglich seyn durfte.
32.
Aristipp an Kleonidas.
Es ware schwer, bester Kleonidas, dir zu beschreiben, wie mir zu Muthe ward, als ich mich am dritten des letztverwichnen Munychions122 wieder in dem reizenden Landsitz unsrer Freundin befand, den ich seit dem Anfang des zweiten Jahres der funfundneunzigsten Olympiade nicht wieder gesehen hatte. Die neun Jahre, um die ich indessen alter geworden bin, haben ihm nicht nur allen Reiz der Neuheit wieder gegeben, sondern die Wirkung seines eigenen Zaubers noch durch tausend verwandte Erinnerungen verstarkt. Als ich an ihrer Hand zum erstenmal wieder in den Garten trat, tauchten plotzlich die Bilder der schonsten Gegenden und Lustorter, die ich binnen dieser Zeit gesehen hatte, in meinem Gedachtniss auf, und gewahrten mir, indem sie sich an die vor mir liegenden Scenen anschlossen, einen unbeschreiblichen Augenblick. Aber fast eben so plotzlich wurden sie wieder, wie morgenrothliche Duftgestalten von der aufgehenden Sonne, von dem lebendigern Gefuhl des Gegenwartigen verschlungen. Weder Panionions liebliche Gefilde, noch die zauberischen Hugel und Thaler von Lesbos, noch das Elysische Tempe hatte ich an ihrem Arm gesehen; in keinem von jenen zweimal die schonste der Horen mit ihr gefeiert, in keinem den Bund ewiger Freundschaft am Altar der Grazien mit ihr beschworen. Welchen magischen Glanz gossen alle auf Einmal erwachenden Bilder der Vergangenheit uber alles aus was ich sah, uber jede Stelle, die ich betrat! uber jede schattende Baumgruppe, unter welcher wir sassen, jede unter Blumengewinden hin schleichende Quelle, an deren Rande wir lustwandelten, jede dunkle Myrtenlaube, jede stille Grotte, die unsre glucklichsten Augenblicke unter den Zauberschleier des Geheimnisses bargen! Konntest du dich wundern, dass diess alles mein Gemuth in eine Stimmung setzte, die den Wunsch, mit welchem ich nach Aegina gekommen war, zu Hoffnung erhohte, und, da Lais selbst durch eine gewisse, mir an ihr ungewohnte Innigkeit ihres ganzen Betragens gegen mich, ahnliche Gefuhle zu verrathen schien, mich einige Tage lang glauben liess, es konnte mir vielleicht gelingen, ihr meinen Plan fur ihr kunftiges Leben unvermerkt als ihr eigenes Werk in die Seele zu spielen? Aristipp kann also auch schwarmen, wirst du denken? Ich gesteh' es, und lasse mir's nicht leid seyn; im Gegentheil, da ich die Gabe habe, dass eine getauschte Hoffnung fur mich nichts weiter ist als das Erwachen aus einem schonen Traum, so danke ich der Natur auch fur jeden Genuss, den sie mir in Traumen schenkt. Aber wozu hier diese voreiligen Betrachtungen, da alles noch so lachelnde Anscheinungen hat?
Unsre Freundin hat sich in den drei Jahren, die seit unserer Zusammenkunft zu Rhodus verflossen sind, so wenig verandert, dass ihre Schonheit vielmehr noch immer im Zunehmen zu seyn, und sogar von dem frischen Glanz der ersten Jugend nichts verloren zu haben scheint. Doch auch diess ist vielleicht nur ein tauschender Schluss von Gleichheit der Wirkung auf Gleichheit der Ursache; denn es ist nicht unmoglich, dass die grossere Sicherheit immer zu gefallen, und die grossere Vollkommenheit in der Kunst zu gefallen, das Wenige, was sie durch die Zeit verloren haben konnte, doppelt und dreifach ersetzt. Dem sey wie ihm wolle, gewiss ist dass ich sie noch nie so ausserst liebenswurdig, nie in einer so sanften, beinahe mocht' ich sagen zartlichen Stimmung gesehen habe, als in den ersten Tagen unsrer Wiedervereinigung. Sie schien sich nur in dem einfachsten landlichsten Anzug zu gefallen. Das Marmorbecken vor ihrem Schlafgemach, worein ein schelmisch lachelnder Amor das Wasser aus seiner umgekehrten Fackel giesst, vertrat diese ganze Zeit uber die Dienste der krystallenen Napfchen und Alabasterbuchsen, womit ihr Putztisch beladen zu seyn pflegt. Ein leichtes weisses Gewand, eine Rose in den kunstlos sich ringelnden Locken, ein Veilchenstrauss am Busen, waren ihr ganzer Putz. Kurz, sie spielte eine Art Arkadischer Schaferin aus der goldnen Zeit123, mit so viel Natur und Anmuth, als ob sie nie etwas anders gewesen ware. Sie schien in diesen glucklichen Tagen beinahe fur mich allein da zu seyn; und ich? du kennst meine Weise alles Gute (und wahrlich auch das Angenehme ist gut) dankbar anzunehmen und zu geniessen, ohne zu fragen, oder mir Kummer daruber zu machen, wie lang' es dauern werde. Aber wenn ich sage, dass in einer einzigen Dekade wie diese mehr Lebensgenuss ist, als in neunzig Jahren, wie man gewohnlich zu leben pflegt, so glaube ich keinen ubermassigen Werth auf sie gelegt zu haben.
Euphranor, der auf dem Fuss einer vertrauten Freundschaft mit ihr steht, und dieses Vorzugs in mehr als Einer Rucksicht wurdig scheint, hat eine Arbeit mitgebracht, womit er so eifrig beschaftigt ist, dass man ihn, ausser bei Tische, nur in seiner Werkstatt zu sehen bekommen kann. Vielleicht ist diess zwischen Lais und ihm so verabredet worden: doch halte ich ihn fur edel und bescheiden genug, aus eigner Bewegung die Rechte einer altern Freundschaft ohne Schelsucht anzuerkennen. Ueberdiess scheint mir ein geheimes Verstandniss zwischen ihm und einer von den Zoglingen unsrer Freundin vorzuwalten, wodurch ihm (wofern ich recht beobachtet hatte) die Tugend der Selbstuberwindung freilich so sehr erleichtert wurde, dass sie beinahe aufhorte verdienstlich zu seyn.
Euphranor ist ein eben so gelehrter als geschickter Kunstler; Bildner und Maler zugleich, beiden Kunsten mit gleicher Liebe zugethan, und in beiden gleich stark; was vielleicht Ursache seyn konnte, dass er in keiner die hohe Stufe der Vortrefflichkeit und des Ruhms erreichen wird, die ihm nicht fehlen konnte, wenn er sich einer von beiden allein widmete. Sein Kunstsinn will sich aber um so weniger auf ein einzelnes Fach einschranken lassen, da es ihm in allen gelingt, und die Abwechslung (wie es scheint) grossen Reiz fur ihn hat. Was er dermalen fur Lais arbeitet, ist ein goldner Becher, dessen Deckel, ein einziger herrlicher Sardonyx aus der Persischen Beute, mit halb erhobenen Figuren von grosser Schonheit von ihm geziert wird. Seit kurzem hat er angefangen, sich vorzuglich mit der Wachsmalerei zu beschaftigen, die er der lebhaftern Wirkung und grossern Dauerhaftigkeit wegen der gewohnlichen mit dem Pinsel vorzieht, und zu einem bisher noch nie gesehenen Grade von Vollkommenheit zu bringen hofft. Man tadelt an seinen Werken124, dass er die Kopfe, vornehmlich an seinen heroischen Figuren, zu gross mache, woruber man sich, wenn der Tadel gegrundet ware, um so mehr verwundern musste, da er ein Buch uber die Symmetrie geschrieben hat, und sich mit dem Fleiss, womit er diesen Theil der Kunst studirt habe, nicht wenig weiss. "Dass man," sagt er, "meine Kopfe zu gross findet, hat eine sehr naturliche Ursache: es kommt nicht daher, dass meine Kopfe zu gross, sondern dass der andern ihre zu klein sind. Uebermass taugt in allen Dingen nichts: aber was an jedem Dinge zu viel und zu wenig ist, lasst sich nicht durch eine einzige allgemeine Formel bestimmen. Schwerlich wird man mir beweisen konnen, dass ich in der Proportion meiner Kopfe uber die schone Natur hinausgehe; von dem gemein angenommenen Mass hingegen entferne ich mich geflissentlich, weil der Kopf unstreitig derjenige Theil ist, worin der Geist und Charakter an Menschen und Thieren sich am starksten und deutlichsten ausspricht; wiewohl ich nie vergesse, dass alle, auch die kleinsten Gliedmassen des menschlichen Korpers mehr oder weniger charakteristisch sind. Nur dann, wenn die Kopfe meiner Heroen durch das proportionelle grossere Verhaltniss, das ich ihnen gebe, nicht auch an Bedeutsamkeit und Energie gewinnen, verdiene ich Tadel, und diess ist noch auszumachen." Ob Euphranor Recht hat, uberlasse ich deinem Urtheil. Mir sind die Kopfe in den wenigen Werken, die ich von ihm gesehen habe, nicht grosser vorgekommen als sie seyn sollen. Aber das geubte und gelehrte Auge des Kenners misst freilich scharfer, als der Blick eines blossen Liebhabers.
Der junge Antipater, dem ich zur Belohnung seines Fleisses und guten Betragens das Gluck ein paar Monate bei der schonsten Frau unsrer Zeit zu leben nicht versagen wollte, hat bereits, ohne es zu wissen oder wissen zu wollen, so viele Eroberungen gemacht, als weibliche Wesen in diesem Hause sind. Lais selbst begegnet ihm mit ausgezeichneter Achtung, und lasst ihm seit einigen Tagen sogar ziemlich deutlich merken, dass ihr die Art des Eindrucks, den sie auf ihn mache, nicht gleichgultig sey. Ich habe ihn auf nichts vorbereitet. Er soll alles mit eigenen Augen sehen, und sich in allem nach seinem eigenen Gefuhl und Urtheil benehmen; und er sieht wirklich scharfer und betragt sich mannlicher, als man von einem Jungling seines Alters erwarten sollte. Ich verberge ihm so viel moglich, dass ich ihn beobachte, und erforsche nichts von ihm was er mir nicht von freien Stucken sagt. Bis jetzt habe ich noch keine merkliche Veranderung an ihm wahrnehmen konnen. Er spricht von dieser Frau, die noch alles, was in ihren Gesichtskreis gerieth, bezaubert hat, mit der ruhigen Bewunderung, womit er von einer schonen Bildsaule reden konnte, und scheint auch nicht mehr als fur eine Bildsaule fur sie zu fuhlen. Er begegnet ihr mit einer Ehrerbietung, womit eine Gottin zufrieden seyn konnte; lasst sich aber dadurch nicht abhalten, bei allen Gelegenheiten herzhaft andrer Meinung zu seyn als sie, und scheint weder die mindeste Ahnung zu haben, dass er ihr durch seine kaltblutige Unbefangenheit missfallen konnte, noch sich Kummer daruber zu machen, wofern diess wirklich der Fall ware.
Die Gewalt, welche die starkste ihrer Leidenschaften, der Stolz, ihr uber alle ubrigen gibt, macht es schwer zu sagen, was sie bei einem ihr so ganz neuen Betragen wirklich fuhlt; gewiss ist, dass man an dem ihrigen gegen ihn nicht das geringste Zeichen, dass sie sich dadurch beleidigt finde, bemerken kann. Je mehr sie sich ihm nahert, je vorsichtiger zieht er sich zuruck, und je mehr er sich zuruckzieht, desto eifriger verdoppelt sie ihre Bemuhungen ihn anzuziehen. Keines von beiden scheint auf das Spiel des andern Acht zu geben, sondern bloss das seinige zu spielen, und es ware seltsam genug, wenn eine so geubte Meisterin, mit so grossen Vortheilen in der Hand, zuletzt doch das Spiel an einen so unerfahrnen Gegner verlieren sollte. Dein junger Landsmann, sagte sie einsmals zu mir, ist in der That was du mich erwarten liessest; ich habe noch keinen Jungling von zwanzig Jahren, mit einem Apollonskopf auf Schultern eines Meleagers125, zugleich so trotzig und so schuchtern gesehen wie ihn. Er ist eine wahre Seltenheit. Nicht dass er mir darum weniger gefiele, fuhr sie lachelnd fort: aber meine narrische Phantasie hatte sich voreiligerweise auf etwas ganz anders eingerichtet als ob alle jungen Cyrener so dreist und zuversichtlich seyn mussten, wie mein Freund Aristipp in diesem Alter war! Du wirst ihn schon ein wenig aufmuntern mussen, sagte ich. "Meinst du? Sey unbesorgt, Aristipp! Es wird sich wohl geben. Ist doch Omphale mit dem Lowenund Drachenbezwinger Hercules fertig geworden." Aber diessmal hatte sie sich in ihrer Rechnung geirrt; es gab sich nicht. Antipater blieb kalt und zuruckhaltend, und schien es, zu meiner Verwunderung, immer mehr zu werden. Die arme Lais, der doch wahrlich nicht zuzumuthen war, sich so leicht uberwunden zu geben, sah sich, da es ihr weder im Costume einer Arkadischen Hirtin noch in ihrem gewohnlichen gelingen wollte, zuletzt genothigt, ihre reichsten Kleiderschranke und Juwelenkastchen aufzuschliessen, das ganze Belagerungszeug des Putztisches in Bewegung zu setzen, und die schlauesten Dienste ihrer aufwartsamen Grazien zu Verstarkung ihrer angebornen Reize zu Hulfe zu rufen. Sie erschien nun alle Tage in einer neuen Gestalt, bald im Glanz einer morgenlandischen Furstin, bald in der kunstlich nachlassigen uppigen Zierlichkeit einer gefalligen Milesierin; sie dramatisirte sich selbst in alle mogliche mythische Personen, und entwickelte in prachtigen Tanzspielen ihre feinsten Verfuhrungskunste als Selene und Aurora, Galatea und Ariadne, Leda und Io, kurz, zeigte sich unter allen Formen in allen Farben, in allen Arten von Licht und Helldunkel. Und wofur das alles? um den gedemuthigten Stolz ihrer sieggewohnten Schonheit an einem rohen jungen Halbwilden zu rachen, der wofern er ihr, wie alle andern Sterblichen, gleich beim ersten Anblick gebuhrend gehuldiget, d.i. den Verstand ein wenig verloren hatte, ihre Aufmerksamkeit schwerlich drei Tage lang fest gehalten haben mochte. Denn dass ich glauben sollte, sie habe mit allen diesen Vorkehrungen etwas andres beabsichtiget, als den Widerspanstigen erst zu uberwaltigen, und ihn dann, zur Strafe dass er ihr den Sieg so schwer gemacht, das ganze Gewicht ihrer Gleichgultigkeit fuhlen zu lassen, dazu kenne ich sie zu gut.
Damit es aber nicht das Ansehen habe, als ob das alles einem so unbedeutenden Menschen als Antipater, geschweige denn ihm allein gelte, hatte sie mehrere Tage vorher zu Argos, Trozene, Korinth, Megara und Athen, unter der Hand bekannt werden lassen, dass es ihr angenehm seyn wurde, wahrend ihres Aufenthalts auf dem Lande so viele gute Gesellschaft zu sehen, als die Schonheit der Jahreszeit und die Vergnugungen, womit sie sich und ihre Freunde zu unterhalten gedenke, nur immer nach Aegina zu locken vermochten. Du kannst dir leicht einbilden, mit welchem Wetteifer eine solche Einladung angenommen wurde, und welche Schwarme von mussigen Phaaciern und Penelopensfreiern126, deren Anspruche oder Wunsche sie aufzumuntern schien, herbeigeflogen kamen, in der Hoffnung die gefallige Laune der bisher so stolzen Schonen vielleicht diessmal zu ihrem Vortheil benutzen zu konnen. Antipater indessen schien an allen den Lustbarkeiten, die jetzt so rasch auf einander folgten, nur wenig Theil zu nehmen, und anstatt in einem so lebhaft unterhaltenen Feuer endlich zu schmelzen, vielmehr mit jedem Tage sproder und unempfindlicher zu werden. Ich gestehe, dass mir eine so hartnackige Kalte oder Zuruckhaltung an einem so kraftigen und ungeschwachten Jungling zu wenig naturlich schien, um nicht verdachtig zu seyn. Aber wohin ich auch meine Vermuthungen richtete, nirgends zeigte sich eine Spur, die mich auf den Grund seines unerklarbaren Benehmens hatte leiten konnen. Er selbst zeigte sich bei allem was vorging so ruhig, und schien eine ihm so naturliche Rolle zu spielen, dass ich mich endlich gezwungen sah, entweder das seltsame Problem unaufgelost zu lassen, oder anzunehmen, der junge Mensch besitze bereits so viel Starke des Charakters, dass er sein Verhalten gegen Lais bloss nach reinsittlichen Grundsatzen bestimme, und die Wurde unsers Geschlechts gegen die ubermuthigen Anmassungen einer von der Natur und dem Glucke allzu sehr verzartelten Hetare behaupten wolle, die ihr hochstes Vergnugen daran findet, so viel Sklaven als nur immer moglich vor ihren Triumphswagen zu spannen, und Begierden und Leidenschaften zu erregen, welche sie weder zu befriedigen gesonnen noch zu erwiedern fahig ist. Wahrscheinlich war eine solche Voraussetzung nicht; aber wenn ich irgend einem jungen Manne Stolz und Kaltblutigkeit genug, um so zu denken, und Starke genug, um ein dieser Denkart angemessenes Betragen sogar gegen eine Lais auszuhalten, zutrauen durfte, so war es Antipater.
Indessen hat sich's am Ende doch gezeigt, dass man in dergleichen Fallen am sichersten geht, wenn man zu ihrer Erklarung die naturlichste Ursache annimmt. Antipater hatte sie mir bisher verschwiegen, aus unnothiger Furcht, die schone Lais mochte Mittel finden mir sein Geheimniss abzulocken. Da ich ihm aber vor etlichen Tagen seines Heldenthums wegen eine kleine Lobrede hielt, konnte der wackere Jungling den Gedanken nicht ertragen, mich durch sein Schweigen um eine Achtung, die er nicht verdiene, zu betrugen; und so that er mir ein Gestandniss, wodurch mir nun freilich alles sehr begreiflich ward, und wovon ich nichts weiter sage, da er dir das Nahere selbst geschrieben zu haben versichert.
Lais belustigt sich inzwischen damit, sich durch eine ziemlich kostbare Selbsttauschung nach Sardes in die Zeiten ihrer hochsten Glorie zu versetzen. Von drei oder vier Kreisen hoffender und betrogener Anbeter umgeben, lebt sie wie eine unumschrankt regierende Konigin unter ihren Hoflingen, verschwendet das Persische Gold wie eine achte Griechin, und findet sich reichlich entschadiget, wenn sie sich in ihren Ruhestunden mit mir und Euphranor uber die Unterhaltung lustig macht, die ihr so viele verzauberte Gekken, Thoren und Narren von allen Altern, Standen, Charaktern und Figuren auf ihre eigenen Kosten verschaffen; wahrend diese vielleicht uber die Thorin lachen, die das eitle undankbare Vergnugen, ihre Liebhaber mit weit offnen Schnabeln in die leere Luft schnappen zu sehen, theurer erkauft, als eine andere an ihrer Stelle sich dafur bezahlen lassen wurde jedermann zufrieden nach Hause zu schicken. Uebrigens muss ich ihr nachruhmen, dass sie in der Kunst kleine Gunsterweisungen zu vervielfaltigen und weit uber ihren wahren Werth auszubringen, eine unubertreffliche Meisterin ist. Ware sie so gewinnsuchtig und raubgierig, als sie im Gegentheil freigebig und verschwenderisch ist, wahrlich mit diesem einzigen Talente konnte sie die reichste Person auf dem ganzen Erdboden seyn. Ueber den ungefugigen Antipater hat sie endlich ihre Partie wie eine weise Frau genommen. Sie bemerkt jetzt sein Daseyn nur selten; wenn es geschieht, betragt sie sich eben so unbefangen und verbindlich gegen ihn wie gegen jeden andern, scheint sich aber, so oft sie ihm etwa ein paar Worte sagt, nicht zu erinnern, ihn jemals zuvor schon gekannt zu haben.
Nach allem, was du bisher gelesen hast, lieber Kleonidas, ist es wohl uberflussig, dir zu sagen was aus meinem Anschlag auf die schone Lais geworden ist. Ich komme mir jetzt selbst mit meiner leichtglaubigen Treuherzigkeit gewaltig lacherlich vor, und gelobe der weitherrschenden Aphrodite Pandemos und allen ihren Grazien, mich in meinem Leben nie wieder so schwer an ihnen zu versundigen, um aus einer Lais, und wenn sie noch liebenswurdiger ware als diese, eine gute ehrliche Hausfrau machen zu wollen. Alles ist nun wieder zwischen uns wie es seyn soll, und wie es auf ihrer Seite immer war. Aber, wiewohl ich die Hoffnung, sie jemals nach meiner Idee glucklich zu sehen, auf ewig aufgebe, so erneuere ich doch zugleich den Schwur, so lange ich athmen werde ihr Freund zu bleiben. Da ihr mit dem Mehr, was ich fur sie zu thun fahig gewesen ware, nicht gedient ist, so ist diess das Wenigste was ich ihr schuldig bin.
Um dir eine Probe zu geben, wie wir uns in den zwei ersten Dekaden, so lange unsre Gesellschaft noch klein und auserlesen war, zu unterhalten pflegten, schicke ich dir die Abschrift eines grossen Briefes an unsern Freund Eurybates, der in diesem Jahr einer von den sechs Thesmotheten127 von Athen ist, und, dieser Wurde wegen, des Vergnugens den schonsten Theil des Jahres in Aegina zuzubringen entbehren musste. Dieser lege ich noch die Abschrift einer grossen Epistel bei, die ich von Lais, kurz vor unsrer Zusammenkunft in Aegina, erhielt. Sie enthalt die sonderbare Geschichte einer von ihr an einem jungen Aspendier verrichteten Wundercur; eines von den Abenteuern, die nur ihr begegnen, und woraus sich keine andere so wie sie zu ziehen wusste.
In drei Tagen kehre ich nach Athen zuruck, mit einer Art von dunkelm Vorgefuhl, dass ich zum letztenmal in Aegina gewesen bin.
33.
Aristipp an Eurybates.
Du verlangst, edler Eurybates, einen ausfuhrlichen Bericht uber ein symposisches Gesprach, welches vor einigen Tagen bei der schonen Lais vorfiel, und wovon dir, wie du sagst, dein Verwandter Neokles, der dabei gegenwartig war, gerade nur so viel habe sagen konnen, dass er dich nach einer vollstandigern Erzahlung lustern gemacht. Da du selbst einer von den Unsrigen gewesen warest, wenn die Pflichten der Wurde, die du in diesem Jahre bekleidest, dich nicht an Athen gefesselt hatten, so ist es nicht mehr als billig, deinen Wunschen entgegen zu kommen, und ich freue mich, dass mir mein Gedachtniss treu genug ist, dir, was du ohne deine Schuld versaumtest, mit sehr wenigem Verlust ersetzen zu konnen.
Erwarte aber (was dir Neokles auch gesagt haben mag) nichts, was mit Platons beruhmtem Symposion auch nur von fern in einige Vergleichung kommen, geschweige fur ein Gegenstuck zu diesem weitglanzenden Prachtwerke gelten konnte. Platons Symposion ist eine Art von Poem, wozu alle Musen beigetragen haben, und worin der Verfasser die ganze Fulle seiner Phantasie, seines Witzes und Attischen Salzes, seiner Wohlredenheit und Darstellungskunst, wie aus Amaltheens128 unerschopflichem Zauberhorn, auf seine Leser herabschuttet; ein bei nachtlicher Lampe mit grosstem Fleiss ausgemeisseltes, polirtes und vollendetes Werk, womit er uns zeigen wollte, dass es nur auf ihn ankomme, ob er unter den Rednern oder Dichtern, Sophisten oder Sehern seiner Zeit der Erste seyn wolle. Was ich hingegen dir mitzutheilen habe, ist ein zufalliges Tischgesprach unter einer kleinen Anzahl anspruchloser Freunde, denen es bloss um eine angenehme Unterhaltung, und (was in Rucksicht einer Vergleichung mit Platons Gastmahl noch schlimmer ist) nicht um Witzspiele, ironische Parodien, Milesische Mahrchen, und Offenbarungen aus der Geisterund Gotterwelt, sondern lediglich um schlichte nackte Wahrheit zu thun war. Du siehst also leicht, wie unermesslich weit ich hinter dem begeisterten Dichter des Agathonischen Siegesmahls129 zuruckbleiben musste, wenn ich der verwegenen Anmassung fahig ware, mich mit ihm in einen Wettstreit einzulassen. Ich werde, im eigentlichsten Sinn, ein blosser Erzahler dessen seyn, was an der Tafel unsrer Freundin, wahrend eines ziemlich frugalen Mahls und bei sehr kleinen, aber freilich desto ofter geleerten Bechern, gesprochen wurde. Nimm also vorlieb mit dem was ich zu geben habe, und ersetze dir selbst, indem du dich in Gedanken an den Platz deines Neokles nahe an die schone Wirthin legst, das Einzige, was meiner Erzahlung fehlt, um sie so anmuthig zu machen, als das Gesprach selbst, dieses kleinen Umstandes wegen, dem jungen Neokles vorkommen musste.
Es traf sich damals eben glucklicherweise, dass die Gesellschaft viel kleiner war, als sie gewohnlich bei unsrer gastfreien Freundin zu seyn pflegt. Ausser ihr selbst und mir war niemand zugegen als Euphranor (den du kennst), dein Neokles, mein Landsmann Antipater, und der Arzt Praxagoras, der auf seiner Ruckreise von Aspendus sich eine Pflicht daraus machte, zu Aegina anzulanden, und der schonen Lais von dem guten Fortgang ihrer an dem jungen Chariton verrichteten beruhmten Wundercur Nachricht zu ertheilen. Lais hatte, um uns Stoff zu einem kurzweiligen Tischgesprach zu verschaffen, Platons Gastmahl von einem trefflichen Anagnosten130, den sie in Diensten hat, vorlesen lassen. Sie hatte bei keiner andern Leserei ihre Absicht weniger verfehlen konnen. Neokles und Euphranor eiferten ordentlich in die Wette mit ihr, wer es dem andern in Lobpreisung der Schonheiten dieses Meisterstucks zuvorthun konnte; und es wurden eine Menge feiner Sachen gesagt, die ich dir nicht vorenthalten wurde, wenn sie nicht, durch den Verlust des lebendigen Vortrags im Moment, auch zugleich ihre Grazie, und mit dieser ihren grossten Werth verlieren wurden. Unter andern wollte Lais, dass jedes von uns auf einem kleinen Tafelchen bemerken sollte, welches von den Stucken, woraus das Ganze, gleich einer grossen Tapezerei, zusammengesetzt ist, ihm in Rucksicht auf die Kunst der Ausarbeitung am besten gefalle. Euphranor erklarte sich fur die Rede des Aristophanes, in welcher er alle Zuge, die den eigenen Charakter der Muse dieses komischen Dichters ausmachen, mit der feinen Schalkheit einer allenthalben durchschimmernden Ironie, so meisterlich nachgeahmt zu finden glaubte, dass Aristophanes selbst es schwerlich besser hatte machen konnen. Praxagoras stimmte fur die Rede des Agathon, als die urbanste und launigste Verspottung der Manier des beruhmten Rhetors Gorgias, welchen Agathon zum Muster genommen zu haben schien. Neokles war fur den Pausanias, Lais fur die Hierophantin Diotima, Antipater fur den Alcibiades. Ich, um sicher zu seyn, dass ich mit keinem andern zusammentrafe, gab meine Stimme dem Eryximachus; mit der Einschrankung, dass ich seine Rede, in Ansehung des reichhaltigern und solidern Stoffes allen ubrigen vorziehe, wiewohl ich gestehen musste, dass sie der gezwungen witzigen Einkleidung und des flachen Ausdrucks wegen die schlechteste von allen sey. Jedes von uns hatte diess und das zu Behauptung seiner Meinung vorzubringen, bis wir uns endlich alle vereinigten dem Antipater Recht zu geben, und den letzten Act, wo der Sohn des Klinias, mit einem larmenden Gefolge von lockern Zechgesellen, trunken und mit Blumenkranzen und Bandern behangen in den Saal hereingesturmt kommt, und alles was darauf folgt, bei weitem fur das Beste am ganzen Werke zu erklaren.
Von dem Augenblick an, sagte Antipater, da Alcibiades auftritt, weht sein Genius durch den Rest des Dialogs; alles ist freie zwanglose Natur, Feuer, Jugendkraft und uppige Lebensfulle; auch halt' ich es fur unmoglich, von diesem ausserordentlichen Jungling, wie er wirklich war, und (nach allem, was wir von ihm wissen) gewesen seyn muss, ein Bild aufzustellen, das mit so viel Freiheit und Leichtigkeit richtiger und fester gezeichnet, lebhafter gefarbt, zarter schattiert und leichter gehalten ware; wenn ich anders in Gegenwart eines Kunstlers mich so kunstmassig ausdrucken darf.
Das darfst du, versetzte Euphranor, indem er ihm traulich die Hand schuttelte; und wenn du hinzusetztest: diese Darstellung des Alcibiades verdiene der Kanon aller kunftigen Dichter zu seyn, welche die Menschen, wie sie sind, schildern, und doch dem Gesetz der Schonheit, das alle Kunstler bindet, nichts dabei vergeben wollen; so wurde ich ohne Bedenken behaupten, dass du die Wahrheit gesagt hattest.
L a i s . Indessen ist nicht zu laugnen, dass die Alcibiades und ihresgleichen durch diese kunstliche und aufs feinste in einander verflosste Mischung der auffallendsten Unarten und Untugenden mit den schimmerndsten Naturgaben, ja sogar mit allem was das liebenswurdigste und schatzbarste am Menschen ist, und durch diese unwiderstehliche Grazie, die ihren Lastern selbst etwas Gefalliges und Liebreizendes gibt, zu den gefahrlichsten aller Menschen wurden. Wofern uns also jemand einwendete: wenn die Dichter durch das Gesetz der Schonheit verpflichtet waren, die lasterhaften und hassenswurdigen Personen, die sie uns darstellen, immer so zu schildern, dass es uns unmoglich ware, ihnen nicht, mehr oder weniger, gut zu seyn wie der Fall wirklich beim Alcibiades des Plato ist so wurden ihre Werke, je vortrefflicher sie in Ansicht der Kunst waren, desto verderblicher fur die Sitten, und also, in Rucksicht auf das allgemeine Beste, desto verwerflicher werden; was konnten wir ihm antworten?
P r a x a g o r a s . Ich sollte denken, es ware eben so moglich als der Humanitat gemass, das Laster, als das allein Hassenswurdige, von der Person, die als Mensch immer liebenswurdig ist, so zu trennen, dass die Liebe zur Tugend nichts dabei verlore, wenn wir gleich (was ehmals der Fall des Sokrates war) sogar einen Alcibiades liebten.
A r i s t i p p . Diese Trennung mag in der Speculation leicht genug seyn; aber ich zweifle dass im wirklichen Leben die Liebe zur Person uns nicht immer geneigt machen werde, ihre Untugenden zu ubersehen, oder, wenn wir sie auch gewahr werden, zu entschuldigen; bis wir nach und nach so weit kommen, sie mit ihren guten Eigenschaften zu vermengen, oder fur blosse Schattirungen derselben anzusehen, und unter dem Schleier der Grazie zuletzt sogar liebenswurdig zu finden. Wenn diess wirklich der Fall ware, mochte es wohl kaum moglich seyn, dass unser Abscheu vor der Untugend selbst sich nicht eben so allmahlich verminderte, oder wenigstens dass die Nachsicht gegen die Untugenden der geliebten Person uns eben so duldsam gegen unsre eigenen machte.
N e o k l e s . Die Liebe ware also nicht immer, wie Plato sagt, Liebe des Schonen, wofern es moglich ware, auch das Hassliche an der geliebten Person zu lieben?
A r i s t i p p . So scheint es, und ich denke nicht dass Platons Ansehen hier in Betrachtung kommen kann; denn es herrscht durch sein ganzes Symposion eine so auffallende Vieldeutigkeit in dem Sinne, worin er die Worter Liebe und lieben gebraucht, dass es schwer ist, sich seiner wahren Meinung gewiss zu machen.
Diese Rede schien allen Anwesenden aufzufallen, und sie brachte uns unvermerkt auf die Frage: was denn eigentlich der Zweck des philosophischen Dichters des Symposions bei diesem aus so seltsam contrastirenden Theilen zusammengesetzten Werke gewesen seyn konne?
Der Versuch diese Frage zu beantworten, fuhrte eine etwas genauere Zergliederung desselben herbei, die uns beinahe das einhellige Gestandniss abdrang: dass diese so allgemein bewunderte Composition mehr einem bunten morgenrothlichen Duftgebilde als einem festen und bewohnbaren Gebaude ahnlich sey.
Da wir das Symposion diesen Abend (vermuthlich nicht zum erstenmale) gehort und also noch ganz frisch im Gedachtniss haben, sagte Praxagoras, so lasst uns, jedes sich selbst, ehrlich und offenherzig gestehen, wie viel oder wenig Wahres, eine scharfere Prufung Bestehendes und im Leben Brauchbares wir darin gefunden? Ob uns alle diese Lobreden, Hypothesen und Allegorien auf und uber den vorgeblichen Gott oder Damon Eros, die uns in diesem Gastmahl131 in so mancherlei Tonarten vordeclamirt, vorgescherzt und vorprophetisirt werden, wirklich befriedigende Aufschlusse uber die Natur, die Eigenschaften und die Wirkungen der allgemeinsten und gewaltigsten, wohlthatigsten und verderblichsten, tragischsten und komischsten aller Leidenschaften geben? Ja, ob sich uberall irgend ein aus dem Ganzen hervorgehendes Resultat, welches als der Zweck des Verfassers betrachtet werden konne, darin entdecken lasse? Lasst mich in dieser Rucksicht einen Versuch machen, ob ich diesen grossen reich und zierlich gestickten Peplos132 unter einen Gesichtspunkt bringen konne, aus welchem er sich, wo nicht auf Einen Blick ubersehen, doch wenigstens in der Vorstellung leichter zusammenfassen und beurtheilen lasse. Alle nickten ihm ihre Einstimmung zu, und er begann folgendermassen:
"Eine bei dem Dichter Agathon versammelte Gesellschaft, in welcher Sokrates (wie in allen Platonischen Dialogen) die Hauptfigur vorstellt, ist ubereingekommen, eine von Rednern und Dichtern bisher vernachlassigte Lucke auszufullen, und dem Liebesgott, Mann vor Mann, nach Vermogen eine Lobrede zu halten.
Die Rede des schonen Phadrus, der den Reihen anfuhrt, ist beim Tageslichte besehen, nichts als eine spielerhafte rhetorische Schulubung, deren Tendenz noch zum Ueberfluss unsittlich ist, da sie lediglich darauf ausgeht, die Paderastie nur nicht gar zum hochsten Gute des Menschen, und die Willfahrigkeit des Geliebten gegen den Liebhaber zu einer in den Augen der Gotter selbst hochst verdienstlichen Sache zu machen.
Der auf Phadrus folgende Pausanias scheint durch Unterscheidung eines zwiefachen Amors etwas Vernunftigeres auf die Bahn bringen zu wollen als sein Vorganger; aber seine Rede dreht sich grosstentheils um schwankende Begriffe. Auch ihm ist die Paderastie so sehr die einzig rechtmassige Art von Liebe, dass er es seinem gemeinen Amor (Eros Pandemos) sogar zum Vorwurf macht, dass die Verehrer desselben Weiber nicht weniger als Manner liebten; und wenn er gleich zu Hebung des anscheinenden Widerspruchs zwischen dem Gesetz und Herkommen, welche bei den Athenern den Knabenliebhaber auf alle Weise begunstigen, und der Sitte, die es dem Geliebten zur Schande macht dem Liebhaber zu willfahren mit gutem Fug behauptet, die Liebe sey an sich weder gut und ehrsam, noch bos' und schandlich, sondern werde jenes bloss durch eine edle, dieses durch eine schandliche Art zu lieben: so verderbt er doch alles wieder, indem er will, dass die geliebten Junglinge zwar nur tugendhaften Liebhabern willfahren sollen, aber ihnen dafur dieses Willfahren zu einer ordentlichen Pflicht macht, und also einen an sich selbst verwerflichen Missbrauch zu veredeln, und sogar zu einer Belohnung der Tugend oder des Verdienstes zu machen sucht.
Die hierauf folgende Rede, worin der Arzt Eryximachus die Theorie des Pausanias von dem zwiefachen Eros mit vieler Spitzfindigkeit generalisirt, und uberall, sowohl in der Natur als in den Kunsten, sogar in der Arzneikunst, den Kampf und Sieg des himmlischen Amors oder der Liebe der Muse Urania uber den gemeinen, oder die Liebe der Muse Polymnia, zur wirkenden Ursache alles Schonen und Guten macht, diese ganze Rede ist von Anfang bis zu Ende ein gezwungenes Witzspiel mit doppelsinnigen Worten und Metaphern, wodurch nichts weder klar gemacht noch bewiesen wird. Man sieht nicht, womit die arme Muse Polymnia (die er eigenmachtig mit der Aphrodite Pandemos verwechselt) es verschuldet hat, dass er sie ich weiss nicht ob zur Mutter oder zur Buhlin seines Allerweltamors herabwurdigt; und wiewohl der redselige Arzt eine Menge bunter Luftblasen zu Lob und Ehren seines Uranischen Eros platzen lasst, so tragt doch auch er kein Bedenken, die Lehre seines Vormanns von der schuldigen Willfahrigkeit des Geliebten gegen einen artigen und wohlgesitteten Liebhaber zu einer moralischen Maxime zu erheben; ja die geliebten Junglinge haben, seiner Meinung nach, ihrer Pflicht schon genug gethan, wenn sie nur die Absicht hegen, die Liebhaber durch ihre Gefalligkeit tugendhafter zu machen.
An dem possierlich lappischen und nicht sehr zuchtigen Mahrchen von den ursprunglichen Doppelmenschen einerlei und beiderlei Geschlechts, und ihrem Uebermuth gegen die Gotter, und dem glucklichen Einfall Jupiters sie in der Mitte von einander zu spalten, mit der Bedrohung, wenn sie noch nicht gut thun wollten, sie noch einmal zu spalten, so dass sie alle nur auf Einem Beine herum hinken mussten u.s.w., an dieser Posse, sage ich, ist schwerlich etwas anders zu ruhmen, als dass sie (nebst der daraus abgeleiteten witzelnden Erklarung der verschiedenen Phanomene der Liebe, in der niedrigsten Bedeutung dieses Wortes) mit vieler Schicklichkeit dem Aristophanes in den Mund gelegt wird; wiewohl wir nicht die mindeste Ursache haben, dem Plato die Ehre der Erfindung abzusprechen. Jedes ernsthafte Wort, das ich uber diesen symposischen Spass verlieren wollte, ware zu viel; als Spass mag er indessen bei einem Trinkgelag und unter lauter Mannern von Athen, d.i. (nach der Behauptung des Aristophanischen Adikos Logos133) unter lauter Euryprokten134, an seinen Ort gestellt bleiben.
Bei dem prosaischen Lobgesang, welchen der Dichter und Gastmahlgeber Agathon nunmehr dem Liebesgott zu Ehren anstimmt, kann Plato schwerlich eine andere Absicht gehabt haben, als den Sophisten Gorgias durch eine bis zur Carricatur (wiewohl von der feinern Art) getriebene Nachahmung seiner Manier lacherlich zu machen; und dass er diese Absicht wirklich hatte, lasst das ironische Lob, welches Sokrates der so zierlich gedrechselten und prachtig herausgeputzten Puppe ertheilt, nicht bezweifeln.
Dieser, nachdem er seine Bedingungen mit den ubrigen Symposiasten gemacht hat, nimmt nun das Wort, und verwandelt den ganzen, mit so schwarmerischem Beifall aufgenommenen Agathonischen Paan auf einmal in Rauch und Dampf, indem er ihm beweist, dass an allen den Tugenden, die er seinem Eros, als dem schonsten, gerechtesten, tapfersten, weisesten und besten aller Gotter, nachgeruhmt habe, kein wahres Wort sey. Denn Eros sey weder schon, noch gut, noch tapfer, noch weise, noch ein Gott, sondern ein blosser Damon, den seine Mutter Penia (eine von Plato erschaffene Gottin der Durftigkeit) im Drang des Bedurfnisses von dem nektartrunknen Gott der Betriebsamkeit Poros im Gottergarten aufgelesen; der, vermoge dieser Abstammung, alle guten und schlimmen Eigenschaften seiner Erzeuger in sich vereinige, und an welchem noch das Beste sey, dass er, von einem unwiderstehlichen Trieb zum Schonen und Guten hingerissen, weder Rast noch Ruhe habe, bis er sich mit demselben vereinige, und dadurch hinwieder der Erzeuger von schonen und guten Kindern, namlich edeln Gesinnungen, Thaten und Bestrebungen, werde. Plato scheint sehr gut gefuhlt zu haben, dass es sich nicht wohl geziemt hatte, einen Mann wie Sokrates diese schonen Dinge, zu deren Kenntniss ein Sterblicher mit blosser Hulfe seiner funf Sinne und seiner Vernunft nicht gelangen kann, in seiner eigenen Person vorbringen zu lassen. Er machte also, mit eben dem feinen Sinn fur das Schickliche, womit er die komische Hypothese von den Doppelmenschen dem Aristophanes beilegt, den Sokrates zum blossen Erzahler einiger zwischen ihm und einer gewissen Seherin Diotima vorgefallener Gesprache uber die wahre Natur der Liebe, und die Art und Weise, wie dieser Damon die Seelen auf der Leiter des materiellen Schonen zum Wissenschaftlichen und Sittlichen, und von diesem zum bloss Intelligibeln emporfuhre; denn das Meiste, was er diese Diotima (als seine vorgebliche Lehrmeisterin in Erotischen Dingen) vorbringen lasst, konnte mit Wahrscheinlichkeit und Fuglichkeit keiner andern Person als einer Enthusiastin, die an ubernaturliche Kenntnisse der gottlichen Dinge Anspruch machte, in den Mund gelegt werden. Schade nur, dass wir in dem Unterricht, den diese Mystagogin135 ihrem gelehrigen Schuler ertheilt, eben denselben Doppelsinn wieder finden, worin (wie Aristipp bereits bemerkt hat) die Worter Eros und eran in diesem ganzen Dialog zwischen den zwei sehr heterogenen Bedeutungen der reinen Liebe und des blossen Begehrens immer hin und her schwanken; ein Doppelsinn, wodurch alles Wahre und Praktische, was sie uns zu lehren scheint, indem wir es erfassen wollen, uns unvermerkt wieder durch die Finger schlupft. Das allerschlimmste indessen ist, dass nachdem die Seherin, die so viel sieht was sonst niemand sehen kann, uns zu Erwartung der herrlichsten Offenbarungen uber das selbststandige Urschone berechtigt hat, zu welchem wir von einer ganz neuen Art von idealischer Paderastie, als der untersten Stufe, durch die ganze materielle und intellektuelle Welt emporsteigen sollen, uns gleichwohl am Ende nichts geoffenbaret wird, als dass dieses Urschone (welches Diotima doch fur den eigentlichen Gegenstand und das hochste Ziel der Liebe ausgibt) weder mehr noch weniger als das Parmenideische Eins und All, das Platonische Wirklichwirkliche, der Hermetische Cirkel, dessen Mittelpunkt uberall, und dessen Umkreis nirgends ist, mit Einem Worte, das Unendliche sey; welches aber erstens, da es keine Form hat, eben so wenig das Urschone als der Urcirkel oder das Urdreieck seyn kann; und zweitens, da es (ihrem eigenen ehrlichen Gestandniss nach) weder von den Sinnen erfasst, noch von der Einbildungskraft dargestellt, noch vom Verstande begriffen werden kann, ganzlich ausser unserm Gesichtskreise liegt, und also fur uns eben so viel ist als ob es gar nicht ware."
"Ich will es nun euerm eigenen Scharfsinn und Urtheil uberlassen, setzte Praxagoras hinzu, was fur einen Zweck der gottliche Plato mit diesem geistigen Gastmahl beabsichtigt haben konne, und ob ihm grosses Unrecht geschahe, wenn man es mit einem Zaubermahl vergliche, wo die Gaste, nachdem sie ihre Kinnbacken ein paar Stunden lang weidlich spielen liessen, und von einer Menge der kostlichsten Schusseln gesattigt zu seyn glaubten, am Ende die Entdekkung machen, dass sie nichts als Luft gegessen haben, und hungriger von der prachtigen Tafel aufstehen, als sie sich um dieselbe gelagert hatten."
Wenn dem so ist, wie ich selbst zu besorgen anfange sagte Lais lachelnd, so hatte der Zauberer wohl verdient, dass wir eine kleine Rache an ihm nahmen. Wie wenn wir unser heutiges Symposion zu einem Gegenstuck des seinigen machten, und anstatt dem leidigen Amor Lobreden zu halten, uns vereinigten, ihm der Reihe nach alles Bose nachzusagen, was sich, ohne ihm das kleinste Unrecht zu thun, von ihm sagen lasst? Was meinst du, Euphranor?
E u p h r a n o r . Es hiesse, daucht mich, die Rache, anstatt an Plato, an dem armen Amor nehmen, der eine so unfreundliche Behandlung am Ende doch weder an dir, schone Lais, noch (wie ich hoffen will) an irgend einem von uns andern verschuldet hat.
L a i s . Wie, Euphranor? Wenn nun auch wir fur unsre Person uns nicht uber ihn zu beklagen hatten, sollen wir so selbstsuchtig seyn, ihm alles tragische Unheil und Elend zu verzeihen, das er seit dem Trojanischen Kriege, und lange vorher, da wir arme sterbliche Weiber noch so viel von den Nachstellungen und Gewaltthatigkeiten der Gotter auszustehen hatten, im Himmel und auf Erden angerichtet hat?
N e o k l e s . Dafur legen wir alles Gute, Schone, Angenehme, Frohliche, Komische und Possierliche, wovon er ebenfalls von jeher der Urheber und Anstifter war, in die andere Wagschale, so wird sie, wenn auch das Uebergewicht nicht auf dieser Seite seyn sollte, allem Unheil, das die schone Lais so sehr zu Herzen nimmt, wenigstens das Gegengewicht halten. Und rechnest du die vielen herrlichen Tragodien fur nichts, die wir noch nebenher damit gewonnen haben?
A n t i p a t e r . Auch ohne diess ist ja schon Platons Pausanias allen fernern Beschwerden und Wehklagen uber die Liebe durch die gluckliche Entdeckung zuvorgekommen, dass es, so wie zweierlei Aphroditen, auch zweierlei Amorn gebe. Alles Tragische und Komische, was der Liebe nachgesagt werden kann, kommt auf Rechnung des Eros Pandemos und seiner Mutter der Muse Polymnia; beide hat uns Plato selbst schon preisgegeben, und das Bose, was sich von ihnen sagen lasst, wurde weder neu noch angenehm zu horen, noch von irgend einem Nutzen seyn.
L a i s . Das kame auf eine Probe an, mein junger Freund. Von dir selbst mag was du sagst immerhin gelten; denn in der That scheint dir weder der himmlische noch der Allerwelts-Amor, noch irgend ein anderer wofern es ihrer noch mehrere gibt, bisher weder eine Stunde von deinem Schlaf, noch eine Rose von deinen Wangen gestohlen zu haben. Antipater errothete, und schien ein wenig verlegen; ich musste ihm also zu Hulfe kommen.
A r i s t i p p . Mich daucht, schone Lais, du hast ein Wort gesprochen, das uns uber die Liebe auf einmal ins Klare und dich selbst ausser aller Gefahr setzt, fur undankbar gehalten zu werden, wenn du etwa Lust hattest, eine Schmachrede auf sie zu halten.
L a i s . Diese Lust hat mir dein junger Landsmann schon vertrieben, Aristipp; und ich bin ihm Dank dafur schuldig. Denn meine Schmachrede wurde am Ende doch schwerlich viel anders ausgefallen seyn als Agathons Lobrede; und da hattest du mir im Namen deines Sokrates eben denselben Vorwurf machen konnen, den er dem Agathon macht; namlich, dass wir beide, nach Art der Sophisten und Rhetorn, gelobt und gescholten hatten, ohne uns zu bekummern, wie viel oder wenig Wahres an unsern Declamationen sey. Aber, welches ist das gluckliche Wort, das mir unversehens entwischt ist, und, wie du sagst, so viel Licht uber den vielgestaltigen Stoff unsers Gespraches verbreitet?
A r i s t i p p . "Wenn es noch mehrere Amorn gibt," sagtest du, und konntest damit nichts anders sagen wollen, als dass es ihrer wirklich nicht nur viele, sondern unzahlige gibt, fur welche man, wenn jemals die Erotik136 zu einer vollstandigen Wissenschaft erwachsen sollte, eben so viele besondere Namen erfinden musste.
L a i s . Die gute Diotima kame also mit ihrem einzigen aus lauter Widerspruchen, Negationen und blossen Tendenzen zusammengesetzten Damon-Amor ubel zu kurz, und das ist mir, die Wahrheit zu sagen, leid. Denn ich kann mich nicht erwehren, diesem Amor, der so leer wie eine zusammengeschrumpfte Blase, und so dunn wie eine verhungerte Cicade ist, wegen seiner allgemeinen Liebe zu allem Schonen, seiner bestandigen Unbestandigkeit, und hauptsachlich seines unersattlichen Hungers wegen, gut zu seyn, den, nachdem er alles was auf und zwischen und in und uber Erde und Himmel ist, verschlungen hat, nichts als das Unendliche selbst ersattigen kann. Es ist etwas so sublim Ungeheures in dieser Idee, dass man, in eben dem Augenblick, da man laut uber sie auflachen mochte, sich ich weiss nicht wie zuruckgehalten und gezwungen fuhlt, Respect vor ihr zu haben.
A r i s t i p p . Da hast du schon wieder ein herrliches Wort gesagt, schone Lais.
L a i s . Wundert dich das? Als ob es mir so selten begegnete, etwas zu sagen das ich selbst nicht recht verstehe.
A r i s t i p p . Wenn in dem, was du sagtest, ein so tiefer Sinn liegt, als ich zu glauben versucht bin, so ist Plato auf einmal gerechtfertiget, und wir haben ihn durch die schmahliche Vermuthung, dass er keinen festen Zweck bei dem vollkommensten seiner Werke gehabt habe, grosses Unrecht gethan. Alles in seinem Symposion ware dann sehr verstandig und absichtlich zusammengeordnet; die Reden des Phadrus, Pausanias, Eryximachus, Aristophanes und Agathon hatten dann, ausser den bereits beruhrten Nebenzwecken, zur Absicht, die gemeinen Begriffe von der Liebe, die bei den Griechen von Alters her im Schwange gehen, in verschiedenem Lichte von verschiedenen Seiten aufzustellen und zu berichtigen, und die gewohnlichsten Erscheinungen und Wirkungen dieser Leidenschaft zu erklaren; sie selbst aber dienten dem Gesprach des Sokrates und der Diotima bloss als heraushebende Schattenmassen, und der grosse Zweck des Symposions ware, uns mit der Theorie einer von aller grobern Sinnlichkeit und Leidenschaft gereinigten geistigen Liebe zu beschenken; einer Liebe, welche eben darum, weil sie bloss das vollkommenste Schone zum Gegenstand hat, durch nichts Geringeres als das ewige, unwandelbare, unbegreifliche, unendliche Selbststandigschone befriedigt werden kann.
L a i s . Weisst du auch, dass ich dich wenn der leidige Tisch nicht zwischen uns stande, fur diese grossmuthige Rechtfertigung meines Lieblingsschriftstellers kussen mochte? Denn ich gestehe, dass ich es schmerzlich empfunden hatte, wenn der hassliche Vorwurf der Zwecklosigkeit auf ihm sitzen geblieben ware.
A r i s t i p p . Und doch darf ich mir noch nicht schmeicheln, die schone Belohnung, die du mir in Gedanken geben wolltest, schon verdient zu haben. Denn wiewohl ich einen allerdings erheblichen Vorwurf von deinem Gunstling abzulehnen suchte, so kann ich dir doch nicht verbergen, dass mir das Mahrchen von Porus und Penia, und der Damon-Eros, den die Bettelnymphe dem berauschten Gott hinter einer Hecke des Gottergartens im Schlaf abgeschlichen haben soll, und sein unersattlicher Heisshunger nach einem gestaltlosen Urschonen, das allenthalben und nirgend ist, ungeachtet der naiven Unbefangenheit, womit Diotima das alles vorbringt, um keinen Splitter eines Strohhalms ehrwurdiger ist, als die Androgynen des muthwilligen Aristophanes. Lieber wollte ich mir noch die zweierlei Amorn des Pausanias gefallen lassen, wiewohl mich dunkt, dass der eine, den er Pandemos zubenennt, unter dem Namen Pothos (der seine Natur viel deutlicher bezeichnet) schon bekannt genug ist, um eine neue Benamsung uberflussig zu machen. Den eigentlichen Unterschied zwischen Eros und Pothos wurde ich darein setzen: dass Pothos alles Schone bloss des Genusses wegen begehrt, oder noch eigentlicher, dass die Schonheit einer Sache, von welcher er sich einen den Sinnen schmeichelnden Genuss verspricht, fur ihn nur ein starkerer Anreiz ist, sich in den Besitz derselben zu setzen: da hingegen Eros das Schone oder Schongute (was im Grund einerlei ist) ohne einen Blick auf sich selbst, bloss weil es schon ist, liebt, d.i. inniges Wohlgefallen daran hat, und daher im blossen Anschauen desselben, ja sogar in dem blossen Gedanken dass es ist, schon Nahrung genug findet, um ewig dabei ausdauern zu konnen; so wie die Gotter ihre Unsterblichkeit zu unterhalten keiner andern Speise als Ambrosia bedurfen. Was uns Diotima von der Unersattlichkeit dieses Amors sagt, ist ein tauschendes Spiel mit den abgezogenen und daher unbestimmten formlosen Begriffen des Unendlichen, wobei die gute Seherin vergessen hat, dass ein abgezogener Begriff, als eine leere Hulse, kein Gegenstand der Liebe, und das Schone, eben darum, weil es nur durch eine bestimmte Form schon ist, nicht unendlich seyn kann. Nicht wenig tragt auch zu dieser tauschenden Vorstellung bei, dass man gewohnt ist, die Unbestandigkeit der Menschen im Lieben auf Rechnung der Liebe zu setzen, da sie doch bloss eine naturliche Folge theils der Unbestandigkeit der Dinge selbst, theils der organischen Einrichtung unsers Korpers ist; denn es ist so sehr Natur der Liebe durch das Anschauen oder den reinen geistigen Genuss des Schonen befriedigt zu werden, dass jeder einzelne schone Gegenstand, wofern er immer derselbe bliebe, und die Seele im reinen Genuss desselben nicht von aussen her gestort wurde, hinlanglich ware, sie ewig fest zu halten und vollig zu befriedigen.
E u p h r a n o r . Wenn ich als Kunstler meine Meinung von der Sache sagen darf
L a i s . Das war es eben, warum ich dich in diesem Augenblick bitten wollte.
E u p h r a n o r . So sage ich, dass ich keinen Begriff davon habe, wie ein Maler oder Bildner es anfangen sollte, um den Platonischen Eros, den nichts als das selbststandige Urschone befriedigen kann, symbolisch darzustellen: den Aristippischen hingegen getraue ich mir so gut zu malen, dass er keinen Zettel aus dem Munde nothig haben soll, um fur das, was er ist, erkannt zu werden. Ich wurde ihn, furs erste, als einen schonen, ewig jugendlichen Genius schildern: denn mit Platons Amor, der weder schon noch hasslich ist, mag ich als Maler nichts zu schaffen haben; hingegen finde ich sehr schicklich, dass der Liebhaber der Schonheit selbst schon sey. Nur wurde ich ihn so darzustellen suchen, dass es dem sinnigen Anschauer sogleich bemerklich wurde, er empfange seinen schonsten Glanz von dem geliebten Gegenstand, und verschonere sich selbst im Anschauen desselben. Um diess, so weit die Schranken der Kunst es verstatten, bewirken zu konnen, und zugleich anzudeuten, dass dieser Amor gleichsam vom blossen Anschauen des Schonen lebe, und ohne alle Begierde sich vollig daran ersattige und darin ruhe, wurde ich ihm die himmlische Venus nicht in einer mit mancherlei prachtigen und reizenden Gegenstanden ausgeschmuckten Gegend weder des Olympus noch der Erde, sondern in einem den ganzen Raum ausfullenden leeren und dunkeln Gewolk erscheinen lassen; so dass alles Licht allein von der Gottin ausginge, und den in ihrem Anschauen verlornen oder vielmehr sich selig fuhlenden Genius dergestalt anstrahlte und verklarte, dass seine Schonheit bloss ein Widerschein der ihrigen zu seyn schiene. Diess ist alles (freilich wenig genug) was ich von der Idee, die jetzt vor meiner Seele schwebt, anzudeuten vermogend bin; ausgesprochen kann sie nur durch die wirkliche Darstellung werden
L a i s . Und du getrauest dich dessen, sagtest du? Ich werde dich beim Wort nehmen, Euphranor!
E u p h r a n o r . Und ich lasse mich dabei nehmen, wenn du mir dagegen dein Wort gibst, dass die schonste Sterbliche, die ich kenne, das Modell meiner Venus Urania seyn soll.
L a i s . Alles was ich dir versprechen kann, ist, dass die Schuld nicht an mir liegen soll, wenn dein Bild nicht zu Stande kommt. Und so hatten wir denn Hoffnung, durch die That bewiesen zu sehen, dass die Kunst sich mit Aristipps Amor besser behelfen konne als mit dem Platonischen. Aber was die Realitat betrifft, mochten sie einander wohl wenig vorzuwerfen haben. Denn eine Liebe ohne Begierde, eine Liebe die vom blossen Anschauen lebt, und der Gegenliebe rein entbehren kann, mochte doch wohl in dieser untermondlichen Welt eben so gut ein Hirngespenst seyn, als die Liebe zu einem Urschonen, das weder in den Begriff noch in die Sinne fallt.
P r a x a g o r a s . Diesen Ausspruch, schone Lais, erwartete ich billig von einem so hellen und richtigen Blick, wie der deinige, und unfehlbar hangt auch Aristipp nicht so fest an seinem idealischen Amor, dass er uns nicht ehrlich gestehen sollte, dass mit solchen, auf die Schneide einer mathematischen Linie getriebenen Abstractionen weiter nichts gewonnen wird, als die Gewissheit, dass es gar keine Liebe unter dem Monde gebe.
A r i s t i p p . Der Vorwurf des Praxagoras wurde mich treffen, wofern ich sagte, ich kenne einen Menschen, der ein schones Weib, oder auch nur eine schone Bildsaule, einen schonen Wagen mit zwei milchweissen Thracischen Pferden, oder irgend ein schones Ding in der Welt, sein Lebenlang vor sich sehen konnte, ohne jemals von der leisesten Begierde es zu besitzen angewandelt zu werden. Gewiss gibt es schwerlich einen solchen Sterblichen. Aber darauf wird bei Unterscheidung der Liebe von der Begier keine Rucksicht genommen; denn da ist es bloss darum zu thun, jedem das Seinige zu geben, dem Eros was der Liebe, dem Pothos was der Begierde zukommt. Dass es etwas zwar nicht Unmogliches, aber gewiss sehr Seltenes unter den Sterblichen ist, jenen ohne diesen zu sehen, geb' ich nicht nur zu, sondern find' es der Natur sehr gemass. Indessen ist doch eben so wenig zu laugnen, dass es von jeher unter Blutsverwandten, unter Freunden, ja sogar unter Liebenden in der engern Bedeutung des Worts, an Beispielen reiner uneigennutziger Liebe, selbst an solchen, wo der Freund dem Freunde, der Liebende dem Geliebten die grossten Opfer ohne alle Rucksicht auf eigenen Vortheil oder Lohn zu bringen willig ist, nie gefehlt hat noch kunftig fehlen wird: und wer so weit gehen wollte, das innerliche Vergnugen, das von dergleichen Gesinnungen und Handlungen unzertrennlich ist, fur das geheime eigennutzige Triebrad derselben zu erklaren, da es ihm doch ewig unmoglich ware, sein Vorgeben nach der Scharfe zu beweisen, wurde mit ungleich besserm Fug zu tadeln seyn, als Plato, wenn er die Begriffe des Schonen, Wahren, Rechten u.s.f. durch Abscheidung von allem Fremdartigen zum hochsten Grade der Feinheit zu treiben sucht.
E u p h r a n o r . Meine Kunstverwandten wussten bisher nur von Einem eigentlichen grossen Amor, der Cyprischen Gottin Sohn, den sie gewohnlich mit dem Bogen in der Hand, und einem Kocher voll starkbekielter Pfeile auf dem Rucken, bilden; aber dafur stehen uns der kleinen Amorinen, seiner jungern Bruder, so viele zu Diensten als wir gelegentlich nothig haben. Sollte nicht, nach diesem Beispiel und einem Wink, den uns Aristipp bereits gegeben, zufolge, zur Erklarung aller der unzahligen Abartungen, Widerspruche mit sich selbst, Verwandlungen, Thorheiten und losen Streiche, die man dem armen Amor zur Last legt, das Bequemste seyn, statt eines einzigen Eros Pandemos oder Pothos (der, um sich zu gleicher Zeit und an so vielen Orten in so mancherlei Gestalten zu zeigen, ein grosserer Zauberer als der alte Proteus oder die Empuse unsrer Kinderwarterinnen seyn musste), so viele kleine Liebesgotter anzunehmen, als es verschiedene Arten und Abarten der Liebe gibt, so dass eigentlich jedermann seinen eigenen hatte, und keiner von ihnen fur die Narrheiten und Ausschweifungen eines andern verantwortlich gemacht werden durfte?
N e o k l e s . Der Einfall scheint mir glucklich; nur mochte ich ohne Massgabe vorschlagen, den Eros nie mit seinem Stiefbruder Pothos zu verwechseln, sondern ihm (da er doch nicht ohne Gegenliebe ausdauern kann) bloss seinen Zwillingsbruder Anteros zum Gespielen zu geben; die ganze Brut der Amorinen aber nicht fur Bruder des Pothos, sondern fur seine Kinder zu erklaren, die er mit den Nymphen Aphrosyne137, Aselgeia und andern ihres gleichen, zum Theil auch mit der Bettlerin Penia, welche von besonders fruchtbarer Natur seyn soll, in die Welt gesetzt haben konnte.
P r a x a g o r a s . Darf ich, ohne der Freiheit und Willkurlichkeit eines symposischen Gesprachs zu nahe zu treten, meine Gedanken von dem unsrigen sagen; so dunkt mich, Plato habe uns unvermerkt mit seinem Hang zum Symbolisiren und Allegorisiren angesteckt, und so sey es auch uns ergangen wie ihm, dass namlich aus allen den schonen Sachen, die diesen Abend uber die Liebe vorgebracht worden sind, zuletzt doch kein Resultat erfolgt, und wir aus einander gehen werden, ohne die wahre Auflosung des Problems gefunden zu haben. Wie, wenn mir erlaubt wurde, die Sache bei einem andern Ende anzufassen, und da wir doch alle wissen, dass die Liebe weder ein Gott noch ein Damon, weder Uraniens, noch Polymniens noch Peniens Sohn, sondern eine menschliche Leidenschaft und die physische Wirkung gewisser Triebe und Neigungen unsrer aus Thier und Geist sonderbar genug zusammengesetzten Natur ist zu sehen, was es aus diesem Gesichtspunkt fur eine Bewandtniss mit ihr habe? Was von ihr auf Rechnung des sympathetischen Instincts der beiden Androgynischen Halften zu setzen, was hingegen bloss aus dem unsrer edlern Natur wesentlichen reinen Wohlgefallen am materiellen, geistigen und sittlichen Schonen zu erklaren sey; und endlich, welche von den Symptomen und Wirkungen, die ihr zugeschrieben werden, auf die Verantwortung andrer selbstsuchtiger Leidenschaften kommen, die sich ofters zu ihr gesellen, und (wie z.B. der Ehrgeiz oder die Eifersucht) nicht nur ihre eigene Energie verstarken, sondern sogar ihre Natur dergestalt uberwaltigen, dass sie, aus der sanftesten, geschmeidigsten und humansten, die unbandigste und grausamste aller Leidenschaften wird. Auf diesem Wege, daucht mich
L a i s (ihm lachelnd ins Wort fallend). Wurdest du uns, lieber Praxagoras, unfehlbar zu einer sehr grundlichen und vollstandigen Philosophie der Liebe verhelfen; aber fur ein kleines anspruchloses Symposion, wie dieses, mochte, wie du selbst siehest, eine solche Operation fast zu ernsthaft und methodisch scheinen, zumal da die Nacht schon weit vorgeruckt ist. Gefallt es euch, so will ich unsre bisherige Unterhaltung mit einem Milesischen Mahrchen schliessen, welches ich unmittelbar aus der Quelle selbst, namlich aus dem Mund einer der mahrenreichsten Ammen in Milet geschopft habe, und woran ihr wenigstens die Kurze sehr preiswurdig finden werdet. Mich liess die Milesische Amme nicht so leicht davon kommen.
Es war einmal ein Konig und eine Konigin, ich weiss nicht in welchem Lande, weit von hier, die hatten eine Tochter, Psyche genannt, von so ubermenschlicher Schonheit, dass Aphrodite selbst eifersuchtig auf sie ward, und, um einer so gefahrlichen Rivalin je eher je lieber los zu werden, ihrem Sohn befahl, ihr mit dem giftigsten seiner Pfeile irgend eine hoffnungslose Liebe in die Leber zu schiessen, von welcher sie in kurzer Zeit zu einem so hagern blassgrunen Gespenst abgezehrt wurde, dass ihr die Eitelkeit, sich mit der Gottin der Schonheit vergleichen zu lassen, wohl vergehen musste. Amor schickte sich an, seiner Mutter Befehl zu vollziehen; aber kaum hatte er einen Blick auf die schone Psyche geworfen, die er im Garten ihres Vaters an einer murmelnden Quelle eingeschlummert fand, so verliebte er sich so heftig in sie, dass er von Stund an beschloss sich auf ewig mit ihr zu verbinden. Weil er aber seine Leidenschaft vor seiner Mutter auf alle Weise zu verbergen suchen musste, bewog er seinen Freund und Spielgesellen, den Zephyr, durch vieles Bitten, sich seiner anzunehmen, und (nachdem ihm dieser beim Styx zugeschworen hatte sich recht ehrbar aufzufuhren) die schlafende Psyche sanft aufzuheben, und auf einem gewissen Berg in einer menschenleeren Wildniss am Ende der Welt, wo niemand sie suchen wurde, eben so sanft wieder niederzulegen. Psyche, die, wahrend diess mit ihr vorging, immer ruhig fortgeschlummert hatte, erwacht endlich und erstaunt nicht wenig, sich, ohne zu wissen wie, an einem Ort zu finden, wo ihr alles was sie sieht, neu und fremd ist. Mitten in einem unermesslichen Lustgarten, der schon dem ersten Anblick alle Schonheiten der Natur in der reizendsten Vereinigung darstellt, erblickt sie einen herrlichen Palast, dessen offne Pforten sie einladen, hineinzugehen, wiewohl die tiefste Stille, die um und in demselben herrscht, sie vermuthen lasst, dass er ohne Bewohner sey. Amor ist ein so grosser Zauberer, dass es ihn nur einen Wink gekostet hatte, diesen Palast aufzufuhren, und mit allem nur Ersinnlichen zu versehen, was zur Einrichtung und Ausschmuckung einer eben so bequemen als prachtvollen Wohnung gehort; und da er in eigner Person, wiewohl unsichtbar, um seine junge Geliebte schwebte, vergass er nicht, eine Art von Zauber auf sie zu legen, der die Schuchternheit vertrieb, von welcher sie naturlicherweise befangen seyn musste. Um ihr noch mehr Muth zu machen, rief ihr eine liebliche Stimme aus der Luft herunter zu: sey getrost, schone Psyche, dieser Palast und alles was du siehest, ist dein; du bist hier unumschrankte Gebieterin; unsichtbare Hande werden dich bedienen, deinen leisesten Wunschen zuvorzukommen suchen, und jeden deiner Winke aufs schleunigste vollziehen. Durch einen so schmeichelnden Zuruf beherzt gemacht, ging sie in den Palast hinein, und gerieth ganz ausser sich vor Erstaunen und Freude, indem sie in den prachtigen Salen und Zimmern umher irrte, in welchen alles von Silber und Gold und kostbaren Steinen dermassen glanzte und funkelte, dass ihr die Augen davon ubergingen. Unvermerkt befand sie sich in einem runden, auf Saulen von Jaspis ruhenden und mit grossen Blumengewinden behangenen Saal, wo so eben in einer mit Elfenbein ausgelegten goldnen Kufe ein warmes Bad fur sie zubereitet worden war. Sogleich wurde sie von schwanenweichen unsichtbaren Handen ausgekleidet, ins Bad gehoben, mit kostlichen Wassern begossen, mit Rosenol eingerieben, abgetrocknet, wieder angekleidet und aufgeschmuckt, alles mit einer Leichtigkeit und Zierlichkeit, dass sie von den Grazien selbst bedient zu seyn glaubte. Als sie aus dem Bade hervor ging, offnete sich ihr ein Speisezimmer, wo ein wahres Gottermahl auf sie wartete. Sie setzte sich, und ass von den kostlich zubereiteten Speisen, die von den Unsichtbaren aufgesetzt und wieder abgetragen wurden, wahrend die lieblichste Musik, von gleich unsichtbaren Sangerinnen und Saitenspielern aufgefuhrt, ihr Gemuth wechselsweise bald in eine frohliche bald wollustig schmachtende und unbekannte Freuden ahnende Stimmung setzte. Endlich da die Nacht hereingebrochen war, und ihre Augenlieder zu sinken begannen, wurde sie von den Unsichtbaren in ein anderes Gemach geleitet, ausgekleidet und in das weichste und prallste aller Betten gelegt, wozu jemals Schwanen ihren Flaum und Kolchische Lammer ihre Wolle hergegeben. Sie war eben im Begriff einzuschlummern, als ein leises Geton die Furchtsame wieder aufschreckte; aber in eben demselben Augenblick verlosch die Lampe, die von der Decke herab einen dammernden Schein uber das Schlafzimmer verbreitet hatte, und bald darauf blieb ihr keine Moglichkeit zu zweifeln, dass ein unbekanntes Wesen an ihrer Seite lag, und durch die zartesten Liebkosungen ihr zugleich seine Zuneigung, wiewohl stillschweigend, zu entdecken, und um ihre Gegengunst zu bitten schien. Wir wissen ungefahr alle, wie viel Bescheidenheit und Zuruckhaltung sich unter solchen Umstanden dem verwegensten aller Gotter zutrauen lasst, und ob von der zitternden, zwischen Grauen und Erwartung wie an einem Haare schwebenden Psyche etwas anders als ein leidendes Verhalten zu erwarten war.
Als sie des folgenden Tages gegen die Mittagsstunde aus den angenehmen Traumen, die ihr Amor zur Gesellschaft zuruckgelassen hatte, erwachte, fand sie sich wieder allein, in einem Labyrinth von Gedanken und Erinnerungen verloren, aus welchem sie sich nicht zu helfen wusste. Endlich stand sie auf, die Unsichtbaren stellten sich wieder ein, sie ins Bad zu fuhren, und alles was die sorgfaltigste Bedienung der Geliebten ihres Herrn erforderte, mit ihrer gewohnlichen Zierlichkeit und Gewandtheit zu verrichten kurz, der Tag ging unter mancherlei abwechselnden Vergnugungen unvermerkt voruber; die Nacht, die ihm folgte, glich in allem der vorigen; und eben so war es mit einer Reihe folgender Tage und Nachte. Die unsichtbaren Dienerinnen wussten den Unterhaltungen, die sie ihr verschafften, immer den Reiz der Neuheit zu geben; der unsichtbare Liebhaber wurde immer verliebter, und Psyche gewohnte sich unvermerkt an das Wunderbare ihres Zustandes so gut, dass sie ihn mit keinem andern in der Welt vertauscht hatte. Und dennoch hatte sie kaum zehn Tage in diesem glucklichen Zustande zugebracht, als sie zu fuhlen begann, es fehle ihr etwas, ohne welches sie nicht glucklich seyn konne. Mit jedem Tage, mit jeder Stunde wurde diess Gefuhl schmerzlicher; es verbreitete Unruhe und Unbehaglichkeit uber ihr ganzes Wesen; die Unsichtbaren konnten ihr nichts mehr recht machen; sie fand die artigsten kleinen Feste, die man ihr gab, geschmacklos und langweilig, und es wahrte nicht lange, so verriethen ubel verhaltene Seufzer ihrem Gemahl selbst, sogar in den sussesten Augenblicken der Zartlichkeit, dass ihr etwas schwer auf dem Herzen liege. Er sah sich genothiget, sein bisheriges Schweigen zu unterbrechen, und, da er sie einsmals ungewohnlich kalt und zuruckhaltend fand, sagte er zu ihr: "Liebste Psyche, du bist missmuthig, und fuhlst dich unglucklich. Ich kenne die Ursache deiner Unzufriedenheit, denn ich lese in deiner Seele. Der Vorwitz zu wissen wer ich bin, plagt dich; aber wenn du wusstest, in welche Verlegenheit du mich durch die ungluckliche Wissbegierde setzest, und welche Schmerzen du mir, welches Elend du dir selbst dadurch bereitest, du wurdest sie mit Entsetzen und Abscheu aus deinem Gemuthe verbannen. Wisse also von dem Augenblick an, da du erfahrst wer ich bin, hast du mich auf immer verloren, dein bisheriges Gluck ist dahin, und Jammer und Leiden ohne Mass sind dein Loos, bis du dein ungluckseliges Daseyn in Verzweiflung endigest. Glaube mir, liebe Psyche, und habe Mitleiden mit dir selbst; denn wenn du mein Geheimniss entdeckt hast, so steht es nicht in meiner Macht, wie gross sie auch ist, dich zu retten. Du kannst nicht zweifeln, dass ich dich liebe; ich thue alles Mogliche dich glucklich zu machen; du wurdest es seyn, wenn du dir genugen liessest, mich und alles was ich fur dich thue ruhig zu geniessen, ohne mehr wissen zu wollen als dir erlaubt ist; und vielleicht ist dir noch ein viel herrlicheres Loos in der Zukunft aufbehalten, wenn du die Probe, worauf ich deine Massigung zu setzen genothigt bin, weislich bestehest. Also nochmals, Geliebte, verbanne den Vorwitz mich genauer zu kennen, beruhige dich im Genuss meiner Liebe, und erspare mir den endlosen Schmerz, dich elend zu sehen, und dir nicht helfen zu konnen." So sprach Amor mit einem leisen traurigen Vorgefuhl, dass sein Zureden fruchtlos seyn wurde. Die geschreckte Psyche fuhr ihm in die Arme und gelobte ihm heilig, seiner Warnung immer eingedenk zu seyn. Aber kaum sah sie sich wieder allein, so kehrte das unruhige Verlangen, sich durch ihre Augen nach der Beschaffenheit ihres Gemahls zu erkundigen, mit dreifacher Starke in ihren Busen zuruck. Sie hatte sich ihn bisher unter einer liebenswurdigen Gestalt vorgebildet; jetzt regten seine eigenen Worte und die schrecklichen Drohungen, womit er sein Verbot begleitet hatte, tausend Zweifel in ihrer Seele auf, und es war ihr unmoglich den Gedanken los zu werden, dass er vielleicht in seiner wahren Gestalt ein hasslicher Zauberer oder sonst ein missgeschaffner Unhold sey, der sie durch seine Unsichtbarkeit um ihre Liebe betruge. Kurz, die Ungluckliche fasste den Entschluss, die Qualen dieser Ungewissheit nicht langer zu ertragen, sondern noch in dieser Nacht zu erfahren, wer der Unsichtbare sey, dem sie bisher die Vorrechte und die Zuneigung, die einem Gemahl gebuhren, so unbesonnen zugestanden; und sie hielt sich selbst Wort. Um ihn desto sicherer zu machen, erwiederte sie in der nachsten Nacht seine Liebkosungen mit heuchlerischer Innigkeit: aber kaum merkte sie, dass er eingeschlafen war, so stand sie von seiner Seite auf, schlich sich mit blossen Fussen in ein Vorzimmer, wo sie wusste, dass eine brennende Lampe stand, kam mit der Lampe in der Hand zuruck, naherte sich dem Bette, und erblickte den schlafenden Liebesgott in seiner ganzen ewig jugendlichen Schonheit. Mitten in ihrer Entzuckung bei diesem unverhofften Anblick uberfallt sie die Angst dass er erwachen mochte; ihre Hand zittert, die Lampe schwankt, ein Tropfen heisses Oel fallt auf Amors schone Brust; er erwacht, wirft einen schmerzlich zurnenden Blick auf Psyche, und fliegt davon. Und hiermit, lieben Freunde, ist mein Mahrchen zu Ende. Der Milesischen Amme ihres fing hier erst recht an; aber was weiter folgt, gehort nicht zu meinem Zweck138, und die Lehre aus meinem Mahrchen zu ziehen, uberlasse ich einem jeden selbst.
Mit diesen Worten erhob sie sich von ihren Polstern, und die ganze Gesellschaft stand auf, sagte ihr viel Schones uber ihr Milesisches Mahrchen, und wunschte ihr gute Nacht.
Als die ubrigen alle sich entfernten, blieb ich noch allein bei ihr zuruck, um sie auf ihr Zimmer zu begleiten.
Wir waren kaum angelangt, so wandte sie sich mit einer unbeschreiblich reizenden Miene gegen mich, und sagte in einem leise spottenden Tone: du glaubst also im Ernst, dass Liebe ohne Begierde moglich ist?
Da ich sie sogleich errieth (was ich ohne Anspruch an eine grosse Scharfsinnigkeit oder Divinationsgabe gesagt haben will), so antwortete ich bescheiden aber zuversichtlich: allerdings, und desto gewisser, je schoner der Gegenstand ist.
L a i s . Auch dann, wenn er unmittelbar vor uns steht?
I c h . Auch dann.
L a i s . Auch wenn Zeit und Ort und alle ubrigen Umstande sich vereinigen den schlummernden Pothos zu wecken?
I c h . Allerdings.
L a i s (schalkhaft lachelnd). Wir reden, denk' ich, im Ernst, Aristipp? Der arme Pothos konnte freilich auch aus Erschopfung schlummern!
I c h . Es versteht sich, dass diess nicht der Fall seyn darf.
Lais schwieg, und fing an eine Nadel, womit ein Theil ihres in kleine Zopfe geflochtnen Haars zusammengesteckt war, heraus zu ziehen, die Perlenschnur um ihren Hals abzunehmen, und sich, so sorglos unbefangen als ob sie allein ware, der Binde, die ihren Busen fesselte, zu entledigen; kehrte sich dann wieder zu mir und sagte: ich glaube wirklich, Sokrates hatte die Probe unfehlbar ausgehalten; meinst du nicht?
O Lais, Lais, rief ich in einer unfreiwilligen Bewegung aus, welch ein himmlischer Anblick wurde dieser Busen einem einzigen Auserkornen seyn, wenn er die mutterliche Ruhestatt eines kleinen menschlichen Amorino ware!
Grillenhafter Mensch! sagte sie, indem sie mir einen leichten Schlag auf die Schulter gab. Aber es ist Zeit zum Schlafengehen; gute Nacht, Aristipp! und mit diesem Wort entschlupfte sie in ihr Schlafgemach und zog die Thur sanft hinter sich nach. Ob sie auch den Riegel vorschob, weiss ich nicht; denn gleich darauf horte ich etliche von ihren Madchen, die zu ihr hereinkamen, und begab mich weg; unzufrieden mit mir selbst, dass es mir gleichwohl einige Anstrengung kostete, mich von dieser allzu liebenswurdigen Sirene zu entfernen.
34.
Antipater an Kleonidas.
Ich befinde mich seit Anfang des Munychions mit Aristipp und dem schonen Kleophron, einem Schuler Platons und Geliebten seines Neffen Speusippus, zu Aegina: Kleophron auf einem Landgute des Eurybates von Athen, Aristipp und ich bei der beruhmten Lais, deren prachtiger Landsitz dir ohne Zweifel noch wohl erinnerlich seyn wird. So klein diese Insel ist, so reich ist sie an Merkwurdigkeiten. Unter andern habe ich bereits sieben, an den grossen Panegyrischen Spielen Griechenlands gekronte Athleten gesehen, von welchen einer, dessen Rucken neunundachtzig Jahre nicht zu krummen vermochten, sich ruhmen kann, dass sein Sieg noch von Pindar selbst besungen wurde. Das Ausserordentlichste indessen, was Aegina dermalen besitzt, ist unlaugbar die Gebieterin des Hauses, worin ich als dein und Aristipps Freund aufgenommen bin, und mit ausgezeichnetem Wohlwollen behandelt werde. Ihre Schonheit ist so weit uber alles, was man zu sehen gewohnt ist, erhoben, dass mir eine geraume Zeit lang bei ihrem Anblick nicht anders zu Muthe war, als mir (wie ich glaube) seyn musste, wenn ich eine elfenbeinerne Liebesgottin von Phidias oder Alkamenes wie lebendig vor meinen Augen herumwandeln sahe. Ich betrachtete sie mit immer neuer Bewunderung, ich hatte sie anbeten mogen; aber wie ein Mensch sich unterfangen konne sie zu lieben, oder hoffen konne von ihr geliebt zu werden, war mir unbegreiflich. Dieses seltsame Gefuhl war vielleicht die Ursache, warum die besondere Aufmerksamkeit und Herablassung, deren sie mich, nach den ersten acht oder zehn Tagen zu wurdigen schien, eine wunderliche Art von Scheu, oder wie soll ich es nennen? bei mir erregte, die mir das Ansehen eines kalten gefuhllosen Menschen geben mochte, und um so auffallender seyn musste, weil sie in eben dem Verhaltniss zunahm, wie Lais ihre Bemuhung, mir Muth und Zutrauen einzuflossen, verdoppelte. Da ich mir selbst lacherlich gewesen ware, wenn ich mir auch nur im Traume mit der Liebe dieser Konigin der Weiber hatte schmeicheln wollen, so gebardete ich mich nun desto seltsamer, je mehr ich zu fuhlen anfing, dass ich von so verfuhrerischen Anlockungen nur zu leicht getauscht und unvermerkt in eine hoffnungslose Leidenschaft verstrickt werden konnte. Ich unterliess nichts, was sie in der Meinung bestarken musste, dass der junge Antipater von Cyrene der einzige Sterbliche sey, an welchem ihre Reize die gewohnte Macht verloren. Ich glaubte zu meiner eigenen Sicherheit um so mehr dazu genothiget zu seyn, weil ich in ihrem immer gefalligern und einnehmendern Betragen gegen mich nicht die mindeste Spur von Missvergnugen oder Unwillen bemerken konnte: denn ich legte ihr diess als einen planmassigen Anschlag aus, der mit dem Vorsatz verbunden sey, wenn sie ihre Absicht erreicht haben wurde, mich desto empfindlicher fur meine Vermessenheit zu zuchtigen.
In dieser nicht sehr naturlichen, und, die Wahrheit zu sagen, peinvollen Lage befand ich mich, als gegen Ende des Monats mein Freund Speusippus in einen Sklaven verkleidet anlangte, um, seinem Vorgeben nach, den jungen Kleophron, den Sohn seines Herrn, eilends nach Sicyon abzuholen. Aber der wahre Zweck seiner Heruberkunft war, nachdem die nothigen Vorkehrungen getroffen worden, dass die Sache allen andern, ausser Lais, Aristipp, mir und den vertrautern Hausgenossen, ein Geheimniss bleiben musste, den schonen Kleophron spat in der Nacht nach einer kleinen durch Gebusche und Baume verborgenen Wohnung abzufuhren, die in einem abgesonderten Theil des an die Garten der Lais stossenden Lustwaldes liegt, und wozu sie allein den Schlussel hat. Hier ereignete sich ein paar Tage darauf ein naturliches Wunder, wovon gleichwohl niemand von denen, die um die geheime Entfuhrung wussten, uberrascht zu werden schien; der schone Kleophron beschenkte namlich seinen Platonischen Liebhaber mit einem wunderschonen Knablein, dem zu einem kleinen Amor nichts als die Flugel fehlten, und verwandelte sich selbst, um die Rolle der Mutter mit desto besserm Anstand zu spielen, wieder in die zartliche Lasthenia, eine von Lais erzogene junge Person, welche, vor geraumer Zeit, von einer gleich heftigen Leidenschaft fur Platons Philosophie und fur seinen Neffen nach Athen gezogen worden war, in mannlicher Verkleidung die Akademie besucht hatte, und dort fur den Sohn eines Sicyonischen Bildhauers galt. Lais, die sich mir bei dieser Gelegenheit von einer sehr liebenswurdigen Seite zeigte, ubernahm die Vorsorge fur Mutter und Kind, und Speusipp kehrte, eben so geheimnissvoll als er gekommen war, nach Athen zuruck, um von Zeit zu Zeit, bald in dieser bald in jener Gestalt wieder zu kommen, und im Genuss der Vaterfreuden die Beschamung zu ersticken, der Lehre seines Oheims und Meisters durch die Liebe zu einem Madchen ungetreu geworden zu seyn.
Diese Begebenheit hatte Folgen fur mich, lieber Kleonidas, die ich dir nicht verhehlen kann noch will. Die Schonheit des kleinen Speusippides, und die Scenen des menschlichsten und sussesten aller naturlichen Gefuhle, wovon ich mehr als einmal Zeuge war, weckten das Verlangen, auch Vater eines so holdseligen Geschopfs zu werden, mit solcher Macht in mir auf, dass ich mich nicht entbrechen konnte, mein Anliegen einer jungen Dirne zu entdecken, die ich ofters auf einem an unsern Wald angelehnten Hugel, neben den Schafen die sie hutete, in madchenhafter Traumerei den Gesang der Waldvogel belauschen sah. Sie gehort dem Eurybates, auf dessen Gute sie geboren ist, an, und schien mir von der Natur mit besonderm Wohlgefallen zur Mutter eines kleines Hercules gebildet zu seyn. Es war wirklich hohe Zeit dass ich sie fand: denn ich kann nicht sagen, wie lange ich es noch gegen die Circe dieser Insel ausgehalten hatte, welcher, wenn sie ihre ganze Zaubermacht gebrauchen will, ohne eine solche Gegenanstalt, in die Lange schwerlich zu widerstehen ist. Ich vertraue dir hier etwas, das ich sogar vor Aristipp verberge, wiewohl nur so lange als es vor Lais ein Geheimniss bleiben muss. Du begreifst nun, dass ich unter diesen Umstanden keiner ausserordentlichen Weisheit noch Festigkeit des Willens nothig habe, um meine HippolytusRolle, wahrend der kurzen Zeit, da wir noch zu Aegina verweilen werden, glucklich fortzuspielen: aber ich will auch in Aristipps Augen, so wenig als in den deinigen, kein grosserer Held scheinen als ich wirklich bin. Der Allherrscherin Lais kann diese kleine Demuthigung nicht schaden. Sie ist von einer so grossen Menge von Sklaven und Anbetern aller Art umgeben, dass es fur die Ehre unsers Geschlechts allerdings nothig scheint, dass wenigstens Einer sie fuhlen lasse, es sey nicht unmoglich die Beruhrung ihres Zauberstabs unverwandelt auszuhalten.
So eben ist Eurybates auf etliche wenige Tage heruber gekommen. Da er mir sehr gewogen ist, werde ich ihm mein kleines Abenteuer mit der landlichen Deianira vertrauen, und wegen der Folgen das Nothige mit ihm verabreden.
Aristipp scheint an dem allzugrossen und taglich zunehmenden Gedrange von Fremden, die unsre schone Wirthin nach Aegina lockt, so wenig Gefallen zu haben, dass er mit Eurybates nach Athen zuruckzukehren entschlossen ist. Dass ich ihn begleiten werde, versteht sich von selbst; ich habe die Freuden der Natur, der Jugend, und des geselligen Lebens diesen Fruhling uber lange und rein genug genossen, um mit freier Seele, und sogar mit einiger Ungeduld, zu meinen gewohnten Beschaftigungen zuruckzukehren.
35.
Lais an Aristipp.
Veranderung ist die Seele des Lebens, lieber Aristipp. Ich habe mich entschlossen, nach deinem Beispiel ein wenig in der Welt herumzuschwarmen, und fur den Anfang unter dem Geleit und Schutz eines machtigen Thessalischen Zauberers eine Lustreise durch die nordlichen Theile von Griechenland zu machen. Mein Fuhrer nennt sich Dioxippus, und konnte seiner Jugend und Schonheit wegen vielleicht sogar einer trotzigern Tugend, als die meinige ist, gefahrlich scheinen, wenn mich nicht der Umstand beruhigte, dass er sein Geschlecht bis in die Zeiten von Deukalion und Pyrrha zuruckfuhrt, und da er also ohne Zweifel einen der menschgewordenen Steine, durch welche Thessalien nach der grossen Fluth wieder bevolkert wurde, zum Stammvater hat, wahrscheinlich noch genug von der ursprunglichen Harte und Unempfindlichkeit desselben geerbt haben wird, um mir mit keiner ubermassigen Zartlichkeit beschwerlich zu fallen. Uebrigens besitzt er, wie man sagt, grosse Guter in der Gegend von Larissa, und es ware nicht unmoglich, dass es mir wohl genug dort gefiele, um mich zu einem langern Aufenthalt bei ihm zu entschliessen; war' es auch nur, um zu sehen, was ich von den beruhmten Zauberkunstlerinnen dieses Landes in ihrem Fache etwa noch lernen konnte.
Mein Hauswesen zu Korinth und Aegina ist bestellt. Eine von meinen Korinthischen Pflegetochtern hat Euphranor von mir erschlichen; die stille freundliche Chariklea schwatzte mir ein beguterter Landmann von Epidaurus ab, der schon lang' ein Aug' auf sie geworfen hatte; die rustige Melantho wird mein Haus zu Korinth regieren, und die kleine Eudora, die sich erklart hat, dass nur der Tod sie von mir trennen konne, begleitet mich nach Thessalien.
Lebe indessen wohl, Aristipp, und sey versichert, wie unveranderlich auch meine Liebe zur Veranderung seyn mag, dass meine Freundschaft fur dich noch unveranderlicher ist, und dass Lais dich nicht eher vergessen wird, als bis sie sich auf sich selbst nicht mehr besinnen kann.
36.
Learchus von Korinth an Aristipp.
Geschafte, welche meine eigene Gegenwart forderten, lieber Aristipp, haben mich nach Aegina gefuhrt, wo ich dich noch anzutreffen hoffte, aber erfahren musste, dass du schon seit einiger Zeit nach Athen zuruckgekehrt seyest. Unsre Freundin Lais, bei welcher ich so viele Abende zubrachte als ich in meiner Gewalt behielt, eilt beinahe zu sehr, die Beute, die sie unsern Erbfeinden abgenommen hat, unter die gesammten Griechen wieder zu vertheilen und in Umlauf zu setzen. Man wird es gewohnt, sich unter ihren eigenen Bedingungen bei ihr wohl zu befinden; aber man wird auch endlich ihrer Reizungen gewohnt, und da sie selbst keinen Werth auf sie zu setzen scheint als insofern sie ihr zu Befriedigung ihrer Eitelkeit dienlich sind, so lauft sie Gefahr, endlich auch den zu verlieren, welchen andere darauf zu setzen bereit waren. So sprechen wenigstens diejenigen von ihren Liebhabern, die mit dem, was sie unentgeltlich gibt, nicht zufrieden sind; und das mogen leicht so viel als alle seyn, die, seitdem sie zu Aegina lebt, einen ziemlich glanzenden Hof um sie her gemacht haben. Ich meines Orts bin ziemlich geneigt zu glauben, dass sie, bei allem Anschein von Sorglosigkeit, ihren Stolz sehr gut mit ihrem Vortheil, so wie ihr Vergnugen mit ihrem Stolz zu vereinigen, und die Augenblicke, wo das Gluck ihr irgend einen Fisch, der des Fangens werth ist, ins Garn treibt, mit aller moglichen Gewandtheit zu benutzen weiss. Wenigstens ist diess dermalen der Fall mit einem der reichsten Thessalier, der vor kurzem in Aegina erschien, und in wenig Tagen schon Mittel fand, alle seine Mitwerber weit zuruck zu drangen. Wirklich hat mir dieser Dioxippus (wie er sich nennt) die Miene, im Nothfall alle seine Guter, welche keinen unbetrachtlichen Theil der reichsten Gegenden Thessaliens einnehmen, daran zu setzen, um die schonste und stolzeste Hetare, welche Griechenland je gesehen hat, auf seine Bedingungen zu haben. Ich zweifle nicht, dass sie ihm den Sieg schwer genug machen wird; aber ich zweifle eben so wenig, dass sie schon entschlossen ist sich besiegen zu lassen. Beide scheinen einander bereits auf den Wink zu verstehen. Dioxippus hat ihr den Einfall eine Reise nach Delphi, Larissa, Tempe u.s.f. zu machen, so fein beizubringen gewusst, dass sie sich mit guter Art gegen ihn stellen konnte, als ob es ihr eigener Gedanke ware. Die Reise ist also beschlossen, und die Anstalten dazu werden mit der grossten Lebhaftigkeit betrieben. Dioxippus wird sie begleiten, und schmeichelt sich (wie er sich sehr bescheiden ausdruckt) sie werde ihm vielleicht die Gnade erweisen, eines seiner Guter in diesen Gegenden mit ihrer Gegenwart zu beglukkseligen. Die getauschten Raben sind indessen mit leeren Schnabeln wieder aus einander geflogen, und in drei oder vier Tagen wird die Gottin, mit einem zahlreichen Gefolge von Nymphen, und, sobald sie zu Megara angelangt seyn wird von einem Schwarm Thessalischer Reiter umflogen, die Reise nach der heiligen Stadt Delphi antreten.
Ich will lieber gleich freiwillig gestehen, was ich dir doch nur halb verbergen konnte dass ich etwas ungehalten auf unsre mannerbeherrschende Schone bin, wiewohl mein Aufenthalt zu Aegina diessmal keine absichtliche Beziehung auf sie hatte. Damit ich dir aber die Muhe erspare mich desswegen auszuschalten, bekenne ich auch sogleich, dass mein Missmuth ungerecht ist. Oder was fur ein Recht konnten wir (ich meine mich und meinesgleichen) haben, Anspruche an sie zu machen? Ist sie nicht Herr uber ihre eigene Person? Und wenn ihr auch alle die herrlichen und seltnen Gaben, womit die Natur sie ausgestattet, bloss zur Mittheilung verliehen worden waren, wer ist berechtigt ihr vorzuschreiben, wen und wann und in welchem Masse sie durch diese Mittheilung zu begunstigen schuldig sey? Ist nicht das, was sie, durch Gestattung eines freien Zutritts zu ihr, fur das gesellschaftliche Leben thut, schon allein unsers grossten Dankes werth? Macht sie nicht einen schonen, edeln und bis zum Uebermass freigebigen Gebrauch von den Reichthumern, die ihr das Gluck, das eben so verschwenderisch gegen sie war als die Natur, zugeworfen hat? Welche Vortheile zieht nicht Korinth, das durch sie gewissermassen zur Hauptstadt von Griechenland wird, bloss davon, dass die schone Lais es zu ihrem gewohnlichsten Sitz erwahlt hat? Und wie viel hat sie nur allein dadurch, dass sie sich Malern und Bildnern mit so vieler Gefalligkeit als Modell darstellt, zu Vervollkommnung der Kunst und zur Verschonerung unsrer Tempel und Galerien beigetragen? Du siehst, Aristipp, dass meine selbstsuchtige uble Laune mich wenigstens nicht ungerecht und undankbar gegen ihre mannichfaltigen Verdienste macht, und du wirst die Grossmuth, womit ich sie gegen mich selbst zu rechtfertigen suche, hoffentlich auch mir fur ein kleines Verdienst gelten lassen.
Meine Verrichtungen fuhren mich von hier nach Salamin, von wo ich dir und der Akademie einen fliegenden Besuch zu machen gedenke. Im Vorubergehen hoff' ich auch den Sonderling Diogenes zu sehen, von welchem mir die hier anwesenden Athener so viel Seltsames erzahlt haben, dass ich grosse Lust hatte, ihn den Korinthiern als ein neues Wunderthier aus Libyen zu zeigen, wenn ich ihn uberreden konnte mich zu begleiten. Lebe wohl!
37.
Kleonidas an Aristipp.
Ich danke dir fur die Mittheilung deines Antiplatonischen Symposions, worin du ungefahr alles Gute und alles Bose, was sich von dem Meisterstuck des Attischen Philosophen sagen lasst, mit nicht geringerer Beobachtung des Schicklichen als er selbst in Vertheilung der Rollen bewiesen hat, der damaligen Tischgesellschaft unserer Freundin in den Mund legst. Was du in deinem Brief an Eurybates bescheidener Weise fur einen Nachtheil deines Gastmahls in Vergleichung mit dem Platonischen ausgibst, dass es namlich durchaus das Ansehen eines freien, unvorbereiteten, kunst- und anspruchlosen Tischgespraches hat, scheint mir eher ein Vorzug zu seyn, auf welchen du, insofern die Kunst (wie ich nicht zweifle) auch an dem deinigen Antheil hat, dir vielmehr etwas zu gute thun konntest. Ausfuhrliche methodische Behandlung und Erschopfung des Stoffes der Unterredung schickt sich auf keine Weise fur ein Gesprach dieser Art; aber desto lobenswurdiger ist es, wenn die redenden Personen, indem sie nur mit leichtem Fuss uber den Gegenstand hinzuglitschen scheinen, dennoch alles sagen, was den Zuhorer auf den Grund der Sache blicken lasst, und in den Stand setzt, sich jede Frage, die noch zu thun seyn konnte, selbst zu beantworten.
Das Mahrchen von Amor und Psyche, womit Lais die Unterredung so sinnig und anmuthig schliesst, ist eines von den wenigen, wo die dichterische Darstellung mit der malerischen in Einem Punkte zusammentrifft, und beide Kunste, so zu sagen, herausgefordert werden, welche die andere zu Boden ringen konne. Ich habe der Versuchung nicht widerstehen wollen, die zwei auf einander folgenden Augenblicke, von welchen diess vorzuglich gilt, in den zwei Gemalden darzustellen, die du zugleich mit diesem Brief erhalten wirst. Ich habe ihnen noch zwei andere beigelegt, wovon die Scene in meinem eigenen Hause liegt, und die, wie ich gewiss bin, eben dadurch desto mehr Anmuthendes fur dich haben werden. Jene kannst du, deines Gefallens, entweder fur deine kleine Galerie behalten, oder an Learchen abgeben, der (wie ich hore) etwas von mir zu haben wunschet.
In dem kleinen Familienstuck ist die Figur, die mich selbst vorstellt, von der Hand meiner Schwester Kleone. Das Madchen zeigte, nachdem sie einige Zeit in meinem Hause gelebt hatte, so viele Lust und Anlage zu meiner Lieblingskunst, dass ich nicht umhin konnte ihr einige Anleitung zu geben. Sie hat bereits ziemliche Fortschritte gemacht, und ist, wie du siehest, auf gutem Wege, ihrem Lehrmeister gerade darin, worin er sich etwas geleistet zu haben schmeichelt, den Rang abzugewinnen. Sie war eben in Musarions Kinderstube mit einer kleinen Arbeit beschaftigt, als mich der Zufall mit dem sussen Anblick begunstigte, den ich in diesem Gemalde, wenigstens so lange die Farben aushalten, zu verewigen gesucht habe. Als ich mit der Mutter und den Kindern fertig war, fand die kleine Hexe Gelegenheit sich in mein Arbeitszimmer zu schleichen, und, wahrend ich auf ein paar Tage abwesend war, mich selbst der holdseligen Gruppe als einen sehr warmen Antheil nehmenden Zuschauer beizufugen. Aber der Kreter kam an einen Aegineten139, wie das Spruchwort sagt. Ich uberschlich sie dafur wieder, da sie in einer Laube unsers Gartens, allein zu seyn meinend, ein Bild, woran sie eben gearbeitet hatte, mit einem Ausdruck, den ich nicht beschreiben kann, den ich aber mit dem Pinsel zu erhaschen suchte, betrachtete. Sie weiss nichts von dem kleinen Streiche, den ich ihr gespielt habe. Ich gestehe dir meine Schwachheit, Aristipp; ich liebe das Madchen so sehr, dass ich nicht ruhig bin, bis alle meine Freunde wissen, wie liebenswurdig sie ist.
38.
Aristipp an Learchus.
Antipater kann dir's noch nicht vergessen, dass du ihm seinen Freund Diogenes entfuhrt hast. Er besorgt, die Korinther mochten noch leichtfertiger seyn als die Athener, und das Schatzbare dieses genialischen Sonderlings vor dem Lacherlichen nicht gewahr werden. Ich hatte sagen sollen er wunscht es heimlich, weil er hofft, ihn desto eher nach Athen zuruckkehren zu sehen. Ich glaube das Gegentheil. Die Einwohner grosser Handelsplatze wie Korinth, sind so sehr gewohnt, Menschen von allen moglichen Gesichtern, Gestalten und Farben, Trachten, Sitten, Sprachen und Mundarten um sich zu sehen, dass auch der ubertriebenste Sonderling ihnen weniger auffallen muss als den Athenern, die alles, was nicht Attisch ist, schon aus diesem Grund allein lacherlich und verachtlich finden.
Du bezeugtest, als du vor einiger Zeit die Gemalde meiner kleinen Halle besahst, grosses Verlangen ein paar Stucke von meinem Freunde Kleonidas (dem Maler des sterbenden Sokrates) um jeden Preis, den er darauf setzen wollte, zu besitzen. Ich ubersende dir hier zwei, die ich so eben von ihm erhalten habe, und lege ihnen, zu besserm Verstandniss ihres Sinnes, die Abschrift eines Milesischen Mahrchens bei, welches die schone Lais verwichnen Fruhling einer kleinen bei ihr versammelten Gesellschaft, aus Gelegenheit eines Gesprachs uber die Liebe, zu erzahlen die Gefalligkeit hatte. Wenn du es gelesen hast, wirst du, in dem einen dieser Bilder, die von der Furie des Vorwitzes von der Seite ihres noch unbekannten Gemahls weggerissene Psyche in dem Augenblick, da sie uber ihn hergebuckt den Gott der Liebe in ihm entdeckt, und vor Entzucken und Schrecken zitternd einen Oeltropfen aus der Lampe in ihrer Hand auf seinen Busen fallen lasst so wahr und schon dargestellt finden, dass ihm nur das Seitenstuck dazu wo Amor, einen zugleich mitleidigen und zurnenden Blick auf die besturzte und die Arme vergebens nach ihm ausstrekkende Psyche werfend, davon fliegt an Schonheit und Starke der Wirkung zu vergleichen ist. Wenn diese Bilder dir nur halb so wohl gefallen wie mir (sonst hat sie noch niemand hier gesehen), so sind sie um jeden massigen Preis, den du selbst bestimmen willst, dein. Uebrigens gesteh' ich dir unverhohlen, dass ich mich so leicht nicht von ihnen trennen konnte, wenn ich nicht noch zwei andere Stucke erhalten hatte, die als Kunstwerke jenen nicht nachstehen, aber noch ausserdem einen Werth fur mich haben, den sie fur keinen andern haben konnen. Das eine stellt meinen Kleonidas in einem schonen Augenblicke seines hauslichen Gluckes vor; das andere ist das Bildniss seiner Schwester, eines lieblichen talentvollen Madchens von siebzehn Jahren. Sie sitzt unter einer Rosenlaube, mit einer Tafel auf den Knieen, worauf sie das Bild einer Person, an welcher sie warmen Antheil nimmt (vermuthlich ihres Bruders) zu zeichnen begriffen ist; wiewohl es eben so wohl eine geliebte Freundin seyn konnte; denn was es vorstellen soll, ist nur angedeutet als ob es in einem Nebel zerfliesse. Ich habe nie etwas so sanft Anziehendes gesehen als dieses Madchen; es ist eben so schwer die Augen wieder von ihr abzuwenden, als nicht zu wunschen, dass man derjenige seyn mochte, dessen Zuge sie nach einem ihrer Seele vorschwebenden Bilde mit Liebe zu copiren scheint.
Wenn du Nachrichten von unsrer wandernden Freundin hast, so wirst du mich durch ihre Mittheilung verbinden. Ich musste mich sehr irren, wenn sie es bei ihrem Thessalischen Zauberer so lange ausdauerte, als bei dem furstlichen Perser, der so grosse Vorzuge in sich vereinigte, und sie doch nicht langer als zwei Jahre fest halten konnte. Ihr andern edeln Sohne von Korinth werdet ja auch noch an den Reihen kommen; wenigstens hat sie euch lange genug umsonst dienen lassen, oder doch nur mit Phasianischen Huhnern und Kopaischen Aalen140 abgespeist, woran ihr ohnehin keinen Mangel habt.
39.
Learchus an Aristipp.
Die Gemalde sind glucklich angelangt, und bereits in meinem grossen Sahl mitten unter den Werken der beruhmtesten Meister aufgestellt. Ich danke dir sehr, lieber Aristipp, dass du mir vor andern Liebhabern den Vorzug hast geben wollen; und auch das ist mir lieb, dass die Athener diese Juwelen der Kunst nur bei mir zu sehen bekommen konnen. Ich ubermache dir eine in Cyrene zahlbare Anweisung auf dreitausend Drachmen; war' ich ein Konig, so sollten's dreissigtausend seyn, und ich wurde diese Bilder doch noch lange nicht nach ihrem wahren Werth bezahlt zu haben glauben. Unsre reichsten Kunstsammler erkundigen sich, nicht ohne Neid, nach dem Meister und dem Preise: ich sage ihnen, dass der Meister nicht genannt seyn wolle, und nicht auf den Kauf arbeite. Euphranor, der die Kunst zu sehr liebt, um einer andern Eifersucht als der edeln, schon von dem alten Hesiodus angeruhmten141, fahig zu seyn, findet, dass an beiden Stucken vieles hochlich zu loben, und wenig oder nichts zu tadeln sey; denn uber das, was allenfalls getadelt werden konnte, lasse sich, sagt' er, noch lange streiten. So tadelte z.B. Jemand, dass von dem Entzukken uber den unverhofften Anblick des Liebesgottes und der Angst vor seinem Erwachen, wovon das Mahrchen spricht, nur das erste in Psychens Gesicht ausgedruckt sey; aber Euphranor behauptet, es ware unmoglich gewesen beides in eben demselben Augenblick ohne Verzerrung auszudrucken, und der Maler sey der Natur und dem Gesetz der Kunst gefolgt, indem er jenen Ausdruck vorgezogen habe; zumal da das Zittern der Hand, wovon der fallende Oeltropfen die Folge war, eben so gut von einer frohen Ueberraschung als einer Anwandelung von Furcht habe bewirkt werden konnen. Mehr zu verlangen, sagte er, ware eben so viel als wenn man fordern wollte, der Maler hatte ihre Hand zittern lassen sollen. Vorzuglich bewundert Euphranor an dem zweiten Stucke den Gedanken, das Ganze bloss von dem Aufflackern der Lampe, die der Psyche (indem sie die Arme nach dem fliehenden Amor ausstreckt) aus der Hand fiel, und eben verloschen wird, von unten auf beleuchtet werden zu lassen, welches eine eben so neue und auffallende Wirkung thut, als es schwer auszufuhren war. Er hat nicht von mir abgelassen, bis ich ihm erlaubt habe, von beiden Gemalden eine Kopey in eingebrannten Wachsfarben zu machen; einer noch nicht lang' erfundenen Kunst, worin er es bereits zu einer grossen Nettigkeit der Ausfuhrung gebracht hat.
Lais (die mir vor ihrer Abreise die Oberaufsicht uber ihre hauslichen Angelegenheiten auftrug) meldet mir von Larissa aus, wo sie den Winter sehr angenehm zugebracht zu haben versichert, dass sie im Begriff sey, nach Farsalia abzugehen, und sich in diesem dichterischen Lande, der Scene so vieler alter Wundersagen und heroischen Abenteuer, dem Lande wo Deukalion und Pyrrha das Menschengeschlecht wieder herstellten, und Apollo die Herden des Admet hutete, so wohl gefalle, dass sie noch nicht ans Wiederkehren denken konne. Sie scheint sehr wohl mit den edeln Thessaliern, aber desto schlechter mit dem weiblichen Theile der Nation zufrieden zu seyn; sie findet die Weiber dieses Landes weder schon noch geistreich und gebildet genug, um ihre ausschliesslichen Anspruche an die Zauberkunst der Liebe behaupten zu konnen. Das Wahre ist, dass eine so gefahrliche Fremde wie Lais, die in keiner andern Absicht gekommen scheint, als ihnen die reichsten und freigebigsten Manner des Landes vor ihren Augen wegzuangeln, eine allgemeine Emporung der Weiber gegen sich erregt, deren Folgen zu entgehen sie diesen Sommer unter dem Schutze des machtigen Dioxippus auf einem seiner Guter in der Gegend von Pharsalia zuzubringen gedenkt. Ich zweifle nicht dass diess das rechte Mittel ist, sie vor Anfang des Winters wieder in Korinth zu haben. Ich wunsch' es, bloss weil ich sehen mochte was sie mit meinem verruckten Sokrates anfangen wird, und ob sie sich des Versuchs wird enthalten konnen, auch ihn vor oder hinter ihren Siegeswagen spannen zu wollen. Dein Antipater wird sich in seiner Meinung von den Korinthern betrogen finden. Diogenes lebt hier noch freier und ungeneckter als zu Athen, und es gefallt ihm so wohl bei uns, dass er von der allgemeinen Einladung, die er von einigen unsrer besten Hauser erhalten hat, schon zwei oder dreimal Gebrauch gemacht, und wenn ihm die Laune dazu ankam, von freien Stucken bei grossen Gastmahlern erschienen ist; wo er zwar von seiner gewohnlichen Diat so wenig als moglich abweicht, aber durch die Gewandtheit seines Witzes, die Freiheit seiner Zunge, und die seltsamen Einfalle, wovon er einen unerschopflichen Vorrath zu haben scheint, sich so angenehm macht, dass seine Erscheinung eine desto lebhaftere Freude unter den Gasten verursacht, je karger er mit dieser Gefalligkeit ist. Denn so weit hab' ich selbst (wiewohl er mich mehr als andere begunstigt) es nicht bei ihm bringen konnen, dass ich meine Freunde auf ihn zu Gaste bitten durfte. Antipater wird hieraus ersehen, dass er sich so bald keine Hoffnung zu einer Schwimmpartie nach Psyttalia mit unserm neuen Schutzverwandten zu machen hat, und dass er selbst zu uns wird heruber schwimmen mussen, wenn er sehen will, wie gut die Isthmische Luft seinem Freunde zuschlagt.
40.
Aristipp an Kleonidas.
Wenn deine Absicht war, mich mit den Gemalden, die ich durch den Schiffer Xanthus erhielt, wie mit unwiderstehlichen Zauberketten nach Cyrene zuruck zu ziehen, so schwor' ich dir zu, dass du sie vollig erreicht hast. Sie haben die Erinnerungen an dich und deine Musarion so lebendig in mir aufgefrischt, dass alle meine andern Gedanken vor ihnen verloschen, und alles, was ich um mich her sehe, mir schal und ungeniessbar wird. Oft mocht' ich auf deine Kunst zurnen, dass die Zaubrerin, die dem blossen gefarbten Schatten so viel Lebenahnliches geben konnte, ihnen nicht auch das, was zum Leben noch fehlt, zu geben vermochte; dass ich die Rede, die auf den Lippen deines Bildes zu schweben scheint, nicht mit meinen Ohren hore, und der Freund, den ich an meine Brust drucken will, ein blosses Blendwerk ist. Unwillig reiss' ich mich dann von diesen Bildern los, bei denen ich oft Stunden lang verweile, und kehre doch immer wieder zuruck, als ob ich hoffte sie nun lebendiger zu finden. Kurz, lieber Kleonidas, dein Geschenk hat meine Weisheit aus dem Gleichgewicht, worauf ich sonst immer ein wenig gross zu thun pflegte, herausgehoben, und ich sehe wohl, mir ist nicht anders zu helfen, als dass ich meine hiesigen Geschafte so schleunig als moglich zu Ende bringe, ein eigenes Jachtschiff miethe, und mit dem ersten besten Nordwestwind nach dem Lande zuruckfliege, das meine Liebe zu euch, weit mehr als das Ungefahr der Geburt, zu meinem wahren Vaterlande macht.
Das holde Familienbild und die liebliche junge Malerin haben mich zwar nicht blind gegen die Reize deiner Psyche gemacht, aber doch so viel bewirkt, dass ich mich zu Gunsten meines Korinthischen Freundes Learchus leichter von ihr trennen konnte, der sie zu besitzen verdient, und ganz glucklich dadurch ist. Die dreitausend Drachmen, die du gegen seine Anweisung ausgezahlt erhalten wirst, sind der Preis, den er selbst dafur bestimmt hat. Da er die Bilder als Geschenk nie angenommen haben wurde, so hielt ich fur das schicklichste, ihm die Schatzung derselben anheimzustellen: und ich finde dass er sich, ohne zu viel zu thun, auf eine edle Art aus der Sache gezogen hat. Er hat wirklich Sinn fur achte Kunst; und uberdiess schmeichelt es seinem Stolze, dass er (Lais allein ausgenommen) der einzige in Griechenland ist, der etwas von deiner Hand aufweisen kann.
Dass mir die beiden Stucke, die ich fur mich behalte, zu heilig sind um in meiner Galerie aufgestellt zu werden, trauest du mir zu ohne dass ich es sage. Antipater ist der einzige, der das Familienbild gesehen hat; aber ihm auch die Malerin sehen zu lassen, kann ich nicht uber mich gewinnen. Sie steht in meinem Schlafzimmer, in einem Schranke verborgen, der, seitdem er dieses Kleinod verwahrt, taglich so oft aufgeschlossen wird, dass du uber meine Kinderei lachen wurdest, wenn ich dir sagte wie oft. Mich dunkt die Kunst hat noch nichts Vollendeter's hervorgebracht als dieses kleine Bild. Vollendet ja, das ist es aber ich habe dir doch nicht das rechte Wort gesagt; nichts Anziehender's, wollt' ich sagen was hielt mich zuruck? Ist mein Vorwitz zu wissen, wer der Gluckliche ist, mit dessen Zugen die liebenswurdige Kleone sich so theilnehmend beschaftigt, unbescheiden, so lass dein Stillschweigen meine Strafe seyn.
Ich lege diesem Brief eine Abschrift dessen bei, den ich von Learchen uber die Gemalde erhalten habe; vornehmlich, weil er uns Nachricht von unsrer reisenden Circe gibt, die den Thessalischen Zaubrerinnen zeigt, dass sie in ihrer eigenen Kunst, gegen eine Meisterin wie sie, nur Pfuscherinnen sind.
41.
Kleonidas an Aristipp.
Wenn unsre Freunde oder Verwandten in einem lebenssatten Alter ohne Reue, indem sie ins Vergangene, ohne Kummer, wenn sie vorwarts blicken, die Welt verlassen, so sollte der Gedanke, dass wir nie hoffen konnten sie von dem allgemeinen Loose der Menschheit ausgenommen zu sehen, billig zu unsrer Beruhigung hinreichend seyn.
Nach dieser kleinen Vorrede, lieber Aristipp, wirst du, wie ich hoffe, die Nachricht, dass dein achtzigjahriger Oheim zu leben aufgehort, und dich nebst deinem Bruder zu einzigen Erben seines ansehnlichen Vermogens eingesetzt hat, bloss als einen Ruf des Schicksals aufnehmen, dein Vorhaben, bald nach Cyrene zuruckzukehren, desto balder auszufuhren. Vermoge seines letzten Willens ist dir sein schones Haus in der Stadt und sein nur wenige Stadien von derselben entferntes Landgut zum voraus vermacht: und dein Bruder, der dich zu gut kennt, um deine Weigerung nicht voraus zu sehen, lasst dir wissen, dass er euerm Oheim sehr ernstlich angelegen habe, dir die ganze Erbschaft zu hinterlassen, und dass er also um so fester uber dem Buchstaben des Testaments halten werde, da er durch das grosse Vermogen seiner Frau ohnehin reicher sey, als es einem Burger eines kleinen Freistaats zustehe.
Nach dieser Erklarung, die dein Bruder bereits offentlich gethan hat, wurde es dir als eine blosse Ziererei aufgenommen werden, wenn du dich nicht mit guter Art fugen wolltest; zumal da ganz Cyrene das Benehmen deines Bruders hochlich billiget, und sich darauf freut, dich kunftig auf immer bei uns festgehalten zu sehen.
Das Gut wirft wegen seiner Nahe an der Stadt jahrlich uber zwei Talente ab, das Haus ist eines der besten in Cyrene, und, wie mir dein Bruder sagt, so kommen von dem ubrigen Nachlass wenigstens vierzig Talente auf deinen Antheil. Du wirst also auf einen hubschen Fuss in deiner Vaterstadt leben, und (was mir vorzuglich Freude macht) uns deine Sokratische Philosophie und deinen eigenen Geist unentgeltlich zum Besten geben konnen. Das Gluck thut ausserst selten so viel fur Manner deines Schlages; du bist weise genug, dass du es entbehren konntest; aber Sokrates selbst hatt' es schwerlich von sich gestossen, wenn es ihm so ungesucht in die Arme gelaufen ware.
Musarion ist beinahe ein wenig ausgelassen vor Freude, und wirkt und webt und stickt mit ihren Magden uber Hals und Kopf, um ihre kleinen Amorinen auf deine Ankunft recht herauszuputzen. Auch Kleone nimmt ihren Antheil an unserm Vergnugen, und scheint kaum der personlichen Bekanntschaft zu bedurfen, um eine so gute Meinung von dir zu hegen, als einem viel eitleren Mann als du bist genugen konnte. In der That kennt sie dich, da sie alle deine Briefe an mich gelesen und wieder gelesen hat, bereits so gut, dass ihre Phantasie nur sehr wenig von der kleinen Parteilichkeit, fur dich zu verantworten hat, deren sie zuweilen im Scherz von Musarion und mir beschuldiget wird.
Deine Neugier, ob das Bildniss, woran sie in dem Gemalde zu arbeiten scheint, einen Freund oder eine Freundin vorstelle, hatte mich beinahe vergessen gemacht, dass Kleone nicht weiss dass ich sie gemalt habe, geschweige dass du im Besitz dieses Bildes bist. Du siehest leicht, dass beides ein Geheimniss vor ihr bleiben muss, wenn sie in ihrer ganzen holden Unbefangenheit vor dir erscheinen soll. Uebrigens muss ich dir sagen, dass die nachdenkliche und theilnehmende Miene, die dir an ihrem Bilde aufgefallen zu seyn scheint, der gewohnliche Ausdruck ihres Gesichtes ist, und eigentlich nichts weiter sagt, als dass sie sich immer in einem Zustande von Besonnenheit und reiner Zusammenstimmung mit der ganzen Natur befindet. Sie ist immer in sich selbst ruhend, aber immer bereit sich mit andern zu freuen oder zu betruben. Ich kann mich nicht erinnern, sie jemals weder gleichgultig noch in Leidenschaft gesehen zu haben. Sie ist nichts weniger als zuruckhaltend, und ich bin ihres Zutrauens zu mir so gewiss, dass ich es fur unmoglich halte, dass sie irgend eine Neigung in ihrem Herzen nahren sollte, die sie vor mir oder Musarion verheimlichen musste. Auf alle Falle rathe ich dir indessen auf deiner Hut zu seyn. Denn wenn du sie in einem spangenhohen Bilde schon so anziehend findest, was wird es erst seyn, wenn du sie selbst in Lebensgrosse siehest, und die Musik der Peitho horest die auf ihren Lippen sitzt?
Dein edler Bruder, dem es an Zeit fehlt, dir selbst zu schreiben, ersucht mich dir zu melden, er habe alle Verfugungen getroffen, dass du bei deiner Ankunft, wenn sie auch so bald erfolgt als wir wunschen, deine beiden Hauser zu deinem Empfang bereit und ausgeschmuckt finden werdest.
42.
Antipater an Diogenes.
Anstatt Aristippen mit diesem Briefe an dich zu belastigen, wurde ich ihn selbst nach Korinth begleitet haben, wenn meine rhetorischen Uebungen bei Isokrates mich nicht an die Minervenstadt fesselten.
Du wirst aus seinem eignen Munde vernehmen, dass er bloss nach Korinth gekommen ist, um von seinem und deinem Freund Learchus Abschied zu nehmen, und nach unsrer glucklichen Vaterstadt zuruckzukehren, wohin ich mir nicht eher erlauben werde ihm zu folgen, bis ich mir bewusst bin, die Ausbildung unter den Griechen erhalten zu haben, die mich am geschicktesten machen kann, meinen Mitburgern einst in offentlichen Geschaften nutzlich zu seyn. Diejenige Gattung von Beredsamkeit, worin Isokrates alle seine Mitwerber hinter sich lasst, die Kunst das Vertrauen und die Beistimmung der Zuhorenden mehr durch klare, leicht fassliche und zierliche Entwicklung der Sache zu gewinnen, als ihrer Einbildungskraft durch ein magisches Farbenspiel und eine kunstlich verfalschende Beleuchtung nachzustellen, oder die Gemuther durch einen Strom von Bildern, Redefiguren und leidenschaftlichen Ergiessungen mit sich fortzureissen ich sage, diese Gattung von Beredsamkeit, der es mehr um Wahrheit als Schein, mehr um Ueberredung als Ueberwaltigung, aber weniger um Ueberredung als Ueberzeugung des Zuhorers zu thun ist, scheint fur Republiken wie Cyrene ganz eigentlich gemacht, aber auch ein unnachlassliches Erforderniss zu einem Staatsmann in solchen Republiken zu seyn. In dieser Rucksicht ist vielleicht Isokrates selbst noch zu Attisch; ich meine damit, er lasst sich von der angebornen Redseligkeit der Athener und ihrem leidenschaftlichen Hang zum Schonsprechen, naturlicherweise also von der Begierde auf diesem Wege zu gefallen, und seine Mitburger durch schone Bilder, zierliche Gegensatze, ausgesuchte Worte, und kunstlich gedrechselte, dem Ohr schmeichelnde Perioden zu bezaubern, vielleicht mehr beherrschen als er sollte. Wenigstens mocht' ich ihn, wie viel auch in der Kunst von ihm zu lernen ist, nicht ohne Einschrankung zu meinem Muster nehmen, wenn ich einst in Cyrene offentlich zu reden haben werde. Aristipp hat mich daher aufgemuntert, auch Platons Schule fleissiger zu besuchen als ich bisher gethan habe. Er ist der Meinung, Platons Unterricht uber Gesetzgebung und Staatsverwaltung wiewohl er auch in diesem Fach alles auf idealische Vollkommenheit hinaufschraubt, konnte mir doch einen zwiefachen Nutzen schaffen: einmal, insofern es gut und sogar nothig ist, das Hochste, wornach man streben soll, wenn man es gleich nie erreichen wird, wenigstens zu kennen, damit man den festen Punkt immer im Auge habe, dem man sich unverwandt zu nahern sucht; und dann, weil Aristipp die scharfen Begriffe und strengen Grundsatze, an welche man sich bei Platon gewohnt, fur ein gutes Mittel halt, sich vor den willkurlichen Ansichten und bloss auf Meinung und Vortheil des Augenblicks gegrundeten Vorstellungen, womit die Redner sich gewohnlich behelfen, zu verwahren, die Redekunst in ihre wahren Granzen einzuschliessen, und zu verhuten, dass sie nicht in leeres Wortgeprang oder hinterlistige Sophistik ausarte. Ich finde diess alles so einleuchtend, dass ich entschlossen bin, meinen gegen Platons Art zu philosophiren gefassten Widerwillen zu uberwinden, und den politischen Vorlesungen, die er seit kurzem angefangen hat, um so fleissiger beizuwohnen, da mir Isokrates selbst, vermuthlich aus ahnlichen Beweggrunden, mit seinem Beispiel vorgeht. Du siehest hieraus, lieber Diogenes, dass diese Beschaftigungen mich noch eine geraume Zeit in Athen zuruckhalten werden, ob es schon durch deine und Aristipps Entfernung seinen grossten Reiz fur mich verloren hat. Speusipp und Eurybates sind nun beinahe die einzigen, mit denen ich in naherer Verbindung stehe, und bei denen ich manchen angenehmen Abend zubringe. Aus einem Briefe von Learch an Aristipp hat dieser mich ersehen lassen, dass du dir in Korinth gefallst, und dass sich die Leute dort ganz artig gegen dich auffuhren. Da du, mit aller deiner Misanthropie, im Grund' eine gute Seele bist, so zweifle ich nicht, diese Gastfreundlichkeit der Korinther gegen dich, die mir eine sehr gute Meinung von ihnen gibt, werde auch dich immer artiger gegen sie machen. Es kame vielleicht auf ein paar Raupenhaute an, die du noch abzustreifen hattest, so wurde Plato selbst einen zweiten Sokrates, gerade so einen, wie wir ihn fur unsre Zeit nothig haben, in dir erkennen mussen. Lebe wohl, und gedenke deines Antipaters, wenn dich einmal die Laune einen Brief zu schreiben anwandeln sollte.
43.
Diogenes von Sinope an Antipater.
Meiner Laune halben hattest du schon lang' einen grossen Brief von mir, Antipater, wenn ich nur jedesmal, so oft sie mich ankam, etwas bei der Hand gehabt hatte, worauf und womit man schreiben kann. Endlich bin ich auf einer meiner Lustreisen nach dem Eselsberg so glucklich gewesen, ein ziemliches Stuck glatter Baumrinde (die Oreaden mogen wissen von welchem Baume!) zu finden, und einen scharfen Kiesel, womit ich dir diesen Brief so leserlich auf die Rinde zu kratzen beflissen bin, dass du, mittelst einer massigen Gabe Rathsel zu errathen, so ziemlich mit meinem Geschreibe zu Rande kommen wirst.
Die Korinther haben mich bisher nach meiner Weise leben lassen, das muss ich ihnen nachruhmen; doch kam' es nur auf mich an, nach der ihrigen zu leben; d.i. mich alle Tage mit den leckersten Schusseln anzufullen und in den kostlichsten Weinen zu betrinken, wenn ich mich von allen beguterten Prassern dieser unermesslich reichen Stadt der Reihe nach einladen lassen wollte, um ihnen die Ausgabe fur die Lustigmacher zu ersparen, deren sie gewohnlich einen oder zwei bei ihren Schmausen anstellen, um fur baare Bezahlung durch witzige und unwitzige Possen den Gasten verdauen zu helfen. Wie lange sie oder ich es aushalten wurden, ist ihr geringster Kummer.
Du wirst schon gehort haben, dass Lais, von ihrem Centauren bis an die Granze des Isthmus begleitet, wohlbehalten aus Thessalien zuruckgekommen ist. Aber was du schwerlich gehort hast ich wollte dir's wohl ins Ohr sagen wenn's nur nicht einer gar zu unglaublichen Prahlerei ahnlich sahe. Und doch geschehen Dinge in der Welt (sagen unsre alten Nestorn) die der tollste Poet nicht zu erdichten wagen wurde, noch, ohne fur einen Stumper in seiner Kunst gehalten zu werden, wagen durfte. Bilde dir ein, dass mir so etwas mit der schonen Lais begegnet sey,142 und lass ubrigens diese Sache, so wie das sonderbare Briefchen der Dame, das ich dir hier zu meiner Rechtfertigung mittheile, ein so heiliges Geheimniss seyn, als ob es dir von dem Hierophanten zu Eleusis mitgetheilt ware.
44.
Lais an Diogenes von Sinope.
Das war ein wunderliches Ereigniss, das sich zwischen uns begeben hat, meinst du nicht, Diogenes? Eines von denen, die einen weisen Mann an seinen eigenen Sinnen irre machen, und das du hoffentlich nur getraumt zu haben glaubst. Wie? was unter allen diesen stolzen, reichen, schonen und schimmernden Abkommlingen von Gottersohnen, die du taglich bei mir ein- und ausgehen siehst, in mehreren Jahren auch nicht Einer um keinen Preis erhalten konnte, sollte Diogenes, der Cyniker, binnen wenigen Wochen, ohne alle Muhe und Arbeit, durch blosse Laune des Zufalls oder Gunst eines schwachen Augenblicks erschlichen haben? Welche Wahrscheinlichkeit? Gleichwohl geschehen auch unwahrscheinliche Dinge, und da das Geschehene am Ende doch immer unter die naturlichen Dinge gehort, so lass uns wie ein Paar verstandige Personen mit einander daruber philosophiren.
Du bist, mit aller deiner Unverschamtheit, ein Mann, der sich nicht mehr dunkt als er ist, und mich kennst du bereits genug, um dich nicht zu verwundern, dass ich unter deiner rauhen struppichten Hulle das feine Gefuhl sehr bald ausfindig gemacht habe, das du darunter zu verbergen suchst. Du kannst von mir nicht schlecht denken. So wenig du dich fur einen Nireus oder Phaon halten kannst, so wenig kann es dir einfallen, dass Lais von deinen breiten Schultern und phlagonischen Markknochen bezaubert worden sey. Aber Lais (denkst du) und wenn sie eine Gottin ware, ist am Ende doch ein Weib, und ein Weib hat Augenblicke, wie selten und kurz sie auch seyn mogen, wo sie ohne zu wissen wie noch warum schwach ist, und, bloss darum weil sie sich dessen nicht versah, ausglitschen kann.
Wenn du so denkst, Freund Diogenes, und die Rede ware von zehntausend und zehnmalzehntausend andern Weibern, so hattest du Recht; aber wenn du es von Lais denkst, so irrest du himmelweit. Ich habe in meinem Leben keinen schwachen Augenblick dieser Art gehabt. Die meinigen, wenn man sie so nennen konnte, haben mit jenen nichts gemein als die Wirkung. Ich sagte mir selbst: was sind alle diese Menschen die an mich Anspruche machen, ihrem innern Gehalt nach, gegen diesen armen Paphlagonier, auf den sie so vornehm herunter sehen! Und doch wurde es Diogenes fur die lacherlichste Anmassung halten, wenn ihm einfiele, sich unter jene Uebermuthigen zu stellen, die ein Recht an mich zu haben wahnen, weil ich schon und reizend bin, und in zwangloser Freiheit lebe. Seine Bescheidenheit soll belohnt werden! Der Mann, der, um den Gottern ahnlich zu werden, ein elendes Leben fuhrt, soll einen Augenblick in seinem Leben gehabt haben, wo er ihnen an Wonne ahnlich war. Hier hast du das ganze Geheimniss, mein guter Cyniker! Mache nun einen weisen Gebrauch davon, und, um deiner selbst willen, suche nie wieder mich allein zu finden.
45.
Kleonidas an Antipater.
Aristipp ist glucklich in Cyrene angekommen, und hat durch sein Widersehen und den Entschluss uns nie wieder zu verlassen, das Gluck seiner Freunde verdoppelt. Die ganze Stadt nimmt Antheil an unsrer Freude; man drangt sich ihn zu sehen, zu begrussen, zu Gaste zu bitten, und uberall, wo er zu finden ist, aufzusuchen; und er hat sich in Zeiten auf ein entfernteres Landgut seines Bruders fluchten mussen, um den allzulastigen Beweisen zu entgehen, welche ihm seine Mitburger von ihrer Achtung und Zuneigung zu geben sich beeifern. Das alles wird sich in kurzer Zeit setzen; man wird nur zu bald gewohnt werden Aristippen unter uns zu sehen, und der namliche Mann, den die offentliche Meinung jetzt zum Abgott der Cyrener macht, wird ihnen in einigen Jahren ein Burger seyn wie tausend andere, und vielleicht aller seiner Anspruchlosigkeit und Bescheidenheit nothig haben, um fur seine Vorzuge, und fur alles wodurch er seinem Vaterlande Ehre macht, Verzeihung zu erhalten. So ist die grosse Mehrheit der Menschen, lieber Antipater! Wir wollen uns nicht daruber argern dass sie nicht anders sind als sie konnen.
Aristipp schickt sich trefflich in seinen neuen Hausstand, und wird uns, wie ich nicht zweifle, durch das Beispiel eines nach edeln Grundsatzen gefuhrten und mit sich selbst ubereinstimmenden Lebens mehr wahre Philosophie lehren, als wenn er eine Wissenschaftsbude auf dem grossen Markt von Cyrene aufschluge, und uns unsern schlichten Menschenverstand zu Platonischen Ideen verspinnen lehrte.
Er hat neun Leibeigenen seines alten Oheims, so viele ihrer uber sechzig Jahre alt waren, die Freiheit geschenkt, und es in ihre Wahl gestellt, ob sie seine Hausgenossen bleiben, oder mit einem ihren geleisteten Diensten angemessenen Jahrgehalt sich auf ihre eigene Hand setzen wollten. Alle haben das erstere erwahlt, und verdoppeln, seitdem sie ihm bloss durch ihren Willen angehoren, ihren Diensteifer. Dafur aber ist auch seine Art, alle von ihm abhangenden Menschen zu behandeln, so gutig und leutselig, dass, wofern sie nicht mit strenger Ordnung und gehoriger Zucht verbunden ware, die Guten selbst sich unvermerkt versucht finden konnten lassig und schlecht zu werden. Sein Bestreben ist, alle, die fur ihn arbeiten, so zufrieden mit ihrem Loose zu machen, dass sie sich nicht nur keinen andern Herrn wunschen, sondern seinen Dienst der Freiheit selbst vorziehen. Diess ist leichter zu bewerkstelligen als man glaubt; denn diese Classe von Menschen fuhlt den Werth der Freiheit nicht eher, als wenn ihnen die Dienstbarkeit ganz und gar unertraglich gemacht wird. In seinem Hause herrscht Ordnung ohne angstlichen Zwang, Zierlichkeit ohne Pracht und Ueberfluss ohne Verschwendung. Nichts ist um Scheinens und Prunkens willen da; alles, vom grossten bis zum kleinsten, tragt etwas zum angenehmern Lebensgenuss des Hausherrn und seiner Freunde bei, und man befindet sich nirgends besser als bei ihm. Mit Einem Wort, Aristipp stellt seine Philosophie in seinem Leben dar, und verdient nicht nur allen, denen das Gluck so gunstig war als ihm, zum Muster zu dienen, sondern kann, mit den gehorigen Einschrankungen, auch von solchen nachgeahmt werden, die in diesem Stuck weit unter ihm sind. Denn so ubel hat die Natur nicht fur ihre Kinder gesorgt, dass man reich seyn musste, um des Lebens froh zu werden.
Du bist, nach dem Antheil den du an uns nimmst, vielleicht neugierig, wie es mit Aristipp und Kleonen steht, von welchen leicht vorauszusehen war, dass die personliche Bekanntschaft sie sehr bald in ein besonderes Verhaltniss setzen wurde. Der erste Augenblick war wirklich so schon, dass ich ihn mochte malen konnen. Eine sichtbare Freude, einander gerade so zu finden wie jedes sich das andere gedacht hatte, strahlte aus seinen schwarzen Augen und glanzte im Himmelblau der ihrigen. Man hatte eher denken sollen, sie erkennten einander nach einer sehr langen Trennung wieder, als sie sahen sich zum erstenmale. Von dieser ersten Stunde an, scheint, oder ist vielmehr ohne Zweifel, ihr Verhaltniss zu einander auf immer entschieden. Keine Spur von Leidenschaft, nichts dem Aehnliches, was man gewohnlich Liebe oder Verliebtseyn nennt! Wer sie zum erstenmale beisammen sieht, halt sie fur Zwillingsgeschwister, die mit einander aufgewachsen sind, und so naturlich zusammengehoren, dass man sich keines ohne das andere denken kann. Bei allen Gelegenheiten zeigt sich eine so reine Zusammenstimmung ihrer Gemuther, ihres Geschmacks, ihrer Art die Dinge zu sehen und zu nehmen, dass sie ihre Seelen mit einander vertauschen konnten ohne es gewahr zu werden, oder dass wenigstens die Mannheit und Weibheit den einzigen Unterschied zwischen ihnen zu machen scheint. Naturlicherweise fuhlen sie sich also fur einander bestimmt, und ohne sich noch ein Wort davon gesagt zu haben, werden in aller Stille die Anstalten zu der Feierlichkeit getroffen, welche sie zu einem der glucklichsten Paare, die sich je zusammen gefunden haben, machen wird. Diess, lieber Antipater, ist das Neueste von Cyrene.
Aristipp sagt uns so viel Gutes von dir, dass wir dich (der kleinen Schafergeschichte zu Aegina ungeachtet) deiner eigenen Fuhrung getrost uberlassen sehen. Du laufst nach einem schonen Ziel, Antipater. Dem Weisen ist nichts Einzelnes klein noch gross. Du bist, indem du dich deinem Vaterlande widmest, zu keiner schimmernden noch larmenden Rolle berufen: aber wohl dem Staat, wohl den einzelnen Menschen, denen ihre Lage vergonnt, unbemerkt und unbeneidet glucklich zu seyn! Unsere Republik ist dermalen in dieser Lage, und sie darin erhalten zu helfen, ist ein Geschaft, wofur selbst ein Themistokles und Perikles nicht zu gross ware.
46.
Musarion an Lais.
Ich habe einen Augenblick, aber auch nur einen Augenblick, bei mir angestanden, liebste Freundin, ob ich diesen Brief an dich abgehen lassen sollte: denn wie konnt' ich besorgen, dass Lais in das Herz ihrer liebenden dankbaren Pflegetochter einen Zweifel setzen werde? Gewiss, gewiss macht es dir Freude, wenn ich dir melde, dass ich, die bisher durch meinen, aus deiner Hand erhaltenen Kleonidas die glucklichste der Weiber war, gleichwohl nahe daran bin, durch die Verbindung unsers Aristipps mit der einzigen Schwester meines Mannes, einem sehr liebenswurdigen, guten und talentvollen Madchen, noch glucklicher zu werden.
Ich glaube nicht, dass ausser Kleonidas und mir selbst jemals zwei so genau zusammenpassende Halften einander gefunden haben, wie Aristipp und Kleone. Das Schonste dabei ist, dass sie einander so herzlich gut sind und so inniges Wohlgefallen an einander haben, ohne dass man die geringste Spur der brausenden, schwarmerischen und (mit Aristipp zu reden) tragikomischen Leidenschaft, die man gewohnlich Liebe nennt, an ihnen gewahr werden kann. Sie lieben einander, scheint es, wie Leib und Seele; durch ein stilles, tiefes, sympathetisches Gefuhl, dass sie zusammen gehoren, und nicht ohne einander bestehen konnen. Welch ein seliges Leben werden diese zwei mit so vielen Vorzugen, jedes in seiner Art, begabte, so edle, so gute Menschen in der gunstigen Lage, worein das Gluck sie gesetzt hat, zusammen leben! Meine Schwester Kleone besitzt ein sehr hubsches Vermogen, und Aristipp ist (wie du gehort haben wirst) durch die Erbschaft von seinem mutterlichen Oheim einer der wohlhabendsten Burger von Cyrene geworden. Sie konnen, bei einer wohlgeordneten Wirthschaft, ohne sich mehr als recht ist einzuschranken, vollig nach ihrem Geschmack und Herzen leben, und werden, dem Genuss nach, reicher seyn, als manche andere mit dreimal grossern Einkunften. Diess, liebste Lais, gilt auch von mir und Kleonidas, ob wir schon nicht so reich sind als Aristipp.
Du weisst nur zu wohl, meine gutige Freundin, dass ich kein Talent zum Schreiben habe. Mochtest du doch, in Person gegenwartig, dich an unserm Gluck ergotzen konnen! Warum mussen Lander und Meere uns trennen, uns, die, dem Gemuthe nach, so nahe beisammen sind! Konnte denn das nicht anders seyn? Doch, wenn du nur glucklich bist, sey es immerhin auf deine eigene Weise! Bist du es wirklich, Liebe, so sage mir ein Wort davon und ich bin zufrieden.
Etwas sehr Artiges muss ich dir doch noch erzahlen, woraus du dir selbst eine bessere Idee von Kleone zu machen wissen wirst, als eine so ungeubte Schreiberin, wie ich, dir geben konnte.
Kleone hat von ihrem Bruder in den vier bis funf Jahren, seit sie bei uns gelebt hat, sehr artig malen gelernt. Kleonidas behauptet sogar, sie ubertreffe ihn noch in der Kunst, einem Bilde gleichsam Seele zu geben, so dass es einen ordentlich anzusprechen scheint; aber das kann ich ihm unmoglich eingestehen. Genug sie malt sehr artig, das sagt jedermann; und so uberschlich er sie einst, da sie in einer Gartenlaube allein zu seyn glaubte, und an einem kleinen Bilde arbeitete. Kleonidas machte sich unbemerkt wieder fort, ging in sein Arbeitszimmer und setzte sich auf der Stelle hin seine Schwester zu malen, wie er sie in der Gartenlaube gesehen hatte, mit einer kleinen Tafel auf den Knieen und einem Pinsel in der Hand, ein wenig mit dem Oberleib zuruckgebogen, als ob sie das, was sie eben gemalt hatte, mit grossem Vergnugen betrachtete. Kleone sollte nichts davon wissen; aber das schlaue Madchen kam, ich weiss nicht wie, dahinter, stahl sich in Abwesenheit ihres Bruders in sein Zimmer, malte auf das Tafelchen, das sie im Bilde auf den Knieen hatte, den Kopf Aristipps (nach einer Zeichnung, die mein Mann ehmals von ihm gemacht hat) und uberzog ihn, nachdem er trokken geworden war, mit einer leichten Kreidenfarbe, so dass Kleonidas keine Veranderung gewahr wurde, und das Gemalde mit zwei oder drei andern von seiner Arbeit an Aristippen nach Athen abgehen liess. Dieses Gemalde hangt jetzt in Aristipps Cabinet, einem Ruhebettchen gegenuber, und ist, weil es Kleonen zum Sprechen gleicht, sein Lieblingsstuck. Drei oder vier Wochen nach ihrer Vermahlung kommen sie von ungefahr vor diesem Bilde zusammen, und Aristipp hat seine Freude dran, es Zug vor Zug mit der gegenwartigen Kleone zu vergleichen. Das vermuthest du wohl nicht, Aristipp, sagt sie lachelnd, dass dieses Bild eine Liebeserklarung ist? "Wie so, Kleone?" Statt der Antwort ging sie, holte einen wollenen Lappen, wischte die trocknen Farben auf dem Tafelchen, das sie auf den Knien hat, weg, und siehe! da kommt Aristipps Kopf, so wohl getroffen dass er sich unmoglich misskennen kann, zum Vorschein, und zeigt sich als den Gegenstand der gefuhlvollen Miene, womit die junge Malerin ihn zu betrachten scheint. Hatte sie Aristippen auf eine angenehmere Art uberraschen konnen als mit einem so schmeichelhaften Bekenntniss?
Vergib mir, beste Lais, eine Plauderhaftigkeit, worein man so leicht verfallt, wenn man von geliebten Personen spricht. Ich kann eben so wenig fertig werden, wenn ich Kleonen von dir spreche; von dir, in welcher Aristipp und Kleonidas, jener durch Beschreibung, dieser durch die Darstellung selbst, sie das herrlichste aller lebenden Bilder der Gottin der Schonheit und ihrer Grazien kennen und verehren gelehrt haben. Unter uns gesagt, liebe Lais, das einzige Bild in Kleonens Cabinet, ebenfalls dem Ruhebette gegen uber, ist das deinige, ohne dein Wissen (denke ich) von Kleonidas nach der Bildsaule des Skopas (aber mit Farben, versteht sich) gemalt. Sie hat sich's ausdrucklich von Aristippen ausgebeten.
47.
Lais an Musarion.
Du schreibst schoner, liebe Musarion, als du dir's einbildest. Lysias und Isokrates hatten mich mit aller ihrer Beredsamkeit nicht so gut uberzeugen konnen, dass du glucklich bist, als ich es fuhle, indem ich deinen Brief lese, wiewohl darin beinahe gar nicht von dir selbst die Rede ist. Du, meine Musarion, du, die ich immer wie meine leibliche Schwester liebte, und, wie schmerzlich mir auch unsere Trennung war, nur darum bis nach Cyrene von mir ziehen liess, weil ich glaubte, dass du mit keinem andern Manne glucklicher seyn konntest als mit Kleonidas, du bist was ich wollte dass du seyn solltest; Kleonidas und Aristipp sind es nicht weniger; und wohl mir, dass die Gotter, die mich unfahig machten in mir selbst glucklich zu seyn, mir zum Ersatz die Freude an der Gluckseligkeit meiner Freunde gaben!
Ich kenne keinen Mann, den ich mehr hatte lieben konnen als Aristippen, wenn ich dieser Liebe, die du so schon beschreibst, die nicht wie Liebe aussieht und doch so sehr Liebe ist, fahig genug ware, um das fur ihn zu seyn was ihm Kleone unfehlbar seyn wird. Es ware eine lacherliche Demuth, wenn ich laugnen wollte, dass ich die Kunst, glucklich zu machen welchen ich will, ziemlich gut verstehe, und dass die Natur mich an den meisten Gaben, die dazu nothig sind, nicht verkurzt hat; auch gestehe ich, das Vergnugen einen Mann, der es werth ist, durch mich glucklich zu sehen, kann mich auf kurze Zeit in die angenehme Tauschung versetzen, als ob ich es gleichfalls sey. Aber dass beides, das Gluck das ich gebe, und was ich dagegen zu empfangen scheine, im Grunde blosse Tauschung ist, davon sind die wenigen, mit denen ich bisher den Versuch gemacht habe, so gut uberzeugt als ich selbst. Ich muss wohl niemands Halfte seyn; wenigstens hab' ich den Mann noch nicht gesehen, mit dem ich mir eine Verbindung auf immer einzugehen getraute, ohne seine und meine Ruhe aufs Spiel zu setzen. Diess wird und muss euch andern wackern Hausfrauen unnaturlich vorkommen; aber es ist nun einmal so mit mir, und ich kann nicht wunschen dass es anders sey. Die Natur, die wie eine gute Mutter dafur sorgt, dass keines ihrer Kinder gegen die andern gar zu sehr zu kurz komme, hat es so eingerichtet, dass, wiewohl die Menschen immer klagen und es gern besser hatten, doch niemand sein Ich mit dem eines andern vertauschen mochte. So geht es auch mir; da ich einmal Lais bin, so ergeb' ich mich mit guter Art darein, und danke Kleonen, dass sie mir die Sorge, in meinem Freund Aristipp den glucklichsten aller Manner zu sehen, abgenommen hat. Er verdient es zu seyn, er ist fahig es zu werden, und dass es ihr gelingen wird, hab' ich von der Stunde an nicht bezweifelt, da ich ihr Bildniss bei Learchen sah; denn ich erkannte auf den ersten Blick Aristipps Halfte in ihr.
Ich werde nicht von Learchen ablassen, bis er mir, um welchen Preis es sey, eine Copei von diesem Bilde schafft, die ich, dem Recht der Wiedervergeltung gemass, in meinem Cabinet aufstellen kann. Indessen bitte ich sie und dich, liebe Musarion, das Kistchen, so dir mit diesem Briefe zukommen wird, und seinen Inhalt, aus der Hand einer Freundin mit Freundschaft anzunehmen. Ihr werdet ein wenig erschrecken; aber ich bin so reich an solchem Spielzeug, dass ihr euch des Werthes halben kein Bedenken machen musst. Die Perlen sind an Wasser, Grosse und Rundung eine wie die andere; ihr braucht sie also bloss zu zahlen, um euch schwesterlich darein zu theilen. Wem das Kistchen bleiben soll, lasst gerad oder ungerad entscheiden.
48.
Aristipp an Eurybates.
Mir kommt wohl, lieber Eurybates, dass ich nicht so starkglaubig bin als der weise und tapfere Xenophon; denn, trotz meinem erklarten Unglauben an Zeichen und Wunderdinge, Damonen, Empusen und an die Gottheit des Nordwindes, wandelt mich doch zuweilen eine Versuchung an, die Halfte meiner Habe ins Meer zu werfen, um die griesgramische Gottin Ate zu versohnen, die nicht leiden kann wenn ein Sterblicher gar zu glucklich ist. Wirklich scheint es, die Gotter wollen mich auf die Probe stellen, ob ich Starke genug habe, bei so vielen Versuchungen zu Ueppigkeit und Uebermuth der Sokratischen Sophrosyne getreu zu bleiben, und im Genuss des Guten, womit sie mich uberschuttet haben, mein Gemuth frei genug zu erhalten, um nicht aus der gehorigen Fassung zu kommen, wenn sich's etwa einst an einem grauen Morgen finden sollte, dass alles, wie ein Zaubergastmahl, wieder verschwunden ware. Doch, dieser Gedanke selbst sieht mir so ziemlich einer Eingebung der schelsuchtigen Gottin gleich. Denn was fur eine Weisheit ware das, die ihr Gefuhl fur das gegenwartige Gute abstumpfen musste, um sich zum voraus gegen kunftige Uebel unempfindlich zu machen! Die meinige ist die Kunst in guten und bosen Tagen meines Daseyns so froh zu werden, und so wenig zu leiden, als mir moglich ist. Ich betrachte Vergnugen und Schmerz als einen von der Natur gegebenen rohen Stoff, den ich zu bearbeiten habe; die Kunst ist, jenem die schonste, diesem die ertraglichste Form zu geben; jenes zu reinigen, zu veredeln, zu erhohen; diesen, wenn er nicht ganzlich zu stillen ist, wenigstens zu besanftigen, ja (was in manchen Fallen angeht) sogar zu Vergnugen umzuschaffen.
Antipater hat dich ohne Zweifel schon benachrichtigst, dass ich durch meine Vermahlung mit der Schwester meines Freundes Kleonidas meinem neuen Burgerleben in Cyrene die Krone aufgesetzt habe. Ich hatte grosse Lust dir recht viel davon zu sagen, wie glucklich mich diese Verbindung macht; aber mir ist, mein Damonion zupfe mich beim Ohr und flustre mir zu: ein Mann, der eine Art von Liebhaber seines Weibes ist, musse der Versuchung von ihr zu reden mit allen Kraften widerstehen, weil er immer Gefahr lauft, aus Furcht zu wenig zu sagen, mehr zu sagen als einem weisen Manne ziemt. Auf alle Falle kann es niemand leichter seyn, sich an meinen Platz zu stellen, als dir, der so gut aus eigener Erfahrung weiss, was hausliche Gluckseligkeit ist.
Ein Grosses tragt zu Erhohung der meinigen die schone Harmonie und Herzlichkeit bei, die zwischen mir, meinen Brudern Aristagoras und Kleonidas, und zwischen unsern Hausfrauen herrscht, welche letztern sammtlich eine starke Ausnahme von dem harten Urtheil verdienen, das unsre Freundin Lais uber die Griechischen Matronen zu fallen pflegt. In der That machen wir nur eine einzige Familie aus, und ausser den Tagen, wo wir uns den Einladungen zu grossen Gastmahlern nicht entziehen konnen oder selbst dergleichen geben, bringen wir die Abende meistens unter uns, bald bei meinem Bruder, bald bei mir oder Kleonidas zu; und ein Fremder muss sehr hoch in unsrer Gunst stehen, der zu diesen traulichen Symposien zugelassen wird. Bei diesen letztern sind die Frauen immer gegenwartig; ohne sie wurden wir nur mit halbem Muthe frohlich seyn konnen; denn sie sind uns so unentbehrlich als Pindars Grazien den Gottern; nichts daucht uns wohlgethan, was nicht durch ihre Hande geht, nichts angenehm, woran sie nicht Theil nehmen. Die Cyrenische Sitte, welche den Frauen mehr Freiheit zugesteht als die eurige, und sie von keiner Gesellschaft unter Verwandten und Freunden ausschliesst, kommt uns zwar hierin zu Statten; wir wurden es aber, wenigstens unter uns, zur Sitte machen, wenn es nicht schon etwas Gewohnliches ware.
Ueberhaupt kenne ich, Milet vielleicht allein ausgenommen, keine Griechische Stadt, worin man so ruhig, zwangfrei und behaglich leben konnte als in Cyrene, seitdem die neue Verfassung Wurzel geschlagen, und alles Unkraut des Misstrauens und des Parteigeistes, vor welchem ehmals nichts Gutes bei uns aufkommen konnte, in kurzer Zeit ganzlich erstickt hat. Die Cyrener, wenn sie nicht von irgend einem bosen Damon aus ihrem naturlichen Charakter herausgeworfen werden, sind ein frohliches, gutartiges Volk; und dass es ihnen an Kunstfleiss und Betriebsamkeit nicht fehlt, zeigt der bluhende Zustand der Fabriken, der Handelschaft und Schifffahrt, welche seit einigen Jahren in immer steigendem Aufnehmen sind, wiewohl wir hierin immer hinter Korinth, Syrakus, Milet und Rhodus zuruckbleiben werden. Meine Mitburger scheinen diesen Nachstand ohne Eifersucht anzusehen; dafur aber wurden sie sich sehr beschamt finden, wenn sie in der Kunst gut zu essen und uberhaupt in allem, was zum Gemachlichleben und zur angenehmsten Befriedigung der Sinnlichkeit dient, von irgend einem Volke ubertroffen wurden. Sie nennen diess gut leben, und gehen darin von dem Grundsatz aus: das menschliche Leben sey so kurz und ungewiss, dass es grosse Thorheit ware, sich den gegenwartigen moglichsten Genuss desselben zu entziehen, um desto mehr Vorrath fur eine Zukunft aufzuhaufen, die der Sparer und Sammler vielleicht nie erleben werde. Diesem zufolge setzen sich die meisten, sobald sie durch Erwerb oder gutes Gluck zu Vermogen gekommen sind, auf den Fuss von ihren Renten zu leben, oder doch ihr Gewerbe nur so weit fortzufuhren, dass sie von dem Ertrag gemachlich und angenehm leben konnen, und glauben alles gethan zu haben, wenn sie sich so weit einschranken dass sie nicht merklich armer werden. Haufige Erfahrungen sollten sie langst belehrt haben, dass diess eben der geradeste Weg immer armer zu werden sey: aber der Cyrener (ich rede von den meisten) hat uber diesen Punkt weder Augen noch Ohren, so stark scheint der Einfluss unsers uppigen, zu Tragheit und Wollust geneigt machenden Himmelsstrichs zu seyn, von welchem es schwer und vielleicht unmoglich ist, sich ganzlich frei zu erhalten. Ich finde daher an unsrer dermaligen Regierung lobenswurdig, dass sie diesen Temperamentsfehler unsers Volkes nicht bloss durch vielfaltige Aufmunterungen des Fleisses und Unternehmungsgeistes zu verbessern sucht, sondern sich auch angelegen seyn lasst, den Geschmack unsrer Burger zu veredeln, und ihnen neue und reinere Quellen des Vergnugens zu eroffnen, als sie bisher gekannt hatten. Ich wurde bei meiner Hierherkunft nicht wenig uberrascht (denn Kleonidas hatte mir absichtlich ein Geheimniss daraus gemacht), ein Theater und ein Odeon in Cyrene zu finden, und beide schon so wohl eingerichtet, dass (mit deiner Erlaubniss, Eurybates!) Athen selbst kaum bessere Schauspieler, Sanger und andre Tonkunstler aufzuweisen hat. Das letztere haben wir dem Eifer zu danken, womit Kleonidas (dem die Aufsicht uber diese neuen Stiftungen aufgetragen ist) seit einigen Jahren sich bemuht hat, geschickte Kunstler in beiden Fachern aus dem Asiatischen Griechenlande nach Cyrene zu lokken. Die Musik, in der weitesten Bedeutung des Wortes, ist nun auch bei uns ein wesentlicher Theil der Erziehung der Kinder, und unsre Cyrener gewinnen unvermerkt allen Musenkunsten immer mehr Geschmack ab. Man hort schon in mehrern reichen Hausern bei grossen Gastmahlern, statt bezahlter Lustigmacher, einen geschickten Zogling des beruhmten Ions Homerische Rhapsodien singen, und mein Bruder thut sich nicht wenig darauf zu gut, den besten Vorleser in ganz Cyrene in seinen Diensten zu haben.
Ich traue dir zu viel Weltburgersinn zu, mein edler Freund, als dass ich besorgen sollte, du werdest ein "Attisches Gesicht" dazu machen, dass Cyrene, die an Grosse und Bevolkerung der weltgepriesenen Minervenstadt wenig nachgibt, sich zu beeifern anfangt, ihr auch in der Liebe zu den Kunsten die das Leben verschonern, wiewohl noch mit ungleichen Schritten, nachzufolgen. Unser Staat ist nicht so reich als der eurige; wir haben keine Inseln, die uns das eiserne Capital eines druckenden Schutzes mit zwolfhundert Talenten jahrlich verzinsen mussen143, und keinen Schatz zu Delos144, den wir angreifen konnten, um unsre Stadt zu verschonern, und unsre Burger durch prachtige Feste und kostbare Lustbarkeiten bei guter Laune zu erhalten. Unsre Republik hat sich also begnugt, die beiden offentlichen Gebaude, worin die Musen ihr Wesen bei uns haben, auffuhren zu lassen, und jahrliche Preise fur diejenigen zu stiften, denen die offentliche Meinung in den Wettstreiten, wozu am Feste der Cyrene145 die verschiedenen Musenkunstler zusammen kommen, den Sieg zuerkannt hat. Alle Unkosten unsrer Schauspiele hingegen werden mittelst einer massigen Abgabe, die von den Zuschauern erhoben wird, bestritten. Denn anstatt den Burgern das Schauspielgeld aus dem offentlichen Schatze zu reichen, wie bei euch, finden wir billig, dass wer an dergleichen Unterhaltungen Antheil haben will, auch das Seinige zu ihrer Unterstutzung beitrage.
Dass wir, seitdem wir ein Theater und ein Odeon besitzen, gute Hoffnung haben, auch Dichter und Dichterlinge aus unserm eigenen Grund und Boden aufschiessen zu sehen, wirst du sehr naturlich finden. Die ersten Versuche, die von zwei oder drei jungen Cyrenern in der tragischen Kunst gemacht worden sind, haben freilich die Tragodien von Sophokles, Euripides und Agathon noch nicht entbehrlich machen konnen: aber in der Komodie hat sich Kleonidas mit gegrundetem Beifall versucht, und (wenn mich meine Liebe zu ihm nicht sehr verblendet) Aristophanischen Witz mit der Sittlichkeit der Komodien des Epicharmus zu verbinden gewusst.
Die Komodien euers Kratinus, Eupolis und Aristophanes sind so sehr fur Athen und die niedrigsten Classen euers suveranen Pobels, und uberdiess grosstentheils fur die Zeitpunkte ihrer Auffuhrung berechnet, dass sie, wofern auch sonst nichts Erhebliches gegen sie einzuwenden ware, dennoch bloss aus der Ursache, weil sie unserm Volk unverstandlich seyn wurden, nicht auf unsern Schauplatz gebracht werden konnten. Jedes Volk, das Komodien haben will, muss seine eigenen haben. Die eurigen passen sehr gut fur Athen, aber auch nur fur Athen, und sogar nur fur Athen wie es in den vierzig Jahren zwischen der sechsundachtzigsten und sechsundneunzigsten Olympiade war. Wir haben keinen Demos, keinen Senat, keine Volksredner und Kriegsobersten, die man lacherlich machen konnte; unser Volk nimmt keinen unmittelbaren Antheil an der Regierung, und hat Ursache mit seinen Vorstehern zufrieden zu seyn; und wenn diese auch der satyrischen Geissel einige Blossen gaben, so wurde keinem komischen Dichter gestattet werden, sich offentlich und in Einer Person zu ihrem Anklager, Richter und Buttel aufzuwerfen. Eine Demokratie, wie die eurige war, kann ihre Ursachen gehabt haben, den Komodienschreibern eine Art von stillschweigender Vollmacht zu Handhabung einer beinahe unumschrankten Censur zu ertheilen; und eure Regierung hatte die ihrigen, sich, so lange sie es nicht andern konnte, leidentlich dabei zu verhalten; aber diese Ursachen konnten nur im Attischen Athen stattfinden, und haben auch dort zum Theil bereits aufgehort. Wir Cyrener werden also entweder ohne Komodie bleiben, oder uns, wie gesagt, eine eigene erschaffen mussen. Das letztere wird nicht schwer seyn; denn sobald man der Komodie, statt des Lachens und Spottens uber die Regierung und uber einzelne Personen, andere zu einer offentlichen angenehmen Volksunterhaltung passende Zwecke gibt, so lassen sich zwischen der Tragodie des Sophokles und der Komodie des Aristophanes, zwischen dem Oedipus und Philoktet des erstern, und den Rittern und der Lysistrata des andern, mehrere Gattungen von Schauspielen denken; und wenn auch Scherz und Lachen die Hauptwirkung der Komodie bleiben soll, so braucht sie sich nur, mit Verzichtthuung auf alle personliche Satyre, auf sinnreiche und lebhafte Darstellung allgemeiner lacherlicher Charaktere einzuschranken, um eine neue Gattung hervorzubringen, welche gewiss Beifall erlangen und vielleicht nicht ohne Nutzen seyn wurde. Ich zweifle nicht, dass die Zeit im Anzug ist, wo Athen, die noch immer in allen Arten von Kunstwerken die ersten und vollkommensten Muster aufgestellt hat, auch in dieser Gattung den Ton angeben, und die Scene mit lebendigen Sittengemalden beschenken wird, an welchen auch unsre Frauen Gefallen finden konnen. Denn in Cyrene sind die Frauen von Besuchung der Schauspiele nicht ausgeschlossen146 wie bei euch; und diess ist ein wesentlicher Grund mehr, warum unsre Komodie ohne Vergleichung bescheidener und anstandiger als die eurige seyn muss; ja warum selbst die Tragodie sich unvermerkt in einen mildern Ton herabstimmen, und, ohne dem Wesentlichen ihres Charakters zu entsagen, mehr sanfte Ruhrungen, susse Wehmuth und zartliches Mitgefuhl als Schrecken, Entsetzen und peinliches Mitleiden zu erregen suchen wird.
Da dieser Brief bestimmt ist, dir einen genugthuenden Bericht uber meine dermalige Lage und Lebensweise zu geben, so erwartest du vermuthlich, dass ich dir auch ein Wort von den staatsburgerlichen Obliegenheiten sage, durch welche meine weltburgerliche Freiheit vielleicht enger eingeschrankt werden konnte, als sie in die Lange zu ertragen geneigt seyn mochte. Zu gutem Gluck kommt meiner politischen Tragheit ein altes Gesetz zu Statten, vermoge dessen zwei Bruder niemals weder im Senat noch andern hohern Stellen, zu gleicher Zeit Sitz haben konnen. Dagegen gibt es mancherlei mehr und weniger bedeutende, mit der innern Polizei der Stadt beschaftigte Aemter und Aemtchen, denen wohlhabende Burger, wenn die Reihe an sie kommt, sich nicht entziehen durfen, zumal da diese Ehrenstellen mit keinem Einkommen verbunden und von eingeschrankter Dauer sind. Aemter dieser Art werde ich, ihrer vielfaltigen Unannehmlichkeiten ungeachtet, desto williger ubernehmen, da sie, um wohl verwaltet zu werden, Uneigennutzigkeit, Besonnenheit und Geschicklichkeit die Menschen verstandig zu behandeln voraussetzen, und andern hierin ein Beispiel zu geben von gutem Nutzen seyn kann.
Uebrigens bin ich der Meinung, dass in jedem grossen oder kleinen Staat ein Burger aus derjenigen Classe, zu welcher ich in Cyrene gehore, sich um das Gemeinwesen schon verdient genug mache, wenn er seinem Hause wohl vorsteht, seine Guter zu verbessern und zu verschonern sucht, Kunste und Gewerbe durch einen nicht unbescheidenen, aber seinem Vermogen angemessenen Aufwand unterhalten und beleben hilft, und durch eine edle Gastfreiheit seiner Stadt auch im Auslande Ehre macht.
Noch ein kleines Verdienst hoffe ich mir um Cyrene dadurch erworben zu haben, dass ich ein zu meinem Gute gehoriges Lustwaldchen, das mit Schattengangen und Lauben, und einem Saal mit einer bedeckten Halle versehen ist, den Musen geheiligt, und zu einer Art von offentlichem Versammlungsort fur Gelehrte und Kunstler bestimmt habe, wo auch blosse Liebhaber von Wissenschaft und Kunst, Fremde, und uberhaupt alle rechtlichen Leute den Zutritt haben. Die Halle ist mit Gemalden und Bildsaulen, der Saal mit Bucherschranken versehen, wo keines der Werke der Griechischen Dichter, Geschichtschreiber und ubrigen Schriftsteller, die in einigem Ruf stehen, leicht vermisst werden soll. Beide sind taglich zu gewissen Stunden offen, und einer meiner Hausgenossen ist immer gegenwartig, um den Liebhabern die Bucher, worin sie lesen wollen, hervorzulangen, und wenn der Saal geschlossen wird, wieder an ihren Ort zu legen. Dieses Museon kostet mich vielleicht den vierten Theil des baaren Geldes, das mein Oheim mir hinterlassen hat: aber wer mit so weniger Muhe zu einem betrachtlichen Vermogen kommt, hat, meiner Meinung nach, eine besondere Obliegenheit auf sich, es auf eine edle und gemeinnutzliche Art zu verwenden.
Auf den Fall, lieber Eurybates, dass dir dieser vielleicht allzu weitlaufige Bericht uber einen so wenig bedeutenden Gegenstand, als mein kleines Cyrenisches Ich ist, etwas lange Weile gemacht haben sollte, ist es nicht mehr als billig, dass ich dich mit einer kurzweiligen Zugabe dafur entschadige.
Hattest du dir wohl einfallen lassen, dass der Abderit Onokradias (der zu unvergesslich ist, als dass du dich nicht erinnern solltest, ihn mehrmals bei mir und bei dir selbst gesehen zu haben) meiner Person einen so grossen Geschmack abgewonnen haben konnte, um mich bis in Cyrene aufzusuchen? Das Eigentliche an der Sache ist: dass er, da er jetzt auf seiner grossen Reise begriffen ist, und, von Aegypten aus, den Tempel des Jupiter Ammon besucht hat, "nicht umhin konnte (wie er sagt) einen Abstecher nach Cyrene zu machen, um seinen Freund und Gonner Aristipp zu besuchen," und ihm seine Dankbarkeit dafur zu bezeugen, dass er ihn zu Athen seinen Tischgesellschaftern so oft zum Besten gab. Dem sey wie ihm wolle, genug, an einem schonen Morgen, da ich mich eher alles andern versehen hatte, kommt der hoffnungsvolle Sohn Onolaus des Zweiten auf mich zugerennt, und erdruckt mich beinahe in seinen Herculischen Armen. Es gab (wie du denken kannst) eine ruhrende Erkennungsscene, die noch ruhrender gewesen ware, wenn sie nicht so nah ans Lacherliche gegranzt hatte. Es versteht sich, dass ich ihn sogleich in mein Haus fuhrte, und dass von Stund' an eine ewige Gastfreundschaft zwischen mir und meiner Nachkommenschaft und den edeln Sprosslingen des Onogelastischen Geschlechtes in allen seinen Aesten und Zweigen errichtet wurde. Der gute Mensch konnte sich, als ich ihn Kleonen vorstellte, nicht genug verwundern, wie ich zu einer so schonen Frau gekommen sey, und schwur bei Latona und Jasons goldnem Hammelsfell, dass er, wenn ihm ein Madchen mit so blauen Augen und so schwarzen Wimpern in den Wurf kommen sollte, sie stehendes Fusses heirathen werde, wenn sie gleich nichts als das Hemd auf dem Leibe hatte. Du glaubst nicht was fur Gluck die genialische Albernheit dieses jungen Abderiten in Cyrene macht. Er erhalt so viele Einladungen, dass er kaum den zehnten Theil bestreiten kann; und ich glaube wir hatten ihn noch lang' am Halse, wenn er die Geschichte seines Stammvaters Onogelastes und des feigenschmausenden Esels nicht gar zu oft erzahlen musste. Uebrigens gefall' es ihm (sagt er) in Cyrene so wohl, dass er oft mitten in Abdera zu seyn glaube. Alles was er bei uns sieht, haben sie in Abdera auch; ein solches Odeon, ein solches Theater, solche Bader, solche offentliche Gesellschaftssale; ihr Jasontempel hat sogar noch zwei Saulen auf der Giebelseite mehr als unser Tempel des Apollo. Nur ihr neues Theater, das muss er gestehen, ist nicht vollig so schon als das unsrige, und, die Sache rund herauszusagen, etwas eng und unbequem. Aber das Cyrenische, meint er, musste auch ohne Vergleichung mehr gekostet haben: das ihrige ware der Republik nicht viel uber hundertundzwanzig Talente zu stehen gekommen. Man sagte ihm: er hatte sich sehr geirrt; das unsrige koste kaum den dritten Theil dieser Summe; denn wir hatten die Steine dazu aus unsern eigenen Marmorbruchen gezogen. "Das ist freilich ein anders, versetzte der Abderit; die Pfeiler und Saulen des unsrigen sind nur von Backsteinen und wie bunter Marmor angestrichen; aber fur das, was sie gekostet haben, konnten sie von Jaspis seyn. Ihr wundert euch wie das moglich war? Es ging ganz naturlich zu. Wir Abderiten haben's nun einmal in der Art, dass wir etwas rasch im Denken und Handeln zu Werke gehen; einem Dinge lange nachzusinnen, oder es auf alle Seiten herumzukehren, ist unsre Sache nicht. Der Entwurf wurde gemacht, dem Senat vorgelegt, angenommen, Hand angelegt; alles in Einem Zug. Wie das Werk nahezu halb fertig war, bemerkte jemand, dass es sich auf der einen Seite senke; die Sache wurde untersucht; es musste ein neuer Grund gelegt werden. Die bisherige Arbeit war grosstentheils vergeblich; aber wir dankten den Gottern, dass der Fehler noch in Zeiten entdeckt worden war, und das Werk ging wieder hurtig von der Hand. Nach einer Weile kam einem unsrer Ober-Bauherren ein Gedanke, wie diess und jenes zierlicher und geschmackvoller seyn konnte. Flugs wurde wieder eingerissen und verandert. Aber andre Leute hatten auch Einfalle und Geschmack, und hatten zu Athen und Korinth und Syrakus und Milet und Samos und Mitylene und allenthalben Theater gesehen, und jeder wollte das Seinige zu einem Bau, wovon Abdera Ehre haben sollte, beitragen. So war denn immer etwas zu tadeln und anders zu machen. Bald musste die Orchestra erhoht, bald die Vorbuhne erweitert werden; bald war der Raum fur die Chore zu klein, bald fehlte es an etwas anderm. Die Saulen waren erst Ionisch, und mussten nach Jahr und Tag mit grosser Muhe und Arbeit in Korinthische verwandelt werden. Das alles forderte nun das Werk nicht sonderlich; indessen wer immer zwei Schritte vorwarts gegen Einen ruckwarts macht, kommt zuletzt doch ans Ziel. Kurz und gut, der Bau wurde fertig, und es war grosser Jubel in ganz Abdera, und anstatt zu klagen dass er so viel kostete, thaten sich unsre Burger viel darauf zu gute; denn (ohne uns zu ruhmen) was unsrer Stadt Ehre macht, ist uns nie zu theuer. Wir hatten fur unsre hundertundzwanzig Talente ein neues Theater, das sich sehen lassen durfte; nur Schade, dass sich's erst bei der Einweihung zeigte, dass die Stufensitze um funfzehn bis zwanzig Ellen hoher und weiter hatten seyn sollen; denn wir sassen so zusammengedrangt wie die Salzfische in einer Byzantinischen Tonne. Es kommt nur auf eine kleine Gewohnheit an, sagte der Nomophylax, der die Oberaufsicht uber den Bau gehabt hatte; und so war es auch: in kurzem beklagte sich kein Mensch mehr, und wir sassen doch nicht bequemer als das erstemal." Der ehrliche Onokradias lachte herzlich mit, wie er sah, dass wir uns nicht langer halten konnten in ein lautes Lachen auszubersten. "Es ist wirklich lustig, fuhr er fort, zumal wenn man bedenkt, wie viele kluge Kopfe zur Sache zu reden hatten, und wie viele Sitzungen die armen Bauaufseher, in den sechs Jahren dass am Theater gebaut wurde, halten mussten! Man kann sich vorstellen, ob die Herren fleissig genug zusammen kamen, da uber dreihundert Eimer Thasierwein nach und nach dabei geleert wurden. Denn dass die Herren hatten trocken sitzen sollen, war ihnen doch nicht zuzumuthen. Aber freilich, wenn man's sagen durfte, da liegt eben der Hund begraben! Viele Koche versalzen den Brei; um sich nicht zu zanken, trinkt man; da wird man denn bald einig, und der Ausfuhrung halber verlasst sich einer auf den andern. Wir Abderiten haben das so in der Art; unser Gemeinwesen ist nie schlechter berathen als wenn wir alle Einer Meinung sind."
Die treuherzige Unbefangenheit, womit der ehrliche Abderit sich selbst und seine Mitburger auf diese Weise zum Besten gibt, macht dass man ihm mit aller seiner albernen Geschwatzigkeit gut seyn muss; denn er ist die wohlmeinendste Seele von der Welt. Zu allem Gluck ist er reich, und so kann man sich unbedenklich an ihm belustigen; hatte das Gluck weniger dafur gesorgt, dass er unsers Mitleidens nicht bedarf, so war' es grausam uber ihn zu lachen. Er hat nun in Cyrene die mittagliche Granze der Griechischen Sprache erreicht, und ist im Begriff nach Sicilien abzusegeln, von da aus das sudliche Italien zu bereisen, und dann in seine liebe Vaterstadt zuruckzukehren; ungefahr so klug als er ausgezogen war, aber so reich an Dingen die er gesehen und gehort hat, dass er seinen Abderiten sechzig Jahre lang genug zu erzahlen haben wird. Er verlasst sich darauf (und ich stehe ihm dafur) dass seine Mitburger grosse Freude an ihm haben werden; "denn eine Reise wie die meinige (sagt er) hat, ausser dem narrischen Philosophen Demokritus, noch kein Abderit gemacht." Sollt' ich ihm in drei oder vier Olympiaden seinen Besuch zuruckgeben, so bin ich gewiss, ihn an der Spitze seiner Republik zu finden; und die Gotter mogen wissen, ob ihre Sachen darum schlimmer oder besser gehen werden!
Speusipp schreibt mir: seitdem ich Athen auf immer verlassen zu haben scheine, spreche sein Oheim Plato in Gesellschaften, wenn meiner gedacht werde, sehr glimpflich von mir, als von einem feinen Weltmann und angenehmen Gesellschafter. Aristipp, sagt er, hat sich eine Art von Philosophie gemacht, womit er sich, wie ich glaube, fur seinen eigenen Gebrauch gut genug behelfen mag; aber allgemein gemacht wurde sie bose Fruchte tragen. Ist es mit der seinigen etwa anders? Zum Gluck (wenn ja die Gefahr so gross seyn sollte) hat die Natur selbst dafur gesorgt, dass keine von beiden allgemein werden kann. Ware diess aber nicht, so wurde meine Philosophie noch immer den Vorzug haben, dass sie nur durch Missverstand und Missbrauch schadlich werden kann; da hingegen die seinige geraden Weges zu einer Art von Schwarmerei fuhrt, deren naturliche Folgen, ausser seiner Wolkenkuckucksheimischen Republik, allenthalben verderblich seyn wurden.
Lebe wohl, mein edler Freund, und lass' dir mein Andenken, und, wofern du es nothig findest, auch meinen Ruf gegen den Muthwillen eurer witzelnden Mussigganger und Spassmacher empfohlen seyn, die von jedem Manne, dessen Name ofters genennt wird, so viele Geheimgeschichtchen zu erzahlen wissen, alles gesehen haben wollen was er gethan, alles gehort haben was er gesprochen hat, und, um die Wahrheit ihrer Mittheilungen unbekummert, zufrieden sind, wenn sie nur ihren Platz an den Tafeln der Reichen durch irgend ein lacherliches Mahrchen oder eine auffallende Albernheit auf Unkosten eines bekannten Namens bezahlen konnen.
49.
Lais an Aristipp.
Wenn du nicht gar zu sehr uber mich lachen wolltest, Aristipp, so hatte ich grosse Lust dir einen Traum zu erzahlen, den ich diesen Morgen getraumt habe.
Du erinnerst dich vielleicht noch der geflugelten Kopfe, von denen einst bei Gelegenheit des Platonischen Phadons zwischen uns die Rede war. Hattest du dir wohl einfallen lassen, dass diese Kopfe nach so vielen Jahren noch in dem meinigen zu spuken anfangen wurden? Gleichwohl ist es geschehen, und (was ich wohl zu bemerken bitte) ohne dass ich mir irgend einer Veranlassung zu einer so seltsamen Traumerei bewusst bin. Die Sache ist so sonderbar, dass ich mich nicht erwehren kann ein wenig lacherlich in deinen Augen zu erscheinen, da du doch naturlicherweise denken musst, ich wurde dir meinen Traum nicht erzahlen, wenn ich ihm nicht eine gewisse Wichtigkeit beilegte, die ein Traum, wie ausserordentlich er auch seyn mag, bei keiner verstandigen Person haben sollte. Sey es darum! Hier ist der meinige mit allen seinen Umstanden, deren ich mich so lebhaft erinnere, als ob mir alles bei offnen Augen begegnet ware.
Ich befand mich in einem von den anmuthigen, mit unzahligen schonen Baumen besetzten Lustgarten, die man in dem Persischen Asien Paradiese147 zu nennen pflegt. Noch nie hatte ich mich so heiter und leicht gefuhlt; mich dauchte als ob ich wie eine Flaumfeder auf einem Wolkchen daher schwimme. Und so war es auch beinahe; denn wie ich mich genauer betrachtete, zeigte sich's, dass ich ein blosser Kopf mit zwei prachtigen Goldfasanen-Flugeln war. Ohne mich diese Verwandlung im geringsten befremden zu lassen, flog ich, so frei und unbefangen, als hatte ich nie eine andere Art zu seyn gekannt, in dem reizenden Paradiese umher, und setzte mich endlich auf einen Granatbaum, um mich an den Farben und Wohlgeruchen einer unendlichen Menge der schonsten Blumen zu ergotzen, die dem Boden unter meinen Blicken zu entspriessen schienen. Plotzlich sah ich mich von mehr als tausend gelb- braun- und schwarzlockigen Flugelkopfen umringt, die von allen Seiten auf mich zugeflogen kamen, und uber meinen Anblick ganz entzuckt zu seyn schienen. Die meisten schlossen in einiger Entfernung einen Kreis um mich her, so gross und schimmernd wie ein Regenbogen, wenn die Sonne schon tief in Westen steht. Einige kamen naher herbei, redeten mich an und thaten ihr Moglichstes, meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und meiner Eigenliebe zu schmeicheln. Die mannichfaltigen Physiognomien dieser Kopfe, ihre Redseligkeit, das Feuer, womit jeder sich durch das, worauf er sich am meisten einbildete, bei mir geltend zu machen suchte, kurz alle die lacherlichen Gestalten, in welchen ihre Eitelkeit und Selbstgefalligkeit sich mir zum Besten gab, belustigten mich eine ziemliche Weile; zumal da immer neue Kopfe aus dem Kreise herbeiflatterten, und die zuvorgekommenen durch allerlei kleine Kunstgriffe zu verdrangen suchten. Nach und nach erkannte ich beinahe alle meine Bekannten unter ihnen; nur nach dir sah ich mich vergebens um. Des schalen Spiels mit so vielen leeren Kopfen endlich uberdrussig, machte ich mich von ihnen los, durchstoberte, dich aufsuchend, alle Gange und Lauben des Lusthains, und glaubte endlich deinen Kopf aus einem dunkeln Busch hervorragen zu sehen; wie ich aber hinzuflog, war es Arasambes, der mich in diesem Hinterhalte belauert zu haben schien, und mir uber die Gefalligkeit, womit ich seine Nebenbuhler anhore, die bittersten Vorwurfe machte. Unwillig wandt' ich mich von ihm weg, und sah mich auf einmal in meine Garten zu Aegina versetzt, in einen deiner ehmaligen Lieblingsplatze, wo die Nymphe von Skopas am Abhang eines mit Epheu und wilden Reben bewachs'nen Felsen den kleinen Silberbach aus ihrer Urne giesst, der sich durch das benachbarte Myrtenwaldchen nach dem Tempel der Grazien hinschlangelt. Hier werd' ich ihn unfehlbar finden, dacht' ich, und wie ich mich umsehe, erblick' ich den kleinen Gott der Liebe, schlummernd auf die Moosbank hingegossen, uber welche (wenn du dich noch erinnerst) der hohe Busch mit den gluhenden Essigrosen herabnickt. Sein goldner Bogen und etliche Pfeile lagen neben ihm. Ein nie gefuhlter Schauer fuhr bei seinem Anblick durch mein ganzes Wesen; ich kannte mich selbst nicht mehr; es war mir als ob eine unsichtbare Hand alle Bilder der Vergangenheit aus meiner Seele wegwische und ich erst jetzt zu leben anfange. Meine Augen unverwandt auf den schonen Schlafer geheftet, flog ich leise und schuchtern naher hinzu, um den sussen Athem seiner Purpurlippen einzusaugen, in Gefuhlen zerschmelzend, die mir zu neu waren, als dass ich sie dir beschreiben konnte. Mocht' er doch, dacht' ich, wie Endymion auf der Stirn des Latmos,148 nie erwachen, damit ich ihn ewig ungestort anschauen konnte; aber indem ich es dachte, wacht' er auf. Ich fuhr zuruck, aber mich zu entfernen war mir unmoglich. Unbeweglich blieb ich, wie eine in Elektron eingeschloss'ne Mucke, ihm gegen uber in der Luft hangen. "Welch ein schoner Vogel! rief er, mit einem schalkhaft lachelnden Blick einen Pfeil auf seinen Bogen legend der soll mir nicht entgehen!" Indem er nach mir zielte, gab mir die Angst plotzlich die Bewegung wieder. Ich sank zu seinen Fussen und flehte ihm so ruhrend meiner zu schonen, dass er den Bogen von sich warf, und mich mit Blicken voll Zartlichkeit betrachtete. Ausser mir vor Entzucken flatterte ich mit ausgebreiteten Flugeln an seinem schonen Busen hinauf. Plotzlich verwandelte er sich in einen wunderschonen Jungling, und ich selbst glaubte unter den Liebkosungen, womit er mich uberhaufte, meine vorige Gestalt wieder zu erhalten. Aber der Grausame trieb nur sein Spiel mit mir. Wie ein Aal glitschte er aus meinen um ihn geschlungenen Armen, setzte sich in seiner ersten Amorsgestalt auf meinen Schooss, und begann die goldnen Schwingfedern eine nach der andern aus meinen Flugeln zu ziehen. Ich liess es geschehen, weil ich sah, dass es ihm Vergnugen machte; denn was hatte ich nicht fur ihn gethan und gelitten? Aber sobald er die letzte ausgerupft hatte, spannte der Schalk seine Flugel aus, und flog lachend mit seiner Beute davon. Von unaussprechlichem Schmerz erdruckt, wollt' ich ihm nacheilen, aber fort waren meine Schwingen, ich sank zu Boden, und erwachte, mit schrecklichem Herzklopfen, an dem angstlichen Schrei womit ich dem Fliehenden nachgerufen hatte.
Was sagst du zu diesem Traum, Aristipp? Ist er nicht seltsam? Und wie komme ich zu einem solchen Traume? Bin ich aberglaubig, wenn ich ihn fur etwas mehr als ein blosses Spiel der Phantasie halte? Ist es Ahnung oder Warnung von meinem guten Genius? Wenn das, was der Flugelkopf, der mir in diesem Traume mein Ich gestohlen hat, fur den Sohn Cytherens fuhlte, Liebe ist, so hab' ich nie geliebt; und wahrlich, nachdem ich mich meiner selbst wieder bemachtigt habe, wunsch' ich wachend nie etwas Aehnliches zu erfahren.
Aber bin ich nicht eine Thorin, dass ich mich von einem Traum beunruhigen lasse? Seitdem wir uns zum erstenmale zu Korinth sahen, sind bereits uber zwanzig Jahre verflossen ich habe wahrend dieser Zeit die auserlesensten Junglinge und Manner Griechenlands gekannt, habe mit dir, habe mit dem schonen Arasambes gelebt, und mich immer von dieser heillosen Leidenschaft frei erhalten; und sollte noch einen Zweifel in mich selbst setzen? Sollte mich fahig wahnen, dem Alter der Weisheit so nahe, noch zum gemeinen Weibe herabzusinken? Nein, Aristipp! Ich kann und will nicht glauben, was uns die Dichter uberreden wollen, dass eine Phadra, eine Smyrna149, eine Helena150, im Zorn der Gottin, wider ihren Willen mit einer unwiderstehlichen Leidenschaft gestraft worden sey! Aber freilich, wenn so weise Manner wie Sokrates und Xenophon auf die Seite der Dichter treten, und von der Liebe als einer Leidenschaft reden, uber welche die Vernunft keine Gewalt hat, und von welcher man eben so unversehens wie von einem Fieber uberfallen werden kann, das konnte doch wohl einen Weiberkopf, der nie auf grosse Weisheit Anspruch gemacht hat, ein wenig aus der Fassung bringen? Ich weiss nicht, ob dir Xenophons Cyropadie bereits zu Gesichte gekommen, da es noch nicht lange ist, dass Abschriften davon bei den Bibliopolen zu haben sind. Auf alle Falle schicke ich dir hier ein Exemplar, das ich von dem besten Schonschreiber in Korinth fur dich habe abschreiben lassen; denn ich kann das Vergnugen, so mir dieses in seiner Art einzige Dichterwerk gemacht hat, nicht bald genug mit dir theilen. Unglucklicherweise wirst du einen gewissen Araspes151 darin finden, der uber die Macht der Liebe eben so profane Gedanken hegte wie wir, aber seinen Uebermuth durch eine schreckliche Erfahrung bussen musste. Ich gestehe dir, nicht ohne Schamrothe, dass mir beim Lesen dieser Geschichte das Herz ein wenig pochte, und bald darauf kam mir der verhasste Traum!
Ich bitte dich, Freund Aristipp, beruhige mich wenn du kannst; oder ist dir irgend ein Moly gegen den Zauber der Liebe bekannt, auf dessen Tugend man sich verlassen kann, so sage mir wo es zu finden ist, und ich gehe selbst es zu suchen, wenn ich es auch aus dem Schnee des Kaukasus hervorscharren musste.
50.
Aristipp an Lais.
Dein Traum, schone Freundin, und noch mehr deine Angst vor dem Gedanken, dass er in Erfullung gehen konnte, hat mich nicht wenig belustiget. Wir wollen nichts verschworen, Laiska! Die Dichter sind die glaubwurdigsten aller Menschen, denn sie sagen uns ja nichts als was ihnen die Musen eingeben,
die alles wissen was war, was ist, und was seyn wird.
Was den schonen Smyrnen, Phadren, Helenen u.s.w. begegnet ist, warum sollt' es der schonen Lais nicht eben so wohl begegnen konnen? Welche Sterbliche hat Aphroditens Eifersucht mehr gereizt, Amors Allmacht langer und verwegener getrotzt, als die schone Lais? Auf alle Falle ist es glucklich fur dich, dass du, der Ungnade ungeachtet, worein du bei den Gottern von Paphos gefallen bist, noch einen Freund unter den Unsterblichen hast, der dir diesen warnenden Traum zuschickte. Man hat zwar Beispiele, dass Traume (sogar eben so sinnreiche und vielbedeutende wie der deinige) ganz und gar nichts bedeutet haben. Aber freilich, dass dir das alles im Lande der Flugelstand; und wenn du nicht (wie es scheint) kurz zuvor, ehe dir dieser Traum in der ambrosischen Nacht zugeschickt wurde, die Geschichte des Araspes und der schonen Panthea gelesen hattest, wurde ich selbst vielleicht zweifelhaft seyn, was ich aus ihm machen sollte.
Aber ernsthaft von einer so ernsthaften Sache zu reden, sollte denn das Beispiel eines Araspes, der (wie du mir zuversichtlich glauben kannst) ausser der Einbildungskraft des Dichters der Cyropadie nirgends existirt hat, von so schwerem Gewichte seyn, dass es eine so weise, ihrer selbst so machtige und durch eine Erfahrenheit von zwanzig Jahren zum ruhigsten Selbstvertrauen so sehr berechtigte Frau, wie meine Freundin Lais ist, furchtsam machen musste? Nein, bei Artemis und Pallas Athene! das ist es nicht; ob ich ihm gleich das Verdienst, leichte, unerfahrne, jugendlich ubermuthige Flugelkopfe vor Schaden zu warnen, nicht absprechen will. An solche, wahrlich nicht an unsers gleichen, dachte Xenophon, da er diese schone Sokratische Episode in sein treffliches Buch einwebte. Der Kern, der diese Frucht hervorgebracht, ist vermuthlich eine Erinnerung aus seiner bei dem Attischen Weisen zugebrachten Jugend; denn die Moral, die er dem Cyrus in den Mund legt, ist die namliche, womit Sokrates einst ihm selbst eine heilsame Furcht einzujagen suchte, da er sich gewundert hatte, wie jener einen blossen Kuss, den der junge Kritobulus dem schonen Knaben des Alcibiades gegeben hatte, fur eine so gefahrliche Sache halten konne, dass nichts Tollkuhnes sey, was sich nach einer so vermessenen That nicht von ihm erwarten lasse. Kurz, Xenophons Araspes und Panthea ist weder mehr noch weniger, als der Inhalt des bei jener Gelegenheit zwischen ihm und Sokrates vorgefallnen Gesprachs, zu einer vollstandigen Geschichte ausgebildet. Diese schone Dichtung ist geschrieben dich zu ergotzen, nicht zu angstigen; und ich weiss dir keinen bessern Rath, als sie so oft wieder zu lesen, bis du uber deine unnothige Furcht selber lachen musst. Wahr ist es allerdings, dass allzu grosse Zuversichtlichkeit verwegen macht; aber, wenn Verwegenheit uns oft in Gefahr sturzt, so hilft sie uns noch ofter aus Gefahren heraus. Der Muthige trotzt der Gefahr und entgeht ihr; der Feige verliert mit der Kraft des Widerstehens zugleich die Kraft zu fliehen, und gegen Einen, der durch zu viel Muth umkommt, gehen zwanzig Furchtsame zu Grunde. Indessen weil auch dem Muthigen Vorsicht geziemt, lass uns annehmen, dein Traum sey das Werk eines warnenden Damons: wovor warnt er die Traumerin? Vor einem verkappten Amor, der seiner Psyche die goldnen Schwingfedern ausrupft, um lachend mit seinem Raube davon zu fliegen. Wohl! du hattest also keine Entschuldigung gegen dich selbst, wenn dir jemals so etwas begegnete; du bist gewarnt!
Zwar, wofern die Liebe eine so gewaltsame und unbezwingbare Leidenschaft ware, wie Xenophons Cyrus behauptet, was sollte die Warnung? Es hiesse, dem Unglucklichen, der von der Gewalt des Stroms in eine Untiefe hinabgezogen wird, zurufen: nimm dich vor dem Strudel in Acht! Aber zum guten Glucke besturmt uns der furchtbare Tyrann der Gotter und der Menschen Eros nicht sogleich mit seiner ganzen Junglingsstarke: er ist erst liebkosendes Kind und spielender Knabe; und so lange er diess ist, gibt es ein Mittel ihm zu entgehen. Es ist eben nicht das ehrenvollste; aber es ist sicher, unfehlbar, und uberdiess wie Xenophons Cyrus sagt, das einzige. Also, liebe Laiska, sobald dir ein Adonis vor die Augen kommt, von dem du dich, wie in deinem Traume, mit einem nie zuvor gekannten Zauber angezogen fuhlst, so schliesse die Augen, und eile, eile was du kannst zu deinen Freunden nach Cyrene. Vermochten wir gleich nicht, dir alles zu ersetzen, was du zu Korinth und Aegina zurucklassen wurdest, so konntest du doch schwerlich den allmahlich herannahenden Abend deines schonen und glucklichen Lebens in besserer Gesellschaft zubringen, als in dem hauslichen Cirkel deiner Freunde Kleonidas und Aristipp, wo du deine Musarion, von kleinen ungefahrlichen Amorinen umgeben, wieder finden, und dir aus der Schwester unsers Kleonidas eine neue Freundin machen wurdest. Dein Herz wird dir bei ihrem ersten Anblick sagen, sie sey werth es zu seyn, und dass sie sich beeifert deinen Aristipp glucklich zu machen, wird ein Verdienst mehr in deinen Augen seyn. Ich gestehe dir, Laiska, ich bin in diesen meinen Traum verliebt, und wenn der deinige eine so schone Frucht hervorbrachte, wurde ich glauben, dass er dir unmittelbar von der holden Grazie Pasithea selber zugeschickt worden sey.
51.
Antipater an Aristipp.
Nach einem vierjahrigen Aufenthalt habe ich mich endlich nicht ohne ein seltsames Gemisch sehr ungleichartiger Gefuhle von der herrlichen Athena, vermuthlich auf immer, losgerissen, um nun auch von den vorzuglichsten Stadten der Pelopsinsel und Siciliens so viel Kundschaft durch mich selbst einzuziehen, als zu meinem dir bekannten Zweck nothig ist, und als die mancherlei Verbindungen mir verschaffen konnen, zu welchen ich im Mittelpunkt der ganzen Hellas so viele Gelegenheit fand. Aber wo werde ich eine Stadt sehen, die jenem Lieblingssitze Minervens den Vorzug streitig machen konnte? Ich habe Burger aus beinahe allen Griechischen Stadten kennen gelernt, und keinen gefunden, der ihr die seinige ohne Schamrothe oder aus einem andern Grunde vorzuziehen vermocht hatte, als dem Zauber, der uns an den Ort fesselt, wo wir das goldne Alter des Menschenlebens zugebracht haben. Was muss Athen fur den seyn, der das Gluck hatte, in ihrem Schooss aufzubluhen? Wie naturlich kommen mir alle jene weltgepriesenen Thaten vor, die jemals fur eine solche Stadt von ihren Sohnen gethan wurden? und wenn ich bedenke, was sie erst seyn konnte, wenn sie den Gesetzen und der Verfassung ihres eben so klugen als weisen Solons treu geblieben ware! Was sie jetzt noch werden konnte, wenn sie anstatt ihrer sturmischen Volksherrschaft sich eine wohlgeordnete Aristokratie gefallen lassen, und statt der gefahrlichen Eitelkeit, auf ihre eigenen und der ganzen Hellas Kosten nach einer Obergewalt, die ihr nie gutwillig zugestanden wird, zu streben, sich an dem hohen Vorzug begnugen wollte, das zu seyn wozu ihr Name selbst sie bestimmt, der Hauptsitz aller Kunste des Friedens und der Musen, das Muster der schonsten Ausbildung, die Besitzerin der weisesten Gesetze, der mildesten Regierung, der menschlichsten Sitten, des feinsten Sinnes fur alles Schone und Grosse, der vollkommensten und zierlichsten Sprache, und der angenehmsten Art des Daseyns zu geniessen, kurz, durch Vereinigung alles dessen, was des Menschen Leben veredelt und verschonert, die erste Stadt der Welt zu seyn: wer wurde dann nicht das Gluck in Athen zu leben allem andern vorziehen, und die Nothwendigkeit, sie zu verlassen, fur das grosste aller Uebel halten? Platon und Isokrates haben wahrlich keine Schuld, wenn Athen nicht dieses Urbild einer vollkommenen und glucklichen Republik ist Aber die Sterblichen scheinen weder aufgelegt noch geneigt zu seyn, den Idealen ihrer Weisen Wirklichkeit zu geben, und unter allen Erdebewohnern die Athener vielleicht am wenigsten. Indessen, wie sie sind, habe ich ihnen und ihrer Stadt viel zu danken; und dieses Gefuhl war es auch, was alle ubrigen verdrangte und verschlang, als ich von einer Anhohe auf dem Wege nach Eleusis den letzten Blick auf den hellbesonnten Tempel der Athene Polias heftete.
Zu Korinth bin ich von deinem Freunde Learch auf die verbindlichste Art genothiget worden, meine Wohnung in seinem gastfreundlichen Hause zu nehmen. Ich gedenke ungefahr einen Monat hier zu verweilen, und dann die ubrigen Stadte dieses schonen Hauptstuckes von Griechenland, das an Merkwurdigkeiten aller Art so reich ist, der Reihe nach zu besuchen.
Die schone Lais hat seit einiger Zeit ihre vormalige Lebensweise ganzlich abgeandert. Ihr Haus ist nur noch etlichen altern Freunden, und keinem Fremden, der nicht von einem derselben bei ihr eingefuhrt wird, offen. Sie erscheint gar nicht mehr offentlich, gibt keine grossen Gastmahle mehr, und zu den kleinen Symposien, woran sie einst so viel Belieben fand, werden selten mehr als zwei oder drei von ihren vertrautern Bekannten eingeladen. Learch scheint dermalen in vorzuglicher Gunst bei ihr zu stehen, und mit ihm und meinem Freunde Diogenes habe ich schon einigemal den Abend bei ihr zugebracht. Man spricht viel zu Korinth von diesem so raschen und sonderbaren Sprung von der hochsten Pracht und Ueppigkeit einer Asiatischen Satrapin zu einer beinahe misanthropischen Eingezogenheit, und jedermann sucht sich das Wunder auf seine eigene Weise zu erklaren. Die meisten halten es fur eine traurige Folge des ubermassigen Aufwandes, den sie mehrere Jahre lang zu Korinth und Aegina gemacht: nach andern soll ein gewisser komischer Dichterling, Epikrates von Ambracien, Schuld daran seyn. Dieser, sagt man, hatte sich lange Zeit alle nur ersinnliche Muhe gegeben, sich in ihre Gunst einzuschmeicheln, und fiel ihr zuletzt mit seiner Zudringlichkeit so uberlastig, dass sie sich, gegen ihre Gewohnheit, die Freiheit nahm, ihn mit Verachtung abzuweisen; was vermuthlich nicht geschehen ware, wenn sie die mindeste Ahnung gehabt hatte, wie weit eine verboste poetische Wespe die Rache zu treiben fahig ist. Der wuthende Komiker rachte sich an ihr152 durch eine sogenannte AntiLais, die an Bosheit und Bitterkeit selbst die beruchtigten Jamben des Archilochus ubertrifft, und wirklich in ihrer Art fur ein Meisterstuck gelten kann. Indessen hat Lais gleichwohl alle Ursache, eben so gleichgultig bei diesem Schmahgedichte zu seyn, als es Sokrates bei den Aristophanischen Wolken war: denn das schandliche Zerrbild, das der beleidigte Witzling von ihr aufgestellt hat, sieht ihr nicht ahnlicher, als der After-Sokrates des Attischen Satyrs dem Sohne des Sophroniskus. Auch habe ich sie selbst daruber ganz unbefangen scherzen gehort, und in Korinth wenigstens ist niemand, der, wenn er gleich die Verse mit Vergnugen las, von dem Verfasser nicht mit der grossten Verachtung sprache. Ich musste mich sehr irren, oder die wahre Ursache der Veranderung, die den Korinthiern so seltsam vorkommt, liegt viel tiefer als sie sich einbilden. Lais ist noch nicht vierzig Jahre alt; ihre Schonheit ist von der dauerhaftesten Art, und was sie vom Glanz der ersten Jugendbluthe verloren haben kann, wird durch die Kunst des Putztisches so leicht ersetzt, dass ihr niemand, der sie zum erstenmale sieht, uber funfundzwanzig geben wird. Eben so leicht wurde es ihr seyn, die Erschopfung ihrer Casse zu ersetzen, wofern diese der Grund ihrer veranderten Lebensart ware; denn es hinge noch bloss von ihr ab, so viele freigebige Anbeter zu haben als sie wollte. Ich kenne sie vielleicht noch nicht genug, dass ich mir anmassen durfte, sie errathen zu haben: aber alles was mir, seitdem ich sie zu Aegina taglich zu sehen Gelegenheit hatte, eine ziemlich ruhige Beobachtung von ihrem Innern verrathen hat, uberzeugt mich, dass sie mit sich selbst unzufrieden ist, und wider Willen gewahr wird, sie habe die Gluckseligkeit auf dem unrechten Wege gesucht, aber von dem einzigen, worauf die Natur selbst ihr Geschlecht leitet, sich schon zu weit entfernt, als dass sie nur daran denken konnte, ihn noch einzuschlagen. Ich bin gewiss, eine innerliche Stimme, die sich weder durch Vernunftelei noch Zerstreuung beschwichtigen lassen will, nothigt sie, das Loos Musarions und Kleonens beneidenswerth zu finden, wiewohl ihr Stolz ihr nie erlauben wird es zu gestehen. Aber dass es Augenblicke gibt, worin sie es sich selbst gestehen muss, und dass diese Augenblicke immer haufiger kommen, das ist es vermuthlich, was sie mit sich selbst in Zwietracht setzt, und ihr zu einer Quelle peinlicher Empfindungen wird, welche sie wechselsweise bald unter einer reizend muthwilligen, bald witzelnden, bald philosophirenden Laune zu verbergen sucht, aber durch die Anstrengung, die es sie zuweilen kostet, nur zu sichtbar macht. Uebrigens scheint mir auch ohnediess nichts naturlicher, als dass sie ihrer bisherigen Lebensart endlich uberdrussig werden musste. Hat sie nicht von allem, was man auf dem Wege, den sie einschlug, geniessen kann, das Hochste bis zur Uebersattigung genossen? Was bleibt ihr ubrig? Die Anbetung der Manner und der Hass der Weiber kann ihr kein Vergnugen mehr machen. Die Tauschungen, wodurch die Eitelkeit, Unschuld, oder Schwache eines schonen Weibes sich selbst uber das, was die Manner Liebe nennen, verblenden kann, hat vermuthlich bei ihr nie stattgefunden; und das Spiel, das sie so lange mit ihnen getrieben hat, macht ihr so wenig Kurzweile mehr, als die ewigen Feste und larmenden Lustbarkeiten, wo die Freude eben darum immer auszubleiben pflegt, weil sie so laut und gebieterisch herbeigerufen wird. Ihr prachtiges Haus, ihr zauberischer Landsitz zu Aegina, die Juwelen und Kostbarkeiten aller Art, womit Arasambes sie uberhaufte, ihre Gemalde und Statuen, die Umgebung von einer ganzen Schaar auserlesener talentvoller Madchen, die sich in die Wette beeifern ihr Vergnugen zu machen, das alles besitzt sie schon zu lange, als dass es noch einigen Reiz fur sie haben konnte. Die arme Frau hat alles, das Einzige ausgenommen was sie glucklich hatte machen konnen; und diess Einzige ist nicht mehr in ihrer Gewalt, und ist es vielleicht nie gewesen!
Bei allem dem, solltest du wohl glauben dass sie mir in diesem Zustand von Verstimmung, oder vielmehr in dieser Abstimmung aller Saiten der Laute, die einst so bezaubernde Harmonien von sich gab, in einem gewissen Sinne gefahrlicher ist, als vor drei Jahren, da sie noch Vergnugen daran fand, auf ihrem prunkenden Siegeswagen uber die Kopfe und Herzen aller Manner wegzurasseln? Ich kann es mir selbst nicht erklaren; aber ich halt' es fur unmoglich, dass sie in der ersten Blume der Jugend so liebreizend gewesen seyn konne als jetzt; und (aufrichtig zu reden) wofern sie etwa in den nachsten zwanzig Tagen, die ich hier noch zuzubringen habe, in die Laune kame meine Weisheit wieder auf die Probe zu stellen ich weiss nicht aber wenigstens hab' ich mich selbst schon mehr als einmal uber dem heimlichen Vorsatz ertappt, ihr das Vergnugen des Sieges nicht sehr theuer zu verkaufen.
Learch tragt mir auf, ihn in deinem Andenken zu erhalten, und gedenkt es selbst zu thun, sobald er dir etwas Interessantes zu schreiben haben werde. Die grosse Kunde, die er von der innern Verfassung der Griechischen Staaten, von ihrer altern und neuern Geschichte, ihrer Starke und Schwache, und dem verschiedenen Interesse, worauf ihre dermaligen Verbindungen und Misshelligkeiten beruhen, besonders die genaue Kenntniss, die er von seiner eigenen Vaterstadt besitzt, macht den Aufenthalt bei ihm um so lehrreicher fur mich, da er ein Vergnugen daran findet, mir so viel davon mitzutheilen als ich zu meinem Zwecke nothig habe. Er lebt, wie du weisst, seiner Abstammung, seiner personlichen Vorzuge, und seines Reichthums wegen, zu Korinth in grossem Ansehen; aber er liebt die Ruhe, die Kunste und den angenehmen Lebensgenuss, wozu ihn sein grosses Vermogen berechtigt, zu sehr, um eine bedeutende Rolle unter den Griechen spielen zu wollen; zumal in dem gegenwartigen Zeitpunkt, wo man zu Erhaltung des zweideutigen Friedens, womit der Spartaner Antalcidas die alte Zwietracht der Sohne Deukalions einzuschlafern gesucht hat, durch die moglichste politische Unthatigkeit noch am meisten beitragen kann.
Learch besitzt die reichste und auserlesenste Sammlung von Gemalden, die ich noch gesehen habe. Er hat, beinahe von den Windeln der Kunst an, von jedem Meister wenigstens Ein Stuck aufzuweisen; und von Parrhasius, Zeuxis, Pauson und Euxenidas mehr als man (wie ich von vielgewanderten Personen gehort habe) bei irgend einem Privatmann antrifft. Er ist sehr stolz auf die beiden trefflichen Stucke von unserm Kleonidas; diese und ein Urtheil des Paris von Timanth, und die beruhmte kleine Leda des Parrhasius (die er durch einen glucklichen Zufall in seine Gewalt bekommen hat), sind die einzigen, die in einem zierlich gearbeiteten Schranke verwahrt stehen, und den Liebhabern erst, wenn sie sich an allem Uebrigen satt gesehen haben, aufgeschlossen werden.
Wenn es nicht gar zu unartig ware, auf einen Mann, der mir unverdienter Weise so viel Gutes erzeigt, neidisch zu seyn, so hatte ich vermuthlich Ursache genug dazu; denn es ist mehr als wahrscheinlich, dass mein edler Wirth bei der schonen Lais dermalen den Platz einnimmt, den er durch die geduldigste Beharrlichkeit mehr als zu wohl verdient hat. Er bringt beinahe alle Abende bei ihr zu, und man kann das Gluck, die dritte oder vierte Person an ihrer kleinen Tafel zu seyn, nur durch ihn erlangen. Ich werde also wohl meine Weisheit unversucht von Korinth nach Argos tragen mussen. Learch hat sich erboten, deine Briefe an mich zu befordern, wenn du Zeit und Neigung haben solltest, mir zu schreiben. Ich grusse Kleonen, Musarion und Kleonidas und bitte sie, meiner eingedenk zu bleiben.
52.
Aristipp an Antipater.
Die Gefuhle womit du von Athen Abschied nahmst, lieber Antipater, haben mich sehr lebhaft erinnert, wie mir selbst vor einigen Jahren in ebendemselben Falle zu Muthe war, und schwerlich wird jemand, der einen langen Aufenthalt in dieser von so vielen Seiten anziehenden und an sich fesselnden Stadt gehorig zu benutzen fahig war, sich mit andern Gefuhlen auf immer von ihr losreissen konnen. Auch die politischen Betrachtungen, die du mir bei dieser Gelegenheit mittheilst, stimmen sehr mit meiner ehmaligen Meinung uberein. Aber ich habe seitdem gefunden, dass wir uns fast immer irren, wenn wir meinen, die Dinge in der Welt wurden, wofern sie anders gegangen waren, besser gegangen, oder das Gute, das uns recht ist, wurde auch ohne das damit verbundene Schlimme, das uns nicht recht ist, erfolgt seyn.
Ich zweifle z.B. nicht, dass Athen bei der Solonischen Verfassung wenn sie unverandert beibehalten worden ware, und nichts von aussen ihr Emporkommen verhindert hatte eine wohlhabende, bluhende, auf lange Zeit gluckliche Stadt geworden ware: aber was sie jetzt ist, was wir am meisten an ihr bewundern, was sie zur einzigen in ihrer Art und zur wahren Hauptstadt der Welt macht, hat sie durch zwei Manner von sehr ahnlichem Schlage, durch Pisistratus und Perikles erhalten, und diese hatten in der Solonischen Aristo-Demokratie nimmermehr das Ansehen, die Gewalt und die Mittel erlangen konnen, ohne welche das, was sie zu Verherrlichung und Verschonerung Athens gethan haben, nicht zu Stande gebracht werden konnte. Nur auf den Flugeln einer sehr grossen Popularitat konnte sich Pisistratus zur Alleinherrschaft emporschwingen, und trotz alles Widerstands der ubrigen Aristokraten bis an seinen Tod darin erhalten; und nur in einer Stadt, wo die hochste Gewalt in den Handen der Volksgemeine lag, konnte Perikles durch seine demagogischen Kunste und Talente, indem er sich fur einen blossen Diener des Volks gab, zwanzig Jahre lang ruhiger und unbeschrankter regieren als Pisistratus. Es bedarf, um sich hiervon zu uberzeugen, nur einen Blick auf das, was Athen vor der sogenannten Tyrannie des letztern war, und was es hundertundzwanzig Jahre spater durch Perikles ward. Als die eigentliche Staatsverwaltung noch grosstentheils in den Handen der alten Geschlechter lag, konnten sogar die Megarer den Athenern die Spitze bieten; konnten ihnen den Besitz der kleinen, beinahe an das Attische Ufer anstossenden Insel Salamin nicht nur viele Jahre lang streitig machen, sondern sie sogar zu der schmahlichen Massregel treiben, dass sie die Todesstrafe darauf setzten, wenn sich jemand wieder unterstehen wurde, den Athenern die Wiedereroberung von Salamin anzurathen. Als hingegen Perikles in dem rein demokratischen Athen alles vermochte, wuchs diese Republik zusehends zu einer Macht heran, die der ganzen Hellas und den Persischen Monarchen selbst furchtbar ward; und Alcibiades durfte ihnen sogar die Eroberung von Sicilien anrathen, ohne dass sie eine so missliche Unternehmung uber ihre Krafte hielten. Erst durch Perikles ward Athen der Sitz der Kunste und der Philosophie, und um es werden zu konnen, mussten Umstande sich vereinigen, die nur unter diesen Bedingungen zusammentreffen konnten, mussten eine Menge seltner Menschen, die nur unter diesen Umstanden entstehen konnten, das Ihrige dazu beitragen; wie du dich leicht uberzeugen wirst, wenn du die Geschichte der letzten achtzig Jahre in dieser Rucksicht unbefangen uberdenken willst. Uebrigens gebe ich zu, dass es bloss ein glucklicher Zufall war, der dem demokratischen Athen einen so aufgeklarten und grossherzigen Demagogen wie Perikles gab; und dass eben diese Freiheit, welche die naturlichen Anlagen des Attischen Volkes fur Kunst und Wissenschaft so machtig in die Hohe trieb, auch alle seine Unarten und Untugenden entwikkelte, alle seine Leidenschaften entfesselte, und indem sie seiner Eitelkeit, Herrschbegier und Habsucht eine unabsehbare Rennbahn offnete, die erste Ursache seiner Verderbniss, seiner theuer bezahlten Thorheiten und seines fortwahrenden Sinkens wurde. Die Hohe, auf welche Perikles seine Republik erhob, machte sie schwindlicht; sie taumelte, sank und fiel, und wird nicht aufhoren zu fallen, bis sie, mit allen ihren dermaligen Nebenbuhlerinnen, ihre politische Selbststandigkeit ganzlich verloren haben wird. Nicht wenn die Athener nach der Obergewalt zu streben aufhoren werden153, sondern wenn sie aufhoren mussen, weil von dieser Seite nichts mehr zu erstreben seyn wird, mit Einem Worte, wenn die stolze Konigin der Stadte zu einer Municipalstadt irgend eines grossen Reichs, das vielleicht jetzt schon im Werden ist, herabgekommen seyn wird, nur dann wird dein frommer Wunsch in Erfullung gehen. Sie wird den Volkern der Erde durch das, was sie ehmals war, immer ehrwurdig bleiben; ihre Ruhmbegierde, sobald sie ihren dermaligen Anspruchen auf ewig entsagen muss, wird eine andere und fur sie selbst wohlthatigere Richtung nehmen; sie wird die erste Schule der Wissenschaften, des Geschmacks und der feinern Sitten, der allgemeine Tempel der Musen und Grazien fur alle Nationen seyn, und seine Bewohner werden im Schooss der goldnen Mittelmassigkeit und Genugsamkeit eines unbeneideten Glucks geniessen, fur welches ihre Vorfahren zur Zeit ihres hochsten Glanzes keine Empfanglichkeit hatten, und woran sie sich auch nicht hatten genugen lassen, so lange sie sich noch mit der Moglichkeit schmeichelten, das Ziel ihrer ungezugelten Wunsche erringen zu konnen.
Es klingt vielleicht seltsam, aber meinem Begriff nach hat es mit der schonen und stolzen Lais so ziemlich eben dieselbe Bewandtniss wie mit der schonen und stolzen Athena. Du glaubst Lais habe ihre Bestimmung verfehlt; sie fuhle nun, da es zu spat sey, dass ein liebenswurdiges Weib nach keinem hoheren Ziel trachten sollte als das hausliche Gluck eines einzigen Mannes zu machen, und dieses ihr wider Willen sich aufdringende Gefuhl sey die wahre Ursache des geheimen Missmuths, den sie vergebens zu bekampfen suche. Es ist sehr moglich, dass ihr in ihrer dermaligen Verstimmung (wie du ihren Zustand sehr treffend bezeichnest) dergleichen Gedanken zuweilen durch den Kopf laufen: aber sie hat einen zu hellen Blick und ein zu lebhaftes Selbstgefuhl, um sich nicht bewusst zu seyn, dass sie niemals eine Hausfrau wie Musarion und Kleone abgegeben hatte. Und gesetzt, sie hatte sich die Pflicht auferlegt das Gluck eines Einzigen zu machen, so wurde sie gewesen seyn was tausend andere sind; die Welt hatte nichts von ihr gewusst, und sie hatte nicht Europen und Asien mit ihrem Ruf erfullt; die Kunstler hatten sich nicht in die Wette beeifert, sie zum Modell ihrer schonsten Werke nehmen zu durfen, ihr Bild ware nicht, in so manchem Tempel aufgestellt, ein Gegenstand der offentlichen Anbetung geworden; kein Neffe des Konigs von Persien hatte seine Schatze fur sie verschwendet, und kein Aspendier den Verstand durch sie verloren und wieder bekommen. Und was hatte nun die in ihr Frauengemach und ihre Kinderstube eingeschlossene, und in die Gesellschaft ihres Mannes und ihrer Verwandten gebannte Matrone Lais mit der uberschwanglichen Lebhaftigkeit des Geistes, und der uppigen Einbildungskraft und dem reizend muthwilligen Witz, und mit allen den unerschopflichen Gaben und Kunsten zu gefallen und zu bezaubern, worin die Hetare Lais nicht ihresgleichen hat, anfangen sollen? Oder vielmehr, hatte sie wohl auf einem andern Wege, als den sie gegangen ist, zu dieser vollendeten Ausbildung und hochsten Verfeinerung aller ihrer Naturgaben gelangen konnen? und war' es nicht Schade, wenn sie nicht dazu gelangt ware? Wahrlich nur auf diesem Wege konnte sie werden was sie ist, die einzige in ihrer Art, die liebenswurdigste und vollkommenste, so wie die schonste und reizendste, aller Hetaren; denn sie mit irgend einer Matrone vergleichen zu wollen, ware gegen beide gleich ungerecht. Verlangen dass sie etwas anderes, wenn gleich in gewissem Sinne Besseres, hatte werden sollen, ist so viel als verlangen, Lais sollte gar nicht gewesen seyn; etwas, das wenigstens sie selbst niemals im Ernste wunschen kann. "Aber sie fuhlt sich nicht glucklich!" Das ist nun einmal das Loos aller, die nach dem Hochsten trachten, was ihnen ein granzenloser Stolz zum Ziel versteckt; denn uber lang oder kurz kommt eine Zeit, wo sie fuhlen, dass sie das nicht erreicht haben wornach sie trachteten. Aber ohne diesen Stolz ware sie auch mit allen ihren angebornen Reizen und Vorzugen nur ein gewohnliches Weib geblieben. Wer Honig haben will, muss auch Bienen haben, sagt das Spruchwort. Uebrigens hat sich wohl niemand weniger uber das Mass von Gluckseligkeit, das ihm zu Theil ward, zu beklagen als Lais; denn ich zweifle sehr, dass jemals eine Sterbliche zu einem so hohen Grad von Selbstgefuhl und Selbstgenuss gelangt sey als sie. Wurden nicht zwanzig Jahre lang alle ihre Wunsche in vollestem Masse befriediget? Oder meinst du sie habe sich nicht sehr glucklich gefuhlt, als sie sich uberall wie die sichtbar erschienene Liebesgottin angestaunt und angebetet sah, als alle Manner zu ihren Fussen lagen, und sie, ohne die mindeste Gefahr fur sich selbst, mit Amors Bogen und Pfeilen das muthwilligste Spiel treiben konnte? Dass sie dessen endlich uberdrussig werden musste; dass von allem, was das Gluck ihr so verschwenderisch zugeworfen, ihr nichts mehr Vergnugen zu machen scheint; dass sie nichts Neues mehr zu geniessen sieht, nachdem sie alles, wofur sie Empfanglichkeit hat, im hochsten Grad und Mass schon so lange genossen hat, alles diess ist zu naturlich, als dass sie verlangen durfte, es sollte anders seyn. Auf Vollgenuss folgt Sattigung, auf Ueberfullung Ekel. Vor dem letztern hat sie sich immer kluglich zu huten gewusst; jener hilft Enthaltung ab. Im schlimmsten Fall musste sie nun von der Erinnerung zehren; und ist auch diess nicht am Ende das gemeine Loos der Menschheit?
Ich besinne mich noch sehr lebhaft der ersten traulichen Unterredung, die ich mit ihr zu Aegina hatte, da sie, wie der junge Hercules des Prodikus, auf dem Scheideweg zu stehen schien, und von mir verlangte, dass ich ihr rathen sollte. Ich konnte deutlich genug sehen dass sie schon entschieden war, und rieth ihr also, zu thun was sie nicht lassen konne. Das Ideal eines Weibes, wie noch keines gewesen war, und vielleicht in tausend Jahren keines wieder kommt, schwebte ihr so reizend vor der Stirne, dass sie dem Verlangen nicht widerstehen konnte, es in ihrer Person darzustellen. In kurzem hatte sie sich dermassen darein verliebt, dass Sokrates selbst, als sie sich (unerkannt, wie sie glaubte) unter dem alten Oelbaum der Athene Polias mit ihm unterhielt, aller seiner Ueberredungskunst vergebens aufbot, ihr ein anderes hoheres Ideal an dessen Stelle in die Seele zu spielen. Sie fuhlte sich geboren Lais zu seyn, wie sich einer zum Maler oder Flotenspieler, zum Dichter oder Heerfuhrer geboren fuhlt; und wenn man das, wozu eine Person alle moglichen Anlagen, die entschiedenste Lust und die grossten Aufmunterungen von aussen hat, das, was sie am besten kann, was ihr am besten ansteht, und worin sie von niemand ubertroffen wird, wenn man das ihre naturliche Bestimmung nennen kann, so sehe ich nicht, wie wir der schonen Lais absprechen konnen, die ihrige bisher erfullt zu haben. Ueberhaupt ist es immer schwer, ofters misslich und nicht selten unmoglich, einzelnen Personen, die uber den Weg, den sie im Leben einschlagen sollen, noch ungewiss sind, mit Zuverlassigkeit zu sagen was ihre Bestimmung sey. Die Natur schickt uns, wie es scheint, mit lauter unbestimmten Anlagen in die Welt, und was daraus werden soll, hangt grosstentheils von ausserlichen Umstanden ab, uber welche wir, in den Jahren wo ihr Einfluss gerade am meisten entscheidet, die wenigste Gewalt haben. Indessen wurde doch, glaube ich, ein Gott, der das ganze, uns unsichtbare Gewebe der innern Anlagen eines Menschen zu durchschauen vermochte, das, wozu ihn diese Anlagen vor allem andern bestimmen, unfehlbar entdekken; denn in der Natur gibt es nichts wirklich Unbestimmtes. Je lebendiger also das Selbstgefuhl bei einer Person ist, desto mehr ist zu vermuthen, dass sie, wenn die aussern Umstande ihr vollige Freiheit lassen, sich selbst fur diejenige Lebensweise bestimmen werde, zu welcher sie durch ihre ganze Naturanlage vor allen andern geschickt gemacht ist. War diess nicht ganz eigentlich der Fall mit Lais? Sie wurde von dem eigenen Wege ihrer freien Wahl durch die Umstande nicht nur nicht abgehalten, sondern im Gegentheil sehr verfuhrerisch eingeladen keinen andern zu gehen. Die Art der Erziehung, welche sie, von ihrem achten Jahre an, im Hause des reichen und wollustigen Leontides erhielt, dessen Liebling sie war, und von welchem sie auf alle mogliche Weise verzartelt wurde, das Bewusstseyn der seltensten Naturgaben, eine fruhzeitige Unabhangigkeit und die glanzenden Glucksumstande, worin ihr erster pflegevaterlicher Liebhaber sie hinterliess, wie vieles kam nicht zusammen, um ihr einen Stolz einzuflossen, der sich mit den gewohnlichen Einschrankungen ihres Geschlechtes nicht vertragen konnte, und durch Verbindung dieses Stolzes mit dem sittlichen Zartgefuhl, womit die Natur sie beschenkt hatte, das vorhin erwahnte Ideal in ihr zu erzeugen, dessen Zauber um so unwiderstehlicher auf sie wirken musste, da sie sich im Bewusstseyn ihrer angebornen Kaltblutigkeit zutraute, den ausserordentlichen Charakter, worin sie in der Welt auftreten wollte, immer behaupten zu konnen. Wie schmeichelhaft musste ihr der Gedanke seyn, alle Vortheile der vollstandigsten Freiheit mit der gehorigen Achtung gegen sich selbst, und jede Befriedigung der weiblichen Eitelkeit mit der entschiedensten Gleichgultigkeit gegen alle Arten von mannlicher Versuchung zu verbinden; die ganze Welt in Flammen zu setzen, wahrend sie selbst, gleich den Feuergeistern der Persischen Mythologie, unverletzt in diesen Flammen, als in ihrem Elemente, lebte; kurz, mit dem unvermeidlichen Namen und den unbestrittenen Vorrechten einer Hetare, dem grossen Haufen durch die Pracht ihrer Lebensart Ehrfurcht zu gebieten, und in den Augen derer, die ihres nahern Umgangs genossen, eine Achtung zu verdienen, die der Weise selbst der Schonheit nicht versagen kann, wenn sie sich nie anders, als von allen sittlichen Grazien geschmuckt und umgeben, sehen lasst! Dass dieses hohe und wahrscheinlich jeder andern unerreichbare Ideal auch fur sie zu hoch stand, wer konnte ihr diess zum Vorwurf machen? Wenn hier etwas zu tadeln ist, so ist es, dass sie sich die Geschicklichkeit zutraute, ihr ganzes Leben durch, so zu sagen, auf einem Spinnefaden fortzutanzen, ohne jemals aus dem Gleichgewicht zu kommen. Denn mit einer leichtern Kunst wusste ich die Weisheit der Schonen nicht zu vergleichen, welche nie von der gefahrlichen Linie abglitschte, auf der sie sich, im Aufstreben nach einem solchen Ideal, unverwandt bewegen musste. Uebrigens konnen und wollen wir uns nicht verbergen, dass sie (wie es zu gehen pflegt, wenn man einmal zu glitschen angefangen hat) unvermerkt weiter von ihrem Ziele abgekommen ist als sie wohl anfangs fur moglich hielt. Vielleicht ist gerade das erwachte lebhaftere Gefuhl der Misstone in der schonen Melodie ihres Lebens die wahre Ursache dieser Abstimmung, die du an ihr bemerkt hast. Wenn diess, wie ich hoffe, der Fall ist, so mochte ich ihr dazu Gluck wunschen. Denn die Scham vor unserm bessern Selbst ist bei edlern Naturen das wirksamste Mittel das gehemmte innere Leben wieder frei zu machen; und die Eingezogenheit, wozu sie sich, mit Verachtung der schiefen Urtheile der Welt, zu entschliessen den Muth hatte, kann ihrer Wiederherstellung nicht anders als beforderlich seyn. Ein Freund wie Learch ist in dieser Lage wahres Bedurfniss fur sie; aber auch alles, was sie bedarf; und, so wie ich sie kenne, wurde ein Versuch, ihr Einverstandniss mit ihm storen zu wollen (wofern du eines solchen Gedanken auch fahig warest), nie zur ungelegenern Zeit gemacht werden konnen als jetzt, da sie der Achtung und des Zutrauens eines solchen Mannes nothig hat, um sich wieder mit sich selbst auszusohnen.
Lebe wohl, lieber Antipater. Ich brauche dir nicht zu sagen, wie angenehm uns deine Briefe immer seyn werden, und mit wie vielem Vergnugen deine hiesigen Freunde den Zeitpunkt deiner Wiederkunft naher rukken sehen.
53.
Learch an Aristipp.
Der Antheil, den du, mit Kleonidas und Musarion, vermuthlich nie aufhoren wirst an den Schicksalen der schonen Lais zu nehmen, macht es mir als einem gemeinschaftlichen Freunde zur Pflicht, euch von ihrer dermaligen Lage ausfuhrlich zu unterrichten, da euch vielleicht Geruchte oder Nachrichten aus minder lautern Quellen zukommen mochten, die euch ihrentwegen mehr beunruhigen konnten, als, vor der Hand wenigstens, nothig seyn mochte. Du kennst sie zu gut, lieber Aristipp, um dich nach diesem Eingang nicht auf einen von den wunderlichen Streichen gefasst zu halten, deren ihre Phantasie und Laune ihr schon mehrere gespielt haben: aber des Abenteuers, worin sie dermalen verwickelt ist, durftest du dich doch schwerlich versehen haben. Ich will euch mit keinem langen Vorbericht aufhalten; aber der Vollstandigkeit wegen werde ich dennoch etwas weit ausholen mussen, und nicht vermeiden konnen, des Antheils, den ich selbst an dieser Geschichte habe, umstandliche Erwahnung zu thun.
Antipater hat dir schon vor geraumer Zeit von der Veranderung Nachricht gegeben, welche sie bald nach ihrer Zuruckkunft aus Thessalien in ihrer Lebensweise vorzunehmen nothig fand. Es wurde in und ausserhalb Korinth viel Schiefes daruber geschwatzt, vermuthet und gefabelt: das Wahre ist, dass diese Veranderung nicht plotzlich sondern stufenweise vorging, und dass die immer zunehmende Menge und die unbescheidene Zudringlichkeit ihrer offentlich erklarten Liebhaber diese Massregel schlechterdings nothig machte. Unter jenen Beschwerlichen befanden sich mehrere Auswartige, welche die Reise nach Korinth nicht vergebens gemacht haben wollten, da sie bloss der schonen Lais wegen gekommen waren. Ueberhaupt schienen die Herren durch die letzte Wanderung unsrer Freundin sich berechtigt zu glauben, ihren Anspruchen einen Nachdruck zu geben, der dem Stolz und dem Zartgefuhl einer Frau von so seltnen Vorzugen gleich anstossig seyn musste. Die Reichsten (meist Einheimische) glaubten sich durch die prachtigen Feste, die sie ihr gaben, ein Recht an ihre Dankbarkeit zu erwerben. Andere hingegen spielten geradezu die Freier der Penelope, und nahmen von ihrem nur allzu gastfreien Hause Besitz, als ob sie immer da zu bleiben gedachten; in Hoffnung, sie werde sich durch die unverschamte Art, wie sie darin schalteten, genothiget sehen, sich desto balder mit ihnen abzufinden. Die Sache horte in der That bald genug auf kurzweilig fur sie zu seyn; wie sie aber gewohnt ist alles mit guter Art zu thun, so fing sie damit an, sich den Festen und Aufwartungen meiner Korinthischen Mitbruder nach und nach zu entziehen, und immer seltener grosse Gastmahle in ihrem eigenen Hause zu geben. Die Fremden, welche auf allerlei Wegen Mittel gefunden hatten Empfehlungen an sie zu erhalten, wurden zwar noch immerfort aufs beste bewirthet; aber sie selbst erschien, unter mancherlei Entschuldigungen, selten bei Tische und im Gesellschaftssale, und wurde zuletzt, einer vorgeblichen Unpasslichkeit wegen, ganzlich unsichtbar: und weil die Herren auf den Einfall kommen konnten, die Freier der Penelopeia auch in den Entschadigungen, welche diese sich zu verschaffen wussten, nachzuahmen, so wurde allen ihren Gesellschafterinnen und Sklavinnen aufs scharfste untersagt, sich vor keinem von ihnen sehen zu lassen, geschweige das Geringste zu ihrer Unterhaltung beizutragen. Dieses Mittel konnte seine Wirkung nicht verfehlen; und da sie sich vollends auf einige Zeit Geschafte halber von Korinth entfernte, so mussten die Beschwerlichen endlich das Feld raumen, und Lais war nun nach ihrer Zuruckkunft fur niemand mehr zu Hause, als fur etliche Freunde vom engeren Ausschuss, die durch einige personliche Eigenschaften und ein gehoriges Betragen diese Unterscheidung verdienten.
Ich glaube nicht dass Lais einen altern Bekannten hat als mich. Die vertraute Freundschaft, welche zwischen meinem Vater und dem Eupatriden Leontides statt hatte, gab mir schon in meiner fruhen Jugend Gelegenheit, im Hause des letztern ein- und auszugehen, und ich erinnere mich noch sehr wohl, die kleine Lais als ein Madchen von eilf oder zwolf Jahren gesehen zu haben. Der Alte fand grosses Vergnugen daran, seinen kleinen Liebling loben zu horen, und seine Freunde zu Zeugen der ausserordentlichen Anlagen zu machen, die sie in der Musik und Tanzkunst zeigte. Ich hatte damals etwa achtzehn Jahre, und naturlich konnte mir das schonste Madchen, das ich noch gesehen hatte, nicht gleichgultig seyn; aber die angenehmen Eindrucke die sie auf mich machte, streiften nur leicht an mir hin; ich wusste dass Laiska nicht mein seyn konnte; es fehlte nicht an hubschen Madchen in Korinth; uberdiess war ich keiner von denen, die sich einbilden, sie mussen alles Schone, was ihnen zu Gesichte kommt, haben, es koste was es wolle; und es gab viele Dinge, die mir noch lieber waren als ein hubsches Madchen. Eine Abwesenheit von mehreren Jahren brachte mir den kleinen Abgott des alten Leontides ganzlich aus dem Sinne. Als ich nach Korinth zuruckkam, fand ich sie auf dem Punkt ihrer schonsten Bluthe, im Besitz der reichen Erbschaft ihres Patrons und einer ganzlichen Unabhangigkeit, von einer Menge Freier und Anbeter umgeben, mit denen sie sich auf einen solchen Fuss setzte, dass keiner ohne alle Hoffnung war, wenige sich eines merklichen Vorzugs, und niemand dessen, wornach sie alle trachteten, zu ruhmen hatte.
Keinen Zutritt im Hause der schonen Lais zu haben, wurde damals in Korinth fur ein unzweifelhaftes Zeichen eines schlecht erzogenen und von allen Grazien verabsaumten Menschen angesehen. Ich unterliess also nicht, von der allgemeinen Freiheit, die sie allen meinesgleichen zugestanden hatte, Gebrauch zu machen, zumal da ich nirgends bessere Gesellschaft, und mehr Gelegenheit mit interessanten Fremden bekannt zu werden, finden konnte als in ihrem Hause. Lais, die ihre eigentlichen Liebhaber so ziemlich auf dem namlichen Fuss behandelte, wie andere Schonen ihre Schosshundchen, Katzen, Wachteln und Sperlinge, ermangelte nicht diejenigen zu unterscheiden, deren Anhanglichkeit an sie mehr auf die seltnen Vorzuge ihres Geistes, als auf ubel verhehlte Anspruche an ihre Schonheit, gegrundet war; und da ich das Gluck hatte einer von jenen zu seyn, so fand sich unvermerkt, dass ich mich unter die wenigen zahlen durfte, denen sie eine schmeichelhafte Art von Achtung dadurch bewies, dass sie von ihren hauslichen Angelegenheiten mit ihnen sprach, sie mit kleinen Auftragen beehrte, und bei wichtigern Vorfallenheiten sich ihres Rathes oder ihrer Dienste bediente. Diess, Freund Aristipp, war ungefahr das Verhaltniss, worin ich mit der schonen Lais stand, bis sie Milet zu ihrem Aufenthalt wahlte, und dort mit dem vornehmen Perser bekannt wurde, der (wenn ich nicht irre) nach dir selbst der erste war, der sich ihres Besitzes ruhmen konnte; mit dem kleinen Unterschied, dass du sie besassest, er hingegen von ihr besessen war154. Nach ihrer Zuruckkunft von Sardes lebte sie eine Zeit lang mit dem Prunk einer morgenlandischen Furstin unter uns; und wahrend sich jedermann zudrangte ihren Hof vergrossern zu helfen, hielt ich mich so lange in geziemender Entfernung, bis sie fur gut fand, sich allmahlich wieder auf einen bescheidenern Fuss zu setzen. Ohne den grossen Gesellschaften ganzlich zu entsagen, oder ihr Haus vor irgend jemand zu verschliessen, der sich berechtigt halten durfte jedes gute Haus offen zu finden, lebte sie jetzt am liebsten mit einer kleinen Zahl auserlesener und vertrauter Personen, und unter diesen fand dann auch dein Freund Learch seinen alten Platz wieder. Ich muss gestehen, dass bei dieser Erneuerung unsrer alten Verhaltnisse auf meiner Seite unvermerkt einige Veranderung vorging. Mir war als hatte ich die schone Lais, sogar in ihrer hochsten Bluthe selbst, nie so unwiderstehlich reizend und liebenswurdig gesehen als jetzt, und der Wunsch, ihr mehr zu seyn als andere, ward immer lebhafter: aber Euphranor hatte sich durch seine Kunst Verdienste um sie gemacht, und ich war zu sehr sein Freund, um ihm den Vorzug, den sie ihm zu geben schien, zu missgonnen.
Inzwischen warest du von deiner langen Wanderschaft nach Athen zuruckgekommen. Sie begab sich, nach dem bekannten Abenteuer mit dem jungen Aspendier, auf ihr Gut zu Aegina, wo sie einen Besuch von dir erwartete, und wohin ich, wiewohl eingeladen, ihr nicht eher folgen wollte, als ich fur nothig hielt, um dich noch ein paar Tage dort zu sehen. Aber du hattest dich bereits wieder entfernt, und ich glaubte eine Veranderung an Lais wahrzunehmen, die ich mir nicht erklaren konnte, bis ihre Vertraute (die schon lange auch die meinige ist) mir den Schlussel zu dem Rathsel gab. Es brauchte also nichts als einen einzigen jungen Menschen, der (wie er mir in der Folge selbst gestand) mehr aus Schuchternheit und Eigensinn, als aus einem machtigen Drang den Hippolytus mit ihr zu machen155, sich bei einer hartnackigen Gleichgultigkeit gegen ihre Reizungen zu erhalten wusste, es bedurfte nichts als diese kleine Demuthigung, um ihrer gekrankten Eitelkeit eine unumschrankte Gewalt uber die bessere Seele zu verschaffen! Mit einem kaum verhehlbaren Unwillen war ich ein Augenzeuge der Thorheiten, wozu sie sich erniedrigte; und sie sank damals beinahe noch tiefer in meinen Augen, indem sie in den Anbetern, mit welchen sie sich umringt hatte, durch alle nur ersinnlichen Hetarenkunste eine Leidenschaft zu entzunden suchte, welche sie nicht zu erwiedern gesonnen war, als wenn sie sich, wie eine gemeine Priesterin der Pandemos, einem nach dem andern Preis gegeben hatte.
In dieser Stimmung war ich nicht sehr aufgelegt, ihr Abenteuer mit dem Thessalier in dem mildesten Lichte zu betrachten, wie der Ton, worin ich dir daruber schrieb, nur zu sehr verrathen haben wird. Dass sie aber durch ihren letzten Aufenthalt in Aegina und die Thessalische Reise auch in der offentlichen Meinung gesunken war, zeigte sich nach ihrer Wiederkunft, in der Art, wie unsre jungen Leute bei Erneuerung ihrer Bewerbungen zu Werke gingen. Sie konnte bald genug gewahr werden, dass man es als etwas Ausgemachtes voraussetze: nachdem sie dem Neffen des Darius einen Thessalischen Centaurensohn zum Nachfolger gegeben, durfe sich jeder "hellumschiente Achaer" ohne Uebermuth berechtigt halten, Anspruche an die Gunst einer Schonen zu machen, deren eigentliche Classe keinem Zweifel mehr unterworfen sey. Du kannst dir vorstellen, wie empfindlich ihr Stolz sich durch diese Wahrnehmung gekrankt fuhlen musste. Gleichwohl hielt sie noch eine Zeit lang Stand, in Hoffnung durch ein gewisses vornehmes Ansichhalten, und eine vollige Gleichheit ihres Betragens gegen alle ihre Liebhaber, die Sachen wieder auf den alten Fuss zu setzen. Als aber die Abnahme der hohen Achtung, an welche sie schon so lange gewohnt war, taglich sichtbarer ward, blieb ihr kein anderer Ausweg, als sich auf die bereits erwahnte Art aus der Gesellschaft zuruckzuziehen; eine Massnehmung, woruber zwar anfangs ganz Korinth in Aufruhr gerieth, die man aber, da Lais von allem, was uber sie geschwatzt, gewitzelt und geverselt wurde, keine Kunde nahm und fest bei ihrem neuen Lebensplan beharrete, sich endlich gefallen lassen musste, und deren man bereits so gewohnt ist, dass von der weltberuhmten Lais vielleicht nirgends weniger die Rede ist als zu Korinth, wo sie lebt, aber schon seit mehr als Einem Jahre, ausser dem Bezirk ihres Hauses und seiner Garten, nirgends, und auch dort nur fur wenige sichtbar ist.
Ich gestehe dir unverhohlen, lieber Aristipp, dass ich seit diesem Ruckzug, mit dessen Beweggrunde ich es nicht gar zu genau nehmen mochte, mich nicht erwehren konnte, sie immer weniger schuldig zu finden, je mehr ich bedachte, wie wunderbar die Natur ihre Fehler mit dem, was das Liebenswurdigste an ihr ist, verwebt hat, und wie verzeihlich es uberdiess seyn sollte, dass ein so lange von aller Welt vergottertes Weib von dem vielen Weihrauch endlich schwindlicht ward, und in der Meinung, dass man ihr auch die Privilegien einer Gottin zugestehen werde, sich mehr herausnahm, als einer Sterblichen, die auf Achtung Anspruch macht, geziemt. Diese Betrachtungen bewogen mich, seit der Zeit, da sich beinahe ganz Korinth gegen sie erklart hat, ihre Partei wieder mit aller Warme eines alten Freundes zu nehmen. Was die naturliche Folge davon war, kannst du leicht errathen, und wirst hoffentlich nicht mehr als billig finden, dass dein Freund Learch eine Zeit lang der einzige Korinthier war, der das Vorrecht eines freien Zutritts bei ihr mit Euphranorn und dem Arzt Praxagoras (der sich vor kurzem bei uns niedergelassen hat) und mit dem kurzweiligen Sohn des Momus und der Penia, Diogenes von Sinope, nicht nur theilte, sondern vielleicht noch etwas voraus hatte, was ihre Dankbarkeit seiner so lange und vielfach bewahrten Freundschaft nicht langer vorenthalten konnte.
Aber hore nun auch, was uns der Gotter und Menschen beherrschende Damon Eros unversehens fur einen verzweifelten Streich gespielt hat!
Vor ungefahr einem Monat lasst sich in meinem und Euphranors Beiseyn ein fremder Sklavenhandler bei Lais melden, und bietet ihr einen jungen Sklaven zum Verkauf an, den er (seinem Vorgeben nach) als Kind von Seeraubern gekauft und mit betrachtlichen Kosten so erzogen habe, dass man weit und breit wenige seinesgleichen finden werde. Der Mann machte so viel Ruhmens von der Gestalt und Wohlerzogenheit seines Sklaven, und von seiner Geschicklichkeit im Vorlesen, Abschreiben, Rechnen und in der Musik, dass wir Lust bekamen, seine Waare in Augenschein zu nehmen. Dorylas (so nannte er den Sklaven) wurde also vorgefuhrt. Lais stutzte, glaube ich, nicht weniger als wir beide, da wir einen schlanken, zierlich gewachs'nen Jungling mit einer edlen Gesichtsbildung, grossen funkelnden Augen und goldgelbem dichtgelocktem Haupthaar, vor uns sahen, etwas braunlich aber frisch und rosig von Farbe, kurz, einen jungen Menschen von neunzehn oder zwanzig Jahren, den Euphranor auf der Stelle zum Modell eines von den Mantineern bei ihm bestellten Hermes erwahlte. Der junge Mensch schien beim Anblick seiner kunftigen Gebieterin nicht weniger betroffen, als wir bei dem seinigen, und machte (unfreiwillig oder absichtlich) eine Bewegung, wie einer der unversehens von einem Blick in die Sonne geblendet wird. Ich beobachtete ihn von diesem Augenblick an scharf, und konnte mich kaum erwehren, den ganzen Handel verdachtig zu finden. Du nennst dich Dorylas? fragte ihn Lais, mit einem Blick, der mir ahnliche Zweifel zu verrathen schien. Er bejahete es mit sittsam niedergeschlagenen Augen. "Woher bist du geburtig?" Ich weiss es nicht; meine Erinnerungen reichen nicht so weit zuruck. Ich war noch Kind, als ich meinen Eltern geraubt wurde. "Du bist im Vorlesen geubt?" Wenigstens hatte ich einen beruhmten Lehrmeister. "Und dieser Mann hier hat dich erzogen?" Ich kaufte ihn (fiel der Sklavenhandler ein) bloss in der Absicht, ihn, wenn er erwachsen und gehorig ausgebildet seyn wurde, mit einem ansehnlichen Gewinn an irgend eine Herrschaft, die einen solchen Sklaven zu schatzen wusste, wieder zu verhandeln. "Was forderst du fur ihn?" fragte Lais mit ihrer gewohnlichen Raschheit. Einen sehr massigen Preis in Betracht dessen was er werth ist; nicht mehr als dreitausend Drachmen: aber davon geht auch kein Triobolon ab. Der Handel wurde auf der Stelle geschlossen, der Verkaufer ausgezahlt, und der schone Dorylas in das Amt eines Vorlesers seiner neuen Gebieterin eingesetzt. Aber, sagte sie lachend, indem sie sich gegen mich und Euphranor wandte, woher wissen wir dass er lesen kann? Billig hatten wir ihn vorher prufen sollen. Ich glaube dass ich ihr mit einem unfreiwilligen Achselzucken antwortete. Auf alle Falle, sagte Euphranor, bitte ich mir zur Gnade von dir aus, ihn zum Modell fur eine Gruppe des jungen Achilles156 und der schonen Tochter des Fursten Lykomedes von Skyros zu nehmen, die ich eben in der Arbeit habe. Sehr gern, wenn du ihn dazu gebrauchen kannst, versetzte sie lachend, vermuthlich um die plotzliche Rothe zu verhehlen, die uber ihr ganzes Gesicht hin loderte. Zufallig lag ein Anakreon auf einem Tischchen.
Ich schlug die Ode an den Maler seiner Freundin auf, und sagte zu Lais: gefallt es dir etwa, deinen Vorleser eine kleine Probe seiner Kunst machen zu lassen? Wie du willst, erwiederte sie gleichgultig. Sobald Dorylas vernahm, wovon die Rede war, bat er sich eine gestimmte Cither aus, und sang uns das Lied mit einer ziemlich angenehmen Stimme, nach der bekannten Melodie von Antigenidas, indem er sich selbst auf der Cither begleitete. Lais schien mit den Talenten ihres neuen Hausgenossen sehr zufrieden zu seyn; sie empfahl ihn ihrem Hausverwalter und winkte ihm abzutreten. Es erfolgte eine kleine Stille. Da habe ich nun einmal wieder in der Laune des Augenblicks eine Thorheit begangen, sagte sie mit einer ziemlich merklichen Bemuhung, ihrer Miene mehr Unbefangenheit zu geben als sie sich bewusst seyn mochte. Vielleicht ein gutes Werk, versetzte ich; der junge Mensch scheint mir nicht zu seyn wofur er dir gegeben wurde. "Wie so, Learch?" Ich sollte denken es fiele sogleich in die Augen, dass er weder das Aussehen noch den Anstand eines Sklaven hat, sagte ich. Ich kann eben nichts Besonder's an ihm sehen, erwiederte sie, abermals errothend. Du hast diesen Morgen vergessen Roth aufzulegen, liebe Lais; auch war' es sehr uberflussig gewesen, da die schonsten Rosen freiwillig auf deinen Wangen bluhen. Learch ist heute sehr scherzhaft, sagte sie zu Euphranorn: aber findest du wirklich, dass Dorylas in Weiberkleidern einen leidlichen Achill zu Skyros abgeben konnte? Wir wollen auf der Stelle die Probe machen. Sie rief ihrer Vertrauten. Sorge gleich dafur, Eudora, dass der Sklave, den ich so eben gekauft habe, in ein Madchen verkleidet und so schon herausgeputzt werde, wie es das Costume der Furstentochter in der heroischen Zeit erfordert, und fuhre ihn dann in die grosse Rosenlaube. Das Madchen eilte hinweg, Lais fing von andern Dingen zu reden an, und wir folgten ihr in den Garten. Nach einer Stunde erschien die Vertraute mit dem verweiblichten jungen Achill an der Hand, welcher seine Rolle fur einen Anfanger nicht ubel spielte, und sich seiner Vortheile in dieser Verkleidung sehr wohl bewusst zu seyn schien. Die Madchen hatten ihn prachtig herausgeputzt, und Euphranor schwur bei allen Gottern, so mussten die Atalanten, Deianiren und Penthesileen der Heldenzeit ausgesehen haben. Da sagst du ihnen eben nichts sehr Schmeichelhaftes, versetzte Lais; aber die Frage ist, ob du ihn noch zum Modell deines verkleideten Achills nehmen willst? Ich wunsche mir kein besseres, sagte der Kunstler; und du, Dorylas, hast gar nicht nothig so trotzige Gesichter zu schneiden; das Wahre ist, dass du wie Achill aussehen musst ohne es zu wissen. "Aufrichtig zu reden. Euphranor, wenn der junge Achill in Frauenkleidern einem Madchen nicht ahnlicher sah, so hatte es des erfindungsreichen Odysseus nicht bedurft, um ihn aus den Gespielen der Deidamnia heraus zu wittern." Indem Lais diess in einem spottelnden Ton sagte, bemerkte ich sehr wohl, dass ihre grossen Augen, mit einem Ausdruck den ich noch nie darin gesehen hatte, auf dem schonen Dorylas verweilten; und dass die vorgebliche Pyrrha nicht ermangelte, die ihrigen in einer Sprache antworten zu lassen, deren Sinn der scharfsichtigen Lais nichts weniger als unverstandlich seyn konnte.
Als Dorylas wieder entfernt worden war, konnt' ich mich nicht enthalten, ihr noch deutlicher als ich schon gethan hatte zu sagen, dass mir der Sklavenstand des jungen Menschen verdachtig vorkomme, und dass irgend ein sonderbares Geheimniss hinter dieser Sache stecken musse. Ich fange selbst zu vermuthen an, sagte Lais, dass ich fur meine dreitausend Drachmen einen albernen Kauf gethan habe. Und doch seh' ich nicht, was der junge Mensch, wenn er etwas Besseres ware, fur ein Vergnugen daran finden konnte, sich mir fur einen Sklaven verkaufen zu lassen. Wenn es nicht eine Art von Liebeserklarung ist, sagte ich, so wusste ich auch nicht, was ihn dazu hatte bewegen sollen. Du konntest mir mit deinen Grillen den ganzen Spass verderben, erwiederte sie. Da hattest du Unrecht, schone Lais, sagte Euphranor; gibt es denn nicht der schonen jungen Sklaven bei Tausenden in Griechenland? oder ist es so unerhort, dass man einem jungen Sklaven, den man zu etwas Besserm als gemeinen Knechtsdiensten bestimmt, eine Erziehung gibt, die ihn uber andere seines Standes erhebt? "Das Lustigste ware, wenn mein Vorleser am Ende nicht lesen konnte. Da hatt' ich freilich seine gelben Locken und seine Achillesmiene ein wenig zu theuer bezahlt. Indessen, wenn Euphranor ihn als Modell gebrauchen kann, bleibt mir doch das Verdienst, etwas zum Wachsthum der Kunste beigetragen zu haben. Der einzige Achill im Frauengemach der Tochter Lykomeds, den du aus ihm machen willst, ware die Summe, die ich fur das Modell gegeben habe, zwiefach werth."
Sie lenkte nun das Gesprach auf etwas anders, und in den nachstfolgenden Tagen war keine Rede mehr von Dorylas. Doch erfuhr ich von unsrer gemeinschaftlichen Vertrauten: Dorylas habe am dritten Morgen seiner Anstellung, wahrend Lais sich unter den Handen ihrer Aufwarterinnen befand, zur Probe seiner Kunst ein Stuck aus Xenophons Symposion vorlesen mussen; er habe sich aber, entweder aus Zerstreuung, oder Mangel an Sinn fur die feinsten Schonheiten dieses Meisterstucks von Attischer und Sokratischer Urbanitat, nicht zu seinem Vortheil aus der Sache gezogen. Es hatte ihr gedaucht, als ob Lais wenig auf die Vorlesung Acht gebe; und da sie, sobald sie sich mit ihrer Gebieterin allein gesehen, sich uber die Ungeschicklichkeit des neuen Vorlesers ein wenig lustig gemacht, habe Lais etwas trocken versetzt: Dorylas scheine noch schuchtern zu seyn, und, anstatt unzeitigen Tadels, vielmehr Aufmunterung nothig zu haben. Am folgenden Tage sey eine ziemlich lange Unterredung ohne Zeugen zwischen Lais und Dorylas vorgefallen. Ihre Gebieterin habe, wider ihre Gewohnheit, sich nichts davon gegen sie verlauten lassen, sey aber den ganzen Abend etwas finster und einsylbig gewesen, und habe sich eher als sonst in ihre Schlafkammer eingeschlossen.
Zufalligerweise musste sich's treffen, dass mich um diese Zeit ein unverschiebliches Geschaft nach Argos rief, und beinah' einen ganzen Monat da zu verweilen nothigte. Nach meiner Zuruckkunft glaubte ich unsre Freundin sehr verandert zu finden. Es dauchte mich als ob sie in Verlegenheit sey, etwas vor mir zu verbergen, das sie mir gern entdeckt hatte, wenn sie nur mit sich selbst einig werden konnte, wie sie anfangen und wie weit sie gehen wolle. Zwischen so vertrauten Freunden, wie wir seit geraumer Zeit waren, konnte ein solcher Zwang nicht anders als peinlich, und also von keiner langen Dauer seyn. Wiewohl sie sich geflissentlich hutete allein mit mir zu seyn, fand ich endlich doch Gelegenheit, sie in einem abgelegenen Platzchen ihres Gartens zu uberraschen, und sie dahin zu bringen, dass sie sich des Geheimnisses, wovon sie gedruckt zu werden schien, gegen mich entledigen musste. Ich bin in der Kunst zu erzahlen so wenig geubt, dass ich dir lieber den Dialog, der sich nun zwischen uns entspann, in seiner eigenen Form, so getreu als mir moglich ist, mittheilen will.
L a i s . Ich habe dir seltsame Dinge zu entdecken, Learch. Du hast richtig vermuthet; Dorylas ist nicht, wofur er sich von dem Sklavenhandler ausgeben liess. Hier hielt sie inne, als ob sie erwarte dass ich ihr weiter fort helfen sollte.
I c h . Und wie machte sich diese Entdeckung?
L a i s . Hore nur, wie es damit zuging. Ich hatte ihn an einem Morgen auf mein Zimmer rufen lassen, um mir, wahrend meine Madchen sich mit meinem Kopfputz und Anzug beschaftigten, Xenophons Gastmahl vorzulesen. Er las ziemlich schlecht, aber, wie mich dunkte, weniger aus Ungeschicklichkeit, als weil er sich nicht bezwingen konnte, statt auf sein Buch zu sehen, alle Augenblicke nach mir hinzuschielen, wiewohl dafur gesorgt war, ihm alle Versuchungen zu einer solchen Zerstreuung so viel moglich zu entziehen. Aber seine Ohren schienen eben so scharf zu horen als seine Blicke einzudringen, und die leiseste Bewegung irgend einer Falte an meinem Gewand erregte seine Aufmerksamkeit. Diess brachte mir deine Zweifel wieder in den Sinn, und ich beschloss, mich ohne Verzug ins Klare zu setzen. Ich liess ihn unversehens zu mir in den kleinen Saal am Ende des Gartens holen, und befahl ihm sich mir gegen uber zu setzen. Er gehorchte, erhob sich aber sogleich wieder als ob er sich plotzlich besonnen hatte, und blieb, die Arme uber die Brust geschrankt, mit gesenktem Haupte vor mir stehen. Hore auf eine ubel gelernte Rolle zu spielen, sagte ich: du bist nicht wofur du dich ausgegeben hast. Er schien besturzt. Wie kann meine Gebieterin glauben, stotterte er und hielt inne. Die Rede ist nicht von dem was ich glaube, sondern was ich sehe. Noch einmal, wer bist du? und wie kommst du dazu, dich durch eine so unbesonnene List in mein Haus einzustehlen? Ich weiss nicht, ob meine Augen die Harte und den strengen Ton meiner Worte Lugen straften; genug, er warf sich mir zu Fussen, umfasste meine Kniee, und bat mit Thranen in den Augen, ihm einen jugendlichen, beinahe unfreiwilligen Frevel zu verzeihen, den er allzuschwer bussen musste, wenn ich ihn mit meiner Ungnade bestrafen wollte. Wer bist du also, wenn du nicht Dorylas bist, sagte ich in einem mildern Ton, indem ich ihm befahl aufzustehen, und den Platz zu nehmen, den ich ihm gewiesen hatte. Und nun erfolgte ein umstandliches Bekenntniss, woraus ich zu vernehmen hatte: dass er der jungste von sechs Brudern aus einer edeln Thessalischen Familie sey; wahrend meines Aufenthalts zu Larissa sey er ausser Landes gewesen, habe aber bei seiner Zuruckkunft ganz Thessalien meines Ruhmes so voll gefunden, dass er dem Verlangen mich selbst zu sehen nicht habe widerstehen konnen. Er habe sich also, von einem einzigen Diener begleitet, zu Pferde auf den Weg gemacht, sey aber in einem Hohlwege des Berges Citharon von Raubern uberfallen worden, die ihn, nachdem sein Diener in seiner Vertheidigung das Leben verloren, beraubt und ausgezogen hatten. Da er nun in dem Aufzug eines Bettlers keinen Zutritt zu mir habe hoffen konnen, sey er auf den verzweifelten Entschluss gekommen, sich einem Thespischen Sklavenhandler unter der Bedingung anzubieten, dass er ihn unverzuglich nach Korinth fuhren und an die schone Lais verkaufen sollte. Meine Absicht war (fuhr er fort) sobald ich in deine Gegenwart gekommen seyn wurde, mich dir zu entdecken; aber es erfolgte was ich hatte vorher sehen sollen: dein erster Anblick machte mich auf ewig zu deinem Sklaven, wenn du mich auch nicht gekauft hattest; und der Gedanke, dir als wirklicher Sklave anzugehoren, in deinem Hause zu leben und des Glucks dich anzuschauen vielleicht taglich gewurdiget zu werden, wirkte mit einem so unwiderstehlichen Reiz auf mein Gemuth, dass es mir schlechterdings unmoglich war meinen ersten Vorsatz auszufuhren. Ich fuhle nur zu sehr wie strafbar ich bin und unterwerfe mich jeder Zuchtigung die du mir auferlegen willst; nur die Verbannung aus deinen Augen wurde eine unendlichemal grausamere Strafe seyn, als wenn du mir mit eigener Hand den Tod gabest. Ich sagte ihm: wie er hoffen konne, nach einem solchen Gestandniss nur einen Tag langer in meinem Hause geduldet zu werden? Das hoffe ich allerdings von deiner Grossmuth, versetzte er in einem mehr zuversichtlichen als bittenden Ton. Ich bitte nur so lange darum, bis die Unterstutzung, die ich von meiner Familie bereits begehrt habe, angelangt seyn wird. Ich bin gewiss dass meine Bruder mich nicht verlassen werden. Warum solltest du mir auf so kurze Zeit deinen Schutz versagen? Mein Gestandniss hab' ich nur dir gethan. In deinem Hause bin ich ein von dir erkaufter Sklave; deine Hausgenossen wissen nichts anders; und wofern du auch die Gute hattest mich taglich um dich zu dulden, so wurde So wurde, fiel ich ihm in die Rede, da er das folgende Wort nicht gleich finden zu konnen schien, so wurde jedermann es sehr naturlich finden, meinst du? du hegest eine sehr bescheidene Meinung von dir selbst. Die schlechteste, erwiederte er, wenn ich das Ungluck habe, der gottlichen Lais zu missfallen; die grosste, wofern mir die Grazien hold genug waren, ihr gutige Gesinnungen fur mich einzugeben. Was hatte ich nun mit diesem Menschen anfangen sollen, Learch?
I c h . Verlangst du im Ernst es zu wissen?
L a i s . Deine Meinung wenigstens.
I c h . Es ist nicht unmoglich, dass dir der junge Dorylas oder Pausanias nichts von sich gesagt hat, was er im Nothfall nicht beweisen konnte; aber, aufrichtig zu reden, er sieht mir einem ziemlich gefahrlichen Abenteurer ahnlich.
L a i s . Gefahrlich? Mir gefahrlich, Learch?
I c h . Wahr ist's, wenn die schone Lais nicht berechtigt ware, sich uber die Schwachheiten ihres Geschlechts erhaben zu glauben, welche andere durfte es? Und doch, ware sie auch der Gottin der Weisheit eben so ahnlich, als sie es der Gottin der Schonheit ist, so
L a i s . Ich erlasse dir den Nachsatz, lieber Learch! Die ganze Gefahr, wenn ja Gefahr seyn sollte, bestande dann doch nur darin, dass mir Pausanias gefallen, dass ich ihn wohl gar lieben konnte; und wo ware da das grosse Ungluck?
I c h . Daruber kannst du in der That allein entscheiden. Verzeih, wenn mich die wohlmeinende Freundschaft unbescheiden gemacht hat.
L a i s . Das wirst du nie seyn, Learch Aber deine Meinung, was ich hatte thun sollen, bist du mir noch schuldig.
I c h . Wenn du, z.B. dem schonen Dorylas, weil du doch schon zwei oder drei sehr gute Vorleserinnen hast, die Freiheit und die dreitausend Drachmen, die er dich kostet, geschenkt, und ihm beim Abschied noch eine Handvoll Dariken zur Wegzehrung mitgegeben hattest: so hatte er damit wohl behalten nach Hause kommen konnen, und jedermann wurde gesagt haben, du hattest eine sehr grossmuthige That gethan.
L a i s . Aber du scheinst zu vergessen, Learch, dass hier nicht die Rede davon seyn kann, was jedermann davon denken und sagen wurde; denn ausser meinen Leuten weiss niemand von der Sache, und niemand hat sich auch um das Innere meines Hauswesens zu bekummern. Ueber die Urtheile der Korinthier bin ich ohnehin schon lange weg, wie du weisst.
I c h . Allerdings! Ich hatte sagen sollen: du wurdest, wenn du so mit dem vorgeblichen Pausanias verfahren warest, sicher auf den Beifall deines eigenen Herzens haben rechnen konnen.
L a i s . Das ware denn doch vielleicht noch die Frage. Uebrigens kann ich dir zu deiner Beruhigung melden, dass Pausanias im Begriff ist, mein Haus zu verlassen.
I c h . Er geht wieder von Korinth ab?
L a i s . Das nicht; er bezieht nur eine eigene Wohnung; denn er gedenkt sich noch einige Zeit hier aufzuhalten.
I c h . Die Unterstutzung von seiner Familie ist also glucklich angelangt?
Ich besorge, Aristipp, ich sagte diess in einem ironischen Tone; denn die arme Lais verfarbte sich, schien verlegen, und hatte Muhe ein paar Thranen, die ihr in die Augen schossen, zuruckzuhalten. Sie musste sich etwas bewusst seyn, das ihren Stolz demuthigte, und sie furchtete vermuthlich, dass ich sie errathen hatte. Ich sah dass es hohe Zeit sey, einer Unterredung, welche beiden Theilen peinlich zu werden anfing, ein Ende zu machen. Mir ist lieb (sagte ich mit der unbefangensten Miene, und im gutmuthigsten Tone der mir moglich war), dass ich mich, wie es scheint, in meiner Meinung von diesem jungen Menschen geirrt habe; und in der That hatte ich besser gethan, mich auf den feinen Ahnungssinn, der deinem Geschlecht eigen ist, zu verlassen, und dem Sokratischen Glauben, dass ein schoner Leib fur eine schone Seele burge, mehr Gehor zu geben, als meinem Argwohn. Da der junge Pausanias sich hier zu verweilen gedenkt, so wird es mir nicht an Gelegenheit fehlen, besser mit ihm bekannt zu werden, und ich will nicht zweifeln, er werde sich der Nachsicht, die du mit seiner jugendlichen Unbesonnenheit getragen hast, durch seine Auffuhrung wurdig zu zeigen suchen.
"Wir sind (erwiederte sie mit einem erzwungenen Lacheln) ich weiss nicht recht wie, in einen ernsthaftern Ton gerathen als die Sache zulasst, und du kannst mir nicht ubel nehmen, guter Learch, wenn ich dich bitte, die allzu angstlichen Besorgnisse, worin ich dich meinetwegen sehe, auf den Fall zu sparen, wo etwa ein Madchen von sechzehn Jahren vor Schaden gewarnt zu werden nothig hat."
Und hiermit endigte sich die letzte vertrauliche Unterredung, die ich mit der schonen Lais zu pflegen Gelegenheit gehabt habe. Wir schieden zwar, dem Ansehen nach, als gute Freunde von einander; aber ich habe sie, von diesem Tag an, immer seltner und nie wieder allein gesehen.
Inzwischen erfuhr ich von ihrer Vertrauten: Lais habe, wenige Tage nach ihrer ersten Unterredung mit dem vorgeblichen Dorylas, diesen unter seinem wahren Namen fur frei erklart, und zugleich in ihrem Hause bekannt werden lassen, dass er aus einem der vornehmsten Thessalischen Geschlechter stamme, von welchem sie, wahrend ihres Aufenthalts in diesem Lande, mit so vielen Verbindlichkeiten uberhauft worden sey, dass sie nicht umhin konne, sich derselben bei dieser Gelegenheit zu entledigen. Seit dieser Zeit komme Pausanias (die Morgenstunden des Putztisches ausgenommen) den ganzen Tag nicht von ihrer Seite, speise mit ihr, und sey bereits allen, mit welchen sie noch in einiger Verbindung steht, von ihr vorgestellt worden. Sie gebe vor, ihn schon zu Larissa gekannt und mit seinen Verwandten in freundschaftlichen Verhaltnissen gestanden zu haben; woraus sich dann von selbst erklare, warum Pausanias, nach dem Unfall der ihn auf dem Citharon betroffen, seine Zuflucht zu ihr genommen habe. Uebrigens werde der junge Thessalier unvermerkt immer lebhafter, freier und zuversichtlicher, und entfalte tagtaglich irgend ein neues Talent; denn er sey ein grosser Reiter, Springer, Tanzer, Jager, Vogelsteller, Fischer, und Lustigmacher oben drein, und Lais scheine von der Gewandtheit und Artigkeit, die er bei allen diesen Uebungen zeige, und uberhaupt von seiner ganzen Person so bezaubert zu seyn, dass sie sich zusehends erheitere und verjunge, ja wohl gar (ohne sich's vermuthlich bewusst zu seyn) nicht selten, wiewohl immer mit aller ihr eigenen Grazie, in die naive Frohlichkeit eines Madchens von sechzehn zuruckfalle. Bei allem dem scheine sie ihren jungen Freund, der ganz offentlich den feurigsten und hoffnungsvollsten Liebhaber mit ihr spiele, so kurz als moglich zu halten, und jede Gelegenheit mit ihm allein zu seyn, oder von ihm uberrascht zu werden, aufs sorgfaltigste zu vermeiden; und daher habe sie auch geeilt, ihm ohne Aufschub ein eigenes schones Haus, in der Nahe des ihrigen, aussuchen, miethen und prachtig einrichten zu lassen. Dass alles auf Kosten ihrer Gebieterin gehe, daran sey kein Zweifel; denn man wisse bereits zuverlassig, dass seine Familie von keiner Bedeutung in Thessalien sey, und dass er sein kleines Erbtheil schon zu Athen, wo er sich zuletzt aufgehalten, mit Rennpferden, Banketten und Hetaren, bis auf den letzten Heller aufgezehrt habe.
Diess, lieber Aristipp, ist alles (und fur einen so warmen Freund der schonen Lais schon zu viel) was ich dir bis jetzt von diesem neuen Abenteuer berichten kann. Ich uberlasse dir selbst was davon zu denken ist. Immer ist es seltsam genug, dass diese allgewaltige Mannerbeherrscherin, welche, wahrend sie zwanzig Jahre lang alle Welt bezauberte, ihrer selbst immer machtig blieb, eine so lange behauptete Freiheit noch in ihrem vierzigsten an einen jungen Thessalischen Glucksritter157 verlieren soll, der unter allen, die jemals Anspruch an sie machten, gerade der unwurdigste ist, und (wie ich sehr besorge) nicht sowohl nach ihrem Herzen als nach ihrem Geldkasten trachtet. Sollte sich nicht sogar, wer nie an etwas Damonisches geglaubt hat, von einem solchen Beispiele genothigt fuhlen, zu glauben dass es unholde schadenfrohe Damonen gebe, die uns zwingen auf den Kopfen zu tanzen und wider Willen tausend Thorheiten zu begehen, bloss um sich selbst Stoff zum Lachen zu verschaffen? Es ware denn, dass Xenophons zweierlei Seelen in einer und eben derselben Person hinlanglich waren, uns solche widersinnische Erscheinungen begreiflich zu machen. Doch was kann es uns nutzen, die Ursache eines Uebels zu wissen, dem nicht zu helfen ist? Die unwurdige Leidenschaft, worin sich unsre arme Freundin verfangen hat, ist, wie ich furchte, ein Uebel dieser Art; wiewohl ich dich damit nicht abgeschreckt haben will einen Versuch zu machen, da du billig mehr uber sie vermogen solltest als ich. Auf alle Falle werde ich nicht ermangeln, dir vom weitern Verlauf dieses sonderbaren Liebeshandels mit der ersten Gelegenheit Nachricht zu geben.
54.
Learch an Aristipp.
Ich erledige mich, wiewohl mit zogernder Hand, meines Versprechens, dir die weitern Nachrichten mitzutheilen, die ich mir uber die Leidenschaft unsrer unglucklichen Freundin fur den jungen Thessalier, den die strenge Nemesis zum Werkzeug ihrer Zuchtigung ausersehen zu haben scheint, theils durch mich selbst, theils durch die wohlmeinende kleine Verratherin Eudora zu verschaffen Gelegenheit gefunden habe.
Was den jungen Menschen betrifft der, wiewohl kaum zwanzig Jahre alt, schon mancherlei Abenteuer bestanden und sich an mehrern Orten unter verschiedenen Namen einen sehr zweideutigen Ruf erworben hat so stimmen alle meine eingezogenen Erkundigungen darin uberein, dass er aus dem Thessalischen Kanton Pharsalia geburtig, und weder reicher noch von edlerer Herkunft ist, als jeder andere Abkommling von Pyrrha und Deukalion. Indessen kann man ihm nicht absprechen, dass er vornehme Leidenschaften und Liebhabereien hat, und den kleinen Thessalischen Fursten auf Unkosten der verblendeten Lais meisterlich zu spielen weiss. Er lebt, seitdem er eine eigene Wohnung bezogen hat, unter dem Namen Pausanias auf einem grossen Fuss; hat sich eine Menge Bediente, die schonsten Pferde, und Jagdhunde, wie sie Xenophon selbst nicht besser hat, angeschafft; erscheint beinahe taglich auf der Rennbahn, und steht bereits mit den ausschweifendsten und ubel beruchtigtsten unter unsern jungen Eupatriden in enger Verbindung. Die arme Lais, die ihm nichts versagen kann, ist genothigt, ihr schon so lange besserer Gesellschaft verschlossenes Haus allen diesen Wildfangen offen zu halten, und du kannst dir vorstellen, dass der Unfug, den die Homerischen Freier im Palaste des Odysseus treiben, nur Kinderspiel gegen die Orgien dieser ungezugelten Schwarmer, und das fette Schwein nebst dem auserlesenen Geissbock, so jene taglich verzehrten, eine Kleinigkeit gegen den ungeheuern Aufwand ist, welchen Lais durch ihre granzenlose Gefalligkeit gegen alle Einfalle und Launen ihres eben so unbesonnenen als unbescheidenen Geliebten, sich auf den Hals geladen hat.
Alles diess ging nun freilich stufenweise. In den ersten Tagen schien er bloss an ihren Winken zu hangen, und von ihrem Anschauen und ihren Blicken zu leben. Aber mit einem verwundernswurdigen Spursinn machte der Schlaue gar bald ihre schwache Seite und die Rolle ausfindig, die er zu spielen habe, um sich unvermerkt ihres ganzen Herzens zu bemachtigen. Wechselsweise feurig und kalt, schwarmerisch und muthwillig, ehrfurchtsvoll und zudringlich, geschmeidig und widerspanstig, unterwurfig und gebieterisch, zeigte er sich ihr unter so vielerlei Gestalten, und wusste immer so behend und mit so ungezwungener Leichtigkeit diejenige anzunehmen, die zur gegenwartigen Stimmung oder Laune der wandelbarsten und vielgestaltigsten aller Weiber am besten passte, dass er schon dadurch allein, dass er sie so stark beschaftigte, und ihr so viele Gelegenheiten gab, sich ihm von allen Seiten mit immer neuen Reizungen zu zeigen, eine Gewalt uber sie erhalten musste, die noch keiner ihrer Freunde oder Liebhaber sich zu verschaffen gesucht oder vermocht hatte.
Indessen, diess alles, und wenn man auch die Eindrucke, die seine Gestalt und Jugend auf eine Frau wie die schone Lais machen konnte, in der moglichsten Starke noch dazu rechnet, alles diess ware doch nicht hinreichend, die Leidenschaft, womit sie an diesem Menschen hangt, und die Gewalt, die er uber sie ausubt, begreiflich zu machen: man ist schlechterdings genothigt, entweder die unwiderstehliche Sympathie der Aristophanischen Menschen-Halften in Platons Gastmahl, oder den alten Glauben, dass es Leidenschaften gebe, die uns von einer ergrimmten Gottheit aus Rache uber den Kopf geworfen und gleichsam angezaubert werden, zu Hulfe zu nehmen, um sich von einer so wunderbaren Erscheinung eine eben so wunderbare Ursache anzugeben.
Lais hatte vorher nie leidenschaftlich geliebt. Auch wenn sie sich herabliess, unter den unzahligen, die sich um sie bewarben, einen von den Gottern begunstigten glucklich zu machen, geschah es immer ohne dass ihre Freiheit die mindeste Gefahr dabei lief. Schwarmerische Liebe, die sich dem Geliebten ganzlich hingibt, keinen Willen als den seinigen hat, ihm alles aufopfert, nur in ihm lebt und da ist, kurz, eine Liebe, die man nicht in seiner Gewalt hat, und deren Wirkungen im Gegentheil unsrer eigenen Selbststandigkeit Gewalt anthun, und eine Art von Bezauberung sind, war in ihren Augen eine lacherliche Schwachheit, deren sie sich ganzlich unfahig hielt. Eine spate Erfahrung hat sie nun, zu ihrem eigenen Erstaunen, des Gegentheils uberfuhrt; und wer jemals selbst geliebt hat, begreift, wie die machtigste aller Leidenschaften, sobald sie einmal Besitz von ihr genommen hatte, eine so ganzliche Verwandlung ihrer Sinnesart bewirkte, dass sie andern und sich selbst ein vollig neues Wesen scheinen muss. Aber wie diese Anlage zu der hochsten Art von tragischer Liebe vierzig Jahre lang, wie von einem magischen Schlaf gebunden, in ihrem Busen schlummern konnte, und dass gerade dieser Thessalische Taugenichts der einzige seyn musste, der sie zu wecken vermochte, das ist es, was allen, die sie zuvor kannten, unbegreiflich ist, und was man kaum seinen eigenen Augen glauben kann.
Ich wurde mich nicht so sehr verwundern, wenn der Zaubervogel, womit er sie an sich gezogen hat, keine andern als die gewohnlichen Zufalle der leidenschaftlichen Liebe in ihr hervorbrachte, wie heftig sie auch immer seyn mochte, mit Einem Worte, wenn sie den schonen Thessalier liebte wie etwa Sappho ihren Phaon; auch wurden, wenn diess der Fall ware, ihre Freunde sich ihrentwegen noch eher beruhigen konnen. Denn, da der schone Pausanias weit entfernt ist den Grausamen gegen sie zu machen, so ware gute Hoffnung, dass der Genuss das Feuer dampfen und die verliebte Raserei von kurzer Dauer seyn wurde. Aber, zu ihrem Ungluck, hat die Phantasie ungleich mehr Antheil an ihrer Leidenschaft als die Sinnlichkeit. Ihre Liebe ist das Ideal der reinsten, hochsten, treuesten und bestandigsten Anhanglichkeit, und so wie sie selbst liebt, will sie auch wieder geliebt seyn. Sie verlangt von ihm was er ihr nicht geben kann, ein Herz das nur fur sie schlagt, eine ganz von ihr ausgefullte Seele. Alle seine Begierden sollen in ihrem blossen Anschauen sich ersattigen; die zarteste ihrer Liebkosungen, die leiseste Beruhrung ihrer Hand soll ihn schon zum Gott machen. Aber Pausanias, wiewohl er anfangs einige Tage lang den Schuchternen und Ehrfurchtsvollen spielte, hat keine Lust sich in den Mysterien der himmlischen Aphrodite und des Platonischen Eros einweihen zu lassen; und daher entsprangen ziemlich bald kleine Misshelligkeiten und Zankereien zwischen ihnen, wobei Lais den Sieg allemal durch Gefalligkeiten anderer Art theuer genug erkaufen musste. Ihre Furcht ihn erkalten zu sehen, wenn sie das, was er mit einem mildernden Namen seine Liebe nannte, befriedigte, war so gross, dass sie lange Kraft genug in sich fand ihm zu widerstehen; aber dafur glaubte sie, ihm auf einer andern Seite einen verhaltnissmassigen, d.i. nach ihrer eigenen Schatzung, einen sehr grossen Ersatz schuldig zu seyn; und so erhielt er (das Einzige, was sie immer noch zu geben haben wollte, und was wahre Liebe am langsten zuruckhalt, ausgenommen) alles andere von ihr, was er sich nur zu wunschen einfallen liess. Allein kaum hatte der Undankbare den Schlussel zu ihrer Schatzkammer in seiner Gewalt, so trug er auch kein Bedenken, sich fur diess einzige Opfer, worauf sie einen so hohen Werth setzte, auf die unzartlichste Art zu entschadigen, indem er ofters ganze Nachte mit etlichen seiner Vertrautesten bei der schonen Phryne durchschwarmte, einer jungen Hetare, die sich seit einiger Zeit hier niedergelassen hat, und dermalen die beruhmteste und theuerste unter den eilf oder zwolfhundert Priesterinnen ist, die sich dem Dienste der Aphrodite Pandemos in dieser uppigen Stadt gewidmet haben. Du kannst dir die Ungewitter vorstellen, die eine Beleidigung dieser Art in einer so stolzen Schonen erregen musste, die auch an allem Aeusserlichen, was die Manner anziehen und fesseln kann, noch immer keine uber sich sieht; zumal, da der ubermuthige Mensch, anstatt sie durch Reue und Demuthigung zu besanftigen, ihrer Empfindlichkeit anfangs einen kaltblutigen Trotz entgegensetzte, der ihm unfehlbar seinen Abschied zugezogen hatte, wenn nicht eine einzige zu ihren Fussen geweinte, wahre oder geheuchelte Thrane hinreichend gewesen ware, ihren Zorn zu loschen und eine Aussohnung zu bewirken, deren erste Bedingung seinen Triumph uber ihre Schwache vollstandig machte.
Die Ungluckliche sieht nun selbst, dass ein langerer Aufenthalt zu Korinth ihr in jeder Rucksicht nachtheilig ware, und sie hat ihrem Geliebten der seit der letzten Aussohnung die leidenschaftlichste Anhanglichkeit an sie zeigt den Vorschlag gethan, mit ihm nach Thessalien zu ziehen, und, mit dem Rest ihrer durch seine Verschwendungen ziemlich zusammengeschmolzenen Reichthumer, sich in einer der anmuthigsten Gegenden dieses Zauberlandes anzukaufen. Sie ist, zum Behuf dieses Vorhabens, bereits uber den Verkauf ihres schonen Landgutes zu Aegina mit Eurybates in Unterhandlungen getreten, welche durch meine Hande gehen; denn ihr in Geschaften dieser Art zu rathen und zu dienen, ist das Einzige, wodurch mir noch erlaubt ist ihr meine Freundschaft zu beweisen. Da Eurybates seine unmittelbar an dieses Gut granzenden Besitzungen betrachtlich dadurch erweitern und verschonern kann, und es daher schwerlich aus den Handen lassen wird, so habe ich gute Hoffnung, vortheilhaftere Bedingungen von ihm zu erhalten, als von irgend einem andern Kaufer zu erwarten seyn durften.
Das Schlimmste bei allem diesem ist ohne Zweifel, dass die arme Lais wie ich, aller ihrer Bemuhungen es mir zu verbergen ungeachtet, nur gar zu deutlich sehe nicht glucklich ist. Sollte dir nicht auch schon begegnet seyn, was mir mehr als Einmal geschah, dass du im Traum zu traumen wahntest? Ich weiss den Zustand, worin Lais sich dermalen befindet, durch kein passenderes Bild zu bezeichnen. Sie sieht zu hell, um nicht zu sehen, dass sie ihr ganzes Gluck in eine blosse Tauschung setzt: aber sie will getauscht seyn, und so ist sie es denn auch wirklich, und traumt, es traume ihr dass sie glucklich sey. Moge nur das vollige Erwachen nicht gar zu schmerzhaft seyn!
Ob noch ein Mittel sie zu retten ubrig ist, weiss ich nicht; mir wenigstens sind alle Versuche, die ich gemacht habe, fehlgeschlagen.
55.
Aristipp an Learch.
Lais ist dazu gemacht, in allem gross und ausserordentlich zu seyn. Von ihrer ersten Jugend an, mit der unbeschranktesten Macht, sich ihren Neigungen zu uberlassen und immer von ganzen Schwarmen von Anbetern umgeben, unter welchen gewiss nicht wenige sehr liebenswurdig waren, sogar im vertrautesten Umgang mit einigen von diesen eine so lange Zeit sich immer frei erhalten zu haben, war vielleicht ohne Beispiel. Als aber diese Leidenschaft, deren sie selbst sich immer fur unfahig gehalten hatte, endlich doch noch Meister uber die Widerspanstige ward, war nichts anders zu erwarten, als dass das Seelenfieber (wenn ich es so nennen kann) wovon sie begleitet ist, von der heftigsten Art seyn wurde. Es scheint es sey mit der Liebe wie mit gewissen Krankheiten, die jeder Mensch Einmal in seinem Leben gehabt haben muss, und die desto unschadlicher sind, je fruher man davon befallen wird. Ich erinnere mich noch sehr wohl, dass ich in meinem funften oder sechsten Jahre in eine meiner Basen, ein Kind von drei bis vier Jahren, sterblich verliebt war, und dass man, da sie im funften starb, die grosste Muhe hatte, meiner Verzweiflung Einhalt zu thun und mich mit dem Leben wieder auszusohnen. Vermuthlich habe ich es dieser voreiligen Liebschaft zu danken, dass ich bis auf den heutigen Tag von dieser Art von Fieber nie wieder, wenigstens nicht gefahrlich noch auf lange Zeit, befallen worden bin.
Wenn denn also die gute Lais einmal wenigstens in ihrem Leben sich in ganzem Ernst verlieben musste, so sehe ich nicht, warum der schone und schlaue junge Thessalier nicht eben so gut dazu hatte taugen sollen als ein anderer; im Gegentheil, mich dunkt ich begreife vermittelst der bekannten Aristophanischen Hypothese recht wohl, warum gerade er und kein anderer, der Einzige war, welcher den so lange in ihrem Busen verborgenen Krankheitsstoff entwickeln konnte. Ich glaube wahrgenommen zu haben, dass die heftigste Art von Liebe diejenige ist, da man, ohne es sich deutlich bewusst zu seyn, sich selbst, oder gleichsam ein zweites aus dem Gegenstand in das unsrige hinein gespiegeltes und mit ihm zusammenfliessendes Ich, in dem Geliebten anbetet. Sollte diess nicht nahezu der Fall mit unsrer, immer ein wenig zu viel in sich selbst verliebt gewesenen, Freundin seyn? Wenn ich alle charakteristischen Zuge des jungen Pausanias aus deiner Erzahlung zusammen nehme, so scheint mir eine sehr entschiedene Aehnlichkeit der Naturen zwischen ihr und ihm vorzuwalten. Ich finde an beiden ungefahr dieselben Naturgaben, eine lebhafte Einbildungskraft, Witz, Gewandtheit und Geschmeidigkeit des Geistes, mit einer seltnen Schonheit und allem ubrigen was beim ersten Anblick die Augen verblendet und die Neigung besticht; aber auch dieselben Leidenschaften, Fehler und Unarten: denn beide sind eitel, fluchtig, rasch, leichtsinnig, stolz, eigenwillig, prachtliebend und verschwenderisch, und in beiden bringen diese Eigenschaften ziemlich gleiche Wirkungen hervor. Den ganzen Unterschied (ausser dem, was auf Rechnung der Verschiedenheit des Geschlechtes kommt) machte die Erziehung und das Gluck. In ihr wurden alle Naturanlagen von fruher Jugend an entwickelt, bearbeitet, und durch einen seltnen Zusammenfluss glucklicher Umstande ausgebildet, abgeglattet, und gleichsam mit einem glanzenden Firniss uberzogen: da die seinigen hingegen, aus Mangel an gehoriger Cultur und gunstigen Glucksumstanden, einen grossen Theil von der Centaurischen Rohheit behalten mussten, wodurch sich die Thessalier, im Durchschnitt genommen, von andern feiner gebildeten Griechen nicht zu ihrem Vortheil auszeichnen. Aber diese zufallige Verschiedenheit konnte die naturliche Wirkung des sympathetischen Instincts nicht aufhalten; die schone Lais spurte ihre Halfte auf den ersten Anblick aus; und nun erfolgte alles, wie es uns Plato, im Namen des Aristophanes (als des ersten Erfinders der Doppelmenschen), so unverschleiert beschrieben hat, dass Diogenes der Cyniker selbst nicht naturlicher von der Sache hatte sprechen konnen.
Aber wozu diese Erorterung? Du erinnerst sehr wohl, bester Learch, dass es hier nicht um eine begreifliche Erklarung des Geschehenen zu thun ist, sondern um ein Mittel grosseres Unheil zu verhuten. Noch ist nicht alles verloren; und wofern auch Lais (wie ich ihr's zutraue) sich in den Kopf setzen sollte, ihrer ersten Liebe bis in den Tod getreu zu bleiben: so bin ich nicht ohne Hoffnung, dass Pausanias, in einen Kreis von edeln und guten Menschen versetzt, selbst noch ein besserer Mensch, und dessen, was sie fur ihn thut, wurdiger werden konnte. Der beigelegte kleine Brief, um dessen Uebergabe ich dich bitte, enthalt den einzig moglichen Versuch, den ich machen kann; wiewohl mir ich weiss nicht was fur eine Ahnung sagt was ich weder denken noch aussprechen mag.
Es wird dir zugleich, nebst einem kleinen Xenion158 fur dich selbst, ein mit Gold beschlagenes Kistchen von Ebenholz fur die schone Lais zugestellt werden. Es enthalt einen Halsschmuck von rundgeschliffenen Granaten und Hyacinthen, und ein daran hangendes mit Sapphieren und Rubinen besetztes goldnes Bruststuck, worauf Kleone den Amor Anakreons gemalt hat, wie er von drei Musen mit Rosenkranzen gebunden der Schonheitsgottin ausgeliefert wird. Du wirst, wenn mich meine Vorliebe fur alles, was aus Kleonens Handen kommt, nicht sehr verblendet, finden, dass sie in solchen kleinen Gemalden mit Parrhasius selbst um den Preis streiten konnte. Das Ganze ist ein Gegengeschenk von Musarion und Kleone fur ein beinahe zu kostbares Geschenk, das Lais ihnen vor einiger Zeit zum Andenken uberschickte, und das, wenn wir es annehmen sollten, mit keinem geringern erwiedert werden konnte.
56.
Aristipp an Lais.
Ich vernehme von unserm Freund Learch, liebe Lais, dass du Anstalten machest, Korinth zu verlassen und deinen kunftigen Wohnsitz in dem reizenden Thessalien aufzuschlagen.
Auch mir schweben noch so angenehme Erinnerungen von dem zauberischen Tempe und andern anmuthigen Ufergegenden des Peneus vor, dass ich deine Vorliebe zu dem Vaterlande der altesten und schonsten Mythen der Griechen nicht missbilligen kann.
Aber, wenn die Wunsche deiner Freunde Kleonidas und Aristipp, von den freundlichsten Einladungen deiner Musarion und ihrer Schwester Kleone unterstutzt, etwas bei dir vermochten; wenn du bedenken wolltest, wie glucklich du uns alle durch deinen Besuch machen, und wie vergnugte Tage du selbst (wie wir uns schmeicheln) in unsrer Mitte leben konntest: so wirst du es fur keine Zudringlichkeit halten, wenn wir dich bitten, die Reise nach Thessalien nicht aufzugeben, nur ein einziges Jahr aufzuschieben, und dieses Jahr deinen Freunden in Cyrene zu schenken, die sich beeifern wurden, dich fur das Opfer, das du ihnen dadurch brachtest, so viel ihnen nur immer moglich ware zu entschadigen. Cyrene ist seit einigen Jahren eine Art von Athen geworden, friedsamer, ruhiger, und vielleicht sogar gastfreundlicher als jenes Attische; und es hatte dir, um nicht zu viel zu sagen, wenigstens fur ein Jahr Stoff und Gelegenheit zu den angenehmsten Unterhaltungen uberflussig anzubieten. Du wurdest, nach deinem Gefallen, entweder in meinem Hause in der Stadt oder auf meinem nahe bei Cyrene gelegenen Landsitze, oder wechselsweise bald in dem einen bald in dem andern wohnen, und in jenem einen kleinen Tempel der Kunst, in diesem sogar eine Art von Akademie zu deinem Gebrauch haben. In beiden ist alles schon zu deinem Empfang bereit; und wer es auch sey, den du zum Begleiter wahlen wirst, er soll die Aufnahme eines Bruders finden, und uns desto werther seyn, je naher er dem Herzen unsrer Freundin ist.
Lass mich den Schmerz nicht erfahren, beste Lais, mein Vertrauen auf deine Freundschaft getauscht zu sehen, und nimm inzwischen, als ein Unterpfand unsrer Gesinnungen fur dich, das kleine Xenion freundlich an, wodurch Musarion und Kleone dir ihre Dankbarkeit zu zeigen wunschen, und womit sie dich (wenn du ihre Freude vollkommen machen willst) bei deiner Ankunft in Cyrene geschmuckt zu sehen hoffen.
Du siehst wir rechnen so sehr auf deine Grossmuth, dass wir es gar nicht fur moglich halten, eine Fehlbitte bei dir gethan zu haben.
57.
Lais an Aristipp.
Mein Traum ist nur zu bald in Erfullung gegangen, lieber Aristipp! Die hohern Machte haben eine strenge Rache an mir ausgeubt: Adrasteia, dass ich vierundzwanzig Jahre lang gar zu glucklich war; die Gotter der Liebe, dass ich ihnen so lange Trotz zu bieten wagte. Xenophons Cyrus hat Recht behalten; nur darin irrt er sich, wenn er glaubt, das was er fur das einzige Rettungsmittel gegen den furchtbarsten aller Damonen halt, die Flucht, stehe immer in unsrer Macht.
Aber, gesetzt er hatte auch in diesem Stucke Recht, so verzeiht mir, lieben Freunde, dass ich euch sagen muss, ihr habt nicht bedacht was ihr mir ansinnt. Nein, gute Musarion, nein, liebenswurdige Kleone! Lais kann nie die Dritte unter euch seyn! Ueberlasst sie ihrem Schicksal, und bittet die Gotter, dass es ertraglich ausfalle.
Euer schones Geschenk, dem die Hand der glucklichen Kleone einen unschatzbaren Werth gegeben hat, nehme ich unter der einzigen Bedingung an, dass es nach meinem Tode durch Learchs Besorgung wieder an die holden Geberinnen zuruckkehre.
Lebet wohl, Aristipp und Kleonidas meine Freunde lebet wohl! Verachtet diese zwei kleinen Myrtenzweige nicht, die ich euch zum Andenken schicke sie welkten an meinem Herzen, und sind mit meinen Thranen fur euch eingeweiht.
Wenn ich an den Ufern des Peneus die Ruhe wieder finde, so werdet ihr mehr von mir horen; wo nicht, so lasst mich in eurer Erinnerung leben, und seyd glucklich!
Anmerkungen zum zweiten Band.
1. Brief.
1 Hauptstadt von Lydien in Kleinasien. 2 (Unbezwingbare) Ketten (II.) sind nicht diamantene, sondern stahlerne Ketten. Der Diamant war zu Aristipps Zeiten den Griechen noch unbekannt, und erhielt erst viel spater, seiner Harte wegen, den Namen adamas. W. 3 Das gemeine oder kleinere Attische Talent enthielt 60 Minen oder 6000 Drachmen, und ist also ungefahr 1000 Conventionsthalern unsers Geldes gleich. W. 4 S. Anm. z. Bd. 22, Br. 25.
3. Brief.
5 Persische Benennung einer Art von wohlthatigen Genien und Feen. W. 6 Die Griechen. 7 Abkommlinge des Achamenes. So nennen die Griechischen Geschichtschreiber eine Dynastie der Konige von Persien, deren Stifter Achamenes (nach Phreret) Was hast du mir zu rufen, Erdensohn?
Strepsiades.
Vor allem sage mir,ich bitte dich, Was machst du denn da oben?
Ich wandle in der Luft,
Und ubersehe hier die Sonne.
Strepsiades.
Vermuthlich,
Weil du aus deinem Korbe uber die Gotter
wegsiehst,
Und das hier unten nicht so angeht? Oder
Sokrates.
Wahr ist's, ich kann die Dinge uber uns
Nicht recht erfassen, wofern ich meinen Geist
Nicht exaltire, bis der Gedanke so verfeinert
Und verdunnet ist, dass er gleichartig mit
Der Luft sich mischt. Sobald ich von unten auf
Die Dinge uber uns erspahen will,
Erkenn' ich nichts. Es ist nun einmal so;
Die Erde zieht den feinen Duft des Gedankens
Zu machtig in sich ein.
5. Brief.
10 Eine den bosen Feen in den Mahrchen der Dame d'Aulnoy ahnliche Gottin, die nicht leiden konnte, wenn es einem Menschen gar zu wohl ging. Hesiodus macht sie zu einer Tochter der Nacht, Homer aber zu einer Tochter Jupiters, in der sonderbaren Stelle des 19ten Gesangs der Ilias, wo Agamemnon die Schuld seiner dem Sohne der Thetis zugefugten Beleidigung auf die Ate schiebt, und, bei dieser Gelegenheit ihre ganze Legende (wie er sie vermuthlich ehemals von seiner Amme erzahlen gehort hatte) den versammelten Fursten der Griechen vortragt. W.
6. Brief.
11 Beschreibung des Feldzugs des jungeren Kyros gegen seinen Bruder Artaxerxes Mnemon. Dieser Feldzug, dem Xenophon als Feldherr der Griechischen Hulfstruppen beiwohnte, und wobei er seinen beruhmten Ruckzug machte, wird ein Hinaufzug (Anabasis) genannt, weil der Zug nach Oberasien aufwarts ging. Von dem, was Xenophon dabei that, wird er auch der Ruckzug der Zehntausend (Griechischen Hulfstruppen namlich) genannt. Ich erinnere hiebei an Halbkarts Uebersetzung. Mit dem von Wieland hier und im folgenden Briefe gefallten Urtheil daruber ist zu vergleichen Creuzers Abhandlung de Xenophonte Historico Leipz. 1799. 12 B i b l i o k a p e l e n hiessen um diese Zeit, da der Autoren und der Bucher immer mehr wurden, Leute, welche Profession davon machten, von alten und neuen Buchern immer eine Anzahl schon geschriebener Exemplarien zum Verkauf bereit zu halten, und vermuthlich auch die offentlichen Markte mit dieser Waare bezogen, nach welcher, so wie die Literatur bei den Griechen immer mehr Zuwachs und Ausbreitung bekam, auch die Nachfrage immer starker wurde. W. 13 Einer der etwas, wozu gewohnlich Kunst, Wissenschaft und grosse Uebung erfordert wird, ohne Vorbereitung, aus dem Stegreif (wie wir zu sagen pflegen) oder auch obne Unterricht, aus blossem instinctmassigen innern Antrieb, unternimmt. Sokrates beschuldigt dessen den grossten Theil der damaligen Athenischen Feldherren in seiner Unterredung mit dem Sohne des Perikles. (Memorab. III. 520)
7. Brief.
14 Herabzug, Ruckzug. 15 Jupiter der Sanftmuthige, der Versohner, Anab. B. 7. K. 8. 16 Der Anfuhrer. Anab. B. 6. K. 2. 17 Die Kunst und das Geschaft derjenigen Art von Wahrsagern, die nach sorgfaltiger Beschauung der Eingeweide eines Opferthiers aus gewissen Beschaffenheiten derselben den glucklichen oder unglucklichen Erfolg eines Unternehmens vorhersagten. W. 18 Aberglaubische Damonenfurcht. W. 19 Ein Fluss in Lydien, welcher, wie der Ganges in Indien, Gold fuhrt. 20 Konig von Lydien, beruhmt seines Reichthums wegen. 21 Der Bettler in Homers Odyssee.
8. Brief.
22 Der Philosoph Leucipp (Leukippos) war der erste unter den Griechen, welcher Arome, untheilbare Korperchen, als Elemente der Welt annahm, und es ist wohl nicht zu bezweifeln, dass die Sonnenstaubchen ihn auf seine Atome gebracht hatten. 23 Eine Pflanze, von welcher die Alten sowohl fur die Kuche als fur die Pharmacie starken Gebrauch machten. Vornehmlich wurde aus dem verdickten Safte des Stengels und der Wurzel eine Art von Gummiharz bereitet, welches unter die beliebtesten Gewurze gerechnet wurde. Die Anhohen um Cyrene waren mit dieser Pflanze bedeckt, und die aus ihr gewonnene Specerei, von ihnen Sirfi, oder Silfi, von den Romern laser und laserpitium genannt, machte ein betrachtliches Handelsobject der Cyrener aus. Die gemeinste Meinung der Neuern ist, dass sie mit unsrer asa foetida einerlei gewesen sey. W. 24 Diese romantische Insel ist den Lesern der Odyssee hinlanglich bekannt. 25 Der bei den Romern gebrauchliche Ausdruck fur Hausfrauen, Hausmutter. S. 31. Medeenkessel der Phantasie Wie aus Medea's Zauberkessel das Alte in neuer Jugend hervorging, so zaubert die Phantasie aus der Vergangenheit eine neue reizendere Gegenwart in der Erinnerung. 26 Eine ansehnliche Insel an der Sudkuste Kleinasiens. Die gleichnamige Hauptstadt wurde wahrend des Peloponnesischen Krieges erbaut. 27 Der eilfte Monat im Attischen Kalender, welcher grosstentheils unserm Mai entspricht. W.
9. Brief.
28 Fruherhin Halbinsel von Akarnanien, nachmals, als man die Landenge durchstochen hatte, Insel, beruhmt wegen ihres Vorgebirgs, von dem die Sage ging, dass ein Sprung von ihm das beste Mittel sey, alle Qualen der Liebe zu enden. Dieser beruhmte Leukadische Sprung hiess daher auch der Sprung der Liebenden ( ) durch welchen auch
Sappho endete.
10. Brief.
29 d.i. eine der grossten Seltenheiten, denn ein fabelhafter, nur alle 500 Jahre erscheinender Vogel (Herodot. 2,73) und ein fabelhaftes, von Eubemeros erdichtetes Land (vergl. die Anm. zu der Reise des Priesters Abulfauaris Bd. 29) sind hier zusammengestellt.
11. Brief.
30 Der letzte Assyrische Konig Sardanapalos war seiner Schwelgerei wegen beruchtigt. 31 Korbtragerin S. oben Kanephoren. 32 Hygron (
) Ein gewissen feuchter
Glanz des Auges, worin der Blick gleichsam zu lantia und die oculi udi et tremuli der Photis in Apulejus goldenem Esel bezeichnen ohne Zweifel dieses hygron, welches Anakreon (Od. 28) zu einem Charakter der Augen der Venus macht, und der Bildhauer Praxiteles an seiner Knidischen Venus sogar im Marmor anzudeuten wusste, wenn Lucian (Imagin. o. 6) nicht mehr zu sehen glaubte als er wirklich sah; wiewohl auch diess schon dem Kunstler Ehre machen wurde. W.
13. Brief.
33 Anspielung auf die Aristophanische Erklarung uber die Liebe in Platons Gastmahl, wovon oben ausfuhrlicher die Rede war.
15. Brief.
34 Anubis, der Mercur der Aegyptischen Mythologie, mit einem Hundskopfe dargestellt; hier eine scherzhafte Anspielung auf Sokrates, der beim Anubis oder dem Hunde zu schworen pflegte. 35 S. Anm. z. Bd. 22. Br. 13. 36 Insel im Ionischen Meere, des Odysseus Heimath und Ziel seiner Irrfahrten. 37 Das schwarze Meer.
17. Brief.
38 S. Anm. z. Bd. 22. Br. 6. 39 (Venus vulgivaga) Die gemeine Liebesgottin, im Gegensatz von Platons himmlischer Aphrodite Urania. 40 O r g i e n , heissen alle religiosen Feste, besonders die bakchischen, die mit kriegerischem Tanz, larmender Musik und einer dabei gesetzlichen Art von Rase
rei begangen wurden, und hievon von Zorn, Leidenschaft, Affect haben sie den Namen. Oesters werden sie gleichbedeutend mit Mysterien gebraucht. 41 S p e u s i p p o s , von Athen, war seines Oheims Nachfolger als Lehrer der Philosophie in der Akademie, von dem ersten Jahre der 108ten bis zum zweiten der 110ten Olympiade. Kranklichkeit halter gab er erst das Lehren, und dann auch das Leben freiwillig auf. In der Hauptsache blieb er zwar seines Oheims Lehre treu, wich jedoch in einzelnen Punkten von ihm ab. 42 Dieser ist kein anderer als der des in seiner Art vollkommen Zweckmassigen. Man hat hiebei besonschen Denkwurdigkeiten. 43 Der wilde Esel. 44 (die Schamlosigkeit) Eine Gottin oder weiblicher Damon, der die Athener, auf Anrathen des Epimenides einen Tempel erbauten. (Cicero de Legg. II. 11.) W. 45 Einfuhrer in die Mysterien. 46 S. die Anm. zu Agathodamon 5. Buch, 4. Abschnitt. Bd. 18. 47 Uebermuth, ubermachtige Gewaltthatigkeit. 48 Mitleid und Scham. 49 Aus Mantinea in Arkadien geburtig, wird als Schulerin Platons aufgefuhrt, die nachher auch selbst Unterricht ertheilte, so wie Axiothea von Phlius. Sie wird auch eine Schulerin des Speusippos genannt, und Wieland hat unstreitig zu der Schilderung seines Verhaltnisses mit ihr folgende Punkte zusammengenommen, 1) dass Speusippos als verliebt geschildert, 2) dass von Athenaus Lasthenia eine Hetare genannt, und 3) dass Speusippos in einem Briefe des Tyrannen Dionysius mit seiner Liebe zu ihr aufgezogen wird. 50 Platons Lehre wird mit den Mysterien verglichen in denen den Geweihten gewisse Lehren unter der Verpflichtung zur heiligsten Verschwiegenheit mitgetheilt wurden, und worin auch gewisse Namen vorkamen, welche man durch das Aussprechen ausserhalb des Heiligthums entweiht haben wurde. 51 Theseiden, werden von den Dichtern (und in diesen Briefen scherzweise) die Athener nach ihrem zweiten Stifter, Theseus, genannt. W. 52 Der gemeinen Meinung nach eine Art von sehr kleinen Sardellen, die in grosser Menge an der Attischen Kuste gesangen wurden, und zu den gewohnlichsten Nahrungsmitteln der armern Volksclasse in Athen gehorten. Weil sie sehr klein und zart waren, sagte man im Spruchwort: die Aphyen brauchen das Feuer nur zu sehen, um gekocht zu seyn. W.
18. Brief.
53 Indem Aristipp hier zwei, aus der Geschichte der Griechischen Musik bekannte, Tonarten nennt, spielt er zugleich auf der Lais fruhere und spatere Lebensweise an. Die dorische ist ihre fruhere, der den Peloponnes bewohnten Dorier, die lydische die, woran sie sich zu Sardes in Lydien gewohnt hatte. 54 (Luftwandler) Ein Uebername, welchen Aristophanes in seinen Wolken denjenigen anhangt, die sich ihrer spitzfindigen windigen Grubeleien wegen fur weiser als andere dunken. Dass es nach einem Paar Jahrtausenden Aerobaten im eigentlichen Wortverstande geben wurde, liess sich damals niemand traumen. W. 55 Regel, Musterbild. Eine gewisse Bildsaule Polyklets wurde als Muster der richtigsten und in der schonsten Eurhythmie und Harmonie stehenden Verhaltnisse aller Theile des menschlichen Korpers von den Bildhauern der Kanon genannt. W. 56 Mit dieser Stelle, worin wenigstens der Absicht Platons nicht Gerechtigkeit widerfahrt, vergleiche man was in den Anm. zu den Briefen von Verstorbenen Br. 4. Bd. 2 6. als Vorbereitung zu spaterem gesagt ist. Aristipp bat hier, so wie Platon halb Recht. Platon wird man so lange Unrecht thun, bis man eingesehen bat, dass er nach dem asthetischen Ideal hinstrebte, ohne den Weg dahin finden zu konnen, was ihm kein Billiger, der es weiss, was die Philosophie damals alles noch erst zu suchen hatte, und zum Theil noch jetzt nicht gefunden hat, zur Last legen wird.
19. Brief.
57 Eine Gegend nahe bei Athen, mit einem Tempel des Hercules, einem dazu gehorigen Hain, einem Gymnasion u.s.w. Antisthenes, der Stifter der sogenannten Eynischen Secte der Sokratiker, pflegte sich meistens hier aufzuhalten, und erhielt vermuthlich daher seinen Beinamen. W. 58 P o m p e i o n , hiess zu Athen ein offentliches Gebaude, aus welchem an den grossen Festen die Processionen ausgingen, welche einen wesentlichen Theil der Feierlichkeiten, womit sie begangen wurden, ausmachten. W. 59 Eine kleine Stadt in Bootien an der Granze von Attika. Sie war vornehmlich wegen der Grosse, Starke und Streitbarkeit ihrer zum Kampfen abgerichteten Hahne beruhmt. W.
20. Brief.
60 S. daruber die Briefe uber das Thal Tempe (in Thessalien, des eigentlichen Griechenlands nordlicher Granze) im ersten Bande von Bartholdy's Bruchstukken zur nahern Kenntniss des heutigen Griechenlands, ein Buch, welches in den jetzigen Zeitumstanden neues Interesse hat. 61 Ein unzuchtiger Tanz. Aristophanes in den Wolken ruhmt sich, dass er seine Komodie nie diesen Tanz habe tanzen lassen, und Theophrast fuhrt in seiner Charakterschilderung des Ehrlosen als einen der starksten Zuge an, dass er fahig sey den Kordax nuchtern und ohne Maske zu tanzen. 62 Wortlich Weibertollheit, ist ein so unartiges Wort, und bezeichnet etwas so Widerliches, dass man es nur auf Griechisch sagen sollte. W. 63 S a r d o n i s c h e s L a c h e n , ist so viel als ein lautes ubermassiges Lachen, das man nicht zuruckzuhalten vermag. Dieses Beiwort bezieht sich auf ein gewisses giftiges Kraut, Sardonion (auch apiastrum) genannt, welches bei dem, der es gegessen hat, heftige dem Lachen ahnliche Zuckungen erregen soll. W. 64 Ein in Holz arbeitender Bildner. W. 65 Wer den Unterschied dieser Juno von der Homerischen will kennen lernen, der findet genaue Belehrung daruber in Bottigers Kunst-Mythologie S. 85. fgg. Ihr Bild, heisst es, hat eine sehr alterthumliche Gestalt. Man mochte es den Kirchenstyl der Griechischen Vorwelt nennen. Alles geht indess dabei von der Enthullung und Verschleierung der Vermahlten aus. 66 Der angefuhrte Preisgesang der Grazien von Pindar ist auf Asopichos gedichtet, der aus Orchomenos in Bootien geburtig war, wo am Kephissos der alteste Sitz und Dienst der Grazien war, auf die darum Pindar, als auf die heimathlichen Gottinnen des Asopichos, kommt. 67 Ueber die Widerspruche in den Sagen von diesem Philosophen, der erst eben so aberglaubig als nachher nicht bloss unglaubig, sondern gotteslasterisch gewesen seyn soll, s. die Literarischen Miscellaneen. 68 Sichtbare Erscheinungen einer Gottheit; ein erst in viel spatern Zeiten in Gebrauch gekommenes Wort, welches, wenn diese Briefe eine Griechische Urschrift hatten, sich sicher nicht darin vorfinden wurde; wiewohl eben nicht unmoglich ware, dass Diagoras es entweder selbst gestempelt oder in den Mysterien gehort haben konnte. W. 69 Wem uber alles Folgende an den gehorigen Erlauterungen liegt, die uns hier zu weit fuhren wurden, der lese die Alterthumswissenschaft von Kanngiesser und Mosers Auszug aus Ereuzers Symbolik und Mythologie der alten Volker. Wie es scheint, hat Wieland in der Schilderung jener Zeit den wichtigen Punkt nicht ubergehen wollen, wie bei immer tiefer eindringender Philosophie die Volksreligion mehr und mehr in Verfall gerieth, und dazu schien ihm Diagoras der brauchbarste Mann, denn kaum einem andern hatte er diese Lucianische Quintessenz mit grosserer Schicklichkeit in den Mund legen konnen. Er gibt in diesem Briefe gewissermassen das Vorspiel zu dem, was sich im Peregrinus Proteus und Agathodamon vollendet. 70 Glaube an gute und bose Damone. W. 71 S. Anm. zu Bd. 22. Br. 9. 72 Ein Beiname Jupiters, insofern der Eidschwur unter seiner besondern Aufsicht und Ruge stand. W. 73 S. Anm. zu Bd. 22. Br. 25. 74 Als die altesten und ehrwurdigsten dieses Namens in Griechenland. 75 Weil sein Heiligthum ein hochst wichtiges politisches Institut war. 76 Theils weil sich an ihn viele gesetzliche und die Cultur befordernde Einrichtungen knupften, theils weil man Zeus immer mehr der Idee der reinen Gottheit annaherte. 77 S. Bottigers Abhandlung Aristophanes impunitus deorum gentilium irrisor. Leipz. 1790. 78 In seinen Anmerkungen zu den Wolken des Aristophanes sagt Wieland: die Melier waren eine alte Colonie der Spartaner, und hatten immer, besonders auch in dem Peloponnesischen Kriege, ihrer vorgeblichen Neutralitat ungeachtet, eine warme Anhanglichkeit an Sparta bewiesen. Sie waren daher schon allein aus diesem Grunde zu Athen ubel angeschrieben; mehrere fehlgeschlagene Versuche sie zu einer freiwilligen Unterwerfung unter das nicht allzusanfte Joch der Athener zu bewegen, unterhielten den gegen sie gefassten Groll. Nach Eroberung ihrer Hauptstadt und Insel liess daher auch Athen den armen Meliern seine Uebermacht auf die grausamste Weise fuhlen. S. hieruber die Anmerkung zu dem vorigen Bande. 79 S. die Anm. zu Agathodamon 5. Buch, 4. Absch, Bd. 18. 80 Ein mit Reihen von spitzigen und scharfen Eisenstaben besetzter Abgrund, worein man zu Athen zum Tode verurtheilte Verbrecher sturzte. 81 Spitzfindigkeit oder ubertriebene Subtilitat in unnutzen und ausserhalb des menschlichen Gesichtskreises liegenden Speculationen. W.
22. Brief.
82 Themistokles, der Retter Athens als Besieger der Persischen Uebermacht, ward erst aus Athen verwiesen, dann abwesend des Hochverrates angeklagt, und fand nur bei dem Persischen Konig Artiaxerxes Langhand Schutz und Beistand. Konon, der Wiederhersteller Athens, der den Persern gegen die Spartaner Beistand geleistet hatte, wurde zuletzt den Persern verdachtig und, wie es scheint, von ihnen heimlich hingerichtet. 83 Fur die Attische Komodie unterscheidet man bald zwei, bald drei Perioden, die alte, mittlere und neue. Die erste, ein politisch-ksitisches Tribunal, voll Personal-Satyre, bluhte und verfiel mit der Demokratie. Als die Staatsgewalt durch Hulfe der siegreichen Spartaner an die Aristokraten gekommen war, musste der freimuthige politische Tadel verstummen; und weil der durch den Peloponnesischen Krieg gesunkene Wohlstand auch den vorigen Aufwand nicht mehr geverbundene Pracht. Selbst als Konon die Mauern der Stadt und des Hafens hergestellt und die Macht des Staates wieder etwas gehoben hatte, blieb diese Veranderung; Aristophanes brachte einige seiner alteren Stucke ohne Chor auf die Buhne. Da auf diese Weise die ehemalige Hauptsache jetzt Nebensache, was sonst aber Nebensache gewesen, Hauptsache geworden war, so war allerdings eine ganzliche Umbildung nothig, und es entwickelte sich die Gattung der Komodie, die unserm Lustspiele gleicht und deren Reihen des Aristophanes Plutos eroffnet. Dass uber diese neue Gattung nicht alle so gunstig urtheilen als hier Aristipp, ist auch aus der neuesten asthetischen Kritik bekannt. 84 (Ekklesiazusai) Von Voss im dritten Band seines Aristophanes ubersetzt unter dem Titel die Weiberherrschaft. Im dritten Jahre der 96sten Olympiade (393 v. Chr.) siegte Konon bei Knidos und erbaute dann mit Persischem Golde die Mauern Athens wieder. Zu Ende dieser oder zu Anfange der folgenden Olympiade wurden des Aristophanes Ekklesiazusen aufgefuhrt, in denen auch die Platonische Republik, von welcher im folgenden Bande gehandelt wird, nach Morgensterns sehr wahrscheinlicher Vermuthung parodirt ist. 85 Eselskopf. Alle nachfolgenden Zusammensetzungen sind mit Onos, Esel, gemacht.
23. Brief.
86 Anspielung auf eine Stelle in Pindars dreizehntem Olympischen Siegesgesange. 87 Homerisches Beiwort fur Poseidon, Neptun. 88 Mannweib; die letzte Bezeichnung als Anspielung auf die von Aristophanes in Platons Gastmahl vorgetragene Theorie der Liebe. 89 Wohllautendes Wort fur eine garstige Sache, jedoch dem Sinne nach nicht verschieden.
25. Brief.
90 Diogenes von Laerta nennt unter denen, welche die Philosophie Aristipps aus der Quelle zu schopfen vorzugliche Gelegenheit hatten, einen Antipater von Cyrene; der Name ist aber alles, was er von ihm zu wissen scheint. Ob es eben derselbe ist, den wir aus diesen Briefen kennen lernen, oder nicht, kann uns gleichgultig seyn, wenn der unsrige nur gekannt zu werden verdient. W. 91 Milon von Krotona, der beruhmteste Athlet seiner Zeit (er wurde sechsmal zu Delphi und eben so oft zu Olympia gekront, und da er zum siebentenmal in die Schranken trat, sogar ohne Kampf, weil sich niemand fand, der es mit ihm aufnehmen wollte), soll auch ein Zuhorer und Freund des Philosophen Pythagoras gewesen seyn. W.
26. Brief.
92 Die bunte Halle in Athen, hatte diesen Namen von den vielen und merkwurdigen Gemalden erhalten, womit sie geschmuckt war. Aristipp gibt seiner Gemalde-Galerie darum denselben Namen. 93 "Die Fahrt nach Korinth ist nicht jedermanns Sache." Dieses Spruchwort scheint schon lange vor der schonen Lais im Munde der Griechen gewesen zu seyn, wurde aber scherzweise auf diejenigen angewandt, die um ihrentwillen nach Korinth reiseten. W.
27. Brief.
94 Bathyll hiess der Liebling Anakreons, dessen einzelne Schonheiten der Dichter einem Maler schildert, damit er sie zum Ganzen eines Bildes zusammensetzte. 95 Zwei Gebirge in Attika, beruhmt wegen ihrer Marmorbruche und ihres Honigs. 96 Zu Elea in Unter-Italien geboren, ein weiser Gesetzgeber fur seine Lansleute, gleich ruhmwurdig durch seinen Charakter als seinen Tiefsinn, bluhte um die 79ste Olympiade (464 v. Chr.), und so konnte Platon in dem Dialoge, dem er des Parmenides Namen vorsetzte, diesen als Greis mit Sokrates als Jungling redend einfuhren. Parmenides gehorte zu denen Philosophen, welche man, nach der Stadt Elea, Eleatische nennt, und deren Streben dahin ging, auf dem Wege des Pythagoras fortschreitend, im Philosophiren die Speculation oder Vernunfterkenntniss an die Stelle der bisherigen Beobachtung oder Sinnenerkenntniss zu setzen. Jene, ein Denken mittelst der Begriffe, gibt Erkenntniss des Allgemeinen (rationale), diese, ein Denken mittelst der Vorstellungen, gibt Erkenntniss des Besondern (empirische, Erfahrungs-Erkenntniss). Jenes Allgemeine nannte die philosophische Kunstsprache der Griechen das Eins, und dieses Besondere das Viele, so dass Erkenntniss des Eins gleichbedeutend ist mit rationaler, und Erkenntniss des Vielen mit empirischer Erkenntniss. Beide Arten von Erkenntniss sind sich gewissermassen entgegengesetzt, und die Philosophen waren dadurch in zwei Parteien getheilt, in Anhanger des Einen (speculative Philosophen, Rationalisten), und in Anhanger des Vielen (empirische Philosophen). Diese suchten das Werden zu erklaren (die in einem ewigen Wechsel zwischen Entstehen und Vergehen schwebenden Veranderungen der Gegenstande der Sinnenwelt), jene hergegen das Seyn (das bei allem Wechsel beharrliche Wesen), denn so war es dem Standpunkt eines jeden angemessen. Ehe man einsah, dass beide die Losung desselben Problems, nur auf verschiedene Weise, versuchten, entstand zwischen beiden philosophischen Parteien Entzweiung, und bei dem Unbefangenen musste die Frage entstehen, an welche von beiden Parteien man sich wohl zu halten habe, um die Wahrheit zu finden. Die Entscheidung war zu einer Zeit, wo man nach einer Psychologie, einer Logik, einer Wissenschaftslehre eben erst strebte, weder im Allgemeinen, noch in besonderer Hinsicht auf Parmenides zu erwarten. Gab es aber irgend einen Philosophen, der, von innerem Gefuhl gedrangt und von einer dunklen Ahnung des Wahren geleitet, mit unablassigem Eifer nach jener Entscheidung strebte, so war es Platon, und wenn er, wie anderwarts, so auch in seinem Dialog Parmenides einem, wie Schleiermacher sagt, fur Viele von vielen Seiten abschreckenden Gesprach sich durch alle Labyrinthe der Dialektik, wie sie damals zu Gebote stand, nach diesem Ziele hin arbeitet, so kann er nur unsern Dank, aber nicht unsre Vorwurfe verdienen. Man darf, um ihn richtig zu beurtheilen, nicht aus den Augen lassen, dass er von Parmenides und den Eleaten uberhaupt ausgeht, und dass deren Hauptsatze, mit Hauptsatzen der Pythagoraer zusammenfliessend, ihn auf die damit verbundenen Schwierigkeiten fuhren. Mag nun der Weg, den er fuhrt, noch so dornig seyn, mag er noch so oft geirrt haben, dem Ziele naher hat er doch gefuhrt. Wer davon eine grossere Ueberzeugung gewinnen will, der lese in Fulleborns Beitragen zur Geschichte der Philosophie (Stuck 6) dessen Erlauterungen zu den Fragmenten des Parmenides, und Schleiermachers Einleitung zu Platons Parmenides in der Uebersetzung von Platons Werken (Theil 1. Bd. 2). Antipater und Aristipp haben diesemnach hier kein Urtheil gefallt, das einen tieferen Blick verriethe; Wieland aber gesetzt auch, dass sein Urtheil von dem ihrigen verschieden gewesen ware hatte ihnen doch kein anderes in den Mund legen konnen, denn sie beide gehorten zu der entgegengesetzten Partei, die gegen die eleatische Speculation das Zeugniss der Sinne und den gesunden Menschenverstand auf ihrer Seite hat. Wenn sie sich also auf beide beriefen, urtheilten sie im Geist ihrer Philosophie, in besonderer Beziehung auf Platon aber ihrer Individualitat gemass, d.i. uber seine Untersuchungen dieser Art etwas zu voreilig absprechend, weil sie von Natur keine Neigung hatten, sich damit zu befassen. Wieland lasst sich den Aristipp hieruber auf die befriedigendeste Weise aussprechen.
28. Brief.
97 Gottin der Ueberredung. 98 Gott des Reichthums. 99 Plutarch fuhrt in seinem Solon dieses Distichon von ihm an, welches aus den kleinen Gedichten genommen scheint, womit Solon sich in seinem hohen Alter die Zeit vertrieb, und die vermuthlich zu Plutarch Zeiten noch vorhanden waren:
,
100 Luftwandler. Anspielung auf den Aristophanischen Sokrates. 101 Bekanntlich sind mehrere Platonische Dialogen mit Namen von Sophisten bezeichnet: Protagoras, Gorgias, Hippias. Den letzten Namen fuhren als Aufschrift zwei Dialogen, die man als den grosseren (uber das Schone) und den kleineren zu unterscheiden pflegt. 102 Was Hippias hier in seiner Manier, und in dem Tone, worin er von Plato zu reden gewohnt ist, erzahlt, stimmt, der Hauptsache nach, vollig mit der Erzahlung des Diogenes Laertius uberein, der sich desshalb auf den Speusipp (in einer Schrift, Platons Begrabnissschmaus betitelt), auf den Klearch (in dessen Lobrede auf Plato) und auf den Anaxilides (im zweiten Buche seines, vermuthlich historischen, Werks von den Philosophen) beruft. W. 103 Entspricht meist unserm Monat Mai. Der siebente Tag jedes Monats war dem Apollon geweiht, und dieser hiess Hebdomagetas, weil er an einem Siebenten geboren worden (Callim. H. in Del. 251), woruber der Platonischer Proklos sehr tiefsinnige Untersuchungen angestellt hat. Der seine Spott in dieser Anfuhrung des Hippias kann Keinem entgehen. 104 A m p h i t r y o n , galt fur den Vater des Hercules, den aber Zeus mit der Gemahlin von jenem erzeugt hatte. 105 A n t a l c i d a s , ist bekannt durch den Frieden, den er im Namen von ganz Griechenland mit dem Perserkonig im J. 587 v. Chr. abschloss, der Friede des Antalcidas genannt. Fur Sparta politisch nicht fehlerhaft, war er fur ganz Griechenland verderblich, und brachte in der Folge Sparta und seinen Unterhandler ins Verderben. Dieser raubte sich im Verdruss sein Leben durch Hunger. Nichtsdestoweniger konnte Hippias hier nicht anders urtheilen als er geurtheilt hat.
29. Brief.
106 Irdische, sinnliche Liebe. 107 Ein Aristiphanisches Wort, um der Sophisten (Pseudo-Philosophen) zu spotten, welche von den Dingen uber uns, die man damals Meteoren hiess, mehr schwatzten als sie wussten. W. 108 Konig von Sparta, uber welchen wir noch eine dem Xenophon zugeschriebene eigne Schrift besitzen, hatte den Ioniern gegen Persien mit Gluck beigestanden, und wurde allerdings spaterhin wieder dagegen aufgetreten seyn, wenn ihn der Friede des Antalcidas nicht gebunden hatte. 109 Eine Residenz der Persischen Konige in der Provinz Susiana. 110 Fuhrung des Oberbefehls, verbunden mit dem Vorrange uber die ubrigen Griechischen Staaten, Vorsteherschaft, ein Hauptgrund der Eifersucht zwischen Athen und Sparta, und endlich des Untergangs der Griechischen Freiheit.
30. Brief.
111 Die Insel Kos an der Kuste von Karien war beruhmt wegen ihrer medicinischen Schule, aus welcher selbst Hippokrates hervorging. Diese Schule zeichnete sich besonders dadurch aus, dass sie auf die bisherigen einzelnen Erfahrungen eine Theorie grundete. 112 Der achte Monat des Attischen Jahres, wovon ein Drittel mit unserm Februar, und zwei Drittel mit unserm Marz zusammentreffen. W. 113 M e l a m p u s , beruhmt durch seine Heilung der wahnsinnigen Tochter des Protos. Machaon und Podelirius, als Aerzte aus der Ilias bekannt, so wie Paeon (der Heilende), den man spaterhin mit Apollon verschmolz. Auch der Centaur Chiron war Wundarzt, und ein Heilkraut wurde sogar nach ihm benannt. 114 Porus, der Gott der Betriebsamkeit, des Erwerbs und des daher entspringenden Reichthums, erzeugte mit Penia, der Gottin der Durftigkeit, zufolge einer der Dichtungen in Platons Gastmahl, den Gott der Liebe. Bastard wird dieser hier genannt mit einer losen Anspielung auf die dort erzahlte Art seiner Entstehung. S. Brief 10 und 12. 115 () Die zweiten Gedanken (d.i. diejenigen, die aus Ueberlegung entspringen) sind die weiseren. Ein nicht immer wahres Spruchwort. 116 Pygmalions, der sich in eine von ihm verfertigte Bildsaule verliebt hatte, welche von der Venus belebt wurde. 117 Ein Korinthischer Eupatride, welcher, nach der wahrscheinlichen Berechnung des de la Nauze, in der einundvierzigsten Olympiade sich der Alleinherrschaft uber Korinth bemachtigte, und sie nach einer dreissigjahrigen Regierung seinem Sohne Periander hinterliess. Dieser Kypselus war es, der den sieben weisesten Mannern unter seinen Griechischen Zeitgenossen das Gastmahl gab, welches Plutarch irrig seinem Sohne zuschreibt, wenn anders der von Diogenes Laertius angezogene alte Geschichtschreiber Archetimus von Syrakus Glauben verdient, welcher bei diesem Gastmahle selbst zugegen gewesen zu seyn versicherte. Noch bekannter ist dieser Name in der Geschichte der Griechischen Kunst durch einen Kasten geworden, der im Tempel der Juno zu Olympia zu sehen war; ein von den Kypseliden zu Korinth zum Andenken ihres Ahnherrn dahin gestiftetes Weihgeschenk, dessen Kenntniss wir einer sehr genauen, aber ohne allen Kunstsinn und daher auch ohne Rucksicht auf die Kunst abgefassten Beschreibung des Pausanias zu danken haben, die von einem der gelehrtesten und scharfsinnigsten Alterthumsforscher unsrer Zeit in einer eigenen Abhandlung uber den Kasten des Kypselus u.s.w. (Gottingen, 1770) mit dem Fleiss, den ein so altes Kunstwerk verdiente, erlautert worden ist. W. 118 Korinth hatte zwei Hafen, wovon der eine Lechaum, der andere Kenchrea hiess. In diesen am Saronischen Meerbusen liefen die Schiffe aus Asien und Nordafrika ein. 119 Der neunte Monat der Athener, dessen erstes Drittel in unsern Marz, und der Rest in unsern April fallt. W.
31. Brief.
120 Gottin des Glucks. 121 Milet, vielleicht die uppigste Stadt Kleinasiens, war reich an Liebesgeschichten, und den Anfang aller Romane machen die Millesiaka, d.i. Milesische Geschichten oder Mahrchen eines gewissen Aristides aus Milet. Unter Milesischen Mahrchen verstand man daher das, was man spaterhin Romane nannte. Da Aristides um vieles spater lebte als Aristipp, so kann dieser freilich den Namen nicht von jenem entlehnt haben.
32. Brief.
122 Der zehnte Monat der Athener, der dem letzten Drittel des Aprils, und den zwei ersten des Mai's entspricht. W. 123 Vermuthlich dachte Wieland hier mehr an Gessner als an Theokrit; aber auch an diesen, spater als er Lebenden, hatte Aristipp nicht denken konnen. Zu seiner Zeit gab es noch keine Idyllen in unsern Sinne, und als es welche gab, wurde sich doch wohl Lais durch die Vergleichung mit einer Arkadischen Schaferin wenig geschmeichelt gefuhlt haben. 124 S. Plinii Hist. Natur. L. 35. c. 11. Euphranor fecit et Colossos, et marmora, ac scyphos scalpsit; docilis et laboriosus ante omnes et in quocunque getur expressisse dignitates Heroum et usurpasse symmetriam; sed fuit universitate corporum exilior, capitibus articulisque grandior. Volumina quoque composuit de Symmetria et coloribus. Alles diess hangt nicht sonderlich zusammen, scheint aber durch das, was Aristipp in diesem Briefe von Euphranorn sagt, und diesen selbst sagen lasst, wenigstens was den ihm gemachten Vorwurf betrifft, ein ziemlich befriedigendes Licht zu erhalten. W. 125 Einer der streitbarsten Helden der Griechischen Heroenzeit, bekannt durch seine Theilnahme an der Argonautenfahrt und der Jagd gegen den furchtbaren Kalydonischen Eber. 126 Als wackere Schmauser und Freunde von Lustbarkeiten aus der Odyssee bekannt. 127 Thesmotheten, hiessen zu Athen unter den neun jahrlichen Archonten die sechs letztern, denen die Oberaufsicht uber die Vollziehung der Gesetze anvertraut war. W.
33. Brief.
128 Von diesem Horne wissen die Alten vielerlei zu erzahlen. Es hatte einer Ziege gehort, und Zeus schenkte es den Nymphen, die ihn auferzogen hatten, und gab ihm die Kraft ihnen alles, wessen sie bedurften, zu spenden. Dadurch wurde es zu dem beruhmten Horn des Ueberflusses. 129 Platons beruhmtes Gastmahl, denn dieses veranstaltete der tragische Dichter Agathon nach einem Siege, den er uber seine Mitbewerber um den poetischen Kranz errungen hatte. 130 A n a g n o s t e n , hiessen die Sklaven, deren Geschaft war, wahrend der Tafel vorzulesen, wozu sie theils mit der schonen Literatur bekannt, theils im Declamiren geubt seyn mussten. 131 Wer diese naher kennen zu lernen wunscht, der wird in Wolfs Einleitung zu seiner Ausgabe dieses Platonischen Dialogs volle Befriedigung finden. 132 Eine Art von weiblichem Staatsgewand. Besonders wurde die grosse prachtig gestickte Tapezerei so genannt, welche alle 5 Jahre an den grossen Panathenaen (einem Feste der Schutzgottin von Athen) in einem feierlichen Aufzuge aus dem Pompeion nach dem Tempel der Minerva gefuhrt und daselbst aufgehangen wurde. S. Voyage du jeune Anacharsis Vol. 2. pag. 491. W. 133 Der ungerechte Vortrag, der in den Wolken des Aristophanes als Streithahn auftritt. 134 ist ein schmahliches Beiwort, womit Aristophanes in seinen Wolken die sammtlichen Athener beschmitzt, und welches ich unter die unubersetzlichen gezahlt hatte, wenn die Lexikographen in diesem Stucke die Maxime der Cyniker, naturalia non sunt turpia, nicht so weit ausdehnten, dass sogar der beruhmte Professor Schneider in Frankfurt kein Bedenken getragen hat, es in seinem trefflichen Griechisch-deutschen Worterbuch mit der moglichsten Treue und Energie durch das neugestempelte Wort Weitarsch in unsre (ihrer Zuchtigkeit wegen mit Recht gepriesene) Sprache einzufuhren. W.
Voss hat, wie billig, da er einmal den Aristophanes ubersetzte, keine Anspruche darauf gemacht, zuchtiger zu seyn als der Lexikograph und der Dichter. Wieland selbst bei Uebersetzung dieser Stelle sagt: "Billige Leser werden, ohne mein Erinnern, von selbst einsehen, dass hier keine Moglichkeit war, das, was nun doch einmal gesagt werden musste, auf eine anstandigere Art zu sagen. Die gute Dame Dacier befand sich bei dieser Stelle, wie man denken kann, in einer schrecklichen Verlegenheit, und ihre beinahe schwarmerische Liebhaberei fur dieses Stuck lasst mich nicht zweifeln, dass sie sich nicht ohne einen harten Kampf endlich entschlossen habe, sich so schwer an den Aristophanischen Grazien zu versundigen, und den Vers 1079 fg. so zu dolmetschen dass sie sich nun genothigt sah, den Dikaologos auf alle die folgenden Fragen seines Gegners eine Antwort geben zu lassen, die den Witz ihres Lieblings bei ihren des Griechischen unkundigen Lesern um allen Eredit bringen musste." Da nun aber einmal hier auf eine so kitzliche Stelle Bezug genommen ist (S. die Anm. zum Peregrinus Proteus 1. Thl. Bd. 16), so muss doch noch hinzugefugt werden, dass unter den Euryprokten zu verstehen sind Ehebrecher, wegen des Rettigs, und Mannspersonen, die man in dem Sinne Weiber nennen kann, in welchem Julius Casar Konigin gescholten wurde. (Suet. c. 49) 135 Mystagog wurde bei den Eleusintschen und andern Mysterien derjenige Priester genannt, der die Aspiranten in das Heiligthum zum Anschauen Geheimnisse einfuhrte, und ihnen das, was sie horten und sahen, erklarte. Man begreift hieraus, in welchem Sinne Platons Diotima in Aristipps Symposion scherzweise die Mystagogin der Liebe genennt wird. W. 136 Die Wissenschaft der Liebe (bis jetzt noch nicht aufs reine gebracht). W. 137 Thorheit, Unsinn. A s e l g e i a Ueppigkeit, Wollust, Geilheit. 138 Lais sagt selbst, dass sie das Mahrchen von Amor und Psyche kaum zur Halfte erzahlte, und allerdings wurde das Weitere zu den Folgerungen, die hier daraus gezogen werden sollen, nicht gepasst haben. Desto besser aber durfte es zu der Platonischen Theorie gepasst, und wurde vielleicht uber diese noch andere, als die hier mitgetheilten, Ansichten verschafft haben. Auf jeden Fall wird man wohl thun, vor dem Endurtheil, auch hier Schleiermachers Einleitung zu dem Platonischen Gastmahl zu vergleichen.
37. Brief.
139 , wurde von solchen gesagt, die gegenseitig um den Vorrang in Schalkheit und Betrug mit einander wettelferten, denn Kreter und Aegineten standen in dem gleich schlimmen Rufe sehr betrugerisch zu seyn. Erasmi Adagia p. 72. Bei uns: es ist ein Fuchs an den andern gerathen.
38. Brief.
140 Die Argonauten sollen zuerst von der Mundung des Kolchischen Flusses Phasis jene bis dahin in Europa noch unbekannte Art von Huhnern gebracht haben, welche nachmals von jenem Flusse den Namen der Fasanen erhielten. Sie waren ihrer Schmackhaftigkeit wegen so beliebt wie die Aale aus dem See Kopais in Bootien, welche Aristophanes die leckersten Fische der Lecker nennt.
39. Brief.
141 Dieser unterscheidet gleich im Eingange seines Lehrgedichts eine tadelhafte und eine lobliche Eifersucht, und sagt von dieser letzten:
Sey unthatig ein Mann, sie erweckt ihn dennoch zur
Arbeit,
Denn so den andern etwa ein Arbeitloser im Wohl
stand
Schauete, flugs dann strebt er, den Acker zu baun,
und zu pflanzen,
Wohl auch zu ordnen sein Haus; mit dem Nachbar
eifert der Nachbar
Um den Ertrag: gut ist den Sterblichen solche
Beeifrung.
43. Brief.
142 Die Anekdote, auf welche Diogenes hier, mit so vieler Bescheidenheit als man von einem Cyniker nur immer verlangen kann, deutet, hat ihre Richtigkeit, wenn Athenaus, wenigstens was den Hauptpunkt betrifft, Glauben verdient. Wie sich diess mit dem Charakter unsrer Lais zusammenreimen lasse, macht uns der folgende Brief begreiflich. W.
48. Brief.
143 Fur Athen hatten anfangs die mit ihm verbundeten Inseln ihre Land- und Seemacht selbst gestellt, Kimon aber schlug vor, dass sie fortan nur Geldbeitrage liefern sollten, wodurch Athen nicht nur seine Staats-Einkunfte erhohte, sondern es auch in seine Gewalt bekam, Verbundete in Abhangige zu verwandeln, denn die Inseln verloren ihre Seemacht. Was nun erst Kriegssteuer gewesen war, wurde fortwahrend eingetreiben, und stieg immer hoher, von 460 Talenten unter Aristides, auf 600 unter Perikles, auf 800 unter Kleon, und in der Mitte des Peloponnesischen Krieges auf 121300. Auf dieses eiserne Capital wird hier ziemlich beissend angespielt. 144 Zur Unterhaltung des Krieges gegen die Perser trugen die Griechischen Stadte jahrlich eine Geldsumme bei, die in dem Tempel Apollons auf der diesem Gotte geweihten Insel in Delos niedergelegt wurde. Diesen Schatz brachte man, um grosserer Sicherheit willen, nach Athen, und Perikles bediente sich seiner, die Kosten der Baue zu bestreiten, wodurch er Athen verschonerte. Seine Vertheidigung, als man uber solche Verwendung Rechenschaft von ihm forderte, kann man bei Plutarch nachlesen. 145 Eine alte Sage leitete den Namen der Stadt Cyrene von einer Nymphe dieses Namens, des Hypseus Tochter, ab. Dass diese spaterhin zu Cyrene als Gottin verehrt ward, ist nicht zu bezweifeln, und auf Munzen dieses Staates finden wir noch ihr Bildniss. Eben so wenig lasst sich eine hohe literarische und kunstlerische Bildung der Cyrener bezweifeln, und vielleicht behauptete nur Athen in dieser Hinsicht den Vorrang. Es ist wohl nicht uberflussig, hiebei aufmerksam zu machen auf Joh. Pet. Thrige's Historia Cyrenes inde a tempore, quo condita urbs est, usque ad aetatem, qua in provinciae formam a Romanis est redacta. Kopenhagen 1819. 146 Dass in Athen die Frauen das Schauspiel nicht besucht haben, ist in neuerer Zeit von den Meisten als ausgemacht angenommen. Eine scharfsinnige Untersuchung daruber findet man im Teutschen Merkur vom J. 1796 St. 1. Waren die Frauen in Athen Zuschauerinnen bei den dramatischen Vorstellungen? Indess scheint die Untersuchung doch noch nicht als geschlossen betrachtet werden zu durfen.
49. Brief.
147 Das Wort Paradeisos haben wenigstens die Griechen von den Persern, bei denen es Firdevss lautet, und einen Park im eigentlichen Sinne bedeutet, d.i. einen Thiergarten. Die Perser haben es wahrscheinlich aus Indien. 148 S. Bd. 10 149 S m y r n a , bei andern M y r r h a genannt Ihre Mutter hatte sich geruhmt, schoner als Venus zu seyn, und die Gottin rachte das Verbrechen der Mutter an der Tochter dadurch, dass sie dieser eine leidenschaftliche Liebe zu ihrem eigenen Vater einflosste. Vergebens sucht sie die unnaturliche Leidenschaft zu unterdrucken, taglich mehr wachst ihre Sehnsucht, welken ihre Relze, und sie ist schon im Begriff ihr Leben zu enden, als die mitleidige Amme ihr das schreckliche Geheimniss abpresst. Nachtliche Zusammenkunfte werden veranstaltet, und der Vater kennt nicht die, die deckt, ergreift ihn Wuth, und mit dem Schwert in der Hand verfolgt er die Ungluckliche. In Ermudung und Angst ruft sie endlich der Gotter Mitleid an, und sie wird in eine Stande ihres Namens verwandelt (Myrrhe), aus deren Rinde ein wunderschoner Knabe, Adonis, hervorgeht. 150 Vermuthlich dachte Lais hiebei an die Helena des Euripides in den Troerinnen, die zu ihrem beleidigten Gemahl sagt: die Gottin strafe, die auch die Gotter beherrscht; mir gebuhrt Verzeihung. 151 S. Bd. 27.
51. Brief.
152 Athenaus hat uns ein ziemlich grosses Bruchstuck aus der Anti-Lais dieses sonst unbekannten Dichters im dreizehnten Buch seines beinahe aus lauter Fragmenten zusammengesetzten Gelehrtenschmauses aufbehalten, welches zum Belege alles dessen, was hier von ihm gesagt wird, dienen kann, und wovon eine meisterhafte Uebersetzung in der Abhandlung meines gelehrten Freundes J. uber die Griechischen Hetaren, im zweiten Hefte des dritten Bandes des Attischen Museums zu finden ist. W.
52. Brief.
153 Wie diese prophetische Vermuthung Aristipps vornehmlich in dem goldnen Zeitalter der nie genug zu preisenden Kaiser Hadrian und beider Antonine in Erfullung gegangen, davon finden sich, unter andern, in Lucians Nigrinus, wo er das damalige Athen mit dem damaligen Rom so treffend contrastiren lasst, sehr schone Beweisstellen. W.
53. Brief.
154 Anspielung auf eine Anekdote, welche Diogenes der Laerter und Athenaus von Aristipp erzahlen, und woruber Cicero in einem Briefe an Patus (in Wielands Uebersetzung Bd. 5 S. 205) so schreibt: "errothete doch auch der beruhmte Sokratiker Aristippus nicht, als ihm vorgeworfen wurde, er habe die Lais. Wahr ist's, sagte er, ich habe sie, aber sie hat mich nicht. Auf Griechisch lasst sich das artiger sagen: versuche du einmal es besser zu ubersetzen, wenn du Lust hast." Man halt schon darum diese Replik fur unubersetzbar, weil sie im Griechischen nur aus drei Worten
besteht: , (habeo, non habeor bei Ci
cero). Ausser dieser Kurze aber liegt ein noch weniger die Anm. von Schutz zu dieser Stelle Cicero's Epp. 4, 435). Dieser Doppelsinn ware nun hier glucklicher als irgendwo erreicht, aber nicht die Kurze. 155 D.i. gleichgultig gegen ihre Liebe zu bleiben. Hippolytus ist bekannt aus des Euripides Tragodie dieses Namens und aus Racine's, von Schiller ubersetzter, Phadra. 156 Von diesem Haupthelden der Ilias wird erzahlt, dass wegen einer Weissagung, er werde vor Troja seinen Tod finden, seine besorgte Mutter ihn dem Lykomedes ubergeben habe, der ihn, um ihn desto sicherer zu verbergen, in Frauentracht unter seine Tochter mischte. Im Griechischen Lager hatte man indess die Weissagung, dass ohne Achilles Troja nicht erobert werden konnte. Man kundschaftete daher, erfuhr, und sendete Odysseus nach Skyros. Der Listige brachte unter weiblichen Geschenken fur die Tochter auch Waffen mit, und bei deren Anblick verrieth sich der junge Held. 157 Pausanias wird er im folgenden Briefe nach Athenaus, bei Plutarch Hippolochus, bei andern Eurylochus, Aristonikus und Hippostratus genannt.
55. Brief.
158 Gastgeschenk. Nach Griechischer Sitte wurde jedem Gaste, wenn er sich wieder entfernte, noch irgend ein kleines Geschenk gegeben.
Dritter Band.
1.
Aristipp an Eurybates.
Ich habe mich gewohnt mir einzubilden dass es meinen Freunden sehr wohl ergehe, wenn sie mich lange nichts von sich horen lassen, und es ware mir lieb, wenn sie sich eben dasselbe von mir vorstellen wollten. In der That hat die Zeit fur niemand schnellere Flugel als fur die Glucklichen; und wenn man auch vielbeschaftigte Personen sagen hort, dass ihnen Tage zu Stunden werden, so geschieht diess doch meistens nur, wenn sie sich aus eigener Wahl und mit Dingen, die ihnen in einem hohen Grade wichtig oder angenehm sind, beschaftigen; denn bei Arbeiten dieser Art fuhlt man sich nicht minder glucklich, ja vielmehr noch glucklicher als im Genuss eines nicht mit Arbeit erkauften Vergnugens. Bei allem dem gestehe ich, lieber Eurybates, wir haben uns beinahe zu viel darauf verlassen, dass wir einander nicht unentbehrlich sind, und wenn wir es noch lange so forttrieben, konnt' es, wiewohl gegen unsre Meinung, doch so weit mit uns kommen, dass wir einander vor lauter Wohlbefinden endlich ganz vergassen. Denke indessen nicht, dass ich mir ein Verdienst daraus machen wolle, dir in Erneuerung unsers Briefwechsels zuvorgekommen zu seyn. Du weisst, es ist meine Sache nicht, meinen Handlungen einen gleissenden Anstrich zu geben, und fur weiser oder uneigennutziger angesehen seyn zu wollen, als wir andern anspruchlosen Leute gewohnlich zu seyn pflegen. Kurz, ich habe zwei sehr eigennutzige Ursachen dir zu schreiben: die erste, dass mir das Verlangen nach zuverlassigen Nachrichten von dir selbst und allem was zu dir gehort, und von der schonen Athena uberhaupt durch so lange Nichtbefriedigung peinlich zu werden anfangt; die andere, dass ich vielleicht durch dich aus meiner Ungewissheit uber das Schicksal unsrer Freundin Lais gezogen zu werden hoffe. Zwei Jahre sind bereits voruber, seitdem sie, im Begriff Korinth und das sudliche Griechenland auf immer zu verlassen, mit den ahnungsschweren Worten von mir und Kleonidas Abschied nahm: "wenn ich an den Ufern des Peneus die Ruhe wieder finde, werdet ihr mehr von mir horen: wo nicht, so lasst mich in euerm Andenken leben und seyd glucklich." Sie hat in dieser langen Zeit nichts von sich horen lassen, und ich kann mich nicht erwehren ihrentwegen in Sorgen zu seyn; denn wofern es ihr nicht ginge wie wir wunschen, so bin ich nur allzu gewiss, dass sie zu stolz ist Hulfe von ihren Freunden anzunehmen, geschweige bei ihnen zu suchen.
Wir genugsamen Cyrener befinden uns bei unsrer goldnen Mittelmassigkeit so wohl, dass wir uns wenig um die besondern Umstande der ewigen Zwistigkeiten und Fehden bekummern, welche Eifersucht, Ehrgeiz und Begierde immer mehr zu haben zwischen Athen und Sparta, und uberhaupt zwischen dem Dorischen und Ionischen Stamm der Hellenen niemals ausgehen lassen werden. Alles was ich seit einiger Zeit von dem Uebermuth, womit die Spartaner sich der ihnen aufgetragenen Vollziehung des Friedens des Antalcidas uberheben, vernommen habe, lasst mich einen nahe bevorstehenden neuen Ausbruch des allgemeinen Missvergnugens der Stadte vom zweiten und dritten Rang vermuthen, wovon die Athener ohne Zweifel Gelegenheit nehmen werden, sich der Herrschaft des Meers wieder zu bemachtigen, auf deren langen Besitz sie ein vermeintes Zwangsrecht grunden, welches ihnen von den ubrigen Seestadten freiwillig niemals zugestanden werden wird.
Inzwischen erheben sich im nordlichen Griechenlande, wie uns neuerlich ein reisender Byzantiner berichtet, zwei neue Machte; eine seit ungefahr vierzig Jahren unvermerkt heran gewachsene Republik, und ein vor kurzem noch unbedeutender Furst; welche, wenn man ihren raschen Fortschritten noch einige Zeit so gleichgultig wie bisher zusehen wurde, beide der bisherigen Verfassung der Hellenen eine grosse Veranderung drohen. Du siehest dass ich von Olynthus in der Chalcidice1 und von dem Thessalischen Fursten Jason2 rede, der, nach allem was der Byzantiner von ihm erzahlt, den Unternehmungsgeist seines alten Namensverwandten in der Heldenzeit mit der Tapferkeit Achills und der Besonnenheit des erfindungsreichen Ulysses verbindet, und kein Geheimniss mehr daraus macht, dass er nichts Geringeres vorhabe, als das alte Mutterland der Hellenen wieder in sein schon so lange her verscherztes vormaliges Ansehen zu setzen, und die Macht des gesammten Griechenlands darin zusammen zu drangen, um sodann, an der Spitze aller Abkommlinge Deukalions, das Griechische Asien auf immer vom Joche der Perser zu befreien. Meiner Meinung nach konnte euern ubelberathenen, die wahre Freiheit und ihr wahres Interesse ewig verkennenden Freistaaten nichts Glucklicheres begegnen, als wenn es diesem edeln Thessalier gelange seinen grossen Gedanken auszufuhren.
Aergere dich nicht, lieber Eurybates, mich so philotyrannisch reden zu horen; meine Vorliebe zur Monarchie dauert gewohnlich nur so lange, als ich in einem demokratischen oder oligarchischen Staat lebe, und ich bin der Freiheit nie warmer zugethan, als da wo ein Einziger alle Gewalt in Handen hat. Ein weiser und edel gesinnter Monarch weiss jedoch beides sehr gut mit einander zu vereinigen; nur Schade, dass die weisen und guten Monarchen ein eben so seltnes Geschenk des Zufalls sind als die weisen und guten Demagogen. Ist es nicht ein niederschlagender Gedanke, dass noch kein Volk auf dem Erdboden Verstand genug gehabt hat, das, was bisher bloss Sache des Zufalls war, zu einem Werke seiner Verfassung und seiner Gesetze zu machen? Und wo ist das Volk, von welchem ein solches Kunstwerk (vielleicht das grosste, dessen der menschliche Verstand fahig ist) zu erwarten ware, da das sinnreichste und gebildetste von allen, die Griechen, in so vielen Jahrhunderten noch nicht so weit gekommen ist, sich den Unterschied zwischen Regierung und Herrschaft deutlich zu machen, und einzusehen, dass wohl regieren eine Kunst, und in der Ausubung zwar eine der schwersten, aber doch, so gut wie jede andre, zu erlernen und auf feste Grundsatze zuruckzufuhren ist? Das schlimmste ist nur, dass die Kunst wohl zu regieren, wenn sie auch gefunden ware, ohne die Kunst zu gehorchen wenig helfen konnte; oder mit andern Worten: dass das Volk zum Gehorchen eben so wohl erzogen und gebildet werden musste, als seine Obern zum Regieren. Der Gesetzgeber der Lacedamonier ist meines Wissens der einzige, der diess eingesehen hat; und dass die Verfassung, die er ihnen gab, der Natur zum Trotz langer als irgend eine andere gedauert hat, ist, denke ich, hauptsachlich der sonderbaren Erziehung beizumessen, an welche alle Burger von Sparta durch seine Gesetze gebunden sind.
Ich fur meine Person werde immer und uberall frei gestehen, dass mir die Worter Herr und Herrschaft eben so herzlich zuwider sind als Knecht und Knechtschaft; ich will regiert seyn, nicht beherrscht; wenn ich aber doch ja einen Herrn uber mich dulden muss, so sey es ein einziger Agamemnon, nicht alle Heerfuhrer und am allerwenigsten das ganze Heer der Achaier3. Da jedoch die Wahl nicht immer in meiner Willkur steht, so werde ich mich, im Nothfall wenigstens bis uns Plato mit seiner Republik beschenken wird, mit meiner Philosophie zu behelfen wissen, die mich allenthalben unter leidlichen Umstanden so glucklich zu seyn lehrt als ich billigerweise verlangen kann; und leidlich sollte sie mir sogar den Schnappsack und Stecken unsers Freundes Diogenes machen, wenn der einzige Herr, den ich gutwillig uber mich erkenne, die allmachtige Gottin Anangke4 jemals Belieben tragen sollte, mich auf so wenig Eigenthum herabzusetzen; ein Fall, wovor der grosse Konig zu Persepolis am Ende nicht sicherer ist als ich.
2.
Eurybates an Aristipp.
Das zweideutige Mittelding von Knabe und Jungling, aus dessen Handen du diesen Brief erhalten wirst, lieber Aristipp, tragt so deutliche Merkmale seiner Abkunft in seinem Gesichte, dass er euch hoffentlich beim ersten Anblick lebhaft genug an Droso und Eurybates erinnern wird, um ihn ohne scharfere Untersuchung fur den, wofur er sich ausgibt, gelten zu lassen, und als solchen gastfreundlich aufzunehmen. Ich glaubte dir nicht besser beweisen zu konnen, dass Zeit und Entfernung meine dir langst bekannten Gesinnungen nicht geschwacht haben, als indem ich dir meinen Sohn Lysanias unangemeldet zuschickte, in voller Zuversicht, dass du ihn fur einige Zeit unter deine Hausgenossen aufnehmen, und des Gluckes unter deinen Augen zu leben wurdigen werdest. Es ist nun seine eigene Sache, sich euch durch sich selbst zu empfehlen. Ihr werdet wenigstens finden, dass er euch, wie billig, nicht als ein roher Marmorblock zugefertiget worden ist. Er hat drei Jahre lang die Schule unsers beruhmten Isokrates, und in dem letzt verfloss'nen sogar die Akademie besucht; und da sein noch grunes Alter ihm den Zutritt zu den Geheimnissen der Philosophie verwehrte, welche der gottliche Plato in ein beinahe noch dichteres Dunkel einhullt als jenes, das die heiligen Mysterien zu Eleusis umgibt, so hat er wenigstens von dem exoterischen Unterricht unsers Attischen Pythagoras so viel mit genommen als er aufpacken konnte.
Die Wahrheit zu sagen wunsche ich auch nicht, dass mein Sohn und Erbe sich jemals so hoch versteige, um unter die Dinge uber uns zu gerathen, oder gar bis zu den Ideen unsers grossen Sehers empor zu dringen, und bis zu der hehren "Gottin Anangke und ihrem vom Gipfel des Lichthimmels herabhangenden, unermesslichen stahlernen Spinnrocken und ihrer wundervollen Spindel mit den acht in einander steckenden Wirteln, auf deren jedem eine Sirene sitzt, die ihren eigenen aber immer eben denselben Ton von sich gibt, wozu die Moiren, Lachesis, Klotho und Atropos, wahrend sie unsre Schicksale spinnen, sich die Zeit damit kurzen, alle drei zugleich, Lachesis das Vergangene, Klotho das Gegenwartige, und Atropos das Kunftige zu singen;" wie du aus dem zehnten Buch der wundervollen Republik mit mehrerem vernehmen wirst, von welcher, als einer der neuesten uberirdischen Erscheinungen aus der Akademie, Lysanias dir eine von unserm Freunde Speusipp selbst berichtigte Abschrift uberbringt. Wenn du mir gelegentlich dein Urtheil uber dieses sonderbare Kunstwerk, so ausfuhrlich als Lust und Musse dir's gestatten werden, mittheilen wolltest, wurdest du mir keine geringe Gefalligkeit erweisen: denn mein eigenes macht mit den dithyrambischen Lobgesangen seiner Bewunderer einen so hasslichen Missklang, dass es unbescheiden ware, wenn ich nicht einiges Misstrauen in seine Vollgultigkeit setzte. Aufrichtig zu reden, Aristipp, ich hab' es noch nicht uber mich gewinnen konnen, das ganze Werk von Anfang bis zu Ende zu durchlesen; ich kenn' es nur aus einigen Bruchstucken, und wurde dir daher desto mehr Dank wissen, wenn du mich durch einen umstandlichen Bericht, wie du das Ganze gefunden hast (einen vollstandigen Auszug darf ich dir nicht zumuthen), in den Stand setzen wolltest, mir einen hinlanglichen Begriff davon zu machen.
Es wird dir nicht entgehen, dass mein Lysanias mit einer gewissen naturlichen Anmuthung zu den Spindeln, Wirteln, Sirenen und singenden Spinnerinnen des gottlichen Platons auf die Welt gekommen ist. Um so nothiger fand ich, ihn bei Zeiten in einen gesellschaftlichen Kreis feingebildeter aber unverkunstelter und unverschrobener, vorzuglicher aber anspruchloser, mit Einem Wort, unverfalschter und (wenn ich dir eine deiner Redensarten abborgen darf) menschlicher Menschen zu bringen, unter welchen er sich an eine naturliche Ansicht der Dinge gewohnen, fur alles Menschliche das rechte Mass finden, und sich in allem auf der Mittellinie zwischen zu wenig und zu viel mit Sicherheit und Leichtigkeit sein ganzes Leben durch fort bewegen lernen konne.
Ich wurde einen meiner angelegensten Wunsche erfullt sehen, wenn Lysanias bei euch den Beschaftigungen und Freuden des Landlebens Geschmack abgewinnen, und bei taglichem Anblick der Gluckseligkeit etlicher durch Uebereinstimmung der Gemuther und wechselseitiges Wohlwollen noch enger als durch die Bande der Anverwandtschaft und Verschwagerung vereinigter Familien, den hohen Werth des hauslichen Gluckes schatzen lernte. Er ist mein einziger Sohn; ich mochte ihn einst als einen glucklichen Menschen hinter mir lassen, und ich habe keine Lust ihn einer Republik aufzuopfern, in welcher der Uebermuth und thorichte Dunkel des zu herrschen wahnenden, aber jedem kecken Schwatzer zu Gebote stehenden Pobels taglich ausschweifender, die Unredlichkeit der Demagogen, die ihm den Ring durch die Nase gezogen haben, immer schreiender, die Maximen, nach welchen man handelt, immer widersinnischer, der gegenwartige Zustand immer heilloser, und die Aussicht in die Zukunft immer truber werden. Der gute Plato hat uns mit seiner erhabenen, aber nur gar zu hoch hinauf geschraubten Philosophie, die er zur bosen Stunde der schlichten Sokratischen untergeschoben hat, im Ganzen nicht um einen Schritt vorwarts gebracht; und wie sollt' er auch? Wahrlich, die Behauptung in seinem Menon5, dass die Tugend keine Frucht des Unterrichts und der Erziehung seyn konne, ist nicht sehr geschickt eine bessere Erziehung unsrer immer mehr verwildernden Jugend zu befordern; und was ein noch so fein und zierlich ausgearbeitetes Modell einer Republik idealischer Menschen, die von lauter leibhaften Platonen nach idealischen Gesetzen zu einem idealischen Zweck regiert werden, uns Athenern und allen ubrigen eben so unplatonischen Hellenen helfen soll wenn du es ausfindig machen kannst, lieber Aristipp, so wirst du mich durch die Mittheilung sehr verbinden. Was ich taglich sehe ist, dass die um uns her aufschiessende neue Generation (vermuthlich zu grossem Trost unsers Philosophen) alle mogliche Hoffnung gibt, noch schlechter als ihre schon so sehr ausgearteten Vater zu werden, und also fur die Wahrheit seiner Behauptung, dass ausser einer Republik von Philosophen seines Schlags kein Heil sey, noch handgreiflicher beweisen wird als wir.
So wie die Sachen dermalen bei uns stehen, kann ein ehrlicher Mann, der nicht das Opfer eines vergeblichen und lacherlichen Heldenthums zu werden Lust hat, keine bessere Partei ergreifen, als nach dem Beispiel unsrer wackern Grossvater sich auf seine Hufe zuruckzuziehen, seiner Oelbaume und Knoblauchfelder zu warten, seinem Hauswesen vorzustehen, und sich von allen Versuchungen der unter der schonen Larve der Vaterlandsliebe sich verbergenden Ruhmsucht und Begierde den Meister zu spielen so rein als moglich zu erhalten.
Bei allem dem konnen doch in Zeitlaufen, wie die unsrigen, Falle eintreten, wo man schlechterdings zwischen zwei Uebeln wahlen muss, und, um nicht durch die Untuchtigkeit oder Treulosigkeit des Schiffers, auf dessen Fahrzeug man sich befindet, zu Grunde zu gehen, genothigt ist selbst Hand anzulegen, und zu Erhaltung des Ganzen mit Rath und That beizutragen. In dieser Rucksicht wird es dann freilich nothig seyn, dass Lysanias, ausser den gewohnlichen gymnastischen und andern Leibesubungen, sich hauptsachlich in den beiden Kunsten, die einem hellenischen Staatsmann und Kriegsbefehlshaber die unentbehrlichsten sind, der Redekunst und der Kunst die Menschen recht zu behandeln, so geschickt zu machen suche als nur immer moglich seyn wird. In der letztern kann ihn niemand weiter bringen als du selbst; zur erstern hat er unter Isokrates einen so festen Grund gelegt, dass es bloss einer fleissig fortgesetzten Uebung unter den Augen eines guten Meisters bedarf. Ich habe ihn desswegen noch besonders an deinen Freund und ehmaligen Zogling Antipater empfohlen, der, nach einem langen Aufenthalt unter uns, mit allen Schatzen der Griechischen Musen beladen zu euch zuruckgekehrt ist, und auch durch die genaue Kenntniss, die er sich von dem Innern unsrer zahllosen Republiken und ihren Verhaltnissen gegen einander erworben hat, dem jungen Menschen nutzlich werden konnte. In allem diesem, Aristipp, wird, wie ich zuversichtlich hoffe, deine Gesinnung fur den Vater auch dem Sohne zu Statten kommen, und ich werde dir und deinen Freunden in seiner mit eurer Hulfe vollendeten Bildung die grosste aller Wohlthaten zu danken haben.
Nun noch ein Wort von unsrer Freundin Lais. Auch ich nehme an der schonsten und liebreizendsten aller Weiber, die seit der schonen Helena die Mannerwelt in Flammen gesetzt haben, zu warmen Antheil, um nicht zu wunschen, dass ich dir die angenehmsten Nachrichten von ihr zu geben haben mochte: aber mit allen moglichen Nachforschungen ist von ihrem dermaligen Aufenthalt und Zustand nichts Zuverlassiges zu erhalten gewesen, wiewohl es an allerlei einander widersprechenden und mehr oder weniger ungereimten Geruchten nicht fehlt. Ich besorge sehr, die Moiren6 spinnen ihr nicht viel Gutes. So viel scheint gewiss, dass ihr Vorsatz, sich in Thessalien anzusiedeln, nicht zu Stande gekommen ist. Der heillose Mensch, der ihr ganzes Wesen auf eine so unbegreifliche Art uberwaltiget hat, scheint ihr nicht Zeit dazu gelassen zu haben. Er fuhrte sie wie im Triumph von einer Thessalischen und Epirotischen Stadt zur andern, machte uberall grossen Aufwand, und verliess sie endlich (sagt man) wie Theseus die arme Ariadne auf Naxos, ohne sich zu bekummern was aus ihr werden konnte. Sobald ich diese Nachricht aus einer ziemlich sichern Hand erhielt, schickte ich einen meiner Freigelass'nen, auf dessen Verstand und Treue ich rechnen darf, mit dem Auftrag ab, wofern es nothig ware ganz Thessalien, Epirus und Akarnanien zu durchwandern, um sie aufzusuchen und Nachrichten von ihr einzuziehen. Learch zu Korinth that eben dasselbe, und unser Vorsatz war, sie, sobald sie gefunden ware, mit moglichster Schonung ihres Zartgefuhls zu bewegen, uberall wo sie kunftig zu leben gedachte, uns die Sorge fur ihre Haushaltung zu uberlassen. Aber, wie gesagt, bis itzt ist es unmoglich gewesen auf ihre Spur zu kommen. Wir geben indessen noch nicht alle Hoffnung auf, und sobald wir etwas entdecken, soll es dir unverzuglich mitgetheilt werden. Wenigstens haben wir so viel mit unsern Nachforschungen gewonnen, dass alle uber ihren Tod und die Art ihres Todes herumlaufenden Geruchte bei genauerer Untersuchung falsch befunden worden sind. Mit wie vielem Vergnugen wurde ich sie in den Besitz des schonen Witthums wieder einsetzen, wo der edle Leontides ihr auf alle Falle eine ruhige und angenehme Freistatte gegen alle Zufalle des Lebens zu hinterlassen glaubte!
Was euch der Byzantiner von dem schnellen Wachsthum der neuen Chalcidischen Republik Olynthus und von den weit aussehenden Entwurfen des Thessalischen Fursten Jason berichtet hat, bestatigt sich alle Tage mehr. Der letztere ist wirklich ein Mann von seltnen und glanzenden Eigenschaften, ganz dazu gemacht sein Vaterland aus dem politischen Nichts, worin es beinahe seit der Heroenzeit gelegen, hervorzuziehen, und ihm die ganze Wichtigkeit zu verschaffen, die es vermoge seiner Lage, Fruchtbarkeit und starken Bevolkerung schon langst hatte behaupten konnen, wenn seine Krafte in einen einzigen Punkt zusammengedrangt gewirkt hatten. Was Olynthus betrifft, so hat sie sich nicht nur zum Haupt einer beinahe allgemeinen Bundesvereinigung aller Stadte der Chalcidice erhoben, sie hat sogar einen ansehnlichen Theil der Macedonischen Provinz Pierien an sich gebracht, den unmachtigen Amyntas aus seinem Konigssitz zu Pella7 vertrieben, und sich unter den benachbarten Thracischen Volkerschaften einen bedeutenden Anhang zu verschaffen gewusst; kurz sie ist bereits machtig genug, eine ganzliche Unabhangigkeit von Athen und Sparta behaupten zu konnen; zumal da Jason (der einzige im nordlichen Griechenland, der ihrer Vergrosserungssucht Granzen zu setzen vermochte) es naturlicher Weise seinem Interesse gemasser findet, mit dieser neuen Republik in gutem Vernehmen zu stehen. Dass beide unsrer Aufmerksamkeit nicht entgangen sind, kannst du dir leicht vorstellen. Beide, vorzuglich aber der Held des Tages Jason, versehen unsre Versammlungsplatze, Markte und Hallen reichlich mit immer frischen Neuigkeiten, und wenn du uns reden horen konntest, musstest du glauben, die Athener hielten sich dem letztern noch sehr verbunden, dass er nicht mude wird, ihnen so viel Stoff zu zeitkurzenden Unterhaltungen zu geben. Denn dass wir von den Fortschritten, die er in Thessalien und den angranzenden Landschaften macht, etwas fur uns selbst befurchten sollten, dazu ist er noch zu weit von uns entfernt; und sollte die Gefahr wider Vermuthen grosser werden, "so sind wir ja auch da, und im Nothfall findet sich wohl immer, mit oder ohne unser Zuthun, ein Dolch, der den luftigen Entwurfen eines kleinen Thessalischen Parteigangers auf einmal ein Ziel setzt." Mit den Olynthiern, deren taglich zunehmende Seemacht billig unsre Eifersucht reizen sollte, scheint es zwar eine andre Bewandtniss zu haben: aber "was ist denn am Ende das Olynth, das wie ein Pilz seit gestern aus dem Boden auftauchte, gegen die uralte, weltberuhmte, von Pallas und Poseidon und allen andern Gottern begunstigte Athena? und was werden diese Chalcidier gegen die Abkommlinge der unuberwindlichen Manner von Marathon und Salamis ausrichten? Lass' sie sich doch vergrossern und ausbreiten so gut sie konnen, sie arbeiten doch nur fur uns! Wir konnen der Zeitigung dieser schonen saftreichen Frucht ruhig zusehen, sicher dass wir sie pflucken werden, sobald sie uns reif genug zu seyn dunken wird." So, mein Freund, denkt und spricht man in Athen, und sieht daher mit der grossten Gleichgultigkeit den Anstalten zu, welche die herrschlustigen Spartaner, als Vollzieher und Schirmherren des Friedens des Antalcidas, zu machen im Begriff sind, um etliche kleine, von ihnen selbst aufgehetzte Stadte gegen die Olynthier in Schutz zu nehmen, und sich mit diesen in eine Fehde einzulassen, "von welcher wir, wie sie auch ausfallen mag, immer den Vortheil haben werden im Truben zu fischen, und uns um so leichter wieder zu Herren des Meers zu machen, da, allem Ansehen nach, entweder Sparta oder Olynth in den Fall kommen wird, unsern Beistand suchen zu mussen."
Diese eben so unkluge als unedle Art von Politik ist nun einmal unter uns Griechen herrschend geworden, und wird (wie du sehr richtig voraussiehst) uber lang oder kurz den Verlust unsrer Freiheit zur Folge haben. Ein Staat, der von seiner Unabhangigkeit keinen weisern Gebrauch macht als wir, und es immer nur darauf anlegt, alles rings um sich her zu unterdrucken und seiner Willkur zu unterwerfen, ist eben so unfahig als unwurdig seine eigene Freiheit zu behaupten, und bereitet thorichter Weise die Fesseln sich selbst, die er unaufhorlich fur alle andern schmiedet. Aber wie weit sind wir Athener noch entfernt, uns eine solche Katastrophe der ewigen Tragodie, die wir in Griechenland spielen, traumen zu lassen? Wir sehen mit hamischer Schadenfreude zu, wie das stolze, gewaltthatige und unersattliche Sparta sich allen Griechen taglich verhasster und unertraglicher macht, und kein warnender Damon flustert uns zu, dass die Spartaner nichts thun, als was wir selbst an ihrer Stelle so lange gethan haben und mit Freuden wieder thun werden, sobald das Uebergewicht wieder auf unsrer Seite seyn wird.
Wie hoch haben die Stifter von Cyrene sich um ihre Nachkommen verdient gemacht, da sie euch jenseits des libyschen Meeres, unter dem heitersten Himmel und auf dem fruchtbarsten Boden, eine so schone und sichere Freistatte bereiteten; weit genug von der sturmischen Hellas entfernt, um weder mit Gewalt in den Wirbel unsrer Handel hinein gerissen zu werden, noch in Versuchung zu gerathen, euch freiwillig darein zu mischen. Wohl euch bei eurer goldnen Mittelmassigkeit! Cyrene wird vermuthlich niemals eine bedeutende Rolle in der Geschichte spielen; aber in Hinsicht auf Gluckseligkeit ist es mit Volkern und Staaten wie mit einzelnen Menschen: man wird immer unter denen, die sich still und unbekannt durchs Leben schleichen, mehr gluckliche finden, als unter denen, die am meisten Aufsehen, Gerausch und Staub um sich her machen.
3.
Aristipp an Eurybates.
Der schone Lysanias hat sich durch sein sittsames, anmuthiges und gefalliges Wesen bereits nicht weniger Freunde in Cyrene erworben als Personen sind, mit welchen er bekannt zu werden Gelegenheit hatte. An einem jungen Cekropiden sind diess so seltene Tugenden, dass man beinahe, wo nicht an seiner Attischen Autochthonie, wenigstens an seiner Erziehung in Athen zweifeln musste, wenn er nicht von so vielen andern Seiten eine Bildung zeigte, die man in seinem Alter nur zu Athen erhalten haben kann. Mit Einem Worte, Freund Eurybates, die Grazien haben ihm bei seiner Geburt zugelachelt und ihn mit der Gabe zu gefallen beschenkt, der kostlichsten aller Gottergaben, die ihrem Besitzer in allen Verhaltnissen des Lebens unzahlige Vortheile bringt, und nur dann gefahrlich wird, wenn er sich selbst zu sehr gefallt. Bis itzt scheint unser junger Freund von dieser Untugend vollig frei zu seyn; nichts an ihm verrath dass er sich seiner Liebenswurdigkeit bewusst sey; im Gegentheil beweiset die Art, wie er das Wohlgefallen, so wir alle an ihm haben, aufnimmt, dass er, weit entfernt es fur einen schuldigen Tribut zu halten, uns vielmehr dafur, als fur eine ganz freiwillige Aeusserung unserer Gutherzigkeit und Wohlmeinung mit ihm, verbunden zu seyn glaubt. Dass er in dieser schonen Unbefangenheit erhalten, und weder durch zu vieles Liebkosen verzartelt, noch durch Schmeichelei eitel und einbildisch gemacht werde, soll eine der angelegensten Sorgen aller derer seyn, denen du dieses edle Gewachs zu pflegen anvertraut hast. Wir fuhlen den ganzen Werth deines Zutrauens, und werden uns beeifern es zu rechtfertigen. Inzwischen vereinigen sich Musarion und Kleone mit Kleonidas und mir, der schonen Droso zu danken, dass sie unsern Freund Eurybates mit einem so liebenswurdigen Erben beschenkt hat, und bitten sie versichert zu seyn, dass es nicht an ihrem guten Willen liegen soll, wenn er seine geliebte Mutter in Cyrene nicht doppelt wieder gefunden zu haben glauben wird.
Du siehest ohne mein Erinnern, dass sechzehn Jahre das Alter nicht sind, wo das Landleben fur einen in Athen aufgewachsenen Abkommling von Kodrus einen uberwiegenden Reiz haben konnte. Es wird aber auch zu deiner Absicht genug seyn, wenn er nur, durch oftere Abwechslung des stadtischen Lebens mit dem landlichen, das Nutzliche sowohl als das Angenehme des letztern immer besser kennen und schatzen lernt. Der Werth, den er uns auf die Arbeiten des Landmanns, auf Feldbau, Baumzucht und alle Arten von Anpflanzungen, legen sieht, wird ihn immer aufmerksamer auf diese Gegenstande machen; er wird sehen, bemerken, fragen, auch wohl zuweilen selbst Hand anlegen, und so unvermerkt zu Kenntnissen kommen, die er, sobald der Anfang einmal gemacht ist, bei jeder Gelegenheit zu vermehren suchen wird. Ich sehe mit Vergnugen, dass sich zwischen ihm und Kratippus, dem altesten Sohn meines Bruders, eine gegenseitige Zuneigung entspinnt, die zu einer dauerhaften Freundschaft zu erwachsen verspricht. Mein Neffe hat funf oder sechs Jahre mehr als dein Sohn, und weiss sich des kleinen Ansehens, so ihm dieser Vorsprung gibt, mit so guter Art zu bedienen, dass er wirklich mehr uber ihn vermag als wir andern alle. Lysanias zeigt eine Anhanglichkeit an seinen altern Freund, von welcher sich viel Gutes um so gewisser erwarten lasst, weil Kratippus nichts Liebkosendes in seinem Betragen hat, und fur die Lebhaftigkeit eines jungen Atheners eher zu trocken scheinen konnte. Wahrscheinlich wird diese Vorliebe zu meinem Neffen deinen Absichten forderlicher seyn, als alles was wir Aeltern dazu beitragen konnen. Mein Bruder besitzt grosse und eintragliche Landereien in allen Gegenden der Cyrenaika, und Kratippus hat sich aus angebornem Hang zum thatigen Landleben der Verwaltung der vaterlichen Guter ganzlich gewidmet. Diess veranlasst haufige kleine Reisen und einen langern oder kurzern Aufenthalt bald auf diesem bald auf jenem Gute. Lysanias, der nicht lange ohne seinen Freund leben kann, hat ihn also schon mehrmals begleitet, und findet an diesen landwirthschaftlichen Reisen, die ihm in einem der fruchtbarsten und angebautesten Striche des Erdbodens immer neue und anziehende Gegenstande, Ansichten und Genusse verschaffen, so viel Belieben, dass wir eher auf Mittel denken mussen, ihn in der Stadt zuruckzuhalten als ihm Neigung zum Landleben einzuflossen. Indessen, da es bei diesen Landpartien weniger um Ergotzlichkeiten als um Geschafte zu thun ist, und unser junger Gastfreund jedesmal gelehrter, verstandiger und gesetzter zuruckkommt, ohne einen andern Nachtheil davon zu haben, als dass die etwas madchenhafte Gesichtsfarbe, die er nach Cyrene brachte, unvermerkt eine braunliche Schattirung gewinnt; so halten wir es fur besser ihn hierin seiner eigenen Willkur zu uberlassen, und werden dennoch alles so einzurichten wissen, dass die ubrigen Zwecke seines Hierseyns nicht vernachlassiget werden sollen.
Seit kurzem, lieber Eurybates, habe ich auch von Learch einen Brief erhalten, der mir uber das Schicksal unsrer armen Lais nicht mehr Licht noch Trost gibt als der deinige. Wenn sie nirgends gefunden werden kann, und niemand etwas Zuverlassigeres von ihr zu sagen hat, als dass sie aus Pandasia, ihrem letzten Aufenthalt, plotzlich verschwunden sey; wenn der Taugenichts, dem sie sich aufgeopfert, sie in einer Lage verlassen hat, wo ihr keine andere Wahl blieb, als entweder die Hulfe ihrer Freunde anzunehmen oder zur Schmach einer gewohnlichen Hetare herabzusinken oder zu sterben so weiss ich was sie gewahlt hat. O mein Freund, der Stolz dieses so hochbegabten ausserordentlichen Weibes hatte keine Granzen; er musste ihr in einer solchen Lage das Herz brechen, und es brach! Das meinige sagt es mir sie hat gelebt!8 Und wohl hat sie, in der schonsten Hora des Lebens, gelebt, wie nur wenigen von Gottern Gezeugten oder ohne Mass Begunstigten zu leben vergonnt wird; und was auch das Loos ihrer letzten Tage war, uber die Natur und das Gluck hatte sie sich nicht zu beklagen; denn schwerlich haben beide jemals zugleich so viel fur eine Sterbliche gethan als fur sie. Ob sie nicht mit den Geschenken von beiden besser hatte haushalten konnen? ist eine Frage, welcher die Freundschaft itzt, da ihr Schicksal entschieden ist, auszuweichen strebt. Vielleicht hatten wir weniger schonend mit ihr umgehen sollen, da sie noch glucklich war? Diesen Vorwurf habe ich mir selbst schon mehr als Einmal gemacht, und kann jedesmal nicht umhin, mir selbst zu antworten: es wurde vergebens gewesen seyn; denn schwerlich hat man je ein Weib gesehen, die mit einer so zauberischen Sanftheit und Geschmeidigkeit eine so eisenfeste Beharrlichkeit auf ihrer Meinung, und mit einem so hellen Blick und scharfen Urtheil eine so unerschopfliche Gabe sich selbst zu tauschen und ihre eigene Vernunft (wenn ich so sagen kann) zu uberlisten, vereinigt hatte.
Ob wir gleich wohl thun, uns unaufhorlich zu sagen, es hange immer von unserm Willen ab, recht zu handeln oder nicht: so scheint doch wenn wir den Menschen betrachten, so wie er, in unzahligen, ihm selbst grosstentheils unsichtbaren Ketten und Faden an Platons grosser Spindel der Anangke hangend, von eben so unsichtbaren Handen in das unermessliche und unauflosliche Gewebe der Natur eingewoben wird so scheint, sage ich, nichts gewisser zu seyn, als "dass ein jedes ist was es seyn kann, und dass es unter allen den Bedingungen, unter welchen es ist, nicht anders hatte seyn konnen." Lais selbst hielt sich nur zu gut hiervon uberzeugt. "Da ich nun einmal Lais bin (schrieb sie in ihrem letzten Brief an Musarion), so ergebe ich mich mit guter Art darein, und kann nicht wunschen, dass ich eine andere seyn mochte." Auch mir, lieber Eurybates, wird es, je mehr ich alles erwage was hier zu erwagen ist, immer einleuchtender, dass der Ausgang, den das genialisch frohliche, schimmernde und vielgestaltige Drama ihres Lebens nahm, dazu gehorte, wenn sie bis ans Ende Lais seyn sollte. Ich mochte sagen, das Schicksal war es gewissermassen der Menschheit schuldig; sie musste fallen; aber ich bin gewiss sie fiel wie die Polyxena des Euripides, "selbst im Fallen noch besorgt keine Blosse zu zeigen." Nichts ware ihr unertraglicher gewesen als vor irgend einem Auge, das einst Zeuge ihrer Glorie war, als ein Gegenstand des Mitleidens zu erscheinen. Die Art, wie sie verschwand, war die letzte Befriedigung ihres Stolzes: wir werden nichts mehr von ihr horen.
Du siehest, guter Eurybates, wie ich bei diesem traurigen Ereigniss mein Gefuhl zu beschwichtigen suche. Aber die Natur behauptet ihr Recht darum nicht weniger; es kommen Augenblicke, da ich, wenig starker als Musarion (deren Thranen um ihre geliebte Freundin und Wohlthaterin so bald nicht versiegen werden) eine Art von Trost darin finde meinem Schmerz nachzuhangen; Augenblicke, da die schone Ungluckliche in aller ihrer Liebenswurdigkeit vor mir steht, und einen Glanz um sich her wirft, worin jede Schuld verschwindet und Flecken selbst zu Reizen werden. In solchen Augenblicken mocht' ich mit dem Schicksal hadern, dass es einen so dustern Schatten auf das herrliche Gotterbild fallen liess; und die vom Herzen bestochne Einbildungskraft spiegelt mir eine trugerische Moglichkeit vor, wie alles anders hatte gehen konnen; bis endlich die Vernunft das gefallige Duftgebilde wieder zerstreut, und mich, wiewohl ungern, zu gestehen nothigt: es habe dennoch so gehen mussen, und, wie unbegreiflich uns auch die Verkettung unsrer Freiheit mit dem allgemeinen Zusammenhange der Ursachen und Erfolge seyn moge, immer bleibe das Gewisseste, dass das ewige, mit der scharfsten Genauigkeit in die Natur der Dinge eingreifende Raderwerk des Schicksals nie unrichtig gehen kann.
4.
An Ebendenselben.
Ueber Platons Dialog von der Republik.
In Lagen, wo das Gefuhl mit der Vernunft ins Gedrange kommt, ist uns alles willkommen, was uns in einen andern Zusammenhang von Vorstellungen versetzt, die entweder durch Neuheit, Schonheit und Wichtigkeit anziehen, oder durch einen Anstrich von sinnreichem Unsinn und Rathselhaftigkeit zum Nachdenken reizen, und sich unvermerkt unsrer ganzen Aufmerksamkeit bemachtigen. In dieser Rucksicht, lieber Eurybates, hatte mir der neue Platonische Dialog, womit du mich beschenkt hast, zu keiner gelegenern Zeit kommen konnen. Ich habe ihn, unter haufig abwechselnden Uebergangen von Beifall, Interesse, Bewunderung und Vergnugen zu Missbilligung, Kopfschutteln, Langeweile und Ungeduld, bereits zum zweitenmale durchgelesen; was wenigstens so viel beweiset, dass, meinem Gefuhle nach, das Lobenswurdige in diesem seltsamen Werke mit dem Tadelhaften um das Uebergewicht kampfe, und es daher keine leichte Sache sey, uber den innern Werth oder Unwerth desselben ein unbefangenes Urtheil auszusprechen. Wirklich scheint mir Plato alle Krafte seines Geistes und den ganzen Reichthum seiner Phantasie, seines Witzes und seiner Beredsamkeit aufgeboten zu haben, um das Vollkommenste, was er vermag, hervorzubringen; und ich musste mich sehr irren, oder es ist ihm gelungen, nicht nur alle seine Vorganger und Mitbewerber, so viele ich deren kenne, sondern, in gewissem Sinne, auch sich selber zu ubertreffen. Denn unstreitig muss sogar sein Phadon, Phadrus, und das allgemein bewunderte Symposion selbst, vor diesem neuen Prachtwerke zuruckweichen. Da man uber diesen Punkt (wie mir Lysanias sagt) zu Athen nur Eine Stimme hort, und die meinige zu unbedeutend ist, um das allgemeine Koax Koax der Aristophanischen Frosche merklich zu verstarken, so ware wohl das Bescheidenste und auf alle Falle das Klugste, was ich thun konnte, wenn ich es bei dem bisher Gesagten bewenden liesse. Aber du verlangst meine Meinung von dieser neuen Dichtung unsers erklarten Dichterfeindes ausfuhrlich zu lesen, und hast mich gewissermassen in die Nothwendigkeit gesetzt dir zu Willen zu seyn, da ich nicht umhin kann, ihn gegen einen Vorwurf zu vertheidigen, den du ihm machst, und der, neben so vielen andern, die er nur zu sehr verdient, mit deiner Erlaubniss, gerade der einzige ist, von welchem ich ihn frei gesprochen wissen mochte. Bei so bewandten Dingen will ich denn (nach andachtiger Anrufung aller Musen und Grazien die Freiheiten, die ich mir mit ihrem Gunstling nehmen werde, nicht in Ungnaden zu vermerken) mich dem Wagestuck unterziehen, und dir meine Gedanken sowohl von Platons Republik als von diesem Dialog uberhaupt ungescheut eroffnen; ohne mich jedoch zu einer vollstandigen Beurtheilung anheischig zu machen, welche leicht zu einem zweimal so dicken Buch als das beurtheilte Werk selbst, erwachsen konnte.
Vor allem lass uns bei der Form dieses Dialogs, als dem ersten was daran in die Augen fallt, eine Weile stehen bleiben.
Ich setze als etwas Ausgemachtes voraus, was wenigstens Plato selbst willig zugeben wird: dass ein Dialog in Rucksicht auf Erfindung, Anordnung, Nachahmung der Natur u.s.f. in seiner Art eben so gut ein dichterisches Kunstwerk ist und seyn soll, als eine Tragodie oder Komodie; und ist er diess, so muss er allen Gesetzen, die ihren Grund in der Natur eines aus vielen Theilen zusammengesetzten Ganzen haben, und uberhaupt den Regeln des Wahrscheinlichen und Schicklichen in Ansehung der Personen sowohl als der Zeit, des Ortes und anderer Umstande, eben so wohl unterworfen seyn als diese. Lass uns sehen, wie der Werkmeister dieses Dialogs gegen die verschiedenen Klagepunkte bestehen wird, die ich ihm zum Theil von etlichen strengen Kunstrichtern aus meiner Bekanntschaft machen hore, zum Theil (ohne selbst ein sehr strenger Kunstrichter zu seyn) meinem eigenen Gefuhle nach, zu machen habe.
Ich ubergehe den allgemeinen Vorwurf, der beinahe alle seine Dialogen, aber den gegenwartigen noch viel starker als die meisten andern, trifft: dass er dem guten Sokrates unaufhorlich seine eigenen Eier auszubruten gibt, und ihm ein System von Philosophie oder Mystosophie unterschiebt, womit der schlichte Verstand des Sohns des Sophroniskus wenig oder nichts gemein hatte; kurz, dass er ihn nicht nur zu einem ganz andern Mann, sondern in gewissen Stucken sogar zum Gegentheil dessen macht was er war. Wir wissen was er hieruber zu seiner Rechtfertigung zu sagen pflegt, und lassen es dabei bewenden. Aber auf die sehr naturliche Frage: "Woher uns dieser Dialog komme?" sollte er doch die Antwort nicht schuldig bleiben. Das Ganze ist die Erzahlung eines im Peiraon9 am Feste der Thracischen Gottin Bendis10 im Hause des reichen alten Cephalus vorgefallenen philosophischen Gesprachs zwischen Sokrates, Glaukon und Adimanthus; denn die ubrigen im Eingang vorkommenden Personen nehmen an dem Hauptgesprache bloss mit den Ohren Antheil. Diese Erzahlung legt Plato dem Sokrates selbst in den Mund; aber an wen die Erzahlung gerichtet sey, und aus welcher Veranlassung? Wo und wann sie vorgefallen? davon sagt er uns kein Wort. Was mussen wir also anders glauben, als Sokrates habe dieses Gesprach allen, die es zu lesen Lust haben, schriftlich erzahlt, d.i. er habe ein Buch daraus gemacht? Wir wissen aber dass Sokrates in seinem ganzen Leben nichts geschrieben hat, das einem Buche gleich sieht. Plato verstosst also gegen alle Wahrscheinlichkeit, da er ihn auf einmal zum Urheber eines Buches macht, das kaum um den sechsten Theil kleiner ist als die ganze Ilias.
Doch wir wollen ihm die Freiheit zugestehen, die man einem Dichter von Profession nicht versagen wurde, den Sokrates zum Schriftsteller zu machen, was dieser wenigstens hatte seyn konnen, wenn er gewollt hatte: aber wie kann er verlangen, wir sollen es fur moglich halten, dass ein Gesprach, welches von einem nicht langsamen Leser in sechzehn vollen Stunden schwerlich mit einigem Bedacht gelesen werden kann, an Einem Tage gehalten worden sey, wenn gleich (was doch keineswegs der Fall war) sein redseliger Sokrates von Sonnenaufgang bis in die sinkende Nacht in Einem fort gesprochen hatte? Adimanth und Glaukon, welche bei weitem in dem grossten Theile des Gesprachs blosse Wiederhaller sind, brauchten sich zwar auf ihre ewigen, "ja freilich, allerdings, nicht anders, warum nicht? so scheint's, ich sollte meinen," und wie die kopfnickenden Formeln alle lauten, eben nicht lange zu bedenken; aber man muss doch wenigstens Athem holen, und da in diesen vollen sechzehn Stunden, die das Gesprach dauert, weder gegessen noch getrunken wurde, so kann man ohne Uebertreibung annehmen, der gute Sokrates musste sich, trotz seiner kraftigen Leibesbeschaffenheit, dennoch zuletzt so ausgetrocknet und verlechzt gefuhlt haben, dass es ihm unmoglich gewesen ware, das wundervolle Ammenmahrchen von dem Armenier Er, womit Plato seinem Werke die Krone aufsetzt, in horbaren Lauten hervorzubringen.
Lass uns indessen aus Gefalligkeit gegen den philosophischen Dichter uber alle diese Unwahrscheinlichkeiten hinausgehen: aber wer kann uns zumuthen (hore ich einige meiner kunstliebenden Freunde sagen), dass wir die Urbanitat so weit treiben, die Augen mit Gewalt vor einem andern Fehler zuzuschliessen, der ganz allein hinreichend ist, jedes Kunstwerk, wie schon auch dieser oder jener einzelne Theil desselben seyn mochte, insofern es ein Ganzes seyn soll, verwerflich zu machen? Was wurden wir von einem Baumeister sagen, der sich um die Richtigkeit und Schonheit der Verhaltnisse der Seiten, Hallen, Sale, Kammern, Thuren und andrer einzelner Theile seines Gebaudes so wenig bekummerte, dass er ohne Bedenken die rechte Seite kurzer als die linke, oder das Vorhaus grosser machte als das Wohnhaus; einem hohen geraumigen Speisezimmer kleine Fenster und ungleiche Thuren gabe, und den Gesellschaftssaal neben die Kuche setzte? Oder wie wurden wir den Maler loben, der, wenn er z.B. den Kampf des Hercules mit dem Achelous zum Hauptgegenstand eines Gemaldes genommen hatte, uns auf derselben Tafel die schone Deianira unter einem Gewimmel von Magden mit Trocknen ihrer Wasche beschaftigt zeigte, und, zu mehrerer Unterhaltung der Liebhaber, auf beiden Seiten noch eine Aesopische Fabel, eine Gluckhenne mit ihren Kuchlein neben einem sich stolz in der Sonne spiegelnden Pfauhahn anbringen, und das alles so genau und zierlich auspinseln wollte, dass der Zuschauer, zweifelhaft ob der Fuchs und der Rabe, oder Deianira mit ihren Magden, oder Hercules und Achelous, oder die Gluckhenne und der Pfau die Hauptfiguren des Stucks vorstellen sollten, uber dem Betrachten der Nebendinge den eigentlichen Gegenstand immer aus den Augen verlore? Wiewohl dieser Tadel sich auf eine, meiner Meinung nach, etwas schiefe Ansicht des Dialogs, als Kunstwerk betrachtet, grundet, und daher um vieles ubertrieben ist, wie ich in der Folge zu zeigen Gelegenheit finden werde: so muss ich doch gestehen, dass das vor uns liegende Werk von einem auffallenden Missverhaltniss der Theile zum Ganzen, und von Ueberladung mit Nebensachen, welche die Aufmerksamkeit von der Hauptsache abziehen und nothigern Untersuchungen den Weg versperren, nicht ganz frei gesprochen werden konne. Das Problem, warum es dem angeblichen Sokrates eigentlich zu thun ist, namlich den wahren Begriff eines gerechten Mannes durch das Ideal eines vollkommenen Staats zu finden, macht kaum den vierten Theil des Ganzen aus; und ob ich schon nicht in Abrede bin, dass der Verfasser die haufigen Abschweifungen und Episoden mit der Hauptsache in Verbindung zu setzen gesucht hat, so ist doch unlaugbar, dass einige derselben wahre Auswuchse und uppige Wasserschosslinge sind, andere hingegen ohne alle Noth so ausfuhrlich behandelt werden, dass der Verfasser selbst das Hauptwerk daruber ganzlich zu vergessen scheint.
Indessen werden alle diese Fehler in meinen Augen zu Kleinigkeiten, sobald gefragt wird: wie dieses Platonische Machwerk in Ansehung dessen, worin die wesentlichste Schonheit eines Dialogs besteht, beschaffen sey? Vorausgesetzt, dass die Rede nicht von Unterweisung eines Knableins durch Frage und Antwort, sondern von einem Gesprach unter Mannern, uber irgend einen wichtigen, noch nicht hinlanglich aufgeklarten, oder verschiedene Ansichten und Auflosungen zulassenden Gegenstand ist, so lasst sich doch wohl als etwas Ausgemachtes annehmen: ein erdichteter Dialog sey desto vollkommener, je mehr er einem unter geistreichen und gebildeten Personen wirklich vorgefallenen Gesprach ahnlich sieht. In einer solchen gesellschaftlichen Unterhaltung stellt jeder seinen Mann; jeder hat seinen eigenen Kopf mitgebracht, hat seine Meinung, und weiss sie, wenn sie angefochten wird, mit starken oder schwachen, aber doch wenigstens mit scheinbaren, Grunden zu unterstutzen. Wird gestritten, so wehrt sich jeder seiner Haut so gut er kann; oder sucht man einen Punkt, welcher allen noch dunkel ist, ruhig und gemeinschaftlich aufzuhellen, so tragt jeder nach Vermogen dazu bei. Glaubt einer die Wahrheit, welche gesucht wird, gefunden zu haben, so hort er die Zweifel, die ihm dagegen gemacht werden, gelassen an, und die daraus entstehende Erorterung dient entweder die gefundene Wahrheit zu bestatigen und anerkennen zu machen, oder den vermeinten Finder zu uberfuhren, dass er sich geirret habe; und ware auch einer in der Gesellschaft allen ubrigen an Scharfsinn und Sachkenntniss merklich uberlegen, so ist dieser so weit entfernt sich dessen zu uberheben, das Wort allein fuhren zu wollen, und den andern nichts ubrig zu lassen als immer Ja zu sagen, dass er ihnen sogar, falls sie ihre Zweifel und Einwurfe nicht in ihrer ganzen Starke vorzutragen wissen, mit guter Art zu Hulfe kommt, ihre Partei gegen sich selbst nimmt, und nicht eher Recht behalten will, bis alle Waffen, womit seine Meinung bestritten werden kann, stumpf oder zerbrochen sind. Unterhaltungen dieser Art sind es, die der Dialogendichter zu Mustern nehmen muss; aber auch dadurch hat er den Forderungen der Kunst noch kein Genuge gethan. Denn da er, als Kunstler, sich nicht auf das Gemeine und Alltagliche beschranken, sondern das Schonste und Vollkommenste in jeder Art, oder genauer zu reden, ein in seinem Geiste sich erzeugendes Bild desselben, zum Vorbilde seines Werkes nehmen und dieses eben dadurch zum wahren Kunstwerk erheben soll: so kann mit dem grossten Rechte von ihm erwartet werden, dass die gelungene Bestrebung, dem Ideal eines vollkommenen Dialogs so nahe als moglich zu kommen, in seinem ganzen Werke sichtbar sey. Ich darf nicht besorgen einer Ungerechtigkeit gegen unsern Dialogendichter beschuldiget zu werden, wenn ich sage, dass er bei der Ausarbeitung des Gespraches, wovon wir reden, eher an alles andere als an diese Pflicht gedacht habe; denn statt eines Gemaldes, worin Sokrates als die Hauptfigur in einer Gesellschaft, in welcher es ehrenvoll ist der erste zu seyn, erschiene, glauben wir den Homerischen Tiresias unter den Todten zu sehen.
"Er allein hat Verstand, die andern sind flatternde
Schatten."
In der That sind von der letzten Halfte des zweiten Buchs an alle ubrigen eine Art von stummen Persotes seine Fragen richtet, haben grosstentheils wenig mehr zu sagen, als was sie, ohne den Mund zu offnen, durch blosses Kopfnicken, oder ohne sichtbar zu seyn, wie die korperlose Nymphe Echo, durch blosses Widerhallen hatten verrichten konnen; und so ist nicht zu laugnen, dass dieser sogenannte Dialog eben so gut und mit noch besserm Recht ein Sokratischen Monolog heissen konnte.
Dass das erste und zweite Buch hiervon eine Ausnahme macht brachte die Natur der Sache mit sich. In einer Gesellschaft von mehr als zwolf Personen, will sich's nicht wohl schicken, dass einer sich der Rede sogleich ausschliesslich bemachtige; und Plato benutzt diesen Umstand, seine Leser gleich anfangs durch das Gesprach zwischen Sokrates und dem alten Cephalus (dem Herrn des Hauses) uber die Vortheile und Nachtheile des hohen Alters (die kleinste und schonste Episode dieses Werks) in Erwartung einer angenehmen und interessanten Unterhaltung zu setzen. Aber lange kann der Platonische Sokrates ein Gesprach dieser Art nicht ausdauern. Er muss etwas zu disputiren haben; und da ihm Cephalus keine Gelegenheit dazu gibt, macht er sie selbst, indem er ihn, man sieht nicht recht warum, durch eine verfangliche Frage in einen Streit uber den richtigen Begriff der Gerechtigkeit zu ziehen sucht, und dadurch den eigentlichen Gegenstand dieses Dialogs, wiewohl ein wenig bei den Haaren, herbeizieht. Der schlaue Alte, der die Falle sogleich gewahr wird, macht sich, mit der Entschuldigung, dass seine Gegenwart beim Opfer nothig sey, in Zeiten aus dem Staube; seinem Sohne Polemarchus auftragend, die Sache mit dem kampflustigen Herrn auszufechten. Der junge Mann zeigt sich dazu bereitwillig, und der Streit beginnt uber den Spruch des Simonides, "jedem das Seine geben ist gerecht," welchen Polemarch behauptet, Sokrates hingegen mit verstellter Bescheidenheit und Ehrfurcht "vor einem so weisen und gottlichen Manne wie Simonides," unter dem ironischen Vorwand er verstehe die Meinung dieser Worte nicht recht, nach seiner gewohnten Art bestreitet, indem er jenen durch unerwartete Fragen und Inductionen in die Enge zu treiben und zum Widerspruch mit sich selbst zu bringen sucht. Polemarch wehrt sich zwar eine Weile, sieht sich aber, da er zu rasch und hitzig dabei zu Werke geht und seinem Gegner an Spitzfindigkeit nicht gewachsen ist, ziemlich bald genothigt, seine Meinung zuruck zu nehmen. Ich gestehe, dass ich es, an Platons Stelle, nicht uber mich hatte gewinnen konnen, weder den Sokrates mit so strohernen Waffen fechten, noch den Sohn des Cephalus sich so unruhmlich uberwunden geben zu lassen. Man konnte zwar zu seiner Entschuldigung sagen: bekanntermassen habe Sokrates sich gegen die Sophisten und ihre Schuler aus Verachtung keiner schwerern Waffen bedient; da es ihm nicht darum zu thun gewesen sey, sie zu belehren, sondern ihrer zu spotten, sie in Widerspruche mit sich selbst zu verwickeln, und eben dadurch, dass sie sich so leicht verwirren und in Verlegenheit setzen liessen, sie selbst und die Zuhorer ihrer Unwissenheit und Geistesschwache zu uberweisen. Ich antworte aber: sobald Plato, der Schriftsteller, sich die Freiheit herausnahm, den nicht mehr lebenden Sokrates zum Helden seiner philosophischen Dramen und dialektischen Kampfspiele zu wahlen, und ihm zu diesem Ende eine subtile, schwarmerische, die Granzen des Menschenverstandes uberfliegende Philosophie, die nichts weniger als die seinige war, in den Busen zu schieben; mit Einem Wort, sobald er sich erlaubte aus dem wirklichen Sokrates einen idealischen zu machen, wurde es ihm sehr wohl angestanden haben, auch die einzigen Zuge, die er ihm lassen musste, wenn er sich selbst noch ahnlich sehen sollte, die Art wie er die Ironie und die Induction zu handhaben pflegte, zu idealisiren; ich will sagen, sie mit aller der Feinheit und Kunst zu behandeln, deren sie bedarf, wenn sie fur eine Methode gelten soll, dem gemeinen Menschenverstand den Sieg uber sophistische Spitzfindigkeit und tauschende Gaukelei mit Aehnlichkeiten, Wortspielen und Trugschlussen zu verschaffen. Diess, denke ich, musste ihm Pflicht seyn, wenn er das Andenken seines ehrwurdigen Lehrers wirklich in Ehren hielte, und ich sehe nicht, womit er zu entschuldigen ware, dass er in diesem Wortgefechte mit Polemarch gerade das Gegentheil thut. Oder muss es nicht dem blodesten Leser in die Augen springen, dass sein vorgeblicher Sokrates den Spruch des Simonides auf eine Art bestreitet, die den Leser ungewiss lasst, ob der Sophist Sokrates den ehrlichen Polemarch, oder der Sophist Plato den ehrlichen Sokrates zum Besten haben wolle? Denn (was wohl zu bemerken ist) Polemarch erscheint in diesem Streit zwar als ein ziemlich kurzsinniger und im Denken wenig geubter Mann, aber nichts an ihm lasst uns argwohnen, dass es ihm nicht um Wahrheit zu thun sey; und der Satz des Simonides, wenn er gleich den hochsten und reinsten Begriff dessen was gerecht ist nicht erreicht, druckt doch eine so allgemein fur Wahrheit anerkannte Maxime aus, dass man nicht begreift, wie Platons Sokrates sich erlauben kann, einen so platten langweiligen Scherz damit zu treiben. Oder sollte Plato im Ernst glauben, die Erklarung des Simonides werde dadurch der Unrichtigkeit uberwiesen, "dass einer z.B. Unrecht hatte, wenn er ein bei ihm hinterlegtes Schwert dem Eigenthumer auf Verlangen wieder gabe, falls dieser wahnsinnig ware, oder der Depositor gewiss wusste, dass er seinen Vater damit ermorden wolle?" Denn wer sieht nicht, dass hier bloss mit den verschiedenen Bedeutungen, die das Wort gerecht im gemeinen Leben hat, gespielt wird; dass die Falle, worin es nicht recht, d.i. weder gesetzmassig noch klug, schicklich und rathsam ist, das Anvertraute dem Eigenthumer wieder zu geben, Ausnahmen sind, die aus dem Zusammenstoss verschiedener gleich heiliger Pflichten entstehen; und dass daher unter verschiedenen Umstanden und in verschiedener Ansicht eben dasselbe recht und unrecht seyn kann? Dass Sokrates diess nicht zu wissen scheint und dass der gute Polemarch, sobald ihm die Ausnahme als ein Einwurf vorgehalten wird, gleich so erschrocken, als wurde ihm der Kopf der Gorgone vor die Augen gehalten, zuruckspringt, und den Worten des Simonides flugs eine andere Deutung gibt, die er gleichwohl eben so wenig gegen die Sophistereien und Ironien des grossen dialektischen Kampfhahns zu behaupten weiss, alle diese Antinomien11 gegen die Gesetze der gesunden Vernunft sind, ich muss es gestehen, etwas hart zu verdauen, wiewohl sie aufhoren in Erstaunen zu setzen, wenn man gesehen hat, dass das ganze Buch von ihres gleichen wimmelt. Und gleichwohl durft' es jedem Leser, der gerade keinen besondern Sinn fur die Reize dieser Art von Spassmacherei hat, schwer fallen, an dem gottlichen Plato nicht irre zu werden, wenn er auf die platten, und in eine Menge kleiner, zum Theil ganz mussiger Quastiunkeln aufgelosten Inductionen stosst, wodurch der treuherzige Polemarch sich vom Sokrates weiss machen lasst: aus seiner Hypothese, "jedem das Seine geben sey so viel als seinen Freunden Gutes und seinen Feinden Boses thun," folge ganz naturlich, der gerechteste Mann sey der grosste Dieb, und die Gerechtigkeit sey nur insofern etwas Gutes als man keinen Gebrauch von ihr mache. Wer kann sich einbilden, ein so scharfsinniger geometrischer Kopf wie Plato habe sich selbst uber die Armseligkeit solcher Beweise, die zum Theil auf blossen Wortspielen beruhen, tauschen konnen, und sehe nicht so gut als wir, dass Polemarch der blodsinnigste Knabe von der Welt gewesen seyn musste, wenn er sich in so groben Schlingen hatte fangen lassen? Er muss also eine besondere Absicht dabei gehabt haben; und was konnte diese anders seyn, als seinem Pseudo-Sokrates, um ihm desto mehr Aehnlichkeit mit dem wahren zu geben, eine Eirons12-Larve umzubinden; und die bekannte Manier im Dialogisiren, welche dem achten Sokrates eigen war und vom Xenophon in seinem Symposion so schon dargestellt wird, auf eine Art nachzuahmen, die zu jener Larve passt, und gerade desswegen, weil sie ubertrieben ist, dem grossen Haufen und den Fernestehenden die Aehnlichkeit seines Zerrbildes mit dem Original (dessen feinste Zuge im Gedachtniss der Meisten schon ziemlich abgebleicht sind) desto auffallender macht?
Unter die ziemlich haufig in diesem Dialog vorkommenden Beispiele, dass Plato, sobald er will, die dramatische Wahrheit und das, was jeder Person zukommt, sehr gut zu beobachten weiss, rechne ich die Art, wie er den Sophisten Thrasymachus auf den Kampfplatz springen lasst, und uberhaupt, die wahrhaft Attische Eleganz und Feinheit, womit er die eitle Selbstgefalligkeit und den neckenden, naserumpfenden, nicht selten in beleidigende Grobheit ubergehenden Stolz des plumpen Sophisten mit der kaltblutigen Urbanitat und ironischen Demuth des seiner spottenden Sokrates contrastiren lasst. Nur Schade, dass der letztere auch hier seine Wurde nicht durchaus so behauptet, wie der Anfang uns erwarten macht. Man konnte zwar sagen, es zeige sich in dem ganzen ersten Buche, dass es dem Sokrates noch kein rechter Ernst sey; dass er bloss, wie ein Citherspieler der sich horen lassen will, sein Instrument zu stimmen und zu probiren scheine, wiewohl er, auch indem er nur nachlassig auf den Saiten herumklimpert, schon zu erkennen gibt was man von ihm zu erwarten habe. Es mag seyn, dass Plato diesen Gedanken hatte; indessen mocht' ich doch behaupten, dass die Disputation mit dem Sophisten Thrasymachus unter die ausgearbeitetsten Theile des ganzen Werks gehore, und fur ein Meisterstuck in der achtsokratischen Manier, einen streitigen Punkt aufs Reine zu bringen, gelten konnte, wenn Sokrates seinem eigenen Charakter immer getreu bliebe und nachdem er den Sophisten so weit getrieben, dass er geradezu behaupten muss, die Ungerechtigkeit sey Weisheit, und die Gerechtigkeit also das Gegentheil, sich nicht, aus wirklicher oder verstellter Verlegenheit wie er ihn widerlegen wolle, in eine weitausgeholte, spitzfindige Manier mit unbestimmten, schillernden und doppelsinnigen Begriffen und Satzen, wie mit falschen Wurfeln, zu spielen, verirrte, d.i. wenn der verkappte Sokrates, der seine Rolle bisher bis zum Tauschen gespielt hatte, nicht auf einmal in den leibhaften Plato zuruckfiele, und am Ende noch zehnmal mehr Sophist wurde als sein Gegner selbst. Es ist schwer zu begreifen, wie Plato sich in solchen Spielereien so sehr gefallen, oder wie er glauben kann, er habe seinen Gegner zu Boden gelegt, wenn er durch eine lange Reihe nichts beweisender Gleichungen zuletzt das Gegentheil von dem, was jener behauptet hatte, herausbringt. Das Allerseltsamste aber ist dann doch, dass in diesem ganzen Schattengefechte beide streitende Parteien, indem sie einen bestimmten philosophischen Begriff von der Gerechtigkeit suchen, den popularen, auf das allgemeine Menschengefuhl gegrundeten Begriff immer stillschweigend voraussetzen, ohne es gewahr zu werden. Es ist als ob die narrischen Menschen den Wald vor lauter Baumen nicht sehen konnten; sie suchen was ihnen vor der Nase liegt, und was sie bloss desswegen nicht finden, weil sie sich in einer Art von Schneckenlinie immer weiter davon entfernen. Sie wurden gar bald einig geworden seyn, wenn Sokrates, statt der kleinen spitzfindigen und hinterstelligen Fragen, die ihm schon Aristophanes vorwarf, geradezu gegangen, und das, was alle Menschen, vermoge eines von ihrer Natur unzertrennlichen Gefuhls, von jeher Recht und Unrecht nannten, in seiner ersten Quelle aufgesucht hatte. Leicht war' es dann gewesen, das, was Recht ist, von dem, was Wahn oder Gewalt zu Recht setzen, zu unterscheiden; die Streitenden hatten einander nicht lange missverstehen konnen, und waren in der Halfte der Zeit einig geworden, welche Platons sophistisirender Sokrates verschwendet, um am Ende selbst gestehen zu mussen, dass nach allem, was uber die albernen Fragen: ob die Gerechtigkeit Tugend oder Untugend, Weisheit oder Thorheit, nutzlich oder schadlich sey? seit mehr als einer langen Stunde gewitzelt, ironisirt und in die Luft gefochten worden, die grosse Frage, was ist Gerechtigkeit? aus seiner Schuld noch immer unausgemacht geblieben sey.
Wie Sokrates, nach einem solchen Gestandniss, zu Anfang des zweiten Buchs sagen kann: "er habe geglaubt das Gesprach sey nun zu Ende," weiss ich nicht; denn dass Thrasymachus schon seit einer ziemlichen Weile, mit dem hoffartigen Anstand einer Kampfers, der seinen Gegner nicht fur gut genug halt ihn seine Ueberlegenheit fuhlen zu lassen, sich zuruckzieht, machte zwar dem Spiegelgefecht mit ihm ein Ende; aber die Untersuchung selbst war so wenig beendigt, dass sie nicht einmal recht angefangen hatte. In der That hatte Thrasymachus seine Sache so schlecht gefuhrt, dass man zur Entschuldigung des Sokrates sagen konnte: er habe es nicht der Muhe werth gehalten Ernst gegen einen Antagonisten zu gebrauchen, den man schon mit Strohhalmen in die Flucht jagen konnte. Ob Plato diesem Sophisten, indem er ihn zu einem eben so hohlen als aufgeblasenen Strohkopf macht, Recht oder Unrecht gethan habe, mag dahingestellt seyn; genug dass durch die Art, wie der Streit bisher gefuhrt wurde, fur die gute Sache der Gerechtigkeit, welche doch nach Platons Absicht in diesem Dialog einen entschiedenen Sieg uber ihre Gegner erhalten sollte, wenig oder nichts gewonnen war. Das Werk musste also ernsthafter angegriffen werden. Um dieses zu bewerkstelligen, stellt Plato in seinen Brudern Glaukon und Adimanthus zwei neue Personen auf, welche bisher noch keinen thatigen Antheil an dem Gesprache genommen hatten; und man muss gestehen, dass er sein Moglichstes gethan hat, die Rolle, die er ihnen im zweiten Buche zu spielen gibt, glanzend und ehrenvoll zu machen. Der erste von ihnen, Glaukon, tritt zwar als Verfechter der Ungerechtigkeit auf, deren Sache Thrasymachus (wie er meint) allzu lassig vertheidigt und ohne Noth viel zu fruh aufgegeben habe; verwahrt sich aber mit vieler Warme gegen den Verdacht, als ob er, indem er alle seine Krafte zu Gunsten der Ungerechtigkeit aufbiete, aus eigener Ueberzeugung und gleichsam aus der Fulle des Herzens rede. Also bloss um den Gegnern der Gerechtigkeit alle Moglichkeit der Einwendung, als ob ihre Grunde nicht in ihrer ganzen Starke geltend gemacht worden waren, abzuschneiden, und um den Sokrates in die Nothwendigkeit zu setzen, sich der guten Sache in vollem Ernst anzunehmen, nimmt Glaukon das Wort, und macht sich anheischig: vor allen Dingen zu erklaren, was nach der Meinung derjenigen, fur welche Thrasymachus gesprochen habe, die Gerechtigkeit sey und woher sie ihren Ursprung nehme; sodann zu zeigen, dass diejenigen, die sich der Gerechtigkeit befleissigen, es nicht desswegen thun, weil sie in ihren Augen ein Gut, sondern weil sie ein nothwendiges Uebel ist; und endlich drittens zu beweisen, dass diese Leute Recht haben; sintemal die Erfahrung bezeuge, dass das Leben des Ungerechten in der That glucklicher sey als des Gerechten. "Nicht als ob ich selbst diese Meinung hegte," sagt Glaukon; "aber doch stossen mir zuweilen Zweifel auf, da ich taglich von Thrasymachus und zehntausend andern so viel dergleichen horen muss, dass mir die Ohren gellen, hingegen mir noch niemand, so wie ich es wunschte, bewiesen hat, dass der Gerechte sich im Leben besser befinde als der Ungerechte."
Ich zweifle ob unser alter Freund Hippias selbst diese Lieblingslehre der Sophisten (die ubrigens in der Geschichte der Menschen und der Erfahrung nur allzu gegrundet ist) deutlicher und scheinbarer hatte vortragen und zierlicher zusammenfassen konnen, als in der kleinen Rede geschehen ist, welche Plato seinem Bruder Glaukon hier in den Mund legt. Ob aber gleichwohl durch die unserm Philosophen eigene Art, alles aufs Hochste zu treiben, den Behauptern der Lehre, "dass der Unterschied zwischen dem, was die Menschen Recht und Unrecht nennen, sich bloss auf einen durch die Noth aufgedrungenen Vertrag grunde," nicht einiges Unrecht geschehe, durfte wohl die Frage seyn. "Unrecht thun" (sagt Glaukon) "ist, nach der gemeinen Meinung, an sich selbst, oder seiner Natur nach gut, Unrecht leiden an sich selbst, ubel. Aber aus dem Unrecht leiden entsteht mehr und grosseres Unheil, als Gutes aus dem Unrecht thun. Nachdem nun die Menschen einander lange Unrecht gethan und Unrecht von einander erlitten, glaubten die Schwachern, eben darum, weil die Schwache, um derentwillen sie alles Unrecht von den Starkern leiden mussen, sie unvermogend machte, das Vergeltungsrecht an jenen auszuuben, sich nicht besser helfen zu konnen, als indem sie in Gute mit einander ubereinkamen weder Unrecht zu thun noch zu leiden." Auf diese Weise, meint er, seyen die Gesetze und Vertrage entstanden, und so habe das durchs Gesetz Befohlene oder Verbotene die Benennung des Rechts oder Unrechts erhalten. Diess sey also der Ursprung der Gerechtigkeit, und so stehe sie, ihrem Wesen nach, zwischen dem Besten und dem Schlimmsten in der Mitte; denn das Beste ware, ungestraft Unrecht zu thun, das Schlimmste Unrecht zu leiden ohne sich rachen zu konnen. Die Gerechtigkeit werde also nicht geschatzt weil sie etwas Gutes an sich sey, sondern bloss insofern sie den Schwachern zur Brustwehr gegen die Beeintrachtigungen der Starkern diene. Wer sich folglich stark genug fuhle, dieser Brustwehr nicht zu bedurfen, werde sich wohl huten sich in Vertrage, andern kein Unrecht zu thun um keines von ihnen zu leiden, einzulassen; denn da er das letztere nicht zu befurchten habe, so musste er wahnsinnig seyn, wenn er sich des Vortheils, den Schwachern ungestraft Unrecht zu thun, freiwillig begeben wollte.
Ich kann mich irren, aber so weit ich die Sophisten, deren System Plato in diesem zweiten Buche in seiner ganzen Starke vorzutragen unternommen hat, kenne, scheint er mir, es sey nun vorsetzlich oder unvermerkt, etwas von seiner eigenen Vorstellungsweise in die Darstellung der ihrigen eingemischt zu haben. Ich wenigstens zweifle sehr, ob es jemals einem Menschen eingefallen ist, zu behaupten: Unrecht thun sey gut an sich. Und was versteht Glaukon, aus dessen Munde Plato hier spricht, unter Unrecht thun? Wenn der Unterschied zwischen Recht und Unrecht erst durch Vertrage und verabredete Gesetze bestimmt werden muss, so gibt es in dem Zustande der naturlichen Freiheit, der den gesellschaftlichen Vereinigungen vorhergeht, kein Unrecht. Oder spielt Plato, wie er so gern thut, auch hier mit dem Doppelsinn des Worts adikein, welches sowohl beleidigen, als Unrecht thun bedeutet? Im Stande der naturlichen Freiheit (den ich lieber den Stand der menschlichen Thierheit nennen mochte) beleidige ich den Schwachern, dem ich die Speise, womit er seinen Hunger stillen will, mit Gewalt wegnehme; im Stande der politischen Gesellschaft thue ich ihm dadurch Unrecht, weil das Gesetz alle Beleidigungen verbietet. So verstehen es meines Wissens, die Sophisten; und wiewohl sie behaupten, dass es dem Menschen, welcher Macht genug hat alles zu thun was ihm beliebt und gelustet, nicht unrecht sey die Schwachern zu berauben oder zu unterjochen, sobald er Vortheil oder Vergnugen davon zu ziehen vermeint: so hat doch schwerlich einer von ihnen jemals im Ernste behauptet, Unrecht thun, oder andere beleidigen sey schon an sich selbst, ohne Einschrankung, Bedingung oder Rucksicht auf einen dadurch zu gewinnenden Vortheil, gut, folglich recht thun an sich selbst ubel. Sie kennen uberhaupt kein Gut noch Uebel an sich, sondern betrachten alle Dinge bloss wie sie in der Wirklichkeit sind, d.i. wie sie allen Menschen, in Beziehung auf sich selbst oder auf den Menschen uberhaupt, unter gegebenen Umstanden scheinen. Im Stande der freien Natur erlaubt sich (sagen sie) der Starkere alles, wozu er durch irgend ein Naturbedurfniss oder irgend eine Leidenschaft, Lust oder Unlust, getrieben wird; aber in diesem Stande gibt es, genau zu reden, keinen Starkern als fur den Augenblick; denn der Starkste wird sogleich der Schwachste, sobald mehrere uber ihn kommen, wiewohl er jedem einzelnen uberlegen ware. Jener angebliche Naturstand ist also ein allgemeiner Kriegsstand, bei welchem sich am Ende, wo nicht alle, doch gewiss die meisten so ubel befinden, dass sie sich entweder in Gute zu einem gesellschaftlichen Leben auf gleiche Bedingungen verbinden, oder irgend einem Machtigen gezwungen unterwerfen mussen, falls sie sich ihm nicht aus Achtung und Zutrauen, mit oder ohne Bedingung, freiwillig untergeben. In allen dreien Fallen sind Gesetze, welche bestimmen was sowohl den Regierenden oder Machthabern als den Regierten oder Unterworfenen recht und unrecht ist, nothwendig; denn sogar ein Tyrann, der alles kann was ihn gelustet, wird sich, wenn er Verstand genug hat sein eigenes Bestes zu beherzigen, nicht alles erlauben was er kann. Indessen ist nicht zu laugnen, dass der Grundsatz der Sophisten, "die Gerechtigkeit (insofern die Erfullung der burgerlichen Gesetze darunter verstanden wird) sey ein Zaum, den bloss die Nothwendigkeit den Menschen uber den Hals geworfen habe, und von welchem jedermann, sobald er es ungestraft thun konne, sich loszumachen suche," sich als Thatsache auf die allgemeine Erfahrung grundet, und dass die Sokratesse (wofern es jemals mehr als Einen gegeben hat) noch seltner als die weissen Raben sind. Diese Thatsache ist im Lehrbegriff der Sophisten eine naturliche Folge des Beweggrundes, der die Menschen aus dem freien Naturstande (wo die Kraft allein entschied, und, weil es noch kein Gesetz gab, jeder sich alles erlauben durfte was er auszufuhren vermogend war) heraustrieb, und in den Stand des politischen Vereins zu treten nothigte. Jene unbeschrankte Freiheit wurde von den Menschen als ihr hochstes Gut angesehen werden, wenn sie nicht, eben darum weil sie nur von dem Starkern ausgeubt werden kann, die unsicherste Sache von der Welt ware. Denn welcher Mensch kann sich in einem Stande, wo Einer immer gegen Alle und Alle gegen Einen sind, nur einen Tag darauf verlassen, der Starkere zu bleiben? Die eiserne Nothwendigkeit zwingt sie also, wider ihren Willen, zum gesellschaftlichen Verein, als dem einzigen Mittel, ihr Daseyn und jeden daher entspringenden Genuss unter Gewahrleistung der Gesetze in Sicherheit zu bringen. Naturlicherweise aber behalt sich jeder stillschweigend vor, die Gesetze (die ihm nur, insofern sie ihn gegen andere schutzen, heilig, aber, insofern sie seiner eigenen Freiheit Schranken setzen, verhasst sind) so oft zu ubertreten, als er es mit Sicherheit thun kann. Diesem nach ware denn bei allen, welchen es an Macht gebricht sich offentlich und ungescheut uber Recht und Unrecht wegzusetzen, kein anderer Unterschied zwischen dem gerechten und ungerechten Manne, als dass jener sich nie ohne eine Larve der Gerechtigkeit sehen lasst, die er sich so geschickt anzupassen weiss, dass sie sein eigenes Gesicht zu seyn scheint; dieser hingegen so plump und unvorsichtig ist, sich immer uber der That ertappen zu lassen. Darin, dass keiner sich etwas, das ihn gelustet, versagen mochte, und jeder wo moglich alles zu haben wunscht, sind sie einander beide gleich.
Da diess in der That hart klingt, so halt sich Glaukon, im Namen derjenigen, deren Sachwalter er vorstellt, zum Beweise verbunden, und fuhrt ihn sehr sinnreich, vermittelst der Voraussetzung, dass beide, der Gerechte und Ungerechte, wie jener aus dem Herodot bekannte Lydier13 (dessen fabelhafte Geschichte Glaukon hier etwas anders als Herodot erzahlt) im Besitz eines unsichtbar machenden Ringes waren. Ein solcher Ring wurde, dunkt mich, als Probierstein gebraucht allerdings das untruglichste Mittel seyn, den wahrhaft rechtschaffenen Mann von dem Heuchler zu unterscheiden; aber zu dem Gebrauch, den Glaukon von ihm macht, scheint er nicht zu taugen. Denn indem dieser ganz herzhaft annimmt, dass der Gerechte, sobald er sich im Besitz eines solchen Ringes sahe, nicht um ein Haar besser als der Ungerechte seyn, und alle moglichen Bubenstucke, wozu Lust, Habsucht oder andere Leidenschaften ihn reizen konnten, eben so unbedenklich veruben wurde als jener, setzt er als etwas Ausgemachtes voraus, was erst bewiesen werden sollte. Wenn auch wir andern gewohnlichen Leute so uberschwanglich bescheiden seyn wollten, einen Zweifel in uns selbst zu setzen, ob wir wohl den Versuchungen eines solchen Zauberringes widerstehen konnten; wer darf nur einen Augenblick zweifeln, dass ein Sokrates durch den Besitz desselben weder an Macht, noch Geld, noch sinnlichen Genussen reicher geworden ware?
Indessen, wofern es auch an einzelnen Ausnahmen nicht fehlen sollte, so ist doch nur gar zu wahrscheinlich, dass unter Tausend, die fur gute ehrliche Leute gelten, weil sie weder Muth noch Macht haben sich in ihrer wahren Gestalt zu zeigen, nicht Einer ware, der mit dem Ring des Gyges nicht die vollstandigste Befreiung von allem Zwang der Gesetze zu erhalten glauben wurde. Glaukon (der noch immer im Namen derjenigen spricht, denen Recht und Unrecht fur blosse Satzung des gesellschaftlichen Vereins und der Machthaber in demselben gilt) ist seiner Sache so gewiss, dass er geradezu versichert: jedermann sey so vollig davon uberzeugt, dass die Ungerechtigkeit dem Ungerechten vortheilhafter sey als die Gerechtigkeit, dass, sobald jemand glaube er konne mit Sicherheit unrecht thun, er es nicht nur ohne alles Bedenken thun werde, sondern sich fur den grossten aller Thoren und Dummkopfe halten wurde, wenn er es nicht thate. Um sich, sagt er, zu uberzeugen, dass einem verstandigen Menschen nicht zuzumuthen sey, anders zu denken und zu handeln, brauche es nichts als das Loos zu erwagen, das der Gerechte und Ungerechte im Leben unter den Menschen zu gewarten habe.
So weit hatte Plato seinen Glaukon die Lehre der Sophisten, die er nicht ohne Grund die gemeine Meinung nennt, ziemlich treu und unverfalscht vortragen lassen; aber nun schiebt er ihm wieder unvermerkt seine eigene Vorstellungsart unter, indem er ihn aus der wirklichen Welt, aus welcher sich jene nie versteigen, auf einmal in seine eigene Ideenwelt versetzt, unter dem Vorwand: das Problem, wovon die Rede ist, konne auf keine andere Weise ganz rein aufgeloset werden. Wir wollen sehen!
Denken wir uns (sagt der platonisirende Glaukon) um uns den Unterschied zwischen dem gerechten und ungerechten Mann vollig anschaulich zu machen, beide in ihrer hochsten Vollkommenheit, so dass dem Ungerechten nichts was zur Ungerechtigkeit, dem Gerechten nichts was zur Gerechtigkeit gehort, abgehe. Es ist also, um mit dem Ungerechten den Anfang zu machen, nicht genug, dass er immer und bei jeder Gelegenheit so viel Unrecht thut als er kann und weiss; wir mussen ihm auch noch erlauben, dass er, indem er nichts als Boses thut, sich immer den Schein des Gegentheils zu geben und die Meinung von sich fest zu setzen wisse, dass er der rechtschaffenste Mann von der Welt sey; und da es, mit allem dem, doch begegnen konnte, dass auf eine oder die andere Weise etwas von seinen Bubenstucken an den Tag kame, so muss er auch noch Beredsamkeit genug, um sich in den Augen der Menschen vollig rein zu waschen, und im Nothfall, so viel Muth, Vermogen und Anhanger besitzen, als nothig ist um Gewalt zu brauchen, wenn List und Heuchelei nicht hinreichen will. Diesem Bosewicht nun stellen wir den Gerechten gegen uber, einen guten, ehrlichen, einfachen Biedermann, der was er ist nicht scheinen will, sondern sich begnugt es zu seyn. Damit wir aber recht gewiss werden, dass ihm nichts zur vollkommnen Rechtschaffenheit abgeht, ist schlechterdings nothig, dass wir ihn in der offentlichen Meinung zum Gegentheil dessen machen, was er ist, denn wenn er auch rechtschaffen zu seyn schiene, wurden ihm Ehrenbezeugungen und Belohnungen nicht fehlen, und da wurde es ungewiss seyn, ob er das, was er schiene, wirklich und aus reiner Liebe zur Gerechtigkeit, oder nur der damit verbundenen Vortheile wegen sey. Wir mussen ihm also alles nehmen, bis ihm nichts als die nackte Rechtschaffenheit ubrig bleibt, und ihn, mit Einem Worte, so setzen, dass er in allem als das Gegentheil des Ungerechten dastehe. Dieser ist ein ausgemachter Bosewicht und scheint der unbescholtenste Biedermann zu seyn; jener ist sein ganzes Leben durch der rechtschaffenste aller Menschen, und wird fur den grossten Bosewicht gehalten; geht aber, ohne sich seinen schlimmen Ruf und die Folgen desselben im geringsten anfechten zu lassen, seinen Weg fort, und beharret, wiewohl mit jeder Schande des verworfensten Buben belastet, unbeweglich bei seiner Rechtschaffenheit bis in den Tod. Man kann sich leicht vorstellen, wie es diesen beiden idealischen Wesen, wenn sie verkorpert und ins menschliche Leben versetzt wurden, ergehen musste. "Der Gerechte, sagen die Lobredner der Ungerechtigkeit, wird gegeisselt, auf die Folter gespannt und in Ketten gelegt werden: man wird ihm die Augen ausbrennen, und nachdem er alle nur ersinnlichen Misshandlungen erduldet hat, wird er ans Kreuz geschlagen werden, und nun zu spat einsehen, dass man zwar rechtschaffen scheinen, aber kein Thor seyn muss es wirklich zu seyn. Wie herrlich ist hingegen das Loos des Ungerechten, der die Klugheit hat, die offentliche Meinung auf seine Seite zu bringen, und wahrend er sich unter der Larve der Tugend ungestraft alles erlauben kann, fur einen rechtschaffnen und verdienstvollen Mann gehalten zu werden? Die hochsten Ehrenstellen im Staat erwarten seiner; er kann heirathen wo er will, und die Seinigen ausgeben an wen er will; jedermann rechnet sich's zur Ehre in Verhaltniss und Verbindung mit ihm zu kommen; ihm, dem kein Mittel zu seinem Zweck zu schlecht ist, schlagt alles zum Vortheil an; bei allen Gelegenheiten weiss er andern den Rank abzulaufen, kurz er wird ein reicher und gewaltiger Mann, und ist also im Stande, seinen Freunden nutzlich zu seyn, seinen Feinden zu schaden, und die Gotter selbst durch haufige Opfer und reiche Weihgeschenke zu gewinnen, so dass er ihnen lieber seyn wird, als der Gerechte, der nichts zu geben hat."
Ich weiss nicht wie vielen Dank eure Sophisten dem gottlichen Plato fur diese Darstellung ihrer Lehre von den Vortheilen der Ungerechtigkeit uber die Gerechtigkeit wissen werden; gewiss ist wenigstens, dass es keinem von ihnen je eingefallen ist, die Frage auf diese Spitze zu stellen, und einen gerechten Mann, wie nie einer war, noch seyn wird noch seyn kann, zu erdichten, um durch Vergleichung des glucklichen Looses des Ungerechten mit dem jammervollen Leben und schrecklichen Ende dieses Rechtschaffnen die Vorzuge der Ungerechtigkeit in ein desto grosseres Licht zu setzen. Ich, meines Orts, habe gegen das Ideal des Platonischen Gerechten zwei Einwendungen. Erstens liegt es keineswegs in der Idee eines vollkommen rechtschaffenen Mannes, dass er nothwendig ein Bosewicht scheinen musse; im Gegentheil, es ist ihm nicht nur erlaubt zu scheinen was er ist, sondern die Rechtschaffenheit selbst legt es ihm sogar als Pflicht auf, bosen Schein, so viel moglich, zu vermeiden. Auch sehe ich nicht, wie er es ohne Nachtheil sowohl seiner Rechtschaffenheit als seines Menschenverstandes anfangen wollte, um von allen den Menschen, welche tagliche Augenzeugen seines Lebens sind, immer verkannt, gehasst und verabscheuet zu werden. Alle Umstande, alle Menschen, die ganze Natur mussten sich auf die unbegreiflichste Art gegen ihn verschworen, und er selbst musste sich, unbegreiflicherweise, unendliche Muhe gegeben haben, seinen Tugenden und guten Handlungen die Gestalt des Lasters und Verbrechens zu geben. Ich zweifle sehr, ob ein einziges Beispiel aufzustellen sey, dass ein so guter, redlicher und gerechter Mann, wie ihn Plato setzt, ohne alle Freunde geblieben, und von Niemand gekannt, geliebt und geschatzt worden ware. Ueberdiess liesse sich noch fragen, ob irgend ein menschenahnliches Wesen, ohne ein Gott zu seyn, die Probe, auf welche unser Ideendichter seinen Gerechten stellt, zu bestehen, und alle Schmach und Marter, die er zu Bewahrung seiner Tugend uber ihn zusammenhauft, auszuhalten vermochte. Dieses Ideal ist also, von welcher Seite man es ansieht, ein Hirngespenst und zu der Absicht, wozu Plato es erdichtet hat, ganz unbrauchbar. Denn solcher ungerechter Menschen, wie er bei dieser Vergleichung annimmt, hat es zwar in der wirklichen Welt von jeher nur allzu viele gegeben, einen solchen Gerechten hingegen nie. Wenn sich also auch aus der Vergleichung des einen mit dem andern die Folge ziehen liesse, welche Glaukon daraus zieht, so wurde doch dadurch nicht bewiesen seyn, dass die Vortheile, welche der wirkliche Ungerechte von seiner Heuchelei erntet, wenn alles, was bei einer scharfen Berechnung in Anschlag kommen muss, ehrlich und redlich angesetzt wird, denen, die der wirkliche Gerechte durch seine Rechtschaffenheit geniesst, vorzuziehen waren.
5.
An Ebendenselben.
Fortsetzung des vorigen.
Da ich mich, beinahe wider Willen, aber durch die Natur der Sache selbst, mit welcher ich mich zu befassen angefangen, unvermerkt in eine nahere Beleuchtung der einzelnen Theile, woraus die vor uns liegende reiche Composition zusammengefugt ist, hineingezogen finde; wird es, bevor wir weiter gehen, edler Eurybates, nothig seyn, uns auf den Punkt zu stellen, aus welchem das Ganze angeschaut seyn will, um richtig beurtheilt zu werden. Ausser mehrern nicht unbedeutenden Nebenzwecken, welche Plato in seinen vorzuglichsten Werken mit dem Hauptzwecke zu verbinden gewohnt ist, scheint mir seine vornehmste Absicht in dem gegenwartigen dahin zu gehen, der in mancherlei Rucksicht ausserst nachtheiligen Dunkelheit, Verworrenheit und Unhaltbarkeit der vulgaren Begriffe und herrschenden Vorurtheile uber den Grund und die Natur dessen, was recht und unrecht ist, durch eine scharfe Untersuchung auf immer abzuhelfen. Diesem grossen Zwecke zufolge zerfallt dieser Dialog in zwei Haupttheile. In dem einen, der das erste Buch und die grossere Halfte des zweiten einnimmt, ist es darum zu thun, die folgenden drei Lehrsatze, als die gemeine, von Dichtern, Sophisten und Priestern aus allen Kraften unterstutzte, Meinung vorzutragen und auf alle Weise einleuchtend zu machen; namlich: 1) dass der Unterschied zwischen Recht und Unrecht
lediglich entweder auf willkurlicher Verabredung
unter freien Menschen, oder auf den Verordnungen
regierender Machthaber beruhe, welche letztere na
turlicherweise die Gesetze, so sie den Regierten
geben, zu ihrem eigenen moglichsten Vortheil ein
richten, sich selbst aber nicht dadurch gebunden
halten; 2) dass die Ungerechtigkeit dem, der sie ausubt, immer
vortheilhafter als die Gerechtigkeit, diese hingegen
durch nichts als ihren blossen Schein nutzlich sey;
dass also 3) nur ein einfaltiger und schwachherziger Mensch
das mindeste Bedenken tragen werde, gegen die
Gesetze zu handeln, sobald er es ungestraft thun
konne. Woraus sich dann von selbst ergibt: dass
da diese Art zu denken nicht nur den Kindern durch
die Dichter (aus deren Gesangen sie den ersten Un
terricht empfangen) beigebracht, und in den Er
wachsenen durch alles was sie horen und sehen ge
glauben und allerlei priesterliche Veranstaltungen
und Kunste so kraftig verstarkt werde, kein Wun
der sey, wenn diese, jeden wirklich edeln und guten
Menschen emporende Vorstellungsart uber Recht
und Unrecht so tiefe Wurzeln geschlagen habe und
so verderbliche Fruchte bringe, als die tagliche Er
fahrung lehre.
Jene drei Irrlehren zu bestreiten, den wesentlichen Unterschied zwischen der Gerechtigkeit, im hochsten Sinn des Wortes, und ihrem Gegentheil uberzeugend darzuthun, und zu beweisen, dass sie das Ziel und die Vollkommenheit des edelsten Theils der menschlichen Natur sey; dass der Mensch nur durch sie in Harmonie mit sich selbst und dem allgemeinen Ganzen gesetzt werde, und dass, so wie die Ungerechtigkeit die Hauptquelle aller das menschliche Geschlecht druckenden Uebel sey, die Gerechtigkeit hingegen das hochste Gluck aller einzelnen Menschen sowohl als aller burgerlichen Gesellschaften bewirken wurde; Alles diess macht (die haufigen, zum Theil weitschichtigen Abschweifungen und Zwischenspiele abgerechnet) den Inhalt der ubrigen acht Bucher aus, und das ganze Werk kann also als eine ernsthafte Entkaos und Adikos Logos betrachtet werden, welche der genialische Lieblingsdichter Platons vor mehr als vierzig Jahren in seiner eignen unubertrefflich possierlichen Manier, in ein paar Kampfhahne verkleidet, auf der Athenischen Schaubuhne um den Vorzug hatte rechten lassen.
Was fur eine Rolle der philosophische Dichter dem Sophisten Thrasimachus und dem wackern Glaukon zu spielen gibt, haben wir gesehen: nun lasst er auch Glaukons jungern Bruder Adimanthus das Wort nehmen, und in einer Rede, die an Geist und Zierlichkeit mit dem Discurs seines Bruders wetteifert, an Lebhaftigkeit und Warme ihn noch ubertrifft, den grossen Schaden vorstellig machen, welchen Junglinge edlerer Art nehmen mussen, indem sie sich an dem auffallenden Widerspruch stossen, zwischen dem, was sie zu Hause aus dem Munde ihrer Vater horen, und dem was ihnen, sobald sie in die Welt treten, von allen Seiten entgegen schallt; wenn sie horen: wie eben dieselben aus Eingebung der Musen singenden Dichter bald die grosse Liebe und Sorge der Gotter fur die Gerechten und das Gluck, das sie ihnen in diesem und dem kunftigen Leben bereiten, anruhmen; bald wieder den Pfad der Tugend als hochst muhselig, steil und mit Dornen verwachsen, den Weg des Lasters hingegen als breit, bequem und anmuthig schildern; itzt in den starksten Ausdrucken und Bildern von dem Zorn der Gotter uber die Ungerechten und von den furchtbaren Strafen, die im Tartarus auf sie warten, reden; ein andermal zum Trost aller Uebelthater versichern, dass auch die Gotter selbst sich wieder herumbringen lassen, und durch Spenden, Gelubde und Opferrauch bewogen werden konnen, den Sundern zu verzeihen.
Alles was Plato seinen Bruder uber diesen Gegenstand und die naturlichen Folgen der Eindrucke, die durch diese sich selbst widersprechenden, aber der Sinnlichkeit und den Leidenschaften schmeichelnden Vorspiegelungen auf lebhafte und nachdenkliche junge Gemuther gemacht werden, sagen lasst, kann schwerlich wahrer, starker und schoner gesagt werden. Aber durch nichts wird mir Plato achtungswurdiger als durch die Freimuthigkeit, womit er den unendlichen Schaden rugt, den der Missbrauch der herrschenden Volksreligion in den sittlichen Gefuhlen und Urtheilen der Menschen anrichtet; und gewiss ist noch nie etwas Treffenderes uber diesen Punkt gesagt worden als die folgende Stelle aus dem Selbstgesprach, welches er einem solchen von Erziehern, Dichtern und vorgeblichen Philosophen irre gemachten Jungling in den Mund legt. Nachdem namlich dieser aus allem, was er beim Eintritt in die Welt sieht und hort, das Resultat gezogen, "dass es zum glucklichen Leben nicht nur hinreiche, sondern sogar nothig sey, sich mit der blossen Larve der Rechtschaffenheit zu behelfen, um unter ihrem Schutz des Vortheils, ungestraft sundigen zu konnen, in vollem Masse zu geniessen;" macht er sich selbst den Einwurf: "wenn es einem nun aber auch gelange, die Menschen theils durch List und Ueberredung theils mit Gewalt dahin zu bringen, dass sie ihm erlauben mussten sich alles herauszunehmen was ihm beliebte, so waren dann doch noch die Gotter da, gegen welche weder durch Betrug noch Gewalt etwas auszurichten sey. Wie aber (antwortet er sich selbst) wenn es, wie Einige behaupten, gar keine Gotter gibt, oder wenn sie sich wenigstens, wie Andre versichern, um die menschlichen Dinge nichts bekummern? so brauchen auch wir uns nicht zu kummern ob sie uns sehen oder nicht. Gibt es Gotter, und nehmen sie sich der menschlichen Dinge an, so haben wir doch alles, was wir von ihnen wissen, aus keiner andern Quelle als vom Horensagen, und am Ende bloss von den Dichtern, die ihre Genealogien verfasst haben. Nun sagen mir aber eben diese Dichter, dass man den Zorn der Gotter durch demuthige Abbitten, Opfer und Weihgeschenke von sich ableiten konne. Ich muss ihnen also entweder beides glauben, oder weder diess noch jenes. Glaube ich, nun wohlan! so begeh' ich ungescheut so viel Unrecht als ich kann, opfre den Gottern einen Theil dessen was ich dadurch gewinne, und alles ist gut. Wollt' ich mich der Rechtschaffenheit befleissigen, so hatt' ich zwar von den Gottern nichts zu furchten, dafur aber entgingen mir auch die Vortheile, die ich aus der Ungerechtigkeit ziehen konnte; da ich hingegen bei dieser immer gewinne, und alle Verbrechen, die ich um reich zu werden begehen muss, bei den Gottern durch Gebete und Opfer wieder gut machen kann. 'Aber (sagt man) am Ende werden wir doch im Hades fur alles was wir im Leben Boses begangen haben, entweder in unsrer eigenen Person oder in unsrer Nachkommenschaft bestraft.' Auch davor ist Rath! Da kommen uns ja die Mysterien und feierlichen Reinigungen zu Statten, durch welche selbst die furchtbaren Gotter der Unterwelt sich besanftigen lassen, wie mir ganze Stadte, und die Dichter und Propheten unter den Gottersohnen bezeugen. Was fur einen Beweggrund konnt' ich also haben, die Gerechtigkeit der grossten Ungerechtigkeit vorzuziehen, da ich diese nur mit einem guten Aeusserlichen zu bedecken brauche, damit mir bei Gottern und Menschen im Leben und Sterben alles nach Wunsch von Statten gehe, wie ich so viele und grosse Manner behaupten hore?"
Der junge Adimanth, der diese schone Gelegenheit, ein Probestuck seiner Wohlredenheit abzulegen, moglichst benutzen zu wollen scheint, fahrt fort die Sache auf alle Seiten zu wenden, und findet ganz naturlich, der erste Grund des Uebels liege darin: dass von den uralten heroischen Zeiten an bis auf diesen Tag niemand die Gerechtigkeit anders angepriesen oder die Ungerechtigkeit anders gescholten habe, als in Rucksicht auf die Ehre und die Belohnungen, welche jener, oder die Strafen, welche dieser nachfolgten. Was aber die eine und die andere an sich selbst sey, was sie folglich ihrem Wesen nach in der Seele des Gerechten oder Ungerechten wirke, wenn sie auch Gottern und Menschen verborgen blieben, namlich, dass die Ungerechtigkeit das grosste aller Uebel womit eine Seele behaftet seyn kann, die Gerechtigkeit hingegen ihr grosstes Gut sey, diess habe noch niemand weder in Versen noch in gemeiner Rede hinlanglich dargethan und ausgefuhrt. Er vereinigt sich also mit seinem Bruder Glaukon, aufs ernstlichste und mit Beweggrunden, denen kein aufrichtiger Anhanger der Gerechtigkeit, und Sokrates am allerwenigsten, widerstehen konnte, in den letztern einzudringen, dass er sich nicht weigern mochte, einem so wichtigen Mangel abzuhelfen; und Sokrates, nachdem er sich eine Weile gestraubt und mit seinem Unvermogen, den von Glaukon so scheinbar behaupteten Vorzug der Ungerechtigkeit siegreich zu widerlegen, entschuldigt hat, wird endlich, von den vereinigten Bitten aller Anwesenden uberwaltigt, dass er wenigstens sein Moglichstes zu thun verspricht, der guten Sache zu Hulfe zu kommen und ihrem Verlangen Genuge zu leisten.
Dass Plato die Gelegenheit, die er selbst durch die in den Mund seiner Bruder gelegten schonen Reden herbeigefuhrt hatte, dazu benutzt, seiner Familie, und namentlich seinem Vater Ariston und seinen altern Brudern Glaukon und Adimanthus aus dem Munde eines Sokrates, zwar mit wenigen aber desto gehaltreichern Worten, ein Denkmal zu errichten, welches wahrscheinlich, durch das Werk, worin es wie eine glanzende Spitze hervorragt, von ewiger Dauer seyn wird, wollen wir ihm auf keine Weise verdenken. Wenn das, was ihn dazu bewog, eine Schwachheit ist, so ist es wenigstens eine sehr menschliche, die ihm um so mehr zu gut zu halten ist, da er (wie ich kaum zweifle) durch einen Abschnitt in Xenophons Denkwurdigkeiten14, worin Glaukon eine sehr armselige Figur macht, bewogen worden seyn mag, diesen seinen Bruder der Nachwelt in einem vortheilhaftern Lichte zu zeigen, und den Verdacht eines einbildischen, leeren, unwissenden Windbeutels und Schwatzers durch die That selbst von ihm abzuwalzen. Bevor ich weiter gehe, Eurybates, wirst du mir wohl erlauben, dir, statt eines kleinen Zwischenspiels, meine eigenen Gedanken uber die Frage, zu deren Beantwortung Platons Sokrates so weit aushohlt, in moglichster Kurze vorzulegen.
Glaukon behauptete im Namen der Lobredner der
Ungerechtigkeit: Unrecht thun sey an sich etwas Gutes, Unrecht leiden hingegen an sich ein Uebel. Ich habe schon bemerkt, dass ihm das doppelsinnige Wort adikein hier so viel als beleidigen heissen muss. Die Rede ist von Menschen, und zwar nicht von diesen oder jenen einzelnen, sondern von der ganzen Gattung. Was versteht er aber unter beleidigen? Ich weiss keine Formel, welche mir bequemer schiene alle Beleidigungen, die der Starkere dem Schwachern zufugen kann, zusammen zu fassen als diese: andere zu bloss leidenden Werkzeugen unserer Bedurfnisse und Luste machen, und zu Befriedigung unserer Leidenschaften und Launen uns alles uber sie erlauben, wozu uns unsre Ueberlegenheit das Vermogen gibt. Wenn diess seiner Natur nach gut ist; so muss es allen Menschen, uberall und zu allen Zeiten gut seyn. Einander gegenseitig, eigenen Vortheils oder anderer Befriedigungen wegen, alle mogliche Beleidigungen zuzufugen gehort folglich wesentlich zur Natur des Menschen, oder mit andern Worten: es ist das, wodurch der Mensch den Forderungen der Natur und dem Zweck seines Daseyns ein Genuge thut. Sein naturlicher Zustand ist, ein geborner Feind aller andern Menschen zu seyn und unaufhorlich an der Beschadigung, Unterdruckung und Zerstorung seiner eigenen Gattung zu arbeiten. Indem nun jeder Mensch von seiner Natur getrieben wird, allen andern zu schaden, beleidigt er sie zwar dadurch, aber er thut ihnen kein Unrecht; im Gegentheil, da alles der Natur Gemasse insofern recht ist, so ist es recht und vollig in der Ordnung, dass jeder allen andern so viel Uebels zufuge als er kann, und dafur von allen andern so viel leide, als er zu leiden fahig ist. Wolfe, Tiger, Hyanen und Drachen waren also in Vergleichung mit dem Menschen sehr holde und gutartige Wesen; der letztere hingegen ware das unnaturlichste aller Ungeheuer, die der Tartarus ausgespien hatte. Welcher Unsinn? und doch ist es nichts, als was herauskommt, wenn wir annehmen, Unrecht thun, oder beleidigen sey an sich, oder seiner Natur nach etwas Gutes. Bedarf es einer andern Widerlegung einer so wahnsinnigen Behauptung als sie auszusprechen?
Demungeachtet ist und bleibt es Thatsache, dass der rohe Stand der naturlichen Gleichheit fur die Menschen, die sich darin befinden, eine Art von Kriegsstand Aller gegen Alle ist; nicht, als ob die Menschen, ohne einen Grad von Ausartung, der sie tief unter die wildesten Thiere erniedrigen wurde, jemals das Gefuhl, dass es unnaturlich, folglich unrecht sey einander zu beleidigen, verlieren konnten; sondern weil die sinnlichen Triebe und Leidenschaften, wodurch sie zu Beleidigungen hingerissen werden, im Augenblick der aufbrausenden Leidenschaft oder eines unwiderstehlich dringenden Bedurfnisses starker sind als jenes Gefuhl, welches im Grunde nichts als die Stimme der Vernunft selbst zu seyn scheint. Aus dieser Thatsache folget nun freilich, dass die Menschen sich durch eine gebieterische Nothwendigkeit gedrungen finden, in gesellschaftliche Verbindungen zu treten, und sich Gesetzen zu unterwerfen, die ihrer aller Erhaltung und Sicherheit beabsichtigen, und insofern ihrer aller gemeinsamer Wille sind; aber diese Verbindungen, diese Gesetze sind nicht die Quellen, sondern Resultate des allen Menschen naturlichen Gefuhls von Recht und Unrecht, welches einem jeden sagt, dass alles was nur Einem und allenfalls seinen Mitgenossen und Spiessgesellen nutzt und allen ubrigen schadet, unrecht sey. Es ist also Unsinn, zu sagen: die Menschen machten sich durch den gesellschaftlichen Verein nur insofern zu Beobachtung der Gesetze anheischig, als sie solche nicht ungestraft ubertreten konnten; auch bedurfen wir keiner solchen, die allgemeine Vernunft in Widerspruch mit sich selbst setzenden Hypothese, um zu begreifen, wie es zugeht, dass in jedem Staat nicht wenige, und in einem sehr verdorbenen die meisten, in der That so handeln, als ob sie sich die Freiheit zu sundigen, sobald sie keine Strafe befurchten, ausdrucklich oder stillschweigend vorbehalten hatten.
Wenn ich nicht sehr irre, so hatte sich also der Platonische Sokrates die Muhe, mehr als zwolf Stunden lang in Einem Zug fort zu reden, ersparen konnen, wenn er, anstatt die Auflosung der Frage aus dem Lande der Ideen herabzuholen, es nicht unter seiner Wurde gehalten hatte, sich an derjenigen genugen zu lassen, die vor seinen Fussen lag. Weder unsre funf Sinne noch unser Verstand reichen bis zu dem, was an sich selbst ein Gut oder ein Uebel ist: was mir und meiner Gattung zutraglich ist, nenne ich gut; das Gegentheil bose. Die Natur selbst nothigt mich, in jedem Menschen ein Wesen meiner Gattung zu erkennen. Wenn Unrecht leiden, d.i. im freien Gebrauch meiner Krafte zu meiner Erhaltung und zu Beforderung meines Wohlstandes gewaltsam gehindert zu werden, fur mich ein Uebel ist, so ist eben dasselbe auch ein Uebel fur jeden andern Menschen. Also eines von beiden: entweder der Mensch ist das einzige Ungeheuer in der Welt, dessen naturliches Bestreben unaufhorlich dahin geht, seine eigene Gattung zu zerstoren: oder jede Beleidigung eines Menschen ist ein Uebel fur das ganze Menschengeschlecht, und also auch (ungeachtet des augenblicklichen Vortheils, den der Beleidiger daraus ziehen mag) ein wahres Uebel fur diesen selbst, indem er dadurch alle anderen Menschen reizt und berechtigt, sich auch gegen ihn herauszunehmen, was er sich gegen einen von ihnen erlaubte und gegen jeden andern, sobald er Gelegenheit und Vermogen dazu hat, sich zu erlauben bereit ist. Alle Menschen haben, als Menschen, gleiche Anspruche an den Gebrauch ihrer Krafte, und an die Mittel, welche die Natur, der Zufall und ihr eigener Kunstfleiss ihnen zu ihrer Erhaltung und zu Beforderung ihres Wohlbefindens darreichen. Wer diess anerkennt und diesem gemass handelt, ist gerecht, ungerecht also, wer alles fur sich allein haben will, und das Recht der ubrigen nicht anerkennt, oder thatlich verletzt. Mich dunkt, zwei Satze folgen nothwendig und unmittelbar aus dieser durch sich selbst klaren Wahrheit: erstens, dass jeder Mensch, der einen andern vorsetzlich beleidigt, sich eben dadurch fur einen Feind aller ubrigen erklart; zweitens, dass sobald mehrere Menschen neben einander leben, zu eines jeden Sicherheit entweder ein stillschweigend zugestandener oder ausdrucklich unter ihnen geschlossener Vertrag vorwaltet, "jedem auf das, was er sich ohne Beraubung eines andern erworben hat, ein unverletzliches Eigenthumsrecht zuzugestehen." In dieser Rucksicht kann also mit vollkommenem Grunde gesagt werden: Jedem das Seinige nicht zu geben (denn er hat es schon), sondern zu lassen und im Fall, dass es ihm mit Gewalt genommen worden, ihm entweder zur Wiedererlangung des Geraubten oder zu einer angemess'nen Entschadigung zu verhelfen, werde von allen Menschen auf dem ganzen Erdboden Gerechtigkeit genennt, oder, falls sie noch keine Worte zu Bezeichnung allgemeiner Vernunftbegriffe hatten, als Gerechtigkeit gefuhlt und anerkannt.
Mit dieser kurzen Beantwortung der von Sokrates aufgeworfenen Frage konnten wir, dunkt mich, allen Sophisten und Rechtsverdrehern in der Welt die Stirne bieten; auch wurde Plato selbst Muhe gehabt haben, die Untersuchung und Festsetzung dessen, was Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit ist, uber den gewohnlichen Umfang seiner Dialogen auszudehnen, wenn er sich innerhalb der Granzen des gemeinen, dem Sprachgebrauch gemassen Sinnes der Worte hatte halten wollen. Da er aber diesem unvermerkt einen andern hohern und mehr umfassenden unterschob, indem er den gewohnlichen Begriff der Gerechtigkeit (ohne uns jedoch davon zu benachrichtigen) mit seiner Idee von der hochsten geistigen und sittlichen Vollkommenheit, welche, seiner Meinung nach, der menschlichen Natur erreichbar ist, bald vermengt bald verwechselt: offnete sich seiner dichterischen Phantasie ein unabsehbares Feld, wo sie sich nach Gefallen erlustigen konnte, und Stoff genug fand, einen Kreis von gefalligen Zuhorern eben so gut zehn Tage lang zu unterhalten als einen.
Indessen sehe ich nicht warum wir ihm auch diese Freiheit nicht zugestehen sollten. Jeder Schriftsteller hat unstreitig das Recht, sich seinen Stoff nach Belieben zu wahlen, und ihn zu bearbeiten, wie es ihm gut dunkt; und wenn er nur, wie Plato, dafur gesorgt hat, uns, sobald wir zu gahnen anfangen, durch wohl angebrachte Reizmittel wieder zur Aufmerksamkeit zu nothigen, so war' es unbillig und undankbar, wenn wir uns beklagen wollten, dass er uns weit mehr vorsetzt als nothig, oder selbst fur eine reichliche Befriedigung unsres Bedurfnisses genug gewesen ware. Hatte er sich auf das reichlich Genugsame einschranken wollen, so stand es nur bei ihm, die Aufgabe, so wie er sie gestellt hatte, geradezu zu fassen; und da es ihm, kraft seiner philosophischen Machtgewalt, beliebt hatte, den gemeinen und zum Gebrauch im Leben vollig zureichenden Begriff der Gerechtigkeit zu verlassen, und die Idee der hochsten Richtigkeit und Vollkommenheit der menschlichen Natur an seine Stelle zu setzen, so bedurfte es, meines Bedunkens, keiner so weitlaufigen und kunstlichen Vorrichtung, um ausfindig zu machen, worin diese Vollkommenheit bestehe. Es gehorte wirklich eine ganz eigene Liebhaberei "Knoten in Binsen zu suchen"15 dazu, die Sache so ausserordentlich schwer zu finden, und selbst ohne alle Noth einen Knoten nach dem andern in die Binsen zu knupfen, bloss um das Vergnugen zu haben sie wieder aufzulosen. Ich zweifle sehr, dass ihm hier die Ausrede zu Statten kommen konne, er lasse seinen Sokrates sich nur darum so stellen, als ob er selbst noch nicht wisse, wie er die vorgelegte Aufgabe werde auflosen konnen, um die Tauschung der Leser, als ob sie hier den beruchtigten Eiron wirklich reden horten, desto vollkommner zu machen. Man konnte diess allenfalls fur eine Rechtfertigung gelten lassen, wenn die Rede, anstatt von einem Gegenstande, womit sich Sokrates so viele Jahre lang tagtaglich beschaftigte, von irgend einer rathselhaften spitzfindigen Frage gewesen ware; oder auch, wenn er es, anstatt mit so verstandigen, gebildeten und lehrbegierigen jungen Mannern, wie Glaukon und Adimanthus sich gezeigt haben, mit unwissenden Knaben oder naseweisen Gecken zu thun gehabt hatte. Man konnte zwar einwenden, dass diese Gebruder in dem grossten Theil unsers Dialogs fast immer die Rolle unwissender Schulknaben spielen, und dass Sokrates haufig Fragen an sie thut, durch welche ein Knabe von zwolf Jahren sich beleidigt finden konnte: aber wenn Plato diess wirklich in der Absicht that, die langweilige Art, wie Sokrates ihren Ideen zur Geburt hilft, zu rechtfertigen, so hatte er nicht vergessen sollen, dass er sie kurz vorher wie verstandige und scharfsinnige Manner reden liess. Doch sein Sokrates ist nun einmal in der Laune seinen Spass mit uns zu haben, und wir mussen uns schon gefallen lassen, in einer weitkreisenden Schneckenlinie endlich auf den namlichen Punkt mit ihm zu kommen, zu welchem er uns auf einer ziemlich geraden mit wenig Schritten hatte fuhren konnen.
Sehen wir also (wofern du nichts Besser's zu thun hast) wie er es anfangt, seinen erwartungsvollen, mit gespitzten Ohren und offnen Schnabeln seine Worte aufhaschenden Zuhorern zum achten Begriff der Gerechtigkeit zu verhelfen. Da die Sache so grosse Schwierigkeiten hat, und wir uns nicht anders zu helfen wissen (sagt er, die Rede an Adimanthen richtend), so wollen wir's machen, wie Leute von kurzem Gesicht, die eine sehr klein geschriebene Schrift von ferne lesen sollten, es machen wurden, wenn einer von ihnen sich besanne, dass eben diese Schrift irgendwo an einem erhabnern Orte in grossern Buchstaben zu lesen sey. Diese Leute wurden, denke ich, nicht ermangeln die letztere zuerst zu lesen, um durch Vergleichung der grossern Buchstaben mit den kleinern zu sehen, ob nicht etwa beide eben dasselbe sagten. Ohne Zweifel, versetzt Adimanth; aber wie passt diess auf unsre vorhabende Untersuchung? Das will ich dir sagen, erwiedert Sokrates. Ist die Gerechtigkeit bloss Sache eines einzigen Menschen, oder nicht auch eines ganzen Staats? Adimanth halt das letztere fur etwas Ausgemachtes, wiewohl ich nicht sehe warum, da das, was die Gerechtigkeit sey, als etwas noch Unbekanntes erst gesucht werden soll. Aber, dass Glaukon und Adimanth zweifelhafte und ohne Beweis nicht zuzugebende, ja wohl gar ganz unverstandliche Satze, der Bequemlichkeit des Gesprachs wegen bejahen, oder wenigstens gelten lassen, begegnet im Verfolg der ganzen Unterhaltung noch so oft, dass wir uns bei dieser Kleinigkeit nicht aufhalten wollen. Aber ist ein Staat nicht grosser als ein einzelner Mann? fragt Sokrates. Grosser, antwortet der Knabe, voller Freude vermuthlich, dass er hoffen kann es getroffen zu haben. Wahrscheinlich wird also (fahrt der Schulmeister fort) auch die Gerechtigkeit im Grossern besser in die Augen fallen und leichter zu erkennen seyn. Gefallt es euch, so forschen wir also zuerst, was sie in ganzen Staaten ist, und suchen dann, indem wir in der Idee des Kleinern die Aehnlichkeit mit dem Grossern bemerken, herauszubringen, was sie in dem einzelnen Menschen ist. Wohl gesprochen, sollt' ich meinen, sagt Adimanth. "Nun daucht mich, wenn wir in Gedanken ein Gemeinwesen vor unsern Augen entstehen liessen, wurden wir auch sehen, wie Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in ihm entstehen." Konnte wohl seyn, versetzt jener. "Und wenn das ware, sollte nicht Hoffnung seyn, desto leichter zu finden was wir suchen?" Viel leichter. "Mich daucht also wir thaten wohl, wenn wir ohne weiters Hand anlegten; denn es ist, meines Erachtens, kein kleines Werk. Bedenkt euch also!" Da ist nichts weiter zu bedenken, sagt Adimanth, des langen Zauderns, wie es scheint, uberdrussig; thu nur das Deinige dabei!
Und so stehen wir denn vor dem Thor dieser Republik, die uns Plato, ihr Stifter und Gesetzgeber, durch den Mund seines immer wahrenden Stellvertreters fur das Ideal eines vollkommenen Staats ausgibt, an dessen Realisirung er selbst verzweifelt; deren Erbauung und Einrichtung ihn in einem grossen Theil dieses Werks ernstlich beschaftigt, und die er gleichwohl weder um ihrer selbst willen, noch in der Absicht dass sie irgend einem von Menschenhanden errichteten Staate zum Muster dienen sollte, sondern (wie er sagt) bloss desswegen mit so vieler Muhe aufgestellt hat, um seinen Zuhorern an ihr zu dem einzig wahren Begriff von dem, was Gerechtigkeit in der menschlichen Seele ist, zu verhelfen.
Eine Einwendung, die sich beim ersten Anblick aufdringt und daher, in Cyrene wenigstens, am haufigsten gehort wird, ist: es sey unbegreiflich, wie Plato nicht gesehen habe, dass, wofern zuvor aufs Reine gebracht ware, was die Gerechtigkeit bei einem einzelnen Menschen sey, die Frage, was sie in einem ganzen Staat sey? sich dann von selbst beantwortet hatte: da hingegen diese letzte Frage nicht ausgemacht werden konne, ohne den Begriff der Gerechtigkeit schon vorauszusetzen; denn der Staat bestehe aus einzelnen Menschen, und nur insofern als diese gerecht seyen, finde Gerechtigkeit in jenem statt. Es ware in der That unbegreiflich, wenn ein so scharfsichtiger Mann wie Plato diesen Einwurf nicht vorausgesehen hatte. Er kann ihm aber nur von solchen gemacht werden, die mit den Mysterien seiner Philosophie ganzlich unbekannt sind. Plato setzt bei allen seinen Erklarungen, wovon auch immer die Rede seyn mag, eine Art dunkler aber wahrer Vorstellungen voraus, abgebleichte, durch den Schmutz der Sinnlichkeit und den Rost der Gewohnheit, womit sie bedeckt sind, unkenntlich gewordene Schattenbilder der ewigen Ideen alles dessen was ist, dumpfe Erinnerungen, welche unsre Seele aus einem vorhergehenden Zustand in dieses Leben mitgebracht, die sich zu deutlichen Begriffen des Wahren eben so verhalten wie Ahnungen zu dem was uns kunftig als etwas Wirkliches erscheinen wird, und in deren Anfrischung und Reinigung aller Unterricht besteht, womit die Philosophie unsrer Unwissenheit und Afterwissenschaft zu Hulfe kommen kann. Dieses aus der Welt der Ideen mitgebrachte dunkle Bild der wesentlichen Gerechtigkeit in seinen Zuhorern aufzuklaren, ist itzt das Geschaft des platonisirenden Sokrates. Sie besteht, nach ihm, in dem reinsten Zusammenklang aller Krafte zur moglichsten Vollkommenheit des Ganzen unter der Oberherrschaft der Vernunft. Um diess seinen Horern anschaulich zu machen, war es allerdings der leichtere Weg, zuerst zu untersuchen wie ein vollkommen wohl geordneter Staat beschaffen seyn musse; und erst dann, durch die entdeckte Aehnlichkeit zwischen der innern Oekonomie unsrer Seele mit der wesentlichen Verfassung und Verwaltung eines wohl geordneten Gemeinwesens, die wahre Auflosung des Problems, welche Glaukon und Adimanth im Namen der ubrigen Anwesenden von Sokrates erwarteten, ausfindig zu machen. Auf diese Weise wurden sie in der That vom Bekanntern und gleichsam in grossern Charakteren in die Augen Fallenden auf das Unbekanntere gefuhrt; denn was der Mensch gewohnlich am wenigsten kennt, ist das Innere dessen was er seine Seele nennt.
Nachdem wir diesen Einwurf auf die Seite gebracht haben, lass' uns sehen wie Plato mit Einrichtung seiner Republik zu Werke geht. Es ist wirklich eine Lust zuzuschauen, wie sie aus dem gesellschaftlichen Verein von vier Handarbeitern, einem Feldbauer, Zimmermann, Weber und Schuster, gleich einer himmelan steigenden Ceder aus einem kleinen Samenkorn, zu einer machtigen, glucklichen und in ihrer Art einzigen Republik emporwachs't. Dass es sehr schnell damit zugeht, ist Natur der Sache; und mancher Leser mag sich wohl kaum enthalten konnen zu wunschen, dass die Sokratische Manier einen noch schnellern Gang erlaubt hatte, und dass wir nicht alle Augenblicke durch die Frage: oder ist's nicht so? aufgehalten wurden, wobei die beiden Gebruder mit ihrem ewigen: ja wohl! eine ziemlich betrubte Figur zu machen genothig sind. Das Einzige was wir dem wackern Glaukon zu danken haben, ist, dass wir in der neuen Republik etwas besser gehalten und bekostiget werden als Sokrates es anfangs gesonnen war. Denn, wie er selbst ziemlich leicht bekleidet zu seyn und schlecht zu essen gewohnt war, so sollten auch seine neuen Ansiedler im Sommer meistens nackt gehen, Kleider und Schuhe nur im Winter tragen, von Gerstengraupen, Mehlbrei und Kuchen leben, und auf Binsenmatten, mit Windekraut und Myrtenzweigen bestreut, in geselliger Frohlichkeit Mahlzeit halten. Aber auf Glaukons Vorstellung, dass sie doch auch einige Gemuse und Zulagen zu dieser gar zu magern Kost haben sollten, lasst er sich gefallen, ihnen noch Salz, Oliven, Kase, Zwiebeln und Gartenkrauter, auch statt des Nachtisches Feigen, Erbsen, Saubohnen, Myrtenbeeren und gerostete Bucheckern zu bewilligen. Bei den Bucheckern scheint dem ehrlichen Glaukon die Geduld auszugehen; er wird fur einen wohlerzogenen Athenischen Patricier ein wenig grob, und fragt den Sokrates: wenn er eine Republik von Schweinen zu stiften hatte, womit er sie anders futtern wollte? Was ware denn zu thun, Glaukon, erwiedert dieser mit seiner gewohnten Kaltblutigkeit. Ei was bei allen rechtlichen Leuten der Gebrauch ist, antwortet jener: lass' sie, anstatt so armselig zu leben, fein ordentlich auf Polstern um Tische herumliegen, und gib ihnen zu essen wie man heutzutage zu speisen pflegt. Ah, nun versteh' ich dich, sagt Sokrates; meine Stadt, worin alles nur fur die wirklichen Bedurfnisse ihrer Burger berechnet ist, scheint dir zu durftig; du willst eine, wo es recht uppig zugeht. Sey es darum! Wiewohl jene die wahre und gesunde ist, so hindert uns doch nichts, wenn ihr wollt, auch eine kranke, von uberflussigen und verdorbenen Saften aufgedunsene Stadt etwas naher zu besehen. Er lasst sich nun in eine umstandliche Aufzahlung aller der unnothigen und bloss der Eitelkeit und Wollust dienstbaren Personen und Sachen, Kunste und Lebensarten ein, welche die Ueppigkeit, wofern ihr der Zugang in die neue Stadt einmal geoffnet ware, den Einwohnern in kurzem unentbehrlich machen wurde; und wir andern Liebhaber der nachahmenden und bildenden Kunste konnen uns nicht enthalten, ein wenig schel dazu zu sehen, dass er bei dieser Gelegenheit auch von den Malern und Bildnern, Tonkunstlern und Dichtern, mit ihren Dienern, den Rhapsoden, Schauspielern und Tanzern, als von Leuten spricht, die in seiner gesunden Stadt nichts zu schaffen hatten, und die er ohne Bedenken mit den Putzmacherinnen und Haarkrauslerinnen, Bartscheerern, Garkochen und Schweinhirten in eben dieselbe Linie stellt. Die gesunde Stadt, wovon anfangs die Rede war, und ihr Gebiet, wird also (fahrt er fort) fur alle diese Menschen sowohl als fur die grosse Menge von allen Arten Thieren, die der Ueppigkeit zur Nahrung dienen, viel zu klein seyn; wir werden sie sehr ansehnlich vergrossern und erweitern mussen, und da diess nicht anders als auf Unkosten unsrer Nachbarn geschehen kann, welche diess, wie naturlich, nicht leiden, und, wenn sie eben so habsuchtig und lustern sind wie wir, sich das Namliche gegen uns herausnehmen werden, was wird die Folge seyn? Wir werden uns mit ihnen schlagen mussen, Glaukon? oder wie ist zu helfen? Wir schlagen uns, antwortet Glaukon ohne sich zu besinnen. Wir werden also, fahrt Sokrates fort, ohne jetzt aller andern Uebel, die den Krieg begleiten, zu gedenken, unsre Stadt abermals erweitern mussen, um fur ein ansehnliches Kriegsheer Raum zu bekommen? Glaukon halt diess fur unnothig; die Burger, meint er, womit die Stadt bereits so ansehnlich bevolkert sey, waren zu ihrer Vertheidigung hinreichend. Aber Sokrates beweist ihm mit der unbarmherzigsten Ausfuhrlichkeit, dass ein eigener Stand, der nichts anders zu thun habe als sich mit den Waffen zu beschaftigen, in einem wohlbestellten Staat ganz unentbehrlich sey. Er stutzt sich hierbei auf einen Grundsatz, den er gleich anfangs festgesetzt hatte, da von den verschiedenen Professionen die Rede war, deren wechselseitige Hulfsleistung zu Befriedigung der gemeinschaftlichen Bedurfnisse die Veranlassung und der Zweck der ersten Stifter seiner Republik war; nehmlich: dass jeder, um es in seinem Geschafte desto gewisser zur gehorigen Vollkommenheit zu bringen, sich der Kunst oder Hanthierung, wozu er am meisten Neigung und Geschick habe, mit Ausschluss aller andern widmen musse. Da nun Krieg fuhren, und alle Arten von Waffen recht zu gebrauchen wissen, unstreitig eine Kunst sey, welche viel Vorbereitung, Geschicklichkeit und Kenntniss erfordere, so wurde es ungereimt seyn, wenn man dem Schuster verbote, den Weber oder Baumeister oder Ackermann zu machen, die Kunst des Kriegsmanns hingegen fur so leicht und unbedeutend hielte, dass jedermann sie zugleich mit seiner eigentlichen Profession als eine Nebensache treiben konne.
Es sollte dem guten Glaukon, wofern er nur die Halfte seines vorhin so stark erprobten Witzes harte anwenden wollen, nicht schwer gefallen seyn, dieser Behauptung des Sokrates, und den Grunden womit er sie unterstutzt, triftige Einwurfe entgegenzustellen: aber Plato hat noch so vielen und mannichfaltigen Stoff in diesem Dialog zu verarbeiten, dass er sich an das dramatische Gesetz, jeder Person ihr Recht anzuthun, so genau nicht binden kann; und da die Rede nun einmal (wiewohl bloss zufalligerweise) von den Beschutzern des Staats ist, aus welchen sein Sokrates die zweite Classe der Burger seiner Republik bestellt: so fahrt er sogleich in seiner erotematischen Methode (wobei er uns mit den Antworten des Gefragten und dem unzahligemal wiederholten, todtlich ermudenden: "sagte ich," und "sagte er," fast immer hatte verschonen konnen) fort, sich uber die Naturgaben und wesentlichen Eigenschaften, die einem guten Soldaten unentbehrlich sind, vernehmen zu lassen. Ich gestehe, dass der Einfall, sich hierzu der Vergleichung des Staatsbeschutzers mit einem tuchtigen Hofhunde zu bedienen, und zum Theil auch die Art wie er sich dabei benimmt, so vollig im Charakter und in der Manier des wahren Sokrates ist, dass Plato ihn vielleicht eher seinem Gedachtniss als seiner Nachahmungskunst zu danken haben konnte. Es kommen solcher Stellen hier und da in diesem Werke mehrere vor, die, in meinen Augen, gerade das Gefalligste und Anziehendste darin sind. Nur Schade dass Plato es auch hier nicht lassen kann, dem reinen Sokratischen Gold etwas von seinem eignen Blei beizumischen. Oder dunkt es dich nicht auch, Eurybates, dass der witzige Einfall, dem Hunde (ausser der Starke, Behendigkeit, Wachsamkeit, Zornmuthigkeit und der sonderbaren Eigenheit, die ihn von den eigentlich sogenannten wilden Thieren unterscheidet, dass er seinen anschnaubenden beissigen Naturtrieb nur gegen Fremde und Unbekannte auslasst, gegen Heimische, Hausfreunde und Bekannte hingegen sanft und freundlich ist) sogar noch ein philosophisches Naturell zuzuschreiben, dunkt es dich nicht, dass dieser Einfall eher dem Aristophanischen Sokrates, als dem, den wir gekannt haben, ahnlich sieht, und bloss dazu da ist, um die Aehnlichkeit zwischen einem guten Hund und einem braven Kriegsmann, der, nach Platon, schlechterdings auch Philosoph seyn muss, vollstandig zu machen? Wenigstens ist der doppelte Beweis, warum sowohl der Soldat als der Hund Philosoph ist, so acht Platonisch, dass ich mir's nicht verwehren kann, dir diese Stelle, zu Ersparung des Nachschlagens, von Wort zu Wort vor Augen zu legen; war' es auch nur, damit du mir nicht etwa einwendest, Sokrates habe diesen Einfall nur scherzweise vorgebracht.
S o k r a t e s . Dunkt es dich nicht, dass ein kunftiger Wachter und Beschirmer des Staats zu dem jahzornigen Wesen, das ihm nothig ist, auch noch von Natur Philosoph seyn musse? G l a u k . Wie so? ich verstehe nicht, was du damit sagen willst. S o k r . Auch das kannst du an den Hunden ausfindig machen; es ist wirklich etwas Bewundernswurdiges an diesem Thiere. G l a u k . Und was ware das? S o k r . Sobald der Hund einen Unbekannten erblickt, fangt er an zu knurren und bose zu werden, wiewohl ihm jener nichts zu Leide gethan hat; den Bekannten hingegen bewillkommt er, nach seiner Art, aufs freundlichste, wenn er gleich nie etwas Gutes von ihm empfing. Ist dir das noch nie als etwas Wundernswurdiges aufgefallen? G l a u k . Ich habe bisher nie besonders darauf Acht gegeben; die Sache verhalt sich indessen wie du sagst. S o k r . Gleichwohl scheint dieser Naturtrieb etwas sehr Feines und acht Philosophisches an ihm zu seyn. G l a u k . Warum das? S o k r . Weil er einen freundlichen und feindlichen Gegenstand durch nichts anders unterscheidet, als dass er jenen kennt, diesen nicht kennt. Wie sollte er nun nicht lernbegierig seyn, da er das Heimische von dem Fremden bloss durch Erkenntniss und Unwissenheit unterscheidet? G l a u k . Es kann wohl nicht anders seyn. S o k r . Ist aber ein lernbegieriges und ein philosophisches Naturell nicht ebendasselbe? G l a u k . Doch wohl! S o k r . Warum sollten wir also nicht kecklich auch in dem Menschen setzen, dass er, um gegen Hausgenossen und Bekannte sanft und gutartig zu werden, Philosoph und lernbegierig seyn musse? G l a u k . So setzen wir's denn! Und ich, meines Orts, setze, dass diese Manier zu philosophiren eine eben so unphilosophische als langweilige Manier sey, wiewohl nicht zu laugnen ist, dass wir ihr wenigstens ein gutes Drittel dieses dickleibigen Dialogs zu danken haben.
Nachdem also Sokrates auf diese sinnreiche Weise herausgebracht und zum Ueberfluss nochmals wiederholt hat, dass ein Beschutzer seines idealischen Staats, um seiner Bestimmung aufs vollkommenste zu entsprechen, die verschiedenen Tugenden eines edeln Haushundes in sich vereinigen, und auf alle Falle so philosophisch und zornmuthig, behend und stark seyn musse als der stattlichste Molosser16, wirft er die Frage auf: was man ihnen, um sie zu moglichst vollkommnen Staatshunden zu bilden, fur eine Erziehung geben musste? Eine Untersuchung, welche, wie er meint, nicht wenig zur Auflosung des Problems, 'wie Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in einem Staat entstehe,' beitragen wurde. Adimanth bekraftigt dieses letztere sogleich mit grossem Nachdruck, ohne dass man sieht warum; denn dass er, so gut wie der Verfasser des Dialogs selbst, vorausgesehen haben konnte, wie dieser dem Discurs forthelfen werde um zu dem besagten Resultat zu gelangen, ist nicht wohl zu vermuthen. Sokrates gibt zu verstehen, diese Untersuchung durfte sich ziemlich in die Lange ziehen, meint aber doch, dass diess kein Grund sey die Sache aufzugeben, zumal da sie gerade nichts Besseres zu thun hatten. Adimanth ist, wie sich's versteht, dazu willig und bereit. Wohlan denn! was fur eine Erziehung wollen wir also unsern Staatsbeschutzern geben? Es durfte schwer seyn eine andere zu finden, als die schon langst erfundene, namlich die Gymnastik fur den Korper, die Musik17 (in der weitesten Bedeutung dieses Wortes) fur die Seele. Auf Musik und Gymnastik also schrankt sich auch in der Platonischen Stadt, deren Einrichtung uns beschaftigt, das ganze Erziehungswesen ein; aber beide sind freilich in dieser ganz etwas anders als in unsern uppigen und von bosen Saften aufgeschwollnen ungesunden Republiken. Die Ausfuhrung dieses Satzes nimmt den ganzen betrachtlichen Rest des zweiten Buchs und ein grosses Stuck des dritten ein; und wiewohl der heftige Ausfall gegen unsre epischen und dramatischen Dichter nur eine Episode ist, und nicht in gehorigem Ebenmasse mit dem Ganzen stehen mochte, so ist sie doch (ausser ihrer Zweckmassigkeit fur die Absicht unsers Philosophen) als ein fur sich selbst bestehendes Stuck betrachtet, bis auf eine oder zwei die Musik im engern Verstande und die nachahmenden Kunste betreffende Stellen, so vortrefflich ausgearbeitet, und in jedem Betracht so unterhaltend, lehrreich und zum Denken reizend, dass ich versucht ware, sie, mit der Rede Adimanths (wovon sie gewissermassen die Fortsetzung und vollstandigere Ausfuhrung ist) fur das beste des ganzen Werks zu halten, wenn ihr der Discurs uber die Gymnastik nicht den Vorzug streitig machte.
Wie ich hore ist ihm die Strenge, womit er vornehmlich den Homer und Hesiodus fur wahre Verfuhrer und Verderber der Jugend erklart, und die tiefe Verachtung, womit er von der mimischen Kunst der dramatischen Dichter und Schauspieler spricht, zu Athen sehr ubel genommen worden. Ich kann es euch nicht sehr verargen, dass ihr euch fur eine eurer vorzuglichsten Lieblings-Ergotzungen und fur dramatische Meisterstucke, auf die ihr stolz zu seyn alle Ursache habt, mit Faust und Fersen wehrt. Aber zwei Dinge, lieber Eurybates, wirst du doch bei ruhiger Ueberlegung nicht in Abrede seyn konnen: erstens, dass Plato in dem ziemlich alten Gebrauch der meisten Griechischen Volkerschaften, ihre Kinder die Gesange Homers und Hesiods als heilige, von den Musen eingegebene Bucher ansehen zu lehren, und ihnen aus diesen, mit rohen pobelhaften Begriffen und Gesinnungen, abgeschmackten Mahrchen, und zum Theil sehr unsittlichen Reden und Thaten der Gotter und Gottersohne angefullten alten Volksgesangen, in einem Alter wo das Gemuth fur solche Eindrucke weiches Wachs ist, die erste Bildung zu geben dass, sage ich, Plato in diesem Gebrauch eine der allgemeinsten und wirksamsten, wiewohl bisher unbemerkt gebliebenen, Ursachen der eben so ungeheuren als unheilbaren Sittenverderbniss unsrer Republiken aufgedeckt hat; zweitens, dass es demungeachtet, bei der Verbannung unsrer sammtlichen Musenkunstler aus seiner idealischen Republik, seine Meinung nicht war noch seyn konnte, dass die Athener und die ubrigen Griechen eben dasselbe thun sollten. Bei uns und an uns ist nichts mehr zu verderben; wir sind wie Menschen die in einer schlechten Luft zu leben gewohnt sind; unsre Dichter, Schauspieler, Musiker, Tanzer und Tanzerinnen, Maler und Bildner mogen es treiben wie sie wollen, in Republiken wie Athen, Korinth, Milet, Syrakus und so viele andere (meine ziemlich uppige Cyrene nicht ausgenommen), konnen sie nichts Boses thun, dem nicht auf diese oder jene Weise das Gift entweder benommen oder durch einwickelnde und mildernde Arzneimittel Einhalt gethan wurde. In Athen oder Milet ist wenig daran gelegen, ob die Leyer drei oder vier Saiten mehr oder weniger hat. Aber in einem Staat, dessen Verfassung und Gesetzgebung auf rein sittliche Grundsatze gebaut ware, und wo also die ganze Lebensweise der Burger, alle ihre Beschaftigungen und Vergnugungen, ihre gottesdienstlichen Gebrauche, Feste und gemeinschaftliche Ergotzlichkeiten, vor allem aber die Erziehung ihrer Jugend mit jenen Grundsatzen in der richtigsten Harmonie stehen mussten: da wurde allerdings die kleinste Abweichung vom Gesetz und vom guten alten Brauch, auch in Sprache, Declamation, Rhythmus, Gesangweisen, Tonfallen, Zahl der Saiten auf der Leyer und Cither, und dergleichen, wo nicht ganz so viel als Plato meint, doch sehr viel zu bedeuten haben; und wenn die Spartaner, die vor dreissig Jahren ein so strenges Decret gegen die eilfsaitige Lyra des beruhmten Sangers Timotheus18 ergehen liessen, dem Geist der Gesetzgebung ihres Lykurgs in allen andern Stucken so getreu geblieben waren, so wurden sie, anstatt sich den Athenern dadurch lacherlich zu machen, den Beifall aller Verstandigen davon getragen haben.
Dass Plato durch seine auf die strengste Moral gebaute Theorie der musischen und mimischen Kunste, wenn man anstatt ihre unmittelbare Beziehung auf seinen idealischen Staat zum Gesichtspunkt zu nehmen sie als einen allgemeinen Kanon fur Dichter, Maler, Musiker u.s.f. betrachten wollte, im Grund alle Poesie und die sammtlichen mit ihr verwandten Kunste rein aufhebt; dass seine Einwendungen gegen die kunstliche Nachahmung aller Arten von Charaktern, Gemuthsbewegungen, Leidenschaften und Handlungen (sie mogen nun loblich oder tadelhaft, der Nachfolge oder des Abscheues wurdig seyn) keine scharfe Untersuchung aushalten; und dass eine Ilias von lauter vollkommen weisen und idealisch tugendhaften Menschen, wie er sie haben will, ein kaltes, langweiliges und wenigstens durch seine Eintonigkeit unausstehliches Werk seyn wurde, wer sieht das nicht? Und wie konnt' es anders seyn, da er den Kunsten einen falschen Grundsatz unterschiebt und das Sittlichschone zu ihrem einzigen Gesetz, Zweck und Gegenstand macht? Aber alles, was er behauptet, steht an seinem Platz, sobald wir es in seine Republik versetzen. Seine Junglinge sollen an Seel' und Leib ungeschwachte, unverdorbene Menschen bleiben; sie sollen "nichts lernen was sie kunftig wieder vergessen mussen;" sie sollen nichts sehen noch horen, nichts denken noch treiben, als was unmittelbar dazu dient, sie zu ihrer Bestimmung vorzubereiten. Sie sollen von Kindesbeinen an auf alle mogliche Weise zu jeder Tugend gewohnt werden, und ungeziemende, ungerechte, schandliche Dinge nicht einmal dem Namen nach kennen. Sie sollen von der Gottheit das wurdigste und Erhabenste denken; sollen angehalten werden immer die Wahrheit zu sagen, und Lugen als die hasslichste Selbstbeschimpfung zu verabscheuen; sollen immer nuchtern, massig und enthaltsam seyn, der Wollust und dem Schmerz keine Gewalt uber sich lassen, ihren Mitburgern hold und gewartig und nur den Feinden des Staats furchterlich, in Gefahren zugleich vorsichtig und muthvoll, kaltblutig und entschlossen seyn, immer bereit, Leben und alles ihrer Pflicht aufzuopfern, ohne weder den Tod fur sich selbst zu furchten, noch sich beim Ableben der Ihrigen unmannlich zu betragen. Zu allem diesem wird man freilich (wie Plato seinen Sokrates sehr ausfuhrlich mit Stellen aus der Ilias und Odyssee belegen lasst) durch das Lesen unsrer Dichter und durch die Beispiele, Maximen und pathetischen Declamationen unsrer Tragodien nicht gebildet; wohl aber kann es nicht fehlen, dass sie in jungen Gemuthern Eindrucke und Vorstellungen hinterlassen, die das Gegentheil zu wirken geschickt sind. Nehmen wir also dem Schopfer einer Republik, die bloss dazu erschaffen ist uns zum Urbild der Gerechtigkeit und sittlichen Vollkommenheit zu dienen, nicht ubel, dass er unsre Dichter mit eben so weniger Schonung von ihren Granzen abhalt, als alle andern Kunstler und Werkleute des Vergnugens und der Ueppigkeit; in einem Staat, der in Ansehung aller korperlichen Bedurfnisse und sinnlichen Genusse auf das schlechterdings Unentbehrliche eingeschrankt ist, findet sich kein Platz fur sie.
Sokrates geht nun in der Erziehung seiner Staatsbeschutzer von der Musik als der Bildung der Seele zur Gymnastik oder Ausbildung, Uebung und Angewohnung des Korpers uber. Alles was er uber diesen Gegenstand sagt: die scharfe Censur, die er bei dieser Gelegenheit uber die Lebensweise der Vornehmen und Reichen zu Syrakus, Korinth und Athen ergehen lasst, alles was er uber die Diatetik uberhaupt, uber die Vorzuge der achten Aesculapischen Heilkunst von der heutzutage im Schwange gehenden, und uber die Analogie der Profession des Richters (den er als eine Art von Seelenarzt betrachtet) mit der Kunst des eigentlich sogenannten Arztes, vorbringt, mit Einem Wort die ganze reichhaltige und vielseitige Behandlung dieser Materie ist in jedem Betracht unubertrefflich schon und wahr. Alles darin ist neu, selbst gedacht, scharfsinnig, und doch zugleich so klar einfach und auf den ersten Blick einleuchtend, dass der Leser fast immer seinen eigenen Gedanken zu begegnen glaubt. Ich habe nichts daruber hinzuzusetzen, als dass der gottliche Plato, wenn er immer auf diese Art philosophirte, in der That ein Gott in meinen Augen ware; und dass, wofern die Athener und wir andern alle durch Lesung und Meditirung dieses Discurses nicht weiser und besser werden, die Schuld bloss an uns liegen wird.
Ich zweifle nicht, dass Plato durch den Ausfall uber die dermalige Heilkunst in ein gewaltiges Wespennest gestochen hat. Eure Hippokratischen Aerzte, welche sich den Reichen so unentbehrlich zu machen und von ihrer Ueppigkeit und Schwelgerei so viele Vortheile zu ziehen wissen, werden ihm nicht vergeben, dass er ihnen die Geschicklichkeit, einen baufalligen Korper recht lange hinzuhalten und ihre Kranken des langsamsten Todes, der ihrer Kunst moglich ist, sterben zu lassen, d.i. gerade das, worauf sie sich am meisten einbilden, zum Vorwurf, und beinahe zum Verbrechen macht. Naturlicherweise ist ihre Partei, da alle Schwachlinge, Gichtbruchige, Engbrustige, Wassersuchtige und Podagristen von Athen auf ihrer Seite sind, wo nicht die starkste, doch die zahlreichste; und wie sollten sie ihm je verzeihen konnen, dass er unmenschlich genug ist, zu behaupten: sie und alle ihresgleichen konnten fur die allgemeine Wohlfahrt nichts Besser's thun, als sich je balder je lieber aus der Welt zu trollen; und die Heilkunst mache sich einer schweren Sunde gegen den Staat schuldig, wenn sie sich so viele Muhe gebe, ungesunden Menschen ein sieches, ihnen selbst und andern unnutzes Leben auch dann zu verlangern, wenn keine vollige Genesung zu hoffen ist. In der That hat diese Behauptung etwas Emporendes; und es mag wohl seyn, dass nur ein sehr gesunder, der Gute seines Temperaments und seiner strengen Lebensordnung vertrauender, auch uberdiess ausser allen zartlichern Familienverhaltnissen isolirt lebender Philosoph so vielen armen Sterblichen, die mit allen ihren Uebeln, doch das erfreuliche Licht der Sonne gern so lang' als moglich athmen mochten, ein so unbarmherziges Todesurtheil zu sprechen fahig ist. Ich hoffe Plato selbst werde sich erbitten lassen einige Ausnahmen zu machen; indessen mussen wir auch nicht vergessen, dass alles, was er seinen kerngesunden alten Sokrates uber diesen Punkt sagen lasst, mit unverwandter Rucksicht auf seine Republik gesagt wird, wo sich freilich alles anders verhalt als in den unsrigen. In den letztern lebt jeder Mensch sich selbst und seiner Familie, dann erst dem Staat; in der seinigen lebt er bloss dem Staat, und sobald er diesem nichts mehr nutze ist, rechnet er sich nicht mehr unter die Lebendigen. Er verhalt sich also zum Staat, wie der Leib zur Seele. Die Seele ist der eigentliche Mensch; der Leib hat nur dadurch einigen Werth, und darf nur insofern in Betrachtung kommen, als er der Seele zum Sklaven und Werkzeug gegeben ist. Es ist daher (wie Sokrates etwas, so er vorhin selbst gesagt hatte, berichtiget) nicht recht gesprochen, wenn man die Musik allein auf die Seele, die Gymnastik allein auf den Leib bezieht. Beide dienen bloss der Seele, und die Gymnastik findet in seiner Republik nur insofern Platz, als sie den Korper zu einem rein gestimmten, diese Stimmung festhaltenden, und mit einer von den Musen gebildeten Seele immer rein zusammen klingenden Instrument derselben macht. Eben darum ware sehr ubel gethan, die Gymnastik von der Musik oder diese von jener trennen zu wollen; die Musik allein wurde nur weibische Schwachlinge, die Gymnastik allein sogar aus Knaben von der edelsten Art nur rohe gewaltthatige Halbmenschen ziehen: aber so, wie Plato es vorschreibt, verbunden und eine durch die andere getempert19, bilden sie "den achten Musiker und Harmonisten, der beide Benennungen in einem unendlich hohern Grad verdient als der grosste Saitenspieler."
Was meinst du nun, Glaukon (fahrt Sokrates fort), sollten wir, wenn uns die Erhaltung unsrer Republik am Herzen liegt, nicht immer gerade einen solchen Mann zum Vorsteher derselben nothig haben? Mit dieser leichten Wendung fuhrt er uns zu der dritten Classe seiner Staatsburger, namlich zu den Archonten oder obrigkeitlichen Personen, deren die beiden ersten benothigt sind, wenn diese unwandelbare Ordnung, Harmonie und Einheit in der Republik erhalten werden soll, in welcher ihr Wesen besteht, und wodurch sie sich von allen unsern ungesunden, baufalligen und ihrer Zerstorung, langsamer oder schneller, entgegen eilenden Republiken unterscheidet. Was er hier von dieser obersten Classe seiner Staatsburger uberhaupt, und von dem Obervorsteher oder Epistaten des ganzen Staats sagt, ist zwar nur ein blosser, mit wenigen Pinselstrichen entworfener Umriss, wovon er sich die Ausfuhrung stillschweigend vorbehalt; aber auch in diesem entwickelt sich alles so leicht und schon, ist alles so richtig gedacht, in so zierliche Formen eingekleidet, und erhalt durch uberraschende Wendungen einen so eigenen Zauber von Genialitat und Neuheit, dass man ihm Tage lang zuhoren mochte, wenn er sich in dieser Sokratischen Manier zu philosophiren so lange erhalten konnte.
Um so auffallender ist es, wenn wir seinen Sokrates, den wir eine geraume Zeit lang so verstandig, wie ein Mann mit Mannern reden soll, reden gehort haben, sich plotzlich wieder in den Platonischen verwandeln, und in eine andre Tonart fallen horen, welche wir (mit aller ihm schuldigen Ehrerbietung gesagt) uns nicht erwehren konnen, unzeitig, seltsam, und, mit dem rechten Wort gerade heraus zu platzen, ein wenig lappisch zu finden. "Wie wollen wir es nun anstellen (fragt er den Glaukon), um vornehmlich die Archonten unsrer Republik, oder doch wenigstens die ubrigen Burger, eine von den gutartigen Lugen glauben zu machen, von denen wir oben (als die Rede von den Fabeln und Lugen der Dichter war) ausgemacht haben, dass sie zuweilen zulassig und schicklich seyen?" Glaukon, den diese unerwartete Frage vermuthlich eben so stark vor die Stirne stiess als uns, kann sich nicht vorstellen, was fur eine Luge Sokrates im Sinne habe.
"Sie ist nichts Neues," versetzt Sokrates; "denn sie stammt schon von den Phoniciern her20, und hat sich, wie die Poeten mit grosser Zuversichtlichkeit versichern, vor Zeiten an vielen Orten zugetragen. In unsern Tagen ereignet sich freilich so etwas nicht mehr, und ich weiss nicht, ob es sich kunftig jemals wieder zutragen durfte." Es muss etwas Seltsames seyn, dass du so hinterm Berge damit haltst, sagt Glaukon. "Wenn du es gehort haben wirst," antwortet Sokrates, "wirst du finden dass ich Ursache hatte, nicht gern damit herauszurucken." Sag' es immerhin und befurchte nichts. "Nun so will ich's denn sagen, wiewohl ich selbst nicht weiss, wo ich die Kuhnheit und die Worte dazu hernehme."
Nachdem er durch diesen dramatischen Kunstgriff die Erwartung seiner Zuhorer aufs hochste gespannt hatte, musste ihnen doch wohl zu Muthe seyn als ob sie aus den Wolken fielen, da er fortfuhr: "Vor allem also will ich mich bemuhen, die Archonten meiner Stadt und die Krieger, und dann auch die ubrigen Burger dahin zu bringen, dass sie sich einbilden, alles was bisher mit ihnen vorgegangen und die ganze Erziehung, die wir ihnen gegeben haben, sey ein blosser Traum gewesen. Dagegen sollen sie glauben, sie selbst sammt ihren Waffen und allem ihrem ubrigen Gerathe seyen wirklich und wahrhaftig im Schooss der Erde gebildet, genahrt und ausgearbeitet worden; und erst, nachdem sie in allen Stucken fertig und vollendet da gestanden, habe die Erde, ihre Mutter, sie zu Tage gefordert. Demnach sey es ihre erste Pflicht, das Stuck Erde, welches sie bewohnen, als ihre Mutter und Erzieherin zu betrachten, jeden feindlichen Anfall von ihr abzuhalten, und alle ihre Mitburger, ebenfalls Kinder derselben Erde, als ihre Bruder anzusehen." Nun begreif' ich freilich, sagt Glaukon, warum du mit einer so platten Luge so verschamt zuruckhieltest. "Da hast du wohl Recht," versetzt Sokrates; "aber hore nun auch den Rest des Mahrchens. Ihr alle (werden wir nun, die Fabel fortsetzend, zu ihnen sagen), so viele euer in dieser Stadt leben, seyd Bruder; aber der Gott, der euch bildete, vermischte den Thon, den er dazu nahm, mit ungleichartigem Metall. Bei denjenigen von euch, die zum Regieren tauglich sind, mischte er Gold unter den Thon, daher sind sie die geehrtesten von allen; zu denen, die er fur den Soldatenstand bestimmte, Silber; Kupfer zu den Ackerleuten und Eisen zu den ubrigen Handarbeitern. Da ihr nun alle zu einer und eben derselben Familie gehort, so zeugt zwar meistens jeder seines gleichen; doch geschieht es auch wohl zuweilen, dass sich aus Gold Silber, und dagegen aus Silber Gold, und eben so auch Kupfer aus Silber, oder Gold aus Kupfer erzeugt, und so weiter. Diesem zufolge macht der Gott, euer Schopfer, den Regierern zur ersten und wichtigsten Pflicht, die Kinder, die unter euch geboren werden, genau zu untersuchen, mit welchem von den besagten vier Metallen ihre Seelen legirt sind, und wofern ihnen selbst kupfer- oder eisenhaltige geboren wurden, sie ohne Schonung, wie es ihrer Natur gemass ist, in die Classe der Handwerker oder Ackerleute zu versetzen; hingegen, wofern diese letztern einen goldoder silberhaltigen Sohn erzeugten, solchen in die Classe der Regierer, oder der Vertheidiger der Republik zu erheben; und diess einem Orakel zufolge, welches dem Staat den Untergang ankundigt, wofern er je von Kupfer oder Eisen regiert wurde."
Was sagst du zu diesem Ammenmahrchen, Eurybates? Sollte der gottliche Plato wohl eine so verachtliche Meinung von seinen Lesern hegen, dass er fur nothig halt, uns von Zeit zu Zeit wie kleine Knaben mit einem Fabelchen in diesem kindischen Geschmack zufrieden zu stellen, weil er uns nicht Menschenverstand genug zutraut, eine mannlichere Unterhaltung, wie z.B. die unmittelbar vorhergehende, in die Lange auszuhalten? Wenn er es ja fur dienlich hielt, zu mehrerem Vergnugen der Leser den Ton zuweilen abzuandern, wie konnt' er sich selbst verbergen, dass nur Kinder, die noch unter den Handen der Warterin sind, an einem so platten Mahrchen Gefallen haben konnten? Oder sollte er vielleicht die geheime Absicht, die ihm Schuld gegeben wird, wirklich hegen, die Ilias aus den Kinderschulen der Griechen zu verdrangen, und diesen Dialog bloss darum mit so vielen Fabeln und allegorischen Wundermahrchen gespickt haben, um desto eher hoffen zu konnen, sich selbst dereinst an die Stelle des verbannten Homers gesetzt zu sehen? Beinahe muss man auf einen solchen Argwohn verfallen; zumal wenn man die sonderbare Hitze bedenkt, womit er sich an mehrern Stellen dieses Werkes mit einer sonst kaum begreiflichen Ausfuhrlichkeit beeifert, den sittlichen Einfluss der Werke unsrer Dichter auf die Jugend in das verhassteste Licht zu stellen. Wie dem auch seyn mag, immer ist es lustig genug, zu sehen, wie er seinen Sokrates vorbauen lasst, dass die Leser sein Phonicisches Mahrchen nicht fur so ganz einfaltig und anspruchlos halten mochten als es aussieht. Weisst du wohl ein Mittel, lasst er ihn den Glaukon fragen, wie man unsre Leute dieses Mahrchen glauben machen konnte? Sie selbst nicht, antwortet Glaukon, aber wohl allenfalls ihre Sohne und Nachkommen und die andern Menschen der Folgezeit, sollt' ich denken. Ich merke wo du hinaus willst, versetzt Sokrates; es konnte doch immer dazu gut seyn, sie desto ernstlicher besorgt zu machen, dass die Absicht des Orakels erreicht werde; namlich, dass die Republik nicht durch die uble Staatsverwaltung kupferner und eiserner Regenten zu Grunde gehe. Wenn diese Reden nicht ganz ohne Salz seyn sollen, muss man, dunkt mich, annehmen, Glaukon und Sokrates werfen hier beide einen Seitenblick auf Athen und andere Griechische Stadte, in welchen die schlechten Metalle dermalen ein sehr nachtheiliges Uebergewicht zu haben scheinen. Aber wozu hatte Plato er, der an mehrern Stellen dieses Dialogs seinen Mitburgern und Zeitgenossen die derbesten und ungefalligsten Wahrheiten ganz unverblumt ins Gesicht sagt wozu hatte er gerade hier einer so zwecklosen Behutsamkeit nothig?
Uebrigens tausche ich mich vielleicht, indem es mir vorkommt, als ob Sokrates, von diesem Mahrchen an, durch alle folgenden Bucher sich selbst verloren habe, und sich mit aller Muhe nicht wieder finden, oder, wenn er auch zuweilen in seinen eigenen Ton zuruckfallt, sich doch nicht lange darin erhalten konne. Ich drucke mich hieruber so schuchtern aus, weil es sehr moglich ist, dass die Ursache, warum mir diess so vorkommt, vielmehr in meiner Gewohnheit, mir einen ganz andern Sokrates zu denken, als in einem Mangel an Haltung liegt, der dem Verfasser des Dialogs Schuld gegeben werden konnte. Die Wahrheit zu sagen, der Sokrates, den er darin die doppelte Rolle des Erzahlers und der Hauptperson des Drama's spielen lasst, ist und bleibt sich selbst durchgehends immer ahnlich; denn es ist immer Plato selbst, der unter einer ziemlich gut gearbeiteten und seinem eigenen Kopfe so genau als moglich angepassten Sokrateslarve, nicht den Sohn des Sophroniskus, sondern sich selbst spielt. Hinter dieser Larve sieht er zuweilen, je nachdem er uns eine Seite zeigt, dem wahren Sokrates so ahnlich, dass man einige Augenblicke getauscht wird: aber seine Stimme kann oder will er vielmehr nicht so sehr verstellen, dass die Tauschung lange dauern konnte; und uberhaupt braucht man ihm nur naher auf den Leib zu rucken und ihn scharf ins Auge zu fassen, um den leibhaften Plato uberall durchschimmern zu sehen. Dieser scheint sogar von Zeit zu Zeit die unbequeme Larve ganz wegzuschieben, und uns auf einmal mit seiner eigenen, von jener so stark abstechenden Physiognomie zu uberraschen; und da er dieses seltsame Spiel, eben dieselbe Person bald mit bald ohne Larve zu machen, einen ganzen Tag lang treibt, so kann es nicht wohl fehlen, dass der Zuschauer endlich irre wird, und nicht recht weiss was man mit ihm vorhat, und ob er beim Schluss des Stucks zischen oder applaudiren soll.
Diese Ungewissheit ist indessen keineswegs der Fall im Rest des dritten und im Anfang des vierten Buchs. Eine unserm Philosophen eigene dialektische Spitzfundigkeit, die auch hier von Zeit zu Zeit durch die Lucken der Sokrateslarve durchguckt, abgerechnet, scheint er darin die angenommene Person wieder ziemlich gut zu spielen; so gut wenigstens, dass man sich geneigt fuhlt, der Tauschung mit halb geschloss'nen Augen nachzuhelfen; und wiewohl man sich hier und da nicht wohl erwehren kann ein wenig ungehalten auf den Schauspieler zu seyn, wenn er unversehens aus seiner Rolle heraustritt und anstatt den Sokrates rein fortzuspielen, in seine eigene Person zurucksinkt: so macht uns doch die Gewandtheit, womit er sich unvermerkt wieder in die angenommene hineinwirft, so viel Vergnugen, dass es wenig Muhe kostet ihm zu verzeihen und im Ganzen recht wohl mit ihm zufrieden zu seyn.
Die Rede ist nun im Rest des dritten Buchs davon, wie die aus dem Schooss der Erde in voller Rustung hervorgesprungnen Beschirmer oder Soldaten unsers idealischen Staats in Ansehung der Wohnung, Nahrung und aller ubrigen zum Leben gehorigen Stucke gehalten werden sollen. Da in der vollkommensten Republik alles rein consequent und zweckmassig seyn muss; da es in derselben nicht darum zu thun ist, die einzelnen Gliedmassen des Staats, sondern das Ganze so glucklich als moglich zu machen, und das letztere auf keine andere Weise zu erhalten steht, als wenn jede Classe, und jeder einzelne Burger in der seinigen, gerade das und nichts anders ist, als was sie vermoge ihres Verhaltnisses zum Ganzen nothwendig seyn mussen; so durfen wir uns nicht wundern, dass Plato den bewaffneten Theil der Burger, welcher bloss zum Schutz der Gesetze und des Staats, zu Vollziehung der Befehle der Regenten und zu Vertheidigung aller ubrigen Burger da ist, in allen Stucken auf das blosse Unentbehrliche setzt. Sie wohnen in schlechten Baracken, haben ausser ihren Waffen und was die hochste Nothdurft zum Leben fordert, nicht das geringste Eigenthum; halten ihre ausserst frugalen Mahlzeiten gemeinschaftlich in offentlichen Salen, und leben in allen Stucken in der namlichen Ordnung beisammen, wie sie im Lager leben mussten. In diesem und allen andern Stucken sind sie der strengsten Disciplin unterworfen; mit Einem Wort, nichts ist vergessen, was es ihnen unmoglich macht, jemals aus den Schranken ihrer Bestimmung herauszutreten, und "aus treuen und wachsamen Hunden der Heerde sich in Wolfe zu verwandeln." Alles diess und was dahin einschlagt, fuhrt Sokrates gegen die Zweifel und Einwurfe Adimanths so grundlich und sinnreich aus, dass weder diesem noch dem Leser das Geringste gegen die Zweckmassigkeit dieses Theils der Verfassung der Republik einzuwenden ubrig bleibt.
Was bei dem allem nicht wenig zum Vergnugen der Leser beizutragen scheint, ist die anscheinende Unordnung, oder, richtiger zu reden, die unter diesem Schein sich verbergende Kunst, wie der Dialog, gleich einem dem blossen Zufall uberlassenen Spaziergang, indem er sich mit vieler Freiheit hin und her bewegt, unter lauter Digressionen dennoch immer vorwarts schreitet, und dem eigentlichen Ziel des Verfassers (wie oft es uns auch aus den Augen geruckt wird) immer naher kommt. Wenigen dieser kleinern oder grossern Abschweifungen fehlt es an Interesse fur sich selbst: sie schlingen sich aber auch uberdiess meistens so naturlich aus und in einander, und lenken wieder so unvermerkt in den Hauptweg ein, dass man den Umweg entweder nicht gewahr geworden ist, oder sich's doch nicht reuen lassen kann, ihn gemacht zu haben. Diess ist zwar nicht immer, aber doch wenigstens ofters, der Fall; und ich finde um so nothiger diese Bemerkung hier nachzuholen, da sie, wo nicht zu volliger Widerlegung, doch zu gebuhrender Einschrankung dessen dient, was ich oben, aus dem Mund etlicher vielleicht gar zu schulgerecht urtheilender Kunstfreunde, gegen die Composition dieses Dialogs, als dichterisches Kunstwerk betrachtet, erinnert habe. Ein Gesprach dieser Art kann und soll weder an die Gesetze der architektonischen Symmetrie, noch an die Regeln des historischen Gemaldes gebunden werden; es ist in dieser Rucksicht noch freier als die Kratinische und Aristophanische Komodie selbst; die grosste Kunst des Dialogendichters ist, seinen Plan unter einer anscheinenden Planlosigkeit zu verstekken, und nur dann verdient er Tadel, wenn er sich von seinem Hauptzweck so weit verirrt, dass er sich selbst nicht wieder ohne Sprunge und muhselige Krummungen in seinen Weg zuruckfinden kann.
Nachdem Platons Sokrates mit den Beschirmern seiner Republik, unter den gehorigen Voraussetzungen so ziemlich auf dem Reinen ist, wirft er (bloss um Adimanthen auf eine Probe zu stellen, wie es scheint) die Frage auf: ob es wohl auch nothig seyn durfte, ihre neue Republik mit Gesetzen uber die Eigenthumsrechte, und die willkurlichen Handlungen der Burger unter einander, und die Rechtshandel die aus dem Zusammenstoss ihrer Anspruche oder aus personlichen Beleidigungen entstehen, kurz mit Gesetzen uber eine Menge von Gegenstanden, die in unsern Republiken vom gewohnlichen Schlag unentbehrlich sind, zu versehen? Aber Adimanth ist der Meinung, ihre Republik bedurfe aller dieser armseligen Stutzen und Behelfe nicht; und es wurde ganz uberflussig seyn, so verstandigen und guten Menschen, wie die Burger derselben sammt und sonders, vermoge ihrer Verfassung, Erziehung und Lebensordnung nothwendig seyn mussten, uber diese Dinge etwas vorzuschreiben, da sie in jedem vorkommenden Falle die Regel, nach welcher sie sich zu benehmen hatten, ohne Muhe von selbst finden wurden. Ganz gewiss, sagt Sokrates, werde diess der Fall seyn, wofern ihnen Gott die Gnade gebe, den Gesetzen, die er ihnen vorhin bereits vorgeschrieben, getreu zu bleiben. Wo nicht, erwiedert Adimanth, so mochten sie immerhin (wie es in den gewohnlichen Republiken zu gehen pflegt) ihr ganzes Leben damit zubringen, taglich neue Gesetze zu geben, in Hoffnung zuletzt noch wohl die rechten zu treffen, wie gewisse Kranke, die sich vergebens schmeicheln durch bestandiges Abwechseln mit neuen Arzneien zu genesen, weil sie aus Unenthaltsamkeit die Lebensart nicht andern wollen, welche der Grund ihrer Krankheit ist.
Sokrates setzt diese Vergleichung noch eine Weile fort, und findet sich dadurch in der Behauptung bestatiget, dass kein weiser Gesetzgeber weder in einem wohl, noch in einem schlecht geordneten Staat sich mit Gesetzen und Verordnungen dieser Art befassen werde; nicht in diesem, weil sie unnothig und von keinem Nutzen waren, in jenem nicht, weil das, was in jedem vorkommenden Falle zu thun ist, jedem Burger vermoge der Bildung und Richtung, die er durch die bereits bestehende Verfassung erhalten hat, von selbst einleuchten muss. Was bliebe uns also noch zu thun, um mit unsrer Gesetzgebung fertig zu seyn? fragt Adimanth. Uns nichts, antwortet Sokrates; denn den grossten, schonsten und wichtigsten Theil derselben werden wir dem Delphischen Apollo uberlassen. Und was betrafe diess? fragte jener etwas gedankenlos; denn er hatte doch wohl mit einem Augenblick von Besinnung dem Sokrates die Muhe ersparen konnen, sich erklaren zu mussen, dass die Anordnung der Tempel und Opfer und alles ubrigen, was die Verehrung der Gotter, Damonen und Heroen, wie auch die den Verstorbenen zu Beruhigung ihrer Manen gebuhrende letzte Ehre betreffe, damit gemeint sey. Da wir selbst von allem diesem keine Wissenschaft haben, sagt Sokrates, und wenn wir weise sind, einen so wichtigen Theil der Einrichtung unsrer Stadt auch keinem andern Sterblichen anvertrauen werden, so konnen wir nichts Besser's thun, als uns daruber von dem Gotte belehren zu lassen, der in solchen Dingen der angestammte Rathgeber aller Menschen ist, und bloss zu diesem Ende Delphi21, als die Mitte oder den Nabel der Erde, zu seinem Sitz erwahlt hat.
Sollte dir, Freund Eurybates, diese Stelle sowohl, als die kurz vorhergehende, wo Sokrates zu verstehen gibt, dass er selbst nicht begreife, "wie seine Republik, ohne unmittelbaren Beistand Gottes, sich bei ihrer ursprunglichen Verfassung lange werde erhalten konnen" nicht eben so stark, wie mir, aufgefallen seyn? Zwar erkennen wir an dergleichen Aeusserungen unsern alten Freund und Lehrer, der fur den religiosen Volks- und Staatsglauben nicht nur (wie billig) alle schuldige Ehrfurcht hegte, sondern im Glauben selbst nahezu bis zur Einfalt unsrer Grossmutter ging, und durch den Contrast, den dieser Zug seines Charakters mit seinem sonst so hellen Verstande machte, uns nicht selten in Erstaunen und Verlegenheit setzte. Aber Plato, dessen Art uber unsre Volksreligion zu denken kein Geheimniss ist, musste doch wohl mit diesen beiden Stellen etwas Mehrer's wollen, als seine eigenen Gedanken hinter diesem Zug seiner Sokrateslarve zu verbergen? Hatte er in diesem Werke wirklich die Absicht gehabt, der Welt das idealische Modell einer vollkommnen Republik zu hinterlassen, wurde es da wohl seiner oder irgend eines andern achten Philosophen wurdig gewesen seyn, eine so wichtige Sache als die Religion ist, dem Delphischen Apollo, d.i. den Priestern des Tempels zu Delphi zu uberlassen? Und ware er selbst von der innern Gute und Realitat seiner Republik, d.i. von ihrer reinen Uebereinstimmung mit der menschlichen Natur, uberzeugt gewesen, wurde er wohl alle seine Hoffnungen, dass sie sich bei seinen Gesetzen werde erhalten konnen, auf einen Gott aus einer Maschine gegrundet haben? Keines von beiden, daucht mich. Was ist es also, was er eigentlich damit wollte? Durch den Compromiss auf den Delphischen Apollo wollt' er sich, denke ich, den hakeligsten und gefahrlichsten Theil der Gesetzgebung seiner Republik vom Halse schaffen; und glucklich fur ihn, dass er diess um so schicklicher thun konnte, da der starke Glaube des wirklichen Sokrates an jenen Gott ein bekannter Umstand ist. Mit der frommen Hoffnung hingegen, womit er die Erhaltung seiner Gesetzgebung dem Willen Gottes anheimstellt, konnt' er uns wohl nichts anders zu verstehen geben wollen, als dass er selbst von ihrer innern Lebenskraft und Dauerhaftigkeit keine grosse Meinung hege, und so gut als andre wisse, dass eine idealische Republik nur fur idealische Menschen passe, und, um so frei in der Luft schweben zu konnen, an den Fussschemel von Jupiters Thron angehangt werden musse. Denn freilich, wenn die Gotter das Beste dabei thun wollten, konnte auch die Aristophanische Nephelokokkygia so gut existiren als die Platonische Republik.
6.
Fortsetzung des Vorigen.
Wir sind nun ganz nahe bis zu dem Punkt vorgeruckt, um dessentwillen vermuthlich diese ganze Unterredung angefangen und durch so vielerlei Maandrische Umschweife und Aus- und Einbeugungen bis hierher gefuhrt worden; aber so wohlfeil gibt es unser poetisirender Philosoph oder philosophirender Dichter nicht. Er hat sich nun einmal vorgesetzt, uns in diesem dramatischen Dialog zu weisen, dass er sich so gut als irgend ein Tragodienmacher auf die Kunst verstehe, den Punkt, auf welchen wir losgehen, alle Augenblikke bald zu zeigen, bald wieder aus dem Gesichte zu rucken, um uns desto angenehmer zu uberraschen, wenn wir das, was er uns so lange durch einen unmerklich wieder in sich selbst zuruckkehrenden Umweg suchen liess, endlich unversehens vor unsrer Nase liegen finden. Unser verkappter Sokrates, der itzt fur eine ziemliche Weile die Larve wieder weggeschoben hat und mit seinem eigenen Gesichte spielt, meint: sie hatten ihre Republik so gut angeordnet, dass es nun weiter nichts bedurfe, als dass Adimanth seinen Bruder und Polemarchen und die ubrigen Anwesenden aufrufe, ihm mit einer tuchtigen Fackel so lange in derselben herum suchen zu helfen, bis sie die irgendwo in ihr versteckte Gerechtigkeit ausfindig gemacht haben wurden. In der That muthet er diesen wackern jungen Mannern damit nicht mehr zu, als was sie mit einer massigen Anstrengung ihres Menschenverstandes sehr leicht leisten konnten und sollten. Aber dabei hatte der Verfasser des Dialogs seine Rechnung nicht gefunden. Glaukon besteht darauf, dass Sokrates seinem Versprechen gemass das Beste bei der Sache thun musse, und dieser schickt sich denn auch um so williger dazu an, da er wirklich in einer ganz eigenen Laune zu seyn scheint, sich mit der Treuherzigkeit der jungen Leute einen dialektischen Spass zu machen, und sie nach dem Ding, das er in der Hand hat, fein lange uberall wo es nicht ist herumstobern zu lassen. Wohlan also (sagt er) hier zeigt sich mir ein Weg, der uns hoffe ich zu dem, was wir suchen, fuhren soll. Wenn wir unsre Republik gehorig angeordnet haben, so sollte sie, dacht' ich, durchaus gut seyn. Nothwendig, antwortet Glaukon. S. Augenscheinlich ist sie also weise, tapfer, wohlgezuchtet und gerecht? Gl. Augenscheinlich. S. Wenn wir nun von diesen Vieren Eins, welches es sey, in ihr finden, so ist das ubrige das, was wir nicht gefunden haben; nicht wahr? Gl. Wie meinst du das? S. Wenn wir unter vier Dingen, welcher Art sie auch seyn mogen, nur Eines suchen, und (indem wir glucklicherweise zuerst darauf stossen) es sogleich fur das Gesuchte erkennen, so lassen wir's dabei bewenden; haben wir hingegen die drei ersten vorher ausfindig gemacht, so kennen wir eben dadurch auch das, was wir suchen; denn es ist klar, dass es kein anderes seyn kann als das vierte, so noch ubrig ist. Richtig, antwortet Glaukon wie ein unbesonnener Knabe; denn es greift sich doch mit Handen, dass er nur unter der Bedingung, wofern diese vier Dinge uns schon bekannt sind, mit Ja antworten konnte; denn wofern sie es nicht sind, so weiss ich, in dem gegebenen Falle, zwar, dass das noch nicht gefundene, das gesuchte ist; aber wozu kann mir das helfen, wenn ich nicht weiss, was es ist? Glaukon musste einfaltiger seyn als Praxillens Adonis22, wenn er nicht sah, wo Sokrates mit seinem mathematischen Axiom hinaus wollte; dass er es namlich auf die nur eben seiner Republik nachgeruhmten vier charakteristischen Eigenschaften anwenden, und wenn er die drei zuerst genannten in ihr gefunden hatte, versichern wurde, dass ihnen nun auch die Gerechtigkeit nicht entgehen konne; wiewohl dieser Umweg im Grunde zu nichts helfen konnte, als sie, ohne alle Noth, eine gute halbe Stunde langer aufzuhalten. Da sich aber seine Zuhorer nun einmal alles von ihm gefallen lassen, so macht sich unser AfterSokrates abermals den fur seine Leser ziemlich langweiligen Zeitvertreib, durch eine Menge unnothiger, zum Theil lacherlicher und kindischer Fragen, und kopfnickender oder platter Antworten des ehrlichen Glaukons, herauszubringen: worin die Weisheit, Mannskraft und Zucht bestehe, in welchen (nebst der Gerechtigkeit) er den unterscheidenden Charakter seiner Republik setzt, und von welchen die erste den Regenten, die zweite den Beschutzern vorzuglich beiwohne, die dritte aber (wie er sehr sinnreich und spitzfindig darthut) durch die gebuhrende Subordination der zwei untern Burgerclassen unter die oberste, eine mit dem, was man in der Musik Diapason (die Octave) nennt, vergleichbare Harmonie des ganzen Staats hervorbringe. Wir hatten also (fahrt er nun fort) die drei ersten Formen der Tugend oder der Vollkommenheit, die unsrer Republik eigen seyn soll, gefunden: welches ware dann die noch ubrige? Doch wohl die Gerechtigkeit? G l . Ja wohl! S o k r . Was haben wir also nun zu thun, lieber Glaukon, als dass wir, nach Jagerweise, einen Kreis um diesen Busch schliessen, damit uns die Gerechtigkeit nicht etwa unvermerkt entwische und aus dem Gesicht komme; denn dass sie hier irgendwo stecken muss, hat seine Richtigkeit. Schaue also uberall scharf herum, ob du sie vielleicht eher als ich gewahr werden und mir zeigen kannst. G l . Ja, wenn ich das konnte! Aber so fern sonst nichts nothig ist als dir zu folgen und zu sehen was du mir zeigst, bin ich dein Mann. S o k r . Nun so komm denn mit, und mogen uns die Gotter Gluck zu unsrer Jagd verleihen! G l . Das ist auch mein Gebet. S o k r . Der Ort scheint mir ziemlich steil und so verwachsen und dunkel, dass kaum fortzukommen ist. Wollen's aber doch versuchen! G l . Das wollen wir! S o k r . Heida! Heida, Glaukon! Mich daucht ich bin auf die Spur gekommen; nun soll sie uns hoffentlich nicht entwischen. G l . Das ist mir lieb zu horen. S o k r . Ei, ei! was seh' ich? da haben wir ja alle beide einen erzdummen Streich gemacht! G l . Wie so? S o k r . Sind wir nicht auslachenswerth, dass wir uns so viele Muhe gaben etwas zu suchen, das uns gleich von Anfang an so nahe lag? Wir sahen daruber weg, und suchten in der Ferne, was uns diese ganze Zeit uber vor den Fussen herumkollerte. G l . Wie soll ich das verstehen? S o k r . Ich will sagen, wir reden und horen schon wer weiss wie lange davon, und merkten nicht, dass wir nur mit andern Worten von nichts anderm redeten. G l . Welche lange Vorrede fur einen, dessen Wissbegierde du so sehr erregt hast! S o k r . Nun so hore denn!
Ich gestehe sehr gern, Eurybates, dass mir die Natur den besondern Sinn versagt hat, der dazu gehort, um an dieser niedrig komischen Vorbereitungsscene zu einer so ernsthaften Untersuchung Geschmack zu finden. Ich erkenne in dieser unzeitig schakerhaften Hasenjagd, wobei der Leser sich noch allerlei possierliche Gebardungen und Grimassen hinzu denken muss, hochstens eine verungluckte Nachahmung irgend einer Aristophanischen Possenscene, und allenfalls den Pseudo-Sokrates der Wolken, aber nichts weniger als die frohliche Laune dieses immer heitern und wohlgemuthen, aber zugleich immer gesetzten und die Wurde seines Charakters nie vergessenden Sokrates, mit welchem ich lange genug gelebt habe, um das feine Salz, womit sein Scherz gewurzt zu seyn pflegte, von dem widerlichen Meersalz unterscheiden zu konnen, worein Plato hier (im Zorn der Grazien, die ihm sonst hold genug zu seyn pflegen) einen so unglucklichen Missgriff gethan hat.
Und was ist nun das Resultat der Entdeckung, die er itzt auf einmal gemacht haben will, nachdem er uns schon so lange in so weit ausgeholten Kreisen um den Brei herumgefuhrt hat? Oder vielmehr, wie sieht denn der Vogel aus, den er diese ganze Zeit uber in der Hand hatte, und uns in einem Anstoss von jugendlich muthwilliger Spasshaftigkeit selbst so lange in allen Hecken und Buschen suchen half? Man erwartet, wie billig, dass er sich endlich entschliessen werde die Hand aufzuthun, und dem armen, vor Neugier und Ungeduld beinahe platzenden Glaukon den seltnen Wundervogel vorzuzeigen. Aber nein! Dieser Sokrates sagt und thut nichts wie andre Menschenkinder, und bei ihm wird uns das schale Vergnugen einer immerwahrenden Ueberraschung bis zur Uebersattigung zu Theil. Er offnet zwar die Hand nur eben so weit, dass das Vogelchen mit der Spitze des Schnabels hervorgucken kann, macht sie aber sogleich wieder zu, fangt wieder von neuem zu subtilisiren und chicaniren an, und wozu? Um durch eine Menge unnothiger Fragen (womit er den ehrlichen Glaukon und uns um so billiger verschonen konnte, da das alles im Vorhergehenden bereits einige Stunden lang mit der muhseligsten Genauigkeit aufs Reine gebracht worden war) und durch eine lange Reihe von Gleichungen zu unsrer grossen Verwunderung endlich heraus zu bringen: die Gerechtigkeit seiner Republik bestehe darin, dass ein jeder einzelner Burger der drei Classen, aus welchen sie zusammengesetzt ist, schlechterdings nur das Eine, wozu er am meisten Geschick hat und wodurch er dem Ganzen am nutzlichsten seyn kann, und sonst nichts anders treibe.
Wenn ich die verschiedenen, zum Theil sehr verschraubten Formeln, in welchen er diesen Satz aufstellt, recht verstehe, so lauft alles darauf hinaus: dass in seiner Republik jeder Mensch und jedes Ding gerade das ist, was es seiner Natur und Bestimmung nach seyn soll; oder um die Sache noch kurzer zu geben: dass jedes das, was es ist, immer ist. Da ein Wort doch weiter nichts als das Zeichen einer Sache, oder vielmehr der Vorstellung die wir von ihr haben, ist, so kann es dem Wort Gerechtigkeit allerdings gleich viel seyn, was Plato damit zu bezeichnen beliebt; aber der Sprache ist diess nicht gleichgultig; und ich sehe nicht mit welchem Recht ein einzelner Mann, Philosoph oder Schuster, sich anmassen konne, Worte, denen der Sprachgebrauch eine gewisse Bedeutung gegeben hat, etwas anders heissen zu lassen als sie bisher immer geheissen haben. Was Plato unter verschiedenen Formeln Gerechtigkeit nennt, ist bald die innere Wahrheit und Gute eines Dinges, die ihm eben dadurch, dass es recht ist, oder dass es ist was es seyn soll, zukommt; bald die Ordnung, die daraus entsteht, wenn viele verschiedene mit einander zu einem gewissen Zweck in Verbindung stehende Dinge das, was sie vermoge dieser Verbindung seyn sollen, immer sind; bald die Harmonie, die eine naturliche Wirkung dieser Ordnung ist. Aber furs erste, wenn sein Geheimniss weiter nichts als das war, so hatte er uns, daucht mich, die Muhe einer so langwierigen und langweiligen Initiation ersparen konnen; und zweitens wird es, wenigstens ausserhalb seiner eigenen Republik, wohl immer bei der gewohnlichen allenthalben angenommenen Bedeutung des Wortes Gerechtigkeit verbleiben; und der alte Simonides wird um so mehr Recht behalten, da alle Platonischen Formeln ohne grosse Muhe sich mit der seinigen in Gleichung setzen lassen. Denn, indem die Obrigkeit in seinem Staat das ist, was sie seyn soll und nichts anders, erhalt und gibt sie (wie er beilaufig selbst gesteht) dem Staat und jedem einzelnen Gliede desselben, was sie ihm vermoge ihrer Bestimmung schuldig ist; und eben dasselbe gilt von der Classe der Beschutzer oder Soldaten, und von den sammtlichen Kunstlern, Handwerkern, Feldbauern, Kaufleuten, Kramern u.s.w., welche Plato mehr seiner Hypothese zu Gefallen, als aus hinlanglichem Grunde, ohne sich viel um sie zu bekummern, in die dritte Classe zusammengeworfen hat.
Unser platonisirender Sokratiskus hatte sich anheischig gemacht, am Beispiel einer gerechten Republik im Grossen zu zeigen, was Gerechtigkeit in der Seele eines Menschen gleichsam im Kleinen sey. Das erste also, was ihm oblag, war, das Bild eines gerechten, d.i. in sich selbst vollendeten oder vollkommenen Staats zu entwerfen; und diess ist es, was er bisher nach seiner Weise geleistet hat. Er fand dass ein achtes Gemeinwesen dessen Grundgesetz ist, dass jedes Glied desselben ausschliesslich ein einziges zum Wohl des ganzen unentbehrliches Geschaft treibe und dazu erzogen werde, nothwendig aus drei Classen von Burgern, aus Regenten, Rathen und Aufsehern, aus bewaffneten Beschutzern, und aus einer fur die Wohnung, Nahrung, Kleidung, Bewaffnung und andere solche Bedurfnisse des Staats und seiner Burger um Lohn arbeitenden Classe bestehen musse; und dass auf der Einschrankung eines jeden Burgers in den Kreis der einzigen Beschaftigung wozu er am besten taugt, und auf der strengsten Unterwurfigkeit unter die Gesetze und die Regierung, die gesunde Beschaffenheit des Staats (die ihm Gerechtigkeit heisst) so wie auf dieser die Erhaltung und der Wohlstand desselben beruhe.
Um nun die Anwendung dieser Erklarung der Gerechtigkeit auf den einzelnen Menschen zu machen, und sich dadurch auch des zweiten Theils seines Versprechens zu entledigen, unternimmt er seinen Zuhorern zu zeigen: dass in der menschlichen Seele eben dieselbe Verfassung stattfinde, wie in seiner Republik; namlich dass sie, wie diese, aus drei Haupttheilen, oder eigentlich aus drei ihrer Natur nach verschiedenen wiewohl zusammen Ein Ganzes ausmachenden Seelen bestehe23; in deren unterster alle Arten von sinnlicher, eigennutziger, an sich selbst unvernunftiger, zugelloser und unersattlicher Begierden, in der zweiten ein gewisses muthiges, zurnendes, an sich selbst wildes und unbandiges Wesen (Thymos vom Plato genannt), das sich gegen alles, was ihm als schlecht, unedel, ungerecht und ordnungswidrig erscheint, emport und ihm aus allen Kraften entgegenkampft, in der dritten und hochsten endlich die Vernunft, und ein unaufhorliches Streben nach der Wissenschaft des Wahren und Guten, ihren Sitz haben. Die sammtlichen Begierden nach Genuss und Besitz korperlicher Gegenstande und allen Arten von sinnlichen Befriedigungen sind ihm in der Seele, was die mechanische um Lohn und Gewinn arbeitende Classe in der Republik; zwar zum Leben eben so unentbehrlich, wie diese, aber sich selbst uberlassen, konnen sie (wie jene, wofern sie nicht durch die beiden obern Classen in der Zucht erhalten wurden) als blinde und ihrer Befriedigung alles aufopfernde Triebe nichts als Unheil in der innern Republik des Menschen stiften. Um den Wohlstand derselben befordern zu helfen, mussen sie also der Vernunft unterworfen und von dieser immer unter strenger Zucht gehalten werden. Der bewaffneten Classe oder den Beschutzern in Platons Republik entspricht in der inneren Oekonomie des Menschen das (vorgebliche) zornmuthige, streitbare, ruhmbegierige, Wollust und Eigennutz verachtende, nichts furchtende, und allem Widerstand Trotz bietende Princip Thymos, dessen Bestimmung ist, die Regierung der Vernunft zu unterstutzen, ihre Rechte zu schirmen, und den Pobel der Begierden in gehoriger Ordnung und Unterwurfigkeit zu erhalten; welches aber, um diese Bestimmung nie zu verfehlen, zuvor selbst durch Musik und Gymnastik gebandigt und gezuchtet, die Oberherrschaft der Vernunft, als des naturlichen Regenten dieser Republik im Menschen, immer anerkennen und seinen hochsten Stolz bloss darin suchen muss, in Vollziehung ihres Willens keine Gefahr, kein Ungemach, keinen Schmerz zu scheuen, der Erfullung dieser Pflicht hingegen jedes Opfer, das sie verlangt, willig darzubringen. So wie nun die Gerechtigkeit in unsrer grossen Republik in der gehorigen Einschrankung und Subordination der untersten und mittlern Classe unter der obersten, und in der daraus entspringenden Harmonie und Einheit des Ganzen besteht; so hat es, vermoge der Natur der Sache, eben dieselbe Bewandtniss mit den drei verschiedenen Principien, woraus (nach Plato) die Seele zusammengesetzt ist; und so ware denn die wahre Antwort auf die Frage, "was die Gerechtigkeit in der Seele, an sich selbst, ohne Rucksicht auf irgend etwas ausser ihr, sey?" glucklich gefunden, und unser redseliger Sokrates, der es sich in der That sauer genug werden liess, die Masche, die er auflosen wollte, so stark er nur konnte zusammen zu schnuren, und mit so vielen neuen, in einander verwickelten Knoten zu verstarken, konnte nun billig fur heute von aller weitern Bemuhung losgesprochen werden.
Dass unser Mann in der Art, wie er seine vorgeblichen Untersuchungen anstellt, sich selbst auch hier gleich bleibt, versteht sich, und was ich gegen diese Methode bereits erinnert habe, tritt daher auch hier wieder ein. Eigentlich kann man nicht sagen, dass er untersuche; denn er hat das, was er seinen Zuhorern suchen zu helfen vorgibt, immer schon in der Hand, und, bei allem Schein von Grundlichkeit und Subtilitat, den er seinen taschenspielerischen Operationen zu geben weiss, bedarf es doch nur einer massigen Aufmerksamkeit, um zu merken, dass er uns tauscht, wenn gleich nicht jeder Zuschauer ihm scharf genug auf die Finger sehen kann, um gewahr zu werden wie es damit zugeht. Es wurde uns zu weit fuhren, wenn ich die Wahrheit dieser Behauptung durch eine umstandliche Analyse dieses Theils des vierten Buchs darlegen, und unsern Tausendkunstler gleichsam nothigen wollte, seine Handgriffe, einen nach dem andern, so langsam vor unsern Augen zu machen, dass sie auch dem blodsichtigsten nicht entgehen konnten. Ich will mich also bloss darauf einschranken, seinen Beweis der drei wesentlich verschiedenen Principien, die er in der menschlichen Seele entdeckt haben will, etwas naher zu beleuchten, um zu sehen, ob es wirklich zur Erklarung der mannichfaltigen Erscheinungen in derselben nothig ist, dreierlei Seelen anzunehmen, oder ob wir uns dazu recht gut mit einer einzigen behelfen konnen.
Gegen das Axiom, worauf er seinen Beweis stutzt, dass eben dasselbe Subject in Widerspruch stehende oder einander aufhebende Dinge unmoglich zugleich und in eben derselben Hinsicht weder thun noch leiden konne, habe ich nichts einzuwenden. Wenn er also zeigen kann, dass diese zugegebene Unmoglichkeit gleichwohl in dem, was wir unsre Seele nennen, taglich als etwas Wirkliches erscheint, so hat er den Handel gewonnen und ich stehe beschamt.
Ich ubergehe die Einwendungen, die er sich von einem erdichteten Gegner machen lasst, und die fast zu muhsame Art wie er sie beantwortet; denn ich werde ihm diese Einwurfe nicht machen. Also ohne Weiteres zu dem Beispiele, woran er seinem Glaukon klar machen will, dass es ohne seine Hypothese gar nicht zu erklaren sey! Horen wir, wie sich sein Sokrates anschickt, um uns zu diesem verzweifelten Ausweg zu nothigen.
S o k r a t e s . Rechnest du den Durst nicht unter die Dinge, die das, was sie sind, nicht seyn konnten, wenn nicht ein anderes ware, dessentwegen sie sind?
G l a u k o n (sieht ihn an und verstummt).
S o k r a t e s . Nach was durstet der Durst?
G l a u k o n . Ja so! Nach einem Trunk.
S o k r a t e s . Bezieht sich der Durst auf eine gewisse Art von Getranke? Oder verlangt der Durst, insofern er Durst ist, weder viel noch wenig, weder gut noch schlecht, sondern lediglich nur etwas zu trinken?
G l a u k o n . So ist es allerdings.
S o k r a t e s . Die Seele des Durstenden, insofern sie durstet, will also nichts als trinken; das ist's, wornach sie trachtet und strebt?
G l a u k o n . Offenbar.
S o k r a t e s . Wenn sie also durstet, und etwas zieht sie zuruck, muss da nicht noch etwas anders in ihr seyn als das, welches durstet und sie wie ein Thier zum Trinken treibt? Denn nach unserm obigen Grundsatz ist es ja unmoglich, dass eben dasselbe, in Ansehung eben desselben Gegenstandes diess oder das und zugleich das Gegentheil thue?
G l a u k o n . Unmoglich.
S o k r a t e s . So wenig als es recht gesprochen ware, wenn man sagte, dass ein Bogenschutze den Pfeil mit beiden Handen zugleich abstosse und anziehe, sondern die eine Hand zieht an, und die andere stosst ab; nicht so?
G l a u k o n . Nicht anders.
S o k r a t e s . Mussen wir nicht gestehen, dass es Leute gibt, welche nicht trinken wollen, wiewohl sie durstig sind?
G l a u k o n . O gewiss, das begegnet alle Tage nicht wenigen.
S o k r a t e s . Wie kann man sich das nun erklaren, als wenn man sagt, das Etwas in ihrer Seele, das ihnen zu trinken befiehlt, sey ein Anderes als das, so sie vom Trinken abhalt und starker als jenes ist?
G l a u k o n . So daucht es mir.
S o k r a t e s . Ist nun das, was uns von dergleichen (sinnlichen Befriedigungen) zuruckhalt, nicht ein Werk der Ueberlegung und des Urtheils, so wie hingegen das, was zu ihnen anreizt und hinreisst, Leidenschaft und Krankheit ist?
G l a u k o n . So scheint es.
S o k r a t e s . Haben wir also nicht recht, zwei einander entgegen gesetzte Principien in der Seele anzunehmen, von welchen wir jenes, kraft dessen sie urtheilt und schliesst, das vernunftige, und dieses, vermoge dessen sie liebt und hungert und durstet, und von allen andern Begierden, die zu wollustiger Anfullung und Ausleerung reizen, hingerissen wird, das unvernunftige und begierliche nennen?
G l a u k o n . Wir konnten mit Recht dieser Meinung seyn, sollt' ich denken.
Unser Philosoph fahrt nun fort, in dieser kurzweiligen Manier auch das dritte in der Seele, welches er Thymos nennt, zu betrachten und so lange hin und her zu schieben, bis er die Aehnlichkeit dieses vorgeblichen Princips mit der streitbaren Classe in seiner Republik entdeckt, und herausgebracht hat, dass Thymos mit den Begierden haufig in Streit gerathe, und so oft sich diese gegen das regierende vernunftige Princip auflehnen, mit grossem Eifer die Partei des letztern nehme, fur welches er eine ganz eigene Anmuthung habe u.s.w., wozu denn der gefallige Glaukon immer seine Beistimmung gibt, und sich am Ende ganzlich fur die Hypothese der dreifachen Seele oder der drei Seelen in Einer erklart. Es mag eine ganz bequeme Sache seyn, mit Schulern zu philosophiren, bei welchen man immer Recht behalt. An Glaukons Stelle hatte ich mich so leicht nicht von dieser neuen Platonischen Lehre uberzeugen lassen, und wurde mir die Freiheit genommen haben, folgende Vorstellungen gegen dieselbe zu machen.
"Wie eng auch die unbegreifliche Verbindung unsrer Seele mit ihrem Korper ist, ehrenwerther Sokrates, so kann man doch eben so wenig von der Seele sagen, dass sie hungre oder durste, als dass sie esse und trinke; auch ist sie eben so unschuldig an dem, was du aus geziemender Urbanitat lieben nennst, und was (in dem Sinne, den du diesem Worte hier beilegst) eigentlich bloss den gewaltsamen Zustand bezeichnet, worin Aristophanes den Gemahl der schonen Lysistrata von der Armee zu ihr zuruckeilen lasst. Alle Triebe, welche die Befriedigung eines naturlichen Bedurfnisses des Korpers zum Gegenstand haben, gehoren auch dem Korper zu; sie sind nothwendige Folgen seiner Organisation, und werden nur insofern Begierden der Seele, als diese durch das geheime Band, wodurch sie an jenen gefesselt ist, sich genothigt fuhlt." Doch, warum sollte ich dir, lieber Eurybates, bei dieser Gelegenheit nicht eine kleine Probe geben, dass ich die Kunst, das Wahre einer Sache durch Frag' und Antwort herauszubringen, unserm gemeinschaftlichen Meister so gut als Plato abgelernt habe? Wenigstens werde ich keine hinterlistige und mit einer vorgefassten Hypothese in geheimem Einverstandniss stehende Frage thun, und keine Antwort geben lassen, als die immer die einzig mogliche ist, die ein vernunftiger Mensch auf die vorgelegte Frage geben kann. Also, unter Anrufung der schonsten aller Gottinnen, der Wahrheit, und ihrer ungeschminkten Grazien zur Sache!
A r i s t i p p . Mich daucht, lieber Sokrates-Platon, der gute Glaukon hat dir zu schnell gewonnenes Spiel gegeben. Erlaube dass ich eine kleine Weile seine Stelle vertrete und in seinem Namen einige unschuldige Gegenfragen an dich thue.
S o k r a t e s . Frage immer zu.
A r i s t i p p . Gibt es unter allen Korpern in der Welt einen, den deine Seele den ihrigen nennt?
S o k r a t e s . Allerdings.
A r i s t i p p . Thust du diess nicht, weil deine Seele in einer viel engern, besonderern und unmittelbarern Verbindung mit ihm steht als mit irgend einem andern?
S o k r a t e s . Getroffen!
A r i s t i p p . Belehrt uns nicht die tagliche Erfahrung, dass wir ohne unsern Korper weder sehen noch horen, noch von irgend etwas, das ausser uns ist oder zu seyn scheint, ja nicht einmal von uns selbst, die mindeste Kenntniss hatten?
S o k r a t e s . In diesem Leben wenigstens konnen wir nichts von allem diesem ohne unsern Korper.
A r i s t i p p . Lehrt uns die Erfahrung nicht uberdiess, dass wir ohne Hulfe unsers Leibes nichts von allem, was wir zu verrichten und hervorzubringen wunschen, ausfuhren konnen? Ingleichem, dass sobald der Leib leidet und in seiner naturlichen Lebensordnung gestort wird, auch die Seele, sie wolle oder nicht, sich zur Mitleidenheit gezogen fuhlt, und je grosser die Leiden ihres Korpers sind, desto mehr auch in ihren eigenen Verrichtungen, im Denken, und in der Freiheit ihre Gedanken zu gewissen Absichten zu ordnen, unterbrochen und aufgehalten wird?
S o k r a t e s . Ich sehe nicht, wie diess gelaugnet werden konnte.
A r i s t i p p . Ist es also nicht naturlich, dass die Seele in solchen Umstanden und Lagen ein Verlangen tragt, ihrem Korper nach Moglichkeit zu Hulfe zu kommen?
S o k r a t e s . Sehr naturlich.
A r i s t i p p . Sollte nun aber nicht eben so naturlich seyn, dass eben dieselbe Seele, die ihrem Leibe wohl will und seine Erhaltung begehrt, auch alles verabscheuen muss, was seinen Wohlstand unterbricht oder ihn gar zu zerstoren droht? Oder wie sollt' es moglich seyn, dass die Seele etwas wollte, ohne das Gegentheil nicht zu wollen? Oder dass sie etwas ernstlich und eifrig begehrte, ohne dass sie das, was der Befriedigung dieses Verlangens entgegen steht, aus dem Wege zu raumen suchte?
S o k r a t e s . Es ist klar, dass in dem angenommenen Fall das Nichtwollen im Wollen, das Verabscheuen im Begehren nothwendig enthalten ist.
A r i s t i p p . Lehrt uns die Erfahrung nicht, dass, da unser Leib zur Erhaltung seines Lebens und seiner Krafte von Zeit zu Zeit Speise und Trank bedarf, die Natur im Bau desselben eine solche Einrichtung getroffen hat, dass wir durch eine gewisse Unbehaglichkeit an dieses Bedurfniss erinnert werden, und dass diese Unbehaglichkeit, je nachdem das Bedurfniss grosser und dringender wird, so lange zunimmt, bis es endlich peinvoll und unausstehlich ist?
S o k r a t e s . Wiewohl ich das letztere nicht aus eigener Erfahrung weiss, so zweifle ich doch so wenig daran, dass die unmittelbare Erfahrung mich nicht starker uberzeugen konnte.
A r i s t i p p . Wie nennst du diese Aufforderung der Natur jenen Bedurfnissen unsers Leibes zu Hulfe zu eilen?
S o k r a t e s . Hunger und Durst.
A r i s t i p p . Und das wodurch beiden abgeholfen wird?
S o k r a t e s . Speise und Trank.
A r i s t i p p . Sollten wir also den Hunger und den Durst, als Gefuhle, die uns die Natur selbst aufgedrungen hat, nicht mit gutem Fug Naturtriebe nennen konnen?
S o k r a t e s . Ich sehe nicht was uns daran hindern sollte.
A r i s t i p p . Wenn mich durstet, regt sich der Trieb zum Trinken zunachst im Leibe, der des Getranks bedarf, oder in der Seele, die weder trinken kann noch dessen fur sich selbst nothig hat?
S o k r a t e s . Nur ein Wahnsinniger konnte das letztere behaupten.
A r i s t i p p . Man kann also, eigentlich zu reden, nicht sagen, die Seele durste; und Plato hatte ein wenig Unrecht, einen so vernunftigen Mann wie du bist, etwas so Unschickliches sagen zu lassen.
S o k r a t e s . Schlimm genug fur mich oder ihn, dass ihm das nur gar zu oft begegnet.
A r i s t i p p . Wenn also, wie die Erfahrung gleichfalls lehrt, dieser korperliche Trieb, welcher unmittelbar aus dem Gefuhl des Bedurfnisses entsteht, in der Seele des Durstenden zur Begierde jenen Trieb zu befriedigen, und zur Verabscheuung des aus der Nichtbefriedigung entstehenden peinlichen Zustandes wird, kommt diess nicht bloss daher, weil sie an dem Zustande des Leibes, ihres unmittelbaren Gefahrten und Gehulfen, Antheil zu nehmen genothigt ist; und weil sie, auch um ihrer selbst willen, desto lebhafter und ungeduldiger wunschen muss, dass der Durstende zu trinken bekomme, je dringender sein Bedurfniss, je qualender sein Durst, und je peinlicher folglich ihr selbst die Hemmung ihrer freien Thatigkeit wird, die eine naturliche Folge desselben ist?
S o k r a t e s . Ich sehe nicht, wie ich mir die Sache anders denken konnte.
A r i s t i p p . Wenn nun kein besonderer Grund vorhanden ist, warum der Durstende sich des Trinkens enthalten soll, so ist auch nichts da, was die Ueberlegung oder die Vernunft verhindern konnte, ihre Einwilligung dazu zu geben; Trieb, Begierde und freier Wille fallen alsdann in einander, und es ist klar, dass wir nicht zwei verschiedene Principien anzunehmen brauchen, um das, was in der Seele dabei vorgeht, begreifen zu konnen. Lass hingegen irgend einen Grund des Nichttrinkens vorhanden seyn, z.B. dass kein anderes als stinkendes Wasser, oder irgend ein Getrank, dessen Schadlichkeit dem Durstenden bekannt ist, vorhanden, oder dass noch vorher irgend ein ausserst dringendes Geschaft abzuthun, der Durst hingegen noch ertraglich ware: so wurde zwar der mechanische Trieb zum Trinken nichts dadurch von seiner Starke verlieren, aber die Begierde, durch die Ueberlegung unterdruckt, wurde dem Willen nicht zu trinken Platz machen; und diess auf eben die Weise, wie wir, wenn wir uns mit Ueberlegung, aber aus irriger Meinung zu etwas entschlossen haben, unsern Entschluss andern, sobald wir den Irrthum gewahr werden, wiewohl es eben dieselbe Vernunft ist, die uns in beiden Fallen bestimmt. Oder sollte es etwa, zu Erklarung dieser so haufig vorkommenden Veranderlichkeit unsrer Meinungen und Entschliessungen, einer zweifachen vernunftigen Seele bedurfen, einer die sich irren kann, und einer andern, die sich nie irrt, und welcher jene unterthan zu seyn verbunden ist?
S o k r a t e s . Mich dunkt eine und eben dieselbe Seele sollte hinlanglich seyn, alles was in den besagten Fallen in ihr vorgeht zu bestreiten.
A r i s t i p p . So lange uns also Plato nicht gezeigt haben wird, dass es andere Falle gebe, wo der Mensch in eben demselben untheilbaren Augenblick, in Ansehung eben desselben Gegenstandes, von der Begierde nach einer gewissen Richtung, und von der Vernunft nach der entgegengesetzten gezogen werde, ist keine Ursache vorhanden, warum wir aus dem was in uns begehrt, und dem was in uns uberlegt und wahlt, zwei verschiedene Seelen machen sollten.
S o k r a t e s . Aber wie, wenn (um bei unserm bisherigen Beispiele zu bleiben) der Durst endlich auf einen so hohen Grad dringend wurde, dass seine Pein unausstehlich ware, und der Durstende konnte schlechterdings keines andern Getrankes habhaft werden als eines Bechers voll Schierlingssaft, entstande da nicht der Fall, wo Begierde und Ueberlegung den Menschen zugleich nach zwei entgegen gesetzten Richtungen ziehen wurde?
A r i s t i p p . Ich weiss nicht ob jemals ein solcher Fall stattgefunden haben mag; wenigstens werden wir, weil die Erfahrung uns hier verlasst, das, was in diesem unbekannten Falle geschehen musste, nur aus dem, was uns von der menschlichen Natur uberhaupt bekannt ist, oder aus ahnlichen Fallen durch Muthmassung herausbringen konnen. Auf alle Falle ist gewiss, dass eben dieselbe Seele, die dem dringenden Bedurfniss des verlechzenden Korpers um jeden Preis abgeholfen wissen will, den Gifttrank, sobald sie ihn fur einen solchen erkennt, insofern er dem Korper die ganzliche Zerstorung droht, verabscheuen muss. Demungeachtet bin ich uberzeugt, sobald das Bedurfniss zu trinken aufs ausserste, und folglich die Pein des Durstes auf einen so furchterlichen Grad gestiegen ware, dass dem Unglucklichen nich ubrig bliebe, als sein Leben an die Erleichterung der gegenwartigen Qual zu setzen: so wurde nicht nur der sinnliche Abscheu von der wuthenden Begierde ubertaubt werden, sondern die Vernunft selbst, wenn sie kein anderes Rettungsmittel vorzuschlagen hatte, wurde die leichtere und schnellere Todesart der grausamem vorziehen, und der Begierde keinen vergeblichen Widerstand entgegen setzen.
Aber genug, lieber Eurybates, fur eine kleine Probe, welche freilich dreimal so gross hatte ausfallen mogen, wenn ich, nach der Weise meines Vorgangers, jede Frage noch in zwei oder drei dunnere hatte spalten wollen.
In Betreff des sogenannten Thymos, welchen Plato zum dritten ich weiss nicht was in unsrer Seele macht, muss ich zu dem bereits Gesagten nur noch hinzusetzen, dass alle Schwierigkeiten von selbst wegfallen, sobald bei den Erscheinungen, die er unter dieser Benennung begreift, das, was seinen unmittelbaren Grund in der organischen Beschaffenheit des Leibes hat, von dem was das eigentliche Werk der Seele dabei ist, so genau als moglich unterschieden wird. Ueberhaupt fehlt sehr viel, dass dieses vorgebliche Princip bei allen Menschen gleiche Wirkungen hervorbringe: die Verschiedenheit des Temperaments, der Nervenstarke und Muskelkraft, der von Jugend an gewohnten Lebensweise und anderer Umstande, gibt gar verschiedene Resultate. Der eine zittert vor dem blossen Anschein einer Gefahr, da ein andrer gar nicht weiss was Furcht ist, und seinen Muth mit der Gefahr steigen fuhlt. Dieser ergrimmt uber etwas, das jenen kaum aus dem Gleichgewicht ruckt. Bei einigen ist hoher Muth mit Sanftheit und Zartgefuhl, bei ungleich mehreren mit Rohheit, Harte und Gefuhllosigkeit verbunden, u.s.w. Das aber, was ohne Zweifel allen Menschen gemein ist, der naturliche, mit mehr oder minder lebhaftem Widerstand verbundene Abscheu vor allem, was unsern gegenwartigen Zustand zu verschlimmern, oder gar unser Wesen selbst zu zerstoren droht, und die Begierde alles, was sich als angenehm, unserm Wesen zutraglich und den Genuss unsers Daseyns verstarkend, kurz, was sich uns unter der freundlichen Gestalt des Schonen und Guten darstellt, an uns und so viel moglich in uns hineinzuziehen, ich sage jener Abscheu und Widerstand entspringt mit dieser Begierde und Anziehung aus einer und eben derselben Wurzel. Beide bedurfen, um uns in ihren Wirkungen begreiflich zu werden, keines andern Princips, als dessen, worin unser Wesen selbst besteht, dieser sich selbst bewege den Kraft, die sich in dem unaufhorlichen Bestreben aussert, ihr durch den Korper beschranktes, aber innigst mit ihm verwebtes Seyn zu geniessen, zu nahren, zu erweitern und zu erhohen; und die immer eben dieselbe ist, es sey nun dass sie, als Begierde, das was ihr gut scheint an sich zu ziehen, oder, als Abscheu, das wirkliche oder vermeinte Bose zuruckzustossen strebt. Zu Erklarung dieser so nothwendig mit einander verbundenen und unter der Regierung der Vernunft so harmonisch zu einerlei Zweck zusammenwirkenden Bestrebungen eben derselben Kraft, zwei besondere Seelen anzunehmen, dunkt mich eben so unphilosophisch, als wenn man, um sich die verschiedenen Wirkungen der Liebe und des Hasses zu erklaren, eine liebende und eine hassende Seele erdichten wollte. Nach Platons Art zu rasonniren wurden wir zuletzt jeder besondern Leidenschaft, wiewohl sie alle aus einerlei Quelle entspringen, ihre eigene Seele geben mussen; denn sehen und erfahren wir nicht taglich bei tausend Gelegenheiten, dass eine begehrliche Leidenschaft mit einer andern, ofters sogar mit mehrern zugleich (z.B. der Geiz mit Gewinnsucht, Eitelkeit und Lusternheit) in offenbaren Widerspruch gerath?
Doch genug und schon zu viel uber die zwei untersten Endpunkte des Platonischen Seelen-Dreiecks. Sollte es mit der vernunftigen Seele, welche die oberste Spitze desselben ist, nicht die namliche Bewandtniss haben? Sollten sich nicht alle Erscheinungen und Wirkungen der Sinnlichkeit und der Einbildungskraft, des Verstandes und des Willens, der Leidenschaften und der Vernunft, sehr wohl aus einer und eben derselben mit einem organischen Korper vereinigten Seele erklaren lassen? Konnen sie nicht ganz naturlich und ungezwungen als blosse verschiedene Modalitaten oder Zustande eben derselben selbstthatigen Kraft gedacht werden, welche, je nachdem sie von ihrem Korper und andern in sie einwirkenden Dingen ausser sich mehr oder minder eingeschrankt wird, und je nachdem sie sich selbst aus verschiedenen Beweggrunden und Absichten eine andere Richtung oder Stimmung gibt, oder ihre Kraft hoher oder tiefer spannt, sich unter andern Gestalten zeigt und andere Benennungen erhalt? Sind wir nicht sogar durch das innigste Selbstbewusstseyn genothigt, unser Ich in allen seinen Veranderungen, Zustanden und Gestalten, selbst in den ungleichartigsten und unvertraglichsten (z.B. im Uebergang aus der Trunkenheit einer heftigen Leidenschaft in den heitern Stand der ruhigen Besonnenheit) fur ebendasselbe zu erkennen? Ich mochte wohl sehen, wie uns Plato dieses immerwahrende Zusammenfliessen seiner drei Seelen in der Einheit des Bewusstseyns, ohne eine ihm und uns bisher unbekannte vierte Seele, begreiflich machen wollte?
Uebrigens bedarf es kaum der Erwahnung, dass ich gegen die allgemeinen, aller achten Lebensweisheit zum Grunde liegenden Wahrheiten, womit sich das vierte Buch schliesst, und gegen die Formel, in welcher Plato seine Theorie uber Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit zusammenfasst "dass die Tugend der Seele eben das sey, was Gesundheit, Schonheit und vollkommenes Wohlbefinden dem Leibe," und gegen die Behauptung "dass beide Arten von Gesundheit aus einerlei Ursachen entspringen, wenn namlich jeder Theil, in gehorigem Verhaltniss zu den ubrigen, nichts als sein ihm eigenthumliches Geschaft verrichte, und im Ganzen die reinste Uebereinstimmung und Ordnung herrsche" nichts zu erinnern habe. Warum er uns aber zu so sonnenklaren, von niemand, meines Wissens, bestrittenen und, wie er selbst gesteht, so augenscheinlich vor unsern Fussen liegenden Wahrheiten auf solchen Umwegen und durch so viele struppichte Dornhecken gefuhrt hat, bleibt indessen immer eine Frage, die er selbst vielleicht durch den Ausspruch des alten Hesiodus beantwortet glaubt: dass die Gotter es nun einmal so in der Art haben, den Sterblichen nichts Gutes ohne grosse Muh' und Beschwerde zukommen zu lassen.
7.
Fortsetzung des Vorigen.
Der Platonische Sokrates hat, seinem eigenen mehrmaligen Vorgeben nach, die Idee seiner Republik zu keinem andern Ende aufgestellt, als um an einem gross in die Augen fallenden Vorbilde desto deutlicher zeigen zu konnen, was Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit an sich selbst in der Seele und fur die Seele sey, von welcher die eine oder die andere Besitz genommen habe. Mit dieser Arbeit ist er nun in den vier ersten Buchern dieses Dialogs glucklich zu Stande gekommen; er hat uberflussig geleistet, was er versprochen hatte, und in der That viel mehr als er schuldig war. Man erwartet also die Gesellschaft entweder auseinander gehen, oder eine neue Materie zum Gesprach auf die Bahn gebracht zu sehen. Aber Plato hat es bereits darauf angelegt, dass er nur die Faden, die er hier und da, wie es schien bloss zufalliger Weise, aber in der That absichtlich fallen liess, nach und nach wieder aufzunehmen braucht, um an seinem reichen und vielgestaltigen Gewebe in die Lange und Breite so lange fortzuweben, als es seine mit dem Werke selbst wachsende Lust und Liebe nur immer auszuhalten vermogend seyn wird. Sein Sokrates stellt sich also am Schluss des vierten Buchs, als ob er sich auf einmal erinnere, dass er, um die Gerechtigkeit gegen ihre Gegner vollstandig zu vertheidigen, noch zu untersuchen habe: welches von beiden nutzlicher sey, gerecht und tugendhaft zu seyn, auch wenn man weder von Gottern noch Menschen dafur anerkannt wird, oder ungerecht, wenn man es gleich ungestraft seyn konnte? Glaukon, der seit geraumer Weile eine ziemlich schulerhafte Rolle spielen musste, erhalt hier Gelegenheit, durch seine Weigerung an einer so uberflussigen Untersuchung Theil zu nehmen, seinen Verstand wieder bei uns in Credit zu setzen. Es ware lacherlich, sagt er, nachdem so ausfuhrlich erwiesen worden, dass Gerechtigkeit Gesundheit der Seele sey, erst noch zu untersuchen, ob es nutzlicher sey, krank oder gesund zu seyn? Sokrates gesteht das Lacherliche einer solchen Untersuchung, meint aber doch, da sie nun bereits einen so hohen Standpunkt erstiegen hatten, sollten sie sich's nicht verdriessen lassen, so weit sie konnten herumzuschauen, um sich desto vollstandiger zu uberzeugen, dass es diese Bewandtniss mit der Sache habe. Wenn er diess thun wolle, fahrt er fort, so werde er sehen, dass die Tugend nur Eine Gestalt oder Form habe, die Untugend hingegen unzahlige. Unter diesen seyen jedoch nur vier vorzuglich bemerkenswerth, deren jede die Form einer nichts taugenden Art sowohl von Staats- als von Seelen-Verfassung sey. Es gebe namlich genauer zu reden nicht (wie er eben gesagt hatte) unzahlige, sondern nur funferlei Regierungsformen, und eben so viele verschiedene Verfassungen der Seele. Die erste sey diejenige, welche sie bisher mit einander durchgangen hatten; sie konnte aber unter zweierlei Benennungen erscheinen: wenn namlich unter den Vorstehern des Staats Einer als der vorzuglichste alle andern regiere, werde sie Monarchie, wenn der Staat hingegen unter mehrern Regenten stehe, Aristokratie genennt. Im Wesentlichen sey es aber in seiner Republik ganz einerlei, ob sie von Mehrern oder nur von Einem regiert werde; denn vermoge der Erziehung, welche alle zum Regieren bestimmten Personen in derselben erhielten, wurde dieser Einzelne so wenig als jene Mehrern das Mindeste an den Grundgesetzen des Staats andern; und in dieser Rucksicht begreife er beide Regierungsarten unter Einer Form. Da nun diese die gute und rechte sey, so folge von selbst, dass die andern vier nichts taugen mussten.
Wie er eben anfangen will, dieses von einer jeden besonders mit seiner gewohnlichen Ausfuhrlichkeit zu beweisen, entsteht auf Anstiften Polemarchs und Adimanths ein kleiner Aufruhr unter den anwesenden Theilnehmern an diesem Gesprach. Man erinnert sich, dass, als vorhin von verschiedenen die Polizei der idealischen Republik betreffenden Dingen, fur welche die Archonten derselben zu sorgen haben wurden, die Rede war, Sokrates sich, wie von ungefahr, ein Wort davon hatte entfallen lassen, als ob es sich von selbst verstehe, dass in den obern Classen Weiber und Kinder gemein seyn mussten.
Ein so paradoxer Satz hatte nun freilich den Adimanthus, an welchen er gerichtet war, sowohl als alle ubrigen gewaltig vor die Stirne stossen sollen: aber diess ware dem Verfasser damals ungelegen gekommen. Man liess ihn also unbemerkt auf die Erde fallen, und Adimanth, der fast immer nichts als ja freilich zu antworten gehabt hatte, sagte wie in einer Zerstreuung: das alles wurde so in der besten Ordnung seyn. Wir sehen aber aus dem Eifer, womit er und Glaukon und die ubrige Gesellschaft itzt auf einmal in Sokrates dringen, sich uber diese Gemeinschaft der Weiber und Kinder unter den Beschutzern seiner Republik naher zu erklaren, dass sie ihnen stark genug aufgefallen seyn musste; nur sehen wir nicht, warum sie die Erklarung nicht damals, da es so naturlich war, sie zu fordern, sondern gerade itzt, da keine Veranlassung dazu vorhanden ist, von ihm verlangen.
Platon lasst hier seinen Sokrates abermals (wie er schon ofters gethan hat, und in der Folge noch mehrmal thun wird) um die Neugier der Zuhorer noch mehr zu reizen, den Eiron spielen und sich stellen, als ob er grosses Bedenken trage sich auf eine so hakelige Materie einzulassen, da er voraussehe, wie vielerlei neue Fragen, Zweifelsknoten und Streitigkeiten sie nach sich ziehen werde. Was thut das, sagt Thrasymachus; sind wir denn nicht desswegen hier, um uns mit interessanten Discursen zu unterhalten? Das wohl, versetzt jener, aber alles mit Mass! O Sokrates, ruft der ungenugsame Glaukon aus, was nennst du mit Mass? Verstandige Menschen wurden ihr ganzes Leben lang solchen Discursen zuhoren, und noch immer nicht genug haben! Du merkst doch, Eurybates, wem diess eigentlich gilt, und wozu es gesagt ist? Der Philosoph hat, wie du siehst, darauf gerechnet, recht viele Glaukonen zu Lesern zu haben, und hat ihnen wenigstens seinen guten Willen zeigen wollen, ein Buch zu schreiben woran sie ihr ganzes Leben lang zu lesen haben.
Aber Sokrates macht noch immer Schwierigkeiten. Man werde, sagt er, furs erste nicht glauben wollen, dass eine solche Einrichtung ausfuhrbar sey; und wenn man diess auch zugabe, so werde man doch nicht glauben, dass sie die beste sey. Er erklart sich also nochmals, dass er sehr ungern daran gehen wurde diese Dinge zu beruhren, aus Furcht man mochte die ganze Sache bloss fur ein windichtes Project halten. Da aber Glaukon schlechterdings nicht von ihm ablasst, und ihn zu bedenken bittet, dass er weder undankbare, noch unglaubige, noch ubelwollende Zuhorer habe: so ruckt er endlich aufrichtiger mit der Sprache heraus, und wir vernehmen zu unsrer grossen Verwunderung: der wahre Grund seiner Schuchternheit sey eigentlich bloss, weil er selbst nicht recht uberzeugt sey, dass es mit diesem Theil der Gesetze, die er seiner Republik zu geben gedenkt, so ganz richtig stehe, und er also grosse Gefahr laufe, nicht etwa bloss sich lacherlich zu machen (denn das wurde wenig zu bedeuten haben), sondern, indem er auf einem so schlupfrigen Wege im Dunkeln nach der Wahrheit herumtappe, auszuglitschen, und, was noch schlimmer ware, auch noch seine Freunde im Fallen mit sich nachzuziehen. Er wolle also Adrasteen zum voraus fussfallig angefleht haben, ihm zu verzeihen, wenn das, was er itzt zu sagen vorhabe, etwa gegen seine Absicht, strafwurdig seyn sollte; denn (sagt er) ich bin der Meinung dass es eine kleinere Sunde sey, jemanden unvorsetzlich todt zu schlagen, als ihn in Dingen, wo es auf das, was schon und gut, rechtlich und sittlich ist, ankommt, irre zu fuhren; eine Gefahr, die man allenfalls eher bei Feinden als bei Freunden laufen mochte. Siehe also zu, lieber Glaukon, wie du es angreifen willst, um mir zu einem solchen Wagestuck Muth zu machen. Wohlan denn, sagt Glaukon lachend, wenn wir ja durch das, was du sagen wirst, in einen falschen Ton gerathen sollten, so sprechen wir dich zum voraus von aller Schuld und Strafe los. Rede also ohne Scheu. Gut, erwiedert Sokrates, wer hier losgesprochen wird, ist dort rein, wie das Gesetz sagt: hoffentlich also wenn er es dort ist, wird er es auch hier seyn. So lass dich denn nichts mehr abhalten, anzufangen, sagt Glaukon, und jener entschliesst sich endlich dazu, doch nicht ohne nochmals zu verstehen zu geben, dass es ihn viele Ueberwindung koste, und dass er vielleicht besser gethan hatte, sich die Sache sogleich bei der ersten Erwahnung vom Halse zu schaffen. Und wozu, um aller Gotter willen! alle diese langweiligen Grimassen, welche Plato seinen verkappten Sokrates hier machen lasst? Ist's Ernst oder Scherz? Im letztern Fall konnte wohl nichts unzeitiger seyn (um kein harteres Wort zu gebrauchen) als in einer solchen Sache den Spass so weit zu treiben; bittet er aber Adrasteen (mit der man sonst eben nicht zu scherzen pflegt) in vollem Ernst um Nachsicht, und ist es wirklich zweifelhaft, ob die neuen Gesetze, die er seiner Republik zu geben gedenkt, gut, gerecht und geziemend sind: was in aller Welt nothigte ihn sie zu geben? zumal, da der Zweck, wozu er diese Republik erdichtete, bereits erreicht ist, und vollkommen erreicht werden konnte, ohne dass die Rede davon zu seyn brauchte, wie die junge Brut in derselben gezeugt und abgerichtet werden sollte? Und wie kommt es, wofern sein Zaudern und Achselzucken nicht eine platte und aller offentlichen Ehrbarkeit spottende Spassmacherei ist, dass er, sobald er uber der Darlegung seiner widersinnischen Ehgesetze ein wenig warm wird, auf einmal aller seiner vorigen Aengstlichkeit vergisst, und so positiv und zuversichtlich mit den anstossigsten Behauptungen herausruckt, als ob sich nicht das Geringste mit Vernunft dagegen einwenden liesse, und als ob er auf lauter so gefallige Leser rechne, wie sein vom Zuhoren berauschter Freund Glaukon, der fur die paradoxesten Satze immer die eilfertigste Beistimmung in Bereitschaft hat? Ich gestehe, dass ich auf diese Fragen keine Antwort weiss.
Uebrigens, lieber Eurybates, wirst du mir hoffentlich eine ausfuhrliche Beurtheilung dieses Theils der Platonischen Republik (dem ich ungern seinen rechten Namen geben mochte) um so geneigter nachlassen, da, so viel ich selbst sehe und von andern hore, allenthalben nur Eine Stimme daruber ist. Das Unwahre, Ungereimte und Unnaturliche in diesen Ehgesetzen liegt freilich so unverschamt nackend vor allen Augen da, dass der erste Eindruck nicht anders als unserm Philosophen nachtheilig seyn kann; zumal da sein Sokrates gerade die auffallendsten Verordnungen mit der gefuhllosesten Kaltblutigkeit vortragt, und z.B. von dem anbefohlenen Abtreiben oder Aussetzen der Kinder, die aus der Vereinigung der Manner unter dreissig und uber funfundfunfzig Jahren mit Weibern unter zwanzig und uber vierzig etwa erfolgen mochten, nicht anders spricht, als ob die Rede von jungen Hunden oder Katzen ware. Freilich ist diese Sprache dem Gesichtspunkt gemass, woraus er diesen Gegenstand betrachtet; indessen konnte er doch, wie verliebt er auch in sein System seyn mag, leicht voraussehen, dass sein Grundsatz, "das Verfahren bei Paarung der Pferde und Hunde, wenn man eine gute Zucht erhalten will, musse, ohne alle Einschrankung und in der grossten Strenge, auch auf die Menschen angewandt werden;" und die mannliche gymnastische Erziehung, die er (diesem Grundsatz zufolge) den menschlichen Stuten und Fahen, die zur Paarung mit den menschlichen Hengsten und Ruden seiner kriegerischen Burgerclasse bestimmt sind, mit allen den unsittlichen und zum Theil unmenschlichen, der Natur Trotz bietenden Gesetzen, wodurch er die Gemeinschaft der Weiber und Kinder in seiner Republik unschadlich und zweckmassig zu machen vermeint er konnte, sage ich, leicht genug voraussehen, dass dieses, gegen das allgemeine Gefuhl so hart anrennende Paradoxon, in einem so zuversichtlichen Ton und so kaltblutig vorgebracht, alle seine Leser emporen, und das Gute, so er etwa durch die vortrefflichen Partien dieses wichtigsten aller seiner Werke hatte stiften konnen, bei vielen, wo nicht bei den meisten, unkraftig machen und vernichten werde.
Aber gerade der Umstand, dass er stockblind hatte seyn mussen, um diess nicht vorauszusehen, und dass er sich dennoch nicht dadurch abschrecken liess, muss uns billigerweise auf einen Punkt aufmerksam machen, der, wenn wir gerecht gegen ihn seyn wollen, nicht ubersehen werden darf; namlich auf den Gesichtspunkt, aus welchem er selbst die Sache angesehen hat. Denn ich musste mich sehr irren, oder diess wurde uns begreiflich machen, wie es zugegangen, dass ein Mann wie er sein eigenes Gefuhl so seltsam ubertauben konnte, um baren Unsinn fur Ausspruche der hochsten Vernunft zu halten? Plato scheint mir von den Geometern und Rechnern angenommen zu haben, dass er immer gewisse Begriffe und Satze, als an sich selbst klar, ohne Beweis (wenigstens ohne strengen Beweis) voraussetzt, aus diesen aber sodann mit der genauesten Folgerichtigkeit alles ableitet, was sowohl aus ihnen selbst, als aus ihrer Verbindung mit andern Begriffen und Satzen gleicher Art, durch Schlusse herausgebracht werden kann. Wo von Zahlen, Linien und Winkeln die Rede ist, kann diese Art zu rasonniren nicht leicht irre fuhren; oder, wofern diess auch begegnen sollte, so ist der Irrthum wenigstens leicht und sicher zu entdecken: aber wo es um Auflosung solcher Aufgaben zu thun ist, die den Menschen und dessen Thun und Lassen, Wohl- oder Uebelbefinden, vornehmlich seine ursprungliche Natur, seine innere Organisirung, seine Verhaltnisse zu den ubrigen Dingen, seine Anlagen, seinen Zweck, seine Erziehung und Bildung fur das gesellschaftliche, burgerliche und kosmopolitische Leben, und andere hierher gehorige Gegenstande betreffen, kurz, bei Gegenstanden, an welche man weder Messschnur noch Winkelmass anlegen kann, findet jene Methode keine sichere Anwendung. Der Mensch lasst sich nicht, wie eine regelmassige geometrische Figur, in etliche scharf gezogene gerade Linien einschliessen; und es sind vielleicht noch Jahrtausende einer anhaltenden, eben so unbefangenen als scharfsichtigen Beobachtung unsrer Natur vonnothen, bevor es moglich seyn wird, nur die Grundlinien zu einem achten Modell der besten gesellschaftlichen Verfassung fur die wirklichen Menschen zu zeichnen; und selbst dieses Modell wurde fur jedes besondere Volk, durch dessen eigene Lage und die Verschiedenheit der Zeit- und Ortsumstande, auch verschiedentlich bestimmt und abgeandert werden mussen. Aber auf alles diess nimmt ein Plato keine Rucksicht; und da seine Nephelokokkygia nicht auf der Erde, sondern in den Wolken, d.i. so viel als nirgendswo existirt, und nicht mit physischen Menschen, wie die Natur sie in die Welt setzt, sondern mit menschenahnlichen Phantomen von seiner eigenen Schopfung besetzt ist, so ist er freilich Herr und Meister, sowohl den Elementen seines Staats als dem Ganzen die Gesetze vorzuschreiben, deren Beobachtung am geradesten und gewissesten zu seinem Endzweck fuhrt. Anfangs ist es, in seiner Voraussetzung, bloss das Gefuhl korperlicher Bedurfnisse, was eine Handvoll Hirten, Ackerleute und Handwerker bewegt, den ersten Grund zu seiner Republik zu legen. Der kleine Staat erweitert sich unvermerkt; die Anzahl der Burger nimmt zu; ihre Bedurfnisse dessgleichen. Nicht lange, so fuhlt man, dass ohne innere und aussere Sicherheit der Zweck der neuen Gesellschaft nicht erhalten werden konnte; dass zu Erzielung der innern Sicherheit gute Zucht und Ordnung, zu Handhabung der Ordnung Gesetze, zu Vollziehung der Gesetze eine Regierung, und zum Schutz der Regierung und des Staats uberhaupt eine bewaffnete Macht vonnothen ist. Um nun diess alles seinem Ideal gemass so zweckmassig als moglich einzurichten, baut unser philosophischer Lykurg seine ganze Gesetzgebung auf zwei Grundgesetze. Das erste ist: die hochste Wohlfahrt des Ganzen soll der einzige Zweck des burgerlichen Vereins oder des Staats seyn, also auf das Wohl eines jeden einzelnen Gliedes nur insofern, als es ein Bestandtheil des Ganzen und eine Bedingung des allgemeinen Wohlstandes ist, Rucksicht genommen werden; folglich jedermann verbunden seyn, fur den Staat zu arbeiten, zu leben und zu sterben, und nur, insofern er diese Bedingung erfullt, soll er seinen verhaltnissmassigen Antheil an dem Wohlstand desselben nehmen durfen. Das zweite: zu Verhutung aller schadlichen Folgen, welche in andern Republiken daraus entstehen, wenn jedermann sich nach Willkur beschaftigen und also auch mit Sachen, die er nicht versteht und fur die er kein Talent hat, sich bemengen darf, soll jeder Burger nur Eine Art von Hanthierung oder Geschafte treiben und darin die moglichste Vollkommenheit zu erreichen suchen.
Beide Grundgesetze scheinen auf den ersten Anblick ihre Richtigkeit zu haben: allein so scharf und ohne alle Einschrankung, wie Plato sie annimmt, sind sie nicht was sie scheinen, und konnten auf keinen wirklichen Staat ohne die nachtheiligsten Folgen angewendet werden. Der Irrthum liegt darin, dass er die Burger als organische Theile eines politischen Ganzen, d.i. als eben so viele Gliedmassen Eines Leibes betrachtet, welche nur durch ihre Einfugung in denselben leben und bestehen, keinen Zweck fur sich selbst haben, sondern bloss zu einem gewissen besondern Dienst, den sie dem Ganzen leisten, da sind. Da diess bei den Gliedmassen eines jeden organischen Korpers wirklich der Fall ist, so kann man freilich mit Grund behaupten: dass die Glieder um des Leibes willen da sind, nicht der Leib um der Glieder willen. Allein mit einer burgerlichen Gesellschaft, die aus lauter fur sich bestehenden Gliedern zusammengesetzt ist, hat es eben desswegen eine ganz andere Bewandtniss. Die Menschen, woraus sie besteht, haben sich (wie Plato selbst anfangs voraussetzt), bloss in der Absicht vereinigt, ihre naturlichen, d.i. ihre weltburgerlichen Rechte, in die moglichste Sicherheit zu bringen, und sich durch diesen Verein desto besser zu befinden. Hier ist es also gerade umgekehrt: der Staat ist um des Burgers willen da, nicht der Burger um des Staats willen. Die Erhaltung des Staats ist nur insofern das hochste Gesetz, als sie eine nothwendige Bedingung der Erhaltung und der Wohlfahrt seiner sammtlichen Glieder ist; nur, wenn es allen Burgern, insofern jeder nach Verhaltniss und Vermogen zum allgemeinen Wohlstand mitwirkt, verhaltnissmassig auch wohl ergeht, kann man sagen, dass der Staat sich wohl befinde; und damit diess moglich werde, darf der Einzelne in freier Anwendung und Ausbildung seiner Anlagen und Krafte nur so wenig als moglich, d.i. nicht mehr eingeschrankt werden, als es der letzte Zweck des Staats, mit Rucksicht auf die aussern von unsrer Willkur unabhangigen Umstande, unumganglich nothig macht. Daher ist denn auch das zweite Grundgesetz der Platonischen Republik so vielen genauern Bestimmungen, Einschrankungen und Ausnahmen unterworfen, dass, wofern es so scharf und streng, wie Plato will, in Ausubung gebracht wurde, eben dadurch, dass es den einzelnen Burgern ungebuhrliche und unnothige Gewalt anthut, dem Ganzen selbst weit mehr Schaden als Vortheil daraus erwachsen musste. Doch diess nur im Vorbeigehen; denn es gehorig auszufuhren und anschaulich zu machen, wurde ein grosseres Buch erfordert, als ich, so lange noch etwas Besseres zu thun ist, zu schreiben gesonnen bin.
Sobald man unserm Philosophen seine beiden Grundgesetze zugegeben hat, so ist alles Uebrige in seiner Gesetzgebung so folgerichtig und zweckmassig als man nur verlangen kann. Vor allen Dingen ist nicht ausser Acht zu lassen, dass die ganzliche Ausschliessung von allem Eigenthum, die Gemeinschaft der Weiber und Kinder, und die mannliche Erziehung, Lebensweise und Bestimmung der erstern, nur in der mittelsten der drei Burgerclassen, in welche seine Republik zerfallt, namlich nur unter den bewaffneten Beschutzern oder, wie man sie auch mit gutem Fug nennen konnte, den menschlichen Jagd- und Hofhunden seines Staats, Platz findet. Denn die Archonten und Rathe, welche die erste Classe ausmachen, sind zu alt und zu sehr im Anschauen der Ideen der Dinge und der Uridee der Ideen vertieft, um der Weiber noch zu bedurfen; und wiewohl Plato uber das hausliche und eheliche Leben der dritten Classe (die er uberhaupt sehr kurz und mit einer ziemlich sichtbaren Geringschatzung abfertigt) sich nicht besonders erklart, so lasst sich doch aus verschiedenen Aeusserungen nichts anders vermuthen, als dass er die Gemeinschaft der Weiber fur ein viel zu erhabenes und heiliges Institut ansieht, als dass der Pobel der Handwerker, Kunstler, Kramer, Kaufleute und aller andern die sich mit Erwerb beschaftigen oder um Lohn arbeiten, daran Theil haben durfte. In der That bringt diess auch die Natur der Sache mit sich; denn die Weiber und Tochter dieser Leute haben nothigere Dinge zu thun, als den Wissenschaften und Musenkunsten obzuliegen, sich in den Palastren nackend mit den Junglingen herumzubalgen, mit ihnen auf die Wache und in den Krieg zu ziehen u.s.f. Sie sind naturlicher Weise mit Haushaltungsgeschaften, mit Spinnen, Wirken, Kleidermachen, Kochen, Brodbacken und tausend andern Arbeiten dieser Art beladen; mussen auch ausser der Wartung und Pflege ihrer eigenen Kinder bei den Kindern der zweiten Classe (wie sich aus verschiedenen Umstanden schliessen lasst) gelegenheitlich Ammendienste thun, und was dergleichen mehr ist; kurz sie stehen in den Augen unsers Philosophen zu tief unter den edeln Heroinen, die er zu Muttern seiner Staatsbeschutzer bestimmt, als dass man glauben konnte, er wolle das hohe Vorrecht der Vielmannerei bis auf sie ausgedehnt wissen; zumal da bei der dritten Classe die Beweggrunde ganzlich wegfallen, aus welchen er die Gemeinschaft der Weiber und Kinder in der zweiten fur nothwendig halt. Bei dieser also allein findet in Platons Republik diese aller Welt so anstossige Einrichtung statt: und dazu hat er theils physische theils sittliche Bewegursachen von so grossem Gewicht, dass alle entgegen stehenden in keine Betrachtung bei ihm kommen konnen. Seine Republik soll weder zu gross noch zu klein, sondern gerade so seyn, dass sie weder Verderbniss von innen, noch Anfechtung von missgunstigen und streitsuchtigen Nachbarn zu befurchten habe. Die Anzahl der Burger darf also nicht viel uber eine bestimmte Zahl zunehmen; aber desto mehr ist daran gelegen, dass sie muth- und kraftvolle, von der edelsten Ruhmbegierde und reinsten Vaterlandsliebe gluhende, und mit allen zu ihrer Bestimmung erforderlichen Tugenden in vollestem Masse begabte Junglinge und Manner zu Beschutzern habe. Der Stifter der Republik hat also diese Classe, auf welcher die Erhaltung derselben in jeder Rucksicht beruht, mit ganz besonderer Sorgfalt ausgewahlt, und zu ihrer erhabenen Bestimmung erzogen und ausgebildet. Er musste aber auch die dienlichsten Massregeln nehmen, dass eine so wichtige Korperschaft immer wieder durch gleichartige Elemente ersetzt werde, immer von eben demselben Geist beseelt bleibe, und sich dadurch in einer Art von ewiger Jugend und Unsterblichkeit erhalte. Um zwei Hauptquellen einer moglichen Ausartung auf immer zu verstopfen, mussten diejenigen, welche bloss fur den Staat leben sollten, weder Eigenthum noch Familie haben. Die moglichste Gleichheit sollte unter ihnen herrschen; alles Gute und Bose, Arbeit und Vergnugen, Gefahr und Ruhm, Leben und Sterben immer gemeinschaftlich seyn. Solche Menschen konnen von allem, was mein und dein heisst, nie weit genug entfernt, und unter einander niemals eng genug verbunden werden. Wie gut er aber auch fur diess alles gesorgt hatte, immer wurden die Weiber alle seine Muhe zu Schanden gemacht haben, wofern ihm sein Genius nicht ein Mittel zugeflustert hatte, diesen reizenden Schlangen ihren Gift zu benehmen. Lieber war' es ihm ohne Zweifel gewesen, wenn die Mutter Erde, als sie seine Krieger in voller Waffenrustung aus ihrem Schooss hervor springen liess, sie auch mit dem Vermogen begabt hatte, ihres gleichen entweder aus sich selbst, oder mit ihresgleichen hervorzubringen. Da die Weiber nun aber einmal zu diesem wichtigen Geschaft leider unentbehrlich sind, und uberdiess nicht wohl gelaugnet werden kann, dass die Neigung zum weiblichen Geschlecht gerade die Seite ist, wo die Natur den Mann am wenigsten befestigt hat, was blieb dem guten Plato ubrig, um zu verhindern, dass seine braven Krieger durch den Umgang mit diesen Zaubrerinnen nicht geschwacht, weichlich gemacht und durchaus verdorben werden konnten, als den kunftigen Muttern der Kriegs- und Staatsmanner durch eine rauhe mannliche und kriegerische Erziehung so viel nur immer moglich von ihren gefahrlichen Reizungen abzustreifen, sie, so weit es die Zarte und Schlaffheit ihrer Natur gestatten mochte, zu einer Art von Androgynen zu erheben, oder wenigstens mit den Atalanten, Deianiren und Penthesileen der heroischen Zeit auf gleichen Fuss zu setzen? Durch dieses Mittel war nun zwar fur eine derbe und kraftige Nachkommenschaft gesorgt: aber wenn er den Vatern erlaubt hatte, in eine monogamische Verbindung mit den Muttern zu treten, wurden zwei machtige Naturtriebe, die Liebe zu den eignen Kindern und die wechselseitige Zuneigung des Mannes zu der Mutter, des Weibes zu dem Vater ihrer gemeinschaftlich Erzeugten, zum Nachtheil der Vaterlandsliebe ins Spiel gesetzt worden seyn, und die unvermeidlich aus dem Stande der Ehe hervorgehenden besondern Familienverhaltnisse wurden, so zu sagen, eine Menge kleiner Staaten im Staat erzeugt haben, wobei sich die Grundsatze, der Geist und die Tugend des letztern unmoglich lange in ihrer ersten Reinheit hatten erhalten konnen. Mit Einem Wort, es bedurfte nichts als die blosse Beibehaltung der gewohnlichen Ehe, um aus unsrer Platonischen Republik an sich (dieser vollkommensten oder vielmehr einzigen, in welcher, nach Plato, die reine Idee der Republik sichtbar dargestellt ist) ein so armseliges Ding von einer gemeinen heillosen Alltagsrepublik zu machen, wie man ihrer in Griechenland, klein und gross, zu Hunderten zahlt. Es blieb ihm also, um der Verderbniss des Staats von dieser Seite den Zugang auf ewig zu versperren, kein anderes Mittel, als die Gemeinschaft der Weiber und Kinder zu einem Grundgesetz zu machen. Jeder Soldat der Republik erhielt dadurch ein unbestimmtes Recht an alle Frauen und Jungfrauen seiner Classe, keiner ein ausschliessliches an Eine. Die Liebe in der eigentlichen Bedeutung des Worts fand hier keine Statt; das Zeugungsgeschaft sollte als eine rein physische oder thierische Sache behandelt werden, wobei es bloss darum zu thun ware, sich einer Pflicht gegen den Staat zu entledigen, und also auf selbstsuchtige Befriedigungen keine Rucksicht genommen wurde. Man muss gestehen, unser Philosoph thut sein Bestes, um einer sich aufdringenden Vergleichung seiner sogenannten Ehen mit dem ungefahren momentanen Zusammenlaufen jener kaum durch die Gestalt vom Vieh unterschiedenen Waldmenschen, welche man sich gewohnlich als die Stammeltern des menschlichen Geschlechts vorstellt, zuvorzukommen. Vor dem zwanzigsten Jahre der Weiber und dem dreissigsten der Manner erklart das Gesetz alle Befriedigungen des Triebes, von welchem hier die Rede ist, fur unrechtmassig, unheilig und sacrilegisch. Der Tag, an welchem eine Anzahl von Junglingen und Madchen das gesetzmassige Alter zur Platonischen Ehe erreicht haben, ist ein republikanisches Fest, das mit Opfern, Gebeten, und von den Dichtern der Republik besonders dazu verfertigten Epithalamien aufs feierlichste begangen wird. Jede Verbindung zwischen einem Jungling und einem Madchen (wiewohl sie nur fur den Augenblick gilt) wird von den Archonten, vermittelst eines kunstlichen Looses angeordnet, wodurch immer die schonsten, starksten und muthigsten zusammen kommen, die schlechtern hingegen lauter Nieten ziehen; eine Veranstaltung, welche zu Verhutung aller schlimmen Folgen, die aus dieser durch das gemeine Beste nothwendig gemachten Uebervortheilung der armen Schlechtern, wenn sie bekannt wurde, zu befurchten waren, ein Staatsgeheimniss bleiben muss. Von diesem ersten grossen Copulationstage an, zahlen die Glucklichen, welche von den Archonten mittelst dieses heiligen patriotischen Betrugs wurdig und tauglich erfunden wurden, der Republik Kinder zu geben, die Weiber zwanzig, die Manner sechsundzwanzig Jahre, wahrend deren ihnen die Pflicht obliegt, sich von dieser Seite um den Staat so verdient zu machen, als ihnen nur immer moglich ist. Alle Kinder, welche binnen dieser Zeit geboren werden, nennen jeden dieser in Diensten der Republik stehenden Zeuger "Vater", jede dieser Gebarerinnen, Mutter, und werden hinwieder von ihnen Sohne und Tochter genannt; aber dafur ist gesorgt, dass kein Vater und keine Mutter ihre leiblichen Kinder unterscheiden, noch von diesen unterschieden werden konne. Denn in dieser Classe, wo niemand etwas Eigenes haben darf, ist es auch nicht erlaubt ein eigenes Kind und einen eigenen Vater zu haben. Alle, die in dem Lauf einer Generation von funfundzwanzig Jahren geboren werden, nennen sich Bruder und Schwestern, und erhalten, nachdem sie das gesetzmassige Alter erreicht haben, auf obige Weise von den Archonten die Erlaubniss, fur die Fortdauer der Republik zu arbeiten. Vor dieser Zeit aber ist z.B. einem Jungling von sechs oder achtundzwanzig Jahren nicht erlaubt, ein Madchen von siebzehn oder achtzehn zur Mutter zu machen, wie entschieden auch immer ihre beiderseitige Tuchtigkeit, und wie dringend ihr innerer Beruf dazu seyn mochte, da sie taglich auf der Palastra handgemein mit einander zu werden Gelegenheit haben; und sollte gleichwohl ein solcher unglucklicher Fall sich ereignen, so muss die Frucht der gesetzwidrigen Verbindung abgetrieben, oder, wenn sie dennoch Mittel findet lebendig ans Tageslicht zu kommen, sogleich als der Ernahrung unwurdig auf die Seite geschafft werden. Zwischen Eltern und Kindern, d.i. zwischen Mannern und Frauen von der ersten Generation mit Frauen und Mannern von der zweiten und dritten findet (da jene zu diesen kraft des Gesetzes sich als Eltern und Grosseltern verhalten) keine gesetzmassige Begattung statt; und uberhaupt ist es eine der heiligsten Pflichten der Regierer des Staats, den Zeugungstrieb bei ihren Burgern so viel als moglich einzuschranken, und ja nicht mehr Kinder aufkommen zu lassen, als nach Beschaffenheit der Umstande nothig sind, damit der Staat sich immer bei gleicher Starke erhalte; woraus klar ist, dass sie auch von Zeit zu Zeit fur einen tuchtigen Krieg zu sorgen haben. Denn es brauchte nur einen hundertjahrigen Frieden, um die Regierung in die gefahrliche Nothwendigkeit zu setzen, das vorbesagte Loos so einzurichten, dass von hundert Paar Junglingen und Madchen wenigstens drei Viertel zu einer unfreiwilligen Unfruchtbarkeit verdammt werden mussten, wofern die Menge der Kinder, denen der Eintritt ins Leben an der Pforte versagt wird, nicht auf eine so ungeheure Zahl steigen sollte, dass dem Platonischen Sokrates selbst, wie kaltblutig er auch diese Dinge ansieht, bei ihrer Ueberrechnung die Haare um seinen Glatzkopf zu Berge stehen mussten.
Alle diese und eine Menge anderer Ungereimtheiten und Abscheulichkeiten, die sich jedem Unbefangenen bei diesem Theil seiner Gesetzgebung aufdringen, verschwinden in Platons Augen vor dem grossen Grundsatz: dass die hochste denkbare Vollkommenheit des Staats der einzige Zweck desselben, und der einzelne Burger nur insofern fur etwas zu rechnen sey, als er bloss fur das Ganze lebt, und immer bereit ist, diesem seine naturlichsten Triebe und gerechtesten Anspruche aufzuopfern. Ob der Staat solche Opfer zu fordern berechtigt sey, ist bei ihm keine Frage; auch lehrte ihn die in Sparta so lange Zeit befolgte Gesetzgebung Lykurgs, dass es moglich sey, Menschen so zu erziehen und zu bilden, dass man ihnen alles, selbst das Unnaturlichste, zumuthen kann. Er trug also um so weniger Bedenken, die Hauptzuge des Spartanischen Instituts in seiner Republik noch weiter und bis zu einer Consequenz zu treiben, die, wie ein eiserner Streitwagen, alles was ihr entgegen steht zu Boden tritt, und uber alle Bedenklichkeiten und Rucksichten, d.i. uber die Kopfe und Eingeweide der Menschen weg, in gerader Linie auf das Ziel losrennt, das sie sich vorgesteckt hat.
In wie fern ihn diese Betrachtungen rechtfertigen oder entschuldigen konnen, lass' ich dahin gestellt seyn; mir ist wenigstens gewiss, dass er in allem, was uns an seinem idealischen Sparta am anstossigsten ist, treulich und ohne Gefahrde zu Werke ging, und z.B. auf unsre Bedenklichkeit, der abgezweckten hohern Vollkommenheit seiner Republik alle Jahre etliche hundert neugeborne Menschlein zum Opfer darzubringen, mit eben dem naserumpfenden Mitleiden herabsehen wird, womit sein Sokrates sich uber "die lacherliche Weisheit" derjenigen aufhalt, die das Ringen nackter Madchen mit nackten Junglingen auf der Palastra ungeziemend finden. Ich zweifle daher auch keinen Augenblick, dass er wenig verlegen seyn wurde, fur jeden andern Einwurf, der ihm gegen seine Erziehungs- und Begattungsgesetze gemacht werden konnte, auf der Stelle eine Antwort zu finden; wiewohl er es nicht der Muhe werth gehalten zu haben scheint, die mancherlei Schwierigkeiten vorauszusehen, welche sich der Ausfuhrung dieser der Natur, dem sittlichen Gefuhl und den Grazien zugleich Hohn sprechenden Gesetze entgegen thurmen. Bei einem Philosophen, der seine Geistesaugen immer nur auf die ewigen und unveranderlichen Urbilder der Gattungen und Arten geheftet halt, kommen die einzelnen Dinge, als blosse vorubergleitende Schemen oder unwesentliche Wolken- und Wasserbilder, in keine Betrachtung; und da er alle die Knoten, in welche die Meinungen, Neigungen, Bedurfnisse und Leidenschaften der Menschen im gesellschaftlichen Leben sich unaufhorlich verwickeln und durcheinanderschlingen, immer mit einem einzigen Grundsatz wie mit einem zweischneidigen Schwert zerhauen kann, warum sollte er sich die Muhe geben sie auflosen zu wollen?
Etwas, woruber er indessen nicht so leicht zu entschuldigen seyn durfte, sind die kleinen Widerspruche mit sich selbst, die seinem redseligen Sokrates hier und da in dem Feuer, womit er seine Behauptungen vortragt, zu entwischen scheinen. Hierher gehort (um nur ein paar Beispiele anzufuhren) wenn er, um die gymnastische Nacktheit seiner kunftigen Soldatenfrauen zu rechtfertigen, sich auf einmal in die Moral der Sophisten verirrt, und kein Bedenken tragt, den Satz "alles Nutzliche ist auch ehrbar und anstandig, und nur das Schadliche ist schandlich," fur eine ausgemachte Wahrheit zu geben. Unglucklicher Weise begegnet ihm diese Verirrung eine Weile hernach noch einmal, da von den Belohnungen die Rede ist, wodurch die Beschutzer des Staats aufgemuntert werden sollen, im Kriege sich durch tapfere Thaten auszuzeichnen. Wer, der den ehrwurdigen Sohn des Sophroniskus gekannt hat, muss sich nicht in Platons Seele schamen, wenn er seinen untergeschobenen Sokrates zum Gesetz machen lasst: "dass es, so lange ein Feldzug daure, niemanden erlaubt seyn solle, sich den Kussen eines ausgezeichneten Braven zu entziehen, damit dieser, der Gegenstand seiner Leidenschaft moge nun ein Mann oder ein Weib seyn, desto mehr angereizt werde, nach dem ersten Preis der Tapferkeit zu ringen?" Diess ist doch wohl eine von den Stellen, deren ich oben erwahnte, wo der verkappte Sokrates seines angenommenen Charakters plotzlich vergisst, und in den sich selbst spielenden Plato zurucksinkt?
Noch ein Beispiel von Widerspruch mit sich selbst ist mir im sechsten Buch aufgefallen, wo er uber die parasitische Gefalligkeit der Sophisten gegen die Vorurtheile, Neigungen und Unarten des grossen Haufens (d.i. dessen, was man in demokratischen Staaten den Pobel, oder mit einem urbanern Wort das Volk nennt), und die schadlichen Eindrucke, die dadurch auf die Jugend gemacht wurden, viel Wahres sagt, und bei dieser Gelegenheit von dem besagten grossen Haufen unter dem Bild eines grossen und starken Ochsen oder Bullenbeissers eine wahrlich nicht geschmeichelte Schilderung macht, sondern ihm ohne alle Schonung so viel Boses nachsagt, dass Timon der Menschenhasser selbst damit hatte zufrieden seyn konnen; bald darauf aber, da seine Convenienz erfordert die Sache von einer andern Seite in einem mildern Lichte zu sehen, die Partei des namlichen grossen Haufens nimmt, von ihm als einem gar sanften gutartigen Thiere spricht, und alle Schuld seines Hasses gegen die achten Philosophen auf die unachten schiebt.
Uebrigens ist es eine gluckliche Eigenheit unsers Philosophen, dass er nach jeder betrachtlichen Verfinsterung, die er, so oft seine Phantasie zwischen seinen Verstand und seine Leser tritt, zu erleiden scheint, sich sogleich durch irgend eine desto glanzendere Ausstrahlung wieder in die ihm gebuhrende Achtung zu setzen weiss. Ein Beispiel hiervon ist in diesem funften Buch die Vorschrift, wie seine Staatsbeschutzer sich im Kriege gegen den Feind zu verhalten haben; eine Gelegenheit, die er mit eben so vieler Feinheit als Freimuthigkeit benutzt, um den Griechen seiner Zeit einen Spiegel vorzuhalten, worin sie vor ihren eigenen Augen als eine rohe Art von Barbaren erscheinen mussen, deren gewohntes Verfahren in ihren ewigen Fehden unter einander mit den Regeln einer gesunden Staatsklugheit nicht weniger als mit den Gesetzen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit in dem auffallendsten Widerspruch steht. Diese Stelle ist, meines Erachtens, eine der schonsten in diesem ganzen Werke, und du wirst mir hoffentlich zugeben, Eurybates, dass die Schuld nicht an Plato liegt, wenn er durch die heilsamen Wahrheiten, die er euch darin starker und einleuchtender als irgend einer von euern Rednern ans Herz legt, seiner Vaterstadt und der ganzen Hellas nicht den wesentlichsten Dienst geleistet hat. Dass diess wenigstens seine Absicht war, ist um so weniger zu bezweifeln, da dergleichen Seitenblicke auf seine Zeitgenossen und Mitburger in diesem Dialog haufig genug vorkommen, um uns uber einen der wichtigsten Zwecke des Ganzen einen bedeutenden Wink zu geben.
Was ich gleich anfangs meiner Briefe uber die Republik Platons gegen den Vorwurf, dass es diesem Werk an kunstmassiger Anordnung fehle, erinnert habe, scheint sich unter andern auch durch die feinen Wendungen zu bestatigen, womit der Verfasser gegen das Ende des funften Buchs dem Dialog unvermerkt eine solche Richtung gibt, dass er eine (dem Anschein nach) ungesuchte Gelegenheit erhalt, in den beiden folgenden Buchern die Grundlehre seiner ganzen Philosophie auf eine fasslichere und poetischere Art, als in andern seiner fruhern Dialogen, vorzutragen; eine Gelegenheit, die er, wiewohl sie ihn von dem Hauptgegenstand entfernt, und zu einer weitlaufigen episodischen Abschweifung verleitet, um so weniger aus den Handen lasst, weil die Abschweifung in der That bloss anscheinend und vielmehr das einzige Mittel ist, seiner Republik eine Art von hypothetischer Realitat zu geben, woran wenigstens alle die Leser sich genugen lassen konnen, die der magischen Tauschung eben so willig und zutraulich als die beiden Sohne Aristons entgegen kommen. Dass er uns ubrigens auch auf diesem Spaziergang, den wir mit ihm machen mussen, durch eine Menge unnothiger Krummungen in einem unaufhorlichen Zickzack herumfuhrt, der uns das Ziel, worauf wir zugehen, immer aus den Augen ruckt, ist nun einmal die Art des Platonischen Sokrates, die man sich, insofern sie zuweilen das Interesse des Dialogs unterhalt und erhoht, recht gern gefallen liesse, wenn er nur einiges Mass darin halten wollte; denn wirklich ist es oft schwer sich einer Anwandlung von Ungeduld zu erwehren, wenn er bald einen Satz, wie z.B. "Seyn ist von Nichtseyn verschieden" in eine oder zwei Fragen verwandelt, bald die schlichtesten Fragstucke auf eine so spitzfindige und verfangliche Art vorbringt, dass man sich keine andere Absicht dabei denken kann, als das schale Vergnugen, den Gefragten in Verlegenheit zu setzen und zu einer einfaltigen Antwort zu nothigen. Bei allem dem muss ich gestehen, dass etwas Attisches in dieser Art sich in Gesellschaften mit einander zu unterhalten ist, und ich zweifle nicht, Eurybates, dass dir die Pseudo-Sokratische Manier, wie Plato diese neckische Art von Ironie in seinen Dialogen behandelt, wenn gleich nicht immer angenehm, doch gewiss bei weitem nicht so auffallend vorkommen wird als mir. Diess sey also das letztemal dass ich daruber wehklage, wiewohl in den funf Buchern, die ich noch vor mir habe, die Anreizung dazu oft genug vorkommen wird. Und nun wieder in unsern Weg!
Glaukon scheint von der Schonheit der neu errichteten Republik so bezaubert, dass er sich nicht enthalten kann, den Philosophen, der die Miene hat als ob er von der innern Verfassung derselben und von ihren unendlichen Vorzugen vor den gewohnlichen noch viel zu sagen gedachte, etwas rasch zu unterbrechen. Von allem diesem, meint er, wussten sie bereits genug, um sich das, was etwa noch zuruckgeblieben sey, selbst sagen zu konnen; die grosse Frage, auf welche alles ankomme, sey itzt bloss: ob diese herrliche Republik unter die moglichen Dinge gehore? Sokrates stellt sich, nach seiner Gewohnheit, als ob ihm diese Frage sehr ungelegen komme; er spricht von dem Unternehmen sie zu beantworten als von einem halsbrechenden Wagestuck, und sucht das Ansinnen seines jungen Freundes dadurch von sich abzulehnen, dass er ihn bereden will, seine Republik konnte als Ideal und Kanon, woran man die Grade der Vollkommenheit oder Unvollkommenheit aller gegenwartigen und kunftigen Republiken messen konne, immer noch gute Dienste thun, wenn gleich ihre Moglichkeit nicht erwiesen werden konnte. Meinst du etwa (fragt er den Glaukon), ein Maler, der das Modell eines vollkommen schonen Mannes oder Weibes in der hochsten Vollendung seiner Kunst aufgestellt hatte, wurde darum ein schlechterer Maler seyn, wenn er nicht zu zeigen vermochte, wie es moglich sey, dass ein Mensch so schon seyn konnte? Diese Ausflucht ist, mit Platons Erlaubniss, ein blosser Taschenspielerkniff; denn es ist ein sehr wesentlicher Unterschied zwischen dem Maler, von dem er hier spricht, und zwischen ihm selbst als Maler der vorgeblichen vollkommensten Republik. Freilich braucht z.B. Zeuxis die Moglichkeit seiner Helena nicht zu beweisen; aber warum diess? Weil er sie uns unmittelbar vor die Augen gestellt hat, und (vorausgesetzt ihre Schonheit sey in der That untadelig) jedermann, der sie anschaut, sich selbst gestehen muss, er verlange nichts Schoneres zu sehen. Damit ist denn auch jedermann zufrieden, und kummert sich wenig darum, ob jemals ein sterbliches Weib eine so schone Tochter geboren hat oder kunftig gebaren wird; genug, dass uns der Maler von der Moglichkeit einer so hohen Schonheit durch den Augenschein uberzeugt hat. Es fehlt aber viel, dass es mit Platons Republik derselbe Fall sey; der Augenschein ist nicht zu ihrem Vortheil; die Stimmen der Anschauer sind wenigstens sehr getheilt, und gegen einen, der sie so herrlich findet als sie unserm in sein eignes Werk verliebten Pygmalion vorkommt, sehen wir zwanzig, denen sie ein sehr unvollstandiges, ubel mit sich selbst ubereinstimmendes, uberladenes und unnaturliches Phantom von einer Republik scheint, von welcher der Strenge nach zu beweisen ist, dass ihres gleichen unter den Menschen, so lange sie ihre dermalige Natur behalten werden, weder entstehen, noch, wofern sie auch (wie andere Missgeburten) durch eine zufallige Verirrung der Natur jemals ans Tageslicht kommen sollte, lange genug leben konnte, dass es der Muhe werth ware zu sagen sie sey da gewesen. Der Platonische Sokrates kann sich also der Pflicht, die Moglichkeit seines politischen Kanons darzuthun, mit Recht nicht entziehen; und er selbst scheint diess so gut zu fuhlen, dass er dem ehrlichen, durch seine Induction zu schnell irre gemachten Glaukon von freien Stucken einen Vorschlag zur Gute thut, indem er ihn fragt: ob er zufrieden seyn wollte, wenn ihm gezeigt wurde, wie eine seinem Ideale wenigstens sehr nahe kommende Republik zur Wirklichkeit gelangen konnte? Glaukon ist so billig sich diesen Vorschlag gefallen zu lassen, und Sokrates ruckt, nach mehrmaligem Achselzucken, dem vorgeblichen halsbrechenden Wagestuck so nahe, dass er bekennt: um allen unsern Republiken eine andere ungleich bessere Gestalt zu geben, bedurfte es nur einer einzigen Veranderung; aber freilich ware dieses Einzige weder etwas Kleines noch Leichtes, wiewohl nichts Unmogliches. "Und was ist es denn?" fragt Glaukon. Weil es doch einmal heraus muss, erwiedert jener, will ich es ja wohl sagen, wiewohl ich Gefahr laufe, von dem ausgelassensten Gelachter, wie von einer ungeheuren Welle, uberschwemmt und in den Grund gelacht zu werden; es ist: "so lange nicht entweder die Philosophen die einzigen Regenten der Staaten sind, oder diejenigen, die man gegenwartig Konige und Gewalthaber nennt, wahrhaft und in ganzem Ernst philosophiren, so dass die hochste Gewalt im Staat und die Philosophie in einem und eben demselben Subject zusammentreffen, und alle, die sich nur auf eine von beiden beschranken, schlechterdings von der Staatsverwaltung ausgeschlossen werden: so lange, lieber Glaukon, ist gegen die Uebel, welchen die burgerliche Gesellschaft, ja das ganze Menschengeschlecht unterliegt, kein Rettungsmittel, und bis es dazu kommt, wird auch die Republik, von welcher bisher die Rede zwischen uns war, weder moglich werden, noch das Licht der Sonne sehen!"
In der That hatte der verkappte Plato hohe Ursache, ungern mit einer Behauptung herauszurucken, von welcher so leicht vorauszusehen war, dass sie eben so stark gegen alle herrschenden Begriffe und Vorurtheile als gegen das Interesse der jetzigen Machthaber anrannte, und wenn sie gleich bei den meisten nur ein lautes Gelachter uber ihre Ungereimtheit erregen wurde, von den dermaligen Regierern selbst, als eine gefahrliche und nur durch die politische Nullitat unsers Philosophen verzeihlich gemachte Lehre, mit Unwillen angesehen werden musste. Aber auf was fur einen Empfang musste er sich erst gefasst halten, nachdem man aus dem folgenden sechsten und siebenten Buch verstandigt worden war, was er unter dieser Philosophie und diesen Philosophen, welche die Welt ausschliesslich regieren sollten, verstehe! Dass er namlich keine andre Philosophie fur acht gelten lasse, als seine eigene, und also sein grosses politisches Geheimmittel gegen alle die Menschheit druckenden Uebel darauf hinaus laufe: dass alle Regenten zu Platonen werden, oder vielmehr (da diess, wenn sie auch wollten, nicht in ihrer Macht steht) dass der einzige mogliche und wirkliche Plato, Aristons und Periktyonens Sohn, zum Universalmonarchen des Erdkreises erhoben werden musste, wofern das Reich der Themis und die goldne Zeit des alten Kronos wiederkehren sollte? Wenn nun aber auch zu dieser einzigen kleinen Veranderung, wie heilbringend sie immer fur das gesammte Menschengeschlecht ware, nicht die mindeste Hoffnung vorhanden ist, wofur will er dass wir seine Republik ansehen sollen?
Doch, dem sey wie ihm wolle, das grosse Wort ist nun einmal gesprochen, und wir konnen uns auf unsern Mann verlassen, dass er, seiner verstellten Schuchternheit oder Schamhaftigkeit ungeachtet, keinen Augenblick verlegen ist, wie er sich aus dem Handel ziehen wolle. Er hat sich eines machtigen Zauberworts bemeistert, womit er sich gegen Hieb und Stich fest machen, womit er, wie man eine Hand umkehrt, Berge versetzen und Meere austrocknen, womit er Alles in Nichts und Nichts in Alles verwandeln kann. Das Bild, das kein Bild ist des Dings das kein Ding ist, weil es weder von den Sinnen ertastet, noch von der Einbildungskraft dargestellt, noch vom Verstande gedacht und bezeichnet werden kann, mit Einem Wort, die Idee des Dings an sich, das wahre unaussprechliche Wort der Platonischen Mystagogie, die formlose Form dessen was keine Form hat. Was ist unserm dialektischen Thaumaturgen nicht mit diesem einzigen Aski Kataski24 moglich? Ja, wenn unter dem Wort Philosoph so ein Mensch gemeint ware, wie unsre gewohnlich sogenannten Philosophen, Sophisten, Allwisser, Liebhaber und Kenner des vermeinten Wahren, Schonen und Guten, welches mit den Augen gesehen, mit den Ohren gehort, mit irgend einem aussern oder innern Sinn gefuhlt, von der Einbildungskraft gemalt, von der plastischen Kunst gebildet, vom Verstand erkannt, von der Sprache bezeichnet, und im wirklichen Leben als Mittel zu irgend einem Zweck oder als Zweck irgend eines Mittels, als Ursache irgend einer Wirkung oder Wirkung irgend einer Ursache, gebraucht werden konnte: wenn solche Philosophen die Welt regieren sollten, dann, meint er, wurde sie freilich um kein Haar besser regiert werden als dermalen. Aber der Philosoph, der an der Spitze seiner Republik stehen soll und an der Spitze des ganzen menschlichen Geschlechts zu stehen verdient, ist ein ganz anderer Mann; der halt es unter seiner Wurde, sich mit Betrachtung und Erforschung all des armseligen Plunders der materiellen und einzelnen Dinge, abzugeben, welche (wie der verkappte Sokrates dem ehrlichen Glaukon mit seiner gewohnlichen dialektischen Taschenspielerkunst sehr wortreich und auf mehr als Eine Manier vorspiegelt) weder Etwas noch Nichts, sondern eine Art von Mitteldingen zwischen Nichts und Etwas sind. Das hauptsachlichste, wo nicht einzige Geschaft seines Lebens ist, sich auf den Stufen der Arithmetik, Geometrie und Dialektik zur Betrachtung der einfachen und unwandelbaren Ideen der Dinge, und von diesen ubersinnlichen Wesen bis zum mystischen Anschauen des hochsten Ontos On oder Urwesens aller Wesen zu erheben, uber welches, als etwas an sich Unbegreifliches und Unaussprechliches, ihm eine deutliche Erklarung nicht wohl zuzumuthen ist, und da er durch diese ganzliche Versenkung seines Geistes in das, was an sich wahr, schon, gerecht und gut ist, nothwendig selbst durch und durch wahr, edel, gerecht und gut werden muss: wo konnten wir einen Sterblichen finden, welcher tauglicher und wurdiger ware, die Welt zu regieren, als er?
Alles diess aus einander zu setzen, und nach seiner Manier zu beweisen, d.i. seinen glaubigen Zuhorern durch weit ausgeholte Fragen, Inductionen, allegorische Gleichnisse und subtile Trugschlusse weiss zu machen, beschaftigt unsern Sokrates in dem grossten Theil des sechsten und siebenten Buchs; und da die Natur des Dialogs ihm vollige Freiheit lasst sich nach Belieben vorwarts und seitwarts zu bewegen, und sich uber dieses und jenes, was er mit Vortheil in ein helleres Licht zu setzen glaubt, mit Gefalligkeit auszubreiten, so war naturlich, dass er bei Gelegenheit der Schilderung des achten Philosophen, der bis zum Wahren und Schonen selbst vorzudringen und es in seinem Wesen anzuschauen vermag, im Gegensatz mit den eingebildeten Allwissern und Philodoxen25, die ihre Meinungen von den Dingen fur die Wahrheit selbst ansehen uber die Quellen der Vorurtheile, welche der grosse Haufe, besonders in den hohern Classen, gegen die achten Philosophen heget, uber die Ursachen, warum man sie mit anscheinendem Recht fur unnutze und vornehmlich zum Regieren ganz untaugliche Leute halte, und uber den Grund, warum auch die Philosophen ihres Orts mit Verwaltung solcher heilloser Republiken, wie die gegenwartigen alle seyen, nichts zu thun haben mogen sich alles dessen, was er vermuthlich schon lange auf dem Herzen hat, mit vieler Freimuthigkeit entledigt. Dieser Theil des sechsten Buchs, wo Adimanth wieder an die Rede kommt, und durch den Versuch einer Rechtfertigung des popularen Vorurtheils gegen die Philosophen den Sokrates auffordert, sich umstandlicher uber diese Materie vernehmen zu lassen, scheint mir (dem personlichen Antheil, welchen Plato an der Sache nimmt, gemass) mit vorzuglichem Fleiss ausgearbeitet zu seyn; und ausnehmend schon ist unter andern, was er den Sokrates (den ich hier wieder erkenne und reden zu horen glaube) von den Ursachen sagen lasst, woher es komme, dass wahrhaft weise und gute Menschen so selten sind, und so manche Junglinge, mit den herrlichsten Anlagen, der hohen Bestimmung, zu welcher die Natur sie ausgerustet hatte, unglucklicher Weise fur den Staat und fur sich selbst, ganzlich verfehlen, ja desto schadlichere Burger und Regenten werden, je glanzender die Naturgaben und Talente sind, wodurch sie sich der Liebe und des Vertrauens ihrer Mitburger zu bemachtigen wissen. Weniger die Probe einer strengen Prufung haltend, wiewohl mit einem leidenschaftlichen Feuer geschrieben, das den auf sich selbst zurucksehenden und seine eigene Sache fuhrenden Plato verrath, scheint mir die Stelle zu seyn, wo er die Grunde angibt, "warum die Wenigen, die im Besitz der wahren Weisheit sind, sich in die moglichste Verborgenheit zuruckziehen und mit den offentlichen Angelegenheiten unserer verdorbenen Republiken nichts zu schaffen haben wollen, sondern, in ihren eigenen vier Wanden gegen alle Sturme des offentlichen Lebens gesichert, beim Anblick der allgemein herrschenden Gesetzlosigkeit, genug gethan zu haben glauben, wenn sie, selbst rein von Unrecht und lasterhaften Handlungen, ihr gegenwartiges Leben in Unschuld hinbringen, um dereinst mit guter Hoffnung freudig und zufrieden aus demselben abzuscheiden." Wenn Aristipp und seines gleichen diese Sprache fuhrten, mochte wohl nichts Erhebliches dagegen einzuwenden seyn; aber von dem Platonischen Weisen sollte man mit vollem Recht eine heroischere Tugend fordern durfen; und ich zweifle sehr, ob irgend eine Republik verdorben genug seyn konne, dass ihm eine solche Verzweiflung an ihrer Besserung erlaubt ware, oder dass Rucksicht auf seine personliche Sicherheit und Furcht vor dem Hass und den Verfolgungen der Bosen fur einen zuverlassigen Beweggrund gelten konnte, sich seiner Pflicht gegen das Vaterland zu entziehen. Der wirkliche Sokrates war wenigstens ganz anders gesinnt, und liess es sich, als er mit sehr guten Hoffnungen aus diesem Leben ging, keinen Augenblick gereuen, das Opfer der entgegengesetzten Denkart geworden zu seyn.
Aber freilich ist Platons Weiser kein Sokrates; und ihm, der sein hochstes Gut im Anschauen des Schonen und Guten an sich, und in der dazu erforderlichen Ruhe und Abgeschiedenheit findet, mochte jene Sinnesart um so eher zu verzeihen seyn, da er sich nothwendig sehr lebhaft bewusst seyn muss, dass er nirgends als in seiner idealischen Republik am rechten Ort ist, und wahrscheinlich als Staatsmann in jeder andern eine traurige Figur machen wurde.
Ich bin, gegen meinen anfanglichen Vorsatz, indem ich durch ich weiss nicht welchen Zauber, den unser dichterischer Philosoph um sich her verbreitet, mich gezogen fuhlte, ihm in seinem maandrischen Gang beinahe Schritt vor Schritt nachzuschlendern, unvermerkt so weitlaufig geworden, dass ich nur so fortfahren durfte, um uber ein unmassig dickes Buch ein noch dickeres geschrieben zu haben. Die Versuchung ist nicht gering und nimmt mit jedem Schritt eher zu als ab; aber sey ohne Furcht, Eurybates, ich will es gnadig mit dir machen; und wenn du dich entschliessen kannst, mir nur noch in die wundervolle unterirdische Hohle unsers Mystagogen zu folgen, so verspreche ich dir, dich mit allem ubrigen zu verschonen, was du noch zu lesen bekamest, wenn ich meine bisherige Umstandlichkeit bis ans Ende beibehalten wollte.
Die Behauptung, dass ein Staat nur durch achte Philosophen wohl regiert werden konne, hatte die Darlegung des Unterschieds zwischen dem unachten und achten Philosophen herbei gefuhrt. In dieser bis auf den Grund zu kommen, sah sich Plato (denn mit diesem allein, nicht mit Sokrates haben wir es nun zu thun) genothigt, seinen Zuhorern einen Blick in das innerste Heiligthum seiner Philosophie zu erlauben. Da er aber hier keine Eingeweihten vor sich hat und dieser Dialog unter die exoterischen, d.i. unter diejenigen gehort, welche weniger fur seine auserwahlten Junger als fur die immer zunehmende Menge mussiger und wissbegieriger Leser, bei denen ein gewisser Grad von Bildung vorausgesetzt werden kann, geschrieben sind: so war nicht schicklich, und in der That auch nicht wohl moglich, seine Geheimlehre anders als in Bildern vorzutragen, um uns andre Profanen wenigstens durch einen, wiewohl nicht sehr durchsichtigen, Vorhang in die Mysterien derselben blinzeln zu lassen. Hierzu macht er nun zu Ende des sechsten Buchs den Anfang, indem er uns mit vieler Behutsamkeit, damit nicht zu viel Licht auf einmal in unsre bloden Augen falle die Existenz einer zwiefachen Sonne offenbart: der bekannten sichtbaren, die uns zum Wahrnehmen korperlicher Dinge, Gestalten und Schattenbilder verhilft, und einer rein geistigen, folglich auch bloss dem reinen Geist, ohne Beihulfe der Sinne, der Einbildungskraft und des Gedankens, anschaulichen (welche er die Idee des Guten und das selbststandige Gute, Auto-Agathon, nennt), in dessen Licht allein das an sich Wahre, Schone und Gute unserm Geiste sichtbar werden kann. Die neu entdeckte ubersinnliche Sonne scheint den wissbegierigen Glaukon so freundlich anzustrahlen, dass Sokrates sich aufgemuntert fuhlt, die Vergleichung eine Weile fortzusetzen. Beide Sonnen, sagte er, sind "die Konige zweier Welten;" die eine dieser sinnlichen, theils aus korperlichen Dingen, theils aus mancherlei verganglichen, unwesentlichen Erscheinungen zusammengesetzten Welt; die andere der ubersinnlichen, dem reinen Verstand allein in dem Lichte des selbststandigen Guten sichtbaren. wesentlichen Dinge. So wie die materielle Sonne uber uns aufgeht, erscheinen uns in ihrem Lichte die korperlichen Dinge klar und deutlich; so wie uns dieses Licht entzogen wird, verfinstert sich alles um uns her, wir erblicken nur zweifelhafte, farbenlose, unformliche Gestalten und wissen nicht was wir sehen. Eben so wird uns, sobald unser Geist in das Lichtreich des Auto-Agathon eindringt, auf einmal die ganze Welt der Ideen, oder der ewigen, unwandelbaren Wesen (ontos onton) aufgeschlossen; wie uns hingegen dieses Licht entzogen wird, sehen wir im Reich der Wahrheit nichts, und alles um uns her ist Dunkelheit, Ungewissheit, Irrthum und Tauschung. So wie uns die Sonne in der materiellen Welt zweierlei Arten von Gestalten sichtbar macht, die wirklichen Korper, und die blossen Schatten und Abspieglungen derselben, z.B. blauen Himmel, Wolken, Baume, Gebusche u.s.w. in einem klaren Wasser: eben so erlangt unser Geist durch das ubersinnliche Licht, das von dem Auto-Agathon uber das ganze Reich der Wahrheit ausstrahlt, eine doppelte Art von Erkenntniss: eine rein wahre, von Plato Noesis genannt, und eine mit Wahn und Tauschung vermischte, die ihm Dianoia26 heisst; jene durch unverwandtes Aufschauen in das Reich der Ideen, als die allein wahrhaft wirkliche Welt, in welcher kein Trug noch Irrthum stattfindet; diese durch das Herabschauen in die Welt der Erscheinungen und Tauschungen, wo wir nichts als die Abspieglungen und Schatten der wesentlichen Dinge erblicken; daher denn auch, naturlicher Weise, nicht mehr Wahrheit in dieser Art von Erkenntniss seyn kann, als in der Vorstellung, die wir von einem Korper bekommen, wenn wir seinen Schatten, oder hochstens seine Gestalt im Wasser erblikken. Unser Sokrates konnte leicht bemerken, dass es dem guten Glaukon, mit dem besten Willen von der Welt, dennoch schwer werde, sich die ubersinnlichen Wahrheiten, die durch diese Vergleichungen angedeutet werden sollten, klar zu machen. Er lasst sich also herab, der Blodigkeit seines geistigen Auges durch eine allegorische Darstellung der Sache zu Hulfe zu kommen. Und nun horen wir ihn selbst!
Stelle dir, sagt er zu Glaukon, die Menschen vor, als ob sie in einer Art von unterirdischer Hohle wohnten, die von oben herein weit offen, bloss durch den Schein eines grossen auf einer entfernten Anhohe brennenden Feuers erleuchtet wird. In dieser Gruft befinden sie sich von Kindheit an, am Hals und an den Fussen dergestalt gefesselt, dass sie sich weder von der Stelle bewegen, noch den Kopf erheben und herum drehen konnen, folglich, gezwungen immer nur vor sich hin zu sehen, weder uber noch hinter sich zu schauen im Stande sind. Zwischen dem besagten Feuer und den Gefesselten geht ein etwas erhohter Weg, und langs desselben eine Mauer, ungefahr so hoch und breit als die Schaugeruste, auf welchen unsre Gaukler und Taschenspieler den Zuschauern ihre Wunderdinge vorzumachen pflegen. Nun bilde dir ferner ein, du sehest neben dieser Mauer eine Menge Menschen mit und hinter einander auf der besagten Strasse daher ziehen, welche allerlei Arten von Gerathschaften, Statuen und holzerne oder steinerne Bilder von allerlei Thieren auf alle mogliche Art gearbeitet, auf dem Kopfe tragen, so dass alle diese Dinge uber die Mauer hervorragen. Glaukon findet dieses ganze Gemalde etwas abenteuerlich, und scheint nicht errathen zu konnen, wo Sokrates mit seinen Gefesselten, die er in eine so seltsame Lage setzt, hinaus wolle. Gleichwohl, fahrt dieser fort, sind sie unser wahres Ebenbild. Aber bevor er diese Behauptung seinem staunenden Lehrling klar machen kann, muss er die naturlichen Folgen entwickeln, welche die vorausgesetzte Lage fur die Gefesselten haben musste. Furs erste, sagt er, werden sie, da sie unbeweglich vor sich hinzusehen gezwungen sind, weder von sich selbst und denen, die neben ihnen sind, noch von allen den Dingen, die hinter ihnen vorbei ziehen, sonst nichts erblicken konnen als die Schatten, die auf die gegenuber stehende Wand der Hohle fallen. Ferner werden sie, falls sie mit einander reden konnten, den Schatten die Namen der Dinge selbst beilegen; und wofern im Grund ihrer Hohle ein Echo ware, welches die Worte der (ihnen unsichtbaren) Vorbeigehenden wiederhohlte, wurden sie sich einbilden, die Schatten, welche sie vor sich sehen, brachten diese Tone hervor. Sie wurden also unstreitig nichts anders fur das Wahre halten, als die Schatten der vorbesagten Gerathschaften und Kunstwerke. Glaukon bejaht alles diess ohne Widerrede, sogar mit einem grossen Schwur; und Sokrates geht desto getroster weiter. Siehe nun auch, sagt er, wie sie zugleich mit ihren Fesseln von ihrer Unwissenheit entbunden wurden, wenn die Natur sie von jenen befreien wollte. Gesetzt also Einer von ihnen wurde losgebunden und genothigt plotzlich aufzustehen, den Kopf umzudrehen, zu gehen und zum Licht empor zu schauen, so ist kein Zweifel, dass ihm alles diess anfangs sehr sauer werden musste, und dass ihn das ungewohnte Licht blenden und unvermogend machen wurde, die Dinge gewahr zu werden, deren Schatten er vorher gesehen hatte. Was meinst du nun dass er sagen wurde, wenn ihn jemand versicherte, was er bisher gesehen habe, sey eitel Tand, und jetzt erst habe er wirkliche und dem Wahren naher kommende Gegenstande vor den Augen; und wenn man ihm dann eines der vorubergehenden nach dem andern mit dem Finger zeigte und ihn zu sagen nothigte was es sey, wurde er nicht verlegen seyn, und die zuvor gesehenen Schatten fur wahrer halten als was ihm itzt gezeigt wird? G l a u k . Ganz gewiss. S o k r . Und wenn man ihn zwange in das Feuer selbst hinein zu sehen, wurde er nicht, weil ihm die Augen davon schmerzten, das Gesicht sogleich wegwenden und auf die Schatten zuruckdrehen, die er ohne Beschwerde anschauen kann, und die er eben desswegen fur reeller halten wurde, weil er sie deutlicher sahe als die im Licht erblickten Gegenstande? G l a u k . Nicht anders. S o k r . Wenn man ihn nun vollends mit Gewalt und uber Stock und Stein aus seiner Hohle heraus an das Sonnenlicht hervor zoge, wurde er nicht wahrend der Operation gewaltig wehklagen und ungehalten seyn, und so wie er an die Sonne selbst gekommen ware, vor lauter Glanz von allem, was wir andern wirkliche Dinge nennen, nichts sehen konnen? G l a u k . So plotzlich gewiss nichts. S o k r . Es wird also, wenn ein solcher Mensch die Dinge hier oben sehen soll, Zeit erfordert werden, bis er sich allmahlich daran gewohnt. Was seine Augen anfangs am leichtesten ertragen, werden die blossen Schatten seyn; hernach die Bilder von Menschen und andern Dingen im Wasser, zuletzt diese Dinge selbst. Aber was am Himmel zu sehen ist, und den Himmel selbst, wird er lieber Nachts bei Mondenschein und Sternenlicht, als bei hellem Tag im Sonnenglanze sehen wollen. G l a u k . Daran ist kein Zweifel. S o k r a t . Nach und nach aber wird er es doch endlich so weit bringen, dass er auch die Sonne, nicht bloss ihr Bild im Wasser oder ihren Widerschein in andern Korpern, sondern sie selbst, wie sie ist, und an der Stelle, wo sie sich befindet, anzublicken im Stande seyn wird. G l a u k . Das ist nicht anders moglich. S o k r . Und nun wird er auch durch Ueberlegung und Vernunftschlusse herausbringen, dass es die Sonne sey, welche das Jahr und die Wechselzeiten desselben ordnet, uber allem in der sichtbaren Welt waltet und gewissermassen die Ursache alles dessen ist, was sie zuvor sahen? G l a u k . Offenbar muss er von diesem auf jenes geleitet werden. S o k r . Und wenn er sich nun seines vorigen Aufenthalts, und des Begriffs, den man sich dort von der Weisheit macht, und seiner armen Mitgefangenen erinnert, wird er nicht sich selbst der mit ihm vorgegangenen Veranderung wegen glucklich preisen, und die letztern hingegen bemitleiden? G l a u k . O gar sehr! S o k r . Und wofern, bei diesen, Lobspruche, Ehrenstellen und Belohnungen fur denjenigen stattfanden, der die vorbeigleitenden Schatten am deutlichsten sah, sich der Ordnung, in welcher sie aufeinander gefolgt oder neben einander erschienen waren, am genauesten erinnerte, und wie es kunftig damit seyn wurde am besten vorhersagen konnte: meinst du jener wurde diese Vortheile vermissen, oder diejenigen beneiden, die bei ihnen geehrt werden und die Oberhand haben, oder er wurde nicht lieber (wie Homer den Schatten des Achilles sagen lasst) einem "armen Soldner das Feld als Tagelohner bestellen," und lieber alles erdulden als in seinen vorigen Zustand zuruckkehren? G l a u k . Er wurde, denke ich, sich eher alles andere gefallen lassen, als wieder dort zu leben. S o k r . Gesetzt aber, er musste wieder in die Hohle herabsteigen und seinen alten Platz wieder einnehmen, wurde es ihm, wenn er so auf einmal aus der Sonne ins Dunkle kame, nicht zu Muthe seyn, als ob er in die dickste Finsterniss versetzt worden sey? G l a u k . Nichts gewisser! S o k r . Und wenn er dann, bevor er den Gebrauch seiner Augen wieder erlangt hatte (wozu einige Zeit erforderlich seyn wurde) von den besagten Schatten wieder Kenntniss nehmen und sich mit den andern Gefesselten daruber streiten musste, wurde er ihnen nicht lacherlich scheinen? wurden sie nicht sagen, er ware durch sein Hinaufsteigen in die obere Gegend um sein Gesicht gekommen; und es sey nicht zulassig, dass man auch nur versuche hinaufzukommen, und wofern sich jemand unterfinge einen von ihnen zu entfesseln und hinauf zu fuhren, musste man ihn greifen und mit dem Tode bestrafen? G l a u k . Unfehlbar; mit nichts Geringeren als dem Tode. S o k r . Machen wir nun, lieber Glaukon, die Anwendung von diesem ganzen Bilde auf das, was wir vorhin gesagt haben. Die unterirdische Hohle bedeutet diese sichtbare Welt; das Feuer, wovon sie beleuchtet wird, die Sonne; das Aufsteigen in die obere Gegend und was dort gesehen wird, die Erhebung der Seele in die intelligible Welt. Wenigstens ist diess meine Vorstellungsart, weil du sie doch zu horen verlangt hast. Ob sie aber die wahre ist, mag Gott wissen! Genug, mir meines Orts kommt die Sache so vor, wie ich dir sage. Das Hochste in der intelligibeln Welt ist die Idee des Guten, zu deren Anschauen schwer zu gelangen ist. Wer aber dazu gelangt ist, kann nicht anders als den Schluss machen, dass sie die Grundursache alles dessen sey was recht, schon und gut ist, indem sie in dieser sichtbaren Welt das Licht und den Beherrscher desselben hervor gebracht, in der geistigen hingegen, deren unmittelbare Beherrscherin sie ist, die Wahrheit und den reinen Verstand erzeugt; und dass es also schlechterdings nothig ist sie zu kennen, um in irgend einem offentlichen oder besondern Wirkungskreise recht zu handeln. G l a u k . Ich denke hieruber wie du, so viel mir immer moglich ist. S o k r . So stimme mir denn auch darin bei, dass es kein Wunder ist, wenn diejenigen, die von dannen herabkommen, keine Lust haben, sich mit den menschlichen Dingen abzugeben, sondern von ganzem Gemuth dahin trachten, sich in jener erhabenen Region immer aufzuhalten. Denn es kann, unserm vorigen Bilde gemass, nicht anders seyn. G l a u k . Das folgt ganz naturlich.
Hieran mag es genug seyn, lieber Eurybates; und nun erwartest du vermuthlich meine Meinung von diesem allem? Aber was kann ich dir daruber sagen? Es ist schwer in solchen Dingen uberall eine Meinung zu haben. Das Gewisseste, was ich davon sagen kann, ist, dass meine Vorstellungsart so verschieden von der Platonischen ist, als die Grundsatze, von denen wir ausgehen. Wer von uns Recht hat, mag Gott wissen, mochte ich beinahe mit seinem Sokrates sagen. Und doch dunkt mich, wenn ich alles mit ganz nuchternem Muth uberlege, der allgemeine Menschenverstand, oder der allen Menschen einwohnende Sinn fur das, was uns Wahrheit ist, spreche ziemlich entschieden fur meine Grundsatze. Aber Plato denkt von den seinigen noch vornehmer; denn sie scheinen ihm so gewiss zu seyn, als dass Eins = Eins ist; wofern wir also nicht etwa den Delphischen Gott zum Schiedsrichter nehmen wollen, wer soll zwischen uns Richter seyn?
Uebrigens scheint Plato die Schwierigkeiten, die sein dichterisches Lehrgebaude drucken, sehr gut zu kennen. Daher die Vorsicht, jede seiner unerweislichen Voraussetzungen durch andere eben so luftige zu unterstutzen; wie ein Dichter, um ein erstes Wunderding glaublich zu machen, immer ein zweites und drittes in Bereitschaft haben muss. Wir wollen, zum Beispiel, in Betreff der vorliegenden Allegorie so hoflich seyn als sein guter Bruder Glaukon, und uber alle die ungereimten Voraussetzungen, ohne welche sie nicht bestehen kann, hinaus gehen; aber das wird uns doch zu fragen erlaubt seyn mussen: was die armen Gefangenen verbrochen haben, dass sie an Hals und Fussen gefesselt ihr Leben in dem hasslichen unterirdischen Kerker damit zubringen mussen, unverwandt vor sich hin zu gucken, und, weil sie nichts als Schatten zu sehen bekommen, sie gezwungner Weise fur reelle Dinge anzusehen? Du erinnerst dich vielleicht, dass er die Antwort auf diese Frage schon lange in seinem Phadrus bereit halt. Allerdings, sagt er, haben sie durch ein sehr schweres Verbrechen eine so harte Busse verdient. Aber zum Ungluck finden wir uns, wenn wir ihm auch diese Ausrede, als auf eine ihm besser als uns bekannte Thatsache gegrundet, gelten lassen wollen, genothigt abermals zu fragen: wie die Idee des Guten (die er zur Grundursache alles Wahren, Rechten und Schonen macht) recht und wohl daran thue, diese Verbrecher mit einer Strafe zu belegen, wodurch ihnen ein fortdauernder Zustand von Unwissenheit und Irrthum unvermeidlich und alles Aufstreben ins Reich der Wahrheit unmoglich gemacht wird? Ich sehe nicht was er antworten kann, um seine Idee des Guten von dem Vorwurf zu retten, dass sie, gleich den Gottern unsrer Dichter, kein Bedenken trage, diejenigen, die sich gegen sie vergangen haben, aus Rache in unfreiwillige Irrthumer und Verbrechen zu verwickeln, bloss um einen neuen Vorwand zu erhalten, mit den armen Unglucklichen noch grausamer verfahren zu konnen.
Diesen und einer Menge anderer Klippen und Untiefen, zwischen welchen die Platonische Philosophie, unter bestandiger Gefahr zu scheitern oder auf dem Sande sitzen zu bleiben, sich durcharbeiten muss, entgehen wir andern achten Sokratiker freilich durch den grossen Grundsatz unsers Meisters: bloss uber die menschlichen Dinge menschlich zu philosophiren, und die gottlichen, als uber unsern Verstand gehend, unbesorgt den Gottern zu uberlassen: aber wir bekennen uns dadurch auch zu einer Unwissenheit, die uns mit den ungelehrtesten Idioten in Eine Reihe stellen wurde, wenn wir nicht wenigstens diess voraus hatten, dass wir die Ursachen kennen, warum diese Unwissenheit unvermeidlich ist. Demungeachtet laugne ich nicht, dass der Hang alles, was um, uber und unter uns ist, ergrunden zu wollen, wiewohl er sich nur bei wenigen ausserordentlichen Menschen in seiner ganzen Starke zeigt dennoch eines der Merkmale zu seyn scheint, wodurch sich der gebildete und seiner Vernunft machtig gewordene Mensch von dem blossen Thiermenschen unterscheidet. Er gehort zu dem ewigen Streben ins Unbegranzte, welches das grosse Triebrad der unbestimmbaren Vervollkommnung ist, deren hochstem Punkte das Menschengeschlecht sich in einer Art von unermesslicher Spirallinie langsam und unvermerkt anzunahern scheint. Werden wir jemals dieses Ziel erreichen? Oder bewegen wir uns (wie der Aegyptische Hermes gesagt haben soll) in einem Cirkel, dessen Mittelpunkt uberall und dessen Umkreis nirgends ist? Und ist vielleicht gerade diess die einzige Moglichkeit, wie wir uns immer bewegen, d.i. nie zu seyn aufhoren konnen? Auch die Natur, Freund Eurybates, hat in ihren grossen Mysterien unaussprechliche Worte, die wir entweder nie erfahren werden, oder welche der, dem sie sich enthullte, nicht verrathen konnte, weil es ihm an Worten fehlen wurde sich andern verstandlich zu machen? Befande sich jemals ein Sterblicher in diesem glucklichen Falle, wurde er nicht, wenn er von dem, was unaussprechlich ist, sprechen wollte, genothigt seyn, seine Zuflucht, wie Plato, zu Bildern und Allegorien zu nehmen? Und da er doch sicher darauf rechnen konnte, mit seinen Offenbarungen von niemand verstanden, und nur von sehr Wenigen vielleicht, gleich fernen das Ohr kaum noch leise beruhrenden Tonen, mehr geahnet als gehort zu werden, that' er nicht eben so wohl, wenn er gar nicht davon sprache? Aber was hatte da der gottliche Plato zu thun gehabt? Ich beantworte also jene Frage mit Nein; aber nun auch keine Sylbe weiter!
8.
Fortsetzung und Beschluss des Vorigen.
Meinem Versprechen zufolge werde ich die vier Bucher, die noch vor uns liegen, wie reich und schwer an Inhalt sie auch sind, und wie viel gegen Manches zu erinnern ware, wenn es scharf gesichtet werden sollte, so schnell als moglich durchlaufen, und (wenn anders die Versuchung nicht hier oder da gar zu stark werden sollte) nicht mehr davon sagen, als zur Uebersicht des Ganzen nothig ist.
Die Behauptung, "dass die beste (der Vollkommenheit am nachsten kommende) Republik nur unter der einzigen Bedingung, wenn sie achte Philosophen zu Regenten habe, realisirt werden konne," hatte den Platonischen Sokrates auf die verschiedenen Untersuchungen und Erlauterungen gefuhrt, die den Inhalt des sechsten Buchs ausmachen. Die allegorische Dichtung zu Anfang des siebenten sollte das, was er uber achte und unachte Philosophie, uber Irrthum, Wahrheit und Meinung (die zwischen beiden liegt) vorgebracht hatte, durch ein passendes Phantasiebild begreiflicher machen. Das Resultat davon ist: dass nur der, dessen Geist aus der Sinnenwelt (die uns andern gemeinen Menschen die wirkliche scheint) in die Welt der Ideen empor gestiegen, und durch diese sich endlich bis zum unmittelbaren Anschauen der Idee des Guten erhoben hat, den Namen eines Philosophen verdiene. Da nun unsre Republik lauter solche Philosophen zu Vorstehern haben soll, so fragt sich: durch was fur eine Erziehung diese letztern zu ihrer Bestimmung zubereitet, auf welchen Stufen sie zu ihr empor gefuhrt, und welchen Prufungen sie unterworfen werden sollen, bevor sie fur fahig und wurdig zu erkennen sind, in unsrer Republik das zu seyn, was die Vernunft in dem Mikrokosmos der menschlichen Seele und die Idee des Guten im Weltall ist? Diese Aufgaben beschaftigen unsern Philosophen durch das ganze siebente Buch, und geben ihm, indem er von den Wissenschaften spricht, wodurch seine kunftigen Archonten sich den Eingang in die ubersinnliche Ideenwelt eroffnen sollen, Gelegenheit, manches Brauchbare zu sagen, aber auch manches, das mir und vermuthlich seinen meisten Lesern ziemlich unverstandlich ist, und uns den Argwohn abnothigt, dass er uns entweder absichtlich tantalisiren27, oder eine Unwissenheit, die er mit uns und allen andern Sterblichen gemein hat, hinter die vielversprechende geheimnissvolle Miene, womit er uns nichts offenbart, verstekken wolle. Die Wissenschaften, welche seine kunftigen Archonten mit besonderm Eifer treiben sollen, sind die Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik. Aber dass du dir ja nicht einbildest, der Platonische Sokrates denke uber diese Wissenschaften wie der Sohn des Sophroniskus, der seinen jungen Freunden zu rathen pflegte, sich nicht tiefer in sie einzulassen, als zu ihrem Gebrauch im Rechnen, Feldmessen, in der Schifffahrt, und zum Singen, Citherspielen und Tanzen nothig ist! Gerade das Widerspiel; er spricht von dem praktischen Theil derselben mit einer Art von Verachtung, und empfiehlt sie seinen Zoglingen nur, insofern sie die Seele durch Betrachtung des Uebersinnlichen reinigen und zum Anschauen des Wesens der Dinge und der Idee des Guten tuchtiger machen. In dieser Rucksicht raumt er der Dialektik28 (die ihm etwas ganz anders ist als was gewohnlich unter diesem Namen verstanden wird) die oberste Stelle unter allen (in Vergleichung mit ihr nur uneigentlich so genannten) Wissenschaften ein, weil sie sich (wenn ich ihn anders recht verstehe) zu den ubrigen verhalt, wie in seinem vorigen Gleichnissbilde von den Gefesselten in der unterirdischen Hohle das Anschauen der Sonne selbst zum Anschauen des Feuers, welches den Gefesselten die Schatten der zwischen ihnen und dem Feuer vorubergetragenen Dinge sichtbar macht; daher denn auch niemand als der wahre Dialektiker im Stande ist, die ubrigen Wissenschaften so zu veredeln, dass sie zu Stufen werden, worauf die Seele, nachdem sie sich von allem was asthetisch ist losgewunden29 hat, "vermittelst eines Organs, das mehr als zehntausend korperliche Augen werth ist," zur unmittelbaren Anschauung des Auto-Agathon, als dem hochsten Endpunkt alles Reindenkbaren, sich erheben kann. Mehr verlange nicht, dass ich dir von diesen ubersinnlichen Geheimnissen sagen soll; denn ich gestehe dir unverhohlen, dass mein Geistesauge (mit Plato zu reden) noch zu sehr mit barbarischem Schlamm (borboro barbariko) uberzogen ist, um von dem unendlich subtilen dialektischen Licht, womit dieses siebente Buch erfullt ist, nicht geblendet zu werden. Beinahe mochte man den wackern Glaukon beneiden, der, wie es scheint, als ein achter junger Adler mit heilen Augen in diese Sonne schauen kann, und dem alles, was er bloss hort, auf der Stelle so klar einleuchtet, als ob er es aus Platons eigenen Augen sahe.
Ernsthaft von der Sache zu reden, Eurybates, glaube ich, trotz der Blodigkeit meines Gesichts fur unsichtbare Dinge, ziemlich klar zu sehen, dass es nur auf den guten Willen unsers Mystagogen angekommen ware, die erhabenen Lehren, die er uns, bald in die seltsamsten Bilder verschleiert, bald in einer nur ihm und seinen Eingeweihten verstandlichen Sprache, als eine Art von Rathsel zu errathen gibt, in der Sprache der Menschen deutlich genug vorzutragen, dass jeder nicht ganzlich im Denken ungeubte Leser sie ohne grosse Anstrengung hatte verstehen und beurtheilen konnen. Aber vielleicht wurden sie dann auch nicht wenig von dem hohen Werth, den er ihnen beilegt, verloren haben, und es ware beim ersten Blick in die Augen gefallen, dass wir durch die Verwandlung blosser ausgeweideter Gedankenformen in das was er Ideen nennt, und sogar durch das Aufschauen zu seinem Auto-Agathon, in welches unser geistiges Auge, eben so wenig als unser leibliches in die Sonne, langer als einen Augenblick (und auch da nicht ohne zu erblinden) schauen konnte, bei weiten nicht so viel gewinnen als er uns zu versprechen scheint. Denn es hat (menschlicherweise von der Sache zu reden) mit diesem Auto-Agathon, diesem Konig der unsichtbaren Welt, diesem ersten unergrundlichen Grund alles dessen was wahrhaftig ist, so ziemlich eben dieselbe Bewandtniss wie mit der Sonne, dem Herrscher in der sichtbaren. Was wir von beiden wissen, ist sehr wenig, und wir reichen nicht weit damit, wenn es darum zu thun ist, uns eine reelle, d.i. im praktischen Leben brauchbare und hinreichende Kenntniss der Menschen und der Dinge um uns her anzuschaffen, deren wir gleichwohl am meisten bedurfen, da von den Verhaltnissen dieser Menschen und dieser Dinge zu uns, und von der Art, wie wir diese gebrauchen und uns gegen jene benehmen, unser Wohl oder Weh abhangt. Ob die Welt um uns her aus reellen Dingen oder blossen Erscheinungen bestehe, wenn es fur gesunde Menschen auch eine Frage seyn konnte, ware doch eine unnutze Frage, weil wir uns, um nicht wie Thoren zu handeln, immer so benehmen mussen, als ob alles, was gesunden und vernunftigen Menschen reell scheint, es auch wirklich sey. Sich mit Gewalt in eine unsichtbare Ideenwelt hinein zu traumen oder hinein zu abstrahiren, ist schwerlich der rechte Weg, die Sinnenwelt, die nun einmal unser Wirkungskreis ist, kennen zu lernen; aber wohl das unfehlbarste Mittel, eine jede andere als die Rolle eines schwarmerischen Mystosophen ziemlich schlecht in ihr zu spielen. Was wurde man von einem zum Maler oder Bildner bestimmten Menschen sagen, der, wenn er in eine Galerie von Bildsaulen und Gemalden der besten Meister gefuhrt wurde, diese Kunstwerke, weil sie doch nichts als leblose und unvollkommene Nachbildungen wirklicher Menschen, Gotter und Gottersohne seyen, mit Verachtung anekeln und sich noch gross damit machen wollte, dass er nur die Urbilder seines Anblicks wurdig halte? Doch diess im Vorbeigehen; denn eine scharfe Untersuchung dessen, worauf es in dem Streit zwischen dem gottlichen Plato und dem gesunden Sokratischen Menschenverstand ankommt, wurde mich viel weiter fuhren als ich mir in diesen Briefen zu gehen vorgesetzt habe, und es kann, dunkt mich, an den Winken genug seyn, die ich hieruber hier und da bereits gegeben habe.
Nachdem unser Platonischer Sokrates das Kapitel von der Erziehung und Vorbereitung, und den darauf folgenden Beschaftigungen und Prufungen, wodurch die zur Regierung seiner Republik bestimmten Personen beiderlei Geschlechts zu dem erforderten hohen Grad von Weisheit und Tugend gebildet werden sollen, im siebenten Buche zu Ende gebracht hat, beginnt er das achte mit einer summarischen Wiederholung der Resultate alles dessen, was vom funften an bisher zwischen ihm und den beiden Brudern abgehandelt worden, und nimmt, mit Glaukons unbedingter Beistimmung, als etwas Ausgemachtes an: dass in einer vollkommen wohleingerichteten Republik erstens Weiber, Kinder, Erziehung und Ausbildung zu allen in Krieg und Frieden nothigen Eigenschaften, in den beiden obern Standen gemeinschaftlich seyn mussen; zweitens, der zur Vertheidigung bestimmte Stand kein Eigenthum besitzen durfe, und drittens aus demselben nur die vollendetsten und bewahrtesten Philosophen und Kriegsmanner zu Regenten oder Konigen (wie er sie nennt) erwahlt werden sollen. Beide erinnern sich nun des Orts, von wo aus Sokrates durch Adimanths und Polemarchs Zudringlichkeit in diesen Labyrinth von grossen und kleinen Digressionen, Absprungen und Widergangen verleitet worden; und da beide gleich geneigt sind, der eine zu reden, der andere zuzuhoren: so wird nun der im Eingang des funften Buchs angefangene, aber sogleich unterbrochne Discurs uber die verschiedenen Staatsformen wieder aufgenommen, und gezeigt, wie einer jeden dieser Verfassungen (welche unser Philosoph auf funf, namlich eine gesunde und vier mehr oder weniger verdorbene, zuruckfuhrt) eine ahnliche Verfassung im Innern des Menschen entspreche. Die einzige gesunde Staatsverfassung ist ihm die Aristokratie, d.i. die Regierung der Besten, oder (was bei ihm einerlei ist) der Philosophen. Ob sie monarchisch oder polyarchisch sey, gilt gleichviel, wenn nur die Philosophie regiert, und alles nach dem Modell seiner bisher beschriebenen Republik eingerichtet ist. Unglucklicherweise (sagt er) ist auch diese vollkommenste Verfassung, wie alle Dinge unter dem Mond, der Verderbniss unterworfen; sie kann und muss nach und nach krank werden, und sobald dieser Fall eintritt, artet sie in die erste der ungesunden Verfassungen, in die Timokratie oder Herrschaft der Ehrgeizigen aus, so wie diese, wenn sie den hochsten Grad ihrer Verderbniss erreicht hat, sich in die Oligarchie, und diese, aus der namlichen Ursache, sich in die Demokratie verwandelt; welche, durch eine eben so naturliche Folge, endlich in der verdorbensten und verderblichsten aller Staatsformen, der Tyrannie, ihren Untergang findet. Wie es mit diesen Verwandlungen zugehe, den Charakter und so zu sagen die Krankheitsgeschichte dieser vier Perioden einer ursprunglich kerngesunden, aber nach und nach ausartenden und kachektisch werdenden Republik, und eine genetische Schilderung der Gemuthsverfassung und Sitten eines jeder von den vier verdorbenen Regierungsarten entsprechenden einzelnen Menschen, alles diess wird im achten und neunten Buch, aus dem Gesichtspunkt, worauf uns Plato gestellt hat, auf eine sehr einleuchtende Art mit vieler Wahrheit und Zierlichkeit vorgetragen. Man erkennt in der Schilderung der Timokratie das heutige Sparta auf den ersten Blick; auch Korinth, Argos, Theben und andere ihresgleichen, werden sich in seiner Oligarchie nur zu gut getroffen finden; aber die Darstellung und Wurdigung der Demokratie, wozu er an seiner eigenen Vaterstadt das trefflichste Modell vor Augen hatte, geht uber alles. Sie ist ein Meisterstuck Sokratisch-Attischer Feinheit und Ironie; zwar etwas scharf gesalzen und reichlich mit Silphion gewurzt, aber wenn den Athenern noch zu helfen ware, so musste diese Arznei wirken: oder, richtiger zu reden, wenn sie (wie Plato selbst schwerlich anders erwartet) ungefahr eben so viel wirkt als die Ritter, die Vogel und die Wespen des Aristophanes, d.i. nichts, so ist den Athenern schwerlich zu helfen. Gleichwohl sollt' es mich wundern, wenn diese Satyre auf die Demokratie nicht gerade das ware, was ihnen in diesem ganzen Dialog am meisten Vergnugen macht.
Ich fur meine Person wurde auf eine angenehme Weise uberrascht, da ich den Sokrates in diesem achten Buch sich selbst unverhofft wieder so ahnlich fand, dass ich ihn zu horen geglaubt haben wurde, hatte nicht Plato recht geflissentlich dafur gesorgt, uns gleich zu Anfang durch ein unfehlbares Mittel gegen diese Tauschung zu verwahren. Er bewirkt diess durch eine Probe seiner Geschicklichkeit in der dialektischen Arithmetik, oder arithmetischen Dialektik, die so hoch uber allen Menschenverstand geht, oder, um das Ding mit seinem rechten Namen zu nennen, so rein unsinniger Unsinn ist, dass man die Stelle zwei oder dreimal lesen muss, ehe man seinen Augen glauben kann, dass sie wirklich dastehe. Sie befindet sich zu Anfang des achten Buchs, wo die Rede von der Moglichkeit ist, dass sogar die beste und vollkommenste Republik nach und nach ausarte und sich in eine Timokratie verwandle. Diese Aufgabe, deren Auflosung fur einen Mann von unverschrobenem Kopf wenig Schwierigkeit hat, scheint ihm so schwer zu seyn, dass er den Glaukon fragt, ob sie nicht nach Homerischer Weise die Musen anrufen wollten, ihnen zu sagen, wie es zugehen musste, wenn sich in einer so wohl geordneten Republik ein Aufstand sollte ereignen konnen. Wahr ist's, er setzt sogleich hinzu: "wollen wir sie nicht bitten, sich einen kleinen Spass mit uns zu machen, wie wenn man kleinen Knaben spielend lappisches Zeug in einem tragischen Ton und hochtrabenden Worten als etwas gar Ernsthaftes und Wichtiges vordeclamirt?" und heisst das nicht sich deutlich genug erklaren, dass er selbst die hierauf folgende Auflosung des Problems fur nichts Besser's als Kinderpossen gebe? Aber wir kennen diese Art ironischer Neckerei an ihm, und er soll uns nicht glauben machen, dass ein so gravitatischer Mann wie er, auf eine so unanstandige und zwecklose Art den Narren habe mit uns treiben wollen, indem er uns auf eine sehr ernsthafte Frage die rechte Antwort zu geben Miene macht. Ganz gewiss hat er also mit dem arithmetisch geometrischen Unsinn30, den er den Musen in den Mund legt, mit diesem unerrathbaren Rathsel einer durch die verworrensten und unverstandlichsten Bezeichnungen angedeuteten oder vielmehr nicht angedeuteten geometrischen Zahl durch deren Einfluss Kinder von schlechterer Art so nothwendig gezeugt werden mussen, dass, "wofern die Vorsteher unserer Republik aus Unwissenheit dieser unglucklichen Zahl sowohl als der ihr entgegengesetzten vollkommenen, welche den Zeitpunkt des gottlichen Erzeugnisses bezeichnen soll, den rechten Augenblick, ihre Braute und Brautigame zusammen zu lassen, verfehlen, es unmoglich ist, dass die Republik eine an Leib und Seele wohlbeschaffene, glucklich organisirte Nachkommenschaft erhalten konnte;" ganz gewiss, sage ich, hat Plato mit diesem aller menschlichen Vernunft spottenden Rathsel etwas sagen wollen; war' es auch nur, dass er seine gutmuthigen Leser zu glauben nothigt, er selbst besitze den Schlussel zu diesem Geheimniss, ohne welches seine Republik, trotz aller vorhergegangenen Beweise ihrer Moglichkeit, nimmermehr zu Stande kommen kann, wofern er sich nicht erbitten lasst, den kunftigen Vorstehern das Verstandniss hieruber zu offnen. Denn nach seiner ausdrucklichen Versicherung ist das Geheimniss dieser Zahlen so beschaffen, dass die Vorsteher, "wie weise sie auch seyn mochten, es weder auf asthetischem Wege (durch Sinne, Einbildung und Divination) noch durch Vernunftschlusse herausbringen konnten;" so dass es also ein blosses gluckliches Ungefahr ware, wenn sie jemals den rechten Moment zur Zeugung ihrer Staatsburger treffen wurden. Auf alle Falle hat unser Philosoph sich durch diese neue Probe seiner ubermenschlichen Kenntnisse in ein sehr beschwerliches Dilemma verstrickt. Denn entweder sind ihm jene mystischen Zahlen bekannt oder nicht. Sind sie ihm nicht bekannt, wie ist es moglich, dass er, um einfaltigen Lesern weiss zu machen, er kenne sie, lieber baren Unsinn vorbringen als seine Unwissenheit gestehen will? Kennt er sie aber, was in aller Welt konnte ihn bewegen sie in ein Rathsel, und dieses Rathsel in Worte und Satze einzuwickeln, von welchen er selbst gewiss seyn muss, dass sie dem gelehrtesten und scharfsinnigsten seiner Leser eben so unverstandlich sind als dem unwissendsten und blodsinnigsten? Und da nun einmal (wie er sagt) ausser seiner Republik kein Heil ist, diese aber, so lange seine beiden Zeugungszahlen ein Geheimniss bleiben, niemals, wenn sie auch zu Stande kame, in die Lange bestehen konnte: war es nicht seine Schuldigkeit, sie auf eine wenigstens den Gelehrten verstandliche Art der Welt mitzutheilen? Ist er nicht dem menschlichen Geschlecht auch ohne Rucksicht auf seine idealische Republik eine so wohlthatige Entdeckung schlechterdings schuldig? Was sollen wir von dem Manne denken, der ein unfehlbares Mittel, die ganze menschliche Gattung zu veredeln, besitzt, und wiewohl er selbst keinen Gebrauch davon machen will oder kann, es nicht nur fur sich allein behalt, sondern sogar ein leichtfertiges Vergnugen daran zu finden scheint, es den Leuten mit einem dicken Tuch siebenfach bedeckt vorzuzeigen, und sobald er sie recht gelustig darnach sieht, ihnen den Rucken zu weisen und lachend davon zu gehen? Ich zweifle sehr, ob Aristophanes selbst, wenn er unsern Mystosophen zum Helden eines Seitenstucks der Wolken hatte machen wollen, es gewagt hatte, ihm eine so erbarmliche Rolle anzudichten, als er hier, in einer unbegreiflichen Eklipse seiner Vernunft, mit augenscheinlichem Wohlgefallen an sich selbst von freien Stucken spielt.
Es gibt vielleicht kein auffallenderes Beispiel, wie nachtheilig es ist in mehrern und entgegen gesetzten Fachern zugleich glanzen zu wollen, und wie wohl Plato daran thut, die Kunstler und Handarbeiter in seiner Republik durch ein Grundgesetz auf eine einzige Profession einzuschranken, als sein eigenes. Glucklich war' es fur ihn gewesen, wenn die Athener ein Gesetz hatten, vermoge dessen ihren Burgern bei schwerer Strafe verboten ware, in eben demselben Werke den strengen Dialektiker, den Dichter, und den Schonredner zugleich, zu machen. Vermuthlich wurde Plato jedes von diesen dreien in einem hohen Grade gewesen seyn, wenn er sich auf Eines allein hatte beschranken wollen: aber da er diesen dreifachen Charakter in sich vereinigen will, und dadurch alle Redner, Dichter und Dialektiker vor und neben ihm auszuloschen glaubt, kann er neben keinem bestehen, der in einem dieser Facher ein vorzuglicher Meister ist; denn er ist immer nur halb was er seyn mochte. Wo er scharf rasonniren sollte, macht er den Dichter; will er dichten, so pfuscht ihm der grubelnde Sophist in die Arbeit. Hat er uns einen strengen Beweis oder eine genau bestimmte Erklarung erwarten lassen, so werden wir mit einer Analogie oder mit einem Mahrchen abgefertigt; und was oft mit wenigem am besten gesagt ware, webt er mit der unbarmherzigsten Redseligkeit in klafterlange, aus einer einzigen Metapher gesponnene Allegorien aus. Statt der Antwort auf eine Frage, zu welcher er uns selbst genothigt hat, gibt er uns ein Rathsel aufzurathen; und wo das zweckmassigste ware, geradezu auf die Sache loszugehen, fuhrt er uns, fur die lange Weile, in muhsamen Schlangenlinien, Berg auf Berg ab, durch Dick und Dunn, oft so weit vom Ziele, dass er selbst nicht mehr weiss wo er ist, und uns eine gute Strecke lang wieder zuruckfuhren muss, um die Strasse, die er ohne Noth verlassen hat, wieder zu finden. Das letztere begegnet ihm so oft, dass dieser Dialog, dessen ungeheure Lange die Geduld des massigsten und leselustigsten Lesers endlich murbe macht, wenigstens um den vierten Theil kurzer ware, wenn er das bereits Gesagte nicht so oft wiederholen musste, um wieder in den Zusammenhang zu kommen. Diess ist auch zu Anfang des neunten Buchs der Fall, worin er das Ideal des vollstandigsten Bosewichts, dem er (gegen den Sprachgebrauch) den Namen Tyrann beilegt, mit seiner gewohnlichen rhetorischen Ausfuhrlichkeit vor unsern Augen entstehen lasst; erst als blossen Privatmann, wie er sich in der Demokratie durch den Zusammenfluss aller moglichen befordernden Umstande zum kunftigen Tyrannen bildet; sodann als wirklichen Beherrscher des Staats, von welchem er sich durch die schandlichsten Mittel zum unbeschrankten Gebieter und Eigenthumsherrn gemacht hat. Da es in diesem Buch bloss darum zu thun ist, die Lehre des Thrasymachus, welche zu dieser ganzen Unterhaltung Anlass gegeben, bis zum Widerspruch mit sich selbst zu treiben und also in ihrer ganzen Ungereimtheit darzustellen, und dieses nicht auffallender als durch den Contrast zwischen dem Ideal eines Tyrannen mit dem Ideal eines philosophischen Konigs, und zwischen dem Gluck eines von diesem mit idealischer Weisheit regierten und dem Elend eines von jenem ohne Mass und Ziel misshandelten Staats, geschehen konnte: so wollen wir unsern philosophirenden Dichter nicht daruber anfechten, dass sogar unter den beruchtigten Dreissigen, welche in Platons fruher Jugend etliche Monate lang zu Athen tyrannisirten, kein solches Ungeheuer war, wie sein idealischer Tyrann ist; und dass er also von den sogenannten Tyrannen uberhaupt und von dem jammervollen Zustand der von ihnen unterjochten Staaten manches behauptet, was sich in der wirklichen Welt ganz anders befindet. Wir wurden damit nichts gegen ihn beweisen; denn es ist ihm hier nicht um Thatsachen, sondern um einen vollstandigen Charakter der Gattung zu thun, und es muss ihm eben so gut erlaubt seyn, zum Behuf seines Zwecks, alle Laster und Abscheulichkeiten, die seit dem Thracischen Diomedes31 und dem Aegyptischen Busiris bis auf den heutigen Tag, von kleinen und grossen Tyrannen begangen worden, in ein einziges phantastisches Subject zusammenzudrangen, als einem komischen Dichter erlaubt ist, die lacherlichsten Charakterzuge von hundert Geitzhalsen in einen einzigen zu verschmelzen. Freilich hatte es dieser muhsamen Auseinandersetzungen, und dieser langen Kette von Fragen und Antworten, Bildern, Gleichnissen und Inductionen nicht nothig gehabt, um am Ende nichts mehr als eine so einleuchtende Wahrheit als diese, "vollkommene Ungerechtigkeit wurde die Menschen ausserst elend, vollkommene Gerechtigkeit hingegen hochst glucklich machen," zur Ausbeute davon zu tragen. Aber wir wollen auch so billig seyn, unsern Mann nach seinem Zwecke zu beurtheilen, der im Grunde doch wohl kein anderer war, als diesen Gegenstand als Dichter und Schonredner zu behandeln, und die Leser dadurch gewissermassen zu dem neuen hitzigen Ausfall vorzubereiten, den er im zehnten Buch auf den guten alten Homer und uberhaupt auf die nachahmenden und darstellenden Kunste thut.
Auch hier holt er, wie gewohnlich, weit aus, um den ehrlichen Glaukon durch eine Reihe von Analogismen und Paralogismen und eine einseitige schiefe Ansicht der Kunste, die er aus einer wohlbestellten Republik verbannt wissen will, zu seiner Meinung zu verfuhren, ohne ihn wirklich uberzeugt zu haben; was ihm bei einem jungen Menschen nicht schwer werden kann, der die Bescheidenheit so weit treibt, unverhohlen zu bekennen, "er werde sich in Sokrates Gegenwart nie unterstehen seine eigene Meinung von etwas zu sagen." Lacherlich (dunkt mich) wurde sich einer machen, der den kraftlosen Beweis ernsthaft bestreiten wollte, welchen Plato aus seiner Theorie von den Ideen gegen die besagten Kunste fuhrt. Ich fur meinen Theil finde seine Distinction der dreierlei Bettstellen, der wahren wesentlichen d.i. der idealischen, deren Naturschopfer (Phyturg) Gott ist der einzelnen, die der Drechsler macht, und welche, da sie nicht die Urbettstelle selbst ist, eigentlich nur eine Art von Schattenbild derselben oder eine Quasi-Bettstelle vorstellt, und der gemalten, die, als eine blosse Nachahmung der gedrechselten, im Grunde gar keine Bettstelle, und also, Platonisch zu reden, gar nichts ist, ich finde das alles sowohl, als die Anwendung, die er davon gegen die gesammten nachahmenden Kunste macht, ungemein lustig zu lesen; und wurde mich am Ende nur verwundern, wie eben derselbe Mann, der, so oft er sich vergisst und gleich andern naturlichen Menschen von menschlichen Dingen menschlich spricht, so verstandig rasonnirt, sich auf einmal wieder in solchen Unsinn versteigen kann; es wurde mich wundern, sag' ich, wenn ich nicht aus so vielen Beispielen wusste, dass eine einzige Vorstellung, die sich zur Tyrannin aller andern in einem phantasiereichen Kopf aufgeworfen hat, sobald sie angeregt wird, die Wirkungen der Verrucktheit und des Wahnsinns hervorzubringen fahig ist. Wenn ubrigens unsre Dichter, Maler, Schauspieler und wer sonst hierher gehort, anstatt aus der Fehde, die er ihnen in diesem Dialog mit so grossem Gebraus ankundigt, Ernst zu machen, sich begnugen uber ihn zu lachen, so werden sie alle Vernunftigen auf ihrer Seite haben; denn das Ungluck aus seiner Republik ausgeschlossen zu seyn, ist doch wohl der einzige Schade, der ihnen aus allem, was er ihnen Boses nachsagt, zuwachsen kann; und diese Republik hat fur ihres gleichen so wenig Anziehendes, dass sich schwerlich auch nur ein Tischmacher in ganz Athen finden wird, welcher Lust haben konnte um das Burgerrecht in derselben anzuhalten.
Alles in der Welt muss endlich ein Ende nehmen; und so erinnert sich auch unser Sokrates, dem der Gaumen vermuthlich trocken zu werden anfangt, dass die Rede in diesem Gesprach eigentlich nicht von Dichtern und nachahmenden Kunstlern, sondern von dem wahren Charakter der Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit habe seyn sollen, und von den Wirkungen, welche die eine und die andre in einer von ihr beherrschten Seele hervorbringt. Er lenkt also mit einer ziemlich raschen Wendung wieder in den Weg ein, aus dem er schon so oft ausgetreten ist; und sobald er sich und seine Zuhorer orientirt hat, zeigt sich's, dass ihm, nachdem er den Beweis,
"dass die Gerechtigkeit an und durch sich selbst das
beste und edelste Besitzthum der an und in sich
selbst betrachteten Seele sey, und dass man also,
ohne alle Rucksicht auf Vortheil und Lohn, immer
gerecht handeln musse, man besitze den Ring des
Gyges oder nicht,"
gegen die Behauptungen des von Glaukon und Adimanth unterstutzten Thrasymachus, aufs vollstandigste und bundigste gefuhrt zu haben vermeint, nun nichts ubrig sey, als der Gerechtigkeit selbst Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, "ihr alles, was er ihr zum Behuf jenes Beweises nehmen mussen, wiederzugeben, und sie wieder in den vollen Besitz aller Belohnungen einzusetzen, welche die Tugend einer Seele bei Gottern und Menschen im Leben und nach dem Tode verschaffe."
Diess ist es nun, womit er sich im Rest dieses letzten Buchs beschaftigt. Nachdem er namlich die unendlichen Vortheile des Gerechten oder Tugendhaften vor dem Lasterhaften oder Ungerechten, selbst in blosser Rucksicht auf die Belohnungen, welche jener, und die Strafen, welche dieser von Gottern und Menschen schon in diesem Leben zu gewarten habe, mit bestandiger Rucksicht auf die gegentheiligen Behauptungen des Thrasymachus und seiner Gehulfen, kurzlich dargethan hat, und Glaukon von der Menge und Grosse jener Vortheile des Gerechten uberzeugt zu seyn versichert, fahrt Sokrates fort: das alles sey doch nichts gegen das, was auf beide nach ihrem Tode warte, und es werde zur Vollstandigkeit seiner Ueberzeugung nothig seyn zu horen, was er ihm hiervon zu sagen bereit sey. Glaukon, der sich nach einer solchen Aeusserung auf wundervolle Dinge gefasst macht, versichert, dass er, wie lang' es auch wahren mochte, mit Vergnugen zuhoren werde; und so folgt denn eine sehr umstandliche Erzahlung des Berichts, den ein gewisser Armenier Namens Er, als er am zwolften Tage nach seinem Tode, auf dem Scheiterhaufen worauf sein unversehrt gebliebener Leichnam verbrannt werden sollte, wieder ins Leben zuruckgekehrt, von den erstaunlichen Dingen, die er in der andern Welt gesehen und gehort, offentlich abgestattet habe. Da diese Erzahlung, uber deren Quelle uns Plato in ganzlicher Unwissenheit lasst, keinen Auszug gestattet, und ich nicht zweifle, dass sie eines von den einzelnen Stucken dieses Dialogs ist, die du mit gebuhrender Aufmerksamkeit gelesen hast, so begnuge ich mich, bloss ein paar Anmerkungen beizufugen, welche nicht sowohl dem Mahrchen selbst, als dem erhabenen Dichter, der uns damit beschenkt hat, gelten sollen.
Naturlicherweise konnen uns aus der andern Welt keine Nachrichten zugehen, als durch Personen, welche dort gewesen und wieder zuruckgekommen sind. Die fabelhafte Geschichte nennt, meines Wissens, ausser Theseus, Peirithous, Hercules und dem Homerischen Odysseus, welche lebendig in den Hades hinabgestiegen und wieder heraufgekommen, nur drei Todte den zwischen Aphrodite und Persephone getheilten Adonis, die Alcestis, und den schonen Protesilaus denen ins Leben zuruckzukehren erlaubt worden, wiewohl dem letzten nur auf einen einzigen Tag. Plato dichtet also nichts Unerhortes, indem er den Armenier Er aus der andern Welt zuruckkommen lasst; aber da dieser Er von den Richtern, welche am Eingang den neuangekommenen Seelen ihr Urtheil sprechen, ausdrucklich desswegen ins Leben zuruckgeschickt wird, um uns andern Bewohnern der Oberwelt von den Belohnungen und Strafen, die uns nach dem Tode erwarten, zuverlassige Nachrichten zu geben; so erforderte, sollte man denken, ein so wichtiger Zweck, dass der Dichter einige Sorge dafur getragen hatte, dass wenigstens ein Anschein von Moglichkeit das Ungereimte der Sache unserm ersten Blick entzoge. Je unglaublicher eine Dichtung an sich selbst ist, desto nothiger ist es, unsre Einbildungskraft dadurch zu gewinnen, dass alle das Wunderding umgebenden Umstande in der naturlichen Ordnung der Dinge sind. Wir wollen uns gern gefallen lassen, dass Er aus der andern Welt zuruckkommt, zumal wenn er uns recht viel Horenswurdiges aus ihr zu erzahlen hat: aber was wir uns nicht gefallen lassen konnen, ist, dass der Dichter nicht an die ganzliche Unmoglichkeit gedacht hat, dass der entseelte Leichnam eines an todtlichen Wunden verstorbenen Menschen, nachdem er zehn Tage lang unter einem Haufen anderer bereits in Faulniss gegangenen Leichen gelegen, unversehrt hervor gezogen werde, und am zwolften Tage bei Wiedervereinigung mit seiner Seele sich so frisch und gesund befinde, als ob ihm kein Haar gekrummt worden ware.
Wenn wir aber auch uber das Unnaturliche dieser Umstande hinaus gehen, und mit der granzenlosen Gefalligkeit, welche Plato immer bei seinen Zuhorern voraussetzt, annehmen wollen, dass eben diese (uns unbekannten) Richter, welche die Seele des Armeniers nach zwolf Tagen in ihren Leib zuruckschicken konnen, es auch in ihrer Macht haben, einen todtlich verwundeten und entseelten Leichnam durch ein unbegreifliches Wunderwerk zwolf Tage lang frisch und gesund zu erhalten sollten wohl die Fiebertraume, die uns der Armenier als Nachrichten aus der andern Welt erzahlt, eines so grossen Wunders wurdig seyn? Ich habe wohl auch in meinem Leben Milesische Mahrchen gehort, und unter unsern alten Gotter- und Helden-Mythen ist mancher ammenhaft genug; aber ein so idealisch ungereimtes Phantasiegebilde wie dieses ist mir noch nicht vorgekommen. Man fordert mit Recht von einem Dichter, dass er auf jede Frage, warum er diess und das an seinem Werke gerade so und nicht anders gemacht, eine hinlangliche Antwort bereit habe. Ich mochte wohl wissen, was der Platonische Sokrates zu antworten hatte, wenn ihn Glaukon oder Thrasymachus in aller Demuth fragten: was ein gewisser damonischer Ort fur ein Ort sey? Nach welcher Regel der Gerechtigkeit die Seelen der Lasterhaften fur jede Uebelthat zehnfaltig gestraft werden? Warum die Seelen, die vom Himmel herunter, oder, nach ausgestandener Strafe aus der Holle herauf gestiegen sind, um wieder in sterbliche Leiber zuruckzukehren, sich gerade sieben Tage auf der Wiese, die er vorhin einen damonischen Ort nannte, aufhalten? Warum sie gerade vier Tage zu marschiren haben, bis sie den grossen Lichtring oder Lichtgurtel zu Gesicht bekommen, der dem Regenbogen ahnlich aber viel glanzender und reiner ist? Wie dieser Lichtring zugleich zwischen Himmel und Erde aufgerichtet stehen, uber Himmel und Erde ausgebreitet seyn, und den ganzen Himmel wie ein Gurtel umfassen kann? Warum die Seelen gerade noch einen Tag zu reisen haben, bis sie bei diesem Licht angelangt sind? Woran die Enden dieses den Himmel zusammenhaltenden Lichtgurtels befestigt sind, damit die Spindel der Anangke an ihnen hangen kann? Warum Anangke ihre Spindel, gegen die Gewohnheit aller andern Spinnerinnen, zwischen ihren Knieen herumdreht? und zwanzig andere Fragen, deren der Leser sich nicht erwehren kann, ohne die Antwort darauf zu finden. Plato ist, wie wir lange wissen, ein Liebhaber vom Uebernaturlichen, Unerhorten, Kolossalischen; wir wollen ihn dieses Geschmacks wegen nicht anfechten; aber die Bilder, die er uns darstellt, mussen doch Sinn, Bestandheit und Zusammenhang wenigstens an und unter sich selbst haben, und er muss unsrer Einbildungskraft nicht mehr zumuthen als sie leisten kann. Versuch' es einmal, dir die ganze Gruppe von Erscheinungen, die der Armenier in dem Lichtgurtel des Himmels gesehen haben will, in Einem Gemalde vor die Augen zu bringen. In der Mitte die grosse Gottin Anangke mit der ungeheuren stahlernen Spindel zwischen den Knieen; um die Spindel einen nicht minder ungeheuren Wirtel, in welchem sieben andere, wie die Buchsen der Taschenspieler, in einander stecken, und alle zugleich, aber mit ungleicher Geschwindigkeit, von der Spindel in einer, ihrer eigenen Bewegung entgegen gesetzten, Richtung herumgedreht werden; jeden dieser an Glanz, Farbe und Bewegung verschiedenen Wirtel mit einem mehr oder minder breiten cirkelformigen Rand, und auf jedem eine Sirene sitzend, die sich mit ihm herumdreht und aus voller Kehle singt; aber jede nur einen einzigen Ton aus der Tonleiter bis zur Octave, so dass der Gesang aller acht Sirenen eine einzige sich selbst immer gleiche Harmonie ist vor welcher die Gotter unsre Ohren bewahren wollen! Nun denke dir noch die Tochter der Anangke, die drei Moiren, Lachesis, Klotho und Atropos, weiss gekleidet und mit Kranzen um die Stirne auf Lehnstuhlen um ihre Mutter herum sitzend, wie sie, vom achttonigen Zetergeschrei der Sirenen begleitet, Lachesis das Vergangene, Klotho das Gegenwartige, Atropos das Zukunftige absingen, wahrend dessen Klotho ihrer Mutter mit der rechten Hand von Zeit zu Zeit den aussersten Wirtel der Spindel, Atropos mit der linken die innern, und Lachesis alle zusammen mit beiden Handen umdrehen hilft. Lass' deine Phantasie, wenn's ihr moglich ist, ein Gemalde aus diesem allem zusammensetzen, und sage mir, ob einem Kranken im starksten Fieberanfall etwas Abenteuerlicheres und Phantastischeres vorkommen konnte? Und was will nun Plato dass wir uns bei diesem lacherlich wunderbaren Phantasma denken sollen? Ist das alles in der damonischen Welt wirklich so, wie sein Armenier gesehen zu haben vorgibt? Er rechnet so wenig darauf, dass irgend einer seiner Leser einfaltig genug seyn werde diess zu glauben, dass sein Sokrates selbst die ganze Erzahlung am Ende fur ein blosses Mahrchen gibt. Alle diese Wundergestalten, Anangke mit ihrer Spindel und ihren Tochtern, die acht Sirenen, die sich auf und mit den acht Wirteln ewig herumdrehen und den armen Seelen, die hier taglich schaarenweis sich einzufinden genothigt sind, die Ohren gellen machen, der Prophet, der den Seelen im Namen der Gottin ankundigt, dass sie um ihr kunftiges Schicksal im Leben, in welches sie zuruckkehren, losen mussen u.s.w., das alles ist also nichts weiter als eine Gruppe von emblematischen Bildern, oder vielmehr ein Haufen ziemlich dicker Hullen, unter denen etwas verborgen liegt, das entweder schwer zu errathen, oder des Rathens kaum werth ist? Aber unglucklicherweise ist der Armenier, der diese wunderbaren Personen und Sachen in einem damonischen Ort zu sehen glaubt, keine emblematische Figur; er wird uns als eine wirkliche historische Person vorgefuhrt, und damit wir desto weniger daran zweifeln, sogar Pamphylien als das ursprungliche Vaterland seines Geschlechts angegeben. Der wackre Er macht sich also entweder nach Art weitgereiseter Leute ein Vergnugen daraus, unsre Leichtglaubigkeit auf die Probe zu stellen; oder er ist selbst ich weiss nicht von welchen Damonen getauscht worden, dass er sich einbildete wirkliche Dinge zu sehen, wiewohl er nur Sinnbilder sah. Uebrigens ist nicht leicht zu errathen, was Plato mit dieser Dichtung beabsichtigt, da sie fur den Satz, den er dadurch bestatigen will, nicht das Geringste beweisen, und schlechterdings zu nichts dienen kann, als Knaben in Erstaunen zu setzen, Mannern hingegen eine eben so geringe Meinung von seinem Dichtergeist als von seinen astronomischen Kenntnissen zu geben. Denn wie er dichtet, heisst nicht dichten sondern ins Blaue hinein phantasiren, und es steht ihm wahrlich ubel an, uber die Erzahlungen, womit der Homerische Odysseus die Tischgesellschaft des Alcinous unterhalt, die Nase zu rumpfen, von denen die ungereimteste ohne Vergleichung wahrscheinlicher gemacht ist als das Mahrchen seines Armeniers. Aber nun vollends die Art, wie er die Pythagorische Seelenwanderung seinen eigenen Hypothesen anpasst, und wie er die Freiheit, ohne welche keine Zurechnung, folglich keine Strafen und Belohnungen in der andern Welt stattfinden, mit den Gesetzen der Nothwendigkeit zu vereinigen glaubt! Die zur Ruckkehr in sterbliche Leiber vor dem Thron der grossen Spinnerinnen versammelten Seelen kommen theils aus dem Himmel, theils aus der Unterwelt. Ueber die letztern habe ich nichts zu erinnern; aber wie die Gottin Anangke den erstern zumuthen konne, aus der reinen Himmelsluft wieder in den mephitischen Dunstkreis des Erdenlebens zuruckzuwandern, daruber hatte uns billig einiger Aufschluss gegeben werden sollen. Denn dass sie den Himmel, wo es ihnen (ihrer eigenen Versicherung nach) so unaussprechlich wohl ging, von freien Stucken verlassen haben sollten, ist nicht zu vermuthen; wiewohl ich gestehe, dass das Vergnugen, womit er sie den Boden der mutterlichen Erde wieder betreten lasst, ein feiner Zug von dem Dichter ist. Soll uberhaupt Sinn in dieser Dichtung seyn, so musste entweder eine innere Nothwendigkeit die Seelen aus dem Himmel wieder auf die Erde treiben, oder ihre Verbannung musste die Strafe schwerer Verbrechen seyn, welche sie in jenem herrlichen Zustand begangen hatten. Keine dieser beiden Voraussetzungen steht auf irgend einem festen Grunde, und die letztere ist sogar mit der Gerechtigkeit der allgemeinen Weltregierung unvereinbar; denn was konnte ungerechter seyn, als die armen Seelen zu Abbussung begangener Verbrechen in Umstande zu setzen, wo sie die grosste Gefahr laufen neue Verbrechen zu begehen, welche sie mit einer noch viel hartern Bestrafung, namlich einer tausendjahrigen Peinigung im Tartarus fur jedes derselben, werden bussen mussen? Plato glaubt zwar, sich aus dieser Schwierigkeit durch die Erklarung zu ziehen, die er seinen Propheten im Namen der Lachesis (warum gerade dieser?) den versammelten Seelen thun lasst. "Ihr seyd im Begriff," lasst er ihn (wiewohl in geflissentlich dunkeln und nach Art der Orakel, vieldeutigen Ausdrucken) sagen, "einen neuen Kreislauf unter den Sterblichen zu beginnen. Nicht das Schicksal wird euch euer Loos anweisen, sondern ihr selbst werdet euer Schicksal wahlen. Wen das Loos zum Ersten erklart, der soll auch zuerst die Wahl der Lebensart haben, an welche er nothwendig gebunden bleiben wird. Die Tugend aber hat keinen Herrn uber sich; je nachdem jemand sie ehrt oder verachtet, wird er mehr oder weniger von ihr besitzen. Die Schuld wird an dem Wahlenden seyn; Gott hat keine Schuld." Nach dieser seltsamen Anrede wirft er die Loose auf die umherstehenden Seelen herab; jede greift nach dem, das ihr zufallt, und itzt zeigt sich's in welcher Ordnung sie wahlen sollen. Nunmehr werden Muster aller moglichen Lebensformen, thierischer und menschlicher, die im Schooss der Lachesis beisammen lagen, auf der Erde vor ihnen ausgebreitet, damit jede diejenige wahle, die ihr am besten ansteht. Die Anzahl dieser Lebensformen ist zwar viel grosser als die Zahl der Wahlenden; indessen gesteht doch der Erzahler, dass die Seelen, die in der Reihe die letzten sind, gegen die andern sehr zu kurz kommen und mit dem was noch da ist vorlieb nehmen mussen; eine Unbilligkeit, welche vermieden werden konnte, wenn, anstatt die Wahl theils auf sie selbst theils auf den Zufall ankommen zu lassen, ein Gott fur jede gewahlt hatte, was fur sie und andere das Beste gewesen ware. Was diese Unbilligkeit noch harter macht, ist das Gesetz, vermoge dessen alle diese aus dem Himmel und der Holle ins irdische Leben zuruckkehrenden Seelen aus dem Lethe zu trinken genothigt sind, dessen Wasser die Eigenschaft hat die Erinnerung des Vergangenen in der Seele auszuloschen. Naturlicherweise gehen dadurch alle Vortheile verloren, welche sie aus der Erinnerung der ausgestandenen Strafen oder der genoss'nen Seligkeit, und aus dem Bewusstseyn dessen, womit sie das eine oder das andere in ihrem vormaligen Leben verdient hatten, zum Behuf des neuangehenden hatten ziehen konnen. Das Uebel wurde zwar, wie er zu verstehen gibt, nicht so gross seyn, wenn sie (was nur bei Wenigen der Fall zu seyn scheint) weise genug waren, nicht uber ein gewisses Mass zu trinken: aber da die meisten viel Durst zu haben scheinen, und daher nicht leicht das rechte Mass treffen, wurde es nicht billig und freundlich gewesen seyn, ihnen das Wasser der Vergessenheit in einem Becher zu reichen, der gerade nicht mehr und nicht weniger gehalten hatte als ihnen zutraglich war? So schlecht durch diese Dichtung die Weisheit und Gute des obersten Weltregierers gerechtfertiget ist, so wenig scheint sie uns auch uber die Freiheit der Seele, insofern sie neben der Nothwendigkeit bestehen kann, ins Klare zu setzen. Die Seelen wahlen zwar die Bedingungen, unter welchen sie ihr neues Erdenleben antreten wollen, nach Belieben; aber diese Freiheit ist den meisten mehr nachtheilig als vortheilhaft, und scheint mehr ein Fallstrick als eine Wohlthat zu seyn. Der Armenier sah z.B. wie eine Seele (und es war sogar eine aus dem Himmel wiederkehrende) mit unbegreiflicher Hastigkeit nach einer Tyrannie griff, auf welche, wenn sie sich nur ein wenig Zeit genommen hatte sie recht anzusehen, ihre Wahl unmoglich hatte fallen konnen. Dieser Fall muss sehr oft vorkommen, da es den Seelen, wie es scheint, theils an genugsamer Bedenkzeit, theils an Einsicht und Unterscheidungskraft fehlt; uberdiess gesteht der Dichter selbst, dass sehr viel dabei auf den Zufall ankomme, und dass die letzten wenig oder keine Wahl mehr haben. Aber auch ohne diess konnen sie ihrem Schicksal nicht entgehen. Denn sobald sie das, was sie in ihrem neuen Leben seyn wollen, gewahlt haben, gibt Lachesis jeder einen Damon zu, der dafur zu sorgen hat, dass alles, was zu ihrem erwahlten Loose gehort, punktlich in Erfullung gehe. So wird z.B. die Seele, welche sich, von der glanzenden Aussenseite verblendet, die Tyrannie gewahlt hatte, erst da es zu spat ist gewahr, dass sie ihre eigenen Kinder fressen, und eine Menge anderer ungeheurer Frevelthaten begehen werde; sie heult und jammert nun ganz erbarmlich, aber vergebens; ihre Wahl ist unwiederruflich, und der Damon, unter dessen Leitung sie steht, wird nicht ermangeln, alle Umstande so zu ordnen und zu verknupfen, dass die Kinder gefressen und die Uebelthaten begangen werden, wie gross auch der Abscheu ist, wovon sie sich itzt gegen die Erfullung ihres Looses durchdrungen fuhlt. Alle ubrigen Feierlichkeiten, welche vorgehen, indem die Seelen von Lachesis zu Klotho, von Klotho zu Atropos, und sodann, unter dem Thron der Anangke vorbei, nach dem Lethaischen Gefilde abgefuhrt werden, konnen keinen andern Sinn haben, als die unvermeidliche Nothwendigkeit anzudeuten, die uber ihnen waltet. Der Profet hat gut sagen, die Tugend sey herrenlos, d.i. frei und unabhangig; was kann das den armen Seelen frommen, die das Schicksal in Lagen versetzt, worin es ihnen ausserst schwer, wo nicht gar unmoglich gemacht wird, zu diesem von Wahn und Leidenschaft unabhangigen Zustand zu gelangen, der die Bedingung der Tugend ist? Plato hatte also den vermuthlichen Hauptzweck des Mahrchens von dem, was der Armenier Er in der Geisterwelt gesehen, so ziemlich verfehlt; und, da uberdiess seine Bilder, der Erfindung und Darstellung nach, meistens so beschaffen sind, dass keine gesunde Einbildungskraft sie ihm nachmalen kann: so gestehe ich, wenn jemals daruber gestimmt werden sollte, ob die Ilias und Odyssee seinen poetischen Dialogen in den Schulen Platz zu machen habe, so werde ich mit meiner Stimme die Mehrheit schwerlich auf seine Seite ziehen.
Nach dieser langen Reise, die wir machen mussten, um unserm dichterischen Mystagogen durch die verworrenen und immer wieder in sich selbst zuruckkehrenden Windungen seines dialektischen Labyrinths zu folgen, ist wohl, sobald wir wieder zu Athem gekommen sind, nichts naturlicher als uns selbst zu fragen: was fur einen Zweck konnte der Mann durch dieses wunderbare Werk erreichen wollen? Fur wen und zu welchem Ende hat er es uns aufgestellt? War seine Absicht, das wahre Wesen der Gerechtigkeit aufzusuchen und durch die Vergleichung mit demselben die falschen Begriffe von Recht und Unrecht, die im gemeinen Leben ohne nahere Prufung fur acht angenommen und ausgegeben werden, der Ungultigkeit und Verwerflichkeit zu uberweisen: wozu diese an sich selbst schon zu weitlaufige und zum Ueberfluss noch mit so vielen heterogenen Verzierungen und Angebauden uberladene Republik, deren geringster Fehler ist, dass sie unter menschlichen Menschen nie realisirt werden kann? Oder war sein Zweck, uns die Idee einer vollkommenen Republik darzustellen; warum lasst er sein Werk mangelhaft und unvollendet, um unsre Aufmerksamkeit alle Augenblicke auf Nebendinge zu heften, und uns stundenlang mit Aufgaben zu beschaftigen, die nur an sehr schwachen Faden mit der Hauptsache zusammenhangen? Arbeitete er fur denkende Kopfe und war es ihm darum zu thun, die Materie von der Gerechtigkeit grundlicher als jemals vor ihm geschehen war, zu untersuchen, wozu so viele Allegorien, Sinnbilder und Mahrchen? Schrieb er fur den grossen leselustigen Haufen, wozu so viele spitzfindig tiefsinnige, rathselhafte, und wofern sie ja einen Sinn haben, nur den Epopten seiner philosophischen Mysterien verstandliche Stellen?
Soll ich dir sagen, Eurybates, wie ich mir diese Fragen beantworte? Platon pflegt (wie ich schon oben bemerkte) mit seinem Hauptzweck immer mehrere Nebenabsichten zu verbinden und scheint sich dazu in dem vorliegenden Dialog mehr Spielraum genommen zu haben als in irgend einem andern. Dass hier sein Hauptzweck war, die im ersten und zweiten Buch aufgeworfenen Fragen uber die Gerechtigkeit streng zu bestimmen und aufs Reine zu bringen, leuchtet zu stark aus dem ganzen Werk hervor, als dass ich noch ein Wort desswegen verlieren mochte. Unlaugbar hatte er diess auf einem andern, als dem von ihm gewahlten oder vielmehr erst mit vieler Muhe gebrochenen und gebahnten Wege, leichter, kurzer und grundlicher bewerkstelligen konnen; aber er hatte seine guten Ursachen, warum er seine Idee einer vollkommenen Republik zur Auflosung des Problems zu Hulfe nahm. Er verschaffte sich dadurch Gelegenheit, seinem von langem her gegen die Griechischen Republiken gefassten Unwillen Luft zu machen, den heillosen Zustand derselben nach dem Leben zu schildern, und, indem er die Ursachen ihrer Unheilbarkeit entwickelt und mit mehr als Isokratischer Beredsamkeit darstellt, zugleich nebenher seine eigene Apologie gegen einen ofters gehorten Vorwurf zu machen, indem er den wahren Grund angibt, warum er keinen Beruf in sich fuhle, weder einen Platz an den Ruderbanken der Attischen Staatsgaleere auszufullen, noch (wenn er es auch konnte) sich des Steuerruders selbst zu bemachtigen. Die Ausfuhrlichkeit der Widerlegung des den Philosophen entgegenstehenden popularen Vorurtheils und des Beweises dass eine Republik nur dann gedeihen konne, wenn sie von einem achten Philosophen, d.i. von einem Plato regiert werde, spricht laut genug davon, wie sehr ihm dieser Punkt am Herzen lag, wiewohl ich sehr zweifle, dass er mit der versteckten Apologie seiner politischen Unthatigkeit vor dem Richterstuhl der Sokratischen Moral auslangen durfte.
Nachst diesem fallt von allen seinen Nebenzwekken keiner starker in die Augen, als der Vorsatz, den armen Homer, dessen dichterischen Vorzugen er nichts anhaben konnte, wenigstens von der moralischen Seite (der einzigen wo er ihn verwundbar glaubt) anzufechten, und um sein so lange schon behauptetes Ansehen zu bringen. Dass er ihn aus den Schulen verbannt wissen will, ist offenbar genug; sollte er aber wirklich, wie man ihn beschuldigt, so schwach seyn, zu hoffen dass einige seiner exoterischen Dialogen, z.B. Phadon, Phadrus, Timaus und vor allen der vor uns liegende, mit der Zeit die Stelle der Ilias und Odyssee vertreten konnten? Wofern ihm dieser Argwohn Unrecht thut, so muss man wenigstens gestehen, dass er durch die episch-dramatische Form seiner Dialogen, durch die vielen eingemischten Mythen, durch das sichtbare, wiewohl ofters (besonders in dem Mahrchen des Armeniers) sehr verungluckte Bestreben, mit Homer in seinen darstellenden Schilderungen zu wetteifern, und uberhaupt durch seine haufigen Uebergange aus dem prosaischen in den poetischen, sogar lyrischen und dithyrambischen Styl mehr als zu viel Anlass dazu gegeben hat. Was aber den Vorwurf betrifft, "er konne den Dialog von der Republik weder fur Philosophen von Profession noch fur das grosse Publicum geschrieben haben," so zweifle ich, ob er anders zu beantworten ist, als wenn man annimmt, er habe dafur sorgen wollen, dass keine Art von Lesern unbefriedigt von dem geistigen Mahl aufstehe, wozu alle eingeladen sind, und wobei es mit der Menge und Verschiedenheit der Gerichte und ihrer Zubereitung gerade darauf abgesehen ist, dass jeder Gast etwas finde, das ihm angenehm und zutraglich sey.
9.
Eurybates an Aristipp.
Ich weiss nicht ob ich Recht hatte auf deine stillschweigende Einwilligung zu rechnen, lieber Aristipp; aber ich wurde mich selbst der Undankbarkeit angeklagt haben, wenn ich das Vergnugen und die Belehrung, die mir deine Antiplatonischen Briefe gewahrten, fur mich allein hatte behalten wollen. Ich gestehe dir also, dass ich sie unter der Hand einigen vertrauten Freunden mitgetheilt habe; und da jeder von ihnen ebenfalls zwei oder drei vertraute Freunde besitzt, so geschah (was ich freilich voraussehen konnte) dass in kurzem eine ziemliche Anzahl Abschriften in der Stadt herumschlichen, von welchen endlich eine unserm Freunde Speusipp und sogar dem gottlichen Hierophanten der Akademie32 selbst in die Hande gerieth. Dass die meisten Stimmen auf deiner Seite sind, wirst du hoffentlich fur kein Zeichen einer bosen Sache halten. In tausend andern Handeln, die zur Entscheidung der Athener gebracht werden, durfte ein solcher Schluss die Wahrheit selten verfehlen; aber die Mehrheit, die ich hier meine, ist von besserer Art; denn es versteht sich, dass nur die hellesten Kopfe in einer Sache wie diese ein Stimmrecht haben. Indessen fehlt es unserm Philosophen, der die Welt so gern allein belehren und regieren mochte, auch nicht an Anhangern, die sich mit Faust und Ferse fur ihn wehren, und nicht den geringsten der Vorwurfe, die du ihm gemacht hast, auf ihn kommen lassen wollen. Sogar die mannliche Erziehung und Polyandrie seiner Soldatenweiber findet ihre Vertheidiger, und ich kenne einen gewissen Gleukophron, der ein Gelubde gethan hat, weder in ein Bad zu gehen, noch seinen Bart zu salben, noch der sussen Werke der goldenen Aphrodite zu pflegen, bis er die geheimnissvolle Zahl im achten Buche herausgebracht habe, wiewohl die Redensart, dunkler als Platons Zahl, bereits zum Spruchwort in Athen geworden ist, und alle unsre Geometer und Rechenmeister behaupten, das einzige Mittel sich noch lacherlicher zu machen, als der Aufsteller dieses arithmetischen Rathsels, sey sich mit der Auflosung desselben den Kopf zu verwusten. Speusipp, der dir nachstens selbst zu schreiben gedenkt, zeigte mir unter vier Augen seine Verwunderung, nicht dass du so streng mit seinem Oheim verfahrst, sondern dass du dich habest enthalten konnen, ihn bei einer so guten Gelegenheit nicht mit noch scharferm Salze zu reiben. Er habe sich nicht wenig gefreut, sagte er, viele seiner eigenen Gedanken uber dieses sonderbare Werk in deinen Briefen bestatiget zu finden, und wenn er etwas an den letztern tadeln mochte, war' es bloss, dass du hier und da eher zu viel als zu wenig Gutes davon gesagt habest; zumal von der Schreibart, welche, seiner Meinung nach, nichts weniger als rein Attisch, geschweige musterhaft schon genennt zu werden verdiene; da sie nicht selten von allzugesuchter Zierlichkeit und geschwatziger Schonrednerei, noch ofter von Heraklitischer Dunkelheit und von Metaphern, die an einem jungen Nachahmer des Pindar und Aeschylus kaum ertraglich waren, entstellt werde, und bald bis zur plattesten Gemeinheit herabsinke, bald wieder in die Wolken steige, um sich in dithyrambischen Schwulst und Bombast zu verlieren. Doch behauptet er, dass seine Fehler meistens nur von allzu grossem Reichthum an Gedanken und einer zu uppig in Ranken, Blatter und Blumen aufschiessenden Phantasie herruhren, und durch grosse und erhabene Schonheiten reichlich vergutet werden. Aber woher kommt es, frage ich, dass ein Leser, der Xenophons Anabasis oder Cyropadie nicht eher aus der Hand legen kann, bis er nichts mehr zu lesen findet, uber Platons Politeia mehr als einmal einschlaft, oder doch vor Gahnen und Ermudung nicht weiter fort kann? Mir wenigstens, nachdem deine Briefe mich zu dem heroischen Entschluss gebracht haben, dieses Meer von Anfang bis zu Ende durchzurudern, ist es unmoglich gewesen anders als nach funf- oder sechsmaligem Absetzen und gewaltsamen neuen Anlaufen damit zu Rande zu kommen.
Plato hatte so viel von deiner Beurtheilung des Werks worauf er seine Unsterblichkeit vornehmlich zu grunden scheint, reden oder vielmehr flustern gehort, dass er (wie mir Speusippus sagt) endlich neugierig ward, sie selbst zu sehen. Er durchblatterte das Buch, und sagte, indem er es zuruckgab: "es ist wie ich mir's gedacht hatte." Wie so? fragte einer von den Anwesenden. Er lobt (versetzte Plato) wovon er meint er konnt' es allenfalls selbst gemacht haben, und tadelt was er nicht versteht. Eine kurze und vornehme Abfertigung, flusterte jemand seinem Nachbar zu; aber eine laute Gegenrede erlaubte der ehrfurchtgebietende Blick des Gottlichen nicht, und so liess man den unbeliebigen Gegenstand fallen, und sprach von dem Thesmophoros des alten Dionysius von Syrakus, dem die Athener an dem letzten Bacchusfeste, aus Hoflichkeit, Staatsklugheit oder Laune, den tragischen Siegeskranz zuerkannt haben. Dass er ihn verdient haben konnte, musste diesen Tyrannenfeinden ein von aller Wahrscheinlichkeit ganzlich entfernter Gedanke scheinen, weil auch nicht Einer darauf verfiel. Bei dieser Gelegenheit erzahlte jemand fur gewiss: Dionysius habe die Schreibtafel des Aeschylus ich weiss nicht um wie viel Tausend Drachmen an sich gebracht, in Hoffnung (setzte der platte Witzling hinzu) es werde so viel von dem Geiste des Fursten der Tragiker darin zuruckgeblieben seyn, dass er nichts als dessen Schreibtafel nothig habe, um Aeschylus der Zweite zu werden. Er mag sich dessen um so getroster schmeicheln, sagte Plato, da ihm so feine Kenner des Schonen, als die Athener sind oder seyn wollen, eine Urkunde daruber zugefertigt haben. In diesem Ton und in diesem Geiste mussen vermuthlich alle Handlungen dieses in seiner Art gewiss grossen Mannes ausgelegt worden seyn, oder es ware unmoglich, dass eine bereits dreissigjahrige gluckliche und in so vielen wesentlichen Stucken musterhafte Staatsverwaltung ihm nicht einen bessern Ruf unter den Griechen erworben hatte.
Ich habe vor kurzem von Kleonidas und Antipater Briefe erhalten, die mir sehr angenehme Nachrichten von meinem Lysanias und von eurer fortdauernden Zufriedenheit mit ihm ertheilen. Er selbst fuhlt sich so glucklich in eurer Mitte, und verspricht sich so viel Gutes von seinem Aufenthalt in dem gastfreundlichen Hause meines Aristipps, dass ich kein so gefalliger Vater seyn musste als ich bin, wenn ich ihm seine Bitte um Verlangerung desselben nicht mit Vergnugen zugestande, insofern er sich nicht zu viel schmeichelt, da er deine Begunstigung seiner Wunsche fur etwas Ausgemachtes halt.
10.
Speusippus an Aristipp.
Unsre Freundschaft, lieber Aristipp, ist, gleich edlem Wein, alt genug um Starke zu haben, und wir kennen beide einander zu gut, als dass du mir zutrauen solltest, ich konnte die scharfe Censur, die du in deinen Anti-Platonischen Briefen an Eurybates uber den neuesten Dialog meines Oheims ergehen lassen, von einer schiefen Seite angesehen und beurtheilt haben. Ich habe dir nie zu verheimlichen gesucht, dass mich weniger eine naturliche Uebereinstimmung meiner Sinnesart mit der seinigen, oder Ueberzeugung von der Wahrheit seiner spekulativen Philosophie, als das enge Familienverhaltniss, worin ich mit ihm stehe, zum Platoniker gemacht hat. Er hat sich daran gewohnt, den kunftigen Erben seiner Verlassenschaft auch als den Erben seiner Philosophie zu betrachten, und ich kann es nicht uber mein Herz gewinnen, ihm einen Wahn zu rauben, an welchem das seinige Wohlgefallen und Beruhigung zu finden scheint. Wenn du ihn aus einem so langen und nahen Umgang kenntest wie ich, wurdest du ihn, denke ich, in mehr als Einer Rucksicht, des Opfers wurdig halten, welches ich ihm durch diese kleine Heuchelei bringen muss. Im Grunde kann ich mir ihrentwegen keinen Vorwurf machen, und diess nicht bloss um der Bewegursache willen, sondern weil wirklich die Augenblicke ziemlich haufig bei mir sind, wo ich mich versucht fuhle, oder mir wohl gar in vollem Ernst einbilde, das wirklich zu seyn, was ich zu andern Zeiten nur vorstelle. Wenn ich bei ganz kaltem Blute in lauter klaren Vorstellungen lebe, denke ich von der Philosophie meines Oheims nahezu wie du; ich finde sie schwarmerisch, uberspannt, meteorisch, unbegreiflich; seine Ideenwelt scheint mir ein gewaltiges Hirngespenst33 und sein Auto-Agathon34 eben so undenkbar als ein unsichtbares Licht oder ein unhorbarer Schall. Aber in andern Stunden, wo mein Gemuth zu den zartesten Gefuhlen gestimmt und mein Geist frei genug ist sich mit leichterm Flug uber die Dinge um mich her zu erheben, zumal wenn ich den wunderbaren Mann unmittelbar vorher mit der Begeisterung des lebendigsten Glaubens von jenen ubersinnlichen Gegestanden reden gehort habe, dann erscheint mir alles ganz anders; ich glaube zu ahnen dass alles wirklich so sey wie er sagt; unvermerkt verwandeln sich meine Ahnungen in Gefuhle, und ich finde mich zuletzt wie genothigt, fur Wahrheit zu erkennen, was mir in andern Stimmungen traumerisch, lacherlich und blosses Spiel einer ubergeschnappten Phantasie zu seyn daucht. Warum (sage ich mir dann) sollte ein unsichtbares Licht, ein unhorbarer Schall, nicht unter die moglichen Dinge gehoren? Kann nicht beides nur mir und meines gleichen unsichtbar, unhorbar seyn? Kann die Schuld nicht bloss an meiner Zerstreuung durch nahere Gegenstande, oder an der Schwache und Stumpfheit meiner Organe liegen? Scheint nicht dem, der aus einer finstern Hohle auf einmal in die Mittagssonne tritt, das blendende Licht dichte Finsterniss? Oeffnet sich nicht, wenn alles weit um uns her in tiefer nachtlicher Stille ruht, unser lauschendes Ohr den leisesten Tonen, die uns unter dem dumpfen Getose des Tages, selbst bei aller Anstrengung des Gehororgans, unhorbar blieben? Soll ich dir noch mehr bekennen? Diese Schlusse erhalten keine schwache Verstarkung durch eine Wahrnehmung, die ich oft genug an mir zu machen Gelegenheit habe. Die Philosophie Platons kommt mir nie phantastischer vor, als wenn ich mich in den Wogen des alltaglichen Leben herumtreibe, oder beim frohlichen Larm eines grossen Gastmahls, im Theater, oder bei den Spielen reizender Sangerinnen und Tanzerinnen, kurz uberall, wo entweder Verwicklung in burgerliche Geschafte und Verhaltnisse, oder befriedigte Sinnlichkeit, den Geist zur Erde herabziehen und einschlafern. Wie hingegen in mir selbst und um mich her alles still ist, und meine Seele, aller Arten irdischer Fesseln ledig, sich in ihrem eigenen Element leicht und ungehindert bewegen kann, erfolgt gerade das Gegentheil; ich erfahre alles, von Wort zu Wort, was Plato von seinen unterirdischen Troglodyten erzahlt, wenn sie ans Tageslicht hervor gekommen und aus demselben in ihre Hohle zuruckzukehren genothigt sind. Alles was mir im gewohnlichen Zustand reell, wichtig und anziehend scheint, dunkt mich dann unbedeutend, schal, wesenlos, Tandelei, Traum und Schatten. Unvermerkt offnen sich neue geistige Sinne in mir; ich finde mich in Platons Ideenwelt versetzt; kurz, ich bedarf in diesen Augenblicken eben so wenig eines andern Beweises der Wahrheit seiner Philosophie, als einer der etwas vor seinen Augen stehen sieht, einen Beweis verlangt dass es da sey.
Ob nicht in diesem allen viel Tauschung seyn konne, oder wirklich sey, kann ich selbst kaum bezweifeln: denn wie kam' es sonst, dass jene vermeinten Anschauungen keine dauernde Ueberzeugung zurucklassen, und mir zu anderer Zeit wieder als blosse Traume einer uber die Schranken unsrer Natur hinaus schwarmenden Phantasie erscheinen? Und dennoch dunkt mich, die Vernunft selbst nothige mich zu gestehen, es sey etwas Wahres an dieser ubersinnlichen Art zu philosophiren. Dem grossen Haufen, d.i. zehnmal Zehntausend gegen Einen, ist es freilich nie eingefallen einen Augenblick zu zweifeln, dass alles, was ihm seine wachenden Sinne zeigen, wirklich so, wie es ihm erscheint, ausser ihm vorhanden sey; der Philosoph hingegen findet nichts wunderbarer und unbegreiflicher, als wie etwas (ihn selbst nicht ausgenommen) da seyn konne. Wie lasst sich von einem Dinge sagen, es sey, wenn man nicht einmal einen Augenblick, da es ist, angeben oder festhalten kann? Theile die Zeit zwischen zwei auf einander folgenden Pulsschlagen nur in vier Theile, und sage mir, welcher dieser fliegenden Zeitpunkte ist der, worin irgend ein zu dieser Sinnenwelt gehoriges Ding wirklich da ist? Im Nu, da du sagen willst es ist, ist es schon nicht mehr was es war, oder (was eben dasselbe sagt) ist das Ding, welches war, nicht; aber vor dem vierten Theil eines Pulsschlags, und vor zehntausend derselben, konnte man eben dasselbe gegen sein Daseyn einwenden. Es war, es wird seyn, ware somit alles was sich von ihm sagen liesse: aber wie kann man von dem, dessen Daseyn in irgend einem Moment ich mir nicht gewiss machen kann, mit Gewissheit sagen es sey gewesen? es werde seyn? Doch ich will zugeben dass diess dialektische Spitzfundigkeiten sind, die uns das zweifache Gefuhl, dass wir selbst sind und dass etwas ausser uns ist, nicht abvernunfteln konnen. Ganz gewiss kann dieses Gefuhl keine Tauschung seyn: nur wird das Unbegreifliche in unserm Seyn durch diese Gewissheit nicht aufgelost. Wir und alle Dinge um uns her befinden uns in einem unaufhorlichen Schwanken nicht, wie Plato sagt, zwischen Seyn und Nichtseyn, sondern zwischen "so seyn" und "anders seyn." Diess ware unmoglich, wenn nicht allem Veranderlichen etwas Festes, Bestandiges, Unwandelbares zum Grunde lage, das die wesentliche Form desselben ausmacht. Es gibt aber in dieser uns umgebenden Sinnenwelt nichts als einzelne Dinge, die sich durch alles, was an ihnen veranderlich ist, d.i. durch alles, was an ihnen in die Sinne fallt, von einander unterscheiden, in ihren Grundformen hingegen einander mehr oder weniger ahnlich sind, und nach dieser Aehnlichkeit von dem denkenden Wesen in uns in Gattungen und Arten eingetheilt werden. Gleichwohl sind diese letztern blosse Begriffe, die wir uns von den wesentlichen Formen der Dinge zu machen suchen, und die zu diesen Formen sich nicht anders verhalten als wie die Schatten oder Widerscheine der Korper zu den Korpern selbst. Aber woher kommen uns diese Begriffe? Gewiss nicht von den Dingen der Sinnenwelt selbst, an denen wir nichts, was nicht veranderlich und in einem ewigen Fluss ist, wahrnehmen. Die wesentlichen Formen, wovon sie gleichsam die Schatten sind, mussen also ein von ihnen und von unsrer Vorstellung unabhangiges Daseyn haben, und irgendwo wirklich vorhanden seyn. Diess sind nun eben diese Ideen, die in Platons Philosophie eine so grosse Rolle spielen, deren Inbegriff die ubersinnliche oder intelligible Welt ausmacht, und denen er (weil wir uns doch alles, was wirklich ist, nicht anders als in einem Orte denken konnen) uberhimmlische Raume zum Aufenthalt anweiset. Sie sind, nach seiner Meinung (die ihm geistige Anschauung ist), unmittelbar von der ersten ewigen Grundursache alles Denkbaren und Wahrhaftexistirenden erzeugt, und waren die Gegenstande, an deren Anschauen unsre Seelen sich weideten, bevor die strenge Anangke sie in diese Sinnenwelt und in sterbliche Leiber zu wandern nothigte. Sie sind aber auch die Urbilder und Muster, nach welchen untergeordnete Geister aus einem an sich selbst formlosen und durch seine unbestandige Natur aller Form widerstrebenden Stoff die Sinnenwelt bildeten, wiewohl es nicht in ihrer Macht stand, ihnen mehr als den Schein jener ewigen unwandelbaren und in sich vollkommenen Formen zu geben, der gleichwohl alles ist, was an ihnen reell und wesentlich genennt zu werden verdient. Von diesem Schein welcher (wie die Sonnenbilder im Wasser) gleichsam der Widerschein der mehr besagten Ideen ist, fuhlen sich nun die neuangekommenen Seelen, sobald sie sich aus der Betaubung des Sturzes in die Materie erholt haben, aufs lebhafteste angezogen. Die Meisten wahnen, dass die Gegenstande, die ein dunkles Nachgefuhl ihres ehmaligen seligen Zustandes in ihnen erwecken, das, was sie scheinen, wirklich seyen; sie uberlassen sich also in argloser Unbesonnenheit dem Ungestum der Begierden, von welchen sie zum Genuss derselben angetrieben werden; und was daraus erfolgt, ist bekannt. Nur sehr Wenige (namlich, nach Plato, die Philosophen im achten Sinn des Wortes) sind weise genug, den Schein von der Wahrheit zu unterscheiden, sich aus den Schattenformen, die ihr Verstand in der Sinnenwelt gewahr wird, eine Art von Stufenleiter zu bilden, und so wie sie sich, von Irrthum und Sinnlichkeit gereinigt, uber die materiellen Gegenstande erheben, nach und nach in das reine Element der Geister emporzusteigen und zu dem was wirklich ist, zu den ewigen Ideen und dem Auto-Agathon, ihrem Urquell, mit immer weniger geblendeten Geistesaugen aufzuschauen.
Hier hast du, in die moglichste Kurze zusammengezogen, das Platonische System oder Mahrchen, wenn du willst, welches allen meinen nur zu haufigen Verirrungen und Untertauchungen in den reizenden Schlamm der Sinnenwelt zu Trotz so viel Anziehendes fur mich hat, dass ich, wofern es wirklich nur ein Mahrchen seyn sollte, mich wenigstens des Wunsches, dass es wahr seyn mochte, und in meinen besten Augenblicken des Glaubens, dass es wahr sey, nicht entbrechen kann. Ehrlich zu reden, ich kenne kein anderes, woran ich mich fester halten konnte, wenn mich die narrischen Zweifel uber Seyn und Nichtseyn anwandeln, die bei meines gleichen sich nicht immer mit dem Sokratischen was weiss ich? oder dem Aristippischen was kummert's mich? abfertigen lassen wollen. Verzeih, Lieber, wenn ich deine Gleichgultigkeit uber diese Dinge auf der unrechten Seite angesehen haben sollte, und lass' dich meinen kleinen Hang zur Schwarmerei (die, wie du weisst, eben nicht immer die Platonische ist) nicht abschrekken mein Freund zu bleiben. Lasthenia grusst dich und empfiehlt sich dem Andenken ihrer Musarion. Du wirst es hoffentlich als ein ganz unzweideutiges Zeichen ihrer zur Reife gediehenen Sophrosyne ansehen, dass deine Antiplatonischen Briefe eine lebhafte und beinahe warme Vertheidigerin an ihr gegen diejenigen gefunden, die ich weiss nicht welche Spuren eines alten Grolls und einer ubel verhehlten Eifersucht darin ausgeschnuppert haben wollen. Denn im Grund ist sie noch immer eine so eifrige Platonikerin als damals, da sie zu Aegina mit dem kleinen unbeflugelten Amor am Busen von dir uberrascht wurde.
11.
Aristipp an Speusippus.
Ich danke dir, lieber Speusipp, fur das sehr angenehme Unterpfand deines wohlwollenden Andenkens, und fur dein mildes Urtheil von meinen Briefen an Eurybates, welchen, daucht mich, das Beiwort antiplatonisch nur sehr uneigentlich gegeben wird, da sie wenigstens eben so viel Lob als Tadel enthalten, und mit gleichem Recht proplatonisch heissen konnten.
Verschiedenheit der Vorstellungsart wird Manner nie entzweien, deren Freundschaft, wie die unsrige, auf Uebereinstimmung der Gemuther in allem, was den Charakter edler und guter Menschen ausmacht, gegrundet ist.
Der Unterschied deiner und meiner Art uber Platons Philosophie zu denken scheint mir (den Einfluss der nahen Verwandtschaft und anderer Betrachtungen abgerechnet) hauptsachlich in dem Mehr oder Weniger Festigkeit und Ruhe des Gesichtspunkts gegrundet zu seyn, woraus wir beide uberhaupt die Dinge anzusehen pflegen; aber ich liebe die Aufrichtigkeit, womit du die wahre Ursache deines noch immer unentschiedenen Schwankens zwischen dem gemeinen Menschensinn und der philosophischen Mystagogie deines Oheims gestehest, und ich musste mich sehr irren, oder die Vorliebe, die du zu gewissen Zeiten fur sein System in dir findest, und die Leichtigkeit, womit du in einer andern Stimmung daruber scherzen und lachen konntest, entspringt aus einer und eben derselben Quelle; nur dass sie in jenem Fall reiner und geistiger, in diesem etwas dicker und milchartiger fliesst.
Es gibt, wie du weisst, angenehme und sogar wohlthatige Tauschungen; aber es ist immer gut, in allen menschlichen Dingen (unter welche ich auch die meteorischen und gottlichen rechne) klar zu sehen; zu wissen, wann, wo, und wie wir getauscht werden, und auf keine Art von Tauschung mehr Werth zu legen als billig ist. Die Stimmung, in welcher die Platonischen Mysterien so viel Reiz fur dich haben, und worin das, was sie uns offenbaren, dir wirklich das Innerste der Natur aufzuschliessen scheint, ist (mit deiner Erlaubniss) nur dem Grade nach von derjenigen verschieden, worin der tragische Pentheus zwei Sonnen und zwei Theben, oder seine Mutter Agave35 das abgeriss'ne Haupt ihres Sohnes fur den Kopf eines jungen Lowen ansieht. Die Phantasie ist immer eine unsichere Fuhrerin, aber nie gefahrlicher, als wenn sie sich die Larve der Vernunft umbindet und aus Principien irre redet. Doch was sage ich von Gefahr? Fur dich, lieber Speusipp, konnen diese sublimen Traume nichts Gefahrliches haben, wenigstens so lang' es nur ein lustiges Gastmahl oder einen Kuss der Lasthenia bedarf, um dich aus den uberhimmlischen Raumen in deine angeborne Hohle herabzuzaubern.
Um so weniger hatte ich mir also ein Bedenken daruber zu machen, wenn mich die Lust ankame, das zierliche Gebaude von Spinneweben, worein du deine geliebten Ideen gegen allen Angriff geborgen zu haben glaubst, mit einem einzigen Hauch umzublasen? Doch nein! wenn ich auch aus dieser scherzenden Drohung Ernst zu machen vermochte, wer wollte einem Freund ein harmloses Spielzeug mit Gewalt aus den Handen drehen? Alles was ich mir erlauben kann, ist, dir meine Weise uber diese Dinge zu denken darzulegen, und es dann deinem eigenen Urtheil zu uberlassen, ob du Ursache finden wirst, mich von der Beschuldigung einer allzugemachlichen Gleichgultigkeit im Forschen nach Wahrheit loszusprechen.
Ist es nicht sonderbar, dass wir vom Nichts entweder gar nicht reden mussen, oder uns so auszudrucken genothigt sind als ob es Etwas ware? Freilich sollten wir, da dem Worte Nichts weder eine Sache noch eine Vorstellung entsprechen kann, gar kein solches Wort in der Sprache haben. Was ist Nicht-Seyn? Ein Unding, ein holzernes Eisen, eine unmogliche Verbindung zwischen Nein und Ja, kurz etwas sich selbst Aufhebendes. Was ist, ist, und da es nie Nichts seyn konnte, so liegen in dem Begriff des Seyns alle Arten von Seyn: gewesen seyn, itzt seyn, kunftig seyn, immer seyn, nothwendig enthalten. Mit der dilemmatischen Formel, "Seyn oder Nicht-Seyn" ist gar nichts gesagt; hier findet kein "oder" statt; Seyn ist das Erste und Letzte alles Fuhlbaren und Denkbaren. Indem ich Seyn sage, spreche ich eben dadurch ein Unendliches aus, das alles was ist, war, seyn wird und seyn kann, in sich begreift. Indem ich also mich selbst und die meinem Bewusstseyn sich aufdringenden Dinge um mich her, denke, ist die Frage nicht: woher sind wir? oder warum wir? sondern das Einzige was sich fragen lasst und was uns kummern soll, ist was sind wir? Und ich antworte: wir sind zwar einzelne aber keine isolirten Dinge; zwar selbststandig genug, um weder Schatten noch Widerscheine, aber nicht genug, um etwas anders als Gliedmassen (wenn ich so sagen kann) oder Ausstrahlungen (wenn du es lieber so nennen willst) des unendlichen Eins zu seyn, welches ist, und alles, was da ist, war, und seyn wird, in sich tragt. Da all unser Denken im Grund entweder auf Anschauen oder blosses Rechnen mit Zeichen hinauslauft, das Unendliche aber sich weder uberschauen noch ausrechnen lasst, so bleibt mir, wenn ich mir das wie meines Daseyns im Unendlichen einigermassen klar zu machen wunsche, kein anderes Mittel als mir an dem durftigen Begriff genugen zu lassen, den ich durch Bilder und Vergleichungen erhalten kann; z.B. mit einem Baum oder einem gegliederten Korper, der aus einer unendlichen Menge von Theilen zusammengesetzt ist, von welchen jedes seine eigene Art und Weise, Gestalt, Bildung und Einrichtung hat, aber sich doch nur dadurch in seinem Daseyn erhalten und gedeihen kann, dass es mit dem Ganzen in engester Verbindung steht, und von dem aus demselben und durch dasselbe stromenden und durch alle Theile sich ergiessenden Leben seinen Antheil empfangt. Jedes Blatt eines Baums ist in dieser Rucksicht zugleich ein kleines Ganzes und Theil eines grossern, des Zweiges, so wie dieser einem Ast, der Ast (an Starke und Fulle der Zweige und Blatter oft selbst ein Baum) dem Hauptstamm einverleibt ist. Wenn mir diese von materiellen Dingen erborgte Vergleichungen kein Genuge thun wollen, stelle ich mir das unendliche Ist (welches durch das geheimnissvolle im Tempel zu Delphi36 bezeichnet zu seyn scheint) unter dem Bilde der Seele, und alles was durch und in ihm ist, wie die Gedanken vor, welche, wiewohl durch die Kraft der Seele erzeugt und gleichsam aus ihr hervor strahlend, doch weder ausser ihr seyn, noch als Bestandtheile von ihr betrachtet werden konnen. Aber unter welchem Bilde ich mir auch in gewissen Augenblicken das grosse Geheimniss der Natur zu symbolisiren suchen mag, der einzige Gebrauch, den ich davon mache, ist: die ewige Grundmaxime der achten Lebensweisheit daraus abzuleiten, die zugleich die Regel unsrer Pflicht und die Bedingung unsrer Gluckseligkeit ist. Denn naturlicher Weise tragt die Ueberzeugung, "dass ich nur als Gliedmass des unendlichen Eins da seyn, aber auch nie ganzlich von ihm abgetrennt werden kann," eine zwiefache Frucht: erstens, die feste Gesinnung, dass ich nur durch Erfullung meiner Pflicht gegen das allgemeine sowohl, als gegen jedes besondere Ganze dessen Glied ich bin, in der gehorigen Unterordnung des Kleinern unter das Grossere, glucklich seyn kann; und zweitens die eben so feste Gewissheit, dass ich, wie beschrankt auch meine gegenwartige Art zu existiren scheinen mag, dennoch als unzerstorbares Glied des unendlichen Eins, fur Raum und Zeit meines Daseyns und meiner Thatigkeit kein geringeres Mass habe, als den hermetischen Cirkel die Unendlichkeit selbst. Ich weiss es nicht gewiss, aber ich vermuthe, dass sich Plato bei seinem Auto-Agathon ebendasselbe denkt, was ich bei meinem Unendlichen; wenn man anders blosses Hinstreben nach etwas Unerreichbarem Denken nennen kann: aber das ist gewiss, dass ich keinen speculativen Gebrauch oder Missbrauch davon mache, und mich nur desswegen nicht bekummere mehr davon zu wissen, weil ich fuhle, dass indem ich einen schwindelnden Blick in diese unergrundliche Hohe und Tiefe wage, ich bereits uber der Granze alles menschlichen Wissens schwebe.
Was Platons Ideen betrifft, so gestehe ich dir unverhohlen, dass ich nach allem was mir seine Dialogen davon geoffenbaret haben, mir keine Idee von ihnen zu machen weiss. Sie sind weder bloss gedachte noch personificirte allgemeine Begriffe; auch sind es nicht die Erscheinungen, die der begeisterten Phantasie des Dichters, Bildners oder Malers vorschweben, wenn er nach dem Hochsten seiner Kunst, dem Uebermenschlichen und Gottlichen, nach vollkommner Schonheit, Starke und Grosse ringt. So wie Plato von ihnen spricht, konnen sie nichts dergleichen seyn, wiewohl ich vermuthe, dass du in den Momenten der geistigen Anschauungen, wovon du sprichst, sie mit jenen verwechselst. Was sind sie also? Ich weiss es nicht; aber das weiss ich, dass der Platonische Tisch, der weder klein noch gross, weder rund noch dreieckig, weder von Holz noch von Elfenbein, noch von Gold oder Silber ist, der nicht dieser oder jener Tisch, sondern der Tisch selber, der Tisch an sich und das einzige Exemplar seiner Art im Lande der Ideen ist, neben den kunstlichen goldnen Dreifussen im Palast des Homerischen Hephastos37 eine schlechte Figur macht. Wie kommt Plato dazu, dass er den abgezogenen Begriffen von Arten und Gattungen, deren wir Menschen bloss als erleichternder und abkurzender Hulfsmittel zum Denken und Reden benothigt sind, Selbststandigkeit und wirkliches Daseyn ausser uns gibt? Die Natur hat ihm schwerlich dazu angeholfen; denn sie stellt lauter einzelne Dinge auf, und weiss nichts von unbestimmten Formen, nichts von Korpern, die weder klein noch gross, weder rund noch eckicht, weder aus diesem noch jenem Stoffe gemacht sind. Sie kennt nur Aehnlichkeit und Verschiedenheit in unendlichen Graden und Schattirungen; die Abtheilungen, Einzaunungen und Granzsteine sind Menschenwerk. Der Maulwurf steht mit dem Elephanten auf eben derselben Linie, wie viel andere Thiere auch zwischen ihnen stehen mogen, und die Verschiedenheit zwischen einem Elephanten und einem andern, ist, wiewohl nicht so stark in die Augen fallend, doch nicht minder gross als die Aehnlichkeit. Weil alles Mogliche wirklich ist, so muss nothwendig der Unterschied zwischen den Wesen, die einander die ahnlichsten sind, kaum merklich seyn; wir ubersehen also das, worin sie verschieden sind, fassen sie unter dem Begriff einer Art zusammen, und bezeichnen sie mit einem gemeinsamen Wort. Durch das namliche Verfahren erhalten wir, indem wir die ahnlichsten Arten unter Ein gemeinschaftliches Wort stellen, den hohern Begriff der Gattungen. Das Bedurfniss einer Sprache, und das Gefuhl der Nothwendigkeit, den auf uns eindringenden Vorstellungen Festigkeit und Ordnung zu geben, nothigt den Menschen zu dieser ihm naturlichen Anwendung seines Verstandes, und es ware nicht schwer (wenn es mich nicht zu weit fuhrte) zu zeigen, wie es zugeht, dass es ihm unvermerkt eben so naturlich wird, diese Abtheilungen und Classificationen fur das Werk der Natur selbst zu halten, wiewohl sie nichts anders als Producte seiner durch den Drang des Bedurfnisses erregten instinctmassigen Selbstthatigkeit sind. Diess hat mich wenigstens eine massige Aufmerksamkeit auf die Natur gelehrt, und wenn Speculiren um blossen Speculirens willen meine Sache ware, so dachte ich auf diesem Wege ziemlich weit zu kommen. Aber ferne von mir sey die Anmassung, dich, mein liebenswurdiger Freund, oder irgend einen andern Sterblichen von einer Vorstellungsart abzuziehen, die ihm einleuchtet, wobei er gutes Muthes ist, und wodurch keinem andern Weh geschieht. Auch die Philosophie ist in gewissem Sinn etwas Individuelles, und fur jeden ist nur diejenige die wahre, die ihn glucklicher und zufriedner macht als er ohne sie ware.
Uebrigens danke ich der schonen Lasthenia, dass sie sich ihres entfernten Freundes so grossmuthig annimmt, und finde sehr billig, wenn sie (ohne sich des geheimen Beweggrundes bewusst zu seyn) etwas Reelleres in der Welt vorzustellen wunscht, als ein blosses Schattenbild des Platonischen Urweibes, welches weiter nichts zu thun hat, als im Lande der Ideen umher zu stolziren, und zehntausendmal zehntausend Myriaden machtig von einander abstechender Weiberschatten auf diese Unterwelt herabzuwerfen; eine Verrichtung, wobei die Dame, wie gross ihre Selbstgenugsamkeit auch seyn mag, endlich doch ziemlich Langeweile haben durfte, wenn anders ihr prasumtiver Gesellschafter und Liebhaber, der idealische Urmann, neben seinem eignen gleichen Tagewerk, nicht noch Mittel und Wege findet, ihr auf eine uns Sterblichen unbegreifliche Weise die Zeit zu kurzen.
Ich gestehe dir, lieber Speusipp, dass ich grosse Lust hatte, diesen platten Scherz, seines achten Atticismus ungeachtet, wieder auszustreichen, wenn ich nicht eine geheime Hoffnung nahrte, dass er deinem erhabenen Oheim vielleicht Anlass geben konnte, sich uber die zur Zeit noch unbegreifliche Natur seiner Ideen etwas deutlicher zu erklaren. Denn in der That, wenn er uns nicht mehr Licht uber diese wunderbaren Wesen zukommen lassen wollte als bisher, hatte er besser gethan, uns gar nichts davon zu offenbaren.
12.
Aristipp an Eurybates.
Der angeborne Trieb der streitlustigen Athener fur und wider jede Sache zu sprechen, und von allem, was ein anderer sagt, stehendes Fusses das Gegentheil zu behaupten, ist durch die beruhmten Sophisten, die ehmals eine so gute Aufnahme bei euch fanden, und seitdem durch Antisthenes, Platon und die ubrigen Sokratiker, bei Alten und Jungen aus den hohern Classen euerer Burger dermassen geubt und in Athem erhalten worden, dass es mich nicht wundert, edler Eurybates, wenn Platons neuester Dialog noch immer, wie du mir schreibst, den meisten Anlass zu den dialektischen Kampfubungen gibt, womit eure vornehmern Mussigganger, wahrend des dermaligen Stillstands kriegerischer und politischer Neuigkeiten, sich einige Unterhaltung zu verschaffen suchen. Dass meine Briefe (die nun einmal, beliebter Kurze und Bequemlichkeit halben, Platonisch oder Antiplatonisch heissen mussen) Oel ins Feuer gegossen haben, wurde mir, als einem der friedfertigsten Menschen unter der Sonne, beinahe leid seyn, wenn du nicht zu gleicher Zeit den Trost hinzu fugtest, dass sie auf der andern Seite nicht wenig dazu beitragen, die Nachfrage nach dem wundervollsten Werke unsrer oder vielmehr jeder Zeit allgemein zu machen, und manchen einseitigen Tadler zu Anerkennung des vielfaltigen Verdienstes zu vermogen, welches der Urheber desselben sich um Athen und die ganze Hellas, ja ich darf wohl sagen, um das ganze Menschengeschlecht dadurch erworben hat. Denn ich zweifle keinen Augenblick, es wird so lange leben, als unsre Sprache das Mittel bleiben wird, die Cultur, die uns so weit uber alle andern Volker erhebt, nach und nach uber die ganze bewohnte Erde auszubreiten.
Ausserdem gesteh' ich dir gern, dass ich mich nicht wenig geschmeichelt finde, auch in so grosser Entfernung von der schonen Minervenstadt eine Art geistiger Gemeinschaft mit ihren Bewohnern zu unterhalten, und mich meinen ehmaligen Freunden und Gesellschaftern zu vergegenwartigen, indem ich ihnen Gelegenheit gegeben habe meinen Namen zu nennen und sich so mancher schonen, mir selbst unvergesslichen Stunden zu erinnern, die wir unter dem freiesten Umtausch unsrer Gedanken und Gefuhle, in euern prachtigen Hallen und anmuthigen Spaziergangen, oder beim frohlichen Mahl und bei thauenden Sokratischen Bechern, so vergnuglich zugebracht haben. Je glucklicher das Gegenwartige, worin wir leben, ist, um so angenehmer ist es, den Genuss desselben durch die ihm so schon sich anschmiegenden und darin verschmelzenden Erinnerungen des Vergangenen zu erhohen, und uns dadurch dem Wonneleben der seligen Gotter zu nahern, deren Daseyn ein immer wahrender Augenblick ist. Warum, ach! warum muss unsre liebenswurdige Freundin zu Aegina nicht mehr seyn! Welchen Genuss, welche Unterhaltungen wurden alle diese neuen Erscheinungen, die so viel Reiz fur diese vorwitzige aber schwer zu tauschende Psyche hatten, ihr und uns durch sie verschafft haben!
Unter den vielerlei Problemen, die, wie du sagst, aus Veranlassung meiner Briefe, eure Philodoxen (wie Plato sie benamset) unter den Propylaen oder in den Schattengangen der Akademie in Bewegung setzen, ist diejenige Frage, woruber du eine nahere Erklarung von mir verlangst, vielleicht die wichtigste, weil sie auf das praktische Leben mehr Einfluss als irgend eine andere zu haben scheint. Du weisst dass ich kein Freund von unfruchtbaren Grubeleien bin; aber gewiss gehort die Streitfrage: "wie sich das was ist, zu dem was seyn soll, verhalte?" oder, "ob und inwiefern man sagen konne, dass das was ist, anders seyn sollte?" nicht unter die Processe um des Esels Schatten; es ist nichts weniger als gleichgultig fur den sittlichen Menschen, wie sie entschieden wird. Ich bin so weit entfernt meine Meinung fur entscheidend zu geben, dass ich vielmehr uberzeugt bin, dieses Problem konne niemals rein aufgelost werden. Indessen sehe ich nicht, warum ich Bedenken tragen sollte, dir die Antwort mitzutheilen, die ich mir selbst auf jene Fragen gebe.
Dass im blossen Seyn (dem ewigen Gegentheil des ewig unmoglichen Nichtseyns) alles Mogliche enthalten sey, ist fur mich etwas Ausgemachtes, an sich Klares und keines Erweises Bedurftiges. Das was ist, im unbeschranktesten Sinn des Worts, ist also das Unendliche selbst, und umfasst, nach unsrer Vorstellungsart, alles was moglich ist, war, und seyn wird. Ich sage nach unsrer Vorstellungsart; denn im Unendlichen selbst ist weder Vergangenheit noch Zukunft, sondern ewige Gegenwart; und eben darum ist es uns unbegreiflich. In dieser Rucksicht kann man also nicht sagen, dass was nicht ist, seyn sollte; denn alles was seyn soll, muss seyn konnen; und alles was seyn kann, ist.
Aber wie bringe ich diese unlaugbaren Grundsatze in Uebereinstimmung mit der Stimme meiner Vernunft und meines Herzens, die mir taglich sagen, es geschehen Dinge in der Welt, die nicht geschehen sollten? Bruder z.B. sollten nicht gegen Bruder, Hellenen nicht gegen Hellenen zu Felde ziehen, ihre Wohnsitze und Landguter wechselsweise ausrauben und verwusten, die eroberten Stadte schwacherer Volker nicht dem Erdboden gleich machen, die Ueberwundnen nicht mit kaltem Blute morden, oder auf offentlichem Markt als Sklaven verkaufen, u.s.w. Wer erkuhnt sich zu laugnen, dass diess alles nicht seyn sollte? Und gleichwohl ist es. Leider! Aber wie konnt' es anders seyn?
Das Bedurfniss unsre Gedanken an Worte zu heften, und die unvermeidliche Unschicklichkeit, mit diesen Worten allgemeine Begriffe bezeichnen zu mussen, deren Allgemeinheit ihren Grund nicht in der Natur der Dinge, sondern bloss in unsrer verworrenen und unvollstandigen Ansicht derselben, und in den Trugschlussen haben, die wir aus diesen tauschenden Anschauungen ziehen, diese Quellen beinahe aller der Irrthumer, Halbwahrheiten und Missverstandnisse, die so viel Unheil unter den Menschen anrichten sind auch hier die Ursache eines Trugschlusses, an dessen Richtigkeit gleichwohl die Meisten so wenig zweifeln, dass ich Gefahr laufe des Verbrechens der beleidigten Menschheit angeklagt zu werden, wenn ich mich erkuhne ihn anzufechten. Indessen, der erste Wurf ist nun einmal geschehen, und ich werde schon auf meine Gefahr fort spielen mussen.
Dass der Tiger blutdurstig, der Affe hamisch, die Otter giftig ist, dass der Wolf Lammer stiehlt und der Iltiss die Tauben erwurgt um ihre Eier auszuschlurfen, wer wundert sich daruber? Es ist ihre Natur, sagt man, und wie lastig sie uns auch dadurch werden, fordert doch niemand, dass sie anders seyn sollten als sie sind. Diejenigen, welche behaupten, dass die Menschen weiser und besser seyn sollten, als sie sind, nehmen als Thatsache an, "dass sie dermalen, im Ganzen genommen, eine thorichte und verkehrte Art von Thieren sind;" Plato tragt sogar kein Bedenken zu behaupten, es gebe kein Volk in der Welt, dessen Verfassung, Lebensweise, Sitten und Gewohnheiten nicht durch und durch verdorben waren. "Aber es sollte und konnte anders seyn, sagt man." Allerdings konnte und wurde es anders seyn, wenn die Menschen vernunftige Wesen waren. Wie? sind sie es etwa nicht? Wer kann daran zweifeln? Ich! Wenn sie es waren, so wurden sie anders, namlich gerade das seyn, was vernunftige Wesen, ihrer Natur zufolge, seyn sollen. Aber diese sehr ungleichartigen einzelnen Erdenbewohner, die ihr, weil sie auch zweibeinig und ohne Federn sind und den Kopf aufrecht tragen wie die eigentlichen Menschen, mit diesen zu vermengen und unter dem gemeinschaftlichen Namen Mensch zusammen zu werfen beliebt, sind nun einmal grosstentheils (wie ihre ganze Weise zu seyn und zu handeln augenscheinlich darlegt) alles andre was ihr wollt, nur keine vernunftigen Wesen. Das ausserste, was ich, ohne mich an der Wahrheit zu versundigen, thun kann, ist, ihnen eine Art von vernunftahnlichem Instinct zuzugestehen, mit etwas mehr Kunstfahigkeit, Bildsamkeit und Anlage zum Reden, als man an den ubrigen Thieren wahrnimmt; Vorzuge, wodurch sie einer zwar langsamen, aber doch fortschreitenden Vervollkommnung fahig sind, deren Granzen sich schwerlich bestimmen lassen. Diess gibt einige Hoffnung fur die Zukunft. Binnen etlichen hundert Metonischen Cyklen38 mogen sie, nach zehntausendmaliger Wiederholung der namlichen Missgriffe und Albernheiten, durch die immer gleichen Folgen derselben endlich gewitziget, einige Schritte vorwarts gemacht haben, und wenn sie dereinst vollig zur Vernunft gereift sind, zuletzt so verstandig und gut werden, als sie eurer Meinung nach bereits seyn sollten; was doch unter allen Bedingungen ihrer dermaligen Existenz und auf der Stufe von Cultur, worauf sie stehen, keine Moglichkeit ist. Ihr vergesst namlich, dass von allem, was wir uns, unter einem abgezogenen unbestimmten Begriff, als moglich vorstellen, keines eher in die wirkliche Welt eintreten kann, bis die Ursachen und Bedingungen seiner Moglichkeit in derselben vollstandig zusammentreffen. Ihr vergesst, dass das, was itzt ist, aus dem, was zuvor war, hervorgehen muss, und dass Jahrtausende nothig waren, bis an jenen Tigermenschen, Wolf- und Luchsmenschen, PferdeStier- und Eselmenschen u.s.w., welche, als die wahren ursprunglichen Autochthonen, vor undenklichen Zeiten den noch rohen Erdboden inne hatten, das Menschliche so viel Uebergewicht uber die ungeschlachte Thierheit bekam, dass es einem Hermes, Cekrops, Phoroneus, Orpheus, den Kureten, Telchinen, Idaischen Daktylen und ihresgleichen moglich war, sie in eine Art von burgerlicher Gesellschaft zu vereinigen, sie an einige Ordnung und Sittlichkeit zu gewohnen, und in den ersten Anfangen der Kunste, die das Leben menschlicher machen, zu unterrichten. Wer sich die Muhe nehmen mag, den unendlichen Hindernissen und Schwierigkeiten nachzudenken, welche die Vernunft noch itzt, da die sogenannten Menschen sich aus ihrer ursprunglichen Rohheit und Verwilderung schon so lange herausgearbeitet haben, in ihren Wahnbegriffen und Leidenschaften, in ihrer Geistestragheit, Sinnlichkeit und thierischen Selbstigkeit zu bekampfen hat, der wird sich nicht wundern, dass es mit ihrer Veredlung so langsam hergeht, und wird nicht schon von der harten und herben grunen Frucht die Weichheit und Sussigkeit der zeitigen verlangen.
Nun wohl, hore ich sagen, wenn diess auch von der grossten Mehrheit der Menschen in Eine Masse zusammengeworfen gelten konnte, bleibt darum weniger wahr, dass dieser und jener, oder vielmehr dass jeder einzelne Mensch besser seyn konnte, folglich seyn sollte, als er ist? Mich dunkt hier ist viel auseinanderzusetzen. Wenn ich z.B. meinen Sklaven Kappadox aus dem ganzen Zusammenhang seiner aussern Umstande und aus sich selbst gleichsam heraushebe, so scheint es allerdings, dass er verstandiger, besonnener, geschickter, fleissiger und bei Gelegenheit etwas nuchterner seyn konnte; denn es ist nicht zu laugnen, dass ihm, wiewohl er eben kein bosartiger Menschensohn ist, doch ziemlich viel fehlt, um fur ein Muster der Sokratischen Sophrosyne zu gelten. Unstreitig lasst sich also nicht nur ein besserer Mensch denken als er; ich glaube sogar zu begreifen, wie er selbst, unter andern Umstanden, dieser bessere Mensch seyn konnte. Wenn ich aber uberlege, dass er ein geborner Cappadocier, unter ungebildeten Menschen aufgekommen, schlecht erzogen, schlecht genahrt, und nie zu etwas Besserm als knechtischer Arbeit angehalten worden ist u.s.w., so finde ich mehr Ursache, mich wundern zu lassen, dass er nicht schlechter als dass er nicht besser ist, und ich fordre nicht mehr Weisheit und Tugend von ihm, als ihm unter allen Bedingungen seiner Existenz zuzumuthen ist. Sollte, was von meinem Cappadocier gilt, nicht aus gleichem Grunde von jedem gebildeten und ungebildeten Athener, Thebaner oder Korinthier gelten? Aber (konntest du mir einwenden) kommen nicht Falle vor, wo du deinen Sklaven zu einer Pflicht ermahnest, oder ihm eine Unart verweisest, oder ihn wohl gar korperlich zuchtigen lassest? Das letztere ist in meinem Hause nicht ublich. Wenn einer meiner Sklaven sich auf einen wiederholten scharfen Verweis nicht bessert, wird er auf den Markt gefuhrt und nicht fur gut verkauft. "Du nimmst also doch die Besserung als etwas Mogliches an?" Warum nicht? Wenn ich ihm einen mehrmals begangenen Fehler scharf verweise, so geschieht es nicht des begangenen wegen, denn der ist nun einmal gemacht; aber da der Fall wieder kommen kann, warum sollt' es nicht moglich seyn, dass mein Kappadox, indem er im Begriff ist dieselbe Sunde wieder zu begehen, sich meines Verweises und der angehangten Drohung erinnerte, und dadurch zuruckgehalten wurde? Wo nicht, so wirkt vielleicht eine derbe Zuchtigung, die ihm sein kunftiger Herr geben lasst; aber aus beiden Fallen geht weiter nichts hervor, als dass ein Mensch, der einer gewissen Versuchung heute nicht zu widerstehen vermochte, es mit Hulfe eines starkern Beweggrundes ein andermal vielleicht vermogen wird. Belehrung, Warnung, Zuchtigung, beziehen sich daher immer auf kunftige Falle, und sind, insofern, als mogliche Verbesserungsmittel nicht zu versaumen. Denn die Moglichkeit durch gehorige Mittel unter den erforderlichen Umstanden besser werden zu konnen, ist unlaugbar eine Eigenschaft der menschlichen Natur, wiewohl daraus nicht folgt, dass eben derselbe, der in einer gewissen aussern Lage und innern Stimmung etwas zu thun oder zu unterlassen vermag, auch bei veranderten Umstanden Kraft genug haben werde, dasselbe zu thun oder nicht zu thun. "Du rechnest also nichts auf die Kraft eines fest entschloss'nen Willens?" Im Gegentheil, sehr viel. Aber ein Wille, der zu allen Zeiten jeder Versuchung, jeder Leidenschaft und jeder Gewohnheit siegreich zu widerstehen vermag, setzt eine grosse erhabene Natur voraus, und kann nicht das Antheil gewohnlicher Menschen seyn. Von diesen zu fordern, was nach dem Zeugniss der Erfahrung nur in sehr seltnen Fallen von den ausserordentlichsten Heroen der Menschheit geleistet worden ist, ware unbillig und vergeblich. Wir bewundern alle Arten von Helden, aber niemand ist schuldig ein Held zu seyn, und hort er auf es zu seyn, wenn er's einst war, was konnen wir dazu sagen, als dass ihn seine Kraft verlassen habe? Er ist in die Classe der gemeinen Menschen zuruckgesunken, und verdient desswegen keine Verachtung, wiewohl er, als er ein Held war, Bewundrung verdiente. Du wirst mir einwenden, die Rede sey nicht von moralischen Heldenthaten, sondern von dem, wozu jeder Mensch verbunden ist, von der Pflicht gerecht und gut zu seyn; und ich werde wiederholen mussen was ich schon gesagt habe: die Vernunft fordert beides, aber nur von vernunftigen Wesen. Der burgerliche Gesetzgeber scheint zwar diese Forderung ohne Unterschied an alle Glieder des Staats zu machen; aber im Grunde rechnet er wenig auf ihre Vernunft; er verlangt nur Gehorsam. Unbekummert aus welcher Quelle dieser Gehorsam fliesse, glaubt er genug gethan zu haben, indem er seine Untergebnen durch Strafen von Uebertretung der Gesetze abschreckt. Indessen zeigt der allgemeine Augenschein wie wenig diess hinreicht, und Plato hat vollkommen Recht, wenn er behauptet, dass die Burger eines Staats von Kindheit an durch zweckmassige Veranstaltungen zur Tugend erzogen, d.i. mechanisch an ihre Ausubung gewohnt werden mussen, und dass alle andern Mittel, wodurch man dem Gesetze Kraft zu geben vermeint, unzulanglich oder unvermogend sind. So lange diesem Mangel nicht abgeholfen ist, sind Strafgesetze zwar ein nothwendiges Uebel, aber immer ein Uebel, woruber der Weise den Kopf schuttelt und der Freund der Menschheit trauert.
Aber wir haben es, bei Beantwortung der Fragen uber Seyn und Sollen, nicht mit Burgern, sondern mit Menschen zu thun, nicht mit einer dialektischen, geschweige Platonischen Idee der Menschheit, sondern mit den sammtlichen einzelnen Wesen, welche unter dem allgemeinen Namen Mensch begriffen werden. Von diesen zu fordern, sie sollten anders seyn als sie sind, ware die Vernunft nur dann berechtigt, wenn sie unbillige Forderungen thun konnte. Aber die Vernunft will nichts als dass sie anders werden sollen, und auch diess erwartet sie nur von solchen innern und aussern Veranstaltungen, wodurch die Verbesserung moglich wird: denn sie verlangt nicht (mit dem Spruchwort zu reden), dass das Bockchen im Hofe herum springe bevor die Ziege geworfen hat.
Ich hatte noch mancherlei zu bemerken, wenn ich ins Besondere gehen, und diese reichhaltige Ader erschopfen wollte. Ich glaube aber meine Gedanken hinlanglich dargelegt zu haben, um dir klar zu machen, dass ich durch meine Art die Dinge zu sehen hauptsachlich den schiefen und unbilligen Urtheilen (wenigstens bei mir selbst) zuvorkommen mochte, die man taglich uber Personen, Sachen und Handlungen von Leuten aussprechen hort, denen nichts recht ist wie es ist, wiewohl der Fehler bloss daran liegt, dass sie selbst nicht sind, wie sie seyn mussten, um uber irgend etwas ein unbefangenes Urtheil fallen zu konnen.
13.
Lysanias von Athen an Droso, seine Mutter.
Wenn ein Jungling, der so glucklich ist ein Athener und dein Sohn zu seyn, an irgend einem Ort in der Welt in Gefahr kommen konnte, zu erfahren was den Gefahrten des edeln Laertiaden39 bei den Lotophagen begegnete,
Lotos pfluckend zu bleiben und abzusagen der Heimath,
so musst' es, denke ich, zu Cyrene im Hause unsers edeln Gastfreundes Aristippus seyn, wo ich bereits vom dritten Fruhling uberrascht werde, ohne recht zu wissen, wie mir so viele Zeit zwischen den Fingern, so zu sagen, durchgeschlupft ist. Nicht als ob ich mir selbst so Unrecht thun wollte, liebe Mutter, die Besorgniss bei dir zu erregen, dass ich sie ubel angewandt hatte; was freilich bei den Menschen, mit welchen ich lebe, nicht wohl moglich gewesen ware: aber gewiss ist, ich befand mich von allen Seiten so wohl, hatte so viel zu sehen, zu horen, zu lernen, zu uben, zu schikken und zu schaffen, und das alles unter dem mannichfaltigsten Genuss immer abwechselnder Vergnugungen, dass ich mich auch nicht eines einzigen Tages
Cyrene ist in der That eine Stadt, die selbst ein geborner Athener schon finden muss; nicht ganz so gross noch so volkreich als Athen, aber doch beides genug, um nach Karchedon40 die ansehnlichste Stadt an den Kusten Libyens zu seyn. Ihre Lage ist sehr anmuthig, noch mehr durch den Fleiss und Geschmack der Einwohner als von Natur; denn die Stadt scheint in einem einzigen unubersehbaren, trefflich angebauten Garten zu liegen. Nichts ubertrifft die Fruchtbarkeit des Bodens; alle Arten von Fruchten gelangen hier zu einem Grad von Vollkommenheit, wovon man in unserm rauhern Attika keinen Begriff hat.
Die Burger von Cyrene sind uberhaupt ein guter Schlag Menschen; eben nicht so fein geschliffen und abgeglattet als unsre Athener, aber auch nicht so hart, um so vieler Politur nothig zu haben. Gutmuthigkeit, Gefalligkeit und Frohsinn sind ziemlich allgemeine Zuge im Charakter dieses Volkes; sie lieben (wie alle Menschen) das Vergnugen, aber mit einer eigenen, in ihrer Sinnesart liegenden Massigung; sie wollen lieber weniger auf einmal geniessen, um desto langer geniessen zu konnen; und diess ist vermuthlich die Ursache, warum ich hier so viele Greise gesehen habe, die mir das Bild des weisen Anakreons, so wie er sich selbst in seinen kleinen Liedern darstellt, vor die Augen brachten.
Aristipp und Kleonidas haben unvermerkt auf den Geist und Geschmack ihrer Mitburger eine Wirkung gemacht, deren Einfluss auf das gesellige Leben, die offentlichen Vergnugungen und vielleicht selbst auf die bisherige Ruhe dieses kleinen Staats nicht zu verkennen ist. Auch geniessen beide die allgemeine Achtung ihrer Mitburger so sehr, dass selbst auf mich eine Art von Glanz davon zuruckfallt, und mir als ihrem Freund und Hausgenossen uberall mit Auszeichnung begegnet wird. Ich hoffe mich keiner allzu grossen Selbstschmeichelei bei dir verdachtig zu machen, wenn ich hinzu setze, dass die Grazien (denen ich, nach Platons Rath, fleissig opfre) auch den Cyrenerinnen gunstige Gesinnungen fur mich eingeflosst zu haben scheinen. Man sieht zwar hier, wie zu Athen, die Frauen und Jungfrauen der hohern Classen nur bei offentlichen religiosen Feierlichkeiten in grosser Anzahl beisammen; aber sobald jemand in einem guten Hause auf dem Fuss eines Freundes steht, erhalt er dadurch auch die Vorrechte eines Anverwandten, und wird, insofern sein Betragen die von ihm gefasste gunstige Meinung rechtfertigt, von dem weiblichen Theil der Familie eben so frei und vertraut behandelt als ob er selbst zu ihr gehorte.
Du zweifelst wohl nicht, liebe Mutter, dass ich mir diese Cyrenische Sitte in dem Hause, worin ich das Gluck habe zu leben, aufs beste zu Nutze zu machen suche, und ich hoffe du wirst dereinst finden, dass mir der freie Zutritt, den ich bei Kleonen und Musarion habe, fur die Ausbildung meines Geistes und mein Wachsthum in der Kalokagathie, in welcher ich erzogen bin, wenigstens eben so vortheilhaft gewesen ist, als der tagliche Umgang mit den vortrefflichen Mannern, an welche mich mein Vater empfohlen hat. Unlaugbar sind diese beiden Frauen unter den liebenswurdigsten, deren Cyrene sich ruhmen kann, eben so ausgezeichnet als es ihre Manner unter ihren Mitburgern sind; und ich gestehe dir offenherzig, es ist ein Gluck fur mich, dass ich beide zu gleicher Zeit kennen gelernt habe, und, da sie beinahe unzertrennlich sind, beide immer beisammen sehe. Ohne diesen Umstand wurde es mir, glaube ich, kaum moglich gewesen seyn, ungeachtet sie die Bluthenzeit des Lebens bereits uberschritten haben, von der Leidenschaft nicht uberwaltiget zu werden, welche mir jede von ihnen, hatte ich sie allein gekannt, unfehlbar (wiewohl gewiss wider ihren Willen) angezaubert hatte. Du wirst uber mich lacheln, gute Mutter; aber, wie wunderlich es auch klingen mag, ich schwore dir bei allen Gottern, ich konnte sie nicht reiner und heiliger lieben, wenn sie meine leiblichen Schwestern waren; und doch fuhle ich zuweilen, dass ich in Kleonen, wenn keine Musarion, und in Musarion, wenn keine Kleone ware, bis zum Wahnsinn verliebt werden konnte. Bloss dadurch, dass beide zugleich so stark auf mich wirken, erhalten sie mein Gemuth in einer Art von leiser Schwebung zwischen ihnen, die ich beinahe Gleichgewicht nennen mochte. Kurz, weil ich beide liebe, so liebst du keine, wirst du sagen; und im Grunde glaube ich selbst, dass fur diese seltsame Art von Liebe ein eigenes Wort, das unsrer Sprache fehlt, erfunden werden musste. Was mich auf alle Falle beruhigt, ist, dass ich Aristipp und Kleonidas zu meinen Vertrauten gemacht habe. Diesem sage ich alles was ich fur seine Schwester, jenem alles was ich fur Musarion empfinde. Beide sind mit mir zufrieden; sie selbst sowohl als ihre Frauen gehen mit mir wie mit einem jungern Bruder um, so unbefangen, so traulich und herzlich, dass sie mich unvermerkt gewohnt haben, mich dafur zu halten. Darf ich dir alles gestehen, meine Mutter? und warum sollt' ich nicht, da ich nichts zu bekennen habe, woruber ich errothen musste? Jede der beiden Frauen hat eine Tochter, die ich, wenn sie auch an sich selbst weniger reizend waren, um der Mutter willen lieben wurde. Aber hier bedarf es keines solchen Beweggrundes; die Tochter sind in einem so hohen Grade liebenswurdig, dass sogar ihre Mutter (wenigstens in meinen Augen) durch sie verschonert werden. Melissa, Musarions Tochter, soll an Gestalt und Gesichtsbildung der beruhmten Lais ahnlich seyn; und wirklich besitzt Kleone ein Bild der letztern, worin alle, die es zum erstenmal sehen, Melissen zu erkennen glauben. Ich selbst wurde beim ersten Anblick getauscht; aber als ich das Bild genauer mit ihr verglich, sah ich, dass Melissa vielleicht nicht ganz so schon ist, aber etwas noch sanfter Anziehendes und, wenn ich so sagen kann, dem Herzen sich Einschmeichelndes hat, welches sie ihrer Mutter ahnlicher machen wurde, wenn es nicht mit den Zugen der schonen Lais so zart verschmolzen ware. Diese wunderbare Vermischung, wodurch sie, je nachdem man sie von einer Seite ansieht, bald Musarion bald Lais scheint, gibt ihr etwas so Eigenes, dass ihr jede Vergleichung Unrecht thut; einen Zauber, der mich unwiderstehlich an sie fesseln wurde, wenn nicht Kleonens leibhaftes Ebenbild, ihre einzige Tochter (einen holden dreijahrigen Knaben hat ihr Aurora entfuhrt41) die liebliche Arete, neben ihr stande, und durch die zierlichste Nymphengestalt, und die Vereinigung aller Grazien der holdesten Weiblichkeit mit dem stillen Ausdruck eines edeln Selbstgefuhls mich etwas empfinden liesse, wofur ich keinen Namen habe; eine Art von Anmuthung, die nichts Leidenschaftliches, aber etwas unbeschreiblich Inniges hat, und die Gewalt der magischen Reize ihrer schwesterlichen Gespielin so lieblich dampft dass ich (wiewohl ohne mein Verdienst) bis jetzt noch immer Herr von mir selbst geblieben bin, und zwischen Arete und Melissa ungefahr eben so in der Mitte schwebe, wie zwischen Kleone und Musarion.
Ich bin es zu sehr gewohnt, nichts Geheimes vor einer so gutigen und nachsichtvollen Mutter zu haben, als dass ich meine Bekenntnisse nicht vollstandig machen sollte. Da ich die Freundschaft kannte, die schon so lange zwischen meinem Vater und Aristipp, so wie zwischen dir und Musarion besteht, so musste der Gedanke an die Moglichkeit einer engern Verbindung unsrer Familien um so naturlicher in mir entstehen, da ich in den aussern Umstanden kein erhebliches Hinderniss sehen konnte. Es zeigte sich aber bald nach meinem Eintritt in das Aristippische Haus, dass Melissa, welche bereits das dreizehnte Jahr zuruckgelegt hat, meinem neuen Freund Kratippus, Aristipps Brudersohne, und die holdselige Arete, welche vier Jahre weniger als ihre Base hat, von der Wiege an einem Sohne des Kleonidas zugedacht ist. Ein Gluck fur mich, dass mir dieses Verhaltniss, welches fur die beiden Kinder selbst noch ein Geheimniss ist, bei Zeiten entdeckt wurde. Indessen hatte ich die Tochter Kleonens jedem andern streitig gemacht, als einem Sohn von Musarion und Kleonidas. Ueberdiess zeigten mir beide Mutter so viele Freude an dem Gelingen ihres Plans und an der taglich sichtbarer werdenden Sympathie ihrer Kinder, dass ich eher einen Tempel zu berauben oder mein Vaterland zu verrathen, als das hausliche Gluck dieser schonen Seelen zu storen vermochte. Glaube nicht, ich dunke mir dieser Selbstbezahmung wegen ein grosser Tugendheld; dazu kommt sie mich in der That zu leicht an. Eine Familie wie diese, worin Manner, Frauen und Kinder, jedes in seiner Art so ausserst liebenswurdig, alle wie von einer einzigen gemeinschaftlichen Seele belebt, so zufrieden, so einmuthig, so glucklich in sich selbst und eines in dem andern sind, werde ich in meinem Leben schwerlich wieder finden. Mir ist ich lebe in einer kleinen idealischen Republik, worin ich durch den blossen Geist der Liebe diese reine Zusammenstimmung realisirt sehe, welche Plato in der seinigen vergebens durch die muhsamsten Anstalten und die unnaturlichsten Gesetze zu erzwingen hofft. Der musste ein Ungeheuer seyn, der, in der Mitte so edler und guter Menschen lebend, und so freundlich von ihnen in ihren Kreis aufgenommen, die Harmonie, die das Gluck ihres Lebens macht, durch irgend einen vorsetzlichen Missklang zu unterbrechen fahig ware!
Ich kann es mir nicht versagen, liebe Mutter, noch einmal zu Kleonen zuruckzukommen; dieser Einzigen, in welcher alles was ich fur eine Schwester und Freundin, fur die Gattin des wurdigsten Mannes, und selbst fur eine Mutter fuhlen kann, mit dem, was eine noch junge Frau, die von Aphroditen mit jedem Reiz und von den Musen mit ihren schonsten Gaben ausgestattet wurde, einem empfanglichen, aber nicht unbescheidenen Jungling einzuflossen vermag, in einer mir selbst beinahe wunderbaren Mischung zusammenfliesst. Zu dem allem kommt noch zuweilen eine Art von heiligem, ich mochte sagen religiosem Gefuhl, wie ich glaube dass mir zu Muthe ware, wenn ein uberirdisches Wesen in aller Glorie, die ein irdisches Aug' ertragen kann, aber mit dem Ausdruck von Huld und Wohlwollen, plotzlich vor mir stande. Wie oft ist mir in solchen Augenblicken eingefallen, was Plato in einem seiner Dialogen von der unaussprechlichen Liebe sagt, welche die Tugend in uns entzunden wurde, wenn sie uns in ihrer eigenen Gestalt sichtbar werden konnte!
Einer der schonsten und seltensten Zuge im Charakter dieses vortrefflichen Weibes ist die Vereinigung einer immer gleichen Heiterkeit, welche nah an Frohsinn, selten an Frohlichkeit granzt, mit einem sanften Ernst, der uber dem reinen Himmel ihrer Augen wie ein durchsichtiges Silberwolkchen schwebt. Seit einiger Zeit scheint dieser Ernst zuweilen (doch nur wenn sie unbemerkt zu seyn glaubt) in ein stilles Bruten uber dustern Gedanken ubergegangen zu seyn; auch haben Musarion und ich einander die Wahrnehmung mitgetheilt, dass sie, wiewohl in kaum merklichen Graden, blasser und magerer wird, von den zahlreichen rauschenden Gesellschaften (die in diesem gastfreien Hause nicht selten sind) mehr als sonst ermudet scheint, und uberhaupt, wo sie kein Aufsehen zu erregen befurchtet, sich gern ins Einsame zuruckzieht. Musarion glaubt in diesen und andern kleinen Umstanden Zeichen einer langsam abnehmenden Gesundheit wahrzunehmen, und verdoppelt daher ihre Aufmerksamkeit und Sorgfalt fur die geliebte Schwester, ohne jedoch weder Aristipp noch Kleonidas in Unruhe zu setzen, welche, von Kleonens gewohnter Heiterkeit und Munterkeit getauscht, von allem dem nichts gewahr werden, woruber wir selbst uns vielleicht aus allzu sorglicher Liebe tauschen. Denn manches kann vorubergehende Ursachen haben; und besonders scheint ihre Liebe zur Einsamkeit eine naturliche Folge davon zu seyn, dass sie sich aus der Bildung der jungen Arete das angelegenste ihrer Geschafte macht; denn selten oder nie findet man sie ohne ihre Tochter allein.
Dieser Tage machte mich ein Zufall zum unbemerkten Zeugen einer Scene, die ein unausloschliches Bild in meiner Seele zuruckgelassen hat. Es traf sich dass Aristipp mit einem merkwurdigen Fremden, der sich seit kurzem hier aufhalt, einen kleinen Abstecher ins Land machte. Da jedes im Hause seinen Geschaften oder Erholungen nachging, lockte mich die Schonheit des Abends bei halb vollem Mondschein in eine abgelegnere Gegend der Garten die das Landhaus, wo wir uns aufhalten, umkranzt. Unvermerkt fuhrte mich ein schmaler Pfad in die Nahe eines kleinen von Cypressen und duftreichen Gebuschen eingeschloss'nen, mit Moos bewachs'nen Platzes, den die elterliche Liebe dem Andenken ihres in der Kindheit verstorbenen einzigen Sohnes widmete. Selbst ungesehen erblicke ich hier Kleonen, an den Aschenkrug des kleinen Klearists zuruckgelehnt, auf einer Stufe des marmornen Denkmals sitzen, den Kopf auf den linken Arm gestutzt, die Augen mit sanft traurigem Lacheln auf den Mond, der so eben uber den Cypressen aufging, wie auf die Scene einer himmlischen Erscheinung geheftet. Ihr bis zu den Fussen herabgefloss'nes weisses Gewand, die Blasse ihres schonen Gesichts, und die kalte Marmorweisse des Arms, worauf sie sich stutzte, das Unvermuthete des Anblicks, und die schauerliche Stille des Orts, alles vereinigte sich meine Besonnenheit zu uberraschen. Ich glaubte Kleonens Schatten zu sehen und schauderte zusammen; aber zu allem Gluck blieb mir der unfreiwillige Ausruf, der mir entfahren wollte, in der Kehle stekken. Einen Augenblick darauf hort' ich ein Rascheln durchs Gebusch, und die kleine Arete an der Hand ihres vermeinten Bruders Kallias kam von der andern Seite, mit lautem Rufen, da ist sie! das ist sie! auf die geliebte Mutter zugeflogen, welche sie schon lange im ganzen Garten gesucht hatten. Es war ein entzuckender Anblick fur mich, wie sie die holden Kinder, jedes mit Einem Arm umschlingend, an ihren Busen druckte, und wie schnell das susse Muttergefuhl fur die Lebenden die kurz zuvor so bleichen Lilienwangen mit warmen Blut aus dem uberwallenden Herzen durchstromte. Eine heilige Ehrfurcht hielt mich in den Boden gewurzelt und band meine Zunge. Kleone stand ohne mich entdeckt zu haben auf, nahm die frohlich hupfenden Kinder an beide Hande, und verschwand in wenig Augenblicken.
Ich werde zwar frei zu dir zuruckkehren, liebe Mutter; aber du wirst Muhe haben in Athen eine Jungfrau zu finden, die mich meiner lieben, wiewohl leider! nicht fur mich gebornen, Cyrenerinnen vergessen machen konnte.
14.
Aristipp an Learchus von Korinth.
Der Syrakusier, der sich seit einiger Zeit bei uns aufhalt, edler Learch, ist wirklich der namliche identische Philistus42, von welchem Kundschaft einzuziehen du von einem Freund in Syrakus ersucht worden bist. Er macht kein Geheimniss daraus; zumal da er nicht unterlassen hatte dem Dionysius schriftlich anzuzeigen, dass er seiner Gesundheit wegen eine Reise nach Rhodus und Kreta, und von da vielleicht nach Cyrene unternehmen wurde. Dass er die Einwilligung des alten Fursten nicht abgewartet oder vielmehr gar nicht um sie angesucht, kann ihm nicht zum Vorwurf gereichen: denn der Ort, wo er wahrend seiner Verweisung aus Sicilien leben wolle, war in sein Belieben gestellt; und so gut als er von Thurium, wo er sich anfangs einige Jahre aufhielt, eigenmachtig nach Adria ziehen konnte, stand es ihm frei, von Adria nach Rhodus, Cyrene oder Gades zu gehen, wenn er Lust dazu hatte. Er hat sich selbst dadurch um einige Tausend Stadien weiter von Syrakus verbannt, aber doch nicht weit genug, dass ihn Dionys nicht finden konnte, wenn er ihn wieder bei sich haben wollte; und ich sehe nicht, warum sein Besuch bei einem alten Bekannten (der uberdiess noch von seiner Jugend her ein erklarter Verehrer der Regierungstalente dieses Fursten ist) ihm den mindesten Verdacht zuziehen konnte. Moge Dionysius noch lange vor allen andern Anschlagen so sicher seyn, als vor denen, die in Aristipps Hause gegen ihn geschmiedet werden!
Es sind nun uber funfundzwanzig Jahre, dass ich mit Philisten zu Syrakus (wohin ich, wie du weisst, den Sophisten Hippias begleitete) zufalligerweise bekannt wurde. Damals stand er bei dem sogenannten Tyrannen noch in Gunsten, und schien Geschmack an mir zu finden: aber weder meine Absichten noch die Kurze meines Aufenthalts gestatteten mir ein naheres Verhaltniss mit ihm anzuknupfen, und ich gestehe dass ich ihn in der Folge ganzlich aus meinem Gesichtskreis verlor. Demungeachtet erkannten wir einander wieder, als er vor einigen Monaten ohne alle Vorbereitung bei mir erschien, und sich mir, unter dem Titel eines alten Bekannten, als Philistus des Archomenides Sohn von Syrakus ankundigte. Da er uberall im Ruf eines Mannes von Geist und Talenten steht, und unlaugbar einer der vorzuglichsten und gebildetsten unsrer Zeitgenossen ist, so wirst du dich eben so wenig wundern, dass er hier allgemeinen Beifall findet, als dass sich nach und nach eine Art von Freundschaft zwischen ihm und mir entsponnen hat, so vertraut als sie zwischen dem planlosen Weltburger Aristipp und einem ehrgeizigen Syrakusischen Eupatriden moglich ist, der (wie es scheint) nie vergessen wird, dass seine Geburt, sein Vermogen, die wesentlichen Dienste, die er dem Dionysius geleistet und seine Verbindung mit einer Bruderstochter desselben, ihn zu Erwartungen berechtigten, die mit seiner schon so lange dauernden Verbannung in einem sehr unangenehmen Missverhaltniss stehen. Bei allem dem hat er sich selbst so sehr in seiner Gewalt, dass diese unfreiwillige Auswanderung das Werk seiner eigenen Wahl zu seyn scheint; und allenthalben, wo die Rede von dem Zustand seines Vaterlandes und der Regierung des Dionysius ist, spricht er daruber so unbefangen mit, dass niemand, der von seinen Verhaltnissen nicht genau unterrichtet ist, weder in seinem Ton, noch in seiner Miene das geringste, was einen Missvergnugten verriethe, gewahr werden kann. Dass er sich gegen mich, wenn wir ohne Zeugen von diesen Dingen sprechen, fur jenen Zwang ein wenig entschadigt, ist naturlich; indessen kann ich dich versichern, er musste entweder der verdeckteste und undurchdringlichste aller Menschen seyn (was von einem so feuervollen Sicilier kaum zu glauben steht), oder er ist fest entschlossen, da alle bisherigen Versuche, den nichts verzeihenden Herrn zu seiner Zuruckberufung zu bewegen, fruchtlos abgelaufen sind, sich nun vollkommen leidend zu verhalten, und den Zeitpunkt ruhig abzuwarten, der seinem Schicksal vermuthlich eine andere Wendung geben wird.
Philist ist ein so angenehmer Gesellschafter, dass es nur von ihm abhinge, zu Cyrene ein so mussiges und uppiges Leben zu fuhren als eure ausgemachtesten Sardanapale zu Korinth und Syrakus. Er hat aber in seiner Jugend schneller gelebt als rathsam ist, und scheint nun mit seinem Rest etwas behutsamer haushalten zu wollen. Er theilt sich nur gerade so viel mit, als nothig ist sich bei meinen gastfreundlichen Mitburgern von der ersten Classe in Credit zu erhalten, und hat die Uebereinkunft mit ihnen getroffen, sich monatlich nicht mehr als sechsmal einladen zu lassen; so dass er, wenn jeder einmal an die Reihe kommt, gerade ein volles Jahr braucht, um bei allen herumzuzechen. Seine meiste Zeit bringt er in meiner Akademie zu, wo ich ein eigenes Cabinet fur ihn habe zubereiten lassen, um in der Nahe der Bibliothek ungestort an der Fortsetzung seiner Geschichte von Sicilien arbeiten zu konnen, die seit zwanzig Jahren seine Lieblingsbeschaftigung ist, wiewohl wir sie mehr seiner Verbannung aus dem schonsten Lande der Welt, als seiner Liebe zur historischen Muse zu danken haben mogen. Vermuthlich kennst du die neun Bucher dieses Werkes, welche bereits in den Handen der Bibliopolen sind, und wovon die beiden letzten die Geschichte der Regierung des Dionysius von der dreiundneunzigsten bis zur hundertsten Olympiade enthalten. Man findet, wie ich hore, zu Athen lacherlich, dass Philistus, ohne den Geist, den Scharfblick und die Starke des Thucydides zu besitzen, sich vermesse, seinen Styl, seine scharfen Umrisse, seine Trockenheit und nervige Kurze, und, wo es ihm damit nicht recht gelingen wolle, wenigstens seine Dunkelheit nachzuaffen. In der Akademie aber soll ihm hauptsachlich zum Verbrechen gemacht werden, dass er, wenigstens in den Buchern die den Dionysius betreffen, die Heiligkeit der Geschichte durch eine vorsetzlich verfalschte Darstellung der Begebenheiten verletzt und allen parasitischen Kunstgriffen aufgeboten habe, den Lastern des Tyrannen die Farbe der Tugend anzustreichen, seinen schlechtesten und grausamsten Handlungen edle Beweggrunde und Absichten unterzulegen, und, kurz, den hassenswurdigsten Unterdrucker seines Vaterlandes der Nachwelt (wenn anders sein Buch so lange leben konnte) fur das Modell eines vortrefflichen Fursten aufzuschwatzen. Meiner Meinung nach geschieht Philisten durch die erstern Vorwurfe weniger Unrecht als durch die letztern. Wenn ich nicht irre, so hat er in den sieben ersten Buchern, worin er das Denkwurdigste der Geschichte Siciliens von der fabelhaften und heroischen Zeit an bis auf die Regierung Gelons und die Wiederherstellung der Oligarchie zusammenfasst, mehr den Herodot, in der Erzahlung der Begebenheiten und Thaten des Dionysius hingegen mehr den Thucydides zum Muster genommen: da er aber keinen von beiden zu erreichen vermochte, hatte er allerdings besser fur seinen Ruhm gesorgt, wenn er alles, was ihm das auffallende Ansehen eines Nachahmers gibt, vermieden, und falls er nicht Kunst genug besass, Herodots naive und angenehm unterhaltende Darstellungsgabe mit dem tiefblickenden Verstand und der scharfen Urtheilskraft des Thucydides auf eine ungezwungene, ihm eigenthumlich scheinende Art zu vermahlen, sich lieber begnugt hatte, uns seine Geschichten mit Ordnung, Klarheit und moglichster Anspruchlosigkeit zu erzahlen. Aber um diess zu konnen, ja, um es nur zu wollen, hatte Philist der auch als Geschichtschreiber glanzen und mit den ersten in diesem Fache wetteifern wollte nicht Philist seyn mussen. Wir wollen ihm diess nicht zumuthen: aber dafur mag er auch fur alles bussen, was er als Philist sundiget. Leichter und (meiner Ueberzeugung nach) mit besserm Grunde wird er von dir und mir von dem, was in den Beschuldigungen der Platoniker das Verhassteste ist, losgesprochen werden; denn, so viel ich weiss, sind wir beide uber das, was an dem alten Dionysius zu loben und zu tadeln ist, ziemlich einverstanden. Der Tyrann (wie er sich nun einmal schelten lassen muss, da seine Feinde die offentliche Meinung auf ihre Seite zu bringen gewusst haben) hat vor vielen Jahren das ungeheure Verbrechen begangen, sich uber den gottlichen Plato, der ihn auf eine etwas linkische Art zu seiner Philosophie bekehren wollte, in seiner mitunter ziemlich sarkastischen Manier lustig zu machen, und, da sein sauertopfischer Verehrer Dion durch eine ubelverstandene Zudringlichkeit aus Uebel Aerger machte, den Philosophen allerdings unsanfter als recht war nach Hause zu schicken. Das konnte freilich nie verziehen noch vergessen werden! Einer solchen Unthat war nur ein Abschaum der unmenschlichsten Laster fahig! Die Feinde des Tyrannen konnten ihm nun nachsagen was sie wollten, das Aergste schien immer das Glaublichste. Mit Einem Worte, Dionysius wurde in der Akademie zu Athen zum Ideal eines Tyrannen erhoben, und es ist kein Zweifel, dass Plato, indem er im neunten Buch seiner Republik den vollstandigen Tyrannen mit den hasslichsten Zugen und Farben eines moralischen Ungeheuers darstellt, ein getreues Bild des Dionysius aufgestellt zu haben glaubt. Wir beide, und viele andre, die, wie wir, weder Boses noch Gutes von diesem Fursten empfangen haben, wissen indessen sehr gut, wie ubertrieben und unbillig der schlimme Ruf ist, den ihm seine Sicilischen Feinde und die allzuheissen Anhanger des gottlichen Plato unter den ubrigen Griechen gemacht haben, und um so leichter machen konnten, da der grosse Haufe schon voraus geneigt ist, von jedem, der sich der Alleinherrschaft uber einen oligarchischen oder demokratischen Staat zu bemachtigen weiss, das Schlimmste zu denken und zu glauben. Dionysius kampfte lange gegen dieses allgemeine, und (insofern ein Vorurtheil gerecht genannt werden kann) nicht ganz ungerechte Vorurtheil. Da aber weder die Befreiung Siciliens von dem Joch und den Verheerungen der Karchedonier, noch der Wohlstand, worin sich diese Insel unter seiner Oberherrschaft befindet, und sein Bestreben jede wesentliche Pflicht eines klugen und thatigen Regenten zu erfullen, vermogend war, den Mangel eines unbestrittnen Rechtes an die eigenmachtig aufgesetzte Krone in den Augen der Menge zu rechtfertigen; da ihm alle seine Verdienste, alle seine Bemuhungen, das Vertrauen und die Liebe der Syrakusier zu gewinnen, nichts halfen, und eine Strenge, die nicht in seinem naturlichen Charakter ist, endlich das einzige Mittel war, ihm vor den unermudeten Anfechtungen seiner heimlichen und erklarten Feinde Ruhe zu verschaffen, kurz da man ihn wider seinen Willen nothigte, seinen bosen Ruf gewissermassen zu rechtfertigen, und er gern oder ungern den Tyrannen spielen musste, weil man ihm nicht erlauben wollte ein guter Volkerhirt zu seyn: ist der Geschichtschreiber, der seinen Talenten und Verdiensten Gerechtigkeit widerfahren lasst, nicht vielmehr Lobes als Tadels werth? Und wenn er auch das volle Licht nur auf die schone Seite seines Helden fallen lasst, wenn er dem Zweideutigen die vortheilhafteste Wendung gibt, und wie ein geschickter Bildnissmaler, alles was sein Bild nur verunzieren wurde, entweder ganz verbirgt, oder wenigstens nach den Regeln seiner Kunst mit schwachern oder starkern Schatten bedeckt: kann man dem Bildniss darum alle Aehnlichkeit absprechen? und hat der Geschichtschreiber darum allen Glauben verwirkt, weil er uns von einem der merkwurdigsten Manner unsrer Zeit, von welchem seine Feinde lauter grausenhafte und mit der schwarzesten Galle ubersudelte Zerrbilder in der Welt verbreitet haben, bloss die glanzende Seite zeigt? Eine vollkommen unparteiische, weder verschonerte noch absichtlich oder leidenschaftlich verfalschte Geschichte dieses Mannes durfen wir von keinem Zeitgenossen erwarten: aber die Nachwelt wird das Wahre (wenn es ihr anders darum zu thun ist) desto gewisser zwischen dem, der zu viel Gutes, und denen, die zu viel Boses von ihm gesagt, in der Mitte finden konnen.
Da Philist mir von Zeit zu Zeit ein Stuck der Fortsetzung, an welcher er arbeitet, vorliest, so fehlte es nicht an Gelegenheit, aus seinem eignen Munde zu horen, was er zu seiner Rechtfertigung gegen die ihm sehr wohl bekannten Vorwurfe, die man seiner Geschichte macht, vorzubringen hat.
"Glaubst du (sagte er mir einsmals) an eine ganz unparteiische und durchaus wahre Geschichte von Begebenheiten deren Augenzeugen wir gewesen sind und an denen wir selbst unmittelbaren Antheil genommen haben? Ich nicht. Gesetzt auch, was doch selten der Fall ist, der Erzahler habe von Verschweigung oder Verfalschung der Wahrheit weder Vortheil zu hoffen noch Schaden zu befurchten, und sey fest entschlossen alle Wahrheit und nichts als Wahrheit zu schreiben; gesetzt (was wenigstens eben so selten ist) er habe alles, was er erzahlt, selbst gesehen oder selbst gethan und gelitten, oder doch von vollkommen glaubwurdigen Personen (dergleichen es vielleicht noch nie gegeben hat) selbst aufs genaueste erkundiget; gesetzt endlich er sey (was ich geradezu fur unmoglich erklare) in dem, was er von sich selbst zu berichten hat, von allem Einfluss der Eigenliebe und Eitelkeit so frei und rein wie ein noch ungebornes Kind alle diese unerlasslichen und doch kaum irgend einem Sterblichen zugestandlichen Voraussetzungen als richtig angenommen, stehen uns doch noch zwei schlechterdings nicht wegzuraumende Hindernisse im Wege, um derentwillen es ewig unmoglich bleiben wird, eine ganz wahre, ganz zuverlassige Geschichte einer Reihe von Begebenheiten und Handlungen, die wir selbst gesehen haben, zu schreiben. Das erste dieser Hindernisse ist, dass es kein Mittel gibt, unmittelbar in das Innerste der Menschen zu schauen, und die Entstehung ihrer Gesinnungen und Leidenschaften, Entwurfe und Absichten, und alles was sie sich selbst von den Beweggrunden und Tendenzen ihrer Handlungen bewusst sind, ohne ein verfalschendes Medium in ihrer Seele zu lesen. Aus Mangel eines solchen Sinnes bleiben die wahren Ursachen der Begebenheiten in ihren reinen Verhaltnissen mit den Wirkungen immer zweideutig und ungewiss; das ausserlich Geschehene liegt wie ein unaufgelostes Rathsel vor uns, und der Geschichtschreiber, der den Verstand seiner Leser zu befriedigen wunscht, sieht sich genothigt zu den Kunsten des Wahrsagers, Dichters und Malers seine Zuflucht zu nehmen. Aber auch ohne dieses Hinderniss wird es ihm schon allein dadurch unmoglich ganz wahr zu seyn, dass er, unvermogend sich selbst aus dem festen Punkt seiner Individualitat herauszurucken, Personen, Handlungen und Ereignisse niemals sehen kann wie sie sind, sondern nur wie sie ihm, aus dem Gesichtspunkt woraus er sie ansieht, erscheinen. Ueberzeugt von allem diesem, sagte ich, als ich mich entschloss die Geschichte des Dionysius zu schreiben, zu mir selbst: da du keine Milesische Fabel, sondern Dinge, die unter deinen Augen geschahen und bei denen du selbst keine unbedeutende Rolle spieltest, erzahlen willst, so ist es allerdings deine Pflicht, so wahrhaft zu seyn als dir nur immer moglich ist; aber zum Unmoglichen bist du nicht verbunden. Du konntest nicht alles sehen, nicht allenthalben seyn; und wie ernstlich du auch unparteiisch seyn wolltest, du kannst es nicht seyn! Du bist weder ein Gott noch ein Platonischer Mensch, sondern Philistus, Archomenides Sohn, ein Verwandter, Freund und Gehulfe des Mannes, dessen Geschichte du erzahlen willst, und es geziemt dir, die Personen und Begebenheiten so darzustellen, wie sie dir unter allen den Verhaltnissen, worin du mit ihnen standest, erschienen und erscheinen mussten. Nur so kannst du wahr und mit dir selbst einig seyn, gesetzt auch dass du ofters getauscht wurdest. Der unfehlbarste Weg, die Welt mit einer ungetreuen und verschrobenen Erzahlung zu belugen, ware, wenn du aus dir selbst herausgehen, und, unter dem Vorwand desto unparteiischer zu seyn, einen Gesichtspunkt, aus welchem du die Dinge nicht gesehen hattest, aber gesehen zu haben schienest, erdichten wolltest. Diess, Aristipp, ist der Kanon, nach welchem ich die Geschichte, uber die so viel Schiefes und Leidenschaftliches zu Syrakus und Athen gesprochen wird, gearbeitet habe, und nach welchem allein ich mit Billigkeit beurtheilt werden kann. Auch keiner meiner Richter ist unparteiisch; er ist, seiner eignen Sinnesart und Vorstellung zufolge, mehr oder weniger geneigt, den Dionysius und seinen Geschichtschreiber in einem gunstigen oder ungunstigen Lichte zu sehen; und diese uns selbst oft verborgene, von den Sachen ganz unabhangige Zu- oder Abneigung besticht unser Urtheil viel ofter als der grosse Haufe glaubt. Mein Wille war, gerecht gegen Dionysius zu seyn; aber da ich ihn liebte und seine Erhebung zum Theil mein Werk war, so war' es Vermessenheit, wenn ich laugnen wollte, dass dieser zweifache Umstand gar keinen Einfluss auf die Zeichnung, Farbung und Haltung meines Gemaldes gehabt habe: denn wenn ich alles, was in seinem Charakter und in seinen Handlungen zweideutig ist, zu seinem Vortheil deutete, glaubte ich auch hierin bloss gerecht zu seyn. Uebrigens gestehe ich zwar, dass mir im Schreiben der Gedanke ofters kam: 'Dionysius, wenn er in meiner Geschichte auch nicht die leiseste Spur einer durch sein hartes Verfahren gegen mich gereizten Empfindlichkeit entdecken konnte, wurde sich desto eher bewogen finden, mir seine Gunst und sein Vertrauen wieder zu schenken:' aber wenn ich das Gegentheil auch vorausgesehen hatte, wurde ich doch, um meiner selbst willen, nicht das Geringste geandert oder weggelassen haben."
Mich daucht, Learch, es ist in dieser Erklarung Philists etwas Offenherziges, das fur eine Art Ersatz dessen, was seiner Rechtfertigung abgehen mag, gelten kann. Uebrigens ist, wie gesagt, sein ganzes Betragen so beschaffen, dass ich nichts zu wagen glaube, wenn ich mich, falls es gefordert wurde, dafur verburgte, dass er mit nichts umgeht, was zu dem mindesten Argwohn Ursache geben konnte. War' es anders, so hatte er zu Bearbeitung irgend eines dem Dionysius unangenehmen Anschlags keinen ungeschicktern Ort als Cyrene wahlen konnen. Er wird, ungeachtet des guten Zutrauens so man ihm zeigt, sehr genau beobachtet, und es ist den Cyrenern zu viel an ihren Handlungsverhaltnissen mit Syrakus gelegen, als dass sie die Gunst eines Fursten, den noch niemand ungestraft beleidigt hat, um des Philistus willen verscherzen sollten.
15.
Learch an Aristipp.
Ich will dir nicht verbergen, lieber Aristipp, dass es (wie du zu vermuthen scheinst) Dionysius selbst war, von dem ich durch einen Freund in Syrakus ersucht wurde, mich bei dir nach Philisten zu erkundigen. Wie wenig dieser auch bisher durch sein Betragen wahrend seiner Verbannung aus Sicilien Anlass gegeben, ihm heimliche Anschlage und Vorkehrungen zu einer eigenmachtigen Ruckkehr zuzutrauen, so gewiss scheint es doch, dass der alte Tyrann (der mit dem zunehmenden Gefuhl der Abnahme seiner Krafte immer misstrauischer und argwohnischer wird) durch das schnelle Verschwinden Philist's aus Italien und durch seinen Aufenthalt in einem weit entfernten Freistaat (wo es um so leichter scheint, die Anstalten zu einer solchen Unternehmung zu verheimlichen) merklich beunruhigt worden ist; zumal da sein Bruder Leptines zeither neue sehr ernstliche Versuche gemacht hat, ihn zur Zuruckberufung seines Schwiegersohnes zu vermogen. Mehr bedurfte es nicht, um den Verdacht bei ihm zu erregen, dass man mit einem Entwurf schwanger gehe, dessen Ausfuhrung seine Einwilligung allenfalls entbehrlich machen konnte. Wenn ich den Dionysius recht kenne, ist es indessen doch weniger die Furcht, dass Philist etwas gegen seine Person zu unternehmen fahig sey, als sein Widerwille, einem so schwer beleidigten ehmaligen Freund wieder ins Gesicht zu sehen, und wenigstens stillschweigende Vorwurfe eines kaum verzeihlichen Undanks in seinen Augen zu lesen, was den stolzen alten Selbstherrscher so unbeweglich gegen die Vorstellungen seines Bruders und die anhaltenden Bitten der Frauen des Palastes macht. Bei so bewandten Dingen habe ich fur gut befunden, ihm deinen Brief an mich in der Urschrift mitzutheilen, um ihn desto eher zu uberzeugen, dass er sich von dieser Seite vollig sicher halten konne. Er hat mir eine fur dich und mich sehr schmeichelhafte Antwort geben lassen; aber dass ich meine Absicht nur sehr unvollkommen erreicht habe, davon werdet ihr in kurzem einen Beweis in der Erscheinung eines Abgesandten sehen, der bei eurer Republik um die Erlaubniss ansuchen soll, hundert Freiwillige, aber geborne und angesessene Angehorige von Cyrene, unter sehr annehmlichen Bedingungen zu Vermehrung der Leibwache des Tyrannen anzuwerben. Dass der Abgeordnete neben diesem offentlichen noch einen geheimen Auftrag hat, wozu jener nur der Vorwand ist, namlich Philisten aufs genaueste zu beobachten, brauche ich dir nicht erst zu sagen; denn auf alle Falle ist die bisherige Leibgarde stark genug, um durch den Zuwachs von hundert Cyrenischen Bauerjungen nicht viel furchtbarer zu werden. Inzwischen ist auch Leptines uberall von Spaheraugen umringt, und ihm sowohl als allen andern Syrakusiern ist alle Gemeinschaft mit Philisten von neuem aufs scharfste untersagt. Dieser wird also wohl thun, sich mehr als jemals ruhig zu verhalten. Vielleicht ist die Zeit seiner Erlosung naher als er glaubt. Denn die Gesundheit des Alten soll in so grossen Verfall gerathen seyn, dass (wie die Rede geht) alle Kunst der Hippokratischen Schule sein Leben hochstens noch ein paar Jahre fristen kann, wenn anders seine Leibarzte nicht etwa aus Gefalligkeit gegen den Nachfolger in Versuchung gerathen, es vielmehr abzukurzen als zu verlangern. Uebrigens kann ich ihm nicht sehr verdenken, wenn er gegen alles, was sich ihm nahert, immer misstrauischer wird, seitdem die Welt an dem beruhmten Thessalier Jason ein neues Beispiel gesehen hat, wie unsicher das Leben solcher Fursten ist, die sich, ohne einen andern Titel, als das stolze Gefuhl ihrer personlichen Ueberlegenheit, aus dem Privatstand auf den Thron geschwungen haben. Seit dem Peleiden Achilles brachte Thessalien keinen Mann hervor, der wurdiger war ein Konig zu seyn als Jason; und wenn Dionys ihm auch an den Talenten, die dazu erfordert werden, gleich oder vielleicht noch uberlegen war, so stand er hingegen an allem, was den Menschen Zutrauen und Liebe abgewinnen kann, desto weiter unter ihm. Gleichwohl musste der grossherzige Jason schon im vierten Jahre seiner Regierung unter Morderhanden fallen, und der verhasste Dionysius beherrscht die unlenksamen Sicilier schon im sechsunddreissigsten! Diess sollte, scheint es, diesen sicher machen; aber das Bewusstseyn, wie viele Gewalt und List, welche nie ermudende Wachsamkeit und Anstrengung es ihm gekostet sich so lange zu erhalten, wirkt gerade das Gegentheil. Diese sich immer auf allen Seiten vorsehende, allenthalben hinlauschende, argwohnische, uberall Gefahr witternde Aufmerksamkeit ist ihm zur andern Natur geworden; sie besteht sogar mit der hohnischen faunenhaften Art von lustigmacherischer Laune, die ihm eigen ist. Daher glaube ich auch, dass er bei weitem nicht so unglucklich ist, als Plato seinen Tyrannen schildert; ungeachtet er das Misstrauen so weit treibt, dass niemand (selbst seinen Bruder und seine Gemahlin nicht ausgenommen) sich ihm nahern darf, ohne vorher aufs genaueste durchsucht worden zu seyn, und dass er sich in seinen Wohnzimmern bloss von zehnjahrigen Kindern in leichtem fliegendem Gewande, wie unsre Maler die Zephyrn und kleinen Liebesgotter zu kleiden pflegen, bedienen lasst. Diese vorsichtigen Massnehmungen mogen nicht ganz uberflussig seyn; ob sie aber auch gegen die Trankchen seiner Leibarzte helfen werden, muss die Zeit lehren.
Was Philists Sicilische Geschichte betrifft, so denke ich, wie du, dass ihm niemand wehren konnte, einen Mann, der von seinen Gegnern vor der ganzen Hellas verleumdet wird, in eine Beleuchtung zu stellen, worin die grossen und guten Eigenschaften, die ihm seine bittersten Feinde selbst kaum streitig machen konnen, so stark hervorstechen, dass sie eine dem Ganzen vortheilhafte Wirkung thun. Was ich tadeln mochte, ist bloss, dass er diese seine Absicht nicht besser zu verbergen gewusst hat. Gern will ich ihm zugeben, dass derjenige, der eine ganzliche Unparteilichkeit fur etwas Unmogliches halt, nicht verbunden ist, ganz unparteiisch zu seyn; aber es zu scheinen, liegt allerdings jedem Geschichtschreiber ob, dem es Ernst ist, die Leser fur seinen Helden zu gewinnen. Diess weiss Philistus so gut als ich, und da er demungeachtet den Schein der Parteilichkeit nicht vermieden hat, so ist ziemlich klar, dass er bei Abfassung seiner Geschichte mehr an Dionysen als an die Leser dachte, und sich lieber bei diesen in den Verdacht der Schmeichelei setzen, als etwas, das jenem missfallen konnte, schreiben wollte. Gegen diesen Vorwurf wird er sich schwerlich rechtfertigen konnen, und was daraus zum Nachtheil seiner Geschichte und seines Helden gefolgert wird, brauche ich dir nicht erst zu sagen.
16.
Antipater an Diogenes.
Mehr als zehn Jahre sind schon verflossen, seit ich mit Aristipp bekannt wurde, und das Gluck hatte, seines Umgangs wahrend eines grossen Theils dieser Zeit taglich zu geniessen. Ich habe ihn in mancherlei Lagen und Verhaltnissen gesehen und beobachtet; oder, richtiger zu reden, er zeigte sich mir immer so offen, unzuruckhaltend und anspruchlos, dass ich, um ihn kennen zu lernen, nichts als das Paar gesunde Augen brauchte, womit mich die Natur ausgestattet hat. Es musste also nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn ich von den Grundsatzen, die er in seinem Leben befolgt (und er hat keine andern) nicht besser unterrichtet seyn sollte, als Leute die ihn bloss von Horensagen kennen, oder aus einem zufalligen Umgang und im Flug aufgeschnappten einzelnen Worten uber ihn abzusprechen sich vermessen.
Du wirst dich daher nicht wundern, Freund Diogenes, wenn ich dir sage, dass ich nicht ohne Unwillen horen kann, mit welcher Dreistigkeit er noch immer von einigen Sokratikern, besonders von den eifrigsten Anhangern der Akademie, offentlich beschuldigt wird, dass er die Grundsatze des gemeinschaftlichen Meisters der Athenischen Schule nicht nur verfalsche, sondern sogar das formliche Gegentheil derselben lehre und ausube, indem er die Wollust, und zwar bloss die korperliche oder den groben thierischen Sinnenkitzel, fur das hochste Gut des Menschen erklare, ausdrucklich behauptend: es gebe kein anderes Vergnugen als die Sinnenlust, und alles ubrige bestehe bloss in leeren Einbildungen, womit nur Leute sich zu tauschen suchten, denen es an den Mitteln fehle, sich den wirklichen Genuss aller Arten von sinnlichen Vergnugungen zu verschaffen.
Ich gestehe dir, Diogenes, meine Geduld reisst, wenn ich diese alten abgeschmackten Verleumdungen noch immer von Mannern, denen der Name Sokratiker zur Beglaubigung dient, erneuern, und, auf deren Verantwortung, aus so manchen schnatternden Gansehalsen und gahnenden Eselskinnladen widerhallen hore; und mehr als einmal bin ich schon im Begriff gewesen, nach der Aristophanischen Geissel zu langen und die Thoren offentlich dafur zu zuchtigen, wenn mich nicht die Achtung fur Aristippen, der keiner Rechtfertigung bedarf, und die Verachtung seiner Verleumder, die der Zuchtigung nicht werth sind, jedesmal zuruckgehalten hatte. Indessen kann ich mir doch die Befriedigung nicht versagen, wenigstens dir, mein alter Freund, wiewohl du es (denke ich) nicht schlechterdings vonnothen hast, einen Aufschluss uber diese Sache zu geben, der dir begreiflich machen wird, wie eine so alberne Sage unter den morosophirenden43 Mussiggangern und Schwatzern zu Athen entstehen konnte.
Den ersten Anlass mag wohl der starke Abstich gegeben haben, den die verhaltnissmassig etwas uppige Lebensweise Aristipps mit dem schlechten Aufzug und der sehr magern Diat der meisten Sokratiker und des Meisters selbst machte, und der jenen um so anstossiger seyn mochte, weil er im ersten Jahre seines Umgangs mit Sokrates sich ihnen in allem ziemlich gleich gestellt hatte. Indessen war Aristipp nicht der einzige, der sich auf diese Art auszeichnete; mehrere beguterte Freunde des Weisen lebten auf einem ihrem Vermogen angemessenen Fuss, und er selbst (sagt man) war weit entfernt mit seiner Armuth zu prunken, und diejenigen mit stolzer Verachtung anzusehen, die nicht, wie er, von einem Triobolon des Tages leben wollten, weil sie wollen mussten. Warum wurde denn Aristippen allein so ubel genommen, was man an andern nicht ungehorig fand? Ohne Zweifel lag der wahre Grund darin, dass Aristipp uberhaupt nicht recht zu den meisten Sokratikern passte, und da er diess bald genug gewahr wurde, von Zeit zu Zeit aus ihrem Kreise heraustrat und sich auch mit andern, die nicht zu ihnen gehorten, sogar mit einem Hippias und Aristophanes, in freundschaftliche Verhaltnisse setzte. Hierzu kam noch, dass er, bei aller seiner Verehrung fur den Geist und Charakter des Sokrates, eben so wenig zum Nachtreter und Widerhall desselben geboren war als Plato, und sich eben so wenig verbunden hielt uber alle Dinge einerlei Meinung mit ihm zu seyn, als sich ihm in seiner absichtlichen Beschrankung auf das Unentbehrliche gleich zu stellen. So reizten z.B. eine Menge wissenschaftlicher Gegenstande seine Neugier, welche Sokrates fur unnutze Grubeleien erklarte; und so machte er auch kein Geheimniss daraus, dass der Attische Weise ihm die eigentliche Lebensphilosophie zu sehr in den engen Kreis des burgerlichen Lebens und auf das Bedurfniss eines Attischen Burgers einzuschranken scheine; da er selbst hingegen schon damals Trieb und Kraft in sich fuhlte, einen freiern Schwung zu nehmen, und die Verhaltnisse des Burgers von Cyrene den hohern und edlern des Kosmopoliten, wo nicht aufzuopfern, doch nachzusetzen.
Indessen hinderte diess alles nicht, dass Aristipp, so lange Sokrates lebte, fur einen seiner Freunde und Homileten44 vom engern Ausschuss, und selbst in Ansehung des Wesentlichsten seiner Philosophie fur einen Sokratiker galt. Als aber nach dem Tode des Meisters Antisthenes und Plato sich an die Spitze dessen, was man jetzt die Sokratische Schule zu nennen anfing, stellten, und die Stifter zweier Secten wurden, welche, ihrer Verschiedenheit in andern Stucken ungeachtet, darin ubereinkamen, dass sie gewisse Sokratische Grundbegriffe und Maximen weit uber den Sinn des Meisters und bis auf die ausserste Spitze trieben: so musste nun, wie Aristipp von seinen langen Wanderungen nach Athen zuruckkam und ebenfalls eine Art von Sokratischer Schule eroffnete, nothwendig eine offentliche Trennung erfolgen, wobei die Pflichten der Gerechtigkeit und Anstandigkeit, wenigstens auf Einer Seite, ziemlich ins Gedrange kamen. Beide, Plato und Antisthenes, sprachen von allen Vergnugungen, woran der Korper Antheil nimmt, mit der tiefsten Verachtung: dieser, weil er "nichts bedurfen" fur ein Vorrecht der Gottheit hielt, und also, nach ihm, der nachste Weg zur hochsten Vollkommenheit ist, sich, ausser dem schlechterdings Unentbehrlichen, alles zu versagen was zum animalischen Leben gerechnet werden kann; jener, weil er den Leib fur den Kerker der Seele, und die Ertodtung aller sinnlichen Triebe fur das kurzeste Mittel ansieht, das innere Leben des Geistes frei zu machen, und die Seele aus der Traumwelt wesenloser Erscheinungen zum unmittelbaren Anschauen des allein Wahren, der ewigen Ideen und des ursprunglichen Lichts, worin sie sichtbar werden, zu erheben. Aristipp, dem alles Uebertriebene, Angemasste und uber die Proportionen der menschlichen Natur Hinausschwellende lacherlich oder widrig ist, mochte sich, als er noch zu Athen lebte, bei Gelegenheit erlaubt haben, uber diese philosophischen Solocismen45 seiner ehemaligen Lehrgenossen in einem Tone zu scherzen, den der sauertopfische Antisthenes so wenig als der feierliche Plato leiden konnte. Beide rachten sich (jeder seinem Charakter gemass, jener gallicht und plump, dieser fein und kaltblutig) durch die Verachtung, womit sie von dem Manne und seiner Lehre sprachen. Aristippen hiess die Sinnenlust eben sowohl ein Gut als irgend ein anderes; er sah keinen Grund, warum er es uber diesen Punkt nicht mit dem ganzen menschlichen Geschlecht halten sollte, welches stillschweigend ubereingekommen ist, alles gut zu nennen, was dem Menschen wohl bekommt; ja er war so weit gegangen, zu behaupten: auch das geistigste Vergnugen sey im Grunde sinnlich, und theile den Organen des Gefuhls eine Art angenehmer Bewegung mit, deren Aehnlichkeit und Verwandtschaft mit andern korperlichen Wollusten von jedem sich selbst genau beobachtenden nicht verkannt werden konne. Diese Satze wurden, ohne dass man sich auf ihre Beweise und genauere Erorterung einliess, in der Akademie und im Cynosarges fur ubeltonend und antisokratisch erklart; und so erzeugte sich unvermerkt bei allen, denen Aristipp nicht besser als von blossem Ansehen oder Horensagen bekannt war, jene ungereimte Meinung, die ihm und seinen Freunden von den Anhangern der beiden Tyrannen, die sich damals in die Beherrschung der philosophischen Republik theilten, den Spitznamen Wollustler (Hedoniker) zugezogen haben. Das Missverstandniss ware leicht zu heben gewesen, oder wurde vielmehr gar nicht stattgefunden haben, wenn jene Herren nicht so einseitig und steifsinnig waren, ihre personliche Vorstellungsart zum allgemeinen Kanon der Wahrheit zu machen. Die meisten Fehden uber solche Dinge horten von selbst auf, wenn die verschieden Redenden vor allen Dingen gelassen untersuchen wollten, ob sie auch wirklich verschieden denken; und in zehn Fallen gegen einen wurde sogleich Friede unter den Kampfern werden, wenn sie anstatt um Worte zu fechten und in der Hitze der Rechthaberei sich selbst immer arger zu verwickeln, die Begriffe kaltblutig auseinander setzen und, so weit es angeht, in ihre einfachsten Elemente auflosen wollten. Daher kommt es ohne Zweifel, dass Aristipp in solchen Fallen immer das allgemeine Wahrheitsgefuhl der Zuhorer auf einer Seite hat. Wie stark auch das gegen ihn gefasste Vorurtheil bei einer sonst unbefangenen Person seyn mag, sobald er sich erklart hat, wird man entweder seiner Meinung, oder sieht, dass man es bereits gewesen war und sich die Sache nur nicht deutlich genug gemacht hatte; oder man begreift wenigstens, wenn man gleich selbst nicht vollig uberzeugt ist, wie es zugeht, dass andere verstandige Leute seiner Meinung seyn konnen.
Mit Plato und Antisthenes hat es nun freilich eine andere Bewandtniss. Ihre Philosophie ist von Aristipps zu sehr verschieden, um eine Vereinigung zuzulassen. Die seinige begnugt sich menschliche Thiere zu Menschen zu bilden was jenen zu wenig ist; die ihrige vermisst sich Menschen zu Gottern umzuschaffen, was ihm zu viel scheint. Sie gehen von Begriffen und Grundsatzen aus, die mit den seinigen in offenbarem Widerspruch stehen. Die Fehde zwischen ihnen kann also nur durch eine Unterwerfung aufhoren, zu welcher wohl keine von den streitenden Machten sich je verstehen wird. Ich verlange aber auch fur meinen Lehrer und Freund sonst nichts von ihnen, als nur nicht unbilliger gegen ihn zu seyn, als er gegen sie ist. Mogen sie doch sein System mit stolzem Naserumpfen verhohnen, oder mit gerunzelter Stirne verdammen! Nur verfalschen sollen sie es nicht.
Uebrigens ist bekannt genug, oder konnt' es wenigstens seyn, dass Aristipp nie eine eigene philosophische Secte zu stiften begehrt, und so wenig als Xenophon oder Sokrates selbst, seine Lebensweisheit jemals schulmassig gelehrt hat. Denn dass er vor vielen Jahren, wahrend seines letzten Aufenthalts in Athen, die Philosophie des Sokrates einigen Liebhabern, die sich schlechterdings nicht abweisen lassen wollten, zu grossem Aergerniss der ubrigen Sokratiker, um baare Bezahlung, unverandert und ohne etwas von dem Seinigen hinzuzuthun, vorgetragen, gehort nicht hierher. Er that damit nichts anders, als was ein Maler thut, wenn er eine mit allem Fleiss gearbeitete Copei eines beruhmten Gemaldes eines altern Meisters, nicht fur das Urbild selbst, sondern fur das was es ist, fur ein Nachbild verhandelt. Das, was man seine eigene Philosophie nennen kann, stellt er weniger in mundlichen und schriftlichen Unterweisungen als in seinem Leben dar; ob er gleich kein Bedenken tragt, seine Art uber die menschlichen Dinge zu denken. und die Grunde, die sein Urtheil, es sey nun zum Entscheiden oder zum Zweifeln, bestimmen, bei Gelegenheit an den Tag zu geben, zumal in Gesellschaften, die zu einer freien und muntern Unterhaltung geeignet sind. Unter vertrautern und kampflustigen Freunden lasst er sich auch wohl in dialektische Gefechte ein, wo es oft zwischen Scherz und Ernst so hitzig zugeht, als ob um einen Olympischen Siegeskranz gerungen wurde; aber auch diese Spiegelgefechte endigen sich doch immer, wie alle Kampfe dieser Art billig endigen sollten: namlich dass die Ermudung der Kampfer dem Spiel ein Ende macht, und jeder mit heiler Haut, d.i. mit seiner eigenen unverletzten Meinung davon geht, zufrieden sich wie ein Meister der Kunst gewehrt zu haben, und die Zuhorer ungewiss zu lassen, welcher von beiden der Sieger oder der Besiegte sey. Ich will damit keinesweges sagen, dass Aristipp von seinem System, in wiefern es ihm selbst zum Kanon seiner Vorstellungsart und seines praktischen Lebens dient, nicht wenigstens eben so gut uberzeugt sey als Plato von dem seinigen; nur glaubt er nicht, dass eine ihm selbst angemessene Denkweise und Lebensordnung sich darum auch fur alle andern schicken, oder was ihm als wahr erscheint, auch von allen andern fur wahr erkannt werden musse.
Gestehe, Diogenes, dass man mit einem so anspruchlosen Geistescharakter eher alles andere als ein Sectenstifter seyn wird, und dass es sogar widersinnisch ist, denjenigen dazu machen zu wollen, der eben darum, weil er seine Art zu denken und zu leben unter seine personlichen und eigenthumlichen Besitzthumer rechnet, andern nur so viel davon mittheilt, als sie selbst urtheilen, dass ihnen ihrer innern Verfassung und ihren ausserlichen Umstanden nach zutraglich seyn konne.
Uebrigens sehe ich nicht, warum er nicht eben so gut als andere berechtigt ware, seine Grundbegriffe fur allgemein wahr und brauchbar zu geben. Was er unter jener, seinen Tadlern so unbillig verhassten Hedone (welche, nach ihm, das Wesen der menschlichen Gluckseligkeit ausmacht) versteht, ist nicht Genuss wollustiger Augenblicke, sondern dauernder Zustand eines angenehmen Selbstgefuhls, worin Zufriedenheit und Wohlgefallen am Gegenwartigen mit angenehmer Erinnerung des Vergangenen und heiterer Aussicht in die Zukunft ein so harmonisches Ganzes ausmacht, als das gemeine Loos der Sterblichen, das Schicksal, uber welches wir gar nichts und der Zufall, uber den wir nur wenig vermogen, nur immer gestatten will. Ist etwa die Eudamonie der andern Sokratiker im Grunde etwas anders als ein solcher Zustand? Warum halt man sich, anstatt sich um Worte und Formeln zu entzweien, nicht lieber an das, worin alle ubereinkommen? Wer wunscht nicht so glucklich zu seyn als nur immer moglich ist? Und, wie verschieden auch die Quellen sind, woraus die Menschen ihr Vergnugen schopfen, ist das Vergnugen an sich selbst nicht bei allen eben dasselbe? Warum soll es Aristippen nicht eben so wohl als andern erlaubt seyn, Worte, die der gemeine Gebrauch unvermerkt abgewurdigt hat, wieder zu Ehren zu ziehen und z.B. die schuldlose Hedone, wiewohl sie gewohnlich nur von den angenehmen Gefuhlen der Sinne gebraucht wird, zu Bezeichnung eines Begriffs, der alle Arten zusammenfasst, zu erheben? Dass durch einen weisen Genuss alle unsrer Natur gemassen Vergnugungen, sinnliche und geistige, sich nicht nur im Begriff, sondern im Leben selbst sehr schon und harmonisch vereinigen lassen, hat Aristipp noch mehr an seinem Beispiel als durch seine Lehre dargethan. Seine Philosophie ist eine Kunst des Lebens unter allen Umstanden froh zu werden, und bloss zu diesem Ende, sich von Schicksal und Zufall, und uberhaupt von aller fremden Einwirkung so unabhangig zu machen als moglich. Nicht wer alles entbehren, sondern wer alles geniessen konnte, war' ein Gott; und nur, weil die Gotter das letztere sich selbst vorbehalten, den armen Sterblichen hingegen uber alle die Uebel, welche sie sich selbst zuziehen, noch so viel Noth und Elend von aussen aufgeladen haben als sie nur immer tragen konnen, nur aus diesem Grund ist es nothwendig, dass der Mensch entbehren lerne was er entweder gar nicht erreichen kann, oder nur durch Aufopferung eines grossern Gutes sich verschaffen konnte.
Doch ich sehe, dass ich mich unvermerkt in Erorterungen einlasse, die zu meiner Absicht sehr entbehrlich sind. Denn es versteht sich, dass ich dich nicht zur Philosophie Aristipps bekehren, sondern nur geneigt machen mochte, dich des Charakters eines Mannes, den ich als einen der edelsten und liebenswurdigsten Sterblichen kenne, bei Gelegenheit mit so viel Warme, als deiner wohlbekannten Kaltblutigkeit zuzumuthen ist, gegen seine unbilligen Verachter anzunehmen. Ich befriedige dadurch bloss mein eigenes Herz; Aristipp weiss nichts von diesem Briefe, und scheint sich uberhaupt um alles, was seine ehemaligen Mitschuler von ihm sagen und schreiben, wenig zu bekummern. Indessen nahrt er doch fur die Athener noch immer eine Art von Vorliebe, die ihn uber ihre gute oder bose Meinung von ihm nicht so ganz gleichgultig seyn lasst als er das Ansehen haben will. Zuweilen wenn die Rede von den Albernheiten, Unarten und Verkehrtheiten ist, wodurch sie ehemals dem Witz ihres Aristophanes so reichen Stoff zu unerschopflichen Spottereien und Neckereien gegeben haben, sollte man zwar meinen, er denke nicht gut genug von ihnen, um sich viel aus ihrem Urtheil zu machen: aber im Grund entspringt sein bitterster Tadel bloss aus dem Unmuth eines Liebhabers, der sich wider seinen Willen gestehen muss, dass seine Geliebte mit Mangeln und Untugenden behaftet ist, die es ihm unmoglich machen sie hoch zu achten, und worin sie sich selbst so wohl gefallt, dass keine Besserung zu hoffen ist.
Ich hore, dass du seit dem Tode des alten Antisthenes nach Athen zuruckgekehrt seyest, um, wie man sagt, von seiner Schule im Cynosarges Besitz zu nehmen, da du itzt als das Haupt der von ihm gestifteten Secte betrachtet werdest. Ich kenne dich zu gut, Freund Diogenes, um nicht zu wissen, wie diess zu verstehen ist. Du wirst so wenig als Sokrates und Aristipp in dem gewohnlichen Sinn des Worts, an der Spitze einer Schule oder Secte stehen wollen, und deine Philosophie lasst sich so wenig als die ihrige durch Unterweisung lernen. Aber die Athener bedurfen deines scherzenden und spottenden Sittenrichteramts mehr als jemals; und wenn gleich wenig Hoffnung ist, dass du sie weiser und besser machen werdest, so kann es ihnen doch nicht schaden, einen freien Mann, dessen sammtliche Bedurfnisse auf einen Stecken in der Hand und eine Tasche voll Wolfsbohnen am Gurtel eingeschrankt sind, unter sich herum gehen zu sehen, der sie alle Augenblicke in den Spiegel der Wahrheit zu sehen nothigt, und ihnen wenigstens das tauschende Vergnugen des Wohlgefallens an ihrer eignen Hasslichkeit moglichst zu verkummern sucht. Wenn deine Gegenwart endlich ihnen, oder ihre unheilbare Narrheit dir, gar zu lastig fiele, so wirst du die Arme deiner Freunde in Korinth immer wieder offen finden; und sollte dich zuletzt die ganze Hellas nicht mehr ertragen konnen, so lass' dich irgend eine freundliche Nereide an die Kuste Libyens zu deinem Antipater geleiten, der die Tage, die er in seiner Jugend mit dir verlebte, und die traulichen Wallfahrten nach dem Eselsberg, und die Schwimmpartien nach dem Inselchen Psyttalia, immer unter seine angenehmsten Erinnerungen zahlen wird.
17.
Diogenes an Antipater.
Weder der hoffartige Gedanke meinen alten Meister ersetzen zu wollen, noch ein Cynischer Trieb die Laster und Thorheiten der edeln Theseiden anzubellen, hat mich von Korinth nach Athen zuruckgerufen, Freund Antipater. Die blosse Neigung zur Veranderung, die dem Menschen so naturlich ist war' es nur um sich selbst eine Probe seiner Freiheit zu geben ist allein schon hinlanglich eine so unbedeutende Begebenheit zu erklaren; wenn auch der Reiz, womit Pallas Athene ihren Lieblingssitz vor allen andern Stadten der Welt so reichlich begabt hat, fur einen Weltburger meiner Art weniger Anziehendes hatte als fur andre Menschen. Indessen kam doch noch ein anderer Bewegungsgrund hinzu, ohne welchen ich mich vielleicht dennoch nicht entschlossen hatte, meinem lieben Mussiggang zu Korinth wo sich, Dank sey den Gottern! schon lange niemand mehr um mich bekummert, und meinem kleinen sonnichten Winzerhuttchen (seines Umfangs wegen mein Fass genannt), aus blossem Muthwillen zu entsagen.
Wisse also, mein Lieber, dass ich vor einiger Zeit, zufalligerweise, mit einem jungen Thebaner in Bekanntschaft gerieth, der mit der vollstandigsten Aussenseite des Homerischen Thersites eine so schone Seele und eine so frohsinnige Unbefangenheit verbindet, dass der tugendhafteste aller Paderasten, Sokrates selbst, seinem bekannten Vorurtheil fur die korperliche Schonheit zu Trotz, sich in ihn verliebt hatte, wenn er dreissig bis vierzig Jahre fruher zur Welt gekommen ware. Schwerlich ist dir jemals eine so possierlich hassliche Missgestalt vor die Augen gekommen, und es sollte sogar dem sauertopfischen Heraklites kaum moglich gewesen seyn, uber den komischen Ausdruck, womit alle Theile seines Gesichts einander anzustaunen scheinen, nicht zum erstenmal in seinem Leben zu lacheln. Glucklicherweise fur den Inhaber dieser seltsamen Larve leuchtet dem, der ihm herzhaft ins Gesicht schaut, ich weiss nicht was fur ein unnennbares Etwas entgegen, welches zugleich Ernst gebietet und Zuneigung einflosst, und einen jeden, dem es nicht ganzlich an Sinn fur die energische Sprache, worin eine Seele die andere anspricht, fehlt, in wenig Augenblicken mit der Ungereimtheit seiner Gestalt und Gesichtsbildung aussohnt.
Ich weiss nicht wie es zuging, dass er, ohne an den Fransen meines ziemlich abgelebten Mantels Anstoss zu nehmen, nicht weniger Geschmack an meiner Person zu finden schien als ich an der seinigen. Genug, wir fuhlten uns gegenseitig von einander angezogen, und in wenigen Stunden war der Grund zu einer Freundschaft gelegt, welche vermuthlich langer dauern wird als unsre Mantel. Krates (so nennt sich mein junger Bootier) ist der einzige Sohn eines sehr reichen Mannes, der sein Leben unter rastlosen Anstrengungen, Sorgen und Entbehrungen mit der edeln Beschaftigung zugebracht hat, sein Vermogen alle zehn Jahre zu verdoppeln; und der nun, da ihm nachst seinem Geldkasten nichts so sehr am Herzen liegt als das Gluck seines Sohnes, alles Mogliche thut, um diesen zu eben derselben Lebensweise, in welcher er das seinige gefunden, anzuhalten. Zu grossem Schmerz des alten Harpagons zeigt der junge Mensch so wenig Lust und Anlage dazu, dass, im Gegentheil, unter allen moglichen Dingen, womit der menschliche Geist sich befassen kann, die Rechentafel ihm gerade das verhassteste ist; und nur aus Gehorsam gegen einen beinahe achtzigjahrigen Vater, der zwar noch immer wachend und schlafend auf seinen Geldsacken zahlt und rechnet, aber nicht Krafte genug ubrig hat, seinen Geschaften ausser dem Hause nachzugehen unterzieht er sich den Auftragen, womit ihn der Alte uberhauft, um ihm keine Zeit zu solchen Beschaftigungen zu lassen, die in seinen Augen nichts als zeitverderbender Mussiggang sind. Der Auftrag, eine alte Schuld zu Korinth einzufordern, gab indessen Gelegenheit zu unsrer Bekanntschaft, welche Krates als den einzigen wahren Gewinn betrachtete, den er von dieser Reise mit nach Hause bringe. Wirklich fuhlte er sich stark versucht die Ruckreise gar einzustellen, und ich musste alle meine Macht uber sein Gemuth aufbieten, um ihn zu bewegen, dass er die Ausfuhrung seines neuen Lebensplans wenigstens nur so lange aufschieben mochte, als sie mit der Pflicht gegen seinen alten Vater unvereinbar war. Vor kurzem berichtete mich mein junger Freund, dass der Tod des Alten ihm endlich die Freiheit gegeben habe, seiner Neigung zu folgen, und seinen Geist aller der schweren Gewichte zu entledigen, die ihm, so lange er sie an sich hangen hatte, den reinen Genuss seines Daseyns unmoglich machten. Er habe, um der verhassten Last je eher je lieber los zu werden, bereits seine ganze Erbschaft, die sich auf nicht weniger als dreihundert Talente belaufe, mit Vorbehalt dessen, was er etwa selbst zu Bestreitung des Unentbehrlichsten nothig haben konnte, unter seine Verwandten und Mitburger ausgetheilt, und sey nun im Begriff, Athen wofern ich mich entschliessen wurde, es mit dem uppigen und gerauschvollen Korinth zu vertauschen oder, widrigenfalls, das letztere, wiewohl ungern, zu seinem kunftigen Aufenthalt zu wahlen.
Was dunkt dich von diesem jungen Menschen, Antipater? Hier ist mehr als Antisthenes und Diogenes, mehr als Plato und Aristipp, nicht wahr? Ich gestehe dir unverhohlen, hatte mich die wackelkopfige Gottin Tyche nicht, sehr gegen meinen Willen, um mein vaterliches Erbgut betrogen, ich wurde so wenig als Aristipp daran gedacht haben, mir diese Last, die mir ehemals sehr ertraglich vorkam, vom Halse zu schaffen. Wir wollen es indessen einem weisen Mann eben nicht ubel nehmen, wenn er von den Gutern, die ihm das Gluck freiwillig zuwirft, einen zugleich so edeln und so angenehmen Gebrauch macht, wie Aristipp. Eben so wenig soll es dem von Kindheit an zur Durftigkeit gewohnten Antisthenes, oder dem Sinopenser, den der Zufall um sein Vermogen brachte, zu einem grossen Verdienst angerechnet werden, dass sie lieber von Wurzeln und Wolfsbohnen leben, als Karren schieben, rudern, oder das schmahliche ParasitenHandwerk treiben wollten. Auch Plato hat sich wenig auf eine Genugsamkeit einzubilden, die ihm das Gluck, unabhangig in seinem eigenen Ideenlande zu schweben, und die erste Stelle unter den Philosophen seiner Zeit in der offentlichen Meinung verschafft hat. Aber, wie Krates, in dem Alter, wo alle Sinnen nach Genuss dursten, die Mittel zu ihrer vollstandigsten Befriedigung, die uns das Gluck mit Verschwendung aufgedrungen hat, von sich werfen, und jedem Anspruch an alles, was dem grossen Haufen der Menschen das Begehrenswurdigste scheint, von freien Stucken entsagen, um sich mit volliger Freiheit der Liebe der Weisheit zu ergeben: diess, dunkt mich, ist etwas bis itzt noch nie Erhortes, und setzt einen Grad von Heldenmuth und Starke der Seele voraus, den ich um so bewundernswurdiger finde, da derjenige, der sich zu einem solchen Opfer entschliesst, zum voraus gewiss seyn kann, von der ganzen Welt (den Diogenes vielleicht allein ausgenommen) fur den Konig aller Narren erklart zu werden. Und das mit Recht, hore ich dich sagen; denn was sollte aus den Menschen werden, wenn der Geist, der diesen jungen Schwarmer so weit aus dem gewohnlichen Gleise treibt, in alle Kopfe fuhre, und die Begriffe und Grundsatze, nach welchen er handelt, allgemein wurden? Auf alle Falle etwas Besseres als sie itzt sind, antworte ich, und getraue mir's von Punkt zu Punkt mit wenigstens eben so stattlichen Grunden zu behaupten, als die, womit uns Plato beweiset, dass ein Staat nicht eher gedeihen konne, bis er von lauter Philosophen regiert werde. Leider hat die Natur selbst dafur gesorgt, dass es mit den Menschen nie so weit kommen wird, und die Freunde des dermaligen Weltlaufs konnen sich, der Gefahr halben die von der ansteckenden Kraft des Beispiels meines jungen Freundes zu besorgen ist, ruhig auf die Ohren legen. Sie ist desto geringer, da du ihm wirklich grosses Unrecht thust, wenn du ihn fur einen Schwarmer haltst. Er ist vielmehr der ruhigste, besonnenste, heiterste Sterbliche, der mir je vorgekommen ist; und wie ausserordentlich sein Verfahren auch immer seyn mag, so fallt wenigstens das Wunderbare weg, wenn ich dir sage, dass nebst einem sehr kalten Temperament, die von Kindheit her gewohnte beinahe durftige Lebensart im vaterlichen Hause, eine durch beides ihm zur andern Natur gewordene Gleichgultigkeit gegen alle Vergnugungen der Sinne, und eine noch tiefer liegende Verachtung der Urtheile des grossen Haufens, der einen Menschen nicht nach seinem personlichen Gehalt, sondern nach dem Gewichte der Attischen Talente, die er werth ist, zu schatzen pflegt, dass, sage ich, das alles nicht wenig zu der Entschliessung beigetragen habe, sich eines ihm wirklich mehr uberlastigen als brauchbaren Erbgutes zu entschlagen. Denn was hatte er, der von drei oder vier Obolen zu leben gewohnt war, mit dreihundert Talenten anfangen sollen, da es seine Sache nicht war, nach dem Beispiel seines Vaters sechshundert daraus zu machen? Von allem, wozu der Reichthum seinen Besitzern gut ist, hatte er entweder keine Kenntniss, oder keinen Sinn dafur. Ganzliche Unabhangigkeit und sorgenfreie Musse war schon damals, da ich ihn zuerst kennen lernte, das hochste Gut in seinen Augen: und so ging es, dunkt mich, ganz naturlich zu, dass der Umgang mit deinem Freund, Diogenes, in sehr kurzer Zeit tausend schlummernde Ideen in seiner Seele weckte; dass die Harmonie der Vorstellungsart desselben mit seiner eigenen das Verlangen sich nie wieder von ihm zu trennen erzeugte, und die durch unmittelbaren Augenschein bewirkte Ueberzeugung, dass es keinen glucklichern Menschen gebe als den Diogenes, und dass er zufriedener mit seinem Loose sey als zehntausend vermeinte Gluckliche mit dem ihrigen, seinem Beispiel einen unwiderstehlichen Reiz zur Nachfolge gab. Ich denke du wirst diess desto begreiflicher finden, Antipater, da du noch nicht vergessen haben kannst, wie wenig ehemals daran fehlte, dass du selbst den Cynischen Mantel und Schnappsack ubergeworfen hattest, wenn nicht, glucklicher Weise fur dich, der Genius Aristipps den Reizungen der zuthulichen Nymphe Penia, unsrer Schutzgottin, das Gegengewicht gehalten hatte. Denn nicht alles, was dem einen gut ja sogar das Beste ist, ist es darum auch dem andern; und ich bin ziemlich gewiss, dass unsre Lebensweise, sobald der Ehrenpunkt, nicht in Widerspruch mit dir selbst zu gerathen, jede andere unmoglich gemacht hatte, dir nicht halb so wohl bekommen ware als meinem Thebaner wiewohl es ein launisches Ding um den Menschen ist, dass ich mich nicht dafur verburgen mochte, dass Krates selbst, wie glucklich er sich gegenwartig auch in seinem neuen Gotterleben fuhlt, auf immer vor allen Anwandlungen der Nachreue sicher sey.
Ich bin mit deinem Freund Aristipp, wie in vielem andern, auch darin einverstanden, dass jeder Mensch, sobald er Verstand genug hat eine Philosophie, d.i. eine mit sich selbst ubereinstimmende Lebensweisheit nach festen Grundsatzen, zu haben, in gewissem Sinn seine eigene hat. Das was den Unterschied macht, ist nicht die Richtung: wir gehen alle auf eben dasselbe Ziel los. Eudamonie ist der Preis, nach welchem wir ringen; und wie gern der stolze Plato (der, wenn's moglich ware, gar nichts mit uns andern gemein haben mochte) sich auch die Miene gabe, als ob das ubersinnliche Anschauen der formlosen Urwesen und die geistige Vereinigung mit dem Auto-Agathon, ohne alle andere Rucksicht das einzige Ziel seiner Bestrebungen sey, so soll er mich doch nicht bereden, dass sie es auch dann noch seyn wurden, wenn er sich in diesen geistigen oder phantastischen? Anschauungen nicht glucklicher fuhlte als in jedem andern Genuss seiner selbst. Der Unterschied wird also in dem Wege und den Mitteln bestehen. Wir Cyniker z.B. wahlen uns, mehr oder weniger freiwillig, den kurzesten Weg, unbekummert dass er ziemlich rauh und steil ist und hier und da von Disteln und Dornhecken starrt. Aristipp wahlte sich einen weitern, aber ungleich ebenern und anmuthigern Weg, nicht ohne Gefahr unversehens auf diesen oder jenen Abweg zu gerathen, der ihm das Wiedereinlenken in die rechte Bahn mehr oder minder schwer machen konnte. Andere haben sich zwischen diesen beiden, oft ziemlich weit aus einander laufenden Wegen, mehrere Mittelstrassen gebahnt. Plato nimmt den seinigen sogar, wie Ikarus, durch die Wolken; unlaugbar der sanfteste und nachste, wenn es nicht der gefahrlichste ware. Noch verschiedener sind die Mittel, wodurch jeder auf seinem Wege sich zu erhalten und zu fordern sucht. Tausend innere und aussere, zufallige und personliche Umstande, Temperament, Erziehung, geheime Neigungen, Verhaltnisse, kurz das Zusammenwirken einer Menge von mehr oder minder offen liegenden oder verborgenen Einflussen auf Verstand und Willen, ist die Ursache der verschiedenen Gestalten und Farben (wenn ich so sagen kann) worin sich eben dieselbe Lebensweisheit (ich erkenne keine Philosophie die nicht Ausubung ist) im Leben einzelner Personen darstellt, und worin eben das Eigenthumliche derselben besteht. Denn, wie gesagt, im Hauptzweck, und selbst in solchen Mitteln, welche, als zu jenem unentbehrlich, selbst wieder zu Endzwecken werden, stimmen alle uberein. Von dieser Art ist z.B. die Befreiung der Seele von Wahn und Leidenschaft, ohne welche schlechterdings keine Eudamonie denkbar ist. Alle Philosophen, von Thales und Pythagoras an, bekennen sich zu diesem Grundsatz: aber wie weit gehen sie wieder aus einander, sobald es zur Anwendung kommt! Wir konnen von den Wahnbegriffen, Phantomen und Vorurtheilen, die unsern Verstand benebeln und irre fuhren, nur durch die Wahrheit frei werden. Aber was ist Wahrheit? Der eine behauptet die Ungewissheit aller Erkenntniss; ein anderer erklart alle sinnlichen Anschauungen und Gefuhle fur Tauschung und Betrug und sucht die Wahrheit in einer ubersinnlichen Ideenwelt; ein dritter lasst im Gegentheil keine Erkenntniss fur zuverlassig gelten, die uns nicht durch die Sinne zugefuhrt und durch die Erfahrung bestatiget wird, u.s.w. Eben so ist es mit der Befreiung von der Herrschaft der Triebe und Leidenschaften. Der eine will alle Begierden an die Kette gelegt, und den Leidenschaften alle Nahrung entzogen wissen; ein anderer lasst nur die reinen Naturtriebe gelten, und verwirft alle durch Verfeinerung und Kunst erzeugten Neigungen; ein dritter will die naturlichen Triebe und Leidenschaften weder ausgerottet noch gefesselt, sondern bloss gemildert, verschonert, und durch die Musenkunste mit Hulfe der Philosophie in die moglichste Harmonie und Eintracht gesetzt sehen. Alle diese Verschiedenheiten sind in der Ordnung, so lange die Leute keine Secten stiften wollen. Jeder hat fur seine eigene Person Recht; aber sobald sie mit einander hadern, und sich um den ausschliesslichen Besitz der Wahrheit, wie Hunde um einen fetten Knochen, herum beissen, dann haben sie alle Unrecht; und in diesem einzigen Punkt wenigstens ist Diogenes, der mit niemand um Meinungen hadert, vollkommen gewiss dass er Recht hat.
Indessen ist am Ende die Anzahl der Philosophen, denen dieser Name in der eigentlichsten Bedeutung zukommt, so klein, dass wahrscheinlich unter der ganzen ubrigen Menschenmasse manche seyn mussen, die an Sinnesart, Gemuthsbeschaffenheit und ausserlichen Umstanden mit irgend einem von jenen mehr oder weniger ubereinstimmen. Ich betrachte daher jeden unsrer Philosophen gleichsam als den Reprasentanten einer ganzen Gattung46, und indem ich annehme, dass seine Philosophie einer Anzahl ihm ahnlicher Menschen als Ideal oder Kanon ihrer Denkart und ihres Verhaltens brauchbar seyn konne, berechne und schatze ich hiernach ungefahr den verhaltnissmassigen Nutzen, den sie der Menschheit etwa schaffen konnte. So kann z.B. meiner demuthigen Meinung nach, die Platonische Philosophie nur solchen Menschen verstandlich seyn und wohl bekommen, denen zu einem schwarz gallichten Temperament ein hoher Grad von Einbildungskraft und Scharfsinn und eine nicht gemeine Cultur mit volliger Freiheit von Geschaften zu Theil wurde, d.i. sehr wenigen. Die Aristippische scheint auf den ersten Anblick weit mehrern angemessen zu seyn: aber sie macht aus dem Wohl leben (aus dem, was sie Hedone nennt und woruber ich deinen Freund nie anfechten werde) eine so schone und zugleich so schwere Kunst, dass, meines Bedunkens, nur ein besonders begunstigter Liebling der Natur, der Musen und des Glucks (schier hatte ich auch noch die schone Lais hinzugesetzt) es darin zu einiger Vollkommenheit zu bringen hoffen darf. Wie die Platonische die Philosophie oder Religion der edelsten Art von Schwarmern ist, so sollte Aristipp das Muster und seine Hedonik die Lebensweisheit aller Eupatriden und Beguterten seyn; auf diese Weise wurde die Schwarmerei unschadlich, Geburtsadel und Reichthum sogar liebenswurdig werden. Aristipps Philosophie, zum Niessbrauch solcher Leute, die das Gluck vergessen oder ubel behandelt hat, herabgestimmt, wurde sich der Cynischen nahern, nach deren Vorschriften jeder glucklich leben kann, der in einem Staat, wo er als Burger keinen Anspruch an die hohern und eigentlichen Vortheile des politischen Vereins machen will oder zu machen hat, wenigstens den Genuss seiner Menschheitsrechte in Sicherheit bringen mochte. Um ein Cyniker zu seyn, braucht man nichts als ein blosser Mensch zu seyn; mit so wenig Zuthaten und Anhangseln als moglich, aber freilich ein edler und guter Mensch; und eben darum wird unser Orden, dem ersten Anschein zu Trotz, immer nur zwei oder drei Mitglieder auf einmal zahlen. Sollte er (was die Gotter verhuten mogen!) jemals zahlreich werden, so konnt' es nur dadurch moglich seyn, dass seine Glieder den Geist desselben ganzlich verloren, und bloss das Costum, die Sprache und die ubrigen Formen des Cynism zur Hulle und Larve der verachtlichsten Art von Schmarotzerei und Mussiggang herabwurdigten. Ein achter Cyniker kann, vermoge der Natur der Sache, nicht anders, als eine Seltenheit seyn; und von einem Cyniker wie Krates wird schwerlich jemals ein zweites Exemplar erscheinen.
Die rein Sokratische Philosophie, welche, allen Standen, Lagen und Verhaltnissen gleich angemessen, dem Staat edle Menschen und gute Burger bildet, wird also, die Wahrheit zu sagen, immer die gemeinnutzigste unter allen, die aus ihr hervor gegangen, bleiben; und wehe der, die sich's nicht zur Ehre schatzt ihre Tochter zu heissen, und einer solchen Mutter wurdig zu seyn! So viel, Freund Antipater, auf deine eigene Veranlassung davon, wie ich uber Aristipp und seine Philosophie und die andern Masken denke, in welchen sich die menschenfreundlichste aller Himmlischen unter den Griechen sehen lasst. Lebe wohl, und sorge ja dafur, dass keine Abschriften von diesem langen Briefe genommen werden. Die Leute konnten sonst denken, ich habe ein Buch schreiben wollen, und das mochte sich Diogenes nicht gerne nachsagen lassen.
18.
Aristipp an Learchus.
Wiewohl ein Mann wie Philistus keiner Empfehlung an dich bedarf, so halte ich mich doch versichert, dass der Titel meines Freundes, den er von Cyrene mit sich nimmt, ihm in den Augen meines Learchs ein Recht zu einer desto gefalligern Aufnahme geben werde, da er auf seiner Ruckreise nach Syrakus etliche Tage zu Korinth auszurasten gesonnen ist.
Was du, dem seine Verhaltnisse bekannt sind, vorausgesehen hast, ist durch das endlich erfolgte Ableben des alten Dionysius eingetroffen. Es war eine der ersten Handlungen seines Nachfolgers, den so lange aus seinem Vaterlande verbannten Gemahl der Nichte seines Vaters zuruck zu berufen, und ihn um so dringender zu Beschleunigung seiner Reise einzuladen, je unentbehrlicher ihm, wie er in seinem Schreiben sagt, die Gegenwart und Unterstutzung eines so verdienstvollen und so nahe mit ihm verbundenen Mannes in seiner neuen Lage sey. Es ware kein schlimmes Zeichen dass es dem jungen Dionysius, seiner sehr vernachlassigten Erziehung ungeachtet, nicht ganz an Anlage zu einem guten Fursten fehle, wenn er die Nothwendigkeit, sich der Leitung eines weisen Rathgebers zu ubergeben, wirklich so lebhaft fuhlte, als er in seinem sehr wohl gesetzten Schreiben ausdruckt; es ist aber ziemlich klar, dass ihm ein anderer bei dieser Gelegenheit seinen Kopf und seine Hand geliehen hat. So viel sich aus einzelnen, wiewohl nicht immer zuverlassigen Nachrichten von diesem Sohn und Erben des sogenannten Tyrannen muthmassen lasst, scheint keine grosse Hoffnung zu seyn, dass er die unruhigen und schwer zu zugelnden Syrakusaner mit der unbeschrankten Regierung eines Einzigen grundlich aussohnen werde. Nur allzu wahrscheinlich kann man sich zu ihm aller Ausschweifungen versehen, zu welchen ein feuriges Temperament einen im Frauengemach und unter Sklaven aufgewachsenen Jungling hinzureissen pflegt, der sich aus dem starksten Druck plotzlich auf den Konigsstuhl erhoben, im Besitz eines von seinem Vorfahrer vierzig Jahre lang zusammengehauften Schatzes, und von Schmeichlern und Parasiten umschwarmt sieht, deren Interesse ist, unter der Larve einer granzenlosen Anhanglichkeit an seine Person, seine unaufhorlich von ihnen gereizten und befriedigten Leidenschaften zu Werkzeugen der ihrigen zu machen. Unter einem schwachen Fursten regieren gewohnlich die schlechtesten Menschen; und dass Dionysius, trotz seiner korperlichen Starke ein sehr schwacher Konig seyn werde, davon sind bereits Vorbedeutungen genug vorhanden. Der einzige, den er scheut und der ihn, eine Zeitlang wenigstens, zuruckhalten wird, ist sein Oheim und Schwager Dion, bekanntlich ein schwarmerischer Verehrer Platons, der keine grosse Muhe gebraucht haben mag, ihn zu uberzeugen, dass Syrakus nicht eher wohl regiert seyn werde, bis es einen Philosophen zum Regenten habe. Zum Ungluck fehlt es diesem Dion, bei allem Schein von Weisheit und Tugend den er von sich wirft, gar sehr an allen Eigenschaften, wodurch man sich andern, zumal einem jungen Konig der das Vergnugen und die Freude liebt, angenehm und liebenswurdig machen kann; und, was noch schlimmer ist, ich furchte sehr, dass er selbst etwas mehr Tyrannenblut in den Adern hat, als seine Lobredner in der Akademie sich gern gestehen mogen. Wie dem auch sey, der junge Furst befindet sich dermalen zwischen dem strengen, Ehrfurcht gebietenden und scharf uber den Grundsatzen der Platonischen Republik haltenden Dion, und dem schlauen, gewandten, allgefalligen Gesindel seines Hofes in einer zwang- und peinvollen Klemme. Diese sehen, dass er nicht Muth genug hat, das Joch, das ihm jener uber die jungen Horner geworfen, abzuschutteln; und das dringende Bedurfniss, dem majestatischen Dion einen Mann von Gewicht entgegen zu stellen, ist es ganz allein, was sie genothiget hat, mit vereinten Kraften auf die schleunigste Zuruckberufung des Philistus anzutragen.
Dass diess die wahre Lage der Sachen am Syrakusischen Hofe sey, habe ich aus den unvollstandigen Nachrichten, die mir Philist von Zeit zu Zeit mittheilte, nach und nach herausgebracht. Denn er selbst treibt, wie es scheint, die Freundschaft gegen keinen Sterblichen so weit, dass er sich ihm ganz offen und ohne alle Zuruckhaltung entdecken sollte. Da er ein Mann von grosser Weltkenntniss und Erfahrenheit ist, die Syrakusischen und Sicilischen Staatsverhaltnisse vollkommen inne hat, dabei (worauf hier alles ankommt) eine sehr einnehmende Aussenseite besitzt, und an Feinheit, Geschmeidigkeit und Besonnenheit es mit dem ausgelerntesten Hofmann aufnehmen kann: so ist nicht schwer vorauszusehen was der Erfolg seyn musse, und dass Dion bald genug den Rath erhalten werde, eine kleine Gesundheitsreise zu seinem ehrwurdigen Freund Plato vorzunehmen.
Uebrigens scheint Philist darauf zu rechnen, dass Korinth, als die Mutterstadt von Syrakus, es seinem Staats- und Handelsinteresse gemass finden werde, mit dem Thronfolger des alten Dionys in gutem Vernehmen zu bleiben. Auch zweifle ich nicht, dass er sich in dieser Rucksicht unter der Hand mit Nachdruck fur den edeln Timophanes47 verwenden wird, welcher (wie ich hore) grosse Anstalten macht, sich mit guter Art der Alleinherrschaft uber euch zu bemachtigen.
Auch an unserm Himmel, der wahrend der letzten dreissig Jahre so heiter war, steigen, seit dem Tode meines guten Bruders Aristagoras, bereits einige trube Wolken auf, die uns mit Sturm und Ungewitter zu bedrohen scheinen. Sein ganzes thatiges Leben war der Wohlfahrt von Cyrene gewidmet; sein Tod wird uns, wie ich grosse Ursache habe zu befurchten, eben so nachtheilig seyn als sein Leben wohlthatig war. Er war, wiewohl seine Bescheidenheit und Klugheit es immer zu verbergen suchte, der wahre Urheber und die starkste Stutze unsrer dermaligen Verfassung. Unglucklicherweise ist noch keine Staatsverfassung erfunden worden, die durch sich selbst bestunde; und da sogar Platons Republik (seiner eigenen Versicherung nach) nur unter einer unmoglichen Bedingung von Dauer seyn konnte, von welchem andern Menschenwerk durften wir uns mehr versprechen? Seit der Mann nicht mehr ist, der allein Ansehen und Weisheit genug besass, dem Ehrgeiz des machtigen Demokles und seiner Sohne das Gegengewicht zu halten, sehe ich einer Abspannung der Springfedern unsrer Staatsmaschine entgegen, wodurch sie nur zu bald ins Stokken gerathen wird. Wir werden in unsre alten Missbrauche, Parteien und Erschutterungen zuruckfallen, und was sollte mir dann ein langerer Aufenthalt in Cyrene? Doch diess, bester Learch, ist weder das Einzige, noch das Aergste, was mir bevorsteht und das hausliche Gluck, dessen ich seit meiner Verbindung mit der liebenswurdigen Schwester unsers Kleonidas genoss, auf immer zu zerstoren droht. Moge mein guter Genius den Unfall noch lange von uns entfernt halten, dessen langsame Annaherung ich mir selbst vergebens zu verbergen suche! Trifft er mich, so ist Athen und Korinth doch weg mit dem ungluckweissagenden Gedanken! Noch ist Hoffnung. Die Aerzte haben zu einer Luftveranderung, wovon sie uns die beste Wirkung versprechen, eine Reise nach Rhodus vorgeschlagen, welche ich mit Kleonen und unsrer Tochter Arete, von Kleonidas, Musarion und dem jungen Kallias, ihrem Sohne, begleitet, zu unternehmen im Begriff bin. Rufe Hygieien mit mir an, mein Freund, dass der Erfolg unsre Wunsche begunstige!
Anmerkungen zum dritten Band.
1. Brief.
1 In der Macedonischen Landschaft, wo der Berg Athos liegt, zwischen zwei Meerbusen, hatten Griechen aus Chalkis in Euboa, wovon die ganze Landschaft den Namen erhielt, die Stadt Olynthus erbaut, welche zu einer so ansehnlichen Grosse empor wuchs, dass die zehntausend Krieger, worunter tausend Reiter, ins Feld stellen konnte. Der Krieg, den das, nach dem Frieden des Antalcidas mehr als je stolze, Sparta mit Olympus fuhrte, wurde die Veranlassung zu einer ganz neuen Umgestaltung der Dinge in Griechenland, wobei Theben, eben durch jenen Frieden zu einer Stadt zweiten Ranges herabgedruckt, sich siegreich und glanzend erhob. 2 Tyrann von Phera in Thessalien, erhob gegen 380 v. Chr. seinen kleinen Staat zu einer solchen Macht, dass er ein Heer von 20,000 Fussvolk und 3000 Reitern, ohne die leichten Truppen, unterhielt. Er hatte den Plan, den spaterhin Alexander ausfuhrte, wurde aber, auf Anstiften seiner Bruder, gemeuchelmordet. 3 Anspielung auf die Stelle der Ilias 2, 204. 4 Gottin der Nothwendigkeit.
2. Brief.
5 Auch Eurybates, wie man sieht, gehort zu denen, welche den Platon missverstehen. Sein Urtheil uber dessen Philosophie im Allgemeinen ist das Urtheil eines Geschaftsmannes, und man darf sich nicht verwundern, wenn es uber Gegenstande dieser Art ein wenig seicht und voreilig ist: weit mehr durfte man sich verwundern, dass er nicht einmal fur den Menon den richtigen Gesichtspunkt ausgefunden hat, auf welchen doch Anfang und Ende des Dialogs hinweisen. Indess muss ihm auch diess wohl zu Gute gehalten werden, da es vielen gelehrten Leuten nicht besser damit ergangen ist. Auch hier muss Schleiermachers Einleitung nachgesehen werden. 6 Parzen, Gottinnen des Schicksals. 7 Residenz der Konige von Macedonien.
3. Brief.
8 Da ihrer hier zum letztenmale gedacht wird, so ist eine Mittheilung von ihrem letzten Schicksal, nebst einigen Bemerkungen, wohl auch hier an ihrer rechten Stelle. In einer Lobrede auf die Liebe sagt Plutarch (nach der Uebersetzung von Jacobs a.a.O.): "Mit der Liebe ist so viel Enthaltsamkeit, Zucht und Redlichkeit verbunden, dass sie auch ein zugelloses Gemuth durch ihre Beruhrung von andern Liebschaften abziehen kann. Denn sie rottet die Frechheit in demselben aus, druckt den Uebermuth nieder, impft ihm Schamhaftigkeit, Stillschweigen und Ruhe ein, umhullt es mit dem Gewande der Ehrbarkeit, und macht es Einem Liebhaber unterthan. Ihr habt ohne Zweifel von der Lais, jener beruhmten und vielgeliebten Hetare gehort, wie sie ganz Hellas mit Verlangen entzundete, ja, wie zwei Meere um sie gestritten haben. Als aber die Liebe zum Hippolochus, dem Thessalier, ihr Gemuth ergriff, verliess sie das von den grunlichen Wellen bespulte Akrokorinthos, entfloh heimlich der Schaar ihrer ubrigen Liebhaber, und lebte ehrbar mit ihm. Aber dort in Thessalien lockten sie die Weiber, aus Neid und Eifersucht uber ihre Schonheit, in den Tempel der Venus, steinigten und verstummelten sie. Daher wird, wie es scheint, dieser Tempel auch noch jetzt der Tempel der morderischen Aphrodite genennt." Nach der Ermordung, am Feste der Aphrodite, wobei keine Manner gegenwartig waren, heisst es anderwarts, brach eine Pest in Thessalien aus, die nur endete, als man jenen Tempel erbaut hatte. Der Lais wurde an den Ufern des Peneus ein Grabmal errichtet, worauf folgende Inschrift stand: Das mit Ruhm gekronte, im Kampfe nimmer besiegte Hellas beugte der Macht gottlicher Schonheit sein
Haupt,
Lais Schonheit! die Tochter des Amor naherte
Korinthos,
In Thessaliens Flur ruht der Entschlummerten
Staub.
Die Lais nun, welche dieses Schicksal traf, halt Jacobs fur die jungere Lais, eine Tochter der Timandra; die altere Lais, Aristipps Geliebte, scheint zu Korinth gestorben zu seyn, wo die Korinthier ihr ein Denkmal im Kraneion errichteten, obgleich sie, wenn man den Epigrammendichtern, unter denen hier auch Platon mit seinem Epigramm auf den Spiegel der Lais genannt wird, trauen darf, ihre Reize uberlebt hatte, womit sich freilich die ihr nachgesagte Art des Todes, den sie auch Heinse in seiner Laidion sterben lasst, namlich im Arm der Liebe, schwer will vereinigen lassen. Glaubte nun Wieland, auf alle diese Anekdoten nicht mehr Gewicht legen zu durfen als auf die Ausfalle des Epikrates? Es scheint so, und man kann ihm darin wohl nicht ganz Unrecht geben. Mit mehr Grund als Heinse aus Pausanias und Hippolochus zwei Geliebten der Lais gemacht hatte, verschweigt Wieland den Unterschied zwischen der alteren und jungeren Lais, den er sehr wohl kannte und behalt nur eine einzige bei. Indem er aber aus dem Leben der alteren so viel wegschneidet, dass sie nicht zu dem Gemeinen, oder wie Aristipp sagt, zur Schmach einer gewohnlichen Hetare, herabsinkt, und lieber, mit Uebergehung der ganzen chronique scandaleuse aus dem Leben dieser alteren Lais, zu dem Zeitpunkte, wo nur eben die Verganglichkeit des Jugendreizes sich vom weiten muthmassen lasst, in die Lebensgeschichte der jungeren einbiegt, raubt er dieser doch wieder, was sie nach Plutarchs Berichte vielleicht sehr vielen Lesern erst wurde empfohlen haben. Was mag er also mit seiner Lais gewollt haben, da er, anstatt sie nun zuletzt mit Pausanias ein ehrbares Leben fuhren zu lassen, diesem Pausanias vielmehr, ohne irgend eine historische Verburgung, einen solchen Charakter gegeben hat, der es unmoglich machte, dass Lais solch ein Leben mit ihm hatte fuhren konnen? Wie es scheint, hatte Wieland sich die doppelte Aufgabe gemacht, erst die vielen widersprechenden Nachrichten von Lais durch Auffindung ihres wahrscheinlichen Charakters und glaublicher Umstande in einen solchen Zusammenhang zu bringen, dass die Widerspruche gelost wurden, wobei denn das ganz Unstatthafte stillschweigend verworfen werden musste, und dann zu zeigen, von welcher Art eine Liebe habe seyn mussen, deren ein weibliches Wesen von diesem Charakter empfanglich war. Vor allen Dingen hat nun wohl Wieland darin Recht, dass er einer, nach allgemeinem Zeugniss, so schwer zuganglichen, geistreichen Frau wenig Temperament, und um ein gutes Theil mehr Kopf als Herz gab, so dass sie dessen, was man Liebe nennt, nicht sonderlich empfanglich seyn musste. Gleichwohl wurde nun von ihr berichtet, dass sie einmal in ihrem Leben sogar eine leidenschaftliche Liebe gefuhlt habe, denn auch von der altern Lais erzahlt man dieses. Es kam darauf an zu bestimmen, in welche Periode ihres Lebens diese Liebe mit Wahrscheinlichkeit zu setzen sey. Historisch wahrscheinlich fiele diess bei der einen und der andern Lais freilich in ihre Bluthenzeit, allein daran glaubte Wieland sich nicht binden zu mussen, zumal da nur Anekdoten Burgschaft leisteten, und grosseren Unwahrscheinlichkeiten aus dem Wege zu gehen war, theils namlich denen, welche das Alter der einen Lais zu Korinth, theils jenen, welche die Sage von der zweiten Lais in Thessalien betreffen. Er zog es daher vor, die Liebe seiner Lais so nahe an das Ende ihrer Bluthenzeit zu rucken, dass es einerseits eben so glaublich wird, verschmahte Liebhaber, beleidigter Stolz und Neid hatten wohl gewisse beissende Epigramme auf sie in Umlauf bringen konnen, als von der andern, dass eben jetzt in einer solchen Frau eine solche Liebe und gerade zu einem solchen Manne entstehen konnte. Wer die Weiber kennt und nicht ohne Welterfahrungen ist, wird gestehen mussen, dass hier alles dem naturlichen Laufe der Dinge gemass ist, und Wieland, dem Lais fur seine Darstellung so viele Dienste geleistet hatte als nur irgend moglich war, that wohl, lieber dem naturlichen Laufe der Dinge als widersprechenden Sagen voller Unwahrscheinlichkeit zu folgen. Habe er nun weder in der einen noch der andern Lais die griechische dargestellt, so ist seine Lais doch ein in sich vollendetes Wesen, und die Zeichnung ihres Charakters, die Motivirung der Begebenheiten, und die Schilderung der Art von Liebe, zu welcher diese Lais allein kommen konnte, und die vielleicht nirgend so entwickelt ist als hier, sind ein dieses Meisters so wurdiges Werk, dass man selbst dann uber den Mangel an Aehnlichkeit mit dem Original hinwegsehen konnte, wenn er auch noch grosser ware als er es in der That doch nicht ist.
4. Brief.
9 Der Hafen Piraeus bei Athen. 10 Diana bei den Thraciern, deren Fest, Bendideia, seit der 88sten Olympiade auch in Athen gefeiert wurde, wo ihr Tempel im Hafen, nicht weit von dem der Artemis Munychia stand. 11 Sind hier wohl bloss in dem Sinne von Regelwidrigkeiten genommen; gewohnlich: Widerspruch eines Gesetzes mit dem andern. 12 Ein solcher, dessen Charakter Ironie ist. 13 Gyges, wurde, nach Platon, zufolge des Gebrauches eines magischen, unsichtbar machenden Ringes, zum Konig von Lydien (vergl. Cic. de offic. 3, 9.), nach Herodot aber (1, 8. fgg.) dadurch, dass der Konig Kandaules ihn genothigt hatte, seine Gemahlin im Versteck entkleidet zu sehen, woruber diese, die den Gyges entdeckt hatte, entrustet, ihm nur die Wahl zwischen dem eignen oder des Konigs Tode liess. Gyges brachte den Konig um, und erhielt mit dessen Gemahlin auch sein Reich.
5. Brief.
14 Buch 3, Cap. 6. 15 (Nodum in scirpo quaerere) spruchwortliche Redensart fur: auch da Schwierigkeiten finden, wo keine sind; denn die Binsen haben keine Knoten. 16 Dogge. Die Landschaft Molossis in Epirus war wegen ihrer starken und muthigen Hunde, die auch zur Jagd trefflich zu gebrauchen waren, beruhmt. 17 Muskenkunste, mit Inbegriff aller der Wissenschaften, die zu einer wahrhaft menschlichen Bildung wesentlich gehoren. 18 Der Timotheus, von welchem hier die Rede ist, war einer der beruhmtesten Tonkunstler und musikalischen Dichter der Zeit, in welcher die sammtlichen in diesen Briefen vorkommenden Personen gelebt haben. Er wurde, zum Dank dass er den Gesang und die Saitenmusik seiner Zeit (nach unsrer gewohnlichen Vorstellung) zu einer weit hohern Vollkommenheit gebracht als worin er beide gefunden, von den strengern Anhangern der alten, ausserst einfachen, an wenige Formen gebundenen, feierlich ernsten Musik fur einen ihrer grossten Verderber erklart, und unter andern von dem komischen Dichter Pherecydes, seinem Zeitgenossen, in einem von Plutarch aufbehaltenen betrachtlichen Bruchstuck seines Chirons, sehr ubel mitgenommen. Indessen war nicht er, wie spatere Compilatoren sagen, sondern (laut des besagten Fragments) ein gewisser Melanippides derjenige, der die Saitenzahl der Lyra, welche schon sein Meister Phrynis, zum grossten Aergerniss der Eiferer fur die gute alte Sitte (S. die Anklagsrede des dikaios Logos in den Wolken des Aristophanes) bis auf sieben gebracht hatte, noch mit funf neuen vermehrte. Wie dem aber seyn mochte, genug Timotheus war, wie es scheint, der erste, der mit einer eilf- oder zwolfsaitigen Magadis (einer Art von Cither, auf deren Saiten ohne Plektron mit den blossen Fingern geklimpert wurde) zu Sparta erschien, und sich unter andern mit einem dithyrambischen Gesang uber die bekannte Fabel von Jupiter und Semele horen liess. Aber die Spartanische Regierung nahm diese sittenverderbliche Neuerung (wiewohl damals wenig mehr an ihren Sitten zu verderben war) so ubel, dass sie ein Decret (welches uns Boethius in seinem Buche de Musica aufbehalten hat) abfasste, des Inhalts: "Demnach ein gewisser Timotheus (oder Timotheor, wie man in Sparta zu sprechen pflegte) von Milet in ihrer Stadt angekommen, und durch sein Spiel offentlich bewiesen habe, dass er die alte Musik und die alte Lyra verachte, indem er die Zahl der Tone und der Saiten uber alle Gebuhr vermehrt, der alten einfachen Art zu singen eine viel zusammengesetztere chromatische untergeschoben, auch in seinem Gedicht uber die Niederkunft der Semele die geziemende AnstandigkeitA1 groblich verletzt habe: als hatten die Konige und Ephoren, in Erwagung dass solche Neuerungen nicht anders als den guten Sitten sehr nachtheilig seyn konnten, und zu Verhutung der davon zu besorgenden Folgen, besagtem Timotheor einen offentlichen Verweis gegeben, und befohlen, dass seine Lyra auf sieben Saiten zuruckgesetzt und die ubrigen ausgerissen werden sollten." Dass Athenaus (im 10. Kap. des XIV. B.) diese Anekdote nach andern Autoren anders erzahlt, beweiset eben so wenig gegen sie, als das Ansehen des edeln und fur sein Zeitalter gelehrten Boethius die Aechtheit des Decrets, nach Verfluss von 1000 Jahren, verburgen kann. Ich kenne nicht eine einzige Griechische Anekdote dieser Art, die nicht von andern anders erzahlt wurde. Gewiss ist indessen, dass das Decret ganz im Geiste der Spartanischen Aristokratie, die in allem streng uber die alten Formen hielt, und ihrem Geschmack in der Musik gemass, abgefasst ist. W. 19 Tempern ist ein wenig mehr ublicher Kunstausdruck der Maler, und bedeutet so viel als dampfen, mildern. 20 Dass Plato durch dieses Vorgehen seinem Mahrchen eine Art von Beglaubigung geben wolle, ist klar genug: aber worauf er die Phonicische Abkunft desselben grundet, und wer die Dichter sind, welche versichern, es habe sich an vielen Orten zugetragen, weiss ich nicht. Denn dass er auf die bewaffneten Manner anspiele, die aus der Erde hervorgesprungen seyn sollen, als der Phonicier Kadmus die Zahne des von ihm erlegten Castalischen Drachen in die Erde saete, oder auf die goldnen, silbernen, ehernen, heroischen und eisernen Menschen des Hesiodus, die nicht zugleich, sondern in aufeinander folgenden Generationen, nicht aus dem Schooss der Erde hervorsprangen, sondern von den Gottern gebildet und zum Theil gezeugt wurden, ist mir nicht wahrscheinlich. Doch vielleicht will er mit dieser anscheinenden Beglaubigung seines in der That gar zu abgeschmackten Mahrchens nicht mehr sagen, als mit dem etwas plattscherzhaften Zweifel seines Sokrates: "ob es sich kunftig jemals wieder zutragen durfte." W. 21 Nach der alten Vorstellung der Griechen von der Erdscheibe war Delphi der Mittelpunkt derselben, und wurde darum der Nabel der Erde genannt. Apollon sollte gerade desshalb sein Orakel daselbst gestiftet haben.
6. Brief.
22 Praxilla, eine zu ihrer Zeit beruhmte Skoliendichterin aus Sicyon, hatte ein Lied verfertiget, worin Adonis, den sie so eben im Reich der Schatten anlangen lasst, auf die Frage: was von allem, so er auf der Oberwelt habe zurucklassen mussen, das Schonste sey? zur Antwort gibt: "Sonne, Mond, Gurken und Aepfel." Man fand diese Antwort so albern naiv, dass die Redensart, einfaltiger als Praxillens Adonis, zum Spruchwort wurde. W. 23 Dass Platon hiemit hinstrebte nach der Unterscheidung des Erkenntniss-, Begehrungs- und Gefuhls-Vermogens, unterliegt so wenig einem Zweifel als das grosse Verdienst, welches er sich um Psychologie erworben hat. Am zweckmassigsten wird man mit dieser Stelle vergleichen Carus Geschichte der Psychologie S. 301306.
7. Brief.
24 Sind ein Paar Zauberworte von denen, die bei den Griechen Ephesia grammata hiessen, womit von Betrugern und aberglaubischen Leuten allerlei Alfanzerei getrieben wurde, und uber deren Abstammung und Bedeutung viel Vergebliches philologisirt worden ist. W. 25 Platon sagt im funften Buche seiner Republik: welche manches schon finden, das Schone selbst aber nicht sehen, noch zu dessen Anschauung sich zu erheben vermogend sind; welche im Einzelnen manches gerecht finden, das Gerechte selbst aber nicht begreifen: werden wir von solchen nicht sagen, dass sie nur meinen, nicht aber wahrhaft erkennen? Und wie, werwie es ewig auf dieselbe Weise ist, nicht sagen, dass sie erkennen, nicht aber meinen? Und werden wir solchen nicht Liebe fur das zuschreiben, was der Erkenntniss, den andern aber nur Liebe fur das, was der Meinung angehort? Nicht mit Unrecht werden wir daher diese als Philodoxen, jene hergegen als Philosophen bezeichnen. Die nur, welche jedes in seinem Wesen, in seinem wahren Seyn umfassen, verdienen den Namen Philosophen. 26 Noesis und Dianoia, sind bei Platon eben so unterschieden wie bei uns Vernunft- und Verstandeserkenntniss.
8. Brief.
27 Des Tantalus Schicksal bereiten, dem ewig ein brennendes Verlangen erregt und nie befriedigt wurde. 28 Ist bei Platon in der hier beurtheilten Stelle die philosphische uberhaupt, und von der dialektischen Methode wird diesem gemass behauptet, dass sie zur Erkenntniss des Wesens fuhre. Platon selbst nimmt anderwarts Dialektik nicht in dieser Bedeutung. 29 Aesthetisch steht hier, so wie spaterhin, in seiner ursprunglichen Bedeutung fur wahrnehmbar durch die Sinne. 30 Die sogenannte Platonische Zahl, wovon Aristipp hier mit einer Art von Unwillen spricht, der ihm zu gut zu halten ist, hat von alten Zeiten her vielen bene und male feriatis unter Philologen, Mathematikern und Philosophen, manche saure Stunde gemacht. Alle haben bisher bekennen mussen, dass ihnen die Auflosung dieses Rathsels, oder vielmehr die Bemuhung Sinn in diesen anscheinenden Unsinn zu bringen, nicht habe gelingen wollen. Ich gestehe gern, dass ich den Versuch, eine auch nur den schwachsten Schein einer sichtbaren Dunkelheit von sich gebende Uebersetzung dieser beruchtigten Stelle, eben so wohl, wie der sehr geschickte und beinahe enthusiastisch fur den gottlichen Plato eingenommene Franzosische Dolmetscher uber meine Krafte gefunden habe. Herr Kleuker dem wir eine schwer zu lesende Uebersetzung der Werke Platons zu danken haben, die nicht ohne Verdienst ist und einem kunftigen lesbaren Uebersetzer die herculische Arbeit nicht wenig erleichtern wird, ist herzhafter gewesen als wir beide: und da seine Dolmetschung wohl den wenigsten Lesern dieser Briefe zur Hand seyn durfte, so sehe ich mich zu Aristipps und meiner eigenen Rechtfertigung beinahe genothiget, von seiner muhsamen Arbeit dankbaren Gebrauch zu machen, und seine wortlich getreue Zahl betrifft, hier abdrucken zu lassen. Sie lautet folgendermassen:
" Alles Lebende auf Erden hat seine Zeit der Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit, der Seele und dem Korper nach. Diese Zeit ist zu Ende, wenn die umkreisende Linie eines jeden Cirkels wieder auf den ersten Punkt seines Anfangs kommt. Die kleinen Umkreise haben ein kurzdaurendes, die entgegengesetzten ein entgegengesetztes Leben. Nun aber werden diejenigen, die ihr zu Regenten des Staats gebildet habt, wie weise sie auch seyn mogen, dennoch den Zeitpunkt der glucklichen Erzeugung und der Unfruchtbarkeit eines Geschlechts durch alles Nachdenken mit Hulfe der sinnlichen Erfahrung nicht treffen. Dieser Zeitpunkt wird ihnen entwischen, und sie werden einmal Kinder zeugen, wenn sie nicht sollten. Der Umkreis der gottlichen Zeugungen halt eine vollkommene Zahl in sich: aber mit der Periode der menschlichen Zeugungen verhalt es sich so:
dass die Vermehrungen der Grundzahl, namlich
drei potenziirende und potenziirte Fortruckungen
zur Vollendung, welche vier unterschiedene Be
stimmungen des Aehnlichen und des Unahnli
chen, des Wachsenden und des Abnehmenden
annehmen, alles in gegenseitigen Beziehungen
und ausgedruckten Verhaltnissen darstellen. Die
Einsdrei mit der Funfe verbunden, gibt nach
dreifacher Vermehrung eine zwiefache Harmo
nie; eine gleiche ins Gevierte, als Hundert in der
Lange und Hundert in der Breite; eine andere,
die zwar von gleicher Lange ist, aber mit Ver
langerung der einen Seite, so dass zwar auch
Hundert an der Zahl, nach dem diametrischen
Ausdruck der Funfen darin liegen, wovon aber
jede dieser Funfen noch eine bedarf und zwei
Seiten unausgedruckt sind: Hundert aber folgen
aus den Kuben der Dreiheit. Diese ganze Zahl ist
nun geometrisch, und regiert uber die vollkomm
nern oder unvollkommnern menschlichen Zeu
gungen. u.s.f."
Herr Kleuker hat uns in einer Anmerkung zu dieser Platonischen Offenbarung, welche ihm vielleicht doch erklarbar scheint, einen kunftig nahern Aufschluss daruber hoffen lassen; ob und wo er diese Hoffnung erfullt habe, ist mir unbekannt. W. 31 Von diesem wird erzahlt, er habe seine Pferde mit Menschenfleisch gefuttert, und zu diesem Behuf die Fremden, die in seine Gewalt geriethen, ermordet.
Zu Brief 48.
Wollte der Herausgeber dem, wozu der verewigte Wieland ihn mehrmals aufforderte, Genuge leisten, diese seine Beurtheilung der sogenannten Platonischen Republik wieder zu beurtheilen, so musste er besorgen, in den Fall Aristipps zu kommen, uber das beurtheilte Buch ein wenigstens eben so dickes Buch zu schreiben. Gesetzt nun auch, dass es Leser gabe, die ihm diess danken wurden, so ware doch hier schwerlich der Ort dazu. Um jedoch der Aufforderung einigermassen zu genugen, will der Herausgeber wenigstens einige Bemerkungen mittheilen, die vielleicht zu einer weiteren Vergleichung mit der Aristippischen Beurtheilung einladen. Im Betreff des Hauptzwecks dieses Dialogen und des Zusammenhanges der Episoden mit demselben wurde es Unrecht seyn, eine Schrift nicht zu berucksichtigen, welche Wieland, ungeachtet sie vier Jahre vor dem Aristipp nicht erschienen war, doch nicht gekannt zu haben scheint, Morgensterns de Platonis Republica Commentatio prima: de proposito atque argumento operis. Halle l794. Hiemit sind zu vergleichen die Bemerkungen Garve's sowohl in seiner Darstellung der verschiedenen Moralsysteme (S. 32 fgg.) als in den Anhangen zu seiner Uebersetzung der Politik des Aristoteles (Bd. 2. S. 184 fgg.). Auf Tiedemann, Tennemann und Buhle erst noch besonders zu verweisen, wurde wohl unnothig seyn. Morgenstern unterscheidet in diesem Dialog den Hauptzweck und mehrere Nebenzwecke. Dass der Hauptzweck nicht die Aufstellung einer idealen Staatsverfassung sey, ungeachtet der Dialog den Namen davon tragt, und ein sehr grosser Theil desselben sich damit beschaftigt, sondern Untersuchung uber Dikaosyne, darin stimmen alle unbefangenen Leser mit einander uberein, und Wieland lasst seinen Aristipp austrucklich sagen "ihm scheine die vornehmste Absicht dahin zu gehen, der in mancherlei Rucksicht ausserst nachtheiligen Dunkelheit, Verworrenheit und Unhaltbarkeit der vulgaren Begriffe und herrschenden Vorurtheile uber den Grund und die Natur dessen, was Recht und Unrecht ist, durch eine scharfe Untersuchung auf immer abzuhelfen." Hiebei kommt nun aber bald ein Anstoss an dein Worte Dikaosyne, welches man gewohnlich durch Gerechtigkeit ubersetzt. Platon gebraucht allerdings dieses Wort auch in dem gewohnlichen, in den bei weitem meisten Stellen dieses Dialogs aber in einem von dem Sprachgebrauche ganz abweichenden Sinne, nach Morgensterns Ausdruck "beinahe fur Tugend uberhaupt." Wielands Aristipp hat diess auch nicht unbemerkt gelassen, denn er sagt: "da ein Wort doch weiter nichts als ein Zeichen einer Sache, oder vielmehr der Vorstellung, die wir von ihr haben, ist, so kann es dem Wort Gerechtigkeit allerdings gleichviel seyn, was Plato damit zu bezeichnen beliebt; aber der Sprache ist diess nicht gleichgultig, und ich sehe nicht, mit welchem Recht ein einzelner Mann, Philosoph oder Schuster, sich anmassen konne, Worte, denen der Sprachgebrauch eine gewisse Bedeutung gegeben hat, etwas anders heissen zu lassen als sie bisher immer geheissen haben. Was Plato unter verschiedenen Formeln Gerechtigkeit nennt, ist bald die innere Wahrheit und Gute eines Dinges, die ihm eben dadurch, dass es recht ist, oder dass es ist was es seyn soll, zukommt; bald die Ordnung, die daraus entsteht, wenn viele verschiedene mit einander zu einem gewissen Zweck in Verbindung stehende Dinge das, was sie vermoge dieser Verbindung seyn sollen, immer sind; bald die Harmonie, die eine naturliche Wirkung dieser Ordnung ist." An einer andern Stelle sagt er: "Hatte sich Plato auf das reichlich Genugsame einschranken wollen, so stand es nur bei ihm, die Aufgabe, so wie er sie gestellt hatte, geradezu zu fassen; und da es ihm, kraft seiner philosophischen Machtgewalt, beliebt hatte, den gemeinen und zum Gebrauch im Leben vollig zureichenden Begriff der Gerechtigkeit zu verlassen, und die Idee der hochsten Richtigkeit und Vollkommenheit der menschlichen Natur an seine Stelle zu setzen, so bedurfte es, meines Bedunkens, keiner so weitlaufigen und kunstlichen Vorrichtung, um ausfindig zu machen, worin diese Vollkommenheit bestehe."
Unbezweifelt liegt hierin der Grundirrthum von Aristipps Beurtheilung des Ganzen, und man muss sagen, dass er zwar bis zu dem Punkte vorgedrungen, wo er den richtigen Gesichtspunkt hatte fassen konnen, ihn aber nicht gefasst hat, und dass desshalb gegen Platon nicht gerecht und billig verfahren wird. Nach Morgenstern und Garve ist der Hauptzweck dieses Dialogs die Entwickelung des Platonischen Moralsystems, welches, dem Erstgenannten zufolge, auf diesen Grundsatzen beruht: 1) dass der menschlichen Natur eine eigenthumliche Tugend und Wurde zukomme, die sich dadurch beweise, dass jedes menschliche Vermogen das thue, was ihm zukomme, dass die Vernunft befehle, die ubrigen aber gehorchen, 2) dass diese Tugend ein Gut an sich sey, Gotter und Menschen mogen darum wissen oder nicht, 3) dass sie aber gleichwohl die Quelle der reinsten, wahrhaftesten und dauerhaftesten Gluckseligkeit sey, und 4) dass man desshalb aus zwiefachem Grunde nach ihr als dem hochstem Gute streben, das Laster hergegen als das hochste Uebel fliehen musse. Man sieht leicht, dass Platon die Selbstgesetzgebung der Vernunft im Auge hat, aus welcher er die Tugend ableiten will, und dass er nach etwas Hoherem strebt als dem, was man burgerliche Tugend nennen kann, nach einer rein menschlichen Tugend, die auch aus der Befolgung anderer als der burgerlichen Gesetze entspringt. Nur hier konnte er Grund und Natur dessen, was Recht und Unrecht, und zwar nicht bloss heute und morgen oder hier und da, sondern dessen, was allgemein und ewig Recht und Unrecht ist, finden; nur wenn er die Untersuchung bis auf diesen Punkt zuruckfuhrte, konnte er den vulgaren Begriffen daruber auf immer abhelfen. Auf jeden Fall aber war es zweckmassig, dass er, um auch andern seine Ueberzeugung mitzutheilen, von den vulgaren Begriffen ausging. Diess that er, und dadurch wurde einerseits der ganze Gang seiner Untersuchung, er aber anderseits selbst bestimmt, den gemeinen und zum Gebrauch im Leben vollig zureichenden Begriff der Gerechtigkeit zu verlassen, und die Idee der hochsten Richtigkeit und Vollkommenheit der menschlichen Natur an seine Stelle zu setzen, welches mit andern Worten nichts anders heisst als: die Gerechtigkeit zur Tugend an sich zu erheben, wozu er mehr Grund und Recht hatte, als Wielands Aristipp ihm zugestehen will. Um aber bis auf diesen Punkt zu kommen, bedurfte es in der That aller der weitlaufigen und kunstlichen Vorrichtung, die Platon gemacht hat, und Aristipp hat hierin Unrecht.
Man muss wohl bedenken, dass Platon ja noch keineswegs die volle Wahrheit schon in den Handen hatte, sondern sie erst suchte, dass ihm zwar das Ziel hell und klar vor Augen war, dass er aber den Weg dahin noch nicht kennen konnte, und dass es einen gewissen Punkt gab, von dem er ausgehen musste, der Punkt namlich, auf den ihn selbst seine zwei grossten Vorganger gestellt hatten. Alles musste mich trugen, oder Platon hatte zunachst den Sokrates vor Augen, der in Ansehung dessen, was Recht sey, noch ziemlich befangen war, denn er blieb meist bei dem stehen, was die Staatsgesetze gebieten, wobei aber dem Platon nothwendig die Bedenklichkeit aufstossen musste, ob denn alles, was die Staatsgesetze gebieten, auch Recht sey. Da musste er nach einer andern Ableitung dessen, was Recht sey, sich umsehen, und zu erforschen suchen, was Recht an sich sey. Da stiess er auf die Pythagoraer, die ihn zur rechten Quelle leiteten, zu dem Grunde in der menschlichen Natur selbst. Hier fand er die vier Cardinal- oder Haupt-Tugenden, die Weisheit als die Tugend des Verstandes, Massigung und mannlichen Muth (Tapferkeit) als Tugenden des Begehrungsvermogens, und endlich die Gerechtigkeit, die alle Tugenden zu Einer Tugend macht, die ganze Seele zu Harmonie stimmt, aber die keinem besondern Vermogen zugehorte. Platon bestimmte diesem gemass den Begriff der Gerechtigkeit und konnte ihn ohne grosse Schwierigkeit auf seine Weise bestimmen, ohne der Sprache grosse Gewalt anzuthun, wie wir es in unserer Sprache mit dem Worte Gerechtigkeit leicht auch konnen wurden. Sie erschien ihm als die Beschaffenheit der menschlichen Natur, wie diese ihrem moralischen Vermogen zufolge seyn soll, als moralische Vollkommenheit.
Wenn nun Wielands Aristipp aussert, diese sey viel leichter ausfindig zu machen gewesen als auf Platons Wege, so ubersieht er den Vortheil, den in den ersten Buchern Platon sich dadurch schaffte, dass er gleich alles zusammenfasste, was beseitigt werden musste, wenn seine Ideen Eingang finden sollten, und diess war nichts Geringeres als die Erfahrung des wirklichen Lebens, die Art der Erziehung und die Gegenstande des Unterrichts, der Einfluss der Sophisten und Redner, der Dichter und der Priester, und dass er in dem Nachfolgenden auf Schwierigkeiten stossen musste, die, wenn sie uns leichter zu heben sind, es doch nicht fur Platon seyn konnten. Er hatte seine Angabe zu erweisen aus der menschlichen Natur selbst, allein dazu fehlten ihm die Vorarbeiten der Psychologie und Anthropologie, zweier Wissenschaften, die er selbst erst, man kann wohl sagen neu zu schaffen hatte, und um die er sich, bei allem Einzelnen worin er irrte und irren musste, im Ganzen so grosse Verdienste erwarb, dass ich noch jetzt fur die dereinstige Vollendung dieser Wissenschaften keinen andern Weg weiss als den er einschlug. Was als Ahnung der Wahrheit in der Tiefe seiner Seele lag, war wohl kaum auf geradem Wege mitzutheilen moglich, und er schlagt daher einen Weg ein, der, wie Garpe sagt, dem Dichter mehr als dem Philosophen ansteht, den Weg der Vergleichung. Wielands Aristipp urtheilt hieruber sehr richtig, wenn er sagt: "Die Gerechtigkeit besteht, nach ihm, in dem reinsten Zusammenklang aller Krafte zur moglichsten Vollkommenheit des Ganzen unter der Oberherrschaft der Vernunft. Um diess seinen Horern anschaulich zu machen, war es allerdings der leichtere Weg, zuerst zu untersuchen wie ein vollkommen wohl geordneter Staat beschaffen seyn musse, und erst dann, durch die entdeckte Ahnlichkeit zwischen der innern Oekonomie unsrer Seele mit der wesentlichen Verfassung und Verwaltung eines wohlgeordneten Gemeinwesens, die wahre Auflosung des Problems ausfindig zu machen. Auf diese Weise wurden sie in der That vom Bekanntern und gleichsam in grossern Charaktern in die Augen Fallenden auf das Unbekanntere gefuhrt; denn was der Mensch gewohnlich am wenigsten kennt, ist das Innere dessen was er seine Seele nennt."
Was Platon von der Staatsverfassung sagt, soll also bloss Mittel zu dem Zwecke seyn, die ideale Menschennatur kennen zu lehren. Wenn diess geschehen sollte, so musste Platon auch das Ideal einer Staatsverfassung schaffen, wobei mir nicht unwahrscheinlich ist, dass er eigentlich nur die agyptische Verfassung mit ihrem Kastenwesen idealisirt habe. Wie dem aber sey, genug er schafft ein solches Ideal, und zwar ganz sichtlich zum Behuf der Vergleichung. Die Vergleichungspunkte, die er durchfuhrt, sind der einzelne Mensch und der Staat, die drei Seelenformen des Menschen und die Stande des Staates, die Tugenden und eben diese Stande. So erhalt er folgende Parallele: Stand der Regierenden = Seelenform
der Vernunft = Weisheit
und Klugheit;
Stand der Beschutzenden = Seelenform
des Affects = Tapferkeit;
Stand der Gewerbetreibenden =Seelenform
des Begehrens = Massigung;
wobei man leicht bemerken kann, dass von den Cardinaltugendcn nur drei angefuhrt werden, die vierte aber, um deren Wesen es der Untersuchung gerade zu thun ist, noch nicht zur Erscheinung kommt. Hierin liegt nun aber auch die Hauptschwierigkeit, wie einst fur Platon selbst, so fur jeden, der ihn verstehen will, und zwar entspringt diese Hauptschwierigkeit aus der dem Platon eigenen Bestimmung des Begriffs der Gerechtigkeit. Hatte er diesen im gewohnlichen Sinne gefasst, so hatte er die Gerechtigkeit bloss darstellen konnen als eine Pflicht, als Gesetzmassigkeit der Handlungsweise. Er hatte sie aber aufgefasst als Vollkommenheit, und diess veranderte den ganzen Gesichtspunkt, den man jedoch schwerlich finden wird, wenn man sich von dem deutschen Worte Vollkommenheit lasst irre leiten. Diese ist in Platons Sinne nicht etwa ein zu Stande gebrachtes, ruhendes, unthatiges Product, nicht eine Wirkung oder ein Werk jener drei Seelenformen oder Tugenden, sondern vielmehr eine Kraft, und zwar die Kraft der Gesinnung, des sittlichen Willens, wodurch alle Tugeuden erst zu Tugend werden, und in dieser Hinsicht die Tugend selbst. Aus dem Wirken dieser Kraft geht erst ein Product hervor, die Gesundheit, Wohlgestalt, Schonheit der Seele, welche zuletzt als Gottahnlichkeit dargestellt wird.
Wohl konnte man wunschen, dass Platon zur Bezeichnung jener Kraft sich eines andern Wortes als des der Gerechtigkeit bedient haben mochte: wie nun aber, wenn er, ohne sich gerade dieses Wortes zu bedienen, weder selbst auf diese Hohe des Standpunktes gekommen ware, noch uns darauf hatte fuhren konnen? Mir scheint, dass Platon in seiner Untersuchung gerade darum, weil er von dem Begriff der Gerechtigkeit ausging, mit dessen gewohnlicher Bestimmung er nicht zufrieden war, auf eine hohere Ableitung desselben kam, und dass eben dieses ihn auf die wichtigsten Entdeckungen im Gebiete der Ethik sowohl als der Politik fuhrte. Indem sich bei ihm, wie Schleiermacher in seiner Kritik der Sittenlehre sich ausdruckt (S. 325), "diejenige Tugend, welche sich am meisten auf die Verhaltnisse gegen Andre zu beziehen scheint, als diejenige zeigt, welche der Mensch am meisten in und gegen sich selbst zu uben hat, und welche allein ihn in sich selbst zu erhalten vermag" oder wie es an einer Stelle heisst (S. 250), indem er die Gerechtigkeit nicht bloss als gesellige Tugend, sondern als "die gleiche auf den Handelnden selbst sich beziehende Gesinnung aufsuchte," entdeckte er den reinen Tugendbegriff selbst, und stellte diesem gemass die Tugend als etwas lediglich Innerliches dar, als diejenige Gesinnung, denjenigen Willen, wodurch erfullt werden ohne Hinsicht auf Lohn oder Strafe die Gesetze der Vernunft, die zugleich die Gesetze der Gottheit sind. Nur aber wenn diess gefunden war, konnte die burgerliche Gesetzgebung als etwas Untergeordnetes erscheinen, und Platon auf den Gedanken kommen, dass auch die Politik auf der sittlichen Idee ruhen solle. Dass sie nicht darauf ruhe, so wenig als das gewohnliche Leben der Menschen, sah er vollkommen klar und bewies es, indem er die Wirklichkeit im Contraste mit seinem Ideal in einer neuen Parallele aufstellte, gegen die Eine Staatsverfassung namlich, wie sie seyn soll Monarchie oder Aristokratie, Regierung der Vernunft und des Guten wie sie sind, eben so viele als Leidenschaften das menschliche Leben von der Vernunft und Sittlichkeit zur Abweichung bringen. Er stellt darum gegenuber
der Timokratie die Ehrsucht
dcr Oligarchie die Habsucht
der Demokratie die Genusssucht
der Tyrannie die Herrschsucht;
bei welcher Schilderung ihm unverkennbar wirkliche Staaten und Personen vorschwebten. Indem er ihren verdorbenen Zustand und ihr zweckwidriges Treiben schilderte, durfte er hoffen, die Ueberzeugung zu bewirken, dass von ihnen die zuverlassige Regel dessen, was Recht sey, nicht entnommen werden konne, und dass die positive Gesetzgebung von einer hoheren das Gesetz erhalten musse. Selbst hievon uberzeugt, stellte er die Idee der Menschheit und des Staates in das reinste Licht, und verknupfte beide durch ein gemeinschaftliches Band, durch die Idee der Sittlichkeit. Das Verhaltniss der Menschheit und des Staates zu der Idee der Sittlichkeit stellt er als vollig gleich dar, und man muss annehmen, dass, dieses zu zeigen, sein Hauptzweck war. Desshalb kann ich Morgenstern nicht beistimmen, wenn er die Aufstellung der Staatsverfassung fur den vorzuglichsten Nebenzweck in diesem Dialog ausgibt. Platon sieht den Staat aus dem Gesichtspunkte der Menschheit an, und die Menschheit aus dem Gesichtspunkte des Staats wie er denn am Ende seiner Parallele selbst sagt, dass der Mensch in sich einen Staat darstelle und so konnte er beide nicht von einander trennen; die gleichmassige Betrachtung beider war ihm nothwendig, und man wird nun, zumal wenn man bedenkt, um wie viel wichtiger der Staat einem Griechen erschien als uns, errathen konnen, warum er seinem Dialog die Ueberschrift gab: von der Staatsverfassung (Politeia), und warum er damit missverstanden wurde.
"Die Platonische Republik, sagt Kant (Krit. d.r. Vft. S. 372), ist, als ein vermeintlich auffallendes Beispiel von ertraumter Vollkommenheit, die nur im Gehirn des mussigen Denkers ihren Sitz haben kann, zum Spruchwort geworden, und Brucker findet es lacherlich, dass der Philosoph behauptete, niemals wurde ein Furst wohl regieren, wenn er nicht der Ideen theilhaftig ware. Allein man wurde besser thun, diesem Gedanken mehr nachzugehen, und ihn (wo der vortreffliche Mann uns ohne Hulfe lasst) durch neue Bemuhungen ins Licht zu stellen, als ihn, unter dem sehr elenden und schadlichen Vorwande der Untbunlichkeit, bei Seite zu setzen". So billig wie Kant liessen nicht Philosophen und Staatsmannern der Absicht Platons Gerechtigkeit widerfahren, und am allerwenigsten die, welche sich eingebildet hatten, Platon habe hier eine ausfuhrliche Theorie der Staatsverfassung liefern wollen; ein Gedanke, den sie nicht gefasst haben wurden, wenn sie, was ihnen zuzumuthen war, diese Schrift mit Platons ubrigen politischen Schriften verglichen hatten, bei dem es ihnen aber ganz leicht wurde, den Philosophen einer eben so grossen Mangelhaftigkeit als Oberflachlichkeit zu beschuldigen.
Den grossten Anstoss bei diesem Dialog hat man indess von jeher an einzelnen jener Vorschlage und Ausfuhrungen genommen, welche, nach Morgensterns Ansicht, als Nebenzwecke mit dem Hauptzwecke in Zusammenhang gebracht worden sind: 1) psychologischer Grundriss von dem Seelenvermogcn des Menschen, 2) Grundriss einer Encyklopadie der Wissenschaften; 3) Ideen uber Erziehung und Unterricht; 4) die mit der Gotteslehre zusammenhangende Ideenlehre; 5) die Schilderung eines achten Philosophen; 6) Grundriss einer Theorie und Kritik der schonen Kunste, die zum grossen Theil, wegen ihres schadlichen Einflusses auf die Sittlichkeit, aus dem Staate verbannt werden sollen; 7) Gemeinschaft der Weiber, Kinder und Guter bei der Kriegerkaste. Dass jeder dieser Punkte von der Art sey, um uns geradeswegs auf den Tummelplatz streitiger Meinungen zu fuhren, sieht man auf den ersten Blick; es ist daher unmoglich, dass wir uns auf jeden einzeln hier einlassen konnten. Bleiben wir also bei der Frage stehen, ob sie als blosse Episoden zu betrachten sind, und ob sie wesentlich in diese Untersuchung gehorten oder nicht.
Hat man die Absicht der ersten Bucher richtig gefasst, so entdeckt man bald, dass hier ein neuer Parallelismus statt findet. Platon sucht hier jedem, was er dort als aus der Wirklichkeit zu beseitigend zusammengefasst hatte, das Bessere, oder vielmehr das, was seyn soll, entgegen zu stellen, der Erfahrung des wirklichen Lebens die wahre Beschaffenheit der Menschennatur, der Art der Erziehung und des Unterrichts nicht nur eine bessere Methode, sondern auch den Geist der Wissenschaftlichkeit und achten Philosophie, den Sophisten seinen Weisen, den Dichtern und Rednern seine Kritik der schonen Kunste, die er nicht ohne deren Theorie vortragen konnte, und den Priestern am behutsamsten seine Ideen- und Gotteslehre, die mit seiner Tugendlehre aufs innigste zusammenhangt. Nur fur den siebenten der angefuhrten Punkte findet sich keine solche Beziehung auf ein Vorhergehendes, und man kann das so ausfuhrliche Detail uber ihn allerdings als eine mussige Episode betrachten, dahingegen, wenn man auch die Ausfuhrung der ubrigen Punkte aus dem Gesichtspunkte der Episoden betrachten will, man sie keineswegs als mussige ansehen kann, indem sie wesentlich in das Ganze eingreifen. Was ihre Anlage betrifft, so ist vielleicht mehr Kunst darin, als man bisher vermuthct hat; die allzuverborgene Kunst aber scheint gerade hier dem Kunstler geschadet zu haben, da doch alte ohne Ausnahme geurtheilt haben, Platon habe sich wie Fulleborn am billigsten sich ausdruckt seines Hauptzwecks uneingedenk, es sey durch Zeitumstande, es sey durch die Neuheit seiner Ideen verleitet, sich in zu detaillirte Vorschlage ausgelassen.
Will man nun nach diesen Andeutungen Aristipps Beurtheilung beurtheilen, so durfte sich finden, er habe den Hauptzweck nicht vollig genau aufgefasst, der Absicht Platons keine volle Gerechtigkeit widerfahren lassen, auf die Mangelhaftigkeit der Mittel zu Erreichung des Zweckes keine billige Rucksicht genommen, dagegen in Einzelnem richtiger gesehen, treffender geurtheilt als die meisten, und uber die Form, wenn ihm gleich, wie allen, ein Hauptpunkt verborgen geblieben war, doch das Vorzuglichste gesagt, was uber dieses merkwurdige philosophischpoetische Kunstwerk bisher gesagt worden ist. Man vergesse nun aber bei dem allem nicht, dass Aristipp es ist, welcher hier urtheilt, und dass Wieland, gesetzt auch er selbst ware so Platonisch als Platon selbst gewesen, diesen doch nicht in einen Platonikcr hatte verwandeln durfen.
9. Brief.
32 Platon, dessen Akademie hiedurch ironisch den Mysterien, wie er selbst dem Oberpriester derselben, dem, der das heilige Wort ausspricht, gleichgestellt wird.
10. Brief.
33 Zu dem, was fruher hieruber gesagt worden, will ich hier nur die eben so kurze als treffende Schilderung derselben von Schleiermacher beifugen. Dem Platon, sagt er, erscheint das unendliche Wesen nicht nur als seyend und hervorbringend, sondern auch als dichtend, und die Welt als ein werdendes, aus Kunstwerken ins Unendliche zusammengesetztes, Kunstwerk der Gottheit. Daher auch, weil alles Einzelne und Wirkliche nur werdend ist, das unendliche Bildende aber allein seyend, sind ihm auch die allgemeinen Begriffe die lebendigen Gedanken der Gottheit, welche in den Dingen sollen dargestellt werden, die ewigen Ideale, in welchen und zu welchen Alles ist. Da er nun allen endlichen Dingen einen Anfang setzt Zeit, so entsteht auch nothwendig in allen, denen eine Verwandtschaft mit dem hochsten Wesen gegeben ist, die Forderung, dem Ideale desselben anzunahern, fur welche es keinen andern erschopfenden Ausdruck geben kann als den, der Gottheit ahnlich zu werden. 34 Das Selbstgute, das Gute an sich, das vollkommene Gute, ist der Name, welchen Platon der Gottheit gibt, gewiss nicht allein, um sich von dem priesterlichen System zu unterscheiden, sondern weil das Gefuhl eines moralischen und religiosen Bedurfnisses ihn bei seinem Philosophiren leitete. Diejenigen, welche gemeint haben, dass davon Wieland nichts gewusst, mussen nebst vielem andern von ihm auch diesen Brief Speusipps nicht gelesen haben; und wer wollte laugnen, dass ihnen allerdings ihre Beurtheilung oder Verurtheilung dadurch sehr erleichtert worden ist! Moge nur nicht der folgende Brief, der leider von Aristipp ist, die gute Meinung wieder vertilgen!
11. Brief.
35 Agave, die Tochter des Kadmos, des Stifters von Theben in Bootien, war vermahlt mit Echion, dem sie den Pentheus gebar. Dieser widersetzte sich der Einfuhrung der neuen Religion des Bakchos, welcher dafur eine grausame Rache nahm, denn er verwirrte den Sinn des Pentheus und seiner Mutter, die in Bakchischer Wuth das Haupt ihres Sohnes abriss, wahnend einen Lowen getodtet zu haben. So in den Bakchischen Frauen des Euripides. 36 Im Apollonstempel zu Delphi fand man die dreimal in Gold, Erz und Holz ausgefuhrte Aufschrift , welches eben so wohl ist als wenn oder ob bedeuten kann. Plutarch hat uber diess Rathsel eine eigne Abhandlung geschrieben. 37 Homer in der Ilias 18, 373 berichtet, Hephastos habe Dreifusse verfertigt und Goldene Rader befestigt' er jeglichem unter den
Boden,
Dass sie aus eigenem Trieb in die Schaar eingingen
der Gotter,
Dann zu ihrem Gemach heimkehrten, Wunder dem
Anblick.
I d e e n s. die Anm. zu den Briefen von Verstorbenen, 4. Br. Bd. 26. Man muss hier bei Beurtheilung Platons in Anschlag bringen, dass ihm die Wahrheit vorschwebte, dass er sie aber darum nicht zu fassen vermochte, weil ihm das Mittel dazu fehlte die Theorie der Einbildungskraft.
12. Brief.
38 Der Athenische Astronom Meton, ein Zeitgenosse des Sokrates, machte sich einen unsterblichen Ruhm durch die Einfuhrung der unter seinem Namen bekannten Periode (die guldene Zahl). Sie enthalt 6940 Tage, welches bis auf wenige Stunden 19 Sonnenjahre und 235 Monate ausmacht, nach deren Verlauf die Neu- und Vollmonde wieder auf dieselben Tage des Jahres fallen.
13. Brief.
39 Odysseus, s. Odyssee 9, 94 fgg. 40 Die griechische Name von Karthago. 41 Von gestorbenen Kindern gebrauchte der Grieche den Ausdruck, Aurora habe sie entfuhrt.
14. Brief.
42 Dieser Zeitgenosse des altern Dionysius, nach Einigen aus Naukratis, nach Andern aus Syrakus geburtig, war eine Zeitlang mit jenem Tyrannen aufs engste nutzlich, erregte aber dann durch die, ohne des Tyrannen Wissen, mit der Tochter von dessen Bruder Lepines geschlossene Ehe Verdacht gegen sich, ward verwiesen, und begab sich nach Adria, wo er seine Muse dazu benutzte, die Geschichte Siciliens zu schreiben, die aus 13 Buchern in 2 Abtheilungen bestand, deren zweite mit Dionysius anhub. Unter mehreren Andern ruhmt ihn auch Cicero, der uber ihn an seinen Bruder (Epp. ad Quint. Fratr. 2, 13 Ausg. von Schutz Bd. 2, Br. 134) also schreibt (Wielands Uebers. Bd. 2, S. 369): "der Sicilianer (Philistus) geht immer auf den Grund der Sache, ist gedankenreich, scharfsinnig, gedrangt, beinahe ein kleiner Thucydides. Ich weiss aber nicht, welches von seinen Werken du hast, denn ihrer sind zwei, oder ob beide? Ich finde vorzugliches Vergnugen an seinem Dionysius, der ein durchtriebener alter Schlaukopf und dem Philistus durch und durch bekannt war." Den meisten Nachrichten zufolge ward er erst unter Dionysius dem Jungeren zuruckberufen, und zwar nicht ohne Betrieb der Hoflinge, die durch ihn gegen den Einfluss Platons und Dions ein Gegengewicht zu erlangen hofften, und in dieser Hoffnung sich nicht betrogen, denn er wirkte dem Platon auf alle Weise entgegen und bewirkte hauptsachlich Dions nachmalige Vertreibung. In dem von diesem hierauf begonnen Kriege kam Philistus mit einer Flotte dem Dionysius zu Hulfe, wurde geschlagen, und soll nach Einigen sich selbst entleibt haben, nach Andern von Dions Truppen umgebracht worden seyn. Er wird geschildert nicht bloss als Freund der Tyrannen, sondern auch der Tyrannei, und von Plutarch erfahren wir (im Leben Dions), dass er eben so bittre Tadler als ubertriebene Lobredner fand. Diess nun scheint Wieland veranlasst zu haben, auch hier die Wahrheit in der Mitte zu suchen. Die Schilderung, die er von diesem so geistreichen und gewandten als zweideutigen Mann entwirft, vergleiche man mit dem, was Sevins uber ihn im 19. Bande der Memoires de l'Academie des inscriptions gesagt hat.
16. Brief.
43 Wenn man mit Rochow Philosophiren durch das, sonst fur Raisonniren einigermassen gebrauchlich gewordene, Vernunften ubersetzen will, so durfte diess schwer ubersetzliche Wort vielleicht durch Narrheitvernunftend ausgedruckt werden, da es von den Morosophen, den narrisch-Weisen, doch unterschieden werden muss. 44 Gesellschafter, Schuler. 45 Solocismen, nennen die Sprachlehrer alle Eigenthumlichkeiten der schlechten Art, wie man vermuthet Mundart eigen gewesen seyn muss.
17. Brief.
46 Ware Aristipp mit der Theorie der Temperamente und einigen nachfolgenden Philosophen bekannt gewesen, so wurde er ohne Zweifel versucht haben, die verschiedenen Gattungen der Philosophen auf diese zuruckzufuhren, und durfte dann gesagt haben, dass die Natur den Sanguiniker zum Aristipp-Epikur und allenfalls zum Cyniker, den Choleriker zum Stoiker, den Melancholiker zum Platoniker, und den Phlegmatiker zum Aristoteliker geschaffen habe. Hatte er ferner zu seiner Zeit schon wissen konnen, dass uberhaupt nur vier verschiedene Systeme der Metaphysik moglich sind, so wurde er auch diese eben so auf jene Temperamente zuruckgefuhrt haben, wie Kant die verschiedenen Religionsansichten. Um den Aerger der Leute, die da meinen, dass Ein Schuh an jeden Fuss passen musse, wurde er sich vermuthlich wenig gekummert haben.
18. Brief.
47 War der Bruder des beruhmten Feldherrn und Befreiers Siciliens, Timoleon, durch dessen Hand (wenigstens nach Diodor, von welchem Plutarch abweicht) jener fiel, weil er nach der Alleinherrschaft strebte, und durch gutliche Vorstellungen von seinem Vorhaben sich nicht abbringen liess.
Mit diesem Briefe hat Wieland diese Sammlung geschlossen, allein, wie es scheint, nicht beendigt, weder in Hinsicht auf Aristipp, noch auf die Ereignisse jener Zeit. Wie diese Sammlung jetzt ist, reicht sie bis auf den Tod des alteren Dionysius, also bis in das Jahr 368 vor unserer Zeitrechnung. Angenommen, dass nach der grossten Wahrscheinlichkeit Aristipp bei dem Tode des Sokrates 25 Jahre zahlte (Anm. zu Bd. 22 Einl.), so stand er jetzt in einem Alter von 56 Jahren. Gerade jetzt aber kommt erst noch die wichtigste Periode seines Lebens, namlich die Regierungszeit des jungern Dionysius, erst bis zur Vertreibung desselben durch Dion i.J. 355, und dann bis zu dessen Verweisung nach Korinth i.J. 343. Kurz zuvor erst hatte sich Aristipp, ein etwa achtzigjahriger Greis, Diese Zeit nun aber, welche Aristipp am Hofe zu Syrakus zubrachte, mag wohl die wichtigste zu seiner Beurtheilung genannt werden, indem die Anekdotensammler des Alterthums eben aus ihr das Meiste berichten, was ihm bei der Nachwelt so bosen Leumund gemacht hat, dass Viele sich fur berechtigt hielten, ihn fur etwas weit Verachtlicheres als einen blossen Hofnarren zu erklaren. Dass Wieland, nach der gemachten Anlage, einen ganz andern Gesichtspunkt fur die Beurtheilung gefasst haben wurde, ist keinem Zweifel unterworfen, und gewiss wurde seine Darstellung sehr anziehend gewesen seyn. Wie sehr indess auch dieser Verlust zu beklagen seyn mag, so ist es doch ein anderer weit mehr. Die wichtigsten Ereignisse aus der philosophischen und politischen Welt fallen in diesen Zeitraum, und sie zu schildern und auf seine Weise zu beurtheilen, hatte Aristipp die dringendste Veranlassung. Wer sollte nicht erwarten, dass die zweimalige Reise Platons zu dem jungeren Dionysius und der Aufenthalt an dessen Hofe die Veranlassung gegeben haben wurde, den Punkt uber die Platonische Republik vollends ins Reine zu bringen, und zur Beurtheilung der ganzen Platonischen Philosophie wenigstens einen Blick auf Aristoteles geworfen zu sehen, auf diesen wichtigsten Schuler und Gegner Platons, dessen Bluthe in diese Periode fallt! Wer sollte nicht erwarten, dass Aristipps Tochter Arete, durch welche die Kyrenaische Schule fortgesetzt wurde, gerade von jetzt an noch weit mehr wurde hervorgehoben worden seyn! Und wie viel Wichtiges bot die politische Welt dar! Abgesehen von der Schilderung des Dionysischen Hofes, und so interessanten Personen, als in Philistus, Dion und Timoleon dabei vorkommen; abgesehen von der Umgestaltung der Dinge, die sich in Kyrene vorbereitete: fallt nicht in eben diese Zeit die wichtigste Umgestaltung von ganz Griechenland durch die Macedonischen Konige? Fallt nicht der Anfang einer neuen Periode der Poesie und Kunst in diese Zeit? Man musste die vorliegende Briefsammlung wenig aufmerksam gelesen haben, wenn man nicht wahrgenommen hatte, dass Wieland die Anlage dazu gemacht hat, alle diese Gegenstande in den Kreis seiner Darstellung zu ziehen, sehr auffallend sogar noch in dem letzten Briefe. Bei dieser Anlage ist es aber auch geblieben, und so hat Wieland es seinen Lesern uberlassen, in seinem Agathon, Diogenes und Krates einen Thcil dessen zu suchen, was er sie hier vermissen lasst, in Ansehung des Uebrigen aber ihre eigne Divinationsgabe zu versuchen, welcher der Herausgeber auf die Spur zu helfen gewiss nicht einmal nothig gehabt hatte.
Fussnoten
A1 Namlich durch das furchterliche Geschrei, welches er die in des Donnerers allzufeuriger Umarmung sich verzehrende und vor Angst und Schmerz zu fruh von dem jungen Bacchus entbundene Semele erheben liess; wie aus einer Stelle im Athenaus, Bd. VIII. Kap. 5. erhellet; denn eine andere Art von Unziemlichkeit ist hier nicht zu vermuthen.
Ludolf Wienbarg
(18021872)